Konrad Telmann Unter den Dolomiten Roman   Vollständige Ausgabe Schreitersche Verlagsbuchhandlung Berlin   Alle Rechte vorbehalten / Printed in Germany Druck der Spamer A.-G. in Leipzig I Der Wandrer, der aus dem dunklen Lärchenwalde auf die freie Höhe emporgetaucht war, hielt, auf seinen Stab gestützt, Umschau. Er tat es weniger, um seine Augen an dem großartigen Landschaftsbilde zu weiden, das hier sich vor ihm auftat, als weil das Steigen ihm beschwerlich gefallen war und er rasten mußte. Denn obgleich er jung und von gedrungenem, kraftvollem Gliederbau war, ja als ein Bild blühender und gesunder Männlichkeit gelten mochte, wie er da oben auf der Schutthalde mitten im wilden Hochgebirge stand, war er des Steigens doch völlig ungewohnt, und das Gewand, welches er trug, zeugte davon. Es war die dunkle Kutte eines Benediktinermönchs. Auch dem Gesichte des Wandrers war es unschwer anzusehen, daß es bisher fast ausschließlich sich über Bücher herabgebückt habe; ein ernster, herber, weltabgewandter Zug lag darin ausgeprägt. Die Augen waren des Sehens in die Weite nicht kundig, und die Hochlandswelt, in die der Mönch sich plötzlich hier versetzt sah, schien sie mit der Mannigfaltigkeit ihrer Farben und Formen schier zu blenden. Das zwischen den beeisten Tauern im Norden und dem Kalkgebirge im Süden eingesprengte Pustertal, das er heute morgen verlassen hatte, weil der Befehl seiner Oberen ihn in die Einöde des hohen Gebirges sandte, lag mit all seinen bestrickenden landschaftlichen Kontrasten in weiter Ferne zu seinen Füßen. Die sanften, welligen Formen desselben wechselten mit den steil aufragenden Felshörnern darüber, und dunkel bewaldete Höhen umrandeten das üppige Mattengrün, aus dem hier und da das Helmdach eines Kirchturmes sich grüßend emporhob und an den Berghängen die Kapellen gleich weißen Pünktchen in der nachmittägigen Sommersonne flimmerten. Vor ihm aber und um ihn her in weitem Halbrund lag die Welt der Dolomiten. Die nachtenden Forsten, die er bisher, an reißenden Wildwassern entlang, durchpilgert, erklommen von hier aus nur noch in einzelnen lichteren Streifen die Höhen; kahl und nackt reckten die Felszinnen sich in das glanzvolle Blau des Himmels. Der Mönch konnte sich nun doch eines leisen Schauers nicht erwehren. Die Dolomiten! Das war das Wort gewesen, das ihm aus den fernen, märchenhaft verdämmernden Tagen seiner Kindheit noch allein in der Erinnerung geblieben war und manchmal wie eine Verkörperung derselben in seiner einsamen Zelle unter seinen Büchern vor ihm aufstieg. Er war als Kind in das Kloster gekommen, er wußte nicht einmal, aus welchem Orte er stammte, so wenig, wie er von seinen Eltern oder von irgendwelchen Blutsverwandten etwas wußte. Was hätte auch daran gelegen? Er war für das Kloster bestimmt worden und dort aufgewachsen, er hatte keine Heimat als das Kloster, keine Verwandten als die Mönche, die seine Brüder waren, und den Abt, der sein Vater war. Damit hatte Bruder Innocenz sich von jeher zufrieden gegeben, schon als er noch der jüngste unter den Klosterschülern in der Abtei gewesen. Nur irgendwann hatte einmal einer von den älteren Brüdern ihm gesagt, daß er aus einem Dorfe unter den Dolomiten gebürtig sei und keine Angehörigen mehr auf der Welt habe. Damit war jenes Wort zum ersten Male an sein Ohr geschlagen, und seitdem hatte er daran festgehalten. Mit ihm hatte sich kein bestimmter Begriff, sondern nur die unklare Vorstellung von etwas unsagbar Großem, Schönem und Erhabenem für ihn verbunden, was für andere Jugend und Freiheit bedeutet hätte. In dem großen, mauerumschlossenen Garten der Benediktinerabtei zu Greifenburg an der Drau hatte es einen Ruheplatz auf einem umbuschten Hügel gegeben, von dem man, an besonders klaren Abenden durch einen Taleinschnitt in weiter Ferne die dämmernden Umrisse wunderlich gezackter, gelbbrauner Felsberge gewahren konnte. Dort hatte Bruder Innocenz manchmal gesessen, und dort hatte er die Dolomiten gesehen. Weiter wußte er nichts von ihnen, und daß er sie je in unmittelbarer Nähe würde bestaunen und mitten an ihnen emporklimmen dürfen, hatte er niemals gedacht. Er hatte sich auch nicht danach gesehnt, denn, wie die Jahre gegangen waren, hatte er immer seltener ein Verlangen gespürt, den Bann des Klosters auch nur für Stunden zu verlassen, und gerade weil er nie die Möglichkeit vor sich gesehen, einmal selbst zu jenen Bergen zu kommen, die da wie Märchengebilde am fernen Horizont auftauchten, hatte er sie wie etwas Liebes und Vertrautes in seinem Innern gehegt, vielleicht auch nur wie ein müßiges Spielwerk seiner Phantasie betrachtet, die manchmal nach dem ernsten Arbeiten des Kopfes und dem heißen Ringen der Seele ein bescheidenes Recht begehrte. So war es geschehen, daß er bei dem ihm unvermutet gewordenen Befehl seiner Oberen, in das Dorf St. Ulrich hinaufzuziehen, um den kränkelnden, greisen Pfarrer daselbst in der Seelsorge zu unterstützen, in dem Gedanken, nun in das Herz der Dolomitenwelt versetzt zu werden, nichts Verlockendes gefunden, sondern im Gegenteil gefürchtet hatte, durch die Wirklichkeit, der er so plötzlich gegenübergestellt werden sollte, eines köstlichen Traumes oder eines wohltuenden Phantasiegebildes beraubt zu werden. Auch sonst war er nicht gerne gegangen. Das Kloster war seine Welt, und das Wirken an der Klosterschule, zu dem er während der letzten Jahre berufen gewesen, befriedigte ihn und nahm alle seine geistigen Kräfte vollauf in Anspruch. Aber der Wille des Abtes hatte es so über ihn verhängt, und schweigend hatte er seine Befehle entgegengenommen. Er war von Greifenburg fortgezogen mit dem heiligen Vorsatz, strenge seine Pflichten zu üben, nun er draußen in der Welt seines Amtes walten sollte, und des Abtes Lehren und Mahnungen klangen in seiner Seele wider. Für die Reize der Landschaft, die er erst durchfuhr und dann durchwanderte, hatte er kaum ein Auge. Er bewunderte und verehrte in dem, was er sah, nur die Werke des Allmächtigen. Sein Inneres aber war erfüllt von den Aufgaben, die seiner warteten, und er fühlte, daß er stiller Sammlung bedürfe, sich auf sie vorzubereiten. Nun packte es ihn zum ersten Male doch seltsam, da er hier oben stand. Er hatte eben sein Brevier hervorziehen wollen, um eine Weile rastend sich darein zu vertiefen, aber er vermochte es nicht. Diese Welt voll wilder Erhabenheit, in die er sich plötzlich versetzt sah, zwang ihn zu schweigendem Staunen. Da hoben sich um ihn her empor all die gewaltigen Riesen dieses Hochlandes, diese Hörner und Zacken, diese Zähne und Nadeln, die Kegel und Türme, all die bizarren Formen des Dolomitgebirges, wie keine andere Bergwelt der Erde sie aufweist, die lotrechten Steilwände, die jähen Abstürze, die endlosen Geröllhalden. Zwischen den einzelnen Zinken schnitten, gleich Breschen, die in diese ungeheuren Steinmauern eingebrochen worden, die Joche ein, noch bis zur Wasserscheide hinauf von Gras- und Pflanzenwuchs überdeckt. Oben aber wand sich schimmernder Schnee wie ein Hermelinmantel um die Flanken und Schultern der Felskolosse. In allen Farben schienen sie zu leuchten. Nach dem Wechsel der über sie hingleitenden Sonnenlichter, bei dem Vorübersegeln einer weißen Glanzwolke im Azur und dem Weiterrücken des Strahlenkranzes flammten sie bald in brennendem Gelb, bald grau oder rot auf oder verblaßten gar nach kurzem Emporglühen ganz und hüllten sich in ein schwärzliches Dämmern. Das Sonnenlicht, das auf ihnen lag und diese ragenden Säulen überglutete, erschien als ein anderes als das, welches drunten im Tale die Saatfelder reifen ließ. Innocenz mußte daran denken, daß er sich hier nahe der Grenzmarken Italiens befinde und daß die Dolomiten auf ihren weiten Flächen drei Völkern ihre Wohnsitze umschirmten. Der Mönch konnte sich lange von dem Anblick nicht losreißen, der ihn gefesselt hielt. Es zog ihn plötzlich auf die Knie nieder, und inmitten dieser gewaltigen Einsamkeit, unter dem erhabenen Schweigen der Hochlandswelt stammelte er seine Gebete. Nachdenken konnte er nicht, die Worte stürzten ihm ungesucht von den Lippen, aber seine Seele fühlte sich nicht mehr bedrückt und geängstigt, sondern erhoben und beglückt; das Göttliche, dessen Walten er unter den Schauern des Niegesehenen und Niegeahnten um ihn her anbetete, ließ ihm neue Lebenskraft durch alle Adern strömen. Er hatte eine Zeitlang die Augen schließen müssen, weil die Fülle von Farben und Formen für ihn nicht mehr mit Blicken zu umfassen war; jetzt öffnete er sie wieder, schaute wie in demütiger Dankbarkeit empor, griff zu seinem Stabe und schritt weiter. Der Weg, den er sich von dem ortskundigen Bruder Benedikt auf dessen Karten genau hatte weisen und heute morgen noch unten im Tale bestätigen lassen, führte von der Halde, auf der er gerastet, jetzt noch steiler empor. Wie eine Arterie in dem Gliederbau dieses felsigen Riesenleibes durchfurchte zur Seite ein tiefes Rinnsal das Gestein, in welchem das durchsichtig-klare Wasser tosend dahinschoß. Den trübwogigen Gletscherbächen, welche Innocenz weiter drunten hatte über die Talsohlen sich wälzen sehen, ähnelte es in keiner Weise; hier oben schien alles licht und rein zu werden. Hoch über dem Schlunde auf sonnigem Bergpfad, den nur dann und wann noch eine Zirbe mit windzerwühlter Nadelkrone umschattete, zog er weiter. Immer vor sich gewahrte er, gleich den Strebepfeilern des Himmelsgewölbes, die steilen Wände der Felsen lotrecht emporsteigen, zahllose Hochgipfel, scheinbar regellos von Gigantenhand durcheinandergeworfen, und von einer der gelbbraunen Zinnen zur anderen spannte sich hier und da tief an ihrem Fußgestell eine grüne Einsattelung, die wie eine Oase in dieser ungeheuren Steinwüste herübergrüßte. Wenn sie verschwanden und gleichzeitig die Sonne von einer ziehenden Wolke verdeckt ward oder hinter einer steilragenden Felszinke niedertauchte, lag die tote Einsamkeit der Dolomitenwelt düster drohend vor dem Wandrer. Dann schien sie sich, einer feindseligen Macht gleich, ihm entgegenzustemmen und sein Vordringen bis zu ihren geheimnisvollen Rätseln und Wundern hindern zu wollen. Unter dem funkelnden Strahlenmantel der Sonne aber lockte und gleißte das alles, als schirmten die Steinsäulen droben einen Paradiesesgarten, welcher der in den Niederungen hausenden Menschheit längst entrückt worden war. Der Mönch schritt immer langsamer aufwärts. Der schwere Ranzen, den er auf seinem Rücken trug, drückte ihn fast nieder. Die reine Luft des Hochgebirges, die ihm um die Stirn wehte, durchfröstelte ihn und schien ihm das Atmen durch ihre kalte, scharfe Frische eher zu erschweren als zu erleichtern. Er mußte jetzt immer häufiger stehenbleiben. Seine Füße vermochten sich auf dem Geröll, das unter ihnen abglitt und polternd zur Tiefe stürzte, kaum mehr weiterzuarbeiten. Als er endlich wieder einmal eine sanft abgedachte Halde erreicht hatte, warf er sich müde auf einen moosüberwachsenen Stein nieder, seine Brust keuchte, und die hellen Tropfen standen ihm auf der Stirn. Dabei mahnte ihn das zwitternde Licht hier zwischen den Felswänden, daß er sich eilen müsse, um vor Anbruch der Dämmerung noch das Alpendorf zu erreichen, da diese ihn nicht auf unbekannten und mühselig zu erklimmenden Gebirgspfaden überraschen dürfe. Die lautlose Stille um ihn her, in die nur einmal der scharftönige Schrei eines zu Horst ziehenden unsichtbaren Bergadlers gellte, hatte jetzt etwas Schreckenerregendes für Innocenz. Er fühlte sich wie abgeschieden von der Welt, wie ausgeschlossen von allem Lebendigen. Nicht mehr die Schönheit der Erhabenheit, nur noch die wilden Schauer dieser toten, übergewaltigen Natur wirkten auf ihn ein, er sah nur noch ihre Schrecknisse, er ahnte ihre tausend unsichtbaren Gefahren, ohne sie zu kennen. Furcht und Verzagtheit wandelten ihn an statt andächtiger Bewunderung. Er kam sich vor, als sei er einer feindseligen Macht entgegengestellt, die er bekämpfen sollte und der er nicht gewachsen, der gegenüber er feige und schwach war. Wieder flüchtete er sich zum Gebet. Jetzt aber war es kein Stammeln der Rührung und des Entzückens, wie es vorher über seine Lippen gebrochen war, sondern ein angstvoll-inbrünstiges Flehen, wie es eine verlassene Menschenseele im Gefühl ihrer Ausgestoßenheit emporschickt zu dem einzigen Helfer, den sie kennt. Der Mönch ward sich erst, während er so betete, voll bewußt, daß er von Stund an ein Leben führen sollte, bei dem er der steten Hilfe des Allmächtigen bedürfen würde wie der Luft zum Atmen. Er hatte von der Welt, in die man ihn hinaussandte, nichts gewußt, er hatte sie sich so nicht vorzustellen vermocht. Nun war er wie das Blatt eines vollbelaubten Baumes, das der Wind losgerissen hatte und haltlos umhertrieb. Als Innocenz sich wieder von den Knien erhob, sich das schwarze Haar, das ihm um die Stirn klebte, zurückstrich und zum Weiterwandern anschickte, gewahrte er, daß er auf der Halde nicht mehr allein war. Kaum zwanzig Schritte von ihm trat aus einer grünüberwucherten Felssattelung, die auch von verkrüppeltem Zirben- und Lärchengestrüpp überschattet wurde, eine seltsame Gestalt, die der Mönch erst nach schärferem Hinsehen als ein menschliches Wesen erkannte. Es war ein steinaltes Weib mit gekrümmtem Rückgrat, das unter einem riesigen, verwaschenen, flachen Filzhut, der von ihrem Gesicht nichts gewahren ließ, in einem groben, kurzen Wollenrock sich an ihrem eisenbeschlagenen Krückstock fortbewegte, einen großen Korb am Arm, einen Sack auf dem Rücken. Es war mehr ein Kriechen und Humpeln als ein Gehen zu nennen. So kam sie, sich hin und wieder vollends zur Erde bückend und mit einem kleinen eisernen Spaten in dem bröckeligen Gestein grabend, allmählich näher, und der Mönch rief ihr mit lauter Stimme ein »Gelobt sei Jesus Christus!« zu. Die Alte erwiderte, sich bekreuzigend, kurzatmig: »In Ewigkeit, Amen!« Sie tat dies mechanisch und ohne sich nach dem umzusehen, der ihr den Gruß zugerufen hatte. Erst nach einer Weile mochte ihr zum Bewußtsein gekommen sein, daß es eine fremde Stimme gewesen war, die sie vernommen hatte, und als sie sich an ihrem Stock wieder aufrichtete und das eiserne Gerät in den Korb geworfen hatte, drehte sie sich der Richtung zu, aus welcher dieselbe gekommen war. Da gewahrte sie das geistliche Gewand. Nun schlurfte sie heran, ergriff die Hand des Mönches und küßte sie. Auch das wie aus fest eingelernter Gewohnheit, ohne die geringste innere Anteilnahme dabei zu zeigen. Ihr Mund war völlig zahnlos, ihre Hand, mit der sie die seine gefaßt hielt, braun, welk und verrunzelt, wie Bruder Innocenz noch niemals eine Menschenhand gesehen. Er schämte sich fast der eigenen, die weiß und schmal zwischen diesen verarbeiteten und verkrümmten Fingern der Greisin lag. Von ihrem Gesichte unterschied er auch jetzt noch wenig. Es war so von Falten und Furchen durchrissen, daß er hätte glauben können, die Alte zähle weit mehr Jahre, als der Psalmist sie dem Menschenleben zuschreibe, wenn nicht ein einziges Mal unter der dunklen Filzkrempe des Hutes hervor ihn ein Blick aus den Augen der Greisin getroffen hätte, deren dunkle Sterne sonderbar hell und scharf unter dünnen, weißlichen Brauen in dem gelbbraunen, verhutzelten und verschrumpften Antlitz standen. In diesen Augen brannte noch immer ein merkwürdiges Leben. Und die Alte mußte gleichfalls bei ihrem jähen Aufblick, der wohl kaum aus Neugierde, sondern ganz unwillkürlich ihrem Handkusse gefolgt war, irgend etwas an dem Mönch entdeckt haben, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Denn obgleich es ihr sichtlich große Mühe machte, ihre kleine, arg verkrümmte Gestalt so weit aufzurichten, daß sie dem hochgewachsenen Manne, der vor ihr stand, ins Gesicht blicken konnte, tat sie es doch zum zweiten Male, und wieder flogen ihre Augen über ihn hin, jetzt mit einer Art von schreckhafter Verwunderung. Dann sank die Alte aufs neue völlig in sich zusammen, ihr schon immer hörbarer Atem wurde nach der gehabten Anstrengung zu einem Ächzen, und sie wandte sich, um davonzuhumpeln. Nun aber rief der Mönch: »Wie weit ist's noch bis Sankt Ulrich auf der Lahn?« Sie blieb stehen, die beiden Hände über der Krücke ihres Stockes ineinander gefaltet. »Wollt Ihr dorthin?« »Ja.« »Eine kleine Stunde wohl noch. Wie man's geht. Immer da aufwärts.« »Geht Ihr denselben Weg?« »Ein Stück wohl.« Innocenz wurde es nicht leicht, ihre Worte, die sie in einem ihm fremden, wunderlichen Dialekt mit ihren welken Lippen und ihrem kurzen Atem vorbrachte, zu verstehen. Sie bezeigte auch keine Lust, neben ihm herzugehen, er aber sagte: »So gehen wir also zusammen, bis unsere Wege sich trennen,« und hielt sich, langsam weiterschreitend, an ihrer Seite. Als sie darauf nichts erwiderte und nur die Eisenspitze ihres Stockes auf die Steine stieß, die den Felspfad überstreut hatten, fragte er weiter: »Wo seid Ihr zu Hause?« »In Moosbrunn.« »Das ist auch auf der Lahn. Zwei gute Stunden von Sankt Ulrich, nicht wahr? Es sind die zwei einzigen Dörfer da oben und die höchstgelegenen in den Dolomiten?« »Wird wohl so sein.« Sie sagte das in demselben gleichmütigen Ton, den sie von Anfang an angeschlagen hatte, und machte keine Miene, das Gespräch fortzusetzen. Innocenz aber ließ es sich nicht verdrießen, von dem ersten Menschenkinde, dem er hier oben in der neuen Welt, in welche man ihn gesandt, begegnete, über dieselbe etwas in Erfahrung zu bringen. Diese Welt sollte ja nun seine Welt werden, und mit Menschen dieses Schlages sollte er leben, unter ihnen wirken, sich durch die höchsten Gnadengüter mit ihnen verbunden und als einen der ihrigen fühlen. »Was treibt Ihr da eigentlich?« fragte er, auf den Korb der Alten deutend. »Ich bin halt die Wurzin.« »Und was sind das für Wurzeln, die Ihr da ausgrabt und sammelt?« »Gelber Enzian.« »Wozu gebraucht man den?« »Wird halt der Enzeler draus gebrannt.« »Der Enzeler? Was ist das?« Die Wurzin blieb stehen, als ob sie sich den, der so fragen konnte, näher betrachten wollte. Dann schien sie sich aber zu besinnen, wer da neben ihr bergauf schritt und erwiderte: »Müßt halt nicht aus der Gegend sein, daß Ihr's nicht wißt. Ein Branntwein ist's. Hier heroben trinken wir ihn gern, und er muß halt sein. Ist eine gute Medizin, die einzige, die wir haben können. Tut wohl gegen Hitze und Kälte, bei jung und alt.« Sie sagte das, wie wenn sie die Fragen, die er auf den Lippen hatte, mit ihren Worten gleich abschneiden wollte. Über das Gesicht des Mönchs flog ein dunkler Schatten, aber er fragte nur ablenkend: »Sucht Ihr sonst keine Wurzeln? Es sollen mancherlei heilende Kräuter hier in den Bergen wachsen. Ich habe davon gelesen.« »Wohl, wohl,« machte die Alte kopfnickend. »Mancherlei. Wenn man's nur versteht, sie zu finden. Die Augen wollen noch, aber die Füße nicht mehr.« »Wie alt seid Ihr jetzt?« fragte Innocenz. »Weiß nicht. Bin schon lang' auf der Welt, mein' ich.« »Und habt immer dies mühsame Gewerbe betrieben?« »Glaub's schon. Es erhält kräftig und gesund. Immer im Wald und auf den hohen Jöchern, bei Wetter und Wind. Freilich: ewig kann's auch nicht währen.« »Seid Ihr denn ganz allein auf der Welt?« »Weiß nicht, was ich sagen soll. Bin schon allein, mein' ich. Aber früher sind andere bei mir gewesen. Weiß nicht, wie lang's her ist. Liegen nun alle unterm Stein. Mein' aber doch, sind schon manchmal wieder da.« Es klang etwas aus den abgebrochen, gleichgültig hervorgestoßenen Worten, was auf Innocenz eine seltsam rührende Wirkung ausübte. Er mochte nicht weiterfragen. Der steile Weg machte der Alten ohnehin das Sprechen doppelt mühselig, und sie selber schien kein Verlangen danach zu tragen. Keuchend stapfte sie neben ihm her. Nach einer Weile gabelte sich der Pfad, den sie bisher verfolgt hatten, und ein kegelförmig zusammengeschichteter Steinplattenhaufen ragte an der Kreuzung auf, von dem ein daran befestigter Lärchenzweig in südlicher Richtung gegen die graue Felswand hinaufwies. »Was bedeutet das?« fragte der Mönch. »Ein Steinmannl ist's,« erklärte die Wurzin. »Die deuten da heroben bei uns im Hochgebirg den Weg, daß sich keines versteigt. Dortzu ist Sankt Ulrich.« Sie schritten weiter. »Und wenn einer den andern Weg gegangen wär'?« fragte Innocenz. »Hätt' bei Nacht leicht können abstürzen,« erwiderte die Alte gleichgültig. Nach einer weiteren Strecke kamen sie bis dicht an den Wildbach, dessen Tosen sie schon seit längerer Zeit vernommen hatten und der ihnen nun den Weg zu versperren schien. Innocenz hatte eine Frage auf der Zunge, aber die Alte hatte bereits den Fuß auf einen der großen, in das reißende Wasser geworfenen Steinblöcke gesetzt, die sichtlich an Stelle einer Brücke hier lagen, und humpelte, den Stock vor sich hin in den Boden stoßend, geschickt zu dem zweiten und so weiter bis ans jenseitige Ufer hinüber. Dabei konnte es nicht ausbleiben, daß sowohl der Saum ihres grobwollenen, runden, dunklen Kleiderrocks als auch ihr plumpes, nägelbeschlagenes Schuhwerk durchnäßt wurde, aber sie gab nicht acht darauf, sondern rastete nur drüben, um wieder zu Atem zu kommen. Als auch Innocenz den Übergang vollbracht hatte, fragte er mehr überrascht als unwillig: »Weshalb ist hier keine Brücke gebaut?« »War schon oft eine da,« gab die Wurzin zur Antwort, »aber 's Wasser verträgt sie immer wieder. Ist nicht längst ein schlimm Wetter g'wesen. Das hat sie fortg'rissen. Wenn noch immer Stein' da sind, kann man's zufrieden sein. War schon oft ärger.« »Die Leute sind wohl recht arm da oben auf der Lahn?« fragte der Mönch. Diese Frage schien für die Alte nicht leicht zu beantworten. Sie besann sich eine kleine Weile und sagte dann: »Der Pyrker wär' schon reich, mein' ich. Sonst – man lebt halt.« Der Weg hörte jetzt plötzlich auf zu steigen. Er lief in sanfter Windung neben der schimmernden Steilwand her, die noch von der hier nicht mehr sichtbaren Sonne geküßt wurde, und eröffnete plötzlich einen Durchblick, der den Mönch zum Stillstehen zwang. Zwischen zwei ragenden Zinken schaute man wie durch ein natürliches Felsentor auf eine im mittelalterlichen Feudalstil errichtete Burg, die mit Turm und Zinnen, ein trotzig-gewaltiger Quaderbau, in dieser Felseneinsamkeit aufragte, als ob sie den Bergkolossen um sie her die Stirn zu bieten gesonnen sei. »Was ist das?« fragte der Mönch verwundert. »Schloß Peutelstein,« war die Antwort der Wurzin, die ihre Augen gar nicht aufgehoben hatte» Innocenz hatte mancherlei Unterweisungen über Land und Leute, zu denen man ihn sandte, im Kloster erhalten, auch in der Bücherei die Werke durchblättert, die darüber abhandelten, aber der Name dieses Schlosses war dabei nicht vor ihm genannt worden oder ihm vor Augen gekommen. Und doch erregte es mit seinen unverschlossenen Fenstern, die eben jetzt wie vergoldet aufflimmerten, und mit der vom Turme wehenden Standarte den Eindruck, als sei es die Behausung eines lebenden Geschlechts und nicht die steinerne Erinnerung an ein vergangenes. »Wer wohnt dort?« fragte er. »Das Schloß gehört halt dem Grafen von Karditsch. Ein Jagdschloß ist's. Weiß nicht, ob die Herrschaften dort sind. Hat Jahr und Jahr leergestanden. Hat dann geheißen, die Gräfin wollt' kommen. Wegen der guten Luft, wie sie's nennen. Gibt auch halt Hirschjagd da herum. Und Gemsen haben wir viel.« Sie waren vorübergeschritten, die Alte immer auf dem schmalen Bergpfade voraus, die eisenbewehrte Spitze ihres Stockes in kurzen, regelmäßigen Zwischenräumen aufstoßend. Dann war's wieder an einer Wegkreuzung, wo sie stehenblieb, und nun sagte sie, gerade vor sich hindeutend: »Hier geht's nach Moosbrunn,« und mit einer Kopfwendung zur Linken: »Da ist Sankt Ulrich.« Man sah von den beiden Orten hier noch nichts, nicht einmal den Turmknauf ihrer Kirchen; rundum starrte nur die schweigsame Felsenwildnis, um welche die Dämmerung ihre Schleier zu weben begann. Aber Innocenz mußte annehmen, daß er sein Ziel nun bald erreicht haben werde. Er bot der Greisin die Hand. »Ich dank' Euch für Euer Weggeleit. Wie nennt Ihr Euch?« »Ich bin halt eben nur die Wurzin von Moosbrunn.« »Ihr müßt doch einen christlichen Namen haben, wie andere Menschenkinder.« »Danach fragt hier niemand. Hab' ihn fast selber vergessen. Sind halt nicht mehr viele am Leben, die mich gekannt haben, eh' ich die Wurzin worden bin. Aber wenn Ihr's durchaus wissen müßt: Creszentia Afinger heiß' ich und die »schwarze Cenz« haben sie mich einmal auf der Lahn gerufen. Ist ein paar Jährle her, mein' ich.« Sie lachte in einem eigentümlich meckernden Ton auf. »Also, b'hüt Gott!« »Behüt Gott! Und auf Wiedersehen!« sagte der Mönch. Die Alte hatte sich schon zum Gehen gewendet, drehte sich aber bei seinem letzten Wort noch einmal um und fragte: »Bleibt Ihr denn in der Gegend?« Es war das erstemal, daß sie eine Frage an ihn richtete und überhaupt für irgend etwas Teilnahme oder Interesse bezeigte. »Ja,« erwiderte Innocenz, »ich bleibe in St. Ulrich, und wir werden uns also öfter sehen. Nochmals: Gott mit Euch!« Die Wurzin murmelte etwas zwischen den zahnlosen Lippen, was der Mönch nicht mehr recht verstand, was aber zu heißen schien, er hätte sich auch besser eine andere Gegend zum längeren Bleiben aussuchen können, und humpelte davon. Der Mönch mußte ihr noch eine kleine Weile nachblicken, ehe er die ihm gedeutete Richtung einschlug. In der letzteren gelangte er nach wenigen Minuten bis an eine Stelle, wo sich das Hochtal plötzlich vor ihm öffnete. Und nun sah er auf einer von karger Grasnarbe überwachsenen, sich allmählich gegen die Kalkschroffen hinaufziehenden Halde die weit verstreut liegenden Häuser eines Dorfes vor sich, ihrer vielleicht ein halbes Hundert, wenn er auch die Dächer mitzählte, die nur Stallungen und Heustadel überdecken mochten. Die Kirche stand auf einer mäßigen Bodenerhöhung mitten darunter, ein weißes, schmuckloses Gebäude mit niedrigem, helmbedachtem Turm, umgeben von den schiefstehenden, halb verschütteten Holzkreuzen des Gottesackers, der sich den Hügel hinabzog. An die Kirche lehnte sich ein gleichfalls weißgetünchtes Haus, das die Pfarrwohnung darstellen mochte, einstöckig und mit seinem von Feldsteinen beschwerten Schindeldach kaum von den übrigen des Weilers unterschieden. Der letzte bot mit seinen eben jetzt vom abendlichen Herdrauch überblauten Wohnstätten, in der umschirmenden Rundmauer der Dolomiten und unter dem gerade einsetzenden Abendgeläut der Turmglocke einen friedvollen und anheimelnden Eindruck. Die Schrecknisse der Bergwildnis schienen hier überwunden zu sein, die Felsriesen, welche die Lahn eingürteten, hatten jetzt nichts Drohendes mehr für den Wandrer. Er warf sich vor einem Kruzifix, das unter einem schmalen, grauverwitterten Holzdach hier am Taleingang ragte, nieder und betete um einen gesegneten Einzug und daß er dereinst mit dem Bewußtsein, treu seine heiligen Pflichten erfüllt und Gutes gewirkt zu haben, hier wieder hinausziehen möge. Seine Seele war voll von den großen Eindrücken dieses Tages, und sein Auge leuchtete von dem Widerglanz erhabener Empfindungen, die in seiner Seele wogten, als er das erste Haus auf der Lahn erreichte. Es war dem Mönch seltsam, wie still es in dem Dorfe zuging. Hier und da saßen die Leute vor den Haustüren, die Weiber am Spinnrade, die Männer rauchend; geredet wurde nichts. Auch die Kinder, die sich auf der Gasse umhertrieben, lärmten nicht dabei, sondern starrten den Mönch nur, als er vorüberkam, wie eine Erscheinung mit offenem Munde an, ohne seinen Gruß zu erwidern. Selbst von den älteren Leuten ward ihm eine solche Erwiderung nicht immer zuteil; gleichgültige, verdrossene, sogar feindselige Blicke trafen ihn manchmal. Das Leben auf dieser einsamen, weltfernen Höhe und die harte Fron der Arbeit, in der sie um ihr tägliches Brot rangen, mochte die Menschen hier unzugänglich, wortkarg und mißtrauisch gemacht haben. Auch die Sägemühle, an der Innocenz vorbeischritt, stand bereits still, nur das Wildwasser – wohl das gleiche, das er drunten hatte mit der alten Wurzin überschreiten müssen – toste mit schaumigem Geflock über das Wehr. Das mußte der Villgrattenbach sein, der aus den Schneefeldern der »hohen Zinne« dort drüben gespeist ward, durch den Lärchenwald brausend in die grüne Lahn niederging und sich mit vielen anderen Bächen und Rinnsalen drunten in die Drau ergoß. An die Sägemühle stieß ein stattliches Wohnhaus, das größte im Dorf, mit braungedunkeltem Gebälk. Auf den Simsen der niederen Fenster standen brennend rote Geranien. Hier mochte der einzige wohnen, von dem die Wurzin gesagt hatte: »Der wär' schon reich, mein' ich.« Als der Mönch am Hause entlang schritt, hörte er drinnen die Stimme eines Vorbeters, der die eines Chores Antwort zu geben schien; aber es klang alles sonderbar hart und scharf, nicht eigentlich wie ein Gebet, mit dem man der höchsten Macht etwas abringen will, sondern eher wie ein Befehl oder doch wie eine Aufgabe, die man mit finsterem Ernst, ohne Freudigkeit und inneren Antrieb erfüllt. Innocenz hatte den Fuß des Hügels nun erreicht und schritt zwischen den eingesunkenen, überwucherten Gräbern des kleinen Friedhofes auf das Pfarrhaus zu. Es lag gerade der hohen Zinne gegenüber, deren graue, wild zerrissene und zerklüftete Wand aus dem Dunkel des Nadelwaldes aufstieg und hier und da in den Schrunden und Mulden eine glitzernde Schneeschicht barg, während sie sich nach oben zu in ein phantastisches Felsgebilde auflöste, das halb einem gotischen Kirchturm, halb einer sich verjüngenden, zinnengekränzten Säule glich. Noch immer lag gelbes Abendlicht dort oben, während das Tal längst von grauer Dämmerung erfüllt war und auch die anderen Riesen des Hochlandes, die sich in abenteuerlich wechselnden Gebilden zu beiden Seiten an die hohe Zinne reihten, jetzt farblos aufragten in einen wolkenfreien Himmel, welcher sich kuppelgleich über der Lahn wölbte. Der Mönch überschweifte das alles kurz mit seinen Blicken, während seine Hand den eisernen Türklopfer gegen das braune Holz der Eingangspforte fallen ließ. Nach einer Weile ließen sich von drinnen schlurfende Tritte auf dem steinernen Fliesenboden vernehmen, und die Tür wurde zur Hälfte geöffnet. Das finster blickende Gesicht einer etwa fünfzigjährigen Frau, das unter einer unsauberen, schief sitzenden Haube faltig und mit einem unfreundlich-verbissenen Ausdruck zum Vorschein kam, beugte sich heraus, um den draußen Stehenden argwöhnisch zu betrachten. »Was soll's?« fragte sie abwehrend. »Wir sind nicht eingerichtet für Nachtquartier.« »Ich bin Bruder Innocenz vom Kloster des heiligen Benedikt zu Greifenburg,« versetzte der Mönch. »Pfarrer Antholzer, mein hochwürdiger Bruder, erwartet mich, denn der Prior hat mich ihm gemeldet.« Die Frau war mit einem unvernehmlichen Gemurmel, das aber schwerlich einen Segenswunsch enthielt, zurückgetreten und hatte die Tür freigegeben. »Gelobt sei Jesus Christus!« sprach der Mönch beim Überschreiten der Hausschwelle. Er hörte nicht, ob das Weib den Begrüßungsspruch vollendete, denn in diesem Augenblick wurde die Stubentür geöffnet, und der, dessen Gast Innocenz für die nächste Zeit sein sollte, stand im Rahmen derselben. Der Pfarrer Aloys Antholzer von St. Ulrich war ein alter Mann, dem die Last der Jahre, vielleicht auch Krankheit, den Rücken gebeugt hatte. Spärliches, schneeweißes Haar umrahmte ein gelbes, eingefallenes Gesicht, das den Eindruck vollster Stumpfheit erregte. Die Augen blickten teilnahmlos und blöde vor sich hinaus, dicke Tränensäcke lagen darunter. Auf dem Rücken der Hand, welche der Pfarrer jetzt dem Ankömmling entgegenstreckte, hob sich das Geäder wie ein dichtes, grünliches Geflecht ab. Innocenz hatte auf ein Wort des Willkommens aus seinem Munde gewartet, dasselbe erfolgte jedoch nicht. »Ich hatte Euch noch nicht erwartet,« murmelte der Pfarrer, um dann zu dem immer noch argwöhnisch nach dem Mönch schielenden Weibe gewendet hinzuzusetzen: »Richte dem hochwürdigen Bruder ein Bett, Resi, und die Abendsuppe muß reichlich sein.« Damit schlurrte er, die eine Körperhälfte mit schief abstehender Schulter vorschiebend, in die Stube zurück, während der Mönch dem vor sich hinbrummenden Weibe in ein am Ende des Hausganges befindliches Gelaß folgte, wo er sich seines Ranzens entledigen und auf einem Holzstuhl am Fenster niederlassen konnte, um zu rasten. Der niedrige Raum war im übrigen fast kahl. Nur ein Bettgestell und ein Tisch aus rohem Tannenholz befanden sich darin, die weiß gekalkten Wände hatten hier und da ihren Bewurf verloren. Aber vor dem gardinenlosen Fenster ragte die hohe Zinne mit ihren Nachbarn zur urgewaltigen Majestät auf, und den Mönch dünkte es um deswillen doch eine gastliche Zelle, in der man ihn wollte herbergen lassen; er hätte sich keine bessere wünschen mögen. Ein Gespräch, das er mit dem Weibe anknüpfen wollte, welches ihm, immer murmelnd, jetzt sein Lager zurüstete, hatte keinen rechten Fortgang. Sie antwortete mit »Ja« und »Nein«, um alles, was darauf folgte, in einem unverständlichen Gebrumme untergehen zu lassen. Sichtlich war sie mit seinem Hiersein wenig zufrieden. Das aber schien überhaupt jeder zu sein, dem er bisher begegnet war, und es mochte im Charakter dieses von aller Welt abgeschlossenen Gebirgsvolkes liegen, daß man den Fremdling, der nicht zu ihnen gehörte, gleichviel wer er sein mochte, als einen Eindringling betrachtete, vor dem man auf seiner Hut sein müßte und dem man den Willkomm verweigerte. Er würde sich ein Vertrauen, das man ihm nirgends entgegenbrachte, also erst mühsam zu erwerben haben und mochte auf ein ernstes Ringen danach gefaßt sein. Auf den Pfarrer, den Innocenz beim Abendessen, welches in einer derben Mehlsuppe, Brot und Speck bestand, wiedersah, war offenbar hierbei als auf einen Helfer und Berater nicht zu rechnen. Dieser stumpf vor sich hinblickende Greis, der in dem kahlen Zimmerchen an seinem von keinem Leinentuch überspreiteten, mit grobem, schadhaftem irdenen Geschirr bedeckten Tische saß und sich die bürgerliche Kost schmecken ließ, erregte nicht den Eindruck, als ob ihm an einem gedeihlichen, seelsorgerischen Wirken seines Gastes in der Gemeinde gelegen sei, oder als ob er dessen Wünschen und Plänen Verständnis und Teilnahme entgegentrage. Vom Sprechen schien er überhaupt so wenig ein Freund zu sein, wie die Menschen hier oben in den Bergen alle, sondern er gab sich schweigend mit desto größerem Eifer der Tätigkeit des Essens hin, die er aber in einer Art betrieb, welche von den Gewohnheiten der Gebildeten abwich und den Sitten des Klosters, aus welchem Innocenz kam, wenig entsprach. Auch hier zeigten sich die bäuerlichen Manieren, welche er angenommen. Gleichzeitig glaubte der Mönch zu entdecken, woher die unfreundliche Stimmung der Haushälterin des Pfarrers gegen ihn stamme. Dieselbe war offenbar gewohnt gewesen, mit ihrem Dienstherrn die Mahlzeiten am gleichen Tische zu teilen, und getraute sich jetzt nicht in seiner Anwesenheit von solcher Erlaubnis weiter Gebrauch zu machen oder war von dem Pfarrer ausdrücklich angewiesen worden, darauf zu verzichten. Ihrem Unwillen darüber, daß die Suppe beinahe kalt geworden, ehe sie dieselbe in die Küche für sich hinaustragen durfte, gab sie ziemlich unzweideutig Ausdruck, und ihr ganzes Gebaren ließ darauf schließen, daß sie sich aus ihren wohlerworbenen Rechten verdrängt sah. Innocenz nahm deshalb Veranlassung, dem Pfarrer gegenüber zu äußern, daß er die Haushälterin nicht etwa um seinetwillen vom Tische verbannen möge, falls er sie bisher daran habe teilnehmen lassen, was der Angesprochene nur mit einem gleichgültigen: »Wie Ihr meint« aufnahm. Als die Mahlzeit vorüber war und die Resi das Geschirr abgetragen hatte, hoffte Innocenz den Pfarrer endlich in der Stimmung zu finden, ihm über die mancherlei Fragen, welche ihn beschäftigten, Aufschluß zu geben. Dieser aber bezeigte auch jetzt keine Lust dazu, sondern trat an einen unverschlossenen Wandschrank, dem er eine breitbauchige Flasche von dunkelgrünem Glase und ein paar kleine, verstaubte und abgestoßene Gläser entnahm. »Mögt Ihr einen Enzeler?« fragte er. Innocenz verneinte mit gekrauster Stirn. Der Pfarrer füllte sich darauf sein Glas, leerte es, füllte es noch einmal und sagte dann achselzuckend: »Man wird's hier gewohnt. Und man braucht's.« Der Mönch sagte nichts, aber alle Lust, mit dem Pfarrherrn sich in ein Gespräch über sein geistliches Wirken auf der Lahn einzulassen, war ihm vergangen. Dagegen fragte der letztere, der inzwischen auch das zweite Glas ausgetrunken und die zitterigen Finger schon wieder nach der Flasche ausgestreckt hatte, wie in plötzlich erwachter Neugierde oder auftauchendem Mitleid: »Was habt Ihr eigentlich begangen, Bruder Innocenz?« Die wasserblauen, glasig verschwommenen Augen des Sprechers richteten sich dabei mit einem kurzen Auffunkeln des Interesses zu dem Mönch hinüber, der erstaunt erwiderte: »Begangen? Weshalb soll ich etwas begangen haben?« Etwas wie der Schatten eines Lächelns huschte jetzt um die eingefallenen Lippen des Priesters. In dieser Minute sah er plötzlich verehrungswürdig aus in einer erbarmenden Milde, die wie aus der Erinnerung an eine ferne, ganz ferne Zeit sich über das ausdruckslos gewordene, verrunzelte Gesicht verbreitete. Dann fiel es wiederum wie eine graue Aschenschicht darauf nieder, unter der das aufzuckende Fünkchen verlosch, und, den Kopf leise wiegend, raunte Aloys Antholzer müde und gleichgültig: »Man hätte Euch sonst doch nicht hierher geschickt.« »Man hat mich hierher geschickt, um Euch in der Ausübung Eures Seelsorgeramtes beizustehen. Dünkt Euch dieser Grund nicht vollwichtig genug, lieber Bruder?« Die in leicht erregtem Tone gegebene Antwort des Mönches schien auf den Priester keinen Eindruck zu machen, oder er hatte sie gar nicht gehört. »Ihr braucht's mir ja auch nicht zu bekennen,« sagte er, »ich bin nicht neugierig. Man verlernt's.« Es klang so schläfrig, wie er es murmelte, daß Innocenz eine Mahnung darin sah, sich zurückzuziehen, obgleich es noch nicht spät sein konnte. Eine Verständigung schien hier ohnehin ausgeschlossen. Dennoch konnte der Mönch es nicht unterdrücken, zu sagen: »Ich begreife es nicht, weshalb Ihr meine Sendung hierher durchaus als eine mir gewordene Bestrafung auffassen zu müssen glaubt, lieber Bruder. Dieses Hochtal mit seinen unerschöpflichen Naturwundern ist doch schwerlich ein Verbannungsort für Frevler. Eher könnte man es für ein Paradies halten.« Der Pfarrer nickte mehrmals vor sich hin, ehe er, ohne eine Miene zu verändern, erwiderte: »Wart Ihr je im Winter hier oben, Bruder Innocenz? Einen Winter nach dem anderen, – Jahr um Jahr? Der Winter währt lange hier oben unter den Dolomiten. Aber Ihr habt gewiß recht, es ist ein Paradies zu nennen.« Er sagte das ohne alle Bitterkeit oder Ironie, in dem gleichen müd-schläfrigen Ton von vorher, als hätte er weder die Lust noch das Recht und die Fähigkeit, irgendeine Einwendung gegen die Worte des Mönches zu erheben. Eine stumpfe Hoffnungslosigkeit lag in seiner Erwiderung, aus der es Innocenz wie mit einem plötzlichen Eiseshauch anwehte. Als er dann den Pfarrer abermals zum Glase greifen sah, stand er auf, bot ihm die Hand und sagte: »Ich bin müde von der langen Bergwanderung, an die ich nicht gewöhnt war, und möchte zur Ruhe gehen. Auch Ihr werdet's wohl wie die Älpler halten, die früh den Tag beenden, um ihn früh wieder anzufangen. Haltet Ihr morgens eine Hausandacht, lieber Bruder?« »Wenn Ihr's wünscht –« »Nicht doch. Ich sagte Euch schon, daß Ihr in Eurer Hausordnung völlig ungestört bleiben müßt, wenn ich mich nicht als fremder Eindringling hier fühlen soll. Ich hoffe, wir werden uns gut miteinander einleben. Morgen will ich Euch bitten, mich in den Pflichten unseres Amtes zu unterweisen, in denen ich Euch unterstützen darf. Ihr sollt in allem frei über meine Arbeitskräfte schalten, und ich möchte Euch in nichts zu nahe treten oder Euch gar berauben, wo Ihr selber noch Eures Amtes walten zu können gedenkt. Nur wo Eure Kräfte nicht mehr ausreichen, will ich für Euch mit meinen jüngeren eintreten, damit die heilige Sache etwa nicht Schaden erleidet. Euch aber zu verdrängen, bin ich wahrlich nicht gesonnen und bedarf dringend Eures väterlichen Rats in allem, wie ich denn auch ganz in Euren Bahnen hier wandeln möchte. Betrachtet mich, bitte, als Euren willigen Schüler. Und damit wünsche ich Euch eine friedsame Nacht, lieber Bruder!« Innocenz hatte diese Worte gesprochen, um jedes etwaige Mißtrauen, das bei dem Priester gegen ihn, als Neuerer und Besserwisser, hätte aufkeimen können und aus dem sich vielleicht dessen wortkarges und gleichgültiges Wesen gegen ihn selber erklären ließ, zu ersticken. Es war ihm heiliger Ernst mit dem, was er gesagt. Aber Aloys Antholzer blickte ihn so verständnislos daraufhin an, als wenn er nicht wisse, ob er einen ausgemachten Heuchler oder aber den Bewohner einer anderen Welt vor sich habe, mit der ihn keinerlei Gemeinsamkeit des Fühlens und Denkens mehr verknüpfte. Dann sagte er nichts als: »Gute Nacht, Bruder Innocenz.« Und der Mönch verließ das Gemach. Es waren keine freudigen und lichten Gedanken, mit denen Innocenz sein Ruhelager in dem Kämmerchen aufsuchte, zu dessen unfreundlicher Kahlheit seine Klosterzelle zu Greifenburg in wohltuendem Gegensatz gestanden hatte. Er betete lange und heiß um Erleuchtung und Kraft, ehe er sich zum Schlafen anschickte. Dann aber forderte seine jugendlich-gesunde Natur ihr Recht, und er entschlummerte fest und friedlich. II Der nächste Tag lag mit der gleichen wolkenfreien Klarheit über der bergumfriedeten Lahn, mit welcher der vorhergegangene geschieden war. Als Innocenz an das Fenster seiner Kammer trat und die Felskolosse vor sich in den morgendlich-glanzvollen Äther ragen sah, schwoll ihm die Seele wieder von freudigem Staunen. Wie in unberührter Jungfräulichkeit lag diese Welt vor ihm da, und er wähnte, den Odem des Göttlichen niemals fühlbarer um sich gespürt zu haben, als da er zu ihr emporblickte. Das Wehen dieser gletscherkühlen Luft nahm ihm die Schwüle banger und verzagter Gedanken vollends von der Brust. Als er den aus gebranntem Roggen bereiteten Morgentrank, welchen ihm Resi mit trockenem Schwarzbrot zusammen zur Frühmahlzeit gebracht, verzehrt hatte, saß er lange Zeit am Fenster, um sich wieder und wieder in die leuchtenden Wunder dieses eigenartigsten aller Hochlande der Erde zu versenken. Er hegte das Vorgefühl, daß er nirgends als hier Trost und Stärkung finden werde, sooft er danach lechzen möge, und er zweifelte auch nicht mehr daran, daß solch Verlangen und Bedürfen häufig an ihn herantreten werde, viel häufiger, als er es gestern noch auf seiner Alpenwanderung gewähnt hatte, und viel häufiger als im Bann des Klosterfriedens von Greifenburg. Er verglich nun auch mit einer kleinen Karte, welche er aus der Klosterbibliothek mit sich genommen hatte, die Bergrunde der tirolischen Alpen, die vor seinen Blicken dalag, und nannte die Namen der grauen Steinriesen, die neben der ragenden Königin dieser Felsenwelt, der hohen Zinne, als ihre Trabanten und Paladine das einsame Hochtal umgürteten. Da war zu ihrer Rechten der Arzenkopf, der in mächtigen Linien die Umrisse eines phantastischen Greisenhauptes aufwies, dessen struppiges Haar ein halb von Wildwassern und Stürmen verwüsteter, halb von Menschenhand zerstörter Lärchenwald bildete; dann der Rotkopf mit seinem wie von stetiger Morgenröte überschimmerten Zackengewirr, und weiter die Weißbachhörner, schneeumglitzerte Nadeln und Zinken, die der große Weltbaumeister wie ewige Weiser aufgerichtet zu haben schien, die zu seinen Höhen empordeuteten. Zur Linken der hohen Zinne aber lagerte sich der Schwalbenkofel, durch einen grün-lockenden Grat mit ihr verbunden, der von der Tiefe aus wie eine Brücke erschien, auf welcher die Berggeister hinüber- und herüberwanderten; und neben diesem begrenzte der breithin gestreckte Roßkamm das Halbrund des vor dem Fenster sich ausdehnenden Gebirgsstockes. Der letztere übertraf fast an bizarrer Formation noch seine Nachbarn. Wer sich länger in seine Linien vertiefte, mochte die wehende, weißgraue Gletschermähne eines dahinstürmenden Rosses zu erkennen glauben, dessen Rücken von einem dunklen Sattel überdeckt wurde, während die emporgehobenen Nüstern des langgestreckten Halses sich zornig blähten. Die seltsamen Risse und dunkel aufgähnenden Klüfte in dem verwitterten Gestein des Kalkgefelses im Verein mit den hier und da wie angeklebt herabhangenden Nadelwaldstreifen brachten alle diese Gebilde, an welche die schöpferische Phantasie des Volksgeistes bei der Namengebung angeknüpft haben mochte, zuwege und regte so die Phantasie dessen, der zu ihnen aufschaute, aufs neue an. Über den Mönch kam ein sonderbares Wanderverlangen, das er früher niemals gekannt. Es dünkte ihn unsäglich verlockend, von hier aus höher und höher in die wolkennahen Regionen des ewigen Schnees emporzuklimmen und von dort oben, in einsamer Weltenferne, all diesen steinernen Sphinxen in das Riesenantlitz zu blicken. Dort oben mußte man erst wahrhaft beten lernen können, jeder Herzschlag, jeder Atemzug, – dort mußten sie zum Gebet werden. Und doch mischte sich in dieses stürmische Begehren, hinauf und immer hinauf zu gelangen, um dem Himmel näherzukommen, zugleich ein Gefühl der Angst, das ihn mit zaghafter Scheu zu all diesen Schroffen und Graten emporstarren ließ. Wie unendlich verlassen mußte der Mensch sich dort oben inmitten der Alleinherrschaft einer erbarmungslosen, übergewaltigen Natur erscheinen! Wenn nicht dort, wo sonst sollte er die Eitelkeiten der Welt verachten lernen und seinen Gott finden? Mit solchen Gedanken trat der Mönch heute wiederum vor den Pfarrer Aloys Antholzer hin. Er fand ihn in seinem Zimmer an einer dort aufgestellten Hobelbank beschäftigt, einen Holzklotz zwischen den Knien, das Eisen mit kräftigen Händen führend. Die Späne flogen und wirbelten um ihn her. Auch auf den wenigen Möbeln des unwirtlich ausgestatteten Raumes lagen sie ebenso wie auf den zum größeren Teil arg verstaubten Büchern und Skripturen verstreut, von denen ein kleines Häuflein ein an der Wand festgeklammertes Bord bedeckte. Das Zimmer, in dem sich auch das noch nicht wieder hergerichtete Bett von grobem, blaugewürfeltem Leinenzeug befand, erregte, wie alles im Pfarrhause, den Eindruck der Verwahrlosung, der durch ein elfenbeinernes Kruzifix über einem altmodischen, wackeligen Schreibtisch und ein paar verblichene Heiligenkupfer sowie einen schlechten Öldruck des Papstbildes nicht verwischt wurde. Auch hier atmete derselbe Geist der Gleichgültigkeit gegen allen äußeren Schmuck des Lebens, gegen allen Brauch und alle Gesittung der Welt, welcher im Wesen wie in der Handlungsweise der beiden Bewohner des Pfarrhauses überhaupt hervortrat. Der Pfarrer, der ohne seinen Priesterrock, mit weit über die Ellenbogen heraufgestreiften, unsauberen Hemdärmeln bei seiner Arbeit saß, unterbrach dieselbe sichtlich ungern, erwiderte den Gruß des Mönches mit einem undeutlichen Gemurmel und fragte dann, sich mit dem Oberarm über die tropfende Stirn hinfahrend: »Wünscht Ihr etwas? Ich dachte, die Resi hätte Euch –« »Betreibt Ihr diese Beschäftigung aus Gesundheitsrücksichten, lieber Bruder?« fragte der Mönch, als der Sprecher die weiteren Worte unterdrückte. Aloys Antholzer sah ihn halb blöde an. Erst nach einer Weile schien ihm die Berechtigung einer derartigen Frage einzufallen, und er erwiderte mit gleichmütigem Achselzucken: »Irgendetwas muß man ja doch wohl betreiben. Und man braucht's in der Wirtschaft. Wer hier oben in den Hochalpen Pfarrer sein will, muß auch zugleich ein Bauer sein. Das werdet Ihr noch lernen.« Er machte Miene, das Hobeleisen wieder mit den Händen zu packen, als Innocenz einfiel: »Aber doch keinesfalls nur ein Bauer, lieber Bruder. Übrigens bin ich nicht hierher gesandt, um mit Euch über Eure Tagesbeschäftigung und Euren Lebenswandel zu rechten, so wenig wie mir's zusteht, Euch einen Rat zu erteilen, den ich ja vielmehr von Euch erbitten will. Mich dünkt, Ihr müßt in dieser Weltabgeschiedenheit und angesichts all der leuchtenden Wunder des schaffenden Gottes, welche uns hier umgeben, ein so reiches Feld erquicklicher seelsorgerischer Tätigkeit finden, wie es auf der Welt nicht leicht zum anderen Male zu entdecken ist. Mancher unserer Brüder, der sich drunten inmitten der Reize und Verlockungen des gleißnerischen Weltlebens vergeblich bemüht, die ihm anvertrauten Seelen zu Gott zurückzuführen, möchte Euch um Eures Amtes willen beneiden.« Der Pfarrer stierte zu dem Sprecher, der vor ihm stehengeblieben war, hinüber, als wenn er nicht begriffen habe, ob dessen Worte Spott enthielten oder nur eingelernt seien und ohne jede Nebenabsicht wie mechanisch weitergesprochen würden. Sein Mund war dabei halb offen stehengeblieben, und in den stumpfsinnigen Ausdruck seines Gesichtes mischte sich etwas wie schüchterne Wehmut. Sekundenlang stieg ein Gefühl des Mitleids mit diesem Greise, der da so hilflos an seiner Hobelbank saß, in dem Mönche auf, und er bereute fast die letzten Worte, die er gesprochen. Dann sagte Aloys Antholzer ruhig: »Die Menschen brauchen hier keine Seelsorge und wollen auch keine. Sie kommen zur Messe und zur Beichte, sie beten und halten die Feiertage, und im übrigen tun und lassen sie, was ihnen beliebt.« »Doch nichts, was gegen die heiligen Gebote unserer Kirche verstößt?« fragte Innocenz erschreckt. Der Pfarrer murmelte etwas Unverständliches zwischen den welken Lippen. Es schien bedeuten zu sollen, er wisse es selber nicht, vielleicht weil er selber sich über diese heiligen Gebote nicht in allen Punkten mehr im klaren befand, oder weil er sich um das Tun und Treiben seiner kleinen, weit zerstreuten Gemeinde nicht mehr bekümmerte und nicht mehr bekümmern konnte, sondern sich zufrieden gab, wenn die äußerlichen Vorschriften der Religion nur immer gewahrt blieben. Innocenz aber schüttelte traurig und unbefriedigt den Kopf. »Hier muß Wandel eintreten,« sagte er. »Ihr seid alt und kränklich, lieber Bruder, deshalb neigt Ihr zu mildem Verzeihen und zur Nachsicht. Wie ich denke, war es gut, daß man Euch eine frische Kraft zur Unterstützung sandte.« Nun nickte Aloys Antholzer, den Hobel wieder ansetzend, kurz mit dem Kopfe. »Versucht's« raunte er gleichmütig. Die krausen, gelben Späne flogen um ihn her, das Eisen kreischte und knirschte in dem harten Holze. Stumpfe Müdigkeit lag wieder in seinem gelben, faltigen Gesicht. Der Mönch kam allmählich zu der Erkenntnis, daß er hier schwerlich liebevolle Fingerzeige oder vorsichtige Ratschläge werde erhalten können, die ihn auf seinem Pflichtwege unterstützen würden, sondern daß er denselben ganz aus eigener Kraft unter dem göttlichen Beistande und mit seiner heiligen Überzeugung werde antreten müssen. »Laßt Ihr mir völlig freie Hand, lieber Bruder?« fragte er. Und der Pfarrer murmelte mitten unter dem Gekreisch des Hobels: »Freilich – freilich – freilich.« »Ich will heute gleich nach Moosbrunn hinübergehen,« fuhr Innocenz fort, »um auch bei dem hochwürdigen Bruder Josef Ladurner einzukehren und mir seinen Rat zu erholen; vielleicht entläßt er mich mit froheren Hoffnungen für ein gedeihliches Wirken hier, als Ihr mir sie zu geben vermögt. Habt Ihr an unseren Bruder in Moosbrunn etwas auszurichten?« Aloys Antholzer hatte in seiner Beschäftigung mit einem kurzen Aufblick innegehalten, und etwas wie ein heimliches Spottlächeln umglitt schattenhaft seine Mundwinkel, dann sagte er, während das Hobeleisen wiederum einsetzte: »Daß ich nicht wüßte – nichts.« »So gehabt Euch wohl,« warf der Mönch hin, »vor dem Abend werde ich nicht zurück sein. Bis dahin Gott mit Euch!« »Gott mit Euch!« Innocenz schritt in trübem Sinnen hinaus. War das der einzige Erfolg einer mehr als dreißigjährigen seelsorgerischen Tätigkeit hier oben unter den Bergen, bis wohin alle die widrigen Leidenschaften und Lüste der Welt nicht hinaufzudringen vermochten, wo man sich dem Himmel doch um so viel näher fühlen und in der Umgebung einer großen, reinen und freien Natur selbst groß, rein und frei werden mußte, – daß man mit stumpfem Gleichmut dem zusehen lernte, was die Menschen, deren Herzen man lenken und deren Geister man zügeln sollte, nach eigener Willkür wirkten und taten, wenn sie nur mechanisch die äußerlichen Vorschriften der Kirche erfüllten? Daß man selber nur noch mechanisch die Amtshandlungen eines verordneten Dieners eben dieser Kirche vornahm, ohne sie mit dem Geiste zu erfüllen, der da allein doch lebendig machen konnte, was sonst leere Form und toter Buchstabe blieb? Wie ganz anders hatte Innocenz sich das Priesteramt hier, angesichts der steinernen Riesenwunder des allmächtigen Gottes vorgestellt! Dieser greise Pfarrer da drinnen an seiner Hobelbank war ein schlechter Priester geworden, und der Herr mochte ihm vergeben, daß er mit dem ihm anvertrauten Pfunde so übel gewuchert hatte. Für ihn selber aber lag in dieser Erkenntnis eine doppelt dringliche Mahnung, mit heiligem Eifer seines Amtes zu walten, und halblaut sprach er abermals vor sich hin, was er dem Pfarrer Aloys Antholzer bereits zugerufen hatte: »Hier muß Wandel eintreten!« Unter solchen Gedanken hatte der Mönch sich auf die Wanderung nach Moosbrunn begeben. Die Häuser von St. Ulrich, an denen er vorüberkam, schienen heute wie ausgestorben. Die Leute mochten zu den Almwiesen hinaufgezogen sein, um das Heu einzubringen oder im Bergwald Holz zu fällen, welches der Villgrattenbach mit seinen Wassern dann sausend talab in die Lahn trug. Nur die Sägemühle war im Betriebe. Aber der Mann, den Innocenz auf der schmalen Holzbrücke über dem sich schwingenden Rade stehen sah, – eine kurze, gedrungene Gestalt mit grauem Stoppelbart, stechenden Augen und selbstbewußter, breitspuriger Haltung, – rückte nicht einmal an seiner Mütze, als er zu dem Mönch herabblickte, sondern behielt seine beiden Hände in den Taschen seiner abgescheuerten, glänzenden Lederhose. Auch die Kinder auf der Dorfgasse grüßten ihn nicht, sondern glotzten ihn nur scheu an, und als er einen flachsköpfigen Burschen zu sich heranrief, um ihn nach dem Wege zu fragen, antwortete ihm der zwar mit einer deutenden Handbewegung, während er die Finger der anderen Hand verlegen in den Mund steckte, konnte aber auf Innocenz' weitere Frage, ob er das Gewand nicht kenne, das er trug, und nicht wisse, wie man sich einem Priester gegenüber zu benehmen habe, mit nichts anderem erwidern als mit einem dummverwunderten Kopfschütteln. Da ließ der Mönch ihn los und ging weiter. Er hatte den steinigen Weg eingeschlagen, der zwischen dem Arzenkopf und dem Rotkofel, immer nahe dem Fuße des letzteren, sich in südwestlicher Richtung hinwand und über die »Mauern«, eine Anzahl riesenhafter Felstrümmer, führte, die, vermutlich dereinst vom Arzenkopf niedergestürzt, jetzt von Moos und Flechten übersponnen, friedlich auf dem grünen Grunde lagen. Auf dem größten von ihnen hatte sogar eine Tanne sich eingenistet. Ihre Wurzeln, die fast völlig bloß ans Licht traten, hatten sich fest um das graue Gestein geklammert, und sie mußten aus dem in den Rissen und Fugen desselben allmählich angesammelten Erdreich wohl Nahrung genug für sich einsaugen können, denn der junge, schlanke Baum wuchs und gedieh sichtlich. Über den »Mauern« lag zwischen den ansteigenden Felsen des Rotkofels die Anderetalp eingebettet, von der das Glockengetön weidenden Jungviehs melodisch durch die Hochlandsstille zu dem Wandrer herabklang. Das stimmte ihn wieder friedvoller. Als er dann weiter in die immer einsamere Felsenwildnis vordrang und manchmal über sich zwischen den gigantischen, grauen Zacken nur noch ein schmales Stück blauen Himmels gewahrte, fiel ihm die Weltabgeschiedenheit, in der er nun heimisch werden sollte, abermals ein, und er konnte sich nicht verhehlen, daß er jetzt gern einem Menschen begegnet wäre, einen Ton aus Menschenmund vernommen hätte. Aber er gewahrte nichts, was in der weiten Runde an Menschen auch nur erinnert hätte. Das enge Tal erschien in der Ferne von einem scharf vortretenden Felsriegel abgegrenzt, zu dem sich mächtige Schutthalden emporzogen, und es sah aus, als gäbe es dahinter überhaupt keine Welt mehr. Die Sonne stand noch nicht hoch genug, um über die ragenden Wände herüberzudringen, und über der kühl anschauernden Schattenfülle brütete lautlose Einsamkeit. Innocenz ließ sich am Fuße eines grün umwachsenen Felshügels, der zu seiner Rechten sich wie ein von ihr losgelöstes Stück an die mütterliche Brust des Rotkofels wieder zurücklehnte, nieder, um zu rasten. Er hatte den breiten, schwarzen Hut vom Kopfe genommen und die Stirn in die Hand gestützt. Da spürte er plötzlich, wie wenn ihn Schneeflocken getroffen hätten, nur daß sie nicht kühl und feucht waren, sondern warm, leicht und duftig, als hätte ein blühender Apfelbaum sich über ihm geschüttelt. Und wirklich waren es auch Blütenblätter, die wie ein lauer Regen über ihn herabgerieselt waren, ihm Kopf, Nacken und Schultern überdeckten und sogar in seinem Schoß lagen. Verwundert schüttelte er sie von sich ab und sah auf. Aber er gewahrte oben wohl Nadelgestrüpp und verwuchertes Gekraut, jedoch keinen Blütenbaum, für den in dieser starren Steinwelt auch wohl kein Platz gewesen wäre. So konnte sich denn nur jemand einen unziemlichen Scherz erlaubt haben, und die Stirn des Mönchs krauste sich finster bei diesem Gedanken. Er erhob sich unmutig, drückte sich den Hut auf die Stirn und umschritt den Felshügel, um etwa einen Aufgang zu ihm zu entdecken. Wirklich sah er auch an einer Seite desselben ein Dutzend schmaler, roh in den Stein gehauener, moosübersponnener Stufen, die zwar nicht leicht zu erklettern waren, die er aber nun doch ohne Besinnen hinanstieg. Als er die oberste glücklich erreicht hatte, freilich nicht, ohne sich an Wurzeln und Strauchwerk dabei festzuhalten, blieb er überrascht stehen. Der Anblick, der sich ihm bot, war von fesselndem Liebreiz. Auf der Höhe des Hügels stand ein altes, arg verwittertes Heiligenbild, von einem morschen, schrägen Holzdächlein überschirmt und von einem sich müde zur Seite neigenden Pfosten getragen. Und vor demselben kniete ein junges Mädchen, dem tiefschwarzes Haar aufgelöst in breiter Welle über den Nacken herabfloß; aber sie betete nicht, sondern umwand nur den Stamm des Bildnisses mit grünem Gerank, das sie zwischen den Fingern hielt, wie denn auch das Holzdach desselben schon grün eingesponnen und von bunten Blumen übernickt war, so daß es wie aus einem blumigen Rahmen hervorblickte. Der Unmut des Mönchs war rasch verflogen und, die letzte Stufe hinanschreitend, rief er: »Gelobt sei Jesus Christus!« Das Mädchen mußte auf sein Kommen wohl vorbereitet sein, denn sie erschrak nicht, sondern erwiderte mit einer Stirnneigung: »In Ewigkeit, Amen!« Sie sah ihn aber nicht dabei an, sondern blieb bei ihrer anmutigen Beschäftigung. Ihr aufgesteckter Kleidrock schien noch voll von Blumen und Ranken. Der Mönch trat näher heran, um sie zu betrachten. Sie war ein auffallend feines, zierliches Geschöpf, das den Dirnen des Hochgebirges in nichts glich, wenn sie auch ebenso gekleidet war wie diese. Ihr großer Strohhut lag neben ihr auf der Erde. Das Antlitz mit den tiefschwarzen, für das schmale Gesicht fast zu großen Augen und dem kleinen Mund unter einer zierlichen, aber energisch geschwungenen Nase erschien merkwürdig weiß neben den sonnenverbrannten Gesichtern der übrigen Gebirgsbewohner, und ein verträumter Ausdruck lag darin. Ihre Züge wiesen einen fremdländischen Typus auf, den Innocenz nicht kannte, der sie aber mit dem seltsamen Kontrast zwischen Haut- und Haarfarbe, sowie mit ihrer ganzen Erscheinung überhaupt für ihn zu einem Wesen machte, mit dem es sich wohl verlohnte, ein paar Worte zu wechseln. Er hatte sich ja ohnehin vor kurzem nach einem menschlichen Geschöpf gesehnt. »Was treibt Ihr da?« fragte er. »Ihr seht's ja,« klang es mit einer sonderbar tiefen, warmtönigen Stimme zurück. »Und weshalb bekränzt Ihr das Heiligenbild?« »Ich mein' halt, es ist sonst gar so verlassen und weiß gar nichts davon, daß wieder Sommer ist.« »Kommt denn kein Mensch sonst hierher?« »Nein, ich glaub' niemals. Und ich sitz' nirgends lieber als hier. Schaut einmal dort hinüber.« Sie wies mit der kleinen Hand nach der Richtung, in welcher Moosbrunn liegen mußte, und nun sah Innocenz, daß man von hier aus die Turmspitze der Dorfkirche daselbst gewahren konnte, deren goldiger Knauf in der mittägigen, hier unsichtbaren Sonne blitzte und funkelte. Über sie hinweg traf der Blick auf einen weiß flimmernden Punkt an der grauen Felswand, der einem lichten Schwalbennest glich, das dort zu kleben schien in einer für Menschen unzugänglichen Höhe. »Was ist das?« fragte Innocenz, darauf weisend. »Das ist die Kapelle des heiligen Ulrich, welcher der Schutzpatron der Lahn ist und uns vor Bergstürzen und Schneelawinen behütet. Vor Wildwassern kann er uns nicht behüten,« setzte sie nachdenklich hinzu. »Warum nicht auch vor Wildwassern?« »Die kommen häufig im Herbst oder Frühjahr und richten großen Schaden an. Da hilft alles Beten nichts. Es ist auch schon einmal eine große Prozession darum gewesen. Aber es wurde doch nicht besser.« »Vielleicht hat man nur nicht recht gebetet,« versetzte der Mönch hart. Darauf erwiderte das Mädchen nichts mehr. Sie hatte ihr Werk nun beendet, stand auf, bekreuzigte sich und betrachtete es. Dann nahm sie von den Blüten und Ranken, die ihr Kleidrock noch barg, einige heraus, um sie sich vorn an ihrem Mieder und in ihrem Haar zu befestigen. Sie tat das, ohne sich um den Mönch zu bekümmern, und als sei es das natürlichste Ding von der Welt, sich so vor ihm zu schmücken, ohne alle Gefallsucht und mit vollkommener Anmut aller ihrer Bewegungen. Dann behielt sie noch ein paar blaue Gentianen übrig. Die reichte sie ihm dar und fragte ohne alle Scheu und Verlegenheit: »Mögt Ihr sie?« Innocenz hatte die Blumen zurückweisen wollen, brachte es nun aber doch nicht über sich, sondern nahm sie entgegen und sagte mit leichtem Lächeln: »Ihr habt mich ja ohnedies schon mit Blumen überschüttet.« Nun flog ihr eine helle Röte über Stirn und Schläfen hin. »Seid Ihr mir böse?« fragte sie. »Ich könnte ja sagen, es sei gar nicht meine Absicht gewesen, Euch mit den Blumen zu treffen, und ich hätte Euch gar nicht gesehen. Aber das wär' eine Lüge, und lügen kann ich nicht. Ich hatt' Euch schon eine Strecke weit den Weg heraufkommen sehen, und als Ihr nun da unten, gerade zu meinen Füßen Euch niederließet, kam es so über mich. Es war gewiß recht töricht und unbedacht, aber schlimm hab' ich's ja nicht gemeint.« Sie sah ihn mit so rührend-kindlichem, flehendem Ausdruck an, daß er nur entgegnete: »Es ist etwas Großes, daß Ihr nicht lügen könnt. Betet zur heiligen Jungfrau, daß sie Euch zeitlebens davor bewahren möge!« Und als sie dazu ernst nickte und ihm mit ihren großen, klaren Augen, die ihn wie der Spiegel eines tiefen, kristallenen Bergsees anmuteten, ins Gesicht blickte, als ob sie noch gern Weiteres von ihm hören würde, fragte er: »Wie heißt Ihr?« »Filomena.« Er wartete, daß sie auch ihren weiteren Namen nennen sollte, aber sie tat es nicht, gerade als wollte sie ihm. sagen, daß es damit genug sei, wenn man sie »Filomena« nenne. »Seid Ihr aus Moosbrunn?« fragte er weiter, und als sie das bejahte: »Ihr seht aus, als wäret Ihr dort aus dem Süden heraufgekommen.« »Ja,« erwiderte sie mit dem sinnend-träumerischen Ausdruck, der ihrem feinen, stillen Gesicht eigen war, »sie nennen mich auch die welsche Filomena. Aber ich bin ein Moosbrunner Kind.« »Und Eure Eltern leben noch?« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Meinen Vater hab' ich nie gekannt, und kein Mensch kann mir von ihm erzählen. Er mag wohl ein Welscher gewesen sein, und in Moosbrunn hat man die Welschen nicht gern. Und meine Mutter ist auch schon lange tot. Sie ist sehr schön gewesen, meine Mutter, sagen sie.« »Schönheit ist oft eine gefährliche Mitgift,« versetzte der Mönch strenge. »Hoffentlich habt Ihr andere Tugenden und Vorzüge an ihr zu rühmen. Bei wem lebt Ihr jetzt?« »Beim Meßner. Er heißt Bartholomäus Innerkofler und ist auch der Schulmeister im Dorf.« Sie sagte das wie etwas Auswendiggelerntes, und ein unfroher Zug prägte sich dabei um ihre Lippen und in den Augenwinkeln aus. Innocenz schickte sich zum Gehen an. »Wir könnten die letzte Strecke bis ins Dorf zusammen gehen,« sagte er. »Wollt Ihr denn nach Moosbrunn?« fragte sie verwundert. »Wohin sollt' ich sonst wollen?« »Ich dächte, Ihr zöget nach Welschland hinab.« »Nein. Ich bleibe in St. Ulrich. Und heute will ich den Pfarrer Ladurner in Moosbrunn besuchen.« Sie sagte nichts mehr darauf, sondern begann die Stufen hinabzuklettern mit dem behenden und anmutigen Geschick, das ihr eigen war. Die sorglose Leichtigkeit ihrer Bewegungen bewies, wie oft sie schon hier den gleichen Weg gemacht hatte. Als sie dann neben ihm drunten hinwanderte, sagte er: »Ihr meint wohl auch, daß ich zu bedauern sei, weil ich auf der Lahn bleiben muß?« Doch sie verneinte erstaunt. »Weshalb solltet Ihr zu bedauern sein? Es ist ja so schön hier, daß man schwerlich Schöneres auf der Welt finden kann. Ich kann mir eine andere Welt auch gar nicht vorstellen. Sie sagen, in Welschland sei's sonnig und blühend, aber ich meine, unsere Berge haben sie dort doch nicht. Und unsere Gletscher und Wildwasser, unsere Lärchenwälder und unsere Hochalmen! Ich möchte nicht tauschen.« Das helle Entzücken leuchtete aus ihren Augen, während sie sich mit einer raschen Bewegung das Haar in den Nacken zurückwarf. Ihre wilde Schönheit hatte jetzt etwas, das zu der großen und wilden Natur paßte, welche sie umgab. »Es muß Euch doch oft einsam hier werden,« sagte der Mönch. Das schien sie kaum zu verstehen. Sie sagte ihm, daß sie viel in Büchern lese, daß sie fast alle Bücher schon kenne, die der Pfarrer in seinem Studierzimmer stehen habe. Und draußen sei es immer wieder in neuer Art schön, man hätte eigentlich jeden Tag etwas anzustaunen und sehe stets etwas Fremdartig-Überraschendes; man lerne die Welt hier niemals ganz auskennen. Im Winter sei's freilich oft traurig, man sei wochenlang völlig begraben im Schnee und höre dann nichts als das Donnern der Lawinen. Das sei der einzige Ton des Lebens und sonst alles umher tot. Aber dann sitze man am prasselnden Holzfeuer des Ofens und könne lesen; das sei auch schön. Sie sprach ohne alle Befangenheit, immer mit dem strahlenden Blick ihrer tiefen Augen, und ein seltsamer Zauber strömte von ihr aus. Der Mönch wußte aus diesem wunderlichen Mädchen nicht klug zu werden. Neben ihrer wilden Anmut sprach doch oft etwas Versonnenes aus ihren Worten, das darauf schließen ließ, sie habe draußen unter den ragenden Berghäuptern und in der herrlichen Hochlandswildnis, von der sie mit so stürmischem Entzücken redete, über vieles nachgedacht, was sonst Mädchenköpfen fremd blieb; dann kam etwas sonderbar Bestimmtes und Festes in den Ton ihrer Worte, als ob sie daran nicht rütteln lassen wolle. Der Mönch mußte sie immer wieder mit Erstaunen betrachten. Dies seltsame Geschöpf, das er hier in der Einsamkeit des weltfernen Hochgebirges am wenigsten gesucht hätte, beschäftigte ihn lebhaft. »Wißt Ihr,« sagte sie plötzlich, »weshalb es mir eigentlich in den Sinn kam, Euch Blumen zuzuwerfen? Denkt Euch: ich habe einen Bruder, der auch Mönch ist. Den hab' ich aber nie in meinem Leben gesehen und weiß nichts von ihm, nur die Leute haben es mir gesagt. Und als ich Euch nun plötzlich unten zwischen den Bergen des Weges ziehen sah, dacht' ich, so würde mein Bruder, der von seiner Schwester nichts weiß, jetzt vielleicht auch aussehen, und da war's mir, als müßt' ich ihm zum Willkommen die Blumen hinabwerfen. Es war also doch kein ganz so mutwilliger Streich, wie Ihr denken mögt.« Innocenz war aufmerksam geworden. »Wie heißt Ihr mit Eurem weiteren Namen, Filomena?« fragte er. »Filomena Afinger bin ich ins Kirchenbuch eingetragen.« »Afinger?« wiederholte er. »So nannte sich ja die alte Wurzelgräberin, mit der ich gestern ein Stück Weges ging.« Das Mädchen hatte die vorigen Worte schon mit gesenkten Lidern gesprochen, jetzt blickte es vollends traurig vor sich hin. »Das ist meine Großmutter,« sagte sie nach einer kleinen Weile, und es kostete sie sichtliche Mühe, so zu sprechen, »aber sie mag von mir nichts wissen. Sie hat auch von meiner armen Mutter nichts wissen wollen bis zu ihrem Tode.« Die Worte kamen ganz leise, wie ein trübes Geheimnis, zwischen ihren Lippen hervor, und ihre Brust arbeitete heftig dabei. Sie hob die Augen nicht wieder zu ihm auf und zerpflückte mit leicht zitternden Fingern eine grüne Ranke, die sie in der Hand trug. Auch der Mönch sagte nichts mehr. »Also ein Kind' der Sünde,« dachte er. »Auch hier in den Bergen gibt es also sündige Weiber und ehrvergessene Männer. Aber wie darf man dieses Kind die Sünde seiner Eltern entgelten lassen?« Er nahm sich im stillen vor, mit der alten Wurzin über Filomena zu reden; bei ihr selber mochte er mit keinem Worte mehr auf das Gehörte zurückkommen. Sie hatten im langsamen Weiterschreiten nunmehr den Schluchtausgang erreicht und sahen Moosbrunn vor sich liegen. Die Häuser, aus denen das Dorf bestand, waren noch armseliger und ihrer noch weniger als in St. Ulrich. Sie lagen noch weiter verstreut und klommen zum Teil schon an den Hängen empor, da die Talsohle hier noch schmaler sich hinstreckte als drüben. Dennoch gewährte die Siedelung im vollen Sonnenglanz des Mittags, der die Luft zwischen den schimmernden Bergwänden zittern und flirren ließ und weißliche Wölkchen auf die phantastischen Säulen und Zacken der Dolomiten zauberte, einen freudvoll anmutenden Anblick. Hier also war Filomenas Heimat! Während Innocenz es dachte, sagte das Mädchen: »Vielleicht findet Ihr den Herrn Pfarrer gar nicht daheim. In dieser Zeit ist er fleißig auf der Jagd.« Der Mönch glaubte nicht recht verstanden zu haben. »Auf der Jagd?« fragte er. »Freilich. Mit dem Jäger-Lenzl. Das ist der Forstwart des Grafen von Peutelstein drüben, wenn Ihr's nicht wißt. Und der Herr Pfarrer ist ein großer Jäger. Sie sagen, er trifft besser als der Lenzl. Und unermüdlich ist er im Aufspüren und Hinterdreinsteigen. Er ist immer noch ein kräftiger Herr trotz seiner grauen Haare.« Sie mochte das unmutige Kopfschütteln bemerkt haben, mit dem Innocenz ihre Mitteilung aufnahm, denn sie setzte hinzu: »Es ist halt seine Passion.« Der Mönch sagte nichts mehr. So legten sie schweigend den Rest des Weges bis zum Pfarrhause zurück, neben dem sich auch die Wohnung des Meßners im Schulgebäude des Dorfes befand. Aus den Vorstaffeln des Dolomitstockes flossen hier in unmittelbarer Nähe zweier Fichtenwurzeln allerlei Quellen aus der Felswand. An ihrem Grunde wuchs schillerndes Moos, das die raschen, klaren Wasser überkämmten, um selber nun in grünlichem Farbenglanz zu leuchten. Sie hatten dem Dorfe den Namen gegeben, und das Fenster, welches Filomena dem Mönch als das ihrer Kammer bezeichnete, blickte gerade darüber hin und dann weiter zu den schneeumschimmerten Zinken der Dolomiten empor, die hier die Welt zu verriegeln schienen. Das war der Monte Valdena, wie sie ihm sagte. »Und dahinter, tief unten ist Welschland,« setzte sie hinzu. Der Mönch begegnete, als er das Pfarrhaus betreten wollte, dem Meßner, der eben im Begriff war, den Turm hinanzusteigen, um die Mittagsglocke zu läuten. Nun rief er durch einen Pfiff einen halbwüchsigen Burschen heran, der auf der Gasse herumlungerte und gab ihm den Auftrag, den Glockenstrick zu ziehen, während er selber mit kriechender Höflichkeit den Gast bewillkommnete und sich gar nicht genug tun konnte in Versicherungen der hohen Ehre und des seltenen Glücks, einen hochwürdigen Bruder vom Orden des heiligen Benediktus hier begrüßen zu dürfen. Dem Mönch war dieser sich demütig krümmende, die listigen kleinen Augen von rötlicher Farbe heuchlerisch verdrehende Mann gleich in der ersten Minute, da er ihm gegenübertrat, zuwider. Scheinheiligkeit war ihm von jeher ein Greuel gewesen, und diesem hier leuchtete sie aus Bücken und Mienen. Es war ihm peinvoll, denken zu müssen, daß dieser kleine, hagere Mann, der da in seinem unsauberen Gewande so unterwürfig und katzenfreundlich sich vor ihm bückte, als ob er einen Heiligen in leibhaftiger Gestalt vor sich habe, Filomenas Pflegevater sei. In wenig freundlichem Ton fragte er nach dem Pfarrer. Bartholomäus Innerkofler hielt immer noch sein schmieriges, schwarzes Käppchen in der Hand, das er von seinem mit rötlichen Borsten überdeckten, tonsurierten Kopfe gezogen hatte, und sein verwittertes, häßliches Gesicht verzerrte sich zu einem süßlichen Lächeln. »Wenn der hochwürdige Herr Bruder nur einstweilen eintreten wollten,« sagte er mit einer merkwürdig schnalzenden Stimme, »der Herr Pfarrer Hochwürden müssen ja jeden Augenblick wieder da sein. Der Herr Pfarrer haben das Mittagessen nicht abbestellt, was unbedingt geschehen wäre, wenn der Herr Pfarrer nicht heimkommen wollten. Und der hoch würdige Herr Bruder nehmen doch gewiß einen Löffel Suppe beim Herrn Pfarrer. Freilich, wie wir's bieten können, recht und schlecht. Hier oben in der Schneeregion. – Der Hochwürdige wird schon wissen, was das bedeutet. Filomena, was stehst du so untätig da? Lauf zur Moidel hinein und bestell', was der Herr Pfarrer heut für einen Gast haben wird! Der Hochwürdige sind mit dem Dirndel zusammen gekommen? Ja, die treibt sich den ganzen Tag in den Bergen umher, – du lieber Gott, was soll man mit dem jungen Blut beginnen? Zur harten Arbeit, wie unser Volk hier in den Bergen sie betreiben muß, ist das zarte, zerbrechliche Ding ja nicht zu gebrauchen. Und höher hinaus kann sie ja auch nicht. Da läßt man sie eben wild herumlaufen. – Aber der Hochwürdige müssen ja müde sein. Beliebt es denn dem Hochwürdigen nicht, einzutreten?« »Wenn Ihr wirklich sicher seid, daß der Pfarrer Ladurner alsbald heimkommt,« versetzte Innocenz zögernd, »möcht' ich ihn freilich erwarten.« »Aber ganz sicher – aber ganz sicher,« beteuerte der Meßner, die Hand aufs Herz legend. »Belieben Hochwürden doch nur –, der Herr Pfarrer würden es nie verschmerzen –« Er hatte die Tür der Pfarrwohnung aufgestoßen und geleitete den Mönch in ein sauber und wohnlich ausgestattetes Gemach, dessen Wände mit allerlei Jagdflinten und Waidmannstrophäen geschmückt waren, das aber in nichts auf einen Angehörigen des geistlichen Standes als Bewohner hindeutete. Eben, als sie eintraten, begann draußen das Mittagsgeläut, und die beiden Männer falteten die Hände, um ihr Gebet zu murmeln. Dann fragte Innocenz, sich am Fenster in einen Sessel niederlassend, während der Meßner in gekrümmter Haltung, mit schief auf die Schulter gelegtem Kopf und erwartungsvoll schielenden Augen vor ihm stehenblieb: »Ihr seid der Pflegevater dieses Mädchens?« »Freilich wohl,« war die seufzend gegebene Erwiderung, und die Augen des Sprechers richteten sich wieder zur Decke empor, »was sollte man tun, Hochwürden? Die Mutter in Armut und Schande zugrunde gegangen, der Vater unbekannt und niemand sonst mehr von Angehörigen am Leben als eine alte, hartherzige Großmutter, die von dem Sündkind nichts wissen will und überhaupt kein christliches Herz in der Brust trägt, sondern eine wahre Heidin und abscheuliche Kräuterhex' ist, – wer hat da die Pflicht, sich so eines armseligen, schon bei seiner Geburt verdammten Wurms in christlicher Barmherzigkeit anzunehmen, damit es nicht vollends verkommt und an Leib und Seele Schaden nimmt? Der Herr Pfarrer Hochwürden hat das bildsaubere, junge Ding doch nicht wohl zu sich ins Haus nehmen können. Denn der Herr Pfarrer sind zwar ein alter Mann, aber das Gerede hätt' doch nicht geschwiegen. Gibt ja heutzutage noch immer Leut', denen die Moidel zu jung scheint zur Pfarrköchin für den beinahe sechzigjährigen Herrn. Möge die heilige Jungfrau ihnen die Schandmäuler stopfen! Und da hat sich wohl der armselige Meßner von Moosbrunn des unglückseligen Würmchens annehmen müssen. Heiliger Gott, ja, sie hat mir mancherlei Not gemacht. Aber wenn der gütige Vater im Himmel dereinst unsere Vergehungen und unsere guten Werke gegeneinander abwägen wird –, da hör' ich den Herrn Pfarrer!« unterbrach er sich plötzlich, aufhorchend, »da will ich doch gleich hinaus und ihm melden, welch' eine Ehre –« Aber er fand keine Zeit mehr, sein Vorhaben auszuführen, denn die Türe wurde schon aufgerissen und der Pfarrer von Moosbrunn trat über die Schwelle. Er war nicht in geistlicher Gewandung, sondern trug die verschlissene, arg von Wetterunbill wie von häufigem Gebrauch zerschundene Kleidung eines Hochgebirgsschützen; den Büchsenkolben stieß er wuchtig auf den gedielten Boden nieder, als er hereintrat. Dennoch sah man ihm seinen geistlichen Stand an, wenn er auch eine andere Gattung des Priesters verkörperte, als der Pfarrer Aloys Antholzer in St. Ulrich. Josef Ladurner war ein hochgewachsener, stämmiger Mann, der dem Mönch an Leibesgröße gleichkam, ihn an Schulterbreite und Muskelstärke aber um ein bedeutendes überragte. Alles an ihm war derbe Kraft und sehnige Gedrungenheit. Auf den ersten Blick schon verriet er seine bäuerliche Herkunft, einer von jenen Priestern, die überall im Land Tirol zu finden sind. Sie gehen aus den Bauernhäusern des Hochgebirges hervor, deren Bewohner es als ihren höchsten Stolz betrachten, einen ihrer Söhne »geistlich« werden zu lassen, denen auch kein Opfer zu groß erscheint, um dies hochbegehrte Ziel zu erreichen. Der Kopf des Moosbrunner Pfarrers zeigte den groben, eckigen Knochenbau des Alpenbauers. Sein straffes, graugesprenkeltes Haar stand über einer niedrigen, vorgewölbten Stirn, unter der helle, selbstbewußt blickende, unfrohe Augen lagen. Die breite, gerade Nase, die hervorstehenden Backenknochen und der energische Mund mit großen, weißen, vortretenden Wolfszähnen machten das Gesicht wenig anziehend. Es lag abweisender Trotz, vielleicht sogar starre Bitterkeit darin ausgeprägt; von weicheren Empfindungen las man nichts darin. Wenn er lachte, nahm das Gesicht des Pfarrers einen wild triumphierenden Ausdruck an. Innocenz hatte Muße gehabt, den Eintretenden zu betrachten, der Büchse und Jagdtasche an die Wand hängte, ehe er seinen Gast begrüßte. Er tat das mit kühler Freundlichkeit ohne alles Zeremoniell, und seine derbspurige Art stach auffallend von der kriechenden Höflichkeit des Meßners ab, der rasch zum Zimmer hinausgeschlüpft war. »Wenn Euch der Anzug da genieren sollt', will ich ihn wechseln,« sagte Josef Ladurner rauhkehlig, als der Mönch ihn mit zweifelhaften Blicken musterte. »Für heut' ist die Jagd zu Ende.« »Um meinetwillen legt Euch keinen Zwang auf,« versetzte Innocenz kalt, »aber ich verhehle Euch nicht, daß es mich überrascht, Euch so zu sehen.« »Warum?« lachte der Pfarrer herb. »Meint Ihr, es widerstreite unserem heiligen Amt, den Tieren des Waldes nachzustellen? Oder erregt Euch nur das Joppel da Anstoß? In der Soutane kann man dem Hirsch im Bergforst nicht nachsteigen. Und wenn es schon überhaupt keine Sünde, sondern göttliche Willensbestimmung ist, das Wild zu töten, damit es uns überlegenen Geschöpfen Gottes zur Nahrung dient, weshalb sollt' es dem Priester versagt sein? Nimrod war ja in all seiner Frömmigkeit ein großer Jäger vor dem Herrn!« Er hatte sich bei diesen Worten auf einen Holzsessel geworfen, der unter ihm erkrachte. Innocenz bückte finster vor sich hin. »Das ist eine üble Verteidigung,« sagte er; »denn es ist auch jedem Manne gestattet, ein Weib zu nehmen, nur dem Priester nicht.« Josef Ladurner war unwillkürlich aufgefahren. Er schien zu überlegen, ob der Mönch seine Worte mit bestimmter Beziehung gesprochen oder nur zufällig so gewählt habe. Eine dicke Falte stand über seiner Nasenwurzel. Dann sagte er achselzuckend: »Nehmt's, wie Ihr wollt, ich denke darüber, wie ich will. Wenn Ihr zwanzig Jahre in dieser gottverdammten Einöde stecktet wie ich, wer weiß, wozu Ihr gegriffen hättet in Eurer Verzweiflung! Jeder rettet sich eben, wie er kann, versteht Ihr? Was wißt Ihr mit Euren schwarzen Haaren schon davon, wie es tut, wenn man in seinem besten Mannesalter hierher verbannt wird, um bis zu grauen Haaren in derselben Schnee- und Eiswüste, unter diesem wortkargen, stumpfsinnigen Volk der Berge Tag um Tag mit der gleichen leeren Traurigkeit, in derselben einförmigen Öde verstreichen zu sehen, fern von allem, was Leben und Welt sonst dem bieten, der für sie geschaffen und gebildet worden? Denn das ist's ja allein, was diese Menschen hier oben ihr Dasein ertragen läßt, was sie vor Wahnsinn oder Berserkerwut schützt, in die sie sonst unrettbar verfallen müßten: sie kennen kein anderes Leben, sie wollen kein anderes, sie sind an das gewöhnt, das sie führen, und trotten so im ewigen Kreislauf ihrer Tretmühle fort, bis es zu Ende ist, ohne je darüber nachzudenken, ob das so sein mußte und warum das so sein mußte. Aber wir, die wir alles sehen und wissen, die wir's fühlen in jedem Nerv, in jeder Gehirnzelle, in jedem Herzschlag, was wir entbehren, um was man uns bestiehlt –, wie sollen wir es ertragen? Und doch sind die alle hier freie Menschen, die jeden Tag das Joch von ihrem Nacken abschütteln und in die weite Welt hinausgehen und ein anderes Leben aus eigener Kraft beginnen könnten, während wir hier festgeschmiedet sind mit ehernen, unzerreißbaren Ketten. Und wir fühlen sie in jeder Stunde unseres Lebens, wir hören sie hinter uns dreinklirren, wohin wir den Fuß auch setzen mögen. Ein Schrei der Empörung geht durch die gebildete Welt, wenn von den Verschickungen russischer Verbrecher nach Sibirien die Rede ist. Wenn aber die kirchlichen Oberen einen von uns in diese Hochgebirgswüste senden, damit wir hier langsam geistig zugrunde gehen sollen, erhebt sich keine einzige Stimme des Widerspruchs oder der Anklage. Und doch ist es ein Seelenmord, der an uns begangen wird!« Der heftig-wilde Ausbruch, zu dem der Sprecher sich wider seinen Willen hatte hinreißen lassen, schien ihn jetzt selber zu erschrecken, vielleicht hatte er auch die fragendentsetzten Augen des Mönches gewahrt, die auf ihn gerichtet waren. Er hielt inne, zuckte dann aber mit den Schultern und lachte grell auf. »Wundert's Euch, mich so reden zu hören? Ein Wagnis, das mir teuer zu stehen kommen kann, wenn Ihr nicht reinen Mund haltet, nicht wahr? Widersetzlichkeit gegen die Oberen, Unbotmäßigkeit und üble Nachrede, statt daß ich nach zwanzig Jahren doch gelernt haben sollte, den Nacken zu beugen und in widerspruchsloser Ergebenheit mich in alles zu fügen, was doch nur verdientermaßen, ja, noch nicht einmal voll nach Verdienst über mich verhängt worden ist! Ihr vergeßt nur eins: daß ich nicht allzuviel mehr aufs Spiel zu setzen habe, hochwürdiger Bruder! Gelüstet's Euch also, mich zu denunzieren, so seh' ich den Folgen ziemlich beruhigt entgegen. Was kann mir noch viel widerfahren? Bei der letzten Kirchen Visitation durch die hochlöbliche Kommission unseres Herrn Erzbischofs hab' ich in allen Ehren bestanden; man fand, daß ich ein guter Hirt meiner Gemeinde sei. Freilich hatte man es ein wenig eilig gehabt, von hier wieder fortzukommen. Die Herren waren das ortsübliche Essen hier nicht gewohnt, und der Wein des Pfarrhauses wollte ihnen nicht sonderlich schmecken. Auch fing es draußen zu schneien an, – mitten im Sommer! Da fürchteten sie, es könnte ihrer für das Heil der Kirche und aller Gläubigen so wertvollen Gesundheit schaden, wenn sie noch länger hier blieben, um dem Seelenheil dieser versprengten Schäflein hier oben nachzuspüren, und zogen mit vielen frommen Wünschen für meinen Wandel und meine Lehre eiligst von dannen. Seither steh' ich in gutem Geruch bei ihnen. Und ich glaube, sie würden mir meinen sündhaften Widerspruchsgeist sogar noch einmal in Gnaden verzeihen. Wenn sie mich aber vor ihr Gericht forderten und selbst den großen Kirchenbann über mich verhängen wollten, – hochwürdiger Bruder, ich habe zwanzig Jahre in dieser Einöde gelebt, einem Tiere ähnlicher als einem Menschen, mich schreckt auch das nicht mehr! Ich schrei' es endlich doch einmal hinaus, was ich denke, und muß es, oder es zersprengt mir die Brust. Und heucheln hab' ich hier immer noch nicht gelernt. Ihr sollt wissen, wen Ihr vor Euch habt!« Er war aufgestanden und hatte mit großen Schritten das Zimmer durchmessen. Die Bodendielen erkrachten unter den wuchtigen Tritten seiner eisenbeschlagenen Bergstiefel. Auch der Mönch war von seinem Sessel emporgefahren. Seine Stirn war düster gefurcht, und seine Augen blickten zu Boden. In seiner Brust kämpften fassungsloses Erschrecken, Zorn und heimliches Erbarmen heftig miteinander, er war in heißer Erregung, noch kaum fähig, alles Gehörte seiner ganzen Tragweite nach zu begreifen. »Ich wußte nicht, daß dies ein Verbannungsort für Priester ist,« murmelte er. »Nun erst beginne ich, manches zu verstehen.« »Man heißt es auch den ›geistlichen Tod‹,« warf der Pfarrer ein, immer in dem gleichen bitter-hohnvollen Ton, der alle seine Worte durchklang. »Und christliches Erbarmen hat diese Strafe für unbotmäßige Verkündiger unseres heiligen Glaubens ersonnen. Aus Aloys Antholzer haben sie einen stumpfsinnigen, vertierten Greis gemacht, – ich suche mich vor einem ähnlichen Schicksal zu retten durch die Pirsch im Bergwald und bin ein echter und rechter Bauer geworden, wie ich's hätte bleiben sollen und geblieben wäre, hätte man mich um meinen Willen gefragt. Und es sind ihrer noch manche, die gleich uns im hohen Gebirg den ›geistlichen Tod‹ erleiden, – alles zur höheren Ehre Gottes! Und Ihr? Was habt Ihr verbrochen, daß man diese teuflisch ersonnene Strafe über Euch verhängt hat?« »Ich?« Innocenz schüttelte den Kopf. »Ich bin mir keiner Schuld bewußt und bin nur hierhergesandt, um dem Pfarrer Antholzer in St. Ulrich in seinem schweren Berufe, dem er nicht mehr gewachsen ist, beizustehen.« Josef Ladurner lachte spöttisch auf. »Aus dem Grunde senden sie keinen Mönch die Lahn herauf! Aber was kümmert's mich, worin Euer Vergehen besteht? Ich hab' Euch ja auch von dem meinigen nicht gesprochen. Um das Seelenheil der weltfernen, kleinen Christengemeinde hier oben sind sie nicht gar so ängstlich besorgt.« »Wollt Ihr, daß sie ohne Hirten bleiben sollten?« fragte der Mönch in anklagendem Ton. »Nicht doch. Aber man sollte die Geistlichen hier oben in den einsamen Hochgebirgstälern, in denen der Winter neun Monate währt, ablösen, wie man die Offiziere in den tropischen Garnisonen, deren Klima auf die Dauer todbringend wirkt, alle paar Jahre heimruft. Oder ist der geistige Tod minder furchtbar als der leibliche? Eine Verbannung auf Lebenszeit wird nur schweren Verbrechern zuteil. Was haben wir begangen, daß man sie über uns verhängt? – Aber was schwatzen wir da viel! Ich bin hungrig und durstig; wahrscheinlich seid Ihr's auch. Kommt hinüber! Das Essen wird fertig sein.« Innocenz folgte ihm schweigend, als er die Türe aufriß und mit dröhnender Stimme schrie, man solle das Essen bringen. Ihm selber war nicht danach zumute, jetzt zu Tische zu gehen, er wußte, daß er keinen Bissen würde hinunterbringen können. Das Herz war ihm schwer geworden, und die Gedanken wühlten und bohrten in seinem Kopfe. Hierher war er gekommen, um sich Trost und Rat zu erholen, die er in St. Ulrich nicht fand. Es war auch gerade der rechte Ort gewesen! Mit bitter-traurigen Empfindungen betrat er das Zimmer, in welchem der Tisch gedeckt war. An der Mahlzeit nahmen auch der Meßner und Filomena, sowie die Haushälterin des Pfarrhauses teil, die Josef Ladurner dem Mönch schlechthin als »die Moidel« nannte. Sie war sichtlich noch in den dreißiger Jahren, wenn auch nach Art der Gebirgsbewohner früh gealtert und zeigte Spuren großer Schönheit, die aber in das Derbe und Bäuerische hineingeartet war. Obgleich ihr Äußeres dem Mönch um deswillen nicht sonderlich reizvoll erschien, gefiel ihm ihre Anwesenheit im Pfarrhause doch wenig, zumal der vertrauliche Ton, der zwischen ihr und Josef Ladurner angeschlagen wurde, ihn peinlich berührte. Er mußte an die Worte Bartholomäus Innerkoflers denken, daß manche sogar an der noch zu jugendlichen Pfarrersköchin Anstoß nähmen. Wenn er nur Filomena wenigstens hier nicht heimisch gewußt hätte! Der Hauch von keuscher Unberührtheit, der ihre herbe, wilde Anmut umgab, konnte hier nur allzuleicht von ihr abgestreift werden. Wenn sie freilich unter der Obhut dieses heuchlerischen Schleichers so geworden war, wie er sie gefunden hatte, mußte sie wohl gegen alle äußeren Einwirkungen gefeit sein. Dennoch war ihm bange um sie, und seine Augen glitten manchmal besorgt zu ihr hinüber; sie aber erwiderte seine Blicke nicht, sondern blieb still und teilnahmlos, als ob sie sich ganz allein hier befände. Um so lauter und lebhafter führte Josef Ladurner das Wort. Es war, als ob er sich nach den stattgehabten Gemütserschütterungen gewaltsam wieder in eine andere Stimmung hinüberretten wollte, und zwar in die gleiche, die ihn das Leben hier überhaupt allein ertragen ließ. Er erzählte von der heutigen Jagd, kam dann auf frühere Jagdabenteuer zu sprechen und gab schließlich allerlei Erlebnisse aus dem Jäger- und Wildschützendasein des Hochgebirges zum besten; alles das mit dröhnender Stimme und unter Anwendung aller Kraft- und Kunstausdrücke, die seine innige Vertrautheit mit dem waidmännischen Handwerk bewiesen. Dazwischen scholl sein schütterndes Lachen, wenn er, unbekümmert um seine Zuhörer, ein derbes Wort gebraucht hatte, und Messer und Gabel kamen nicht zur Ruhe. Er aß rasch und viel und sprach daneben fleißig dem Wein zu, einem herben, säuerlichen Tiroler, der das Blut erhitzte. Als er sah, daß Innocenz sein Glas noch nicht einmal geleert hatte, rief er: »Der Rote schmeckt Euch nicht, nicht wahr? Man muß ihn gewöhnt sein. Ich hab' auch was Beßres im Keller. Echten Conegliano. Der ist nicht zu verachten, lieber Bruder,« – er schnalzte mit den Lippen, – »ist freilich gepaschte Ware. Sie schmuggeln uns da so allerlei aus Italien herauf; das muß man doch zum wenigsten von der Nähe haben können. Wollt Ihr ihn versuchen?« Als Innocenz ablehnte, zuckte er die Achseln. »Wie Ihr wollt. Schlechter schmeckt er uns deshalb nicht, daß die kaiserlich-königliche Finanz um die Steuer geprellt worden ist.« Und er trank weiter und sprach weiter, als wäre nichts Auffälliges bei dem, was er gesagt. Es ergab sich aus seinen Worten, daß er auch mit seinen Bauern wacker zu trinken pflegte, wenn es darauf ankam, und weder das landesübliche »Pfeifl« noch sonst eine bäuerliche Gewohnheit oder die Beteiligung an einem dörflichen Vergnügen verschmähte. Innocenz war froh, als die Mahlzeit vorüber war und er aufstehen konnte. Josef Ladurner aber zündete sich eine lange, schwarze Zigarre an, die eigentlich durch einen Strohhalm geraucht werden mußte, die er jedoch lieber in der Länge eines Fingergliedes abbiß, um ihr dann graue Wolken zu entlocken, die einen scharfen, beißenden Geruch hatten. So trat er mit dem Mönch vor die Türe hinaus, da dieser erklärt hatte, wieder gehen zu wollen. Auf das, was er hier hatte erreichen wollen, durfte er sich keine Hoffnungen mehr machen. »Euer heiliger Beruf muß Euch trotz allem auch hier Trost und Kraft verleihen können, lieber Bruder,« sagte der Mönch, als sie draußen standen und zu den glanzumstrahlten Dolomiten aufblickten, »es ist ein gottesfürchtiger Menschenschlag hier in den Bergen. Die vielen Heiligenbilder, Kapellen und Stationen, denen man begegnet, beweisen das deutlich.« Der Pfarrer gab, die Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen hinüberspielend, einen grunzenden Ton von sich. Dann sagte er: »Gottesfürchtig? Wie man's verstehen will. Sie haben hart zu arbeiten hier oben und ringen sich das tägliche Brot mit Gefahr ihres Lebens ab. Mit dem Steigeisen an den Schuhen mähen sie das karge Gras von den Berghalden; stürzende Stämme, Wildwasser, Felstrümmer und Lawinen bedrohen sie an jedem Tage. Solch Dasein hielten sie nicht aus, wenn sie nicht alle zwanzig Schritt ein Kruzifix oder ein Madonnenbild vor sich sähen. Daran richten sie sich immer auf, weil sie an den ewigen Lohn im Himmelreich denken für alle ihre Mühen. Und wie sie beten können! So betet wohl kein Volk der Erde, wie unsere Leute hier in den Bergen. Wie auf Kommando geht's, scharf und laut. Aber es ist kein Flehen, ein trotziges Ringen ist's, eine harte, unerbittliche Pflichterfüllung. Sie tun ihre Schuldigkeit und verlangen dafür ihren Lohn. Und wenn die Heiligen dann ihre Pflicht nicht auch erfüllen, dann knirschen diese Beter mit den Zähnen oder verfallen in finstere, dumpfe Apathie. Das ist ihre Gottesfurcht. Nirgends werden die kirchlichen Vorschriften strenger innegehalten bis aufs kleinste als hier, nirgends sind die Leute fanatischer im Festhalten an dem heiligen Brauch, und der Priester hat wahrscheinlich keinen schweren Stand bei ihnen. Aber mit ihrem Leben hat ihre Gottesfurcht nichts zu tun, darauf wirkt es nicht ein. Das sind ihnen zwei ganz verschiedene Dinge: ihr Tun und Treiben und ihre Frömmigkeit. Und doch heucheln sie nicht. Sie geben Gott, was Gottes ist, und richten sich ihr Dasein daneben ein, wie ihr harter Kopf und das harte Leben es ihnen gebieten.« »Und Ihr glaubt nicht, daß hier Wandel geschafft werden kann?« fragte Innocenz düster. »So lang Ihr aus jenen knorrig-verwetterten Zirben da oben nicht blühende Linden umschaffen könnt, Bruder Innocenz, nein, so lange nicht!« Der Pfarrer lachte schneidend auf und blies dann eine mächtige, grauschwarze Wolke vor sich hinaus. »Und da unten,« setzte er plötzlich mit starrem Blick heiser hinzu, »da unten ist Italien, – die Sonne, das Licht und die Farbe!« Der Mönch blickte ihn halb verwundert, halb feindselig an. Da fuhr Josef Ladurner fort: »Ich weiß, was Ihr mich jetzt fragen möchtet. Nur daß Ihr's nicht wagt. Aber ich will es Euch ohne das beantworten. Aus Feigheit, Bruder Innocenz, aus schwacher, elender Feigheit tu ich's nicht, hab' ich's bis heut nicht getan. – Und nun lebt wohl! Ich würd' Euch gern eine Strecke weit begleiten, aber sie begraben heute einen, den sie neulich droben in der Gaisklamm gefunden haben, – dreißig Meter tief ist er beim Holzabfahren hinuntergestürzt und läßt fünf Kinder und ein Weib zurück, das ein halber Trottel ist. Wenn Ihr einen anderen Heimweg einschlagen wollt, der nur um weniges weiter und dafür schöner ist, geht über den Dürrensee, – dort links an der Schutthalde hinauf und dann immer geradeaus. Und wenn Ihr einmal Lust habt zu einer Hochalpenwanderung, findet Ihr mich allezeit bereit. Die Frist ist kurz und man muß sie nützen. Im übrigen werdet Ihr mich wohl ein wenig brauchen können, denk' ich. Und so behüt' Euch Gott! Lebt wohl!« Es lag in all seiner derben Bitterkeit doch ein ehrlicher und herzlicher Ton, der auf den Mönch nicht ohne Eindruck blieb. Innocenz schüttelte ihm kräftig die Hand, ehe er weiterschritt, und blickte an der Wegbiegung, die ihm eine letzte Rückschau auf das Alpendörfchen gewährte, noch einmal zu der mächtigen Gestalt hinüber, die unbeweglich an der Tür des Pfarrhauses lehnte und auf die nackte Felswand des Monte Valdena zu starren schien, hinter der »die Sonne, das Licht und die Farbe« wohnen sollten. In schwerem Sinnen verfolgte der Mönch seinen Weg. Mehr und mehr drängten sich die Bergsteilen vor ihm aneinander, in jähen Abbrüchen erhob sich graues, rötliches und ockergelbes Dolomitengewände, von dürftigem Gestrüpp umlagert, drohend über der dunklen Schlucht herniederhängend. Innocenz fiel ein, daß er die alte Wurzin hatte aufsuchen wollen, um mit ihr über Filomena zu sprechen. Über all dem Neuen, was sich belastend in seine Seele drängte, hatte er es vergessen, auch dem Mädchen nicht einmal Lebewohl gesagt. Er hatte das kaum gedacht, als er zu seinem jähen Erstaunen plötzlich ihre Stimme vernahm und ihre Gestalt hinter einem Felsvorsprung dicht vor ihm auftauchte. »Filomena!« rief er erstaunt, »wo kommt Ihr her?« Sie war mit roten Wangen und gesenkten Lidern vor ihm stehengeblieben. »Ich hab' Euch doch ›Behüt' Gott!‹ sagen wollen.« »Und woher wußtet Ihr, wo ich gehen würde?« fragte er. »Hab' es mir halt eingebildet. Und ich bin näher gegangen als Ihr. Aber es ist ein halsbrecherischer Weg, und wer ihn nicht kennt, geht ihn nicht. Behüt' Gott, also!« Sie bot ihm ihre Hand. Er hielt sie eine kleine Weile in der seinen und sagte: »Ich hoffe, Euch bald und oft wiederzusehen, Filomena. Der Herr sei mit Euch!« Sie beugte sich nieder, um seine Hand zu küssen, aber er duldete es nicht, sondern legte sie nur wie zum Segen auf ihr weiches seidiges Haar. Dann war sie davongehuscht, ohne daß er zu sagen gewußt hätte, wohin sie sich gewandt. Wie eine Lazerte war sie durch das zerklüftete Gestein geschlüpft. Innocenz schritt rasch weiter. Er kam über eine schlanke Holzbrücke, unter der in der Tiefe ein blaßgrüner Wildbach strudelte, und nun lag in düsterer Reizlosigkeit die starre Bergwildnis um ihn her. Er aber dachte nicht ihrer, sondern der finsteren Wildnis des Lebens, in die er verschlagen worden war, und sein Haupt war voll irrer, schweifender Gedanken. Wie ein düsteres Verhängnis blickte jetzt in seinem Trotz der Roßkamm hinüber, von Bergföhren spärlich umwachsen, von weißen Schotterfurchen durchzogen. Zur Rechten stiegen schweigsame Wälder, dunkel und ernst, die Höhen hinan, linksseitig lagerten sich kurze, schmale Halden, von einem dünnen Wasserfall mit staubartig sprühendem Schleier benetzt. Kein Vogel schoß durch die Luft, kein Herdengeläut war vernehmbar. In unermeßlichem Schweigen lag die Bergwelt. Nach einiger Zeit wandelte den Mönch die Besorgnis an, daß er irre gegangen sei. Der Dürrensee wollte sich nicht zeigen, und einen Ausweg schien das enge Tal nicht zu haben. Dabei mußte er schon Stunden unterwegs sein. Und immer, wenn er an einer Wegebiegung einen Ausblick zu gewinnen hoffte, schoben sich neue Felswände kulissenartig davor und veränderten das Bild, das sich nur in seiner trostlosen Großartigkeit gleichblieb, so vollständig, daß Innocenz nur noch weniger sich Rats wußte, wohin er sich wenden müsse. Hatte er eins von den »Steinmannln«, die er unterwegs getroffen, doch übersehen oder die Richtung, die es deuten wollte, nicht richtig aufgefaßt? Einen Augenblick kam ihn das Verlangen an, wieder umzukehren, aber er schämte sich der Furcht, die ihn heimsuchen wollte. Und wenn er heute aus diesem Labyrinth aus grauen Steinwänden gar nicht wieder herausfand, so würde er auch hier in Gottes Hand sein, und Gottes Wille allein wäre es, wenn er überhaupt nie mehr an das Licht des Tager herauftauchen, sondern hier elend zugrunde gehen sollte. Und dennoch klopfte sein Herz wild und stürmisch, und sein Blut begann zu fiebern, als die Felsenge immer düsterer und trauriger um ihn her wurde. Dies ungeheure Schweigen der Hochlandseinsamkeit erdrückte ihn geradezu. Eine stumpfe Hilflosigkeit überkam ihn plötzlich. Er setzte sich todmüde auf einen Stein am Wege nieder und blickte um sich. Es kam ihm vor, als sei er hier vor einer Stunde schon einmal gewesen und nun im Kreise gegangen, um an die gleiche Stelle zurückzugelangen. Das warf seinen letzten Rest von Vertrauen vollends über den Haufen. Er mochte nicht weiter gehen. Mit leerem Blick und dumpfem Kopf saß er da, kaum fähig, etwas zu denken, geschweige denn einen Entschluß zu fassen. Da hörte er mit einem Male einen Ton, ein Geräusch des Lebens, das erste, das er vernahm, seit Filomena ihn verlassen hatte. Er schrak empor, er konnte es nicht verhindern, daß ein wohliges Beben ihn durchfuhr, er zitterte in wieder erwachender Daseinslust. Das Bellen eines Hundes drang drüben aus den tannendurchwachsenen Bergtrümmern, und nun schoß auch schon eine große, silbergraue Dogge in mächtigen Sprüngen zwischen einer aufklaffenden Spalte hervor, hatte den Mönch ausgespürt und blieb knurrend und ihr mächtiges Gebiß zeigend in drohender Haltung vor ihm stehen. Innocenz gewahrte, daß sich ein breiter, silberschuppiger Reif um den Hals des schönen Tieres schlang, der auf einem kleinen Schilde in der Mitte ein eingraviertes Wappen trug. Während er den Hund vergebens zu besänftigen suchte, scholl eine helle Frauenstimme zu seinem Platz hinüber: »Hierher, Hektor! Hierher!« Der Hund gehorchte sichtlich ungern. Er wandte sich mit zornigem Knurren langsam ab und fing schon wieder wütend zu bellen an, als der Mönch nun aufstand und Miene machte, ihm zu folgen. Nochmals erklang die Stimme seiner Herrin befehlend zu ihm hinüber, diesmal noch gebieterischer als vorher, und jetzt klemmte er, offenbar beschämt, den Schwanz zwischen die Beine und trottete gesenkten Kopfes unter fortwährendem dumpfem Knurren davon. Innocenz mühte sich, ihm nachzukommen, um bei der Herrin des schönen Tieres sich nach der Wegrichtung zu erkundigen, die er einzuschlagen hatte, um St. Ulrich zu erreichen. Er mußte dabei zwischen Felsgeröll weglos aufwärts klimmen, stand nach einigen Minuten atemlos auf einem kleinen, von Gebüsch umwucherten Grasfleck einer dort auf einem umgestürzten Baumstamme sitzenden Dame gegenüber, zu deren Füßen die Dogge sich schmeichelnd wand, und stammelte seinen Gruß, der mit einem leichten Kopfneigen erwidert wurde. Dann sahen sich die beiden sekundenlang an, ohne ein weiteres Wort zu finden, und es war, als flammten ihre Augen wie magnetisch angezogen und dennoch mit einem feindseligen Blick gegeneinander. Innocenz schaute auf das schlanke, blonde, schöne Weib, das da in lässig-vornehmer Haltung seine herrlichen Glieder vor ihm dehnte, wie auf ein Wunder der Schöpfung, das er niemals zuvor gesehen. In ihren Augen dagegen, die dem Mönch die Farbe des Himmels über ihren Häuptern zu weisen schienen, lag eine instinktmäßige Abwehr, ein unmutiger Widerstand. Endlich war sie es, die dies seltsame Schweigen brach. »Der Hund hat Sie belästigt?« fragte sie in nachlässigem Ton. »Ich bedaure.« Innocenz war rot geworden, weil er sich erst jetzt seines auffälligen Benehmens bewußt ward. Er stotterte: »Im Gegenteil, ich muß sehr dankbar sein. – Ich habe den Weg verloren und hätte gar nicht gewußt – nun kam mir der Hund geradezu wie ein Retter in der Not. – Ich sehnte mich sehr nach einem Menschen.« Es kam ihm vor, als ob sie irgendeine bitter-spöttische Bemerkung auf der Zunge habe, die sie nun doch unterdrückte. »Wohin führt Sie Ihr Weg?« »Nach St. Ulrich.« »Und Sie kommen von Moosbrunn? Dann sind Sie nach dem Überschreiten der Klammbrücke den unteren Weg gegangen, statt bis zum Dürrensee hinaufzusteigen, und wären freilich so niemals an Ihr Ziel gekommen. Ich kann Sie aber einen Pfad führen, der Sie bald dorthin bringt, ohne daß Sie bis an jenen Kreuzpunkt zurück müßten. Er ist allerdings steil und beschwerlich, auch ohne Ortskenntnis nicht zu finden, spart Ihnen jedoch eine Stunde Weges, die Sie anderenfalls zum zweiten Male machen müßten.« »Ich wäre Ihnen in der Tat sehr dankbar – wenn ich dadurch nur nicht Sie selber – Ihr Weg ist vermutlich ein ganz anderer, – denn in St. Ulrich –« »Mein Weg ist eine Zeitlang der gleiche – oder kann es wenigstens sein, da ich an keinen bestimmten gebunden bin.