Nataly von Eschstruth Frühlingsstürme. Band II Roman   Leipzig Verlagsbuchhandlung von Paul List. Das Recht der Übersetzung wird vorbehalten. XV. osef hatte noch verschiedene Besuche zu machen und geschäftliche Abmachungen zu treffen. Als er nach etlichen Stunden in das Hotel zurück kam, empfing ihn bereits ein Brief Hagborns, welcher die über alles dankbare und frohe Zusage der Geheimrätin brachte! »Wie ist es schön, der Bote eines solchen großen Glücks zu sein, mein lieber Herr von Torisdorff«, fuhr der Rechtsanwalt fort: »Sie können sich keine Vorstellung von der Freude machen, welche Sie zwei verlassenen und verlorenen Menschenkindern bereitet haben! Ich sah ehemals die Thränen der Verzweiflung in den Augen der alten Dame, heute – ihre Freudenthränen haben mich noch mehr ergriffen! Selbstredend sind Ihre beiden Schützlinge bereit, Ihnen übermorgen in die neue Heimat zu folgen, je eher sie der hiesigen Misere entrinnen können, desto besser! Frau von Damasus findet durch den freien Unterhalt in ihrem Hause schon überreichen Lohn für die wenigen Dienste, welche sie als Wirtschafterin und Hausdame zu leisten hat, sie wollte von einem Extragehalt absolut nichts wissen, doch bedarf sie meiner Ansicht nach ein kleines Taschengeld, um sich und die Tochter kleiden zu können. Ich habe ihr auch das klar gemacht, und fügt sie sich nun schließlich. Aber mehr als zwanzig Mark pro Monat wird sie keinesfalls annehmen. Also kann der Hauptteil der Rente noch anderen Bedürftigen zukommen; ich fürchte, wir werden sie schon in recht kleine Teile zerlegen müssen, um allen gerecht werden zu können, bei welchen schnelle Hilfe not thut.« Josef lächelte mit strahlendem Blick. Noch nie im Leben hatte er ein solches Glück wahrer, innerster Befriedigung empfunden wie heute, wo er begonnen hatte, die ersten Steinchen von dem Felsen seiner Schuld abzulösen. Glühender Eifer beseelte ihn. Er wollte der Geheimrätin nicht nur ein Unterkommen gewähren, sondern wollte ihr vor allen Dingen ein behagliches Heim schaffen. Mit Schrecken fiel ihm ein, daß das Gutshaus von Lichtenhagen in seinem jetzigen Zustande nichts weniger als behaglich und auf Damenbesuch eingerichtet war, und der erste Eindruck ist ein bleibender. Seine dringendsten Besorgungen in der Residenz konnten bis morgen mittag erledigt werden; er that alsdann gut daran, direkt nach Hause zu eilen und die Wohnung für seine Gäste gemütlich herzurichten. Er schrieb sogleich an den Rechtsanwalt und teilte ihm diesen Entschluß mit. Er überwies ihm das Reisegeld für die Damen und bat ihn, dieselben nach dem Bahnhof zu geleiten. Er selber werde auf Station D. mit dem Wagen anwesend sein, die Reisenden zu empfangen. Ein Gefühl der Erleichterung überkam Josef, als er diese Zeilen abgeschickt hatte. Es wäre ihm peinlich gewesen, gemeinsam mit den fremden Damen die Reise machen zu müssen. Er war solchen Verkehr nicht mehr gewöhnt, und außerdem war er willens, denselben auch in Lichtenhagen bis auf die äußersten und notwendigsten Umgangsformen einzuschränken. Ja, wäre es die Geheimrätin allein gewesen. Aber ein Zusammenleben mit der jungen, hübschen Tochter ist kaum möglich, ohne die Kritik des Publikums und müßige Redereien herauszufordern. Das durfte nicht geschehen. Es sollte kein, auch nicht der leiseste Schatten auf den Weg der Treue fallen, welchen er wandelte. Charitas soll niemals Grund haben, an seiner Liebe und Ehrenhaftigkeit zu zweifeln; selbst der Schein muß vermieden werden, welcher zu falschen Deutungen Anlaß geben könnte. Er fuhr deshalb nicht direkt nach Lichtenhagen hinaus, sondern dirigierte den Kutscher vorerst nach dem Vorwerk Krembs, wo er für eine passende Junggesellenwohnung sorgen wollte. Sehr verlockend war es nicht, in dem ehemaligen Bauernhause, welches dem zweiten Inspektor angewiesen war, zu wohnen, aber Josef kannte für sich und seine Person keine Ansprüche, und daß er nun mitten in all der Unruhe und dem Getriebe der neuen Bergwerksanlage leben sollte, deuchte ihm mehr eine Annehmlichkeit wie ein Opfer. Er wählte schnell zwei unbenutzt stehende Stäbchen aus, welche der unverheiratete Inspektor als Geschirrkammer eingerichtet hatte, gab Befehl, sie sofort herrichten und mit einem kleinen, eisernen Ofen versehen zu lassen. Seine Möbel schicke er schon morgen früh heraus. Der Verwalter schüttelte bedenklich den Kopf. »In diesen kleinen Buden wollen Sie hausen, Herr Baron? Du lieber Gott, ein so großgewachsener Herr paßt nicht unter diese Deckenbalken! Sie stoßen sich ja den Kopf daran ein! – Wahrlich! Ich glaube gar, Sie können nur gebückt darin einhergehen!« Josef lachte. »Das hat man von seiner unnützen Länge! Nun heißt's, sich nach den Balken strecken. Wird nicht viel mit dem Stubensitzen werden, meine Promenaden mache ich draußen, und im Bett und am Schreibtisch komme ich ganz bequem unter!« Die alte Magd kam bereits mit Wassereimer und Schrubber, um eine sündflutartige Thätigkeit zu entwickeln, und Josef flüchtete auf den Wagen zurück und sauste frohgemut dem Lichtenhagener Gutshaus entgegen. Die Frau des Stellmachers trat ihm in der Hausthür entgegen. »Guten Tag, Frau Menz! Ich bringe Ihnen eine Überraschung mit! Einquartierung! – Lichtenhagen soll eine Hausfrau erhalten! Vorläufig nur eine engagierte« – fügte er lachend hinzu, als er in das freudig staunende Gesicht der jungen Frau blickte. »Die legitime Herrin kommt erst später! – Und nun rufen Sie mal alle dienstbaren weiblichen Geister zusammen, derer Sie habhaft werden können, wir müssen in größter Eile eine Wohnung für die Damen herrichten!« Frau Menz schlug die Hände über dem Kopf zusammen: »Na, das that auch not, Herr Baron! Es war ja gar zu einsam bei uns, und mußte wirklich anders werden! – Also mehrere Damen? – Zwei? – Nun, das ist ja schön! Je mehr, je besser, das Haus ist ja groß genug! Sind es zwei alte Damen?« »Nein! Mutter und Tochter! Frau Geheimrat von Damasus – wenn es Sie interessiert!« – Josef warf einem Knecht die Zügel zu und sah nicht das pfiffige Lächeln, welches lauter kleine Fältchen um die Augen der Stellmacherin zog; er sprang zur Erde und eilte die steinernen Stufen empor, welche zu der uralten, rundgewölbten und wappengeschmückten Hausthür führten. »Kommen Sie gleich mit, Frau Menz, wir wollen die Einteilung treffen!« Der Sprecher sah sich in dem weiten, altmodischen Flur um, als sähe er ihn zum erstenmal. Eine hohe Uhr in buntgemaltem, kiefernem Gehäuse stand seitlich der breiten Steintreppe, welche in den ersten Stock führte. Tick, tack, tick, tack summte sie, der Perpendikel stellte ein großes, lachendes Gesicht dar, welches voll neckender Beharrlichkeit an dem runden Guckloch erscheint und wieder zurückhuscht. Wie bei einer Turmuhr, tief und melodisch, klingt ihr Schlag. Seitlich an der Wand stehen hölzerne Truhen mit verrosteten Beschlägen und bunter Wappenmalerei, es weiß wohl kein Mensch mehr, was darin aufgespeichert liegt. Eichenmöbel mit ungeheuer klobigen Füßen gruppieren sich um einen riesengroßen, offenen Kamin, welcher ehedem diese Vorhalle heizte und sie zum wohnlichen Raume machte. Ein paar Ölbilder – so gedunkelt, daß man sie wohl kaum noch erkennen kann, hängen an den Wänden gegenüber. Das eine stellt ein Abendmahl dar, – feierlich, steif und ernst, wie Hans Holbein seine Heiligen zeichnete. Nur die Gesichter und Hände heben sich noch hell von dem dunklen Hintergrund ab, und der Becher in der Rechten des Herrn glänzt noch in matter, vielfach abgesprungener Vergoldung. Gegenüber dehnt sich eine Landschaft in ehemals sehr saftig gewesenem Grün aus. Ein Herr in Allongeperrücke mit breit abstehendem Taillenrock und enormen Waden befehligt mit erhobenem Krückstock eine Schar Feldarbeiter, rechts wird ein Wald gefällt und im Hintergrund hält ein großer Planwagen, mit vier Ochsen bespannt. Dieses Bild stellt den alten Erasmus von Torisdorff dar, welcher Sumpfniederungen an der Weichsel urbar machte und durch seinen zweitgeborenen Sohn das Geschlecht nach dort verzweigte. Josef wendet sich rechter Hand nach einer niederen, geschnitzten Thür, auf deren Sims ein paar staubige Krüge und Becher stehen. »Ist abgeschlossen, Frau Menz?« »Nein, gnädiger Herr, ich habe heute morgen wieder gelüftet und wollte alle Fenster erst gegen Abend schließen.« Die Klinke des altmodischen Schlosses sinkt kreischend nieder. Ein großes, viereckiges Zimmer, nicht sehr hoch, aber luftig genug. Eine gepreßte Ledertapete bedeckt die Wand, stellenweise schon recht defekt. Die Einrichtung ist sehr alt, die Stühle und Sophas stehen so steif da, als hätten sie die Gicht in allen Gliedern, verblaßte, fleckige Bezüge, eine bestaubte Glasservante mit wunderlichen alten Herrlichkeiten, Porzellanfigürchen, Döschen, glotzäugigen Möpsen, elfenbeinerne Spinnrädchen, Körbchen und Väschen, Flaçons und Riechdosen, – na, vielleicht macht es der Geheimrätin Spaß. Der Krystallkronleuchter steckt in einem Mullsack, dennoch ist ein Arm abgebrochen. Josef sieht sich nachdenklich um. Das Zimmer ist hübsch und würde bequem gelegen sein, aber die Einrichtung muß geändert werden. Nebenan noch ein schönes, luftiges Gemach mit wenig Möbeln und kahlen Wänden, deren großblumige Rosentapete neben dem braunen Kachelofen, um welchen sich eine gepolsterte Sitzbank zieht, hernieder hängt. »O weh!« »Das ist in einer Stunde angeklebt und trocknet heute nacht. Vielleicht nageln wir die Stücke auch an, damit der Kleister nicht riecht!« »Das wäre schön. Diese beiden Vorderzimmer könnten die Damen bewohnen, hier diese Stuben nach dem Garten zu müssen Schlafzimmer werden!« »Schlafen denn Mutter und Tochter nicht zusammen?« »Das ahne ich nicht, und können es sich die Damen nach Belieben einrichten. Nebenan soll entweder die Mamsell oder ein Mädchen schlafen, damit stets Bedienung zur Stelle ist!« Auf dem wurmstichigen Parquetboden polterte und stampfte es heran. Mamsell und ein paar Mägde, sowie der alte Schaal, der Gärtner, erschienen. Josef erteilte schnell seine Befehle. Alles sehr sauber machen! Die braunen Sammetmöbel aus dem Ecksalon der ersten Etage sollen hinunter in das Zimmer der Frau von Damasus gebracht werden: die zierlichen vergoldeten Rokokomöbelchen mit den Streublumen kommen in das Rosenzimmer für das gnädige Fräulein! »Wie steht es mit den Gardinen?« »Wir haben gewaschen, oben ist alles sauber.« »Gut, so hängen Sie die besten hier unten auf. Den Töpfer habe ich schon bestellt, er soll die Öfen nachsehen und Probe heizen!« »Wird ganz gut gehen! Wir haben letzten Winter, als noch der Pächter die Schlüssel hatte, öfters hier im Erdgeschoß geheizt, um Wäsche zu trocknen!« Aha! Daher die hängende Tapete und der zerbrochene Kronleuchter! Aber das ist momentan nebensächlich, die Thatsache, daß die Öfen in dem alten Haus wirklich noch ihre Schuldigkeit thun, ist eine sehr angenehme Überraschung. Josefs größte Sorge ist dadurch gehoben. »Und die Zimmer des gnädigen Herrn jenseit des Flures? Bleiben die unverändert?« fragt Mamsell. »Nein, mein Wohnzimmer soll zum gemeinsamen Speisezimmer eingerichtet werden. Es bleibt im Ganzen unverändert, nur der Tisch und die Lederstühle kommen in die Mitte, es speist sich im Winter gemütlicher in einem kleinen Raum als in dem Saal. Mein Arbeitskabinet und die Schlafstube bleiben unverändert und stehen für mich bereit; die Geheimrätin kann sie abschließen!« »Abschließen?« »Ja, ich wohne von morgen an in Krembs, um die Arbeiten persönlich zu überwachen!« Große Enttäuschung auf allen ehedem so listig lächelnden und gespannten Gesichtern. »Wie steht es mit Ihrer Livree, Schaal? »Da ist man bloß das Kutscherzeug, gnädiger Herr.« »Gut, ich verschreibe Ihnen heute abend noch alle notwendigen Sachen aus der Residenz. Sie schlafen von morgen ab auch hier im Hause, in dem Dienerzimmer. Wie steht es eigentlich mit den Klingeln?« »Da ist wohl nichts mehr mit zu wollen, gnädiger Herr, die sind man alle verrostet und abgerissen.« »So sollen ein paar elektrische Drähte gelegt werden. Ich schreibe sogleich einen Brief, den kann der Milchmann heute abend mit nach D. nehmen. Ich hoffe, dann kann die Leitung morgen schon gelegt werden! – Und nun ans Werk! Ich überlasse es Ihnen, Frau Menz und Mamsell, die Wohnung so gemütlich wie möglich für die Damen herzurichten, nehmen Sie aus den Salons der oberen Etage, was sie brauchen. Die Betten sind ja in den Fremdenzimmern gut und reichlich vorhanden!« »Unbesorgt, Herr Baron, wir wollen es ganz nach Wunsch machen!« Und dann hub eine wilde Jagd durch das Haus an, daß die alten verschlafenen Herrlichkeiten jählings aus ihrem langjährigen Traum aufgeschreckt wurden. Frau Menz sauste mit rasselndem Schlüsselbund auf und nieder, der Staub wirbelte in dichten Wolken auf und ein Geruch von Kamphor und Naphthalin durchzog die Luft, bis es frisch und kräftig durch Fenster und Thüren blies, wie der Lebensodem einer neuen Zeit, welche dem alten Haus noch einmal ein Stückchen Jugend vorzaubern soll. Die Mägde schleppten Betten und Teppiche auf den Hof und klopften und schüttelten wie die Goldmarie bei Frau Holle – und Josef saß vor seinem Schreibtisch und lächelte. Wie wohl that ihm dieses muntere Treiben in dem sonst so grabesstillen Hause! Schade ist, daß er in Zukunft so wenig davon genießen kann. In Zukunft? Glühende Röte steigt in seine Wangen, und seine Augen strahlen auf. Gott sei Dank, die Zukunft gehört ja ihm und dem Glück! Und so es der Allmächtige will, kommt auch jene selige, wonnevolle Zeit, wo das Gutshaus von Lichtenhagen sich rüstet, eine junge Herrin zu empfangen. Dann sollen die Rosen und Myrten es umranken, und die Zeit der Frühlingsstürme soll vorüber sein!– Der nächste Morgen brachte den ersten Schnee mit. Langsam rieselten die weißen Flocken durch die Luft. Grau in Grau lag Himmel und Erde, und Josef stand an dem Fenster und blickte heiter in den kahlen Park hinaus, welcher sich in zarte, weiße Dunstschleier zu hüllen begann. Das Herrenhaus war alter Sitte gemäß mit der Front nach dem großen Ökonomiehof gebaut und gewährte nur von den Seitenflügeln und Rückzimmern den Blick in den Garten. Josef hatte für sich eine Eckstube gewählt, von welcher sowohl Hof wie Park zu übersehen waren, und er freute sich solchen Auslugs, denn das geschäftige Leben und Treiben um ihn her that ihm wohl. Die Gegensätze hatten sich wunderlich berührt. So sehr wie er ehemals die Einsamkeit und beschauliche Stille geliebt hatte, so suchte er jetzt die höchsten Wogen von Arbeit und Leben auf, um voll hohen Eifers und unermüdlicher Begeisterung die Kräfte daran zu messen. Welch ein herrliches Leben in diesem großen Wirkungskreis, wo er seiner Hände Werk wachsen und werden sieht, wo sich der Erfolg in greifbarer Form dem Auge bietet und das Ziel kein illusorisches, sondern eine reelle Verwirklichung all der schönen Pläne ist, welche dem Geist vorschweben. Welch eine Befriedigung! Welch ein Glück! Und welch eine freudige Genugthuung, schon heute mit dem Vergelten und Sühnen beginnen zu können. Josef dachte nicht an die Wohlthat, welche er den beiden hilflosen Damen erwies, sondern in erster Linie an sich selbst und die Herzensfreude, welche er an solchem Wohlthun empfand. Daß geben seliger ist, denn nehmen, empfand er jetzt in des Wortes vollster Bedeutung. Stets von neuem trat er in die Zimmer, welche die Mamsell und Frau Menz ganz erstaunlich hübsch und behaglich hergerichtet hatten. Sauber und wohnlich! Vor den Fenstern leuchteten blendend weiße Mullgardinen, der Ofen strömte wohlthuende Wärme aus, und auf dem Blumentisch prangten die schönsten Töpfe, welche Schaal hatte auftreiben können. Sogar das Knäuelkörbchen stand schon auf dem Fensterbrett bereit, wo der bequeme Sessel, von erhöhtem Tritt aus, so recht zum Sitzen und Ausschauhalten einlud. Hier konnte die Geheimrätin ihr Regiment beginnen. In Fräulein Rothtrauts Zimmer stand sogar das alte Tafelklavier, welches der Pächter ein wenig hatte herrichten lassen, damit seine Älteste darauf üben könne. Josef lachte, als er es anschlug. Wie heiser und kurzatmig klang es! Aber es war immerhin besser als nichts, und Fräulein von Damasus brauchte ihre Studien nicht zu unterbrechen. So Gott will, kommt auch noch die Zeit, wo es durch einen schönen, neuen Flügel ersetzt werden kann, – vorläufig heißt es noch säen, damit später desto reicher geerntet werden kann. Wie langsam die Morgenstunden vergehen! Es ist Sonntag, Arbeit gibt es heute nicht, und da die Pferde zur Station müssen, will Josef eine doppelte Stallarbeit vermeiden. Er hat die kleine Strecke nach Krembs zu Fuß zurückgelegt, um dort nach dem Rechten zu schauen. Die frische, klare Winterluft ist eine Erquickung gewesen, und seine kleine Wohnung im Inspektorhaus sah auch schon ganz einladend aus. Der Ofen ist zwar schon gesetzt, aber der Koks ist noch nicht zur Stelle. Gleichviel, tagsüber kann Josef noch in Lichtenhagen sein und des Nachts bedarf er keiner warmen Stube. Endlich ist es an der Zeit, zur Bahn zu fahren. Der Freiherr hat so wenig Erfahrung, er ist so selten mit Damen gereist, er hält den viersitzigen Landauer für völlig ausreichend. Er steigt ein und die Pferde ziehen an. Durch den munteren Tanz der Flocken geht es der Station entgegen. Die Landschaft bietet keine sonderlichen Schönheiten, sie ist flach und waldig, ein schmalspuriges Bahngeleise ist jetzt quer durch Wiesen und Acker nach Krembs gelegt, die Bergbauarbeiten zu fördern, heute am Sonntag ruht alles in tiefem, feierlichem Schweigen. Man ist sehr zeitig von Hause fortgefahren. Josef schreitet harrend auf dem menschenleeren Perron der kleinen Bahnstation auf und ab. Endlich das Signal. Drei Minuten später blickt der Freiherr in das runde, frischwangige Gesicht einer Dame, welche sich spähend aus dem Coupéfenster beugt. Er tritt näher und grüßt empor: »Frau Geheimrat von Damasus?« fragt er höflich. »O, Herr von Torisdorff – Sie bemühen sich selber?« klingt es ihm aufs freudigste bewegt entgegen. Der Schaffner reißt die Coupéthür auf, und die kleine, korpulente Dame steigt mit Josefs Hilfe aus. Sie hält seine Hand fest umschlossen, sie will sprechen – »Bitte, meine Herrschaften – nur zwei Minuten Aufenthalt, – Ihr Handgepäck, meine Damen!« »Und es ist dessen so viel!« klingt es lachend aus dem Wagen, zwei flinke Händchen werfen hastig eine Plaidrolle um die andere, Taschen, Kartons und verschnürte Pakete auf den Perron. »Darf ich Ihnen helfen, mein gnädiges Fräulein?« Josef wartet die Antwort nicht ab, springt in den Wagen und hilft ausräumen. Himmel, welch eine Unmenge Handgepäck! Schon schrillt die Signalpfeife. »So, hier noch den Fußsack! Nun ist alles draußen!« Torisdorff schwingt sich zur Erde, atmet auf und reicht Fräulein Rothtraut die Hand entgegen, ihr zu helfen. Jetzt erst findet er Zeit, sie anzusehen. Ein frisches, rosiges, lachendes Kindergesicht, mit großen, langbewimperten blauen Augen und hellblonden Löckchen, welche unter dem niederen Pelzbarett hervorquellen. Ja, der Rechtsanwalt hat recht, sie ist ein reizendes, liebliches Kind, und der Gedanke, sie dem Schicksal einer vagabondierenden Künstlerin preiszugeben, ist entsetzlich. Sie winkt ihm unbefangen zu, strahlend glücklich, voll unendlicher Dankbarkeit, welche beredter aus den Kinderaugen leuchtet, als alle Worte, welche sie dazu spricht. »O wie gut von Ihnen, lieber Herr von Torisdorff, daß wir kommen dürfen! Wie freundlich von Ihnen, daß Sie uns aufnehmen! Sie glauben ja gar nicht, wie unsagbar wir uns freuen, wie von ganzem Herzen wir Ihnen danken! Ich habe vor lauter Aufregung die halbe Nacht wachgelegen, die ganze Nacht konnte ich mich nicht munter halten, ich war doch gar zu müde, aber es that mir ordentlich leid, als mir die Augen so schwer wurden; ich hätte mich gern noch weiter gefreut, ohne Aufhören, immerzu!« Die Worte sprudelten der erregten Kleinen nur so von den Lippen, und dabei schüttelte sie ihm die Hand so aufgeregt und glückselig, daß Josef bei dieser Ehrlichkeit der Empfindung ein Gefühl der Rührung überkam. Aber kein sentimentales, er lächelte und schüttelte das kleine Händchen nach Kräften wieder. »So Gott will, werden Sie all den versäumten Schlaf in Lichtenhagen wieder nachholen, mein gnädiges Fräulein!« sagte er, und der Versuch zu scherzen stand seinem ernsten Gesicht sehr gut. »Daß Sie sich freuten, zu uns zu kommen, ist mir schon im voraus eine Bürgschaft, daß es Ihnen in dem alten Gutshaus auch gefallen wird! Er wandte sich zu Frau von Damasus und reichte ihr verbindlich den Arm. »Darf ich die Damen zu dem Wagen führen, gnädigste Frau? Es zieht gewaltig hier auf dem Perron, und das Gepäck wird uns sofort nachbesorgt.« Die Geheimrätin blickte mit feuchten Augen zu ihm empor. »Wie gütig Sie für uns sorgen! Mein lebhaftes Töchterchen ist mir mit Wort und Dank zuvorgekommen, da bleibt mir nur die That, es Ihnen zu beweisen, wie sehr erkenntlich ich Ihnen bin!« Sie schritten dem Wagen entgegen, und der Freiherr zog die Hand der Sprecherin respektvoll an die Lippen. Er sah wieder so ernst aus wie zuvor. »Sie haben mir nicht zu danken, meine hochverehrte gnädige Frau, sondern mir viel zu vergeben und zu gestatten, daß ich die schwere Verschuldung meines armen Stiefvaters nach Kräften auszugleichen suche!« Frau von Damasus schüttelte mit mildem Lächeln das Haupt. »Ihren Herrn Stiefvater trifft keinerlei Vorwurf, Herr Baron! Das Unglück, welches über uns hereinbrach, hat er nicht verschuldet, das wissen wir!« »Dennoch knüpft sich das Geschehene an seinen Namen, und verpflichtet uns, die wir ihm nahe standen, dieses Namens Ehre zu retten! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre milden Worte, meine gnädige Frau, und für die Willfährigkeit, meiner Bitte zu folgen und mir Gelegenheit zu geben, schon jetzt in bescheidener Weise für Sie sorgen zu dürfen!« Er half der Geheimrätin in den Wagen und wandte sich zu Rothtraut zurück, welche hochbeladen mit Gepäckstücken herzueilte. »Werden wir all die sieben Sachen unterbringen?« fragte sie munter. »Nicht wahr, der reine Auszug der Kinder Israel! Aber Sie dürfen keine falschen Schlüsse daraus ziehen, als ob wir so besonders gern der Unsitte solcher ›Äppelfuhren‹ fröhnten, es ist diesmal bittere Notwendigkeit! So, nun hole ich eine neue Auflage, stopf derweil die Ecken voll, Mutterchen!« und wie der Wirbelwind flog sie zurück. Josef reichte just einen kleinen Handkoffer auf den Kutschersitz, und die Geheimrätin griff nach einem Schirmpaket. »Wir führen all unsere Habseligkeiten mit uns, Herr von Torisdorff!« sagte sie wie entschuldigend, »und da ich die Überfracht gern sparen wollte, mußten wir so viel zu uns in das Coupé nehmen.« »Aber selbstverständlich, meine gnädigste Frau! Ich mache mir nur Vorwürfe, daß ich unbeholfener Junggeselle nicht an solche Eventualität dachte, und einen besonderen Gepäckwagen schickte. Es wird nun das einfachste sein, wir laden den Landauer so voll wie möglich, und ich folge den Damen zu Fuß nach.« »Um keinen Preis«, wehrte die Geheimrätin ab, und Rothtraut, welche abermals neue Schachteln und Taschen heranschleppte, hob ganz erschrocken das gerötete Gesichtchen. »Das wäre noch besser! Nur diesen Handkoffer gebrauchen wir für heute nacht, alles andere hat lange Zeit! Können die Sachen morgen hier abgeholt werden, Herr von Torisdorff?« »Natürlich, nötigenfalls heute abend noch!« »Nein, die Sonntagsruhe behauptet auch im Pferdestall ihr Recht. Wir gebrauchen die Sachen wirklich nicht. Was wir aufladen können, nehmen wir mit, und das andere kommt morgen nach!« » Tu l'as voulu, George Dandin !« lächelte Josef. »Ich hoffe nur, daß Sie sich um meinetwillen keine Entbehrungen auferlegen! Wenn Sie gestatten, meine gnädige Frau, werde ich das Notwendige veranlassen, und bitte dazu um Ihren Gepäckschein.« Er schritt hochaufgerichtet durch den wirbelnden Schnee davon und Frau von Damasus sah ihm mit langem Blick nach. »Welch ein lieber, prächtiger Mensch!« sagte sie leise, »möge Gott es ihm lohnen, was er an uns thut!« Rothtraut schob die letzte Schachtel unter den Sitz; sie richtete sich auf und schlang voll stürmischen Jubels die Arme um die Mutter. »Ach Mamachen! nun sind wir bald da! Haben wieder eine hübsche, warme Stube, und keine Sorge und Not mehr! Ach, mir ist's, als müßte ich immer laut in die Welt hinaus jubeln, die Wonne erstickt mich! Ich möchte mit den Schneeflocken tanzen und mit dem Sturm um die Wette jagen!« Die Geheimrätin streichelte zärtlich die rosigen Wangen ihres glückseligen Kindes. »Gott sei gelobt dafür, mein Liebling! Ach, der junge Mann ahnt es gewiß gar nicht, wie sehr er uns beglückt!« »Junger Mann?« fragte Rothtraut erstaunt und riß die Augen weit auf, »meinst du Torisdorff?« »Gewiß, wen sonst?« »Den nennst du jung? Auf den Gedanken wäre ich nie gekommen.« Frau von Damasus lachte. »Du wirst ihn mit seinen fünf- oder sechsundzwanzig Jahren doch noch nicht alt nennen?« »Sechsundzwanzig? O ja, das ist doch schon recht alt!« versicherte die Kleine treuherzig; und dann ist er so furchtbar groß und so ernst – so merkwürdig ernst wie ein guter, alter Onkel – selbst wenn er lächelt und scherzen will. Das ist etwas Ungewohntes für ihn, man merkt's gleich. Siehst du, Mama, Herrn von Torisdorff werde ich stets für einen sehr würdigen Herrn halten, so einen, vor dem man gar nicht verlegen zu werden braucht. Und das ist riesig nett! Ich werde ihn darum doppelt gern haben!« Wie treuherzig und kindlich lachten die großen Augen die Mutter an! Die Geheimrätin drückte voll aufwallender Empfindung ihr Kleinod an die Brust. Wie ein heißes Dankgebet stieg es aus ihrem Herzen gen Himmel! Was war ihr das warme Zimmer, das tägliche Brot, welches Torisdorffs Barmherzigkeit ihr gab, gegen die Seelenrettung ihres Kindes! Daß sie dieses junge, reine, unverdorbene Kinderherz noch rechtzeitig aus dem Sündenbabel der großen Stadt retten, daß sie Rothtraut das beste und heiligste Gut, welches sie besaß, ihre Unschuld, erhalten konnte, das war ein Gnadengeschenk, welches jede andere Wohlthat tausendfach überwog. Und wenn der junge Besitzer von Lichtenhagen ihr wahrlich mit der Zeit das verlorene Vermögen zurückerstattete, es war ein Nichts gegen den Reichtum, welchen er ihr schon heute gab, gegen die bewahrte Seele ihres Kindes. Und während das Backfischchen mit glühenden Wangen weiterplauderte von all der köstlichen Freiheit in Feld und Wald, welche sie nun so in vollen Zügen genießen sollte, als sie dem zurückkehrenden Freiherrn in all ihrer quecksilberigen Beweglichkeit entgegennickte und grüßte, standen in den Augen der Mutter helle Thränen, welche langsam über die lächelnden Wangen hernieder auf die gefalteten Hände rollten. XVI. ls der General von Torisdorff noch lebte, hatte Josef am Weihnachtsabend ein paar armen Kindern bescheren dürfen. Er wählte voll freudigen Eifers alles von seinen eigenen, alten Spielsachen aus, was ihm noch schön und gut genug für Christleins Tisch deuchte, und schon dieses geschäftliche Vorbereiten erfüllte sein Kinderherz mit all der Genugthuung, welche ein fröhlicher Geber fühlt. Auch der feierliche Moment des Aufbauens selbst gehörte zu seiner schönsten Weihnachtsfreude, wenngleich er es stets wie eine Art Enttäuschung empfand, wenn die so reich bedachten Kleinen still, scheu, bis zur Versteinerung schüchtern vor all den Herrlichkeiten standen und kaum wagten, den Blick zu heben. »Aber Mama, warum freuen sie sich denn gar nicht?« hatte er oft recht betrübt gefragt. »Sie freuen sich ja, Herzenskind! Sie sind nur von all dem fremden Glanz befangen! Ihr Jubel kommt, wenn sie wieder daheim sind!« Das beklagte Josef jedesmal sehr schmerzlich. Wenn er jemand eine Freude machen wollte, so verlangte er dieselbe auch zu sehen! Als er jetzt die Wohnung für Frau und Fräulein von Damasus hergerichtet hatte, kam es ihm wie eine selige Kindererinnerung an ferne Weihnachtszeiten, wo er auch für Fremde den Tisch bereitet, und wie ein Nachhall an das Ehemals zitterte auch jetzt ein Klang durch seine Seele, der beinahe sehnsüchtige Wunsch: »Ach, wenn sie sich doch auch darüber freuen möchten und mir solche Freude zeigen!« – – Jetzt, als er seine Schützlinge von der Bahn abholte, als er den Damen im Wagen gegenüber saß, sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen, sollte er eine jubelnde, überströmende Freude und Dankbarkeit erleben, nach welcher ehemals sein Kinderherz so sehnsüchtig und so vergeblich verlangt hatte. Die Geheimrätin schien anfangs ein wenig verlegen über die sprudelnde Lebhaftigkeit ihres Töchterchens und suchte dieselbe mit dem Umstand zu entschuldigen, daß Rothtraut so unmittelbar und rückhaltlos in ihrem Empfinden und Denken sei, da sie stets eine so ungeheure Liebe für das Landleben besessen. Ehemals, als die Großeltern noch lebten, habe sie jeden Sommer auf dem Gut derselben verbringen können! Als sie aber in die glänzenden Augen des jungen Freiherrn sah, welcher ihr mit warmen Worten versicherte, solch ein Sonnenstrahl ansteckender Fröhlichkeit sei seltener Gast in seinem dunklen Leben gewesen, er empfinde ihn darum desto wohlthuender, da wehrte sie dem Plaudermäulchen nicht mehr, und Rothtraut triumphierte: »Siehst du, Mama? Herr von Torisdorff ist gar nicht nervös! Er erträgt die Geister, welche er gerufen hat, mit Würde!« Und dabei saß sie keinen Augenblick auf ihrem Platze still, jeder Baum, jedes Gebäude, jeder Acker interessierte sie, alles mußte ihr benannt und erklärt werden, auf den Anblick der geheimnisvollen Bergwerksarbeiten »brannte« sie, und auf Lichtenhagen, seine Pferde-, Kuh- und Schafställe freute sie sich so, so, – es gab gar keine Worte, zu sagen wie! Und Josef freute sich mit ihr; auch ihm fuhr der Wagen plötzlich viel zu langsam, und als er endlich vor der steinernen Treppe des Gutshauses hielt und Rothtraut voll stürmischen Entzückens die Arme so jählings ausbreitete, daß die Geheimrätin bis in die äußerste Wagenecke flüchten mußte, da rüttelte er ebenso ungeduldig an dem etwas verquollenen Wagenschlag, wie das Backfischchen mit den kleinen Füßen zappelte! Endlich konnte sie zur Erde springen, und sie stand und starrte ungeniert den imposanten, altertümlichen Bau an und stieß so recht aus tiefstem Herzen hervor: »Mama! sieh doch, wie wunder-, wunderschön! Noch viel schöner, als ich gedacht habe!« Und ihre lebhaften Augen blitzten in dem frisch geröteten Gesichtchen und ließen die Blicke umherschweifen, so viel kindlich froher und entzückter, wie ehemals all die Kleinen zusammen, welche vor seinem Christbaum standen. Josef konnte sich gar nicht satt an so viel ehrlicher und reizender Freude sehen. Handgepäck, Mutter, Torisdorff, alles war vergessen! Rothtraut stand vor ihrem Weihnachtstisch und schaute – schaute! Josef winkte der herbeieilenden Mamsell und Schaal zu, die Sachen aus dem Wagen zu nehmen; dann bot er Frau von Damasus respektvoll den Arm, sie voll ritterlicher Zuvorkommenheit nach ihren Zimmern zu führen. Dieses Benehmen des Hausherrn räumte der Geheimrätin von vornherein die Stellung in Lichtenhagen ein, welche ihr gegeben werden sollte, und die alte Dame empfand diesen Takt ihres jungen Beschützers voll unbeschreiblichen Dankes. Sie, welche für ein Markstück bei Schuster und Schneider am Herd gestanden, um ein Gevatteressen zu kochen, brauchte das in den Augen des Freiherrn von Torisdorff nicht zu entgelten; er gab ihr die Ehren, welche ihr gebührten, als etwas durchaus Selbstverständliches. Rothtraut sprang, fiebernd vor Neugierde und Interesse, die Steinstufen empor. Zuvor nickte sie mit herzigem Lächeln der Mamsell und Schaal zu, rief dem knixenden Mädchen an der Thür ein beinahe übermütiges »Grüß Gott!« zu und staunte dann, einen Moment still stehend, die Halle an, in welcher zu Ehren des Tages ein helles Feuer in dem Kamin prasselte. »Mama! Mama! Hast du gesehen?« Aber Frau von Damasus war schon in ihr Zimmer getreten und Rothtraut stürmte ihr nach. Josef blickte ihr bereits entgegen, erwartungsvoll, mehr noch beglückt wie die, welche er erfreuen wollte. Und er fand seinen Lohn. Die alte, verträumte Herrlichkeit des so lange Jahre verlassenen Lichtenhagen wurde wie mit einem Zauberschlage lebendig, als der helle, ungestüme Jubel der frischen Mädchenstimme sie durchhaute. So erwachte wohl das Dornröschenschloß nach langem Zauberschlaf! Welch ein Bewundern! Welch ein Danken! Welch ein Fragen kreuz und quer! Während Frau von Damasus nur in übermächtigem Gefühl dem jungen Mann beide Hände entgegenbot und mit feuchten Augen flüsterte: »Gott lohne es Ihnen, was Sie an uns thun!«, kannte Rothtraut keine Rührung oder Ergriffenheit; sie jubelte durch die schönen, behaglichen Räume, sie war in dem einen Augenblick hier, in dem andern dort, sie sah mit hundert Augen, sie schwelgte wie ein Kind in dem Rausch interessanter Neuheiten. Und dann klappte sie mit einem silberhell jauchzenden Lachen das Klavier auf, unbekümmert um alle, welche ihr lachend mit den Blicken folgten, schlug ein paar Akkorde an und sang mit schallender, glockenheller Stimme: »Sei mir gegrüßt viel tausend Mal! Sei mir gegrüßt! Sei mir gegrüßt!« Ja, das stille Haus war lebendig geworden, und die Schneeflocken tanzten so toll draußen durch die Luft, als hätten sie durch die Scheiben gelugt und sich dieses Wandels unbändig gefreut. Josef trat mit strahlendem Gesicht neben das Klavier. »Können Sie wirklich darauf spielen? Paßt es wirklich zu Ihrem Gesang?« »Und ob es paßt!« nickte Rothtraut eifrig. »Finden Sie es etwa schlecht? Na, da hätten Sie mal den Rumpelkasten hören sollen, den Mama mir in der Stadt gemietet hatte! Da gingen immer nur drei Töne nebeneinander, und dazwischen klang es immer: pff – pff – als ob einer durch 'ne Zahnlücke pustete!« »Und darauf mußten Sie üben?« Rothtraut nickte und spielte mit kolossaler Vehemenz weiter. »Volle ein und ein halbes Jahr! Seit ich konfirmiert war, ging's mit der Musik los!« »Schon vor so langer Zeit sind Sie konfirmiert?« lächelte er. Sie sah ihn einen Moment prüfend an. »Ich war ja schon fünfzehn Jahre damals alt! Jetzt werde ich schon siebzehn. Ist das eigentlich noch jung oder schon alt? Mir ist nämlich beides ganz gleichgültig. In die Schule brauche ich nicht mehr zu gehen, und mehr verlange ich vorläufig nicht.« »Musik studierten Sie gern?« Sie zog das Näschen ein wenig kraus. »Man muß auch dabei so lange auf einem Fleck sitzen und mir macht es hauptsächlich Freude, im Haus herum zu wirtschaften! In unserm kleinen Stübchen hatte ich gar keinen Platz dazu – aber hier! – Ach, hier ist Freiheit! Hier kann ich mich doch bewegen!« – Und den Worten sogleich die That folgen lassend, sprang sie auf und dehnte voll Wonne die Arme. »Und dieses prachtvolle, große Zimmer soll wirklich für mich sein? Ich habe meine eigene Stube?« »Gewiß, mein gnädiges Fräulein!« »Du großer Gott! Das muß ich heute abend sofort noch an Hagborns schreiben! Natürlich nur per Postkarte – zu einem Brief fände ich unmöglich schon Zeit! – Schreiben Sie gerne Briefe? – Gewiß nein! Ich auch nicht! Und... ach... hier steht ja noch ein Schreibtisch! – Auch für mich? – Mama! Mama! Ich habe einen eigenen Schreibtisch für mich! – Dann schreibe ich natürlich auch Briefe! – An wen denn nur? – O, ich werde mich schon auf genug Menschen besinnen, – vielleicht führe ich jetzt ein Tagebuch, dem Schreibtisch zu Liebe! Prachtvoll, das thue ich! – Und dieser süße, kleine Schrank! Welch eine seltsame Façon! Mit ganz schiefen Füßen, wie ein Teckel! Aber reizend, wonnig! Ganz von Gold und mit Perlmutter... Wo wohnen Sie eigentlich? – Dort? – Darf ich Ihre Zimmer auch sehen?« »Wenn es Ihnen Freude macht, stehen Ihnen alle Schlüssel zu dem ganzen Hause zur Verfügung.« »O Sie lieber, guter Herr von Torisdorff! Sie sind wirklich furchtbar nett! Ach, wie bin ich so glücklich, so sehr glücklich! Ob wohl die Kaiserin ebenso glücklich ist wie ich? Ich glaube, ja, die Kaiserin ist's! Aber sonst kein Mensch weiter auf der ganzen Welt!« Frau von Damasus trat herzu und legte die Hand auf den Arm des aufgeregten Töchterchens. »Nun beruhige dich erst einmal, du Wildfang, und lege deinen Mantel ab. Du siehst, daß Herr von Torisdorff gerufen wird.« Schaal trat in die Thür und fragte in strammer Haltung an, ob das Mittagbrot allsogleich serviert werden solle. »Ach ja, bitte, ich habe tollen Hunger!« flehte Rothtraut leise und ohne alle Prüderie. Josef lachte, und empfahl sich mit der Versicherung, daß diesem Übel sofort abgeholfen werden solle. »Aber, Kind, genierst du dich denn gar nicht?« entsetzte sich die Geheimrätin. Die Kleine sah sie erstaunt an: »Vor Torisdorff? Nein! Muß ich mich vor ihm genieren? Ach, das ist so langweilig! Warum denn? Er ist ja so alt gegen mich, und bei Onkel Theodor habe ich mich auch nie geziert! Ich habe doch wirklich Hunger, wirklich schrecklichen Hunger, Mama!« Frau von Damasus lächelt und durch ihre Gedanken zieht es wie ein trautes Wort: »Betend, – daß Gott dich erhalte, so jung, so hold und rein!« – – – – – – – – Welch einen Wandel hatten die wenigen Wochen für Lichtenhagen mitgebracht! Neues Leben flutete durch das Haus. Die milde, aber sehr umsichtige und vortreffliche Leitung der Geheimrätin schaffte bald eine Ordnung und ein Behagen, welches dem ganzen Haushalt einen neuen Stempel aufdrückte, und Josef freute sich immer mehr auf die Stunden, welche er in Lichtenhagen zubringen konnte. Die Arbeiten in Krembs schritten der Kälte wegen nur langsam vorwärts, und der junge Gutsherr hatte viel freie Zeit, welche er seinen Gästen – denn als solche erachtete er die Damen – widmen konnte. Sein Verkehr mit Rothtraut gestaltete sich immer erquicklicher. Die Gegensätze berührten sich in wohlthuendster Weise. Der tiefe Ernst seines Wesens, welcher sich auch in seinem Äußeren ausprägte und nie ganz zu verwischen war, wenn er selbst auf den heitern Ton des Backfischchens einging und mit ihr scherzte und lachte, bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrer sonnigen Kindlichkeit und gestaltete den Verkehr zwischen ihnen so harmlos, wie zwischen einem gereiften Mann und einem kleinen Mädchen. Rothtraut hatte von Anfang an das ruhige und gesetzte Wesen Torisdorffs »alt« genannt, und dieses Empfinden hielt alles fern, was auch nur den leisesten lyrischen Gedanken in ihr hätte wecken können. In diesem Falle berührten sich die Gegensätze nicht. So gern und viel beide zusammen verkehrten, so erfrischend Rothtrauts Wesen auf Josef – und so veredelnd wie sein Einfluß auf ihre Oberflächlichkeit wirkte –, es lag doch zwischen ihnen ein unbewußtes Etwas, welches kein anderes Empfinden als das einer herzlichen Freundschaft zwischen ihnen aufkommen ließ. Josefs Herz gehörte mit all seiner Liebe und seinem treuen Sehnen Charitas, und je mehr die Zeit verstrich, ohne daß er Nachricht von ihr erhoffen durfte, um so quälender empfand er diese vollkommene Trennung von ihr. Nach Weihnachten erfaßte ihn eine so leidenschaftliche Sehnsucht, daß er mit bebender Hand den Federhalter umkrampfte, um ihr zu schreiben und sie wenigstens von dem ganzen Wandel der Verhältnisse in Kenntnis zu setzen, aber mit verzweifeltem Aufstöhnen warf er die Feder wieder aus der Hand. Er durfte ihr nicht schreiben! Er mußte es sich selbst sagen, daß sein Brief, falls er von den Pflegeeltern abgefaßt wurde, der armen Geliebten namenlose Unannehmlichkeiten bereiten würde. Ihr Leben war jetzt schon eine Hölle, – sollte er es noch trostloser gestalten? Noch könnte er die Geliebte nicht als Weib heimführen, noch stand sie unter der Gewalt des Vormundes, welche erst im kommenden Herbst ihr Ende erreichen wird. Freiwillig gibt Schaddinghaus nie seine Erlaubnis zu ihrer Ehe, denn Josefs Scharfblick ist es nicht entgangen, daß das Ehepaar die Nichte aus gemeinstem Egoismus an sich fesselt und sie aus Berechnung von aller Welt und allem Verkehr zurückhält. Warum also unnötige Kämpfe heraufbeschwören! Charitas Mündigkeitserklärung wird eine ruhige und glatte Lösung bringen. Also in Geduld bis zum nächsten Herbst aushalten. Aber die Geduld war eine schwere Übung, und die Sehnsucht zeigte sich stärker als sie. Im Januar mußte Torisdorff eine Reise antreten, geschäftliche Beziehungen anzuknüpfen. Als er vor dem gepackten Koffer stand, kam es voll unwiderstehlicher Gewalt über ihn. Er reiste nach Eisenach. Vielleicht gelang es ihm, Charitas unbemerkt zu sehen, sie zu sprechen, ihr alles mitzuteilen. Ach, wie wird ihnen beiden nach einer solch seligen Aussprache das Warten leicht werden! Er fand die kleine Villa im Marienthal, welche Regierungsrat Schaddinghaus bewohnte. Aber die Auskunft, welche er von der Dienerschaft des Nachbargebäudes erhielt, war trostlos. Herr Schaddinghaus befand sich als Abgeordneter in Berlin, und seine Frau und Nichte hatten eine Reise nach dem Süden angetreten. Ein Mädchen behauptete, die Regierungsrätin verbringe den Winter bei Verwandten auf einer ganz einsamen Oberförsterei, wohl der armen Pflegetochter zum Trotz, welche ja wie eine Gefangene gehalten werde. Etwas Genaues wußte niemand. Auch auf der Post kannte man keine Adresse der beiden Damen. Es kamen keine Briefe zum Nachsenden. Sehr niedergeschlagen setzte Josef die Reise fort. Es blieb keine Möglichkeit, sich der Geliebten zu nähern, er mußte den Herbst abwarten, um sein Glück zu erringen und zu eigen zu nehmen. Rothtraut stand auf dem Perron und empfing ihn voll Jubel. »Ich bin heimlich mit herausgefahren!