Friedrich von Oppeln-Bronikowski Der Rebell Roman aus dem Offiziersleben 1908 »Wenn Bücher auch nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sie doch!« (Jean Paul) Vorwort. Friedrich von Oppeln-Bronikowski wurde 1873 in Cassel geboren, als Sproß einer alten Soldatenfamilie, deren Ahnengesichter in seinem Speisezimmer täglich auf ihn herabsahen. Sein Vater war ein hoher Offizier; ohne seine poetische Neigung hätte Friedrich von Oppeln es vielleicht weit in der Welt gebracht. Das Kadettenkorps verließ er mit Kaisers Belobigung und trat in das Kavallerieregiment seiner Vaterstadt ein. 1892 wurde er Offizier; 1896 mußte er infolge eines schweren Dienstunglücks in der Reitbahn seinen Beruf aufgeben und seine Pensionierung nachsuchen. Die Folgen dieses Unfalls haben ihm noch jahrelang nachgehangen. Unter den erschwerendsten Umständen mußte der Dreiundzwanzigjährige einen neuen Beruf suchen, oder vielmehr zunächst sich wieder auf die Schulbank setzen: er absolvierte post festum das, was ihm am Maturum fehlte, Lateinisch und Griechisch, und studierte sechs Semester in Berlin: Kunstwissenschaft, Romanistik, Altphilologie. Da brach seine erschütterte Gesundheit unter Arbeitslast und Sorgen aller Art zusammen. Nur die jahrelange liebevolle Pflege seiner Frau und dann ein sehr langer Aufenthalt im Süden gab ihm die alte Schaffenslust wieder. Äußere Erfolge traten hinzu, anfangs mehr der Not als dem eignen Trieb gehorchend, später aber mehr und mehr aus Liebe zur Sache, verdeutschte Oppeln-Bronikowski französische Werke ernsten Inhalts und führte Schriften von Maeterlinck, Rodenbach, Rostand, Maupassant, de Regnier, Beyle-Stendhal, den Brüdern Lichtenberger u.a.m. – im ganzen jetzt 25 Bücher – in Deutschland ein. Den ersten großen Erfolg brachte »Monna Vanna« (1902). Seitdem hat der Autor auch viele Vorträge über französische Literatur – insbesondere Maeterlinck – in ganz Deutschland gehalten. Das Reisen ist seine größte Freude, dann erst kommt die Belehrung durch Bücher. Er hat die Schweiz, Tirol, Italien und Sizilien, Griechenland, Kreta, Kleinasien und Frankreich bereist und zahlreiche Reiseaufsätze geschrieben. Schöne und wehmütige Erinnerungen an die Soldatenzeit hat der Autor in seinem Erstling »Aus dem Sattel geplaudert« niedergelegt; in »Militaria« (Dresden 1904) das Instrument zu dem hier vorliegenden Roman geschliffen und diesen nach jahrelangen notgedrungenen Pausen erst 1905 veröffentlicht. Die ersten Niederschriften – der Stoff war ursprünglich als Drama gedacht, fand aber des heiklen Themas wegen keine Bühne – stammen von 1896, also lange, ehe die durch Hartlebens »Rosenmontag« inaugurierte »Militärliteratur« emporschoß; Oppelns Roman hat mit dieser nur das Thema und die Koinzidenz gemein und war seinerzeit eine ganz persönliche Schöpfung. Allmählich ist der Dichter der Neuromantik, der er in diesem Roman wie in seinen Übersetzungen vielfach huldigte, immer mehr entwachsen; der Wert der ordnenden Vernunft ist in seinen Augen noch im Werte gestiegen und er ersehnt mit der Elite der Zeitgenossen eine neue klassische Kunst, die über Naturalismus und Romantik hinausgeht. Darum auch des Autors veränderte Stellung zu seiner ersten Romanschöpfung, die ihm eine damals notwendige, nun aber überwundene Entwicklungsphase bedeutet. Es sei noch einiges über den Roman »Der Rebell« selbst hinzugefügt. Die Erlebnisse, die ihm teilweise zum Rohstoffe dienten, liegen zwölf bis fünfzehn Jahre zurück. Seit dieser Zeit ist manches von dieser Gesellschaftskritik Gerügte aus dem Heere verschwunden oder im Verschwinden begriffen. Eine derartige Nötigung zum Alkohol z. B., wie sie der Roman darstellt, existiert wohl kaum mehr, und der Offizier, der im Kasino Wasser oder Limonade trinkt, ist – durch Haeselers Erziehung – keine lächerliche Figur mehr. Auch in der Kadettenerziehung hat sich manches zum bessern gewandelt; dem Kadettenabiturienten sind zahlreiche neue Berufsmöglichkeiten erschlossen, und er ist nicht mehr, wie vor 16 und mehr Jahren, ein Paria und weißer Rabe unter seinen Gefährten. Es muß dies betont werden, da der Roman sonst offene Türen einzurennen schiene: er stellt das Milieu dar, wie es in den ersten Zeiten des »neuen Kurses« gewesen ist. Durch nichts würde man den Autor also mehr mißverstehen, als wenn man seinen Roman mit den politischen Tendenzschriften in einen Topf würfe: er ist ein Persönlichkeitsroman mit künstlerischen Tendenzen auf dem militärischen Hintergrund um 1890. Neben einem andren Buche möchten wir ihn lieber genannt sehen: es ist Beyerleins wertvoller Unteroffizier- und Mannschaftsroman »Jena oder Sedan«, der nur da, wo er die Offizierskreise berührt, blaß erscheint und mehr auf Hörensagen als auf eignem Erlebnis beruhen mag. Insofern kann man vielleicht den Roman »Der Rebell« als Ergänzung des Beyerleinschen Buches ansehen, da er vornehmlich in Offizierskreisen spielt. Allerdings ist die »Wahrheit« dieses Romans in der Hauptsache impressionistisch und pessimistisch. Sie stellt vorwiegend die Schattenseiten dar, die es in allen Berufen gibt, und selten die Lichtseiten. Das ist offenbar eine Einseitigkeit, die aber nachträglich kaum gutzumachen war, da der Roman zu sehr aus der Perspektive der Hauptfigur geschrieben wurde. »Dieses Stück Ich,« schreibt von Oppeln in einem Brief, der dieser Einleitung zugrunde gelegt wurde, »das sich in dem Leutnant von Brieg verkörpert, möchte ich heute, wo es so weit von mir abliegt, nicht verteidigen. Daß die Jugend unzufrieden ist, daß sie sich an den scharfen Ecken der Konvention die Hörner abläuft, ist etwas alltägliches. Aber diese Jugend hat eine romantische Färbung und Überspanntheit, wie die ganze Generation nach dem großen Kriege ... Ein Brieg würde sich in jedem andren regulären praktischen Beruf gleich unglücklich und vereinsamt fühlen. Darum auch ist die Kritik, die er an den Institutionen übt, nur von relativem Wert: er beurteilt alles mit den Nerven, nicht mit dem Kopfe, und das ist das eigentlich Romantische und Irrationale an ihm.« So subjektiv dieser vom Autor damals geteilte Rebellenstandpunkt ist, so glauben wir doch, daß ihm eine anregende Kraft innewohnt, sobald er nicht negative Geister in ihren Tendenzen bestärkt, sondern positive Geister zur Betrachtung der Kehrseite der Medaille anleitet, wenn er diese Wirkung hat, so erscheint auch seine Tendenz gerechtfertigt. Soviel von dem politischen Hintergrund dieses Romans. Künstlerisch wertvoll ist besonders die Deutlichkeit, mit der die einzelnen spannenden Szenen und Phasen gesehen sind, die schärfe der Umrisse, mit denen sie gezeichnet wurden. Und mangelt auch dem nervösen Impressionismus, der über dem Ganzen liegt, die behagliche Gründlichkeit der Romane reinster Gattung, so deutet doch eine Reihe vortrefflicher Naturschilderungen, die retardierend oder belebend mit der Handlung verwoben sind, bereits auf die innere Wendung in der Entwicklung des Dichters hin. K. Erster Teil »Sag mir, was ist der Arbeit Ziel und Preis, Der peinlichen, die mir die Jugend stahl, Das Herz mir öde ließ und unerquickt Den Geist, den keine Bildung noch geschmückt? Denn dieses Lagers lärmendes Gewühl, Der Pferde Wiehern, der Trompeten Schmettern, Des Dienstes immer gleich gestellte Uhr, Die Waffenübung, das Kommandowort – Dem Herzen gibt es nichts, dem lechzenden. Die Seele fehlt dem nichtigen Geschäft – Es gibt ein ander Glück und andre Freuden!« Schiller, »Wallenstein«. »Die Roheit, mit welcher viele höchst gebildete Männer über das weibliche Geschlecht denken, ist oft nur die Folge davon, daß ihnen die Gelegenheit versagt blieb, tiefere Blicke in das Leben edler weiblicher Gemüte zu werfen«. Eduard von Hartmann. 1. Die erste steife halbe Stunde des Liebesmahls war glücklich überstanden. Die lange Festtafel, durch eine Reihe von Gästen und eingezogenen Reserveoffizieren reich an Gedecken, prangte im Glanz feingeschliffener Bowlengefäße und blumengeschmückter, schwersilberner Tafelaufsätze, Geschenke fürstlicher Chefs, gesinnungstüchtiger Reserveoffiziere oder reicher scheidender Kameraden; und dieser behagliche Luxus hatte im Verein mit den immer zahlreicher auffahrenden Flaschenbatterien eine frohe Feststimmung erzeugt; und als mit dem Braten der übliche kurze Toast auf die Damen kam, erfolgte ein desto längeres Zutrinken und Anklinken, dessen froher Lärm im Tusch der Musik ertrank. Die Ordonnanzen sprangen als Liebesboten von Stuhl zu Stuhl, um die Toaste und Ulkworte von Mund zu Mund zu befördern; die Junggesellen gedachten der Ehehälften ihrer verheirateten Kameraden, die heute ohne Sekt ihr einsames Mahl einnahmen, und mancher Ehemann freute sich wieder einmal der kurzen Strohwitwerschaft und dachte, nicht ohne Neid auf die noch Ungebundenen, an seine eigene Junggesellenzeit zurück. Der junge Leutnant von Brieg saß am unteren Tafelende zwischen dem Reserveleutnant Werdeck und dem nur bei großen Gelegenheiten mitspeisenden Oberstabsarzt. Er war bisher versonnen und einsilbig gewesen, aber jetzt ließ auch er die Ordonnanzen springen, um seinem Rittmeister und dem verheirateten Oberleutnant der Schwadron ein Wohl auf ihre Damen zu bestellen, während die andern Junggesellen bereits mit zweideutigem Schmunzeln auf ihre Liebschaften anstießen oder dem ganz zu unterst sitzenden Fahnenjunker zuprosteten, der jedesmal automatisch auf und ab wippte und den Kelch vorschriftsmäßig bis zur Neige leerte. Leutnant von Brieg wandte sich dann mit seinem Glase verschiedenen älteren Kameraden zu, voran dem Leutnant von Waldburg, der ihn stets ein wenig bemutterte und ihm jetzt mit einem großen Sektglase Bescheid gab, in dem ein mit Gabelstichen durchbohrter Pfirsich auf und ab tanzte. Dann nahm er den Oberleutnant von Meyring, den etwas gefürchteten Adjutanten, aufs Korn, der gerade zum Kommandeur herüberhorchte und ihn kaum beachtete. Durch diesen Mißerfolg nicht entmutigt, trank er auch noch dem Leutnant von Schmitt zu, dem vierschrötigen Sohn eines pommerschen Gutsbesitzers, dessen kupferrotes Gesicht da, wo die Tschapka anfängt, mit scharfem Schnitt in die weiße Stirn überging. Auch Briegs blasse Züge röteten sich durch das Zutrinken rasch; sein verschleierter und verträumter Blick flackerte unstet auf, und wie in plötzlichem Entschluß begann er sich in die Unterhaltung einzumischen. Zuerst waren es ernste Gespräche, in die er sich mit seinem Nachbar, den Reserveleutnant Werdeck, vertiefte; aber die andern Herren, die sonst nicht viel auf ihn hörten, begannen ihn bald damit aufzuziehen, und Herr von Brieg ging deshalb zu gekünstelten Scherzen über, die ihm in der Weinlaune bisweilen gelangen. Er fand damit sogar leichten Anklang bei den Kameraden und senkte den Blick, halb beschämt, halb erfreut über diesen Erfolg, auf seine linke Hand, die er auf dem Tische liegen hatte. Es war eine feingeschnittene, weiße Aristokratenhand, unter deren Haut das rosige Fleisch und das bläuliche Geäst der Adern hervorschimmerte, während ein dünner Goldreif mit einem altmodisch gefaßten Wappenstein sich um den vierten Finger wand. Allmählich nahm die Unterhaltung einen etwas stürmischen Charakter an, besonders als die Mahlzeit zu Ende ging. Die Ordonnanzen räumten die Gläser mit dem eingeschliffenen Namenszug des Regiments, das feine Porzellan mit dem aufgemalten Monogramm und das schwere, wappengeschmückte Tafelsilber ab und setzten hohe silberne Spiritusleuchter auf. Aller Augen richteten sich erwartungsvoll auf den Obersten, der schließlich einen der schweren Spitzenabschneider aus Silber und Ebenholz ergriff und seine Zigarre in Brand steckte; und sobald die ersten blauen Rauchringel in die schwüle Sommerluft hinaufquirlten, folgte die ganze Tafelrunde wie auf Kommando seinem Vorbild. Auch Herr von Brieg senkte seine Hand in eine der von den Ordonnanzen herumservierten Zigarettenschachteln und legte ein ganzes Häufchen der kleinen Tabaksrollen neben sich. Dann bestellte er sich noch eine Flasche guten Mosel, obwohl er sich eigentlich vorgenommen hatte, zu sparen, d. h. seine hohe Kasinorechnung auf dem alten Stand zu erhalten. Aber das Beispiel der andern steckte an; der prickelnde Zigarettenrauch, die fröhlichen Weisen der Kapelle, das Lachen und Stimmengewirr ließen das Eis seiner Vorsätze schmelzen, wie die schwüle Wärme die Eisstücke der schwitzenden Sektkühler; und als die Ordonnanz prompt die bestellte Flasche hinstellte, schenkte er sich hastig ein und trank ohne eigentlichen Genuß noch einmal dem Adjudanten zu, der sich aus Tischwein und Soda einen billigen Sekt bereitet hatte. Staub und Verdruß spülen sich ja am besten mit Wein hinunter, und gerade Brieg hatte so viele trübe Gedanken wie Blässe auf der Stirn. Um so tiefer beglückte ihn die zeitweilige Erlösung von ihrem dumpfen Druck; ein weltentrücktes Lächeln schwebte auf seinen Lippen, während er, den Kopf wiegend, dem Takt der Musik lauschte und dichte Rauchwolken vor sich hinblies. Er dachte an nichts mehr; er grämte sich nicht mehr, daß seine Kameraden ihn so links liegen ließen; er plauderte im Gegenteil darauf los, als hätte er ganze Koffer von Neuigkeiten auszupacken. Das unwillkürliche Frösteln, womit er sonst das Kasino betrat, die Ängstlichkeit etwas zu sagen oder zu tun, wodurch er Anstoß erregen konnte, war jetzt verflogen, und bald verstieg er sich aus der Sphäre der Kalauer, in der er sich doch nicht recht heimisch fühlte, in höhere Regionen, obwohl die Zunge schon nicht mehr recht mitwollte und das Gedächtnis zu stocken begann. Einige der Umsitzenden stießen sich bereits mit vielsagendem Lächeln an, und Waldburg, der erst nach der soliden Grundlage des Bratens zu zechen begann, nötigte ihn durch Austrinken des Restes, sein volles Glas hinunterzustürzen. So ging er bald seiner klaren Besinnung ganz verlustig; die flirrenden Lichter im Rauch wurden zu tanzenden Punkten und die sprechenden Lippen bewegten sich lautlos; er hörte nichts mehr ... Plötzlich stand alles auf und wünschte sich Gesegnete Mahlzeit. Brieg schrak empor und vertraute sich gleichfalls seinen Beinen an. Die ersten Gläser Bier wurden herumgereicht und er griff hastig nach einem, um sich durch den kühlen Trunk wieder aufzufrischen. »Na, alter Stacheligel, haben Sie sich mal aufgerollt,« nickte ihm der Leutnant von Schmitt zu, und als er vergnügt auf ihn zutrat, schlug er ihm mit einem »Prost, mein Junge!« etwas rüde auf die Schulter und stieß mit ihm an, daß die vollen Gläser überschwappten. »Aber Sie müssen austrinken; kneifen gilt nicht!« ermahnte er Brieg und goß den braunen Gerstensaft in einem Zuge herunter, daß nur der braune Schaum im Glase kleben blieb. Der junge Herr tat ihm Bescheid, obwohl sein Glas ungleich größer war, und griff dann zu einem neuen, das eine Ordonnanz auf einem großen silbernen Tablett soeben präsentierte. »Na, Brieg,« mischte sich der Adjutant ein, der sich einen Kognak erwürfelt hatte und mit seinem Raub auf sie zutrat, »was macht denn Ihr Training zum Distanzritt?« Herr von Meyring interessierte sich lebhaft für alle Offizierspferde und ihre Preise. Da er arm war, pflegte er junge Pferde billig aufzukaufen, sie notdürftig anzureiten und dann an einen Infanterieoffizier, einen Reserveleutnant oder einen jungen Kameraden, der sein erstes Pferd brauchte, zu verkaufen. Brieg gab ihm sehr bereitwillig Auskunft über den Fortschritt des »Training«, wie er nicht ohne Stolz sagte. Diese Distanzritte einzelner Offiziere waren damals gerade in Mode gekommen, und Brieg hatte sich sofort dazu gemeldet, um wenigstens hierin Ehre einzulegen, als Surrogat für das Rennenreiten, das an seiner schmalen Zulage und dem hartnäckigen Nein seines Vaters bisher gescheitert war. Dieser, ein alter Infanterist, hielt Rennen, Spiel und Sektgelage für unzertrennlich, und wünschte vielmehr, daß sein Sohn ein tüchtiger Pflichtmensch würde, als ein lüderlicher Rennreiter. Heute hatte Brieg seine Rappstute allerdings nicht reiten können. Vormittags war Exerzieren gewesen, und nachmittags hatte er die städtischen Futtermagazine und die Feldbäckerei revidiert. »Ach so, Sie haben ja Regimentsdienst,« bemerkte der Adjutant mit kaltem Dienstgesicht. »Übrigens,« schloß er wohlwollend, »können Sie Ihr Pferd ja im Stall durchprügeln, wenn Sie's mal nicht reiten können. Ich tue das immer; es ist ein recht guter Ersatz ...« »Meinen Sie wirklich?« fragte treuherzig der Reserveleutnant Janitschek, der sich etwas unsicher der Gruppe näherte. Die Antwort war ein schallendes Gelächter. Herr Janitschek war ein etwas ängstlicher Mann, der in seinem Zivilverhältnis Bankier war und wie so viele seinen Stolz darein setzte, sechs Wochen im Jahre für teures Geld die Ulanka zu tragen. »Sie Bleisoldat,« lachte Schmitt, »wir wollen Sie doch mal taufen.« Damit tat er, als wolle er dessen spärliches Haupthaar mit Bier benetzen. »Lassen Sie das, Herr von Schmitt,« wehrte er die Neckerei halb scherzend, halb beleidigt ab. »Mit einem alten verheirateten Manne macht man nicht solchen Unsinn.« »Verheiratet?« platzte Schmitt heraus. »Das ist ja eben das Unkameradschaftliche. Friedrich der Große hat gesagt: Der Soldat soll durch den Säbel und nicht durch die Scheide sein Glück machen!« Meyring wiegte fein lächelnd den Kopf. »Heiraten ist heute sehr nützlich,« entgegnete er; »'n armer Offizier bringt's zu nichts. Man kann heute das größte Kamel sein, wenn man nur das nötige Kleingeld hat ... Was macht denn übrigens Ihr Gaul?« fragte er Janitschek, dem er kürzlich eine Stute verkauft hatte. »Sie behandeln das Tier doch hoffentlich nach Verdienst?« Janitschek war nicht so begeistert von den Tugenden des Pferdes. Nach seiner Aussage stieg es wie eine Lerche und klebte wie eine Briefmarke, aber Meyring schob die ganze Schuld auf den schlechten Reiter. »Es ist ein lammfrommer Bock und kennt alle Signale auswendig.« »Bitte, keine Fachsimpelei,« unterbrach ihn Schmitt; »wir haben noch genug von heute vormittag.« Er liebte den Dienst nicht, zumal er bei dem gefürchteten Rittmeister von Degenhart stand, den keiner der Herren ausstehen konnte. »Am liebsten,« kam Brieg wieder auf seinen »Training« zurück, »ritt' ich heute abend noch nach Grävenitz zu den Dragonern; das wär' doch ein Witz ...« »So,« sagte der Adjutant gedehnt, »und wenn heute nacht Feuer ausbricht und der Offizier vom Dienst fehlt? ...« Damit wandte er sich ab und trat zu der Gruppe des Kommandeurs, der mit dem Major und dem ältesten Rittmeister gerade über die Nachteile des neuen Armeesattels debattierte. »Wetten, daß ich heute nach Grävenitz reite und morgen zum Dienst zurück bin?« fragte Brieg unbeirrt und streckte Schmitt die Rechte entgegen. Aber Schmitt lachte ihn einfach aus: »In dem Zustand kommen sie nicht bis zum Chausseehaus.« »Wetten,« wiederholte Brieg mit dem leichtfertigen Eigensinn junger Menschen. »Nein, ich wette nicht.« »Dann reite ich so.« Damit wollte er zur Tür steuern, obwohl er nicht mehr auf der Ritze gehen konnte. Aber Schmitt sprang hinter ihm her und hielt ihn am Rockzipfel zurück. »Wenn Sie fortgehen, sage ich es auf der Stelle Meyring, damit der Kommandeur sie zurückhält,« erklärte er barsch. In diesem Augenblick wurden sie durch Ordonnanzen auseinander gedrängt, welche die lange Tafel zerlegten und fortschafften, die eichenen Stühle mit den wappengeschmückten Stuhllehnen und ledernen Sitzen an die Wand schoben und die Bahn frei machten zum Tanzen. Schon brüllten einige Stimmen zu der versteckten Musikempore »Galopp!« »Polka!« hinauf, und der Regimentstrompeter intonierte flott den ersten Walzer. Ein Reigen schwankender Gestalten walzte alsbald sporenklirrend durch den verräucherten Saal, darunter auch ein paar eingeseifte Gäste, ein Reitlehrer von der Kriegsschule und ein Infanterieoffizier der Garnison, ein alter Gardist, der in die Provinz verschlagen war und sich für seinen früheren feudalen Umgang durch Verkehr mit dem adligen Reiterregiment schadlos hielt. Denn abgesehen von irgendeinem bürgerlichen Major oder Rittmeister aus einem Dragonerregiment, den die Schicksalslaunen des Militärkabinetts zu den Ulanen versetzte, rollte in den Adern der Herren fast nur blaues Blut, und deß zum Zeichen prangte an den Wänden des Kasinos ein Fries großer Wappenschilde, zu dem auch die Bürgerlichen ihren Beitrag lieferten, selbst wenn ihnen eigens ein Wappen erfunden werden mußte. Gegenwärtig standen drei solcher Konzessionsschulzen im Regiment, ein reicher, verheirateter Oberleutnant Schumann, ein Rittmeister, der, wie man hoffte, nicht lange bleiben würde, übrigens ein guter Diensttuer und ein einfacher, bescheidener Mann, und schließlich der Major beim Stabe, ein gewesener Kommandeur der Lehrschmiede, der bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten sein Wissen auskramte und den Feldschmieden und Roßärzten Konkurrenz machte, wogegen es mit seinen Reitkünsten schwach bestellt war. Die Offiziere machten denn auch gern ihre schnöden Glossen über die Art, wie er die Offiziersreitstunden abhielt oder seine eigenen Pferde in der Reitbahn »arbeitete«, indem er mit verkehrten Hilfen und immer höher steigenden Fäusten Seitengänge ritt, dem Pferde zuredend oder mit der Reitgerte drohend und schließlich in das Eigenlob ausbrechend: »So, nun gehst du mit einem Male!« Augenblicklich hatte er sich etwas angeheitert unter die Tänzer gemischt, und der Oberleutnant Schumann schoß aus den Rauchwolken, die er von sich blies, die Bolzen seines Witzes gegen ihn ab. Er war ein jovialer, lebhafter Rheinländer mit ausgeprägtem Wirklichkeitssinn und anschaulicher Redegabe, deren Treffsicherheit alle belachten. Durch sein selbstsicheres Auftreten hatte er sich vom ersten Tage an Achtung verschafft, und der Bürgerliche ward nicht allein als völlig gleichstehend betrachtet, sondern wegen seiner Energie und seiner losen Zunge noch besonders respektiert, zumal ja ein altes Kaufmannsvermögen und gute Diners dahinterstanden. Er hatte seinen Kameraden sogar einen gewissen Respekt vor dem Berufe des Großkaufmanns beigebracht, indem er ihnen klar machte, daß da oft hunderttausende und Millionen auf dem Spiele stünden, ohne daß der Kaufherr seine Waren selbst zu Gesicht bekäme; gerade dieser Umstand hatte sie überzeugt, daß der Großkaufmann doch ein ganz anständiger Mensch wäre. Übrigens war seine Stellung zu den Vorgesetzten der strikte Beweis dafür, was Meyring von dem Reichtum der Offiziere gesagt hatte; bei ihm wußten die Vorgesetzten: ärgern ließ der sich nicht, dann quittierte er lieber den Dienst; und so war er nicht nur gewissermaßen gefeit, sondern sie hörten auch gern auf das, was der klugblickende Mann ihnen mit verbindlichem Lächeln ins Gesicht sagte, etwas, das kein andrer sich ungestraft herausgenommen hätte. Ein tanzendes Paar rämpelte eben gegen das Biertablett einer Ordonnanz, so daß eine große Sintflut und Panik entstand, während die Musik droben ruhig weiterspielte. Leutnant von Brieg hatte eine Weile den Tänzern zugeschaut, und der ganze Saal mit Wappenfries, Stuhlreihen und springenden Paaren begann sich im Kreise zu drehen. Das Bierunglück rüttelte ihn wieder auf. Er warf jäh den feinen Langschädel zurück, schloß den halb geöffneten Überrock und murmelte vor sich hin: »Nein, nichts sagen. Aber reiten, reiten!« Unbemerkt schlüpfte er hinaus, griff nach Mütze und Säbel und eilte in größter Hast die Treppe herunter, denn er hörte ein paar Stimmen sich hinter ihm nahen. Dann strebte er an der Kasernenmauer entlang, hinter der er das Stampfen und Kettenklirren der Pferde wie im Traume vernahm, in leichten Kurven nach dem gegenüberliegenden Eckpavillon des Gebäudes, wo seine Dienstwohnung lag. Die Ulanen waren zum Glück aus oder auf Stallwache: nur auf der schmutzigen Steintreppe huschten in der trüben Petroleumbeleuchtung ein paar Gestalten in der Stalljacke wie Gespenster an ihm vorüber. Er fand richtig seine wie gewöhnlich unverschlossene Tür, ging stracks ins Schlafzimmer und steckte den weinschweren Kopf ins Waschbecken, griff nach Mütze und Reitpeitsche und wollte nach dem Stall hinunter, wo er den Burschen beim Abfuttern glaubte, als dieser gerade eintrat und nach seinen Befehlen fragte. Höchst erstaunt über Briegs Absicht, wagte er eine bescheidene Einwendung. Aber Brieg beharrte: »Betty heute noch nicht trainiert«, und so mußte er schließlich dem Dienstbefehl Folge leisten. Brieg folgte ihm nach. Trotz der geöffneten Stallfenster herrschte im Stall eine erstickende Schwüle. Die Pferde scharrten unruhig oder webten kettenklirrend vor den Futterkrippen auf und ab; als sie die schweren Wellblechtüren rasseln hörten, drehten alle die Hälse um oder sprangen aus ihrem Strohlager erschrocken auf. Briegs Rappe futterte noch. Der Bursche, der seinen Herrn im Kasino wußte, hatte sich mit dem Futterschütten Zeit genommen und wagte daraufhin noch einmal eine schüchterne Einwendung. Aber da kam er bei Brieg an den Falschen. »Warum futtern Sie so spät? Vorwärts! Satteln!« stieß er hervor. Er nannte seinen Burschen immer Sie. Dieser murrte halblaut etwas vor sich hin, nahm aber dem Rappen die weißleuchtende Stallhalfter ab, hob Sattel und Zaumzeug vom Sattelbaum und blickte dabei mehrfach nach seinem Herrn, ob dieser seinen Sinn noch nicht geändert hätte. Da jedoch nichts erfolgte, sagte er schließlich ganz patzig: »Wenn Herr Leutnant die Betty heute niederreiten, können wir keinen Distanzritt machen.« Er betonte das wir, obwohl er natürlich nicht mitreiten sollte. »Unsinn,« entschied Brieg, mit der Reitpeitsche auf seinen Schenkel klopfend, »Vorwärts zum Teufel!« »Wo wollen Herr Leutnant denn noch hin?« fragte der Bursche sorgenvoll. »Nach Grävenitz,« entgegnete Brieg abweisend. »Nach ... Heute nacht?« »Ja, was ist dabei?« fragte der Leutnant gelangweilt und nestelte an seiner Uhrkette, um nach der Uhr zu sehen. »Machen Sie nur zu,« befahl er. »Es ist schon nach neun. Ich muß morgen zum Dienst wieder zurück sein.« Da zog der brave Thüringer das Pferd an den Nüstern von der Krippe fort, zwängte ihm das Gebiß zwischen die kauenden Kiefer, zog mit Händen und Zähnen den Gurt fest, las das Stroh aus den Hufen und zerrte das widerstrebende Tier vor die Stalltür. Hier half er seinem Herrn in den Sattel, drückte ihm die Zügel in die Hand, führte den trägen Rappen ein paar Schritte an und gab ihm schließlich einen Abschiedsklaps auf die Kruppe. Die zurückgelassenen Gefährten im Stall, durch das Hufgetrappel erschreckt, begannen hinterdrein zu wiehern; die Stute gab Antwort, bäumte auf, daß die Funken stoben, und wollte nicht vom Fleck. Da gab Brieg ihr die Sporen, gottlob stumpfe Gesellschaftssporen, und das Pferd machte einen Satz, so daß er beide Bügel verlor und beinahe herunterflog. »Beim nächsten Mal liegt er unten,« dachte der Bursche im stillen; »dann ist das arme Tier erlöst.« Aber er irrte sich. Brieg hatte die Zähne aufeinandergebissen und drängte das Pferd an den Zügel heran; so fand er seinen Weg durch das offene Kasernentor. Der Posten salutierte verdutzt, und er grüßte vorschriftsmäßig. Die Abendluft strich ihm kühlend über die heißen Schläfen, und er ward sich bewußt, daß er unbemerkt am Kasino vorbeikommen mußte. Der Hufschlag schallte auf dem Pflaster der stillen Straße, aber zum Glück herrschte in dem Festsaal ein solcher Freudenlärm, daß niemand das mindeste merkte. Nur vereinzelte Passanten blickten erstaunt dem späten Reiter nach, um sich dann gaffend vor die halboffenen Kasinofenster zu postieren, aus denen laute Tanzmusik und Stimmenlärm ins Freie drang. Droben war das angesteckte Fäßchen bereits versiegt, und die Herren mußten sich fluchend mit Flaschenbier weiter behelfen. Schmitt hatte Brieg aus den Augen verloren und sah sich nach einer Weile wieder nach ihm um, da er ihm doch zutraute, er mochte geritten sein. Als er ihn nirgends erblickte, fragte er die Ordonnanzen, ob der Herr Leutnant schon fortgegangen sei, aber keiner hatte ihn gesehen. Sein Säbel und seine Mütze waren bei der Fülle der angehängten Garderobe nicht ausfindig zu machen. Schmitt ging nach den hinteren Kasinoräumen, wo die älteren Herren rauchend beim Bier saßen und die neue Anbringung des Säbels am Sattel und ihre Gefahren bemängelten. An einem Spieltisch wurde unter den Augen des Obersten ein billiger Skat gedroschen, während in dem Billardzimmer die Kugeln knallten. Aber niemand hatte Brieg gesehen. Schmitt bekam es mit der Angst. Daß er fortgeritten wäre, schien ihm zwar unwahrscheinlich, aber vielleicht war er auf die Straße gelaufen und womöglich in irgend einer Spelunke geendigt! Oder rabiaten Arbeitern in die Finger gelaufen, verprügelt und verhöhnt worden, wie das schon einmal einem angekneipten Infanterieoffizier passiert war ... Herrgott, welche Blamage fürs Regiment! ... Er mußte es Meyring sagen, und dieser suchte gleichfalls. Auf seine Erkundigungen bekam er zur Antwort nur die Gegenfrage, wann »Fritzchen« denn eigentlich »Leine zöge?« Das war nämlich der Spitzname des Obersten, weil seine Gattin ihn so zu rufen pflegte. Als dieser schließlich aufbrach, schnallten Schmitt und Waldburg um und klapperten durch die stillen Straßen nach der Ulanenkneipe. Brieg war nicht da. Auch nicht dagewesen. Sie tranken einen Schnitt und zogen in die nächste Kneipe, wo Infanterie und Artillerie verkehrte. Das gleiche Ergebnis. Sie tranken wieder einen Schnitt und zogen fluchend in ein Weinrestaurant, obwohl Waldburg höhnisch erklärte, Brieg wäre in seinem Leben gewiß noch nicht hiergewesen. Schließlich vollendeten sie ihre Wirtshauspatrouille mit einem Schnitt in der vierten Kneipe, und so erfuhr denn noch am Abend die ganze Garnison, daß der Leutnant von Brieg vom Ulanenregiment verschwunden sei. Schließlich kehrten sie schimpfend nach dem Kasino zurück, wo die Ordonnanzen bereits mit dem Schlaf kämpften und nur noch ein kleiner Kreis um den Spieltisch ausharrte. Beim Anblick der Karten zog Waldburg sofort ein paar Lappen heraus und hatte binnen kurzem die Bank gesprengt. Dann erklärte er sich bereit, die Bank zu halten, worauf ein paar Herren »kalte Beine kriegten«, wie der Kunstausdruck lautet, und sich empfahlen, während der Rest sich noch enger um den Spieltisch scharte und mit unsteten Blicken die Schläge verfolgte. Bald knallten wieder die Sektpfropfen, und Waldburg strich mit eiserner Ruhe die Scheine und Goldstücke ein; nur ein Zucken um die Mundwinkel verriet seine innere Anspannung. Namentlich der Reserveleutnant Janitschek verlor reißend, während Meyring aufmerksam in alle Karten lugte, um zu sehen, wen Fortuna heute besonders bevorzugte. Dann begann er vorsichtig und mit Unterbrechungen ein paar Goldstücke zu setzen und heimste dabei kleine, aber sichere Gewinne ein. 2. Inzwischen war der verlorne Sohn des Regiments richtig um die Kaserne herumgeritten und dann in die bekannte Straße nach Grävenitz eingebogen, die von Bäumen eingefaßt und lange Zeit von Häusern begleitet war. Die weit auseinanderstehenden Laternen brannten nur umschichtig, da im Kalender Mondschein vermerkt war; doch ließ diese Beleuchtung wegen der tiefhängenden Wolken viel zu wünschen übrig. Hinter den letzten Häusern versagte sie ganz. Einige unheimliche Gestalten drängten sich hier an dem nächtlichen Reiter vorüber, ohne daß er ihrer irgendwie acht hatte. Nur das Pferd machte einen schreckhaften Satz und ging dann von selbst in Trab über; dem Trabenden hätte sich so leicht keiner in den Weg gestellt. Brieg suchte sich zusammenzunehmen. »Was will ich denn eigentlich?« fragte er sich. Die verflossenen Stunden lagen hinter ihm wie ein wüster Traum, und zwischen dem Anfang des Liebesmahls und seinem jetzigen Aufenthalt klaffte in seinem Gedächtnis eine Lücke, die nur unbestimmte Erinnerungen ausfüllten. Plötzlich befiel ihn ein Todesschreck, er hätte irgend etwas Heilloses gesagt oder getan, vielleicht wieder sogar unbewußt den Kommandeur angeödet, wie schon einmal nach dem Liebesmahl, wo er mit ihm über Marinefragen gestritten hatte, ohne einen Aviso von einem Linienschiff unterscheiden zu können und ohne am nächsten Morgen noch die geringste Ahnung davon zu haben. Erst die Neckereien der Kameraden belehrten ihn, was er da angerichtet hatte, und der Oberst behielt in der Folge eine recht schlechte Meinung von ihm ... Wie er jetzt die verschwimmende Grenze zwischen Erinnerung und Einbildung abtastete, kam ihm sein heutiger Ritt um nichts überlegter vor; er hielt plötzlich sein Pferd an und wollte wieder heimreiten. Aber sofort fiel ihm ein, daß er die Sache damit nicht ungeschehen machte, und daß er das Schlimmste, den Weg durch die Stadt, schon hinter sich hätte, kaum wußte er, wie. So konnte er sein Vorhaben auch zu Ende führen, und morgen früh, wenn er zurückkäme, wollte er die Kameraden auslachen, die ihm das nicht zugetraut hatten. Ein trotziges Selbstgefühl überkam ihn. Er konnte auch etwas! Aber darum galt es doppelt, auf der Hut zu sein, um mit frischem Pferd wieder einzureiten; das wäre ein Triumph! Anfangs waren die Häuser und Bäume wirr an ihm vorübergeglitten, und das Pferd schwamm dahin wie im Leeren, von nun an achtete er peinlich auf den Sommerweg, in dem die Pferdehufe tonlos versanken, und gab dem Rappen bisweilen eine Schrittreprise. Von Zeit zu Zeit leuchtete am Wegrain gespenstisch ein Kilometerstein auf, und die Wolken, die anfangs wie die Draperien eines riesigen Betthimmels herabhingen, klärten sich allmählich, aber zu einem schwarzen, gemusterten Spinnennetz, dessen Riesenspinne eine tintenschwarze, vor dem Mond stehende Wolke war. Von dem Wiesengrund, durch den er jetzt trabte, wehte es ihm grabeskalt entgegen und legte sich beklemmend auf seine Brust. Über Bach und Busch schwann in breiten Flocken der Nebel und ballte sich rechts und links vom Straßendamm zu unbestimmten Gestalten, die sich über seinen Kopf weg die Geisterhand reichten ... Er schauerte leicht zusammen und drehte sich um, als ob jemand hinter ihm herritte, dort war alles totenstill; nur das eintönige Prusten des Pferdes und das Knarren des Sattels unterbrach das nächtliche Schweigen. Um ein Gebüsch oberhalb des Weges tanzten Glühwürmer ihren Funkenreigen. Bisweilen trat auch der Mond aus den Wolken hervor, die er silbern umsäumte, und dann liefen lange, merkwürdige Schatten über die Landschaft hin, während neben ihm links auf der Straße ein kleines, scharfumrissenes, blauschwarzes Reiterbild trabte ... Ungewollt trat ein Bild aus seiner Kadettenzeit vor sein inneres Auge. Es war an einem Sonntagabend, als er wieder einmal von Urlaub kam und auf dem damals noch unbebauten Wege nach dem Gefängnis seiner Jugend zurückstrebte. Nebel lagen über der sandigen Heide, und der Mond webte magisch darin, ganz wie jetzt ... Er war hinter dem schwatzenden Schwarm der Kameraden zurückgeblieben, um in diesem Elfenzauber zu schwelgen. Er hatte eine romantische Melodie vor sich hingepfiffen und sein Blick hing wie gebannt an dem müden, rätselhaften Licht, während die andern von ihren mitgebrachten Butterstullen und »anständigen« Mittagessen renommierten. Weiter war es nichts gewesen, und es war doch so viel für ihn, etwas, wovon er in der spartanischen Öde der Knabenkaserne noch lange gezehrt hatte, als die Butterbrote der Kameraden längst dahin waren ... Und er dachte weiter zurück an seine Kindheit auf dem lindenumrauschten Gute des Vaters und an seine früh verstorbene Mutter, die ihn so geliebt hatte, und der er doch schon so früh entrissen wurde, als er mit elf Jahren in die rauhe Zucht des Kadettenkorps kam. Da er Offizier werden sollte, wie der Vater und Großvater, so hatte ihn der alte General von Brieg frühzeitig in den bunten Kittel gesteckt, den er selbst als Knabe getragen hatte, in dasselbe Potsdamer Kadettenhaus, wo auch er vor achtundvierzig Jahren eingetreten war ... Brieg entsann sich unwillkürlich der Schicksalsstunde, wo der Vater mit ihm vor dem Gittertor ankam und sagte: »Hier ist es.« An den Fenstern standen gerade ein paar Kadetten, die sich die Haare scheitelten; das war sein erster Eindruck ... Dann kam der Abend, wo der Vater sich stolz von dem eingekleideten »Krieger« verabschiedete und der Kleine unter lauter fremden Gesichtern, in einem engen, fremden Anzug, zwischen braun gestrichenen Spinden, Stühlen und Inventarverzeichnissen an den getünchten Wänden zum erstenmal den Abendsegen blasen hörte. Da war ihm so weh ums Herz geworden, daß er weinte ... Er hatte dort nie heimisch werden können. Blaß und in sich gekehrt stand er abseits unter den Bäumen des Gartens, wenn die Kameraden ihre wilden Spiele spielten, und ein unauslöschliches Heimweh fraß ihm am Herzen. All die lieblosen, freudlosen Kadettenjahre standen wieder in seiner Seele auf; und er hatte doch gewähnt, daß diese Schmerzen tot wären; er hatte sie hinter sich zu lassen vermeint, als er das Hauptportal zum letztenmal verließ. Wie glänzend hatte er sich die Zukunft ausgemalt! Wie heiß den Tag herbeigesehnt, wo er die Ulanka des Fähnrichs mit dem Offiziersrock vertauschte! Nun mußte das Glück kommen, hatte er gedacht, als Herr von Meyring ihn persönlich in der Kaserne aufsuchte, um ihm als erster zu seiner Beförderung Glück zu wünschen! Er hatte jenen Augenblick noch deutlich in der Erinnerung. Sein Mund wollte sich noch nicht bequemen, den früheren Vorgesetzten jetzt als Kameraden anzusprechen, aber er fühlte doch eine ungeheure Scheidewand plötzlich fallen. Nun mußte er ja glücklich werden, nun war er nicht mehr der stumme Untergebene, sondern der gleichberechtigte Kamerad jener gefürchteten Vorgesetzten ... Und er hatte sich gezwungen, sich glücklich zu fühlen; aber bald merkte er, daß er sich nur selbst betrog ... Immer lag es vor ihm, das Glück, und lockte ihn, wie das liebliche Landschaftsbild drunten, das sich von der nächsten Bodenwelle aus zu seinen Füßen erschloß: eine alte Burgruine auf steilem Hügel, schwarz und flächenhaft wie eine riesige Kulisse, und darunter im Mondlicht sich schlängelnd eine silberne Flußschleife ... Wenn er erst dort war, war der Zauber sicher geschwunden ... Verknufft, verschüchtert war er aus dem Kadettenkorps gekommen, ohne eine Ahnung von gesellschaftlichen Anforderungen, aber mit der Verpflichtung, von Anfang an der Ulanka Ehre zu machen. Aus dem Kamaschendrill von Lichterfelde sah er sich plötzlich in eine Welt versetzt, wo nur ein Maßstab galt: Reiten können. Sein Rittmeister hatte es gut gemeint und ihn gleich zum Zusehen bei vier Reitabteilungen kommandiert, und er hatte ohne Belehrung und ohne Verständnis alltäglich vier Stunden lang Rekruten und erste Abteilung, junge und alte Remonten durch den Schlamm des Reitplatzes oder den eiskalten Staub der geschlossenen Bahn an sich vorbeischuckeln sehen, bis es ihm schließlich ganz wirr im Kopfe war; und der Herr Fähnrich machte nachher bei den eigenen Reitkünsten keine gute Figur. Nach dieser summarischen Zustutzung hatte er die Kriegsschule bezogen, wo ihm im Dampftempo eine Fülle trockenen, herzdörrenden Lernstoffes eingetrichtert wurde. Er mußte Divisionen führen, Festungen auf dem Papier belagern und sah sich plötzlich vom Rekruten zum Feldherrn befördert ... Man weihte ihn in die Geheimnisse des letzten, inzwischen völlig veränderten Doppelzünders ein, und das bißchen praktischer Dienst war darüber bald vergessen. Dann kehrte der Junker zum Regiment heim, ohne Ahnung von dem, was man hier von ihm verlangte: nämlich Rekruten instruieren, vor dem Zuge reiten, Patrouillen führen und Reitstunden geben! Der Vater kaufte ihm voreilig ein halb rohes Pferd, klein wie ein Ziegenbock, das er im Frühjahr als Zugführer vor der Front reiten sollte. Er dankte Gott, als die viel zu junge Stute nach mancherlei Verdruß und Verweisen vor Überanstrengung niederbrach und er sich den gutgehenden Rappen seines abgehenden Rittmeisters für teures Geld kaufen konnte. Seine theoretischen Kenntnisse waren freilich viel besser und frischer als die der Kameraden, die ihr bißchen Kriegsschulweisheit längst verschwitzt hatten und sich darum gegebenenfalls gern an ihn hielten, wenn es galt, ein Kroki zu zeichnen oder eine Winterarbeit zu machen. Besonders machte sich dies der Adjutant zunutze, der seine glänzenden Zeugnisse gelesen hatte; aber auch die andern gingen ihn fortwährend um Liebesdienste an, sogar um Ulkverse zu Hochzeiten und Bratengedichte, denn er hatte eine dichterische Ader. So war er das Mädchen für alles, und er wagte keinem etwas auszuschlagen: es war eine Buße, ein Tribut dafür, daß er anders war. schon im Kadettenhaus war er es so gewöhnt gewesen. Dort hatte er vorsagen müssen und andern die Aufsätze machen – als Lösegeld für den Haß, den seine guten Leistungen erweckten ... Aber ihn als Mensch nehmen, ihm Rat und Ansporn sein, wie er sich in die neuen vielseitigen Pflichten und Verhältnisse zu finden habe, das wollte niemand. Sie wollten alle etwas von ihm haben, aber keiner wollte geben. Ausgenommen vielleicht Herr von Waldburg; aber vor dessen Pferdekuren hatte er eine berechtigte Angst. So hatte er ihm einmal sechshundert Mark im Spiel abgenommen, um ihn, wie er sagte, vom Jeu abzuschrecken. Nur sein Rittmeister nahm sich gelegentlich seiner an. Aber der war ein stiller, wortkarger Niederdeutscher, der ganz in seiner Familie aufging und sich um Kameraden und Kasino ebensowenig scherte, wie seine junge Frau, eine Russin, um die Geselligkeit, was ihnen beiden natürlich sehr verargt wurde. Vielleicht war es die Sympathie gleichen Abseitsstehens, die ihn den jungen Herrn öfter in sein Haus laden ließ; aber jedenfalls war er dadurch kein Lehrer für ihn im Sinne der andern. Ja, die andern ... Um den kleinen Finger wäre er zu wickeln gewesen, wenn sie ihn richtig zu nehmen wußten. Gab er sich nicht die redlichste Mühe, ihnen näher zu kommen, auf ihre Wünsche, ihre Interessen einzugehen? Und wie sauer wurde ihm das doch oft! Aber keiner lohnte es ihm. Sie blieben wie sie waren, spöttisch und voller Ansprüche, die er nicht einmal recht kannte! Auch nicht einen hatte er gefunden, dem er sich geistig verwandt fühlte, mit dem er sich aussprechen, an dessen Freundesbusen er sich ausweinen konnte. Zu Anfang hatte er sich gesagt, der Mensch müsse sich durchfressen, aber es war immer so geblieben, nichts als kalter und passiver Widerstand, nie ein Wort von Herzen, und wenn er aus dem Kasino heimkehrte, hätte er manchmal laut weinen mögen. Dazu verdarb er sich das mühsam errungene bißchen Sympathie meist wieder durch seine Empfindlichkeit, wenn seine feinen Nerven den rohen Anwürfen und Witzen nicht mehr standhielten; und zur Sühne mußte er sich dann erst recht demütigen. In vieles würde er sich ohnedies nie fügen, so in die Art der Unterhaltung. Weiber und Pferde waren die zwei Hauptthemata der Kameraden, zu denen nach dem Dienst oder bei der Lektüre des Militärwochenblattes noch das über die Vorgesetzten und Beförderungen trat. Aber wenn sie für Pferde stets ein Herz hatten, so besaßen sie allem Weiblichen gegenüber nur Mißachtung und einen vor nichts halt machenden Zynismus, der geschlechtliche Dinge wie Verdauungsvorgänge ansah. Brieg hätte sich manchmal die Ohren verkleben mögen, nur um ihre Zoten nicht mit anhören zu müssen; er hatte sich aus seinen Knabenträumen eine romantische Scheu und Ehrfurcht vor der Frau gewahrt, und sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, wenn er nach einem Balle mit den Kameraden im Café saß, die Augen noch geblendet von all den weißen Armen, wogenden Busen und roten Mädchenlippen, und die Anzüglichkeiten der andern sein Ohr verwundeten ... Anfangs hatte er das alles noch nicht so recht verstanden oder beschönigt und ins Harmlose hinübergespielt, um sein Ideal zu retten. Aber als er die Kriegsschule bezog, raubten ihm die Kameraden, die meist als Gymnasiasten schon Blut geleckt hatten, die letzten Illusionen und hänselten den »Kadetten«, dessen Erfahrungen in Dingen der Liebe nicht über das hinausgingen, was man im Kadettenhause von älteren Kameraden erlauscht hatte oder aus dem Lexikon und der Bibel herauslas, wie die Geschichte von Loth und seinen zwei Töchtern. Dennoch dauerte es eine Weile, bis er seinen Widerwillen bezwang und mit ins Bordell kam. ... Nachher schien es ihm, als wäre jener Dunstkreis von Wein, Zigarettenrauch, schlechten Parfüms und odeur de femme ihm durch alle Poren gedrungen, bis in die Seele, als klebte ihm etwas Unreines an, das kein Wasser mehr abwaschen könnte, als müßte jeder ihm seine Schmach vom Gesicht ablesen! – War das die Liebe? ... Als junger Offizier hatte er dann allerhand Verirrungen mitgemacht, wie er die wüsten Trinksitten der Kriegsschule mitgemacht hatte; doch fühlte er sich bald davon angewidert und suchte seine Rettung in einer Liebschaft mit einer kleinen Nähterin, die ihm treu und ergeben war und nie etwas andres von ihm nahm, als kleine Aufmerksamkeiten und zu Weihnachten eine billige Brosche oder Uhrkette. Aber trotz dieses für einen Ulanenoffizier bescheidenen Lebens lag er in stetem Konflikt mit seinem Geldbeutel. Wie sollte er monatlich mit hundertfünfzig Mark auskommen – das war die Frage, für die er keine Lösung fand. Erst fünf Mark Zulage als Kadetten-Unteroffizier und dann plötzlich hundertfünfzig Mark im Portemonnaie – ein sinnverwirrender Sprung! Er wußte eine so große Summe anfangs weder zu übersehen noch einzuteilen. Aber bald merkte er, daß es viel zu wenig war, und daß er der Ärmste im Regiment war. Das Kasino mit seinen Liebesmahlen und Verführungen! Das leichte Bestellen auf Borg! Und dann die Abzüge: Kleiderkasse, Silberkasse, Abschiedsgeschenke, Festmahle mit eingeladenen Gästen ... Einmal in seinem Leben hatte er bar Geld von seinem Gehalt gesehen, und zwar, als er Offizier wurde und am nächsten Ersten auch sein Gnadengehalt für den letzten Monat erhielt. Aber zur Feier dieses Tages mußte er eine große Sektbowle stiften, und schon bei der nächsten Abrechnung war sein Konto mit einem Minus behaftet. Und dieses Minus wuchs zusehend. Wie oft hatte er sich schon vorgenommen, mit Apfelwein und billigem Mosel auszukommen, aber immer wieder hatte die Pflicht der Kameradschaft und der Zwang der Verführung gesiegt! Und nun war er auch noch in seinen guten Sachen ausgeritten! Der Schmelz war hin, auch wenn kein Regen kam. Und seine Kleiderrechnung in Berlin betrug ohnedies Hunderte. Woher das Geld nehmen, ohne zu stehlen? Er konnte ja keinen Verdienst suchen. Spielen? Das war ihm schlecht bekommen. Waldburg hatte ihn, zur Abschreckung, wie er sagte, eines Nachts im Kasino um sechshundert Mark »erleichtert«. Vierhundertfünfzig Mark hatte er dem Vater gebeichtet, und den Rest mit einem ganzen Monatsgehalt gedeckt, wodurch er sich abermals in Schulden gestürzt hatte. Und der Vater hatte ihm gedroht, sich im Wiederholungsfalle an den Kommandeur zu wenden! ... Rennen? Aber dazu war einmal Betriebskapital nötig – und Glück, genau wie beim Hasardspiel ... Beim Lotteriespiel hatte er noch weniger Chancen gehabt. Er wünschte, noch all das schöne Geld zu haben, das er nach und nach in Mecklenburger, Braunschweiger, Hamburger und Sächsischen Losen verputzt hatte, lauter verbotene Lotterien, in denen er doch nie etwas gewann ... Und nun wollte noch sein Vater kommen, wie im Vorjahre, um ihn wieder zu drangsalieren und zur Sparsamkeit anzuhalten und ihm das Leben zur Hölle zu machen. Er würde sich beschweren, daß sein Lohn zu selten bei ihm speiste, und im Kasino würde man ihm wieder vorwerfen, er entzöge sich der Kameradschaft. Dazu seine lastende Kasinoschuld! Selbst wenn er ihm alles beichtete: würde sein Vater es auch nur verstehen? Ein harter, höhnischer Zug legte sich um seinen Mund. Hatte sein Vater ihn je menschlich erfaßt? Seine Gaben und Gefühle berücksichtigt? Nein, er war ihm fremd wie jeder andre. Nur die Liebe zum Soldatenstand verknüpfte ihre Interessen. Er war eine Ziffer in seinen väterlichen Berechnungen, die Hauptziffer sogar, aber auch nichts weiter! Plötzlich polterten die Pferdehufe auf etwas hohles, wie auf einen Sarg: Er fuhr erschrocken auf und griff in die Zügel, die er dem Rappen hingegeben hatte. Betty scheute vor den weißlich flimmernden Holzgeländern der hohen, dröhnenden Bretterbrücke, die über den Fluß führte. »Dummes Tier,« stieß er hervor und strich dem Pferd mit der Reitpeitsche über den schönen gebogenen Rabenhals, um es zu beruhigen. Und er liebkoste es länger als nötig. Alles in allem hatte er nichts auf der Welt als das treue Tier, seine Liebschaft und seine Leute, an denen er gleichfalls mit Liebe hing. Er wollte sich in die Notwendigkeit fügen und das unnütze Sehnen lassen. »Wozu all dies Leid, dieser ziellose Drang, der doch keine Befriedigung bringt?« fragte er sich. »Ja, wozu dieser Ritt?« Und er war abermals nahe daran, umzuwenden und heimzutraben. Doch da blinkten von der nächsten Geländewelle aus schon ein paar spärliche Lichter durch den leichten Dunstschleier, der über dem Tal lag: es mußte Grävenitz sein. Er zog die Uhr. Halb zwölf. Es war im Mondschein ganz deutlich zu sehen. In einer halben Stunde konnte er da sein. Warum so dicht vor dem Ziel abstoppen und doppelt zum Gespött werden? Trab! Es ging noch einmal bergab und in sanfter Biegung bergan, dann kam eine lange, tiefschattige Allee, und er war da. Der Nachtwind, der durch die duftenden Kornfelder strich, wehte ihm unbestimmte Geräusche zu. Er horchte gespannt hin und unterschied die ferne Melodie eines Froschteichs. Aber je näher er kam, glaubte er noch etwas andres zu hören; es war wie Gesang und fernes Stimmengewirr, als würde dort ein Fest gefeiert und irgend ein Hoch ausgebracht. Schon blinkten im ungewissen Schein die weißen Knöpfe und Helmbeschläge des Dragonerpostens, der vor der Kaserne auf und ab klirrte. Jetzt blitzte auch die Klinge auf und der hellblaue Rock leuchtete intensiv, während der karminrote Kragen schwarz wirkte. Der Posten blickte den Reiter scharf an und präsentierte dann. Auf Befragen über den Lärm erfuhr er, daß die Herren Offiziere noch im Kasino wären. »Das ist ja famos!« rief er aus: so hatte er doch Zeugen, daß er in Grävenitz gewesen war. Schon unterschied er deutlich Menschenstimmen, Gesang und mißtönige Musik. Breite Lichtwürfel fielen aus den Fenstern in die Dunkelheit. Einer, der im Fenster lehnte, rief ihn an und er gab sich zu erkennen. Sofort erschienen mit Hallo mehrere Köpfe im Fenster. »Na, hat Ihr Brotherr mal wieder was ausgeheckt, daß er sie nachts über Land schickt? – Wohl 'n kleiner Alarm mit Nachtübung in der Brigade?« schrieen mehrere Stimmen durcheinander. »Nein,« antwortete Brieg, »ich hab' nur 'ne Wette gemacht. Wir hatten heute Liebesmahl ...« »So, wir auch. Kommen Sie nur 'rauf. Wir tagen hier noch. Der neue Divisionskommandeur war heute bei uns zur Schwadronsbesichtigung. Tadellos gewesen ...« Eine verschlafene Ordonnanz stand bereits vor Brieg, griff in Nasenriemen und rechten Bügel und wartete, daß er absäße. »Aber nur 'n Augenblick,« sagte er, indem er sporenklirrend absprang. »Führen Sie das Pferd etwas herum, es ist naß vom Reiten.« Die Ordonnanz schlug die Bügel hoch und nahm die Zügel herunter. Der Rappe schüttelte sich schnaufend, während Brieg die Steintreppe satzweise hinaufstürmte. »Führen Sie den Gaul mal gleich in den Schwadronsstall der Ersten,« näselte einer aus dem Fenster herunter, und die Ordonnanz gehorchte. 3. Mit dem Augenblick, wo Brieg das Licht und die Menschen erblickte, war die Beklommenheit von ihm gewichen. Die unendliche Nacht schrumpfte zusammen und alles kam ihm klein und entzaubert vor. Das Schauspiel freilich, das sich seinen geblendeten Augen im Kasino darbot, hatte er nicht erwartet. Der Tisch mit den Biergläsern war an die Wand geschoben und auf den Rohrstühlen des Dragonerkasinos saßen rittlings, in fünf Reihen aufmarschiert, etwa fünfzehn Offiziere, voran ein baumlanger, der Adjutant, der ein abgebrochenes Stuhlbein als Säbel schwang, und hinter ihm zwei mit Trompeten Bewaffnete, die im Augenblick seines Eintretens einen mißtönenden Tusch bliesen. »Guten Morgen, Exzellenz,« scholl es ihm aus einem Dutzend heiser geschriener Bierkehlen entgegen und Brieg wußte in seiner Verlegenheit kaum, ob dies eine Ovation war oder man sich über ihn lustig machte. Wie er noch stand, schrie plötzlich der Anführer mit wild geschwungener Keule: »Parademarsch im Trabe!« und die ganze Horde setzte sich gröhlend und juckelnd in Bewegung, daß die Wände erbebten, und defilierte vor Brieg, wobei die Trompeten ein abscheuliches Gewimmel von sich gaben. Ein stehender Pauker bearbeitete den Tisch taktmäßig mit einer großen Bierkanne, daß die Gläser tanzten und auf dem mit Asche beschmutzten Tafeltuch große Bierlachen entstanden. Brieg war die Betrunkenheit noch nie so widerwärtig erschienen als an diesem Abend, wo er ihr selbst kaum entronnen war. Der Tabaks- und Bierdunst, der ihm entgegenquoll, ekelte ihn an, und er wäre am liebsten wieder umgedreht und aufgesessen. Da schrie der Vorreiter, mit dem Stuhlbein in der Luft fuchtelnd: »Meine Herren, auf das Wohl des Schwesterregiments und seines anwesenden Vertreters!« Und im Nu stürzte die ganze Schar von den Stühlen auf die herumstehenden Biergläser und schluckte die braune Flut gierig herunter, daß man einen Augenblick nur das Gegluckse der Kehlen hörte, wie an der Pferdetränke. Brieg wollte ebenfalls ein Glas ergreifen, um Bescheid zu tun, da sauste es scharf an seinem rechten Ohr vorüber, daß er zur Seite fuhr, klirrte an die Wand, und die Splitter stoben, und im nächsten Moment prallte eine ganze Salve von Biergläsern rechts, links und über seinen Kopf weg hinterdrein, von ohrenzerreißendem Schmettern und Klirren gefolgt. Als die erschrockenen Ordonnanzen in den Saal eilten, lag die ganze Wandseite voller Scherben und an der Tapete tropften ein paar braune Flecke. Ehe Brieg es sich versah, war er von einem johlenden Haufen umringt, während die Ordonnanzen den Splitterwall notdürftig gegen die Wand kehrten und der Einfachheit halber den Tisch darüberschoben. Man drückte ihm ein Glas in die Hand und alles nahm, nach Bier schreiend, teils auf Stühlen, teils auf der Tischkante Platz. Der späte Ankömmling dankte mit ein paar Worten für die dargebrachte Huldigung und goß den kühlen Trank in die brennende Kehle. Von allen Seiten wurde ihm zugetrunken, aber das abschreckende Beispiel bestärkte ihn in seiner Enthaltsamkeit. Er fand plötzlich einen unbändigen Reiz daran und hörte kalt lächelnd zu, was die Blauröcke ihm von ihrem Liebesmahl erzählten. Der Kommandeur, so sagten sie, hätte sich aus Freude über die gute Kritik und die Liebenswürdigkeit des Generals am meisten bekneipt und wäre vorhin die Treppe heruntergefallen. Einer wollte wissen, daß er sich das Auge blau geschlagen hätte; ein andrer meinte gar, er hätte sich den Arm gebrochen. »Jedenfalls wird er uns heute nacht nicht mehr alarmieren, wie an Kaisers Geburtstag,« frohlockte ein Dritter, und damit fingen die alten, wohlbekannten Geschichten von neuem an. In der Tat hatte der Oberst am letzten Kaisergeburtstag, wo nicht nur die Herren Offiziere, sondern auch die Mannschaften den pflichtmäßigen patriotischen Rausch hatten, um drei Uhr nachts alarmieren lassen und war mit dem Regiment über die vereiste Dorfstraße nach dem schneebedeckten Exerzierplatz gerückt, um Direktionsreiten nach dem Großen Bären zu üben. Da aber den meisten die Direktion bereits abhanden gekommen war und eine Reihe von Pferden es vorzog, ohne ihre Herren in den warmen Schwadronstall zurückzukehren, taten die übrigen Reiter nach diesem abkühlenden Ritt glücklicherweise ein Gleiches. Immerhin hätte der Scherz dem Obersten von Mitzlaff Hals und Kragen gekostet, wäre ihm höheren Orts wegen seiner Tüchtigkeit nicht so manches nachgesehen worden. Denn er war im Grunde ein guter Soldat voller Initiative, und bei den Besichtigungen schnitt das Regiment stets musterhaft ab. Aber er konnte keine Ruhe halten und heckte oft die merkwürdigsten Pläne aus. So hatte er einmal die freiwillige Feuerwehr des Nestes mit Karabinern armiert und durch Anlegen weißer Armbinden auch uniformiert, und sie hatte Grävenitz bei einem nächtlichen Angriff, den er mit seinen Dragonern unternahm, verteidigt. Durch solche Vorkommnisse waren seine Offiziere an nächtliche Reiterstücklein gewöhnt, und Briegs Ritt machte ihm in ihren Augen durchaus keine Unehre, ja, der junge Ulanenoffizier genoß das seltene Vergnügen, allseitig gefeiert zu werden. Die armen, meist unadligen Dragoner blickten auf ihr vornehmes Schwesterregiment immer mit einem Gemisch von Neid und Devotion, und es war Brieg darum ein leichtes, die allgemeine Sympathie zu entfesseln, zumal er, um seinen Gastgebern nichts schuldig zu bleiben, auch ein Stücklein von seinem Kommandeur zum besten gab. »Fritzchen« – so lautete der Spitzname – war der gerade Gegensatz des Obersten van Mitzlaff. War dieser ein Mann der Tat bis zur Verzerrung, so war der Freiherr von Rössing ein Erztheoretiker, dem der Oberstenrang durch seine Leistungen am Schreibtisch zugefallen war und dem seine Freunde im Ministerium die Stange hielten, auch wenn er in der Praxis zu sehr auf seinen Theorien herumritt und dadurch Anstoß bei den höheren Stäben erregte, die gar nicht einsehen wollten, welche Fülle strategischer Gaben da den höheren Stellen entgegendrängte. – Insbesondere war der Brigadekommandeur, ein schneidiger Reiter und ritterlicher Mann, ihm wenig gewogen, denn er huldigte dem Grundsatz des Reglements: Im Kriege verspricht nur das Einfache Erfolg. Um so besser stand Herr von Rössing sich mit seinem Major beim Stabe, dem fanatischen Beschlagschmied und Pferdepfleger, der bei den ewigen Pferdeappells seine rechte Hand bildete; denn er selbst verstand sehr wenig von Pferden und plagte die Rittmeister mit diesen Revisionen, die eigentlich ihre Sache waren, lediglich aus Theorie. Auch die häufigen Nacht- und Felddienstübungen entsprangen der gleichen Quelle und führten in der Praxis oft zu den wunderlichsten Gefechtsbildern, denen er dann durch Gegenbefehle und markierten Feind abzuhelfen suchte. Und in dem tatfrohen Obersten von Mitzlaff fand er stets einen Helfer, der ihm über drei Meilen gern die Bruderhand reichte oder gegen ihn und seine Mannen zu Felde zog. Ein paar der Herren lehnten eben weit zum Fenster hinaus, um sich den Kopf etwas abzukühlen. Ein dicker warmer Tropfen fiel dem einen auf die Nase, so daß er zurückfuhr. »Es regnet,« riefen mehrere Stimmen durcheinander. Brieg schnellte hoch, wie eine Spiralfeder, und eilte ebenfalls ans Fenster. Der Himmel hatte sich wieder bezogen und der Regen rauschte bereits hernieder. Drunten rettete sich der Posten klirrenden Schritts in das Schilderhaus. Am Himmel zuckte Wetterleuchten und eine schwüle Spannung lag in der Luft. Brieg zog die Uhr: es war bereits zwei, und er mußte vor morgen zurück sein. Er wußte, daß sein neuer Überrock geliefert war, wenn es so weiter regnete: aber was half es? Er verabschiedete sich also, aber die meisten trollten mit ihm trotz des Regens, singend, rauchend und mit aufgeknöpftem Überrock nach dem Stall. Einer schwatzte sogar etwas von Eskortieren und Mitreiten. Brieg ließ dem Pferd von der verschlafenen Stallwache einen Stalleimer Wasser reichen, den es gierig aussoff, befühlte die Beine, murmelte etwas wie: »Klar wie Drahtseile« und schob die Hand prüfend zwischen die Gurte. Dann gab er der Stallwache irgendein Geldstück und saß draußen auf, von dem Chorus umringt, der den Rappen beklätschelte und nach Alter und Preis fragte. Brieg log die Frager, wie es Brauch war, an, verabschiedete sich mit Händedrücken und kurzem Dank und trabte dann keck über das regenglatte Pflaster der Chaussee zu. »Kommen Sie gut über!« wurde ihm nachgeschrien. 4. Es war so finster, daß er anfangs nicht die Hand vor Augen sah und wie in einen Abgrund hineintappte. Jeden Augenblick meinte er an etwas anzureiten, das sich dann im letzten Augenblick in das Dunkel zurückzog. Ihm war, als käme er nicht recht vom Fleck, als legte sich etwas lähmend, bestrickend auf seine und seines Pferdes Bewegung. Trotzdem steuerte er der finstersten Stelle zu: dort war der Eingang der Allee, die ihn alsbald wie ein riesiges Grabgewölbe umfing. Die breiten Äste hingen rechts und links bis zur Erde hinab und entzogen ihm selbst den fahlen Schein des Himmelstreifens. Es schien ihm fast unmöglich, hier weiter zu kommen, und er hatte große Lust, umzukehren und zu warten, bis es heller wurde. Aber er mochte sich weder kleinmütig vor den Dragonern zeigen, noch zu spät heimkehren, und so vertraute er sich abermals recht gedrückt dem Instinkt seines Tieres an. Ein beklommenes Gefühl überkam ihn; er räusperte sich, um seine Gegenwart zu fühlen, und erschrak gleich darauf vor dem eigenen Schall. Der Hufschlag des Pferdes, der doch seine einzige Gewißheit war, hallte unheimlich wie in einem Keller ... Dann und wann ging ein Windstoß durch die nassen Blätter und ein kalter Sprühregen troff hernieder, daß Reiter und Pferd schreckhaft zusammenzuckten. Bald nahm auch das Prasseln der Tropfen im Laubwerk zu. Dem überschärften Gehör schien das Knarren und Stöhnen jedes Astes, das Rollen jedes Kiesels verzehnfacht und die hellen Chausseesteine am Straßenrain leuchteten wie lauernde Ungetüme. Hin und wieder zuckte ein Blitz auf, der ihm für Augenblicke den Weg wies. Dann sank wieder alles zurück in feindliches Dunkel. Mit einem Mal ging das eintönige Rauschen in einen Wolkenbruch über; es war, als schütteten Scheffel von Erbsen auf das Blätterdach, und wenn ein Blitz aufflammte, sah Brieg, daß der Wind die Regenschauer wie tanzende Mückenschwärme über den Boden peitschte und trübe Schlammbäche in den Straßengräben dahinschossen. Er fühlte, wie das Wasser ihm Ellenbogen und Knie näßte, seine ganze Kleidung durchdrang wie ein Bad und die Stiefel beschwerte. Gespenstische Überhelle wechselte mit pechschwarzer Nacht und die Donnerschläge hallten grollend in der finsteren Wölbung. Bei jedem Blitzstrahl zuckten scharfe, bläuliche Schatten über die Straße, und der Rappe machte irre Sätze und drängte in seiner Angst gegen die Stämme, als wollte er ihm die Kniescheiben zerschmettern. Er suchte das freie Feld zu gewinnen, über die vollen Gräben weg in die nassen Äcker zu setzen; nur hinaus aus diesem tobenden, blendenden Dunkel! Aber das Pferd widersetzte sich wie rasend; jedesmal, wenn er es herumwarf, schlug es wild mit dem Kopf und schlurrte in gestrecktem Galopp über die schwimmende Tenne. Minutenlang stand der Himmel wie in lohenden Schwefel getaucht. Brieg hielt sich den Arm vor die Augen gegen die unerträgliche Helle, aber die Nachbilder der Blitze zuckten grausam durch seine verwundeten Augen, als gäbe es nirgends eine Rettung. Schlag auf Schlag krachte der Donner, wie eine ununterbrochene Kanonade. Durch eine Baumlücke sah er links ein Dorf, in Feuerschein gehüllt; zerfetzte Brandwolken trieben darüber hin. Plötzlich stürzte ein blauer Lichtbach nieder und im selben Moment krachte es ohrenbetäubend, als bärste Metall, und ein tausendfacher Widerhall brach sich wie in einem Brunnenschacht. Der Rappe stieg kerzengerade in die Luft, schlug mit den Vorderbeinen ins Leere, schwankte eine Sekunde und schlurrte mit den Hufen schwer an einem Baumschaft hinunter. Dann jagte er in Todesangst vorwärts, daß dem Reiter die Sinne schwanden. Umsonst parierte er mit wilden Rissen, nach rechts und nach links, nach oben und unten; das durchgehende Tier hatte Ganaschen von Eisen. Da verlor auch er die Besinnung. Er trieb den Rappen mit der Peitsche zu noch tollerer Fahrt, beugte sich im Sattel vor, als gälte es, ein finish zu reiten. Ihm war, als müßte es über ihn herfallen; als griffe es nach ihm mit eisernen Krallen. Immer lauter toste und brauste es um ihn; und die Baumkronen bogen sich tiefer im Sturm und die schweren Äste schlugen nach ihm, als wollten sie ihn töten, von allen Seiten kam es auf ihn zu; er fühlte es hinter sich, neben sich, Bügel an Bügel ... Da hieb er die Sporen ein und griff mit beiden Händen in den rechten Zügel, daß der Pferdekopf fast an seinem Knie stand. Der Rappe sprengte mit irrem Satz über den Graben und schleuderte den erschöpften Reiter aus dem Sattel. Aber seine Hand klammerte sich fest in die nassen Zügel, und er wurde von dem Tier ein paar Schritte geschleift; dann erlahmte es in dem aufgeweichten Kornfeld ... Brieg wandte das Pferd herum und blickte zurück. Über Wendenhausen stieg eine feurige Rauchsäule auf und näher ragte der Burgfels mit dem alten Gemäuer. Die Blitze hatten ihr Ziel getroffen und waren weiter gezogen. Er wischte sich mit dem Ärmel über das schweißtriefende Gesicht und watete mit dem zitternden Pferde zurück auf die Straße. Dann saß er wieder auf und ritt weiter, denn die Knie versagten ihm. Die Allee war zu Ende und der Regen ließ nach. Er ritt über die dröhnende Holzbrücke und trabte wieder an. Das Pferd lahmte. Vor ihm, hinter der schwarzen Masse des Waldes, stieg der Morgendämmer auf. Er sprang ab in den grauen Straßenschmutz und befühlte besorgt die Fesseln. Der Anblick des Pferdes erschreckte ihn. Vor den Lefzen stand ihm weißer Schaum, das dampfende schwarze Fell war mit Schweiß und Straßenschmutz gescheckt und am rechten Vorderknie hatte es sich mit dem Eisen geklopft, daß es blutete. So sollte er nun in die Stadt einreiten, auf einem lahmen Pferd, naß bis auf die Knochen, beschmutzt und verkatert; er mußte furchtbar aussehen, das fühlte er. Er lief eine Weile neben dem Pferde her und zitterte vor Kälte. Mit einem Male fiel es ihm ein, daß es auch in der Stadt könnte eingeschlagen haben, und daß er Offizier vom Dienst war. Er zog sich kraftlos in den Sattel hinauf und trabte mit dem lahmen Tier wieder an. Das Zwielicht peinigte seine überreizten Nerven. Der Morgenwind kräuselte die Wasserlachen, in denen sich grell das Frührot spiegelte. Die Saaten zur Seite des Weges waren niedergepeitscht. Ein erstes Fuhrwerk kam ihm entgegen; die Wagenlaterne brannte noch. Der Kutscher blickte ihm erstaunt nach. Auch ein paar Arbeiter begegneten ihm, die zu den Ziegeleien vor der Stadt trollten, noch halb im Schlafe. Der Himmel war in ein dunstiges Grau gehüllt. Als die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen, hatte er bereits die Vorstadt mit ihren niedrigen, schmutzigen Häuschen erreicht. Er schämte sich vor sich selber. Der nasse Tuchrock war verschrumpelt, die Hosen mit Pferdehaaren und einer sich schälfernden Schlammkruste bedeckt, die neuen Lackstiefel verdorben. Leine Hände waren blau vor Frost und die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Trotzdem saß er auf dem schlechten Pflaster ab und führte den Rappen am Zügel; die vorübergehenden musterten ihn mit aufdringlichen Blicken. Ein Bäckerladen hatte seine Pforten bereits aufgetan und aus den offenen Haustüren quoll ihm Kaffeegeruch entgegen. In der höher gelegenen Altstadt, wo die Mietskasernen begannen, saß er wieder auf. Der Rappe klapperte stumpf über das Pflaster hin, das von dem Wolkenbruch rein gespült war. Aus der Ferne hörte er, wie in der Kaserne »Futterschütten« geblasen wurde, und sein Gewissen begann sich zu regen, je näher er kam. Unheimlich glühten die Kasernenfenster im Morgenlicht, wenn nun ein paar Kameraden noch aufsaßen? Schon war er am Offizierskasino vorüber, als plötzlich hinter ihm ein Fenster aufschlug und Waldburgs Stimme ihn anrief: »Na, Sie Bild der Verwesung, wir dachten schon, Sie wären in irgend einer Mördergrube geendigt.