« Sie sagte das alles in dem nämlichen, kühlen, ruhig-überlegenen Ton, den sie von Anfang an ihm gegenüber angeschlagen hatte. Sie blickte auch jetzt gleichmütig zur Seite, als sie fortfuhr: »Eine Weile werden Sie sich aber hier noch gedulden müssen. Die Wand des Monte Valdena drüben wird jetzt bald im Feuerschein aufflammen, und das ist ein Schauspiel, um dessentwillen ich hierher kam. Es verlohnt sich. Wenn Sie rasten wollen, – der Stamm bietet Platz für ihrer mehrere.« Auch aus diesen Worten sprach eine nachlässige Unbekümmertheit. Er sollte nicht denken, daß sie um seinetwillen einen Schritt Weges anders machen würde, als es mit ihren Absichten übereinstimmte, und es verstand sich von selbst, daß er hier warten mußte, bis es ihr beliebte, zu gehen. Ob er Zeit dazu übrig hatte, danach fragte sie ebensowenig, wie es sie kümmerte, ob er das Schauspiel gleichfalls betrachten würde, auf das sie wartete. Innocenz fühlte das alles deutlich genug heraus, und sein geistlicher Stolz bäumte sich dieser Frau der großen Welt gegenüber auf; er schämte sich seiner vorherigen Demut und Verwirrung. Wer war sie, daß sie ihn so herablassend wie einen ihrer Diener behandeln durfte? Kannte sie das Kleid nicht, das er trug? Dennoch ließ er sich neben ihr nieder, aber er sprach nichts mehr. Eine feindselige Empfindung gegen diese Frau, die da von ihm abgewandt in die Ferne starrte, als hätte sie seine Gegenwart überhaupt vergessen, wallte in ihm auf. Übrigens sah er nun erst, wie schön der Platz war, den sie sich ausgesucht hatte. Über den dunklen Waldmassen, die an den Hängen unter den bleichen Felsen klebten, stieg hoheitsvoll in wilder Zerklüftung, in wirrem Spitzen- und Kuppelgebilde das Dolomitengebirge herauf, und gerade gegenüber hob sich, steil abstürzend, einer machtvollen gotischen Domfassade ähnelnd, der Monte Valdena daraus in die vertiefte Bläue des Firmaments hinauf. Und nun traf ihn die scheidende Sonne. Wie eine breite Flamme schlug es plötzlich empor. Die Wälder schienen sich in noch undurchdringlicheres Düster zu hüllen, die grünlich schillernden Gletscher nahmen eine blauschwarze Farbe an, die schneeumhängten Mulden glühten. Nur Sekunden hindurch währte das feenhafte Bild. Dann kroch langsam die Glut hinauf, immer weiter hinauf und war mit einem Schlage zerronnen. Kalt, fast geisterhaft bleich lag der gewaltige Hochlandsriese in seiner düsteren Umrahmung da, und ein fröstelnder Schauer durchstrich die Bergwelt. Innocenz hatte, wie in einem Bann gefangen, das Niegesehene geschaut. Sein Herz schlug laut. Er mußte sich erst besinnen, wo er war und was vorgegangen sei, so ganz hatte er sich in eine andere Welt entrückt gefühlt. Nun stand er auf; er meinte, es müsse ihm die Brust zersprengen, so voll war sie von dem Wunder dieser Stunde. Er holte tief Atem. Da hörte er auch schon die Stimme der Dame neben sich: »Nun können wir gehen.« Es klang kühl und herrisch, wie sie es sagte. Und ohne seine Antwort abzuwarten, schritt sie ihm voraus. Mit freudigem Gebell, das in der schweigenden Hochlandseinsamkeit das Echo weckte, sprang der Hund vor ihr her. Der Pfad war schmal und schlängelte sich, immer aufwärts führend, durch wirr geschichtetes Felsgetrümmer, manchmal kaum für das Auge erkennbar. Da man nicht nebeneinander gehen konnte, verbot sich das Sprechen von selbst; auch erforderte der mühselige Kletterweg die Aufmerksamkeit aller Sinne und die Atemkraft der Lungen. Erst als sie nach etwa halbstündigem Aufstieg die Höhe erreicht hatten, blieb die vorangeschrittene Führerin stehen, wandte sich kurz und sagte, als sie den Mönch dicht hinter sich erblickte: »Noch zehn Minuten, dann trennen sich unsere Wege. Der Ihrige ist dann nicht mehr zu fehlen und ohne weitere Beschwer.« Innocenz verneigte sich kurz. Er wollte ein paar Worte hinzusetzen, aber seine Aufmerksamkeit wurde in diesem Augenblick durch ein Geräusch abgelenkt, das sich zu seiner Rechten auf einem umbuschten Bergabhang vernehmen ließ. Es klang, wie wenn sich dort ein lebendes Wesen heimlich durchs Gestrüpp wand und ihnen nachschlich. Innocenz glaubte, daß es ein Wild sei, gewahrte aber plötzlich durch eine Lücke im Gezweig den bärtigen Kopf eines Mannes und gleich danach die breitschulterige Gestalt desselben in Bergjägerkleidung, den Stutzen unterm Arm. Es war ein Gesicht, das ihm nicht gefiel. Es sah aus wie von Leidenschaften verwüstet, finster und trotzig. Dabei spähten die Augen scharf in die Tiefe hinab und schienen der Frauengestalt dort unten zu folgen, ohne gleich den Mönch gewahr zu werden. Als dies dann doch geschah, verschwand der Mann plötzlich wieder in den Gebüschen, und alles war still. Innocenz hätte das Ganze für eine Vision halten können, wenn er nicht den lauernden Blick der scharfen hellen Augen da oben ganz deutlich in der Erinnerung behalten hätte. Er zweifelte, ob er der Dame, der sichtlich der Späher da oben aufgepaßt hatte, nicht Mitteilung von dem ihm unheimlich erscheinenden Begebnis machen müsse, von dem sie selber offenbar nichts gewahrt hatte; aber sie war bereits stehengeblieben; da die Wegkreuzung, von der sie gesprochen, nunmehr erreicht war, und ehe er hätte zu Worte kommen können, sagte sie: »Hier geht's links hinab nach St. Ulrich.« Es klang, als ob sie ihrer Zufriedenheit darüber Ausdruck geben wollte, daß er ihrer Führerschaft nun nicht mehr bedurfte. Da schwieg er von dem, was er gesehen, in verbissenem Ingrimm. Nur, den Hut in der Hand, sagte er: »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen meinen Dank dafür aussprechen darf, gnädige Frau, daß Sie einen verirrten Wandrer so gütig geleitet haben.« Sie nickte gleichmütig, und er setzte hinzu: »Ich bin der Benediktinerpater Innocenz aus Kloster Greifenburg, zur Zeit Vikar des Pfarrers zu St. Ulrich.« Alles das nahm sie ohne jedes Interesse auf und erwiderte nur gelassen: »Gräfin Karditsch-Peutelstein.« Es überraschte ihn kaum. »Gnädigste Gräfin können von hier aus ganz allein gehen? Es wird Abend –« »Bitte, seien Sie unbesorgt! Ich habe Hektor bei mir und bedarf keines Führers.« Es klang stolz und abweisend; etwas wie Spott lag sogar darin, daß sie die Begleitung eines Mönches ausschlug, oder er faßte es doch so auf. Nach nochmaligem Gruß und einer tiefen, stummen Verneigung schritt er auf dem Wege, den sie ihn gewiesen, davon. Noch eine Weile hörte er über sich das Gebell des Hundes, dann verklang es. Durch die Abendstille, deren Schatten das Tal umlagerten und langsam zu den bleichen Felshäuptern hinankrochen, wanderte er dem Dorfe zu. III Innocenz nahm es ernst mit der Aufgabe, um derentwillen er auf die Lahn gesandt worden war. Darin hatte ihn nichts von allem irremachen können, was er vernommen und erfahren. Es gab nach wenigen Tagen kein Haus mehr in der Runde, in das er nicht eingetreten wäre und kein Menschenherz unter dessen Dache, in das er sich nicht Eingang zu verschaffen gesucht hätte mit dem Worte Gottes, das seine Kraft und seine Macht war. Selbst zu den einsamen Sennhütten der Hochalmen war der des Bergsteigens Unkundige auf mühseligen Felspfaden emporgeklommen, um denen, die dort weltab sommerlang unter den schweigenden Bergriesen gleich Einsiedlern hausten, den Trost des Evangeliums zu bringen und ihnen die Nähe ihres Gottes zu verkündigen, die sie sonst nur aus dem Heulen des Sturmwindes und dem Donnern der Lawinen vernahmen. Ein heiliger Eifer flammte in dem Mönch, und er war nicht müde in der Begeisterung seines Berufes. Hier und jetzt erst fühlte er sich wahrhaft als Priester. Er mußte freilich bald erkennen, daß es ein steiniger Boden war, in den er den Samen des göttlichen Wortes streuen wollte, und die Schilderung, welche ihm der Pfarrer Josef Ladurner von der Sinnesart und Denkweise dieser Hochgebirgsbewohner entworfen, traf in jeder Beziehung zu. Innocenz fand einen wetterharten, wortkargen und finsteren Menschenschlag hier oben, der in harten Entbehrungen um des Lebens Notdurft rang und im steten Kampfe gegen die feindseligen Elemente das Lachen und den Frohsinn verlernt hatte. Auf diesen Almen wurde nicht gejodelt und in diesen Hütten nicht gesungen; Zither und Hackbrett ließen sich selten hier vernehmen, und wenn es geschah, so wurden sie zu einer schwermütigen Volksweise angestimmt. Bei der Arbeit fehlte es an ermunterndem Zuruf, und kein heller Juchzer weckte je das Echo in den Bergen. Die Männer waren breitschultrige, derbe Gestalten mit scharfkantigen Stirnen, unter denen düstere, ruhige, trotzige Augen lagen; die Weiber erschienen meist unschön, früh verwelkt und verarbeitet, mit flacher Brust und verrunzelter, braungelber Haut; in den Kindern war etwas Unfreudiges und Wildes. Dazu fehlte es nicht an mancherlei Mißgestalten; die Weiber hatten von einem gewissen Alter an fast sämtlich den Kropf, und zahlreiche Trottel fristeten in den Hütten des Dorfes ihr halb tierisches Dasein. Dem Mönch, der sich, entgegen der jahrzehntelangen Gewohnheit des bisherigen Seelsorgers, in ihre Häuser eindrängte und in alle ihre Angelegenheiten einen Einblick verlangte, kamen diese Menschen mißtrauisch entgegen oder zeigten ihm sogar offenen Widerstand. In das, was sie selber, ihre Familie, ihr Gewerbe, ihre Lebensweise, anging, sollte ihnen niemand dreinzureden haben, am wenigsten ein jugendlicher Mönch, der plötzlich als ein Fremdling zwischen ihnen erschienen war, ohne von ihren Freuden und Leiden, ihren Sorgen und Nöten etwas zu wissen; dafür standen sie allein schon ein. An Frömmigkeit und streng kirchlichem Leben ließen sie es nicht fehlen, aber weiter sollte die Macht auch nicht gehen, die sie dem Worte Gottes und seinem Verkündiger einräumten. Das war bei den Reicheren kaum anders als bei denen, die am Abend kaum wußten, wovon sie am nächsten Morgen ihren Hunger würden stillen können, bei den Gesunden nicht anders als bei den Bresthaften. Es lebte ein trotziger Stolz in diesen Menschen, der sie trieb, starr an dem festzuhalten, was sie selber wollten, und das zurückzuweisen, was ihnen ein anderer an Rat und Hilfe entgegenbrachte. Dieser zähen Unzugänglichkeit gegenüber hatte Innocenz einen schweren Stand. Manchmal wollte er schon verzagen, und nicht selten kam es zu hartem Wortkampf zwischen ihm und denen, die zwar das Gebot Gottes demütig anerkannten und andächtig verehrten, aber nicht danach leben, nicht ihr ganzes Dasein von ihm wollten durchdringen lassen. In solchen Herzensnöten floh der Mönch dann immer wieder in die Bergwildnis hinaus, um dort einsam zu seinem Gotte zu beten und in heißem Flehen nach Erleuchtung zu ringen. Manchmal meinte er, er sei von den Oberen seines Ordens nur hierher geschickt worden, damit er sich selber prüfe und die Versuchung, in die seine Glaubensfestigkeit hier geführt werden solle, siegreich bestehe. Bisher hatte er innerhalb der stillen Klostermauern, die ihn als Kind schon aufgenommen, keinerlei Anfechtung erfahren. Was aber frommte ein Glaube, der sich nicht durch Zweifel und Kampf zum Siege durchgerungen, und wie konnte man ein ganzes Dasein darauf aufbauen? Wenn er zum Priester des allgewaltigen Gottes geweiht worden war, so mußte er sich für solch erhabenen Beruf in anderer Art würdig erweisen, als durch Unterricht in der Klosterschule zu Greifenburg und durch die vorgeschriebenen Gebetsübungen und Andachten. Es war ein träger Friede gewesen, den er bisher genossen, und in dem sein heiliger Kampfesmut für den Glauben, dessen Verkündiger er war, leicht hätte versiegen können, um in der Stunde der Gefahr, die selten einem erspart bleibt, ihn feige im Stiche zu lassen. So war es sichtlich weise und wohlbedacht gewesen, ihn aus der Friedensstille des Klosters hier mitten in den Kampf und die Herzensbedrängnisse zu stellen, deren er aus eigener Kraft Herr werden sollte, um sich für allen künftigen Streit des Lebens zu feien, und er mußte Gott inbrünstig danken für die Gelegenheit, die ihm hierzu geboten worden, und ihn anflehen um Sieg und Stärke. So war dem Mönch das Amt, dessen er hier walten sollte, gleichzeitig zu einer vorbestimmten Prüfungszeit geworden, deren Ende zu einem Triumph für die alleinseligmachende Kirche sich gestalten mußte, wenn anders er ein echter und rechter Priester derselben war. Dennoch mußte er sich bald bekennen, daß die Ausübung dieses Amtes bei all seinem Pflichteifer, den er ihm entgegenbrachte, nur einen Teil seiner Zeit in Anspruch nehmen konnte. Die Gemeinde war klein, die Leute gingen tagsüber ihrer Arbeit nach, und ihm blieben lange, unausgefüllte Stunden übrig. Da er körperliche Arbeit, wie sie der Pfarrer Aloys Antholzer betrieb, weder gewohnt war, noch einem Priester ziemlich erachten konnte, mußte er auf eine andere Betätigung seiner Kräfte in den Mußestunden denken. Die armselige Bücherei des Pfarrhauses zu St. Ulrich bot ihm wenig Anregung; auch meinte er das Bücherstudium bis auf die rauhe Jahreszeit hinausschieben zu sollen, wenn er in der einsamen Zelle der tiefverschneiten Pfarrei sitzen würde. Jetzt trieb es ihn Tag und Nacht noch mit unwiderstehlichem Verlangen in die Bergwelt hinaus, die ihm immer neue Wunder erschloß und immer verlockendere Geheimnisse offenbarte. Er fühlte sich nun vertrauter mit ihr, und ihre düstre Größe hatte die Schrecken für ihn verloren. Dabei hatte er sich seiner Kunstfertigkeit erinnert, schöne Linien und Formen, die ihm entgegentraten, mit dem Stift nachzuzeichnen, eine Gabe, wegen deren er schon als Klosterschüler in Greifenburg bei seinen Lehrern Aufsehen erregt und die er später je nach Muße und Laune weiter betrieben hatte, ohne ihr sonderlichen Wert beizulegen. Jetzt und hier mochte sie ihm zustatten kommen. Pater Polykarpus hatte ihm zu Greifenburg einst gesagt, wenn er nur um ein paar hundert Jahre früher zur Welt gekommen wäre, würde er ein berühmter Miniaturenmaler geworden sein, dessen Meßbücher man jetzt den Touristen als größte Sehenswürdigkeiten zeigen könnte, vielleicht ein Fra Bartolomeo oder Fra Angelico; jetzt aber sei das Malen in den Klöstern nicht mehr an der Tagesordnung, wie einst zur Zeit der farbenfreudigen Renaissance, und Heiligenbilder seien ja überhaupt in unseren Tagen nicht mehr recht in der Mode. Natürlich hatte er das nur in gutmütigem Spott gesprochen, und Innocenz hatte bei seinen Büchern nicht viel an die Gabe gedacht, die ihm verliehen worden war. Nun, angesichts der Berglinien und des wechselnden Farbenspiels, welches das Tageslicht an den phantastischen Zacken der Dolomiten hervorrief, wandelte ihn wieder das brennende Verlangen an, sich in seiner Kunst zu üben, soweit deren Grenzen eben reichen mochten. Die Fülle dessen, was er als ein unnachahmliches Kunstwerk der Schöpfung um sich her sah, zwang ihn fast gebieterisch, seine eigenen schwachen Fähigkeiten daran zu erproben, wie wenn er so erst hoffen durfte, sie voll zu begreifen und ganz zu würdigen. So kam's, daß der Mönch jetzt manchmal in die Berge hinaufstieg und sich einen verborgenen Platz unter Fels und Hochlandszirben auswählte, um mit dem Stift eines der zahlreichen und wundersamen malerischen Motive, die sich ihm überall in der einsamen Wildnis aufdrängten, auf das Papier zu werfen, sei es eine düstre, wasserdurchrauschte und waldumrandete Bergschlucht, eine verfallene Hütte auf weltentlegener Alm oder das wildzerklüftete Kuppen- und Zackengewirr ragender Kalkschrofen. Er war anfangs zaghaft an die Arbeit gegangen, weil er gefürchtet hatte, sie übersteige seine schwachen Kräfte; dann aber dünkte es ihn ohne Selbstüberhebung, daß er der Natur manches ihrer reizvollen Geheimnisse wirklich abzulauschen vermocht habe, und das drängte ihn zu weiterem Tun. Da er es niemand zu Dank machen, sondern nur für sich selber damit einem heißen, inneren Drange genügen wollte und mußte, konnte keine kleinliche Eitelkeit dabei im Spiele sein und ihn über den Wert dessen täuschen, was er zustande brachte. Durfte er doch glauben, auch so Gott zu dienen, wenn er die Herrlichkeiten seiner Schöpfung bewundernd betrachtete und sich nachbildend in ihre Reize versenkte. Das Herz war ihm so voll von dem, was er betrieb, daß er manchmal seinem freudigen Schaffenseifer Zügel anlegte, nur um sich selber zu kasteien. Zuweilen fürchtete er dennoch, seinem heiligen Amte hier sich zu entfremden. Aber die Zeit kam, wo er sich mit Papier und Stift nicht mehr begnügen mochte, sondern nach Leinwand und Farbe verlangte. Die letztere erschien ihm bald unerläßlich. Das wundersame Spiel der wechselnden Beleuchtung auf den zerklüfteten, in allen erdenkbaren Formen aufragenden Dolomiten, sowie die Farbenabstufungen der letzteren selber reizten ihn unwiderstehlich, sich in ihrer Nachbildung zu versuchen; obgleich er niemals die geringste Unterweisung in solcher Kunst erhalten hatte, lebte doch ein merkwürdiges Vertrauen in ihm, er werde sie auszuüben imstande sein. Nicht in der Weise erfahrener Jünger der Malkunst und nicht so, daß er sich mit Ehren vor den Meistern derselben hätte sehen lassen können, aber doch sich selber zur Befriedigung. Sein Sinn für Form und Farbe hatte sich wunderbar im steten Anschauen dieser eigenartigen Welt geschärft. Um seine Wünsche, die sich auf den Besitz verschiedentlicher Malutensilien richteten, in Erfüllung gehen zu sehen, mußte Innocenz sich an den wilden Xaverl wenden. Mit dem hatte er seit langem Freundschaft geschlossen, und er war einer der wenigen, die ihm von vornherein mit einer Art von Ergebenheit anhingen. Sie hießen ihn den wilden Xaverl, weil er als ein halber Kretin galt und mit seinem mächtigen Kropf, seinem struppigen, bis auf die Schultern ihm herabhängenden Schwarzhaar und seinen kleinen, tiefliegenden, glimmernden Augen in der Tat den Anblick eines Halbwilden bot, der nicht unter ihresgleichen gehörte. Und darauf erhob Xaverl auch durchaus keinen Anspruch. Er hauste im Gegenteil immer allein und wegab, wenn es sich nur irgend so einrichten ließ. Im Sommer zog er als Senn des reichen Sägemüllers Anton Pyrker auf die Anderetalp. Dort war außer ihm noch die taube Lisi, mit der man sich nur durch lautes Schreien oder durch Zeichen verständigen konnte, bedienstet, und der wilde Xaverl konnte ihr hin und wieder die Sorge für das Vieh allein anvertrauen und dann mit dem Kraxen voll übereinandergehäufter Käslaibe zu Tal ziehen. Trotz seiner krummen Beine und seines Kropfes war er ein ausgezeichneter Bergsteiger; er konnte, wenn er mit schwerbepacktem Rucksack an seinem Alpenstock bergan klomm, noch jodeln und singen, wenn ihm danach zumute war. Xaverl kam auf diese Art öfter einmal in das Tal hinab, als die übrigen Bewohner der Lahn zusammengenommen. Er mußte dann ins Hochpustertal wandern, nach Sillian oder nach Innichen hin und weiter sogar bis Bruneck. Er konnte dann immer erst am nächsten Tage zurück sein, obgleich es ihm nicht darauf ankam, die ganze Nacht hindurch zu gehen; Müdigkeit kannte er nicht. Aber er hatte, wenn er seine Käslaibe drunten abgeliefert hatte, stets eine Fülle von Aufträgen zu erledigen, die ihm nicht nur vom Sägemüller, sondern von allen Seiten zuteil wurden, und kam oft schwerer beladen heimwärts, als er talab gezogen war. Für den wilden Xaverl fühlte Innocenz von dem ersten Tage an, da er zu der Anderetalp hinaufgestiegen war, eine lebhafte Sympathie. Er war ganz anders als die übrigen Sennen, die dem Mönch rauh und schroff gegenübergetreten waren und sein Erscheinen auf ihrer weltabgeschiedenen Höhe als aufdringlichen Bekehrungseifer argwöhnisch zurückgewiesen hatten. Xaverl hatte eine ganz eigenartige Weltanschauung und Lebensauffassung. In der stummen Bergwildnis, in der er seit früher Jugend gehaust, war sie ihm aufgegangen, und manches, was er in seiner einsamen, verwilderten Seele hegte und nur schwerfällig in unzusammenhängende Worte umzusetzen verstand, stimmte den Mönch nachdenklich und reizte ihn, mehr zu hören. Wenn Innocenz auf dem Sandhügel oberhalb der Alm des wilden Xaverl mit diesem angesichts der wilden Hochgebirgslandschaft zusammensaß und zeichnete, während der Senn ihm allerlei Geschichten und Sagen der Gegend erzählte, in denen er zu Hause war wie kein anderer, oder in seiner rauhen, kindisch-fesselnden Art von den höchsten Dingen sprach, wie er sie sich auf seine besondere Weise zurechtgelegt und klargemacht hatte, waren das für den Mönch, wie er sich manchmal gestand, die genußreichsten Stunden seines hiesigen Lebens. Hin und wieder mußte er sich freilich mit aufsteigender Bedenklichkeit nachher fragen, ob der wilde Xaverl denn auch wohl ein guter Christ sei, und sein Glaube sich genau mit allem decke, was die Kirche lehre; aber während er dem Sennen zuhörte, kam ihm solch ein Zweifel niemals, und nachher beschwichtigte er denselben immer damit, daß er sich sagte, Xaverl sei ein so gutherziges und der Sünde abholdes Menschenkind, dazu eine so elend erschaffene und gebliebene Kreatur, die niemals etwas von den Freuden des Lebens erfahren, meine es auch so ernst und ehrlich mit allem, was er denke und angreife, daß ihm der himmlische Vater in seiner Barmherzigkeit wohl schwerlich kleine Abweichungen von den Dogmen oder einen bescheidenen skeptischen Zug in seiner etwas pantheistischen Weltanschauung allzu hart anrechnen werde. Xaverl war es gewesen, der Innocenz zuerst mit Kohle und Zeichenpapier versehen hatte, und Xaverl mußte nun wieder Hilfe schaffen, da es sich darum handelte, Farben und Leinwand zu erhalten. Der Senn nahm auch diesen Auftrag, wie jeden, der ihm wurde, ohne alle Bedenklichkeit entgegen. Er wußte in Innichen drunten einen Maler, der gerade eben dabei war, das Portal der uralten romanischen Stiftskirche auf die Leinwand zu bringen, der würde ihm schon helfen, alles zu besorgen, was für solch ein Gewerbe vonnöten war. Und zwei Tage, nachdem Innocenz sich dem wilden Xaverl anvertraut hatte, konnte er auch bereits oben auf dem Sandbühel zum ersten Male in seinem Leben die Farben auf einer kleinen Palette mischen. Der Senn sah ihm schweigend zu, wie er sich unbeholfen damit abmühte und endlich das, was er als Farbenskizze fertiggebracht hatte, kopfschüttelnd mit dem verglich, was er vor sich in Wirklichkeit erblickte. Die Glocken des unten auf der Alm weidenden Viehs klangen dabei durch die klare Luft herauf, und aus der Almhütte stieg der blaue Herdrauch auf; die taube Lisi sollte heute einmal einen Schmarren bereiten, weil Bruder Innocenz über die Mittagszeit dablieb. So hatte es der wilde Xaverl angeordnet, und die taube Lisi tat alles, was er verlangte, wenn sie auch halblaut dabei vor sich hinschalt über seine maßlose Verschwendung. »Wie gefällt dir's, Xaverl?« fragte der Mönch, ihm die Farbenskizze weisend. »Ich selbst bin wenig zufrieden. Die Schatten da unten in der Geyerschlucht sollten blauschwarz sein und das Weißbachhorn ockergelb, statt so gespensterhaft bleich dreinzuschauen wie hier. Aber das male nur auch gleich einer! Ich glaube, Xaverl, ich habe mir doch viel mehr zugetraut, als ich je werde leisten können.« Er seufzte leicht, und der Schweiß perlte ihm auf der Stirn, obgleich die Luft kühl über die Höhen strich und sie im Schatten der überhangenden Hügelkuppe saßen. Der Senn betrachtete das Blatt aufmerksam. Dann sagte er bedächtig: »Müßtet halt doch einen Lehrer haben, Bruder Innocenz, mein' ich. Was drin steckt, muß heraus. Von selbst findet's aber den Weg nicht. Der Vogel hat von Geburt an seine Flügel, aber darum kann er doch nicht eher fliegen, als bis die Alten es ihm gezeigt haben. Und er probiert's erst lange, eh' er's wagt.« »Hast recht,« sagte der Mönch. »Aber wo sollt' ich hier einen Lehrer finden? Ich müßt schon nach Welschland hinunterwandern. Dazu hat's Weile.« Der Senn wiegte seinen großen Kopf mit der wilden Haarmähne hin und her. »Wer weiß, ob es ein lebendiger Lehrer sein müßt, Bruder Innocenz?« »Wie verstehst du das, Xaverl?« »Ich mein' halt so: wenn Ihr die Bilder seht, die von einem gemalt sind, der's verstanden hat, da lerntet Ihr vielleicht, wie man's machen muß.« »Es gibt aber keine solche Bilder hier.« »Wart Ihr schon in der Kapelle vom heiligen Ulrich über Moosbrunn bei den due croci?« Der Mönch verneinte. »Nun, seht, da sind alte Bilder, von denen sie sagen: von den größten Malern, die je in Welschland gelebt haben, hätt' einer sie gemalt. Ein Venezianer soll er gewesen sein und ist ganz nahe der Tiroler Grenze im Venetischen geboren, in dem kleinen Flecken Pieve di Cadore. Wie er geheißen hat, weiß ich nicht, weiß auch nicht, ob es wahr ist, daß er die Bilder gemalt hat. Aber vor manchem Jahr hab' ich einmal einen Maler, der hier im Gebirg' umhergezogen ist, dorthin geführt, und da hat der die Augen weit aufgerissen und hat gesagt, das wären Schätze, und man wüßte in der Welt gar nichts davon, und hier könnte kein Mensch das würdigen, was da an die Wand gemalt wäre. In Wien würden sie viele tausend Gulden dafür hergeben, wenn man's herausnähme und hinschaffte, aber das würden die Leute hier natürlich nicht leiden, und es sei ein Jammer und eine Sünde. Und so dergleichen hat er mehr gesagt. Also mein' ich wohl, es müssen gute Bilder sein. Und vielleicht könnt Ihr von den Bildern etwas lernen, Bruder Innocenz, wenn Ihr doch keinen anderen Lehrer hier habt.« Der Mönch hatte erstaunt zugehört. »Sind es Heiligenbilder?« fragte er. »O nein, es sind auch andere darunter,« versicherte Xaverl, »und ich mein': die Berge und Täler, die dort zu sehen sind, die sind hier in der Wirklichkeit, das sind ganz die gleichen. Die Kapelle ist in ganz alten Zeiten eine Wallfahrtskapelle gewesen, müßt Ihr wissen. Da sind alle hinaufgepilgert, die von Welschland kamen und nach Welschland gingen. Den heiligen Ulrich haben sie erst viel später dort hineingebracht, und sein Bild, das über dem Altar steht, ist auch viel neuer und frischer, als die an den Wänden. Ich mein', Ihr solltet hingehen, Bruder Innocenz.« »Ich will heute noch hinüber,« sagte der Mönch erregt. Der Senn hatte Mühe, ihn zu bestimmen, daß er wenigstens erst einen Imbiß nehme, ehe er aufbreche. Als sie in der Hütte zusammensaßen und die taube Lisi ihnen den Schmarren auftrug, auch Käse und Hartbrot dazu brachte, fragte Xaverl plötzlich: »Weshalb malt Ihr keine Heiligenbilder, Bruder Innocenz?« »Weil ich denke, das sollten nur große Künstler tun, und es sollte nur herrliche Heiligenbilder geben oder gar keine. Denn wenn sie nicht würdig und schön sind, können sie auch nicht zur Andacht stimmen und sind eigentlich trotz aller guten Absichten der Meister, die sie schufen, nur Lästerungen und bringen Gefahr.« Dazu nickte der Senn. »Wohl, wohl,« sagte er mit seiner hellen Stimme, »das hab' ich selber auch schon gedacht. Wenn man zum Beispiel den heiligen Ulrich in seiner Kapelle da oben anschaut, – Ihr werdet's ja sehen, da könnt' einem das Beten vergehen. Ich mein' halt überhaupt, man sollt' sich kein Menschenbild machen vom Herrn Christus und der Jungfrau und von allen Heiligen, das ist das rechte nicht. Zu einem Menschen kann man nicht beten. Man muß sie wohl immer vor sich sehen, wenn man an sie denkt, aber mit Händen muß man sie nicht greifen können. Das ist alles Holz und bemalte Leinwand und kann morsch und brüchig werden und verwittern und absterben. Das sollt' nicht sein. Das, zu dem man betet, muß größer sein als alles, was man sieht, und nicht vergehen können.« Er redete noch so eine Weile in seiner nachdenklichen Art weiter, und als der Mönch, der seine Zeichen- und Malapparate in der Sennhütte zurückließ, sich auf den Weg machte, begleitete er ihn eine Strecke weit durch das Gebirg, ihm den Pfad zu weisen, den er einschlagen mußte, um an die Ulrichskapelle zu gelangen, ohne erst ins Tal hinabzusteigen oder das Dorf Moosbrunn zu berühren. Dann trennten sie sich mit kräftigem Händedruck. Innocenz schritt rasch aus. Er war allmählich des Bergsteigens gewohnter geworden, und die reine Luft der Höhe stärkte ihm Brust und Nerven. Als er so zwischen den Steilwänden hinwanderte, an denen sein Blick bewundernd emporschweifte, mußte er Filomenas gedenken. Er hätte sie gern wiedergesehen, aber es war zugleich eine Scheu in ihm, die ihn davon zurückhielt. Er dachte dessen, daß man ihn gelehrt hatte, die Begegnung mit dem Weibe zu meiden, um nicht in Anfechtung zu fallen. Dennoch beschäftigte ihn ihr Schicksal lebhaft, und er war mit sich uneins darüber, ob es nicht Schwäche und Feigheit sei, die Gefahr des Versuchtwerdens zu fliehen, statt ihr siegreich die Stirn zu bieten. Manchmal kam ihm sogar der Gedanke, daß sie seiner bedürfen könne, und das Verlangen, ihr zu helfen. So war er bis an eine Felsecke gelangt, wo er die mächtige Wand des Monte Valdena wieder vor sich sah und die weiße Kapelle St. Ulrichs ihm von dem rötlichgrauen Gestein entgegenleuchtete. Hier stand eines jener Bildstöckel am Wegrand, wie er sie häufig auf seinen Wanderungen durch das wilde Gebirg fand. In der rührend-unbeholfenen Ausdrucksweise dieser Bergbewohner und in naiv-realistischem Bilde redeten sie gemeiniglich von einem Unglücksfall, der sich an eben der Stelle, wo sie errichtet worden, durch einen Felssturz, durch Wassersgefahr oder fallende Baumstämme zugetragen, und forderten zum Gebet für die Seelen derer auf, die dabei ihr Leben eingebüßt. Oft waren die Inschriften längst verwaschen und die Bildnisse zerstört bis zur Unkenntlichkeit, aber nie ging einer an ihnen vorüber, ohne sein Kreuz zu schlagen, und nicht selten hing zur Sommerzeit ein Kranz über dem schrägen, schmalen Holzdach, das sie gegen Regen und Schnee schützte, oder ein paar frische Alpenblumen lagen am morschen Holzsockel. Das Bildstöckel hier an der Felsecke wies keinen derartigen Schmuck auf. Es sah verwahrlost und verwittert aus, wie Innocenz noch kein zweites gefunden hatte, und vielleicht beugte er sich gerade deshalb in einer wehmütigen Regung herab, um die verblaßte, halb verlöschte Inschrift zu entziffern. Das war jedoch schwieriger, als er gedacht, und erst nach längeren Versuchen konnte er den kaum mehr erkennbaren Buchstaben so viel entnehmen, daß hier ein Geistlicher seinen Tod gefunden hatte. Ein Bild war diesmal nicht beigefügt, und die Inschrift gab, soweit der Mönch sie verstand, auch keinen Aufschluß darüber, auf welche Art das Unglück stattgehabt hatte. Jedenfalls mußte es lange her sein, denn nur dann ließ sich die völlige Vergessenheit erklären, in die gerade dieses Bildstöckel geraten war, da der jähe Tod eines Priesters oder Mönches doch wohl allgemeinere Beachtung und Teilnahme gefunden haben mußte, als der irgendeines anderen Menschen. Und selbst so mußte es bei der bekannten Anhänglichkeit der Bergbewohner an ihre Geistlichen immer noch auffällig erscheinen, daß man heute des Platzes nicht mehr gedachte, an welchem vor noch so langer Zeit einer von ihnen sein Ende gefunden hatte. Voraussichtlich war es doch geschehen, während er sich in der Ausübung seines heiligen Berufes, vielleicht auf einem Versehgange zu einem abgelegenen Gehöft oder einer Almhütte befunden hatte, vielleicht mitten in rauher Jahreszeit oder bei gefahrvollem Unwetter. Dann war sein jäher Tod ein Opfertod gewesen, und man hätte dem grausam Hingerafften ein doppelt liebevolles und bewunderndes Gedenken bewahren müssen. Innocenz trat bis an den Saum des schmalen Felssteges vor. Da sah er, daß hier das Gewände schroff in die gähnende Tiefe abfiel, und daß ein einziger Fehltritt den ahnungslosen Wandrer hinabreißen konnte. Einen Augenblick packte ihn ein Schwindel bei dem Gedanken, und er mußte sich geschlossenen Auges gegen die Felsmauer zurücklehnen. Dann bückte er sich nochmals zu dem Bildstöckel nieder. Er begriff selber nicht, warum es ihn so fesselte, daß er fast des Weitergehens und seines Wegziels darüber vergaß. Er wollte nach dem Namen des Abberufenen suchen, um vielleicht so einmal Weiteres über ihn und sein Schicksal in Erfahrung zu bringen. Und seltsamerweise gelang es ihm jetzt wirklich, diesen Namen zu entziffern, nicht den Vatersnamen, wenn sich ein solcher überhaupt auf der Inschrift befand, aber doch den Rufnamen, und dieser lautete unzweifelhaft: Innocentius. Es durchschauerte den Mönch wunderlich bei dieser Entdeckung. Als er nun endlich seinen Weg weiter verfolgte und seine Schritte sogar beschleunigte, wie um dem sonderbaren, geheimnisvollen Bann dieses Platzes zu entfliehen, blieben doch seine Gedanken bei dem vergessenen Todesmal eines Priesters, der auch Innocentius geheißen hatte und einsam in dieser schweigenden Felsenwüstenei einen schaurigen Tod gefunden haben mußte, zurück. Er konnte dies vergessene Bildstöckel am Rande des Abgrundes nicht mehr aus seiner Seele verbannen. So hatte er den Kapellensteig, an dessen Biegungen jedesmal ein Stationshäuschen stand, erreicht und blickte, langsamer aufwärts klimmend, auf Moosbrunn hinab, dessen Dächer noch von der nachmittägigen Sonne beschienen wurden, welche schräg zwischen Arzenkopf und Rotkofel hereinfiel. Plötzlich blieb er stehen. Auf dem Friedhofe vor der Moosbrunner Kirche gewahrte er zwischen den verfallenen Kreuzen und eingesunkenen Gräbern zwei Gestalten beieinanderstehen, von denen er die eine augenblicks als die Filomenas erkannte. Die andere war ein junger Bursch in Jägerkleidung, der den Stutzen auf dem Rücken hatte und, seinen blonden Bart streichend, lebhaft auf das Mädchen einzusprechen schien, das ihm mit gesenktem Kopfe, eine Blume oder Ranke zwischen den Fingern zerzupfend, zuhörte. Innocenz mußte sich gewaltsam von dem Anblick losreißen, und er konnte sich einer Regung des Unmuts, die ihn dabei beschlich, nicht erwehren. Es wollte ihm zu dem Bilde dieses Mädchens, wie er es in der Seele trug, nicht passen, daß er sie da, wie alle ihresgleichen, mit einem Liebhaber zusammenstehen sah; sie war ihm eben anders erschienen, als alle. Nun stieß sie sich selber für ihn in die große Masse mit hinab und zerstörte ihm den Reiz des Eigenartigen, der sie umflossen hatte. Das war's, was ihn peinvoll berührte, wenn er sich auch sagen mußte, daß es töricht war. Da lag die Kapelle vor ihm. Es war ein altes, gotisches Kirchlein, dessen Entstehung nach einer draußen angebrachten Inschrift in mittelalterlichem Mönchlatein in das dreizehnte Jahrhundert zurückgeleitet wurde und infolge eines Gelübdes stattgehabt haben sollte. Ursprünglich war es unzweifelhaft als Herberge für Wallfahrer oder als Hospiz für verirrte Gebirgswandrer errichtet worden und erst später zu einem Gotteshause umgebaut; die Außenwände waren überdies größtenteils neu übertüncht und nur schwache Spuren ehemaliger Fresken noch daran erkennbar, darunter das Bild eines Schiffes und zahlreicher Boote auf einem felsumkränzten Wasser, das eine Inschrift als die Darstellung eines von Kaiser Maximilian I. auf dem Toblacher See veranstalteten Festes bezeichnete. Das Innere war schmucklos; ein Madonnenbildnis auf einem der Seitenaltäre war von Votivtafeln und silbernen Herzen dicht überhängt, das Bildnis des heiligen Ulrich über dem Hauptaltar von den hohen Kandelabern mit ihren dicken Wachskerzen zum größeren Teile verdeckt. Immerhin blieb noch genug davon zu sehen, um zu erkennen, daß es sich hier um ein gutgemeintes Stümperwerk handelte, das weder andächtig stimmen, noch künstlerische Befriedigung erregen konnte. Der wilde Xaverl hatte recht gehabt: solche Bilder konnten nur Spott oder Unwillen herausfordern und dienten ihren heiligen Zwecken schlecht. Aber auch das Kloster Greifenburg enthielt ihrer mehrere in Kirche und Kapitelsaal von geringem Kunstwert, und Innocenz hatte noch nie den Blick von ihnen abgewandt oder sie mit den Augen eines Künstlers betrachtet, sondern sie gleich allen hingenommen als verehrungswürdige Heiligtümer, zu denen man beten konnte. Heute und hier war das zum ersten Male anders. Er erschrak selber in tiefster Seele darüber. Aber ein Gebet jetzt und an diesem Orte wäre ihm plötzlich als eine Heuchelei erschienen, zum mindesten als eine bloß äußerliche, rein mechanische Lippenübung. Er drehte sich ab und betrachtete nun die beiden Fresken, die zur Rechten und Linken des Hauptaltars aus den hohen Nischen ihm entgegentraten. Sie waren nicht unwesentlich beschädigt und hatten hier und da auch durch den Weihrauchduft und schwelenden Kerzendampf gelitten, der durch Jahre und Jahre zu ihnen heraufgeschlagen war, aber doch entlockten sie dem Mönch einen unwillkürlichen Ausruf frohen Erstaunens. Was immer durch die Zeit, die Feuchtigkeit der Mauern und den sorglosen Unverstand der Menschen an ihnen gesündigt worden war, die leuchtende Schönheit dieser Kunstwerke hatte dadurch nicht zerstört werden können. Innocenz' Augen waren durch die Linien und Farben einer großen, eigenartigen Welt, in die er sich Tag um Tag versenkt, sowie durch die eigene Kunstübung jetzt geschärft genug, um zu erkennen, daß diese Bilder nur von der Hand eines der großen Meister herrühren konnten, deren Namen noch heute die Welt mit Andacht und Ehrfurcht nannte. Er kannte diesen Namen nicht und, wenn man ihn vor seinen Ohren genannt hätte, wäre er wohl auch nur Schall und Rauch für ihn gewesen, aber er beugte verehrend vor ihm sein Knie. Auch das war etwas Göttliches, was aus diesen Farbenwundern zu ihm sprach, und der sie geschaffen, war vom Himmel begnadet worden vor allen Lebendigen. Und der wilde Xaverl hatte ganz recht gehabt: das waren da auf der Kapellenwand die gleichen Berglandschaften, über die draußen die Blicke des Mönchs hingingen, nur daß es eben eines Künstlerauges bedurfte, um sie so zu sehen, wie dort ein Pinsel sie in unvergänglicher Leuchtkraft hingezaubert. Auf diesen himmelanragenden, bleichen Bergzacken, auf diesen tief eingerissenen, walddüsteren Schluchten, auf diesen grün überwucherten Felsjochen und diesen stürzenden Wildwassern da draußen hatten also die Augen jenes Großen einst geruht, wie heute die seinigen, und die Natur hatte sich in den Jahrhunderten, die seitdem verronnen sein mochten, schwerlich gewandelt; er hatte ihr tief, mit liebevollem Verständnis in das steinerne Riesenantlitz geschaut, und ihre Rätsel hatten sich vor ihm entschleiert. Dann hatte er sie an die Mauer des Gotteshauses gemalt, um Gott zu ehren durch ein Abbild seiner Werke, in denen er seine Allmacht und Größe an den Tag gelegt. Und wenn man vor dem stümperhaften Abbild eines Heiligen dort nicht beten konnte, hier, vor diesen Bildern, aus denen der Odem des Göttlichen wehte für jeden, der Sinne und Seele ihm öffnen mochte, hier konnte man es. Der Mönch erschrak nun doch, als er es dachte. War das nicht eine Blasphemie? Durfte man wirklich hier beten? Er schlug ein Kreuz. Hatte ihn die Begeisterung für das Kunstwerk nicht doch zu weit fortgerissen, weil er es mit den Augen des Kunstverständigen betrachtet hatte, statt mit denen des Christen und des Priesters, als welcher er hier in dem Gott geweihten Hause stand? Etwas wie Angst beschlich ihn, wie wenn eine drohende Gefahr näher und näher an ihn herankröche. Und noch einmal bekreuzigte er sich. Aber er konnte sich von dem Anschauen dieser Kunstwerke, der ersten, die er in seinem Leben sah, noch immer nicht losreißen. Es war, als ob ihm hier plötzlich eine ganz neue Welt aufginge. Das konnte doch keine höllische Versuchung sein, die ihn hier an heiliger Stätte heimsuchte. Sein Herz schlug laut und rasch. Er gewahrte erst jetzt, daß sich auf den Bildern auch Menschen befanden, die zu diesen wild-herrlichen Berglandschaften die Staffage bildeten. Sie waren nicht leicht mehr erkennbar, wie man denn überhaupt nur noch zu erraten vermochte, daß der Maler auf dem einen Bilde wohl die »Ruhe auf der Flucht«, auf dem anderen die »Wallfahrt der heiligen drei Könige nach Bethlehem« hatte zur Anschauung bringen wollen. Ohne Zweifel waren ihm überhaupt die landschaftlichen Darstellungen zur Hauptsache geworden, und er hatte ohne jedes Bedenken die biblischen Vorgänge in die ihm vertraute, heimische Landschaft hineinversetzt. Und darin lag auch für Innocenz nichts Befremdliches; was da vor nahezu neunzehnhundert Jahren in Palästina geschehen war, das war für alle Zeit und für alle Welt geschehen und an keinen Ort und keine Zeit gebunden, es war in diesen Bergen so gut geschehen wie im Morgenlande. Und diese Maria, die da auf der Rast ihr Kind stillte, während Josef, an den Esel gelehnt, daneben stand und ihr still-beseligt zuschaute, trug mit gutem Fug das Gewand eines jungen Weibes dieser Berge. Sie war überdies von großem Liebreiz, und Innocenz wurde nicht müde, sie anzublicken. Plötzlich erschrak er jedoch. Er sagte sich, daß die Gottesmutter eine seltsame Ähnlichkeit in ihren Zügen mit Filomena aufweise. Darin war im Grunde freilich nichts Verwunderliches. Denn die Frauen und Mädchen dieser Berglande mochten vor etlichen Jahrhunderten nicht um vieles anders ausgesehen haben als heute, und wenn jener große Maler wirklich ein Welscher gewesen war, und Filomenas Vater, dem sie in manchem nachgeartet sein mochte, gleichfalls aus dem nahen Welschland stammte, so war die überraschende Ähnlichkeit, die dem Mönch nun immer klarer vor die Seele trat, doppelt leicht erklärlich. Dennoch blieb ein heißes Erschrecken in seiner Seele zurück. Es war mit einem Male ein Wunsch in ihm aufgestiegen, den er wieder von sich verscheuchen wollte, und der doch immer zurückkam. Die Stirn brannte ihm, und seine Schläfen zuckten. Da bekreuzigte er sich abermals, beugte seine Knie vor dem Allerheiligsten auf dem Hochaltar und schritt hinaus. Noch lag ein letzter Sonnenglanz des scheidenden Tages über den steinbeschwerten Schindeldächern von Moosbrunn, und doch hätte Innocenz glauben können, es seien Tage und Wochen vergangen, seit er die kühle Dämmerung des kleinen Gotteshauses betreten, denn er kam als ein Verwandelter aus ihm wieder in den hellen Tag, und verwandelt lag die Welt vor ihm. Er schirmte die Augen gegen die andrängenden Lichtstrahlen, die ihn blendeten, und sein Atem ging stürmisch; ein verklärtes Lächeln lag auf seinen Lippen. Was ihm eben da drinnen aufgegangen, war eine Offenbarung gewesen. Innocenz war den Kapellensteig herabgeklommen und durchquerte nun die schmale Talsohle, um, ohne noch einmal zur Anderetalp zurückzukehren, auf dem nächsten Wege St. Ulrich wieder zu erreichen. Die Seele war ihm so voll, daß er des Alleinseins und einer rüstigen Wanderung bedurfte, um Klarheit in seine wogenden Gedanken zu bringen. Er hatte jedoch noch keine weite Strecke zurückgelegt, den Kopf gesenkt und die Augen nach innen gerichtet, als er einen leichten Schritt neben sich vernahm und eine warmtönige Stimme ihm den landesüblichen Gruß bot: »Gelobt sei Jesus Christus!« »In Ewigkeit, Amen!« ergänzte der Mönch mechanisch, um erst dann mit traumumflorten Augen sich in die Wirklichkeit zurückzufinden und nun die neben ihm herschreitende Filomena zu gewahren. Da flog ihm eine heiße Röte über das Gesicht. Sie aber sagte: »Ihr seid lange nicht hier gewesen, Bruder Innocenz.« Es klang traurig, und als er nicht gleich antwortete, setzte sie hinzu: »Darf ich eine Weile mit Euch gehen?« »Wenn Euer Weg der gleiche ist,« versetzte er, und es war ein rauher Ton in seiner Stimme, über den er selber erstaunte. Das Mädchen blickte schüchtern zu ihm auf. »Habe ich Euch mit etwas gekränkt oder Euren Unmut erregt, Bruder Innocenz?« fragte sie mit einem bittenden Blick, aus dem zugleich so viel rührende Unschuld sprach, daß dem Mönch das Herz schwoll. »Nein,« sagte er, »ich dachte nur, Ihr hättet andere Begleitung, wenn Ihr einen Weg zu machen habt.« Sie verstand ihn nicht gleich. »Andere Begleitung?« »Ich sah Euch doch vorher mit einem jungen Burschen zusammen.« »War das unrecht?« fragte sie ahnungslos. »0 nein, nein. Weshalb sollt' es unrecht sein, wenn eine junge Dirne einen Burschen zum Schatz hat? Das ist so der Welt Lauf.« »Er ist nicht mein Schatz,« sagte Filomena jetzt mit trotziger Entschiedenheit. »Nicht? Man hätt' es denken sollen.« »Es ist der Barthel gewesen. Er ist beim Jäger-Lenzl auf Peutelstein als Forstwart und kommt oft zum Pfarrer und zum Meßner herüber. Er ist ein braver Mensch, dem sich nur Gutes nachsagen läßt, und ganz anders als der Lenzl, der tückisch und hinterhaltig ist. Wir zwei kennen uns schon lang', und er schwatzt gern mit mir.« »Und später wird er Euch einmal heiraten, nicht wahr? Das ist ja so ungefähr das, was ich mir selber gedacht hab'.« »Heiraten wird er mich nicht.« »Warum nicht?« »Weil zum Heiraten zwei gehören.« »Das heißt: Ihr wollt ihn nicht.« »Nein, ich will ihn nicht.« »Ihr sagt doch lauter Gutes von ihm.« »Das muß ich auch, weil es wahr ist. Aber man heiratet doch nicht einen Burschen, bloß weil er brav ist und ein gutes Herz hat.« »Er will Euch aber, nicht wahr?« »Das mag schon sein. Aber es wär' mir leid, und ändern könnt' es auch nichts.« »Ihr wollt also bloß einen heiraten, den Ihr wirklich lieb habt?« »Ja.« »Und habt keinen so lieb, daß Ihr ihn heiraten möchtet?« Sie besann sich einen Augenblick, ehe sie »nein« sagte. »Und wenn Ihr keinen findet?« fragte er weiter, als ob das ein unerschöpflicher Gegenstand für ihn sei, den sie da besprachen. »So bleib' ich unverheiratet. Ich glaube schon heute, ich werde unverheiratet bleiben.« »Und ins Kloster gehen.« Er sagte das plötzlich in scherzendem Ton, weil ihm seltsam leicht und frei zu Sinne geworden war, er wußte nicht weshalb? »Nein, ins Kloster werd' ich nicht gehen,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit. »Fürchtet Ihr Euch vor dem Kloster, Filomena?« »Ich muß die Sonne haben und das Licht und die Berge. Ich muß die Freiheit haben. Ich kann nur in der Freiheit beten, nur wenn es mir danach ums Herz ist und nicht, wenn die vorgeschriebene Stunde zum Gebet da ist. Ich kann auch nicht beten, wie ich es mir eingelernt habe oder wie es im Buche steht, ich kann nur beten, wie es mir über die Lippen kommt, ohne daß ich's will und weiß. Ins Kloster taug' ich nicht. Ist das sündhaft, Bruder Innocenz?« Er murmelte etwas, das sie wie ein beruhigendes: »Nein« deuten mochte, aber weiter ließ er sich auf das nicht ein, was sie berührt hatte. Auch auf das andere, wovon sie vorher gesprochen, kam er nicht mehr zurück, und der leichte Gesprächston, den er angeschlagen gehabt, war plötzlich verflogen. Filomena streifte den neben ihr Schreitenden hin und wieder mit einem scheuen Seitenblick. Er war heute so ganz anders als neulich, und sie wußte nicht mehr, wovon sie zu ihm reden sollte. Plötzlich fragte der Mönch: »Wohin geht Ihr eigentlich?« »Zu meinem Heiligenbilde – Ihr wißt doch?« Wieder trat eine Pause ein. Dann sagte der Mönch rasch, als ob er sich davon befreien müsse: »Ich wollt' Euch um einen Dienst bitten, Filomena.« Und als sie in freudiger Erwartung zu ihm aufsah, fragte er: »Kennt Ihr den wilden Xaverl von der Anderetalp?« »Wie sollt' ich den nicht kennen! Den kennt jedes Kind auf der Lahn.« »Wollt Ihr morgen früh zu seiner Hütte kommen? Ich – ich möcht' einmal versuchen, Euch zu zeichnen. Ich bin jetzt fast alle Tage droben und zeichne. Bisher hab' ich mich nur an die Landschaft gewagt. Nun möcht' ich auch Menschen zeichnen.« Er stieß das hastig heraus und ohne sie dabei anzusehen, die ihn mit großen, verwunderten Augen betrachtete. »Ich will gern kommen,« sagte sie nach kurzem Zögern erstaunt. Innocenz sprach ihr von den beiden Wandgemälden in der Ulrichskapelle, die von einem großen venezianischen Meister herrühren sollten, und bei deren Anschauen ihm der kühne Wunsch aufgestiegen sei, einmal etwas Ähnliches zu schaffen zur Ehre Gottes und der lieben Heiligen, falls sie ihn etwa begnaden sollten zu so großen Dingen, wie er sie träume. Seine Worte klangen etwas verwirrt, und ein heißes Rot war auf seinen Wangen aufgeflammt; auch seine Augen begegneten den ihrigen nicht, sondern gingen gerade vor sich hinaus in die dunkle Felsenge, durch die der Weg sich hinwand. Er selber konnte noch nicht die volle Klarheit in seine Gedanken bringen; ein chaotisches Gewirr von Plänen und Wünschen wogte in seiner Seele, seit er die Bilder gesehen, die seine Phantasie entzündet und einen brennenden Ehrgeiz in ihm geweckt hatten, dessen Ziele vor ihm selber noch in Dunkelheit gehüllt lagen. Filomena hörte ihm in andächtigem Schweigen zu. Auch ihr war's, als ob etwas Großes, das sie noch nicht gekannt, plötzlich in ihr Leben eintrete, und ihr Herz war zugleich voll Bangen und seliger Erwartung. So trennten sie sich am Fuße des Hügels, den das alte, verfallene Heiligenbild krönte und von dessen Kuppe herab Filomena damals ihre Blumen auf den Mönch hatte niederrieseln lassen. IV Im Hause des Sägemüllers Anton Pyrker zu St. Ulrich ging es festlich her. Das zweite Kind, das dem reichsten Manne auf der Lahn geboren worden war, sollte heute getauft werden. Lange genug hatte es auf sich warten lassen, und auch diesmal war es wiederum kein Erbe gewesen, wie ihn der Sägemüller sich gewünscht und erwartet hatte, sondern ein Mädchen. Anton Pyrker hatte nun einmal kein Glück mit seiner Nachkommenschaft. Seine erste Frau war ihm kinderlos gestorben, die zweite hatte ihm im ersten Ehejahr nur ein Mädchen geboren, das nun im fünften Lebensjahre stand, und alle Gebete der Ehegatten um einen männlichen Sprößling schienen unerhört bleiben zu sollen. Darüber hatte sich die Laune des Sägemüllers von Jahr zu Jahr mehr verdüstert. Finster und unzugänglich war der stolze, selbstbewußte Mann, der zugleich das Amt eines Bürgermeisters von St. Ulrich verwaltete und wie ein Fürst auf seinem Erbe und Eigen saß, ohnehin von jeher gewesen. Dann schienen seine schon aufgegebenen Wünsche sich plötzlich doch noch verwirklichen zu sollen. Frau Aloysia Pyrker fühlte sich zum zweiten Male Mutter. Da bestand für den Sägemüller kein Zweifel mehr darüber, daß die schmerzensreiche Muttergottes seine und der Seinigen Gebete endlich erhört habe, und jeder Gedanke daran, daß ihm zum zweiten Male ein weiblicher Sprößling geboren werden könne, lag ihm fern. Aloysia ihrerseits hatte mit banger Sorge ihrer schweren Stunde entgegengeblickt, ohne die bestimmte Erwartung ihres Mannes, die sie nicht teilte, durch den Hinweis auf eine andere Möglichkeit zu zerstören. So war der entscheidende Tag herangekommen, und als man dem Sägemüller dann hatte melden müssen, es sei ihm eine Tochter geboren worden, da war ihm ein wüster Fluch über die Lippen gequollen, wie man ihn noch nie von diesem starr sich selbstbeherrschenden Manne gehört hatte, und seine Faust hatte sich gehoben, als ob er jetzt irgend etwas zerstören oder irgendein Lebendiges tödlich niederschmettern müsse, um dem ungeheuren Ingrimm seiner Enttäuschung Luft zu machen. Dann freilich war er, als die Magd, welche ihm die Meldung gebracht, schreiend davongelaufen war, wieder ganz ruhig geworden. Kein Wort war je von der schweren Niederlage aller seiner Hoffnungen über seine Lippen gekommen, und wehe dem, der ihm gegenüber darauf angespielt oder wohl gar ein Wort des Bedauerns gewagt hätte! Ja, als Aloysia ihm zitternd die Hand von ihrem Schmerzenslager aus entgegengestreckt und, ihn mit traurigen Augen anblickend, gemurmelt hatte: »Verzeih' mir, – die himmlische Gnadenmutter hat es ja gewollt, Anton!« – da hatte er zornig abgewinkt und verboten, je wieder ein Wort darüber zu verlieren. Wer den Sägemüller jedoch kannte, wußte, daß ihm das Fehlschlagen seiner Wünsche desto tiefer im Herzen fraß, je verschlossener er es ertrug und je ingrimmiger er jede Andeutung desselben in seiner Gegenwart verwehrte. Trotzdem – oder vielmehr gerade deshalb – wurde die Taufe des zweitgeborenen Kindes in der Sägemühle so festlich begangen, wie die eines Erben und Stammhalters nur irgend hätte gefeiert werden können. Anton Pyrker war nicht der Mann danach, es sich anmerken zu lassen, daß er bitter in seinen Hoffnungen betrogen worden war, und daß man alle Ursache gehabt hätte, ihn zu bemitleiden statt ihn zu beglückwünschen. Es hätte einmal einer wagen sollen, dem Sägemüller von St. Ulrich von Mitleid zu sprechen! Nicht einmal, wenn es heute eine Leichenfeierlichkeit statt eines Taufschmauses in der Sägemühle gegeben hätte, würde das einer gedurft haben. Anton Pyrker hatte kein Mitleid und keine Teilnahme nötig, er blieb, der er war und stand allezeit ganz auf sich selber. Wehe dem, der ihm je zu nahe treten wollte! Die Bewohner der Lahn hatten sich fast vollzählig in der Sägemühle von St. Ulrich zusammengefunden. Die nicht geladen waren, standen draußen und blickten zu den Fenstern hinein oder warteten darauf, daß man ihnen von der Festtafel Wein oder Kuchen herausbrachte; auch Geld wurde unter die Armen verteilt, die herbeigeströmt waren. Für jedermann war ein Festtag gekommen; selbst von den Almen waren sie herabgestiegen, um sich an der Feier des seltenen Ereignisses zu beteiligen. Nach der kirchlichen Zeremonie, die Innocenz in Vertretung des Pfarrers vollzogen hatte, welcher ihm allmählich alle Pflichten seines Amtes abtrat, um selber mehr und mehr einem trüben Stumpfsinn zu verfallen, fand der Taufschmaus in der großen, holzgetäfelten Stube der Sägemühle statt. Die Familien, die auf der Lahn über ein eigenes Anwesen schalteten und deren männliche Häupter in der Gemeindeversammlung Sitz und Stimme hatten, waren sämtlich geladen. Sie hatten alle die feiertägliche Tracht angelegt, die im übrigen mehr und mehr im Werktagsleben zu verschwinden begann und in den Truhen verwahrt wurde; viel altertümlicher Schmuck und seltsamer Putz kam dabei zum Vorschein, der nur bei hohen kirchlichen Festtagen und bei Prozessionen sonst hervorgekramt zu werden pflegte. In steifer Würde, zum Teil auch durch die ungewohnte und wenig bequeme Tracht an allen rascheren Bewegungen gehindert, eingezwängt und erhitzt, saßen sie an den beiden langen Tafeln, die unter einer Überlast von Schüsseln einzubrechen drohten, und verzehrten in schweigendem Eifer eines der sich rasch folgenden nahrhaften Gerichte nach dem anderen, während die Silber- und Goldketten der Frauen vor dem weißen prallen Hemdeneinsatz der Samtmieder klirrten und die wunderlichen Pelzhauben auf ihren Häuptern hin und her schwankten. Dazu kreiste unablässig der Weinkrug. Man trank einen schweren welschtirolischen Wein, bei dem die Männer die Köpfe wiegten, wenn sie ihre Gläser erhoben und sich gegenseitig bedeutungsvoll zunickten. Solch ein Tropfen war den meisten von ihnen noch nicht über die Lippen gekommen. Gesprochen wurde wenig. Man war nicht deshalb gekommen und wußte sich auch nichts zu sagen. Was über das Wetter des heurigen Sommers, das Almheu, den Viehstand und die Holzpreise zu reden war, wurde Sonntagnachmittags, wenn man beim Poldl Rohracher im »goldenen Ochsen« zum Kegelschieben und zu einem Trunk zusammenkam, abgehandelt. Dort konnte es unter Umständen sogar einmal laut und lärmend hergehen und erhitzte Köpfe sowie drohend gegeneinander aufgereckte Fäuste geben. Selbst das Messer blieb nicht immer im ledernen Hüftgurt dabei stecken. Hier ging es ehrbar und würdevoll zu. Sogar die Kinderscharen, die sich draußen vor den Fenstern angesammelt hatten und oft, eines auf den Schultern des anderen, neugierige und verlangende Blicke ins Innere warfen, enthielten sich aller lauten Äußerungen des Staunens über das niemals Gesehene. Endlich erschien die Musik. Sie war von Innichen her bestellt worden und hatte sich auf dem weiten Wege verspätet. Eigentlich hatte während des Tafelns gespielt werden sollen. Nun begann man gleich nach beendigter Mahlzeit zu tanzen. Dabei konnten die älteren Männer ihre Pfeifen rauchen und den schweren Welschtirolischen weitertrinken. Die Frauen saßen steif in ihrem Schmuck an den Wänden entlang aufgereiht, ohne ein Wort zu sprechen. Auch beim Tanz ging es anfangs ohne besondere Lustigkeit her. Nur die schweren, nägelbeschlagenen Stiefel stampften den Dielenboden, der darunter krachte und dröhnte. Es wurde so wuchtig und ausdauernd getanzt, als gälte es eine Arbeit. Die Dirnen, welche die langen, schweren Zöpfe rund um den Kopf gelegt trugen, schmiegten sich nicht an ihre Tänzer an, sondern hielten sich so starr und gerade, als hätten sie jede körperliche Berührung wie eine Todsünde zu scheuen. Dabei wurde weder gelacht, noch ließen sich sonst Anzeichen einer inneren Fröhlichkeit hören oder erkennen. Erst allmählich erwärmte man sich. Der Wein übte seine Wirkung. In dem niedrigen, von Speisegerüchen aller Art, von Pfeifenrauch und schließlich auch von Lampendunst durchquollenen Raum entwickelte sich trotz der offenstehenden Fenster eine drückende Hitze. Den Tanzenden rann der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Und nun begannen die Burschen in überschäumendem Kraftgefühl die Dirnen mit lauten Juchzern und gellenden Schreien in ihren Armen hoch emporzuheben und durch die Luft zu schwenken oder wirbelnd im Kreise umherzudrehen, bis der Atem ihnen ausging. Das alles machte aber nicht den Eindruck überquellender Lustigkeit, sondern nur den der rohen Kraft, die man bisher im Zaume gehalten; es war etwas Derbes und Gewaltsames, ja, manchmal etwas Tierisch-Wildes in diesem Frohsinn. Vor den Fenstern wurde es inzwischen stiller. Die Kinder waren zu Bett getrieben worden, die ferner wohnenden Häusler waren heimgewandert, um morgen wieder früh bei der Arbeit zu sein, und den übrigen, die nun stundenlang dem Tanz zugeschaut hatten, war die Weile lang geworden. Zuletzt schlichen auch sie nach Hause. Und nun kreiste drinnen der Enzeler. Da war er wieder, der Feind des Volkes dieser Berge, den Innocenz schon vom ersten Tage an in seinen verderblichen Einflüssen erkannt und beobachtet. Sie tranken ihn, wenn die Sonne zu heiß bei ihrer Arbeit auf sie niederbrannte und wenn der Wind scharf über die Höhen ging; sie tranken ihn, wenn der Regen niederstürzte und sie in ihren braunen Koltern auf die Arbeit auszogen; der Enzeler war ihnen gut gegen Hitze und Kälte, er stärkte sie zur Arbeit, und er diente ihnen zur Belohnung, wenn sie überstanden war, er war ihre Arznei in allen Krankheiten. Selbst die Weiber verschmähten ihn nicht, und es war nicht selten, daß man kränkelnde und schwache Kinder schon an ihn gewöhnte. Innocenz hatte von Anfang an gegen diesen schleichenden Erbfeind geeifert, den er auf den entlegensten Hochalmen so gut vorfand wie im Hause des Bauers, ja, wie er ihn im Pfarrhause selber gefunden hatte; seine Worte waren jedoch an dem ehernen Widerstand langjähriger, tief eingewurzelter Gewohnheit, an dem nicht zu brechenden Starrsinn dieser harten, eigenwilligen Köpfe wirkungslos abgeprallt. Umsonst hatte er wieder und wieder auf die verheerenden Wirkungen des Branntweins hingewiesen, wie sie sich für ihn in dem Vorhandensein so vieler Mißgestalten und geistiger Krüppel unter den Bewohnern der Lahn aussprachen; man hatte ihm erwidert, daß er davon nichts verstehe, das müsse eben sein. Von der Kanzel herab wollte man ihn gern gegen den Teufel des Branntweins zu Felde ziehen hören, auch das mußte so sein, und sie waren es von jeher so gewohnt gewesen, selbst wenn ihre Pfarrer selber den Enzeler nicht verschmähten, aber unter vier Augen ließen sie sich nichts dreinreden; der Enzeler war für das Volk der Berge eigens geschaffen worden und ihm unentbehrlich trotz Pfaff und Teufel. Nirgends aber trank man einen besseren Enzianbranntwein, als in der Sägemühle von St. Ulrich. Die Gesichter derer, welche die Spitzgläser jetzt an die Lippen führten und die Augenbrauen dabei hochzogen, bewiesen es deutlich genug, und dann erreichte die lärmende Fröhlichkeit ihren Höhepunkt. Auch von den älteren Männern ließ sich jetzt manch einer verführen unter der Einwirkung des verjüngenden Trunkes, der ihm neues Feuer in die Adern goß, am Tanze teilzunehmen, und es kam zu allerlei possierlichen Auftritten dabei, welche die allgemeine Lust noch steigerten. Auch der Orgelbauer begann nun seine gewagtesten Späße, welche wieherndes Gelächter hervorriefen. Der war einst ein von Hause aus wohlhabender und im ganzen Puster- und Ampezzotal bis weit nach Welschland hinein wohlbekannter Mann gewesen, den man wegen seiner Kunstfertigkeit im Orgelbau hochschätzte und der jahraus, jahrein durchs Land zog, um überall die Kirchenorgeln auszubessern und zu stimmen. Das hatte ihm reichen Gewinn eingebracht, und er hatte sich sein eigenes Gütchen in Sillian kaufen können, wo er behaglich ausruhte, wenn es nichts für ihn zu tun gab. Aber das Umherstreifen, bei dem man ihn überall mit einem guten Trunk willkommen geheißen, zumal er allezeit guter Laune und ein trefflicher Erzähler gewesen, war ihm zur Gewohnheit geworden, er war dem Enzeler zum Opfer gefallen, hatte sein Hab und Gut vertrunken und strich seitdem als ein heimatloser Loder durchs Land, selten nur noch nüchtern genug, um sein früheres Gewerbe ausüben zu können und sich das Geld für die Befriedigung seiner Gelüste zu verdienen. Wo es eine Festlichkeit gab, auf zwanzig Meilen in der Runde, war er immer dabei und immer gern gesehen. Denn in Schnurren und Schnadahüpfln war er unerschöpflich, und wenn er erst einen Liter Roten getrunken hatte, gab es keinen lustigeren und unterhaltsameren Gesellschafter in der Welt als ihn. Später, wenn er seiner Zunge nicht mehr Meister war, ließ man ihn seinen Rausch in einem Heustadel ausschlafen, dann trollte er sich wieder davon. Heute hielt er sich ungewöhnlich lange aufrecht. Seine langen, blonden Locken, die ihn aus der Ferne wie eine Johannesgestalt erscheinen ließen, umflatterten das bärtige, wohlgebildete Gesicht, das er in beide Hände gestützt hatte. So saß er am Tische vor seinem Glase und erzählte seine Geschichten oder sang mit blecherner, aber gutgeschulter Stimme seine Stachelverse, hin und wieder mit der Faust auf die Tischplatte schlagend, während seine großen, wasserblauen, verglasten Augen listig zwinkerten und es unablässig um seine Mundwinkel zuckte. Und je weiter die Zeit vorrückte, desto derber und anstößiger wurden seine Schnurren, aber desto enger rückte man um ihn zusammen, und desto lauter dröhnte das Gelächter der schmauchenden und trinkenden Männer, die rittlings auf ihren Holzstühlen um ihn her saßen. Und dazwischen stampften und scharrten die schweren, schleifenden Schritte der Tanzenden, hallten die Juhschreie und das Kreischen der Weiber. Und der Sägemüller Anton Pyrker blickte, die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife im linken Mundwinkel, mitten in dies tolle, lustige Gelärm hinein, während der verbissene Ingrimm über das Fehlschlagen seiner Hoffnungen noch immer an ihm zehrte, und er die Zähne fest aufeinanderpressen mußte, um nicht in diese ausgelassene Festfröhlichkeit hinein seinen Zorn zu schreien und die Vorsehung zu lästern. Innocenz hielt es endlich an der Zeit, zu gehen. Er hätte schon lange sich aus dem wilden Festlärm geflüchtet, wenn ihn nicht der Pfarrer Antholzer vorher darauf aufmerksam gemacht hätte, daß er dadurch dem Hause, in das man ihn geladen, den größten Schimpf antue, der sich erdenken ließ. So hatte er bisher mit Frau Aloysia Pyrker im Gespräche zusammengesessen, und sie war es auch, die ihn jetzt bis vor die Tür geleitete, als er Abschied nahm. Die Gattin des Sägemüllers war eine stille, fromme Frau, mit der sich wohl reden ließ. Sie hatte etwas Demütiges und Gedrücktes in ihrem Wesen, das zu der protzigen Großtuerei ihres Mannes in scharfem Widerspruch stand, vielleicht durch dieselbe erst hervorgerufen worden war. »Ich bitt' Euch, Hochwürden,« sagte sie draußen unter der Tür, »sprecht bald wieder bei uns vor!« Dabei bückte sie sich herab, um dem Mönch die Hand zu küssen, als sie plötzlich eine Gestalt gewahrte, die vor dem Hause umherstrich, um hin und wieder einen Blick durch die Fenster in das Innere des lärmerfüllten Saales zu tun. In diesem Augenblicke geschah das abermals. Der Lichterschein von innen fiel auf ein verwildertes, bärtiges Gesicht, in dem zwei lodernde Augen brannten. Und Aloysia Pyrker stierte wie gebannt hinüber. Sie ließ die Hand des Mönchs los, ein Schauer rann ihr durch den Leib, unter dem er zu erstarren schien, dann schrie sie plötzlich gellend auf: »Jesus, Maria und Joseph!« Und mit verlöschender Stimme hintenüberfallend, danach: »Der Seppl! Der Windisch' Sepp!« Dann lag sie besinnungslos am Boden. Drinnen in dem wilden Gelärm des Festsaals hatte man den gellenden Aufschrei nicht gehört. Man tobte unbekümmert weiter. Der Mönch, der sich erschrocken über die reglos Daliegende herabgebeugt hatte, mußte erst Hilfe herbeirufen, ehe man drinnen von dem Geschehenen erfuhr. Auch dann legte man ihm kein großes Gewicht bei. Es werde eine Ohnmacht sein, meinten die Weiber, die sich hilfsbereit herzudrängten, wahrscheinlich sei die Aloysia zu fest geschnürt, oder sie sei zu rasch aus dem heißen Saal in die kalte Nachtluft hinausgekommen. Man trug sie auf ihr Bett und löste ihr die Kleider. Dann rieb man ihr die Schläfen mit Branntwein ein und flößte ihr auch davon ein, bis sie endlich die Augen wieder aufschlug. Sie war sichtlich bei voller Besinnung, aber ein starres Entsetzen lag in ihrem Blick, während ihre Lippen geschlossen blieben und sie sich manchmal mit der Hand langsam über die Stirn hinstrich, als wollte sie sich klar darüber werden, ob sie vorher geträumt habe oder nicht. Inzwischen war die Gestalt draußen vor den Fenstern verschwunden. Innocenz hatte den Mann schon nicht mehr gewahrt, als er die besinnungslose Frau den anderen Weibern übergeben hatte und sich nun nach ihm umsah. Drinnen erklärte Aloysia jetzt, daß sie wieder völlig wohl und daß ihr vorher nur ein jäher Schreck in die Glieder gefahren sei, sie wolle nun ruhen und man möge sie wieder allein, sich selbst aber um keinen Preis in der festlichen Lustigkeit stören lassen. Damit gingen die Weiber, und im Saal dröhnte der Lärm des Tanzes fort; der unbedeutende Vorfall war vergessen. Da ging auch der Mönch dem Pfarrhause zu. Er hatte es jedoch noch nicht erreicht, als sich von einem der schrägstehenden Grabkreuze des Friedhofes plötzlich eine dunkle Gestalt ablöste und gerade auf ihn zugeschritten kam. Innocenz war nicht furchtsam, aber unwillkürlich schlug sein Herz doch rascher, und seine Faust ballte sich, als er stehenbleibend den Mann erwartete. »Verzeiht, Hochwürden,« raunte dieser mit einer heiseren Stimme und in einer fremd anklingenden Mundart, während er, dicht in einen braunen Lodenmantel gehüllt, sich vor dem Mönch demütig beugte, »welch' ein Fest feiert man da drinnen in der Sägemühle?« Innocenz sagte es ihm. Da schlug der andere ein wildes Gelächter auf. »Und dazu gibt die Kirche ihren Segen!« schrie er. »O Christus Jesus! Da soll einer ein guter Mensch bleiben und an den lieben Herrgott glauben!« Er lachte fort, als er grußlos davonstürzte. Der Mönch sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er in der Nacht verschwand. War das nicht derselbe Mann gewesen, der vorher durch das Fenster in den Tanzsaal geblickt hatte und vor dem die Frau des Sägemüllers so tödlich erschrocken war? Ein Verrückter schien es zu sein oder ein Trunkenbold. Und dennoch hallte es Innocenz in den Ohren nach, wie er mit so verzweifeltem Hohn gerufen hatte: »Und da soll einer an den lieben Herrgott glauben!« Er konnte den Klang aus seiner Seele nicht wieder loswerden. In seiner Kammer warf er sich vor dem Betschemel nieder und betete lange und heiß. Es war eine seltsame Unruhe in ihm seit den letzten Tagen, und er konnte ihrer nicht Herr werden. Die Luft dünkte ihn wunderlich schwül. Er riß das Fenster auf und blickte lange in die Sternennacht hinaus, die wie ein funkelnder Mantel über der schweigenden Bergrunde lag. Nur der Bach, der tags das Rad der Sägemühle trieb, rauschte in der Ferne. Gegen Morgen, als Innocenz endlich Schlaf gefunden hatte, pochte es draußen an sein Fenster. Er fuhr verwirrt auf und fragte, wer da sei. »Ich bin's!« Der Mönch erkannte die Stimme. Es war die des Großknechts Abraham Hirzer auf der Sägemühle, den sie in St. Ulrich den Hamerl nannten und der im Ruf besonderer Frömmigkeit und Glaubensstrenge stand, wie er denn auf der Sägemühle auch als Vorbeter alle häuslichen Andachten und Gebetsübungen leitete. Es war ein kräftiger Mann in mittleren Jahren mit einem bartlosen, eckigen Gesicht und starren Zügen; in seinen Augen glühte etwas Finsteres und Fanatisches. »Was gibt es denn?« fragte Innocenz hinaus. »Die Sägemüllerin verlangt nach Euch, Hochwürden.« Innocenz erschrak. »Sie ist doch nicht krank geworden?« fragte er. »Nein, sie sagt, sie müßt' mit Euch reden und jetzt gleich. Aber mit Euch allein.« »Und der Sägemüller?« fragte Innocenz verwirrt. »Der ist noch nicht lange zu Bett gekommen und liegt nun wie tot. Den könnt' man mit einem Kanonenschuß jetzt nicht aufwecken. Ihr kommt also?« »Ich komme gleich.« Der Großknecht ging und Innocenz kleidete sich an. Alle Schlaftrunkenheit fiel von ihm ab, als er in die kalte Frische des Frühmorgens hinaustrat. Wie aus Erz gehauen, reckten die Felsen sich in das silberig dämmernde Firmament empor. Das Dorf lag noch im Schlaf, nur ein paar Hähne krähten, und ein Hund schlug irgendwo an. Herb schauerte der Wind über die Lahn. Vor der Sägemühle stand Hamerl in seiner grauen Lodenjacke und reckte gähnend die Arme. Als er des Mönchs ansichtig wurde, rückte er an seinem verwaschenen Filz und führte ihn schweigend in das Haus. Er stieß die Tür des Saales auf, in dem das Tauffest erst vor wenig Stunden ein Ende gefunden hatte. Es war dort noch nicht aufgeräumt worden; Tische, Bänke und Stühle standen wirr durcheinander, Flaschen und Gläser lagen umher. Auf dem Boden zertrat der Fuß klirrende Scherben. Überall stäubte Pfeifenasche, und eine dumpfe widrige Luft von Fusel und kaltem Tabakrauch schlug dem Eintretenden entgegen. Und mitten in diesem Wirrwarr saß die Sägemüllerin. Sie war so angekleidet, wie der Mönch sie gestern verlassen hatte, als sei das Fest für sie noch nicht zu Ende. Aber ihre Haltung und ihre Mienen deuteten nicht auf eine festtägliche Stimmung. Sie sah vielmehr verdüstert aus, als sei in den letzten Stunden, seitdem Innocenz sie verlassen, etwas in ihr Leben eingetreten, was eine lähmende, entgeisternde Wirkung auf sie ausgeübt. Innocenz hätte glauben können, daß der Tod sie im Vorübergehen gestreift habe. Sie saß mit schlaff herabhängenden Armen auf einem Holzschemel am Fenster und stierte zu Boden, – auf diesen Boden, dessen Dielen die Schrammen von den nägelbeschlagenen Schuhen der Tanzenden aus dieser Nacht noch aufwiesen. Als sie den Mönch gewahrte, der ihr den frommen Gruß der Landessitte zurief, sah sie ihn, die Erwiderung murmelnd, anfangs wie erstaunt an. Dann erst schien sie sich darauf zu besinnen, daß sie selber ihn hatte rufen lassen. Hamerl war wieder gegangen, vom Nebengemach her scholl das eintönige, rasselnde Schnarchen des Sägemüllers, und Innocenz fragte: »Ihr habt nach mir verlangt, Sägemüllerin?« »Ja,« sagte sie mit einer ganz anderen Stimme, als er sie an ihr kannte, wie auch sie selber ihm überhaupt als eine Fremde erschien, »ich muß mein Gewissen freimachen.« Innocenz wurde plötzlich von einem ihm unerklärlichen Bangen überfallen. »Wär' es nicht besser, wenn Ihr Euch an Euren alten Seelsorger, den hochwürdigen Pfarrer, damit wendetet, Sägemüllerin?« »Nein, nein,« murmelte sie, »er versteht's nicht. Ihr seid der Rechte.« »So kommt in den Beichtstuhl, wenn Ihr mir etwas zu bekennen habt!« Aloysia Pyrker schüttelte den Kopf. »Nein, das ist das Rechte nicht. Ich muß Euch dabei ins Auge sehen können. Und hier ist der beste Platz, nicht in der Kirche. Aber das Beichtgeheimnis müßt Ihr trotzdem bewahren, als ob ich's Euch dort bekannt hätte, hochwürdiger Herr, es sei denn, daß ich selber Euch bäte, es zu brechen.« »Redet also!« sagte Innocenz, dem es seltsam schwer auf der Brust lag. Sie horchte einen Augenblick nach der Kammer hinüber, aus der die schweren, tiefen Atemzüge des schlafenden Sägemüllers noch immer herüberklangen, und dann auf das leise Wimmern eines Kindes, das sich sekundenlang vernehmen ließ, aber wieder erstarb. Die beiden Hände hatte sie im Schoß gefaltet. Und so vor sich hinstarrend, sagte sie: »Heute Nacht, als ich allein war und sie hier drinnen noch tanzten und lachten und tranken, war der Windisch' Sepp bei mir.« Innocenz erinnerte sich, daß sie diesen Namen gerufen hatte, als sie gestern den bärtigen Mann im Lodenmantel vor den Fenstern der Sägemühle erblickt; er wußte auch, daß das Volk in diesen südlichen Alpenländern die Slowenen, die vielfach, auf Arbeit ziehend, das Land durchstreichen, die »Windischen« nennt. »Das war der Mann, der gestern vor dem Hause stand,« sagte er, als Aloysia verstummte, »nicht wahr? Aber was hat es für eine Bewandtnis mit ihm?« »Er ist mein Mann gewesen.« Sie sprach das mit dem nämlichen dumpfen Gleichmut wie das vorige. Der Mönch aber fuhr entsetzt von dem Stuhl auf, auf welchem er vor ihr gesessen hatte. »Sie ist wahnsinnig!« dachte er. Dann sagte er, sich gewaltsam fassend: »Ihr sprecht wunderlich, Sägemüllerin. Ich denke doch, Ihr seid das Eheweib Anton Pyrkers.« »Ja, freilich wohl,« nickte sie, immer mit dem gleichen starren Blick, »freilich wohl. Aber der Windische Sepp ist doch auch mein Mann gewesen.« »Ihr wollt sagen, daß Ihr früher eine Liebschaft mit ihm gehabt habt, nicht wahr? Wenn Ihr Euch damals versündigt habt, Sägemüllerin, so wollen wir zusammen beten, daß der Vater im Himmel Euch Euren Fehltritt vergibt um deswillen, daß Ihr nachher ein ehrsames und getreues Eheweib geworden seid.« Sie schüttelte mit ruhiger Entschiedenheit den Kopf. »Nein, nein, wir sind verheiratet gewesen, gerade so, wie ich jetzt mit Anton Pyrker verheiratet bin, – gerade so.« »Ihr redet irre,« sagte der Mönch strenge. »Die Ehe ist ein Sakrament, das nur der Tod löst. Ihr wißt das so gut, wie ich es weiß. Ihr hättet den Sägemüller nicht zum Manne haben können, wenn Ihr schon vermählt waret.« »Das ist es ja eben,« murmelte das Weib völlig gebrochen. »Er hat mich ihm damals abgetreten und alles war recht. Nun kommt er doch zurück und sagt, der Handel reue ihn, und ich müßte wieder sein Weib sein, oder es würde nicht gut. Was soll ich also tun? Ich kann doch nicht das Weib von zwei Männern sein.« Sie blickte dem Mönch zum ersten Male gerade ins Gesicht. Eine unendliche Hoffnungslosigkeit lag in ihren Augen. Innocenz aber war entsetzt aufgesprungen und hatte ihre beiden Hände mit den seinen umklammert, seine Augen sprühten und seine Muskeln zuckten. »Weib,« rief er, »ist das die Wahrheit, die Ihr da redet? Ist das mehr als eine Ausgeburt des Irrsinns? Dann seid Ihr eine der größten Sünderinnen, die je vor Gott reumütig an ihre Brust geschlagen haben!« Ihre Augen blickten ihn leer und gefühllos an. »Wohl, wohl,« murmelten ihre Lippen, »ich brauche einen kräftigen Fürsprecher bei der heiligen Gottesmutter, wenn sie mir vergeben soll. Ich glaube, ein Engel müßte es sein. Was meint Ihr, hochwürdiger Bruder, wäre es nicht gut, wenn mein Kind ein Engel würde und könnte für mich am Throne der Gebenedeiten bitten? Das Kind ist verständig genug, um zu begreifen, was mir not tut. Und wenn es nun stürbe, – ich habe die ganze Nacht daran denken müssen, – könnt' es mich als Engel wohl losbitten von der heiligen Gottesmutter, und ich würde nicht in den höllischen Flammen brennen müssen.« Es klang, wie wenn der Wahnsinn aus ihr redete. Der Mönch aber rief zornig: »Versündigt Euch nicht noch ärger durch so törichtes Gerede! Beichtet mir lieber alles und entlastet Eure Seele. Ihr scheint Furchtbares begangen zu haben, und ich muß alles wissen, ehe ich Euch raten und helfen kann.« Aloysia schien jedoch nicht auf seine Worte, sondern auf ein abermaliges leises Wimmern zu horchen, das aus einem der Nebengelasse herüberdrang und jetzt von einem trockenen, kurzen Husten unterbrochen wurde. »Sie ist krank,« flüsterte sie vor sich hin, »und der Allbarmherzige wird sie vielleicht zu sich rufen, damit ich einen Fürsprecher hab' – Ja, die heilige Jungfrau ist gut. Sie weiß, was für mich auf dem Spiele steht. Und ich habe ihr gelobt –« Der Mönch unterbrach sie, mit festem Griff ihren Arm umklammernd, »ich denke, Ihr wollt mir Eure Sünden beichten,« rief er, »sonst laßt mich wieder gehen.« »Ja, ja,« nickte sie, »Ihr sollt es erfahren. Ich habe es Euch ja schon gesagt, hochwürdiger Bruder, er ist mein Mann gewesen. Wir haben damals in Kärnten gelebt, denn ich bin an der kärntisch-tiroler Grenze daheim, und der Windische Sepp hat auf der Goldzeche von Amlach als Knappe gearbeitet, als er mich geheiratet hat. Bin ein blutjunges Ding damals gewesen, hab' nicht Vater und Mutter mehr gehabt, und der Bauer, bei dem ich als Magd auf dem Hof gedient hab', hat mir nachgestellt. Da hab' ich in meiner Not nicht mehr aus und ein gewußt und bin davongelaufen. Und als der Sepp gesagt hat, ich sollt' ihn heiraten, da hab' ich mich nicht einen Atemzug lang besonnen. Lieber doch die Frau von einem Hallodri, hab' ich gedacht, als an der Straße verkommen wie ein herrenloser Hund. Und arm bin ich gewesen, so arm, als hätt' ich betteln gehen müssen. Der Sepp ist auch damals noch nicht gar so wüst gewesen wie nachher, nur ein bißchen getrunken hat er und mit den Madeln hielt er's viel. Aber seine Arbeit hat er immer richtig getan. Und wenn ich seine Frau werden wollt', würd' er brav und ordentlich werden, hat er gesagt. Nachher freilich, nachher hat er's bald vergessen gehabt. Als ich seine Frau gewesen bin, ist's immer toller mit ihm geworden. Und als sie ihn von der Zeche weggejagt hatten, da sind wir ausgewandert und sind im Land umhergezogen wie die Zigeuner und haben uns Arbeit gesucht, bald hier, bald da. Hat aber nie lange gedauert, daß wir irgendwo bleiben konnten. Immer hat der Sepp wieder getrunken und dann seine Arbeit nicht tun können oder ist aufsässig geworden in seiner Trunkenheit und hat sein Messer gezogen. Von Ort zu Ort hat man uns gejagt durchs halbe Tirol. War nirgends ein Unterschlupf für uns offen. Und zuletzt ist der Sepp gar nimmer mehr aus dem Wirtshaus herausgekommen. Jeden Tag betrunken; und mich hat er geschlagen, wenn ich ihm ins Gewissen hab' reden wollen wegen seiner Wüstheit, einmal so, daß ich das Aufstehen beinahe vergessen hätt'. Da ging's nicht mehr weiter. Ich bin ihm davongelaufen, bis ins hohe Gebirg und hab' mir einen Dienst gesucht und hab' mich losgesprochen von dem wüsten, verkommenen Menschen für Zeit meines Lebens. Mocht' er sich dann nur um sein letzt' bißchen Ehr' und Achtung trinken, mir konnt's recht sein. Hier oben auf der Lahn hab' ich mein Unterkommen gefunden. Die Sägemüllerin hat dazumal schwer darnieder gelegen, und so hat mich der Toni Pyrker in der Wirtschaft brauchen können. Da fing eine gute Zeit an, Hochwürden. So hab' ich noch nie das Leben gekannt gehabt wie damals, und hab' gar nicht gewußt, daß es so friedsam und schön sein könnt', und daß man so gern leben mag und sich so daheim fühlt und so arbeitet mit Lust und Freudigkeit. Und ich habe alle Tag' gebetet, daß ich hier nie wieder möcht' wegziehen brauchen, so kalt und lang und schwer auch der Winter war. Da ist die Sägemüllerin gestorben und der Toni Pyrker hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden wollt', er braucht' eine Frau für sein Anwesen, und ich war' ihm grad' recht. Ihr könnt's Euch denken, wie ich erschrocken bin. Sägemüllerin von St. Ulrich, dem Toni Pyrker sein Eheweib, ich armes Ding, das vorher nie eine gute Stund' im Leben gehabt hatt', – das war beinahe zu viel für mich, bloß dran zu denken. Und es konnt' ja auch nicht werden. Wegen des Windischen Sepp nicht. Ich wußt' zwar nicht, ob der schon lang' tot oder verschollen war, und mir kam's schon nicht mehr vor, als ob ich sein Weib überhaupt noch wär'. Aber heiraten konnt' ich doch wohl keinen anderen. Und das sagt' ich dem Toni Pyrker auch. Der war aber anderer Meinung. Solch' eine Eh' sei gar keine mehr, hat er gesagt, und der Sepp sei so gut wie gestorben, und wenn ich nicht als, seine Frau bei ihm bleiben wollt', könnt' ich gar nicht bei ihm bleiben und müßt' wieder fort und könnt' dann mein Zigeunerleben abermals anfangen und zum Sepp zurücklaufen, wenn er noch lebte. Das war nun freilich eine harte Sach', Hochwürden. Denn recht hatte er ja in allem, und wenn wir zusammengeblieben wären und hätten uns nicht geheiratet, wären wir schlecht geworden, so lieb wie wir uns hatten. Und wieder in die Fremde ziehen und arm und heimatlos und verachtet sein, – das wär' auch gar bitter gewesen. Und zum Sepp zurück hätt' ich schon gar nicht gewollt und gekonnt. Da hab' ich den Toni gebeten, er sollt' nach dem Sepp ausschauen gehen und in Erfahrung bringen, ob er noch lebte. Und das hat er auch redlich getan und hat ihn auch wirklich gefunden, wie er gerad' aus dem Spital in Linz gekommen ist, wo sie den verlotterten Menschen noch einmal von seinem Säuferwahnsinn geheilt hatten. Freilich, ein halber Mensch ist er doch nur noch gewesen, und was aus ihm hat werden sollen, hat er nicht gewußt, und an sich geglaubt hat er auch nicht mehr. Da hat ihm der Toni gesagt, er wollt' ihm Geld genug geben, daß er ins Amerika hinüber konnt', wo alle Menschen leicht reich werden und gut leben können, aber er müßt' gleich für immer verschwinden und nie wieder zurückkommen und nie von sich etwas hören lassen, damit es so sei, als wär' er tot, und seine Frau könnt' einen anderen heiraten. Und darauf ist der Windische Sepp auch gern eingegangen, hat alles gelobt, hat das Geld genommen und ist fortgezogen, nach Triest und dann übers Meer. Und dann bin ich dem Toni Pyrker seine Ehefrau geworden.« »Heiliger Gott im Himmel!« rief der Mönch, entsetzt die Hände zusammenschlagend, »der Priester hat Euch zusammengegeben?« »Freilich wohl,« erwiderte die Sägemüllerin dumpf, »freilich wohl. Es sind jetzt sechs Jahre.« »Und Ihr habt niemals Reue empfunden über Eure Tat, Frau?« »Reue?« Die Sägemüllerin starrte vor sich hin. »Ich weiß nicht, Hochwürden. Was hätt' ich denn damals anders tun sollen? Ich konnt' ja nicht anders. Hätt' ich mit dem Sepp in die weite Welt hinausgehen sollen? Damit früher oder später wieder alles so wurde, wie es gewesen war und ich ihm eines Tages wieder davonlief und damit wieder heimatlos und arbeitslos war? Konnt' man das von mir verlangen? Ich glaub', Hochwürden, das hätt' der Herrgott nicht gewollt. Was hab' ich denn gesündigt gehabt, daß ich zeitlebens sollt' an den schlechten Menschen festgebunden sein und nie wieder von ihm los könnt'? Wofür wär' das meine Straf? Und der Sepp hat nach mir auch gar nicht gefragt, und ich hab's nicht eher gewußt, daß er überhaupt noch lebt, als bis er ins Amerika hinüber war, was so viel ist, als ob er gestorben wär'. Für mich war er schon lang' tot. Und dann ist's ja auch nicht gegen seinen Willen geschehen, sondern er war's zufrieden und hat mich dem Toni abgetreten und war froh, daß er das Geld gehabt hat.« Der Mönch blickte diesen Auseinandersetzungen gegenüber immer ratloser vor sich hin. »Es war eine furchtbare Sünde,« murmelte er, »und das ist Euch nicht eher klar geworden als jetzt, wo Euer rechtmäßiger Mann zurückgekommen ist, – in sechs Jahren ist es Euch nicht zum Bewußtsein gekommen?« Aloysia schien zu überlegen. »Als das Kind geboren ist,« sagte sie endlich, »und es ist ein Madl gewesen und kein Bub', wie der Toni sich's doch gewünscht hatte, da hab' ich gemeint, es wär' vielleicht der lieben Gottesmutter doch nicht recht gewesen, was wir getan haben; und als dann kein Kind weiter geboren ist fünf Jahre lang und zuletzt wieder ein Madl, da hab' ich mir nicht anders denken können, als daß die Gebenedeite das zur Strafe für uns geschickt hat, und hab's demütig hingenommen und hab' soviel Rosenkränze abgebetet, daß ich gemeint hab', nun könnt' sie versöhnt sein. Wär' mir auch gewiß nicht auf ein paar geweihte Kerzen oder ein silbern Herz und auf ein Dutzend Messen angekommen, Hochwürden, um die allerheiligste Jungfrau mir wieder gnadenreich zu machen. Aber nun denkt Euch meinen Schreck, als ich mit Euch gestern vor die Haustüre hinaustrete und sehe den windischen Sepp leibhaftig vor mir stehen, und er sieht noch gerade so aus wie damals! Da ist mir's denn freilich in die Glieder gefahren wie ein Blitzstrahl vom Himmel, und ich hab' gemeint, das Strafgericht Gottes kommt schon auf Erden über mich.« »Da habt Ihr recht empfunden,« fiel Innocenz düster ein, »das ist Gottes Strafgericht, das über Euch kommt um Eurer Sünden willen.« Die Sägemüllerin bekreuzigte sich. Dann fuhr sie fort: »In der Nacht hat es an mein Fenster geklopft. Der Lärm hier drinnen im Saal ist noch groß gewesen, aber ich hab' es doch gehört. Es ist ganz die gleiche Art Klopfen gewesen, wie der Sepp es immer in der Gewohnheit gehabt hat, als er noch in Amlach bei mir fensterln gekommen ist. Heiliger Gott, bin ich erschrocken! Und hab' hinausgefragt, wer da ist, während mir das Herz in der Brust gegangen ist wie ein Schmiedhammer. Da hat er gerufen: ›Mach' nur auf! Ich bin's. Wirst meine Stimm' schon noch kennen!‹ Und richtig, der Sepp ist's gewesen. Wie ich's Fenster aufreiß', steht er da und sagt, als wären wir gestern auseinandergekommen: ›Da bin ich wieder! Laß mich ein!‹ Ich hab' geglaubt, er wär' geradewegs aus dem Narrenhaus entsprungen, und sag' ihm das und frag' ihn, was er will und wie er so plötzlich daherkommt. ›Was ich will?‹ schreit er, ›mein Weib will ich, dich will ich!‹ Und nun fängt er an zu reden. Herr Gott im Himmel, was er alles geredet hat! Es wär' ein unehrlicher Handel gewesen, hat er gesagt, der zwischen dem Toni und ihm; mit Geld könnt' man sich keine Frau kaufen und, wem einmal eine Frau gehörte, dem gehörte sie gleich auf Lebenszeit, dafür wären die Gesetze da, und die heilige Kirche ließe es auch nicht anders gelten. Und ein schlechter Kerl wär' er gewesen, daß er damals auf solch' eine Sünd' eingegangen wär'. Aber bereut hätt' er's bald genug, kaum, daß er drüben in Chile angekommen wär', was ein großes Land in Amerika sein soll. Und dann wär' er ein rechtschaffner Mensch geworden und hätt' redlich gearbeitet und hätt' es auch wirklich zu etwas gebracht, und wenn er nicht die ewige Sehnsucht nach unseren Bergen gehabt hätt', wär' alles gut geworden. Die aber hat ihm keine Ruh' gelassen, sagt er, und an mich hätt' er auch immerfort denken müssen, weil wir nun glücklich hätten miteinander leben können, seit er ein ordentlicher Kerl war. Und zuletzt hat er's nicht mehr ausgehalten. Er ist wieder zu Schiff gegangen und ist heimgefahren und hat sich vorgenommen, er will sein Weib mit herüberholen oder wieder hierbleiben, wie sie's am liebsten will, aber ohne sie will er nimmer bleiben. Und da war er nun. ›Sepp‹, hab' ich gesagt, ›das ist gewiß alles gut und schön, und die lieben Heiligen werden eine Freud' an dir haben, daß du jetzt so einer geworden bist. Aber mich kannst nimmer mitnehmen und hierbleiben kannst auch nicht. Denn ich bin dem Toni Pyrker sein rechtmäßiges Eh'weib geworden und hab' zwei Kinder von ihm und leb' glücklich und in Frieden; mit uns Zweien ist's also aus.‹ Da hat er ganz teuflisch aufgelacht, hochwürdiger Herr. Und hat sich mit der Faust vor die Stirn geschlagen und hat geschrien, dann wär' alles umsonst gewesen und er könnt' nun gleich wieder der alte Hallodri werden und sich toll und voll trinken wie früher, denn es helf' ja nun doch nichts, ein ordentlicher Kerl zu sein, und es gäb' ja wohl keinen Gott im Himmel mehr, wenn das hätt' geschehen können. Und so sündhaft-lästerliche Reden hat er mehr geführt. Und dazwischen hat er immer wieder gesagt, der Handel hätt' keine Geltung vor'm Gesetz und vor der heiligen Kirche und, wenn der Pyrker ihm seine Frau nicht gutwillig herausgäb', brächt' er uns ins Zuchthaus und hetzte die Priester gegen uns auf. Ich sollte mir's überlegen, er wollt' mir Zeit lassen. Und damit ist er fortgestürzt.« Dem Mönch war unter der Erzählung der Sägemüllerin immer schwüler zu Sinne geworden. Er hatte es zuletzt auf seinem Platze nicht mehr ausgehalten und war aufgestanden und hatte ein paar Gänge durch das Zimmer gemacht. Immer wieder fuhr er sich mit der Hand durchs Haar und über seine perlende Stirn. Eine Zentnerlast drückte ihm auf die Brust. Was für verwirrende Verhältnisse waren das! In welchen Abgrund mußte er hier blicken! Und diese Menschen, die das göttliche Gesetz mit Füßen getreten hatten, ohne Reue darüber zu empfinden, ohne sich eines Unrechts bewußt zu sein, galten als die frömmsten in der ganzen Gegend, wurden beneidet und geachtet von allen. Der Mann, der das heilige Sakrament der Ehe durchbrochen hatte und mit Geld sein Verbrechen zu sühnen vermeinte, war der Bürgermeister des Ortes. Und wie sollte man gegen die stumpfe Einsichtslosigkeit erfolgreich ankämpfen, mit welcher diese Frau das Geschehene betrachtete? Wo war überhaupt der Ausweg aus einer so unheilvollen Verstrickung? Nebenan schnarchte der Sägemüller noch immer. Er konnte schlafen, während das Strafgericht sich schon über ihm zusammenzog! »Frau,« sagte der Mönch hart, dicht vor der Sägemüllerin stehenbleibend, »Ihr seid eine große Sünderin. Vielleicht wird Euch verziehen werden, weil Ihr nicht wußtet, was Ihr tatet. Darum laßt uns beten. Das aber sage ich Euch kraft meines heiligen Amtes und als ein Verordneter unserer Kirche: Eure Ehe mit Anton Pyrker ist null und nichtig, und Ihr seid nicht sein Weib. Ihr seid einzig das Weib des Mannes, dem Ihr zuerst angetraut worden, denn solche Ehe ist unlöslich und währt bis zum Tode. Wenn Euch der Vater im Himmel, der voll unerschöpflicher Barmherzigkeit ist, auch vergeben mag, was Ihr getan, so Ihr fleißig darum betet und unablässig Buße tut, bei Anton Pyrker dürft Ihr fürderhin nicht bleiben, sondern müßt zu Eurem Ehemann zurückkehren; anderenfalls seid Ihr eine Ehebrecherin, begeht also eine Todsünde. Das ist, was ich Euch allein sagen kann.« Die Sägemüllerin blickte den Sprecher in fassungslosem Erschrecken an. Dann bewegte sie eine Zeitlang den Kopf hin und her, und endlich brach sie in einen entsetzten Ruf aus: »Und meine Kinder? Was wird aus meinen Kindern, hochwürdiger Bruder?« Innocenz zuckte zusammen. Seine Stirn hatte sich in düstere Falten gelegt. »Eure Kinder sind außerehelich geboren,« sagte er mit harter Bestimmtheit. »Laßt sie dem Sägemüller oder nehmt sie mit in Eure rechtmäßige Ehe, – das zu verordnen ist meines Amtes nicht. Am besten wird es sein, weiht diese Kinder der Sünde dem gekreuzigten Heiland und übergebt sie dem Kloster. So wird der schwere Makel ihrer Geburt von ihnen genommen werden.« Über die Frau, die bis dahin stumpf und schmerzvoll erschüttert in ohnmächtiger Hilflosigkeit dagesessen hatte, schien plötzlich ein neuer Geist gekommen zu sein. Sie fuhr kerzengerade von ihrem Schemel empor, und ihre Augen funkelten den Mönch feindselig an. »Sündkinder wären das?« brach es mit mühsam verhaltener Empörung von ihren Lippen. »Sündkinder? Ich hab' sie in Ehren geboren, Hochwürden, weil ich mit dem Toni Pyrker in der Kirch' vor dem heiligen Altar bin getraut worden. Und dem Vater sollt' ich sie lassen, wo sie doch an erster Stell' immer zur Mutter gehören? Oder der Sepp sollt plötzlich ihr Vater sein, der keine Lieb' zu ihnen haben kann? Das eine kann nicht sein und das andere auch nicht. Und ob ich die kleinen Hascherl einmal ins Kloster tu', davon kann heut' noch keine Red' sein. Zur Mutter gehören sie jetzt, soviel steht fest. Und weil ich mit dem Toni verheiratet bin, bleib' ich auch bei ihm, daran ist nichts mehr zu ändern.« »Dann ist mein Amt hier zu Ende,« sagte Innocenz strenge. Die Sägemüllerin versank wieder in ihr dumpfes Brüten. Der Mönch hatte gehen wollen, nun wandte er sich doch noch einmal zu ihr, denn sie erregte sein heftiges Mitleid, und seine eigene Seele war von den widerstreitendsten Empfindungen zerrissen. »Bedenkt es in Ruhe und geht mit Eurem Gewissen zu Rate!« sagte er mit durchklingendem Erbarmen. »Ich will Euch in dieser schweren Stunde nicht drängen. Vor allem beratet Euch mit Eurem Manne, – mit Anton Pyrker will ich sprechen. Und denkt dessen, was ich Euch im Namen unserer heiligen Kirche gesagt habe, und woran nichts zu wandeln ist. Wenn Ihr meiner bedürft, so kommt zu mir. Ich will Euch in allen Dingen beistehen, wie ich kann, und Euch helfen, diesen furchtbaren Kampf siegreich zu Ende zu führen nach Gottes unverbrüchlichem Gebot. Lebt wohl. Der Allmächtige erleuchte Euch!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über die schweigend Verharrende und ging in tiefster Seele erschüttert hinaus. Das Bewußtsein, hier keinen Trost gespendet zu haben, keinen Trost spenden zu können, lag schwer auf ihm. Zum ersten Male hatte er gesprochen, wie es seine priesterliche Pflicht ihm gebot, ohne daß seine Worte mit dem in Einklang gestanden hätten, was sein eigenes Herz ihm eingab. Dieser Konflikt bedrückte ihn wie ein drohendes Unheil, das über seinem Leben heraufzog. Als er an der Sägemühle vorüber dem Pfarrhause zuschritt, hörte er immer noch die Atemzüge des schlafenden Mannes und dazwischen das leise Wimmern des Kindes. Oben auf der Brücke über dem großen Rade aber stand Hamerl, im Begriff, das Wehr aufzuziehen und das Triebwerk in Bewegung zu setzen. Er warf dem davonschreitenden Mönch einen argwöhnisch-finsteren Blick nach. V Innocenz lag in heißem Ringen vor seinem Betschemel, als es an seiner Tür pochte. Er war kaum verwirrt emporgefahren, als zu seinem Erstaunen der Pfarrer Aloys Antholzer bei ihm eintrat. Es war das erstemal, daß derselbe ihn aufsuchte, und sichtlich befand er sich in einer bei ihm auffallenden Erregung. Er kam in Hemdärmeln, so wie er von der Hobelbank aufgesprungen war, und hielt ein aufgerissenes Schreiben in der Hand, dessen Siegel noch an kleinen bunten Schnüren herabhingen. »Dies ist mir vor einer Stunde durch einen besonderen Boten überbracht worden,« sagte er, und in seinen Worten klang noch immer die Nachwirkung eines so unerhörten Ereignisses, »nun ist endlich klar, weshalb man Euch hierher gesandt hat.« Er ließ sich auf den einzigen Sessel in der Kammer nieder und starrte in das Blatt, als ob er den Inhalt desselben immer noch nicht recht begriffen habe. »Weshalb man mich hierher gesandt hat?« wiederholte Innocenz, der sich nur langsam von seiner Verwirrung losmachte. »Ich denke, darüber hat nie ein Zweifel bestanden.« Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Wenn Ihr nicht zur Strafe hierhergesandt wurdet, begriff ich's nicht. Keiner könnt' es begreifen. Nun steht's da.« Er schlug mit der Hand auf das Papier. »Die Gräfin Karditsch sollt Ihr bekehren, das ist Eure Mission hier. Mir traut man's natürlich nicht zu und unserem Bruder Ladurner ebensowenig. Da ist ein Spezialgesandter notwendig geworden, und natürlich hat man einen Mönch geschickt, einen vom Benediktinerorden. Die gelten als die weltgewandtesten, seit die Jesuiten in schlimmen Ruf gekommen sind und leicht Argwohn erregen. Um es nun unauffällig zu machen, hat man Euch selber im unklaren gelassen über Eure Aufgabe hier, bis die Zeit gekommen war, wo Ihr sie erfahren mußtet und Land und Leute kennengelernt hattet. Daß ich alt und gebrechlich bin, gab den besten Vorwand, Euch hierher zu senden. Uneingeweihte konnten keine geheimnisvollen Zwecke hinter dieser Sendung wittern. Und nun sollt Ihr Euch des Vertrauens, das Eure Oberen in Euch gesetzt haben, würdig erweisen, Bruder Innocenz.« Der Mönch hatte mit steigender Verwunderung zugehört, wie der Pfarrer das alles, immer in das Schreiben blickend, das er entfaltet vor sich in den Händen hielt, abgebrochen hervorstieß, allmählich wieder mehr und mehr in seinen müden Stumpfsinn zurückfallend. Er hatte in der Tat von einer solchen Mission, die ihn hierher geführt, keine Ahnung gehabt, und der Gedanke an die ernste und hohe Aufgabe, die ihm anvertraut werden sollte, erfüllte ihn mit einem stolzen Dankesgefühl. War es nicht eine Fügung des Himmels, daß er gerade jetzt ein so verantwortungsvolles Amt zugewiesen erhielt, wo er sich dem unseligen Weibe in der Sägemühle gegenüber ohnmächtig und hilflos gefühlt hatte? War es nicht, als sollte er in einem heiligen Glaubenskampfe, in den man ihn aussandte, und in dem er alle Kraft seiner Überzeugung, alle heißatmige Beredsamkeit seines Priesteramtes als Bundesgenossen aufrufen mußte, das verlorene Gleichgewicht seiner Seele wiederfinden und mit neuer Stärke, neuer Zuversicht, Klarheit und Ruhe sich durchdringen lassen? Wahrlich, der liebreiche Gott meinte es wohl mit ihm und gab ihm ein sichtbares Zeichen der Gnade, damit er nicht verzage oder schwach werde, sondern alle jäh aufgestiegenen Zweifel niederkämpfe in siegesgewisser Begeisterung für die heilige Sache. »Die Gräfin Karditsch ist Protestantin?« fragte er. »Wie ist das möglich? Die Grafen Karditsch sind ja ein uraltes krainisches Feudalgeschlecht, das von jeher zu den festesten Stützen unseres Glaubens gehört hat. Angehörige desselben haben hohe geistliche Würden bekleidet.« Der Pfarrer zuckte die Achseln. »Eben deshalb ist ihr Ketzertum für die Kirche solch ein Stein des Anstoßes, und sie soll um jeden Preis bekehrt werden. Der Graf selber wünscht nichts sehnlicher als das und läßt Euch alle Freiheit – aber lest doch selber!« Er reichte ihm das Schreiben. »Es ist vertraulich,« sagte der Mönch zögernd. Aloys Antholzer machte eine gleichgültig-wegwerfende Handbewegung. »Also darf ich darüber schalten, wie ich will. Lest nur!« Innocenz las. Es ergab sich aus dem ausführlichen Schreiben, daß Graf Karditsch, der letzte Sprosse eines altangesehenen Geschlechtes, das in Krain ausgedehnte Güterkomplexe, ein Haus in Wien und ein Jagdschloß auf der Lahn in Tirol besaß, vor etwa sechs Jahren eine Dame aus protestantischer niederösterreichischer Adelsfamilie, die Freiin Donata Weylburg, geheiratet hatte. Die Vermählung war sowohl nach protestantischem wie nach katholischem Ritus vollzogen worden, da ein Übertritt der Verlobten zum katholischen Glauben nicht hatte erreicht werden können. Sie hatte ihrem Bräutigam auf dessen inständiges Drängen zwar das Versprechen gegeben, zu seiner Religion überzutreten, sobald sie zu der Überzeugung gelange, daß sie dies ohne Gewissensskrupel und ohne Heuchelei über sich vermöge; sie hatte auch die Besuche des gräflichen Beichtvaters geduldet und war bereitwillig auf dessen religiöse Gespräche und seine Erläuterungen der katholischen Glaubensnormen eingegangen, aber nur um dem Grafen danach zu eröffnen, daß sie bei ihrem eigenen Glauben bleiben müsse. Ein späterer Versuch, der nach der Verehelichung auf dem krainischen Stammgut durch den Ortsgeistlichen stattgefunden hatte, war ebenso fehlgeschlagen, trotzdem die Gräfin sich damals Mutter gefühlt hatte und bei der Heirat das Versprechen abgegeben worden war, die der Ehe entstammenden Kinder in der katholischen Konfession erziehen zu lassen, ein Versprechen, ohne welches die katholische Kirche bei der Vermählung des Paares ihre Mitwirkung überhaupt versagt haben würde. Der bald darauf geborene Knabe war denn auch in den Schoß der katholischen Kirche aufgenommen worden, die Gräfin aber hatte bei ihrem Ketzertum beharrt, und es hatte nicht ausbleiben können, daß infolgedessen allmählich eine Entfremdung zwischen den Gatten eingetreten war, welche dem Grafen den dringenden Wunsch nahelegte, doch noch früher oder später bei seiner Gemahlin das heißersehnte Ziel zu erreichen. Zu diesem Behuf hatte er dieselbe in Begleitung seiner Mutter, der Gräfin Theodora, nach Schloß Peutelstein auf der Lahn gesandt, wozu die neuerdings geschwächte Gesundheit derselben einen willkommenen Vorwand geboten, weil ihm die Stille und Erhabenheit des einsamen Hochgebirges als der geeignete Boden erschienen war, auf welchem die Einkehr bei sich selber und die Erkenntnis des wahren Heiles der Seele ihr gedeihen konnte. Zugleich aber hatte er durch den ihm befreundeten Bischof Ermeling in Villach die Beihilfe der Kirche erbeten und dafür in Aussicht gestellt, im Falle der Bekehrung seiner Gemahlin dem der Jurisdiktion des Bischofs unterstehenden Benediktinerkloster zu Greifenburg eine reiche Schenkung an Bargeld und Immobilien zu übermachen, welche für alle Zeiten als sichtbarer Ausdruck seiner Erkenntlichkeit gelten konnte. Daraufhin war der Bruder Innocenz als ein glaubenseifriger Streiter für die heilige Sache des Katholizismus auserwählt worden, um das Werk, dessen Gelingen nicht nur der Kirche zu Ehr und Nutzen, sondern auch einer irrenden Menschenseele zum wahren Heil verhelfen sollte, zu vollbringen unter dem gnädigen Beistand des dreieinigen Gottes. Dem Pfarrer Antholzer wurde aufgegeben, dem Mönch, den man ohne Kenntnis der Aufgabe, deren Lösung man von ihm erwartete, ausgesandt hatte, um seine Seele nicht vorzeitig mit Besorgnis zu beschweren, die Wege zu ebnen und ihm in allen Stücken als Helfer und Berater zu dienen. Da die Gräfin Theodora Karditsch eine eifrige Anhängerin der heiligen Kirche und überdies in die Mission des Bruders Innocenz eingeweiht sei, ständen der Einführung desselben auf Schloß Peutelstein keinerlei Schwierigkeiten im Wege. »Nun?