Hans Holbein der Jüngere von Ulrich Hegner.     Berlin bei G. Reimer. 1827.     Inhalt. Rechenschaft Basel am Ende des XV Jahrhunderts Holbeins Herkunft von Grünstadt Holbeins Herkunft von Augsburg Holbeins Herkunft von Basel Holbeins Geburtsjahr; Familie; Erster Aufenthalt. Holbeins Bürgerrecht zu Basel Kunsterziehung Lehrmeister Holbein in Basel; Gemälde am Rathhause Holbein in Basel; Passion Holbein in Basel; Jugendgemälde Holbeins Lebensart in Basel Holbeins Frau und Kinder Holbein als wandernder Künstler Holbeins Freunde und Gönner in Basel; Erasmus Holbeins Freunde und Gönner in Basel; Amerbach Holbeins Freunde und Gönner in Basel; Frobenius Holbeins Leben in Basel bis zu seiner Abreise nach England. Holbeins Schüler Abreise nach England Holbein bei Thomas Morus Holbein wird dem König Heinrich VIII. bekannt. Holbein unter Heinrich VIII Holbein kommt von Zeit zu Zeit nach Basel Holbein das letzte Mal in Basel Holbeins Aufenthalt in England bis an sein Ende Holbein als Zeichner, Miniaturmaler, Architekt Schicksal seiner Werke Holbein als Formschneider Der alte Todtentanz von Basel Der Holbeinische Todtentanz Der kleine Todtentanz bei Uncialbuchstaben Die Holzschnitte zum alten Testament; der Cranmersche Katechismus, und anderes Kunsturtheile über Holbein Holbeins Bildniß, Monogramm     Rechenschaft. Schon vor zwanzig Jahren, als ich auf der öffentlichen Bibliothek zu Basel die Holbeinischen Gemälde und Zeichnungen gesehen hatte, fing ich an, mir einige Notizen über diesen großen Künstler zu sammeln, in der Meinung, dadurch die mangelhaften Nachrichten, die man von seinem Leben hat, zu ergänzen; und so erwachte im Zusammenordnen die Lust zu einer vollständigen Biographie. Mit Hülfe erhaltener Beiträge, und einiger nachgelassenen Handschriften von Christian von Mechel, der sie zu ähnlichem Vorhaben VI zusammengebracht hatte, fing ich mit leichtem Muthe die Arbeit an, und setzte sie fort, so lange ich das, was in allen Kunstgeschichten steht, vor mir hatte; allein bald stieß ich auf Widersprüche und Unrichtigkeiten, auf Lücken und Zweifel, für welche ich nirgends Aufklärung fand, so daß ich die Lust zur Sache verlor, und sie gänzlich liegen ließ. Bei einem längern Aufenthalte, den ich zu Anfang dieses Jahrzehendes in Basel machte, hatte ich wiederum Gelegenheit, den Kunstbesitz der Bibliothek und des Feschischen Museums mit voller Muße zu durchgehen, und Alles, was von Holbein da war, zu würdigen. Durch diesen fortgesetzten, täglichen, fast ununterbrochenen Umgang mit ihm erzeugte sich auf's Neue eine Hinneigung zu der unterbrochenen Arbeit, und fest ward endlich der Entschluß, sie zu vollenden; nicht um dem Mann ein Denkmahl zu setzen, denn VII das hat er selbst für alle Zeiten gethan, sondern seine Lebens- und Kunstgeschichte durch ihn selbst und durch seine Umgebungen, in so weit sie ihn berührten, aufzuhellen, und einige Flecken übler Nachrede durch billige Prüfung ihm abzuwaschen. Was ich in einer kleinen Stadt mit einer kleinen Bibliothek, und durch gefällige Unterstützung von auswärtigen Freunden thun konnte, habe ich redlich gethan, und mich keine Anstrengung dauern lassen. Freilich lernte ich immer mehr einsehen, daß so ein Unternehmen in der Nähe einer großen Bibliothek und eines reichen Bildersaales ausgeführt werden sollte, wo mehrere Hülfsmittel zur Hand wären, indem ich manche, zum Beyspiel das Gentleman's Magazine in der Schweiz gar nicht erfragen, und einige, deren Herbeischaffung mit Mühe für mich und Andre verbunden war, nicht brauchen konnte, weil es irrige Angaben waren. Indessen fand ich in der VIII größern Bemühung wenigstens subjective Befriedigung, und was mir entgangen seyn möchte, werden vielleicht Kunstgelehrte, die an den Quellen sitzen, nachholen, und dann hat man es auch. Noch liegt mir auch die Verpflichtung ob, gegen die Freunde und Gönner in Basel, Zürich, Bern, Constanz, Eppishausen, die mir durch angelegentliche und wohlwollende Hülfe so Manches erleichtert haben, meinen öffentlichen Dank zu erklären. Gerne möchte ich ihre bedeutenden Namen nennen, wenn es nicht an Orten, wo kleine Denkungsart herrscht, mißverstanden und dadurch der Name entweiht würde. Winterthur , den 4ten Juli 1826.   Basel, am Ende des XV Jahrhunderts. Nach der Schilderung, die im Jahre 1436 Aeneas Sylvius von Basel machte Epist. Aeneae Sylvii, urbis Basiliensis descriptionem continens etc. , befand sich diese Stadt schon damals, zur Zeit der Kirchenversammlung, in einem blühenden Zustand. Er sprach als Augenzeuge, indem er selbst in der langen Reihe von Jahren, da jene Versammlung dauerte, als mitwirkend an ihren Verhandlungen sich großen Theils in Basel aufhielt. Diese Stadt, meldet er, vor achtzig Jahren durch ein Erdbeben gänzlich verwüstet, zeige nunmehr lauter neue Häuser, schön und zierlich, außen weiß oder bemalt, und die Dächer mit vielfarbigen glänzenden Ziegeln gedeckt; 2 fast jedes Haus habe einen Garten, Brunnen und Hof; auch das Innere der Häuser sey mit großer Einsicht in Gemächer abgetheilt, und zeichne sich durch Reichthum und Gemächlichkeit aus, so daß es auch in Florenz nicht besser seyn möge. Zwar prangen die Kirchen nicht von Marmor, doch seyen sie auch nicht blos gemeine Steinhaufen, und inwendig finde man sie mit künstlichem Stuhlwerke geziert. Auch fehle es nicht an Gold und Silber und köstlich ausgelegten Reliquien, wiewohl Altäre und Meßgewänder es den Kirchen italienischer Städte an Pracht nicht gleich thun. – Die öffentlichen Brunnen seyen eine Zierde der Stadt, und an wasserreichen Quellen habe selbst Viterbo keinen Vorzug. Die Ringmauern, berichtet der berühmte Mann weiter, seyen weder hoch noch dick, und möchten kaum einen italiänischen Kriegssturm Damaliger Zeit. aushalten, allein die Bürgerschaft, Eines Sinnes und muthig, sey für die Freyheit zu sterben bereit. – Im Regiment herrsche keine Zwietracht, und gegen die Obrigkeit werden keine Beschwerden geführt. Ohne bestimmte Gesetze und ohne Rechtsgelehrte, werde nach Gewohnheiten und natürlicher Ansicht gerichtet, unpartheyisch, gerecht und streng, oft grausam in Strafen. 3 – Mit weltlicher Wissenschaft, mit Gelehrsamkeit gebe man sich wenig ab, indem weder von Cicero, noch irgend einem andern alten Redner oder Dichter auch nur die Namen gehört werden, höchstens lege man sich noch auf Grammatik und Dialektik. Dagegen werden viele Bilder der Heiligen verehrt, und täglich die Kirchen besucht. – Die Männer seyen größtentheils von ansehnlichem Wuchs und von höflicher, sanfter Lebensart; nicht prächtig, aber reinlich bekleidet; sie lieben eine wohlbesetzte Tafel. Die Angesehensten der Stadt tragen schwarzes Gewand, nur einige unter den Rittern Purpur. Die gebräuchliche Kleidung der Bürgersfrauen habe nur Einen Schnitt, so daß man oft floralische Mädchen für vestalische Jungfrauen ansehe. Die gemeine Menge aber gehe zerfetzt und in grobem Zeug einher, ihre Kinder mit bloßen Füßen. Die vorzüglichen Belustigungen der Bürger, fährt die Beschreibung fort, bestehen im Zusammenkommen auf mehreren öffentlichen Plätzen der Stadt, wo die jungen Leute im Schatten der Eichen und Ulmen Kurzweil treiben mit Laufen und Springen, mit Zureiten der Pferde die Einen, andere mit Fechten, Ringen und Steinstoßen; oder sie schießen mit der Armbrust, sie üben sich im Ballspiele. Die Uebrigen singen, oder tanzen in Reihen, denn auch das weibliche Geschlecht besuche diese Plätze, und 4 belebe sie mit freier Sitte und Fröhlichkeit. – Die Edelleute haben ihre besondern Lustorte für Sommer und Winter, wo sie ihre Zechen zu halten pflegen. Zudem haben sie ein weites, ansehnliches Haus gebaut, wo große Tänze ausgeführt und wohin die schönsten Frauen der Stadt geladen werden, die dann prächtig mit Gold und Edelsteinen geschmückt, wie auf einer festlichen Hochzeit, sich einzufinden pflegen. Dahin aber habe aus der Bürgerschaft niemand den Zutritt, er stehe denn in hohen Würden oder großem Reichthum. Am Ende rühmt auch dieser wohlgesinnte Gönner von den Einwohnern der Stadt, in ihrem Lebenswandel seyen sie redlich, pflegen Treue und Glauben zu halten und das Seyn dem Scheine vorzuziehen. Für das Ihrige besorgt und genügsam, trachten sie nicht nach fremdem Gut, wenn nicht etwa häusliche Noth eine Ausnahme mache. So zeigen sich wenig lasterhafte Neigungen unter diesen Menschen, man möchte denn sinnliches Wohlleben dahin zählen, und die Opfer, die dem Vater der Weinrebe und der paphischen Göttin gebracht werden, welche sie aber für verzeihlich halten. Die Gegend um die Stadt findet auch der Italiäner höchst anmuthig, aber kurz den Sommer und kalt den Winter. 5 So weit Aeneas Sylvius. Und so stand es mit der Reichsstadt Basel und ihren Bewohnern zu und nach der Zeit, als dieser unbefangene Beobachter, dessen Verdienste ihn späterhin auf den heiligen Stuhl erhoben, sich daselbst aufhielt. Durch ein zerstörendes Erdbeben niedergeworfen, durch Seuchen und Theuerung entvölkert, stets von neuen Kriegen und Fehden beunruhigt, hatte gleichwohl Stadt und Bürgerschaft den Muth nicht sinken lassen; die Liebe des Vaterlandes und der Freiheit begeisterte die Vorsteher immer wieder zu Rath und That, zu unerschrockenen Maaßnahmen waltender Vorsicht, und zum Schutze des Rechts. Ja selbst jene Uebel und Anfechtungen von außen trugen dazu bei, das gesellschaftliche Band fester zu knüpfen, und durch Aufnahme tapferer Männer in das Bürgerrecht um ein Geringes, oft umsonst, ihre kriegerische Kraft zu ergänzen. Kriegsbeute, denn ohne Raub und Plünderung kam damals kein Sieger zurück, bereicherte, wenn nicht das Ganze, doch Einzelne. Wurde auch das Land noch so sehr mitgenommen, an die Stadt selbst wagte sich kein Feind, und die flüchtigen Bauern verstärkten noch die Besatzung. Das gefahrvolle Leben weckte das Volk zum Genuß des Augenblicks, zu kriegerischen Uebungen, zum Wettkampf in Leibesstärke, zu sinnlicher Lust. Und so wie das Leben damals war, blieb es das ganze Jahrhundert hindurch. Es 6 hatte mehr Oeffentlichkeit statt, mehr Liebe und Haß, und kürzere Dauer von beiden, mehr Wagniß und weniger Bedenken, als in unsern Zeiten. Doch unermüdet war das Streben zum Bessern; nicht nur gewann die Stadt immermehr an Freyheit und Ansehen; auch die geistige Bildung, deren Mangel dem Aeneas Sylvius noch aufgefallen war, hatte durch den Aufenthalt gelehrter Männer, die dem siebenzehnjährigen Concilium beiwohnten, zugenommen; ja dieser edle Mann trug selbst das Meiste dazu bei, indem er, mit päpstlicher Macht bekleidet, der Stadt in gefälliger Erinnerung seines ehmahligen Aufenthalts, im Jahre 1459 eine mit ansehnlichen Vorrechten ausgestattete hohe Schule verlieh, die, mit weiser Sorgfalt von der Obrigkeit gepflegt, ein Zufluchtsort gelehrter Männer ward, und bald auch den Erasmus, das größte Licht damahliger Wissenschaft, an sich zog, wo dann in kurzer Zeit die berühmten Buchdruckereien glänzend hervortraten, die der Stadt eben so viel Ehre als Vortheil gewährten, und aus deren Werkstätten die alten Redner und Dichter, die man vor einem halben Jahrhunderte kaum noch dem Namen nach kannte, jetzt gleichsam in ein neues Leben erstanden, und das Evangelium eines bessern Geschmacks in der Nähe und Ferne verkündigten. 7 Indessen blieb derbe, kräftige Sinnlichkeit gleichwohl, so hier wie anderswo, der hervortretende Charakter der Zeit. Wie hätte es auch nach den burgundischen Kriegen, die mit barbarischer Wildheit geführt wurden, und große Sittenlosigkeit zur Folge hatten, wie in den beständigen, blutigen Kämpfen mit Großen und Kleinen, bald hier bald dort, anders seyn können? Die Tage des Friedens, der stillen Häuslichkeit, waren noch nicht gekommen, oder nur für wenige vorhanden. Der Krieg forderte körperliche Gewandtheit, rege Kraft, und einen entschlossenen Sinn für die Gegenwart; alles das erhöhte die Empfänglichkeit für schnelle, wesentliche Lust; und geistlicher Ablaß, leicht zu erhalten, wusch nur zu bald die Flecken wieder ab. – Von diesem Zustande der Sittlichkeit zeuget auch die schweizerische Kleidertracht, wie sie aus jener Zeit noch in Gemälden und Handzeichnungen auf uns gekommen; sie verräth bey beyden Geschlechtern Ueppigkeit und sinnlichen Reiz; denn wo Ausgelassenheit im Gefolge der Männer geht, begegnet sie bald dem Leichtsinne der Frauen. So vom geistlichen Oberhaupte begünstigt, von weltlichen Herren geehrt oder bekämpft, den Freunden werth und den Feinden gewachsen, zeigte sich bedeutend in Licht und Schatten die freye Stadt Basel zu Anfang des XVI Jahrhunderts, in ihrem schönsten Zeitraume, wo sie mit 8 Ehren in den gemeineidgenossischen Bund trat, und im Feuer des Vertrauens auf die neuerlangte Kraft sogleich die geharnischte Wache unter den Thoren zurückzog, um als Symbol nunmehriger Sicherheit blos eine Frau mit einem Spinnrocken zur Beziehung der Zölle dahin zu setzen Geschichte der Stadt und Landschaft Basel, von P. Ochs. IV. 757. nach Tschudi. . Auf diesen gedrängten Schauplatz, in diese rege Zeit fiel das Jugendleben Hans Holbeins, und dieß ist der Standpunkt, von dem aus sein Eintritt in die Welt will ins Auge gefaßt werden. Welches junge Gemüth kann sich von dem Einflusse dessen, was es täglich sieht und hört, frei erhalten? Was davon Gutes und Böses in seine Sinnesart überging, wird die Folge lehren. 9   Holbeins Herkunft von Grünstadt. Basel war es unstreitig, wo Holbein zuerst als Maler auftrat, wie dessen noch die ersten Proben seiner jugendlichen Arbeiten, die daselbst auf der öffentlichen Bibliothek aufbewahrt werden, Zeugniß geben. Hier schon in seinem Knabenalter durch Kunstfertigkeit sich auszeichnend, leuchtete er bald vor allen Andern seines Berufs in weiter Umgebung hervor, ward endlich berühmt auch in der Ferne, und hochgepriesen durch die Folge der Zeiten bis auf unsere Tage, wo jetzt noch ihm zu Ehren drei Städte, Basel, Augsburg und Grünstadt sich um den Namen seines Geburtsortes streiten. Wo ein Kind in der Wiege gelegen, mag für die Kunst gleichgültig seyn, bedeutend ist es zu wissen, wo der junge Künstler sich entwickelt und die ersten Beweise eines vorzüglichen Talentes abgelegt habe. Weil A. R. Mengs 10 zu Aussig in Böhmen geboren worden, wo seine Mutter die kurze Zeit ihres geheimen Wochenbettes zubringen mußte Heineke's neue Nachrichten von Künstlern und Kunstsachen. S. 28. – A. R. Mengs hinterlassene Werke, herausgegeben von C. F. Prange. I. 132. , so kann man doch nicht sagen, wie viele Nachrichten lauten, er sey von daher gebürtig. Was hat das Städtchen, das er zeitlebens nie wieder sah, für Anspruch an seinen Ruhm? Dresden, wo er von Kindheit an zum Malen gebildet wurde, war die Wiege seines Geistes; sein Ursprung kömmt dorther. Mit gleichem Recht könnte man auch die Frage über Holbeins Geburtsort für Basel entscheiden; da aber diese Frage schon mehrmahls zu einem Gegenstande literarischer Untersuchung ist gemacht worden, so gehört es hieher, sie so gut wie möglich zu berichtigen. Lange wankte der Zweifel einzig zwischen Augsburg und Basel; eines andern Ortes wurde kaum mehr erwähnt, bis, 1778 und 1779, Professor Seybold in den Juliusheften des deutschen Museums auftrat, und die Ehre, Holbeins Vaterstadt zu seyn, ausschließlich für Grünstadt an der Hard (wo er selbst ansässig war) aussprach. Er suchte die Behauptung mit mehreren Gründen darzuthun: 11 Zuerst und hauptsächlich sich stützend auf eine kurze Nachricht, die er in Matthis Quaden von Kinkelbach Buche: von teutscher Nation Herrlichkeit, Cöln, 1609, aufgefunden, nach welcher Hans Holbein aus besagtem Grünstadt in der Pfalz bürtig gewesen seyn soll. Quad's Glaubwürdigkeit soll sich dadurch erhärten, weil derselbe in der Jugend mehrere Jahre in der Nähe von Grünstadt gelebt habe, und weil er diese Nachricht nur so ohne Weiters hingeworfen, ohne Beweise anzuführen, oder sonst darzubringen, woraus sich ergebe, daß »diese Nachricht das zuverlässige Resultat einer vorhergegangenen Untersuchung gewesen.« – Eine eigne Auslegung! Sonst nimmt man an, historische Beweise geben die beste Gewißheit. Es könne aber auch aus Urkunden erwiesen werden, setzt Seybold hinzu, und führt wirklich die dortigen Steuerbücher an, daß im XV und XVI Jahrhundert eine Holbeinische Familie in Grünstadt geblühet habe. Desgleichen zeige sich aus einem Pachtbriefe von 1492, daß ein Henne Holbein daselbst Schöffe gewesen sey, diesen könne man, nach der Jahrszahl, für des Malers Vater halten, und er werde es mithin höchst wahrscheinlich wirklich gewesen sein . Diese Familie, fügte er später hinzu, habe sich im dreißigjährigen Kriege verloren. 12 Weiter bemerkt er auch, das Holbeinische Wappen: ein Ochsenkopf mit einem Ringe durch die Nase und einem Sterne zwischen den Hörnern, soll sich noch vor wenigen Jahren, nach der Versicherung eines glaubwürdigen Mannes , auf einem, jetzt vielleicht verschütteten Marksteine der Grünstädter Flur gefunden haben. Diese literarische Entdeckung (wie er sie nennt) noch glaubwürdiger zu machen, belegt sie Professor Seybold zum Ueberflusse mit einer geschichtlichen Muthmaßung, auf was Weise Holbein von Grünstadt nach Augsburg gekommen sey, die aber wegen auffallender Unrichtigkeiten von Anfang bis zu Ende mehr geeignet ist, den Zweifel als den Glauben zu stärken. So blieb die Entdeckung auf sich ruhen; es wurde auch in der Kunstgeschichte wenig Kunde davon genommen, bis neuerdings Professor Fr. Chr. Matthiä zu Frankfurt am Main für eine gedruckte Einladungsschrift zu den Feierlichkeiten im Gymnasium daselbst, 1815, das Thema: »Ueber Hans Holbein des Jüngern Geburtsort, als Beitrag zur deutschen Künstlergeschichte des XVI Jahrhunderts,« wählte, und die von Seybold bereits vorgebrachten Gründe für Grünstadt blos wiederholte, und durch Verdächtigung andrer Meinung zu verstärken suchte. 13 Die vornehmsten Gewährsmänner für Basel, Carl van Mander und Charles Patin, die von Spätern nur nachgeschrieben worden seyen, verdienen weniger Glauben, behauptet er, weil sie sich auf gar keine Beweise stützen, und weil in ihren Aeußerungen selbst noch Zweifel liegen. Eben so verfährt er mit den Schriftstellern, welche sich für Augsburg erklären, mit Sandrart, Iselin, von Stetten, deren Angaben es auch an Beweis gänzlich fehle. Hingegen finde sich ein ganz bestimmtes Zeugniß für die Behauptung, Hans Holbein der Jüngere sey zu Grünstadt geboren worden, und zwar unter allen das früheste, in des »wackeren« Quad von Kinkelbach memorabilia mundi, Cöln, 1601 . Solches verdiene um so mehr Glauben, da es acht Jahre später wörtlich in dem Buche »Teutscher Nation Herrlichkeit« von Quad wiederholt worden, welches dieser nicht gethan haben würde, wenn er es nicht für ausgemacht gehalten hätte. Und was meldet nun Quad in den beiden angeführten Schriften? »Fast in dieser Zeit (Albrecht Dürers) lebet auch der künstliche Hans Holbain, welcher durch sein Mahlen dermassen berhümbt, daß er alle Andere weit vbertroffen: darzu von König Heinrichen 8. in Engeland beruffet worden, da er auch gestorben, vnd ehrlich begraben worden. Haec Gesnerus. Dieser Holbain ist 14 von Grunstatt auß der Pfaltz bürtig, seines Wercks hab ich auch zum Theil in Engelandt gesehen.« »Dieser Holbein ist von Grünstadt aus der Pfalz gebürtig« – diese wenigen Worte sind alles, was Quad in seinem ganzen Buche von Grünstadt und Holbein meldet; das Vorhergehende hat er blos Geßnern nachgeschrieben, und das soll nun als » ein völlig glaubwürdiges Zeugniß « gelten, und hingegen sollen unbedeutend seyn die Aussagen des eben so alten van Mander's, der früher selbst in Basel gearbeitet, Patin's, der eine Zeit 1ang daselbst gelebt und in aller Kunst und Wissenschaft der Stadt sich umgesehen hatte. Unbegründet sollen seyn die Nachrichten Pauls von Stetten, der mit Augsburg wohl besser bekannt war, als Quad mit Grünstadt, wo dieser nur einige frühere Jahre, und zwar blos in der Nähe des Städtchens, lange nach Holbeins Geburtsjahre verlebt hatte. – Zudem ist die gerühmte Glaubwürdigkeit des wackern Quads, seiner Wackerheit unbeschadet, eben nicht durchaus zuverlässig; er läßt zum Beispiel Zwingli in Zug geboren werden, mit eben der Zuversicht, wie Holbein in Grünstadt; einige seiner Berichte über Albrecht Dürer sind notorisch falsch; den Virgilius Solis macht er zum vorzüglichsten aller Formschneider, dem es noch keiner »in der Feinigkeit« gleich gethan; nebst mehreren 15 andern Mißgriffen und sonderbaren Ansichten Von Schwenkfeld sagt er (S. 416): »Seiner größten Irrthümern einer ist, daß er mit allen Menschen Fried und Einigkeit halten wollte, sie wären auch was Religion sie wollten« – Wenn er das ironisch meint, so mag er recht haben. . Allein der glückliche Titel seines Buchs: Deutscher Nation Herrlichkeit , hat ihm in den Zeiten des neuerwachten Selbstgefühls Gnade erworben, und zu einer Einladungsschrift sucht man gern einen gefälligen Stoff Matthiä's Schrift ward gedruckt 1815. . Matthiä's übrige Belege sind die nämlichen, deren sich schon Seybold bedient; nur fügt er noch hinzu, auch ihm habe ein Beamter in Grünstadt versichert, er meine nicht nur in Gemeindebüchern von solchen Steinen (mit dem Holbeinischen Wappen) gelesen, sondern sogar eine Abbildung davon gesehen zu haben. – Man wird später sehen, wie wenig das beweist. Noch vor Matthiä war auch schon in der Wochenschrift für die badischen Lande (vom Jahre 1808. I. 134) Seybolds vermeintliche Entdeckung zu Ehren der neuacquirirten Pfalz aufgestellt worden Nach Fiorillo's Geschichte der Zeichenkünste in Deutschland. II. 385. – Fiorillo, dem es mehr um Materialien, als um Prüfung zu thun ist, hält die Stelle des »braven« Quad (wie er ihn ad imitationem nennt) auch für entscheidend. , zwar mit keinen neuen 16 Beweisgründen begleitet, aber schon mit etwas mehr historischer Lizenz, denn Quad wird da als ein dem Holbein gleichzeitiger Schriftsteller angeführt, da er doch wenigstens ein halbes Jahrhundert später schrieb. Was ergiebt sich nun für die unbefangene Prüfung aus allen diesen Meinungen? Auf der Welt nichts, als daß in Grünstadt einst ein Holbeinisches Geschlecht gelebt habe, und die Möglichkeit , daß auch die Familie, von der die Maler abstammten, früher daher entsprungen seyn könne; aber von dem ältern noch dem jüngern Holbein eigentlich kein zuverlässiges Wort. Wie aber, wenn dasselbe Geschlecht, mit demselben Wappen und zu derselben Zeit wie in Grünstadt sich auch anderswo vorfindet, wie steht es dann mit den Beweisgründen Professor Seybold's für Holbein's des Jüngern Geburt und achtzehnjährigen Aufenthalt in Grünstadt? – Mit diesem anderweitigen Zweige des Geschlechts hat es folgende Bewandniß Nach verbindlichen Mittheilungen des zuverlässigen und gelehrten Freiherrn von Laßberg in Eppishausen. : Nach einer im Laufe dieses Jahres (1825) im Schlosse zu Worblingen im Höwgau gefundenen Urkunde, den Verkauf der Burg und des Dorfes Dankartswyl (unweit Ravensburg) an das Seelhaus zu Ravensburg betreffend, welche gegeben ist: »vom Frittag nach vnser lieben Frowentag, als Ir von dem Engel verkündt ward, nauch Cristi geburt vierzechen hundert vnd vier vnd vierzig Jar,« ist ausdrücklich gesagt: »das Frid. Holbain sälig das Selhus daselben vormauls angesehen vnd gestifft haut.« Nach weitern Erkundigungen ergab sich aus Ravensburg von sicherer Hand der Bericht, daß an dem daselbst noch stehenden, in eine Brauerey verwandelten Seelhause das gemalte Holbeinische Wappen, ein schwarzer Ochsenkopf mit einem Ring im Maul u. s. w., zu sehen sey, und zwar mit folgender Inschrift: »Als man zahlt von Xsti geburt MCCCC von hier ward dieß Seelhuß angvangen und gestift von Fridrich Holbayn. Darnach als man zahlt von Xsti gepurt MCCCCX do starb Friderich Holbain, stifter dieses Huß uf Sant Peter und Paul der hail. XII Bottentag. Bittet Gott für in, daß er im gnädig syg. Amen.« – Fernere Nachrichten von da geben schon zwei Stadtammänner: Friedrich Holbein 1358, und Jacob Holbein 1373, auch einen Abt in der Weißenau (zunächst bei Ravensburg), der ein Holbein war und sich Burchardus schrieb, an. – Auch außer dem Thore findet sich noch dieß Holbeinische Wappen an einer Kelter gemalt. Jetzt ist das Geschlecht nicht mehr in Ravensburg zu finden. 18 Hier also auch Holbeinisches Geschlecht und Wappen, und zwar in der Nähe von Augsburg, wo der alte Holbein zuerst als Maler erscheint. Vielleicht würde Quad, wenn er in Ravensburg gelebt hätte, geschrieben haben: Dieser Holbein war aus Ravensburg gebürtig. Wenn einmahl eine irrige Meinung als wahrscheinlich dargestellt worden ist, und Glauben gefunden hat, so bedarf es vieler Worte, sie zu widerlegen – und dieß war leider hier der Fall. 19   Holbeins Herkunft aus Augsburg. Wahrscheinlicher ist die Sage, die ihn in Augsburg geboren werden läßt. Sandrart, der sich in der deutschen Kunstgeschichte redlich umgesehen, meint Teutsche Academie \&c. S. 249. , daß sein Vater, der alte Hans Holbein, der auch ein guter Maler gewesen sey, zu Ende des XV Jahrhunderts als Bürger in Augsburg gelebt, von dannen aber erst sich nach Basel begeben und daselbst seinen Sohn die Kunst gelehrt habe. Er beruft sich dabei auf das Malerzunftbuch in Basel, und noch mehr auf zwei von dem jungen Holbein gezeichnete und mit eigner Hand 1512 datirte Conterfäte seines Vaters und Oheims, die er, Sandrart, eigenthümlich besessen und dem großgünstigen Liebhaber auf einem Kupferblatte mitgetheilt hat; welche aber, die Wahrheit zu gestehen, wenig 20 Aufklärung geben, indem sie mehr idealischen, als aus dem Leben genommenen Köpfen gleich sehen; daher auch wohl die Unterschriften, auf welche sich Sandrart beruft, von späterer Hand seyn mögen, eine Vermuthung, die niemand befremden wird, der viel mit Bildnissen umgegangen ist, und die Unsicherheit der Unterschriften kennt. Sandrart konnte auch schwerlich wissen, daß dieß Datum wirklich von Holbeins Hand sey. – Mehr Gewißheit geben zwei Gemälde von dem ältern Holbein, die Sandrart anführt, und die noch gegenwärtig in Augsburg aufbewahrt werden; das eine, welches das Leben des heiligen Paulus vorstellt, hat die Bezeichnung: Präsens opus complevit Johannes Holbein Civis Augustanus ; das andere, auch ein historisches Stück, mit der Inschrift auf einer Glocke: Hans Holbein, 1499. Diese Inschriften machen es wohl ziemlich klar, daß der alte Holbein Bürger von Augsburg gewesen, und sich 1499 noch daselbst befunden habe, welches auch durch die Watterische handschriftliche Chronik, die Paul von Stetten Geschichte der Stadt Augsburgs. Frankf. u. Leipz. 1743–58. I. 252. anführt, bestätigt wird. Jacob Christoph Iseli, der ein Basler war, und die Vorzüge seiner Vaterstadt wohl zu schätzen wußte, 21 läßt Historisches Lexikon. doch den jüngern Holbein 1498 in Augsburg erzeugt werden, und von da mit seinem Vater nach Basel ziehen. Ein Gleiches that der gelehrte Professor Beck von Basel in einem handschriftlichen Aufsatze über den Lebenslauf Hans Holbeins. Zwei gelehrte Basler also, welche die Ehre, das Kindlein gewiegt zu haben, nicht für ihre Vaterstadt ansprechen, sondern Augsburg überlassen. Von bedeutendem Gewicht muß allerdings auch das seyn, was Paul von Stetten über diesen Gegenstand sagt Kunst-, Gewerbs- und Handwerksgeschichte der Reichsstadt Augsburg. 2 Thle. 8 Augsb. 1779–88. I. 269. u. f. : »Im Jahr 1542 haben die Vorsteher der Malergesellschaft alle diejenigen, welche von 1489 an, und vielleicht schon früher diese Gerechtigkeit (Antheil an der Gesellschaft) gehabt, mit ihrem Namen und Wappen in ein Buch eintragen lassen; es hieß das Gerechtigkeitsbuch. – Von Hans Holbein (dem ältern), dessen Name in dem Gerechtigkeitsbuche unter den ältesten Malern steht , und welcher noch mehr durch seinen Sohn berühmt wurde, sind in dem St. Catharinen Kloster zwei hübsche Gemälde u. s. w. Ebendaselbst S. 272. Es sind ebendieselben, von denen Sandrart spricht. Sie wurden auf Kosten Ulrich Walters, eines Kunstliebhabers und Gutthäters des Catharinen-Klosters gemalt. . – Holbeins dazugesetzter Name aber giebt hinreichende Versicherung, wer der Künstler, nicht weniger, daß er von Augsburg gewesen.« »Der alte Holbein (fährt Paul von Stetten fort) soll das hiesige Bürgerrecht aufgegeben und sich nach Basel gesetzt haben, daher wird sein Sohn unter die schweizerischen Künstler gezählt. Er mag aber wohl zu Augsburg geboren worden seyn, wiewohl es ziemlich zweifelhaft ist, so daß in den neuesten Zeiten beiden Städten, Augsburg und Basel, die Ehre, seine Vaterstadt, so wie gedachtem Hans Holbein, sein Vater zu seyn, nicht ohne einige Wahrscheinlichkeit zweifelhaft gemacht, und dagegen behauptet worden ist, (Seybolds Schreiben im deutschen Museum 1778) er sey zu Grünstadt in der Pfalz zur Welt gekommen. Doch ist es unwidersprechlich, daß vor seinen (des jüngern Holbeins) Zeiten ein Hans Holbein, den man immer für seinen Vater gehalten, hier Bürger und Maler gewesen. « Von Stetten nimmt demnach an, daß Seybolds Meinung nur dann zumahl Wahrscheinlichkeit habe, wenn dieser alte Augsburger Holbein nicht der Vater des Basler 23 Holbeins gewesen sey. Daß er dieß aber wirklich war, wird die Folge darthun. Ferner sagt dieser gründliche Forscher der Geschichte seiner Vaterstadt Ebendaselbst im II. Bande, der 1788, also neun Jahre später als der erste herausgekommen, und somit vieles, auch über das Herkommen Holbeins, berichtiget. S. 185. : »Dieser Hans Holbein wird in den Steuerregistern von 1494 und 1495 in einer Straße zum Diebold, in welcher Gegend jetzt das Zuchthaus steht, gefunden. Er wohnte in einem Hause, darin auch zuvor und hernach ein Maler Thoman Burgmair, vermuthlich Hansen Burgmair's Vater und Holbeins Schwiegervater gewesen.« – Hier also auch Steuerregister, die mehr anzeigen als die von Grünstadt! Noch ist zu diesem Behuf anzuführen, was Chr. von Mannlich, selbst von Augsburg abstammend, von Holbein dem Vater berichtet Beschreibung der churpfalzbayerischen Gemäldesammlung zu München und Schleißheim. 3 Bde. München 1805 I. 212. : Nicht nur läßt er ihn zu Augsburg 1450 geboren werden, sondern fügt noch hinzu, er sey wohnhaft und Bürger daselbst gewesen, und habe diese Stadt verlassen, um sich mit seiner Familie in Basel zu setzen. Noch mehr III. 46 : »In dem Kloster-Archiv zu 24 Kaisersheim fand sich eine alte Chronik, wo im Jahre 1502 Folgendes vorkommt: Dieweil aber dieser Abt Georg ein sondere lust hatt zu pauen, und nehmlich zu der Gotts Zir, hat er in obgemeltem Jar ein costlich Chortafel lasen machen, daran die besten drei Meister zu Augsburg haben gemacht, als zu der Zeit weit und prait mochten seyn, der Schreinermeister Wolf Kastner in Kaisheimer Hof, Pildhauer-Maister Gregori. Der Maler Hanns Holpain . Diese Taffel gost vil Geldts.« Auf der Kanzley zu Bern findet sich gegenwärtig noch das Testament Sigmund Holbein des Malers, vom Jahre 1540, worin er seinen » lieben Bruders sun Hansen Holbeyn den Maler Burger zu Basel als minen anerbornen vom Geblüt, auch mansstammen und namen« zum Haupterben einsetzt über all sein Vermögen in der Stadt Bern, als Haus und Hof, Silbergeschirr, Hausrath und alle seine Malergeräthschaft. Dagegen soll seinen drei Schwestern , nemlich Ursel Nepperschmidin zu Augsburg , Anna Elchingerin bei St. Ursel am Schwall und Margreth Gerwachin zu Eßlingen, gemeinschaftlich zukommen, was er des Seinen noch zu Augsburg hätte, an Hauptgut, Hausplunder und Zeug zum Handwerk u. s. w. – Er nennt sich im Eingange des Testaments einen ingesäßnen Burger zu Bern, und giebt als 25 Bewegungsgrund zu demselben das Vorhaben an: » hinuf gen Augsburg zu den mynen zu reysen, « wo ihn vielleicht, da er alt und guter Tage sey, vor seiner Heimkehr der Tod überfallen könnte. Auch diese Urkunde zeuget von einer frühen Ansiedlung, nicht allein des ältern Holbeins, sondern auch seiner Geschwister in Augsburg; und giebt zugleich dem jungen Holbein, den Sigmund den Sohn seines Bruders nennt, eben dadurch den ältern zum Vater. Hiemit mag sich wohl ein größres Gewicht für die Bestimmung des streitigen Geburtsortes in die Wagschale Augsburgs ergeben, als in die von Grünstadt. 26   Holbeins Herkunft von Basel. Aber auch Basel hat erhebliche Gründe, sich den Geburtsort des berühmten Malers zu nennen. Bei Ausländern ist dieß allgemein angenommen; Engländer und Franzosen weisen ihm ohne weiters da seine Vaterstadt an, wo man die ersten Spuren seines Lebens und Wirkens findet. Nähere Angaben aber finden sich allererst bey Carl van Mander, der 1548, noch bei Lebzeiten Holbeins, geboren war, und etwa dreißig Jahre später persönlich in Basel sich aufgehalten hatte. Dieser, wiewohl er es seltsam findet, daß aus dem hartsteinigten wüsten Schweizerlande Uyt thartsteenighe woest Switzer-lant. Schilder Boeck etc. Amst. 1618. Diese Ansicht hat sich seitdem geändert. – Doch schon der Italiäner Aen. Sylvius fand die Gegend von Basel so wüst und steinigt nicht, wie dieser Holländer. Sita est Basilea in agro feraci et ubere gleba, vino ac tritico jocundishime abundans . . . Urbem placidissimi colles ambiunt et opaca nemora etc. – Selbst Erasmus, doch auch aus dem flachen Holland gebürtig, schrieb an Th. Morus, 1518: Eloqui vix possum, quantopere mihi placeat hoc coelum Basileense, quantopere genus hominum etc. Und an einen andern Freund, 1533: Habet ea civitas peculiaris cujusdam civilitatis non obscura vestigia, a Synodo universali relicla etc. ein 27 in der Kunst so hochberühmter Mann habe hervorgehen können, läßt ihn doch, nach allem, was er von ihm habe ausfindig machen können, in Basel 1498 geboren werden, obgleich, sagt er, viele behaupten, daß er von Augsburg herkomme, weil einer desselben Namens, auch ein ziemlich guter Maler, dort geboren worden. Nähere Umstände von Holbeins Leben konnte van Mander nicht von Basel erhalten, weil man ihm für dergleichen Untersuchungen, die mit Mühe begleitet seyen, eine Entschädigung forderte, worüber er sich mit Recht als über eine tadelnswerthe Gleichgültigkeit für die Ehre der Stadt aufhält. Dann verdient allerdings auch das Zeugniß von Charles Patin alle Aufmerksamkeit, der, selbst ein Liebhaber der Kunst, Alles, was er von Holbeins Leben und Werken in Basel bei verlängertem Aufenthalt erfahren konnte, gesammelt hat, und nach Allem, was sich aus der großen Dunkelheit seiner Sippschaft ans Licht bringen 28 ließ Morias Encomion, ex edit. Car. Patini. Basil. 1676. in vita Holbenii. – In quantum eruere licuit ex tanta familiae ejus obscuritate. , Basel als dessen Geburtsort angiebt, ungeachtet, sagt er, ihn einige von Augsburg, andre von Grünstadt herkommen lassen. Zu Bekräftigung seiner Angabe führt er an, daß noch zwei Brüder von ihm, Ambrosius und Bruno, in Basel als Maler gelebt und Denkmähler ihrer Kunst zurückgelassen haben. Eine dortige Künstlerfamilie also, die nothwendig von einem Vater, der die Kunst berufsmäßig getrieben habe, müsse ausgegangen seyn, sonst wären nicht alle Söhne demselben Berufe gewidmet worden. Auch findet es Patin wahrscheinlich, daß dieser Vater schon bei des Sohnes Geburt in Basel ansässig gewesen sey, indem die frühzeitige außerordentliche Geschicklichkeit des Knaben nicht anders, als durch einen stäten Unterricht von Kindheit an, und durch ruhige, fortgesetzte Uebung habe erlangt werden können Ab ineunte aetate a patre institutum, arte atque exercitatione ingenium perfecisse, vix est quod dubitemus. Ibid. . Häufiger noch als die Meinungen für Augsburg sind die Zeugnisse dieser beiden Gewährsmänner für Basel von spätern Schriftstellern angenommen worden, was freilich 29 nichts entscheidet. Merkwürdiger aber sind die Spuren, die man noch in Baselschen Urkunden von einem weit ältern Geschlechte der Holbeine findet. Wir geben solche an, wie wir sie empfangen haben Von dem in Geschichten seiner Vaterstadt gründlich erfahrnen Herrn Antistes Falkeisen. . »Auszug aus St. Leonhards Weiß-Buch, von A o . 1500. Pag. 77  b. « »Andres Mayer Ffstetl. 2 ß. 3 Pf. von dem Hus zum Bobst, an der Gerbergaß.« » De hac domo habetur libro pergameno Folio 87. Ubi in margine scribitur: Domus Holbein, quae nomen habet Babst. « » Pag. 157 b. « » Litera venditionis jure hereditario cujusdam domus site in der Suterstrassen (Gerbergassen) inter domum dicti Mayer Ardonis et Alberti de Holbayn pro annuo censu 18 Pf. « »Auszug aus dem alten pergamentenen Buch von c a . 1288« » Domus Holbein quā no ht Babest. in margine eines Instruments von A o 1311.« 30 Vielleicht fänden sich in Baselschen alten Rechnungs- und Bürgerregistern noch mehrere Erwähnungen dieses Geschlechtsnamens, jedoch ist kaum anzunehmen, daß daraus eine genealogische Folge könnte zusammengebracht werden, weil dergleichen Register vorzeiten nicht mit der Genauigkeit wie heut zu Tage geführt wurden, und die Bürgerrechte nicht so fortdauernd waren, sondern bald da bald dort aufgegeben oder angenommen wurden. Zudem ist ein solches Nachsuchen nur einem Archivar zuzumuthen, der weiß wo er suchen soll, und es aus eigner Liebhaberei thut. Und so ist auch für Basel, in Hinsicht des wirklichen Geburtsortes Holbeins, nichts Gewisses herauszubringen, vielmehr scheint sich die größte Wahrscheinlichkeit auf die Seite der Stadt Augsburg zu neigen; denn der Sohn war zu Ende des XV Jahrhunderts geboren, und es zeigt sich ersichtlich aus allem, daß der Vater damals und zu Anfang des folgenden als Bürger in Augsburg gelebt und gearbeitet habe. So daß die Meinung Sandrarts, Pauls von Stetten, Iselin's und andrer das Uebergewicht zu machen scheint, nämlich, daß Hans Holbein in Augsburg zur Welt gekommen, und von dort aus als junger Knabe mit seinem Vater nach Basel gezogen sey. 31 Noch ein seltsames Aktenstück, das, wenn nicht zur Erklärung, doch zur Verwirrung dieser Streitfrage dienen kann, hat sich unter den hinterlassenen Handschriften Christians von Mechel, der allerlei zum Leben Holbeins sammelte, vorgefunden. Es ist nämlich: »Eine Supplication von 1611 (Philipp Holbeins, Kaiserlichen Hofjuwelirs und Bürgers in Augsburg) bei dem Kaiser Matthias um Confirmir- und Besserung seines uralten adelichen Wappens, worin ihm auch gnädiglich willfahret wurde durch einen den 1. October 1612 verliehenen Adel- und Wappenbrief.« Die Supplication fängt an: »Ew. Kaiserl. Majestät berichte ich hiemit allerunterthänigst, wie daß meine lieben Vorältern die Holbain (so ihre Ankunft und Geburt außer Schweizerland mehr als vor zweihundert Jahren haben) unterstehend adeliches Wappen in und allwegen, auch noch ehe und zuvorn die Schweizerischen Cantonen verändert, und der Adel hin und her an andern Orten sowohl in als außerhalb des heil. Reichs zertheilt worden, geführet und gebraucht, und sich in ermeldtem Schweizerland erstlich meines Uranherrn Vater Jacob Holbein in der Stadt Uri, sein Sohn Ambrosi meines Großvaters Vater zu Basel in vornemmen Diensten und Aemtern, mein rechter Anherr Johann in der Mahlerey, als ein zu selber Zeit in ganz Europa weit 32 berühmter Mahler (von dessen Hand E. M. nicht nur Ein sondern viel Stück, unter welchen sonder Zweifel das uralt Holbeinische adeliche Wappen zu befinden, haben werden) gebrauchen lassen, wie nicht weniger mein lieber Vater sel. Philipp Holbain von Basel, weyland Kaiser Carl V und Ferdinand, christseligen Gedächtniß in Kriegswesen und in anderm Werk. Ich für meine Person aber nun in die acht und zwanzig Jahre u. s. w.