« Halb starr vor Schreck hielt er an und sah Meyring und Waldburg in übernächtigtem Zustand zum Fenster herauslehnen. »Ihre Zicke lahmt ja, Sie Pferdeschinder!« rief der Adjutant. »Ein schöner Training das!« Brieg blickte verlegen an den Herren vorbei in das Innere des Kasinos. Er sah Schmitt und den völlig zusammengebrochenen Janitschek am Spieltisch sitzen. »Wenn Sie hier die Nacht durch jeuen, ist es wohl kein Verbrechen, derweil zu reiten,« gab er trotzig zur Antwort. Aber Meyring ließ sich nicht moralisch verblüffen. »In der Altstadt hat's eingeschlagen und gebrannt,« rief er strafenden Blickes herunter. »Sie haben das Feuerpikett nicht geführt. Wir werden's ja noch vom Garnisonkommando kriegen...« Schmitt war gleichfalls ans Fenster getreten und Brieg wagte nicht, angesichts des lahmen Gaules sich seines Rittes zu rühmen. »Ich habe noch ein besonderes Hühnchen mit Ihnen zu rupfen!« drohte jener mit dem Finger. Brieg fühlte sich doppelt geschlagen. Er saß schweigend ab und führte das Pferd zum Kasernentor. Sein Bursche, der gerade zum Abfuttern ging, kam ihm auf dem Hofe entgegen und nahm ihm mit vorwurfsvoller Miene den lahmen Rappen ab, als wollte er sagen: »Wie ich's voraussah!« Brieg befühlte verlegen die geschwollenen Fesseln und befahl: »Nachher kühlen.« Der Bursche erinnerte seinen Herrn, daß die Schwadron um Punkt sechs zum Regimentsexerzieren ausrückte, und Brieg humpelte mißmutig in seine Wohnung herauf; am liebsten hätte er sich aufs Bett geworfen, wie er war. Aber der Bursche erschien hinter ihm, legte ihm den Dienstanzug zurecht, bereitete etwas dünnen Tee und verschwand dann wieder, um das Chargenpferd zu satteln. Der junge Herr zog sich hastig um, nippte an dem glühenden Tee, drückte die Czapka auf den bleiernen Schädel und eilte dann, am ganzen Körper wie zerschlagen, nach dem Stall herunter; denn bereits gellte das Signal »Ausrücken« durch alle Gänge. 5. Am Tage nach dem Liebesmahl herrschte im Kasino wieder reges Treiben. Der Schwarm der Reserveoffiziere, die das Offizierskorps verstärkten, und die aufgesetzten Bowlen und Flaschenkühler erweckten den Eindruck, als sollte das Gelage heut fortgesetzt werden. Die gestern zum ersten Mal redlich eingeseiften Sommerleutnants lieferten den Stoff zu allerhand Neckereien, und auch Briegs Ritt wurde höhnisch glossiert; er selbst war noch nicht erschienen. Daneben ging ein geheimnisvolles Tuscheln und Raunen von Mund zu Mund, das sich erst mit dem Käse etwas freier hervorwagte; kosteten doch vorher unziemliche Redensarten Geldstrafen, die vom Tischältesten mit Angabe des Grundes gewissenhaft gebucht wurden. Die Herren beratschlagten also mit geheimnisvollem Lächeln über ein kleines Fest mit Damen vom Sommertheater, das der junge Herr von Korner in seiner eleganten Junggesellenwohnung geben wollte und zu dem man auch, trotz dem Einspruch des Wirtes, mehr Ulkes halber als aus anderen Gründen, Brieg und seine Liebste einladen wollte. Die Stimmen gingen sehr auseinander, ob er überhaupt kommen würde, und Waldburg, den sein gestriges Glück noch kitzelte, wettete schließlich mit Meyring ein Flasche Sekt, daß er ihn schon dazu bringen wollte. »Der zimperliche Kerl«, achselzuckte der Adjutant, dessen Groll auf den jungen Offizier sich seit gestern verdoppelt hatte. »Was hast du eigentlich immer gegen ihn?« entgegnete Waldburg. »Er ist ein gewitzigt Männlein und stets gefällig. Neulich hat er mir erst ein pikfeines Kroki gezeichnet.« »Na, und die Geschichte von heute nacht«, achselzuckte der Adjutant. »Gott«, seufzte Waldburg, »er ist halt ein verrückter Hund. Aber das bin ich auch. In solchen Kerls steckt immer am meisten Murr...« »Er weiß das jedenfalls geschickt zu verbergen«, zischelte Meyring. »Weil er menschenscheu und verbohrt ist,« entgegnete jener. »Das ist's ja gerade,« fiel der Adjutant ein. »Er blamiert uns alle mit seinen Verrücktheiten und seinem exaltierten Wesen. Wenn wir nicht gestern noch auf gewesen wären: wer hätte da das Feuerpikett geführt? ... Wir hätten dann einen saftigen Anranzer von oben gekriegt« ... »Ich werde ihm dafür schon die Hammelbeine noch gerade ziehen,« nickte Herr von Waldburg. »Ihm fehlt nur die rechte Erziehung.« »Gute Lehren helfen bei dem nichts,« widersprach Meyring. »Morgen macht er doch wieder dieselben Geschichten ... Na, überhaupt,« fuhr er gedehnt fort, als besänne er sich auf etwas. »Acht Tage ist er bis oben zugeknöpft und spricht im Kasino keine Silbe; dann wieder besäuft er sich und redet das dümmste Zeug, daß man sich die Ohren zuhalten möchte. Er hätte überhaupt was andres werden sollen, als Offizier: Museumsdirektor oder Schauspieler oder so ... Der Kommandeur« ... »Sei kein Frosch,« schnitt Waldburg ihm das Wort ab; »der Brieg wird sich schon machen. Was soll ich denn erst sagen, wenn ihr schon den Mut verliert. Ich war's doch wahrhaftig anders gewöhnt in Hannover ... Da war die Elite der ganzen Kavallerie zusammen ... Da wurde entweder gejeut oder man war besoffen ... Aber hier – nicht mal 'ne Droschke gibt's in diesem Nest, wenn man mit dem Nachtschnellzug von Berlin kommt ... Hier ist alles um hundert Jahre zurück. Wenn die Welt mal untergeht, muß man sich hierher versetzen lassen; dann hat man wenigstens was voraus...» »Bis jetzt ist allerdings nur der olle ehrliche Seemann untergegangen,« lächelte Meyring boshaft. Waldburg hätte das Spielen mit ihm in Hannover fast um Hals und Kragen gebracht; aber er war noch einmal mit Strafversetzung davongekommen. »Warum so schadenfroh?« tadelte er seelenruhig. »Er war ein würdiger alter Herr. Habe manches Kärtchen mit ihm gebogen. Ein herber Verlust für die Armee, daß er so geendet ist ...« In diesem Augenblick erschien Brieg, wie gewöhnlich zu spät und bleicher denn je; er kam, klein wie ein Ohrwurm, mit verschiedenen Bücklingen näher. Die Prozedur der Eintragung ins Strafbuch ließ er seufzend über sich ergehen und nahm sich sogleich vor, die kleine Strafe wieder herauszusparen, indem er sich nur eine halbe Flasche Tischwein bestellte. Waldburg winkte ihn burschikos zu sich heran und schob einen Stuhl für ihn zurück. Er war dergleichen Liebenswürdigkeiten nicht gewöhnt und nahm diese Aufforderung dankbar an, zumal er noch von gestern ein schlechtes Gewissen hatte. »Na, Sie Opfer des Alkohols,« begann Waldburg sein Verhör, »kommen Sie mal wieder zu spät? Haben wohl Ihren Kater erst etwas gepflegt?« »Ich hatte bis jetzt Schwadronsdienst,« entschuldigte Brieg. »Das ist stets Ihre Ausrede!« widerlegte ihm jener barsch. »Kasino geht vor, das ist Regimentsdienst. Sie entziehen sich der Kameradschaft, – merken Sie sich das! – und die verfluchten Anknöpfmanschetten tragen Sie auch immer noch, mit der Zahnbürste zu reinigen...« »Ich will sie ja annähen lassen,« versprach Brieg verlegen. Ihm war diese Rüge in Gegenwart der Reserveoffiziere doppelt peinlich. »Ja, das sagen Sie immer,« fuhr Waldburg auf. »Sie wollen auch immer abends in die Kneipe kommen; aber Sie lassen einen darauf warten, wie auf die ewige Seligkeit, Sie unkameradschaftlicher Mensch Sie!« »Bitte, ich war erst vorgestern im Stadtgarten,« wandte der junge Herr ein. »Das ist auch 'ne Heldentat, da unter lauter Infanteristen... Ein Philister sind Sie, und damit basta. Was machen Sie denn abends, wenn Sie keinen Damenbesuch haben? Sie trinken Tee und lesen pikante Lektüre! Auch 'ne Lebensart.« »Ich lese keine pikante Lektüre,« wehrte Brieg ab. »Nun, dann dichten Sie, das ist noch viel schlimmer!« »Nur zu, ich bin's gewöhnt!« lachte er bitter. »Im Kadettenkorps wollte man mir dafür sogar ein Patent auf Verrücktheit ausstellen.« »Das ist freilich etwas deutlich,« sagte Waldburg in milderem Tone, der Brieg sofort entwaffnete, aber der kalte, harte Zug im Gesichte des Spielers schreckte ihn wieder zurück. »Sehen Sie mal,« fuhr dieser unbekümmert fort, »ich habe Sie ja soweit ganz gern, aber Sie müssen sich doch mal endlich mit der Wirklichkeit vertraut machen, Herr Poeta. Wenn Sie mal so alt sind, wie ich, können Sie mit Ihren Verrücktheiten doch eklig anlaufen ...« »Sie sind einer von denen, denen man nichts übel nehmen kann,« lachte der Geschulmeisterte. Er gab sich immer Mühe, nicht empfindlich zu erscheinen. »Denen, denen,« ... fiel Waldburg ihm brüsk ins Wort. »Sind Sie jetzt fertig? Dann kann ich ja weiter reden.« »Bitte, reden Sie doch,« gab er spitz zurück. »Sie sind noch ein Grünspecht und haben älteren Kameraden dankbar zu sein für ihre Lehren,« wies ihn Waldburg mit Würde zurecht. »Müssen auch mal 'n Spaß vertragen, ohne gleich aus dem Sattel zu fliegen! wer leicht pikiert ist, der ist weder klug noch stark – und eines davon muß man heute sein! Nehmen Sie sich ein Vorbild an uns beiden,« fuhr er mit einem Blick auf Meyring fort. »Der da ist der Schlaue, der Schuster, der über Leichen geht. Und der da« – damit schlug er sich auf die Heldenbrust – »ist der Starke, der Rücksichtslose, von dem Sie 'n bißchen natürliche Unverschämtheit lernen können...« »Das stimmt,« bekräftigte Meyring, dem diese Ausführungen gar nicht behagten. »wenn die den Ausschlag gäbe, wär' er schon kommandierender General...« »Ich bedanke mich dafür,« wehrte Waldburg ab. »Das Karrieremachen und die Schinderei überlaß ich dir, mein Lieber. Ich will nur noch 'n paar Jährchen wie 'n Mensch leben, mich nirgends langweilen und überall Freunde finden, eh' mir der Teufel das Genick umdreht ...« Ein melancholischer Zug glitt über das regelmäßige, etwas ausdruckslose Gesicht des schönen Offiziers. »Nanu, Waldburg, du wirst sentimental? Muß mir doch mal ansehen, wie das aussieht,« rief Meyring boshaft. »Bitte, konstatiere eine Träne in meinem linken Augenwinkel,« antwortete jener, rasch gefaßt. »Aber das gehört alles gar nicht zur Sache ... Um Sie handelt es sich, Brieg,« schloß er, mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Kommen Sie gefälligst öfter in die Kneipe und bilden sie sich da ...« Die Kneipe, in der ein früherer Rittmeister des Regiments, ein eingefleischter Junggeselle, den Vorsitz führte, war Brieg stets ein Greuel gewesen, als Fähnrich war ihm »dienstlich« anempfohlen worden, dort zu erscheinen; er saß wie im Kasino am Tischende, mit dem erstorbenen Wesen des Untergebenen in Gegenwart von Vorgesetzten, das sieben Kadettenjahre ihm aufgeprägt hatten. Oft war er zum Einschlafen müde von den ungewohnten Strapazen, die seinen jungen, hochgeschossenen Körper erschöpften. Aber zum Glück hielt es ihn wach, daß er zwanzigmal aufstehen mußte, sobald ein Vorgesetzter kam oder ging. Oder um ein Glas hinter die Binde zu kippen, so oft ein junger Leutnant ihm zuprostete. Bisweilen ulkte ihn auch einer an, um ihn fühlen zu lassen, daß er sein Vorgesetzter war, und er mußte das mit stummem Lächeln einstecken. In der Zwischenzeit durfte er zwanzig bis dreißig Streichhölzer anzünden, um die Herren mit Feuer zu versehen, und den nichtssagenden Bierreden lauschen, bis man endlich nach Mitternacht die verräucherte Stube verließ und er totmüde, den Magen voll Bier gepumpt, nach seiner Fähnrichsbude in der neuen Kaserne humpelte, um den nächsten Morgen um fünf Uhr wieder im Stelle zu stehen. Seit er Leutnant war, ging er um so seltner dorthin; wußte er doch kaum, was und mit wem er reden sollte. »Ob man sich da bildet...,« wagte er einzuwenden, aber ein grimmiger Blick Waldburgs ließ ihn nicht vollenden. »Übrigens habe ich auch gar nicht das Geld, immerfort in die Kneipe zu gehen,« setzte er entschuldigend hinzu. »Das glaub' ich, wenn Sie die Nächte durch Sekt saufen und sich Ihr Geld im Jeu abnehmen lassen,« bestätigte Waldburg, »lassen Sie doch die Pfoten vom Spiel, Sie haben ja doch nicht die Nerven dazu ... Ich kann jedem Anfänger nur abraten...« »Renommieren Sie doch nicht so mit Solidität,« näselte Herr von Auer, Waldburgs Gegenüber. »was die junge Brut jetzt frech wird,« bemerkte Waldburg mit Würde, »es ist unglaublich! Freut mich aber doch, daß Sie so geworden sind. Da hat meine Erziehung doch Früchte getragen. Nehmen Sie sich mal 'n Bleistift an dem, Brieg, – das war auch so'n Jammerlappen und ist jetzt doch ein brauchbares Glied des Offizierkorps geworden ...« »Wann kommt denn übrigens Ihr Alter?« setzte er nun scheinbar unvermittelt hinzu. »Bald,« sagte Brieg kleinlaut. »wird er Ihnen wieder so lange auf der Pelle sitzen wie vergangnes Jahr?« fuhr Waldburg fort. »Ich fürchte, ja,« seufzte Brieg. »Da werden Sie also immer bei ihm hocken und sich überhaupt nicht mehr blicken lassen, was?« forschte jener weiter. »Ich wollt', es wäre nicht so,« entgegnete der junge Offizier. »Glauben Sie, es wäre mir angenehm, so zwischen zwei Feuern zu sitzen. Die Kameraden hier und der Alte dort.« »Zwei Feuer?« wiederholte der Inquisitor. »Die Kameraden gehen doch wohl vor. Seien Sie gefälligst nicht so schlapp gegen Ihren Alten!« »Sie wissen, ich hänge ganz von ihm ab,« antwortete Brieg niedergeschlagen, »wenn ich nicht nach seiner Pfeife tanze, droht er, mir nichts mehr zu geben...« »Da haben wir's also!« polterte Waldburg heraus. »Das ist doch wirklich ein Skandal! Meyring, du mußt das dem Kommandeur sagen...« »Ich muß jetzt gehen und mich umziehen,« erklärte dieser gelangweilt. »Wieso?« »Na, junge Remonten bewegen ... Um acht ist Ball beim Brigadekommandeur. Der Oberst kommt auch hin.« »Solltest lieber die dumme Hopserei im Hochsommer lassen,« nörgelte Waldburg. Und indem er Meyring mit dem Fuß anstieß, brummte er halblaut: »Dummer Kerl, warte doch nur 'ne Minute, bis ich meine Wette gewonnen habe.« Dann wandte er sich unvermittelt zu Brieg: »wollen Sie uns dann wenigstens noch diesen Abend widmen, oder sind Sie dazu auch zu ruppig geworden?« Brieg wollte nicht wieder neue Kohlen auf sein Haupt laden und nickte zustimmend. »Ordonnanz, Flasche Heidsiek!« brüllte Waldburg, als ob er das große Los gewonnen hätte. »Was ist denn los?« fragte der junge Herr erschrocken. Als er erfuhr, um was es sich handelte, sträubte er sich mit Händen und Füßen, Marie mitzubringen. Aber da brauste Waldburg auf: »Zum Teufel, freuen Sie sich doch, daß Sie mit Ihrer Flamme mal in anständige Gesellschaft kommen. Außerdem haben Sie Ihr Wort gegeben, und das werden Sie doch nicht brechen wollen! Korner und Schmitt holen die Damen nachher ab, wenn das Theater aus ist. Punkt zehn Uhr fällt der erste Schuß. Kleiden Sie sich in Purpur und köstliche Leinewand...« Damit stand er vom Tische auf, ließ sich den eben gewonnenen Sekt neben den Spieltisch stellen und nötigte den Reserveoffizier zu einem Ecarté mit sehr hohem Point, während Meyring es fertig brachte, den schwachen Mann auch noch zur Übernahme seiner verlornen Wette zu bewegen. Dann verschwand er schleunigst. Waldburg belobte den gefälligen Stellvertreter für seine kameradschaftliche Gesinnung, während er sich dessen Sekt wohl schmecken ließ. »So ist es recht,« sagte er, mit ihm anstoßend, »ihr Sommerleutnants müßt uns den harten Dienst und seine hohen Kosten etwas erleichtern! Prost, Sie Unglücklicher!« Brieg verzehrte seine Mahlzeit, soweit sie nachserviert wurde, in trüber Stimmung. Er war wieder mal aufs Glatteis gegangen, was würde Marie dazu sagen? Ein solches Zusammensein in einem Restaurant, die Folge einer zufälligen Begegnung, hatte er noch in übler Erinnerung. Schmitt hatte sich damals gegen Marie die ärgsten Ausdrücke erlaubt, die diese zum Teil gar nicht verstand; als sie sie ihm aber nacherzählte, war er schamrot geworden und hatte sich geschworen, nie wieder mit ihr in solche Gesellschaft zu gehen ... Und nun hatte ihn Waldburg bei seinem angeblichen Worte gepackt und er glaubte in seiner Harmlosigkeit, es könnte ein Ehrenhandel daraus entstehen, wenn er es brach. Das war die Sache doch nicht wert! Nein, in Zukunft wollte er sich nicht mehr düpieren lassen, aber sein Wort halten mußte er wohl! Er war aufgestanden, die Hand auf das Tafeltuch gestützt, und schaute einen Augenblick verdrossen vor sich hin. Dann verließ er das Kasino, das die andern meist schon mit dem Sommertheater oder dem Wirtshaus vertauscht hatten. Nur Waldburg und Janitschek saßen noch bei Kerzenschein am Spieltisch. Brieg ging müde nach seiner Kasernenwohnung. Sein nasser Anzug hing noch als stumme Anklage auf Stühlen herum. Er fand einen Brief von seinem Berliner Schneider vor, der auf Bezahlung drängte. 6. Als er im bürgerlichen Gewande zur Kaserne hinausschlüpfte, wurden gerade die ersten Laternen angezündet. Er ging durch Seitengassen nach der Geschäftsgegend, um Marie von ihrem Laden abzuholen, wie oft hatte er da draußen im Herbstregen oder Winterschnee Posten gestanden, nicht zu nahe, um nicht als Leutnant in Zivil erkannt zu werden, und auch nicht zu fern, um sie gleich beim Heraustreten abzufangen. Im nächsten Herbst würden es zwei Jahre, daß er und Korner abends einen Straßenbummel nach der Altstadt machten. Eine kleine Brünette und eine Rothaarige, die an ihrem Arm hing, kamen an ihnen vorbei und sie verfolgten sie säbelrasselnd. Die Mädchen beschleunigten ihre Schritte, aber die Herren ließen nicht nach. So kamen sie im Eiltempo schließlich auf einen neuen, ganz dunklen Straßenzug, der noch wenige Häuser hatte. Eine Eisenbahn schnitt quer hindurch, und ihr Glück wollte, daß die Schranke gerade gesenkt wurde, noch ehe die beiden entrannen. Die Herren erboten sich, sie durch die unsichere Gegend nach Hause zu bringen, und die jungen Mädchen nahmen dies nach einigem Neinsagen schließlich an; doch ließen sie sich nicht bis vor die Haustür begleiten. Am nächsten Abend wollten sie sich auf dem Marktplatz wieder treffen – aber nur in Zivil – und ein paar Tage danach, als sie mehr Vertrauen gefaßt hatten, kamen sie sogar in ein Restaurant mit, aber nur in eine abgeteilte Ecke. Beim Sekt taute die Kleine allmählich auf. Korner hatte sich der Rothaarigen gewidmet und Brieg ließ sie ihm gern, denn Marie gefiel ihm ungleich besser. Sie hatte liebe, träumerische Augen. Brieg sagte ihr ein paar Schmeicheleien und wollte ihr zum Pfand seiner Zuneigung gleich ein Angebinde machen, was sie jedoch energisch zurückwies. Immerhin war sie durch seine dezenten und freundlichen Worte belehrt worden, daß er nicht zu jener Gattung von Offizieren gehörte, der man so Schlimmes nachsagte. Aber es bedurfte trotzdem einiger Geduld und Mühe, ehe die beiden einmal in Körners Wohnung mitkamen, wo man unbeobachteter war als im Restaurant, und auch dann kam es zu weiter nichts, als daß beide Paare nach einem kleinen Abendessen Arm in Arm auf dem Sofa saßen, während draußen der Novemberregen gegen die Scheiben klatschte ... Dann kam das Christfest, wo die beiden Rekrutenoffiziere keinen Urlaub erhielten und sich jeder selbst ein Bäumlein ausputzte. Das gab den Anlaß, daß Marie Briegs Kasernenwohnung besuchte, obgleich dies natürlich verpönt war. Sie lag jedoch sehr bequem in dem Eckpavillon und hatte einen besonderen Eingang, zu dem Brieg sich einen Schlüssel hatte nachmachen lassen. Am heiligen Abend war Mannschaftsbescherung, aber am ersten Festtag hatte er seiner kleinen Freundin ein paar Kleinigkeiten aufgebaut, ein paar Handschuhe, Parfüm, eine kleine Brosche, über die sie sich kindlich freute; und sie hatte ihm ein seidenes Tuch mit seinem Monogramm gestickt. Der Wachsduft der bunten Lichter mischte sich mit dem frischen Tannengeruch, und eine selig-wehmütige Weihnachtsstimmung ergriff ihn. Er dachte an seine Kindheit mit den alten, holden Weihnachtsliedern, dem prangenden Christbaum, den liebende Mutterhände geschmückt hatten, und er zog das Mädchen fest an sich. Er war seit dem Tode der Mutter so ungeliebt und einsam gewesen, und die weiblichen Wesen, mit denen er bisher in Berührung gekommen war, verdienten kaum eine menschliche Regung. Und nun saß dies einfache Kind aus dem Volke neben ihm... Der kräftige Bischof, den er gebraut, und die Hitze des Ofens, den der Bursche bis zur Notglut geheizt hatte, brannte auf ihren Backen und sie schmolz vor seinen Küssen schließlich dahin ... Am nächsten Tage brach sie in einen Tränenstrom aus und sagte: »Nun wirst du mich gewiß nicht mehr lieb haben.« Aber im Lauf ihres Gesprächs seufzte sie, es hätte ja doch einmal so kommen müssen und sie wollte nicht klagen; sie wäre nun ganz sein und wollte es bleiben, solange er sie möge... Sie war es geblieben und er hatte sie stets geachtet. Nie war ein gemeines Wort über seine Lippen gekommen, und nie hatte sie von ihm etwas angenommen, als kleine Aufmerksamkeiten. Allnächtlich nach ihrem Zusammensein brachte er sie den weiten Weg nach Hause, und wohlweislich führte er sie nie mit Kameraden zusammen, bis zu jenem Abend, wo der Zufall sie Schmitt und Konsorten begegnen ließ... Nachher war die Kleine in Tränen ausgebrochen und hatte gesagt: »Pfui, was sind das für schlechte Menschen! Du bist doch ganz anders!« Ein Wort hatte das andre gegeben, und so kamen sie auch auf Korner und Emmy... Brieg hatte lange nichts mehr von ihr gehört und gesehen; jetzt wußte er, weshalb Marie so lange geschwiegen hatte... Das Mädchen hatte erst gar nicht gewußt, was ihr fehlte. Sie war schließlich zum Arzt gegangen und hatte von ihm erfahren müssen, wie weit es mit ihr gekommen war. Korner hatte ihr Geld für das städtische Krankenhaus gegeben, da die Eltern sie verstoßen hatten; und wovon sie jetzt lebte, war nicht schwer zu erraten... Brieg entsann sich, daß Korner ihn seit geraumer Zeit mied und ihn nie mehr nach seiner Liebsten fragte; jetzt war ihm der Grund dafür klar. Inzwischen schlug es auf der alten Turmuhr zehn und Marie kam aus dem Laden. Sobald sie ihn erkannte, schritt sie auf ihn zu und begrüßte ihn mit einem Kuß. Sie merkte ihm seine gedrückte Stimmung an und fragte, wie ihm gestern das Liebesmahl bekommen sei. Er sagte ihr kurz heraus, um was es sich handelte. »Korner?« fragte sie. »Aber der ist doch...« Brieg zuckte die Achseln. Er war kein Arzt und kannte ja auch die leichtfertigen Anschauungen in diesem Punkte, wer krank in die Ehe treten konnte, um Frau und Kinder für ewig unglücklich zu machen, warum sollte der ein Frauenzimmer verschonen? Mitleid mit einem Frauenzimmer – den Gedanken schon hätten seine Kameraden lächerlich gefunden. Marie war nicht so ablehnend, wie Brieg vermutet hatte. Sie war neugierig darauf, welche Rolle Korner in ihrer Gegenwart spielen würde; sie wollte ihm scharf ins Gesicht sehen. Das Los ihrer alten Freundin, die sie jetzt nur noch selten und heimlich begrüßte, ging ihr sehr nahe. »Ich glaube gar, da geht sie,« sagte sie plötzlich. Es war wirklich so; Emmy flanierte müden Schrittes auf und ab. Marie schlüpfte aus Briegs Arm über die Straße zu ihr. Aber sie prallte bei ihrem Anblick zurück. Sie hatte blaue Ringe unter den Augen, die Haare noch greller als sonst, die Backen geschminkt, und atmete eine Wolke schlechten Parfüms aus. »Na, du kennst mich wohl nicht wieder,« lachte sie mit ihrer scharfen Stimme. Dann erkundigte sie sich zweifelnd, ob Marie noch ihr altes Verhältnis habe. »Ja, wir gehen heute sogar zu Korner, wie damals; er gibt ein Fest...« Bei dem Namen zuckte Emmy zusammen. »Ich gehe nur hin, um dem Kerl mal scharf in die Augen zu sehen; sonst verkehren mir nie bei ihm,« setzte Marie rasch hinzu. »Ich erzähle dir alles das nächste Mal.« Damit war sie wieder entschlüpft und hatte Brieg mit ihren flinken, elastischen Schritten eingeholt. Ihm war es etwas peinlich, daß sie noch mit diesem Mädchen verkehrte, und noch peinlicher, daß sie gesagt hatte, wohin sie heute abend gingen. »Wenn die nun nachher Spektakel macht und das Fest stört?« brummte er. Marie schwieg verlegen. Briegs Vorwurf über ihre Voreiligkeit schien ihr durchaus berechtigt und doch konnte sie über Emmy nicht den Stab brechen, wäre sie an jenem ersten Abend durch Korners verbindliches Wesen und sein gewinnendes Lächeln mehr bestochen worden, als durch Briegs Schlichtheit, so wäre sie jetzt wohl an Emmys Stelle! Ihr schien, daß die einzige Schuld auf den fiel, der sich ihrer so leicht entledigt hatte. Doch versprach sie Brieg, heute abend nichts zu provozieren und sowohl gegen Schmitt wie gegen Korner höflich zu sein. Inzwischen war Waldburg mit dem Reserveoffizier gemütlich nach Korners Wohnung geschlendert. Waldburg ließ den Säbel nachlässig schleifen und blickte hin und wieder mit Geringschätzung auf die Töchter des Landes, die sich nach dem schönen, blasierten Offizier nicht selten den Hals abdrehten. Sie gingen eine langweilige gerade Straße entlang, in der Waldburg das Gähnen kriegte, dann über den Fahrdamm, auf dem ein Pferdebahnwagen sich langsam heranbewegte. »Achtung, die Trambahn,« warnte der vorsichtige Großstädter. Aber Waldburg ging stracks weiter und die Pferdebahn wartete ehrerbietig, bis die beiden Herren die Straße gekreuzt hatten. »Mit so 'nem Ding hab' ich letzten Herbst meine Besuche machen müssen,« hohnlachte Waldburg. »Es war wieder mal keine Droschke da. Der Karren tat's schließlich auch. Er hielt vor jedem Hause, wo ich meine Karten abzugeben hatte.« Die Herren trafen in Korners Wohnung entschieden zu früh ein. Der Bursche steckte erst die Lampen an. Korner empfing die Herren mit vielen Entschuldigungen in Hemdsärmeln. Er setzte eben die Bowle an und gab zwischendurch Anweisungen für die Ordonnanzen, die mit verdeckten Schüsseln, Geschirr, Silber und Weinkörben beladen einfältig dastanden oder die Festtafel zu decken begannen. »Donnerwetter, schönes Souper,« schnalzte Waldburg. »Kaviar, Majonnaise... Sie haben sich ja verdammt angestrengt ... Eigentlich viel zu schade für die Frauenzimmer... Desto mehr sind wir verpflichtet, unsern guten Geschmack zu beweisen... Überlassen Sie mir übrigens die Bowle und ziehen Sie sich an; ich glaube, sie kommen schon...« Korner zog sich mit verbindlichem Dank zurück, als es bereits mit einem Spazierstock ans Fenster klopfte und ein ziemlicher Lärm von unten herausdrang. »Macht doch nur nicht solchen Spektakel,« rief Waldburg, ans Fenster tretend; »wir Kriegen sonst noch die Polizei auf'n Hals.« »Teufel auch,« rief eine barsche Stimme herauf, »das Mädel da will ja nicht mitkommen.« »Sie haben wohl keinen Hausschlüssel gekriegt?« ließ sich Schmitts stimme vernehmen. »He, du, Schmitt,« rief Waldburg in plötzlichem Einfall, »komm doch eben mal schnell 'rauf und hilf bei der Bowle. Inzwischen können die Herrschaften ja unten Platz nehmen, bis sie sich geeinigt haben...« Schmitt ließ die beiden Damen los, die er untergefaßt hatte, und erschien auf der Bildfläche. »Du, ich Hab 'nen Gedanken,« raunte Waldburg ihm zu. »Gießen wir 'ne Flasche Kognak in die Bowle; wir zwei können uns ja vorsehen.« Schmitt fand den Einfall vortrefflich und stürzte sich auf den wohlbekannten Likörschrank. Der Streit unten schien bereits geschlichtet; denn als die Ordonnanzen die Tür verlassen wollten, prallten sie mit den Eintretenden zusammen und wichen respektvoll zur Seite aus, als Auer sie anfluchte, Platz zu machen. Schlag fertig wie immer, hatte er die Widerspenstige durch die komische Drohung umgestimmt, sie als »herrenlosen Gegenstand« auf der Polizei abzugeben, und zerrte sie nun triumphierend am linken Arm hinter sich her, während an seiner grünen Seite eine kakelbunte Person hereinkam, die einen radgroßen, fleischroten Hut mit einem Walde von blitzblauen, wackelnden Kornblumen trug, hinterher folgte der Reserveleutant Werdeck mit zwei Damen, deren eine fuchsrotes Haar hatte; beide Herren waren in Zivil. Fast im nämlichen Augenblick ging auch die Schlafzimmertür auf und Herr von Korner erschien als Dandy in tadellosem Smoking mit ungestärktem Hemdeinsatz und begrüßte seine Gäste. »Darf ich Ihnen meine neuste Braut vorstellen?« schnarrte Auer mit tiefer Verbeugung vor der sich noch immer Sträubenden. Doch sobald diese der zwei Uniformen ansichtig ward, machte sie auf den Hacken kehrt und wollte hinaus. »Unter Offizieren...,« stotterte sie, »da lassen Sie mich bitte gehen.« »Hm, hm,« machte Auer, »die scheint Erfahrung zu haben.« »Bleib nur ruhig, Gretchen,« begütigte die Person, die in Auers Arm hing, in gewöhnlicher Tonart. »Die sind gar nicht so hochmütig... Die verkehren mit uns wie mit ihresgleichen... Das mit Vornehmtun steht nur in den Witzblättern drin...« »Ihre Unschuld brauchen Sie ja nicht gleich zu verlieren,« bemerkte Schmitt, indem er ruhig die leere Kognakflasche fortsetzte. Aber damit machte er die Sache nur schlimmer. »Lassen Sie mich hinaus oder ich schreie um Hilfe!« rief Grete aufgeregt. Die andern wollten sich schief darüber lachen. »Der Tugendspiegel wird auch noch blind werden,« grinste die Rothaarige, die sich eben mit Korner kordial begrüßte. »Alles nur Gewohnheitssache.« Waldburg sah, daß er eingreifen mußte. Er faßte das Mädchen, das sich verzweifelt hin und her wand, eisern beim Handgelenk und begütigte es. »Wir beißen nicht, kleines Fräulein, wir sind wirkliche Menschen. Kommen Sie nur vertrauensvoll zu mir. Ich bin Strohwitwer und nehme Sie unter meine Fittiche.« »Sind Sie denn verheiratet?« fragte das junge Mädchen etwas erleichtert und alle platzten heraus. »Na, nicht offiziell,« lachte Waldburg. »Aber der Herr hier ist ein solider Ehekrüppel,« sagte er mit einem Hinweis auf Janitschek, der bisher verlegen am Tische gestanden hatte und sich in dieser Gesellschaft ebenso unwohl zu fühlen schien wie in seiner engen Uniform, »allerdings hat er den Ehering wohl in die Tasche gesteckt, der Heuchler!« »Pfui, Sie sind schlecht,« machte Grete und wollte sich loswinden. Aber Waldburg hielt sie fest umklammert. »Fräulein,« sagte er volltönend, »auch Sie werden die Welt nicht bessern. Fügen Sie sich lieber in Ihr Schicksal und verderben Sie uns den Abend nicht; das rät Ihnen ein graues Haupt.« Waldburgs ruhige Bestimmtheit beruhigte sie zusehends und sie ergab sich schließlich in ihr Los. Bald darauf erschien auch Brieg mit Marie, er in seinem einfachen Zivil, sie in einem selbstgenähten Sommerfähnchen. »Na, was haben Sie denn für'n ruppigen Kittel an, Sie sehen ja aus wie ein Vereinsdiener,« schalt Waldburg den Ankömmling. Brieg sagte dem Wirt ein paar kühle Höflichkeiten und Marie blickte Herrn von Korner mit einem eigentümlichen Blick an. Wir kennen uns wohl noch...« »Ach ja,« schnitt Korner ihr das Wort ab. »Wie geht's denn jetzt, was?« Auch mit Schmitt begrüßte sie sich sehr kühl. Er schien sie überhaupt nicht wieder zu erkennen und hatte nur Augen für Grete. Die übrigen Damen hatten inzwischen sehr ungeniert abgelegt und Brieg blickte die Rothaarige von der Seite an. Er entsann sich ihrer dunkel vom Theater her und fand, daß sie eine gewisse Ähnlichkeit mit der bedauernswerten Emmy hatte. »Na, meine Herrschaften,« begann Korner, zum Platznehmen einladend, »da wir sieben Herren und fünf Damen sind und vier davon bereits vergeben, so muß das störrische Fräulein wohl in drei Teile geteilt werden.« »Na, ich wüßte schon, welchen Teil ich nähme,« grinste Schmitt über sein ganzes rotes Gesicht. »Warum lachen Sie denn, meine Herrschaften?« fragte er im Kreise herum, obwohl niemand dies tat. »Ich meinte natürlich die Herzpartie. Meinten Sie etwas andres?« Die Freundin der Rotblonden gab ihrem Galan für diese Anzüglichkeit eine Ohrfeige. »Nu sind wir ja beim rechten Ton angelangt,« seufzte Waldburg erleichtert. Damit war der Bann gebrochen und alles griff zu den frisch gefüllten Gläsern. »Prost, meine Damen, die freie Liebe!« rief Schmitt. Brieg stieß in seiner Verlegenheit so heftig an, daß sein Glas überschwappte; ihm war hier noch unbehaglicher zumute als im Kasino. Die impertinenten Blicke der Weiber brannten ihm auf den Backen und er wußte einfach nicht, was er sagen sollte. So begnügte er sich damit, sie von unten herauf zu beobachten. Anna, die sozusagen die Dame des Hauses spielte, hatte bei aller Ähnlichkeit mit Emmy doch etwas viel Eleganteres; sie war sogar die Eleganteste von allen. Dabei gestikulierte sie freilich mit dem Messer durch die Luft und schrie mit ihrer schrillen Stimme. Ihre Freundin Paula, ebenfalls Schauspielerin, sah schon weit gewöhnlicher aus. Ihr Sommerkleid war so tief ausgeschnitten, daß Brieg nicht recht wußte, wo er hinsehen sollte. Sie hatte eine Art von schämigen Augenaufschlag, hinter dem die Feilheit grinste, mit dem sie ihn schon auf der Bühne angewidert hatte. Grete, die einfache Statistin war, verschlang stumm und heißhungrig, was in ihre Nähe kam, als wollte sie sich für acht Tage sattessen. Bisweilen blickte sie scheu auf, als fürchtete sie, man wolle ihr etwas fortnehmen, während Auers Eulalia, die der Kürze halber Eule genannt wurde, ihrer kakelbunten Kleidung wegen aber eher den Beinamen Papagei verdient hätte, die Majonnaisensauce vorsichtig von dem Hummerfleisch abkratzte und dieses mit langen Zähnen verspeiste. Anscheinend mundete ihr das ungewohnte Gericht nicht. Sie war im Nebenamt wohl noch etwas andres als Statistin; man brauchte nur zu sehen, mit welcher sinnlichen Gier sie die Bowle schlürfte oder ihre dicke Unterlippe zwischen den Zähnen durchzog; und den Rest des Zweifels zerstörte der aufdringliche Patschuliduft, den sie ausströmte. Brieg sah mit Ekel, wie sie ihre Wurstelfinger mit den Talmiringen und schwarzumränderten Nägeln stochernd im Munde bewegte, und bewunderte im stillen die Genügsamkeit des Geschmacks, der sich solch eine ausgesucht hatte. Und doch: wie gut paßten alle diese Pärchen zueinander! Er tauschte mit Marie einen verständnisvollen Blick aus: sie fanden beide diese Gesellschaft höchst peinlich und dachten unwillkürlich an die Tage zurück, wo sie mit Korner und Emmy hier gesessen hatten und ihre Beziehungen sich knüpften. Es war ihnen sehr lieb, als die Mahlzeit beendigt war und nun aller Zwang aufhörte. Korner ließ eine mit seinem Wappen protzig verzierte Zigarettentasche herumwandern und man setzte sich, wie es jedem beliebte. Brieg begann ein Gespräch mit dem Reserveleutnant Werdeck, einem Lübecker Juristen, der dem Treiben mit frostiger Ruhe zusah. Er betrachtete die Reserveübungen, denen er sich ja nicht entziehen konnte, als eine Art Sommerreise, aber besonders sagten ihm die Eindrücke dieser Reise nicht zu, wiewohl er weder ein Tugendprotz noch ein Spielverderber war. Brieg hatte schon am Abend des Liebesmahls viel mit ihm geplaudert; er hatte mit Entzücken bemerkt, daß sich mit ihm über mancherlei reden ließ, ohne daß er gleich scheel blickte oder ausfallend wurde; und dem vorsichtigen Juristen, der ohne die Scheuklappen der aktiven Herren um sich sah, war es nicht entgangen, daß in diesem ungeschulten Kopfe selbständiges Denken steckte. Er hatte seine unglückliche Zwitterstellung bedauert, in der seine Talente sich zerrieben, und wohl gemerkt, wie die Hänseleien der Kameraden sich zu wahrer Erbitterung steigerten, sobald er einmal über etwas andres zu reden wagte oder andre Interessen verriet, als die üblichen. Um so lieber hielt Herr von Brieg sich jetzt an den Assessor; er sprach mit ihm sogar sehr ungeschminkt über die Schattenseiten des ersten Standes, und Marie hörte aufmerksam zu. Auch Grete hatte sich vor Schmitts Verfolgungen zu den dreien herübergerettet, während der Rest samt dem andachtsvoll lauschenden Janitschek sich in immer dichtere Rauchwolken hüllte, aus der nur die Zoten und Lachsalven hervorplatzten. »Na, Fräulein,« sagte Marie zu der Neuhinzugekommenen, »die Unterhaltung ist Ihnen drüben wohl auch zu gemischt? Es ist traurig – nehmen Sie's mir nicht übel, Herr Leutnant,« entschuldigte sie mit einer Bewegung gegen Werdeck, »daß das alles von außen so stolz und glänzend aussieht, und innen ist es so schlecht.« »Ja, es ist traurig,« bestätigte Brieg bitter, »und noch trauriger ist es, daß man verloren ist, wenn man es nicht mitmacht. Wer noch anständig fühlt, versteckt sich hinter Zoten, um nicht als weißer Rabe zu gelten ... Sie sind gut dran, Herr Werdeck, Sie brauchen nicht immer mit den Wölfen zu heulen... Ich muß es...« »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage!« intonierte eben Herr von Auer in der andern Gruppe. »Sie hätten etwas andres werden sollen, Herr von Brieg,« sagte Weideck ruhig, aber freundlich. »Aber was?« fiel Brieg ein. »Ich bin im Kadettenkorps erzogen.« »Und Sie können wirklich nichts andres anfangen?« fragte Werdeck nach einer Pause. »Ja, Weinreisender oder Versicherungsagent,« platzte der junge Herr heraus. »Das ist so ziemlich alles... Außerdem würd' es mein Vater wohl nie zugeben ... Es wäre gegen die Familientradition... Mir steckt der Soldat ja auch im Blute,« lenkte er ein, nachdem er sein Glas geleert hatte, »es gibt auch so mancherlei Lichtblicke! Im Manöver zum Beispiel und bei großen Truppenübungen – da weiß man doch noch, wozu man da ist! Diese bunten, wechselvollen Tage, diese Spiele des Zufalls, dieses Zusammenwirken von Kraft und Geist, Mut und Klugheit, dieses Gemisch von Zwang und Freiheit, Ernst und Komik, diese Poesie des Feld- und Lagerlebens, diese Mondnächte auf stiller Wacht oder am lohenden Biwaksfeuer, diese geheimnisvollen Nachtübungen, dies nomadenhafte Durchschwimmen von Flüssen, die Attacken und Reitergefechte, diese weiten, tagelangen Ritte mit einer Handvoll Menschen, auf eigne Faust, eignen Kopf, eigne Verantwortung hin! ... Wär's doch das ganze Jahr so und nicht nur die paar Wochen! Nie wieder zurückkommen in Bahnstaub und Kasernenluft, in den Zwang der Gesellschaften und Kameraden! Immer Manöver – oder Krieg! Mit dem Säbel in der Faust vor dem Lanzenwall der Schwadron in todspeiende Batterien jagen, und dann eine Kugel hier ins Herz! ...« Brieg war begeistert aufgesprungen; ein irres Feuer zuckte in seinen Augen. Aber gleich wieder knickte er verlegen zusammen, denn seine lauten Worte waren drüben gehört worden und man hatte gesehen, wie er sich aufspringend nach der Brust griff. Eine Lachsalve war die Antwort. »Na, so'n Krieg ist doch was verdammt Unangenehmes,« rief Schmitt dazwischen und kam zu den dreien herüber, »hören Sie mal,« und damit schlug er Brieg derb auf die Schulter, »Sie sind wohl schon wieder so weit wie gestern abend? Aber heute laß ich Sie nicht durch die Lappen gehen, mein Bürschchen. Des Nachts soll der Soldat im Bette liegen – er braucht ja nicht einsam zu sein. Nicht wahr, kleiner Käfer« fragte er die Statistin und kniff sie in die weinheiße Backe. »Bitte verschonen Sie mich mit diesen Redensarten« fuhr das Mädchen gereizt auf. »Ich habe mich extra hierhergesetzt, um Ihrer Unterhaltung auszuweichen.« Auch Marie warf ihm einen zornigen Blick zu. »Ach was,« lachte Schmitt etwas rüde, »Sie müssen nicht gleich alles so tragisch nehmen, wenn man den Tag lang so viel Schinderei hat wie wir, kann man nicht von Seide sein.« Zum Glück wurde Schmitt von der eifersüchtigen Paula wieder auf das Sofa zurückgezerrt. »Ach du,« antwortete er auf ihre Vorhaltungen. »Ihr Weiber seid auch nicht besser. Den einen nennt ihr lieber Schatz und gebt dem andern hinterm Rücken 'ne Kußhand... Da sind wir doch noch ehrlicher, wir tun es wenigstens offen...« Brieg machte nur eine drastische Handbewegung, als wollte er sagen: »So Sind sie nun.« Ein paar Jahre älter, hätte er milder geurteilt, aber in seinem hochgespannten Idealismus schienen ihm solche Exzesse der Jugend unverzeihlich. »Na,« begütigte der Reserveleutnant, seine Zigarette in der Hand drehend, »wenn Sie erst auf Akademie sind, dann sind Sie geborgen. Noch ein, zwei Jährchen Geduld...« »Wenn ich bis dahin nicht verrückt geworden bin,« seufzte Brieg. In diesem Augenblick erschien in der Tür, nachlässig grüßend, Herr von Meyring. »Bonsoir, Messieurs!« lachte er und schlug sich mit den ausgezogenen Glacéhandschuhen auf den Schenkel. »Habe nun genug Süßholz geraspelt...« Er nahm ziemlich echauffiert an der größeren Tafel Platz und musterte die Damen mit stechenden Blicken. Die Kognakbowle blühte auf den weinseligen Gesichtern, Anna begann sich infolge der Hitze aufzuknöpfen und die Eule war auf Auers Schoß gerutscht, während Paula verwegen die Beine übereinanderschlug und ein Meer von Spitzen sehen ließ, das Geschenk eines wohlhabenden Kaufmanns, aus dem ihre roten Strümpfe lüstern hervorleuchteten. Die Schuhe mit den schief gelaufenen Absätzen wirkten allerdings minder schön; sie trug sie gewiß nur zur Kontrastwirkung. Meyring schimpfte ziemlich unverhohlen über den Ball. »Drei Stunden mit dekolletierten Mädels herumhopsen und dabei den keuschen Josef spielen ... Das ist wie im Museum: Alles ansehen, aber nichts anfassen ...« Ein wildes Gelächter belohnte den groben Witz und alles prostete ihm zu. Im Grunde hatten die meisten den gleichen Widerwillen gegen alle Geselligkeit und suchten sich von ihr zu drücken oder, wie jetzt Meyring, bei Frauenzimmern dafür schadlos zu halten. Nur gezwungen gingen sie dahin, wo sie mußten, oder mit Hinterabsichten, wo sich etwa eine reiche Partie fand. Nur wenige, wie der kleine Graf Limburg und ein Herr von Zastrow, bildeten eine Ausnahme; sie suchten die Geselligkeit aus wirklicher Freude am Tanzen und an harmloser Fröhlichkeit auf. Übrigens brachte Meyring gerade über Herrn von Zastrow eine Neuigkeit mit, die er sehr diskret auftischte: der Bewußte hatte sich heute abend, gerade als der Kommandeur sich verabschieden wollte, mit Fräulein von Wernsdorf, seiner alten Liebe, verlobt ... Die Herren zuckten die Achseln darüber und erklärten, daß er sich doch wenigstens eine reichere Frau hätte aussuchen können. Übrigens verlor niemand etwas an ihm; er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch, der ganz von seinem Herzenswunsch beseelt war und weder den Kameraden noch ihren Schönen viel bedeutete. »Na, überhaupt heiraten,« schnitt Herr von Schmitt dies Thema ab. »Altersversorgung ... Oder wenn einem so'n Halsabschneider die Schlinge zuziehen will ... Die schöne Freiheit drangeben ... Papa, Mama, Aa ... Brr!« Dann wurden die anderen Damen durchgehechelt. »Die älteste Tochter des Hauses war so weit ausgeschnitten,« erklärte Meyring mit einem beherzten Griff in den Busen der aufquietschenden Paula. »Aber an den Armen hatte sie Handschuhe, so hoch ... Und rote Strümpfe hatte sie auch an, so hoch...« ergänzte er mit einem Griff nach ihren Schenkeln. Damit war die Stimmung wieder hergestellt. Brieg hatte der Unterhaltung vom andern Tisch herüber zugehört; er wünschte im stillen, daß die jungen Damen, die in ihren Kavalieren Halbgötter zu sehen pflegten, einmal unsichtbar einer solchen Darstellung lauschten. »Was machen denn die vier Philister da?« fragte Meyring, sich plötzlich umdrehend, als hatte er Briegs geheimen Ekel gefühlt, »Ah so, Brieg und seine ... Aber der andere kleine Käfer! ...« Damit stand er auf und wandte sich hinüber. »Na, kleine Stute,« schäkerte er, indem er sich Grete fast auf den Schoß setzte, so daß diese entrüstet abrückte. »Pardon,« entschuldigte er, »habe eben junge Remonten bewegt; da bin ich noch bei den Pferdeausdrücken. Wie lange sind Sie denn schon bei der Sache? ... Ich meine, beim Theater ...« »Ich bin nur Statistin,« entgegnete Grete spitz. »Meine Mutter ist krank und da hab' ich mir etwas verdienen wollen für dem Arzt seine Rechnung ...« »Das können Sie billiger und angenehmer haben,« schmunzelte Meyring. »Wieso?« »Na, spielen Sie doch, wenn das Stück aus ist, nicht weiter Komödie. Ich wohne hier ganz nahe ...,« sagte er, sich an sie herandrängend und sie mit den Füßen anstoßend. Grete war aufgesprungen. »Bitte, bringen Sie mich nach Hause,« bat sie Brieg flehentlich; »Sie waren den ganzen Abend so anständig.« »Donnerwetter,« machte Meyring, »gratuliere zu der Liebeserklärung! Aber glauben Sie dem Herrn nicht, der tut nur so. Stille Wasser sind tief. Kommen Sie lieber mit mir ...« »Sie sollten sich schämen, einem anständigen Mädchen so was zu sagen,« fauchte die Kleine. »Deine Freundin will ja schon gehen, Paula,« lallte drüben eine schrille Stimme. »Freundin,« zuckte Paula die Achseln, »das Frauenzimmer blamiert uns höchstens ... Laßt sie doch laufen; wir finden schon allein den rechten Ton.« Aber Meyring ließ seine Beute nicht locker. Seine Rechte hatte sich in ihr Armfleisch gekrallt, und mit den Augen hatte er sie bereits ausgezogen. »Halten Sie einen doch nicht so lange hin,« bat er mit sinnlichem Blick, »man ist doch schließlich auch ein Mensch.« So gelangte sie in fortwährendem Ringen bis zur Tür, aber Meyring setzte den Fuß davor. Da wand sich das Mädchen gewaltsam los und eilte zum Fenster, um es aufzureißen. Meyring schrie der Gruppe auf dem Sofa zu, sie aufzuhalten, und Schmitt sprang bereitwillig auf, schmiß einen Stuhl dabei um und bemächtigte sich Gretes, während Janitschek, der leicht eingenickt war, bei dem Gepolter in die Höhe schrak. Allmählich umringten auch die anderen die ratlose Grete. Auer hatte die Eule um die Hüften gepackt und stieß ein animalisches Gähnen aus, während sie mit sinnlichen Augen vor sich hinstierte und eine halb angerauchte Zigarette in ihren Fingern zerwurstelte. Brieg wußte nicht, wie er das arme Ding, das ihn um Hilfe angefleht hatte, vor dieser Übermacht retten sollte. Ein plötzlicher Ekel ergriff ihn vor dieser Stickluft von Zigarettenqualm und schwülen Parfüms. Wie die Frauenzimmer ihn anglotzten, als hätten in diesem Kreise selbst Dirnen ein Recht, ihn zu verachten! Und dazu die schlüpfrigen Reden, die den Brand der Begierde noch schürten! Ihm kam das mit einem Mal alles so widerlich vor, daß er die Teller mit den Speiseresten hätte zerschmeißen mögen und den ganzen Krempel kaputschlagen. »Kommen Sie, Fräulein,« sagte er mit zitternder Entschlossenheit, »ich werde Sie hinausbringen.« Aber Meyring hatte sie festgepackt und zerrte sie am andern Arm. »Gehen Sie doch mit Ihrem Frauenzimmer, aber mischen Sie sich nicht in andrer Leute Angelegenheiten,« schrie er zornrot. Brieg fühlte das Blut in seinen Schläfen pochen. Ein wilder Haß ergriff ihn gegen diesen Pharisäer, der Karten spielte und hilflose Mädchen bedrängte und ihm gegenüber doch immer den Sittenrichter oder Vorgesetzten herausbiß. »Lassen Sie uns hinaus,« schrie er mit drohender Faust, »oder ...« Waldburg wollte eben einschreiten, als es draußen stark an die Glasscheibe klopfte. Alles fuhr ernüchtert zurück und drängte dann wieder nach dem Fenster. »Wer ist draußen?« fragte Korner, die Flügel aufreißend, und lehnte sich mit der Rothaarigen hinaus. Eine Weibsperson in flammendem Goldhaar stand auf der Straße, in ein schrilles Gelächter ausbrechend. »Ich wollte nur schauen,« schrie sie herauf, »wen du jetzt krank und unglücklich machst, nachdem du mich an den Rinnstein gebracht hast.« Marie war beim Klang dieser Stimme zusammengefahren und, ehe sie Brieg zurückhalten konnte, ans Fenster geeilt. »Emmy,« rief sie über die Köpfe weg, »geh nach Hause, armes Ding! Was machst du jetzt draußen?« »Was ich jetzt mache? Ich habe nach keinen gefunden ...« Und mit gellender Lache verschwand sie in die Nacht. Die ganze Gesellschaft blickte Marie von unten nach oben mit einem langen »Ah!« an und die Eule begann unterdrückt zu feixen. Korners Freundin hatte sich aus seinem Arm losgerissen. Er warf einen schneidenden Blick auf Marie, dann auf Brieg, und sagte, kalt lächelnd: »Ah, Sie haben ihr wohl gesagt ...« »Komm, gehen wir jetzt,« wich dieser aus, um Marie vor weiteren Unbilden zu schützen. »Und Sie, Fräulein, auch,« setzte er zu Grete hinzu. Jetzt hinderte sie keiner, ihren Hut zu nehmen und sich anzuschließen. Brieg wurde kaum begrüßt. Dann schloß sich die Tür. »Der Teufel hole den Brieg und seine Dirne!« fluchte Meyring hinterdrein und alles brach in Verwünschungen aus. Umsonst bat Korner die Rothaarige, auf die Lügen einer albernen Dirne nicht zu hören. Er wüßte, wer sie sei, und würde sie durch die Polizei belangen lassen. Anna setzte taub ihren Hut auf und ging, seine Begleitung mit Schimpfworten abweisend. Da brachen auch die übrigen auf. Korner bat die Herren verlegen, sich durch eine dumme Weiberlaune nicht vertreiben zu lassen. Aber seine Vorstellungen fanden kein Gehör. Auer war der erste, der den Humor wiederfand. Er umfaßte die Kristallbowle, in der noch ein ziemlicher Rest stand, mit beiden Händen und setzte sie an. »Prost, Kinder!« schrie er. »Wir wissen nicht, ob wir so jung nochmal zusammenkommen!« So lachte man wenigstens beim Abschied. »Na, alter Freund, Sie wackeln ja bedenklich,« stieß Waldburg Herrn Janitschek an, der sich den Schlaf aus den Augen wischte. »Ja, ich weiß auch nicht ...,« lallte dieser. »Kommen Sie, ich bringe Sie noch in irgend 'ne Kneipe,« erbot sich der andre, ihn am Arm packend; »da können Sie sich wieder stärken.« »Aber nur nicht wieder Kartenspielen,« jammerte der Schlaftrunkene. »Das wird sich alles finden. Kommen Sie nur mit! Der Abend ist doch einmal angebrochen,« redete Waldburg ihm zu und schob ihn zur Tür hinaus. »Gute Nacht, meine Herren! Keinen zu tollen Kater morgen früh!« ermahnte der Adjutant mit herablassendem Abschiedsgruß; dann schritt er mißlaunig und unbeweibt zum Ausgang. Im Hausflur hörte der betroffene Korner noch Auers Stimme gröhlen: »Und wär' das Leben nicht so schwer, Schön wär's, wenn's nicht so teuer wär' ...« 7. Nach den großen Strapazen der letzten Tage und Nächte war es für den Burschen kein kleines, Brieg am nächsten Morgen aus den Federn zu bringen. Im vergangenen Jahre, am Morgen nach einem Liebesmahl, war es sogar passiert, daß er seinen Herrn überhaupt nicht wach bekam, und in seiner Not hatte er den Wachtmeister herbeigerufen, der ebensowenig zu helfen wußte. Jedenfalls hatte Brieg das Exerzieren verabsäumt und der Oberst hatte ihm den Regimentsarzt auf den Hals geschickt, der den jungen, hochgeschossenen Körper nach allen Richtungen beklopfte und befühlte, und ihm schließlich Überanstrengungen und schwere Zigarren verbot, eine Mahnung, die der Kommandeur ihm grimmig wiederholte. Brieg ließ es dabei bewenden, obwohl er nie Zigarren rauchte; aber im Geiste des Kommandeurs war zu dem Bilde des Säufers, für den er den jungen Offizier hielt, noch das des Narkotikers getreten; und das hielt er ihm auch heute nach dem Exerzieren mit dürren Worten vor, nachdem er ihn in Gegenwart seines Rittmeisters zu sich heran gerufen hatte. Brieg bekam keinen geringen Schrecken darüber, zumal er sah, wie Meyring in einiger Entfernung hielt und schadenfrohe Blicke auf ihn warf. Seine Befürchtung war jedoch irrig. Der Fall Korner kam nicht zur Sprache. Wohl aber diktierte ihm der Oberst zwei Tage Stubenarrest zu, weil er als Offizier vom Dienst das Quartier eigenmächtig verlassen und das Brandpikett nicht geführt hätte. Käme dergleichen noch einmal vor, so würde er ihn zum Train versetzen lassen. Den Arrest sollte er sofort antreten und Herr von Korner den Regimentsdienst übernehmen. Brieg fühlte sich wie geohrfeigt; ein paar rote Flecken brannten ihm auf den Backen, als er mit seinem Rittmeister der Schwadron nachtrabte. Er sollte erst später durch Werdeck erfahren, daß diese Bestrafung nur die Folge von Meyrings Angeberei und die prompte Dankesquittung für den gestrigen Zwischenfall war; das Garnisonkommando hatte gar nichts gemeldet, denn Schmitt hatte das Pikett an seiner Statt geführt, als er und mehrere Herren vom Spieltisch aufbrachen, um es zur Abwechslung brennen zu sehen. Einstweilen glaubte er also, daß die Meldung vom Garnisonältesten ergangen sei, und machte sich daheim bittere Vorwürfe über seinen Leichtsinn. Es war der erste Tintenklex auf seiner Konduite – und wer weiß? – vielleicht nur das harmlose Vorspiel eines noch viel schlimmeren Krachs – jetzt, wo sein Vater in Sicht war! Im Herzen fühlte er sich zwar keiner Untat schuldig, aber er wußte ja nicht, wie die andern seinen vermeintlichen Verstoß gegen die Kameradschaft auffaßten, und ob Meyring oder Korner die Sache nicht dem Ehrenrat gemeldet hätten. – Und lag darin, daß er sofort seinen Arrest antreten mußte und daß gerade Herr von Korner für ihn Regimentsdienst übernahm, nicht schon ein Beweis, daß der Kommandeur für diesen Partei nahm? Jedesmal, wenn ein Paar schwere Kommißstiefel vor seiner Tür vorbeidröhnten, fuhr er scheu auf und gewärtigte das Eintreten eines Kartellträgers oder des Untersuchung führenden Offiziers. Er malte sich alle möglichen Schreckbilder aus; bald war es der drohende Blick seines Vaters, bald der höhnische seiner Kameraden, der ihn aus einer Ecke seines Kasernenzimmers anstierte. Da er die Ermattung der letzten Tage noch in allen Gliedern spürte, so benutzte er die seltene Gelegenheit, sich einmal früh zu Bett zu legen und auszuschlafen; aber der Schlaf floh seine Lider und er wälzte sich voll unruhiger Gedanken im Bette. Unklare Ideen, nach Amerika zu gehen, wirbelten ihm durch den Kopf. Und doch konnte er sich gar nicht recht vorstellen, wie es war, wenn jemand sich seine Tätigkeit und sein Schicksal selbst bestimmte. Schon in seinen kurzen Urlaubstagen war es ihm stets gewesen, als hätte er den Schwerpunkt verloren ... Im Grunde wußte er selbst nicht, was ihn noch weitertrieb: er war wieder am Lebensbankrott angelangt, wie einst auf der Kriegsschule, als er zum ersten Male vor der Bahre eines Selbstmörders stand ... Er war damals in seinen Wertherjahren und sein Herz war wund und überwund von all den Enttäuschungen der ersten Lebenserfahrungen. Schlich er am leuchtenden Frühlingsmorgen an den fettdunstigen Küchenräumen und Kloaken der Kriegsschule vorbei, so hätte er weinen mögen über die Lenzsonne, die Maden in einem toten Hund ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt ... Ja, er kannte seinen Hamlet gut, und der berühmte Selbstmordmonolog stand ihm in die Seele geschrieben. Und da erschoß sich nun eines Tages ein Hauptmann, sein Planzeichnenlehrer, ein Mann von vornehmem und mildem Wesen, – niemand wußte, warum. Eine Viertelstunde vorher hatte er im Hörsaal noch eine Aufgabe für die nächste Stunde gegeben; dann war er gegangen, so ruhig, als wollte er sich zu Bette legen ... Er war vor kurzem aus dem Generalstab gekommen, um sich in dieser leichteren Stellung ein wenig zu erholen, und er wäre jedenfalls dorthin wieder zurückgekehrt. Und nun warf er das Leben fort wie ein altes Kleid! Hatte er vielleicht alles erwogen, seine gewisse Zukunft, seine glänzende Laufbahn – gewogen und zu leicht befunden? Gerade die Unkenntnis aller Motive war es, die den phantasievollen Jüngling bestrickte. Und er fragte sich, warum er noch lebte, warum er dem Finger des Todes nicht folgte, der ihm aus diesem Selbstmord so magisch zuwinkte? Hatte dieser Mann, der das Leben kannte, der kein tastender Jüngling mehr war, sich erschossen: wozu wollte er dann nach leben? Es endigte ja doch mit der Einsicht: »Es ist alles eitel,« endigte ja doch – früher oder später – mit dem Tode! Warum also später? Warum nicht sogleich? Und er lebte noch einmal die unausgelöschten Eindrücke der Beerdigung durch. Es war ein dumpfer, regnerischer Apriltag, an dem die ganze Kriegsschule in die Wohnung des Selbstmörders zog. Der Sarg verschwand unter Blumenspenden. Ein betäubender Duft von Totenkränzen und schwelenden Wachskerzen herrschte. Dann ordnete sich der Leichenzug; die Musik spielte Trauermärsche und von den Türmen läuteten die Glocken. Es war ein ehrliches Begräbnis. Man hatte gesagt, der Hauptmann habe sich in geistiger Umnachtung erschossen, wiewohl er doch kurz vorher noch Unterricht erteilt hatte! Man hatte es gesagt, um ihm die Ehre der Grabsalven zu wahren und die Trauerparade durch die ganze Stadt! Mit krankhafter Wollust schlürfte sein zerrissenes Gemüt die dumpfen Trommelwirbel ein und die süßen, schluchzenden Trauerklänge; ihm war, als schritte er zu seinem eignen Begräbnis. Es war ein langer Zug von Menschen, die durch Schmutz und Sprühregen ihre neuste Uniform zur Schau trugen. Dann ging es über die alten Stadtwälle hin, wo der Schlehdorn blühte, nach dem hochliegenden Kirchhof, und die Leichenrede begann. Eintönig fielen die Worte des Pfarrers wie die rieselnden Tropfen, es war, als weinte der Himmel über dieses Begräbnis. Dann plötzlich ertönten Kommandos; Hähne knackten, und eine Salve krachte über das Grab hin – und noch eine – und noch eine. Oh dieses Krachen tat seinen zuckenden Nerven wohl! Hätte er doch vor den Büchsen gestanden und wäre da füsiliert worden: dann wäre alles gut gewesen! Er warf noch einen Blick auf die Stelle, wo der Sarg verschwunden war; dann trollte er mechanisch hinter den andern nach Hause. Als er in der Kriegsschule anlangte, war eine fade Leere in seinem Herzen. Der Zwang des Dienstes, die lebenslustige Jugend, der Leichtsinn der Kameraden taten das übrige – und so kam er über den Selbstmord hinaus. – Aber nun war er wieder so weit wie damals! Brieg erwachte am nächsten Morgen mit feuchten Augen. Im Traume hatte er seine Mutter wiedergesehen: sie hatte ihn wehmütig angeblickt. Seit ihrem Tode verzehrte sich sein liebedurstiges Herz; er vermißte die warme Sonne ihrer Liebe, und unaufhörlich suchte er nach Ersatz. Schillers hochfliegender Idealismus und Heines sehnsuchtskranke Lyrik hatten ihn schon als Kadetten abwechselnd getröstet. Wenn die andern zu Bett gingen, bat er um Erlaubnis, zum Arbeiten aufbleiben zu dürfen; in Wahrheit aber schwelgte er in seinen Büchern, und mit seligem Erstaunen fühlte er den Quell der Dichtung im eigenen Busen aufbrechen. Durch das halboffene Fenster trug der Nachtwind das Geräusch eines fern durch die Heide laufenden Zuges an sein Ohr und ein schwärmender Nachtfalter stieß gegen die Lampe ... Bisweilen hielt er inne und weinte Tränen des Glückes über seine Ergüsse; doch bei dem leisesten Laut auf dem Gang schrak er zusammen und ließ die verbotenen Früchte im Schubfach verschwinden. Das waren Stunden innerer Weihe und Verzückung, die zwar seine Wangen bleichten, aber sie trugen ihn mit starken Armen durch die Dürre seines Lebens und bewahrten ihn vor Stumpfsinn oder Verzweiflung. Auf der Kriegsschule hatte er es dann weiter getrieben. Wenn seine Kameraden des Abends ihrem Durst oder ihrer Begierde nachgingen, blieb er oftmals zurück, um die Enttäuschungen und Sehnsüchte seiner wunden Seele in Verse zu gießen; sie waren ihm wie seine Tränen eine schmerzgeborne Erleichterung. Und so trat er auch jetzt unwillkürlich an den Schreibtisch und zog zwischen Briefen, Meldekarten und Rechnungen ein paar Schreibbogen hervor, um sein Herz wieder einmal auszuschütten. Etwas lange Gehemmtes brach aus ihm hervor und stand auf dem Papier, ohne daß er es wußte, was ihm die Feder führte. In solchen Augenblicken fühlte er seinen Stolz schwellen; da stand er in seinen Augen gerechtfertigt vor den Kameraden mit ihren rohen Freuden, die manchmal ein Buch verkehrt faßten, um darin zu lesen. Er merkte kaum, daß es Abend wurde; erst als er gar nichts mehr sah, hörte er auf zu schreiben und versank in stilles Träumen. »Na, was ist denn hier für 'ne ägyptische Finsternis,« schnarrte es plötzlich hinter ihm, daß er schreckhaft zusammenfuhr und die beschriebenen Blätter rasch zu verstecken suchte. »Nehmen Sie doch mal das Futteral von Ihrer Nase und lassen sie im Dunkeln leuchten, oder stecken Sie wenigstens 'ne Lampe an,« ermunterte Waldburgs Stimme. Er drehte sich um und erkannte noch einen Zweiten. Als er ein Streichholz ansteckte, sah er zu seinem Schrecken, daß es Meyring war. »So, und nun geben Sie uns mal 'n Schnaps, aber 'n anständigen,« fuhr Waldburg unbekümmert fort, »nicht so einen wie Ihre Zigarren, – die sind nur im Freien zu rauchen.« »Ich darf als Arrestant gar keinen Besuch annehmen,« antwortete Brieg, um sich vor dem Adjutanten keine Blöße zu geben; aber diesem kam solche Tugendhaftigkeit im Gegenteil recht verdächtig vor und er argwöhnte, daß hinter dieser Ausflucht in Wirklichkeit Damenbesuch steckte. »Wir kommen in einer Ehrensache,« entgegnete er kalt und beobachtete die Wirkung seiner Worte auf Brieg. In der Tat erschrak dieser furchtbar und glaubte sein Schicksal besiegelt; aber er nahm sich zusammen und das gelbe Lampenlicht verhehlte seine Blässe. Ein paar Duelle oder eine ehrengerichtliche Untersuchung, eins ist so schlimm wie das andre, dachte er. Aber wie erstaunte er, als Waldburg nur eine Aufklärung über den Fall Korner verlangte. Aufatmend gab er sein Ehrenwort, daß Marie ihre alte Freundin getroffen und ihr gesagt hätte, wohin sie jetzt ginge; er selbst hätte sie nicht gesprochen und es träfe ihn darum keinerlei Schuld; sie möchten sich doch bei ihr selbst erkundigen. Meyring lehnte verächtlich ab, mit dieser Person etwas zu tun zu haben, fragte jedoch ganz naiv, ob sie vielleicht in seinem Schlafzimmer versteckt wäre. »Überführen Sie sich doch bitte selbst,« forderte Brieg ihn auf, und wirklich ging Meyring in sein Schlafzimmer und blickte sich prüfend um. Waldburg war von der Wahrheit seiner Aussagen völlig überzeugt und forderte jetzt mit verdoppelter Energie einen Schnaps. Er fand an Briegs Benehmen nichts Tadelnswertes und hatte schon im Kasino seine Partei ergriffen, als die Herren den gestrigen Vorfall glossierten und Meyring wieder über den nächtlichen Ritt zeterte, den er »pflichtschuldigst« gemeldet hatte. Die Herren hatten das zwar etwas kommissig gefunden, aber Meyring war ganz zufrieden, hier zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen; er hatte wieder einmal Furcht um sich verbreitet und zugleich sein Mütchen gekühlt; ja der Schlag seiner Pranke erschien sozusagen als eine Sühne der Unkameradschaftlichkeit durch Unkameradschaftlichkeit; denn in der Tat war Herr von Korner nach aller Ansicht durch Brieg in die Patsche geritten, und diesen traf die eigentliche Schuld dafür, daß Korner heute, mit einem ärztlichen Attest bewaffnet, beim Obersten um Urlaub nach Aachen hatte bitten müssen. Der Fall war im Kasino erregt kommentiert worden, bis Waldburg schließlich erklärte, den Missetäter selbst zu verhören, ehe man sich ein Urteil bildete. Jetzt war die Sache für ihn vergessen, und er stieß mit Herrn von Brieg an wie sonst. »Prost,« sagte er, »auf die fünf S in Ihrer Konduite!« »Wieso?« fragte Brieg ängstlich. »Na, sie wissen doch sonst immer alles oder bilden sich's wenigstens ein. Wer säuft, kriegt ein S in seine Konduite. SS heißt säuft stark und so weiter bis zu fünf S, säuft sehr stark schlechten Schnaps. Das trifft auf Sie zu mit Ihrem Giftzeug.« Damit trat er an den Schreibtisch und beäugte die über die Verse gebreitete Rechnung. »Wohl 'ne Mahnung vom Schneider?« erkundigte er sich teilnahmsvoll. »Was wird denn der alte Herr dazu sagen, was? Wird wohl 'ne kleine Schlittenpartie mit Ihnen machen? Wissen sie, das Probateste ist: bestellen Sie sich gleich noch zwei Überröcke, dann haben Sie wieder Kredit... Und hier ein Bild von Ihrer Liebsten, was?« So kalt und skrupellos Herr von Waldburg schien, namentlich was Schulden und Spiel anbetraf, so besaß er doch dem schönen Geschlecht gegenüber ein angebornes Zartgefühl, das er freilich nie zeigte. Aber im Grunde hatte er Mitleid mit den Frauen und bedauerte darum lebhaft die unglückliche Emmy, während er gegen ihren Zerstörer einen ehrlichen Widerwillen verspürte. Unter den Kameraden ahnte kaum einer, wie tief die Zuneigung war, die ihn selbst an die erste Schauspielerin des Stadttheaters fesselte, ein Mädchen aus vornehmer Familie, das von einem Offizier verführt und mit einem Kinde sitzen gelassen war, aber den Mut gehabt hatte, weiter zu leben und statt ins Wasser auf die Bühne zu gehen. Ihr Wandel war trotz aller Nachstellungen makellos geblieben, bis der schöne Offizier aus Hannover mit dem treuen Augenaufschlag ihren weg kreuzte. Aber da er ihre Beziehungen stets mit größtem Zartgefühl verschleierte, so munkelte man höchstens über die beiden und dies nicht ohne Respekt, aber niemand erfuhr etwas Genaues, und die Kameraden enthielten sich ganz wider ihre Gewohnheit in Waldburgs Gegenwart aller Anzüglichkeiten, so wußte denn keiner, wie nahe er oft daran gewesen war, die Ulanka auszuziehen und die Geliebte zu heiraten, und daß nur seine mißlichen Vermögensverhältnisse, die er dem Spiel verdankte und die ihn immer wieder zum Spielen zwangen, ihn einstweilen davon abschreckten. Keiner kannte auch seinen stillen Respekt vor dem Kreuz der Liebe, den er durch die Einblicke in das Herz des unglücklichen, gescheiterten Mädchens gelernt hatte, und jedenfalls würde ihn keiner verstanden haben. Immerhin war seine Feinfühligkeit nur auf diesen einen Punkt beschränkt, und die Art, wie er Brieg seine Sympathie zu beweisen suchte, ließ ihn keineswegs aus seiner üblichen Rolle fallen. Er hatte die beschriebenen Blätter entdeckt, die Brieg vergebens unter Briefen und Rechnungen zu verbergen suchte, und ein paar Blicke darauf hatten ihm die traurige Gewißheit gegeben, daß sein junger Kamerad der Verzweiflung entgegentrieb. Der Selbstmord ist in Offizierskreisen ja oft die ultima ratio , und Waldburg selbst war mehr als einmal nahe daran gewesen, seine riesigen Spielschulden durch einen Pistolenschuß zu begleichen; er begann etwas Ähnliches jetzt für Brieg zu fürchten. »Donnerwetter, schon wieder 'n neues Drama? wieviel bringen sich denn darin um?