« fragte der Pfarrer, als Innocenz ihm das zusammengefaltete Schreiben wieder zurückreichte. »Ich werde noch heute nach Schloß Peutelstein hinübergehen,« versetzte der Mönch. Damit war die Unterredung zwischen den beiden, die sich nie viel zu sagen wußten, zu Ende. Aloys Antholzer hatte die Erregung, in welche ihn das Erscheinen eines Expreßboten mit dem bischöflichen Schreiben versetzt hatte, schon wieder völlig überwunden, und sein Gesicht zeigte den nämlichen müdleeren Ausdruck wie immer, als er gleichgültig nickend die Kammer des Mönches verließ. Nach der Mahlzeit, an der jetzt Resi immer teilnahm, und die völlig schweigsam zu verlaufen pflegte, machte Innocenz sich auf den Weg. Das Gefühl dumpfer Ratlosigkeit und bangen Zweifels, mit dem er heute morgen aus der Sägemühle heimgekommen war, hatte einer heißen Kampffreude Raum gemacht, welche ihm die Seele schwellte. Er war durch das Vertrauen, das seine Oberen ihm zollten, und durch den Reiz seiner erhabenen Aufgabe wie über sich selber hinausgehoben. Die Gräfin hatte er seit jener ersten seltsamen Begegnung nicht wiedergesehen und nicht geahnt, daß er ihr noch einmal so werde gegenübertreten müssen, wie es nun seine heilige Mission von ihm verlangte. Seit er wußte, daß sie eine Ketzerin war, begriff er erst, was ihm in ihrem Wesen damals befremdlich aufgefallen war. Sie stand der Kirche feindlich gegenüber und achtete diejenigen nicht, die sich ihre Diener nannten. In ihm aber lebte eine unerschütterliche Zuversicht, daß es ihm gelingen werde, dies schöne Weltkind auf den Pfaden des Glaubens in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen und durch solch heiligendes Werk sich selbst die Seele von allen Zweifeln und von aller Lässigkeit im Glauben wieder rein zu baden. Nie war er mit feurigerer Entschlossenheit an die zu lösende Aufgabe herangetreten. Der Weg zum Schlosse führte ihn an den wild zerklüfteten Hängen des Roßkamms entlang durch eine öde, trümmerbedeckte Felslandschaft. Plötzlich aber geriet er an einer Pfadkrümmung mitten in ein Walddickicht. Prächtige, pyramidenartig geformte Lärchen, deren helles Grün sich von dem lichtgrauen Gewände abhob, klommen hier an den ragenden Höhen empor und verdeckten mit den sich im Wind gegeneinander neigenden Wipfeln jeden Ausblick in den Himmel hinauf. Hier murmelte ein Bach zwischen übermoostem Gestein, und Vögel schmetterten im Gezweig. Es war wie eine andere Welt voll freundlicher Anmut, die mitten in diese hehre Großartigkeit hineinversetzt worden war. Nach hundert Schritten ragte unter den Bäumen das schmucke, steinerne Forsthaus auf, und eine Weile später erblickte man drüben zwischen den Stämmen hindurch unter den ragenden Zacken der Dolomiten das Jagdschloß Peutelstein. Von hier aus gesehen erregte es nicht den Eindruck des Lockenden und Lebensfreudigen wie damals, als der Mönch es durch die Felsenge auf seinem ersten Wege in das Reich der Dolomiten in Begleitung der alten Wurzin von Moosbrunn geschaut hatte, es lag vielmehr düster und drohend unter einem grauen, wolkenüberflatterten Himmel da, ein trotziger Quaderbau, der den Gefahren dieser Felsenwildnis die Stirn bieten zu wollen schien. Dazu regte sich nirgends Leben in seiner Nähe. Das Jagdschloß war der einst hochberühmten, talsperrenden Veste gleichen Namens nachgebildet worden, an deren Entstehung im neunten Jahrhundert sich mancherlei unverbürgte Sagen knüpften, und die in den Kämpfen deutscher Kaiser mit der Republik Venedig mehrfach eine geschichtlich merkwürdige Rolle gespielt hatte, bis sie endgültig zu Tirol gekommen, dann vernachlässigt, verfallen und schließlich vom Erdboden verschwunden war. Die Laune eines reichen Feudalherrn, dem hier weite Jagdgründe zu eigen waren, hatte das Schloß nach noch erhaltenen alten Zeichnungen ins Leben gerufen und dann einem friedlicheren Zwecke geweiht, als zu dem sein Vorbild in eisernen Zeiten gedient hatte. Als Innocenz sich dem Bau näherte, schlugen zwei Hunde, die vor dem Portal an der Kette lagen, ein wütendes Gekläff an. Ein Diener trat daraufhin aus einer zur Rechten befindlichen Loge und fragte den Ankömmling ehrerbietig nach seinem Begehr. Als er erfahren hatte, daß derselbe die Gräfin-Mutter zu sprechen wünsche, geleitete er ihn unter der Mitteilung, daß dieselbe sich augenblicklich zur Mittagsruhe zurückgezogen habe, in Kürze aber wieder erscheinen werde, durch den läuferbelegten, kellerluftigen Steinkorridor des Schlosses in ein zu ebener Erde gelegenes Gemach, in dem er ihn zu warten bat. Dann zog er sich wieder zurück, die Tür geräuschlos hinter sich zudrückend. Innocenz befand sich in einem mit verschwenderischem Luxus ausgestatteten Boudoir, wie er es hinter diesen düster-ernsten Steinmauern niemals vermutet hätte. Sein Schritt erstarb hier lautlos in dem weichen Teppich, der den ganzen Boden des Gemaches bedeckte, und der dunkle Ton, in dem die Farbe der Wände wie der Möbel gehalten war, erregte den Eindruck vornehmer Stille. Alles zeugte hier von feinem Geschmack und gediegenem Reichtum, und es war, als ob der Gegensatz zu der starren Gebirgsöde draußen mit voller Absichtlichkeit reizvoll hervorgekehrt worden sei. In einem Glasschrank von schwarzem Ebenholz, dessen Tür halb geöffnet war, standen mehrere Reihen von Büchern. Innocenz konnte sich nicht verhehlen, daß es ihn gelockt haben würde, darunter zu wählen. Als er näher herantrat, um wenigstens unter den Titeln Umschau zu halten, gewahrte er erst ein Bild in breitem Goldrahmen, das über dem Samtdiwan an der Wand hing. Als er zu ihm aufblickte, erschrak er heftig. Es war ein Breitbild, das in einer lieblichen Landschaft zwei weibliche Gestalten an einem Brunnenbecken gelagert darstellte, beide von unbeschreiblichem Liebreiz umflossen; aber während die zur Rechten Sitzende sittig gekleidet war, dehnte die andere in herrlicher Nacktheit ihre Glieder am Rande des Beckens. Goldenes Haar wogte ihr fessellos über den Nacken herab, und in vollendeter Grazie der Bewegungen schien sie der Gefährtin mit der Hand die lachende Schönheit des Lebens um sie her zu weisen, ohne sich ihrer Nacktheit bewußt zu sein. Wie ein berauschender Traum wehte das Bild den gebannten Betrachter an. Er stand wie in eine andere Welt entrückt, und sein Auge konnte sich an der vollkommenen Harmonie dieser Glieder, an dem Farbenreiz der leuchtenden, siegesgewissen Schönheit dieses Wunderwerkes nicht satt trinken. Wie eine neue Erkenntnis ging sie ihm plötzlich auf. Daß er da ein nacktes Weib vor sich sah, wußte, empfand er gar nicht. Er schwelgte nur in dem entzückenden Gleichmaß dieser Linien, in dem glanzvollen Zauber dieser Farben. Das also war die Kunst! Nun kannte, nun verstand er sie plötzlich. Und ein seliger Gedanke, ein Bangen vor etwas Übergewaltigem rieselte ihm durch die Glieder. Neulich in der St. Ulrichskapelle hatte er nur erst geahnt, welch eine Wunderwelt sie umschloß und vor ihm auftun könnte, heute, hier wußte er es, bebte es in jedem seiner rascheren Herzschläge nach, kreiste es in jedem Blutstropfen. Und noch ein anderes begriff er, während er immer noch dastand und seine Blicke in das Niegeschaute versenkte: der Maler, der in der Ulrichskapelle die Felslandschaften auf die Wand gezaubert hatte, und der Schöpfer dieses Bildes hier waren entweder ein und dieselbe Person, oder sie waren doch beide von dem gleichen Geiste durchdrungen gewesen und gehörten der gleichen geistigen Umgebung und dem gleichen Lande an. Denn etwas unzweifelhaft Verwandtes sprach aus den Kunstschöpfungen dort und hier; nur daß dort geahnt und gewollt war, was hier zur herrlichsten Vollendung gediehen war, daß dort ein Jünger die Kunst zu verwirklichen versucht hatte, was hier ein Meister in ihr auf der blühenden Mittagshöhe seines Wollens und Könnens mit sieghafter Sicherheit geschaffen. Der Mönch kannte seinen Namen nicht, aber er wußte, daß es einer der leuchtendsten sein müsse, die je am Himmel der Kunst gestrahlt hatten und die man in Äonen nicht auszusprechen verlernen würde. Und in dieser Kunst, deren vollkommenster Ausdruck ihm hier vor Augen trat, wollte er selber mit stümpernder Hand dem großen, unbekannten Meister nachzueifern versuchen? Welch törichte Vermessenheit war das! Wenn nirgends sonst, hier mußte er seine Ohnmacht ja wohl fühlen. Und doch wollte der heiße Drang in ihm nicht still werden, auch jetzt hier nicht. Im Gegenteil: es war, als ob er nur neue, bis dahin unbekannte Kräfte in sich hinüberströmen fühlte. Ein brennender Ehrgeiz war in ihm erwacht. In seiner Seele gärte und wogte es ungestüm. In seiner Versunkenheit hatte der Mönch nicht gewahrt, daß die Türe eines Nebengemaches leise aufgegangen war und eine hohe, dunkle Frauengestalt unter dem Rahmen derselben erschien, die jetzt einen düster-erstaunten Blick auf den Mann im Mönchsgewande warf, der da in stummer Andacht vor dem Bilde stand. Sie konnte seine Züge von hier aus nicht erkennen, sondern sah nur seine hohe, vornehme Gestalt, die das dunkle Klostergewand trefflich kleidete. Sie bot in ihrem schlichten, hoch am Halse schließenden schwarzen Seidenkleide ein Bild fast klösterlicher Einfachheit und Strenge. Eine schwarze Spitzenhaube umschloß das dünne, graue, dicht anliegende Haar. Das Antlitz darunter wies unverkennbare Spuren einstiger hoher Schönheit auf; jetzt waren die Züge starr und ehern in ihrer Regelmäßigkeit, und der Ausdruck des Gesichts düster und herb. Die grauen Augen unter einer ungewöhnlich hohen, leise gefurchten Stirn blickten finster, ein Zug von Unerbittlichkeit lag um die Mundwinkel ausgeprägt. Die vornehme, königliche Erscheinung der Frau erregte den Eindruck des Unnahbaren; sie sah aus, wie wenn sie, gleich einer Niobe, in ihrem Schmerze versteinert sei. Nur manchmal lohte in der Tiefe ihrer Augen ein Strahl auf, der eher auf religiösen Fanatismus, von dem ihr ganzes Wesen beherrscht war, hinzudeuten schien, als auf eine durch irdisches Weh hervorgerufene Erstarrung aller weicheren Regungen ihres Innern. Als der Mönch sich bei einem durch ihr Weiterschreiten verursachten Rauschen ihres Kleides jählings umwandte, flog ihm eine heiße Röte über das Antlitz hin. Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, daß die Gräfin seine andächtige Versunkenheit diesem Bilde gegenüber falsch deuten könne, und zornige Scham über sich selber stieg ihm in Wangen und Schläfen. Mit der Gräfin aber war eine merkwürdige Veränderung vorgegangen, als der Mönch ihr sein Gesicht jetzt voll zugekehrt hatte. Sie schrak sichtlich zusammen, fuhr sich mit der Hand nach der Stirn und stammelte zusammenhanglos: »Wer sind – wie kommen Sie? – Heiliger Gott!« Sie lehnte sich einen Augenblick völlig fassungslos gegen die Wand zurück; die Hand auf ihr Herz gepreßt, todesbleich, halbgeschlossenen Auges. Dann hatte sie den jähen Anfall überwunden, und während Innocenz sie stumm-erschrocken anblickte, sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln: »Verzeihen Sie mir, – eine merkwürdige Ähnlichkeit, die mir so unvermutet entgegentrat, – Sie sind der hochwürdige Bruder, den das Kloster Greifenburg uns heraufsendet, nicht wahr?« Der Mönch verneigte sich ehrerbietig. »Bruder Innocenz,« sagte er, die dargebotene, noch immer schöne und wohlgepflegte Hand der Gräfin flüchtig berührend. Die Nennung dieses Namens schien abermals eine sonderbare Wirkung auf die Gräfin auszuüben, denn sie verfärbte sich wiederum; aber ihre Worte klangen jetzt ganz ruhig und gemessen, als sie den Mönch bat, Platz zu nehmen, und dann, als sie sich gegenübersaßen, begann: »Sie wissen, welche Aufgabe Ihrer hier wartet, Hochwürden?« Der Mönch bejahte mit einer Verneigung, und sie fuhr fort: »Ich halte es für meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es kein leichtes Werk ist, zu dessen Vollendung Sie berufen worden sind, Hochwürden – im Gegenteil.« »Ich weiß es und um so mehr reizt es mich, es dennoch zu vollbringen.« Innocenz sagte das mit wiedergewonnener Festigkeit, während die Gräfin düster vor sich hin und an ihm vorüber blickte. »Darf ich fragen, ob die Gräfin Donata als Ketzerin nur unserem heiligen Glauben oder ob sie aller Religion überhaupt feindlich gegenübersteht? Ist sie eine starre Protestantin oder eine Zweiflerin?« »Ich fürchte, sie ist eine Zweiflerin.« »Das erleichtert meine Aufgabe wesentlich. Haben Sie aber die Güte, mir einiges Nähere über ihre Neigungen und Gewohnheiten mitzuteilen. Ist die Gräfin ein eitles, gefallsüchtiges Weltkind oder ist sie tieferen und heiligeren Regungen zugänglich?« Gräfin Theodora Karditsch starrte, die Stirn in die Hand gestützt, zu Boden. »Es ist mir schwer, darauf zu antworten,« sagte sie kalt. »Sie ist die Gattin meines Sohnes. Aber ich darf vor dem Vertreter unserer Kirche kein Geheimnis bewahren, und es gilt einem heiligen Zweck. Gräfin Donata ist allem religiösen Leben völlig abgeneigt, sie besucht auch ihre eigene Kirche nicht. Ihr oberflächlicher Sinn findet nur Genuß und Befriedigung, wenn es sich um sogenannte künstlerische Anregungen handelt; sie schwärmt für das Theater, für Bilder, Statuen und Bücher, – Bücher, wie sich von selbst versteht, die einen Sinnenkitzel ausüben, wohl gar der Religion und der Sittlichkeit Hohn sprechen. Sie ist leichtlebig und steht ganz unter den Einflüssen modern-freigeistiger Anschauungen, wie sie in protestantischen Kreisen so häufig zu finden sind. Dabei ist sie eine Mutter, die ihr Kind abgöttisch liebt, – sich zum wenigsten den Anschein gibt, es so zu lieben. Die Gefahr einer Einwirkung auf den künftigen Grafen Karditsch in ungewünschter Richtung liegt begreiflicherweise um so näher, und es ist hohe Zeit, ihren Sinn auf das Bleibende, das Göttliche zu lenken.« Innocenz hatte aufmerksam zugehört. Die Schilderung der Gräfin Donata entsprach dem Bilde, das er selber aus jener einzigen Begegnung mit ihr gewonnen hatte, doch nicht ganz. Ihre wortlose Versunkenheit angesichts der zauberhaften Lichteffekte, welche der scheidende Tag auf der Riesenmauer des Monte Valdena hervorrief, der Umstand, daß sie den einsamen Platz im wilden Gebirg aufgesucht hatte, nur um sich daran weiden zu können, redeten nicht für einen oberflächlichen Sinn. Die Erwähnung der künstlerischen Interessen der jungen Gräfin hatte ein flüchtiges Rot auf das Antlitz des Hörers gerufen. Zwischen der kalten, strengen Natur der Sprecherin und der warmblütigen, jugendfrohen ihrer Schwiegertochter mochte allerdings ein unüberbrückbarer Abgrund klaffen, aber so wenig sich Innocenz von der harten Schroffheit dieser alten Frau angezogen fühlte, so vorurteilslos nahm er sich vor, der Gräfin Donata entgegenzutreten, um sie im offenen und ehrlichen Kampfe, ohne ihrer innersten Natur Fesseln anzulegen, für die gute Sache zu gewinnen. Noch eine Frage schwebte ihm auf den Lippen, und nun tat er sie zögernd. »Nach allem, was Sie mir da mitteilen, Frau Gräfin, werden Sie vielleicht mein Erstaunen darüber nicht verdammen, daß Graf Alexander Karditsch diese Verbindung überhaupt geschlossen hat –« Gräfin Theodora nickte leise vor sich hin, während ein unsäglich bitteres Zucken um ihre Mundwinkel ging. Wie in eine weite Ferne hinausblickend, erwiderte sie: »Solch eine Frage legt man uns, die wir auf den Höhen des Lebens wandeln, nicht vor, Pater Innocenz. Man darf sie gekrönten Häuptern gegenüber nicht tun, und auch in unseren Regionen gibt es tausend Antworten darauf – oder keine. Aus welch verschiedenen Rücksichten werden denn unsere Ehen geschlossen! Sie sind alle gleich zwingend oder gleich nichtig, je nach dem Standpunkt, den man dazu einnimmt. Übrigens liebte Graf Alexander seine Gattin.« »Und die Ehe hat ihr Glück eingebüßt, weil die Verschiedenheit der religiösen Anschauungen die Gatten innerlich entfremdete? Nur deshalb?« »Ja,« sagte die Gräfin nach kurzem Zögern. Dann trat eine Pause ein, bis sie, sich erhebend, hinzusetzte: »Ich will Sie jetzt meiner Schwiegertochter zuführen, Pater Innocenz. Auch mit unserem Hauskaplan, dem langjährigen Beichtvater der Familie, welcher durch meinen Sohn wieder zum Erzieher des kleinen Ronald bestimmt worden ist, möchte ich Sie bekannt machen. Pater Pius ist erst seit gestern hier und wird sich glücklich schätzen, Ihnen die Hand drücken zu können. Kommen Sie! Wir werden die Gräfin voraussichtlich drüben in ihrem Boudoir finden.« Sie schritt ihm voraus und Innocenz folgte schweigend. Sie durchwanderten ein paar gleichfalls üppig ausgestattete Gemächer, die sich an dasjenige schlossen, in welchem sie geweilt hatten, kamen dann an der Schloßkapelle vorüber, in die Gräfin Theodora den Mönch einen Blick tun ließ, ohne daß er Zeit fand, das Altarblatt derselben zu betrachten, und gelangten endlich an ein Zimmer, an dessen Flügeltür die Gräfin pochte, um danach, ohne den Hereinruf abzuwarten, dieselbe rasch zu öffnen. Man hatte von draußen helles Kinderlachen vernommen, durch welches das Klopfen übertönt sein mochte. Als die beiden eintraten, bot sich ihnen ein anmutiger Anblick. Gräfin Donata lehnte in einem Fauteuil, ihren fünfjährigen Knaben, ein bildhübsches, braunlockiges Kind, auf den Knien und ließ sich von dessen kleinen Händen einen Alpenrosenkranz aufs Haar setzen. Dem Kleinen gelang es sichtlich noch nicht ganz nach seinen Wünschen, und er hatte das schöne, goldblonde Haar seiner Mutter arg dabei zerzaust. Nun hing es ihr wirr um die Stirn, und die großen, klaren Augen blickten wie durch einen goldigen Schleier darunter hervor. In leichter Verwirrung sprang sie auf, als die beiden eintraten, und warf das Haar mit einer ungezwungenen Bewegung in den Nacken zurück. Dann nahm sie den Knaben, der sich verschüchtert an ihr Kleid schmiegte, bei der Hand und kam, den Kranz rasch auf seinen Kopf drückend, der Gräfin-Mutter mit ruhiger Freundlichkeit entgegen. Ihr Gesicht war von leichter Röte überflammt, als sie, ihre Hand ausstreckend, sagte: »Verzeihen Sie, Mama, ich hörte Sie nicht klopfen. Ronald war übermütig und steckte mich an.« Sie hatte auch den sich verneigenden Mönch mit unbefangener Höflichkeit begrüßt, und als Gräfin Theodora ihn jetzt ihr vorstellen wollte, fiel sie, auch ihm die Hand bietend, ein: »Oh, wir kennen uns bereits.« Gräfin Theodora blickte befremdet auf Innocenz, der nun in leichter Verlegenheit stotterte: »In der Tat, ja. Ich vergaß, Ihnen vorher mitzuteilen, daß die Frau Gräfin schon einmal die Güte hatte, einen in der Bergwildnis verirrten Wanderer auf den richtigen Weg zu weisen.« Er verneigte sich noch einmal dabei mit vollendetem Anstand, die Hand der Gräfin Donata flüchtig berührend. Es war ihm selber seltsam, daß er jetzt und hier auf ihre gemeinsame Betrachtung jenes erhabenen Sonnenuntergangs-Schauspiels von damals mit keinem Wort eingehen mochte, das war wie ein Geheimnis zwischen ihnen beiden. Gräfin Theodora nickte gleichgültig. »Pater Innocenz ist als Vikar in St. Ulrich tätig, liebe Donata,« sagte sie, »und ich hoffe, er wird jetzt ein häufiger Gast unseres Hauses sein. Sie werden sicherlich im Sinne Alexanders handeln, wenn Sie ihm den Aufenthalt auf Peutelstein angenehm machen.« Donata erwiderte nur mit einer leichten Kopfneigung. Dann setzte man sich. Der Kaffee wurde serviert, eine gleichgültige Unterhaltung über naheliegende Gegenstände begann. Währenddessen hatte der Knabe ganz still am Sessel seiner Mutter gelehnt, deren Arm sich hin und wieder zärtlich um seinen Nacken schlang, und einen Finger im Munde, mit seinen großen, verwunderten Augen den fremden, schwarzen Mann betrachtet. Sein blasses, feines Gesicht, das ganz von den sonderbar schimmernden, fast schwermütig zu nennenden Augen beherrscht wurde, glich dem der Mutter auffallend. Als Innocenz ihn freundlich zu sich heranziehen wollte, sah er erst ängstlich zu Donata auf, als diese aber ermutigend ihm zunickte, ging er ganz tapfer auf den Mönch zu, schmiegte sich zwischen dessen Knie und fragte, zu ihm aufblickend, während Innocenz ihm übers Haar hinstrich: »Weshalb hast du solch schwarzes Kleid an? Ich dächte, solch schwarze Kleider hätten nur alte Leute an, solche mit weißen Haaren, wie Pater Pius.« Innocenz versuchte lächelnd ihm zu erklären, weshalb er das mönchische Gewand trage. Aber Ronald schüttelte eigenwillig den Kopf. »Es ist aber nicht schön. Ich möchte dich viel lieber in einem anderen Kleid sehen.« »Das verstehst du nicht, Kind,« sagte Donata verweisend. Gräfin Theodora jedoch fiel strenge ein: »Ronald wird unbescheiden. Sie verwöhnen ihn zu sehr, Donata.« »Er ist so kränklich und zart,« fiel die junge Mutter entschuldigend ein, »man muß ihm manches nachsehen.« Ihr Auge ruhte mit banger Sorge auf dem schönen Kinde. Gräfin Theodora verneinte mit einem entschiedenen Kopfschütteln die letztere Behauptung, während Innocenz, den Knaben streichelnd, fragte: »Gibt er Ihnen Anlaß zur Sorge, Gräfin? Unsere Luft wird ihm wohltun.« »Wenn sie nicht zu scharf und rauh für ihn ist,« erwiderte Donata mit einem Anflug von trüber Bitterkeit. »Ich fürchte, diese hohe Luft ist nur für ursprünglich starke Konstitutionen geschaffen, schwache greift sie an und reibt sie auf. Ronald ist, seit wir hier sind, immer zarter und hinfälliger geworden. Er ist eine Pflanze, die ins Treibhaus gehört, wenn sie gedeihen soll.« Ein dunkler Schatten hatte sich während ihrer Worte zwischen den Augenbrauen gezeigt. Gräfin Theodora warf mit verächtlichem Lächeln die Oberlippe auf. »Sie gefallen sich in solchen Hirngespinsten, liebe Donata. Sie wissen, daß Doktor Kunatter die Hochgebirgsluft für Ronald dringlich empfohlen hat.« »Nur daß ich zu diesem alten Dorfarzt, der allen Einflüsterungen zugänglich ist, nicht das geringste Vertrauen habe. Er verordnet stets, was er erwünscht und willkommen weiß. Übrigens kann auch der gescheiteste Arzt sich irren. Und die Tatsache, daß Ronald hier an Kräften verliert, statt zu gewinnen, ist doch unleugbar.« Ihre Erwiderung klang zum ersten Male scharf und gereizt. Gräfin Theodora richtete sich in ihrer steifen, vornehmen Geradheit noch um einige Zoll höher empor, warf der Sprecherin einen vernichtenden Blick zu und erwiderte dann mit kühler Überlegenheit: »Das klingt ja eigentümlich. Etwa, als ob wir anderen alle blind und taub wären, oder als ob uns nur daran liegen könnte, Ronald krank zu machen.« »Das habe ich nicht gesagt!« »Sondern –?« Die Stimme der Gräfin-Mutter klang jetzt schneidend, wie wenn eine Steinsäge knirschte. »Daß die Vermutung naheliegt, man könnte die Sorge für das Kind anderen – für höher erachteten Rücksichten unterordnen und um deshalb –« Der Eintritt des Hauskaplans unterbrach hier das Gespräch, das für Innocenz bereits in hohem Maße peinlich geworden war. Pater Pius war ein weißhaariger, hagerer und unansehnlicher Herr, der ganz Demut und Bescheidenheit schien. Er trat mit zahlreichen Bücklingen ein und stammelte, sich förmlich krümmend, tausend Entschuldigungen, daß er nicht eher zur Stelle gewesen sei, ein unverzeihliches Ruhebedürfnis – die gestrigen Reisestrapazen – die mangelhafte Nachtruhe in einem fremden Bett – ja, man sei leider recht alt, recht hinfällig geworden – aber mit Gottes Hilfe – Und er verneigte sich vor Innocenz, als ob der hochwürdige Herr Bischof in Person ihm gegenüberstehe, ganz Ergebenheit, ganz Ehrfurcht. Mit seiner elegischen Stimme, immer niedergeschlagenen Blickes, gab er auf alle an ihn gerichteten Fragen in so bescheidenem Tone Antwort, als sei er sich der Anmaßung, hier überhaupt das Wort zu ergreifen, voll bewußt. Dieser gedrückte, von hundert Rücksichten eingeengte, verängstigte und in Demut ersterbende Priester erschien Innocenz nur als das Zerrbild eines Vertreters seines heiligen Berufes. Auch Gräfin Donata mochte, so freundlich sie ihm begegnete, durch seine Gesellschaft sich nicht angezogen fühlen, und Innocenz begriff sehr wohl, daß dieser verschüchterte Greis, der nur immer an den Lippen der Gräfin-Mutter hing und augenscheinlich mit jedem Wort Anstoß zu erregen fürchtete, nicht imstande gewesen sei, die ihm geistig überlegene Ketzerin seinem Glauben zu gewinnen. Dazu mochte es freilich eines stärkeren Geistes bedürfen, und die Aufgabe, zu der er berufen war, erschien Innocenz nur immer verlockender, je mehr sein Selbstgefühl dadurch geweckt wurde. Gräfin Donata hatte sich erhoben, um Urlaub für ihren vorgeschriebenen nachmittägigen Spaziergang zu erbitten, für den sonst keine Zeit bleibe. Obgleich es sich hier sichtlich nur um einen Vorwand handelte, zu entkommen, stimmte die Gräfin-Mutter bereitwillig zu, gab aber gleichzeitig auch Innocenz ein Zeichen, das dieser nicht wohl mißdeuten konnte. Er stand rasch auf und sagte: »Vielleicht gestatten Sie meine Begleitung, Frau Gräfin. Für einen Neuling in diesen Bergen kann es ja nur von Wert sein, sich einer so bewährten Führung anvertrauen zu dürfen.« Er brachte das mit so vollendeter Ritterlichkeit hervor, daß die strengen Züge Gräfin Theodoras ein beifälliges Lächeln überhuschte. Ihm selber war es verwunderlich, wie sicher und ruhig er sich auf dem ihm fremden Boden zu bewegen vermochte, wie wenn ihn der Instinkt geleitet hätte, in einen augenfälligen Gegensatz zu Pater Pius zu treten. Donata stimmte mit einer freundlichen Kopfneigung zu. Als sie gegangen war, sich zum Ausgehen zu rüsten und den Knaben seiner Wärterin zu übergeben, sagte die alte Gräfin: »Sie werden auf solchen Bergwanderungen am ehesten Gelegenheit haben, Hochwürden, Ihrem Ziele näherzukommen. Meine Schwiegertochter ist auffallend empfänglich für Naturreize, und Sie dürften sie dann auch allen Einwirkungen seelischer Art gegenüber zugänglicher finden als irgendwo sonst. Ich warne Sie nur vor jedem zu raschen Vorgehen. Seien Sie behutsam! Donata ist argwöhnisch und klug. Pater Pius kann Ihnen davon erzählen.« Sie wandte sich dem Geistlichen zu, der mit gefalteten Händen und schief hängendem Kopfe in unterwürfiger Haltung dastand und jetzt nur noch mehr in sich zusammenzusinken schien. »Oh, oh,« machte er mit einem so milden und mitleidigen Ausdruck im Gesicht, daß man mit dessen Häßlichkeit fast versöhnt wurde, »aber doch so gut, so seelengut, die junge Frau Gräfin. Das beste Herz von der Welt und so voller Erbarmen mit allem Leid und Ungemach der Menschen, auch der verworfensten und unwürdigsten. Ein wahres Engelsgemüt – Freilich, freilich: ein Ketzerin ist sie ja trotzdem und deshalb hat das alles ja keinen Wert, – keinen wirklichen Wert.« Den letzten Satz hatte er mit einem verlegenen Murmeln hinzugefügt, als ihm Gräfin Theodora bei seiner befremdlichen Lobrede einen unmutig-überraschten Blick zuwarf. »Sie sehen selbst, wie leicht es ihr wird, Herzen zu gewinnen,« sagte sie abbrechend mit vernichtendem Spott. Gräfin Donata trat wieder ein und man verabschiedete sich. Hektor wartete draußen schon mit ungeduldigem Bellen auf das Kommen seiner Herrin. Heute zeigte er sich auch gegen Innocenz zutraulicher und sprang in mächtigen Sätzen voraus, als man endlich aufbrach. Innocenz warf noch einen Blick auf das Schloß zurück, als sie den Waldsaum erreicht hatten. Da gewahrte er die Gräfin Theodora, die am offenen Fenster des Oberstocks lehnte und ihnen, die Arme untereinander geschlagen, nachsah. Er wußte selbst nicht, warum ihm das einen peinlichen Eindruck erregte. Es kam ihm vor, wie wenn ein Jäger gemütsruhig zusähe, daß der von ihm kunstgerecht dressierte Hund das ahnungslose Wild, auf das man ihn gehetzt, anfallen sollte. Das war gewiß töricht, aber die steinerne Strenge dieser Frau brachte ihn unwillkürlich auf solche Gedanken; schienen doch alle weichen und weiblichen Regungen völlig in ihr erstickt zu sein. »Ist es Ihnen gleich, wohin ich Sie führe?« fragte Donata, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergeschritten waren. Und als er das bejaht hatte: »Waren Sie seitdem am Dürrensee, den Sie damals verfehlt hatten?« »Nein.« »So lassen Sie uns dorthin gehen. Es ist schön dort.« »Es ist überall schön in dieser großen, eigenartigen Welt hier oben,« sagte der Mönch. »Ja, und doch gibt es wohl kein Hochgebirg sonst, das uns so leicht Grauen und Entsetzen einflößt, wie gerade die Dolomiten. Ich kenne viele Menschen, die – mit dem feinsten Natursinn begabt – nach kurzer Zeit den Aufenthalt in ihnen unerträglich finden, und ich selbst kann nicht leugnen, daß mich hier manchmal eine Müdigkeit, eine Melancholie, ein banges Verzagen überkommt, die ich niemals sonst im hohen Gebirg – und ich kenne es seit meiner Kinderzeit gut – irgendwo gespürt habe. Während man sich überall sonst dort frischer und mutvoller fühlt, alle schlummernden Lebenskräfte in sich angeregt findet, wandelt uns hier leicht dem Ungeheuren gegenüber, das uns zu erdrücken scheint, eine seltsame Mutlosigkeit an, als ob doch jeder Kampf und jedes Ringen mit diesen Mächten vergeblich sein würde.« »Und wodurch erklären Sie sich das?« fragte Innocenz, den die für ihn ganz neue Art der Unterhaltung mit einer feinsinnigen und hochgebildeten Vertreterin der oberen Stände seltsam anzog. »Ich glaube, es ist das unermeßliche Schweigen, das über diesem Hochland brütet, was die Wirkung hervorruft. In unseren übrigen Hochlanden – ich denke z. B. an die großartige Gletscherwelt der Tauern, von denen ja noch hier und da ein vereinzelter weißer Gipfel zu uns bei klarer Luft durch eine Talluke hereinblickt, – wallt und tost ein unversiegbares Leben. Alle diese murmelnden Bäche, diese sprudelnden Quellen, diese Schaumkaskaden und Rinnsale erfüllen das Hochgebirgsschweigen mit freudigen Stimmen des Daseins und übertönen das Grauen darin. In den Dolomiten aber versinken die Wasser in dem leicht verwitternden Gestein, rinnen unterirdisch unhörbar fort und kommen nur in den Talsohlen plötzlich an das Tageslicht. Diese hohen, nackten Kalksäulen mit ihren herabgewetterten Blöcken, ihren wüsten Geröllflächen werden dadurch stumm und tot. Ich muß manchmal unwillkürlich an ungeheure Leichensteine denken. Und dann wirkt der ununterbrochene Anblick von lauter bizarren Gestalten hier zuletzt verwirrend und abspannend. Man sehnt sich manchmal nach einem saftigen, grünen Gefilde, nach einem eintönigen Talgelände. Ich kann mir den Charakter der hiesigen Bevölkerung erst erklären, nun ich länger hier weile: dies dumpfe Grauen vor der Natur, der gegenüber man sich völlig ohnmächtig fühlt, vermischt mit einem starren Trotz und einer Art von ingrimmigem Gleichmut. Ich glaube, man muß hier so werden. Und Menschen unseres Schlages, die auf anderem Boden aufgewachsen sind, könnte eine Verbannung hierher schließlich zum Irrsinn führen.« Sie sagte das alles, auch das letzte, ruhig, aber ein Ton der Leidenschaftlichkeit zitterte dennoch darin nach. Innocenz hatte ihr gespannt zugehört. Jetzt erwiderte er: »Wir sind überall gleicherweise in Gottes Hand, gnädige Gräfin.« Während er es sprach, hatte er selber die Empfindung, daß das nur leeres Wortgeklingel sei, etwas Auswendiggelerntes, das ihm nicht von Herzen kam und keine Erwiderung auf das Gehörte enthielt. Donata sagte auch nichts mehr darauf. Sie wanderten stumm weiter. Die Bergwelt lag in erhabenem Schweigen um sie her, der Pfad wurde enger und steiler, ein würziger Harzgeruch von einem an verwitterter Felswand klebenden Tannenforst strömte zu ihnen herüber. Plötzlich lag mitten in der ungeheuren Einsamkeit der Wildsee zu ihren Füßen. Milchbläulich dehnte sich seine Fläche bis an den Fuß des Roßkamms, von dem ein dunkler Föhrenbestand bis zu ihm herabtauchte, und spiegelte den finsteren Koloß in allen seinen Umrissen, mit allen seinen Schründen und Schroffen getreulich wider. Die nackten Steilwände, die von seinem Rand emporstiegen, schienen gleichzeitig sich in seine geheimnisvolle Tiefe hinabzusenken. Der Wasserspiegel war nur hier und da von den ihn speisenden Quellen, die in leisem, geisterhaftem Gemurmel emporquirlten, leicht bewegt. Der Wind schlummerte hier in der Senkung, und nur aus der Höhe scholl dumpfes Murren der Nadelkronen hernieder. Die beiden hatten eine Weile wortlos hinabgeblickt, als Gräfin Donata, die Arme über die Brust kreuzend, plötzlich sagte: »Lassen Sie uns offenes Spiel miteinander spielen, Pater Innocenz. Sie sind hierher gesandt worden, um mich zum Glaubenswechsel zu überreden, nicht wahr?« Er sah sie erschrocken an. »Weshalb meinen Sie das?« »Das ist keine Antwort!« versetzte sie herrisch. »Nun denn,« – er sah ihr gerade ins Gesicht – »ja, Sie haben recht, Gräfin. Und ich danke Gott, daß ich dazu auserlesen wurde. Sie haben mich neulich, als ich in dieser Felsenwildnis verirrt war, auf den rechten Weg geleitet, der mich nach Hause zurückführte; ich möchte Sie zum Dank dafür auf den rechten Pfad geleiten, der Sie aus der Wildnis des Lebens sicher in Ihre wahre Heimat führen soll.« »Also wirklich!« kam es leise über ihre Lippen, die ein bitteres Lächeln umzuckte. Dann setzte sie lauter hinzu: »Ich danke Ihnen für das Eingeständnis. Lassen Sie es mich mit gleicher Offenheit belohnen. Sie werden eine ungelehrige Schülerin in mir finden, Pater Innocenz. Ich kenne die Lehren Ihrer Religion. Wenn ich in ihnen erzogen worden wäre, ich würde sie, ohne ihren Wert und ihre Bedeutung zu überschätzen, pietätvoll beibehalten haben. Aber ich bin eine Protestantin und bringe dem Glauben meiner Kindheit, meiner ganzen Familie nun die nämliche Ehrfurcht entgegen, die ich dem Katholizismus zollen würde, wenn der Zufall meiner Geburt mich ihm in die Arme geführt hätte. Zu einem Wechsel der äußeren Form kann ich mich nicht bereit erklären. Ohne die gleichzeitige Überzeugung von ihrem höheren Wert, überhaupt ohne einen zwingenden inneren Drang würde derselbe mir als eine unsittliche Handlungsweise erscheinen.« »Gewiß,« entgegnete er ruhig. »Und diesen inneren Drang in Ihnen zu erwecken, Gräfin, ist eben mein Wunsch und mein Bestreben.« »Sagen Sie lieber: Ihre Pflicht, Ihre Aufgabe!« fiel sie hastig, in wegwerfendem Tone ein. »Die ich segne,« ergänzte er mit Nachdruck, »weil sie die höchste und heiligste ist, die mein Beruf mir überhaupt stellen kann. Nie könnte mir eine andere mehr zur eigensten Herzenssache werden.« Sie maß ihn mit halb erstaunten, halb argwöhnischen Blicken. Das klang anders, als sie es sonst von den Priestern vernommen hatte, die ihr genaht waren; es war ein Ton der Wahrheit darin, der nicht ohne Eindruck auf sie blieb. Dennoch schüttelte sie mit einem spöttischen Lächeln das schöne Haupt. »Es ist eine sehr undankbare Aufgabe, die Sie da übernommen haben, – ich versichere Sie. Sie wird Ihnen nichts anderes eintragen als – eigene Zweifel an der Unfehlbarkeit der Sache, die Sie verfechten!« »Glauben Sie?« versetzte er mit einem siegesgewissen, fast schwärmerischen Lächeln, das sein ernstes, edel und scharf geschnittenes Gesicht seltsam verschönte, »glauben Sie wirklich, Frau Gräfin? So sicher sind Sie der Macht Ihres Widerstandes? Nun, ich fürchte diese Zweifel nicht. Welchen Wert könnte eine Religion für uns haben, in der wir uns nur dann gesichert fühlten, wenn uns Kampf und Zweifel ferngehalten, künstlich von uns abgewehrt werden? Das wäre ein trauriges Bollwerk gegen die Versuchungen der Welt! Wir verlangen ja gerade diesen Ansturm, wir sehnen uns nach der Betätigung unserer Glaubenskräfte, um erst durch Streit und Sieg zur vollen Klarheit durchzudringen. Einen trägen Frieden verschmähen wir. Nicht mit Unrecht heißt man uns die streitbare Kirche.« »Gut denn,« sagte sie, die Arme wieder über dem vollen Busen kreuzend, als wollte sie von vornherein eine Kampfstellung gegen ihn einnehmen und sich wappnen, »nehmen wir es also miteinander auf! Ich verspreche Ihnen, ohne Voreingenommenheit und mit redlichem Wollen an alles heranzutreten, was Sie mir entgegentragen werden.« »Und ich, allen Proben Ihrer Dialektik, allen Zweifeln, allen Einwendungen gegenüber standzuhalten.« Sie reichte ihm die Hand. »Auf ehrlichen Krieg denn also!« Als er ihre Hand ergriff und drückte, ließ sich über ihnen ein Rascheln im Gestrüpp vernehmen, das den steinigen Berghang überwucherte. Innocenz blickte auf. Er hegte unwillkürlich die Vermutung, daß er wieder den bärtigen Mann in der Jägertracht gewahren werde, der ihnen, wie damals, nachgeschlichen sein und die Gräfin ausgespäht haben mochte. Diesmal aber war es die alte Wurzin aus Moosbrunn, die droben zwischen den mächtigen Felsblöcken auftauchte, einen Blick herniederwarf und wieder verschwand. Der Eisenklang ihres Spatens erscholl von der Höhe herab, wo sie nach Wurzeln und Kräutern suchen mochte. Innocenz hatte die Hand Donatas nach kurzem Druck freigegeben und ließ sich nun, ihrem Beispiel folgend, auf einem der moosübersponnenen Felstrümmer nieder, mit denen die Halde hier und auf der anderen Seite des Sees bestreut war. Ein Bedürfnis nach Rast und Schweigen hatte sie beide angewandelt. Dann sagte die Gräfin, die starr über den Wildsee hingeblickt hatte, plötzlich: »Ich bin Ihnen noch ein Bekenntnis schuldig, Pater Innocenz. Als man mich unter die Dolomiten schickte, angeblich aus Gesundheitsrücksichten, ahnte mir's, daß ein neuer Versuch gemacht werden sollte zu meiner schon mehrfach fehlgeschlagenen Bekehrung. Es sollte eine Art Strafgefangenschaft sein, aus der ich mich jeden Tag selbst befreien könnte durch die bündige Erklärung, zum Katholizismus übertreten zu wollen. Dies Mittel, werden Sie mir zugeben, ist nicht sonderlich loyal. Trotzdem wollt' ich es gelten lassen, und es würde ja völlig wirkungslos bleiben, selbst wenn man mich Jahr um Jahr hier einkerkerte, so leicht bricht man meine Überzeugungen – oder nennen Sie es: meinen Starrsinn, nicht. Aber man hat auch meinen Knaben hierhergebracht, trotzdem ich lieber in eine Trennung von ihm willigen wollte, – kein geringes Opfer für ein vereinsamtes Mutterherz, Pater Innocenz! – als ihn in die rauhe Luft dieses Hochlandes versetzt sehen, die seinem zarten Organismus nach meiner festen Überzeugung gefahrdrohend, wenn nicht gar verderblich sein muß. Meine Befürchtungen haben bereits begonnen, sich zu bestätigen, aber meine Bitten, den Knaben von hier fortzubringen, finden dessenungeachtet kein Gehör. Wenn man sich so weit versteigen sollte, auch das Leben meines Kindes noch in die Wagschale zu werfen, Pater Innocenz, um mich zum Übertritt zu Ihrer Religion zu zwingen, – beim allmächtigen Gott, ich könnte diesen Schritt wider meine Überzeugung und im Vollbewußtsein seiner Unsittlichkeit tun um solches Preises willen, – ich würde, ich müßte ihn tun. Aber fragen Sie sich selbst, der Sie ein Priester dieser Religion sind, Pater Innocenz, welchen Wert ein Glaubenswechsel aus solchem Motive, aus der Qual eines angstzerrissenen Mutterherzens heraus, haben könnte, und sagen Sie mir, mit welchem Vertrauen ich einer Religion entgegenkommen soll, die solche Opfer fordert und annimmt – zur Ehre Gottes!« Ihre Stimme klang jetzt herb und bitter, von heißer Leidenschaftlichkeit durchbebt. Ihre feinen Nasenflügel zitterten, während der Busen stürmisch auf- und niederging. »Frau Gräfin!« rief Innocenz erschrocken, »Sie irren – Sie müssen sich irren! Unter keinen Umständen kann das der Grund sein, weshalb man Ihr Kind hierher mitgenommen hat. Ich hörte ja heute selber, daß die Gräfin-Mutter Ihnen auf die Andeutung des gleichen Vorwurfes hin –« »Oh, ich weiß, ich weiß,« fiel sie ihm schneidend ins Wort. »Es ist ein ärztliches Gebot, gewiß, gerade wie bei mir selber, nichts anderes. Die liebevollste Fürsorge ist's. Man bringt mir sogar das Opfer, um meinetwillen Schloß Peutelstein wieder in bewohnbaren Stand zu setzen, die umständliche und schwierige Wirtschaftsführung hier oben anzuordnen, und meine Schwiegermutter weigert sich nicht, mich trotz ihres Alters bis auf diese einsame Höhe zu begleiten, damit es mir auch an Gesellschaft nicht fehlt. Das hat alles ganz den Anschein liebevollster Besorgnis, man muß es eben nur so zu drehen wissen, daß die wahren Beweggründe im Dunkeln bleiben. Und dieser ärztliche Rat! Als ob der arme, alte, halbtaube Dorfarzt in Karditsch sich erdreisten würde, eine andere Ansicht zu haben, als die gnädige Schloßherrschaft, zumal dann, wenn man sie ihm ausdrücklich bekanntgibt, was ja in diesem Falle wohl geschehen sein mag! Weshalb hat man meinem dringenden Wunsch, Ronald durch eine ärztliche Autorität in Wien untersuchen zu lassen, ehe man ihn hierher schickte, denn nicht nachgegeben? Man fürchtete, der Rat eines Wissenden könne alle diese feingesponnenen Pläne zerstören. Und so wurde der greise Dorfbader, über den man sich sonst oft genug lustig macht, plötzlich über Nacht zu einer ausschlaggebenden medizinischen Kapazität!« Sie lachte hart auf, während der Mönch jetzt verwirrt fragte: »Sie sprechen immer von einem unbestimmten ›man‹, Frau Gräfin, dem Sie alle diese Dinge zuschreiben. – Ist es die Gräfin-Mutter, die Sie darunter verstehen?« »Ja,« erwiderte sie mit herber Ehrlichkeit, »sie und mein Gatte.« »Ihr Gatte? Sie werden doch nicht glauben, daß Graf Alexander Karditsch das Leben seines einzigen Kindes wissentlich gefährden würde?« »Warum nicht, wenn es einem so hohen Zwecke gilt! Und Graf Alexander steht völlig unter dem Einfluß seiner Mutter und – der Priester. Was wiegt ein Kinderleben, wenn es die Rettung einer verlorenen Seele gilt? Gott die Ehre, Pater Innocenz!« Der Mönch war schweratmend emporgefahren, es litt ihn auf seinem Sitze nicht mehr. Sie ist furchtbar! dachte er, sich mit der Hand über die Stirn streichend. Donata aber verharrte regungslos auf ihrem Steinsitz, die Stirn in der Hand, das Auge starr über die Spiegelfläche des Sees hinausgerichtet. »Und noch eins, Pater Innocenz!« sagte sie. »Es gibt auch weltliche Gründe, die hier mit ins Spiel kommen. Die reichen Liegenschaften des alten, kinderlosen Grafen Karditsch können einst nur dann an seinen Neffen, den Grafen Alexander, fallen, wenn dieser eine Katholikin zur Frau hat. Das Hausgesetz jener Linie verbietet ausdrücklich eine Mischehe und trifft für den Fall, daß der nächste Erbberechtigte solche eingegangen, andere Bestimmungen über die Nachfolge. Diese Bestimmungen stammen freilich aus dem Anfang des Jahrhunderts, aus einer Zeit des engherzigsten Fanatismus in Glaubenssachen, aber keiner hat den Mut gehabt, sie aufzuheben, und sie bestehen zu Recht. Graf Alexander ist nun zwar reich begütert, aber er führt auch das Leben eines Grandseigneur; er ist ein enragierter Sportsmann, er spielt hoch in den adeligen Klubs in Wien, vielleicht unterhält er auch eine oder die andere Tänzerin der großen Oper, – ich weiß es nicht, aber man sagt mir, es gehöre zu einem Leben, wie er es in Übereinstimmung mit vielen seiner Standesgenossen führt, – kurz: er braucht viel Geld, noch mehr, als er zur Verfügung hat, – sein Marstall soll ja berühmt sein, – und da kann er auf jene Erbschaft begreiflicherweise nicht verzichten. Und da es sich einzig und allein um die Erfüllung einer Formalität dabei handelt, die ohnedies zu seinen innigsten Herzenswünschen gehört, deren Hinausschiebung sogar schon in seinen Kreisen und bei Hofe unliebsam aufgefallen ist, – Sie begreifen – auch das ist kein zu unterschätzender Ansporn!« Die kalte Ruhe, mit welcher die Sprecherin das alles vorbrachte, übte im Verein mit der Unerbittlichkeit ihrer Erklärungen einen niederschmetternden Eindruck auf Innocenz aus. Er hatte eine Frage auf den Lippen, die nach allem Gehörten nahe genug lag, die Frage: »Lieben Sie denn Ihren Gatten nicht? Und weshalb sind Sie beide dann Mann und Weib geworden?« Aber er unterdrückte sie wieder, er fürchtete, nur noch mehr von Dingen zu hören, die ihn verwirrten und zu Boden pressen mußten. Auch hatte Gräfin Theodora ihm ja vorhin gesagt, daß man solche Fragen in ihren Kreisen nicht tun dürfe. So schwieg er, seine Lippe mit den Zähnen nagend. Sie aber blickte ihm jetzt, wie er, mit sich kämpfend, stumm vor ihr stand, gerade ins Gesicht und fragte: »Nur eins, ehe wir heute abbrechen und ehe wir künftig miteinander kämpfen wollen, Pater Innocenz! Würde meine Bekehrung aus einem der eben erwähnten Gründe für Sie einen Triumph bedeuten? Ihnen oder der Kirche, die Sie vertreten, zur Ehre, zum Gewinn gereichen? Geben Sie mir hierauf noch eine offene Antwort!« »Nein,« sagte er ohne Zögern, »unbedingt: nein.« »Ich danke Ihnen. Unter solchen Bedingungen nehm' ich den Kampf mit Ihnen auf. Sie wissen nun alles, handeln Sie nach Überzeugung und Gewissen!« »Das will ich, gnädigste Gräfin. Sie haben mir nun Klarheit verschafft und mir offen gezeigt, mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen, gegen welche Mächte ich zu ringen habe. Auch ich danke Ihnen.« »Lassen Sie uns jetzt gehen!« Sie war aufgestanden, warf noch einen letzten Blick über den See hin und schlug dann einen anderen Pfad zum Heimweg ein als den, welchen sie gekommen waren. Der Mönch schritt ihr zur Seite. Er hatte jetzt kein Auge mehr für die Großartigkeit der starren Bergwelt um sie her, seine Seele war in der Tiefe bewegt und erschüttert. Er fühlte, wie fern der Bann des stillen Klosterfriedens ihm lag, und daß nun erst die Kämpfe begonnen hatten, die er mit der Welt bestehen sollte, um seines Glaubens Festigkeit und Glut zu erproben und um die Zuversicht zu erhärten, die bisher noch unangefochten in ihm mächtig gewesen war: daß er im Zeichen des Kreuzes immer und überall würde siegen müssen. Sie hatten beide im Weiterschreiten gleicherart die Empfindung, daß sie heute an das nicht mehr rühren dürften, was zwischen ihnen gesprochen worden war, und doch lag das Schweigen schwer auf ihnen. So zwang Innocenz seine Gedanken in eine andere Richtung und fragte plötzlich wie erlöst: »Ich sah heute in dem Zimmer des Schlosses, in das man mich zuerst führte, ein fesselndes Bild – jene zwei Frauengestalten. – Sie wissen wohl – von wem ist es?« Donata hatte sich einen Augenblick besonnen, nicht weil sie nicht gleich gewußt hätte, welches Bild er meinte, sondern nur, weil sie sich erst daran erinnern mußte, daß der Mann neben ihr diese Frage wohl tun konnte, weil er ein Mönchsgewand trug. Dann sagte sie: »Es ist die Kopie eines Meisterwerkes von Tizian. Viele halten es überhaupt für den vollkommensten Ausdruck seiner Kunst. Das Original ist in Rom.« Tizian! Das war der Name, nach dem Innocenz schon seit Tagen suchte, und der ihm hier lange vor der Seele geschwebt hatte. Nach dem wenigen, was er im Kloster über ihn und über die Geschichte der Künste überhaupt erfahren hatte, erfahren aus trockenen Lehrbüchern, ohne daß sich greifbare Anschauungsbilder damit verknüpft hätten, war der Name Schall und Rauch für ihn geblieben; jetzt plötzlich hatte der große Venezianer Leben und Gestalt für ihn gewonnen. »Wie nennt man das Bild?« fragte er hastig. »Himmlische und irdische Liebe. Die Deutungen weichen vielfach voneinander ab; über den Zauber, den das Bild ausübt, gibt es aber nur eine Stimme.« »Und die beiden Fresken drüben in der Ulrichskapelle,« fiel Innocenz erregt ein, »nicht wahr? Sie rühren von dem gleichen Meister her?« Ein verwunderter Blick aus Donatas Augen streifte ihn flüchtig. »Haben Sie das erkannt? Ja, man schreibt sie dem jugendlichen Tizian zu, der es aus seiner Heimat bis zu uns herauf ja nicht weit hatte, – er ist ganz nahe der jetzigen italienischen Grenze geboren, und sein Heimatstädtchen Pieve di Cadore weist noch manche Bilder von ihm und manche Erinnerungen an ihn auf. Beglaubigt ist seine Autorschaft freilich nicht, und die Bilder sind ja grausam zerstört, aber die Annahme, daß er der Maler derselben ist, liegt doch nach allem sehr nahe. Jedenfalls ist es seine Malweise, und die Bilder, die sicher zur Zeit seiner Anfängerschaft entstanden, sind von hohem Wert. Sie haben Interesse für die Kunst, Pater Innocenz?« Er errötete wie ein ertappter Schulknabe. »O ja, ja – nur – Sie begreifen; ich habe so wenig – eigentlich so gar keine Gelegenheit gefunden –« »Und hier,« fiel sie mit einem wehmütigen Lächeln ein, »möchte sie sich Ihnen wohl auch nicht bieten. Im Schloß kann ich Ihnen freilich ein paar Kupferstichwerke zeigen, auch hängt eine Kopie der Tizianschen Magdalena in einem Zimmer des Oberstocks, – und dann finden sich unter den Büchern sicherlich einige Werke, die sich mit den bildenden Künsten beschäftigen, speziell mit Tizian, dessen Name einem ja hier unter den Dolomiten dauernd so nahe tritt. Das ist aber auch alles, und das stell' ich Ihnen natürlich gern zur Verfügung.« Innocenz erwiderte mit einigen Dankworten, und daß er bald die Sprecherin mahnen werde, ihre Zusage zu erfüllen. Er schwankte einen Augenblick, ob er ihr über seine eigenen dilettantischen Versuche in der Malerei noch eine Eröffnung machen solle, aber eine seltsame Scheu hielt ihn davon zurück. Er hätte auch gern über die »himmlische und irdische Liebe« noch mehr von ihr gehört, nur daß er nicht sicher war, wie sie seine Neugierde aufnehmen würde. So blieb er, ohne zu einem Entschluß zu kommen, schweigsam, bis ihre Wege sich trennten. Am Scheidepunkt derselben reichte sie ihm die Hand. »Auf Wiedersehen, Pater Innocenz! Lassen Sie uns öfters zusammen in die Bergwelt wandern! Ich weiß Sie noch manchen herrlichen Pfad zu führen. Und da draußen redet sich's leichter und freier als hinter Mauern. Mir ist's immer, als scheue man sich angesichts der großen Natur, eine Lüge über die Lippen zu bringen, selbst nur eine von jenen kleinen, konventionellen Lügen, die uns in unseren vier Wänden so notwendig und verzeihlich erscheinen, daß sie uns kaum mehr als solche zum Bewußtsein kommen. Ich glaube, wir schämen uns vor der Natur, uns unnatürlich zu zeigen, sie zwingt uns wider unseren Willen zur Wahrheit. Und Wahrheit ist's ja doch wohl, was wir beide voneinander fordern und erwarten.« Innocenz neigte sich zustimmend. Dann schieden sie. Die Sonne, die nur flüchtig bisher hinter flatternden Wolkenschleiern hier und da durchgebrochen war, war nun vollends im Dunst niedergetaucht. Die Felszacken erschienen farblos, düster und traurig. Wie drohend reckten sie sich vor Innocenz auf, als er den Rest des Heimweges antrat. Er war noch nicht weit gegangen, sah aber die Häuser von St. Ulrich bereits vor sich liegen, als plötzlich die alte Wurzin hinter einem Felsblock mit dem Kopfe herauftauchte. Innocenz rief ihr einen Gruß zu und wollte vorüber, ihm stand jetzt der Sinn nicht danach, mit der Alten von Filomena zu sprechen, was er lange vorgehabt hatte. Sie aber machte ihm mit der Hand, in der sie den Spaten trug, ein Zeichen, und als er näher trat, raunte sie ihm mit heiserer Stimme zu, während in ihren erloschenen Augen unter dem mächtigen Hutrande ein seltsames Feuer aufzuckte: »Seid auf Eurer Hut, hochwürdiger Herr! Die vom Schlosse bringen Jammer und Verderben über Euresgleichen. Die legen's allemal darauf an. Der himmlische Vater verdamme sie! Seid auf Eurer Hut!« Innocenz erkannte die Greisin, die das zornbebend, mit allen Zeichen eines ingrimmigen Hasses herausstieß und nun mit der welken, gekrümmten Faust nach der Richtung hinüberdrohte, in welcher Schloß Peutelstein lag, nicht wieder. Ihr Runzelgesicht war verzerrt von einem Ausdruck der Feindseligkeit, der ihn erschreckte. Er wollte eine Frage an sie richten, aber sie hatte sich schon wieder zu ihren Kräutern und Wurzeln herabgebückt und gab keine Antwort mehr, ja, sie schien seine Gegenwart überhaupt vergessen zu haben. So schritt Innocenz, von mancherlei widerstreitenden Empfindungen bestürmt, weiter. VI Auf der Anderetalp war es heute still und friedlich wie immer. Innocenz hatte nirgends so wie hier je die Empfindung, in einer reinen und ruhsamen Welt zu verweilen, deren Atem ihm die heißen Schläfen kühlte und die Wogen seiner Seele sänftigte. Soviel auch von verschiedenen Seiten her in der letzten Zeit auf ihn einstürmte, um ihm den Schlaf seiner Nächte und die Klarheit seines Innern, ja sogar den Trost seines Betens zu rauben, hier fand er immer den Frieden, nach dem ihn verlangte, und als ein Neugestärkter stieg er jedesmal aus dieser Höhe in das Tal und in das Leben hinab. Das rot und weiß gescheckte Almvieh weidete auf den saftgrünen Matten, die sich in sanften Wellenlinien zu Füßen der gewaltigen Felsriesen hindehnten, und das Geläut der Kuhglocken durchhallte die schimmernde Luft, wenn Innocenz auf dem Sandbühel saß und malte. Manchmal war Filomena schon dort und erwartete ihn, an anderen Tagen wieder spähte er selber auf dem Pfad, den sie kommen mußte, nach ihr aus, und hin und wieder blieb sie auch ganz fort. Dann hatte sie das wilde Gebirg nach einer anderen Richtung durchstreift oder sich beim Blumenpflücken oder bei einem Buche versäumt. In solchem Falle bat sie ihn jedesmal später um Verzeihung, und er konnte ihr nicht zürnen. Sie war ein Kind der Freiheit, und jeder Zwang war ihrer ungebundenen Natur verhaßt. Wie eine Blume der Hochlandswildnis war sie aufgewachsen. Und er hätte auch keine Freude daran gehabt, wenn er sich hätte sagen müssen, daß sie sich nur zwinge, zu kommen und ihm zu sitzen. So, wie es nun war, wußte er, daß sie gern kam, und ihr ungezwungenes Geplauder, das immer wie ein Naturlaut an sein Ohr schlug, beglückte ihn jederzeit in gleicher Art. Sie hatte in dem seltsamen Leben, das sie hier in der einsamen Welt des Hochgebirgs geführt, über mancherlei nachgesonnen und überraschte ihn oft durch Gedanken und Einfälle, die ihm über seinen Büchern in der Klosterzelle niemals gekommen waren. Mit seinem Bilde schritt es inzwischen trotz seinem heißen Schaffensdrange nur langsam vorwärts. Noch mehrmals war er in der Ulrichskapelle gewesen, um wieder und wieder sich in die Fresken des großen Venezianers zu vertiefen, aber jedesmal kam er nur mutloser zurück und meinte dann, am eigenen Können verzagen zu müssen. Filomena hatte er schon mehrfach gezeichnet, ohne von diesen Skizzen selber befriedigt zu sein. Auf dem großen Landschaftsbilde, das er zum ersten Male in Farben auszuführen begonnen, sollte sie ihm zur Staffage dienen. Er wollte sie so malen, wie er sie zum ersten Male im Leben gesehen hatte: ein verwittertes, altes Heiligenbild mit frischen Bergblumen schmückend. Nur daß es ihm nicht gelingen wollte, die ungezwungene Grazie ihrer Bewegungen so auf die Leinwand zu zaubern, wie sie ihm in Wirklichkeit immer entgegentrat. Manchmal schalt er sich selber einen eitlen Toren, daß er seine Zeit mit solchem Stümperwerk vergeude, besonders an den Tagen, wo Filomena nicht neben ihm saß, und ihn aus ihren sinnenden Augen nicht jener Strahl der Hoffnung und Ermunterung traf, der ihm zum Bedürfnis bei seiner Kunstübung geworden war. Denn Filomena selbst glaubte fest an seinen Beruf zum Künstler. Darin traf sie sich mit dem wilden Xaverl, dessen anerkennende Bewunderung mit dem Fortschreiten des Bildes wuchs. Und nur die taube Lisi schalt unaufhörlich auf das sündhafte Teufelswerk und abscheuliche Heidenwesen, das einem Mönch wahrlich nicht anstehe, vor sich hin, betete ihre Rosenkränze eifriger als je, prophezeite ein Strafgericht des Himmels für die drei Erzsünder und schlechten Christen, ließ sich aber doch manchmal herbei, für deren körperliche Erquickung zu sorgen. Das friedvolle Stilleben auf der Alm wurde durch ihr verbissenes Zanken nicht weiter gestört. Heute war nach ein paar Regentagen die Luft wieder kristallklar und von würziger Frische. Hier und da auf den Höhen lag Neuschnee, der in der Sonne schimmerte, kleine Rinnsale glitten wie Silberfäden an den Steilwänden stäubend nieder und manchmal legte sich ein duftiges, zart rosa gefärbtes Wölkchen um eine der kühn aufstrebenden Zinken, um bald wieder zu zerflattern und zu verwehen. Kühl strich der Wind über die Höhe. Innocenz trank entzückt diese heitere Klarheit, in welcher seine Seele sich immer wieder gesund badete. Aber der wilde Xaverl, der neben ihm saß – Filomena war noch nicht gekommen – und, die krummen Beine nach seiner Gewohnheit unter dem Leibe gekreuzt, strickend in der Runde Umschau hielt, schüttelte unzufrieden den großen, haarumzottelten Kopf. »Mir ist's Wetter nicht recht,« sagte er bedächtig. »Wir sind einen anderen Sommer gewohnt, dafür sind wir nahe Nachbarn von Welschland, wo's beständiger und stetiger zugeht mit Sonne und Regen. Heuer wechselt's zu jäh. Wenn's schon im Juli Neuschnee gibt, ist's ein übles Zeichen. Pflegt dann im August noch reichlicher zu fallen und schmilzt dann im September noch einmal fort. Dann kann's bös werden. Ist schon manchmal bös geworden.« »Was steht denn zu fürchten?« fragte Innocenz, der nur zerstreut während des Malens zuhörte. »Kann Hochwasser geben,« meinte der Senn, den Kopf wiegend. »Wenn Ihr drüben gegen die hohe Zinne zu durchs Büllele wandert, könnt Ihr die Steinmuhren noch sehen vom letztenmal her. Halbe Berge hat's mitgerissen damals und ganze Wälder vernichtet. Hab' damals sechs Wochen hier auf der Alp gesessen und konnt' nicht rück- und nicht vorwärts, – überall Wasser. Hätt' leicht verhungern können, denn das Vieh war schon auf die Niederalm getrieben worden, und ich war bloß noch einmal herauf, um die letzten Käslaibe heimzuholen. Da ist's über Nacht gekommen, wie's von der Sündflut in der Bibel erzählt ist, und ich konnt' nimmer herab. War ein übler Spaß. Möcht's nicht zum zweitenmal erleben, Bruder Innocenz.« »Es wird ein Strafgericht des Himmels gewesen sein,« sagte der Mönch, in Nachdenken verloren. Xaverl zog die Brauen in die Höhe, was bei ihm immer ein Zeichen dafür war, daß er so seine eigenen Gedanken über den Fall habe. Dann sagte er: »Ist halt ein eigen Ding mit unsern Wildwassern. Wenn die Gemeinden da überall heroben bei uns was Recht's täten für die Wasserregulierung, möcht' manches besser stehen. Legt aber jeder eben die Händ' in den Schoß, meint, das Geld könnt' man sparen, diesmal würd' 's ja wohl noch ausbleiben, das Hochwasser, oder es würd' doch einmal einen anderen schädigen; und so bleibt halt alles beim alten von Jahr zu Jahr, bis einmal wieder so ein Denkzettel kommt für die trägen, harten Köpf, und dann gibt's abermals ein lang' Überlegen hin und her und ein Zanken obendrein, und die Händ' halten sie alle ganz fest auf die Geldtaschen, daß ja nur nichts herausfallt. Nicht einmal für ordentliche Brücken mögen's sorgen, das Wasser könnt's ja fortreißen, und ein paar Steinblöck' tun's auch zur Not. Und wann's der Herrgott nicht wollen möcht', daß das Hochwasser kommt, würd' 's ja nicht kommen. Wann's aber kommt, hat er's auch gewollt, und dann würden doch Brücken und Dämme und nichts auf der Welt sonst nutzen, und das Geld für die Regulierung wär' zum Fenster 'nausg'worfen. Und gar eine große Sünd' wär's obenein, daß man sich hat wollen gegen den Herrgott auflehnen und empören, als ob der sich von sündigen Menschenkindern ließ' Vorschriften machen oder ins Handwerk pfuschen. Bleibt also alles, wie's war, und das Geld im Sack. Bloß, daß nachher der Schaden mehr kost't als die ganze Regulierung gekost't hätt', und dazu die Todesangst und die Menschenleben, die zugrund' gehn! Ich mein' halt, wann's ein Strafgericht ist, das Hochwasser, müßt 's g'rad' eins sein für solche hartköpfige Dummheit, Bruder Innocenz. Denn wo's im Flachland kein Hochwasser gibt, wie im Gebirg', werden die Leut' g'rad auch nicht sündenfreier sein und wie die Engel leben. Der liebe Gott will doch nicht, daß die Menschen die Händ' in den Schoß legen und die Mäuler aufsperren. Die Händ' hat er ihnen geschaffen, daß sie sie fleißig regen, und die Köpf, damit sie ein ganz klein bissel nachdenken.« Innocenz hatte nicht sonderlich aufmerksam zugehört, weil ihm eine schwierige Farbennuance in seinem Bilde zu schaffen machte und Filomenas Ausbleiben gerade heute ihm unliebsam war. »Du magst schon recht haben, Xaverl,« sagte er, »wir sind allzumal recht blind, wir Menschen.« Nach einer Weile fragte er dann, einem ihm plötzlich durch den Kopf schießenden Gedanken folgend: »Ich hab' dich schon lang' einmal fragen wollen: Was ist's mit dem einsamen Marterl da oben an der scharfen Wegecke, wenn man nach der Ulrichskapelle hinüber will? Es ist gar so verlassen und verwahrlost. Und aus der Inschrift hab' ich zu lesen gemeint, es sei ein geistlicher Herr gewesen, der dort verunglückt ist. Weißt du etwas darüber?« Der Senn blickte mißmutig drein. Es war ihm nicht recht, daß der Mönch von dem Gegenstand, auf den er ihn absichtlich gebracht hatte, schon wieder ablenkte und so wenig Teilnahme dafür zeigte. Nach seiner Meinung war es die Pflicht des Seeborgers, die Gemeindeglieder mit Ernst und Nachdruck auf das hinzuweisen, was ihre Aufgabe eher war als Messehören und Beten, und er hatte von Innocenz erwartet, daß er als der erste hier diese Pflicht erkennen und üben werde; er traute ihm auch zu, daß er die harten Köpfe der Männer von St. Ulrich erweichen und sie zu tatkräftiger Inangriffnahme eines Werks spornen könne, das dem wilden Xaverl heiliger und Gott wohlgefälliger erschien als alle Kirchenandacht, ja selbst als alle frommen Werke sonst. Und nun ließ auch Innocenz ihn in seinen Hoffnungen im Stiche und interessierte sich mehr für das »Pfaffenmarterl« als für die notwendigen Vorkehrungen gegen alle herbstlichen Hochwasserschäden auf der Lahn. Vom »Pfaffenmarterl« sprach der wilde Xaverl überdies nicht gern. »Was soll's viel damit sein?« murmelte er unwirsch. »Den ›Pfaffensprung‹ heißen sie den Platz. Denn verunglückt ist der geistliche Herr dort wohl nicht, sondern herabgesprungen mit Wissen und Absicht. Ist übrigens damals schon kein geistlicher Herr mehr gewesen, sondern hatte den schwarzen Priesterrock ausgezogen und sich einen wilden Bart wachsen lassen, als er von Welschland zurückkam. Das Marterl hat ihm seine alte Mutter setzen lassen. Aber es ist lang' her, und von der traurigen Geschicht' redet kein Mensch mehr gern da heroben. Wie alles zugegangen ist, wissen auch nicht viele mehr. Das ist alles begraben.« »Aber du weißt davon, Xaverl,« fiel Innocenz lebhaft ein, »nicht wahr?« »Könnt' schon sein,« versetzte der Senn gleichmütig. »Red' aber nicht ohne Grund von so traurigen Sachen. Und jetzt muß ich hinab, nach der Kalbin schauen, die heut morgen nicht hat fressen wollen. Wär' ein übel Ding, wenn sie einginge. Laßt Euch die Zeit derweil nicht lang werden, Bruder Innocenz!« Und damit trollte er sich, noch im Gehen weiterstrickend, den Bühel hinab, und seine listig zwinkernden Augen redeten davon, daß er ganz gut wisse, er tue dem Mönch jetzt die gleiche Enttäuschung an, wie jener vorher ihm selber. Als er schon fast bis zur Almhütte hinab war, rief er, sich umblickend, hinauf: »Da kommt die Filomena!« Er sah das Mädchen in der Tat jetzt auf dem engen Felssteige daherkommen und schwenkte ihr grüßend mit einem hellen Jauchzer den verwaschenen Filz entgegen. Auch sie winkte mit ihrem weißen Tuche herauf. Dann verschwand er in der Hütte, während Filomena vollends den Hügel heraufklomm. Sie sah erhitzt aus von dem raschen, beschwerlichen Gange, als sie Innocenz ihren Gruß bot. »Ihr kommt heute spät,« sagte er. Sie ließ sich auf dem Platze nieder, an dem sie sonst gesessen hatte, und blickte in leichter Befangenheit zu ihm hinüber. »Ich komme vielleicht nun überhaupt nicht mehr.« »Warum nicht?« fragte er überrascht. »Ist's Euch leid, hier so stille zu sitzen?« »Nein. Aber der Meßner« – sie sprach von ihrem Pflegevater niemals anders – »der Meßner sagt, die Leute könnten darüber reden.« Sie hatte die Wimpern gesenkt, während sie sprach, und ihre Wangen glühten noch heißer als zuvor. Innocenz' Augen aber sprühten in zornigem Feuer. »Der Meßner scheint zu vergessen, wer ich bin,« stieß er heraus. »Ich möchte Auge in Auge mit dem sprechen, der hier ein freches Wort wagt. Hat man auf der Lahn denn alle Hochachtung vor dem Priestergewand verloren?« Filomena hob die Augen nicht empor, als sie leise erwiderte: »Der Meßner sagt, ich sei nun einmal meiner Mutter Kind. Und wenn ein braver Bursch mich heiraten sollt' –« »Ah! Der Barthel!« fiel Innocenz spöttisch ein, »nicht wahr? Der Barthel?« »Von mir hat der Barthel das Jawort nimmer!« sagte sie herb. »Und wenn er's hätte?« erwiderte Innocenz. »Man muß üble Meinung vor den Trägern des geistlichen Kleides hier hegen und schlimme Erfahrung gemacht haben, wenn es Lästerzungen wagen können, über Euch zu geifern, weil Ihr einem Mönch auf der Anderetalp ein Stelldichein gewährt. Pfui über die Schandmäuler! Mehr als alles andere beweist mir das, wie hoch man die Frömmigkeit, mit der die Leute hier sich brüsten, eigentlich im Wert schätzen darf. Wer den Priesterrock nicht mehr respektiert, wem der nicht als makellos und unantastbar gilt, der ist auch kein frommer Christ mehr. Das sagt dem Meßner, und sagt ihm, es komme von mir. Im übrigen will ich Euch gewiß nicht hindern im schuldigen Gehorsam gegen Euren Pflegevater. Ohnedies würd' ich Eurer kaum mehr zu meinem Bilde bedürfen, wenn Ihr mir heute noch gesessen habt. Und so seid Ihr von nun an frei.« Immer noch klangen Zorn und Unwillen aus seinen Worten, und der Pinsel zitterte in seinen Fingern. Filomena sagte nichts mehr, aber es entging ihm nicht, daß ihr hin und wieder ein Schauer über den Leib rieselte, trotzdem sie in der hellen Sonne saß, die allmählich ihrer Mittagshöhe entgegenklomm. Sie sah tieftraurig und verzagt aus. Innocenz mußte sie erst bitten, ihm ihr Gesicht wieder zuzukehren und ihre Mienen sich aufhellen zu lassen, damit er sie so sähe wie früher. Sie gab sich nun auch alle Mühe, seinem Wunsche zu willfahren, aber da keine innere Freudigkeit aus ihrem Antlitz leuchtete, machte sie es ihm doch nicht recht, und er schüttelte mehrmals trübe den Kopf. Dann sollte sie wieder die Stellung einnehmen, die er ihr auf dem Bilde gegeben, und die Arme so vor sich hinstrecken, als ob sie Blumen um ein Heiligenbild flechte. Auch hierbei war ihre Haltung jedoch so schlaff und so matt, daß er sich nicht mehr zurechtfand in ihr und auf sie zutrat, um ihr selber die Stellung zu weisen, deren er bedurfte. Dabei griff er, hinter ihr stehend, nach ihren Armen und brachte sie in die ihnen angemessene Lage. Ihre Hände, die er hierbei berührte, waren eiskalt, und wie eine Lähmung lag es auf ihrem jungen, geschmeidigen Leibe, aus dem alle Spannkraft, alles heiß vibrierende Leben gewichen zu sein schien. »Filomena!« sagte er mit einem halb traurigen, halb begütigenden Ton. Nun wandte sie ihm ganz langsam ihr Gesicht zu, und ein Strahl traf ihn aus ihren dunklen, tiefen Augen, vor dem er im Innersten erschrak. Es lag so viel rührende, bedingungslose Hingebung in diesem Blick, wie er sie noch nie in einem Menschenantlitz gewahrt hatte. Ein Zittern durchrann ihn. Wie jählings erstarrt standen sie beide da, wie unter dem Bann eines furchtbaren Geheimnisses, das sich plötzlich vor ihnen zu offenbaren begann. Da weckte sie ein mißtöniges Lachen. Drunten aus der Almhütte war ein Mann getreten, der schon vor geraumer Zeit dort eingekehrt sein mochte, ohne daß Innocenz ihn gewahrt hatte, vielleicht auch schon vor dessen eigenem Eintreffen auf der Alp. Wenigstens deutete seine Haltung darauf hin, daß er bereits eine Weile drinnen dem Enzeler der tauben Lisi zugesprochen hatte, wenn er überhaupt in nüchternem Zustande hier heraufgestiegen war. Sein bärtiges, wildes Gesicht war heiß gerötet, der spitze Filz mit dem Gemsbart saß ihm im Genick, und die Büchse hing über seinem Rücken. Innocenz erkannte den Mann wieder, der damals der Gräfin Donata nachgespürt hatte, als er selber ihr zum erstenmal in den Bergen begegnet war. »Es ist der Jäger-Lenzl,« kam es leise über Filomenas Lippen. »Der ist's auch, von dem's der Meßner erfahren hat, daß ich hierher komme, denn ich selbst hätt' nie ein Wort darüber reden mögen. Der Lenzl steigt öfters hier herauf, weil er sagt, die taube Lisi hätte den besten Enzeler im ganzen Gebirg.« Der Mann unten vor der Almhütte lachte noch immer. »Aha!« schrie er der tauben Lisi zu, die unter der Türe stand, »dahinaus will's mit der Malerei. Hätt' sich jeder an den fünf Fingern abzählen können. Ist immer die gleiche Geschicht' mit den Schwarzröcken. ›Jungfernschänder‹ heißt man sie drunten in Welschland. Wird dem Meßner in die Blüten regnen. Der hätt' das fein' Blümerl da gern für den hochgebornen Herrn aufgespart. Und der Barthel schleicht ja auch um das Tauberl herum wie der Fuchs, wenn's Abend wird. Ja, so ein Kuttenträger sticht uns alle aus bei den Weibern. Aber das Jungferl da soll nur nicht denken, daß er's mit ihr allein hält, das fein' Herrle von den Benediktinern. Oh, es hat seine Augen im Kopf, das Herrle, und weiß, wo noch süßere Frücht' reifen, hoch, ganz hoch, und hat gleich zwei Saiten auf seiner Geig', – zwei Saiten auf einmal!« Und wieder lachte der Sprecher schrill und heiser hinterdrein, während er gleichzeitig seine mächtige Faust in der Luft schüttelte. Filomena saß wie versteinert am Boden hingekauert, die Hände schlaff im Schoß, die Augen schreckhaft aufgeweitet, keines Wortes, keiner Bewegung, nicht einmal eines Blickes fähig. In dem Mönch aber kochte ein heißer Zorn auf. Er hätte dem widrigen Lästerer da unten mit der Hand ins Gesicht schlagen mögen, um ihn verstummen zu machen. Nur daß ihn seiner ekelte, daß er es wie eine Befleckung empfunden haben würde, wenn er so etwas Unreines berührt hätte. Dennoch hielt er es um Filomenas willen für unmöglich, hier zu schweigen und dem schamlosen Verleumder nicht den Mund zu verbieten. Mit raschen Schritten stieg er den Hügel hinab, trat geradeswegs auf den Förster zu, der nun doch vor der drohenden Haltung und den blitzenden Augen des Mönches stutzte und einen Schritt zurückwich, und rief ihm mit dumpf knirschender Stimme zu, in der die mühsam gedämpfte Leidenschaft nachgrollte: »Jetzt kein Wort mehr, Mann, oder Ihr werdet es bereuen! Und wenn nicht die Trunkenheit allein aus Euch spräche, Ihr würdet schon das nicht straflos wagen dürfen. Nun aber trollt Euch eilends dort den Weg hinab, oder ich vergesse, daß Ihr nicht mehr Herr Eurer Sinne seid.« Das unerwartet entschiedene Auftreten des Mönches übte auf den Trunkenen einen gewaltigen Eindruck aus. Seine Augen glimmerten in feindseliger Wut den Mönch an, aber doch nur scheu und von unten herauf, wie die eines lauernden Tieres, das jetzt sich nicht zum Angriff hervorwagt. Seine Lippen zitterten, und verbissene Wildheit lag in seinen Mienen, als er, sich krümmend, mit vorgebeugtem Kopf an dem Mönch vorüber zur Seite wich. Offenbar fand er nicht gleich eine Entgegnung oder wollte überhaupt schweigend das Feld räumen, zumal jetzt auch der wilde Xaverl, den das Schreien herbeigelockt hatte, aus der Hütte trat und sich neben dem Mönch aufstellte. Als er ein paar Schritte auf dem Wege abwärts gemacht hatte, wandte er sich noch einmal zurück, reckte seine Faust auf und schrie: »Mit dem Jungfernkind da oben macht's, wie Ihr wollt! Das ist nicht meine Sach'. Und Art läßt ja doch nicht von Art. Seid Ihr's nicht, wird's ein anderer. Aber da drüben – versteht Ihr – da drüben laßt die Hände fort! Das ist mein Revier. Und wenn Ihr wildern geht, könnt' sich leicht eine Kugel aus mein' Stutzen da einmal verirren. Seht Euch vor! Glaub' nicht, daß Mönchskutten kugelfest sind.« Mit wüstem Hohnlachen schritt er weiter zu Tal. Innocenz verstand nicht, was seine Drohungen bedeuten sollten, und weshalb dieser Mann ihn haßte und schmähte. Hatte der Graf ihm die Überwachung Donatas anvertraut? Oder stammte der Haß des Jäger-Lenzls aus früheren, unliebsamen Erfahrungen her, die er mit den Trägern geistlichen Gewandes schon gemacht? »Welch ein roher, widriger Geselle!« rief Innocenz, sich schüttelnd, dem wilden Xaverl zu. »Man müßte sich die Hände waschen, wenn man ihn berührt hätte.« »Hat wieder einmal zuviel getrunken, der Jäger-Lenzl,« versetzte der Senn gleichmütig. »Solltet Euch nicht drum aufregen, Bruder Innocenz. So wüste Reden führt mancher beim Enzeler, wenn er sonst auch die Augen verdreht und den Rosenkranz nimmer aus den Fingern läßt. Ist eben ein starker Mann, der Enzeler, bezwingt sie alle und kann keine Heuchelei ausstehen.« Innocenz hörte kaum auf ihn. »Ich hätte nie geglaubt, daß das geistliche Gewand hier in solcher Achtung steht und solchen Angriffen ausgesetzt sein könnte!« rief er in heißer Empörung. Der wilde Xaverl zwinkerte achselzuckend in die Sonne. »Ist doch auch vielleicht nicht ganz ohne Schuld der geistlichen Herren so geschehen, Bruder Innocenz. Und der Lenzl hat halt 's Unglück gehabt, mit einem von ihnen zusammenzugeraten. Ist lang' her. Aber der Lenzl hat sich's zu Herzen genommen und seitdem sieht er in jedem Geschorenen seinen Erzfeind und einen höllischen Versucher obendrein. Die Lisi sollt' ihm keinen Enzeler vorsetzen, werdet Ihr sagen, Bruder Innocenz. Aber die Lisi hat halt so ein arm's Hascherl, so ein' richtigen Trottel da unten im Dorf, das ist ihr leiblich Kind, wenn's auch keinen Vater je gekannt hat, und da sind ihr die paar Kreuzerl halt recht, die ihr der Enzeler einbringt. Der Lisi müßt Ihr nicht gram sein, Bruder Innocenz, beileib' nicht.« Der Mönch stieg, ohne hierauf zu antworten, wieder den Sandhübel hinan. Die Erregung bebte noch in ihm nach, aber er zwang sich zur Ruhe, als er den Platz wieder erreichte, auf dem die von Xaverl kunstgerecht gezimmerte Staffelei mit dem fast vollendeten Bilde stand. Filomena empfing ihn wortlos, ohne auch nur die Augen zu ihm zu erheben, und er selber murmelte bloß: »Er war betrunken, der Lenzl, er wußte nichts von dem, was er redete.« Dann versuchte er, weiterzuarbeiten. Aber es wollte nicht gehen. Und es war nicht nur der widrige Auftritt da unten bei der Hütte, den er erlebt hatte, was ihm die Hand lähmte und die Gedanken verwirrte, sondern mehr noch die Rückerinnerung an jenen Blick, den Filomena ihm vorher zugeworfen hatte, und unter der ihm noch jetzt das Blut siedend in die Schläfen hinaufstieg. Er konnte ihn nicht vergessen, und er konnte um deswillen den Pinsel nicht mehr halten. Die Farben auf der Leinwand verschwammen ihm ineinander, sein Arm sank kraftlos herab. »Wir wollen aufhören,« sagte er, »ich bin's müde.« Filomena hatte bisher noch keinen Laut von sich gegeben. Jetzt zuckte sie leicht zusammen. Und während er die Malgerätschaften zusammenräumte und die Staffelei sich über den Arm hing, kam sie auf ihn zu, blieb mit gesenkten Wimpern vor ihm stehen und sagte: »Ihr müßt mir nicht zürnen, Bruder Innocenz. Ich bin an dem allen nicht schuld, was Euch bekümmert. Wenn es nach mir geht, ich will gewiß tun, was Ihr von mir erwartet. Ich folge Euch blindlings. Sagt mir nur, was geschehen soll.« Es lag so viel rührende Hilflosigkeit und so viel flehentliche Innigkeit in ihren Worten, daß es dem Mönch das Herz mächtig bewegte. Er wußte, daß sie die Wahrheit sprach, und daß er wirklich von ihr fordern könne, was er wollte. Aber das gerade machte ihn stark und ruhig. »Filomena,« sagte er mit liebevoll brüderlichem Ton, »weshalb sollt' ich Euch wohl zürnen? Ihr wart immer gut und willfährig, und nur zu danken hab' ich Euch. Ich selber war unvorsichtig, weil ich ahnungslos war und mich sicher fühlte. Ich wußte nichts von dem, was früher geschehen ist, und nichts von dem, was die Menschen Übles denken könnten. Dem, was Euer Pflegevater Euch heißt, müßt Ihr gehorchen. Wir werden uns ja trotzdem wieder sehen dürfen, denk' ich. Und nun kommt, ich will Euch eine Strecke weit das Geleit geben.« Er rief dem Sennen, der ihm das Malgerät in die Hütte tragen sollte, nahm Abschied von ihm und schritt, als Filomena das gleiche getan hatte, ihr voran auf dem Wege nach Moosbrunn. Er hatte jedoch den oberen Pfad dorthin eingeschlagen, der am Pfaffensprung vorüberführte, und bis dahin ging er mit ihr. Unterwegs sprachen sie nichts, nur hin und wieder blieben sie stehen, wie wenn der Atem ihnen knapp würde, und blickten mit großen, verwunderten Augen in die Talschlucht hinunter und zu den ragenden Felsmauern empor, wie in eine ihnen ganz fremde Welt. Ihre Augen trafen sich aber niemals dabei. Als sie so das Pfaffenmarterl an der Felsecke über dem jähen Absturz erreicht hatten, sagte Innocenz, innehaltend: »Um das Bildstöckl hier solltet Ihr auch einmal einen Kranz winden, Filomena. Es ist gar so verlassen.« Zum ersten Male sah sie ihn wieder an, aber mit einem seltsam träumerischen, schwimmenden Glanz in ihren Augen. »Es ist für einen Selbstmörder,« sagte sie. »Die Leute schlagen drei Kreuze, wenn sie vorübergehen, und in der Vollmondsnacht geistert's hier, meinen sie.« Innocenz lächelte wehmütig. »Schreckt Euch das? Für die arme Seele, die hier Ruhe gesucht, sollte man fleißiger beten als für alle anderen, mein' ich.« »Freilich wohl,« erwiderte sie in ihrem versonnenen Ton, »das sollte man. Sie sagen, es sei ein Priester gewesen, und er hätte ein Weib geliebt, trotzdem er es nicht durfte. Und obgleich es eine Todsünde war, wollte er sie doch zu seinem Weibe machen. Sie aber hat es nicht gewollt, weil ihr davor graute, und da hat er nicht mehr leben mögen. Der Teufel hat ihn hier herabgestürzt, sagen die Leute. Wird aber wohl seine eigene Verzweiflung gewesen sein.« In Innocenz' Augen war ein jähes, heißes Feuer aufgelodert. »Und worüber war er verzweifelt?« stieß er irr heraus. »Über die Todsünde, die er hatte begehen wollen, oder über das Weib, das ihm nicht folgen wollte, trotzdem es ihn liebte?« Er hatte sie bei den Worten, die wie aus einer dunklen, ihm selbst noch unbekannten Tiefe seines Herzens hervorbrachen, nicht angeblickt, sondern starr in den Abgrund niedergeschaut, der zu ihren Füßen klaffte. Filomena überrieselte es kalt. »Ich weiß nicht,« murmelte sie, ängstliche Blicke auf ihn werfend. Und nach einer Weile setzte sie hinzu. »Ich glaube, es ist kein guter Platz hier.« »Ihr habt recht,« sagte der Mönch, vor sich hinnickend, »es ist kein guter Platz. Droben auf der Alm war's lichter und freudiger und man atmete freier. Lebt wohl, Filomena!« Er wandte ihr sein Gesicht jetzt wieder zu und sie gewahrte, wie ernst und verdüstert es geworden war, gerade, als wäre eine graue Aschenschicht auf das helle Feuer seiner Augen gefallen. Die Hand, die er ihr bot, war eiskalt. Sie hatte sie kaum flüchtig berührt, als er hastig davonschritt. Eine Weile stand das Mädchen noch wie festgebannt auf der gleichen Stelle und blickte ihm ratlos, verständnislos nach. Sie wartete, daß er noch einmal zurückkommen, daß er ihr noch ein Wort sagen solle, aber er war hinter der Bergecke verschwunden, und die tiefe Stille des Sommernachmittags lag über dem Hochland und brütete schweigend um sie her. Da überkam sie plötzlich ein Gefühl furchtbarer Einsamkeit. Sie kam sich so verlassen und ausgestoßen vor in der ungeheuren Ruhe, die wie mit körperhafter Schwere auf sie niederdrückte, daß es ihr den Atem in der Brust beklemmte. Zum ersten Male in ihrem Leben empfand sie das geheimnisvolle Grauen vor der Größe dieser Natur, die ihr bisher vertraut, die mit ihrem innersten Fühlen und Sein verwachsen gewesen. Sie meinte den Flügelschlag des Bergadlers, der in unerreichbarer Höhe über ihr durch die Bläue der Luft steuerte, in dieser odemlosen Stille vernehmen zu können. Eine nie gekannte Angst schnürte ihr die Kehle zusammen; sie hätte fast einen Hilferuf ausgestoßen, ohne zu wissen, warum, ohne zu wissen, nach wem. Dann warf sie sich plötzlich auf ihre Knie nieder, schlang ihre beiden Arme um das verwitterte Bildstöckel, legte ihren Kopf darauf und weinte. Heiß rannen ihr die Tränen herab, und ihr junger, schlanker Leib ward durch ein wildes Schluchzen erzittert. Wer sie aber gefragt hätte, weshalb sie weine, dem hätte Filomena keine Antwort zu geben vermocht. Innocenz eilte indessen dem Dorfe zu. Er schritt rasch aus, trotz der Mittagsglut, die in dem felsigen Engtale heute zum ersten Male sengend fühlbar ward, und die hellen Tropfen perlten ihm auf der Stirn. Sein Auge blieb verdüstert, und er sah heute nichts mehr von der schimmernden Sonnenherrlichkeit des Hochlandes, durch die er hinzog. Das Mittagsgeläut von St. Ulrich schwamm ihm durch die klare Stille entgegen, aber er hörte es nicht, nahm seinen Hut nicht aus der Stirn und betete nicht. Erst als er die ersten Häuser des Alpendorfes vor sich sah, schien er sich wieder zu besinnen, wo er war. Die Resi stand unter der Tür des Pfarrhauses, als er es erreichte. Er bat sie um einen Trunk Wein, da er durstig geworden sei, auf das Mittagessen aber leiste er Verzicht, er spüre keinen Hunger. Die Pfarrköchin brummte etwas davon, daß man im Schlosse wohl besser speise als im Priesterhause, und schlurrte mißmutig davon. Im Gange stieß Innocenz auf den Pfarrherrn, der stehen blieb und sagte: »Gut, daß Ihr da seid. Der Toni Pyrker hat schon ein paarmal nach Euch gefragt. Was habt Ihr mit dem?« Innocenz gab eine ausweichende Antwort. »Der Mann war stark erregt,« fuhr Aloys Antholzer fort, »um Gotteswillen, macht Euch den nicht zum Feinde! Lieber jeden andern auf der Lahn. Wenn Ihr's mit dem verderbt, seid Ihr hier verloren. Gebt ihm nach in allen Stücken. Tretet ihm nicht zu nahe.« »Ich werde ihm und aller Welt gegenüber meine Pflicht tun, hoff' ich,« sagte Innocenz kalt. Der Pfarrer zuckte die Achseln. »Wie Ihr wollt, Ihr seid gewarnt. Die Resi soll hinübergehen, ihm zu sagen, daß Ihr zurück seid.« Damit ging er. Innocenz hatte kaum Zeit, sich in seiner Kammer durch ein Gebet zu stärken und sich auf einen ernsten Kampf vorzubereiten, der ihm aller Voraussicht nach jetzt bevorstand, als der Sägemüller an seiner Tür pochte. Er kam nicht allein, auch der Hamerl war mit ihm. Die beiden Männer sahen finster drein. Der Hamerl hielt sich im Hintergrunde, nur dann und wann einen mißtrauischen, bösen Blick zu dem Mönch hinüberwerfend. Anton Pyrker aber trat breitbeinig und steifnackig vor Innocenz hin, die Augen zusammengekniffen, die Daumen der beiden breiten Hände im gestrickten Ledergurt vor dem Bauche, einen trotzig-herausfordernden Zug um die herabgezogenen Mundwinkel in dem knochigen, bartumstoppelten Gesicht. Auf seiner kantigen Stirn gruben sich tiefe Falten ein. »Gott zum Gruß,« sagte er, »und ich hätt' mit Hochwürden zu reden.« »Nehmt also Platz und redet.« »Danke. Kann stehen. Hochwürden wissen ja wohl, weshalb ich komme.« »Das kann ich nicht wissen.« Der Sägemüller lächelte durch ein Heraufziehen des linken Mundwinkels und ein Zudrücken des Auges darüber. Es war ein Lächeln, in dem sich Verachtung und Überlegenheit ausdrückten. Dann sagte er achselzuckend: »Wenn Ihr's nicht wissen wollt: wegen der Aloysia ist's. Was habt Ihr dem Weibe eingeredet, Hochwürden?« Innocenz krauste seine Stirn. »Vor allen Dingen werdet Ihr in einem anderen Tone zu mir sprechen, Anton Pyrker! Ihr scheint zu vergessen, wen Ihr vor Euch habt. Besinnt Euch, daß Ihr vor Eurem Seelsorger steht.« Der ihm ungewohnte Klang dieser Worte und mehr noch die Haltung, in der Innocenz vor ihm sich emporreckte, übten auf den Sägemüller einen gewissen Eindruck aus. Aber er war der Mann nicht, um sich zu demütigen. »Ist schon recht,« kam es über seine sich kaum öffnenden Lippen, »werd's nicht vergessen. Aber daß ich's kurz mach': die Aloysia ist wie vor den Kopf geschlagen, weil Ihr gesagt habt, der Windische Sepp, der erzvermaledeite Lump, sei ihr Mann und nicht ich. Sie heult und jammert den ganzen Tag oder sitzt da und brütet stier und stumpf vor sich hin, daß es einem das Herz abdrücken könnt'. Und manchmal führt sie ganz wirre grausliche Reden, daß man meinen könnt', es sei nicht mehr richtig bei ihr. Und daß das Kind besser wird, darüber grämt sie sich, statt daß es sie freuen sollt'. Ein ganz anderer Mensch ist's worden gegen sonst. Und das habt Ihr mit Eurer Red' ganz allein zustandgebracht, und nun ist's Eure Schuldigkeit, daß Ihr kommt und macht's wieder richtig. Deshalb bin ich da.« Er sagte das alles mit ruhiger Bestimmtheit, als ob es sich um einen Holz- oder Viehkauf handle, der rückgängig gemacht werden müsse, weil er ihm sonst zum Schaden gereiche. Innocenz machte eine Bewegung der Ungeduld. »Meint Ihr, ich könnte etwas von dem widerrufen, was ich der Aloysia gesagt habe?« fuhr er auf. »Ist das Wort Gottes und das Gebot unserer heiligen Kirche nichts anderes, als was ein Mensch aus sich heraus redet? Läßt sich daran etwas wandeln? Müßt Ihr, wenn Ihr ein wahrer Christ seid, nicht alles das gerade so gut wissen wie ich? Daß die Aloysia Euch das gestanden hat, was ihr widerfahren ist, und was ich ihr gesagt habe, ist mir lieb. Zurücknehmen kann ich nichts davon, wie Ihr selber wissen müßtet. Ihr habt schwere Sünde begangen, Anton Pyrker, und es wird an Euch sein, Eure Schuld zu sühnen. Wie es den Anschein hat, sind die Demut und reuige Zerknirschung, die Euch so wohl anstehen würden, noch nicht bei Euch eingekehrt!« Der Sägemüller hatte mit einer Hand nach dem breiten Hut gelangt, den er vorher auf den Tisch geworfen, als wenn er sich zum Gehen rüsten wolle, da hier seine Zeit doch nutzlos vergeudet sei. Dann aber legte er ihn wieder hin, zog die eine Schulter in die Höhe und sagte: »Darum handelt sich's nicht, mein' ich. Die Aloysia hat mir auch erst nichts gebeichtet. Der Sepp ist selber bei mir gewesen. Daß ich den Erzhalunken nicht gleich niedergeschlagen hab', den wortbrüchigen, als er in die Tür getreten ist, nimmt mich selber wunder, und man könnt' es mir groß anrechnen. Denn verdient hat er's gewiß. Für die Zukunft möcht' ich auch nicht einstehen. Und heimgeschickt hab' ich ihn schon so, daß er's Wiederkommen vergessen wird, Da hab' ich mit der Aloysia reden wollen, daß sie sich nicht erschrickt, wenn sie ihn zu Gesicht bekommt, den Spitzbuben. Aber es war ja schon zu spät. Seither weiß ich nun alles und versteh' jetzt, weshalb die Aloysia so schreckhaft verändert ist in ihrem Wesen. Wegen des Sepp ist's nicht –, um so einen grämt sie sich bei Gott nicht!« »Was meint Ihr denn also selber, was nun geschehen sollte?« fragte Innocenz finster. Der Sägemüller spreizte die Beine noch weiter auseinander und warf den Kopf in steifem Trotz in den Nacken. »Was hat da viel zu geschehen? Und wie kann davon die Frag' sein? Die Aloysia ist meine Frau und bleibt meine Frau. Dafür bin ich der Anton Pyrker von St. Ulrich!« »Und der Sepp?« »Der Sepp? Was schert mich der Sepp? Sollt' ich um so einen Lotter auch noch einen Finger rühren? Sein Wort hat er gebrochen, der Erzlump, und's Geld hat er vertan, und weil's ihm nimmer gut drüben im Amerika worden ist, ist er wieder heimkommen, das ist die ganze Geschicht' von sein' Ansprüchen auf mein Eh'weib. Tot hat er sein wollen, hat er damals versprochen, so gut wie tot. Damit war's recht, und die Aloysia ist meine Frau worden. Wie kann er jetzt wieder aufleben wollen? Tot ist tot und kommt nicht wieder.« »Ihr wißt doch, daß Euch harte Strafe erwartet, wenn der Sepp aufs Bezirksgericht geht und die ganze Sache zur Anzeige bringt. Schreckt Euch auch das nicht, Sägemüller?« Anton Pyrker stieß achselzuckend ein kurzes, verächtliches Lachen aus. »Wird sich wohl hüten, der Lotterbub', der nichtswürdige. Aufs Gericht laufen und sein eigene Schand' ausposaunen, daß sie ihn nur gleich selber dabehielten – das sollt' ihm einfallen! Denkt an das nicht, der ehrvergessene Vagabund. Ist ihm ums Geld zu tun, ganz allein ums Geld. Hätt' ich ihm heut' in der Früh gleich ein paar Hunderter in die Hand 'drückt, auf und davon wär' er und hätt' den Teufel mehr gefragt nach seinem lieben Eheweib. Nein, nein, Hochwürden, um den Windischen Sepp müßt Euch halt nicht grämen. Den werden wir schon wieder los, hat gar kein' Sorg'. Und wenn's im guten nicht war', dann müßt's im schlimmen geh'n. Schad' ist's ja gewißlich nicht um so ein' nichtswürdigen, erzvermaledeiten Schuft, Und man tut der Welt nur einen Gefallen, wenn man ihn nur gleich in die Höll' schickt.« »Ihr redet nicht mehr wie ein Christ, Sägemüller,« fiel der Mönch zornig ein. »Lassen wir's also dabei bewenden,« versetzte Pyrker trocken. »Der Sepp kümmert uns hier nichts, hab' ich nur sagen wollen, mit dem wird der Sägemüller von St. Ulrich schon selber fertig. Um den wär' ich nicht hier. Aber das Weib sollt Ihr mir wieder zur Räson bringen, darum handelt sich's. Das Weib habt Ihr mir toll gemacht, dem Weib müßt Ihr den Kopf wieder zurechtsetzen. Das ist Eure Schuldigkeit.« Er stand jetzt, die Hände in den Hosentaschen, die wadenbestrumpften Beine weit ausgegrätscht, in herausforderndem Trotz vor dem Mönch da, als handelte es sich um eine kontraktliche Verpflichtung, deren Erfüllung er fordern müsse. Innocenz bekämpfte mühsam seine grollende Empörung, um ruhig zu bleiben und seiner priesterlichen Würde nichts zu vergeben. »Sägemüller,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Ihr verkennt, daß ich nicht als Mensch hier zu Euch zu sprechen oder für Euch zu handeln habe, sondern daß ich einzig und allein auf dem Boden der Kirche stehe und als Verkündiger unseres heiligen Glaubens rede. Wenn Euch die irdischen Strafen nicht schrecken, so denkt an die himmlischen! Ihr seid vor dem göttlichen Gesetz ein Ehebrecher, denn Ihr durftet das Weib eines anderen nicht freien, solange er noch lebte, gleichviel, wo und wie er lebte; die Ehe ist ein Sakrament und kann nicht gelöst werden, außer durch den Tod. Und Ihr seid vor dem göttlichen Gesetz auch ein Lügner und Betrüger, denn Ihr habt dem Priester, der Euch traute, verschwiegen, daß der Ehemann des Weibes, mit dem Ihr vor seinen heiligen Altar kamt, noch lebe; dadurch habt Ihr ihn wider sein Wissen und Wollen zu einer Handlung verleitet, welche die Kirchenordnung verbietet. So seid Ihr doppelt und dreifach schuldig geworden und habt alle Ursache, in Euch zu gehen, zu bereuen und zu büßen, statt daß Ihr hier trotzig und rechthaberisch auf Eure Macht und Euer Ansehen im Orte pocht, mit Geld das Geschehene ungeschehen zu machen gedenkt und von mir fordert, was Euch zu Eurer Ruhe gut und notwendig dünkt. Ich wiederhole Euch, was ich der Aloysia schon gesagt habe und immer wieder sagen muß: sie ist Euer Weib nicht, sie ist das Weib des Windischen Sepp, solange er lebt. Und nun geht hin und tut, was Euer Gewissen Euch heißt, Sägemüller. Nur das sag' ich Euch noch: solange Ihr Eure Sünden nicht bekennt und bereut, und solange Ihr mit dem Weibe eines anderen Mannes in ehelicher Gemeinschaft weiterlebt, muß Euch die Kirche durch mich ihre heiligen Gnadengüter versagen. Ihr habt in Eurer starren Blindheit schwer gefrevelt, Anton Pyrker, Ihr werdet schwer büßen müssen, ehe Gott sich Euch in seiner Barmherzigkeit wieder zuwendet!« Anton Pyrker hatte ihm in wachsendem Erstaunen zugehört. Anfangs lächelte er fast ungläubig, als ob er das Ganze für einen übel angebrachten Scherz halte, dann verfinsterte sich seine Stirn immer mehr, und seine Lippen preßten sich fester aufeinander. Man sah, wie seine Fäuste sich in den Hosentaschen ballten. Ein zorniger Blitz schoß aus seinen zusammengekniffenen Augen auf den Priester hinüber, der ihm, dem Sägemüller von St. Ulrich, solche Worte zu sagen wagte. Wenn man dem Mönch dort hätte glauben wollen, wäre er ja der größten Sünder und Verbrecher einer gewesen und schlechter als die Verworfensten und Elendesten auf der Lahn. Er mußte sich mit der Faust an die Stirn schlagen, um sich nur erst wieder daran zu erinnern, wer er eigentlich war, und weshalb er hier stand. Was wußte auch der junge Mensch dort in der schwarzen Kutte von ihm und vom Leben überhaupt, und von dem, was man darin tun durfte oder nicht durfte? Der redete, wie er es in seinen Büchern gelesen hatte, und wie der Blinde von den Farben, wenn er von der Liebe und von der Ehe sprach. Um deswillen war er ja gar nicht hier, eine Predigt hatte er nicht hören wollen, dazu war's Sonntags Zeit genug, und im Beichtstuhle kniete er hier auch nicht. Der Pfaffe vergaß wohl ganz, daß er jetzt nicht auf der Kanzel stand und sein Sprüchlein nicht eben hätte aufsagen brauchen. »Hochwürden,« brachte Anton Pyrker endlich mühsam heraus, »ist das alles, was Ihr mir in dieser Sache zu sagen habt?« Es lag eine dumpfgrollende Drohung in seiner Frage. »Das Weitere erwart' ich von Euch, Sägemüller. Die Kirche hat gesprochen.« »Und Ihr wollt der Aloysia nichts Tröstliches sagen, damit das arme Weib von seinem Wahn geheilt wird, Hochwürden?« »Eh' sie reuig wird und Buße tut, kann ich sie nicht trösten, denn eher hat die Kirche keinen Trost für Sünder. Ich kann sie wohl beklagen und von Herzen bedauern über die traurigen Irrwege, in die sie geraten ist, aber wenn mir selbst das Herz darüber brechen sollte: freisprechen kann ich sie nicht. Und so lange Ihr beide in Eurer sündigen Gemeinschaft verharrt, kann ich Euch nicht absolvieren. Mein Mitleid darf hier nicht zu Worte kommen, und wenn es riesengroß aufwüchse. Ich stehe nicht als Mensch vor Euch, ich stehe hier als Priester und verkündige Euch das Wort Eures Gottes. So hab' ich keinen Trost für sie, als den der Buße.« »So bleibt Ihr also dabei, daß die Aloysia zum Windischen Sepp zurück müßt'?« Wie ein Hohnlachen klang es aus der Frage des Sägemüllers. »Das muß sie.« »Und wenn er sie mir auch tausendmal abträt' und für immer verschwänd'?« »Sie bliebe doch sein Weib.« »Und die Kinder, Hochwürden? Unsere Kinder?« Zum erstenmal war ein weicherer Herzenston in seinen Worten. »Was kommen die Kinder dabei in Frage? Es sind Kinder der Sünde.« Innocenz hatte die Arme über der Brust ineinander verschränkt, um finster vor sich hinzublicken. Da schlug der Sägemüller ein wildes Gelächter auf, griff nach seinem Hut, wandte sich und schmetterte die Tür des Gemaches hinter sich zu. Der Hamerl war zurückgeblieben. Er drehte unschlüssig seine Mütze zwischen den Fingern, während er vor sich hinmurmelte: »Hier muß ein End' gemacht werden – ganz g'wiß muß hier ein End' gemacht werden.« Dann kehrte er sich gegen den Mönch zu, der in einen Stuhl niedergesunken war und die heiße Stirn in die Hände gestützt hatte. Er war wie gebrochen. »Hochwürden,« begann der Hamerl, und warf dem Mönch einen schrägen Seitenblick zu, »läßt sich an dem allen wirklich nichts ändern? Die Sägemüllerin, müßt Ihr wissen, ist in solcher Gewissensnot, daß sie meint, es wär' am besten, ihr Kind stirbt, damit es Fürbitt' einlegen kann für die Mutter als Engel vor dem heiligen Thron Gottes. Und wenn sie anders kein' Ruh nicht findet, Hochwürden, wer weiß, was geschieht? Recht wie ein Wahnsinn ist's schon über sie 'kommen. Ich mein' halt, man sollt' sie getrösten aus alleinigem Mitleid.« Innocenz schüttelte das Haupt. »Weshalb peinigt Ihr mich? Ich hab' keinen Trost für sie. Sie soll umkehren und Buße tun. Solang der Sepp lebt, ist sie des Sepp Weib.« Da ging auch der Hamerl leise hinaus. VII Durch das Gewirr der wild zerklüfteten Kalkschrofen stiegen Gräfin Donata und Innocenz steil bergan. »Wir wollen Alpenrosen pflücken,« hatte sie ihm gesagt. Ihm war es gleich recht, wohin sie ihn führte. Er sehnte sich einzig danach, mit ihr in heißem Kampfe um seinen Glauben zu ringen, zu dem er sie bekehren wollte, und dem sie in starrer Entschiedenheit ihr Herz verschloß. Je öfter er sie sah, ein um so innigeres Verlangen hegte er danach, und je schärfere Widersprüche er bei seiner seelsorgerischen Tätigkeit in der weltabgelegenen Gemeinde des Alpendorfes zwischen seinem menschlichen Empfinden und dem Gebot seiner Religion entdeckte, um so ungestümer drängte es ihn nur danach, der letzteren zum Siege zu verhelfen über Zweifel und Unglauben, um durch solchen Sieg sich selber von seiner Gewissenspein zu befreien und über seine eigene Schwachheit und Lauheit zu triumphieren. Nie hatte er heißer gebetet als in dieser Zeit, nie war er starrer und unerbittlicher gewesen in seinen Forderungen gegen sich selbst und gegen andere. Ein fanatischer Eifer verzehrte ihn. Er wollte sich nicht nachgeben, er wollte sich nicht unterliegen sehen. Und die Entscheidung dieses Kampfes, in dem er mit Gräfin Donata rang, sollte für ihn ausschlaggebend werden auch für den Streit, der in seiner eigenen Seele entbrannt war. Siegte er hier, so war das ein Sieg für ihn selber über Zweifel, Not und Hilflosigkeit. Dann war die Prüfung bestanden, die der Himmel ihm auferlegt hatte, und die Versuchung mußte von ihm weichen. Hinter dem ungestümen Begehren nach Sieg in diesem Kampfe versteckten sich sein eigener Kleinmut und die Hoffnung auf ein entscheidendes Eingreifen der höheren Macht, ohne daß er sich jetzt schwach und verzagt fühlte. Sie sprachen im Anfang ihrer Wanderung von den Büchern, die sie ihm zu lesen gegeben, von den Radierungen nach den Werken Tizians und der anderen großen venezianischen Meister, die er in ihrem Boudoir mit ihr durchgesehen hatte. In allen solchen Gesprächen fühlte er aber immer ihre Überlegenheit, und ihr ruhiges, klares Urteil beschämte ihn manchmal. Er sah erst dann vollends ein, wie einseitig sein Bildungsgang im Kloster gewesen war, und wie wenig er von jenen Dingen der Welt wußte, die im Grunde doch auch göttlichen Ursprungs waren, wie die Kunst, und bei deren Verehrung man Göttliches anbetete. Wenn Donata ihm sagte, daß sie vor einem profanen Bilde Tizians andächtiger gestimmt werde und frommer empfinde als vor einem jener schlechten Heiligenbilder, die in den Kirchen und Kapellen Tirols fast überall zu finden seien, so konnte er das ebenso begreifen, wie daß sie sich über die verzerrten »Herrgöttl« und die abstoßenden Darstellungen aus der Passionsgeschichte in den Stationshäuschen der Kalvarienberge beklagte, die ihr feineres Empfinden schwer verletzten und jede religiöse Regung, statt sie zu wecken, vielmehr gewaltsam erstickten. Und doch tat es ihm weh, daß er ihr nicht widersprechen konnte. Dann redete sie plötzlich von ihrem protestantischen Glauben. Das hatte sie noch nie getan, und es war ihm wunderlich, einsehen zu müssen, wie wenig er von dem innersten Wesen des Protestantismus bisher gewußt, welche Verständnislosigkeit er ihm entgegengebracht hatte. Das alles, was sie ihm da erzählte, von der kleinen, schmucklosen Dorfkirche ihres Heimatsortes, in der sie getauft und eingesegnet worden war, von den Hausandachten im Schlosse, wo ihr Vater einen Bibelabschnitt vorgelesen, von dem guten, steinalten Pastor, der schließlich sein letztes Kleidungsstück an die Armen weggeschenkt hatte, so daß ihr Vater ihm hatte aushelfen müssen, damit er nur vom Bett aufstehen konnte, – das klang so schlicht und rührend, daß doch ein Kern echten Frommseins darin stecken mußte. »Und doch haben Sie einen Katholiken geheiratet!« sagte er, »und ihm die Aussicht eröffnet, zu seinem Glauben überzutreten, wie konnten Sie das, wenn Sie von der Heilswahrheit des Ihrigen überzeugt waren?« Donata war stehengeblieben und wandte ihm ihr klares, ruhiges Antlitz zu, das von den lebendig bewahrten Kindeserinnerungen, die sie eben wieder vor sich heraufgerufen, wie durchhellt war. »Ich war glücklich und befriedigt in meinem Glauben,« entgegnete sie, »aber daß es der alleinseligmachende sei und es keinen anderen, gleichberechtigten geben könne neben ihm, – davon war ich niemals durchdrungen.« »Dann lebte also doch die unbestimmte, unklare Ahnung in Ihnen, daß es darüber hinaus noch ein Höheres geben könne, geben müsse? Und diese Ahnung hat Sie nicht getäuscht.« »Sie irren,« versetzte Donata ohne Bitterkeit oder Spott, aber mit Bestimmtheit, »das war es nicht. Mir war nur immer die Form gleichgültig und der Inhalt allein entscheidend. Deshalb durfte ich auch annehmen, ohne meinem Glauben untreu zu werden, daß man auf anderem Wege an das gleiche Ziel gelangen könne, und daß der Alleinbesitz der Wahrheit nicht das Vorrecht einer einzelnen Konfession sei.« »Wie kann man einem Glauben anhangen, ohne von seiner Alleinberechtigung fest überzeugt zu sein?« fragte er verständnislos. »Und wenn man nun fest überzeugt davon ist, daß es einen solchen Glauben überhaupt nicht gibt, nicht geben kann?« fragte sie dagegen. »In diesem Falle sind Sie, Frau Gräfin?« »Setzt Sie das nach allem in Erstaunen?« »Und deshalb – nur deshalb bleiben Sie dem Ihrigen treu?« »Deshalb. Weil kein anderer mir mehr bieten könnte, – vielleicht nur weniger. Ich hänge auch nicht einmal den Dogmen des Protestantismus an, – meine Vernunft sträubt sich gegen einige von ihnen, – ich bekenne mich nur zum Wesen seiner Heilslehre, und mein religiöses Bedürfnis, das in mir wurzelt wie in jedem fühlenden und denkenden Menschen, wird durch dasselbe befriedigt. Ich dürste nach nichts anderem. Ich fühle kein Verlangen nach dem mystisch-bestrickenden Zauber Ihrer Religion, ich brauche eine, bei der ich mit meinem Denken nicht Schiffbruch erleide. Sagen Sie mir nicht, daß die Religion über alles Wissen und über alle Vernunft hinausgehe, daß das Reich des Gedankens und das des Glaubens miteinander nichts zu tun haben. Ich begreife, daß Tausende und aber Tausende daran halten, daß die Religion nur so und nur dann ihnen Trost und Frieden bietet, ich begreife die Anziehungskraft und die Macht des Katholizismus vollkommen; ich bekämpfe sie weder, noch verachte ich sie, ich glaube sogar, daß der Katholizismus, so wie er ist, unentbehrlich und von millionenfachem Segen für einzelne wie für ganze Völker bleibt: – nur für mich selbst weise ich ihn als Notwendigkeit wie als Bedürfnis von mir. Wir sind eben nicht alle gleichgeartet, und was Tausenden Herzenssache ist, würde bei mir Gewissenszwang und Heuchelei sein. Ich lasse den anderen ihren Glauben, ich würde nie wagen, ein allgemeingültiges Urteil über ihn fällen zu wollen oder gar meinen Witz daran zu üben, aber ich nehme auch das Recht in Anspruch, meiner Individualität gemäß mir meine Religion zu gestalten. Eben weil ich Gott – und das heißt für mich: der Wahrheit – dienen will, muß ich vor allem wahr bleiben gegen mich wie gegen andere. Ich habe Ehrfurcht vor Ihrem Glauben, Pater Innocenz, aber er kann deshalb doch der meine nicht sein. Weshalb wollen Sie dem meinen nicht die gleiche Duldung entgegenbringen, wie ich dem Ihren?« Sie hatte sich auf einen rötlichen Lärchenstumpf niedergesetzt, der am Wege stand. Innocenz lehnte ihr gegenüber an einem Baumstamm, an den ein andächtiger Hirt im Vorüberziehen durch diese einsame Hochgebirgswildnis zwei brennende Herzen genagelt hatte. Er selbst sah sie nicht, aber Donatas Augen waren, während sie sprach, unausgesetzt darauf gerichtet. Jetzt deutete sie darauf und fügte hinzu: »Ich möchte sie zum Symbol nehmen, wenn sie auch in anderem Sinne gemeint sind. Sie brennen beide von einem göttlichen Feuer, das in ihnen glüht; wie dies Feuer geschürt wird, weiß keiner, und die Mächte über uns, denen dies Opferfeuer gilt, werden auch nicht danach fragen.« »Es wäre aber doch schön, wenn die gleiche Flamme in Ihnen glühte,« murmelte Innocenz. »Die gleiche Flamme ist es ja auch,« fiel sie ein, »sie wird nur verschieden genährt.« »Sie lassen mir wenig Hoffnung,« sagte er trübe. »Ich wußte nicht, daß in Ihnen alles so klar und gefestet sei. Sie stehen auf so sicherem Boden, daß es wie eine Vermessenheit erscheint, Sie davon zu vertreiben, ihn unter Ihnen erschüttern zu wollen.« »Ich habe mich zu meiner Weltanschauung durch schwere Kämpfe hindurchgerungen, das müssen wir ja alle,« sagte sie einfach. Innocenz schnitten die schlichten Worte in die Seele. Er mußte unwillkürlich denken: alle? Also auch er? Was hatte denn er für Kämpfe zu bestehen gehabt, durch die er sich seinen Glauben errungen, an dem er festhielt, für den er kämpfte? Bis er hierher in das einsame Hochgebirg gekommen war, nicht einen einzigen. Man hatte ihm diesen Glauben anerzogen, und er hatte ihn hingenommen, ohne zu fragen, ohne zu grübeln. Ihn sich erkämpft hatte er bis heute nicht. Wie durfte er auf diesen Glauben also stolz sein, den er doch nicht als ein unantastbares Gut sich aus eigener Kraft erstritten, den vielmehr sorgliche Gärtner liebevoll in seiner Seele gepflanzt hatten? Sie gingen weiter. Schweigsam starrte die Felsenwildnis um sie her. Nun gelangten sie an ein Gehölz von Zirben. Schwarze Zirbenkrähen umflatterten mit heiserem Krächzen hier die Nadelkronen, und hoch über ihnen in blau schimmernder Luft stand ein Falke, der auf Beute lauerte. Hier dehnte sich zwischen den jäh abstürzenden, unzugänglichen Felsmauern eine kesselartige Eintiefung, an der ein schmales Hochjoch hinlief. Das ›Joch Büllele‹ nannten es die Leute auf der Lahn. Hier zeigten sich plötzlich die Spuren eines ungeheuren Elementarereignisses, das die Gegend vor Jahren heimgesucht haben mußte. Gewaltige Steinmuhren zogen sich die Hänge der Schlucht hinunter, und man konnte den Weg noch verfolgen, den sie von den Höhen herab auf ihrem verderbenbereitenden Gange genommen hatten. Die Verwüstung des Waldes bezeichnete ihn. Die zahllosen Baumstümpfe sowie die Verwandlung des fruchtbar-üppigen Bodens in Schutthalden auf weite Strecken hinaus redeten davon, welche Kräfte hier entfesselt gewesen waren, mit welcher Wucht die Hochwasser aus den Gletscherregionen niedergegangen waren, um vor sich her alles niederzuwerfen und zu zertrümmern, was sich ihnen in den Weg drängte. Und gerade hier, zwischen diesen Malen einer gigantischen Naturschlacht, grünte und blühte es noch immer in solcher Pracht und Fülle, wie nirgends sonst unter den ragenden Zacken der Dolomiten. Blaue Gentianen nickten zwischen Moos und Adlerfarnen, als wollten sie all die Erinnerungen an das Grausige, das hier geschehen, mit Farbe und Duft überdecken und begraben. Und die mächtigen Steinblöcke, zwischen denen krüppeliges Nadelgesträuch sich mit zäh klammernden Wurzeln eingenistet, schienen auf ihrer Oberfläche zu brennen. So blendeten im Glanz der zwischen den zerwetterten Stämmen schräg hereinfallenden Sonne die blühenden Alpenrosen, die wie ein schimmernder, blutroter See sich hier ergossen hatten. »Hierher hab' ich gewollt,« sagte Donata. »Wissen Sie, wie das Volk drunten im Krainischen die Alpenrosen nennt? Donarstauden. Denn sie sind einst ihrer Farbe wegen Donar, dem Gott der Blitze, heilig gewesen. Ist der Name nicht schön? Helfen Sie mir einen Strauß pflücken, Pater Innocenz! Ronald hat die Blumen so gern, und ich versprach ihm wieder einen Strauß. Er war heut' müder und schwächer als je. Ich habe darum an seinen Vater geschrieben, er solle das Kind von Peutelstein fortholen, wo es langsam zugrunde gehe; alles hab' ich ihm nochmals vorgestellt, habe mich herbeigelassen, es als eine Gunst von ihm zu erbitten, daß er mir mein Kind nimmt, wenn er mich selbst denn hier einkerkern will, – mehr konnte ich nicht tun. Ich hab' ihn beschworen, wenigstens selber zu kommen und sich zu überzeugen, daß ich nicht übertreibe, oder doch mir einen Arzt heraufzusenden, der ihm Bericht erstattet, wenn er selbst jetzt seine Jagden nicht aufgeben kann oder will. Es war das letzte, was mir blieb.