« berichtete sie ihm strahlenden Blicks. »Mama würde es nicht erlaubt haben! Sie findet es unpassend – als ob Sie nicht alt genug wären, um mich chaperonnieren zu können! Ich mußte Ihnen aber entgegenkommen! Ich hielt es gar nicht aus vor Ungeduld. Denken Sie doch, Borbeck ist am Fieber krank geworden. Der Doktor meint, er habe sich bei der Erdarbeit erkältet, es war so naß in den letzten Tagen, – fünf Grad Wärme plötzlich! Aber Mama pflegt ihn, und der Doktor meint, wir bekämen ihn bald wieder hoch! Und der Förster hat jetzt einen prachtvollen Bericht erstattet, zwei kapitale Rehböcke stehen am Steinkopf, und von den königlichen Forsten sind Wildschweine übergetreten. Hasen gab's auch noch in schwerer Menge, wir mußten die paar Tage im Januar noch benutzen und abschießen! Darf ich wieder mit hinaus und treiben helfen? – Ach bitte, bitte, nicht wahr, Sie nehmen mich mit, lieber, allerbester Herr von Torisdorff?« Josef war ein wenig betroffen, als er den kleinen Wildfang vor sich sah. Ihre große Freude und Munterkeit berührten ihn so sympathisch wie immer, aber er hielt es für ebenso wenig passend wie die Geheimrätin, allein mit dem jungen Mädchen eine verhältnismäßig weite Strecke durch Dorfschaften und die kleine Provinzialstadt, wo er noch vorsprechen mußte, zu fahren. »Wie freundlich, daß Sie mich abholen, Fräulein Rothtraut«, sagte er und schüttelte ihr herzlich die Hand, »und wie sehr schade, daß ich nun doch nicht mit Ihnen heimfahren kann. Ich habe noch in der Stadt zu thun und darf Sie unmöglich so lange aushalten, Ihre Frau Mama würde sich ängstigen!« Sehr enttäuscht sahen die großen Kinderaugen zu ihm auf. »Und ich hatte mich so sehr gefreut!« sagte sie leise. Und warm ward es ihm bei solch herzlicher Naivetät ums Herz. Sein Blick umfaßte mit der Zärtlichkeit eines Vaters ihr junges Gesichtchen. »Wir werden ja nun alle Tage wieder zusammen sein, Domino spielen, musizieren und auf die Jagd gehen«, lächelte er. »Sie wissen, daß mir Ihr Gesang so lieb ist, kleine Heidelerche, daß er mir so frohe, hoffnungsfreudige Gedanken vorzaubert, und deren bedarf ich jetzt recht viele, also wird es wohl oft heißen: »Bitte etwas Musik, Herr Kapellmeister!« – Er scherzte, und doch lag dabei der alte ernste Ausdruck auf seinem Gesicht. Auch Rothtraut lachte – und ihr Lachen war wie Sonnenschein. Sie nickte lebhaft und schritt an seiner Seite zu dem Gepäckschalter. »Ich möchte Ihnen so gern etwas erzählen – ich kann's ja gar nicht mehr auf dem Herzen behalten, so recht albern wie ein ungeduldiges Kind, nicht wahr? Aber ich bin nun leider Gottes so, hinterher wird es mir meist klar, wie thöricht ich handle, aber dann ist es schon zu spät!« Sie seufzte so schmerzlich auf, daß Josef abermals lächelte: »Ist es denn gar so wichtig, daß Sie nicht ein Stündchen länger in Lichtenhagen warten konnten?« »Furchtbar wichtig!« – Sie warf einen Blick hinter sich nach dem Schalter, ob auch niemand das Geheimnis erlauschen könne und fuhr hastig fort: »Wissen Sie noch, an dem ersten Tag, als wir ankamen, erlaubten Sie mir doch, daß ich alle Zimmer in dem Hause sehen könnte – auch die Ihren –, nicht wahr? Sie erinnern sich!« »Gewiß! selbstverständlich!« »Mama hat es nun nie erlaubt, daß ich Ihre Wohnung auf dem linken Flügel betrat, nicht mal, wenn Sie weg waren, wo Sie doch gar nichts davon gemerkt hätten! – als ob ich etwas anfassen und entzwei schlagen würde! So klein bin ich doch wirklich nicht mehr! Vor ein paar Tagen nun – als Sie verreist waren, stand die Thür von dem Eßzimmer nach Ihrer Wohnstube offen, und ich sah, daß die Mamsell darin rein machte. »Soll ich Ihnen ein bißchen helfen, Linchen? Vielleicht Staub wischen?« – fragte ich, und der dicken Pastete war das natürlich sehr recht. Also ich kam nun doch hinein und wischte Staub. – Und da ... da ... »Gab es Scherben?« – Er amüsierte sich herrlich. Voll Entrüstung hob sie die Hände. »Gott bewahre! Es war ja gar nichts Zerbrechliches da! Nein – ich kam auch an Ihren Schreibtisch –« Sie senkte das Köpfchen sehr tief, glühende Blutwellen fluteten über die Wangen. »Sie kippten die Tinte um?« »Nein!« – – Ein schnelles Kopfschütteln. »Aber ein kleines Malheur gab es doch!« »Nun? – Sie haben schon im voraus vollste Absolution!« »Da stand eine Photographie – von einem jungen Herrn – ach, ein bildschöner Mensch! So schön wie ich noch gar niemand gesehen habe –« ihre Stimme klang stockend, ein strahlender Blick flog zu dem ernsten Mann empor – »und da nahm ich es – und wollte es besehen – und da –« Er lächelte noch mehr. »Und da? – Was konnte dem Bildchen geschehen –?« »Es fiel auf die Erde...« Rothtraut hatte das Köpfchen noch tiefer gesenkt, sie atmete sehr schwer und die dunklen Wimpern blieben tief gesenkt. »Was schadet das einer Photographie?« – fragte er erstaunt. »Nichts! – Sie ist wirklich unversehrt!« – stotterte sie. Nun lachte er schallend auf: »Und dies ist das ganze Unglück, welches sich ereignete?« – Fräulein von Damasus blieb merkwürdigerweise recht ernst. »Sie war doch hingefallen – auf die feuchte Erde – den Schreck hatte ich doch weg, denn ich wußte ja gar nicht, wen das Bild vorstellt, – ob es Ihnen nicht sehr lieb und teuer war?« – Abermals ein seltsam forschender, beinahe flehender Blick zu ihm auf. Josef war so gar kein Frauenkenner, er hatte nie Gelegenheit gehabt, in Mädchenaugen und Mädchenherzen zu lesen, er blieb völlig harmlos und lachte noch immer. »Nein, mein Wort darauf, ich nehme die schlechte Behandlung des Bildes wirklich nicht übel!« – Ihre Fingerchen zupften ungeduldig an dem langhaarigen Muff. »Mamsell wußte auch nicht, wen das Bild vorstellt!« »I bewahre, woher soll sie das auch wissen, Klaus war noch niemals in Lichtenhagen!« Ihre Augen flammten auf. »Klaus?« – wiederholte sie hastig. Der Gepäckträger trat hinzu und meldete, daß der Koffer auf den Wagen geladen sei. Herr von Torisdorff wandte sich zur Seite, zog die Börse und lohnte den Mann ab; und während er noch ein paar Worte mit ihm wechselte, stand Rothtraut erwartungsvoll, mit glühenden Wangen, sich schier verzehrend vor Ungeduld. Endlich trat Josef zu ihr zurück. »Es ist so weit alles in Ordnung, mein gnädiges Fräulein, darf ich Sie zum Wagen bringen?« Sie nickte. »Und wer... wer ist er also?« »Wer? – Von wem sprechen Sie?« Ihre scharfen, weißen Zähnchen schnitten in ihre Lippe. »Nun jener Klaus, – Sie wollten mir doch sagen, wer er eigentlich ist!« »Ah so! Der Mann, welcher Ihnen zu Füßen gefallen!« – lachte Josef harmlos und ein wenig zerstreut, sein Blick musterte die Pferde, welche ein Stückchen abseits an der Chaussee hielten. »Habe ich Ihnen noch nicht von meinem Bruder erzählt?« »Ihr Bruder?« »Mein Stiefbruder, – Klaus Sterley! Ich dachte, wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, und bin selber erstaunt, daß ich Ihnen meinen liebsten Kamerad noch nicht – in effigie wenigstens – vorgestellt habe!« »Nein, das thaten Sie noch nicht!« versicherte Rothtraut sehr lebhaft, und es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichtchen, welcher wohl jedem anderen Manne aufgefallen wäre. »Wo wohnt denn Herr Sterley?« »Zur Zeit in München!« »Was thut er da?« »Er malt.« »Als Künstler? – Er ist Maler?« Wie ein Schrei schwärmerischen Entzückens klang es. Aber Josef bemerkte es nicht. »Jawohl, Künstler! Und so Gott will, ist er einer von Gottes Gnaden, welcher noch viel Bedeutendes und Meisterliches schaffen wird!« versicherte er stolz. »Mögen Sie schöne Gemälde gern, Fräulein Rothtraut?« Sie preßte den Muff stürmisch gegen die Brust, ihre frischen Lippen bebten. »Es gibt ja gar nichts schöneres! – Ach wie viel lieber hätte ich malen anstatt singen gelernt! Aber mein Vormund meinte, es sei eine zu brotlose Kunst, ich könne nicht schnell genug damit verdienen!« »Haben Sie denn Talent?« »Ich glaube wohl, ich habe immer gern gezeichnet und als Kind Bilderbogen angetuscht, ob es aber etwas taugt, weiß ich nicht! So ein Maler ist ein gar zu interessanter Mensch, – ich habe mal ein Buch gelesen, wo ein Maler der Hauptheld war, ach so geschwärmt wie für den habe ich noch nie wieder! –« Und dann senkte sie das Köpfchen wieder und blickte zur Seite. »Ist Ihr Herr Bruder schon lange verheiratet?« – forschte sie diplomatisch. »Schon lange? – Nein, er ist überhaupt noch nicht vermählt!« »Aber verlobt?« »Daß ich nicht wüßte! So, wie ich Klaus kenne und taxiere, denkt er auch noch nicht daran, sich zu binden!« »So; und wenn ihm nun Eine so recht, recht gut gefällt?« Wie leise sie sprach, er verstand es kaum. »Nun, dann muß er sich auch erst eine sichere Existenz gegründet haben, ehe er ans Heiraten denken darf.« »Er sieht so lustig auf dem Bilde aus –« »Das ist er gottlob auch!« »Fabelhaft nett?« – »Ein Prachtmensch! Ein vortrefflicher Charakter!« Josefs Augen leuchteten selber bei dem Gedanken in so stolzer Genugthuung, daß ihm das strahlende Lächeln Rothtrauts gar nicht auffiel. »Kommt er nicht einmal nach Lichtenhagen?« »Für den Sommer rechne ich bestimmt auf seinen Besuch!« Ein leiser Jubellaut an seiner Seite, – die Kleine warf ausgelassen den Muff in die Luft und fing ihn wieder auf. »Dann soll er Ihnen gewiß Malunterricht geben?« fragte Torisdorff amüsiert. Sie schüttelte übermütig das blonde Köpfchen. »Was thut König Ringangs Töchterlein?« sang sie schelmisch: »was thut sie wohl den ganzen Tag, da sie nicht sitzen und malen mag – thut fischen und jagen!« »Ich glaube, damit ist Klaus ebenso einverstanden, denn das Streifen durch Feld und Wald ist ihm eine große Passion!« »Ich würde mich auch viel zu sehr genieren, bei ihm zu malen, – ich kann ja noch nichts!« »Wollen Sie sich ein wenig darin üben? Das Zeichnen verstehe ich zur Not, und könnte Ihnen dabei wohl behilflich sein!« »O, das wäre schön!« »Probieren wir's einmal!« »Herrlich! Wann fangen wir an?« »Wenn es Ihnen paßt! Ich habe jetzt noch viel freie Zeit, wenn aber der Frühling über die Berge steigt, ist's aus damit.« »Gut, – morgen nach Tisch, in Mamas Zimmer, ja!« »Ich stehe zur Verfügung; Was soll zuerst gezeichnet werden? – Landschaften?« »Etwas ganz, ganz leichtes! Ich kann ja noch nichts.« Seltsam, vor ihm geniert sie sich nicht. Nein, Josef ist gar kein Menschenkenner, sonst hätte ihm solch ein Widerspruch wohl auffallen müssen. Er hebt die Kleine in den Wagen und reicht ihr die Hand zum Lebewohl. Da blickt sie ihn plötzlich mit flehendem Blick an und wird ganz ängstlich. »Sie fahren also wirklich nicht mit? Ach, ich verstehe, ich weiß warum! Lieber, bester Herr von Torisdorff, seien Sie mir, bitte, bitte, nicht böse! Ich empfinde es jetzt selber, wie unpassend es war, Ihnen entgegen zu fahren! Aber... ich war wieder so im Eifer... um des Bildes willen vergaß ich alles! – Wirklich nur um des Bildes willen! Nicht wahr, Sie sind nicht böse, und Sie sagen auch nichts Mama und Ihrem Bruder?« »Klaus? Daß Sie das unerhörte Verbrechen begangen und sein Bild auf die Erde geworfen haben? O, wie sollte ich Sie derart verketzern! Nein, das bleibt für ewige Zeit ein Geheimnis zwischen uns! Und nun Gott befohlen, ich kann Ihnen weder heute noch jemals böse sein! Zufahren, Schaal! Sie bringen das gnädige Fräulein nach Hause und holen mich dann hier ab. Vor der ›Traube‹ können Sie auf mich warten! Addio, Fräulein Rothtraut! Auf Wiedersehen!« * * * XVII. n einer stillen, kleinen Seitenstraße, vier Treppen hoch, nach einem Garten hinaus gelegen, befand sich das Atelier Klaus Sterleys, ein hohes, luftiges Zimmer, mit breiter Glaswand und Oberlicht, welches mit all dem eleganten und üppigen Geschmack eines Millionärsohnes eingerichtet war. So, wie ehemals James Franklin Sterley das Künstlerheim seines Sohnes eingerichtet hatte, war es im großen und ganzen erhalten worden, wenn Klaus seine vorderen, fürstlichen Räume auch gegen ein sehr bescheidenes, kleines Logis umgetauscht und die kostbarsten Stücke der Ausstattung verkauft hatte, um in der ersten Zeit des furchtbaren Wechsels über etwas mehr Bargeld verfügen zu können. Als Josef und er ehemals das Abiturientenexamen bestanden hatten, schickte der Bankier die beiden Söhne für zwei Jahre auf Reisen, die Welt kennen zu lernen und die köstliche Freiheit zu genießen, ehe sich dieselbe unter der Signatur »akademische Freiheit« unter die selbstgeschaffenen, recht strengen Gesetze des Korps beugen mußte. Während des zweiten Winters hatten sich die jungen Leute auch unter dem Schutz ihres Reisebegleiters nach Indien und Bangkok begeben, und von dort hatte Klaus eine wunderliche Sammlung von Raritäten heimgebracht, welche seinem Atelier einen ganz eigenartigen und interessanten Anstrich gaben. Als Josef sich für den geistlichen Stand entschied, hatte er dem Stiefbruder auch seine Sammlung zum Geschenk gemacht, und nun strotzten die Wände des großen Lichtraumes und des anstoßenden Wohnzimmers von den herrlichsten Waffen, deren sametene, goldfiligrangeschmückten Scheiden oder Griffe es am deutlichsten zeigten, daß sie schon in manch brauner Faust blutigen Dienst gethan. Zwischen krummen Säbeln, deren breite, geschweifte Klingen wie Silberbänder gleißten, schoben sich seltsam schlanke, bunte Beduinenflinten, Rüststücke, greuliche Teufelsmasken und Bronzewaren, ragten die Elephantenzähne aus den Gewinden leuchtend farbiger Seidenshawls, kunstvolle Ampeln tragend, wie sie in Götzentempeln leuchten oder, an gebogenem Schiffsschnabel schaukelnd, ihr rotes Licht über die Fluten des Meeres werfen. Wunderlichkeiten aus Teakholz, Bambus, Nachbildungen kleiner Pagoden, Tierfelle, ausgestopfte Krokodile und fremdartige Kleidungsstücke, goldgestickte Decken und Schleier einigten sich zu origineller Schaustellung, und zwischendurch nickten schlanke Palmenwedel, schimmerten die weißen Marmorleiber der Antiken, lugten halb versteckt die Skizzen und Studienköpfe, frisch und flott, genial entworfen und frappierend durch eine Farbenharmonie, welche den seinen und doch in recht eigenen Bahnen wandelnden Geschmack des jungen Künstlers verriet. Der Koksofen, welcher hinter dem mächtigen geputzten und goldgemalten Lederschirm versteckt stand, über dessen Rand eine wahre Wildnis von frischem Lorbeergrün, durchglänzt von den weißen Sammetkelchen künstlicher Lotosblumen, emporwucherte, strömte nur noch geringe Wärme aus, denn die Märzsonne schien vorzeitig warm und hell durch die Scheiben. Inmitten des Ateliers, auf hoher Staffelei stand ein vollendetes Gemälde, vor welchem Klaus Sterley gedankenvoll, weit zurückgelehnt im Sessel lag. Seine Hand hielt noch Palette und Pinsel – und sein Blick schweifte prüfend, forschend und kritisierend über das Werk, ob sich nicht doch noch daran feilen und verbessern ließe. Ein schönes, ungeheuer stimmungsvolles Bild. Eine düstere, hochwogende See – grau in grau verschwimmend, mit einem wetterschwangeren Himmel, über welchen sturmzersetzte Wolkengebilde jagen. – Die Möve flattert auf, man glaubt ihren angstvollen Schrei durch Brandung und Sturmgebraus zu hören, – ein greller Lichtblitz zuckt über die eine ihrer weißen Schwingen. Und im Vordergrund, im flatternden Riedgras, auf halbversandetem Runenstein sitzt die mantelumhüllte Gestalt eines Jünglings, das melancholisch ernste Antlitz zeichnet sich scharf ab gegen den drohenden Himmel, und in den Augen drückt sich eine so gewaltige, wundersame Sehnsucht – ein so düsteres Verlangen aus, – als habe der Sturm nicht nur die Tiefen des Meeres, sondern auch die einer jungen Menschenseele aufgewühlt, sie ringen zu lassen im verzweifelten Kampf gegen sich selbst. Josef? Jene Skizze, welche Klaus einst am Strand von Ostende so flüchtig und doch so treffend entworfen, hat er ausgeführt und ein Werk daraus geschaffen, welchem seine Lehrer voll Anerkennung und staunender Freude zugenickt haben. Die Atelierthür öffnet sich: »Bist du noch daheim, Klaus?« und dann klingen Schritte näher. Sterley hat nur gedankenvoll gelächelt, er streckt, ohne sich umzublicken, die Hand zurück. »Ist's schon Zeit, dear Schorsch?« Ein Händedruck. »Donnerwetter! Famos! Da bläst einem ja eine nette Brise ins Gesicht, wenn man in den Rahmen guckt!« »Auf Wort? – Kommts wie Seeluft?« »Du bist ein genialer Kerl, Klaus! Du hast nicht nur die spielende Leichtigkeit der Technik, du hast auch Phantasie! Und das ist die Hauptsache. Ein Bild, bei welchem man sich nichts denken kann, ist kein Kunstwerk, das ist ein Stück Tapete. Du bist kein Realist, und doch trägt das Stück Leben und Natur, welches du auf die Leinwand bringst, den vollen Schein der Wirklichkeit, das ist der Tric, welcher dich berühmt machen wird! Der graue Mensch da ist dein Bruder? Ich habe ihn nur einmal vor Jahren bei dir gesehen, aber die Ähnlichkeit ist frappant. Herr des Himmels, wäre mir solch eine Idee bei seinem Anblick gekommen! Aber das ist's eben, du verstehst es, die Eigenart auszunutzen. Das Gesicht paßt nur zu einer solchen Staffage – und wie großartig wirkt es darin! – Donnerwetter ja! – Also die eine Hälfte ist fertig, wann beginnst du die zweite?« »Eine Hälfte? – zweite? – Was meinst du damit?« Der junge Maler, von seinen Freunden » dear Schorsch« genannt, zog den breitrandigen Filzhut von dem Kopf und fuhr mit gespreizten Fingern durch das aufbäumende Haar. »Na – dies Bild ist doch gewissermaßen eine Frage, das Publikum wird nun auch eine Antwort darauf verlangen.« »Mensch, entschleiere deine Seele! – Eine Frage?« »Gewiß, oder willst du einen anderen Titel in den Katalog drucken lassen?« Klaus lachte. »Ich wollte das Bild »Frühlingsstürme« nennen. Sturm außen und Sturm innen. Findest du das nicht gut?« »Nee! – Nimm's mir nicht übel, der Gedanke liegt zu sehr auf der Hand, um noch ausgesprochen zu werden. Zu dem Bilde gehört ein viel originellerer Titel, so was, worüber die jungen Mädchen seufzen, die Kenner lächeln und die Kollegen schimpfen, was absonderliches, mein ich.« »Teufel ja! Du magst recht haben. Aber woher nehmen und nicht stehlen. Ein Titel, ein Titel, ein Königreich für einen Titel!« »Wenn du es nun »Eine Frage« nennst? Eine Frage, welche der einsame Grübler an das Schicksal richtet, vielleicht über seine Zukunft? Er hat hochfliegende Pläne, er will empor! Er will mit kühnen Schwingen zur Sonne. Und nun ein Pendant dazu – Die Antwort! – Na, da sieht man eben, wie das Schicksal antwortet, vielleicht mit strahlendem Sieg, oder auch düster, unheimlich – gebrochene Schwingen und der Rest ist Schweigen ... weißt du, so eine ganze Lebenstragödie mit ein paar Pinselstrichen! Donnerwetter ja! 's ist ja dein Bruder, aber im Sterben müßte sich der Kerl patent ausnehmen.« »Hm – so male ich ihn aber nicht, – nein, das könnte ich nicht; ich ginge selber zu Grunde an solch einer Phantasie.« Klaus sprang auf und schritt, die Hände in die Taschen seiner Sammetjoppe versenkt, mit erregten Schritten auf dem echten Perserteppich hin und her. »Na, es kann ja auch eine gute Antwort sein. Blick in eine kleine Hütte, freundliche Gattin, sieben hoffnungsvolle Sprossen, ein paar realistisch gehaltene Windeln am Herd – und in der Thüre der Geldbriefträger...« Dear Schorsch setzte sich schmunzelnd auf den verlassenen Sessel nieder und schlug das Bein über, während Klaus lachte und ihn im Vorüberschreiten am Schopf packte: »Die Zukunft male ich für dich, du Teufelsbraten!« – Gleicher Zeit wieder ein Schlag auf die Thürklinke. Breitschultrig, hochgewachsen wie ein Riese, mit rötlich wallendem Haar und kühn gebogener Adlernase, stand Aloys Strauffinger auf der Schwelle. »Na natürlich! Wieder mit dem akademischen Viertel Verspätung! Wenn ich nicht die christliche Nächstenliebe besäße und hier täglich den Wecker spielte...« Er verstummte, trat heftig vor, stieß einen leis zischenden Pfiff durch die Zähne und starrte auf das Bild. »Endlich ist das Geheimnis enthüllt – Teufel ja – da gratuliere ich!« Und er zog mit tiefer Reverenz gegen Klaus den Hut und applaudierte. »Na, was sagst du denn zu dem grauen Schwerenöter hier?« blinzelte ihn dear Schorsch an und stieß ihn mit dem Malstock in die Seite, »wird der auf der Ausstellung Herzen knicken? Ja oder nein?« Aloys Strauffinger heftete einen langen Blick auf die mantelumhüllte Gestalt, dann breitete er schwärmerisch die Arme aus und sang mit weicher, schwermütiger Klangfärbung: »Er träumt von einer Palme – Die fern im Morgenland – Schweigend und einsam trauert – An brennender Felsenwand!« – Klaus war stehen geblieben und hob das Haupt. Ein Aufleuchten ging durch sein Auge – ein tiefer Atemzug hob seine Brust. »Er träumt von einer Palme!« wiederholte er leise, und dann faßte er dear Schorsch bei beiden Schultern und lachte ihm schier übermütig in das Gesicht. »Ja, Kleiner, du hast recht. Das Bild ist eine Frage – und es soll auch seine Antwort bekommen!« – Es dämmerte, – Klaus Sterley saß wieder vor seinem Bild und lächelte ihm zu, wie eine junge Mutter sich über die Wiege ihres Erstgeborenen neigt. Neue, große, leuchtende Ideen kreisten in seinem Hirn. Er war heute in seltsamer Weise angeregt worden, und wie die künstlerische Erkenntnis gleich einem Blitz aufflammt und die Seele durchleuchtet, so hatte auch Klaus eine Inspiration gehabt. Alle seine Gedanken kreisten um diesen Götterfunken, und je länger er vor seinem Bilde saß und sich in seinen Anblick vertiefte, um so klarer ward es ihm, daß dear Schorsch recht hatte, – es war eine Frage, oder doch nur die Hälfte eines großen, einheitlichen Gedankens. »Er träumt von einer Palme ...« Ist dies nicht schon eine Unterschrift für die sehnsüchtigen Augen dieser Jünglingsgestalt, für diesen schwermütigen Träumer des nordisch kalten, sturmdurchtosten, einsamen Meeresstrandes? Soll er noch ein paar Schneeflocken durch die Luft rieseln lassen, soll er das Riedgras mit einem leichten Rauhreif übertönen, soll in den Furchen des Feldgesteins eine feine Eisschicht lagern? »Er träumt von einer Palme ...« Und dann neben diesem Nordlandsbild voll düsterer Poesie ein anderes – die Verkörperung jenes Traumes! Glühende, italienische Sonne, ein Himmel, so blau, so wolkenlos, so intensiv leuchtend, daß er die Augen des Beschauers blendet, und unter schweigsam starrenden Palmen, »an brennender Felsenwand« eine Mädchengestalt, ebenso hold verträumt, ebenso sehnsüchtig in unermessene Fernen blickend, die Arme leicht erhoben und ausgestreckt, als wolle sie eine ferne, nebelhafte Gestalt voll bebenden Verlangens umfangen. Zwischen beiden aber das Meer, das urewige, trennende, blauglänzende und grauwallende Meer ... Er träumt von einer Palme! Ja, das ist sein Traum. Mit der glühenden, leidenschaftlich arbeitenden Phantasie des gottbegnadeten Künstlers hat sich Klaus in diesen genialen Gedanken versenkt, er kann nicht anders – er greift zu Pinsel und Farben, er streut in den Lichtstrahl, welcher die Schwinge der Möve trifft und die sitzende Männergestalt seitwärts streift, die glitzernden Schneeflocken! Hier leuchten sie grell auf, dort verschwinden sie wie Nebelflöckchen im Schatten. Die einbrechende Dunkelheit zwingt ihm den Pinsel aus der Hand, aber er sitzt vor seinem Gemälde und sieht es dennoch im Geist! Und daneben taucht ein zweites Bild auf – greifbar deutlich, die Staffage, die Gestalt und das Antlitz! O dieses herrliche Mädchengesicht, welches ihn anblickt, in Thränen glänzend, mit dem Blick der Dolorosa, und dennoch jungfräulich herb und priesterlich rein, wo findet er auf Erden solch eine lieb- und schmerzverklärte Lichtgestalt? Seine Phantasie spiegelt sie ihm, nun heißt es, sie suchen! Wie im Fieber wirbelt es durch sein Hirn, aber je länger er überlegt, desto klarer reift sein Plan. Ja, er malt dieses Doppelbild. Er gibt dem nordischen Strand noch ein frostiges Kolorit, er läßt einen echten, rechten Frühlingssturm wehen, welcher dem Wanderer den letzten Gruß des Winters entgegenbläst, und ist dies Gemälde vollendet, was in wenig Tagen der Fall sein kann, dann schnürt er sein Bündel und zieht hinab unter heißeren Himmel, das Urbild jener Palme zu suchen, von welcher dieser Jüngling mit krankem Herzen träumt. Josef hat ihm von dem ererbten Kapital der Mutter eine kleine Summe zugesandt, mit der Bitte, sie zu einer Studienreise zu verwenden. Klaus hat diesen Gedanken weit von sich gewiesen und das Geld auf die Sparbank getragen. Jetzt leuchten seine Augen auf bei dem Gedanken an diesen Schatz, welcher eine Reise ermöglicht. Er muß das italienische Bild auf heißem Boden malen! Er muß sein Auge sättigen an der glänzenden Farbenpracht, welche er spiegeln will. Es gehört Stimmung dazu! Neben dem Koksofen findet er die nicht. Gott sei gelobt, daß er voll begeisterter Schaffenskraft hinab wandern kann in das Mutterland aller Kunst! Seine schlanke Gestalt wächst und dehnt sich, er hebt den Kopf mit den dichten, blondschimmernden Haarwellen in den Nacken wie ein junger Gott, welcher auf rollendem Siegeswagen vorwärts stürmt. – – – – – – – – In Lichtenhagen wird es Frühling. Die ersten Gänseblümchen heben die roten Knospenköpfchen über zarte Grasspitzen und ein kräftiger Erdgeruch weht durch das Gartenland, wie geheimnisvolle Botschaft von all dem neuerwachenden, keimenden Leben, welches sich in und unter den dunklen Schollen regt. Das große Fest der Auferstehung hebt an; wie die Strahlen der Sonne lange vorher den Himmel färben, ehe die Weckerin alles Lebens selbst am Horizont emporsteigt, ebenso leuchtet auch jener eine große Tag des Lichtes, welcher die Gräber öffnen und das Tote neu erwecken wird, seiner fernen Stunde weit voraus. Jeder Lenz ist das Morgenrot jenes letzten, ewigen Frühlings, welchem kein Winter mehr folgen wird, und jedes junge Blättlein, jeder treibende Keim – jede brechende Knospe ist ein Mene Tekel, welches die Hand des Schöpfers für seine Menschenkinder in das offene Buch der Natur schreibt! Ein liebliches, verheißungsvolles Mene Tekel, welches von einem Ende spricht, welches doch nur der Anfang eines ewigen Lebens ist, – ein Mene Tekel, welches keine düstere Mahnung, wohl aber eine selige Prophezeiung birgt, welches nicht sein »Wehe!« und »Fürchtet euch!« mahnt, sondern aus tausend Blütenkelchen jubelndes »Hoffet und freuet euch!« in die Welt duftet. Und diese Gottesahnung von Hoffnung und Freude erfüllt die Brust der Menschen. »Frühlingsstimmung«, »Werdelust« heißt das Jubilieren und glückselige Aufatmen, die Realisten sehen darin nur eine Genugtuung, die Not und Härte des Winters nun überstanden zu haben, aber die Leute mit den glänzenden Augen und den fühlenden Herzen, die Optimisten und Sonntagskinder, die Poeten und Liebenden, welche dem Himmel näher stehen wie andere, die wissen, daß in dem Frühlingsweben und -Stürmen mehr liegt, wie ein brutaler Kampf der Naturmächte, ein Klang des Ewigen, ein Hauch jenes jungen Lebens, welches nie vergeht. – Auch durch Josefs Seele zog dieser Widerhall und erfüllte sie mehr denn je mit heißem und ungeduldigem Sehnen. Das milde Wetter förderte alle Arbeiten ungeheuer, die Augen sahen, was da geschaffen ward, der Erfolg wuchs mit dem Werk. Welch ein überreiches Aussäen und Vorbereiten! Wie ein Feldherr stand Torisdorff auf seinem Posten, erfüllt von namenloser Freudigkeit, von Schaffensdrang und Arbeitslust, welcher ein unbegrenztes Feld der Thätigkeit eröffnet war. Sein Aufenthalt im Lichtenhagener Gutshaus ward immer seltener und kürzer, und Rothtraut, welche große Freundschaft mit den zahlreichen Pächterkindern geschlossen, überraschte den jungen Gutsherrn gar oft bei den neuen Schachten, wo sie, den Strohhut in der Hand und das wehende Kleidchen zierlich geschürzt, oft stundenlang an seiner Seite stand, um zuzusehen. Ihre Trabanten tobten währenddessen in Feld und Wald umher, und erst die knurrenden Mäglein trieben sie zu Fräulein von Damasus zurück, energisch auf dem Heimweg zu bestehen. Es war Josef aufgefallen, daß trotz aller Harmlosigkeit des Verkehrs dennoch Bemerkungen über ihn und das so auffallend hübsche und liebenswerte junge Mädchen gemacht wurden. Er sah, daß die Arbeiter sich verständnisvoll zulächelten, wenn sie kam, daß verstohlene Blicke sie beobachteten, wenn sie zusammen plauderten. Auch das seltsam wohlgefällige oder pfiffige Schmunzeln der Lichtenhagener Dienstboten fiel ihm auf, wenn er zufällig nach dem gnädigen Fräulein fragte, oder sie durch den Hof, Stall oder Garten begleitete. Er vermied es seit jener Zeit, mit dem Backfischchen allein zu promenieren, wie es früher so harmlos und heiter geschehen war. Ja, die plötzliche Erkenntnis, daß über Rothtraut und ihn Redereien in Umlauf gesetzt wurden, erschreckte und verstimmte ihn. Daß er nie an solche Konsequenzen gedacht hatte! Seine Freude, den armen, verlassenen Damen ein Heim bieten zu können, war größer gewesen als sein Erwägen und Deuteln. Dem Reinen ist alles rein! Da er selber mit keinem Gedanken an eine Neigung zu Rothtraut dachte, schien es ihm unmöglich, daß andere Menschen auf solch eine Idee kommen könnten, daß sie von Verloben und Heiraten sprechen würden! – Inmitten all der großen Arbeitskraft überkam ihn plötzlich eine quälende Unruhe. Schon das müßige Gerede deuchte ihm eine Beleidigung für Charitas, ein Vorwurf für ihn selbst. Glühender als je sehnte er eine schriftliche Aussprache mit der Geliebten herbei. Soweit er die Zukunft überblicken konnte, lag sie klar, geregelt und zuverlässig vor ihm, kein Hindernis sperrte ihm mehr den Weg, er mußte schon jetzt eine Entscheidung herbeiführen, die Verhältnisse in Lichtenhagen bedingten es. Nicht, daß er gefürchtet hätte, Rothtraut könne sich in ihn verlieben! Nichts lag dem ganzen Wesen und Benehmen des jungen Mädchens ferner als lyrische Empfindungen. Im Gegenteil, ihre ehrliche Ungeniertheit, ihr Vertrauen, welches ihn gewissermaßen zu einem guten, alten Onkel stempelte, bewies ihm stets von neuem, daß dem Backfischchen eine tiefere Neigung absolut fern lag. Aber es galt ihren Namen und ihre Ehre zu schützen! Es ist nicht angenehm für eine junge Dame, verlobt gesagt zu werden, wenn die Verlobung nicht eintritt, sondern eine andere vorgezogen wird. Und für ihn ist es geradezu ehrenrührig, mit einer Fremden verlobt gesagt zu werden, während all seine Gedanken, sein treuestes Sehnen der fernen Geliebten gelten. Es mußte Klarheit geschaffen werden, schon jetzt, um jeden Preis. Wie aber zu Charitas gelangen? – Der Zufall kam ihm zu Hilfe. Zur Aufsetzung etlicher Kontrakte und Abschlüsse hatte er den Rechtsanwalt Hagborn aufgesucht. Derselbe war Strohwitwer, seine Frau war zu der erkrankten Mutter gereist. Josef bat den alten Herrn, bei ihm in dem Hotel zu speisen. Hagborn lehnte voll lebhaften Bedauerns ab. Er hatte sich bereits mit einer kleinen Gruppe von Parlamentariern verabredet, in einer süddeutschen Weinstube »saure Nierle« und »Spätzle« zu dinieren. »Schaddinghaus ist auf die seltsame Idee gekommen, alle Spezialitäten durchzuprobieren!« fuhr er lachend fort, »er ist ein merkwürdiger Herr, welchem es nirgends länger wie zwei Tage behagt! – Nun zieht er ruhelos und über alles schimpfend von einem Restaurant und Hotel in das andere und wir folgen, teils aus Interesse, teils aus Gutmütigkeit, den Wunderlichkeiten des alten Herrn gerecht zu werden.« »Schaddinghaus! – Regierungsrat Schaddinghaus?!« Hagborn lachte. »Ganz recht! Und Sie sehen so betroffen, ja entsetzt aus, als ob Sie den alten Krakehler kennten!« »Nicht persönlich, – nur vom Hörensagen!« »Na, das mag allerdings eine üble Konduite gewesen sein! Unter uns gesagt, ein unerträglicher Mensch. Es scheint sich aber darum zu handeln, die Stimme des Starrkopfs in irgend einer wichtigen Frage zum Schweigen zu bringen, darum die Geduld und Ausdauer der anderen Herren!« »Ist... ist seine Frau auch hier in der Residenz?« »Gott bewahre! Die Ehe muß trostlos sein, nach all den satyrischen und brutalen Andeutungen, welche er selber macht. Er will sich hier ohne Hausdrachen amüsieren!« Josefs Hand, welche er auf den Tisch stützte, bebte. »Und ahnen Sie, wo sich Frau und Pflegetochter aufhalten?« »Das kann ich Ihnen zufällig ganz genau sagen!« Hagborn strich sich über den kurzen, graumelierten Kinnbart: »In einem kleinen Städtchen an der sizilianischen Küste, – wenn ich nicht irre, Catania mit Namen! Wenn Sie es aber interessiert, kann ich es Ihnen genau sagen, ich habe die Adresse notiert, da ich an die Pflegetochter, Fräulein Charitas Reckwitz, ein kleines Schriftstück zurücksenden muß.« – Der alte Herr neigte sich vertraulich näher: »Es scheint mir nämlich, als ob das arme Kind die Zinsen seines Vermögens ein für allemal an die Pflegeeltern abliefern mußte, man scheint hauptsächlich von ihrem Gelde zu leben... na – das wird Sie wohl nicht sonderlich interessieren! Aber die Adresse... ah – da liegt ja schon der Briefumschlag – hier... da können Sie lesen! Catania – Villa Favorita ...« »Der Brief ist noch nicht geschlossen?« »Nein – wie ich sehe, noch nicht.« »Verehrtester Herr Rechtsanwalt – darf ich Sie um eine große, ungeheuer große Gefälligkeit bitten?« Hagborn blickte überrascht in das glühende Antlitz des jungen Mannes, in welchem sich eine seltsame Aufregung spiegelte. »Gewiß, mein teurer Herr von Torisdorff – alles was in meinen Kräften steht –!« »Darf ich diesem Brief einen kleinen Zettel – nur ein paar wenige, kurze Worte beifügen?« stieß Josef hochatmend hervor. »Gewiß... ich stehe gern zur Verfügung – aber ich verstehe nicht...« Josef faßte beide Hände des Sprechers mit leidenschaftlichem Druck. »Später! Sie sollen alles später erfahren, lieber, verehrtester Freund! Lassen Sie mich schreiben – ich thue es ohne Namensunterschrift – und sollte Frau Schaddinghaus den Brief öffnen und Sie wegen des Zettels interpellieren, so beschwöre ich Sie um einen Dienst der Nächstenliebe – sagen Sie, der Zettel sei aus Versehen in das Schreiben gelangt und durchaus nicht an Fräulein Reckwitz gerichtet gewesen! Kann ich mich darauf verlassen?« Hagborn drückte lächelnd die Hand des Freiherrn. »Sie können es, – schreiben Sie!« – nickte er, schob den Sessel vor den breiten Diplomatentisch und trat mit einer Verbeugung bei Seite, vor das Fenster. Josef griff nach der Feder. Seine Hände flogen wie im Fieber. Endlich! Endlich! Charitas kennt seine Schrift, sie weiß, wer den Zettel geschrieben. Mit hämmernden Schläfen, in fliegender Eile warf er die Zeilen auf das Papier. »Geliebte! In unveränderter Treue gehört dir jeder Pulsschlag und Atemzug! Ich kann nicht leben ohne dich. Ich bin willens, alles für unser Glück zu wagen! Hindernisse gibt es nicht mehr. Ich beschwöre dich, gib mir Nachricht, wohin ich dir sicher schreiben kann – postlagernd – ich muß dir die wichtigsten Mitteilungen machen! O sage mir, daß du mich noch lieb hast! Dies Bewußtsein soll mir den Weg zu dir bahnen und dich erringen helfen! Ich harre in Qualen deiner Antwort – o sende sie bald! Den du im Nebel gefunden, laß jetzt die Sonne des Glückes sehn!« Diese Worte waren nur ihr verständlich. Josef schob sie in den Brief und schloß denselben. »Lassen Sie mich ihn zur Post tragen!« bat er. Wie in einem Rausch stürmte er die Treppe hinab. Endlich! Endlich! Und vor ihm lag die Welt im ersten Frühlingssonnenglanz neugeboren wie sein jauchzendes Herz. Ist's denn wahrlich schon Frühling? – jetzt – in den ersten Märztagen? Dort steigt eine dunkle Wolke auf, die drängt sich vor die Sonne und verdunkelt sie. Wie Schnee dräut es von ihr nieder, und um die Straßenecke braust ein kalter Windstoß, der faßt und schüttelt die Bäume im Park. Ist die Zeit der Frühlingsstürme doch noch nicht um? Lächelnd bietet Josef ihnen die Stirn. An dem Fenster aber lehnt Hagborn und blickt trübselig in den Straßenlärm hinaus. Welch eine Überraschung! Wer hätte das gedacht! Arme kleine Rothtraut! Wie schön hatte er schon von ihrem künftigen Glück geträumt, nun verfinstert sich die Sonne. Und der Traum zerrinnt. XVIII. tarr und regungslos ragen die Lorbeerbäume in die heiße Luft empor. Betäubend starker Duft strömt aus den blühenden Gebüschen, der Rasen ist besät von Veilchen, Anemonen und Narzissen. Wo die weißglänzende Mauer steil gegen die Fahrstraße abfällt, ragen schlanke Dattelpalmen, breiten sich mächtige Kakteen aus, träumen knospende Mandelbäume im Schatten dichtblätteriger Feigen. Noch ist es Frühling – und doch, wie heiß! Die Bergkonturen verschwimmen in blendendem, zitterndem Licht, um die eigenartigen Konturen des Ätna schweben Wolken, welche in blaugrauem Dunst zerrinnen, und das Meer liegt so blau, so wunderbar blau und leuchtend, ausblitzend in Milliarden Wellenfunken, sich leise hebend und senkend in seiner ewigen Bewegung. Welch eine Farbenglut ringsum! Die weißen Mauern werfen die Flammengarben zurück, Ölbaum und Citronenwäldchen stehen in fahlem, graugrün bestäubtem Kleid so verkrüppelt und lechzend am Wege, wie totmüde Wanderer, welche sich kraftlos niederwerfen möchten! Fernhin wimmelt und surrt das geschäftige Treiben im Hafen; Schiffe kommen und gehen; weiße oder in der Sonne blutrot leuchtende, spitz zugehende Segel ziehen nahe am Strand dahin, große Masten ragen hoch und schlank empor und dunkle Rauchfahnen liegen wagerecht still in der Luft. Vom Meeresstrand hebt sich eine Straße bergan, sie führt durch die schmalen, mit breiten Platten gepflasterten Straßen, wo Obst und Fische auf niederen Holztischen lagern, von buntgestreiften, weit vorgeschobenen, leinenen Sonnendächern überspannt. Muscheln, Tintenfische, Seespinnen und Korallen türmen sich auf, ein brenzliger Ölgeruch durchzieht die Luft, und dazwischen auf den zerbröckelten Fliesen lungern halbnackte Kinder herum, zierliche, dunkeläugige, anmutige Geschöpfchen, voll natürlicher Grazie und Geschmeidigkeit. Weiber – in grelle, meist sehr bunte Farben gekleidet, hocken schwatzend vor den Hausthüren oder schreiten langsam – etwas träge mit Krug und Korb einher, und die Männer, meist in phantastischen Posen hingelehnt oder gelagert, spielen mit goldfarbenen Orangen Boccia, rauchen und gestikulieren. – Bettler belästigen die Passanten, Mönche und Nonnen huschen einher und strecken, Almosen heischend, die Hände aus, – und wo die Kinder einen wohlgekleideten Fremden erblicken, da umringen sie ihn, stoßen einen wunderlichen, zischenden Ton aus, als sei eine Schar Schlangen aufgestört, und halten die zerlumpten Röckchen hin, lachend, anmutig, zudringlich – bis eine kleine Münze geflogen ist. Musikklänge dort und hier, – schmutzige Betten zum Sonnen auf den Balkons, und gackernde Hühner, selbst da, wo man sie nie vermutet – und zwischendurch drängen sich kleine, schwarze Ziegen, welche so wohlerzogen sind, oft zwei, drei Treppen hoch zu klettern, um sich droben von ihren Kunden geduldig melken zu lassen... Über allem aber der azurblaue, lichtflammende, südliche Himmel... Und die Straße windet sich hindurch, durch all die Mauern und Winkelchen, hinaus, wo Oleandergebüsche und stachelige Dornenhecken den Weg säumen, wo steifästige Pinien über breite Mauern von Quadersteinen ragen und Orangenduft aus den Gärten herüber weht, – wo die Luft immer freier und klarer und die Aussicht immer weiter und schöner wird. Dort stehen in heimlichem Grün die weißglänzenden Villen im Sonnenglanz. Die Gartenmauer der Favorita fällt steil ab gegen die Straße – und da, wo die Dattelpalmen ihre graziösen Blätter wiegen, und der Lorbeer und die Schwester unserer deutschen Eiche Schatten spenden, sitzt eine schlanke Mädchengestalt auf der Brüstung und blickt wie eine schmerzversteinerte Niobe hinaus über das freie, lockende – trennende Meer. Charitas! Es ist geschehen. Sie hat den schwersten Kampf ihres Lebens gekämpft – aber sie hat gesiegt. Dort in der Ferne verschwindet der Dampfer, welcher ihre Antwort an den Geliebten mit sich führt, und je mehr er sich entfernt, desto brennender wird das Weh ihres Herzens, desto mehr empfindet sie den Riß, durch welchen jener Brief für ewige Zeiten das Glück und sie getrennt hat! Ihre Antwort auf seine Zeilen! Vor zwei Tagen ist es gewesen, als Josefs kleiner Zettel ihr wie ein unfaßliches Wunder entgegen gefallen ist. Sie hat ihn angestarrt wie eine Vision, sie hat ihn mit leisem Schrei namenloser Wonne an die Lippen gepreßt, unfähig, etwas anderes zu denken und zu fühlen, als nur den einen Begriff höchster Seligkeit: von ihm! Und dann, als sich das Hämmern in ihrer Brust etwas beruhigt, als ihre Blicke wieder zu sehen vermögen, liest sie seine Worte. Welch eine Stunde! – So recht ein Sturmwind jählings über die Erde. Sie lacht und weint vor Glück, sie weiß nur noch das eine: »Er liebt dich noch immer!