« Nach diesem wäre des Bittstellers Vater gewesen Philipp Holbein von Basel, und dieser ein Sohn (oder Enkel) des Malers, dessen Vater aber hier Ambrosi geheißen wird, und in Basel ansehnliche Bedienungen bekleidet haben soll, wovon man aber dort nichts weiß, so wenig als von dem Philipp. Hingegen finden sich noch Gemälde daselbst von einem Ambrosius Holbein, der ein Bruder des berühmten Malers war. – Zum Vater seines Urgroßvaters macht der Bittsteller einen Jacob Holbein, der sich in der Stadt Uri habe brauchen lassen. Eine Stadt Uri giebt es nicht, aber in Altorf, dem Hauptflecken des Landes, öfters auch von den Einwohnern die Stadt genannt, sollen sich doch ungewöhnlich viele und beträchtliche Holbeinische Gemälde befunden haben, und zum Theil noch befinden Morgenblatt 1821. No. 254. . – Seine 33 noch früherern Vorfahren läßt der Adelsbegierige außerhalb der Schweiz wohnen; er sagt aber, oder weiß vielleicht selbst nicht, wo; man kann es also nach Belieben da oder dorthin, wo ein dem Holbeinischen ähnliches Wappen gefunden wird, deuten. Dieser Wappenschild aber, wie er noch auf der Malerzunft in Basel (angeblich von Holbein selbst gemalt) zu sehen, und wie er in Drollingers Gedichten abgebildet ist, ist auch dasselbe Wappen, dessen sich das Land Uri bedient: ein schwarzer Ochsenkopf in goldenem Felde, mit einem Ring in der Nase; nur hat der Urner Stier den Stern zwischen den Hörnern nicht. Woher diese Uebereinstimmung, bleibt unerörtert. Wahrscheinlich hat es der Kaiser Matthias in Gewährung dieser Bitte mit dem etwas verworrenen Stammbaume nicht so genau genommen, wie das bei Adelsbekräftigungen öfters der Fall ist. – Daß aber der Mann nach allem, was er von seinen Vorfahren erzählt, und da er schon seit 1600 in Wien seßhaft war Nach Mechels Angabe, Msc. , sich noch 1611 Bürger in Augsburg schreibt, deutet wieder auf den alten dort eingebornen Geschlechtsstamm. »Gegen Ende des XVI Jahrhunderts,« schreibt 34 Paul von Stetten Kunst und Geschichte von Augsburg. I. 144. , »waren schon mehrere vom Wasser getriebene Werke zum Steinschneiden angelegt, davon eines einem Diamantschneider, Philipp Holbein, gehörte.« Dieser wird wohl mit dem künstlichen Hofjuwelier dieselbe Person seyn. So unsicher übrigens die in der Adelspetition gegebenen ältern Nachrichten von diesem Stamme seyn mögen, so ist doch gewiß, daß gegenwärtig noch in Wien adeliche Nachkommen des K. K. Juweliers leben. Derselbe hinterließ zwei Söhne, von denen einer wieder Hofjuwelier wurde, von welchem der durch mannichfache Verdienste ums Theater bekannte Schauspieldichter Franz von Holbein abstammt Nach desselben eigner gefälliger Nachricht. . Man kann aus dieser Nachkommenschaft abnehmen, daß der Kunstsinn nie ganz von dem Geschlechte gewichen. Auch der andere Zweig der Familie lebt noch in Wien unter dem Namen von Holbeinsberg. 35   Holbeins Geburtsjahr. Familie. Erster Aufenthalt. Wie über den Ort, so haben sich auch über das Jahr seiner Geburt Zweifel erhoben. Allgemein wurde das Jahr 1498 dafür genommen, bis Charles Patin mit der Behauptung auftrat, Holbein müsse drei Jahre älter, und wenigstens 1495 geboren seyn, weil er schon 1514 und 1516 solche Geschicklichkeit in seiner Kunst bewiesen habe, die nur durch reifen Verstand und lange Uebung erreicht werden könne Stultitiae laus, Des. Erasmi Rot. decl. 8°. Bas. 1676. in vita Holb.: Cum eam jam artis peritiam ostenderit, quae non nisi a judicio maturo et harum rerum usu subacto proficisci potuit. . Andre schrieben dem um so viel eher Glauben zu, weil Sandrart (der ihm übrigens auch wie van Mander 1498 zum Geburtsjare gibt) so gar noch 36 ältere Bildnisse von 1512 anführt, die von dem jungen Holbein gezeichnet und eigenhändig unterschrieben worden seyn sollen. Möge nun die Aechtheit dieser Bildnisse zweifelhaft seyn, so ist doch gewiß, daß auch auf der öffentlichen Bibliothek in Basel aus der ehemaligen Feschischen Kunstkammer das Bild Bernhard Meyers (der später Bürgermeister wurde) von Hans Holbein 1513 in Oehlfarbe zu sehen ist, das, wenn auch noch etwas schwach in Farben und hart in Umrissen, doch schon so klar und zart gemalt ist, daß man den vorzüglichen Künstler darin nicht verkennen kann. Desgleichen ist auch daselbst eine vortreffliche Zeichnung, drei mit Hellebarten versehene Nachtwächter vorstellend, mit dem Monogramm , 1513. Damals war der 1498 geborne Holbein fünfzehn Jahre alt, und kann also allerdings frühzeitig heißen. Aber ist denn diese Frühzeitigkeit ein solches Wunder, daß man blos deswegen die Altersangabe um mehrere Jahre zurücksetzen müsse? Lucas von Leyden war noch drei Jahre jünger, als er die Geschichte des heiligen Hubertus zum Erstaunen aller Kenner gemalt, und war nicht fünfzehn Jahre alt, als er schon zwei berühmte Kupferplatten gestochen hatte. – Nicht zu gedenken der großen Menge andrer Künstler aus der Deutschen und Italiänischen Geschichte, die noch in jüngern Jahren als Holbein sich zu einer glänzenden Höhe 37 der Kunst aufgeschwungen, so hätte doch Patin wissen können, daß sein Landsmann Le Brün noch als Knabe schon vortreffliche Dinge gemalt, und alle seine Mitschüler, selbst seinen Meister Vouet übertroffen hatte. Am meisten aber muß es auffallen, daß Patin hier nicht an sein eignes Beispiel gedacht hat, da er doch selbst umständlich erzählt, wie er schon im vierzehnten Jahre vor dem Apostolischen Nuntius, vor vier und dreißig Bischöfen und einer Menge hoher Standespersonen, griechische und lateinische Thesen, die ganze Weltweisheit umfassend Totam continentes philosophiam. – Lyceum Patavinum per Car. Patinum. 4°. Patavii. 1682. , in beiden Sprachen fünf Stunden lang vertheidigt, und damit den philosophischen Lorbeer errungen habe. Hielt er das für nichts gegen das was Holbein leistete, so wäre es eine übertriebene Bescheidenheit, die sich nicht reimen würde mit der Behaglichkeit, womit er seiner Vorzüge gedenkt; oder meinte er, man sollte das frühe Erwachen geistiger Kräfte nicht zu geschwind anerkennen, damit die Sache nicht zu gemein werde, und dieser Adel nicht unter die Menge komme? – Wie dem auch sey, diese Berichtigung eines bis dahin allgemein angenommenen Umstandes hat mehr gegen als für sich, und ist aus dem Eiteln, wie so manche leichtgewagte 38 Verbesserung von Traditionen, Zahlen und Buchstaben schon gewesen und ferner seyn wird. Auf die Jahrzahl 1498 führen auch die ersten gemalten und gestochenen Bildnisse Holbeins. So besaß Nach Mechels Angabe, Msc. ein Rathsherr Werdemann in Basel ein kleines Rundgemälde von des Künstlers Kopf, mit kurzem Bart und Mütze, wo dessen Namenszug , das Alter 45, und die Jahrzahl 1543 angegeben seyn sollen. Ein ähnliches Bild in einer kleinen Rundung, von Wenzel Hollar 1647 gestochen, und aus der Arundelischen Sammlung nach Holbeins eignem Gemälde (dessen auch Walpole erwähnt) genommen, ist mit seinem Monogramm, dem Alter und der Jahrzahl bezeichnet, wie oben. So gleicher Weise das von L. Vorstermann gestochene Portrait des Künstlers. Auch Iselin (Lexikon), der doch in manchem dem Patin folgte, nimmt ohne Rücksicht auf jene Conjectur das Jahr 1498 als Geburtsjahr an. Von der Holbeinischen Familie giebt Christian von Mechel In einem handschriftlichen Aufsatz. folgende Stammtafel: 39 Alle diese Männer waren Maler In einer Schrift von Remigius Fesch, dem Sammler der berühmten Kunstkammer in Basel: Humanae industriae monumenta etc. Msc. in Fol. , die auf der dortigen Bibliothek aufbewahrt wird, woraus auch Patin seine besten Nachrichten gezogen hat, liest man: A o 1651 Mense Aug. cum admissus essem ad inspectionem Musaei Amerbachiani ab haeredibus audivi, in schedis Amerbachianis reperiri, tres fuisse fratres Holbenios, pictores omnes, hunc Johannem, Ambrosium, Brunonem. . Von dem ältern Meister Hansen sind wohl noch Werke übrig geblieben, aber keine Lebensnachrichten. Mechel K. K. Bildergallerie in Wien. und Mannlich Beschr. der Gemäldesamml. in München \&c. I. Thl. lassen ihn 1450 zu Augsburg geboren werden. Andre Heinr. Fueßli's Künstlerlexikon; aber zufolge einer mißverstandenen Stelle aus Patin's Vita Holb. – und nach ihm Fiorillo, Gesch. der zeichn. Künste in Deutschl. II. 381 – und nach diesem wieder andre. nehmen gar zwei verschiedene 40 ältere Hans Holbeine als Maler an, aber bisher ohne bestimmte Gewißheit. – Er mag ein wanderndes Leben geführt haben In Göthe's Kunst und Alterth. I. 60 heißt es, er sey einige Jahre von den Carmeliten zu Frankfurt a. M. bewirthet worden: es sollen daselbst in einer Sammlung mehrere seiner Gemälde zu sehen seyn. . Selbst in Basel sind keine anerkannten Oehlgemälde von ihm zu finden, aber auf dortiger Bibliothek fünf und fünfzig Stücke größrer Handzeichnungen, deren Basilius Amerbach in dem Kunstinventarium seines Vaters erwähnt, und ihn Hans Holbein Senior nennt. Deßgleichen zwei Duodezbüchlein, angefüllt mit Studien voll Wahrheit und Leben; in einem derselben steht hinten geschrieben: Depictum per magistrum Johannem Holpain Augustensem 1502 . – Auch der Ort, wo er gestorben, ist unbekannt. Walpole berichtet, daß in den Kirchenbüchern von Wells »In the register's office of Wells.« Anecd. of painting in Engl. Lond. 1786. I. 79. eines Holbeins Meldung geschehe, der zur Zeit Heinrichs VII in England gelebt habe und daselbst gestorben sey. Er meint, dieß könnte 41 der Vater oder noch eher Sigmund, der Oheim Holbeins gewesen seyn; das geht aber nicht an, weil Sigmund in Bern lebte und starb. Es sollen auch, zufolge einer Beschreibung der Merkwürdigkeiten in Wilton-house, Gemälde der drei Kinder Heinrichs VII daselbst zu sehen seyn, Arthur, Heinrich und Margareth, die Hans Holbein dem Vater zugeschrieben werden. Dieß sind jedoch schwankende Angaben. Nach Mechel Bildergallerie in Wien. , der aber Geburtsjahre und Namen oft willkührlich austheilt, muß Ambrosius beträchtlich älter als Hans gewesen seyn; er läßt ihn 1484 geboren werden. Von ihm fanden sich in dem Nachlasse Bonifacius Amerbachs Nach dem Verzeichniß seines Sohnes Basilius auf der Bibliothek zu Basel. drei Oehlgemälde, von denen später Meldung geschehen wird, und vier Handzeichnungen, die noch auf der Basler Bibliothek aufbewahrt werden. Eine derselben, ein mit Farben gezeichneter Kopf, etwa drittels Lebensgröße, hat ganz Holbeinische Art, und ist mit bezeichnet. Dasselbe Monogramm, welches Christ und Heller als unbekannt anführen, und das sich auf alten Holzschnitten aus Basel mit der Jahrzahl 1517 findet, möchte demnach wohl auf diesen Ambros Holbein passen. – Es zeiget sich auch in dem alten Malerzunftbuch in Basel, daß 1517 auf St. Matthis Tag Ambroß Holbein Mahler von Augsburg die Zunft empfangen habe Ochs Gesch. v. Basel. V. 394. . Zwei Jahre später that dieß auch Hans der Jüngere. Von dem dritten Bruder Bruno, der auch ein Maler gewesen, kann wenig mehr in Erfahrung gebracht werden, und ist auch auf der Basler Bibliothek nichts zu finden; er muß auch nicht alt geworden seyn, und keine Nachkommen hinterlassen haben, so wenig als Ambros, denn Sigmund spricht in seinem Testament 1540 außer dem Bruderssohn Hans nur noch von Schwestern. Vermochte nun aber auch die angestrengteste Forschung nicht, das Melchisedekische Dunkel, das über des hochberühmten Malers Herkommen, Geburt, Alter und Geschlecht schwebte, ganz zu enthüllen, so ergibt sich doch mit Zuverlässigkeit, was sich auch in der Folge noch mehr bestätigen wird, daß eine Holbeinische Malerfamilie aus Augsburg sich anfangs des XVI Jahrhunderts in Basel niedergelassen, zu welcher Hans Holbein der Jüngere gehörte, der sich auch unter den Seinigen vorzüglich hervorthat, und 43 daß die ersten unzweifelhaften Spuren seines Daseyns daselbst müssen gesucht werden. Vielleicht waren es Kriegsunruhen, oder Krankheiten, oder bessers Fortkommen, indem Augsburg damals schon mehrere ansehnliche Künstler nährte P. v. Stetten Kunst- u. s. w. Geschichte von Augsb. I. 275. , was diese Kunstmänner nach dem nunmehr unter eidgenossischem Bunde blühenden Basel trieb. Oder Holbein der Vater war, nach einer alten Sage, zum Bau des Rathhauses berufen, wozu schon 1504 vom Rath an die Bauherren erneuerte Befehle für Plan und Anschlag, und daran keine Kosten zu sparen, ertheilt wurden Ochs, Gesch. v. Basel. V. 298. . Patin, der den Holbein außer der Kunst so gern in die Gemeinheit herunter ziehen möchte, ist der Meinung, die Armuth sey Schuld daran, daß diese ganze Familie sich der Kunst gewidmet habe, indem der Vater außer Standes gewesen, ein Lehrgeld anders wo für die Söhne zu bezahlen Cura ita ferme in more positum sit parentibus rei familiaris inopia pressis, ut seu liberorum neglectu, seu impensarum metu, filios etiom duos pluresve, in id quod ipsi sectantur vitae genus inducant, neque alias facile plures fratres eandem artem addiscant. Vita Holb. . Allein da mag er sich irren; es war vielmehr in jenen (auch noch in folgenden) Zeiten so der 44 Brauch, daß Väter, die Künstler waren, und Beistand nöthig hatten, auch ihre Kinder zur Kunst erzogen. Dessen zur Bestätigung giebt die Geschichte einen Ueberfluß von Beispielen; hier nur einige: Als Peter Vischer zu Nürnberg an dem Grabmahl St. Sebalds arbeitete, halfen ihm fünf Söhne, die alle mit Weib und Kindern bei ihm im Hause gewohnt Sandrart. . – Von den vier Brüdern Martin Schöns waren drei Goldschmiede und einer Maler, die in Colmar und Basel lebten B. Pirckheimeri opp. Fol. Francof. 1610. . – Albrecht Dürers zwei Brüder waren auch Maler. – Nocolaus Glockenthon, Maler von Nürnberg, hatte zwölf Söhne, die er alle zu seiner Kunst anhielt Taschenbuch v. Nürnberg. 2r Thl. 181. . – Der Maler J. Chr. Dietzsch in Nürnberg hat fünf Söhne und zwei Töchter zur Malerei gebildet, die sie auch, namentlich mit Wasserfarben, in großer Vollendung ausübten, zugleich mit einander zusammen lebten, und über sechzig Jahre ein schönes Beispiel inniger Geschwisterliebe darboten Ebendaselbst. 172. .« – Von Friedr. Boutats, einem 45 Kupferstecher aus Antwerpen, berichtet Vertue Catalogue of Engravers in England, by Hor. Walpole. Lond. 1786. p. 220. , er habe vier Töchter und zwanzig Söhne gehabt, von denen zwölf Kupferstecher gewesen; einer derselben, Philipp, habe wiederum von zwölf Söhnen viere zu seinem Fach angezogen. – Will man noch mehr, so darf man nur bei Fiorillo Gesch. der zeichn. Künste in Deutschl. \&c. 2r und 3r Thl. über die Namen Floris, Frank, Bloemaert, Withoos, Roos, Rugendas, Tischbein, Bemmel, Preisler u. s. f. nachschlagen; es geht fort bis auf unsere Zeiten. 46   Holbeins Bürgerrecht zu Basel. Da Professor Matthiä in seinem Programm über den Geburtsort Holbeins alles künstlich zusammenstellt, was gegen die Ansprüche andrer Städte als Grünstadt zu zeugen scheint, so geschieht dieß auch mit einer Berufung auf Sebastian Münsters Cosmographie, die sogar ein Bedenken gegen Holbeins rechtmäßiges Bürgerrecht in Basel erregen möchte, und die um so viel mehr Berichtigung verdient, weil Matthiä aus der zu flüchtig gelesenen Stelle etwas belegen will, das sich gar nicht daraus ergibt; indem daselbst nicht, wie er meint, ausschließlich von Männern, die aus der Stadt Basel hervorgegangen, die Rede ist, sondern wie jeder unbefangene Leser sehen wird, von großen Männern, auswärtigen oder Eingebornen, die daselbst verstorben . Bonifacius Amerbach schreibt 47 nämlich an Münster Cosmographia univ. Bas. 1554. p. 406. : »Da Du von mir ein Verzeichniß gelehrter und vorzüglicher Männer verlangst, die, sie seyen hier geboren, oder Bürger, oder Fremdlinge, allhier ihr Leben beschlossen haben , so finden sich Gräber großer Männer in Menge hier Quod praeterea doctorum praestantiumque virorum a me catalogum requiris, qui vel hic nati, aut cives, vel advenae vitam cum morte, imo mortalem cum immortali commutarint , extant quam plurimorum hic magnorum virorum sepulturae etc. .« – Sodann führt er mehrere Namen verstorbener ausgezeichneter Personen, die in Basel gelebt haben, an, wovon aber die meisten Ausländer , und also nicht, wie Matthiä sagt, aus der Stadt Basel hervorgegangen waren. Ja er sagt am Ende des Briefs noch ausdrücklich: »Ich lasse die noch lebenden gelehrten Männer absichtlich weg, weil Du sie selber kennst, und darunter gehörst Doctorum vero etiamnum hic agentium nomenclaturam sciens omitto, quos ipse nosti, et in quorum numero tu . . vel inter antesignanos referendus venis. .« Dieser Brief war 1549 geschrieben, wo Holbein noch lebte, und wirklicher Bürger von Basel war. Wenn also in dem gleich darauf folgenden Zusatze Seb. Münsters, 48 wo er, bei Anlaß des Bildes Erasmus, von Holbein als dem ersten Maler seiner Zeit redet ( nobilissimo hujus temporis pictore ), dieser nicht zugleich ein Bürger von Basel genannt wird, worauf Matthiä ein so großes Gewicht legt, so geschah es deswegen, weil in der ganzen Verhandlung nur von Verstorbenen die Rede war, es mithin auch nicht am Platz gewesen wäre, ihn als einen gebürtigen Basler zu bezeichnen. Da dieses Programm, das blos Seybolds Meinung wieder aufwärmte, deren ganzes Gewicht auf den einzigen Quad Dictum unius dictum nullius. gestützt ist, dennoch viel Verbreitung gefunden hat, und häufig nachgeschrieben wird, so verdiente obige daraus angeführte Note um so viel mehr eine Beleuchtung, da sie von falscher Ansicht ausgeht, und zu falscher Ansicht führt. Unzweifelhaft ist Holbeins Bürger- und Zunftrecht in Basel. In dem alten Rathsbuch, das Nach handschriftlicher Mittheilung. – Auch Ochs spricht von dieser Bürgerrechtsertheilung L. c. V. 416. bei 1490 anfängt, und geht bis 1525, steht: Item Zinstag vor Ulrici anno xx ist Hans Holbein von Augsspurg dem Maler das Burgerrecht geliehen, et juravit prout moris est . 49 Und in dem Zunftbuch der Zunft zum Himmel findet sich: Item es hat die Zunft empfangen Hans Holbein der Moler uff Suntag vor sant michelstag im xvxix (1519) Jahr, und hat geschworen der Zunft Ordnung zu halten, wie ein andrer Zunftbruder der moler Auch bei Ochs V. 394. Er hat 1520. . Hieraus ergibt sich: daß Holbeins Vater nicht Bürger war, sonst wäre es der Sohn erbweise auch gewesen, und hätte keines Einkaufs bedurft. daß hier nicht der ältere Hans Holbein gemeint seyn könne, der wenn er um 1450 (nach Mannlichs und Mechels Angabe) geboren war, jetzt schon in einem Alter hätte seyn müssen, wo man sich schwerlich mehr in eine fremde Zunft einkauft. Auch hätte er es nicht wohl drey Jahre später als sein Sohn Ambrosius gethan, der schon 1517 in die Zunft aufgenommen ward. heißt es in dem Rathsbuche bei der Aufnahme ins Bürgerrecht: Hans Holbein von Augsburg, welches auch wieder die Augsburgische Herkunft der Familie darthut, so wie, wo Ambrosius genannt wird, und eben so in Siegmunds Testament immer nur mit Bestimmtheit 50 von Augsburg, und nie von einem andern Orte, auch nur muthmaßlich die Rede ist. übrigens entspricht dieser Beitritt zum Bürger- und Zunftrecht ganz der damals in Basel bestehenden gesetzlichen Ordnung Ochs, L. c. V. 38. , daß wer in eine Zunft eintreten wollte, auch das Bürgerrecht annehmen mußte, die aber beide um wenig Geld zu haben waren, wenn einer seine Lehrjahre erfüllt und sein Handwerk gut gelernt hatte. Holbein ward erst Bürger, (wenn die Angabe 1520 bei Ochs richtig ist) und dann noch in demselben Jahre Zunftgenoß. Bei dem ersten Actus heißt er noch (Bürger) von Augsburg; im zweiten nicht mehr, weil er schon Bürger zu Basel war. Wollte man fragen, warum dieß alles so spät, in seinem zwei und zwanzigsten Jahre geschehen sey, da er doch viel früher schon vorzügliche Proben seiner Kunst in Basel abgelegt habe, so mag dieß wohl seinen Grund in den Zunftgesetzen haben, nach welchen damals auch die künstliche Malerei der Handwerksordnung unterworfen war, und nicht auf eigne Faust ausgeübt werden durfte, es habe dann einer seine Lehrjahre erfüllt, oder das 51 mündige Alter erreicht. Eine Sitte, die in Schweizerstädten noch bis ans Ende des abgewichenen Jahrhunderts reichte, wo selbst Mahler von längst begründetem Rufe, wenn sie das Bürgerrecht nicht hatten, sich bei einem Flachmahler der Stadt als Gesellen einschreiben lassen mußten, um ihre Kunst auszuüben, wenn schon kein Bürger vorhanden war, der auch nur etwas Erträgliches hätte leisten können. – Zudem stand der junge Holbein, ungeachtet schon bedeutender Leistungen, noch in keinem solchen Ansehen, daß er eine Ausnahme von bestehenden Ordnungen zu erwarten gehabt hätte. Ueberhaupt muß man sich das damalige kunstliebende Publikum nicht so reizbar und gelehrt vorstellen wie das unsrige; es hielt schwerer berühmt zu werden, indem noch keine solche Anstalten vorhanden waren, wodurch manch kaum erwachtes Talent mit Posaunentönen der weiten Welt kund gemacht wird, das zuweilen noch unreif wieder verschwindet, ehe jene Töne verhallt sind. Man hatte nicht einmal die Sprache der Kunst, oder nur eine dürftige; man malte besser als man sprach, so wie man jetzt besser spricht als malt. 52   Kunsterziehung. Anders als nach Art und Weise seiner Zeit konnte Holbein nicht zum Maler gebildet werden. Jeder Knabe, der diesem Berufe bestimmt war, wurde einem Meister auf mehrere Jahre in die Lehre gegeben, dem mußte er dienen Oft auch den Gesellen, wie sich Albrecht Dürer dessen zu beklagen hatte, als er bei Wohlgemuth in der Lehre stand. Albr. Dürers Leben, von J. F. Roth. 8°. Leipz. 1791. , und nach Handwerksgebrauch treiben, was der Meister trieb, wo dann alles darauf ankam, ob jener was Rechtes zu zeigen, und der Schüler zu ergreifen im Stande war; denn weitere Gelegenheit zur Bildung war an den wenigsten Orten vorhanden. Gleichwohl sind aus dieser 53 geringen Weise große Maler hervorgegangen, zur Bekräftigung uralter Erfahrung, daß in jedem Fache die Größe sich mehr von innen heraus als von außen hinein entwickelt, und daß für den empfänglichen Geist in einfacher Beschränkung oft kräftigere Anregung und eingreifendere Lehre liegt, als in vornehmer Ausdehnung des Unterrichts. Die Meister jener Zeit gaben ihrem Unterricht mehr handwerksmäßige Gleichförmigkeit und einen weniger pädagogisch geordneten Gang, als jetzo geschieht, wo bei dem allzustrengen Festhalten einer akademischen Methode die Mechanik derselben dem Schüler oftmals so geläufig wird, daß er darüber des Geistes nicht mehr gedenkt. Die Schüler waren Lehrjungen, und mußten dem Meister helfen, wo und so frühe sie konnten; sie fingen mit Farbenreiben an, und blieben bei den Farben, sie zeichneten mit dem Pinsel, oder für den Pinsel. So lernten sie gleich anfangs die farbige Natur anschauen und auffassen in die Phantasie; nicht die abstracte Natur in Umrissen, die nirgends existirt. Ihre Augen wurden lauter für die Harmonie, und ihr technischer Sinn früh gewöhnt, verwandten Farbentönen bleibende Dauer zu geben. Freilich mußten die Meister wohl wissen, und die Jünger bald einsehen, daß ohne richtiges Verhältniß der Formen nichts zu Stande gebracht werden könne; das 54 zwang sie zum Studium dieser Verhältnisse in mancherlei Uebungen und Entwürfen, wozu allerdings auch Umrisse erforderlich waren; aber sie machten nicht das bloße Schema der Umrisse zur jahrelangen Beschäftigung, sondern da sie die Farbenmalerei als Beruf im Auge hatten, und für diese zeichnen mußten, erfaßten ihre Entwürfe auch sogleich die Form selbst, das ist, die durch Licht und Schatten gerundete Gestalt. Zu allem diesen fehlte es bei geschickten und beliebten Meistern nicht an Gelegenheit; ihre Arbeit beschäftigte auch die Lehrlinge. Formschneider und Glasmaler, damals in zahlloser Menge, brauchten Zeichnungen, Vorbilder (Visierungen, wie sie es nannten), und ließen solche von geschickten Künstlern machen, wie sich dergleichen noch heut zu Tage viele vorfinden; daran konnten sich die Jungen im Zeichnen üben. Die Menge von Kirchen, Klöstern, Kapellen konnten nicht ohne Bilder seyn; dazu bedurfte es Studien, Entwürfe, deren Nachbildung auch wieder eine erhebliche Stufe zur Höhe der Kunstbildung war. Die Frescomalerei an öffentlichen und bürgerlichen Gebäuden, nach damaligem Geschmack, gab viel Beschäftigung, sie forderte eine eigne Mischung und Anwendung der Farben, die ebenfalls gelernt werden mußte; meisterhafte Zeichnungen mußten auf die Mauer getragen werden, und Verfertigung der Cartone war eine 55 lehrreiche viel umfassende Arbeit. An allem diesem nahmen die Schüler, je nach ihrem Kunstvermögen mehr oder weniger Antheil; und da alles auf das eigentliche Malen abgesehen war, denn andre Kunstzweige waren theils diesem untergeordnet, oder davon getrennt, theils noch weniger bekannt, so war auch Kenntniß und Behandlung der Farben von Anfang an ein Hauptgegenstand der Lehre. Farben mußten zurecht gemacht und auf die Palette getragen werden; Gründe anlegen, und, wenn sie weiter gekommen waren, Einzelnes untermalen, war die Arbeit der Schüler; gemeine Bestellungen wurden von ihnen besorgt, und in freien Stunden ahmten sie das Werk der Meister nach, lernten machen wie sie, in beschränkter Uebung unzerstreut und gründlich. So behielten sie immer das Ganze ihrer Kunst in Aug' und Hand, und dem strebenden Geist fehlte es nicht an Nahrung. Allerdings war es Mangel an besserm Wissen, daß diese Maler alles in die Gestalt und das Gewand ihrer Zeit kleideten; indeß ersetzten sie wieder durch Wahrheit und natürliches Leben, was ihnen an Costümkenntniß und Geschmack abging. In neuern Zeiten sind der akademischen Lehranstalten wo alles zum Kunststudium gehörige mit Bequemlichkeit und Muße theoretisch und praktisch gelernt werden kann, so viele, und doch der großen Maler, die daher 56 ausgegangen, so wenige, daß man beinahe glauben sollte, die dort eingeführte Lehrart sey nicht die rechte. Und doch wird alles so gründlich behandelt, und in so geordneter Folge! Man fängt bei Strichen, geometrischen Figurumrissen an, und läßt die Lehrlinge daran so lange sich üben, bis Aug' und Hand hinlänglich, wie man es heißt, geübt, aber auch der Geist über den ewigen Strichen ermattet ist, und der Schüler, was man nicht selten zu sehen den Anlaß hat, das ungestörte Einschlafen über der Arbeit für die höchste Glückseligkeit hält. Dann geht es an das Runde, Gips nach leichten Antiken, zierliche Schraffuren, nackte Figuren, Anatomie, jedes in methodischer Ordnung, und zwar so lange bis der Zeichner sein Modell beinahe auswendig kann; alles mit Vorlesungen begleitet, damit der Künstler auch denken lerne. Kann er das, so werden die Regeln der Composition auseinander gesetzt, Mythologie, Geschichte und Alterthumskunde vorgenommen, von dem edlen Vortrag gesprochen; und den Weg zur Erfindung zeigen Professoren, die meistens keine Erfindung haben. – Dann erst kommt die Lehre der Farben und ihre praktische Anwendung, wo manches Ortes mit Grau in Grau der Anfang gemacht wird, welches wiederum nicht die Farbe der Natur ist, und lange fortgesetzt Aug' und Hand verwöhnt. Allein der akademische Jüngling hat sich in die 57 Höhe der Theorie schon so verstiegen, daß er nicht mehr zu der gemeinen Praxis hinunter zu steigen vermag. Die Zubereitung, die Mischung der Farben kömmt ihn schwer an; er hat sich bisher gewöhnt, die Gegenstände nur in farbenloser Gestalt zu schauen, nun soll er erst noch lernen, die Natur auch in ihrem Farbenspiel zu belauschen und nachzuahmen, er soll in ein ganz neues Detail eintreten, wieder Anfangsgründe beginnen, er der schon zeichnet wie ein Professor! Da ist aber das Auge schon zu lange an die bloße Betrachtung der Gestalt gewöhnt, und geht gleichsam durch die Farben unachtsam hindurch; es kann sich nicht mehr genügend herablassen oder erheben, einzig an der bunten Oberfläche der Dinge, an dem Spiel von Licht und Schatten mit forschender Liebe zu hängen, und aus dem Schmutz der Pallette mit mühsamen, oft vergeblichen Versuchen, die reinste, bleibendste, und dem malerisch empfundenen Gegenstand entspechendste Färbung herauszufinden. So wird, wie sich der Fall nur zu oft ereignet, bei dem verspäteten Ergreifen des Farbenpinsels aus dem geschickten, nur zu vielseitig gebildeten Jüngling, mehr nicht als ein Zeichner, ein Maler ohne Farben, der, wenn der Geist der Kunst ob ihm waltet, dennoch Leben in sein Gebilde zu bringen wissen wird; hat er aber blos Verstand und Talent, wie sie der große Haufe rühmt, so wird er 58 zeitlebens Mühe haben, mehr als kalte Reminiscenzen der bis zur Uebersättigung einstudirten Antiken und akademischen Modelle zu liefern. Freilich kann er dann ein Kenner werden, so wie mancher, der den Geist der Poesie in ästhetischen und kritischen Lehrbüchern aufsuchte, zwar denselben verfehlte, und über den Regeln die Erfindung verlor, aber sein Urtheil schärfte, und ein beßrer Kunstrichter wurde, als der Dichter, den er bewunderte. Zugegeben, daß in jener alten Zeit zu viel Empirie an manchem Erforderniß zu künstlerischer Vollendung hinderlich war, so ist hinwiederum auch gewiß, daß überladene Methode und akademischer Schlendrian den lebendigen Geist in Nebel des Halbwissens hüllen, oder in ängstliche Trockenheit fesseln. Mancher ist erst was rechtes geworden, wenn er diesen Schulstaub abgeschüttelt hat. Gelernt müssen freilich alle haben, die sich hervorthun wollen, gelehrte Maler aber von Bedeutung gab es selten oder nie, denn auch die waren es nicht, denen man gewöhnlich diese Benennung beilegt. Es sey erlaubt, ein Erachten des wohlerfahrnen Sandrarts, dem seiner Zeit schon die verkehrte Verfahrungsweise Bedenken erregte, hier anzuführen. Er sagt Deutsche Academie. II. 315. : 59 »Es ist den Kunstmahlern eben so hoch nöthig, daß sie den Pensel und die Farben wohl verstehen, als daß sie gute Zeichner seyen, indem ich oft und viel, sonderlich bei den Italiänern, gesehen, daß ihre jungen Leute, welche früh zu zeichnen angefangen, die Reglen oder Theorie wohl verstanden, mündlich davon zu reden gewußt, und alle Antiken und Gemälde von Raphael meisterhaft nachgezeichnet, nicht weniger auch auf der Academie das Modell so wohl verstanden, daß sie dasselbe vernünftig aufs Papier gebracht, und also sowohl in der Zeichnung als Discursen davon trefflich beschlagen gewesen, welches alles sonder Zweifel wohl dienlich, um desto balder ein perfecter Mahler zu werden. Es sind aber gleichwohl dieselben, ob sie schon bis in die 30, 45, 50 und mehr Jahre darin verharret, dennoch sehr hart an das wohlmahlen kommen, ja meistentheils nimmermehr gute Mahler worden; so daß sie dasjenige was sie mit der Feder, oder mit schwarz und rother Kreide gar leicht und gerecht auf das Papier gezeichnet, durch Pensel und Farbe (so doch viel vortheilhafter ist, und mehrere Perfection mit minderer Mühe an die Hand giebt) natürlich zu mahlen nicht vermocht. – Andre hingegen, sonderlich die Niederländer, werden von Jugend auf durch Farben und Pensel Gebrauch ohne 60 besondere Zeichnung, nur durch eine gute Idee und wohlangenommene Manier geleitet, daß sie im Colorit verwunderlich werden, und das Leben einfältig, natürlich, und fast wie es an sich selbst ist, vorstellen. Wenn sie aber selbst etwas Wichtiges inventiren, componiren, oder ordiniren sollen, so fehlt es ihnen gar weit und bleiben nur gute Copisten, wie die andern nur Zeichner auf Papier; da doch unsre Kunst beide Theile zugleich erfordert und haben soll, wenn sich einer der Perfection rühmen will.« 61   Lehrmeister. »Genie und Natur waren seine einzigen Führer« sagen Holbeins Lobredner; sagen aber damit eine von jenen Halbwahrheiten, die man so gerne nachspricht, weil ihre unbestimmte Allgemeinheit viel tönt und wenig bedeutet. Genie und Natur gehören allerdings zur echten Kunst, so wie zu allem Großen; aber daß sich das Genie entwickeln, daß es die Natur neuschaffend umfassen lerne, dazu gehört nicht nur Anlage und Gelegenheit, sondern auch Leitung, Nachhülfe, Vorbild. Hätte er auch dieses nicht bei seinem Vater als Lehrmeister gefunden, so konnte es ihm doch in Basel nicht ganz an Bekanntschaft mit der Art und Weise andrer Meister fehlen. Mit Italien herrschte zwar damals außer geistlichem und kriegrischem wenig andrer Verkehr, mehr hingegen mit Deutschland und den 62 Niederlanden, wo treffliche Maler in Menge lebten, und wo jetzt (nur die bekanntesten zu erwähnen) Albrecht Dürer und Lucas von Leyden in voller Blüthe standen. Sollten nicht mit ihren Namen auch Werke in das volkreiche, prachtliebende Basel gekommen seyn? – In der Nachbarschaft dieser Stadt, zu Colmar und Schlettstadt, hatte Martin Schön nicht verächtliche Arbeiten hinterlassen, und Hans Baldung malte in Freyburg mit ungemeiner Wahrheit und Lebhaftigkeit der Farben. Im Elsaß, vorzüglich in Strasburg, hatte sich früher schon Johannes Hirtz großen Ruhm erworben, wie dessen Wympheling Fiorillo. Gesch. der zeichn. Künste in Deutschl. II. 281. zeuget. – Fast alle Städte von einiger Bedeutung hatten ihre geschickten Maler, deren Werke noch jetzt geehrt und geschätzt werden, denn Familien-Bildnisse waren damals eben so beliebt, ja noch zahlreicher als heut zu Tage, und Kirchen und Häuser gaben immerfort Arbeit. Die vielen Klöster im benachbarten Schwaben waren voll Malereien. In Zürich lebte Hans Asper; in Bern stand Niklaus Manuel in großem Ansehen. Constanz, Luzern und St. Gallen waren schon im Besitze früherer Kunstbilder. Auch in Basel selbst mußte schon manches Gute vorhanden seyn, denn das Bemalen der Häuser war schon alt, und der 63 Todtentanz auf dem Prediger-Kirchhof, der nicht unter die schlechten Werke gehörte, wurde schon zur Zeit des Conciliums, mehr als ein halbes Jahrhundert vor Holbein, verfertigt. Auch waren damals schon ältere und gleichzeitige Gemälde fremder Meister in Basel vorhanden, wie dergleichen noch jetzt aus dem Nachlaß des Bonifacius Amerbach auf der öffentlichen Bibliothek aufbewahrt werden. Zudem waren die Holbeine nicht die einzigen in Basel verbürgerten oder angesessenen Maler; des Meisters Jakob Clauser und mehrerer Stücke seiner Arbeit gedenkt das Inventarium Amerbachs, der keine schlechte Waare sammelte. Theodor Zwinger erzählt von einem Johannes Herbst aus Strasburg, geboren 1468, der sich in Basel verheirathet hatte, und unter die bessern Maler seiner Zeit gezählt wurde Theatr. vitae hum. fol. Bas. 1586. p. 3701. Er war der Vater des berühmten Buchdrucker Johann Herbst ( oporinus ). Zur Zeit der Reformation stand er gänzlich und auf immer von Ausübung seiner Kunst ab, weil er wähnte, daß durch dieselbe der Bilderdienst befördert werde. Von seinen Kunsterzeugnissen ist nichts mehr bekannt; wahrscheinlich haben sie in der Länge der Zeit andre Namen bekommen. . Auch Urs Graf, noch etwas früher als Holbein, zeichnete sich in Basel durch sein Kunsttalent aus. Und wer zählt die Verschollenen, deren Namen kein 64 Künstler-Lexikon mehr gedenkt Ein Beyspiel aus vielen sey Hans Galatin, aus der ersten Hälfte des XVI Jahrhunderts, von dem man hin und wieder in der Schweiz getuschte Zeichnungen antrifft, die wenn sein Monogramm nicht dabei stände, für die besten Holbeinischen Arbeiten in Hinsicht auf kräftige und meisterhafte Gewandtheit könnten und würden angesehen werden. Man hat auch einige Holzschnitte, in Werken die zu Bern herausgekommen, mit seinem Monogramm , das Brülliot und Heller für unbekannt erklären. , weil sie, wenn auch aller Ehren werth, keinen gleichzeitigen Lobredner fanden, und so ihre Erzeugnisse unter bekanntere Namen aufgenommen wurden. Sind nicht durch neuere Forschungen nach alter deutscher Kunst wieder mehrere gleichsam von den Todten auferstanden? So wurden die Gemälde des Martin Schaffners von Ulm (um nur in der Nähe mit den Beyspielen zu bleiben) noch in den neuesten Zeiten als die beßten Arbeiten Martin Schöns gepriesen Chr. v. Mannlich. Beschr. der Gem. Samml. zu München. etc. I. 381 etc. , bis sie unlängst wieder ihrem eigentlichen Urheber vindizirt wurden Kunstblatt. No. 63. 1822. . Damals kam es meist darauf an, ob etwa ein Schriftsteller bey irgend einem Anlaß eines geschickten Meisters erwähnte, und dann blieb dessen Name bis auf unsre Tage, indessen verdientere untergingen, deren keine gedruckte 65 Schrift gedachte. Hätte jenes malende Deutschland einen Vasari, oder auch nur einen Carl van Mander gefunden, wie mancher preiswürdige Name wäre jetzt der Vergessenheit entrissen; wir würden uns dieses kunstreichen Lebens freuen, dem noch keine schöngeistige Anmaßung keine abstracte Kunstrichterei im Wege stand. Wenn man auch, ohne Rücksicht auf ältere, nur diejenigen Meister aus dem Anfange des XVI Jahrhunderts am Ober- und Nieder-Rhein zählt, deren Sandrart erwähnt, und wenn man ihren zahlreichen Werken Gerechtigkeit wiederfahren läßt, wie in neuerer Zeit wirklich geschieht, so kann man begreifen, daß es dem ausgezeichneten Talente des jungen Künstlers, dem wandernden Maler, nicht an Winken, Fingerzeigen, Vorbildern und practischen Mustern gefehlt habe, die zu seiner Ausbildung beitragen mußten. Die Augen des Genies sehen ohne Anstrengung, oft ohne Vorbedacht, und schauen das vorzügliche gleichsam in sich selbst hinein, um dasselbe in eigenthümlicher Erscheinung vollendeter wieder zu geben. Und was schaute der fähige Jüngling, was war es für eine Kunst, die ihn umgab? Es war die alte deutsche Schule, an der sein Vater noch ganz hing, und die noch mit dem edeln Albrecht Dürer, dem letzten Deutschen dieser Art, wie die Sonne nach einem langen 66 Sommertage, im goldnen Abschiedslichte strahlte. – Daran mußte er sich halten, das war die Leiter, an welcher er empor stieg, von wo er sich umsehen mußte, um seinem Auge die Richtung zu geben; denn für die Kunst will das Auge malerisch gebildet seyn wie die Hand, und jeder Lehrling bedarf eines leitenden Vorbildes, dessen Art und Weise ihm das Medium ist, die Natur anzuschauen. Nur muß er dieser Weise nicht zeitlebens als ausschließlicher Norm folgen, wenn er den Weg des Fortschreitens vollenden will. Leichter mochte es übrigens seyn, zu dieser alten Kunst zu gelangen, als jetzt zu der Neuern, weil sie einförmiger war, und ihr weniger Wissenschaft genügte. Die Künstler bildeten mehr nach einerlei Typus, suchten rechtliche Einfalt bei den Männern und zarte Frömmigkeit bei den Weibern, mehr als leidenschaftlichen Ausdruck, legten die größte Vollendung in die Köpfe, die häufig Porträte waren, und behandelten die übrigen Formen weit nachlässiger; sie waren an kein Costüm gebunden, das jetzt unerläßlich ist, sondern wählten die Kleidertracht ihrer Zeit, oder eine phantastische; sie hatten weniger strenge Regeln über Licht und Schatten, kein Studium der Anatomie; kurz sie arbeiteten mit beschränkterer Umsicht, und waren daher nicht nur sich unter einander ähnlicher, sondern auch 67 schneller am Ziel. Sie gaben sich dann aber auch alle Mühe mit zierlicher, reinlicher, farbenkundiger Vollendung, und Geist läßt sich allenthalben anbringen, wenn man ihn hat. In dieser Schule war Holbeins Vater alt geworden, und ihr nach besten Kräften treu geblieben, wie dieß noch so manche in München und Schleißheim Chr. v. Mannlich Beschr. der Gemälde in München \&c. , auch zu Frankfurt Göthe, über Kunst und Alterth. I. 60. am Main, und anderswo aufbewahrte Gemälde von ihm zeigen. Sie haben durchaus den Charakter der Zeit, viel unidealische Wahrheit in den Köpfen, wenig Leben und Bewegung, oft dürre Formen, und sind zart und fleißig ausgemalt. Mehrere sind jedoch so verschieden in Farbe und Zeichnung, daß man sie unmöglich dem gleichen Meister zuschreiben kann, sondern glauben muß, Besitzer und Sammlungsvorsteher haben nach beliebigen Namen geordnet, wie es zu geschehen pflegt. – Dem sey aber wie ihm wolle, von Holbein dem ältern sind rühmliche Gemälde vorhanden, und es ist allerdings anzunehmen, daß der Vater der erste und sorgsamste Lehrmeister des Sohnes gewesen sey, und ihn zu seiner Schule 68 erzogen habe, von der man noch Spuren genug in dessen frühern Werken antrifft; wiewohl er, wie man später sehen wird, auf dem hergebrachten Lehrwege nicht stehen blieb, sondern eine eigne Bahn einschlug, wo er sich mit mehr Freiheit bewegen konnte. 