« Sie hatte das alles mit tonloser Stimme vor sich hingesprochen, während sie die blühenden Alpenrosen brach. Innocenz half ihr. Nun blieb er einen Augenblick vor ihr stehen und fragte; »Sie rechnen auf Gewährung Ihrer Bitte?« »Nein,« erwiderte sie herb mit einem Kopfschütteln, »nein, ich hoffe nicht darauf.« Innocenz wagte nicht, weiter zu fragen. Eine Weile pflückten sie schweigend nebeneinander die Blüten. Die Luft wurde allmählich merkwürdig schwül und drückend hier in der Gebirgssenkung, nicht das leiseste Rauschen der Nadelkronen ließ sich aus der Höhe vernehmen. Die Zirbenkrähen waren davongeflattert, und eine schier beängstigende Stille lag über der blühenden Schlucht. Nur der Falke stand noch wie ein schwarzer Punkt unbeweglich im schimmernden Kristall des tiefen Blaus. Dann zog plötzlich eine Wolke über die Sonne hin, verschattete sie und ließ, wie unter der Berührung einer kalt dahinstreichenden Hand, den Zauber von Farbe und Licht, der die Bergschlucht übersponnen gehabt, verbleichen. Der Mönch hatte die ganze Hand voller Alpenrosen, als er, wie aus tiefem Nachdenken auffahrend, jetzt kalt und unvermittelt fragte: »Weshalb sind Sie die Gattin dieses Mannes geworden, Gräfin Donata?« »Weshalb?« Sie wiederholte das Wort leise und blickte, auf einem Felsblock mitten unter Farnen und Gentianen sitzend, die beiden Hände über dem Strauß in ihrem Schoß gefaltet, mit hängendem Kopf vor sich nieder. »Das mag Ihnen freilich ein Rätsel erscheinen, Ihnen, der Sie die Welt nicht kennen. In der großen Welt draußen begreift man es überall. Ich war damals erst siebzehn Jahre alt geworden und kam aus einem Pensionat der französischen Schweiz zurück in die Heimat. Da sagte man mir, Graf Alexander Karditsch, den ich nur zweimal gesehen hatte, als er mit anderen Kavalieren zusammen zu einem Jagddiner bei uns im Schlosse gewesen war, bewerbe sich um mich. Damit war mein Schicksal entschieden. Der Graf war jung, schön, reich, der Typus eines österreichischen Grandseigneurs im besten Sinne des Wortes und – er liebte mich. Ich war wie betäubt von diesem Glück, das über mich hereinbrechen sollte, um das mich alle beneideten, durch das ich selber mir plötzlich verwandelt und über mich hinausgehoben vorkam. Von der Möglichkeit einer Ablehnung solch eines Antrages war gar nicht die Rede, nie wurde sie erwähnt, weder von meinen Eltern, noch von mir. Ich erinnere mich nur, wie stolz ich bei dem Gedanken war, meinen Pensionsfreundinnen meine Verlobung mit einem der ersten Feudalherren Österreichs bekanntzugeben. Sechs Wochen nach der Verlobung, während deren wir uns nicht sahen, weil der Graf auf seinen krainischen Besitzungen zu tun hatte, fand unsere Vermählung statt. Dann machten wir die traditionelle Hochzeitsreise nach Italien.« Die Sprecherin schwieg einen Augenblick, und es war, als ob ein düsterer Schatten über ihre Augen hinziehe. Dann strich sie sich leise mit der Hand darüber und fuhr mit müder Stimme fort: »Auf dieser Hochzeitsreise sahen wir beide ein, daß wir uns geheiratet hatten, ohne uns zu kennen, und daß unsere Naturen wenig zueinander stimmten. Wir wurden uns eigentlich mit jedem Tage fremder. Wenn ich voll begeisterten Eifers mich in die Kunstschätze der italienischen Städte versenken wollte, hatte Graf Alexander nur Worte des Spottes für mich. Seine Neigungen gingen ganz wo anders hin. So sahen wir in Mailand nur ein Ballett in der Scala, in Florenz wohnten wir dem großen Pferderennen in den Cascinen bei, in Rom hatten wir eine Privataudienz beim heiligen Vater, in Nizza machten wir einen Blumenkorso mit, in Monaco das große Taubenschießen, – das waren die Ergebnisse eines Aufenthalts in Italien. Als wir zurückkamen, wußten wir beide, daß wir nichts miteinander anfangen könnten, daß wir uns gleichgültiger waren, als die fremdesten Menschen. Und danach richteten wir fortan unser Leben ein. Meine Weigerung, zu der Konfession meines Gatten überzutreten, trug das ihrige auch dazu bei, uns zu trennen. In Italien war mir die Unmöglichkeit eines Übertritts so grell und kraß vor die Seele getreten, daß ich jetzt alle dahingehenden Versuche schroff ablehnte. Ich hatte dort den Katholizismus erst begreifen und würdigen gelernt, aber zugleich auch die ungeheure Kluft erkannt, die mich persönlich meinem Denken und Empfinden nach von ihm schied. Wer argwöhnen wollte, es sei nur aus Widerstandslust gegen Graf Alexander geschehen, daß ich mich weigerte, überzutreten, und ich würde es getan haben, wenn ich ihn hätte lieben lernen, statt mich ihm zu entfremden, würde mir Unrecht tun. Ich hege gegen den Grafen keinen Groll. Ich hätte ihm wahrscheinlich gern seinen innigsten Herzenswunsch, den ich ja kannte, erfüllt, – auch um meines Kindes willen, das vor Ablauf des ersten Ehejahres zur Welt kam und katholisch getauft werden mußte, – ich habe immer danach gestrebt, in Frieden mit ihm zu leben; aber ich konnte dies Opfer nicht auf Kosten meiner Überzeugung, auf Kosten des in mir waltenden Sittengesetzes bringen. Sie müssen noch wissen, daß ich erst später erfuhr, wieviel Dank ich dem Grafen schuldig geworden, ohne es zu ahnen. Er hatte meinen Vater kurz nach unserer Heirat vom Ruin gerettet. Hierdurch mag Ihnen das Drängen meiner Eltern, die Werbung des Grafen anzunehmen, noch erklärlicher erscheinen, trotzdem Sie bedenken müssen, daß mein Vater ein sehr strenger Protestant war und dem Katholizismus in jener unduldsamen Schroffheit gegenüberstand, die in einer Mischbevölkerung nicht selten ist. Diese Dankesschuld hätt' ich durch meinen Übertritt abtragen sollen. Aber ich konnte nicht. Seither lebten wir, wie hundert andere Ehepaare der vornehmen Welt. Wir sind wenig zusammen, und wenn wir es sind, erregen wir den Eindruck eines Paares, das vortrefflich miteinander auskommt. Der Graf ist immer von ritterlicher Aufmerksamkeit. Ein hartes Wort ist noch nie über seine Lippen gekommen. Er findet mich sogar immer noch schön, und wenn wir uns monatelang nicht gesehen haben, sagt er mir das sogar. Ich habe mich in keiner Weise über ihn zu beklagen. Selbst daß ich mich nur selten dazu verstehe, die Wiener Gesellschaftssaison, in der er eine Rolle spielt, mitzumachen, verübelt er mir nicht zu sehr. Er läßt mir viel Freiheit und – er selbst nimmt sie für sich ebenso in Anspruch. Er denkt sehr – wie soll ich sagen? sehr liberal, sehr weitherzig; ich glaube, er würde mir manches vergeben, was andere unbarmherzig rügen möchten, sofern es nur seiner Ehre nicht zu nahe träte, sofern es nur keinen öffentlichen Skandal hervorrufen würde; nur in Glaubenssachen hegt er so intolerante Grundsätze, wie die meisten. Wenn ich mich zu seiner Konfession bekennen wollte, er wäre imstande, aus dankbarer Freude darüber – mir einen Diamantenschmuck zu schenken oder gar eine Jagdeinladung zu einem seiner Klubfreunde abzulehnen!« Die letzten Sätze waren wieder von scharfer Bitterkeit durchklungen gewesen, während Donata das Frühere mit müder Gleichgültigkeit gesprochen hatte, als redete sie nicht von sich selber, sondern von einer ihr ganz fremden Person. Aber gerade das hatte Innocenz mächtig ergriffen. Das Schicksal dieser Frau schnitt ihm heiß und schmerzlich in die Seele. Es war eine Geschichte, aus der ihre Seelenreinheit und die ruhige Kraft, mit der sie ihr Los trug, ebenso hervorleuchteten, wie das dunkle Weh eines verfehlten Menschenlebens. Und diese Geschichte pochte mit tausend mahnenden Stimmen an sein Herz. Welchen Trost hast du für diese Frau? rief es daraus zu ihm auf – welchen, den sie nicht schon in sich selber gefunden hätte, obgleich sie deines Glaubens nicht ist und nach der Lehre deines Glaubens niemals erlöst werden und der Seligkeit aller wahren Kinder Gottes niemals teilhaft werden kann? Gibt es einen solchen Trost überhaupt? Und woher hat diese Frau die Kraft genommen, ihr Leben nebst allen seinen Bitternissen mit dem stillen Mut zu tragen, wenn nicht die geheimnisvolle Quelle ihrer Kraft in der Religion sprudelt? Er verstand es nicht, er konnte keine Klarheit in das wirbelnde Chaos seiner Gedanken bringen. Nur wie eine Ahnung stieg es in ihm auf, daß er außer seinem Glauben, obgleich er der alleinseligmachende hieß, doch noch eine andere Macht geben müsse, welche irrende Menschenherzen gut und groß und still sein ließ. Aber er hatte keinen Namen für diese Macht. Nur daß ihn sein Unterfangen, Donata auf den alleinigen Weg des Heiles führen zu wollen, plötzlich vermessen dünkte, weil er selber sich kleiner und schwächer vorkam als sie, und daß doch gerade um deswillen sein Verlangen danach, Herrschaft über ihre Seele zu gewinnen, immer nur mächtiger und brennender in ihm wurde. Er fand keine Worte, um ihr für das ihm bewiesene Vertrauen zu danken, jedes wäre ihm schal und nichtssagend erschienen. Auch erwartete sie sichtlich nicht, daß er zu ihr reden sollte. Sie hatte ihren Strauß zu ordnen begonnen, stand aber nun auf und sagte: »Lassen Sie uns weitergehen! Es ist seltsam schwül hier in der Schlucht.« Innocenz nickte zustimmend. »Man könnte an ein Gewitter glauben,« fügte er hinzu. Sie blickte flüchtig zum Himmel auf, an dem die Wolken, hinter denen die Sonne verschwunden war, hastig hin und wider jagten, als würden sie von einer unsichtbaren Macht rastlos umgetrieben; aber was sie sah, mochte keinen tieferen Eindruck auf sie ausüben, oder andere Gedanken und Vorstellungen mußten den, welchen der Anblick erregte, rasch wieder in ihr verdrängen. Denn sie sagte nichts mehr, sondern schritt langsam weiter bergauf. Man mußte jetzt die Steinmuhren, die sich wie Mauern hier in den Weg gedrängt hatten, überklettern und sich zwischen den Baumstümpfen und über Geröllhalden mühsam einen Pfad suchen, bis man ein unversehrt gebliebenes Stück des Bergforstes erreichte. Eine Weile rasteten die beiden hier, ehe sie den letzten Anstieg bis zum Joche begannen, von dem sich ein Blick auf die Gletscher des Roßkamms hin ihnen eröffnen sollte, um welchen es Donata bei dieser Bergwanderung vor allem zu tun war. Innocenz waren bei dem Anblick der ungeheuren Verwüstungen, welche die wütenden Bergwasser vor etlichen Jahren mit ihrem Gefolge von Felsabstürzen hier angerichtet hatten, die Berichte des wilden Xaverl in den Sinn gekommen, denen er damals nur eine flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Jetzt sprach er zu Donata von den Gefahren, welche in jedem Frühjahr, manchmal auch überdies im Herbst, den Hochgebirgstälern und ihren Ansiedelungen durch die infolge der Schneeschmelze oder anhaltender Regenzeit geschwollenen Wildbäche drohten, und von den mangelnden Vorkehrungen, die man gegen diese sich fast alljährlich mehr oder minder schrecklich erneuernden Angriffe der entfesselten Naturgewalten getroffen hatte. Die Gräfin hatte ihm mit einem trüben Lächeln zugehört, das ihre Lippen umspielte. »Kann es denn anders sein?« fragte sie jetzt. »Müssen diese Menschen, wenn ihnen immer wieder und wieder gepredigt wird, daß nichts in der Welt ohne Gottes Willen geschieht, und der Lauf der Wildwasser von ihm abhängt, wie das Regnen der Wolken, nicht endlich des Kampfes gegen die blinden Naturkräfte müde werden und tatenlos dem Unabwendbaren zuschauen lernen? Sollen sie sich der himmlischen Schickung zu widersetzen versuchen? Für das, was hier geschehen ist und immer wieder geschehen wird und muß, klagen Sie nicht den Stumpfsinn und die Verblendung der Menschen an, Pater Innocenz, die unter diesen Bergen hausen, sondern einzig und allein die Priester, die ihnen die Lehre gebracht haben, daß man nicht kämpfen, sondern leiden, nicht ringen, sondern beten müsse. Sie verkünden ihnen den Gott, der von außen her das Weltall bewegt, statt des Gottes, der allein in ihrer Brust wohnt – wie können sie von ihnen verlangen, daß sie sich dem Willen dieses gewalttätigen Gottes entgegenstemmen sollen?« Es war zum ersten Male ein scharfer Klang in ihren Worten, aber keiner der Bitterkeit oder des Hohnes, sondern nur der schmerzvollen Anklage. Innocenz war betroffen. »Gnädige Gräfin!« stieß er verwirrt hervor, »haben Sie keinen Gott?« »Ich hab' ihn und keine Macht der Welt kann ihn mir je entreißen, diesen Gott in mir. Und eben deshalb sag' ich: man handelt gegen seine Gebote, wenn man diesem Volk hier oben in den Bergen nicht die Notwendigkeit eines steten Kampfes gegen die Natur predigt, in der alles Kampf ist, statt sie zu stumpfen Märtyrern eines erdichteten höchsten Willens zu erziehen! Diesen jahrhundertalten Frevel büßt das Volk Jahr um Jahr, statt daß die Buße jene treffen sollte, die ihn verschuldet haben.« Innocenz' Brust arbeitete heftig. »Sie sind hart,« sagte er dann düster, während sie ihr erglühendes Antlitz starr auf die Spuren der Verwüstung hinabgerichtet hatte, die jetzt zu ihren Füßen noch deutlicher hervortraten, als da sie mitten darunter geweilt hatten, und den Eindruck eines ungeheuren Trümmerfeldes erweckten, »erst jetzt lassen Sie mich einen Blick tun in die Tiefe der Kluft, die zwischen Ihrer Weltanschauung und der meinigen gähnt!« Donata wandte ihm langsam ihr Antlitz zu, während sie die Arme über dem Busen verschränkte. »Warum?« fragte sie. »Könnten Sie daran zweifeln, daß in der Natur alles Kampf ist, daß hier immer der Stärkere siegt und der Schwächere unterliegt? Sehen Sie den Falken da oben in der Luft? Er harrt auf seine Beute. Und die kleinen Vögel, auf die er herabstößt, um sie in seinen Fängen zu zerzausen, nähren sich von den Insekten, die hier um Bäume und Pflanzen schwirren. Und doch sind das alles Lebewesen, die sich der Sonne und des Lichtes erfreuen. Und selbst in der leblosen Natur heißt Kampf die Losung. Sehen Sie, wie dort die Zirbe verkrüppelt ist, weil jene anderen ihr Luft und Wärme raubten? Wie hier die Gentianen verkümmern, weil das Farnkraut sie erstickt? Und wenn der Bergbach von den schmelzenden Schneemassen der Firne anschwillt und, zu Tale donnernd, die Felsstücke losreißt, um sie, Verderben bereitend, gegen den Wald zu schleudern, dessen Stämme krachend zerbersten, und über das Mattengrün, das er unter wüstem Geröll begräbt, ist nicht auch das nur ein Ausdruck des ewigen, stetig wechselnden Kampfes, den wir Leben nennen? Weshalb entfremden die Priester Ihrer Religion allein den Menschen diesem Kampfe, statt ihn, wie es ihr heiliges Amt wäre, dafür zu erziehen und zu stählen? Das sollte Gottes Wille sein, träg und stumpf diesem gewaltigen Kriege aller gegen alle zuzusehen? Ich glaube nicht, Pater Innocenz. Mensch sein heißt kämpfen, wie kämpfen das Losungswort alles dessen ist, was lebt!« Sie sah so schön und stolz aus, wie der Mönch sie noch nie gesehen hatte, als sie das alles mit klarer, fester Stimme sprach, und er konnte sich des durch sein Hirn schießenden Gedankens nicht erwehren, daß sie in ihrer ruhigen Größe jetzt anzusehen sei, wie die Prophetin eines neuen Glaubens, den sie ihm begeistert verkündigte. Und es war ein Glaube, vor dem ihm nicht bangte, und der ihn nicht zu Boden drückte, der zwar keinen Trost enthielt für die Feigen, aber auch nichts Schreckendes für die Starken und Mutigen. Und dennoch wehrte er sich dagegen. »Das ist ein neuer Gott, den Sie da predigen, Gräfin Donata!« sagte er finster. »Ja,« erwiderte sie einfach, »es ist der Gott der neuen Menschheit, und kommende Geschlechter werden nur ihn noch kennen.« »Und Sie? Wie haben Sie ihn gefunden?« fragte der Mönch. »Wer Gott sucht, wird ihn immer finden,« klang es zurück. »Und ich habe gelernt, zu denken, Pater Innocenz. Den Gott, den man davor schützen muß, daß seine gläubigen Anhänger über ihn nachdenken – und tun die Priester das nicht? müssen sie es nicht? – der Gott hat keine Gewalt über starke Seelen und zwingt sie nicht zur Ehrfurcht.« Innocenz wiegte mit trübem Lächeln seinen Kopf. »Welchen Trost könnte Ihre Religion, diese Religion des allgemeinen Kampfes und der Vernichtung enthalten, Gräfin Donata?« fragte er mitleidigen Tones. »Den Trost, den die Erfüllung der Pflicht verleiht, Pater Innocenz, wenn weder Lohn noch Strafe in Erwartung stehen; den Trost, der für Menschen, welche von ihrem Gott erfüllt sind, darauf beruht, das Gute einzig um des Guten willen zu tun. Und daß man uns aus diesem Kampfe, der Leben heißt, auf unserem Schilde einst forttragen soll, wie die hellenischen Kämpfer, die unbesiegt gefallen sind – danach ringen wir, das ist alles, was wir wollen, was wir wollen können. Und ich meine: das ist trotz allem ein hohes Ziel, Pater Innocenz!« Ihre Augen blickten ihn wieder mit ruhiger Klarheit an, und es war ihm, als schösse ein Strahl daraus herüber, der ihm in die Seele schlug und zündete. Aber er schüttelte nur in stummer Abwehr das Haupt, und seine Lippen blieben geschlossen. So gingen sie weiter bergauf. Schweigend klommen sie über den Wald empor bis zu den mächtigen, aufstrebenden Felszacken, die hier gleich den Eingangspfeilern eines mächtigen Tores in das wilde Reich der Dolomiten ragten. Hier zog das nackte, gelblichgraue Gehänge sich schroff und gewaltig gegen die glänzenden Firnhäupter herauf, vor ihnen, übermächtigen Schutthalden, trat der Roßkammgletscher hervor, und der Felseinschnitt wurde durch einen ungeheuren Riegel gesperrt, der mit glatter Steilwand sich jählings in die Tiefe stürzte. Hier waren sie plötzlich wie in das Innerste dieser schweigenden Felsenwelt versetzt. Schneeschichten lagerten noch hier und da in der Tiefe des Kessels und hatten sich, wo deren Neigung es zuließ, an den Wänden festgeklebt, krönten auch hoch oben als mächtiger Firnrücken die Schneide der Felsjoche. Die ruhige Erhabenheit dieser wilden Szenerie im Verein mit dem Blick auf das jäh zerrissene Gletschermeer drüben, das unter einem dunkel bewölkten Himmel in bläulich-grüner Färbung aufleuchtete, übte einen machtvollen Eindruck auf die beiden Wanderer aus. Innocenz wagte kaum zu atmen. Dennoch wäre er gern noch weiter in dies Reich der Wunder und Geheimnisse vorgedrungen. Aber Donata fühlte sich sonderbar müde. Sie lehnte sich gegen die kahle Steinwand und schloß sekundenlang die Augen, wie um einen Anfall von Schwäche oder Schwindel vorübergehen zu lassen. Den Mönch durchschauerte sekundenlang der Gedanke, was werden solle, wenn die Gräfin zu matt sei, um den Rückweg aus dieser Wildnis anzutreten. Dann aber wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich durch ein seltsames Geräusch abgelenkt. Ein Scharren ließ sich vernehmen, wie wenn ein Stein fortgewälzt würde, und mit einem Male begann sich unmittelbar neben dem Platze, wo Innocenz stand, ein Felsblock, wie von unsichtbaren Händen geschoben, einen Fuß breit weiter vorzubewegen. Der Mönch traute seinen Augen kaum und hätte wohl an eine Täuschung seiner Sinne geglaubt, wenn er nicht gleich danach die Erklärung des Rätsels vor sich gehabt hätte. Der Felsblock hatte den Eingang zu einer natürlichen Höhle, deren Öffnung nun sichtbar wurde, verrammelt gehabt und wurde jetzt von drinnen zurückgeschoben durch einen Menschen, der ins Freie hinausverlangte. Innocenz trat, als er sich hierüber klargeworden war, rasch herzu, um vielleicht einem Unglücklichen, der sich verstiegen haben mochte, Beistand zu leisten, obgleich er nicht begriff, wie das letztere hatte geschehen können, aber er fuhr gleich darauf betroffen zurück, denn ein Paar wilde, dunkle Augen hatten ihn feindselig angefunkelt, und nun drängte sich auch schon ein Mann durch den schmalen Spalt, der in der Felswand freigeworden war, und stürmte an Innocenz und der Gräfin vorüber talab. Trotzdem er den beiden sein Gesicht kaum sekundenlang zugekehrt hatte – ein finsteres, trotziges, verwildertes Gesicht – und dann, seinen braunen Lodenmantel umgeschlagen, in die Schlucht hinunter gehastet war, hatte Innocenz ihn dennoch erkannt. Kein Zweifel; es war der Windische Sepp, der rechtmäßige Gatte der Sägemüllerin. Da er unter den Menschen drunten auf der Lahn nicht geduldet werden mochte und ihnen als ein Ausgestoßener galt, dessen Rückkehr einen Wortbruch darstellte – vielleicht glaubte er sich nicht einmal seines Lebens sicher in der Nähe seines Todfeindes, des Sägemüllers – hatte er sich in die Berge hinaufgeflüchtet, um hier wie ein Tier der Wildnis verborgen zu hausen und der Frau, die er als sein Weib vor Gott und den Menschen zurückbegehrte, wenigstens nahe zu sein. Mitten in die dumpfe Niedergeschlagenheit, die sich des Mönchs bemächtigen wollte, klang Donatas Frage hinein: »Kennen Sie diesen Mann, Pater Innocenz?« Er bejahte beklommen. »Es ist eine Slowene. Josef Gruitsch heißt er und sie nennen ihn den Windischen Sepp. Er ist ein Unglücklicher.« Donata wollte mehr wissen, und so erzählte er ihr alles, was geschehen war. Sie hörte ihm schweigend zu, während er mit stockendem Atem berichtete, und nur eine Falte trat zwischen den Brauen auf ihrer klaren Stirn hervor. Als er dann geendet hatte, schüttelte sie in fassungslosem Erstaunen den Kopf. »Und Sie wollen wirklich, daß dies Weib zu diesem Manne zurückgehe, Pater Innocenz? Zu diesem Manne?« »Sie ist sein Weib,« sagte er schroff. »Und wenn man diese zweite Ehe, die wider bestehendes göttliches und menschliches Recht geschlossen sein mag, immerhin als nicht geschlossen betrachtet, Pater Innocenz, sind die Kinder, die jene Frau ihrem Gatten geboren hat, auch als nicht vorhanden zu betrachten? Da haben Sie einen von jenen furchtbaren Konflikten, in die Ihr Buchstabenglaube, Ihre Dogmenreligion zu dem rein menschlichen Empfinden, zu dem Rechtsbewußtsein in unserer eigenen Brust gerät – geraten muß! Ihre Dogmen sind von Menschen geschaffen, und Menschen können irren; Menschen dürfen nicht allgemein gültige, unverbrüchliche Normen aufstellen, als wären sie Götter. Welchen Wert kann Ihre Lehre vom Sakrament der Ehe haben, wenn die Liebe diese Ehe nicht heiligt? Jene Frau liebt ihren zweiten Gatten, dem sie in Liebe Kinder geboren hat, deshalb ist diese Ehe auch heilig und Gott wohlgefällig, und wehe dem, der mit frevler Hand dahineingreift und sie zerstört! Wer wahrhaft fromm ist, darf und wird es nicht tun, Pater Innocenz!« »Sie vergessen, Gräfin, daß ich an den Buchstaben des Gesetzes auch dann gebunden wäre, wenn mein eigenes, menschliches Empfinden sich dagegen auflehnte,« versetzte er düster. »Buchstaben! Buchstaben!« wiederholte sie mit halb spöttischem, halb traurigem Ton, »das ist eben das Verderbliche jeder Konfession und der Ihrigen insbesondere. Der Buchstabe tötet, steht geschrieben, der von Menschen geschaffen worden ist, und nicht nach dem Geiste, den er einengt und beschränkt; solange es noch so tief einschneidende Widersprüche zwischen menschlichem Empfinden und geschriebenem Rechte geben kann wie hier, so lange rede man nicht, daß wir Kinder der Welt uns zu einer Religion bekehren, die unserem innersten Fühlen Hohn spricht und das ungeschriebene, höchste Sittengesetz in uns verletzt!« »Frau Gräfin!« unterbrach er sie mit einem erschrockenen Ausruf. »Es ist so,« sagte sie hart, die Arme über dem unruhig wogenden Busen. »Und dieser Mann,« fiel er nach einer kurzen Pause ein, »der da eben an uns vorüberlief wie ein gehetztes Tier der Bergwildnis, und der gleich einem solchen in Felsenhöhlen seine Zuflucht sucht vor seinesgleichen, dieser Mann, dem die Frau angetraut ist durch das Wort der heiligen Kirche, an das er sich hält, und der nach ihr erneutes Verlangen trägt – welchen Trost würde er von Ihnen erhalten, wenn er jetzt zu Ihnen käme, Frau Gräfin? Sie würden ihm sagen, daß seine Frau jenen andern nun einmal mehr liebe als ihn, und daß er um deswillen verzichten müsse, nicht wahr? Und weil der Himmel ihm zufällig keine Kinder von seiner Frau geschenkt habe, wohl aber jenem andern, müsse die Frau bei dem Vater ihrer Kinder bleiben. Ein schwacher Trost für ihn, Gräfin!« Donata verneinte mit leidenschaftlichem Eifer. »Sie blicken nicht auf den Grund dieses Konfliktes, Pater Innocenz. Trost? Welchen Trost hätte denn die Kirche diesem Sünder zu spenden? Daß sie ihm in Buchstaben recht gibt und ihm doch das Herz und die Seele seines Weibes nie – durch keinen Zwang, keine Fessel wieder zuführen kann. Wäre das ein Trost? Würde das eine Ehe werden, die dem Sittengesetz entspräche? Und vor allem: hat dieser Mann, dem Sie Ihr Mitleid und Ihren Schutz zuwenden wollen, denn überhaupt Trost zu beanspruchen? Freiwillig hat er seinem Weibe entsagt, hat sie ohne Zwang aufgegeben, hat sie einem andern abgetreten – um schnödes Geld! Und dieser Mann will es heute, da ihn der elende Schacher reut – oder vielleicht auch nur, um neue Summen zu erpressen – wagen, sich auf den Schutz der Kirche zu berufen und die Unterstützung derer zu beanspruchen, die auf Erden über die Befolgung der Moralgesetze zu wachen haben? Ist denn ein Mann, der so Ungeheuerliches, so Widriges, so Abscheuliches getan hat, noch würdig, je wieder seine unreinen Hände nach dem Weibe auszustrecken, das ihm einmal Handelsartikel gewesen ist? Die Kirche hat da einen seltsamen Schützling, Pater Innocenz! Und man ist versucht, zu sagen, daß eine Kirche, die solche Verbrecher beschirmt und für sie eintritt – eintreten muß nach dem Buchstaben ihrer Regeln und Normen, keine gute Kirche sein kann!« »Frau Gräfin,« rief er wieder erschrocken und sah sie mit fast entsetztem Blick an, »Sie gehen zu weit! Wie es nach der Lehre unserer Kirche keine zweite Ehe geben kann, ehe der Tod die erste löste, so steht auch das weltliche Gesetz auf unserer Seite.« »Dann ist auch dies Gesetz schlecht,« fiel sie mit klarer Entschiedenheit ein, »und die darunter stehen, sollten nicht eher ruhen, als bis man ein besseres geschaffen und erlassen hat. Jedes Gesetz, das mit dem natürlichen Empfinden und dem uns angeborenen Rechts- und Sittlichkeitsbewußtsein in Widerspruch gerät, ist schlecht. Das heiligt kein Alter, das deckt kein Name. Und Ihr, die Ihr die Macht habt, Ihr seid an erster Stelle dazu berufen, es zu stürzen!« Er wollte eine heftig abwehrende Antwort geben, aber in diesem Augenblick dröhnte ein dumpfes Rollen über ihren Häuptern hin, und er stieß angstvoll aus: »Was ist das? Das Gewitter zieht herauf! Und wir hier so fern von allem Schutz!« Donata blickte auf. Der Himmel war von grauschwarzen Wolken dicht umzogen, und hinter dem Gletscher klomm es empor wie eine feuergezackte Wand, die sich langsam höher und höher heraufschob, als drohe sie, sich vernichtend über die Bergwildnis herabzustürzen, gleich einem reißenden Tier. »Der Sturm kommt,« sagte sie, ohne daß ihrer Stimme eine sonderliche Erregung anzumerken gewesen wäre, »lassen Sie uns gehen.« Wieder krachte ein Donnerschlag und übertäubte fast die Worte des Mönches, der erschreckt ausrief: »Gehen? Jetzt den Heimweg antreten? Aber das ist unmöglich, Gräfin! Lassen Sie uns hier in der Felshöhle jenes Unglücklichen einstweilen Schutz suchen, bis das ärgste vorüber ist. Es hieße ja, geradezu Gott versuchen, wenn wir jetzt uns auf diesen beschwerlichen Wegen –« »Kommen Sie nur! Kommen Sie!« drängte die Gräfin, »wir erreichen die Plattenhütte noch jenseits des Waldes, ehe es mit ganzer Gewalt losbricht. Und dort könnten wir zur Not sogar nächtigen, wenn es nicht mehr möglich ist, heimzukommen, während hier –« Ein sausender Windstoß schien ihr die letzten Worte förmlich von den Lippen wegzuschneiden, aber sie gab ihren Entschluß um deswillen nicht auf, sondern hatte schon begonnen, den Abstieg vom Joche anzutreten. Innocenz folgte ihr bestürzt. »Gräfin, welch ein Wagnis! Um Gottes willen, in welche Gefahr begeben Sie sich! Und ich –« Da wandte sie, die sich bisher an der nackten Felswand mit den Händen hingetastet hatte, um auf dem schmalen, schwindeligen Steige nicht von der Wucht des Sturmes erfaßt und dem Abgrund entgegengerissen zu werden, ihm langsam ihr Antlitz zu, das von einer lächelnden Ruhe fast verklärt war, und mitten in dem eben wieder dröhnenden Donner, mit dessen Getöse sich das fauchende Geheul des Sturmes mischte, der die schaurige Felswildnis jetzt durchfauchte, fragte sie mit einem nahezu mitleidigen Ton: »Fürchten Sie sich, Pater Innocenz? Fürchten Sie für Ihr Leben?« Sie sah, wie ihm eine rote Welle über das Antlitz flutete. Dann richtete er sich höher auf, schüttelte den Kopf und erwiderte mit kühlem Ton: »Mein Leben steht in Gottes Hand, Frau Gräfin, wie das Ihre. Gehen Sie voran! Ich folge Ihnen.« Sie gingen. Gräfin Donata klomm an der Felswand entlang den Pfad hinab, ohne sich noch einmal nach dem Mönch umzudrehen, der ihr hart auf den Fersen blieb. Der Sturm schnob winselnd hinter ihnen her, als ob er sich seine Beute nicht entgehen lassen wolle, der Donner rollte über die dunkle Himmelsdecke hin, und nun zerriß auch ein gelbes Blitzgezack das brauende Wolkenmeer. Aber noch fiel kein Tropfen, und obgleich die beiden in dem dauernden Ankämpfen gegen die Gewalt des schauerlich die Felsschlucht durchgellenden Windes nur Schritt vor Schritt weiterdrangen, durften sie doch hoffen, daß Donatas Wunsch in Erfüllung gehen werde und sie noch vor dem Ausbruch des Schlimmsten den Schutz einer unterhalb des Waldes gelegenen Almhütte erreichen könnten. Nun aber sanken plötzlich graue Nebelflore auf alle Firnhäupter herab, wölbten sich über die Kämme, Gletscherfelder und Schutthalden nieder und verhüllten mit einem Schlage die ragende Bergwelt, als wäre sie versunken oder als hätte der Himmel sich hinabgesenkt, um sie mit ewiger Nacht zu überdecken. Nun wogte und wallte es um die beiden Wandrer her, als steuerten sie pfadlos in einem uferlosen Meere. Einen Augenblick lang mußte Donata innehalten, und selbst ihr schien der Mut jetzt zu sinken. Sie erkannte den Weg nicht mehr, war sich über die Richtung, die sie einschlagen mußten, nicht mehr klar; alles verschwamm vor ihren Augen in einem unentwirrbaren Chaos: drunten die aus dem Nebelgewoge auftauchenden und wieder verschwindenden Nadelkronen, droben bald eine schimmernde Schneemulde, bald ein steiler Grat, bald ein klaffender Abgrund zu ihren Füßen. Jeder Schritt vorwärts konnte sicherer Tod sein, wenn man strauchelte oder abseits des Steiges geraten war, der hart an der Tiefe hinführte. Dazu wurde es dunkler und dunkler um sie her, das unablässig wechselnde Gebraue des Nebels, der bald über ihnen, bald unter ihnen lagerte und sie in tausend Gebilden umwallte, ließ jede Möglichkeit schwinden, ein klares Bild der Felslandschaft in der Seele zu bewahren, und der Sturm heulte in wilden, wütenden Stößen. Donata lehnte sich gegen ein hartes, festes Etwas, das sie in ihrem Rücken fühlte und das ein Stein sein mochte, den sie mit dem Druck ihres Körpergewichts in der nächsten Minute in die Tiefe drängen konnte, um selber ihm nachzustürzen. Sie war ermattet. »Wir kommen nicht durch,« sagte sie, ohne nach Innocenz zu blicken, »und zurückzugehen ist nun vollends, unmöglich.« »Beten wir, beten wir, Gräfin Donata,« rief er mit starker Stimme dicht neben ihr. Sie vernahm es durch das Pfeifen des Windes, der sich hier irgendwo im durchlöcherten Gestein verfing und in grauenhaften Tönen orgelte, und durch das wogende Nebelmeer, das sie umhüllte und einen faden, kalten, widrigen Duft aushauchte. Aber sie schüttelte den Kopf. Und während eines schmetternden Blitzstrahles, der jetzt niederzuckte, rief sie ihm zu: »Beten wäre jetzt Gotteslästerung nach meinem Glauben, Pater Innocenz. Der Gott, zu dem ich bete, kann den urewigen Gesetzen der Natur nicht gebieten. An den Gott, der auf Josuas Gebet die Sonne still stehen ließ, glaube ich nicht. Beten wir, daß er uns stark und mutig bleiben läßt, und empfehlen wir ihm unsere Seelen, falls wir von diesem Gange nicht mehr heimkommen!« Er erwiderte nichts mehr, aber sie hörte mitten im Sturmgebraus und in den krachenden Donnerschlägen, die sich jetzt rasch folgten, sein eintöniges Gemurmel. Er betete also. Da plötzlich zerriß ein aufheulender Windstoß drunten die auseinanderjagenden Wolkenschleier, die sich in grauen wallenden Fetzen an vorspringenden Felskanten und Baumwipfeln festklebten, und nun war der Weg wieder deutlich zu erkennen, den die beiden zurücklegen mußten, um den Wald zu erreichen, jenseits dessen ihrer Schutz und Rast harrten. Fast gleichzeitig flammte auch ein Blitz auf, und nun gewahrte die Gräfin den Mönch, der neben ihr auf den Knien lag, das Haupt gebeugt, die Hände gefaltet. Ein fast verächtliches Zucken ging um ihre Mundwinkel, als sie rief: »Vorwärts, Pater Innocenz! Der Weg ist frei.« Und sie hasteten talab. Als sie jedoch den Wald erreicht hatten, mußten sie innewerden, daß die Gefahr sich für sie noch vergrößert hatte. Denn der Sturm heulte mit verdoppelter Gewalt durch die Felsschlucht, aus der er keinen Ausweg zu finden schien, rüttelte mit so wütendem Ungestüm an den alten Zirben, daß er die Stämme ächzend zur Erde bog, die Nadelkronen knickte und dürre Äste abbrach und herabschleuderte wie tödliche Wurfgeschosse. Ein Krachen und Knattern empfing die beiden hier, als wären sie in das Getöse einer Schlacht geraten. Erschrocken wollte Donata zurückweichen, aber schon im nächsten Moment sagte sie sich, daß es kein Zurück für sie gab, daß sie hier durch mußten, wenn eine Rettung für sie sich finden sollte. Und vorwärts ging es. Um sie her splitterten und barsten die Zweige der Bäume, die Stämme neigten sich zu ihnen herab, sie versperrten ihnen den Durchgang, sie warfen sich ihnen entgegen. Und nun wieder ein grell zuckender Blitz, dessen Schwefelgezack das Düster der Himmelswölbung bersten zu machen schien, dann unmittelbar darauf ein knatternder Donner, der die Erde erbeben ließ und das furchtbare, dröhnende Echo der Felswände weckte – ein sekundenlanges Rollen, Hallen und Poltern, wie wenn alle Mächte der Unterwelt losgelassen wären, und nun flammte plötzlich eine mächtige Zirbe, in deren trockene Krone der Blitz zündend eingeschlagen hatte, auf, kaum zwei Schritte vor den beiden, die wie betäubt von dem krachenden Getöse um sie her ratlos und hilflos stehengeblieben waren; wie eine feurige Schlange lief es nieder durch ihr aufknisterndes Nadelgeäst, in Sekundenschnelle war der ganze Baum in einen lohenden Mantel eingehüllt, und mitten im Gepfeif des Sturmwindes, der mit schürendem Atem unablässig hereinblies, brannte er gleich einer gewaltigen Riesenfackel zum schwarzen Himmel empor. Es war ein schauerlich-schöner Anblick. Gräfin Donata hatte, davon geblendet, den Arm unwillkürlich über die Augen gedeckt. Ein leiser Schreckensruf war ihren Lippen entflohen. »Der ganze Wald wird in Brand geraten,« setzte sie atemlos hinzu, »wir sind verloren!« Jetzt war es plötzlich der Mönch, der seine Fassung bewahrte und eine ruhige Besonnenheit zur Schau trug, von der er vorher nichts gewußt und in der sie ihn beschämt hatte. »Wenn Gott will, wird dieser Brand verlöschen, Gräfin,« sprach er mit starker Stimme. »Will er aber, daß wir darin zugrunde gehen, so könnten wir Flügel haben, wir würden ihm doch nicht entrinnen. Kämmen Sie, wir wollen mutig sein.« Er riß sie fast gewaltsam von dem Baumstamm, an den sie sich kraftlos gelehnt hatte und in dessen Wipfel jetzt schon von der brennenden Zirbe her ein knisternder Funkenregen niederfiel, los und zog die Geblendete mit sich. Die Richtung, die sie eingeschlagen hatten, kannte er nun, und auch die Gräfin hielt sie mechanisch, geschlossenen Auges sich weiter zwischen den Stämmen hintastend, ein. Aber es war eine schreckensvolle Wanderung. Der Sturm wühlte in den Zirben, daß Zweige und Äste krachend niedersplitterten, die Blitze zischten unablässig um sie her, als wenn wirklich Donar, der Gott der Blitze, hier, wo die ihm geheiligten Alpenrosen gleich einem roten, schimmernden Meer sich dehnten, seinen lodernden Thron aufgeschlagen hätte; sie zündeten bald hier, bald dort in den ragenden Kronen, züngelten durch das Nadelgeäst nieder und ließen brennende Scheite prasselnd herabstürzen. In jeder Sekunde drohte ein neuer Schrecken, mit jeder wurde die Wanderung gefahrvoller. Der schaurig durch die Felsschlucht dahinrollende Donner, den jeder Stein hauend zurückzuwerfen schien, verschlang alle Worte der Mahnung, die Innocenz Donata zurufen wollte, um sie zur Vorsicht zu bewegen. Der unaufhörliche, jähe Wechsel zwischen tiefster Finsternis und grell auflohender Helle machte es ihr unmöglich, die Augen offenzuhalten. Nur instinktmäßig hielt sie ihren linken Arm über ihrem Haupte, wie um sich zu schirmen, während die Rechte tastend nach einem Halt griff. Plötzlich strauchelte sie. Ein glimmender Ast war dicht vor ihr niedergestürzt, sie wankte; Funken sprangen in ihr Kleid hinüber, sie stieß einen Schreckensruf aus, griff mit der Hand nach dem Kleidsaum, um das Feuer noch im Entstehen zu ersticken, faßte aber statt dessen das brennende Holz, versengte ihre Finger und drohte nach einem abermaligen Aufschrei in die Knie zu sinken. Da stand Innocenz neben ihr. Sein Fuß hatte den glühenden Ast fortgestoßen, mit beiden Händen griff er nach dem Kleid, drückte das Feuer, das schon ein handbreites Loch dareingefressen hatte, aus und schlang dann seinen Arm um die Wankende, die sich willenlos, schreckgelähmt an ihn lehnte. »Vorwärts! Mut, Gräfin, Mut!« raunte er ihr zu. Und nun drangen sie wiederum weiter vor. Innocenz trug die halb Ohnmächtige fast in seinem sie stützenden Arm, während er mit der Rechten die niederprasselnden Zweige auffing oder machtvoll zur Seite schlug, sich gewaltsam Bahn schaffend durch Feuer und Rauch. Er wußte selbst nicht, woher ihm die Kräfte plötzlich zu einer so übermenschlichen Anstrengung kamen und woher vor allem er die sieghafte Zuversicht nahm, die jetzt in ihm lebte. Aber es war, als wisse er, sie würden durchkommen und er würde die Gräfin heil und gesund durch den brennenden Wald führen, gleich, als habe Gott einen seiner himmlischen Helfer ausgesandt, um diese verirrte Seele für sich zu erretten in Sturm und Feuer. Noch immer krachten die Donner und züngelten die Blitze, noch immer prasselten die sturmgeknickten und die feuergetroffenen Äste von den Bäumen nieder, noch immer heulte und winselte in langgezogenen Tönen der Wetterwind durch die hallende Felsschlucht. Aber in seinem Arm trug und führte Innocenz die Gräfin weiter, ohne zu ermüden, ohne zu verzagen. Seine Brust keuchte und rang nach Atem bei der ungeheuren Anspannung aller seiner Sinne und aller seiner Kräfte. Doch seine Augen glühten, nicht nur von dem Widerschein des Feuers, das sein Haar versengte und sein Antlitz in flammende Glut tauchte, sondern von dem eines überirdischen Lichtes, das in seiner Seele entzündet war. Das Bewußtsein seiner Überlegenheit dieser Frau gegenüber hob ihn und stählte seine Sehnen. Er fühlte sich zum ersten Male in seinem Leben als Mann einem Weibe gegenüber, als ihr von der Natur bestellter Helfer und Beschützer, nicht bloß durch Wort und Rede, sondern durch die freie, entschlossene Tat. Es durchschauerte ihn mit einem wohligen Empfinden, ja mit einem aufgärenden Triumph, sie so schwach und hilflos zu sehen, sie sich als rettungslos verloren denken zu dürfen ohne seine Arme, die sie durch alle Gefahren dieser grausigen Wanderung so sicher geleiten würden, als ob Engelsflügel ihr untergebreitet wären. Dort drüben war der Wald zu Ende. Im lohenden Schein der niederzuckenden Blitze gewahrte es Innocenz, und seine schwer atmende Brust hob sich unter erleichternden Atemzügen. Donata aber schien gerade jetzt, kurz vor dem Ziel, zusammenzubrechen. Bleischwer hing sie ihm am Arm. Da hob er sie mit mächtigem Ruck vollends empor, lehnte sie an seine Schulter, ihr Kopf sank an den seinen, und ihre Arme klammerten sich instinktmäßig um seinen Nacken. Das schöne, stolze, trotzige Weib war jetzt wie gebrochen. Er aber glühte von Kraft und Willensstärke. Flammenden Blickes trug er Schritt vor Schritt die herrliche Last durch den brennenden Bergwald bis an den Rand der Alm, der sich jenseits desselben als grünende Oase ausbreitete und Rettung verhieß. Er fühlte das stürmische Klopfen ihres Herzens an dem seinen, es war ihm, als strömten die Wogen ihres Blutes in das seine hinüber. Seine Schläfen zuckten, seine Pulse schlugen fieberisch. Sekundenhastig schossen wirre, wilde, nachtgeborene Gedanken durch sein Hirn. Und wenn er die Augen schlösse, wußte er, würde dieser Taumelrausch Herr über ihn werden, und dann stand er nicht mehr für sich ein, dann war alles verloren. Er aber schloß die Augen nicht, sondern hielt sie weit offen trotz des blendenden Feuerscheins um ihn her und bändigte das wahnsinnige Hämmern seines Herzens. Er hatte dies Weib bezwungen, aber er hatte es bezwungen als Priester, nicht als Mann, und Gott war sein Helfer dabei gewesen. Sie hatten den Waldsaum erreicht. Keuchend stand der Mönch still. Hinter ihnen wogte ein Feuermeer, das mit flammenden Zungen bis zu der Alm hinüberleckte. Vor ihnen aber hob im lohenden Schein des brennenden Forstes eine Almhütte ihr steinbewehrtes Schindeldach auf. Das mußte die Plattenhütte sein, von der die Gräfin vorher gesprochen hatte. Sie lag in trostloser Felseneinsamkeit so eng von Bergwänden eingehegt, daß die Sonne wohl nur am hohen Sommermittag bis zu ihr vordringen konnte. Ein Gletscherwasser tobte durch die kaltschattige Tiefe, in der sie sich barg. Innocenz wandte seine Schritte, kaum daß er wieder Atem schöpfen konnte, ihr zu. Sie schien verlassen zu sein, denn kein Lichtschimmer drang aus ihrem Innern, und die graue Bohlentür war von außen verriegelt. Innocenz schob den schweren Holzriegel mit Gewalt zurück und öffnete. Es war hohe Zeit, denn gerade jetzt ging, während die Donnerschläge sich zu entfernen schienen und die Blitze seltener herabschössen, ein prasselnder Gewitterregen nieder, der mit gewaltigem Getöse auf das Schindeldach der Hütte schlug. Innocenz entlastete sich, kaum daß er über die Schwelle getreten war, seiner Bürde. Er ließ die Gräfin sanft auf das Heu niedergleiten, das hier im Vorraum aufgestapelt war, suchte eine bequeme Lage für sie zu schaffen und fragte dann, sich herabbeugend, wie sie sich fühle. Donata war wieder zu sich gekommen, ihr Atem ging gleichmäßiger, die Müdigkeit, unter der ihre Glieder sich zu lösen begannen, hatte etwas Wohliges für sie. Das Gefühl, gerettet zu sein, durchströmte alle ihre Adern wie ein jählings belebender Feuerwein. Mit der zurückkehrenden Besinnung erkannte sie auch die Lage der Dinge um sie her und war sich klar über das, was geschehen war. Ihr Antlitz brannte, während ein Nervenschauer an ihr rüttelte. Und draußen vor der offengebliebenen Tür stürzte der Wetterregen nieder. Durch ihn, wie durch ein graues Gitter, gewahrte man drüben den brennenden Bergwald, der jetzt in eine einzige, gewaltige Lohe zusammenzuschmelzen schien und gegen den düsteren Himmel emporflammte, der unablässig seine Wasserfluten niedergoß, um die Glut zu löschen. Der Sturm verstummte allmählich, der Donner verrollte; nur noch wie ein klagendes Gewinsel ging es durch die Felsschlucht. »Mir ist besser,« murmelte Donata, »ich danke Ihnen. Ich weiß, wieviel ich Ihnen zu danken habe; das war eine furchtbare Wanderung. Wer sie gemacht hat, wird sie nicht wieder vergessen.« Sie schauerte leicht zusammen, wie wenn ein Frost sie durchriesele. Ihre Augen blieben starr hinausgerichtet auf das grausig-schöne Schauspiel, das der brennende Bergwald drüben bot. Ihr Antlitz war von dem bis hierher herüberlohenden Flammenschein grell beleuchtet; es sah aus, als ständen ihre Haare in einem goldenen Feuer, und eine dunkle Glut schien aus ihren Augen zu brechen. Der Mönch betrachtete sie wie verzückt. Dann plötzlich warf er sich vor ihr auf die Knie nieder, hob die Arme flehend zu ihr empor und rief ausbrechend: »Danken Sie Gott, aber nicht mir, Gräfin, der ich nur ein schwaches Werkzeug seines allmächtigen Willens gewesen bin! Und danken Sie ihm in der rechten Weise! Er hat uns diesen Weg geführt, um uns seine Macht zu zeigen und seine Schrecken, aber auch seine Herrlichkeit. Durch Feuer und durch die Wut des Sturmes hat er uns sicher geleitet, weil seine Engel ihre Fittiche schirmend über uns gebreitet haben. Auf diesem Flammenwege wollte der Allmächtige Sie an das Ziel führen, damit Sie seiner innewürden und sich zu ihm mit jedem Tropfen Ihres Blutes und mit jeder Fiber Ihrer Seele bekennen. Er hat sich Ihnen geoffenbart wie einst Mose im feurigen Busche, damit Sie ihn nicht länger verkennen und nicht länger im Dunkel und in der Nacht irren sollten. Gräfin Donata, hören Sie auf seine gewaltige Stimme! Lassen Sie diese Wanderung ein Symbol sein! Hinter Ihnen die Schrecken der Finsternis und die Gefahren der Hölle, vor Ihnen der lichte Tag und der Friede und die Herrlichkeit Gottes. Gräfin, um dieses Wunders willen, das an Ihnen geschehen ist, und in dem selbst der Blindeste Gottes Fingerzeig erkennen würde, um Ihres Kindes willen, das in unserem heiligen Glauben getauft worden ist und erzogen wird: kehren Sie um, und kommen Sie zu uns herüber, lassen Sie Ihr Ketzertum fahren, und suchen Sie Heil und Frieden da, wo sie allein zu finden sind: im Schoße unserer heiligen Kirche!« Das alles quoll von seinen Lippen wie ein sprudelnder Bergbach, die Worte kamen ihm sichtlich, ohne daß er nach ihnen suchte, und eine leidenschaftliche Begeisterung hatte sich seiner bemächtigt. Es war die Verzückung eines Schwärmers, die aus seinem stürmischen Verlangen redete wie mit Engelszungen. Dazu sah er in der Nachwirkung dessen, was er eben erlebt, und was ihm wie ein leuchtendes Wunder mitten in der Nacht seiner Zweifel und Nöte erscheinen mußte, woran er sich klammerte, und woraus er von neuem Zuversicht, Sieg und Triumph schöpfte, im Widerschein des brennenden Bergforstes und in der flammenden Erregung des Augenblicks so bezwingend schön aus, daß Donata ein Zittern der Schwäche überrann und eine Blutwelle ihr atemberaubend vom Herzen in die Schläfen emporstieg. Dieser plötzliche, heißatmige Ausbruch nach allem, was sie miteinander gesprochen, dieses stürmische Drängen und diese alles mißachtende Siegeszuversicht, nachdem sie ihm kaum die Kluft enthüllt hatte, die zwischen ihrer beider Weltanschauungen unüberbrückbar klaffte – sie überraschte das alles nicht, sie verstand es, diesen schneidenden Widerspruch zu lösen. Es war der letzte Versuch eines schwächer und schwächer gewordenen Widerstandes, das jähe, wilde, empörte Draufstürmen eines todwunden Kämpfers, der in diesem unerwarteten Überfall all seine Verzweiflung, all seine Voraussicht der unvermeidbaren Niederlage ersticken, sich selber darüber forttäuschen und mit einem Handstreich, durch Überrumpelung des Siegers doch noch in letzter Stunde siegen zu können gedenkt. Und mehr als das: nicht nur über sie wollte er siegen, sondern vor allem über sich selbst, über seine eigenen Zweifel, seine eigene Schwäche, seine eigene Verzagtheit. Dieser gewaltsame Ansturm sollte das alles erdrücken und vernichten. Und war es nicht vielleicht doch etwas anderes als religiöse Schwärmerei, als der Fanatismus des katholischen Priesters, was aus seinen Worten – ihm selber unbewußt – so feurig redete und begehrte? Wollte er nur die verirrte Seele auf den rechten Weg führen, oder trug er nicht auch vielleicht Verlangen danach, eine innigere Gemeinschaft zwischen ihnen beiden um deshalb herzustellen, weil sie auch – sie wußte es ja, hatte es wie oft erfahren müssen – ein schönes, begehrenswertes Weib war? Oder ging gerade ein leidenschaftliches Aufflammen für das Weib unter, sollte untergehen in dem heißen Begehren des Priesters nach dem Siege seines Glaubens über die Zweiflerin? »Pater Innocenz,« sagte sie, während das alles durch ihre Seele wogte, wie ein Strom, und er immer noch zu ihren Füßen lag, »stehen Sie doch auf! Ich flehe Sie an: stehen Sie auf! Ich könnte jetzt hier Ihnen doch nichts versprechen, was ich bei kühler Besinnung vielleicht nachher nicht halten würde –« Ihre Stimme klang ihm in zitternder Erregtheit ans Ohr, und es war ein Ton der Angst darin, den sie selber kaum begriff, von dem sie nicht wußte, ob es die Angst des Weibes vor dem Manne war, die ihn ihr entpreßte, oder die des kühl überlegenen Frauengeistes vor der Gewalt der übersinnlichen Schwärmerei, die aus diesem Priester redete und ein Echo in der Brust jedes Weibes weckt, auch des geistesklarsten, des verstandeskühlsten. »Folgen Sie der Eingebung des Augenblicks, Gräfin!« flüsterte er mit heißer Stimme zu ihr empor. »Folgen Sie ihr! Es ist die des Gottes, der zu Ihnen redet. Im alltäglichen Lauf der Dinge, unter der starken Macht der Gewohnheit überhören Sie sie, Ihr trotziger Geist will sich dann nicht beugen, Sie sehen es vor sich selber, vor Ihrem zersetzenden Verstande als eine Schmach an, sich vor dem zu demütigen, der da drüben mit Flammenzungen zu Ihnen redet. Jetzt, in dieser Stunde, noch ehe jenes Feuer zu Ende geglüht ist, durch das ich Sie getragen, Gräfin Donata, versprechen Sie es, geloben Sie es vor dem Gott, der Sie so gnädig gerettet hat, daß Sie die Unsere werden wollen!« »Ich verspreche Ihnen, noch einmal mit mir ernst und ehrlich zu Rate zu gehen, ob ich es kann. Verlangen Sie jetzt nicht mehr von mir! Glauben Sie mir: es ist viel, sehr viel. Und glauben Sie mir: ich bin nicht ganz die kalte, verstandesklare Natur, für die Sie mich halten. Es könnte sehr wohl eine Stunde kommen –« Wie ein Jauchzen brach es ihm vom Munde. Er wollte aufspringen, um ihr die beiden Hände entgegenzustrecken und ihr zuzurufen: »Sie ist ja schon da, diese Stunde, vor der es Ihnen bangt, und die Sie im tiefsten Innern dennoch herbeisehnen, sie ist ja schon da!« Aber nun klangen plötzlich Stimmen vor der Hütte auf, und Innocenz war kaum in die Höhe gefahren, als ein Mann im Rahmen der Tür stand, und eine tiefe, etwas heisere Stimme sprach: »Also wirklich! Das nenn' ich aber einmal ein Glück, gnädigste Gräfin. Küß' die Hand! Und ein' Tragbahr' haben wir auch mitgebracht. Der Regen wird keine Viertelstund' mehr anhalten. Und wenn's der Gnädigen dann beliebt, können wir heim. Die Wege sind jetzt halt grausig zerrissen. Und ein Unwetter ist's gewesen, wie man's selbst bei uns hier heroben nicht oft erlebt. Heilig's Kreuz! Und die Gnädige hat kein' Schaden genommen und ist beizeiten hier hereingeflüchtet? Gott und die Jungfrau seien gepriesen! Die Frau Gräfin-Mutter werden nicht wenig in Sorg' sein. Müssen halt doch schauen, daß wir bald daheim sind!« Es war der Jäger-Lenzl, der so redete. Er hatte seinen triefenden Filz aus den Haaren gezogen, und ein triumphierendes Leuchten lag auf seinem bärtigen, verwetterten Gesicht. Von dem Mönch, der schweigend zurückgetreten war und seinen Unmut wie seine Enttäuschung mühsam niederkämpfte, nahm er gar keine Notiz, obgleich er ihn auf den ersten Blick erkannt hatte. Seine Augen verschlangen die Gräfin beinahe, die erst allmählich ihre Selbstbeherrschung zurückgewann. »Die Gräfin schickt Euch, Lenzl?« fragte sie erstaunt und überflog seinen Lodenanzug, aus dem die Nässe in kleinen Rinnsalen zu Boden troff. »Das nun wohl nicht,« erwiderte er mit halb stolzem, halb verlegenem Ton, »bin halt schon von mir selber suchen gegangen. Als das heidenmäßige Wetter losbrach, und ich die Frau Gräfin draußen wußt', da hab' ich Alarm geschlagen. Der Barthel ist mit und der Thomas. Und wir drei tragen die Gnädige heil hinunter, das hat nicht Not.« »Laßt die Männer doch hereinkommen!« sagte Donata, »es regnet ja noch immer.« »Oh, das ist keine Sach'. Das sind wir halt gewohnt. Stehen beide da unterm Dach und trinken einen Enzeler, der gleicht's aus.« »Ich verstehe nur immer noch nicht, wie Ihr mich finden konntet, Lenzl. Wie wußtet Ihr denn, nach welcher Richtung wir uns gewandt hatten?« Der Jäger-Lenzl stieß einen kurzen Pfiff zwischen den Zähnen hervor, blinzelte pfiffig mit seinen kleinen, dunklen, dicht überbuschten Augen zu dem Mönch hinüber, der mit fest aufeinandergepreßten Lippen und untergeschlagenen Armen finster im Winkel des dürftigen Raumes lehnte. »Bin halt nicht der Dümmste, gnädigste Gräfin,« entgegnete er dann mit einer Art von Kratzfuß, »hab' meine Augen und meine Ohren am richtigen Fleck, und wer den Gemsen nachspüren gelernt hat, wird auch wohl die Spur von der Gnädigen auffinden, wann's gilt – aber wenn die Gnädige bereit ist, möcht' ich halt doch einmal nach'm Wetter ausschauen.« »Ich bin bereit,« sagte Donata, sich erhebend. »Nur glaub' ich, ich könnte gehen und brauchte mich nicht tragen zu lassen.« »Ah, aber davon kann ja gar kein' Red' sein, Gnädigste,« fiel der Jäger-Lenzl ein, »wofür wären denn nachher wir da? Und durch's blanke Wasser muß man stellenweis waten, da hilft nichts. Will nur halt einmal schauen, wie's steht.« Damit ging er hinaus, und im gleichen Augenblicke stand Innocenz neben der Gräfin. Er hatte seine Lippe so heftig mit den Zähnen genagt, daß sie blutete. »Frau Gräfin,« raunte er mit mühsam verhaltener Erregung, »wissen Sie, daß dieser Mann Ihnen nachspürt, wo Sie gehen und stehen?« »Der Jäger-Lenzl?« Donata lächelte. »Oh, ja, ja, ich weiß. Er hat eine eifersüchtige Schwärmerei für mich. Ich kann auf ihn zählen. Was ich von dem verlangen würde, das würd' er tun. Der geht durch Wasser und Feuer um meinetwillen.« Es redete etwas wie ein kokettes Selbstbewußtsein aus ihren Worten. Sie mochte sich weder klar darüber sein, noch es beabsichtigt haben, ihm aber schnitt es mit bitterer Härte durch die Seele, zumal er annehmen mußte, daß sie gerade die letzten Worte mit Vorbedacht gewählt habe, um ihm das, was er für sie getan, in einem minder heroischen und ungewöhnlichen Lichte erscheinen zu lassen, als er es selbst erblicken mochte. »Sie haben sehr gute Freunde,« sagte er hohnvoll. »Ja,« erwiderte sie, sich höher emporrichtend, und sah ihn herausfordernd an, »es mag nicht leicht sein, in meiner Nähe ungerührt zu weilen.« Er hatte eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, während das Blut ihm hämmernd zum Kopfe drängte, aber er fand keine Zeit mehr, sie auszusprechen. Der Jäger-Lenzl war wieder eingetreten. Er meldete, daß der Gewitterregen aufgehört habe, daß alles bereit sei, und daß man aufbrechen könne, wenn es der gnädigen Gräfin recht sei. Donata nickte zustimmend, ordnete ihr Haar, ließ sich von dem Jäger-Lenzl die mitgebrachte Lodendecke um die Schultern legen und trat ins Freie. Die zwei Jägerburschen standen draußen mit den Hüten in der Hand an der Tragbahre, die roh aus Fichtenstämmen gezimmert war und zum Transport erlegten Rotwildes dienen mochte. Der Jäger-Lenzl half ihr, einen leidlich bequemen Sitz darauf einzunehmen, schritt neben der langsam von den beiden Trägern in Bewegung gesetzten Bahre her, und so begann man den Heimweg. Um den Mönch kümmerte sich niemand. Der Jäger-Lenzl behandelte ihn mit geflissentlicher Nichtachtung, und der blonde Barthel hatte ihm einen feindseligen Blick zugeworfen. Mit finster gefurchter Stirn schritt Innocenz hinter dem kleinen Zuge drein. Der Weg war schlecht. Die stürzenden Rinnsale, welche der heftige Gewitterregen gebildet, hatten ihn völlig zerrissen und verschwemmt. Man kam nur langsam vorwärts, und die Männer hatten große Vorsicht anzuwenden, um die Tragbahre ungefährdet über alle Hindernisse des Abstieges, herabgekollerte Steinblöcke, Wasserlachen, querüber liegende entwurzelte Baumstämme und breitklaffende Spalten des Erdreichs fortzubringen. Der Waldbrand mußte droben verlöscht sein, wahrscheinlich erst, nachdem er keine Nahrung mehr gefunden. Nur noch ein matt glimmender Feuerschein deutete die Stelle, wo er gewütet hatte. Innocenz mußte der Alpenrosen gedenken, die sie vor wenigen Stunden zusammen dort gepflückt hatten. Donata hatte sie ihrem kranken Kinde mit heimbringen wollen. Nun waren sie droben auf dem Joche liegen geblieben, als der erste Donnerhall sie beide zu eiliger Flucht gemahnt hatte. Nur noch eine einzige Blüte fand er, die sich in die Tasche seines Gewandes verirrt hatte; die wenigstens mochte sie dem Knaben bei ihrer Heimkehr zwischen die kleinen Finger stecken. Weiter und weiter ging es talab. Die Männer eilten sich, vor Anbruch der Nacht das Schloß zu erreichen, bald ruhte der eine, bald der andere von ihnen aus und schritt neben der Tragbahre her. Zum Sprechen war keine Zeit, nur über den Weg wurde hier und da ein Wort getauscht. Dann befahl Donata plötzlich, innezuhalten. »Pater Innocenz!« rief sie, und als der Pater vor sie hintrat, setzte sie hinzu: »Hier geht zur Linken der nächste Weg nach St. Ulrich. Wenn Sie sich nicht getrauen, ihn allein zu finden, soll einer von den Männern Sie begleiten. Ich möchte nicht, daß Sie sich den Umweg über Peutelstein machen. Es war ein harter Tag für Sie – durch meine Schuld, und Sie werden todmüde sein.« »Ich finde den Weg allein,« erwiderte er kalt, »ich danke Ihnen, gnädige Gräfin.« Während er es sagte, mußte er denken, was er während dieses ganzen Heimwegs unablässig gedacht hatte: »Und so soll dieser Tag enden!« Ein heißer Unmut wallte in ihm auf. Es schien, als ob sie seine Gedanken erriete. »Nein, Pater Innocenz,« sagte sie warm und sah ihm fest in die Augen, »so wollen wir uns heute nicht trennen. Was ich Ihnen vorher da oben in der Almhütte versprochen habe, das halt' ich, – treu und ehrlich. Leben Sie wohl!« Sie bot ihm die Hand, die er zögernd ergriff. Dann reichte er ihr die Alpenrose, die er vorher gefunden. »Es ist die letzte und einzige,« sagte er. »Bringen Sie sie Ronald. Gute Nacht, Frau Gräfin!« »Auf Wiedersehen!« Sie winkte ihm noch einmal mit der Hand. Gerade in dem Augenblick, als der kleine Zug sich wieder in Bewegung setzte, fiel weiter droben ein Schuß. Er dröhnte schauerlich durch die Stille des trüb hereingedämmerten Abends und hallte rollend von den Felswänden zurück. Obgleich der Knall eines Büchsenschusses in diesen Bergen nichts Auffallendes war, gewahrte Innocenz doch, daß die Männer neben der Tragbahre verwundert aufgehorcht hatten. Dann aber hörte er den Jäger-Lenzl im Weitergehen noch auf eine Frage Donatas erwidern: »Wird einer von den gottverdammten Wilderern sein, Gnädige, die sich das Unwetter zunutze gemacht haben, weil sie keinen von uns draußen vermuten. Hat sich wahrscheinlich von der welschen Seite herübergepirscht. Möcht' ihm das Blei selber in die Gurgel gefahren sein!« Dann war der Zug um die Bergecke verschwunden und Innocenz setzte einsam seinen Heimweg fort. Sein Blut wogte noch immer, und ein Feuer brannte in seinem Kopfe. Dazu hatte sich jetzt eine lähmende Ermüdung seiner bemächtigt, so daß er nur mechanisch seine Füße weiterbewegte, und ihn ein paarmal eine dumpfe Furcht anwandelte, er könne das Dorf überhaupt nicht mehr erreichen. Dann wieder schoß es ihm durch das Hirn, düster und todestraurig, daß im Grunde das ja auch das beste für ihn sein würde, hier in der nächtlichen Bergwildnis zusammenzubrechen, wie ein tödlich verwundetes Wild, und einsam seinen letzten Atemzug zu verröcheln. Was blieb ihm sonst? Sollt' er einer von jenen abtrünnigen Priestern werden, die, den Menschen ein Stein des Anstoßes und eine Mahnung ewiger Schmach, ausgestoßen und gemieden von Freund und Feind, weil keiner mehr ihnen traute, auf Erden einherwandeln mußten, das nagende Bewußtsein ihres Wortbruches in der Seele? Oder gab es noch eine Umkehr für ihn? Wenn es ihm wirklich gelang, diese Frau zu seiner Religion zu bekehren, sie der Kirche zuzuführen, sie, die in heißem Ringen sich gemüht hatte, den, der sich dessen vermaß, selber seinem Glauben zu entfremden und ihm einen neuen Gott zu predigen, – dann gab es eine, könnt' es eine geben. Aber auch nur dann. Und das wollt' er zum Zeichen nehmen. Offenbarte sich ihm sein Gott durch solch ein Wunder, so durfte er auf seine Knie niedersinken, Gottes Allmacht preisen, Buße tun mit zerknirschtem Herzen und fortan all seiner Zweifel ledig und seines rechten Glaubens gewiß sein bis an das Ende seiner Tage. Das war ein Prüfstein, das war die Erlösung! Und Stunde um Stunde wollte er zu Gott beten, zu seinem Gott, zu dem Gott der Bibel und der Kirchenväter, zu dem Gott seines bisherigen Lebens, daß er dies Wunder vollbringen möge. Bei solchen Gedanken kam der Mönch wieder in eine freudigere und friedvollere Stimmung. Neue Hoffnung stieg in ihm auf, neuer Lebensmut durchströmte ihn. Der Gott, zu dem er gebetet hatte bis zu diesem Tage, lebte ja noch. Er hatte heute in Flammenzungen zu ihm gesprochen, und er würde die verirrte Seele, die sich des rechten Weges zu ihm nicht mehr bewußt war, in barmherziger Vatergüte aufs neue geleiten bis ans leuchtende Ziel. Kräftiger schritt Innocenz aus. Sein Blut begann zu ebben, wie ein zukunftsheller Schimmer, wie der Abglanz einer seligen Zuversicht lag es in seinen Augen. Und dann mußte er plötzlich Filomenas gedenken. In ihrer Nähe waren ihm immer nur lichte Gedanken gekommen, war ihm immer nur friedsam zu Sinne geworden. Das Zusammensein mit Donata bedeutete für ihn Kampf und Versuchung. Warum war das so? Innocenz wurde aus seinem Grübeln plötzlich durch ein seltsames Geräusch in seiner Nähe aufgeschreckt. Es hörte sich an, als bräche ein wildes Tier in tollem Lauf durch das Dickicht der Talenge, die er eben durchschritt, und er erwartete stehenbleibend, daß im nächsten Augenblicke ein auf der Flucht begriffener Hirsch an ihm vorübersetzen werde. Statt dessen war es ein Mensch, der jetzt aus dem verkrüppelten Nadelgestrüpp der Schlucht in aller Hast hervorbrach und hart an dem Mönch vorüber in raschem Lauf den Weg verfolgte, der in wenigen Minuten bis zum Dorfe führen mußte. Er hatte Innocenz vermutlich nicht gesehen, da er nur auf sein rasches Weiterkommen bedacht war, dieser aber glaubte trotz der Flüchtigkeit, mit welcher die Erscheinung vor ihm aufgetaucht und wieder verschwunden war, den Mann erkannt zu haben. Es mußte der Großknecht in der Sägemühle, Abraham Hirzer, gewesen sein. Was hatte den zu so wilder Hast veranlaßt, die mit seinem sonstigen, bedächtigen Wesen in schroffem Widerspruche stand? Innocenz meinte jetzt auch, eine Büchse über der Schulter des Flüchtlings gesehen zu haben. Und nun fiel ihm unwillkürlich der Schuß wieder ein, der vorher oben im Gebirg gefallen war. War er aus der Büchse des Hamerl gekommen? Ging der fromme Großknecht aus der Sägemühle auch zu Zeiten wildern, wie die anderen? Und war ihm jetzt einer von den Förstern auf den Fersen gewesen? Nicht lange mehr hing der Mönch diesen Gedanken nach. Er hatte das Dorf erreicht und schritt nun rasch dem Pfarrhause zu, um sich todmüde in seiner Kammer auf sein Lager zu werfen. VIII Innocenz las die Messe in der kleinen Dorfkirche von St. Ulrich. Der schmucklose Raum mit seinen weißgetünchten Wänden, deren nüchterne Einförmigkeit nur durch ein paar Beichtstühle und ein mit buntem Geflitter geschmücktes Madonnenbildnis hinter Glas und Rahmen unterbrochen wurde, dessen Altargitter von Votivtafeln und silbernen Herzen dicht bedeckt war, faßte nur wenig Andächtige. Einzelne derselben knieten unter der ewigen Lampe, die vor der Mutter Gottes brannte, während die vielen geweihten bunten Kerzen zu ihren beiden Seiten aufgereiht waren, die meisten lagen in den hölzernen Betstühlen auf dem nackten Fliesenboden. Fast lauter Weiber – denn die Männer waren schon vor dem Beginn der Frühmesse an die Arbeit gegangen –, und mehr alte als junge. Mit zahnlosem Munde murmelten sie, sich bekreuzigend, die eingelernten Worte nach, die sie nicht verstanden, und der Rosenkranz hing zwischen ihren welken, verkrümmten und zerarbeiteten Händen. Hart schlugen ihre Stirnen, wenn sie sich niederbeugten, auf das braune Holz der Betstühle. Die Luft war kellerig und frostig im Gotteshause; der Weihrauchduft lagerte darin wie ein feiner, lichtgrauer Nebel. Als Innocenz, der blaß und übernächtig in dem kostbaren, gestickten Meßgewande aussah – einem Geschenk der Gräfin Theodora Karditsch auf Peutelstein an die Kirche von St. Ulrich –, beim Ertönen des Glöckchens den Andächtigen den Kelch in der hocherhobenen Hand vorwies, zum Zeichen, daß die Verwandlung stattgefunden habe, fiel sein brennender Blick plötzlich auf Donata. Sie kniete in der hintersten Reihe der Betstühle und blickte in starrer Unbeweglichkeit zu dem Priester hinüber. Ihr Antlitz war durch einen grauen Schleier verhüllt; dennoch glaubte Innocenz ihre Augen darunter hervorglühen zu sehen, und es war ihm, als hafteten sie regungslos an den seinen. Was sie hierhergeführt haben konnte, begriff er nicht. Wenn sie der heiligen Handlung beiwohnen wollte – Pater Pius las jeden Morgen die Messe in der Privatkapelle von Schloß Peutelstein, und sie brauchte nicht nach St. Ulrich zu kommen, um etwa diesen Teil des katholischen Gottesdienstes kennenzulernen. Auch hatte es nicht den Anschein, als fühle sie sich durch das, was sie sah und hörte, zur Andacht und Einkehr bestimmt. Weshalb ging sie also nicht wieder? Es verwirrte den Mönch, sie dort so einsam knien zu sehen, während sie hocherhobenen Hauptes die Blicke nicht von ihm abließ. Er fühlte, wie ihm eine flammende Röte über Stirn und Wangen hinlief, ein paarmal stockte er in seinem Texte. Als das »Iste missa est« endlich gesprochen war, fiel es ihm wie eine Last von der Brust. Er wankte in die Sakristei zurück, aber nicht, ohne unter der Tür derselben noch einmal nach Donata zurückzublicken, die noch immer auf ihrem Platze kniete. Als er sich umgekleidet hatte und in das Pfarrhaus hinübergehen wollte, zögerte er auf der Schwelle der Sakristei. Es war ihm, als müsse Donata jetzt kommen, und als habe sie sicherlich ein Anliegen an ihn, um dessentwillen sie heute die Messe in St. Ulrich besucht hatte. Aber sie zeigte sich nicht. Dann sah er sie aus dem Fenster seiner Kammer, wie sie hochaufgerichtet mit ihren raschen, elastischen Schritten den Weg nach Peutelstein verfolgte. Sie trug heute ein dunkles Gewand, das ihre stolze, königliche Gestalt nur noch mehr hervorhob, und ihr goldgelbes Nackenhaar schimmerte zu ihm herüber. Wie Innocenz sie unter dem grauen, schweren Regenhimmel, der heute die Zacken der Dolomiten dräuend verdeckte, dahinschreiten und ihre ragende Gestalt mehr und mehr sich verjüngen sah, bis die Ferne sie ihm vollends raubte, war es ihm, als schwände so langsam die Freudigkeit seiner Jugend mit ihr dahin, und die ernsten, traurigen Jahre würden nun kommen. Draußen sah es aus, als wollte die Sonne nimmer zurückkehren, und die farbenleuchtenden, phantastischen Zacken der Felsberge würden niemals mehr in das klare, vertiefte Blau sich emporrecken. Der strahlende Frühsommer war gegangen, der Spätsommer stand vor der Tür. Innocenz trat in das Freie hinaus. Er widerstand seinem Gelüst, der Gräfin zu folgen und schritt zur Sägemühle hinüber. Anton Pyrker war nicht im Hause. Man berichtete ihm, er sei gestern nach Ampezzo hinuntergegangen, um bei der Bezirkshauptmannschaft dort einen Ausweisungsbefehl gegen den Windischen Sepp zu beantragen, der, weil er sich obdachlos und beschäftigungslos in der Gegend umhertreibe und den Leuten zum Ärgernis gereiche, von den Gendarmen aufgegriffen und über die Grenze gebracht werden solle; man sei des verkommenen Vagabunden hier überdrüssig geworden. Innocenz erwiderte nichts auf diesen Bericht eines der Mühlknechte, sondern ging schweigend zu der Sägemüllerin hinein. Er fand sie auf einem Stuhl neben der Wiege ihres jüngsten Kindes sitzen, die sie hin und wieder mit einem Fußstoß in langsam schaukelnde Bewegung setzte. Sie tat das jedoch nur mechanisch, während ihre Finger im Schoße unablässig die Kugeln ihres Rosenkranzes drehten und ein seltsam starrer Ausdruck in ihren Zügen lag. Ihre Augen blickten vor sich hinaus, wie wenn sie in eine weite Ferne schauten und dort etwas gewahrten, was der Schauenden das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ihr älteres Töchterchen spielte geräuschlos mit einer Puppe am Tische. Das Kind sah sehr verschüchtert aus und wagte offenbar nicht, einen Laut von sich zu geben. Als Innocenz eintrat und die Sägemüllerin begrüßte, nickte ihm diese zu, ohne sich in ihrem unhörbaren Lippengemurmel zu unterbrechen. Dann, als er sich einen Stuhl neben den ihren gerückt hatte und fragte, wie es mit dem größeren Kinde stehe, das doch einige Zeit gekränkelt habe, sagte sie mit einem traurig-anklagenden Blick nach dem spielenden Mädchen hinüber: »Ja, denkt nur einmal, Hochwürden, die Kathi hat mir den Schmerz angetan und ist wieder besser 'worden. Die hat halt gar keine Lieb' zu ihrer Mutter und gar kein Mitleid. Jetzt hab' ich gemeint, sie wird bei der heiligen Mutter Gottes als Engel Fürbitt' für mich einlegen – denn ohne solch einen Engel als Fürsprech muß ich schon schlimm brennen im höllischen Feuer –, aber das Kind hat nicht gewollt. Ich mein' doch, ich hätt' als sein' Mutter ein Recht, es von ihm zu verlangen, und wenn's nur ein ganz klein bissel Lieb' zu mir hätt', müßt' sie's ja erbarmen, wie ich's schlecht hab'. Und was hat so ein Kind auf der Erden? Wieviel herrlicher ist's droben bei den anderen lieben Engelein im Paradiese! Ob man später noch dahinkommt, kann ja keiner wissen. Jetzt hat so ein glückliches Geschöpf Lust und Freuden dort im Überfluß. Weshalb will's denn nur nicht fort? Ich mein' halt, es wär' ein gutes Werk, und man tät' ihm selber was Liebes, wenn man's hinauf brächt'. Das arm' Würml ist ja noch zu dumm, um's zu begreifen, wie's ihm das beste wär', und was es damit nützen könnt'. Da muß man ihm schon helfen, mein' ich, dafür ist man sein' Mutter!« Sie raunte das alles mit einer geheimnisvollen Stimme vor sich hin, immer nach dem Kinde hinüberblickend, das von den Worten nichts verstand, aber verängstigt vor sich hinschaute, während ihm helle Tropfen an den Wimpern blinkten. »Ihr redet wirr und versündigt Euch schwer, Frau,« sagte Innocenz hart. »Da Gott Euer Kind nicht zu sich gerufen, sondern es wieder hat genesen lassen, hat er Euch gezeigt, daß Ihr nicht durch seine Fürbitte Buße erwirken könnt, sondern auf andere Art betätigen müßt, daß Ihr Eure schwere Vergehung bereut. Freut Euch, daß Euer Kind lebt, also ist's Gottes Wille! Aber denkt auch an Euer Seelenheil, Frau! Was wollt Ihr tun, um der ewigen Verdammnis zu entgehen? Habt Ihr Euch entschlossen?« Die Sägemüllerin blickte stumpf vor sich hinaus. »Den Sepp werden sie fortjagen,« sagte sie endlich. Innocenz machte eine ungeduldige Bewegung. »Was kommt's darauf an? Ihr seid seine Frau.« »Zurück geh' ich halt nicht mehr zu ihm. Ich hab' die Kinder. Und rechtmäßig getraut bin ich auch mit dem Toni. Das kann mir keiner wieder fortnehmen. Aber die Sünd' bleibt bestehen, darin habt Ihr recht. Und die Sünd' muß abgebüßt werden, wenn ich nicht in aller Ewigkeit brennen soll. Und deshalb mein' ich eben, ohne einen Fürsprech wird's nicht gehen. Wenn also die Kathi nur wollt', – da müßt' die gnadenreiche Mutter Gottes ja doch sicherlich ein Einsehen haben.« Sie fiel wieder ganz in ihre vorige, stumpfe Grübelei zurück und stierte teilnahmlos dabei vor sich nieder. Da stand Innocenz auf. Er sah ein, daß hier jedes Wort nutzlos verschwendet sei, machte das Zeichen des Kreuzes über die Sägemüllerin und sagte: »Möge der Herr Euch erleuchten, damit Ihr den Ausweg aus diesem Irrsal findet, in das Ihr geraten seid. Ehe Ihr nicht bereit seid, Buße zu tun, kann ich Euch auch nicht absolvieren, dessen bleibt eingedenk! Lebt wohl!« Er ging und schritt draußen die Dorfgasse entlang, um den Bergen zuzuwandern. Das Knarren des schwerfällig sich drehenden Mühlrades scholl ihm noch eine Weile im Ohre nach, dann ward es still um ihn her. Pfadlos strich er durch die einsame Felsenwildnis. Manchmal, wenn ihn das Murren einer Nadelkrone oder der Flügelschlag eines aufgescheuchten Vogels in seiner Nähe aus seinem hindämmernden Sinnen riß, war es ihm, als höre er das Rauschen eines Frauengewandes, und ein Zittern lief ihm dann über den Leib hin. Einmal glaubte er auch Filomena zu sehen. Er meinte, sie stehe auf einem lärchenbewachsenen Hügel vor ihm und winke ihm und ihre Augen ruhten in tiefer Wehmut auf ihm. Dann war's ein im Winde sich schaukelndes Gesträuch, das ihn genarrt hatte. Aber eine mächtige Sehnsucht nach ihr überkam ihn plötzlich. Ja, bei ihr war Frieden und Glück. Weshalb ging er nicht zu ihr? Dann dachte er ihres letzten Beisammenseins am Pfaffenmarterl und schüttelte den Kopf. Um ihrer Ruhe willen war es besser, wenn er ihr fernblieb. Der schwermütig-düstere Tag, der mit lautlosem Druck auf der Welt lagerte, stimmte den Wandrer immer trüber und trüber. Es lag wie eine finstere Ahnung auf seiner Brust. Und dennoch schritt er weiter, gleichwie einem Verhängnis entgegen. Plötzlich hörte er ein Geräusch, wie wenn Steine zerklopft würden, und einmal das dröhnende Herabrollen eines Felsblocks. Dann wieder klang es wie das Ächzen eines schwer arbeitenden, unter seiner Last keuchenden Menschen an sein Ohr. Unwillkürlich lenkte Innocenz seine Schritte diesen Geräuschen nach, die in der einsamen Stille der Öde an sein Ohr trafen. Als er eine Weile gestiegen war, gewahrte er an einer Felsecke einen Mann, der sich emsig mühte, Steine zusammenzutragen, die er übereinander häufte. Er hatte dabei eine schwere Eisenhacke sowie einen schweren Steinhammer als Geräte mit sich und arbeitete in so angestrengtem Eifer, daß ihm der Schweiß in Strömen über das Gesicht floß. Aus diesem Grunde hatte er auch die Annäherung des Mönches nicht bemerkt, und als dieser plötzlich nur wenige Schritte unterhalb seines Standpunktes auftauchte und erstaunt auf den Mann und sein Treiben blickte – um so erstaunter, als er in demselben den Hamerl erkannte –, stieß jener in seiner Betroffenheit einen wilden Fluch aus, ließ die eiserne Hacke klirrend zu Boden fallen, griff, einen Schritt rückwärts taumelnd, nach seiner Büchse, die gegen einen Felsblock gelehnt stand, riß sie an die Backe und hatte, auf Innocenz anlegend, schon den Finger am Hahn, als dieser, tödlich erschrocken, mit abwehrend vorgestreckter Hand ausrief: »Hamerl, seid Ihr toll!« Der Mann ließ daraufhin die Büchse sinken, wurde todesbleich, lehnte sich in einem Anfall von Schwindel gegen die Bergwand, schloß die Augen und atmete mit schwer arbeitender Brust wie ein Ertrinkender. Dann raffte er sich jählings wieder auf, griff mechanisch nach seiner Hacke und warf dem Mönch einen halb scheuen, halb ingrimmig verbissenen Blick zu. »Gelobt sei Jesus Christus!« murmelte er und schlug die Spitzhacke schwer in den Boden, um einen Stein weiter herauszuarbeiten, den er offenbar auf die schon zusammengehäuften schichten wollte. »In Ewigkeit, Amen!« ergänzte stotternd der Mönch, der sich von seinem Schreck noch nicht erholt hatte. »Seid Ihr von bösen Geistern besessen, Abraham Hirzer?« Der Hamerl schlug drein, daß die Funken sprühten. »Mich hat's genarrt,« brachte er stoßweise dazwischen heraus, »hab' gemeint, ein Wilderer wär's und wollt' mich beschleichen wie einen Hirsch. Was weiß ich? Streift schlimmes Gesindel da heroben um in den Bergen. Auf einen Mord kommt's so einem nicht an, wenn die Gelegenheit sich gibt. Da wehrt man sich schon lieber.« Er sah den Mönch bei seinen Worten nicht an, und dieser fragte verständnislos: »Wer sollt' Euch denn nach dem Leben trachten? Ein Wilderer? Und warum? Was hätt' ein Wilderer mit Euch zu schaffen?« »Könnt' halt meinen, ich würd' zum Angeber werden,« brummte der Hamerl. »Was treibt Ihr denn da eigentlich?« »Seht Ihr's nicht? Ein Steinmannl richt' ich auf.« »Hier?« Innocenz blickte um sich. »Warum?« »Zum Joch hinauf,« erwiderte der Großknecht und wies mit der Linken lässig in die Höhe. »Wie kommt denn gerad' Ihr dazu?« Der Hamerl machte eine ungeduldige Gebärde und riß wütend mit der Hacke an dem Stein, der sich aus dem harten Felsboden nicht lösen wollte. »Wie Ihr fragt! Einer muß es doch tun!« Innocenz schwieg. Er sah kopfschüttelnd in die Höhe – der Weg zum Joche hinauf war hier wohl nicht zu verfehlen. Dazu das verstörte Wesen des Hamerl, seine Furcht vor einem Angreifer, gegen den er sich verteidigen müsse, seine sonderbare Beschäftigung hier in der Gebirgsöde, während der Sägemüller von St. Ulrich entfernt war, all das begriff er nicht. Unwillkürlich brachte er es mit seinem Erlebnis von gestern abend zusammen, wo der Hamerl in der beginnenden Finsternis in fluchtähnlichem Lauf an ihm vorübergestürzt war, ohne ihn zu sehen. Kein Zweifel, der Hamerl, der durch seine Frömmigkeit auf der Lahn berühmt war und allen zum Muster aufgestellt wurde, den man wegen seiner unnachgiebigen Strenge und um eines finster-fanatischen Zuges willen in seinem Wesen fürchtete, der Hamerl hatte irgendein heimliches Gewerbe. Aber Innocenz ahnte trotz allem Nachdenken nicht, worin dasselbe bestehen mochte. War er etwa selber unter die Wildschützen gegangen, von denen er in so scharfen Ausdrücken redete, und die er zu fürchten vorgab? Eine Heuchelei war hier sicherlich im Spiele, und Innocenz beschloß, den scheinheiligen Gesellen wenigstens spüren zu lassen, daß man ihn durchschaute. »Seid denn Ihr auch ein Freund vom Jagen, Hamerl?« fragte er, während der Großknecht in ungeschwächtem Eifer fortarbeitete. »Ich? Kein' Red' davon. Weil ich den Stutzen da bei mir hab', meint Ihr? Ich sagt' Euch ja schon: man muß vor dem Gesindel, das sich hier umtreibt, auf der Hut sein. Denen ist kein Menschenleben heilig. Sind viele Welsche und auch einige Windische unter den Wildschützen; das sind Kerle, die Tod und Teufel nicht scheuen.« Er fing jetzt an, einen gemütlich-vertraulichen Ton anzuschlagen, als wenn er den früheren Eindruck verwischen wolle, den sein aufgeregt-dreinfahrendes Wesen gemacht haben mußte, warf aber dabei hin und wieder einen lauernden Seitenblick auf den Mönch, während er den schweren Steinhammer wuchtig niederdröhnen ließ. Innocenz ließ sich dadurch jedoch nicht irremachen. »Gestern abend waret Ihr wohl auf der Flucht vor solch einem Wilderer?« fragte er, dem Großknecht scharf ins Gesicht spähend. Der Hamerl erblaßte sichtlich. Er hätte den Steinhammer fast niederfallen lassen, so zitterten ihm die Finger sekundenlang, bis er sich mit einem gemurmelten Fluch wieder aufraffte und ihn hoch emporschwang. Nun aber sah es aus, als wollte er ihn zerschmetternd mit einem furchtbaren Schlage auf den Mönch niedersausen lassen, so wild rollten seine tiefliegenden Augen in den Höhlen, und Innocenz wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann schrie der Hamerl plötzlich: »Ja, auf der Flucht war ich vor solch einem. Habt Ihr mich gesehen?« »Ich hab' Euch gesehen.« Wieder fuhr der Hammer dröhnend nieder, daß die Steinsplitter umherstoben. »Wißt Ihr auch, wer es war?« schrie der Hamerl dann plötzlich und blieb, auf den Hammerstiel mit beiden Händen gestützt, stehen, um dem Mönch herausfordernd gerade ins Gesicht zu stieren. »Nun?« »Der Windische Sepp war's!« schrie der Hamerl, als gelte es, das aller Welt bekanntzumachen. »Der hat Euch verfolgt? Warum? Wildert der auch?« »Mag schon sein. Wovon lebt er sonst in der Wildnis? Ist ja ohne einen Kreuzer in der Taschen von Amerika heimkommen. Und der Sägemüller gibt ihm nichts mehr. Wär' doch alles vergeblich, sagt er. Solch ein Haderlump hält ja nicht Wort. So einer schlägt Gut und Blut gar gering an. Und mich haßt er wie seinen ärgsten Feind, weil ich auf des Sägemüllers Seite steh', und weil ich der Sägemüllerin zug'red't hab', sie soll den Schuft heimschicken und ihm nicht zum zweiten Male G'hör geben, und ich wollt' dafür sorgen, daß er bald auf den Weg käm', sie sollt' mich nur rufen, wenn er wieder da wär'. Das trägt er mir nach.« Der Hamerl wurde plötzlich ganz redselig. Es hörte sich an, als suchte er selber mit aller Anstrengung nach den Gründen, die es glaubhaft erscheinen lassen mußten, daß der Windische Sepp sein Todfeind sei und ihm nach dem Leben trachte. Aber Innocenz fragte ungläubig: »Seid Ihr denn einer von denen, die davonlaufen, wenn ihnen ein Feind begegnet, Hamerl? Das sieht Euresgleichen hierzulande nicht ähnlich. Und daß Ihr vorher gleich die Büchse anlegtet und gestern auch mit der Büchse bewaffnet wart, als ich Euch sah, läßt mich nicht gerade darauf schließen.« »Ich hab' ihn nicht wollen zum Mörder werden lassen,« murmelte der Großknecht, der selber einzusehen schien, daß er in die Enge getrieben worden war. »Der Windische Sepp wird ja nun unschädlich gemacht,« sagte Innocenz nach einer Weile bitteren Tones. »Von wem? Wer sagt das?« schrie der Hamerl auf. »Der Sägemüller will ihn ja ausweisen lassen.« »Ah, so, so. Hm! Gott Lob! Ja! Wenn sie den Haderlumpen nur auch finden!« »Weshalb sollten sie ihn denn nicht finden?« »Der weiß sich schon zu verstecken, der schlaue Spitzbub'! Hat hier allerlei Höhlen im Gefels', wo er nächtigt, wie ein wildes Tier. Und wie ein wildes Tier ist er ja auch eingebrochen in die Sägmühle. Wie ein wildes Tier sollt' man ihn niederschießen dürfen.« »Hamerl, Ihr versündigt Euch!« »Glaub's nicht, Hochwürden. Den niederschießen, wär' ein gutes Werk. Habt Ihr die Sägmüllerin gesehen? Wie närrisch ist sie 'worden. Ein Jammer ist's, das arm' Weib anzusehen. Der Sägmüllerin zur Lieb' – Ihr müßt wissen, ich hab' eine große Lieb' zur Sägmüllerin – und dem Hausfrieden zu Lieb' – und – ich wollt darauf schwören, Hochwürden, die heilige Jungfrau würd's nicht als eine Todsünde nehmen.« Er blickte den Mönch mit einem schrägen Blick an und fügte dann achselzuckend rasch hinzu: »Ist freilich schon besser, sie bringen ihn über die Grenze. Wann er nur nicht doch wiederkommt!« Innocenz konnte einen plötzlich in ihm aufsteigenden furchtbaren Verdacht nicht ganz in sich niederkämpfen. »Hamerl,« sagte er mit schreckhaftem Ernst, »vielleicht habt Ihr mir im Beichtstuhl zu sagen, weshalb Ihr geflohen seid und wovor. Ihr seid ein gottesfürchtiger Christ, Hamerl, und wißt, daß Gott alles sieht, und man nichts vor ihm verbergen kann.« »Ich?« Der Großknecht richtete sich hoch auf und schüttelte jetzt mit einem zornig-wilden Ausdruck den Kopf. »Ich? Ich hab' Euch nichts zu beichten, Hochwürden, gar nichts.« Und damit wandte er sich trotzig wieder seiner Tätigkeit zu. »Nur viel' Stein' schichten, viel' Stein' schichten,« murmelte er, und wuchtig dröhnte sein Hammer nieder. Um den Mönch kümmerte er sich nicht mehr. Da ging Innocenz in schweren Gedanken talab. Er war es gewöhnt, einen einfachen Imbiß mit sich zu nehmen, wenn er jetzt des Morgens in das Gebirge zog, und kam selten mehr mittags in das Pfarrhaus zurück. So dachte er auch heute nicht an den Heimgang, sondern setzte sich auf einem moosigen Felsblock am Wege nieder, um zu essen, was er bei sich führte. Dann erinnerte er sich daran, daß er den Alpenrosenstrauß für Ronald, nach dem Donata und er gestern gewandert waren, und den sie dann doch nicht mit heimgebracht hatten, heute pflücken könne. Er fand nach einigem Suchen auch wirklich in einer Schlucht noch Alpenrosen, aber das Unwetter des gestrigen Tages hatte sie arg zerschlagen, und fast alle Blüten waren vernichtet. Dennoch gelang es ihm endlich, einen kleinen Strauß zusammenzubringen, und mit ihm in der Hand schlug er nun den Weg nach Schloß Peutelstein ein. Ein leiser Regen begann von dem düster-schweren Wolkenhimmel niederzusprühen, als Innocenz durch die verschleierte Bergwelt auf dasselbe zuschritt. Niemals war es ihm so finster drohend erschienen wie heute, wo es wie eine trotzige Zwingburg aus lange verschollenen Zeiten inmitten der nebelumbrauten Felsriesen vor ihm aufragte. Er konnte sich eines leisen Schauers nicht erwehren, als er durch das Portal trat, und die kalte Luft des hohen, gewölbten Steinkorridors ihn anwehte. Innocenz fiel es auf, daß Hektor ihn heute nicht wie sonst mit freudigem Gebell begrüßte, sondern, ohne sich von seinem Platz vor einer der Türen des Untergeschosses zu erheben, nur mit dem Schwanze wedelte und den großen Kopf aufhob, um den Ankömmling mit seinen klugen, treuen Augen anzublicken. Es lag unzweifelhaft etwas Trauriges in diesem Blick. Auch der Diener, der den Mönch empfing, sah betreten aus. Er wisse nicht, ob die gnädige Gräfin den hochwürdigen Herrn werde empfangen wollen, sagte er mit zögernder Verlegenheit, dagegen wolle er sofort die Frau Gräfin-Mutter benachrichtigen, die schon nach ihm gefragt habe. Inzwischen führte er Innocenz in das nämliche Gemach, in welchem dieser bei seinem ersten Besuch im Schlosse geweilt, das er seither aber nicht mehr betreten hatte. Wieder grüßte ihn das Meisterwerk des großen Venezianers von der Wand, und eine Fülle von Schönheit und Farbenfreudigkeit strömte ihm sieghaft daraus entgegen. Heute aber fand sie ihn nicht mehr so ungewappnet wie damals. Er war inzwischen in das Verhältnis eines bewundernden Jüngers zu dem Unerreichbaren getreten, dessen leuchtenden Geheimnissen er verständnisvoll nachspürte, er hatte in Büchern über sein Leben und Wirken gelesen, er ließ den Zauber seiner Kunst bewußter auf sich Einfluß üben. Heute und hier mußte er auch wieder alles dessen gedenken, was ihm Donata über die verschiedenen Deutungen, die diese Allegorie gefunden, gesagt hatte. Für sie selber war die Lösung eine einfache gewesen. Für sie sprach jenes berückend schöne Weib dort zu dem anderen: »Da liegt das blühende, herrliche Leben vor uns! Weshalb zauderst du und bangst und härmst dich und willst dich von der Welt abwenden, als ob das Gott wohlgefällig sein könne, da doch er selber sie so schön geschaffen? Komm und genieße, und danke Gott dadurch, daß du dich in seiner Welt freust. Sie blüht und lacht auch für dich wie für alle!« Und Donata hatte dieser Erklärung hinzugefügt: »In Bilder, wie überhaupt in alle Kunstwerke soll man nicht viel hineingeheimnissen wollen. Die bedürfen keiner gelehrten Interpreten und Kommentatoren. Ein echtes, großes Kunstwerk redet in gleichverständlicher Sprache zu jedermann, auch zu dem schlichtesten und einfachsten Gemüt.« Sie hatte damals rasch abgebrochen, als ob es ihr schon leid tue, soviel gesagt zu haben, und hatte ihm einen Blick zugeworfen, wie wenn sie fürchte, er könne ihre deutenden Worte auf sich selber bezogen haben, während sie doch offenbar seiner Person und seines Gewandes dabei in keiner Weise gedacht hatte. Auch er hatte erst bei diesem Blick selbst begriffen, daß nach ihrer Erklärung jenes Bild ja eine lächelnde Verdammung der Weltflüchtigkeit verkündigen sollte, zu der er sich entschlossen hatte. Entschlossen? Man hatte ihn freilich nicht danach gefragt, hatte ihm freilich keine Wahl gelassen. Die lockende Stimme jenes schönen Weibes dort war an sein Ohr niemals geklungen, ehe er dies Gewand angetan, das ihn nun von dem blühenden Leben da draußen ausschloß. Wieder wie damals bei des Mönches erstem Besuche auf Schloß Peutelstein, hatte er in seiner Versunkenheit vor dem Bilde der »himmlischen und irdischen Liebe« das Öffnen der Tür überhört, durch welche Gräfin Theodora eingetreten war, und wieder, wie damals, zuckte die Eintretende leicht zusammen, als sie in der dämmerigen Beleuchtung des Gemaches plötzlich das scharfgeschnittene, von dem dunklen Haar eingerahmte Profil des Mönches vor sich auftauchen sah. »Seien Sie willkommen, Bruder Innocenz!« Der Mönch wandte sich rasch nach ihr um und ergriff ihre Hand, um sich darüberzubeugen. Er konnte es nicht verhindern, daß ihm heiße Röte dabei in die Wangen geschossen war. »Sie haben mich zu sprechen gewünscht, gnädigste Gräfin?« fragte er hastig. Sie deutete auf einen Sessel, nahm selber Platz und sagte, ohne ihre Augen von ihm abzulassen, die scharf und düster brannten: »Ja. Wissen Sie, was inzwischen hier vorgefallen ist?« Innocenz verneinte. »Das Kind ist schwer erkrankt. Es war gestern schon leidend, hat die Nacht stark gefiebert, und heute – während Gräfin Donata fort war, ist die Wärterin unachtsam gewesen, das Kind ist erwacht, als sie es im festen Schlaf glaubte und davongegangen war, ist in seiner Fieberhitze unruhig aufgesprungen, hat das Fenster aufgerissen, um sich Kühlung zu verschaffen – kurz: es steht nicht gut seitdem. Man hat schon gestern abend nach Ampezzo hinuntergesandt, um einen Arzt heraufzuholen, aber er kann vor heute nachmittag natürlich nicht hier sein, vorausgesetzt, daß man ihn überhaupt angetroffen hat. Sie können sich den Gemütszustand meiner Schwiegertochter nun ungefähr vorstellen, Bruder Innocenz. Dies Kind war ihr alles.« »War?« Es war das einzige Wort, das Innocenz in heftiger Erregung hervorstoßen konnte. »Ist,« erwiderte die Gräfin achselzuckend. »Ich habe aber keinen Grund, Ihnen ein Geheimnis daraus zu machen, daß ich nicht glaube, das Kind werde den Fieberanfall überstehen.« Sie sagte auch das in dem gleichen, harten, metallosen Ton wie alles übrige. Nicht die leiseste Bewegung zitterte darin. »O mein Gott!« rief Innocenz in starker Erschütterung aus, die krampfhaft zuckenden Hände vor seine Augen schlagend, »sollte ihr dies Furchtbare auferlegt werden?« Gräfin Theodora blieb völlig ungerührt, nicht eine Muskel in ihren starren Zügen hatte sich geregt. Mit ihrer hohen Gestalt, in der geraden, aufrechten Haltung, dem dunkel in weichen Falten an ihr herabfließenden Kleide und dem schlichten, grauen Scheitel unter der schwarzen Spitzenhaube, die Hände im Schoß übereinandergelegt, saß sie da wie eine Steinfigur, und als sei alles menschliche Empfinden längst in ihr erstorben. »Gottes Wege sind wunderbar,« sagte sie nach einer kleinen Pause, ohne daß auch nur die Augen inzwischen die leiseste Veränderung angenommen hätten. »Weshalb sollten wir nicht glauben können, daß er die Gräfin Donata durch die Finsternis dieses Seelenschmerzes zu dem Lichte seiner Erkenntnis führen will. Gottes Wille sei gepriesen!« Innocenz konnte sich eines gelinden Grauens nicht ganz erwehren, als er die Sprecherin dies so ruhig und kalt sagen hörte, als handle es sich um Menschen, die sie nie gesehen oder gekannt. Er hatte Mühe, sich zu fassen und an sich zu halten. »Würde das Furchtbare – wenn es der Gräfin Donata wirklich auferlegt werden sollte – nicht vielleicht gerade dazu führen, ihr Herz zu verhärten und vollends von Gott abzuwenden, der ihr so Schweres zu tragen gibt?« Gräfin Theodora schüttelte leise den Kopf. »Nein, nein, auf die Gräfin Donata wird der Schmerz läuternd wirken. Sie wird der Weltlust entsagen, von der ihre Seele bis heute noch erfüllt war. Sie wird lernen, auf ein Wiedersehen mit ihrem Kinde zu hoffen, sie wird sich an diese Hoffnung anklammern wie an ihren letzten und einzigen Halt, ohne den sie verzweifeln würde und zugrundegehen müßte. In der Hoffnung auf dieses Wiedersehen wird sie Einkehr bei sich halten, und weil sie den Glauben ihres Kindes nicht geteilt hat, sich nunmehr zu ihm bekehren. Ich bin gewiß, daß Gott dies alles gewollt hat, um uns an das heißersehnte Ziel zu geleiten, das wir aus eigener Kraft niemals würden erreicht haben. Sein Name sei gebenedeit in aller Ewigkeit!« Sie schlug ein Kreuz und verneigte sich demütig »Endlich! Endlich!« murmelte sie hinterdrein wie zu sich selber. Dann stand sie auf, und während auch der Mönch sich erhob, der sie bisher schweigend, mit völlig entgeistertem Ausdruck betrachtet hatte, sagte sie: »Es wird nun an Ihnen sein, diesen Zeitpunkt zu nützen. Bruder Innocenz.« Da raffte er sich auf und über seine Lippen kam es: »Ich hoffe und bete, Frau Gräfin, daß der Zeitpunkt, von dem Sie sprechen, nicht kommen möge, daß Gräfin Donatas Bekehrung, wenn sie in Gottes Willen steht, in einem anderen Grunde ankern möge! Es wäre hart, wenn es anders sein müßte.« Sie sah ihn mit einem kurzen, herrischen Aufblitzen in ihren grauen Augen an, halb verächtlich, halb verweisend. »Und ich – ich werde beten, daß der Zeitpunkt komme, Bruder Innocenz! Denn um solchen Preis ist kein Opfer zu groß – keines, keines auf Erden. Was wiegen Menschenleben gegenüber der Rettung einer verlorenen Seele? Und nun gar das Leben eines Kindes, das begnadet werden soll, so frühzeitig in die Herrlichkeiten des Paradieses einzugehen! Gottes Wege sind wunderbar, und wo sie uns am dunkelsten erscheinen, da führen sie am hellsten zum Ziel. Nie hat sich das mir klarer geoffenbart als hier. Und nun kommen Sie! Ich will sehen, ob die Gräfin Sie empfangen mag.« Innocenz schwieg. Er griff nach dem kleinen Alpenrosenstrauß, den er vorher auf den Marmortisch niedergelegt hatte, und wollte der Gräfin folgen. Da wandte sich diese plötzlich unter der Tür noch einmal nach ihm zurück und fragte völlig unvermittelt: »Woher stammen Sie, Bruder Innocenz?« »Ich weiß es nicht, Gräfin.« »Sie wissen es nicht?« »Nein. Ich bin als Kind in das Kloster gebracht worden und habe niemals Eltern oder Angehörige gekannt, auch niemals etwas von ihnen vernommen. Ich glaube aber, daß ich aus einem Alpendorf unter den Dolomiten stamme, und daß ich ein früh verwaistes, wenn nicht überhaupt ein vaterloses Kind bin.« Sie hatte die Tür hastig aufgerissen und war ihm voran hinausgegangen, ohne noch weiter ein Wort an ihn zu richten. Stumm folgte er ihr. Sie betraten ein anderes, ebenerdig gelegenes Gemach, an dessen in ein Nebenzimmer führende Tür die Gräfin-Mutter jetzt leise pochte, um nach einer Weile sie halb zu öffnen und gedämpften Tones hinüberzusprechen. Danach schloß sie die Tür wieder, trat in das Gemach zurück und sagte: »Das Kind schläft jetzt. Gräfin Donata wird gleich hier sein.« Sie schritt an das Fenster und starrte, den Kopf an die Scheiben lehnend, stumm in den trüben Tag hinaus. Innocenz stand mit auf dem Rücken gekreuzten Händen in schmerzlichem Sinnen neben dem Tische, auf den er seine Blumen niedergelegt hatte. Es war eine Zeitlang so still in dem Raum, daß man die Atemzüge der beiden Menschen hätte vernehmen können. Dann ging die Tür geräuschlos wieder auf, und Donata trat ein. Sie ließ die Tür hinter sich offen, so daß Innocenz von seinem Platze aus das nebenan befindliche Schlafzimmer des Kindes zum Teil übersehen konnte; er gewahrte auch das kleine Bett desselben und zwischen den weißen, spitzenbesetzten Kissen einen hellen Lockenkopf. Donata sah todesblaß aus, aber sie war ruhig und gefaßt. Sie trug das dunkle Kleid, in dem er sie heute morgen in der Messe gesehen hatte, eine weiße Spitzenkrause am Halse; ihre Erscheinung wurde dadurch so ernst und feierlich wie niemals vorher. Innocenz ging ihr entgegen, um ihr die Hand zu bieten, und sie grüßte ihn mit einem stummen Nicken. Dann sagte sie halblaut, zu Gräfin Theodora gewandt, die sich langsam nach ihr umgedreht hatte: »Da ich mich auf niemand mehr verlassen kann, muß die Tür zu Ronald offen bleiben; er schläft jetzt, aber es ist nur ein Schlaf völliger Ermattung, und jeden Augenblick kann er erwachen. Dann muß ich da sein.« Es klang nicht bitter, aber doch hart und entschieden. Gräfin Theodora zuckte die Achseln. »Der alten Mirz einen Vorwurf wegen dessen, was heute morgen geschehen ist, zu machen, ist ungerecht,« erwiderte sie mit dem gleichen gedämpften Ton, der in dem mit weichen Teppichen und dicken Samtportieren ausgestatteten Gemach seltsam verklang. »Sie müßten in erster Linie dann ja einen Vorwurf gegen sich selber erheben, da Sie fortgingen, während Ronald doch schon unwohl war. Sie sehen, wohin es führt, wenn man Dinge, die nicht vorherzusehen waren, einer bestimmten Persönlichkeit zur Schuld anrechnen will.« Die Worte der Sprecherin hatten den nämlichen, gereizten Ton, in dem nun auch Donata ihr entgegnete, und der in jeder Unterhaltung zwischen diesen beiden Frauen hervorzubrechen schien. »Sie vergessen, daß es ein sehr frommer Zweck war, der mich heute morgen fortführte. Es kann doch nicht Gottes Wille gewesen sein, mich dafür zu bestrafen!« Sie lachte kurz und spöttisch auf. Dann setzte sie hinzu: »Es ist aber vielleicht Gottes Wille gewesen, daß die Wärterin solange von Ihnen aufgehalten wurde, obgleich sie das Kind, das bei ihrem Fortgehen noch geschlafen hatte, schon seit einer Weile laut singen hörte, was doch sicherlich seinen Gewohnheiten wenig entsprach und sie aufmerksam und ängstlich machen mußte. Ihr Gott offenbart sich eben in mancherlei seltsamen Willensäußerungen!« Innocenz sah erschrocken bei diesen Worten zu der Gräfin-Mutter hinüber, aus deren Augen ein zorniger Blitz hervorgebrochen war, während ihre Lippen sich fest aufeinanderpreßten. Er erwartete einen furchtbaren Ausbruch, aber er täuschte sich. Gräfin Theodora zuckte nur verächtlich die Achseln. »Ich darf Ihnen in Ihrem heutigen Schmerze manches zugute halten, liebe Donata,« sagte sie fast mild. »Um Sie aber nicht zu weiteren Äußerungen hinzureißen, die Ihnen Grund zur Reue bieten würden, will ich Sie jetzt lieber verlassen. Pater Innocenz wird an meiner Statt wohl die Verteidigung meines Gottes zu übernehmen bereit sein!« Sie verneigte sich bei den letzten, mit einem humoristischen Anflug gesprochenen Worten leicht gegen den Mönch und rauschte zur Tür hinaus. Donata atmete ein paarmal aus gepreßter Brust auf, wie wenn sie sich von einem Alp befreit fühle, aber der ruhig-finstere Zug in ihrem Gesicht wich nicht. Ohne den Mönch anzusehen, wie in die leere Luft hinausstarrend, sagte sie abgebrochen und tonlos: »Ich war heute morgen in der Messe – in Ihrer Messe. Ich wollte für mein Kind beten. Als ich es heute in der Frühe ruhig schlafend verließ, durft' ich glauben, ich könne es wagen, von ihm zu gehen. Die alte Wärterin ist sonst verläßlich gewesen. Gestern abend bei meiner Rückkehr hatte ich mich schwer um Ronald geängstigt. Er war um meinetwillen in Sorge gewesen, weil er mich bei dem furchtbaren Unwetter draußen gewußt hatte. Das Kind liebt mich so zärtlich. Ich fand ihn mit heißem Kopf und fiebernd vor Erregung vor. Die ganze Nacht saß ich dann an seinem Bette auf und hatte große Mühe, ihn endlich zur Ruhe zu sprechen. Nach dem Arzte hätt' ich gleich gesandt, aber ich wußte ja auch, daß er kaum eher als nach vierundzwanzig Stunden hier sein könne. Wie das meine Angst steigerte, wie ich mich immer mehr in eine zornige Empörung gegen die hineinredete, die mein kränkliches Kind hierhergebracht hatten, wo es von aller menschlichen Hilfe so völlig abgeschnitten war, mögen Sie sich selber vorstellen. Aber noch etwas anderes stieg in mir auf. In dieser Nacht der Sorgen, wo es mir mit furchtbarer Ahnung in der Seele aufblitzte: Du wirst ihn verlieren, – hier und jetzt verlieren! kam mir auch jählings der Gedanke: erbitte sein Leben von dem Gott, zu dem man dich bekehren will! Nimm's als Zeichen! Wenn er dich erhört, so demütige dich und bekenne dich zu ihm, – erflehe dies teuerste Dasein, das so schwer gefährdet ist, von seiner Gnade, damit er sich dir offenbare! Das dacht' ich und deshalb ging ich. Es war Ihr Gott, zu dem ich um mein Kind gebetet habe, Pater Innocenz. Und während ich fern war, um es zu tun, – geschah das Furchtbare. Ihr Gott hat mir das Zeichen gegeben, um das ich ihn gebeten!« Sie hatte alles Frühere mit fast geisterhaft leiser Stimme vor sich hingesprochen, nur die letzten Worte kamen wie ein schmerzvoll bitteres Aufschluchzen über ihre Lippen. Nun warf sie sich in einen Sessel, die weißen Hände im Schoße zusammengefaltet, das Haupt gesenkt. Noch nicht ein einziges Mal hatte sie ihn angesehen. Und er stand unbeweglich an seinem Platze, völlige Ratlosigkeit und bange Teilnahme in seinen Mienen. Dennoch zwang er sich, zu sagen: »Weshalb verzagen Sie denn schon, Gräfin? Der Gott, den Sie meinen Gott nennen, und der doch aller Menschen Gott ist, ist stark. Er kann Wunder tun. Gestern hat er es Ihnen bewiesen. Daß wir lebend und unversehrt den brennenden Wald durchschreiten durften, war ein Wunder.« Sie antwortete nicht und regte sich nicht. »Frau Gräfin,« setzte er leiser hinzu, »ich will mit Ihnen beten um dieses Kindes Leben. Gott kann uns erhören. Aber das, was Sie getan haben, war nicht die Handlungsweise eines frommen Herzens. Es hieß, Gott auf die Probe stellen. Gott läßt seiner nicht spotten. Seine Wege sind nicht unsere Wege, steht in der Heiligen Schrift, und seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken; aber so hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch sind seine Wege über unseren Gedanken. Auch wenn Gott Ihnen Ihr Kind nehmen sollte, Gräfin Donata, er ist deshalb doch der Allmächtige und Allgütige, und Sie müßten ihn zerbrochenen Herzens im Staube anbeten.« Sie gab kein Zeichen von sich, das ihn darüber aufgeklärt hätte, sie habe ihn gehört und verstanden. Wie geistesabwesend stierte sie vor sich hin. »Vielleicht ist es eine Strafe dafür!« murmelte sie tonlos, »dafür!« Dann stand sie plötzlich wieder auf, wie nach Atem ringend, machte ein paar verlorene Schritte durch das Gemach, warf einen Blick durch die Tür auf das Bett ihres Kindes hinüber und wandte sich dann wieder mit einer jähen Wendung zu Innocenz zurück. Ein zerknittertes Blatt aus der Tasche ziehend, das sie ihm reichte, sagte sie: »Lesen Sie! Ich erzählte Ihnen gestern, daß ich an den Vater meines Kindes geschrieben. Da ist seine Antwort!« Innocenz las. Das Telegramm mit dem Aufgabestempel Ischl enthielt die Zeilen: »Selbst kommen unmöglich. Konsultierung des Ampezzaner Arztes nicht zu verbieten. Rückkehr des Kindes und Deine eigene nach Karditsch jetzt unmöglich, liegt aber in Deiner Hand. Überlasse alles weitere ganz Mama. Alexander.« »Nun?« fragte Donata, als er ihr das Blatt zurückgab, und zum ersten Male trafen ihn ihre Augen, die zornig und wild blitzten. »Was sagen Sie nun? Hab' ich ihn verleumdet? Die Rückkehr liegt in meiner Hand. Verstehen Sie das? Wenn ich mich bekehren will, soll das heißen, darf ich mein krankes Kind, – das auch seines ist, – von hier fortbringen, wo es zugrunde geht, – sonst nicht. Ist das auch der Wille Ihres Gottes, Pater Innocenz? Fängt man so Menschenseelen?« »Nein,« erwiderte er klanglos, »das ist Gewissenszwang.« Sie schien es nicht zu hören. In heißer Erregung schritt sie hin und wider durch das Gemach, ihre Brust ging stürmisch auf und nieder. Plötzlich blieb sie hart vor ihm stehen, jetzt aber, ohne ihn anzublicken, und murmelte zwischen den Zähnen: »Ich habe einen Verdacht – einen furchtbaren Verdacht, Pater Innocenz. Wenn er sich bewahrheitete –!