« fragte er barsch. »Es ist gar kein Drama,« wehrte Brieg ab, indem er ihm die Blätter vergeblich zu entreißen suchte. »Wissen Sie, der Selbstmord ist ein Laster,« fuhr Waldburg fort, »besonders wenn er zur Gewohnheit wird.« »Es endigt gar nicht mit Selbstmord,« erklärte Herr von Brieg in einer Anwandlung von Spottsucht. »Der Held greift zu Suff und Spiel, um sich die Öde des Alltags erträglich zu machen..« »Ja,« seufzte Waldburg, »was soll man schließlich auch anders anfangen...?« Brieg sah ihn einen Augenblick verwundert an. Wäre der andre nicht dagewesen, er hätte ihm als Leidensgefährten das Herz ausgeschüttet und ihn um seine Freundschaft gebeten. Aber Waldburg hatte die gleichgültige Ruhe nicht verloren. »Ne,« sagte er, das Blatt niederlegend, »das ist nichts; da muß man zu viel nachdenken... Nach wem dichten Sie übrigens, nach Goethe oder nach dem Assistenzarzt?« »Assistenzarzt?« wiederholte Brieg. »Na ja, natürlich, ich meine den Schiller. Der war auch so'n Pflasterkasten wie unser Doktor Müller. Denken Sie mal, wenn der sich nun hinsetzte und losdichtete: Es gibt im Augenblicke Menschenleben...« »Sie treiben mir das Dichten doch nicht aus,« sagte Brieg fest. »Schmieren Sie nur in Gottes Namen weiter,« lachte der andre. »Zum Beispiel ein vaterländisches Trauerspiel; da werden sie gleich zu den Gardehusaren versetzt und kriegen noch Gnadenzulage von S. M.« »Solche Hintergedanken habe ich nicht bei meiner Poeterei« lehnte der junge Mann ab. »Haben Sie nicht wenigstens was Anständiges zu lesen?« fragte Waldburg, sich zum Gehen wendend, »Ach was, Zola oder so was,« wehrte er mit ungeduldiger Handbewegung ab, als Brieg auf ein paar Klassikerausgaben hinwies. »Mit Ihrem Hamlet oder Faust da lassen Sie mich aus, da kommt man nur auf dumme Gedanken, wie Sie... heizen Sie zur Probe mal den Ofen damit, das wird Ihnen gut tun.« Damit ging er dem schon unruhig vor der Tür trippelnden Meyring nach. Brieg atmete erleichtert auf. Es war nur ein Aufschub, eine Galgenfrist, dachte er. Der frisch geschürte Haß würde wieder glimmen und eines Tages würde eine Katastrophe hereinbrechen. Aber jetzt, wo sein Vater kommen wollte, war ihm dieser Aufschub sehr lieb... Dann wieder erfüllte ihn der Widerwille gegen diese protzige Unbildung. Die Witze über Schiller klangen ihm noch in den Ohren; der dichtende Karlsschüler war ihm stets wie ein Leidensgefährte erschienen, und ihm fiel ein Wort van Max Piccolomini über den Soldatenstand ein, das so recht auf seine Gemütsstimmung paßte: »...Die Seele fehlt dem nichtigen Geschäft– Es gibt ein andres Glück und andre Freuden...« Zweiter Teil »... O das Leben, Vater, Hat Reize, die wir nie gekannt. Wir haben Des schönen Lebens öde Küste nur wie ein umirrend Räubervolk befahren, Das in sein dumpfig enges Schiff gesperrt, Im wüsten Meer mit wüsten Sitten haust, vom großen Land nichts als die Buchten kennt Wo es die Diebesladung wagen darf. Was in den innern Tälern Köstliches Das Land verbirgt, o! davon – davon ist Auf unsrer wilden Fahrt uns nichts erschienen ...« Schiller, »Wallenstein«. »Welches ist der große Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott nennen mag? Du sollst , heißt der große Drache. Aber der Geist des Löwen sagt: ich will . Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen. Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht, dazu bedarf es der Macht des Löwen.« Nietzsche, »Zarathustra«. 1. Der General a. D. von Brieg war zum fünfundzwanzigjährigen Kriegsjubiläum des Grenadierregiments, das er im Feldzuge geführt hatte, in der Garnison eingetroffen und im »Deutschen Hause« abgestiegen. Seines Sohnes Befürchtungen erwiesen sich zum mindesten als verfrüht, denn einstweilen war er eitel Freude und Leutseligkeit. Der Vater war stolzer denn je auf sein »Söhnchen« mit dem sprossenden Schnurbärtchen und der keck auf ein Ohr gedrückten Czapka. Seinen Stammhalter als Leutnant bei den Ulanen zu sehen, war sein stiller Lebenswunsch geworden, als er mit seinen tapferen Grenadieren ruhmbedeckt aus dem großen Kriege heimgekehrt war und ihm nach Jahresfrist ein Sohn geboren ward, der den alten Familienvornamen Ferdinand erhielt ... Als der Knabe zum Jüngling herangewachsen war und das Kadettenhaus mit der höchsten Auszeichnung, der Belobigung des Kaisers, verließ, hatte der alte General in einem Immediatgesuch auf diese Auszeichnung wie auf seine eigenen Verdienste gepocht, um die Einstellung seines Lohnes in das Ulanenregiment mit dem endlosen Fürstentitel durchzusetzen, und dieser Wunsch war zum frohen Ereignis geworden. So reichten sich im Geiste des alten Soldaten jetzt Gegenwart und Vergangenheit glücklich die Hand; und wenn er sich nicht seinem Sohne widmete, wurde er im Infanteriekasino von der gegenwärtigen Generation als Held im Liederkranz gefeiert oder von zahlreichen alten Offizieren und Veteranen, die sich mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust eingestellt hatten, voller Ehrfurcht umringt, denn er war immer sehr grob und gefürchtet gewesen. Frohe und trübe Erinnerungen wurden unter den alten Kriegern lebendig. Manchem, der den Geschoßhagel von Wörth überdauert hatte, war inzwischen der Strohtod genaht, oder er war zu kränklich, um dem Fest beizuwohnen; mancher hatte auf der Leiter des Ehrgeizes die höchsten Sprossen erklommen und mancher andre sich verbittert zurückgezogen, um jetzt aus dem Wiedersehen mit glücklicheren Altersgenossen neue Galle zu saugen. Im allgemeinen konnte man schon aus dem mehr oder minder eleganten, mehr oder minder abgeschabten Überrock den Schluß ziehen, welches Schicksal sein Träger gehabt hatte und welche Pension er bezog. Brieg mußte natürlich an dem Festessen für Weißenburg teilnehmen; es war das erste Mal, daß er auf den Rohrstühlen des bescheiden eingerichteten Infanteriekasinos saß. Sein Nachbar war der frühere Gardist, der neulich im Ulanenkasino mitgespeist hatte, ein baumlanger Mensch, der von seiner Potsdamer Zeit her jenes unbestimmte Etwas bewahrt hatte, das einen alten Gardisten auf zehn Schritt verrät: eine gewisse zurückhaltende Steifheit, die immer an den verschluckten Ladestock denken läßt, in Verbindung mit weltmännischen Allüren, aber ohne den leichten Einschlag von Übermut, den er bei seinen Regimentskameraden gewöhnt war. Brieg unterschied deutlich, wie sich dieser und ein jüngerer Hauptmann aus dem Rest ungewollt heraushoben. Dieser Rest setzte sich vornehmlich aus zwei Kategorien zusammen: die eine bestand aus gutmütigen, anstelligen, eifrigen Dutzendmenschen, die einen etwas überhasteten Eindruck machten; manche hatten magere Wangen und hervortretende Backenknochen, aber das mochte wohl von den Strapazen des Regimentsexerzierens herrühren. Der andren Gruppe las man einen brutalen, eisern gezügelten Willen von den harten, groben Zügen ab; ihrer robusten Gesundheit schien auch das »Strampeln« nichts anzuhaben und jede Krankheit, außer vielleicht ein diskretes Leiden, fernzubleiben. Sein Vater pflegte solche Gefühlsnuancen wegwerfend als »Kavallerietick« zu bezeichnen, obwohl er selber nichts heißer gewünscht hatte, als seinen Sohn bei dieser Waffe zu sehen. Im Grunde hatte er den nämlichen Kavallerietick; seine eignen Vorfahren waren samt und sonders Reiteroffiziere gewesen, wie jener Ferdinand von Brieg, der berühmte Husarengeneral der frederizianischen Zeit; und nur weil sein eigner Vater als Rittmeister ohne Vermögen den Abschied genommen hatte, war er selbst zur Gardeinfanterie gekommen, seine Brandreden gegen den Dünkel, die Kavallerie sei eine zu kostbare Waffe, um sich totschießen zu lassen wie andre, hatten bei ihm also einen ganz persönlichen Hintergrund. Ihm schwebte immer noch die frederizianische Schlachtenkavallerie vor, und er wollte nichts davon hören, daß die modernen weittragenden Feuerwaffen der Reiterei ihre frühere Rolle beschnitten. Mit vollen Rotten wären die Kavallerie-Divisionen aus dem letzten Kriege zurückgekehrt; sie hätten nur die Stabswache prinzlicher Heerführer gespielt, während andre Truppen sich verbluteten ... Für die Ulanen traf das allerdings zu: sie feierten am Tage von Wörth ihre einzige Waffentat, die Erbeutung eines französischen Trains, und Brieg konnte das große Wörthfest bei den Grenadieren zum größten Leidwesen des alten Herrn darum nicht mitfeiern. Übrigens veranstaltete der Oberst von Rößing, der kriegsgeschichtliche Exkurse sehr liebte, an diesem Tage auf dem Exerzierplatz eine wilde Attacke auf das Trainbataillon und hielt darauf seinen Einzug in die Stadt, bei dem er nur das eine bedauerte, die Mehlkutschen nicht als Siegesbeute hinterdrein schleppen zu können. Der alte Herr erzählte seinem Sohn am nächsten Mittag mit leuchtenden Augen von den Ehrungen, deren Gegenstand er am Ruhmestage seines alten Regiments geworden war: er hatte den Vorbeimarsch der Grenadiere auf dem Paradeplatz selbst abnehmen müssen; und dann entfaltete er ein Telegramm von Bord der »Hohenzollern«, wie Seine Majestät allergnädigst geruht hätten, ihm in Erinnerung an seine Verdienste in der Schlacht bei Wörth den Charakter als Generalleutnant und einen hohen Orden zu verleihen. Seine heisere Stimme, durch das viele Trinken und Reden noch rauher gemacht, zitterte bei dieser Verlesung vor Rührung: es war eine späte, aber süße Genugtuung für manches Jahr des Grolls und des Mißvergnügens; denn der alte Brieg fühlte das Zeug zum Feldherrn in sich, und allein durch die rücksichtslose Art, in der er seine Ansichten herauszupoltern pflegte, hatte er sich schon als Brigadegeneral den Hals gebrochen. Nach seiner Verabschiedung hatte er sich vom Vermögen seiner Frau ein Landgut gekauft; aber er mußte einsehen, daß Regen und Sonnenschein sich nicht so kommandieren lassen, wie ein Infanterieregiment, und schließlich war er froh, das Gut mit Verlusten wieder loszuwerden. Seitdem lebte er zurückgezogen in Berlin, seit dem Tode seiner Frau ganz vereinsamt; sein einziges Glück war sein »Söhnchen«, das ihn Sonntags als Kadett besuchte, und der Klub, in dem er allwöchentlich zweimal mit alten, verabschiedeten Offizieren Whist spielte und über die bestehenden Zustande nörgelte. Übrigens drückte ihn die Einsamkeit nicht; er war von jeher ein schroffer, verschlossener Charakter gewesen, und selbst seinem Sohn gegenüber war er, wenn er nicht eins seiner Lieblingsthemata bearbeitete, recht einsilbig. Die Ferien waren diesem denn auch oft recht langweilig geworden; es hatte dem alten Herrn genügt, seinen Lohn im selben Zimmer zu wissen, während er in irgend einer Biographie oder Kriegsgeschichte las, wie es ihm jetzt genügte, seinen Sohn als Ulanenoffizier zu wissen und an der Idee seiner Zukunft zu arbeiten. Beim nächsten Liebesmahl speiste die neue Exzellenz mit dem jüngst verliehenen Orden und dem Eisernen Kreuz auf der Brust im Ulanenkasino mit und rief ein über das andre Mal aus: »Herr Gott, seid Ihr jetzt luxuriös geworden!« In der Tat war das Kasino der einzige ansehnliche Raum in der baufälligen Kaserne; es war vor einem Jahrzehnt mit großem Aufwand erneuert worden. Die jüngeren Herren schienen sich übrigens durch die Anwesenheit eines verabschiedeten Infanteriegenerals wenig stören zu lassen und setzten sogar ihre Neckereien gegen seinen Sohn unverblümt fort; dagegen befreundete sich der Oberst sehr bald mit ihm, als hätte er in ihm einen wahlverwandten entdeckt. In der Tat waren beide als Theoretiker und Dauerredner gefürchtet; nur in ihrem Stil unterschieden sie sich. Wenn die neue Exzellenz noch den Bismarckschen Stempel trug und mit ihrer herzdörrenden politischen Kannegießerei in Kürassierstiefeln auftrat, so hatte sich der Freiherr von Rössing nach dem neuesten Kurse gemodelt; er liebte historische Reminiszenzen, Huldigungstelegramme, Festfeiern, Zitate und Kranzspenden, und als die Lichter aufgetragen waren, suchte er den General, der heute allen Groll auf den »jungen König« vergessen hatte, besonders zu ehren, indem er den neuen »Sang an Ägir« vortrug. Bei dem alten, völlig unmusikalischen Herrn verfehlte er freilich jede Wirkung; desto mehr Freude aber bereitete er seinen Leutnants. Seine barsche Kommandostimme und das gewohnte Prusten in den Gesangspausen erweckte bei diesen in der Tat die Vorstellung, als wäre er selbst der Meergott, der aus den Fluten auftaucht und sich die Wassertropfen aus dem grimmigen Schnauzbart bläst ... Auf Brieg machte diese Annäherung zwischen dem Kommandeur und seinem Vater einen beängstigenden Eindruck; ihm war, als verbündeten die zwei sich da gegen ihn, wie sich die Kameraden gegen ihn verbündet hatten. Zum mindesten fürchtete er, wie er sie so darauflosreden sah, der Oberst möchte seinen Arrest oder gar sein Vater die Spielschuld zur Sprache bringen; er sagte sich nicht, daß weder der eine seinen Sprößling ohne Not verklatschen, noch daß der andre den erst jetzt von der kaiserlichen Huld Bestrahlten in seinem Vaterstolz verletzen würde. Indessen gingen die Jubeltage allmählich zu Ende, und mit ihnen hörte auch die fröhliche Laune des alten Herrn auf. Brieg atmete darum auf, als dieser erklärte, in eine Pension (von Carsten) übersiedeln zu wollen; durch diesen Ersatz für sein Heim, so hoffte er, würde sein Vater etwas häuslicher werden und seinem Sohn weniger auf den Hacken sitzen. Diese Pension war ihm von einem Infanteriehauptmann empfohlen worden, der sich am Tage des Jubelfestes sehr an ihn herangemacht hatte; er war mit einer der beiden Pensionsdamen seit kurzem bekannt und drückte seine lebhafte Freude aus, Seine Exzellenz dort wieder zu treffen und ihm seine Dienste zur Verfügung zu stellen, Auch gegen seinen Sohn war er leutselig und wohlwollend, als wollte er sagen: »Fahren Sie nur so fort, junger Mann.« Sein Vater war ganz begeistert von ihm. »Ein liebenswürdiger und korrekter Mann,« sagte er, und der junge Herr wußte danach ungefähr schon, was er von ihm zu denken hatte. Die Übersiedlung in die Pension ging nicht ohne einen kleinen Skandal vonstatten. Der Dienstmann, der Koffer und Zylinderschachtel aus dem Hotel herübergeschafft hatte, verlangte zwei Mark Gebühren und wollte die Stücke wieder mitnehmen, als er nur eine Mark erhielt; ja, er wurde sogar unverschämt und die neue Exzellenz polterte gewaltig los. Frau von Carsten hatte schließlich dem Manne noch fünfzig Pfennig aus ihrer Tasche zugelegt, denn ihre beiden jungen Engländerinnen erschienen bereits in der Tür und beklagten sich über den ungebührlichen Lärm. Sein Sohn erfuhr die näheren Umstände haarklein am nächsten Mittag, als er, staubbedeckt vom Exerzieren, ins Zimmer trat und den kriegslustigen Vater zu seinem peinlichen Erstaunen vor seinem Schreibtische fand, den der Leichtsinnige wie gewöhnlich nicht abgeschlossen hatte. Natürlich war ihm gerade die Mahnung des Schneiders und der letzte Liebesbrief von Marie in die Hände gefallen, und er begann sein Verhör kurzerhand mit dem billet doux, konnte indessen aus seinem verstockten Sohn keine Silbe herausbringen. »Ach, mein Sohn, mein Sohn, was machst du mir für Sorge!« stöhnte er. »Jetzt fängst du nun auch noch mit Frauenzimmern an. Verplämpre dich nur nicht mal an so 'ne Person; das wär' mein Tod! Du bist noch so jung und unerfahren, und die Weiber fahnden mit Lasso und Pechstiefeln auf jeden, den sie ergattern können ... Und dies hier,« fuhr er fort und hielt ihm die Rechnung mit einem Ruck unter die Nase, daß das Papier knitterte. »Eine Schneiderrechnung,« entgegnete Ferdinand. »Noch nicht bezahlt?« forschte er weiter. »Ach nein,« seufzte der junge Offizier, »wo soll ich plötzlich dreihundertfünfzig Mark herbekommen? Höchstens kann ich es auf die Kleiderkasse anweisen lassen, aber die ist für dieses Jahr schon anderweitig belastet.« »Aber mein Sohn,« monierte der Vater in seinem hochmütig-galligen Ton, »wirst du denn nie auskommen lernen? Du sollst sogar immer etwas in den neuen Monat herüberschleppen – und nun hier dreihundertfünfzig Mark! wenn man sich etwas bestellt, dann bezahlt man es Zug um Zug, oder man kauft sich nichts. Aber bestellen und nichts bezahlen, das ist nicht comme il faut ...« »Aber wenn ich die Sachen doch brauche, Papa!« wandte Ferdinand verlegen ein. »Du siehst eben, daß ich hier mit meiner Zulage nicht auskommen kann. Ich muß mir ein oder zwei Pferde halten, mich gut kleiden, im Kasino essen ...« »Aber keine Spielschulden machen,« unterbrach ihn der Vater ingrimmig, »von den vierhundertfünfzig Mark, die ich für deinen Leichtsinn hergeben mußte, konntest du die ganze Schneiderrechnung bezahlen und noch mehr. Du mußt mit deiner Zulage auskommen! Es muß dir, ich möchte sagen, einen gewissen Spaß machen, damit auszukommen! Du lieber Gott – in meiner Jugend war das anders! Sechs Taler Zulage habe ich gehabt beim Alexanderregiment, sage sechs Taler. Und dabei glaubten alle, ich sei reich! Alle großen Heerführer haben sich so durchgehungert. Im Kasino trank man Wasser oder ein Glas Bier...« »Und bei uns ist Biertrinken in den Statuten verboten,« warf Brieg dazwischen. »Nun ja, das ist eben der Luxus, den ihr jetzt treibt, wenn ich das so mit ansehe ...« sagte der alte Herr mit einem kritischen Blick auf die paar altmodischen Möbel, die er seinem Sohn zur Verschönerung seiner Kasernenstube abgetreten hatte. »Hier ist es doch wahrhaftig einfach genug,« wandte dieser ein. »Ich hatte in meiner Garçonwirtschaft nichts als meine Kommißmöbel und die stinkige Öllampe,« fuhr der General kopfnickend fort. »Und dabei war ich Abend für Abend zu Hause und habe in Unterhosen gesessen, um meine Beinkleider zu schonen, und in der Bibel gelesen oder französisch geochst. Schlafrock – das gab's nicht, den hatten nur die Reicheren. Wie glücklich wär' ich gewesen, wenn ich nur einen Teil von dem gehabt hätte, was dir jetzt in den Schoß fällt! Du weißt gar nicht, mein Sohn, wie gut es dir geht. Danke Gott täglich auf den Knien, daß du ein auskömmliches und sorgenloses Leben hast und die kleinen Freuden deiner Jugend genießen kannst!« »Lieber Papa,« seufzte der Sohn, »wenn du mir ein solches Leben bereiteten wolltest, dann mußtest du mich nicht in ein teures Ulanenregiment eintreten lassen, dessen Zuschnitt meine Verhältnisse weit übersteigt.« Der General gab hierauf keine Antwort, sondern nahm einen blaugrauen Brief zur Hand, der heute angekommen sein mußte und den er zu Ferdinand Entsetzen bereits erbrochen hatte. Er zitterte, was es sein möchte. »Und was soll diese Liederei hier?« fragte die Exzellenz mit strafendem Blick. »Zwei Kabinettaufnahmen achtzehn, ein Visit sieben, Summa fünfundzwanzig.« »Ach so, vom Photographen,« atmete Ferdinand auf. »Aber mein Sohn, wo soll denn das hinaus? Wozu brauchst du überhaupt Bilder. Kaufe dir lieber ein paar gute Bücher.« »Das tät' ich auch viel lieber,« seufzte der junge Herr, »Aber ich mußte zum Album für unsern Chef ein Kabinettbild beisteuern, und da ich mich auf dem Bilde unehrerbietig an einen Tisch lehnte, statt gerade zu stehen, so war halt noch eine Aufnahme nötig... Und die andern Bilder sind für ein Abschiedsalbum ...« »So,« sagte der alte Herr; »schreibst du dir denn das auch alles auf?« Er hatte seinem Sohn bei der Equipierung ein dickes Kontobuch gekauft und dieser hatte es anfangs auch geführt; doch da er es nur aus Furcht vor dem Vater tat, so hatte er allerhand bedenkliche Posten verringert und bei andern Aufschläge gemacht, so daß die Gesamtrechnung ungefähr stimmte, Aber bald wuchs ihm diese Buchführung über den Kopf; er stellte sie schließlich ganz ein, und das Kontobuch benutzte er, um Gedichte hineinzuschreiben. »Ach, Papa,« seufzte er, »durch das Aufschreiben wird das Geld auch nicht mehr, und ich bin abends gewöhnlich zu müde zum Rechnen. Außerdem, was käme dabei heraus, als daß ich nicht auskomme?« ... Der Vater blieb dabei, daß man bei geordneter Buchführung viel besser auskäme, weil man sich dann alles besser einteilen könnte, und führte diesen Gedanken des längeren aus. Brieg ließ ihn reden, während er Bandelier und Schärpe ablegte und nach einer Mütze griff, um ins Kasino zum Frühstück zu gehen. Der alte Herr wollte gleich mitkommen und war nur mit Mühe davon abzubringen. War es doch für Brieg wie für seine Kameraden gleich ungemütlich, wenn sein »schwerbekümmelter Erzeuger«, wie Waldburg ihn geistreich getauft hatte, im Kasino schon zum Frühstück erschien, wo die Herren gerne den Überrock aufknöpften und sich ihren Ärger über den Kommandeur oder ihren Rittmeister frisch von der Leber herunterschimpften. »Nun, wenn du mich nicht haben willst,« brummte der alte Herr, »so werde ich jetzt auf die Polizei gehen und mich über den Lümmel von Dienstmann beschweren; da hab' ich gleich was zu tun.« Brieg bedauerte nur das eine, daß sein Vater nicht täglich umzog. Er versprach ihm auch, zum Abendessen in die Pension zu kommen. 2. Herr von Brieg ging des Abends, seinen Vater zu besuchen, und klingelte im dritten Stock, bei dem Türschild »von Carsten«. Ein kleiner Junge, der etwas in den Schultern steckte, öffnete ihm und führte ihn in seines Vaters Zimmer. Bei Tisch lernte er die ganze Gesellschaft kennen. Den Ehrenplatz hatte natürlich der General rechts neben Frau von Carsten, die allein auf der Schmalseite saß und an alle Anwesenden gelegentlich ein artiges Wort richtete; im übrigen hatte sie ihre Augen auf die Bedienung und ihre drei Kinder, die am unteren Tischende saßen. Sie hatte ein sanftes, frauliches Wesen und traurige Rehaugen; der Schnitt und der Ausdruck ihres Kopfes erinnerten Brieg nicht wenig an seine verstorbene Mutter. Weit auffälliger war ihre Partnerin, die sich »Frau Rittmeister Hüppe« nennen ließ, eine hübsche Blondine, die einen sinnigen Augenaufschlag hatte und sich von dem Artillerieleutnant Ehlert, der neben ihr saß und die Stellung eines Hausfreundes zu bekleiden schien, sehr unverblümt den Hof machen ließ. Brieg kannte ihn oberflächlich aus der Kneipe und vom Tanzsaal her; er trug gegen den Ulanen eine rebellische Geringschätzung zur Schau, als wollte er sagen: »Wir sitzen ebensogut zu Pferde!« Um auch sonst den Sportsmann zu markieren, hielt er sich krumm wie ein Rückenmärker. Sein Hauptbestreben schien zu sein, sich hervorzudrängen und mit seinen Talenten zu protzen; er war hochmütig und doch wieder würdelos, und die Art, wie er sich mit den beiden jungen Engländerinnen gemein machte, erinnerte Herrn von Brieg unwillkürlich an den Ton, den er neulich bei Korner vernommen. Außer diesen zwei jungen Damen, denen Brieg vergeblich ein paar Höflichkeitsphrasen zu drechseln suchte, zählte die Pension augenblicklich nur noch einen Logiergast, ein älteres Fräulein, das anscheinend die komische Figur des Hauses bildete. Sie war korpulent und schwatzsüchtig und behauptete von zwei zu zwei Stunden mit derselben Hartnäckigkeit das Gegenteil des noch eben Verteidigten. Ihre Hauptfurcht, von der sie selbst die Hundstagsglut nicht befreite, war die, sich zu erkälten; sie suchte sich davor durch einen dicken, wollenen Shawl, ein bis zwei Schleier und Kopftücher, eine gestrickte Untertaille, und ein halbes Dutzend wollene Röcke und Unterbeinkleider zu schützen, die ihre blühende Erscheinung nur noch mehr aufschwellten. Ihren geistigen Mittelpunkt aber bildete ein schwarzes Hündchen, klein wie eine Ratte, mit feigen, mißtrauischen Blicken, das sich vor jedermann kläffend in ihre Dessous verkroch. Bei Tisch durfte diese Perle allerdings nicht mehr erscheinen; die jungen Engländerinnen hatten sich das als shocking verbeten und das vergaß sie ihnen nie. Was sie sonst redete, betraf lediglich ihr liebes Ich. Ihrer zahlreichen Leiden wegen hatte sie diverse Ärzte, einen Naturdoktor, einen Homöopathen, einen Allopathen, zwei Spezialisten und einen Zahnarzt, auf die sie abwechselnd schimpfte oder große Stücke hielt. Ihre gegenwärtige Hauptsorge bildete ihr krankes Bein, von dem sie gerade dem General vorklagte; doch rückte dieser ostentativ von ihr ab. Gegen hübsche und junge weibliche Wesen – wie Frau Hüppe oder die beiden Engländerinnen – war der alte Herr sehr galant; aber alte Weiber konnte er auf den Tod nicht ausstehen, und nun brummte er gar halblaut über die »gräßliche Trutsche,« sodaß Frau Hüppe und die jungen Mädchen laut herausplatzten. Übrigens war Fräulein Schamroth sehr kunstsinnig und verwertete ihre Ersparnisse hauptsächlich zu Kunstzwecken. So hatte sie sich als Wandschmuck zwei Bronzeteller mit Thorwaldsens Nacht und Morgen erstanden, wie sie stolz verkündete; doch stellte es sich bei näherer Prüfung heraus, daß es zwei bronzierte Gipsteller aus dem Dreimarkbasar waren. Auch die nahe städtische Gemäldegalerie pflegte sie täglich, während ihr Zimmer gelüftet wurde, ein halbes Stündchen aufzusuchen, und infolge dieser anhaltenden Besuche hatte sie plötzlich eine große Begabung zum Malen in sich entdeckt. Aber die teuren Preise der Mallehrerinnen und ihre häufige Migräne ließen sie nie zur Ausführung ihrer Pläne kommen, und sie fand mit ihrem Kunstsinn nicht nur kein Verständnis bei dem schönheitsliebenden General, sondern sogar Hohn von seiten Frau Hüppes und des schnöden Herrn Ehlert, der sie anscheinend zur Zielscheibe seines Spottes erkoren hatte und sogar ihren Hund nicht verschonte, denn er wünschte ihn in irgend einem Kochtopf enden zu sehen. Auch gegen sie selbst kannte er kein Erbarmen; sie nannte ihn einen rohen Menschen, weil er sie mit ihren »kleinen« Leiden aufzog, und er behauptete, sie habe ihm einmal ihr schlimmes Bein gezeigt, und er hätte sich überzeugt, daß ihr gar nichts fehlte, als wöchentlich eine Tracht Prügel. Auch die Kinder, die am unteren Ende des Tisches unter den Augen der quervorsitzenden Bonne miteinander wisperten, pflegten sie nach diesem Vorbild zu necken, ihr Spinnen ins Bett zu setzen und dergleichen mehr. Es waren ihrer jetzt fünf, da auch Frau Hüppes Sohn, ein Potsdamer Kadett, gerade Ferien hatte. Dieser war ein kleiner, pausbäckiger Flachskopf mit abstehenden Ohren, dem das Glück, Kadett zu sein, aus den Augen leuchtete, während ihre Tochter Klara ein aufgeschossenes Ding mit bleichem Gesicht voller Mitesser war. Von den zwei Töchtern der Frau von Carsten, die der Mutter recht ähnlich sahen, war die älteste ein scheues Kind, die kleinste ein Wildfang, während der Junge sehr wenig von der Mutter zu haben schien; er machte Brieg mit seiner vorspringenden Stirn und den kleinen, stechenden Augen einen unangenehmen Eindruck.   Allmählich lernte er sie alle näher kennen, denn er aß öfter mit in der Pension und sein Vater sah dies sehr gern. »Komm nur öfter in das Haus von den beiden netten Frauen,« sagte er ihm einmal beim Abschied.   Übrigens sollte er bald auch den liebenswürdigen und korrekten Hauptmann Althoff in diesem Kreise sehen. Die beiden Damen gaben an einem der Abende eine kleine Gesellschaft, zu der außer Althoff und Ehlert auch ein kleiner Infanterieleutnant erschienen war, ein bescheidenes Kerlchen, das sich vielleicht einmal sattessen und mit hübschen Mädchen harmlos plaudern wollte. Er behauptete, mit Brieg schon seit der und der Felddienstübung bekannt zu sein, was dieser aber wieder vergessen hatte. Frau Hüppe saß an diesem Abend zwischen Althoff und Ehlert und hatte einen besonders sinnigen Augenaufschlag. Vor ihr stand ein Bukett, das Herr Ehlert ihr verehrt hatte, während ein zweites, eine Spende Althoffs, an ihrem Busen prangte. Dieses Arrangement hatte bei dem Leutnant Ehlert ein muffiges Gesicht und ein paar schnodderige Redensarten zur Folge; aber seine üble Laune sollte noch zunehmen, als er sah, wie sehr die lebenslustige Witwe den gestirnten Achselstücken des Hauptmanns den Vorzug gab. Er begann also Miß Carrie ein paar grobe Schmeicheleien zu sagen, und alsbald taute die junge Engländerin, die Herrn von Brieg bisher die kalte Schulter zugedreht hatte, aus ihrem starrsinnigen Schweigen auf, während sich der kleine Infanterieleutnant mit ihrer jüngeren Schwester, einem wohlerzogenen Backfisch, in ein gesittetes Gespräch einließ und der General sich geräuschvoll mit dem höflich lächelnden Hauptmann unterhielt. Brieg schätzte sich glücklich, als diese Mahlzeit vorüber war, ohne daß sein Vater ihn durch unangebrachte Fragen in Verlegenheit gesetzt hatte; denn er pflegte solche bisweilen, gleichgültig wo, mit schallender Stimme an ihn zu richten. Alles reichte oder küßte sich die Hände; dann ergoß sich der Schwarm in Frau von Carstens Wohnzimmer, ein geräumiges Erkerzimmer, in dem neben einigen gediegenen Möbeln, die bessere Tage gesehen hatten, allerhand billiger Kram stand, um die Wände und Ecken zu füllen. Auch das anstoßende Zimmer, das im Winter als Fremdenlogis diente, war den Gästen geöffnet; hier standen Ramschmöbel aus einem Abzahlungsgeschäft, deren glänzender Firnis die schlechte Furnitur und den wackligen Bau verdecken sollte. Über der Chaiselongue spannte sich als Wandschmuck ein japanischer Schirm aus dem Dreimarkbasar. Frau Hüppe hatte sich gleich ans Klavier gesetzt, das in diesem Zimmer stand, und ein paar Akkorde angeschlagen. »Ei, so musikalisch,« lächelte Althoff süß. »Leidenschaftlich, Herr Hauptmann!« schwärmte Frau Hüppe. »Ich singe und ich spiele Klavier ... Was soll man in den vielen einsamen Stunden auch anders treiben? Sie als Männer sind besser dran,« seufzte sie; »Sie haben Ihren Dienst und Ihre Kameraden.« »Wenn man älter wird,« bemerkte Althoff ebenfalls seufzend, »wird man bequemer, da zieht man die Häuslichkeit vor.« »Warum heiraten Sie nicht?« fragte Frau Hüppe unschuldig. »Ein Mann in Ihren Jahren, angehender Major, nicht wahr?« ... »Freilich, freilich,« nickte er in seiner schwerfälligen Art. »Aber die Ansprüche sind heute so groß, gnädige Frau ... Die Diners und Gesellschaften ... Und die Kleider für die Gattin ...« »Es gibt auch gute Hausfrauen mit bescheidenen Ansprüchen, die sich ihre paar alten Sachen geschickt zu garnieren wissen. Von denen glauben die Herren dann, sie seien putzsüchtig,« sagte sie, die Stimme etwas senkend, mit einem Blick auf ihr neues Sommerkleid. In diesem Augenblick wurde die Bowle hereingebracht und Ehlert stürzte sich mit Galgenhumor darauf, um Frau Hüppe ein Glas zu bringen. Der korrekte Hauptmann stieß eben mit Frau von Carsten an, und Ehlert benutzte die Frist. »Marie,« sagte er spöttisch, dicht an sie herantretend, »machen Sie doch dem Hauptmann nicht so die Kur. Sie kriegen ja Herzerweiterung.« »Oh bitte, Ehlert,« entgegnete sie schnippisch, »Herr Hauptmann Althoff ist heute unser Gast; da muß ich doch die Pflichten der Gastfreundschaft wahren.« »Gewiß,« entgegnete Ehlert; »ich gehe hin und tue desgleichen.« Damit ergriff er ein Glas Bowle und stieß mit Frau von Carsten an. »Prost, meine Gnädigste,« schnarrte er laut; »eigentlich braucht man gar nicht erst auf Ihr Wohl zu trinken: Sie schauen ja immer so lächelnd drein; es ist ein Staat!« »Wenn's nur so aussieht, Herr Ehlert,« lächelte Frau von Carsten. Aber Ehlert ließ nicht nach, er schnitt ihr die Cour möglichst auffällig und erst nach einiger Zeit wandte er sich den jungen Engländerinnen zu. Diese hatten sich mit dem Infanterieleutnant in eine Ecke gesetzt und emanzipiert zu rauchen begonnen; Miß Carrie perlten bereits dicke Schweißtropfen auf der Stirn. »Ach, ich find es stupid ,« erklärte sie eben, als Ehlert dazutrat, »daß ein Herr kann nicht in die Straße mit eine bekannte Dame gehen, ohne, wie sagen Sie, es wird geklatscht. In England ist das nicht so.« »Ja, Miß Carrie, wir sind nun mal nicht in England ,« mischte sich Ehlert ein. »Gott sei Dank! Denn offen gesagt: ich kann die Engländer nicht ausstehen!« » Oah, you are insolent !« fauchte die Miß. »Aber die Engländerinnen bet' ich an!« setzte Ehlert hinzu und beobachtete die Wirkung seiner Worte. »Oah, ich mache mir gar nichts aus Ihr Anbeten,« kaute Miß Carrie mit ihren mundfaulen Kinnladen. »Wenn zehn von Ihre Officers mit mir flirten und kommt ein Engländer, laß ich sie alle stehen.« »Wenn wir das nur ertragen werden!« stöhnte Ehlert. »Aber was soll Ihr Vater von der deutschen Bildung denken, wenn Sie ohne preußischen Leutnant zurückkommen? Dann war ja alles Lehrgeld vergebens! Es gibt hier in Germany doch noch nette Männer, nicht wahr Frau Hüppe?« drehte er sich zu der am Klavier Sitzenden um, obwohl sie gerade mit Althoff sprach. »Gewiß, Herr Leutnant,« entgegnete diese mit ernstem Augenaufschlag. »Man muß sie nur geprüft haben, ob sie echt sind.« »Ich bin sicher, Miß Carrie hat als praktische Engländerin einen scharfen Blick für alles, was echt ist,« antwortete Ehlert laut. »So'n Mann zum Beispiel, wie der Hauptmann da ... der ist echt, nicht wahr, Miß Carrie,« fuhr er leiser fort, so daß Frau Hüppe ihn gerade noch hören konnte. »Dem würd' ich den Hof machen, Miß Carrie ...« »Oah, aber ist zu alt,« entschied diese lakonisch. »Der Teufel ist alt, Miß Carrie,« meckerte Ehlert. »Verdrehen Sie ihm den Kopf ... Das ist sicher nicht schwer. An Ihrer Stelle hätte ich längst Klavierspielen gelernt und ein enges Korsett angelegt – Sie tun aber keins von beiden.« »Oh, you are shocking !« kreischte die Engländerin rot werdend. »Sonderbarer Ton, den dieser Herr zu haben scheint!« krittelte der Hauptmann mit einem strafenden Blick, und Frau Hüppe blickte ihn mit wehmütigem Augenaufschlag an, als wollte sie sagen: »Erlöse mich von dem Übel!« Dann schlug sie, wie um ihren Schmerz in Wohllaut zu ertränken, ein paar volle Akkorde an und begann eines jener faden deutschen Lieder vorzutragen, deren abgestandene Romantik mit fader Sentimentalität vertont ist. Mit einem hörbaren Seufzer verklang das Lied, und Frau Hüppe wartete auf den Beifall. »Traurig, aber tief,« sagte Althoff. Ehlert hatte ihrem pathetischen Fingersatz und dem nachtigallenhaften Flöten des zurückgeworfenen Kopfes wortlos zugeschaut. Er hielt sich ein Taschentuch vor die Augen und schluchzte: »Mein Bursche hat mir leider nur eins eingesteckt.« »Sie sind unausstehlich boshaft,« zischte Frau Hüppe. Exzellenz von Brieg war mit den ersten Musikklängen aufgesprungen. Er konnte Klavierspiel und Gesang auf den Tod nicht hören, außer vielleicht einen Militärmarsch oder Gassenhauer, und sein Sohn war froh, daß er nicht gleich Herrjeh! schrie und mit beiden Händen vor den Ohren hinauseilte, sondern leutselig gute Nacht sagte. Als er in Fräulein Schamroths Nähe kam, fuhr plötzlich deren Hündchen wie ein kleiner Teufel unter den wollenen Röcken hervor und kläffte die Beinkleider wütend an. Frau Hüppe und die Engländerinnen lachten laut auf und die Kinder quietschten vor Vergnügen; sie mußten aber trotz ihres Quälens gleichfalls zu Bette. Auch zu Fräulein Schamroth schien der Sandmann bereits gekommen. Sie hatte sich auf mehreren Sofas herumgelangweilt, und da sich keiner um ihre verkannte Größe kümmerte, so zog sie gähnend ein winziges silbernes Ührchen, das an einer Kette von wallnußgroßen Jettperlen befestigt war, und erklärte, daß sie Migräne hätte und zur Ruhe gehen müßte. »Wollen Sie nicht auch etwas singen?« rief Ehlert boshaft. Da verlor sie für einen Augenblick ihre Migräne und erklärte weitschweifig, daß sie allerdings gern sänge und viel Talent für Musik besäße, aber sie hätte augenblicklich eine starke Erkältung und müßte ihre Stimme schonen. Exzellenz von Brieg war inzwischen schon auf sein Zimmer gegangen und sein Sohn hatte ihm das Geleit gegeben. »Gott sei Dank, hier hört man wenigstens nichts von dem verfluchten Geklapper,« brummte er, als der junge Herr ihm nach einer Weile gute Nacht sagte, um wieder zu der Gesellschaft zurückzukehren. In dem Salon war seit Fräulein Schamroths Verschwinden eine reinliche Scheidung eingetreten. Ehlert hatte sich mit den beiden jungen Mädchen in den Erker gesetzt, während Frau von Carsten, auf dem Sofa sitzend, mit dem kleinen Infanterieleutnant plauderte. Frau Hüppe hatte das Klavier mit der im Nebenzimmer stehenden Chaiselongue vertauscht und Althoff zu sich genötigt. »Ein unangenehmer Mensch, dieser Leutnant Ehlert,« tadelte Althoff, als Ehlert hustend hereingeguckt hatte. »Nicht wahr,« bestätigte Frau Hüppe mit festem Blick. »Aber was soll eine alleinstehende Frau machen? Der Mensch kommt immer ins Haus gelaufen ...« »Sagen Sie's mir nur, wenn er Ihnen zu nahe tritt,« richtete Althoff sich auf. »Ich werde ihm schon den Standpunkt klar machen. So'n dummer Leutnant ...« »Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Ritterlichkeit, Herr Hauptmann!« entgegnete Frau Hüppe seelenvoll. »Es gibt immer schon Klatsch genug unter den Leuten, daß solche jungen Offiziere ohne ernste Absichten hier im Hause aus und eingehen, Ach, Herr Hauptmann, wenn Sie wüßten, was unsereins schon so durchgemacht hat ... Und nun muß ich hier enden in dieser hergelaufenen Gesellschaft ... Es wird ja nie anders werden, nie ...« »Sie sehen wirklich zu schwarz,« wandte Althoff ein. »O Sie Bester, ich danke Ihnen,« sagte sie, ihm die Hand reichend. »Das war ein Ton von Herzen!« »Übertreiben Sie nicht,« wehrte Althoff verdutzt ab; dem schwerfälligen Manne kam diese Herzensfreundschaft doch ein bißchen plötzlich. »Durchaus nicht, Herr Hauptmann,« versicherte Frau Hüppe. »Sie ahnen nicht, wie wohl mir diese Anteilnahme tut. Ich habe so selten Gelegenheit, mich mal auszusprechen, und niemand versteht mich recht, kommen Sie nur öfter her; Ihre Gegenwart ist mir stets eine Freude. Und wenn ich eben ein hartes Wort fallen ließ, legen Sie's mir bitte nicht schlecht aus, Sie wissen. Unglück macht bitter ...« Der Infanterieleutnant hatte sich auf Frau von Carstens ausdrücklichen Wunsch auch zu der Gruppe in den Erker gesetzt, wo Ehlert ungestört weiter flirtete. Als Herr von Brieg den Salon wieder betrat, fand er Frau von Carsten allein auf dem Sofa. Er mußte sich wohl höflichkeitshalber mit ihr unterhalten. »Ich hoffe,« sprach diese ihn freundlich an, »Ihr Herr Vater hört nichts von diesem Lärm. Das Zimmer ist ja das letzte. Jedenfalls ist eine Abendgesellschaft wie diese bei uns eine Seltenheit: es ist nur, damit die jungen Mädchen mal etwas Zerstreuung haben.« Für Brieg hatte die erste Unterhaltung mit einer fast fremden Dame immer etwas Gezwungenes, besonders wenn er mit ihr allein war. In seiner Ängstlichkeit drückte er sich lieber in den Ecken herum oder besah sich die Bilder an den Wänden, als Konversation zu machen. Aber Frau von Carsten hatte so freundlich das erste Wort an ihn gerichtet, daß der Bann schon gebrochen war, und er begann ohne Zaudern zu reden. Dabei sah er sich die Herrin des Hauses zum ersten Male genauer an. Sie hatte eine elegante Figur, kastanienbraunes Haar und einen feuchten Schimmer in den Augen. Über ihr ganzes Wesen schien ein stiller Liebreiz ausgegossen. Er wunderte sich selbst, daß er ihr gegenüber gar nicht verlegen war. Sonst hatte er gewöhnlich die größte Angst, daß ihm der Gesprächsstoff ausgehen könnte, oder er wußte überhaupt nicht, was er sagen sollte. Aber hier hatte er zum Glück ja eine Menge Anknüpfungspunkte! Er erkundigte sich also zunächst nach ihrer Partnerin und erfuhr, daß sie die Witwe eines Rittmeisters Hüppe war, der mit ihrem früheren Gatten in Grävenitz bei den Dragonern gestanden hatte. Er hatte auf sehr traurige Weise geendet und die Frau mit zwei Kindern ohne andre Mittel als ihre kleine Witwenpension zurückgelassen, und Frau von Carsten, die schon mehrere Jahre am Orte wohnte, hatte ihr darum vorgeschlagen, ihr Mobiliar zu vereinigen und zusammen eine Pension anzufangen, um die Erziehung der Kinder dadurch zu bestreiten. Brieg schien es unwürdig, daß eine so liebenswürdige und anmutige Dame, die für die vornehme Welt erzogen war, sich so durchquälen mußte. »Aber helfen Ihnen denn Ihre Freunde und Verwandten nicht?« fragte er. Frau von Carsten schüttelte leicht den Kopf. »Ach,« seufzte sie, »die, welche mir helfen möchten, können nicht, und die Verwandten verweisen mich immer einer an den andern und geben mir höchstens Vorschriften, wie ich's machen soll. Es ist ja immer so: die am meisten auszugeben haben, wissen immer am besten, wie billig man leben kann und wie man mit wenigem haushält.« »Vielleicht haben Sie ihnen Ihre Lage nicht deutlich genug gemacht, gnädige Frau,« sagte Brieg teilnahmsvoll, ohne eigentlich zu wissen, was ihn zu diesen Worten berechtigte. »Es gibt Menschen, die zu stolz sind ...« Frau von Carsten blickte erstaunt auf, als wollte sie sagen: »Woher wissen Sie das?« Dieser junge Herr stellte so ganz andre Fragen als die zudringlichen Schmeichler vom Schlage Ehlerts, die sich seit ihrer Scheidung an sie heranmachten und deren merkwürdige Reden sie in ihrer innern Keuschheit oft gar nicht verstand, »Ach nein,« seufzte sie, »ich habe mich überwunden; meiner Kinder wegen. Ich habe meinen Verwandten dargestellt, wie falsch es sei, ein Unternehmen wie dieses mit unzureichenden Mitteln anzufangen. Sie sehen, wie ich mich quäle, wieder ins Reine zu kommen. Aber seitdem ich im Unglück bin,« fuhr sie mit plötzlicher Bitterkeit fort, »kümmern sie sich nicht mehr um mich und sind beleidigt, wenn ich mir mein bißchen Selbständigkeit wahre ... Selbst den Rest von Lebenslust, der mir geblieben ist, neiden sie mir, als ob mir das nicht immer wieder hochgeholfen hätte. Du lieber Gott, wenn ich wirklich leichtsinnig gewesen wäre – wo ständ' ich dann jetzt?« Frau von Carsten hatte die letzten Worte kaum vernehmbar gesagt, als spräche sie zu sich selbst. »Sie sollten in eine größere Stadt ziehen, gnädige Frau,« schlug Brieg vor. »Da bringt man es weiter.« »Ach, Herr von Brieg,« entgegnete die Dame kopfschüttelnd, »ich kenne diese guten Ratschläge, dies sollte und könnte! Wer nicht in den Verhältnissen zu leben braucht, in denen ich leben muß, der hat leicht raten. Ich bitte Sie, was soll ich in einer großen Stadt anfangen, als einzelnstehende Frau mit drei Kindern, wenn ich keinen Pfennig habe, etwas zu beginnen. Wenn ich gekonnt hätte, ich hätte schon etwas getan! Aber wir wollen nicht weiter davon reden, Herr von Brieg, dazu sind Sie doch nicht hergekommen. Hören Sie, wie vergnügt unsre jungen Mädchen lachen? Gehen Sie und lachen Sie mit! Das wird Sie auf andre Gedanken bringen.« Der junge Offizier blickte auf. Ihm war, als müßte er sich mit dieser Frau verstehen, als bestände zwischen ihnen eine geheime Seelenverwandtschaft und es bedürfte nur eines Wortes, sie zu enthüllen. »Die sind für sich allein viel vergnügter,« wehrte er ab, »ich will sie nicht stören, gnädige Frau.« »Da habe ich Sie also schon angesteckt,« warf Frau von Carsten sich vor. »Sie gehören doch wahrlich dahin, wo man glücklich und froh ist.« »Mir liegt das Weinen manchmal auch näher als das Lachen,« sagte er tonlos. »Aber ich bitte Sie, Herr von Brieg, wenn sie das schon sagen ... Bei Ihrem schönen Beruf! Und wie stolz Ihr Herr Vater auf Sie blickt; ich hab' es bei Tisch so recht beobachtet.« »Ja, auf meine Uniform,« lachte Brieg bitter, »ich bin nur das Zubehör dazu.« »Aber Sie stehen sich doch gut mit ihm,« sagte Frau von Carsten in überzeugtem Tone. »Ich bin für ihn eigentlich gar nicht vorhanden,« entgegnete Brieg. »Mein Vater hat seine Pläne mit mir und danach hat er mich in Verhältnisse hineingesetzt, denen ich nicht gewachsen bin. Nicht mal zu ordentlichen Pferden verhilft er mir, damit ich nicht den Versuchungen des Rennplatzes erliege; und überhaupt, was ich kann und möchte, danach fragt er wenig, oder es gibt Skandal. Das war schon früher zu Hause so,« plauderte er in kindlicher Offenheit weiter; »meine Mutter hat es auch durchgemacht. Sie kennen gewiß auch solche alten Soldaten; sie wollen im Hause kommandieren wie auf dem Exerzierplatz, rücken an allen Bildern und Möbeln herum und sind unfehlbar. Haben sie den Schnupfen, so ist ihre Laune lebensgefährlich, und wenn man selbst krank wird, lügt man sich lieber gesund, sonst wird man vor Fürsorge umgebracht. Man sagt überhaupt nichts mehr, und aus dem Schweigen wird Entfremdung und Mißverständnis. Und dazu muß man dann noch dankbar sein für die liebevolle Fürsorge. Schließlich bringt man einen Menschen aus lauter Fürsorge und Liebe ins Tollhaus und verlangt noch Dank dafür!« Er hatte aus Taktgefühl in der dritten Person gesprochen; sein Vater wohnte schließlich im Hause und er kannte Frau von Carsten doch kaum. »Sie urteilen zu schroff, Herr von Brieg,« begütigte sie sanft. Der Klang dieser Stimme hatte eine wohltuende Wirkung auf ihn. Sonst fühlte er sich immer wie unter Feinden, und dann war auch alles, was er sagte, geschraubt oder absprechend. Aber dieser Tonfall beruhigte ihn, und er antwortete weich und natürlich: »Ich wollte, es wäre so; aber es ist ja nicht der eine, der so denkt und handelt, es ist der ganze Menschenschlag, unter dem wir leben. Der Mensch gilt im Heere nichts; der General, das ist der höchste Mensch. Das ewige Zu-Befehl-stehen erstickt die Persönlichkeit. Wenn ein Vorgesetzter andrer Meinung ist, so hat man lieber keine Meinung ... Wie können sich da Charaktere bilden und Achtung vor ihnen, wie kann ein Mensch zu sich selbst kommen? Aber wo gerate ich da hin ...« hielt er plötzlich inne, über seine eignen Worte erschrocken. »Bitte, reden Sie nur weiter,« bat Frau von Carsten. »Ich denke manchmal auch so, nur findet man selten einen Gleichgesinnten. Aber ich sehe, Sie beurteilen die Menschen und Verhältnisse anders als der Durchschnitt ...« »Ach ja,« seufzte Brieg, durch die seltene Gelegenheit kühn gemacht. »Dafür stehe ich aber auch ganz allein. Spreche ich mal von etwas andrem als von den ödesten Trivialitäten, so sitzen sie da wie Klötze, oder suchen sich durch schlechte Witze herauszureißen und man schämt sich, einen heiligen Schrein geöffnet zu haben ... Es ist um herauszulaufen und sich zu geloben – nun, sie können sich ja denken, was: keine Perlen mehr vor die Säue zu werfen ... Bestenfalls kriegt man seine eigenen Worte entstellt und mißverstanden zur Antwort, als ob es ihre Weisheit wäre, und dabei halten sie sich noch für die Überlegenen und fahren einem über den Mund, wenn man etwas ganz Richtiges sagt ... Das ist der schöne Beruf ... Einen schönen bunten Kragen, ein Pferd, und hier innen ist man glücklos ... Sie haben Sorgen und Gram, gnädige Frau, aber gegen mich sind Sie doch zu beneiden, Sie haben wenigstens etwas, woran Ihr Herz hängt, wofür Sie arbeiten und entbehren – Ihre Kinder.« »Das ist auch das Einzige, was mich noch am Leben erhält,« entgegnete sie, durch Briegs Vertrauen ermutigt, »sonst hätte ich schon längst Gift genommen.« »Aber gnädige Frau ...« »Bei mir getragen hab' ich's schon,« entgegnete Frau von Carsten, als er sie erschrocken anblickte. Jetzt drang Brieg in sie, ihm mehr zu erzählen. »Ich werde Sie verstehen,« sagte er treuherzig, »denn ich habe auch gelitten. Was Sie mir sagen – die Hand aufs Herz – soll mir heilig sein. Zürnen Sie mir nicht für dieses Ansinnen; weiß ich doch selbst kaum, was mich dazu berechtigt.« »Ich zürne Ihnen nicht,« antwortete sie, »aber ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme.« »So sagen Sie mir alles. Sie waren unglücklich verheiratet – daher kommt alles.« Frau von Carsten nickte. »War Ihr Mann Ihnen untreu?« »Seine Treue war noch seine einzige gute Eigenschaft.« »So hat er Sie mißhandelt ...?« »Ärger als eine Küchenmagd. Da in meinem Schreibtisch liegen die Akten meiner Scheidung, wie er mich gewürgt und mit dem Säbel angegriffen hat und noch andres mehr, was ich gar nicht sagen kann.« »Entsetzlich. Und weshalb?« »Weshalb? Aus Verrücktheit, weil er betrunken war, oder sich ärgerte. Die Tür hat er mir eingetreten, wenn er nachts betrunken aus dem Kasino kam und ich mich vor ihm einschloß. Gezwungen hat er mich, halbe Nächte aufzusitzen, wenn er seine Winterarbeiten machen mußte. Meine Agathe hat er gequält, daß das Kind ihn anlachen sollte, denn sie hatte von jeher einen Widerwillen gegen ihn und schrie, wenn sie ihn nur sah. Stundenlang hat er sich mit ihr in sein Zimmer eingeschlossen, und ich stand draußen an der Tür in meiner Todesangst und horchte. Das Kind ist noch lange ganz blöde davon geblieben und auch jetzt noch ist es so menschenscheu!« »Und diese Qual haben Sie so lange ertragen?« »Was sollte ich tun? Sie wissen ja, was eine geschiedene Frau bedeutet, wenn sie auch zehnmal recht bekommt , sie ist doch immer im Unrecht ... Und ich war damals noch so blutjung, so unerfahren und unselbständig, und schämte mich, das alles einzugestehen. Ich war ja auch aufs Heiraten erzogen, wie unsre meisten jungen Mädchen, und wußte, daß ich mir mit der Scheidung das Rückgrat bräche und daß der Mensch mit dem Augenblick ganz unterginge ... Damals hatte er schon den schlichten Abschied bekommen, weil er einem Soldaten in der Wut den Arm zerbrochen hatte ... Dann ging er nach Südamerika; sein eigner Vater hoffte, er käme nie wieder, aber eines schönen Tages war er wieder da, angeblich, weil er das Klima nicht vertrug. Da hab' ich mich mit den Kindern geflüchtet und die Scheidung erzwungen.« »Wollte er Sie denn nicht gutwillig freigeben?« fragte Brieg mit wachsender Teilnahme. Frau von Carsten schüttelte wehmütig den Kopf. »Er hat es auf alle Weise zu hintertreiben versucht,« antwortete sie. »Er hat meine alte Minna mit Gewalt gezwungen, mir einen Absagebrief zu schreiben, hat den Wirt aufgestachelt, mir zu kündigen, die gemeinsten Lügen um mich verbreitet ... Er hat behauptet, meine Zeugen seien bestochen – alles, um mich zu isolieren und mich so oder so zurückzuzwingen ...« Frau von Carsten hatte aufgehört zu reden. Ihr Busen ging hoch vor innerer Erregung. »Ich wünschte, ich wäre mit meinen schwachen Kräften einmal in der Lage, Ihnen zu helfen,« seufzte Brieg erschüttert und schwieg dann gleichfalls. Er war keines Wortes mehr mächtig. Aber in seinem Innern wogte es von Bewunderung für diese Frau und von Empörung gegen ihren Peiniger. »Ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl,« schloß Frau von Carsten nach einer Weile, als das Schweigen ihr auffiel. »Aber lassen Sie uns jetzt etwas mit den andern reden; es sieht so sonderbar aus, wenn wir hier ganz allein sitzen ... Mein Gewissen ist rein, aber die Klatschsucht ist groß, und ich bin immer noch zu arglos. Ich hoffe, Sie werden diese Stunde in gutem Andenken behalten.« »Im allerbesten,« versprach Brieg begeistert, indem er ihre Hand an seine Lippen zog, wie um sich zu verabschieden. In diesem Augenblick erschien Frau Hüppe mit dem Hauptmann in der Tür. »Ah, so allein!« bemerkte sie spöttisch. »Wir hatten etwas geplaudert,« lächelte Frau von Carsten. Die Jugend war ebenfalls aufgestanden und Ehlert verabschiedete sich. »Gute Nacht, allergnädigste Frau,« sagte er zu Frau Hüppe. »Suchen Sie mich zu vergessen, ich werde es nie können. In acht Tagen gehe ich zur Schießübung.« Dann schüttelte er den jungen Mädchen die Hand. » I like skaking hands with pretty young ladies ,« sagte er in seinem besten Englisch. »Wissen Sie übrigens, warum die Engländer so große Füße haben?« » Oah, you are insolent !« fauchte die Miß. »Ich will's Ihnen sagen, Miß Carrie: damit sie im Stehen sterben können. Die Anwesenden sind natürlich ausgenommen ...« Damit verschwand er. Auch Brieg und der kleine Infanterieleutnant verabschiedeten sich, und der Hauptmann tauschte mit Frau Hüppe einen mannhaften Händedruck, als hätten sie ein Bündnis geschlossen. Brieg war bereits die Treppe heruntergegangen und trennte sich von dem forschen Artilleristen, der zum Glück den entgegengesetzten Weg hatte. Er ging wie im Traume. Er hörte seine feinen Stahlsporen auf den Steinfliesen des Bürgersteigs klirren und die Laternen schimmerten aus dem Grün der blühenden Linden. Die ganze Luft hing voll von ihrem Duft. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er einen Einblick in das tiefe Leid einer Frauenseele gewonnen, und sein eigner Schmerz kam ihm dagegen so beschämend klein, so eingebildet und gegenstandslos vor! Und doch hatte er sich über seine Lage nie so menschlich ausgesprochen! Er empfand diese Aussprache als eine seltne Gnade des Schicksals. Dem Reserveleutnant Werdeck hatte er ja auch manches gebeichtet, aber der Jurist schien ihm ein wenig zu trocken, um solche Gefühlswerte zu schätzen: darum hatte er sich ihm gegenüber auch mehr auf das Gegenständliche, die militärischen Institutionen beschränkt. Er erstaunte selbst, wie klar er diesen Abend über sich selbst geworden war, und daß er sich so unverhofft und so schnell mit einem Menschen verständigt hatte. Und plötzlich begriff er, daß er nicht mehr allein auf Erden war, daß er mit dieser unglücklichen Frau etwas gemein hatte: das Leid. Jedes ihrer Worte zitterte in seiner Seele nach: das war kein Ballgespräch unwissender Gänschen, die ihre fade Töchterpensionssentimentalität mit schnoddrigen, ihren Kavalieren abgelauschten Bemerkungen würzten. Und Frau von Carsten hatte ihn nicht verachtet, wie jene Ballgänschen oder seine Kameraden, weil er einen ernsteren Ton anschlug. In ihren Augen hatte er nichts als Teilnahme gelesen. Und es drängte ihn, mehr von ihr zu erfahren und ihr sein eignes Herz besser auszuschütten. Er freute sich, daß man seinem Vater zu dieser Pension geraten hatte; so würde er doch öfter Gelegenheit haben, sie ungezwungen zu sehen. 3. Herr von Brieg nahm oft die Gelegenheit wahr, seinen Vater aufzusuchen, und das verbesserte stets die Laune des Generals. Aber in seiner Gegenwart konnte er mit Frau von Carsten solche Gespräche nicht fortsetzen, und unter vier Augen konnte er sie nur selten sprechen; dagegen traf er oft den Hauptmann Althoff mit Frau Hüppe zusammen und begegnete ihnen sogar auf der Straße, allerdings stets in Begleitung von einem der Kinder. Dieser liebenswürdige und korrekte Mann gehörte nach seiner Schätzung zu Gruppe zwei der Infanterieoffiziere, die sich ohne Talent, aber mit eisernem Willen hochdienen, und die Leichtigkeit, mit der Frau Hüppe sich an seinen Arm gehängt hatte, schien ihm noch auf andre Dinge zu deuten, z.B. auf einen großen Hang zur Weiblichkeit. Gegen den Generalssohn zeigte er sich anfangs sehr liebenswürdig, bald aber verschlossen und mißlaunig, als ob er ihm etwas übel nähme. Er raubte Brieg geradezu die Stimmung, wenn er selbst mit Frau van Carsten plauderte und Althoff mit seinem beleidigten Gesicht stumm dabeisaß. Auch Frau Hüppe, der er zu Anfang ein paar Artigkeiten gesagt hatte, schien gegen ihn kälter zu werden, seit er sich durch ihren sinnigen Augenaufschlag nicht mehr betören ließ und sich fast ausschließlich Frau von Carsten widmete. Übrigens erfuhr Herr von Brieg durch Frau von Carsten, daß sie ihre Partnerin in einem schweren Nervenfieber, das bald nach der Katastrophe ihres Gatten ausbrach, aufopfernd gepflegt hatte, und die Art, wie diese ihr das anscheinend dankte, erfüllte ihn nicht mit Hochachtung vor ihrem Charakter. Dagegen lernte er Frau von Carsten stets höher schätzen, je mehr er mit den Einzelheiten ihres traurigen Schicksals bekannt wurde. Sie war zur großen Dame erzogen worden und besaß alle Eigenschaften einer solchen; doch als die Eltern starben, war so gut wie nichts da. Ihr Vater, der Rittmeister von Meins, war Mitbesitzer eines Ritterguts; aber sein älterer Bruder hatte es zugrunde gewirtschaftet; er lebte in Saus und Braus, bald auf diesem Gute, bald in der Stadt, und so lichteten sich allmählich die wertvollen Waldbestände, ohne wieder aufgeforstet zu werden, so daß schließlich nur noch leichter, unfruchtbarer und unbebauter Heidegrund übrig blieb. Ihre Tante Meins, die eignes Vermögen besaß und von diesem die Hypothekenschulden des Gutes bezahlte, nahm sich der Waise an und verheiratete oder besser verkuppelte sie mit siebzehn Jahren an einen Grävenitzer Dragoner, den Sohn des Kommerzienrats von Carsten, der durch große Terrainspekulationen zu Geld, Adel und einer adligen Frau gekommen war. Er war ein eitler Protz, der seine Frau, eine feine, aristokratische Natur, selbst miserabel behandelte und darum verlangte, daß seine Schwiegertochter sich von seinem Sprößling, an dem er anfänglich mit Affenliebe hing, ebenso behandeln ließ. Als sie sich dann scheiden lassen wollte, hatte er gedroht und gefleht, denn er wußte, daß sein Sohn, der bereits aus dem Heer ausgestoßen war, nun völlig untergehen würde. Aber sie zog die Scheidung diesem unwürdigen Dasein vor – und der hartherzige Parvenu, in seiner Eitelkeit aufs tiefste verletzt, ließ seine Schwiegertochter gänzlich fallen. Um so mutiger erschien es jetzt Brieg, daß sie den Dornenpfad der Scheidung beschritten hatte. »Ich bewundere Sie,« sagte er ihr einmal, »für alles, was Sie durchgemacht haben, und für den Mut, den Sie dabei bewiesen! An Ihnen könnte mancher Mann sich ein Vorbild nehmen. Und was ich Ihnen von mir vorgeklagt habe, das schmilzt ja vor Ihrem Schicksal zusammen wie Märzschnee ...« »Oh, machen Sie kein Idol aus mir,« antwortete Frau von Carsten schlicht. »Ich bin ein schwaches Weib. Daß ich mehr durchgemacht habe als andre, ist nicht mein Verdienst.« Aber ihre Bescheidenheit mehrte seine Bewunderung nur, und ein ungekannter Abscheu ergriff ihn gegen alle, die äußern Wohlstand und glänzende Schmach der Treue gegen sich selbst vorziehen. Seine Beziehungen zu Marie büßten sogar ihren romantischen Nimbus ein; es war ihm willkommen, daß er sie jetzt nur selten sehen konnte, und mit gewisser Absichtlichkeit fußte er auf dem peinlichen Auftritt bei Korner, als hätte dieser den ersten Schatten der Entfremdung auf sie geworfen. Er wollte seine Beziehungen nicht brutal abbrechen, wie seine Kameraden es wohl getan hätten, aber langsam, schonend, wollte er ihnen ein Ende setzen. Der Besuch seines Vaters gab den erwünschten Vorwand, – dann kam das Manöver mit weiteren anderthalb Monaten der Trennung; »und nachher,« sagte er sich in plötzlicher Ahnung, »bin ich vielleicht gar nicht mehr hier ...« Auch manches andre begann er mit neuen Augen anzusehen, und gegen vieles wurde er scharfsichtiger und hellhöriger. Er fühlte die Widersprüche schärfer heraus, und manches, was er jahrelang stumm ertragen hatte, schien ihm jetzt unerträglich, zum Beispiel das Geschwätz eines Lichterfelder Kadetten, der bisweilen Frau Hüppes Wilhelm besuchte und in der Pension mitaß. Er war früher dessen Stubenältester gewesen, doch seit Ostern in die Hauptanstalt übergetreten und natürlich noch ganz voll von den ersten Eindrücken, die dieser Wechsel auf sein Gemüt ausgeübt hatte. Brieg erhaschte öfter einen Fetzen dieser Unterhaltung, wenn im Gespräch der Erwachsenen eine Windstille eintrat, und der kindische Tick, die geistige Verkrüpplung, die aus diesen Äußerungen sprach, klang ihm so schrill an sein Ohr, als hätte er das alles nicht jahrelang mit erlebt, – damals als er selbst in solch einem Affenjäckchen seine Kindlichkeit vorzeitig abstreifen lernte. Mit welcher Verachtung zum Beispiel zog der angehende Krieger über einen seiner »Zivilpauker« her, der ein Unikum an »Gemeinheit« sein mußte und demgebührend von seinen Schülern »eingetrieben« wurde; dagegen legte er gegen alles, was den Offiziersrock trug, eine abgöttische Verehrung an den Tag. – Vom Fähnrichsexamen, das ihm schon im nächsten Jahre bevorstand und mit dem er seine wissenschaftliche Ausbildung ein für allemal abschloß, dachte er sehr gering. Man büffelte halt, was »drankommt«, und bestand das Examen mit Ach und Krach, schlimmstenfalls mit Kaisers Gnade; das wäre forsch. Abschreiben von Strebern, d.h. von solchen, die etwas gelernt hätten, wäre ebenso forsch, denn man könnte dabei herausfliegen. Im übrigen wären die aufsichtsführenden Offiziere ja keine Unmenschen und hülfen denen, die sich gut geführt hätten, nach Kräften durch. Viel wichtiger war die Frage, wo man sich »equipieren« lassen sollte, natürlich nur bei einem »gemein teuren« Schneider, Robrecht oder Kühne. Vielleicht wurde er auch Selektaner und dann durfte er die Uhr und den Siegelring, die jetzt nur auf Urlaub erlaubt waren, in der Anstalt selbst tragen; ja, dann kam er den Kameraden, die Fähnrich geworden, ein Vierteljahr im Avancement vor, wie er leuchtenden Auges versicherte. Natürlich biß er auch äußerlich schon den Leutnant heraus und rauchte sogar verbotenerweise auf der Straße, was Wilhelm, der Potsdamer, sehr forsch fand und sofort nachmachte. Auch eine eigne Mütze hatte er nach dem hohen Vorbild für sich durchgesetzt und verbrachte allmorgendlich eine Stunde lang vor dem Spiegel, um sich mit Hilfe von Stangenpomade und einem Handspiegel den Scheitel durchzuziehen und die Haare über den Ohren forsch abstehend zu kämmen; und wenn er das Café auf dem Paradeplatze verließ, wo er Schokolade getrunken und Kuchen gegessen hatte, drehte er vor dem Pfeilerspiegel an seiner Oberlippe herum, als ob da der Schnurrbart schon sproßte. Auch das Gehen mit krummen Ellenbogen, das Grüßen mit abgespreiztem kleinen Finger, das eckige Handschütteln und dergleichen hatte er ihm abgeguckt, und in seine Konversation war ein ganz andrer Ton gekommen. Vorher hatte er den kleinen Mädchen allerlei Kunstausdrücke der Potsdamer Kadettensprache beigebracht, zum Beispiel für Taschentuch »Rotzfahne«, für Füße »Quanten«, für deutsche Beefsteaks »toten Juden« und für Mohrrüben »Polizeifinger«; oder er hatte ihnen erklärt, wie man »Ekligen« das Essen verleidete und die ihnen verekelten Klops dann selbst auffraß; aber seit der Lichterfelder der Klara und den beiden Fräuleins von Carsten die Cour schnitt, schlug auch er einen »schneidigen« Ton an, und statt mit Fräulein Anna und ihrer Puppe »Papa und Mama zu spielen«, wie diese es nannte, – ein Spiel, bei dem es zwischen den Eltern nicht selten zu ehelichen Zwistigkeiten gekommen war, – rauchte er mit Fräulein Agathe jetzt verbotene Zigaretten, die der Lichterfelder eingeschmuggelt hatte, und behandelte sie in ritterlichster Weise mit Eau de Cologne, wenn ihr von dem Tabakgenuß übel wurde ... Übrigens gab der Lichterfelder, als er eines Abends die forsche Militärmusik im Stadtgarten pries, Veranlassung dazu, daß Althoff die Damen aufforderte, sie sich einmal anzuhören. »Exzellenz geben uns vielleicht auch die Ehre,« bat er, sich unter Verbeugungen die Hände reibend, und um der schönen Augen der netten Frauen willen überwand der alte Herr wirklich sein musikfeindliches Herz und kam mit. Auch sein Sohn schloß sich mit gemischten Gefühlen an. Er hatte sich des Abends schon lange nirgends mehr blicken lassen, so daß die Kameraden bereits schimpften, und andrerseits würden sie vermutlich die Nase rümpfen, wenn sie ihn in dieser Gesellschaft sahen. Immerhin hoffte er mit Frau von Carsten etwas plaudern zu können; doch belegte ihn sein Vater auf dem Hinwege ganz mit Beschlag, und er betrat ziemlich mißgestimmt den weiten Biergarten mit seinem grünen Laubdach und dem Halbdunkel einiger Laternen. Nach der Gluthitze des Tages herrschte hier angenehme Kühle. Der große reservierte Offiziertisch war noch ziemlich leer; die Artillerie war bereits zur Schießübung ausgerückt, und der Störenfried Ehlert konnte den Hauptmann Althoff und Frau Hüppe nicht mehr ärgern. Die Infanteristen schienen mit diesem nicht gern zusammenzusitzen; sie grüßten ihn halb dienstlich und rückten von ihm ab, angeblich, um ihn mit seinen Damen nicht zu stören, und er setzte sich mit diesen an einen kleinen Nebentisch, den er an die Haupttafel heranschieben ließ. Exzellenz von Brieg war hocherfreut, noch ein paar nachfeiernde Jubelgreise an dem Offizierstisch zu treffen, und alsbald war wieder die gewohnte Unterhaltung im Gange: »Das war zu meiner Zeit doch nicht.« – » A propos , haben Exzellenz schon gelesen, daß H... das XII. Korps bekommen hat? Altersgenosse von mir; dem Kerl hätt' ich's nicht zugetraut, aber die Dummen haben immer Glück«, und so weiter mit reichlich eingestreuten französischen Brocken, in denen die neue Exzellenz besonders »exzellierte«. Die Neuverordnungen über die Heeressprache waren an den alten Herren spurlos vorübergegangen, als etwas, das man seinen Nachkommen überläßt, während man selbst mit stolzer Absichtlichkeit am Alterprobten festhält. Und so hieß denn Gelände immer noch Terrain, Waldrand Lisière, Schlucht Ravin, schwärmen tiraillieren – und vieles andre ging auch nur auf ieren, wie konzentrieren und deployieren, retirieren und avancieren, flankieren und attackieren, detachieren und degagieren ... Es gab nur eine »Armee« und einen »König von Preußen«, kein Heer und keinen deutschen Kaiser; ein schlechter Anzug war ein malpropres Ajustement usw. Augenblicklich hatte er wieder sein Lieblingsthema angeschnitten, nämlich Bismarcks Entlassung durch den »jungen Herrn«, wie er geringschätzig sagte; denn mit dem Ende der Jubeltage war er rasch in die alte Nörglerstimmung zurückgefallen. Er war natürlich Bismarckverehrer vom Scheitel bis zur Sohle und liebte es, in den Kürassierstiefeln des eisernen Kanzlers aufzutreten, so wenn er über Caprivi herzog, der jeden Tag zum Rapport beim Monarchen erschiene und dessen Befehle wie ein Wachtmeister entgegennähme, oder wenn er sich gegen den »jungen König« ereiferte, der alte, erprobte Generäle wegjagte, um junge Leute, die den Krieg nur als Leutnants mitgemacht hätten, auf die verantwortlichsten Posten zu stellen ... Er vergaß dabei nur völlig, daß er unter dem alten Kurs über die Vergreisung in den höchsten Kommandostellen, den »Paradeschwindel« und die ungerechte Bevorzugung der Kavalleristen ebenso hergezogen war. Selbst an Bismarck hatte er getadelt, daß er in der Reichsverfassung dem »liberalen Dusel« und der Sozialdemokratie in der Einführung des allgemeinen Wahlrechts Vorschub geleistet hätte. »Warum ist er bei den glorreichen Annexionen von 66 stehen geblieben?« pflegte er zu sagen. »Großpreußen, das war das Rechte; da hätte man mit dem eisernen Besen die süddeutsche Lotterei auskehren können ...« Gegenwärtig war es die unheilvolle zweijährige Dienstzeit, die der Sozialdemokratie Tür und Tor öffnen sollte. Gute Feldtruppen waren in der kurzen Spanne Zeit nicht auszubilden; dem gemeinen Mann war die Königstreue auch nicht tief genug einzubläuen. Dagegen lernte er Sinn genug für Kampf und Streit und hinreichende Disziplin, um nachher einem sozialistischen Schreier zu gehorchen... Dazu diese Industrie und die großen Städte, die Brutherde der Sozialdemokratie, die den Landmann von der Scholle lockten, die Überanstrengung der Offiziere und Unteroffiziere, die Nervosität nach oben und der Zickzackkurs der Regierung, das ewige Sichvordrängen in die Öffentlichkeit, das unsern altpreußischen Traditionen ins Gesicht schlägt... »Ja,« schloß er mit einem tiefen Seufzer, »unser Staat treibt schweren Erschütterungen entgegen, und ich blicke mit Besorgnis in die Zukunft...