69   Holbein in Basel. Gemälde am Rathhause. Je tiefer man über Leben und Wirken eines bedeutenden Menschen nachforscht, desto mehr Widersprechendem und Unerklärlichem begegnet man, so daß es zuweilen consequenter scheint, zu glauben, der Mensch habe gar nicht gelebt, als so wie die Nachrichten lauten. Kein Evangelist konnte es dem Zweifel recht machen; kein Biograph wird es je können, um so viel weniger, je mehr er bloß der Wahrheit Zeugniß geben, und nicht durch Dichtung ergänzen will, was jedes menschliche Leben unergründliches und jede Geschichte unglaubliches hat. Hierzu kommt noch bei Holbein das Mangelhafte in den Nachrichten; denn wiewohl Manche über ihn geschrieben, so haben doch alle Deutsche und Engländer, von denen man noch das Gründlichste hätte erwarten sollen, ihre Kunde von seinem 70 Leben aus Mander, Patin, Sandrart und Iselin genommen, das Einfache in diesen Erzählungen willkührlich ausgeschmückt, und das Zweifelhafte als Gewißheit hingeschrieben. Zudem sind jene vier Gewährsmänner, wie man zum Theil schon gesehen hat, über Manches selbst nicht gleicher Meinung. Wenn man der Sage Glauben beimißt, daß der Vater Holbein bei dem Bau des Rathhauses, dessen Erneuerung von Grund aus 1508 begonnen, und kaum 1521 vollendet war P. Ochs, Gesch. der Stadt Basel. V. 396. , als erster Malermeister sey angestellt worden, so muß dieser Bau, der außen und innen mit Mauergemälden verziert wurde, Beschäftigung auf Jahre lang gegeben haben, wobei der Sohn als Knabe und Jüngling Gelegenheit genug hatte, sich in allem, was zu seiner Kunst erforderlich war, zu üben. Leider aber ist von dieser Arbeit des Vaters und des Sohnes wenig mehr auf uns gekommen, weil alles durch Feuchtigkeit der Mauer zu Grunde gegangen, oder im folgenden Jahrhundert übermalt worden ist. Jedoch ergiebt es sich aus alten Berichten und neuern Nachspürungen, daß wirklich beträchtliche Malereien von dem jungen Holbein müssen vorhanden gewesen seyn. Wursteisen schreibt, daß der 71 Versammlungsort des großen Rathes noch zu seiner Zeit mit Gemälden von diesem großen Künstler geschmückt war Epitome historiae Basiliensis. aut. Chr. Urstisio. 8. Basil. 1577. In supremo coenaculo, ubi Holbeinii celeberrimi Germaniae Apellis (cujus exactum artificium Belgis atque Anglis etiam admirabile fuit) selectissimarum rerum picturae visuntur, maximum totius urbis consilium, viris supra 250 constans, considet. . Dieser Bilder gedenkt auch noch Charles Patin hundert Jahre später, indem er bei dem Verzeichniß der Werke Holbeins anführt, daß oben im Rathhause drei Wände mit Geschichten von ihm bemalt seyen. In den neuern Zeiten von Peter Ochs 1796 Geschichte von Basel. V. 400. war nichts mehr davon zu sehen, und ihr Platz mit einem grünen Tuch überhangen. Erst im Jahr 1817 wurde bei Anlaß einiger Abänderungen im großen Rathsaale die Entdeckung eines großen, hinter alten Tapeten versteckten Mauergemäldes von Holbein, mit der Jahreszahl 1521, gemacht, das zwei Abtheilungen hatte. »Aus der Einen sieht man die Geschichte des M. Curius Dentatus der bei einem Feuer sein Essen kocht, indessen ihm die Samnitischen Gesandten Schüsseln mit Geld darbieten. Diese ganze Vorstellung hatte aber so sehr gelitten, daß sich nur mit Mühe ein Umriß davon nehmen ließ; hie und da fanden 72 sich noch einige besser erhaltene Fragmente, die unverkennbar Holbeins Pinsel und Meisterhand verrathen. Der andre kleinere Theil ist etwas besser erhalten, und zeiget den Zaleucus und seinen Sohn, denen die Augen ausgestochen werden. Mehrere charakteristische, sehr bestimmt gezeichnete, sprechende Köpfe zeichnen sich noch aus. Auf den andern Wänden dieses Saals befanden sich ebenfalls Gemälde, von denen man aber nur noch wenige Spuren bemerkt.« Aus dem Bericht eines sachkundigen Freundes. – Als Belege dieser Originalstücke zeigen sich auf der öffentlichen Bibliothek noch die in Tusch ausgeführten Zeichnungen zu denselben, woraus man wenigstens auf die kecke Zeichnung und den Reichthum der Composition des alten Kunstwerkes schließen kann Die Birmannische Kunsthandlung in Basel hat, zusammengenommen aus diesen Zeichnungen und den Ueberbleibseln der Gemälde sehr genaue Copien in Wasserfarben ausführen lassen, und denselben noch eine dritte, ebenfalls nach einer solchen Handzeichnung beigefügt, die überschrieben ist: Charonda Tirius (Charondas Thurius) , der sich, seinen eignen Gesetzen ein Genügen leistend, mit dem Schwerte durchbohrt. – Solche drei ernste Züge aus der Geschichte, wie das Beyspiel von M. Curius, Zaleucus und Charondas , der ersten Behörde von Stadt und Land in ihrem Versammlungssaal beständig vor Augen gestellt, zeigen, daß es der Obrigkeit um strenge Handhabung des Rechts aufrichtig zu thun war, und sie können auch nicht wohl ohne einige gute Wirkung geblieben seyn. Würde man dieß in unsrer Zeit auch wieder versuchen, so fänden, wenn auch Gesetzgeber und Richter keiner solchen Erinnerungen bedürften, wenigstens die Maler bedeutende Beschäftigung, und wären weniger im Fall, sich blos mit kleinen Gegenständen abzugeben. . 73 Das Schicksal war aber diesen Arbeiten nicht günstig, habe nun die Schuld an der Malerei selbst, oder an der feuchten Mauer gelegen, denn schon 1579 fand es sich, »daß das große Stuck der holbeinischen Gemählden, so im obern Saal gemahlet sind, vom Wetter wüst geschändet, und zu besorgen, mit der Zeit gänzlich abfallen werde, wesnahen Hans Bockh der Mahler bestellt wurde, er sollte dasselb auf Tuch mit öhlfarben auf das allerfleissigste conterfehen und nachmahlen« Abschrift aus dem Archiv zu Basel. Nebst Supplication Hans Bockhen des Malers, 23 Novemb. 1579. . – Er malte daran 26 Wochen von Morgen bis in die Nacht, und führt an: »daß unter allen Holbeinischen Saalstucken dieses nicht allein das größte, sondern auch das mühsamste sey, als welches neben Landschaften bei hundert Angesichter ganzer oder doch zum Theil deutlich angezeigter und ausgemahlter Mannspersonen inhalte, die er alle, neben vielen Rossen, Wehren und anderm, stück für stück abconterfeten müssen, und zwar mit Oehlfarben, welche weise 74 zu mahlen zweymahl mehr Arbeit nimmt, denn andre Gemähld auf naß Tünch oder mit Leimfarben, u. s. w. – Er glaubt daher mit Billigkeit und unterthänigem Vertrauen hundert Gulden mit dieser Arbeit wohl verdient zu haben.« Diese Nachbildung von Bock wurde nun über das verdorbene Original im Rathsaale aufgezogen, muß sich aber auch nicht lange gehalten haben, indem nicht nur keine Spur mehr davon anzutreffen ist, sondern der verderbliche Platz seitdem zu wiederholten Malen mit Tuch hat müssen überzogen werden. – Wer bedauert nicht den Verlust von so vieler Kunst und großer Arbeit! Welch ein Schatz für Basel, wenn auch nur diese Copien hätten erhalten werden können! Auch die vielen, sowohl auswendig als inwendig in dem Hofe und den Gängen des Rathhauses auf den Mauern angebrachten Malereien sind nicht mehr, was sie ursprünglich gewesen, indem sie mehrmals umgearbeitet worden. Zufolge einer Inschrift oben an der Rathstreppe geschah die Verfertigung und Erneuerung derselben in den Jahren 1510, 1610, 1710 und 1760; ihre Anzeige gehört also nicht hieher. Einzig des sogenannten jüngsten Gerichts, das oben an der Treppe zu sehen ist, muß hier Meldung geschehen, weil Reisebeschreibungen desselben als 75 einer Arbeit aus Holbeins Zeiten gedenken, und weil viel Aufhebens davon, als von einer Pictura Lutheranissima ante Lutherum gemacht worden, da ein Pabst darauf vorkommt, der nebst andern Geistlichen und Klosterleuten in die Flammen der Hölle versinkt Staatskluge Conjecturen darüber macht auch Ochs in seiner Geschichte von Basel. V. 275. . – Ungeachtet jener Inschrift aber, (die von späterm Datum 1710 ist, wo die Gemälde zum zweiten Mal aufgefrischt wurden) kann dieses Bild nicht schon 1510 verfertigt worden seyn, denn erst 1508 wurde der alte Bau des Hauses niedergerissen Urstisii Epitome etc. p. 346. nach Ochs \&c. , und der neue, laut allen Nachrichten, lange nicht so geschwind hergestellt, daß man schon das zweite Jahr darauf die innern Gänge hätte bemalen können. Ueberdieß ergibt sich aus vielen in den Stadtarchiven noch aufbewahrten Rechnungen, Suppliken und Schriften, daß in den Jahren 1609 und 1610 Hans Bock und seine Söhne (das Rathsbuch nennt ihn den kunstreichen Maler) mehrere Historien am Rathhause malten, worunter auch das jüngste Gericht namentlich angeführt ist. Nirgends aber findet sich in allen diesen Schriften, daß Bock diese Gemälde blos erneuert oder wieder übermalt habe. Wenn also in diesem jüngsten Gerichte der Pabst unter den Verdammten 76 erscheint, so wäre das an einem Erzeugnisse von 1610 nichts wunderbares aus katholischen, sondern etwas gewöhnliches aus protestantischen Zeiten Aber auch aus katholischen Zeiten wäre diese Vorstellung zu rechtfertigen. Was will sie anders sagen, als daß kein Sünder verschont bleibe am Tage des Gerichts, wenn er auch Pabst oder Cardinal gewesen wäre. Dergleichen derbe Belehrungen waren in jener Zeit eben nicht selten, man findet sie noch hie und da. Fiorillo (Gesch. der zeichn. Künste in Deutschland. I. 305. II. 198 \&c.) führt dergleichen mehrere an, wo alle Menschenklassen, geistliche und weltliche, in der Feuersglut zu sehen sind; nur kein jung Kind, wie schon Luther bemerkt hat. Die alten Steinmetzen erlaubten sich wohl noch stärkere Sachen an Thürmen und Kirchen. – Jetzt ist man auch in Basel höflicher geworden, indem bei der neusten Restauration des Gemäldes der Pabst zwar noch im Feuer stehen geblieben, jedoch ohne Krone. (Schweiz. Monatschronik. 1825. No. 12.) . »Hundert Jahre später, 1710, wurde ein Accord geschlossen mit Benedict und Hans Georg Becker, Gebrüder, wie auch Andreas Holzmüller und Jacob Steinbüchel, alle vier Bürger und Mahler zu Basel, wegen Erneuerung der Gemählde vor, in und unter dem Rathhaus – und sollen die Arbeit dem alten Riß nach ordentlich und fleissig verfertigen Nach archivalischen Schriften. .« – Hier ist also von Auffrischung der Gemälde die Rede; oben nicht. Zwölf gemalte Fensterscheiben des vordern Rathsaales, mit den Wappen und Schildhaltern der zwölf 77 Cantone, sollen hier auch berührt werden, da sie wegen schöner Zeichnung und Farbenpracht von vielen dem Hans Holbein zugeschrieben werden. Sie würden ihm auch allerdings keine Schande machen; allein sie können nicht von ihm herrühren, da sie älter sind, wie dieß die Jahrzahl 1501, die der Schild von Solothurn hat Ochs Geschichte \&c. III. 218. , desgleichen der Umstand darthut, daß Appenzell, welches erst 1513 in den eydgenossischen Bund trat, noch nicht dabei ist; mithin auch hierdurch ihr früherer Ursprung erhellet. 78   Holbein in Basel. Passion. Zu den Holbeinischen Gemälden des Rathhauses dürfte auch die berühmte Passion gezählt werden, die, sollte sie gleich anfänglich nicht für jenes Gebäude gemalt worden seyn, doch von jeher, das heißt, so lange man etwas bestimmtes davon weiß, beständig daselbst aufbewahrt, und erst 1776 auf die öffentliche Bibliothek zu den andern Werken des Meisters verlegt wurde. Ueber den Ort, für den das Gemälde ursprünglich gemacht worden, ist man in Basel selbst nicht einig. Ochs Geschichte \&c. V. 399. nimmt zuversichtlich die Capelle des Raths, jetzt die hintere Canzley genannt, dafür an. Spätere Umersuchungen Mittheilung aus der Registratur. aber sollen zeigen, 79 daß dieser finstere Ort nie eine Capelle gewesen, und erst in den Jahren 1534 bis 1537 erbaut, und zur Verwahrung älterer Standesschriften gebraucht worden sey. Es ist auch für kein Gemälde hinlängliches Licht da. Nach einer andern Meinung Statutarium Basiliense etc. 3 Tom. Fol. Manuscript von J. J. Huber, Pfarrer zu Sissach; einem gründlichen Sammler von Basler Sachen. soll diese Passion ehedessen als ein Altarblatt in der Münsterkirche aufgestellt gewesen, und bei dem Bildersturm 1529 vom Untergang gerettet worden seyn. Für die Kunst kann diese Streitfrage von keinem Belang seyn, inzwischen mag man doch gern von berühmten Gegenständen alles wissen, was auf die Spur ihres Ursprungs leitet; und hier um so viel mehr, da in neuern Zeiten, wo die alte deutsche Kunst ein Gegenstand umständlicher Untersuchung geworden ist, sich schon Stimmen vernehmen lassen Mündlich nur, aber aus bedeutenden Quellen. , die gegen das Recht der Vaterschaft Holbeins zu diesem Bilde Zweifel erregen, indem sie dasselbe älter, wohl gar nur zu einer Copie machen wollen. Die Geschichte ist auf acht zusammen verbundenen Tafeln, von etwas mehr als Fußlänge vorgetragen. 1. Oehlberg. 2. Gefangennehmung. 3. Hoher Priester. 80 4. Geiselung. 5. Verspottung. 6. Ausführung. 7. Kreuzigung. 8. Grablegung. Alles in reicher Zusammensetzung, mannigfaltigem Leben, und äußerst fleißiger Vollendung, mit einer besondern Geschicklichkeit, die Farben in höchster Lebhaftigkeit und dennoch in milder Harmonie zu erhalten. Nicht blos technisch ist das Verdienst dieser Tafeln, auch ein geistiger Ausdruck zeigt, daß der Maler empfunden, was er gemacht. Gleich in dem ersten Felde ist die Angst und das heiße Flehen des Menschensohnes sehr gut dargestellt; seine ganze Stellung ist Gebet, und auf seinem Gesichte zeigt sich das Leiden eines von der Welt verlassenen, und mit unerhörter Sehnsucht nach himmlischem Troste ringenden. – So ließen sich auch aus den übrigen Vorstellungen manche geistreiche Motive herausheben; aber langweilig sind auch die schönsten Worte, womit man ein Gemälde anschaulich machen will, weil sie doch nie ein Anschauen geben, und am widrigsten (kaum an begeisterten Schriftstellerinnen erträglich) ist ein sentimentaler Erguß darüber. – Sandrart, der wenigstens verstand was er sagte, und darum auch verständlich ist, wenn er sich gleich nach schlechter Schreibart seiner Zeit ausdrückt, sahe dieß Stück etwa hundert Jahre nach Holbein, und erklärt es für das vollkommenste Werk seiner Hand. Er beschrieb es dem Churfürsten Maximilian von Baiern so 81 vortheilhaft, daß dieser im Jahr 1641 einen Abgeordneten nach Basel sandte, um dasselbe für jeden Preis zu erhandeln. Der Abschied des Raths lautet: »Es solle dieser Abgeordnete mit aller Freundlichkeit abgewiesen, beneben ihm der Wein verehrt, und durch etliche Herren Gesellschaft geleistet worden Nach einem Auszuge des Protokolls vom 4 October 1641. .« Patin sagt im Leben Holbeins, der Churfürst habe einige tausend Thaler dafür geboten, und anderswo redet er von zwanzig tausend Relations historiques etc. C'est a mon sens un des plus beaux tableaux du monde, et je ne m'etonne pas que le deffunt Electeur de Baviere en ait offert a la ville pour vingt mille êcus de sel. . Iselins Lexikon meldet, ein Churfürst von Baiern habe ehemals für dreißig tausend Gulden Salz dafür geben wollen. G. Bürnet Lettres and travels. schlägt das Gemälde auf zehntausend Thaler an. – Der Verfasser von l'êtat et les delices de la Suisse fügt noch hinzu, daß verschiedene Fürsten sich angelegen seyn lassen ( Souhaité ardemment ) zum Besitze desselben zu gelangen. Diese hohe Werthschätzung flößte dem Rath zu Basel 82 eine solche Sorgfalt für dieß Kunstwerk ein, daß man dem Mitbürger Matthäus Merian nicht gestatten wollte, dasselbe durch seinen geschickten Sohn copieren zu lassen, um, wie seine Petition lautet: »selbiges in Kupfer zu bringen, dem Magistrat zu dediciren, und damit durch ganz Europa bekannt zu machen Rathserkenntniß von 1642. .« – Eine ähnliche Verweigerung erhielt im Jahr 1718 der Prätor Klinglin von Strasburg, wobei zugleich das alte Verbot erneuert wurde: »dergleichen Copien zu bewilligen, zur Vermeidung meiner gnädigen Herren höchster Ungnade Ochs Geschichte \&c. VII. 460. – Die Birmannische Kunsthandlung in Basel läßt jetzt eine Copie für den Steindruck nehmen. .« Obgleich von der Entstehung des Gemäldes keine weitere Nachweisung gegeben werden kann, so sieht man doch, daß über die Holbeinische Originalität desselben bis auf gegenwärtige Zeit nie Zweifel gewaltet habe. Es wollen auch Leute, die Kenner und Maler sind, in dem Charakter des Pinsels eine unbestreitbare Gleichförmigkeit mit andern Arbeiten Holbeins, besonders mit der Lais Corinthiaca finden. Zudem deutet es wenigstens auf einen Basler Künstler hin, daß in einer der Vorstellungen ein Theil 83 des uralten St. Pauls- (Spalen-) Thors abgebildet seyn soll. Außer diesem Oehlgemälde siehet man auf der Bibliothek noch eine andre Vorstellung der Leidensgeschichte, auf zehn bogengroße Blätter mit der Feder meisterhaft gerissen, und mit chinesischer Tinte breit und kräftig ausgeführt. Diese wird dem Holbein wohl niemand absprechen. Darin aber zeiget sich, wenn schon meist andre Gegenstände der Geschichte gewählt, oder die nämlichen verschieden behandelt sind, doch so viel ähnliches im Ausdruck der Köpfe, und in der Stellung und Handlung der Figuren, wie auch in der Tracht, daß man diese Uebereinstimmung als einen Beweis der Holbeinischen Echtheit jenes Gemäldes anzusehen, sich wenigstens so lange berechtiget halten darf, bis hinlängliche Belege dargebracht sind, die Ehre dieses Schaffens einem andern Meister mit Sicherheit anzueignen, welches jedoch schwer halten möchte. Christian von Mechel hat diese Reihe von getuschten Blättern zu seinem Holbeinischen Werke stechen lassen; es ist aber eine schlechte Uebersetzung. Zwar nicht zu dieser Folge gehörend, aber noch übereinstimmender mit dem künstlerischen Gehalt der gemalten Passion ist eine große Zeichnung in Tusch auf blau Papier mit weiß schraffirten Lichtern, die Ausführung 84 Christi vorstellend; eine zierliche Composition, und auf das fleißigste vollendet. Man kennt noch eine Martergeschichte des Erlösers, die Holbein auf mehrere kleine Blätter als eine Satyre gegen das Mönchsthum zeichnete; davon wird später die Rede seyn. 85   Holbein in Basel. Jugend-Gemälde. Die ersten jugendlichen Arbeiten Holbeins, die bekannt geworden, möchten allerdings die zwei Köpfe seines Vaters und Oheims seyn, die Sandrart, mit der Jahrzahl 1512, besessen, und in seine Akademie hat stechen lassen, wenn sie nicht dem Aussehen und der Bezeichnung nach Mißtrauen erregten. Von den frühzeitigen Werken aber, welche Patin in das Jahr 14 und 16 jenes Jahrhunderts setzt, und um welcher willen er des Künstlers Geburt um drei Jahre vorrückt, sind noch mehrere in Basel vorhanden. Die Feschische Kunstkammer Jetzt mit der öffentlichen Bibliothek vereinigt. enthält von 1513, also aus dem 86 fünfzehnten Jahre Holbeins, jenes in Oehl gemalte Bildniß und die Handzeichnung, von denen schon oben Erwähnung geschehen. Ebendaselbst sind zwei zierlich gemalte Köpfe, die Holbeins Zeichen und die Jahrzahl 1516 haben, Bürgermeister Jakob Meier und seine Frau Anna Schekenpürlin, welche beide Mechel hat stechen lassen Oeuvre de Jean Holbein, par Chrêtien de Mechel. 3me partie. 1790. . Dabei finden sich zwei gleichzeitige und gleichgroße Copien, die aber so gut sind, besonders die Frau, daß sie den Originalen gleich kommen. Es gehören auch dazu die Zeichnungen mit farbigem Stift dieser zwei Köpfe, die unter die schönsten Holbeinischen Handrisse gezählt werden; aus welchen sich auch ergibt, daß es schon von früher Jugend an Holbeins Uebung gewesen ist, sich von den Bildnissen, die er zu malen hatte, ausgeführte Entwürfe in trocknen Farben zu machen, wie dergleichen nachher in Kensington so viele aufgefunden worden, und auch hin und wieder in Cabinetten anzutreffen sind. Dieser Jakob Meier, seiner Zeit ein viel wirkender, und dem Ausdrucke seines Gesichts nach, ein derbkluger Mann, stand eine Zeitlang in großem Ansehen in Basel, 87 und wurde öfters von Holbein gemalt Er hieß Jakob Meier zum Haasen, um ihn von zwei andern Bürgermeistern, Jakob Meier zum Hirschen und Adelbert Meier, die in der Reformation thätig waren, zu unterscheiden. (Ochs. V. 395.) Er wurde später wegen bürgerlicher Zwistigkeiten vom Regiment entfernt. ( Ibid. 365. ) . Der Kunsthändler von Mechel besaß einen halblebens großen Kopf in Oehl, den er für einen Thomas Morus hielt, und als solchen stechen ließ In oben angeführtem Werk. Er verkaufte solchen nach England, daher heißt es unter dem Kupferstiche: ad picturam Londini prostantem. – Auch Lavater nahm ihn als einen Th. Morus in die französische Physiognomik auf. . Dieser ist kein andrer, als eben derselbe Jakob Meier, wovon man augenscheinlich überführt wird, wenn man diesen vermeinten Thomas Morus, der von vornen gemalt ist, mit dem Profilkopfe des Jakob Meiers vergleicht. Augen, Falten, und die dicke Nase, der Mund, der fette Hals, das Haar, alles zeiget ein und dasselbe Gesicht. Auch das berühmte Dresdner Gemälde, das lange für eine Abbildung der Familie Morus gehalten wurde, stellt diesen Bürgermeister Meier mit Frau und Kindern, zu den Füßen der heiligen Jungfrau knieend, vor. Da dieses Bild für eine der ersten Zierden der Gallerie in Dresden angesehen wird, so mag wohl eine kurze 88 Geschichte desselben Aus gedruckten und handschriftlichen Nachrichten zusammengetragen, hauptsächlich aus Humanae industriae monumenta etc. opera Rem. Feschii. Fol. Msc. auf der Basler Bibliothek. hier nicht außer Platz seyn: Ein Abkömmling dieses Jakob Meiers verkaufte, von Noth getrieben, das Familiengemälde an den königlich Schwedischen Agenten Michael Le Blond von Amsterdam um tausend Thaler. Dieser überließ es mit dreifachem Gewinn an den Kaufmann Loesert, durch den es an die Königin Maria von Medici kam, die sich damals in den Niederlanden aufhielt. Nach ihrem Tode kaufte dasselbe ein vornehmer Holländer, und übertrug es nachher vermächtnißweise aus Freundschaft dem Hause Delfino in Venedig, wo es lange feil stand, anfangs um 1500, später um 400 Sterling Anecdotes of painting etc. by Hor. Walpole. art. Holbein. - For the colouring , sagt Walpole, der es daselbst 1741 sah, it is beautifull beyond description, and the carnations have that enamelled bloom so peculiar to Holbein, who touched his works till not a touch remained discernible. . Zuletzt wurde es durch den Grafen Algarotti für die königliche Sammlung in Dresden erkauft Fiorillo. zeichn. K. in Deutschland. II. 390. . – Ochs Geschichte von Basel. V. 395. widerspricht der Meinung, daß dieses Stück erst 1532 während Holbeins (vermeinten) Aufenthalt in Basel sey 89 gemalt worden, weil es eine solche gottesdienstliche Handlung vorstelle, die damals in dem reformirten Basel nicht mehr statt haben konnte; er schreibt es dem zufolge frühern Jahren zu. – Man hat davon einen Kupferstich von Chr. Fr. Boetius in Dresden. Noch sind auf der öffentlichen Bibliothek mehrere Pastellzeichnungen, diesen Bürgermeister und die Seinigen vorstellend, Meisterstücke von Natürlichkeit und Wahrheit. Man hält sie für Studien zu dem Gemälde, wiewohl einzig der Kopf des Vaters in demselben der Zeichnung gleichförmig angebracht ist; die andern Figuren sind in Kleidung und Stellung ganz verschieden. Der Aushängeschild eines Schulmeisters, den Holbein in seinem achtzehnten Jahre malte, zeiget, daß sich der junge Künstler jede Arbeit gefallen lassen mußte, die ihm aufgetragen wurde. Dieser Schild vom Jahr 1516 ist noch auf der Bibliothek aufbewahrt, und Holbein dachte wohl nicht daran, als er ihn machte, daß er nach dreihundert Jahren noch unter die Schätze Basels werde gezählt werden Die Einladung, welche oberhalb dieser Schule angebracht ist, verdient auch aufbewahrt zu werden, da sie zu trostreichen Vergleichungen mit unsrer Zeit Anlaß giebt, wo man das Unterrichtswesen besser zu benutzen versteht. Sie lautet: »Wer jemand hie der gern wolt lernen dütsch schreiben und lesen uß dem allerkurzisten Grundt den jemand erdencken kan, dodurch ein jeder der vor nit ein Buchstaben kan, der mag kurzlich und bald begreiffen, dodurch er mag von im selbs lernen sein Schuld uffschriben und lesen, und wer es nit gelernen kan, so ungeschikt were den wil ich um nüt und vergeben gelehrt haben, und gantz nüt von ihm zu Lohn nehmen, er syg wer er woll, Burger oder Handwercksgesellen, Frouwen und Junckfrouwen, wer sein bedarff der kumm harin, der wird truwlich gelehrt um ein zimlichen Lohn. Aber die jungen Knaben und Maitlin noch den Fronvasten, wie Gewonheit ist. Anno M.CCCCC.XVI.« – Die Vorstellung hat etwas so einfach-treuherziges, wie die Einladung. ; auch wenn er ihn, wie einige meinen, für 90 Oswald Müller, seinen Freund, gemalt hätte. Er war auf beiden Seiten bemalt, das Holz ist aber späterhin von einander gesägt worden, und macht jetzt zwei Stücke aus, Schulen vorstellend, wo Größere und Kleinere elementarischen Unterricht empfangen. Die Malerei ist noch etwas unsicher, doch schon ganz von Holbeinischer Art. Eine Geiselung Christi, beinahe lebensgroß auf Tuch gemalt, die gleichfalls auf der Bibliothek gezeigt wird, gehört, zufolge Amerbachs Inventarium sowohl als dem Augenschein nach, zu seinen allerfrühesten Arbeiten. Hat noch etwas Rohes in Behandlung der Farben, und Gemeines im Ausdruck. Die Hauptperson heulet wie ein Gezüchtigter aus dem Pöbel. Von ähnlicher Beschaffenheit sind die in Oehl auf 91 Papier gemalten Köpfe von Adam und Eva; allzu unidealisch. – Bezeichnet H. H. 1517. Hingegen sind da, ebenfalls aus Amerbachs Nachlaß, und nach seiner Beschreibung von den allerersten Arbeiten des jungen Malers, ein Jünglings- und Jungfrauenkopf mit Heiligenscheinen, auf Holz gemalt, ausnehmend schön. Die jungfräuliche Heilige soll der Maria des Dresdner Gemäldes gleich seyn? Mehrere kleine Kunstwerke aus dieser frühen Zeit, die sich hier und in der Feschischen Sammlung befinden, anzuführen, wäre zu weitläuftig. Eines aber von größerm Umfang, vier Fuß, fünf Zoll hoch, und vier Fuß, neun Zoll breit, eine Nachtmahlscene auf Tuch gemalt, das Amerbach auch zu den ersten Erzeugnissen des Jünglings zählt Opus pretiosum, etsi ab Holbeino admodum juvene elaboratum , sagt auch Patin, in Vita Holb. , darf nicht unberührt bleiben, weil nicht nur große Anlagen hervorleuchten, sondern diese Anlagen schon wirklich in tüchtige Kunst übergegangen sind, und Holbeins freier Geist sich da schon von dem Zwange der deutschen Schule entfernt. Nicht daß alle Spuren jugendlicher Schwäche aus diesem frühen Versuche, Großes darzustellen, weggeblieben seyen; gegen das später gemalte Nachtmahl, 92 das auch auf der Bibliothek zu sehen, verglichen, mag noch manches, was blos von geübter Hand und dem practischen Geschmack abhängt, schülerhaft und ängstlich erscheinen; die Gewänder sind härter und eckigter gezeichnet, die Farben greller, die Anordnung unmalerischer, und alles mehr überladen und mühsam. Gleichwohl möchte es an geistigem Gehalt und Poesie der Darstellung den Vorzug verdienen, da ungleich mehr Feuer und wirkliche Handlung darin herrscht. Es stellt den Moment vor, wo Christus spricht: der dem ich diesen eingetunkten Bissen reiche, wird mich verrathen. – Der Herr hält wirklich mit dem Ausdruck dieser Worte die Schüssel hin, und Judas naht sich stehend voll scheinbarer Frechheit, aber mit innerm Schrecken, welcher ihn zwingt, sich unwillkührlich mit der einen Hand an dem vorstehenden Stuhle zu halten. Seine ganze Figur und Stellung drückt den schrecklichen Gemüthsmoment, wo man das Bewußtseyn der Schuld unterdrücken und die Angst des Gewissens bergen will, so vortrefflich aus, als wenn Holbein diesen Zustand einem überwiesenen, aber noch läugnenden Verbrecher vor Gericht abgesehen hätte. Der feurige Petrus, der die Worte des lieben Meisters gehört und dem Verräther zugesehen hat, macht Fäuste, wie einer der aus Liebe zu seinem Freunde, dem Unrecht geschieht, sich selbst vergißt, um ihn zu schützen. Und so 93 sind alle Apostel mehr oder weniger in bedeutenden, zum Sinne des Gemäldes gehörigen Stellungen; den einzigen Johannes ausgenommen, der auf die ungeschickteste Weise, wie ein schläfriger Knabe, auf dem Schoße seines Lehrers ruht. Auch in der, freilich unschicklichen doch nicht ganz ungewöhnlichen, Nebenvorstellung der Fußwaschung ist die Verlegenheit Petri unübertrefflich ausgedrückt. Er läßt sich zwar die Füße von dem Herrn und Meister waschen, aber mit der Miene und körperlichen Haltung eines Menschen, der vor Liebe und Ehrfurcht sich nicht zu fassen, und nicht wie ihm geschieht, weiß. Hier muß nun auch Meldung des zweiten, so eben erwähnten Abendmahles statt haben, wiewohl es wahrscheinlich zehen Jahre später gemalt worden, denn der Unterschied ist auffallend. In diesem zeigt sich Harmonie malerische Gruppirung, richtige Zeichnung, zarte Carnation, kurz alles was den geübten Pinsel verräth. Kenner behaupten, Holbein habe sich hier am meisten italiänischer Kunst genähert; so daß in technischer Hinsicht diesem Bilde allerdings der Vorzug gebühren mag. Aber Holbein scheint manchmal, im Vertrauen auf seine unvergleichliche Kunstfertigkeit, den Geist der Erfindung nicht mehr, wie er hätte sollen und können, hervorgerufen zu haben; eine Nachlässigkeit, die sich oft im Begleite wachsender 94 Celebrität findet. Ist einmal der Ruhm begründet, so wird das Talent durch den Beifall sicher und zuversichtlich, und je technisch geübter es ist, desto leichter arbeitet es weg. Der erworbene Ruhm treibt und drängt zu neuen Werken; schnelle Arbeit läßt aber den Gedanken nicht Zeit genug, und so muß dann oft geschmackvolle Manier und werkkünstige Ausführung den Geist ersetzen, den nichts ersetzen kann. In diesem Gemälde ist das Christusgesicht ohne große Bedeutung und flach, die Apostel sind größtentheils, ungeachtet ihrer malerischen Attituden, ohne wahre theilnehmende Handlung, ohne individuellen Charakter; den Judas ausgenommen, der sich aber zu sehr auszeichnet, als ein in den niedrigsten Gedanken verlorenes und altgewordenes Schurkengesicht, das der Maler nicht einmal abscheulich genug machen zu können glaubte, und ihm deswegen noch ein rothes Haar und ein buntabstechendes Gewand zugab, um die Schlangenfarben seiner Seele vollends zu bezeichnen. Dieß Nachtmahl ist auf Holz gemalt; drei Fuß, sechs Zoll breit, und vier Fuß, drei Zoll hoch (nach unsicherer Angabe), ist aber nicht mehr ganz, es fehlen mehrere Figuren, von denen man nur noch Hände und Füße sieht. Es wurde in der geistlichen Bilderstürmerei, im Februar 95 1529, nebst unzählichen andern kirchlichen Kunstsachen zerschlagen. In welcher Kirche dasselbe gestanden, ist nirgends zu finden. Wahrscheinlich hat Bonifacius Amerbach die Bruchstücke noch zu retten gewußt, wenigstens befanden sie sich in seinen Händen, bis die Bibliothek seine Sammlung kaufte; sie waren zwar wieder zusammengeleimt, aber»unflätig,« wie sein Inventarium besagt, und waren noch in diesem Zustande zu Patins Zeiten, bis vor ungefähr fünfzig Jahren der geschickte Joh. Niklaus Grooth die Stücke wieder so künstlich vereinigte, daß man wenig Merkmale des Bruchs mehr findet; was aber verloren gegangen, war nicht mehr zu ersetzen. In diesem jugendlichen Alter muß Holbein auch das mit trockenen Farben gezeichnete Bild von ihm selbst gemacht haben, das auf der öffentlichen Bibliothek aufbewahrt wird. Halb Lebensgröße, mit rothem Hut und grauem mit schwarzem Sammet verbrämten Kleide. Patin hat dasselbe in seiner Ausgabe der Moria von Erasmus 1676, und Mechel in seinem Holbeinischen Werke stechen lassen Es ist dasselbe schöne und lebensfrohe Gesicht, das vorn an dieser Schrift erscheint. – Der Zweifel, den man hat aufwerfen wollen, ob dieß wirklich Hans Holbein sey, wird durch die Auszählung des Bildes in dem Amerbachischen Inventarium gehoben, die auch Remigius Fesch ( Human. industr. monumenta. Msc. ) bestätigt. . 96 Von flüchtiger, aber auffallender, großartiger Zeichnung, ist ein andrer Pastell-Kopf in Lebensgröße ebendaselbst, mit einem breiten schwarzen Hut und gelbem Haar; ein schönes feines Gesicht, ganz die eigenthümliche Einheit der Züge aussprechend, die Holbein auf eine so ausgezeichnete Weise zu ergreifen und in seine Bilder zu bringen wußte. Man hat diesen Kopf auch schon für Holbeins eigenes Porträt halten wollen, es hat aber mit allen andern, die man von ihm kennt, wenig Aehnlichkeit. Eher könnte es ein Bruder des Bonifacius Amerbachs seyn. Mehrere meist kräftig und weich getuschte Handzeichnungen daselbst sind mit der Jahrzahl 1517 bezeichnet. Es mögen auch zu Holbeins Jugendgemälden gezählt werden, zwei große Familientafeln von besonderem Werthe, die in dem Rhelingischen Schlosse zu Hainhofen aufbewahrt und im Jahr 1517 gemalt seyn sollen Paul von Stetten, Geschichte der Stadt Augsburg. . In Auctions- und Kunsthändler-Katalogen kommen mehrmals solche frühe Stücke Holbeins vor, zum 97 Beyspiel in dem Verzeichniß des Cabinets von G. Braamcamp 1771 war ein Porträt des Grafen Chichester, das um zweihundert holländische Gulden verkauft wurde, demselben ist die Jahrzahl 1515 beigelegt. Dergleichen Angaben bestehen aber nicht immer mit der Prüfung. 98   Holbeins Lebensart in Basel. Solche Arbeiten, die noch bis zur jetzigen Stunde hochgeschätzt werden, lieferte Holbein schon vor seinem zwanzigsten Jahre; gleichwohl soll er, wie Patin und Iselin melden, in Basel damals noch wenig Achtung genossen haben, und wie die gemeinen Maler behandelt worden, ja genöthigt gewesen seyn, am Tagelohn zu schaffen, um das liebe Brod zu erwerben. Bei einem jungen Menschen ohne Unterstützung, ohne reiche Gönnnerschaft, der sich durch sich selbst erheben mußte, läßt sich dieß langsame Emporkommen wohl ohne weiteres begreifen, besonders wenn man jene unruhige Zeiten der mailändischen Feldzüge, und die ungebundenen Sitten Eine scharfe Verordnung von 1516 klagt über die vielen und mancherlei aufrührerischen Händel, Schlägereien, Wundthaten und Todtschläge, die seit etlichen Jahren sich leider in der Stadt ereignet hätten. (Ochs Gesch. v. Basel. V. 292.) bedenkt, die den Künsten des 99 Friedens abhold waren. Aber jene Schriftsteller schreiben die Ursache dieser Vernachlässigung des Künstlers seiner Lebensart zu, der sie, ohne Schonung, krasse Sinnlichkeit Schuld geben Temulentorum hominum consortio penitus immersus , sagt Patin in Vita Holb. – und an einem andern Orte ( Relations historiques etc. ): C'etoit un brave homme, mais si gueux qu'il n'avoit pas quelqufois dequoy diner. – Der redselige Mann giebt aber nirgends die Quelle seiner Nachrichten an. . – Woher sie das wissen, sagen sie nicht; vermuthlich durch Ueberlieferung, die so oft eine Halbwahrheit mit einem bunten Gewande der Erdichtung umhüllet. Es ist eben nichts seltenes, daß spätere Erzähler, was sie nur mit halbem Ohre vernommen, ins Uebertriebene ausmalen, als wenn es eine ausgemachte Sache wäre; und so hat man auch hier eine menschliche Schwachheit, die bei Virtuosen nicht so ganz ungewöhnlich ist, mit allzugrellen Farben als einen Zustand parmanenter Völlerei geschildert, und dann, um die Sache einigermaßen wieder gut zu machen, die Vollkommenheit des Genies gepriesen, das nicht einmal eines anhaltenden Fleißes bedurft habe. – Das ist aber nicht die Wahrheit, und kann nirgends her, wohl eher das Gegentheil, dargethan werden. Weder der frühere van Mander, noch der billige Sandrart, gedenken dieses Vorwurfs; das nachtheilige Gerede mag wohl 100 vornehmlich durch einen Scherz des großen Erasmus, wenn auch nicht den Anfang, doch seinen Bestand gewonnen haben. Als nämlich Holbein eines Tages dessen Lob der Narrheit, welches einige Jahre früher herausgekommen war, aber immer noch viel Aufsehen machte, mit seinem Freunde Oswald Müller von Luzern, der in Basel Schulmeister war, durchging, und dieser ihm den lateinischen Text erklärte, gefiel es ihm so wohl, daß er einige Figuren an den breiten Rand zeichnete, und solches mehrere Abende wiederholte, bis er das Buch mit drei und achtzig Federzeichnungen Wovon weiter unten die Rede seyn wird. angefüllt hatte; unter diesen Zeichnungen hatte er auch den Erasmus selbst, schreibend an seinem Pulte angebracht. Erasmus, als er das Buch zu sehen bekam, fand Wohlgefallen daran, scherzte über sein Bild, kehrte aber das Blatt um, und schrieb als Widervergeltung zu einer der nächstfolgenden Figuren, wo ein Zecher ein Mädchen umarmt, den Namen: Holbein. Da nun aber im Texte von einem epikurischen Schweine die Rede ist, und auch diese Zeichnung tüchtig darnach aussieht, so mußte dieß der arme Künstler bei der Nachwelt ärger entgelten, als es Erasmus gemeint hatte, der wohl bei 101 seinem Buche an die Nachwelt mag gedacht haben, bei dieser Figurbenennung aber gewiß nicht. Was in einer aufgeweckten Stunde Erasmus in ein Exemplar seines Buches fallen ließ, hätte nicht so ernstlich sollen aufgenommen werden; und was der nüchterne stille Gelehrte an dem sinnlichkräftigen jungen Maler auszusetzen fand, mag allerdings seine subjective Richtigkeit haben, ist aber noch kein Zeugniß grober Liederlichkeit Dürer malte das Wappen seines Freundes Pirkhaimer einem unzüchtigen Satyr auf den Rücken. (Derschauisch. Kunstkabinet S. 7.) So könnte die Nachwelt auch Böses von Pirkhaimer vermuthen, und aus dem Scherze bittern Ernst machen. . Aehnliche Geschichten, die ihn als einen lustigen Gesellen bezeichnen, hat zwar auch die Sage in Basel aufbewahrt, und nach ihr haben schreibfertige Anekdotensammler dieselben wieder verbreitet. Er habe, heißt es Nach Mechels handschriftlicher Sammlung. , seine Schulden im Wirthshause zur Blume mit dem Bemalen einer Wand getilgt, und als er es zum zweiten Male thun, der Wirth aber solches nicht zugeben wollen, habe er die Rechnung mit Geld bezahlt, und die frühere Schuld auch, und dann die Malerei, welche dem Wirth viele Kunden zugezogen hatte, wieder ausgelöscht. – Das widerlegt sich ja von selbst; hatte er Geld um die 102 Schulden zu bezahlen, so brauchte er nicht seine Malerdienste anzubieten; auch wird ein Wirth schwerlich etwas wegschaffen lassen, das ihm Kunden zuzieht. Andre melden Patin, Relat. hist. – und nach ihm mehrere. sagt Patin. , das Haus an der Eisengasse, zum Tanz genannt, das von oben bis unten von Holbein bemalt war, und dessen Bauerntanz noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts jedermann zur ergötzlichen Schau stand De grands princes se pourroient faire honneur de ce travail , sagt Patin. , jetzt aber übertüncht ist, sey eine Schenke gewesen, und der Maler habe seine Weinschulden mit dieser Arbeit bezahlt. Zu dieser Nachrede mag wohl der lustige Bauerntanz, der auch dem Hause den Namen gab, Veranlassung gewesen seyn. Es war aber nicht dieser Tanz allein an dem Hause angebracht, sondern die ganze Vorderseite des Gebäudes bis unter das Dach war mit pallastähnlicher Architektur übermalt, reich und von mannigfaltiger Erfindung, wo Leute von zierlichen Geländern herab, oder hinter hohen Säulen hervor schauten, und wo auch M. Curtius angebracht war, wie er sich in den Abgrund stürzt, wie solches Patin in seinem Verzeichnisse Holbeinischer Bilder, und noch besser der trefflich in Tusch 103 ausgeführte Aufriß bezeuget, welcher in der Bibliothek aufbehalten ist. So malt man keine Kneipe. Zudem meldet Theodor Zwinger Methodus apodemica. Basil. 