« »Gräfin,« fiel er begütigend ein, »Sie sind jetzt in besinnungsloser Aufregung; ich bitte, ich beschwöre Sie, fassen Sie in diesem Zustande keine Entschlüsse, lassen Sie sich jetzt nicht von Ihren schwarzen Ahnungen beeinflussen. Ihr Unglück ist wahrlich groß genug, – zu groß schon, als daß es durch schreckliche Vermutungen noch künstlich müßte gesteigert werden!« Sie nickte. »Sie haben recht, ganz recht,« murmelte sie. »Aber die alte Mirz sagte, die Gräfin-Mutter habe sie durchaus nicht fortlassen wollen, obgleich sie ihr wiederholt versichert, sie müsse nun gehen, denn sie höre den Kleinen schon, der sicherlich längst erwacht sei, und es könne ein Unglück geben, wenn sie nicht zur Stelle sei. ›Kinder haben ihren Engel,‹ hat die Gräfin erwidert, ›und nichts geschieht auf Erden ohne Gottes Willen!‹ Und als sie endlich zurückkam, fand sie das Kind in seinem Nachtkleidchen am offenen Fenster kauern und singen, – es sei ihm gar so heiß gewesen, aber nun sei es ihm wieder fröhlich zumute, so merkwürdig fröhlich, hat er gesagt. Und als ich selber wieder bei ihm war, fand ich ihn schon in Fieberdelirien. Er hat mich gar nicht mehr erkannt. Und nun sagen Sie mir selber, Pater Innocenz: war das ein Zufall? Hat die Gräfin-Mutter, der Graf Alexander so vertrauensvoll alles Weitere überläßt, wirklich nicht geahnt; nicht ahnen können, was es für Folgen haben würde, daß sie die Wärterin von dem Kinde fernhielt? Und war es ohne eine bestimmte Bedeutung gesagt, daß nichts auf Erden ohne Gottes Willen geschehe?« Innocenz war leise zusammengeschauert. »Um Gotteswillen, Frau Gräfin, ich bitte Sie, welche furchtbaren Halluzinationen! Und die Wärterin kann überdies das alles erfunden haben, um ihre Schuld zu verringern, das liegt so nahe –« Donata schüttelte den Kopf. »Die alte Mirz lügt nicht. Sie ist eine fromme Katholikin und dem gräflichen Hause ergeben in Not und Tod.« »Und wenn auch –! Was dürften Sie daraus folgern, Frau Gräfin? Ich verstehe Sie nicht mehr.« »Ich verstehe mich selber nicht mehr,« kam es wie ein Hauch über ihre Lippen. Und wieder sank sie wie gebrochen in einen Sessel, um stumpf vor sich hinzustarren. »Beten Sie, Gräfin, beten Sie!« sagte er. Sie erwiderte nichts mehr. Ein Pochen an der Tür ließ sich vernehmen, und Pater Pius schob sich gedrückt und ängstlich wie stets in das Zimmer. Der Doktor sei eben gekommen, meldete er atemlos, die Frau Gräfin habe ihn in ihren Salon genötigt, um ihm eine Erfrischung vorzusetzen, – es sei eben doch ein sehr anstrengender Weg, den er zurückgelegt habe, übrigens zu Pferde, – auch um ihn auf alles vorzubereiten, was hier geschehen sei, er könne aber jeden Augenblick hier sein, um das Kind zu sehen, denn er habe es sehr eilig und wolle möglichst vor der Nacht noch wieder in das Tal hinab, wo andere Kranke auf ihn warteten; vielleicht sei es der Gräfin doch angenehm, das alles gleich zu erfahren. Damit ging der kleine, alte Herr auf Innocenz zu, immer mit dem müde zur Seite hängenden Kopf und den demütigen, um Verzeihung flehenden Augen, schüttelte ihm beide Hände und murmelte, eine Träne an der Wimper, mit seinem zahnlosen Munde: »Welch ein Unglück, lieber Bruder, welch ein Unglück! Ich bin geschaffen, um lauter Unglück auf diesem Schlosse zu erleben, – lauter Unglück –« Seine Stimme brach sich in einem Schluchzen. Donata aber hatte sich erhoben und sagte mit wieder ganz klarem und gepreßtem Ton: »Ich danke Ihnen, Pater Pius. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn der Doktor zuerst seiner Pflicht nachgekommen wäre und das Geschehene zuerst von mir gehört hätte. Wollen Sie ihm, bitte, sagen, daß ich ihn sogleich erwarte.« Der greise Priester war noch kaum imstande, seine Fassung notdürftig zurückzugewinnen. Er trocknete sich die Augen mit einem bunten Seidentuche, nickte wiederholt mit einem halb erschrockenen, halb demütigen Ausdruck vor sich hin und murmelte: »Natürlich, sogleich, – ganz, wie Sie es befehlen, gnädige Gräfin. Oh, mein Gott!« wonach er sich unter tiefen Bücklingen rückwärts zur Tür hinausschob. Donata sah, als er gegangen war, Innocenz scharf ins Gesicht. »Haben Sie es gehört, Pater Innocenz? Sie will ihn vorbereiten!« Der Mönch wollte etwas erwidern, aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Wollen Sie bleiben?« fragte sie, und als er das bejahte: »Gut denn. Ich will die Tür offen lassen. Sie sollen alles hören, um alles beurteilen zu können. Und dann werde ich die Wahrheit von Ihnen verlangen, Pater Innocenz!« Er nahm den Strauß Alpenrosen vom Tische und reichte ihn ihr. »Ich bin hier, und ich trage dies Gewand, um der Wahrheit zu dienen, Frau Gräfin,« sagte er festen Tones. »Die Blumen sind für Ronald?« fragte sie mit einem freudigen Schimmer in den Augen. »Ich habe sie für ihn gepflückt. Die meisten hatte das Unwetter freilich zerschlagen. Und gestern mußten wir unseren großen Strauß droben liegen lassen.« Sie hatte sekundenlang ihr Antlitz in die Blumen vergraben. Nun hob sie es mit einem düster-schmerzlichen Ausdruck wieder. »Ich danke Ihnen. Möcht' ich die Blumen ihm nicht mit in die Erde geben müssen!« Es kam nur wie ein Hauch über ihre Lippen, und gleichzeitig schien ihre Gestalt fast zusammenzubrechen unter der Wucht des darauf lastenden Schmerzensgedankens. »Gräfin!« rief er erschrocken. Da hatte sie sich schon wieder aufgerichtet und sah ihn mit großen, blitzenden Augen an. »Pater Innocenz,« sagte sie mit heiserer, drohender Stimme, »wenn ich das erleben müßte, – überleben müßte, und ich müßte mir sagen, daß es mehr war, als ein unglückseliges Zusammentreffen von Zufälligkeiten, was dies Furchtbare zuwege brachte, – daß es eine Kette war von absichtlich gewollten Dingen, und Glied sich darin an Glied schloß, – alles nur zur höheren Ehre Gottes, versteht sich! – Pater Innocenz, es könnte, es müßte mich treiben, Ungeheuerliches zu tun!« Sie erschien ihm in diesem Moment wie verwandelt; ein unheimliches Feuer wildester Leidenschaft glühte in der Tiefe ihrer Augensterne auf, ihre feinen Nasenflügel erzitterten. Ehe er noch etwas erwidern konnte, hatte sie sich jedoch gewandt, um in das Zimmer des Kindes hinüberzugehen, und unmittelbar danach traten die Gräfin-Mutter, Pater Pius und der Arzt ein. Der letztere erregte eher den Eindruck eines alten Forstbeamten oder pensionierten Offiziers, als den eines Doktors der Heilkunde. Sein verwittertes und verrunzeltes Gesicht wurde durch einen dicken, schneeweißen Schnurrbart, der zu beiden Seiten des Mundes herabhing, gleichsam in zwei Hälften geteilt, von denen die untere aber wegen des zurückfliehenden Kinns kaum sichtbar wurde. Unter buschigen Brauen lagen gutmütige, braune, lustig funkelnde Augen. Der kleine, alte Herr, der sehr gern einen guten Tropfen trank und noch lieber Anekdoten erzählte, – er stammte aus der damals österreichischen Lombardei und war dort Feldarzt gewesen, trug eine grüne Joppe und schwere, eisenbeschlagene Bergschuhe nebst Kniehosen und Wadenstrümpfen. Dazu ließ er die linke Schulter erheblich herabsinken und erzählte mit Vorliebe, dies rühre davon her, daß er nur noch eine Lunge habe; er pflegte daraus zu folgern, daß man deren zwei überhaupt nicht brauche, und daß auch in den verzweifeltsten Krankheitsfällen im allgemeinen die Natur sich zu helfen wisse. Er war deshalb immer hoffnungsvoll und faßte eigentlich alles von der humoristischen Seite auf; ging es tragisch aus, so hatte es halt so sein müssen, – »sterben müssen wir ja alle.« Mit solchen Eigenschaften begabt, war er ein weit beliebter Arzt im ganzen Ampezzotal und darüber hinaus, immer bei der Hand, immer trostreich, immer gut gelaunt. »Na, da wollen wir halt doch einmal das Büberl anschauen,« rief er beim Eintreten mit seiner stark belegten Stimme in gemütlichem Ton, mit prononcierter Dialektfärbung. »Küß' die Hand, Frau Gräfin! Wird wohl gar so arg nit sein mit dem Contino, wie? Rauhe Luft, kleine Erkältung, zartes Körperchen – he? – was? Wird wohl alles wieder in Ordnung kommen ohne Apothekergetränk'. Ganz im Vertrauen, Frau Gräfin; halt' nicht viel von dem Zeugs. Na, nun schauen wir doch einmal zu!« Der Knabe war erwacht, warf sich unruhig im Bett umher und fragte leise weinend seine Mutter, die ihn an der Hand gefaßt hielt, was denn der fremde Mann von ihm wolle. Erst als Donata ihm gesagt hatte, das sei ein guter Mann, der ihn wieder gesund und lustig machen wolle, beruhigte er sich einigermaßen, klagte aber mit weinerlicher Stimme über seinen Kopf, der so brenne, und ließ ein mattes, röchelndes Husten dabei hören. Sein Gesicht glühte wie im Feuer und jeder Atemzug hatte einen deutlich vernehmbaren Pfeifton an sich. Der Doktor untersuchte eine Weile, legte das Ohr an die Brust des Knaben, fühlte nach dem Pulse, tat noch ein paar Fragen und sagte dann: »Ganz, wie die Gräfin gemeint haben: eine Erkältung, eine recht starke Erkältung, hm, hm, man könnt' es wohl auch so eine Lungenentzündung nennen, optima forma, optima forma. Na, schauen's, das nimmt halt so einen Verlauf, und wenn's vorüber ist, ist der Mensch wieder gesund. Wenn man nur eine gute Natur hat –« »Das Kind ist aber außerordentlich schwächlich, wie Sie sehen,« unterbrach Donata den gemütlich Plaudernden in ernst verweisendem Ton. »Oh, oh, oh!« machte der Alte, »wie man's halt nimmt. Ist halt kein' Bauernbüberl, das da, ist so ein ganzes Prinzerl. Aber deshalb – deshalb – hoho! deshalb ist noch lange nichts zu fürchten. So ein gesundes, junges Blut. Hat ja kerngesunde Eltern. So einen Vater, so eine Mutter! Eine wahre Pracht ist's, – mach' mein Kompliment, Frau Gräfin! Für so eine gesunde Mutter kann das Büberl dankbar sein. Und wer eine gesunde Natur mit auf die Welt bekommen hat, der hält auch so eine Geschicht' aus, da hat's keine Gefahr. Schauen's mich selber an, Frau Gräfin. Hab' vor dreißig Jahren da a halbe Lung'n eing'büßt« – und er schlug sich mit der Faust auf die linke Brustwand – »meinen's, es hätt' mir was verschlag'n? Aber garnix, aber garnix, sag' ich Ihnen. Steig' heute noch meine zwölf Stunden bergauf, wann's so wollen. Und damals hätt' kein Mensch was um mein Leben 'geben. Sind dreißig Jahr', Frau Gräfin, dreißig Jahr'! Aber das macht halt, ich hab' ein' Vater g'habt, so ein' alten Militär, wissen's, aus der Napoleonszeit, wo's noch andere Menschen gab –« Wiederum unterbrach ihn Donata in seinem Geplauder, zu dem er sich neben dem Kinderbette rittlings auf einem Sessel niedergelassen hatte, die beiden Arme auf die Lehne gestützt, mit der braunen, faltigen Hand seinen Schnurrbart behaglich zwirbelnd. »Es wäre sehr schön, wenn Sie uns von sich einmal später erzählen wollten, Herr Doktor. Jetzt möchte ich wissen, was mit dem Kinde zu geschehen hat. Ich denke, hier ist lange genug ärztliche Hilfe fern gewesen und jeder Aufschub derselben weiterhin von großer Gefahr.« »Aber Sie hören ja, Donata,« fiel die Gräfin-Mutter, die mit über der Brust gekreuzten Armen abseits stand, kühl ablehnend ein, »Sie hören ja, daß Doktor Hubler die Sache durchaus nicht so ängstlich ansieht, wie Sie es sich einreden wollen.« Donata entgegnete nichts darauf, sondern sagte kurz: »Ich bitte um Ihre Verordnungen, Herr Doktor.« »Ja, schauen's, Frau Gräfin,« erwiderte der Alte, der sich in seinem gemütlichen Phlegma durch nichts erschüttern ließ, »schauen's, das ist nun halt so eine Sach'. Bis man so ein Apothekertränkel brauen und bis hierher heraufbringen läßt, da möcht' eine heillose Zeit vergehen. Und nachher nutzt's am End noch gar nicht einmal. Ist schon besser, man laßt's. Hab' da selber so a kleine Apotheken bei mir, – muß halt schon Doktor und Apotheker in einer Person sein, – und da machen wir dem Büberl halt was zurecht, – a bisserl was Lösendes, wissen's, für den Husten, und nachher auch a paar Tröpferl, die ihm Ruh' geben und die fliegende Hitz' wegnehmen, dann wird's schon recht werden. Immer nur hübsch das Köpferl oben behalten, Frau Gräfin, immer nur an die grundgütige Natur glauben, die macht's schon wieder gut. Und wenn's nicht sollt' sein, können ja wir Ärzt' auch nix dabei tun, aber garnix. Also, mein Büberl, sei brav und fürcht' dich nit. Bist ja so ein gut's, klein's Kerlchen, wird schon alles wieder recht werden, wird schon wieder recht werden –« Und er strich dem Kinde, das ängstlich die Hand seiner Mutter umklammert hielt, über die heiße Stirn und die brennenden Schläfen. Dann stand er auf. »Darf mich halt jetzt nicht mehr länger versäumen, Frau Gräfin; ist mir leid, aber man hat eben seine Last mit der Praxis in einem so großen Bezirk. Müssen mir schon halt Urlaub geben!« »Wann kommen Sie wieder?« fragte Donata. »Ja, schauen's« – der Alte kraute sich in dem noch dichten weißen Haar – »mit dem Wiederkommen! Ein Spaziergang ist's halt nicht da herauf. Und der Jüngste bin ich halt gerad' auch nicht mehr. Aber wenn's meinen, Frau Gräfin, möcht ich schauen, daß ich morgen abend wieder da wär'. Sonst komm' ich halt übermorgen da einmal vorüber.« »Es wäre mir am liebsten, wenn Sie heute nacht hier bleiben könnten,« fiel Donata rasch ein, »um im Notfalle gleich bei der Hand zu sein. Es versteht sich von selbst, daß ich Ihnen Ihre sämtlichen Versäumnisse entsprechend vergüten werde. Es soll Ihr Schaden nicht sein.« »Aber welche Idee, Donata!« fiel Gräfin Theodora unmutig ein. »Sie dürfen wegen Ihrer übertriebenen Ängstlichkeit doch nicht anderen Kranken die ärztliche Hilfe entziehen, die vielleicht dort nötiger ist als hier!« »Nötiger kann sie nirgends sein, als hier,« erwiderte Donata, die sichtlich nur mit Mühe ihre Ruhe bewahrte, sehr bestimmt. »Wohl aber kann man von anderwärts eher ärztliche Hilfe herbeirufen. Ich würde sogar wünschen, daß Doktor Hubler durch einen besonderen Boten von hier aus einen seiner Kollegen in Toblach oder Innichen oder wo sonst immer mit seiner einstweiligen Stellvertretung beauftragt, um zunächst auf der Lahn bleiben zu können.« »Dazu könnte ich im Interesse anderer Leidender meine Zustimmung nicht geben,« versetzte Gräfin Theodora entschieden. »Und Sie, Doktor?« fragte Donata, den Arzt fest anblickend; sie hielt noch immer Ronalds Hand in der ihren, war aber jetzt aufgestanden und ihre Haltung war gebieterisch. Der Alte sah ungewiß von einer zur anderen hinüber, strich sich seinen Schnurrbart und sagte dann gutmütig: »Wann's notwendig wär', Frau Gräfin, schauen's, ich tät's ja ganz g'wiß und gern. Aber 's wär' halt ein Unsinn, halten's zu Gnaden. Und nach der Prättiger Hütten muß ich heut' abend noch, da hilft nichts. Das Büberl da wird schon wieder g'sund werden. Wozu wollen's sich unnötig Angst machen, Gnädigste? Der alt' Herrgott lebt ja noch. Und ich schau' schon wieder nach, ich versprech's Ihnen, 's Köpferl oben, Frau Gräfin, 's Köpferl oben! Und damit Servus, Frau Gräfin, und nix für ungut, hören's?« Er wollte gehen, als Donata, deren Gesichtszüge ganz starr geworden waren, ihm nachrief: »Sie haben die Arznei noch nicht gegeben, Doktor!« Nun schlug sich der Alte mit der Faust vor die Stirn. »Ha, das ist aber toll! Hätt' ich jetzt bald daran ganz vergessen! Ja, der alte Hubler wird schwachsinnig, Frau Gräfin, wird total schwachsinnig, sag' ich Ihnen. Hei! Das wär' halt a G'spaß g'wes'n! Geht der Doktor davon und hat nix verschrieben. Ja, so eine Hetz'.« Er lachte so laut über das Vorkommnis, daß man hätte meinen sollen, es sei ihm der lustigste Spaß von der Welt widerfahren, und es war nicht etwa ein Lachen, hinter dem seine Verlegenheit sich versteckt hätte, sondern es kam ihm sichtlich von Herzen; er amüsierte sich köstlich über sich selber. Dann aber zog er eine kleine, lederne Hausapotheke aus einer Tasche seiner Joppe, ließ sich Wasser geben, goß aus einem Fläschchen, das das Futteral enthielt, eine Flüssigkeit in ein anderes leeres, über, schüttete aus einer Schachtel ein Pulver dazu und schüttelte das Ganze nun zusammen mit ein paar Löffeln Wasser durcheinander. Dann nahm er noch eine Hand voll Pastillen aus einem Tütchen, erklärte Donata, wie und wann sie die beiden Mittel geben solle, und räumte seinen Heilmittelvorrat wieder zusammen, um ihn zu sich zu stecken. Plötzlich schien ihm noch eine besonders gute Idee zu kommen, denn seine lustigen Augen funkelten befriedigt auf, und er sagte aufstehend: »Wann's nicht besser sollt' sein, wann ich wiederkomm', Frau Gräfin, wissen Sie, was ich tu'? Schröpfköpf' setz' ich ihm an, dem Büberl! Punktum. Schröpfköpf'!« Damit ging er voll stolzer Siegeszuversicht bis an die Tür, nickte, machte einen Kratzfuß gegen Donata, ließ die Gräfin Theodora vorangehen, bekomplimentierte sich eine Weile mit Pater Pius, bis er ihm endlich voranschritt, und verließ so das Krankenzimmer. Donata mühte sich, das Kind, das sehr unruhig geworden war und ängstlich fragte, was der fremde, alte Mann denn eigentlich gewollt habe, wieder zum Frieden zu sprechen. Ronald hatte die Hand auf die Brust gelegt und röchelte heiser, mit fliegendem Atem. Er klagte, daß er solche Furcht habe, weil immer wilde Tiere durch's Zimmer liefen, gerade solche wilde Tiere, wie er sie neulich in Mamas Bilderbuch gesehen habe, und manchmal lege sich ihm eines derselben schwer auf die Brust, so daß er gar nicht mehr atmen könne. Donata gab ihm erst eine von des Doktors Pastillen, dann flößte sie ihm ein paar Tropfen von der Arznei ein, welche die Fieberhitze des Kindes beruhigen sollte. Danach schloß Ronald auch wirklich die Augen, aber seine Lippen murmelten unablässig während des Halbschlummers, in den er verfiel, wirre, tolle Worte weiter, welche davon zeugten, daß kein friedlicher Schlaf über ihn kommen wollte, sondern beängstigende Phantasien ihn heimsuchten. Dazwischen erklang immer wieder sein kurzes, bellendes Husten mit einem lange nachrasselnden, pfeifenden Ton aus der heiß und rasch atmenden Brust. Erst nach längerer Zeit wurden seine stoßweisen, angstvollen Rufe seltener und leiser. Nur noch manchmal kam es über die trockenen, fieberheißen Lippen des Kindes: »Der Wolf, Mama, der Wolf! – Du kannst mir wirklich glauben, Mama, der Wolf will mich auffressen! – Ach, liebe, liebe Mama, hilf mir doch! – Nun kommt auch der Bär noch dazu, der wilde, schwarze Bär! – Wohin trägst du mich denn, Mama? Du trägst mich ja fort – fort –. Gibt es in Karditsch auch Bären, Mama? – Ach, wenn nur der mit den glühenden Augen nicht immer so dicht vor mir stände, Mama, ganz dicht – ich kann nicht, ich kann nicht –« Endlich verstummte er, warf sich aber noch immer in den Kissen unruhig hin und her und ließ ein Ächzen hören, zu dem allmählich jeder seiner Atemzüge wurde, während seine Brust sich dabei in fliegender Hast senkte und wieder hob. Als Donata, die bis dahin des Kindes brennende Hand in der ihren, über es gebeugt, dagesessen hatte, ohne einen Blick von ihm zu verwenden, ihre Augen zum ersten Male, sich in ihren Sessel zurücklehnend, abkehrte, gewahrte sie den Mönch, der lautlos über den weichen Teppich aus dem Nebengemach herangekommen war und schon seit einer Weile schweigend vor dem Bett stand, um Mutter und Kind mit tiefem Mitleid zu betrachten. Ihrer beider Augen begegneten sich in stummer Trauer. Dann stand Donata leise auf, warf noch einen letzten Blick auf das Kind, das unruhig weiterschlief, und ging in das Nebenzimmer, dem Mönch ein Zeichen machend, daß er ihr folgen möge. Innocenz tat es, und als sie sich dort gegenüberstanden, er gesenkten Kopfes, wie wenn ihn etwas zu Boden drückte, sie in starrer Ruhe, fragte sie ihn nichts als: »Nun?« Er wußte, was ihre Frage bedeuten sollte, aber er gab keine Antwort darauf. »Ich möchte heute nacht hier bleiben,« sagte er. Es blitzte in ihren Augen etwas auf, aber sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« sagte sie hastig. »Ich danke Ihnen, ich verstehe Sie. Aber Sie können mir ja nicht helfen. Geistlichen Trost birgt ja Schloß Peutelstein, ärztliche Hilfe nicht. So lassen Sie es mich denn allein durchmachen.« »Sie fürchten das Schlimmste, Gräfin?« »Muß ich nicht?« »Aber alle anderen sind so unbesorgt – auch der Arzt.« Donata zuckte mit bitterem Lächeln die Achseln. »Vielleicht,« fuhr Innocenz fort, »daß die Mittel doch –« »Vielleicht,« wiederholte sie mechanisch und nickte. »Und morgen abend kommt der Arzt ja wieder.« »Morgen abend!« Sie sprach es mit so seltsamem Klang, daß es den Mönch durchschauerte. Starr blickten ihre Augen vor sich hin. Dann reichte sie ihm die Hand. »Nochmals: ich danke Ihnen, Pater Innocenz. Aber ich bitte Sie zugleich, gehen Sie jetzt! Ich bedarf Ihrer nicht. Beten Sie zu Ihrem Gott – das ist alles, was Sie für mich tun können. Gute Nacht.« Sie wandte sich und schritt leise an das Bett des Kindes zurück. Da verließ auch der Mönch das Gemach und, ohne die Gräfin Theodora noch einmal aufzusuchen, ging er aus dem Schlosse, um müde und gebrochen durch die frostige Dämmerung des Tages heimzuwandern. IX Erst gegen Morgen war Innocenz in tiefen und traumlosen Schlaf verfallen. Bis dahin hatte er sich unruhig hin- und hergeworfen, war immer wieder aufgesprungen, um sich zum Gebet niederzubeugen und hatte um das junge Leben, das drüben im Schlosse auszulöschen drohte, mit Gott gerungen in heißer Inbrunst. Nie glaubte er in seinem Leben innigere Gebete emporgschickt zu haben. Und doch sagte er sich wieder und wieder dabei, daß er nicht mehr in der rechten Art zu beten verstehe, weil die felsenfeste Oberzeugung von ehemals, er werde erhört werden, nicht mehr in ihm wohnte, und weil der Zweifel, der an seiner Seele nagte und bohrte, nie mehr ganz zur Ruhe kommen wollte, nur im heißen Ungestüm des Ringens um Erhörung zeitweilig erstickt ward. Mit hämmernden Schläfen und wogenden Pulsen hatte er sich in die Kissen geworfen. Immer wieder spiegelte seine Phantasie ihm die schöne, goldhaarige Frau vor, die jetzt in ihrem dunklen Kleide am Bette ihres Kindes kniete, seinen heißen, ächzenden Atemstößen lauschte, um ihn bangte und für ihn flehte in namenloser Qual, einsam, eine Beute ihrer schwarzen Furcht und ihres grauenvollen Argwohns zugleich – einsam und gottverlassen. Oder war Gott in ihr und mit ihr – ihr Gott? War es wirklich wahr, was sie ihm gesagt hatte, daß jeder Mensch seinen eigenen Gott hatte? Was aber starb ihr in diesem Kinde, wenn Gott es zu sich rief! Wie würde sie das Leben ohne das Kind überhaupt ertragen können, zumal, wenn sie sich sagte, sagen mußte, daß es am Leben geblieben wäre, hätte man es nicht hierher in die rauhe Luft des Hochgebirges verbannt, hätte man seiner geschont und es nicht erbarmungslos um der höheren Zwecke willen aufgeopfert? Und war dies wirklich geschehen? Beging man sogar unmenschliche Verbrechen im Namen Gottes, der doch die Alliebe und das Allerbarmen war? Unmöglich! Unmöglich! Und doch klang es dem sich schlummerlos, fiebernd auf seinem Lager Wälzenden immer wieder im Ohr, was er auch einmal von Gräfin Donatas Lippen vernommen hatte; »Was haben die Menschen im Namen Ihrer Religion schon alles gefrevelt, Pater Innocenz! Was haben sie aus Ihrer Religion gemacht!« Und als er ihr damals erwidert hatte, das dürfe man doch der Religion nicht zurechnen, danach nicht ihren Wert und ihre Wahrheit beurteilen, hatte sie hinzugefügt: »Sicherlich nicht; aber deshalb kann man auch nicht verlangen, daß wir uns einer sichtbaren Kirche zuschwören, deren Formeln und Satzungen zu solchem Mißbrauch leicht verleiten können, sondern muß sich daran genügen lassen, daß wir der unsichtbaren angehören und Christen sind und sein wollen im Sinne des großen Stifters unserer Gemeinschaft!« Hatte sie recht? Das war die wühlende Frage, die ihm in der Seele gebrannt hatte, als endlich die Mattigkeit ihn überwältigte und bleierner Schlaf ihn gefangen nahm. Aber nicht lange sollte Innocenz sich dessen erfreuen. Draußen pochte es an seinem Fenster, und als er, in der Meinung, es sei der Wind, der die ganze Nacht hindurch schon gepfiffen und gerüttelt hatte, nicht darauf hörte, rief es: »Pater Innocenz! Pater Innocenz!« Nun fuhr der Mönch empor. »Was ist? Was gibt's? Wer ist draußen?« »Auf der Sägemühle verlangt man nach Euch,« rief eine weibliche Stimme, »die Sägemüllerin ist närrisch g'worden!« Innocenz war mit einem Satz von seinem Lager aufgesprungen. »Was hat's denn gegeben?« fragte er erschrocken, nach seinen Kleidern langend. »'s Kind hat sie umbringen wollen,« klang's zurück. »Toll ist sie g'worden. Sollt ihr den Teufel austreiben, Hochwürden.« »Ich bin gleich drüben,« rief Innocenz, der in Hast seinen Anzug vollendete. Dann stürzte er zum Hause hinaus. Pfeifend blies ihm der Frühwind entgegen, der die dicken, grauen Wolkenmassen über den Himmel fegte und die Steine auf den niederen Schindeldächern ins Kollern brachte; in sausenden Stößen fuhr er über die Lahn dahin, und die zerrissenen Nebelfetzen flatterten in bizarren Gebilden um die Felszacken. Laufend erreichte Innocenz die Sägemühle. Drinnen hörte er noch, ehe er die Türe der Wohnstube aufgestoßen hatte, das heisere Gekreisch einer Weiberstimme und dazwischen die rauh polternden Worte des Sägemüllers: »Halt' sie fest, Hamerl! Binden müssen wir sie, wenn sie nicht Ruh' gibt. Der leibhaftige Satan steckt in dem Weibe!« Dem Eintretenden bot sich ein widriger Anblick. Der Sägemüller und der Großknecht, beide nur halb bekleidet, mit wirren Haaren und barfüßig, wie sie aus dem Bett gesprungen sein mochten, hielten die Sägemüllerin, die unablässig schrie und ächzte, mit den Füßen stieß, Schaum vor dem Munde hatte und sich wie eine Wahnsinnige gebärdete, mit groben Fäusten gepackt und mühten sich, sie aus dem Zimmer zu zerren, während sie mit ihnen wütend rang und sich durch Kratzen, Beißen und Stoßen kreischend von ihnen freizumachen suchte. Die Augen quollen ihr fast aus den Höhlen dabei, ihre Kleider hingen halb zerrissen wüst um sie her oder schleppten hinter ihr drein. »Um Gottes willen, was geht hier vor?« rief Innocenz, stehenbleibend. »Den Teufel hat sie im Leibe!« schrie der Sägemüller, dem der Schweiß in dicken Tropfen auf der Stirn stand. »Ihr sollt ihr den Teufel austreiben! Beschwört den Satan, sag' ich Euch, sie ist verhext! Die Kathi hat sie erwürgen wollen. Lauft hinein und seht selbst – das Kind ist halb tot, so hat sie ihr die Gurgel zusammengepreßt. Hätt' das Würml nicht noch einmal in der Todesangst aufschreien können, wär's jetzt ganz hin. Und das Weib will kein' Frieden geben. Wenn wir sie loslassen, läuft sie wieder hin und erwürgt ihr eigen Fleisch und Blut. Den Teufel hat sie. Ihr sollt den Teufel aus ihr austreiben, Hochwürden!« Innocenz trat totenblaß näher auf Aloysia zu, sah sie mit traurig-erzürnten Augen an, schlug das Kreuz über sie und murmelte: »Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.« Aber das Weib schlug eine gellende Hohnlache auf und wand sich wie in Krämpfen in den Armen der Männer, die sie hielten. »Ihr seid der Rechte!« schrie sie den Mönch an, und ihre Augen verdrehten sich ihr wild im Kopfe. »Ihr habt mir den Wurm eing'setzt ins Gewissen. Ihr! Und wenn ich den Wurm erwürgen möcht, dann schlagt Ihr's Kreuzel gegen mich, als ob ich ein böser Geist wär'. Wie soll ich den Wurm umbringen, wenn ich kein' Engel hab' zur Fürbitt' bei der heiligen Jungfrau? Ein' Engel muß ich haben! Und mein Kind ist's, die Kathi. Zum Engel kann ich sie machen, wann ich will, dafür bin ich sein' Mutter, dafür hab' ich's geboren. Soll mich das Kind in den ewigen Flammen brennen lassen? Und könnt' mich doch erlösen und würd' ein Engel sein in der ewigen Paradiesesherrlichkeit? So verstockt und so schlecht ist mein Kind nicht. Laßt's mich aus, sag' ich, laßt's mich zu mein' Kind!« Wieder versuchte sie sich mit wilder Gewalt loszuringen, aber die Fäuste der beiden Männer hielten sie fest und zwangen sie nieder. Sie fiel zu Boden, wälzte sich in Zuckungen dort hin und her, biß dem Sägemüller, der sie emporreißen wollte, in die Finger, so daß er mit einem Aufschrei die blutende Hand zurückzog, und lag endlich stöhnend, von kaltem Schweiß überdeckt, geschlossenen Auges und offenen Mundes regungslos da, wie eine Sterbende. »Jetzt können wir sie binden,« sagte der Sägemüller. »Vielleicht ist der Satan jetzt von ihr gewichen,« meinte der Hamerl, der vorsichtig ihre Hand losließ und sich über sie herabbeugte. »Darauf lass' ich's nicht ankommen,« meinte Anton Pyrker. »Sie verstellt sich am End' bloß. Bring' ein paar Strick' her, Hamerl. Die Händ' auf dem Rücken bind' ich ihr auf alle Fäll' z'sammen.« Trotzdem die Sägemüllerin sich auch jetzt, wo ihre eine Hand frei war, nicht regte und die Augen nicht aufschlug, und trotzdem Innocenz den Sägemüller bat, er möge von seinem barbarischen Vorhaben abstehen, führte dieser dasselbe doch aus, ohne den Mönch auch nur einer Antwort zu würdigen. Aloysia ließ sich widerstandslos fesseln, ohne einen Laut, ohne eine Regung. Ihr Ächzen war verstummt, und der Sägemüller konnte sie, wie einen leblosen Gegenstand, in seine Arme nehmen und davontragen. Dann kam er zurück, stellte sich in seiner breitspurigen Art vor Innocenz hin, der müde und ratlos auf einen Holzstuhl niedergesunken war, und sagte: »Mit der wären wir fertig 'worden. Meint Ihr, sie wird rückfällig, wann man sie losbindet?« »Ich weiß nicht,« versetzte der Mönch trübe. »Ihr solltet einen Arzt holen lassen. Sie ist geisteskrank geworden.« Der Sägemüller kniff die Augen zusammen und ließ einen kurzen Pfiff hören. »Und wer trägt an dem die Schuld, hochwürdiger Herr?« fragte er mit höhnischer Überlegenheit. »Wer hat ihr die große Sünd' wegen dem Windischen Sepp immer und immer wieder vor die Seel' gerückt? Sie sagt es ja selbst, so viel Verstand hat sie noch: den Wurm habt Ihr in ihr Gewissen eing'setzt, Ihr und kein anderer. Nun treibt ihn auch wieder aus. – Das ist Eure Schuldigkeit!« »Ich habe getan, was unsere Religion und mein heiliges Amt mir befahlen,« erwiderte der Mönch mit harter Entschiedenheit. »Klagt also nicht mich an, sondern allein Eure Sünden!« Der Sägemüller zuckte die Achseln. »Die Sach' ist zu End',« sagte er, »der Sepp ist tot.« »Tot?« Innocenz sprang vom Sessel auf. »Tot?« Der Sägemüller nickte. »Man nimmt's fest so an, und das ist g'nug. Die Landjäger, die ich von Ampezzo hab' heraufkommen lassen, haben ihn gestern nicht mehr g'funden. Hat alles Suchen nichts g'holfen. Und seine Schlupflöcher haben wir doch gut gekannt. In der Höhl', wo er immer g'schlafen hat, hat alles noch dag'legen, gerad', wie er's verlassen hat: Decken und Mantel und sein Rucksack auch. Die halbe Nacht haben sie vergebens auf ihn g'lauert. Dann hat einer beim Abziehen an einer grausig abschüssigen Stell' mitten im wilden G'birg einen Hut g'funden und ein rotes Tuch. Und die haben dem Sepp g'hört, das ist g'wiß. Wird also abg'stürzt sein, als er beim Unwetter neulich hat seine Höhl'n aufsuchen wollen. Ist recht so, hat der liebe Gott gut g'macht. Um so ein' nichtswürdigen Haderlumpen ist's nicht schad', und wegen der Aloysia wär's auch recht. Hat jetzt, was er verdient, der Schandbub'.« Innocenz war erschüttert. »Wie hat Eure Frau es aufgenommen?« fragte er. »Erzählt mir alles!« »Die Gendarmen sind heim'kommen, haben hier Unterstand g'sucht und alles erzählt, wie's g'wesen ist, und der Sepp wär' tot. Ist kaum eine Stund', seit sie von hier fort sind – wieder nach Ampezzo hinab. Ist die Aloysia aufg'wacht von dem Lärm, den's 'geben hat, als sie fortmachten, und hat g'fragt, was ist. ›Kannst jetzt schon ganz ruhig und stad sein, Loysl‹, sag' ich, ›dein Sünd' hat der lieb' Herrgott von dir 'nommen, damit alles wieder in der Regel ist, der Sepp ist tot.‹ ›Hast ihn leicht totg'schossen?‹ fragt sie ganz wild. Da erzähl' ich ihr alles. Sie bleibt aber ganz still und sagt kein Wort. Und als ich mein', jetzt wär' sie zufrieden, und alles könnt' wieder sein wie früher, hör' ich, daß sie grauslich zu stöhnen anfangt. ›Was ist's?‹ frag' ich erschrocken. Da antwortet sie: ›Die Sünd' bleibt deshalb doch bestehen, wenn der Sepp auch tot ist. Zurück'gangen wär' ich ja doch nicht zu ihm, wann er auch leben g'blieben wär, das ist alles eins. Jetzt ist's eher noch schlimmer als vorher, weil er vielleicht um meinetwillen ist in den Tod 'gangen. Oh, die Sünd' drückt schwer, gar so schwer, Toni. Dann ist's still 'worden, und nur nach einer Weil' hat die Aloysia noch einmal aufg'seufzt: ›Wann ich nur ein' rechten Fürsprech hätt'! Ein' Fürsprech braucht' ich gar so notwendig!‹ Weiter nichts! Dann hab' ich g'meint, sie ist wieder eing'schlafen, weil's noch früh am Tag ist, und hab' mich selber aufs Ohr g'legt, denn müd' war ich noch rechtschaffen. Mit ein'm Mal hab' ich ein'n jämmerlichen Schrei g'hört, der ist von nebenan 'kommen, wo die zwei Kinder schlafen, war aber g'rad', als würd' eins aufg'spießt, so schrecklich hat's klungen. Ich fahr' auf und lauf' 'nein. Was seh' ich? Die Aloysia kniet neben der Kathi ihr'm Bett auf dem Fußboden, hat ihr die zwei Händ' um den Hals g'klamrnert und drückt und drückt zu, um dem arm' Hascherl die Luft auszupressen. Und dabei schreit sie: ›Mein Fürsprech sollst sein, hörst? Mein Fürsprech! daß ich nit allzulang' brennen muß im Fegfeuer.‹ Herr, du mein Gott, war das ein Anblick! Ich also drauf zu, hab' sie wegg'rissen und hab' ihr zug'ruf'n, ob's verrückt wär', und hab' gleich auch nach dem Hamerl g'schrien, denn g'tobt hat sie ja nun wie toll und um sich g'schlagen und geheult und wollt' sich nicht fortbringen lassen, um kein' Preis wollt' sie's, und der Satan war ganz und gar in sie gefahren. So ist's g'wesen.« Der Sägemüller fuhr sich mit dem Ärmel seiner Jacke, die er während der Erzählung vom Nagel genommen und angezogen hatte, über die Stirn hin, auf der noch die dicken Tropfen standen. Innocenz hatte ihm in düsterem Sinnen zugehört. Ein Schauer rieselte ihm über den Leib. »Sägemüller,« sagte er jetzt, »ich fürchte, das ist die Strafe, welche der Herr Euch schickt wegen Eurer sündigen Verstocktheit, und ich kann Euch nicht davon befreien. Auch hat Euer Weib ganz recht: wenn Aloysia jetzt nach des Windischen Sepp Tode auch als Eure rechtmäßige Ehefrau gelten darf, die Sünde, die Ihr damals begangen habt, als Ihr sie heiratetet, wäscht sich dadurch nicht von Euch ab, für die Sünde müßt Ihr erst Buße tun.« Anton Pyrker machte eine großspurig-wegwerfende Handbewegung. »Auf ein Dutzend Seelenmessen für den armen Sünder soll's mir halt nicht ankommen. Und wann Ihr sonst eine Pönitenz für mich habt, Hochwürden, der Sägemüller von Sankt Ulrich läßt sich's schon was kosten. Wann Ihr vielleicht eine Altardecke brauchen könnt, oder die heilige Gottesmutter eine neue Kron' nötig hat, sagt's nur frei heraus, ich lass' mich nicht lumpen.« Der Mönch hatte seine Stirn finster gekraust. »Mit dergleichen läßt Gott sich von Euch nicht um die wahre Buße betrügen, Sägemüller,« sagte er strengen Tones. »Er verlangt von Euch Reue, gute Werke und echte Frömmigkeit. Über das Weitere haben wir im Beichtstuhl miteinander zu reden, nicht jetzt und hier.« Er stand auf. »Hat man nach der Leiche des abgestürzten Sepp nicht gesucht?« fragte er plötzlich. »Wär' auch der Müh' wert,« erwiderte Anton Pyrker achselzuckend. »Ist ja recht, wann die Aasvögel an ihm satt werden!« »Schämt Euch solcher Reden!« fuhr Innocenz zornig auf. »Mich dünkt, es ist Eure Pflicht, da Ihr hier der Bürgermeister des Ortes seid, nach dem Verunglückten suchen zu lassen. Wer er ist, gilt ja gleichviel, ein Mensch war er doch in jedem Falle. Und vielleicht lebt er doch noch.« Der Sägemüller ließ eine rauhe Lache hören. »Wer da abg'stürzt ist, der spürt's nimmer in seinen Knochen, Hochwürden. Aber wer da suchen wollt', der könnt' leicht dasselbe erleben wie der Sepp. Mein' schon, so einer wär's nicht wert, daß andere ihr Leben drum riskieren.« »Man muß aber doch Gewißheit haben,« fiel Innocenz ein. »Das sollte Euch schon um der Aloysia willen von Wert sein. Erst wenn man den Leichnam des Sepp gefunden hat, ist sie ja wirklich Euer Eheweib, und dann wird sie auch ruhiger werden und wieder genesen, hoff' ich.« Während des letzten Teiles ihres Gespräches war der Hamerl wieder in die Stube getreten. Er stand an der Tür und blickte mit seinen tiefliegenden Augen unter der kantigen Stirn zu dem Mönch hinüber. »Den Leichnam finden sie nimmer,« sagte er mit ruhiger Bestimmtheit. Innocenz musterte ihn mit argwöhnischen Blicken; er konnte seit seiner letzten Begegnung mit dem Großknecht in der einsamen Felsöde einen furchtbaren Verdacht nicht loswerden, der jetzt, da er vom Tode des Sepp gehört hatte, nur noch lauter seine Stimme in ihm erhob. »Woher wißt Ihr das?« fragte er, dem Hamerl gerade gegenübertretend. Dieser wich unwillkürlich einen Schritt zurück, zuckte dann aber gleichmütig mit den Schultern und entgegnete phlegmatisch: »Da hinunter steigt ihm halt keiner nach.« »Wenn Gott es will,« fiel der Mönch mit leicht erhobener Stimme ein und ließ seine Blicke nicht von dem Großknecht los, »bringt er den Leichnam an das helle Licht des Tages herauf, Abraham Hirzer – nicht heute vielleicht und nicht morgen, aber einmal doch. Und wenn er es will, dann wird auch alle Welt erfahren, ob der Windische Sepp verunglückt oder – ermordet worden ist!« Der Hamerl hatte nur ein irres Lächeln zur Antwort auf diese Rede, aber der Sägemüller brach zornig aus: »Ermordet? Wer sagt das? Geht das auf mich aus?« Seine Faust hatte sich geballt. »Noch heut' lass' ich oben in der Schlucht nachsuchen – für mein Geld tu' ich's, hundert Gulden lass' ich mich's kosten – Jesus Maria! Will man den Sägemüller zum Halunken machen? An einem Menschenleben vergreift er sich denn doch nicht. Das soll ans Licht – so wahr ich Anton Pyrker heiß'!« »Regt Euch nicht unnötig auf!« versetzte der Mönch ruhig, »Euch hat niemand verdächtigt. Aber daß Ihr Klarheit schafft in dieser traurigen Sache, das ist freilich Eure Schuldigkeit. Jetzt will ich nach Eurem Weibe sehen.« Er ging in die Schlafstube hinüber, wo Aloysia mit gefesselten Armen, geschlossenen Auges auf ihrem Bette lag. Sie hatte den Mund offenstehen und rührte sich nicht. Innocenz rief sie an, und sie fragte, aber ohne die Augen zu öffnen, was er wolle. »Ist Euch jetzt besser, Aloysia?« »Ganz wohl, ganz wohl,« gab sie zur Antwort. »Ihr wißt, was Ihr vorher habt tun wollen?« fragte der Mönch weiter. »Freilich weiß ich's.« »Ihr wäret in Eurer schrecklichen Verblendung fast zur Mörderin Eures Kindes geworden, Aloysia. Das wäre eine Todsünde gewesen, für die Ihr die ewige Verdammnis hättet erleiden müssen. Gott und die Jungfrau haben Euch vor so Furchtbarem bewahrt. Ihr werdet nicht zum zweiten Male das Entsetzliche versuchen, wenn man Euch freigibt, nicht wahr?« Darauf gab sie keine Antwort. Und ab er sie nochmals und dringlicher das gleiche fragte, erwiderte sie: »Einen Fürsprech brauch' ich halt gar so nötig.« Er redete ihr noch eine ganze Weile lang ins Gewissen, so nachdrücklich und so ernst-mahnend, wie er das nur irgend vermochte. Aber er hatte nicht die Empfindung dabei, daß sie sich überzeugen ließ, und daß seine Worte Eingang zu ihrem Innern fanden. Auch ließ sie ihn das mit keinem Wort glauben, sondern verharrte überhaupt in stumpfem Schweigen. »Aloysia,« sagte er zuletzt, »weshalb seht Ihr mich nicht an?« Nun schlug sie die Lider wirklich auf, aber der Blick, der auf ihn fiel, entsetzte ihn. Denn, wenn ihre Augen auch auf ihm ruhten, so sah sie doch offenbar nicht ihn, sondern irgend etwas anderes, und es machte den Eindruck, als schauten sie durch ihn fort darauf hin. Ein Ausdruck nicht zu brechender Starrheit lag in ihnen. Innocenz fühlte sich von tiefer Hoffnungslosigkeit durchdrungen. »Aloysia,« fragte er, »habt Ihr alles verstanden, was ich Euch gesagt habe?« »Wohl, wohl,« murmelte sie. »Und Euer eigen Fleisch und Blut braucht sich nicht mehr vor Euch zu fürchten?« »Einen Fürsprech brauch' ich halt doch,« kam es mit der alten Zähigkeit über ihre Lippen. Da schlug er aufseufzend das Kreuz über ihr und erhob sich. Der Sägemüller hatte unter der Tür gestanden und alles mit angehört. Er machte, als Innocenz ihn ratlos anblickte, nur achselzuckend eine Bewegung mit dem Zeigefinger nach der Stirn und sagte jetzt, ihn in die Schlafkammer der Kinder führend: »Man muß sie halt eine Weile scharf bewachen und ihr die Arme festbinden, so oft sie allein bleibt.« Drinnen wies er dem Mönch das Kind, das wimmernd in seinem Bettchen lag und jetzt mit großen, entsetzten Augen auf die Männer blickte, zugleich mit beiden Händen ängstlich nach seinem Halse greifend. Dieser trug noch die deutlichen Spuren der Finger, die sich krallend um ihn gepreßt hatten, in den überall sichtbaren blauen Flecken, und das Kind klagte weinerlich, daß es gar so arge Schmerzen habe, wenn es schlucken wolle. Der Mönch beugte sich über die Kleine und küßte sie auf die Stirn. Dann versprach er dem Sägemüller, den Ampezzaner Arzt hersenden zu wollen, der heute abend nach Schloß Peutelstein komme, und ging. »Friede sei mit Euch!« sprach er unter der Tür des Hauses, »der Herr hat Euch schwer heimgesucht um Eure Sünden; tut Buße und betet fleißig um Erlösung. Auch ich will für Euch beten. Der Name des Herrn sei gebenedeit in Ewigkeit!« »Amen,« vollendete der Sägemüller mit gefalteten Händen, aber der trotzig-herrische Zug aus seinem Gesicht schwand nicht dabei. Innocenz war schwer niedergedrückt, als er ins Freie hinaustrat. Seine Schuld sei es, hatte der Sägemüller ihm zugerufen, daß dies Furchtbare hatte geschehen können. Seine Schuld! Und er hatte ihm erwidert, daß er nichts getan, als was er hatte tun müssen. Dann also war's die Schuld der Kirche, deren Diener er war, die Schuld der Religion, zu welcher er sich bekannte? Unmöglich. Er hatte es ja selbst ausgesprochen: die Schuld der Sünde war's, die begangen worden war und Sühne erheischte. Woher aber war dem Weibe der grausige Gedanke gekommen, ihr Kind könne als Engel der Fürsprech der Mutter vor dem Throne der himmlischen Jungfrau sein und so diese von den Qualen des Fegefeuers erlösen, zu denen sie sonst verdammt werden würde, ein Gedanke, der sich allmählich zur Wahnidee bei ihr ausgebildet und sie unwiderstehlich zum Verbrechen getrieben hatte, ohne daß sie es als Verbrechen erkannte? Woher? Eben doch nur aus ihrer Religion, wenn auch aus einer gefälschten und irreführenden Verkündung derselben, die ihr geworden war, aus religiösen Wahnvorstellungen, die das natürliche Empfinden in ihr ertötet und die Mutterliebe giftig überwuchert hatten. War es denn wirklich so schwer, das Rein-Menschliche immer in vollen Einklang mit den Geboten einer geoffenbarten Religion zu bringen? Schwer für den Priester, wie für den Laien? Und wenn es so war, wem durfte, mußte man in einem entstehenden Konflikt den Vorrang einräumen und bedingungslos folgen, wenn nicht dem Menschlichen und Natürlichen, dem in uns wohnenden Sittengesetz, das über allen Normen und allen Satzungen stand, die von Menschengeist und von Menschenblindheit herrührten? Mußte, durfte das auch der Priester? Und war er noch ein Priester, wenn er es tat? Konnte man nicht ein Mensch und ein Priester zugleich sein? Und wenn nicht, was war er selber – was war er hier geworden? Innocenz nahm seinen Hut vom Kopfe, um den Wind, der ihm fauchend entgegenblies, frei um seine Stirn wehen zu lassen. Trotz der regnerischen Morgenkühle war ihm schwül zu Sinne geworden. Er machte eine unmutig abwehrende Bewegung, als ob er alle die sich ihm aufdrängenden Quäl- und Zweifelgeister von sich scheuchen wollte, und schritt rascher aus auf dem Wege nach Schloß Peutelstein. Von der Mutter, die ihr Kind in furchtbarem Wahnsinn um ihrer eigenen Rettung willen hinopfern wollte und sich dabei eine fromme Christin dünkte, zu der anderen, die, obgleich sie ein Kind der Welt war, dennoch für ihres Kindes Leben – Innocenz wußte es – jeden Tropfen ihres Herzblutes freudig hingegeben hätte! Konnte man also in der Mutterliebe alle anderen Frauen überstrahlen und edel und gut und rein sein – denn das alles war ja Gräfin Donata – und dennoch nicht gläubig dabei, dennoch keiner geoffenbarten Religion anhängen, die allein das Heil und die Wahrheit ist? Woher nahm denn diese Frau die geheimnisvolle Kraft, die sie stärkte und erhob, die sie nicht straucheln und nicht fallen ließ, obgleich sie in einer unglückseligen Ehe und an der Seite eines Gatten lebte, der ihr Gatte nicht war? Wo sprudelte der Quell, der ihr Mut und Trost spendete? Gab es noch eine andere Macht außer der Religion, die, gleich dieser, alle edlen und großen menschlichen Eigenschaften weckte und nährte? Und welches war ihr Name? Woher aber vor allem kam es, daß das starre, gläubige und vertrauensvolle Festhalten an den überlieferten Normen, Satzungen und Gebräuchen der Religion die Menschen nicht unbedingt gut und rein und edel machte, sondern in ihnen die schlimmen Gedanken und die frevlen Wünsche erstehen ließ, sie von Sünde und Verbrechen nicht zurückhielt, sondern sie oft genug sogar lehrte, diese mit dem Schein der Religiosität zu verschleiern und zu bemänteln? In welch ein Labyrinth verirrte er sich da! Innocenz blickte verwirrt um sich und gewahrte plötzlich, daß vom Schlosse her eine dunkle Gestalt ihm auf dem Wege entgegenkam. Sekundenlang durchschoß ihn eine törichte Einbildung, die ihm das Herz wild schlagen ließ. Dann erkannte er den Ankömmling: es war Pater Pius. Der kleine, alte Priester wankte mühselig an einem Krückstock daher. Er sah noch viel müder und verfallener aus als sonst; die eine Schulter hing ebenso wie der Kopf, der ihm zu schwer geworden zu sein schien, schlaff herab. Als Innocenz näherkam, gewahrte er auch den todestraurigen, überwachten Ausdruck seines Gesichts und die halbgeschlossenen Augenlider, die ihn fast wie einen Schlafwandler erscheinen ließen. Innocenz durchfuhr es mit bangem Erschrecken. Er rief den Priester an, der sein Nahen gar nicht bemerkt hatte. »Wie steht's im Schlosse? Was bringen Sie? Gilt Ihre Botschaft mir?« Pater Pius nahm stehenbleibend den Hut vom Kopfe, trocknete sich die perlende Stirn, atmete ein paarmal tief auf und warf dem Frager einen unsäglich schmerzvollen Blick zu, der gleichzeitig etwas Vergebungflehendes an sich hatte. »Friede sei mit Ihnen, lieber Bruder!« murmelte er, die welken Hände über dem Krückstock ineinanderfaltend. »Meine Botschaft gilt Ihnen, ja. Aber Sie müssen mich diese Botschaft nicht entgelten lassen!« Seine Stimme zitterte, und eine Träne trat an seine Wimper. Innocenz tat einen schweren Atemzug. »Sie wollen doch nicht sagen, daß« – er stockte, und seine Augen forschten ängstlich in den trostlos-müden und verzagten Gesichtszügen des Alten – »daß ich das Schlimmste hören müßte?« Pater Pius nickte und seufzte tief hintennach. »Das Schlimmste, lieber Bruder. Gott hat es so gewollt.« Und er seufzte wieder. Mit einem Ausdruck völliger Hilflosigkeit blickte er um sich. Innocenz dagegen starrte düster zu Boden. Es währte eine geraume Weile, bis er sich wieder so weit fassen konnte, um seine Haltung zurückzugewinnen; es war ihm gewesen, als müsse er zusammenbrechen. Auch jetzt konnte er zuerst nur einen Laut des Schmerzes von sich geben, von Frieden und Ergebung war nichts in ihm. Er hatte zähe an der Hoffnung festgehalten, daß der unglückseligen Frau das Kind erhalten bleiben würde, ja, er hatte gewähnt, seine Gebete in dieser Nacht könnten die göttliche Vorsehung bestimmen, auf dies Opfer Verzicht zu leisten. Gott werde so entscheiden, hatte er sich gedacht, um diese irrende Menschenseele, die so verlangend nach ihm suchte, zu erretten, weil ihres Kindes Tod ihr nur als Folge menschlichen Verschuldens, wohl gar in der Blindheit ihres Schmerzes als die Folge menschlichen Frevels erscheinen mußte und sie dann nur um so weiter von Gott selbst und seiner Verkündigung entfernen würde, da diejenigen, die den Frevel begangen, glauben mochten, ihn zur Ehre Gottes zu begehen und begehen zu dürfen, und da sie selber sich fromme Bekenner des wahren Glaubens zu sein dünkten. Um deswillen hatte er geglaubt, Gott würde ihn erhören. Aber Gottes Wege ließen sich eben nicht erraten, und Gott ließ sich nicht bestimmen von menschlichen Erwägungen und nicht von blindem, menschlichem Wünschen und Hoffen. »Erzählen Sie mir alles!« sagte Innocenz endlich, als er wieder Worte fand. »Bitte, – ich möchte alles wissen.« Pater Pius trocknete sich die Augen, nickte vor sich hin und atmete schwer. »Lieber Gott,« murmelte er, »lieber Gott, was soll ich Ihnen sagen? Es ist so unsäglich traurig – so unsäglich traurig –« »Ich kehre mit Ihnen um,« fiel Innocenz ein. »Kommen Sie! Und sagen Sie mir unterwegs, wann es geschah und – wie die Gräfin es trägt, – vor allem das!« Er hatte seinen Arm unter den des Greises geschoben, um ihn mit fortzuziehen, da Pater Pius in seiner Ratlosigkeit offenbar nicht wußte, ob er ins Dorf gehen oder ins Schloß zurückkehren sollte. Erst nach einigem Nachsinnen fiel ihm ein, daß er ja im Dorf nur Innocenz hatte aufsuchen wollen, und nun trocknete er tief aufseufzend seine feuchte Stirn und ließ sich eine Strecke weit geleiten, immer nur vor sich hinmurmelnd: »Welch eine Schickung! Welch eine Schickung!« Endlich versuchte er seine Gedanken zu sammeln und fing mit müder, gebrochener Stimme an: »Wie die Gräfin es trägt, wollen Sie wissen, lieber Bruder? Oh, sie ist ganz ruhig, ganz ruhig. Aber diese Ruhe hat etwas so Grausiges bei solchem Schmerze, ich wollte, sie schrie und tobte, sie lärmte und lästerte lieber dabei, dann würde ihr leichter zu Sinne werden, und sie würde sich allmählich vielleicht zum Frieden in Gott durchringen. So – so ist's furchtbar. Wenn man sie ansieht, meint man, sie wäre versteinert. Ich habe einmal die Mutter der Niobiden gesehen, lieber Bruder – eine Marmorskulptur, mein' ich –, an die hat sie mich plötzlich wieder erinnert. – Lieber Gott! Lieber Gott!« »Wann ist das Kind gestorben?« fragte Innocenz, während der Alte wieder in sein dumpfes, verzweifeltes Brüten versank. »Ich weiß es nicht, lieber Bruder,« antwortete Pater Pius. »Ich wäre ja gern über Nacht bei ihr geblieben, wie gern! Aber sie wollte es nicht dulden. Auch die Frau Gräfin-Mutter hatte sie nicht im Zimmer gelitten, um alle Welt nicht. Abends spät, als es schon sehr schlimm stand – das Kind hatte gar keinen Atem mehr und redete dabei irre und sang sogar mit einer Stimme, die einem durch Mark und Bein schauerte, mitten in der Fieberhitze seine süßen Kinderlieder, die es von der Mutter gelernt hat –, da hat die Frau Gräfin-Mutter noch Einlaß verlangt und gesagt, es wär' ihr Recht, bei dem Kinde die Nacht zu wachen; aber die junge Frau Gräfin hat ihr eine schreckliche Erwiderung gegeben, eine ganz schreckliche, lieber Bruder. Wissen Sie, was sie ihr gesagt hat? ›Sie wollen sich auch wohl noch an dem Sterben Ihres unschuldigen Opfers weiden?‹ hat sie gefragt. O lieber Gott, lieber Gott!« »Gräfin Donata war also ganz allein?« fragte Innocenz, dem das Atmen plötzlich Beschwerde zu machen schien. »Mit der alten Mirz, wohlverstanden. Ja, eingeschlossen hatte sie sich, eingeschlossen, damit niemand wider ihren Willen hereinkonnte. Ganz allein wollte sie sein mit dem sterbenden Kinde. Denn sie hat gewußt, daß es sterben würde, und eifersüchtig war sie auf jeden, der ihr nur einen Blick von dem Kinde hätte rauben wollen. Nur für sich wollte sie es haben, als ob sie nicht einmal einem gönnte, dieselbe Luft mit dem Knaben zu atmen, solange der überhaupt noch atmen würde. Und wie es dann gewesen, und wann das Ende gekommen ist, weiß ich also nicht. Die Frau Gräfin-Mutter hatte sich in ihr Schlafgemach zurückgezogen, – glaub' aber nicht, daß sie hat schlafen können, du lieber Gott! – Und ich – ich bin ruhelos umhergeirrt und hab' gebetet und hab' mich manchmal hinuntergeschlichen, um an der Tür zu horchen, wie es denn stehen möchte. Und einmal, als ich wieder komm', hör' ich nicht mehr das Röcheln und Stöhnen aus der kranken Kinderbrust, sondern nur ein lautes Weinen von der alten Mirz, und weiter nichts. Da hab' ich gewußt, was geschehen war, hab' mich aber nicht getraut, an die Tür zu klopfen und zu fragen, denn die Tür war immer noch verschlossen. Wie ich nun aber so steh' und zaudere, wird der Riegel plötzlich zurückgeschoben, und die alte Mirz stürzt heraus, ganz verweint und ganz fassungslos, die Schürze übers Gesicht gezogen, – du lieber, lieber Gott! Und wie sie schluchzend und wimmernd an mir vorüberstürmt, ohne mich zu sehen, bleibt die Tür halb offen, und da gewahr' ich die junge Frau Gräfin, wie sie neben dem Bett, in dem das leblose, wachsbleiche Kindergesicht zwischen den Kissen sichtbar wird – noch nicht einmal die Augen waren ihm zugedrückt worden –, auf dem Boden liegt, lang hingestreckt und ganz ohne Regung, gerade als wenn der Blitz sie getroffen hätte. Gott, du allmächtiger, war das ein jammernswürdiger Anblick! Aber nun denken Sie sich, lieber Bruder, als ich hineinwill, um sie aufzuheben und nach ihr zu sehen, voller Todesangst und Mitleid, da schnellt sie plötzlich empor, hat meinen Schritt gehört und steht hochaufgerichtet vor mir da, – mit einem Gesicht, lieber Bruder, mit einem Gesicht! Ganz starr, ganz steinern. Und hoheitsvoll obendrein, hoheitsvoll und gebieterisch. ›Pater Pius,‹ sagt sie mit ganz klarer, fester Stimme, ›das Kind hat ausgelitten. Melden Sie es der Gräfin Theodora und dem Pater Innocenz!‹ Und als ich noch etwas fragen will, drückt sie nur meine Hand und sagt, ehe ich ein Wort herausbringe: ›Ich weiß, was Sie mir sagen möchten und sagen könnten. Sie sind gut. Aber ich brauche keinen Trost, es gibt keinen für mich. Ich bin ganz ruhig und gefaßt, wie Sie sehen. Und so lassen Sie mich denn allein, ich muß allein sein.‹ Und damit drängt sie mich der Tür zu, und als ich ganz betäubt und sprachlos hinauswanke, schiebt sich der Riegel schon wieder drinnen vor. Und das ist alles, was ich weiß, lieber Bruder. O mein Gott, es war furchtbar, furchtbar!« Der Alte schlug stehenbleibend beide Hände vor das Gesicht, das noch aschfahler geworden war in der Rückerinnerung an jene Stunde, als vorher. Innocenz stand ihm schweigend zur Seite, auch er war mächtig erschüttert. Endlich fragte er: »Wie nahm es die Gräfin Theodora auf? War sie vorbereitet? Gestern trug sie große Sorglosigkeit zur Schau. Auch der Arzt war so hoffnungsvoll, – oder war's eine Maske, die er aufgesetzt hatte?« Pater Pius hatte langsam wieder an seinem Stock weiterzuschreiten begonnen, mußte aber zeitweilig immer aufs neue stehenbleiben, um schwer aufzuseufzen, wobei sein Kopf immer tiefer herabsank und seine Augen immer müder und trostloser vor sich hinblickten. »Lieber Bruder,« sagte er, »was kann ich Ihnen darüber berichten? Wer kann in der Menschen Herz schauen? Die Frau Gräfin-Mutter ist eine sehr fromme Christin, sie wird gewiß Trost und Aufrichtung finden in der Religion, und ich glaube nicht, daß es sie niederwerfen wird. Das würde sie für Schwäche und wohl gar für Sünde halten. Als ich ihr die Meldung gemacht habe, hat sie die Augen gen Himmel aufgeschlagen und mir erwidert: ›Gott hat ihn gegeben, Gott hat ihn genommen, Gottes Wille sei gepriesen!‹ Und damit ist sie in die Kapelle hinabgestiegen, um zu beten. Oh, sie ist eine starke Seele, Bruder Innocenz, eine sehr starke Seele. An dieser Frau könnten wir alle uns ein Beispiel nehmen.« »Sie ist mehr hart als stark,« entgegnete Innocenz leise, wie erschauernd, »manchmal könnte man vergessen, daß sie ein Weib ist!« »Vielleicht ist sie früher einmal zu sehr Weib gewesen, lieber Bruder. Wer sich eigener früherer Schwächen bewußt ist, wird in reiferen Jahren leicht verhärtet gegen alle weicheren Regungen, die ihn selbst empfänglich und geneigt machten für die Sünde. Und damit richtet er doppelt streng und unduldsam darüber bei den anderen.« Der Sprecher hatte die Worte kaum herausgebracht, als sie ihm sichtlich auch schon wieder leid waren, und er warf einen scheuen, um Vergebung flehenden Blick auf seinen Begleiter, der überrascht aufgehorcht hatte. »Wenn es das wäre,« sagte Innocenz nach einer Weile, »so müßte Gräfin Theodora eine große Sünderin gewesen sein; denn ihr Sinn ist stahlhart, und ihr Herz kennt weder Milde noch Erbarmen.« Pater Pius war leicht zusammengezuckt, zumal er einen prüfenden Blick des Mönches auf sich ruhen glaubte, seufzte dann wieder, trocknete sich die Stirn und schleppte sich, ohne etwas zu sprechen, mühselig weiter. »Sie kennen die Gräfin seit Ihrer Jugend?« fragte Innocenz, ohne ein bestimmtes Interesse zu verfolgen, nur um seine Gedanken von dem Furchtbaren abzulenken, was ihn fast erdrückte, nur um überhaupt irgend etwas zu sprechen. Der Alte wurde sichtlich unruhig. »Ja, ja,« erwiderte er, »o ja, lieber Bruder, ich kenne sie recht lange, recht lange. Aber mein Gedächtnis ist schwach geworden in meinen hohen Jahren. Und ich bin auch kein Schwätzer, lieber Bruder, nein, ich bin kein Schwätzer. Was geschehen ist, darüber wird der himmlische Vater ja wohl einmal richten in seiner allerbarmenden Liebe, denk' ich; für uns Kinder der flüchtigen Stunde aber ist es vorüber und vergessen, wenn die Jahre gehen, – vorüber und vergessen.« Innocenz entgegnete nichts mehr, und der Alte setzte nach einer Weile murmelnd hinzu, als ob damit alles abgetan sei, oder als sei es ein Refrain, der bei allem, was er dachte und redete, in seiner Seele nachhallte: »Sie ist eine sehr fromme Christin, die Frau Gräfin-Mutter, eine sehr fromme Christin.« Dann hatten sie Schloß Peutelstein erreicht, und es mochte die höchste Zeit gewesen sein, denn der greise Priester, der zuletzt nach jedem zweiten Schritte seufzend stehengeblieben war und das Tuch nicht mehr aus den zitternden Händen ließ, um sich immer wieder das Gesicht damit zu trocknen, schien beinahe zusammenzubrechen. Innocenz hatte ihn zuletzt kräftig stützen müssen, damit sie das Schloß nur erreichten. Drinnen fanden sie alles in tiefster Lautlosigkeit, man hätte denken können, daß überhaupt kein Leben mehr darin wohne. Der Diener, der sie stumm und traurig empfing, schlich auf den Zehen. Hektor kauerte vor der Tür des Gemachs, wo das tote Kind lag, wedelte leise mit dem Schweif zum Willkommen, blickte aber mit seinen großen, treuen Augen so wehmütig drein, als wisse er ganz genau, was hier vorgegangen. Pater Pius fragte nach der Gräfin-Mutter. Der Diener wußte nichts von ihr, nahm aber an, daß sie sich in ihren Zimmern befinde. Die junge Frau Gräfin, setzte er hinzu, habe dagegen noch immer die Tür des Totenzimmers nicht geöffnet, und man wisse nicht, was man tun solle. Übrigens sei an den Grafen depeschiert worden, und man erwarte jeden Augenblick seine Befehle über die Beerdigung, wahrscheinlich werde die Leiche des Kindes doch in das Erbbegräbnis nach Karditsch übergeführt werden sollen, wozu noch so viele Vorbereitungen gehörten, daß die Zeit dränge und der Hausmeister in Verzweiflung darüber sei, wegen der Weigerung der jungen Frau Gräfin, zu der Leiche des Kindes Zutritt zu gewähren, mit denselben nicht beginnen zu dürfen. Pater Pius ging, um die Gräfin-Mutter aufzusuchen und ihr die Ankunft des Mönches zu melden, aber er fand sie nirgends. Innocenz hatte inzwischen die Tür der Kapelle leise geöffnet, um noch ein Gebet zu verrichten, ehe er Donata gegenüberstehen würde; er fürchtete sich vor dieser Stunde und vor ihren Augen. Drinnen in dem dämmerigen Raum, in welchen das Licht durch die gemalten Glasscheiben fiel, gewahrte er die Gräfin Theodora. Sie lag auf den Stufen des Marmoraltars, lang hingestreckt, mit der Stirn den Boden berührend, ohne eine Regung. Man hätte sie für tot oder für das Gebilde eines Künstlers halten können, der die andächtige Versunkenheit in Menschengestalt verkörpern gewollt. Erst bei längerem Hinschauen gewahrte Innocenz, daß der noch immer schlanke Gliederbau dieser Frau, um den das schwarze Seidengewand niederfloß, von einem Schauern durchzittert wurde. Da schlich er hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Dennoch mußte das verursachte Geräusch oder die Empfindung von der Nähe eines menschlichen Wesens die Beterin aufgeschreckt haben, denn kaum hatte Innocenz dem Priester die Meldung gebracht, daß die Gräfin Theodora in der Kapelle ihre Andachtsübungen verrichte, man sie jetzt aber nicht stören dürfe, als sie selber schon auf der Schwelle der Kapellentür erschien. Sie sah starr und düster aus wie sonst; nichts deutete darauf, daß sie eben im heißen Gebet vor Gott gelegen und jählings daraus emporgefahren war. Ihre Mienen zeigten die sich immer gleichbleibende Ruhe und Selbstbeherrschung, die ihr eigen waren. »Freuen Sie sich mit uns,« rief sie dem Mönch zu, der sich ihr nahte, und ihre Arme breiteten sich, gen Himmel deutend, aus, »Gott der Herr hat unser Haus reich begnadet und den Erben unseres Stammes und Geschlechtes zu sich gerufen in die ewige Seligkeit!« Innocenz wußte nicht, was er hierauf erwidern sollte. Er murmelte ein paar unverständliche Worte, während sich ihm das Herz in der Brust zusammenkrampfte. »Ist diese Frau eine frömmere Christin als du selber?« mußte er denken, »oder ist sie nur keiner menschlichen Regung und Empfindung mehr fähig, oder ist das alles Trug und Heuchelei?« Er verstand es nicht, er selbst fühlte nur heißen Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit bei dem Gedanken an das, was diesem Hause widerfahren war, und an das Weh der gebeugten, vereinsamten Mutter. Als sie zusammen das Gemach betreten hatten, in das die Gräfin Theodora sie mit einer einladenden Handbewegung führte, konnte er sich nicht enthalten, zu sagen: »Ich bewundere Ihre Fassung, Gräfin!« Vielleicht war sogar ein bitterer Klang in seinen Worten. Sie aber maß ihn mit einem hoheitsvollen Blick und erwiderte kalt: »Ich bin eine Christin, Pater Innocenz.« Da verneigte er sich stumm. »Ich hätte gewünscht,« fuhr sie nach einer Pause fort, »daß Sie meiner Schwiegertochter jetzt an der Leiche ihres Kindes den Trost spenden könnten, der allein in unserer Religion zu finden ist. Ich muß aber darauf Verzicht leisten, weil der hartnäckige Eigensinn der Gräfin Donata uns zur Stunde noch das Sterbezimmer überhaupt verschlossen hält, sie auch durch die Tür mir mit aller Entschiedenheit erklärt hat, daß sie heute – selbst wenn sie das Sterbezimmer verlassen haben werde – niemand sehen könne. Ich halte jedoch trotzdem daran fest, daß diese Schickung uns dazu führen wird, unser Ziel zu erreichen, und daß sie eben um deswillen allein uns geworden ist. Gräfin Donata wird sich jetzt bekehren, und so ist das Opfer, das gebracht werden mußte, nicht zu groß um solchen Preis. Seien Sie also meines Rufes gewärtig, Pater Innocenz! Ich werde Ihnen melden lassen, wenn es Zeit ist, und dann wappnen Sie sich mit allem Feuer der göttlichen Beredsamkeit, um das Höchste zu gewinnen und Ihre Mission zu erfüllen. Bis dahin lassen Sie uns wachen und beten!« Innocenz erhob keinerlei Einwand mehr. Die Nähe dieser Frau übte mehr als je einen erkältenden Eindruck auf ihn aus, und er meinte, alle Wärme des Lebens in sich darunter verlöschen zu fühlen. Er war froh, daß sie keine Miene machte, ihn zu halten, als er sich nun verabschiedete: offenbar bedurfte sie seiner jetzt nicht oder wollte allein sein, vielleicht um ihre unterbrochenen Andachtsübungen wieder aufzunehmen. Er verneigte sich stumm vor ihr, drückte Pater Pius, der schweigend der kurzen Unterredung beigewohnt hatte, die Hand und ging. Draußen wurde ihm leichter. Er fühlte, daß er jetzt ein schlechter Priester gewesen wäre, wenn er Donata hätte unter die Augen treten sollen; die Worte, um ihr den Trost der Religion zu spenden und ihr Herz auf das Bekenntnis des wahren Glaubens hinzulenken, wie die Gräfin Theodora es von ihm forderte, hätten ihm gefehlt. Und hatte Gräfin Theodora wirklich recht? Würde Donata sich jetzt bekehren? Würde das Unglück über sie vermögen, was seine Beredsamkeit nicht vermocht hatte? Er war, während er es dachte, eine Strecke weit gegen das Gebirge zu gegangen, ohne des Weges zu achten. Nun stieg er langsamer auf steinigem Pfade bergan. Nach einer Weile gelangte er auf eine Halde, deren sie schirmende Steilwände den Wind abhielten, der immer noch mit pfeifendem Winselton rauh über die Höhe strich. Er wollte sich hier auf einen Stein niederlassen, um einsam in der Hochlandsstille sein Herz zu prüfen, als er die Schritte eines Nahenden vernahm und gleich danach mit einem Manne in Jägertracht zusammenstieß, der eilfertig den Felssteig herabkam. Es war der blonde Barthel. Der junge Mann sah gedrückt und finster aus. Als er des Mönches ansichtig wurde, blieb er stehen, rückte an seinem mit Habichtsfedern geschmückten Lodenhut und sagte nach kurzem Gruß: »Werdet die Frage nicht für ungut nehmen, Hochwürden. Wißt Ihr etwas von der Filomena?« »Von Filomena?« wiederholte Innocenz erstaunt. »Was sollt' ich von ihr wissen? Ist sie nicht mehr in Moosbrunn?« Der Jäger warf ihm einen argwöhnisch-lauernden Blick zu. »Ihr wißt nicht, daß sie fort ist?« fragte er mißtrauisch. »Fort? Was soll das heißen?« »Fort! Verschwunden! Kein Mensch weiß, wohin.« Innocenz erschrak. »Redet Ihr im Ernst?« »Sollt's meinen, bei meiner Treu'! Mir ist's g'rad' nicht zum Scherzen zu Mute.« »Und wann ist das geschehen?« fragte der Mönch, der ganz blaß geworden war. »Vor drei Tagen.« »Und warum ist sie fort? Was vermutet man? Hat man gar keinen Anhalt?« Barthel ließ abermals einen mißtrauisch-prüfenden Blick über den Sprecher hinstreifen, dann schob er den Hut aus der Stirn und erwiderte: »Soll ich Euch sagen, was man vermutet?« »Nun?« »Daß Ihr sie versteckt haltet – daß Ihr allein wißt, wo sie sich befindet!« »Ich?« Innocenz machte eine halb zornige, halb verächtliche Gebärde. »Ist das im Ernst gesprochen? Und wer wagt das zu behaupten? Und weshalb sollt' ich es tun?« Barthel ließ ein kurzes, hämisches Auflachen hören. »Nun, was das angeht« – er kräuselte seinen blonden Schnurrbart. »Man hat schon manches erlebt von den geistlichen Herren, besonders da heroben im Gebirg, wo der Bischof weit ist und die Gerichte auch. Und daß Ihr mit dem Dirndl alleweil zusammengehockt habt, werdet Ihr doch wohl nicht in Abred' stellen. Und wenn nun ein Bursch' kommt und will das Mädel zur Frau, und der Pflegevater sagt's ihm zu, und das Dirndl sagt nein, so wird man halt stutzig. Denn auszusetzen ist an dem Burschen nichts, sein Brot hat er, und ein ehrlicher Kerl ist er auch und der häßlichste eben nicht, 's Dirndl hat ihn bis dahin auch immer recht gern g'habt! Und gibt weiter keinen Grund an und will weiter nichts hören und sagt einfach nein. Und als der Pflegevater ihr ins Gewissen red't, fangt's an zu weinen und schluchzt gar zum Herzbrechen und sagt, es kann halt nicht, und wenn's sterben sollt' darum, es kann doch nicht. Und als der Pflegevater sie hart anläßt wegen dem Geschwätz und ob's einen andern lieb hat und wen?, da heißt's: das könnt' sie nicht sagen, aber heiraten wollt' sie gar nimmer, lieber ins Kloster gehen. Da ist er ganz fuchtig 'worden, der Meßner, hat sie halt in ihrer Kammer eing'sperrt und hat gesagt, eher laßt er sie nimmer heraus, bis sie vernünftig 'worden ist und ihm ein' ordentlichen Bescheid sagt; entweder soll sie den Barthel heiraten oder soll sagen, auf wen sie wartet. Als er aber am anderen Morgen an die Kammertür pocht und fragen will, ob sie sich besonnen hat, kommt kein' Antwort, und als er die Tür aufreißt, ist die Dirn' bei Nacht und Nebel aus'm Fenster g'sprungen und fort. Und da pfeif' ihr nun einmal einer nach! Seht Ihr, das ist die Geschicht'. Und da hab' ich halt gemeint – weil der Meßner sich nicht g'traut hat – ich müßt' Euch einmal fragen, ob Ihr von der Filomena nichts wißt.« Der Mönch hatte in atemloser Spannung zugehört und die Farbe auf seinem Antlitz hatte unablässig dabei gewechselt. Filomena fort! Das traf ihn wie ein Blitzschlag. Er hatte immer während der letzten Tage ihrer gedacht, und oft war während seines seelischen Ringens und Kämpfens ein heißes, tiefes Sehnen nach ihr in ihm gewesen. Nur, daß er sich vor einem Wiedersehen mit ihr nach jenem letzten Zusammensein am Pfaffensprung gefürchtet hatte, daß eine Stimme in ihm unablässig gemahnt hatte, er solle nicht wieder zu ihr gehen, denn der Versucher habe ihre Gestalt angenommen und werde ihn auf einen hohen Berg führen, um ihm alle Schätze und Herrlichkeiten der Welt zu zeigen, und dann könne es geschehen, daß er wirklich niederfalle und ihn anbete. Nun war Filomena geflohen. Vor wem? Weshalb? Er wußte keine Antwort, er wollte keine wissen. Und doch fragte es rastlos in ihm: Warum will sie den blonden Barthel nicht heiraten? Warum will sie lieber ins Kloster gehen, als eines Mannes Weib werden? Dann brachte er endlich laut über die Lippen: »Hat man nach ihr gesucht?« Die sichtliche Betroffenheit, in die den Mönch die Nachricht von dem Verschwinden Filomenas versetzt hatte, ließ die anfängliche, feindselige Stimmung und den Argwohn des Jägers gegen ihn bis zu einem gewissen Grade schwinden. Das alles machte nicht den Eindruck der Verstellung. Dennoch faßte er kein Vertrauen zu ihm. »Ob man nach ihr gesucht hat! Seit den drei Tagen, daß sie fort ist, bin ich hinter ihr her, kaum, daß ich mir Zeit gönn', einmal einen Bissen zu mir zu nehmen. Und ich versteh' mich aufs Spurfinden, werdet Ihr mir glauben. In alle Höhlen bin ich gekrochen und kein Steig ist im Gebirg, den ich nicht betreten hab'. Aber da such' einmal einer! Nach Welschland ist sie hinunter, darauf möcht' ich schwören. Sonst wüßt' man längst von ihr. 's steckt ihr halt im Blute!« Er zuckte die Achseln. »Da oben, wenn Ihr bis an die Schlucht geht, trefft Ihr die Wurzin. Die hat mir's eben gesagt, wie's mit dem Vater der Filomena steht. Ein Welscher ist's gewesen, und als er die Mutter, das arme Ding, betört hatte, ist er auf und davon auf Nimmerwiederkehr. Wird ihn halt suchen gegangen sein, die Filomena!« Er lachte rauh hinterdrein. »Und es ist wirklich keinerlei Nachricht von ihr gekommen? Auch der Meßner weiß nichts?« fragte Innocenz. »Sonst hätt' ich mich nicht an Euch gewandt, Hochwürden.« »Ich weiß nichts von ihr – Gott ist mein Zeuge.« Barthel nickte vor sich hin. »Würd' Euch auch nichts helfen, Hochwürden. Das Mädchen lass' ich Euch und Euresgleichen nicht, oder – wenn ich schon überlistet würd' – straf mich Gott: es würd' ein schlimmes Nachspiel dazu geben. Will also hoffen, daß Ihr wahr redet, zu Eurem eigenen Besten. Und damit: b'hüt Gott!« Er rückte wieder an seinem Hut und ging, zwischen den Zähnen pfeifend, talab. Innocenz stieg langsam weiter bergauf. Die Gedanken wogten unruhig in ihm, und das Herz war ihm so schwer, daß er meinte, er müsse es in seine beiden Hände nehmen, um es zu halten. Filomenas anmutiges Bild stand vor seiner Seele. Wo war sie? Weshalb war sie entflohen? Trug er nicht vielleicht wirklich die Schuld an dem, was sie getan hatte? »O mein Gott,« murmelte er, »laß nicht auch dies noch auf mich kommen! Du prüfest mich zu hart!« Als er die Schlucht erreicht hatte, spähte er nach der alten Wurzin aus, die er nach des Jägers Bericht hier finden sollte. Er sah sie zwar nicht, hörte aber das Klirren ihres Spatens, mit dem sie nach den Enzianwurzeln grub, aus der Tiefe. Da klomm er, dem Schalle folgend, hinab und gewahrte die Alte nach einiger Zeit auch wirklich zwischen den moosbewachsenen und farnumwucherten Steinen, welche die Schlucht in wildem Durcheinander erfüllten. Nur ihren mächtigen, schwarzen Filzhut entdeckte er zuerst, aber als er sie anrief, tauchte auch ihr verrunzeltes, gelbes Gesicht darunter hinter einem mächtigen Felsblock herauf, und so erwiderte sie seinen Gruß, um sich dann aber gleich wieder herabzubücken und gleichgültig weiterzugraben. Innocenz ließ sich jedoch dadurch nicht abschrecken, sondern wand sich zwischen den Steinen hindurch auf den schmalen Wegen bis dicht zu ihrem Platze heran und beugte sich über den Felsblock, hinter dem sie grub. »Eure Enkeltochter ist fort, Crescentia Afinger?« fragte er. Die Alte ließ den Spaten sinken, kauerte sich nieder, sah dem Frager starr ins Gesicht und wiederholte: »Meine Enkeltochter? Was meint der hochwürdige Herr? Ich hab' keine Enkeltochter. Hab' keine einzige verwandte Seel' mehr am Leben. Alles auf dem Friedhof – alles auf dem Friedhof. Die Wurzin von Moosbrunn steht ganz allein auf der Welt, mutterseelenallein.« »Die Filomena ist eben doch die Tochter Eurer Tochter, Wurzin, wenn sie auch ein Sündenkind ist. Es ist nicht wohlgetan, wenn Ihr sie verleugnet und sie die Schlechtigkeit ihrer Mutter entgelten laßt. Sie ist eine unschuldige Seele, und ich habe sie allezeit rein und gut erfunden.« Ein seltsames, heiseres, meckerndes Lachen kam über die Lippen der Alten, die dabei ihre knochigen, braunen, welken Hände übereinanderrieb. »Habt Ihr? Habt Ihr?« murmelte sie. »Meinetwegen. Ich hab' mich damals losg'sagt von der Stasi und hab' nichts mehr zu tun g'habt mit ihr und mit dem Wechselbalg da. Hab' g'nug Leid erlebt in der Welt, Herr. Wollt' halt nicht noch mehr. Wenn man sein Herz an Menschen hängt, erlebt man nur Kummer und Leid. Hab' ich mir gedacht: jetzt ist's aus, jetzt hängst dich an keinen mehr, jetzt hast g'nug. An dem Würml würd'st halt wieder dein Narr'n fress'n, und nachher wird's wie sein' Mutter, und wieder hätt'st dein Jammer. Bleibst halt lieber allein! Wer allein ist, hat kein Leid, wer allein ist, dem druckt's das Herz nicht ab, wenn ein anderer schlecht wird und elendiglich zugrund' geht. Gut ist's g'wesen. Allein bin ich g'blieben, hab' kein Mitleid mehr g'habt und hab' nichts mehr wissen wollen davon, daß 's noch andere Menschen gibt auf derer Welt. Und wie ist's dann kommen? Wegg'laufen ist's, ein' schlechte Dirn' ist's. Aber mich kümmert's jetzt nicht, daß es so 'worden ist, mich nicht. Mögen sich andere d'rum grämen! Ich hab' g'nug, ich hab' reichlich g'nug!« Sie wollte wieder nach ihrem Spaten greifen und weitergraben, aber Innocenz, auf den ihre Worte einen tiefen Eindruck gemacht hatten, fragte bewegt: »Welchen Kummer habt Ihr denn noch gehabt außer dem mit Eurer Tochter?« Da kam aus der eingesunkenen Brust der Greisin ein kurzes, schmerzvolles Stöhnen. Sie fuhr sich mit dem Kleidärmel über die Stirn hin, als ob ihr dort schwül geworden sei, sank auf ihren Sitz an der Erde zurück und saß zusammengekrümmt eine Weile da, ohne eine Regung des Lebens von sich zu geben. »Wißt Ihr's denn nicht?« fragte sie dann, mit einem Male auffahrend und dem Mönch starr ins Gesicht blickend. »Ist freilich lang' her und gern redet man g'wiß nicht davon, am wenigsten zu einem geistlichen Herrn. Wissen's aber doch noch viele hier auf der Lahn. Mein Sohn ist geistlich g'wesen. Ja, dazu haben wir's 'bracht, wir zwei, der Andrä und ich, daß er hat auf geistlich studier'n können. Dazumal haben wir halt noch den Hof g'habt. Und einen andern Bub'n, das Peterl, hatten wir ja auch, der den Hof erben könnt', und der Innocentius – so hat er g'heißen nach sei'm Kalenderheiligen – war gar ein so g'scheidter Bub', daß der Pfarrer g'meint hat, 's wär' Sünd' und Schand', wenn er nicht dem lieben Gott in der Kirchen sollt' dienen dürfen. Hat ihn schon als kleines Büberl in die Kirchen mit'nommen, den Cenzerl, weil er ein Kind Gottes wär', und hat mit sein'm hellen Stimmchen als Meßbub' am Altar g'sungen in sein'm weißen Chorhemderl und hat mit der Glocken g'läut't, wenn er dem Hochwürdigen vorang'schritten bei einem Versehgang. Ja, das ist halt ein herzig's Büberl g'wesen von eh', der Cenzerl, könnt nicht glauben, wie sehr. Den hat der Herrgott lieb, haben alle Leut' g'sagt, den hat er aber gar lieb. Und so klug – heilige Mutter Gottes, wie er klug ist g'wesen! Auf sein' Fragen haben der Andrä und ich schon kein Antwort mehr g'wußt, als er noch gar ein klein's Büberl war. Nun, wir sind halt einfältige Bauersleut' g'wesen und in den Cenzerl war ja wohl der Heilige Geist selbst nieder'fahren. Gut also: der Cenzerl sollt' geistlich werden. Und dann war die Stasi noch da – die war bildsauber und recht ein gutes Herz hat's g'habt, als Dirndl. Also, wir sind glückliche Leut' g'wesen, und mit dem Hof stand's wohl, haben also den lieben Herrgott gepriesen und waren alleweil' guter Dinge. Der Cenzerl ist nach Innsbruck 'gangen und ist nicht eher wiederkommen, als bis er sein Tonsur g'habt hat. Uh, das war ein Mannsbild 'worden! So eins hab' ich nicht vorher g'sehen und nicht nachher und hier auf der Lahn gab's keins so, wie der war. Das ist richtig wahr.« Die Alte unterbrach sich in ihrer Erzählung und starrte dem Mönch, der in regungsloser Spannung zugehört hatte, wiederum gerade ins Gesicht. Ihre Augen hatten einen unsäglich wehmütigen und zugleich verwunderten Ausdruck angenommen, und Innocenz mußte der ersten Begegnung mit ihr auf seinem Wege vom Pustertal in die Dolomiten hinauf gedenken, wo sie ihn in der Bergöde, als er sie angerufen, geradeso angeblickt hatte, wie eben jetzt. Eine Weile murmelte sie, während er schweigend ihren Blick aushielt, mit ihrem zahnlosen Munde etwas vor sich hin, das nicht bis an sein Ohr drang, und in dem er sie nicht unterbrach. Dann sagte sie plötzlich laut: »Ich mein' immer, Ihr seht ihm ähnlich, Hochwürden. Und wie ähnlich! Und Innocentius heißt Ihr auch, sagen die Leut'. So seltsam ist's. Aber das ist lang' her, daß mein Cenzerl so ausg'schaut hat, gar so lang'. Und an die zwanzig Jahr' ist er g'wiß schon tot – wird auch wohl drüber sein, wird wohl drüber sein.« Sie versank in dumpfes Brüten, und der Mönch, den ein wunderlicher Schauer überlaufen hatte, mußte sie erst wieder daraus aufrütteln, indem er fragte: »Euer Sohn ist früh gestorben?« Da traf ihn abermals der gleiche Blick aus ihren Augen wie vorher, und sie nickte ein paarmal stumm vor sich hin. »Wißt Ihr's nicht?« fragte sie dann müden, raunenden Tones, »wißt Ihr's nicht? Früh, sehr früh. Aber g'storben ist er halt nicht, g'storben nicht. Ich hab' mir's zwar wollen einreden, hab's aller Welt wollen einreden und fuchtig bin ich 'worden wie ein wild's Tier, g'rad' wie ein wild's Tier, wenn wer was and'res g'sagt hat. Aber 's ist halt doch g'wesen, g'storben ist der Cenzerl nicht. Und ist auch nicht abg'stürzt ohne Wissen und Wollen, wie ein frommes, unkundiges Menschenkind, das sich zum ersten Male in unsere Berg' verirrt hat – Gott, du Allmächtiger, hat ja jeden Steg und jeden Weg hier g'wußt wie der beste Gamsjäger, der Cenzerl, und hätt' alleweil in stockfinsterer Nacht sich zurechtg'funden, ohne ein Lichterl, bloß mit sein' zwei Augen und sein' zwei Händen dazu. Muß also wohl herabg'sprungen sein, richtig herabg'sprungen, damit's aus sein sollt' und vorbei mit sei'm elendiglichen Leben. Heilige Mutter Gottes, bitt' für ihn! Muß halt gar dunkel g'wesen sein in sei'm Hirn, wenn er das hat tun g'konnt. Und wer ihn dazu 'bracht hat, der mag verdammt sein in alle Ewigkeit!« Bei dem letzten Satz hatte sich plötzlich die Stimme der Greisin zu einem wild grollenden Ton emporgehoben, ihre Faust hatte sich geballt, und zornfunkelnden Blicks, während ihr Kinn vor Erregung zitterte, hatte sie dieselbe in die Luft gereckt. Innocenz mußte der Stunde gedenken, als sie bei ihrer Warnung, er solle sich nicht mit den Weibsleuten des Schlosses einlassen, von denen immer noch Verderben über seinesgleichen gekommen sei, so nach Peutelstein hinübergedroht hatte. Galt auch jetzt diesem ihr grausiger Fluch? Das Pfaffenmarterl da oben an der einsamen Felsecke hatte die alte Wurzin also dereinst ihrem Sohne gesetzt, der dort ums Leben gekommen war, und der Name, den Innocenz einmal so mühselig darauf zu entziffern versucht, war der des »herzigen Buberl,« von dem sie ihm vorher in so rührenden Worten erzählt hatte, des Wunderkindes, das der geistliche Herr im Orte schon in seinem zarten Alter ein Kind Gottes genannt hatte. Und dann war dies Kind Gottes trotz der Tonsur, die es schon getragen zum Zeichen seiner Priesterweihe, ein Selbstmörder geworden! Die Gedanken gingen wunderlich um in dem Mönche. Er mußte daran denken, wie er zum letzten Male mit Filomena an jener wild-schönen Stelle gestanden hatte, um ihr zu sagen, daß sie doch auch um das verlassene und vergessene Bildstöckel einmal einen frischen Alpenblumenkranz schlingen solle. Und dann hatte sie ihm berichtet, daß dort ein Priester seinen Tod gesucht und gefunden habe, weil er ein Weib geliebt, das nicht mit ihm habe gehen wollen, weil er ein Priester gewesen. Hatte sie gar nicht gewußt, daß es ihr eigener Oheim war, von dem sie redete, der Sohn der alten Wurzin, und daß der unlesbar gewordene Name auf dem verwaschenen Blechschilde lautete: Innocentius Afinger? Wie seltsam schlangen sich hier die Fäden menschlicher Schicksale ineinander! Des Mönches Herz schlug laut, während das alles ihm wirbelnd durch die Seele schoß, die Greisin aber war in ihr stumpfes Brüten zurückverfallen und bewegte tief herabgedrückten Kopfes nur mechanisch die braunen, verkrümmten Finger übereinander, als ließe sie die Kugeln eines Rosenkranzes dazwischen hinlaufen. Erst als Innocenz sie mit der Frage aufschreckte: »Wer war's denn, der Euren Sohn dazu gebracht hat, den Tod zu suchen?« blickte sie wieder mit umdüsterten Augen auf, schien sich erst eine Weile darauf besinnen zu müssen, wo sie sich befand und was geschehen war, und erwiderte dann in dumpf grollendem Ton: »Wer den Cenzerl in den Tod g'jagt hat, wollt Ihr wissen? Ein Weib ist's g'wesen. Was liegt Euch am Namen? Das Weib war schön, Hochwürden. Und weil der Cenzerl gar ein so schmuckes Mannsbild g'wesen ist, wie's auf der Lahn nicht leicht ein zweit's 'geben hat, solang' ich am Leben bin, deshalb hat er ihr gar wohl g'fallen, wenn er auch die Tonsur g'habt hat. Und dann ist's halt so 'kommen.« Und nach einer Weile setzte sie hinzu: »Sollt' keine jungen und schönen Priester geben, mein' ich. Priester müssen alt sein und ruhig. Oder sie müßten ein Weib nehmen dürfen wie and're Mannsleut'. Gibt sonst allemal ein Unglück, allemal.« Wieder schwieg sie, sich zusammenkauernd, als ob es sie fröstele, und auch dem Mönch war abermals bei ihren Worten ein Schauer angeflogen. Nun sagte er: »Erzählt mir doch mehr und weiter! Wie ist dann alles gekommen? Wenn Ihr eine Bäuerin gewesen seid, die auf dem eigenen Hof saß, weshalb müßt Ihr denn heute in Euren alten Tagen Euch so mühselig mit Wurzelgraben Euer Brot verdienen? Und wie war's mit der Stasi?« Die Wurzin nickte. »Ja, da habt Ihr ein Recht, zu fragen, Hochwürden, da habt Ihr freilich ein Recht. Es ist halt so 'worden. Wer kann sagen, warum? Und wer kann sagen, ob es so hat müssen sein? Man muß es eben nehmen, wie's kommt. Uns'ren anderen Buben, den Peterl, den hat's Hochwasser umg'bracht. Dazumal ist ein schlimmer Herbst g'wesen. Und als er's Häusel hat retten wollen, hat's ihn wegg'rissen und ist als Leich' später weit drunten aufg'funden word'n. Im Villgrattenbach ist er ertrunken. Und da waren die zwei Buben, auf die wir gar so stolz sind g'wesen, der Andrä und ich, alle zwei hin und mußten sie in die Erd' legen, den Cenzerl gar noch an die Kirchhofsmauer abseits, weil er sich selber 's Leben g'nommen hat. Und der Peterl hat auch sterben müssen ohne Beicht' und ist nicht versehen worden. War wenigstens ein ehrlicher Tod, den er g'storben ist, und der geistlich' Herr hat g'sagt, der lieb' Herrgott würd' ihn ja wohl auch aufnehmen ohn's heilig' Öl. Waren die zwei also begrab'n, und die Stasi ist schlecht worden. Nachher hat sich's der Andrä gar so zu Herzen g'nommen z'weg'n der Kinder, daß er ang'fangen hat zu trinken. ›Andrä‹, hab' ich zu ihm g'sagt, ›damit machst die zwei Bub'n nimmer wieder lebendig und die Stasi nicht wieder rechtschaffen. Laß ab vom Enzeler!‹ Aber er hat mir zur Antwort 'geben: ›Vergessen tu' ich's halt doch dabei!‹ Und dann ist's so weiter 'gangen. Und's Wildwasser hat uns ja damals auch viel Schaden g'macht. 's geht halt so lang', wie's gehen kann. Dann ist uns der Hof vergantet word'n, und dann ist der Andrä g'storb'n, – ganz schlimm ist er g'storb'n, ganz schlimm, lieber Gott, ganz schlimm, und ist so ein gut's Mannsbild g'wesen, als alles noch anders war. Und dann bin ich ja wohl ganz bettelarm zurück'blieben. Die Stasi war damals schon lang' fort, ins Welschland hinunter. Hat g'meint, sie find't dort den wieder, der sie in die Schand' 'bracht hat. Ja, lieb's Herrgöttel, hat ihn nimmer 'funden. Und als sie heim'kommen ist, war sie schon am Sterben. Nu, ich hab' lang' schon von ihr nichts mehr wissen wollen, von ihr nicht und von ihrem Sündenkind auch nicht. Und weil ich ein bettelarm's alt's Weib 'worden bin, hab' ich halt's Wurzelgrab'n ang'fang'n, denn leben will so ein alt's Mütterl, das kein' Menschen mehr auf der Welt hat, ja doch auch noch. Das sind nun an die zwanzig Jahr' her, mein' ich, daß ich die alt' Wurzin von Moosbrunn bin, und die anderen liegen halt alle auf dem Kirchhof. Die Stasi auch. Und manchmal mein' ich wohl, sie sind wieder lebendig. Aber das ist halt so ein' Idee, wenn man alt wird. Jetzt ist's nicht lang' mehr, dann lieg' ich auch bei den andern. Und aus ist's, ganz aus.« Sie lächelte mit ihrem breiten, zahnlosen Munde eigentümlich vor sich hin, indes Innocenz in seltsamer Ergriffenheit ins Leere starrte. »Ihr habt wahrlich schwere Schicksale gehabt, Wurzin,« sagte er warmen Tones, »Euch hat Gott stärker heimgesucht als tausend und tausend andere. Und das alles habt Ihr mit solcher Ergebung und solcher Kraft getragen! In Euch muß ein starker Glaubensmut wohnen, Crescentia Afinger!« Aber die Alte schüttelte mit großer Entschiedenheit den Kopf. »Nein, Hochwürden, nein. Müßt mich um Gottes willen nicht loben, weil ich's ganz und gar nicht verdient hab'. Ist nicht weit her mit meinem Glauben, o nein, nein. Den einen macht's leicht fromm, wenn er das erlebt, was ich hab' erleben müssen, Schlag auf Schlag, wie wenn ein grausliches Hagelwetter niedergeht; den anderen aber macht's hart. Und mich hat's hart g'macht. Weil ich nicht noch mehr Unglück hab' erleb'n woll'n, und weil mein Herz an kein'm Menschen mehr hat hängen wollen, von dem mir Kummer und Leid hätt' g'scheh'n können, darum hab' ich ja von dem Kinde nichts wissen wollen, das die Stasi in Sünden geboren hatte. Ein frommes Menschenkind hat sich ja wohl des armen Würmerl erbarmt, das an der Mutter ihrer Schand' unschuldig ist g'wesen. Ich aber hab's nicht 'könnt. Mein Herz ist leer und tot g'wesen, und ich hab' g'wußt, so müßt's bleiben, wann ich weiter leben sollt', so und nicht anders, denn mehr tragen könnt' ich jetzt nicht. Kein's Menschen Freund und kein's Menschen Feind mehr, so ganz mutterseelenallein, – so wollt' ich mein letzt' bisserl Leben verbringen, und so wollt' ich sterben, je eher es sein könnt', desto lieber sollt' mir's sein. So hab' ich's g'wollt und so hab' ich's g'tan. Und von dem Kind hab' ich mir gleich 'dacht: die wird einmal schlecht, wie ihr' Mutter 'worden ist, denn das steckt im Blut, und der Vater ist ja auch ein Lump g'wesen. Und schön ist das Kind g'wesen, schön, wie man sich so die Englein im Himmel vorstellt, noch viel schöner, als die Stasi war, und man hat's ihr auch gleich ang'seh'n, daß ihr Vater ein Welscher g'wesen ist, schon wegen der Augen, die so g'funkelt haben wie die Kohlen. Das war nun gar ein Unglück für sie, die Schönheit. Und ein Sündkind war sie ja obendrein. An die wagen sich die Mannsleut' immer am eh'sten, weil sie meinen, die sind zu nichts Besserem da in derer Welt. Und was haben sie auch schon von den and'ren auszuhalten an Spott und Verachtung von Kind an! Das hätt' viel Kummer und Herzeleid für mich 'geben, wenn ich das arm' Würmerl lieb g'habt hätt' und hätt's zu mir g'nommen; jeder Tag wär' ein neuer Gram für mich g'wesen. Und wie hätt' ich's nachher behüten sollen, daß es nicht in jungen Jahren schon zu Falle kommt und grundschlecht und lästerlich verderbt wird? Und hätt' mir dann doch allemal sagen müssen, g'rad' wie bei der Stasi: hätt'st sie besser bewahrt, hätt'st treuer dein' Pflicht und Schuldigkeit 'tan, wär's nicht g'scheh'n! Und wär' mir als neue Sünd' auf die Seel' g'fallen. Das aber hab' ich nicht g'wollt und nicht g'konnt. Und deshalb hab' ich kein Enkeltochter nicht auf derer Welt, und deshalb kann's mir recht sein, daß die Filomena auch schlecht g'worden ist und ist davong'laufen – Gott weiß, wohin? und Gott weiß, wann und wie sie heimkommen wird, – ganz recht kann mir's sein. Hat eh' so kommen müssen, jetzt oder ein ander Mal – hat so kommen müssen.« Sie nickte starr blickend vor sich hin, aber der Mönch fiel mit ernst verweisendem Tone ein: »Ihr urteilt ungerecht. Crescentia Afinger! Woher wißt Ihr, daß die Filomena schlecht geworden ist? Kein Mensch weiß etwas davon zu sagen. Und ich weiß, daß es nicht wahr ist. Wenn sie davongelaufen ist, so wird sie ihre Gründe gehabt haben, so zu tun, – aber um schlecht zu werden, hat sie es nicht getan, dafür bürg' ich Euch. Ich kenne sie. Vielleicht ist sie gerade deshalb fortgelaufen, damit sie nicht schlecht werde, und man hat sie nur schlecht machen wollen. Das alles wird die Zukunft uns lehren, und Gott wird es an den Tag bringen. Ich aber kann nicht dulden, daß Ihr so von ihr redet!« Die Alte hatte den Kopf um ein weniges aufgehoben und warf unter dem mächtigen Hutrand hervor einen erstaunt-nachdenklichen Blick in das Antlitz des Mönches, das von kaum verhaltener Erregung gerötet war. Dann nickte sie wiederum, und ihre Finger rieben sich übereinander. »Wohl, wohl,« murmelte sie. »Mag sein, daß Ihr recht habt. Mich kümmert's nicht, – mich nicht.« »Glaubt Ihr,« fragte Innocenz nach einer Weile, während allerlei irre Gedanken in ihm umgegangen waren, »glaubt Ihr, daß Filomena bei dem Meßner Innerkofler in guten Händen war?« Die Wurzin zuckte die Achseln und schien noch tiefer in sich hineinzusinken wie bisher. »Selbiges nicht,« raunte sie dann mit einem häßlichen, heiseren Auflachen, »selbiges wohl ganz g'wiß nicht. Der geistlich' Herr, unser hochwürdiger Herr Pfarrer Ladurner, gibt schon kein gut's Beispiel. Weiß ja alle Welt, daß die Moidl noch ein weniges mehr für ihn ist, als bloß Pfarrköchin. Und jetzt ist er ein alter Mann. Hat aber eine Zeit 'geben, da ist's ein' groß' Ärgernis g'wesen. Einer wie der andere. Machen's ja alle nicht viel besser hier heroben. Ist gar so viel einsam für einen geistlichen Herrn, wann der Winter kommt und will gar kein End' nehmen. Hab's ja schon g'sagt: sollt' nicht sein, daß die geistlichen Herrn ohn' Weib und Kinder leben müßten zu Gottes Ehr'; gäb' halt viel weniger Sünd' in der Welt und viel weniger Unrecht. Denn's g'schieht ja nun doch, und jetzt nur ist's Schand' und böses Beispiel und sonst wär's recht und gut, und der Herrgott hätt' sein Freud' d'ran. Sind ja g'wiß fromme und gelehrte Herren, die im schwarzen Rock, aber Menschen sind's halt doch auch und immer noch obenein Mannsleut'. Das nimmt ihnen keine Weih' und keine Tonsur fort. Hab's ja an mein' Cenzerl auch erleben müssen, der g'wiß ein guter und frommer Priester ist g'wesen und so streng' mit sich und allen seinen Fleischessünden, wie kein zweiter auf derer Welt. Was hat's ihm g'holfen, all' das Fasten und Kasteien, mit dem er sich g'wiß nicht g'schont hat? Ist doch in Sünd' und Schand' und Tod hineing'raten und liegt an der Kirchhofsmauer wie ein hergelaufener Verbrecher! Ich bin halt ein alt's Weib, Hochwürden, ein steinalt's Weib, und hab' viel auf derer wunderlichen Welt erlebt und g'sehen; müßt's mir schon zugut' halten, daß ich so daherred': besser wär's, wenn der Priester ein Weib' nehmen dürft', weil er doch immer ein Mann bleibt! Und könnt' kein' Sünd' sein nach mein'm einfältigen Verstand. So aber, wie's nun ist, ist's Sünd' und bringt schwer' Herzeleid über die Menschen!« Sie fuhr sich mit dem Kleidärmel über die Augen hin, als ob ihr ein paar heiße Tropfen an die Wimper getreten wären. Innocenz' Züge hatten sich noch mehr verfinstert als bisher. Wie kam's, daß diese alte Frau da Worte fand für etwas, was in seiner eigenen Seele seit langem gärte und wogte und vergeblich nach einem Ausdruck rang? Er erschrak davor. Und welche furchtbare Anklage sie mit ihren Worten erhob! Er mußte an den Pfarrer Aloys Antholzer denken, der heute stumpf und gebrechlich war, der aber doch auch einmal jung und kraftvoll gewesen war und heißes Blut in seinen Adern gehabt hatte, damals, als auch die Resi noch jung und hübsch gewesen sein mochte; und damals hatte auch er die einsame Öde des Hochgebirges und das unendliche Gleichmaß der Tage in dieser Weltferne, welche für ihn den geistigen Tod bedeuten sollte, wohl minder gleichmütig und minder ergebungsvoll ertragen und sich anders als beim Enzeler und an der Hobelbank darüber fortgetäuscht. Er und Josef Ladurner und alle, die vor ihnen auf der Lahn gehaust hatten und alle, die nach ihnen dort hausen würden unter dem ehernen Zwange des Zölibats, alle, aus Trotz, aus Schwachheit, aus sündiger Lust, aus heißer Begierde nach einem einzigen Trunk Leben und Genußfreudigkeit inmitten dieser herzerstarrenden, trostlosen Öde, – was kam darauf an? Als der Mönch, der in seine düsteren Gedanken versunken war, keine Antwort gab, fing die Greisin, in der nach oft wochenlang hintereinander andauerndem Schweigen plötzlich der Trieb zum Sprechen unwiderstehlich erwacht war, aufs neue an: »Kennt Ihr den Innerkofler? Das ist der Schlechteste von allen. Der hat mehr Sünden auf dem G'wissen, als der lieb' Herrgott ihm bei aller Gnad' und Barmherzigkeit je wird verzeihen können. Und mein' alten Kopf tät' ich verwetten, daß er die Filomena bloß aufg'zog'n hat, damit er sie einmal an den Grafen verkaufen kann, wenn der nach Peutelstein kommt. Denn das tut er, das hat er schon oft g'tan. Dem Grafen führt er hübsche Weibsleut' zu, damit er sein' Kurzweil hat, der und die anderen, wann's zur Jagd auf dem Schlosse wohnen. So ein Erzlump ist's und hat schon bei mancher den Verführer g'macht und hat den Judaslohn dafür eing'sackt, – Gott soll ihn strafen, wie er's verdient hat! Und bei mei'm Cenzerl hat er halt auch die Hand im Spiel g'habt, davon laß ich mich nimmer abbringen, der und kein and'rer! Ein rechter Teufel ist's, und wird ihm der Teufel ja auch sein' Lohn geben!« Innocenz hatte in wachsender Erregung zugehört. »So seht Ihr ja selber,« rief er nun, »daß ich mit meiner Vermutung recht hatte: die Filomena wird davongelaufen sein, um nicht schlecht zu werden! Und in den Händen solch eines Menschen habt Ihr Euer Tochterkind gelassen, Wurzin? Ich weiß nicht mehr, was ich von Eurem christlichen Sinn halten und von Eurem menschlichen Mitgefühl denken soll!« Die Alte lachte wieder heiser auf. »Wann ein Dirndl in ei'm Priesterhaus aufwachst, kann es besser b'hüt't sein?« Sie griff zu ihrem Spaten und langte nach dem breiten Bastkorbe, der neben ihr zwischen den Steinen stand, als wolle sie die Unterhaltung damit beendigen und ihr Gewerbe wieder aufnehmen. Dann aber wandte sie sich plötzlich dem Mönch zu und sagte mit seltsamer Betonung: »Wie's kommen soll, so kommt's halt, hochwürdiger Herr, dabei können Menschen nichts tun. Was gut bleib'n soll, das bleibt gut, auch mitten in Verderbnis und Sünden, und was schlecht werden soll, das rett't kein Mensch davor mit all' sein'm Herzblut. Warum ist mein' Stasi schlecht 'worden? Bei uns im Haus hat sie nie nichts Schlecht's g'sehen, nur alles immer, was gut und recht war. Und hat's wirklich gut g'habt, wie keine and're. Nun, ist eben doch in Schand' 'kommen. Wer kann dawider an? Wann die Filomena gut bleiben soll, kann's der Innerkofler auch nicht schlecht machen mit all' sein' schandbar'n Taten und Gelüsten, darauf verlaßt Euch!« Sie war aufgestanden und wollte offenbar jetzt davonhumpeln, als Innocenz aus seinen irr durcheinanderwogenden Gedanken heraus sie fragte: »Filomena hat mir einmal berichtet, daß sie einen Bruder habe, den sie aber nicht kenne, weil er schon frühe ins Kloster gekommen sei. Wie soll ich das verstehen? Eure Tochter hatte also zwei Kinder, ohne verheiratet zu sein? Und beide hatten den gleichen Vater, oder –?« Er sprach nicht zu Ende, denn ein langer, verwundert-trauriger Blick der Greisin war über sein Antlitz hingegangen, und nun kam es, während sie vor sich hinnickte, über ihre Lippen: »Weiß sie das auch schon? Reden die Leut' immer noch davon auf der Lahn? Freilich, freilich, wird schon so sein, wie sie sagen. Zwei Kinder! Und ist doch nie verheirat't g'wesen, die Stasi. Aber der Bub' ist verscholl'n und vergessen auf der Lahn. Weiß nicht einmal, in welch' Kloster sie ihn 'bracht hab'n, und ob er noch lebt. Von sein' Eltern wird er nichts wissen und von sein' alten Ahn' erst recht nichts. Ist halt ein Klosterkind 'worden. Und ist recht so. Sündkinder soll man ins Kloster tun, daß sie nicht wieder Sünd' begehen können, sondern die Sünden der Eltern abbüßen. Hätten die Filomena sollen ins Kloster bringen. Vielleicht geht sie selber 'nein, wenn sie nicht schlecht ist und nicht schlecht werden will, 's best' wär's. – Aber jetzt ist's g'nug geschwätzt, glaub' ich. Muß schauen, daß ich weiterkomm'. B'hüt' Gott! B'hüt' Gott!« Mit unerwarteter Hast griff sie nach ihren Geräten und machte sich humpelnd davon, wie wenn sie ihm jede weitere Frage abschneiden wolle, oder als ob sie sich mit Schreck eben der langen Zeit erinnert habe, die sie durch zweckloses Geschwätz in ihrem Gewerbe versäumt hatte. Innocenz hätte sie gern aufgehalten, weil ihm noch manches an dem Vernommenen unerklärt geblieben war, aber er wagte es nicht. »B'hüt' Gott, Wurzin!« rief also auch er, »und auf ein ander Mal!« Dann ging er in anderer Richtung davon, als sie, deren Spatenklirren er noch eine Weile in der tiefen Stille des Hochgebirges zu vernehmen glaubte, bis es hinter ihm verstummt war und nur noch der Wind in wechselnden Stößen durch die Felsspalten und Steinblöcke pfiff und wehklagte. Plötzlich wußte er, wohin er gehen sollte. Mitten durch die öde Wildnis schlug er den Weg zum Pfaffensprung ein. Was er an Blumen des Hochlandes unterwegs antraf, das pflückte er. Mit einem großen, wilden Strauß in der Hand kam er bis zu dem eingesunkenen Marterl an der Felsecke, das die Mutter hier für ihren Sohn errichtet hatte, den Priester, der in den Tod gegangen war, weil er ein Weib geliebt hatte. Er legte die Blumen zu den Füßen des Bildstöckels nieder. Und in der ungeheuren, schweigenden Einsamkeit, die ihn hier umgab, gedachte er in heißer Sehnsucht plötzlich Filomenas und kniete nieder, um seine brennende Stirn gegen das Bildstöckel zu lehnen und zu beten. Lange lag er so in schmerzlichem Ringen. Über ihm schlug nur ein Bergfalk beim Aufsteigen Kreise in Kreise, hin und wieder nur seinen gellenden Schrei herabsendend, und aus der dunkel aufgähnenden Tiefe scholl ein dumpfes Geräusch, wie das Murren windzerzauster Nadelkronen oder das Rauschen unterirdisch ihren Weg sich bahnender Wasser. Es war, als lockten geheimnisvolle Stimmen des Abgrunds mahnend und verheißend zu dem betenden Mönche empor. X Die Leiche des gräflichen Kindes, das auf Schloß Peutelstein eines so raschen Todes gestorben, war auf die telegraphischen Anordnungen des Vaters hin einbalsamiert worden, um in einem Zinksarge in das Tal hinabgetragen und von dort mit der Eisenbahn weiter bis auf das krainische Erbgut der Familie befördert zu werden, wo die Beisetzung mit allem üblichen Trauergepränge stattfinden sollte. Vorher hatte an dem offenen Sarge in dem großen Saale des Jagdschlosses eine kirchliche Feierlichkeit stattgefunden, bei welcher Pater Pius als der langjährige, erprobte Seelsorger des gräflichen Hauses das Totenamt gehalten und Innocenz ihm zur Seite gestanden hatte. Aber die Gräfin Donata war zu der Leichenfeier ihres Kindes nicht erschienen. Seit sie am hohen Mittag des Tages, welcher der Sterbenacht gefolgt war, aus dem Gemache, in dem ihr totes Kind lag, hinausgeschritten war, hochaufgerichtet, blaß, mit großen, starren, glanzlosen Augen und reglos-versteinerten Zügen, selbst eher einer Toten als einer Lebendigen gleich, hatte sie die Leiche widerspruchslos anderen Händen überantwortet und schweigend alles geschehen lassen, was man darüber beschloß. Offenbar hatte sie selber ihren letzten Abschied von dem Kinde bereits genommen und wollte es, nachdem andere schon den erkalteten Körper berührt hatten, nicht mehr wiedersehen, denn sie lehnte jede Aufforderung, sich an der Aufbahrung zu beteiligen oder das Zimmer, in dem diese statthatte, überhaupt zu betreten, mit kalter Entschiedenheit ab. Sie wollte sich das letzte Bild, das sie von ihrem Knaben in der Seele trug, durch kein anderes mehr verdrängen lassen. Auch zur Teilnahme an der Totenmesse war sie nicht zu bewegen gewesen, hatte es sogar abgelehnt, die Gräfin Theodora, die ihr den ausdrücklichen, dahin zielenden Wunsch des Grafen Alexander hatte mitteilen und ihre eigenen Vorstellungen daran knüpfen wollen, überhaupt zu empfangen. Außer dem Pater Pius, der einmal für eine kurze Weile bei ihr hatte eintreten dürfen, – über ein Händeschütteln war es dabei kaum hinausgekommen, – hatte Donata niemand sehen wollen, und nur die alte Mirz, die sie bediente, ging bei ihr ein und aus. Sonst verschloß sich die Gräfin in ihren Zimmern, und die Alte konnte nichts berichten, als daß Donata immer gleich starr und teilnahmlos in ihrem Schmerze verharre, sie scheine aber niemals zu weinen, da ihre Augen niemals gerötet seien, nur bete sie viel, denn man sehe sie oft auf den Knien liegen. So hatte Innocenz Donata seit dem Vorabend des Todes ihres Kindes noch nicht wiedergesehen, da auch für ihn ihre Tür verschlossen blieb. Und doch meinte er, während das Totenamt für Ronald zelebriert wurde, er sähe sie dauernd vor sich. Denn ihm gerade gegenüber an der Wand des Saales, in dem der Katafalk, unter Blumen und Blattpflanzen fast begraben, aufgestellt war, hing die Kopie der Tizianschen Magdalena, die er aber bis dahin noch nie gesehen hatte, nun sah er sie hier zum ersten Male, und die Ähnlichkeit des Bildes mit Donata erschien ihm beinahe schreckhaft. Während der ganzen kirchlichen Zeremonie konnte er seine Augen von dem Bilde nicht abwenden, und immer war es ihm, als blickten ihm die Donatas aus dem breiten Goldrahmen entgegen, und ihre Hand sei es, welche die wallende, goldene Haarflut schämig über dem herrlichen Busen zusammenhielt. Es war Sünde, daß er jetzt und hier daran dachte, – er wußte es –, und doch konnte er nicht anders. Am Tage nach der Totenfeier, als der Sarg schon aus dem Schlosse getragen war, hatte Innocenz noch einmal versucht, bei der Gräfin Donata vorgelassen zu werden, aber wiederum war ihm trotz der Vermittlung der Gräfin-Mutter ein abschlägiger Bescheid zuteil geworden. Donata wollte ihn nicht sehen. Gräfin Theodora zuckte gleichmütig die Achseln, als dieser Bescheid zurückkam. »Sie muß Zeit haben, sich zu besinnen,« sagte sie zu dem Mönch, der ihr stumm in dem Gemache mit dem Bilde der ›himmlischen und irdischen Liebe‹ gegenübersaß. »Deshalb dürfen Sie nicht verzagen, ich kenne sie, sie wird sich jetzt bekehren. Nur ihr Trotz ringt noch eine Weile gegen die sich ihr aufdrängende Notwendigkeit an, in Gott ihre Zuflucht, im alleinseligmachenden Glauben ihren Trost und ihre Aufrichtung zu suchen. Glauben Sie mir, Pater Innocenz: sie wird nicht von hier scheiden, ohne in den Schoß unserer Kirche aufgenommen zu sein. Gott hat es wohl gemacht. Um diese stolze, trotzige Frauenseele zu brechen, bedurfte er gewaltsamer Mittel, die in das innerste Leben griffen. Nun wird es herrlich vollendet werden.