« Und dann wird sie ruhiger, und als der erste Rausch verflogen, kommen die Gedanken. O was für wehe, qualvolle Gedanken! Er liebt sie, er will sich frei machen, um ihretwillen, er will alle Hindernisse überwinden, um sie zu besitzen! O was bedeuten diese Hindernisse im Wege eines katholischen Priesters! Charitas ist viel zu unerfahren, viel zu fremd solchen Verhältnissen gegenüber, um sie richtig zu beurteilen. Sie kennt nur die phantastische, so unendlich traurige Mönchs-Poesie, welche den Träger des Priesterkleides der Welt für ewig verlustig erklärt. Und sie glaubt, daß Josef ein Kleriker sei, welcher die oberen Weihen bereits empfangen. Welch einen verzweifelten Schritt würde für ihn ein Loslösen von seiner Kirche bedeuten! Ausgestoßen und verfehmt würde er sein, und wenn er das Entsetzliche auch im ersten Rausche jungen Glücks überwinden würde, so käme die Ernüchterung, die Erkenntnis seiner That dennoch nach, – zermalmend – vernichtend für einen so spröden, empfindsamen und ehrenhaften Sinn wie den des Geliebten! Und ist seine Liebe zu ihr wahrlich so groß? O nein, die Liebe brennt als stille, ruhige Flamme, entsagungsvoll und brüderlich in seinem Herzen, aber das Pflichtgefühl ist der Stachel, welcher ihm keine Ruhe läßt und ihn zum äußersten treibt! Schrieb er ihr in jenem ersten Brief nicht selber, er empfinde das Geständnis seiner Liebe als ein schweres Vergehen, als große Verpflichtung gegen sie? Nun will er sein Wort, das nie ausgesprochene, das nur geahnte und empfundene, bei ihr einlösen! In welch einem Zwiespalt ringt seine Seele – durch ihre Schuld! Sie weiß, daß nur die Klostereinsamkeit ihm Frieden geben kann. Wehe ihm und ihr, wenn sie sein großmütiges Opfer annehmen und ihn losreißen wollte von dem Anker, welcher seine Seele vor Sturm und Untergang bewahrt! Charitas hat während der langen, stillen Nacht die Hände gerungen und unter heißen Thränen nachgedacht, wie sie dem Geliebten mit einer einzigen Nachricht und für immer die Ruhe zurückgeben könne. Er wähnt, daß er sie unglücklich gemacht hat, sie muß ihn von diesem aufreibenden Vorwurf befreien. Aber wie – wie? – Drunten im Gebüsch schlagen die Nachtigallen, von dem Meer herauf schmeicheln süße Gondolierenklänge und künden von traumhaftem Liebesglück – und die Blüten duften... Da schreibt sie ihm mit schier brechendem Herzen die erste, große Lüge ihres Lebens, welche ihr in diesem Augenblick seine Schuld, sondern ein heiliges Martyrium deucht. Sie dankt ihm in kurzen Worten für seinen Gruß, welcher sie durch sein freundliches Gedenken tief gerührt habe. Sie hoffe, daß ihm lediglich das Pflichtgefühl die Worte in die Feder diktiert habe. Jene liebe, traurige Stunde in Nebel und Bergeinsamkeit sei für sie noch eine Erinnerung, ein Schmerz, welcher überwunden sei. Das Leben habe seine Ansprüche an sie gestellt, sie sei seit wenig Tagen die Braut eines Mannes, welcher sie nach ihrer Mündigkeitserklärung heimführen wolle. Sie sei glücklich und zufrieden mit ihrem Schicksal, und sie hoffe, daß dieses Bewußtsein auch ihm die verlorene Ruhe zurückgeben werde. Sein Andenken werde sie wie ein treuer Segen durch das Leben geleiten und ihr Gebet werde dem Frieden seiner Seele gelten. – – – – – – – – Wie ein Aufschrei verzweifelter Herzensnot ringt es sich von ihren Lippen, als sie diese unwahren, falschen, trügerischen Worte noch einmal liest. Ihre Finger krampfen sich, das Papier in tausend Stücke zu zerfetzen, es durch einen einzigen Schrei der Sehnsucht zu ersetzen: »Komm, komm! Ich habe dich lieber als mein Leben!« Er würde kommen, er würde die Brücke hinter sich abbrechen, ein kurzes Himmelhochjauchzen... und dann? Dann hat sie einen Mann für sein ganzes Leben tief elend gemacht. Nein, nein, das darf nicht geschehen. Sie muß jetzt stark und fest sein, um seinetwillen. Und während drunten die Liebesklänge heißer und heißer werben, während der Mond einen flimmernden Streifen über die See malt, als wolle er der Sehnsucht die rettende Brücke bauen, schließt Charitas den Brief. Wie Furcht vor ihrer eigenen Schwäche überkommt es sie, wie ein Mißtrauen gegen sich selbst und ihren Opfermut. Wird sie das Geschriebene nicht vielleicht bereuen, wenn eine lange, einsame Nacht voll Thränen und Seufzer ihre Energie gebrochen hat? Die Feigheit kommt nicht daher in ihrer nackten Häßlichkeit und verräterischen Blöße, sie hüllt sich ein in einen geborgten Mantel von verschiedenster Farbe. Sie naht als Mitleid, als gleißnerische Scheu vor böser That. Wird sie nicht auch an Charitas herantreten im frommen Büßergewand und sagen: »Du sollst nicht lügen – die Lüge ist eine Sünde?« Und ohne diese Lüge, was soll sie ihm antworten? Darum schnell, schnell, das letzte überwunden, sich selber treu geblieben. Lautlos wie ein Schatten flieht das junge Mädchen die Treppe hinab, durch den Garten, zu dem nahen Briefeinwurf. Sie beißt wie im wilden Schmerz die Zähne zusammen, aber sie geht den schweren Weg. Kein Mensch sieht sie. Die Villa ist so gut wie unbewacht, nur ein altes, englisches Ehepaar ist vor der Hitze nicht geflüchtet, während alle anderen Wintergäste die italienischen Seen als Übergangsstation aufgesucht haben. Frau Schaddinghaus wählt aber mit Vorliebe die Aufenthaltsorte, für welche die Saison vorüber ist. Die Preise befriedigen sie alsdann und unter der Hitze leidet sie nicht. Auch huscht ein boshaft befriedigtes Lächeln um ihre gekniffenen Lippen, wenn sie Charitas in die menschenleeren Häuser und auf die stillen Promenaden führen kann. Und still, still und einsam ist es auch jetzt. Nur die Sterne flimmern am Himmel, und das Mondlicht umfängt sie wie mit weicher, kosender Silberflut. Ein Schritt schallt auf dem harten Boden. Charitas hört ihn nicht. Sie flieht an der schlanken Männergestalt, welche ihr langsam entgegentritt, vorüber, ohne einen Blick, ohne jeden Gedanken an ihre Umgebung. Sie preßt die gefalteten Hände gegen die Brust und gebietet nicht den Thränen, welche über ihre Wangen fluten. Sie weiß nur, daß es nun vorbei ist – alles Glück – alles Hoffen – ihr Leben ist ausgelebt. Welch ein Schmerz, welch ein tropfenweises Verbluten an solcher Todeswunde! Sie bemerkte nicht, daß der Fremde jählings zurückweicht und in ihr mondbeglänztes Antlitz starrt, – sie ist wie versteinert, sie wankt achtlos vorüber. Und als sie in dem Schatten des Lorbeergebüsches verschwindet, hallt ein tiefer, leiser Laut ihr nach, halb Betroffenheit, halb jubelnde Freude. Klaus Sterley steht regungslos und schaut noch immer auf die Stelle, wo die schlanke Gestalt ihm gegenüber gestanden. »Gefunden! Ich habe sie gefunden!« atmet er mit leuchtenden Augen auf. »Josefs banger Frage am nordischen Strand ist eine Antwort geworden! Welch ein Ausdruck in diesem schönen Mädchenantlitz, welch ein wahrer, gewaltiger, heiliger Schmerz! Vergeblich hat er in ganz Italien die einsam trauernde Palme gesucht, – Elend und Herzeleid genug, aber nirgends die keusche Reinheit, die überwältigende Majestät eines seelischen Leides. Und jetzt, als er hinab nach dem Hotel gehen will, mit dem festen Vorsatz, morgen nach Messina zu reisen, jetzt kommt es über ihn wie eine Offenbarung. Seine Muse hat den Zauberstab gerührt und ihm ein Bild entschleiert, welches er als leuchtende Huldgestalt im Traum gesehen. Nun hält es ihn hier. Aufjauchzen möchte er, wie ein Mann, welcher nach langem, vergeblichem Suchen eine Königsperle aus der Tiefe hebt, und doch überkommt ihn ein Gefühl wehmütiger Rührung und Empörung über sich selbst. Der Ausdruck dieses tiefen Grams, welcher jedes andere Herz in Mitleid erbeben ließe, versetzt ihn in einen wahren Taumel des Entzückens. Aber nein, nur der Blick des Künstlers leuchtete auf, nur die Freude an der Verwirklichung seiner Ideale war es, welche jählings in ihm aufloderte, – jetzt steht er erschüttert vor dem erleuchteten Eckfenster der Favorita, welches hinter dem Taxus und Oleandergebüsch zu ihm herüber schimmert, und er fragt sich wieder und immer wieder: »Warum weint sie?« Noch sieht er das bleiche, wunderholde Antlitz vor sich, schön wie die Rose im Tau, und sein Blick fliegt wie in brennender Frage abermals zu dem Fenster empor: »Warum weinst du, Schönste von allen?« Die Gartenthür steht offen, eine Flut von Duft strömt ihm entgegen und die Cikaden zirpen im Dämmer der Gebüsche, das Haus aber liegt einsam und still wie ausgestorben. Ist es zum Grab für ein junges Menschenglück geworden? Lange noch steht Klaus Sterley, und sein Schatten fällt düster auf den grellweißen Staub der Straße. Nun steht die Sonne wieder am Himmel, es ist heiß, – heiß wie alle Tage zuvor, und Charitas ist mit müden, langsamen Schritten durch die blühende Pracht des Gartens geschritten, sich auf die niedere Mauerbrüstung unter die Dattelpalmen zu setzen. Ihr Blick ist geradeaus auf das Meer gerichtet, sie hat kein Interesse für ihre Umgebung, sie sieht nicht, wie drüben an der Straße, halb versteckt hinter der Taxushecke, ein junger Maler vor der Staffelei steht. Und hätte sie ihn gesehen, würde es sie nicht überraschen, denn die fahrenden Künstler sind gar wohlbekannte Gestalten hier. Charitas aber wähnte sich allein, ganz allein. Da leidet sie noch einmal alle Qualen der gestrigen Abendstunden. Drunten kräuseln die kleinen Rauchwölkchen aus dem Schornstein des Dampfers, die Pfeife schrillt, und dann beginnen die Schaufeln ihre Arbeit. Das Wasser schäumt neben dem rotleuchtenden Bug auf, mehr und mehr wirbelt und sprüht es, ein breiter, weißer Streifen zeichnet das Wasser, als habe ein Peitschenhieb es getroffen. Und langsam wendete sich der schwere Schiffskörper meereinwärts. Nun ist es geschehen, nun fliegt das unglückselige, weiße Blatt unaufhaltsam seinem Ziele zu. Für ihn die weiße Taube des Friedens, aber für sie? Ein Aufstöhnen tiefster Herzensnot. Charitas richtete sich jählings auf, sie hebt wie in Todesangst die Arme, als könne sie das enteilende Schiff halten, und über ihr starren die schlanken Blätter der Dattelpalmen in sengende Sonnenglut empor, und die Mauer blendet den Blick. Klaus Sterley aber starrt wie gebannt, als schaue er ein Wunder. »Herrgott, kann's denn möglich sein!« murmelt er; aber es ist möglich, sie streckt wahrlich die Arme nach dem Meer aus, und die verzehrende Sehnsucht in ihrem Antlitz sucht er in gleichem Ausdruck wohl vergeblich in einem andern Menschengesicht. Träumt er, oder ist es Wahrheit? – Wie konnte ihm seine Phantasie dieses Bild schon Wochen vorher im fernen, hohen Norden vorspiegeln? O welch traurige Wahrheit. Wen mag das Schiff drunten dem armen, verlassenen Kinde entführen? Aber Klaus hat jetzt keine Zeit zum Sinnen, voll fieberhafter Eile führt er Stift und Kohle und zeichnet. Zug um Zug tritt das junge, schmerzverklärte Antlitz auf der Leinewand hervor. Aber die Sonne steigt höher, und ihre Strahlen treffen den Maler. Eine kurze Weile erträgt er in seinem Eifer die entsetzliche Hitze, aber bald wird es zur Unmöglichkeit. Er streicht über die glühende Stirn. Was soll er thun? Die Hauptsache ist wohl fixiert – aber welch ein Glück, könnte er die Zeichnung noch mehr ausführen! Und die junge Dame sitzt so still, so traumhaft still und regungslos – was thun? Da durchzuckt ihn ein jäher Gedanke, wie er seine Zeichnung vollenden und sich aus gute Manier der Fremden nähern kann, ihr Antlitz noch in unmittelbarer Nähe zu studieren. Geräuschvoll klappt er seinen Malkasten auf, packt Bild und Staffelei zusammen und wendet sich der Straße zu. Wie von ungefähr schweift sein Blick empor und trifft die weiße Mädchengestalt an der Mauer. Und richtig, der müde, thränenverschleierte Blick trifft ihn, ausdruckslos, mechanisch folgt er seinen Bewegungen. Er tritt jählings näher und zieht höflich den Hut. »Verzeihung, meine gnädige Frau!« sagte er auf gut Glück in deutscher Sprache. »Die Sonne vertreibt mich von meinem Platz, und ich möchte so sehr gern mein Bild vollenden, – würde es mir wohl gestattet sein, in den Garten der Favorita einzutreten?« Ganz unwillkürlich hat sie aufgelauscht bei dem Klang der lieben, trauten, deutschen Worte, ein Schimmer rosiger Überraschung färbt ihr Antlitz. »Gewiß, mein Herr! Ich bin überzeugt, daß die Besitzerin der Villa nichts dagegen einwenden wird!« antwortete sie leise und freundlich. In Sterleys Augen leuchtet es freudig auf, als das stereotype italienische »Ich verstehe nicht« – ausbleibt, als anstatt englischer oder französischer Antwort die teuren Laute seiner Muttersprache an sein Ohr klingen. »Sie sind eine Deutsche?« – jubelt er. Ein wehmütiges Lächeln huscht um ihre Lippen, sie neigt bejahend das schöne, schmerzversteinerte Haupt. »Es ist stets eine Freude, hier im fremden Lande ein Stücklein Heimat zu finden! – Aber bitte, treten Sie näher. Hier zur Seite befindet sich eine kleine Gitterthür!« Sie sagt es höflich, aber ein gewisses Etwas in ihrer Geste und Stimme läßt die Unterhaltung als beendet erscheinen. Er grüßt abermals sehr verbindlich und schreitet eine kleine Strecke weiter zu der bezeichneten Thür. Nach wenig Augenblicken steht er wieder vor Charitas. »Pardon, meine gnädigste Frau – die Pforte ist leider verschlossen – und übersteigen darf ich doch wohl nicht als ehrlicher Mann?« Sein lachender Blick, seine bittende Stimme verfehlen ihre Wirkung nicht, die junge Dame erhebt sich. »Ich werde Ihnen sogleich öffnen!« sagt sie, und ihre hohe Gestalt verschwindet hinter dem Gebüsch von Citronen und Tollkirschen. Ein paar Minuten später drehte sich unter ihren schlanken Fingern der Schlüssel im Schloß. »Dies ist nicht der offizielle Eingang zu der Favorita?« fragte er, abermals mit höflichem Dank den Hut ziehend. »Nein, – die Einfahrt liegt nach der Strada glorici. Wollen Sie sich, bitte, einen geeigneten, schattigen Platz aussuchen, – ich glaube, diese gewährte Gastfreundschaft der Wirtin gegenüber vertreten zu können.« »Unbeschreiblich liebenswürdig, meine gnädige Frau. Ich würde besonders dankbar sein, mich in der Nähe jener Mauer, an welcher Sie soeben standen, etablieren zu dürfen! Man hat dort wohl den besten Überblick und der Platz ist meinem vorherigen Standpunkt am entsprechendsten.« »Gewiß, wollen Sie sich überzeugen!« Sie wendet sich hastig um, ihre rotgeweinten Augen scheinen sie zu genieren, – ihm voranschreitend zeigt sie den Weg. Sein Blick umfängt die stolze, kraftvoll schöne Figur, welche mit der unbewußten, hoheitsvollen Grazie ihrer Bewegungen jedes Künstlerauge entzücken muß. Ungestümer als je schlägt das Herz in seiner Brust. Der Weg steigt ein wenig bergan. Schmetterlinge und Libellen schwirren um die Blumenkelche, oder hängen wie trunken vor Seligkeit und Genuß an den duftenden Blüten, große, schillernde Fliegen schießen im Sonnengold hin und her, und zwischen den heißen Mauersteinen huscht der glänzende Leib grüner Eidechsen. Von der See herauf weht ein frischer Hauch und läßt die goldbraunen Löckchen um Charitas Stirn zittern. Sie bleibt stehen und wendet sich halb zurück. »Dies wird der Platz sein, welchen Sie meinen. Soviel ich bemerkte, malten Sie vorhin gerade hier gegenüber unter dem Ölbaum dort. Wollen Sie selber die Stelle auswählen, welche Ihnen paßt.« Sie spricht kurz, mit etwas verschleierter Stimme. Ihr Blick schweift müde, als seien ihre Gedanken weit entfernt von hier über das blau glänzende Meer. Klaus kann sich gar nicht satt an ihr sehen. Er schiebt den leichten Strohhut aufatmend aus der Stirn zurück und scheint ganz Interesse für das landschaftliche Bild, welches sich vor ihm entrollt, zu haben. »Ja, hier ist es schön, wunderbar schön und wie geschaffen für mich! Wie dankbar bin ich für das Passepartout, welches gnädige Frau mir ausstellen!« Sie blickt ihn ruhig an. »Sie nennen mich gnädige Frau, aber ich verdiene diesen Titel nicht. Ich bin nicht verheiratet.« »Noch unverheiratet!« möchte er enthusiastisch ausrufen, aber das Wort erstirbt ihm auf der Zunge, dieser Mädchengestalt gegenüber deucht ihm jede Eloge profan. Er verneigte sich kurz. »Gnädiges Fräulein wohnen in der Favorita?« Eine bejahende Bewegung ihres Kopfes. Klaus lüftet abermals den Hut. »Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen bekannt mache: Klaus Sterley!« Wieder ein kurzes; leichtes Neigen ihres schönen Hauptes. Sein Name scheint ihr völlig gleichgültig, sie nimmt nur aus Höflichkeit von seiner Vorstellung Notiz. »Ich glaubte, in Ihnen einen deutschen Landsmann zu begrüßen, und bin erstaunt, wie englisch Ihre Visitenkarte klingt!« sagt sie mit einem Versuch, auf seinen heiteren Ton einzugehen, aber ihr Dulderlächeln schneidet ihm in die Seele. »Ich bin von Geburt Amerikaner, mein gnädiges Fräulein, habe aber in Deutschland meine zweite Heimat gefunden und bin durch eigene Wahl jetzt ein Sohn der Germania geworden – ein recht begeisterter sogar und in diesem Augenblick auch ein sehr stolzer, – stolz auf die gütige Schwester, welche mir Italien beneiden muß!« Da – es ist ihm doch über die Lippen geschlüpft, was er denkt, – und das war thöricht. Fast unwillkürlich weicht sie einen Schritt von ihm zurück, und die Bewegung ihres Kopfes hat etwas Unnahbares. »Ich hörte vorhin, daß Sie eine eilige Arbeit zu vollenden haben, und ich möchte Sie nicht länger aufhalten. Verfügen Sie über diesen Platz. Ich hoffe nicht, daß Sie gestört werden!« Noch einen kurzen Gruß und sie wollte an ihm vorüber nach der Villa zurück schreiten. Mit bittendem, unwiderstehlich bittendem Blick seiner Blauaugen vertrat er ihr halb den Weg. »Sie wollen gehen, mein gnädiges Fräulein? Ich vertreibe Sie von Ihrem Lieblingsplätzchen? Um keinen Preis der Welt. Verlassen Sie den Garten, sehe ich darin mein Urteil als Eindringling und verlasse ihn auch!« »Aber ich bitte Sie, mein Herr... welch ein Gedanke! Ich bin schon lange hier, die Pflicht ruft mich in das Haus zurück!« Er schüttelt heftig den Kopf. »Dort auf der Mauer liegt ein Buch, Sie hatten die Absicht, noch zu lesen! Ich beschwöre Sie, mein gnädiges Fräulein, mir zur Beruhigung bleiben Sie noch ein kleines Weilchen hier! Ich will auch ganz brav an die Arbeit gehen und Sie mit keinem Wort mehr belästigen! Sie setzen sich unter die Dattelpalme zurück, und ich etabliere mich dort hinter dem Oleander ... Ich bitte, ich beschwöre Sie, mein gnädiges Fräulein! Mir zur Beruhigung!« Wie er bitten kann! Wie ehrlich und treuherzig sein hübsches, frisches Gesicht sie anblickt! Charitas empfindet es ihm in ihrer Feinfühligkeit nach, daß es ihm peinlich sein muß, sie von hier zu verdrängen. Sie versucht abermals zu lächeln. »Wenn Ihnen mein Bleiben allein die Gewißheit gibt, daß Künstler bei der Wirtin der Favorita gern gesehene Leute sind und ihr Garten denselben stets zur Verfügung stehen wird, so bleibe ich noch ein paar Minuten! Aber das verpflichtet Sie zu nichts. Ich lese und Sie malen! Bonne chance!« »Nochmals Dank! Nun wird meine Muse versöhnt sein!« grüßt er in seiner eleganten, einnehmenden Art; und während Charitas zu der Mauer zurückschreitet, sich niedersetzt und zum Schein das Buch aufschlägt, geht er mit prüfendem Blick umher, den vorteilhaftesten Platz für seine Staffelei zu erspähen. Und er operiert sehr geschickt dabei. Anscheinend hat er nur Augen für die Landschaft, welche er nach Charitas Meinung malt, aber unvermerkt huscht sein Blick zu der Lesenden hinüber, und er stellt seine Staffelei so auf, daß er durch eine Lücke des blühenden Bosketts ihr Antlitz genau und bequem sehen kann. Und dann vertieft er sich voll Feuereifers in die Arbeit, die Striche fliegen auf die Leinewand, und wenn das junge Mädchen zufällig einmal aufsieht und mit flüchtigem Blick das Gebüsch streift, so sieht sie die hohe Männergestalt kaum hinter den Blütenzweigen stehen, geschweige, daß sie eine Ahnung davon hat, wohin er schaut. Er scheint in der That ganz und völlig in sein Werk versunken, und das Gefühl, jetzt ebensowenig beobachtet zu sein wie zuvor, hat etwas Wohlthuendes für sie. Die Gedanken, von welchen sie sich für ein paar Minuten gewaltsam losreißen mußte, stürmen aufs neue auf sie ein. Langsam sinkt das Buch in den Schooß. Der thränenglänzende Blick richtet sich auf das Meer, und das Haupt neigt sich wie im Traum gegen den Stamm der Palme: »die schweigend und einsam trauert, an brennender Felsenwand.« Wie eine Fieberphantasie klingt die Melodie durch Sterleys Sinne. Er malt mit fliegenden Pulsen, und je länger er das bleiche, schmerzverklärte Dulderantlitz ansieht, um so mehr brennt das Herz in seiner Brust in der schier leidenschaftlichen Frage: »Warum weinst du?« Nicht nur die Freude ist schön in dem Menschengesicht, nicht nur der Ausdruck strahlender Heiterkeit fesselt, auch der Schmerz übt eine magische Gewalt auf den Beschauer, weil seine Größe und Heiligkeit der Inbegriff aller Poesie ist. Nicht jedes Leid, nicht jede Seelenqual verschönt ein Antlitz, es ist sogar selten, daß Thränen ein Antlitz schmücken, und dennoch gibt es Frauen, die weinen, daß ihr Antlitz wie eine Blüte im Tau erscheint. Den gemeinen Menschen macht der Schmerz und die Verzweiflung zum Tier, roh, hervorbrechend in wilder Zügellosigkeit, eine edle Natur aber duldet, ohne zu klagen, weint, ohne das Angesicht zu entstellen. Solch stille, todestraurige Marmorschönheit ist aber selten, und weil Klaus Sterley in dem Lande des Dolorosa-Urbildes wochenlang vergeblich nach ihr gesucht hatte, ergriff und bewegte ihn die endlich gefundene desto mehr. Er griff zu den Farben, er mischte, probierte voll leidenschaftlicher Hast das seltene Gut festzuhalten, und Charitas, welche in Wahrheit nicht eilig gewesen, da Tante Schaddinghaus mit dem englischen Ehepaar einen Ausflug nach dem Innern der Insel unternommen hatte, zu welchem die Nichte nicht aufgefordert ward, da die Regierungsrätin mit süßlichem Lächeln fand, daß »die Gute« zu elend und hohläugig aussehe, – Charitas versank mehr und mehr in ihre schmerzlichen Träume. Beinahe hatte sie es vergessen, daß dort hinter der grünen, blütendurchwirkten Coulisse ein fremder Künstler arbeitete. Glockenläuten schallte aus der Stadt empor, die Hitze der Mittagsstunden ward immer empfindsamer, und eine jähe Müdigkeit senkte sich auf die Augenlider des jungen Mädchens. Sie schrak empor, griff hastig nach dem Buch und zog die kleine Uhr aus dem Gürtel. Schritte klangen über den Weg herüber. Klaus Sterley stand abermals mit dem Hut in der Hand vor ihr. Seine Augen strahlten. »Welch ein köstliches Atelier hat mir dieses Plätzchen erschlossen! Bis in die Mittagsstunden hinein der Herrlichste Schatten! Wissen Sie auch, mein gnädiges Fräulein, daß ich nicht übel Lust hätte, mich in der Favorita einzuquartieren, wenn ich nicht in meinem Hotel gebunden wäre? Was soll ich Ärmster nun thun, um Ihre gütige Wirtin anzuflehen, mir dieses Malerheim auch für kommende Tage zu erschließen?« Wie in flehender Bitte traf sie sein Blick, und Charitas lächelte freundlich: »Nichts sollen Sie thun, als morgen früh wiederkommen! Ich werde dafür sorgen, daß Ihnen die Thüre jederzeit gastlich geöffnet steht!« Noch ein Gruß, – ernst, gütig und sehr reserviert, und die lichte Gestalt verschwand hinter der buschigen Lorbeerhecke. XIX. laus verbrachte den Tag in einer völlig ungewohnten Erregung und Unruhe. Die heiße Sonne Siziliens, welche er gestern noch unerträglich gefunden, genierte ihn nicht mehr. Die Holzjalousien geschlossen, verbrachte er die Mittagsstunden auf der rohrgeflochtenen Chaiselongue seines Hotelzimmers. Er rauchte und wollte lesen, aber seine Blicke glitten über das Buch hinweg, und seine Gedanken schweiften weit ab von den Schicksalen der Romangestalten, sie beschäftigten sich mit seinen eigenen. Und er griff wieder und wieder zu dem begonnenen Studienkopf, nahm ihn aus dem Malkasten und vertiefte sich immer mehr und inniger in den Anblick dieses schönen, sehnsuchtskranken Mädchengesichts. Welch eine Dolorosa! Welch ein Ausdruck! Sein Herz hämmert bei dem Anblick, denn trotz der flüchtigen Anlage des Ganzen ist die Ähnlichkeit eine erstaunliche, und der Zug des Schmerzes, der todestraurigen Sehnsucht tritt in wunderbarer Wiedergabe hervor. Es ist ihm jetzt schon geglückt! Wie erst wird sich dieses Bild gestalten, wenn er es nach dem Leben bis in alle Details ausführen kann! Das hohe Selbstbewußtsein des Künstlers erwacht in Klaus Sterley, das Vertrauen auf seine eigene Kraft und seine gottbegnadete Meisterschaft. Zum erstenmale entfaltet der junge Aar seine Schwingen und steigt voll trunkener Wollust des Schaffens zum Himmel der Kunst empor! Was er bisher geleistet, war das Resultat fleißiger Studien. Was er aber heute morgen auf die Leinewand gebracht, war eine schäumende Woge aus dem Quell der Unsterblichkeit, hervorbrechend aus seinem tiefinnersten Sein und Wesen, der volle Herzschlag seines Genies, die unmittelbare Äußerung jener Götterkraft, welche in jedem wahren Künstler lebendig ist! Er hatte mit wenig Strichen den Entwurf zu einem Meisterwerk geschaffen, das fühlte und empfand er selbst mit vollglühender Begeisterung, nun heißt es, das Begonnene vollenden zu vollem Sieg und vollen Ehren! Wird es gelingen? Ja, es wird, es muß! Eine geheimnisvolle Macht hat ihn diesen Weg geführt, sie wird auch weiter ihre Wunderkraft bethätigen und ihm das idealste aller Modelle aufs neue zuführen, und angesichts ihrer – o dann wird es an nichts fehlen! Seine Augen leuchten, das frische, hübsche Männergesicht scheint in überirdischen Glanz getaucht. Er glaubt an sich selbst! Und neben dieser rein künstlerischen Begeisterung schleicht sich noch ein anderes Empfinden in sein Herz, ein weiches, schwärmerisches Interesse für dieses schöne, thränenbetaute Antlitz. Warum weint sie? Nach wem sehnt sie sich? Wie glühende Funken sind diese Fragen in sein Herz gefallen und haben gezündet. Wer anders könnte ein solches Leid und Weh schaffen als die Liebe? Nur sie allein. Dies dünkt ihm nur allzubegreiflich. Welch eine Anmut, welch ein Zauber keuscher Jungfräulichkeit ruht auf dieser blühenden Mädchengestalt! Muß sie nicht jedes Auge fesseln, dessen Blick sie trifft? Sie liebte! Und jenes Schiff, welchem ihr umflorter Blick folgte, nach welchem sie in qualvoller Leidenschaft die Arme ausstreckte, wen hat es davongetragen über die blaue, treulose Flut? Eine Jünglingsgestalt wie jene, welche droben am schneeumwirbelten Nordlandsstrand von der fernen, einsam trauernden Palme träumt? Wer weiß es! – Wer kann ihm Antwort geben? – Oder täuschte er sich? Ist es vielleicht die Kindesliebe, welche um enteilende Eltern klagt? Ist es ein anderer schwerer Verlust? Hat das Meer nicht den Geliebten entführt, sondern sucht ihr stummer Blick der Sehnsucht fern – fern hinter jenen wogenden Massen ein Grab, welches einen jungen, blühenden Traum von Glück und Hoffen verschlungen? Wer antwortet ihm, und wenn er sein Hirn noch so sehr mit Fragen martert? Langsam streicht er die blonden Lockenringel aus der Stirn. Vielleicht lüftet ein Zufall jene Schleier. Er muß es abwarten. Aber es ist wie ein Zauberspuk, der all sein Denken an sie bannt! Und es träumt sich so süß in dieser schwülen, blütendurchdufteten Stille seines Zimmers. Soll er einen Versuch machen, in die Favorita überzusiedeln? Klaus seufzt tief auf. Die Wohnungen in den Villen sind stets doppelt so teuer wie in den Gasthöfen, wo er sich sein Unterkommen bescheiden einrichten kann. In den Familienpensionen ist er genötigt, alle Mahlzeiten in dem Hause zu nehmen, und das fällt besonders schwer für ihn ins Gewicht, denn bei seiner Genügsamkeit kann er viel billiger leben. Er will sparsam sein, er will mit seinen Mitteln haushalten. Und doch, wenn es keinen anderen Weg gibt, die holde Fremde wiederzusehen, so muß und wird er das Opfer bringen und übersiedeln. Vorläufig vertraut er noch seinem guten Glück. Endlich sinkt die Sonne, das Straßenleben erwacht in neuen, schrillen Tönen, und auch Klaus fürchtet die schrägfallenden Strahlen nicht mehr, sondern drückt den leichten Panamahut auf das Haupt und steigt ungeduldig die kleine, schmale Holztreppe nach dem Garten hinab. Unter dem Leinwandzelt sitzen ein paar Fremde und radebrechen ein furchtbares Italienisch mit den zerlumpten Kindern, welche ihnen unter den problematischsten Klängen einer Guitarre, ein sehr verdrossenes und seinen Namen mit voller Berechtigung tragendes Meerschweinchen vorführen. Eine hübsche Italienerin, der Wirtin Töchterlein, welche die Füßchen in den weißen Strümpfen recht kokett unter der rotgetupften Falbel des Kleides hervorstreckt, lächelt den blauäugigen Maler verheißungsvoll an. Ihre Arme, geschmeidig und rund wie zwei glänzende Schlangen, bewegen sich in absonderlichem Dehnen und Recken, ehe sie sich zu süßem Nichtsthun hinter dem Köpfchen verschränken. Krauses, blauschwarzes Haar bäumt sich über der Stirn und legt sich in dicken Puffen zurück; dickknopfige Korallennadeln leuchten darin, ebenso rot und leuchtend wie die Lippen des nicht allzu kleinen Mundes, in welchem grellweiße Zähne blinken ... Sie ist hübsch, und gestern abend noch hat ihr Klaus lachend zur Seite gesessen und ihr den Hof gemacht! In seiner Skizzenmappe lacht ihr Gesicht bereits zwischen fruchtbeladenen Apfelsinenzweigen hervor, während ihr schlanker Arm sich durch die Zweige streckt und eine Frucht darbietet. »Willst du?« steht darunter. Es kann ein hübsches Bildchen geben. Jetzt grüßt der junge Maler auch heiter zu ihr hinüber und ruft der niedlichen Ninetta ein heiteres Wort zu. Aber er hastet nach der Pforte und stürmt die Straße hinab. Ninetta lächelt wohlgefällig. Warum bleibt der hübsche, blonde Mann mit der hohen Germanengestalt noch hier? Er wollte doch heute morgen abreisen! Und als Peppo ihn weckt und schlaftrunken die Stiefel reicht, da wirft sich der Signor auf die andere Seite und sagt: »'s ist gut, Peppino, ich reise nicht, ich bleibe noch eine Weile bei euch!« »Warum bleibt er plötzlich? – Warum? Ninetta lächelt noch mehr. Hat sie ihm nicht gestern abend noch gesungen? Hat sie ihm nicht das Glas gefüllt? Und dufteten die Orangenblüten an ihrer Brust nicht so stark – so stark, daß er – o, hätte nicht die Laube voll Menschen gesessen, er hätte sein hübsches, lachendes Gesicht wohl ganz nahe auf die Blumen geneigt! Nun bleibt er da... und heute abend? Ninetta schließt zwinkernd die Augen wie ein Kätzchen, welches ins Licht schaut. Klaus Sterley aber stürmt eine kleine Strecke weiter, und dann geht er plötzlich langsam, ganz langsam. Er ist immer ein lustig Blut gewesen. Er hat voll leichten Künstlersinns der Schönheit gehuldigt, wo sie ihm in den Weg trat. Er liebt die lachenden Schelmengesichter und küßt wohl auch ein dargereichtes Mündchen – alles in Ehren! Alles mit Maß und Ziel! Er ist ein anständiger und charakterfester Mensch, welcher die Kunst zu heilig hält, um sie durch die zügellose Freiheit, welche die meisten ihrer Jünger als berechtigt von ihr fordern, zu entweihen. Und vollends heute würde ihm ein Schäkern mit der glutäugigen Italienerin wie ein Verbrechen an seiner weihevollen Stimmung dünken. Seine Gedanken fliegen ihm voraus zur Villa Favorita. Soll er ihnen folgen? Nein, sein feines Taktgefühl sagt ihm, daß die trauernde Dolorosa eine Menschenblüte ist, welche den warnenden Namen »Noli me tangere!« führt. Durch die kleinste Unschicklichkeit, durch die leiseste Andeutung eines Interesses für sie kann er sich alles verscherzen. Ein Mädchenherz, welches unter solch tiefen Wunden von Leid und Sehnsucht blutet, hat keinen Sinn für Huldigungen, und was anderen zur Ehre gereicht, das kann bei ihr zur Beleidigung werden! Nein, er darf nicht schon wieder ihre Nähe suchen, er muß die Majestät ihres Schmerzes respektieren! Langsam wendet er sich dem Hafen zu. Dort findet er wohl ein Boot, welches ihn zu seelischem Genuß über die blaukräuselnde Flut dahin trägt. Wie schön ist Italien, wenn die ersten Sterne blitzen! Die Sonne ist geschieden, aber sie hat dennoch einen goldenen Strom von Licht zurückgelassen, der flutet als heißes, schnell pulsierendes Leben durch die Adern der Menschen, der glüht als Funken und Flamme aus liebestrunkenem Blick. Musik, Tanz, Gesang! Man sollte wähnen, es gibt keine unglücklichen Menschen hier, selbst in Lumpen jubiliert und lacht man, und selbst das große, verkrüppelte und aussätzige Elend, welches tagsüber an den Kirchentreppen liegt und die Hände aufhält, das verschwindet im Dunkel der Nacht, und was da bleibt unter sternbesätem, dunkelazurblauem Himmel, das ist das leichte, bunte und lustige Leben der Liebe und des Genusses! Die Fremden in Catania durchwachen die halbe Nacht und verschlafen den halben Tag. Auch Klaus Sterley hat die köstliche, frische Nachtluft lange um seine heiße Stirn streichen lassen. Von der Dunkelheit geschützt, ist er im Schatten der Gebüsche vor der Favorita hin und her gewandelt, bald vorüber an dem matt beleuchteten Straßenportal, bald vorbei an der Mauer des Gartens, über welche die Dattelpalmen und die breitgeschweiften, starren Kaktusblätter regungslos im silbernen Mondlicht emporragen. Die er sucht, findet er nicht. Und so ist er einsilbig und gedankenvoll heimgekommen, wo die bunten Windlichter zwischen den Blütenzweigen des Hotelgartens schaukeln, wo eine übermütige, lebensfrohe Gesellschaft bei Mandolinenklängen und Gesang den Becher leert. Klaus will unbemerkt sein Zimmerchen erreichen, aber Ninetta lehnt an der Thür und blitzt ihn mit ihren Glutaugen schier ungeduldig an. »Wo bleiben Sie, Signor? Ich habe Ihnen die besten Stücke vom Reishuhn zurückgelegt!« »Nun, so bring sie, Ninetta. Ich habe Hunger und werde deinem Mahl alle Ehre anthun!« Eigentlich will er auf seinem Zimmer essen, aber die Lust weht ihm erstickend heiß aus dem Hause entgegen, und vom Garten her wogt es wie balsamischer Duft. »Ich habe an jenem Tisch für Sie gedeckt!« flüstert der Wirtin Töchterlein voll bestrickender Anmut. »Es sind die Touristen, welche gestern aus Siracusa kamen! Der eine ein Maestro der Musik, der andere ein Bildhauer. O was für lustige Gesellen! Aber keck, Signore Sterley – ich gehe nicht allein wieder zu ihnen! Wenn Sie aber mit mir gehen und mich beschützen – dann, ja dann mag's sein! Wir wollen dann alle zusammen lachen! Aber küssen – ah küssen darf mich nur einer!« Welche Augen! Welch ein verführerisches Lächeln, und sie legt kichernd ihre Hand in die seine und zieht ihn mit sich fort in den Garten. »Wißt Ihr, Signore, – heut bin ich noch frei, heut kann ich noch scherzen und mich necken mit Euch, – aber morgen ist's vorbei! Kennt Ihr Giuseppe? Der Schönste, welcher je eine Gondola geführt! Er ist mein Schatz – und morgen kommt er heim aus Comiso, wo man seine Mutter – die liebe Seele – möge die heilige Jungfrau ihr gnädig sein! – begraben hat! Giuseppe ist eifersüchtig, er darf Euch nicht zu viel bei mir sehen, denn Ihr seid ebenso schön wie er, nur daß Euer Haar gelb und die Augen blau sind! O und seine Eifersucht. Man fürchtet ihn auf ganz Sizilien! Habt Ihr auch einen Schatz, Signore Sterley?« Er hat nicht viel verstanden von all dem, was sie sagt, er freut sich aber, zu hören, daß Giuseppe keine Herrengesellschaft für sein kokettes Bräutchen wünscht, und daß dies ein Grund ist, ihre Gesellschaft etwas zu meiden. Ihre letzte Frage errät er. Beinahe schrickt er zusammen. »Einen Schatz?« Wunderlich, er hat daheim schon oft die Schönheit und Anmut angeschwärmt und oft geglaubt, dieses oder jenes holde Kind habe es ihm angethan, in diesem Augenblick fällt ihm aber keines all der lachenden Gesichtchen ein, sondern ein blasses, thränenbetautes Antlitz steigt in rührender Schöne vor ihm auf. Nein – er hat keinen Schatz – noch nicht! Dennoch wirft er jählings den Kopf zurück und lacht. »Ja, Ninetta, ich habe auch einen Schatz, der ist auch so schön wie du, und so eifersüchtig wie Giuseppe, und dieses Liebchen wird bald hier sein und durch die Lorbeerbüsche lugen! Hüt dich vor ihr! Sieht sie dich allzu nahe bei mir, ist's um deine blanken Äuglein geschehen!« Der Wirtin Töchterlein ist nicht sehr angenehm überrascht von dieser Neuigkeit, sie macht den blonden Maler für ihre Begriffe recht uninteressant. Aber sie trauert nicht, im Gegenteil, sie lacht desto heller auf und drückt seine Hand. »So gehört uns beiden nur noch der heutige Tag evviva l'amore! Laßt Euch einschänken!« Die beiden fremden Künstler schwenken ihnen jubelnd die Hüte entgegen, und es währt nicht lange, so hallt die stille Nacht wieder von Musik, Gelächter und Gläserklang. Und diese Nacht währt so lange, bis flammend rote Strahlen am östlichen Himmel emporzucken, bis Vogelstimmen dem jungen Tag entgegen schmettern. Nun ist man müde – ehrlich müde, und die Augen schließen sich zu bleiernem, traumlosem Schlaf. Als Klaus Sterley erwacht, glüht die Sonne schon wieder gegen die Fenster, es ist bereits eine vorgerückte Stunde, und der junge Mann sucht das Versäumte durch fliegende Eile nachzuholen. Er stürmt den Weg zu der Favorita empor. Der Garten liegt still und einsam, der Platz auf der Mauer ist leer. Ein Gefühl angstvoller Sorge überkommt ihn. Er tritt an die kleine Gartenpforte und legt die Hand auf den Drücker, – sie öffnet sich. Er tritt ein, – sein Blick irrt suchend umher. – Still und einsam. Die gelben Jonquillen duften vom Rasen empor, und in den Citronenzweigen raschelt es, zwei kleine »Oscines« flattern auf, in den entfernter stehenden Maulbeerbäumen Schutz gegen den Eindringling zu suchen. Von einem menschlichen Wesen ist weit und breit nichts zu entdecken, selbst die hellen Mauern der Favorita stehen mit geschlossenen Augen, wie im Schlaf, die Läden sind zumeist zum Schutz gegen die Sonne geschlossen. Langsam steigt Klaus die kleine Anhöhe empor, wo er gestern sein luftiges Atelier aufgeschlagen, der Kies knirscht als einziger Laut unter seinen Schritten. Ein Gefühl der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit überkommt ihn. Unschlüssig steht er und überlegt, was beginnen. Soll er an dem Entwurf weiter arbeiten? Nein, in dieser Stimmung nicht. Aber gehen darf er nicht, – kann nicht jeden Augenblick ihre schlanke Gestalt hinter den Büschen auftauchen? Was soll er aber während dieser Zeit beginnen? Wenn man ihn überrascht, muß er bei der Arbeit sein! Mit nachdenklichem Gesicht blickt er auf die weit hingebreitete Stadt und das Meer hinaus, und er bemerkt, daß die Aussicht von hier wirklich schön ist. Sie trägt das echte, farbensatte Colorit eines südländischen Küstenbildes; er sieht bis Palermo. Vielleicht kann er diesen Ausblick noch einmal gebrauchen, im Vordergrund Catania; die Mauern der Kathedrale leuchten im Sonnenschein, im Hintergrunde ragt der Ätna. Mechanisch, beinahe etwas gelangweilt, nimmt er seinen gestrigen Platz wieder ein, läßt seine köstliche Dolorosa-Skizze im Deckel des Malkastens ruhen und stellt ein anderes Stück Malpappe auf, mit schnellen, genialen Pinselstrichen, ohne Kohle oder Bleistift zu benutzen, das neue Landschaftsbild zu entwerfen. Und kaum daß er die Konturen fixiert, und den Himmel in sein leuchtendes Gewand gehüllt hat, erklingen leise, langsame Schritte hinter ihm auf dem Wege. Klaus fühlt, wie seine Hand erbebt, aber er zwingt sich zu größter Gelassenheit und malt weiter, – erst als die Schritte so nahe erklingen, daß er sie nicht ignorieren kann, wendet er den Kopf, und in seiner Betroffenheit und abermaligen Enttäuschung reißt er erschrocken den Hut ab und macht eine tadellose Verbeugung. Aber seine Augen starren die fremde Erscheinung an wie eine Vision, und zwar wie eine der weniger erfreulichen. Vor ihm steht eine unförmige, kleine Fleischmasse, von jenem schrecklichen Embonpoint der Südländerin, welche gereiftere Jahre erreicht hat. Verschwimmende Wellenlinien markieren ihre Figur, umspannt von einem buntgeblümten Mousselinekleid, welches in seiner Mitte einen schwachen Einschnitt zeigt, etwa wie eine Fischblase, deren beide Hälften sanft gegen einander gedrückt werden. Die kleinen Fleischwülste von Händen liegen behaglich auf dem Hochplateau des Leibes, und über die etwas fettigen Spitzen des Halsausschnittes quillt ein wohl vierfaches Kinn, so rund und glänzend wie der Ring, welcher die leuchtende Scheibe des Saturns umgibt. Und freundlich wie der gute, ferne Planet lächelt das feiste Antlitz mit dem großen, flachen, ersichtlich rot geschminkten Mund, den dunklen Äuglein, welche nur noch durch eine schmale Ritze aus den Specklagen und Thränensäcken hervor blinzen. Die Nase ist wohl niemals groß gewesen, jetzt hat sie sich vollkommen in ihr nichts zurückgezogen. Und um dieses gelbrote Gebilde kraust sich schwarze Negerwolle, auf welcher ein schwarzer Spitzenshawl mit hohem Goldfiligrankamm festgesteckt ist, während sich in den lang herabgezogenen Ohrlappen mächtige Ohrringe von lapis lazuli schwingen. Mit huldvollem Lächeln nickt die Signora dem fremden Maler zu und tritt mit Kennermiene hinter das entworfene Bild. »O scharmant! Recht brav gemacht!« lobt sie mit einer Stimme, welche schon durch ihre Klangwellen Fettflecke hinterläßt. »Ich freue mich, daß Sie in meinem Garten so gute Aussicht gefunden haben. Fräulein Reckwitz sprach mir bereits von Ihnen und bat mich, Ihnen das Bürgerrecht für dieses Plätzchen zu verleihen, was ich hiermit sehr gern und in aller Form thun will!« Eine leichte, noch immer graziös kokette Neigung ihres Hauptes, welche Klaus durch eine mehr galante als respektvolle Verbeugung erwiderte. Er kannte die Signoras, die alten wie die jungen, und hatte gefunden, daß sich alle untereinander zum Verwechseln ähnlich waren. Seine erste bittere Enttäuschung, ja sein Schreck waren einem schier eifrigen Interesse gewichen. Fräulein Reckwitz! Nun wußte er schon den Namen, und gewann er die freundliche Matrone hier zur Bundesgenossin, so erfuhr er auch noch viel mehr von seiner schönen Dolorosa! »Ich habe den Vorzug, Signora Julia Livornesi gegenüber zu stehen?« fragte er mit einem Blick seiner blauen Augen, wie ihn selbst Ninetta in seiner vollen Unwiderstehlichkeit noch nicht zu sehen bekommen hatte. »Welch ein Vorzug, hochverehrte Frau, von Ihnen selber in dieses kleine Paradies der Favorita eingeführt zu werden! Wo der Geist schöner und gütiger Frauen waltet, da fühlt sich der Genius besonders gern heimisch, und darum bin ich überzeugt, gerade hier, unter Ihrem Patronat, Signora Julia, ganz Außerordentliches zu leisten!« Sie knickte, so gefühlvoll sie es vermochte, in der markierten Taille zusammen und reichte dem bildhübschen, galanten Schlingel sehr huldvoll die Hand entgegen, welche Klaus mit wahrem Heroismus und sprechendstem Blick an die Lippen führte. . Das war der Signora lange nicht mehr passiert, sie blies die Backen auf und pustete vor Genugthuung. »Ich liebe die Maler, vornehmlich die deutschen; es sind Menschen von Lebensart und gutem Geschmack. Auch mag ich die Fröhlichkeit gerne, sie macht jung und erhält frisch! Und Ihre Augen verstehen zu lachen, Signor; das ist die gefährlichste Waffe, welche Sie gegen Weiberherzen führen können! Sind Sie schon längere Zeit in Catania? Ich sah Sie bisher noch nicht, und doch entgeht mir selten etwas Fremdes hier!