1577: Domus privata in platea ferri choream rusticam exhihet; a J. Holbenio XL florenorum stipendio depicta. – Von diesem Bauerntanz existirt noch eine große Zeichnung in Wasserfarbe von Wilhelm Stettler, die seit einigen Jahren in mehrere Hände gekommen, und für ein Original von Holbein ausgegeben wird. bestimmt, daß Holbein für diese Arbeit vierzig Gulden bekommen habe. – Sagte man nicht auch dem edeln Holzer nach, er habe seinen berühmten Bauerntanz in Augsburg malen müssen, um damit Schulden der Schwelgerei im Wirthshause zu lösen? Mensels Misc. artist. Inhalts. 8s Heft, 99 Seite, wo er aber von Bianconi gerechtfertigt wird, der noch mehrere Beyspiele ähnlicher Andichtungen über berühmte Maler anführt. . Weiter erzählt man zum Behufe dieser Anschuldigung folgenden Schwank: Während er die Apotheke auf dem Fischmarkte gemalt, habe er sich öfters auf die nahe gelegene Fischerstube, wo guter Wein geschenkt wurde, begeben, und damit dieß der Hausherr nicht merke, der öfters nach der Arbeit zu sehen kam, habe er unterhalb des Gerüstes seine herabhängenden Füße so wahr auf die Mauer hingemalt, daß man unten geglaubt, er sitze wirklich 104 droben, bis es endlich der Apotheker gemerkt und sich beeilt habe, den Künstler wieder aus dem Wirthshause zur Arbeit abzuholen. – Der Spaß ist allerdings lustig genug, ja leichtfertig, wenn man will, konnte aber auch statt haben, ohne entschiedene Liederlichkeit zu verrathen. Holbein mußte nun einmal Häuser malen, und hatte als der beste Maler wohl auch den besten Lohn, für gute Bezahlung aber fordern die Leute auch fleißige Arbeit. Wer indeß, der mit der Kunst und Künstlern bekannt ist, wird verlangen, daß ein Mann von Geist, der nichts schlechtes liefern will, den ganzen langen Tag auf einem offnen Gerüste sitze, und bei Sonnenschein und Regen, bei Blendlicht wie bei falbem Nebel malen könne? Holbein mußte sich also Zeit nehmen, sich erholen; wenn er dann eben zu rechter Zeit einen guten Freund in die Weinschenke wandern sah, so folgte er nach. Dieß konnte nun freilich dem Hauspatron, der von gutem und schlechtem Lichte wenig wissen mochte, und von dem Bedarf des Malers nichts wissen wollte, nicht gefallen; noch weniger, daß er ihn, einen ehrenhaften Bürger, mit den herabhängenden Füßen zum Besten hatte; er schalt und schrie über ihn, und die Nachbarn erzählten es lachend weiter, und Holbein fragte nichts darnach. So kömmt man in die Nachrede. 105 Doch wer will Anekdoten berichtigen; keine, die ausgezeichnete Menschen betrifft, ist unverkünstelte Erzählung. Wenn jedoch mehrere dergleichen auf einen und ebendenselben Charakterzug gehen, so ist anzunehmen, daß etwas wahres daran sey; und so wird wohl auch müssen zugegeben werden, daß Holbein in der Kraft seiner Jugend, wie so manche Künstler und gute Köpfe, denen die Arbeit leichter ward als andern, sich dem Sinnegenuß oft zu feurig hingegeben, und den äußern Anstand nicht so, wie es die Bürgersitte erheischte, beobachtet habe. Wie oft halten genialische Jünglinge das Band der guten Gesellschaft für eine schwere Kette, und ihren nothwendigen Zwang für Langeweile, und werfen sich mit dem Uebergewicht ihres Geistes in die Arme der Ungebundenheit, wo es freilich lustiger zugeht, weil hier keine blos äußerlichen Vorzüge gelten, wo sich aber ebenfalls Ketten anhängen, die bald schwerer drücken, als jenes bessere gesellschaftliche Band, so lästig es anfangs jeder originellen Kraft scheinen mag. Oft genug mochten ihn auch abgeschmackte Bestellungen und Urtheile (welcher Künstler hat nicht Erfahrungen davon?), leere Importanz vornehmer Personen, denen er aufwarten mußte, in den entschädigenden Kreis lustiger Freunde getrieben haben, mit denen er über alles dieses 106 lachen und seinen Verdruß vergessen konnte Rembrandt's face was a common one; he was careless in his dress, and kept low company. When, Said he, I wish to amuse myself, I avoid the company of the great, which puts a restraint upon me; pleasure consists in perfect liberty only. Seward's anecd. – Und doch war er fleißig und einer der Ersten. – Ein Beyspiel statt mehrerer. . Von dem Umfang seiner Kunst, von dem, was seinen bildenden Geist beschäftigte, konnte er auch bei der höhern Classe wenig genug vernehmen. Wenn schon die Prachtliebe damals groß, ja vielleicht größer war, als jetzt, so ging sie doch mehr auf Kleidung, Gold und Edelstein, Pferde und militärischen Schmuck, als auf Gegenstände des Geschmacks. Ein Maler wurde noch nicht unter die großen Männer gezählt, und wenn es hoch kam, so hieß man ihn einen guten Meister, das heißt, ein tüchtiges Mitglied seiner Zunft, mit dem es niemand einfiel, von Effect, schöner Natur und Ideal zu sprechen, sondern eher, um seinen Lohn zu unterhandeln. Noch war der zahlreiche Adel Meister, und das frische Andenken an Krieg, Scharmützel, Todtschlag, Feuer und Beute, verschloß die Herzen noch den sanften Empfindungen friedlicher Künste. Der werkthätige Künstler war des Beistandes theoretischer Kenner beraubt, bei denen man sich jetzt über alles Rath erholen kann. Selbst die Gelehrten hatten noch keine Ausdrücke, 107 das Kunstverdienst zu bezeichnen, und wenn sie einen Maler erheben wollten, wußten sie wenig mehr zu sagen, als, er sey ein zweiter Apelles, der mit der Natur wetteifre. In solchen Verhältnissen ist es einem Manne von ausgezeichneter Geistesgabe nicht so gar übel anzurechnen, wenn er sich zuweilen etwas erlaubt, das er hätte können bleiben lassen, oder wenn er im Gefühle seiner Kraft die Bedeutsamkeit beschränkter Köpfe nicht groß zu achten scheint, und meint, um die Freiheiten, die er sich selbst gestattet, sollte sich niemand bekümmern, weil er sich um die Freiheiten Andrer auch nicht bekümmert; wenn er in Folge dessen der vergoldeten Mittelmäßigkeit und vornehmen Scheelsucht freiwillig aus dem Wege geht, und sich desto lieber hält an die Bebaglichkeit der zwanglosen. – Wer Großes leistet, dessen Lebensart kann wohl Schwachheiten zeigen, aber nie ganz verächtlich seyn. War nun aber Holbein auf seinem herkulischen Scheidewege nicht so ganz von der ihm erscheinenden Tugend bezaubert, daß er nicht auch noch einen Zug für die andre Dame gefühlt hätte, so folgt daraus noch nicht, daß er sich dieser mit Ausschluß der Erstern unbedingt in die Arme geworfen habe. Denn wenn Fleiß und Beharrlichkeit zur Tugend gehören, ja die Bedingungen derselben 108 sind, so kann kein Zweifel mehr walten, auf welche Seite Holbein zu stellen sey. Auch mit dem größten Genie wie hätte er im Müssiggange des Leichtsinns die Menge von Werken liefern können, von denen man nach dreihundert Jahren noch weiß, und von welchen man auf die verloren gegangenen schließen kann; und wie wollte er ohne anhaltendes Studium Labour and pains are required and Time, to cultivate a natural genius, ever so apt or forward. Shaftesbury . zu dieser mannigfaltigen Kunst, und hauptsächlich zu der so äußerst fleißigen Ausarbeitung gekommen seyn, die sich in seinen meisten Bildern findet. Liederliche Künstler von Geist haben gewiß selten dieses Detail der Ausarbeitung im Großen, dieses con amore des Fleißes, diese Reinlichkeit eines zarten Pinsels, wie Holbein. Frobenius, Amerbach, Erasmus, die so viel auf Sittlichkeit hielten, wären auch schwerlich die Freunde und Gönner eines sittenlosen Prassers gewesen. War er arm, so war es Mangel an Arbeit und elende Bezahlung, was ihn arm machte; das sagt ja auch Erasmus deutlich in dem Empfehlungsschreiben, das er ihm auf die Reise mitgab; er nennt ihn einen ausgezeichneten Künstler, und fügt hinzu, da in Basel die Künste darben , so gehe er nun nach England, um sich einiges Geld zu sammeln. – 109 Diese Umstände zwangen ihn auch, jede Arbeit zu übernehmen, die ihm aufgetragen wurde; er malte auf Kalk, wie in Oehl und Wasserfarben, an Tischblättern sogar übte er seine Kunst, dergleichen eines, sinnreich mit der Geschichte des Niemands bemalt, lange in Zürich aufbewahrt wurde Füeßli, Gesch. der Künstler in der Schweiz. I. 30. ; er zeichnete für Goldschmiede, Kupferstecher, Glasmaler, Baumeister und Formschneider, ja man behauptet, daß er selbst in Holz geschnitten habe, wovon später die Rede seyn wird. 110   Holbeins Frau und Kinder. Er muß frühe in unüberlegsamer Jugend geheirathet haben, später hätte er sich vielleicht länger besonnen; das Beyspiel andrer, das in diesem Punkte nicht schwer aufzufinden ist, hätte ihm zeigen können, daß Haussorgen einem Künstler, der nicht reich ist, so wie jedem, der mit Geistesarbeit sein Brod verdienen muß, schwer auf dem Halse liegen. Auch das weibliche Wesen, das sich ihm ergab, hätte dieß bedenken können, wenn nicht gerade der bedenkliche Schritt am wenigsten bedacht würde. Denn die Verbindung war nicht glücklich, und daß sie frühe statt gehabt habe, erhellet aus dem Familiengemälde seiner Frau und zweier Kinder, das auf der Basler Bibliothek aufbehalten, und der Zeitangabe nach, bevor er nach England, 1526, ging, gemalt worden ist. Nun scheint aber der Knabe wenigstens vier bis fünf Jahre zu haben, wonach die 111 Verehelichung Holbeins nicht weit über sein zwanzigstes Jahr fällt In Murr's Beschr. der Merkw. von Nürnberg. S. 532. kömmt aus dem Dietschischen Cabinete vor: Hans Holbeins Frau und Kinder, 1519. – Das wäre doch gar zu frühe. Vermuthlich aber hat es mit diesem Gemälde die Bewandniß, wie mit einem andern in der Hagenischen Kunstsammlung (S. 500.) angegeben: Hans Holbein von ihm selbst gemalt, etatis sue XX. 1518 , auf Holz. Welche Angabe Murr selbst nachher im Journal zur Kunstgeschichte XIII. 105. zurücknahm, und das Bild ein unbekanntes Porträt, von Hans Burgmair gemalt, nannte. . Die Frau soll ein böses Weib gewesen seyn, mit der er niemals in Ruh' und Frieden habe leben können, melden die Berichtsteller van Mander Er nennt sie Korselhoofdigh . und Patin, auch Sandrart, der sonst nicht leicht Böses nachredet. Wenn aber der Mann nur halb so leichtsinnig gewesen wäre, wie ihn hauptsächlich Patin schildert, so ließen sich die bösen Stunden der Hausfrau auch begreifen. Da man jedoch keine besondern Umstände von ihr, nicht einmal ihren Namen kennt, und nichts hat, als dieß lebensgroße Bildniß, so mag wer es versteht, und wem damit gedient ist, aus ihren Gesichtszügen die Wahrheit der Beschuldigung entnehmen. Dumm sieht sie eben nicht aus, auch nicht besonders grämlich, jedoch nicht hübsch. Sie scheint auch, wenn man das Bildniß in den Anfang der 112 zwanziger Jahre jenes Jahrhunderts setzt, etwas älter gewesen zu seyn, als ihr Mann In Mechels Oevre de Holbein ist ein guter Kupferstich von diesem Bilde. . Dieß häusliche Bild mag er in einer gemüthlichen Stunde vor seiner Abreise nach England zum Andenken gemacht haben, denn Frau und Kinder erscheinen darin nicht im Putze, wie man gewöhnlich zu vorbedachten Porträten sitzt, sondern im alltäglichen gemeinen Hausgewande Jedoch nicht en lambeaux , wie Patin schreibt, noch weniger als »Bilder des Mitleids, aus deren blassen Gesichtern Dürftigkeit und Elend sprechen, u. s. w.« wie das Modenjournal 1824. 4. berichtet. Sie sehen im Gegentheil gut und wohlgenährt aus. Wer wird wohl Holbein den Unsinn zutrauen, seine eigne Familie als einen Gegenstand bettelhaften Elends darstellen zu wollen! , und das Bild ist nur auf Papier gemalt, das nachher auf Holz gezogen worden. Es ist angeblich 2 Fuß, 5 Zoll hoch, und 2 Fuß breit, und wird für eines der schönsten Gemälde des Meisters in Basel gehalten; verdient auch, blos als Malerei betrachtet, diese Ehre. Es ist nur ein Kniestück, wo die Mutter mit der Linken das Mädchen auf ihrem Schoße hält, und die Rechte auf dem vor ihr stehenden Knaben ruhen läßt. Holbeins zarter Pinsel, der nichts bedeutendes vergaß, ist darin sichtbar, und man 113 bewundert die Tizianische Wahrheit und Fülle des Fleisches. Die Köpfe sind, wie in allen guten Holbeinischen Bildern, voll athmender Lebendigkeit und Natur. Nicht das idealisirende Streben neuer Kunstgeweihten, die Großheit des Charakters anbringen zu müssen glauben, wo keine ist, nicht das geistreiche Lächeln galanter Hofmaler, auch keine gesuchte Nachlässigkeit, kein auffallendes Licht- und Schattenspiel, sondern reines, gesundes, anmaßungsloses Leben zeichnet dieses Kunstwerk aus. Holbein, der alles malte, wie er's sah, und er sah sehr gut, malte auch so das Gewand, und ging hier schon ganz von den steifen, gebrochenen Falten der alten Schule ab. Was man an dem Stücke tadelt, da ohne Tadel nichts besteht, ist der röthlich gelbe Ton am Gewande des Kindes, der nicht genugsam gegen die Farbe des Fleisches abgesetzt sey. Eben so möchte man es fehlerhaft finden, daß die Figuren, so gut sie auch gruppirt sind, sich nicht unterhalten, in keiner geistigen Verbindung stehen. Das Mädchen sieht und streckt die Hand nach etwas außer dem Gemälde, der Knabe schaut in die Höhe und die Mutter untheilnehmend vor sich hin, alle in verschiedener Richtung. Und so schön auch der Hals der Mutter gemalt ist, so möchte man ihr doch über das weit ausgeschnittene Gewand ein Tuch legen, denn dieser breite mütterliche Busen 114 ist kein Gegenstand der Schönheit mehr. Patin scheint beinahe zu zweifeln, ob das Bild Holbeins Gattin vorstelle Index operum J. Holbenii, 10. sagt er, der sonst gern bejahend spricht: Illam dicunt Holbenii conjugem, hos vero liberos. – Es giebt Copien davon mit der Aufschrift:         Liebe latein heißt caritas         Ein guter Christ tragt niemand Haß. ; allein in dem Inventarium Amerbachs, der es besser wissen konnte, steht es als Holbeins Frau und Kinder oben an. Wer könnte auch wohl in so lässiger Tracht im gemalten Bilde erscheinen, als die Familie des Künstlers selbst! So wenig man von seiner Frau weiß, fast eben so wenig hat bisher von seinen Kindern in Erfahrung gebracht werden können. Einige Spuren seiner Nachkommenschaft, außer dem oben angeführten Holbeinischen Geschlechte in Wien, mögen hier nicht am unrechten Orte stehen. Ein Ruf, der 1532 von Bürgermeister und Rath in Basel an ihn erging, seine Rückkehr aus England zu beschleunigen Ochs Geschichte. V. 395. , spricht von »Weib und Kind.« Ein ähnlicher Rathsbeschluß von 1538 setzt seiner zurückgelassenen Haushaltung einen Jahrgehalt bis zu seiner Rückkunft aus Auf der öffentlichen Bibliothek aufbewahrt. . 115 Ein Schreiben des ehemaligen Baslerischen Antistes Merian an Mecheln, von 1779 Nach Mechels handschriftlichem Nachlaß. , sagt: »In den Taufregistern, die ich in Verwahrung habe, ist von der Holbeinischen Familie nicht die geringste Spur zu finden. – Laut des 1727 in Regensburg gedruckten Merianischen Stammbaums ist Christina Syffin, Rudolph Syf und Juditha Weissin Tochter, und Joh. Holbeins, des unvergleichlichen Mahlers, Enkelin (geb. 1597), den 17. Nov. 1616 mit Friedrich Merian, meines Großvaters Großvater und des ältern Kupferstechers Matth. Merians Bruder, copuliret worden.« Die Holzschnitte in Münsters Cosmographie, die das Zeichen H. H. mit einem Messerchen tragen und von Papillon, Christ und Andern Holbein zugeschrieben werden, können sowohl der Zeitangabe, als der schlechten Kunst halber, nicht von ihm seyn. Eher, wenn das H doch Holbein bedeuten soll, könnte sie ein Sohn desselben gemacht haben, wenn man etwas von einem solchen, der die Kunst des Vaters fortgesetzt habe, wüßte.   Holbein als wandernder Künstler. Maler müssen sich eine wandernde Lebensart gefallen lassen, wenn sie nicht in einer großen Stadt oder reichen Residenz haushäblich sind, oder einen eminenten Ruf haben, der die Liebhaber zu ihnen hinzieht. In jener Zeit, wo das Künstlerlob noch nicht so papierne Flügel hatte, war dieß desto nothwendiger. Auch Holbein mußte mit seiner Kunst hinaus nach Brot gehen, das er in Basel nicht fand; wenn auch seine vorzügliche Geschicklichkeit in die Augen fiel, so ward doch sein großer Ruf erst durch seinen Aufenthalt in England begründet. Indessen weiß man auch von seinen Reisen wenig persönliches, Spuren aber sind genug vorhanden, daß er in dem schweizerischen Vaterlande und dem benachbarten Schwaben herumgekommen sey, und sich an mehreren Orten längere Zeit verweilt habe. 117 Es ist bekannt, daß er sich in Luzern einige Jahre aufgehalten und viel daselbst gemalt hat. Von dem Schultheiß Jakob von Hartenstein wurde er 1517 dahin berufen, um sein neuerbautes Haus mit Malereien auszuzieren, wie dessen noch Familienpapiere Zeugniß geben sollen. Dieses Haus, welches 1824 noch zu sehen war, jetzt aber abgetragen ist, um einem neuen Platz zu machen, war aus- und inwendig bemalt Noch ehe die Malereien gänzlich zerstört wurden, ließen zwei zu gutem Glück gerade anwesende Schweizeroffiziere colorirte Zeichnungen davon nehmen, die jetzt gestochen oder lithographirt werden sollen, woraus sich dann auch der nähere Inhalt dieser Bilder, der hier zu weitläuftig wäre, ergeben wird. , und wenigstens die sichtbare Außenseite wurde von jeher als ein Werk Holbeins anerkannt und gepriesen. Zu oberst an derselben zeigten sich fünf Abtheilungen mit Bildern aus der altrömischen Geschichte, unten daran war ein Triumphzug nach Mantegna gemalt, dann kam zwischen zwei Fenstern das Hauptstück, auch eine Geschichte aus der alten Welt, von deren Inhalt kein bestimmter Aufschluß gegeben werden konnte. Ueber der Hausthüre war eine Reihe Kriegsspiele treibender Kinder angebracht, und an mehreren Orten dieser Außenseite die Wappen des Hausbesitzers und seiner Frauen, deren er nach einander viere hatte, mit der 118 Jahrzahl seiner Verehlichung. – Wenn auch nicht schon die von Alters her sich fortpflanzende Sage und der Holbeinische Styl in Anordnung und Stellung der Figuren, wie auch in der Drapperie und den Verzierungen auf den Meister hinwiesen, so thäte es noch eine in der Basler Bibliothek aufbewahrte Handzeichnung desselben, die einer der vorgestellten römischen Geschichten klar und überzeugend entspricht. Auch die innern Gemächer des Hauses enthielten gemalter Gegenstände viele. Noch bis auf die letzte Zeit waren in fünf Zimmern an Wand und Mauer Bilder, mehr oder weniger gut erhalten, zu sehen; und es zeigten sich noch Merkmale, daß das ganze Haus damit angefüllt gewesen, wovon aber das Meiste durch Bauveränderungen sich verloren hat. Eines jener fünf Zimmer, einen großen Saal, der noch in seinem ursprünglichen Zustande war, sahe man mit Jagden ausgeschmückt, und zur Seite des Kamins den verjüngenden Born ( fontaine de jouvence ) mit mannigfaltigen Figuren angebracht. Ein anstoßendes Zimmer zeigte die Schutzpatrone der Familie, Legenden und andere geistliche Gegenstände. Und so waren auch die übrigen Abtheilungen und Kammern mit Kriegsscenen, Ornamenten, Stillleben und dergleichen, theils in Farben, theils grau in grau bemalt, wobei das Hartensteinische 119 Wappen immer wieder vorkam; bei einem derselben war die Jahrzahl 1517 zu lesen. Ein Monogramm war nirgends zu finden, welches überhaupt in Holbeinischen Bildern nur selten angetroffen wird. Es ist auch noch ein Bildniß von dem Erbauer dieses Hauses bei einem seiner Nachkommen zu sehen, welches auf Tuch gemalt und mit der Jahrzahl 1514 bezeichnet seyn soll, wonach es zu Holbeins frühesten Erzeugnissen gehörte, wofern die Zahl nicht etwa 1517, als die Zeit seines Aufenthalts in Luzern, zu lesen ist, da nach alter Schreibart 4 und 7 leicht zu verwechseln sind. Auf Tuch hat Holbein in spätern Zeiten höchst selten, früher manchmal, so wie auch häufig auf Papier, gemalt. Das Haus Zur Gilgen bewahrt ein Familien-Porträt, das immer für Holbeins Arbeit gegolten hat und auch ganz seinen Pinsel verrathen soll. Andere, denen hier ebenfalls dieß Prädicat beigelegt wird, möchten weniger begründeten Anspruch darauf machen können. Noch sieht man bei Herrn Canonicus Geiger zwei Bilder auf Holz gemalt, mit der Jahrzahl 1516, ohne Monogramm, das Eine die Kreuzerfindung, das Andere die Kreuzerhöhung vorstellend, die ebenfalls für Holbein gehalten werden. Der Zeichnung und Composition nach könnten sie es wohl seyn; die Farbenbehandlung aber 120 ist etwas roh, doch nicht schlecht. Auf der Rückseite sind beide Stücke mit einem gemalten Maltheserkreuze bezeichnet. Von den fünf oder sechs Kirchengemälden in Luzern, deren Patin gedenkt, konnte bis dahin nur Eines, die Kreuzabnahme, ausfindig gemacht werden. Dieß wurde als ein unstreitiges Originalstück aus früherer Zeit anerkannt, war aber untenher häßlich übermalt. Seit einiger Zeit ist es unter den Händen des geschickten Maler Wocher's in Basel, der das Fehlerhafte wegzubessern sucht. Zu Altorf im Lande Uri, von wo der oben angeführte Hofjuwelier Philipp Holbein sein Geschlecht herleitet, und wo das Standeswappen mit dem Holbeinischen beinahe dasselbe ist, »waren Morgenblatt, 1821. Nr. 254. vor der Einäscherung des Fleckens 1799 noch einige seltene, nicht zu bestreitende Originale von Holbein in Kirchen und Privathäusern. Unter ihnen zeichnete sich das herrliche, unersetzliche Altargemälde über dem Hochaltare der Pfarrkirche aus. Es stellte Christum am Kreuze im Momente seiner Worte: Es ist vollbracht! vor, und war auf Tuch gemalt.« – Und gegenwärtig soll sich, eben dieser Nachricht gemäß, »in dem Convente des Capuzinerklosters noch ein bemerkenswerthes Gemälde, Christus im Grabe, wo nicht von 121 diesem Meister, doch, nach dem Urtheile der Kenner, von einem seiner besten Schüler, aus gleichem Zeitalter und ganz im Geiste des Meisters gemalt, befinden.« Welche Nachricht auf eine gute alte Copie hindeutet, denn eine Schule hatte der fahrende Künstler nicht; indessen lassen diese mancherlei Arbeiten auf einen verlängerten Aufenthalt desselben in Altorf schließen. Auch in Bern, wo sein Oheim Sigmund sich niedergelassen und Haus und Hof hatte, mag er sich wohl mehr als einmal aufgehalten haben. Man trifft daselbst noch mehrere Bilder von ihm an, die nicht erst in neuern Zeiten hingekommen sind. Das bedeutendste derselben soll ein Ecce Homo mit lebensgroßen Figuren, im Besitze eines Herrn Tillier, seyn »Es ist würklich Holbeins würdig; auch Aberli, Freudenberger und Rieter hielten es für echt.« – Nach schriftlichem Zeugnisse des geübten Kunstfreundes, Herrn Sigmund Wagner in Bern. 1821. . Der Herr Schultheiß, Graf von Mülinen, besitzt ein sehr schönes auf Pergament gemaltes Porträt in Oehl; es ist auf blauem Grunde mit äußerstem Fleiß ausgeführt, und wird zu den besten Werken des Meisters gezählt. Die bedeutende Sammlung eben dieses Kunstkenners enthält auch ein Exvoto-Gemälde mit vielen 122 Figuren, auf Holz, von 3 Fuß Höhe und 2 Fuß Breite, oben abgerundet. Die Votanten, ein Ritter und seine Frau, kleiner, als die übrigen Figuren, liegen unten betend auf den Knieen, zwischen ihnen ihre Wappen und ein Stundenglas mit der Umschrift Ich wart der Stund. 1513. Höher, nach größerm Maaßstabe, sitzt Maria betend, und gegenüber die heilige Anna, die ihr das Kind reicht, das nach dem Buche greift. Um sie her stehen vier Heilige, als die Schutzpatrone des Ritters. Hoch in der Mitte in die blaue Luft empor hängt Christus am Kreuze, mit verzerrtem Gesichte, und den Hintergrund macht ein mit Felsen und Burgen begränzter See aus. Die meisten Köpfe sind Porträte. – Nach der Jahrzahl, wofern sie nicht eher auf das Votum (wie wahrscheinlich ist) als auf die Zeitangabe des Malens Bezug hat, denn ein Monogramm des Künstlers ist nicht dabei, müßte dieß eine der allerfrühesten Arbeiten Holbeins gewesen seyn, und der funfzehnjährige Knabe hätte wirklich schon Großes geleistet. Für ein Werk Holbeins sprechen das heitere Colorit, die schattenlose, zarte Carnation, die schön ausgeführten Köpfe (die Extremitäten sind nachlässiger behandelt) und das fließende Gewand ohne steife Ecken, vielleicht auch der häßliche Christuskopf, den der junge Holbein selten nach Würde darstellte. Das 123 Ganze verräth einen Meister, der sich an die van Eyckische Schule gehalten. – Dieß Bild kömmt von Luzern, auch gehörten die darauf befindlichen Wappen Luzerner Familien an. Noch in andern Berner Häusern werden ebenfalls mehr oder minder gültige Bilder von Holbein vorgewiesen. Auf der Stadtbibliothek sieht man den Leichnam Christi, ohne Zweifel eine alte Copie von dem Baslerischen; und wenn es wahr ist, wie ein alter Catalog der Bibliothek angibt, daß das daselbst befindliche halblebensgroße Bildniß der Jeanne d'Albret, Mutter Heinrichs IV., Holbeins Arbeit sey Es ist fein, leicht und mit dünner Farbe gemalt, und merkwürdig durch die auffallende Aehnlichkeit mit ihrem Sohne. , so müßte er in seinem spätern Leben auch in Frankreich gemalt haben. In Zürich ist von allen den Stücken, die Patin anführt, nichts mehr bekannt. Mehrere Porträte daselbst unter Holbeins Namen sollen Hans Asper zum Urheber haben J. E. Füßly's Gesch. der Künstler in der Schw. I. 29. . In Constanz ist (nach dem Berichte eines Kunstverständigen) in der Sakristei des Münsters eine große Tafel aufgestellt mit zwei Nebenflügeln, die auf beiden Seiten 124 bemalt sind; ein schönes Kunstwerk, das Holbein zugeschrieben wird. Die mittlere Tafel zeigt Christum am Kreuze zwischen den beiden Schächern; die heilige Mutter umfaßt das Kreuz, bei ihr stehen die Freundinnen und Johannes; auch zwei Männer, worunter einer geharnischt, sind im Vordergrunde zu sehen; in der Ferne Volk und Landschaft; die vordem Figuren sind über halbe Lebensgröße. Auch hier soll der Christus die mißlungenste Figur, hingegen andre Köpfe und Gestalten vortrefflich seyn. Vergoldungen, sonst selten in seinen Bildern, finden sich hier. Die beiden Seitenflügel stellen Heilige vor, die auf das Bisthum Constanz Bezug haben; die Malerei daran wird sehr gepriesen. Ein Monogramm soll nirgends zu finden seyn; hingegen wird ein fußlanger hohler Knochen, der quer im Vorgrunde des größern Gemäldes liegt, sinnbildlich von Vielen dafür angesehen. Auf dem linken Flügelstück ist die Jahrzahl 1524. Bischof Hugo von Landenberg ließ diese Altarbilder verfertigen, und soll sie bei angehender Reformation vor der Wuth der Bilderfeinde gerettet haben. Die Mauergemälde in dem Kreuzgange des ehemaligen Dominicanerklosters daselbst, sind theils übertüncht, theils verblichen, und waren muthmaßlich aus älterer Zeit. 125 Es ist glaublich, daß einst der dortige Domherr, Johannes Botzemius, ein Kunstliebhaber, dessen Haus, nach dem Zeugnisse seines Gastfreundes Erasmus Opp. omn. Lugd. Bat. III. 754. Die Nachricht ist von 1523. , von oben bis unten mit geistlichen und weltlichen Gemälden angefüllt war, auch Werke von der Hand des wohlbekannten Künstlers besessen habe. Die Beschreibung, die Erasmus von diesem Kunstaufenthalte macht, läßt kaum daran zweifeln, ob er gleich von keinem der Bilder den Namen des Meisters anführt; das war ihm zu wenig. Der Herr Bisthums-Verweser, Freiherr von Wessenberg, besitzt eine Madonna mit dem Kinde, ein sehr fleißig ausgeführtes Bild, das, vermöge der alten Bezeichnung auf der Rückseite, im Jahre 1520 in Basel für einen Domherrn seines Geschlechts gemacht worden ist, von der Zeit aber etwas gelitten haben muß, da man Spuren der Nachbesserung von einer fremden, zwar nicht ungeschickten Hand, darin bemerkt. In dem benachbarten Schwäbischen Kreise war beinahe kein Kloster, das sich nicht eines Gemäldes von Holbein rühmte, unter dessen großen Namen alles gebracht wurde, was nicht für Albr. Dürer genommen werden 126 konnte, und mit einiger Freiheit gemalt war, worunter jedoch auch mehrere Originalstücke mögen gewesen seyn. Aus dem Stifte Weissenau in Schwaben sind drei Bilder, die von Holbein seyn sollen, in die Sammlung des Herrn Consulenten Wildt daselbst gekommen: eine große Kreuzigung mit Figuren, fast in halber Lebensgröße, und zwei etwas kleinere, das Abendmahl und den englischen Gruß vorstellend. Paul von Stetten Kunst \&c.-Geschichte der Stadt Augsburg. I. 272. schreibt: »Der berühmte Holbein der Jüngere mag wohl in seiner Jugend oder im erwachsenen Alter sich einige Zeit hier (in Augsburg) aufgehalten haben. Man findet wenigstens bei alten Familien einige Bildnisse von großer Kunst, die ihm zugeschrieben werden.« In dem Verzeichnisse des Derschauischen Kunstkabinettes in Nürnberg kommen zwei 3½ Fuß hohe und 2¼ Fuß breite Gemälde auf Holz vor, an deren Echtheit man nach der Beschreibung kaum zweifeln kann. Die Leiden Hiobs das Eine, und die Freuden des reichen Mannes das Andre. »Beide mit mehrern Banden um die Tafel herum haben Inschriften im altschweizerischen 127 Dialekt und mit alten Typen. – Es waren die innern Flügelthüren eines Altares in einer Capelle einer aufgehobenen Abtei in Schwaben an der Schweizergrenze. – In dem noch vorhandenen Stiftungsbuche dieser Capelle war die Nachricht beigesetzt, daß Hans Holbein zwanzig Goldgulden für jede dieser Tafeln zu malen erhalten habe.« Vor vielen andern auf den Namen des Meisters getauften Schildereien, die hier nicht angeführt werden können, und deren Werth der Augenschein bestimmen muß, verdienen jedoch die in Eine Tafel vereinigten zwei Altarbilder in dem Münster zu Freyburg im Breisgau, wegen ihrer Vortrefflichkeit und unbestrittenen Originalität, Erwähnung. Ein Theil der Tafel enthält die Geburt Jesu, wo das Hauptlicht von dem Kinde ausgeht; auf dem andern sind die Gaben bringenden drei Könige vorgestellt. Beide Bilder mit vielen Figuren, und unter beiden sieht man, hier die männlichen und dort die weiblichen Mitglieder der Familie Oberriedt aus Basel, mit den Wappen. Man vermuthet, diese Gemälde seyen 1529 bei den Unruhen der Reformation von Basel nach Freyburg in Sicherheit gebracht worden; es hätte aber auch wohl früher geschehen können, indem die Familie Oberriedt, durch deren Vergabung sie dahin gekommen, schon lange vorher 128 das Bürgerrecht in Basel aufgegeben hatte und von dort weggezogen war Ochs Gesch. von Basel. V 661. . Sie sind in der Universitätscapelle des Münsters aufgestellt, haben aber von der Feuchtigkeit des Ortes, dem Staube, vom Wurmstich und Abspringen einzelner Stücke ziemlich gelitten, so daß ihnen eine sachverständige Ausbesserung und dann mehr Sicherheit des Platzes zu wünschen wäre. Zudem mögen auch noch die seltsamen Wanderungen, die dieß Kunstwerk schon hat machen müssen, ihm nachtheilig gewesen seyn. Denn schon 1596 äußerte Kaiser Rudolph II. das Verlangen, daß solches nach Prag möchte abgeliefert werden. Zwar bewürkten die Vorstellungen der Universität dieß Mal, daß der Kaiser von seinem Wunsche abstand. Als sich aber der dreißigjährige Krieg anhob, fand die Universität selbst für gut, dieß Kleinod in Sicherheit zu bringen, und schickte dasselbe nach Schaffhausen, wo es viele Jahre an einem etwas feuchten Orte blieb. Inzwischen hatte Churfürst Maximilian von Bayern so viel Rühmliches davon vernommen, daß er es mit Einwilligung der Universität blos zum Besehen von Schaffhausen nach München, und von da wieder nach Schaffhausen, mit einem Dankschreiben an die 129 Universität bringen ließ. – Noch war des Wanderns kein Ende. Als Kaiser Ferdinand III. im Jahre 1652 sich auf dem Reichstage zu Regensburg befand, und der Ruf des Kunstwerks bis zu Ihm hinangedrungen war, bekam auch Er Lust, dasselbe zu sehen; es wurde nach Regensburg gebracht, jedoch im folgenden Jahre seinem rechtmäßigen Besitzer wieder zugestellt. Nach so viel fürstlicher Ehre, die selten einem Gemälde widerfahren ist, und die Holbein, als er es malte, freilich nicht voraussah, aber doch, wie jeder, der etwas Unsterbliches macht, ahnen mochte, wartete nun noch ein gewaltsamer Raub auf dasselbe. Es wurde nämlich, als die Franzosen 1796 feindlich in Freyburg einrückten, sogleich von einem ihrer Commissairs, nebst einem Bilde von Hans Baldung, weggenommen und über den Rhein geschafft. So blieb es Jahre lang für Freyburg verloren, bis von ungefähr ein Bürger von da dasselbe auf der Bibliothek des Collegiums zu Colmar entdeckte, und seinem Stadtmagistrate davon Anzeige machte, dem es nach wiederholter Bemühung gelang, das geraubte Eigenthum erst im Jahre 1808 zurück zu erhalten und seiner alten Stelle wieder zu geben Nach Prof. H. Schreibers Geschichte des Münsters zu Freyburg im Breisgau. 1820. . 130 Die Meinung, welche man hier und da hört, daß diese ehemaligen Altarflügel und die Passion in Basel einst zusammengehört haben, kann nicht statt finden, indem es sich bei genauer Messung ergeben, daß sie zwei Fuß drei Zoll höher sind, als jenes Bild aus der Bibliothek zu Basel. Es stehen auch an verschiedenen Kunstorten Bildnisse von Luther und Melanchton zur Schau, die Holbein soll verfertigt haben. Im Schlosse zu Warwick soll Göde's England \&c. V. 285. Mechel behauptet, daß dieß Bild unstreitig Holbeins Arbeit, aber nicht Luthers Kopf sey, sondern ein ganz andres Gesicht mit einem Bart und viereckigem schwarzen Hut. (Handschriftl. Nachlaß.) Holbein hätte wohl auch mit Luthers Porträt sich bei Heinrich VIII. nicht sonderlich empfohlen. ein schönes Porträt des Reformators Luther zu sehen seyn. In Dresden Beschr. der K. Sächsischen Gemälde-Gallerie. 1808. S. 10. sind Bildnisse von M. Luther und Katharina von Bora aufgestellt. Ein Porträt Dr. Luthers soll sich Casp. Füßli Gesch. der Künstler \&c. I. 28. in der Gallerie zu Florenz befinden. Horaz Walpole hatte in seiner eignen Sammlung den Kopf Melanchtons in Oehl auf Holz, sehr schön gemalt. Und in den Nachbildungen Holbeinischer Originalzeichnungen, die J. Chamberlaine herausgegeben, kommt ein Kopf vor, 131 bezeichnet: Phil. Melanchton , der aber wenig oder gar keine Aehnlichkeit mit andern Bildnissen Melanchtons hat. Wo hat nun Holbein diese Männer gesehen? In der Schweiz nicht, denn dahin sind sie nie gekommen, also auf der Wanderschaft; oder er hat diese Bildnisse nur copirt; oder sie sind nicht das, wofür sie ausgegeben werden; oder sie werden ihm fälschlich zugeschrieben, und möchten wohl eher von Lucas Cranach seyn, der Luthere zu Dutzenden malte, wie Holbein Erasmusse, und wie nach dem siebenjährigen Kriege Anton Graff Könige von Preußen. In Schleißheim Mannlich. III. 49. ist das Bildniß des Markgrafen Christoph von Baden, welches Holbein allenfalls in Basel selbst könnte gemacht haben. Hingegen führt Walpole I. 147. aus seinem eignen Cabinette ein Bild von Philipp dem Schönen, Erzherzoge von Oestreich und König von Spanien, an, der als ein Knabe gemalt sey. Da dieser Fürst aber schon 1506 gestorben, so müßte es Holbein einem frühern Gemälde nachgebildet haben. Zu den Bildern, die er außer Landes malte, könnte auch gezählt werden das Porträt Karls des Kühnen, in 132 halber Figur und Lebensgröße, im Profil, prächtig gekleidet, mit dem goldnen Vließ u. s. w., das sich auf der K. Bildergallerie zu Wien befindet Mechels Verzeichniß der Bildergallerie. 255. S. . Allein Karl verlor sein Leben schon 1477, welches Mecheln, als einem Schweizer, wohl hätte bekannt seyn können, da das Panzerhemd des Helden noch in dem Zeughause seiner Vaterstadt aufbewahrt wird. Ist es aber eine Copie, so hätte er solches angeben sollen. Allein die Galleriedirectoren müssen Namen in Vorrath haben, und da giebt es manchmal Mißgriffe. Ein unvergleichliches Gemälde, das auch für ein Bild Karls des Kühnen gehalten und Holbein zugeschrieben wird, besaß, 1823, Maler Wocher in Basel. Es ist von vornen genommen, in Lebensgröße, und sehr gut erhalten, wenigstens der Kopf; sollte am Grund und am Gewande etwas nachgebessert worden seyn, so ist es mit Verstand und Maaß geschehen. Einer Copie sieht es nicht gleich, und ist fast zu frei und zu idealisch für Holbein. Wer es immer seyn mag, ein wahres Heldengesicht ist es, stolz, kühn, gewandt, vornehm, herrisch, geistig, schön. Hat Karl so ausgesehen, so hat er seine physiognomische Bestimmung nur halb erfüllt. 133 Das durch die Boisseréeische Sammlung berühmt gewordene Bildniß des Johann von Carondilet, Erzbischofs von Palermo, eins der trefflichsten Erzeugnisse Holbeins, so zart und weich, und dennoch so bestimmt und kräftig gemalt, als wenn Tizian sich in deutschem Fleiße hätte versuchen wollen, mag von ihm auf seiner Reise nach England in den Niederlanden gemacht worden seyn, wo sich dieser Erzbischof aufhielt, dem wahrscheinlich von seinem Freunde Erasmus der junge Künstler war empfohlen worden. 134   Holbeins Freunde und Gönner in Basel. Erasmus. Mit Mühe und Arbeit, denn ohne dieß kann dem Sterblichen wohl Reichthum und Ehre, aber kein bleibender Ruhm zu Theil werden, schwang sich der junge Holbein allmählich auf eine Höhe der Kunst, nach welcher die Leute unten mit Aufmerksamkeit zu blicken anfingen. Der schaffende Geist vorzüglicher Art, den ihm die Gnade des Himmels verliehen, machte sich Bahn durch alle Hindernisse, auch durch die, welche in den habituellen Neigungen des Künstlers selbst liegen mochten. Erwarben ihm jene Neigungen Freunde, wo nicht bei der guten, doch bei der lustigen Gesellschaft »Tages Arbeit, Abends Gäste, Saure Wochen, frohe Feste!« , so verschaffte ihm sein steigender Ruf Gönner, die sich ihn hervorzuziehen bemühten. 