« Innocenz suchte auch diesmal wieder die Gelegenheit, das Schloß sobald als möglich zu verlassen. In der Nähe dieser Frau begann es ihm zu grausen. Ihre fühllose Starrheit empörte sein Innerstes, und er konnte nicht glauben, daß diese kalte Berechnung, die aus ihr sprach, Frömmigkeit sei. Frömmigkeit konnte nicht in schroffen Widerspruch treten zu allem, was menschlich war. Er hatte das schon wieder und wieder dem gegenüber empfunden, was hier das Leben ihm nahegebracht hatte, wie wenn es ihn hätte prüfen wollen in Herz und Nieren, ob er auch ein echter Priester sei, ohne darüber zu vergessen, ein Mensch zu sein. In den Tagen, die diesem folgten, irrte Innocenz unablässig im wilden Gebirge umher. Er ging nicht wieder in das Schloß. Wenn Donata ihn sehen wollte, würde sie ihn rufen lassen, sagte er sich. Ihm stand der Sinn nach Einsamkeit und nach dem erhabenen Schweigen der Bergwelt. Häufig gedachte er an irgendeiner abgelegenen Stelle der Felsenwildnis, auf einer Hochalm, in einer Schutzhütte, die von Jägern oder Holzfällern errichtet worden war, eine Spur der Anwesenheit Filomenas oder gar sie selbst zu finden. Denn er glaubte nicht daran, daß sie nach Italien geflüchtet war, sondern hielt fest daran, daß sie irgendwo im Gebirge, das sie von Kindheit auf liebte und kannte wie wenige, eine Zuflucht gefunden habe, um so der Verbindung mit dem ungeliebten Manne, zu der man sie zwingen wollte, zu entgehen. Daß sie das Reich der Dolomiten verlassen haben sollte, erschien ihm undenkbar. Auch der wilde Xaverl, zu dem Innocenz hinaufgestiegen war, um ihn zu fragen, ob er nichts von Filomena wisse, war seiner Meinung gewesen. Zwar konnte auch er den Aufenthaltsort des Mädchens nicht, aber er meinte gleichfalls, daß sie in einer Sennhütte der Hochalpen leben, und daß man sie im Spätherbst, wenn man droben nicht mehr hausen könne, schon wiedersehen werde. »Bis dahin wird sich der Barthel leicht eine andere gesucht haben,« sagte er in seiner gemütsruhigen Art. Innocenz' Sehnsucht nach Filomena suchte einen Ausdruck darin, daß er jetzt manchmal wieder auf der Anderetalp an seinem Bilde malte, auf dem sie in ihrem ganzen Liebreiz eine Stelle gefunden hatte, noch öfter aber, weil er es dort, wo er so oft mit ihr zusammengesessen, nie lange allein aushielt, nach dem Gedächtnisse sie in seinem Skizzenbuche in allen möglichen Stellungen zu zeichnen versuchte. Er fand eine schmerzliche Genugtuung darin, wenn ihm das gelang, und er sich ihre Züge so selber durch den Stift wieder vor die Augen zauberte. Dann war's an einem sonnenhellen Spätsommertage, daß er den Platz in der Felsöde wieder aufgesucht hatte, wo er zum ersten Male die Gräfin Donata gefunden, ohne sie noch zu kennen. Der Zufall hatte ihn heute in die Nähe desselben geführt, und er sagte sich, daß sich hier gut werde in der Einsamkeit rasten lassen, und daß es schön sein müsse, um Sonnenuntergang hier noch einmal das großartig-farbenreiche Schauspiel am Monte Valdena zu betrachten, welches damals die Gräfin hierher gelockt hatte. Dann zog er sein Skizzenbuch hervor und begann die mächtige Felswand drüben, wie sie aus dem dunklen Vordergrunde des Tannenwaldes gigantisch emporstieg und die phantastischen Zacken und Gipfel der bleichen Dolomiten majestätisch überragte, auf einem der noch leeren Blätter desselben zu zeichnen. Die tiefe Stille um ihn her ließ ihn sich andachtsvoll in seine Arbeit versenken. Nur manchmal stützte er den Kopf, eine Weile ausruhend, in die Hand, und dann gewahrten seine Augen nicht die landschaftliche Szenerie, die vor ihnen sich aufbaute, sondern sahen etwas ganz anderes, was in Wirklichkeit nicht da war und doch hell und leuchtend wie eine Glanzerscheinung aus der blauen, flimmernden Luft sich abhob. Der Zeichnende hatte bei seiner Beschäftigung sogar das Geräusch nahender Schritte in seinem Rücken überhört, und erst das kurze Aufbellen eines Hundes schreckte ihn empor. War das nicht Hektors Stimme gewesen? Gerade so wie damals klang sie ihm, da er sie zum ersten Male hier vernommen. Sein Herz schlug plötzlich rasch. Er wollte jäh auffahren, als er auch schon Donata zwischen den Felstrümmern hervortreten sah. Da blieb er wie gebannt sitzen, und auch sie schien zu zaudern, ob sie wieder umkehren solle. Dann aber kam sie gerade auf ihn zugeschritten. Sie trug ein dunkles, schlichtes Gewand, das jedoch kein eigentliches Trauerkleid war, auch sonst nirgends ein vordringliches, der Sitte entsprechendes, äußeres Zeichen dafür, daß ihr ein naher Angehöriger gestorben sei. Sie mochte inmitten einer großen und einsamen, noch jungfräulichen Natur jedes Einhalten konventioneller Vorschriften verschmähen, vielleicht hätten sie auch ohnehin in ihren Augen ihren Schmerz nur herabgewürdigt. Ihr Antlitz war sehr bleich und ihr Blick starr vor sich hingerichtet, etwas seltsam Lebloses lag in ihren Zügen. Innocenz mußte daran denken, daß Pater Pius ihm gesagt hatte, die Gräfin habe ihn an eine Statue der Mutter der Niobiden erinnert; in der Tat war etwas Versteinertes in diesem herrlichen Frauenantlitz. Er war emporgefahren; dies Wiedersehen, so unvermutet und gerade an dieser Stelle, regte ihn nun doch mächtig auf. Er war im Begriffe, sich nach einem Gruße zu entfernen, um ihr hier die Einsamkeit und Ruhe zu gönnen, um derentwillen sie doch wohl gekommen war. Aber Donata, die seine Absicht begriff, rief ihm zu: »Nein, nein, bleiben Sie! Ich bitte Sie darum. Ich suchte Sie.« Ihre Worte klangen ihm seltsam in den Ohren, so daß er unwillkürlich verwunderten Tones wiederholte: »Sie suchten mich, gnädige Gräfin?« »Ja. Ich bin nun Tag für Tag durch diese ungeheure Einsamkeit gewandert, ich ertrug es nicht länger. Ich sehnte mich so nach einem Menschen, daß ich mein Verlangen hätte hinausschreien mögen, bis die Bergwände es mir zurückwarfen. Wissen Sie, daß ich Ihnen früher einmal sagte, die Felsmassen könnten uns mit der Zeit zu ungeheuren Leichensteinen werden in ihrer Kahlheit und Öde, eine neben der anderen, ohne Ausweg, drohend und düster, wie sie da ragen? Nie hab' ich das empfunden, wie in diesen Tagen. Mir war's immer, als würden sie herabstürzen und mich unter ihren Trümmern begraben. Das wäre vielleicht ja nun gut, sogar das beste gewesen. Nur daß die Einsamkeit uns furchtsam und also auch feige macht. Ich wollte nicht umkommen, mir bangte davor. Die Einsamkeit trägt ein merkwürdiges Doppelgesicht. Sie lockt uns mit tausend geheimnisvollen Stimmen, und dann macht sie uns wieder todestraurig und läßt uns verzweifeln; sie rührt alles Große und Wahre und Gute in uns auf, reizt uns zu edlen Taten, läßt das Kleine und Niedrige von uns abfallen, und dann wieder jagt sie uns dem Wahnsinn in die Arme. Sie ist die Mutter alles hehren und alles erbärmlichen Tuns. Den ganzen Tag such' ich nach einem Menschen, und irgend etwas in mir rief mir zu, hier würd' ich einen – hier würd' ich Sie finden. Und als sich meine Ahnung nun bewahrheitete, wär' ich am liebsten wieder geflohen. In diesem Augenblick schien mir's unmöglich, mit einem Menschen zusammen zu sein, mit einem Menschen zu sprechen.« Sie sagte das alles halb wie zu sich selber und ohne ihn anzublicken, hatte dabei aber sich neben ihm niedergelassen, auf dem gleichen Platze, wo sie damals gesessen, als er sie zum ersten Male gesehen. Nun starrte sie, die Hände im Schoß gefaltet, mit großen, glanzlosen Augen vor sich hin zu der ragenden Felswand hinüber, an deren grauen Wandungen die Sonnenlichter spielten, während den Nadelwald immer düsterer und undurchdringlicher die schwarzen Schatten erfüllten. »Ich begreife das alles,« sagte der Mönch gedämpften Tones. »Sie haben furchtbare Tage verlebt, Frau Gräfin, und Ihr Nervensystem ist schwer überreizt. Ich verstehe, daß Sie die Einsamkeit suchen, weil Ihnen das Zusammensein mit Menschen Pein bereitet, und ich verstehe auch, daß die traurige Öde des Alleinseins dann wieder plötzlich wie mit körperlicher Schwere auf Sie drückt. Ich hätte Ihnen in dieser schwersten Zeit gern zur Seite gestanden, gnädige Gräfin, wenn ich gedurft hätte.« Es sprach keine Bitterkeit, nur Trauer aus seinen Worten, und sie entgegnete mit Wehmut, so weich, wie sie noch nie zu ihm geredet hatte: »Hätten Sie mir helfen können, Pater Innocenz?« »Wenn das Wort Gottes einen Trost für Sie enthält, Gräfin –« Sie gab eine Zeitlang keine Antwort. Dann sagte sie: »Sie sehen ja, daß ich noch hier bin. Ich hätte das nicht gebraucht. Graf Alexander zeigte milde Regungen und stellte mir – diesmal sogar dem Rate seiner Mutter entgegen – frei, nach Karditsch zurückzukehren, wenn mir das längere Verweilen auf Peutelstein jetzt zu schmerzlich sei. Ich habe von seiner Erlaubnis keinen Gebrauch gemacht. Ich hatte Ihnen versprochen, mich noch einmal zu prüfen, um Ihnen sagen zu können, ob es eine Möglichkeit für mich gäbe, dem Wunsche meines Gatten zu entsprechen, ob je Ihr Gott auch mein Gott werden könne. Was inzwischen geschehen ist, entbindet mich von meiner Zusage nicht. Ehe Sie eine letzte, entscheidende Antwort von mir haben, die durch nichts mehr umgestoßen werden kann, werde ich die Lahn nicht verlassen. Und dann werden Sie auch wissen, ob es einen Trost für mich in Ihrer Religion gibt oder nicht.« Ein leises Zittern hatte den Mönch bei ihren Worten überlaufen. Sein Blick streifte sie, aber sie hatte ihm auch ihre Augen nicht zugewandt, die immer vor sich hin ins Leere blickten. Nun fragte er stockend: »Und Sie haben sich noch nicht entschieden?« »Nein,« sagte sie, wieder erst nach einer Weile. »Ich habe geglaubt, daß gerade diese Zeit, die Ihnen das Schwerste gebracht, Ihren Sinn auf die einzige Hilfe lenken würde, Frau Gräfin, die Menschen werden kann, wenn Gram und Verzweiflung sich in ihren Herzen einnisten und sie zerbrechen wollen.« »Ich habe in dieser Zeit nicht denken können,« versetzte sie, »nicht darüber und über nichts. Es ist alles tot in mir gewesen, tot und begraben. Was man mit meinem Kinde für mich begraben hat, Pater Innocenz, das war mehr als dieses Kindes Liebe und seine rührende Zärtlichkeit, seine Schönheit und Güte und alles das, was es für die Zukunft versprach und was es mir war: mein Halt, meine Hoffnung, das Band, das mich ans Leben – an dies Leben knüpfte, welches ich führe. Mehr, viel mehr. Soviel ist ein Kind nie für seine Mutter gewesen und konnte es nicht sein. Ein Stück meiner selbst ist mit ihm gestorben und bestattet und kann nie wieder auferstehen. Und der Rest, der geblieben ist – denn es war das beste, das einzig gute Stück meines Ichs, das mit Ronald in die Grube versenkt worden ist –, was soll dieser Rest? Ich fühle mich losgelöst von allem, was mir bisher als fest und unumstößlich gegolten hat, der Boden selber, auf dem ich gestanden habe, schwankt unter meinen Füßen. Alles um mich her ist ins Wanken geraten, ich finde keine Stütze mehr. Ich bin wie in eine neue Welt versetzt worden, wo ich keinen Menschen kenne, wo ich keinen Fußbreit Erde mehr kenne, auf der ich wandle. Ich bin ein Fremdling geworden und taste mit den Händen in der Luft umher, um nach einem Halt zu suchen, damit ich nicht stürze. Es bricht und fällt alles vor mir und hinter mir. Ich bin allein und bin als ein neuer Mensch aus den Mauern hervorgegangen, aus denen man den Sarg meines Knaben getragen hat. Wie können Sie von mir verlangen, daß ich mich in der neuen Welt, in die ich so jäh versetzt worden bin, schon so schnell zurechtfinden sollte? Daß ich schon wissen sollte, welchen Weg ich darin einzuschlagen habe, und ob es darin überhaupt noch einen Weg für mich gibt? Mich hat die Welle an ein unbekanntes Land verschlagen. Werde ich einmal darin heimisch werden? Gibt es da eine Rast und gibt es da Frieden für mich? Ich weiß es nicht. Wie sollt' ich es jetzt schon wissen?« Innocenz hatte ihr mit steigender seelischer Erregung zugehört. Bisher hatte er an das nicht geglaubt, was Gräfin Theodora ihm gesagt hatte, jetzt plötzlich stieg es mit einer Hoffnung, die ihn fast blendete, vor ihm auf. »Gnädige Gräfin,« rief er ausbrechend, »jetzt sind Sie auf dem wahren Wege zum Heil, jetzt glaube ich, daß Sie Gott finden und daß Ihnen Trost werden wird. So hat es kommen müssen!« Darauf gab sie keine Antwort mehr. Nur zwischen ihren Brauen hatte sich mitten auf der Stirn eine Falte gebildet und ihre Lippen zuckten. Dann sagte sie plötzlich: »Sprechen wir jetzt nicht davon! Rühren Sie nicht daran! Ich kann nicht – jetzt nicht –« Sie atmete schwer. Und mit einer plötzlichen Wendung sich ihm zudrehend, setzte sie rasch hinzu: »Sie haben vorher gezeichnet, nicht wahr? Lassen Sie es mich doch selten. Ich möchte wissen, wie Sie diese Welt hier um uns auffassen, mit welchen Augen Sie sie betrachten!« Es war etwas Nervös-Hastiges in ihren Bewegungen, mit denen sie das Buch aus seinen Händen entgegennahm und es aufblätterte. Er hatte es ihr nur zögernd gereicht. Sichtlich wollte sie von dem bisherigen Gespräch ablenken, sich selber von dem Gedankengang befreien, den sie fast wider Willen eingeschlagen. Sie betrachtete das Blatt, an dem er heute und hier gearbeitet hatte, mit Aufmerksamkeit. Dann sagte sie: »Eine überraschend sichere Linienführung. Man begreift nicht, daß Sie ganz ohne Schule sind, wenn auch einiges den Anfänger verrät. Und eine Eigenart der Auffassung in diesen flüchtigen und doch so sicheren Strichen, die das Charakteristische der Szenerie geradezu frappant wiedergeben. – Wissen Sie auch, daß Sie ein großes, ein ungewöhnliches Talent besitzen, Pater Innocenz? Wenn das ausgebildet würde, Sie könnten –« Sie brach, wie sich besinnend, mitten im Satze ab, und er entgegnete mit rotüberloderter Stirn in halber Verlegenheit: »Ich bin ein Mönch, Gräfin.« Sie nickte antwortlos und blätterte weiter. Nun traf sie auf eine Skizze Filomenas, betrachtete sie eine Weile halb erstaunt, halb gefesselt und sagte endlich, ohne aufzublicken: »Vortrefflich! Ganz vortrefflich! Wer ist das Mädchen?« »Filomena Afinger aus Moosbrunn.« Es klang gepreßt von seinen Lippen. »Seltsam,« sagte sie, immer noch das Bild betrachtend, »ich finde eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Zügen dieses Mädchens und Ihren eigenen. Ich hätte denken können, daß es eine Schwester von Ihnen sei, die Sie hier gezeichnet haben. Wahrhaft seltsam!« Er erwiderte nichts, ihm war in der Erinnerung an das, was die alte Wurzin ihm neulich erzählt hatte, plötzlich sehr beklommen zumute geworden. Wie mit Bergeslasten lag es auf seiner Brust. Manchmal war ihm schon selber der Gedanke aufgestiegen, daß er ein Kind dieses Tales sein könne, da ja die Dolomiten in seine Kinderheimat hineingeblickt hatten. Jetzt fiel ihm schwer wuchtend der Gedanke auf die Seele: »Wenn Filomena meine Schwester wäre!« Die Gräfin fragte währenddessen: »Ein Mädchen von der Lahn? Aber so sehen doch unsere Dirnen hier nicht aus. Das ist keine Bauerndirne.« »Sie ist die Pflegetochter des Meßners von Moosbrunn.« Donata blickte unverwandt auf die Zeichnung. »Welch ein feines und gutes Gesicht! Welch eine Verträumtheit in diesen Zügen! Das ist in der Tat ein Mädchenkopf von seltenem Liebreiz, und man kann sich nicht satt daran sehen. Wie viele große Meister würden Sie um solch ein Modell beneiden! Es zeugt schon von viel künstlerischem Verständnis, daß Sie es zu finden wußten.« Sie blätterte weiter, während er schwieg, und traf auf eine zweite Skizze Filomenas. Erstaunt blickte sie auf, und ein unruhiger Blick streifte ihn. Ihre Finger zitterten, als sie weiter die Seiten des Buches umschlug. Und immer wieder fand sie die Bilder Filomenas, das ganze Skizzenbuch schien damit gefüllt zu sein. Nervös schlug sie es zu. Dann stieß sie ein kurzes, spöttisches Lachen aus. »Dies Mädchen scheint Ihnen nahezustehen, Pater Innocenz,« sagte sie unruhig, in mühsam verhaltener Aufregung und mit unverkennbar höhnischer Bitterkeit, »sie ist offenbar das einzige Modell, das Sie hier fanden, und Sie haben es trefflich zu nutzen gewußt, – Sie müssen sich wochenlang mit nichts anderem beschäftigt haben. – Man könnte glauben, daß Ihnen dies Mädchen mehr sei als ein Modell.« »Frau Gräfin!« stieß er halb erschrocken, halb zornig aus, »ich bin ein Mönch!« Er war unwillkürlich in die Höhe gefahren, und auch sie hatte ihren Sitz verlassen. »Ja, ja,« murmelte sie, vor sich hinnickend, »Sie sagten es mir heute schon einmal. Man könnte es manchmal vergessen. Und es hat schon Mönche gegeben, Pater Innocenz, die es auch vergaßen, als die Stunde gekommen war.« Sie hatte ihn während ihrer Worte nicht angesehen und konnte also die flammende Röte auch nicht gewahren, die über sein Antlitz geloht war. Er hatte die Lippen fest zusammengepreßt und die Augen gesenkt. Als Donata ihm das Skizzenbuch zurückgab, hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen. Aber sie war noch blasser als vorher, und manchmal erschütterte ein Nervenschauer ihren schlanken Leib. Es litt sie an dem Platze nicht mehr, wo sie gesessen hatten, das Atmen schien ihr hier schwer zu werden. »Lassen Sie uns gehen,« brachte sie mühsam hervor. Und sie gingen. Innocenz war es zufrieden, daß der schmale, geröllüberschüttete Bergsteig, den sie einschlug, kein Nebeneinanderschreiten duldete. Er hätte jetzt nicht mit ihr reden können, er mochte sie nicht ansehen, sich nicht dem Blick ihrer Augen aussetzen. Unablässig hallte es ihm in den Ohren: »Es hat schon Mönche gegeben, die es vergaßen, als die Stunde gekommen war!« Vergaßen – was? Daß sie Mönche waren? Und weshalb hatten sie es vergessen? Weil die Versuchung in Gestalt eines schönen, bestrickenden Weibes zu ihnen getreten war, um ihnen die gleißenden Herrlichkeiten der Welt zu zeigen, die ihr eigen sein würden, so sie nur niederfielen, um die Sünde anzubeten und Gott zu verleugnen? Bedurfte es dessen noch für ihn? War ihm nicht damals am Pfaffensprung schon widerfahren, wovon Donata gesprochen hatte? Und die Versuchung hatte wirklich die Züge des jungen Weibes angenommen gehabt, dessen Züge er wieder und wieder in seinem Skizzenbuche gezeichnet hatte. Aber er hatte es damals nicht vergessen, daß er ein Mönch sei. Würde er es je vergessen? Dann, wenn die Versuchung einmal andere Gestalt annahm? Nein, nein, nein! Auch dann nicht, dann am wenigsten. Höher und höher klomm Donata empor. Es war, als ob sie zum ersten Male wieder ihre Kräfte erproben und zeigen wollte, daß die frische Kühle der Bergluft ihre Brust weite und den rastlosen Drang in ihr wecke, zu den lockenden und schimmernden Höhen emporzusteigen, die mit ihren mächtigen Zacken in die kristallene Himmelsklarheit hinaufgriffen. Innocenz hatte Mühe, ihr zu folgen. Sie waren so bis an den oberen Rand einer wilden Felskluft gelangt, die fast senkrecht schroff vor ihren Füßen abstürzte. Hier stießen sie plötzlich auf eine Anzahl von Männern, die sich neben ihren Gerätschaften, Stricken, Äxten und Eisenwerkzeugen zwischen den Steinen gelagert hatten, um dort mit Brot und Wein ihre Pause zu halten. Innocenz erkannte den Sägemüller Anton Pyrker nebst mehreren seiner Knechte und noch ein paar jüngere Männer von St. Ulrich. Sie grüßten, ohne sich im übrigen bei ihrer Mahlzeit stören zu lassen. Innocenz begriff, was sie hierhergeführt hatte, klärte die Gräfin mit einigen Worten auf und fragte den Sägemüller dann, ob die Nachsuchungen einen Erfolg gehabt hätten. Anton Pyrker zuckte die Achseln, ohne sich zu erheben, und erwiderte kauend: »Weiß nicht, wie ich's sagen soll. Tot ist der Sepp, das steht fest. Seinen Mantel haben sie unten g'funden, der ist über und über voll Blut. Aber der Leichnam ist nicht zu finden. Wird halt von Aasvögeln vertragen sein oder liegt, wo niemand hinkann. Wir geben's Suchen jetzt auf, weil's die Leut' nur selber in Gefahr bringt und nichts nutzt. Beweisstück' haben wir jetzt g'nug, denk' ich, und Geld und Arbeit hat's auch g'nug gekost't. Soll noch einer daherkommen und sagen, ich hätt' mein' Pflicht und Schuldigkeit nicht 'tan! Beim Poldl Rohracher hat der Sepp sein' Uhr und sein' paar Gulden in Verwahrung geben und hat g'sagt, er holt's wieder ab, wann er weggeht, droben in seiner Höhlen ist's ihm nicht sicher g'nug. Er ist nicht 'kommen, aber verschwunden ist er, und sein' Hut und Tuch und Mantel haben wir jetzt, und der Mantel ist blutig g'färbt, und wer da herunter abg'stürzt ist, der kommt nimmer wieder herauf. Mein' ich halt, nun steht's fest, daß der Lump tot ist und könnt' gern ein paar Seelenmessen für ihn lesen lassen, daß er's in den höllischen Flammen nicht gar so schlimm hat.« Innocenz erwiderte nichts darauf. Seine Blicke suchten unwillkürlich nach dem Hamerl, aber der war nicht unter den Männern. Dann fragte er nach Aloysia. Da verfinsterte sich Anton Pyrkers Gesicht. Er trank erst einen mächtigen Schluck aus seiner Flasche, dann sagte er, sie absetzend: »Muß sie halt gebunden halten wie ein Stück Vieh. Ihre fixe Idee wird s' nicht los. Nach dem kleinen Dirndl schielt's in einemfort hin, als ob's den Moment bloß ablauern wollt', wo sie ihm an den Hals kann. Ist ein grausiges Unglück mit dem armen Weib. Stiert dumpf und stumpf in die blaue Luft oder betet ihre Rosenkränz' ab, – das ist ihr ganzes Leben. Der wär's besser, sie wär' tot. Jetzt – wozu lebt's noch? Das ist kein menschliches Leben mehr.« »Was hat der Doktor Euch gesagt?« fragte Innocenz. Der Sägemüller lachte kurz auf. »Der? 's würd' halt einmal wieder anders werden, hat er g'sagt. Glaub's schon. Am Nimmermehrstag. Für die ist der Sepp zu spät g'storben. Was ist da zu tun?« Er zuckte die Achseln und schnitt mit dem Messer wieder in das Roggenbrot. – »Fleißig beten müßt Ihr, Sägemüller,« warf der Mönch ein, »fleißig beten! Es ist eine Strafe, die der Himmel Euch geschickt hat.« »Die Aloysia betet ja schon selber g'nug,« brummte Anton Pyrker kauend und warf dem Mönch einen finsteren Blick zu. »Verhext ist sie. Das ist's.« Innocenz sah Donata an, die es veranlaßt hatte, daß sie hier stehengeblieben waren, und sie gab ihm ein Zeichen, daß sie jetzt gehen wollten. So schieden sie mit einem Gruße, den die Männer schweigend mit einem Rücken ihrer Hüte erwiderten, und stiegen weiter bergauf. Nach einer Weile, als der Weg breiter geworden war und sie nebeneinander hergehen konnten, erzählte er ihr, was sie zur Aufklärung des Vernommenen wissen mußte, und sie hörte ihm stumm zu. Als er geendet hatte, blieb sie stehen und sagte: »Ich erinnere mich des wilden, scheuen Menschen noch sehr gut, der damals an uns vorüberstob, als ob er sich gehetzt glaubte. Ihm ist's gut geworden, daß er Ruhe gefunden hat, und dem armen Weibe wäre es auch gut, wenn sie diese Ruhe fände. Daß der Tod uns so oft Grauen und Entsetzen einflößt! Und doch ist er meist ein milder Erlöser, der alles ausgleicht und vieles wieder gutmacht, was Menschenwitz nie zu lösen und zu entwirren imstande wäre – vieles, vieles. – Man läßt es sich oft lange Zeit selber nicht träumen, wie vieles!« Innocenz schwieg, und sie stiegen weiter. Jetzt gelangten sie auf eine schmale Abdachung des Gebirgsstocks, durchwanderten ein kleines Zirbengehölz und standen plötzlich auf einer Felsplatte, die ihnen eine freie Schau mitten in das Reich der kulissenartig durcheinander geschobenen Dolomitenwände mit ihren Zinken und Kuppen, ihren Geröllhalden und Gletscherfeldern gewährte. Es war, als ob sich mit einem Schlage diese eigenartige Welt mit all ihren Zauberreizen und all ihren Todesschrecken vor ihnen auftun wollte. Innocenz war wie gebannt, er konnte nicht einmal einen Ruf der Bewunderung ausstoßen; diese gewaltige Öde und Größe der Natur schnürte ihm die Brust zusammen. Donata aber stand hart am Rande des furchtbaren Abgrundes, ohne mit einer Wimper zu zucken, mit einem Lächeln um die Lippen, das ihm Grauen einflößte. »Frau Gräfin,« brachte er endlich mühevoll hervor, »seien Sie auf Ihrer Hut! Das Gestein könnte unter der Wucht Ihres Körpers dort bröckeln, oder Sie könnten schwindelig werden.« Sie drehte ihm langsam zur Hälfte ihren herrlichen Kopf zu, und ein Blick voll lächelnder Verachtung des Lebens lag in ihren Augen. »Nun?« fragte sie gedehnt. »Und dann? Was dann? Für wen war' es ein Verlust? Was bindet mich an das Leben? Ich kenne nichts mehr, – nichts, – nichts.« »Gräfin!« »Entsetzt Sie das? Warum? Wir stehen hier so hoch über dem, was da unten an Lüge und Selbstbetrug wuchert, um sie alle wechselseitig zu verblenden und zu betören, wir stehen der großen, reinen, furchtbaren Natur so nahe Auge in Auge, daß der Phrasendunst, der uns da drunten alle umnebelt, verfliegt und wir das Kleinliche und Erbärmliche von uns abfallen lassen müssen, ob wir wollen oder nicht, um der Wahrheit in das steinerne Riesenantlitz zu blicken und Wahrheit zu geben, – uns und allen. Die Natur hat etwas so Bezwingendes in ihrer Großheit, wir schämen uns der Lüge vor ihr. Und sie hat auch etwas von der Meduse an sich; denn wir erstarren allmählich ihrer unnahbaren Furchtbarkeit gegenüber, und unsere Lippen verlernen das Lachen, – wir können uns nicht mehr tändelnd über die klaffenden Abgründe des Daseins hinwegscherzen wie vorher. Und ich sage Ihnen, Pater Innocenz, es kommt mir vor, als sei es das beste für mich, wenn nicht das einzige, was mir bleibt: die Tiefe da unten. Es gibt sonst keinen Frieden für mich mehr.« Sie brach mit einem kurzen Aufstöhnen ab, ohne im übrigen ihre Stellung zu verändern. Hoheitsvoll hob sich ihre herrliche Gestalt von dem lichtblauen Himmel ab, in dem rundum die Schroffen der Dolomiten sich in ihren wirr gezackten Formen emporreckten. Innocenz trat einen Schritt näher auf sie zu, und in dem ungeheuren Schweigen, das über dem Bergrund lag wie in fühlbarer Schwere, sagte er feierlich: »Wenn Sie Frieden suchen, gnädige Gräfin, ich kann Ihnen Frieden geben.« Nun flog ihr Antlitz vollends zu ihm herum, und ihre Augen loderten ihn an wie mit einem heiß aufzuckenden Hoffnungsstrahl, der aus ihrer Seele hervorbrach. »Sie? Wirklich? Endlich?« Sie stammelte es hervor wie berauscht, wie fassungslos, ihr Körper erbebte, ihre Arme lösten sich, es sah aus, als wollte sie in der nächsten Minute sie ihm entgegenstrecken. Ein schier überirdisches Leuchten lag auf ihrem Antlitz, und wie eine Verkörperung alles Holdesten und Köstlichsten, was die Erde bietet, stand sie vor dem Mönch da, und als brauchte er nur seine Hände zu erheben, so sei es sein eigen. Wie geblendet schloß er sekundenlang die Augen. Was war das? Er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen, ein Grausen packte ihn, eine furchtbare Angst, ein jähes Entsetzen. Hatte diese Frau nicht verstanden, was er sagen gewollt? Hatte sie den Mann sprechen hören, wo nur der Priester gesprochen hatte? Aber sie war ja eines anderen Mannes Gattin, und sie wußte, weshalb allein er sich in ihre Nähe gedrängt hatte, immer wieder drängen mußte! »Gräfin,« stotterte er in hilfloser Verwirrung, und seine Hände erhoben sich wie abwehrend, indessen ein fahles Blaß sein Antlitz überzog, »warum fragen Sie? Sie kennen den Frieden ja, den ich Ihnen spenden darf. Und ich sehne mich seit langem danach, daß die Stunde kommen möge, wo wir beide Gott in der gleichen Form anbeten dürfen. Dann erst wird der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, über Sie kommen!« Es war wie etwas Auswendiggelerntes, das er mit tonloser Stimme vor sich hinsprach, und noch immer bebte das Erschrecken vor dem Ungeheuerlichen, das er zu sehen, zu erkennen geglaubt, in ihm nach, zugleich mit einem herzzerpressenden Gefühl der Scham vor sich selbst darüber, daß er es geglaubt hatte. Mit Donata aber war eine jähe Wandlung vorgegangen. Sie starrte ihn an, während jeder Blutstropfen aus ihrem Gesicht gewichen zu sein schien, wie wenn sie eben einen Fremden sprechen gehört habe und nun darüber nachdenke, wie er hierher und an ihre Seite gekommen sei. Dann nickte sie vor sich hin, lächelte wie irr und sagte: »Ja, ja, freilich, freilich – ich vergaß. Das ist Ihr Frieden.« Dann wandte sie sich ganz langsam von ihm ab und blickte wieder schweigend und regungslos in die Bergweite hinaus. Es war Abend geworden; die Glut der sinkenden Sonne schimmerte nur noch auf den riesigen steinernen Pfeilern der Dolomiten, während drunten die Schluchten und Täler in abendschwarzen Schatten sich breiteten. Vom dunklen Grunde zogen die steilen Wände sich zu den sanft geneigten Almen hinein, die smaragdfarbig zwischen ihnen eingebettet lagen. Und darüber in gewaltiger Erhabenheit reckten sich die Kolosse, welche die Welt zu ihren Füßen zu beherrschen schienen; am majestätischsten trat unter ihnen die hohe Zinne hervor. Über den bewaldeten, schroffen Vorstufen, dem wirren Spitzen- und Kuppelgebilde der wild zerklüfteten Nachbarn, die bald grau, bald braunrot, bald grünlich schillernd, schneeumhängt oder kahl aufgerichtet sich zu ihnen emporhoben, in steilen Abstürzen oder in machtvoll hingelagerter Breite, riesigen Domen ähnelnd, erschienen die Zinken dieses Königs der Berge gleich flammenden Säulen, und die starren Felsmassen züngelten unter dem warmen Scheidekuß der Sonne wie Feuerbrände zum Himmel empor. Langsam, höher und höher, klomm die Schattenlinie die Berge hinan. Und nun begann ein unbeschreibliches Farbenspiel. Hier flammte eine Kuppe in feurigem Rot mitten unter lichtgelben Zacken, dort blinkten blendende Schneefurchen im Geklüft der orangefarbig glühenden Schroffen; schwarze Linien durchzogen das brennende Gefunkel hoher Felsspitzen, der Schatten wuchs gigantisch an aus der Tiefe, und endlich zeugten nur noch rötlich flammende Wölkchen um die höchsten Firnhäupter von dem Widerschein des sinkenden Tages. Schimmerlos standen plötzlich die kahlen Berge, in düsterer Blässe das graue Geschroff, leichenhaft fahl die Gletscherfelder und die Schneeflächen. Es war, als schämten sich die eben noch leuchtend prangenden Riesen jetzt ihrer armseligen Nacktheit, als schaure die ganze Natur fröstelnd zusammen. Stumm, ohne sich zu rühren, hatten die beiden dies Schauspiel sich vor ihren Augen abspielen lassen wie ein großes Erlebnis. Nun war es Innocenz plötzlich, als habe er eine Stunde unbenutzt vorübergehen lassen, in der er Bedeutsames hätte wirken und erreichen können, und als sei sie unwiederbringlich dahin und verloren. Denn als er etwas sprechen wollte, wandte ihm Donata ihr Antlitz zu, das ganz wieder das versteinerte Antlitz der Niobe geworden war, und dessen Augen nicht ihn und nichts Wirkliches zu gewahren schienen. »Lassen Sie uns gehen!« sagte sie mit der Stimme einer Fremden, »es ist alles vorüber.« Und sie gingen. Der Abend sank tiefer, kühl schauerte es aus den Gründen auf. Die beiden schritten rascher und rascher talab; es war, als ob sie vor etwas auf der Flucht wären. Gesprochen wurde nichts zwischen ihnen; das Schweigen, welches über dem bleich und geisterhaft aufragenden Gewirr der Dolomitzacken rings um sie her lag, wurde durch nichts unterbrochen als durch das dröhnende Kollern eines irgendwo abrollenden Felsgetrümmers, das Krächzen einer Zirbenkrähe oder den heiseren Beuteschrei des Bergfalken, der an den Schroffen entlang zu Horste strich. Und einmal setzte gerade vor ihnen ein mächtiger Hirsch über den Weg, warf sein ragendes Gehörn in den Nacken und verschwand unter den Tannen an der Bergschlucht. Plötzlich fiel es Innocenz schwer auf die Seele, daß er jetzt so nicht von der Frau gehen dürfe, die ihm heute selber gestanden, daß sie nach Frieden verlange; ihr diesen Frieden zu geben, war er unter die Dolomiten gesandt worden, und bis heute hatte er seine Aufgabe nicht gelöst, sein Ziel nicht erreicht. »Wann werden Sie mir sagen, wann Sie sich entschieden haben, gnädige Gräfin?« fragte er plötzlich. In ihrem Blicke, mit dem sie ihn ansah, lag etwas Verständnisloses, wie wenn seine Worte sie aus einer völlig anders gearteten Welt abberufen hätten, und als schritte sie nur wie eine Traumwandlerin ihm zur Seite. Dann begriff sie ihn aber doch, nickte vor sich hin und erwiderte: »Morgen! Morgen!« Es war, als ob sie etwas von sich abwehren wollte. »So soll ich morgen Ihre Antwort hören? Soll ich ins Schloß kommen, sie mir zu holen?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Dort!« Sie deutete mit der Hand in die Berge hinauf. »Wo wir heute standen?« fragte er, leise erbebend. »Das wäre ein Platz von übler Vorbedeutung,« versetzte sie sinnend, und ein sonderbares Lächeln umglitt ihre Lippen. Er verstand sie nicht. »Warum?« »Die Stelle heißt im Volke die Teufelskanzel.« Innocenz schwieg eine Weile betroffen. Dann sagte er mit ruhiger Entschiedenheit: »Allüberall auf Erden ist der Boden, den unsere Füße treten, Gott geweiht und Gottes eigen, Gräfin. Ihm verantwortlich sind wir auf jedem Fleck dieser Welt, wo wir stehen. Warum sollten wir nicht auch dort droben, angesichts seiner Wunder und seiner Schrecken, zusammen beten können?« »Sie haben recht,« erwiderte Donata, die das Haupt gesenkt hielt, »und doch – aber es sei darum! Wir wollen uns morgen um die dritte Nachmittagsstunde dort zusammenfinden. Es gibt von da einen Weg weiter hinauf bis an einen Platz vor der Steilwand, wo man nichts um sich her mehr gewahr wird von der Bergwelt, die da drunten vor uns aufgerollt liegt, sondern sich so völlig weltfern und weltabgeschieden vorkommt, als gäbe es niemals einen Weg mehr unter die Menschen zurück. Dort wird es gut sein.« Innocenz nickte zustimmend, während sein Herz rasch zu schlagen anhob, da er des morgigen Tages gedachte. Eine Zeitlang wanderten sie wieder stumm nebeneinander her, als Donata plötzlich fragte: »Glauben Sie an Vorahnungen, Pater Innocenz? Aber natürlich glauben Sie nicht daran. Es ist ein Überrest heidnischen Wesens, daran zu glauben, denn unser Geschick liegt in Gottes Hand, und Gott hält uns die Zukunft verschleiert. Nicht wahr?« »Weshalb fragen Sie das?« warf er überrascht ein. »Es ist seltsam,« fuhr sie in dem gleichen, nachdenklich-träumerischen Tone fort, ohne ihre Augen aufzuheben, und als spräche sie wider ihren Willen, einem geheimnisvollen Zwange gehorchend. »Als ich das erstemal in meinem Leben auf die Teufelskanzel kam – es sind nun fünf Jahre her, und Graf Alexander hatte mich dorthin geführt –, überlief es mich mit einem eisigen Schauer mitten in der hellen, heißen Sonne des Sommertages, und ich mußte unwillkürlich daran denken, daß der Volksmund sagte, in solchem Augenblick schreite einer über unser Grab. Und doch war die Welt damals heiterer als jetzt, und der Fernblick berauschte mich, da ich damals Ähnliches noch nie gesehen hatte, hier überhaupt zum ersten Male dieser eigenartigsten aller Alpenwelten ins Antlitz schaute. Und dann war ich vor zwei oder drei Jahren wiederum dort. Ich dachte an jenen ersten Eindruck gar nicht mehr, ein Zufall hatte mich hinaufgebracht. Und da – es war am hohen Mittag, und man hätte sagen können, das Mittagsgespenst gehe um durch das große Schweigen – sah ich mich plötzlich selber lang ausgestreckt auf der Felsplatte der Teufelskanzel liegen, ganz weißen Gesichts, starr und tot, – so deutlich, daß ich noch heute meine, ich könnte den Anzug beschreiben, den ich dabei trug. Dann hatte ich ein Grauen vor dem Platze, und seit ich damals wie einer, der einer großen Gefahr entronnen ist, von ihm geflohen war, mochte ich ihn nicht mehr betreten. Ich war nicht feig, ich bin auch sonst im Leben nie abergläubisch oder furchtsam gewesen, aber doch hielt mich ein geheimes Bangen immer davon zurück, wieder hinaufzugehen. Ich liebte das Leben – trotz allem. Ich hatte mein Kind, das mich mit ihm verknüpfte. Die ganze Todesbangigkeit der Kreatur war in mir. Heute kam mir's plötzlich, ich könne wieder hinaufgehen. Heute vermocht' ich's, und heute kam mir droben keinerlei Vision wieder. Es ist seltsam. Nur ein jähes, grundloses, sinnloses Glücksgefühl durchschauerte mich sekundenlang dort oben und war wieder erstorben. – Was sagen Sie zu dem allen, Pater Innocenz?« »Daß man keinerlei Gewicht auf dergleichen Ausgeburten unserer überreizten Nerven legen darf, Frau Gräfin! Die Schrecken der stummen Bergwelt, die sich dort oben so überwältigend auftun, spiegelten sich Ihnen, ohne daß Sie es wußten, in einer grausigen Vision wider, während Ihre Augen nur die Wunder gewahrten und Ihre Seele sich allein mit diesen beschäftigen wollte. So allein läßt sich erklären, was Ihnen unerklärlich erscheint.« Er sagte dies mit einer gewissen Hast und fügte noch lächelnd hinzu: »Und Sie sind heute trotz Ihrer Waghalsigkeit unversehrt von der Teufelskanzel herabgestiegen, haben sogar den Mut gefunden, morgen das gleiche tun zu wollen.« »Sie glauben also nicht an ein Hineinragen des Übernatürlichen in unsere Sinnenwelt, Pater Innocenz?« »Ich glaube, daß wir an jedem Orte und zu jeder Stunde in Gottes Hand sind, Frau Gräfin.« Schweigend legten sie den Rest ihres Weges zurück, bis ihre Pfade sich trennten. Die Nacht war hereingebrochen, als sie Abschied nahmen. XI Innocenz hatte, solange er im Pfarrhause zu St. Ulrich auf der Lahn heimisch war, noch nie einen Brief erhalten. Um so mehr erstaunte er, als ihm am nächsten Tage ein solcher um die Mittagsstunde durch den Postboten ausgehändigt wurde, der dreimal in der Woche den brieflichen Verkehr zwischen den beiden Alpendörfern und der übrigen Welt vermittelte. Wer konnte ihm zu schreiben haben, nachdem das Kloster ihm durch das an den Pfarrer Antholzer gerichtete Schreiben seine Instruktionen erteilt hatte? Mit dem Klostersiegel war der Briefumschlag zwar geschlossen, und auch der Poststempel wies auf Greifenburg als den Aufgabeort des Schreibens hin, aber die Aufschrift selber rührte nicht von der Hand des hochwürdigen Abtes, sondern trug die seltsam verschnörkelten Züge des greisen Bruders Benedikt. Was mochte ihm der Alte, den Innocenz vor allen anderen Klosterbrüdern geliebt, und der sich ihm von jeher als ein wahrer Vater erwiesen hatte, mitzuteilen haben? Hastig erbrach er den Umschlag und las:   »Geliebter Bruder! Ohne Auftrag dazu erhalten zu haben und sogar ohne Vorwissen unseres hochwürdigen Abtes schreibe ich Dir, einzig getrieben von meiner großen Liebe zu Dir, von meiner schweren Besorgnis um Dich und von dem Verlangen beseelt, Gefahren von Deinem Haupte abzuwenden, die Dir etwa drohen möchten, und alles in einer Gott, dem Herrn, wohlgefälligen Weise zu ordnen. Geliebter Bruder! Du weißt nun längst, daß Du zu Sankt Ulrich weilst, um die Gräfin Donata Karditsch zu unserem allerheiligsten Glauben zu bekehren, und der Herr, unser Gott, möge geben, daß Du Dein herrliches Ziel erreichest. Meine Seele aber ist bange und schwer, weil dies heute noch nicht geschehen ist, denn Du weißt nicht, geliebter Bruder, weshalb die Wahl gerade auf Dich gefallen ist, als es sich darum handelte, eine Ungläubige in den Schoß unserer heiligen Kirche zurückzuführen, und der hochwürdige Abt hat es Dir nicht zu wissen gegeben. Ich aber glaube – und Gott verzeihe mir's, wenn es eine Sünde ist, denn ich begehe sie nur in der besten Absicht und um einen Priester des Herrn und Jünger unseres heiligen Ordens vor Furchtbarem zu bewahren – Du mußt es wissen. Der Sehende schützt sich leichter vor drohenden Gefahren als der Blinde. Die Wahl ist auf Dich gefallen einzig und allein, geliebter Bruder, um deswillen, weil Gott Dich mit einer stattlichen Jünglingsgestalt und einem gar wohlgebildeten Äußeren begabt hat, wie es den Menschen und vor allem den Weibern wohlgefällt. Man hat Dich ausersehen, weil Du unter allen mit körperlichen Vorzügen reich begnadet worden bist und als ein Vorbild wahrer Mannesschöne das Kleid Sankti Benedikti trägst. Denn nachdem verschiedene Diener des Herrn, die nicht nur glaubenseifrig und voll heißen Strebens waren, sondern auch über eine ungewöhnliche Rednergabe und ein einschmeichelndes Wesen verfügten, welches schwankende und im Dunkel unsicher umhertastende Gemüter gar wohl gewinnen und bestimmen konnte, keinerlei Einfluß auf die Gräfin zu üben vermocht haben, dieselbe vielmehr in ihrer trotzigen Ungläubigkeit verharrt hat, ist man zu der Überzeugung gelangt, daß nur durch die Sinne auf dieses Weib einzuwirken ist, und daß man sie in Leidenschaft müsse entflammen lassen zu demjenigen, der sie bekehren will, also daß er Macht über sie habe und sie willenlos seinem Gebote folge. Denn es kommt nicht so sehr darauf an, weshalb dies Weib sich bekehrt, als vielmehr darauf, daß es es tut; denn es sind große Interessen dabei im Spiele für die heilige Kirche und unsere Abtei im besonderen, ganz abgesehen davon, daß Gott und die Jungfrau ihr Wohlgefallen haben an jedem reuig zur Herde zurückkehrenden Schafe. Der Graf Karditsch hat solchem Plane, der ihm unterbreitet worden, denn auch seine Zustimmung nicht versagt, sondern denselben ausdrücklich als einen wohlersonnenen gebilligt. Die Ehe zwischen diesen beiden Menschen scheint keine zu sein nach dem Willen Gottes, sondern ist nur eine traurige Scheinehe, und steht zu hoffen, daß auch hierin ein Wandel eintrete, sobald die Gräfin den Glauben ihres Gatten angenommen hat, weil jetzt die Verschiedenheit ihres religiösen Lebens sich gleich einer trennenden Wand zwischen ihnen aufrichtet. Der Graf ist ebenfalls der Ansicht gewesen, daß es nicht allzu schwer sein werde, die Gräfin, die eine sensitive Natur voll heimlicher Leidenschaftlichkeit sei, durch ein engeres und längeres Beisammensein mit einem Diener Gottes, gleich Dir, allmählich zu entflammen, um sie so durch sinnliches Erglühen für den Verkündiger der Heilslehre und auf dem Wege der mystischen Verzückung gewissermaßen dem alleinseligmachenden Glauben zuzudrängen, ohne daß sie selber sich dessen bewußt wird und so, daß sie selber endlich nicht anders mehr kann. Nun ist auch solch ein Weg der Bekehrung, zumal die anderen, welche man eingeschlagen, fehlgingen, sicherlich wohl zu rechtfertigen, und die Natur der zu Bekehrenden verlangt ihn so. Aber, lieber Bruder, für Dich erwächst hieraus zugleich eine schwere Gefahr, und ich bin in meinem Gewissen aufs höchste beunruhigt, zu denken, daß man Dich ungewarnt ließ, und kann nicht anders meiner Angst und Sorge Herr werden, als daß ich mich durch eindringliche Mahnungen und inniges Bitten an dich davon zu entlasten suche. Jeden Tag erwartet der hochwürdige Abt Deine Meldung vom Gelingen Deines Vorhabens und ist über die Verzögerung höchlichst ungehalten, zumal die Gräfin durch den jähen Tod ihres einzigen Kindes noch besonders für die Konversion vorbereitet und bestimmt erscheinen muß. Für mich selber aber erwächst nur mit jedem neuen Tage, welcher Dich der Gefahr aussetzt, die Bangigkeit, und ich finde nachts keinen Schlaf mehr, weil mich Schreckbilder furchtbarster Art heimsuchen. Geliebter Bruder, laß Dich warnen und höre auf meine Stimme, daß sie nicht gleich der eines Predigers in der Wüste verhalle. Du bist jung und unerfahren, lieber Bruder Innocenz, Du weißt nichts vom Weibe. Dessen Ränke und Listen aber sind groß, und wie durch das Weib die Erbsünde in die Welt gekommen ist, so darf man sagen, daß kaum ein Übel und Unheil in der Welt ersteht, das nicht vom Weibe herrühre. In wie grauenvollen Gefahren schwebst Du nun ahnungslos, geliebter Bruder, wenn Du zu einem häufigen Beisammensein mit dieser Frau verurteilt bist, auf welche der Zauber Deiner Persönlichkeit in erster Linie und dann erst das Wort Gottes, das Du predigst, Macht ausüben soll. Man sagt mir, daß das Weib schön sein soll wie die Sünde, die uns auch nur verlockt durch ihr gleißendes Äußeres, innen aber abscheulich ist. Da Du nun keinen Schirm und Schutz sonst besitzest, und Dein Blut noch heiß ist, geliebter Bruder, kasteie Dich doch ja fleißig, auf daß Du nicht in Anfechtung fällst! Will aber die gräßliche Versuchung schon Herr über Dich werden, so fliehe lieber und laß Deine Aufgabe unerfüllt, als daß Du an Leib und Seele rettungslos verdirbst, und wenn Du wegen Deines Ungehorsams von dem hochwürdigen Abte schwer gestraft werden solltest, so erdulde schweigend diese Strafe; besser so, als daß Du in den Pfuhl der Sünden gerätst, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt, sondern in dem man erstickt, um in die ewige Verdammnis einzugehen. Ach, lieber Bruder Innocenz, wie ist mein Herz schwer um Dich und meine Sorge so groß! Möchte doch alles nur Hirngespinst sein, die mich plagen und martern! Weshalb aber bist Du noch nicht am Ziele, wenn nicht dies gefahrvolle Spiel mit der Sünde und der Anreiz Deiner Eitelkeit Dich verlocken und Dir gefallen? Wenn ich denke, wie furchtbar schon alles geworden sein kann, sträubt sich mir das Haar, und ich möchte mir die Nägel meiner Hände ins Fleisch krallen vor Schmerz. Weshalb habe ich auch nicht eher gesprochen! Aber selbst jetzt handele ich ja ohne Zustimmung des Hochwürdigen! Und noch mehr muß ich Dir sagen, geliebter Bruder, weil es mir dazu helfen wird, Dich zur Umkehr zu bewegen, so Du schon zu weit gegangen bist, oder Dich vor dem Straucheln zu bewahren, so Du noch rein bist. Du bist ein Kind der Sünde, und man hat Dich Gott und dem Heilande geweiht, auf daß Deiner Eltern schwere Missetat gesühnt werde. Nun ist es eine feststehende, schreckliche Tatsache, die auch von gelehrten Männern wissenschaftlich zu begründen versucht worden ist, die aber jedenfalls von Gott gewollt zu sein scheint, daß in solchen Kindern der Sünde der sündige Trieb noch stärker ausgebildet ist als in allen anderen Staubgeborenen, und daß sie den Eltern nachzuarten drohen, weit mehr, als Kinder der Sitte ihren ehrenhaften Erzeugern. So ist denn die Gefahr bei Dir auch doppelt groß. Und nicht genug hiermit: es ist von Schloß Peutelstein her schon einmal einem Priester unseres heiligen Glaubens Furchtbares widerfahren, und die Versuchung, die seiner dort lauerte, und der er schließlich zum Opfer fiel, brachte ihm zeitliches und ewiges Verderben. Das weiß ich von dem ehrwürdigen Pater Pius, welcher mir ein lieber Bruder und treuer Freund ist. Der Herr also sei stark in Dir schwachem, jungen Diener seines Wortes, damit Dir alle Anfechtung erspart bleibe! Und wenn Du dies schöne Weib, dessen Seele es zu retten gilt, endlich wirklich in sündiger Liebe heiß zu Dir entbrannt siehst – geliebter Bruder, ich beschwöre Dich bei unserem Herrn und Heiland und bei seinem unschuldig für uns vergossenen Blute: laß Dich dann nicht befriedigte Eitelkeit anwandeln oder sündhaftes Gelüst oder sonst irgendeine andere unheilige Regung, die wie ein Rausch über Dich kommen könnte und Dich mit fortrisse in Taumel und Sünde! Nein, sei dann stark, mein lieber Bruder, stark wie ein Geweihter des Herrn sein muß, und denke nichts anderes, als daß solches hat einzig und allein zu dem Zwecke geschehen dürfen und müssen, daß Du Macht über dieses sündigen Weibes Seele gewännest, und sie Dir nun blindlings gehorchen soll, und Du sie dem heiligen Glauben unserer Kirche zuführen darfst auf dem Wege der irdischen Liebe und über sie hinaus zur himmlischen, die da selig macht. Geliebter Bruder! Wenn jene Stunde da ist, wird es die schwerste und schreckenvollste für Dich sein im Leben, denn gewaltig in ihr wird die Versuchung sein, die über Dich herabkommt gleich einem Feuer vom Himmel, und wehe Dir, wenn sie Dich schwach findet, in geschmeichelter Eitelkeit und selbstgefälliger Verblendung! Aber sie wird auch die herrlichste und gesegnetste Deines ganzen Lebens sein, denn in ihr wirst Du Dich erweisen können als ein den Weltlüsten trotz seiner jungen Jahre wahrhaft abgestorbener Jünger der Kirche, der nur ihr mit jedem seiner Blutstropfen und mit jedem Herzschlage dient. Blicke auf das Kreuz, viellieber Bruder! In diesem Zeichen wirst du auch in jener furchtbarsten Stunde siegen. Und das ist's, worum ich Dich anflehe: sei in dieser Stunde, die da kommen wird und bald kommen wird, ein Priester und ein Mönch, aber sei kein Mann! Dann wird Dein Ruhm vor Gott und vor Deinen Oberen groß sein und Dein eigenes Herz wird Ruhe finden. Lieber wälze Deinen nackten Leib in den Dornen, wie unser großer Heiliger tat, wenn die Versuchung ihm nahte, als daß Du ihr feige erliegest und Dir dabei einbildest, es sei nicht anders möglich gewesen, und kein Mensch könne anders. Du bist kein Mensch, geliebter Bruder, Du bist ein Jünger des Ordens Sankti Benedikti, das ist mehr, und deshalb mußt Du auch mehr können als ein Mensch. Und das ist's, was ich Dir in heißem Flehen und inständiger Dringlichkeit ans Herz legen wollte, das ist's, weshalb ich dies Schreiben an Dich richte. Wenn die Stunde da ist, gedenke Deines greisen Bruders Benedikt zu Greifenburg und gedenke seiner Worte an Dich! Der Herr sei mit Dir und erleuchte Dich, er mache Dich stark und gebe Dir seinen Frieden! Amen, lieber Bruder! Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit! P. Benedikt.«   Innocenz hatte das Schreiben mehrmals hintereinander gelesen, dann brach er mit einem Stöhnen zusammen, faltete die Hände und stammelte, auf den Knien liegend: »Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Das also war's! Deshalb hatte man ihn hierher gesandt! Nun freilich begriff er alles. Und mitten in seinen seelischen Qualen brach ein Lachen von seinen Lippen, vor dem er selber erschrak. Mehr als ein Mensch sollt' er sein, schrieb ihm der greise Bruder in seiner naiven Herzenseinfalt und seinem unverbrüchlichen Klosterglauben – mehr als ein Mensch! Gab es denn noch etwas Höheres und Größeres, als ein Mensch zu sein? War denn das von Gott gewollt, daß Priester, Ordensbrüder keine Menschen mehr waren, daß alles, was sie dachten und taten, in unversöhnlichen Widerspruch trat zu dem rein Menschlichen, dem Natürlichen und darum doch auch Wahren? Unmöglich! An diesem Widerspruch war er schon unzählige Male während seines hiesigen Wirkens gescheitert, daran würde er zugrunde gehen. Und abermals las Innocenz das Schreiben. Dann zerriß er es in hundert kleine Stücke und warf sie zum Fenster hinaus, wo der Wind sie aufwirbelte und davontrug. Ein schwermütiges Lächeln glitt um seine Lippen. »Gutmütiger, besorgter Alter!« dachte er, »um mich kannst du ruhig sein. Dieser Versuchung erlieg' ich nicht, und du kennst die andere nicht, die mir drohen könnte. Aber begreifst du nicht, begreift ihr alle denn nicht, daß ihr ein furchtbares, frevelhaftes Spiel treibt? Daß ich nun, nachdem ich alles weiß, diese Bekehrung, um derentwillen man mich hierher geschickt hat, nicht mehr als ein heiliges, sondern ein unwürdiges und verbrecherisches Werk betrachten muß? Wer gab euch das Recht dazu, das von mir zu verlangen und mich so wider Wissen und Wollen zu eurem Mitschuldigen daran zu machen? Ich will es nicht sein, ich weise jede Mitwirkung daran von mir. Und das sollte zum Heil unserer Kirche sein und zur Ehre unseres Gottes geschehen, daß ihr in einem Weibe die sündige Liebe zu einem Priester zu entflammen sucht, damit diese sie zur Bekehrung treibt? An solchem unsühnbaren Frevel will ich keinen Teil haben. Eher werfe ich dieses Gewand von mir, das mich dazu zwingen könnte, und kündige euch den Kadavergehorsam auf, den ihr verlangt und zu fordern berechtigt seid! Denn das, was ihr getan und gewollt, ist ein Vergehen wider alles göttliche und menschliche Recht, und eine Bekehrung, auf solchem Wege erreicht, mag den äußerlichen Interessen der Kirche vielleicht dienen, aber Gott wohlgefällig ist sie nicht, und für den Sieg unserer guten Sache beweist sie wahrlich nichts. Zum Gaukler und Betrüger habt ihr mich gemacht, ohne daß ich es wußte und wollte, und wenn die Herzenseinfalt dieses Greises mir nicht das schlaue Gewebe verraten hätte, das ihr um mich spannt, wäre das Furchtbare vielleicht geschehen, ahnungslos von mir vollbracht worden. Jetzt aber, in der letzten Stunde, zerreiße ich es und nehm's als ein sichtbares Zeichen des Himmels, daß ich es noch darf, daß er mir die Gelegenheit und die Macht dazu zeigte! Den Gott, der mir das gewährt, verehr' ich anbetend im Staube – euren Gott aber verwerf' ich. Einen Gott, der solch einen Frevel duldet oder gar gutheißt und befiehlt, will ich von dieser Stunde an nicht mehr bekennen und ihm nicht mehr dienen in blindem Gehorsam. Es ist kein guter und kein gerechter Gott. Ein Götze ist es, den ihr selber euch geformt habt nach eurem Bilde, aber kein übermenschliches, allgütiges und allgerechtes Wesen. Ich sage mich von diesem Gott der Priester und der Klöster los – bekenne mich allein zu dem Gotte, der da die Wahrheit ist, zu Donatas Gotte!« Er war wie außer sich geraten, das Blut raste in ihm und drängte in mächtigen Wogen zu seinem Gehirn herauf. Seine Schläfen hämmerten und zuckten. Vor ihm wallte alles wie in einem gestaltlosen Nebel durcheinander, er unterschied nichts mehr klar, es war ihm, als bräche und sänke jählings um ihn her zusammen, was bis dahin ihm als fest und heilig und groß, als unumstößlich und unangreifbar gegolten hatte. Er begriff nicht, daß es nur dieses letzten Anstoßes mehr bedurft hatte, um das längst durchlöcherte und unterhöhlte Gebäude seines Glaubens, an dem die rastlosen Zweifel genagt und dem die Erfahrungen des Lebens den Grund zerwühlt hatten, zusammenstürzen zu lassen; daß er bis heute nur noch in schwacher, feiger Angst sich wie ein von allen Seiten gehetztes Wild in das Dickicht geflüchtet und dort versteckt gehalten hatte, um den Todesstoß noch eine Weile hinauszuzögern und sich inzwischen sicher zu wähnen, statt mutig vorzubrechen und selber in kühnem Ringen ein Ende zu machen. Er war schon lange nicht mehr der blindgläubige Sohn der Kirche und der begeisterte, überzeugte Anhänger ihrer Glaubenssatzungen und Vorschriften – das, was er gesehen und erlebt, hatte seine Seele im Innersten gewandelt, und statt die Gräfin Donata zu seiner Religion zu bekehren, hatte sie selber ihn allmählich ohne ihr Wissen und Wollen zu ihren eigenen Anschauungen zu bekehren begonnen; – aber immer noch hatte er mit zäher Willenskraft an dem festgehalten, was ihm das Unwandelbare und Unantastbare gewesen war, an dem Glauben, in dem man ihn auferzogen, zu dem man ihn geweiht hatte, ohne den er sich das Weiterbestehen der Welt nicht zu denken vermochte. Nun plötzlich, wo er die Aufgabe, zu deren Erfüllung man ihn hierhergesandt, als tief unsittlich, als ein frevles Spiel mit dem Heiligsten erkennen mußte, bäumte sein innerstes Empfinden sich dagegen auf, noch länger auf die Satzungen einer Kirche zu schwören, die das von ihm verlangen durfte, der er das in wortlosem Gehorsam leisten mußte, wenn anders er noch ihr Knecht war. Nein, nein und wieder nein! Er wollte es nicht. Und er wollte nicht mehr einer Kirche angehören, deren Gebote denen des Menschenherzens Hohn sprachen, die unter dem Deckmantel der Religion Verbrechen beging, die Ehre Gottes zum Aushängeschild für ihre gemeinen, weltlichen Interessen benutzte, und deren Priester der Versuchung und Sünde erbarmungslos in die Arme getrieben wurden. Kein Wunder, daß das fromme, strenggläubige, fanatische Volk dieser Berge, das sich dem Priester, wenn er in der Kirche oder draußen seiner heiligen Ämter waltete, in Ehrfurcht und Ergebenheit beugte, ihn als Menschen verachten gelernt hatte. Er, Innocenz, war von diesen Priestern keiner mehr, wollte keiner mehr sein. In der furchtbaren Erregung, die sich seiner bemächtigt hatte, wollte er gleich jetzt ins Tal hinabsteigen, nach Kloster Greifenburg pilgern und vor den Abt hintreten, um ihm zu sagen: »Nimm dieses Ordenskleid von mir, das meinen Schultern zu schwer geworden ist, und löse mich von meinen Gelübden, die ich nicht mehr halten kann! Ich gehöre nicht mehr zu euch, ich kann der Kirche nicht mehr dienen, die von mir fordert und fordern darf, was mein Kopf verwirft und mein Herz verabscheut. Ich will nicht heucheln und will nicht mit dem Brandmal einer ewigen Lüge auf der Stirn weiterleben. Darum gib mich frei und laß mich ziehen, damit ich fortan mir mit meiner eigenen Hände Arbeit mein Brot verdiene, statt mein Leben zu vergeuden in müßigem Gebet und Beschaulichkeit, und meinem Gott diene auf meine Art!« So wie er da ging und stand, wollte er aus dem Hause stürmen; da erst gedachte er daran, daß Donata ihn droben auf der Teufelskanzel erwarte, und daß es um die Zeit sei, wo er die Wanderung dorthin antreten müsse, um sie zu finden. Ein bitter-hohnvolles Lächeln glitt um seine Lippen, als er sich dessen erinnerte. Er strich sich ein paarmal über die perlende Stirn hin. Es war ihm, als müsse er erst einen Schleier verscheuchen, der da vor seinen Augen hing. Das war wahrlich die rechte Stimmung, zu Donata zu gehen, um jetzt von ihren Lippen zu hören, wie es um ihren heißen Drang nach dem wahren Glauben stand! Ihr Kind hatte man zugrunde gehen lassen, um ihr Herz weicher und des Trostes der allein wahren Religion bedürftiger zu stimmen; einen Priester hatte man ihr gesandt, der ihr in der einsamen Öde des Hochgebirges als Mann hatte die Sinne entflammen und begehrlich machen sollen – alles zur höheren Ehre Gottes oder doch, damit Graf Alexander Karditsch nicht um sein reiches Erbe und das Kloster Greifenburg nicht um seinen Lohn und Gewinn kam! Und nun sollte er gehen, um als ein begeisterter Verkünder seiner Glaubenslehre dem armen, betrogenen Weibe das Bekenntnis abzunehmen, daß sie sich bekehrt hatte, daß sie von der Heilswahrheit der Religion durchdrungen sei, deren Priester er war! Gab es einen schneidenderen Widerspruch, einen blutigeren Hohn? Aber immerhin. Er würde gehen, und er wollte sie anhören. Nur daß er ihr auch Antwort geben würde – keine Antwort, wie sein Priestereid und seine Gelübde sie ihm vorschrieben, sondern eine, wie sie sein eigenes Herz, wie sie sein menschliches Empfinden, wie sie seine heilige Empörung über ein unheiliges Gaukelspiel, das man mit ihr und ihm getrieben, ihm auf die Zunge legen würden, und dann mochte es kommen, wie es mußte, dann war er frei, kein Mönch mehr und kein Geweihter der Kirche mehr, sondern ein Mensch, der sich frei und selbstverantwortlich zu seinem Gotte bekannte, und vor ihm lag das Leben! Innocenz stürmte wie auf der Flucht befindlich aus dem Hause. Drüben vor der Sägemühle gewahrte er einen Menschenauflauf, man drängte und stieß sich dort, angstvolle, erschrockene und neugierige Gesichter waren dem Innern des Hauses zugekehrt. Innocenz wollte teilnahmlos daran vorüber. Was würde denn auch geschehen sein? Wahrscheinlich wollte man das unglückliche Weib sehen, das wie ein Stück Vieh gebunden werden mußte, um nicht in religiösem Wahnsinn sein eigenes Kind umzubringen, das sie als Engel durch seine Fürbitte vor den Flammenqualen der Hölle erretten sollte. Auch ein Opfer dieser Religion, deren Diener und Verkündiger er war! Was kümmerte das alles ihn noch? Er mußte vorüber – vorüber –. »Hochwürden! Hochwürden!« Der wilde Xaverl war's, der es rief, und Innocenz wandte sich grüßend zu ihm. Der Senn trug seine mächtige, flache Holzbutte auf dem Rücken und mochte eben von der Alm herabgestiegen sein oder dorthin zurückwollen. »Ich habe Eile. Was willst du?« fragte Innocenz, als Xaverl ihn mit verstörtem Gesichtsausdruck ansah. »Wißt Ihr's denn schon, Hochwürden?« Der Senn atmete noch knapper als sonst. »Was soll ich wissen?« »Daß die Sägmüllerin ihr Kind umgebracht hat! Ihr eigenes Kind!« Innocenz erschrak nun doch. »Wie ist das möglich? Sie war doch gebunden?« »An Händen und Füßen,« bestätigte der Senn. »Auf dem Boden hat sie sich hing'wälzt wie ein Tier bis ans Bett der Kathi, und dann hat sie sich über das Kind g'worfen und hat's so lang' niederg'drückt in die Kissen mit ihrem ganzen Leib, bis das Dirndl erstickt g'wesen unter der Last. Kein Mensch hat's gemerkt g'habt, bloß das andere Kind hat in der Wiegen dabeig'legen und hat g'schlafen. Die Leut' waren alle aus'm Haus, und bloß der Hamerl draußen beim Mühlrad. Als er in die Stub' 'kommen ist, hat die Sägmüllerin am Boden g'legen vor dem Kindsbett und hat mit lauter Stimm' gebetet; und als er das Kind g'sehen hat, das ganz blau im G'sicht war und gar kein' Atemzug mehr g'tan hat, hat er g'schrien: ›Jesses Maria und Joseph, Sägmüllerin, was habt Ihr g'macht?‹ Da hat sie ihn ganz freundlich ang'schaut mit hellen, fröhlichen Augen und hat g'sagt: ›Nun bin ich glücklich, nun wird mein' Kathi mich freibitten von den ewigen Flammen!‹ Und ganz verklärt und ganz ruhig ist sie seitdem, was man auch zu ihr red't. Heilige Mutter Gottes, welch eine Sach', Hochwürden, welch eine Sach'!« »Das sind alles die Früchte unserer heiligen Religion!« sagte Innocenz mit einem irren, stieren Blick. Der wilde Xaverl verstand ihn nicht. »Und der Sägmüller,« fuhr er fort, »hat sein Weib niederstechen wollen, als er heim'kommen ist. Ein' furchtbar'n Aufstand hat's 'geben, gerad' ein' furchtbar'n. Mit dem Messer ist er auf sie los in seiner greulichen Wut und g'schimpft hat er gott'slästerlich auf die Heiligen im Himmel und die Priester auf Erden. Wann der Hamerl ihm nicht das Messer wegg'rissen hätt', ich weiß halt nicht, was g'scheh'n wär'. Ein' Mord hätt's geb'n, denk' ich, und war an dem einen doch wohl g'rad' g'nug. Und dann hat der Hamerl dem unsel'gen Weib die Stricke auf'knüpft, und dann hat's sich so ruhig und ordentlich gebärdet, als wär's wieder die Sägmüllerin von früher, hat ganz still dag'sessen und ist freundlich und gut g'wesen. Und jetzt, wie sie zu beten anfangen, betet sie mit, kniet nieder, gerad' neben ihrem Mann, der von ihr wegg'rückt ist, als wenn sie ein ekelhaftes Tier wär', und ist wie eine G'sunde. Betet für die arm' Seel' von ihrem Kind, das sie selber umg'bracht hat, Hochwürden! Was man nicht erleben muß in derer wunderlichen Welt. Horcht nur einmal, sie. betet mit!« Und Innocenz vernahm wieder einmal aus dem Innern der Sägemühle die starken, harten Töne eines gemeinsamen Gebets, das nach der Art dieser Bergbewohner herausgestoßen wurde wie ein Kommando. Hamerl betete vor und die anderen fielen ein. Und vor dem Hause hatte die neugierig drängende Menge sich gleichfalls aufs Knie geworfen und bekreuzigte sich und betete mit. »Heilige Jungfrau Maria, bitt' für uns!« klang es in allen Tonarten herüber. Innocenz wandte sich ab. Er rief dem wilden Xaverl ein Lebewohl zu und hastete weiter. Welchen Teil hatte er noch an diesen Menschen? Wozu hätte er sich unter sie mischen sollen? Das Kind konnte er nicht mehr zum Leben erwecken, das der blinde Fanatismus gemordet hatte, und ihren Trost fanden diese alle ja in ihrem Gebet ohne eines Menschen Hilfe. Vorüber also, vorüber! Die Gedanken wogten und wühlten unablässig in seiner Seele, während er bergauf stürmte. Was werden sollte, bedachte er nicht. Was kam auch darauf an? Was geworden war, beschäftigte und erfüllte ihn ganz allein. Und dann durchströmte es ihn plötzlich mit heißer Sehnsucht nach Filomena. Sie war ihm die Verkörperung des Friedens, nach welchem er jetzt das innigste Verlangen trug. Er hätte die Arme nach ihr ausbreiten mögen in die leere Luft. Immer war es ihm, als müsse ihre anmutige Gestalt ihm auf dem schmalen Felssteige entgegenkommen, hinter jeder Bergecke sah er sie auftauchen, und er meinte, je höher er stieg, desto näher komme er ihr, und sie werde zu ihm alsbald herabwandeln wie ein himmelentstiegener Sendbote, mit dem Palmenreis in der Hand, um ihm Erlösung zu verkündigen, Erlösung und Frieden. Und wenn es das letztemal war, daß er in diese Berge hinaufstieg, und er käme niemals lebend mehr von ihnen herab, so wollte er wenigstens noch die eine große und freie Tat begehen, zu der sein ganzes Inneres ihn jetzt gebieterisch hindrängte, und die ihm eine Sühne erscheinen würde für alles, was er bis dahin gefrevelt gegen den heiligen Geist der Wahrheit. Als er nach rastloser Wanderung die Teufelskanzel erreichte, fand er die Gräfin noch nicht dort vor. Der Spätsommertag lag mit gleicher, fast wolkenloser Klarheit über der gewaltigen Bergwelt, wie gestern leuchteten jede Rille im Gestein, alle Schründe und Schroffen der Steilwände stark erkennbar herüber, die Gletscherfurchen schimmerten bläulich, und in reizvoll wechselnden Farbenabstufungen schoben die zackigen Dolomiten sich ineinander. Alles, wie es gestern auch gewesen war. Und doch, wie anders als gestern! Was lag zwischen dem Gestern und diesem Heut! Innocenz beugte sein Knie und betete hier oben angesichts aller Schönheit und aller grausigen Schauer der Natur. Er konnte noch beten. Nicht zu dem Gotte, dem er sich einst in blinder Unterwürfigkeit, ohne zu wissen, was er tat, am Altar zugeschworen, und dem er bis heute gedient hatte im Meßgewand, beim Weihrauchduft in leeren Formen und hohlen Satzungen, welche eine gedankenlose Menge gedankenlos nachgebetet, sondern zu dem, der aus dem Klopfen des eigenen Herzens wie aus den tausend Wundern und Schrecken der schaffenden Natur mit vernehmbarer und gewaltiger Stimme zu ihm redete. Und diesem Gotte wollte er dienen und treu bleiben bis zum letzten Atemzuge seiner ringenden Brust. Als er sich erhob, stand Gräfin Donata vor ihm. Er hatte sie nicht kommen hören, und sie hatte, um ihn nicht zu stören, ihre Anwesenheit durch kein leisestes Geräusch verraten. Nun ruhten ihre Augen forschend auf ihm. Er aber schlug die seinen nicht nieder und zeigte keinerlei Scham, Verlegenheit oder Überraschung, sondern begrüßte sie mit ruhiger Sicherheit. Sekundenlang lag ihre Hand in der seinen, dann fragte sie: »Wollen wir hinauf?« und als er zustimmend den Kopf neigte, schritt sie ihm voran. Hektor, der jetzt aus der Tiefe auftauchte, wo er bis dahin einem waidwunden Hirsch nachgespürt hatte, trottete neben ihr her. Innocenz folgte langsam. Der Weg war steil und schmal, immer zur Seite drohte ihm der Abgrund, in den ein einziger Fehltritt den Wanderer unweigerlich hinabstürzen mußte. Das war ein Kletterpfad, den Gemsjäger in das bröckelige Kalkgestein eingehauen hatten, und der einen schwindelfreien Kopf und ein scharfes Auge verlangte neben einem sicheren Schritt. Innocenz mußte ein paarmal mit der Hand sich gegen die Felswand stützen, weil es ihm schwarz vor den Blicken wurde. Donata dagegen schritt vorauf, ohne zu rasten oder zu zögern. Einmal blickte sie sich nach ihm um, wie wenn sie ihm Mut zusprechen wollte. Da schämte er sich seiner Schwäche und stieg ihr rüstig nach. Lange hätte er es jedoch trotz aller seiner Willensanstrengung nicht vermocht, und er atmete erleichtert auf, als Donata ihm zurief, sie seien schon angelangt. Der Weg war nur kurz gewesen und allein seine Beschwerlichkeit hatte ihn lang erscheinen lassen. Nun hatten sie eine schmale Felsabdachung erreicht, auf der sie sich plötzlich wie in eine andere Welt versetzt sahen. Während des Steigens war, ohne daß sie es gemerkt hatten, die Bergwelt hinter ihnen versunken. Sich schroff vorschiebende Wände verdeckten sie vollständig, und man gewahrte nichts weiter, als gerade zu ihren Füßen die Teufelskanzel; es war, als sei darüber hinaus und darunter alles in Nebel niedergetaucht, der Fernblick fortgelöscht, die übrige Welt entschwunden. Es war ein Platz, an dem man die Hochgebirgseinsamkeit mit allen ihren Schauern und mit allen ihren Wonnen gewahren zu können glaubte wie etwas Greifbares und Wesenhaftes. Tiefe Lautlosigkeit herrschte hier; nur der Azur des Himmels lag über ihnen, sonst war alles steinerne Unbeweglichkeit. Es war ein Erdfleck voller Erhabenheit und voller Grauen. Gräfin Donata hatte recht gehabt; man glaubte hier, daß es keinen Rückweg mehr zu den Menschen und auf die bewohnte Erde herab geben könne. Weiter aufwärts leitete kein Pfad an der jäh abstürzenden Wand empor, und der Weg, den sie gekommen waren, ließ sich von hier aus nicht mehr erblicken. Man war wie abgeschnitten von allen Bedingungen des Lebens, man schwebte gleichsam zwischen Himmel und Erde. »Nun?« fragte Donata, als Innocenz schwer atmend sich gegen den Fels gelehnt hatte, »hab' ich Ihnen zu viel versprochen? Ist das nicht ein guter Platz für uns?« Sie stand vor ihm, aber ihre Augen sahen ihn nicht an, sondern gingen über ihn fort in die leere Luft. »Ich finde, es ist ein unendlich trauriger Platz,« erwiderte er, »ein trostloser.« Darauf erwiderte sie nichts, sondern ließ sich auf dem kahlen Gefelse nieder, die Hände im Schoß gefaltet, die Blicke vor sich hin gerichtet. Es sah aus, als wollte sie die Schauer des Platzes voll in sich hineinsaugen, oder als betrachtete sie mit wollüstigem Grausen drunten den andern, auf dem sie sich selber einmal als Leiche gesehen hatte. Erst nach einer Weile hatte Innocenz sein Gefühl des Schwindels so weit niedergekämpft, um es ihr gleichtun und sich einen Sitz im Gestein wählen zu können. Dann saßen sie schweigend und wie gebannt nebeneinander, vor ihnen der Abgrund, über ihnen der Himmel. Ihrer beider Herzen waren so voll, daß sie gerade deshalb lange Zeit keine Worte fanden. Endlich sagte Donata, ohne den Mönch anzusehen: »Ich bin mit mir einig geworden, Pater Innocenz. Ich will den Frieden, den ich suche, und den ich nirgends sonst zu finden vermochte, fortan da suchen, wo Sie ihn mir verheißen haben: in der Religion.« »In welcher Religion?« fragte er wie geistesabwesend. Nun gingen ihre Augen in schreckhaftem Erstaunen zu ihm hinüber. Seine Stimme hatte ihr wie die eines fremden Menschen geklungen, den sie nie vorher gesehen. »Weshalb fragen Sie mich das? Wollen Sie meiner spotten? Ich bin bereit, mich zu Ihrem Glauben, zu dem Glauben meines Kindes zu bekehren. Sie haben Ihr Ziel erreicht. Ich will Frieden haben.« »Frieden?« wiederholte er, »und den glauben Sie bei uns zu finden, Gräfin Donata? Sie irren. Unsere Religion ist keine des Friedens, sie ist eine des Kampfes und der Zweifel, ja, mehr als das: sie ist eine der Heuchelei und der Lüge. Wenn Sie Frieden suchen, dürfen Sie nicht zu uns kommen. Oder Sie müßten denn allem Denken für immer entsagen und alle menschlichen Regungen des Herzens in sich zum ewigen Schweigen bringen. Sie müßten blinden, gedankenlosen Gehorsam schwören und alles, was an weichen Empfindungen und warmen Herzschlägen in Ihnen lebt, abtöten, um ein willenloses Werkzeug höherer Gewalten zu werden, und zur Ehre Gottes das verleugnen, was es Höchstes und Heiligstes in Ihnen gibt: die Wahrheit. Wollen Sie das, dann lassen Sie sich aufnehmen in den Schoß unserer alleinseligmachenden Kirche! Sonst aber bleiben Sie, was Sie sind und verehren Sie in Ihrer Form – gleichviel in welcher – in Ihrem Geiste den Gott, der die Wahrheit, das Licht und das Leben ist! Sie, die Sie allein der Stimme Ihres Gewissens immer gehorchten und keinen Fußbreit je abzuweichen bereit waren von dem Wege des Rechts und Ihrer Überzeugung, Sie sind eine frommere Christin, Gräfin Donata, und ein echteres Kind Gottes, als wir alle, als ich, als die Priester, die verkündigen, was nicht göttliches Gebot ist, sondern der Wille irrender, sterblicher Menschen gleich uns allen! Tun Sie, wozu Ihr Herz Sie treibt, Gräfin. Sie können in jeder Religion und jedem Glauben Gott dienen. Von mir aber verlangen Sie nicht, daß ich eine Handlung vollziehe, die für mich ein Akt der Lüge wäre, welcher ich abgeschworen habe für allezeit! Ich bin heute kein Priester der Religion mehr, zu der Sie sich bekehren wollen, ich trage dies Kleid, das mich von allen Menschen ausscheidet, zu denen ich doch gehöre, nicht mehr mit Recht und will es von mir tun und als ein freier Mann in die Welt hinausgehen und arbeiten lernen, was mehr ist als beten. – Weshalb sehen Sie mich so starr-erstaunt an, Gräfin? Nein, nein, ich rase nicht, ich rede nicht irre. Wenn ich dies Kleid lebenslang weitertragen müßte, vielleicht würd' ich dann wahnsinnig. Jetzt aber ist es hell und klar in mir und um mich. Und daß Sie gerade heute – erst heute den bedeutungsvollen Schritt zu tun sich entschlossen, Gräfin, das nehm' ich als einen deutlichen Wink des Himmels. Ich habe Sie bekehren wollen, in Wahrheit aber haben Sie mich bekehrt, bekehrt zu dem Gotte, dem alle freien, denkenden Menschen dienen und dienen dürfen!« Er hatte mit wachsender, innerer Bewegung gesprochen, und seine Stimme hatte sich immer heller durchgerungen, bis sie zuletzt von der Felswand zurückhallte, als mische auch der Geist dieser gewaltigen Bergeinsamkeit die seinige darein und predige die gleichen Worte und rufe sie hin über die schweigenden Gipfel in alle Welt. Donata aber hatte in bangem Erschauern zugehört. Anfangs hatte sie wirklich geglaubt, er rede irre, dann aber war es mit schreckhafter Gewißheit in ihr aufgestiegen, daß sie wahrhaftig einen anderen vor sich sähe, als den sie bis dahin gekannt, und endlich hatte sie ihm mit wogendem Busen und zuckenden Schläfen zugehört, ganz Hingebung, ganz Beseligung, bis ihre Augen mit leuchtender Begeisterung an ihm hingen und ihr ganzer Körper unter einer übermächtigen Erschütterung erbebte. Und nun war sie aufgesprungen, gleich ihm selber, und stand neben ihm, hochaufgerichtet wie eine Siegerin, und doch im Innersten demütig und seligverzagt wie ein liebendes Weib, das seinen Herrn und Meister gefunden hat und ihm sich beugt in schämigem Entzücken. »Innocenz!« schrie sie auf, wie außer sich, und ihre Hand streckte sich gegen ihn, als wolle sie Besitz von ihm ergreifen, »Innocenz! So wollt' ich dich! Gott im Himmel, ich danke dir – so wollt' ich dich!« Da durchzuckte ihn ein ungeheurer Schreck. Was war das? Raste dies Weib? Wie war dieser jähe Übergang von ihrer tiefen Zerknirschung und ihrer heißen Sehnsucht nach dem stillen Frieden in Gott zu solchem jubelnden Überwallen ihrer Gefühle möglich? Und war es wirklich nur der aufjauchzende Triumph der Gesinnungsgenossin, der Kampfgefährtin, der ihn aus ihren Worten grüßte? Innocenz mußte der Worte gedenken, die Donata gestern drunten auf der Teufelskanzel gesprochen: »Endlich – endlich!« Er hatte sie nicht verstanden, nicht verstehen wollen; – gestern noch war er ein Mönch gewesen, hatte er geglaubt, es zu sein, es bleiben zu dürfen. Heute, wo er kein Mönch mehr war, wo er als Mann ihr, dem Weibe, gegenüberstand, fürchtete er, sie zu begreifen, und es durchschauerte ihn mit bangem Entsetzen. Er war zurückgewichen, damit ihre Hand ihn nicht berühren sollte, und starrte sie mit großen, brennenden Augen an. »Ja,« sagte er, »wir beten fortan zu einem Gotte, Gräfin Donata. Und dieser Gott ist ein Gott der Liebe und Versöhnung, keiner des strengen Fanatismus und des ehernen Formengesetzes, kein Gott, der von uns je forderte, gegen unser menschliches Empfinden und gegen das heiße Klopfen unseres Herzens zu handeln. Wie aber ist es gekommen, Frau Gräfin, daß Sie heute bereit sind, diesen Gott zu verleugnen und den anderen anzubeten, zu dessen Ehre seit den Jahrhunderten der Weltgeschichte menschenmordende Kriege entbrannt sind, Scheiterhaufen flammten und Gewissen geknebelt wurden, in dessen Namen die schwersten und unsühnbarsten Verbrechen begangen worden sind, welche das Gedächtnis der Menschheit kennt, und welche den Namen Mensch schänden? Wie ist das gekommen, Gräfin?« Sie sah ihn mit einem stillen, glücklichen Lächeln an. »Und das verstehst du nicht?« fragte sie mit einer weichen, zärtlichen, träumerischen Stimme, wie er sie noch nie aus ihrem Munde vernommen. »Wirklich nicht? Welch ein Tor du bist, Innocenz! Um deinetwillen wollt' ich's tun und mußt' es wohl, denn du hieltest mich ja in deinem Bann, unwiderstehlich und unentrinnbar. Ich war in deiner Macht. Was sollt' ich denn nun tun, da du von mir fordertest, ich müsse zu deinem Glauben übertreten, denn es sei der einzig wahre und der einzig beseligende? Ich hätte ja doch viel mehr und ganz anderes noch für dich tun müssen, wenn du es von mir verlangt hättest. Dies aber schien mir nicht allzu schwer. Und seit ich mein Kind verloren habe, hängt mein Herz ja an nichts sonst mehr in der Welt, und ich bin ganz willenlos dein. Solang' es lebte, hatt' ich Widerstand, da war ich noch kraftvoll und trotzig und voll Eigenwillens, da hättest du mich nimmer bezwungen, Innocenz, o nein, nimmer. Aber seitdem – jetzt –« Ihr Antlitz kehrte sich nicht von ihm ab, und ihre Augen ließen ihn nicht los. Sie hatte sich wieder im Gestein niedergelassen, das Kinn in die Hand gestützt, und das glückselig-träumerische Lächeln um ihre Lippen schwand nicht. Innocenz starrte sie in wachsendem Entsetzen an. So also stand es um sie, so! Nun, sie hatten ja wieder einmal klug gerechnet und genau alles vorherbedacht, die großen Rechner, die zur Ehre Gottes mit Menschenherzen ihr Spiel trieben und mit den Empfindungen einer Frauenseele ihre Exempel anstellten, als wenn es bloße Zahlen wären. Nur in einem Faktor hatten sie sich diesmal getäuscht, und das war er selber, wollte er selber sein. Ein heiliger Zorn schwellte seine Brust. »Gräfin Donata,« sagte er, schwer atmend, »deshalb also! Deshalb allein wollten Sie es. Und Sie wußten nicht mehr, wollten nicht mehr begreifen, welch ein ungeheurer Frevel es gewesen wäre, – welch ein Betrug, welch eine Lüge! Ich danke Gott, daß Ihnen und mir in letzter Stunde Erleuchtung geworden ist und dies uns erspart blieb!« Sie nickte. »Ja, es ist besser so und schöner,« sprach sie immer im gleichen Ton, halb wie zu sich selber, und ihre Blicke blieben hingebungsvoll auf ihm ruhen. »Und eins möcht' ich noch wissen, Innocenz,« fuhr sie dann lebhafter fort, während er schweigend die Lippen zusammenbiß und ein furchtbarer Kampf ihn durchtobte, »hat man dich deshalb zu mir geschickt, weil man wußte, du würdest über ein heißes Frauenherz, das noch niemals geliebt hat, Macht gewinnen? Ahnte man's, daß ich dir nicht würde widerstehen können, wenn sich auch alle anderen vergeblich gemüht hatten, mich zu unterjochen? Oder war's nur ein Zufall? Fiel die Wahl nur auf dich, weil du ein begeisterter Priester deiner Religion warst und in deinem Glaubenseifer die wärmsten und überzeugendsten Worte finden konntest, mich zu bekehren? Sag' mir's, Innocenz! Ich will Wahrheit darüber haben!« Seine Blicke hatten sich noch mehr verfinstert als zuvor. Er stand vor ihr, die Arme über der heftig arbeitenden Brust gekreuzt. »Sie haben die schmähliche Wahrheit erraten,« kam es über seine zaudernden Lippen, »es war so, – man wählte mich, weil man die Macht des Priesters über die verirrte Seele verstärken wollte durch die des Mannes über das Weib. Erst heute erfuhr ich's, – ich hätte sonst – beim Allmächtigen! – diese Mission von mir gewiesen, die mein Kleid schändete, und ihnen den Gehorsam aufgekündigt, und wenn es mein Lohn dafür geworden wäre, lebenslang in einer ihrer Bußzellen zu schmachten oder für immer in der Nacht einer ihrer geheimnisvollen Kerker zu verschwinden. Heute erst hat man mir die Augen geöffnet. Und das Licht, das zu ihnen hineindrang, schmerzte nicht so, daß ich sie hätte schließen müssen, sondern es tat mir wohl, und ich trank das Licht der Wahrheit in mich, und von mir fiel alles ab, was noch an Bedenken und Zweifeln, an feigem Zögern und bangem Schwachmut in mir gewesen war, und ich ging als ein neuer Mensch hierher, um Ihnen zu sagen, ich sei kein Mönch und kein Priester mehr. Und nun wissen Sie alles, Frau Gräfin.« »Ich dacht' es,« murmelte sie, »ich dacht' es lange. Sie sind so klug, sie wissen, wie man Seelen fängt; und wenn alle anderen Mittel fehlschlagen, muß man zu diesem letzten greifen.« Sie lächelte. »Nun, es war gut so, es war ja gut so. Was haben sie nun erreicht? Statt eine Seele zu gewinnen, haben sie eine verloren, deren sie sich ganz sicher wähnten, und sie hätten dich so gern zu einer großen Leuchte ihrer Kirche und zu einem streitbaren Helden ihres Glaubens herangebildet. Nun ist das alles vorbei. Die klugen Rechner haben allzu spitzfindig gerechnet. Und jetzt gehören wir für allezeit zusammen, wir zwei.« Sie sprach die letzten Worte wiederum wie aus einem Traume heraus, in dem sie befangen war, und das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, dünkte ihn jetzt wie das einer Irrsinnigen. Eine namenlose Angst überfiel ihn. »Gräfin,« sagte er beklommen, »lassen Sie uns gehen! Es ist ein so trauriger Platz hier. Und Sie müssen nach Hause. Ihre Stirn glüht – ich fürchte, Sie sind krank, Sie haben Fieber –« Sie lachte sorglos auf. »Welch unnötige Furcht! Nein, nein, nein, ich bin nicht krank. Ich war's; aber jetzt bin ich ja genesen, ganz genesen. Alles ist so frei und so leicht in mir geworden. Und Fieber? Du lieber, törichter Mensch, begreifst du denn nicht, was das für ein Fieber ist? Ja, die Leidenschaft ist auch ein Fieber, Innocenz, und rast durch unsere Adern und läßt unser Blut sieden, und wir fühlen uns über uns selbst hinausgehoben und sind neue Menschen. Nicht wahr? Du wirst es ja auch wissen. Es ist, als ob man nun erst geboren wäre.« Seine angstvolle Erregung wuchs. »Um Gottes willen, Gräfin,« stammelte er, »was reden Sie da? Sie müssen wirklich nach Hause. Lassen Sie uns doch gehen, ich beschwöre Sie, lassen Sie uns gehen!« »Nach Hause?« wiederholte sie und lächelte ihn unbefangen an, »wo ist denn mein Haus? Wo du bist, Innocenz, da bin ich daheim, und überall sonst ist die Fremde, die kalte, liebeleere Fremde.« »Gräfin!« schrie er auf, »haben Sie denn vergessen, daß Sie die Gattin des Grafen Karditsch sind?« Sie schüttelte den Kopf. »O nein, nein,« sagte sie ruhig, als redete sie im Schlafwandeln, »nichts hab' ich vergessen, gar nichts. Seine Gattin, sagst du, Innocenz? Seine Gattin bin ich doch nur vor den Menschen, vor meinem Herzen nicht, gewiß nicht. Aber das weißt du ja alles. Und jetzt, wo du kein Mönch und kein Priester mehr bist, weißt du ja auch, daß die Ehe kein Sakrament ist, wie deine Kirche es dich gelehrt hat, daß es nur ein Sakrament gibt: die Liebe. Denkst du nicht mehr an die arme, unselige Frau, der du vorlügen mußtest, sie sei das Weib eines anderen, der sie ihrem jetzigen Manne gegen Geld überlassen hatte, bloß weil deine Satzungen dich dazu zwangen? Wie könnte dich das jetzt noch schrecken, Innocenz, daß ich vor der Welt eines anderen Mannes Weib bin? Ich liebte ihn ja nicht, habe ihn nie geliebt. Dich lieb' ich und dich allein! Du bist die erste und die letzte Liebe meines Herzens, Innocenz! Du bist ja jetzt frei, hast dich endlich frei gerungen, – wir beide sind es. So lass' uns nun zusammen in die Welt hinausgehen; wir sind ja eins, wir gehören zusammen. Weshalb wolltest du jetzt noch feige Bedenken hegen und sinnlose Rücksichten nehmen? Komm'! Lass' uns gehen! Aber nicht dorthin zurück, von wo wir kamen, sondern ins Leben hinaus, – in ein neues Leben!« Sie war aufgestanden und hatte nach seiner Hand gegriffen, aber er entriß sie ihr und trat mit allen Zeichen fassungslosen Entsetzens zurück. »Gräfin,« stammelte er, »Sie wissen nicht, was Sie reden, – zu wem Sie reden!« »Nicht?« erwiderte sie in seltsam gedehntem Ton, der ein erstes Aufdämmern des Verstehens verriet, »ich wüßte das nicht? Ich weiß es so klar und sicher, wie ich weiß, daß da droben die Sonne zu unseren Häupten steht. Und du entziehst mir deine Hand, Innocenz? Wozu dies Gaukelspiel? Du willst nicht mit mir gehen? Was also soll denn werden?« Es zuckte schmerzlich in dem Gesicht des Mönches, als er mit einer Stimme, die gezwungen fest klang, entgegnete: »Was werden soll? Das muß jeder von uns mit sich selber ausmachen, Gräfin Donata. Unsere Wege sind nicht die gleichen, – darin irren Sie sich. Ich gehe, aber ich gehe allein!« »Allein?« Es brach wie ein wahnsinniger Schrei von ihren Lippen, »allein? Warum?« Und als er nicht antwortete, sondern nur, mit seiner Bewegung kämpfend, sie voll heißen Mitleids anblickte, klang es hinterdrein: »Liebst du mich denn nicht, Innocenz?« Jetzt hatte sie seine Hand ergriffen und hielt sie fest und klammerte sich daran, und ihre Augen bohrten sich in die seinen, während ihr todblasses Antlitz völlig bewegungslos blieb. Wie ein Ruf tiefster Seelenqual, haltlos irrender Verzweiflung war die letzte Frage ihm ans Ohr geklungen. Und er wagte nicht zu antworten, er konnte nicht. Aber sie verstand ihn dennoch. Langsam, ganz langsam lösten ihre eiskalten Finger sich von den seinen ab, und ein düsterer Schatten flog über ihr wieder völlig versteinertes Antlitz. Innocenz konnte die Vorstellung nicht loswerden, daß der Todesengel an ihr vorübergestrichen sei und sein dunkler Fittich über ihr Gesicht geschattet habe. »Gräfin,« stotterte er in wildem Schmerz. Sie aber winkte ihm mit der Hand hoheitsvoll, zu schweigen. »Es ist gut so,« brachte sie mühsam heraus, »ich danke Ihnen. Ich war wohl wirklich von Sinnen, zu glauben; daß auch Sie – weil ich –. Es war Wahnsinn, gewiß. Und es war edel von Ihnen und groß, daß Sie keine Lüge über die Lippen brachten. Jetzt wäre eine Lüge ja doppelt frevelhaft gewesen, jetzt wollen wir beide nur noch Wahrheit, Wahrheit, – und wenn sie auch versteinert, wenn sie auch tötet! Nochmals: ich danke Ihnen. Vergessen Sie diese Stunde und meine Worte. Leben Sie wohl!« Er sah sie gehen, er brachte kein Wort der Erwiderung heraus, nicht einmal einen Abschiedsgruß. Da gewahrte er, wie sie sich mit der Hand über die Stirn hinstrich und nun an den Rand der Tiefe vortrat und sich hinüberbeugte und nun – ein furchtbarer Schrei brach von Innocenz' Lippen: »Donata!« Im nächsten Augenblick war er neben ihr, hatte sie von dem schwindelnden Abgrund zurückgerissen, hielt ihren Leib umschlungen, erwehrte sich ihrer Arme, die sich von den seinen lösen wollten. »Lassen Sie mich! Ich muß! Ich will! Hinab will ich! Glauben Sie, ich könnte auch das noch überleben, – jetzt noch leben bleiben?« Zwischen ihren ächzenden Atemzügen kam es stoßweise hervor, und ein gellendes Hohnlachen scholl hinterdrein. Ein kurzes, verzweifeltes, wahnsinniges Ringen begann. »Nein, nein, ich lasse Sie nicht!« schrie Innocenz und hielt sie mit übermenschlicher Kraft über dem Abgrund. Ihre heißen Atemzüge vermischten sich miteinander, ihre Augen glühten einander an, wie in tödlichem Haß. Da plötzlich scholl drunten von der Teufelskanzel her in den furchtbaren Kampf hinein eine gellende Stimme: »Lass' los, nichtswürdiger Pfaff! Lass' los! Hab' ich dich endlich auf frischer Tat ertappt, Schandbub'? Lass' los, sag' ich! Jetzt bist hin! Mein ist sie, hörst's? Mein!« Unwillkürlich hatten seine Arme das Weib freigegeben, schreckgelähmt starrte er in die Tiefe hinab. Da gewahrte er den Jäger-Lenzl dort, der den Stutzen an die Backe hielt und gerade zu ihm hinaufzielte. Ohne mit den Wimpern zu zucken, ohne eine Gliederregung blieb er stehen. Er hatte in diesem Moment keinen Gedanken an Flucht oder Rettung. Und da krachte auch schon der Schuß, der ihm gelten sollte – Aber im gleichen Augenblick hatte auch die Gräfin sich mit in die Luft geworfenen Armen über ihn gestürzt. Nur ein jäher Aufschrei hatte sich ihren Lippen entrungen, dann hatte sie ihn zur Seite gerissen, mit ihrem Körper den seinigen gedeckt. Dröhnend rollte der Schuß, ein lang nachhallendes Echo weckend, an den gewaltigen Felswänden hin, gleich einem betäubenden Donnerschlag. Dann gellte von den Lippen dessen, der ihn abgefeuert, ein irrer Aufschrei. Von der Höhe der schmalen Felsplatte herab, an deren Rande sie gestanden, war Donata zu seinen Füßen niedergestürzt, – nicht mehr Donata, sondern ihr blutüberströmter Leichnam, den beim Sturz noch das zackige Gestein furchtbar zerrissen und entstellt hatte. Der Jäger-Lenzl warf seine Büchse von sich und sank neben der Toten nieder wie ein gefällter Baumstamm. Narrte ihn denn ein Spuk der Hölle? Aber nein, nein, – da war's, da war seine Kugel ihr in den Rücken gedrungen und vorn durch das Herz wieder ausgetreten. – Er, er hatte sie ermordet, statt den zu treffen, der sie ihm hatte entreißen, der dies herrliche Weib hatte besitzen wollen, den Pfaffen, den scheinheiligen Ehrenräuber! Wie ein wildes Tier dieser Felsöde brüllte er auf, als er sich dessen klar ward. Dann aber raffte er sich empor, wie mit einem verzweifelten Entschlusse. Mit einem irr-wollüstigen Stöhnen riß er den zerschmetterten Leichnam Donata in seine Arme und trat mit seiner Last so langsam, Schritt für Schritt, den Abstieg an. Ein abwesendes Lächeln lag dabei um seine Lippen, seine Augen verschlangen mit einem Ausdruck grausigen Entzückens die verstümmelte Lieblichkeit dieser Züge, er fühlte mit selig-entsetztem Schauer die herrliche Rundung dieser zertrümmerten Formen an seiner Brust. Dann blickte er mit jäh und flüchtig auftauchender Erinnerung noch einmal nach der Felshöhe zurück, wohinauf er vorher den Lauf seiner Büchse gerichtet hatte. Wo war der geblieben, dem seine Kugel eigentlich gegolten hatte? Er sah ihn droben nicht mehr, und schritt, ohne seiner zu gedenken, weiter mit seiner Bürde talab. Innocenz hatte mit dem letzten Verglimmen seines Bewußtseins nur noch das Furchtbare erschaut und begriffen: Donata tot, Donata um seinetwillen gestorben, – als Leiche auf dem Platze drunten, auf dem sie sich einst in einer Vision als Tote gesehen, vor dem es ihr immer gegraut und wohin es sie dennoch unwiderstehlich gezogen hatte. Dann sah und wußte er nichts mehr. Er war auf das harte Gestein niedergestürzt, aus einer schweren Kopfwunde sickerte sein Blut, und die Sinne verließen ihn. XII Es war Herbst geworden und die Stürme gingen. Auf der Anderetalp dachte man schon an den Heimtrieb des Viehes, denn der Winter drohte in diesem Jahr früher hereinzubrechen als je, und man konnte leicht eines Tages damit überrascht werden, daß der Abstieg verschneite. Denn fortwährend war schon Schnee gefallen. Auf der Lahn erinnerte man sich nicht, ihn einmal schon so früh im Jahre erlebt zu haben. Nicht nur, daß alle hohen Zacken, Kuppen und Pfeiler der Dolomiten sich in ein blendendes Weiß gekleidet hatten und der königliche Hermelinmantel ihnen bis zu den Flanken herabwallte, auch die Vorberge lagen bereits im Schnee begraben, und die Nadelwälder hoben sich schimmernd überstäubt in einen jetzt kristallklaren Herbsthimmel hinauf, der sich einer blauen Riesenglocke ähnelnd über der gewaltigwundersamen Bergwelt wölbte. Eine leuchtende Winterlandschaft unter einem noch sommerlichen Firmament war's, die das staunende Auge überschweifte. Und nun gingen die Stürme rastlos über die Hochfläche der Lahn. Die taube Lisi mahnte zum Abtrieb, aber der wilde Xaverl wollte noch immer nichts davon hören. »Solang' der Wind von Nord' steht, gibt's kein' Schnee mehr,« blieb seine Antwort, »und nichts ist z' fürcht'n. Schlagt der Wind um, nachher treib'n wir ab. Schlagt er nach Westen zu, dann soll der lieb' Himmel uns gnädig sein.« Die Lisi fügte sich brummend, denn der Xaverl war der Herr in der Almhütte. Aber sie glaubte ihm nicht, daß er mit dem Abtrieb des Viehes bloß auf das Umschlagen des Windes warten wollte. Er wollte bloß deshalb warten, weil der Gast, den die Almhütte seit ein paar Wochen barg, noch immer keine Anstalten traf, die Anderetalp zu verlassen. Wenn nun das so gewesen wäre, weil er zu schwach und hinfällig war, so hätte die Lisi sicherlich kein Wort dagegen geredet. Aber das war nicht mehr der Fall. Denn der Gast der Almhütte war schon wieder ein rüstiger Bergwanderer geworden und streifte seit den letzten Tagen, wo die frisch-kühle Luft und die greifbar klaren Fernblicke ihn in die Welt der Dolomiten hinauslockten, den ganzen Tag einsam im Gebirg umher. Deshalb hätte der Xaverl auf ihn keine Rücksicht mehr zu nehmen brauchen. Freilich: der Xaverl hatte ja nun einmal an dem Bruder Innocenz von jeher einen Narren gefressen gehabt, und da ließ sich nichts dreinreden, in dem Punkt war er noch viel störrischer als in allen anderen Dingen. Das war eigentlich seltsam genug; denn der Xaverl war sonst keineswegs der beste Christ und hatte mit den Schwarzröcken und Kuttenträgern niemals viel im Sinn gehabt. Aber der Bruder Innocenz von den Benediktinern, der hatte es ihm angetan. Der Frömmste war der allerdings selber nicht. Denn sein Zeichnen und Pinseln war sicherlich kein Gott wohlgefälliges Tun, sondern verruchtes Heidenwesen, das einem Priester und Mönche wenig anstand. Und sein Verkehr mit Filomena, wenn sie, die Lisi, auch wahrlich nichts Übles denken wollte und nichts Anstößiges dabei wahrgenommen hatte, – für einen Mönch, wenn er ein so junger und schöner Mönch war wie Bruder Innocenz – ziemte sich der wenig. Denn schließlich war ein Klosterbruder und Ordensgeistlicher doch immer auch nur ein Mann, und man hatte in der Beziehung schon gar verwunderliche und abscheuliche Dinge erleben müssen hier auf der Lahn, ganz abgesehen davon, daß die Lisi überhaupt von den Mannsleuten nicht viel hielt und ihre traurigen Erfahrungen mit ihnen gemacht hatte. Merkwürdig war es übrigens genug, daß der Xaverl zum Lebensretter des Bruders Innocenz geworden war, und ein halbes Wunder könnt' man's wohl heißen. War er doch damals des Abends spät noch ins Pfarrhaus von St. Ulrich gegangen, um den Mönch zu bitten, daß er doch zu der Sägemüllerin hinüberkäm' und mit ihr redete, weil sie jetzt, nachdem sie ihr Kind umgebracht, gar so stumpf und fühllos geworden wär' und kein Mensch mehr aus ihr klug werden könnt'. Und da hatte er den Mönch nicht gefunden, sondern gehört, er sei noch gar nicht wieder heimgekommen. Da war's dem Xaverl wunderlich angst zu Sinne geworden, und er war nach Schloß Peutelstein hinübergelaufen, ganz auf eigene Faust, um zu fragen, ob der Mönch dort wär'. Denn wenn nicht dort, wo hätt' er etwa sonst sein sollen? Und da hatte er Gräßliches erfahren: der Jäger-Lenzl war wahnsinnig geworden und hatte die Gräfin Karditsch totgeschossen und ihre furchtbar verunstaltete Leiche selber nach dem Schlosse gebracht, als müßte es so sein, und als hätte er gar nichts Verwunderliches getan. Die Leute im Schlosse hatten dann auf den Befehl der alten Gräfin den Wahnsinnigen sofort gebunden und in ein Verwahrsam geschleppt, wo er fürchterlich zu toben und wie ein reißendes Tier zu brüllen begonnen hatte. Der Xaverl aber hatte gleich nach dem Mönch gefragt, weil er des festen Glaubens gewesen, daß in dieses schreckliche Vorkommnis auch der Mönch irgendwie verstrickt worden sei. Und weil der Jäger-Barthel ausgesagt hatte, der Lenzl sei diesen Nachmittag gegen die Teufelskanzel gestiegen, hatte der Xaverl gleich dorthin gewollt, um nach dem Bruder Innocenz zu suchen. Und die alte Gräfin hatte befohlen, daß der Barthel und noch ein paar andere Männer mit ihm gingen, und daß sie Laternen mit sich nähmen und allerlei Gerätschaften und eine Bahre auch. Und so waren sie aufgebrochen, der Xaverl immer voran, denn trotz seines Kropfes und seines kurzen Atems stieg doch keiner so rasch bergauf wie er. Und keiner hatte auch, als sie auf der Teufelskanzel angelangt waren, ohne dort etwas anderes zu finden als die Büchse des Lenzl, und als die anderen schon hatten umkehren wollen, weil man denn hier doch keine Spur von dem Vermißten entdecken könne, das leise, schmerzliche Stöhnen vernommen, das aus der Höhe herabdrang, gleich dem Ächzen eines weidwund geschossenen Hirsches. Er war's dann gewesen, der trotz des Abmahnens der anderen auf dem schwindeligen, steilen Felspfad in der nächtigen Finsternis weiter emporgeklommen war, bis er droben wirklich den Mönch gefunden hatte, der in halber Besinnungslosigkeit, vor Schmerzen und Blutverlust zu schwach, um sich zu regen, dalag und seinen Retter nicht mehr erkannte und wohl unweigerlich dort oben in der Felsenwüstenei einsam zugrunde gegangen wäre ohne den Xaverl. So aber hatte er noch mit ersterbender Stimme, nur halb bewußt, gemurmelt: »Auf die Anderetalp, – bringt mich auf die Anderetalp –« Oder hatte der Senn sich das nur eingebildet, weil er selber es so wollte? Jedenfalls hatte er es den anderen zugerufen, der Mönch wolle auf die Anderetalp gebracht werden, und da der Weg dorthin der kürzere gewesen, waren sie gern darauf eingegangen. Schwierig genug war es schon ohnehin gewesen, den verwundeten und besinnungslosen Mann auf den schmalen Kletterpfaden der Gemsjäger bei Nacht durch das wilde Gebirg fortzuführen, und wenn der Xaverl den Mönch nicht manchmal auf seinen eigenen Armen über die gefährlichsten Stellen getragen hätte, wären sie wohl nimmer vom Fleck gekommen. So aber waren sie endlich angelangt, als der Morgen schon gegraut hatte, und die taube Lisi gedachte noch gar wohl des Schrecks, der ihr in alle Glieder gefahren war, als sie, eben vor die Hütte hinaustretend und nach dem Xaverl ausschauend, der wider seine Gewohnheit über Nacht unten in St. Ulrich geblieben sein mußte, den traurigen Zug gewahrt hatte. Dann aber hatte der Xaverl sein eigen Bett dem verwundeten Mönch eingeräumt, und von dieser Stunde an war er dessen sorglichster und unermüdlichster Pfleger geworden. Nun, sie, die Lisi, hatte freilich auch getan, was sie gekonnt hatte, und was ihre Christenpflicht gewesen war. Und an dem, was eine Almhütte eben bieten konnte, hatte es wahrlich nicht gefehlt. Der Xaverl aber verstand sich aufs Arzten wie ein gelernter Chirurg. »Hab's bislang zwar nur an den Geißen und Kalben ausg'übt, das Handwerk,« hatte er gemeint, »wenn die sich verstiegen haben und ein Bein brechen oder das Rückgrat beschädigen. Denk' aber halt, wird bei Menschen auch von Nutzen sein.« Und zur alten Wurzin war er nach Moosbrunn hinübergegangen, damit sie ihm ein Heilkraut für die Wunde des Mönchs geben sollte und einen beruhigenden Trank, weil er gar so sehr von der Hitze geplagt wurde und in der Fieberverwirrung lauter schreckliche Dinge redete, die man gar nicht mit anhören konnte, und die auch wohl furchtbar sündhaft gewesen wären, wenn er sie bei klarem Verstände gesprochen hätte. Sie, die Lisi, hatte zum Glück wenig davon gehört, weil der Kranke zu leise gesprochen hatte, aber die Wurzin, die selber einmal gekommen war, um nach ihm zu sehen, hatte sich unablässig bekreuzigt, so mußte das wüste Reden sie entsetzt haben. Allmählich war es dann auch besser geworden, und zwar ohne daß man den Doktor aus Ampezzo hatte rufen lassen, obgleich die Gräfin Theodora Karditsch über diese Versäumnis in hohem Grade aufgebracht gewesen war und immer wieder den Pater Pius auf die Anderetalp geschickt hatte, damit dieser den unverständigen und eigensinnigen Almleuten ins Gewissen reden und ihnen das Verwerfliche und Verantwortungslose ihrer Unterlassungssünde vor Augen führen solle. Von dem Doktor hatte der Xaverl nun einmal gar nichts hören wollen. Die Gräfin war freilich ohnehin schon aufgebracht darüber gewesen, daß man den Verwundeten damals nicht nach Peutelstein geschafft hatte, wie sie doch ausdrücklich angeordnet gehabt. Daß man ihn statt dessen auf eine entlegene Sennhütte übergeführt, wo er weder genügende Pflege noch angemessene Behandlung finden könne, war ihr leichtfertig, wenn nicht gar verbrecherisch erschienen. Und anfangs hatten die Tatsachen scheinbar allen ihren Befürchtungen auch recht gegeben; es hatte wirklich sehr übel um den Mönch gestanden, und sie, die Lisi, hätte keinen Kreuzer mehr für sein Leben gegeben. Aber die Mittel des Xaverl und das Heilkraut der Wurzin hatten endlich doch ihre Wirkung getan. Der Mönch war wieder von seinem Krankenlager erstanden, sein Wundfieber, das wohl eigentlich ein Nervenfieber gewesen, war von ihm gewichen, und er hatte eines Tages plötzlich wieder ganz vernünftig reden können. Wie er freilich ausgesehen hatte, das war ein Jammer gewesen, ein wirklicher Jammer, der einem ans Herz ging. Aber der Xaverl hatte gesagt: »Jetzt ist's erst gut, daß er da heroben bei uns ist. Jetzt wird sich's ausweisen. In derer Luft hier bei uns, da wird er bald wieder anders ausschauen. Wirst's schon sehen, Lisi!« Und der Xaverl hatte wirklich abermals recht gehabt. Nach ein paar Tagen schon hatte der Mönch wieder herumgehen können wie ein Gesunder. Und da das Wetter jetzt hell und sonnig geworden war – während des Krankenlagers hatte es fortwährend um die Hütte getobt, und der Regen war niedergeflossen, und der Schnee hatte alle Berghöhen bis tief herab eingehüllt –, hatte Innocenz alsbald begonnen, einsam im Gebirge umherzustreifen, und von jeder solchen Wanderung war er gestärkter heimgekommen, und sein Antlitz bräunte sich mehr und mehr. Freilich sah er trotzdem noch so ernst und düster aus wie nie vorher, und ein Lächeln wollte nicht über seine Lippen kommen. Aber nach dem Grausigen, was er hatte erleben müssen, war das wohl nicht zu verwundern. Das hätte den Lustigsten still und in sich gekehrt machen können, und lustig war Bruder Innocenz niemals gewesen. Von der Alm schien er nicht mehr fortgehen zu wollen. Jedesmal, wenn er gegangen war, hatte die Lisi geglaubt, er werde nicht mehr zurückkommen, sondern in das Pfarrhaus von St. Ulrich heimkehren, aber jedesmal kam er wieder. Und der Xaverl zuckte nur mit seinem verschmitzten Grinsen die Achseln, wenn sie ihn darum fragte. Der Xaverl war überhaupt so ein Hinterhaltiger. Der war nur froh, wenn er den Schwarzrock immer bei sich hatte, und würd' ihn am liebsten nimmer von der Alm fortgelassen haben. Nun schob er den Abtrieb gar auf, bloß weil der Mönch noch in der Hütte bleiben wollte, und ließ es darauf ankommen, daß man eines schönen Tages hier einschneite. So viel Besuch wie in diesen Wochen hatte die Sennhütte auf der Anderetalp nicht gehabt in all den Jahren zusammengenommen, wo die Lisi sommers hier gehaust hatte. Außer dem Pater Pius, der im Auftrage und mit allerlei Anordnungen der Gräfin Karditsch gekommen war, auch manchmal einen Träger mit sich gehabt hatte, durch den die Gräfin starke Weine für den Kranken und sonst allerlei Labemittel schickte – lauter Dinge, die in der Almhütte früher nie gesehen worden waren, und welche die Lisi nicht einmal dem Namen nach, geschweige denn von Ansehen kannte –, war auch der Pfarrer Aloys Antholzer von St. Ulrich dort eines Tages erschienen, was in fünfzehn Jahren gewiß nicht mehr geschehen war, und hatte ein Schreiben überbracht, das vom Kloster Greifenburg her eingelaufen war, sich auch sonst über den Zustand und die Verpflegung des Kranken vergewissert, weil er – so hatte er gesagt – an den hochwürdigen Herrn Abt zu Greifenburg darüber Bericht erstatten müsse. Der Lisi hatte das einen gewaltigen Schreck eingejagt. Man würde also von ihr und all ihrem Tun in der weiten Welt erfahren, und die hohen Herren vom Klerus würden zu Gericht darüber sitzen, ob sie ihre Pflicht gegen einen Geweihten des Herrn, den man ihr todwund in die Hütte getragen, auch erfülle, wie es einem guten, christkatholischen Weibe gezieme oder nicht. Von da an war sie noch sorglicher und aufmerksamer gegen den Verwundeten gewesen als zuvor, hatte er sogar drei Tage lang hintereinander unterlassen, über seine Anwesenheit in der Hütte zu brummen. Am auffälligsten aber war ein Besuch gewesen, bei dessen Erscheinen selbst der wilde Xaverl seinen sonstigen Gleichmut eingebüßt hatte. Die Filomena war eines Tages in der Almhütte erschienen. Ganz verängstigt und verstört hatte sie ausgesehen und vor Aufregung und Ermattung nichts sagen können als: »Lebt er noch?« Und als man ihr das bejaht hatte, war es wie ein heller Schein über ihr verhärmtes Gesicht hingezuckt, und sie hatte, die Hände faltend, geflüstert: »Heiliger Gott, ich danke dir!