« Hier war nun der Punkt, wo der auf den Hurraton abgestimmte Hauptmann Althoff submissest widersprach. Er war natürlich auch Bismarckanbeter; was er dem Alten am höchsten anrechnete, das war, daß er in der Konfliktszeit Vertrauen zur Armee gehabt und trotz dem liberalen Geschwätz der Demagogen seine ganze Politik auf diesen ehernen Felsen gebaut hatte. »Aber,« setzte er gedehnt hinzu, »seine Entlassung war bei der impulsiven Natur des Kaisers, die keinen Widerspruch duldet, unvermeidlich und bei aller Hochachtung für Bismarck muß ich doch sagen, daß es so besser ist und daß die Welt dadurch gelernt hat, daß es auch ohne den Alten geht...« Damit führte er in wohlgesetzter Rede aus, wie die kräftige Persönlichkeit des jungen Monarchen belebend wirkte und Deutschlands Ansehen im Ausland mehrte, und dabei blieb er auch trotz der sarkastischen Gegenbemerkungen des alten Brieg, der sich schließlich nach einem anderen, gleichgesinnten Nörgler umsah. Dieser fand sich in Gestalt eines alten, verbitterten Hauptmanns a. D., der alsbald mit ihm über den kolossalen Menschen- und Nervenverbrauch des neuen Kurses, die vielen kostspieligen Uniformänderungen, die ewigen Alarmierungen und Ordensverleihungen, Reisen, Reden, Besichtigungen und Denkmalsenthüllungen herzog. »Haben Sie schon die neuen Schießabzeichen bemerkt, Exzellenz?« fragte er den General, »wozu der Klimbim? Wenn die Kerls in der Schützenlinie liegen, sind die guten Schützen ja doch nicht herauszuerkennen. Da wären noch besser ein Paar rote Flicken auf dem Hintern, so wie ein Paar Pavianschwielen.« Und die beiden alten Kriegsgurgeln begannen ingrimmig zu lachen. Schließlich kam der Hauptmann auf seinen wunden Punkt, den Abschied, zu sprechen. »Sie pressen einen aus wie 'ne Zitrone und schmeißen einen dann auf die Straße,« sagte er giftig. »Jahrelang schwebt die pekuniäre Sorge einem über'm Kopf wie ein Damoklesschwert, und wenn man endlich Hauptmann Erster ist und geheiratet hat, dann ist's die Sorge um die Stellung, um Frau und Kind... Und da muß man ducken und 's Maul halten und sich als alter Familienvater vom Gaul 'runter kanzeln lassen, wie'n Schulbube, ohne mit der Wimper zu zucken... Und schließlich jagen sie einen fort mit 'ner magren Pension ... Für Thron und Altar, heißt es immer, und der Sozialdemokratie drohen sie mit dem Sandhaufen, aber da sollen sie auch den Offizieren so viel geben, daß sie nicht zu den Roten übergehen ... Sie züchten einen ja förmlich zum Sozialdemokraten heran, und dann stellen sie sich an, wenn einer mal die Wahrheit schreibt und die Mißhandlungen und Ehebrüche, das Jeu und die Rechtsbeugungen an die Öffentlichkeit zerrt ...« Und damit begann er zum tausendstenmal die Geschichte seines Abschieds vorzutragen. »Ja,« fiel ein alter Major ein, »wenn man wenigstens noch genug gelernt hätte, daß man nicht nur auf die elende Pension angewiesen ist und am Hungertuch nagen muß mit zwei Wunden vom Kriege ... Oder sie sollten einen weiter dienen lassen, wenn man für die nächst höhere Stelle nichts taugt, kann man doch in der alten noch was taugen ... Warum der Unsinn, daß man nicht übergangen werden kann? Prinzen und Generalstäbler springen über Tausende, und doch nimmt keiner von denen den Abschied, weil er übergangen ist ...« Der Nest dieser Litanei ertrank in den Klängen der Musikkapelle, die eben ein sentimentales Lied intonierte; es war »Die Krone im tiefen Rhein«, die auch der Oberst von Rössing im Kasino bisweilen zum besten gab. Ein Kellner eilte mit schwappendem Biertablett vorbei und an verschiedenen Tischen begannen die Gäste mitzusingen, als hätten sie nur so Genuß an der Musik. Brieg schwirrten noch immer die Reden der alten Herren in den Ohren und plötzlich kam ihm der Gedanke, daß sein Leben ebenso fehl gehen konnte, und er in zwanzig Jahren vielleicht auch dasaß und über sein verpfuschtes Dasein kannegießerte. Ein paar Jahre über die Verhältnisse gelebt und schulden gemacht, Reitdienst und Frauenzimmergeschichten gelernt, ein paar Jahre gestrebt und Routine erworben, und dann im Zylinder, gut abgebürstet, mit knappem Röckchen im Sonnenschein herumspazieren, wie er es in diesem Eldorado der Pensionierten alltäglich sah, und gelangweilt darüber nachgrämeln, daß von drei Hauptleuten höchstens einer Major und von zwei Majors höchstens einer Oberst werden kann: das war so die Durchschnittskarriere ... Etwas Neues anzufangen und umzulernen, dazu waren die meisten zu alt oder zu ungebildet. Jede andre Betätigung war ja schließlich auch mehr oder minder unter dem Stände, ausgenommen die Landwirtschaft – aber wie viele nannten eine Kartoffelklitsche noch ihr eigen? Die meisten waren überschuldet durch die eigene Dienstzeit, wo man die Inspektoren schalten lassen mußte und nur öfter nach Geld schrieb, oder durch die Schulden des Herrn Sohnes, der in Hannover auf Reitschule gejeut hatte. Und wenn man dann die Verwaltung selbst übernahm, ohne Kenntnis des modernen Betriebs und in dem Wahnglauben, es ginge so weiter im alten Schlendrian wie zu Großvaters Zeiten, so war das Gut bald zugrunde gewirtschaftet und der alte Stamm von der Scholle entwurzelt ... War er wirklich einer von denen, die nicht an der Majorsecke geschwenkt wurden? War er einer von den Starken und Rücksichtslosen, die über Leichen gingen und ihren Mantel nach dem Winde drehten, wie Meyring, den die Armut hart gemacht hatte? So verübeln konnte man's keinem; das ganze System, das sie fortwährend zwang, ihr Gefühl zu ersticken und ihre Meinung hintanzusetzen, mußte bei ehrgeizigen Naturen fast notwendig solche Eigenschaften zeitigen. Aber hatte er selbst das Zeug zu solch einem Streben in sich? Und wenn sie Verhältnisse ihn zwangen, über Leichen zu gehen, hätte dieser Erfolg ihn beglückt? Er mußte sich beides verneinen, wozu also auf sein Bestes verzichten und seine Quellen verschütten? Wozu sein Schicksal von der Willkür einiger Vorgesetzten empfangen? Wozu dies mechanische Leben weiter führen, nur damit sein Vater seinen Willen hatte? Er spürte Hunger und Durst nach Inhalt; er fühlte in sich eine peinigende Leere, die sich weder durch Lektüre der »Kreuzzeitung« und »Sportwelt«, noch durch das Stroh der Unterhaltung ausfüllen ließ. Er war eingeengt durch lauter Imperative, abgeschnitten von dem modernen Leben, das an seinem Stande wirkungslos vorüberging. Er war ein gekünsteltes, zusammengekrampftes Wesen, das keinem zur Freude gereichte, am wenigstem sich selbst! Und zum ersten Male kam ihm der befreiende Gedanke: Fort! In die Freiheit! Zu dir selbst! Frau von Carsten sah, wie es in dem jungen Offizier arbeitete, »Warum so ernst?« fragte sie. »Ich werde es Ihnen auf dem Heimweg sagen,« antwortete er. Die Scheu vor den Kameraden benahm ihm alle Stimmung und er schien ganz wieder der langweilige Pinsel, der sich am Rock zupfte, am Bärtchen drehte und schweigend daneben saß, wenn andre sprachen. Seine Verlegenheit wuchs noch, als er Herrn von Meyring in Begleitung des Prinzen von Birkenfeld das Lokal betreten sah. Dieser kam in tänzelndem Ballettschritt auf den Offiziertisch zu, gefolgt von seinem Trabanten, der sich stets gern in seiner durchlauchtigen Gesellschaft zeigte, ja von ihm sich sogar eine geflissentliche Nichtachtung gefallen ließ. Ein Prinz hat die Standespflicht, andre sterbliche zu verachten, sonst verliert er seine Durchlauchtigkeit. Und so nahm ihm denn auch fast niemand etwas übel, ausgenommen vielleicht der Oberleutnant Schumann oder Herr von Waldburg, der ihn auch nur für einen Menschen mit zwei Beinen hielt und ihn sehr bezeichnend einen »hagern Wollüstling« getauft hatte. In der Tat war er dürr von Gestalt und zynisch in seinen Reden; so pflegte er zu bedauern, daß »wir« das jus primae noctis nicht mehr haben, wobei er das wir besonders betonte und vermutlich groß geschrieben hätte. Im übrigen war er ein krötiges Männlein, auf dessen Gesicht sich beleidigendes Schmunzeln mit leichter Zornröte paarte; und in seinen Reitstiefeln mit den winzigen Spörnchen und mit seinem weitabstehenden Bärtchen schien er das leibhaftige Ebenbild des gestiefelten Katers. Auf den Bahndecken seiner Pferde prangte ein protziger Namenszug mit der Fürstenkrone und seine Sprache zeichnete sich durch die gleiche Exklusivität aus: da er es nicht liebte, Worte, die ein anderer schon in den Mund genommen hatte, noch einmal zu brauchen, so erging er sich meist, sofern er nicht vorzog, stillschweigend sein Bärtchen zu streichen, in beispiellosen Ausdrücken. Von einer Dame, die niedergekommen war, pflegte er zum Beispiel zu sagen: »Sie hat gekalbt,« und nur bei Prinzessinnen: »Sie ist eines Rindes genesen.« Brieg grüßte ihn höflich, als er an ihm vorbeistiefelte, und wollte auf seine Frage: »Ist schon jemand da?« mit einer Handbewegung auf die zahlreichen anwesenden Offiziere weisen, begriff aber noch rechtzeitig, daß der Prinz nur Herren vom Regiment meinte, und antwortete: »Bis jetzt nach keiner.« – »Nun, bitte lassen Sie sich nicht stören, lassen Sie sich nicht stören, mein Lieber,« schmunzelte Seine Durchlaucht im Weitergehen und ließ sich mit seinem Gefolgsmann am leeren Tischende nieder. »Kommt denn kein Kellner?« krähte er mit seinem scharfen Stimmchen. Brieg sah, wie das hämische Gesichtchen mehrmals tuschelnd zu ihm herüberblickte; dann mischte sich die Musik in das Stimmengewirr Er hörte nur mit halbem Ohre hin, in dem Glauben, daß sich der Krone im Rhein jetzt das Heidegrab oder vielleicht ein Potpourri mit Trompetensolo anschließen würde; aber plötzlich verbreitete sich vom Musikpodium her Totenstille über die Zuhörer und die Köpfe senkten sich wie ein Kornfeld im Winde. Es war das Vorspiel zu Lohengrin. Mit Entzücken lauschte Brieg den unstofflichen Klängen, die das grobe Geschrei und Krügegeklapper wie mit Engelsflügeln niederwehten, und wie von den Klängen geweckt, trat ihm ein Bild aus seiner Kriegsschulzeit in die Erinnerung. Es war an einem jener einsamen Sonntagsabende, wo er daheimgeblieben war, um sein Herz dem Papier anzuvertrauen, als der Wind die Klänge einer Militärkapelle durch das offene Fenster hereinwehte. Es war der Einzugsmarsch auf der Wartburg. Und über die Brücke dieser Klänge zogen in die öde Kasernenstube all die minniglichen Frauen und geharnischten Ritter, die Leier in der Rechten und das Schwert an der Linken, – sie, die an Minne und Dichtkunst nichts lächerlich fanden, wie seine blasierten Kameraden. Die Märchenpracht des Orients und die Verzückung büßender Askese hatten des Jünglings Ohr und Auge bezaubert; er war in die Knie gesunken und hatte die Arme schluchzend den Tönen entgegengerungen ... Schallender Beifall lohnte dem Kapellmeister, der sich geschmeichelt verbeugte, als gälte ihm dieser Tribut der Überwundenen. Brieg hörte, wie sein Vater sich nach dem Anlaß dieses Aufhebens erkundigte. »Ach so, Wagner,« sagte er geringschätzig. »Ja, ich sehe den Kerl noch mit seinen Künstlerlocken in Versailles ... Da trieb er sich mit so'n paar andern Strolchen im Hauptquartier des Kronprinzen herum; der protegierte ja leider Gottes immer solches Gesindel, um sich populär zu machen. Aber wir haben den Kerl gar nicht angeguckt ...« Aber Lohengrin ist doch sehr hübsch,« wandte die musikliebende Frau Hüppe ein. »Ja so, der Schwanenritter,« bemerkte die Exzellenz höhnisch, »so'n Kulissenreißer, der sich auf die gepanzerte Heldenbrust schlägt ... das ist was Großes ... Und da sitzen die Frauenzimmer in ihrem Kunstdusel und heulen vor Rührung bei dem Gedudel und Tschingdarassa ... Ne, jeder pommersche Grenadier, der vor'm Feinde fällt, ist mir lieber als so'n Dudler ...« Die Herren sahen sich teils betroffen, teils belustigt an und der junge Brieg wechselte mit Frau von Carsten einen verständnisvollen Blick. Das Zetern seines Vaters war ihm nichts Unerwartetes, es bestätigte nur wieder seine Meinung; aber der spontane Sieg eines Künstlers über eine bunt zusammengewürfelte Menge von Ladenschwengeln, Bierphilistern und deutschen Hausfrauen erfüllte ihn mit verwundertem Stolze, als wäre es seine Sache, die da siegte ... Das Volk mußte doch mehr Kunstsinn haben, als seine Kameraden, deren Urteile über Kunstfragen denen seines Vaters kaum etwas nachgaben und zum mindesten stets die größte Unkenntnis verrieten. Viele waren selbst »wegen des alten Adels des Schreibens unkundig,« wie der Oberleutnant Schumann einmal boshaft bemerkte, und entschlossen sich nur mit Stöhnen zum Aufsetzen eines Urlaubsgesuchs oder einer Winterarbeit, die wie mit dem Besenstiel geschrieben schien. »Der Kerl schreibt Bücher,« hieß es von einem Offizier, der ein Instruktionsbuch geschrieben hatte, und die Vorträge, welche die Herren im Winter im Kasino halten mußten, erinnerten an jene chinesischen Martertode, wo der Delinquent durch ein fortwährendes unangenehmes Geräusch langsam getötet wird; zum mindesten ertötete dieser Zwang bei dem Vortragenden wie bei seinen Hörern den letzten Rest von geistigem Interesse. In der wertvollen städtischen Gemäldegalerie waren manche, die schon zehn oder fünfzehn Jahre am Orte standen, noch nie gewesen, und höchstens nahmen sie einem Bilderhändler mal ein Parforcebild ab oder ein schönes halbnacktes Mädchen, das sich in einem blauseidenen Himmelbett räkelt ... Nein, in dieser Umgebung war jede Kunst ausgeschlossen. Barbaren in ihrer Art zu sprechen, in ihren eckigen, brüsken Bewegungen, in ihren dünkelhaften und verzerrten Gesichtern, hatten diese Menschen nur harte, grobe Empfindungen ohne jedes Schönheitsgefühl, ohne Zartgefühl in der Liebe. Er sah mit einem Mal ein, daß dies beides zusammengehörte, und daß Liebe und Kunst durch ein geheimes Band verknüpft waren. Unwillkürlich blickte er wieder zu Frau von Carsten hinüber, die in ihrem stillen Lächeln dasaß, mit dem Grübchen im Kinn, ein anmutiges Kunstwerk der Natur, das im Elend verkommen zu lassen ihm als Frevel erschien. Ja, nur Barbaren konnten so daneben stehen und zusehen, wie diese Seele sich verblutete, wie diese Perle am Boden herumlag, bis einer kam und sie zertrat. Ihm schien es plötzlich, als seien sie beide vom Unglück einander zugeführt, als wäre ihnen der Boden unter den Füßen entrückt, damit sie ineinander zu wurzeln suchten, als müßten sie beide unter ihre Vergangenheit einen dicken Strich machen und von neuem anfangen! Und in seinem Geiste knüpfte sich das Land einer Seelenfreundschaft – der ersten und einzigen seines Lebens, – und der Gedanke, dieser Frau nahe zu stehen, kam ihm unendlich süß vor. Das Lichtergeflirr in den Lindenzweigen und der Duft der Blüten stimmten ihn weich und zärtlich, und gern hätte er Frau von Carsten die Hand gedrückt. Zum Glück brach man bald auf; am Himmel flammte Wetterleuchten und Frau Hüppe bekam Angst um ihr neues Sommerkleid. Am untern Ende des Offizierstisches hatten sich noch ein paar Ulanen zusammengefunden und grüßten, als die Gruppe vorbeikam, mit reserviertem Lächeln. Waldburg saß auch darunter und rief ihm ein lakonisches »Sie hätten sich doch auch zu uns setzen können« zu. Draußen nahm der General mit ein paar gestikulierenden Jubelgreisen, die mehrfach in den Rinnstein stolperten, die Tete; dann folgte Althoff mit Frau Hüppe, die an seinem Arm hing und sich heute besonders in den Hüften wiegte; den Gruß eines Offiziers, der nach dem Stadtgarten strebte, erwiderte sie sehr hoheitsvoll mit. Brieg bot Frau von Carsten ebenfalls den Arm und blieb mit ihr etwas zurück. Sofort fiel es ihm wie ein Alp von der Brust. Ein paar Worte von ihr belebten ihn wie mit einem Zauberschlag. Ja, sie war sein Asyl, wohin er sich flüchten konnte, um seiner inneren Stimme zu lauschen; sie war sein geheimer Verbündeter im Kampf gegen alle, sein einziger Vertrauter, an dessen Busen er sich hätte werfen und ausweinen mögen. »Oh Sie!« sagte er warm. »In Ihrer Nähe ist alles Leben und Ihre Worte sind wie ein Frühlingswind über meine Seele: Sie sind Natur in all dieser öden Gespreiztheit! Ich habe gedürstet nach einem Menschen und bin daran verzweifelt, einen zu finden. Aber nun hab' ich Sie gefunden und Sie haben mich erlöst: Das ist es, was ich Ihnen vorhin sagen wollte!« Er hatte die letzten Worte ganz laut gesprochen, ohne an die andern zu denken, und Frau Hüppe drehte sich hustend um. Brieg schwieg betreten und sie schritten stumm weiter. Die Schritte hallten auf der glatten, leeren Straße und die Laternen warfen scharfumrissene Blätterschatten auf die Steinplatten. Die hellen Kleider der Damen leuchteten durch das Dunkel. Am Himmel stand eine braunschwarze Wetterwand, aus der es hin und wieder aufflammte. »Und noch eins,« fuhr Brieg nach einer Weile fort, »Sie sollten sich doch entschließen, von hier fortzukommen in andre Verhältnisse. Mich drängt es auch in die Weite ... Der ärgste Kampf, die Armut selbst, scheint mir Glück gegen das Zwitterleben hier. Sie sind in der gleichen Lage. Mit einem Auge blicken Sie nach dem Erwerbsleben und mit dem andern nach der guten Gesellschaft ...« »O tadeln Sie mich nicht für meine Halbheit,« bat Frau von Carsten. »Ich kann mich noch nicht entschließen, mein früheres Leben ganz aufzugeben. Es war mir schon eine entsetzliche Überwindung, diese Pension überhaupt anzufangen, wo ich mir von jedem rücksichtslosen Fremden alles gefallen lassen muss ... Das hatte ich mir nicht geträumt, als ich heiratete, und darauf bin ich nicht erzogen ... Als ich zum ersten Mal bei Tisch saß mit all den fremden Gesichtern und in ihren Zimmern standen die Möbel von meiner Aussteuer, da hab' ich kaum die Tränen herunterwürgen können. Und plötzlich redete mich jemand barsch an, daß ich zusammenschrak und keine Luft mehr bekam und heraus musste. Und so geht es mir seitdem immer unter den Leuten; mir ist dann, als ob hier innen alles wund wäre und sich zusammenkrampfte, und ich habe dann gerade noch die Kraft, nach dem Mädchen zu klingeln, dass ich zu Bett gebracht werde.« »Aber sind Sie denn nie beim Arzt gewesen?« »Bei mehr als einem. Sie sagen alle dasselbe. Weniger Aufregung und mehr Ruhe und Pflege. Wie soll ich da in eine große Stadt ziehen und nach mehr von mir verlangen? Und vor allem, wovon soll ich's? Zu alledem, was Sie raten und was die Ärzte raten, gehört Geld und abermals Geld, und ich habe nur Schulden und drängende Gläubiger, die mich nächstens auspfänden werden ... So steht es mit mir, um es Ihnen einmal offen zu sagen. Haben Sie da noch Mut, zu raten und zu helfen? Nein, Herr von Brieg, genießen Sie Ihre paar jungen Jahre mit Leuten, die glücklich sind, denen es gut geht, und überlassen Sie mich meinem Schicksal: mir ist doch nicht mehr zu helfen ...« »Wenn ich irgendwo hingehöre,« antwortete er ritterlich, »so gehöre ich zum Unglück – zu Ihnen ...Lassen Sie mich einen Teil Ihres Kummers tragen, vertrauen Sie mir alles an; das wird Sie erleichtern. Ich kenne das: es muß einmal heraus, sonst droht die Brust zu zerplatzen ... Und verlieren Sie vor allem die Hoffnung nicht.« »Ach,« sagte Frau von Carsten tonlos, »worauf soll ich hoffen? Mein Leben ist nur ein Aufschub meines Unterganges. Dieser kleinliche, erbitterte Kampf. dieses Zanken um ein Butterbrot, das ich nicht gelernt habe und nie lernen werde – das ist es, was die Kräfte so zermürbt.« »Wo Sie so vieles erduldet und durchgeführt haben, werden Sie auch dies überwinden,« ermutigte Brieg. »Und ich will Ihnen helfen, soweit es in meinen schwachen Kräften steht: das verspreche ich Ihnen! Schöpfen Sie neuen Mut! Sie sind nicht mehr allein. Sie haben einen Freund, der Ihr Schicksal mitträgt! Wollen Sie? Wollen wir Freundschaft halten?« »Macht Ihnen das so viel Freude?« entgegnete Frau von Carsten wehmütig. Aber er suchte ihre Hand und drückte sie, denn sie näherten sich bereits dem Hause und Brieg dürstete nach einem Unterpfand ihrer Neigung. »Es ist mein Glück,« bekräftigte er. Dann schritt er ruhiger neben ihr her, als hätte sich etwas entschieden. Sie waren bereits vor dem Hause angelangt und die vereinigten Ordnungsparteien verabschiedeten sich. Leider bestand Althoff darauf, die Damen noch hinauf zu begleiten, und Brieg schloß sich in einer Art Trotz an. Vor der Tür des dritten Stocks fand abermals eine Abschiedsszene statt, aber der Hauptmann ging immer noch nicht, als wollte er sagen: »Wir wollen doch sehen, wer es länger aushält.« Brieg verschwand schließlich, nachdem er den Damen die Hand geküßt hatte, still beglückt über den lebhaften Händedruck Frau von Carstens. Erst jetzt lud Frau Hüppe den Hauptmann ein, doch noch einen Augenblick näher zu treten. »Ich würde gern als Freund von Ihnen scheiden,« sagte er, als sie allein waren, »aber ich kann Ihnen darin nicht gehorchen... Wenigstens fürs erste nicht. Ich habe etwas... mich hält etwas ...« »Was denn?« erkundigte sich Frau Hüppe naiv, »wir sprachen schon so viel von unser beider Schicksal, daß Sie's mir getrost sagen können. Ihr Herz ist wohl noch engagiert?« »Mein Herz – das nun gerade nicht,« erwiderte er, bis in die Glatze rot werdend. »Allerdings bin ich – habe ich Beziehungen, die sich schwer werden abbrechen lassen. Die Person hängt an mir wie 'ne Klette. Bevor das nicht im reinen ist ...« »O das ist doch nur Formsache,« schnitt Frau Hüppe ab. »Bei einem so edlen Gemüt wie dem Ihren zweifle ich nicht, daß Sie sich mit Anstand herauswickeln werden. Also auf gute Freundschaft ...« »Sie sind mein rettender Engel!« stotterte der Hauptmann. »Wahrhaftig, ich mußte der Geschichte mal ein Ende machen ... Besonders, wo jetzt der Major vor der Tür steht. Nun geben Sie mir Anstoß dazu ...« »Wird es schwer sein?« fragte sie, den Blick verlegen auf ihre zierlichen Halbschuhe und durchbrochenen Seidenstrümpfe lenkend. »Ich fürchte, ja,« seufzte Althoff. »Das Mädchen lebt sozusagen ganz von mir. Hoffentlich geht es ohne Skandal ab...« »Gott, haben Sie die Befürchtung?« stieß sie hervor. »Sie ist rabiat und in mich verliebt,« gestand er, den Kopf wiegend. »Sie edler Mann – wieviel zu gut denken Sie doch von den Menschen,« lispelte die hübsche Frau mit ihrem holdesten Augenaufschlag. »Diese listige Kokotte hat Sie umgarnt, und da reden Sie noch von Liebe!« »Sie verstehen mich wie eine alte Freundin!« erwiderte er dankbar. »Sie machen mich stolz, Herr Major ... Herr Hauptmann ... Sonderbar, ich sage immer schon Herr Major,« schmeichelte sie. Und tief atmend an ihn herantretend: »Wie gern bringt eine Frau für Sie das Opfer der Überwindung! Nicht wahr, Sie fassen es nicht falsch auf, daß ich an dieser unglücklichen Sache keinen Anstoß nehme? ... Ich sehe durch die Äußerlichkeiten hindurch auf den Menschen ...« Dann verabschiedete sich Althoff in aller Sittsamkeit. 4. Frau von Carsten, die allmorgendlich mit nervösem Zittern die Post empfing, hatte am nächsten Vormittag sehr trübe Stunden. Der Möbelhändler drohte ihr in einem groben Mahnbrief mit Abholen der auf Abzahlung genommenen Möbel, falls die beiden letzten Monatsraten nicht sofort entrichtet würden; und ebenso kathegorisch war ein Brief ihres geschiedenen Gatten, worin dieser auf sein Recht pochte, seinen Sohn wie alljährlich während der Sommerferien zwei Wochen bei sich zu haben. Dabei hatte Frau von Carsten ihm dieses Recht, das im Scheidungsurteil ausdrücklich zugestanden war, durchaus nicht streitig gemacht; nur innerlich sträubte sie sich dagegen, den nervösen und im Wachstum zurückgebliebenen Knaben jetzt in der Hundstagsglut nach Berlin zu schicken. Er kam von diesem Aufenthalt bei dem Vater stets doppelt verschlossen und ungehorsam zurück, und wenn sie ihm Vorwürfe machte, pflegte er zu sagen: »Du hast mich ja so erzogen.« Kurz, Frau von Carsten merkte nur zu gut, welche Drachenzähne der Vater in die Brust seines Sprößlings pflanzte, und sie konnte nichts dagegen machen; sie hatte nur die Pflicht, das Kind unter Sorgen und Entbehrungen groß zu ziehen, wie sie es unter Schmerzen geboren hatte; und ihrem Herrn Gemahl stand es dafür frei, die Seele seines Kindes zu vergiften und es auf sein eigenes sittliches Niveau herabzuziehen. Und so zeigte der Knabe, während die beiden hübsch gewachsenen Mädchen viel mehr nach der Mutter geschlagen waren, eine erschreckend zunehmende Ähnlichkeit mit seinem Vater. Nicht nur die eigensinnig vorspringende Plebejerstirn des Vaters und des Großvaters, auch gewisse Charaktereigenschaften, die Frau von Carsten weder durch Güte noch durch Strenge auszurotten vermochte, entwickelten sich mehr und mehr und gemahnten sie in trüber Weise an das, was sie selbst in ihrer Ehe durchgemacht hatte. Der Knirps war jähzornig bis zur Raserei und wehrte sich gegen verdiente Züchtigungen, indem er sich auf den Boden warf und mit Händen und Füßen um sich schlug, kurz: ein kleiner Teufel. Außerdem log er; fingierte Kopfschmerzen, wenn er arbeiten sollte, und wußte sich überall kleine, unlautre Profite einzuheimsen, so wenn er einen Brief in den Kasten stecken sollte und die Marke entfernte, um sich dafür Zuckerkant zu kaufen. Derartige Züge erbitterten namentlich die reizbare Agathe, seine älteste Schwester, die dank den Dressurversuchen ihres Vaters noch jetzt beim geringsten Anlaß in Tränen ausbrach und von der Mutter einen trotzigen Abscheu gegen alle Unwahrhaftigkeit geerbt hatte. In ihrer kindlichen Entrüstung ließ sie sich bisweilen hinreißen, dem Taugenichts eigenmächtig den verdienten Katzenkopf zu geben. Adolf pflegte solche Gewaltmaßregeln mit krummem Buckel hinzunehmen und wartete ruhig, bis er Mama oder das Fräulein draußen gehen hörte. Dann hub er ein Indianergebrüll an und klagte bitter über die groben Mißhandlungen, denen er ausgesetzt sei; er würde es dem Papa sagen, damit dieser ihn aus dem Hause nähme. Manchmal wollte er auch sofort auf die Straße rennen und war nur mit Gewalt davon zurückzuhalten; sobald er aber sah, daß sein Lamento Erfolg hatte und Agathe ein paar Maulschellen bekam, sah er schadenfroh zu und hörte sofort auf zu flennen, war die Mutter kaum heraus, so grinste er: »Etsch, du kriegst immer die Schelte und ich nie!« Agathe war meist zu stolz oder trotzig; dies ihrer Mutter zu klatschen; höchstens heulte sie: »Dem verlogenen Bengel glaubst du alles und ich kriege die Prügel für seine Frechheiten; du wirst schon noch mal dein Wunder mit ihm erleben!« Solche Worte stachen Frau von Carsten selbst ins Herz, und mit Gram malte sie sich aus, wie der Vater den Knaben immer mehr verhetzen und schließlich seine Erziehung ganz beanspruchen würde. An ihren Töchtern hing sie mit inniger Liebe; in ihnen sah sie wie in einem Spiegel ihr kaum durch fremde Linien getrübtes Ebenbild; aber um so mehr suchte sie gegen den Knaben gerecht zu sein; was konnte schließlich das arme Kind für solch einen Vater? Und so geschah es denn nicht selten, daß sie ihn unwissentlich falsch in Schutz nahm und dadurch seine schlechten Instinkte nur bestärkte. Das Schlimmste aber war, daß die Mädchen dadurch verbittert wurden und aus Groll über ihre Zurücksetzung sich an allerhand Niedertrachten weideten, die der Bengel heimlich über seine Mutter erzählte. Infolgedessen lauschten sie auch auf jedes ihrer Worte und auf alles, was sonst im Hause gesprochen wurde, und so erfuhr der Vater denn alljährlich alles mögliche, was Mama gesagt hatte oder gesagt haben sollte, und wie Tante Hüppe den Leutnant Ehlert geküßt hatte usw.; denn er fragte seinen Sprößling nach allem eingehend aus und schärfte ihm ein, auf alles ein Ohr zu haben, aber niemand zu sagen, daß er ihm das befohlen hatte. Und in Erwartung einer Zuckertüte sagte er oft mehr, als er wußte. Dazu kam noch, daß Klara, Frau Hüppes Tochter, mit dem Knaben besonders zusammenhielt und ihn in seiner Verlogenheit noch bestärkte. Ihr Vater, der Rittmeister Hüppe, hatte stets für besonders dumm gegolten. Die Briefe an seine Braut hatte er angeblich durch einen Burschen schreiben lassen, und die böse Welt behauptete, daß sogar auf der Hochzeitsreise noch Brautbriefe eingetroffen seien, da er vergessen hatte, sie rechtzeitig abzubestellen ... Jedenfalls übersah ihn die Frau sehr bald und stürzte sich in einen Strudel von Vergnügungen, um sich für die Enttäuschungen ihrer Ehe schadlos zu halten, besonders, als sie nach einiger Zeit merkte, daß ihr Herr Gemahl ein Verhältnis mit dem Kindermädchen hatte ... Eines Tages war ihr hübsches Vermögen durchgebracht und nun begann der von allen für dumm Gehaltene unter dem Deckmantel der Dummheit Wechsel zu fälschen und auch den Namen seiner Frau querzuschreiben. Als die Wucherer dann die Schlinge zuzogen, blieben ihm nur zwei Auswege: die Pistole oder Amerika. In seiner Dummheit zog er den ersteren vor und ließ seine Frau mit ihren zwei Kindern und ihrer mageren Witwenpension zurück ... Frau von Carsten, die sich damals gerade hatte scheiden lassen, sah in ihr eine Schicksalsgenossin, die auch durch einen Lumpen von Mann ruiniert war und nur den einen unendlichen Vorzug hatte, daß dieser nicht mehr lebte. Und sie hatte ihr angetragen, sich mit ihr gemeinsam durchs Leben zu schlagen. Sie hatte ihr sogar ihren Umzug aus Grävenitz und die unabweislichsten Schulden bezahlen helfen, später, als Frau Hüppe es so gut verstanden hatte, sich in ihrer Häuslichkeit alles nach ihrer Bequemlichkeit einzurichten, hatte sie ihre Herzensgüte manchmal bereut, zumal die Jahre der Not ihren Charakter nicht eben veredelt hatten. Die oberflächliche, im Glück erzogene Frau war durch ihr Unglück nur gewitzigt, nicht vertieft worden: ihre Oberflächlichkeit hatte sich in Gewissenlosigkeit und ihre Vergnügungssucht in Gefallsucht verwandelt, und vollends ihre Tochter war ein übles Gemisch von dem Leichtsinn der Mutter und der verlogenen Dummheit des Vaters. So begegnete denn Frau von Carsten trotz all ihrer aufopfernden Liebe für ihre Kinder und trotz aller Rücksicht auf ihre Leidensgefährtin stets einem dumpfen, boshaften Widerstand, den sie weder durch Güte noch durch Strenge zu brechen vermochte. Und wenn sie sich auch von Frau Hüppe wieder trennte oder diese zum zweitenmal heiratete: an Einen blieb sie doch ewig gekettet, der die Blüte ihrer Jugend geknickt hatte und noch heute der unsichtbare Lenker ihres Schicksals war ... Sie hatte das dumpfe Gefühl, ihrem Peiniger unrettbar verfallen zu sein, und manchmal fuhr sie schreiend aus dem Alptraum auf und sah ihn wieder über sich gebeugt, um sie zu würgen oder zu schlagen ... Über kurz oder lang, das fühlte sie, würde es zu einer schrecklichen Katastrophe kommen. In diesen trüben Gedanken saß sie über ihren Schreibtisch gebeugt und fertigte gerade die Postanweisung für den Möbellieferanten mit dem Betrag der letzten Wocheneinnahme aus, als Anna, ihre Jüngste, ihr Lieblingskind, das ihren eigenen Vornamen trug, und der kleine Adolf, ins Zimmer gesprungen kamen. Sie hatten jetzt Sommerferien und tollten unbeschäftigt herum. »Mama, du rechnest schon wieder?« fragte Anna. »Ja, mein Liebling,« lächelte Frau von Carsten. »Du kannst gleich die Minna herrufen; sie soll ihr Ausgabebuch abholen und Geld auf die Post bringen.« »Oh, soviel Geld!« jubelte das Kind beim Anblick der blanken Silber- und Goldmünzen. »Da kannst du mir auch etwas abgeben.« »Nein, es gibt nichts, du Quälgeist,« wehrte Frau von Carsten ihre Schmeicheleien ab. »Geh und hole die Minna, das Geld muß auf die Post.« Anna zog verdrossen wieder ab und Frau von Carsten benutzte schweren Herzens den Augenblick, um Adolf zu sagen, daß er an dem und dem Tage nach Berlin zu seinem Vater reisen sollte. Da war der Jubel denn groß. »Bei Papa ist es immer zu schön,« pflegte der Junge zu sagen, wenn er seinen Schwestern von den Zuckertüten vorschwärmte, die er für seine Angebereien oder als Schmerzensgeld für einen der plötzlichen Rappelanfälle bekam, die der Vater auch ihm gegenüber nicht bezwingen konnte. Außerdem konnte er da tun und lassen, was er wollte, um elf Uhr mit dem Papa noch zu Bett liegen, Kaffee im Bett trinken und abends mit ihm in eine jener obskuren Kneipen ziehen, wo er mit dunklen Ehrenmännern zu verkehren pflegte. Manchmal lernte er auch eine Vizemama kennen, die ihn sehr verzog und ihn nie zwang, sich die Finger zu waschen, die Nägel zu putzen oder die Haare zu kämmen. Kurz, er führte da ein Leben wie Gott in Frankreich und bäumte sich nachher um so störrischer gegen die mütterliche Zuchtrute auf. Aber er hütete sich wohl, der Mama näheres davon zu erzählen; das hatte der Papa ihm strengstens untersagt. Auf sein Freudengeheul hin kam Anna wieder angesprungen, in dem Glauben, er hätte von der Mutter doch etwas ergattert, und beneidete ihn nun sehr um seine Sommerreise. »Später,« sagte er halblaut zu Anna, »wird Papa euch auch zu sich nehmen. Es wird sich schon nochmal so machen, sagt er immer; sage das nur deinen Schwestern.« »Warum kommt denn Papa eigentlich nie hierher?« fragte Anna die Mutter. »Geh hinüber und mach deine Ferienarbeiten und frage nicht immer,« wich Frau von Carsten aus. »Ich möcht' es aber wissen,« beharrte Anna, mit dem Füßchen stampfend. »In der Schule werd' ich auch immer danach gefragt, und Agathe hat mir gestern gesagt, Papa hätte dich früher oft so geschlagen und du hättest ganz laut geweint, wie wir, wenn wir mal ... Und mit dem Fuß getreten hätt' er dich ...« »Rede doch nicht solchen Unsinn, das ist ja gar nicht zum Anhören,« unterbrach sie die Mutter. »Ihr solltet lieber was Ordentliches lernen, als euch solche Geschichten zu erfinden. Geh und mach deine Arbeiten.« Die Kinder wollten gerade hinaus, als Minna eintrat und sich die Hände an der Küchenschürze abrieb. Anna gab ihr einen mutwilligen Klaps auf den Arm. »Wenn ich gewußt hätte, daß du so unartig wirst,« knurrte die Alte, »dann hätte ich dir deine Windeln nicht gewaschen.« »Minna,« sagte Frau von Carsten mit einem Blick auf das Ausgabebuch, »wir müssen uns noch mehr einschränken. Es kommen jetzt im Sommer so wenig Fremde und die Miete muß doch wenigstens bezahlt werden, sonst setzt uns der Hauswirt auf die Straße.« »Das sagen sie mir doch nicht; gnädige Frau,« knurrte die treue Seele; »geben Sie lieber nicht alle Abende solche Feste.« »Alle Abende, Minna? Es war seit Wochen kein Mensch im Hause, außer vor acht Tagen. Die jungen Engländerinnen wollen auch etwas Zerstreuung haben, sonst laufen sie mir noch aus dem Hause. Außerdem hatte mich Frau Rittmeister so gebeten.« »Na überhaupt die Frau Rittmeister!« fiel Minna ein. »Den ganzen Tag tut sie nichts als neue Kleider anprobieren und Klavierspielen und abends sitzt sie mit dem Herrn Leutnant und trinkt Bowle – da weiß man ja, wo das Geld bleibt. Ich geb's nicht aus, gnädige Frau; fragen Sie mal bei andern Herrschaften herum, ob da so sparsam und billig gekocht wird, wie bei uns. Wären Sie doch nur nicht mit der Person zusammengezogen,« fuhr sie unvermittelt fort. »So'n Parvenupack – nix als Ärger hat man davon!« »Minna,« begehrte Frau von Carsten auf, »ich verbitte mir solche Redensarten.« »Ach, gnädige Frau, was nutzt das verbitten!« fuhr die Alte dazwischen. »Es ist doch so. Ich kenne Sie, seit Sie noch ein ganz kleines Ding waren. Ihre Frau Tante hat mich für Ihnen mitgegeben, als Sie heirateten und ich habe bei Ihnen ausgehalten, all die Unglücksjahre mit dem Herrn von Carsten; da werd' ich Ihnen das schon sagen können, daß es 'n Unsinn war, mit der zusammenzuziehen, hätten sie mich nur vorher gefragt. Aber Sie machen ja immer alles allein. Nu haben Sie sie auf der Pell und nix gutes lernen Sie von ihr nich. Sie fangen auch schon wieder an mit die schönen Kledagen, und das hatt' ich Ihnen schon ganz abgewöhnt. Kauf' ich mir denn was Neues? Nee. Ich trage noch die Sachen von gnädige Frau von vor sieben Jahren. Das hier hatten gnädige Frau an, als der alte Herr von Carsten zum letzten Male bei Ihnen war vor der Scheidung ...« Frau von Carsten mußte trotz der traurigen Erinnerung lachen: es war der Schicksalstag, an dem der alte Kommerzienrat sie fußfällig gebeten hatte, seinen Lohn nicht fallen zu lassen. »Aber ich weiß schon,« fuhr die Alte, am Schürzenzipfel zupfend, fort, »ich weiß schon, woran das alles liegt, Sie gehen nicht mehr in die Kirche ... Und mich haben Sie am letzten Sonntag auch nich gehen lassen, wenn ich mal nich in 'n Himmel komme, is gnäd'ge Frau dran schuld.« »Minna,« sagte Frau von Carsten ernst, »glauben Sie wirklich, daß man jeden Sonntag in die Kirche laufen muß, um ein guter Mensch zu werden? Sie habe ich am Kirchengehen nie gehindert, wenn nicht was Besonderes dazwischen kam. Aber wie oft ich gehe, das ist doch meine Sache!« »Na, wenn's der gnädigen Frau nicht paßt, kann ich ja am nächsten Ersten gehen!« keifte Minna und ging kurz hinaus. In der Tür rempelte sie Frau Hüppe an, die anscheinend draußen gelauscht hatte und jetzt mit einer Unschuldmiene hereingerauscht kam. »Die war ja fuchswild,« sagte sie, als die Tür sich geräuschvoll hinter ihr schloß, »Sie hat wohl mal wieder zur Abwechselung gekündigt?« »Sie mault immer noch,« lachte Frau von Carsten, »weil wir neulich Abend Besuch hatten.« Frau Hüppe war an den Schreibtisch getreten und inspizierte naserümpfend die Briefe. »Sie hat vielleicht nicht unrecht,« fuhr Frau von Carsten fort, auf das Mahnschreiben deutend. »Es ist eigentlich ein Wahnsinn, daß wir noch solche Ausgaben machen. Wovon? Ich bin noch mit der halben Miete vom letzten Quartal rückständig und das Schuldgeld für die Kinder muß auch bezahlt werden ... wir müssen uns halt noch mehr einschränken ...« »Noch mehr einschränken?« platzte Frau Hüppe heraus. »Ich glaube, ich schränke mich doch genug ein. Mehr Opfer kann ich nicht bringen.« »Du Opfer bringen?« fragte Frau von Carsten erstaunt, »wem denn und welche? Du spielst Klavier und machst Toilette. Dazu halt' ich dir noch ein Dienstmädchen extra, für dich und Klara.« »Du bist sehr freundlich, mir das vorzurechnen,« fiel Frau Hüppe mit höhnischer Verbeugung ein. »Deine Herzlosigkeit reizt mich dazu,« antwortete Frau von Carsten ernst. »Die ganze Schwere dieses Daseins lastet auf mir, du weißt, wie das alles mich drückt, und doch hast du nicht das geringste Interesse für mich und kümmerst dich um nichts mehr.« »Um was soll ich mich denn auch kümmern?« fragte Frau Hüppe mit hoher Stimme. »Daß dir der Wirt mit Kündigung droht, oder daß du kein Geld hast, oder daß du gedrängt wirst; das wird dadurch auch nicht anders. Außerdem,« setzte sie mißgünstig hinzu, »hast du ja jetzt einen Anwalt deiner Sorgen in Herrn von Brieg ... verzeih, ich muß jetzt Toilette machen. In einer Stunde ist Essenszeit ...« Damit rauschte sie hinaus und überließ die arme Frau ihrem Kummer. 5. Der Leutnant von Brieg hatte an diesem Morgen seine Rappstute geritten, die sich von dem nächtlichen Schaden zwar wieder erholt hatte, aber für diesmal zum Distanzritt verdorben war. Der Kommandeur hatte einen älteren Oberleutnant, der auf Reitschule gewesen war, mit der Ausführung des Rittes betraut, und Brieg war gar nicht so unglücklich darüber; seit einiger Zeit war ihm selbst die Reitpassion geschwunden. Er hatte Augenblicke, wo alles, was er tat, ihm so fremd vorkam, – und doch waren es die altbekannten Gesichter und Pferde, die er auch heute erblickte, als die Schwadron, die Lanze im Arm, durch den Hochsommermorgen über das Vorstadtpflaster klapperte; voran der Rittmeister von Treuenfels, ernster denn je, auf seiner großen Dunkelbraunen, neben ihm der Oberleutnant Freiherr von Birstein auf seinem mächtigen Goldfuchs und der kleine Graf Limburg auf seiner Falben mit der großen Blässe, den Glasaugen und der dicken, strähnigen, nach rechts gekämmten Mähne. Brieg stand ganz gern bei seiner Schwadron und hätte das Manöver, wo die Offiziere doppelt aufeinander angewiesen sind, nirgends so gern mitgemacht wie bei der Vierten. Den Rittmeister verehrte er; er war weder ein Streber noch ein Ignorant, weder ein Leuteschinder nach ein Pferdeschoner, und wie er seine Offiziere einmal erkannt hatte, so blieb er auch gegen sie und hielt ihnen gegen die Grillen des Kommandeurs die Stange; und das war manchmal nicht leicht, zumal sein Oberleutnant, ein früherer Gardedragoner, ein Mann von bestem Willen, aber wenig praktischem Blick war, der sich in der Instruktionsstunde mehr bewährte als vor dem Zuge und in der Reitbahn. Es war oft rührend zu sehen, mit welcher Engelsgeduld er dessen Schwächen ertrug und zum Beispiel zum Mittelreiter des Richtungszuges, den der älteste Leutnant zu führen hatte, einen erprobten Gefreiten auf einem bombensicheren Pferd erkor, damit der Herr Zugführer nicht die Schwadron oder gar das ganze Regiment umschmiß, wenn er mit seinem Goldfuchs plötzlich vor dem rechten Flügel, statt vor der Mitte seines Zuges ritt. Aber schließlich gab es auch Fälle genug, wo ein gesunder Eingriff von oben nicht hinreichte, um die mangelnden Reitergaben des Freiherrn zu verdecken, zum Beispiel bei der Ausbildung der alten Remonten, deren Vorstellung im Frühjahr mit einem Fiasko abzuschließen pflegte, das letzten Endes nicht auf den Reitlehrer, sondern auf seinen Rittmeister zurückfiel. Auch als Herr von Brieg zum erstenmal fünfundfünfzig Rekruten vorstellte, fehlte es dem jungen Offizier noch zu sehr an Erfahrung, als daß die Besichtigung glatt abgelaufen wäre, und ein Hauptteil der Schuld fiel wieder auf den Rittmeister zurück, der aber zu vornehm dachte, um es ihn entgelten zu lassen; denn er wußte ja, daß der junge Offizier eher zu eifrig war als das Gegenteil. Dazu kam noch, daß er den Bureauscherzen und den ewigen Einmischungen des Obersten in die Behandlung der Pferde einen passiven Widerstand entgegensetzte und zum Beispiel ein Pferd ohne dessen Einwilligung hatte brennen lassen. Auch eine Quartalseingabe, die Herr von Rössing erfunden hatte: »Vorschläge zur Vereinfachung des Schreibwesens«, beantwortete er stets negativ; und doch hatte gerade diese Eingabe bei den höheren Stellen solchen Beifall gefunden, daß sie auf das ganze Armeekorps ausgedehnt wurde! »Das nächste Mal,« sagte er verdrossen zu dem Freiherrn von Birstein, mit dem er sich darüber gerade unterhielt, »schreibe ich: Abschaffung dieser Eingabe!« Der Freiherr war ein mit Gott und der Welt zerfallener Mann, dessen Gardestern endgültig erloschen war, seit er zur Begleichung seiner Schulden eine reiche Jüdin geehelicht hatte, die nicht zu den ersten Finanzkreisen Berlins zählte. Die häuslichen Verhältnisse waren um so trauriger, als sie keine Kinder hatten; die Frau warf dem Manne vor, daß er sie ihres Geldes wegen geheiratet hätte, und der Mann ihr, daß sie ihm die Karriere verdürbe. Er ließ sich mit ihr auch nie in Gesellschaften blicken, zumal sie weder hübsch war, noch überhaupt gesellschaftlich auftreten konnte, und sie wachte haßerfüllt über alle seine Schritte, voller Mißtrauen, daß der schöne Offizier, den sie rasend geliebt hatte und den sie noch liebte, sich anderorts schadlos hielte. Außerdem hatte er als Soldat wenig Glück; seine guten akademischen Kenntnisse wogen den Mangel an Augenmaß und praktischem Blick nicht auf; er wurde um jener willen nur noch mit allerhand theoretischen Nebenaufgaben beglückt, ganz wie Herr von Brieg. »Wissen sie schon das Neuste?« fragte er diesen jetzt, »Wir zwei sollen die Prüfungsarbeiten zur Reserveoffizierprüfung durchsehen. Man ist wirklich nur noch Schulmeister in Uniform! Wenn ich Kinder hätte, ich ließe sie lieber Briefträger oder Droschkenkutscher werden; da weiß man doch, was man ist ...« Herr von Birstein war der einzige, den Brieg je so hatte reden hören. Die meisten, aktive wie pensionierte, schimpften zwar ebenso gotteslästerlich über ihren Beruf, aber diese einzig logische Schlußfolgerung zog außer ihm keiner; und wenn man sie fragte, was ihre Söhne werden sollten, so sagten sie: »Selbstverständlich Offizier!« Immer siegte das Standesvorurteil über die bösen persönlichen Erfahrungen. Sogar der kleine Graf Limburg, der diese Brandreden des Oberleutnants kannte, hatte nur ein Lachen und ein paar Ulkworte dafür, obwohl er sonst einer der Vorurteilslosesten war und jedem sein Recht werden ließ, von ihm hatte der junge Herr dankbar gelernt, wie man Menschen behandelt und ihnen ein Vorbild ist, und die Ulanen hingen an ihm, nicht nur, weil er in ihrer groben Art mit ihnen scherzen konnte, sondern auch, weil er es ihnen in allen ritterlichen Künsten zuvortat. Er war das Muster eines flotten Reiteroffiziers und ein allgemein beliebter Kamerad. Natürlich war er auch stark in Frauenzimmergeschichten verwickelt, denn die Mädchen liefen dem schneidigen, kleinen Grafen buchstäblich ins Haus, aber er war dadurch doch nicht blasiert geworden, und er hatte eine Art, über den Schmutz wegzuhüpfen, ohne sich selbst zu beflecken, die ihm keiner nachmachte. Übrigens ging er in diesen Dingen nicht auf. Er war musikalisch, ein flinker Tänzer und ein glänzender Gesellschafter, der immer mit den meisten Kotillonorden bestirnt vom Balle kam, ein schneidiger Rennreiter, ein leidenschaftlicher Jäger – und bei alledem ein Mensch mit offenen Sinnen und warmem Herzen. Nach seinem Vorbild hatte Brieg seinen Rekruten jede Übung am Reck und jede Lanzendeckung, das Springen über das Pferd und das Nehmen des Sprunggartens auf ungesatteltem Pferd selbst vorgemacht, ehe er es von ihnen verlangte, und auch ihm war dafür die Liebe und Hochachtung der Leute zuteil geworden. Er faßte sie manchmal nicht mit seidenen Handschuhen an, und bisweilen hatte auch die Reitpeitsche dem Verständnis eines besonders dummen Bauernjungen nachgeholfen, der bisher nur vor der Mistforke der Mutter Respekt gezeigt hatte; aber es hatte sich deswegen noch nie einer über ihn beschwert und er fühlte sich nie sicherer als vor dem Lanzenwall der Schwadron; mit ihm, das wußte er, würden seine Ulanen durch Dick und Dünn reiten. Allmählich trabte die Schwadron der Schwimmstelle entgegen; der feuchte Wasserdunst schlug den Reitern schon entgegen, vergangnes Jahr war Brieg in voller Uniform ins Wasser geritten und hatte sich, als er den Grund verlor, an die Mähne geklammert und durch die silbernen Strudel hinüberziehen lassen. Dann, sobald die Hufe wieder Boden faßten, saß er mit einem Ruck im Sattel und kam triefend herausgeritten. Der Oberst, der mit dem Brigadekommandeur der Übung beiwohnte, hatte ihn wie ein grämlicher Schulmeister angeguckt, als hätte er einen leichtsinnigen Streich begangen; aber der General, der gern ein Husarenstücklein sah, hatte ihm freundlich zugenickt, als er mit seiner Patrouille pudelnaß forttrabte. Er hatte den jungen Offizier im Manöver schon mehrfach wegen guter Meldungen belobt; ja, einmal, als er mit seinem Stabe in einem Dorfwirtshaus saß und Brieg staubbedeckt mit einer Handvoll Reitern durch die Dorfstraße kam, hatte er ihn angerufen und ihm eigenhändig ein Glas Schaumwein zum Fenster hinaus kredenzt. Dieses Jahr kam Brieg das alles so vergangen und abgetan vor, und er ließ sich, am Schwimmplatz angekommen, auf einem der mit Sätteln und Waffen schwerbepackten Faltboote übersetzen, während die Pferde rudelweise ins Wasser getrieben wurden. Einige wasserscheue band man an dieses und andre Boote fest, und spritzend patschten sie hinterdrein, um allmählich bis auf den Kopf zu versinken. Überall sah man prustend geblähte Nüstern; das kühle Wasser rauschte an den glatten Leibern vorbei, die schwer atmend und stöhnend sich durch die Strömung durcharbeiteten; dann tauchten sie wieder empor, entrannen dem kalten Bade und schüttelten sich wiehernd, während ihre zurückgebliebenen Numeralien ihnen vom andern Ufer antworteten. Einzelne begannen zu grasen und ließen sich nur mit Mühe fangen und satteln; andre rissen schon im Wasser aus oder trieben stromab, während ein paar gute Schwimmer, die sich entkleidet hatten, ihnen mit gewaltigen Schwimmstößen nachsetzten. »Daß mir keiner von euch ersäuft!« schrie der Wachtmeister vom Boot aus; »nachher hat man die ganze Schreiberei auf'm Hals!« Ein Schützenschwarm hatte derweil schon die nächsten Büsche und Hohlwegränder mit dem Karabiner besetzt und Brieg saß in ihrem Schutze auf, um dem Feinde entgegen zu reiten. Er warf noch einen Blick zurück auf das bunte Vordergrundbild und den gewundenen Fluß mit den sanft geschwungenen Uferhügeln, der im Mittagszauber unter ihm zurückblieb. Ein feiner silbriger Duft, wie an einem verfrühten Herbsttage, lag auf der ganzen Landschaft, so daß sich der finstere Tann nur in zartblauen Tönen heraushob. Bald hatte er mit seinen sechs Pferden die Uferhöhe erreicht und suchte mit seinem Glase den Horizont ab. Über die Bodenwellen zogen Baumreihen wie Truppen und ein gleichmäßiger Sommerwind strich über die Feldbreiten, die meist schon in gelblicher Stoppel dalagen; nur hier und da reifte noch ein Weizen- oder Haferfeld der Mahd entgegen. Die Pferde prusteten wohlig und griffen frisch aus; hin und wieder zuckten sie mit der Haut oder schlugen mit dem gestutzten Schweif und klappten mit den Ohren, um eine der lästigen Stechfliegen zu verscheuchen. Die wohltuende Elastizität der Bewegung, die sich dem Reiter mitteilt, und der weite, lichte Horizont wirkten auf Brieg stets beruhigend und klärend. In der Natur löste sich der ewige Krampf seines Wesens und er sah alles mit erlösten Augen an. Hin und wieder kamen Waldparzellen mit knorrigen Eichen oder rotschäftigen Föhren, Hohlwege mit Hagebuttensträuchern, und drunten im Grunde stach ein Dorf mit seinem Kirchturm und seinen roten Ziegeldächern aus einem Kranz grüner Gärten hervor, wie eine große Schüssel Krebse, mit Petersilie garniert. So hatten alle Dinge ihr besonderes Gepräge und wehrten sich stumm gegen die Willkür der Karte, die das Laubholz eirund und das Nadelholz dachförmig, jede Kirche als Kreuz und jedes Häuserquadrat als schraffierte Fläche angab. Ihm deuchte, als hätte er einen besonderen Sinn, die Eigenart aller Dinge zu erfassen. Diese Straßenraine und Hohlwege, diese Dorfzeilen und Wiesengründe hatten für ihn jedes sein eigenes Antlitz. Er kannte nichts Schöneres, als mit der Feldmütze im Nacken im Grase zu liegen, ganz vergessend, wer und wo er war, und in den blauen Himmel hinauf zu schauen, wo die Schwalben sich jagten; er folgte den wandernden Gebirgen der Wolken und dem Flug eines Falters; er sah durch die Grashalme zu, wie eine Ameise sich mit einem riesigen Holzspan abmühte, oder betrachtete die Sandwellen auf dem Grunde des ockerbraunen Bachbetts ... Ja, er war ein Träumer und Dichter, der den Dingen ihr geheimes Leben ablauschte, dem die Formen und Farben im Grund über den Inhalt gingen. Er liebte seine deutsche Landschaft in ihrer versonnenen Anmut, ihrer herben Innigkeit; er meinte ihre Seele zu verstehen, und er war gern Soldat, solange er in ihr sich tummeln konnte. Das Bunte und Malerische seines Berufs, das der Natur zur Staffage bedarf, die kraftvolle Anmut der Pferde, die schillernde Romantik des Reitergefechts, das stolze Ungestüm einer Attacke, wo die Lanzen und Fangschnüre flogen, die Hufe und Säbel blitzten und die Trompeten Signale hineinschmetterten: das alles liebte er am Soldatenstand ... Aber beileibe nicht das, was die Kameraden daran liebten oder dadurch zu erstreben hofften, noch das, was sein Vater ihm aufzwingen wollte ... Er sah sich als Fähnrich früh morgens übernächtig im trüben Schwadronstall, wie er als Berittführer das Putzen und Futtern überwachte, während der faulige Gestank der ausgemisteten Stände vor ihm aufwallte; und er gedachte der Heineschen Verse von dem Wunderland mit den großen, sprechenden Märchenblumen und den klingenden Quellen, das vor der Morgensonne zerfließt wie eitel Schaum ... Er sah sich als Leutnant früh morgens um sechs Uhr in der trüben Reitbahn frieren und die Pferde in dem frostigen Bahnstaub wie Gespenster an der Bande entlanghuschen – und in seinem Herzen lebte noch das Zauberbild des gestrigen Balles ... Und der gleiche Träumer war er noch; im Grunde ehrte und liebte er nichts, als die Schönheit, was er sich auch jahrelang vorgelogen hatte! Der Tag mit seinen dringenden Ansprüchen, der sein Empfinden in Atome zerhackte, mochte ihn wohl von sich selbst abbringen; aber im Augenblick, wo er sich wiederfand, fiel das alles von ihm ab wie Spreu, und er wußte mit einem Male, daß er nicht zwei Herren dienen konnte ... wozu also seine Kräfte hier vergeuden und das tun, wozu er keinen innern Antrieb spürte, wo ihn doch keiner für voll nahm und alles, was ihm am Herzen lag, ihm in den Augen der Kameraden zum Spott gereichte? Nein, es war ein Wahnsinn, sich zu opfern, ein Wahnsinn, tausend fruchtbare Kräfte am Altar des Moloch hinzuschlachten. Der Patriotismus verlor für ihn seinen letzten Nimbus. Er malte sich den Gang einer Schlacht aus, er sah all dies junge, zukunftsreiche Leben nach ungeheuren Anstrengungen und Milliarden von Geldopfern verbluten, als wäre das Morden der Sinn und das Ziel des Lebens! Und wenn es noch wenigstens zu einem Kriege kam! Wenn man rüstete und dann losschlug, um vor Krieg und Kriegslasten einmal für fünfzig Jahre sicher zu sein. Ein Krieg als Mittel zum Frieden, um diese Reformen durchführen zu können: das schien ihm nach ein Kulturziel. Solch ein Krieg war immer noch ein Glück gegen diesen bewaffneten Frieden, der die Kriegsgefahr nur mehrte, diese Schraube ohne Ende, die dem Volke immer mehr Blut und Steuern abpreßte, ohne daß es wußte, wozu? Vom Thron herab wurde immer die Friedensschalmei geblasen und dabei rüstete man sich bis an die Zähne. Wozu ewig den Frieden im Munde und den Krieg im Blick? Und wie eine Offenbarung ging es ihm auf, daß man in sich klar sein mußte und daß nur die Tat befreit! Daß es nicht genügt, zu nörgeln, sondern daß man auch die Folgerungen aus seinen Gedanken ziehen muß. Seine eignen Torheiten, die er begangen, erscheinen ihm jetzt als ein unklarer Drang nach Betätigung, als Sturmzeichen einer Wandlung, die sich ihres Ziels noch nicht bewußt war. Aber jetzt war es ihm aufgegangen wie eine Sonne, und das Leben erschien ihm auf einmal als ein großes Glück! Ein Leben voller Möglichkeiten, voller Hoffnungen! Ja, wie schön mußte es sein, seinen Instinkten zu folgen, im Einklang mit sich selbst zu leben! Wo alle Hemmungen ausgeschaltet waren: welche Schaffenskraft mußte da frei werden! Sein Pferd wieherte plötzlich und er blickte auf. Ein paar Reiter mit grauleinenem Czapka-Überzug – also Feind – kamen ihm entgegen. Brieg winkte seinen Leuten und zog blank, um sie zu attackieren, und der kleine Reiterpulk fegte über den Sommerweg neben der Straße. »Schritt! Schritt!« schrie Herr von Schmitt ihm schon von weitem zu. »Stecken Sie Ihren Krötenspieß ein und sagen Sie mir lieber, wo stehen Sie und wieweit sind Sie mit dem Pferdeschwemmen? Wir sind im Vormarsch auf Kirchfeld; die Tete wird schon drin sein. Wollen uns die Sache doch vereinfachen und das gegenseitig zurückmelden ...« Brieg zauderte kaum einen Augenblick. »Wozu das alles noch?« fragte er sich. Es kam ihm so unnütz und nichtssagend vor. Dann trennten sich die beiden Patrouillen, um etwas rückwärts eine Beobachtungsstellung einzunehmen. Der Feind ließ nicht lange auf sich warten. In dicken Staubwolken trabten die drei Schwadronen allmählich heran, während die vierte zum Schutz der noch schwimmenden fünften sich ihnen entgegenwarf. In den Uferbergen kam es zur Attacke. Die Schützen, die im Buschwerk versteckt waren, unterstützten die Reiter und der Feind mußte weichen; dann brach noch ein Reiterzug zum Nachhauen vor. Die Übung endete wie gewöhnlich mit einer langen Kritik, worauf der Heimritt angetreten ward. Briegs Gedanken schlugen auf ihm einen etwas nüchternen Gang ein. Er nahm sich vor, seinem Vater zu sagen, welcher Entschluß in ihm gereift sei; er sollte ihn freigeben und ihm sein mütterliches Erbteil auszahlen. Er war jetzt dreiundzwanzig Jahre und wollte sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Er wollte keine Unterstützung und auch kein Nein: er wollte Freiheit. Die Schulden, die ihm die Verhältnisse aufgezwungen hatten, wollte er aus dem Erlös für sein Pferd bezahlen, sie konnten kaum höher sein als die Verkaufssumme; und dann hatte er sich vorgenommen, Frau von Carsten aus ihrem Elend zu befreien, indem er ihr die dringendsten Schulden abnahm und sie instand setzte, ein neues Leben zu beginnen. Wenn er selbst Geld verdienen konnte, durfte er auch welches ausgeben, noch dazu für diese zu Tode gehetzte Frau, der niemand half, und der er soviel schuldete ... Ihr festes und doch so frauliches Wesen wirkte auf ihn zugleich besänftigend und ermutigend. Der Gedanke, dieser Frau etwas zu gelten, machte ihn stolz und sicher gegen die Kameraden; er fühlte sich im Besitz einer geheimen Kraft, deren Quelle ihm keiner verschütten konnte. Er zählte die Kilometersteine, die ihn noch von ihr trennten, und der Anblick der Türme der Stadt, die aus der Niederung auftauchten und immer größer wurden, erfüllte ihn mit ungekannter Rührung. Er fragte sich, was sie wohl jetzt triebe, und als er durch die Straßen ritt, klopfte ihm das Herz an jeder Ecke, sie möchte ihm im Herumbiegen begegnen. Aber sie erschien nicht; nur das dicke Fräulein Schamroth mit den gläsernen Ohrringen watschelte in ihren Pelzschuhen daher, von ihrem Affenpintscher gefolgt. Doch auch dieses Zerrbild verklärte sich in seinen Augen wie vom Schein einer verborgenen Sonne: kam sie doch von ihr! Im Kasino achtete niemand auf ihn. Da er sich seit seines Vaters Anwesenheit noch rarer machte als sonst, schien man ihn bereits vergessen zu haben. Herr von Meyring blickte nur flüchtig von der Rangliste auf, in deren Studium er sich vertieft hatte, und erwiderte seinen Gruß kaum. Auer las aus dem Annoncenteil einer illustrierten Zeitung vor: Heiratsgesuche, Broschüren über das Liebesleben der Menschen, Chiffrekorrespondenzen zwischen Liebespaaren und dergleichen mehr. Dann kamen die Familiennachrichten aus der »Kreuzzeitung« dran und schließlich der Polizeibericht aus dem Käseblättchen. Das war der geistige Dunstkreis, in dem er es nun seit vier Jahren ausgehalten hatte! Er hatte sein Schicksal dumpf hingenommen, als wäre es ihm verhängt und es gäbe kein Entrinnen aus seinen Kreisen. Mumienhaft hatte er hingelebt, ohne zu wissen, was ihn noch weitertrieb, oder sich in allerhand Torheiten verzettelt, um seine innere Stimme zu betäuben, oder gar sich mit Selbstvorwürfen gepeinigt. Aber nun war Klarheit in ihm und er fühlte sich so glücklich darüber wie an einem Maitage, wenn der Flieder blühte und die Sonne alles mit Sicht überschüttete. Ja, selbst den Kameraden konnte er nicht mehr gram sein! Er wollte eben das Kasino verlassen, als Graf Kinsky, der als ältester unverheirateter Rittmeister Kasinovorstand war und mit dem Sergeanten, über einen Papierstoß gebückt, eifrig rechnete, ihn anrief und ihn zeremoniös zu ein paar Worten ins Nebenzimmer bat. »Hören sie mal!« sagte er hier, nach gewohnter Art die rechte Augenbraue runzelnd, »ich soll Ihnen vom Kommandeur bestellen, daß Sie endlich Ihre Kasinoschuld bezahlen. Sie ist jetzt auf achthundert Mark angeschwollen! Der Herr Oberst ist wütend über die hohe Summe und droht, Ihrem Herrn Vater zu schreiben, wenn Sie die Sache nicht innerhalb dreier Tage von selbst erledigen. Majestät hat erst vor kurzem einen neuen Erlaß gegen den Luxus der Offiziere gerichtet und namentlich das Schuldenmachen im Kasino streng untersagt; dieser Erlaß ist den Herren bekannt gegeben, damit sie sich nach ihm richten. Im übrigen muß ich als Kasinovorstand auf § 2 der Statuten aufmerksam machen, worin es dem unverheirateten Offizier vorgeschrieben ist, mindestens dreimal wöchentlich im Kasino zu speisen. Sie sind neuerdings sehr oft nicht erschienen; ich weiß, weshalb, und finde es durchaus verständlich; aber die Kasinovorschriften gehen vor und Sie machen nur böses Blut unter den Kameraden, wenn Sie sich so geflissentlich von ihnen fernhalten. Das ist es, was ich Ihnen zu sagen hatte.« Graf Kinsky machte eine höfliche Verbeugung, ließ seinen jüngeren Kameraden vorangehen und fragte, als sie das Kasino wieder betraten, verbindlich: »Nun, wie gefällt es Ihrem Herrn Vater bei Frau von Carsten? Sie ist eine liebenswürdige Dame, nicht wahr?« »Kennen Herr Graf sie?« fragte Brieg, sich halb umdrehend, voller Staunen über diese freundliche Gesinnung. »O gewiß. Ich lernte sie bei ihrem Onkel, dem Herrn von Meins, kennen. Es ist traurig für die arme Frau, daß sie solches Unglück in ihrer Ehe hatte.« Brieg hätte mit dem Grafen gern noch weiter über sie gesprochen, aber dieser brach die Unterhaltung mit feinem Lächeln ab und begab sich wieder an den Rechentisch. Obwohl einer der reichsten Großgrundbesitzer Schlesiens, hielt er es nicht unter seiner Würde, die kleinsten Pflichten des Dienstes und Ritterstandes mit peinlicher Gewissenhaftigkeit zu erfüllen. Er war eigentlich zum Hofmann geboren und hatte unter dem alten Kurs auch eine Rolle bei Hofe gespielt; trotzdem trug er diese Verbannung in ein Provinzialkavallerieregiment mit Grandezza, als ob er sich nie etwas Höheres ersehnt hätte. Brieg hatte stets eine besondere Sympathie für ihn empfunden, und der weltmännische Blick des Grafen sah in dem begabten, jungen Offizier anscheinend auch mehr als das stumpfe Auge seiner Kameraden. Wie einfach und bescheiden war doch die Vornehmheit des Grafen im Vergleich zu dem geschwollenen, unfreien Dünkel eines Althoff; seine Ulanen durften ihn im Dienst nie anders als »Herr Rittmeister« nennen (statt »Herr Graf«), und gegen jedermann war er leutselig, ohne sich je etwas zu vergeben. Wie fein hatte er ihm selbst erst eben die Beschämung erspart, mit betretenem Gesicht von der geheimen Zwiesprache zurückzukommen; es sah eher aus, als hätten die beiden Herren sich etwas Scherzhaftes mitgeteilt... Scherzhaft erschien es Herrn von Brieg allerdings auch, daß man ihm einerseits verbot, Kasinoschulden zu machen, und ihn andrerseits zwang, im Kasino zu essen und Wein zu trinken! – Und dazu dann noch die Vorwürfe seines Vaters, er kümmerte sich nicht um ihn, und die Rücksicht, die er Marie schuldete, – kurz, er wußte nicht mehr, wo ihm der Kopf stand! Nein, er wollte diesem Zwitterzustand ein Ende machen, je eher, je lieber. Er wollte nicht um seiner knappen Zulage willen seinem Vater das Opfer seiner Persönlichkeit bringen und den Kameraden ein katzenfreundliches Gesicht machen: ihm kam das alles heute so lächerlich vor. »Roten Kragen, nix im Magen, Goldne Treffen, nix zu fressen,« summte er vor sich hin, wie die Potsdamer Gassenjungen, wenn sie den Kadetten nachliefen. Die einzige Beklemmung bereitete ihm der Gedanke an Marie. Da er entschlossen war, Beruf und Wohnort zu wechseln, so war das Abbrechen ihrer Beziehungen ja eigentlich selbstverständlich. Er hatte ihr noch ein- oder zweimal geschrieben und sein Bedauern ausgedrückt, daß sein Vater ihn ganz mit Beschlag belegte, aber selbst diese Briefe waren merkwürdig kühl ausgefallen und zwischen jeder Zeile war ihm das Bild Frau von Carstens vor Augen getreten; er wußte eigentlich nicht warum; betrog er doch niemanden, wenn er neben einem neuen Freundschaftsbund ein altes Liebesverhältnis bestehen ließ. Andrerseits hatte er nicht das Herz wie seine Kameraden, Marie ohne weiteres den Laufpaß zu geben. Sie wußte zwar, daß es eines Tages so kommen müßte; er hatte ihr nie ein Hehl daraus gemacht, daß er sie nicht heiraten könnte, und die Perspektive, an eine kleine Näherin für sein ganzes Leben gekettet zu sein, erschien ihm jetzt doppelt unerträglich. Ein Gedanke an Frau von Carsten sagte ihm, welcher Art eine Frau sein müsse, die er sich zur Lebensgefährtin erkor – und doch setzte ihn Maries Zukunft in Sorge. Er konnte sich nicht sagen: wenn ich sie nicht verführt hatte, so wäre es ein andrer gewesen; denn eben dieser andre wäre einem so anständigen Mädchen nicht leicht begegnet. Das hatte sich neulich erst wieder gezeigt, als sie ihrem jüdischen Prinzipal, der sich Ungebührliches herausgenommen hatte, den Dienst aufkündigte ... Aber wenn sie nun ins Unglück geriet? Das Andenken der unglücklichen Emmy beunruhigte ihn in seinem Gewissen ... Immerhin war es ein Trost für ihn, daß sie mit ihren geschickten Fingern nie auf Sündenlohn angewiesen war, und daß sie sich mit Glück selbständig gemacht, ja sogar, wie sie ihm stolz geschrieben hatte, schon ein Lehrmädchen angenommen hatte, um die einlaufenden Bestellungen zu bewältigen ... Sie würde also mit aller Wahrscheinlichkeit vorwärts kommen! Trotzdem blieb es ein Unrecht, sie zu verlassen. Sie konnte irgend etwas verzweifeltes tun und ihr Blut kam über ihn und seine Zukunft ... Und mit bittrer Wehmut erkannte er, daß er seine Ketten nicht brechen konnte, ohne ungerecht zu sein. Einstweilen entschloß er sich, sie heute abend noch einmal zu sehen und das weitere dem Zufall zu überlassen. Auch über das, was ihn selbst betraf, war er sich noch im unklaren. Sein allgemeiner Plan stand ja fest, aber wie er am besten in die Wirklichkeit zu übersetzen war, darüber war er sich noch keineswegs schlüssig. Das Manöver hätte er ja wohl noch mitmachen mögen, aber der Gedanke der Heimkehr in die Winterquartiere, die Entlassung der Reservisten, die, den Reservistenstock schwingend, in die Freiheit zurückkehrten, die Neuausbildung der frisch vom Pflug und von der Werkstatt kommenden Rekruten, die wieder mit den ersten Anfangsgründen beginnen mußten, der bleifarbene Herbsthimmel mit seinen Regengüssen, die den Reitplatz in einen spritzenden Morast verwandeln, das welke Laub, das matt an den Ästen hing oder durch Straßen und Plätze umhertrieb, diese ganze Melancholie des Zuendegehens und Neuanfangens, die nur durch ein paar bunte Parforcejagden belebt ward, und dann den langen, rauhen Winter mit seinem kalten Bahnstaub und seiner Kasernenluft, seinem gesellschaftlichen Strohdreschen und seinen langen, langweiligen Kasinoabenden: das alles wollte er nicht noch einmal ertragen. Am liebsten wäre er nach dem Manöver auf Urlaub gegangen, um sich in einer größeren Stadt, etwa in Berlin, nach einem neuen Beruf umzusehen; denn in dieser Sphäre, das fühlte er, bei den gebieterischen Pflichten des Alltags und der Bevormundung seines Vaters, konnte er keine Entschlüsse fassen. Er begnügte sich also einstweilen damit, an ein Berliner Auskunftsbureau, dessen Namen er in einer Annonce gelesen hatte, feine glänzenden Zeugnisse und einen kurzen Lebenslauf einzusenden, in dem er seine literarischen Neigungen hervorhob. In seinem Begleitschreiben bat er um Auskunft, welche Berufe ihm unter seinen Bildungs- und Vermögensverhältnissen freistünden. 