135 Unter diesen zeichneten sich besonders Amerbach, Erasmus und Frobenius aus. Erasmus , der berühmteste dieser Gönner, war schon in der frühern Zeit der Entwickelung Holbeins nach Basel gekommen Bayle meint, bald nach 1513. Später aber muß er sich wieder einige Jahre in den Niederlanden aufgehalten haben, bis er 1521 Basel zu seinem beständigen Aufenthalte wählte. , und wohnte in dem Hause des gelehrten Buchdruckers Johannes Frobenius, wo er wahrscheinlich den jungen Künstler, der dem Buchdrucker Visirungen zu Holzschnitten und Verlagszeichen lieferte, kennen lernte und ihm seine Gewogenheit schenkte. Später in Basel angesessen, ließ er sich mehrmals von demselben malen, fand Freude an dessen Randzeichnungen zu seinem Buche, und war ihm nachher zur Reise nach England behülflich. Er war ihm günstig, weil er, was er selbst besaß, Frohsinn und Geist an dem jungen Manne zu schätzen wußte, aber die Verschiedenheit des Alters von ein und dreißig Jahren, und wohl auch der Lebensart und äußerlichen Würde, gestatteten ihm keine freundschaftliche Annäherung inniger Art, die man auch in seinen Schriften nirgends findet, so daß Bayle, der den Holbein son ami particulier nennt, und wer es ihm nachschreibt, zu weit geht. Es war nicht die Freundschaft, die Pirkhaimer für seinen 136 geliebten Dürer hatte, der in seinen Briefen, wo er immer kann, dessen mit Liebe gedenkt, und seinen Tod mit so inniger Treue beweint hat Epistolae ad Erasmum. - B. Pirkheimeri opera. Fol. Francof. 1610. . Pirkhaimern zu Lieb erhebt darum auch Erasmus, der gern bedeutenden Freunden gefällig war, in seinen Antworten auf solche Briefe, den würdigen, damals schon hochberühmten Albrecht nach Verdienen, nennt ihn artis Apelleae principem, dignum qui nunquam moriatur, gedenkt hingegen Holbeins nie mit einem Worte, wie er doch wohl in Erwiederung gethan hätte, wäre sein Wohlwollen für denselben wärmerer Art gewesen. Freilich hatte Holbein damals noch keinen großen Namen, und von Unberühmten sprechen die Berühmten meist eben so ungern mit lautem Antheil, als die Vornehmen von den Geringen. Zudem hatte Erasmus immerfort mit dem Unglücke seiner Celebrität zu thun und zu kämpfen Er schrieb in seinem letzten Lebensjahre 1535: Si olim scissem, quid sit celebre nomen, summa vi fuissem adnixus, ne quis praeter domesticos novisset Erasmum; nunc frustra placet illud Epicuri: λαϑε βιωσας . . – Als Pirkhaimer ihn ermahnte, dem noch lebenden Dürer in öffentlicher Schrift ein Denkmal zu setzen, antwortete er 1527. Epist. DCCCCV. , er habe von selbst 137 daran gedacht, doch sey ihm die Aufforderung angenehm. Und als Dürer das folgende Jahr starb, und Pirkhaimer über seinen Tod wehmüthig klagte, war seine ganze Antwort Epist. DCCCCLVII. : » Quid attinet Dureri mortem deplorare, quum simus mortales omnes? Epitaphium illi paatum est in libello meo, « worauf er dann sogleich wieder von seinen eignen Händeln zu sprechen anfängt, als wenn mit der Zusicherung des unsterblichen Epitaphiums alles gethan wäre. Dieses Ehrengedächtniß erschien dann auch in demselben Jahre in der Schrift de recte latini graecique sermonis pronunciatione, und mag, als des Verfassers Kunstgeschmack bezeichnende Stelle, hier einen Platz in Anspruch nehmen: » Dureri nomen jam olim novi, inter pingendi artifices primae celebritatis. Quidam appellant horum temporum Apellem. Equidem arbitror, si nunc viveret Apelles, ut erat ingenuus et candidus, Alberto nostro cessurum hujus palmae gloriam. - Apelles coloribus, licet paucioribus minusque ambitiosis, tamen coloribus adjuvabatur. Durerus quanquam et alias admirandus, in monochromatis, hoc est nigris lineis, quid non exprimit? Umbras, lumen, 138 splendorem, eminentias, depressiones: ad haec, ex situ, rei unius non unam speciem sese oculis intuentium offerentem, observat exacte symmetrias et harmonias. Quin ille pingit et quae pingi non possunt, ignem, radios, tonitrua, fulgetra, fulgura, vel nebulas, ut ajunt, in pariete, sensus, affectus omnes, denique totum hominis animum in habitu corporis relucentem; ac pene vocem ipsam. Haec felicissimis lineis iisque nigris sic ponit ob oculos, ut si colorem illinas, injuriam facias operi. An hoc non mirabilius, absque colorum lenocinio praestare, quod Apelles praestitit colorum praesidio? « Das schönste Lob gebührt dem edlen Dürer allerdings, nur kann man sich bei dieser Lobpreisung der ins Feld der Kunstgeschichte gehörigen Frage nicht enthalten: Hätte wohl Erasmus sich auf diese Weise ausgedrückt, wenn er in frühern Zeiten selbst die Malerei, und zwar mit so außerordentlichem Gelingen, getrieben hätte, wie Descamps Vie des peintres. I. Art. Erasme. meldet? Erasmus hat sich gar oft von Holbein malen lassen, klein und groß, jünger und älter, vorn und seitwärts, 139 wie dieß so viele Cabinette, die sich solcher Bildnisse rühmen, bezeugen. Patin führt sieben verschiedene Bilder desselben an, und fügt noch hinzu: » Erasmum saepius ab Holbenio pictum, et in Galliam, Angliam, aliaque loca delatum fuisse, ex illius epistolis liquet. « In Basel besitzt die öffentliche Bibliothek zwei dergleichen, ein kleines rundes halb von vornen mit dem größten Fleiße wie Miniatur, auf Holz, und ein größ'res auf Pergament, etwas flach und trocken gemalt; letzteres ist der durch alte Copien und Kupferstiche bekannte schreibende Erasmus; und mit dem Besitze des Feschischen Museums sind noch zwei andere hinzugekommen, wovon eines wenigstens ein sehr schönes Original ist. Von vielen andern in auswärtigen Sammlungen sey es genügend, nur noch dasjenige anzuführen, welches in der k. k. Bildergallerie zu Wien zu sehen ist Mechels Verzeichniß \&c. S. 262. , weil es den Erasmus in seiner letzten Lebenszeit vorstellt, in Viertel-Lebensgröße, und zum Nebenbilde Holbeins eigenes Porträt, in dessen besten Jahren, genau von gleicher Größe, hat, so daß demnach beide zusammen gemalt wurden, welches von wirklichem freundschaftlichen Verhältnisse beider Männer in spätern Jahren zu zeugen scheint. 140 Erasmus schreibt zwar von sich selbst, er habe keine Freude an seinem eignen Antlitz gehabt, und daß er sich malen lassen, sey ihm kaum durch zudringliches Bitten seiner Freunde abgenöthigt worden » Ac ne facie quidem propria delectabatur, vixque extortum est amicorum precibus, ut se pingi pateretur. « Vita Erasmi, Erasmo auctore. . Fast sollte man aber daran zweifeln, wenn man an die Menge seiner Bildnisse denkt. Nicht erst durch Holbein (wie man gewöhnlich annimmt), der 1526 nach England ging, sondern früher schon schickte er Bilder von sich dorthin und nach Frankreich, wie aus einem Briefe an Pirkhaimer von 1524 erhellet: » Rursus nuper misi in Angliam Erasmum bis pictum ab artifice satis eleganti, « welches kaum ein andrer als Holbein seyn kann; aber er mag ihn nicht einmal nennen. Is me detulit pictum in Galliam. Auch dieß wäre wieder ein Zeugniß für Holbeins künstlerische Wanderungen. Ungeachtet des bezeugten Mißfallens an seinen eignen Gesichtszügen, ließ er sich nicht nur von Holbein, sondern auch von andern Malern abbilden. Schon 1517 malte Quintin Messis in Antwerpen ihn und seinen Freund Petrus Aegidius auf Eine hölzerne Tafel, die für Thomas 141 Morus zum Geschenke bestimmt war Nach den zwischen Morus, Aegidius und Erasmus gewechselten Briefen vom Jahre 1517. ( Opp. omn. ) . Dieß Gemälde kam nachher in Dr. Mead's Sammlung, und später nach Longford in Wildshire Walpole, Anecd. of painting. I. 108. – Lord Radnor bezahlte bei der Meadischen Auction 110 Pf. 5 sh. Sterling dafür, als für ein Holbeinisches Bild. ( Dallaway, les beaux arts en Anglet. trad. p. Millin. II. 214. ) , und wurde nach den Versen, die Mead dazu gemacht, fälschlich dem Holbein zugeschrieben. Morus war darüber entzückt Er nennt es ( opp. Erasm. III. 1635. ) ein wunderbares Kunststück, das man eher für ein Werk der Bildhauerei halten sollte, so sehr heben sich die Figuren heraus. Besonders erstaunte er (die Facsimile waren damals noch nicht Mode) über seine nachgemachte Handschrift in einem Briefe, der dem Aegidius in die Hand gegeben war. Er machte auch Verse darüber, die er diesem zuschickte, mit dem Bedeuten, wenn er sie erträglich finde, möchte er sie dem Erasmus mittheilen, sonst verbrennen. – Einige Wochen darauf freuete er sich, daß Erasmus Gefallen an den Versen gefunden, und schickte ihm, nach Art der Poeten, noch mehrere zu. Das Verbrennen wäre ihm sonach nicht gleichgültig gewesen. ; Walpole aber nennt den Kopf des Erasmus steif und flach, und bemerkt, Holbein habe nicht Ursache gehabt, eifersüchtig auf Quintin zu seyn, da dieser bei allem Fleiß doch das Zarte und Glänzende der Farben von jenem nicht erreicht habe. 142 Auch Albrecht Dürer schreibt in seinen Reisenachrichten aus den Niederlanden 1520 Murr's Journal zur Kunstgeschichte. VII. Theile. : »Ich habe den Erasmum Roterodam noch einmahl conterfet.« Also zwei Mal, und ein Mal hat er ihn in Kupfer gestochen. Und 1525 äußert Erasmus gegen Pirkhaimer: A Durero cuperem pingi, quid ni a tanto artifice? und thut, besorgt für sein Aeußeres noch hinzu, er dürfe ihn wohl etwas fetter machen: faciat in me quod in te fecit, cui addidit aliquid obesitatis. – Sollte man aus diesem allen nicht meinen, Erasmus habe sich gern conterfeten lassen Nach Dürers Tode, 1528, schrieb Erasmus an H. Botteus: pinxit me (abhinc aliquot annis) Durerus, sed nihil simile. ? Was Holbeins gutem Verhältnisse mit Erasmus noch mehr Ansehen und bleibenden Ruhm gab, das sind die Randzeichnungen, die er zu dessen Lob der Narrheit machte. Was es damit für eine Bewandniß habe, und wie Oswald Müller in der Freude über diese herrliche Verzierung des Buches durch seinen Freund dasselbe dem Verfasser mitgetheilt habe, ist schon oben erzählt worden. – Das Werk wird mit geziemender Sorgfalt in der Bibliothek zu Basel aufbewahrt. Es ist die Ausgabe, so bei Frobenius 1514 erschienen, mit einer von Urs Graf in Holz 143 geschnittenen Titeleinfassung, die auch zu andern Titeln gebraucht worden. Unter derselben steht geschrieben: Est Oswaldi Molitoris Lucernensis, und von diesem sind auch die angeführten Anekdoten in das Buch eingetragen, nebst andern seltsamen Dingen, sowohl den Besitzer des Buchs, als die Stadt Basel betreffend. Die Figuren, drei und achtzig an der Zahl, und durch das ganze Buch zerstreut, sind mit einer feinen Feder und mit ungleicher Dinte, in freier geistreicher Manier gezeichnet, nicht immer zum Inhalt passend, sondern wie es dem Zeichner einfiel, und wie er es verstand, auch an Gehalt ungleich, und fleißiger ausgeführt die einen, als die andern. Mit Recht freute sich der erste Eigenthümer dieses köstlichen Erwerbnisses sein Leben lang. Nach seinem Tode muß es aber einige Zeit von Basel weggekommen seyn, denn es finden sich auf der Bibliothek zwei Briefe von einem Jakob Clauser, Maler in Mühlhausen, an Basilius Amerbach von 1578, wonach ein Herr Daniel daselbst im Besitze des Buches war, welcher es dem Clauser, der den Auftrag hatte, ihm nachzufragen, um Geld und gute Worte abtrat. Es kam dann in die Amerbachische Sammlung, und von da an die öffentliche Bibliothek. Diese Randzeichnungen sind in mehrern neuen Ausgaben und Uebersetzungen der Moria nachgestochen worden; 144 am besten in der Ausgabe von Charles Patin Stultitiae laus, D. Erasmi Rot. Declamatio, cum comm. G. Listrii et fig. Jo. Holbenii. 8. Basil. 1676. , der dieselben, mit Vergünstigung des Magistrats, von Wilhelm Stettler aus Bern Stettleri perita et Holbenio non indigna manu. Ibid. Dedic. copiren und von Caspar Merian aus Frankfurt stechen ließ. Doch auch diese geben keinen anschaulichen Begriff von den feinen Zügen des Originals; der Ausdruck ist wohl da, aber die Ausführung ist zu breit und zu roh, auch sind die Figuren mehrentheils etwas größer. Man hat auch einen sehr schönen Holzschnitt in Folio, der den Erasmus in ganzer Figur vorstellt, wie er sich mit der rechten Hand auf den Terminus, sein Symbol, stützt. Ueber ihm hängt an einem reich verzierten Bogen eine Tafel mit der Inschrift: ER. ROT. – Auf dem Fußgestelle sind gedruckte Verse zu lesen, die nicht in allen Abdrücken gleich lauten Auf einem, wahrscheinlich ältern, Abdrucke heißt es:         Corporis effigiem si quis non vidit Erasmi,         Hunc scite ad vivum picta tabella dabit. Auf einem andern:         Pallas Apellaeam nuper mirata tabellam,         Hanc ait, aeternum Bibliotheca colat.         Daedaleam monstrat Musis Holbeinnius artem,         Et summi ingenii Magnus Erasmus opes. . Mit Recht 145 wird dieses wahre Kunststück dem Holbein zugeschrieben. Wer hätte auch den Erasmus mit seinen feinen Zügen, seiner sinnigen Miene, den zarten Händen, und in seiner schwächlichen Haltung, so wahr auffassen und meisterlich darstellen können, als der, dessen Talent eben eine solche Wahrheit der Darstellung war, und der seinen Gegenstand so gut kannte? Auf die Frage, ob Holbein nur die Zeichnung gemacht, oder sie auch selbst in Holz ausgeführt habe, kann man wenigstens so viel mit Gewißheit sagen, daß der Kopf so fein und zart, sicher und frei geschnitten ist, als irgend eine Platte des Todtentanzes, so daß, wenn er das Eine gemacht hat, gewiß auch das Andere von ihm herrührt. Da die wirkliche hölzerne Platte dieses Bildes noch urthümlich in der Basler Sammlung aufbewahrt liegt, so fallen alle gelehrten Untersuchungen, ob das Bild in Holz oder Metall geschnitten sey, von selbst weg. – Hiebei ist auch zwei in Holz geschnittener Köpfe des Erasmus zu gedenken, die man in Seb. Münsters Cosmographie findet, deren Einer, von vornen gezeichnet, nicht unter die schlechten gehört. Noch hängt auf der Bibliothek hinter Glas und Rahmen ein mit Bleistift auf Pergament gezeichnetes todtes Angesicht des Erasmus, mit der Aufschrift: ERASMVS ROTERODAMVS MORT DESCRIPTVS EST. Todte halbgeschlossene Augen und offener Mund, leicht hingeworfen, mit wenig Schatten. Diese physiognomisch merkwürdige Zeichnung soll auch Holbein gemacht haben; es ist möglich, wenn er im Jahre 1536, wo Erasmus gestorben, in Basel war, dessen jedoch keine Spur vorhanden ist. Muß aber auch alles von Holbein seyn; könnte den leichten Umriß nicht auch ein Anderer gemacht haben? Und so viel von Erasmus, in so weit er mit Holbein und seiner Kunst in Verbindung stand. Einiges wird noch nachgeholt werden. 147   Holbeins Freunde und Gönner in Basel. Amerbach. Näher als Erasmus an Alter und Neigung war dem jungen Maler der großmüthige Bonifacius Amerbach; im Lehren und Thun des Rechten die Zierde seiner Vaterstadt, und ein Freund der Kunst. Nur ein paar Jahre älter als Holbein, pflegte er vertraulichen Umgang mit ihm, erkannte sein großes Verdienst und unterstützte dasselbe, indem er ihm Arbeit gab, und selbst eine beträchtliche Sammlung von Gemälden und Handrissen seines Freundes anlegte, die er noch mit Werken mehrerer Künstler, mit Alterthümern, Münzen und andern Gegenständen des Geschmacks vermehrte. Er war auch der Erste, der sich in den alten Trümmern von Augst 148 ( Augusta Rauracorum ) mit kritischen Augen umsah und Zeichnungen davon aufnahm, die gegenwärtig noch auf der Basler Bibliothek aufbewahrt sind. Von seinem Wandel und Wesen zeuget sein Zeitgenoß Heinrich Pantaleon Deutsches Heldenbuch. III. 266. wohl am besten: »Er was ein langer gerader mann, mit einem lieblichen Angesicht, one Bart: er gebrauchet sich einer dapfferen ernstlichen red, vnd trat in einem langen kleid züchtig dahär. Er forchte Gott, liebet den nechsten, vnd erzeiget sich miltigklich gegen den armen, vorab gegen diesen so gestudieret.« – Füget man noch hinzu, was Erasmus an einen Freund schreibt: » Bonifacius Amerbachius, in cujus amicitia praecipue conquiesco, homo tam purus, ut in eo nihil reperias naevi, nisi quod est immodice modestus etc. « und Aehnliches in mehrern Briefen desselben, so hat man ein menschliches Lob, daß sich kaum ein besseres wünschen läßt; wovon ein Abglanz wohl auch zur Rechtfertigung von Holbeins Lebenswandel dienen mag, wenn man dem Spruche Glauben zustellen will, daß man den Mann aus seinen Freunden kennen lerne Noscitur ex socio, qui non cognoscitur ex se. . 149 Seine Kunstkammer, wovon sich noch eine Beschreibung von der Hand seines Sohnes Basilius auf der Basler Bibliothek vorfindet, begriff nebst Büchern, Manuscripten und andern Seltenheiten auch neun und vierzig kleine und große gemalte Tafeln, worunter siebzehn Originalgemälde von Hans Holbein dem Jüngern waren. Zudem hundert vier vorzügliche Handzeichnungen desselben, die er Holb. genuina bezeichnet hatte, nebst einem Büchlein, darein bei fünf und achtzig Stücklein gerissen sind, auch mehrere Exemplare der holzgeschnittenen biblischen Figuren und des Todtentanzes; und mehr als tausend von andern Meistern herrührende Zeichnungen, Holzschnitte und alte Kupferstiche. Es war in der Mitte des XVII Jahrhunderts nahe daran, daß diese große mannigfaltige Amerbachische Sammlung nach Amsterdam verkauft worden wäre Bruckners Merkw. der Landsch. Basel. XXIII. Stück. 2774. Seite. ; zum Glück ward gerade damals das Jubeljahr der Universität Basel gefeiert, wodurch der vaterländische Sinn auf's Neue rege gemacht und die Regierung veranlaßt wurde, dem unersetzlichen Verlust zuvorzukommen, und das Ganze im Jahr 1661 um neuntausend Reichsthaler an sich zu bringen 150 und mit der öffentlichen Bibliothek zu vereinigen, deren Zierde sie noch jetzt ausmacht. – Die Sammlung von Kunstsachen blieb aber lange ungeordnet und in alten Schränken verschlossen, und wurde erst fast ein Jahrhundert später von dem geschickten Maler und Rathsherrn Johann Rudolph Huber einigermaßen in Ordnung gebracht, und dann, als 1760 wieder ein Jubeljahr kam, und das Bibliothekgebäude verbessert wurde, gaben sich einige Bibliothekaren Schreiben von J .C. Beck, Bibliothekar in Basel, 1776, in Murr's Journal zur Kunstgeschichte. III. 27. die verdienstliche Mühe, alles noch besser zu erlesen und zu reihen, wodurch manche treffliche Sachen erst an's Tageslicht gekommen sind. Auch in neuern Zeiten wurden die Handzeichnungen noch einmal von geschickten Männern durchgegangen und neu geordnet; und gegenwärtig ist zu hoffen, daß bei dem herrlichen Zuwachs, den die Bibliothek durch das Feschische Museum erhalten, eine neue Durchsicht aller dieser Kunstgegenstände von Grund aus werde vorgenommen, und das Schadhafte wiederhergestellt werden, damit nicht die Würmer, die sich in das Holz der alten Rahmen gezogen, die Malerei selbst angreifen, oder an mehrern Bildern sich die Farben durch Trockenheit abschälen. Kunstliebende, gewissenhafte Männer, 151 an denen Basel gerade jetzt so reich ist, wollen das thun und werden dafür sorgen, daß auch Fremde erkennen, die Stadt wisse den Schatz, den sie besitzt, zu ehren Dieß ist jetzt großen Theils wirklich, zur allgemeinen Befriedigung, unter der Leitung und dem unausgesetzten Bemühen des Herrn Deputats J. Fr. Huber, geschehen. . Das jugendliche Bildniß Amerbachs, welches Holbein 1519, also in dessen vier und zwanzigstem Jahre, malte, hängt aus der Bibliothek. Es ist aus Holz mit großem Fleiße, in etwas braunem Tone, der den frühern Bildern des jungen Künstlers eigen ist, gemalt. Viel Intension und Wahrheit in den kleinen, kranken, dunkelblauen Augen. In den grünen Grund hinaus, mit dem Holbein so gern seine Bildnisse umgab, steht etwas ungeschickt ein Ast von einem Baum, an dem eine Tafel mit lateinischen Versen hängt. Dieß Bild ist auch in Mechels Holbeinischem Werke gestochen. Erasmus hatte den Amerbach in seinem eigenhändigen Testamente, wie es sich noch in Basel findet, zu seinem Haupterben eingesetzt. Außer dem Bilde seines Freundes aber, und einigen Holbeinischen Kunstsachen, behielt der edle Mann davon nichts für sich, sondern verwandte die ganze Erbschaft, und noch einen Theil des Seinigen dazu, dem Verstorbenen zu Ehren, an 152 wohlthätige Stiftungen und zu Geschenken an Freunde desselben. Der Briefwechsel dieses Kunst- und Alterthums-Liebhabers wird auf der öffentlichen Bibliothek seiner Vaterstadt verwahrt. Es könnte wohl seyn, daß sich darin Einiges fände, das auf Holbein oder seine Werke Bezug hätte, wenn nur das Suchen leichter wäre! 153   Holbeins Freunde und Gönner in Basel. Frobenius. Johannes Frobenius , einer der vorzüglichsten Buchdrucker seiner Zeit, wird von Erasmus, seinem Hausfreunde, als der ehrlichste, treueste und gutmüthigste aller Menschen geschildert In einem seiner schönsten Briefe an Joannem Ernstedium, Ann. 1527. , der es nicht lassen konnte, selbst Unwürdigen Gutes zu thun, und von erlittenem Betruge fast wie von einer Wohlthat sprach. – Daß ein solcher Mann auch gegen den jungen künstlichen Holbein hülfreich, ermunternd und nachsichtig gewesen, läßt sich schon aus seiner Gemüthsart schließen, dann aber auch aus dem Gebrauch, den er von dessen Kunst machen konnte. Er war es, der ihn hervorzog; schon die ersten rohen Holzschnitte von (oder nach) ihm erschienen als Verlagszeichen 154 oder Titeleinfassungen zu Frobenischen Druckwerken. Da einige derselben mit seinem Namen bezeichnet sind, so läßt sich wohl nicht an ihrer Herkunft zweifeln. So hat zum Beyspiel eine, nach der damaligen Weise der Buchdrucker, zu verschiedenen Titeln gebrauchte Zu Aeneae Platonici Theophrastus etc. 4. Basil. apud Frobenium 1516. – Zu Zu Horus Apollo Niliac. de Hieroglyphicis. – Zu Encomium Matrimonii p. D. Erasmum. 1518. und andern mehr. Einfassung oben spielende nackte Kinder, unten die That des M. Scaevola , und auf den Seiten Verzierungen darstellend, das Zeichen HH auf der linken Seite. – Andre Titel zu mehrern Frobenischen Ausgaben sind mit einem Holzschnitt umgeben, wo über und zur Seite eines Säulenbogens geflügelte Kinder angebracht sind, und wo unten zwei solcher Kinder das Frobenische Verlagszeichen halten; hier ist ganz oben auf zwei Täfelchen der Name HANS HOLB eingeschnitten Kömmt öfters auf kleinen Flugschriften von 1516 vor. Auch als Titel zu Erasmi Ratio s. comp. verae Theol. apud Frob. 1519. . – Einige kleinere haben das Zeichen Ist zu unterscheiden von I. F. , womit mehrere kleinere und größere Holzvignetten bezeichnet sind. Da Johannes Frobenius sich zuweilen auch Chalcographus schrieb, so haben ihm Einige auch dieß Monogramm zuschreiben wollen; dann müßte es aber eher heißen Xylographus . . 155 Eine Menge andrer Vignetten, Randverzierungen, Titel, Verlagsschilde Baslerischer Buchhändler, ohne Monogramme, tragen so offenbar denselben Styl in Entwurf und Zeichnung, besonders in den lieblichen Gestaltungen und Wendungen fröhlich spielender Kinder, worin Holbeins Eigenthümlichkeit sich auszeichnet, daß man an dem Ursprung aus einer und ebenderselben zeichnenden Hand nicht wohl zweifeln kann. Ob aber der Schnitt in's Holz auch sein Werk sey, darüber ist man ungleicher Meinung. Bedeutende Kunstforscher Fr. von Rumohr, Kunstbl. N. 31. 1823. bejahen es, gestützt auf das Monogramm, das sich bei einigen Stücken findet, und auf die frühe Jugend Holbeins, der damit weniger einen Ruhm, den er noch nicht hatte, verbreiten, als sich andern Buchdruckern habe bekannt machen wollen. Dagegen sagt oder kann man sagen, daß die schülerhafte Unsicherheit, womit die meisten dieser Stücke geschnitten sind, kaum von einem Künstler herrühren könne, der sich schon durch so hervorleuchtende Zeichnung bemerklich gemacht; für seinen Zweck möge es hinreichend gewesen seyn, seinen Namen hie und da als Zeichen beizufügen, da es der Formschneider in jener Zeit so viele gegeben, daß diese Kunst (so wie die Glasmalerei) als ein Handwerk nach 156 Vorzeichnungen betrieben worden, wo die Buchdrucker meist nach Wohlfeilheit wählten. Zudem entsprechen sich viele dieser Platten auffallend an Gleichheit der Composition und der Zeichnungsmanier, die aber in der xylographischen Ausführung höchst ungleich sind. Von dem angesehensten der Schriftsteller begünstigt, und durch den ersten Buchhändler an's Licht gezogen, wurde ihm bald auch Beschäftigung von andern Druckerpressen aufgetragen, wie sich hernach zeigen wird. Nach Patin Index operum J. Holbenii. 22 und 23. hat Holbein die beiden Freunde Erasmus und Frobenius auf zwei (hölzerne) Tafeln gemalt, die, mit Bändern vereinigt, zusammengelegt werden konnten. Nach seiner wahrscheinlichen Meinung Die er, wie mehrere seiner Nachrichten über Holbein, aus Rem. Feschii humanae industr. monumenta etc. mscr. wörtlich genommen. ließ sie Erasmus zum Geschenke für Frobenius malen, indem er ihm die Ehre der rechten Seite ließ Verfasser besitzt davon zwei alte treffliche Copien, Halblebensgröße, in Oehl, die Sixt Ringlin 1648 für das Feschische Museum gemalt hat. . Patin glaubt diese Bilder 1672 in der königlichen Sammlung zu London gesehen zu haben. Walpole Anecd. of painting etc. II. 108. meldet, daß 1653 bei einer 157 Versteigerung der von Carl I. besessenen Kunstsachen Frobenius und Erasmus, von Holbein gemalt, um 200 Pfund seyen gekauft worden. Wenn das dieselben Bildnisse sind, von denen Patin spricht, so müssen sie nach der Restauration wieder zum königlichen Hause gekommen seyn. Wo sind sie jetzt? Seit einigen Jahren hat die Basler Bibliothek ihren Holbeinischen Besitz auch mit einem solchen Bildnisse des Frobenius vermehrt. Dieses ist, wie mehrere Profilbilder Holbeins aus früherer Zeit, von rothbraunem Farbenton, und gilt deswegen, und noch aus andern weiter hergeholten Gründen bei Einigen für kein Original. Immerhin ist es ein sehr schönes Bild, das dem Holbein keine Schande, oder dem, der es ihm so nachbilden konnte, große Ehre macht. Es stellt uns überdieß den gemüthlichen Mann mit ergreifender Wahrheit vor Augen; ein Gesicht, das zwar die Welt häßlich nennen mag, aus dem aber der Geist froher Laune, milder Gesinnung, und das Bewußtseyn edler Thätigkeit in allen Zügen spricht. – Mechel hat davon einen Kupferstich gegeben, ihm fehlt aber der Geist, der das Original beseelt. Ein Geschichtchen, das wahr heißen kann, wie alle dergleichen Züge, die dem Charakter der betreffenden 158 Personen nicht entgegen sind, mag diesen Abschnitt beleben, wiewohl es keinen unmittelbaren Bezug auf Holbein hat Theod. Zwingeri Theatr. vitae humanae. . Erasmus pflegte einen Knaben, den er aufzog, des Morgens auf den Markt zu schicken, um Früchte für ihn einzukaufen, und gab demselben jedes Mal einen lateinischen Vers auf, den er ihm bei der Rückkunft wiederholen mußte. Einmal traf Frobenius den Knaben auf der Straße weinend an, weil er den Vers vergessen hatte. Dem ist wohl zu helfen, sagte er, ich will dir schon einen andern Vers angeben, den du leicht behalten kannst: Orto de scorto, pede torto, poma reporto. – Aber Erasmus nahm den Spaß übel auf, und zürnte länger, als es wahrscheinlich sein Freund gethan hätte. Das einzige Mal, wo Holbein den Erasmus in ganzer Figur gab, ist in dem oben berührten Holzschnitte, und da stellt er desselben Füße hinter den Terminus. Wenn er es deßwegen that, weil sie krumm waren, so hätte Theodor Beza in seinem berühmten Epigramm, gegen welches Bayle so viel einzuwenden hat Diction. Art. Erasme.           Ingens ingentem quem personat orbis Erasmum,         Haec tibi dimidium picta tabella refert,         At cur non totum? mirari desine lector,         Integra nam totum terra nec ipsa capit. , die Frage, 159 warum der große Mann nur auf halben Leib gemalt worden, mit weniger Aufwand von falschem Geschmacke, und mit mehr Wahrheit beantworten können, womit der undichterische Bayle vielleicht zufriedener gewesen wäre. 160   Holbeins Leben in Basel bis zu seiner Abreise nach England. In Basel war er Bürger und mit Weib und Kind angesessen, dahin kehrte er also auch immer wieder, wenn er auf Wanderungen sein Brod gesucht hatte, und blieb dann, bis ihn das Bedürfniß nöthigte, wieder Arbeit in der Fremde zu suchen; denn je weiter die Zeit in das Jahrhundert hineinrückte, desto weniger Unterstützung scheint die Kunst in Basel gefunden zu haben. Wiederholte innerliche Unruhen, häufige Streitigkeiten und kleine Kriege mit den östreichischen Nachbarn, auch die Italiänischen Feldzüge »Wo mehr verkrieget oder verzogen ist, als die Pensionen tragen.« Ochs Gesch. V. 281. entzogen das Geld den friedlichen Künsten, und entsittigten die Gemüther, so daß auch eigne strenge Gesetze über den Stadtfrieden, das heißt, gegen Händel und 161 Ausgelassenheit, nothwendig erachtet wurden Ochs Gesch. V. 321. \&c. . Das mochte wohl eher eine Zeit für ein loses Leben (wenn das je Holbeins Fall war) als für den kunstgesinnten Maler seyn. Zudem nahm das Ansehen und der einträgliche Wirkungskreis der Klöster und Kirchen merklich ab, und damit ihre Sparsamkeit zu; der Ruhm, den man in köstlichen Altargemälden suchte, wartete auf bessere Zeiten. Schon zu Anfang des Jahrhunderts hörte man singen: »Was ist in der Welt für ein Wesen, wir mögen vor den Pfaffen nicht genesen Ebendaselbst. V. 157. !« – Die bessern Gelehrten, Erasmus und seine Freunde, spotteten mancher geistlichen Mißbräuche laut; die Stadt Basel selbst legte das neue Panner mit dem englischen Gruß, das ihr Papst Julius II. Ebendaselbst. V. 280. feierlich geschenkt hatte, bei Seite, und begnügte sich mit ihrem alten Stadtpanner. Bald fing sich auch Luther in Deutschland an zu regen, und nach ihm Zwingli in der Eidgenossenschaft. – Auf ergiebige Bestellung bedeutender Werke war demnach für Holbein wenig Aussicht, er mußte sich mit Porträten und kleiner Arbeit begnügen, wovon in Basel noch mehreres vorhanden, das zum Theil historisch zu berühren hier der Ort ist. 162 Auf der öffentlichen Bibliothek fallen zwei Bilder einer jungen Person weiblichen Geschlechts, die aber in Stellung und Ausdruck verschieden sind, vorzugsweise in die Augen, beide auf halben Leib gemalt und in verjüngtem Maaße; die Tafeln halten ungefähr Einen Fuß Höhe und zwei Drittel Fuß Breite. Von dem Gegenstande weiß man nichts mehr, als was das Amerbachische Verzeichniß sagt, es sey »das Conterfet einer Offenburgerin« (oder, wie man jetzt sprechen würde, einer Fräulein von Offenburg, welches ehemals ein adeliches Geschlecht von Basel war). Die Bilder aber sind so anziehend, besonders das Eine, daß man gern mehreres von dem Urbilde wissen möchte. Das vorzüglichere, mit der Unterschrift: Lais corinthiaca. 1526. ist ein sehr schönes jugendliches Gesicht, voll Lüsternheit, mit schmachtendem Liebesblick, und einem Munde, der süße Lust zu hauchen scheint. Alles so zierlich, fleißig, und dabei so wahr, weich und Leben athmend gemalt, ohne alle Trockenheit der Umrisse, daß es kaum ein schöneres Porträt geben kann. Das Mädchen ist zierlich angezogen Rem. Fesch in den monum. human. industr. Msc. 1628 nennt es: vestem meretriciam – und thut hinzu: Ex praecipuis judicatur haec pictura. , trägt eine Binde mit Gold um den Kopf, und Gold in einigen Schnüren der 163 Kleidung. Sie steht vor einem Tische, und scheint die eine Hand nach Geld auszustrecken, dergleichen sie auch schon vor sich hat, und mit der andern zieht sie das Gewand in die Höhe, gleichsam etwas, das Geldes werth ist, anbietend. Das andere Bild ist nicht so glänzend gemalt, und steifer gezeichnet, auch nicht so schön von Angesicht, ihm fehlt die Anmuth; es ist dieselbe Person, aber magerer und älter, trägt auch ein ähnliches Gewand. Ein Kind von gemeiner Natur und schönem Colorit, das vor ihr steht und mit einem Pfeile spielt, macht, daß man das Stück jetzt Venus und Amor betitelt. Auf dem alten Rahmen steht (stand) aber mit goldnen Buchstaben geschrieben: Verbum Domini manet in aeternum, wodurch die Sage entstanden und durch Anecdoten sammelnde Reisebeschreiber verbreitet worden ist, das Bild habe ehedem auf einem Altare gestanden, und sey als Mutter Gottes verehrt worden. – Wäre man auch jemals so dumm gewesen, den Amor mit dem Pfeile für das göttliche Kind, und ein lüsternes Weib ohne Nimbus für die heilige Jungfrau anzusehen, so widerlegt sich die Sage schon dadurch, daß das Gemälde von jeher in der Kunstsammlung des alten Amerbachs (laut des Verzeichnisses seines Sohnes) unter dem Namen einer Offenburgerin 164 aufgestellt war. Der lateinische Spruch mag eher auf das jetzt unbekannte Schicksal dieser Person gezielt haben. Die Mähre erzählt, Holbein habe dieß letztere Bild zuerst gemacht, und erst als die Dame die Bezahlung verweigert, sey sie noch einmal als eine Buhlerin vorgestellt worden. Es läßt sich aber eher das Gegentheil annehmen und glauben, der sinnliche Maler habe dieses sinnlichschöne Antlitz nicht aus Haß und Rache, sondern mit Liebe gemalt, denn nur Augen der Liebe konnten diesen harmonischen Reiz auffassen, und mit so zartem Fleiße vollenden Die Kupferstiche davon haben nur wenig Wahrheit. . Wer weiß, vielleicht mögen ihn zerstörte Verhältnisse, oder Rache der Eifersucht nachher bewogen haben, die Goldpfennige oder den Namen Lais beizufügen, so wie bei dem an Schönheit und Kunst geringern Bilde der Kleine mit dem Pfeil auch später hinzugemalt scheint, um eine Frucht verbotener Liebe zu bezeichnen. Auch hier hat Holbein seinem Gemälde einen grünen Grund untergelegt, wie er fast allenthalben zu thun pflegte; und das that er nicht allein, sondern häufig auch die Maler seiner Zeit, selbst Raphael. – Warum geschieht das jetzt nicht mehr? Was nur als eine ununterbrochene Fläche angesehen und einen näher gelegenen Gegenstand 165 angenehm hervorheben soll, kann mit Recht grün seyn; malt doch auch die Natur die Farbenschönheiten ihrer Blumen auf Grün. Zu bemerken ist noch, daß sich in der Feschischen Sammlung auch eine solche Lais corinthiaca doppelt befindet, in Oehl gemalt, und als Skizze in Tusch gezeichnet. Das Gemälde hat aber sehr gelitten, und ist übermalt worden, einzig noch merkwürdig dadurch, daß hinter der Lais ein Bett angebracht ist, von welchem ein Satyr den Vorhang wegzieht; woraus man auch wieder nach Belieben entweder auf den tugendhaften Eifer, oder den leidenschaftlichen Groll des Malers gegen dieses durch Schönheit und Lebensart berüchtigte Mädchen schließen kann. Unter seine berühmten Gemälde aus dieser Zeit gehört auch der todte Christus in Lebensgröße, bezeichnet: Jesus Nazarenus Rec Jud. H.H. 1521. Er liegt auf einem Tuche ausgestreckt, starr, in der Verwesungsfarbe, und so todt wie möglich. So mag freilich ein Gekreuzigter ausgesehen haben, aber kein Maler hätte den todten Erlöser so gräßlich entstellt vorzeigen sollen. Das Gesicht ist, genau betrachtet, zwar nicht unedel in den Formen, aber schwarz, nach der Natur eines an gewaltthätiger Todesart Gestorbenen, und die Hände sind 166 krampfig und blau von der Wunde. Man sagt, Holbein habe das Bild nach einem ertrunkenen, oder wie andre wollen, erhenkten Juden gemalt; die natürliche Wahrheit desselben macht die Sage glaublich. – Sandrart meldet, und andre schreiben es ihm nach, es seyen für dieß Gemälde tausend Dukaten geboten worden; das war, wenn gleich Malereien vormals mehr galten, als jetzt, ein übermäßiger Preis, indessen zeigt es, welch hohen Werth schon vor langer Zeit der Name Holbeins seinen Gemälden jeder Art gab, welches noch durch die vielen Copien bestätigt wird, die von diesem Bilde klein und groß genommen worden, so wie man sie noch heut zu Tage an mehrern Orten antrifft. – Das Grausenhafte der Vorstellung wurde auch damals weniger auffallend gefunden, in einer Zeit, wo man gewohnt war, über den Altären die gräßlichsten Martergeschichten aufgestellt zu sehen. Nunmehr ist das aber ganz anders; alle Reisenden, die das Bild sehen, halten sich mit Recht über die rohe Geschmacklosigkeit auf; einige brechen sogar in verabscheuenden Aerger aus, so daß man fast Bedenken tragen muß, das Bild nur etwas lange anzuschauen, um nicht des Mangels an Zartgefühl sich schuldig zu machen. Lavater Handbibliothek. 1791. VI. nennt 167 diesen todten Christus unanschaubar-abscheulich, und findet, Holbein habe dabei allen Geschmack abgelegt, alle Liebe verläugnet und allem Menschengefühl entsagt. Carl Spazier Wanderungen durch die Schweiz. Gotha. 1790. sagt, er habe es nicht eine Minute bei dieser ekelhaften Natürlichkeit aushalten können, weil sie die Eingeweide empöre; hätte man doch, fügt er nach damaligen philanthropinischen Grundsätzen hinzu, die tausend Dukaten genommen, und zu einem Fond für Landschulmeister verwendet! – Wer wird es wagen, mit Jemand, der so grimmig abspricht, und den Tadel mit seiner eignen Persönlichkeit in Verbindung bringt, auch nur ein Wort über den Gegenstand zu sprechen, aus Furcht, ihm die Eingeweide zu empören? – Das ist aber nicht die echte, zum sichern Geschmack leitende Kritik, wenn man schon in neuern Zeiten öfters auf sie stößt; denn sie prüft nicht, schaut sich nicht bedächtlich um, sondern giebt sich der ersten individuellen Empfindung hin, und stellt sie anmaßend als Regel des Verstandes auf. Eine lebensgroße Figur von Holbein gemalt ist doch immer beachtenswerth, und so »unanschaubar abscheulich« dieser Christus seyn mag, so ließe sich doch zur Rechtfertigung des Malers die Frage aufwerfen, ob er nicht die Absicht oder den 168 Auftrag gehabt habe, den Menschensohn in seiner allertiefsten Erniedrigung vor Augen zu stellen, und ob er, wenn er wahr seyn wollte, dem Auftrage anders hätte ein Genügen leisten können. Er stellte den heiligen Leichnam in dem Zustande vor, wie er vom Kreuze genommen worden, noch nicht gewaschen und zum Begräbnisse geordnet, wie ihn sonst gewöhnlich die Kunst giebt, sondern in der Beschaffenheit, wie man sich auch den edelsten Menschen denken muß, der geschmäht, geschlagen, gegeißelt, mit Dornen gekrönt, und unter der entsetzlichen Marter des Kreuzes in Durst und Schmerzen verschmachtet ist, und sich sogar von Gott verlassen gefühlt hat; noch mit dem Schweiße des Todes bedeckt, mit struppigem Haar und krampfhaften, mißfarbenen, blutigen Zügen und Gliedern. Kann ein Menschenleib gleich nach solcher jammervollen Vernichtung wohl anders aussehen? – Die Erbauung ist aber vielseitig; läßt sich nicht ein frommes Gemüth denken, das, mit Hintansetzung alles bessern Geschmacks, seinen Erlöser gerade so vor sich sehen wollte, nicht nur gekreuzigt, sondern auch in mißhandelter, unzweifelhafter Todesgestalt, damit aus dieser schmählichsten Herabwürdigung seine Liebe desto herrlicher hervorleuchte? Mag auch die Erfüllung des Auftrags dem Geschmacke des Malers 169 keine Ehre bringen, so macht doch die malerische Ausführung desselben seinem Pinsel keine Schande. Zu bedauern ist es, daß die kleinen und großen Propheten, deren Patin erwähnt Prophetae omnes, majores et minores, in novem tabulis bicubitalibus, ita ut binos, quaevis illarum exhibeat, coloribus aqueis nullo admixto oleo depicti. – So kommen aber achtzehn heraus. – Index opp. J. Holbenii. , die Holbein halblebensgroß in ganzen stehenden Figuren auf neun Tafeln gemalt hat, von Basel hinweggekommen und wahrscheinlich verloren gegangen sind, da man nirgends eine Spur davon liest. Der Maler Bartholome Sarbruck führte sie zu Patins Zeiten hinweg nach Holland, und ließ zu Basel Copien in Oehl zurück; die etwas schwerfällig, aber mit guter Practic gemalt sind. Da der Feschischen Kunstkammer schon öfters gedacht worden, indem die Holbeinischen Gemälde, Handzeichnungen und Holzschnitte die schönste Zierde derselben ausmachen, so mag auch ein kurzer historischer Bericht davon hieher gehören. – Remigius Fesch, der Sohn eines Bürgermeisters zu Basel, und öffentlicher Lehrer der Rechtsgelehrsamkeit, war der Sammler und Stifter dieses Museums, das neben mannigfältigem Kunstgeräthe auch eine Menge alter Münzen, Bücher, Handschriften und 170 Naturalien in sich begriff Rien n'y manque; il y a de la peinture, de la sculpture, des livres et des curiosités de toutes sortes. Pour des Medailles, il y en a quelques unes de si singulières, qu'elles sont surprenantes, sans qu'elles ayent aucun rapport aux descriptions des auteurs, ou à celles que j'ay vu allieurs, sagt der gelehrte Münzkenner Patin in Relations historiques. 