« »Die Favorita liegt etwas abseits von der Straße, Signora!« kokettierte Klaus mit seinem allerlachendsten Blick, und obwohl ich schon einmal ahnungslos meiner scharmanten Gönnerin« – wieder eine Verbeugung – »Fensterparade machte, mußte ich doch zu ungelegener Zeit gekommen sein!« Die Livornesi sah ganz echauffiert aus vor Freude. Sie watschelte seitwärts nach einer Bank, welche unter den Maulbeerbäumen stand, und winkte Klaus zu folgen. Es sah sehr spaßhaft aus, sie gegen das Licht zu sehen. Die Unterkleider waren bedeutend kürzer als das dünne Mousselinegewand, welches in spitzer, kleiner Schleppe hinterher wedelte und einer indiskreten Gardine glich, durch welche man hindurch sehen kann. Da die Fußbekleidung etwas bequem und die Strümpfe der Hitze wegen gespart waren, so bekam Klaus Dinge zu sehen, welche eine etwas weniger durchsichtige Robe gnädig mit Nacht und Grauen bedeckt haben würde. Nein, eine Venus war Donna Julia nicht an Gestalt, und daß sie etwas über die große Zehe ging, war ein Umstand, welcher Sterley als großen Geist nicht genieren durfte. Dennoch glaubte er an seinem innerlichen Gelächter ersticken zu müssen, und es war gut, daß sich die massige Schöne von Catania nicht umsah, sie hätte doch vielleicht ein recht verräterisches Spitzbubenlachen in den schönen Augen ihres neuen Verehrers wahrgenommen. Die Bank ächzte unter der Ehre und Last, welche ihr angethan wurde, und Klaus lehnte sich vorsichtshalber an den Baumstamm zur Seite, derweil die Signora einen Fächer von ungeheurer Dimension, welcher sich an einem roten Band vor ihren Knien schaukelte, zur Hand nahm und sich mit all der Koketterie verflossener, schöner Tage Kühlung zufächelte. »Sie heißen... ja, Fräulein Reckwitz wußte Ihren Namen auch nicht mehr genau –« hub die Italienerin mit beinahe neckischem Aufblick an, und Klaus beeilte sich, die versäumte Vorstellung nachzuholen. »Ein schöner, wohlklingender Name!« lobte die Livornesi, »obwohl unsere Zunge sich schwer an das Deutsche gewöhnt. Ich spreche diese Sprache nicht und freue mich doppelt, daß Sie so gut italienisch gelernt haben!« »Aber Signora haben so viele deutsche Gäste im Haus.« »Pah... nicht viel. Die Damen Schaddinghaus und Reckwitz – puh – und die sind nicht mein Geschmack, daß ich um ihretwillen eine Sprache lernen möchte.« »Ah – Sie mögen Fräulein Reckwitz nicht leiden?« Die Signora zuckte so lebhaft die Achseln, daß alles an ihr wogte. »Die schon eher als die gräuliche Tante Schaddinghaus, welcher sie Gesellschaft leisten muß. Die Charitas ist...« »Charitas?« – »Ja, ja, das ist Fräulein Reckwitz! Sehen Sie, die Charitas ist ein hübsches Mädchen, alles was recht ist, das ist sie! Aber eine Thränenweide! Nichts als Trauer und Seufzen und einsames in der Ecke Hocken! Soll das Jugend sein? Ja? Wenn sie nicht mit den jungen Leuten mitthun will, mag sie doch in ein Kloster gehen! Ich kann solch lamentabeles Gethue nicht leiden!« »Nun Signora, nicht alle Menschen sind solche Lieblinge des Glückes wie Sie! Vielleicht hat das arme Mädchen ein schweres Schicksal oder einen Herzenskummer...« »Herzenskummer?« Die Speckmassen ihres Gesichts legten sich in beinahe verächtliche Falten. »Woher denn? Sie sieht ja keinen Menschen im Wege an! Der hübsche, flotte Ernesto hat Abend für Abend unter ihrem Fenster gesungen. Glauben Sie, daß sie nur einmal die Gardine gelüftet hätte? – Gott strafe mich, wenn es geschah. Nein, Fischblut! – Fischblut! – Da ist nichts mit Liebe! Aber ein schweres Schicksal hat sie, das weiß und sehe ich, obwohl sie nie klagt. Die Tante ist eine Satanella, ein bitterböses Weib und quält das arme Kind noch zu Tode! Du lieber Gott, ich wollte ihr heimlich zu ihrem Recht verhelfen, sagte ihr: ›Die Julia Livornesi ist die Schutzpatronin aller Liebenden, sie können sich bei mir sehen, so viel sie wollen...‹ Aber glauben Sie, daß sie auch nur die kleinste Liebelei mit Ernesto anfing? Maledetto! Nein! »Hat sie keine Eltern mehr?« »Nein, sie steht ganz allein und verlassen in der Welt!« »Und ist Signor Ernesto gestern abgereist?« »Wie wird er! Der liebe Mensch ist mein Neffe, er wohnt in der Villa Mercedes, welche seinen Eltern gehört.« »So, so! Welch eine gute Partie also! Unbegreiflich. In die Familie der Signora heiraten zu können, wäre doch für jedermann ein Glück!« »Sie Schelm! Ich habe graue Haare!« »Man sieht dieselben nicht, Signora Julia! Aber hat es denn Fräulein Reckwitz so schwer bei der Tante, daß sie nicht einmal hier in den Garten kommt? Dann könnte Signor Ernesto sich ihr wohl mit mehr Erfolg nähern!« »Hier in den Garten? O was denken Sie! Die Tante bewacht das arme Kind wie ein Cerberus, ununterbrochen muß sie ihr zu Diensten sein, flicken, nähen, massieren, ihr jede Tasse reichen! O, wenn die Frau Schaddinghaus erst die Augen auf hat, kommt sie aus Schelten und Mißhandeln gar nicht mehr heraus! Armes Teufelchen, die Charitas! Nur am frühesten Morgen, wenn wir alle noch schlafen, schleicht sich das liebe Seelchen einmal hierher in die Einsamkeit – ach ja, man muß sie bedauern, sie führt ein elendes Leben, und wenn in acht Tagen der Onkel noch herkommt, dann soll es noch trostloser werden! Um so wunderlicher, daß sie bei solchen Menschen bleibt! Wenn man so hübsch ist! Diavalo ! – Sehen Sie, Signor Sterley, als ich vierzehn Jahre alt war, bin ich auch meiner Großmutter davongelaufen, weil sie mich zu streng hielt! Da ging ich mit Pietro nach Napoli! Du lieber Gott, es war ja kein sonderliches Glück, erst lebten wir wie die Zigeuner, bis das Geld alle war, da hatten wir auch genug von einander. Pietro nahm Dienste auf einem Schiff, und ich sang abends in den Kaffeegärten. Nach Hause wollte ich nicht zurück; es ging mir auch gut; ich war damals noch jung und hübsch! si signor « – blinzelte sie neckisch hinter dem Fächer hervor und bekam plötzlich etwas ganz Naives in Ausdruck und Wesen – »ich war sehr hübsch!« Klaus legte beteuernd die Hand auf das Herz und die Sprecherin fuhr befriedigt fort: »Es ging ganz lustig vorwärts mit mir, gute Tage und gute Nächte! Meine Stimme fiel auf, ich fand einen Kunstfreund, welcher sie ausbilden ließ, von der Chansonnette arbeitete ich mich bis an die Oper hinauf. Ich verdiente viel Geld und war frei, o, so frei und so jung und so glücklich! Das Leben habe ich genossen. Dann kamen die Jahre. Ach, wo sind Taille und Stimme geblieben! Ich kaufte mir die Favorita und finde nun mein Vergnügen darin, für fremde Menschen zu sorgen. Die Künstler liebe ich besonders, gehöre ich doch selber zu ihnen, und sie gefallen mir besonders, Signor Sterley! Charitas sagt, daß Sie noch im Hotel gebunden seien. Schade, die Lamprellos sind eine üble Sippe. Aber hilft nichts, wenn Sie frei sind, wohnen Sie bei mir! Und nun avanti an die Arbeit, Sie werden bald ein Maëstro sein – und morgen erzählen Sie mir von Ihren Schicksalen! addio !« XX. ls die ehemalige Chansonnette nach huldvoll innigem Händedruck davon gewatschelt war, atmete Klaus auf. Nein, die Favorita bewohnen wollte er nicht. Für zehn Minuten läßt man sich einmal den Scherz gefallen, der ungeheuerlichen Schönen die Cour zu machen, aber auf die Dauer eine solche Farce in Scene zu setzen, widerstrebte seinem ehrlichen Sinn. Der Zweck war ja erreicht, er durfte jederzeit den Garten der Villa betreten und seine Staffelei aufstellen, und das Glück wird ihm auch ferner günstig sein. Charitas befindet sich nur in frühester Morgenstunde im Garten – gut; so wird auch er in frühester Morgenstunde dort malen. Signora Julia träumt währenddessen noch von schönen, vergangenen Tagen – um so besser, kein Mißton wird die reine Symphonie dieser Arbeitszeit stören, und der Genius wird seine leuchtenden Schwingen in die Morgenröte tauchen. Langsam schreitet Klaus nach seiner Staffelei zurück. Wie gut war es gewesen, daß er die harmlose kleine Landschaft begonnen hat. Sie wird die Muschel sein, welche seine Perle verbirgt. Und während er mechanisch weiter arbeitet, sind seine Gedanken weit ab. »Charitas Reckwitz!« Wie paßt dieser schöne Name zu dem schönen Antlitz. »Charitas!« Er ist ihm nie zuvor unter all den vielen Mädchen und Frauen, welche seinen Weg kreuzten, begegnet, und doch steht er in dem Kalender und ist so sinnreich und anziehend. »Charitas!« Wieder und wieder spricht er den holden Klang in Gedanken aus. Und welch ein schweres, trauriges Los ist der armen Waise zu teil geworden! Klaus fühlte, wie sein Herz in Mitleid und innigster Teilnahme erbebt, und doch flutet dabei etwas Warmes, unendlich Wohlthuendes durch dasselbe hin. Nun kennt er den Grund und die Ursache ihrer Thränen, nun weiß er, daß Charitas nicht um verlorene Liebe weint. Sie sehnt sich nach Erlösung, nach Befreiung aus dem trostlosen Elend ihres Daseins! Sie streckte voll stummer Verzweiflung die Arme nach dem Schiffe aus und seufzte aus gepeinigtem Herzen: »Nimm mich mit! Entführe mich in seligere Gefilde! Erbarme dich und nimm mich auf!« Gleichgültig – ahnungslos all des Leids, welches hier eine Menschenbrust durchtobt – führt der Kapitän sein Fahrzeug über die blaue Flut. Charitas liebt nicht – sie fühlt sich nur unglücklich in ihrer Umgebung. Warum läßt die Überzeugung seine Pulse schneller schlagen? Warum erfüllt ihn plötzlich eine solch heitere Zuversicht? Er kennt Charitas kaum, kann er schon jetzt mehr für sie empfinden als Interesse? Klaus weiß es selber nicht und legt sich auch keine Rechenschaft darüber ab. Er, der stets lebensfrohe, so glücklich beanlagte Mann, diese echte Künstlernatur voll Sonnenschein und Wärme, empfänglich für die Schönheit und begeistert für das Edle und göttlich Erhabene, und doch voll tiefen Verständnisses für alle Menschenschwäche und Fehler, er hat bisher die Blüten seiner Kunst im wolkenlosen Himmelsglanz gepflegt, und Frohsinn und Heiterkeit waren das Element, in welchem er sich wohl fühlte. Lachende Lippen, strahlende Augen übten einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus, und je frischer, jugendlich kecker und sonniger das Weib ihm entgegentrat, desto unmittelbarer und mächtiger der Zauber, welchen es um seine Seele spann. »Gleich und gleich gesellt sich gern!« hatten ihn seine Kollegen oft geneckt, wenn sie ihn im Vollgenuß solch sprudelnden Lebens in den Banden eines lachenden Gesichtchens sahen, und er selber hätte wohl darauf geschworen, daß nur eine solche Frau zu ihm passen und ihn wahrlich beglücken könne. Und nun taucht ein marmorkühles, schmerzverklärtes Antlitz vor ihm auf, der Inbegriff alles sehnenden Leides, aller Melancholie, und er bannt die leuchtenden Thränen auf die Leinwand, und fühlt plötzlich, daß sie wie zehrend Feuer in sein Herz fallen! Wie ist das möglich? Was hat ihn plötzlich so ganz verwandelt? Ist es Mitleid oder Liebe, was er für Charitas empfindet? Er weiß es selber nicht. Die feine Linie, welche diese beiden Gefühle trennt, ist so weich und kaum erkenntlich, daß man nicht weiß, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Beide verschwimmen in einer einzigen großen, poesievollen Schwärmerei. Und auch diese Empfindung ist neu für Klaus und beherrscht ihn darum desto mächtiger durch den Reiz solcher Neuheit. Und je höher die Sonne steigt, desto öfter und verlangender trifft sein Blick die stillen, verschleierten Fenster der Favorita. Er nimmt das begonnene Bild Charitas' aus dem Malkasten und betrachtet es mit leuchtenden Blicken. Ein ungestümes Verlangen treibt ihn, daran zu malen, aber er bezwingt es, aus Furcht, etwas an dem wunderbar ergreifenden Ausdruck dieses Gesichts zu verderben. Seufzend packt er seinen Apparat zusammen, tritt noch einen Augenblick an die Mauer, wo ein Eidechslein ihn erschreckt mit goldenen Augen anlugt und blitzschnell in der moosigen Steinspalte verschwindet. Im Hafen wird es stiller, das Straßenleben verstummt, die Mittagszeit naht und macht sich schon hier im Schatten der Bäume recht empfindlich. Langsam schlendert Klaus den weißstaubigen Weg nach dem Hotel hinab. – – – – – – – – Ninetta hat den blonden Maler an diesem Abend nicht zu Gesicht bekommen. Er hat am Domplatz gezeichnet, dann in einer Osteria nahe dem Strande sein Nachtmahl genommen und bei seiner Heimkehr Peppo aufs strengste befohlen, ihn zu bestimmter Zeit am kommenden Morgen zu wecken. Mehr hatte Ninetta nicht erfahren. Aber es kümmert sie wenig. Der schwarzäugige Giuseppe sitzt auf der kleinen Bank, welche heimlich unter den buschigen Laurostinoszweigen steht, hält die kichernde Schelmin auf dem Schoß und schmückt sie mit all den blinkenden und bunten Geschenken, welche er dem Liebchen mitgebracht. In solchem Augenblick fragt sie nach keinem andern. Und Klaus Sterley freut sich, daß sich die weißen Schlangenarme nicht nach ihm ausstrecken, und benutzt solch gute Zeit. Er ist müde und legt sich zeitig zur Ruh. Am andern Morgen donnert Peppo rechtzeitig gegen die Thür, und Klaus erhebt sich voll so freudigen Eifers wie ein Kind am Geburtstagsmorgen. Ein feiner, violetter Nebel liegt noch über der See und den fernen Bergkonturen, und über den Himmel ziehen sich rosenrote und safrangelbe Lichtstreifen. An den Gräsern und Blättern blinkt es, und in den Spinnennetzen funkeln die hellen Perlen, wonnevoll frisch und balsamisch streicht ein Lufthauch durch die Palmblätter, und die weißen Häusermauern und Kirchdächer der Stadt erglänzen in mildgedämpftem Sonnenlicht. Leise knarrt die Pforte, langsam steigt Klaus den Weg zu dem Mauerplatz empor. Noch ist es still und einsam hier, und das ist ihm lieb. Er wählt einen noch etwas versteckteren Platz hinter dem Gebüsch, wo er selber nicht gesehen wird, und wo er doch die nächste Umgebung bequem überblicken kann. Und kaum, daß er seine Utensilien ausgepackt und die Staffelei aufgestellt hat, zuckt er jählings zusammen und alles Blut schießt ihm nach dem Herzen. Von dem Hause her naht Charitas. Ihr weißes Kleid leuchtet durch die Büsche, ihr Schritt verklingt auf dem weichen Sand. Wie in trunkenem Aufatmen neigt sie das Haupt in den Nacken zurück – ihr Blick haftet am Himmel, die Hände sind leicht verschlungen. So sah wohl Homer seine Göttinnen auf Erden schreiten. Langsam, zögernd fast, die schöne, kraftvoll stolze Gestalt in wonniger Weichheit und Träumerei gelöst. Man sieht es ihrem Blick an, wenn er über die Blütenpracht streift, daß er alles sieht und – nichts. Sie empfindet es, wie schön – wie frei – wie friedlich es ist. Sterleys Herz klopft zum zerspringen; sie wendet sich dem gewohnten Platz auf der Mauer zu. Wird sie ihn bemerken? Nein, sie wähnt sich um solch frühe Stunde allein, ganz allein! Und da sie hinausblickt auf das Meer – da kommt er wieder, der Ausdruck herzbethörender Sehnsucht und Trauer, diese verkörperte Klage um ein nie gekanntes Glück... und Klaus greift mit bebenden Händen zum Pinsel und zaubert ihn auf die Leinwand. Rastlos, voll fiebernden Eifers malt er – und sein schönes, ahnungsloses Modell sitzt so still und traumverloren, als bannten es unsichtbare Gewalten auf diesen Platz. Unter der Hand des Künstlers gestaltet sich das Werk, aber es ist und bleibt noch skizzenhaft; denn die Entfernung und Unbequemlichkeit des Sehens erschwert die Wiedergabe sehr. Im ersten Augenblick hat Klaus den Plan gefaßt, seine Anwesenheit völlig zu verheimlichen und jeden Morgen ungestört an seinem Werk zu arbeiten, er sieht aber ein, daß die stets wechselnde Beleuchtung stört, und daß er unmöglich auf den seltenen Zufall rechnen kann, Charitas jeden Morgen diese Stellung einnehmen zu sehen. Er könnte das Bild jetzt voll freier Phantasie vollenden, eine Ähnlichkeit, streng und absolut, ist ja nicht notwendig. Solche halb gekünstelten Bilder machen aber leicht den Eindruck des Unwahren, Puppenhaften, während ein Porträt, bis in alle Details nach dem Leben ausgearbeitet, von ganz anderem Wert ist und viel impulsiver wirkt. Ach, daß er Charitas bewegen könnte, ihm ein paarmal tatsächlich zu dem Bild zu sitzen. Der Ausdruck ihres Gesichtes würde vielleicht nicht so seelenvoll und unbeeinflußt sein, aber dessen benötigt er nicht, es gilt jetzt hauptsächlich die Ausführung der Einzelheiten. Wie aber wäre daran zu denken? – Bei dieser Sprödigkeit und Unnahbarkeit, welche ihre Persönlichkeit vor dem fremden Mann wie mit einem Eiseshauch umgibt. Klaus seufzt leise auf. Nein, er will nicht allzuviel verlangen, er will für das seltene Glück, welches ihm bereits zuteil geworden, von Herzen dankbar sein! Die junge Dame auf der Mauer regt sich und sieht nach der Uhr, ihrer Unruhe ist es anzumerken, daß die Minuten ihres Bleibens gezählt sind. Hastig packt Klaus seine Sachen zusammen, so flink und lautlos, daß er auch jetzt nicht bemerkt wird, und eilt dann auf leisen Sohlen hinter dem Boskett hin, um plötzlich, ganz wie von ungefähr, mit hallendem Schritt des Weges entlang zu kommen. Überrascht wendet Charitas den Kopf, erhebt sich sofort und will mit flüchtigem Gruß vor ihm her in den Seitenpfad schreiten. Aber der junge Maler schwenkt so fröhlich den Hut und ruft ihr so heiter seinen »Guten Morgen, wie geht es, mein gnädiges Fräulein?« entgegen, daß es unhöflich wäre, weiter zu schreiten. »Ich freue mich, Sie wieder hier zu sehen!« sagt sie freundlich, aber sehr reserviert: »Sie machen also wirklich Gebrauch von unserer Aussicht hier? Hoffentlich mit bestem Erfolg!« Und wieder will sie weiter schreiten. Schon aber steht er vor ihr und bietet ihr mit dem treuherzigsten Gesicht von der Welt die Hand entgegen. »Welch eine Herzensfreude, deutsche Heimatsklänge zu hören!« sagt er voll Wärme, und seine blauen Augen strahlen sie an: »O, Sie glauben nicht, mein gnädiges Fräulein, was das für einen einsamen Wandersmann in der Fremde besagen will! – Sie besitzen gewiß Ihre Angehörigen hier, welche Sie das Ausland gar nicht empfinden lassen, aber ich muß mit meinem Schatten plaudern, wenn ich deutsche Worte hören will!« Sie nickte ihm voll Teilnahme zu. »O dieses Leid der Vereinsamung kann ich Ihnen nachfühlen! Man kann wohl nirgends so traurig gestimmt sein wie in diesem lachenden, jubilierenden Land der Sonne, dessen Götter nicht die unseren sind!« »Sinnbildlich gemeint – gewiß. Sie können mir nachfühlen, mein Fräulein, aber gewiß nicht zwischen Ihren Angehörigen dasselbe Heimweh empfinden wie ich großes Kind, welches so viel im Leben schon ertragen lernte, nur nicht das Verlassensein!« Ein seltsames Beben geht um ihre Lippen. »Das Heimweh! Und ob ich es kenne, Herr Sterley. Ich bin eine Waise, – und die, welche mit mir hier sind, stehen mir nicht nahe.« – Leise, sehr leise sagte sie es, wie heimliches Schluchzen klingt's durch ihre Stimme. Er tritt einen Schritt näher zu ihr heran, er blickt ihr in das Auge und wiederholt mit zuckenden Lippen: »Eine Waise wie ich! Auch ich stehe allein auf der Welt, auch ich habe von dem Liebsten, was ich besaß, scheiden müssen.« Wie ein jähes Erschrecken geht's über ihr Antlitz, inniges Mitgefühl spiegelt sich in ihrem Blick. »Haben Sie Ihre Eltern noch gekannt?« »Den Vater kannte ich, Gott sei gelobt dafür, an die Mutter habe ich nur eine unklare Erinnerung – aber ganz und gar entbehre ich die Erinnerung an sie doch nicht. Ich kann mich noch entsinnen, wie ich ihr vor dem Kaminfeuer auf dem Schoße saß, wie sie mir liebe Märchen erzählte und mit der weichen, kleinen Hand über meine Locken strich! – O diese zärtliche Liebkosung fühle ich noch oft im Traum, und dieses selige Empfinden ist zum Segen für mein ganzes Leben geworden!« – Thränen glänzten in Charitas' Augen, sie blickte den Sprecher nicht mehr an wie einen Fremden. »Wie glücklich sind Sie! Ich besitze nichts, – nicht einmal eine Erinnerung an meine Lieben.« »So früh verloren Sie die Eltern? »Mein Vater verunglückte bei einer Schnitzeljagd am Hubertustag – er war Artillerieoffizier – drei Wochen bevor ich geboren ward, und Mütterchen überlebte das Herzeleid nicht lange, – ich bin fremd und verlassen gewesen, so lange ich denken kann!« Da neigte er sich, faßte ihre Hand und drückte sie stumm an die Lippen, und Charitas verstand ihn recht. Ein wehes Lächeln dankte ihm. »Sie haben es aber verstanden, Ihr Leben glücklich zu gestalten?« fuhr sie ruhiger fort. »Ich kämpfe um das Glück, Fräulein Reckwitz! In den Schoß fällt es wohl keinem, und die Schicksale, welche hinter mir liegen, sind schwer. Aber ich habe den Glauben an mich selbst noch nicht verloren, und denke mit Shakespeare: »Das Glück 'nes braven Kerls kommt wohl einmal ins Stocken!« Man muß dann nur Geduld und Gottvertrauen haben, um das gestrandete Schifflein wieder flott zu machen! »Sie sind Maler von Beruf?« »Ich möchte ein Menzel, Makart oder am liebsten ein Raffael werden!« scherzte er mit einem Anflug seiner alten Heiterkeit. »Es wird nicht am Erfolg fehlen! Könnte man ihn mit guten Wünschen herbei zaubern, er sollte Ihnen sicher sein.« Die hellen Klänge einer Uhr schallen durch die offene Balkonthüre der Favorita, und Charitas schrickt empor. »Ich muß gehen!« sagte sie schnell. »Mein Dienst beginnt. Und Sie werden ungeduldig sein, den Grund zum künftigen Ruhm zu legen! Glück auf zur Arbeit – möchte Ihr Gemälde ein Meisterwerk werden!« Sie legte noch einmal ihre Hand in seine dargereichte Rechte. Klaus zieht respektvoll den Hut. »Auf Wiedersehn!« Er vermeidet es, ihr nachzusehen, wie er alles unterlassen möchte, was ihr unangenehm auffallen könnte. Mechanisch packt er seine Malutensilien zusammen und schreitet nach dem Meer hinab. Dort setzt er sich auf einen Kahn, welcher im Sande liegt und starrt in das Gekräusel der kommenden und gehenden Wellen, bis die Sonnenglut ihn zwingt, heimzukehren. Er hat nur noch einen Gedanken: »Armes, armes Mädchen!« und nur noch ein Interesse: »Wie könnte sie glücklich werden?« Zu Hause sitzt er vor dem Bild und sieht regungslos in das traurige, sehnsuchtsvolle Angesicht. »Armes, armes Kind!« Und dann überkommt ihn wieder die selige Begeisterung, die stolze Freude an seinem Werk. Es muß gelingen! Und Signora Julia wird recht haben: Dies Bild wird ein Meisterwerk, welches ihn zum Maestro macht. Am andern Morgen hastet er wieder dem lieben Ziel entgegen. Diesmal schimmert ihm das weiße Kleid schon von der Mauer entgegen, er hat sich verspätet. Sie macht keinen Versuch zu gehen, als er kommt, sie blickt ihm freundlich entgegen und heißt ihn willkommen. Ein breiter Strohhut überschattet ihr Gesicht, das ist fatal. »Wissen Sie auch, daß Donna Julia gestern böse auf Sie war, weil Sie ihrer Meinung nach nicht zum Malen gekommen waren?« lächelt sie. »Bis zur Mittagsstunde hat sie dort auf der Bank gesessen und auf Sie gehofft, heute darf sie keine Enttäuschung wieder erleben!« Der Schalk blitzt aus seinen Augen. »Es malt sich so schlecht um so vorgerückte Zeit – und muß die Signora etwas früher aufstehen, wenn sie porträtiert sein will! Übrigens – Sie haben eine liebenswürdige Wirtin, Fräulein Reckwitz, und wenn sie anfängt zu erzählen, gleicht sie der Königin von Navarra – es gibt kein Ende.« »Wenn ihre Märchen so fesselnd sind wie jene der schönen Königin, kann man es sich ja gern gefallen lassen! Ich für meine Person dürfte es ihr nicht nachthun wollen, darum ist es gut, daß wir in unserer Unterhaltung gleich mit dem Ende beginnen! Sie malen und ich lese!« »Kann ich Ihnen zuvor noch behilflich sein, die Staffelei aufzustellen?« »Tausend Dank, mein gnädiges Fräulein, ich will heldenhaft auf solche Verwöhnung verzichten, sonst würde ich sie ein ander mal desto schmerzlicher vermissen. Also ich soll fleißig sein. Gut, ich gehorche, Sie sollen Freude an mir erleben. Lesen Sie ein sehr interessantes Buch?« »Ungeheuer interessant, – es enthält lauter italienische Vokabeln!« »Hut ab; also sind wir beide fleißig«, und währenddessen packte er den Malkasten aus und begann in ihrer nächsten Nähe seine Vorbereitungen zu treffen, ganz harmlos und ruhig dabei weiter plaudernd, als müßte das so sein. Charitas schaute erstaunt auf: »Hier wollen Sie heute malen? Ihr Platz ist doch hinter jenem Boskett dort?« Mit prüfendem Blick schaute er auf die Landschaft hinaus, nur Sinn und Interesse für diese habend. »Ja, ich glaube, dieser Platz hier ist noch günstiger«, meint er nachdenklich, »man schaut freier um sich! Ich werde mal von hier aus versuchen.« Sie erhebt sich von der Mauer. »Dann störe ich aber! Sie müssen doch den vollen Rundblick haben!« Er wehrt hastig ab. »Um keinen Preis gestatte ich, daß Sie gehen, – jene Seite male ich ja gar nicht! Wenn ich Sie etwa vertreiben sollte, retiriere ich sofort wieder hinter meinen Laurostinos!« Sie nimmt ruhig wieder Platz. »Schön; Sie sehen, ich kann auch gehorchen!« Er stellt sich vor sein Bild, welches seine Brust und das halbe Gesicht verdeckt, nur die Augen schauen darüber hinweg, – und beginnt die Palette vorzubereiten. »O ja, – gehorchen! Uns beiden hat es das Leben wohl beigebracht!« nickt er ernster und anscheinend ganz in seine Vorbereitungen vertieft. »Sie glauben gar nicht, mein gnädiges Fräulein, wie sympathisch mich unsere Schicksalsverwandtschaft berührt. Mir ist's, als hätte ich eine Schwester gefunden, welche das gleiche Los mit mir getragen. ›Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!‹ – und ich glaube, Sie kennen die Sehnsucht auch!« Ihr Blick schweift wieder mit demselben feuchten Glanz wie die Tage zuvor über die See. »Es gibt so viel Verschiedenes, was ein Menschenherz ersehnt! Ich denke oft, wenn solche Sehnsucht ungestillt bleibt und uns unglücklich macht, so ist es unser eigenes Verschulden. Wir sind wohl zu unbescheiden in unseren Wünschen gewesen.« »Daß es Leute gibt, welche unersättlich wünschen und verlangen, glaube ich wohl, es gibt gewiß auch solche, welche phantastisch genug sind, direkt Unmögliches und Unerfüllbares zu ersehnen. Wir beide rechnen aber gewiß nicht zu dieser Species, wir würden wohl schon mit den Brosämlein zufrieden sein, welche von des Glückes reicher Tafel fallen.« Charitas' Lippen beben, sie zwingt sich ersichtlich, einen harmlosen Plauderton beizubehalten. »Gewiß, ich für meine Person wollte schon für einen Tropfen Lethe und ein stilles, friedliches Winkelchen dankbar sein, – und wäre es selbst im ernsten, tiefsten Thal gelegen. Für Sie kann ich allerdings nicht garantieren« – sie lächelt – »denn man sagt, daß wahre Künstlernaturen unberechenbar sind!« »Schön, – ich wünsche mir momentan zweierlei Dinge! Ich will es ehrlich bekennen! Nr. 1: daß mein Bild, welches ich auf der nächsten Kunstausstellung produzieren möchte, einen Bombenerfolg hat.« – »Bombenerfolg –? Nun, allzuviel Entsagung drückt dieses Wort gerade nicht aus!« »Unter dem thue ich's nicht. Bombenerfolg! Mögen Sie es noch so anmaßend und unverschämt finden, dieser Wunsch ist meiner Ansicht nach sehr bescheiden gegen den, welcher ihm folgt!« »Nun bin ich auf alles gefaßt. – Also was verlangen Sie zum zweiten?« Seine Augen blitzten beinahe übermütig zu ihr hinüber: »Daß Sie die große Gnade haben und Ihren Hut ein Weilchen abnehmen möchten!« Zuerst starrt sie ihn betroffen an, dann muß sie laut auflachen, sie muß es. »Meinen Hut?« »Ja, er ist ein unausstehliches Ding!« »Erlauben Sie – ich bin sehr stolz auf ihn.« »Sie mögen wohl auch dazu berechtigt sein, ich hingegen erblicke nur meinen geschworenen Feind in ihm!« »Was hat er verbrochen?« »Er stört mir das ganze schöne, landschaftliche Bild. Wie eine radikale Sonnenfinsternis schwimmt er auf dem leuchtend blauen Hintergrund – und Ihnen wirft er Schatten über das Gesicht, welche ebenfalls meinen Schönheitssinn verletzen! Alles Natur ringsum, – wahre, heilige, wunderbar schöne Natur – und als Klex mitten darin dieser erbärmliche Florentiner. In die Wolfsschlucht mit ihm! – Das ist doch wirklich nur das Bruchstück eines bescheidenen, demütigen Sehnens, nicht wahr?« »Ich bin wenigstens sehr glücklich, einmal einem Menschen zur Erfüllung solcher Schicksalsbitte verhelfen zu können. Da liegt er auf dem Rasen. Könnte ich Ihnen mit ebenso leichter Mühe auch den ›Bombenerfolg‹ zuwenden – gewiß, Sie sollten glücklich sein.« Einen Augenblick hat Klaus das Empfinden: »Jetzt ist der Moment gekommen! Wage es! Sprich! Gestehe ihr alles, – bitte sie mit der ganzen Innigkeit deines Herzens um die kleine Mühe, welche dir den Bombenerfolg sichert! Flehe sie an, dir Modell zu sitzen!« – Aber er preßt die Lippen zusammen wie in jäher Angst, daß ihnen dieses Wort entschlüpfen könne. Verdirbt er möglicherweise nicht alles damit? Ihr spröder Stolz möchte leicht eine Beleidigung in solchem Ansinnen erblicken, denn in dem großen Publikum genießt das Modell des Malers keinen guten Ruf. Man glaubt das Schlechteste von Mädchen, welche ihre Schönheit in den Dienst der Kunst stellen, man hält es schon für sehr frivol, sein Antlitz einem Werk zu leihen, welches die Kritik eines schaulustigen Publikums auszuhalten hat. Klaus kennt prüde Leute, welche es schon als Ungehörigkeit und groben Verstoß gegen das Anstandsgefühl erachten, wenn Damen ihre Porträts von dem betreffenden Maler in Ausstellungen »preisgeben«! Wer weiß, ob Tante Schaddinghaus nicht auch zu diesen Strickstrumpfphilisterinnen gehört und der Nichte ihre ungeheuerlichen Ansichten über Moral eingeimpft hat. Ist es nicht schon wie ein Wunder, daß ihm eine Annäherung an Charitas derart geglückt ist? Hat ihn nicht ein freundlicher Zufall begünstigt, daß er ihr schon jetzt in nächster Nähe gegenüber sitzen und sie beinahe ebenso gut malen kann, als ob sie ihm mit vollem Bewußtsein Modell säße? Und wer weiß, ob nicht der Ausdruck ihres Gesichts ein befangener, gekünstelter werden würde, wenn sie ahnte, daß er ihren Schmerz ausbeuten will, daß ihre Thränen seinen Lorbeer begießen sollen! Jetzt tritt der wunderbare Zug tiefer Wehmut noch ebenso natürlich und unmittelbar hervor wie am ersten Tage, als er sie verzweifelnd in dem großen Schmerz erblickte, welcher nun einer schwermütigen Resignation gewichen zu sein scheint, auch jetzt verschleiert sich noch ihr Blick hinter Thränen, wenn er ein Thema berührt, welches die Wunden ihres Herzens aufs neue bluten läßt! Nein, er will diesen unersetzlichen Verkehr nicht stören, er will wahrlich mit dem großen Glück zufrieden sein, welches ihm so unerwartet in den Schoß gefallen ist. Seine Hand führt eifrig den Pinsel, er plaudert in dem frischen Ton weiter, welcher sie anzuregen scheint. Sie empfinden es beide als eine Geist und Seele erfrischende Freude, einander im harmlosen Verkehr freundschaftlich näher zu treten. Endlich steht Charitas auf. Ihre bleichen Wangen schimmern wieder in zartem Rot, sie reicht ihm herzlich die Hand entgegen. »Wie dankbar bin ich Ihnen für all Ihre Teilnahme und alle guten Worte; die letzte Zeit brachte so großes Leid über mich, ich war so ganz verlassen! Nun helfen Sie mir über die schweren Stunden hinaus. Ich bin keine gute Gesellschafterin jetzt, Sie müssen Nachsicht haben mit meinen verweinten Augen, welche aber so gern einmal Ihr Werk bewundern möchten! Darf ich Ihr Werk nicht einmal sehen?« Dunkle Glut flammt in seinen Wangen, hastig abwehrend streckt er den Arm vor. »Ich bitte, ich beschwöre Sie – noch nicht! Lassen Sie mich erst weiter sein! Etwas Unfertiges zu zeigen ist für mich ein Greuel – für meine Muse ein Beginnen, welches sie in die Flucht schlägt! Noch ein paar Tage Geduld – bitte, bitte!« Er zieht ihre Hand mit flehendem Blick an die Lippen, und Charitas blickt beinahe verlegen in sein verstörtes Gesicht. »Gewiß werde ich mich gedulden! Ah, ich ahnte nicht, daß ich gegen den Maler- und Künstler-Komment fehlte!« XXI. cht Tage waren vergangen. Der Verkehr zwischen Charitas und Klaus hatte sich immer freundschaftlicher und anregender gestaltet und hatte nie mit einem Wort oder Blick die Grenzen überschritten, welche Form und Harmlosigkeit vorgeschrieben. Das junge Mädchen hatte bei all ihrer Lieblichkeit und gewinnenden Güte doch eine Art und Weise, welcher ein kühler Stolz, eine unnahbare und abweisende Gleichgültigkeit nicht abzusprechen waren. Klaus hatte anfangs die Eigenart ihres Wesens bewundert wie die Tugend einer Heiligen; sein Herz, welches für alles Gute und Schöne so leicht empfänglich war, loderte auf in einem Opferbrand idealster Begeisterung. Das Mitleid wob ebenfalls einen Glorienschein um das Haupt der Trauernden, und die Dankbarkeit, welche er gegen sie empfand, weil sie ihm, wenn auch ahnungslos, den Weg zu einem Erfolg bereitete, ließ sein Herz vollends höher schlagen. Tagelang war er selbst davon überzeugt, sie grenzenlos über alles zu lieben! Nicht mit der sonnig strahlenden Glückseligkeit, welche sonst sein Inneres durchglüht hatte, wenn es ihn beim Anblick eines lachenden Mädchengesichtes wie süße Ahnung durchschauerte, auch nicht mit der himmelstürmenden Leidenschaft, wie er sich für gewöhnlich sein Empfinden vorstellte, wenn er von der Liebe und ihrer berauschenden Offenbarung träumte, nein, voll ernster, beinahe wehmütiger Erhabenheit trat ihm die Göttin in den Weg. Kein Jubel und Lachen, sondern Thränen, keine neckischen Grübchen und blühende Rosen, sondern ein Cypressenkranz über bleichen Wangen. War das die Liebe, eine Liebe, wie sie Klaus Sterley beglücken wird? Je mehr er mit Charitas verkehrte, desto ruhiger wogte der gewaltige Strom innigen Empfindens durch seine Brust. Wie ein leuchtender Stern am Himmel der Kunst schwebte die ideale Mädchengestalt durch seine Gedanken, verehrt, bewundert, warmherzig beklagt und von treuesten Wünschen umgeben, aber nicht mehr zu eigen begehrt als bräutlich Weib. Etwas Unsichtbares stand zwischen ihnen, aber nicht als düster drohender, Glück zerstörender Schatten, sondern wohlthuend empfunden, wie die Nähe eines freundlichen Schutzgeistes, welcher trennend seinen Palmenzweig zwischen zwei Herzen senkt, welche nicht für einander geschaffen sind. Das Bild war beinahe vollendet, Klaus hatte es gemalt, ohne daß Charitas eine Ahnung davon hatte, daß sie ihm Modell gesessen. Einmal hatte Sterley absichtlich seine Landschaftsskizze, an welcher er während kurzer Plauderstunden mit Signora malte, derart auf die Staffelei hingestellt, daß Charitas beim Nahen wohl einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte. Seit zwei Tagen weilte der Regierungsrat Schaddinghaus in der Favorita, um die Damen zu einem kurzen Übergangsstadium wieder nach Montreux zu geleiten, und das junge Mädchen sah unglücklicher aus wie je. Aber kein Wort der Klage verlautete, nur durch die Livornesi erfuhr Klaus, daß die unglückliche Waise ein immer trostloseres und qualvolleres Leben bei den unerträglichen Stiefeltern führe. Mit verweinten Augen saß Charitas auf der Mauer unter der Dattelpalme, und Klaus stand seitwärts neben ihr und malte. Sie plauderten nicht so heiter wie sonst. Der Gedanke an die baldige Trennung berührte sie beide recht traurig, waren doch diese sonnigen Morgenstunden die einzige Zerstreuung in dem öden Leben des jungen Mädchens. »Ich kehre nun auch heim, es wird doch gar zu heiß hier!« nickte Klaus, und sein Gegenüber fragte besorgt: »Wollen Sie direkt nach München zurückgehen? Um alles nicht! Der Klimawechsel ist ein viel zu schroffer! Wir haben auch hier einen verfrühten Lenz gehabt, aber daheim ist dem April noch nicht zu trauen, und ich fürchte, die schönen Tage, welche der März gebracht, wird er wieder durch grausame Nachwehen quitt machen!« Klaus lächelte: »Er fängt schon an damit. Wie ich von daheim höre, wirbelt wieder Schnee durch die Luft! Ein wunderlicher Gedanke für uns hier, die beinahe in der Sonnenglut zerschmelzen!« »Auch für hier ist Sturm und schlecht Wetter prophezeit, wir flüchten wohl zu rechter Zeit davon. Aber Sie sagten mir noch nicht, ob Sie direkt nach München zurückreisen?« »Selbstverständlich thue ich es, mein gnädiges Fräulein, ich brenne darauf, an die Arbeit zu kommen, welche bis zum Herbst ausgereift sein muß! Vor dem Witterungswechsel fürchte ich mich nicht, ich bin in dieser Beziehung, gottlob, ein tüchtiger Gesell! Aber... pardon... was ist denn da unten los? Die Notpfeife schrillt ja wie besessen... und der Rauch... kommt er aus dem Schornstein des Dampfers, oder ist da etwas nicht in Ordnung?« Charitas wandte den Kopf und blickte besorgt nach dem Hafen hinab, von welchem ein ungewohnter Lärm emporhallte, und Klaus trat ebenfalls an die Mauer und schaute angestrengt hinab. »Es muß Feuer in einem Lagerraum ausgebrochen sein.« »Welch ein Gottesglück, daß sich solch ein Unglück nicht auf hoher See ereignete! Beide sahen so eifrig beobachtend auf das Gewimmel hinab, daß keines von ihnen die Schritte vernahm, welche sich im Garten näherten. Erst ein scharfer, schriller Schrei höchster Wut, ein zorniges Schimpfen und Wettern ließ sie wie gelähmt vor Schrecken auf das Unerwartete starren. Bleich wie der Tod lehnte Charitas an der Mauer, hoch aufgerichtet, stolz, mit blitzenden Augen trat Klaus neben sein Bild, vor welchem Herr und Frau Schaddinghaus, halb sinnlos vor Zorn, die Hände ballten. »Also doch! Also die Lauretta hat demnach recht! Du saubere Person gibst dir jeden Morgen Rendezvous mit einem fremden Maler hier im Garten?« tobte die Tante, mit ihrem wutverzerrten Gesicht einen Anblick bietend, welcher Sterleys kühnste Vorstellungen noch weit übertraf, und sie fuhr mit erhobenen Händen gegen die Nichte ein, sie mit maßlosesten Schmähungen zu überschütten. Und der Regierungsrat sekundierte ihr. »Also malen hast du dich lassen, du affiges Frauenzimmer«, höhnte er, »malen wie eine Mater dolorosa mit dem Thränenblick? – Welche Ironie! – Der Herr hier hätte dich sehr anders auffassen müssen, wenn er dich leichtfertige Mamsell, die bei Tau und Tag zu den Künstlern läuft, hätte richtig treffen wollen!« »Mein Herr, wagen Sie es nicht...!« Bebend vor Empörung trat Klaus einen Schritt gegen den alten Mann vor, die Tante aber flatterte ihm mit zeternder Stimme entgegen. »Wollen Sie noch ein großes Wort hier führen, Sie Farbenklexer? Sie Mädchenverführer! Machen Sie, daß Sie auf die Straße kommen, sonst schicke ich nach der Polizei! Solch ein schlechtes Ding wie die Charitas verteidigt man nicht! Und mit Ihnen haben wir überhaupt nichts zu thun, höchstens haben wir Rechenschaft zu verlangen, wie Sie zu der unverschämten Frechheit kommen, ohne unsere Erlaubnis unsere Nichte zu malen!« »Hihihi! Er wird die Erlaubnis wohl schon von dem artigen Liebchen eingeholt haben – –!« »Herr – ich vergesse mich! – Kein Wort weiter...« Mit schnellem Schritt stand Charitas an Sterleys Seite und umklammerte mit zitternden Fingern seine Faust. »Um meinetwillen, Herr Sterley, gehen Sie! Demütigen Sie mich nicht durch Ihre Gegenwart noch mehr; die Worte, welche ich hören muß, sind schon zu viel für mich allein!« Ihr farbloses Antlitz sah zu ihm auf wie das einer Sterbenden, und dann trafen ihre Augen das Bild – ihr Bild! Groß, weit aufgerissen starrten sie es an. »Nein, Charitas, mein Platz ist an Ihrer Seite, Sie gegen Brutalitäten zu schützen, denen gegenüber Sie wehrlos sind!« Sie antwortet nicht, sie starrt auf das Bild, aber Frau Selma stemmt mit gellendem Gelächter die Arme in die Seiten. »Charitas nennt er die freche Person schon! Ei, das zarte Verhältnis scheint schon recht weit gediehen zu sein!« Und mit giftigem Blick faßt sie den Arm der Pflegetochter und schüttelt ihn. Die Stimme schnappt über vor Wut: »Weißt du auch, du ehrvergessenes Geschöpf, daß wir dich auf der Stelle aus dem Hause jagen könnten, daß wir dich auf die Straße werfen könnten – du – du – Dirne du!« Ein leis zitternder Schrei der höchsten Seelenqual. Charitas schlägt die Hände vor das Antlitz und wankt einen Schritt zurück, Klaus aber tritt hochaufgerichtet vor die Regierungsrätin. »Sie weisen Ihrer Nichte die Thür? Gut, sie wird gehen und sich unter meinen Schutz stellen als meine Braut und, so Gott will, bald auch mein Weib! Es ist eine seltsame Zeit für eine Brauterbung, aber ich denke, Sie haben dieselbe verstanden! Kommen Sie, Charitas, hier ist Ihres Bleibens nicht länger!« Mit festem Druck zieht er ihr die Hände von dem Antlitz und umschließt sie innig mit den seinen. Der Regierungsrat und seine Gattin aber stürzen sich, jähe Betroffenheit in den Gesichtern, dazwischen. »Unterstehen Sie sich, meine Pflegetochter zu berühren! Wagen Sie es, sie gewaltsam zu entführen! Ihre Werbung, Sie seltsamer Freier, weise ich ebenso entschieden wie verachtend zurück! Meine Nichte steht unter meiner Vormundschaft! Verstanden?« Charitas hebt das Haupt und blickt Sterley flehend in die Augen. »Wenn Sie es gut mit mir meinen, so gehen Sie jetzt, Herr Sterley!« flüstert sie. »Sie befehlen es, Charitas. Ich gehe, ja – aber ich komme wieder. Diese Stunde hat mir ein Anrecht an Sie gegeben!« Die Rätin faßt die Nichte an der einen Seite, der Rat an der anderen Seite am Arm und ziehen sie wie in plötzlicher, sinnloser Angst mit sich fort. »Kein Anrecht haben Sie, gar keins!« schreit Frau Selma noch kirschrot vor Aufregung zurück. »Das Mädchen befindet sich in unserer Gewalt, mein Mann ist Vormund!« Klaus wendet ihr den Rücken, und die Schritte und die keifenden Stimmen der Pflegeeltern verklingen hinter dem Boskett. Wie gebrochen, unfähig, das Entsetzliche völlig zu fassen, sinkt Klaus auf die Mauer nieder. Das war alles so schnell gekommen, hatte sich so grauenhaft schnell abgespielt. Wie ein böser, beängstigender Traum dünkt es ihm. Er fühlt, wie es brennend heiß in seine Augen emporschießt, wie es schwindelnd durch seine Sinne braust. »Armes, armes, unglückliches Kind, welch ein Elend habe ich über dich gebracht!