6. Am Abend aß Brieg vorschriftsmäßig im Kasino, an das man ihn jetzt mit Gewalt knebeln wollte; er nahm sich vor, aus seinem Beruf ohne Makel auszuscheiden. Der Ton gegen ihn schien gedrückter denn je, als wüßte man schon, was sich vorbereitete, und er verließ das Kasino wie stets, wenn er nicht betrunken war, mit dem Gefühl des Fremdseins und der Kälte. Er hatte bereits die Türklinke in der Hand, als der Kasinounteroffizier aufgeregt hereinkam und den Herren etwas zuwisperte. Er sah, wie sie die Köpfe zusammensteckten und Meyring hinausstürzte, um nicht wiederzukommen. »Was ist?« fragte er erschrocken. »Der Fahnenjunker hat sich eben 'nen Bolzen durch die Schläfe gejagt,« antwortete Herr von Schmitt kalt. Diese Antwort empörte Brieg. Ihm war, als krachte neben ihm noch einmal der Schuß des Selbstmörders. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und hörte zu, was die Kameraden über den Tod den Junkers mutmaßten. Große Schulden waren wohl nicht der Grund; auch an eine unglückliche Liebe war kaum zu denken, dazu war der Junge noch zu kindlich und in sich gekehrt, sein Rittmeister war jener Herr von Degenhard, ein Hüne von Gestalt, der nicht selten einem Mann mit der flachen Klinge oder der Hetzpeitsche eins überzog. Mit ihm mochten selbst Waldburg und der Oberleutnant Schumann nichts zu tun haben. Sein Vater war erst zu Geld und Adel gekommen; er hatte seine Reichtümer in den Kolonien gesammelt, und die böse Welt behauptete, er hätte sich durch Sklavenhandel bereichert. Jedenfalls hatte sein Sohn etwas vom Sklavenhändler geerbt und jedermann zitterte vor ihm. Wie Schmitt, der bei seiner Schwadron stand, erzählte, hatte der Junker ihm kürzlich aus purer Angst eine falsche dienstliche Meldung gemacht, und der Rittmeister hatte ihn dafür mit Stubenarrest bestraft. In seiner Ratlosigkeit mochte er sein Leben freiwillig geendet haben. Brieg entnahm diesen Zusammenhang aus den Reden der Herren und er konnte sich wohl denken, daß der arme Junge wegen dieser Lappalie in den Tod gegangen war. Sie war jedenfalls nur der Tropfen des Überlaufens in einem Faß von Jammer. Der Junker hatte immer stumm dagesessen oder war hochgewippt, um auszutrinken, ganz wie er selbst es seinerzeit auch getan hatte; und dieses Leben ohne Rat, ohne Stütze und Liebe, aber voll aufreibender Strapazen, grimmiger Verweise und drohender Strafen, hatte ihn in die Bruderarme des Todes getrieben. Brieg wunderte sich jetzt, daß er selbst es so lange ausgehalten hatte, ohne zugrunde zu gehen; und diese Zähigkeit erschien ihm als gute Vorbedeutung für seine Zukunft. Wenn er das überwunden hatte, würde er auch weiter kommen! Herr von Meyring kam nach einiger Zeit wieder; er redete ganz im Protokollstil. Der Junker – so erzählte er – läge vor dem Spiegel mit durchschossener Schläfe; Briefe, die auf die Gründe der Tat deuteten, hätten sich nicht gefunden. Nur ein paar Dienstzettel lagen auf dem Tisch. Meyring hatte sie mitgebracht und legte sie vor; Brieg blickte mit Wehmut über seine Schulter weg auf diese Hinterlassenschaft. Freitag, den 19. VIII. 5–6½ Stalldienst. 7½ steht die Schwadron im Exerzieranzug komplett. 3–4 Voltigieren. 4–4¾ Fußexerzieren (dahinter die Bleistiftnotiz »Marschieren und Laufschritt ohne zu rühren«). 5–5¾ Nachexerzieren der Rekruten. (Dahinter die Bleistiftnotiz: »dreißigmal Kehrt ohne Unterbrechung.«) 6 Uhr Stalldienst. (»Dispensiert zur Offizier-Speiseanstalt.«) Sonnabend, den 20. VIII. 5–6½ Stalldienst. 7½ steht die Schwadron im kleinen Dienstanzug komplett zum Pferdeschwimmen. 2 Uhr Appell mit Drillichzeug. (»Rittmeister erscheint 2,35 Uhr. Abtreten, weil einzelne fehlen. Wieder mit Drillichanzug um 3 Uhr bis 3½ Uhr.«) 3½–4½ Rekruteninstruktion. 4½ Uhr Löhnungsappell. 5–6 Avanciertenvortrag. (»Strafarbeit!«) 6 Uhr Stalldienst. (»Dispensiert zur Offizier-Speiseanstalt.«) Diese zwei Zettel schienen Brieg ganze Bände zu sprechen. Daß ein Achtzehnjähriger an diesem Sonnabend, wo er von fünf Uhr morgens bis halb sieben Uhr abends Dienst hatte und sich danach umziehen sollte, um im Offizier-Kasino als stummer Gast zu speisen, auch ohne die doppelte Instruktionsstunde, den Strafappell und die Strafarbeit die Nerven verlieren mußte, schien ihm sonnenklar; zumal wenn er außerdem noch unter dem moralischen Druck einer Strafe wegen Lügens im Dienst stand. Brieg fühlte sich einen Augenblick in die eigene Fähnrichszeit zurückversetzt, wo er in der Unteroffizierstube in der neuen Kaserne mit dem stinkigen eisernen Ofen gehaust hatte und auch keinen Menschen besaß, der ihm ein freundliches Wort sagte und Interesse an ihm nahm. Die Unteroffiziere saßen in der Kantine, wo es nach allerhand undefinierbaren Gerüchen, nach Schmalz und Hufschmiere, nach dem dünnen, hellen Bier und aufgewaschenen Holzdielen duftete, und dazu die gebührende Unterhaltung, vielleicht von Manöverabenteuern, wie sich die Bauerndirnen wie zum Fest gewaschen und hohe weiße Strümpfe aus der Brautlade geholt hätten, oder ein Unteroffizier gab zum besten, wie er einem Mädchen eins ausgemeßt hätte ... Die Gemeinen wichen seinem goldbordigen Kragen scheu aus, und die Herren Offiziere, mit denen er nachher im Kasino speiste, sahen ihn kaum an ... Die Augen brannten ihm wie von Tränen, als er auf die Straße trat, und er schrak auf, als er eine Stimme hinter sich hörte. Es war Meyring, der die Zettel wieder an sich genommen hatte und nach dem Bureau strebte, um eine Meldung aufzusetzen. »Na, wie gefällt es Ihrem Herrn Vater denn in der Pension?« fragte er katzenfreundlich. »Übrigens kennen Sie doch die Geschichte von der Carsten?« »Welche Geschichte?« fragte Brieg zusammenfahrend. Schon die Bezeichnung »von der Carsten« dünkte ihm eine moralische Ohrfeige, als hätte sie den Ehrentitel Frau verwirkt. »Nun, sie wurde neulich im Kasino zum besten gegeben ... Sie soll letztes Jahr guter Hoffnung gewesen und zu einem Fest bei Meins im Empirekleid gekommen sein, um ihre Körperformen zu verhüllen. Glücklicherweise ist die Sache noch zurückgegangen. Graf Kinsky soll der Übeltäter gewesen sein ...« Brieg hatte einen Augenblick das Gefühl, als ob ihm die Kniee versagten. »Und diese Ehrabschneiderei glauben Sie?« stieß er hervor. »Ich habe es von unserm Prinzen,« entgegnete Meyring, als ob damit alles erwiesen wäre. »Und der wird es wohl von irgend einem dritten, vierten und fünften haben. Sie hat wahrscheinlich ein Empirekleid getragen und jemand hat die Geschichte hinzuerfunden und gar noch geglaubt, einen geistreichen Scherz zu machen,« sagte Brieg »So eine geschiedene Frau ist immer verdächtig,« antwortete Meyring mit zweideutigem Lächeln und blickte dabei einem Mädchen mit stark hochgenommenen Röcken lüstern nach. »Irgend 'nen Haken wird die Kiste schon haben ...« »So,« entgegnete Brieg. »Und wenn die geschiedene Frau der unschuldige Teil ist?« »Ach, Sie sind noch ein Idealist,« lächelte Meyring. »So 'ne Geschiedene kann's nachher ja doch nicht mehr lassen, wissen Sie ... Es hieße ja auch den Beruf der Frau verkennen ...« Ihn dünkte Meyrings Schlußfolgerung so über alle Maßen frech und schamlos, daß er einen Augenblick sprachlos stehen blieb. Als er wieder reden konnte, sah er, wie der Adjutant sich mit übermütig nachlässigem Gruß entfernte. Der Ekel gegen diesen Pharisäer, mit dem er schon einmal auf ein Haar aneinander geraten war, trieb ihm das Blut in die Schläfen; er hätte ihn in diesem Augenblick kalten Bluts niederstechen können. Aber im nächsten Moment war er sich des Orts und seiner Uniform bewußt. Und sobald sein Jähzorn verraucht war, sagte er sich auch, daß eine Herausforderung Meyrings nur Frau von Carsten bloßstellen würde. Was wußte denn jener von ihm und ihr? Er hatte ihn mit der Pensionswirtin seines Vaters in dessen Gesellschaft im Stadtgarten gesehen, weiter nichts. Er konnte nicht wissen, wieviel sie ihm war; sonst hätte er diese Anzapfung wohl nicht gewagt! Er kolportierte nur eine Verleumdung, wie er nach dem Balle bei Meins über die Ballroben und Strümpfe der Damen gezotet hatte. Damals war Brieg auch nicht auf ihn losgestürzt, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen: warum also jetzt, wo es ihm gleichgültiger denn je war, was diese Gesellschaft, der er den Rücken kehren wollte, noch trieb und sagte? Wozu also noch einen Skandal provozieren und mit dem Verbreiter jener schmutzigen Lüge oder ihrem durchlauchtigsten Erfinder eine Kugel wechseln? Mit dem Entschluß, diesen Dunstkreis mitsamt seinem point d'honneur zu verlassen, hatte er den letzten Respekt vor dem Duell verloren; es schien ihm ein Hohn auf alle Gerechtigkeit, daß der Beleidigte sich zum Überfluß noch den Kugeln des Gegners aussetzen mußte, um diesem ja Gelegenheit zu geben, seine Frechheit noch durch einen Pistolenschuß zu übertrumpfen! Mochten diese Leute also ihr Gift zu seiner Freundin emporspeien: er wußte ja, wie niedrig sie von jeder Frau dachten. »Sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee« murmelte er, »und du wirst der Verleumdung doch nicht entgehen.« Er ging mißmutig in seine Kasernenstube. Vor dem Wiedersehen mit Marie graute ihm ein wenig: wie sollte er ihr fest in die Augen sehen? Was sollte er ihr sagen, was verschweigen? Und wenn er ihr offen seine Absicht gestand, würde sie ihm glauben und ihn verstehen? Sein Blick fiel, während er so vor sich grübelte, auf die Tanzkarten und Cotillonorden an der Wand, die er sich aufgehoben hatte wie ein junges Mädchen seine Ballbuketts. Das war nun alles tot und todeswert. Er packte den ganzen Flitter mit beiden Händen, riß ihn herunter und warf ihn in den Ofen. Er wollte das alles verbrennen, ehe er ging. Ihre Briefe hatte er noch ... Er zog den Schlüssel heraus und öffnete die Schublade. Da lagen sie noch, all die rosa und blauen Billetts zweier Jahre, mit einem roten Bändchen umschlungen. Er mochte sie nicht mehr öffnen, um nicht schon vorher das Herz zu verlieren, noch ehe sie kam. Ein neues Leben wollte er anfangen. Fort mit dem alten. Und er verdammte alles zum Feuertod. Dann ging er Marie abzuholen. Das Wiedersehen war ein sehr gedrücktes. Sie wollte sich nicht ausreden lassen, daß die lange Trennung der Anfang vom Ende war und daß den Anlaß hierzu jener Vorfall bei Korner bildete. Die müde Art, wie er ihr das Gegenteil versicherte und dabei ihrem Blick auswich, bestärkte sie noch in ihrer Meinung. Er hatte zwei Gläser Rotwein eingeschenkt, aber sie nippte nur daran; und ihm schien der Wein sauer; er schnürte ihm die Kehle zu. Er schimpfte über den sauren Wein, über die schwüle Luft, dann stockte die Unterhaltung wieder. Ein Nachtfalter kam hereingeflogen und stieß gegen die Lampenglocke wie ein unruhiger, planloser Gedanke, und die alten Kommißmöbel standen steif und breitspurig da und warfen lange Schatten über die blanke Diele. »Du willst mich loswerden,« stieß Marie plötzlich hervor und ihre Augen umflorten sich. »Sage es mir offen.« Brieg schüttelte traurig den Kopf. »Nein, Marie,« sagte er tonlos und senkte den Blick, »aber ich werde bald nicht mehr hier sein. Ich will meinen Abschied nehmen ...« Marie blickte ihn erstaunt an. »Ja, es muß etwas vorgegangen sein,« sagte sie, »ich hab' es wohl gemerkt. Deines Vaters Hiersein und daß wir uns nie mehr sehen, das ist doch sonst nie gewesen ...« »Meines Vaters Hiersein hat nichts damit zu tun, Marie,« erwiderte er, mit einem Streichholz spielend. »Ich habe auch keine hohen Schulden gemacht oder gespielt, so daß ich deswegen den Abschied nehmen müßte; ebensowenig ist der Abend bei Korner daran schuld. Ich habe mich freiwillig entschieden, mir einen andern Beruf zu suchen, der meinen Anlagen besser entspricht; du weißt ja selbst, wie vieles mir hier nicht behagte ...« Marie war ihm um den Hals geflogen und drückte ihn weinend an sich. »So wird' ich dich nicht mehr wiedersehen,« schluchzte sie. »Doch, Marie,« sagte er ruhig, »ich muß ja noch meine Sachen hier ordnen, ehe ich fortgehe ...« Er entzog sich sanft ihren Umschlingungen und sie trocknete ihre Tränen. »Nein,« würgte sie hervor, »du sagst das alles nur, um mich los zu sein.« Dies Wort gab ihm einen Stich ins Herz. »Ich würde es für ebenso feig wie gemein halten, dir das vorzulügen, Marie,« fuhr er auf. »Ich will meinen Abschied nehmen und fortgehen – und wir werden uns noch einmal sehen vor meinem Scheiden ...« Marie war bei diesem bestimmten Ton aufgestanden. »Wenn du mich also noch einmal sehen willst,« sagte sie tonlos, »so schreibe es mir und ich will gern kommen. Sonst aber,« und hier übermannten sie die Tränen wieder, »Lebewohl! Ich danke dir für all die schönen Stunden, die ich mit dir verlebt habe, und für alles Gute, was du mir erwiesen hast. Ich werde immer, immer daran zurückdenken ...« Brieg drückte sie an sich, ohne ihr in die Augen zu schauen. Er war kaum eines Wortes mächtig. »Ich habe dir zu danken,« stammelte er. »Für alles ... für alles ... Ich werde dir schreiben ... Es ist noch nicht das letzte Mal.« Sie hatte sich aus seinem Arm losgemacht und ihre heißen Wangen getrocknet. Dann ging sie mit ihrem elastischen Schritt zur Tür, die sich hinter ihr schloß. Brieg sah das leichte Sommerfähnchen in dem Türspalt verschwinden; ein trockener, brennender Schmerz ergriff ihn, den keine Träne erlöste. Er trat ans Fenster und preßte den Kopf gegen die Scheiben. Das Seitentor war noch nicht zu und sie schlug den gewohnten Weg nach Hause ein. Da ging nun alles hin, was er in den letzten Jahren an Glück und Freude gehabt hatte, was ihn moralisch über Wasser gehalten ... Er kam sich so undankbar und herzlos vor, als hätte er ein großes Unrecht begangen. Draußen erklangen die langgezogenen Sätze des »Zapfenstreichs«, wie damals zu Weihnachten, als sie hier gesessen und Glühwein getrunken hatten – und nun war das alles tot und vergessen. Und doch: es mußte, mußte gebrochen sein! 7. Am Sonntag hatte, wie der Dienstzettel anzeigte, das Regiment Kirchgang. Brieg mußte die Mannschaften seiner Schwadron führen. Er selbst nahm auf der hölzernen Empore Platz. Die Garnisonkirche war kahl und geräumig, weiß getüncht wie eine Kasernenstube und mit bevorzugten Plätzen für die Vorgesetzten. Hinter dem Altar prangte ein schwülstiger Barockaufsatz. Durch die trüben, verstaubten Fenstergläser blickte man auf den Platz und die gegenüberliegende Häuserreihe. Vieles an diesem Bauwerk erinnerte ihn an die Dorfkirche des väterlichen Gutes; er wußte selbst nicht, warum ihm das gerade auffiel. Sein Geist kehrte während der Predigt zu seiner Kindheit zurück, und alle die nachfolgenden Jahre waren ausgelöscht. Er saß wieder in der wappenbemalten Herrenloge, zu der eine knarrende Holztreppe hinaufführte. Über dem Altar schwebte die weißgetünchte bretterne Kanzel, aus einem kakelbunten, stark geschweiften Holzaufbau hervorspringend, der in ein großes, von dem Dreieck der Trinität eingefaßtes Gottesauge auslief. Rostige vergoldete Strahlen liefen von diesen nach allen Seiten. In den Fensterecken hingen Spinneweben. Dichte Lindenzweige verschatteten den Ausblick mit dämmerndem Grün, dessen Widerschein über die weißen Kalkwände lief. Unten saßen die Bauern und Bäuerinnen, puritanisch geschieden, die letzteren mit wassergekämmten Haaren, ein Spitzentuch in das alte Gebetbuch halb eingeschlagen. Und rings um die Kirche, auf dem wasserumflossenen Hügel, drängten sich verwahrloste Gräber mit dürftigen Holzkreuzen und kakeligen, künstlichen Blumen- und Perlenkränzen, während Holundersträuche mit ihren weißen Blütenrosetten oder blauen Fruchttrauben über die schartige Mauer lugten ... Ja, damals war er ein frommes Kind gewesen, fromm wie seine Mutter, die in der Mystik des Jenseits Ersatz für ihr mangelndes Erdenglück suchte. Er mußte heute lebhafter denn je an sie zurückdenken ... Sein Vater war eine jener schroffen, nur mit äußeren Realitäten rechnenden Naturen gewesen, wie die Ära Bismarck sie im Volke der Dichter und Denker gezeitigt hat. Ein auf Kampf und Sieg gerichteter Beutemensch, der das habgierig Errungene zäh festhielt und mit Eifersucht bewachte. Ein Mann von trockener Selbstsucht, mit einem heftigen, logisch bornierten Willen, der die Imponderabilien nicht wog und allen feineren Seelenregungen abhold war, aber eigensinnig an einem handfesten Kommißchristentum hing, wonach Gott immer mit den stärksten Bataillonen war und Preußens Großmachtsstellung direkt auf göttlichem Ratschluß beruhte. Seine Frau war ungefähr das Gegenteil von alledem. Ferdinand, der Gemüt und Begabung von der Mutter geerbt hatte, brauchte nur in den eigenen Busen zu greifen, um zu wissen, was sie in dieser Ehe hatte dulden müssen, und sein rückwärts gewandter Blick, an Frau von Carstens Martyrium geschult, erkannte den ganzen Zusammenhang in seiner vollen Tragweite. Ebenso eitel wie jetzt auf sein Söhnchen, ebenso eifersüchtig war sein Vater einst auf seine schöne Frau gewesen; sie durfte weder tanzen noch allein in ein Damencafé gehen, und zu Hause tyrannisierte er sie mit seinen Launen, ohne Verständnis für die Bedürfnisse und die tiefere Innerlichkeit einer Frauenseele, im Grunde auch ohne Achtung vor der Frau. Die »Weiber« hatten ihren Nützlichkeits- und Eitelkeitswert, sie gebaren Kinder, dienten zur Befriedigung angenehmer Begierden, führten die Wirtschaft und trugen eine schätzbare Mitgift ein; im übrigen war ihr Tun und Lassen, ihr Singsang und ihre Putzsucht bestenfalls ein Zeitvertreib, meist aber ein kostspieliges Ärgernis. So hatte er diese hochstehende, feinfühlige Seele in aller Liebe hingemordet, und als sie, die mit achtzehn Lenzen in die Ehe getreten war, mit dreiundvierzig das Fest ihres fünfundzwanzigjährigen Martyriums feierte, war sie eine gealterte, gebrochene Frau. Selbst der silberne Hochzeitstag verlief nicht ohne Gezänk; er hatte als Kadett dabei gesessen und es hatte ihm an der Kehle gewürgt ... Die Eltern hatten damals schon das Gut verkauft und lebten in Berlin. Seitdem war die Haustyrannei des beschäftigungslosen, alten Mannes vollends unerträglich geworden; um jede Fliege an der Wand schlug er Lärm, und in das Herz des Kindes brannten sich jene trostlosen Erinnerungen, wo die Mutter auf den Tisch trommelte und erklärte, sich scheiden zu lassen, während der Vater herumtobte und schrie: »Jede Gemeinschaft ist zwischen uns aufgehoben.« Der Knabe litt furchtbar unter diesen Szenen und Drohungen, zumal er stets zu der Mutter hielt; er malte sich die Scheidung und womöglich Trennung von ihr mit fiebernden Sinnen aus und sagte sich nicht, daß ein Mann, der immer mit Totschießen droht, dies niemals ausführen wird ... Aber die Eltern versöhnten sich wieder um des Kindes willen und die Mutter versank mehr und mehr in pietistische Entsagung. Ihr Geist verdüsterte sich zusehends und ein Jahr nach der Silberhochzeit wurde sie schwermütig ... Wenn er Sonntags aus dem Kadettenkorps auf Urlaub kam, blickte sie ihn so komisch an und strich ihm mit bitterem Lächeln die Haare aus der Stirn, als wollte sie sagen: »Es ist alles eitel.« Bald danach starb sie. – Es war gerade in den Osterferien nach Ferdinands Einsegnung. Er hatte den letzten Atemzügen der Sterbenden gelauscht. Nun hatte ihr armes Herz ausgelitten, und mit all den ungestillten Schmerzen war sie ins Grab gegangen. Der Vater, der sie auf seine Weise geliebt hatte, knirschte in stummem Gram mit den Zähnen, als hätte ihm jemand ein schweres Unrecht getan; es war der herbste Schlag seines Lebens nächst seiner Verabschiedung und dem Verkauf des Gutes. Die Nacht hielt er, in der Bibel lesend, die Totenwacht neben der Leiche; dann wurde Sarg und Begräbnis bestellt und der Totenschein ordnungsmäßig neben den Trauschein gelegt ... Ob die arme Tote wohl ebenso ruhig dalag? Es war ihm, als müßte sie noch einmal aufstehen, um ihr Leben von neuem zu beginnen, als fehlte ihr etwas, das sie sich in den Sarg noch herabholen müsse, um friedlich zu schlafen ... Sonntags mochte er gar nicht mehr nach Hause. Er suchte die Mutter umsonst in dem unberührten Sterbezimmer oder floh gruselnd zum Vater, der seinen Schmerz still in sich hineinfraß ... Brieg fuhr plötzlich aus seinen Gedanken auf. Er hörte das Scharren der schweren Kommißstiefel und das Stoßen der Degengefäße gegen die Banklehnen. Die Kirche war aus ... Die Mannschaften verließen die statte der christlichen Bruderliebe, um sich, in Reih und Glied wieder unterzuordnen ... Die Herren Offiziere tauschten auf dem Platz oder beim Frühschoppen den neusten Garnisonklatsch aus und die Truppen marschierten in die Kasernen zurück; Brieg führte seine Ulanen. Als er sich dieser Pflicht entledigt hatte, schlug er den Weg zu Frau von Carsten ein. Es war sehr schwül geworden und am Himmel ballten sich bleierne Wolken. An einer Blumenbude kaufte er sich einen Strauß gelber Rosen und blickte sich dabei scheu um, wie einer, der sich nicht mehr sicher fühlt; ihm war, als müßte jeder sehen, für wen er den Strauß kaufte. Wenn Herr von Meyring ihn nun plötzlich gefragt hätte: »Wo wollen Sie denn mit den Rosen hin?« Was hätte er da für ein Gesicht geschnitten, wenn er die Wahrheit erfahren hätte? Denn er hätte die Wahrheit gesagt; im Grunde wurmte es ihn bereits, daß er ihm gestern seine Frechheit nicht herausgegeben hatte, und er wurde den Verdacht nicht los, daß der Adjutant ihn doch mit bewußter Absicht angezapft hatte, nur so feig und geschickt, daß er sich selbst alle Vorteile wahrte und auf jeden Fall kompromittierte, mochte er nun Farbe bekennen oder klein beigeben! Ja, seit Meyrings Worten wußte er: für ihn und sie gab es keine Gerechtigkeit mehr. Sie war auf ganz legalem Wege ins Verderben gestürzt worden, und wer dieses sanktionierte Unrecht nicht anerkannte und sie nicht wie einen Pestkranken mied, dem brannte man ebenfalls das Kainszeichen auf die Stirn. Aber der Mensch, der dieses sanfte und liebliche Wesen zugrunde gerichtet hatte, der lief frei herum und durfte sein Werk vollenden! Jeden ungebildeten Unteroffizier, der einen ihm gleichgültigen Untergebenen so mit Säbel und Reitpeitsche angriff, hätte man degradiert und eingesperrt; aber dieser Kerl durfte ein Wesen, das er schützen sollte und das nichts als Liebe verdiente, seelisch und körperlich brechen – und er saß weder im Zuchthause noch im Irrenhause, das auf ihn vielleicht mehr Anspruch hatte! Die Wut der Verfehmten bemächtigte sich seiner. Er fühlte sein Herz schlagen für alle Unterdrückten, Entrechteten, Unglücklichen, und sein haßgeschärfter Blick sah nichts als Gewalttat und Lüge! In einiger Entfernung ging der Freiherr von Birstein mit seiner Gemahlin am Arm, die Czapka auf dem Kopfe, er groß und elegant, sie häßlich und unansehnlich wie eine kleine Choristin! Sie waren vielleicht auf einer »Verdauungsvisite« begriffen. »Wenn der Engel nur Geld hat!« Das war das Leitmotiv der meisten Ehen. Die Jugendkraft mit Dirnen vertan, und dann, wenn der Schulden mehr wurden als Haare auf dem Haupt, in den Nothafen einer Geldheirat einlaufen und mit einer ungeliebten Frau Kinder zeugen! O diese Verstandessittlichkeit, dieses Rechenexempel von Tugend! Und dabei diese sittliche Protzerei mit der Heiligkeit der Ehe! Diese von Neid und Mißgunst bewachte Moral! Dieses sittliche Naserümpfen über eine Gefallene, die Not oder Verzweiflung zur Schande trieb! »Wenn der Engel nur Geld hat!« wiederholte Brieg sich höhnisch. Wenn zum Beispiel Frau von Carsten wieder zu Gelde kam, wenn sie zum zweiten Male reich heiratete, irgend einen Protzen, der ihre drei Kinder für den adligen Namen mit in Kauf nahm, dann war alles beim alten! Aber ohne dieses wurde ihr jedes kleine Judenmädchen vorgezogen und jede Schlechtigkeit nachgesagt! ... Und wenn sie wirklich diesen Ruf wahrgemacht hätte, wenn sie sich in den Taumel der Sinne gestürzt hätte, um ihr Unglück zu übertäuben: wäre das nicht verzeihlich gewesen? Aber wie hätten dann alle den Stab über die Dirne gebrochen! Welches moralische Geschrei hätten sie angestimmt! Nur wenn sie im Elend verhungerte, dann wäre alles still gewesen, ganz still ... Und das nannte sich noch Adel! Das ließ ein so prachtvolles, adliges Weib verkommen und heiratete einen Geldsack, um seine verrosteten Kronen wieder aufzufrischen und die Rasse zu verderben! Birsteins hatten zum Glück keine Kinder, aber hätten sie welche gehabt, was wäre daraus geworden? Man munkelte ja zum Beispiel, daß Herr von Menring mit seiner Habichtsnase von mütterlicher Seite jüdischer Abstammung war. Und andre, die den Adelsstolz besonders hervorkehrten, waren erst vor einer Generation aus dem verachteten Pöbel emporgetaucht, wie der Vater jenes Rittmeisters, der angebliche Sklavenjäger, oder der Kommerzienrat von Carsten. Was blieb denn da vom Adel als der Name und die Anmaßung, und wohin kam der Typus des Pflichtmenschen altpreußischen Schlages? Bisher hatte auch Brieg das adlige Blut in sich wallen gefühlt und mit Schmerzen gesehen, wie der alte Adel überall zugrunde ging; ja, er hatte gewünscht, später einmal, wenn er älter und einflußreicher war, an einer Regeneration seines Standes mitzuarbeiten. Aber jetzt schien es ihm mehr und mehr, daß da nichts zu retten war; wie jede Leidenschaft, zog auch Briegs Ingrimm aus schmerzlichen eignen Erfahrungen allgemeine Gesetze ab und sah nur noch die Nachtseiten der Dinge. Und dieser Standpunkt rechtfertigte seinen Entschluß immer mehr; er beglückwünschte sich zu dem richtigen Instinkt, daß er das untergehende Schiff wie eine Ratte beizeiten verließ ... Als er aufblickte, kam ihm zu seiner Überraschung ein alter Kriegsschullehrer entgegen; es war eben jener Hauptmann, der an Stelle des Selbstmörders getreten war. Er war seit kurzem in das hiesige Grenadierregiment versetzt und befand sich im Besuchsanzug; eine schwarzgekleidete Dame ging an seinem Arm. Beide erkannten sich sofort wieder und der Hauptmann bewillkommnete seinen alten Schüler, den er jetzt als schmucken Ulanenoffizier wiedertraf, nicht ohne einen Anflug von Respekt, während die Dame bereits in die nächste Haustür eingetreten war. »Wohnen Herr Hauptmann hier?« fragte Brieg. »Wieso, dachten Sie, ich wohnte nicht mit meiner Frau zusammen?« »Ich dachte nur, Herr Hauptmann wollten hier Besuch machen,« antwortete Brieg und verabschiedete sich, etwas verwundert über die sonderbare Frage. Dann fiel ihm ein, daß dieser Herr schon auf der Kriegsschule seinen Fähnrichen gegenüber ganz eigentümliche Bemerkungen gemacht hatte. So hatte er einmal erzählt, er hätte seine Hochzeitsnacht mit Skatspielen totgeschlagen ... Und jedenfalls war jene schwarzgekleidete Dame, jenes arme Opfer seiner Ehe, eben nur stumm vorausgegangen, um ähnliche Redensarten über sich selbst nicht vor einem Fremden mit anhören zu müssen! Welche Tragödie mochte hinter diesen stummen Blicken sich täglich abspielen! Briegs Herz blutete bei dem Gedanken. Und doch war dies nur ein besonderer krasser Fall unter so vielen andren! Waren Birsteins glücklicher verheiratet? Seine eignen Eltern? Frau von Carsten? Und nach dem, was sie ihm so erzählt hatte, ihre Schwiegereltern? Was stand auf den Gesichtern der Regimentsdamen geschrieben? Müdigkeit oder Medisance. Einige gingen in Wochenbett und Kinderstube unter, andre, die keine Kinder hatten, schienen darum nicht glücklicher; nur ein paar Ausnahmen, welche die Regel bewiesen, hatten ihre Eheherren unter dem Pantoffel, wie die gestrenge Kommandeuse oder die sparsame Majorin. Um in ihre Verhältnisse näher einzudringen, dazu sah Brieg sie freilich zu wenig. Die Verheirateten sprachen höchst selten von ihren Frauen, und die Unverheirateten sahen sie nur bei den Bällen und offiziellen Diners vom November bis März etlichemal, und höchstens veranstaltete die Kommandeuse allsommerlich ein oder zwei langweilige Picknicks, bei denen sie verlangte, daß man ihren Töchtern den Hof machte. Ihre erste Mutterpflicht, die Verjüngung des Lebens, erfüllten die meisten ja erstaunlich gut; sie gaben dieser heranblühenden Jugend soviel von ihren überschüssigen Lebenskräften, daß das lockere Leutnantsleben ihrer Väter selten üble Folgen bei den Kindern zeitigte. Aber damit hatten sie sich auch ausgegeben. Jenen zweiten Pflichtenkreis, zu dem die Frau emporwächst, wenn sie ihrer physischen Pflicht genügt hat und ihre Reize verblühen, schienen die meisten nicht einmal zu kennen und jedenfalls wurde ihnen die Möglichkeit, sich darin zu betätigen, durch die herrschenden Verhältnisse entzogen. Wo hatte Brieg wohl je, außer im Hause seines Rittmeisters, eine Dame gefunden, die gereifte Lebenserfahrung mit warmem Empfinden verband und der jungen, unverheirateten Generation Respekt vor der Frau beibrachte. Ihm schwebte der französische Salon des ancien régime vor, wo die älteren Frauen den Mittelpunkt der Kultur, der Herzens- und Geistesverfeinerung bildeten. Aber die meisten Regimentsdamen, die über den Schneider heraus waren, besaßen ein leeres Herz und einen noch unter den Backfischstandpunkt herabgesunkenen Geist. Auch sie waren keine Menschen, nur Vorgesetzte und Untergebene, die auf ihren Rang pochten oder sich sklavisch demütigten und mit den Jahren ebenso verknöcherten wie ihre Männer mit zunehmendem Dienstalter ... Die jüngeren Damen bestachen wenigstens noch durch ihre körperlichen Reize, aber wenn an deren Stelle nur das rigorose Fordern von Rechten und Ehren trat, so daß die Herren sich ihnen gegenüber wie im Dienst fühlten, der ja auch allerhand langweilige Verrichtungen mit korrektem Mienenspiel heischte: war es da erstaunlich, daß die meisten sich nach des Tages Last und Hitze lieber im Bierbankgeträtsch gehen ließen, statt sich in Damengesellschaft zu langweilen? Aber dadurch ward der Abgrund noch erweitert und die schlechten Sportsmanieren gaben den Rest. War es da zu verwundern, daß ein Offizier keine Achtung vor dem Weibe hatte, ja nicht einmal eine Idee von der Hoheit der Frau? Im Kadettenkorps bereits von dem andern Geschlecht abgeschieden, lernten die jungen Leute gerade in den empfindsamsten Jahren nur die Hefe der Weiblichkeit gründlich kennen, und jedes zartere Gefühl war, wenn sie schließlich reif zur Ehe wurden, unwiederbringlich dahin. Nur wenige Häuser trennten ihn noch von seiner Freundin; das alles stieß schon an ihr Zimmer an, nahm sozusagen teil an ihr. Er eilte die Treppe hinauf und klingelte. Der kleine Adolf öffnete mit einem scheelen Blick auf die Blumen und führte ihn auf sein Geheiß in das Zimmer seiner Mutter. Der Junge machte ihm mit seinen großen Füßen und Händen, die wie bei jungen Hunden zuerst gewachsen waren, einen unangenehmen Eindruck. Frau von Carsten war überrascht, als er mit Blumen für sie eintrat. Seine Augen blitzten von Trotz und Feuer. Er schien größer und männlicher als sonst, und der Flaumbart auf seiner Oberlippe begann sich stärker zu kräuseln. Sie sah müde und vergrämt aus; sie hatte die Nacht auf ihren Kissen geweint und war erst bei Tagesanbruch in bleiernen Schlaf gefallen. Allerhand häuslicher Verdruß kam hinzu. Die Kinder waren unausstehlich gewesen. Die beiden Kadetten wollten mit Adolf und den »jungen Damen« in eine Konditorei gehen, um ihren Abschied mit Schokolade zu begießen, denn Ihre Ferien liefen Dienstag ab und Adolf sollte Mittwoch zu seinem Vater reisen. Frau von Carsten hatte ihren Kindern verboten mitzugehen, schon weil ihr dieser ganze Ton nicht paßte, und auch um unnötige Kosten zu vermeiden, aber Frau Hüppe hatte ihrer Klara einen großen Hut mit lächerlich abstehenden Federn auf den gedankenlosen Flachskopf gesetzt und die drei waren frohlockend abgezogen, während Adolf seiner Mutter wie eine wütige Katze ins Gesicht fauchte: »In acht Tagen, wenn ich bei Papa bin, kann ich überall mit. Bis dahin werd' ich's in dieser Lausebude schon noch aushalten.« Und als er von der Mutter den verdienten Katzenkopf bekam, hatte er sich gegen denselben, mit den Fäusten in die Luft schlagend, gewehrt. Anna hatte noch weiter gebettelt, aber der Bengel hatte sie wütend von der Mutter fortgerissen und halblaut gesagt: »Rede doch gar nicht mit Mama. Ich werd' es Papa schon sagen, daß er uns wegnimmt ...« Damit war er hinausgelaufen und hatte die Tür hinter sich zugeschmissen. Frau von Carsten hatte diese letzten Worte nicht mehr gehört; sie verstand Flüstertöne nicht, da ihr Herr Gemahl ihr bei einer seiner Mißhandlungen das Trommelfell beschädigt hatte. Aber was ihr nicht entging, war die gewalttätige Auflehnung, die der Knirps jedesmal zeigte, wenn er vom Vater kam oder zu ihm fahren wollte. Auch die jungen Engländerinnen hatten sich ziemlich unsanft beschwert, daß das neue Stubenmädchen in seiner Dummheit ihre Bücher feucht abgewischt hätte. Miß Carrie erklärte, sie zöge nächstens überhaupt aus der langweiligen Pension aus. Leutnant Ehlert sei fort, Herr Althoff kümmere sich nur um Frau Hüppe, Herr von Brieg nur um Frau von Carsten und der alte General wäre most shocking , denn er wollte sie immerfort küssen ... Selbst die alte Minna war heute in lebensgefährlicher Stimmung, da Frau von Carsten ihr des Tischbesuches wegen nicht erlaubt hatte, in die Kirche zu gehen. Brieg erkundigte sich teilnehmend nach dem Grund ihres Kummers. »Ach,« wehrte sie müde ab, »alles zieht an mir herum; ich bin nur die Sklavin der Fremden, der Kinder, selbst der Dienstboten. Und dann die trostlose Zukunft ...« »Verlieren Sie den Mut nicht,« sagte Brieg warm. »Ich versprach Ihnen zu helfen. Ich bin mit meinem Entschluß fertig und will heute noch mit meinem Vater reden, daß er mich freigibt ... Ja wirklich, das will ich!« wiederholte er, als sie ihn betroffen ansah. »Und sehen Sie,« fuhr er fort, »all den Mut und die Sicherheit dank' ich Ihnen. Sie haben mich erweckt und an der tiefsten Stelle meines Wesens ergriffen: jetzt bin ich nicht mehr zurückzubringen. Und zum Dank,« fuhr er feierlich fort, »möchte ich auch Ihnen etwas von dieser Sicherheit mitteilen. Wenn Sie wüßten, wie klar ich das alles sehe und welche Zuversicht ich habe, daß uns noch eine Zukunft beschieden ist. Wir wollen uns nicht wie Theaterhelden hinstellen und von der Würde der Arbeit faseln, aber wir wollen die Arbeit nicht scheuen, wenn sie uns befreit und zu uns selbst führt aus hohlem Schein und geistloser Leere. Es wird vielleicht eine Zeit kommen, in der man uns belächeln oder verwünschen wird. Unsre adligen Verwandten uns für verrückt halten. Aber das ist gut. Es wird einen ganzen Bruch geben. Wir werden nicht mehr zurück können und vorwärts müssen... Ich weiß, was Sie einwenden wollen: ich sei ein Mann und Sie ein schwaches Weib, das Rücksichten zu nehmen hat und durch die Not hier festgekettet ist; und darum,« sagte er, die Stimme erhebend, »biete ich Ihnen meinen Schutz und meinen Beistand an. Ich habe ein kleines Vermögen von meiner Mutter her, das werd' ich mir von meinem Vater auszahlen lassen und Ihnen helfen ...« »Das nehm' ich nicht an, nicht von Ihnen,« wehrte Frau von Carsten ab. »Aber was wollen Sie sonst?« drang der junge Herr in sie. »Wenn kein Mensch Ihnen beisteht, und es kommt einer, der Sie verehrt, und bittet Sie, sich helfen zu lassen ...« »Ihr Vater wird es niemals zugeben.« »Das Geld ist meines. Ich kann es verlangen und werd' es, mag passieren, was will!« »Sie werden es doch nicht mit Ihrem Vater verderben wollen um meinetwegen...« »Ich will mir einen andern Beruf suchen, weiter nichts. Und wenn mein Verdienst noch so spärlich ist im Anfang: ich kann entbehren. Ich habe unter Wohlhabenden ärmlich leben müssen: das ist schlimmer, als wenn man mit Armen teilt.« »Es wird Ihnen leid tun, sehr bald,« warnte Frau von Carsten. »Wenn Sie Ihren bunten Rock ausgezogen haben, werden Sie sich gedrückt, entwürdigt fühlen, und mir wird es immer auf der Seele liegen, ja, Sie werden es mir selbst zum Vorwurf machen, daß Sie meinetwegen dieses Opfer brachten ... Wer bin ich denn und womit habe ich es verdient, daß Sie mir helfen wollen?« »Nichts von Opfern,« wehrte Herr von Brieg ab. »Ich helfe mir selber. Sie waren der Anstoß, nicht die Ursache meines Entschlusses. Es wäre früher oder später doch so gekommen, und dann vielleicht gewaltsam. So gehe ich freiwillig und Sie gaben mir die Kraft dazu ...« »O lassen Sie mich bitten, brechen Sie nicht gleich mit Ihrem jetzigen Leben,« redete Frau von Carsten zu. »Es ändert ja doch nichts an der Sache, wenn Sie erst ein Jahr auf Urlaub gehen und sich à la suite stellen lassen, oder wie Sie es nennen. Tun sie es mir zuliebe, es ist die erste Bitte, die ich an Sie wage...« Sie schob ihm zaghaft die Hand hin und er bedeckte sie mit Küssen. »Nennen Sie mich du,« bat er errötend. »Unser Schicksal, unser Weg, unsre Zukunft sind die gleichen...« »Wenn es Ihnen Freude macht,« lächelte sie und erwiderte den Druck seiner Hand, die noch immer die ihre umschlang. Ihm war, als ginge ein Lebensstrom von dieser kleinen Hand auf ihn über und löste in ihm ungeahnte Kräfte aus. Er hielt einen Augenblick den Atem an und blickte ihr lächelnd ins Gesicht. Es schien plötzlich aufzuleuchten und sich zu verjüngen; etwas Jugendliches, Jungfräuliches schien hindurch wie die Sonne durch Wolkenschleier, etwas, das hervorzubrechen begehrte und die Nebel des Grames schon niederkämpfte ... Da zog er sie an sich und küßte sie auf die Stirn. »Mein lieber Freund,« lispelte sie, »wie soll ich dir das danken?« In diesem Augenblick knackte etwas an der Tür. Frau von Carsten sprang hoch und riß sie auf. Frau Hüppe stand dahinter. »Ah, Sie sind wieder hier, Herr Leutnant,« sagte sie unverfroren. »Ich dachte, Frau von Carsten wäre allein... Pardon, ich habe zu tun.« Damit wehte sie hinaus. Frau von Carsten schloß die Tür wieder. »Was soll ich dazu sagen?« murmelte er. »Wenn sie uns belauscht hat...« »Desto eher mußt du dich von ihr losmachen,« riet Brieg. »Gründe genug sind vorhanden ... Dieser allein genügt. Sie ist dein böser Geist, der dich aussaugt und auf deine Kosten glänzen will: das hab' ich längst gemerkt. Statt dir beizustehen und zu raten, nahm sie dir den letzten Glauben an Welt und Menschen.« »Du urteilst zu hart über sie,« verteidigte Frau von Carsten, »Sie spielt sich immer selbst Komödie vor, um an sich zu glauben; das ist alles. Auch kann ich sie nicht vor die Tür setzen, da sie fast mittellos ist.« »Mag ihr Hauptmann Althoff sie doch ernähren, oder mag sie lernen, auf eigenen Füßen zu stehen,« entschied Brieg. »Vergolten hat sie dir deine Güte und Aufopferung wahrlich nicht. Also was duldest du sie noch hier? Du mußt hart werden, Anna, und ich auch; unsre Güte war Schwäche. Wir warfen uns fort, um doch einmal geliebt zu werden. Wir gingen in die Irre, aber nun haben wir Ziel und Zweck gefunden; nun darf uns nichts mehr abbringen vom rechten Wege ...« Brieg hatte abermals ihre Hand ergriffen und sie waren beide zur Tür gegangen. »Jetzt will ich zu meinem Vater gehen,« sagte er feierlich. »Denke an dein Versprechen, nichts zu überstürzen! Sei nicht zu schroff,« mahnte sie sanft. »Ach, ich war es bisher nie genug,« sagte er. »Ich war willenlos und verprügelt durch die Disziplin, verkümmert und nervös durch törichte Schulden und unhaltbare Verhältnisse. Aber nun hast du alles geändert!« Damit ging er und sie winkte ihm nach, als wollte sie ihn zur Sanftmut mahnen. 8. Im Grunde dachte Frau von Carsten über Frau Hüppe um nichts besser, als Herr von Brieg, der ja den wahren Sachverhalt nur ahnte, während sie auf Erfahrungen fußte. Die Art besonders, wie sie darauf zu laufen wußte, den alten Junggesellen zu kapern, war ihr bei all ihrer dick unterstrichenen Sittlichkeit höchst unangenehm. Sie selbst hatte nie daran gedacht, von ihrer Person einen ähnlichen Gebrauch zu machen. Nach den Erfahrungen ihrer ersten Ehe schien es ihr gleich abschreckend, eine Konvenienzheirat mit einem alten Junggesellen einzugehen, der auf sie hereintappte, oder mit einem kinderreichen Witwer, der sie als billige Kinderfrau ins Haus nahm, und so beneidete sie Frau Hüppe keineswegs um ihre neuste Errungenschaft, obwohl es ihr sehr recht war, wenn sie ihr Haus verließ. Immerhin wollte sie, so lange Frau Hüppe bei ihr wohnte, daß sie ihre Rücksichtslosigkeit und Neugier etwas einschränkte, und um ihr das zu sagen, ging sie stracks in ihr Zimmer. Frau Hüppe, die gerade bei der Toilette war, spielte geschickt die erste Karte aus. »Ihr habt ja hübsche Sachen da gemacht,« warf sie der Eintretenden entgegen. »An deiner Stelle würde ich mich schämen,« antwortete Frau von Carsten ruhig, »so an den Türen zu lauschen. Was soll denn Herr von Brieg denken?« »Pah, der ...« zischte Frau Hüppe, die Lippen hochwerfend. »Als ob mir etwas gleichgültiger wäre.« »Aber mir ist es nicht gleichgültig,« entgegnete Frau von Carsten fest. »Das Horchen kann ich nun einmal nicht lassen,« erklärte die andre naiv. »Und wenn du gehorcht hast,« fuhr Frau von Carsten fort, »so läufst du zu deiner Freundin, deinem Dienstmädchen, und erzählst ihr alles und nach einiges mehr und die klatscht es dann weiter in der Küche, wenn Adolf und die Mädchen dabei sind ... Bitte, rede dich nicht heraus! Wie kommen denn sonst alle diese Lügen und Entstellungen in Umlauf als durch den Mund der Dienstboten? Und daß diese nicht selbst erfinden, das weiß ich genau. Es stammt immer von der Frau Rittmeister ...« »Nun, wenn man ein so wenig reines Gewissen hat, wie du zu haben scheinst,« erklärte Frau Hüppe, sich die Nägel feilend, »dann muß man sich allerdings vor Klatsch fürchten.« »Ich habe ein reineres Gewissen als du,« entgegnete die Angegriffne ruhig, »was du mit dem Leutnant Ehlert gehabt hast und jetzt mit dem Hauptmann Althoff anbändelst, das ist wohl etwas besseres als meine Zuneigung zu Brieg, der sich als erster und einziger Mensch seit Jahren um mich gekümmert hat!« »Allerdings ist das was andres,« begehrte Frau Hüppe auf. »Althoff ist Hauptmann und wird nach der Regimentsbesichtigung Major und ich werd' ihn heiraten,« schrie sie. »Dein Intimus aber, der könnte ja fast dein Sohn sein.« »Du scheinst ihn mir nicht zu gönnen,« bemerkte Frau von Carsten sarkastisch. »Aber ich überlasse dir gern deinen Althoff, diesen liederlichen Schürzenjäger, auf den du früher immer geschimpft hast, wenn du im Fenster saßest und zähltest, wieviel Frauenzimmer da drüben bei ihm aus und ein gingen ... Wenn du ihn beobachtest hast, wie er stundenlang an einem Fenster stand und sich blind schielte nach dem Dienstmädchen von gegenüber. Und jetzt willst du ihn heiraten und mir noch Moralvorschriften machen? Pfui!« »Seit ich weiß, was er für ein edles Gemüt hat,« bemerkte Frau Hüppe melodisch, indem sie ihre Puderquaste spielen ließ, »sind mir solche Nebensächlichkeiten einerlei. Er ist ein armer, verführter Mann, für den ich gerne das Opfer meines angeborenen Zartgefühls bringe. Alles will ich für ihn ertragen. Wochenlang könnt' ich mich einschließen mit dem bloßen Gedanken an ihn. Im Manöver wird's ja ohnehin so kommen.« »Das hast du vor vier Wochen von Ehlert auch gesagt,« lachte Frau von Carsten. »Und ich habe mich bitter in ihm getäuscht,« parierte Frau Hüppe. »Es ist eine herbe Erfahrung mehr, die ich mit Menschen mache. Ich halte ihn für einen Schwerenöter, der jeder Dame den Kopf verdreht. Wie hat er dir zum Beispierl neulich abend den Hof gemacht; es war geradezu unanständig.« »Unanständig?« wiederholte Frau van Carsten. »Allerdings, und nachher saßest du auf dem Sofa mit Brieg; der plapperte dir noch was Schöneres vor, ich kann mir schon denken, was,« spöttelte sie auf- und abpromenierend und warf dabei ein paar musternde Blicke in den Spiegel, um den Faltenwurf ihres neuen Sommerkleides zu prüfen. »Es geht dich auch gar nichts an, was er mit mir redet,« gab Frau van Carsten zurück. »Ich mische mich nicht in deine Angelegenheiten, bitte kümmere dich also auch nicht um die meinen. Ich weiß, was ich zu tun habe und was nicht.« »Allerdings mische ich mich hinein,« platzte Frau Hüppe heraus. »Mein Ruf leidet darunter, wenn bei uns lauter junge Offiziere verkehren. Althoff wird mit dir schon noch darüber reden.« Frau van Carsten war sprachlos, wie diese Komödiantin die Dinge auf den Kopf stellte. »Mit mir reden?« wiederholte sie. »Die Unverschämtheit geht doch zu weit! Wer hat in meinem Hause das Recht, mich zur Rede zu stellen?« »Das Haus ist ebenso gut das meine,« trumpfte Frau Hüppe, »und wenn es dir hier nicht mehr paßt, dann ziehe doch bitte aus, mir soll es sehr recht sein.« Frau von Carsten traute ihren Ohren nicht. In der ersten Aufwallung des Zorns wollte sie Briegs Rat befolgen und Frau Hüppe die Tür weisen, doch bezwang sie sich und erwiderte nichts. Einen Augenblick herrschte feindliches Schweigen, nur durch das Rauschen von Frau Hüppes Robe unterbrochen. Dann klingelte es und das Mädchen meldete den Hauptmann Althoff. »Er möchte gütigst näher treten,« befahl Frau Hüppe naiv, indem sie die umherliegenden Kleidungsstücke hastig aufs Bett warf und den Schirm vorstellte. »Mach du mit ihm, was du willst,« sagte Frau von Carsten, zur Tür schreitend. »Um mit Euereins mit gleichen Waffen zu kämpfen und mir die Worte im Mund umdrehen zu lassen, dazu bin ich zu gut.« »Ich weiß schon, an wen ich mich zu wenden habe,« schrie Frau Hüppe drohend hinter ihr her, als die Tür schwer ins Schloß fiel. Dann erschien Althoff, den Helm in der Hand, und sah sich mit seinem unfreien, mißtrauischen Blick im Zimmer um. »Ach, glücklich allein,« sagte er. »Ja, mein lieber Emil,« antwortete sie lieblich, ihn auf das Sofa ziehend und ihm den Helm abnehmend. »Nun, wie geht's? So schöne, rote Backen. Ging der Rappe gestern gut vor der Kompagnie?« »Danke, ja,« entgegnete er einsilbig. »Und morgen ist Besichtigung?« »Hoffentlich die letzte hier. Der Kommandeur sagte mir noch heute nach der Kirche beim Paroleempfang, daß meine Beförderung täglich bevorstünde.« »Hurra, mein Majörchen!« klatschte Frau Hüppe in die wohlgepflegten Hände. »Wo werden wir dann wohl hinkommen?« »Hoffentlich recht weit fort,« seufzte Althoff in seiner schwerfälligen Art. »Je weiter wir sind, desto weniger kann die Person da mir schaden...« »Ach Gott, sind denn die Aussichten immer noch so trüb? Will sie denn auf nichts eingehen?« fragte Frau Hüppe teilnahmsvoll. Und indem sie die Hand auf das gestirnte Epaulett legte, setzte sie mit lächelndem Augenaufschlag hinzu: »Hat die Person denn sonst mit keinem verkehrt?« »Das wird schwer nachzuweisen sein,« entgegnete der Hauptmann trocken. »Nein, ich muß das alles gütlich beizulegen suchen, sonst verklagt sie mich noch – und dann adieu Majorsepauletten... Nein, um Gottes willen keinen Skandal... Wir müssen auf unsern Ruf bedacht sein.« »Ganz gewiß,« pflichtete Frau Hüppe bei. »Der Carsten hab' ich schon die Leviten gelesen, daß so viele junge Offiziere bei ihr verkehrten und ihr den Hof machten. Es darf jetzt überhaupt keiner mehr ins Haus! Der Kerl, der Ehlert, ist ja gottlob fort zur Schießübung, aber der Brieg, der scheint jetzt mit ihr ein Verhältnis zu haben... Wenn das sich herumspricht...« »Das ist ja unerhört,« entgegnete Althoff mit dienstlicher Miene und stand auf, als ob er dem Sünder einen Rüffel erteilen wollte. »Willst du es nicht mal seinem Alten stecken?« fragte Frau Hüppe schnell und beobachtete dann die Wirkung ihres Vorschlags. »Exzellenz ... Kaisertelegramm ... Unser Oberst mit ihm auf bestem Fuße,« erwog Althoff, bedenklich das Haupt wiegend. »Wer weiß, ob der einem nicht schaden könnte.« »Dann nimm dir wenigstens sein Söhnchen mal vor und drohe ihm, dem Vater ein Licht aufzustecken,« riet Frau Hüppe. Und dazu erklärte er sich bereit. 9. Unterdes hatte Herr van Brieg längst seines Vaters Zimmer betreten. Das Herz pochte ihm vor der Entscheidung, wie damals, als er seine letzte Spielschuld gebeichtet hatte; aber er zwang sich zum Mute und klopfte an. »Herein!« rief drinnen die gallige Stimme. Als er die Tür öffnete, fand er seinen Vater mit Trampeln beschäftigt, da unten im Hause Klavier gespielt wurde. Die Melodie brach mit schrillem Akkord ab. Brieg drückte seinem Vater mit niedergeschlagenen Augen die Hand; es war das erstemal, wo er nicht den Rücken beugte, um sie zu küssen; ebensowenig wartete er auf den offiziellen Gegenkuß auf die Stirn. »Nun, mein Sohn, schade, daß du gestern nicht kamst, aber viel Dienst, viel Ehre,« sagte der alte Herr. »Ich werde überhaupt nicht mehr so oft kommen können, Papa,« antwortete Ferdinand. »Der Kasinoälteste hat mich aufgefordert, den Statuten gemäß wenigstens dreimal wöchentlich im Kasino zu essen.« »Dann eß' ich mit dir zusammen im Kasino,« entschied der Vater. »Aber Papa,« wandte der junge Offizier ein, »du kannst doch nicht immer mit im Kasino essen. Das ist ungemütlich für die Kameraden und peinlich für mich.« »So,« brummte der General, »hat dir das der Kasinovorstand auch gesagt?« »Das nicht. Aber er hat mich im Namen des Kommandeurs aufgefordert,« stieß er zu Boden blickend hervor, »daß ich endlich meine Schuld im Kasino bezahlen soll.« »Aber wo soll denn das hin, mein Sohn!« unterbrach ihn der Vater, mit der Hand auf den Schenkel schlagend. »Was soll denn das Geldverläppern! Wie oft hab' ich dir gesagt: Nimm dich zusammen! Widerstehe den Kameraden und ihren Versuchungen! Geh ihnen mit gutem Beispiel voran, übe guten Einfluß auf sie aus, statt ihnen nachzugeben! – Es werden doch auch solide Elemente in eurem Offizierkorps sein; an die schließ' dich an und dringe mit ihnen darauf, daß auch die andern einfach leben; sonst setze dir den Helm auf und melde sie dem Kommandeur!« »Aber Papa,« sagte Brieg kopfschüttelnd, »glaubst du, daß ich meine Stellung im Offizierkorps durch Moralpredigten oder Angeberei aufbessere? Unmöglich mach' ich mich dadurch. Sonst sagst du: sei höflich gegen sie, dann zeigen sie dir ihre beste Seite. Und nun soll ich sie dem Kommandeur melden!« »So widersprich doch nicht immer,« brauste der Vater auf, »das ägriert mich. Wenn du den Kameraden gegenüber korrekt auftrittst, deinen Dienst eifrig versiehst und dich stets à quatre épingles kleidest, kannst du sie reden lassen, was sie wollen ... Aber das ist eben der Luxus und das Wohlleben, die überall einreißen: Rennpferde und Frauenzimmer halten, den vornehmen Herrn spielen und nichts tun. Einer macht's dem andern nach, statt ihn zur Mäßigkeit anzuhalten, und dadurch werden die Ansprüche immer mehr in die Höhe geschraubt. Da wird geborgt und gespielt, und nächstens wird noch mal der ganze Krempel zusammenbrechen. Dann werden die Juden Offizier werden, weil die allein noch Geld haben! – Nein, mein Sohn, die Welt ist kein lieu de plaisir ! Danke Gott, daß du nicht mehr Zulage hast! Wer viel hat, der gibt auch viel aus und lebt über seine Verhältnisse, oder er wird lasch und weibisch und hängt sich an Nichtigkeiten. Und wenn dann der Ernst des Lebens kommt, dann sitzt er vis-à-vis de rien . – Aber ihr wollt eben die Hände in den Schoß legen und alles soll euch auf dem Präsentierteller serviert werden.« »Oh, ich wollte schon etwas tun,« wallte der junge Offizier auf, »wenn ich nur kein Kasino und keine Kameraden mehr habe und meine Talente frei entfalten kann!« »Deine Talente werden dich gerade in deiner Laufbahn Fortune machen lassen,« wies ihn der Vater zurecht. »Was willst du denn sonst anders ergreifen?« »Ich will etwas Ordentliches lernen, solange ich noch jung genug bin,« erklärte er, dem alten Herrn fest ins Gesicht sehend, »und sollte ich mich noch mal auf die Schulbank setzen!« »Mein Sohn, mach' mir keinen Kummer,« klagte der General, den diese Sprache verblüffte. »Du mußt doch nicht alles forcieren wollen. Qui trop embrasse, mal etreint . Wenn du in Berlin auf die Akademie kommst, lernst du genug und kannst auch die Universität nebenher besuchen, wenn dich das lockt. Aber mach erst mal das Examen zur Akademie. Als Kavallerist und Edelmann hast du die größten Chancen, hinzukommen. Es ist ja leider so wenig Streben in eurer Waffe und sie wird trotzdem so bevorzugt, daß du nur einigermaßen au fait zu sein brauchst, um zur Akademie einberufen zu werden. Und ich habe ja Gott sei Dank auch noch soviel Konnexionen, um höheren Orts nachzudrücken. Treibe Mathematik und Französisch, wie dein Vater es getan hat, und schaffe dir gute Bücher an, das ist besser als deine Saufschulden im Kasino. Arbeitest du denn überhaupt zu Hause?« »Zu Hause arbeiten?« wiederholte er. »So lange du hier bist, verbot sich das ja von selbst. Und so lange ich Rekruten habe, bin ich überhaupt nicht dazu imstande. Ich komme abends todmüde vom Dienst heim und kann dann nicht noch ernste Bücher lesen. Und das bißchen, was ich mir später nebenbei noch so aneignen soll, kann mir auch nicht genügen: das ist doch nur Stückwerk. Nein Papa,« und hier erhob er die Stimme, »ich kann und will nicht länger meine Natur niederzwingen, meinen Geist abtreiben, ich will nicht zum vorschriftsmäßigen, korrekten Dutzendoffizier herabsinken!« Er hatte diese Worte mit gesenktem Kopf hervorgestoßen und war dabei auf und abgegangen, die Arme auf dem Rücken verschränkt. Dann blieb er plötzlich stehen und sagte: »Ich will hinaus, in die Freiheit!« Nach dieser Explosion fühlte er sich etwas erleichtert. Der Vater hatte ihm starr zugehört, als ob ein Gespenst aus dem Schoß der Vergangenheit aufstiege, und seine dicken, geröteten Augen quollen noch mehr vor als sonst. »Aber, mein Sohn,« erwiderte er beklommen, »was sind denn das für waghalsige Allgemeinheiten und Illusionen! Wie willst du denn das bleiben, was du bist, und werden, was du willst, wenn du dich aus deinem Mutterboden, deinem Element herauslöst! Deine Familie dient seit zweihundert Jahren dem König von Preußen. Dein Vater ist in Ehren grau geworden. Er hat in drei glorreichen Kriegen sein Blut für den König eingesetzt, und seine Verdienste sind noch nicht vergessen,« setzte er hinzu, auf seine silberne Schnupftabaksdose trommelnd. »Willst du dem Handwerk deiner Vorfahren und meinen grauen Haaren die Schmach antun, für etwas andres besser zu passen als zum Offizier? Willst du vom Pferde steigen, die schöne Uniform ausziehen und den Juden dienen um Profit? Ach, mein Sohn, mein Sohn, was machst du deinem Vater für Sorgen! Womit hab' ich das in meinem harten und arbeitsreichen Leben verdient, daß mein einziger Sohn so aus der Art geschlagen ist!« »Ich scheine allerdings aus der Art geschlagen,« erwiderte Ferdinand spöttisch, »denn ich kann mir noch andre Lebensberufe denken, in die der Mensch paßt und in denen er vor allem glücklich ist! Unglücklicher als hier kann ich mich nirgends fühlen!« »Mit diesem Lamento hast du mich schon als Kadett beglückt,« krittelte der Vater. »Du willst eben immer, daß für dich besonders Kuchen gebacken wird und daß dir gebratene Tauben in den Mund fliegen. Du bist zu schlaff, mein Sohn. Erst diene mal deine zehn Jahre, bis du dich an ein einfaches, ruhiges und arbeitsames Leben gewöhnt hast, und dann ist es noch Zeit genug zum Lernen.« »Du hättest mich lieber in meiner Kindheit etwas Ordentliches lernen lassen sollen,« platzte Brieg heraus, »statt mich darauf zu vertrösten, wenn ich zu alt dazu bin. Nicht einmal für meinen Reiterberuf hab' ich in dieser Infanterieschule was profitiert. Eine vergeudete Zeit – das war eine Erziehung. O, ich möchte weinen darüber!« »Mein Sohn, den Ton verbitt' ich mir,« fuhr der alte Brieg gereizt auf. »Willst du mir Lehren geben, wie ich dich zu erziehen habe, und klüger sein als dein alter Vater? Danke Gott, daß er mich dir zu Schutz und Rat erhält, statt mir ungerechte Vorwürfe zu machen! Als ich diesen Winter die Influenza bekam, da dacht' ich, ich würde nicht wieder aufstehen. Gott hat seine Hand noch mal über mich gehalten, damit ich dir weiter beistehen kann. Aber vielleicht werd' ich doch bald sterben. Gottes Wege sind unerforschlich. Wer wird über siebzig Jahre alt? Dann stehst du allein, auf eignen Füßen, und ich kann dich nicht mehr leiten und ermahnen. Das macht mir die meiste Sorge. Du hast ein heftiges Temperament und heißes Blut, und alles Neue und Unbekannte scheint dir gut. Aber wenn du nicht beim erprobten Alten bleibst, wie es einem altpreußischen Edelmann geziemt, dann wird sich dein toter Vater im Grabe umdrehen,« setzte er mit hohler Stimme hinzu. »Mein Bruder, der war auch so ein vaurien , der hatte eben solche verrückten neuen Ideen im Kopf, gerade in der Revolutionszeit, und Gedichte machte er auf die Freiheit, und da ist er natürlich um die Ecke gegangen und schließlich auf den Barrikaden geendet als Aufrührer ... Und ich, sein leiblicher Bruder, mußte gegen ihn kämpfen ...« Der alte Herr hielt einen Augenblick inne, als ob Tränen seine Stimme erstickten. Dann schloß er gefaßter: »Das ist die Tendenz nach unten – und solch ein Mensch wirst du auch noch mal werden ...« »Zu der Behauptung geb' ich dir wohl kaum einen Grund,« entgegnete sein Sohn spitz. »Gewiß, mein Sohn,« bestätigte der General, »denn du willst alles besser wissen und schlägst die Erfahrungen, die dein Vater in einem langen Leben gesammelt hat, in den Wind. Ich kenne diese Kerle, die Liberalen, besser als du. Jetzt schreien sie nach Kanonen und Bajonetten gegen den Umsturz, aber damals, da haben sie auf den Staat und die Armee geschimpft, genau wie heute die Sozialdemokraten. Freiheit des Geistes, Freiheit der Wissenschaft, und wie das Zeug alles hieß ... Und das Ende vom Lied war der ödeste Materialismus und offener Aufruhr ...« Der alte Herr schwieg eine Weile, in Erinnerung versunken. Dann begann er plötzlich zu Briegs Erstaunen einen Vers herzusagen: »Was ist der Mensch? Ein Erdenkloß, Gefüllt mit roter Tinte, Hat hinten ein Kanonenrohr Und vorne eine Flinte ...« »Das sangen unsre Gardegrenadiere schon anno 43, wenn sie vom Exerzierplatz nach Hause rückten, die ganze lange Friedrichstraße 'runter,« setzte er erklärend hinzu; »und mehr haben die Kerle seitdem auch nicht herausgebracht mit all ihrer Weisheit ... Dampf und Industrie haben sie in die Welt gesetzt und weiter nichts! Versoffenes und verkommenes Kroppzeug ohne Vaterlandsliebe und Königstreue: das ist daraus gekommen! – Aber du wirst wahrscheinlich das Gegenteil gelesen haben in einem deiner verfluchten neuen Bücher. ›Kraft und Stoff‹ von Büchner, oder ›Jenseits von Gut und Böse‹ von dem neuesten Kerl – wie heißt er doch gleich? Ja doch, der Herr Nietzsche mit seinem Zarathustra,« ergänzte er mit absichtlicher Verdrehung. »Ein kalter Schwätzer ist das« ... Der Name, an den sich die letzte geistige Flutwelle des ausgehenden Jahrhunderts knüpfte, hatte in der Offizierwelt noch kaum ein Echo gefunden. Brieg war ihm nur ein oder zweimal in der neuen »Zukunft« begegnet. »Hast du denn etwas von ihm gelesen?« fragte er mißtrauisch. »Gott behüte mich,« rief der General und streckte beide Hände zur Abwehr aus. »Ich habe nur in der ›Kreuzzeitung‹ einen Aufsatz von Hammerstein über ihn gelesen – das genügte mir! Der Kerl beschimpfte nicht nur unser Deutschtum, er leugnet sogar unsern Herrn und Heiland. Und wer kein guter Christ ist, der ist auch kein guter Soldat« ... Brieg hatte bisher die Fäuste in der Tasche geballt, um während dieser Tiraden an sich zu halten. Aber schließlich übermannte ihn die Ungeduld und er empörte sich gegen dies königlich preußische Christentum. »Wenn man Christus ins Feld führt,« entgegnete er unbesonnen, »dann sollte man auch nach seinen Lehren handeln und Krieg und Duell unterlassen. ›Liebe deine Feinde,‹ lehrt Christus, aber nicht, schieße auf deine Brüder in Christo! ›So dir jemand einen Schlag gibt auf den rechten Backen, so halte den linken auch dar,‹ heißt es, aber nicht, duelliere dich. Wenn ein Offizier aber so spräche, dann bekäme er den schlichten Abschied, und wenn ein Soldat sich weigerte, auf seine Feinde zu schießen, dann würde er selbst erschossen ... Ja, ihr redet immer vom Christentum, aber ihr handelt wie die Türken! Das nennt ihr dann ›praktisches Christentum‹! Nein, Vater, mit mir wirst du nicht fertig; ich habe meinen Kopf auf dem rechten Fleck, und ebenso wenig, wie ich mir bange machen lasse mit diesem Kommißchristentum, ebensowenig glaube ich noch an die Tradition und die Standesvorurteile. Was der Mensch ohne sie sein kann, das soll er zeigen!« Und seine Stimme erhebend: »Zum Teufel mit diesen Schranken , die den Menschen an seiner Zukunft hindern, mit diesen Fesseln , die ihm die Seele einschnüren, mit diesen Fallstricken von Pietät und erprobtem Alten! Unsre Welt ist eine andre geworden als vor fünfzig und hundert Jahren, und wir müssen unsre Erfahrungen für uns selber machen und nach unsrer Façon selig werden, statt immer den alten Brei nachzukauen! Zum Teufel mit all dem Anstand, mit all dem ›geht nicht‹ und ›paßt sich nicht‹! Ich brauche keine Gesellschaft, ich fühle mich derselbe, ob ich zu Hofe gehe oder Steine klopfe!« Brieg hatte seinem Vater den Fehdehandschuh hingeworfen; er wollte es auf einen Bruch ankommen lassen, und er war nicht wenig erstaunt, als der Alte, statt ihn zu verfluchen, die Hände himmelnd zusammenschlug und zu klagen begann: »O Gott, verzeihe meinem Sohn diesen Frevel an seinem alten Vater, der ihm zeitlebens nur Liebe und Güte erwiesen hat, der an nichts weiter denkt als an ihn! In dem weiten, schutzlosen Leben, wo er jeder Niedertracht ausgesetzt ist, wo er mit verstocktem Herzen seinen erträumten Wahnbildern nachrennt, muß er ja untergehen!« »Dann ist es besser, ich gehe für die Sache unter, die ich mir erkoren habe, als daß ich ohne sie glücklich lebe!« gab Ferdinand zurück. »Kennst du den Dürerschen Stich: Ritter, Tod und Teufel? Da hast du, was ich will. Zwischen Tod und Teufel auf den Marktplatz des Lebens reiten und da meine Ritterschaft erproben, aber nicht hinter Schranken und Zäunen!« »Aber was hast du denn im Sinne, mein Sohn?« fragte der Vater erschrocken. »Was willst du denn werden? Sozialistischer Redner oder Zeitungsschmierer, der sich für seine Gesinnung bezahlen läßt?« »Fürs erste will ich fort von hier – in die Einsamkeit. Ich bitte mir ein paar Wochen Bedenkzeit aus, um mich zu prüfen und umzusehen. Denn ich will nicht von einem Zwang in den andern stürzen, und hier kann ich zu keinem vernünftigen Gedanken kommen.« »Dann kommst du natürlich zu mir nach Berlin,« entschied der Vater etwas beruhigt. »So etwas muß langer Hand vorbereitet werden.« »Ich bitte dich, laß mich allein,« wehrte der Sohn ab. »Ich kann keinen Menschen gebrauchen. Nicht einmal« ... In diesem Augenblick klopfte es energisch an die Tür. »Die gnädige Frau läßt zum Essen bitten. Die Suppe wird kalt. Ich habe schon zweimal geklopft,« quärrte die Stimme des neuen Dienstmädchens. Der Vater warf einen kritischen Blick auf seine Fingernägel und ließ Ferdinand vorangehen. »Ich verstehe dich nicht, mein Sohn,« sagte er, als er die Tür verließ. 10. Die Mahlzeit war unter diesen Umständen recht einsilbig. Brieg hatte ein paar rote Flecken auf den Backen und spielte verlegen mit seinem Messerbänkchen; er vermutete nicht zu Unrecht, daß die hochmütig dozierende Stimme seines Vaters und sein eigener heftiger Tonfall trotz der Wergtür in das Zimmer der jungen Engländerinnen gedrungen sei. Der alte Herr sprach kein Wort mit ihm, holte nur mehrmals tief Luft wie bei einer ärztlichen Untersuchung und benutzte zum Zeichen seiner sorgenvollen Gemütsstimmung das Geschirr auf dem Tische mit hörbarem Ruck. Frau Hüppe und der Hauptmann Althoff hefteten auf beide schadenfrohe Blicke, während Miß Carrie sich bemühte, ihr Lachen zu unterdrücken. Frau von Carsten war zum ersten Male nicht die liebenswürdige Wirtin und blieb Fräulein Schamroth die Antwort schuldig auf die Frage, ob sie nicht beide gleich dick wären. Sie achtete nicht einmal darauf, daß die Kinder immerfort kicherten und der kleine Adolf sie unverschämt nachäffte. Beim Braten stand sie plötzlich auf und verschwand. »Das hat sie manchmal, so 'n bißchen Magenkrampf,« erklärte Frau Hüppe ihrem künftigen Gestrengen, dessen finstere Miene sie durch Plaudern zu erheitern suchte. Die einzige, die von diesem stürmischen Sonntag nichts merkte, war Fräulein Schamroth, die in heiterer Ruhe mit ihrer schrillen Stimme fortschwatzte. Sie hatte sich heute Herrn von Brieg zum Opfer erkoren und dieser hörte geduldig an, daß ihre Kopfschmerzen und ihr schlimmes Bein sie leider am Malunterricht hinderten; aber im kommenden Winter hoffte sie Zeit zur Musik zu finden. Zum Glück ahnte sie nicht, daß sie in Brieg einen Kollegen in Apoll neben sich hatte; sonst hätte sie ihn gewiß um Unterweisung und Rat in dieser edlen Kunst gebeten. Von ihr abgesehen, atmete alles auf, als die Tafelrunde aufgehoben wurde und die gespannte Stimmung sich in Stühleklappern und Gesegnete-Mahlzeit-Sagen auflöste. Althoff schüttelte dem General ehrerbietig die Hand, seinem Sohne dagegen machte er eine steife Verbeugung; zwischendurch drückte er die Hände der Damen. Der alte Herr ließ sich seinen geliebten Nachmittagskaffee in sein Zimmer bringen. Er fühlte sich nach den heftigen Worten seines Sohnes sehr müde, als ob ihm unversehens das Heft aus der Hand gewunden wäre. In seinen Augen war sein »Jüngchen« immer noch ein unreifer Knabe, und nun verblüffte ihn diese plötzliche Selbständigkeit seines Denkens und der explosive Ausbruch eines gequälten Temperaments. Er fühlte, daß der Schwerpunkt sich verschoben hätte, und er nahm sich vor, seinem Sohne auch eine Stimme im Rat zu erteilen und ihn hinfort mehr mit sanfter Überredung zu leiten. Er sah ein, daß manches an dessen Vorwürfen zutreffend war, daß er bei seinen ehrgeizigen Berechnungen für seines Sohnes Zukunft nur zu oft den Maßstab seiner eignen Jugend angelegt hatte, die ihm jetzt an seinem Lebensabend mit so greifbarer Deutlichkeit in die Erinnerung trat, und daß er die veränderten sozialen Verhältnisse zu sehr außer acht gelassen hatte. Vor allem aber hatte er den Hauptfaktor dieser Rechnung, seinen Sohn selbst, zu wenig berücksichtigt. Er hatte vergessen, daß auch er ein heftiger, reizbarer Jüngling gewesen war, den nur der Stachel des Ehrgeizes und das Schreckbild eines genialen, aber haltlosen Bruders dahingebracht hatten, seine Persönlichkeit nach und nach abzutöten und nur noch aus Prinzip zu handeln. Und so erschien ihm denn sein Sohn in diesem Augenblick als Verkörperung alles dessen, was er in sich niedergerungen hatte, und seine ganze Lebensarbeit schien ihm vernichtet. Er fühlte sich mit einem Male morsch und mürbe und aus allen Himmeln seines Ehrgeizes gestürzt. Dieser Ferdinand, dem er den Namen jenes frederizianischen Reiterführers gegeben hatte, von dem er gehofft hatte, er würde da anknüpfen, wo er selbst durch seine zügellose Schroffheit gescheitert war, dieser einzige Sohn, den er sich als Feldherrn wie Moltke oder als großen Armeeorganisator wie Roon gedacht hatte, warf ihm auf einmal den Säbel vor die Füße und erklärte, was anderes nach eigenem Geschmack anzufangen! Es war der härteste Schlag seit dem Tod seiner Frau! Immerhin war noch nicht alles verloren. Diese plötzliche Aufwallung konnte ein Rückschlag des vererbten Naturells sein, ein aufflackerndes Strohfeuer, oder das Ergebnis irgend eines verrückten neuen Buches von Nietzsche und Konsorten. Sein Sohn hatte ihm ja nur seine Absicht ausgesprochen, ohne voreilig gehandelt zu haben, und so lange er keine Heimlichkeiten vor ihm hatte, ließ sich alles schon wieder ins Gleise bringen. » Tout doucement ,« sagte er sich, mit den Augen zwinkernd. Mit halben Zugeständnissen und sanften Ratschlägen, sonst reizte er ihn nur zum Gegenteil. Und da er mit seiner Autorität nicht durchkam, wollte er es mit der Milde versuchen. »Ja, mein Sohn,« begann er, in seinem Kaffee herumlöffelnd, »deine heftigen Äußerungen vorhin haben mich tief gebeugt. Aber um dir ein neues Opfer zu bringen, werde ich mich noch mehr einschränken und mir vielleicht auch den Nachmittagskaffee absparen, um dir zu helfen ...