1671. . Alle Reisende besuchten es als eine der vornehmsten Merkwürdigkeiten der Stadt. Da der Eigenthümer reich und unverheirathet war, so machte er aus dem Cabinette und dem Hause, wo es aufbewahrt war, 1667 ein Fideicommiß, und verordnete aus Achtung für seinen Beruf, daß der Nießbrauch davon immerfort einem Doctor der Rechte aus dem Feschischen Geschlechte zudienen müsse, so lange ein solcher vorhanden sey, widrigen Falls solle das Ganze der Universität als Eigenthum zufallen. So blieb die Familie Fesch bis 1823 im Besitze dieser kostbaren Sammlung, woran inzwischen, wie bei Fideicommissen so oft der Fall ist, nichts gebessert noch weniger hinzugefügt wurde. Da sich aber jetzt kein rechtsgelehrter Fesch, wenigstens kein gehörig qualificirter, mehr vorfand, so fiel durch richterlichen Entscheid alles, was das Cabinett begriff, als ein herrlicher Zuwachs der öffentlichen Bibliothek anheim. Von der Orgel im Münster, von Holbein gemalt, 171 ist auch in vielen Nachrichten über Basel die Rede. Zur Zeitersparung für Reisende, die etwa darnach ausgehen möchten, mag die Berichtigung dienen, daß zwar die Malerei dieser Orgel von Holbein ihren Ursprung hat, und sich die Skizze davon noch unter seinen Zeichnungen auf der Bibliothek findet, daß aber im Jahr 1639 das ganze Gemälde durch einen schwächern Pinsel überarbeitet worden ist, und so seinen Werth verloren hat. Diese Orgelflügel stehen seit 1786 irgendwo auf der Bibliothek. Keine Schweizerstadt hat einen solchen Reichthum an Malereien aufzuweisen, wie man in Basel, nicht nur an öffentlichem Orte, sondern auch in Bürgerhäusern antrifft. Kein Wunder, wenn darunter auch manche blos vorgebliche Stücke des berühmten Mitbürgers sind. Auf dieß Vorgeben stößt man auch in der übrigen Schweiz und allenthalben, wo alte Porträte zu sehen sind, in Deutschland und England. Vorzügliche Erwähnung verdient jedoch die große Sammlung alter Gemälde und Handrisse, womit das Vischersche Haus am Rheinsprung angefüllt ist, dessen nun in die andere Welt hinübergegangener Besitzer, Rathsherr Peter Vischer, ein reicher Sammler und warmer Beförderer der Kunst, nicht nur ein großer Verehrer Holbeins, sondern auch ein glücklicher Nachahmer dessen kecker Zeichnungsmanier war. Unter den 172 mancherlei Holbeinischen Sachen zeichnen sich besonders zwei kleine Mannsbilder aus, in schwarzer Kleidung; sie sind in blasser schattenloser Manier gemalt, klar, zart verschmolzen, und in so lebendiger Harmonie der Gesichtszüge (diese Einheit der Miene war einer der ersten Vorzüge des Meisters), daß die Nase zu athmen, und der Mund im Begriffe scheint, auszusprechen, was die regsamen Augen aufgefaßt haben; so daß diese Köpfe, wenn sie, wie kaum zu zweifeln, von Holbein herrühren, unter seine besten Werke zu zählen sind. Zu den Meisterwerken Holbeins gehört auch ein Kniestück in Lebensgröße, welches bis 1822 in Basel zu sehen war, das Bildniß eines schweizerischen Kaufmannes, Georg Gysi, den sein Landsmann im Jahre 1532 in London gemalt hatte. Es ist ein Gemälde von der anspruchlosen Klasse, die bei Manchem für geistlos gilt, wo der Maler nichts suchte, als den Gegenstand nach seiner Wirklichkeit, mit aller Kunst und Vollendung, die ihm gegeben war, darzustellen, nicht sich selbst in dem Gegenstande genialisch zu produciren. Nichts ist da zu sehen von pikanten Effecten, von gewagten Tuschen, geistreichen Nachlässigkeiten, kühnem Wurfe und dergleichen; alles ist bloße ruhige Wahrheit. Dem behaglichen Schweizergesichte ist nicht mehr Geist beigelegt, als es in der Natur haben mochte, 173 und die mancherlei kaufmännischen Attribute und Nebensachen, die das Bildniß umgeben, sind bei aller Ausführlichkeit doch demselben so harmonisch untergeordnet, daß weder der Blick zerstreut, noch die Haltung gestört wird. Eine grüne Wand hebt auch hier als Grund das Ganze schön heraus, und dieses Ganze stellt sich in einem solchen Einklang der Farben dar, wie es nur ein Eingeweihter in die Geheimnisse der Kunst zu leisten vermochte. – Man stelle einmal so ein getreues Menschenbild einem modernen, willkührlich idealisirten, mit Effect und Farben prunkenden, allgepriesenen Knallstücke gegenüber, gewiß, wer noch Augen zum Sehen, und nicht blos Ohren zum Vernehmen fremder Urtheile hat, wird bald inne werden, welchen Künstler der Geist der Wahrheit beseelt habe. Man könnte es bedauerlich finden, daß die reiche Stadt Basel dieß vortreffliche Bild von sich weggelassen, und nicht mit ihrer übrigen Holbeinischen Habe zu vereinigen gesucht hat. Es wurde nach Berlin verkauft, und soll sich nun in der Königl. Preußischen Gemäldesammlung befinden. Dahin kam auch auf gleichem Wege ein Bildniß der Anna Bullen, das vorher in Basel zu sehen gewesen. Zwar viel splendider in die Augen fallend als Gysi, ob aber von eben der malerischen Vorzüglichkeit und 174 unzweifelhaften Authenticität der Person und des Künstlers, das möchte eine genauere Prüfung erfordern. Wenigstens macht die Inschrift: Anna Regina 1530. Anno aetatis 27. . die Sache verdächtig; denn 1530 war Anna Bullen noch nicht Königin und noch nicht 27 Jahre alt. Auch ist das Zeichen nicht das wahre Holbeinische Monogramm. Noch gibt es mehrere an Holbein und seine Zeit erinnernde Kunstwerke in dieser Stadt, die zu längerm Verweilen einladen, denn wer scheidet gern von dem, was er als schön und preiswürdig anerkannt und liebgewonnen hat? Aber es ist hohe Zeit, weiter zu gehen! 175   Holbeins Schüler. Es ist kaum zu bezweifeln, daß ein Meister von so bedeutendem Ansehen, nach der Art seines Berufs in damaliger Zeit, nicht auch Gesellen gehalten habe, die ihm helfen konnten, oder daß ihm nicht Lehrjungen, die seine Kunst suchten oder suchen sollten, wären zugegeben worden; kaum zu zweifeln, daß aus diesen Gesellen und Jungen nicht auch einige Maler von Bedeutung hervorgegangen seyen. Freilich kömmt aus der Dunkelheit, die über sein Privatleben herrscht, hievon wenig zu Tage. Einzig nennt uns die Kunstgeschichte zwei allerdings treffliche Künstler, Christoph Amberger von Nürnberg und Hans Asper von Zürich, als seine Schüler; worüber man aber auch Bestimmtes nichts weiß, als daß man noch aus ihrer Arbeit schließt, sie haben Holbein zu ihrem Muster genommen. 176 Sandrart Maler-Academie. S. 235. gedenkt Ambergers zuerst mit Ehren, bedauert aber auch bei diesem Anlaß, wie anderswo, »daß kein einiger unsrer deutschen Nation jemalen mit Schriften oder andern Gedächtnissen dessen Namen und Kunst gerühmt habe.« Weshalb es ihm unmöglich geworden, von seinen Eltern oder seinem Lehrmeister etwas in Erfahrung zu bringen. »Weil er aber in seiner Manier zu mahlen, absonderlich in Conterfeten, dem berühmten Aus diesem Beiworte läßt sich schließen, daß Sandrart den jüngern Holbein als den berühmtern gemeint habe. Andre, Füßly, Mannlich u. s. w. nennen ihn einen Schüler des ältern. Künstler Holbein gefolgt, als urtheilt man, theils deßwegen, theils wegen des Datums, daß er bei demselben das Mahlen gelernt habe.« – Paul von Stetten Kunst-Geschichte der Stadt Augsburg. I. 278. läßt ihn von Nürnberg abstammen, und nennt ihn einen Schüler des jüngern Holbeins. Er gibt 1562 als das Jahr seines Todes an. Von seinen Arbeiten findet man noch in Nürnberg C. G. von Murr, Beschreibung der Stadt Nürnberg. und in mehrern deutschen Gallerien, wo man die Aehnlichkeit zwischen Meister und Schüler zu vergleichen am besten Gelegenheit hat. Etwas muß doch an dieser Aehnlichkeit seyn, weil der in Kunstkenntniß wohlerfahrene Sandrart es sagt. 177 Das Bildniß Kaiser Carls V, das er im Jahre 1530 in Augsburg malte, hat ihn berühmt gemacht, so wie seine dabei bewiesene Genügsamkeit, indem er nicht mehr als zehen Thaler für das Bild verlangte; der Kaiser jedoch äußerte sich, er schätze es Tizians Arbeit gleich, dem Er für jedes Bildniß hundert Thaler zahlen mußte, und belohnte die bescheidene Forderung des deutschen Künstlers mit dreifacher Bezahlung und einer goldenen Kette. Zu selbiger Zeit bemalte er auch in Augsburg die Außenseite einiger jener achtunggebietenden Gebäude, die der Stadt zur Zierde gereichten, und ohne Noth nie hätten modernisirt werden sollen. Von Hans Asper hört man außerhalb der Schweiz, ja außerhalb Zürich, seinem Wohnorte, nur wenig. Sein Licht verlor sich mit der Zeit in dem Glanze dessen, den er nachahmte. Im Jahre 1599 geboren, war er gleiches Alters mit Holbein; ob er aber wirklich bei demselben in der Lehre gestanden, ist unerwiesen, so viel aber ist gewiß, daß er Holbeins Manier zu der seinigen gemacht, und zwar mit so viel Fleiß und Treue, daß es ihm, wie Füesli sagt Geschichte der Künstler in der Schweiz. I. 39. , oft gelang, seine besten Werke für dessen Arbeit gelten zu machen, womit er aber auch, wenn dem 178 so ist, für augenblicklichen Vortheil seinen bleibenden Ruhm hingab. Viele seiner Bilder wurden daher Holbein zugeschrieben, welches zum Theil jetzt noch geschieht, wozu auch sein dem Holbeinischen ähnliches Monogramm beigetragen haben mag. Auch Patin Index operum J. Holb. 46. führt noch das Bildniß Conrad Pellikan's als ein in Zürich befindliches Werk Holbeins an, welches man jetzt für Aspers Arbeit erklärt. – Durch ihn ist die einzige Abbildung, die man von Ulrich Zwingli hat, auf die Nachwelt gekommen, ein schätzbares Oehlgemälde, das auf der öffentlichen Bibliothek in Zürich aufbehalten wird. Man hat noch mehrere Bildnisse von Hans Asper, wo Eheleute, Geschwister oder Freunde auf zwei hölzerne Tafeln gemalt, und diese durch Bande vereinigt sind, so daß sie wie ein Buch zusammengelegt werden können. Diese Einrahmung soll ihm gewöhnlich gewesen seyn, und wäre auch jetzt noch in mancher Rücksicht zu empfehlen. Er behandelte die Farben leicht und weich, doch mit lebhafter Wahrheit, und zeichnete richtig; da er sich aber häufiger Lasuren bediente, und diese der Einwirkung der Zeit und des Putzens nicht widerstanden, so haben 179 viele seiner Bildnisse die ursprüngliche Einheit und Klarheit des Colorits eingebüßt. – In vielen dem Holbein ähnlich, blieb er doch in dem eben so fein als tief empfundenen Ergreifen objectiver Wahrheit hinter ihm zurück. Von seiner Geschicklichkeit im Zeichnen zeugen die trefflichen Figuren in Conrad Geßners Thierbuch, die er nach der Natur mit Farben auf Papier gezeichnet J. C. Füesli am angef. Orte. 41. , vielleicht theilweise auch in Holz geschnitten hat. Ein kleines in Holz geschnittenes Bild von Zwingli trägt seinen Namenszug, auch noch andre Holzschnitte sollen denselben haben. Es werden auch als Beweise seiner Kunst und Erfindung die von Rudolph Meyer in Kupfer gestochenen historischen Bilder in Murers Helvetia sancta angeführt, wozu er nach Angabe der meisten Blätter die Entwürfe gemacht haben soll. Darin liegt jedoch etwas Unerklärliches, denn Hans Asper starb 1571, und der Verfasser des Buchs wurde erst 1588 geboren Helvetia sancta , oder Beschreibung aller Heiligen im Schweizerland. Fol. Luzern. 1648. Vorrede. . Er müßte demnach schon in früherer Zeit diese Zeichnungen zu einem andern Zwecke gemacht, oder durch ein Wunder für dieß 180 Buch, das an Wundern so reich ist, durch vorgreifende Eingebung gearbeitet haben. Uebrigens tragen diese verdienstvollen Figuren sowohl in Tracht als Stellungen so viel Kennzeichen der spätern Zeit und der eignen Manier Rudolph Meyers, der sie in Kupfer gebracht hat, daß man offenbar sieht, dieser habe sie, wo nicht selbst erfunden, doch gewiß sehr willkührlich verändert. In der Boisseréeischen Sammlung steht das Bildniß eines Zürichers, 1533 von Asper gemalt, das von einem einsichtsvollen Kenner sehr gelobt, und den Arbeiten Lucas Cranachs in mancher Hinsicht vorgezogen wird Kunstblatt. 1820. Nr. 37. . Holbeins Ueberlegenheit scheint auch seine Brüder zu seiner eigenthümlichen Art hingerissen zu haben, so daß von den vielen Bildern unter seinem Namen manche von Rechtswegen den Brüdern zur Ehre gerechnet werden sollten. Noch sind auf der Bibliothek zu Basel zwei Knabenköpfe aufbewahrt, die dieß bestätigen. Sie sind auf Holz, ungefähr Halblebensgröße, laut dem Amerbachischen Inventarium, von Ambrosius Holbein gemalt; zwar nur mit wenigen Farben leicht hingeworfen, und darum dem oberflächlichen Anblick etwas gemein scheinend, bei näherer Betrachtung jedoch herrliche Kunsterzeugnisse, und 181 von lebendiger, sicherer Zeichnung. Zwei allerliebste Knabengesichter sind es, besonders der blonde. Keine fade Schönheit der Züge, wie sie viele Mütter lieben, aber das Knabenhafte, die Mannheit im Kinde, die muthige Sorgenlosigkeit, der gesunde Sinn, und die diesem Alter eigene Scham und Empfindlichkeit für Unrecht könnten nicht glaubwürdiger vereinigt und ausgedrückt seyn. Gelbe Kleider mit rothen und schwarzen Streifen vervollständigen noch den knäblichen Eindruck. Blauer Grund, oben Verzierungen und Engelchen. Diese einfache Wahrheit ist ganz im Geiste des berühmtern Bruders. 182   Abreise nach England. Schon mehrere Jahre vorher, ehe Holbein wirklich nach England abging, einige Nachrichten sagen schon 1520, wurde er von einem Grafen Arundel, der als Englischer Gesandter durch Basel reisete Walpole findet wahrscheinlich, daß dieß H. Fitzalan, Earl of Arundel gewesen. Anecd. I. 130. und seine Gemälde bewunderte, ermahnt, sein Glück in England zu suchen, wo die Kunst in Ehren gehalten und vom Könige selbst unterstützt werde. – Daß Holbein Bedenken trug, einer solchen in seine ganze Lage eingreifenden Anmuthung sogleich zu entsprechen, ist wohl zu erklären, ohne seinen Hang zur Schwelgerei zum Grunde zu legen, wie man es dem einbildsamen Patin nachschreibt, denn einen solchen Hang zu befriedigen, hätte er in der großen Welt zu 183 London wohl tröstlichere Aussicht gefunden, als in der Armuth zu Hause. Ist es nicht natürlicher und menschlicher, anzunehmen, daß der junge Mann, unlängst verheirathet, dessen Herz wahrscheinlich schon an einem Kinde hing, und im Gefühle, daß er bei seiner vorzüglichen Kunst doch nie ganz ohne Brot seyn werde, sich nicht so auf Einmal von diesen Gegenständen seiner Liebe trennen, noch der trauten Gewohnheit seines Umgangs entsagen konnte, der denn doch, wie man weiß, nicht blos aus lockern Gesellen bestand. Aber die Haushaltung wurde größer, die Frau haushälterischer, und die Zeiten schlimmer Im Jahre 1525 schrieb Erasmus aus Basel an Pirkhaimer: Hic rursus ruricolae et nobiles in armis sunt, alter alterius internecionem minitantes. – Und bald darauf: Hic agitur crudelis et cruenta fabula. Quotidie fiunt conflictus atroces inter proceres et rusticos, adeo in propinquo, ut tormentorum et armorum crepitus ac prope cadentium gemitus exaudiamus. Nos hic quam simus in tuto, tu conjectato. ; ein neuer Geist war überdieß in die Leute gefahren, welcher sich der Kunst nicht günstig zeigte. – Der schon so weit vorgeschrittene Künstler hätte aus Mangel bedeutender Arbeit wieder Rückschritte zum Gemeinen und Geringen thun, und das Gefühl des Höhern in der Brust, so gut als möglich, betäuben sollen; darüber wäre er zu Grunde gegangen. 184 Lieber entschloß er sich jetzt, dem Rathe seiner Freunde, selbst des Erasmus, zu folgen, und sein Heil nunmehr in England, doch nur für einige Zeit Walpole Anecd. I. 107. , zu suchen. Was er noch an Kunstwerken vorräthig hatte, blieb, wie die Nachrichten lauten, seiner Familie zurück, um sich aus dem Verkauf derselben zu erhalten, bis er mit erworbenem Gelde wiederkomme; mit seinem Pinsel wollte er sich schon auf der Reise forthelfen. Wirklich mag auch die Amerbachische Sammlung Holbeinischer Gemälde und Handzeichnungen ihren Ursprung größten Theils dieser Hinterlassenschaft zu verdanken haben. Auch das überhandnehmende zänkische Wesen seiner Frau, von der er, wie van Mander bemerkt, keinen Hausfrieden mehr zu erwarten hatte, soll ihm den Abschied erleichtert haben. Er konnte ihr mürrisches Betragen nicht länger aushalten: Imperiosae uxoris contubernium ulterius ferre se posse diffidebat, sagt ebenfalls Patin. – Albrecht Dürer hatte auch ein solches Contubernium, das ihn zu Tode marterte, weil der zarte, geduldige Mann sich nicht davon zu trennen, und die Last, die sich seiner bemeistert hatte, nicht abzuschütteln wagte; allein Holbein, von derberer Natur, wußte für sich und die böse 185 Frau Rath; er ließ sie sitzen, so ward Beiden geholfen, sie allein Meister, und er hörte keine Vorwürfe mehr. Bei diesem Anlaß sey es erlaubt, ein wenig, wie zwar auch schon geschehen, außer die historische Ordnung zu treten, und etwas über die gemüthliche Verschiedenheit dieser beiden Männer zu sagen; woraus auch das, was sie als Künstler unterschied, zum Theil herfloß, denn wie in der Richtung ihres Talents, waren sie auch in ihrer sittlichen Natur verschieden. Ein edler, sanfter Geist der Duldung geht durch Albrecht Dürers ganzes Leben; wo er von sich selber spricht, leuchtet bei allem Selbstgefühl zarte Bescheidenheit hervor, und treue Ergebenheit an die Freunde, lieblich auch in seiner Schwäche. »Als ich,« schreibt er, »1494 heim kommen war, handelte Hans Frey mit meinem Vater, und gab mir seine Tochter mit Namen Jungfrau Agnes, und gab mir zu ihr zweihundert Gulden Leben Albrecht Dürers, von J. F. Roth. .« Sie wurde ihm zugehandelt. – Wie gerührt und rührend spricht er von seines Vaters Tode, und wie zärtlich empfiehlt er in den Briefen aus Venedig die alte Mutter seinem Freunde Pirkhaimer! Sogar die muthwilligen Scherze, der Nürnberger Witz in diesen Briefen, und die leichtsinnigen Aeußerungen über 186 seine Frau, die wohl Holbein selbst sich nicht ärger erlaubt hätte, verrathen mehr die gutmüthige Absicht, seines Freundes jovialische Späße gefällig zu erwiedern, als bösen Willen; denn er verstand es auch, ernst zu seyn, und sich am gehörigen Orte zusammenzunehmen Murr's Journal zur Kunstgeschichte. X. . – Eben diese Milde des Gemüths und seine ehrenfeste Persönlichkeit zeigt sich auch durchaus in dem Reisetagebuch aus den Niederlanden. Und so wie er sich selbst zu erkennen gibt, zeugen auch andre von dem Trefflichen, von Anfang an bis zu seinen letzten, unter den Launen seines in Habsucht befangenen Weibes, dahin schwindenden Tagen. – Anmuthig von Gestalt und Angesicht, edel in seinen Manieren, zierlich in der Kleidung, gefiel Meister Albrecht schon durch sein Aeußeres, und seine auffallende Rechtlichkeit erwarb ihm fremdes Zutrauen. Von großer Geschicklichkeit, und festgewurzelt auf der Höhe, wohin ihn Kunst und Tugend gestellt hatten, mangelte es ihm jedoch an Kraft und Willen, sich sittlich und geistig in freiern Regionen zu bewegen, wozu gleichwohl in der Lombardie schon, und nachher in den Niederlanden, ja selbst zu Hause tüchtige Vorbilder ihm begegnen mußten. Holbein, mit nicht weniger Kunstfähigkeit begabt, 187 aber von sinnlichkräftigerm Willen, und mit mehr Sinn für Fleisch und Blut belebt, konnte sich so viel tugendlichen Adels und jener persönlichen Gunst bei Vornehmen und Geringen nicht erfreuen, um so viel weniger, da er, einem unabhängigen Leben hold, sich nicht viel aus den Großen machte, und die Kleinen wie Seinesgleichen behandelte. Ruhm für alle Zeiten fand er in seiner Kunst, und das Gefühl der Vorzüglichkeit gab ihm innern Gehalt; an bloßer Ehre aber scheint ihm nicht viel gelegen zu haben. Wer diese haben will, bei dem muß eine äußere Würde des Benehmens Consistenz gewinnen, auf welche die Gönner fußen können, sonst währt diese Ehre nicht lange. Dieß war aber Holbeins, wie noch so mancher andrer berühmten Meister, Sorge nicht; sie lebten nach Herzenslust und im Genuß des Tages; ein Leben, das innern Werth eben nicht ausschließt. – Dürer war weiser, aber nicht glücklicher; er war steifer, Holbein beweglicher. Mit Empfehlungen von Erasmus an Thomas Morus und andre seiner Bekannten in England verließ Holbein Basel im Jahre 1526. Was van Mander von dem Inhalte des Empfehlschreibens sagt, und daß Erasmus zu diesem Endzwecke sein Bild von Holbein habe malen und mit nach England nehmen lassen, mit dem Bedeuten, daß 188 dasselbe ihm besser gleiche, als keines von Dürer, davon ist in der ganzen großen Correspondenz des Erasmus nichts zu finden. Erasmus hatte auch schon früher (wie oben erwähnt ist) sein Porträt doppelt nach England geschickt durch seinen Famulus, der die Reise mehr als Einmal machen mußte; und Morus kannte ihn ja persönlich, und hätte also keine Belehrung über Aehnlichkeit nöthig gehabt. Auch Patin sagt nichts hievon, welches er gewiß nicht unterlassen hätte, wenn ihm ein solcher Brief bekannt gewesen wäre. Man schrieb es jedoch dem van Mander nach bis auf unsre Zeiten In der Schrift: Johann van Eyck und seine Nachfolger, heißt es: »In Erasmus Brief an Morus erhebt derselbe den Holbein sogar über Albrecht Dürer, dessen Zeichnung, wie Erasmus versicherte, mit diesem Gemählde (seinem Bildnisse) sogar in Hinsicht der Aehnlichkeit durchaus nicht zu vergleichen sey.« Woher hat die Verfasserin diese Nachricht? . Gleichwohl ist das Urtheil richtig, wenn schon das Zeugniß nicht historisch wahr ist; man vergleiche nur den Dürerischen Erasmus mit dem Holbeinischen, um sich zu überzeugen, wo die Wahrheit des Charakters augenscheinlicher vorschwebe; darin thaten es Holbein Wenige gleich. Aus dem Wenigen, was man noch von Erasmus Bemühungen für Holbein weiß, zeigt es sich, daß er schon 1525 zu dessen Gunsten dorthin geschrieben und 189 sein Porträt versandt habe. Denn Erasmus hatte beständig einen seiner gelehrten Diener, deren er mehrere unterhielt, unterwegs Mitunter drei auf Einmahl, wie sich aus einem Briefe an Reginald Polus vom 4. October 1525 ergibt. , die er mit Schriften und Briefen an seine Freunde und Gönner abschickte. Auf eine solche Empfehlung ist noch die Antwort von Thomas Morus zu finden, daß er sein Möglichstes zum Fortkommen des wundersamen Malers beitragen werde Pictor tuus, Erasme carissime, mirus est artifex, sed vereor, ne non sensurus sit Angliam tam foecundam ac fertilem, quam sperarat. Quanquam ne reperiat omnino sterilem, quoad per me fieri potest, efficiam. Ex aula Grenwici. 18. Dec. 1525. . Holbein muß aber die Reise erst 1526 angetreten haben, denn aus diesem Jahre findet sich ein Brief von Erasmus an Petrus Aegydius in Antwerpen den 29. August geschrieben, am Ende dessen folgende Erwähnung Holbeins geschieht: Qui has reddit, est is, qui me pinxit. Ejus commendatione te non gravabo, quanquam est insignis artifex. Si cupiet visere Quintinum, nec tibi vacabit, hominem adducere, poteris per famulum commonstrare domum. Hic frigent 190 artes; petit Angliam, ut corradat aliquot Angelatos, per eum poteris quae voles scribere »Der Ueberbringer dieses Briefes ist der, so mich gemalt hat. Mit seiner Empfehlung will ich dir nicht zur Last fallen, wiewohl er ein ausgezeichneter Künstler ist. Sollte er den Quintin (Messis) zu sehen wünschen, so kannst du, wenn du nicht selbst Zeit hast, ihm durch einen Diener seine Wohnung weisen lassen. Hier darben die Künste; er geht nach England, um einige Goldstücke zusammenzubringen. Durch ihn kannst du alles schreiben,« (nämlich an ihren gemeinschaftlichen Freund Morus.) . Den etwas vornehmen Ton, welchen Erasmus gern annahm, abgerechnet, ist dieß Schreiben doch empfehlender Art. Er nennt Holbein einen außerordentlichen Künstler, und möchte ihm zur Bekanntschaft mit Quintin Messis behülflich seyn. Was er von dem bedauerlichen Zustande der Künste sagt, geht Basel nicht ausschließlich an, es ist ein Seufzer ins Allgemeine, der in seinen meisten Briefen aus jener Zeit wiederkehrt, weil er diese Abnahme der Kunst und Wissenschaft den Händeln zwischen den Pfaffen und Reformatoren zuschrieb, die ihm beide zuwider waren. Nunc videmus, schrieb er 1526 an Johann Henkel, ubique frigere linguas ac bonas litteras; emoriuntur fere omnes disciplinae liberales; so spricht er noch an mehrern Orten, und beschließt ein solches Klagelied an Polydorus Vergilius ( Epist. DCCLX. ) mit den 191 Worten: Christus insignis artifex solus potest hanc fatalem tempestatem vertere in laetos exitus. Woraus zugleich erhellet, daß er unter dem Wort insignis artifex, womit er auch den Holbein beehrt hatte, etwas von hoher Tüchtigkeit verstanden haben müsse. Im Jahre 1526 und in dem acht und zwanzigsten seines Alters machte Holbein sich auf den Weg nach England, um einiges Geld zusammen zu kratzen ( ut corradat ), wie Erasmus nicht sehr delikat sich ausdrückt, und um, wie Walpole meint, seinen Arbeiten, die in Basel zu zahlreich geworden, durch Abwesenheit einen höhern Werth zu geben. Dann sollte er wiederkommen. Von seiner Reise ist so viel wie nichts bekannt; doch ist es nicht wahrscheinlich, daß er sich mit Betteln nach England habe durchhelfen müssen, wie Patin zu verstehen gibt. Kunst geht durch alle Land; zumal mit der Geschicklichkeit Holbeins sollte sich ein einzelner Mann wohl seinen Zehrpfennig verschaffen können, allein Patin wollte dem Charakter, den er Holbein, als einem Menschen von niedriger Gesinnung, beigelegt, treu bleiben, und bürdete ihm noch das Betteln auf. Er erzählt auch, wie Holbein auf diesem Zuge sich einige Tage in Strasburg aufgehalten und den berühmtesten Maler daselbst um Arbeit angesprochen habe. Als nun 192 dieser eine Probe seiner Geschicklichkeit verlangt, habe er in dessen Abwesenheit einem halbvollendeten Kopfe noch eine Fliege auf die Stirne gemalt, und sich davon gemacht. Der Maler, als er nach Hause gekommen, sey über das Bild höchlich erstaunt, und bemüht gewesen, die Fliege ( praeclara muscae imagine deceptus ) wegzujagen; wie er aber die Täuschung erkannt, habe er den Künstler den ganzen Tag vergeblich aufsuchen lassen, und endlich durch vieles Nachforschen herausgebracht, daß es Holbein gewesen sey. – Andre Nachrichten sagen, er habe sich bei diesem Maler als Farbenreiber verdungen, und dann auf ein Bild desselben die Fliege gemalt. – Walpole versetzt diese Geschichte gar noch nach Basel, und gibt vor, der Künstler habe kurz vor seiner Abreise das Bildniß von einem seiner Gönner fertig gemacht, und ihm solches mit der Fliege auf der Stirne zugeschickt; dieser, erfreut über die Schönheit des Stückes, sey, als er die ärgerliche Fliege vergeblich wegblasen wollen, die Täuschung erst inne worden. Und da dieser Vorfall sich schnell verbreitet hatte, und dergleichen kleine Umstände oft mehr Aufsehen machen, als bedeutende Erscheinungen, so habe man sogleich Anstalt getroffen, daß die Stadt eines so großen Meisters nicht beraubt werden möchte, allein er sey schon fort gewesen. 193 Ein ähnliches Mährchen wird auch von Albrecht Dürer Leben Albr. Dürers, von J. F. Roth. S. 63. und vielleicht noch von mehreren kunstgeübten Männern erzählt. Wahr oder unwahr, von gemeinen Künstlern erzählt man so was nicht. Man hat auch einige Spuren, daß Holbein während dieser Reise sich etwas Zeit zu Frankfurt gesäumt und für ein Kloster gearbeitet habe, wiewohl andre Nachrichten dieß von dem ältern Holbein sagen Kunst und Alterthum, von Göthe. I. 60. . Das ist alles was man von dieser Reise weiß. Selbst von Petrus Aegydius aus Antwerpen ist keine Antwort auf des Erasmus Zuschrift, Holbein betreffend, mehr vorhanden. 194   Holbein bei Thomas Morus. Morus soll ihn laut allen Nachrichten gut aufgenommen haben. Der Mann, der nie von seinem Worte wich, hielt auch, was er dem Erasmus versprochen hatte, ja er hielt noch mehr, wie es solche edle Menschen machen, er nahm den Künstler in seine Wohnung auf. Er hatte an der Themse in der Nähe von London ein Landhaus, wo er mit seinen Vertrauten, mit Weib, Kindern und Enkeln so gerne in stiller Weisheit und froher Gottesergebenheit lebte. Erasmus nennt dieß Haus eine wahre Schule christlicher Frömmigkeit. »Niemand,« sagt er, »welches Alters und Geschlechtes er sey, ist daselbst heilsamer Lehre enthoben. Man hört keinen Zank, keine ausgelassene Rede, man nimmt keinen Müßiggang wahr. Eine so vortreffliche Hausordnung aber weiß dieser Mann ohne böse Worte, nur mit Freundlichkeit und 195 Wohlwollen zu behaupten. Alles thut seine Pflicht, doch nicht schläfriger Weise, sondern mit aufgewecktem Frohsinn Dieses Zeugniß verdient wohl urkundlich mitgetheilt zu werden. Es steht in einem Briefe des Erasmus an Johannes Faber, Bischof von Wien, ohne Datum. (Wahrscheinlich von 1532.) Morus exstruxit ad flumen Thamisin, haud procul ab urbe Londino, praetorium, nec sordidum, nec ad invidiam usque magnificum, commodum tamen. Illic agit cum intimo sodalitio, uxore, filio et nuru, tribus filiabus et totidem generis, una cum nepotibus jam undecim. - Illi ea est ingenii commoditas, imo, ut melius dicam, ea est pietas ac prudentia, ut quicquid obvenerit, quod corrigi non possit, sic adamet, quasi nihil felicius potuisset obtingere. - Hanc domum dixeris scholam ac gymnasium christianae religionis. Nullus ac nulla illic est, non vacans liberalibus disciplinis frugiferaeque lectioni, tametsi praecipua primaque pietatis cura est. Nulla illic rixa, nullum petulantius verbum auditur, nemo conspicitur ociosus. Ac tantam familiae disciplinam vir ille non supercilio jurgiisve tuetur, sed comitate ac benevolentia. In officio sunt omnes, sed adest alacritas, nec deest sobria hilaritas. – Ueberall und durchaus in seinen Briefen, weiß Erasmus sowohl Herz als Geist des Mannes, den er von Jugend an kannte, nicht genug zu erheben. So viel Leute er auch lobt, ist doch das Lob, das er diesem Weisen ertheilt, das höchste. . Was konnte Holbein glücklicheres widerfahren, als unter solchen Menschen zu wohnen, und unter einem solchen Herrn zu stehen! In dieser Lebensschule hätten wohl die Flecken schlechter Sitten, die Patin hundert Jahre später ihm anstrich, sich abwischen müssen; würde aber ein 196 wüster Schlemmer in einem solchen Hause der Ehrbarkeit und feinen Sitten Aufnahme und Bleiben gefunden, oder auf Einmal seine Natur haben bezwingen können? Van Mander Schilder-Boeck. 4. Amsterd. 1618. ist der Erste, welcher Lebensnachrichten über Holbein gesammelt hat, die von seinen Nachfolgern theils nachgeschrieben, theils nach Belieben ausgemalt worden. Er meldet, daß der künstliche Maler sich bei drei Jahren in dem Hause des Morus aufgehalten habe Patin gibt nur zwei Jahre an. Göde (England, u. s. w. IV. 125.) sagt: drei volle Jahre in engster Vertraulichkeit mit dem großen Thomas Morus. , und meint, daß dieß im Verborgenen geschehen sey, damit der König nicht zu frühe mit Holbeins großer Kunst bekannt, und Morus des Malers beraubt würde, ehe er selbst mit genugsamer Arbeit von demselben befriedigt wäre. Wahrscheinlicher aber, als diese engherzige Muthmaßung, und der großmüthigen Gesinnung Morus angemessener ist es, daß er den Maler bei sich behalten habe, bis derselbe hinlänglich mit Sprache und Sitten bekannt gewesen, um sich selbst mit Anstand und Klugheit durchzuhelfen. Während dieser gastfreien Aufnahme durfte seine Kunst auch nicht müßig bleiben; er zierte das Haus mit 197 Gemälden Wovon aber manches durch einen Brand des Hauses zerstört wurde. Memoires de Sir Thomas More, par Arthur Cayley le jeune. 2 Vol. 4. Londres. 1808. , und schilderte Familie und Freunde des Besitzers. Alle Bilder von 1526 bis 1529 müßten demnach, wenn sein Aufenthalt so lange gedauert hat, in Morus Landhause gemalt worden seyn. Walpole Anecd. I. 111. hält es aber, ohne einen Grund anzugeben, für unwahrscheinlich, daß er sich so lange daselbst verweilt habe. – Dem sey wie ihm wolle, der Aufenthalt bei Morus war die Pflanzstätte seines Glückes, sein Vortheil in jedem Sinne, und noch sind manche Proben seiner Geschicklichkeit und seines Fleißes aus diesem Zeitpunkte vorhanden. Denn daß er in der ganzen Zeit nicht lauter Morus gemalt habe, ist auch unschwer anzunehmen; bei den zahlreichen Besuchen, die der damals schon bedeutende Mann hatte, waren gewiß auch mehrere Freunde, denen er die Arbeiten seines Malers vorwies, ja die selbst so gemalt zu seyn verlangten, wodurch auch alle Vorsicht unmöglich geworden wäre, ein so durchdringendes Licht lange verborgen zu halten, ohne daß sein Glanz immer weiter die Umgebung erhellte. Auch die gemeine Sage ermangelt nicht, ihm eine Kunstfertigkeit beizulegen, wie man eine ähnliche von 198 Apelles erzählt. Als er nämlich den Namen des englischen Herrn, der ihm zuerst die Reise nach England angerathen, von Morus befragt, nicht angeben konnte, soll er dessen Bild auf eine Tafel gezeichnet haben, so daß ihn gleich alle Anwesenden erkannten. Solche Mährchen haften nur auf vorzüglichen Männern. Daß er seinen Wohlthäter mehr als Einmal gemalt habe, ist nicht nur wahrscheinlich, sondern es wird durch die vielen Bildnisse bestätigt, die sich häufig unter dessen Namen vorfinden, von denen freilich nicht alle den Stempel der Echtheit tragen, indem mancher alte Kopf aus jener Zeit Thomas Morus und ein Werk Holbeins genannt wird, der keines von beiden ist. Von einem sehr schönen Bilde des Bürgermeister Meiers von Basel, der als vermeinter Morus aus dem Cabinette Christians von Mechel nach England gekommen, ist schon oben gesprochen worden, so wie auch von dem in Dresden befindlichen Gemälde, denselben Bürgermeister Meier mit Frau und Kindern vorstellend, worin man lange die Familie jenes großen Mannes zu sehen geglaubt hatte. Aehnliche irrige Benennungen führt Walpole mehrere an; wie denn überhaupt nirgend mehr als in England dergleichen willkührliche Taufen gewöhnlich sind. Bei der großen Vorliebe der Nation für Porträte, und bei ihren an Gutem und Schlechtem so 199 reichen Sammlungen ist es zu erwarten, daß mancher Besitzer eines bedeutenden Kopfes aus der Vorzeit demselben lieber einen großen Namen beilege, als einen unbekannten, oder was gleichviel ist, gar keinen. Weswegen auch so viele in Kupfer gestochene Bildnisse von dorther kommen, die gar nicht das sind, wofür sie ausgegeben werden. Unter allen Abbildungen von Thomas Morus gibt Walpole Anecd. of painting. I. 109. einer Zeichnung in Kensington Zu finden unter denn Imitations of original drawing by H. Holbein, publ. by J. Chamberlaine. 1792. den Vorzug wegen des besondern Ausdrucks von Geistesfreiheit, Gedankenkraft und Scharfsinn. Zwar sieht er in diesem Gesichte mehr die strenge Vernunft, als den gefälligen Scherz, wofür Morus so bekannt war; und Chamberlaine entdeckt gar darin Mangel an Witz und Gutmüthigkeit, so wie in der gespannten Augenbraune und dem zweifelnden Blicke den forschenden Richter bei dem Verhör eines armen Sünders. Andre Gesichtskundige möchten vielleicht gerade in dem auffallenden Ausdrucke von Scharfsinn, und in den feinen Lippen die Eigenschaften finden, die jenen verborgen waren. Die Gutmüthigkeit ist nicht an glatte Züge gebunden, und der Witz, der dem Morus eigen war, der 200 echte, der sich ungesucht einfindet, macht sich nicht vorläufig durch Lächeln kund. Aufgeweckter erscheint freilich das von Lucas Vorstermann hundert Jahre später gestochene Bildniß Morus; auch in Gesicht, Bart und Kleidung ganz verschieden, und verschieden, wie schon Walpole Catal. of Engravers etc. p. 79. This has a flatter face, and a very small bonnet. His right hand is held up to his beard, a letter or paper in his left, a little white dog lies on a table before him. bemerkt, von allen andern Bildnissen desselben, auch von dem, das Houbraken gestochen hat Ebenfalls nach einer Holbeinischen Zeichnung, die der Maler Richardson besessen hatte. Walp. I. 132. . , welches hingegen der Zeichnung in Kensington in der Aehnlichkeit entspricht. Es ist daher kaum begreiflich, wie beides derselbe Mann von derselben Hand gezeichnet seyn könne. Walpole macht alle in England bekannten Bilder von der Familie Morus, die Holbein zugeschrieben werden, deren er mehrere anführt, zweifelhaft. Sein Zeugniß kann nicht ohne Gewicht seyn, da er selbst von Holbein, was er habhaft werden konnte, sammelte, und ein eignes Holbein-Zimmer hatte, auch sich bei seinen Aeußerungen auf den genauprüfenden G. Vertue bezieht. Sonderbar ist es jedoch, daß er sogar an der Echtheit des 201 lebensgroßen Familiengemäldes zweifelt, welches bald nach Holbeins Zeiten in den Besitz von Andreas de Loo gekommen, und nach dessen Tode von Morus Enkel Roper gekauft worden seyn soll. Er nennt es eine nur mittelmäßige Malerei, die von entgegengesetzten Seiten beleuchtet sey, und meint nach seinem Gewährsmann Vertue, Holbein habe dasselbe nur angefangen, und ein Andrer sey angestellt worden, es fortzusetzen Als Walpole schrieb, war dieß Gemälde in Yorkshire im Besitze von Sir Rowland Wynne, und ist nicht zu verwechseln mit einem großen Familienstück, das zu Burford in dem Landsitze des Sprechers Lenthal zu sehen war, einer schlechten Copie von 1593, die gleichwohl in den Katalogen ein Original heißen mußte. (Mechels handschriftlicher Nachlaß.) , weil Holbein im Dienste des Königs zu viel Arbeit gehabt habe, wodurch er verhindert gewesen, die letzte Hand an die Fleischpartien, die flach und unvollendet seyen, zu legen. – Es ist kaum zu bezweifeln, daß dieß nicht dasselbe Bild sey, dessen Carl van Mander mit so hohem Lobe erwähnt. Er sagt, jener de Loo sey ein großer Kunstliebhaber gewesen, und habe alles aufgekauft, was er von Holbein zur Hand bringen können, darunter sey auch ein großes Stück von Wasserfarbe gewesen, wo in lebensgroßen ganzen Gestalten Thomas Morus mit Hausfrau, Sohn und Töchtern auf das herrlichste abgebildet war, welches Holbein zum 202 Beweise seiner Kunst, als er zu Morus gekommen, gemacht habe. Er fügt auch noch hinzu, daß ein Neffe von Morus (den er nicht Roper, sondern Morus nennt) das Bild wieder an sich gebracht habe. – Ueber die ungleiche Meinung mag nun urtheilen, wer das Stück gesehen hat. Es könnte jedoch seyn, daß Vertue, auf den sich Walpole beruft, von späterer Kunst zu sehr eingenommen, nicht genug bedacht hätte, daß auch bei guten Malern früherer Zeit ungleiche Beleuchtung, und eine durch absichtliche Vermeidung von Schatten anscheinende Fläche, und dadurch vermeintlicher Mangel an Ausführung eben nicht selten sey. Ob dieß Gemälde dem Entwurf in bloßen Umrissen von der Morusfamilie auf der Bibliothek zu Basel entspreche, muß der Augenschein lehren. Diese Skizze Eine Copie davon ist gestochen in Car. Cath. Patinae Tabell. select. et explic. Fol. Patav. 1690. begreift, nebst Thomas Morus und seiner Gattin, auch dessen Vater, den Sohn mit seiner Verlobten, drei Töchter, eine Verwandte, und seinen lustigen Rath; über und unter den Figuren ist ihr Name und Alter beigeschrieben; sie sind frei und leicht gezeichnet, Gesichter und Hände sehr bestimmt. 