« stöhnt er auf und wühlt wie ein Verzweifelnder die Hände in sein lockiges Haar. »Ich allein trage die Schuld, ich allein habe das Unglück heraufbeschworen! Allmächtiger Gott, wie habe ich mich so leichtsinnig an ihr versündigt!« Seine Pulse fliegen wie im Fieber, das Entsetzen schüttelt ihn bei der Rückerinnerung an die Scene, die er soeben erlebt, bei dem Gedanken an all das unbeschreibliche Leid, welches Charitas noch erdulden wird! Ihr schon so hartes Los ist nun unerträglich geworden – und das ist sein Werk! Er dachte nur an sich! Rücksichtslos stürmte er auf dem Wege zum Ruhm und Erfolg vorwärts und trat die weiße Lilie dabei unter die Füße. Welch ein Blick, als sie ihr eigen Bild sah! Und kein Wort des Vorwurfs, keine Schmähung gegen ihn, welche sie rechtfertigte! Welch ein Engelsgemüt, welch eine Dulderin hat er so freventlich gekränkt! Herrgott des Himmels! Wie soll er diese Schuld an ihr sühnen? Dadurch, daß er sie ihrem trostlosen Schicksal so bald wie möglich entzieht. Die Aufregung des Augenblicks hat ihm die Liebeswerbung abgerungen; er hat offiziell vor den Pflegeeltern um sie angehalten, und obwohl er keinerlei Antwort von Charitas erhielt, erachtete er sich dennoch als ihren Verlobten. Er hat ihr den Aufenthalt in diesem Hause der Pflegeeltern unmöglich gemacht, sie ist durch ihn und sein heimlich von ihr entworfenes Bild aufs ärgste kompromittiert. Kein anderer Schutz, kein anderer Ritter bleibt ihr als Klaus Sterley. Er wird sie zu seinem Weibe machen! Bei Gott! er wird's! Die Pflicht gebietet es, seine Ehre verlangt es! Warum durchzuckt es ihn bei diesem Gedanken wie ein jäher Schreck? Gleich einem Schleier zerreißt es plötzlich vor seinen Augen. Er empfindet es, er weiß es in diesem Augenblick, daß er sie nicht liebt, nicht so liebt, wie er stets geglaubt hat, daß er ein Weib lieben müßte, das er für alle Ewigkeit sein eigen nennen will. Gleichviel, der Würfel ist gefallen, und er wird sie lieben lernen, eben so heiß und innig lieben, wie er sie jetzt achtet, verehrt, anbetet wie eine Heilige! Er muß viel an ihr sühnen, sehr viel, kaum, daß ein Leben voll aufopfernder Hingabe dafür genügt! Kann er, der Unbemittelte, der unbekannte Maler, welcher kaum für sich selber zu leben hat, an heiraten denken? Er hätte es nicht gekonnt und nicht gedurft, wenn er aus freier Wahl, nur aus Neigung und Leidenschaft ein geliebtes Mädchen hätte heimführen wollen, – in seiner jetzigen Lage aber ist es etwas anderes. Sind die Kohlenlager in Lichtenhagen nicht vielverheißende Goldgruben, und wird Josef der fremden Not eher zu Hilfe eilen als der seines Bruders? So viel weiß er gewiß, daß Josef alles thun wird, um seine Heirat zu ermöglichen, darauf kann er bauen. Sein Stiefbruder, welcher selber die Ehre so hoch hält, welcher sich nicht gescheut hat, ihr persönlich die höchsten Opfer zu bringen, er wird die Sage, in welcher sich Klaus befindet, besser als jeder andere verstehen und alles aufbieten, das Unmögliche möglich zu machen. Vor allen Dingen muß er sich mit Charitas selber aussprechen. Sie antwortete nicht auf seine Werbung, aber ihr ganzes Benehmen ihm gegenüber ist Antwort genug und versicherte ihm, daß sie ihn nicht abweisen wird. Es bleibt ja nichts anderes übrig, – was soll die Hilflose, Verlassene beginnen, wenn die Pflegeeltern ihre Drohung wahr machen und ihr die Thür weisen, oder wenn sie die Unglückliche durch ihre Brutalität zwingen, das Haus zu verlassen? Er ahnt nicht, ob Charitas Vermögen besitzt, – aber das ist ja momentan auch gleichgültig, sie ist auf jeden Fall von dem Vormund abhängig. Wie lange noch? Auch das ist nebensächlich, der Augenblick zwingt zu einer Entscheidung. Klaus starrt regungslos geradeaus, dann springt er auf und schreitet erregt auf dem kleinen Kiesplatz auf und nieder, um seine Gedanken zu sammeln und mit sich selbst ins reine zu kommen. Endlich atmet er tief auf. Sein Weg liegt klar und deutlich vor ihm, – zuerst führt er zu Charitas. Er packt voll nervöser Hast seine Malsachen zusammen und steht einen Moment noch überlegend, ob er sogleich einen Versuch machen soll, zu dem jungen Mädchen zu dringen. Er sagt sich aber selbst, daß dies auf geradem und ehrlichem Weg nicht zu erreichen sein wird. Sein Blick fliegt zu der Villa hinüber. Herr Schaddinghaus steht auf dem Balkon und blickt scharf zu ihm herüber, augenscheinlich bewacht er ihn und den Weg zu der Favorita. Kurz entschlossen wendet sich Klaus zu der kleinen Pforte und stürmt nach seinem Hotel zurück. In diesem Augenblick ist nichts zu machen, das sieht er ein. Läßt man ihn nicht im guten zu Charitas, so wird er Umwege wählen. Signora Julia, die sich selber eine Schützerin der Liebenden genannt, wird wohl auch zu ihrem Schutzengel, wenn es ihm gelingt, sie geschickt zu gewinnen. Die See geht höher, ein kräftiger Wind hat eingesetzt und fegt weiße Wellenköpfchen vor sich her. Wie eine graue Dunstwand steigt es am Horizont empor, und die Sonne blickt schon jetzt wie durch zarte Nebelschleier. Der Ätna hüllt sich in Wolken. Es gibt bös Wetter. Klaus hat zwei Stunden gewartet, dann begibt er sich wieder auf seinen Beobachtungsposten vor die Favorita. Das Haus liegt still, wie ausgestorben. Gelassen schreitet er zur Hausthür und klingelt. Ein schwarzäugiges Mädchen mit blatternarbigem Gesicht öffnet und kneift bei seinem Anblick die schmalen Lippen noch fester zusammen. Lauretta, die Verräterin. »Ist Fräulein Reckwitz zu sprechen?« »Bedaure, das Fräulein darf keine Besuche empfangen!« »Bitte mich bei Signora Livornesi zu melden.« Das Mädchen lächelt noch höhnischer. »Die Signora ist verreist.« Ist das Wahrheit oder Lüge? Nun, er erfährt das wohl, denn sie ist bekannt genug in Catania. Er wendete sich zum Hafen. Ist sie mit einem Dampfschiff gefahren, erfährt er es am Landungsplatze sicher. Und er hat Glück. Gleich der erste der Brückenbummler, welcher rauchend auf dem Geländer hockt und seine Gondoliera anbietet, weiß Bescheid. »Die Livornesi, Signor? Alle Heiligen seien uns gnädig! Ja, sie ist mit der ›Margherita‹ heut früh davongefahren, und doch steht die Brücke noch fest!« Er lacht, daß seine Zähne blinken. »Und wißt Ihr nicht, wohin sie fuhr und wie lang sie bleibt?« Das verschlagene Gesicht des Burschen neigt sich schief auf die Schulter, er blinzelt den Fremden listig an. »Hier auf dem Land kann unsereins schlecht sprechen! Nehmt für eine Stunde meine Gondoliera, wir bleiben hart am Ufer, und ich sag' Euch alles, was Ihr wissen wollt!« Klaus zieht hastig die Börse: »Ich bezahle die Stunde, zum Fahren habe ich keine Zeit. Also, wann kommt die Signora zurück?« »Heut abend; ists Wetter gut, zu Schiff, ists schlecht mit der Eisenbahn.« »Wißt Ihr das genau?« »So genau, wie die Stunde des Ave Maria, Signor. Die Livornesi fährt jeden Sonnabend hinüber, den Rosenkranz am Grab ihrer Eltern zu beten. Ich habe sie schon seit zehn Jahren kommen und gehen sehen.« »Ich danke Ihnen.« – – – Das Wetter ward schlecht, sehr schlecht. Sturm und Regen. Entweder kam Signora Julia mit der Bahn oder gar nicht. Klaus schritt fröstelnd auf dem menschenleeren Perron auf und nieder. Es war empfindlich kühl geworden, der Umschlag der Temperatur ein greller. In seiner Aufregung achtete er dessen nicht, er blickte ungeduldig dem Zug entgegen, welcher mit glühenden Augen dahergeschnaubt kam. Und wahrlich – aus einer Coupéthüre quoll die massige Gestalt der Alten. Ihre Überraschung, den lieben, jungen Amico zu ihrem Empfang bereitstehen zu sehen, ging mit einem Gefühl höchster Genugthuung Hand in Hand, sie beklagte in Gedanken nur eins, daß so wenig Menschen diesen Triumph sahen. Klaus versicherte mit gewohnter Galanterie, daß er sich bei dem schlechten Wetter um die teure Gönnerin geängstigt habe. Heute mittag habe er ihr einen feierlichen Besuch abstatten wollen und bei dieser Gelegenheit von ihrer Abreise erfahren. Die Livornesi schwamm in Entzücken, sie hing sich als süße Last an seinen Arm, und beide traten den Heimweg an. Klaus war klug genug, nicht gleich mit der Thür in das Haus zu fallen. Dann begann er allmählich zu erzählen. Er habe im Garten gemalt und dabei Fräulein Reckwitz auf der Mauer sitzen sehen. Natürlich in Thränen. Da ihr Gesicht trotz derselben einen schönen Ausdruck behalten habe, sei ihm der Wunsch gekommen, sie zu skizzieren, er wolle mal eine büßende Magdalena oder eine mater dolorosa malen, und dazu habe er das Antlitz gut gebrauchen können. Das Fräulein habe nichts davon gemerkt, trotzdem er – lediglich um des Bildes willen – sich in ein Gespräch mit ihr eingelassen habe. Das sei von dem abscheulichen Ding, der Lauretta, beobachtet und der Tante hinterbracht worden. Nun schilderte er den Vorgang des heutigen Morgens. Die Signora fauchte schon bei der Anstrengung des Gehens wie ein Hamster, obwohl es nur sehr langsam, Schritt um Schritt vorwärts ging. Jetzt blieb sie stehen und sprudelte in ihrer Empörung alle Schimpfworte hervor, welche sie momentan auf Lager hatte. »Dieses schlechte, dieses miserable Ding, die Lauretta! Boshaft und neidisch ist der häßliche Affe. Das habe ich schon lange gemerkt, und nun wird sie aus dem Hause geworfen! Solch eine Teufelin! Gott strafe ihre Seele! Ja, Signor Sterley, ein übles Ding ist es immer, ein junges Frauenzimmer zu malen, sogar heimlich! Warum haben Sie es nicht mir gesagt? – Ich hätte Ihnen gleich Modell gesessen, bei warmem Wetter sogar nur mit einem einzigen Shawl, wie die büßende Magdalena! O, o! Das wird für die arme Charitas ein Elend geben! Die wird böse Tage sehen! Ja, hätten Sie doch nur den Domplatz mit dem Elephantenbrunnen – oder das Benediktinerkloster gemalt – was die Maler hier meistens thun, – aber gerade so ein Menschenkind wie Charitas!« Klaus hatte den Wortschwall nicht unterbrochen, er mußte sich erst von seinem Schreck über Julia als wenig bekleidete Magdalena erholen! Jetzt aber stimmte er der Sprecherin eifrig zu und klagte, daß er das arme Fräulein nicht einmal um Verzeihung habe bitten können! Das laste wie eine schwere Schuld auf ihm! Wenn er nur Mittel und Wege wüßte, sich ihr zu nähern, wenn doch ein lieber, holder Engel daher schweben wolle, ihm hilfreich beizustehen! Donna Julia blieb wieder stehen. Ihr heißes Gesicht glänzte wie eitel Genugthuung aus dem schwarzen Spitzenshawl heraus, und Klaus neigte den Schirm tiefer über sie, um Sturm und Regen abzuwehren. »Nun – und wenn ich dieser Engel sein wollte?« gluckerte ihre fette Stimme. Sterley preßte ihren Arm jählings an sich: »Ja, Sie, Signora Julia! Sie allein könnten solch ein rettender Engel sein!« rief er enthusiastisch. »Sie, bei welcher Güte, Schönheit und Klugheit Hand in Hand gehn – Sie werden es schon einrichten können, daß ich Charitas für eine kleine Weile ungestört sprechen kann!« »Schönheit? O Sie Schmeichler – das ist jetzt wohl vorbei!« wehrte die ehemalige Chansonnette bescheiden und schämig ab, dann aber ging ihr Temperament mit ihr durch. »Ob wohl die Marmorbraut auf ein Rendezvous eingehen wird? kicherte sie. »O, es würde mir eine Genugthuung sein, wenn ihr Heiligenschein ein wenig von seinem Glanz verlieren würde! Ich hasse diese Tugendheldinnen; sie sind meist Heuchlerinnen und wollen nur auf uns andere, die wir ehrlich und freimütig gesündigt haben, mit gerümpften Nasen herabsehen! Nun, ich denke, auch für Charitas hat das Stündlein geschlagen! – Nun wollen wir mal unsern Plan machen. An der Straßenecke trennen wir uns. Sie schleichen sich heimlich in den Garten an unsern gewohnten Platz. Ich werde das Terrain rekognoszieren und bringe schnell Bescheid. Armes Jungchen, im Regen müssen Sie aushalten, ich kanns aber nicht ändern!« Klaus jubelte auf im Herzen. Er hatte das Spiel gewonnen. Und sie trennten sich an der Straßenecke. Wie ein unförmiger, dunkler Klumpen watschelte die Signora dem Hause zu, und Klaus wandte sich und erreichte auf einem Umwege, durch die kleine Pforte, den Garten. Harrend schritt er auf und nieder; der Sturm pfiff durch die Gebüsche, und die Zweige der Dattelpalme rauschten klagend über ihm in der Luft. Jetzt empfand Klaus die kühlere Luft als Wohlthat. Kühlere Luft! Du lieber Gott! Bei uns daheim würde man sie einen feuchtwarmen Sommerwind nennen! Wie wird ihm der Münchner Wind so ungewohnt um die Ohren pfeifen! Und wie bald wird er wieder durch die heimatlichen Straßen schreiten, als anderer, gänzlich veränderter Mensch! Mit einem Ring am Finger kehrt er zurück und doch nicht voll Jubel und Seligkeit, sondern mit schwerem Herzen. Wie wird sich alles entwickeln? Wird Charitas ihn wiedersehen wollen? Wird sie ihm folgen? Liebt sie ihn und wird sie sein Weib werden? Quälende, brennende Fragen! Wieder steht er an der Mauer und schaut hinab auf das Lichtmeer von Catania. Wie Funken blinkt es zu ihm herauf, zerrissene Glockenklänge hallen von der Kathedrale durch Sturm und rollende See. Der Himmel dräut sternlos und dunkel, nur über dem Ätna ist er mit hellerem Schein gefärbt. Die Schiffssirenen heulen, Signale schrillen durch die Luft. Der Dunkelheit, nicht der Stunde nach ist es Nacht. Wie träge schleicht die Zeit. Endlich ein Geräusch, ein schlürfender Schritt. »Signor Sterley?« flüstert eine Stimme. »O Signora, beste, herrlichste der Frauen, Sie kommen wahrlich?« »Und bringe gute Nachricht, das Täubchen ist zahm geworden!« kichert Julia. Sie hat einen großen, dunklen Mantel über den Kopf geworfen. »Das arme Kind war natürlich von ihren Tyrannen eingeschlossen, saß hungernd in ihrem Stübchen und weinte sich die Augen aus! Den Thürschlüssel zum Korridor hat der alte Drachen in der Tasche. Hoho, wollen ihr doch ein Schnippchen schlagen! Der Salon neben Charitas' Stube steht leer, wir werden leicht den Schrank von der Verbindungsthür fortstellen, und der Weg zu Ihrem Stelldichein ist gebahnt. Ich verhandelte soeben schon mit dem armen Seelchen durch dieses Schlüsselloch. Um 11 Uhr, wenn alles im Hause schläft, lasse ich Sie durch die Hinterthüre ein, Signor Sterley. Aber die Kleine verlangt mit großer Entschiedenheit, daß ich bei der Unterredung zugegen bin. Werden aber wohl deutsch sprechen, wie? Je nun, wenn nur ein Anfang gemacht ist, das nächste Mal guck ich schon aus dem Fenster und dann – o, ich kenne das! Also um 11 Uhr, Signor. Zwei Stunden haben Sie noch Zeit, trinken Sie zuvor ein Glas Wein. Ich thue es auch, man friert heut wie im Winter. Und somit addio caro mio ! Der Schutzengel wacht!« Klaus stürmte nach dem Hotel zurück, der Kopf brannte ihm, eine ungeheuere Aufregung bemächtigte sich seiner. Sie wird ihn sehen und sprechen! Sie liebt ihn! Sie, die kalte, unnahbare Charitas! Die Eitelkeit besitzt eine wunderbare Macht über den Menschen. Der Gedanke, geliebt zu sein, so geliebt zu sein, daß eine Königin der Tugend sich plötzlich zur Sklavin ihrer Leidenschaft macht, hat für jeden Mann etwas Berauschendes. Wie ein scheues Vöglein, dessen Nest ein Wettersturm zerstört, flüchtet Charitas an seine Brust. Das rührt und bewegt ihm das Herz, und die heißen Flammen einer entfachten Leidenschaft schlagen empor. Liebt er sie dennoch, oder ist es nur der Rausch dieser süßen, geheimen Stunde, welcher sich wie ein Schleier über seine Sinne breitet? Gleichviel, er weiß, daß sich in dieser Stunde sein Schicksal entscheidet, und wenn erst die Sonne des Glücks die Thränen von den bleichen Wangen trocknet, wenn ein holdes, bethörendes Lächeln um ihre Lippen spielt, wird er Charitas auch dann nur zu seinem Weibe machen, weil es Pflicht und Ehre verlangen? Mit hämmernden Pulsen stürzt er den feurigen Wein hinab, die Augen auf die Uhr gerichtet, welche vor ihm, an der Wand der Osteria, tickt. XXII. er Sturm heult über das Meer und fegt ganze Wolken feuchtkühler Blütenblätter in das Gesicht des einsam Dahinschreitenden. Der leichte Mantel flattert, der Hut ist tief in die Stirn gedrückt. Behutsam lugend und von Busch zu Busch vorwärts springend wie ein Fra Diavolo, welcher Böses im Schilde führt, nähert sich Klaus auf regenüberfluteten Gartenwegen der Favorita. Und er braucht nicht zu warten. Der rote Vorhang eines Souterrainfensters wird beiseite geschoben, Signora Julias Vollmondsantlitz späht in die Dunkelheit hinaus. Sterley tritt in den Lichtschein und winkt ihr schweigend zu, und einen Augenblick später dreht sich lautlos der Thürschlüssel und der späte Gast tritt ein. Seine Gönnerin blinzelt ihm verständnisinnig zu, legt den Finger auf die Lippen und schwankt ihm auf weichen Strohpantoffeln voraus, wie ein Schiff auf hohen Wellen. Klaus folgt schweigend durch einen langen, mit Marmorfliesen ausgelegten Gang die Treppe empor. Dort wendet sich die Signora nach einem Seitenflügel und winkt dem jungen Mann ermutigend zu. »So! – Hier hören sie uns nicht mehr! Diavolo! Ich glaubte jeden Augenblick, die Alte würde durch die Thür schauen! Zurück müssen Sie über den Balkon; es springt sich ganz bequem hinab, mit dem Emporklettern hält's bei dem nassen Wetter schwerer. – So, amico ! Hier sind wir angelangt, treten Sie ein.« Klaus folgte der Sprecherin in ein Zimmer, aus welchem ihm die Luft noch erstickend schwül entgegenströmte. Eine einzelne Kerze brannte auf dem Tisch und ließ nur die nächsten Gegenstände deutlich erkennen. Ein großes Bett unter dem unvermeidlichen Moskitonetz stand rechts zur Seite, Bambusmöbel reihten sich, etwas ungeordnet zusammengeschoben, an den Wänden auf, ein sich selbst drehender Fliegenwedel paradierte auf dem Schreibtisch. Klaus blickte zerstreut umher, warf den nassen Mantel ab und starrte dann atemlos aus die Signora, welche an eine Seitenthür getreten war und leise durch das Schlüsselloch flüsterte. »Sie kommt sofort!« sagte sie, nickte mit einem Lächeln unendlicher Befriedigung, watschelte nach einem Bambussessel und ließ sich erschöpft nieder. Die Anstrengung war groß gewesen. Klaus stand regungslos und umschoß mit den Händen krampfhaft eine Stuhllehne. Jetzt erst kam ihm die ganze Eigenart seiner Situation zum Bewußtsein. Wie sollte er sich eigentlich benehmen – wie ein stürmisch werbender Liebhaber, welcher mit der Angebeteten bei Nacht und Nebel flüchten will? Wie soll er sie begrüßen – mit leidenschaftlichen Worten als Braut und Geliebte? – Gewiß! Wie anders? Diese nächtliche Scene paßt wohl zu keiner andern Art! – Leise regt sich die Thür; Charitas tritt ein. Wie die Gestalt einer Königin steht sie auf der Schwelle, keusch und rein, wie das weiße Kleid, welches an ihr niederfällt, hocherhobenen Hauptes, stolz und unnahbar, und dennoch mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes in dem bleichen Antlitz, welches seine großen Augen so ernst, so dunkel umschattet, so feierlich auf ihn richtet, daß ihm die Worte auf den Lippen stocken. Dasselbe unerklärliche Gefühl von scheuer Befangenheit überkommt ihn, welches ihn in ihrer Nähe stets durchrieselt hat, wie ein kühler Hauch. Formell, respektvoll wie stets tritt er ihr entgegen und drückt ihre dargereichte Hand an die Lippen. »Wie danke ich Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie meine unbescheidene Bitte erfüllt haben!« sagt er hastig, voll herzlicher Erregung. »Ich hätte mein Schuldbewußtsein kaum ertragen, ohne von Ihnen Verzeihung erfleht zu haben! – Glauben Sie mir, Fräulein Charitas, ich habe nicht im mindesten, wahrlich mit keinem Gedanken geahnt, welch ungeheure Unannehmlichkeiten ich Ihnen durch mein heimliches Porträtieren bereiten würde, sonst wäre es bei Gott nie geschehen! Aber die Leidenschaft ging mit mir durch, Sie werden sich, so Gott will, bald selber überzeugen, welch eine Königsperle ich in Ihrem Antlitz gefunden habe! Werde ich jemals im Leben einen Erfolg erringen, so verdanke ich denselben Ihnen, und beim Himmel, Fräulein Charitas, das Glück eines braven Gesellen begründet zu haben, ist schon ein Opfer wert!« Sie hatte ihn ruhig aussprechen lassen. Ihre traurigen Augen blickten heller und glänzender bei seinen letzten Worten. »Ich habe Ihr Bild gesehen, Herr Sterley, und Ihnen um Ihrer genialen, gottgesegneten Kunst willen gern verziehen. So malt nur ein Mensch, welcher berufen ist, Großes zu leisten, und das wird mir stets ein Trost in meinem Elend sein, daß mein armes, inhaltloses Leben nun doch einen guten und schönen Zweck gehabt hat.« Er faßte erregt ihre niederhängende, kalte, kleine Hand. »Ihr armes, inhaltsloses Leben soll reich werden, Charitas, reich und glückselig durch all die Liebe und Treue, mit welchem ich es schmücken will. Sie wissen warum ich in diesem Augenblick vor Ihnen stehe –« Sie entzog ihm die Hand, um sie voll ernster, beinahe düsterer Abwehr zu heben. Ihr Blick ward starr und kühl, langsam wich sie einen Schritt zurück. »Ja, ich weiß, warum Sie hier sind, Herr Sterley, um mir Schutz und ritterliche Hilfe anzubieten, falls ich sie gebrauche, und weil ich dieselbe gebrauche und fest und zuversichtlich an Ihre Gesinnung als Ehrenmann glaube, darum bin ich Ihrem Ruf gefolgt. Was Sie in der höchsten Erregung, in einem Augenblick größter Selbstanklage zu meinen Pflegeeltern sagten, will ich nicht gehört haben, weder jetzt noch je! – Daß Sie mich in der That lieben, hoffe und glaube ich nicht, denn es würde mich noch unglücklicher machen, als ich es schon bin. Versprechen Sie mir, daß Sie mich nie wieder durch eine Werbung demütigen werden wie durch ein Almosen, und ich werde Ihnen vertrauen wie meinem besten Freund und Ihre Hilfe in der Not anrufen!« »Charitas – welch ein grausames Verlangen!« Ein bitteres Lächeln huschte um ihre Lippen. »Grausam? – Eine Charitas kann nur barmherzig sein, und ich will meinen Namen mit Recht und Ehren tragen. Was sollte Ihre Werbung an meinem Schicksal ändern? Sie würde nur uns beide ins Unglück stürzen! Echte Freundschaft ist aufrichtig! Wovon wollten wir leben? Wir sind beide arm!« »O, ich werde Mittel und Wege finden«, murmelte er, »welche eine Heirat ermöglichen ...« »Wehe dem Künstler, welcher sich mit Bleigewichten an die Erde fesselt, seine Schwingen sind für ewig gebrochen, sein Flug zur Sonne vernichtet! Wer Thränen malt wie Sie, darf sie nicht selber weinen! Aber warum der Worte, unsere Zeit ist knapp.« – Sie reichte ihm mit flehendem Blick beide Hände dar: »Einen Freier werde ich nie im Leben vor mir dulden, aber einen Freund suche ich, Herr Sterley, – einen Freund und Beschützer! Und da Sie unabsichtlich meinen Leidenskelch um viel Bitternis vermehrt haben, so sind Sie wohl der natürlichste Retter, welcher mir erwachsen kann. Wollen Sie es sein?« Klaus zog ihre Hände abermals an die Lippen! »Ich will jetzt das sein, wozu mich Ihre Huld macht, Charitas, was ich aber noch werden und mir erringen möchte, das lassen Sie der Zukunft frei! Vorläufig werden Sie mich unaussprechlich beglücken, wenn ich Ihnen all mein Haben und Sein zur Verfügung stellen darf!« »Ich danke Ihnen, Herr Sterley, und ich erachte Sie von Stund an als Bruder, dessen Hilfe mich nicht kompromittiert und dessen Rechtschaffenheit in meiner Ehre auch die seine erblicken wird!« – Das junge Mädchen sprach sehr ernst und sehr ruhig, ein Ausdruck starrer, fester Entschlossenheit lag auf dem thränenmüden Antlitz. »Ich stehe allein auf der Welt, ich besitze weder Anverwandte noch Freunde, zu welchen ich mich flüchten könnte. Ich habe das Leben im Hause meiner Stiefeltern geduldig ertragen, ich habe nicht geklagt und nicht gemurrt, aber es gibt moralische Mißhandlungen, welche ein anständig denkendes Mädchen nicht ertragen kann. Das Maß ist voll und meine Kräfte sind erschöpft. Ich bin fest entschlossen, das Haus meiner Peiniger zu verlassen, und da dies auf gütlichem Wege unmöglich ist, so muß es durch die Flucht geschehen. Ich kann aber unmöglich ohne Mittel und Schutz als Vagabundin durch die Welt streifen, bis ich Stellung und Unterkommen gefunden. Mir durch die Zeitung ein solches zu verschaffen, ist ganz ausgeschlossen, ich werde bewacht wie eine Gefangene. Nun möchte ich Sie anflehen, Herr Sterley, helfen Sie mir! Verschaffen Sie mir bei Freunden oder Verwandten, in durchaus achtbarem Hause ein Unterkommen, entweder als bleibende Stellung oder als vorläufigen Aufenthalt, bis ich etwas Sicheres gefunden habe. Bezahlen kann ich vorläufig nichts, ich verfüge nicht einmal über Taschengeld, man gab mir, was ich brauchte, aber ich kann arbeiten, – jede Arbeit, und ich scheue auch vor der härtesten nicht zurück. Ich lernte massieren, und würde gern Pflegerin einer kranken Dame werden, aber auch kochen und selbständig wirtschaften kann ich, ja, ich würde gern die Stellung einer Köchin oder Jungfer annehmen, wenn man mir nur eine freundliche und menschenwürdige Behandlung zusichert! Ich will auch meine Schuld später, wenn ich etwas verdiene, gern abtragen, nur vorläufig muß ich durch meiner Hände Arbeit meine Erkenntlichkeit beweisen! Jede Thätigkeit, auch die der Diakonissin wäre mir sehr lieb, ich muß nur in die Möglichkeit versetzt sein, mich um eine Stellung bemühen zu können. Und je eher ich dieser Hölle entrinnen kann, desto besser. Ich gehe zu Grunde in ihr. In drei Tagen reisen wir von hier ab, und zwar direkt nach Eisenach, man glaubt mich dort am sichersten bewachen zu können. Ich bitte Sie nun um das große, große Opfer, Herr Sterley, sich um ein Unterkommen für mich zu bemühen und, wenn Sie eins gefunden haben, mir entweder persönlich bei meiner heimlichen Abreise behilflich zu sein oder eine zuverlässige Dame damit zu beauftragen. Briefe erreichen mich nicht, in frühester Morgenstunde bin ich aber in Haus oder Garten anzutreffen. Und nun walte Gott des weitern. Ich habe mein Geschick in Ihre Hand gelegt, ich weiß mir keinen andern Rat und keine andere Hilfe. Seien Sie der Ehrenmann, für welchen ich Sie halte, respektieren Sie das Elend einer Verlassenen, seien Sie mein Bruder!« Aufs tiefste ergriffen stand Klaus vor dem jungen Mädchen, welches in all seinem Unglück und seiner Hilflosigkeit dennoch so hoch und rein, so unantastbar würdevoll vor ihm stand wie ein Heiligenbild. Nein, er liebte sie nicht, aber er hatte das Gefühl, als müsse er vor ihr niedersinken und das Ideal aller stolzen, edlen Weiblichkeit in ihr anbeten. Er vermochte kaum zu sprechen, aber der strahlende Blick seiner Augen umfing Sie voll warmer Innigkeit, und sein Händedruck war ein Schwur. »Ich helfe Ihnen, Charitas! Bei Gott dem Herrn, Sie sollen Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt haben! Ich glaube bereits eine sichere und behagliche Zukunftsstätte für Sie zu wissen, wo Sie die fernere Entwickelung Ihres Schicksals getrost abwarten können. Lassen Sie mich nur die nötigen Schritte besorgen, und halten Sie sich bei Ihrer Ankunft in Eisenach sogleich bereit, von mir zu hören! Ich reise morgen früh Ihnen voraus in die Heimat, es wird Ihre Peiniger beruhigen, wenn ich anscheinend das Feld geräumt habe!« »Gott segne Sie für Ihre Güte! Ich glaube an Sie! – Und somit auf Wiedersehen! Wie ruhig werde ich nun schlafen können!« Sie lächelte wie verklärt und drückte ihm die Hand! »Nochmals: Auf Wiedersehen, mein treuer Freund!« Klaus umschloß mit fast krampfhaftem Druck ihre Rechte: »Ja, auf Wiedersehen! – Sie haben mich in dieser Stunde zu Ihrem Ritter geschlagen, Fräulein Charitas, Sie sollen mit meinem Thun zufrieden sein! Ich will mich Ihres Vertrauens wert zeigen! Gott mit Ihnen!« – – – – Signora Julia hatte nichts von der Unterredung verstanden, aber sie schien von dem Benehmen der Liebenden doch recht enttäuscht. »Amico«, lachte sie, »du hast deine Vorteile nicht zu wahren gewußt! – Himmel, welch ein Rendezvous! Bei einer Beerdigung hätte es nicht feierlicher zugehen können! Aber so seid ihr Deutschen, ich weiß das! Fischblut! Selbst in der Leidenschaft Pedanten! Nun, es wird noch kommen! Aller Anfang ist schwer.« Sie lachte noch mehr und streichelte zärtlich die heiße Wange des jungen Mannes. »Diavolo! Ich wollte, Sterley, du wärst vor dreißig Jahren bei mir über das Gitter gestiegen! Wärest nicht so bald wieder gegangen wie heut!« Klaus biß die Zähne zusammen. Es that ihm weh, diese weihevolle Stunde derart profaniert zu sehen. Und doch mußte er der Signora dankbar sein. Er zwang sich zu ein paar galanten Worten und einem Kuß auf die speckige Hand und war froh, als die Alte ihn selber zur Eile antrieb. Mit gewandtem Sprung schwang er sich über das niedere Balkongitter eines Parterrezimmers und stürmte lautlos wie ein Schatten durch Sturm und Regen zurück. Charitas aber stand an dem Fenster ihres Stübchens und blickte zu dem dunklen Nachthimmel empor, ruhig und friedvoll, sie empfand keine Gewissensbisse über ihr Vorhaben. Sie hatte alles Elend in dem Hause der Pflegeeltern ertragen, sie hätte auch die schmachvolle Stunde in dem Garten heut willig als Kreuz auf sich genommen, sie hätte sich resigniert als Gefangene einsperren lassen, aber eins war zu viel der Demütigung geworden – die zärtlichen Nachstellungen des Onkels. Das Junggesellenleben in der Residenz hatte ihm den letzten moralischen Halt genommen. Er war heute nachmittag zu ihr gekommen und hatte ihr voll eifersüchtigster Auslassungen gegen den fremden Maler seine Zukunftspläne entwickelt. Das innere Leiden der Tante sei unheilbar, ihre Lebensjahre seien gezählt – und wenn sie erst glücklich unter der Erde läge, dann solle Charitas seine Frau und Herrin im Hause werden. Um des lieben Friedens willen müsse er ja jetzt seiner Frau beistehen, wenn es gegen Charitas losginge... und dabei war er ihr näher gekommen und hatte sie liebevoll, tröstend umfassen wollen. Da kannte das gequälte Mädchen keine Rücksicht mehr. Voll Abscheu und Empörung hatte sie den Erbärmlichen von sich gestoßen, daß er gegen die Thüre taumelte. »Das sollst du mir entgelten!« hatte er mit haßfunkelnden Augen geknirscht. Und nun wußte Charitas, daß ihres Bleibens in diesem Hause nicht länger sein konnte. Eine ruhige, eiserne Entschlossenheit kam über sie, sie handelte und stellte es dem Herrn anheim, sie seine Wege zu führen. Klaus aber kniete in seinem Zimmer vor dem Koffer und packte voll fliegender Hast seine Effekten, und als das Kofferchen reisefertig vor ihm stand, setzte er sich mit schwindelnden Sinnen an den Tisch und schrieb an Josef. Schlafen konnte er nicht, in dichten Schwärmen umkreisten die Moskitos, welche sich vor dem Regen doppelt zahlreich in die Häuser geflüchtet hatten, das Licht. Schwül und dumpfig war die Luft, und doch durfte er, der Insekten wegen, die Fenster nicht mehr öffnen. Er schrieb an Josef! Was sollte er schreiben? Eine ausführliche Darlegung der ganzen Verhältnisse? Dazu hat er keine Zeit, er ist auch sogar kein Freund von langem Briefschreiben, und mündlich läßt sich so etwas tausendmal besser erzählen. Ein geschriebenes Wort klingt oft so anders als ein gesprochenes, und Josef, welcher so prüde ist und ungeheuer strenge Ansichten hat, würde Charitas' Flucht vielleicht falsch deuten und womöglich einen Zweifel in die volle Ehrenhaftigkeit einer Dame setzen, welche sich zu solch gewagtem Schritt entschließt. Am besten ist es also, ganz kurz und lakonisch anfragen, – alle Details kann er ja dann später in einer vertraulichen Aussprache erfahren. Er schreibt: »Mein lieber, teuerster Bruder! In einer ebenso wichtigen wie dringlichen und diskreten Angelegenheit bitte ich Dich heute um Deine Hilfe! – Laß mich kurz sein. Du sollst alles nähere mündlich erfahren! Kann ich eine hochachtbare, junge Dame, welche ich als meine Braut erachte, zu kurzem Aufenthalt nach Lichtenhagen bringen und unter den Schutz der Frau Geheimrätin Damasus stellen? Dieselbe ist Waise und sucht nach einer passenden Stellung, in welcher sie verbleiben kann, bis meine Mittel es mir erlauben, sie als Weib heimzuführen. Sorge nichts. Du weißt, daß ich Dir niemals zumuten würde, eine Unwürdige unter Dein Dach zu nehmen. Schreibe mir umgehend Antwort! Ein Telegramm benachrichtigt Dich von unserm Eintreffen! Gott lohne Dir, was Du für mich thust! In treuer Liebe Dein Klaus.« – In der Hast und Aufregung vergaß der Schreiber, Ort und Datum über seine Zeilen zu setzen, und als er den Brief geschlossen, sah er, daß er keine Marke mehr bei sich führte. So wird er hoffentlich auf dem Bahnhof eine kaufen können. Er steckt den Brief in die Brusttasche und trinkt den Rest seines Weines aus. Ein Gefühl von Müdigkeit überkommt ihn. Ohne sich zu entkleiden, wirft er sich auf sein Lager, schlägt noch ein paarmal nach den Insekten, welche sich unter das Moskitonetz verloren haben und sinkt in tiefen Schlaf. Als der Piccolo am nächsten Morgen weckt, ist es bereits eine vorgerückte Stunde. In höchster Eile nimmt Klaus das Frühstück, begleicht seine Rechnung und denkt in der Hast nicht daran, der hübschen Ninetta Lebewohl zu sagen. Das Wetter ist noch immer schlecht. Er stürmt nach dem Bahnhof und kommt gerade noch zurecht, um in ein Coupé zu springen. An den Brief hat er nicht gedacht. Auf der nächsten Station stiegen die beiden Künstler ein, welche er in dem Wirtsgarten in Catania kennen lernte. Sie fahren ebenfalls geradeswegs nach der Heimat zurück, und Klaus schließt sich ihnen an. Die Unterhaltung zerstreut ihn und bringt ihn auf andere Gedanken; als sie das erste Nachtquartier nehmen, vertauscht er seine leichte Kleidung mit einer etwas wärmeren, denn nun geht es in einer Tour, ohne Unterbrechung, Tag und Nacht weiter bis München. Welch ein Temperaturwechsel! Schneeluft weht ihm entgegen, als er daheim aus dem Coupé springt. Frierend hastet er nach Hause, und unterwegs denkt er mit immer wachsendem Interesse an die Antwort Josefs, welche wohl morgen oder spätestens übermorgen eintreffen kann. Und plötzlich stutzt er und steht jählings still auf dem Weg. Allmächtiger ... wo hat er denn eigentlich den Brief hingesteckt? Er sinnt und grübelt – vergeblich – es fällt ihm nicht ein – das Schreiben steckt wahrscheinlich noch in seiner Rocktasche im Koffer. Eine fiebernde Ungeduld und Bestürzung erfaßt ihn, er läßt sich nicht Zeit, etwas zu genießen, ruft nur der höchlichst überraschten Wirtin im Vorübereilen durch die Thür zu, daß sie sofort eine Stube heizen möge, und dann keucht er mit seinem Touristen-Köfferchen und seinem Malkasten, welche er sparsamerweise selber getragen, die Treppen empor. In fliegender Hast reißt er den Koffer auf. Hier der Rock! – Wahr und wahrhaftig! Der Brief steckt noch in der Tasche! Klaus stürmt nach dem nächsten Postschalter und befördert ihn. – – – – – – – – In Lichtenhagen ist es noch nicht Frühling geworden. Man hatte sich bitter getäuscht, dem köstlich warmen und sonnigen März zu glauben, er bringe den Lenz schon mit! Nun stürmte und toste es wieder in den Lüften, und dichter Schnee deckte aufs neue die grünen Hoffnungsspitzen und Knospen zu, welche die trügerische Märzensonne hervorgelockt. Rothtraut machte ein beinahe trauriges Gesichtchen. Sie hatte sich ebenso wie die Mutter und das Dienstpersonal ernstlich um den jungen Gutsherrn gesorgt. Vor ein paar Wochen war es gewesen, als man gefürchtet, er werde ernstlich erkranken. Seine Unruhe und Zerstreutheit, seit er aus der Residenz zurückgekehrt, war allen aufgefallen. Plötzlich aber schien er bis zur Unkenntlichkeit verändert. Farblos, verstört, greisenhaft gealtert erschien sein Antlitz, die Augen übernächtigt und glanzlos, sein Blick starr und sein Wesen teilnahmslos und ohne alle Energie, wie bei einem Schwerkranken. War ein Unglück mit den Bergwerksanlagen passiert? – Nein, alles befand sich in bester Ordnung, und die Aussichten auf Ertrag gestalteten sich immer glänzender. Der Inspektor wußte nur, daß ein Brief eingetroffen sei, welcher den jungen Herrn so unaussprechlich tief zu bekümmern schien. Rothtraut bot alles auf, den Armen zu zerstreuen, vergeblich, ach vergeblich! – Der Verkehr mit Menschen schien Torisdorff eine Qual zu sein, er kam immer seltener nach Lichtenhagen, nahm sogar die Mahlzeiten im Krembs und stand finster, wortkarg und in sich gekehrt auf seinem gewohnten Platz, die Arbeiten zu beaufsichtigen. Allmählich schien er wieder etwas zugänglicher zu werden. Er ritt sogar eines Tages wieder nach Lichtenhagen hinüber und fragte nach der Geheimrätin. Die alte Dame war gerade in der Wäschekammer beschäftigt, da sie all die alten, so lange aufgespeicherten und vergilbten Vorräte der Leinenschränke einmal durchwaschen lassen wollte. Sie eilte sofort, herzlich erfreut über dieses neue Lebenszeichen ihres armen Wohlthäters, in das Wohnzimmer hinab. Josef stand am Fenster und blickte mit müdem Blick auf die bunten Primeln und Hyazinthen, welche zwischen den Doppelfenstern blühten. Er wandte sich bei dem Eintritt der alten Dame um und schritt ihr entgegen, die Hand so herzlich und freundlich wie immer darreichend. »Störe ich, meine gnädige Frau, oder haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?« Die Geheimrätin ward ganz rot vor Freude. »Aber mein lieber Herr von Torisdorff, welch eine Frage! Sie wissen, daß ich keine größere Freude kenne, als Ihnen irgendwie dienlich zu sein!« »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Lassen Sie uns, bitte, Platz nehmen, meine gnädige Frau, ich habe Ihnen eine Bitte vorzutragen!« Er schob höflich einen Sessel herzu und setzte sich der Geheimrätin gegenüber. »Würde es viele Umstände machen, für längere Zeit einen Gast hier zu beherbergen?« »Nicht im mindesten!« »Eine Dame!« »Um so leichter. Wir sind ja hier im Hause mit Zimmern und Betten so überreich versehen, daß die Betreffende einen ganzen Hofstaat mitbringen kann!« »Gerade daran fehlt es dem jungen Mädchen. Sie ist eine Anverwandte meines Stiefbruders und steht allein in der Welt. Ehe sich ein neuer Wirkungskreis für das Fräulein gefunden, bedarf sie eines Unterkommens und vor allen Dingen den Schutz einer mütterlichen Freundin. Ist es sehr unbescheiden von mir, meine verehrte Frau Geheimrätin, Sie zu bitten, der jungen Dame diesen gütigen, mütterlichen Schutz zu gewähren? Mein Bruder sowohl wie ich würden Ihnen außerordentlich dankbar sein!« »Keinerlei Ursache, bester Herr Baron! Es wird mir eine große und ehrliche Freude sein, ein Töchterchen mehr bemuttern zu können. Wann dürfen wir den lieben Gast erwarten?« Josef zuckte die Achseln. »Darüber liegen mir noch keine definitiven Nachrichten vor! Mein Bruder wollte die Ankunft telegraphisch anzeigen.« »Also thun wir gut, uns sogleich darauf einzurichten! Die junge Dame wird sicherlich nicht gern allein in dem oberen Stock wohnen. Glauben Sie wohl, Herr von Torisdorff, daß ich ihr das Zimmer neben Rothtraut einrichten kann? Sie waren so gütig, es ehemals als Garderobenzimmer für uns zu bestimmen, doch steht es absolut unbenutzt, da mein Mädel mit mir zusammen in einer Stube schläft!« »Gewiß, es wäre mir doppelt lieb, die junge Dame recht in ihrer Nähe zu wissen, da wir doch mit ihrer Ankunft die Verantwortung für ihr Wohl und Wehe übernehmen!« »Wird das eine Zimmer genügen, oder ist das junge Mädchen sehr verwöhnt?« Josef sah einen Augenblick unschlüssig vor sich nieder. »Das weiß ich beim besten Willen nicht, gnädige Frau, aber ich taxiere eher das Gegenteil. Sie scheint eine Münchnerin zu sein, wenigstens meldet sie mein Bruder durch einen Brief aus München an – und die Großstädterinnen kennen meist nur recht beschränkte Raumverhältnisse. Auch besitzt sie kein Elternhaus mehr.« »Sie kennen die junge Dame nicht persönlich?« »Nein, gnädige Frau, nicht einmal ihren Namen kann ich Ihnen nennen! Mein Bruder schreibt derart eilig, daß er das Notwendigste vergaß mitzuteilen.« Frau von Damasus lachte. »Wir werden ihn wohl noch bei Zeiten erfahren. Sollte ich merken, daß die Dame Ansprüche macht, so kann ich ja Versäumtes leicht nachholen. Unser Mittagstisch und sonstige Gewohnheiten bleiben dieselben?« »Durchaus dieselben!« Die Thüre flog schmetternd auf. Rothtraut stürmte mit rotgefrorenem Gesichtchen in das Zimmer und streckte dem jungen Gutsherrn beide Hände entgegen. »Endlich, endlich lassen Sie sich einmal wieder sehen!« jubelte sie voll so ehrlicher Freude, daß ein warmer Strahl aus Josefs umschatteten Augen leuchtete. »Was haben Sie denn nur vorgehabt? Waren Sie krank – wirklich krank? Gott sei Lob und Dank, nun ist es aber vorüber und nun kommen Sie wieder alle Tage – und heute essen Sie mit uns, nicht wahr, lieber Herr von Torisdorff?« Die Worte sprudelten ihr nur so von den Lippen, und dabei drückte sie seine Hände und war ganz außer sich vor Freude. »Gewiß bleibe ich heute hier, und Ihre Langeweile soll nun auch ein Ende haben; ich habe Ihnen soeben Besuch angemeldet.« »Besuch?« Wie ein Schrei klang's von ihren Lippen, sie preßte die Händchen gegen das Herz, und ihr Gesichtchen sah plötzlich aus wie in Feuer getaucht. »Kommt er – wirklich kommt er?« »Er? – Von wem reden Sie, Fräulein Rothtraut?« »Nun, von ihm, von Ihrem Bruder Klaus!« jauchzte sie auf, als sei sie ihrer Sache ganz gewiß. »Ja, Klaus kommt allerdings auch mit, – er wird eine Anverwandte zu uns bringen.« »Eine Anverwandte?« »Ein junges Mädchen, welches Sie hoffentlich als liebe Freundin willkommen heißen!« Rothtraut breitete stürmisch die Arme aus: »Ein junges Mädchen – und Ihr Bruder – Hurra, welch eine Überraschung! Und ob ich sie willkommen heißen will! Ach, das ist ja beinahe der Freude zu viel!« Noch ein fröhliches Plaudern hin und her; die Aufregung und die muntere Frische der Kleinen thaten Josef wohl. Endlich schritt er nach der Thür. »Ich will den Antwortsbrief an meinen Bruder hier schreiben, finde ich wohl Tinte auf meinem Schreibtisch oder ist sie eingetrocknet?