« Brieg kannte solche Tugendbeispiele seines Vaters aus Erfahrung. Im Grunde ließ er sich nichts abgehen und verzehrte den größten Teil seiner hohen Generalspension selbst. Aber wenn er in den Ferien einmal einen Spaziergang durch den Tiergarten machte, statt mit der Pferdebahn zu fahren, so behauptete er, dies nur aus Sparsamkeitsrücksichten zu tun. » Enfin ,« fuhr er fort, »ich werde dich in einfachere Verhältnisse setzen. Ich werde an den König schreiben und dich in ein andres Regiment versetzen lassen, in ein billiges Dragonerregiment oder ein gutes Infanterieregiment in einer kleinen Residenz.« Brieg schien alles Reden umsonst gewesen. Er malte sich in seiner schnellen Phantasie aus, wie er sich etwa in Grävenitz mit den Dragonern bezechte und Biergläser an die Wand schmiß, oder in irgendeinem Krähwinkel saß, wo selbst Theater und Geselligkeit fehlten; und bei dem Wort Infanterie fielen ihm sofort wieder die sieben Schreckensjahre seiner vertrauerten Jugend ein, das Kadettenkorps mit seinem Appell- und Gamaschendienst, seinem Griffeklopfen und Staubaufwühlen. Er sah sich, mit einem Tornister bepackt, stumpfsinnig durch rotbraune Staubwolken trollen, während flotte Reiter mit nachlässigem Gruß an ihm vorbeitrabten ... Was war es denn, was ihn an den bunten Rock gefesselt hielt? War es nicht der frische, verwegene Reitergeist seiner Waffe, die malerischen Bilder, der Umgang mit Pferden? Er hatte ein- oder zweimal den Alptraum gehabt, er müßte ins »Korps« zurück und ihn empfingen wieder die frisch lackierten Schulbänke und die hallenden Korridore mit ihren Namenlisten und Querbäumen. Ungefähr das gleiche Gefühl war es jetzt, als er sich im Geist auf den Rohrstühlen des Infanteriekasinos sitzen sah, wie damals beim Wörthfest. Und wozu überhaupt diese Sirenentöne, dieses sanfte Zurücklocken in die alten Netze? »Und wenn du mir auch alle Schulden bezahlst, Papa, und mich in Verhältnisse bringst, wo ich nicht künstlich zum Schuldner gemacht werde,« beteuerte er, »mich duldet es nicht länger in dieser unfruchtbaren Enge. Es ist besser, ich tue das, was ich kann und möchte, als daß ich mich Tag und Nacht niederzwinge und mich selbst belüge.« Diese Bockbeinigkeit schien dem alten Herrn denn doch verdächtig. Hatte er irgend etwas pexiert und mußte deshalb den Abschied nehmen? Und stellte das vorsichtshalber so hin, als ob es freiwillig geschähe? Irgend etwas schien ihm doch dahinter zu stecken, und er fragte rund heraus: »Wie hoch ist denn deine Kasinoschuld?« Brieg wollte antworten, aber seine Zunge versagte ihm. Die Aufregung, in der er sich befand, hatte ihn die Umwelt ganz vergessen lassen; jetzt fühlte er plötzlich, daß eine müde, drückende Schwüle herrschte, welche die Nerven erschlaffte und zugleich überreizte. »Achthundert Mark« würgte er endlich hervor. Der Vater glaubte, die Welt stürzte zusammen. Er hielt sich die Hand hinters Ohr, um besser zu hören, aber es blieb dabei: Achthundert Mark. »Aber, mein Sohn, mein Sohn!« jammerte er. »Erst fast fünfhundert Mark Spielschulden und nun achthundert Mark Saufschulden – davon kann ja eine kleine Beamtenfamilie ein Jahr lang leben!« »Ich werde diese Verpflichtung auf mich nehmen,« sagte Ferdinand schnell, »obwohl ich mich mehr als Opfer dieser Schuld denn als Schuldiger fühle!« »Und wovon willst du das bezahlen?« »Von dem Erlös meines Pferdes oder von dem Geld, wovon du auch meine Pferde und meine Equipierung und die Spielschuld bezahlt hast. Es sind ja schon tausende davon genommen ...« »Über zehntausend,« seufzte der Vater. »Über zehntausend?« wiederholte Ferdinand betroffen. »Und so wären von den dreißigtausend höchstens noch zwanzigtausend übrig? Und bei dieser kargen Summe hast du mich in ein solches Regiment gesteckt und solche Equipierungsgelder bestritten? ...« »Es ist der letzte Rest vom Vermögen deiner Mutter,« seufzte der General. Dieses ewige Seufzen wirkte lähmend auf Brieg. »Umsomehr,« fuhr der alte Herr fort, »heißt es bei der Stange bleiben, statt die Flinte ins Korn zu werfen und zu sagen: ›Ich kann nicht!‹ Ich hoffe ja doch noch ein paar Jährchen zu leben, bis du Rittmeister oder Hauptmann bist, und dann bist du ja geborgen. Oder du machst eine reiche Heirat.« Dieser Vorschlag empörte Brieg besonders. Sein Vater hatte es ungefähr ebenso gemacht. »Weißt du, Papa,« entgegnete er, die Geduld verlierend, »das ist eine Spekulation, die an Hochstapelei grenzt. Wenn du ein so guter Rechner und Mathematiker bist, dann durftest du mich höchstens bei einem Artillerie- oder Infanterieregiment eintreten lassen, statt mich hier auf das Pulverfaß des Bankrotts zu setzen. Es ist gut, daß ich noch beizeiten hinter diese Verhältnisse komme. Jetzt werde ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen, und zu dem Zweck bitte ich dich um Auszahlung meines Vermögens.« Der alte Herr war aufgesprungen; er zitterte am ganzen Leibe. Die moderne Rebellion, die Gott und König trotzt und ihre eignen Eltern frech vor ihren Richterstuhl zieht, schien da verkörpert vor ihm zu stehen. »So lange ich lebe, nie!« schrie er, bis ins Mark verletzt. »Dann werde ich es gerichtlich beanspruchen,« sagte Ferdinand trocken. »So, so,« keuchte der General wie vor einem meuternden Untergebenen. »Und ich werde dich unter Kuratel stellen lassen, du mißratener Bengel, der seinem alten Vater mit Gerichten droht. Hol dich der Teufel!« Der junge Offizier griff nach Mütze und Säbel und verließ ohne Gruß die Tür. Das Herz klopfte ihm gewaltig; er fühlte: das war die Entscheidung. Dann wieder überkam ihn das Mitleid mit dem alten Manne, den er hinter sich keuchen hörte: »Mich rührt der Schlag!« Er wollte zurückgehen und versuchen, mit Güte weiter zu kommen. Er wollte seine Hand fassen und ihm alles sagen, ja, alles! Er wollte sagen: »Wenn ich zehntausend Mark für den Schnickschnack von Pferden und Uniform los wurde, dann kann ich auch eine Summe für einen Menschen geben, den ich verehre und liebe!« Aber im nächsten Moment schlug er sich vor den Kopf und lachte über seine eigene Dummheit. »Dadurch mach' ich die Sache ja noch schlimmer!« Er hörte noch, wie sein Vater klingelte und eine Flasche Sodawasser bestellte. Dann schritt er trotzig zur Tür, drehte sich aber wieder um, als er Schritte hinter sich hörte. Es war das Dienstmädchen, das ihn bat, in das Fremdenzimmer nebenan zu kommen. Herr Hauptmann Althoff wünschte ihn zu sprechen. »Hauptmann Althoff mich sprechen?« wiederholte er mit einem unbestimmten Schreck und ließ sich in ein leeres Fremdenzimmer führen, in welchem der Hauptmann mit dem Helm in der Hand stand und ihn dienstlich begrüßte. »Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen,« begann er kalt. »Ich wollte gern in einer Privatsache mit Ihnen reden.« Brieg sah ihn erstaunt an. »Was ich Ihnen sage, bleibt ganz unter uns, wenn ich bitten darf,« fuhr er fort, indem er sich auf das Sofa niederließ und die Beine kreuzte, ohne Brieg zum Platznehmen einzuladen. Dieser nickte. »Nun, Sie werden ja gesehen haben,« begann er nach einer Kunstpause, »daß ich mich für Frau Hüppe interessiere. Ich gedenke sie zu heiraten, sobald ich Major bin.« »Ich gratuliere sehr!« sagte Brieg mit steifer Verbeugung, die der Hauptmann nachlässig erwiderte. »Worüber ich mit Ihnen reden wollte, ist nicht dies,« sprach er weiter, »sondern Ihr Verhältnis zu Frau von Carsten.« Das Wort Verhältnis betonte er eigentümlich. »Wie verstehen Herr Hauptmann das?« fragte Brieg verwundert. Er nahm sich vor, diesmal Farbe zu bekennen, zumal Althoff ja sehr genau wußte, daß er Frau von Carsten hochschätzte. Er wollte nicht wieder, wie Meyring gegenüber, klein beigeben und sich nachher Selbstvorwürfe machen. »Wie Sie mit Frau von Carsten stehen,« fuhr Althoff mit zweideutigem Lächeln fort, indem er die Schultern verzog, »das müssen Sie ja am besten selbst wissen. Ich meine nur, daß Ihr Erscheinen hier im Hause und Ihr offizielles Benehmen gegen diese Dame nicht zu Ärgernis Veranlassung gibt, durch das meine Braut in Mitleidenschaft gezogen werden könnte ...« »Herr Hauptmann,« entgegnete Brieg fest, »meine Beziehungen zu Frau von Carsten sind freundschaftliche, und ich mache keinem Menschen gegenüber ein Hehl daraus. Mögen die Klatschbasen hineinlegen, was sie wollen!« Er wunderte sich selbst, daß er einem Hauptmann gegenüber diese Sprache wagte. »Herr Leutnant,« drohte dieser, verletzt aufspringend, »gehen Sie nicht zu weit! Ich müßte mich sonst an Seine Exzellenz, Ihren Herrn Vater wenden, dem dergleichen Eröffnungen nach seinen Jubeltagen nicht angenehm klingen dürften!« »Ich bitte sich zu wenden, an wen Herr Hauptmann es für gut halten!« gab Brieg unbeirrt zurück. »Ich nehme meinen Abschied!« Damit verbeugte er sich und ließ den verblüfften Althoff allein im Zimmer. Als er draußen stand, krachte der erste Donnerschlag, daß die Scheiben klirrten. Das Mädchen stürzte durch den Gang, um die offenen Fenster zu schließen, und die alte Köchin, der Brieg zurief, er ließe der gnädigen Frau gute Besserung wünschen, eilte taub gegen seine Worte mit ihrem Gesangbuch nach dem Schlafzimmer, um sich mit diesem Tröster einzuschließen. Brieg ging die Treppe hinunter und wartete im Hausflur das Ende des Platzregens ab. Als der Himmel sich wieder aufklärte und die Schlammbäche in den Rinnsteinen abflossen, trat er aufatmend den Heimweg an. Er fühlte sich von einer schwülen Spannung befreit; etwas Entscheidendes hatte sich vollzogen. Dritter Teil »Wer trüge wohl der zeiten Spott und Geißel, Des Bedrückers Unrecht, des Stolzen Nichtachtung, Die Qual verschmähter Liebe und die Schmach, Die Unwert schweigendem Verdienst erweist, Wenn er sich selbst die Rechnung schließen könnte Mit einem Nadelstich ...« Shakespeare , »Hamlet«. 1. Die Sommerleutnants waren mit den letzten, vom Felde eingebrachten Garben verschwunden, mit Ausnahme von zweien, die erst jetzt ihre Übung ableisteten und das Manöver mitmachen sollten. Brieg hatte den scheidenden Werdeck zu seinem Entschlusse beglückwünscht, die Staatskarriere aufzugeben und sich als Rechtsanwalt niederzulassen. Es schien ihm dies eine Bejahung seines eignen Vorsatzes, den bunten Rock abzulegen. Herr von Schmitt hatte freilich, als Werdeck ihm seinen Plan anvertraute, entsetzt ausgerufen: »Mensch, Sie wollen doch nicht Rechtsanwalt werden!« So etwa, als wollte er sagen: »Sie werden doch nicht stehlen!« Janitschek dagegen hatte seinem aktiven »Freund« eine »glänzendere« Abschiedsfreude bereitet: er hatte ihm einen Ehrensäbel verehrt oder vielmehr verehren müssen, wie der neidische Meyring behauptete ... Übrigens herrschte im Kasino noch regeres Leben als im Sommer. Das Offizierkorps der Grävenitzer Dragoner speiste während des Brigadeexerzierens, wo das Regiment in der Provinzialhauptstadt einquartiert war, bei den Ulanen, und das Kasino machte glänzende Geschäfte. Als Brieg am Montag Mittag dort frühstückte, sah er Waldburg inmitten einer tuschelnden und wispernden Gruppe todesruhig sitzen, als ob ihn das alles nichts anginge. Erst bei längerem Hinhören entnahm er aus den Reden der Herren den Zusammenhang. Waldburg war am Sonnabend ohne Urlaub nach Berlin gefahren, um dort im Klub den Harmlosen zu spielen, und am Montag mußte er sehr betreten melden, daß er mit seinen Kumpanen von der Berliner Kriminalpolizei überrascht worden sei! Der Oberst suspendierte ihn sofort vom Dienst, bis von allerhöchster Seite der schlichte Abschied kam. Er hätte seinem gescheiterten Kameraden gern ein Wort der Teilnahme gesagt, und auf den Tod gern hätte er erfahren, wie Waldburg über seine Zukunft dachte. Aber die Gegenwart der andern schloß ihm mehr denn je den Mund und allein mit ihm zu reden, gelang ihm nicht. Daß er nun die Schauspielerin heiraten würde, war nur eine maliziöse Vermutung Meyrings, der ja immer alles zuerst wusste. Aber immerhin schien Brieg dies nicht ausgeschlossen. Waldburgs Herzensschicksal dünkte ihn seinem eigenen so verwandt; warum sollten da nicht beide den gleichen Entschluß fassen? In solchen Gedanken ging er nach dem Nachmittagsdienst zu Frau von Carsten, um sich nach ihrem Befinden und der Laune seines Vaters zu erkundigen; auch wollte er ihren Freundesrat einholen, wie er sich gegen ihn nun stellen und was er sonst beginnen sollte. Es war ihm ein so ungewohntes, freudiges Gefühl, einen Menschen zu haben, der ihm freundschaftlich riet! Wieder war es der kleine Adolf, der ihm öffnete. Frau von Carsten sah noch immer blaß aus und versicherte ihm, daß sein Vater in der übelsten Laune sei. Er wäre heute nachmittag zum Dämmerschoppen ins Stadtkasino gegangen, was er bisher nur sehr selten getan hätte. Für seinen Sohn hätte er nichts hinterlassen. Brieg begann hastig zu erzählen, welchen Auftritt er mit seinem Vater und dann mit dem Hauptmann Althoff gehabt hätte. Dabei blickte er ängstlich nach der Tür, als ob Frau Hüppe dahinter horchen müßte, und wirklich tat sich jene mit einem Male auf und der kleine Adolf kam mit lauernder Miene herein, um zu fragen, welche Stiefel er für Berlin einpacken sollte. Als er wieder heraus war, begegneten sich die Blicke der beiden wie in stiller Übereinstimmung. Brieg schlug einen gemeinsamen Ausgang vor. »Die Wände haben hier Ohren,« sagte er, »und man kann über nichts sprechen.« »Und was wird Althoff dazu sagen?« wandte Frau von Carsten ein. »Nach seinen gestrigen Vorhaltungen ...« »Weißt du,« unterbrach Brieg, »gerade wegen dieser Vorhaltungen! Er soll sehen, daß ich mich von ihm am wenigsten kommandieren lasse! Außerdem: geht er mit seiner Frau Hüppe nicht tagtäglich aus?« »Ja, aber mit Klara oder dem Kadetten,« entgegnete Frau von Carsten. »Und ich möchte weder die Mädchen von ihren Schularbeiten fortnehmen, noch Adolf ...« »Wir können ebensogut allein gehen!« schnitt Brieg ihre Worte mit einer Handbewegung ab, als wehrte er sich gegen des Knaben Begleitung. »Wozu brauchen wir uns von einem Kinde beaufsichtigen zu lassen? Wir gehen offen durch die Straßen, ich in Uniform, das ist doch Kontrolle genug.« Frau von Carsten fand schließlich auch nichts dabei und ging hinaus, um sich einen Hut aufzusetzen. Brieg studierte indessen die Photographien an der Wand. Ein älterer Herr zu Pferde fiel ihm durch seinen schlechten Sitz auf. Er saß großspurig da, als wollte er sagen: »Da seht mich an,« und sah viel gewöhnlicher aus als der galonnierte Reitknecht, der den teuren Vollblüter wie zur Vorsicht am Zügel hielt. Es mußte wohl der Kommerzienrat von Carsten sein. Daneben steckte eine Photographie von Frau von Carsten als ganz junge Frau. Sie saß neben ihrem ältesten Kindchen, das pausbäckig und tiefernst dreinschauend auf einem Tischchen stand, den Kopf an das Körperchen anlehnend und die Arme herumschlingend, wie um es zu schützen. Ein so madonnenhaft zarter Liebreiz lag auf diesem Bilde, daß wer sich an dieser Frau versündigt hatte, ihm schlimmer deuchte als ein Tempelschänder! Er zog die Photographie rasch aus dem Bilderfächer und wollte sie zu sich stecken, aber schon trat Frau von Carsten ins Zimmer. Sie erlaubte ihm seinen Diebstahl lächelnd, doch nur unter der Bedingung, daß er die Photographie durch die seine ersetzte, und das versprach er mit Freuden. Dann schlugen beide den Weg nach dem Fürstengarten ein. Brieg war das Spießrutenlaufen durch die Straßen eine Qual; das Herz klopfte ihm, wenn er irgendwo eine Ulanenuniform erblickte. Trotzdem wünschte er in geheimem Trotz, Herrn von Meyring zu begegnen. Doch kreuzte ihren Weg nur der Rittmeister a.D., der in der Kneipe präsidierte und jetzt nachlässig an ihnen vorbeischob, ein wohlhabender, beschäftigungsloser Junggeselle, der sich vielleicht Appetit zum Mittagessen erging oder die Frühstückskneipe mit dem Dämmerschoppen vertauschte. Brieg mußte ihn grüßen und er blickte der Dame erstaunt nach. In den Parterrewohnungen der altmodischen Stadthäuser, die mit sauberen, weißen Gardinen verhängt waren, saßen auf einem Podium alte Dämchen mit Spitzenhäubchen und Brille und schielten über ihre Häkelarbeit weg in die Fensterspiegel, die ihnen alle Vorgänge auf der Straße ins Zimmer warfen. Auf dem großen, kiesbedeckten Paradeplatz spielten ein paar Jungens mit Murmeln und ein Köter jagte mit angelegtem Maulkorb die Spatzen. Es sah alles so eingeschlafen und veraltet aus. Eine tote Mittelstadt mit langweiligen, geradlinigen Plätzen und Straßen, die pedantische Fürstenwillkür vor anderthalb Jahrhunderten geschaffen hatte und in die seither kein frischer Hauch gedrungen war; keine Industrie, die belebend wirkte, keine Universität, die das geistige Niveau hob. Nur Soldaten, Beamte und abgedankte Offiziere, die mit ihren Familien billig hinvegetierten und aus Neid oder Mangel an Beschäftigung im Klatschen aufgingen. Allmählich schoben sich moderne Villen mit Gartenanlagen zwischen die alten Mietshäuser und schließlich ging die Straße in eine neuentstehende Villenkolonie über. Aus den Gärten drang der fröhliche Schall von Krockethämmern und hier und da sprühte eine Turbine ihren blinkenden Wasserstaub auf den durstigen Rasen. Duftige Kühle schlug den Vorbeigehenden durch die Gitterstäbe entgegen. Hier wohnte Graf Kinsky in einer reizenden Villa, und dort in dem dreistöckigen Hause hatte der Major eine Etage. Brieg schielte herauf, ob er niemand am Fenster erblickte. Dann kamen sie an das Eingangstor des Fürstenparks. Ein alter Invalide, das Ordensband in dem schäbigen, blauen Rock mit dem roten Klappkragen, stand auf seinen Stock gelehnt und musterte grämlich die Eintretenden wie unabweisliche Friedensstörer, aber mehr noch die Austretenden, ob sie keine Zweige und Blumen ausführten. Während an den Baumreihen der Straßen schon die Blätter vergilbten, standen hier die alten Roßkastanien noch im vollsten Grün und alles schien den nahen September zu mißachten. In den schrägen Sonnenstrahlen spielten die Mücken. Der ganze Park war in milde Nachmittagssonne getaucht. Es war eine fürstliche Schöpfung aus der Rokokozeit. Die strengen Grundlinien der im französischen Geschmack geschaffenen Anlage waren gebrochen und überwuchert durch den englischen Parkstil, der in den Einzelheiten vorherrschte und durch die Naturverwilderung eines Jahrhunderts noch mehr hervortrat. Die ungestutzten alten Bäume hatten sich prächtig ausgelegt und belebten durch ihre schönen Gruppen die eintönigen Alleen und langen, regelmäßigen Wasserbecken. Nach dem Gebirge zu war ein breiter Durchschlag geschaffen, der die blauen Höhenzüge wie aus einem grünen Rahmen hervortreten ließ, und davor ebnete sich eine Hügellandschaft mit buschbesetzten Wasserläufen und einzelnen ragenden Pappeln, deren lichtumsäumte Formen sich kräftig gegen den bläulichen Hintergrund absetzten. Ein leiser herbstlicher Hauch verlieh dem ganzen Bilde den Ton eines alten Gobelins ... Brieg bot Frau von Carsten den Arm und sie legte willig die Hand hinein. Er hatte sich immer danach gesehnt, einmal ganz mit ihr allein zu sein, ungestört durch lästige Rücksichten und neugierige Blicke. Mit ihr zu leben, aus allen Fesseln und Schranken erlöst, in einem feinen Traumland, an den Märchengestaden des Mittelmeeres: das schien ihm ein seliges Glück und ein unendlich süßer Gedanke. Schon der bunte Rock, den er trug, war ihm in ihrer Gegenwart peinlich; er paßte so gar nicht zu dem, was er ihr sagen wollte; er schulmeisterte ihn und verdrehte ihm seine eigenen Worte im Munde. Er schämte sich, als Ulanenoffizier sein Gefühl so überschwellen zu lassen; ihm war, als erlaubte dieser mahnend an seine Hüfte schlagende Säbel nur schnarrende, schneidige Redensarten, als klirrten diese scharfen Sporen Hohn auf sein zartes Empfinden ... Aber schließlich mußte er sich vorerst mit dem Möglichen begnügen, und wenn seine Worte auch hinter seinem Gefühl zurückblieben, so genoß er doch die ganze Süße, diese Frau »Du« zu nennen und neben ihr schreitend in das zarte Blau ihrer Augäpfel zu blicken, in denen zwei lichte Wölkchen schwammen ... Auch die wohlbekannte Landschaft schien sich ihm heute neu zu beleben. Alle diese Wege, die ihr Fuß schon oft betreten hatte, waren ihm plötzlich geheiligt; jeden Kiesel, den ihre Sohlen berührten, hätte er aufheben und am Herzen tragen mögen. Der hintere Teil des Parkes ging mehr und mehr in den englischen Stil und schließlich ganz in die Landschaft über. Man wußte auf den ersten Blick gar nicht mehr, ob man hier noch im Banne kunstgärtnerischer Absicht war; und doch gab es bei näherem Zusehen kein Gebüsch, keine Weglinie, keine Rasenfläche, die nicht mit bewußter Kunst angelegt waren. Wie mit geronnenem Blut übergossen, stach dort eine Gruppe Rotbuchen aus dem Buschgrün hervor; hier flossen die Zweige einer Trauerbuche wie schwere, grüne Draperien von einem gekrümmten Mastbaum, und dort spiegelten sich die gelbgrünen Äste einer Trauerweide in der Schwermut eines schilfumsäumten Teiches. Weiße Birkenstämme stiegen aus düsterem Eibengebüsch hervor, während ihr zierliches, dünnes Blattwerk wie leichtes Lockengekräusel herniederrieselte und bei jedem Lüftchen wallte. Lärchenbäume mit ihrem moosgrünen, weichen Nadellaub ragten neben den gespreizten, symmetrischen Araukarien und den alten Edeltannen mit ihren anmutig hängenden, lichtumsäumten Riesenfächern. Grünschaftige Zitterpappeln zeigten beim leisesten Windhauch die silberne Unterseite ihrer Blätter und knorrige Kiefern standen still mit ihren pinienartigen Kronen. Hohe Pappeln reckten sich um die Wette mit pyramidal aufgeschossenen amerikanischen Eichen; Silbertannen und Silberahorn widersprachen sich trotz der gleichen Farbe. Die beiden Spaziergänger waren stehen geblieben und genossen schweigend den Reiz der Landschaft und der kunstvollen Gegensätze. Einen Augenblick war er ganz in diese Gartenanlage vertieft; er hatte ihren Sinn noch nie so deutlich empfunden. Aber bald kehrten seine Gedanken zu seiner Gefährtin zurück und er murmelte die Klopstockschen Verse: »Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht, Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht, Das den großen Gedanken Deiner Schöpfung noch einmal denkt!« Und in seinem Geiste knüpfte sich das geheime Band zwischen Kunst und Liebe, das er damals im Stadtgarten entdeckt hatte, immer fester. Er fühlte, daß nur die Liebe ihn befreien und zu sich selbst führen könnte, daß alle Schönheit, die er in sich trug, erst durch sie zum Wort werden könnte, daß alles, was er bisher gedichtet, nur ein erster Geh- und Schreiversuch war, und daß das wahrhaft Gute und Reife erst in der Zukunft bevorstünde. Und ihm schien mehr denn je, daß ihr Schicksal sie beide zusammenführte. Sie hatten sich beide das Rückgrat gebrochen, wie Frau von Carsten es genannt hatte. Sie hatten die Lüge und das Scheinleben ihres jetzigen Daseins erkannt. Sie waren aus einer langen Krankheit genesen und strebten einem neuen, selbsteigenen Leben zu. Jetzt hieß es beweisen, daß sie ihrem Schritte gewachsen waren! Brieg fühlte sich in einer kampffrohen Stimmung und zu allen Opfern bereit. Er hatte seine Schiffe hinter sich verbrannt wie Cortez und mußte nun ein Neuland erobern oder zugrunde gehen. Dieses Gefühl gab ihm Kraft und erfüllte ihn mit jugendlichem Selbstgefühl. Sie waren vorhin an einem Buchladen, dem größten am Platze, stehen geblieben und hatten einen Blick auf die ausgelegten Werke geworfen. Die meisten Autornamen waren ihm unbekannt, und neben den Romanen und Gedichten standen geschichtliche, medizinische, volkswirtschaftliche und chemikalische Bücher. In diesen Konkurrenzkampf sollte er also hinaustreten und sich darin hervortun. Dazu bedurfte es vieler Arbeit und Kenntnisse, und an diesen gebrach es ihm noch ganz ... Doch er scheuchte die Zweifel fort und vertraute auf die Kraft seines Willens. Sie nahmen ein Boot bei dem Bootpächter des »Großen Bassins« und er zog die Riemen leicht an. Der gleichmäßige Taktschlag und das Plätschern des Kielwassers versetzten sie in eine träumerische Stimmung. Er ließ die Ruder sinken und der Kahn schnitt noch ein paar Längen durch die goldige Spiegelfläche, um schließlich an einem Inselchen zu stranden. Wie lange Goldbarren rollten die letzten Wellen bis ans Ufer und verebbten in lautloser Stille ... Sie stiegen für einen Augenblick aus. Frau von Carsten war hier als junges Mädchen oft Schlittschuh gelaufen und kannte alle Inseln und Verstecke. Unwillkürlich begann sie von ihren Bällen und Schlittschuhfahrten zu erzählen, und wenn sie stillschwieg, bat Brieg sie, weiter zu plaudern. Ihm schien das alles so schlicht und natürlich und ihre Stimme verlieh ihm doch solch einen melodischen Zauber! Sie blühte mit ihren Erinnerungen zusehends auf; sie erschien ihm frischer und jugendlicher denn je! Der rosige Schein fiel auf ihr Gesicht und in dem Halbschatten des Sommerhutes auf ihrer Stirn spielten goldene Spiegellichter des Teiches wie frohe Gedanken ... Wie schön mußte es sein, mit dieser Frau auf solch einer stillen, schönen Insel zu leben, fern von neidischen und boshaften Blicken und ohne stimmungraubende, bedrückende Rücksichten ... Nur ein wenig inneres und äußeres Glück, und sie würde sein wie damals, als sie in die Hand ihres Peinigers fiel, von jener zarten Anmut, die sie auf jenem alten Bildchen hatte ... Und der Gedanke, ihre Jugend zurückzuerobern und sie vor jenem Quälgeist zu schirmen, der Gedanke der Selbsthingabe an ein liebebedürftiges Wesen erfüllte ihn mit zärtlichen Gefühlen. Traumversunken waren sie Hand in Hand einhergeschritten, ohne zu sprechen. Nach einer Weile fiel ihnen das Schweigen auf. Sie kehrten wieder zu ihrem Boote zurück und Brieg griff zu den Rudern, um das Ufer zu gewinnen. Dann bot er ihr den Arm und sie traten den Rückweg an. Ein leichter Abendwind fröstelte in den Birken und die Rotbuchen flammten feuerrot. Von der Stadt herüber klang das Geläut der Abendglocken fern und getragen. Die Schatten der Bäume wurden lang und länger und an den Baumschäften kletterte die Dunkelheit empor. Sie schritten als letzte Parkbesucher durch das Tor, das der Invalide schon halb geschlossen hatte. Beim Anblick der Uniform unterdrückte er mürrisch seinen Zorn über die beiden Nachzügler nach Sonnenuntergang; aber er warf den eisernen Torflügel krachend zu. Aus den hohen Fensterfluchten der ersten Villen brach es wie Feuerschein und hier und dort zuckte in der Stadt der Widerschein der Sonne in einer Scheibe auf, wie ein roter Blitz. Die großen Backstein-Gevierte der Infanteriekaserne standen glührot und der ganze Himmel brannte wie von weltenweiter Feuersbrunst! Noch nie war Brieg ein Sonnenuntergang so tragisch erschienen. Bald sanken harte, blaue Schatten über die Häusermassen: aus den Fenstern quoll gelber Lampenschein und auf der Straße flackerten die ersten Laternen durch den bläulichen Abenddunst. Die Augen schmerzten Brieg von dem grellen Zwielicht und er blickte empor in den verbleichenden Himmel. Das Kreuz auf dem Kirchturm der Pfarrkirche glühte noch in grellem Golde. Er wandte die Augen wieder auf das Dunkel, aber überall folgte ihm das dunkle Nachbild des Kreuzes. Es schien ihm wirklich noch das wahrste Symbol! Achtzehn Jahrhunderte stand es nun aufgerichtet, und die Menschen hatten sich seitdem noch nicht soviel Glück erkämpfen können, um ein lebensfroheres an seine Stelle zu setzen. Noch immer herrschten die Pharisäer, noch immer verurteilte Pontius Pilatus das göttliche Streben, noch immer verriet Judas seinen Meister, noch immer bat die Menge den Barnabas frei und kreuzigte Jesus ... Brieg blickte unverwandt in den Himmel hinauf. Sein Gesicht glühte im letzten Abendschein. Er sah so trunken und verzückt aus, wie sie ihn noch nie gesehen hatte, und seine Augen blickten wie in eine höhere Welt. »Nun kommt schon der Abendstern heraus,« sagte Frau von Carsten. »Ja,« nickte er lächelnd, »der Stern der Liebe.« In der Altstadt trennten sie sich. Er sah die elegante Silhouette seiner Freundin im Laternenschein entschweben, dann unterzog er sich pflichtschuldigst dem leidigen Kasinozwang. Schon am nächsten Mittag war es stadtbekannt, daß der Leutnant von Brieg mit einer Dame spazieren gegangen wäre; sie hatte aber ganz anständig ausgesehen. 2. Das umfangreiche Schriftstück des Auskunftsbureaus, das Brieg am nächsten Tage nach dem Brigadeexerzieren auf seinem Schreibtisch fand, begann sehr entmutigend: »Einem jungen Kavallerieoffizier mit Realschulbildung und geringem Vermögen stehen nur sehr wenige Berufe offen, die etwas seiner bisherigen gesellschaftlichen Stellung entsprechen.« Mehrere der vorgeschlagenen Berufsarten erforderten eine Vorbereitungszeit von fünf bis acht Jahren und gliederten ihn abermals in eine Hierarchie ein, deren Anschauungen er teilen mußte, um vorwärts zu kommen. Er hätte also nur eine Heuchelei mit einer andern vertauscht. Das Studium der Chemie und Elektrotechnik wurde ihm wegen Überfüllung der Berufe in der Auskunft selbst widerraten, und nur zwei Berufe verhießen ein baldiges Vorwärtskommen: der Berliner Polizeioffizier und der Geometer. Das erstere widerstand ihm sofort; eine blaue Polizeiuniform anziehen, das hieße doch nur vom Pferd auf den Esel satteln, wogegen der Beruf des Landmessers den gewandten Zeichner einen Augenblick lockte. Hier konnte er zu Geld, ja zu Vermögen kommen, wenn er mit dem Vorsatze » to make money «, nach dem spanischen Amerika ging; das Auskunftsbureau war sogar erbötig, ihm Empfehlungen an die Präsidenten der südamerikanischen Freistaaten zu besorgen! Die Vorbereitungszeit dauerte allerdings auch drei Jahre – und danach hätte er entweder ewigen Abschied von Frau von Carsten nehmen müssen, um derentwillen er doch auch einen neuen Beruf suchte, oder aber mit ihr und ihren Kindern auswandern. Er dachte wieder an Cortez, der die Schiffe hinter sich verbrannte. Aber dies alles schien ihm doch etwas phantastisch und er wußte nicht einmal, ob Frau van Carsten ihm in jene fremden, halbwilden Länder würde folgen können, vor allem aber: dieser Beruf wäre nur ein Mittel zum Zweck gewesen, » to make money «; er hätte ihm innerlich fremder gegenüber gestanden, als dem Soldatenhandwerk, für das er ererbte Instinkte besaß. Und er suchte doch gerade ein Feld der Betätigung für seine wahre Persönlichkeit! Und so verweilte sein Geist denn um so länger bei dem Vorschlag, die schriftstellerische Laufbahn zu ergreifen. »Literaten sind entweder wohlhabend,« hieß es in dem Schriftstück, »oder sie haben eine Redakteurstellung inne und widmen sich in ihren Mußestunden der Schriftstellerei, da diese allein, namentlich die schlecht bezahlte Belletristik, nicht ihren Mann nähren kann ...« Mit einem geheimen Freudenschauer las er die schwindelhohen Gehaltsziffern der großen Berliner Chefredakteure, die sich bis zur Höhe von Minister- und Reichskanzlergehältern erhoben. Es war ihm eine stille Genugtuung, daß ein Mann des Geistes und der Feder, ohne staatlich geaicht zu sein, den höchsten Staatsbeamten pekuniär gleichgestellt war. In seinem jetzigen Berufe mußte er ja jedes schriftstellerische Vorhaben erst seinem Kommandeur beichten, ehe es zum Ereignis werden konnte, und wehe ihm, wenn seine Absichten nicht »wohlgesinnt« waren! Der Literatenberuf dagegen erschien ihm als das Reich der Freiheit, das Reich des Geistes, wo jeder sich sein eigenes Dasein zimmerte, wo das Talent sich den eignen Adelsbrief und das eigne Reifezeugnis gab, ohne nach einem Examinator zu fragen. Hier konnte er Fühlung mit Menschen gewinnen, die nicht nur die Repräsentanten ihres Berufes, sondern sie selbst waren. Hier war er in steter Berührung mit Literatur und Theater, mit den edelsten Blüten der Kunst und des Geistes! Hier konnte er sich über blöden Schranken und Vorurteilen hinweg die Hand reichen mit allen, die ein höheres Streben beseelte! Wie anders, wie viel schöner mußte das sein als die aufgezwungene Kameradie, die keine anderen Götter neben sich duldete! Je länger er darüber nachsann, desto klarer wurde es ihm, daß dieser oder kein Beruf der seine wäre und werden müßte. Seine Backen glühten und er schlug sich vor den Kopf, daß er nicht schon längst auf diesen Einfall gekommen war, er, der sich doch schon selbst in der Schriftstellerei versucht hatte, und daß irgend ein Unbekannter vom Schreibpult auch ihm seinen Lebensweg weisen mußte! Dann wieder sah er die höhnischen Gesichter seiner Kameraden; er dachte an Schmitts Ausspruch: »Mensch, Sie wollen doch nicht Rechtsanwalt werden!« Inzwischen wurde ihm das Parolebuch zur Unterschrift gebracht. Er erschrak, als er am Schluß las: »Ich wünsche den Leutnant von Brieg um drei Uhr auf dem Geschäftszimmer I zu sprechen. – Freiherr von Rössing.« Was konnte das bedeuten? Hing es mit seiner Kasinoschuld zusammen? Oder gar mit dem gestrigen Spaziergang? Jedenfalls war er entschlossen, die Ehre seiner Freundin zu verteidigen, auch gegen den Obersten! Sein Wille war seit Meyrings zynischer Anzapfung gewaltig gewachsen. Er faßte sogar den großen Entschluß, die Angelegenheit gleich beim Schopfe zu packen und den Kommandeur heute noch um seinen Abschied zu bitten. Wozu das Warten und worauf? Das Herumdrehen mit seinem Vater, der ihn wie ein Bleigewicht immer wieder von seinem Vorsatz abzog, führte ja zu nichts. Wozu die Tage verrinnen lassen, statt zu handeln? In vierzehn Tagen rückte das Regiment zum Manöver aus. Er wollte bis dahin wissen, woran er war, und auch Frau von Carstens Lage erforderte eine baldige Entscheidung. Mit Frau Hüppe konnte sie nicht länger zusammenbleiben, auch ohne die Drohung des Wirtes, sie zum 1. Oktober zu exmittieren ... Er warf noch einen Blick in den Spiegel und zupfte sich die Halsbinde zurecht. Wie blaß er aussah! Dann ging er aufs Regimentsbureau mit dem Eigensinn, der ihn damals zu dem nächtlichen Ritte nach Grävenitz angetrieben. An der Südmauer der Kaserne standen in brütender Nachmittagssonne die Pferde, an Ringen angebunden, bald liebkosend die Köpfe zusammensteckend oder, die Ohren tückisch anlegend und sich beißend, ja wohl gar aufeinander losfeuernd. Hier und dort stand eines mit noch nasser Sattellage und der Reiter rieb es immerfort mit dem Strohwisch, während ihm selbst der Schweiß ausbrach. Andere striegelten die Pferde, die dabei wohlig mit dem Kopf schnickten, oder wenn der Striegel an eine kitzlige Stelle kam, ihm quiekend auswichen. Wieder andere waren schon beim Sattelzeugschmieren oder polierten die Kandare mit der Stahlkette, oder sie wuschen die Hufe und schmierten sie mit rotbrauner Hufschmiere glänzend ein. Ein paar Pferde standen mit dem Vorderfuß im Kühleimer und zogen ihren triefenden Huf ungehorsam heraus. Auf dem leeren Reitplatz ritt ein Sergeant das Pferd eines Infanteriemajors, einen großen, häßlichen Bock mit krummer Nase, während der Vizewachtmeister der Dritten, ein bärbeißiger Leuteschinder, eine Abteilung zu Fuß exerzierte, indem er die Leute mit weiten Abständen um den Reitplatz herum langsamen Schritt üben ließ. Die Leute trugen die Degen durch die angewinkelten Arme gesteckt und gegen den Rücken gedrückt, während ihnen der Schweiß von der Stirne troff, und der Wachtmeister kommandierte diesen Automaten mit grausamer Beharrlichkeit die drei Tempos. Brieg ging die ausgetretene Holzstiege zum Regimentsbureau hinauf. Droben herrschte schwüle Kasernenluft, untermischt mit Aktenstaub. Die Schreiber ließen die Federn quietschend über das Papier gleiten; eine Ordonnanz mit der Czapka auf dem Kopf und dem weißen Bandelier über der Brust stand mit einem Buch in der Hand und wartete. Aus der geschlossenen Tür des Vortragszimmers hörte man die barsche Kriegerstimme des Kommandeurs, der sich gerade mit dem Adjutanten besprach. Brieg vernahm ziemlich deutlich den Namen Waldburgs. Dann kam Meyring heraus, um dem Sergeanten einen halblauten Befehl zu geben, grüßte Brieg mit feinem Lächeln und verschwand wieder, von wo er gekommen war. Er hörte ihn melden: »Leutnant von Brieg ist da.« Dann folgte eine ziemlich lange Unterredung, in der, so kam es ihm vor, auch Frau von Carstens Name fiel. Wenn Meyring nun dem Kommandeur den schnöden Klatsch wiederholte, mit dem er ihn selbst so erbittert hatte? Sein Herz begann gegen seinen Rock zu hämmern; er wäre am liebsten in das Zimmer eingedrungen und hätte ihm ins Gesicht geschrieen: »Lügen Sie nicht!« Um sich abzulenken, besah er die Bilder an den Wänden. Es war der übliche patriotische Schmuck: Die Bilder des alten Kaisers und des »Kronprinzen«, zu dem dann noch der dritte deutsche Kaiser hinzugekauft war, alle drei billige Öldrucke. Der alte Wilhelm sah grämlich aus wie ein alter Feldwebel. Der Kaiser Friedrich mit seinem fuchsroten Vollbart und der geschwollenen Stirnader war zu einem brutalen Förster verzerrt und der jetzige Herrscher mit seinem mächtigen Schnurrbart und den stechenden Blicken erschien als schneidiger Sergeant von der Garde. Wer sollte aus diesen Bildern Herrschertreue lernen! Brieg wandte seine Augen von ihnen ab und studierte eine der an den Wänden hängenden Vorschriften. Aber nur seine Augen lasen die Worte; er konnte den Sinn dieser ineinandergeschachtelten Sätze mit dem Stelldichein der zahlreichen Zeitwörter am Ende nicht enträtseln. Erst nach dreimaligem Lesen dämmerte ihm die Bedeutung auf. Endlich ging die Tür auf und Meyring zitierte ihn mit einer Handbewegung in das Vortragszimmer. Er schluckte seine Erregung herunter, machte die vorschriftsmäßige Verbeugung und stand dann mit angefaßtem Säbel stramm. Er hörte unten den Hammerschall der Beschlagschmiede auf den Ambossen und das Probetraben der beschlagenen Pferde auf dem Steinpflaster. Der brenzlige Geruch der auf die Pferdehufe gelegten heißen Eisen quoll durch einen verrosteten Ventilator, der an einer der trüben oberen Scheiben sich befand, in das Zimmer. An den Wänden hingen ein paar Karten an Holzstäben. Nach einigem Prusten fragte der Kommandeur barsch, warum er seinem ausdrücklichen Befehl zuwider seine Kasinoschuld noch immer nicht bezahlt hätte. »Ich habe kein Geld, Herr Oberst,« erwiderte Brieg kleinlaut, »und mein Vater hat sich bis jetzt noch nicht entschlossen, sie zu bezahlen.« »So, dann werde ich an Ihren Herrn Vater schreiben, damit die Sache bis zum Manöver endlich in Ordnung kommt. Sie sollten sich was schämen, solche Schulden zu machen. Je mehr anderwärtig Wohlleben und Luxus überhand nehmen, desto ernster tritt an den Offizier die Pflicht heran, nicht zu vergessen, daß es nicht materielle Güter sind, die ihm seine hoch angesehene Stellung im Staate sichern – so heißt es in den Ehrengerichtsverordnungen Sr. Majestät, des Hochseligen Kaisers Wilhelms I, § 1, die Ihnen oft genug vorgelesen worden sind.« Damit ging er zu allgemeinen Vorwürfen gegen Brieg über. Er wäre ein liederlicher Offizier, der sich durch einen leichtsinnigen Streich selbst die Ehre des Distanzrittes verscherzt hätte. Solcher Mangel an Streben sei doppelt strafwürdig bei so schönen Talenten und er würde seinem Vater ein ganz gehöriges Licht über ihn aufstecken, damit er nicht auch so endete, wie der Spieler, der Waldburg, der seinen schlechten Einfluß anscheinend auch auf ihn ausgeübt hätte! »Gehen Sie und nehmen Sie sich zusammen, sonst gebe ich Sie zum Train ein.« Brieg machte nach der vorschriftsmäßigen Verbeugung kehrt und ging aufatmend zur Tür; aber schon auf der Schwelle machte er sich Vorwürfe, daß er die Gelegenheit habe vorübergehen lassen, und drehte sich kurz um. »Herr Oberst verzeihen,« sagte er. »Was wollen Sie denn noch?« »Ich will mich nicht rechtfertigen, Herr Oberst, aber ich bitte um meinen Abschied.« Der Kommandeur starrte ihn verblüfft an und prustete. »Jetzt, acht Tage vor'm Manöver? Und weshalb?« »Ich will mir einen andern Beruf wählen, Herr Oberst!« entgegnete der junge Offizier, ihm fest in die Augen blickend. Nun er das Wort heraus hatte, war ihm seine Ruhe wiedergegeben. Der Kommandeur glaubte, Brieg sei in der Augusthitze übergeschnappt. Dann wieder durchfuhr ihn der Gedanke, daß er mit daran schuld wäre, wenn dieser leicht gereizte, widerspenstige Offizier sich zum Abschied gedrängt wähnte. Und sein Vater, die neugebackene Exzellenz, würde dies in seinem Vaterstolz jedenfalls höheren Ortes zur Geltung bringen. Der Oberst dachte an die erträumten Generalepauletten. »Und Ihr Herr Vater, ist der damit einverstanden?« fragte er kurz. »Wohl kaum, Herr Oberst.« »Und wie wollen Sie da Ihren Abschied nehmen?« polterte der mürrische Mann heraus. »Ich bin majorenn und habe meinen Entschluß gefaßt,« antwortete Brieg fest. »Sie werden sich das gefälligst überlegen und nicht ohne Einwilligung Ihres Herrn Vaters handeln.« »Herr Oberst verzeihen, ich habe mir alles überlegt!« Brieg sprach diese Worte, indem er sich energisch aufrichtete. Sein Säbel stieß leise auf den Fußboden auf, als wollte er seine Worte betonen. »Ich frage nicht, was Sie sich überlegt haben,« schrie der Oberst. »Sie sind noch ein unreifer Mensch und haben keinen Begriff von Pflichtgefühl. Sie werden nichts tun, als was Ihr Herr Vater Ihnen erlaubt. Merken Sie sich das, oder ich stecke Sie in Arrest!« Brieg wagte nicht, zum zweitenmal anzufangen. Sein Mut war verflogen; er fühlte sich wieder ganz in der Hand seines allmächtigen Kommandeurs. Er verbeugte sich kurz und ging, ohne nach weiteren Befehlen zu fragen. Als er draußen stand, war er so klug wie vorher. Der Oberst gab sein Abschiedsgesuch nicht weiter, wenn sein Vater nicht zustimmte, und sein Vater gab ihm diese Einwilligung nie, solange er den Kommandeur auf seiner Seite wußte, besonders da er sein Erbteil herausgefordert hatte. Er saß da in einer schönen Zwickmühle. 3. Brieg ging stracks zu Frau von Carsten. Das Dienstmädchen stand hochgeschürzt mit dem Spüleimer in der offenen Haustür und die ganze Treppe schwamm. Er tappte hindurch und seine nassen Fußspuren hafteten auf den Stufen. Bisher hatte er immer eine aristokratische Scheu vor Arbeit und Geldverdienst gehabt. Es war ihm peinlich, daß seine Freundin von fremden Leuten Geld nahm, und einmal, als er sie in die Küche begleitet hatte, war es ihm schrecklich zu sehen, wie die elegante Frau ein paar grobe Hantierungen vornahm. Aber jetzt schien es ihm geboten, diesen Adelsstolz zu überwinden, und er atmete herzhaft den Schmierseifengeruch ein. Dann trat er unangemeldet in das Wohnzimmer. Frau von Carsten fuhr mit einem leichten Freudenschrei von ihrem Schreibtisch auf, und als er ihr seine Photographie überreichte, stellte sie diese voller Freude vor sich auf. Dann begann er, neben ihrem Stuhl stehend, in abgerissenen, hastigen Sätzen seine letzten Erlebnisse zu erzählen. Frau von Carsten bat ihn inständigst, sich weder mit seinem Vater noch mit seinem Kommandeur zu überwerfen. Er sollte jenem gut zureden, daß er ihm seine Erlaubnis erteilte, dann würde er seinen Abschied auch ohne Schwierigkeit durchsetzen. »Aber mein Vater gibt mir die Erlaubnis nicht, solange ich mein mütterliches Vermögen herausfordere, und ohne dies kann ich dir nicht helfen,« diskutierte Brieg. Frau von Carsten brach in einen Tränenstrom aus und warf sich schluchzend an seinen Hals. »Laß mich gehen, Ferdinand,« stieß sie mit erstickter Stimme hervor. »Bleibe in deinem Berufe. Mir ist ja doch nicht mehr zu helfen. Wenn du später einmal an mich zurückdenkst, wirst du's mir danken, wie ich dir jetzt danke für alles, was du an mir tun wolltest!« Brieg zog sie ergriffen an sich. »Du Gute, Liebe,« sagte er sanft, ihre Haare streichelnd. »Du denkst immer nur an andre und nicht an dich. Aber du sollst nicht untergehen. Ich halte dich in meinen Armen und trage dich ans Land. Lieber will ich mit dir zugrunde gehen, als dich im Stiche lassen!« Und er bedeckte ihre tränenfeuchten Wangen mit Küssen. »Oh, was tust du,« wehrte sie ab. »Was ich schon immer tun wollte und immer wieder tun möchte,« sagte er leidenschaftlich. »Denn ich liebe dich; ich liebe nichts mehr als dich und ich kann ohne deine Liebe nicht mehr leben.« Frau von Carsten hob den Kopf ein wenig und blickte zu ihm auf. Durch den Tränenflor ihrer Augen brach ein warmer Sonnenstrahl wie durch Wettergewölk. »Und ich liebe dich auch,« lispelte sie, seinen Kuß erwidernd. Da preßte er seine Lippen wild auf die ihren; ihm war, als müßte in diesem Kuß Seele in Seele überfließen. Nun war alles klar und entschieden! Nun gab es kein Zurück, kein Bedenken mehr; die Liebe gab seinem Leben Zweck und Ziel und alle Zwischenwände sanken. Ihm war, als ob er im klaren Licht stände und alle Dinge hatten plötzlich eine neue Bedeutung. »Und ich liebe dich auch« ... das Wort klang ihm immer noch in den Ohren, und er blickte ihr lächelnd in die Augen ... Wie sie so gut zu ihm aufschaute, in Tränen lächelnd, so reizend verwirrt und doch so vertrauensvoll und dankbar! hier bedurfte es keiner Worte mehr und beide umarmten sich nochmals in seligem Schweigen. Dann löste Frau van Carsten sich sanft aus seinen Armen. Sie hatte draußen Stimmen gehört und alsbald steckte die kleine Anna ihr Köpfchen neugierig ins Zimmer. Die Mutter tupfte sich hastig mit ihrem kleinen Spitzentuch die Wangen. Das Kind kam trällernd herein, blickte sie erstaunt an, schnüffelte am Schreibtisch herum, hob den Briefbeschwerer gedankenlos auf, um ihn dann wieder hinzusetzen, und verschwand schließlich ebenso unmotiviert, wie es gekommen war. Frau von Carsten folgte ihm nach. Der Kadett nahm draußen im Beisein des Hauptmanns Althoff Abschied von seiner Mama und Schwester. Dann stand er stramm vor dem Vorgesetzten, der ihm herzlich die Hand schüttelte, als Anna, der kleine Racker, ihn von hinten anstieß und ihm zuwisperte: »Gib ihm doch einen Kuß, das wird ja dein Papa!« Dann lief sie wie ein kleiner Kobold in die Küche. Frau von Carsten gab dem Kadetten freundlich die Hand zum Lebewohl und kehrte dann in ihr Zimmer zurück. »Ja, was soll man tun?« seufzte Brieg, als sie wieder eintrat. »In zehn Tagen rücken wir zum Manöver aus.« »Und mir hat der Wirt gekündigt,« setzte sie tonlos hinzu. »Um so besser,« entschied Brieg nach einem kurzen Schweigen. »Dann gehen wir beide nach Berlin.« »Aber wie und womit?« Er schwieg bedrückt. Ohne daß es eines Wortes bedurft hätte, wußte er, daß sein Vater so etwas nie dulden würde, selbst wenn er in seinen Abschied willigte. Der bloße Gedanke, er könnte sich einer Frau ohne Geld nähern, die noch dazu zehn Jahre älter war als er, würde ihn in Raserei versetzen. Damit durfte er ihm also nicht kommen, wenn er nicht alles verderben wollte. Er mußte zwar seines Vaters Einwilligung zu seinem Abschied durchsetzen, aber alles andre bis auf gelegnere Zeit verschieben. Vielleicht, wenn der alte Herr sah, daß es ihm mit seinem neuen Beruf ernst war, und daß er vorwärts kam, würde er umzustimmen sein. »Aber wie soll dir denn sonst geholfen werden?« gab er ihre Einwendung zurück. »Ich lasse alles gehen, wie es will,« sagte sie mutlos. »Mehr als meine Möbel und meine Wohnung können sie mir ja nicht nehmen. Verkaufen können sie mich doch nicht. Ich will eine Stellung annehmen als Wirtschafterin oder Repräsentantin der Hausfrau und die Kinder bei Verwandten unterbringen; vielleicht kann auch eine auf dem Lande bei wohlhabenden Leuten als Schulgefährtin miterzogen werden. Ich will alles versuchen und geduldig warten, bis die Dinge klarer liegen, und wenn du mich dann noch nicht vergessen hast, dann rufe mich zu dir!« »Ich werde dich nie, nie vergessen!« beteuerte er. »Oh siehst du, wie schwach und schwankend ich bin!« warf sie sich vor. »Ich bin auch nicht besser als die andern und verdiene deine Bewunderung nicht. Ich müßte mich von dir losmachen zu deinem eigenen Glück und klammere mich doch an dich in meinem Jammer, um nicht unterzugehen. Ich will ja alles mit dir ertragen, wenn du mich liebst! ... Ich kann nicht mehr.« Damit sank sie halb bewußtlos auf das Sofa. Ihre Hände tasteten mechanisch nach dem Korsett, als wollte sie es aufreißen. Brieg sah, wie sie plötzlich die Farbe wechselte, und in seiner Angst schellte er nach dem Mädchen, das mit seinem Scheuertuch in der Hand angelaufen kam und es bestürzt auf den Nipptisch warf, um seiner Herrin zu helfen. Brieg entfernte sich diskret, als sie ihr die Taille aufknöpfte, und klopfte an der Tür seines Vaters. Der alte Herr war gerade damit beschäftigt, eine Fliege zu fangen; er blickte seinen Sohn kalt und verwundert an. »Nun,« sagte er in ärgerlichem Tone, »kümmerst du dich auch mal wieder um deinen alten Vater, nachdem du ihm soviel Gram bereitet hast?« »Ich bedaure, daß ich dir Gram bereitet habe,« entschuldigte sich Brieg, indem er ihm mit niedergeschlagenen Augen die Hand reichte; »aber bei der Verschiedenheit unsrer Anschauungen und wo es sich um so wichtige Fragen handelte, waren Differenzen kaum zu vermeiden. Ich bitte dich, das zu entschuldigen.« »So,« entgegnete der General mürrisch. »Und schließlich noch mit den Gerichten zu drohen, deinem alten Vater, der dir nichts als Liebe und Güte erwiesen hat ...« »Es wäre mir selbst nichts schmerzlicher,« lenkte Brieg ein, »als eine gerichtliche Auseinandersetzung mit meinem Vater. Aber wenn du willst, können wir von diesem Punkt ja einstweilen absehen und vorerst nur von meiner Verabschiedung reden. Ich möchte sehr gern bis zum Manöver klar darin sehen; wir rücken bald aus und du wirst jedenfalls nicht länger allein hierbleiben; nicht wahr?« »Nein, ich will nur noch das Sedanfest bei meinen braven Grenadieren mitmachen,« entgegnete der Vater. Der alte Herr konnte nach Art Zornmütiger keine heftige Gegenrede vertragen, ohne nicht selbst aufzubrausen; aber wenn sein Autoritätsgefühl geschont wurde, ließ er mit sich reden, und wo sein Sohn jetzt respektvoll und gemessen sprach, lieh er ihm zu seiner Verwunderung ein ziemlich williges Ohr, wiewohl er noch immer stöhnend beteuerte, dieser Abschied wäre ein Nagel zu seinem Sarge. Schließlich sagte er sogar: »Du mußt dir dann aber Pension ergattern.« »Pension?« wiederholte sein Sohn etwas erleichtert. »Ich bin doch gar nicht krank.« »Wenn auch nicht,« entgegnete der Vater. »Gehe zu euerm Militärdoktor und laß dir ein Attest ausstellen. Dem Staat darf man nichts schenken. Und dieser Notgroschen rettet dich dereinst vielleicht vorm Hungertod,« schloß er mit einem tiefen Seufzer. Der alte Herr sah wirklich recht niedergeschlagen und gealtert aus. Er tat Brieg mit einem Male sehr leid. Er fühlte, daß er ihm unrecht getan hatte und daß er in seiner Furcht, sein Vater würde nie in seinen Abschied willigen, so maßlos gegen ihn angestürmt war. Um so mehr schmerzte es ihn, daß er ihm jetzt nicht mehr sagen konnte, wenn er nicht alles wieder verderben wollte. Dieses doppelte Spiel war seiner geraden Natur zuwider und er klammerte sich an den Gedanken, daß die Wahrheit ja doch früher oder später offenbar würde und daß er nur nicht gleich seinen höchsten Trumpf ausspielen wollte. Wie schön müßte es sein, dachte er, wenn Eltern und Kinder sich verstehen und als Menschen achten, wenn man sein Herz wie ein Buch aufschlagen könnte und ohne beschämende Winkelzüge miteinander auskäme! Aber was half es? Hier mußte gehandelt werden, und wenn er das Ziel wollte, mußte er auch die Mittel gutheißen. Er begann also seinem Vater für seine bedingte Zustimmung zu danken und Trost zuzusprechen. Er würde schon sehen, daß dieser Schritt ihm zum Segen ausschlüge; an Fleiß wollte er es nicht fehlen lassen und begabt wäre er doch, zum Glück auch noch jung genug, um umzulernen. »Und was hast du vor, wenn du deinen Beruf aufgegeben hast?« unterbrach ihn der Vater. »Ich dachte zunächst an die Universität. Ich möchte etwas Gescheites lernen und dann weiter sehen.« »Nun, dann kommst du natürlich zu mir nach Berlin,« wiederholte der Vater seinen alten Vorschlag. Brieg widersprach diesmal nicht. Unter Umständen konnte er ja für ein oder zwei Semester bei seinem Vater wohnen, bis sich alles geklärt haben würde. Um den Frieden auch äußerlich zu besiegeln, aß Brieg heute mit in der Pension; aber das Benehmen seines Vaters war und blieb verändert; während der Mahlzeit war er steif und förmlich, und ein paar Worte über Kunst, die Brieg mit Fräulein Schamroth wechselte, hörte er mit gleichgültiger Miene an, als ob sie nichts mehr miteinander gemein hätten. Unter diesen Umständen ging es bei Tische recht einsilbig zu. Adolfs bevorstehende Reise mußte die Kosten der Unterhaltung decken und Agathe fauchte ihren Bruder, als er sie schadenfroh in die Rippen stieß, an: »Gott sei Dank, morgen bist du ungeratener Bengel fort.« Frau von Carsten sah gedrückt und verweint aus; trotzdem wollte sie ihr Versprechen, mit den jungen Engländerinnen ins Theater zu gehen, nicht brechen. Brieg hatte von dem Stück, das gegeben wurde, schon durch den kleinen Grafen Limburg gehört; es war Sudermanns »Heimat« und die erste Heroine des Stadttheaters, Waldburgs Freundin, spielte die Hauptrolle darin, – wie man tuschelte, ihre eigene Lebensgeschichte. Brieg wäre gern mitgegangen, sowohl des Stückes wegen, wie um der Heroine willen, die seit Waldburgs Unglück sein größtes Interesse erregte, vor allem auch, weil er jeden Augenblick ausnutzen wollte, wo er mit Frau von Carsten zusammen sein konnte. Er fragte seinen Vater also schlankweg, ob er wohl gestatte, daß er sich den Damen anschlösse; dieser entgegnete frostig, er möge tun, was er für gut halte, und reichte ihm, als er mit den Damen von Tisch aufstand, mit kalter Verneigung die Fingerspitzen. Frau Hüppe lächelte maliziös. Sie hatte wohl gemerkt, wie der Wind blies, und nutzte geschickt den Augenblick aus, um sich dessen zu erkühnen, was der Hauptmann bisher nicht gewagt hatte. Kaum hatten die vier das Speisezimmer verlassen, so erzählte sie dem General mit wirkungsvollem Augenaufschlag, sein Sohn wäre schon am Montag nachmittag mit Frau von Carsten gelustwandelt, und bedauerte den alten Herrn, daß er nun wieder allein bliebe. »Ich gehe heute abend ins Stadtkasino,« brummte dieser und warf seine Serviette mit einem Ruck fort, um ebenfalls aufzustehen und das Kasino aufzusuchen. Er war unter den alten Herren schon eine bekannte Persönlichkeit. Sofort fand sich eine Whistpartie zusammen. Sein Gegner war ein Oberst von Hochberg, ein Sechziger mit mächtigem weißen Schnauzbart und wulstigem Nacken, der rot über den weißen Kragenrand hinausquoll. In seinem blühend roten Gesicht funkelten ein Paar listige Wildschweinsäuglein. Er war bekannt dafür, daß er stets die alten Geschichten wiedererzählte, was ihn übrigens nicht hinderte, auch die Zeitung des neusten Stadtklatsches zu sein. Nach einigen Bemerkungen über das Spiel benutzte der alte Brieg eine Frage seines Partners, ob er sich in seinem Domizil wohl fühle, zu ein paar vorsichtigen Erkundigungen über seine Wirtin. »Sie kann einem ja eigentlich sehr leid tun,« setzte er vorsorglich hinzu. »Ach, die tut schon lange keinem mehr leid, Exzellenz,« wehrte der Oberst ab. »Die vielen jungen Offiziere, die bei ihr ein- und ausgehen, und so weiter ...« »Aber sie ist doch als der unschuldige Teil geschieden?« fragte der alte Brieg mißtrauisch. »Gott weiß, ob das wahr ist, Exzellenz,« achselzuckte sein Gegenüber. »Die Scheidungsakten hat keiner gesehen. Nach ihrem jetzigen Verhalten sollte man eher auf das Gegenteil schließen ... Was meine Frau da neulich wieder gehört hat – na, ich will der Dame nicht zu nahe treten,« schloß er und legte seinen gewonnenen Tric an. Übrigens war dies nur ein rhetorischer Kunstgriff, um die Neugier der Exzellenz zu spannen, und beim nächsten Robber kam das Gespräch auf den alten Gegenstand zurück, so daß Herr von Brieg, als er am Abend zu Frau von Carsten heimkehrte, allen über sie kursierenden Stadtklatsch kannte. Er ahnte nicht, daß an dem Skattisch nebenan der alte, verbitterte Hauptmann, mit dem er im Stadtgarten genörgelt hatte, über das gewerbsmäßige Spielen des Obersten herzog und mit verächtlichem Zucken um die Mundwinkel fragte, woher der wohl das viele Geld hätte ... 4. Brieg erzählte der geliebten Frau noch auf dem Weg zum Theater, daß sein Vater in seinen Abschied willigte, und daß nun alles gut würde, aber Frau von Carsten schüttelte mutlos den Kopf. »Wäre dein Vater gar nicht in mein Haus gekommen,« seufzte sie, »so hättest du mich überhaupt nicht kennen gelernt, und das wäre viel besser gewesen!« Frau von Carsten kämpfte immer noch einen stillen Kampf mit sich selbst; das eine Mal wollte sie dem alten Brieg rundheraus die Wahrheit sagen und so seinen Sohn davon abbringen, sein Lebensglück aufs Spiel zu setzen; dann wieder erschien er ihr als Retter, sie glaubte an seinen Erfolg in einem neuen Berufe, und die Hoffnung auf Glück und Liebe, die sie längst in ihrem Herzen begraben hatte, trieb neue Keime. Von einem ungeliebten Manne hätte sie kein Opfer angenommen, und doch gerade, weil sie ihn mehr und mehr liebte, wollte sie ihm dies Opfer ersparen. Im Theater saß er in der Loge hinter ihr, tief in eine schattige Ecke gedrückt und doch in dem Gefühl, als seien alle Gläser auf ihn gerichtet. Eine Verlegenheit wie bei seinem ersten Ball überkam ihn. Er zupfte sich die Halsbinde zurecht und prüfte seine Knöpfe nach, ob sie alle auch noch festsäßen; ihm war, als hätte er irgend etwas Anstößiges an sich. Auf der andern Seite des ersten Ranges saß der kleine Graf Limburg und nickte ihm zu. Es war ihm höchst peinlich. In einer Pause trafen sie sich. »Ich sehe mir das Stück schon zum zweiten Male an. Ganz famos, was?« fragte der Graf begeistert. Brieg wunderte sich über so viel Freimut bei einem Kameraden. In der Folge riß ihn der Gang der Handlung so fort, daß er seine Umgebung samt ihren Operngläsern vergaß und mit atemloser Spannung zusah. Namentlich die große Pathosszene zwischen Magda und dem Pfarrer ergriff ihn; ihr Aufschrei: »Die Männer da draußen sind Bestien!« war ihm aus tiefster Seele gesprochen, und er wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Frau von Carsten, als diese sich umsah. Neben ihm saß eine dicke Person, den Arm wie ein Feldherr in die Hüfte gestemmt und fortwährend Pfefferminzplätzchen zermalmend. Sie folgte den Vorgängen auf der Bühne mit arrogantem Gesicht, als wollte sie sagen: »Wie wagt man mir so etwas vorzuspielen,« und schüttelte am Schluß empört den Kopf. Brieg verließ das Theater trotz des schmerzlichen Schlusses nicht ohne innere Erhebung. Hier war einmal der Finger auf die Wunden der Gesellschaft gelegt; das war etwas andres als das flaue Militärlustspiel, wo sie sich am Ende kriegten und alles in Wohlgefallen zerfloß. Das war ein Stück blutendes Leben, so wahr, wie das seiner Geliebten! Ein Lebensstrom schien ihm von dieser neuen Kunst auszugehen, und besonders ermutigte ihn dieser Frauencharakter, der sich selbst treu blieb und alle Lüge, allen konventionellen Schein von sich wies, was auch daraus entstehen mochte. Ja, unter dem Eindruck dieser Figur gereute ihn schon sein halbes Nachgeben gegen seinen Vater! Aber diese Magda hatte ja auch der Pietät halber Konzessionen gemacht. Sie war bis an die Grenze des Möglichen gegangen, und erst das Verbrechen an der Natur, an der Heiligkeit ihrer Mutterliebe, hatte sie zum Bruch getrieben. Auch er wollte, so weit es irgend ging, nachgeben; nur wenn sein Heiligstes, seine Liebe, angetastet wurde, war er zum Äußersten bereit. Und ein dunkles Ahnen sagte ihm, daß auch für ihn der Tag kommen würde, wo sein Vater, dieses Ebenbild jenes altpreußischen Obersten, ihn zur bitteren Wahl zwang. Als sie die Schritte heimwärts lenkten, waren die stillen Straßen in Mondschein getaucht und die Fontäne auf dem kleinen Platze plätscherte im Silberschein. Es war kühl geworden und die Luft war würzig und rein. Die beiden jungen Damen waren vorausgegangen; ihre hellen Kleider leuchteten durch die Nacht. Brieg folgte ihnen, den Arm in den seiner Freundin gelegt, in stiller Nachdenklichkeit. In der Pension hatte sich schon alles zur Ruhe begeben. Die beiden Engländerinnen gingen leise zu Bett und Brieg trat mit Frau von Carsten noch einen Augenblick in das mondhelle Erkerzimmer. Die Gegenstände warfen lange, blauschwarze Schlagschatten und alles sah so märchenhaft und entkörpert aus. Sie traten Hand in Hand ans Fenster und blickten in den Mond. »Anna,« sagte er leise, »dies ist der schönste Tag meines Lebens. Heute hast du mir gesagt, daß du mich liebst!« Sie wollte etwas erwidern, aber er schloß ihr mit einem Kuß die Lippen und streichelte ihre lichtumsäumten Haare. Und zum ersten Male erwiderte sie seine Liebkosung mit leidenschaftlicher Glut. Sie schmiegte sich fest an ihn und ein Schauer lief ihm durch alle Glieder. »So möcht' ich sterben!« lispelte sie. Eine Sternschnuppe löste sich von dem dunklen Firmament und zog einen langen Goldstreifen durch das fahle Blauschwarz. »Nein,« sagte er, »so möcht' ich leben.« Nur widerstrebend trennte er sich von ihr; er hätte die ganze Nacht so in Mondschein und erster Liebe schwelgen mögen. Als er heimging, schwellte ein ungekannter Stolz seine Brust und die letzte Scheu vor seinen Vorgesetzten und Kameraden war dahin. Er, der junge Mensch, besaß das Herz dieser schönen Frau! Er war ihr Beschützer, ein Mann geworden! Er hatte sein Schicksal selbst in die Hand genommen! Daß jugendlicher Ehrgeiz in diese Liebe hineinspielte, daß das Trotzgefühl gegen die Kameraden sie schürte, machte er sich nicht klar. Er sah nur die Liebe und bedauerte jene armseligen, liebeleeren Menschen, er, der eine Welt von Glück in sich entstehen fühlte! Er kam sich so reich vor, daß er von seinem Überfluß hätte an sie abgeben mögen, und in seinem Überschwange sehnte er sich nach einem Freund, dem er sein volles Herz ausschütten konnte. Unwillkürlich hielt er Umschau unter den bekannten Gesichtern, aber nur zwei oder drei blickten ihn freundlich an: sein Rittmeister in seiner stillen Güte, und Graf Kinsky, der ihm so liebe Worte über Frau von Carsten gesagt hatte und den er seitdem doppelt schätzte; aber beide standen durch Alter und Lebensstellung zu weit von ihm, sie hätten sich über seine Herzensergießungen höchstens gewundert. Nur einen wußte er, dem er sich hätte anvertrauen mögen: es war der kleine Graf Limburg, dessen vorurteilsloser Freimut ihn erst heute überrascht hatte; am liebsten wäre er gleich nach dessen Wohnung gegangen, hätte ihn aus dem Schlaf aufgetrommelt und ihm sein holdes Geheimnis anvertraut. Aber im nächsten Moment sagte er sich, daß dieser jetzt vielleicht in den Armen einer Dirne lag, und in plötzlichem Ekel verschwor er sich, sein Geheimnis für sich zu behalten. Er hatte bereits die Kaserne erreicht, und doch wäre er am liebsten immer weiter gewandert durch die silberne Mondnacht, in den Park, den ihre Schritte geheiligt hatten. Die Kaserne lag totenstill da; die alten schäbigen Mauern waren mit Silber beschlagen und warfen tiefe, blauschwarze Schlagschatten. Der Posten am Schilderhaus schien ihm besonders freudig zu präsentieren, als wüßte er um sein Glück und teilte es. Einen Augenblick hatte er den absurden Gedanken, seinen Burschen zu wecken und ihm sein Herz auszuschütten. Zu seiner Überraschung hatte er ihn einmal betroffen, wie er auf seiner Mannschaftsstube, während die andern putzten oder aßen, an dem schmutzigen Tisch saß und ein hübsches Gedicht abschrieb, das er in einer Zeitung gefunden hatte. Der Bursche pflegt ja das Abbild seines Herrn zu sein, und wie der von Waldburg den großen Herrn im kleinen spielte, so schwärmte der seine für Poesie, während er bisweilen das Stiefelputzen vernachlässigte ... Brieg ging auch wirklich in die Mannschaftsstube, schon um dem Burschen zu sagen, welches Pferd er morgen reiten wolle; ihn dürstete nach einem menschlichen Wesen. Die Poesie freilich verging ihm sofort, als er die Mannschaftsstube betrat. Sie dünstete nach Pfeifenknaster und Sattelschmiere und namentlich nach den zehn Schläfern, die in ihren übereinandergestellten eisernen Bettstellen mit den gemusterten Leinenbezügen und Pferdedecken schnarchten. Der Mond fiel grell durch die unverhängten Fenster. Auf dem braunen Holztisch erkannte er eine offene Büchse Stiefelschmiere neben einem Schmalztopf. An der Wand standen Tonkrüge und daneben hingen schmutzige Handtücher. Sein Bursche, der in einem der unteren Betten lag, streckte den rechten Fuß unter der Decke hervor. Brieg bückte sich zu ihm herunter und stieß ihn solange an, bis der Ulan seinen Auftrag schlaftrunken wiederholte, wonach er sich brummend auf die andre Seite wälzte. Etwas ernüchtert begab der junge Offizier sich in seine Wohnung zurück. Er zog die Photographie der jungen Frau mit ihrem Kindchen aus seiner Brusttasche und hielt im Mondschein ein leises Zwiegespräch damit. Dann küßte er sie und legte sie unter sein Kopfkissen. Als er am nächsten Morgen erwachte, schien ihm ein neues Leben angebrochen, das mit dem alten nicht mehr verknüpft war. Er fühlte sich in einer stolzen Feiertagsstimmung, wie einst, wenn er als Kind an seinem Geburtstag erwachte, im Vorgefühl der Geschenke, die ihm das neue Jahr bringen würde. In die Brust geworfen, ritt er vor seinem Zuge. Diese stolzen, exakten Manöver von tausend Reitern, die ein eiserner Wille lenkte, wo man, in Staubwolken gehüllt, scharf der Signale und Winke achten mußte und eine falsche Bewegung heillosen Wirrwarr hervorrief, das alles paßte herrlich zu seiner gehobenen Gemütsstimmung. Beim Nachhausereiten hatte seine Schwadron die Musik und ritt an der Tete hinter dem Stabe. Wie stolz diese Töne klangen! Wie sie das Hufgetrappel übertönten und sein Herz schwellten! Und es beschlich ihn ein heimliches Bedauern, daß dies alles für ihn nun ein Ende haben sollte. Herr von Meyring parierte plötzlich sein Pferd zurück, drängte es an Brieg heran und bat ihn, ihm ein Kroki zu seiner Offizierübung zu zeichnen. »Sie schütteln sich ja alles aus dem Ärmel,« bat er freundlich, »und dabei machen Sie's so fein. Die Winterarbeit, die Sie für Schmitt gemacht haben, ist als beste im Regiment weitergegeben worden ... Nicht wahr, Sie zeichnen mir das Ding? Sie kriegen auch 'ne Pulle Sekt dafür ...