203 Zufolge der Gewohnheit Holbeins, von den Köpfen, die er malen wollte, genaue Skizzen mit trocknen Farben zu entwerfen, von denen er nur zuweilen in Nebensachen abging, finden sich auch in der Chamberlaineschen Sammlung Belege, welche auf dieß häusliche Bild Beziehung haben. Man sieht daselbst den Kopf des Vaters Morus, genau wie er in der Zeichnung angegeben ist, nur in der Kleidung etwas verändert; desgleichen Sir Thomas selbst, nur ohne die Halskette; auch der Sohn ist in Gesichtszügen, Stellung, und in der Haltung des Buches ganz gleich der Basler Zeichnung, nur ist in dieser der Hut weggelassen. Noch mehr entsprechen sich die Elisabetha Damsäa, wie sie in der Zeichnung vorkommt, und die Lady Berkeley im VII Heft von Chamberlaine, die in Gesichtsbildung, Haltung und Anzug durchaus gleich sind, so daß es unzweifelhaft eine und dieselbe Person, und der Name Berkeley (wie noch bei mehrern der Fall seyn mag) falsch angegeben ist. Patin Index opp. No. 30 und 41. führt außer der Familienzeichnung noch zwei andre Holbeinische Bilder von Morus an; das Eine, nach welchem Vorstermann seinen Kupferstich gemacht, war zu seiner Zeit in Antwerpen; das Andre ist noch jetzt in der 204 königlichen Sammlung zu Paris, wo aber die beigeschriebenen Jahrzahlen des Königs und des Morus nicht mit den historisch angenommenen übereinstimmen. Auch hat dieser Kopf auffallend grobe Gesichtszüge, so echt holbeinisch er übrigens gemalt ist. Auch in der Herzoglich Orleansischen Gallerie hat ehedem ein in Lebensgröße 1527 gemaltes Brustbild gestanden, das aber 1793 nach England gewandert seyn soll; ob dieß dasselbe ist, das, wie man Mecheln Handschriftlicher Nachlaß. in London erzählte, nach Morus Enthauptung und bei Confiscation seiner Güter aus dem Fenster geworfen, jedoch glücklich davon gebracht, und hin und her verkauft wurde, bis es zuletzt nach Rom in den Besitz des päbstlichen Neffen Braschi gekommen, mag die Zeit entscheiden. Mechel will auch in einem der Gemächer der Königin in Kensington ein Porträt von Morus gesehen haben, von dem aber Walpole nichts weiß; und Göde sah ein solches in der Gallerie des Herrn Agar in London, das er sehr erhebt England, Wales \&c. 4r Theil. . – In der Kunstsammlung auf dem Schlosse Ambras kommt auch vor: Thomas Morus und seine Gemahlin, von Holbein Primisser Beschr. der K. K. Ambraser Sammlung. 1819. . 205 Ein schönes jugendliches Bildniß einer weiblichen Person, rund, warm, fleißig und rein, ist in dem Cabinette des Herrn Grafen Benzel-Sternau zu Mariahalden am Zürchersee zu sehen; ein Werk, das seinen Meister ehrt. Es wird für die Margaretha Roper, des Morus würdige Tochter, gehalten, und gehörte deswegen auch in diesen Abschnitt; allein Costüm und Gesichtsbildung, ganz verschieden von dieser Person in der Basler Zeichnung und von der damaligen englischen Tracht, scheinen dieser Namensangabe zu widersprechen. Dieß sind die bewährtesten Abbildungen von Thomas Morus, die Holbein zugeschrieben werden können. Andrer, die hin und wieder in Cabinetten zerstreut und auch dafür ausgegeben sind, nicht zu gedenken, da ohnehin die Umständlichkeit über dieses einzelnen Mannes Bildniß schon so lang geworden ist, daß nur seine hervorleuchtende Größe sie entschuldigen kann, indem jedes authentische Bild dessen, der eine Zierde der Menschheit ist, hervorgesucht zu werden verdient. Noch während seines Aufenthaltes bei Morus soll Holbein nach dessen Anleitung die zwei großen Gemälde in Wasserfarben ausgeführt haben, den Triumph des Reichthums und der Armuth, die in dem Hause der 206 Hansestädte In the hall of the Easterling merchants in the Steelyard, wo die Hanseschiffer ihre Waaren abzulegen pflegten. zu London aufgestellt waren, aber durch den großen Brand zu Grunde gegangen sind. Van Mander, der sie noch sah, ist voll von ihrem Lobe, und erzählt, daß Friedrich Zuccharo dieselben, 1574, mit großem Fleiß in Tusch copirt, und sich geäußert habe, sie seyen von so guter Zeichnung und Behandlung, als wären es Arbeiten Raphaels von Urbino. Die Figuren waren in Lebensgröße, und nach van Manders Beschreibung zu urtheilen, die Farben mehr angedeutet als ausgeführt. Chr. von Mechel hat diese Zuccharischen Zeichnungen bei Handen gehabt, und in seinem Holbeinischen Werke stechen lassen, woraus man wenigstens noch auf den geistigen Gehalt jenes Werkes schließen kann, der aber mehr dem allegorischen Geschmack jener Zeiten, als dem jetzigen, angemessen seyn möchte. Plutus sitzt mit der geldauswerfenden Fortuna auf einem Wagen, begleitet von seltsam zusammengestellten historischen und sinnbildlichen Personen, deren jeder zu besserer Erkenntniß ihr Name beigefügt ist. Eben so kömmt im zweiten Stücke die Penia auf einem elenden Fuhrwerke gefahren, und mit und neben ihr Tugenden und Untugenden mit ihren Bezeichnungen. Oben 207 stehen lateinische Verse, die, so wie die ganze Erfindung, von Morus herrühren sollen. Holbein gehörte einzig das Verdienst der technischen Ausführung, aber es war das bessere, wovon jedoch in dem Kupferstiche wenig mehr zu sehen ist. H. Walpole besaß auch zwei Zeichnungen dieser Gemälde, die von Alters her in Buckinghamhouse aufbewahrt waren, von woher er sie bei einer Versteigerung kaufte; die Figuren in schwarz und weißer Kreide und die Luft farbig. Er sieht sie für Copien des jüngern Vorstermann an, der sie auch in Kupfer, wenigstens eine davon, gebracht haben soll. Nach Walpole's Beschreibung Anecd. I. 137. wären diese den Zeichnungen, nach welchen Mechel die Kupferstiche geliefert, weit vorzuziehen. 208   Holbein wird dem Könige Heinrich VIII. bekannt. Nach der außerordentlichen Gnade, worin Morus damals bei dem Könige stand Rex Morum sic in intimis habet, schrieb Erasmus an Hutten, ut a se nunquam patiatur discedere. , wurde er öfters von demselben in seinem Landhause zu Chelsea auf eine vertrauliche Weise besucht Diese Gnade war so auffallend groß, daß der Schwiegersohn des Morus selbst darüber erstaunte; jedoch Morus, der die Menschen und die Herren kannte, antwortete: Der König behandelt mich allerdings mit ausnehmender Güte, indessen darf ich nicht stolz darauf seyn, denn, glaube mir, mein lieber Roper, wenn er eine einzige Festung in Frankreich mit meinem Kopfe gewinnen könnte, er würde ihn unbedenklich daran geben. (Brittischer Plutarch, Leben Morus.) – Eine dunkle Ahnung dessen, was nachher geschah. . Bei einem solchen Anlaß kam nun die Sammlung Holbeinischer Leistungen zum Vorschein, die des Morus kluge Sorgfalt bisher vor dem Könige 209 zurückgehalten hatte, um ihn desto auffallender mit dem Anblick mehrerer Bilder zu überraschen. Heinrich, dessen unbeständiger, grausamer Charakter sich erst später entwickelte, war damals noch ein gepriesener Regent, und ein geistreicher Freund der Künste, die er freigebig in seine Nähe zog Quo principe vix alius hodie vivit omnibus regiis dotibus ornatior, nec alienior a tyrannide, nec gratiosior apud suum populum. (Erasmus M. Laurino. 1523.) . Er bezeugte sein hohes Wohlgefallen an der unübertrefflichen Wahrheit, die er vor sich sah, und fragte nach dem Maler, der ihm sogleich vorgestellt werden mußte. Nun ich den Meister habe, sagte er zu dem Kanzler, der ihm die Sammlung als ein Zeichen seiner Verehrung angeboten hatte, bedarf ich dieser Bilder nicht, er soll mich schon befriedigen Van Mander, Art. Holbein. . Holbein mußte von Stund an in die Dienste des Königs treten, bekam eine Wohnung im Pallast, ihm wurde ein Gehalt von dreißig Pfund Wie Walpole (I. 161.) aus spätern Rechnungen beweist. zugesichert, nebst der besondern Bezahlung seiner Gemälde Ebendaselbst. I. 110. . So ward nun der arme Holbein von Basel, der dort wegen Unruhe der Zeiten Mühe gehabt, sein 210 tägliches Brot zu gewinnen, in die große Welt von London eingeführt, beliebt und gesucht am Hofe eines prachtliebenden Königs. In eine beneidenswerthe Lage hatte ihn endlich das Glück und seine hohe Kunst versetzt; und eine gebührliche Lebensart hatte er im Umgange mit dem weisen Morus angenommen, in dessen Hause, wie Erasmus an Hutten schrieb, nie jemand gelebt hat, der nicht den Weg zum bessern Glücke gefunden, oder jemals Schaden an seinem guten Namen gelitten hätte Hujus domus fatalis quaedam videtur felicitas, in qua nemo vixit, qui non profectus sit ad meliorem fortunam, nullus unquam ullam famae labem coutraxit. (Erasm. ad Huttenum. 1519.) . – Wer kann jedoch seines alten Adams ganz los werden; nicht einmal bejahrte Heilige können es, wie viel weniger ein frohsinniger junger Mann in der Blüthe seiner Kraft! Es wäre sich darum auch nicht zu verwundern, wenn in des Künstlers weiterem Leben mitunter noch Merkmale früherer Angewöhnungen seines derben Natursinnes und sorgenlosen Wandels zum Vorschein kämen. Doch erfährt man nirgends etwas von Ausschweifung, auch nicht, daß die Schönen Englands, deren Reize und Manieren einst Erasmus so anziehend gefunden hatte Sunt hic nymphae divinis vultibus, blandae, faciles. – Est praeterea mos nunquam satis laudatus: sive quo venias, omnium osculis exciperis, sive discedas aliquo, osculis dimitteris; redis, redduntur suavia, disceditur abs te, dividuntur basia; occurritur alicubi, basiatur affatim, denique quocunque te moveas, suaviorum pletia sunt omnia etc. (Fausto Andrelino, ex Anglia.) , einen nachtheiligen 211 Einfluß auf seine Sitten gehabt hätten. Dabei wußte er sich von Anfang bis zu Ende in der Gunst des leidenschaftlichen Monarchen zu erhalten, welches allerdings ein kluges Betragen voraussetzt. Nach einer solchen Aufnahme von der allerhöchsten Person des Reichs, und bei den in die Augen leuchtenden Vorzügen seiner Kunst konnte es nicht wohl anders seyn, als daß Holbein bald der gesuchteste Maler seiner Zeit werden mußte, einer Zeit, wo England, wie niemals vor und nachher, reich an einheimischen und fremden Künstlern war, wofern wahr ist, was Fiorillo an zwei Orten versichert, daß damals gegen funfzehntausend flamändische Künstler sich in England aufgehalten haben Die der König nachher aus dem Lande wies, weil er sie für Anhänger seiner ersten Gemahlin hielt, von der er sich hatte trennen lassen. (Gesch. der Malerei in Großbr. S. 223., und Gesch. der zeichn. Künste in Deutschland. III. 192.) , ohne die Italiäner und Franzosen, deren auch eine beträchtliche Zahl war. Unter so vielen den ersten Rang zu behaupten, und noch bis auf den heutigen Tag dafür 212 anerkannt zu seyn, dazu braucht es wohl auch eine überlegene Gabe. Von den Holbeinischen Skizzen von Köpfen, die er seiner beständigen Gewohnheit nach erst mit schwarzer Kreide auf gefärbtes Papier entwarf, ehe er sie malte, werden noch hie und da einzelne in Sammlungen als Reliquien aufbewahrt, mehrere auf der Basler Bibliothek; das schönste aber dieser Art wurde im vorigen Jahrhundert in dem Palaste zu Kensington aufgefunden, wo die Königin Caroline selbst in einem Schrank eine reiche Sammlung solcher Originalentwürfe entdeckte. Man fand, daß es meistens Bildnisse von Personen seyen, die unter der Regierung oder am Hofe Heinrichs VIII. gelebt hatten. Da viele derselben in den Jahren des frühern Aufenthaltes Holbeins in England gemacht sind, so wird wohl hier der schicklichste Platz seyn, davon zu sprechen. Walpole's Angabe zufolge wurden sie nach Holbeins Tod in Frankreich verkauft, und von da zur Zeit Carls I. nach England zurückgebracht, und diesem Monarchen überlassen. Carl vertauschte sie gegen einen heiligen Georg von Raphael an den Grafen von Pembroke, und dieser überließ sie dem Grafen Arundel, in dessen Besitze sich schon eine reiche Menge Holbeinischer Kunstsachen befand. Als die Arundelische Sammlung zerstreut wurde, fanden diese 213 Zeichnungen wieder den Weg unter den königlichen Schutz, und wurden in Kensington so gut verwahrt, daß man lange Zeit gar nichts mehr von ihnen wußte. Nach der Wiederauffindung ließ sie die Königin in ihre Wohnung bringen, und statt der Rahmen, worin sie lange eingeschlossen gewesen, in zwei großen Bänden aufbewahren. Es sind neun und achtzig Stücke, wovon aber einige doppelt, andre verwischt, oder in den Umrissen von ungeschickter Hand umzogen, ein großer Theil aber vortrefflich erhalten seyn sollen. Allen sind Namen beigeschrieben, die nach Walpole's muthmaßlicher Meinung von John Cheke herstammen In alten Schriften des Hauses Lumley, sagt er ( Anecd. I. 131 etc. ) geschieht eines solchen Kunstbuches Erwähnung, mit der auffallenden Bemerkung, daß es Eduard dem VI. zugehört habe, und daß die Namen von Cheke hinzugeschrieben worden. – Dieser Mann war ein Gelehrter damaliger Zeit, dem die Erziehung des jungen Eduards anvertraut war, und der den Namen eines königlichen Ministers führte. Er konnte also wirklich die Personen kennen. Aber diese Nachricht stimmt nicht mit der oben angeführten Geschichte der Zeichnungen überein. . Ob aber alle richtig angegeben seyen, steht noch dahin; Zweifel dagegen finden sich schon oben bei der Lady Berkeley, und bei Melanchton; John Colet war lange vor Holbeins Ankunft in England schon todt; auch sind mehrere Namen von ungleicher Hand, oder die 214 angegebene Jahrzahl ist nicht passend, wie bei John Fisher, Bischof von Rochester. »Diese Köpfe sind,« bemerkt Walpole weiters, »in einer kecken (nach den Copien zu schließen, könnte man eher sagen, zarten) und freien Manier gezeichnet, und wiewohl sie wenig mehr als den Umriß und kaum etwas Schatten haben, so zeigt sich doch eine Kraft und Lebendigkeit in denselben, wie in den vollendetsten Porträten.« Diesem Urtheil entsprechen auch die Nachbildungen von Bartolozzi in dem Werke, das John Chamberlaine 1792 herausgab. Diese sind mit großer Sorgfalt in punctirter Manier gestochen, und auf ähnliches Papier und mit ähnlichen Farben wie die Originale abgedruckt. Ein herrliches Werk, untadelhaft in genauer richtiger Zeichnung, und auch in der mechanischen Ausführung nur von einigen neuern Steindrücken übertroffen, indem zuweilen die Bartolozzische Manier in den Schatten noch etwas zu kupferstecherisch obwaltet. Wollte man noch etwas daran aussetzen, so möchte es vielleicht der allzuröthliche Ton des Papiers bei mehrern Blättern seyn. Holbein wählte das fleischfarbne Papier, weil dieses ihm die Localfarbe des Gesichtes angab, der er nur mit farbiger Kreide etwas nachzuhelfen brauchte; wo nun aber der Grund außerhalb der 215 Figur allzustark in's Rothe fällt, wird dadurch die Haltung der Gesichtsfarbe wieder gestört, und der Gegenstand erscheint matter und flächer. Zu Holbeins bleibender Ehre hätte jedoch kein schicklicheres Monument gewählt werden können, als so ein Liber veritatis (wie man von Claude Lorrain ein ähnliches in seinem Fache hat), so ein Buch der Wahrheit, das in zahlreichen Blättern, durch die genaueste Nachbildung in Kupfer vervielfältigt, sein eigenthümliches Schaffen auf Welt und Nachwelt verbreitet Der Titel des Werkes ist: Imitalions of original drawings by Hans Holbein, in the collection of his Majesty, for the portraits of illustrious persons of the court of Henry VIII, with biographical tracts. Published by John Chamberlaine, keeper of the King's drawings and medals. Fol. London. 1792. – Recensionen davon sollen (nach Fiorillo's Gesch. der Mal. in Großbr. S. 208.) sich in Gentl. Magaz. T. LXX. etc. und Monthly Review T. XXV. befinden. – Auch führt Fiorillo (Gesch. der Mal. in Deutschl. II. 392.) eine Fortsetzung oder Beilage zu diesem Werk an, die 1813 unter dem Titel: The Holbein portraits in his Majesty's collection, einem etwas kleinern Format erschienen, aber eben so treu ausgeführt seyn soll. . Hier ist seine große Kunst sichtbar, die das Individuelle in harmonischer Wahrheit aufzufassen, und mit wenigen feinen sprechenden Zügen so anschaulich darzustellen weiß, daß man von der Aehnlichkeit überzeugt wird, 216 ohne das Original gesehen zu haben. Hier, in diesen Entwürfen, faßte er die Gesichter auf, gerade wie sie waren, um bei der Ausführung in Farben die nackte Wahrheit vor sich zu haben, wo er dann schon, allfälliger Eitelkeit zu Lieb, diesem oder jenem Zuge etwas mehr zu gefälligem Daseyn verhelfen konnte; denn daß er im erforderlichen Falle auch das Verschönen verstanden habe, wird man in der Folge sehen. Daß er aber vom Idealisiren eines Gesichtscharakters nichts wußte, oder nichts wissen wollte, wie ihm von Kunstrichtern vorgeworfen wird, ist wahr. Er hatte, wie sich jetzt die neue Lehre ausspricht, weder »die Idee der Urschönheit, als Einheit des Wahren und Sittlichguten, mittelst des Glaubens in seinem Gemüthe empfangen, und in beharrlicher Liebe außer sich als idealisches Product darzustellen« sich bemüht, noch war ihm »die Natur (wenigstens mag er es nicht deutlich empfunden haben) das belebte geistige Symbol der ewigen Idee, die in ihr sich verkörpert hat, und den Abglanz göttlichen Lebens tiefbedeutend wiederstrahlt Kunstblatt. No. 43. 1823. .« Niemand ist alles gegeben; Holbein diente auch der Natur, aber er war blos ihr getreuer Knecht; doch schaute er mit dem hellsten 217 Blicke, und was er schaute, wußte er mit sicherer Hand und in den reinsten Farben unverfälscht wieder zu geben, so daß ein gewöhnliches Auge erst in seinem Nachbilde das Urbild richtig anschauen lernen konnte. Die Individualität des Blickes, die Natürlichkeit des Mundes und der beweglichen Gesichtstheile, hat kaum ein Maler trefflicher und mit minder Auswand dargestellt. Er muß sich ein besonderes Studium daraus gemacht haben, diese unbefangene Natürlichkeit zu erhaschen, und günstige Momente festzuhalten. Man merkt es den Mienen gar nicht an, daß sie dem Maler gesessen haben, welches schwerer zu vermeiden ist, als man glauben sollte. Die Leute erscheinen wie sie waren, nicht etwa wie ein höher Begeisterter sie sich in seinem subjectiven Schönheitsideale hätte vorstellen mögen. Aber so eine Anzahl bedeutender Menschen aus der Vorzeit (wie in diesen Zeichnungen) in ihrer wahren Natur, in ihrem unverstellten Daseyn zu sehen, ist doch auch Etwas! Mag hiezu nicht auch die Gewohnheit beigetragen haben, die Holbein fast durchgehends beobachtete, daß er nämlich die Augen seiner Porträte höchst selten, und wahrscheinlich nur wenn es verlangt wurde, oder wenn er das Gesicht ganz von vornen nahm, den Maler ansehen, sondern seitwärts blicken ließ, und dem Blicke die Richtung 218 des Kopfes gab? Zwei Augen können sich nicht in gegenseitigem Anblicke aushaltend begegnen, ohne daß das Eine vor dem Andern etwas von seiner selbstständigen Kraft verliere. Gewöhnlich ist das Künstlerauge das stärkere, oder sollte es seyn; das Tiefeindringende, Durchblickende, Ausholende in dem Anschauen des Malers macht die Schwachen blöde, und die Starken, die sich nicht wollen ausholen lassen, kalt. Nach der Seite gewandt, wohin sich das Antlitz kehrt, behält das Auge am meisten Unbefangenheit, ohne etwas am Ausdruck zu verlieren. Wenn es nur ein so Leichtes wäre zu idealisiren, als davon zu sprechen! Nicht jeder Maler idealisirt, der es gerne möchte, und mancher ist darüber, wo nicht zu Grunde gegangen, doch mit seinem Streben mehr rück- als vorwärts gekommen. Ein Gesicht idealisiren, heißt: dasselbe auf die höchste Stufe seines Charakters setzen, oder mit Beibehaltung persönlicher Aehnlichkeit in Zügen und Stellung veredeln. Um dieß zu bewirken, muß der Maler einen bestimmten Begriff von den verschiedenen Klassen menschlicher Bildungen haben, es muß ihm ein geistiger Typus derselben vorschweben, um das Eigene des Menschengesichtes, das er malt, der Urform, die zu demselben paßt, annähern zu wissen. So erhoben die Alten das Individuum in ihren Bildsäulen, so that es 219 Raphael mit Maaß, und so suchte van Dyck immer zu idealisiren. Dieß mag allerdings das Höchste der Bildnißmalerei seyn, es ist aber auch das Schwerste und Gefährlichste, weil es die Poesie der nachbildenden Kunst ist. Bei Bildsäulen mag eine solche Veredlung deßwegen ein Erforderniß seyn, weil da keine Farben sind, und nur plastische Wirklichkeit ist, wo das Auge gleichsam betastend fühlt; ein Erforderniß auch bei Darstellung von Regenten und Helden, die mehr wie Repräsentanten ihrer Gattung dastehen, als wie Porträte; sie werden als Gegenstände der öffentlichen Verehrung angesehen, und dürfen also nicht wohl etwas Kleinliches, Häusliches, Gemeines in Gesicht und Stellung haben. Alles, was zu der blos vornehmen Welt oder dem Pöbel sprechen soll (denn hier berühren sich auch die Extreme), muß Schein und imponirende Form haben; die nackte Wahrheit macht da keinen Eindruck. – Ob sich aber diese Ueberwirklichung der Natur auch für Familienporträte schicke, ob es dem Freunde, dem treuen Gatten, den zärtlichen Kindern nicht erwünschter sey, das Bild des Geliebten nach der Wahrheit der Natur zu haben, wie er leibte und lebte, als nach einem Ideale, wie er allenfalls hätte seyn können und sollen, das kann kaum die Frage seyn. Der Unterschied zwischen einem naturgetreuen Bilde, 220 und dem, wo der Maler die Natur zu veredeln gedachte, ist gleich der Verschiedenheit einer wahren Lebensgeschichte und einer Lobrede; wem um Wahrheit zu thun ist, liest doch lieber die erste. Die Natur treu und rein aufzufassen, ist aber auch kein Leichtes; und so wie es oft weniger Mühe kostet, ein Eloge idealisch aufzuputzen, als einen wirklichen Charakter getreu zu schildern, so ist es auch einem geübten Zeichner leichter, einem Gesichte subjective Schönheit zu geben, als objective Wahrheit Die Natur in ähnliche Häßlichkeit zu verzerren, ist die Kunst des Stümpers. Caricatur ist das Ideal des Häßlichen, und über die Sphäre des Stümpers. . Köpfe die an sich schon geistreich sind, gewinnen selten durch versuchte Veredlung der Formen. Von allen Bildern Friedrich des Großen ist keins so an Geist und Ausdruck gelungen, wie das zu Pferde, welches der unidealisirende Chodowiecki blos der Natur gemäß machte, das zugleich zehnmal idealischer ist, als alle übrigen. Schwerlich hätte ein andrer Maler den Erasmus so richtig als einen generischen Charakter dargestellt, wie es Holbein gethan hat. Etwas Aehnliches mag auch Oliver Cromwell gefühlt haben, als er seinem Maler sagte: Herr Lely, ich verlange, daß ihr alle eure Kunst anwendet, mein Gemälde mir ganz gleich zu machen, und mir nicht 221 zu schmeicheln; ihr müßt keinen starken Zug, keine Furche noch Warze und dergleichen übergehen, sondern mich ganz so malen, wie ich vor euch sitze, sonst zahl' ich euch keinen Pfenning Walp. anecd. of painting. . Wie aber jede gute Eigenschaft übertrieben werden kann, so auch die Naturtreue. Kunst hat ihre Gränzen, sie muß Kunst bleiben, und nicht durch allzugroße Annäherung an die Natur gleichsam in sie übergehen wollen, wie einige Bildnißmaler versucht, und damit mehr Kunststücke als Kunstwerke geliefert haben. Dieß war Holbeins Fall nicht, darum wird es auch hier weiter nicht berührt; der Abschnitt ist ohnehin lang genug geworden in der Absicht, einige dem großen Künstler vorgeworfene Mängel durch Beleuchtung seiner Vorzüge zu mildern, daneben auch irrige Ansichten und übertriebene Forderungen von Idealisirung in Bildnissen, wie man sie noch unlängst in akademischen Vorlesungen hörte, wo möglich zu berichtigen. Allzugroße Treue in Nebensachen, die er nicht genug unterordnete, oft harte Umrisse, Nachlässigkeit in der Anordnung und in Vertheilung des Lichts, Mangel an Geschmack, und was man ihm sonst noch Schuld geben 222 will, mag mehr oder weniger seinen Grund haben, dessen ungeachtet gehört Holbein doch immer unter die ersten aller Maler für anspruchlose Menschenbildnisse, die nicht schöner und nicht häßlicher, nicht besser und nicht schlechter, nicht höher und nicht niedriger als die Natur seyn sollen. Man sieht in seinen Bildern nicht die Anmaßung des Malers, wie dieß bei andern so oft der Fall ist, sondern nur den wahren Gegenstand in lebendiger Klarheit, »den Moment des reinsten Daseyns,« wie Schlegel sagt. Ein großes Hinderniß für Darstellung gefälliger Formen fand er aber auch in der damaligen abgeschmackten Tracht der englischen Damen, besonders in dem vieleckigten, weitläuftigen, steifen, alle Haare sorgfältig verbergenden Kopfputze. Diese Mißform war damals vornehme Mode; es durfte also bei den meisten Frauen keine Rede davon seyn, etwas wegzulassen, oder durch einfache Eleganz zu ersetzen. Er trug alles dieses in seine Vorentwürfe über, wie es die Gegenwart zeigte, ohne sich die Mühe zu geben, eine einzige Falte anders zu ordnen; ja er scheint sich in dem Versuche gefallen zu haben, verworrene, schiefe und schwierige Kniffe und Ecken der Tracht richtig angeben zu können. Treu blieb er dann auch im Oehlgemälde, jedoch wußte er als Maler manches Rohe und Steife zu glätten, oder wenigstens mit Farben zu sänftigen. 223 Früher schon hatte Richard Dalton mehrere Köpfe aus dieser Sammlung der Königin Caroline radirt herausgegeben; sie sind von richtiger Zeichnung, aber rohem Stiche, und durch Bartolozzi's Kunstwerk in Geringschätzung gekommen. 224   Holbein unter Heinrich VIII. Unter seine frühern Werke aus diesem Zeitpunkte gehören die Bildnisse Lord Denny's, Kassenaufsehers, und seiner Gemahlin, welche die Jahrzahl 1527 tragen; sie waren zu Walpole's Zeiten in Northumberlandhouse. – Vorzügliche Beachtung aber verdient das schöne Bild W. Warham's, Erzbischofes von Canterbury, im Königlichen Museum zu Paris, das laut Unterschrift 1528 im siebzigsten Jahre des Mannes gemacht worden. Warham war ein Freund von Morus und Gönner von Erasmus, es scheint deswegen mit Vorliebe des Malers verfertigt worden zu seyn. Ein herrliches Mannsgesicht voll Wahrheit und sprechenden Charakters. Denselben Ausdruck trägt auch die farbige Zeichnung dieses Erzbischofs in dem Chamberlainischen Werke, unaussprechlich natürlich blickend, 225 redend in allen Zügen, die wahrste Harmonie der Persönlichkeit. In dieses Jahr fällt auch noch ein andres Gemälde, das nicht übergangen werden darf, das Bildniß Nikolaus Kratzer's, eines Deutschen, der als Astronom in Diensten König Heinrichs stand. Walpole Anecd. I. 125. erwähnt zweier Porträte desselben, wovon er einem vom Jahre 1528, das mit mathematischen Instrumenten umgeben und mit einer Inschrift begleitet sey, großes Lob beilegt. Auch soll sein Kopf sich unter den Holbeinischen Zeichnungen zu Kensington befinden. In der Königlichen Sammlung zu Paris ist ebenfalls sein Bild zu sehen, mit weichem, feinem und markichtem Pinsel ausgeführt, nur findet man daselbst die Umrisse zu hart, wodurch die schöne Malerei etwas flach erscheint. Dieß möchte wohl das nämliche Bild seyn, von welchem van Mander rühmend spricht, das seiner Zeit im Besitze von Andreas de Loo, einem großen Liebhaber Holbeinischer Kunst, war. Dieser Kratzer Van Mander erzählt von ihm, er habe dem König, der ihn im Scherz fragte, wie es komme, daß er nach so langem Aufenthalte in England nicht besser spreche, geantwortet. Ew. Maj. nehmen nicht übel, was kann einer Englisch lernen in Zeit von dreißig Jahren? muß 226 ein nicht unbedeutender Mann gewesen seyn; Erasmus erwähnt seiner mehrmals in Briefen an Aegydius, und Albrecht Dürer meldet in seinem Reisejournal 1520: »ich hab conterfet (in Antorf) Herrn Nicolaum, ein Astronomus, wohnet bey dem König in England, der mir zu viel Ding fast förderlich und nützlich ist gewesen; er ist ein Deutscher von München bürtig.« – Lehrreich und einer vielumfassenden Gallerie angemessen wäre es, zwei Bildnisse desselben Mannes von zwei so berühmten Meistern zusammenzustellen, um ihre verschiedene Behandlung vergleichen zu können. Doch jetzt im Dienste des Kunst und Pracht und Sich selbst liebenden Königs, an wem hätte Holbein allervorderst seine Geschicklichkeit erweisen sollen, als an dem Bilde des Monarchen selbst? Das geschah auch, und, wie es nicht fehlen konnte, zu dessen vielfältiger Befriedigung; denn ungeachtet der Länge der Zeit, des bürgerlichen Krieges, und der Brandunglücke, die über den Pallast zu Whitehall und die Stadt London selbst ergangen sind, finden sich noch jetzt mehrere von Holbein verfertigte Bildnisse Heinrichs VIII., und man erfährt nirgends, daß der König sich nach der Hand von einem andern Maler habe abbilden lassen, als von ihm, den er für den vorzüglichsten hielt. Vor allem aus preist van Mander eine 227 Abbildung des Königs in ganzer lebensgroßer Figur; so wahr in's Leben hingestellt, sagt er, daß jeder davor erschrickt. Dieß Bild hat er noch in Whitehall gesehen; bei dem Brande des Pallastes, 1697, muß es verloren gegangen seyn; so wie daselbst noch ein andres Porträt von dem Könige zu sehen war, das in seinem Schlafzimmer hing, nebst dem von seiner Gemahlin Anna Seymour, und drei Kindern, Eduard, Maria und Elisabeth, die aber erst später gemalt worden. Van Mander und Patin gedenken ihrer, so wie auch Walpole, welcher meldet, daß davon eine Copie sich noch in einem der königlichen Schlösser befinde, die Remée (Remigius van Lemput), ein Schüler van Dycks, für Carl II. gemacht und dafür hundert funfzig Pfund erhalten habe Wonach Vertue seinen Kupferstich verfertigte. . – Auch kannte er eine Originalzeichnung in schwarzer Kreide, von des Königs ganzer Lebensgröße, die dem Herzoge von Devonshire gehörte Christian von Mechel, der diese Zeichnung 1792 in dem Schlosse des Herzogs zu Chatworth in Derbyshire sah, nennt es die größte im Umfang, die er je von Holbein gesehen habe. Er fand, sie sey mit Tusch auf Papier gezeichnet, und auf Tuch gezogen, habe aber sehr gelitten, besonders am Kopfe des Königs. (Handschriftlicher Nachlaß.) . – Mehrere Bilder übrigens von Heinrich VIII., die auf Holbeins Namen kommen, sollen nach dem Urtheil 228 dieses eifrigen Forschers keine Originale seyn; das ist auch bei der großen Menge von Künstlern, die damals in England lebten, und Holbein nachahmten, so wie bei dem Verhältnisse der Hofleute zu dem selbstischen Könige wohl zu begreifen. Jedoch in Kensington, sagt Walpole, ist ein Kopf desselben, der nicht nur echt, sondern vielleicht das vollkommenste aller Werke Holbeins ist, und das Urtheil von Despiles, Zuccharo und Golzius rechtfertigen möchte, die ihn im Colorit über Raphael setzten Il y a des places honorables au dessous du grand Raphael, sagt Descamps. . – Vertue gedenkt einer schönen Miniatur von Heinrich und seinen drei Kindern, in künstlich geschnitzten Rahmen; sagt aber nicht, wo er sie gesehen. – In der Beschreibung der königlichen Gallerie zu Dresden wird auch ein Brustbild Heinrichs VIII. mit einem Hermelinmantel \&c. angeführt. – In England werden Holbein sogar in Stein und Holz geschnitzte und künstlich vollendete Bilder des Königs beigelegt Walpole. I. 153 , und Mechels handschriftl. Nachlaß. , jedoch, wie es scheint, ohne sichere Beglaubigung. Da in dem berühmten Gemälde in der Halle der Wundärzte ( Surgeon's hall ) zu London, wo die gesammte Innung die Urkunde ihrer Privilegien empfängt, der König 229 die Hauptperson ausmacht, so gehört die Anzeige dieses Bildes, wiewohl es eine spätere Arbeit ist, auch hieher. Es ist nach Mechels autoptischer Angabe auf Holz gemalt, neun Fuß breit, und sechs hoch. Der Monarch sitzt in Lebensgröße, und, wie Walpole bemerkt, in vollem Ausdrucke aufgeblasener Majestät auf dem Throne, und vor ihm zu beiden Seiten knien die Wundärzte, deren Vorsteher die Urkunde mit großer Ehrfurcht empfängt. Die Personen sind alle nach dem Leben gemalt, und die Köpfe sehr schön ausgeführt. Es sind ihrer neun auf jeder Seite, und über jedem steht sein Name. Einer davon ist Dr. Butts, dessen Andenken Shakespear in dem Leben Heinrichs VIII. auf eine rühmliche Weise allen Zeiten aufbewahrt hat; ein beneidenswerthes Loos, durch Shakespears Feder und Holbeins Pinsel in der Nachwelt zu leben! – Von dem letzten, der zur rechten Seite des Königes kniet, J. Chambers, einem sauerblickenden Alten, soll, nach Mechels Ansicht, der es wissen konnte, auch ein Bild als Studium für das große Gemälde, sich in der K. K. Bildergallerie zu Wien Deutscher Katalog. S. 256. – Chambers Kopf ist auch von W. Hollar gestochen worden. befinden, mit der Bezeichnung seines Alters, 88 Jahre. – Das große Gemälde 230 sey retuschirt, meint Walpole, und van Mander berichtet, daß schon zu seiner Zeit Einige dafür gehalten, dasselbe sey von Holbein nur angefangen und von einer andern Hand vollendet worden, bemerkt aber, wenn dem so wäre, müßte der Vollender so geschickt als Holbein selbst gewesen seyn. Man hat davon einen Kupferstich von B. Baron. Als ein Beweis der Gunst, worin Holbein bei dem König gestanden, wird auch mit Recht eine Geschichte angeführt, die zwar allbekannt, und durch den Kernspruch, den Heinrich dabei äußerte, in die Apophthegmensammlungen übergegangen ist, jedoch in der Lebensbeschreibung des Mannes nicht darf ausgelassen werden. Sie scheint in die ersten Jahre seines Aufenthaltes in London zu gehören, wo der derbe Schweizer noch nicht ganz mit der Hofsitte vertraut war. Eines Tages nämlich, als Holbein mit einer geheimen Arbeit für den König beschäftigt war Privatly drawing some Lady's picture for the king, sagt Walpole. , kam ein Englischer Graf und verlangte seine Arbeit zu sehen. Holbein wollte die Thüre nicht aufmachen, und wies den Lord erst mit guten Worten zurück, der sich aber dadurch beleidigt fand; so daß es bald zu heftigem 231 Wortwechsel kam, wodurch er noch mehr gereizt wurde, und anfing die Thüre einzubrechen. Ergrimmt sprang Holbein hinaus, und stieß den Eindringenden die Treppe hinunter, merkte aber bald aus den kläglichen Tönen des Lords und dem Lärmen der Bedienten, daß es nicht ohne Beschädigung abgelaufen. Erschrocken zog er sich in sein Gemach zurück, verriegelte die Thüre, und flüchtete sich durch's Fenster über ein Dach aus dem Hause, und that das Klügste, was er thun konnte, er eilte geraden Weges zum König, und flehte ihn um Gnade an. Der König gewährte sie ihm mit der Bedingung, daß er den Herrn um Verzeihung bitten sollte. Inzwischen wurde dieser selbst zum Könige gebracht mit verbundenem Kopf, übel zugerichtet und bitter klagend. Seine Beschuldigungen, obgleich der König merkte, daß sie übertrieben waren, wurden ruhig angehört, und er ermahnt, mit geziemender Abbitte des Malers, der indessen in ein Nebenzimmer abgetreten war, und mit dem scharfen Verweise, den er bekommen sollte, sich zu begnügen. Der Lord aber, der eine ganz andre Genugthuung für einen Mann von seinem Stande erwartet hatte, vergaß sich, und brach vor dem König in die Drohung aus, daß er sich selbst Recht schaffen wollte. Das war gerade das Mittel, dem beängstigten Holbein aus der Noth zu helfen; denn der Monarch, 232 der keine Heftigkeit als seine eigne vertragen mochte, gerieth über die Aeußerungen des Grafen in Zorn. »Nun habt Ihr mit mir zu thun,« rief er, »geht, und denkt daran, daß ich die mindeste Selbstrache, die Ihr an dem Maler nehmen werdet, ahnden will, als wäre sie gegen meine Person gerichtet. Meint Ihr, daß mir wenig an diesem Manne gelegen sey, so wisset, daß ich aus sieben Bauern eben so viele Lords machen kann, aber aus sieben Lords nicht Einen Holbein!« – Van Mander, selbst ein Maler, nennt diese Geschichte: eine schöne Perle in der Künstlerkrone. Walpole, selbst ein Lord, spricht mit Achselzucken davon. Von der ersten Gemahlin Heinrichs, der Catharine von Arragonien, besaß Walpole zwei Bildnisse, Eines in Miniatur auf blauem Grund, auf das Schönste vollendet; das Andre auf Holz in Oehl gemalt, in ihren spätern Jahren; letzteres soll auch gestochen seyn In dem Werke: the heads of illustrious persons of Great Britain, engr. by Mr. Houbraken and Mr. Vertue. London. 1743. Fol. ; worunter noch mehrere Köpfe nach Holbeinischen Vorbildern gestochen sind, deren einige unsichere Namensangaben haben. . Diese müssen ebenfalls zu Holbeins frühern Arbeiten in England gezählt werden, indem die Königin schon 1531 gezwungen war, 233 den Hof zu verlassen, und schon einige Jahre früher von dem König, wegen seiner Leidenschaft für Anna Bullen, vernachlässigt wurde. Aber auch jenes schöne Miniaturbild kann nicht aus der Jugendzeit der Königin seyn, wenn es Holbein gemacht haben soll, denn Sie war schon 1483 geboren, und Er trat erst 1528 in Königliche Dienste. Es beweist indessen, daß Holbein sich gleich anfangs in England mit dieser Malerei im Kleinen beschäftigt habe. Carl van Mander sagt, Holbein habe früher, ehe er zu dem König gekommen, nichts in Miniatur gethan, und erst, als er die Bekanntschaft des L. Cornelisk gemacht und seine schönen Arbeiten gesehen, habe er auch Hand an's Werk gelegt, und den Lucas bald so sehr übertroffen, als die Sonne den Mond an Klarheit übertreffe. Daraus entstand bei den Nachfolgern van Manders die Sage, als hätte er die Miniatur förmlich bei Lucas gelernt. Da die Neigung Heinrichs zu Anna Bullen schon vor 1530 begann, so mögen auch einige Bildnisse von ihr in diesen Zeitpunkt der königlichen Liebesflamme fallen. 234   Holbein kommt von Zeit zu Zeit nach Basel. Im Spätjahre von 1529 kehrte Holbein nach einer Abwesenheit von drei Jahren zu einem kurzen Besuch in die Schweiz zurück. Den eigentlichen Beweggrund findet man nirgend angegeben, er ist aber leicht einzusehen, wenn man bedenkt, daß er Weib und Kinder eben nicht in glänzenden Umständen in Basel zurückgelassen hatte, und sich jetzt, sey es durch eignen oder fremden Antrieb, gedrungen fühlen mußte, allervorderst Fürsorge für dieselben zu treffen. Zudem machten auch seine bürgerlichen Verhältnisse diese Rückkehr erforderlich, indem nach einer noch neuen Verordnung kein Bürger von Basel ohne Erlaubniß des Magistrats in fremder Herren Dienste treten durfte »Sonnabend nach Lucä 1521 wurde vom Großen Rath eidlich verordnet: daß Niemand zu Stadt und Land künftig zu ewigen Zeiten weder durch sich selbst, sein Weib oder Hausgesind, noch niemand anders, keine Pension noch Dienstgeld von keinem Fürsten, Herrn, Commun noch niemand anderm bei seinem geschwornen Eide erwerben, haben, nehmen noch empfangen solle.« (Ochs Gesch. v. Basel. V. 367.) , und er 235 nur die Bewilligung zu einer Reise nach England, nicht aber zum bleibenden Aufenthalt daselbst, erhalten hatte. Vielleicht gab ihm auch der König selbst einige Aufträge in's Ausland, wie dieß nachher mehrere Male der Fall war. Bei der Rückkunft in's Vaterland überbrachte Holbein dem Erasmus, der sich damals zu Freyburg im Breisgau aufhielt, einen köstlichen Gruß von seinem Freunde Thomas Morus, nämlich dessen Familienbild, wie solches aus noch vorhandenen Briefen erhellet, woraus Einiges anzuführen hier erlaubt sey. Ein langes Schreiben an Morus, vom 5. September 1529, über andre Gegenstände, schließt Erasmus mit dem Wunsche, daß ihm das Glück möchte zu Theil werden, noch einmal in seinem Leben die theuren Freunde zu sehen, deren Anblick ihm in der Abbildung, die Holbein überbracht, so viel Vergnügen gewähre. – Wärmer drückt er sich gleich darauf an die Margaretha Roper, des Morus vorzüglichste Tochter, aus: »Ich habe keine Worte,« schreibt er, »meiner Freundin, der Zierde Britanniens, die Freude zu schildern, die mir der 236 Familienverein gemacht hat, den Holbeins Meisterhand so glücklich mir vor Augen stellt, daß ich sie alle, als wäre ich mitten unter ihnen, erkannt, und mich zurückgesehnt habe, nach dem unvergeßlichen Hause, dem ich so viel meines Glückes und Ruhmes schuldig bin.