« »Sehen Sie nur mal zu!« lächelte Rothtraut schelmisch und huschte ihm voran in sein Arbeitszimmer. Wie wohlig, warm und traut! Blumen blühten und die Uhr tickte. Nein, er war nicht fremd geworden. Auf dem Schreibtisch stand alles in tadelloser Sauberkeit und Ordnung; und Rothtraut rieb sich schmunzelnd die Hände beim Anblick seiner freudigen Überraschung. Plötzlich stutzte er und blickte auf das Bild des Stiefbruders. Es steckte verkehrt im Rahmen. »Wer hat denn die Photographie herausgenommen?« fragte er. »Und die Blumen, welche davor liegen –« Ein leiser Laut höchster Bestürzung. Rothtraut sah so todverlegen aus wie noch nie. Sie schlug wie in namenloser Bestürzung beide Hände vor das Gesicht. »Ach, in der Eile ... Mama kam gerade ... ich wollte, nämlich das Bild mit Blumen ... der Rahmen sah so dunkel aus ... und dann brach sie kurz ab, wandte sich um und stürmte zur Thür. Josef lächelte. »Seltsames Kind, als ob sie eine Sünde begangen hätte!« Ein Menschenkenner war Josef nicht. XXIII. s war ein unfreundlicher Morgen. Ein Gemisch von Regen und Schnee stäubte durch die Luft, und die Thüringer Berge verschwanden hinter grauen Nebelwogen, daß sich kaum ihre Umrisse gegen den schweren, wolkigen Himmel abzeichneten. Der März hatte den Winter um sein Recht betrügen wollen, nun mußten es der letzte April und der Anfang des Mai um so empfindlicher büßen und dem gestrengen Herrn die pflichtige Steuer zahlen. Klaus ging, in einen dicken Pelz gewickelt, auf dem Perron des Bahnhofs auf und nieder. Sein nachdenklicher Blick war geradeaus gerichtet. Nun war alles vorbereitet, und wenn es Charitas gelang, sich unbemerkt aus dem Hause zu entfernen, so konnte man den Plan wohl als geglückt ansehen. Und warum und wodurch sollte sie in dieser sehr frühen Morgenstunde aufgehalten werden? War es doch in erstaunlich guter Weise geglückt, daß Klaus unter dem Pseudonym eines Versicherungsagenten die Villa betreten und in bequemster Weise Charitas ein Zettelchen zustecken konnte. Leider war das Dienstmädchen, wohl von der Herrschaft beauftragt, keinen Augenblick aus ihrer Nähe gewichen und war mündliches Besprechen der Angelegenheit dadurch unmöglich geworden. Aber der Zettel genügte ja. Er enthielt die wenigen Worte: »Wenn möglich, kommen Sie morgen früh zu dem Schnellzug 5 15 an die Bahn. Ich habe alles vorbereitet und erwarte Sie, falls Sie morgen verhindert sind, auch alle folgenden Tage um diese Zeit auf dem Perron. Eine Frau Geheimrätin von Damasus auf Lichtenhagen bei Rankendorf wird Sie als liebe Tochter aufnehmen und Ihnen, so lange es Ihnen gefällt, von Herzen gern Zuflucht gewähren. Wenn möglich, hinterlassen Sie einen Brief an die Pflegeeltern und teilen Sie denselben mit, daß Sie sich als deutsche Gesellschafterin mit einer älteren Dame in das Ausland begeben; im Herbst, zu Ihrer Mündigkeitserklärung, würden Sie zurückkehren. Ein Aufgebot der Polizei würde nur zur Folge haben, alle guten und verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen für immer zu lösen.« Falls die Flucht für morgen früh zu ermöglichen sei, bitte er, ein brennendes Licht gegen elf Uhr an eins der Frontfenster zu stellen! –Das Licht hatte gebrannt, und nun schritt Klaus unter dem Glasdach des Perrons auf und nieder und wartete. Es war nicht mehr viel Zeit zu verlieren, das erste Glockenzeichen war gegeben. Voll sorgender Unruhe schritt der junge Mann auf den Bahnhofsplatz zurück und schaute den Weg hinab. Richtig! Dort in dem grauen Regendunst taucht eine hohe, eilig schreitende Mädchengestalt auf. Sie sieht ihn – er winkt ihr zu und macht ein Zeichen, dann stürmt er zur Telegraphenstation und legt hastig einen beschriebenen Zettel und Geld vor dem Beamten nieder. »Bitte sehr, die Depesche aufzugeben – ich bin sehr eilig!« sagte er höflichst grüßend. »Wir kommen heute vormittag 10 Uhr 40 Minuten in Rankendorf an. Klaus«, steht in dem Telegramm, welches an den Freiherrn von Torisdorff gerichtet ist. Wenige Augenblicke später drückt Klaus voll freudiger Erregung die Hand des jungen Mädchens. »Gott sei Dank, so weit also wäre es geglückt!« atmet er auf. »Ich besorge jetzt die Fahrkarten und händige Ihnen die Ihre ein. Vorsichtshalber steige ich hier in ein Rauchcoupé, damit man uns nicht zusammen abreisen sieht. Wenn Sie gestatten, schließe ich mich Ihnen in Weimar an.« Charitas hat leichenhaft blaß ausgesehen, jetzt flutet dunkle Glut über ihre Wangen. »Herr Sterley«, flüstert sie gepreßt, »ich habe eine große, herzliche Bitte an Sie!« »Befehlen Sie, mein gnädiges Fräulein!« »Reisen Sie nicht mit mir! Reisen Sie, bitte, nach München zurück! Ihre Empfehlung begleitet mich ja – und – – es würde mir unerträglich sein, wenn meine Abreise von hier auch nur den leisesten Schein einer Entführung trüge!« Er verneigt sich respektvoll. »Sie haben darüber in jeder Weise zu bestimmen, mein gnädiges Fräulein. Daß ich etliche Tage später für ganz kurze Zeit nach Lichtenhagen komme, gestatten Sie mir hoffentlich, ich habe geschäftliche Angelegenheiten dort zu erledigen, welche meine persönliche Anwesenheit erfordern!« »Selbstverständlich, Herr Sterley! Es handelt sich ja lediglich um meine Abreise hier und die möglicherweise auftauchenden Gerüchte! Ich werde im Gegenteil von Herzen froh sein, wenn ich bald Gelegenheit finde, Ihnen für all die großen, großen Opfer, welche Sie mir gebracht, danken zu können! Gott lohne es Ihnen, und nun leben Sie wohl, die Zeit drängt wohl!« Nach wenigen Minuten händigte Klaus seiner Schutzbefohlenen die Fahrkarte ein. Charitas war ein Stückchen Weges am Bahndamm entlang gegangen, niemand hatte wohl gesehen und bemerkt, daß sie mit dem fremden Herrn gesprochen. Nun schritten sie auf dem Perron fremd aneinander vorüber. Das Signal ertönte – ein schriller Pfiff – der Schnellzug brauste heran, und aus den Wartesälen strömte eine eilige, fröstelnde Menschenmenge. Klaus schritt dicht hinter Charitas; er sah, daß sie wohlbehalten ein Damencoupé bestieg. Noch einmal grüßte er zu ihr empor. – Sie sah mit ihren müden, übernächtigten Augen voll unaussprechlicher Dankbarkeit zu ihm hinüber, neigte das Köpfchen und regte die Lippen, als wolle sie noch ein Lebewohl rufen. Klaus aber trat hastig zurück und blieb von ferne stehen, bis der Schaffner die Thüren schloß, bis die Glocke ertönte und der Zug davonstürmte in den grauen, feuchtkalten Morgen hinein. Klaus atmete tief auf und trat in den Wartesaal. Er wollte mit dem nächsten Zuge nach Weimar weiterreisen und daselbst bei einem ihm befreundeten Maler etliche Tage Aufenthalt nehmen, bis er Charitas nach Lichtenhagen folgen konnte. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er vor einer Zeitung und blickte über dieselbe hinweg. Die Gedanken fluteten hinter seiner Stirn. Der Würfel war gefallen. Das arme, gefangene Vögelchen war seinem Kerker entflohen. Goldene Freiheit umgab es – aber wo findet es aufs neue ein heimatlich Nest? Was soll nun werden? Er wird, er muß sie heiraten. Klaus empfindet, daß bei diesem Gedanken ein heimliches Weh sein Herz durchzuckt. Charitas ist schön, engelsgut, rein wie eine Lilie – und doch ... er liebt sie nicht! Gleichviel, er darf nicht an sich selber denken. Daß Charitas seinen Antrag jetzt ablehnte, entsprach nur ihrem spröden, stolzen Sinn, welcher Almosen von sich weist – sie wird später Ja sagen, wenn er in Treuen um sie wirbt. Fremdes Brot schmeckt bitter, das wird sie empfinden, und sie wird sich nach dem eigenen Herd sehnen. Wovon aber denselben gründen? Je nun, Josef wird Rat schaffen. – – – – – – – – Freiherr von Torisdorff stand in früher Morgenstunde auf seinem Posten bei den Erdarbeiten, als ein Depeschenbote die Nachricht brachte, daß Klaus und seine unbekannte Braut heute eintreffen würden. Er rief nach seinem Pferde und sprengte nach Lichtenhagen hinüber, Befehl zu geben, daß alle Vorbereitungen getroffen und ein Wagen zur Bahn gesandt werde. »Wissen Sie auch, Fräulein Rothtraut, wer die junge Dame herbringen wird?« fragte er lächelnd, als die Kleine mit strahlenden Augen in die Hände klatschte und sich dieser Neuigkeit voll stürmischen Jubels freute. Sie sah überrascht zu ihm auf. »Nein ... wer denn?« stammelte sie verwirrt. »Bruder Klaus, dessen Skizzen Sie neulich so anschwärmten, und dessen Photographie Sie kopfüber in den Rahmen steckten«, sagte er, mit einem Versuch zu scherzen. Rothtraut ward abermals dunkelrot: sie schien ganz atemlos vor Überraschung. »Weiß das Mama schon?« stotterte sie, die Händchen krampfhaft ineinander schlingend. »Nein – Klaus wohnt bei mir in Krembs.« »Aber ... aber ... o ich muß es ihr doch sagen!« Und wie eine schillernde Libelle durch die Sommerluft blitzt, so war auch Fräulein Rothtraut schnell wie ein Gedanke hinter der Thür verschwunden. Josef aber wandte sich um und dachte: »Welch ein glückseliges, beneidenswertes Kind ist sie doch! Welch ein Unterschied zwischen uns! Als ich siebzehn Jahre zählte, war ich ein Greis gegen sie!« Er stieg abermals zu Pferd und ritt nach Krembs zurück. Sein Haupt sank tief auf die Brust, ernster und hoffnungsloser als je starrte sein Blick geradeaus. Klaus brachte heute die Braut heim! Welch ein sonniges, strahlendes Glück wird mit diesen beiden Liebenden in das ernste Gutshaus einziehen, welch ein Frühlingsleben und -Weben wird nun seine Silberfäden von Herz zu Herzen spinnen, Rothtraut wird wie eine Heidelerche voll ahnender Lust in dies Glück hinein zwitschern, und Frau von Damasus wird voll gütiger Freude die Hände schirmend darüber breiten, – nur er wird wie ein Bettler, hungernd und dürstend, an der Thür dieser Reichen stehen, und einzig in seinem Herzen wird es öde und dunkel bleiben, trotz all der sonnigen Liebeslust ringsum! O wie schwer war ihm das Herz schon jetzt! Angesichts des Bruders, welcher so reich an Lust und Wonne geworden, fühlte er es doppelt, wie arm, wie bitter arm er an allem geworden war, was eines Menschen Leben verschönen und wertvoll machen kann. Sein Leben war eine Niete, und alles, was es ihm an Inhalt bot, war künftighin die Arbeit und die ernste Pflicht, für fremdes Glück zu schaffen und zu sorgen. Wohl ihm, daß ihm diese Aufgabe gestellt war, er würde ohne sie zu Grunde gehen. Nun ist sie das Morphium, welches ihn über den großen, unheilbaren Schmerz verlorener Liebe hinweg täuscht. Das Alleinsein und Sinnen hat ihm seit jeher nicht getaugt, – vorwärts, zurück auf seinen Posten, wo der Spaten im feuchten Sand knirscht und der Hammer mit hellem Ton gegen das Gestein klingt! Er gibt dem Pferde die Sporen und sprengt querfeldein über die Wiesen. Ein eisiger Windstoß pfeift ihm entgegen und reißt mit Ungestüm an seinem Mantel, und über den dunklen Tannen des Waldes ballen sich schwere Schneewolken auf. Der Inspektor schreitet seitlich auf einem kleinen Rain durch die Felder, er grüßt und deutet nach dem Forst. »Es gibt noch bös Wetter heut, Herr Baron!« ruft er kaum verständlich herüber. »In jener Ecke dort brauen die Hexen ihre Schlossen für uns!« »Kann schon sein!« ruft Josef zurück. »Sind Sie gerüstet?« »Ich denke ja!« »Gott befohlen!« »Serviteur, Herr Baron!« Ja, es gibt ein böses Wetter. Die Frühlingsstürme haben noch immer nicht ausgetobt, sie scheinen sich heute für einen ganz besonderen Kampf zu rüsten, sie wollen noch einmal für König Winter zu Felde ziehen, ehe der liebliche Held in der goldenen Wehr sie mit Sonnenlanzen zu Boden wirft! Josef überlegt, ob es sich noch lohnt, zu den Arbeiten hinauszureiten, er muß doch dem Anstand genügen und den Bruder und die zukünftige Schwägerin an der Bahn begrüßen. Schneeflocken wirbeln ihm entgegen, es wird so wie so nicht viel mit dem Arbeiten werden, wenn das Wetter losbricht. Josef lenkte das Pferd auf die Chaussee zurück und reitet nach Krembs. Das warme Zimmer thut ihm wohl. Huh, wie es heult und im Schornstein braust! Schwärzer und schwärzer ziehen die Wolken auf. Ob es ein Gewitter gibt? Unmöglich ist es nicht, es hat schon oft über kahle Bäume gedonnert. »Wollen Sie wirklich reiten, Herr Baron?« fragt die Wirtschafterin des Inspektors besorgt. »Der kleine Wagen wäre wohl besser, wenn er auch offen ist!« Josef schüttelte zerstreut den Kopf. »Das Fahren wäre mir heute noch unsympathischer als das Reiten; Frau Müller«, sagte er. »Ich friere nicht so leicht und habe außerdem auch keine Zeit zu verlieren. Haben Sie das Mittagbrot für uns bereit? Mein Bruder wird wohl zu Tisch in Lichtenhagen bleiben, möglicherweise aber begleitet er mich auch hierher. Auf jeden Fall rechnen Sie auf ihn! Auf Wiedersehen!« Er grüßte in seiner stets höflichen Weise, schritt spornklingend die Steinstufen hinab und stieg wieder zu Pferd. Der Sturm warf schmetternd die Hausthür hinter ihm zu, und der Goldfuchs sprang aufschnaufend zur Seite. Mit sicherer Hand faßte Josef die Zügel, und Roß und Reiter waren im nächsten Augenblick in den wirbelnden Schneeflocken verschwunden. Die Wege waren naß und weich. Da die Luft bei aller Schärfe warm war, so taute der Schnee allsogleich und verwandelte die Straßen in Wasserlachen und Schlamm. Josef ritt scharf zu, er sah auch bereits die vom Wind zerrissenen Rauchwolken der Lokomotive über den Bahndamm jagen, als er die letzte kleine Wegbiegung vor dem Bahnhof hinter sich gelassen. Das Wetter ward von Minute zu Minute unwirtlicher. Der geschlossene Wagen von Lichtenhagen stand hinter dem niederen Gebäude, um möglichsten Schutz gegen den Sturm zu suchen. Der Kutscher stand neben den Pferden und hielt sie, das Glockensignal und die scharfen Hagelschauer hatten sie wohl scheu gemacht. Josef sah zu seiner Überraschung, daß nicht die alten Kutschpferde, sondern zwei junge, neu angekaufte Jucker angespannt waren, welche noch nicht einmal perfekt eingefahren waren. »Um Himmels willen, Schaal, bei diesem Wetter die neuen Pferde?« rief er erschreckt. »Ja, leider, leider, gnädiger Herr! Die Melusine hat sich doch bei dem Glatteis gestern das ganze Bein aufgeschlagen, da war bei der Geschwulst an Fahren nicht zu denken.« »Ach richtig, ich hatte es ganz vergessen! Sehr fatal! Hoffentlich werden Sie mit den Tieren fertig? Josef sah besorgt aus, aber Schaal machte eine beruhigende Handbewegung. »Da seien der gnädige Herr ganz beruhigt. Racker sind's zwar, aber ich gehe nun an die dreißig Jahre mit Pferden um. Geben Sie, bitte, die Zügel, Herr Baron, ich kann den Rübezahl gut halten, derweil Sie die Herrschaften empfangen!« Josef stand allein auf dem Perron. Das Schneetreiben ward immer heftiger, und wen nicht der Dienst gewaltsam hinaustrieb, der blieb heute gern in der schützenden Stube zurück. Nur die beiden Postbeamten und der Inspektor hatten sich, frierend, in die Mäntel gewickelt, auf dem einsamen Bahnsteig eingefunden. Der Verkehr war auf dieser kleinen Station selten ein reger, heute stockte er vollends. Mit heißem Atem fauchte der Zug heran. Der Schaffner riß ein Damencoupé auf und reichte einer aussteigenden Frauengestalt das Handgepäck hastig heraus. Josef blickte gleichgültig über sie hinweg, die Reihe der Coupés entlang, angestrengt nach dem lieben Antlitz des Stiefbruders forschend, welches doch nun an einer der Scheiben erscheinen wird. Vergeblich – die Pfeife schrillt, die Schaffner springen auf, die Thür des Postwagens schlägt hinter dem herausfliegenden Briefsack wieder zu. »Fertig! – Weiter!« Aufs höchste überrascht starrt Josef dem Zug nach, welcher sich langsam wieder in Bewegung setzt. Sie kommen nicht? – Was bedeutet das?! Und als er sich umwendet und hastig nach dem Wagen schreiten will, sieht er eine schlanke Mädchengestalt allein und verlassen neben ihrem Handgepäck stehen, sich sichtbar ratlos auf dem sehr schnell wieder einsam gewordenen Perron umsehend. Josef zögert unwillkürlich im Vorüberschreiten, sein Blick trifft das Antlitz, von welchem der Sturm den dichten Schleier zurückreißt, und plötzlich steht er, streckt mit lautem Aufschrei höchster Überraschung die Hände vor, als sähe er ein Gespenst, und taumelt dann jählings einen Schritt näher. »Charitas!« Die Fremde wendet das Haupt; starr, weit aufgerissen richten sich die dunklen Augen auf ihn, ihre Hände in dem kleinen Pelzmuff zucken empor und pressen sich gegen das Herz. Sie steht lautlos, wie gelähmt, nur ihr Blick bekommt wieder Leben, wie ein heißer, leuchtender Strahl glüht es verräterisch in ihm auf. Ihre Lippen zittern – sie möchte sprechen, sie kann nicht. Da steht er schon vor ihr und faßt krampfhaft ihre Hände. »Charitas … wohin? – Wohin führt Sie Ihr Weg?« stößt er hervor, wie ein Mensch, welcher ein ungeheures, unfaßliches Glück ahnt, aber noch nicht daran zu glauben wagt. Kommt sie zu ihm? Flüchtet sie sich vor der Größe ihres Elends in seine Arme? Heiße Glut flammt in ihren Wangen, und dann wird sie bleicher noch denn zuvor. Angstvoll schüttelt sie das Haupt und ringt nach Worten. »Ich werde bei Frau Geheimrat von Damasus auf Lichtenhagen erwartet, ich soll einen Wagen hier vorfinden.« Als habe ihn ein Schlag getroffen, weicht Josef zurück. Eine furchtbare Veränderung geht in seinen Zügen vor sich, er blickt in ihr Antlitz wie ein Sterbender. »Zu Frau von Damasus … und Klaus Sterley hat Sie dort angemeldet?« Sie nickt lebhaft, überrascht. »Ganz recht, doch um alles in der Welt … woher wissen Sie?« Wie ein Aufstöhnen ringt es sich aus seiner Brust, er deckt sekundenlang die Hand über die Augen, ob zum Schutz gegen Schnee und Sturm … Charitas weiß es sich nicht zu deuten. Daun richtet er sich hoch auf, ein flammender Blick trifft sie, wie Zorn und Verachtung, wie wilder, aufbäumender Stolz. »So sind Sie die Dame, welche ich erwarte!« sagt er kalt, mit sehr förmlicher Verbeugung. »Ich bitte um Verzeihung, daß ich nicht sofort den Gast der Geheimrätin in Ihnen vermutete, ich erwartete Sie jedoch in Begleitung meines Bruders!« »Ihres Bruders?!« »Klaus Sterley ist mein Bruder, wußten Sie das etwa nicht?« Sie zuckt zusammen, ein Blick namenloser Qual bricht aus ihren Augen. »Herr Sterley Ihr Bruder? Allbarmherziger Gott!« Sein finsterer Blick streift sie. »Sie verschwiegen mir den Namen Ihres Bräutigams, als Sie mir Ihre Verlobung mitteilten, sonst hätte ich vielleicht das Rätsel gelöst, wenn Klaus keine Zeit fand, Ihnen von seinen Angehörigen zu sprechen!« Wie schneidende Ironie klang es durch seine Worte, dann wandte er sich hastig um. »Darf ich aber bitten, mir zu folgen? Ich möchte Sie nicht länger dem Unwetter aussetzen, dort wartet der Wagen.« Er schritt, ohne sie noch einmal anzusehen, voraus, und der Sturm fuhr heulend zwischen ihnen daher, als wolle er sie für ewige Zeiten auseinander reißen. Frühlingsstürme! Noch einmal fassen und packen sie zu, voll wüster, unbarmherziger Kraft, noch einmal schütten sie, wie eisigen Schnee, alles Winterleid über blutende Herzen. Aber der Schnee hat keine dauernde Gewalt mehr, er schmilzt unter dem Lenzeshauch, welcher schon jetzt das Brausen durchklingt! »Winterstürme wichen dem Wonnemond!« Mit wankenden Knien folgte Charitas. Sie hat das Gefühl der Verzweiflung: »Fort von hier! um jeden Preis!« Und doch gibt es keinen andern Weg für sie als diesen einen, auf welchem sie der rauhe Sturmesodem des Schicksals vorwärts peitscht. Sie kann nicht denken, nicht überlegen, sie kann sich in diesem Augenblick keine Rechenschaft ablegen von dem, was sie gethan, von dem, was geschehen, sie empfindet es nur wie eine dumpfe, bleischwere Last auf dem Herzen, – elend, elend zum Sterben! Josef öffnet den Wagenschlag und tritt zu den Pferden, die Zügel zu fassen. »Holen Sie das Gepäck, Schaal!« Von ihr abgewandt steht er und Charitas sinkt mit geschlossenen Augen in die Wagenpolster zurück, es heult und saust und dröhnt um sie her, seine hohe Gestalt ragt aus dem wüsten Schneetreiben hervor, wie Milliarden von feindseligen Gewalten stürzen sich die bleichen, kleinen Geister auf ihn, trennend zwischen ihn und sie. Schaal bringt das Gepäck. »Auch einen Koffer, gnädiges Fräulein – oder nur diese beiden Handtaschen?« Sie schüttelt mechanisch den Kopf. »Keinen Koffer«, sagt sie, so leise, daß der Alte es kaum versteht. Und der junge Herr Sterley ist nicht mitgekommen?« fragt Schaal abermals. Charitas preßt die Lippen zusammen. Dann stößt sie kurz hervor: »Nein, er kommt später.« »Na, dann darf ich wohl zufahren, die Pferde stehen so wie so nicht mehr.« Er scheint noch momentan zu warten, daß Herr von Torisdorff sich verabschiede, aber Josef winkt ihm nur kurz mit der Hand, und der Schlag kracht zu. Schweigend schwingt sich Josef auf sein Pferd, und mit weit offenen Augen, voll Angst und Sorge schaut ihm Charitas einen Moment nach, wie er in das Unwetter hineinjagt. Dann sinkt sie abermals in den Wagen zurück, ein leiser, qualvoller Aufschrei bricht über ihre Lippen, und all die starre, gebannte Qual der letzten Viertelstunde löst sich in heiße Thränen der Verzweiflung. Welch eine furchtbare, tückische Verkettung des Geschicks. Wehe ihr, daß sie ehemals die Lüge von ihrer Verlobung ersann, wehe ihr, daß sie voll unduldsamen Trotzes das Elend des pflegeelterlichen Hauses von sich abschütteln wollte – es hat sich an ihre Sohlen geheftet und folgt ihr in die Fremde hinaus, – ach, doppelt so groß und unerträglich denn je zuvor! Und doch – unter all dem herben Leid zieht es wie jauchzende Frühlingsstimmen durch ihr Herz! Sie hat ihn wiedergesehen! Sie hat durch den ersten jauchzenden Aufschrei von seinen Lippen all die treue, unveränderte Liebe klingen hören, welche auch voll tiefer Innigkeit aus seinen Blicken strahlte, sie hat den Druck seiner Hände gefühlt und ihr Herz hat still gestanden in der Himmelswonne dieses Augenblicks. Wie kommt er hierher? Was hat ein katholischer Geistlicher hier auf dem Lande zu thun? Weilt er auch in Lichtenhagen zu Gast? Ach nur das nicht, nur das nicht! Und weil Klaus Sterley ihr hier ein Unterkommen verschaffte, glaubt er in ihm den Bräutigam zu sehn, jene wesenlose Phantasiegestalt, welche sie einst selber in einer Stunde höchster Not und Ratlosigkeit geschaffen! treulos wähnt er sie, treulos und verräterisch – als Braut des eigenen Bruders! O Herr, mein Gott, wie brennt sein stolzer, verächtlicher Blick noch auf der Seele! Wird sie die Kraft haben, ihn zum zweitenmal zu ertragen? Womöglich muß sie im täglichen Verkehr dem Geliebten gegenübertreten, um mit sehnsuchtskrankem, schuldlosem Herzen sein demütigendes Schweigen zu ertragen, welches sie tausendmal härter verurteilt als die bittersten Worte! Nein, sie kann es nicht – lieber sterben! Und doch ... muß sich nicht der furchtbare Irrtum aufklären, wenn Klaus Sterley kommt? Wird er ihm nicht am besten sagen können, daß sie nicht verlobt ist, daß sie keinen anderen Schützer und Retter auf der Welt hatte, als ihn, den fremden Maler? Wie ein zages, wonniges Sehnen und Hoffen zieht es bei dem Gedanken durch ihr Herz, und kaum, daß das zarte Pflänzchen der Hoffnung emporkeimt, schüttet es der Frühlingssturm aufs neue mit Eis und Schnee zu. Wozu all die Lösung dieses traurigen Rätsels? Wird sie darum anders denken, wie früher? Ist ihr der katholische Geistliche jetzt um Haaresbreite erreichbarer wie vor etlichen Wochen, als es ihr die höchste und heiligste Pflicht geschienen, ihm zu entsagen? – Gewiß nicht. Verloren für jetzt und immerdar. Welch ein Brausen und Heulen um sie her! Will denn der grausame Winter alle hoffnungs- und lebensfroh keimende Welt in diesem Schneesturm begraben? Wie dunkel es wird ... und wo er wohl sein mag? Allein, – zu Pferd – bei diesem Wetter? In entgegengesetzter Richtung, – auf anderen Wegen als wie sie fuhr, sprengte er davon. Welch ein fernes Rollen und Grollen ... ein grelles Aufzucken leuchtenden Lichts ... Ein Gewitter um diese Zeit? Der Kutscher ruft laut durch den Sturm, der Wagen wird hin- und hergeschleudert – die Pferde scheinen durchzugehen. Charitas hebt das Haupt, wie ein fieberhaftes, irres Lächeln geht's um ihre Lippen. Sie fürchtet sich nicht. Im Gegenteil, wie ein grausiges Frohlocken geht es durch ihre Seele. Es gibt ja nur noch eine Rettung aus all dieser Herzensnot, – möge sie kommen, je eher, desto besser, – sie ruft ihn, sie ersehnt ihn – den Tod. Die Hufe knattern, – in rasender Flucht – mit den Frühlingsstürmen um die Wette jagt der Wagen dahin. Da verdunkelt ein Schatten die Fensterscheibe. Ein schnaubendes Roß schießt vorüber – ein sturmzerissener Zuruf – – Und wenn Himmel und Erde zusammenbrächen, und wenn der Sturm noch zehnmal stärker wütete – Charitas würde dennoch die Stimme des Geliebten hören und erkennen. Er ist es! – er naht zu ihrer Hilfe! Ihr Herz schlägt zum Zerspringen, wie feurige Nebel wogt es vor ihrem Blick. Noch eine kleine Strecke rasen die Pferde, dann ruckt und stößt der Wagen zurück – und steht still. »Bleiben Sie auf dem Bock, Schaal, – ich halte die Pferde!« Seine Stimme! – seine Stimme! Wie eine Verschmachtende, welche neben sich frisches Wasser des Lebens rauschen hört, neigt Charitas die thränenheißen Augen gegen die Scheibe. Nur einmal ihn noch sehen! Sie muß es, wie mit Zaubergewalt zieht es sie! Und sie sieht, wie er vom Pferd springt, wie er halb abgewandt gegen den Wettersturm, der Kälte und Nässe nicht achtend, die Kutschpferde mit starker Hand faßt und bändigt. Abermals ein Donnerschlag, ein zischender Blitz. Charitas deucht es noch, als seien die Pferde hochaufbäumend vorwärts gestürmt, der Wagen schleudert abermals hin und her, der Kutscher schreit sein »Hoh – hüh!!« – und dann still – still ringsum – Als sie sich aus ihrer Betäubung aufreißt und mit entsetzten Augen hinausschaut, sieht sie, wie Schaal vom Bock springt und mit allen Zeichen des Schreckens nach vorn stürmt. »Herr Baron – allmächtiger Gott – –« Mit bebenden Händen stößt Charitas den Schlag zurück und springt zur Erde. Der Herzschlag stockt ihr, mit einem Schrei der Verzweiflung stürzt sie auf die dunkle Gestalt zu, welche auf dem weißen Schnee wie ein schwarzer Schatten hingestreckt liegt. Sie weiß nicht, was sie thut, sie hört und sieht nichts anderes mehr als ihn. Auf die Knie wirft sie sich neben ihn nieder, umfaßt mit kraftvollen Armen seine Schultern und richtet ihn auf. »Josef, Josef!« schreit sie auf und ihr verstörter Blick sucht sein Auge. Da zuckt er empor, starrt sie an und heiße, flammende Glut steigt in sein Antlitz. Wie gebannt ruht Blick in Blick – und alles, was zwei arme, schmerzgefolterte Menschenherzen an höchster Liebe und tiefstem Leid empfinden, spiegelt dieser Blick. Der Sturm aber rast noch einmal über sie hin, wild, zornig, im erbitterten Kampf gegen alles, was Lenzesluft und Lenzesblüten verheißt, und er wirft über den heißen Blick der Liebe zum letztenmal den Schnee. – Josef richtet sich empor, noch einmal blickt er in ihr Antlitz und vor seinen Ohren zittert noch ihr Angstschrei – Josef! – Da weicht der Traum. Er preßte die Lippen zusammen, er springt auf und tritt zurück. »Es ist nichts, Schaal, die Pferde haben mich nur niedergerissen, es that mir nichts. Das Wetter ist vorbei, Sie können weiter fahren.« Charitas regt sich nicht, Josef muß sich zu ihr wenden, er muß es, soll sein Benehmen nicht auffallen. Stumm reicht er ihr die Hand, und sie erhebt sich wankend von den Knien. Ihr schönes Antlitz ist farblos wie der Schnee, welcher sie überschüttet, Thränen glänzen an den Wimpern, sie blickt ihn nicht an und wendet sich zu dem Wagen zurück. Das Herz in der Brust will ihm zerspringen. Er preßt jählings ihre Hand in der seinen. »Zu spät«, murmelte er, »zu spät!« Und dann tritt er bei Seite. Schaal schließt abermals die Wagenthür. »Reiten Sie mit uns, gnädiger Herr, ich traue den Pferden nicht«, bittet er. Josef kämpft einen Augenblick mit sich selbst. Dann nickt er hastig und finster. »Fahren Sie zu, ich begleite Sie.« Rübezahl stand mit flatternder Mähne neben den Kutschpferden, er war ein paar Schritte davongalloppiert, wandte sich auf Schaals Pfiff gehorsam um und trabte zurück. Jetzt ließ er sich, mit gesenktem Kopf gegen den Wind stehend, greifen. Josef sprang in den Sattel und ritt dem Wagen voraus. Das Wetter verzog. Linder und linder sauste es daher – und fern über Lichtenhagen glänzte ein Streifen blauen Himmels durch die Wolken. XXIV. n der Hausthür von Lichtenhagen stand Frau von Damasus und blickte dem Wagen sorgenvoll entgegen. Sie hatten sich alle im Hause um die Reisenden gesorgt, welche von diesem Unwetter überrascht waren, und Mamsell Tinchen hatte die Hände gerungen und geschluchzt: »Schaal ist mit den neuen Pferden fort, da gibt's bei dem Wetter sicherlich ein Unglück! Ach, gnädige Frau, Sie sollen sehen, man bringt uns die Gäste als Leichen ins Haus!« und wehklagend war sie an den Leinenschrank getreten und hatte schon die Tücher zurecht gelegt, mit welchen sie, altem Brauch gemäß, die Spiegel verhängen wollte; denn einen Todten im Haus und offene Spiegel, das wäre ja unverantwortlich gewesen! Auch die Geheimrätin war durch Mamsells grausige Prophezeiungen geängstigt und von ihrer Besorgnis angesteckt worden, und Fräulein Rothtraut schien vollends außer sich und lief von einem Fenster an das andere, mit immer blasser werdendem Gesichtchen und ein paar Augen, welche bei der gruseligsten Gespenstergeschichte nicht entsetzter hätten dreinschauen können. Und als die Zeit verging und der Wagen noch immer nicht kam, da fuhr Mamsell mit dem Schürzenzipfel über die Augen und sprach dumpf: »Nun sind sie sicher tot, ich werde gleich mit Wachholderbeeren räuchern!« Das war zu viel für Rothtraut, sie schluchzte so verzweifelt auf, daß Mamsell nur den einen wehmütigen Vergleich für sie wußte: »Als ob sie der Bock gestoßen hätte!« Und wie sie so kreuzunglücklich auf der alten, eichenen Truhe saß und ihr Taschentuch kaum Platz für all die Thränen bot, da versammelten sich die Getreuen um sie her, Mamsell, Frau Menz und die dicke Emma, und weinten aufs herzzerreißendste mit. Da klang Pferdegetrappel, und alles hob betroffen die Köpfe. »Seht nicht aus!« kreischte die Mamsell. »Das ist der schwarze Thanatos, der kommt auf seinem fahlen Roß und meldet sie an!« Mamsell war gebildet und belesen, und weil Rothtraut auch schon mal bei heimlicher Kerze den Heinrich Heine verschlungen hatte, so schüttelte sie sich vor Grauen und stöhnte: »Es ist entsetzlich!« Es war auch bei dem Schneegestöber so dunkel und unheimlich im Hause. »Rothtraut! Mamsell! Gott sei Dank, sie kommen!« schallte die Stimme der Geheimrätin vom Fenster her, und dann klangen ihre hastigen Schritte auf dem Flur; sie eilte zur Hausthür. »Sie kommen!« schrie Rothtraut auf, und Mamsell wischte resolut die Augen. »Welch ein Glück! Dann sparen wir die Wachholderbeeren!« Vor der Treppe hielt Herr von Torisdorff auf seinem Goldfuchs, hinter ihm der Wagen, an welchem der Gärtner bereits eifrig den Schlag aufriß. Eine junge Dame stieg aus und griff zurück nach dem Gepäck. In demselben Augenblick schallte der leise Jubelschrei von der Hausthür her. Rothtraut, in all der ungestümen Freude über die Rettung der Totgeglaubten, stürmte die Steintreppe herab, daß die goldenen Löckchen im Winde flogen. Sie war so aufgeregt, so außer sich vor Glückseligkeit, daß sie kaum wußte, was sie that. Sie flog auf Josef zu, reichte ihm jubelnd die Hände entgegen und schmiegte sich an das Pferd. »Sie sind da! Sie sind gesund und heil geblieben! Ach du lieber Gott, wie habe ich mich so furchtbar um Sie geängstigt!« Josef blickte ganz betroffen und gerührt über solch ein Willkommen in die rotgeweinten Augen. Er hielt ihre kleinen Hände und drängte das Pferd etwas von ihr zurück. »Aber Fräulein Rothtraut, warum denn geängstigt?« fragte er überrascht. »Ach bei dem schrecklichen Wetter ... und Mamsell sagte, es gäbe ein Unglück«, stammelte die Kleine, und dann zog sie schnell die Hände zurück, sah ganz verwirrt und verlegen um sich und flüsterte: »Aber wo ist er denn?« »Wer, Fräulein Rothtraut?« »Ei – Ihr Bruder – Herr Sterley?« Er konnte kaum verstehen, was sie sagte, er mußte sich tief zu ihr hinab neigen. Er lächelte seltsam, es sah aus, als beiße er die Zähne zusammen. »Klaus kommt erst später. Wollen Sie aber nicht Fräulein Reckwitz begrüßen? »Kommt erst später?« wiederholte sie bitter enttäuscht, und machte ein Gesichtchen, als ob sie sagen wollte: dann hätte ich mich ja gar nicht zu ängstigen brauchen. »Rothtraut!« klang die Stimme der Geheimrätin, »wilde Hummel, vergißt du ganz, daß noch andere Menschen auf ein Willkommen warten?« Die Kleine schnellte herum und ihr Mündchen, welches soeben die Unterlippe noch schmollend vorgeschoben, lachte wieder und zeigte die weißen Perlzähnchen. Sie eilte zu Charitas und streckte auch ihr die Hände entgegen. »Grüß Sie Gott, liebes Fräulein Reckwitz! Ich bin gar zu froh, daß Sie da sind!« Wie eine Träumende starrte Charitas in die blauen Augen der Sprecherin, welche verrieten, wie sehr sie um den Freiherrn von Torisdorff geweint hatten. Mit zitternden Händen umschloß sie die Fingerchen der Kleinen, sie wollte sprechen – sie vermochte es nicht. »Ich bitte dringend, daß die Damen näher treten!« rief Josef mahnend. »Sie werden sich erkälten, Fräulein Rothtraut! Bitte gnädigste Frau, sorgen Sie vor allen Dingen für Fräulein Reckwitz, und entschuldigen Sie, wenn ich nicht absteige, ich möchte direkt zurück und die durchnäßten Kleider wechseln! Seien Sie willkommen, Fräulein Reckwitz –« er zog grüßend den Hut und riß das Pferd herum, noch ein Blick traf Rothtraut, welche bittend die Hände hob. »Auf Wiedersehen!« nickte er kurz, und Rübezahl sauste auf flüchtigen Hufen davon. Frau von Damasus aber nahm den Arm ihrer Pflegebefohlenen und blickte voll ehrlichen Entzückens in das schöne, bleiche Angesicht. »Schnell, schnell ins Warme, mein liebes Fräulein!« sagte sie herzlich. »Sie werden tüchtig durchfroren sein nach dieser schrecklichen Fahrt; mein Gott, Sie beben ja vor Kälte! – Emma! nehmen Sie die Sachen und bringen Sie dieselben gleich auf das Zimmer des gnädigen Fräuleins!« – – – – – – – – Allein – endlich allein! Charitas sank wie zu Tode erschöpft auf einen Stuhl in ihrem Zimmer nieder und preßte die eisige Hand gegen die Stirn. Wo war sie? Was bedeutet dies alles? Wer sind die Menschen um sie her? Wie ein verworrener, entsetzlich quälender und wüster Traum deucht ihr alles. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen; – sie sieht nur eins – das junge, wonnige blondlockige Kind voll zärtlichen Jubels an das Roß des Geliebten geschmiegt, voll Todesangst weinend um ihn, den sie in Gefahr geglaubt, – und er, der sich tief und vertraulich zu ihr herabneigt, der mit ihr flüstert ... Ein leiser Klagelaut – Charitas preßt die Hände gegen das Herz. Wie weh, wie sterbensweh ist ihr zu Mute. Liebt Rothtraut ihn – ihn, den katholischen Priester, der für die Welt verloren ist? Was bedeutet das alles? Ist sie krank? Sind dies alles nur Fieberphantasien? Es klopft an die Thür. »Kann ich Ihnen etwas helfen, liebes Fräulein Charitas?« schmeichelte die Stimme der Kleinen. »Bitte, kommen Sie bald, die Suppe steht schon auf dem Tisch.« Charitas erhebt sich und streicht über die Stirn. Nein, sie ist nicht krank, sie darf auch jetzt nicht krank sein – im Gegenteil, sie bedarf ihrer ganzen, vollen Willenskraft und Stärke, um voll demütiger Ergebung den Dornenweg der Strafe zu wandeln, welche ihre Unduldsamkeit, ihre Flucht aus dem Hause der Pflegeeltern nach sich zog. Sie strich glättend über das Haar und öffnete die Thür. »Ich bin bereit, Fräulein Rothtraut«, sagte sie freundlich; aber ihre Stimme war klanglos und ihr Antlitz schien von Marmor. »Bereit? – Mein Gott, Sie haben aber noch Ihr nasses Kleid an! Haben Sie denn im Schnee gekniet? Sehen Sie doch hier, die ganze Vorder- und Seitenbahn ist zum ausringen!« Wie geistesabwesend blickte Charitas an sich nieder. »Sie haben recht – ich hatte gar nicht mehr an das Kleid gedacht! Bitte noch um einen Augenblick Geduld, ich folge Ihnen sofort.« »Darf ich hier bleiben?« »Gewiß!« »Sie sehen so blaß und müde aus, liebes Fräulein Reckwitz. Gewiß haben Sie die Nacht auch nicht geschlafen! O, ich sage Ihnen, ich konnte auch kein Auge zuthun, ehe wir reisten; ich war so furchtbar aufgeregt! Aber sagen Sie – ganz allein sind Sie so weit mit der Eisenbahn gefahren?« Das junge Mädchen nickte mechanisch: »Ganz allein.« Vertraulich trat die Kleine näher. »Und er – ist er wirklich nicht mitgekommen?« Charitas zuckte zusammen. Wie in jähem Forschen traf ihr Blick das süße Kindergesicht. Sollte sie etwa ausgeforscht werden? Ist die kleine Unschuld etwa eine Intriguantin, welche um der eigenen Liebe willen eine vermeintliche Nebenbuhlerin aushorchen will? »Wen meinen Sie, Fräulein Rothtraut?« fragt sie kühl. »Nun, wen denn sonst als Herrn Sterley, welcher doch auch für heute angemeldet war?!« Sie scheint recht ungeduldig, wendet das Köpfchen und wird sehr rot. »Ich kenne Herrn Sterley zu wenig, um allein mit ihm, dem jungen, fremden Herrn, reisen zu können!« »Aber Sie sind doch verwandt mit ihm, und persönlich kennen Sie ihn doch auch?« »Allerdings, wenn unsere Begegnung auch nur eine recht flüchtige war.« »Er ist sehr hübsch, riesig hübsch – nicht wahr?« Charitas ordnet an ihrem Kleid, sie sieht nicht den strahlenden, beinahe stehenden Blick des Backfischchens, sie hört nur ihre Worte, und der Argwohn flüstert ihr zu: »Fraglos, sie will die vermeintliche Braut Sterleys ausforschen, um Herrn von Torisdorff berichten zu können, sie findet ihn bildschön, sie liebt ihn rasend!« Seltsam, warum ist sie auf einen katholischen Priester eifersüchtig? Sie weiß, daß keine von ihnen beiden ihn heiraten kann. »Sehr schön? – Je nun, alle Schönheit ist Geschmackssache«, antwortet sie mit beinahe bitterem Lächeln. »Sie würden ihn vielleicht hübscher finden als ich!« Wie in einem Paroxysmus von Begeisterung blickte Rothtraut zum Himmel und verschlang die Händchen so krampfhaft, daß die Gelenke knackten: »Hübsch? O, ich finde ihn schön, bezaubernd, hinreißend! Der Apoll von Belvedere kann mit all seinen geschundenen Gliedern – oder hat er noch ganze? – nicht schöner sein als Klaus Sterley! Was für Augen er hat, und wie er lacht. – Mama findet, er sieht etwas englisch aus. Nun, mein Gott, er ist doch auch Amerikaner! Aber ich finde, daß er der herrlichste, der bezauberndste von allen ist, und ich hoffe, Sie sind derselben Meinung.« Charitas sah sie einen Moment an. War das Verstellung? Komödie? Undenkbar, diese Kinderaugen lügen nicht. »Sie kennen Herrn Sterley noch gar nicht?« Die Kleine schüttelt erregt das Köpfchen. »Nein, nur dem Bilde nach, aber wenn Sie das Bild sehen würden! Ach so, Sie kennen ihn ja persönlich! Und beinahe hätte ich ihn heute auch kennen gelernt. Warum kam er nur nicht mit? Hat er den Zug versäumt – kommt er morgen? Oder wann glauben Sie, daß er eintrifft?« Abermals klopft es an die Thür. »Es ist angerichtet, gnädige Frau läßt bitten!« meldet Emma. Rothtraut nimmt vertraulich den Arm der neuen Freundin. »Kommen Sie schnell, liebe Charitas, wir wollen uns beeilen, Mama meint, Sie würden sehr hungrig sein! Nachher schwatzen wir weiter, ja?« Und die Arme stürmisch und jählings um die schlanke Mädchengestalt schlingend, jubelt sie voll herzlicher Natürlichkeit: »Ach wie bin ich glücklich, daß Sie hier sind! Ich war so allein! Nun werden Sie mich ein bißchen lieb haben und mir eine Schwester sein, nicht wahr, liebe Charitas? Sie gefallen mir schon jetzt, auf den ersten Blick, schrecklich gut, ich vertraue Ihnen so, o ich könnte Ihnen sofort meine größten Geheimnisse erzählen! Aber kommen Sie, schnell, schnell! Muttchen ruft schon!« Charitas hatte nie eine Freundin besessen, die ehrliche Herzlichkeit des anmutigen kleinen Wesens that ihr unendlich wohl und doch konnte sie sich dem vollen Zauber eines solchen Glücksgefühls nicht hingeben, ein Argwohn hatte sich in ihr Herz geschlichen und legte eisige Bande darum her, daß es sich nicht öffnen und solch warme, junge Freundschaft in sich aufnehmen konnte. Während der Mahlzeit trug Rothtraut die Kosten der Unterhaltung und wenn sie in ihrer lebhaften Weise fragte: »Warum sind Sie nur so einsilbig, Charitas? Warum erzählen Sie gar nicht von zu Hause und von Ihrer Reise?« – dann verwies die Geheimrätin solche Wißbegier und sagte: »Du siehst wie müde und abgespannt Fräulein Reckwitz aussieht, – rede nicht so viel, du Plappermäulchen, und iß lieber, es thut not, daß unser lieber Gast Ruhe bekommt.« Und nach Tisch erhob sich die alte Dame sogleich und drückte dem jungen Mädchen herzlich die Hand. »Nun legen Sie sich hin, mein liebes Herz, und holen Sie allen Schlaf der letzten Nacht nach! Es ist auf unserem einsamen Lichtenhagen nichts mehr zu versäumen! Herr von Torisdorff kommt fast gar nicht mehr aus Krembs herüber, und außer seinen Besuchen gibt es keine Abwechslung, Arbeit ebensowenig! Also schlafen Sie tüchtig aus, damit ich Sie heute abend wieder mit roten Wangen sehe!« »Fräulein Rothtraut macht ein Gesicht, als sei sie gar nicht mit diesem gütigen Plan einverstanden!« lächelte Charitas; aber ihr Lächeln sah aus wie Wehmut. »Doch, doch! Ich bin ganz einverstanden!« versicherte das Backfischchen eifrig. »Mama hat recht, Sie müssen ruhen. Ich male während dessen!« Und sich ganz nahe zur ihr neigend, während Frau von Damasus nach dem Schlüsselkorb griff, flüsterte sie heimlich mit strahlenden Augen: »Ich kopiere Skizzen von ihm! O, ich sage Ihnen, himmlische Skizzen!