« Brieg lehnte sein Anerbieten aus Zeitmangel glatt ab. Er verstand nicht, wie Meyring nach dem neulichen Auftritt die Stirn hatte, ihn um so etwas anzugehen. »Was haben Sie denn so viel zu tun?« fragte Meyring mit stechendem Blick. Brieg glaubte, es wäre eine Anspielung auf seine Beziehungen zu Frau van Carsten, und blieb nun erst recht bei seiner Weigerung. Da ritt der Adjutant pikiert fort. Im Kasino herrschte bereits ein »leichter Manöverton«, der sich von dem sonst üblichen durch größere Eindeutigkeit unterschied. Brieg fühlte sich dadurch bis aufs Blut verletzt, und er war bereits so nervös und mißtrauisch geworden, daß er bei jedem Zufallswörtchen schwitzte. Von Minute zu Minute erwartete Brieg, Herr von Meyring oder ein andrer würde ihn anreden: »Na, Sie waren ja gestern mit der Carsten im Theater ... und vorgestern im Fürstenpark ... gratuliere schön,« oder so ähnlich. Doch es erfolgte nichts, und er ging, oder besser er floh, nachdem er hastig sein Frühstück verzehrt hatte. Erschrocken drehte er sich um, als Graf Limburg hinter ihm herrief: »He, Brieg, vergessen Sie nicht, zu gratulieren! Die Kommandeuse hat heute Geburtstag!« Dieser wohlmeinende Rat beruhigte ihn. Er war nahe daran umzukehren und sich einen Augenblick mit dem Grafen in ein Gespräch einzulassen, aber im nächsten Moment sagte er sich, daß dieser dann gewiß an seinen Theaterbesuch anknüpfen und die Bombe dann doch platzen würde. Er dachte wieder an seinen gestrigen Schwur, sein Geheimnis zu wahren, und sagte sich zum Trost, daß auch jener den Offizierssitten wahrscheinlich zu sehr angepaßt war, als daß er ihn richtig verstanden hätte. Am Nachmittag wallfahrteten die Ulanen, mit Buketts bewaffnet, nach dem Hause des Kommandeurs zur Gratulationscour. Die Kommandeuse thronte, von diesen Spenden umgeben, holdlächelnd auf dem Sofa und die Damen waren nach der Rangliste um sie gruppiert, während die Herren in den Ecken umherstanden und ein Glas sauren Moselwein in der Hand hielten, ohne daß sie wagten, den Krätzer zu trinken. Durch die geöffneten Fenster drangen die Klänge der zum Wiegenfeste aufspielenden Regimentskapelle herein. Die Damen prepelten etwas Torte; nachher kam noch eine süße Speise, von der eine jede ein Tellerchen voll aufgetan erhielt, wie bei einer Kindergesellschaft ... So schrecklich solche Huldigungstage oder Picknicks unter Leitung der Kommandeuse den meisten auch waren, so beugte sich doch alles mit schnöden Glossen unter das Joch dieser Kommißpekkos. Wer ein feines Ohr hatte, merkte sofort, daß auch die anderen Damen auf alles, was sie sagten, den schärfsten Akzent der Bewunderung oder Verurteilung setzten. Alles war entweder »ganz ausgezeichnet«, oder »beispiellos« und »unerhört«, und dies klang aus dem gestrengen Munde der rangältesten Damen wie ein eingeschärfter Befehl und zwischen den zarten Lippen der jüngeren wie ein höchst bereitwilliges Unterstreichen der vorgesetzten Meinung. Frau von Treuenfels war »natürlich« wieder krank und glänzte ebenso wie ihr Gatte durch Abwesenheit. »Na, überhaupt Treuenfelsens, da ist wenig Treue,« monierte die Majorin herb. Und damit fielen die bösen Zungen wieder einmal über die »Ausländerin« her, die immer ihre eigenen Wege ginge und sich anscheinend für was Besseres hielte als die anderen Damen. Der Rest dieser Konversation erstickte in Achselzucken und unmerklichem Schmollen der Lippen. Auch Herrn von Briegs Fehlen wurde peinlich bemerkt. »Na, Brieg und Treuenfels, das ist ja die gleiche Schwadron,« bemerkte die Majorin mit ihrer rauhen Wachtmeisterstimme; »wie der Herr, so der Knecht.« Dabei wechselte sie mit der Kommandeuse einen vielsagenden Blick, der zu sagen schien: »Es ist nicht mehr nötig, sich darüber aufzuregen, wir werden Treuenfels bald los sein.« »Wissen Sie schon das neueste, gnädige Frau,« warf eine pikante Brünette, die Frau des Distanzreiters ein, »der junge Dachs macht neuerdings einer Dame den Hof, die fast seine Mutter sein könnte. Frau von Carsten, frühere Offizierstochter, jetzt geschiedene Frau und Pensionsbesitzerin und so weiter ... Sogar ins Theater soll er ihr gestern nachgelaufen sein.« »Aber das ist ja unerhört, meine liebe Frau von Rosenberg,« lächelte die neben der Kommandeuse auf einem Fauteuil sitzende Rittmeistersgattin malitiös. »Dann ist es ja freilich nicht schwer zu erraten, weshalb er die elementarsten Gesellschaftspflichten verabsäumt ...« »Und sie hatte an« ... begann die schnippische Brünette mit ihrem flinken Zünglein. »Lassen Sie der doch nicht immer das Ohr der Kommandeuse,« wisperte eine andere zu ihrer Nachbarin und suchte sich dann selbst an die Regimentsmutter heranzudrängen. Und dieselben medisanten Zungen, die sich soeben an Frau von Treuenfels gewetzt hatten, hechelten nun all den giftigen Klatsch durch, den männliche und weibliche Klatschbasen über Frau von Carsten verbreitet hatten. 5. Am gleichen Nachmittag war Frau von Meins mit ihrer immer noch unverheirateten Tochter zum Tee bei der Generalin von Lindstedt eingeladen, einer kinderlosen, rundlichen Dame, mit säuselnder Stimme und feierlichen Hofmanieren, die ihre zahlreichen Mußestunden in den Dienst des Glaubens gestellt hatte. Auch Briegs Nachbarin bei der gestrigen Theatervorstellung, eine fromme Hofrätin, war zu dieser religiös gestimmten Zusammenkunft erschienen. Es war eine geschmacklos eingerichtete Plunderstube, in der sie saßen; auf den altmodischen Fauteuils waren kleine gehäkelte Schutzdeckchen befestigt, und an den Wänden hingen allerhand gestickte Bibelsprüche sowie ein süßlicher Plockhorst, »Christus als Pilger«. Die Damen gehörten zu den Sittenrichterinnen, welche die Tugend lieben, weil das Laster sie flieht; die dürre Frau von Meins hatte es gar nicht nötig, ihre Röcke fortwährend moralisch zurecht zu zupfen, denn der Einblick in ihre Dessous hätte niemanden verführt, und ebensowenig bestechend war die behaarte Warze auf der rechten Backe der Hofrätin und ihr lächerliches, unter dem Kinn mit ein paar braunen Sammetschleifen zusammengehaltenes Hütchen, das sie soeben ablegte. Selbst Fräulein von Meins, eine ältere junge Dame, hatte schon ganz das harte und knochige Gesicht ihrer Mutter. Nach dem plämperigen Tee zogen die Damen aus ihren Pompadours wollene Strickstrümpfe für arme Negerkinder, und während die Nadeln klapperten, standen die Zungen nicht still. Das Thema war freilich traurig. Eine Freundin dieses frommen Vereins war von dem Allmächtigen abberufen worden in die ewige Heimat. Dies stand nach ihrem gottseligen Wandel ganz außer Zweifel und die Heiligkeit senkte sich bereits auf ihr letztes Erdenwallen herab. Die letzten Bissen, die sie zu sich genommen, die letzten Worte, die sie gelallt hatte, so belanglos ihr irdischer Sinn schien, waren etwas, das schon dem Himmel angehörte; und ihre tippelige Pedanterie, die früher selbst ihren besten Freundinnen eine Qual gewesen war, erschien jetzt nach ihrem Ableben als eine große und schwere Tugend. »Ja, das Leben ist schwer,« nickte die dicke Hofrätin, indem sie sich mit ihrer Stricknadel im Kopfhaar kratzte. Dann begannen die Hände wieder mit ihrer gottseligen Arbeit. »Sieh mal, Mama, wie weit ich schon bin,« schlug Fräulein von Meins einen leichteren Ton an, und allmählich lenkte das Gespräch in andere Bahnen. Man begann zu klatschen, wenn immer auch mit dem gleichen gottergebenen Gesicht, so doch mit mehr innerer Freude als beim Gedanken an den Tod. Ja, die Unterhaltung wurde sogar sehr lebhaft, als der Fall Brieg aufs Tapet kam. Frau von Meins war als »entfernte Verwandte« von Frau von Carsten, als die sie sich hinstellte, höchst zornig über ihr Benehmen und beschloß, mit ihrer Tochter bald aufzubrechen und der Sünderin sofort die Leviten zu lesen. Sie vollendete nur noch die angefangene Reihe, stopfte die Socke dann heftig in ihren Beutel und brach auf. Die Generalin von Lindstedt bedauerte süßlich ihr Fortgehen; da aber auch die Hofrätin ihr Knäuel einpackte und gehen wollte, schloß sie sich in christlicher Nächstenliebe an und begleitete die Baronin. Frau von Carsten hatte an diesem Nachmittag den kleinen Adolf auf die Bahn gebracht und dann ein paar Besorgungen gemacht; als die Damen gemeldet wurden, mußte Frau Hüppe sie annehmen. »Wie reizend, daß Sie uns einmal besuchen, Frau Baronin,« lächelte sie süß. »Frau von Carsten wird wohl gleich nach Haus kommen, sie ist ausgegangen.« »So,« brummte Frau von Meins, nachdem sie es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte, »wohl schon wieder eine Promenade im Fürstenpark?« »Mein Gott, ist denn das auch schon wieder herumgekommen,« himmelte Frau Hüppe. »Es ist ja zu schrecklich, sich so zu kompromittieren.« »Um das zu verhüten, kommen wir eben her,« erklärte die Baronin und legte ihre gerillte Stirn zu schweren Falten. »Der Anna muß mal wieder der Kopf zurecht gesetzt werden. Das Unglück scheint sie leider noch nicht kuriert zu haben von ihrem sträflichen Leichtsinn,« mummelte sie mit ihren zahnlosen Kiefern. Frau von Meins hatte in ihrer eigenen Ehe erfahren, wohin Leichtsinn führen kann. Den, welchen sie an ihrem Gatten erfahren hatte, hielt sie für einen Familienzug der Meins und darum fühlte sie sich verpflichtet, ihre Nichte vor dem gleichen Verhängnis zu bewahren, wie ihren Mann. Zum Glück war dieser ja nun an den Krankenstuhl gefesselt und sozusagen unschädlich gemacht, – zum Lohn für seine Sünden, wie sie fest glaubte. Gerade der unverbesserliche Leichtsinn ihres Mannes hatte ihr eine asketische Lebensauffassung gegeben und ihr Christentum war ehrlich und ohne Heuchelei; es lehrte sie die Freuden dieser Welt verachten und pünktlich ihre Hypothekenschulden zahlen, statt ihr Geld in Brillanten, Sekt und Spiel auszugeben; und wenn sie jedes Jahr auch immer noch ein kleines Tanzfest gab – dieses Jahr im Sommer, weil Herr von Meins im Winter zu krank war, – so geschah dies mehr um des guten Namens willen und ihrer noch unverheirateten Tochter wegen, die sie schließlich doch noch an den Mann zu bringen hoffte, als aus einem inneren Bedürfnis nach Saus und Braus. Sie sah die Freuden dieser Welt von oben herab mit überlegenem Lächeln an, und deshalb hatte sie auch so wenig Mitleid mit ihrer schmählich um ihr Erbteil gebrachten Nichte. Hätte sie selbst die Klitsche ihres Gatten nicht immer wieder aus eigenem Vermögen herausgelöst, so hätte Frau von Carsten ja auch noch für die auf das Gut eingetragenen Schulden ihrer Mutter aufkommen müssen, während sie jetzt nur nichts herausgezahlt bekam. Nein, es war ganz gut, daß es ihr nicht besser ging; ihr ererbter, kindischer Stolz war durch ihr Unglück schon etwas gedemütigt worden. »Aber sie muß die strafende Hand Gottes noch lieben lernen; das Unglück allein genügt nicht; es muß auch zu Gott führen,« sagte sie mit säuerlich zusammengeschrumpfter Miene. Dann entspannte sie ihr trockenes Gesichtsfleisch wieder und es hing in schlaffen Faltenzügen von den Backenknochen herab. »Was ist denn das für ein Bild!« meckerte plötzlich ihre Tochter im Hintergrunde und alles drehte sich um. Fräulein von Meins suchte eben mit dem Lorgnon Frau von Carstens Schreibtisch ab. »Ein Leutnant auf ihrem Schreibtisch!« fuhr das ältliche Fräulein fort. »Ist das nicht Brieg? Sie hätte wenigstens den Kindern gegenüber soviel Schamgefühl haben sollen, das Ding nicht so frech aufzustellen. Also hat sie glücklich zwei Liebhaber. ... In ihrer letzten Garnison soll sie's ja auch schon so getrieben haben.« »Ja,« nickte die Generalin salbungsvoll, indem sie das Bild mit ihren dicken Kalbsaugen betrachtete, »es ist traurig: ein so notorischer Trunkenbold wie dieser Brieg! Man hört ja die schrecklichsten Sachen über sein wüstes Leben! Aber suchen wir sie von ihm abzubringen, bessern wir sie und beten wir zu Gott, daß er ihren sündigen Wandel zum guten kehre.« »Aber zwei Liebhaber, Frau Generalin,« wandte Fräulein von Meins ein, »das ist doch zu viel des Guten. Und dazu noch ein Hauptmann, ein heiratsfähiger Mann!« Sie konnte es keinem vergessen, daß ihre jüngere Schwester vor ihr geheiratet hatte. »Welcher Hauptmann?« fragte Frau Hüppe neugierig. »Nun, der Hauptmann Althoff, kennen Sie den Herrn nicht?« fragte Fräulein von Meins spitzig und warf ihr mit ihrem Lorgnon einen strafenden Blick zu. In solchen Augenblicken glich sie schon ganz der Mutter. Frau Hüppes Wangen erglühten. »Allerdings kenne ich ihn, gnädiges Fräulein,« entgegnete sie verschämt. »Aber der Hauptmann Althoff ist ein viel zu edler Mann ...« »Ei, ei, Sie erröten ja,« drohte die Generalin schalkhaft mit dem Finger. Wenn sie lachte, hatte sie eine tiefe Stimme, wie ein alter Ziegenbock. »Ich hab' auch ein Recht dazu, Frau Generalin,« erwiderte die Angeredete und senkte die Augen. »Denn ich lieb' ihn und werd' ihn heiraten.« »Ei sieh mal an. – Das ist ja nett. – Gratuliere herzlich! – hätte das gar nicht gedacht!« riefen alle drei Damen durcheinander und schüttelten ihr bewegt die Hände. »Das ist ja reizend für Sie, endlich aus diesen Verhältnissen herauszukommen,« wiederholte die Generalin. »Ich bin selig, Frau Generalin,« seufzte Frau Hüppe und schlug die Augen auf. »Er ist solch ein Edelstein, solch eine Perle und wir passen beide so gut zusammen ...« »Es ist mir lieb, das zu hören,« bestätigte die Baronin. »In der Stadt sprach man schon von ihm und meiner Nichte. Natürlich wunderte es uns da, als wir hörten, sie gäbe sich auch mit Brieg Rendezvous.« Frau Hüppe wollte wieder himmeln, als Fräulein von Meins mit giftigem Tonfall rief: »Da kommt sie ja, die liebe Frau.« Frau von Carsten las dieser heiligen Feme ihre Absicht gleich von der Stirne ab. Aus anderen Gründen besuchte ihre Tante sie schon lange nicht mehr. Im Grunde boste sie dies moralische Gehabe, wo nicht allein die christliche Nächstenliebe, sondern schon die irdische Gerechtigkeit es ihr zur Pflicht gemacht hätte, sie mit etwas anderem als mit Moralsprüchen abzuspeisen. Aber sie wußte, daß selbst die Almosen ihrer Tante unzertrennlich waren von solchen Demütigungen, und sie hoffte insbesondere jetzt auf das Almosen, daß sie eines ihrer Kinder für einige Zeit zu sich nehmen würde. Sie zwang sich also zur Freundlichkeit. »Das sind ja mal wieder nette Geschichten, die über dich kursieren,« begann die Baronin streng, während Frau Hüppe sich an ihrem betretenen Schweigen weidete. »Immer junge Offiziere im Haus ...« »Du hast mir früher sogar den Rat gegeben, ich sollte hier Zimmer an Assessoren und Offiziere vermieten,« rechtfertigte sich Frau von Carsten ruhig. »Ich sagte damals noch, ich wollte lieber eine Pension anfangen, denn es wäre mir zu schmerzlich, von Leuten, mit denen ich früher vielleicht getanzt hätte, Geld anzunehmen.« »Das mag auf sich beruhen,« fuhr die Baronin unwirsch fort. »Jedenfalls handelt es sich noch um etwas andres, aus dem du dich nicht so leicht wirst herausreden können. Zum Beispiel warst du gestern in einem weißen Kleid im Theater und bist im Zwischenakt sogar herausgegangen, und zwar mit einem jungen Herrn, mit dem du schon tags zuvor ein Rendezvous im einsamen Fürstenpark hattest. Alle Welt ist schokiert über dein Benehmen. Wenn du dir wenigstens noch ein einfaches Kleid angezogen hättest,« sagte sie mit einem Blick auf ihre altmodische schwarze Robe. »Ich weiß überhaupt nicht, wozu du noch solchen Luxus treibst. Für dich wäre doch wahrlich die Zeit gekommen, dich unauffällig zu kleiden, statt die hübsche junge Frau zu spielen ...« »Rendezvous?« unterbrach sie Frau von Carsten. »Ich bin mit Herrn von Brieg, dessen Vater hier bei mir wohnt, durch die ganze Stadt gegangen und dann erst in den Park.« »Mit deinen Engländern und Amerikanern magst du das ja tun,« fuhr die Baronin erregt fort. »Das kann immer noch als Geschäftspflicht oder so etwas angesehen werden, obwohl sich längst die ganze Stadt darüber aufhält, aber unter welchem Deckmantel du mit einem jungen Ulanenoffizier herumspazierst, noch dazu einem so anrüchigen, wie diesem Brieg, weiß ich wirklich nicht.« »Unter gar keinem,« entgegnete Frau von Carsten, einen Augenblick alle guten Vorsätze vergessend. »Die Deckmäntel überlasse ich andern Leuten.« Diese Worte platzten wie eine Bombe unter die Damen. Fräulein von Meins erhob ihr Lorgnon und Frau Hüppe begleitete diese Bewegung mit gut geheucheltem Entsetzen. Die Baronin saß mit offenem Munde da, so daß man ihre zwei gelben Raffzähne in dem welken Zahnfleisch erblickte. Trotzdem fand sie zuerst die Worte wieder. »Du solltest lieber daran denken, dir einen Mann zu suchen, der dich auskömmlich ernähren kann,« sagte sie, »statt solche Theorien in die Praxis umzusetzen. Wozu hast du dich überhaupt scheiden lassen? Was Gott zusammentut, das soll der Mensch nicht scheiden, sagt der Apostel Paulus. Ich habe auch manches Schwere durchgemacht in meiner Ehe und bin meinem Gatten doch nicht weggelaufen, obwohl ich Geld genug hatte, allein zu leben oder zehn andre zu heiraten.« »Also verlangst du, ich sollte mich von diesem Menschen zu Tode martern lassen?« fuhr Frau van Carsten auf. »Nennst du das vielleicht christliche Nächstenliebe oder verwandtschaftliche Rücksicht, mich in diesen Höllenpfuhl zurückzudrängen ...« »Verwandtschaftliche Rücksicht,« nahm die Baronin das Wort auf, ihre schlaffen Hängebacken runzelnd. »Nennst du das etwa verwandtschaftliche Rücksicht, wenn du uns durch deine Extravaganzen kompromittierst? Freilich, wo es am Nötigsten fehlt, wie bei dir, wo du nie in die Kirche gehst ...« »Was soll mir das Kirchengehen in meiner Lage wohl nutzen,« unterbrach Frau von Carsten sie bitter. »Aber in die Oper kannst du laufen, nicht wahr?« gab die Tante höhnisch heraus. »Und in skandalösen modernen Stücken kannst du dir mit jungen Herren an den Kraftstellen Blicke zuwerfen? Glaub' nur nicht, ich erführe das nicht. Ich habe meine sicheren Quellen, wo ich mehr erfahre, als dir lieb ist.« »Ich gehe auch jeden Sonntag in die Kirche, trotzdem ich mir da jedesmal eine Erkältung hole,« fiel die Generalin in mildem Ton ein. »Und unsre alte selige Freundin, die Majorin Lauchhammer, war eine ebenso fleißige Kirchgängerin, obwohl sie kaum mehr gehen konnte und völlig taub war. Hören Sie nur getreulich Gottes Wort; das Christentum ist der Regulator des Lebens, meine liebe gnädige Frau! Lassen Sie sich das von einer alten Dame sagen, die viel durchgemacht hat,« seufzte sie, ihre Hand zuredend auf Frau von Carstens Arm legend, »Wo Unglück oder heftige Triebe vorhanden sind, tröstet und läutert es. Wollen Sie nicht mal den Pfarrer Ismael von der Parochialkirche besuchen; er ist ein so trefflicher Seelsorger und wird Ihnen gewiß wieder auf den rechten Weg verhelfen.« »Was soll mir ein Pfarrer wohl nutzen, Frau Generalin, wo ich von heute auf morgen nicht weiß, wie ich leben soll?« sagte Frau von Carsten kopfschüttelnd. »Begreifen Sie denn meine Lage gar nicht?« »Und wenn Sie morgen sterben; was tut das?« entgegnete die Generalin mit gottseligem Lächeln, indem sie die Hände über ihrem rundlichen Leib faltete. »Die Hauptsache ist doch vor Gott eine gerechte Seele.« »Du willst eben nicht hören in deinem strafwürdigen Leichtsinn!« fuhr die Baronin dazwischen. »Deine Ohren sind taub. Du wirst nicht eher zur Einsicht kommen, als bis es zu spät ist ...« »Aber Frau Baronin, christliche Milde,« begütigte die Generalin, »und auch Sie, gnädige Frau,« setzte sie hinzu, ihre Hand wieder auf Frau von Carstens Arm legend; aber diese hörte nicht auf ihre Worte. »Liebe Tante,« sagte sie in plötzlichem Entschluß, »du brauchst dich über mich nicht mehr aufzuregen. Ich habe mich entschlossen, in eine größere Stadt zu gehen, wo die Leute mehr zu tun haben als zu klatschen ...« »Anna!« protestierte die Baronin, mit ihren knochigen Fingern auf die Tischplatte klopfend, »vergiß dich nicht in deinen Worten.« »Durchaus nicht,« antwortete diese ruhig. »Ich kann nicht länger den Zwang eurer Gesellschaftsformen respektieren und zugleich im Erwerbsleben stehen. Ich werde in Berlin oder sonstwo eine reguläre Fremdenpension auftun oder mich als Repräsentationsdame in einem großen Hause unterbringen, Hab' keine Angst, ich bitte dich nicht um einen Pfennig Unterstützung!... Nur eines möchte ich: daß du mir die Agathe für ein paar Monate oder ein Jahr abnimmst, bis sich alles geklärt hat. Ihr bleibt den Winter über ja doch in der Stadt und da kann sie hier die Schule weiterbesuchen.« Frau von Carsten hatte die letzten Worte wie eine Bedingung gesprochen; nun wartete sie, die Tante anblickend. Diese zog ihre Runzeln mehrmals zusammen, bewegte die Kiefer und sagte dann schließlich: »Du allein in einer großen Stadt, wo die Sünde sich auf den Straßen feilbietet? Damit kann ich mich wenig befreunden! Eins deiner Kinder ins Haus zu nehmen geht leider nicht an; wir erwarten diesen Winter Logierbesuch von meinem Sohn und seiner Familie. Da ist das ganze Haus voller Kinder. Bei den Hühnern kann ich sie doch nicht schlafen lassen! Lebe wohl! Hoffentlich wirst du deinen neusten Schritt nicht zu bereuen haben!« Damit stand sie starr auf und ging mit ihren Kolleginnen im Richteramt fort. Die Generalin grüßte mit hochmütigem Seufzer und Fräulein von Meins erhob sittenstreng ihr Lorgnon. »Adieu, meine liebe Frau Hüppe!« sagte die Baronin kordial, indem sie sich vor der Tür nochmals umdrehte. »Hoffentlich sehen wir sie bald im Brautkleid in der Kirche wieder. Lassen Sie sich dach mal bei uns sehen; mein Mann wird sich sehr freuen.« »Aber nicht wahr, Frau Baronin, es bleibt vorläufig alles noch ganz unter uns,« bat Frau Hüppe lieblich und geleitete die Damen hinaus, während Frau von Carsten sich schluchzend auf das Sofa warf. »Siehst du wohl,« lachte sie schadenfroh, als sie zurückkam, »wer nicht hören will, muß fühlen!« »Du Komödiantin!« schrie Frau von Carsten zornbebend in ihren Tränen, »du bist um kein Haar besser als die da. Im Frühjahr gabst du dir im Fürstenpark zwanzig Stelldicheins mit deinem Herrn Ehlert, und jetzt spielst du die Tugendheldin, pfui!« Frau Hüppe würdigte sie keiner Antwort und ging trällernd hinaus. 6. Herr von Brieg hatte sich nach seinem Nachmittagsdienst rasch zu Frau von Carsten begeben. Er fand sie in Tränen aufgelöst. Als er den Grund ihres Kummers erfuhr, geriet er in Wut und entlud seinen Groll in Flüchen auf diese ganze verlogene Heuchlergesellschaft, die immer mit schönen Worten Ball spielte und doch kein Herz im Busen hätte. Aber gerade aus ihrer Feindschaft wollten sie sich Kraft saugen; just sie machte ja beide zu Bundesgenossen im Kampf gegen alles Gültige! »Um so mehr verlaß dich auf mich, Anna!« schloß er. »Ich werde dir helfen, dich durchzusetzen gegen alle; ich werde für dich und deine Kinder sorgen. Ich werde ihnen ein besserer Vater sein, als dieser Schinder, der dich mißhandelt hat und deine Kinder gegen dich aufhetzt! Und damit du aus der ersten Kalamität herauskommst, werde ich mein Pferd verkaufen und dir mit dem Erlös beispringen; mein mütterliches Erbteil werde ich später auch schon erlangen; dann findet sich alles andre!« Die näheren Konsequenzen seines Versprechens machte er sich noch nicht klar, was er gesagt hatte, ging aus seinem Herzen und nicht aus seinem Verstande hervor. Auch schien ihm ein legaler Ehebund, nach allem, was er bisher von der Ehe gesehen hatte, durchaus nicht geeignet, den Bund ihrer Herzen und Schicksale zu heiligen. Unklare Ideen von einer freien Liebesgemeinschaft, die allein der Adel der Neigung legitimiert, schwebten ihm vor. Ein gesetzlich geachtetes Konkubinat aber, das auf materiellen Interessen basiert und juristisch verklausuliert war, widerstrebte ihm schon deshalb, weil er dazu des väterlichen Jaworts bedurfte. Jetzt, wo seine ganze Weltanschauung zusammenbrach, kannten seine Gedanken keine Schranken mehr. Seine eigene Moral war noch nicht ausgereift und er befand sich in jenem wurzellosen Übergangszustand, in dem alles erlaubt scheint, was gefällt und wo man nur noch mit gegebenen Daten rechnet. Zum Essen ging er ins Kasino, um die Angelegenheit seines Pferdeverkaufs in Fluß zu bringen, und sobald er damit hervortrat, wandten sich ein paar neugierige Gesichter ihm zu. Schmitt fragte, ob er denn das Manöver zu Fuß mitmachen wolle, und Meyring, der den Zusammenhang durch die Tür des Regimentsbureaus erlauscht hatte, bot ihm mit eisigem Lächeln tausend Mark. Der alte Schinder sei damit noch sehr gut bezahlt, zumal er vor allen Eisenbahnen und Dampfwagen scheute. Brieg überlegte sich, daß er fast das Doppelte gezahlt hatte und er mit tausend Mark weder seine Kasinoschuld tilgen noch seiner Freundin helfen könnte. Es peinigte ihn sehr, daß er sein mütterliches Erbteil nicht sofort hatte. »Er wird schon noch billiger werden!« sagte Meyring schließlich halblaut und brach die Debatte ab. Am Abend setzte Brieg sein Abschiedsgesuch auf. Es war ein schicksalsvoller Augenblick, als er seinen Namen groß daruntersetzte; mit diesem Federstrich, so meinte er, vollzog er seine Selbstbefreiung. Dann legte er die Feder hin und richtete seine Gedanken in die Zukunft. Eine leise Beklommenheit ergriff ihn. Unwillkürlich dachte er an die beiden Kinder von Frau von Carsten, denen er heute nachmittag mit einem gewissen Stolz lebewohl gesagt hatte, als wären es nun seine Kinder. Er hatte ihnen einen Kuß auf die Stirn gegeben, aber die scheue Agathe entzog sich seiner Berührung und eilte in die Küche zur alten Minna, während Anna, der kleine Kobold, seine Liebkosung höchst klownhaft erwiderte. Er hatte sie immer plump-vertraulich behandelt, wie ein älterer Spielkamerad, und das Kind hatte sich das schnell zunutze gemacht. Er sagte sich zwar, daß Kinder nie anders sind, und daß sie ja auch nicht verstehen konnte, was er für sie empfand; aber ein leises Unbehagen hinterließ ihm die Szene mit Agathe doch, und ihr starrsinniges Schweigen in seiner Gegenwart – das verhehlte er sich nicht – war nicht Liebe. Und doch hatte er versprochen, für sie zu sorgen! Ja selbst die alte Minna, das Faktotum, hatte ihren Haß gegen Ahlert auf den neuen Hausfreund übertragen und ihn grimmig angeknurrt, als er einmal mit Frau von Carsten ihr Heiligtum, die Küche, zu betreten wagte. Und je mehr er seine Gedanken in die Zukunft hineinbohrte, desto beklommener ward ihm zumute. Er hörte wieder Frau von Carstens sanfte Warnung, er würde sich entwürdigt und gedemütigt fühlen, wenn er den bunten Rock auszöge, und selbst das Wort des Auskunftsbureaus von den seiner jetzigen Stellung »etwa« entsprechenden Berufen war als geheimer Stachel in seiner Seele haften geblieben und peinigte ihn wie ein Nadelstich. Er sah Frau von Carsten in Berlin eine neue Pension auftun und sich selbst als Leutnant a. D. eine zweifelhafte Rolle darin spielen. Kein Mensch würde ihm dann die jetzige Achtung bezeigen; man würde denken, er sei um die Ecke gegangen. Er würde den Säbel mit der Feder vertauschen und hartherzigen jüdischen Wucherern mit Geistesprodukten fronden, wie sein Vater gesagt hatte! Er, Ferdinand von Brieg! Der vornehme Mensch bäumte mit einem Male in ihm auf und das Standesgefühl, das er längst überwunden wähnte, flüsterte ihm zu: »So etwas kann man nicht ...!« Dann wieder ergriff ihn sein altes Mißtrauen gegen sich selbst, die Frucht seiner zurückgedämmten Instinkte, wenn nun doch nichts aus ihm würde, wie er früher so oft gefürchtet hatte! Seine guten Absichten hatte er schon für die Tat genommen und in der bloßen Tatsache seiner hochfliegenden Träume eine Gewähr ihrer Erfüllung gesehen! Sein früherer Ausspruch, er wolle das tun, was er könnte und möchte, ein Wort, das ihm einst wie eine Selbstoffenbarung erschienen war, mutete ihn jetzt an wie eine hohle Redensart. Ja, was konnte er denn eigentlich? Das geheime Elend seines bisherigen Lebens hatte ihm jede andre Zukunft rosig erscheinen lassen; aber nun dieses Elend ein Ende haben sollte, entkleidete sich auch die Zukunft ihres Rosenschimmers, und finstere Schatten wälzten sich über seine Seele. Das neue Leben konnte noch schlimmer enden als das alte. In die kleinliche Misere des täglichen Broterwerbes herabzusinken und dabei dichten, ja, überhaupt geistig schaffen, dabei nebenan eine quärrende Kinderstimme oder eine Klavier klappernde Engländerin, von der er sich bei Tisch alles bieten lassen mußte! Und das allgemeine Wettrennen der Konkurrenz, war das etwa besser als die Streberei im Heere? Diese herzdörrende Wissenschaftlichkeit, deren Erzeugnisse er neulich im Schaufenster gesehen hatte, war sie nicht Wüste, so gut wie seine Felddienstordnung und Kriegsgeschichte? Im Grunde war alles das Gleiche, meinte er, nur weniger vornehm ... Alle die Warnungen, die er bisher nicht beachtet hatte, begannen in seinen Ohren nachzuklingen und er lieh ihnen jetzt willig Gehör. Seines Vaters Wort von den erträumten Wahnbildern, denen er verstockten Herzens nachliefe, erschien ihm mit einem Male so furchtbar wahr, was trennte ihn überhaupt so sehr von seinem Vater? Der schöne Schein, den er liebte, der holde Trug, der einen Augenblick das Herz umgaukelt, aber zerplatzt wie eine schillernde Seifenblase, sobald man ihn fassen will ... Im übrigen waren sie gar nicht so uneins. Auch der alte Herr klagte über das Bildungsdefizit des Offizierstandes, den Kasinoluxus und all die Auswüchse des Friedensmilitarismus. Konnte er wirklich keine Ausnahme bilden und doch seine Stellung behaupten wie der kleine Graf Limburg, dem der Soldatenstand ebensowenig Scheuklappen angelegt hatte wie der Grafentitel? Hatte er nicht vielleicht alle Gegensätze erst künstlich erweitert und ins Giftige umgefälscht? Und war er selbst der Ritter ohne Furcht und Tadel, der ein Recht hat, anderen Moral zu predigen? War alles, was er getan hatte und zu tun gedachte, so einwandsfrei? Und was er vorhatte, war es nicht Undank und Ungerechtigkeit? Alles Gute, was er von andern erfahren hatte, fiel ihm mit einemmal auf die Seele. Die ritterliche Art seines Brigadekommandeurs und seines Rittmeisters, der er sich so verwandt fühlte, und Graf Kinskys weitsichtiger Takt schienen sein vorhaben stumm zu mißbilligen... Ja, er wünschte, man hätte ihm mehr Ungerechtigkeit erwiesen, damit er mit gutem Gewissen seinen Abschied nehmen konnte ... Sein eigenes früheres Selbst hielt ihn vorwurfsvoll zurück. Er sagte sich, daß er sich nicht mit einem Federstrich von seiner Vergangenheit losreißen, daß er alles, was ihm im Blut steckte, nicht durch einen Willensentschluß austilgen könnte ... Ihm war plötzlich zumute, als ritte er mit einem elenden Klepper gegen eine Hürde mit Wassergraben an, mit dem Bewußtsein, daß es ein Todessprung war ... Ja, es war wirklich wie beim Rennen, eine rasende Jagd der Ereignisse, die ihn weiterriß, oder wie bei einer mißglückten Offiziersübung, Die getroffenen Anordnungen griffen wie Zahnräder weiter, und der Gang der Ereignisse war nicht zu hemmen. Er dachte unwillkürlich an jenen tollen Nachtritt nach Grävenitz, der ihm fast Hals und Kragen gekostet hätte. Bisher hatten seine Erlebnisse ihn immer bestärkt; wie eine anrollende Flutwelle hatten sie ihn hochgehoben; aber mit einem Male gipfelte die Woge, kippte über und prallte zurück vom Fels des Tatsächlichen, und sein eigenes Schiksal kehrte sich gegen ihn und widerriet ihm höhnisch die gegebenen Ratschläge, jetzt, wo er nicht mehr zurück konnte ... Aber war es wirklich zu spät? Konnte er Frau von Carsten noch im Stich lassen, wie vor wenigen Tagen, wo sie es ihm selbst nahegelegt hatte? War dies nicht feig und erbärmlich? Die ganze Nacht durch wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager; das Herz arbeitete in ihm wie eine Schiffsmaschine und dem zermarterten Kopf dünkten die Rissen wie Feldsteine. Aber seine Gedanken kletterten gleichsam an einer gläsernen Mauer herauf, an der sie immer wieder herabrutschten. Erst gegen Morgen versank er in bleiernen Schlaf. 7. Als der Bursche ihn weckte, fühlte er sich erschöpft und gedankenleer. Ihm war, als hätte ein böser Spuk nachts von feinem Herzblut getrunken. Er blickte zum Fenster hinaus, aber draußen hingen schwere Regenwolken, die alles, was in seiner Seele noch fest war, in gestaltlose Nebel auflösten. Das Pferdegetrappel und die Musik waren für ihn eine wohltätige Auffrischung. Es war heute Brigadebesichtigung und die Ulanen prangten im neusten Waffenkleid. Der Stolz des Parademarsches schwellte seine Brust, die der kleidsame Schnitt der Ulanka so vorteilhaft heraushob. Die silbernen Quasten und Fangschnüre flogen so keck, während die Reiter in der flotten, drängenden Bewegung auf ihren Sätteln vorbeitanzten, die Lanzen wie Ritter in den Bügel gestellt. Dann kam das Exerzieren mit seinen schnellen Bewegungen und prächtigen Bildern, und Brieg blickte nicht ohne Bewunderung zu dem selbstsicheren Führer auf, dem schneidigen Brigadegeneral, der mit seinem langen Barbarassobart vor der Front einherbrauste und diese Reitermassen auf dem schmalen Platz hin- und herwarf, ohne daß sie jene Grenzen überschwemmten oder Stauungen eintraten. Ihm schien dieser Mann ein geborner Führer, den der Kleinkram des Dienstes weder zum Steckenreiter gebrochen noch zum Abenteurer hatte entarten lassen, wie seine beiden Regimentskommandeure ... Warum hatte er selbst so zu enden vermeint wie der Freiherr von Rössing oder der Dragonerhetman, warum nicht so, wie dieser Ritter ohne Furcht und Tadel? Steckte ihm nicht auch der Soldat im Mute, oder war es wirklich nur der schöne bunte Schein, der ihn ans Waffenhandwerk fesselte? Er wußte es selbst nicht mehr. Aber mit gierigen Zügen trank er den Sturmwind auf, der in Gewitterböen den Reitern entgegenschlug und die Mähnen der hochstampfenden Pferde kämmte, während faustdicke Erdklumpen, von den Hufen geschleudert, wie Granatsplitter in die hinteren Staffeln prallten. Und er schwang seinen Säbel und rief trunken Hurra, als die Attacke wie eine Wetterwolke daherbrauste und sich schließlich in regelloses Getümmel auflöste, wie niedergehende Wolkenschauer ... Dann kam die Kritik, die nicht anders als lobend ausfallen konnte, und der Heimritt unter den Klängen der Reitermusik, wie eine Rückkehr vom Turnier! Welch ein Glück lag doch darin, Menschen anzuführen, die treu an ihm hingen, und ein treues Tier unter dem Leibe zu haben! Selbst die vertraute Landschaft machte ihm das Herz schwer. War er hier nicht geboren und stand nicht jeder Pfad und Bach in sein Herz eingeschrieben? Ihm schien diese Gegend die einzige, wo Bäume und Dinge wirklich waren; überall wo anders waren sie nur Nachbildung und Abwandlung dieser Regel ... Brieg war schon in sein Kasernenzimmer getreten, als er von neuem Trompetenschall hörte. Es war die Standartenschwadron, die das Wahrzeichen des Regiments in die Kommandantur zurückgebracht hatte und nun einrückte. Es war einer jener herrlichen alten Reitermärsche, den die Trompeter bliesen, und das Herz schwoll ihm bei diesen Klängen. Bald waren es kriegerische Fanfaren, die stolz und herausfordernd zum Kampfe luden, bald ein brausendes Siegeslied, ein übermütiger Daseinsjubel, wie aus tiefster Kehle emporgeschmettert; bald schmolz es hin in ritterlicher Zärtlichkeit, wie eine graziöse Tanzmusik, deren unwiderstehliche Anmut die Paare zum Tanze hinriß. Und die Töne gewannen in seinem Auge Gestalt. Ein Ballsaal leuchtete mit seinem Lichterflirren auf. Er dachte nicht mehr an die faden Ballgespräche, die gespreizte Tourmacherei spottete nicht mehr über die großen Menschenmärkte, wo das schöne Fleisch schamlos zur Schau gestellt ward; er vergaß, daß ihn das alles nicht gelockt hatte, und daß er immer ängstlich gewesen war und wirr darauf losgeschwatzt hatte, wie ein Soldat im Kugelregen, um seine eigene Beklemmung zu übertäuben. Er sah nur den Lichtglanz und die bunten Uniformen, die blendenden Schultern und lachenden Mädchenlippen, all dies wiegende, wogende Schwelgen im Glück ... Er atmete den Hauch des Parfüms und der Glacéhandschuhe und genoß noch einmal den prickelnden Reiz des Soupers, wo in vorgerückter Nachtstunde eine Flasche Champagner und ein schöner Mädchenbusen solch schwärmerisches Liebesgefühl in ihm erweckt hatte... Dann wieder, als die Fanfaren von neuem einsetzten, richtete er sich stolz auf und das Bild eines gigantischen Bauwerks trat vor sein inneres Auge. Auf schwerem granitnen Sockel türmte es sich auf in strenger Gliederung und in unerbittlicher Logik, immer höher und leichter, Glied an Glied untrennbar gekittet, ein jedes in seiner Art klug genutzt, klar geschieden und doch alle zum Ganzen strebend, als wären sie nur da, um die Spitze zu tragen ... Wie falsch erschien ihm plötzlich sein eigener Hohn auf das Drücken nach unten und das Streben nach oben. Wer einmal ein Glied dieses großen Baues war, dem blieb keine andre Wahl, der mußte sich einordnen und unterordnen und sein Ich verleugnen! Bisher hatte er immer nur die Selbstverleugnung und Unfreiheit gesehen, aber nicht das, was durch sie zustande kam, jene machtvolle Organisation ... Aber nun erfüllte ihn mit einem Male Bewunderung davor, – jetzt, wo er sich selbst daraus loslösen wollte, – und der letzte Groll gegen sie war verflogen, seine Kameraden wollten – bewußt oder unbewußt – nichts als tragsame Bauglieder sein, und er wollte die Freiheit und Menschlichkeit. Das trennte sie, wie ein Schicksal zwei Menschen trennt, die bisher zusammen gehalten haben, aber es verfeindete sie nicht ... Nein, er wollte ruhig, ohne Groll, seinen Säbel an die Wand hängen und ein neues Leben beginnen! Erst jetzt hatte er sich ganz durchgekämpft! Und während drunten die letzten Klänge verzitterten, fühlte er, wie Tränen ihm die Augen füllten, Abschiedstränen der Liebe, die seine Vergangenheit verklärten und ihr den Zoll seiner Dankbarkeit brachten. Er drehte sich feuchten Auges um, und Herr von Waldburg stand hinter ihm. »Stör' ich sie?« fragte er gelassen. »Nein, womit kann ich Ihnen dienen?« antwortete Brieg, seine Bewegung niederkämpfend. Früher, als Herr von Waldburg noch der mächtige Erzieher der Jugend war, hatte er störrisch gegen ihn aufgemuckt, wenn dieser ihm über den Mund fahren wollte; aber jetzt, wo er im Unglück war, fühlte er sich sanft und nachgiebig gegen ihn gestimmt. »Ich will Ihnen lebewohl sagen,« antwortete Waldburg, »Sie gehen ja nun ins Manöver und nachher bin ich ...« Er machte eine Handbewegung. »Mein lieber Waldburg,« rief Brieg überschwänglich und wollte ihm kräftig die Hand drücken, wie einem Schicksalsgenossen. Aber Waldburg zog seine wohlgepflegte Rechte mit einem »Au, Sie tun mir ja weh!« zurück. Er hatte den älteren Kameraden noch nicht vergessen. »Und was haben Sie vor?« fragte Brieg etwas ernüchtert. »Was kann ein alter Soldat anders tun, als was er bisher getan hat: reiten, saufen und jeuen?« »Wollen Sie kein Gnadengesuch einreichen und wieder eintreten?« »Versucht,« antwortete Waldburg kurz, »Schließlich habe ich ja auch nicht mehr und nicht weniger getan als Sie und jeder andre auch, und danach müßten wir alle schon mal den schlichten Abschied gekriegt haben ... Aber Meyring scheint anders darüber zu denken. Ich war gestern auf dem Bureau, um über ein Gnadengesuch mit ihm zu reden; aber der Kommandeur reicht sicher keins ein wegen meiner Beschwerde von neulich ... Wahrscheinlich hat er auch Angst, man könnt' ihm das höheren Orts verübeln ... Na, jedenfalls Meyring, das Barometer seiner Launen, gab mir nicht mal mehr die Hand wie 'nem anständigen Menschen ...« »Das sieht ihm ähnlich!« platzte Brieg heraus. »Mir wird er sie bald auch nicht mehr geben ... Ich will auch den Zivilrock anziehen ...« »Sie wollen wirklich Ihren Abschied nehmen? haben Sie sich mit Ihrem Vater veruneinigt?« »Noch nicht...« »Na, und dann ...« »Dann sind wir ja wohl beide in der gleichen Lage,« entgegnete Brieg mit leichtem Herzklopfen. »Ich liebe eine Frau, und Sie...« »Ist das die geschiedene Frau von ...« »Frau von Carsten,' ergänzte Brieg schnell. »Man wird ja schon über uns allerhand geklatscht haben ... Na, und Sie ...« Die beiden Männer blickten sich einen Augenblick schweigend an. Brieg suchte in Waldburgs Augen zu lesen; aber es waren immer noch die kalten, stahlgrauen Spieleraugen, die ihr Geheimnis nicht verrieten. »Na, ich wünsche Ihnen viel Glück! Lassen Sie sich's gut gehen und so weiter!« Damit empfahl er sich. Brieg fühlte sich plötzlich so leer und ernüchtert. Kein Wort von Herzen, kein Wort auch über sein eigenes Herzensschicksal und seine Zukunft war gefallen. Waldburg wies seinen Schicksalsgenossen ab, als wollt' er sagen: »Nehmen sie sich kein Beispiel an mir!« Aber er war sich jetzt eins mit sich selbst. Er hatte das Wagnis schon halb unternommen und wollte nicht mehr feige Zurückzupfen. Seit wann war Gefährlichkeit für ihn ein Einwand gegen ein Unternehmen? Hatte er nicht sein Handwerk aus der Gefahr gemacht und war er nicht allmorgendlich ausgeritten, gleichgültig, ob er lebend heimkehrte oder sich das Genick brach. Und sein Geist fand sich zurück in die ruhige Mittellinie, die zwischen den mächtigen Gefühlsausschlägen der letzten Zeit lag. Er überblickte noch einmal seine ganze innere Wandlung, von dem ersten ziellosen Drang und Haß bis zu dem erlösenden Entschluß und dem Vergessen des alten Harms. Gerade der Umstand, daß er imstande war, seinen Groll zu verwinden und für die Vergangenheit Ja zu sagen, bestärkte ihn in dem Glauben an die Nichtigkeit seines Vorhabens. Er stand auf der Grenzscheide zweier Länder, die beide seine Heimat waren; und wenn er den Soldaten äußerlich abtat, so wollte er es innerlich desto mehr bleiben. Er wollte die Tugenden seines alten Berufes nicht wie ein Unkraut aus feinem Herzen jäten, sondern nun erst recht weiter pflegen. Das Heer erschien ihm als ein fruchtbarer, halbwilder Boden, worin noch prächtige Pflanzen wuchsen. Er wollte sie mit ihren Wurzeln loslösen und in Kulturboden verpflanzen und veredeln ... Vor allem den Mut ... Im Heere blieb er gepaart mit Menschenfurcht, ja ein großer Teil der Disziplin war nichts als verfeinerte Menschenfurcht. Er wollte ihn läutern von diesen Schlacken; er wollte auf Menschenfurcht und Engherzigkeit Attacken reiten und unerschrocken seine Pflichten erfüllen – Keine äußerlichen, toten Pflichten, nein, solche des Herzens, die da geboten, Frauen und Wehrlose vor Roheit und Bedrückung zu schützen! Mit ruhiger Entschlossenheit nahm er sein Abschiedsgesuch zur Hand und ging auf das Regimentsbureau. Hier wurden schon Zurüstungen zum Manöver getroffen. Es roch nach Ziegellack und alles war in unruhiger Bewegung. Der Stab sollte zwar erst zwei Tage nach den Schwadronen ausrücken; aber vorher war noch Sedanfeier und da galt es, keine Zeit zu verlieren. Der Kommandeur war zerstreuter denn je. Die vielen notwendigen Anordnungen, dazu der unliebsame Fall Waldburg und eine sehr ernste Unterredung, die er gestern mit dem Rittmeister von Treuenfels gehabt hatte, erfüllten seinen Geist derart, daß er den Leutnant von Brieg mitsamt seinem Abschiedsgesuch total vergessen hatte. Erst als dieser das zusammengefaltete Schriftstück öffnete und ihm meldete, daß sein Vater nichts gegen seinen Abschied, hätte, entsann er sich des trotzigen jungen Mannes, der vorgestern mit dem Säbel aufgebumst hatte. Dann fiel ihm ein, daß er und sein Rittmeister es gewagt hatten, die Gratulationscour bei der Kommandeuse zu verabsäumen. Seine Frau hatte ihm das sehr deutlich eingeschärft, sonst hätte er es im Drang der Geschäfte wohl auch vergessen. Übrigens ließ er sich von Brieg noch einmal wiederholen, was er wollte und welche Bewandtnis es mit dem Schriftstück hatte, und erklärte dann schließlich aufs neue, daß es damit wohl Zeit bis nach dem Manöver hätte. Brieg bezwang seine Ungeduld und erklärte ihm in gesetzter Rede, daß er seines Vaters Anwesenheit benutzt hätte, um die anbefohlene Einwilligung sofort persönlich einzuholen, und daß er private Gründe hätte, bald aus dem aktiven Dienststande auszutreten. »Sie werden mir das gefälligst schriftlich bringen,« befahl der Oberst. »Herr Oberst,« entgegnete Brieg fest, »ich melde gehorsamst dienstlich, daß ich die Erlaubnis meines Vaters habe. « »Und ich befehle Ihnen dienstlich «, brummte der Kommandeur barsch, »mir eine schriftliche Erlaubnis zu bringen.« Brieg schlich mit leicht gekrümmtem Buckel hinaus. Die gewohnte Disziplin, dem Knaben eingebläut, dem Jüngling ins Herz getrichtert, hatte seinen Willen gebrochen; – sie steckte ihm noch so tief im Leib, daß er wieder zusammengeknickt war wie früher... Nun war er so klug wie vorher! Nicht mal sein Pferd verkaufen konnte er und die erhoffte Summe flüssig machen. »Na, ist Ihr Gaul schon billiger geworden?« erkundigte sich Meyring, der eben das Bureau betrat. »Meinethalben, mir ist alles recht,« sagte Brieg müde, »wenn ich nur bald meinen Abschied kriege und das Manöver nicht mehr mitmachen brauche!« Diese peinlichen Formalitäten waren ihm, wo sein Entschluß feststand, entsetzlich. »Ihren Abschied?« tat Meyring erstaunt. »Ist das etwa Ihr Abschiedsgesuch? Zeigen Sie mal her! ... Aber Menschenskind, so was gibt es doch nicht, wollen Sie sich zur Reserve überführen lassen oder als Invalide Ihren Abschied nehmen? Etwas Drittes gibt es nicht. Im letzteren Falle müssen Sie um die gesetzliche Pension bitten und ein ärztliches Attest beibringen ...« Brieg hatte nie daran gedacht, alljährlich mit den Sommerleutnants wieder einzurücken und eine kostspielige Reserveübung zu absolvieren, ganz abgesehen von der inneren Unfreiheit, in der dies geheime Lasso ihn in seinem Zivilberuf hielt. Es blieb ihm also nichts übrig, als seinen Abschied mit Krankheit zu motivieren. »Dann muß ich also wohl zum Oberstabsarzt und mich untersuchen lassen?« fragte er kleinlaut. »Natürlich,« nickte der Adjutant. »Gehen Sie mal wieder 'rein,« fuhr er leutselig fort, indem er auf die verschlossene Tür deutete, »und bitten sie den Herrn Obersten, sich vom Oberstabsarzt untersuchen lassen zu dürfen. Ihr Rittmeister kriegt heut' nachmittag dito seinen Totenschein, da ist das ein Aufwaschen.« Brieg blickte Meyring erstaunt an. »Will Herr von Treuenfels auch seinen Abschied nehmen?« »Kommen Sie mal gleich mit,« nötigte Meyring ihn wieder hinein; »ich will's dem Herrn Obersten sagen.« Brieg ließ sich willig ins Schlepptau nehmen und der Adjutant machte es dem Obersten in vorsichtigem Flüsterton mundgerecht, daß der Leutnant von Brieg krank sei und um Untersuchung durch den Regimentsarzt bäte. Da Herr von Treuenfels ja gleichfalls untersucht würde und der Oberstabsarzt nach dem Manöver so viel mit Freiwilligen und Rekruten zu tun hätte, ließ sich das vielleicht vereinigen... »So,« brummte der Oberst, »was fehlt Ihnen denn? Nervenzerrüttung? Nicht wahr? Ich habe das schon lange kommen sehen...« In der Schreibstube ließ Meyring sofort einen Zettel aufsetzen und unterschrieb ihn. »So,« sagte er, »damit gehen sie zum Pflasterkasten. Wenn er Sie für krank erklärt, schreiben Sie Ihr Abschiedsgesuch, und zwar mit der Bitte um gesetzliche Pension.« »Ich will gar keine Pension,« sagte Brieg. Aus einem dummen Trotzgefühl heraus wollte er vom Staat nichts geschenkt haben. »Aber das ist Vorschrift,« achselzuckte Meyring. »Ihr Gesuch kann sonst nicht weitergegeben werden oder wird uns zurückgeschickt. Item...« Brieg ließ alles über sich ergehen. Wo alles andre durchgesetzt war, wollte er nicht an dieser elenden Klippe stranden. »Also heute um vier Uhr,« schloß Meyring freundlich. »Wenn Sie das Attest haben, können Sie auch vom Manöver zurückgestellt werden... Freilich müssen wir dann den Manöverrapport noch umschmeißen... Aber,« sagte er, die Stimme senkend, und wie auf einen anderen Gegenstand übergehend, »Ich kriege Ihren Gaul doch für elfhundert? Was?...« Brieg bat sich bis morgen Bedenkzeit aus. Mit höflichem Gruße verabschiedete er sich und Meyring sagte sich befriedigt: »Den haben wir endlich auch kirre!« Am Nachmittag ging er zuerst zu seinem Vater, um die schriftliche Erlaubnis, die der Kommandeur heischte, in der Tasche zu haben, ehe er sich vom Oberstabsarzt untersuchen ließ. Der alte Herr empfing ihn seufzend, wie mit einem stummen Vorwurf. Seine Bitte machte ihn stutzig. »Dein Kommandeur ist wohl auch dagegen?« forschte er mißtrauisch. »Da er sehr fürs schriftliche ist, so wollte er einen Schein,« lächelte Brieg verlegen. Er kam sich vor wie ein perfekter Heuchler und fürchtete, sein Vater möchte ihm das vom Gesicht ablesen. »Nun, mein Sohn, wenn du es à tout prix willst,« stimmte der alte Herr seufzend zu, »so will ich mich dem, was du für dein Glück hältst, nicht entgegenstemmen. Aber mach mir keine Vorwürfe nachher, wenn die Sache schief geht! Mach mir keine Vorwürfe: du hast es selbst gewollt.« Damit setzte er sich umständlich an den Schreibtisch und schrieb ihm kurz den gewünschten Schein. »Da, mein Sohn,« sagte er feierlich. »Möge er zu deinem Glück gereichen!« Brieg war schmerzlich gerührt, als er sah, wie nahe dem alten Manne das alles ging. Er drückte ihm warm die Hand und sagte: »Ich danke dir, Papa!« Dann verabschiedete er sich, um zum Arzte zu gehen. Er schritt elastisch und in gehobener Stimmung durch die Straßen. Er fühlte sich endlich befreit! Nun würde alles noch gut werden! Als er um vier Uhr beim Oberstabsarzt erschien, traf er bereits seinen Rittmeister dort. »Nanu, was wollen Sie denn hier?« fragte Treuenfels erstaunt. »Ich will meinen Abschied nehmen, Herr Rittmeister,« sagte Brieg traurig. Er fühlte es wie einen Selbstvorwurf, daß er seinem gütigen Schwadronchef, der ihm so viel persönliches Interesse gezeigt hatte, noch nichts von seiner Absicht verraten hatte. »Sie auch?« fragte Treuenfels noch erstaunter. »Ja, weswegen denn aber?« »Ich will was anders anfangen, Herr Rittmeister.« »Wohl Ihnen!« sagte Treuenfels warm, indem er ihm die Hand drückte. »Ich wollte, ich wäre noch in Ihren Jahren. Dann könnt ich's auch noch. Aber so,« seufzte er und ließ sich matt in das Sofa fallen. »Herr Rittmeister wollen auch fort?« fragte Brieg diskret. »Wollen?« entgegnete Treuenfels und hielt sich mit dem Handrücken die Stirn. »Um es Ihnen als Kamerad zu sagen: wenn die Verhältnisse hier bessere wären, blieb' ich lieber, Aber so... diese Klatschereien unter den Regimentsdamen und diese ewigen Schikanen vom Obersten«... Damit schwieg der einsilbige Mann wieder. Brieg ahnte den Zusammenhang eines Zerwürfnisses mit dem Kommandeur, wagte aber nicht, in seinen alten Vorgesetzten zu dringen. In Wahrheit hatte der Herr von Treuenfels den Obersten tödlich beleidigt. Im Drang der Manövervorbereitungen hatte er die berühmte Termineingabe: »Vorschläge zur Vereinfachung des Schreibwesens« vor ein paar Tagen tatsächlich mit »Abschaffung dieser Eingabe« beantwortet. Ein anderer hätte über diesen guten Witz gelacht und ihn der Schwadron ohne weiteres zurückgegeben; aber Herrn von Rössing, der sich in seinem Lieblingssteckenpferd, das höheren Orts nur Anerkennung gefunden hatte, sehr beleidigt fühlte, kam es sehr gelegen, daß ihm der Starrsinnige selbst eine bequeme Handhabe bot, ihm den Hals zu brechen. Er hatte Herrn von Treuenfels gestern eine grimmige Standrede gehalten, daß er diese Eingabe weiterreichen würde und daß er sich die Folgen selbst zuzuschreiben hätte, und daraufhin hatte Treuenfels kurzerhand um seinen Abschied gebeten; er wollte die erste Karte ausspielen. Die Untersuchung des Rittmeisters währte lange. Brieg hing derweilen seinen Gedanken nach. Das Bedauern, das er gestern noch empfunden hatte, einem Manne wie Treuenfels oder Kinsky den Rücken zu kehren, war durch die Ereignisse bereits widerlegt und Herr von Treuenfels hatte ihn eben selbst zu seinem Entschlusse beglückwünscht. Endlich kam jener heraus und Brieg präsentierte seinen Zettel. Der Oberstabsarzt brummte etwas von Lazarettdienst, den er nicht versäumen könnte, wies ihn aber schließlich auf sein Zureden doch in sein Untersuchungszimmer und begann damit, seine Augen zu untersuchen. »Was fehlt Ihnen eigentlich?« fragte er schließlich. »Nervenzerrüttung.« »Ach ja, ich entsinne mich... Damals, als Sie nicht wach zu kriegen waren... Jedenfalls sind Sie nicht felddienstfähig. Denken Sie mal, im Kriege, wenn plötzlich Alarm ist und man kann sie nicht wachkriegen... Dann fallen Sie dem Feind in die Hände oder so was.« Der Oberstabsarzt war eigentlich nur Augenarzt und hatte als solcher auch Zivilpraxis. Die übrigen Zweige der Heilwissenschaft lagen ihm ziemlich fern und es fehlte darum nicht an Mißgriffen. In den Jahren seines ärztlichen Waltens war der Invalidenfonds besonders stark belastet, denn er pflegte zum Beispiel erfrorene oder gequetschte Gliedmaßen oft mit dem Amputationsmesser zu kurieren, und bei schwierigen Fällen hatten seine Diagnosen noch verhängnisvollere Folgen gehabt. »Strecken Sie mal die Arme aus,« sagte er plötzlich. Brieg war durch die Aufregungen der letzten Zeit recht nervös geworden, und seine Fingerspitzen vibrierten an den ausgestreckten Händen. »Hm! ich sehe!« bemerkte der Arzt. »Sie leiden wohl auch viel an Kopfschmerzen?« Brieg bejahte alles. Im stillen stöhnte er, daß selbst sein Abschied nicht ohne Lüge und Komödie möglich war. Aber was half es? Das Land der Freiheit begann erst draußen. Endlich war die Körpervisitation beendet und der Arzt versprach das Attest in dem angedeuteten Sinn aufzusetzen. Er ging aufatmend in die Kasernenwohnung zurück, um seine Habseligkeiten zu ordnen: nach dem Manöver sollte der Zahlmeister all diesen bunten Plunder von Uniformen, Säbeln, Fangschnüren und Sattelzeug losschlagen, um damit seine Schneiderrechnung zu decken, wenn überhaupt soviel dabei heraus käme! Dann setzte er ein verändertes Abschiedsgesuch auf. Er schämte sich dieser Bettelei um ein Almosen; aber wenigstens würde es die Verluste an seinen Pferden und die Kosten der Equipierung nach acht bis zehn Jahren wieder wettmachen. Es war eine Art Schadenersatz: er nahm also vom Staat nichts geschenkt, und sonst wäre er ja auch nicht freigekommen! Und dann in Gottes Namen: weg mit dem Gaul für elfhundert Mark. 8. Am ersten September flanierte der frühere Leutnant von Carsten, den kleinen Adolf an der Hand, durch eine jener häßlichen Straßen von Berlin C, zwischen deren schmutzigen, grauen Häuserwänden sich die verbrauchte, stickige Asphaltluft staute. An den spärlichen Bäumchen eines kleinen Platzes hingen noch ein paar verdorrte und verdurstete Blätter, und alles sah erschlafft und verstaubt aus von der sommerlichen Dürre. Das arme Volk, das sich vorübertrieb, hatte keine erfrischende Sommerreise hinter sich und in den blassen Zügen, den unterlaufenen Augen, las man Elend oder Verworfenheit. Auch Herr von Carsten hatte eine gelbe, runzelige Hautfarbe, obgleich er sich der glühenden Steinwüste der Großstadt durch eine vierwöchentliche Badereise entzogen hatte. Er war wie gewöhnlich als »Major a. D.« aufgetreten; denn wenn seine Militärlaufbahn auch mit dem schlichten Abschied als Leutnant geendet war, so hatte er doch nach dem Vorbild Riccauts de la Marlinière sein Schicksal verbessert und sich aus eigener Machtvollkommenheit allmählich zum Rittmeister, und jetzt, da er älter wurde, zum Major befördert, so daß ihm mit zunehmenden Jahren noch die höchsten militärischen Würden zufallen konnten. Als Major a. D. hatte er auch seine letzte Wochenrechnung in Heringsdorf nicht bezahlt, mit der Begründung, daß er seine Pension erst am 1. September abheben könnte, und war dann nach Berlin zurückgereist, nicht ohne vorher dem Wirt eine falsche Wohnungsadresse angegeben zu haben, welches ihn allen Weiterungen enthob... Augenblicklich begab er sich mit seinem Söhnchen zum Rendezvous mit einem jener dunklen Ehrenmänner, mit denen er gelegentlich Geschäfte machte. Seine äußere Erscheinung hatte, ebenso wie seine Charge, einer Aufhöhung bedurft; der mißgestaltige kleine Mann, an dem nichts groß war als Hände und Füße, trug sehr hohe Absätze, die seine Statur etwas ansehnlicher machen sollten. Der kleine Adolf war im Gang und in der Körperbildung die leibhaftige Miniatur seines Erzeugers; nur im träumerischen Ausdruck der Augen gemahnte er etwas an seine schöne Mutter. Sein Vater hatte ihn sofort nach dieser ausspioniert und ihm Zuckerblüten versprochen, wenn er alles sagte, was er wüsste; und das Früchtchen hatte in Ansehung dieser Verheißung lieber zu viel als zu wenig erzählt und lutschte jetzt seinen Lohn gierig auf, indem er mit der freien Hand alle paar Minuten in die Tasche griff. Diese Art von Erziehung war im Grunde nur das Widerspiel dessen, was sich schon in der vorhergehenden Generation zwischen dem Kommerzienrat von Carsten und seiner Gattin zugetragen hatte, nur mit dem Unterschied, daß dort alles vornehmer und geistreicher gewesen war. Der alte Kommerzienrat war viel feiner in der Wahl seiner Mittel gewesen und hatte seine äußere Existenz zeitweise auf eine Höhe heraufgeschraubt, die seiner groben und doch so empfindlichen Parvenueitelkeit durchaus entsprach. Er hatte in den Gründerjahren Millionen erworben und vergeudet und eine zwar arme, aber hochadlige Frau heimgeführt, die den Protzen haßte und mit ihrer Eifersucht nicht grundlos verfolgte, Auch er haßte und verachtete sie wegen ihres aristokratischen Bettelstolzes; er fühlte sich durch ihre stille Mißachtung gedemütigt und aus Rache dafür rieb er ihr alles unter die Nase, was er schon für sie zum Fenster hinausgeschmissen hätte, und so kam es, daß oft wochenlang kein Wort zwischen ihnen fiel, das nicht eine Schmähung war, und daß die gegenseitige Kälte nur von Zank unterbrochen wurde. Das Kind, das in dieser Hölle des Hasses geboren wurde, empfing also den Haß schon im Mutterleibe und die eigene Mutter verspürte schon frühzeitig einen Widerwillen gegen die mißgeschaffene Frucht ihres Schoßes, wogegen der Vater seit dem Tod eines halb blödsinnigen älteren Kindes mit wahrer Affenliebe an seinem Sprößling hing. Nicht selten kam es bei ihren ewigen häuslichen Zwistigkeiten vor, daß Frau von Carsten den bösartigen Bengel einsperrte, denn er wagte es sogar, die Hand gegen seine eigne Mutter zu erheben, – und daß der Vater ihn dann wieder freiließ und mit ihm spazieren ging, während die Mutter bitter hinter ihnen herrief: »Geht nur, ihr beiden Pflänzchen!« An solchen Tagen liebte er natürlich den Vater und horchte schadenfroh durch die Türspalte, wenn dieser seine Frau in seiner rüden Art beschimpfte, wenn nicht gar diese häßlichen Szenen sich in Gegenwart des Kindes abspielten. Aber ebenso gern lauschte er den Verdächtigungen der Mutter, wenn diese ihn in ihrer verbitterten Eifersucht anhielt, des Vaters Tun und Lassen auszuspionieren, oder gar die Dienstboten dazu aufstachelte. Und wie sich in seinem Blute aristokratischer Hochmut und plebejische Gemeinheit mischten, so wurde auch sein Charakter ein Gemisch davon, schon in seinem äußeren Wesen trat dies zutage. Die feinen aristokratischen Lippen mit dem dunklen Bärtchen standen in widrigem Gegensatz zu der vorspringenden Plebejerstirn, der dicken, gemeinen Nase und den fladenhaften Ohrmuscheln. Und innerlich war es das Gleiche. Die nervöse Verfeinerung des Aristokraten prägten sich bei ihm durch ein höhnisches Zucken der Lippen und die Gabe bestechender Liebenswürdigkeit aus; aber ebenso standen ihm die groben Finanzcoups und die aufschäumende Roheit des Emporkömmlings zu Gebote. Nur des Vaters Genie fehlte ihm, und was ihm dadurch entging, suchte er durch größere Schamlosigkeit zu ersetzen, um sein Leben wenigstens behaglich zu fristen, zumal ihn sein Vater ganz im Stich gelassen hatte. Der Kommerzienrat hatte sich verspekuliert, seine Pläne hatten weiter gereicht als sein Geldbeutel, was in Jahrzehnten Millionen abwerfen konnte, hatte ihm den Ruin gebracht. Er haderte mit Gott und der Welt, prozessierte um Schenkungen, die er früher gemacht hatte und an denen er jetzt seinen Anteil verlangte. So ging der Rest seines Geldes in Prozessen verloren. Und seit er selbst verkracht war, hatte er seinen Sohn ebenso fallen lassen, wie ihn seine Freunde, über deren Gemeinheit er doch so schimpfte. So sah sich sein einst so verwöhnter Sprößling im Elend. Immerhin stand ihm einmal ein nettes Sümmchen zu, wenn seines Vaters Bäume Frucht trugen, und seinen Geschäftsfreunden und Gläubigern gegenüber rechnete er auch schon mit Bestimmtheit auf das Zufallen ganzer Millionen, ja, er erkor diese bereits zur Operationsbasis unlauterer Finanzgeschäfte. Wie alle Degenerierten log er teils unbewußt und glaubte seinen eigenen Flunkereien von Glück und Reichtum, nach denen er so lechzte. Inzwischen lebte er, zu faul, sich Geld zu verdienen, auf sehr sinnreiche Weise fast gratis. Kleider und Stiefel bezahlte er nicht, er war dann entweder verreist oder insolvent. Seine paar Sachen hatte er bei einer früheren Maitresse untergebracht und »rückte« dorthin mit dem Rest seiner Habseligkeiten, sobald er anderswo seine Zimmermiete nicht bezahlen konnte. Diese Person hatte er ganz auf seine Seite gebracht; sie glaubte an die Millionenerbschaft ebenso fest wie an sein Versprechen, sie später zu heiraten. So war er zu einem Mittelpunkt des Bösen geworden, von dem immer weitere Kreise ausgingen, und den Selbstmord eines früheren Hauptmanns, dem er sein bißchen Geld abgeschwindelt hatte, trug er bereits auf dem Gewissen. Sein Leben war trotzdem – abgesehen von der Furcht vor der Polizei – ein leidlich gemächliches; aber es genügte seinen Ansprüchen von Jahr zu Jahr weniger, zumal er älter und bequemer wurde und die paar Jahre, wo er noch genießen konnte, ohne zu arbeiten, bald vorüber waren, ohne daß sein Vater ihm den Gefallen tat, zu sterben. Er haderte also mit seinem Schicksal und wälzte gegenwärtig einen satanischen Plan in seinem Busen, zu dem ihm die Erzählungen des kleinen Adolf den Anstoß gegeben hatten. Er plante nichts weniger als einen großen Coup, der ihm mit einem Schlag seine Frau wiedergab, seinen Vater aussöhnte, ihm eine fürstliche Rente verschaffte und die Erbschaft diverser Millionen sicherte. Er war es satt, sich mit Pferdetäuschertricks durchzuschlagen, bald als Reitlehrer in einem Tattersall oder als Starter beim Rennen, wo er wegen Wettschwindeleien schon einmal »geschwenkt« war, oder als Agent und Pferdehändler, wo er auch manches auf dem Kerbholz hatte. Wie durch ein Wunder war er immer dem Strafrichter entwischt, sei es, daß er sich geschickt herauslog oder überhaupt nicht angezeigt wurde, da die dunklen Ehrenmänner, die seine Kunden waren, selbst nicht gern mit den Gerichten zu tun hatten oder bei seiner völligen Insolvenz eine Privatklage für aussichtslos hielten, Aber dies alles kam ihm mehr und mehr vulgär und plebejisch vor, und demgemäß behandelte er auch den »Agenten« Lampe, seinen früheren »Geschäftsfreund«, als er sich mit ihm in der Hinterstube der verabredeten Kneipe traf, heute sehr von oben herab, zumal dieser gedrückt und mit rot umränderten Augen dasaß, ohne etwas Trinkbares vor sich zu haben. »Sie sehen ja aus wie drei Tage Regenwetter, Aujust,« begann er in dem Berliner Dialekt, den er sich im Umgang mit derartigen Leuten angewöhnt hatte. »Fehlt Ihnen was?« In seinem Ton lag etwas frech Vertrauliches, ein Gemisch von Überhebung und Kordialität. »Ach, Herr Baron,« erwiderte dieser, ein gescheiterter Infanterieleutnant, mit unterwürfiger Miene, »nichts als das nötige Kleingeld.« »So, darum haben Sie wohl ooch noch nischt zu trinken?« »Ach, Herr Baron, lieber wäre mir was zu essen.« »Kellner!« rief Carsten und bestellte bei dem schmutzigen Aufwärter, der in einer Morgenjacke herumschlumpte, »eine Flasche Rotspohn und was Warmes zu essen.« »Ach, Herr Baron,« fuhr Lampe fort, als der dienende Geist hinausgeeilt war, »ich bin Ihnen zu dankbar... Von 'nem alten Kameraden kann man's ja auch annehmen... Ich war zwar nur schäbiger Infanterist und Sie nobler Kavallerist...« »Jetzt sind wir beide Zivilisten,« lachte Carsten. »Zu gütig, Herr Baron,« lamentierte Lampe weiter. »Ich habe nämlich seit zwei Tagen nischt im Magen. Habe letzthin für drei Mark täglich bei der Tante Voß geschrieben und wollte nu 'n bessres Geschäft anfangen... Ist mir aber erst recht alles futsch gegangen...« »So schlecht geht's Ihnen?