« Und dann, als sie sich nur erst ein weniges erholt hatte, war sie an das Krankenlager geeilt und hatte sich durch keine Vorwürfe und keine Warnungen der tauben Lisi davon abhalten lassen, von nun an selber die Pflege des Verwundeten zu übernehmen, wenigstens so lange, bis das Schlimmste vorüber war. Das hatte nun einen harten Kampf gegeben, denn die Lisi hatte sich es nicht wollen nehmen lassen, den Mönch selber zu pflegen, und ihre Ehre darein gesetzt, zumal seit sie wußte, daß der hohe Klerus sich dafür interessierte und ihre Wohltaten ihr beim Sündenablaß ganz besonders zugute kommen würden. Aber die Filomena hatte nicht nachgegeben mit Bitten und Betteln, und es sei ihr Recht, hatte sie sogar gesagt, und zum wenigsten müsse die taube Lisi sich mit ihr in die Pflege teilen, denn allein werde sie es doch auf die Dauer nicht aushalten, während sie, die Filomena, stark und jung sei und den besten Willen habe. Und hinter den Xaverl hatte sich die Dirne schließlich gesteckt, daß er ihr helfen sollte. Und der Xaverl – du lieber Gott! –, dem waren, so alt und häßlich er auch sein mochte, die jungen und hübschen Dirnen immer noch um vieles lieber als die alten und garstigen, und daß der der Filomena recht gab, war also wirklich kein Wunder. Schließlich war's denn auch so gekommen, daß die Filomena eigentlich die Pflege des Verwundeten ganz allein in Händen hatte, und sie, die Lisi, nur noch für ihn kochen durfte. Davon erfuhr aber natürlich der Herr Pfarrer, Hochwürden, von St. Ulrich nichts, und wenn es dem Kloster zu Greifenburg wäre berichtet worden, wer weiß, ob die ehrwürdigen Patres darüber ein Wohlgefallen hätten äußern mögen? Und der Pater Innocenz selber war damals noch nicht bei klarem Bewußtsein gewesen, so daß man ihn hätte um seinen Willen befragen können – nun, er würde ja auch wohl beigestimmt haben; wenn man an die Zeiten dachte, wo er alleweil mit der Dirne oben auf dem Sandbühel gesessen hatte, gab es gar keinen Zweifel darüber –, und als er seine Besinnung endlich wieder erlangt hatte und keine Besorgnis mehr bestand, daß seine Krankheit ein übles Ende nehmen könne, da war Filomena am selben Tage ebenso plötzlich wieder davongegangen, wie sie damals aufgetaucht war, kein Mensch wußte, von wo sie gekommen war, und wohin sie wieder verschwand. Und am Ende war es noch ein günstiges Zeichen für ihr weibliches Schamgefühl, denn zu billigen war es doch gewiß bei aller christlichen Nächstenliebe nicht, daß das junge, bildsaubere Ding durchaus den jungen Mönch hatte pflegen wollen, und das stand ihr, der Lisi, denn doch wohl besser an. Pater Innocenz mußte übrigens trotz seiner Bewußtlosigkeit doch die Nähe des Mädchens empfunden haben, denn als sie nun nicht mehr vor seinem Bette erschienen war, hatte er ganz traurig gefragt: »Und die andere? Wo ist denn die andere?« Und als sie, die Lisi, ihm nun hat ausreden wollen, daß überhaupt je eine andere hier gewesen sei, er habe das nur geträumt, da hatte er sich mit der Hand über die Stirn hingestrichen und nichts mehr erwidert, aber ganz seltsam hatte er dabei gelächelt, so traurig und zugleich so ungläubig. Gefragt hatte er dann nie mehr nach der Filomena. Sie, die Lisi, hätte aber gar zu gern gewußt, woher sie eigentlich gekommen, und wohin sie gegangen sei, auch wie das Gerücht von des Mönches Verwundung – von der freilich das ganze Land zu wissen schien – überhaupt bis zu ihr gedrungen war; aber Neugierde war ihre Sache nun einmal nicht, und wenn ihr das junge Ding gar zur Antwort auf solche Fragen entgegnet hätte, das alles kümmere die Fragerin gar nichts, so hätte sie, die Lisi, vor Scham und Zorn ja in die Erde versinken müssen. Nur den Xaverl, den fragte sie jetzt doch nach Filomenas Fortgang um das alles aus. Aber der Xaverl – du allgütiger Himmel! – man wußte ja, wie der's machte: die Hälfte von allem, was der sagte, war Fopperei, und wie's mit der anderen stand, wußte auch nie ein Mensch. Und diesmal hatte er sie so recht verschmitzt von der Seite angeblinzelt, als sie ihm ihr Anliegen vorgetragen, hatte ihr dann ein geheimnisvolles Zeichen gemacht und ihr endlich ins Ohr geschrien: »Wo die Filomena wohnt, willst wissen, Lisi? Aufm Arzenkopf oben wohnt's – bei meiner Seelen Seligkeit: ist richtig wahr, mein' liebe Lisi!« Solch ein Haderlump, wie dieser Xaverl war! Totärgern hätt' man sich können über ihn, wenn er's nur wert gewesen wär'. Und dabei wußte er's doch ganz gewiß, wo die Dirn' wohnte, und sie, die Lisi, hätt' auch darauf schwören mögen, daß er's dem Mönch verraten hatte, denn was hätten die zwei sonst alleweil zu flüstern gehabt, als der Verwundete erst wieder bei Verstand gewesen war? Die wußten ohnehin, daß die Lisi nichts davon hörte und hätten gar nicht einmal so geheimnisvoll zu tun brauchen. Im Grunde: was scherte sie auch die Dirne? Sie hatte wahrhaftig an anderes zu denken. Und wenn der geistliche Herr meinte, es vertrüge sich mit seinem Kleide und mit den heiligen Weihen, daß er mit der hübschen Dirne schöntat, die noch dazu ein Kind der Sünde war – was kümmerte das die taube Lisi? Nur leid konnte es ihr tun um das saubere Ding, das des blonden Jäger-Barthel rechtmäßiges Eheweib hätt' werden können, und um den Klosterbruder, der doch auch ein schöner und stattlicher Mensch war und den Weibern wohl hätte gefallen können, wenn er nur nicht die Tonsur gehabt hätte. Von der freilich gewahrte man jetzt kaum mehr etwas, so üppig hatte das Kopfhaar sie während des Krankenlagers überwuchert, und der schwarze Bart, der ihm in eben dieser Zeit gewachsen war und so gut zu seinem blassen Gesicht und den dunklen, feurigen Augen stand, wurde gar nicht einmal abgeschnitten, als Bruder Innocenz nun wieder auf seinen Füßen stand. »Er wird halt sein Rasierzeug nicht hier haben,« hatte Xaverl achselzuckend gemeint, als die Lisi ihn gefragt hatte, was denn das um Gottes willen zu bedeuten habe, und was daraus werden solle. Und der hinterhaltige Mensch hatte noch dazu gelacht. Und richtig lief der geistliche Herr mit der überwachsenen Tonsur und dem Bart nun gar in die Berge hinaus, als könne es gar nicht anders sein, und als werde kein Mensch Anstoß daran nehmen. Hätte nur noch gefehlt, daß er statt der Kutte jetzt eine Lodenjoppe anzog, wie der Pfarrer Ladurner zu Moosbrunn, und einen Stutzen über den Rücken hing, nachher war's fertig. Was aber die hochwürdigen Herren drunten in der Greifenburger Abtei zu solchem sagen würden, das war denn freilich eine andere Frage. Wer wußte, ob nicht der Bruder Innocenz bloß deshalb jetzt Tag für Tag ins Gebirge wanderte und bloß deshalb die Anderetalp nicht verlassen wollte, weil er es so am bequemsten hatte, mit der Filomena unbemerkt irgendwo zusammenzutreffen? Wahrscheinlich wieder nur, um sie zu malen – sein Skizzenbuch wenigstens führte er immer mit sich, wenn er fortging; aber schon das war ja ein heidnisches Wesen und gefiel der Lisi unter den jetzigen Umständen noch viel weniger als früher hier auf der Alm. Die taube Lisi von der Anderetalp hatte mit ihren Vermutungen das Rechte getroffen. Innocenz weilte in der Tat nur noch in der Sennhütte des wilden Xaverl, um von hier aus zu Filomena zu gehen. Er hatte nicht eher geruht, seit er wieder Herr seiner Sinne geworden, bis der Senn ihm verriet, wo das Mädchen weilte, welches er so deutlich während der klaren Augenblicke in seinen Fieberphantasien neben sich am Bette gesehen, daß jedes Ableugnen umsonst war. Übrigens hatte Filomena auch dem Xaverl nicht einmal eingestanden, wo sie sich verborgen halte; er aber glaubte aus allerlei Anzeichen wohl schließen zu dürfen, daß sie die verlassene Hütte eines Wildheuers mitten in der Felsenwildnis des Arzenkopfes bewohnte und daß die Sennen des nur eine Viertelstunde davon gelegenen Almhauses auf der Forcher, denen sie sich anvertraut, und die ihr Schweigen gelobt hatten, sie mit Speise und Trank versorgten, wofür sie der Sennerin in der Milchwirtschaft zur Hand ging und den verlorenen Geißen in die gefahrvollen Schründe nachstieg. Dort freilich hatte sie niemand gesucht. Denn die Gegend war schaurig einsam und wild, dazu verrufen im ganzen Bergland. Kaum ein Mann würde sich getraut haben, allein hier zu hausen, und selbst wenn er wegen eines schweren Verbrechens, das er begangen, hierher vor seinen Verfolgern geflüchtet wäre, würde er es nicht lange ausgehalten, sondern lieber den Häschern als der Gefahr getrotzt haben, hier in der grauenhaften Öde dem Wahnsinn anheimzufallen. Filomena aber hatte sich den Platz ausgesucht, um unentdeckt zu bleiben, und das war ihr gelungen. Während man auf der Lahn glaubte, daß sie längst in Welschland sei und niemals zurückkommen werde, weilte sie unter den Dolomiten mitten im wildesten Felsgebirg, und die wenigen, die darum wußten, schwiegen darüber. Der Xaverl aber hatte es sich zusammengereimt, weil er selber dem Sennbuben von der Forcheralm, mit dem er auf einem seiner Talgänge zusammengetroffen, die Geschichte von dem Tode der Gräfin Karditsch und der Verwundung und Krankheit des Mönches erzählt hatte und am nächsten Tage die Filomena auf der Anderetalp erschienen war. Und dann hatte sie ihm eines Tages gesagt, als von den Heilkräutern die Rede war, welche die Wurzin für Bruder Innocenz' Kopfwunde hergegeben hatte: »Die hat sie droben bei uns gegraben.« Und der Xaverl wußte, die Kräuter wuchsen nirgends als unterm Arzenkopf, nahe der Forcheralm. Sonst hatte ihm die Filomena mit keinem Wort von ihrem Aufenthalt geredet, und der Senn hatte nicht danach gefragt, das war seine Art nicht. Nicht einmal, als sie wieder gegangen war, hatte sie etwas darüber verlauten lassen. Nichts hatte sie gesagt als: »B'hüt' Gott, Xaverl, ich muß wieder fort.« Und: »B'hüt' Gott, Dirndl!« hatte er erwidert, sonst nichts. Deshalb hatte der Xaverl aber auch keinen Grund, dem Mönch seine Mutmaßungen vorzuenthalten, als dieser in ihn drang, ihm zu verraten, wo das Mädchen weile. Er müsse es wissen, hatte Innocenz gesagt, und es hänge sein Seelenheil davon ab. Und dazu hatte er noch ernster und trauriger ausgesehen als all die Zeit, und man hätte ihm schon aus Mitleid nichts abschlagen können, selbst wenn es ein großes Unrecht gewesen wäre. »Ich mein' halt,« hatte er gesagt, »auf der Forcheralm wird sie sein, und wenn nicht in der Alphütten selber, dann weiter drüben in der Wildheuerhütten unterm Gletscher, wo der Villgrattenbach zum Vorschein kommt. Ist sie dort nicht, so weiß ich's g'wiß und wahrhaftig nicht.« Als Innocenz seine Kräfte zurückkehren gefühlt hatte, war er zur Forcheralm hinaufgestiegen. Es war kein weiter, aber ein beschwerlicher Weg. Von der Anderetalp aus hatten nur Hirten oder Gemsjäger ihn betreten, und das bröckelnde Felsgeröll hatte ihn an manchen Stellen schier bis zur Unzugänglichkeit überschüttet; auch der geschwollene Villgrattenbach machte das Weiterkommen manchmal schwierig. Dennoch war Innocenz endlich bis auf die Höhe gelangt, wo er das steinbeschwerte Schindeldach des Almhauses auf der sanften Abdachung des Berges gewahrte. Er fand es aber verschlossen, und da auf sein Pochen niemand öffnete, mußte er annehmen, daß die Almleute zu Tal gestiegen waren oder weiter droben im Gebirge verirrtem Vieh nachforschten. Er wandte sich also, um die Hütte des Wildheuers zu suchen, von der der wilde Xaverl ihm gesprochen hatte. Lange fand er sie nicht, denn das wilde Gelände, das hier die Alm von allen Seiten, schroff abstürzend, umschirmte, schien keinen Durchgang freizulassen. Endlich entdeckte er sie doch. Sie war klein und altersmorsch, und die Felsen hingen so jäh und steil über ihr, daß man hätte meinen sollen, sie würden sie erdrücken. Schier angstvoll schweifte der Blick an diesen nackten, lichtgrauen Wänden empor, die sich in die Unendlichkeit emporreckten. Es war ein schauerlich öder Platz, an dem die Holzhütte klebte; nirgends war ein Hälmchen Grün zu gewahren, und die Einsamkeit des Hochgebirges war furchtbar in all ihrer Erhabenheit. Man war hier wie ganz aus der Welt geschieden und den wilden Gewalten der Natur erbarmungslos preisgegeben. Das Todesschweigen in dieser Felsöde unterbrach nichts als ein gurgelndes Glucksen unterirdischer Wasser, die dem Gletscherfeld des Arzenkopfes entströmten, dessen in grünlichem Blau schillernde Eisfurchen man zu einem kleinen Teil von hier zu überschauen vermochte, oder das Abrollen eines Felsgetrümmers und das Dröhnen und Krachen in der geheimnisvollen Tiefe des ewigen Eises. Höchstens daß einmal ein Bergadler über dem Felsspalt schreiend seine mächtigen Schwingen klafterte oder ein Gemsrudel die steilen Schroffen emporstürmte, um Steine und Sand unter den flüchtigen Hufen herabzuschleudern. Nachts pfiffen die Murmeltiere vor ihren Felslöchern im unzugänglichen Geschründe, und bei Sonnenaufgang hallte manchmal von fernher das wilde, drohende Gedonner einer stürzenden Schneelawine. In die einsame Wildnis selber fiel nur während der zwei Stunden des hohen Mittags die Sonne, sonst lag sie in ewigem Schatten, kühl und traurig. Und hier hauste Filomena. Als Innocenz der Hütte nahe gekommen war und ihn ein banges Erschauern um ihretwillen überfiel, daß sie, die doch ein Kind des Lichts und der Freude war, hier wie in einem lichtlosen Kerker schmachten sollte, gewahrte er sie auf einer Bank vor der Hütte, wie sie sich aus Herbstzeitlosen, mit denen die Forcheralm überblüht war, einen Kranz flocht. Sie war so ganz in ihre Arbeit vertieft, daß sie sein Kommen nicht bemerkte. Er aber mußte der ersten Begegnung mit ihr gedenken, wo sie das einsame Heiligenbildnis auf dem Felshügel bekränzt und ihn mit Blumen überschüttet hatte. Da schwoll ein heißes und süßes Begehren in ihm auf, wie er es bis zur Stunde nicht gekannt hatte, wie er nicht einmal gewußt, daß es in eines Menschen Brust wohnen könne. »Filomena!« rief er. Sie erschrak heftig, als sie ihn sah und erkannte. Sie machte sogar Miene, davonzulaufen und hielt ihre beiden Hände gegen die Brust gepreßt, als ob sie das mächtige Schlagen ihres Herzens niederdrücken wollte. Dann aber mochte sie wohl vor allem Mitleid mit ihm anwandeln, daß er, der vor kurzem noch so schwer krank und dem Tode nahe gewesen, auch heute noch bleich und matt aussah, den mühevollen Weg zurückgelegt hatte, und sie sprang eilfertig auf, um ihm Milch aus der Hütte zu holen, damit er wenigstens sich erfrischen konnte. Dabei nahm er durch die offengebliebene Tür wahr, wie sauber und freundlich drinnen alles aussah, und daß sie auch hier mit Grün und Blüten die schlichten, kahlen Holzwände sich geschmückt hatte. Dann saß er auf der Bank vor dem Hüttchen neben ihr und trank die Milch, die sie ihm geholt hatte, und sie setzte sich an seine Seite, und beide sahen sich an, sprachen aber lange kein Wort. Es war, als hätten sie sich zuviel zu sagen, und wüßten nun nicht, womit sie beginnen sollten. Endlich, als das ungeheure Schweigen der Bergöde sie zu bedrücken schien, fragte Innocenz: »Weshalb seid Ihr hierhergegangen, Filomena?« »Ich mußte fliehen,« erwiderte sie, die Augen gesenkt haltend. »Weil man Euch zwingen wollte, zu heiraten?« »Zu heiraten oder schlecht zu werden – eine andere Wahl hat man mir nicht lassen wollen.« »Schlecht zu werden?« wiederholte er mit gerunzelten Brauen. »Ja. Der Graf sollte im Herbst nach Peutelstein kommen und dann – vielleicht war's auch nur eine Drohung, damit ich den Barthel nehmen sollte. Aber der Meßner sagte, so ginge es nicht weiter, daß ich von seinem kärglichen Brot mitäße und mich wie eine Prinzessin benähme; jetzt müßte ich für mich allein sorgen und ihm etwas einbringen, bloß um Gotteslohn hätt' er mich nicht an Kindesstatt angenommen und sich bis jetzt dazu mit mir herumgeplagt. Da bin ich auf und davongegangen. Er hatte mich eingesperrt und wollte mich nicht eher wieder herauslassen, als bis ich ihm zugesagt hätte, daß es so werden solle, wie er's bestimmen würde. Er war schrecklich in seiner Wut, und ich habe mich vor ihm gefürchtet. Lieb gehabt hab' ich ihn ja nie – das mag mir Gott verzeihen – aber damals hab' ich gedacht, er wär' auch schlecht, sehr schlecht. Und dann bin ich bei Nacht aus dem Fenster gesprungen und bin in die Berge gelaufen. Ich wußt' gar nicht, wohin ich gehen sollte; bloß daß ich fort müßt', wußt' ich. Und wie ich den halben Tag herumgeirrt war und Hunger und Durst hatte, hab' ich an die Forcheralp gedacht. Die war mir von allen Hochalmen immer die liebste gewesen, und die Almleute hatten mich gern. Also bin ich hinaufgestiegen und hab' gefragt, ob ich bleiben könne, und hab' ihnen kurz erzählt, wie es gewesen ist. Sie haben mich auch gern dabehalten wollen, haben aber gemeint, es würd' bald auskommen, und wenn man mich hier oben suchte, könnten sie mich nicht verleugnen. Deshalb haben sie mir die verlassene Hütte hier im Engtal zum Aufenthalt vorgeschlagen, nur daß sie zu jedermann sagen könnten, bei ihnen auf der Alm war' ich nicht, und für mich sorgen wollten sie schon trotzdem. Anfangs war mir's wohl ein schrecklicher Gedanke, hier ganz einsam zu hausen und ich hab' mich manche Nacht so gefürchtet, daß ich kein Auge hab' schließen können; aber allmählich ist's mir g'rad' recht so gewesen, und jetzt mein' ich schon, es gibt nichts Schöneres auf der ganzen Welt, und der liebe Gott hat mich so gut geführt, wie ich's mir nur hätte von ihm erbeten können. Euch kommt es hier gewiß recht wild und öde vor, aber mir ist es so traulich wie eine Heimat.« Sie sagte das alles, ohne ihn anzublicken, mit einem träumerischen Ton, der ihm sonderbar in der Bergstille ans Herz griff. »Und was soll nun weiter werden?« fragte er nach einer kleinen Weile. »Der Herbst ist da, man wird bald abtreiben, und Ihr könnt hier nicht mehr bleiben. Was wollt Ihr dann tun?« Sie hatte die Hände im Schoß ineinandergefaltet, und ihre Augen gingen an den schroffen, kahlen Felsen entlang, an denen nur hier und da ein Schneerest hatte in einer durch vorspringende Felszacken gebildeten Mulde haften bleiben können. »Ihr habt recht,« sagte sie, »es ist bald zu Ende. Und was dann werden soll? Auf die Lahn kann ich nicht zurück. Also werd' ich nach Welschland hinabgehen müssen. Ich weiß sonst nichts Besseres.« »Ist es Euch denn etwas so Schreckliches, des Barthel Frau zu werden?« »Wie kann ich denn seine Frau werden? Ich habe ihn ja nicht lieb.« Einen Augenblick schwieg Innocenz, dann fragte er: »Habt Ihr einen anderen lieb, Filomena?« Darauf gab sie keine Antwort, aber er sah, wie heiß ihr Antlitz erglüht war. Es lag in ihrer Hilflosigkeit etwas, das ihn rührte und das ihn gleichzeitig doch auch mit einem warmen Schauer durchströmte. »Das könnt' ich Euch nur im Beichtstuhl sagen,« brachte sie nach einer Weile mühsam hervor. »Mir?« Er blickte düster vor sich hin. »Mir nicht. Ich bin kein Mönch und kein Priester mehr.« Nun wandte sie sich ihm mit einem Ausdruck schreckhaften Erstaunens zu, und ihre Augen überflogen ihn verwundert, angstvoll und hoffnungsbange – alles auf einmal. Wie ein Blitz war es durch sie hingefahren. »Kein Priester mehr?« stammelte sie. »Und doch – und was wollt Ihr nun tun?« »Was ich muß,« erwiderte er mit ruhiger Festigkeit. »O mein Gott!« stieß sie aus. »Weiß man es denn schon? Sie werden Euch ja zwingen, es zu bleiben – sie werden Euch in Ketten legen und im Gefängnis halten, bis Ihr alles wieder abschwört!« Er sah sie lange mit einem halb traurigen, halb liebevollen Blick an. »Filomena,« sagte er, »graut Euch vor mir, daß ich kein Priester mehr sein will?« »Nein, nein, nein!« brachte sie hervor, »aber Ihr müßt fliehen – Ihr dürft nicht mehr zurück, und Ihr dürft auch nicht mehr auf der Lahn bleiben – um Gottes willen nicht! Ihr müßt fort! Ich will Euch selber über die Grenze bringen – heute nacht noch – kein Mensch soll Euch sehen – Ihr wäret ja sonst verloren! Glaubt Ihr denn, sie ließen es geschehen? Sie ließen Euch los? Ich fleh' Euch an: hört auf mich! Bei allem, was Euch heilig und teuer ist, hört auf mich! Geht fort!« Je angstvoller und dringlicher sie ihn beschwor, ein desto helleres Leuchten hatte sein verdüstertes und verhärmtes Antlitz überflogen. Seine Augen strahlten sie in wildem Feuer an. »Filomena,« sagte er, »mich wundert's, daß Ihr kein Wort von der großen Sünde sprecht, die ich zu begehen im Begriffe stehe. Weshalb tut Ihr's nicht?« Da schlug sie die Augen nieder und schüttelte leise den Kopf. »Ich glaube, Ihr werdet nicht anders können. Und dann wäre es eine Sünde, wenn Ihr trotzdem ein Priester bliebet, bloß, weil man Euch einmal dafür bestimmt hat. Man darf über keinen Menschen bestimmen für sein ganzes Leben lang. Und was könnt' ein Priester noch nützen, wenn er es nicht mehr aus freiem Willen ist und mit ganzer Seele? Das wär' Lüge und Heuchelei. Darum glaub' ich nicht, daß Ihr Sünde tun wollt, wenn Ihr den Priesterrock von Euch werft, sondern daß Ihr so tun müßt – zur Ehre Gottes.« Es klang ganz schlicht und einfach«, wie sie es sagte, aber für Innocenz war es wie ein Evangelium, das ihm hier in der Bergeinsamkeit unter den Schauern einer gewaltigen Natur gepredigt ward. »Ihr habt recht,« sagte er. »Und fürchtet nichts für mich! Ich werde mich ihnen nicht ausliefern, damit ihr blinder, grausamer Fanatismus und ihre starre Unerbittlichkeit ein Opfer erhalten. Das bin ich der Wahrheit, der ich fortan dienen will, nicht' schuldig. Noch weiß man nichts von dem, was ich beschlossen habe. Noch gibt es etwas anderes, das mich hier hält. Bin ich auch damit zu Ende gekommen, dann erst will ich handeln.« Sein Gesicht hatte sich gerötet, seine Augen flammten. Sie entgegnete nichts mehr, sondern blickte in ihren Schoß nieder. Das Gurgeln der unsichtbaren Wasser allein durchscholl die Hochgebirgsruhe, und nun dröhnte und krachte es hohl im Gletschereis droben, und ein paar Steine rollten kollernd darüber hin in die Tiefe. »Filomena,« sagte Innocenz, »denkt Ihr noch an die Stunde, wo wir zum letztenmal beisammen waren? Am Pfaffensprung war's. Damals wußtet Ihr noch nicht, daß ich eines Tages vor Euch hintreten würde, um Euch zu sagen, ich sei kein Mönch mehr und kein Priester mehr.« Sie blieb stumm, nur ihre Brust wogte stürmisch. »Filomena,« fing er nach einer Weile ganz leise wieder an, »da Ihr es mir im Beichtstuhl nun nicht mehr gestehen könnt, wollt Ihr es mir nicht Auge in Auge sagen, ob Ihr einen anderen lieb habt?« Sie zitterte heftig, sprechen konnte sie immer noch nicht. Da griff er nach ihrer Hand, die sie ihm auch ließ, die aber eiskalt war, und fragte, seine Stirn nahe an ihre Schläfe drängend: »Habt Ihr mich lieb, Filomena?« Ihre Stirn sank noch tiefer herab. »Ja,« murmelte sie, »und deshalb – deshalb mußt' ich fort.« »Und deshalb kamt Ihr auf die Anderetalp, als Ihr hörtet, ich sei verwundet und krank, nicht wahr?« fuhr er fort. Und als sie nickte, setzte er hinzu: »Für das alles, was Ihr an mir getan habt, hab' ich Euch noch nicht einmal gedankt, Filomena.« »O nein,« wehrte sie ab, »ich mußt' es ja tun.« »Wißt Ihr auch, wie alles gekommen ist, Filomena?« fragte er nach einer Weile mit trübem Ernst, ihre Hand noch immer in der seinen haltend. Sie nickte. »Der Lenzl hat Euch erschießen wollen, weil er gemeint hat, die Gräfin hielte es mit Euch, und er selbst ist doch wie toll und wild in sie vernarrt gewesen und hat auch den alten Haß noch gegen jeden gehabt, der ein Priestergewand trägt. Und dann hat die Gräfin sich vor Euch gestellt, um Euch zu beschützen, und da hat seine Kugel sie getroffen statt Euch. Die Almleute sagen, so hätt' es der Lenzl selber angegeben, als er nach ein paar Tagen wieder leidlich zu Verstande gekommen war' und die Gendarmen ihn fortgebracht hätten nach Ampezzo hinab ins Bezirksgefängnis. Bis dahin hat er getobt wie ein Wahnsinniger.« »Und wißt Ihr denn, ob ich's nicht wirklich mit der Gräfin gehalten habe?« fragte er düster. Sie schüttelte den Kopf. »Sagt so etwas nicht,« bat sie. »Wenn es so gewesen wäre, dann würdet Ihr mich doch jetzt nicht fragen, ob ich Euch lieb habe. Die Gräfin war gewiß eine schöne und gute Frau, und sie wird Euch vielleicht auch geliebt haben – weil es so schwer ist, Euch nicht lieb zu haben – aber Ihr – Ihr habt sie ja nur zu Eurer Religion bekehren wollen, weil man Euch um deswillen hierher geschickt hatte.« Ihr blindes Vertrauen zu ihm und die kindliche Offenheit in ihrem Wesen, die sich mit einer anmutigen Schüchternheit seltsam vermischte, rührten ihn tief. »Ja,« sagte er, »es war so. Und die Gräfin war eine sehr unglückliche Frau, die nichts mehr in der Welt hatte, was ihr von Wert war und woran sie sich hätte halten können. Als dann ihr Kind gestorben war, glaubte sie sich aller Fesseln ledig und sah den in mir, der sie erretten und der sie in ein neues Leben führen sollte. Sie hätte um deswillen auch ihre Religion abgeschworen – gerade wie es diejenigen vorausgesehen hatten, die mich hierher schickten. Ich aber wollte nicht, daß sie ihren Glauben wechselte wie ein Gewand, und ich wollte auch nicht ihr Erlöser sein aus einem sonnenlosen und liebeleeren Dasein; ich durfte es nicht, weder das eine, noch das andere. Denn ich war kein Priester meiner Religion mehr und war von ihr, ohne daß sie es gewollt hatte, bekehrt worden, statt daß ich sie bekehrt hätte. Und das war der Zauber gewesen, der mich immer in ihre Nähe gebannt hatte; aber ich liebte sie nicht. Als ihr das klar ward, und so der letzte Rettungsanker vor ihren Augen in Stücke brach – selbst aus Mitleid hätt' ich ja nicht vor ihr lügen dürfen – wollte sie vor meinen Blicken in die Tiefe hinab, und als ich sie hielt, traf sie die Kugel, die mir gegolten hatte. So war's, Filomena, so und nicht anders. Und seit ich wieder Herr meiner Sinne bin, frag' ich mich unablässig, ob eine Schuld auf meiner Seele liegt und welche. Ich finde keine. Mein Herz spricht mich frei. Die Schuld, die Verantwortung für das Geschehene wälz' ich allein auf die, die mich hierher schickten, auf die klugen Rechner, denen auch Menschenherzen nichts sind als Zahlen und leere Begriffe für ihre höheren Zwecke. Ich habe nichts getan, als was ich mußte, solange ich ein Priester war. Und eben deshalb, weil ich es gewußt, hab' ich es nicht länger sein können und wollen. Das Blut dieser Frau komme wie das ihres Kindes über die, in deren Händen ich ein willenloses Werkzeug gewesen bin – ich wasche die meinen. Ihr aber ist wohl jetzt, und auf Erden wäre es ihr schwerlich je mehr geworden.« Er atmete tief auf, als er auch dies letzte dem Mädchen gesagt hatte, dessen Hand noch immer in der seinen lag, und sie hatte ihm schweigend zugehört, nur manchmal das Ohr wie in die Bergweite hinausgerichtet, aus der jetzt das Gurgeln der Wasser lauter und drohender herüberzuhallen schien. Jetzt sagte sie nach einer kleinen Weile: »Ich will für sie beten. Aber ich glaube, Ihr müßt jetzt gehen, Innocenz, es könnte sonst zu spät werden für Euren Heimweg.« Er blickte um sich, nickte dann und stand auf. »Ja, ich muß fort,« erwiderte er. »Aber ich komme wieder, Filomena. Und Ihr werdet auf mich warten, nicht wahr? Denn Ihr sollt nicht allein nach Welschland hinabziehen – ich gehe mit Euch.« Sie standen Hand in Hand, Auge in Auge eine Weile unter den ragenden Steilwänden, in der öden Wildnis des Hochgebirges beieinander. Dann sagte Innocenz: »Nenne mich von Stund' an 'Du', Filomena. Willst du?« Sie nickte. »Du warst mir ja gleich in der ersten Stunde, als ich dich sah, vertraut wie ein Bruder.« Sie war heiß bei ihren träumerischen Tons vorgebrachten Worten errötet, über Innocenz' Antlitz aber lief ein Zucken hin, und seine Augen starrten düster ins Leere. »Es wäre furchtbar, wenn ich dir nichts anderes sein dürfte,« murmelte er vor sich hin. Dann preßte er ihre beiden Hände so fest in den seinen, daß sie meinte, er werde sie ihr zerdrücken, beugte sich rasch, um mit seinen Lippen ihre Stirn zu berühren, und ging, ihr mit der Hand zuwinkend, sie möge zurückbleiben, eiligen Schrittes den Felsensteig hinab. XIII Wieder und wieder war Innocenz zu der einsamen Hütte auf der Forcheralm hinaufgeklommen, aber noch immer sprach er zu Filomena nicht davon, wann sie nach Welschland hinabziehen möchten. Und als sie einmal fragte, erwiderte er: »Noch nicht. Erst muß ich über das Höchste, was es für unser Leben gibt, Klarheit haben.« Seitdem kam sie nie mehr darauf zurück. Und eines Tages traf die Nachricht, nach welcher Innocenz schon seit Tagen mit gespannter Erwartung ausblickte, endlich ein. Es war ein Schreiben des Paters Benedikt, das man ihm von St. Ulrich heraufbrachte, und Innocenz erbrach es mit zitternden Händen. Als er nach Stunden wieder aus der Hütte hervortrat, in die er sich mit dem Briefe zurückgezogen hatte, erschrak der wilde Xaverl über sein Aussehen. Denn Innocenz war wieder so geisterhaft bleich geworden, wie er es während seiner Krankheit nur in den schwersten Tagen gewesen war, und seine Augen blickten in so düsterer Trauer, während sein Mund schmerzlich zuckte, daß man hätte glauben können, die Verzweiflung wohne in ihm. Er gewahrte den Xaverl gar nicht, als er an ihm vorüber ins Gebirge hinaufstieg. Da rief der Senn ihm warnend nach, er möge sich nicht zu weit fortwagen, das Wetter komme ihm trotz der Klarheit des Himmels nicht mehr geheuer vor, und es liege etwas in der Luft: wenn der Wind jetzt umspringe, könne es schlimm werden. Innocenz winkte grüßend zurück, obgleich er die Worte wohl gehört, nicht aber verstanden hatte, und schritt unbekümmert weiter bergan. Er hatte wieder den Weg zur Forcheralm am Arzenkopf eingeschlagen, blieb aber, bevor er dieselbe erreichte, noch einmal rastend auf einem Felsblock mitten im wilden Gebirge sitzen und überlas hier das Schreiben, das er heute erhalten und zu sich gesteckt hatte, noch einmal, als könne und wolle er noch immer nicht glauben, daß er dessen Inhalt früher recht verstanden habe. Pater Benedikt schrieb: »Daß die furchtbaren Ereignisse, die der Allmächtige hat geschehen lassen, nicht nur auf Dein leibliches, sondern auch auf Dein seelisches Wohlbefinden verheerend eingewirkt haben, viellieber Bruder, kann mich nicht wundernehmen, und ich ersehe es außer aus Deinen Berichten und denen des Pfarrers Antholzer, sowie des Bruders Pius, der noch immer mit der schwer erkrankten Gräfin Theodora Karditsch auf Peutelstein weilt, vor allem aus dem schmerzlich-zerrissenen Ton Deines Briefes an mich und aus den Fragen, die Dich plötzlich zu quälen und zu beschäftigen beginnen. Wir haben hier alle viel für Dich gebetet, geliebter Bruder Innocenz, und beten noch immer. Hoffentlich erlaubt Dir Dein Gesundheitszustand nun in allernächster Zeit die Rückkehr zu uns, unter denen Du sicherlich in Bälde wieder seelisch genesen wirst; für einen Mönch und Jünger unseres großen Heiligen ist es nicht gut, draußen in der Welt allein zu sein. Er gehört zu den Brüdern, von denen er ein Teil ist. Der hochwürdige Abt harrt schon ungeduldig Deines Kommens, aber er möchte Dir in seiner bekannten väterlichen Milde und Güte keinen Heimkehrsbefehl senden, ehe er von Dir selber erfahren hat, daß Du wieder völlig genesen und ganz Herr Deiner Kräfte bist; er meint, daß Du Dich in der herrlichen Luft des Hochgebirges eher kräftigen werdest, als hier bei uns, und daß Dir eine Zeit der stillen Sammlung und Einkehr in der Einsamkeit nach so schrecklichen Erlebnissen wohltun werde. Um deswillen läßt er Dir freie Hand, wartet aber so sehnlich auf Dich, wie wir alle. Daß die Gräfin durch ruchlose Mörderhand aus dem Leben hat scheiden müssen, ohne vorher der Wohltaten unserer heiligen Religion teilhaftig zu werden, ist nicht genug zu beklagen. Aber Gott hat es so gewollt, und ihm sei Ehre und Preis in aller Ewigkeit! Und wenn dies Opfer gebracht werden mußte, um uns allen und unserer heiligen Kirche Deine Glaubenskraft zu erhalten, geliebter Bruder, so beugen wir uns gewiß in freudiger Ergebung. Warum Du aber nun Deiner Herkunft in so dringlicher Weise nachforschest und mich bei allem, was mir heilig ist, beschwörst, Dir die volle Wahrheit darüber zu sagen, das vermag ich mir nur aus Deinem zerrütteten Seelenzustande zu erklären, welcher von einer Heilung noch weit entfernt ist. Was kümmert es einen Klosterbruder, lieber Innocenz, welcher sterblichen Eltern Kind er gewesen, ehe denn die Kirche ihn in ihren mütterlichen Schoß aufnahm? Ich klage mich selbst an, daß ich durch eine meiner angstvollen Sorge um Dich entflossene Bemerkung, Du seiest ein Kind der Sünde, Deine Neugier geweckt und Dich in Unruhe versetzt habe. Dies hat mir wahrlich fern gelegen. Aber andererseits sehe ich nicht, welchen Schaden es Dir bringen könnte, zu erfahren, woher Du stammst, da doch Deine zeitliche Heimat das Kloster und Deine ewige der Himmel bleibt. Deshalb zögere ich auch nicht, Dir mitzuteilen, daß Deine Vermutung, Du stammtest aus dortiger Gegend, zutrifft, da Du auf der Lahn geboren bist, und zwar von der unvermählten Anastasia Afinger in Moosbrunn. Wer Dein Vater gewesen ist, weiß ich nicht und würde solches Dir zu wissen auch wenig frommen. Deine Mutter ist seit langen Jahren tot, hat aber vorher noch einem zweiten Kinde der Sünde das Leben gegeben, von welchem mir nicht bekanntgeworden, ob es den gleichen Vater gehabt, wie Du, und ob es noch am Leben ist. Der Herr, unser Gott, hat es nicht gewollt, daß Deine Mutter noch lebte, als Du wieder in Deine alte Kinderheimat zurückkamst, wie durch eine wundersame Schickung; denn er wollte nicht, daß Du Dich ihrer hättest schämen müssen –« Hier brach Innocenz die Lesung des Briefes ab, steckte ihn zusammengefaltet wiederum zu sich und ging weiter bergauf. Die Schläfen brannten ihm, und ein Zucken ging hin und wieder durch sein Herz. Mit düster umwölkter Stirn langte er in der Felswildnis an, welche Filomenas Hütte umschirmte. Das Mädchen hatte schon seit einer Weile dagestanden und nach ihm ausgeschaut, weil er heute viel später kam als sonst. Dann wollte sie ihm mit einem Freudenschrei entgegenfliegen, weil in ihr alles jubelte, daß er doch erschien, was sie zu hoffen schon fast aufgegeben hatte, gewahrte aber nun seine jäh verwandelten Mienen und blieb, die Hände angstvoll aufs Herz gepreßt, stehen, um ihn zu erwarten. Stumm bot er ihr beide Hände, dann ließ er sich wieder auf der Bank vor der Hütte neben ihr nieder, wies jede Erquickung, die sie ihm bot, von sich und starrte in die Bergwildnis hinaus. Endlich reichte er ihr schweigend den Brief des Bruders Benedikt. Und Filomena las ihn. Als sie zu Ende war, war auch ihr Antlitz von einer fahlen Blässe bedeckt, und ihre Brust ging unruhig auf und nieder. Ohne ein Wort zu sprechen gab sie ihm den Brief zurück. Erst nach einer langen Zeit fragte sie leise, ohne ihn anzublicken: »Das war's, weshalb du noch hier bleiben wolltest, und darauf wartetest du?« »Das war's,« entgegnete er nickend. »Du glaubtest es schon immer, Innocenz.« »Ich fürchtete es, Filomena.« Wieder trat eine Pause ein. Dann fragte Filomena mit müder, trauriger Stimme: »Was soll nun werden?« Er zögerte eine Zeitlang mit der Antwort, sagte aber endlich ganz ruhig: »Wir bleiben doch zusammen – wenn du willst.« Ein Zittern überflog sie sekundenlang, doch ihre Stimme klang jetzt ganz fest: »Ich will.« Ihre Hand hatte sich in die seine geschmiegt, und so hielten sie sich und blickten, Schulter an Schulter, lange schweigend in die Felseneinsamkeit hinaus, und nichts um sie war hörbar, als das unheimliche Rauschen der unterirdischen Wasser und einmal der Schrei eines Bergadlers, der so dicht über ihnen erklang, daß sie erschrocken zusammenfuhren. Unwillkürlich waren sich ihre Augen dabei begegnet, und die seinen hafteten mit einem angstvoll-forschenden, fast entsetzten Ausdruck auf ihr, um rasch wieder abzugleiten. Sie aber war in ihre Versonnenheit zurückgefallen und, den linken Arm leicht auf seine Schulter lehnend, den Kopf daran gepreßt und die Augen geschlossen, als wenn sie schliefe, murmelte sie vor sich hin: »Mir war's damals gleich, als ich dich zum ersten Male sah, du wärest mein Bruder, Innocenz, den ich nie im Leben gesehen, an den ich aber immer und immer gedacht hatte, und nach dem ich mich so oft sehnte. Später freilich wünschte und hoffte ich, es wäre nicht so. Ich glaubte nicht mehr daran. Ich hatte dich ja so lieb, Innocenz, so lieb. Aber weil du ein Mönch warst, sagte ich mir auch, es sei besser, du wärest mein Bruder, damit keinerlei sündhafte Wünsche in mir wach werden könnten. Dennoch wurden sie wach. Ich konnte nicht anders. Ich habe so viel gebetet, Innocenz, so viel. Aber die heilige Jungfrau hat meine Liebe nicht von mir nehmen wollen, auch hier in der Einsamkeit nicht, wo doch sonst alles so viel stiller und friedsamer in mir geworden ist. Und jetzt kann ich nicht mehr beten, jetzt nicht mehr.« Ihre Stimme klang leiser und leiser, allmählich erstarb sie ganz im Weinen. Innocenz sprach kein Wort, er schlang den Arm nicht um sie, und er rührte sich nicht. Düsterer und düsterer starrte er vor sich hin. Filomena weinte sich an seiner Schulter aus. Darüber war die Zeit hingeronnen, und sie hatten es beide in ihrer Versunkenheit nicht wahrgenommen, daß der schmale Himmelsstrich über dem felsigen Engtal von dunklem Gewölk überbraut worden war und die Nacht vorzeitig hereinzubrechen schien. Plötzlich wurden sie von einem furchtbaren Donnerschlag, der die Bergwände fast bersten ließ, aufgeschreckt. Fassungslos und verwirrt blickten sie einander an, während das Echo des gewaltigen Krachens fort und fort sie betäubend umdröhnte. Nun sahen sie auch, daß es beinahe finster geworden war um sie her, nun hörten sie das Gurgeln und Rauschen der Wasser lauter und unheilkündender zu ihnen herüberhallen. Dann ein jäh züngelnder Blitz, der das düstere Wolkengeschwader zischend zerriß, wieder ein mächtiger Donnerschlag, dem ein Knattern, Brechen und Kollern im Gefelse folgte, als rissen sich irgendwo gewaltige Trümmer los, die Verderben bereitend die Tiefe erfüllen und überdecken wollten. Und nun goß ein heftiger, mit Hagelkörnern untermischter Regen nieder. Unwillkürlich waren die beiden unter das schützende Vordach der Hütte getreten. Aber auch bis dorthin peitschte der Regen, und jetzt fielen immer größere Schloßen nieder, immer rascher folgten sich Blitz und Donner, und schauerlich heulte dazwischen in langgezogenen, winselnden Tönen der Wind durch die Enge der Felsschlucht. »Komm herein!« sagte Filomena erbebend, »das ist ein furchtbares Unwetter.« Sie hatte unwillkürlich die Hände dabei gefaltet, und unter dem Flammenschein des nächsten Blitzes gewahrte Innocenz, daß ihr Antlitz todesbleich und die dunklen Augen mit einem Ausdruck schreckhaften Bangens darin standen. Dann folgte er ihr stumm in das Innere der Hütte. Hier war es ganz dunkel, und sie wollte Licht anzünden. Aber er bat: »Laß! Die Blitze leuchten.« Dann saßen sie zusammen an dem kleinen Fenster, gegen das der Regen schlug und die Schloßen klapperten, und immer wieder in kurzen Zwischenräumen tauchten die Blitze das Innere der Hütte plötzlich in taghellen Schein, und wenn der Donnerschlag niederkrachte, war's, als bebe der Felsboden unter ihren Füßen und drohe die Hütte in einen aufgähnenden Spalt hinabzureißen. Furchtbar dröhnte das Unwetter in der Felsöde. Immer von neuem erscholl das Brechen und Knattern stürzender Steinblöcke, immer gewaltiger krachte es in den Gletscherfurchen, die sich spalteten, immer wilder tobten die reißenden Wasser. Plötzlich verstummte der Donner. Nun aber blieb es ganz nächtig finster, der Sturm raste um die Hütte, als ob er sie mit sich davonführen wollte, vom Schindeldach polterte ein Stein nieder, und unaufhörlich goß der Regen. Man konnte in dem rastlosen Strömen und Rinnen draußen nicht mehr unterscheiden, was davon die Wasser des Himmels und was die der Erde verursachten. Die beiden hatten sich eng aneinandergeschmiegt in dem instinktiven Verlangen, gemeinsam einer sie umdrohenden Gefahr zu trotzen oder sich wechselseitig Mut einzusprechen, sich durch ihre Nähe zu beruhigen. Filomenas Haupt lag endlich an Innocenz' Brust, und sie ruhte weltvergessen hier, während der furchtbare Aufruhr der Elemente die einsame Hütte umtobte. Auch als der krachende Donnerhall schwieg, der bis dahin alles Sprechen fast unmöglich gemacht hatte, redeten sie nichts. Erst nach langer Zeit sagte Innocenz einmal, wie in auftauchender Angst: »Ich muß nun gehen!« Aber sie erwiderte, ohne die Augen zu ihm aufzuheben oder auch nur zu öffnen, in halbem Traum, wie betäubt: »Nein, du kannst nicht gehen. Unmöglich! Bleib!« Dann blieb er. Aber die Stunden verrannen, und es war nun wirklich Nacht geworden, nicht mehr nur die Nacht des Unwetters, und immer noch goß der Regen nieder und heulte in wehklagenden Tönen der Sturm durch die Felsschlucht. Dazwischen scholl das Gepolter der abrollenden Steinbrocken, das Krachen im Eise, das Rauschen der Wildwasser fort und fort. Innocenz war trotz alledem aufgestanden und vor die Tür hinausgetreten, um in die schaurige Nacht zu blicken. Er wußte selber, daß sein Weg bis zur Anderetalp jetzt ein in hohem Grade gefahrvoller sei, daß er leicht zu einem Todeswege werden könne. Wenn er ihn in der Dunkelheit überhaupt fand, würde er von Felstrümmern überstreut, von den stürzenden Wassern verschwemmt sein, und jeder neu herabrollende Steinblock konnte ihn töten, die niederdonnernde Flut ihn mit fortreißen. Dennoch wollte er gehen, dennoch konnte er nicht bleiben. Filomena war ihm gefolgt, sie erriet die in ihm wogenden Gedanken, ohne daß nur ein Wort davon über ihre Lippen gekommen wäre, ohne daß er ihr mit einem Blick oder einer Bewegung geoffenbart hätte, daß er gehen wolle. Sie schlang ihm die beiden Arme von rückwärts her um den Nacken, schmiegte ihre Stirn an ihn und sagte: »Nein, nein, geh' nicht, du darfst nicht! Es wäre dein Tod. Und ich hielte es nicht aus, Innocenz.« »Muß ich nicht?« fragte er leise in den niederrauschenden Regen hinaus. »Nein! Oder ich gehe mit dir!« »Du?« Er wandte sich verwirrt nach ihr um. »Zweifelst du daran? Meinst du, ich könnte dich gehen lassen und allein hier in der Hütte zurückbleiben?« »Was soll ich also tun?« Seine Augen hingen an den ihren, wie in scheuer, hilfloser Frage. »Bleib!« kam es von ihren Lippen wie ein Hauch. Da wandte er sich langsam, und ihre Arme ineinanderschlingend kehrten sie in die Hütte zurück. Nun zündete sie dort Licht an und trug von ihren bescheidenen Vorräten auf, was ihr Schrank barg. Sie aßen beide. Als sie zu Ende waren – draußen rieselte noch immer der Regen –, blieben sie stumm beieinander sitzen. Manchmal horchten sie in das wilde Toben der Elemente hinaus, dann aber wurde Filomena müde, und ihr Kopf sank nieder gegen Innocenz' Brust. Das gleichmäßige Geräusch der fallenden Wasser draußen schläferte sie ein, ihre Augen schlossen sich allmählich. Ein friedsames, glückseliges Lächeln umspielte ihre halb offenen Lippen im Schlafe. Unablässig heulte der Sturm und floß der Regen. Das Licht brannte nieder und erlosch. Nun war es ganz finster in der Hütte. Da hob Innocenz behutsam die Schlummernde auf und trug sie auf ihr Lager. – Filomena war noch nicht erwacht, als Innocenz in den grauen Morgen hinaustrat. Sein Gesicht war sehr bleich, aber eine finstere Entschlossenheit lag darin ausgeprägt. Er griff nach seinem Alpenstocke, den er auf all seinen Wanderungen durchs Gebirg zu benutzen pflegte, und der von gestern her noch an der Außenwand der Hütte lehnte; der wilde Xaverl hatte ihn geschnitten. Dann schritt er, ohne von der Schlafenden Abschied genommen zu haben, rüstigen Ganges talab. Der Regen rieselte jetzt nur noch leise hernieder, aber die Berge waren rundum in dicke, graue Wolken gehüllt, die sich träge und schwerfällig an ihnen entlangschoben, und dichte Nebel durchwogten die Felsschluchten. Der Wind schwieg. Die Luft war schwer, und man fühlte, es werde noch viel Regen niedergehen. Die Berghalden waren dicht mit Felsbrocken überstreut. Manchmal mußte Innocenz sie überklettern, um nur weiterzukommen. Überhaupt war der Weg völlig zerstört, und er hatte Mühe, sich zurechtzufinden und die Richtung einzuhalten, die er einschlagen wollte, – nicht nach der Anderetalp, sondern nach Moosbrunn hinab. Tiefe Rinnsale hatten die stürzenden Wasser in den steinigen Boden gerissen, und von allen Seiten her rauschten und drängten sie mit flutendem Gewoge um die Felssteige. Es war, als seien in dieser Bergwelt, die sonst so tot dalag, plötzlich alle Stimmen der Wasser entfesselt worden, die bis dahin in geheimnisvoller Tiefe lautlos geronnen waren, gleich den stygischen Fluten. Von allen Felsenhängen stürzte es sich schäumend nieder, in allen Runsen strudelte es, über alle Mulden schoß es dahin. Alle Gletscherfelder sandten zahllose, rieselnde Bäche zu Tal, und aus allen Schneehängen stäubten und rannen sie niederwärts. Innocenz hatte auf das alles wenig acht. Er ging durch diese verwandelte Welt hin wie ein Fremder. Seine Seele war erfüllt von Furchtbarem, und manchmal schüttelte ihn ein Grauen. Dann aber klang es immer wieder in ihm auf: »Es kann nicht sein, wie könnte diese Liebe geworden und gewachsen sein, wenn sie wider die Natur wäre? Es ist alles Lüge, es muß alles Lüge sein – alles. Wir sind nicht eines Blutes.« Manchmal scholl freilich auch eine andere Stimme höhnisch dazwischen, welche fragte: »Und war die Liebe des Priesters, der die Weihen empfangen, zu diesem Mädchen nicht auch eine Sünde, solange er noch Priester war? Und doch ist sie geworden und gewachsen!« Aber wieder gab er sich dann in titanischem Trotz, der sich in seinem Innern aufbäumte, zur Antwort: »Diese Liebe war keine Sünde, weil es wider die Natur ist, daß der Priester nicht auch fühlen und denken, sehnen und verlangen soll wie ein Mann; weil auch der Priester allezeit ein Mensch bleibt trotz seiner Weihen, und weil alles Lüge und Betrug ist, was sie sagen von der Kraft des Glaubens, die da feien soll gegen das, was menschlich in ihm ist, – ab ob es Gott wohlgefällig und sein Wille sein könnte, dies Beste, Edelste und Köstlichste im Menschenleben zu unterdrücken und abzutöten! Nein, das war sein Wille nicht, konnte nicht der Wille eines Schaffenden seinen Geschöpfen gegenüber sein. Weshalb also wäre die Liebe zu einem Weibe für den Priester wider die Natur, weshalb Sünde gewesen? Und nun sollte diese Liebe, die entstanden war unter der Einwirkung aller reinsten und frommsten Gefühle, die je seine Brust durchwogt und ihn still und gut und friedvoll gemacht hatten, ein Verbrechen werden wider heiliges und unwandelbares Gesetz der Natur? Unmöglich! Unmöglich!« Und immer wilder bäumte der Widerstand in ihm sich auf. »Und wenn wir selbst der gleichen Mutter Kinder wären,« dachte er weiter, »beweist nicht dann das Entstehen unserer Liebe, die doch ohne unser Wissen und Wollen aus geheimsten Tiefen der Natur und unter ihrem unwiderstehlichen Zwange heraufwuchs, daß diese Liebe nichts Widernatürliches, nichts Verbrecherisches ist und sein kann; daß wir, wenn wir ahnungslos geblieben wären, wie wir es gewesen, glücklich in ihr hätten werden können und sollen? Und nur weil wir wissen, daß eine Mutter uns geboren, sollte unsühnbarer, verabscheuungswürdiger Frevel sein, was für die Unwissenden Glück gewesen wäre? Nur deshalb graut uns davor? Und doch lehrt man uns schon in unseren Kinderjahren aus den Berichten der Heiligen Schrift, die für uns lebenslang unverbrüchliche, ewige Wahrheit enthalten soll, daß wir alle von einem einzigen, ersten Menschenpaare abstammen. Weshalb ist, was im Kindesalter der Menschheit heilig und erlaubt war, und wovon wir mit frommer Ehrfurcht uns berichten lassen, was seither in den Jahrtausenden der Menschheit auch bei anderen Naturvölkern gestattet, ja in dem altägyptischen Herrschergeschlecht sogar geboten war, wenn die Geschichtschreiber uns recht belehren, – weshalb ist es heute ein Vergehen wider die Natur?« Er wußte keine Antwort auf all seine grübelnden Fragen. Aber er konnte auch in all seinem Trotz und in all seiner stürmischen Widerstandsgier dieses Grauens nicht Herr werden, das in seiner Seele wohnte. Und trotzdem er sich wieder und immer wieder zurief, es sei nicht möglich, wollte doch kein Friede bei ihm einkehren, und keine Zuversicht sein Herz ruhiger schlagen machen. So schritt er mit verdüsterter Stirn, wie ein hoffnungsloser, gebrochener Mann talab. Endlich war er in Moosbrunn. Er fragte im ersten Hause, das er erreichte, nach der Wohnung der alten Crescentia Afinger und achtete nicht darauf, daß die Leute ihn verwundert und erschreckt anstarrten, wie er mit seinem wilden Bart, seinem wuchernden Haupthaar, in der verwahrlosten, von den Unbilden des Wetters und der Talwanderung arg mitgenommenen Gewandung vor ihnen stand, blaß und finster blickend, wie wenn er aus einer Welt der Schrecken und des Unheils zu ihnen herniedergestiegen wäre. Manche erkannten ihn gar nicht, einige schlugen ein Kreuz, als er vorüberkam, als ob ihnen ein böser Geist erschienen wäre; die alte, welsche Obsthändlerin, die auf ihrer Türschwelle kauerte, machte erschrocken das Schutzzeichen gegen den bösen Blick, als sie ihn gewahrte. So kam er an die Hütte der Wurzin. Er fand sie in einem dunklen, niedrigen Gelaß, das ihr als Herdraum und Schlafkammer diente, wie sie in einem Kessel sich ihre Suppe rührte. Grauer, beizender Rauch umwallte sie dabei, weil die schwere Luft zum Rauchfang hereindrückte und das offene Feuer nicht in heller Flamme aufschlagen ließ. Hustend und scheltend hantierte sie mit ihrer Holzkelle umher. Es währte einige Zeit, bis Innocenz sich ihr bemerkbar machen konnte und sie ihn in dem Rauch, der ihr in die Augen biß, erkannte. Auch mußte er heute sehr laut sprechen, weil ihr Gehör bei der feuchtkalten Witterung noch schlechter war als sonst. »Was wollt Ihr?« rief sie ihn mißtrauisch und abweisend zugleich an; »wegen der Filomena kommt Ihr? Hab' ich's Euch noch nicht oft g'nug g'sagt, daß mich das Wechselbalg nicht schert? Und wo sie ist, weiß ich auch heut noch nicht. Fragt den Meßner danach!« »Hört mich nur in Ruhe an!« fiel Innocenz, ungeduldig mit der Hand ihre Schulter berührend, ein, »ich rede jetzt nicht von dem Mädchen. Ich habe aber eine ernste Frage an Euch zu richten, von der das Wohl und Wehe zweier Menschen abhängt. Darum beschwör' ich Euch vor allen Dingen: sagt mir die Wahrheit, die volle Wahrheit, als ob Ihr vor Eurem Gott redetet!« Seine Stimme klang so mahnend und feierlich, daß die Alte ihn jetzt betroffen anstarrte. Auch aus seinen verstörten Mienen und aus dem düsteren Blick seiner Augen mochte sie entnehmen, daß es sich hier um bedeutsame Dinge handle. Sie warf brummend ihre Kelle hin, hob den Kessel vom Feuer, trocknete sich die Hände an ihrer Schürze ab und fragte, ihm einen Holzschemel heranrückend: »Was wollt Ihr also? Macht's kurz!« »Das will ich,« sagte Innocenz. »Ihr habt mir seinerzeit erzählt und damit bestätigt, was ich von Filomena gehört hatte, daß Eure Tochter Anastasia nicht nur dieses eine Kind – Eure von Euch nicht anerkannte Enkelin –, sondern auch noch einen Sohn hatte. Ist das wahr?« Der Alten war diese Frage, die er an sie richtete, wie überhaupt das Gespräch, auf das sie hindeutete, sichtlich unangenehm. Sie schien erst gar nicht antworten zu wollen. Endlich brummte sie: »Denk' wohl. Hättet um deswillen nicht zu mir kommen brauchen. Gibt noch mehr Leut' auf der Lahn, die davon wissen, mein' ich. Hätt' sie gern begraben, die alten G'schichten.« »Nein,« fiel er mit ernster Bestimmtheit ein, »sie sind nicht zu begraben, sie sind heute lebendiger als je und ragen in die Wirklichkeit unserer Tage mahnend und drohend herein.« Das verstand sie offenbar nicht. Er aber fragte weiter: »Was ist aus diesem Sohne Eurer Tochter geworden?« »Ins Kloster haben sie ihn g'holt.« »Wer hat ihn dorthin geholt?« »Ist halt ein Klosterbruder 'kommen – aus dem Kärntnischen, sagen sie ja –, der hat g'meint, das Büberl hätt' kein' Vater und kein' Mutter mehr – denn die Stasi ist ja damals auch nicht mehr am Leben g'west –, da wär's gut, wenn man ihn ins Kloster brächt', wo er zeitlebens wohl aufg'hoben wär' und auch noch für die Sünden von Vater und Mutter beten könnt', damit ihre Seelen nicht gar so lang' brennen müßten. Nun, alle Welt ist z'frieden g'west, und fort'bracht ist er word'n.« »Und Ihr habt nie wieder von ihm gehört, Wurzin?« »Nie wieder. Hab' halt andres z' tun und z' denk'n g'habt.« »Wie hieß jener Sohn Eurer Tochter?« »Hat Innocentius g'heiß'n, g'rad wie mein Sohn selig!« »Und« – das Antlitz des Sprechers war noch fahler, seine Augen waren noch düsterer geworden – »wer war der Vater dieses Sohnes?« Die Wurzin zuckte die Achseln. »Was kümmert das mich? Weiß nichts mehr, will nichts mehr wissen von dem allen.« Sie machte eine zornig abwehrende Bewegung, als ob sie nun das Gespräch abbrechen wolle, als ob sie froh sein würde, wenn er sie jetzt verließe. Aber Innocenz blieb. Er trat ganz dicht vor sie hin, seine Augen flammten, als er wiederholte: »Wurzin, wer war der Vater dieses Sohnes?« »Weiß nicht,« murrte sie, ohne seinen Blick aushalten zu können. »Ihr wißt es! Schwört mir's, wenn Ihr's nicht wißt!« Sie schwieg. »Wurzin,« sagte er wieder, und seine Finger umklammerten ihre Handgelenke, »war jener Knabe Innocentius, den sie ins Kloster geholt haben, wirklich der Sohn Eurer Tochter Anastasia?« »Sie hat's ja selbst g'sagt. Fragt die Leut', die es noch erlebt haben, ob sie's nicht g'sagt hat. Damals ist sie auf der Bacherlalp als Sennerin g'west und war ganz allein durch fast fünf Monat'. Und als sie heimg'kommen ist, hat sie das Büberl g'habt und hat g'sagt, ihr g'hört's und kei'm andren. Fragt doch herum auf der Lahn, ob's anders g'west ist, fragt doch herum!« Sie befreite ungeduldig ihre Arme aus seinen Händen, riß sich scheltend los und wollte sich wieder am Herde zu tun machen. Innocenz hatte einen tiefen Atemzug getan. Es war, als sei ein eisernes Band zersprengt worden, das bis dahin seine Brust umspannt gehalten. »Wurzin,« sagte er in weicherem Ton als vorher, »ich will nicht wissen, was die Leute glauben und will auch nicht wissen, was die Anastasia gesagt hat, ich will einzig und allein die Wahrheit wissen. Das ist nicht das gleiche. Und Ihr wißt die Wahrheit. Wessen Sohn war jener Knabe?« »Ich sag's nicht!« schrie die Alte jetzt plötzlich in heller Wut, die beiden geballten Fäuste drohend gegen ihn in die Luft gereckt, »ich sag's halt einmal nicht, und wenn ich's auch wüßt'. Will doch einmal sehen, ob Ihr mich zwingen könnt, – will's doch einmal seh'n! Die Stasi hat das Büberl als ihren Sohn bei sich g'habt, und warum hätt' sie sich in die Schand' bringen sollen, wenn's nicht so g'west wär'? Um nichts tut das keine, mein' ich. Und nun gar die Stasi! Warum hat das bildsaubere Dirndl denn damals keinen g'funden, der sie zum Weib g'nommen hat, wo wir doch noch in guten Umständen g'west sind obenein und den Hof g'habt haben? Bloß wegen der Schand' nicht. Und weshalb ist nachher einer 'kommen, so ein windiger Welscher und hat die Ehr' g'stohlen und hat sie dann noch im Stich g'lassen, als das Würmerl, die Filomena, ist auf die Welt g'bracht worden? Ja, z'weg'n dem Bub'n ist all das Unglück 'kommen, die Schand' und der Tod. Und der Bub' sollt nicht wirklich ihr Bub' g'west sein? Wär' doch wunderlich, Hochwürden, wär' doch wunderlich!« Ein wilder, verbissener Ingrimm hallte aus ihren Worten; aber gerade um deswillen blickten Innocenz' Augen immer hoffnungsfreudiger und immer zuversichtlicher vor sich hin. »Crescentia Afinger,« sagte er, »könnt Ihr mir schwören, daß jener Bube Euer Enkelsohn war?« Da blitzte ein seltsames Leuchten in den Augen der Greisin auf. »Wohl, wohl, das kann ich Euch schwören, Hochwürden,« murmelte sie, »das kann ich Euch schwören.« Ein beinahe listiges Lächeln spielte dabei um ihre welken, eingefallenen Lippen. Innocenz aber atmete plötzlich so erleichtert auf, als ob eine Bergeslast sich von seiner Brust gewälzt hätte. Seine Augen flammten. »Ah!« machte er, »das also ist's – das! Jetzt begreif' ich alles. Gott im Himmel sei gelobt!« Er warf sich, als wenn seine Kräfte ihn plötzlich verließen, auf den Holzstuhl nieder und legte die beiden Hände eine Weile vor die Augen, wie um eine Blendung von ihnen abzuwehren. Sein Antlitz erschien, als er es frei wieder aufhob, friedvoll und klar, wie wenn jetzt eine tiefe Ruhe über ihn gekommen wäre. »Wurzin,« sagte er, während sie ihn argwöhnisch-erstaunt betrachtete, und ergriff eine ihrer braunen, verrunzelten Hände mit warmem Druck, »ich verstehe Euch, – jetzt versteh' ich Euch. Jener Knabe, den Eure Tochter Anastasia als ihren Sohn von der Alm mit herabbrachte und dann bei sich behielt, ist zwar Euer Enkelsohn gewesen, – das durftet Ihr mir zuschwören, wie ich's verlange, – aber Eurer Tochter Sohn war er deshalb doch nicht. Das war's – das wolltet Ihr mir verheimlichen. Ihr wolltet den Vater dieses Kindes schonen, – weil er ein Priester war und Euer Sohn!« Die Greisin stieß einen halb überraschten, halb zornigen Schrei aus und erhob abwehrend ihre beiden Hände. »Woher wollt Ihr das wissen?« kreischte sie auf. »Nicht wahr ist's – nicht wahr!« Innocenz blieb ganz ruhig. »Versündigt Euch nicht,« sagte er milden Tones, »es ist wahr, – muß wahr sein. Euch bindet Eure Liebe zu dem toten Sohn, auf den Ihr keinen Makel wollt fallen lassen, weil Ihr ihn vor allen Euren Kindern geliebt habt und am stolzesten auf ihn waret, – vielleicht auch ein heiliges Versprechen oder ein Gelöbnis. Ihr braucht Euch dessen auch nicht zu schämen, vielmehr macht es Eurem Herzen Ehre. Aber mir braucht Ihr die Wahrheit nicht vorzuenthalten, mir dürft Ihr sie nicht vorenthalten, Crescentia Afinger. Denn ich – ich bin der Sohn Eures Sohnes!« Einen Augenblick sah es aus, als wollte es die Greisin zu Boden werfen, sie taumelte, sie hielt sich mit beiden Händen am Herde fest. Dabei blieb ihr Mund offen stehen, und sie stierte den Sprecher mit großen, schreckhaften Augen an. »Ihr?« stieß sie heraus. »Ihr? Heiliger Gott, hab' ich's nicht gedacht? Wie ein Blitz ist mir's gleich in den Kopf g'fahren, als ich Euch damals g'sehen hab'. Wißt Ihr's noch? G'rad', als Ihr auf die Lahn kamt. Und der erste Mensch bin ich g'wesen, der Euch hier b'gegnet hat in unsere Berg', ist's nicht so? Und hab' Euch selber hier heraufführen müssen. Gott im Himmel droben, hab' ich g'dacht, sieht der mein' Cenzerl ähnlich, so ein' Ähnlichkeit ist ja noch gar nicht dag'wesen, Zug um Zug, und die Augen g'rad' so und die Stimm' auch. Grundgütiger Heiland! Ja, ist denn das möglich? Ist denn das möglich?« »Es ist schon so, – Großmutter!« sagte er mit leisem Lächeln, ergriff ihre beiden Hände und drückte sie. Dann wurde er wieder ernst und fuhr fort: »Seht, schon um deswillen mußt' ich die Wahrheit wissen, nicht wahr? Denn vom Kloster haben sie mir auch geschrieben, ich sei der Sohn Eurer Tochter Anastasia, und das wollt' und konnt' ich nicht glauben. Und wenn es wahr gewesen wäre, so hätte furchtbares Unheil daraus entstehen können. Man darf mit der Wahrheit kein leichtfertiges Spiel treiben, auch um vermeintlich guter Zwecke willen nicht, Großmutter! Seht, Filomena und ich, wir haben uns lieb. Und da ich kein Mönch und kein Priester mehr sein kann, mehr sein will, wollen wir Mann und Weib werden. Und nun denkt, wie es sein würde, wenn wir glauben müßten, wir wären einer Mutter Kinder!« »Heiliger Gott!« stöhnte die Greisin auf, den Sprecher mit angstvollem Entsetzen anstarrend. »Ihr und die Filomena? Aber der Rock, den Ihr tragt –! Großmächtige Jungfrau, der Rock! Und Ihr wißt ja doch, wie mein Cenzerl geend't hat! Ein geistlicher Herr seid Ihr und sprecht davon, daß die Filomena Euer Weib werden soll! Du allgütige Vorsehung!« Sie war wie in einer Anwandlung von Ohnmacht auf den Schemel gesunken, von dem Innocenz vor einer Weile aufgestanden war, und legte den Arm vor die Augen, als ob sie nichts mehr hören oder sehen wollte. Sie war wie gebrochen, und ihr Kopf wackelte haltlos hin und her. »Seid ruhig,« sprach ihr Innocenz mit warmem Ton zu, »mein Vater hat ja nicht in so grausiger Art geendet, weil er ein Weib lieb hatte, trotzdem er den Priesterrock trug, sondern nur, weil dies Weib ihm nicht folgen wollte, als er mit ihr in die weite Welt hinauszuziehen gedachte. Filomena aber will mir folgen. Und diesen Rock werf' ich von mir ab. Mir ist das gleiche Los geworden, wie meinem Vater, Großmutter, aber ich soll glücklicher werden, als er gewesen ist. Er kannte keine andere Rettung mehr für sich als den Sprung in die Tiefe, – vor mir aber liegt das Leben!« Sie konnte das und anderes, was er mit leuchtenden Augen zu ihr redete, offenbar nicht fassen, sich überhaupt in all das Neue und Ungeheure, was hier jählings auf sie einstürmte, nicht finden. Ihr Kopf ging hin und her, und sie griff sich immer wieder mit den Händen danach, als wollte sie ihn halten. Innocenz aber sagte nach einer Weile: »Und nun müßt Ihr mir alles erzählen, Großmutter. Wie kam's, daß Eure Tochter Anastasia das Kind, das doch nicht ihr Kind war, dafür ausgab und sich selber die Schande einer anderen auflud? Das war ein seltsames und verhängnisvolles Tun!« Die Wurzin nickte rastlos vor sich hin. »Wohl, wohl, Ihr habt ganz recht. Und ganz recht habt Ihr auch darin, daß ich g'lobt hab', nie davon zu reden. Hab's auch bei Gott dem Allmächtigen nie getan. Und alle Welt hat 'glaubt, der kleine Cenzerl wär' der Stasi ihr Bub'. Ist aber nicht so g'west. Auf der Bacherlalm hat eine andere bei ihr g'wohnt, von der kein Mensch nichts g'wußt hat, und die ist die Mutter g'wesen. Und weil der Cenzerl, mein Sohn, der Vater war und hat doch den Priesterrock g'trag'n, hat er die Stasi ang'fleht, bei Gott und bei all'n Heiligen, sie möcht' aussagen, das Kind wär' ihr Kind, und möcht' ganz stillschweigen von der anderen. Und die andere hat sie auch b'schworen, so zu tun, und hat ihr viel Geld g'boten, viel Geld, wenn's g'schehen würd', – 's Geld hat die Stasi nicht g'nommen, aber g'schwieg'n hat's bis an ihr Lebensend', obgleich's gar so ein groß' Unglück für sie g'west ist, und hat zu keiner Menschenseel' je davon g'sprochen als bloß zu mir, und ich hab's ihr in die Hand versprechen müssen, nie ein Wörtel davon zu reden. Hab's ja auch nicht 'tan, so sehr mich's oft g'wurmt hat. Glaubt ja heut noch alle Welt, daß die Stasi die Mutter war, und von der wirklichen Mutter ahnt kein Mensch nichts. Und die Stasi hat's halt dem Cenzerl zu Lieb' tan, weil sie den gar so gern g'habt hat und ihm nichts hat abschlagen können; – wir haben ihn halt alle so gern g'habt. Herr du mein Gott, war das ein Mann, der Cenzerl! Der hätt' uns all' um den Finger g'wickelt, so lieb und gut und treu, wie er war. Aber für die Stasi ist's halt doch gar schrecklich g'wesen, daß sie das Opfer so stillschweigends g'bracht hat. Denn alle Welt hat sie ja veracht't deswegen, und sie war doch ganz unschuldig und rein, und kein Mann hat sie mehr zum Weibe haben wollen. Da hat sie denn manchmal freilich bitter g'weint und, als der Cenzerl tot war, hat sie g'dacht, die wahre Mutter könnt' nun wohl den Zwang von ihr nehmen und könnt' sich zu dem Bub'n bekennen. Ja, du lieber Gott! Die hat sich nimmer sehen lassen. Und einmal hat ein braver Bursch, der die Stasi gern g'habt hat, sie g'fragt, ob's denn wahr und wirklich ihr Kind wär', das sie da bei sich hätt', er könnt's nimmer glauben. Und da hat sie ja wohl sagen müssen: doch, es wär' ihr Kind; und er hat sie da nicht mehr zum Weibe haben wollen. Und schließlich hat der Welsche, der in der Kirchen drüben die neue Kanzel und das G'stühl 'zimmert hat, – ein bildsaubrer Bursch ist's g'wesen, das muß wahr sein, und g'schickt war er auch mit den Händen, – der Matteo hat er g'heißen, er hat 'dacht: so eine, die schon ein Kind hat und kein' Vater dazu, so eine kannst schon haben, wenn sie auch nicht heiraten willst, das ist jetzt kein' Sünd' mehr. Und richtig ist's so 'worden. Die Stasi hat ihm 'glaubt, daß sie einmal sein Weib werden sollt', und nachher ist er auf und davon und hat nimmer von sich hören lassen. Da ist sie ihm nachg'laufen ins Welschland, du lieber Gott, und hat's Kind unter'm Herzen g'habt und hat g'meint, sie find't ihn schon, und er wird sie schon wieder ehrlich machen wegen sein' Kind. Wohl, wohl. Sie hat ihn nicht g'funden und ist wieder 'kommen und hat's Dirndl bei sich g'habt und ist siech und tod'selend g'west und war am besten, daß sie g'storben ist. Und dann ist der klein' Cenzerl ins Kloster g'holt word'n – wird die Mutter so ang'ordnet hab'n, denk' ich mir halt –, und das Dirndl ist zum Meßner 'kommen. War aber das Unglück, daß die Stasi sich als Mutter von dem Büberl aus'geben hat, war ihr ganzes Unglück. Von da hat's ang'fangen. Nun, verlohn' ihr's Gott! Ich mein' halt, eine gute Tat war's halt doch, wenn sie's auch lieber nicht hätt' tun sollen – lieber nicht.« Die Alte kauerte sich jetzt wie fröstelnd zusammen und nickte mit ruhelos sich bewegenden Lippen, als wollte sie immer wieder ihre letzten Worte vor sich selber bestätigen. Innocenz hatte mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen und gesenktem Kopf ein paarmal das Gelaß in der Länge und in der Breite durchmessen. Die Gedanken gingen noch immer stürmisch in ihm um, und er war tief bewegt. Endlich blieb er vor der Alten stehen und fragte, während der Atem nur gepreßt aus seiner Brust kam: »Weshalb sagt Ihr mir nicht auch das Letzte jetzt noch?« Sie schien ihn nicht zu verstehen oder wollte es nicht. »Was soll ich noch sagen?« murmelte sie. »Ihr habt mir noch nicht gesagt, wer – meine Mutter war.« Die Wurzin schlug ein Kreuz und murmelte Unverständliches. Dann schüttelte sie den Kopf. »Ich hab's g'lobt, es nie zu sag'n – nie im Leben. Fragt mich nicht!« »Ihr wißt es also doch?« »Könnt's nicht b'schwören, aber ich denk' halt, ich weiß es; die und kein' andere.« »Und Ihr wollt mir nicht sagen, wo ich meine Mutter zu suchen habe?« Die Alte gab keine Antwort, sondern schüttelte in sichtlichen Zweifeln heftig den Kopf. »Großmutter,« fragte Innocenz, »weshalb habt Ihr mich gewarnt damals, als Ihr mich mit der Gräfin Karditsch zusammen angetroffen hattet? Weshalb sagtet Ihr mir damals, von Schloß Peutelstein her käme allezeit Unheil über meinesgleichen?« »Ist so, ist richtig so wahr,« murmelte die Alte. »Find' ich meine Mutter im Schlosse Peutelstein, Großmutter?« »Heiliger Gott im Himmel! Wie Ihr redet! Ich hab's nicht g'sagt, ich weiß nichts von dem. Geht hin und fragt sie selber!« »Das will ich.« Es war in kurz entschlossenem Tone gesprochen, und Innocenz machte sich zum Gehen fertig. Er bot der Greisin seine beiden Hände und hielt sie eine Weile in warmem Druck umschlossen. Die alte Wurzin aber war plötzlich mit einem aufschluchzenden Ton neben ihm in die Knie gesunken und hatte ihr tränenüberströmtes Gesicht gegen seine Hände gepreßt. Eine jähe Bewegung hatte die Greisin, die für alle irdischen Empfindungen von Schmerz, Rührung und Glück sich abgestorben gewähnt und sich dagegen geschirmt hatte, weil sie genug und mehr als genug davon erfahren, übermannt. »Mein Cenzerl,« flüsterte sie, »mein Cenzerl!« Innocenz war erschüttert von dem gleich einem lange versiegt gewesenen Quell wieder ausbrechenden menschlichen und mütterlichen Gefühl bei der Greisin. Der neu erwachende Schmerz um den längst verlorenen, einst vor allen geliebten Sohn vermischte sich ihr seltsam mit der erstaunten Freude über dessen wiedergefundenes Ebenbild. Schrankenlos gab sie sich plötzlich dem Ausbruch ihrer Empfindungen hin. »Ach, du lieb's, lieb's Herrgöttel,« kam es zwischen Schluchzen und Lachen über ihre Lippen, »ist es denn möglich? Ist es denn bloß wirklich möglich? Dem Cenzerl sein Sohn! Ach, du grundgütiger Jesus, dem Cenzerl sein eigener Sohn!« Sie konnte lange nicht wieder zu sich kommen, bis Innocenz sie in seinen Armen aufhob. »Ahne,« sagte er dann, »Ihr könntet mir etwas zu essen geben. Ich habe schon eine weite Talwanderung hinter mir und habe heute noch vieles auf mir, habe aber noch keinen Bissen über die Lippen gebracht. Ich bin hungrig.« Nun trippelte die Alte eilfertig hin und her, trocknete sich mit dem Schürzenzipfel das Gesicht und, immerfort vor sich hinmurmelnd: »Ach, du Allmächtiger! Laß ich mein arm' Cenzerl hungern und dursten! Hat mein' arm' Cenzerl den ganzen Tag noch nichts 'gessen oder 'trunken! Oh, du lieb's Herrgöttel!« klapperte sie alsdann mit Gläsern und Schalen, sperrte Schranktüren auf, die knarrend wieder zuflogen, und brachte endlich aus dem dunklen Hintergrund des Nebenraumes Hartbrot, Käse, Eier und Wein zum Vorschein, die sie vor ihn hinstellte. »Wenn ich's besser hätt',« murmelte sie mit verlegen-zärtlichem Lächeln, »nachher möcht' ich dir's schon geben, Cenzerl –« Dann unterbrach sie sich, während er ihr freundlich dankend zunickte, unter einem erschrockenen Ausruf und schlug sich beide Hände vor's Gesicht. »Jesses, Jesses, jetzt sag' ich schon du und Cenzerl zu Euch. Bring's halt nicht mehr auseinander, daß Ihr nur der Sohn von mei'm Cenzerl seid. Seht ihm halt gar so gleich, – seid halt gar so ganz, wie er g'west ist.« Innocenz nahm ihr die beiden Hände herab. »Ihr sollt mich auch so nennen, Ahne,« sagte er. »Ich bin Eures Sohnes Sohn und hab' die gleichen Rechte an Euch wie mein Vater, der nicht mehr lebt. Kommt, setzt Euch her zu mir und haltet mit! Und dann erzählt mir noch mehr von meinem Vater und Eurer Tochter Anastasia, die Mutterstelle an mir vertreten hat.« Nach einigem Zureden ließ sich die Alte auch wirklich dazu bewegen. Sie saß neben Innocenz an dem kleinen Tische, den sie für ihn gedeckt hatte, trank ein Glas Wein, in das sie hin und wieder einen Bissen Graubrot tauchte, um ihn aufzuweichen, und sah ihn mit ihren feucht schimmernden Augen lächelnd und nickend an, halb liebevoll, halb verschämt. Sie war ganz wie außer Fassung geraten und konnte sich in das Ungeheuerliche noch immer nicht finden, sondern wirrte die Vergangenheit und die Gegenwart unterschiedslos durcheinander. Innocenz wurde zu ihrem Sohne und Filomena zu ihrer Tochter, der Stasi, und daß die beiden Mann und Weib werden wollten, begriff sie nicht, aber immer strahlte ihr Gesicht auf, wenn ihre Blicke das seine überflogen, als wenn das zum ersten Male im Leben geschähe und Innocenz vorher unerkannt und unkenntlich an ihr vorübergegangen sei. Dazwischen erzählte sie auch in abgebrochenen Sätzen manches von ihrem Sohn, dem Cenzerl, um dann dazwischen plötzlich zu fragen: »Wirst's ja noch wissen, Büberl, nicht wahr? Wirst's ja noch wissen?« Und er nickte ihr dann jedesmal freundlich bestätigend zu. Plötzlich fragte sie, wie in auftauchendem Verständnis über die wirkliche Sachlage: »Ja, was willst denn nun eigentlich tun, Cenzerl, wann kein Priester mehr bist? Leben mußt doch können. Und gar, wenn du eine Frau hast!« »Ein Maler möcht' ich werden, Großmutter,« sagte er. »Jesses!« rief sie und lachte. »Gar ein Maler! Der Cenzerl, weißt, hat's halt auch verstanden, zu malen. Hat's von sei'm Großvater selig g'habt, der war halt so einer, der auf die Hauswänd' g'malt hat, Heiligenbilder und Engel und fromme Sprüch', und was so dergleichen ist, und ist berühmt g'west im ganzen Gebirg, bis weit ins Ampezzo und ins Pustertal 'nunter, so gut hat er sein' Sach' verstanden. Und der Cenzerl hat immer g'sagt: ›Mutterl‹, hat er g'sagt, ›hätt'st mich soll' lass'n ein' Maler werden. Und wann ich ein schlechter Maler g'worden war', wär's halt immer noch besser, als ein schlechter Priester, wie ich's nun bin.‹ So hat er g'sagt. Und nun willst auch ein Maler werden? Ach, du lieb's Herrgöttl! Geht gar verwunderlich zu in derer Welt, gar verwunderlich.« Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Hast 'leicht Geld im Sack, Cenzerl? Wann kein Geld hast, – die Filomena hat auch keins, – also: Wie wollt Ihr leben? Wird ein' Weil' hingeh'n, mein' ich, bis ein Geld verdienst mit dei'm Malen. Wirst erst müssen in die Lehr' gehen, nicht?« »Freilich, freilich,« erwiderte er, und eine Wolke überschattete seine Stirn. »Geben sie dir Geld im Schloß, Cenzerl?« »Im Schloß?« Seine Mienen hatten sich finster zusammengezogen. »Und Ihr meint, wenn sie es täten, ich würd' es nehmen, Ahne, – ich könnt' es nehmen?« Sie blinzelte ihn listig an und kicherte dann behaglich in sich hinein. »Muß dir halt die Wurzin Geld geben, mein Büberl. Geld braucht man in derer Welt. Und wann der Sohn von mein'm Cenzerl bist und willst heiraten. – Und müßt'st 's ja doch einmal bekommen, weil ich kein' anderen Erben nicht hab' auf derer Welt. Und die alt' Wurzin braucht's nimmer – du lieber Gott – die braucht's nimmer, und wann's noch hundert Jahr' leben möcht' auf Erden.« »Ihr? Habt Ihr denn Geld?« fragte Innocenz verwundert, und seine Blicke schweiften durch das armselige Gelaß. Die Alte lachte meckernd, in sichtlicher Schadenfreude, und rieb ihre knochigen Hände übereinander. »Freilich, freilich, mein Büberl. Man sollt's nicht meinen, nicht wahr? Man sollt' nicht meinen von der alten Wurzin. Aber weißt, halt, als sie uns den Hof vergantet haben, ist doch noch ein und das andere Guldenzetterl übrig'blieben. Und dann: die Enzerlbrenner zahlen auch gut, und soviel Wurzeln, wie die alt' Afingerin, find't leicht keiner. Daneben gibt's aber noch andere Kräuterl im G'birg, die helfen zu viel gute Ding', und man gibt's auch nicht her ohne Geld, verstehst? So kommt halt eins zum anderen. Und die alt' Wurzin braucht nicht gar viel für sich selbst.« »Für wen habt Ihr das Geld denn aber gesammelt, Ahne, wenn Ihr doch keine Erben hattet?« fragte Innocenz. »Hab' halt meine eigene Freud' daran gehabt,« kicherte die Wurzin, »meine eig'ne Freud'. Und nun ist's ein Segen Gottes worden, Büberl, recht ein Segen Gottes. Die Leut' haben immer 'dacht, die alt' Wurzin ist gar so arm, Gott im Himmel, wie ist die alt' Wurzin arm! Und haben mir mehr 'geben, als ich g'fordert hab'. Hab' ich mir halt 'dacht: Augen sollt Ihr machen, wann ich einmal hin bin, und was für Augen! Ich hätt's Geld verschrieben zu lauter Seelenmessen für mein Cenzerl und ein gar großmächtig und prächtig Marmordenkmal hätt' man ihm bauen sollen an derselbigen Stellen, wo er abg'stürzt ist. Das hätt' sie 'giftet, die Leut', die immer davon reden, in der Höll' tät er brennen in aller Ewigkeit, mein Cenzerl. Nuh! Ist auch gut, wann das Geld an den Buben vom Cenzerl kommt, ist auch gut. Sollst es haben, mein Büberl, sollst es haben bis aufs letzte Kreuzerl!« Sie wollte geschäftig aufspringen, um das Geld zu holen, aber Innocenz wehrte ab. »Laßt's,« sagte er, »nicht jetzt, Ahne! Aber ich komme noch einmal wieder, und dann nehme ich von Euch, was Ihr mir geben wollt, als Darlehn, bis ich es Euch selber von meiner Hände Arbeit einmal zurückgeben kann. Habt Dank! Und jetzt will ich gehen.« Er stand auf und bot ihr die beiden Hände zum Abschied, mit denen er die ihren drückte. Dann ging er. Draußen rauschte der Regen in gleichmäßigem Tropfenfall nieder, und durch das brauende Nebelgewoge, welches das ganze Hochtal erfüllte und ihm mit stickiger, dumpfer Schwere die Brust beklemmte, schritt er gegen Schloß Peutelstein zu. Sein Antlitz hatte sich aufgehellt, und wenn auch immer noch ein trüber Ernst darauf lagerte, war doch der Ausdruck düsteren Trotzes und heißen Seelenschmerzes daraus verschwunden. Zwar waren die letzten Zipfel des dunklen Bahrtuches, das über seiner Vergangenheit gebreitet lag, noch immer nicht gelüftet, aber ein entschlossener Wille lebte in ihm, es jetzt vollends aufzuheben und damit den Rest von bangen Zweifeln zu zerstreuen, der in seiner Seele zurückgeblieben war. In dieser Stunde noch wollte er erfahren, ob die Greisin, der Vergangenes und Gegenwärtiges seltsam durcheinander zu wogen schien, wahr gesprochen hatte, wollte er wissen, ob seine eigenen Ahnungen ihn nicht täuschten, und wollte er seine Mutter kennenlernen. Seine Mutter! Diese Frau, die ihm seit der ersten Stunde, wo er in ihre Nähe gekommen, nur Grauen und Abneigung eingeflößt hatte, die ihm als eine Verkörperung starren Eigenwillens und unerbittlicher, grausam-rücksichtsloser Herrschsucht erschienen war, deren Religion ihn abstieß und entsetzte, weil kein Mittel sie zu schlecht und zu niedrig dünkte, um ihre Zwecke »zur höheren Ehre Gottes« zu erreichen, diese Frau, die von jener Toten beschuldigt worden war, um eben dieser Zwecke willen erbarmungslos das Leben ihres Enkelkindes aufs Spiel gesetzt, hingeopfert zu haben, – diese Frau seine Mutter! Konnte das wirklich sein? Sollte er seiner Mutter Namen nur erfahren, um ihn mit Schaudern aussprechen zu müssen? Und doch deutete alles, alles darauf hin. Hatte nicht auch der greise Pater Pius davon geredet, daß die starre, fanatische Frömmigkeit der Gräfin Theodora auf dem Untergrunde einer sündigen Jugend aufgewachsen sei, welche sie dadurch zu sühnen vermeinte? Und sie mußte einst schön gewesen sein und hatte wohl auch eine jener Ehen der großen Welt geschlossen, nach deren Grund und sittlichem Zweck man nicht fragen durfte, wie sie selber ihm einst gesagt, und der Priester Innocentius Afinger hatte heißes Blut in seinen Adern gehabt, so heißes, wie es heute in denen seines Sohnes rollte. Da war denn die Sünde geschehen. Aber es war eine feige, schwache Sünde gewesen, keine mutige; und das Weib, das sie begangen, hatte sich ihrer geschämt, hatte sie klüglich vor aller Welt verborgen in ihrer grausamen Selbstsucht und kläglichen Angst darum, unbekümmert, daß eine andere, Unschuldige, unter dem falschen Verdacht, den sie auf sich genommen, litt und von der unverdienten Schande erdrückt wurde, welche sie traf. Und als es dann gegolten hatte, frei vor aller Welt durch eine kühne, entschlossene Tat sich als das Weib des Mannes zu bekennen, dem sie ein Kind geboren, und mit ihm und diesem Kinde in eine neue Welt, in ein neues Leben hinauszugehen, da hatte die große Stunde sie klein und feig gefunden, sie war vor dem Ungeheuerlichen zurückgeschreckt und hatte den Mann, der ihres Kindes Vater war, in den Tod gehen, ihr Kind bei der Fremden, die seine Mutter hieß, aufwachsen lassen, nur damit sie selber die Gräfin Theodora Karditsch blieb, vor der die Menschen sich beugten und bückten, und an der kein Makel und keine Sünde zu finden war. O der Schmach! der Schmach! Und um Buße zu tun, hatte die schöne Sünderin sich in die strenggläubige, fanatische Beterin verwandelt. Buße! Wenn das, was sie getan, hätte Buße heißen können! Neue Sünde war es gewesen, vielleicht noch schwerere, als die sie zuvor begangen, und wie hätte die alte Sünde überhaupt gebüßt werden können, da sie doch fortdauerte, solange die Mutter ihr Kind verleugnete und von sich verbannte, Tag um Tag und Stunde um Stunde? Innocenz hatte das Schloß erreicht. Als aus den grauen Nebelschleiern die wuchtigen Massen desselben dunkel und drohend vor ihm auftauchten, durchrüttelte ihn ein Schauer. Mit welch anderen Empfindungen und Gedanken war er einst hierher gekommen! Nun lagen nur Wochen zwischen dem letztenmal und heute, und was alles war in ihnen geschehen! Als fremder Mann schritt er über diese Schwelle. Er gedachte der Toten, die man von hier aus fortgetragen, um sie neben ihrem Kinde in der gräflichen Erbgruft zu Karditsch zu bestatten. Für ihn war sie gestorben, – um seinetwillen! Wie ein Gräberhauch wehte es ihn an aus den hallenden Korridoren, die er durchschritt. Alles erschien ihm wie ausgestorben. Kein Kinderlachen mehr hinter diesen verschlossenen Türen, keine hohe, jugendschöne Frauengestalt mehr, die in diesen Gemächern gleich einer Verkörperung von Anmut und Hoheit wandelte! Sogar das Willkommensgebell des Hundes war verstummt. Innocenz sah ihn nirgends. Er würde geglaubt haben, daß die Gräfin Theodora selber nicht mehr in den verödeten Räumen des Jagdschlosses verweile, zumal der Sommer nun vorüber war, und für ihr Bleiben überdies kein Anlaß mehr vorzuliegen schien, aber der Diener, welcher ihn empfing, hatte ihm bestätigt, daß sie noch in Peutelstein hause, jedoch so leidend sei, daß er bezweifle, ob sie einen Besuch empfangen könne. Immerhin wolle er anfragen. Er führte Innocenz, den er nur mit einem scheuen Blick gestreift hatte, wie wenn ihm Zweifel auftauchten, ob er den Mönch auch in solchem Aufzuge und solcher Verfassung der Gräfin melden dürfe, wieder in den Salon, dessen Wand das Tizianbild schmückte. Und wieder stand Innocenz in tiefer Versunkenheit, in andächtigem Schauer davor. Sie hatte ihm nicht umsonst gepredigt in ihrer sieghaften, bezwingenden Sprache, die holdselige Verkörperung der irdischen Liebe dort; ihre Lehre, die Donata ihm ausgedeutet, war nicht spurlos in seiner Seele verhallt, sondern hatte ein mächtiges Echo gefunden, und er hatte die Arme begehrend ausgestreckt, um all das Wonnige und all das Beseligende, das sie verhieß, an seine ungestüm klopfende Brust zu pressen. Sie hatte voll und ganz von seinem Innersten Besitz ergriffen, die irdische Liebe, nur daß er wußte, er sei um deswillen der himmlischen nicht entfremdet worden, sondern sie lebe in jener weiter, aber sie sei keine weltabgwandte und weltentsagende Liebe mehr, vielmehr eine, die Himmel und Erde mit all ihren Schauern des Glücks und mit allen ihren Schrecken gleicherweise in sich schloß. Vor ihm lag heute die Welt, in sich trug er den Himmel, – seinen Himmel. »Frau Gräfin lassen bitten.« Der Diener mußte seine Meldung wiederholen, ehe Innocenz aus seiner Versunkenheit auffuhr. Sekundenlang wußte er kaum, wo er sich befand, und um was es sich handelte. Dann folgte er mit verstörten Zügen dem Diener wie ein Traumwandler. Er wurde in das obere Stockwerk hinaufgeführt, durchschritt mehrere Gemächer und trat endlich durch eine zurückgeschlagene Portiere in einen halb verfinsterten Raum, in welchem eine weibliche Gestalt, deren Umrisse nur schwach zu erkennen waren, auf einem Ruhelager in ihren Kissen lehnte. Neben demselben stand die ganz in sich zusammengesunkene Figur des Pater Pius, dessen schneeweißes Haar den einzigen hellen Punkt in diesem dunklen Gemach bildete. Innocenz war kaum eingetreten, als die Gräfin, von ihrem Lager aus sich halb aufrichtend, einen heiseren Schrei ausstieß. Dann klang es stöhnend hintennach: »Alle Heiligen! Stehen die Toten wieder auf aus ihren Gräbern?« Ächzend sank sie zurück, beide Hände vors Gesicht geschlagen. Innocenz mußte denken: »So ist mein Vater dereinst wohl bei ihr eingetreten, als er nach langen und harten inneren Kämpfen sich endlich entschlossen hatte, sie als sein Weib zu sich zu fordern oder zugrunde zu gehen, falls sie sich ihm verweigere, – verstört und düster, und gar wenig einem Priester ähnelnd, wie heute ich!« Über seine Lippen aber kam nur der übliche Gruß: »Gelobt sei Jesus Christus!« Pater Pius murmelte den Gegengruß, während er sich besorgt zu der Gräfin herabbeugte, deren Glieder in ein krampfhaftes Zucken verfallen waren. Er flüsterte ihr mit leiser, ängstlicher Stimme zu, sie möge sich fassen, es sei Pater Innocenz, der gekommen, und er würde nicht begreifen können, weshalb sie so erschrocken sei. Innocenz selber stand hochaufgerichtet in der Mitte des Gemaches da, sein dunkles Auge brannte in verzehrendem Feuer, seine Lippen waren fest aufeinandergepreßt. Unbeweglich, die Arme über der Brust gekreuzt, in der Haltung eines Richters verharrte er. Die Gräfin hatte sich endlich beruhigt. Aber noch immer stierten ihre großen, blutunterlaufenen Augen aus einem aschfahlen, eingefallenen Gesicht ihn an wie die Erscheinung aus einer anderen Welt. »Was bringen Sie?« murmelte sie mit kurzem, röchelndem Atem. »Ich habe eine Frage an Sie zu richten, Gräfin.« Seine Stimme klang ihr ganz anders als früher im Ohr. War das noch der jugendliche Priester, den sie beherrscht, der sich vor ihrem ehernen Willen gebeugt und gedemütigt hatte? Heute redete er zu ihr, als ob sie die Rollen getauscht hätten. Etwas wie eine unbehagliche Empfindung, wie die Vorahnung von etwas Peinvollem lebte in ihrer Brust auf. »Reden Sie,« sagte sie matt. »Aber machen Sie es kurz, ich bin noch sehr angegriffen von einer schweren Krankheit, die ich kaum überstanden habe.« »Es verträgt keinen Zeugen, was ich Ihnen zu sagen habe, Gräfin.« »Pater Pius darf alles hören, was nur für mich bestimmt ist. Es gibt kein Geheimnis, das ich vor ihm zu bewahren hätte.« »Wie Sie wünschen, Gräfin.« Er trat einen Schritt näher an ihr Ruhelager heran, ohne aber im übrigen seine Haltung zu verändern. »Sie erinnern sich des Priesters Innocentius Afinger, Gräfin?« Ein halb unterdrückter Schrei kam von ihren blutlosen Lippen. »Ich? Warum? Wie kommen Sie –? Ich verstehe nicht – Dieser Priester – Ein Bauernsohn aus Moosbrunn war's.« »Eben dieser. Sie erinnern sich seiner, Gräfin?« »Derselbe, der droben vom Pfaffensprung –« Sie hatte unwillkürlich, wie magnetisch von seinem Gedankengange angezogen, diese Worte halb im Traum vor sich hingesprochen, ohne sie aber zu vollenden. Sie starrte ihm entsetzt ins Gesicht. Da vollendete er ruhig: »Der sich in die Tiefe hinabstürzte, weil er sein verfehltes Leben nicht mehr zu ertragen vermochte, nachdem das Weib, das ihm sein bisheriges Dasein vernichtet und ihn in Schuld und Sünde verstrickt hatte, in entscheidender Stunde nicht den Mut besaß, ihm nun ein neues wieder aufbauen zu helfen, nicht erkannte, daß es ihre Pflicht sei und die einzige Sühne gewesen wäre, die es auf Erden noch für sie gab für das, was sie getan. Dieser Priester ist's, von dem ich rede, Gräfin. Und wissen Sie auch, wer jenes Weib war?« Gräfin Theodora hatte sich unruhig in ihren Kissen hin- und hergeworfen. Jetzt stöhnte sie schmerzlich auf. »Weshalb fragen Sie mich das?« »Weil ich ein geheiligtes Recht habe, es zu fragen, Gräfin. Denn ich bin der Sohn jenes Priesters und jenes Weibes.« »Sie?« Die Gräfin war kerzengerade mit ihrem Oberleibe aus den Kissen emporgefahren, ihre zitternden Hände fingerten in der Luft umher, ihre Augen stierten blöde ins Leere. Dann sank sie mit einem Aufschrei wieder zurück, und ein Krampf rüttelte an ihrem hageren, abgezehrten Leibe. »Heiliger Gott im Himmel! Sie? Ich hätt' es ahnen können. Sie sind sein Ebenbild. Aber ich wollte nicht – wollt' es nicht glauben. Barmherziger Gott! Auch das noch!« Die Glieder flogen ihr, ihre Zähne schlugen gegeneinander. Innocenz aber wiederholte erbarmungslos seine Frage: »Kennen Sie jenes Weib, Gräfin? Kennen Sie meine Mutter?« Pater Pius, der sich bald besorgt über die Gräfin herabgebeugt, bald ängstliche Gebärden gegen Innocenz gemacht hatte, der nicht darauf achtete, streckte jetzt flehend seine beiden Arme gegen den Sprecher aus und murmelte mit demütig-gebrochener Stimme: »Schonen Sie sie, lieber Bruder! Um der Barmherzigkeit unseres Gottes willen: Schonen Sie sie! Sie ist sehr leidend. Der Himmel hat sie schwer heimgesucht. Ihr Leben könnte auf dem Spiele stehen, lieber Bruder, – schonen Sie sie!« Da brach ein heiseres, mißtöniges Lachen von Innocenz' Lippen. »Schonen, Pater Pius? Schonen sollt' ich sie? Und hat sie meinen Vater geschont, als er wie ein todwunder Mann sich zu ihr schlich, um ihr zu sagen, daß sie sein Leben vernichtet habe, um von ihr zu fordern, daß sie ein neues mit ihm beginnen solle? Nein, sie hatte wohl den Mut gehabt, zu sündigen und einem Geweihten des Herrn sich in ehebrecherischer Leidenschaft hinzugeben, aber den Mut, ihre Tat zu sühnen, hatte sie nicht. Und als der Mann, dem sie Liebe geheuchelt und dem sie ein Kind geboren hatte, welches sie verleugnete, ihr sein zerbrochenes und zertrümmertes Leben vor die Füße warf wie ein wertlos gewordenes Gut – wo war da die Schonung, die sie ihm angedeihen ließ? Sie atmete nur erlöst auf, daß der, dessen Leben eine stete Mahnung an ihr Verbrechen gewesen wäre, der zum furchtbaren Ankläger hätte an ihr werden können, nun für immer verstummt war. Und als man den Selbstmörder an der Friedhofsmauer eingescharrt hatte, da wußte von dem Ungeheuerlichen niemand mehr Zeugnis abzulegen als das unglückliche Mädchen, die Schwester des Toten, die aus Liebe zu ihrem unseligen Bruder das Kind, das von seiner Mutter verleugnet worden, als das ihre angenommen und um deswillen Schmach und Schande und Verachtung geduldig zu ertragen gewillt war. Wo war da die Schonung, welche die unnatürliche Mutter für jene opferwillige Pflegerin empfand? Und als auch dieser Mund, der das furchtbare Geheimnis hätte in die Welt hinausschreien können, verstummt war für immer, und man das elternlose Kind hinter Klostermauern verbarg, um es abzuschließen von allem, was das Leben Köstliches und Wertvolles birgt, ohne zu wissen, ob es selber auch darauf zu verzichten bereit war, – wo war damals die Schonung, welche die Mutter ihrem Sohne gewährte? Schonung, Pater Pius? Schonung? Die Frau, welche das alles über sich vermochte, nur damit vor der Welt ihr Name unangetastet bleibe, nur damit sie vor der Welt nach wie vor die Rolle der unbemakelten Gräfin Karditsch in allem Glanz und Prunk ihres Lebens zu spielen imstande war, diese Frau hätte ein Anrecht auf Schonung? Und von mir? Ich weiß von solcher Schonung nichts. Die Stunde des Gerichts ist gekommen, Pater Pius, und ich stehe hier nicht, um Milde zu üben, sondern um schonungslos zu verdammen!« Die Stimme des Sprechers hatte sich bis zu einem Ton heiß entflammter Leidenschaft gesteigert, und die Gräfin warf sich ächzend, wie wenn jedes seiner Worte wie ein glühender Pfeil sich ihr ins Fleisch bohre, in ihren Kissen hin und her. Sie krümmte sich, wie wenn sie getreten worden wäre. Pater Pius aber, der einmal über das andere ein Kreuz geschlagen hatte, murmelte jetzt mit gefalteten Händen, die er gegen Innocenz aufhob: »Und wenn das alles so wäre, wie Sie sagen, wenn alles wirklich so wäre, lieber Bruder, glauben Sie denn nicht, daß es gesühnt worden ist, – zu sühnen versucht wurde?« Wieder lachte Innocenz kurz und rauh auf. »Gesühnt?« rief er. »Wodurch? Wodurch, Pater Pius? Durch Beten und Kasteien? Oder durch blinden Bekehrungseifer und einen bis zum Verbrechen sich steigernden Wunsch, die Pläne ehrgeiziger Priester und eines geldlüsternen Klosters zu verwirklichen? Nennen Sie das Sühne, Pater Pius? Ich sage Ihnen, das Blut jenes erschossenen Weibes, das sie dem Schoße der alleinseligmachenden Kirche entgegenführen wollte um jeden, jeden Preis, und das des Kindes, das diesem gleichen heiligen Zwecke hingeopfert wurde, schreit wider die Frau und ihre Helfershelfer zum Himmel auf. Und das, was Sie ihre Sühne nennen, was sie selber in ihrer wahnwitzigen Verblendung so nennen mag, um ihre Selbstanklagen zu betäuben, das ist keine Sühne für begangenes Verbrechen, sondern nur eine neues Verbrechen, das um nichts leichter wiegt als jene früheren! Und Sie verlangen Schonung, Pater Pius? Hat diese Frau die Gattin ihres Sohnes und sein Kind geschont? Erbarmen? Hat sie Erbarmen mit mir gehabt oder mit ihr? Erbarmen mit meinem Vater? Oder mit der, die sich als meine Mutter ausgab? Sprechen Sie mir dieser Frau gegenüber nicht von Erbarmen, nicht von Schonung und nicht von Sühne, Pater Pius!« Der kleine, alte Priester rang in stummer, ratloser Verzweiflung seine Hände. Innocenz war während seiner letzten Worte noch näher an das Ruhebett der Gräfin herangetreten, und erst jetzt gewahrte er die furchtbare Veränderung, die mit der Frau vorgegangen war, der er das Leben verdankte. Eine sieche Greisin lag da vor ihm in den Kissen. Alle Spannkraft, aller herber Lebenstrotz, alle Willensmacht schienen aus diesem Körper, der sich so starr aufrechterhalten hatte und nur von einem einzigen Gedanken beherrscht gewesen war, gewichen zu sein. Nur noch bleiche Angst und hilflose Qual wohnten in diesen Zügen, nur noch stieres Entsetzen malte sich in diesen Blicken. Aber keine Regung des Mitleids wollte in Innocenz erwachen, auch jetzt betrachtete er sie mit kalter Ruhe, nur mit einem Anflug von Grauen. »Gräfin,« sagte er, »ich bin nicht gekommen, um über Sie zu richten, denn ich bin ein sündiger Mensch, und mir steht das Richteramt nicht zu über meinesgleichen. Ein Höherer wird Sie dereinst richten. Ich bin hierher gekommen einzig und allein, um von Ihnen Antwort zu erhalten auf meine Frage: Kennen Sie das Weib, das dem Priester Innocentius Afinger einen Sohn geboren hat? Antworten Sie mir, als ständen Sie vor dem Angesicht des allmächtigen Gottes, Gräfin! Waren Sie dies Weib?« Er donnerte ihr die letzten Worte ins Gesicht, und seine Augen flammten sie an. Mit einem wimmernden Ton fuhr sie auf und hob die gefalteten Hände ihm entgegen. »Ja und tausendmal ja, – ich – ich war es!« Sie sank zurück, ihre Augen hatten sich geschlossen, ihre Brust hob sich unter einem heißen Aufschluchzen wie im Krampf. »Herr, mein Gott,« murmelte sie, »vergib mir, – vergib mir, – vergib mir!« Pater Pius war in die Knie gesunken und beugte in stummem Gebet sein Haupt. Innocenz verharrte ein paar Augenblicke hindurch in dumpfem Schweigen. Dann sagte er düster: »Dies endliche, offene Geständnis wird Ihnen von Gott höher angerechnet werden als das, was Sie bis zu dieser Stunde ein Leben hindurch zu seiner vermeintlichen Ehre getan haben. Sei unser aller Richter Ihnen gnädig!« Er wandte sich und wollte das Gemach verlassen, da gellte ihm ihr verzweiflungsvoller Schrei nach: »Innocenz!« Langsam, widerwillig drehte er sich zurück. »Was wollen Sie, Gräfin Karditsch?« »Innocenz!« schrie sie jammernd noch einmal. »Geh' so nicht von mir, – so nicht!« Seine Stirn blieb düster umwölkt, und seine Stimme fragte mit eisiger Kälte: »Was könnten Sie mir noch zu sagen haben, Frau Gräfin Karditsch? Was ich Ihnen?« Sie hatte sich mit gewaltiger Willensanstrengung wieder in ihren Kissen aufgerichtet und streckte ihre beiden Arme gegen ihn aus. Es war ein so milder und weicher Klang in ihrer Stimme, wie ihn Innocenz noch nie von diesen herb-stolzen Lippen vernommen hatte, wie er ihn nie ihnen zugetraut hätte, als sie sprach: »Innocenz! Vergiß nicht ganz, daß du mein Sohn bist! Wenn ich dir keine Mutter war, vergilt es nicht damit, daß auch du mir nun kein Sohn sein willst. Sei ein wahrer Priester des Evangeliums der Liebe und vergib, vergib! Es ist deines heiligen Amtes, Innocenz!« Er stand unbeweglich, keine Muskel in seinem Gesicht zuckte. »Sie irren, Gräfin Karditsch,« sagte er mit abweisender Ruhe, »ich habe kein Amt mehr auf Erden, und wenn ich es hätte, ich könnte, dürfte ihm in dieser Stunde nicht gerecht werden, denn auch ich bin nur ein Mensch. Und was verlangen Sie von mir, Gräfin? Glauben Sie, ich könnte Ihnen heute noch den heiligsten Namen geben, den ein Menschenmund auszusprechen vermag, nachdem Sie fast ein Menschenalter hindurch ihn mir verboten haben? Denken Sie, das Geschehene könnte plötzlich ausgelöscht und vergessen werden, und Sie dürften die schmählich aufgegebenen Rechte eines Tages beliebig gegen mich geltend machen, ohne jemals Ihre Pflichten gegen mich erfüllt zu haben, ja, nachdem Sie eben diese Pflichten hohnlachend in den Staub getreten? Sie sind in einer schweren Täuschung befangen, Gräfin Karditsch. Was Sie getan haben, war widernatürlich, war gegen alles menschliche und göttliche Recht; wie können Sie glauben, daß die Stimme der Natur, die Sie in mir zu ersticken bestrebt waren, plötzlich wieder erwachen und für Sie zeugen sollte, sobald es Ihnen gefiel, sie vernehmen zu wollen? Ich habe keinen Teil an Ihnen gehabt, wie könnten Sie an mir einen haben? Unsere Wege führen für immer auseinander, und nie hätten sie sich kreuzen sollen!« Wieder wollte er gehen und wieder hielt ihn ihr angstvoll aufwimmernder Ruf zurück. »Innocenz, ich bin ganz einsam geworden – meine Lebenstage sind gezählt, glaub' ich, – ich lasse keinen Menschen auf Erden zurück, der an mir gehangen, der mir Liebe geboten hätte, denn auch mein Sohn Alexander fürchtet mich nur, ohne mich zu lieben, und nicht in Liebe hab' ich ihn einem Manne geboren, den man mir aufgezwungen hatte. – Willst du meine letzten Tage mir nicht noch hell und sonnig machen, mich jetzt noch ein verspätetes Mutterglück genießen lassen, Innocenz? Ich habe viel gelitten, und es ist ganz dunkel und trostlos um mich geworden. – Hast du keine Regung des Mitleids in dir?« »Mitleid?« wiederholte er schneidenden Tones, und seine Blicke ruhten mit fremdem, kühlem Ausdruck auf ihr, »Mitleid, Gräfin Karditsch? Ist das ein Wort, das in Ihrer Seele noch Klang hat? Und wo war denn das Mitleid, das Sie damals mit dem unseligen Manne im Priesterrock hätten empfinden müssen, für den von Ihrer Entscheidung Leben und Tod abhing? Und wo war es, als er seinem verfehlten Dasein ein gewaltsames Ende bereitete, weil er sein Alles hingegeben hatte für ein Nichts, und das Kind, das Sie ihm geboren hatten, bei einer anderen zurückblieb, die um deswillen aus den Reihen der ehrbaren Weiber des Dorfes verstoßen ward und keines ehrlichen Burschen Werbung mehr wert erschien, sondern nun wirklich in die Schande verfiel, die sie bis dahin in den Augen der Welt schuldlos getragen? Sie war freilich bloß eine Bauerndirne von der Lahn, und Sie waren die Gräfin Karditsch! Und wo war Ihr Mitleid, als Sie das Kind, dessen Mutter Sie hießen, ohne es zu sein, hinter Klostermauern vor der Welt verbergen ließen, ohne es nach seinem Willen zu fragen, als ob es keine lebendige Seele in sich getragen hätte, nur damit Ihr kompromittierendes Geheimnis für immer versteckt und begraben blieb? So gut ward es begraben, so sicher wähnten Sie es begraben, Gräfin, daß der Mönch Innocenz auserwählt werden konnte, in die alte Heimat seiner Kindheit gesandt zu werden, als es galt, dort eine Ungläubige durch sittlich verwerfliche, wenn auch kirchlich genehmigte Mittel dem katholischen Glauben zuzuführen – zur Ehre Gottes und zur Bereicherung des Klosters! Man hatte die alten Geschichten längst vergessen und abgetan gewähnt. Aber Gott – der Gott, in dessen Namen so viele Verbrechen von denen begangen werden, die allein ihm in der rechten Art zu dienen glauben – Gott läßt seiner nicht spotten. Und wenn Sie je an ihm gezweifelt haben oder zweifeln möchten, Gräfin, dann gedenken Sie nicht des dumpfen Gewissenszwanges, den die Priester in seinem Namen ausüben, und nicht der Frevel, die ihm zum Ruhme begangen werden, sondern gedenken Sie des Priesters, den man hierher sandte als eines der vielen blinden Werkzeuge der kirchlichen Hierarchie, und der hier statt dessen seinem Amt und seinem Glauben entfremdet ward und als ein furchtbarer Ankläger auferstand gegen die, welche sich an ihm, an seinem Menschentum unsühnbar versündigt haben. Aber sprechen Sie nicht zu mir von Mitleid, Gräfin Karditsch! Sie haben sich jedes Anrechts darauf für immer beraubt und dürfen nicht fordern, wo Sie nie gewährten!« »Innocenz!« schrie sie auf, »du verdammst mich – du kannst mir nie vergeben?« »Was Sie an mir gesündigt haben, Gräfin, das will ich Ihnen vergeben, das kann ich Ihnen vergeben, weil ich noch die Kraft und die Fähigkeit in mir fühle, ein neues Leben anzufangen. Aber was Sie an jenen beiden Toten getan haben, das nie wieder Gutzumachende – das verzeihe Ihnen Gott – ich vermag es nicht! Leben Sie wohl!« Er gewahrte es nicht mehr, daß die Gestalt der Gräfin kraftlos in die Kissen zurücksank, und eine Ohnmacht ihre Sinne gefangennahm. Die Tür war hinter ihm ins Schloß gefallen, und wenige Minuten später hatte er das Freie wieder erreicht. Seine Brust atmete erleichtert auf. Es war etwas von ihm abgefallen, das ihn wie mit Eisengewichten zu Boden gezogen hatte. Er fühlte sich, wie wenn er einem Gefängnisse entronnen wäre. Jetzt war er frei – frei! Auch das lag nun hinter ihm, was er hier noch zu tun gehabt hatte. Und jetzt weiter, weiter vorwärts in das neue Leben! Immer noch gleichmäßigen Tropfenfalls ging der Regen nieder, und die grauen Nebelwolken schoben sich an den Felshöhen entlang. Innocenz schlug den Weg nach St. Ulrich ein. Er war heute zu müde geworden, um noch bis zur Anderetalp oder gar bis zur einsamen Wildhütte nach der Forcheralm hinaufzusteigen, wollte vielmehr im Pfarrhause übernachten, um von seinem Wirt, dem Pfarrer Aloys Antholzer, morgen früh für immer Abschied zu nehmen und dann nach einem letzten Besuche bei der Wurzin von Moosbrunn mit Filomena gemeinsam die Wanderung übers Gebirg' anzutreten – nach Welschland hinab, einem neuen Schicksal entgegen. Als er das Pfarrhaus erreicht hatte, sah er drüben aus der Sägemühle ein paar Gendarmen treten, die einen gefesselten Mann in ihrer Mitte führten. Ein Blick auf denselben überzeugte ihn davon, daß es der Hamerl war. Der Großknecht sah blaß aus, seine Lippen waren trotzig zusammengekniffen. Als er Innocenz gewahrte, warf er ihm einen tückisch-feindseligen Blick zu. Dann senkte er wie in frommer Andacht die Stirn, und seine Lippen begannen Gebete zu murmeln. So schritt er zwischen den Gendarmen hin talab. Als Innocenz dem Zuge, der merkwürdigerweise wenig Beachtung im Dorfe gefunden zu haben schien, noch eine Weile betroffen nachschaute, trat der Jäger-Barthel aus der Tür der Sägemühle. Innocenz ging auf ihn zu und fragte, was die Verhaftung des Hamerl zu bedeuten habe. Er ahnte freilich, wie die Antwort lauten würde. Und er hatte sich nicht getäuscht. »Der fromme Hamerl, den sie immer in der ganzen Gemeind' als ein Muster von Gottseligkeit dargestellt haben,« sagte der Jäger mit spöttischem Lachen, »der ist halt ein Mordgesell, und sie werden ihn um einen Kopf kürzer machen, wann's noch Recht und Gerechtigkeit in der Welt gibt.« »Er hat den Windischen Sepp erschossen?« fragte Innocenz. »Wißt Ihr's auch schon? Freilich, freilich. Und wenn er's jetzt auch tausendmal wegleugnen und wegbeten möcht', wird ihm doch alles nichts mehr helfen, denk' ich. – Und wenn's auch nur ein Haderlump war, den er aus der Welt g'schafft hat – wer Blut vergießt, dess' Blut soll wieder vergossen werden. Wenn's dem arm'n Lenzl an den Kragen geht, dem frommen Hamerl gebührt erst g'wiß Galgen und Rad.« »Wie ist es ans Tageslicht gekommen?« fragte Innocenz. Der Barthel strich sich mit einer gewissen Überlegenheit den blonden Schnurrbart. »In Verdacht g'habt hab' ich ihn schon lang', den frommen Hamerl. Denn daß der Sepp sollt' abg'stürzt sein, das mocht' er ei'm andern weißmachen, bloß mir nicht. Bin öfters mit dem verlumpten Kerl im Gebirg z'samm'g'troffen, der hat sich auskennt; wie ein Hirsch ist er über die Felsspalten wegg'setzt, und von schwindlig werden war schon gar kei' Red' bei ihm. War mir also schon lang nimmer geheuer mit dem sein' Tod. Und weil der Hamerl jetzt immer im Gebirg herumg'strichen ist, was sonst nie sein' Art war, und hat gar ein Steinmannl aufg'richt, wo kein Mensch sich eins verlangen konnt', ist mir die Sach' immer verdächtiger 'worden. Willst ihn doch einmal auf die Prob' stellen, denk' ich. Geh' also letzten Sonntagabend in den ›Cold'nen Ochsen‹ zum Poldl Rohracher. Richtig: sitzt mein Hamerl da. Sonntags ein' Schoppen, das ist nicht gegen die Frömmigkeit. Ich werf mein Hut auf den Tisch und ruf': ›Wißt ihr's Neueste, Leut'? Der Windische Sepp ist endlich aufg'funden!‹ Hei! wie ist da mein Hamerl aufg'sprungen! Kreidig weiß ist er im G'sicht g'wesen, und der Mund war ihm offen stehen g'blieben, und die Augen waren ganz verglast. Mit den Händen hat er nur so an der Tischplatten herumg'fingert, als wollt' er sich wo festhalten. Ich hab' ihn immerfort scharf im Aug' g'habt. Währendess' rufen die anderen: ›Tot oder lebendig? Wie ist er g'funden?