« Und dann begleiteten die beiden Damen ihren schönen Gast nach dem Fremdenzimmer und Charitas sank auf das Bett nieder. Tiefe, tiefe, wonnige Ruhe! Einen Augenblick starrt das junge Mädchen mit weit offenen Augen vor sich hin, dann überkommt es sie wie eine schwere, bleierne Müdigkeit; sie seufzt tief auf und sinkt in einen erlösenden, traumlosen Schlaf. – Das Feuer knistert im Kamin und erleuchtet mit grellem Flackerlicht die große Flurhalle, welche oft und gern als Wohnraum benutzt wird. Die schwerklobigen Eichenmöbel sind in den Bereich des Feuerscheins gezogen. Felle bedecken die Steinfliesen, und in heiterem Gespräch halten die drei Damen eine Dämmerstunde. Zu Rothtrauts Entzücken ist Charitas weniger wortkarg als heute mittag, und als die Kleine wieder allerhand neugierige Fragen thut, und die Geheimrätin sich auch voll warmer Teilnahme erkundigt, ob das junge Mädchen allein und verwaist in der Welt stehe, da blickt Charitas fest und zuversichtlich in das liebe, herzgewinnende Gesicht der alten Dame, faßt erregt ihre Hände und drückt sie an die Lippen. »Wie sind Sie so gut, so unendlich freundlich zu mir, gnädige Frau!« flüstert sie mit zuckenden Lippen. »Wie schlägt Ihnen mein Herz so dankbar und innig entgegen, als habe es in Ihnen eine zweite Mutter gefunden, welche mir voll Liebe und Erbarmen die Arme öffnet! Sie fragen nach meiner Heimat, nach meinem Herkommen, gnädige Frau? Sie sind berechtigt dazu, und mich drängt es wie eine heilige Pflicht, Ihnen rückhaltlos alles aus meinem traurigen Leben zu erzählen, was mich in Ihr gastliches Haus geführt. Es wäre mir unerträglich, wenn man meinem Hiersein eine falsche Deutung gäbe, wenn Sie die geringsten Zweifel in meine Person setzten!« Frau von Damasus nahm das schöne, bleiche Antlitz zwischen ihre Hände und küßte die reine Stirn. »Ich habe schon in viele Menschenaugen gesehen, liebe Charitas, und die Ihren werden nie einen Zweifel, nie ein Mißtrauen aufkommen lassen. Ich habe Sie jetzt schon so lieb, als gehörten Sie fortan zu uns, und Ihr Vertrauen wird mich Ihrem Herzen noch näher führen! Soll Rothtraut bei uns bleiben oder wollen Sie mir allein Ihr sorgenschweres Herz ausschütten?« Charitas faßte die Hand des Backfischchens und zog sie unwillkürlich näher an sich. »Ich bitte Sie, liebe, gnädige Frau, Ihr Töchterchen bei uns zu lassen!« bat sie mit bebender Stimme. »Ich würde ja vor Scham vergehen, wenn ich etwas aus meinem Leben zu erzählen hätte, was nicht jedes Kinderohr vernehmen dürfte!« Und sie begann mit kurzen, schlichten Worten von ihrer einsamen, lieblosen Kindheit und Jugend zu erzählen, von den unerträglichen Jahren, welche sie im Hause der Pflegeeltern verlebte, und Rothtraut schlang voll leidenschaftlichen Mitgefühls die Arme um die Sprecherin und drückte sie so ungestüm an sich, als wolle sie ihr all die entbehrte Liebe nun doppelt und dreifach ersetzen. Und Charitas empfand diese reine, ehrliche Liebe wie ein Gnadengeschenk Gottes; was sich je an Mißtrauen in ihr Herz geschlichen, schwand dahin wie ein Schatten vor der Sonne. Sie fuhr fort, von ihrem Aufenthalt in Catania, von ihrem ersten Zusammentreffen mit Klaus Sterley zu erzählen. Neben ihr kicherte es plötzlich, das Backfischchen rückt vollends näher, stützt die Ellenbogen auf der Erzählerin Schoß und das glühende Gesichtchen in die Hände und lauschte atemlos, bebend vor Interesse, jedem Wort. »Aber ich erzähle Ihnen jetzt gewiß bekannte Dinge«, unterbrach sich Charitas und blickte fragend in der Geheimrätin teilnehmendes Gesicht. »Herr Sterley hat doch wohl all diese Vorkommnisse mitgeteilt, ehe er mich Ihrem lieben Schutz empfahl?« Frau von Damasus bewegte verneinend das Haupt. »Wir wissen und ahnen von nichts, liebes Herz, bitte, fahren Sie fort.« Das junge Mädchen sah etwas betroffen aus, aber sie sprach weiter und schilderte rückhaltlos alles, was sich in dem Garten der Favorita und später in dem Salon der Julia Livornesi zugetragen. »Ich wußte mir keinen anderen Rat!« fuhr sie mit verzweifeltem Blick fort. »Ich klammerte mich an den Strohhalm, welcher mir in der Flut meines Elends entgegentrieb! Ob ich recht gehandelt? Gott im Himmel mag mir verzeihen, wenn ich undankbar gegen die Pflegeeltern war, ihm habe ich mich befohlen, und ich vertraue seiner Gnade, daß er mich seine Wege führt. – Liebe, teure, gnädige Frau, wollen Sie mir helfen, diesen rechten Weg zu finden? Ich habe keine Zeit zu verlieren, ich muß noch heute abend Zeitungsannoncen aufsetzen und einen Brief nach Kaiserswerth schreiben, um ein Unterkommen zu finden! Darf ich dabei auf Ihre freundliche Unterstützung rechnen, welche Herr Sterley mir verhieß? Sie erfuhren doch wohl bestimmt durch ihn, daß ich mich um eine Stellung – und eine jede ist mir recht, welche mich mein Brot in Ehren verdienen läßt – von hier aus bewerben will?« Frau von Damasus hatte ihre Schutzbefohlene tief ergriffen an die Brust gezogen: »Vorläufig erholen Sie sich erst von all den Aufregungen und Anstrengungen der letzten Zeit, mein Herzenskind! Sie sind mir für unbemessene Frist als Gast unseres liebenswürdigen Gutsherrn angemeldet, und ich muß mich genau nach dessen Befehlen richten, was ich für Sie zu thun und was ich zu unterlassen habe! Aber ich denke – –« Charitas richtete sich überrascht empor. »Als Gast des Gutsherrn?« fragt sie mit weit offenen Augen. »Sind Sie denn nicht die Besitzerin von Lichtenhagen, gnädige Frau?« Die alte Dame lächelte: »Welch hohe Meinung haben Sie von mir, liebes Kind! Nein, in solch goldener Wiege hat mich das Schicksal nicht gebettet; im Gegenteil, mein Kind und ich leben zur Zeit nur von der Gnade und Großmut unseres Beschützers, bis, so Gott will, auch durch seine treue Fürsorge die Not für immer von uns gewendet wird!« Charitas strich fassungslos mit der Hand über die wirren Stirnlöckchen. »Aber ... mein Gott ... Herr Sterley sagte mir doch, daß er sein Brot durch seiner Hände Arbeit verdienen müsse, kein Wort davon, daß er Besitzer dieses Gutes sei –« »Das ist er ja auch nicht!« unterbrach Rothtraut sehr lebhaft. »Sterley hat ja gar kein Vermögen, das weiß ich längst... Aber was thut das? Die Liebe –« Die Geheimrätin legte unterbrechend die Hand auf die rosigen Lippen. »Sie ahnen gar nicht, liebe Charitas, wem Lichtenhagen gehört? Sie hörten zuvor gar nichts von Herrn von Torisdorff –« »Torisdorff!« – Wie ein leiser Aufschrei klang der Name von ihren Lippen, wie in entsetzter Abwehr hob sie die bebenden Hände. »Um Gottes Willen – Lichtenhagen gehört doch nicht ... ich bin doch hier nicht Gast von ...« »Ei gewiß, von unserm lieben, prächtigen Herrn, diesem Menschenfreund und Helfer par excellence. – Aber, bestes Kind, warum regt Sie diese Thatsache so auf? Sie wohnen ja doch nicht mit ihm unter einem Dach, ich bin ja doch zu ihrem Schutze hier, und selbst die prüdesten Ansichten können bei dieser Gastfreundschaft absolut nichts Ungehöriges finden!« Charitas zwang sich zur Ruhe, sie biß wie in leidenschaftlicher Qual die Zähne zusammen und krampfte die Hände um die Sessellehne. »Wie ist das aber möglich ... wie kann er als Priester auf diesem oder einem Nachbargute wohnen? ... »Als Priester?« »Aber Charitas, Sie fiebern! Torisdorff ein Priester?« Langsam richtete sich ihre schlanke Gestalt empor, ein Zittern und Frösteln durchschauerte sie, und mit einem Blick, einem Ausdruck in den farblosen Zügen, als erwarte sie ihr Todesurteil zu hören, murmelte sie tonlos: »Er ist nicht katholischer Priester? – Er ist es nicht?« Frau von Damasus und Rothtraut wechselten einen beinahe angstvollen Blick. »Nein, gewiß nicht! Er ist Gutsbesitzer und lebt jetzt hier, um in Krembs die neu entdeckten Kohlenlager erschließen zu lassen. Aber richtig, ja, jetzt fällt mir eine Äußerung Hagborns ein«, fuhr Frau von Damasus lebhaft auf, »Charitas hat doch recht! Er ist ein oder zwei Jahre Kleriker gewesen, mußte aber diesen Beruf aufgeben, weil die Kohlenlager entdeckt wurden! Da kam ihm der hochherzige Gedanke, sein Leben in den Dienst der Pflicht zu stellen und die Schuld abzuzahlen, welche sein Stiefvater unverschuldeterweise mit in das Grab nehmen mußte! Der liebe Gott hat wieder zu rechter Zeit durch seine Werke geredet, Tausende von Menschen werden durch den Opfermut dieses edlen, jungen Manschen wieder glücklich werden!« Charitas strich mit dem Taschentuch über die Stirn, feuchte Perlen glänzten darauf. Sie atmete so tief, als kämpfe sie gegen das Ersticken. »Wie kann denn ein katholischer Priester seinen Beruf aufgeben?« fragte sie mit fremder, rauher Stimme. »Er war ja kein geweihter Geistlicher, sondern nur studierender Kleriker. Das Glück war uns allen hold, daß er noch nicht dauernd an die Kirche gebunden war, sondern jederzeit noch zurücktreten konnte!« »Und wie lange ist's schon her, daß er zurücktrat?« »Das kann ich nicht genau sagen, aber ein halbes Jahr mag's wohl her sein! – Hat denn Herr Sterley nie von den Angelegenheiten seines Stiefbruders gesprochen?« Eine Thür schlug hastig auf, Mamsell Linchen stand auf der Schwelle. »Gnädige Frau! Gnädige Frau! Inspektors Fritzchen ist so schlimm gefallen und will sich nicht verbinden lassen, da läßt die Frau Inspektor recht dringend bitten, die Damen möchten doch mal für einen Augenblick herüber kommen! Fräulein Rothtraut kann ja alles mit ihm anstellen, was sie nur will, und die gnädige Frau weiß mit der Bandage wohl auch besser Bescheid als die Mutter! Ach, du lieber Gott ist das ein Geschrei! Die ganze Stirn ist offen!« Rothtraut stand längst neben ihr. »Sofort, sofort! Sagen Sie, wir kommen! Bitte, Mutterchen, den Schlüssel zum Speiseschrank; ich muß ein paar Stückchen Zucker mitnehmen! Ach siehst du, hättest du die Mamsell Makronen backen lassen! – Kommst du, Mama, ich bitte, eile dich!« »Natürlich ich komme, hole nur mein Tuch!« ... Und hastige Schritte hin und her, rasselnde Schlüssel und klappende Thüren, und dann still, ganz still. Nur das Feuer knistert und die Funken tanzen. Charitas regt sich nicht, sie starrt in die Glut. Ach, daß sie weinen könnte! Sie kann es nicht mehr, ihr Herz stirbt eines tausendfachen Todes. Nun weiß sie, warum Rothtraut ihn liebt und lieben darf; von Klaus Sterley schwärmt sie wohl nur seiner Braut zur Liebe. XXV. it beinahe fieberhafter Hast hatte Charitas den ganzen Abend geschrieben. Annoncen für die Rubrik »Stellengesuche« verschiedener Zeitungen, mehrere Briefe an Krankenhäuser und Kleinkinder-Bewahranstalten, ja sogar an die afrikanischen Kolonien und die deutschen Diakonissenhäuser in Kairo und Konstantinopel hatte sie gedacht. Frau von Damasus schüttelte besorgt den Kopf. »Aber um alles in der Welt, liebes Fräulein Reckwitz, wozu diese Hast und Überstürzung? Warten Sie doch vor allen Dingen die Ankunft des Herrn Sterley ab, welcher vielleicht ganz andere und viel bessere Pläne in Vorschlag bringen kann! Sie sind sehr elend und marode von der letzten bösen Zeit, so daß Sie einer gründlichen Ruhezeit bedürfen.« Charitas legte mit dankbarem, aber unendlich wehmütigem Lächeln die Hand in die dargereichte Rechte der Sprecherin. »Lassen Sie mich mit den Vorbereitungen beginnen, liebe teure, gnädige Frau«, bat sie weich, »wer weiß, ob unter all diesen vielen Briefen ein einziger ist, auf welchen überhaupt eine Antwort, geschweige ein Engagement erfolgt. Und ich muß an die Arbeit! Ich muß fort von hier; glauben Sie mir, verehrteste gnädige Frau, es ist am besten so!« »Gefällt es Ihnen denn so gar nicht bei uns einfachen Menschen, in der ländlichen Stille hier?« fragte die Geheimrätin beinahe vorwurfsvoll; »Sie sehen doch, wie offen unsere Arme und Herzen Ihnen stehen?« Die Augen des jungen Mädchens leuchteten in beinahe schwärmerischem Entzücken auf, sie schaute in dem traulichen Wohnzimmer umher, als wolle sie jeden einzelnen Gegenstand mit den Blicken zärtlich umfangen. Wie in jäher Erregung preßte sie die Hände gegen die Brust. »Hier bleiben können! Diesen Frieden, die Ruhe ewig atmen, dieses Dach zeitlebens über dem Haupt zu wissen – o, Gott im Himmel, gäbe es wohl ein größeres Glück für mich?« flüsterte sie leis wie in Gedanken. »Wahrlich, gnädige Frau, ich lasse mein Herz bei Ihnen zurück, und doch ... doch muß ich fort, so bald wie möglich, es ist besser so!« Frau von Damasus küßte sie auf die Stirn. »Ich verstehe Sie, Charitas, dieser Stolz, dieser unbezwingliche Stolz, welcher nicht länger als nötig die Gastfreundschaft annehmen will! O, ich kann Ihnen das nachfühlen! Aber in diesem Hause ist er am unrichtigen Platz. Dennoch soll ihm Rechnung getragen werden. Sie suchen Arbeit bestes Herz; die finden Sie auch hier. Mamsell klagt seit gestern so sehr über geschwollene Füße, wollen Sie mir statt ihrer ein wenig zur Hand gehen? Sie können sich während Ihres hiesigen Aufenthalts recht nützlich machen, das gibt Ihnen das angenehme Bewußtsein, daß sie Ihrem Gastfreund tagtäglich die Schuld abtragen! Sie können dann in aller Seelenruhe und ohne Gewissensbisse hier sein, bis eine zusagende Offerte kommt, denn jede erste beste können Sie unmöglich annehmen, das sehen Sie wohl ein! – Sie willigen ein? O, wie endlich mal Ihr blasses Gesichtchen sich rötet und wieder froh aussieht! Das möchte ich mal bei Rothtraut erleben, daß sich der kleine Schmetterling so sichtlich über Arbeit freut! Aber da steckt noch kein Ernst dahinter, sie hat noch tausenderlei andere Interessen, für welche sie schwärmt, sie möchte vorläufig noch mehr durch das Leben tanzen und singen, anstatt ehrwürdig mit dem Schlüsselbund einher zu schreiten! Ja, und mit der Arbeit fangen wir morgen sogleich an!« Die Sprecherin freute sich im Herzen des Erfolges ihrer Worte. Charitas schien richtig von ihr beurteilt, sie lebte förmlich auf in dem Gedanken, ihre Dankesschuld abtragen zu können, und sie legte all ihre Briefe selbst in die große Postledermappe, mit frohem Lächeln und der Versicherung: »Nun werde ich mit mehr Geduld der Antworten harren.« Man ging zeitig in Lichtenhagen zur Ruhe und stand zu guter Stunde wieder auf. Als Charitas sich in ihr Zimmerchen zurückgezogen hatte, nahm Frau von Damasus die verschlossene Postmappe und ging in die Gesindestube des Inspektorhauses. »Ist noch eine Gelegenheit nach Krembs?« fragte sie. »Die Post soll der Bequemlichkeit halber von dort besorgt werden, damit der gnädige Herr seine Schreiben nicht extra zu schicken braucht.« »Befehlen, gnädige Frau, die Müllerin ist noch bei ihrer Tochter drüben, die kann die Tasche gut mit zurück nehmen.« »Schön, das trifft sich ja ausgezeichnet. Laufen sie mal rüber, Jochen, und geben Sie sie ab!« Jochen stampfte mit respektvollem Gruß davon und die Geheimrätin ging beruhigt zu Bett. – – – – – – – – Nun wollte es wohl wirklich Frühling werden. Die Luft wehte lind und herbduftig über die moosige Erde, und die Sonne lugte durch Weiße Wolkenstreifen und vergoldete die jungen Grasspitzchen und schwellenden Knospen, an welchen noch die dicken Tautropfen hingen. Charitas hatte das Kleid geschürzt und schritt leichtfüßig über die weichen Gartenwege nach jenem Abteil des Parks, wo Schaal sein kleines Treibhaus und die Mistbeete errichtet hatte, und wo er unter großen Erdhaufen die Wurzeln, Steckrüben, Sellerie und Kohlköpfe für den Winter eingeschlagen hatte. »Ich hab' die Rüben schon rausgebuddelt, sie liegen mit dem Porree dicht zu Hauf am Wege«, hatte er in der Küche gemeldet, und Charitas hatte hastig den Korb zur Hand genommen und ging sie zu holen. Rothtraut stand auf dem Hof und fütterte die Tauben und Hühner, und Charitas blieb momentan stehen, dieses reizende Bild voll neidlosen Entzückens zu schauen. Just bog die Kleine das blondlockige Köpfchen zurück und ließ die schneeweiß flatternden Täubchen die Körner von ihren roten Lippen picken. Dann sah sie die Freundin und nickte und winkte ihr so lebhaft zu, daß die befiederten Gäste erschreckt davonschwirrten. »Wo gehen Sie hin, Liebchen?« rief sie lachend. Charitas hob ihren Korb: »Rüben holen!« »Hat das Faultier, der Schaal, sie mal wieder nicht mitgebracht? Zu arg, jeden Morgen derselbe Witz! Na, ich bin bald fertig hier, dann komme ich nach, nota bene , wenn ich nicht Staub wischen muß; wollen mal sehen, ob noch Zeit bleibt!« »Ich bin ja sogleich zurück! Wir gehen nachher lieber zusammen zum Förster und fragen nach dem Holz, welches heute noch angefahren werden muß!« » Bon , mir auch recht. Also, addio, mia bella Napoli «, und Rothtraut schmetterte die hellen Töne so übermütig in die warme Lenzesluft hinaus und lachte so voll Jugendlust dabei, als ahne sie gar nicht, daß addio »Lebewohl« heißt, und daß ein Lebewohl an das schöne Neapel doch etwas ernsthaft genommen werden muß. Charitas war lächelnd davon geschritten, sie atmete voll inniger Wonne die köstliche Luft und blickte um sich, als halte sie ein fremder, nie gekannter Traum von Frieden und seliger Ruhe umfangen. Lag die furchtbare, qualvolle Zeit im Hause ihrer Pflegeeltern denn so weit schon hinter ihr? Sie begreift es jetzt selber nicht mehr, wie sie das Leben in jener Hölle so lange Jahre ertragen hat, ein Schauer überrieselt sie, wenn sie daran zurückdenkt, und sie scheucht solche Gedanken angstvoll von sich, als müßte sie den Zauber dieses weltfernen Paradieses vor jedem Mißklang hüten. Wie schön, wie schön ist es hier! Welche Liebe, welche Freundschaft, welch sorgende Güte umgeben sie. Kein Hader, kein Zank, keine Zwietracht – Lachen und Singen, wohin man hört, strahlende und zufriedene Gesichter, wohin man blickt! Ach ja, daß sie bleiben könnte, für immer ihr müdes Haupt unter diesem Dach niederlegen könnte! Keine liebere Stätte gäbe es auf weiter Welt für sie, und müßte sie arbeiten von früh bis spät, arbeiten mit Aufgebot all ihrer Kräfte, ach wie gern, wie über alles gern würde sie es thun! Und doch ist es bestimmt in Gottes Rat, daß sie vom Liebsten, was sie hat, muß scheiden! – Und sie wird es thun, ruhigen und gefaßten Herzens. Die kurze Zeit aber, welche sie den schönen Traum dieses Friedens träumen kann, will sie genießen und sich das Herz daran wärmen für eine lange, trostlose Pilgerfahrt. Ungestört wird sie sein; denn was sie anfänglich so besonders ängstigte und quälte, der Gedanke, dem Geliebten hier auf Schritt und Tritt zu begegnen, womöglich gar mit ihm zusammen in Lichtenhagen wohnen zu müssen, hat sich als grundlose Sorge erwiesen. Sie hört es aus aller Mund bestätigt, daß Josef seit Wochen das Gutshaus nicht betreten hat, daß er den ganzen Tag bei dem Bergwerk beschäftigt ist und persönlich den Bau desselben überwacht. Kam er früher nicht, wird er jetzt erst recht nicht kommen. Was sie stets voll stillen Herzeleids gewähnt, daß er nur aus Pflichtgefühl um sie gefreit hat, das scheint ihr jetzt eine Gewißheit. Noch einmal fragte er als freier Mann bei ihr an, um sein Gewissen zu beruhigen. Ihre Antwort enthob ihn jeder Verpflichtung, und jener kurze, unüberlegte Taumel jäher Leidenschaft, jenes selige Waldeinsamkeitsidyll auf der Alpmatte der Printanière verflog und verwehte unter dem neuen Eindruck, welchen ein rosiges, lachendes Elfenkind auf ihn gemacht. Er liebte Rothtraut, und sie liebte ihn. Sprach sich in seinen Zügen nicht auch viel mehr Schreck, Bestürzung, ja finsterer Trotz aus, als er sie so unerwartet wiedersah? Warum stieß er so kurz und rauh hervor: »Zu spät«, als sie an seiner Seite kniete? Weil sie verlobt war? Daran konnte er selber nicht mehr glauben, da sie als Verlassene, Hilflose, unter dem Schutze eines ihr so fremden Mannes Stehende hierher kam! Rothtraut mag wohl wähnen, sie sei die Braut Klaus Sterleys, aber Josef muß doch Bescheid wissen, muß es doch durch den Bruder erfahren haben, wie energisch und für immer sie jede Annäherung des jungen Mannes zurückgewiesen hatte! Sein »Zu spät« galt ihm selber und seinem eigenen Herzen, welches eine andere erwählt hat. Kein Groll, keine Bitterkeit ist in Charitas' Seele. Sie hat Rothtraut gesehen und begreift, daß man sie lieben muß! Sie ist viel zu demütig, viel zu bescheiden und anspruchslos, um solch ein märchenhaft großes Glück wie seine Liebe für sich und ihre armselige Person zu beanspruchen. Es ist ruhig in ihrem Innern geworden. Die Ruhe heilig liebender Entsagung. »Nur die Herrlichste von allen Soll beglücken deine Wahl – Segnen viele tausend Mal!« Und dies wird ihr Wunsch, ihr Gebet für ihn sein, so lange, wie noch ein Pulsschlag ihr Leben gibt. – Mit ruhigen, glänzenden Blicken sieht sie sich um. Seine Heimat! Sein Grund und Boden! Ist es nicht schon eine Gnade Gottes, groß und unverdient, daß sie diese Luft hier atmen darf? Rüstig schreitet sie aus, ihr Gürtelband flattert in dem leichten Luftzug, Vogelgezwitscher tönt über ihr. – – – – – – – – Sie läßt sich auf das Knie nieder und füllt ihren Korb, und dann hört sie vom nahen Kirchdorf die Uhr schlagen, eilig rafft sie die letzten Suppenkraut-Pflanzen zusammen und schreitet zurück. Vor ihr teilt sich das Boskett, sie blickt über die flache Wiese und die sonnenbeglänzten Wege, welche sie durchschneiden, und plötzlich zuckt sie zusammen, krampft bebend die Hände um den Korb und starrt geradeaus. Dort über diese Wiese schreitet eine hohe, schlanke Männergestalt in kleidsamem Reitanzug, wendet das Antlitz seitwärts und blickt lächelnd auf Rothtraut, welche sich in ihrer eifrigen, naiven Weise mit gefalteten Händen an seinen Arm gehakt hat und mit silberheller Stimme auf ihn einschwatzt. Charitas bleibt zaudernd stehen, sie hat nur ein jähes, angstvolles Wünschen: »Verbirg dich vor ihnen, sie wollen wohl nicht gern gesehen sein!« Aber das unbelaubte Gebüsch, die flache Wiese, nichts bietet ein sicheres Versteck! Rothtraut hat sie auch schon gesehen. Sie deutet ungeniert auf sie hin, lacht und winkt ihr zu, und dann schüttelt sie seine Rechte noch einmal, recht nach Kinderart, hin und her, hebt dann, wie ein kleines Bettelmädchen, welches sehr eindringlich um etwas bittet, die beiden zusammengelegten Händchen zu ihm empor, jubelt über seine Antwort laut auf, wirft ihm in übermütiger Weise eine Kußhand zu und stürmt wie eine flinke Schwalbe den Weg zurück. Josef blickt nach ihr herüber. Sein Gesicht verfinstert sich, aber er schreitet über die Wiese geradeswegs auf sie zu. – – – – – – – – Als Rothtraut soeben ihren Hühnern die letzten Körnlein hingestreut hatte, klang Hufschlag vom Hofthor herüber, und wenige Augenblicke später stand Josef ihr gegenüber. In ihrer stürmischen Freude lief sie ihm entgegen, ihn zu begrüßen. »So früh am Morgen kommen Sie schon? O, das ist herrlich, das gilt doch gewiß unserm herzigen Gast, nach dessen Ergehen Sie fragen wollen, nicht wahr?« Er nickt ein wenig zerstreut und sieht wieder alt aus, älter als je. »Allerdings, Fräulein Rothtraut, der Weg führt mich zu Fräulein Reckwitz; ist sie im Salon?« »I, wo wird sie im Salon sitzen und Daumen drehen! Da kennen Sie Charitas schlecht! Sie hilft in der Küche, und eben holt sie Rüben aus dem Garten. Ich weiß, wo sie ist; soll ich mitgehen und Sie hinbringen? Ich habe so wie so eine schrecklich große Bitte auf dem Herzen, welche ich Ihnen gern ganz allein sagen möchte, ohne daß eine Menschenseele es hört!« Er ist mit so trüben, finstern Gedanken hergeritten, jetzt, als er in ihr rosiges Gesichtchen und in die schelmischen Augen sieht, geht es wie Sonnenschein über sein Gesicht. »Wie nett von Ihnen, daß Sie mich begleiten wollen«, nickt er freundlich, »und welch eine Freude für mich, daß Sie um etwas bitten wollen! Also im Gemüsegarten haben wir Ihre neue Freundin zu suchen? Schön, gehen wir direkten Weges hin!« Rothtraut nimmt ungeniert seinen Arm, sie hat sich das bei ihrem Vater so angewöhnt, daß sie kaum anders an der Seite eines Begleiters gehen kann! Auch ist ihr nie der Gedanke gekommen, daß dies zu vertraulich sei. Bei solch einem alten Onkel! Du liebe Zeit! »Meine neue Freundin, ja das ist sie«, fährt sie eifrig plaudernd fort und beginnt ihrem Enthusiasmus über die »himmlische Schönheit« dieser Herrlichsten von allen die Zügel schießen zu lassen. Sie bemerkt nicht, wie Josefs Antlitz sich wieder verdüstert, wie ein tiefer, verhaltener Schmerz um seine Lippen bebt, wie er sie voll nervöser Hast zu unterbrechen sucht. »Und Ihre Bitte, Fräulein Rothtraut? Was hat die mit Fräulein Reckwitz zu thun?« »Ach so, richtig, meine Bitte! Bald hätte ich sie über Charitas ganz und gar vergessen! Also aufgepaßt, lieber, lieber, allerbester Herr von Torrisdorff –« »Das ist viel des Guten!« »Es kommt noch besser! Also, einzig guter, liebenswürdigster und geduldigster Herr von Torisdorff, hören Sie mich an, ohne Ihr greises Haupt voll Spott und Mitleid über mich zu schütteln! Ich bin noch sehr kindisch und albern; das sagt Mama mir alle Tage, und da ich nun einmal so bin, will ich doch mindestens noch einen Spaß davon haben! Also, lieber Herr von Torrisdorff –« »Allerbester Herr von Torrisdorff, wenn ich bitten darf!« »Gut, himmlischer Herr Baron! In der Flurhalle steht doch, wie sie wissen, eine große, alte, eichene Truhe, die sieht so schrecklich geheimnisvoll aus, als müßten die interessantesten Dinge darin verborgen liegen! Ich knuspere schon seit Wochen daran herum und möchte so brennend, so für mein Leben gern einmal hinein sehen, aber Muttchen schlägt mich jedesmal auf die Finger und will nicht leiden, daß ich meine neugierige Nase überall hineinstecke! ›Neugierde!‹ sagt sie, und indiskret wäre es, behauptet sie! Und dabei ist es doch nur der edelste Wissensdrang! Aber, du liebe Zeit, in solch einer alten Truhe stecken doch keine Familienbriefe und Familienakten! Nun kommt die Bitte, die schrecklich große Bitte! Ahnen Sie schon etwas?« »Welch ein Ausbund von Schlauheit wäre ich, wenn ich jetzt schon ahnen wollte, was Sie möchten!« »Natürlich ahnen Sie es! Ich sehe es ja Ihrem Gesicht an, Sie wissen's ganz genau!« und laut aufjubelnd schüttelte sie seinen Arm: »Sagen Sie doch, Barönchen, darf ich? Ja? Darf ich nur ein einziges Mal aufschließen? »Aber nur einmal – nur ein einziges Mal!« neckte er lächelnd. »Hurra, hurra! Endlich! Gott sei Dank! Ich konnte es faktisch kaum noch aushalten! Und da drüben, sehen Sie, uns gegenüber am Gebüsch, steht Charitas! Ja, dann finden Sie nun wohl allein den Weg zu ihr! Und ich suche gleich nach dem Schlüssel, und wenn keiner passen will, hol ich mir den Schlosser aus dem Dorf – ach bitte, bitte, nicht wahr, ich darf doch?« Sie sieht in ihrer Freude nicht, wie ernst sein Antlitz wieder geworden ist, sie sieht nur, daß er eine zustimmende Kopfbewegung macht und höflich, aber mit etwas gepreßter Stimme hervorstößt: »Sie wissen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie im Lichtenhagener Haus nach Belieben schalten und walten können. Suchen Sie nach alten Raritäten, so viel es Ihnen Spaß macht, ich werde mich freuen, wenn Ihre Mühe nicht vergeblich ist!« Ein silberhelles Jubeln. Rothtraut klatscht in die Hände, versichert noch einmal voll überströmender Dankbarkeit, wie furchtbar nett er sei, und wendet sich winkend und grüßend zurück, voll Ungeduld sogleich an die Untersuchung der Truhe zu gehen! Josef sieht der zierlichen Gestalt nicht nach, wie sie graziös durch den goldenen Sonnenschein dahin eilt, glückselige Lieder auf den Lippen, sein Blick richtet sich voll düsterer Schwermut auf die Geliebte, welche ihm so nah, und doch so ewig fern gegenübersteht. Dann beißt er entschlossen die Zähne zusammen und schreitet ihr entgegen. Sein Blick trifft flüchtig, wie erloschen, den ihren. Er zieht höflich und formell den Hut. »Darf ich um einen Augenblick bitten, mein gnädiges Fräulein, oder störe ich?« fragte er sehr ruhig und sehr ernst. Auf ihrem Antlitz wechseln Glut und Blässe. Aber auch sie steht mit erhobenem Haupt ruhig und fremd vor ihm. »Nicht im mindesten, Herr von Torisdorff«, sagt sie freundlich, »im Gegenteil, ich freue mich der Gelegenheit, Ihnen für die große Gastfreundschaft danken zu können, welche Sie mir gewähren. Ich habe mich in dem Glauben befunden, daß Frau von Damasus die Besitzerin von Lichtenhagen sei, und bin erst gestern abend des Wahren beschieden worden.« »Da ich mit meinem Stiefbruder alles teile, was ich besitze, so hat er auch ein Anrecht an dieses Haus, und bitte ich Sie, ihn und nicht mich als Ihren Gastgeber zu erachten. Auch nur als sein Stellvertreter stehe ich jetzt vor ihnen. Ich habe aus den sehr flüchtigen Nachrichten meines Bruders nie den vollen Zusammenhang der obwaltenden Verhältnisse erfahren, eine soeben von ihm eingetroffene Depesche ersucht mich jedoch, Ihre Anwesenheit in Lichtenhagen so geheim wie irgend möglich zu halten. Ich entnehme daraus, daß Ihre Pflegeeltern bemüht sind, Ihre Spur zu finden, und ich würde es unendlich bedauern, wenn Sie gezwungen würden, in jene traurigen Verhältnisse zurückzukehren, ehe sich Ihr Schicksal in gewünschter Weise entscheiden konnte. Ich fand nun in der Postmappe eine Anzahl von Briefen und Postkarten Ihrer Hand, welche Ihre volle Namensunterschrift und genaue Adresse tragen. Ich möchte Sie nun darauf aufmerksam machen, daß diese Briefschaften Ihren Aufenthaltsort rettungslos verraten würden.« Charitas verschlang krampfhaft die Hände. »Ich habe das allerdings in meiner Hast und Erregung nicht bedacht!« sagte sie leise mit gesenkten Augen, »und ich danke ihnen herzlich für diesen freundlichen Rat. Ich werde diese Briefe und Karten noch einmal abschreiben. Frau von Damasus ist mir wohl behilflich, daß die Antworten postlagernd eintreffen können.« »Sie bewerben sich um eine Stellung?« fragte er halb zur Seite gewandt. »Ja, ich habe keine Heimat mehr.« »Besprachen Sie mit meinem Bruder bereits Ihre Pläne?« »Nur im allgemeinen, das Nähere glaubte ich ihm brieflich, oder mündlich – falls er herkommen sollte – mitteilen zu können.« »Ich lese aus den Briefen Adressen in das Ausland, sogar an die neuen Kolonien scheinen Sie gedacht zu haben! Sollte mein Bruder damit einverstanden sein, daß Sie sich solchen Gefahren, solchem mörderischen Klima aussetzen?« Ihr Haupt zuckte empor, glühende Blutwellen stiegen in ihr Antlitz. »Ihr Herr Bruder hat sich meiner sehr freundlich angenommen, und ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet«, antwortete sie mit bebenden Lippen; »aber die Art und Weise, mir mein künftiges Leben zu gestalten, überläßt er wohl meiner freien Wahl!« »Dennoch würde es mir sehr lieb sein, wenn Sie diese Briefe zurückhalten würden, bis Klaus hier eintrifft. Es läßt sich ja alles wohl noch anders und befriedigender arrangieren, ich werde mich mit ihm auseinandersetzen und hoffe, Ihren Wünschen ein schnelleres Ziel geben zu können, als mein Stiefbruder bisher annehmen konnte. So lange bitte ich Sie, Ihren Aufenthalt in Lichtenhagen zu nehmen.« Verständnislos sah sie ihn an, er aber wich ihrem Blick aus und schaute finster zu Boden. »Wozu diese Verzögerung? Ich kann nicht länger hier bleiben, ich kann es wahrlich nicht!« rang es sich, erregter als sie wollte, über ihre Lippen. »Und warum nicht? ... Weil Lichtenhagen auch ein Stücklein von meiner Heimat ist?« Wie bitter das klang! Sie preßte die Lippen zusammen. Glaubt er, sie grollt ihm, weil er eine andere liebt? Ein tiefer Atemzug hebt ihre Brust: »Gewiß nicht, Herr von Torisdorff! Ich wollte nicht unbescheiden sein und Ihre Güte mißbrauchen. Wenn Sie mir jedoch meine Hast, einen Wirkungskreis zu finden, falsch auslegen, so will ich Ihnen gern beweisen, daß Sie sich geirrt haben. Ich werde die Briefe zurückhalten, bis Herr Sterley kommt, und wenn ich mich hier nützlich machen kann, so bleibe ich gern bis –« »Bis ein Kranz von Myrten gewunden wird!« nickte er tonlos, und doch starrte er sie dabei mit umschatteten Augen an wie ein Sterbender. Sie sieht es nicht. Ihr Herz zittert in namenlosem Weh. Also doch! Doch bis Rothtrauts Kranz gewunden wird. Sie fühlt, wie brennend heiße Tropfen in ihren Augen aufsteigen. Allmächtiger Gott nur jetzt nicht schwach sein! Nur in diesem Augenblick nicht! All ihre Willenskraft nimmt sie zusammen. Sie ist ein Weib, sie kann mit brechendem Herzen lächeln. Und sie lächelt und reicht ihm die Hand. »Bis ein Kranz von Myrten gewunden wird! Wenn sie mich behalten wollen, so bleibe ich, und ich denke, wir bleiben dennoch Freunde!« Momentan hat er ihre eiskalten Finger umfaßt, dann tritt er mechanisch zurück, sie schreitet hastig an ihm vorüber. »Freunde!« murmelt er, »Gott helfe mir dazu, um Klaus' willen!« Nun bleibt ihm kein Zweifel mehr, sie ist des Bruders Braut, und es werden die hiesigen Glocken sein, welche ihr zur Hochzeit klingen!– – – Rothtraut hat den ganzen Tag mit Schlüsseln gerasselt, sie ist geschäftig Trepp auf, Trepp ab gesprungen und hat viel in der Flurhalle zu schaffen gehabt, ihr Gesichtchen hat immer ärgerlicher ausgesehen, aber niemand hat sie gefragt, was sie verdrießt, und seltsamerweise hat sie es diesmal keinem anvertraut. Als die Dämmerstunde kommt, sitzen die Damen wieder am Kamin, Frau von Damasus ist in das Dorf zu einer Kranken gerufen worden, und Rothtraut rückt zärtlich ihren niederen Holzschemel an Charitas Seite, lehnt das Köpfchen an die Freundin und bittet vertraulich: »Nun sind wir ganz allein, Charitas, ach bitte, bitte, erzählen Sie mir von Catania und Klaus Sterley! Sie Glückliche, Sie konnten ihn alle Tage dort sehen! Ach, beschreiben Sie mal ganz, ganz genau, wie er aussah!« Das junge Mädchen empfindet dieses Plaudern als Qual. Ausweichend bittet sie: »Viel hübscher wäre es, liebstes Herz, Sie sängen mir ein paar Lieder vor! Ich habe Sie noch gar nicht richtig singen gehört, und ich liebe Musik so sehr!« »Ich mag sie gar nicht mehr!« grollte die Kleine, »Seit Torisdorff mir gerade meine liebsten Sachen verboten hat –« »Verboten?« »Na, indirekt wenigstens, er hat mir sehr, sehr deutlich gezeigt, daß ich scheußlich singe! Bei lustigen Liedern hörte er allenfalls zu, aber auch mehr höflich, als interessiert; wenn ich aber so was recht Schwermütiges, was ich besonders liebe, anfing, z. B. ›Verlassen bin i!‹ oder ›Am Brunnen vor dem Thore‹ oder ›Es ist bestimmt in Gottes Rat‹, dann sprang er auf, als brenne der Boden unter seinen Füßen und lief davon, daß ich es wirklich hätte übelnehmen können! Fragte ich ihn dann: ›Was hatten Sie nur gestern plötzlich vor?‹ so legte er die Hand über die Augen und redete sich heraus: Diese Lieder habe er einmal im Leben so schön gehört, daß er sie von keiner anderen Stimme mehr ertragen könne – also mit anderen Worten: ich sänge sie nicht schön und meine Stimme eigne sich viel mehr für heitere Lieder! – Na, ich danke, wenn ich weiter nichts kann und soll, als wie ein Kanarienvogel zwitschern – aber, was haben Sie denn, Liebchen? Ihre Hand zittert ja so?« »Es ist nur nervös! Herr von Torisdorff ist ein sehr ernst beanlagter Mann, welcher gern durch fröhliche Weisen aufgeheitert sein möchte.« »Ein ernster Mann! Das weiß Gott!« seufzte Rothtraut voll drolliger Ergebung die Hände faltend. »Ja, Charitas, ein furchtbar ernster Mann! Früher, da ging es ja noch eher, da sah er wenigstens glücklich und zufrieden aus und plauderte und konnte sogar noch scherzen, obwohl man ihm solche Witze nie recht glaubte! Aber seit ein paar Wochen ist er ja wie ausgewechselt! Er kommt nicht mehr, er lacht nicht mehr, er sieht aus wie zehn Tage Regenwetter! Und warum nur? Ja, wenn das eine Menschenseele wüßte! Die Müllern hat zur Menzen gesagt, ein Brief aus dem Ausland sei daran schuld; als der gekommen sei, da war's mit dem armen Herrn anders geworden. Vielleicht hat er irgendwo eine Jugendliebe und die ist ihm untreu geworden oder gestorben!« Leichenhaft blaß starrte Charitas' Antlitz aus der Dunkelheit: »Er hat eine Liebe; und das sagen Sie so lächelnd und harmlos, Sie, Rothtraut?« klang es halb erstickt von ihren Lippen. Die Kleine riß die Augen weit auf. »Warum soll ich denn das nicht sagen?« fragte sie naiv. »Ich habe ja Herrn von Torisdorff riesig gern und bin ihm für all das Gute, was er uns gethan hat, unbeschreiblich dankbar! Es thäte mir wahrhaftig auch furchtbar leid, wenn sie gestorben wäre – aber warum soll ich Ihnen das nicht sagen und nicht harmlos sein?« Charitas umklammerte die Hand der Sprecherin und neigte sich tief zu ihr herab. »Rothtraut«, flüsterte sie, »lieben Sie ihn denn nicht?« Die Kleine fuhr ganz erschrocken zurück. »Lieben?« stammelte sie entsetzt, »lieben? Wen denn? Doch nicht etwa den Baron?« »Nicht? Nicht? Sie sind nicht mit ihm verlobt?« Da pruschtete das Backfischchen laut aus vor Lachen, drückte das Gesichtchen in die dunklen Kleiderfalten der Freundin und umschlang sie ungestüm mit den Armen. »Aber Charitas! Was für eine unglaubliche Idee! Ich sollte mich mit so einem alten Manne verloben, der wie mein Großvater ist?« »Alter Mann?« Verwirrt strich sich das junge Mädchen über die Stirn. »Josef von Torisdorf nennen Sie alt?« »Ja, ich nenne ihn alt, uralt! Gegen mich ist er ein Greis! Wissen Sie, Liebste, den Jahren nach ist er ja vielleicht noch in den Vierzigern, aber sein Wesen – puh!! So gemessen, so stolz, so kühl – so – so – na, mit einem Wort – uralt! Furchtbar gut und freundlich ist er, und daß er den armen, betrogenen Leuten ihr Geld zurückgibt, das ist das Großherzigste, was man sich denken kann! Aber ihn heiraten, ... ihn lieb haben, ich fideles, kleines Göhr den alten Mann? Nein, das ist zum totlachen, das ist einfach unglaublich!« »Aber er liebt Sie!« »Denkt ja gar nicht dran! Wie ein Baby behandelt er mich, fehlte noch, daß er ›Kleinchen‹ zu mir sagt und mir Bonbons mitbringt! Er amüsiert sich über den Unsinn, den ich treibe und ist zu mir so nachsichtig und wohlwollend, wie ein guter, alter Onkel, höchstens wie ein Kamerad, der Scherzes halber mitmarschiert, aber lieben, mich lieben? Nie! Ach, ich denke mir wenigstens die Liebe sehr, sehr anders!« und das rosige Menschenknöfpchen legte plötzlich voll süßer Schwärmerei beide Händchen auf die Brust und flüsterte mit verklärtem Blick: »O Charitas, ich wüßte wohl einen, den ich lieben könnte! So frisch und jung, so lachend und lustig, mit blauen Augen und blondem Haar! Die Künstler haben es mir seit jeher angethan – und wenn ich auch arm sein müßte mit ihm, ich möchte keinen andern als ihn allein!« Charitas hörte kaum; sie saß wie im Traum und starrte schwer atmend in das Dunkel der Halle hinein, welches sich mehr und mehr vertiefte und alles mit schwarzem Mantel deckte, was nicht in dem Bereich der rotflackernden Kaminflammen stand. Rothtraut harrte auch keiner Antwort, und da alles um sie her still blieb, neigte sie das lächelnde Antlitz an die Schulter der Freundin und schloß die Augen. »Wenn er doch käm wie der Frühlingswind, goldblond seine Locken, sein Fuß geschwind« klang ein Lied durch ihre Seele, dessen Worte sie längst in obiger Weise abgeändert hatte: »Ins Auge die ganze Seele gedrängt, ach, der eine Blick hat das Herz mir versengt! Und ich stand, als ob ewig ich schauen ihn müßt ... Er hielt mich umfangen, er hat mich geküßt!« Ein zitternder, wohliger Seufzer der Sehnsucht ... und dann verharrten beide Arm in Arm, innig aneinander geschmiegt, gebannt von ihren Gedanken. Draußen strich Lenzesodem um schwellende Knospen und hier drinnen bebten zwei junge Menschenherzen voll süßer, geheimnisvoller Ahnung eines großen Glückes, dem ewigen Frühling der Liebe entgegen ... XXVI. ndlich, endlich! Er war gefunden! Mit glühenden Wangen kniete Rothtraut vor der großen Eichentruhe, mit den schweren, gedunkelten Schnitzereien und den verzinkten Beschlägen, welche sich so wuchtig und breit verschnörkelt darüber hinlegten, als hätten sie alle Schätze des Königs Laurin zu hüten! Das Schlüsselbund rasselte in den kleinen Händen, ein ölbestrichenes Federchen ward hastig über den verrosteten Schlüssel mit dem breitdurchlöcherten Kopf geführt und dann energisch in das Schloß geschoben. »Hurra! Bravo! Bravissimo! Er dreht sich!