« gähnte Carsten, der erst vor einer halben Stunde aus den Federn gekrochen war. »Ach, Herr Baron,« jammerte der zurückgekommene Mensch, »wenn man so im Kadettenkorps groß dressiert ist, nichts ausgebildet als das Sitzfleisch und die andern Muskeln – wohin soll man's da bringen?... Habe auch noch Pech mit meiner Familie gehabt. Die Eltern sind tot und haben mir nichts hinterlassen als zwei putzsüchtige Gänse von Schwestern... Solang ich Offizier war, haben sie Handarbeiten verkauft und Klavierstunden gegeben, damit ich meine Zulage kriegte, aber seit ich um die Ecke bin und die Eltern gestorben sind, wollten sie auch was vom Leben haben. Ans Theater sind sie gegangen, und wissen Sie, wie das so geht, vorgestern abend sah ich die eine mit einem Offizier, einem »Kameraden«, in der Droschke nach Hause fahren... passieren doch komische Geschichten auf der Welt! Prost, Herr Kamerad! « Damit stürzte er das erste Glas der eben entkorkten Flasche Rotwein gierig herunter. Inzwischen war das »Warme« gekommen, ein Gulasch von Rindfleisch, das in einer rotbraunen, fettigen Brühe schwamm, mit Petersilienkartoffeln. Lampe stürzte sich sofort darauf, ohne die Speise auf den vorgesetzten Teller zu legen, und wartete nicht einmal, bis der Kellner eine weiße Serviette als Tischtuch quer über das rotgemusterte, baumwollene Tuch legte, »Hm!« schnalzte er, »da merkt man doch den Kavalier, wo der Vater Kommerzienrat ist.« »Den alten Esel soll der Teufel holen, damit ich endlich Millionär werde!« schrie Carsten rüde. Der kleine Adolf, der bisher an einem Nebentisch sich damit beschäftigt hatte, einige dreißig Phosphorhölzer anzuzünden, horchte bei diesen Worten seines Vaters auf und kam herbei, um von dem eingeschänkten Glas einen kräftigen Schluck zu nehmen. »Prost Blume!« sagte er. »Schon ganz der Herr Papa,« schmeichelte Lampe; aber Herr von Carsten wies seinen Sprößling zurecht, daß man nur bei Bier von Blume spräche, und schickte ihn wieder an den Nebentisch, um weiter zu kokeln. Als Herr Lampe seinen Hunger an Fleisch und Kartoffeln gestillt hatte, tunkte er die fettige Sauce, die in der Schüssel gerann, mit großen Brotstücken auf. Dann rückte er mit seinem »Geschäft« heraus. »Wissen sie, Herr Baron, weshalb ich Sie um dieses Stelldichein bat?« fragte er näher rückend und tippte dem Gefragten mit der Hand auf den Arm. »Ich habe wieder was. Es fehlt nischt als der Name und die Kavallerieallüren, wie Sie sie haben. Sehen sie hier, Herr Baron: das sind die Schriftstücke, famose Handschrift, was? Auch das einzige, was ich kann...« Carsten begann die Schriftstücke mit hochgezogenen Augenbrauen zu durchlesen, während Lampe noch einen Rest Fett auftupfte und sich dann den fettigen Schnurrbart leckte, ehe er ihn abwischte. »Aber mein Verehrtester,« begann Carsten, »wo haben Sie denn den Auftrag auf die Lieferung?« »Wenn's weiter nichts ist, Herr Baron, das machen wir schon,« schmunzelte Lampe. »Die Hauptsache ist, daß wir den Auftrag vermitteln und unsre Provision einstreichen. Denken Sie mal, bei der Riesenlieferung ... Die Leute sind ohnehin vertrauensduselig, und wenn sie dann noch kommen, Baron von Carsten, Rittmeister a. D. ...« »Major,« verbesserte Carsten. »Um so besser, Herr Baron ... Das macht noch mehr Eindruck. Sie sind Edelmann und brauchen nicht erst 'n falschen Namen anzunehmen, wie ich das mal mußte, als Herr von Bredow ...« »Ne,« wies Carsten stolz ab, »solche Schweinehundgeschäfte mach' ich nicht ...« »Aber, Herr Baron, wir haben doch damals...« Er wollte ihn an eine Heulieferung erinnern, für welche die beiden eine hohe Provision eingesackt hatten, ohne daß das bestellte Heu überhaupt existierte. »Schon gut,« unterbrach Carsten, »aber ich will nicht mehr, verstehen Sie mich, das ist unvornehm! Sie sind zu heruntergekommen, Freundchen ...« »Aber, Herr Baron, was heißt heruntergekommen? Kann einem doch ganz egal sein, was die Leute denken!« »Mir ist's nicht egal!« rief Carsten, mit der Faust auf den Tisch hauend, daß sein Partner entsetzt auffuhr. »Es wurmt mich, wenn die Herren Kameraden mich auf der Straße nicht ansehen, als wär' ich Luft, oder mir ausweichen, wie 'nem räudigen Köter, und keiner grüßt. Ob ich durch eigne Schuld auf den Hund gekommen bin, ist mir ganz piepe; ich will wieder hoch und 'n Gentleman sein ... Und ich will meine Frau wieder haben, verstehen sie mich – ohne sie bin ich ja doch das elendeste Vieh von der Welt ...« »Aber werden Sie doch nicht sentimental, Herr Baron; man erkennt sie ja gar nicht wieder,« fiel Lampe ein. »Himmeldonnerwetter,« fuhr Carsten auf, »ich weiß es besser. Kellner, noch 'ne Flasche Rotspohn! Meine Frau ist ein Engel!« »Herr Baron, was haben Sie denn eigentlich?« erkundigte sich Lampe und blickte besorgt nach seiner geschwollenen Stirnader. »Trinken sie lieber nicht so schnell!« »Himmeldonnerwetter!« wiederholte Herr von Carsten. »Kerl, wenn ich Sie nicht mitsamt Ihrem Fraß vor die Tür setzen soll, dann sagen sie nichts über meine Frau. Wer die mal gehabt hat, der kann sie nicht vergessen! Ach, ich war ja damals schon so'n Vieh! Meine Mutter, die hat mich immer geknufft und gepufft oder gegen den Alten gehetzt und gesagt, er scharmutzierte mit Menschern herum und ich sollte ihn ausspionieren. Und später als Offizier hab' ich auch nichts dazugelernt als Saufen und Spielen und Frauenzimmergeschichten. Und da lernte ich die Frau kennen und nahm mir vor, mich zu bessern. Und bei Gott, ein Jahr lang war ich verlobt und kein böses Wort ist über meine Lippen gekommen – bis nach der Hochzeit ... Aber wissen Sie, es war so'n junges und zartes und verwöhntes Ding; das seine mutwilligen Launen hatte ... Und wenn sie so'n schiefen, verächtlichen Flunsch zog, das reizte mich bis zum Wahnsinn ... Und da hab' ich Vieh sie geschlagen ... Um nichts geschlagen ... In die Zähnchen geschlagen, daß eines herausbrach ... Es reizte mich überhaupt alles so, dies gezwungene Soldatenleben, nie ausschlafen, wenn man wollte, immer Maul halten und Hacken zusammennehmen ... Wenn ich dann aus'm Dienst kam, hab' ich meine Wut an ihr ausgelassen, sie gequält und gepeinigt ... Aber mir tat das alles noch mehr weh als ihr ... Auf die Kniee hab' ich mich vor ihr geschmissen und um Verzeihung geflennt und sie wieder gequält und gepeinigt, daß sie mir vergeben sollte ... Und das wurde immer ärger und schließlich hat sie sich scheiden lassen, weil sie's nicht mehr ertragen wollte ... Himmeldonnerwetter, ich könnt' einen umbringen, wenn ich dran denke! ... Mich vor die Tür gesetzt, mich, ihren Herrn und Ernährer! Mein Vater ist Millionär, ich bin preußischer Edelmann, meine Mutter ist 'ne geborene Gräfin ... Und da laß ich mir von so 'nem schäbigen Zivilgericht Frau und Glück rauben!« Herr Lampe sah ein, daß er gegen diesen Redestrom nicht ankonnte. »Ist denn da gar nichts gegen zu machen?« lenkte er ein. »Ach, ich habe alles versucht!« stöhnte Carsten, zum ersten Male ohne Faustschlag, »Angefleht hab' ich sie, mich wiederzunehmen. Sie ist ja selbst im Unglück. Wenn sie wieder zu mir käme, werd' ich ja doch wieder eins mit meinem Alten und kriege Geld, und könnte mir Wagen und Pferde halten und zum Rennen fahren und Diners geben und bis Mittag im Bett liegen und alles ... Aber sie antwortet nicht mal. Dann hab' ich versucht, sie aufzukaufen. Als sie ihre Pension anfing, hab' ich ihr Geld angeboten, zweitausend Mark, die ich mir vom Alten für'n gutes Geschäft erdrohbettelt hatte. Aber nicht rühran. Und es hätte so schön geklappt, wenn sie's nahm, kündigte ich ihr nach sechs Monaten das Darlehen und ließ ihr alles pfänden oder sie mußte zu mir zurück ... Schließlich hab' ich versucht, ihr die Kinder wegzunehmen« ... Der kleine Adolf, der am Nebentisch mit halbem Ohr zugehört hatte, spitzte bei dem Wort Kinder seine abstehenden Lauscher und kam wieder herbeigehüpft, ohne daß sein weinseliger Vater, der soeben die dritte »Pulle« bestellte, es diesmal wehrte. »Na und?« fragte Lampe. »Bis jetzt hab' ich kein Glück damit gehabt,« erwiderte Carsten. »Die Polizei in ihrem Nest da hab' ich um Beistand reklamiert. Abgeschlagen! Es läge kein Grund vor, die Kinder der Mutter fortzunehmen. Mit Beschwerde beim Ministerium gedroht. Abgeschlagen. Ich sollte mich ans Gericht wenden« ... »Aber so schaffen sie doch einen Grund,« unterbrach Lampe. »Das ist's ja!« schrie Carsten und schlug seinem Partner mit der Hand auf den Arm. »Aber das ist leichter gesagt als getan ... Ebenso leicht wie Ihr Vorschlag, ich sollte Ihre Schwindellieferung da besorgen.« »Wenn Sie das übernehmen, Herr Baron,« entgegnete dieser sich aufrichtend, »dann schaff' ich Ihnen 'nen Grund! Das versprech' ich Ihnen auf Kavalierparole! Eingeschlagen?« ... »Bei Gott schwört der Jude, wenn er lügt,« hohnlachte der andere. »Na, dann zeigen Sie mich doch wegen Schwindeleien an. Sie haben mich mit den Papieren ja in der Hand« ... Damit schob er ihm die Schriftstücke hin und Carsten steckte sie in sein Portefeuille, das er hervorzog und aufklappte. »Also abgemacht,« begann er geschäftsmäßig, indem er ein beschriebenes Blatt herauszog. »Die Sache liegt wie folgt. Man hat ja neuerdings von oben genug Diebskniffe gelernt. Anonyme Briefe à la Kotze-Skandal können unter den Verhältnissen Wunder wirken. Sie hat mir bisher nur zu leid dazu getan – wird doch 'ne rechte Pferdekur sein.« »Hm, wie denken Sie sich denn das?« forschte Lampe. »Sehr einfach. Sie brauchen nur zu schreiben, was ich diktiere. Ihre Klaue ist ja das einzig Gute an Ihnen. Wissen Sie,« räusperte er sich, »'ne geschiedene Frau, dazu arm, hübsch, elegant, alleinstehend – das Geklatsch kennen Sie ja in so 'nem Offiziers- und Beamtennest. Der Ruf einer Frau ist so zerbrechlich wie 'n rohes Ei. Sie kann ein Engel sein und kommt schließlich doch in Mißkredit. Besonders die; arglos wie 'n Kind, frei in ihrem Benehmen – das hassen die Leute da am meisten ... Na, und wirtschaften hat sie auch nie gelernt, hat Schulden die Fülle, das weiß ich, – und Geld kriegt sie von niemand geborgt! Also hören Sie: wir schreiben jetzt Briefe an die Gläubiger, sie stände vorm Zusammenbruch; sie sollten ihre Ausstände nur schnell einklagen. Die Adressen kriegen wir leicht. Ich hab' da nämlich 'n Freund, einen Kolonialwarenhändler, bei dem sie kauft, der weiß alles ... Ad zwei weiß ich haarklein durch diesen Biedermann,« fuhr er fort, auf sein Söhnchen weisend, »daß so 'n paar dumme Säbelrassler von Leutnants im Hause verkehren, ihr Blumen bringen und so weiter ... Wir schreiben also an alle ihre Verwandten und Bekannten kompromittierende Briefe, daß der Skandal über sie zu groß würde ... so daß sie schließlich ganz mutterseelenallein steht. Das wird nicht schwer sein, verstehen Sie: in so 'ne Schmutzgeschichte steckt niemand gern seine reinlichen Finger, und wenn auch nicht alles geglaubt wird, etwas bleibt doch hängen. Calumniare audacter et aliquid haeret ... Das ist das einzige Latein, was ich so von der Schulbank her behalten habe – genügt übrigens auch ...« lachte er mit einem grausamen Zucken um die Mundwinkel. »Und dann fahre ich nach ihrem Nest und nehme ihr die beiden Mädels fort; nach den Briefen hab' ich doch wohl das Recht dazu ... Dann ist's erreicht, wie beim Hoffriseur Haby,« sagte er, sich die Schnurrbartspitzen nach oben drehend, und blickte Herrn Lampe stolz an. In diesem Augenblick brach der kleine Adolf in ein Jubelgeheul aus. Er malte sich bereits aus, wie er mit Anna aus Zuckerdüten lutschte und Agathe ungestraft ihre Püffe vergalt. »Halt's Maul, Bengel,« fuhr Carsten dazwischen, »oder ich brech' dir die Knochen.« Dann setzte er sein Gespräch fort. »Die Kinder läßt sie nämlich nicht bei mir. So 'n Weibsbild läßt sich ja eher totschlagen, als von seiner Brut zu lassen,« erklärte er mit dem gleichen krankhaften Zucken um die Mundwinkel. »Das weiß ich, da kommt sie lieber zu mir zurück ... Ja, nach diesen Briefen muß sie mir überhaupt dankbar sein, daß ich sie noch wiedernehme, so 'ne gefallene Dirne. Denken Sie mal, was ich dann für 'n Druck auf sie ausüben kann und ihr alles vergelten, ihren Eigensinn und ihre freche Scheidung, die mir mein ganzes Unglück eingebrockt hat.« »Das ist aber doch alles viel zu durchsichtig,« wandte Lampe ein. »Sie wird sofort sagen, daß Sie der Urheber der Briefe sind. Glauben Sie, die Frau fällt darauf rein? Sie wird sich ans Gericht wenden und Ihre Kinder Ihnen wieder abjagen.« »Immer jemütlich, Aujust,« lachte Carsten. »Erstens mal bin ich nicht so leicht aufzutreiben in der Weltstadt und kann einen Decknamen benutzen oder 'n falschen Namen annehmen, bis ich sie kirre habe. Oder ich gehe mit den Kindern ins Ausland. Dann sieht sie sie nie wieder. Und zweitens schreib' ich doch natürlich auch einen Brief an mich selbst und an meine Eltern, und dann wird der Alte in seiner Eitelkeit schon auf meine Seite treten und die Kinder eventuell zu sich nehmen, bis sie klein beigegeben hat. Ne, der Schein ist auf meiner Seite und die Leute vom grünen Tisch gehen immer dem Schein nach. Und wenn jemand kommt und sagt, ich hätte die Briefe geschrieben – den Schuft fordr' ich vor die Pistole! Himmeldonnerwetter, so 'n Aas, so 'n Verleumder, so 'n Ehrabschneider! Das ist mir gerade recht. Da komm' ich durch ein Duell wieder zu Ehren bei meinen Herren Kameraden. Mit der Pistole in der Hand kommt man durchs ganze Land! Und wenn ich draufgehe, ist's auch piepe, dann hat die liebe Seele Ruh! Jedenfalls will ich dies Sauleben nicht weiterführen!« Herr Lampe hatte, während Carsten perorierte, unbemerkt die Hand auf das Portefeuille gelegt. Dann zog er es mit raschem Griff an sich und ließ es in der Brusttasche seines schäbigen Kittels verschwinden. »So, Herr Baron,« sagte er, »und dafür, daß ich Ihnen zu alledem die Hand biete, daß Sie Ihr Weibchen wiederkriegen und wieder 'ne Revenue vom Alten, daß Sie wie 'n Fürst leben können, dafür wollen Sie mir hundert oder hundertfünfzig Mark Agenturgebühren verschaffen. Wirklich sehr nobel! Sie werden mir gefälligst zehn Prozent von Ihrem Einkommen geben, verstehen Sie mich, so ist's unter anständigen Geschäftsleuten Sitte. Manche Geschäfte geben sogar bis dreißig Prozent Provision und mehr.« »Ja, das könnt' Ihnen so passen,« schmunzelte Carsten. »Möchten sich auch nobel anziehen und Geld verjuxen und mit hübschen Mädels Droschke fahren, wie Ihre Fräulein Schwestern und so ... Sie glauben wohl, ich sei besoffen und ließ' mir 'n Bären uffbinden ... Nee, mein Jungchen, so haben wir nicht gewettet.« »Dann werd' ich Sie wegen anonymer Schwindeleien anzeigen, Herr Baron.« »Und ich sie wegen Betrug.« »Bitte! Die Papiere stecken in meiner Brusttasche, ebenso Ihre anonymen Konzepte,« sagte Lampe aufstehend. »Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.« Mit diesen Worten eilte er zur Tür. Carsten war aufgesprungen und wollte ihn zurückhalten, aber er riß sich los. Da packte der Trunkenbold die halbleere Rotweinflasche und holte zum Schlag aus. »Ein Schuft sind Sie!« brüllte er, den Schlag führend; aber Lampe parierte ihn mit dem Arm. Die Flasche zersplitterte klirrend und fiel zu Boden. Der kleine Adolf stieß einen Angstschrei aus und der schmutzige Kellner stürzte entsetzt herbei, während die Gruppe noch stand. »Das werden Sie noch zu bereuen haben, Herr Baron,« schrie Lampe, sobald der Kellner da war. »Sie haben mir den Arm zerschlagen, der Kellner ist Zeuge. Wir wollen doch sehen, ob's im Deutschen Reich keine Gefängnisse mehr für verkommene Raubritter gibt ...« »Donnerwetter, Lampe, bleiben Sie hier und machen Sie keinen Teps!« rief Carsten plötzlich ernüchtert und hielt den Durchgänger am Rockzipfel fest, während der Kellner schimpfend die Scherben aufsammelte und die Rotweinlache aufwischte. »Verzeihen Sie, mir ist der Wein zu Kopf gestiegen ... Kommen Sie, wir wollen uns wieder vertragen ...« »Und die zehn Prozent?« »Na, meinethalben. Ich bin ja kein Unmensch. Vorausgesetzt freilich, daß Sie reinen Mund halten, Bürschchen!« »Bitte, geben Sie mir das schriftlich!« verlangte Lampe frech. »Schön, schön,« lallte Carsten. »Kommen Sie mit mir nach Hause. Da können wir alles in Ruhe abmachen. Hier können wir doch nichts schreiben ... Na, also prost! Gute Verrichtung! Werden mich doch nicht sitzen lassen?« Dann griff er nach seinem Weinrest und stieß mit ihm an. »Soll pünktlich besorgt werden, Herr Kamerad! Prost auf die Verlobung! Nehmen mich hoffentlich später zum Hausfreund!« »Ne, danke, so'n Schuft wie Sie ...« »Gott, Herr Baron,« seufzte Lampe, sich den Hut aufstülpend, »die Zeiten sind zu schlecht!« Damit schoben beide zur Tür hinaus, von dem kleinen Adolf gefolgt, und turkelten der nächsten Droschke zu. »Ich bezahle das nächste Mal, wenn ich mehr Moneten habe,« rief Carsten dem verdutzten Kellner nach. Dann fuhren sie nach seiner »Privatwohnung«, wie Carsten mit Betonung sagte, zum Unterschied von der »offiziellen«, in der ihm nichts gehörte als Wäsche und Kleider. Noch am Abend steckte Carsten selbsteigen einen Packen Briefe in den blauen Kasten. »Ein kleiner Sedanscherz,« murmelte er schadenfroh. 9. Am Sedanmorgen kleidete sich Herr von Brieg zu seinem letzten Dienst, der Fußparade auf dem Paradeplatz an. Mit einer gewissen Feierlichkeit legte er das Bandelier um die bunte Ulanenschärpe an, die damals noch nicht der silbernen Feldbinde zum Opfer gefallen war. Nach der Paroleausgabe wollte er dem Kommandeur sein Abschiedsgesuch mit der Einwilligung seines Vaters überreichen und auf Grund der gestrigen Untersuchung um seine Dispensation vom Manöver bitten. Plötzlich wurde die Tür ohne Anklopfen aufgemacht, und als Brieg sich umdrehte, stand sein Vater hinter ihm. Er wunderte sich, daß der alte Herr ihn so früh heimsuchte; es mußte wohl etwas Besonderes sein, zumal er seit dem ersten Krach seine Kasernenwohnung nicht mehr betreten hatte. »Guten Tag, Papa, wie geht es dir?« sagte er freundlich. Aber der alte Herr zerrte, ohne eine Antwort zu geben, aus seiner Tasche einen Brief und hielt ihn seinem Sohn mit zittrigen Fingern entgegen. »Da lies!« stieß er hervor. »Ich habe ihn eben bekommen.« Brieg entfaltete den Brief. Er war von einer ihm unbekannten, kaufmännischen Hand geschrieben. Schon beim Lesen der ersten Zeile erbleichte er. »Als Oberhaupt Ihrer Familie werden Sie auf das unsittliche Verhältnis aufmerksam gemacht, das Ihr Herr Sohn sich nicht entblödet, unter Ihren eigenen Augen mit Ihrer Pensionswirtin, einer geschiedenen Frau von Carsten, zu unterhalten. Da er noch ein sehr grüner Mensch ist, scheint er in die Netze dieser in übelstem Ruf stehenden Dame gefallen zu sein, vermutlich auf Kosten Ihres Geldbeutels, da die Betreffende vor dem pekuniären Ruin steht und aus allem Geld zu schlagen sucht. Sollten Sie nicht gewillt und imstande sein, diesem skandalösen Treiben ein Ende zu setzen, so werden wir uns nicht scheuen, es zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Vorläufig geht ein Bericht an den Kommandeur Ihres Sohnes ab. Das Sittlichkeitskomitee.« Briegs Augen stürmten durch die Zeilen; die Buchstaben begannen zu tanzen; das ganze Zimmer tanzte und drehte sich um ihn. Er mußte sich an der Tischkante festhalten; er sah nichts mehr. »So, mein Sohn,« rief die drohende Stimme seines Vaters, »nun weiß ich genug von deinem verkommenen Charakter, den du immer noch verteidigst und beschönigst! Also deshalb wolltest du dein Erbteil ausgezahlt haben, deshalb hast du dich innerlich von mir losgesagt, deshalb gibst du deinen angestammten Beruf auf – nur um dieser Person das Geld in den Rachen zu werfen und deinen Lüsten ungehindert nachzulaufen!« »Vater!« schrie Brieg, durch diese Worte wieder zu sich gebracht. »Nicht weiter. Ich habe dir auf dieses feige Machwerk nur zu erwidern, daß ich zu Frau van Carsten erst seit kurzem in näheren Beziehungen stehe und daß all diese schmutzigen Anschuldigungen erfunden sind.« »Etwas Wahres muß daran doch sein,« entgegnete der Vater barsch. Und als Brieg ihm herausfordernd ins Gesicht sah: »Ich habe mich bei hochangesehenen, glaubwürdigen Personen nach ihr erkundigt, die haben mir gleichfalls bestätigt, daß sie in ihren natürlichen Kreisen drunter durch ist ... Jedermann wird sagen: das ist ein geschlechtliches Verhältnis!« »Vater!« wiederholte Brieg gereizt. »Ja, mein Sohn, ich kenne das,« beharrte dieser. »In den Jahren wachen bei den Weibern die niedrigen sinnlichen Triebe noch einmal auf, und du mit deinem heißen Blut hast dich von diesem Sinnentaumel umstricken lassen und bist hineingetappt. Nun hat sie dir das Korallenhalsband um den Nacken geworfen und treibt dich dazu, deinen Abschied zu nehmen und erniedrigt dich zu ihrem Lasttier, ihrem Sklaven ...« »Meinen Abschied hätt' ich ohnedies genommen,« fiel Brieg dazwischen. »Ich will hinaus aus dieser unfruchtbaren Enge! Und was dieses erbärmliche Machwerk betrifft, so weiß ich ganz genau, wer es auf dem Gewissen hat: das kann nur diese Person, die Frau Hüppe gewesen sein.« »Ja, so was kriegt allerdings nur 'n Frauenzimmer fertig, solche abgefeimten Nadelstiche,« nickte der General. »Sollte dieser Brief übrigens nicht von jemand anders stammen?« fragte er, seinen Sohn bedeutungsvoll ansehend. »Vielleicht ein Racheakt von dem Mensch, dessen Briefe hier offen in deiner Briefmappe herumflogen?« Brieg lachte. »Ach, das gute kleine Ding! Nein, Papa, das ist ausgeschlossen.« »Nun, jedenfalls geh sofort zu deinem Kommandeur und rede mit ihm, wie diese Schmutzgeschichte am besten niedergeschlagen wird. Er hat ja auch solch einen Brief gekriegt. Du gehst natürlich gleich ins Manöver mit oder reist mit mir nach Berlin, bis alles wieder in Ordnung ist.« Brieg blickte seinen Vater erstaunt an. »Ja, meinst du denn, Papa, ich würde Frau von Carsten jetzt im Stiche lassen? Das wäre doch eine erbärmliche Feigheit von mir! Ich werde sie verteidigen, und wenn ich mit Himmel und Hölle zu kämpfen hätte! Damit du es weißt: ich bin mit Frau von Carsten verlobt!« Eine Sekunde herrschte Totenstille. Man hörte draußen den Posten auf und ab klirren und das Appellsignal durch die alte Kaserne gellen. »Verlobt mit ihr!« schrie der General, mit beiden Händen an seinen Kopf greifend. »Mich rührt der Schlag! ... Oh! mich rührt der Schlag! ... Mit einer geschiedenen Frau mit drei Kindern, die nichts Rundes hat als die Augen und tief in Schulden steckt, einer Pensionsmutter, die mit allen möglichen Menschen auf einem Korridor schläft ! ... Wie oft hab' ich dich gewarnt: Verläppere dich nicht! ... Einen so wichtigen Schritt, wo deine ganze Zukunft auf dem Spiel steht, muß man reiflich bedenken! Und du – du hast mir alles verheimlicht ... Dies Weib hat dir Fußangeln gelegt und du in deiner Leichtfertigkeit und Unerfahrenheit bist hineingetappt – blind, blind! ... Ich schieß' mich tot! Ich schieß' mich tot!« Brieg hörte diesen Auftritt erschüttert an, ohne ein Wort zu erwidern. In seiner Ratlosigkeit hatte er vulkanisch den höchsten Trumpf ausgespielt; anders, so meinte er, könnte er Frau von Carsten nicht helfen. Die Welt hatte ihm ihre Formen aufgezwungen; eine freie Liebesgemeinschaft schien ihm nicht zu verwirklichen, – beschützen konnte er sie nur als künftiger Gatte! »O du feiger, du hinterlistiger Bengel!« fuhr der General fort, als er Atem geschöpft hatte. »Warum hast du mir das alles verschwiegen! Ihr Freund, ihr Beschützer konntest du sein – aber verlobt!« »Da siehst du ja, was die Welt von unsrer Freundschaft hält! Sie zwingt mich, die Verlobung zu veröffentlichen!« »Niemals geb' ich meine Einwilligung dazu!« polterte der alte Herr. »Es ist ein Wahnsinn, der sofort unterdrückt werden muß!« »Ja, es ist ein Wahnsinn, sein Wort zu halten,« höhnte Ferdinand. »Ein Wahnsinn, zu lieben, wo kein Geld zu holen ist, ein Wahnsinn, Menschen im Unglück nicht feig zu verlassen, ein Wahnsinn, Verleumdete zu schützen ... O ja, ich kenne diesen Moralkodex der guten Gesellschaft, aber mich ekelt davor, denn er ist mit Blut und Tränen besudelt!« »Dein Gewäsch ist gar nicht mehr mit anzuhören,« unterbrach ihn der Vater. »Ins Irrenhaus gehörst du! Gehorche, oder ich lasse dich einsperren!« Brieg brach in ein höhnisches Lachen aus. »Ja, mich ins Tollhaus stecken und dafür noch Dank verlangen! Das nennst du Vaterliebe.« »Für dich ist nur noch Strenge am Platz!« herrschte der General ihn an. »Ich habe mich in meiner Güte und Nachsicht von dir auf den Leim locken lassen: das muß ich jetzt wieder gutmachen durch eisernen Zwang!« »Als ob du damit etwas notwendig Gewordenes aus der Welt schaffen könntest!« begehrte der junge Herr auf. »Nun gut,« entschied der General, »ich werde selbst mit der Frau reden und ihr klar machen, daß ich meine Hand von dir zurückziehe; dann wird sie ja wohl einsehen, daß sie sich verrechnet hat ... Wie durfte sie überhaupt deinen Antrag annehmen, wo ich in ihrem Hause wohnte, ohne mich zu fragen, ob ich's für recht hielte, wenn du zu feige dazu warst ...« »Zu dieser Feigheit hast du mich selbst erzogen!« gab Brieg erregt zurück. »Was ich dir auch je gesagt habe von Dingen, die mich angingen und beschäftigten, stets bekam ich Vorwürfe und Verweise ... Da hab' ich schließlich gelernt, das Maul zu halten und das zu tun, was ich selbst für recht hielt ...« »Ja, deine Illusionen!« schrie der Vater. »Lerne erst mal für dich selbst sorgen, eh du dich zu andrer Leute Helfer aufwirfst!« »Gib mir lieber Gelegenheit zu beweisen, daß es keine Illusionen sind!« entgegnete sein Sohn, die Fäuste ballend. »Nein, mein Sohn,« schüttelte der General den Kopf, »ohne eine gesunde materielle Basis läßt sich keine Familie gründen, und wenn man erst am Hungertuche nagt, zieht auch bald der Unfriede ein.« »Als ob eure Vernunftehen mit der gesunden materiellen Basis glücklicher wären,« warf Brieg dazwischen. »Ja, wenn das noch 'ne Frau wäre, die mit ihrem Manne alles durchmacht, die am Waschtrog steht und ihm die Unterhosen wäscht,« schränkte der alte Herr ein. »Aber nach allem, was ich gehört habe, ist sie luxuriös und verschuldet und sucht nichts als Geld und Genüsse ... Ganz abgesehen von ihrem Alter und ihren drei Kindern ...« »Du bist falsch über sie berichtet,« unterbrach ihn sein Sohn, der ein Lächeln über die Unterhosen nicht unterdrücken konnte. »Wenn sie Schulden hat, so liegt das an ihrer Mittellosigkeit – ebenso wie bei mir – und nicht an ihrer Verschwendungssucht ... Und da ich aus der Ehe kein Geldgeschäft mache, wie andre Leute, so wird der Mangel mich auch nicht unglücklich machen. Ich habe meine zwei Hände und mein mütterliches Erbteil – damit werde ich mir schon den Weg bahnen.« »Dein mütterliches Erbteil behalte ich!« entschied der Vater. »Jetzt mehr denn je. Und ich ziehe die Erlaubnis zu deinem Abschied zurück! Ich hätte deine Umsattlung, wenn auch schweren Herzens, hingenommen und dir selbst dabei geholfen. Aber jetzt, wo ich sehe, daß alles nur Farce ist ...« »Ich bin majorenn und habe über beides mein eignes Verfügungsrecht,« unterbrach ihn Ferdinand schroff. »Ich werde meine Verlobung noch heute veröffentlichen – und wenn du mir mein Erbteil vorenthältst,« drohte er, »so weißt du, daß ich klagen werde!« »Au, au!« schrie der alte Herr auf, wie bei einem Anfall von Hexenschuß. »Das ist der Dank für alle meine Liebe! ... Wie eine Mutter hab' ich stets für dich gesorgt und mir alle Einschränkungen auferlegt. Und nun brichst du mit deinem alten Vater wegen dieser wildfremden Person und zerstörst das ganze Familienglück!« »Diese wildfremde Person hat mir in acht Tagen mehr Glück gebracht, als zehn Väter mit ihrer Tyrannei!« platzte Brieg heraus. Es war, als ob eine Bombe in ein Pulverfaß schlug. »Du verlorener Sohn!« knirschte der General mit bebenden Kiefern. »Ich wollte mal sehn, wie du über meine Tyrannei zetern würdest, wenn ich dir befehlen würde, das zu tun, was du jetzt vorhast. Nichts als Trotz und Lüge hast du für mich übrig! Ich verstoße dich und sage mich von dir los! Magst du sehen, wie du allein weiter kommst mit deiner Dirne! Aber komme mir nicht wieder und bettle mich an, wenn du im Rinnstein geendet bist!« Damit knallte er die Tür hinter sich zu und ging. 10. Exzellenz von Brieg war in hellem Zorn in seine Pension zurückgekehrt und begann dort mit vielem Gepolter seine Habseligkeiten zu packen, um dies anrüchige Haus zu verlassen. Die Mißhandlung der wehrlosen Gegenstände erleichterte ihn sehr, und als ihm der halbvolle Koffer unversehens vom Stuhl herab auf die Füße fiel, lenkte ihn dieser Schmerz vollends ab. Seine Drohung, den Sohn zu verstoßen, erschien ihm nur noch als ein rhetorischer Zornausbruch; er überlegte bereits, wie er ihn am besten aus den Fallstricken seiner Pensionswirtin befreien konnte. Einen Augenblick gedachte er Frau von Carsten ins Gewissen zu reden; aber die Verstocktheit seines Sohnes, die jedenfalls doch auf ihren Einfluß zurückzuführen war, ließ ihn bei ihr kein geneigteres Ohr erhoffen, und es schien ihm überhaupt unter seiner Generalswürde, sich mit dieser Person herumzuzanken und sie womöglich zu bitten, sie möchte sein Söhnchen frei geben. Nein, er wollte seinen brünstigen Bengel auf andre Weise von ihr loseisen! Sobald er ins Hotel übergesiedelt war, wollte er im Gehrock, das Eiserne Kreuz und den neuen Ordensstern auf der Brust, den Kommandeur aufsuchen und gemeinsame Maßregeln mit ihm verabreden. Mit ihm hatte er sich ja gefunden, und dem Obersten mußte auch alles an der Vertuschung dieses Skandals liegen. Einer seiner Berliner Klubfreunde, ebenfalls General, hatte auch solch ein » mauvais sujet « von Sohn, der als Pressier ein Zweirad gemaust hatte, einfach wegen Kleptomanie für eine Weile in einer Nervenheilanstalt verschwinden lassen und dadurch sowohl seinen eignen Namen wie die Zukunft seines Sohnes gerettet! Der Bengel war sogar freiwillig ins Irrenhaus gegangen und dankte seinem Vater für seine Ehrenrettung! Und dieser Fall seines eigenen Kindes war doch noch weit schlimmer, als ein bloßer Fahrraddiebstahl; es war Rebellion und Wahnwitz zugleich. Die ganze preußische Weltordnung schien ihm gefährdet; und wenn er jetzt nicht ebenso auf seinem Posten war wie im Kriege und für sein Teil entschlossen handelte, so führte er sein Lebenswerk nicht zu Ende und war selbst ein Überläufer ins Lager des Umsturzes! Als er mit Packen fertig war, schellte er nach dem Dienstmädchen und erklärte, daß er das Haus sofort verlassen wollte. »O Gott, Ex'lenz wollen auch fort! Das ganze Haus läuft auseinander!« klagte dieses, die Hände erhebend. Der alte Herr verlangte eine Rechnung, und als das Dienstmädchen nach einer Weile damit wiederkam, warf er das Geld auf den Tisch, daß die Goldstücke in der Stube umhersprangen, und ließ sich sein Gepäck an die Droschke bringen, ohne ein Trinkgeld zu geben. Frau van Carsten trat ihm auf dem Korridor mit Tränen in den Augen entgegen, aber er rämpelte an ihr vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Im »Deutschen Hause« wurde er sehr respektvoll wieder empfangen. Er legte gleich sein Staatsgewand an und ging ungesäumt aufs Regimentsbureau, wo er sich in das leere Vortragszimmer setzte und auf den Kommandeur wartete. Schließlich kam dieser im Paradeanzug mit bestirnter Heldenbrust von der Parole zurück. Er hatte gleichfalls einen anonymen Schmähbrief erhalten und war hocherfreut, den Vater ganz auf seiner Seite zu sehen. Sie nahmen also beide kein Blatt mehr vor den Mund: der Oberst erklärte schlankweg, der junge Brieg mache ihm schon lange einen nervös-zerrütteten Eindruck und hätte dies ja auch durch sein aufdringliches Abschiedsgesuch selbst eingeräumt. Was aber dem Faß den Boden ausstieße, wäre sein Fehlen bei der Gratulationscour am Geburtstag der Kommandeuse und – was der Vater noch nicht wußte – sein Umherirren in der Stadt während der Sedanparade! Der General ergänzte dieses Krankheitsbild noch durch das Zetern über seine Spielschuld, von welcher der Oberst erst jetzt erfuhr, seine schwindelhohe Kasinorechnung, die er übrigens sogleich zu bezahlen versprach, sein aufgeregtes und widerspruchsvolles Wesen, das er neuerdings an den Tag gelegt hatte, und vor allem jene wahnsinnige Verlobung mit einer ältlichen, verschuldeten Frau mit drei Kindern, die ihm wahrscheinlich allerlei Avancen gemacht hätte und in ihm ihren letzten Notanker sähe. So ergab sich aus dem Tatbestand ungezwungen von selbst, daß der Leutnant von Brieg in eine » Maison de Santé « gehörte und daß so allein eine Blamage des Regiments und des alten Generals zu kaschieren war, wie dieser sich gewählt ausdrückte. Der Kommandeur ließ sofort eine Ordonnanz zum Oberstabsarzt springen und ihn in einer sehr dringlichen Angelegenheit aufs Regimentsbureau zitieren. Brieg war inzwischen im Paradeanzug, wie er war, zu Frau von Carsten gestürzt. Nur die Czapka mit den Fangschnüren hatte er noch nicht aufgesetzt. Er hatte sich eine Mütze aufgestülpt und war in diesem reglementswidrigen Aufzug fortgeeilt. Sein Bursche hatte ihn vergeblich gemahnt, daß die Schwadron schon anträte; er blickte entsetzt hinter seinem forteilenden Herrn her und hielt ihn für übergeschnappt. Er dachte an den Tag, wo er ihn nicht aus den Federn gekriegt hatte und in seiner Verzweiflung zum Wachtmeister gerannt war; jetzt war er vollends ratlos, was er tun sollte. Infanteriekolonnen kamen dem Ulanenleutnant bereits auf halbem Wege entgegenmarschiert. Die Regimentsmusik füllte die steil aufsteigende Straße mit dem markerschütternden Takt ihres Marsches und Brieg fiel unwillkürlich in den Taktschritt ein. Es lag etwas Unaufhaltsames, Eisernes in der Musik, etwas, das einen im Kugelhagel vorwärts stürmen ließ. Er drückte beinah die Knie durch wie ein marschierender Infanterist, während er die steile Gasse bergan keuchte. Er fühlte sich nicht mehr wie ein zur Attacke anstürmender Reiter; der Parademarsch des Fußvolks, den ihm sieben Kadettenjahre eingedrillt hatten, rief ihm das Bild eines Infanterieangriffs wach, der langsam und zäh gegen feuerspeiende Höhen vorrückte. Krieg! Krieg! Das war nun auch seine Losung. Eine eigensinnige Entschlossenheit überkam ihn. In den Waden prickelte es ihm wie von hundert Nadeln, aber er hastete vorbei an den Kolonnen mit flüchtigem Gruß. Wer ihn so sah, mochte denken, er habe in der Zerstreutheit seine Czapka vergessen und eile nach Hause, um sie noch zu holen. Hier und da hatten patriotische Bürger Girlanden, Kränze und Wappen ausgehängt und an der Apotheke prangte bereits das Holzgerüst eines aus lauter Öllämpchen bestehenden Reichsadlers. Selbst in den Kellerwohnungen sah man patriotische Insignien oder Lichter, die in Flaschenhälsen auf den Fensterbrettern standen. War doch heute der fünfundzwanzigjährige Jubeltag von Sedan, der Wendepunkt des großen Krieges, der Geburtstag des Deutschen Reiches! Brieg ließ das alles höchst kalt. Er hatte von den patriotischen Spaziergängen seiner Kadettenjahre her noch einen Horror vor dem Patriotismus auf Kommando mit seiner Schönrednerei und dem falschen Augenaufschlag, und die dienstliche Ergriffenheit bei den Kaisergeburtstags-Abfütterungen kam ihm heute wie ein Hohn auf sein ganzes Unglück vor. Er stürmte mit zitternden Knien die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, und riß an der Schelle. Frau von Carsten öffnete ihm selbst mit einem Aufschrei. Sie war gerade in einem furchtbaren Wortstreit mit Miß Foot, die bei Briegs Erscheinen mit einem » I leave this damned house !« ihre Tür hinter sich zuknallte. »Was willst du jetzt hier?« fragte Frau von Carsten, ihn mit geröteten Augen anstarrend. »Hast du auch ...« »Ja, mein Vater!« Frau von Carsten brach in einen Tränenstrom aus. »Geh! Geh!« schluchzte sie. »Mir ist nicht zu helfen ... Ich bin auf die Straße gesetzt ... Alle meine Mieter ziehen aus ...« »Vor allem setze dieses Weib auf die Straße, das all diese Scheußlichkeiten inszeniert hat,« schrie Brieg. Aber Frau von Carsten hielt ihm die Hand vor den Mund. »Um Gottes willen, still!« gebot sie. »Ich weiß ganz genau, wer der Urheber ist. Es ist Carsten, niemand anders ...« »So,« schäumte Brieg. »Dies Vieh!« »Aber was machst du denn um Gottes willen jetzt hier?« wiederholte Frau von Carsten. »Du mußt doch zur Parade!« »Mir ist alles egal außer dir,« stieß er atemschöpfend hervor. »Ich gehe nachher gleich zum Obersten, um mit ihm zu reden; ich werde ihm alles darstellen, und wenn ich Arrest kriege, ist's auch gleich. Ich wollte nur mit dir sofort reden, was sich tun läßt, und vor allem wissen, was eigentlich los ist?« »Was los ist?« wiederholte Frau von Carsten verzweifelt. »Ich bin bedroht an Leib und Leben ... Angeblich hat sich ein Sittlichkeitsverein zu meiner Überwachung gegründet, der überall Spione hält ... Ich hätte Beziehungen zu Ehlert, Althoff und dir unterhalten und fortwährend junge Herren zu verdächtigen Zeiten in meinem Hause geduldet. Der Verein würde mich der Polizei anzeigen und meinen materiellen Ruin betreiben, solange bis er Besserung sähe. An Ehlerts und deinen Regimentskommandeur seien Briefe ergangen, ebenso an meine Verwandten ... Sogar meine Pensionärinnen sind bedroht, sie sollten sofort ausziehen, wenn sie nicht das Ärgste über sich ergehen lassen wollten, und nun packen sie ihre Koffer. An meinen Hauswirt und meine Lieferanten ist geschrieben worden, ich stände vor dem pekuniären Zusammenbruch ... Sie sollten alle ihre Forderungen einklagen oder mich pfänden lassen ...« »Oh, das ist teuflisch!« stampfte Brieg auf, als sie Atem schöpfte. »Da, lies es selbst,« sagte sie aufgeregt und zog einen zerknitterten Brief aus der Tasche. »Es reißt draußen an der Schelle, vielleicht wieder eine Hiobspost ...« Brieg wollte lesen, aber die Buchstaben tanzten vor seinen Augen; er mußte immer wieder von vorn anfangen. Dazwischen hörte er draußen eine mißtönige Stimme, die nach Atem zu ringen schien. Er riß die Tür auf; er ertrug es nicht mehr, hier allein zu sein, wo draußen vielleicht eine neue Schreckenskunde eintraf. Frau von Carsten stand im Halbdunkel des Ganges vor einer älteren Frau mit wirren, grauen Haaren, die ein altmodisches schwarzes Seidenkleid trug und erregt gestikulierte. Sie war anscheinend ohne Hut über die Straße gelaufen. Brieg kannte sie nicht und sie nahm auch keine Notiz von ihm. »Er sagte, er sei der Vater,« fuhr die Fremde in ihrer Rede fort ... »Er zeigte die Legitimationspapiere und drohte mit der Polizei, wenn ich ihm seine Kinder nicht sofort herausgäbe« ... »Sie haben sie ihm doch nicht gegeben?« stieß Frau von Carsten hervor. »Ich war so furchtbar erschrocken und wußte gar nicht, was ich machen sollte,« stotterte die andere. »Denken Sie nur, mitten in der Sedanfeier, im Versammlungszimmer. Der Mann ging ja auf mich zu, als wollt' er mir Gewalt antun, und dann redet' er allerhand schmutziges Zeug von heruntergekommener Dirne und so ... Ich war froh, wie er wieder heraus war« ... »O Gott, meine Kinder gestohlen!« schrie Frau von Carsten und taumelte gegen die Wand. »Minna, Minna!« schrie Brieg durch den Gang. »Kommen Sie schnell! Anna, was ist dir?« Dann begann er, an ihrem Kragen zu nesteln; sie rang nach Luft und schien dem Ersticken nahe. Minna kam verstört angelaufen und schob seine Finger beiseite. »Aber Herr Leutnant, was machen Sie denn da! Das geht doch nicht! Helfen Sie mir nur, sie aufs Sofa zu legen, aber vorsichtig ... sonst stirbt sie uns nach ganz.« Brieg unterstützte Minna, die halb Ohnmächtige ins Wohnzimmer zu bringen, wo Minna ihr die Taille öffnete und ihr Eau de Cologne unter die Nase rieb. Er stürzte derweil wieder auf den Gang, wo die Schulvorsteherin immer noch ratlos stand. »Wo ist er denn hin mit den Kindern?« fuhr er sie an. »Er ist mit ihnen in der Droschke fortgefahren, ich weiß nicht wohin, gnädiger Herr,« antwortete die alte Pute verblüfft. »Vielleicht auf die Bahn ... Ja, wahrscheinlich, die Droschke fuhr da herunter« ... Brieg raffte seine Mütze auf, die durch den Gang gekollert war. Dann ging er zurück in das Zimmer. »Ich will zur Bahn und dem Schurken die Kinder abjagen,« sagte er, sich über die regungslos Daliegende beugend. Sie schlug plötzlich die Augen auf, mit einem Ausdruck namenlosen Entsetzens. »Fort!« schrie sie. »Schlag mich nicht! Ich schreie! Ich lasse mir's nicht mehr bieten ... Ich lasse mich nicht würgen!« »Aber Anna, du träumst!« antwortete Brieg entsetzt. »Hab' ich was gesagt?« fragte sie, zu sich kommend. »Ich dachte, er wär's und beugte sich über mich ... Aber wo willst du hin ... Willst du mich auch verlassen ... Ja, geh, geh ... Ich will allein ... Meinen Hut, Minna ... ich will ... die Tür auf« ... »Bleib! Du kannst nicht!« gebot Brieg kurz. »Ich setze hinterher und wenn ich die Kanaille auf der Stelle totschlagen sollte ... Ich bin in Uniform ... Ich habe alle Chancen für mich.« »Um Gottes willen ... dein Blick ... Laß mich mit« ... »Nein, ich gehe allein.« Brieg riß sich los und stürzte auf die Straße. Er sah sich nach einem Fuhrwerk um, aber nirgends war eins zu sehen. Der Bahnhof lag abseits in der unteren Stadt. Er mußte zu Fuß hinlaufen. Und er lief, er rannte die Menschen um, ihm war alles einerlei. Er hielt seinen Säbel umklammert, damit er ihm nicht zwischen die Beine schlug. Große Ringe drehten sich, wo er auch hinsah, und das klopfende Blut trübte seine Augen. Er sah nicht, daß in einiger Entfernung der Oberst von Rössing nach dem Paradeplatz strebte und ihm mehrmals zurief und winkte. Einen Augenblick lief ihm dieser sogar nach, aber da er ihn nicht einholen konnte, so ging er schließlich, wohin ihn seine Pflicht rief. Auf der Bahn schien heute aller Verkehr ausgestorben. Die Stationsgebäude waren geflaggt und mit Girlanden geschmückt. Brieg eilte zu dem Manne mit der roten Mütze und fragte ihn in abgerissenen Sätzen aus, wann der nächste Zug nach Berlin ginge und ob er nicht einen Mann mit zwei halbwüchsigen Mädchen gesehen hätte. Der Berliner Schnellzug war seit drei Minuten fort, und als einzige Reisende waren ein Herr und zwei kleine Mädchen eingestiegen, die eine wiederstrebend und weinend, die andere traurig aber gehorsam ... Brieg fluchte und wetterte, aber der Stationsvorsteher grüßte mit kaltem Dienstgesicht und ging. Schweißgebadet warf er sich in die einzige Droschke, die an der Bahn hielt, und fuhr nach der Kaserne. Er wollte sich Geld holen und ein etwas korrekteres Kostüm anlegen, um sofort nach Berlin zu fahren. Die beiden mageren Klepper vor dem Rumpelkasten schienen ihm Pech an den Hufen zu haben; er befahl dem Kutscher einzuhauen und versprach ihm ein Trinkgeld. Aber trotz aller Peitschenhiebe dünkte die Fahrt ihm endlos. Der Posten vor der Kaserne salutierte erstaunt. Brieg warf dem Kutscher ein Talerstück zu und eilte hinauf. Als er in seiner Stube anlangte, faßte er sich an den Kopf und fragte sich laut: »Was will ich denn eigentlich?« Nach Berlin zu fahren, ohne nähere Angaben van Frau Carsten, schien ihm sinnlos. Er mußte noch einmal zu ihr und sie fragen. Vielleicht war es auch besser, in Zivil zu fahren und sich einen Revolver mitzunehmen, um den Kerl eventuell niederzuschießen. Er ging an sein Kleiderspind und zerrte den Revolver aus dem obersten Fach. Dann schlug er sich plötzlich mit einem »Nein, das geht nicht,« vor den Kopf. Ein plötzlicher Einfall erleuchtete ihn. Er wollte sich mit diesem Schuft duellieren; er war ja schließlich Offizier a.D. Wenn er als Verlobter seiner geschiedenen Frau ihm seine Kinder abjagte, würde es unvermeidlich zu einer Auseinandersetzung kommen. Ein Kugelwechsel sollte seine Zukunft vor den Anwürfen dieses Menschen sicherstellen; vor ihnen hatte ihn im stillen immer gegraust. Gottlob, daß es noch Duelle gab! Seine alte Antipathie dagegen war plötzlich geschwunden. Er stülpte sich die Czapka auf und eilte wieder zu Frau von Carsten. Sie sollte ihm Näheres angeben für seine Fahrt nach Berlin und vor allem wollte er ihr sagen, daß er sich für ihren Verlobten erklärt hätte. Sie würde es nicht abweisen können, und ihn würde ihr Jawort seien wie ein unsichtbares Amulett, mit dem er das Unvermeidliche vollbringen konnte. Dann wollte er sich dem Obersten eröffnen und um Urlaub bitten; nur im Einvernehmen mit seinem Vorgesetzten, das wurde ihm klar, konnte er hier durchdringen. Wenn er ohne Urlaub die Garnison verließ, mit einer derartigen anonymen Anklage belastet, so gab er ihr dadurch nur recht und begab sich selbst aller Vorteile. Und hier, wo das Glück zweier Menschen auf dem Spiele stand, würde der Kommandeur gewiß keine Schwierigkeit machen, zumal er ja doch seinen Abschied nahm! Er lebte im Fiebertempo alle Möglichkeiten durch. Hätte er nur einen Menschen gehabt, der ihm riet. Frau von Carsten konnte die Sachlage unmöglich überschauen. Er brauchte einen Unparteiischen, einen Freund, aber welchen? Nie war ihm seine Vereinsamung bittrer bewußt geworden. Er dachte an seinen Rittmeister, Graf Limberg, Graf Kinsky. Aber diese hätten ihn für mehr oder minder toll gehalten und ihm sicher geraten, die Finger davon zu lassen. Das Blut jagte ihm durch die Adern und das Herz pulste in schmerzhafter Eile. Er stürzte noch einmal in sein Wohnzimmer zurück und riß das Abschiedsgesuch mit der Erlaubnis seines Vaters aus dem Schreibtischfach, um es zu sich zu stecken. Dann eilte er fort. 11. Frau Hüppe strahlte vor Schadenfreude. Sie schien um ein paar Zoll gewachsen. »Das hast du nun davon, daß du die Ratschläge wohlmeinender Menschen verachtest!« triumphierte sie vor der schluchzenden Frau von Carsten. »Nachdem ich dich vor zwei Jahren vorm Elend errettet habe,« stieß die Unglückliche hervor. »Das wird völlig aufgewogen durch den Makel, den du mir jetzt anheftest,« dozierte Frau Hüppe impertinent. »Ich kann froh sein, wenn mich mein Emil noch nimmt! Ich bin dir also nichts mehr schuldig!« »Makel!« schrie Frau von Carsten im Übermaß ihres Jammers. »Woher kommt denn das alles als von dir, die an den Türen horcht und nachher mit den Mädchen klatscht. Du hast mich auf dem Gewissen. Du und diese ganze Gesellschaft mit ihrer scheinheiligen Sittlichkeit, die bei allem etwas sucht und findet. Ihr habt diese anonymen Gemeinheiten überhaupt erst möglich gemacht, und statt jetzt für mich einzutreten, laßt ihr mich im Stich und seht zu, wie der Mutter ihre Kinder, ihr Alles, gestohlen weiden. Ich veracht' euch samt eurem Moralgeschwätz und möcht' euch eure Lügenmaske abreißen und euch an den Pranger stellen in eurer ekelhaften Verlogenheit!« In Frau von Carstens Gedächtnis war alles Vergangene emporgestiegen; sie war wieder in der Gemütsstimmung der aus allen Himmeln gestürzten jungen Frau, die rein an Leib und Seele in die Ehe getreten und durch sie gebrochen und erniedrigt war. All die einsamen Tage und Wochen des Kindbetts, die vielen Stunden, wo ihr Peiniger im Dienst war und sie ganz ihren bittren Gedanken nachhängen konnte, hatten einen Abscheu in ihr gezeitigt, den die letzten Ereignisse mit neuer Kraft belebten. Alles schien ihr Komödie und abgekartetes Spiel; in jedem Lachen eines Mannes sah sie die zynische Vereinbarung gegen die Frauen. ... Wenn dieser Mensch sie jahrelang peinigte, ihre Existenz zerstörte, ihr Glück mordete, ihre Kinder stahl – kein Finger rührte sich; aber wenn ein Leutnant in ihr Haus kam, wenn sie mit dem einzigen Menschen, der mit ihr fühlte und für sie eintreten wollte, spazieren ging, dann war die sittliche Weltordnung gefährdet! Dann traten sie plötzlich in Massen auf gegen sie, die Einzelne, Verlassene! Plötzlich fuhr sie schreckhaft empor und merkte, daß sie die Augen geschlossen hatte. Es mußte geklingelt haben. Frau Hüppe war verschwunden und draußen auf dem Gang erscholl ein Jubelgeschrei. Sie stürzte hinaus, in dem Wahn, ihre Kinder wären zurückgekommen. Es war aber nur der Hauptmann Althoff mit mächtigem silbernen Raupenschmuck auf der Schulter. Er stand mit selbstgefälligem Lächeln da, an Gestalt ein Elefant, während die kleine, graziöse Frau Hüppe um ihn herumtänzelte und seine Epauletten betätschelte. »Mein Majörchen! Mein Majörchen!« jubelte sie und Agathe stimmte gelehrig in den Jubel ein. Althoff wußte von der ganzen Geschichte noch nichts und Frau Hüppe war klug genug, ihm sein Glück nicht gleich zu vergällen. Sie hatte ja nun, was sie wollte: die offizielle Verlobung und dann die Ehe, weit, weit fort von hier in einer ostpreußischen Garnison. Wenn's überhaupt zu vermeiden war, wollte sie gar nichts davon verlauten lassen. Darum schwieg sie auch still, als Herr von Brieg bleich und mit schweißbedeckter Stirn in der noch offenen Haustür erschien, und drehte ihm den Rücken. Er eilte ohne Gruß an der Gruppe vorbei in das Wohnzimmer. Plötzlich zupfte Fräulein Schamroth sie am Ärmel. »Ach meine liebe, gnädige Frau, können Sie mir nicht sagen, wie ich meine beiden Bronzeteller verpacke? Ich habe sie zu unterst in meinen Strohkorb gelegt, aber da gehen sie vielleicht kaput, wenn ich nichts dazwischen stecke.« »Ich komme gleich, Fräulein Schamroth!« sagte sie. »Inzwischen gratulieren Sie mal dem Herrn Major zu den neuen Epauletten! Wir sind jetzt Brautleute, offiziell, und heiraten bald!« »Ach, da werden Sie sich auch freuen, aus diesen schauerlichen Verhältnissen herauszukommen,« grinste Fräulein Schamroth und schüttelte beiden bewegt die Hand. »St! Seien Sie still!« machte Frau Hüppe und schubste die Schwatzliese fort, ehe sie sich verplapperte. »Sie hat ein so gutes Herz,« entschuldigte sie sentimental, als sie fort war. Briegs Wiedersehen mit Frau von Carsten war herzzerreißend. Eine Gebärde enthüllte ihr alles. Sie war keiner Träne mehr mächtig. »O laß, laß, es nutzt ja doch nichts. Geh fort! Geh auch du!« sagte sie tonlos. »Was willst du dein junges Leben für mich opfern. Mir hilft nichts mehr!« »Nichts von verlassen, Anna,« redete Brieg auf sie ein. »Hier heißt es handeln. Ermanne dich, wir haben keine Zeit zum Weinen ... Ich gehe nach Berlin ... Ich bringe sie dir wieder ...« »Und dein Vater, was sagt er zu alledem?« »Er hat mich verstoßen!« »O Gott!« schrie Frau van Carsten händeringend. »Das gibt uns beiden den Todesstoß.« »Nicht doch, Anna!« ermutigte er. »Ich brauche meinen Vater nicht ... Ich kann auch so für dich arbeiten ... Ich habe gesagt, daß wir verlobt seien ... Ob du mich heiraten willst, das steht bei dir. Aber ich will gern bei dir ausharren, wenn ich dich glücklich mache ... Was hat in diesem ganzen armen Leben Wert für mich gehabt, als deine Nähe. Die ersten Tage, wo ich wirklich lebte, hast du mir geschenkt ... O zürne mir nicht für diese Kühnheit, ich kann dir nicht anders helfen ...« Frau von Carsten hatte das letzte nicht mehr gehört. Sie war aufgestanden und blickte ihn mit keuchendem Busen an. Und plötzlich sank sie vor ihm nieder und umarmte seine Knie. »Das ... das ... hast du für mich getan ... du ... du ... Nein, ich kann es nicht annehmen.« »Steh auf, Anna,« rief er, sie hochreißend, »wir dürfen keine Zeit verlieren. Ich muß zum Kommandeur. Sage mir, wo wohnt der Mensch in Berlin, wie sieht er aus ... Rede nicht, verliere keine Sekunde ...« Frau von Carsten gab ihm stockend und wirr durcheinander ein paar Anweisungen, die er auf seine zerknitterte Manschette schrieb. Er wandte sich zur Tür und sagte ihr hastig Lebewohl. Aber sie umschlang ihn und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. »Wenn du das tust ... wenn du das tust,« wiederholte sie mit verzückter Miene, »so will ich mein Leben lang deine Magd sein ...« Brieg riß sich los und ging, während Frau von Carsten ihm mit einer rührenden Gebärde Kußhände nachwarf. Auf dem Gange karambolierte er mit der Hüppe und ihrem neugebackenen Major. »Ah! Der Freund!« zischte sie. »Und seit heute ihr Bräutigam, gnädige Frau!« antwortete er mit einer Verbeugung. Frau Hüppe deutete bloß auf ihre Stirn, während Althoff mit einem lakonischen »So« weiterging, höchst beleidigt, daß Brieg ihm nicht gratulierte. Auf der Straße war es ihm, als müßte plötzlich jemand auf ihn losstürzen und blank ziehen, um die verletzte Ehre des Regiments zu rächen. Selbst von dem Friseur, der in der Ladentür stand, fürchtete er, er möchte schon etwas wissen. Korrekt hatte er seine Soldatenlaufbahn beschließen wollen – und nun lag die Schande auf ihm wie nie zuvor und alle Kameraden würden vor ihm ausspeien! Seine Beine trugen ihn mechanisch nach dem Regimentsbureau. »Ist der Herr Oberst schon da?« fragte er den Sergeanten. »Der Herr Oberst hat eben zum Herrn Leutnant schicken lassen, ob der Herr Leutnant in seiner Wohnung seien. Der Herr Leutnant sollten auf der Stelle aufs Bureau kommen.« »Ich war nicht in meiner Wohnung, aber nun bin ich ja hier,« entgegnete Brieg. Der Sergeant verschwand sofort im Vortragszimmer. Als die Tür aufging, fuhr ihm ein kalter Schreck durch die Glieder: er hörte drinnen die gallig-hochmütige Stimme seines Vaters. Er mußte sich auf einen der Schreibersessel niederlassen, als der Sergeant herauskam und meldete: »Herr Leutnant möchten in seiner Wohnung warten und sie nicht verlassen, bis weiteres erfolgt.« Brieg blieb sitzen und lauschte. Die Reden flogen an seinem Ohr vorbei wie im Fiebertraum. Aber er verstand nichts. Der Sergeant blickte ihn mehrfach an ... Schließlich vertraute er sich seinen Beinen an und ging in seine Wohnung. Er lief hin und her wie ein Panther im Käfig. Er fühlte sich wie ein Verbrecher, der vor dem Ausfall des Urteils zittert und doch den Augenblick herbeisehnt, wo die Qual des Wartens ein Ende hat. Plötzlich fuhr er sich an die Stirn, wie von einer inneren Erleuchtung erfüllt. Wenn sein Vater und der Kommandeur da gegen ihn konspirierten ... Der Kommandeur, der jedenfalls sein ganzes Sündenregister herunterleiern würde, und der Vater, der ihm mit dem Irrenhaus gedroht hatte ... Hatte er nicht selbst wegen Nervenzerrüttung um seinen Abschied gebeten? Und hatte ihm der Regimentsarzt nicht bescheinigt, daß er an Nervenzerrüttung litte ... Und nun noch seine Verlobung mit Frau von Carsten, die jeder, aber auch jeder für Verrücktheit erklären würde ... Er sah noch Frau Hüppes impertinente Gebärde, wie sie sich vorhin an die Stirn gefaßt hatte ... Und Atlthoff hatte seine Erklärung überhaupt nicht ernst genommen ... Und nun noch seine eigenmächtige Dienstversäumnis am Sedantag ... Sein Herumlaufen in der Stadt während der Parade ... Brieg stürzte an sein Kleiderspind, riß seinen einzigen Zivilanzug heraus, warf seine Uniformstücke blindlings in die Stube, riß sich die hohen Sporenstiefel ab und kleidete sich in Zivil ... Geld – ja, wieviel hatte er denn noch? Ein paar Mark. Sein Vater hatte ihm die Septemberzulage noch nicht gegeben. Er riß sich Siegelring und Uhr ab; er wollte sie irgend einem Juwelier geben und ihn bitten, ihm zwanzig bis dreißig Mark darauf zu leihen ... Vielleicht hat Frau von Carsten noch etwas Bargeld und Schmuck, der nicht versetzt war. Er wollte sofort zu ihr stürzen, um sie mitzunehmen. Nur fort von hier aus diesem Gefängnis ... Dritter Klasse nach Berlin und dann per Anwalt sein Vermögen herausbekommen – und die Kinder dem Dieb abringen. Ihr beider Schicksal war wieder das gleiche: man stahl ihnen alles, was ihnen von Gottes und Rechts wegen gehörte ... Er stürzte in sein Wohnzimmer, um noch ein paar Legitimationspapiere aufzuraffen. Der Adjutant stand vor ihm. »Ich muß Sie im Namen des Kommandeurs verhaften,« sagte er kalt, »und bitte um Ihren Säbel.« Brieg stürmte wie ein Rasender gegen die Tür, um den Ausweg zu gewinnen. Aber Meyring vertrat sie ihm. Sie begannen wortlos zu ringen. Der Adjutant, einen Kopf größer als Brieg, warf ihn zurück, daß er gegen den Tisch taumelte. Brieg rettete sich ins Schlafzimmer. »Rühren Sie mich nicht an, Mensch,« schrie er, »oder ...« Er riß den Säbel vom Boden auf und zückte ihn gegen Meyring. Der Adjutant, der ihm nachgeeilt war, schmiß die Schlafzimmertür zu, rannte zurück, warf ein paar Stühle vor die Tür und ehe Brieg über diese Hindernisse nachstürzen konnte, hatte jener den Schlüssel zur Wohnzimmertür abgezogen und ihn von außen eingeschlossen. »Die Wache soll 'raufkommen! Sofort!« schrie er einem der stramm vorbeigehenden Ulanen zu, indem er sich gegen die wacklige Tür stemmte. »Vorwärts! Der Leutnant von Brieg ist tobsüchtig geworden!« »Meyring,« schrie Brieg von drinnen und rüttelte verzweifelt an der Tür. »Lassen Sie mich um Gottes willen frei! Verzeihen Sie mir ... Wenn Sie wüßten, daß zwei Menschenleben auf dem Spiel stehen ... Lassen Sie mich 'raus ... Sie können ja zu spät gekommen sein ... Ich war schon fort ... Ich flehe Sie an ... Auf den Knien fleh' ich Sie an ... Oder ich springe zum Fenster hinaus ... Ich lege die Hand an mich ... Lassen Sie mich 'raus ...« Der Wachthabende kam mit zwei Ulanen heraufgestürzt. Meyring befahl ihnen im Namen des Obersten, die Tür zu besetzen und niemand heraus- noch hineinzulassen. Der Leutnant von Brieg sei tobsüchtig geworden. Dann eilte er aufs Regimentsbureau und drang mit kurzem Anklopfen beim Obersten ein. »Leutnant von Brieg ist eben tobsüchtig geworden,« meldete er. Der General von Brieg, der sich eben verabschiedete, riß die Augen in sprachlosem Schrecken auf und rang die Hände gen Himmel; so wörtlich hatte er seine eigene Diagnose doch nicht genommen. Als Brieg sich umstellt sah, rannte er vor Verzweiflung mit dem Kopf an die Wand! Hätte er nur dieses letzte nicht getan! Damit war sein Schicksal besiegelt. Nun würde ihn jeder für tobsüchtig halten! Er warf sich schluchzend aufs Sofa und weinte sich das Übermaß der Erregung von der Seele. Er weinte nicht um sich und sein verpfuschtes Leben. Er weinte um Frau von Carsten. Wie sollte er noch zu ihr dringen? Durchs Fenster auf das Pflaster springen? Er würde mit gebrochenen Beinen unten ankommen und aufgelesen werden – und dann war doch alles umsonst. Ihm blieb nur noch ein Weg des Entrinnens, und zu dem verhalf ihm sein Revolver ... Aber er wollte Frau von Carsten einen letzten Gruß senden. Er blickte hinunter und wollte einen Ulanen anrufen, daß er seinen Burschen schnell vor das Fenster riefe. Der treue Kerl stand schon unten. Die Wache hatte ihn von der Stubentür fortgejagt; da war er von selbst auf den Einfall gekommen, sich vor dem Fenster zu postieren. »Fricke!« rief Brieg verzweifelt, »sie wollen mich einsperren!« Und die Tränen brachen ihm aus den Augen. »Besorgen Sie mir noch schnell einen Brief an Frau von Carsten, hier haben Sie meine Uhr und mein bißchen Geld ...« Er warf ihm beides zum Fenster hinaus. Dann stürzte er an seinen Schreibtisch, riß Bogen und Kuvert heraus, steckte seinen Siegelring hinein und schrieb, den Brief mit Tränen betauend: »Alles verloren. Sie wollen mich als tobsüchtig einsperren. Ich wähle den freien Tod. Mein Ring ist mein einziges Andenken. Ich vermache Dir, Frau Anna von Carsten, mein mütterliches Erbteil von zwanzigtausend Mark, das mein Vater mir widerrechtlich vorenthält. Laß es ihm nicht. Klage es ein. Habe Mut! Gott schütze Dich und Deine Kinder, Du mein einziges Glück! Ich danke Dir für all Deine Liebe! B ... am Sedantag 18 .. Dein Bräutigam Ferdinand von Brieg.« Brieg schloß das Kuvert, riß es wieder auf, schnitt sich mit der Papierschere ein paar Haare ab, legte sie noch dazu, schloß es wieder und warf den Brief durch das Fenster. »Nicht wahr, Fricke, Sie verlassen mich nicht?« rief er. »Sie gehorchen Ihrem Herrn bis zuletzt. Gehen Sie, leben Sie wohl! Ich danke Ihnen für Ihre Treue.« »Leben der Herr Leutnant wohl!« rief der Bursche unter Tränen herauf. »Ich besorge alles. Ich habe den Herrn Leutnant immer lieb gehabt ...« Brieg winkte ihm, zu gehen ... »Schnell, schnell, machen Sie sich fort. Es kommt jemand.« Dann ging er und holte seinen Revolver, zog das Bild seiner Geliebten aus der Tasche und küßte es. Mit diesem Bild vor Augen, ihren Namen auf den Lippen, würde es nicht schwer sein, sich selbst zu befreien. Er ließ die Waffe wieder sinken; seine Finger zitterten stark ... Er sah Streifen durch die Stube fließen und stechende Sterne tanzten vor seinen Augen. War er feige? Wie viele waren nicht denselben Weg der Freiheit gegangen, aus wieviel geringeren Gründen ... Der Hauptmann, der sich auf der Kriegsschule erschossen hatte, keiner wußte, warum ... Und der Fahnenjunker neulich, bloß weil er gelogen hatte ... Und der Rittmeister Hüppe, der Urkundenfälscher ... Es waren so viele in den wenigen Jahren ... Und all die andern, die nur gestrandet waren ... Sein erster Rittmeister war tobsüchtig geworden ... Der jetzige nahm in der Vollkraft der Jahre den Abschied ... Und ein andrer hatte wegen geheimer Verbrechen nach Amerika gemußt ... Waldburg hatte Stand und Gut verspielt ... Und dieser noch ... Und jener noch ... Es war ein feierlicher Zug ... Plötzlich wurde draußen gesprochen und der Schlüssel ins Schloß gesteckt. Brieg ergriff den Revolver, hielt ihn vor die Stirn und drückte los. Ein Feuerstrahl durchschoß ihn. Der Fußboden hob sich und die Tür brach über ihn herein. Ein Mensch fiel auf ihn nieder. »Anna, Anna,« murmelte er. Dann war alles vorüber. Der Oberstabsarzt beugte sich über ihn und der General jammerte: »Mein einziges Kind! O Gott, hab' ich das verdient!« 12. Im Kasino herrschte nach der Parade reges Treiben; man las und kommentierte das neue Wochenblatt, orakelte über Waldburgs bevorstehenden schlichten Abschied und über Treuenfelsens Pensionierung, ja ein Kluger wollte sogar wissen, daß auch der Brigadekommandeur ginge. Herr von Korner war, angeblich geheilt, aus Aachen zurückgekehrt und saß im Kreise seiner alten Freunde mit keck nach oben gepflegtem Bärtchen. Man erzählte ihm eben, Brieg habe bei der Parade gefehlt, und zweifelte an seinem Geisteszustand. »Meyring behauptet, er wollte Literat werden,« erklärte Schmitt ironisch. Seine Durchlaucht brach in ein homerisches Gelächter aus. »Famoser Witz das!« schmunzelte der Prinz. »Mensch muß wirklich total übergeschnappt sein.« »Bewegliche Gegenstände dürfen nur mit Erlaubnis des Eskadronchefs verrückt werden,« schnarrte Auer, der heute seine albernste Laune aufgesetzt hatte. Er besaß eine erstaunliche Gabe, Worte umzudrehen, und ein hervorragendes Gedächtnis für alle albernen Redensarten, die er aus Waldburgs und der andern Mund aufschnappte oder in Witzblättern las. In diesem Augenblick kam Meyring erhitzt herein. »Herrschaften,« sagte er atemholend, »Brieg ist verrückt geworden.« »Alte Jacke,« lachte der Prinz, daß die Frühstücksorden auf seinem Brüstchen klirrten. »Im Ernst,« sagte Meyring aufgeregt. »Er hat mich eben mit dem Säbel angegriffen. Jetzt ist eine Wache vor seiner Tür ... Wir warten auf den Oberstabsarzt ...« Die Ulanen waren aufgestanden und umringten Meyring, mit Fragen in ihn dringend. »Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende,« bemerkte Schmitt. »Der Skandal wäre doch zu groß gewesen fürs Regiment ...« »Irrenanstalt ist heute höchst standesgemäß,« ergänzte Seine Durchlaucht. »Es gibt einen ganzen Haufen Prinzen, die geistesgestört sind ...« Dann erging man sich in Betrachtungen darüber, daß es ja gar nicht anders kommen konnte. Sein ganzes verrücktes und nervöses Gebühren, sein Saufen, seine nächtlichen Ritte, die Sache mit Korner, die Freundschaft mit der Carsten – all das waren nur Vorstufen der Verrücktheit. »Es ist schon heute früh ausgebrochen,« erklärte Meyring. »Er ist während der Parade im Paradeanzug mit kleiner Mütze durch die Stadt gelaufen, statt zum Dienst zu gehen ...« »Hier wendet sich der Gast mit Grausen,« sagte Auer und nahm wieder Platz. Durch die hintere Kasinotür erschien Graf Kinsky, hagerer und bleicher denn je. »Meine Herren,« sagte er mit seiner heiseren Stimme, »ich muß Ihnen eine betrübende Mitteilung machen. Unser Kamerad Brieg hat sich erschossen!« »Der arme Kerl,« sagte der kleine Graf Limburg. »So hat er wenigstens dem Regiment keine Unehre gemacht,« ergänzte Schmitt. »Ich finde das nett von ihm!« Damit war ihm ein ehrenvolles Schweigen gesichert, wie man es Kameraden, die freiwillig aus dem Leben scheiden, zu wahren pflegt. Nur Auer deklamierte: »Man sagt, er wollte sterben.« Aber sein Zitat fand keinen Anklang. Frau van Carsten saß in dumpfem, tränenlosem Brüten, zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankend. Sie hörte Musik an ihren Fenstern vorüberziehen und wieder verhallen. Einmal kam auch Frau Hüppe hereingelaufen und riß das Erkerfenster auf. Sie ließ alles geschehen wie im Traum. Frau Hüppe nahm keine Notiz von ihr. Die Regimentsmusik konzertierte unten; ihr galanter Bräutigam hatte sie bestellt. Gegenüber erschienen in den geöffneten Fenstern neugierige Köpfe. Es war Mendelssohns »Hochzeitsmarsch«, der gespielt wurde. Tränen der Rührung netzten ihre Wangen; sie sah sich bereits an der Seite ihres Emil zum Altar schreiten. Nach dem nächsten Stück ging sie herunter, um dem Kapellmeister persönlich zu danken, sie fühlte sich schon ganz als Frau Majorin und kannte ihre repräsentativen Pflichten. In der Haustür begegnete sie einem Ulanen, der vor ihr zur Seite trat. Er mochte ein Billet doux von Brieg bringen. Sie sah ihn feindselig an, als zerstörte er ihr Brautglück. Sie ließ den Kapellmeister sein Stück erst zu Ende bringen; dann trat sie an ihn heran, um ihm zu danken. In diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Aus dem Erkerfenster des dritten Stocks stürzte eine Frau kopfüber auf die Straße und schlug dicht vor ihr auf das Pflaster. Ihr Gehirn spritzte nach allen Seiten und befleckte Frau Hüppes neue Sommertoilette. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Als sie wieder aufwachte, befand sie sich im Hausflur und der Major Althoff stand vor ihr. Er suchte sie zu beruhigen und zu sich zu bringen, »Wer war es denn?« fragte sie, noch immer verwirrt, »Ach,« log er, »eine Fremde!« Der Brigadegeneral nahm nach dem Manöver seinen Abschied. Die Hintermänner des Freiherrn von Rössing hatten sich als stärker erwiesen, als das Taktgefühl und die militärischen Tugenden des kernigen Reiterführers. Waldburg hatte von seiten des Kommandeurs natürlich kein Gnadengesuch durchsetzen können; er hatte somit nur die Möglichkeit, als Gemeiner auf Beförderung wieder einzutreten, und dazu war er zu stolz und zu bequem. Er heiratete seine Geliebte und spielte in Berliner Sport- und Lebemannskreisen eine Rolle; später wußte er wenigstens das eine zu erreichen, daß man ihn in die Kategorie der ehrenvoll verabschiedeten Offiziere zurückversetzte. Herr von Meyring war Rittmeister und Brigadeadjutant in einem rheinischen Industriezentrum geworden und hatte sich dort einen Goldfisch geangelt. Wenn man ihn fragte, wie es ihm ginge, pflegte er zu sagen: »Täglich besser.« Der Major Althoff endlich hatte sich von seiner Maitresse losgekauft und steuerte zielbewußt dem Regimentskommandeur zu, von seiner Gattin geschickt unterstützt. Er hat es noch bis zum General gebracht.