‹ ›Ruh!‹ sag' ich, ›tot schon, aber abg'stürzt ist er nicht. Und richtig haben wir ihn jetzt.‹ Auf weiter 'was lass' ich mich nicht ein und hab' nur immer den Hamerl im Aug'. Der aber sagt kein Wörtel, trinkt sein Glas leer und geht 'naus. Ist gut, denk' ich, wart' noch ein Weilchen und mach' mich ebenfalls davon. Wie ich auf der Gass' bin, seh' ich den Hamerl, der aus der Sägemühl' kommt; hat Spaten und Hacke auf der Schulter und die Büchse über dem Rücken hängen. Hei, denk' ich, will der in der Nacht noch wildern geh'n, oder was gibt's sonst? Also mach' ich mich hinter ihm her und schleich' ihm nach, ohne daß er's ahnt. Steigt der Hamerl geradewegs in die Berg' 'nauf bis da, wo der Windische Sepp abg'stürzt sein soll, geht zum Steinmannl, das er selber aufg'richt' hat, und fängt an, die Stein' herabzureißen und herumzustreuen. Als er damit fertig ist, haut er mit der Hacken das Erdreich auf, daß die Felsbrocken nur so fliegen. Hätt' nicht viel gefehlt, so traf mich selber einer, während ich in der Näh' hinter einem Baum steh'. Plötzlich lacht der Hamerl laut auf, ordentlich schauerlich war's in der stillen Nacht da heroben im einsamen Gebirg. Lehnt sich hintenüber auf seine Hacken und lacht aus vollem Halse. Der ist wahnsinnig 'worden! denk' ich. Da hör' ich ihn mitten in sei'm Lachen auch noch schreien: ›Jetzt sagt der, den Windischen Sepp haben's aufg'funden, und der Windische Sepp liegt noch da, wo er immer g'legen hat. Möcht' ich doch wissen, was jetzt das wieder für ein dummer Spaß ist, oder weshalb die Leut' ein'n anlügen!‹ Und lacht richtig noch weiter und reibt sich die Händ' in purem Vergnügtsein. Da ist mir's zu toll g'worden. Ich geh' heraus, ruf ihn an und frag': ›Was machst denn da, Hamerl?‹ Jetzt ist er zu Tode erschrocken, reißt seinen Stutzen herunter und will auf mich anlegen. Aber da halt' ich ihn schon am Arm fest. ›Mach' kein' Dummheiten,‹ sag' ich und schüttele ihn so ein paarmal hin und her. Dabei blick' ich zugleich in die Gruben, die unter dem Steinmannl g'wesen ist und – richtig: da liegt ein halb verwester Leichnam drinnen, und ein schauerlicher Anblick war's, meiner Treu. Gleich hat's mich g'packt, hab' mir aber nichts merken lassen, hab' mich ang'stellt, als wär's nichts Merkwürdiges weiter, was ich da unten seh', und sag' ganz gleichmütig: ›Hast wohl den Windischen Sepp begraben wollen, Hamerl, den sie aufg'funden haben. Ist recht, hätten dem landfremden Strolch ja doch auf dem Gottesacker kein ehrlich Begräbnis vergönnt! Ist also eine christliche Tat und macht dem frommen Hamerl alle Ehr'.‹ Und so verstellt hab' ich mich, daß er mich bloß eine Weil' von der Seiten anschaut und sagt dann ganz ohne Argwohn: ›Ja, b'grab'n hab' ich ihn woll'n, da hast recht, Barthel, bloß b'grab'n, daß ihn über Nacht die Aasvögel nicht anfressen, und eilen muß ich mich halt, daß ich fertig werd'. Wann mir 'leicht helfen willst?‹ ›Nein,‹ sag' ich, ›helfen kann ich dir nicht, hab' noch anderes zu tun über Nacht. Wünsch' aber gute Verrichtung, und ein christliches Werk bleibt's.‹ Damit sag' ich ›B'hüt' Gott‹ so ruhig, als wär' nichts Ungewöhnliches g'scheh'n und geh' meiner Wege. Und die Schläge von seiner Hacken hör' ich noch ein hundert Schritt weit beim Talabgeh'n. Daraufhin hab' ich mich nicht mehr lang' b'sonnen, sondern bin die gleiche Nacht hinunter ans Bezirksgericht und hab' alles genau an'geben, was ich g'seh'n und g'hört hab'. Und da haben sie ihn halt abholen lassen heut', den frommen Hamerl von der Sägmühl'.« Der Jäger hatte das alles mit sichtlicher Genugtuung erzählt, während er mit Innocenz unter dem Vordach der Sägemühle stand und der Regen draußen vor ihnen gleichmäßig niederrauschte. »Hat der Hamerl gestanden?« fragte Innocenz, den der Bericht schwer erschüttert hatte. Der Jäger lachte. »Nuh, was sollte er sonst wohl tun? Leugnen hätt' da nicht mehr g'holfen, mein' ich. Schließlich hat er sich sogar in die Brust g'worfen und hat g'sagt, der liebe Gott selber oder irgendein Heiliger wär' ihm in Person erschienen und hätt' ihm g'sagt, er müßt's tun, der Windisch' Sepp müßt' aus der Welt g'schafft werden, damit er nicht mehr Unheil anrichten könnt', und damit die Sündenangst von der Sägmüllerin g'nommen würd', die sonst noch gar ihr eigenes Kind tat umbringen wollen, um sich beim lieben Herrgott losbitten zu lassen. Also wär's ein frommes, christliches Werk g'wesen, und er hätt' gar nicht anders gekonnt, müßt' also Lohn und Dank dafür beanspruchen, aber keine Straf erhalten. Und wann er doch bestraft sollt' werden, würd' 's ihn nur freuen, weil er's dann im Himmel um so besser haben müßt' zur Entschädigung dafür. Nuh, darauf haben die Gendarmen natürlich nur g'lacht und haben ihn halt mitg'nommen, den armen Märtyrer. Möglich ist's aber schon, daß sie ihn ins Narrenhaus einsperren, statt ins Zuchthaus. Mir wär's freilich leid.« »Und wie hat man es drinnen aufgenommen?« fragte Innocenz mit einer Deutung nach rückwärts. Der Barthel zuckte die Achseln. »Der Sägmüller flucht und die Sägmüllerin weint. Die begreift's ganz gut, daß der Hamerl es bloß um sie g'tan hat. Mit der ihrem Verstand steht's besser als mit manch' anderem seinen. Aber im Gericht haben sie ja g'sagt, sie könnt' nichts dafür, daß sie ihr Kind umg'bracht hat, sie war' halt nicht bei Sinnen, und so ist sie frei aus'gangen. Und der Sägmüller ist rasend vor Zorn. Ich mein' halt, Ihr solltet ihm nicht vor die Augen kommen, Hochwürden, denn er leit't all das Unglück in seinem Haus bloß davon her, daß Ihr der Sägmüllerin g'sagt habt, sie tat' zum Windischen Sepp g'hören und nicht zu ihm; davon ist sie ganz wirr g'worden, sagt er, von wegen der Kinder, und da ist's dann so weiter 'gangen. Freilich, wenn man denkt, wie das ein glückliches Haus war, die Sägmühle! Und jetzt das Kind auf dem Gott'sacker, und die Frau g'stört im Kopf, und der Hamerl, auf den sie immer gar so gewaltige Stück' g'halten hab'n in der Sägmühle, ein Mörder! Und wann die Frau auch jetzt wieder bei ihrem Manne ist und braucht nicht ins Narrenhaus, und der schwere Kerker ist ihr auch erlassen word'n, so wie früher kann's ja halt doch nimmer mehr zwischen den beiden werden, mein' ich. Denn daß sie das Kind umg'bracht hat, das kann der Sägmüller doch nicht vergessen, und das wird immer zwischen ihnen sein bis an ihr Lebensend'. Und der Sägmüller sitzt jetzt schon weit öfter beim Rohracher als früher, und kann keine vollen Gläser mehr leiden. Bei seiner Frau graust's ihm, sagt er, und nachts schließt er sich in seiner Kammer ein, weil sie sonst auch einmal kommen könnt' und ihn umbringen. Ist halt ein Unglück, ein schweres Unglück im Haus. Und früher –« Er schwieg und horchte nach dem Innern des Hauses, aus dem jetzt das mit Jammern und Wehklagen untermischte Beten des ganzen Hausgesindes erscholl, welches die Sägemüllerin um sich versammelt haben mochte. Ihre eigene Stimme war deutlich als die der Vorbeterin vernehmbar, und der Chor fiel mit Schluchzen jedesmal ein. Nur der Sägemüller selber schien sich nicht unter den Andächtigen zu befinden. Als Innocenz es eben dachte, wurde die Tür der Stube aufgerissen und Anton Pyrker stand auf der Schwelle. Er hatte seinen Lodenmantel umgeworfen und den Hut tief in die Stirn gedrückt. Seine Augen blickten finster, ein Zug von Wildheit und Verbissenheit lag in seinem Gesicht. Ohne Innocenz zu beachten, als sähe er ihn gar nicht, kam er auf den Jäger zu und sagte: »Kommt mit, Barthel! Der Poldl hat ein' guten Spezial bekommen, und ich zahl' Euch ein Flaschel. Wenn man erst nicht mehr trinken könnt', so wär's halt nicht mehr auszuhalten in derer Welt. Also –!« »Laß ich mir halt nicht zweimal sagen,« lachte der Jäger, nickte Innocenz halb vertraulich, halb geringschätzig zu und ging mit dem Sägemüller zusammen davon. Der letztere verschmähte es, Innocenz einen Gruß zu gönnen. So schritt dieser dem Pfarrhause zu. Noch immer hallte das Beten aus der Sägemühle hinter ihm drein. XIV Innocenz hatte die halbe Nacht hindurch im Pfarrhause zu St. Ulrich an einem Brief geschrieben, den er anderen Tages dem Pfarrer Aloys Antholzer zur Weiterbeförderung an den Abt des Klosters Greifenburg übergeben wollte, und welcher seinen Abschiedsgruß sowie die Gründe enthielt, die ihn zwangen, den Priesterrock von sich zu werfen und ein weltliches Gewand anzulegen, um fortan unter einem anderen Himmel ein anderes Leben zu beginnen. Er hatte seine Seele damit entlastet und volle Wahrheit gegeben da, wo er sie schuldete. Wenn er sich auch sagte, daß man seine Beweggründe schonungslos verdammen würde, ohne sie zu prüfen, und daß er auf kein anderes Urteil zu rechnen habe, als das, welches sich in der Exkommunikation des eidbrüchigen und flüchtigen Priesters aussprechen werde, hatte er doch seine Pflicht getan und ging nicht wie ein Dieb in der Nacht heimlich von da fort, wo er seit früher Kindheit eine Heimat – die einzige seines Lebens – gefunden hatte. Mit einem Gefühl der Erleichterung hatte er sich, als das Schreiben beendigt war, auf sein Lager geworfen, um nach den Anstrengungen und Erregungen dieses inhaltsreichen und bedeutungsvollen Tages Ruhe zu suchen. Er war auch alsbald in tiefen, wohltuenden Schlaf verfallen. Nun weckte ihn plötzlich ein donnerähnliches, dumpf schütterndes Getöse, das den Boden unter ihm und das Dach zu seinen Häupten ins Wanken zu bringen schien. Erschrocken fuhr er, noch halb schlafbefangen, empor, gewahrte aber nichts um sich her, als ein graues, zitterndes Morgenlicht, und vernahm minutenlang trotz angespannten Lauschens nichts als das Geräusch des wild niedergießenden Regens. Er glaubte schon, geträumt zu haben, als er plötzlich draußen ein wirres Stimmengetöse vernahm, dann Hornsignale, und nun das wimmernde Geläut der Turmglocke. Es mußte ein Unglück geschehen sein. Innocenz sprang aus seinem Bette und kleidete sich hastig an. Draußen wuchs inzwischen das Gelärm. Er vernahm ängstlich forschende Stimmen, Rufe, Flüche und Gebete, alles wirr durcheinander. Dazwischen pfiff der Wind, der Regen schlug gegen die Fenster, und die Glocke rief gellend in den düsteren Morgen hinaus. Endlich hatte er die Tür seiner Kammer aufgerissen. Auf dem Gange traf er den Pfarrer. Aloys Antholzer sah schreckhaft verstört aus, seine müden, glasigen Augen quollen ihm fast aus den Höhlen. »Was gibt es?« fragte ihn Innocenz. Da blieb er stehen und gab fast lallend zur Antwort: »Wir haben Hochwasser. Ein Bergsturz ist gewesen. Habt Ihr's gehört? Von der hohen Zinne ist ein ganzer Wald heruntergekommen. Und diese Regengüsse! Und die Berge alle so tief voll Schnee wie sonst nur mitten im Winter. Und der Wind immerfort Südwest. Es kann eine neue Sündflut werden, lieber Bruder. Wer sich retten darf wie Ihr, der rette sich beizeiten. Uns anderen, die wir hier ausharren müssen, mag die heilige Jungfrau gnädig sein!« Er murmelte die letzten Worte schon wieder im Ton seiner gewohnten, dumpfen Apathie, in die er zurückfiel, und wollte in seiner Stube verschwinden. Aber Innocenz, der erbleicht war, hielt ihn am Arm. Das Wort »Hochwasser« hatte ihn wie ein Stoß vor die Brust getroffen. »Was bleibt nun zu tun?« fragte er in heißer Erregung. »Beten,« murmelte der Pfarrer, »fleißig beten. Sonst nichts. Vielleicht eine Prozession.« Innocenz dachte an das, was ihm der wilde Xaverl über die Hochwassergefahren gesagt hatte, welche in steter Wiederkehr die Gebirgstäler dieses Landstrichs bedrohten, ohne daß es bei dem Starrsinn, der Spar- und Verschiebungssucht des Volkes, bei seiner hart an Fanatismus streifenden Strenggläubigkeit, die jeder vernünftigen Vorstellung unbeugsamen Widerstand entgegensetzte, je auch nur zu einem entschiedenen Versuche gekommen wäre, den entfesselten Elementen durch Menschenkraft für immer Einhalt zu gebieten. Damals hatte er keinen Sinn für die anklagenden und ermahnenden Worte des Sennen gehabt, heute stand jedes Wort, das jener gesprochen, klar und deutlich vor seiner Seele. Auch er hatte sich hart der Unterlassungssünde anzuklagen, auch seines Amtes wäre es gewesen, unablässig die Säumigen zu tatkräftigem Kampf gegen die Drohungen der blinden Naturgewalten anzuspornen, solange er als Priester hier geschaltet hatte. Selbst wenn er von der Nutzlosigkeit seines Wortes überzeugt gewesen wäre, hätte er diese Pflicht üben müssen, und sie wäre eine heiligere gewesen als die, leere Formeln nachzubeten und als sündiger Mensch über der Menschen Sünden zu Gericht zu sitzen. Gleichzeitig fiel ihm der Gedanke an Filomena schwer aufs Herz. »Sind auch die Hochalmen gefährdet?« fragte er hastig. Aloys Antholzer sah ihn mit gleichgültig-müdem Blicke an, als ob er ihn fragen wollte, was denn ihn die Hochalmen kümmerten, er solle doch an seine eigene Rettung denken und alles übrige gehen lassen, wie es Gott gefalle. Dann entgegnete er apathisch: »Die am ehesten. Aber man hat ja in den letzten Tagen fast überall abgetrieben.« Die Tür, die er bei seinen letzten Worten in der Hand gehalten, flog ins Schloß. Innocenz stürmte ins Freie hinaus. »Die am ehesten!« hallte es ihm nach. Während er hier friedlich auf seinem Lager geruht hatte, war droben in der einsamen Hütte nahe der Forcheralm vielleicht das Verderben über die hereingebrochen, die er liebte und die er gestern ohne Abschied verlassen. Diese ganze Nacht hatte sie vielleicht schon um ihr Leben gekämpft und gerungen, und er, der ihr hätte zur Seite stehen müssen, war ihr fern gewesen. Und wenn man wirklich auch von der Forcheralm schon gestern heimgetrieben hatte, weil das Unwetter bange Befürchtungen für die Zukunft geweckt, für Filomena hatte es dann nur noch trauriger gestanden. Denn sie war sicherlich nicht weit talab gezogen, sondern hatte während dieser ganzen furchtbaren Nacht schon einsam in ihrer Hütte gewacht, um die der Sturm getobt hatte, auf die der Regen niedergeprasselt war. Und sie hatte nicht einmal einen Gruß, ein Zeichen von ihm erhalten, hatte vergeblich darauf geharrt und trübe, verzweiflungsvoll in diesen Morgen des Schreckens heute hinausgeblickt, ohne zu wissen, wann er zurückkehren, ob er überhaupt je zu ihr zurückkehren werde. Freilich: das mußte, mußte sie wissen, so sicher, wie er selber es gewußt hatte, und sie hätte sonst so wenig leben können wie er. Aber wie war ihr diese Nacht hingegangen? Wie stand es heute um sie? Immer wieder sah er das einsame, hilflos verlassene Weib in der von allen Schauern der Wetternacht des Hochgebirges umdrohten Hütte vor sich, und ihr ungehört verhallender Rettungsschrei vibrierte in seinem Innern. Er hatte sich währenddessen mitten durch die draußen ratlos umherlaufenden, schreienden und betenden oder auch nur in dumpfer Tatenlosigkeit vor sich hinstarrenden Menschen einen Weg gebahnt und schlug nun die Richtung ein, in die seines Herzens Stimme ihn rief. Überall gewahrte er auf Schritt und Tritt die Spuren der Vernichtung, welche diese eine Nacht schon heraufbeschworen hatte, und welche ein furchtbar beredtes Zeugnis ablegten von dem, was noch kommen sollte. Schon war der hochangeschwollene Bach weit über seine Ufer getreten, schon führte er im rasenden Lauf seiner schlammfarbigen Wasser entwurzelte Bäume mit sich von den Bergen herab, schon rollten seine Wirbel mächtige Felsbrocken gurgelnd und spülend talab. Die Sägemühle stand zur Hälfte unter Wasser, die ganze Lahn erschien wie ein großer See, die Schindeldächer der Häuser waren hier und da vom Sturme abgedeckt oder zerrissen. Und unablässig in grau schäumenden Fluten und gelblich quirlendem Gewoge stürzten und rannen die Gewässer von den Berghängen nieder. Es war ein Brausen und Donnern, ein Glucksen und Rieseln, wie wenn in allen Tönen die Stimmen der entfesselten unterirdischen Mächte zu reden angefangen hätten. Und der Regen dauerte fort und fort. In der grauen Dämmerung, die trotz des vorgeschrittenen Morgens noch immer über der Welt lagerte und heute keinem Tageslicht weichen zu wollen schien, waren nicht einmal die Umrisse der nächstgelegenen Höhen zu erkennen. Alles verschwamm gestaltlos in einem öden, trüben Dunst. Manchmal vernahm man nur das Gurgeln von fallenden Wassern, ohne sie zu sehen. Denn sie drängten sich zwischen mißfarbig-unförmlichen Steinmassen hervor, sie quollen aus geheimnisvollen Tiefen der Erde, sie rannen aus unscheinbaren Bächen plötzlich zu breiten, reißenden Bergströmen zusammen, sie gruben sich tief ausgehöhlte Betten in bröckelndes Gefelse, sie zerstoben wieder in hundert kleinen Rinnsalen, speisten sich aus zerklaffenden Gletschern und schmelzenden Schneefurchen und donnerten, zischten, leckten, heulten zu Tal. Wasser, wohin man blickte, Wasser, wohin man drang; die Berge schienen sich alle geöffnet zu haben, um es auszugießen, die Berge selber schienen sich in Wasser aufzulösen. Und alle diese gierig leckenden Zungen wollten ihre Beute. Sie spähten danach, und sie stürzten sich darauf mit dem Heißhunger von Raubtieren, sie umklammerten sie, sie sprangen aufjauchzend daran empor, sie spielten mit ihr, ehe sie sich zornschnaubend endlich darüber warfen und nun machtvoll, in unwiderstehlichem Siegeslauf mit sich zur Tiefe herabrissen und verschlangen. Diese Beute war ein vorspringendes Felsstück, ein tief eingegrabener Stein, ein festwurzelnder Baum, es war eine Unterstandshütte von Jägern und Holzfällern, ein aufgestapelter Holzvorrat oder ein Heustadel, es war ein Bau von Menschenhand, oder es war ein ganzer Wald, ein ganzer Berg. Die stürzenden Wildwasser schreckte das alles nicht, sie scheuten vor keinem Hindernis zurück, das sich ihrer rasenden Gewalt entgegenstemmte, sie kannten keine Schonung und keine Wahl. Und wenn sich das eine dieser wild lechzenden Ungetüme nicht stark genug fühlte, um in seiner tödlichen Umarmung zu erdrücken, was sich ihm in den Weg zu drängen wagte, so rief es einen Genossen, rief es deren mehrere zur Hilfe herbei, bis es gelang, in tobendem Angriff den Feind gemeinsam niederzustrecken und zu überwältigen. Dann hallte nur wilder und herausfordernder noch das tosende Siegesgeheul der Wasser. Ein ganzer Wald, ein ganzer Berg; – Innocenz sah es, als er gegen die Abhänge des Arzenkopfes zu seine Schritte gewandt hatte. Ein Lärchengehölz, das einen der Vorsprünge des Unterbergs der hohen Zinne bedeckt gehabt, war von den gierigen Wassern unterspült, losgerissen und in die Tiefe gestürzt worden, um dort zu zerschellen. Weithin bedeckte ein Chaos von Felstrümmern, von geborstenen Steinen, von zersplitterten Baumstämmen den Boden. Und zwischen den im Schlamm versunkenen Nadelkronen, zwischen den im aufgeweichten Fels eingebohrten Holzteilen ergoß sich immerfort aufs neue die Schlammflut, als wollte sie auch die letzte Spur dessen, was einst davon gewesen, zermalmen und vertilgen. Und nun, da Innocenz rastlos und ungeschreckt weiterdrang, hörte er es abermals über sich donnern, als habe eine mächtige Schneelawine sich losgelöst und rolle zu Tal. Ehe er noch Zeit hatte, es zu denken, sah er unmittelbar vor sich den Berghang in Bewegung geraten, und mit einem Schrei des Entsetzens wich er zurück. Ein unheimliches, unerklärliches Brechen und Bersten begann über ihm und um ihn her. Der ganze Fels fing an, sich zu senken, in sich selber zusammenzustürzen; es sah aus, als ob er von unsichtbaren Gigantenhänden herabgerissen würde, oder als wollte das Erdinnere sich auftun, um die drunten hausenden Geister der Tiefe ans Licht zu lassen. Dann bröckelten einzelne der auseinandergesprengten Trümmer vollends los, die Wasser ergossen sich zischend und quirlend zwischen die Spalten, füllten sie aus, spülten die Steine heraus und kollerten sie dröhnend und schütternd zu Tal, wo sie sich in die Schlammfluten stürzten und von diesen mit fortgerissen wurden, um auf ihrem verderbenbereitenden Wege ihnen zu helfen bei dem Werke der Zerstörung und der rohen, wilden Gewalt. Endlich konnte Innocenz weitergehen. Es war freilich kein Gehen mehr; ein mühseliges Vorwärtswaten war es durch die sich stauenden Schlammgewässer, welche die ganze Talmulde zollhoch erfüllten, ein Stolpern über Holzklötze, Baumwurzeln und Steine, ein langsames, mühseliges Überwinden von immer neu sich auftürmenden Hindernissen, welche die Minute gebar, von immer neu drohenden Gefahren, welche alle Sinne zu fieberhafter Anstrengung drängten. Manchmal glaubte er schon verzagen zu müssen, manchmal fürchtete er, nie bis an sein Ziel dringen zu können. Aber doch rastete er nur, wenn es galt, Atem zu schöpfen, oder wenn sich ihm ein neuer Widerstand entgegenstemmte. Durch das Heulen des Föhns, durch das unheimliche Getöse der stürzenden Wasser, durch das Krachen und Dröhnen der zu Tal polternden Felsblöcke vernahm er ganz deutlich in seiner Seele den gellenden Hilferuf Filomenas, und er wußte, sie warte auf ihn, um von ihm gerettet zu werden oder mit ihm unterzugehen. Kein Drittes konnt' es mehr geben für sie beide. Er war wiederum eine Strecke vorwärtsgedrungen, als er sich plötzlich angerufen hörte. »He, Bruder Innocenz! Bruder Innocenz!« Innocenz wandte sich nach dem Rufer um und erkannte in der hohen Gestalt in älplerischer Jägertracht, die den Stutzen auf dem Rücken trug, den Pfarrer Josef Ladurner aus Moosbrunn. Er war nicht wenig erstaunt, den Geistlichen jetzt und so hier zu finden. Der Anzug desselben bewies deutlich, daß er auch schon schwere Kämpfe gegen die entfesselten Naturgewalten zu bestehen gehabt hatte, um vorwärts zu kommen. Bis fast zu den Hüften war er mit Schlamm besudelt, und seine Lodenjoppe hing ihm in Fetzen am Leibe. Sekundenlang standen sich die beiden Männer gegenüber und maßen sich wechselseitig mit musternd-verwunderten Blicken. Es war, als wüßte keiner von ihnen genau, wie er zu dem anderen stehe und was er von ihm zu denken habe. Sie holten tief Atem, ihrer beider Brust keuchte. »Wohinaus geht Ihr?« fragte Josef Ladurner endlich. Innocenz deutete schweigend seine Richtung. Und der andere setzte erstaunt hinzu: »Nach dem Arzenkopf zu? Auf die Forcheralm?« »Und wenn es so wäre?« versetzte Innocenz in einem herausfordernden Tone, zu dem er sich zwang. »Von der Forcheralm hat man gestern heimgetrieben.« »Gleichviel.« Der Pfarrer blickte den Sprecher prüfend an. Dann schien er plötzlich zu begreifen und nickte gleichmütig. »Dort also!« Nach kurzem Besinnen setzte er jedoch hinzu: »Ihr kommt nicht mehr hinauf.« »Ich will's darauf ankommen lassen,« warf Innocenz hin, während er weiterzuschreiten begann. Josef Ladurner hielt Schritt mit ihm. »Es ist unmöglich,« sagte er. »Der Villgrattenbach ist toll geworden, Ihr seht's ja selber. Wenn er hier unten schon gehaust hat wie ein wildes Tier, wie soll's droben ausschauen? Die, welche Ihr retten wollt, wird sich längst in Sicherheit gebracht haben und Euch Botschaft schicken. Wenn sie geblieben wäre, wär' sie verloren. Es gibt gar keinen Weg mehr dort hinauf, die Wege sind reißende Flüsse geworden, und bergauf kann man nicht schwimmen. Fragt die Leute von der Forcheralm selber, Ihr findet sie in Moosbrunn.« Innocenz erwiderte nichts mehr hierauf. Er fühlte, daß der Sprecher recht habe, und sein Herz krampfte sich in banger Angst zusammen. Wenn er das Bild furchtbarer Zerstörung hier unten überblickte, konnte er sich eine Vorstellung von dem machen, was seiner auf den Höhen wartete. Nicht das freilich schreckte ihn, aber er mußte bezweifeln, daß seine Kräfte ausreichen würden, um den erbitterten Kampf gegen die Naturgewalten, je drohender sie anwuchsen, desto willenskräftiger siegreich zu Ende zu führen. Und dann schimmerte ihm aus des Pfarrers Worten wirklich die leise Hoffnung auf, daß Filomena angesichts der Todesgefahr, in die sie sich anderenfalls nutzlos begeben würde, sich rechtzeitig gerettet haben könne, daß sie ihm durch die Leute von der Alm, die gestern eilfertig den Heimweg angetreten hatten, irgendeine Kunde gesandt habe. Es war also wohl wirklich das beste, das einzig Gebotene, sich zunächst nach Moosbrunn zu wenden. Während er alle diese Gedanken ruhelos in sich wälzte, erzählte der Pfarrer Ladurner ihm von den furchtbaren Verheerungen, welche er überall auf seinem Wege angetroffen. Er war gestern abend mit dem Barthel auf die Jagd gegangen, um über Nacht einem Berghirsch aufzupassen, an den er sich schon einmal angepirscht hatte, ohne zum Schusse zu kommen; die Nacht sei gerade wie geschaffen dazu gewesen, weil bei dem herrschenden Föhn eine Witterung des Jägers durch das Wild unmöglich gefallen sei an dem Standplatz, den sie eingenommen hätten. Freilich sei es ein wahres Teufelswetter gewesen und kein Kinderspiel, dabei stundenlang auf dem Anstand zu liegen, bis über die Knie im Wasser und unter dem gießenden Regen, aber was gäbe es, das einen passionierten Weidmann abschrecken könne, zumal wenn er schon ein paarmal genarrt worden sei und nun seine Ehre darein gesetzt habe, endlich zum Ziel zu gelangen? Es sei aber richtig wiederum nichts geworden, der Hirsch sei gar nicht in Sicht gekommen und ihrer beider Lage schließlich so bedrohlich geworden, daß sie, ob wollend oder nicht, hätten an Flucht denken müssen. Denn der Berg über ihnen habe plötzlich zu wanken angefangen, um sie her seien Felsblöcke mit den darauf wurzelnden Tannen sausend zu Tal gerollt, und die Schlammbäche hätten sie eingeschlossen, ja, seien mit ihren trüben, dicken Fluten ihnen bis fast an die Brust hinaufgestiegen. Da hätten sie sich in der dichten Finsternis forttasten müssen, und zwar bis zum Jägerhaus Peutelstein, das ihnen am nächsten gelegen, um dort erst einmal den Morgen abzuwarten. Freilich: was für ein Morgen sei das gewesen! Es sei ein Wunder, wenn er überhaupt noch bis Moosbrunn vordringen könne, und was weiter werden solle, möge Gott wissen. Vielleicht würden sie ja auch im Dorf kein Haus mehr heil und unbeschädigt wiederfinden, man müsse in jeder Hinsicht auf das Schlimmste gefaßt sein. »Und wie steht es zu Sankt Ulrich?« fragte der Sprecher zum Schlusse. Innocenz berichtete kurz, was er wußte. »Moosbrunn ist gefährdet,« setzte Josef Ladurner hinzu, »wir werden einen schweren Stand haben.« »Was gedenkt Ihr überhaupt zu tun?« »Wir? Eine Prozession werden wir abhalten.« Es klang eine unverkennbare Ironie aus den Worten des Sprechers. »Und dann?« fragte Innocenz. Dann wird jeder sich und das Seine in Sicherheit zu bringen suchen und den heiligen Nepomuk anflehen, daß er ihn und sein Hab und Gut verschonen möge, sich aber dafür an dem der anderen immerhin vergreifen könne. So beten sie ja zum heiligen Florian auch, wenn's Gewitter gibt.« »Und man hat von nirgendher Hilfe zu erwarten?« »Hilfe?« Der Pfarrer lachte kurz auf. »Wir werden Astwerk, Kies und Steine aufschütten und Dämme aufrichten, so gut es eben gehen will, und wenn das Hochwasser steigt, wird es die Dämme einreißen und mit verdoppelter Wucht alles überfluten, verschlammen und zerstören. Und wenn es schlimm geht, werden wir selber mit fortgespült werden. Und so wird es nicht nur hier oben bei uns auf der Lahn sein, sondern überall drunten auch im ganzen Pustertal, so weit das Gebiet der Drau und Rienz reicht. Solange der Föhn andauert und der Regen weiter gießt, dauert die Gefahr für Leben und Eigentum aller an, und je länger sie dauert, desto unrettbarer sind wir alle verloren. Wir sind ja die Hochwasser schon gewöhnt, wir nehmen sie nicht viel anders hin als Hagelschlag und Himmelsblitzen. Diesmal aber wird's ernster. Es liegt zu viel Schnee in den Bergen. Diesmal wird's wohl eine Katastrophe geben, die manches Menschenleben kosten wird und die Erträgnisse des Fleißes von Tausenden vernichtet. Dann wird man um so mehr beten müssen. Und später sammeln sie draußen im Lande für die unglücklichen Opfer der Wassersnot, und die Regierung schickt etliche Ingenieure, welche die Frage der Regulierung unserer Flüsse studieren sollen, und während die Behörden dann über das Für und Wider aller diesbezüglichen Vorschläge in gründlichen Erörterungen beratschlagen, ist die Zeit für neues Hochwasser bereits wieder gekommen, und alles bleibt, wie es gewesen ist.« Er sagte das alles beim rüstigen Vorwärtsdringen durch Wasser und Schlamm ihres Weges mit einer Art von verbissenem Ingrimm und lachte hart hinterdrein in die dichte, graue Nebelluft und den stürzenden Regen hinaus. Dann reckte er ein paarmal seine mächtigen Arme in die Höhe, als wollte er ihre Kraft erproben oder auch nur durch ein Zeichen andeuten, wieviel lieber er sie gebrauchen würde in dieser Zeit der Gefahr, gleich dem Mutigsten aller, anstatt durch Beten und Singen versuchen zu müssen, daß er sie beschwöre. Innocenz sagte nichts mehr. Nach einer Weile fing Josef Ladurner wieder an: »Wißt Ihr, daß Schloß Peutelstein arg heimgesucht worden ist? Eine Lawine hat heute morgen das Dach eingedrückt und die eine Außenwand zerrissen. Da nun die himmlischen und die irdischen Wasser so gleicher Zeit freien Eintritt haben, wird die Hochflut von der ganzen gräflichen Herrlichkeit dort wohl nicht viel übriglassen. Weiß nicht, ob die hohen geistlichen Herren dabei an den Schwefelregen denken werden, der einst auf Sodom und Gomorrha niederging. Aber auf der Lahn wird man sich wohl verwundern, daß so viel Frömmigkeit und Gebet den Zorn des Himmels noch nicht einmal hat besänftigen können!« Wieder lachte er rauh auf. Innocenz hatte es mit einem Schauer durchrieselt, so daß er sekundenlang stehenbleiben mußte, um sich zu fassen. Dann fragte er weitergehend düster: »Ist die Gräfin gerettet?« »Man hatte eben alle Anstalten getroffen, um sie ins Tal hinabzuschaffen. Ob es noch gelingen wird, zumal sie so gebrechlich ist, daß sie sich nicht mehr selber helfen kann, ist zweifelhaft genug. Und im Augenblick der Gefahr wird das ganze Geschmeiß der Lakaien zuerst an sich und dann erst an sie denken. Es ist ein jammervoller Auszug, und der alte Bruder Pius läuft verzweifelt und sich die Haare raufend umher und möchte alles tun und kann nichts und vergißt selbst das Beten darüber. Ich hätt' ihm gern beigestanden, dem guten Alten, aber als Seelenhirt der Gemeinde Moosbrunn« – der Sprecher lachte kurz – »hatt' ich höhere Pflichten. Vielleicht hilft ihnen Gott der Herr durch, der einst die Juden trockenen Fußes das Rote Meer durchschreiten ließ. Und der Barthel geht mit, auf den ist Verlaß. Wenn die Wege noch passierbar sind, bringt er die Gräfin hinunter.« Er rastete einen Augenblick, nachdem sie eine Steinmuhre, die ihnen den Weg versperrte, hatten überklettern müssen, zog eine flache Flasche aus seiner Lodenjoppe und tat einen tiefen Zug daraus. Dann bot er sie Innocenz. »Ihr seid kein Freund von dergleichen,« sagte er, »ich weiß. Ist ja auch Sünde für einen geistlichen Herrn. Aber unter solchen Umständen –« Innocenz nahm und trank. Der Enzianbranntwein rann ihm wie ein Feuerstrom durch das Blut. Er fühlte seine Kräfte wachsen. Dann schritten sie rüstiger vorwärts. Nach einer weiteren Viertelstunde, die sie schweigend zurücklegten, gelangten sie nach Moosbrunn. Hier bot sich ihnen ein neues Bild der Zerstörung. Die von der Lahn zahlreich, aber nicht weit ins Gebirge hinaufragenden Seitentäler, in denen der Boden zumeist Pflanzenwuchs, wenigstens eine kurze Grasnarbe aufwies – das Volk hieß sie Gräben –, hatten furchtbares Unheil heraufbeschworen. Der fast völlig entwaldete Boden war von den heftigen, unaufhörlichen Regengüssen aufgeweicht worden und zur Talsohle hinabgesunken, von wo die angestauten Wasser ihn in die Lahn hinausgetragen hatten. Diese erschien hier nur noch wie ein ungeheures Schlammfeld, aus dem die Wohnungen der Menschen hilfesuchend aufragten. Hier und da waren sie durch die vorgedrungenen Schotterhalden auch bereits völlig erdrückt oder doch umzingelt und eingemauert. Von den kleinen Vorgärten der Häuser war nichts mehr zu erblicken. Hier und da schwammen auf der trüben, dicken Flut noch Stauden und Knollen als letzte, klägliche Überreste derselben umher, hier und da ragte ein Heustadel aus dem Schlamm auf, Holzteile, Bildstöckel, Schindeln drehten sich im Wirbel auf den Gewässern, und polternd dröhnte das Rollen gewaltiger Steinblöcke, welche die stürzenden Bäche bergab trugen und krachend gegen die Wände der Hütten schleuderten. Mit diesem Geräusch der Zerstörung und dem unablässigen Gurgeln, Rauschen und Wühlen der Flut vermischten sich dann die Angstschreie der Menschen, welche ihr Hab und Gut zertrümmert, ihr Eigentum, ohne eine Hand zu seiner Erhaltung rühren zu können, der Gewalt der schonungslos wütenden Naturmächte preisgegeben sahen. Die meisten der Moosbrunner hatten sich droben auf dem Friedhofe neben der Kirche zusammengeschart. Sie hockten dort, Männer, Weiber und Kinder, wüst durcheinander zwischen den Gräbern und blickten teils stumpf und stier, teils mit wutverzerrten Gesichtern, die Fäuste ballend und ohnmächtige Flüche zwischen den Lippen murmelnd, in angstvoller Spannung, in dumpfer Ergebung, betend, schreiend, heulend auf das wilde, furchtbare Schauspiel zu ihren Füßen. Und unermüdlich heulte der Sturm und goß der Regen. Josef Ladurner und Innocenz waren einen Augenblick wie von Schreck gelähmt stehengeblieben. Kaum aber war die Menge auf dem Friedhof ihrer ansichtig geworden, als sich ein lautes Jubelgeschrei erhob: »Der Pfarrer! Der Pfarrer!« Aller Arme hoben sich winkend auf, aller Blicke richteten sich wie erlöst auf ihn. Über Josef Ladurners harte, grobknochige Züge flog ein bitteres Lächeln, und eine Wolke von Trauer überschattete seine Augen. Er murmelte zwischen den Zähnen: »Sie haben auf mich gewartet wegen der Prozession. Nun werden wir dem lieben Herrgott die Sache recht eindringlich zu Gemüte führen, daß wir samt allem, was unser ist, gerettet zu werden wünschen; – er könnte sonst darüber im Zweifel bleiben!« Er schüttelte Innocenz, der nichts erwiderte, die Hand und machte sich daran, die Schlammflut zu durchwaten, die ihn noch vom Pfarrhause trennte. Innocenz selber schlug die Richtung zur Hütte der alten Wurzin ein. Er wollte sehen, ob er ihr helfen könne, und gleichzeitig von ihr erfahren, wo er die Leute von der Forcheralm finden würde, die ihm Kunde über Filomena bringen mußten. Es war sehr mühselig, bis zu ihr durchzudringen. Als es ihm aber endlich gelang, fand er sie, wie seine Ahnung es ihm vorhergesagt hatte, wirklich in ihrer Hütte vor, über deren Hausschwelle die Wasser schon hereinleckten, und deren Dach der Sturm von den Steinen fast ganz entblößt hatte, welche die morschen Schindeln beschwerten. Die nächste Stunde schon konnte es vollends hin wegführen und den Regenfluten den Zugang frei machen. Dann würden die alten Mauern nicht mehr lange aushalten, und dies Haus mochte eins der ersten, vielleicht das erste von allen sein, welches dem Hochwasser dieses Herbstes zum Opfer fiel. Innocenz gewahrte bei seinem Eintritt die Greisin neben dem Herde hocken, wie sie beim Flackerschein der Flamme darauf Wurzeln und Kräuter aus ihrem Korbe las und sortierte. Sie begrüßte ihn, ohne sich stören zu lassen, mit einem Kopfnicken, als ob sein Kommen sie weder überrasche noch sonst etwas Außergewöhnliches geschehen sei. »Ahne!« rief er, sich matt neben ihr auf einen Holzstuhl niederwerfend, mit erregter Stimme, »weshalb rettet Ihr Euch nicht?« Sie sah ihn einen Augenblick erstaunt an und schüttelte dann den Kopf. »Wozu? Für wen? Wann der liebe Gott ein End' machen will, ich bin bereit. Meinst doch nicht, Cenzerl, man würd' ihm ausschlupfen können, wenn er's so im Sinn hat?« »Ihr solltet's doch machen wie die anderen, Ahne, und zur Kirche hinaufgehen. Dort ist vorerst noch Schutz. Und nachher, wenn der Regen nicht nachlassen sollt', wird man ja weiter sehen. Diese Hütte stürzt Euch über kurz oder lang überm Kopf zusammen.« »Wär' mir recht, Cenzerl,« versetzte die Alte gleichmütig, »wär' mir g'rad' recht, mein Büberl.« Und sie nickte ihm mit einem wunderlich irren Lächeln, das ihre welken Lippen umspielte, zu. »Man muß sie mit Gewalt hinausbringen!« dachte er, während sie sich bereits wieder ihren Kräutern zugewandt hatte, die sie zwischen den braunen, verrunzelten Fingern hin und her drehte und gegen das Licht hielt oder auch zerrieb und beroch. Er wandte sich zum Gehen. Hier etwas auszurichten oder Erkundigungen einzuziehen, erschien ihm unmöglich; er mußte sich droben an die Leute auf dem Friedhofe mit seinem Anliegen wenden. Als er fort wollte, hielt ihn die Alte aber am Ärmel seines Gewandes fest und raunte ihm kichernd zu: »Auf das Beste hätt'st leicht vergessen, Cenzerl, – weißt? die Hauptsach'! Komm nur her, hab' schon alles b'reit 'legt für dich. Und wann's denn wirklich ans Sterben gehen soll, hat keiner sich mehr um mein' Nachlaß zu grämen, – verstehst?« Und immerfort kichernd, langte sie nach einem vielfach umschnürten und verklebten Paket, das sie unter ihrem Brusttuch versteckt gehabt hatte, und schob es ihm in die Hände. »Großmutter,« sagte er bestürzt, »ich bin nicht deshalb gekommen.« »Ich weiß, ich weiß,« lachte sie, »aber weil du mein einziger Erb' bist, und weil die andern nichts davon wissen sollen auf der Lahn, verstehst? Darum ist's. Und wann's mit der Filomena etwa teilen willst – der Stasi ihre Tochter bleibt's ja freilich immer, und schaden könnt' mir ein Dutzend Seelenmessen auch nichts, so viel ist a' g'wiß –« »Großmutter!« rief er und hielt ihre beiden Hände umfaßt und blickte sie treuherzig an, »ich dank' Euch. Aber bleibt auch für Euch selber genug? Denn Ihr sollt nicht sterben. Großmutter, Ihr sollt leben!« »Für mich reicht's schon noch, mein Büberl,« kicherte die Wurzin, »und weißt? Die Filomena muß doch ein Hochzeitsgut haben, und wann sie all ihr Leben lang nichts von der alten Ahn' Gutes g'habt hat, an ihrem Hochzeitstag soll sie gut von ihr denken. Darüber wird sich die Stasi im Himmel noch freuen, mein' ich. Und für mein Cenzerl –« Mitten im Satz wurde sie durch ein pfeifendes Getöse unterbrochen, das sekundenlang das ganze Haus hin und her schwanken ließ, wie ein Schiffsrumpf mitten auf treibender See. Dann hob ein furchtbares Gepolter, ein Krachen, Splittern und Bersten an, und Innocenz, der erschrocken zurückgetaumelt war, gewahrte nun, daß der Sturm den Dachfirst zertrümmert und herabgerissen hatte. Darunter war nun auch die Vordermauer der Hütte ins Wanken geraten, fortwährend bröckelten Steine und Holzteile davon ab, der Regen schlug mit wilder Gewalt herein, und ein Windstoß, der jetzt freien Zugang fand, ließ die Herdflamme, an der Innocenz sich gewärmt hatte, hoch auflodern, um im nächsten Moment den ganzen Raum mit qualmendem Rauch zu erfüllen. »Kommt heraus, Großmutter!« rief Innocenz dringlich. »Ihr dürft hier nicht bleiben, das Haus wird zusammenstürzen – kommt!« Aber die Alte lachte behaglich vor sich hin. »Wird schon noch so lang' aushalten wie ich selber, Cenzerl. Und wohin sollt' ich auch gehen?« »In die Kirche. Die steht hoch und hält Stand.« »Bin wohl an die zwanzig Jahr' nicht mehr in der Kirchen g'west, Cenzerl. Mein' ich halt, der lieb' Herrgott wird mich jetzt auch nicht dort haben wollen.« »Großmutter, wenn Ihr nicht gutwillig geht, trag' ich Euch mit Gewalt fort. Hier kann ich Euch nicht zugrunde gehen lassen!« Innocenz war vor die Tür hinausgetreten, um sich nach Hilfe umzuschauen. Die Gefahr wuchs, und hier mußte ein Ende gemacht werden. Aber er gewahrte kein lebendes Wesen in der Nähe, und droben von der Kirche her schollen die Litaneien derer, die sich jetzt zu einem Bittgange zusammenscharten und mit brennenden Wachskerzen und Gebetbüchern in den Händen, nur noch auf das Erscheinen des Priesters zu warten schienen. Die Fahnen und Heiligenbilder ragten schon über den Köpfen der sich drängenden Menge empor. Aus dem Innern des Gotteshauses schollen die Klänge der Orgel. Keiner von den Andächtigen würde sich bereitgefunden haben, ihm zu helfen; und wenn selbst ein Menschenleben auf dem Spiel stand, galt die Erfüllung der Pflicht gegen die Gottheit, welche die drohende Wassersgefahr beschwören sollte, ihnen allen jetzt höher. Und nun gar dieser Greisin gegenüber, die sich von der Gemeinschaft mit ihnen wie von der mit Gott in ihrer trotzigen und harten Verbitterung ausgeschlossen hatte, weil sie schon genug an Freud' und Leid auf Erden erlebt gehabt, würde man am wenigsten eine Regung des Mitleids empfinden. So blieb ihm nichts anderes, als selbst ihre Rettung zu versuchen. Immer wilder raste der Sturm, der mit fauchendem Atem durch die klaffenden Mauerlücken hereinblies, immer heftiger prasselte der Regen durch die zerlöcherten Schindeln. Da umschlang Innocenz die Greisin, die sich, um das alles unbekümmert, über der qualmenden Herdflamme die Hände rieb, mit seinen Armen und trug sie trotz ihres Widerstrebens hinaus. Knietief durch die gurgelnden Schlammwasser watend, gelangte er keuchend mit seiner Last bis an den Fuß des Kirchenhügels. Dort konnte er nicht weiter. Das Herz drohte ihm zu zerspringen, seine Brust lieh ihm keinen Atem mehr her. Er setzte die Greisin nieder und bot ihr die Hand, um sie vollends bis zum Gotteshause hinaufzuführen. Und so entschiedenen Widerstand sie ihm bisher auch entgegengesetzt hatte, ließ sie sich jetzt doch ruhig weiter geleiten und kicherte nur halb verschämt, halb übermütig in sich hinein, als ob das alles um sie her ihr weder Schreck noch Grauen einflöße, sondern nur ein seltsamer Spaß sei. Ihre Sinne mußten sich völlig verwirrt haben, und ihr Geist weilte in anderen, längst vergangenen Zeiten, deren Gestalten und Ereignisse um sie her wieder lebendig geworden waren. Sie nannte Innocenz jetzt mit dem Namen ihres Mannes Andrä und bildete sich ein, daß sie Hand in Hand mit ihm den Kirchgang angetreten habe, weil heute droben ihr Bub', der Cenzerl, die heilige Taufe empfangen solle. Und mitten in dem niederstürzenden Regen redete sie von der Maisonne, wie sie doch schon gar so heiß brenne, und freute sich ihres neuen Feiertagskleides, das ihr von allen anderen geneidet werden würde. So legte sie, immerfort mit dem Kopfe wackelnd, mit dem zahnlosen Munde raunend und verstohlen in sich hineinkichernd den Weg an seiner Hand bis zur Kirche zurück. Dort hatten sie Mühe, sich durch das zusammengescharte Volk ins Innere des Gotteshauses vorzudrängen, und hier und da wurden unter den zurückweichenden Leuten drohende und schmähende Worte beim Anblick der Alten laut. »Wenn die Hex' sonst nicht in der Kirchen g'west ist, braucht sie auch jetzt nicht daherzukommen!« murmelten sie und: »Wenn so eine ersäuft, wird's nicht groß schad' d'rum sein.« Wenn Innocenz die Alte nicht an der Hand geführt und mit drohend blitzenden Augen nach denen geblickt hätte, die ihr den Eintritt in die Kirche verweigern wollten, würde man sie schwerlich hereingelassen haben. Auch so noch murrten sie hinter ihm drein. Aber sein Rock machte ihm Bahn. Gerade, als sie die Kirche betraten, bildete sich drinnen der Zug. Die Orgelklänge brausten durch den gewölbten Raum, Weihrauch qualmte aus den geschwungenen Becken der Chorknaben auf, aus der Tür der Sakristei trat Josef Ladurner nicht mehr in Jägertracht und mit dem Stutzen, sondern in silbergesticktem Meßgewand und das Allerheiligste in seinen Händen. Er erblickte Innocenz, aber keine Muskel in seinem knochigen Gesicht zuckte, nur ganz leicht hob sich die Oberlippe herauf und ließ darunter die starken Wolfszähne gewahren, wie bei einem Lächeln. Innocenz hatte inzwischen unter den Männern, die der Meßner in Reih' und Glied zu ordnen bemüht war, den Sennen von der Forcheralm bemerkt, nach dem er schon lange ausgespäht hatte. Rasch trat er auf ihn zu, nahm ihn beiseite und fragte leise nach Filomena. Was der Mann ihm erwiderte, ließ ihn erbleichen. Filomena habe sich gestern geweigert, den Talweg mit ihnen anzutreten, obgleich er ihr die drohende Gefahr grell genug geschildert habe, auch sei sie nicht zu bewegen gewesen, einen anderen Zufluchtsort aufzusuchen, sondern habe dabei beharrt, daß sie bleiben müsse, um einen zu erwarten, der heute kommen werde; und wenn es ihr Tod sei, sie dürfe nicht eher fort, als bis der es sie heiße. »Heiliger Gott,« stöhnte Innocenz, »und sie ist droben allein und gefährdet – gefährdeter, als sonst überall?« Der Mann zuckte die Achseln. Wenn nur die Hütte selbst standhalte, könne sie ein paar Tage Hochwasser dort schon überdauern, meinte er, auch habe sie Nahrung genug zurückbehalten, um nicht Hunger zu leiden währenddessen. Aber auf die Hütte sei eben kein Verlaß, und wenn der Föhn nicht nachlasse, und die Wasser so furchtbar weiter stiegen, könne man ohnehin für nichts einstehen. Er seinerseits habe seine Schuldigkeit getan, die Dirne zu warnen, um die es wahrlich schade sei, ihn treffe keine Schuld bei etwelchem Unglück. Innocenz versuchte den Mann zu überreden, mit ihm zu gehen, um das Mädchen zu retten. Er bot ihm Geld, viel Geld, wenn er sich dazu bereit finde. Aber der Almer wollte nichts davon hören. Er müsse bei den Seinen hier unten bleiben und an das Vieh denken, für das er dem Großbauern drunten in Vierschach verantwortlich sei, nicht für ein Vermögen ginge er oder ein anderer mit hinauf. Die Dirne sei toll, daß sie oben geblieben, und mit so freventlichem Leichtsinn dürfe man nicht groß' Mitleid haben. Wenn in ein paar Tagen die Wasser sich verlaufen haben sollten, – die Zuversicht darauf schien bei dem Manne nicht groß zu sein, – würde sich eher davon reden lassen, daß man droben nach dem Rechten schaue. Damit trat der Sprecher, kurz nickend, an seinen Platz im Zuge, der sich eben in Bewegung setzte, und Innocenz wandte sich zum Gehen. »In Gottes Namen denn,« dachte er, »sie retten oder mit ihr zugrunde gehen!« Er rief der alten Wurzin noch ein »B'hüt' Gott!« zu und folgte dann der Prozession ins Freie. Immer noch goß draußen der Regen, immer noch heulte der Sturm. Und durch Regen und Sturm nahm der Bittgang seinen Weg zwischen den Gräbern des Friedhofs hin, immer den Hügel umwandelnd, auf dem die Kirche lag. Barhäuptig schritten sie alle daher, das Haar im Winde flatternd über den scharfkantigen Gesichtern mit den trotzigen, starrblickenden Augen und den unaufhörlich murmelnden Lippen, die brennenden Wachskerzen, welche alsbald von Regen und Sturm verlöscht, aber immer aufs neue angezündet wurden, in der Linken, Rosenkranz und Gebetbuch in der Rechten haltend. Die Fahnen flatterten zerfetzt und triefend über ihren Häuptern. Eintönig, hart scholl ihr Gebet zur Mutter Gottes empor und zum heiligen Nepomuk, dem Schutzpatron der Wasser. In allen diesen Gesichtern lagerte neben Andacht und Fanatismus noch etwas anderes, Dunkles, fast Drohendes; es redete davon, daß man von der Gottheit nicht nur erbitten wolle, sondern mit düsterer Bestimmtheit von ihr erwarte, daß sie die wilden Wasser zum Schweigen bringe; es prägte sich darin die Zuversicht aus, daß man nicht mehr und nicht weniger fordere als sein gutes Recht. Und ihnen voran unter einem verschlissenen, roten Baldachin, den die Chorbuben trugen, schritt Josef Ladurner mit dem Allerheiligsten, und ein bitteres Lächeln lag um seine Lippen. Innocenz hatte von der ersten Höhe, die er erklommen, noch einen Blick auf das sonderbare Bild dort unten geworfen, dann hastete er weiter, so rasch seine Füße ihn tragen wollten. Der Anblick der grausigen Zerstörung zu seinen Füßen verschwand allmählich und, da er eine Strecke weit nur noch die rieselnden Wasser fand, die in dem felsigen Boden versickerten, aber keine Schlamm- und Schotterhalden mehr ihn aufhielten, gelangte er schneller vorwärts, als er zu hoffen gewagt hatte, und seine Brust schwoll wieder an von neuem Lebensmut. Wenn nur die Hütte standhielt, in der Filomena einsam hauste und seiner wartete! Er hatte jetzt eine Talmulde erreicht, in der die stürzenden Wasser einen weiten See gebildet hatten, in welchem entwurzelte Baumstämme umhertrieben, und aus dem nur hier und da ein Fels gleich einer Insel aufragte. Als er das Wasser durchwaten wollte, versank er bis an die Hüften in den schlammigen Untergrund, kaum, daß es ihm noch gelang, einen der Steine zu erreichen, auf dem er sich retten und an dem er sich festklammern konnte, bis er nur wieder Luft geschöpft hatte. Nun überfiel ihn plötzlich eine furchtbare Angst. Bis dahin hatten ihn Mut und Hoffnung beseelt, aufrechterhalten, ihn über die Gefahren und Hindernisse, die ihm drohten, fortgetäuscht. Mit der körperlichen Schwäche, die ihn überfiel, beschlich ihn auch ein banges Entsetzen. Wenn es hier schon so stand, wie mußte das Wasser erst droben in dem felsigen Engtal gehaust haben, das Filomenas Hütte schirmte! Und wann, wie würde er sie überhaupt erreichen? Wie Filomena wiederfinden, die aller Voraussicht nach sich nicht mehr lange inmitten all der Schrecken dort würde halten können? Und wenn sie nun, an seinem Kommen verzweifelt, sich anderswohin flüchtete, wo er sie nicht fand, wo sie nichts voneinander erführen, beide allein in dieser ungeheuren Wasserwüste, in all dem Grauen der Hochgebirgseinsamkeit, die heute von Mensch und Tier gleicherart gemieden wurde? Viel zu lange hatte er gezögert. Und es kam etwas über ihn, daß er meinte, das furchtbare Bangen laut in die tote Leere hinausschreien zu müssen, wenn es ihn nicht niederdrücken, lähmen und vernichten sollte. Eine neue Sintflut war über die Welt gekommen, die in ihren Sünden wahrlich auch reif dafür gewesen war, und die Angst der totgeweihten Kreatur gellte in grauenhaften Schreien zum fühllosen Himmel empor. Weiter! Nur weiter! Innocenz wußte nicht mehr, wieweit der Tag vorgeschritten sei, denn es war seit der Stunde, wo er aus seinem tiefen Erschöpfungsschlafe heute morgen durch den Donner eines Bergsturzes erweckt worden war, um keinen Schein heller geworden. Das gleiche undurchdringliche Grau lag mit eherner Unbeweglichkeit über der Welt und ließ selten nur den verschwommenen Umriß einer Berglinie geisterhaft auftauchen, wie wenn hinter dieser Welt noch eine andere läge, aber weit, unerreichbar weit. Und der Regen strömte ohne Unterlaß. Schauerlich wehklagte der Wind in den Bergengen; es klang wie das Winseln eines hungrigen, beutegierigen Raubtieres. Und manchmal glaubte Innocenz, daß wirklich ein Unsichtbares, Gewaltiges sich ihm entgegenstemme, ihm das Vordringen verwehre und ein gellendes Hohnlachen ausstoße, wenn er, von Furcht und Erschöpfung gebändigt, stehenblieb. Seine Glieder begannen schon, vor Erregung und Überanstrengung zu zittern, seine Sinne gingen wie im Wirbel um, sein Blut tobte in den Adern und Feuerfunken tanzten ihm vor den Augen. Er hatte, sich von Stein zu Stein weiter rettend, endlich den Schlammsee, zu dem die Talmulde geworden war, hinter sich und konnte wieder eine Strecke weit unbehinderter aufwärts klimmen. Freilich galt es fortwährend, niederrollende Felsblöcke, welche das Wasser irgendwo losgespült, oder Wurzelgeflecht und Knorren, die es fortgerissen, zu vermeiden, wenn sie gegen ihn herabgesaust kamen; es galt Steinwälle zu überklettern und sich durch ein Gewirr von ineinandergekeilten, halb herabgestürzten, halb den Sturz drohenden Nadelbäumen einen Weg zu bahnen. All diese Gefahren aber schreckten Innocenz nicht, keine schreckte ihn, die er sah, nur die unsichtbaren erfüllten ihn immer wieder mit bangem Grauen, sei es, daß plötzlich von irgendwoher das Donnern einer stürzenden Schneelawine oder das unheimliche Gepolter eines Erdrutsches vernehmbar ward, das hin und wieder sogar den Boden unter seinen Füßen schwanken machte, sei es, daß sonst ein Getöse, dessen Ursache er sich nicht klarzumachen wußte, aus der Höhe oder aus der Tiefe ihn umhallte, oder daß auch nur das Windgeächz gleich einem schrillen Warnungsruf die furchtbare Felswüstenei durchgellte. Dann packte ihn jedesmal der Gedanke an Filomena wie mit würgender Angst. Was würde sie ausstehen, einsam, ohne Nachricht von ihm, ohne die Gewißheit seines Kommens in dieser Welt der Schrecken, in dieser dem Untergange geweihten Welt! Und immer wieder strengte er dann seine Kräfte bis aufs äußerste an, um vorwärtszukommen, um zu ihr zu gelangen. Aber er fühlte mehr und mehr, daß es vergeblich sei, daß er das Ziel unmöglich mehr erreichen könne. Er war bereits bis zum Umsinken erschöpft. Dazu hatte er nicht einmal einen Bissen Brot, nicht einmal einen wärmenden Trunk bei sich, um sich wenigstens noch eine Weile fortzuhelfen, sich selber über die allmählich mehr und mehr überhandnehmende Schwäche zu betrügen. Er fühlte sie deutlicher und immer deutlicher mit jeder verrinnenden Minute. Nur noch mechanisch ging er zuletzt weiter. Er hatte gar nicht mehr das Bewußtsein, daß er wirklich weiterkam. Es verschwamm alles vor ihm. Sein Kopf war wie ausgeschöpft, vor seinen Augen tanzte und flirrte alles, sein ganzer Körper, alle seine Glieder waren wie durchpulst von einem einzigen, wilden, rasenden Herzschlag. Seine Knie zitterten, die Gestalt sank immer mehr vornüber, seine Brust ächzte bei jedem Atemzuge. Denken konnte er nicht mehr. Nur die ungeheure Angst kroch jetzt in ihm empor, vom Herzen zum Hirn, und umschnürte ihn, wie eine sich ringelnde Schlange, die ihn erdrücken wollte. Nur hier nicht niederstürzen! schoß es ihm noch blitzgleich durch die Seele; nur hier nicht zusammenbrechen und von den angeschwollenen Fluten in die Tiefe gerissen werden, ohne daß Filomena ahnt, ohne daß sie je erfährt, er sei auf dem Wege zu ihr gewesen! Und dann blieb er plötzlich stehen, und in dem Grauen, das ihn übermannt hatte, in der Furcht vor dem, was nun kommen würde, kommen mußte, fand er plötzlich die Kraft, zu schreien, einen Schrei auszustoßen, der das Geheul des Windes und das tosende Stürzen der Flut überhallte, einen Schrei nach Hilfe, einen Schrei der Todesangst, einen Schrei der verzehrenden Sehnsucht – das alles zusammengefaßt in den einen Namen »Filomena!« »Filomena!« rief er. Er wußte, daß das nutzlos, daß es Wahnsinn war, nach ihr zu rufen; er hatte keinerlei Vorstellung mehr davon, wo er sich eigentlich befand, wie weit er noch von der Forcheralm entfernt war, und ob es ihm überhaupt gelungen war, die Richtung einzuhalten, die er dorthin hatte einschlagen müssen. Und trotzdem rief er mit der Kraft der Verzweiflung, mit dem gellenden Ton des Irrsinns, der seine Seele umnachten wollte: »Filomena! Filomena!« Und immer wieder »Filomena!« Kam dort ein Echo von der Felswand zurück, das ihn äffte? War es der Angstschrei eines Bergadlers, der seinen Horst nicht wiederfinden konnte, welchen Flut und Sturm ihm vernichtet hatten? Eines Wildes, dem die fallenden Wasser den Weg abgeschnitten hatten? Innocenz begann es zu schwindeln. Brach die Nacht schon herein oder wurde es nur dunkel ihm vor den Augen? Noch einmal raffte er seine schwindenden Lebensgeister zusammen, noch einmal brach es wie ein verröchelnder Schrei aus seiner Brust: »Filomena!« Dann sanken ihm die Knie, und er schlug in dumpfem Fall bewußtlos zu Boden. XV Als Innocenz wieder erwachte, lag sein Haupt in Filomenas Schoß. Sie hatte ihm die Schläfen mit Enzianbranntwein eingerieben und flößte ihm nun auch einige Tropfen davon ein, als er die Augen groß-verwundert aufschlug. Ein seliges Lächeln umspielte seine Lippen, als er sie gewahrte. Aber es war ihm wie ein Traum, und er glaubte nicht an die Wirklichkeit dessen, was er sah. Er wollte auch nicht daran glauben, weil er meinte, dann würde alles wieder in nichts verrinnen. Er mochte nicht ins volle Tagesbewußtsein zurückkehren, ihm bangte davor. Dieses Vorsichhindämmern tat ihm' unsäglich wohl. Er meinte, zwischen Wachen und Träumen ein Zwitterleben zu führen, das friedvoll und besänftigend war. Dann hörte er aber ganz deutlich Filomenas Stimme, wenn sie auch aus weiter Ferne zu ihm drang: »Ist dir jetzt besser, Innocenz?« Er hatte die Augen wieder geschlossen, aber trotzdem wogte es unablässig von rinnenden Nebelschleiern davor hin und her, aus denen das Bild des Mädchens sich in leuchtendem Liebreiz loslöste. Wachte er denn wirklich? Lebte er überhaupt? Konnte das alles wahr und wirklich sein? »Mir ist ganz wohl,« murmelte er, »so wohl, wie nie im Leben, glaub' ich.« Und dann trank er nochmals von dem Branntwein, den sie ihm vor die Lippen brachte, und nun wußte er plötzlich ganz genau, daß Leben in ihm war. Er dehnte und reckte seine Glieder in wohliger Müdigkeit. Dann horchte er plötzlich auf. Das Rollen und Tosen da draußen klang ihm wie eine altbekannte Musik im Ohr. Wo er sich aber befand und was mit ihm vorgegangen war, wußte er nicht. Er wollte es auch gar nicht wissen. Das lag alles so fern hinter ihm. Und dann spürte er plötzlich, daß er sehr hungrig war, und das sagte er Filomena auch. Und Filomena lächelte. Sie brachte ihm Brot, Milch und Käse, und eine ganze Weile aß er mit sichtlichem Behagen, ohne ein Wort dabei zu sprechen, und sie saß neben ihm und sah ihm schweigend zu. Und draußen heulte der Sturm, goß der Regen und strudelte das Wildwasser, das von allen Höhen und aus allen Tiefen, aus allen Gletscherfeldern und allen Schneemulden der Dolomiten quoll und rann, als seien mit einem Zauberschlage alle die unterirdischen Quellen wachgeworden, die bis dahin in diesem schweigsamsten aller Hochgebirge ihr verborgenes, geheimnisvolles Dasein gelebt hatten, um der Stunde entgegenzuharren, die sie ans Licht rufen würde, damit sie ihr Verderberamt begannen. Als Innocenz sich wieder völlig erquickt und gestärkt hatte, blickte er erst um sich. Er sah nun, daß er sich auf dem Heulager einer Almhütte befand, aber er kannte sie nicht, es war nicht Filomenas Hütte. »Wie sind wir hierhergekommen?« fragte er nach einer Weile erstaunt. Da erzählte sie ihm, wie sie droben in ihrer einsamen Hütte nahe der Forcheralm zurückgeblieben sei, um auf seine Heimkehr zu warten, denn sie habe ja gewußt, daß er wiederkommen werde, wenn er's ihr auch nicht versprochen habe, sondern ohne Abschied von ihr gegangen sei; und wenn er nicht wiedergekommen wäre, so hätte sie ja doch nicht mehr weiterleben können und wollen. Es seien furchtbare Stunden gestern gewesen. Denn da oben sei der Bach zu einem Strome geworden, weil die tausend rieselnden Gletscherbäche sich unaufhörlich in ihn ergossen hätten, um ihn anzuschwellen, und alsbald sei das ganze Engtal zwischen den himmelhohen Steilwänden unter Wasser gesetzt gewesen, und die Flut habe gurgelnd gegen die Wände der Holzhütte gepocht und gedonnert, um Einlaß zu fordern. Da habe sie gewußt, daß ihres Bleibens dort oben nicht länger sein könne, und habe zu fliehen beschlossen. Aber sie habe nicht gewußt, wohin sie sich wenden solle. Da sei ihr eingefallen, ihm auf dem Wege nach Moosbrunn, den er ja wieder heraufkommen müsse, eine Strecke weit entgegenzugehen, so weit, bis sie in Sicherheit gelange und auf ihn warten könne. Das habe sie denn auch getan, aber es sei bei weitem schwieriger und gefahrvoller gewesen, als sie sich's gedacht, und ein wahres Wunder, daß sie mit dem Leben davongekommen. Alle Steige fortgerissen und verschwemmt, alle Felsen in Bewegung, ein Tosen, Rollen und Donnern, wie wenn ein ewiges Gewitter niederginge, stürzende Tannen und herabkollernde Steine; – es sei gewesen, als ob die ganze Hölle losgelassen worden, und betäubt, fassungslos, atemlos sei sie aufs Geratewohl dahingestürmt, einmal von einem Sturzbach minutenlang mit hinabgespült, dann von einem abrollenden Fels gestreift, von einem fallenden Ast getroffen. Endlich habe sie nicht mehr gekonnt, auch sei es Nacht geworden, und sie habe sich darauf vorbereitet, zu sterben. Da habe sie plötzlich diese Hütte vor sich gesehen, an die sie nicht gedacht, in deren Nähe sie sich nicht geglaubt habe. Die Hütte auf der Bacherlalm sei's. Die könne noch nicht lange verlassen gewesen sein, denn sie habe noch allerlei Vorräte, welche die Almleute bei ihrer eiligen Flucht zurückgelassen, hier vorgefunden und sich todesmatt aufs Heu geworfen, um bis heute in den Tag hinein zu schlafen. Da habe sie erst entdeckt, daß die Hütte durch die sanft abfallende Matte, auf der sie stehe, und von der die Wasser abfließen könnten, ohne sich zu stauen, einen verhältnismäßig sicheren Aufenthalt biete, zumal kein Wald und kein überbangendes Gefelse auf sie herabdrohe. Also habe sie Gott aus vollem Herzen für ihre Rettung gedankt und dann für die seine gebetet. Den ganzen Tag habe sie auf ihn gewartet, hundertmal durch Regengeprassel und Windpfeifen seine Stimme zu hören geglaubt, hundertmal selber nach ihm gerufen, ohne eine andere Antwort zu vernehmen, als das Gekrächz der Zirbenkrähen und das Strudeln des Wildwassers. Immer wieder sei sie hinausgelaufen, um nach ihm zu spähen, weil er ja doch endlich, endlich habe kommen müssen, und habe ihn von allen Schrecknissen der Wildnis bedroht gesehen und habe gebetet, so heiß, so inbrünstig, wie nie zuvor in ihrem ganzen Leben. Und dann endlich, als sie schon verzweiflungsvoll den Weg nach Moosbrunn habe antreten wollen, um nach ihm zu forschen, obgleich sie ja wisse, daß man dort sie einfangen und festhalten werde, da sei sein Hilferuf an ihr Ohr gedrungen, und sie habe trotz all der bangen Qual, die daraus aufgetönt, mit einem Jubelruf ihm geantwortet und sei hinausgestürzt, um ihn in die Hütte zu führen. Das habe er freilich nicht mehr erkannt und nicht mehr gewußt, aber gefunden habe sie ihn dennoch, und auf ihren Armen habe sie ihn in die Hütte getragen, und nun sei er geborgen und endlich wieder zum Leben erwacht, und nun lasse sie ihn nimmer wieder von sich, sondern wolle mit ihm leben und mit ihm sterben. In heiß ausbrechender Leidenschaftlichkeit war sie bei ihren letzten Worten vor ihm hingekniet und hatte ihn umschlungen. Die Angst, die Verzagtheit, der Jubel, – alles das, was in den verflossenen Stunden wechselnd durch ihre Seele hingegangen war, löste sich in einen Tränenstrom, der aus ihren Augen brach. Innocenz aber drückte wortlos seine Lippen zum ersten Male auf die ihren, die sich ihm boten, und erst nach einer Weile konnte er stammeln: »Mein Weib! Mein geliebtes Weib! – Du bist's – darfst es sein –« Dann waltete heiliges Schweigen um sie her. Was sie beide sich noch zu sagen hatten, erstarb in einem leisen Flüstern. Dunkler und dunkler ward es um sie her. Eng aneinandergeschmiegt, horchten sie nur manchmal hinaus auf das rastlose Wüten des Sturmes und das prasselnde Stürzen der Wasser, mit dem draußen das Wetter forttobte um die einsame Hütte des Hochgebirges. Es war ihnen, als sei die Zeit der großen Sintflut wiedergekehrt, weil der Menschen Sünden zu laut aufschrien wider die Gebote des Göttlichen, das in ihre Brust gepflanzt worden war, und sie beide hätten sich in eine Arche geflüchtet, welche die ruhelosen Wogen Umtrieben, ohne sie zu zerstören, und würden dereinst, wenn die Wasser sich wieder verlaufen, irgendwo landen – gleichviel wann und wo? – um das Stammelternpaar eines neuen Geschlechts zu werden, das da die Religion der Menschheit verkünden und nach ihr leben sollte und in ihr wirken, unter der hohen, hellen Sonne eines neuen Tages. – – – Und wieder, wie zwei Tage früher, trat Innocenz aus der Tür der Alphütte in den grau dämmernden Morgen hinaus. Aber kein Grauen war jetzt in ihm, wie damals, sondern der Widerschein eines vollbewußt genossenen Glückes lag auf seinem Anlitz. Und plötzlich tauchte aus den Erzählungen der alten Wurzin eine Erinnerung in ihm auf, die ein seltsames Leuchten in seinen Augen hervorrief. Die Bacherlalp – hatte sie nicht so geheißen, die Alm, auf welche damals Anastasia Afinger im Frühsommer gezogen war, um im Herbst von dort mit einem Kinde zurückzukehren, das sie für ihr Kind ausgab? War das nicht die Hütte, in welcher die stolze, vornehme, tugendhafte Gräfin Theodora Karditsch damals heimlich bei der Sennerin gehaust hatte, welche zu dem Kinde, dem dieses Weib hier das Leben gab, und das ihres Bruders Kind war, aus Liebe für eben diesen Bruder sich als Mutter bekannt hatte, weil die wahre Mutter es in unnatürlicher Feigheit verleugnete? Hatte sein Leben hier einst seinen Anfang genommen, um von hier aus zum zweiten Male ihn als einen neuen Menschen wieder ins Leben hinauszusenden? Wie wunderbar waren doch die Wege, auf denen die Sterblichen wandelten! Innocenz stand noch in schweigendes Sinnen verloren, als Filomena zu ihm trat und, ihn mit beiden Armen umschlingend, ihr erglühendes Gesicht an seiner Schulter barg. Er strich ihr mit den Händen leise über das weiche Haar und küßte sie. Dann fragte sie, ohne zu ihm aufzusehen, leise: »Wann gehen wir, Innocenz?« »Wohin?« fragte er träumerisch dagegen. »Nach Welschland hinab. Dort hinüber kommen wir durch. Ich weiß dich sichere Wege zu führen.« Es lag etwas seltsam Ängstliches und Dringliches in ihren Worten. Er aber schüttelte den Kopf, als wenn er den letzten Rest von Traumverworrenheit, der ihm noch anhaftete, von sich scheuchen wollte. »Nein, Filomena,« sagte er dann, den Arm um ihren Nacken gepreßt, »das dürfen wir nicht und das wollen wir nicht. Es wäre feige Flucht. Dort unten ringen Menschen gleich uns in erbitterter Fehde gegen die Verheerungen der blinden Naturgewalten, die unser aller gemeinsame Feinde sind, und es ist an uns, uns an diesem Kampf entschlossen, mit allen Kräften unseres Seins zu beteiligen. Wir würden, wenn wir es nicht täten, sondern einzig an uns und daran dächten, unser junges Glück zu bergen, dereinst dieses Glückes nicht mehr froh werden und die Augen nicht zu denen emporschlagen können, die uns mit jedem ihrer Blicke fragen würden: ›Und wo waret denn Ihr in der Stunde der großen, gemeinschaftlichen Gefahr?‹ Nein, mein Weib, wir wollen Menschen sein unter Menschen. Unser Weg führt nicht nach Welschland hinüber, sondern dort hinab, von wo ich kam, und wohin wir gehören als Kinder des Bodens, dem heute Gefahr und Untergang droht. Komm mit mir!« Sie weinte leise vor sich hin, sah ihn aber mit ihren tränenüberströmten Augen doch stolz und glücklich an. »Ich wußte es,« murmelte sie, »ich fürchtete es, daß du so entscheiden würdest, und ich bin bereit!« Eine Stunde danach waren sie auf dem Wege nach Moosbrunn hinab. Als sie um Mittag nach mancherlei Mühseligkeiten das Dorf erreichten, kamen sie mitten in eine grauenvolle Zerstörung hinein. Die Lahn war jetzt völlig von den Schlammfluten überschwemmt, das Wasser war bis zu den Giebeln der Häuser gestiegen. Die hölzernen Notbrücken, die man errichtet hatte, hielten dem Anprall der Wasser nur noch notdürftig Widerstand, einzelne Hütten, darunter die der alten Wurzin, waren bereits zusammengebrochen, anderen drohte jeden Augenblick der Einsturz, zumal die von den Bergen niederstrudelnden, immer höher anschwellenden Bäche die Felsstücke und Baumstämme, welche sie mit herabtrugen, in wildem Ungestüm gleich Sturmböcken gegen die Hausmauern warfen, die krachend darunter zu bersten begannen. Zahlloser Hausrat schwamm auf den trüben, dickflüssigen Wassern umher, hier und da blökte kläglich das Vieh in den Ställen, das instinktiv die Todesgefahr erkannte, die ihm drohte. Der Kirchenhügel war bereits überschwemmt, die Grabkreuze waren umgerissen, die Grüfte überflutet, man mußte gewärtig sein, daß die nimmer rastende, gefräßige, vor nichts zurückschreckende Welle nun auch bald die Gebeine der Toten aus den vermoderten Särgen spülen und aus ihrer dunklen Tiefe erbarmungslos an das Licht des Tages herauftragen werde. In der Kirche selber, zu der höher und höher die schlammigen Wasser mit gierigen Zungen heraufleckten, hockten zusammengedrängt betend und singend die Dorfbewohner. Unablässig bewegten sich ihre Lippen, unablässig liefen die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger. Aber auf ihre fahlen Gesichter, welche das graue Zwitterlicht des Tages, das durch die hohen, bleigefaßten, rundscheibigen Fenster hereinfiel, noch farbloser erscheinen ließ, lag nichts von freudiger Zuversicht oder frommer Ergebung; vielmehr prägte sich ein starrer, dumpfer Trotz darin aus, und manchmal, wenn der Wind mit heulendem Geächz um die Kirche fuhr, oder ein glucksender Ton der heranschwellenden Fluten vernehmlich ward, schien ihren ingrimmig und angstvoll zugleich verzerrten Lippen eher ein Fluch als ein Gebet sich zu entringen. Manche standen auch draußen auf dem Kirchplatz unter ihren gewaltigen, roten und braunen Regenschirmen und blickten mit trostlos-stumpfem Ausdruck ihres Gesichts auf die ungeheure Verwüstung. An Rettungsarbeiten hatte man noch nicht gedacht, geschweige denn an ein plan- und ordnungsmäßiges gemeinsames Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind. Nur hier und da war ein einzelner damit beschäftigt, auf ein schnell aus Sägestämmen zusammengezimmertes Floß, mit dem er sich vermittels einer Stange bis zu seinem Hause gestoßen hatte, allerlei ihn wertvoll dünkenden Hausrat hinüberzuretten, wobei er häufig genug nach dem griff, was am leichtesten zu vermissen, am ehesten zu ersetzen war. Alle erwarteten mit finsterer Ungeduld das Aufhören des Regens, das Sinken der Flut. Die Kinder schrien und lärmten; hier und da wurde noch an den Giebelfenstern der Häuser und auf den Dächern eine verängstigt über die steigende Flut hinstarrende menschliche Gestalt sichtbar, welche entweder ihr Eigentum nicht hatte verlassen wollen oder zu spät an die Rettung gedacht hatte. Auch mancher Kranke und Gebrechliche, der ans Siechbett gefesselt war, mochte noch in den Häusern weilen. Und unaufhörlich gellte nur die Sturmglocke über der im Gotteshause zusammengepferchten, betenden Menge hin. Aber sie rief keinen, sie tröstete keinen. Wen im weiten Alpengebiet der Dolomiten hätte sie auch in den Schreckenstagen dieses Herbstes zur Rettung einer bedrohten, weltfernen Bergdorfgemeinde herbeirufen sollen; wo überall gleicherweise zwischen Rienz und Drau die Tausende an Leib und Leben, an Hab und Gut bedrohter Menschenkinder voller Todesangst zum Himmel emporschrien? Das Glockengeläut war nur wie die natürliche Begleitung für diese gewaltige Symphonie des Jammers, die das Hochgebirgstal durchtönte. Innocenz suchte, nachdem er Filomena in die Kirche geleitet, den Pfarrer Josef Ladurner auf, um mit ihm über ein gemeinsames Vorgehen zum Schutze des bedrohten Dorfes zu beraten. Er fand ihn untätig in seinem Hause, mit der Moidel beratend, ob man zu Mittag werde kochen können, ohne den Neid und Unwillen der anderen zu erregen. Das zynische Lachen, mit dem er seine Worte begleitete, berührte den Eintretenden widrig. Als Josef Ladurner Innocenz' Ansinnen vernommen hatte, zuckte er gleichgültig die mächtigen Schultern. »Meinetwegen. Warum nicht? Wenn die harten Köpfe dazu zu bewegen sind! Aber das wird nicht leicht sein. Ich meinesteils will meine Knochen schon zu Markte tragen. So oder so! Und wenn's zum Schlimmsten kommt, – um so besser, um so besser!« Die letzten Worte murmelte er mit einer rauhen Verbissenheit, schlug der Moidel zum Abschied leicht auf die Wange und ging hinaus. Innocenz folgte ihm. Die kräftigsten Männer der Gemeinde wurden nunmehr zusammengerufen, der Pfarrer sprach zu ihnen von der gemeinsamen Gefahr und der Notwendigkeit eines Zusammenstehens aller, um sie abzuwehren, um wenigstens das zu retten, was von Menschenleben sowohl wie von beweglicher Habe noch zu retten war. Er schlug vor, große Flöße zu bauen, auf denen aller Hausrat, soweit er noch geborgen werden konnte, aufgestapelt werden sollte, vor allem aber sämtliche Menschen zu retten, die sich noch in den Häusern befanden, da man dort für ihr Leben nicht mehr bürgen könne, und an Lebensmitteln herbeizuschleppen, was sich nur irgend aus den Vorratskammern noch zusammenraffen ließ, da man sich darauf gefaßt machen müsse, sich für eine Reihe von Tagen zu verproviantieren, während derer man voraussichtlich von allem Verkehr abgeschnitten bleiben werde. Josef Ladurner sprach ernst, eindringlich und mit knappen, klaren Worten, die auf die um ihn in der Sakristei gescharten Männer nicht ohne Eindruck blieben. Dennoch blickten sie sich, ohne zuzustimmen, unsicher und mit dumpf-trotzigen Mienen an. Der eine meinte endlich, wenn man alles Hab und Gut auf einen Stapel zusammentrage, werde nachher kein Mensch mehr das Seinige herausfinden, und es werde nur Zank und Streit geben, weil die Unredlichen die Gelegenheit benutzen würden, sich auf Kosten der anderen zu bereichern, und es gäbe Unredliche genug in der Gemeinde. Andere hatten schwere Bedenken gegen die gemeinsame Verköstigung aller aus den zusammengebrachten Eßvorräten. Dann werde man diejenigen, die selber nichts mehr zu beißen hätten, also wohl durchfüttern sollen, um selbst nachher am Hungertuche zu nagen; als ob man nicht durch das Hochwasser schon gerade Schaden genug erleide! Wenn das Wasser so weiterstieg, waren bis zum Abend die Kornböden ohnedies überschwemmt. Man wollte sich nicht für etwaiges Bettelvolk vorzeitig zugrunde richten. Übrigens waren sie sich alle darin einig, daß das Hochwasser nun alsbald fallen werde, da bereits vierundzwanzig Stunden seit der Prozession verflossen seien; länger pflege der heilige Nepomuk nicht zu zögern, und überdies habe man ja ebensowohl den heiligen Ulrich, den Schutzpatron des Tals, noch ausdrücklich um seine Beihilfe angerufen, und die Gelöbnisse, die in diesen vierundzwanzig Stunden der heiligen Jungfrau gemacht worden, seien kaum zu zählen. Kein Zweifel also, daß der Regen nun bald aufhören und die Flut sinken werde. Inzwischen aber könne jeder zusehen, wie er am besten fertig werde, jeder sei gleich schwer geschädigt und habe für den anderen weder Zeit noch Kräfte übrig. Josef Ladurner blickte Innocenz bei diesen Erörterungen mit einem halb überlegenen, halb ingrimmigen Lächeln an, als ob er ihn fragen wollte: »Nun? Kenn' ich meine Leute besser als du, oder nicht?« Innocenz aber brach zornig aus: »Dann bleibt uns also nichts, als daß wir beide uns allein ans Werk machen. Eure Gemeinde läßt ihren Pfarrer im Stiche!« Die Männer sahen sich abermals fragend und ungewiß untereinander an. Einer fing an, von einem zweiten Bittgang zu reden, den man vielleicht veranstalten könne, und der doch sicherlich die Gefahr beschwören werde. Da erscholl plötzlich ein furchtbares Krachen und Dröhnen draußen. Man vernahm es durch das Rauschen des Regens, das Windgeheul und das Wimmern der Turmglocke. Und nun folgte ein hundertstimmiges Aufkreischen von Stimmen drinnen im Gewölbe der Kirche. Alles stürzte vor die Türen hinaus. Auch die Männer aus der Sakristei stürmten ins Freie. Dort gewahrten sie, was geschehen war. Drei Häuser auf einmal waren zusammengestürzt. Die Schlammflut hatte Steinblöcke gegen sie gewälzt, deren Anprall sie erlegen waren, nachdem das Wasser längst ihr Fundament unterspült, das Erdgeschoß überflutet hatte. Noch immer vernahm man ein Bersten, Brechen und Splittern des zertrümmerten Holzes. Teile des Daches, Balken, Schindeln und Hausrat trieben auf dem Wasser umher. Mit einem aus Grauen und Neugierde gemischten Erstaunen stierten hundert Augen auf die Stellen, wo noch vor wenigen Minuten die Häuser aus der trüben Masse aufgeragt hatten. Keiner regte sich. Plötzlich gellte ein markerschütternder Schrei auf. Ein Kopf war aus der Schlammflut heraufgetaucht, ein paar Arme ruderten und rangen gegen die Wasser an, reckten sich nach einem treibenden Holzstück aus, um sich angstvoll daran zu klammern, und versanken wieder, ohne es zu erreichen. Nun brach ein jäher Aufschrei von hundert Lippen los. Ein Name wurde laut, der von Mund zu Munde ging: »Der Bach-Franzi!« Aller Hände streckten sich nach ihm aus, Gebete wurden gemurmelt, ängstliche, scheue, anklagende Blicke gingen hin und her. Sollte man den Mann, der da im Wasser mit einem qualvollen Tode rang, untergehen lassen, ohne nur einen Versuch zu seiner Rettung zu wagen? Der Anblick des ersten Menschenopfers, welches die Überschwemmung fordern wollte, rief jählings einen Umschwung der Stimmung, rief ein Gefühl der Gemeinsamkeit hervor, das bisher unter dem Druck der widerstreitenden Einzelinteressen nicht hatte erwachen, nicht hatte den Sieg davontragen können. Der furchtbare Ernst der Sachlage, die bange Ahnung einer noch grauenvolleren Zukunft traten in die Erscheinung. Wo Trotz, Gleichgültigkeit, stumpfe Ergebung und leere Hoffnungsseligkeit vorgeherrscht hatten, verzerrten mit einem Male stiere Verzweiflung, furchtbare Todesangst aller Mienen. Inzwischen hatte Innocenz als der erste von allen nach einem Floß gerufen. Als er eines, das nur aus drei auseinandergekeilten Baumstämmen bestand, mit allerlei Hausrat beladen, in der Nähe treiben sah, sprang er hinauf, ließ sich eine Stange reichen, und war, ehe noch einer ihm hatte folgen können, schon bis an die Stelle hinausgerudert, wo der mit den Wassern Ringende zum letzten Male aufgetaucht war. Achtlos warf er einen Teil des Geräts, mit dem das Floß beladen war, und das ihn seiner Schwere wegen am raschen Vorwärtskommen behinderte, unterwegs ins Wasser, und unter der zuschauenden Menge vor der Kirche erhob sich kein Laut des Widerspruchs oder der Entrüstung dagegen. Aller Blicke und Mienen waren einzig gespannt auf das gerichtet, was nun kommen würde; man hätte in dieser Minute den, der um den Verlust seines Hab und Guts gejammert haben würde, wahrscheinlich mit den Fäusten niedergeschlagen. Und nun hatte Innocenz die Unglücksstelle erreicht, er rief nach dem Ertrunkenen, er suchte mit seiner Stange nach dem Körper desselben in der trüben Flut, er beugte sich weit über, um nach ihm herabzulangen. Sekunden bangster Erwartung verrannen. Dann brach ein Schrei von den Lippen der gaffenden Menge. Innocenz hatte den Körper gefunden, er bückte sich vor, um ihn zu erfassen, da er nur noch eine leblose Masse berührte, die ihm keinen Beistand mehr zu leisten vermochte, das Floß legte sich über, und er drohte zu sinken. Im nächsten Augenblick jedoch hatte er das Gleichgewicht wieder gewonnen, warf sich nach hinten zurück, zog mit aller Anstrengung den halberstarrten, unbeweglichen Körper vollends aufs Floß herauf und stieß dasselbe mit kräftigen Armbewegungen bis an das bergende Ufer zurück. Dort empfing ihn vielstimmiges Geschrei, aller Arme wetteiferten, um ihm seine Last abzunehmen, man zog den Leblosen ans Land, man trug ihn in die Kirche, man begann, alle Mittel zu versuchen, um ihn wieder ins Bewußtsein zurückzurufen. Und die Rettung dieses einen, der schon eine sichere Beute der Wasser gewesen zu sein schien, die entschlossene Tat des fremden Mönches, der sein Leben für ihn aufs Spiel gesetzt, und, ohne daß er selber hier etwas zu verlieren hatte, in so flammenden Worten zu tatkräftigem Handeln aufforderte, stachelte nun plötzlich alle an, ihm nachzueifern, ihm zu gehorchen. Der Bann war gebrochen. Mit einem Male wußten sie alle, daß sie gleicherweise bedroht waren, daß sie gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen mußten, um ihm nicht zu erliegen, fühlten sie sich eines Sinnes und waren bereit, ihre Arme zu regen, einer für den anderen und einer für alle, der Arme wie der Reiche, die Alten wie die Jungen. Und nun begann eine angestrengte Tätigkeit. Josef Ladurner übernahm die Leitung der Rettungsarbeiten. Seine weithin schallende Stimme gebot, er selber war überall der erste, wo es galt, kräftig Hand anzulegen, und seine mächtige Gestalt ragte über allen hervor. Innocenz ordnete sich bereitwillig ihm unter. Aus den zahlreich umhertreibenden Baumstämmen wurden große Flöße zusammengefügt, und die Bergungsarbeiten begannen. Was sich noch an Menschenleben in den überfluteten Häusern befand, wurde zum Verlassen derselben genötigt; nicht selten mußte man Zwang dabei anwenden. Denn es gab Eigensinnige genug, die abergläubisch ihre armseligen Hütten nicht verlassen wollten, welche alles bargen, was sie auf Erden ihr Eigen nannten; Greise, die es vorgezogen, unter den Trümmern ihrer Häuser zu sterben; Kranke und Bresthafte, die sich nicht selber fortbewegen konnten. Sie alle mußten hinausgetragen werden. Und immer war es Josef Ladurner, der an erster Stelle sie sich auf seine gewaltigen Schultern lud, um sie draußen unter Betten und Kissen auf einem der Flöße niederzusetzen. Nachdem seine feurige Tatkraft einmal erwacht war, schien er völlig verwandelt zu sein. Er konnte sich selber nicht mehr genug tun. Den Priesterrock, der ihn in der freien Bewegung seiner Arme behinderte, hatte er von sich geworfen. Sein Gesicht glühte von Anstrengung, seine Augen leuchteten in heißer Befriedigung. Scharf, kurz und befehlshaberisch klangen seine Worte. Mit rauher Entschiedenheit griff er zu, wo man ihm Widerstand entgegensetzte, ohne sich auf lange Auseinandersetzungen einzulassen. Die Geretteten wurden in der Kirche untergebracht, die Sakristei zum Spital eingerichtet. Selbst die Warenvorräte, die man aus den gefährdeten Schuppen und Häusern herbeischaffte, und die zur Erhaltung des Lebens aller gleichmäßig verwandt werden sollten, ohne daß noch ein Eigentumsrecht des einzelnen daran anerkannt wurde, mußten im Gotteshause geborgen werden. Von den Frauen wurden etliche ausgewählt, welchen die Verwaltung der vorhandenen Eßwaren, deren Verteilung und Zubereitung übertragen wurde. Andere mußten die Kranken und Gebrechlichen versorgen; unter ihnen befand sich Filomena. Selbst gekocht wurde in der Kirche. Allmählich hörte man nur noch vereinzeltes Beten darin; zumeist wurde es übertönt und verschlungen vom Kindergeschrei, von dem Stimmengewirr derer, in denen der neue Lebensdrang erwacht war, und die sich ihr Leben aus eigener Kraft erhalten wollten, vom Geräusch der Arbeit und dem Ruf der Tat. Dabei aber durfte man noch immer nicht stehenbleiben. Es ließ sich nicht darauf bauen, daß die Kirche bei steigender Flut, die zu fürchten stand, da der Regen noch immer fortströmte, dem Anprall der Wasser dauernd standhalten werde, und man mußte auch für diesen Fall äußerster Gefahr Vorsorge treffen. Es blieb nichts, als auf einer schmalen Felsabdachung oberhalb des Dorfes und unweit der Ulrichskapelle eine neue Niederlassung zu gründen und hier, wo man sich unter einer fast senkrecht schroffen Wand des Monte Valdena sicher glauben durfte, eine Reihe von Holzbaracken aufzuschlagen, in denen die Dorfbewohner untergebracht werden konnten, sobald die Kirche keine genügende Sicherheit mehr zu bieten schien. Auch dieser Plan ging von Josef Ladurner aus, und da die anderen ihn billigen mußten, machte man sich unverzüglich an die Arbeit, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Von einer Prozession war jetzt keine Rede mehr. Aber der Anbruch der Nacht beendigte das kaum begonnene Werk, und man mußte sich Ruhe gönnen. Von Schlaf konnte freilich nicht viel die Rede sein. Zu sorgenvoll-erregt waren aller Gemüter, mit zu bangen Ahnungen sah man dem Kommenden entgegen. Nur die Erschöpfung forderte hier und da ihr Recht. Immer wieder lief man hinaus, um das Wachsen der Flut zu beobachten, um auf Regen und Sturm zu lauschen, die in ununterbrochener Kraftprobe forttobten. Jedes Donnern und Rollen, jedes Rauschen und Dröhnen, alle die unheimlichen Stimmen der Hochgebirgsnacht ließen die Schläfer angstvoll emporfahren. Und als das erste Dämmergrauen eines neuen Morgens erwachte, war man schon wieder bei der Arbeit. Heute galt es nach der Vollendung der Barackenbauten dem gemeinsamen Verderber, dem Wasser, selber kampfbereit entgegenzutreten. Man mußte versuchen, den aufgestauten Fluten neue Abflüsse zu verschaffen und den andrängenden Wassermassen feste Dämme entgegenzuwerfen, die sie ablenken, zum mindesten aufhalten konnten. Auch hierbei ging man rüstig ans Werk. Da war keine Hand mehr, die feierte, einer spornte den anderen durch sein Beispiel, keiner wollte sich mehr beschämen lassen. Und überall war der Pfarrer Josef Ladurner der Führer, überall stand er an dem Posten, der am meisten gefährdet war oder die größte Anspannung aller Kräfte erforderte. Sein Tatendrang, seine Umsicht rissen alle anderen mit fort. Man folgte ihm zuletzt blindlings; er hätte über ihrer aller Leben frei gebieten können. Und am unermüdlichsten ihm zur Seite hielt sich Innocenz. Aber den fessellos wütenden Naturgewalten gegenüber schien sich alles Menschenwerk als ebenso machtlos zu erweisen, wie Gebete und Bittgänge. Es war umsonst, daß man gewaltige Dämme aus ineinandergeflochtenen Ästen, von Strauchwerk, Baumstämmen und Steinen errichtete, um dem Anprall der tobenden Flut zu wehren, die von den Bergen, aus zahllosen Gletscherbächen und dem geschmolzenen Schnee der Höhen zusammenfließend, niederstürzten. Immer aufs neue rissen die herabrollenden Wassermassen sie um. Und vergeblich war es auch, den Wassern neue Bahnen zu weisen, denn beharrlich bohrten und wühlten sie sich in ihre alten Betten ein. Die Gefahr wuchs mit jeder Stunde. Und noch immer ließ kein Aufhören des Regens auf ein Ende der Not hoffen; es war wirklich, als sollte die Erde ersäuft werden unter den himmlischen Fluten. Tage und Nächte vergingen unter steter Arbeit, unter beharrlichem Ringen, unter Angst und Sorge, unter Not und Gefahr. Immer stumpfer, immer hoffnungsloser wurden die Gesichter der Bedrängten, allmählich erlahmte der Mut, allmählich trat die klaglose Ergebung in ein Unvermeidliches ein. Die Gräber des Friedhofs hatte die Flut aufgerissen, die Gebeine der Toten ans Tageslicht gespült. Und einer war in der Sakristei gestorben, den man nicht begraben konnte. Man mußte ihn hoch auf den Berg hinauftragen, um ihn in ungeweihter Erde einzugraben, – kaum einen Fuß tief, denn man konnte nicht weiter in den felsigen Boden eindringen; man hatte auch jetzt keine Zeit übrig für die Toten, wo es sich um die Rettung der Lebendigen handelte. Täglich, fast stündlich kamen jetzt Szenen des Schreckens und des Grauens vor. Die Bestie Mensch war erwacht. Die Disziplin begann sich zu lockern. Man sah ein, daß nicht alle gerettet werden könnten, und deshalb glaubte jeder sich vor dem andern berechtigt, gerettet zu werden, hielt jedes Mittel für erlaubt, sein Vorrecht durchzusetzen und zu betätigen. Dann kam die Stunde, wo das Schutzbollwerk, welches die Kirche gebildet hatte, zerstört wurde. Man hatte sie lange vorausgesehen und ihr mit Bangen und Grauen entgegengeharrt. Nun kam sie doch ganz anders, als man erwartet hatte. Eine gewaltige Steinmuhr ging über Nacht nieder, riß zahllose Stämme mit sich, stürzte sich lawinenartig über die Lahn und zerdrückte das Kirchendach, wie mit der Pranke eines Raubtieres. Mit furchtbarem Gekrach brach der Turm zusammen, die Steine wie das Mauerwerk kollerten durch das klaffende Loch des Daches in das Innere des Gotteshauses hinab, die schwere Glocke senkte sich mit sausendem Getöse zu Boden. Da entstand ein furchtbarer Aufruhr. Schreiend, kreischend und heulend stürzten die aus dumpfem Halbschlaf aufgescheuchten Dörfler ins Freie hinaus, wo die steigenden Wasser ihnen mit tobendem Drohen entgegenschwollen. Die Mauern wankten hinter ihnen. Lichtlose Finsternis starrte ihnen verderbenatmend ins Gesicht. Das Chaos schien hereinzubrechen. Da begann ein erbitterter, wilder, wahnsinniger Kampf aller gegen alle. Mit tierischem Geheul wollte sich jeder zuerst auf die Flöße stürzen, riß, stieß, schob den andern zurück, selbst die eigenen Angehörigen, selbst Weib und Kind. Und ehe sich die übrigen geborgen hatten, begann man abzustoßen, um nur aus der Nähe des Gebäudes zu kommen, dessen Einsturz drohte, das ihnen allen Verderben zu bereiten schien. An die Toten, an die Verwundeten, an die hilflos Zurückbleibenden dachte niemand. Man wußte gar nicht, wollte gar nicht wissen, ob es Tote und Verwundete überhaupt gab, ob da drinnen Kranke und Gebrechliche darauf harrten, daß man sie erlösen würde. Nur fort! galt für alle als alleinige Losung; rücksichtslos, erbarmungslos rang jedes Leben nach Selbsterhaltung. In dieser Stunde erwies sich wiederum Josef Ladurner als derjenige, der sein eigenes Leben besinnungslos in die Schanze schlug zum Heile aller. Mit einer mächtigen Altarkerze, deren Flamme seine Hand gegen das Verlöschen schirmte, stand er plötzlich im Priesterrock hochaufgerichtet, mit flammenden Augen vor der wüst durcheinander heulenden und tobenden Masse. Und alle schwiegen, als sie ihn sahen, alle hörten auf ihn, als er sprach. Es war nicht viel, was er redete, aber doch krochen sie scheu, wie verängstigte Tiere vor ihrem Wärter, in sich zusammen bei seinen Worten. Keiner wagte zu meutern, keiner widersprach. Plötzlich vollzog sich die Flucht in vollster Ordnung wie auf Kommando. Und nun ging es an die Rettung der Verwundeten, an die Bergung der Toten. Innocenz hielt sich dicht an der Seite des Pfarrers. Als sie in die zertrümmerte Kirche eindrangen, aus der alles entflohen war, was die Glieder noch regen konnte, empfing sie ein ohrzerreißendes Wehklagen, Stöhnen und Winseln, das schauerlich durch den öden Raum gellte. Die entzündeten Wachskerzen flackerten im Luftzuge, der durch das Dach hereindrang, der Regen stürzte durch die Öffnungen, durch ein Gewirr von Steingeröll, Schutt, Ziegeln und Mauerwerk mußten sie sich fortarbeiten. Als man sie bemerkt hatte, erhoben sich kläglich-ungestüme Hilferufe; jeder wollte zuerst gerettet werden. Innocenz spähte nach Filomena aus. Er hatte sie draußen unter den Flüchtlingen nicht gewahrt und konnte sie nun auch hier nicht finden. Da überfiel ihn eine tödliche Angst. Laut und hallend rief er ihren Namen. Da kam ihm aus einem dunklen Winkel des Gebäudes, bis zu welchem der Flackerschein der Kerzen nicht vordrang, ihre Antwort: »Hier! Komm hierher!« In der nächsten Sekunde war er neben ihr. Da sah er, daß sie vor der alten Wurzin auf dem Boden kniete. Die letztere war von einem der herabgestürzten Dachsparren gerade auf die Brust getroffen worden, sie atmete nicht mehr. Filomena hatte sich gemüht, die Last von dem reglosen Körper zu entfernen und diesem selbst wieder Leben einzuflößen, aber ihre Kräfte versagten, und nichts deutete darauf hin, daß ihre Hilfe hier noch Erfolg haben könne. Als Innocenz sich neben ihr zu der Greisin herabbeugte, sah er, daß sie tot war. Ein leichter Schauer überfröstelte ihn. Dann aber ermannte er sich und sagte: »Sie hat es überstanden, wir können nichts mehr für sie tun als sie bestatten. Und du selbst, Filomena? Bist du unverwundet geblieben?« Als sie das bejahte und nur über leichte Schmerzen in der Schulter klagte, wo sie von einem Balken gestreift worden war, nahm er den Leichnam der Greisin in seine Arme und trug ihn hinaus. Sie war nicht die einzige, die bei der Zertrümmerung des Kirchendaches ihren Tod gefunden hatte. Schon ein halbes Dutzend Leichen waren zur Stelle geschafft worden, andere mochten noch unter den Trümmern begraben liegen, unter denen man sie hervorscharren mußte. Vorher aber galt es, die Verwundeten in Sicherheit zu bringen und ihnen die erste Hilfe angedeihen zu lassen; das Leben forderte sein Recht vor dem Tode. Als Innocenz seine Last niedergelegt hatte, schloß er sich abermals Josef Ladurner an, der mit einigen Männern die Bergung der Verwundeten in Angriff nahm. Auch hier zeigte der Pfarrer von Moosbrunn sich voll unermüdlichen Eifers, tatkräftig, umsichtig und opferbereit. In all diesen Tagen hatte Innocenz schon gelernt, in Josef Ladurner einen echten und wahren Priester zu erkennen, der nur nicht an seinen richtigen Posten gestellt worden war; in diesen letzten Stunden bewunderte er ihn. Auf seinen machtvollen Schultern trug der Pfarrer einen nach dem anderen von den Verwundeten aus der Kirche. Er selbst wälzte die Lasten von ihren Gliedern fort, unter denen sie ächzten, er selbst grub sie aus Schutt und Geröll ans Tageslicht und ins Leben zurück. Als zuletzt alle anderen, auch Innocenz, ihm dringend rieten, die Kirche nicht mehr zu betreten, weil sich ein verdächtiges Knarren und Bersten in dem noch gebliebenen Rest des Daches hören ließ, und man auf einen Nachsturz von Trümmerwerk gefaßt sein mußte, eilte er doch noch einmal hinein, weil er bestimmt ein leises Wimmern unter einem der Schutthaufen gehört zu haben glaubte. Da ward ihm sein heldenmütiges Wagnis zum Verhängnis. Kaum hatte er den halb zerstörten Raum wieder betreten, als mit donnerähnlichem Krachen abermals ein Teil des noch übriggebliebenen Daches zusammenstürzte und ihn unter zersplitternden Trümmern begrub. Ein Schrei der Angst und des Entsetzens brach von den Lippen aller, die das Gräßliche tatenlos mit ansehen mußten. Dann übernahm Innocenz die Leitung der Rettungsversuche, ja, als keiner sich heranwagte, griff er selber nach Spitzhacke und Schaufel und drang als der erste in das Trümmerfeld ein. Das eiferte andere an, ihm nachzufolgen. Nach einer halben Stunde angestrengter, mühseliger, gefahrvoller Arbeit förderten sie den Körper des Verschütteten wirklich zutage, aber kein Atem war mehr in seiner Brust. Josef Ladurner war tot. Friedlich und stolz zugleich lächelnd, lag er, wie ein Held auf der Walstatt, in der Kirche, in der er jahrzehntelang einem eisernen Zwange, einer mechanischen Gewohnheit gehorchend, seines Amtes gewaltet hatte, und die doch erst in diesen Tagen des Gerichts wahrhaft zu einer Stätte seines mannhaften Wirkens, zu einem Schauplatz seines ehrlichen Wollens und großherziger Opferbereitschaft geworden war. Er war nun doch einen schönen Tod gestorben, einen schöneren, als er ihn sich je hätte träumen lassen; die Kirche, in der seine Worte immer nur wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle gehallt hatten, lag in Trümmern um ihn her, aber Innocenz war es, als habe dieser Tote in den letztvergangenen Tagen sich eine schönere und größere auferbaut, in welcher er ein wahrer Priester des Gottes gewesen war, der da die Liebe ist. Und über seinen Leichnam, unbekümmert um all das erschrocken gaffende Volk umher, mit einem Aufschrei echten Seelenschmerzes warf sich ein Weib, das mit ihren Tränen und Küssen heute und hier zum ersten Male ungescheut vor allen bekannte, daß sie ihn als sein Weib geliebt hatte. Man hatte Mühe, die Moidel endlich von der Leiche des Pfarrers Josef Ladurner fortzubringen. Die Leitung der Moosbrunner Gemeinde, die nunmehr in den selbstgezimmerten Holzbaracken am Berge Obdach gefunden hatte, war nach des Pfarrers Tode naturgemäß auf Innocenz übergegangen, und er gab sich der Erfüllung aller seiner neuen, ernsten Pflichten mit rücksichtslosem Opfermute hin, die Toten mußten bestattet, die Kranken gewartet, die Verwundeten gepflegt werden. Daneben galt es, zu trösten, zu ermahnen und aufzurichten. Und Innocenz hielt strenge Zucht, welche die allmählich verwildernden Gemüter nötig machten. Er selbst gönnte sich keine Ruhe. In der Ulrichskapelle, unter den gedunkelten und beschädigten Fresken des großen Venezianers, die ihm zuerst die Ahnung von seinem Künstlerberuf geweckt, hatte er sich selber heimisch gemacht, um von hier aus die Ordnung alles dessen zu betreiben, was in seine Hände gegeben war. Nicht mehr lange aber hatte er die Bürde einer schweren Verantwortung auf seinen Schultern zu tragen. Die harte Zeit der Prüfung ging vorüber. Der Sturm hatte sich ausgetobt, die Regengüsse hörten auf, die Wasser begannen, sich zu verlaufen. Fast um die gleiche Zeit traf auch Hilfe der Regierung ein. Es kamen Ingenieure und Soldaten, die ausgeschickt waren, die Rettungsarbeiten in Angriff zu nehmen; aber erst jetzt nach herber Arbeit drunten im Tale hatten sie bis zu der weltabgelegenen Lahn vordringen können. Auch Lebensmittel und Geldsummen aus den in aller Welt für die Überschwemmten Tirols veranstalteten Sammlungen gelangten jetzt nach Moosbrunn zur Verteilung. Die augenblickliche Not war gestillt, die Sorge für die Zukunft verläßlichen Kräften anvertraut. Jetzt galt es, daß jeder mit neuem Mut sich wieder sein Leben aufbaute. Mehr und mehr traten die Wasser zurück, das Feld für die Arbeit war frei. Da regte der unausrottbare Selbsterhaltungstrieb sich wieder in den Menschen, und auf der gleichen Stelle, wo ihre Hütte von den fessellos tobenden Elementen zerstört worden war, fingen sie an, in nicht zu ertötendem Heimatssinn sich die neue aufzurichten. Hundert fleißige Hände begannen sich zu regen. Und nun ward auch das schwierigmühevolle Werk der Wasserregulierung der Flüsse und Bäche der Dolomiten von den sachkundigen Helfern erwogen und in Angriff genommen. Unter solchen Verhältnissen durfte Innocenz endlich an sein Scheiden von der Lahn und an sich selber denken. Und es kam ein strahlender Spätherbstmorgen, wo er Filomenas Hand in die seine nahm und mit ihr in den frischen Tag hinauswanderte. Sie hatten von niemand Abschied zu nehmen, nur Gräber ließen sie ja hier zurück, und niemand legte ihnen mehr Hindernisse in den Weg, als sie gingen. Selbst der Meßner hätte es wohl kaum gewagt, wenn er nicht ohnehin schwerkrank an einer Verwundung in der Ulrichskapelle daniedergelegen hätte. In diesen Zeiten der Heimsuchung hatte jeder zuviel mit sich selber zu tun, als daß er sich um der anderen Tun und Lassen noch hätte bekümmern wollen oder können. Der Meßner hatte zwar häufig seiner feindseligen Gesinnung gegen Innocenz jetzt offen Ausdruck gegeben und Filomena mit Entschiedenheit für sich zurückverlangt, er würde auch vielleicht dem abtrünnigen Mönch, wenn er dessen Absichten erraten hätte und eine Verbindung mit dem Kloster Greifenburg möglich gewesen wäre, jede nur erdenkbare Schwierigkeit bereitet, ja den Angeber und Häscher ihm gegenüber gespielt haben, hätten ihn nicht Innocenz' drohende Augen darüber aufgeklärt, daß dieser gebotenenfalls zum Äußersten entschlossen gewesen und vor nichts mehr zurückgeschreckt wäre. Bartholomäus Innerkofler war zu feige, um es darauf ankommen zu lassen, und jetzt wußte er in seinen Fieberdelirien nicht einmal, was vorging. Der Bürgermeister von Moosbrunn aber hatte beschlossen, einen von allen Gemeindegliedern zu unterzeichnenden Brief an das Kloster zu Greifenburg zu richten, in welchem der Verdienste des Paters Innocenz um die Gemeinde in der Zeit der furchtbaren Überschwemmung in den rühmlichsten Worten gedacht, und woran die Bitte geknüpft werden sollte, ihnen diesen edlen und hochherzigen Priester zum ständigen Seelsorger an der nun verwaisten Stelle zu gewähren, auf welcher Josef Ladurner gestanden hatte. Innocenz und Filomena wanderten die Straße von Moosbrunn nach St. Ulrich. Sie hielten sich bei der Hand und sahen sich zu manchen Malen mit leuchtender Glückszuversicht in die Augen, die sich einem neuen Leben entgegen richteten. Als sie an den Hügel kamen, auf dem einst das verwitterte Heiligenbild gestanden hatte, bei dessen Bekränzung Filomena Innocenz einen Arm voll Blüten in den Schoß geworfen, sahen sie, daß die Flut den Hügel zerrissen und das Bildnis fortgeschwemmt hatte. Da blieb Innocenz stehen und sagte: »Die großen Wasser sind über die alten Heiligtümer deiner Kindheit vernichtend hingegangen, Filomena. Wir müssen uns neue statt ihrer aufrichten in unseren Herzen.« In St. Ulrich zeigte sich das gleiche Bild der Zerstörung, das sie in Moosbrunn verlassen hatten. Die von Sonne und Wind rasch getrockneten Schlammassen, die voller Ritzen und Spalten klafften, hatten weithin den Boden überdeckt, die Häuser standen zum Teil noch darin begraben. Doch auch hier hatte schon unverdrossene, zukunftsfreudige Arbeit eines rüstigen Volksschlages wieder begonnen. Die Sägemühle war völlig zerstört worden, aber Anton Pyrker war der erste, der sein Gut und Eigen neu wieder an der nämlichen Stelle auferstehen ließ, wo es früher gestanden hatte. Er tat das mit dem ungebeugten Trotz seiner Natur und mit dem herausfordernden Stolz des reichen Mannes. Der Tod seiner Frau, die das Grab ihres Kindes trotz des den Friedhof überschwemmenden Hochwassers nicht hatte verlassen wollen und in den Fluten zugrunde gegangen war, hatte ihn nach allem Voraufgegangenen nicht mehr erschüttern können, er empfand ihn vielmehr als eine Erleichterung und erwog bereits im stillen die Eingehung einer dritten Ehe. Im Pfarrhause hatte sich nichts verändert. Aloys Antholzer hatte die Schreckenszeit mit stumpfem Gleichmut überdauert. Ohne einen Versuch zu machen, seine Gemeinde zu tatkräftiger Gegenwehr wider die entfesselten Elemente aufzustacheln, hatte er apathisch, ohne inneren Anteil seines Seelsorgeramtes gewaltet und die Wasser im Augenblick höchster Not ebenso gleichmütig wieder fallen sehen, wie er sie vorher steigen gesehen hatte. Jetzt saß er an seiner Hobelbank, um die Staketen für eine neue Friedhofsumzäunung zurechtzuschneiden, und die alte Resi ging brummend wie sonst aus und ein. Innocenz legte ihm die Bestellung des Briefes an das Kloster zu Greifenburg, der noch unberührt auf dem Tische seiner Kammer lag, wie er ihn damals zurückgelassen, ans Herz und ging dann, um den wilden Xaverl zu begrüßen. Der Senn stieg mit den beiden bis ins Tal hinab, wohin er zum ersten Male seit dem Beginn des Hochwassers wieder einen Botengang tun durfte, und berichtete unterwegs von den Schreckenstagen, wie man sie zu St. Ulrich nie durchlebt hatte. Als Innocenz ihm von den besseren Zeiten sprach, die nun nach so traurigen Erfahrungen auch für das Hochgebirgstal unter den Dolomiten kommen würden, nickte er nachdenklich und meinte: »Gott geb's!« Wohin die beiden wanderten, danach fragte er nicht, auch nicht, als sie drunten im Tale voneinander herzlichen Abschied nahmen. Aber der Stimme, mit der er ihnen sein: »B'hüt' Gott!« zurief, und der unwirsch mit dem Jackenärmel fortgewischten Träne an seiner Wimper merkte man es an, daß er wußte, sie würden nicht wiederkommen, und es sei ein Abschied für immer. Innocenz, der längst seine geistliche Kleidung nicht mehr trug und in einem Lodengewand Josef Ladurners mit seinem vollen, dunklen Bart in nichts mehr an einen Mönch erinnerte, sah ihm eine Weile schweigend nach, als er gegangen war. Er wartete darauf, daß die hellen Jodler des treuherzigen Gesellen zu ihnen herüberschallen würden. Aber der wilde Xaverl blieb heute stumm. Da zogen auch sie weiter durch die alte »Strada di Allemagna« talwärts, immer zwischen den hochragenden, phantastisch gezackten, im wechselnden Sonnenlicht vielfarbig aufglühenden Kuppen, Giebeln und Zinnen der Dolomiten gen Welschland zu. Überall begleiteten sie noch die Spuren der vorangegangenen Schrecknisse, überall sahen sie zurückblickend noch die gewaltigen, steinernen Wahrzeichen der eigenartigen, wunderreichen Bergwelt, in der sie heimisch gewesen. Aber die Gedanken ihres Kopfes wie die Empfindungen ihres Herzens weilten bei dem Kommenden. Bei Anbruch der Nacht überschritten sie die italienische Grenze und kehrten in dem Dörfchen Chiapuzza ein, um in der Morgenfrühe des folgenden Tages weiter auf der steil an den Abhängen des Antelao hinführenden Straße dem herrlichen Cadoretal entgegenzuwandern. Im Hauptorte desselben, in dem hoch über der Piave auf ragendem Felsvorsprung gelegenen Pieve di Cadore, kehrten sie ein, um pietätvoll den verwehten Spuren des Unsterblichen nachzuforschen, der sie von hier dann weiter in sein Venedig lockte, und Augen und Sinne zu weiden an dem herrlichen Landschaftsbilde, das noch heute, wie auf so vielen seiner Bilder, in unvergänglicher Jugendpracht vor ihnen gleißte und leuchtete. Hier nahmen sie Abschied von der Märchenwelt der Dolomiten und zogen der Lagunenstadt und dem neuen Leben zu als zwei neue Menschen.