« Ja – er dreht sich doch! Rothtraut hatte es sofort in ihren tiefsten Gedanken behauptet, als sie im Saal droben im perlengestickten Schlüsselschränkchen dieses Bund mit dem so eigenartig verzwickten Schlüssel gesehen. Wie gut hatte sie es doch gegen den armen Kopernikus! Sie ward weder angezweifelt, noch mußte sie für ihre Behauptung das Leben lassen. – Sie bestand darauf: er dreht sich doch! – schmierte den Widerspenstigen mit Mamsells bestem Salatöl so energisch ein, daß er triefte – schob ihn abermals ins Schloß und … er drehte sich. Nicht ohne Anstrengung, aber mit leuchtenden Augen und fieberndem Interesse stemmte sich die Kleine gegen den wuchtigen Deckel und hob ihn. Das verrostete Eisen der Angeln knirschte und gab schrillen Ton, dann fiel das massive Eichenholz schwer gegen die Wand zurück, der geheimnisvolle Schrein stand offen. Rothtraut jauchzte leise auf. Ein köstlich interessanter Moderduft, von einem Hauch Moschus und Lavendel gleich einer entweichenden Seele durchzogen, strömte ihr entgegen. Obenauf lag ein weißes Linnentuch, von braunen Stockflecken durchschossen, das zog sie ungeduldig ab, und dann erschien – als hätte sie es geahnt – wirklich die alte Herrlichkeit, welche sie gesucht! Seitlich eine große, blaue Papierschachtel, mit einem Strohband verknotet, als sie es anrührt, fällt es von selber ab, so brüchig ist es geworden. Schnell geöffnet. O du ewiges miraculum ! Eine Muffe, oder ist's ein Schlittenfußsack? – Nein, eine Muffe von unglaublicher Dimension – die ganze Rothtraut könnte mit Sack und Pack in ihm verschwinden, eine richtige, gravitätische Urgroßmuttermuffe, so ein Ding, welches im Dictionnaire amoureux »ein atlasgefütterter Briefkasten für Liebende« genannt wird! Wer weiß, was für rosa Billets eine teure Urahne darin verborgen hielt –! Nach dem Taxatum der Kleinen hätte sich hier mit Fug und Recht die ironische Warnung für den Liebhaber anbringen lassen: Fallen Sie nicht in den Briefkasten!! Brr – wie er haart! Zurück mit ihm zu der ehrwürdigen Zopfperrücke, welche neben einem gestickten Strickbeutel in den Tiefen der Schachtel lauert ... Hier ein kleiner, grüner Kasten, hübsch gemalt mit blauroten Rosen und steifen Vergißmeinnicht, in deren Halbkranz ein M. T. mit Krone gemalt ist. – Ach herrje! Ein Myrtenkränzchen, mit trocknen, weißen Rosen und regelrechter veilchenblauer Seide umwunden. Verblaßte, rosenfarbige Strumpfbänder, auf welche mit Seide »Marianne« gestickt ist, und ein riesengroßes Spitzentaschentuch mit dem gleichen Monogramm wie auf dem Kasten. Hier ein zusammengefaltetes Papier – eine schwarze Silhouette ... Männerkopf – hübsch, gradlinig, – mit einer Perrücke ... vielleicht dieselbe, welche hier bei der Muffe logiert! Rothtraut wird es ganz feierlich zu Mut. Rührung und Wehmut. – Sie legt die Sachen mit spitzen Fingerchen wieder zurecht und stellt den Kasten beiseite. Und nun! – Blaue Seide knistert ihr entgegen, auch voll Stockflecke und brüchig – aber fest und schwer wie ein Brett. – Ein Kleid! – Ein uraltes Kleid mit kurzer Taille! – Köstlich, wie für einen Maskenball!! Und hier ein ähnliches Mullkleid mit grüngestickter Blätterguirlande und einer spitzen Schleppe ... und ein grün und rosa gewirkter Seidenshawl – so fein und duftig wie Crêpe – und vergilbte Spitzentüchlein – und Bänder – hier ein Packet mit Kreuzbänderschuhen... und da noch eine Schachtel... Hüte und Hauben!! Daß Gott in deine Hände!! Was für spaßhafte Ungetüme! Wäsche, Miederleibchen, Unterröcke – alles vorhanden! Rothtraut tanzt vor Freude um die Raritäten herum! Was wird man für Augen machen, wenn sie diesen Fund präsentiert! Und wie sie das denkt, kommt ihr ein köstlicher Gedanke! Niemand ahnt etwas von ihrem Forschungsunternehmen. Sie wird sich den Witz machen, sich als Urgroßmutter anzukleiden und die Leute zu überraschen! Großartige Idee! Fiebernd vor Übermut und Vergnügen wählt sie schnell die schönsten Dinge aus, packt das andere hurtig in die Truhe zurück, klappt sie zu und flüchtet mit ihrem Raub in das Schlafzimmer. Dort wird Toilette gemacht. Himmel, welch ein Spaß! Wie sie aussieht! Na, mager ist sie nicht in Lichtenhagen geworden, Grübchen auf Hals und Armen – hier in dem ausgeschnittenen Kleid sieht man's erst, was sie für ein Dickchen geworden! Und nun die Gürtelschleife gebunden und den Shawl um die Schulter – und dann – alle Wetter, der Hut! Rothtraut lacht schallend auf, als sie sich in dem Spiegel sieht. Welch ein Gebäude auf ihrem Kopf, Federn, Blumen, Spitzen, – wie ein Wagenrad steht es um ihr rosiges, kleines Gesicht, unter dessen Kinn die maigrünen Bindebänder zur Schleife geschlungen werden. Filethandschuhe –! schade, sie sind auch ein bischen reichlich groß, ebenso wie die Schuhe, welche ihr von den Füßen fallen würden, wenn sie nicht von den Bändern gehalten würden. So, – nun wäre sie soweit. Prachtvoll! Entzückend! Leibhaftig die Ahnfrau Marianne! Wie wird Emma loskreischen – und Mamsell – und Schaal –: »Et spukt! et spukt!« werden sie zetern und an eine schreckliche Geistererscheinung glauben. In der Halle wird sie sich aufstellen und ihnen auflauern. Charitas ging leider vor ein paar Minuten über den Hof nach dem Backhaus, – wenn sie doch bald wiederkäme! Rothtraut huscht wie ein entzückendes, lebendiggewordenes Bild aus alter Zeit in die Halle zurück und schaut sich um, wo sie sich am vorteilhaftesten postieren könne. Da – dicht neben der Thür ... aber horch – Schritte draußen auf dem Hof, auf den Treppenstufen ... Das ist Charitas! Und mit blitzenden Augen springt die Kleine auf den Schemel vor der Thür und denkt: »Brillant! Nun mach nur die Thür auf, mein Liebchen, dann fliege ich dir um den Hals!« Und der Drücker klappt herunter, die Thür wird kraftvoll geöffnet, – gleichzeitig mit recht hohler, geisterhafter Stimme ein: »Sei mir gegrüßt!« – Rothtraut biegt sich vor und faßt stürmisch zu – – und dann ein leiser, zitternder Schrei und ein höchst verblüfftes: »Alle neun Donner!!« aus rauher Männerkehle. Auf der Schwelle steht Klaus Sterley und hält das reizendste Phantasiegebilde im Arm, welches er je geschaut, von welchem er in seiner ersten, ungeheueren Überraschung faktisch nicht weiß, ist es Spuk oder Wirklichkeit? Aber er hält den wonnigen, kleinen Geist fest, drückt ihn nur stürmischer an die Brust, je entsetzter die großen Blauaugen ihn anstarren, und hat das Gefühl, als ob heiße, lohende Feuer ihn umsprühten, als ob alle Sonnenglut in sein Herz herabgeflossen sei, es in himmelhoch aufjauchzendem Entzücken zu entflammen. Und der erste Schreck verfliegt, Rothtraut blickt in sein Antlitz, blutrot steigt es in ihre Wangen, sie weiß nicht, was sie sagt, was sie thut, sie weiß nur, daß er da ist. »Klaus!« jubelt sie, »Klaus!« und die Arme, welche sie um seinen Hals geschlungen, schließen fester, krampfhafter: »Klaus!« Ihre eigene Stimme weckt sie aus der Betäubung, sie schrickt zusammen, reißt sich entsetzt los, schlägt wie in verzweifelter Scham die Hände vor das Antlitz und stürmt davon. War das ein Spuk? – Nein, das war Leben; heißes, junges, herzaufquellendes Leben! Wie ein Wonneschauer rieselt es ihm durch alle Glieder. So flüchtig er sie auch nur geschaut, er hat mit dem Auge des Malers, des Künstlers genug gesehen, so wenig er auch von ihr vernommen, er hörte genug aus dem einen Jubelschrei, welcher sein Herz bis in die tiefsten Tiefen erzittern ließ. Rothtraut! – Sie war es, sie muß es gewesen sein! Das liebe, holdselige Kind, von welchem Josef schrieb, daß sie sein Bild so freundlich mit Blumen geschmückt habe, daß sie die Skizzen aus seiner Studienmappe voll wahrer Begeisterung kopiere. Rothtraut! Sie nannte ihn bei Namen, sie kannte ihn nach dem Bilde, und sie freute sich, daß er kam! Welch ein offener Himmel voll Seligkeit in ihrem Blick! Wahrlich, so hat noch kein Mädchenauge ihn angestrahlt, so rein, so ehrlich, so voll süßer Kindlichkeit und doch voll heißer Liebe! Liebe? Liebt sie ihn? Undenkbar, sie kennt ihn ja noch gar nicht, und doch, sie liebt ihn, so wie er plötzlich sein ganzes Herz in ihren Banden fühlt, und doch war auch sie für ihn kaum mehr wie ein Bild ... Klaus strich wie ein Träumender über die Stirn, tritt über die Schwelle und zieht die Thür hinter sich zu. Sein Blick schweift voll sehnender Ungeduld umher, den süßen, kleinen Spukgeist zu suchen, – da knarren die Stufen der Wendeltreppe, eine Dame, rüstig und stattlich, wenn auch mit ergrauten Scheiteln unter der kleinen, schwarzen Spitzenhaube, steigt hernieder. Wie in überraschter Frage trifft ihr Blick den fremden Herrn. Klaus tritt ihr lächelnd mit chevaleresker Verneigung entgegen. »Frau Geheimrat von Damasus?« fragt er mit sonnigem Blick, »ich erlaube mir, Ihnen und Ihrer Güte einen Tischgast zu octroyieren – Klaus Sterley.« Und während Frau von Damasus den überraschenden Gast voll Herzlichkeit begrüßt, während auch Charitas eintritt und ihm voll innigen Dankes, mit ganz wundersam leuchtenden Augen die Hände drückt, während die drei im Salon zusammensitzen und plaudern, liegt Rothtraut in ihrem Stübchen auf den Knien und drückt das glühende Antlitz in die Sesselkissen. Sie lacht und weint, sie weint und lacht. Und während ihr junges Herzchen vor dem größten, heiligsten Rätsel ihres Lebens steht, vor der Liebe, welche nicht gedeutet und erklärt werden kann, welche kommt und da ist, welche als einziger Schlag zwei Herzen durchzuckt, welche nicht nach Grund und Ursache forscht, sondern nur liebt und nichts anderes will als lieben, da klingt es abermals wie jauchzendes Sturmgebraus durch ihre Seele: »Er kam wie der junge Frühlingswind, Goldblond seine Locken, sein Fuß geschwind; Ins Auge die ganze Welt gedrängt. Ach, der eine Blick hat das Herz mir versengt! Und ich stand, als ob ewig so schauen ich müßt. Er hielt mich umschlungen ... Und leise, leise, wie verheißungsvoller Klang von knospenden Myrtenzweigen – Er hat mich geküßt!« – War dies wirklich noch das alte Lichtenhagener Gutshaus, welches so lange Jahre unter dem staubigen Schleier der Vergessenheit in tiefem Traum gelegen? Lachen, Singen, heiteres Geplauder und jugendfrisches Leben, ein rühriges treppauf und treppab! Klaus Sterley hatte das verzauberte Dornröslein aus dem Schlaf geweckt, und er sorgte dafür, daß es die lachenden Augen nicht wieder schloß. Er war Klein-Rothtraut voll frischer Harmlosigkeit entgegengetreten, als sie mit gesenkten Augen und Schamesröte im Antlitz zu Tisch erschienen war, und er hatte ihr durch sein sicheres und gewandtes Wesen schnell die alte Munterkeit zurückgegeben und jede peinliche Verlegenheit verscheucht. Ja, es dauerte nicht lange, da neckten sie sich in übermutigster Weise hin und her über den eigenartigen Empfang, welcher ihm geworden, er nannte sie »Urgroßmütterchen« und sie ihn einen »Einbrecher«, und des Scherzes war kein Ende. Da erfuhren auch Frau von Damasus und Charitas von dem Mummenschanz, welchen die Kleine ausgeführt, und Fräulein Reckwitz bestand voll großer Dringlichkeit darauf, daß Rothtraut sich noch einmal als Frau Marianne zeigen solle. Sie versprach für den Abend eine zweite Vorstellung, und Klaus neckte: »Aber ganz genau so wie heute morgen! Wenn Sie Angst haben, es klappt nicht, können wir ja üben.« Sie errötete und gab ihm zur Strafe nur die kleinere Hälfte von dem Apfel, welchen sie soeben geschält. Und Klaus saß wie von süßem Zauber befangen und konnte gar nicht satt werden, in dieses reizende Kindergesicht zu sehen. »Den Mann hat's!« sagt man in Süddeutschland von einem, welchem es zwei Schelmenäuglein mit erstem Blicke angethan. Und diese Bande waren so wonnesam und unlöslich, daß sich ihnen Klaus rückhaltslos hingab. Charitas sah, gottlob! so frisch und belebt aus, ihre Augen leuchteten so seelenvoll aus dem freundlich ernstem Antlitz, daß er gar keine Gelegenheit fand, sich ihr tröstend und sorgend zu widmen, ja es deuchte ihm oft, als thue sie alles, ihm die entzückende Eigenart der jungen Freundin in das beste Licht zu stellen und all sein Interesse auf sie zu lenken. Sie wußte die widerstrebende Rothtraut zu bestimmen, ihre Kopien zu holen, und Sterley war begeistert, ein solch inniges Verständnis für seine Kunst bei ihr zu finden. Es wurden gemeinsame Malstunden verabredet, ein Spaziergang in den Park unternommen, wo es sich stets von selbst machte, daß Klaus an Rothtrauts Seite verblieb. Ihr schelmisches Geplauder mutete ihn an wie Lenzeswehen, und die verräterischen Blicke, welche hier und da unter den langen Wimpern aufleuchteten, berauschten ihn geradezu. Was hatten diese wenigen Stunden aus ihm gemacht! Welch ein Wechsel und Wandel hatte sich mit ihm vollzogen! Und als der Kamin wieder sein rotes zuckendes Flackerlicht in die Halle warf, da schwebte mit süßem Schelmenlächeln ein kleiner Spukgeist über die Schwelle: Rothtraut, die Ahnfrau, voll Grazie und Übermut ihre Spukrolle spielend, hinreißend lieblich anzusehen, daß alles Blut siedend heiß in Sterleys Schläfen schoß und er mit bebenden Lippen hervorstieß: »So muß ich Sie malen, Fräulein Rothtraut, ich muß!« Und als sie sich neckend, voll geisterhafter Schelmenhaftigkeit verbeugt, daß der Schein des Kienbrandes über das sammetweiche Gesichtchen mit den großen, großen Spukaugen weht, und mit furchtbar grauliger Stimme sagt: »Nein! In Essig und Öl marinieren lasse ich mich nicht!« – da bedarf er der größten Selbstbeherrschung, um nicht aufzuspringen und das herzige Ding ebenso ungestüm und fest in die Arme zu schließen wie heute morgen! Mit brennender Stirn schreitet er schließlich durch die rauhe Nachtluft heim und hat nur noch einen beseligenden, berückenden Gedanken: »Rothtraut!« Die Sterne flimmern am klaren Himmel, sie rücken vor seinen Blicken zusammen zu leuchtenden Schriftzeichen. »Rothtraut!« flammt es über ihm als Inbegriff alles dessen, was für ihn Himmel und Erde noch erfüllt! Schritte klingen auf der stillen Landstraße. Josef kommt dem Bruder entgegen, und Klaus jubelt ihm zu, wirft den Hut in die Luft und fängt ihn wieder auf, breitet die Arme aus und singt mit schallender Stimme, ganz wieder wie ehemals, als übersprudelnd glückseliger Student, dem die ganze Welt offen stand. Und während er den Arm um den Stiefbruder schlingt und voll aufgeregter Heiterkeit plaudert, wird Josef stiller und immer einsilbiger, sein Haupt sinkt tief zur Brust, selbst bei dem fahlen Mondlicht muß es dem Beobachter auffallen, wie bleich sein Antlitz, wie einsilbig seine Antworten sind. Aber Klaus beobachtet nicht, er ist viel zu sehr Brausekopf, um noch für etwas anderes auf der Erde Interesse zu haben, wenn sein Herz so überschäumend voll Glück und Jubel ist wie in dieser Stunde! Aber seltsam, er spricht immer von der kleinen Damasus, er kann des Lobes und Entzückens gar nicht satt werden, er schwärmt von ihr wie ein Primaner, und Charitas, seine Braut, wird mit Stillschweigen übergangen, kaum, daß er seiner Freude Ausdruck gibt, wie frisch und sichtlich erholt aussehend er sie gefunden. Was soll das bedeuten? Klaus ist ein junger, lebensfroher Mann, aber er ist kein Flattergeist, welcher sich heute mit einer Dame verloben und sich morgen für eine andere derart begeistern würde. Dazu ist er viel zu ehrenhaft, viel zu pflichtgetreu und brav. Auch wäre es eine absolute Unmöglichkeit, wegen eines Knöspchens wie Rothtraut die Rose Charitas vergessen zu können. Ein wehes Lächeln irrt um Josefs Lippen. Thor, der er ist, nachzugrübeln darüber. Josef hat von dem landläufigen Geschwätz gehört, welches Rothtraut von Damasus die künftige Herrin von Lichtenhagen nennt. Dieses Gerede liegt ja so nahe. Kein Mensch ahnt noch von den hochherzigen Plänen, welche er hegt. Man sieht nur, was vor Augen ist: die fremde Dame mit ihrer reizenden Tochter, welchen er selbst eine Stellung in dem Gutshaus eingeräumt hat, welche derjenigen einer Gebieterin sehr ähnlich sieht. Frau Fama aber griff gierig das feine, kleine Fädlein der Möglichkeit auf und webte behende einen bräutlichen Schleier daraus. Und Klaus, dessen Seele des eigenen bräutlichen Glückes so voll, will in seiner Liebe und Dankbarkeit für den Bruder auch dessen Herzen wohlthun, indem er seine Erwählte in beinahe überschwenglicher Weise als Lieblichste und Anmutigste preist. Es ist gut gemeint von ihm. Josef erkennt die Absicht und will den Eifrigen nicht durch allzu deutlich gezeigte Gleichgültigkeit kränken. Er versucht, das Gespräch immer wieder so geschickt wie möglich auf Charitas zu lenken. »Hast du schon mit Fräulein Reckwitz über die Pläne gesprochen, welche sie verfolgt?« Klaus schwippt mit einer kleinen Gerte, welche er im Vorüberschreiten aus dem Gebüsch gebrochen, fröhlich durch die Luft. »Nein, Bruderherz, dazu war bei Gott noch keine Zeit! Ich weiß selber nicht, was eigentlich alles los war, aber wir hatten ununterbrochen etwas vor, sodaß zu einer ernsthaften Beratung niemand gekommen wäre. Wozu denn auch die Sache so überhasten. Es hätte ja ausgesehen, als wollten wir sie drängen, und eine Weile Frieden, Ruhe und Erholung würden dem unglücklichen Mädchen so wohl thun. Übrigens, was ich fragen wollte, mein Josef, wie alt ist Rothtraut eigentlich?« »Entweder ist sie schon siebzehn, oder wird es demnächst. Auf alle Fälle ist sie noch ungeheuer jung. Aber was mich ungemein beunruhigt, Klaus, ist der Gedanke an den Vormund. Hast du denn gar nichts von den beiden schrecklichen alten Leuten gehört?« »Rothtraut hat einen Vormund? Ach so, ganz recht, der Vater ist ja tot!« »Unsinn, wer spricht von der Kleinen! Ich meine die Pflegeeltern Schaddinghaus und begreife es gar nicht, daß nicht schon alle Zeitungen von Steckbriefen wimmeln.« »Ach so!« Klaus lachte. »Ja, das kann ich dir erklären. Ich ließ die beiden Alten natürlich von Weimar aus beobachten, na, und da kam als erste Nachricht, daß Frau Selma heftig erkrankt sei. Der grelle Klimawechsel hatte wohl Rache für Charitas geübt. Sowie das Fieber weg ist, soll sie sofort nach Montreux zurück.« Die beiden jungen Männer waren in Krembs angelangt. Josef wandte sich zu der Hausthür, Klaus aber faßte seinen Arm. »Du mußt viel und, angestrengt arbeiten, Josef, und bist es gewöhnt, sehr früh zur Ruhe zu gehen. Ich bitte dich von Herzen, laß dich durch meine Anwesenheit in keiner deiner Gewohnheiten stören. Ich Großstadtmensch schlafe spät ein und atme mit wahrem Heißhunger die köstliche Landluft. Ich gehe noch eine Stunde spazieren, wenn es dir recht ist. Leg dich ungeniert zu Bett, ich denke, wir haben morgen desto mehr Zeit, uns angehören zu können!« Sie trennten sich; beiden war es lieb, mit ihren Gedanken allein zu sein. Und die waren verschiedenartiger als je, hier »himmelhoch jauchzend« und dort »zu Tode betrübt.« – – – – – – – – Josef war in frühester Morgenstunde auf seinem Platz bei den Bergwerksarbeiten und, es war wohl schon neun Uhr durch, als Klaus bei ihm erschien und »Guten Morgen« sagte. Er sah nicht mehr so strahlend glücklich aus wie gestern, ein Zug von Nachdenklichkeit und Niedergeschlagenheit lag auf dem frischen Gesicht, dessen sonst so leuchtenden Augen man es ansah, daß sie wohl einen großen Teil der Nacht durchwacht hatten. Josef war gerade in lebhaftem Gespräch mit dem Obersteiger und Ingenieur begriffen, Klaus drückte ihm die Hand. »Ich gehe nach Lichtenhagen hinaus, du kommst doch heute zu Tisch, Bruder? Ich bitte dich inständig darum!« »Ich hoffe, es möglich machen zu können; aber bestimmt ist jetzt nicht auf mich zu rechnen. Wenn ich um ein Uhr nicht bei euch bin, wartet nicht länger!« Klaus stürmte nach Lichtenhagen. Er traf Rothtraut auf dem Hof zwischen ihren kleinen Trabanten, den Inspektorkindern. Dem schönen Wetter zu Ehren war die Schaukel angehängt worden, zwischen die beiden Kirschbäume, welche vor dem Syringengebüsch standen. Und Fräulein von Damasus hatte sich auf das Brett geschwungen und flog graziös, wie ein leichtes Vögelchen durch die Luft. Die Arme erhoben, das lachende Gesichtchen erhitzt, die kleinen Füße von weichen Kleiderfalten umflattert, schwebte sie vor dem knospenden Gezweig, und Klaus sah diese Knospen zu tausendfachem Blühen erschlossen, seine Künstlerphantasie zeigte ihm das wonnige Elfchen zwischen duftigen Blumendolden und der schneeigen Frühlingspracht wiegender Kirschzweige – welch ein Bild! Er stand neben ihr und blieb gebannt, er vergaß, daß es auch noch andere Damen im Hause zu begrüßen gab, ihre sonnige Heiterkeit verscheuchte alle Wolken von seiner Stirn und steckte ihn an zu Scherz und Maienlust! Charitas schob lächelnd den Vorhang zur Seite. »Gott sei gelobt!« sagte sie aufatmend, mit einem Blick zum Himmel, in dessen Dankesausdruck sich unbewußt ein heißes Flehen mischte, und sie umfaßte das freundliche Bild draußen an der Schaukel mit innigem Blick, trat leise vom Fenster zurück und waltete ihres Amtes. Josef war nicht zu Tisch gekommen. Er saß einsam daheim in seinem bescheidenen Stübchen und starrte mit umflortem Blick in die freie, weite Landschaft hinaus, über welcher die ersten Dunstschleier grauer Dämmerung wehten. Plötzlich ward hinter ihm die Thür aufgestoßen, Klaus stand auf der Schwelle, warf den Hut auf den Stuhl und trat mit schnellen Schritten neben den Bruder. »Hast du Zeit für mich, Josef?« stieß er kurz und gepreßt hervor. Erschrocken faßte der Gefragte seine Hand und starrte in das erregte, so seltsam verstörte und ernste Antlitz des jungen Mannes. »Allmächtiger Gott, Klaus, was ist passiert?« Laut aufstöhnend warf sich Sterley auf einen Stuhl und biß die Zähne zusammen. »Ich bin ein Lump, ein elender, pflichtvergessener Lump!« keuchte er. »Bruder! Mensch!« Da griff Klaus voll nervöser Hast nach beiden Händen Torisdorffs. Ein bitteres Lächeln spielte um seine Lippen. »Wenn ich's nicht bin, nun, dann bin ich die unglückseligste Kreatur auf Gottes weiter Welt!« Josef ward leichenblaß. »Sprich, was – was ist geschehen?« murmelte er. Außer sich vor Erregung sprang Sterley empor und wühlte beide Hände in sein lockiges Haar. »Ich kann sie nicht heiraten! Ich kann es nicht! Lieber sterben!« Torisdorff umkrampfte seinen Arm. »Sprichst du von Charitas?« rief er rauh. Sein Auge flammte auf, eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen. »Willst du sie unglücklich machen? Willst du sie verlassen? Klaus, ich habe dich ehrlich geliebt und geachtet, aber von diesem Augenblick an würde ich dich hassen, würde ich dich verachten als Buben!« Sterley starrte den Sprecher mit weit offenen Augen an, seine Lippen bebten. »Du hast kein Recht, mir solch harte Worte zu sagen«, murmelte er. »Du darfst mich nicht verurteilen, ehe du nicht alles weißt, alles gehört hast – « Was bedarf es noch der Mitteilungen?« brauste Josef leidenschaftlich auf. »Du hast dich verlobt, du hast ein Mädchen bethört, du hast dir ihre Liebe erzwungen!« Klaus stand regungslos. Er schüttelte nur finster den Kopf, eine seltsame Ruhe war plötzlich über ihn gekommen. »Nein, sie liebt mich nicht!« »Sie liebt dich nicht und verlobt sich mit dir?« »Sie verlobte sich nicht mit mir, sie wies mich sogar mit sehr entschiedenen Worten ab.« »Klaus, phantasierst du?« »Nein, ich schulde dir nur die genaue Wiedergabe all jener Dinge, welche sich in Catania ereigneten. Ganz so verworfen, wie du glaubst, bin ich nicht, ich könnte mich vor dir und aller Welt mit unantastbaren Worten rein waschen, aber vor meinem Gewissen, da stehe ich dennoch trotz aller Beweise und Gegenbeweise ungerechtfertigt! Laß dir alles erzählen, Josef! Wenn mich ein Mensch voll und ganz versteht, so bist du es, und wenn ich einen klugen und gerechten Willen über mir erkenne, so ist es der deine! Höre mich an und urteile, und was du mich zu thun heißt, das werde ich thun!« Er legte die Hände mit bittendem Blick auf die Schultern Torisdorffs, drückte ihn sanft auf seinen Platz zurück und schritt selber mit schnellen, unruhigen Schritten vor ihm in dem Zimmer auf und ab, während Josef das Haupt in die Hand stützte und die Wimpern über die Augen senkte, wie ein Mensch, vor welchem sich plötzlich das Weltall schwindelnd im Kreise dreht. XXVII. laus erzählte mit fliegenden Worten die Geschehnisse auf Catania – wie er suchend durch Italien geirrt sei, die einsam trauernde Palme zu finden, wie er schließlich auch nach Sizilien kam und jählings in das Antlitz seiner Dolorosa sah. Er schilderte Charitas, wie sie, von dem Briefkasten zurückkehrend, an ihm vorbeigeeilt sei; weinend, vergehend in Schmerz und Gram, wie er noch nie ein Antlitz geschaut. »Welch ein Tag war es?« fragte Josef mit wildschlagendem Herzen, und sein Stiefbruder wußte sich genau des Datums zu erinnern. Es war jener unglückliche Tag, an welchem Charitas ihm geantwortet hatte, und jener Brief war an ihn gerichtet. Klaus aber fuhr arglos fort voll ehrlicher Selbstanklage zu erzählen, wie seine Passion ihn fortgerissen habe, heimlich das schöne Mädchenantlitz zu malen, wie er sich Charitas näherte, wie alles kam. Auch von seinen Herzenskämpfen erzählte er voll rückhaltloser Offenheit, wie er sein tiefes Mitgefühl anfänglich für Liebe gehalten, sich bald aber klar geworden sei, daß er niemals das für Charitas empfinden könne, was ihm der Inbegriff alles bräutlichen Glückes dünke! Und dann sprach er immer aufgeregter, erzählte von der entsetzlichen Scene im Garten, welche er einzig und allein durch sein heimliches Porträtieren verschuldet, wie ihm Zorn, Schuldbewußtsein und leidenschaftliche Erregung jene unglückselige Werbung vor den Stiefeltern abgerungen habe. Was er in der Übereilung gesprochen, sei für ihn zur Verpflichtung geworden! Er schilderte darauf seine Unterredung mit Charitas, während welcher er seinen Antrag wiederholte und sehr fest und entschieden von ihr zurückgewiesen worden sei; dennoch habe er sich dadurch nicht entlastet gefühlt, denn um seinetwillen habe sie das Haus der Pflegeeltern, welches für sie zur Hölle geworden, verlassen müssen. Und dieser Vorwurf quäle ihn auch jetzt noch. Gott im Himmel sei sein Zeuge, daß er die ehrliche Absicht gehabt habe, Charitas zu heiraten, daß er es sich nicht allzu schwer vorgestellt habe, solch ein schönes, engelhaft gutes Wesen mit der Zeit dennoch lieb zu gewinnen, wenngleich alles in ihrem Wesen ihn fremd berühre und seiner ureigentlichen Natur zuwider sei! Da sei er hierher gekommen, er sei als Freier Charitas' über die Schwelle getreten, und plötzlich hätten zwei weiche, warme Mädchenarme seinen Nacken umschlungen, und ein Gesichtchen habe an seiner Brust geruht! Klaus schlug beide Hände vor das Antlitz; wie ein Schluchzen und Jauchzen zugleich ging es durch seine Stimme. Josef aber hob atemlos lauschend das Haupt; seine Hände, welche sich während der Schilderung der Gartenscene zitternd gekrampft hatten, lösten sich und lagen wie zum Gebet gefaltet ineinander. »Rothtraut?« Klaus nickte. »Rothtraut! Dieser eine, kurze Augenblick hatte mein Schicksal besiegelt. Sie rief mich beim Namen, ihre übergroße Bestürzung und ihr Schreck wurden zu Verrätern ihres Herzens. Sie liebt mich! Gestern ahnte ich es, heute weiß ich es. Und ich weiß auch, daß ich sie liebe, namenlos, himmelstürmend, vergehend, in jauchzender Wonne, so wie ich mir die Liebe gedacht, welche mich zu eines Weibes Sklaven macht! Gestern gab ich mich rückhaltlos dem holden Zauber hin, heute nacht kamen schon die Skrupel, Rothtrauts sonniges Lächeln scheuchte sie wieder – bis – ja, bis es mich plötzlich wie Verzweiflung packte! Kann ich mit dieser Liebe im Herzen um Charitas werben? Kann ich, darf ich sie und mich betrügen, unser ganzes Lebensglück opfern, nur damit ein heimatloses Mädchen vor Not und Entbehrung geschützt ist? Welch eine Schuld ist da größer, die, drei Menschen durch eine große Lüge unglücklich zu machen, oder die, seiner Verpflichtung nicht in dem Sinne nachzukommen, wie es einem Ehrenmann recht dünkt? – Ich weiß es nicht, Josef, ich finde mich nicht mehr zurecht in diesem Wirrnis; denke du für mich, frag du dein gesundes Herz und deinen rechtlichen Sinn, was ich thun muß, und wahrlich, ich will mich deinem Richterspruch fügen!« Der Sprecher war auf einen Stuhl vor dem Tisch niedergesunken und drückte das Antlitz auf die gekreuzten Arme. Josef aber stand auf, umschlang ihn und hielt ihn mit starken Armen an seinem Herzen. »Ich danke dir für deine Offenheit, Bruder!« sagte er mit einer Stimme, welche wunderlich fremd klang. »Gott segne dich dafür! Alles wird gut werden, das verspreche ich dir; fürerst aber laß mich rechte Wege finden und mit meinen Gedanken allein sein!« Er umfaßte seine Hände mit festem Druck, dann schritt er elastischen Schrittes an ihm vorüber zur Thür. Frühlingsluft quoll ihm lind und kosend entgegen, die Zeit der Stürme war vorüber. Querfeldein durch die Wiesen schritt er, den nächsten Weg nach Lichtenhagen. Über ihm glänzten am blauen Himmel die ersten fernen Sternlein, noch matt im Wiederschein der gesunkenen Sonne verschwimmend, und in seinem Herzen hallte es von heiligen Psaltern ewiger Lenzeslust, von all jenen Auferstehungsklängen der Liebe und des Glückes, welche unter Eis und Schnee begraben lagen und welchen die Winterstürme weichen mußten. Durch den Park schreitet er dem Gutshaus entgegen, und wie er an das kleine Eichenwäldchen kommt, bleibt er plötzlich stehen und preßt aufzuckend die Hand gegen das Herz. Welch ein Klang! Wie ein Traum umfängt es seine Sinne. Er sitzt wieder einsam und sehnsuchtskrank im Abendsonnengold auf den Felsen der Printanière-Alp, und plötzlich zieht es weich und weh durch die Waldeinsamkeit. »Verlassen bin i!« Damals starrte er müde und traurig ins Leere bei diesem Klang, heute aber leuchten seine Augen in unbeschreiblichem Entzücken, er breitet die Arme aus nach der verborgenen Sängerin und flüstert ihren Namen. – »Verlassen bin i wie der Stoan auf der Straßen ...« »Nein, Charitas, du bist es nicht mehr!« Mit hastigen Schritten eilt er den Klängen nach, ein wenig bergan, wo die ehrwürdigen, alten Eichenstämme ihre laublosen Zweige gegen den klaren Himmel abzeichnen. Schon von weitem sieht er die schlanke Gestalt langsam an dem Saum des Wäldchens hinschreiten, hier und da stehen bleibend, den Blick über die weite einsame Ebene schweifen lassend. Sie ist allein und glaubt sich allein in stiller Dämmerstunde. Ihre Hand trägt den dunklen Kleidersaum, das Haupt ist unbedeckt, sie ist wohl unbemerkt aus dem Gutshaus entwichen, den wehmütigen Zauber dieser Abendzeit allein zu genießen. Trauert sie um Klaus Sterley, dessen aufflammende Liebe für Rothtraut sie bemerken mußte? Nein, nein, tausendmal nein! Die Nebelschleier sind vor Josefs Augen zerrissen, er sieht es nun klar und sonnenhell, wie alles so gekommen, warum ihr frommes Gemüt jene schuldlose Lüge ersonnen, welche den Priester an den Altar fesseln sollte. Welch eine Verkettung der Geschicke! Welch ein wundersames Verlieren und Wiederfinden! Das sind Gottes Wege. Wer auf ihnen wandelt, findet sein Ziel, und wenn sich Welten trennend dazwischendrängen! Josef bleibt hochaufatmend stehen, um mit leuchtenden Blicken das Bild der Geliebten zu umschließen. Keine bange, fragende Erwartung quält sein Herz, es schlägt so ruhig in großem, unendlichem Glück, wie bei einem Schiffer, welcher sich durch Sturm und Wetter gekämpft hat und nun auf spiegelnd glatter Flut seinen Kahn in den Hafen führt. Die Geliebte ist ihm nah, er weiß, wem der sehnsuchtsvolle Blick in die Ferne gilt, – sie gehört ihm! Und er schreitet weiter. Das weiche Moos dämpft seinen Schritt, es ist lautlos still geworden, auch der Gesang ist verstummt. Sie kann sein Nahen noch nicht hören, aber sie hat es geahnt, gefühlt, sie wendet jählings das Haupt, bleibt regungslos stehen und sieht ihn an. Kein Erschrecken und verlegenes Erglühen, ein seliges Lächeln nur, ein tiefes, tiefes Aufatmen, und ein Blick, welcher ihm wie verklärt entgegenstrahlt – du mußtest ja kommen! Mit wenigen Schritten steht er vor ihr und streckt ihr stumm, voll überwallender Empfindung die Hände entgegen. Nur seine Augen sprechen jene gewaltige, weltenbezwingende Sprache der Liebe, welche nur der Liebe verständlich ist. Sie legt die bebenden Hände in die seinen, sie schaut zu ihm auf. »Charitas!« Die bleiche Mondsichel schwebt über ihnen zwischen den feinen, schleierartigen Wölkchen, welche von der Stirn der Nacht wehen, herber, harzduftiger Geruch steigt aus der moosigen Walderde empor, der süße, geheimnisvolle Odem des Lenzes, welcher seinem Blütenbanner voran zieht. Ein Vöglein flattert an ihnen vorüber zum Nest, und Charitas legt das Köpfchen an Josefs Brust – nun hat auch sie eine Heimat gefunden. Er aber küßt voll stürmischer Innigkeit ihre Lippen, Worte klingen an ihr Ohr, selige, berauschende Worte des Glücks – und die Luft ist still ... kein Zweiglein regt sich im Winde ... Winterstürme wichen dem Wonnemond. – – – – – – – – Ein Bote stand in Krembs vor der Stubenthür und meldete Herrn Sterley, daß der Herr Baron ihn alsogleich in Lichtenhagen erwarte, der Wagen stehe drunten vor der Thür. Klaus schrak mit verträumten Augen empor. Was bedeutete das? Wäre es möglich, daß Josef in dieser Eile eine Unterredung mit Charitas gehabt hätte, welche die fatale Situation klärt? Je nun, sein Stiefbruder ist ein Mann, welcher stets schnurgeraden Wegs auf das Ziel lossteuert, und etwas Schlechtes hat er ihm wohl kaum zu sagen, sonst ließe er ihn nicht nach Lichtenhagen herauskommen. Voll fliegender Eile glättete er das zerwühlte Haar, raffte Hut und Handschuhe vom Tisch und stürmte hinaus. Die Jucker griffen aus und der leichte Wagen sauste die menschenleere Chaussee hinab. – In dem Salon der Geheimrätin und in der Flurhalle brannten bereits die Lampen, aber es war still im Haus, nur aus den Souterrainfenstern hallten lebhafte Stimmen, und er glaubte sogar deutlich Rothtrauts helles Lachen zu hören. Er stieg die Treppe empor und trat in die Halle, gleicherzeit öffnete sich die Salonthür, und ... mit einem leisen Laut höchster Betroffenheit und Bestürzung wich Klaus zurück, als habe er ein paar Gespenster geschaut. Er stand wie versteinert und starrte das Unfaßliche an. – Josef und Charitas – Arm in Arm. Lachend traten sie ihm entgegen und in Torisdorffs Auge blitzte ein Schalk, welchen Klaus nie zuvor darin gekannt. »Ah, da bist du ja, lieber Bruder!« rief er ihm schon an der Thür zu. »Wir haben sehnsüchtig auf dich gewartet: denn meine herzliebe Braut möchte dir gern persönlich sagen, daß du ein grenzenlos eitler Mensch bist, welcher sich einbildet, das Lebensglück eines Mädchens sei einzig und allein mit deiner, sonst ungeheuer begehrenswerten Hand verknüpft! Klaus, alter Junge, habe ich nun meine Sache gut gemacht?« Und im Übermaß seines Glückes schlang der Sprecher die Arme um den jungen Mann und zog ihn stürmisch an seine Brust. Klaus konnte sich noch immer nicht von seiner Überraschung erholen, wie betäubt schüttelte er den Kopf: »Charitas deine Braut? So schnell? Ihr kennt euch ja gar nicht! Ist das etwa nur ein Scherz? Nein, bei Gott, ihr seid beide nicht die Menschen darnach, um solchen Scherz zu treiben!« Und plötzlich überkam ihn eine beinahe fieberhafte Aufregung, der Bann der Fassungslosigkeit war gebrochen; er faßte nach Charitas' Hand, dann ergriff er Josefs Rechte und sein Blick flog strahlend zwischen beide hin und her. »Allmächtiger Gott, es ist wahr! Es ist wahrhaftig wahr!« jauchzte er auf. »So wie ihr beide sieht nur ein Brautpaar aus!« Und damit zog er sie beide an die Brust. »Wie sich solch ein Wunder ereignet hat, das ahne und begreife ich allerdings nicht, ist mir in diesem Augenblick auch ganz einerlei, ich habe ja die herrliche, unbeschreiblich liebe Thatsache vor Augen! Josef! Herzbruder! Daß du nun auch das Glück gefunden hast! Charitas, daß Sie den besten, herrlichsten von allen nun für stets und immerdar der Welt zurückgegeben haben – ach, Kinder, ich weiß bei Gott nicht, was ich in meiner Aufregung alles rede, ich will euch ja nur sagen, wie ich mich freue, freue, freue!« Ja, das sah und hörte man! Wie ein Rausch des Entzückens hatte es ihn erfaßt, und als das junge Mädchen ihm neckend drohte: Diese Freude sei recht wenig galant von ihm, sie habe bestimmt erwartet, daß er an gebrochenem Herzen sterben würde! da lachten sie alle drei voll glückseligen Übermuts, und Klaus erwiderte ebenso scherzend, sein Herz sei bereits in Catania durch ihren Korb in Atome zertrümmert und funktioniere seit der Zeit so gut wie gar nicht mehr; da er aber den gerechtfertigten Wunsch habe, auf ihrer Hochzeit sein Herz recht lebhaft schlagen zu fühlen, so werde er sein möglichstes thun, um sich ein anderes zum Ersatz zu suchen! – – – – – – – – Ja, es war Frühling geworden! Die Bäume standen in schimmernder Blütenpracht, die Nachtigallen schlugen im duftenden Flieder und die Schwalben bauten ihr Nest. Klaus Sterley hatte sich zu längerem Aufenthalt in Lichtenhagen angesagt, sich droben in dem großen Saal sein Atelier eingerichtet und voll jubelnden Eifers sein Bild von Charitas vollendet. Er selber wollte erst sehen und prüfen, inwieweit er berechtigt sei, um die Geliebte zu werben. Obwohl Josef ihm versicherte, daß er in nicht allzulanger Zeit Frau von Damasus, als der ersten Gläubigerin des verewigten Stiefvaters, das verlorene Kapital zurückerstatten könne, wollte der junge Mann doch voll edlen Stolzes erst auf eigenen Füßen stehen und eine Garantie für seine Zukunft bieten, ehe er das entscheidende Wort sprach. Welch eine selige Wartezeit war das! Beide waren noch jung, beide hatten sich so überraschend schnell gefunden, daß ein näheres Kennenlernen wohl ganz am Platze war. Rothtraut half eifrig bei Charitas' Ausstattung, und wenn auch die reizend natürliche Frische und kindliche Anmut ihres Wesens dieselbe blieb, so war dennoch eine holde Veränderung in demselben wahrzunehmen. Ein sinniger, minniger, lächelnder Ernst, ein wunderliebes Träumen und Denken kam über sie; die Rosenknospe streifte allmählich die grünen Blättlein ab und erschloß sich in blendendem Sonnenglanz zu vollem, düfteschwerem Kelch, dessen Tautropfen heimliche Thränen unendlichen Glückes sind. Josef hatte sich durch den getreuen Freund Hagborn mit den Pflegeeltern der Braut in Verbindung gesetzt, und der Rechtsanwalt, welcher Herrn Schaddinghaus und seine Ansichten genugsam kennen gelernt hatte, fand schnell das Richtige, um die Angelegenheit zu beiderseitiger Zufriedenheit zu ordnen. Zu ihrem eigenen, großen Staunen erfuhr das junge Mädchen, daß sie ein recht bedeutendes elterliches Vermögen besaß, dessen Zinsen die Pflegeeltern in gewissenloser Weise seit Anbeginn genossen hatten. Ihre Habgier hatte den Gedanken nicht ertragen, dieses Geld einst durch eine Heirat der Nichte entbehren zu müssen, und darum hatten sie alles aufgeboten, Charitas von jedem Verkehr fern zu halten, um sie dauernd an sich zu fesseln. Hagborn teilte Josef mit, daß er genug belastendes Material in den Händen habe, um gegen diesen gewissenlosen Vormund gerichtlich vorgehen zu können, Torisdorff aber handelte ganz in dem Sinne seiner Braut, wenn er von derartigen Auseinandersetzungen durchaus absah. Charitas wünschte, daß die Hälfte ihrer Revenuen den Pflegeeltern für die Zeit ihres Lebens zugesichert werden solle, um dadurch alles, was sie jemals Gutes in deren Hause genossen, zu vergelten. Über das »Gute« schüttelten Klaus und Hagborn allerdings sehr ungläubig die Köpfe, aber letzterer handelte nach dieser Bestimmung der jungen Braut und erzielte den gewünschten Erfolg. Die Pflegeeltern willigten in die baldige Heirat ihrer Nichte ein, ja es traf sogar ein Brief von Frau Selma ein, welcher voll überschwenglicher Phrasenhaftigkeit Glück zur Verlobung wünschte und in einem endlosen Klagelied über ihre schwer geschädigte Gesundheit endete. Als Charitas diese Zeilen aus der Hand legte, atmete sie so tief und erlöst auf, als versinke jetzt erst ihre unglückselige, stürmische Kindheit in dem Meere ewigen Vergessens, als erhebe sich jetzt erst die volle, leuchtende Frühlingssonne über ihrem Haupt, mit heißem Strahl all die Thränen zu trocknen, welche so lange das Antlitz der Dulderin betaut. Rothtraut hat den Myrtenkranz für die geliebte Freundin gewunden und dabei leise und schelmisch vor sich hingesungen: »Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide!« So vertieft in Gesang und Arbeit war sie, daß sie es gar nicht hörte, wie die Thür sich hinter ihr öffnete, wie jemand auf den Fußspitzen hinter sie trat. Dann faßten zwei schlanke Männerhände plötzlich den schönen, grünen Jungfernkranz, hoben ihn und drückten ihn auf das blonde Lockenköpfchen, und wie Rothtraut erschreckt emporspringen will, da umschließen sie zwei Arme, und heiße Lippen küssen ihr die Augen zu. – Sie sah wirklich nicht, wer es war, aber zur höchsten Überraschung von Mama Geheimrat, welche noch in der Thür stand, rief sie mit halberstickter, jubelnder Stimme: »Klaus!« Als die erste Aufregung sich gelegt hatte, drückte Frau von Damasus das Köpfchen ihrer Einzigsten an ihre Brust und fragte voll wehmütigen Vorwurfs: »Aber Traute, dachtest du denn keinen Augenblick, ich könnte es sein?« Da blitzten die blauen Augen schalkhaft zu ihr auf, die Kleine schüttelte beteuernd das Köpfchen und legte die Hände auf die Brust: »Wirklich und wahrlich nicht, Muttchen! Du hast doch keinen Schnurrbart!« Ja, das mußte selbst die eifersüchtigste Mutter zugeben! – Klaus brachte die frohe Botschaft mit, daß sein Doppelbild »Er träumt von einer Palme« von der Jury einstimmig für die Kunstausstellung angenommen sei, und daß die Bilder schon jetzt auf alle Privatbeschauer einen ungewöhnlichen Eindruck machten. Prinz Ludwig habe kürzlich auf Empfehlung eines befreundeten Professors hin sein Atelier besucht und sei derart ergriffen von dem Gemälde gewesen, daß er den Ankauf desselben für sein neuerbautes Strandschloß in Aussicht gestellt habe. Auch ein Großindustrieller habe ihm die Ausführung einer sizilianischen Skizze »Ninetta«, welche durch die Orangenzweige lugt, aufgetragen. Arbeit habe er also schon mehr als ihm lieb sei; denn er brenne darauf, sein wonniges Bräutchen als »Urgroßmutter Marianne« zu malen. – – – – – – – – Jetzt lacht das schelmische »Urgroßmütterchen« zum Entzücken eines Jeden, welcher es sieht, aus goldenem Rahmen, als liebste und teuerste Erinnerung das Privatzimmer Sterleys schmückend, welcher nicht nur der glücklichste Gatte, sondern auch ein viel genannter und vielgerühmter Meister geworden ist. In Lichtenhagen stehen die Bergwerke in Betrieb, die bedeutendsten und ertragreichsten der ganzen Provinz. Josef konnte sein Wort einlösen und mit Zins und Zinseszins die Schulden abzahlen, welche sein beklagenswerter Stiefvater nicht mehr löschen konnte. Noblesse oblige ! Was James Franklin einst an ihm und seiner Mutter gethan, ist eine Aussaat gewesen, welche reiche Früchte getragen. Josef von Torisdorff hat seinen wahren Beruf gefunden – Arbeit, welche von früh bis spät mit Freuden schafft, werkthätige Liebe, welche die Ernte teilt. Hocherhobenen Hauptes, mit leuchtendem Blick und froher Zuversicht im Herzen führt er den Spaten auf eigener Scholle, so wie es einst der Blitz in prophetischem Bilde ihm gezeigt. Die schlanke, weiße Frauengestalt aber, welche dieses Bild zukünftigen Glückes verkörperte, steht ihm voll blühender Kraft und Frische zur Seite, helfend, fördernd, lächelnd, in tiefem Seelenfrieden – eine echte, eine wahre Charitas! Ja, es ist Frühling geworden für zwei Menschenherzen! Winterstürme wichen dem Wonnemond ... Spamersche Buchdruckerei in Leipzig.