« Er fügt hinzu: » Omnes agnovi, sed neminem magis, quam te. Videre mihi videbar per pulcherrimum domiciliuin relucentem animum multo pulchriorem. « Und endet mit Grüßen an alle, besonders auch an ihre Mutter ( ornatissimam matronam ): Ei me commendabis et amanter et diligenter; Effigiem illius, quando coram non licuit, libenter sum exosculatus Daß jedoch dieser freundschaftliche Scherz nicht ganz buchstäblich zu nehmen sey, zeigt ein Brief, den er bald nachher an Quirinus Talefius schrieb, worin er sagt: Morus habet vetulam nimis vivacem, quae si migrasset, potuisset ille opulentissimae clarissimaeque foeminae maritus esse. .« Etwas auffallend ist es, da Erasmus gleich den folgenden Tag an Pirkhaimer schrieb, und ihm für eine geschenkte künstliche Schale dankte, daß er demselben, dessen Kunstliebe ihm doch bekannt war, von dieser Seelenfreude über das erhaltene Holbeinische Bild mit keinem Worte Meldung thut. Ihm lagen wohl seine gelehrten 237 Streitigkeiten über alles am Herzen; oder war es Schonung gegen Pirkhaimer, der nicht lange vorher seinen geliebten Dürer verloren hatte? Im November dankte die edle Margaretha ihrem Lehrer und Freunde Erasmus für seinen Brief, und freuete sich seiner Freude über die Ankunft des Malers, der ihm dieses Familienbild ( utriusque mei parentis nostrumque omnium effigiem depictam ) überbracht habe. Was ist nun aus diesem Bilde geworden? Wahrscheinlich war es nichts anders, als die Federzeichnung in bloßen Umrissen, die sich noch auf der Bibliothek zu Basel befindet. Das große Gemälde in Wasserfarben, wovon oben die Rede war, das de Loo in Amsterdam besessen hatte, kann es nicht wohl seyn, noch irgend ein andres bekanntes Oehlgemälde, denn Amerbach, Erbe des Erasmus, Freund des Morus, und emsiger Sammler Holbeinischer Kunst, hätte so ein Werk voll inniger Bedeutung für ihn, gewiß nicht fahren lassen. – Aus dem den Personen dieser Umrisse beigeschriebenen Alter ergiebt es sich, daß Holbein die Zeichnung kurz vor seiner Abreise gemacht haben müsse, denn das Alter von Morus ist auf funfzig Jahre angegeben; war er nun, wie die Meisten annehmen, 1480 geboren, so konnte er jetzt (1529) im funfzigsten Jahre seyn. 238 Auch bei dieser Rückkehr nach Basel können Patin und seine gelehrte Tochter die Verunglimpfung Holbeins nicht lassen. Sie melden, er habe die ganze Zeit über mit seinen alten Saufbrüdern gezecht, und die angesehensten Bürger der Stadt Basel, die ihm jetzt entgegenkommen und seine Freundschaft suchen wollten, auf schnöde Art von sich gewiesen Vita Holbenii. – Sie schreibt ihm gar Dummheit zu: Infelicis memoriae, ne dicam stoliditatis erat; (Tab. select. et expl. a C. C. Patina. p. 192.) . So ein strenges Urtheil gegen verdiente Menschen ist oft die Sprache gezierter Tugend, die sich durch sittliches Vornehmthun ein Ansehen geben will. Der Vorwurf beharrlicher Schlechtigkeit kann doch schwerlich auf den mehrjährigen Hausgenossen des Morus und den Günstling Heinrichs VIII. passen. – Holbein kam nach Basel, weil er mußte, und that, was er sollte; er unterstützte seine Familie, legte dem Magistrat seine Anstellung am Hofe zu London vor, und hielt um die Erlaubniß an, noch auf einige Zeit dahin zurückzukehren. – Daß er seine alten Freudegenossen nicht verschmähte, wohl gar einer höhern Classe vorzog, die sich jetzt zu dem Emporgestiegenen drängte, den sie früher gering geschätzt hatte, ist dem lebenslustigen, freigesinnten 239 Manne wohl zu verzeihen; er kannte größere Herren, als die, so sich in Basel dafür hielten. Ohne Arbeit blieb er gewiß nicht. Am wahrscheinlichsten gehört die Verfertigung des berühmtesten seiner Bilder zu Dresden in diesen Zeitpunkt Wahrscheinlicher, als nach der oben (Abschn. Holbeins Jugendgemälde) angeführten Muthmaßung in P. Ochs Geschichte von Basel. ; denn der darin vorgestellte Jakob Meier nahm keinen Antheil an der eben im heftigsten Ausbruche begriffenen Reformation, sondern hielt sich, unzufrieden, daß ihm das Ruder des Staates entrissen worden, leidenschaftlich zur Gegenparthei Ochs. V. 632. , und sah es vermuthlich als ein verdienstliches Werk an, sich jetzt, in Anbetung der heiligen Jungfrau begriffen, malen zu lassen. Späterhin wäre das in Basel kaum mehr angegangen, und gegen eine frühere Zeit spricht die außerordentliche Vollendung, die Holbein sich erst in England in diesem Grad angewöhnt hatte. Auf der Bibliothek zu Basel sind auch einige Zeichnungen von ihm, welche die Jahrzahl 1529 haben. Seine Zeichnungen historischen Inhalts sind meistens mit Tusch, die Entwürfe zu Porträten mit schwarzer Kreide gemacht. Als Künstler kam er jetzt aber zu ungelegener Zeit 240 nach Hause. Das ganze Jahr hindurch hatten die Stürme der Reformation gewüthet; Erasmus und viele seiner Freunde waren aus der Stadt gewichen; vornehme geistliche und weltliche Personen hatten sich geflüchtet; die Klosterzwinger waren aufgeschlossen, und alle Kunstwerke in den Kirchen zerschlagen oder öffentlich verbrannt worden Erasmus schrieb an Bil. Pirkhaimer den 9. Mai 1529 über die Bilderstürmerei in Basel: Statuarum nihil relictum est, nec in templis, nec in vestibulis, nec in porticibus, nec in monasteriis. Quicquid erat pictarum imaginum, calcea incrustura oblitum est; quod erat capax ignis in rogum conjectum est, quod secus frustulatim comminutum. Nec pretium nec ars impetravit, ut cuiquam omnino parceretur. . – Daß unter diesen Schlachtopfern nicht nur das große Nachtmahlstück, sondern auch noch andre Gemälde Holbeins gewesen, ist außer Zweifel. Alles dieß konnte keine Einladung zu verlängertem Aufenthalte seyn, wenn es auch seine Absicht gewesen wäre, zumal da die Zerstörung sich bei Vielen auch auf Kunstgegenstände in ihrem eignen Besitz ausdehnte, ja der Abscheu vor dem Bilderdienst so ausschweifend war, daß selbst Maler der fernern Ausübung ihrer Kunst entsagten, und wie Hans Herbst Ne artis suae operibus idolatriam faveret, a pictura sibi penitus abstinendum putavit. – Theodor Zwinger in Theatr. vitae hum. Bas. 1586. S. 3701. erzählt seine Geschichte. 241 lieber in Armuth sterben, als gegen das zweite Gebot sich vergehen wollten. Bei so bewandten Umständen, wo viele Bürger ohne zu fragen die Stadt verließen, mußte es auch für Holbein, der gültige Beweggründe angeben konnte, nicht schwer seyn, Urlaub auf unbestimmte Zeit zu erhalten. Ihn drängte der Wunsch des Königs und seine eigne Lage von Basel hinweg. – Daß er auch dieß Mal Frau und Kinder zurückgelassen, ist nicht befremdlich, da sie mit Geld unterstützt in der Heimath noch besser für sich selbst sorgen konnten, als er, der stets außer dem Hause beschäftigte Mann, in der großen Stadt zu thun im Stande gewesen wäre. Was hätte er überdieß mit der eben nicht feinen Schweizerfrau in dem fremden Lande anfangen sollen? Es geräth Malern selten zur Befriedigung, sich von ihren Weibern begleiten zu lassen. Albrecht Dürer hatte auch manchmal die liebe Noth mit der Seinigen in den Niederlanden. – Gewiß sah die Frau das Alles selbst ein, und begehrte nicht mitzugehen. Die Regierung von Basel, die auch in den gefährlichsten Verwirrungen, die sie seit einem Jahrhunderte umgeben hatten, nie den Kopf verlor, ließ auch in diesem Sturme den Zügel der Gesetze nicht aus der Hand, und suchte mit der gewaltigen Kraft des guten und festen 242 Willens die republikanisch-bürgerliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Wie das in bedeutenden Angelegenheiten geschah, so war es auch in Holbeins geringerem Verhältnisse der Fall; er wurde seiner Bürgerpflichten nicht entlassen, da er seine Familie zurückließ, und erhielt nur Vergünstigung zu einjähriger Entfernung Wenn ein Bürger sich im Auslande niederlassen und dennoch sein Bürgerrecht nicht aufgeben wollte, so mußte er die Erlaubniß dazu begehren. Ochs. VI. 493. . Daher auch in dem noch vorhandenen Zunftbuche ungeachtet der Abwesenheit immerfort sein Name als eines zum Panner geordneten Bürgers erscheint. Sein Wiederkommen verzog sich aber etwas länger, und war erst die Folge einer Aufforderung des Rathes, die also lautet Ochs Gesch. V. 395. : »Meister Hansen Holbein dem Mahler, jetzt in England.« »Wir Jakob Meier Zum Hirschen, nicht der auf dem Dresdner Gemälde. , Bürgermeister und Rath der Stadt Basel, entbieten hiemit unserm lieben Bürger, Hansen Holbein, unsern Gruß, und dabey zu vernehmen, daß es uns gefallen wollte, daß du dich zum förderlichsten wieder anheim verfügest. So wollen wir, 243 damit du desto besser bey Haus bleiben, dein Weib und Kind ernähren mögest, dich des Jahrs mit dreyssig Stücken Geldes, bis wir dich besser versehen mögen, freundlich bedenken und versehen; (solches) haben wir dir, dich hienach wüßtest zu verhalten, nicht unangezeigt wollen lassen. Datum Montags 2 September 1532.« Es war also Ends 1532 oder Anfangs 1533, daß er seine Vaterstadt wiedersah. In diesem Jahre hatte eine Zusammenkunft in Frankreich zwischen Heinrich VIII. und Franz I., wie schon 1520 geschehen, statt, wobei auch von beiden Königen Geschenke von Kunstsachen gewechselt wurden. Heinrich empfing von Franz I. eine Madonna von Lenardo da Vinci Cath. Patina redet davon in den Tabellis select. etc. Seite 30. , und gab ihm dagegen Gemälde von Holbein. Bei dieser Gelegenheit war es, daß Holbein im Gefolge des Königs auf das feste Land hinüber kam, und Basel besuchte. Es scheint auch glaubwürdig, daß er auf dieser Hin- und Herreise den König von Frankreich gemalt habe, von dem noch einige Porträte vorhanden sind, die diesem Meister zugeschrieben werden. Eines ist in der Gallerie zu Florenz, wo der König zu Pferd im Kleinen gemalt erscheint, das von außerordentlich feiner Ausführung seyn soll. Ein anderes befand sich zu Rom 244 in der Gallerie Lucians Bonaparte, welches dieser nach England verkauft hat Im Kunstblatt 1824, No. 64. wird es von einem Kenner herrlich und mit Recht berühmt genannt. . Walpole Anecd. I. 157. führt drei Vorstellungen von Franz I. an, die auf dem Schlosse Coudray als Werke Holbeins angegeben wurden, von denen eine großes Verdienst gehabt haben soll. Da aber Coudray 1793 im Feuer aufging, so war es auch um die Gemälde geschehen. Da Holbein seine Werke nur selten mit der Jahrzahl bezeichnete, so können auch wenige Bildnisse aus diesen Jahren mit Gewißheit angegeben werden. Von 1532 ist das Brustbild eines jungen braunbartigen Mannes mit krausen Haaren und flacher Mütze, auf der Wiener Gallerie, und eben daselbst von 1533 ein Bildniß mit dem Namen Geryck Tybis, eines schwarz gekleideten Mannes, der einen Brief siegelt; vielleicht auch der dort befindliche Erasmus, in seinen letzten Lebensjahren gemalt Mechels Bildergallerie in Wien. S. 249, 260, 262. .– Auch das schon angeführte Porträt Georg Gysi's gehört in diese Zeit. Desgleichen das von Hollar gut gestochene Bildniß Hans von Zürch, eines künstlichen Goldschmiedes, der in England nach Holbeinischen Zeichnungen arbeitete. 245 So war auch dieser Aufenthalt in Basel nicht von langer Dauer; er wußte auch dieß Mal bei der Obrigkeit sich auf den Dienst des Königs berufend, weitern Urlaub zu erhalten, und, wie es scheint, auch Frau und Kinder über seine Abwesenheit zu trösten. Da es sich aber aus Allem ergibt, daß er in Aufträgen seines Herrn mehrmals Sendungen nach dem festen Lande gehabt, so ist auch anzunehmen, daß er diese Zeit mitunter zum Besuche der Heimath benutzt habe; worüber aber keine nähere Auskunft zu finden ist. 246   Holbein das letzte Mal in Basel. Aus einem Briefe Rudolph Gualters, der damals in Basel studierte, an den Antistes Bullinger in Zürich, geschrieben Mitte Septembers 1538, zeigt es sich, daß Holbein in diesem Jahre zu einem kurzen Aufenthalt nach Basel gekommen » Venit nuper Basileam ex Anglia Joannes Holbein, adeo felicem ejus regni statum praedicans, qui aliquot septimanis exactis rursum eo migraturus est. « . Der Grund seines Kommens war die Verlängerung seines Bleibens in England, wie es aus der Rathserkenntniß erhellet, die noch auf dortiger Bibliothek aufbewahrt, und biographisch merkwürdig genug ist, hier mitgetheilt zu werden: »Wir, Jacob Meier Burgermeister, und der Rath der Stadt Basel, thun kund und bekennen mit diesem Brief, daß wir aus besonderm geneigten Willen, den wir zu 247 dem ehrbaren unserm lieben Burger Hansen Holbein dem Mahler, von wegen daß er seiner Kunst vor andern Mahlern weit berühmt ist, und aus Willen, daß er uns in Sachen unsrer Stadt, Bau und anders belangend, dessen er Verstand weiß, mit rathen dienstbar sey, und ob wir zu Zeiten Mahlwerk zu machen hätten, uns dasselbe, doch gegen ziemliche Belohnung getreulich fertigen solle, obgesagtem Hansen Holbein zu rechtem und stetem Wartgeld aus unserm Richthaus, doch mit Geding hienachen folgt, und all sein Leben lang, er sey gesund oder siech, jährlich gleich zu den vier Fronfasten getheilt, fünfzig Gulden Wart- und Dienstgelt zu geben und abreichen zu lassen bewilliget, verordnet und zugesagt haben. Also demnach gesagter Hans Holbein sich jetzt eine gute Zeit bey Ihr königlich Majestät in England enthalten, und als seinen Anzeigen nach zu ersorgen, daß er vielleicht innerhalb zwey Jahren den nächsten folgenden nit wohl mit Gnaden von Hof scheiden werde, da so haben wir ihm noch zwey die nächsten Jahr von dato folgende daselbst in England fürer bleiben, um ein gnädig Urlaub zu dienen und zu erwerben, und diese zwey Jahr seiner Hausfrauen bey uns wohnhaft, jedes Jahr vierzig Guldin, thut alle Quatember zehen Guldin, und dieß auch 248 nächstkünftige Weinacht in der Fronfasten Lucie, als für das erste Ziel abzurichten lassen, bewilliget. Mit dem Anhang, ob Hans Holbein innerhalb diesen zwey Jahren in England abscheiden, und zu uns allher zu Basel haushaltlich wenden würde, daß ihm seine geordneten fünfzig Guldin Wart- und Dienstgeld von stund angehen, und ihm die zu den Fronfasten gleich getheilt abrichten lassen wollen. Und als wir wohl ermessen können, daß sich gemeldter Holbein mit seiner Kunst und Arbeit, so weit mehr werth, denn daß sie an alte Mauren und Häuser vergeudet werden sollte, allein bey uns nit am besten gewünnlich betragen mag, da so haben wir ihm gütlich nachgelassen, daß er, unverhindert unsers Jahreyds, doch allein um seiner Kunst und Handwerk, und sunst keinen andern unrechtmässigen und arglistigen Sachen willen, wie er dessen von uns genugsam erinnert, von fremden Königen, Fürsten, Herren und Städten wohl möge Dienstgeld erwerben, annehmen und empfahen, daß er auch die Kunststück, so er allhier bey uns machen würde, im Jahr einmahl, zwey oder drey, doch allezeit mit unserer Gunst und Erlaubung, und gar nit hinter uns, in Frankreich, Engelland, Mayland und Niederlande fremden Herren zuführen und verkaufen möge, doch daß er sich in solchen Reisen gefährlicher Weis nit 249 ausländisch enthalte, sondern seine Sachen jederzeit fürderlich ausrichte, und sich darnach ohne Verzug einheimisch verfüge, und uns, wie obsteht, dienstbar sey. Wie er uns dann jetzund gelobt und versprochen hat. Und so wenn vorgenannter Holbein nach dem Gefallen Gottes die Schuld der Natur bezahlt, und aus der Zeit des Jammerthals verschieden ist, alsdann soll diese Bestallung, Dienst- und Wartgelt mit sammt gegenwärtigem Brief für todt und ab, wir und unsre Nachkommen dessenthalben niemand nützid mehr zu geben schuldig und verbunden seyn, alles aufrecht, ehrbarlich und ungefehrd. Deß zu Urkund haben wir obgenanntem Hans Holbein gegenwärtigen Brief mit unsrer Stadt Secret anhangend Insiegel verwahrt zu handen gegeben auf Mitwochen \&c. den 16. Wintermonaths 1538.« Es war demnach wegen seiner Erfahrenheit in der Bau- und Malerkunst, daß ihn der Magistrat von Basel auf eine so ehrenhafte Weise wieder bei sich zu haben wünschte, und sogar bei ihm eine Ausnahme der beschworenen bürgerlichen Obliegenheiten machte. Eine solche Behandlung darf auch als ein schweigendes Zeugniß zuverlässiger Sittlichkeit angesehen werden. – Das Wartgeld von funfzig Gulden war nach dem damaligen Werth des 250 Geldes und dem Zustande des Stadtvermögens auch nichts Geringes. Man möchte sich wundern, daß auch seiner Hausfrau etwas ausgelegt werden mußte, und er nicht im Stande war, mit seiner Kunst so viel zu entübrigen, daß er seine Haushaltung unabhängig von andern machen konnte; allem Anschein nach wußte er sich auch hierüber zu rechtfertigen; die Großen vergessen zuweilen das Zahlen, und lassen sich nicht mahnen. Klagt doch auch Albrecht Dürer in seinem Reisetagebuch aus den Niederlanden: »Ich habe in allem meinem Machen, Zehrungen und andrer Handlung gegen grossen und niedern Ständen Nachtheil gehabt, und sonderlich hat mir Frau Margareth (von Oestreich, Gubernantin der Niederlande) für das ich ihr geschenkt und gemacht hab, nichts geben, und war gezwungen, zu meiner Heimkehr in Kölln noch hundert Goldgulden von Alexander Imhof zu borgen.« Um diese Zeit hat Holbein auch seinen alten Oheim Sigmund, der in Bern seßhaft war, besucht, und dieser eine solche Freude über seines Neffen Ruhm und Geschicklichkeit empfunden, daß er ihn, nach dem oben (Abschn. Holbeins Herkunft von Augsburg) angeführten Testamente, bald darauf (1540) zu seinem Universalerben dessen, was er in Bern hatte, erklärte. Das Erbe war nicht 251 unbeträchtlich, indem es Haus und Hof, nebst einem Garten, auch alle und jede bewegliche Habe begriff, welches alles der Erblasser, wie er selbst bezeugt, mit eigner Arbeit erspart und zusammengelegt hatte. Ob Holbein nachgehends dieses Erbgut verkauft, oder seiner Familie überlassen habe, darüber war bisher nichts in Erfahrung zu bringen Von diesem Sigmund Holbein gibt Mechel in der Beschreibung der Wiener Gallerie 1456 als das Geburtsjahr an, dieß kann es aber nicht wohl seyn, da er in dem Testament, das 1540 errichtet wurde, meldet, daß er Willens sey, nach Augsburg zu reisen, welches er in dem Alter von vier und achtzig Jahren schwerlich mehr unternommen hätte. So ist es mit den andern Holbeinischen Jahrzahlen daselbst auch eine ungewisse Sache. Das Füeßlische Künstlerlexikon führt den Sigmund als einen Goldschmied an; er war aber auch Maler, wie er sich selbst im Eingang seines Testamentes nennt, wo er auch seine »Farben, Mahlergold, und andre Kunst zum Mahlerhandwerk« dem Neffen vermacht. In der Wiener Gallerie sind zwei (angebliche) Porträte von ihm, und in Bern finden sich einige alte Bilder, die ihm zugeschrieben werden. . Alle Nachrichten melden, Holbein sey von dieser Zeit an nie mehr nach Basel zurückgekommen, wenigstens ist nichts Gewisses davon bekannt; auch nicht, was aus den Seinigen geworden. 252   Holbeins Aufenthalt in England bis an sein Ende. Obwohl ihm also nur zwei Jahre zu der Abwesenheit von seiner Vaterstadt vergönnt waren, und ungeachtet des Werthes, den der Magistrat auf seine Gegenwart setzte, muß er dennoch seine bleibende Heimkehr immer zu verzögern gewußt haben, wie sich dieß aus dem Wohlwollen des Königs und dem leichtern Erwerb, den er in England fand, wohl erklären läßt. – Mechel Handschriftlicher Nachlaß. meint, er habe nach seinem letzten Besuch in der Schweiz Frau und Kinder mit sich genommen, weil man von ihnen weiter gar nichts in Basel wisse; man weiß aber in England noch weniger. 253 Heinrich VIII. war, wie Dallaway bemerkt Les beaux arts en Angleterre. Trad. de l'Anglais et augmenté de notes par A. L. Millin. 2 T. 8. Paris, 1807. Gibt Nachrichten von vielen zerstreuten Kunstwerken in England, ist aber voll Unrichtigkeiten. Millin's Noten sind noch das Beste. , der Erste, der die königlichen Häuser mit Gemälden aus der Profangeschichte zierte. Er fand, als er noch an der römisch-katholischen Religion hing, wirklichen Geschmack an den bildenden Künsten, und hatte aus jedem Fache derselben geschickte Leute um sich. Welsche und niederländische Maler, Architekten, Bildhauer, Arbeiter in Mosaik und gewirkten Teppichen, Siegel und Steinschneider, und andre Deren Namen sich bei Walpole und Fiorillo finden. , wurden aus der Ferne berufen, und fanden Arbeit; nicht zu gedenken der inländischen Meister, noch der mährchenhaften funfzehntausend flamändischer Künstler, die er wegschickte. Aber sein Geschmack hatte keine ausschließende Richtung; die Kunstwelt war noch nicht so theoretisch in Schulregionen gesondert, und wieder gesondert, wie es heut zu Tage, weder der Wahrheit noch der Kunst zur Steuer, in übertriebenem Maaße geschieht Im Kunstblatt No. 80. 1824. sind bei einer Nachricht von der Kunstsammlung im Schlosse Wallerstein, allein aus Oberdeutschland, vier Malerschulen angegeben: die Schwäbische, Nürnbergische, Baierische und Cranachische Schule; und in No. 89. ist diese Abtheilung umgeändert in die charakterlose und die Entwicklungsmalerei; dann in vier Künstlercyclen: 1. Cyclus von Schön, 2. Cyclus von Zeitblom und Schaffner, 3. Cyclus von Wohlgemuth und Dürer, 4. Cyclus von Holbein. – Jeder große Mann hat seine Schüler und Nachahmer, die eine Zeit lang in seiner Manier fortarbeiten, bis die Manier ausartet oder in eine andre übergeht; aber diese Dauer kann man nicht einen Cyclus nennen, es ist, in gemäßerem Ausdruck, nur die Schule des Meisters. . Wer es ihm am 254 besten machte, war ihm unter allem Künstlervolk der vorzüglichste. Hofmaler, die es nicht blos aus Gnaden sind, müssen den Hof malen, und so fand Holbein Arbeit genug. Der Bildnisse von den zwei ersten Gemahlinnen des Königs ist schon Erwähnung geschehen. Von der dritten, Johanne Seymour, mit der er sich, 1536, den Tag nachher vermählte, als er der zweiten den Kopf abschlagen lassen, sind, außer einem großen Bilde, welches in Whitehall verbrannte Walpole. I. 127. , noch mehrere Porträte vorhanden; ein sehr schönes unter andern in der Wiener Gallerie; auch hat W. Hollar eines aus der Arundelischen Sammlung gar sauber gestochen. – Nach ihrem Tode wurde Holbein, ungefähr 1539, nach Flandern geschickt, um eilends das Bildniß von der Herzogin von Mayland, Christiania, Wittwe von Franz Sforza, die dem König zur vierten 255 Gemahlin war empfohlen worden, aufzunehmen Walpole. I. 113. . Er soll, wie Lord Herbert berichtet, das Gemälde in drei Stunden gemacht und dasselbe des Königs Beifall erhalten haben; als aber dieser um die Herzogin förmlich anhalten ließ, soll die Antwort gewesen seyn: Sie habe nur Einen Kopf, hätte sie Zwei, so würde einer davon Sr. Majestät zu Dienste stehen. Vertue will ein Bild dieser Prinzessin in einer englischen Sammlung gesehen haben. Auch in Joachims von Sandrart Lebenslauf (Nürnberg, 1675) ist eines Porträts von ihr gedacht. – Für seinen Unterhalt auf dieser Reise bezog Holbein, wie Walpole Anecd. I. 161. aus alten Rechnungen des Königlichen Schatzmeisters anführt, zehen Pfund; vom königlichen Gnadengeschenk wird nichts erwähnt. Da der König wieder eine Frau haben mußte, so fiel Thomas Cromwell, der damals Alles galt, darauf, ihm die Prinzessin Anna von Cleve zur vierten Gemahlin vorzuschlagen. Holbein mußte also wieder über Meer, um ein Abbild von ihr zur Präcognition für den königlichen Geschmack zu holen, und brachte, nach Cromwells Befehl, ein so vollendetes Miniaturstück zurück, daß der König 256 ungeduldig war, bis er ihrer als leidenschaftlicher Freyer ansichtig werden konnte. Er ritt ihr unbekannt bis Rochester entgegen, hatte aber die arme Prinzessin kaum erblickt, so sprengte er voll Zorn zurück, gab ihr einen Schimpfnamen, und wollte nichts mehr von ihr hören. Zuletzt ließ er sich durch Vorstellungen zur Heirath bewegen, behielt diese Gemahlin aber nicht länger als ein halbes Jahr, und warf von nun an einen Groll auf Cromwell, der sich nur mit dessen Hinrichtung endete. Wie der Maler der Ungnade zu entgehen gewußt, ist nicht bekannt; vermuthlich bekam er auch nicht die besten Worte. Dieses Miniaturbild der Anna von Cleve ist noch vorhanden; es befand sich zu Walpole's Zeiten im Besitze Mr. Barrett's von Lee in der Grafschaft Kent, noch vollkommen erhalten, und soll in ausgesuchtester Vollendung allen Werken Holbeins voranstehen Dallaway findet nichts Vorzügliches daran; wahrscheinlich urtheilte er blos nach dem Kupferstiche, den Walpole auch nicht rühmt. Ueberdem ist Dallaway voll Irrthum und Unwissenheit. . Dasselbe wird noch in der elfenbeinernen Kapsel aufbewahrt, worin es Holbein herüber gebracht hatte, die als eine Rose so künstlich geschnitten ist, daß man sie für würdig hält 257 des Kleinod's, das sie einschließt Walpole. I. 113. . – Im Königlichen Museum zu Paris wird ebenfalls ein Bildniß dieser Königin gesehen, das Erwähnung verdient. Es ist auf Pergament, das auf Holz gezogen ist, ganz von vornen in Oehl gemalt, in reinster Heiterkeit. Auch kömmt ihr crayonirtes Bild unter den Chamberlaineschen Köpfen vor, wo sie wie ein geduldiges Lamm aussieht, das sie auch mag gewesen seyn. Kaum getrennt von dieser Gemahlin, vielleicht noch eher, verliebte sich Heinrich in Catharine Howard, die er auch sogleich (1540) heirathete, aber nach Verfluß von zwei Jahren auf vermeintliche Entdeckung, daß sie vor der Vermählung mit ihm schon geliebt habe, hinrichten ließ. Dieß mag der Grund seyn, warum man wenig Abbildungen mit ihrem Namen kennet. Doch findet man sie unter den Köpfen berühmter Engländer, gestochen von Houbraken, nach einem Miniaturbilde von Holbein aus der Arundelischen Sammlung, das Walpole besaß, der dabei bemerkt, daß auch W. Hollar dasselbe in Kupfer gebracht habe, unter dem irrigen Namen von Maria, Königin von Frankreich, nachheriger Gemahlin Carl Brandon's, Herzogs von Suffolk. 258 Von Catharina Parr, der sechsten Gemahlin Heinrichs VIII., mit der er alsobald nach Vollziehung des Todesurtheils der Catharine Howard, 1542, sich verband, ist kein Holbeinisches Porträt bekannt. Gleichwohl ist anzunehmen, daß sie als Geliebte des Königs und als eine sehr schöne Person sich der Abbildung nicht habe entziehen können noch wollen, und daß unter den vielen Holbeinischen Gemälden köstlich geschmückter Englischer Damen, die man in Sammlungen und Gallerien antrifft, sich auch ihr Bild incognito befinden möchte; ja es ist sich zu verwundern, daß nicht schon irgend ein Besitzer eines solchen namenlosen Bildes diese Taufe nach hergebrachtem englischen Ritus gewagt hat. Nächst dem Könige, vor dessen reizbarer Ungnade Holbein sich stets zu bewahren wußte, sind als seine besondern Gönner bekannt, Thomas Lord Vaux, der ihm (nach Chamberlaine) viel Arbeit verschaffte; sein schöner Kopf ist unter den Chamberlaineschen Zeichnungen; – und Thomas Howard, Herzog von Norfolk, von dem man den meisterhaften Kupferstich durch Lucas Vorsterman hat, nach einem Gemälde Holbeins, das sich zu Walpole's Zeiten in Leicesterhouse befand. Die zwei Stäbe, die der Herzog trägt, und die Holbein wahrscheinlich anzubringen gezwungen war, bedeuten die Marschals- 259 und Großschatzmeisters-Würde. Nach Dallaway sollen noch mehrere Porträte dieses Mannes vorhanden seyn. Wenn Dichter auch unter die bedeutenden Gönner zu zählen sind, und billig sind sie das, denn durch sie gelangt der Nachruhm oft besser zu der Nachwelt, als durch große Herren, so verdient hier Nicolas Bourbon auch einen Platz. Er war ein gelehrter Franzose, und sehr geachteter lateinischer Poet, der sich mehrere Jahre in England aufgehalten hat, und mit Holbein wohl bekannt gewesen ist, zu dessen Lobe er, wie man hernach sehen wird, zierliche Verse machte. Auch sein Kopf findet sich in der Chamberlaineschen Sammlung mit einem Impromtü des Dichters Dum divina meos vultus mens exprimit Hansi, Per tabulam docta praecipitante manu, Ipse et ego interea sic uno carmine pinxi: Hansus me pingens major Apelle fuit. . Die Vorliebe der Engländer ging von jeher auf Bildnisse; alle fremden Künstler, selbst italiänische Geschichtsmaler, mußten diesem Nationalgeschmacke huldigen; auch van Dyck that wenig andres in England. Und diese Vorliebe, wenn sie auch dermalen nicht mehr herrschend seyn soll, erstreckte sich doch bis zu Ende des vorigen 260 Jahrhunderts, denn Walpole Anecd. IV, 131. Portraiture is the one thing necessary to a painter in this country. findet noch, daß Bildnißmalen das Einzignothwendige eines Malers in England sey. Auch Millin macht, 1807, noch eine ähnliche Bemerkung In seiner Uebersetzung von Dallaway. II. 210. – Nach Kunstbl. No. 101. 1823 soll dieser Geschmack für Bildnisse noch jetzt in England vorherrschen. . Dessen gibt auch Zeugniß die unendliche Menge gestochener Köpfe berühmter und unberühmter Männer und Frauen, an denen keine Nation einen solchen Ueberfluß hat. Die Engländer wollen wissen, wie ihre Vorfahren und ihre großen Männer ausgesehen haben; und darin haben sie recht, denn erst die wahre leibliche Abbildung vollendet die richtige Vorstellung eines menschlichen Charakters. Da nun Holbein in diesem Fache der größte Meister in England war, so mußte er auch für dasselbe seine meiste Zeit verwenden, und so entstand die große Anzahl von Porträten vornehmer Leute, die noch zu Manders Zeiten zu seiner Verwunderung über des Künstlers Arbeitsamkeit daselbst zu sehen waren. Unter allen diesen Bildern aber bleibt dieser Biograph vorzugsweise bei dem lebensgroßen Gemälde einer englischen Dame in 261 schwarzem Atlaskleide stehen, das in der Pembrockischen Sammlung war, und von Friedrich Zuccharo so sehr bewundert wurde, daß er sich soll geäußert haben, ihm sey zu Rom selbst nichts so Vortreffliches dieser Art zu Gesicht gekommen. Dieses Stück scheint aber nicht mehr in England vorhanden, wenigstens nicht bekannt zu seyn, so wenig als manche andre, die jener noch daselbst gesehen, oder die von Wenzel Hollar und andern frühern Künstlern in Kupfer gebracht worden sind. Auch der Abfall Heinrichs VIII. von dem römisch-katholischen Glauben, für dessen Wahrheit er früher als Schriftsteller aufgetreten, und vom Pabst zu dessen Vertheidiger ( Defensor Fidei ) förmlich ernannt worden war Die wahre Ursache dieser wichtigen Glaubensveränderung war, was Horaz teterrimam belli causam nennt. , half ebenfalls dazu, die Kunst fast einzig auf das Bildnißmalen zu beschränken. Denn wenn gleich Heinrich im Anfang glimpflich mit den Bildern verfuhr, so währte es doch nicht lange, daß auch die Kirchen ihrer sinnlichen Zierden beraubt wurden. Dieser Eifer nahm späterhin noch mehr überhand, weil er von der Geistlichkeit zu einer Glaubenssache gemacht wurde, und viele alte Kunstwerke 262 gingen so als Gegenstände vermeintlichen Götzendienstes zu Grunde Schon unter Heinrichs Regierung wurden, nach dem Zeugniß Lord Herberts, 647 Klöster, 90 Collegien, 2374 Capellen und 110 Hospitäler aufgehoben. . Ungeachtet dieser Begrenzung auf Ein Fach fanden und finden sich noch in England mehrere historische Werke von Holbeins Hand. Einiger beträchtlicher Stücke ist oben schon gedacht worden; dazu gehört auch Nach Walpole's Angabe. I. 136. ein großes Gemälde in Bridewell, wie Eduard VI. dem Lord Mayor von London die Urkunde der Abtretung dieses Pallastes zu einem Hospital übergibt; Holbein konnte aber das Gemälde, worin er seinen eignen Kopf angebracht haben soll, nicht mehr vollenden, daher mag es kommen, daß man davon wenig Nachricht antrifft. Es wurde von Georg Vertue in Kupfer gebracht. In der Capelle zu Whitehall befand sich eine Grablegung Christi, und zu St. James die Auferweckung Lazari; beide sind nicht mehr. Walpole führt, nach einem Katalog des Herzogs von Buckingham, acht Holbeinische historische Bilder, die derselbe besessen, an, mit besondrer Auszeichnung der Geschichte von Jupiter und Io. 263 In Coudray, einem kunsterfüllten, späterhin abgebrannten, Landhause eines Englischen Großen, waren mehrere beträchtliche historische Bilder angeblich von Holbein. Walpole, der sie noch gesehen, will aber eher Janet für den Verfasser gehalten wissen, mit Ausnahme eines einzigen Caminstückes, das reich und zierlich im besten Geschmacke Holbeins gemalt gewesen sey. Auch soll er sich nur einen Monat dort aufgehalten haben. Noch werden eine Menge Handzeichnungen von geschichtlichen Gegenständen in Englischen Sammlungen aufgehoben; wie man auch dergleichen, als die Königin von Saba bei Salomon, eine Kreuzabnahme, den Geizhals mit seinem Weibe, und mehrere kleine und große, von W. Hollar und Andern in Kupfer gestochen findet. Alles dieses beweist, daß Holbein der Geschichtsmalerei nie ganz entsagt habe. Von seinem häuslichen Leben weiß man auch in England wenig. Was Walpole davon sagt, betrifft meist seine frühere Zeit, und ist unzuverlässig aus van Mander und Patin nachgeschrieben und willkührlich verstellt. Von spätern Lebensumständen kömmt so viel wie nichts vor; einzig führt er Anecd. I. 161. aus der Büchersammlung der Königl. 264 Societät ein Verzeichniß von Jahresbesoldungen an, die der Privatzahlmeister des Königs zu machen hatte. Es fängt mit 1538, dem 29sten Regierungsjahre Heinrichs VIII. an; daselbst kömmt folgende Rechnung vor: »Bezahlt an Hans Holbein, den Mahler, acht Pfund, zehen Schilling, den vierteljährigen Gehalt, so auf U. L. Frauentag verfallen gewesen.« – »Eben so auf St. Johannis.« »Item: Hans Holbein dem Mahler einen halben Jahresgehalt vorausbezahlt, auf Abrechnung von abgewichenem L. Frauentag desselben Jahres, die Summe von dreyssig Pfund.« »Den 30. December, im 30. Jahre (der königlichen Regierung) für seine Auslagen auf einer Reise ins Hochburgund in gewissen Angelegenheiten des Königs, zehen Pfund, als Vergütung.« – Der Grund dieser Reise ist schon oben berührt worden. »Im September des 31. (Regierungs-) Jahres zufolge Königlichen Befehls an den Mahler Holbein einen Vorschuß gemacht nach Maaßgabe seines Jahrgeldes von dreyssig Pfund.« Wenn diese Vorausbezahlung nicht eine bestimmte Abrede war, wie sie doch auch hätte seyn können, so läßt sich allerdings mit Walpole daraus folgern, sowohl 265 daß er bei dem Könige gut angeschrieben gewesen, denn ohne dieß zahlen die Fürsten nicht zum Voraus; als auch daß er in England ebenfalls nicht haushälterisch gelebt habe, wie ihm dieß schon in Basel zur Last gelegt worden. Dem sey so; was die strenge Moral nicht billigen kann, wird oft vom Talente gemildert! Nach einem andern, 1531 verfaßten, und bei der Gesellschaft der Alterthümer liegenden Verzeichniß der Neujahrsgeschenke, die nach damaligem in England und Frankreich herrschendem Gebrauche, von dem König angenommen und gegeben wurden, überreichte Holbein der Majestät ihr eigen Bild, und erhielt hinwiederum einen vergoldeten Becher mit Deckel, zehn Unzen am Gewicht. Nicht nur Holbein aber, sondern auch alle andre Künstler von Bedeutung, die sich zu selbiger Zeit in England aufhielten, theilten das gleiche Schicksal, daß von ihren Lebensumständen wenig literarische Notiz genommen wurde. Die politischen und religiösen Bewegungen im Lande beschäftigten alle Federn, und der Kunstfedern gab es ohnehin noch wenige. Nach dem Tode Heinrichs VIII. (1547), der für Holbein ein guter Herr gewesen war, bestieg Eduard VI., als neunjähriger Knabe, den Thron. Er hatte Anlage und Neigung zu allem Guten, auch zu den Künsten, denen 266 aber auch jetzt der immer strenger um sich greifende Glaubenseifer gegen die Bilder zum großen Nachtheil gereichte. – Daß jedoch Holbein auch unter dieser Regierung nicht unthätig und ohne Anstellung gewesen, bezeugen mehrere Bildnisse, die er, wie Walpole berichtet Anecd. I. 201. , und Kupferstiche darthun, von dem jungen Könige und seinem Oheim, dem Protector Eduard Seymour, gemacht hat. – In diese Zeit fällt auch der Catechismus des Erzbischofs von Canterbury, Thomas Cranmer, der 1548 erschien, wovon später Nachricht gegeben wird. Vermuthlich geschah es auch während der damaligen religiösen Gährungen in England, daß Holbein die kleine satyrische Passionsgeschichte zeichnete, die in sechszehen Sedezblättern von Hollar, obgleich ohne seinen Namen, in Kupfer geätzt worden. Es ist ein Werk durchaus spottenden Inhalts gegen das Pabstthum, indem die Verfolger und Peiniger des Herrn alle mit priesterlichen und Mönchsgewändern angethan sind, und statt der Waffen Kreuze, Bischofsstäbe, Meßleuchter und andre Kirchengeräthe tragen. Judas erscheint als Capuziner, Annas als Cardinal, Caiphas als Bischof u. s. w. Als Türke gekleidet empfängt Pilatus Geschenke von Mönchen; der 267 Schächer zur Linken ist auch ein Klostermann. Ueber der Höllenpforte, die Christus betritt, sind päbstliche Bullen und Wappen aufgehängt, und der Gebietsherr, mit dreifacher Krone geziert, sucht ihm den Eingang zu wehren, indem er ihm Weihwasser entgegen sprengt. – Jedes Blatt ist mit vier erklärenden englischen Versen begleitet Einer mag für alle gelten. Der des XV. Blattes, wo Christus die Unterwelt betritt, lautet:         Lo the Popes kitchin where his souls are fried,         Call'd Purgatorie, see his pardons tied         On stringes; his Triple-crown the divell weares;         And ore the dore the Popes owne armes he beares. . In dem fünften Blatte, Christus vor Caiphas, liest man an der Wand die deutsche Inschrift: Wer wider die Römischen der soll sterben Warum deutsch, wenn die Zeichnungen in England gemacht worden? – Weil Holbein kein Englisch schreiben konnte, meint Mechel (handschriftlicher Nachlaß), und aus allen seinen Zeichnungen, auch denen, die er in England machte, seine Bemerkungen deutsch, häufig gar in der Basler Mundart hingeschrieben habe. . – Hollar hat seinen Namen nicht unterzeichnet, vermuthlich weil ihn der Inhalt besorgt machte; doch hat der Stich seine Manier, wenn er gleich nicht unter seine guten Arbeiten gehört. Wohl aber steht unter dem ersten Stück: H. Holbein inv. Allem Anschein nach hat Holbein dieses Spottwerk auf Angeben eines Parteimannes von Bedeutung 268 verfertigt. Man erlaubte sich damals zur Ehre des Evangeliums alle Arten von Waffen gegen die Gegner seiner Meinungen. Die Papisten thaten das Gleiche. In Rom war ein Buch herausgekommen, worin Luther, Zwingli und Erasmus die Kriegsknechte des Pilatus, die Christum gekreuziget, genannt werden Patin führt im Leben des Erasmus mehrere Beispiele der tollsten Mönchswuth gegen denselben an. . Könnte nicht eine solche Verlästerung seines verehrten Erasmus auch dazu beigetragen haben, den Künstler zur Wiedervergeltung zu reizen? Sandrart erwähnt eines kleinen Büchleins, das er mehrmals bei dem Grafen von Arundel in England gesehen habe, welches die ganze Passion aus zwei und zwanzig Blättern von Holbeins edler Hand enthielt, voll kleiner Bilder, die auf das fleißigste ausgeführt gewesen, als obs eitel Miniatur wäre. Man könnte dieß Büchlein mit dem oben beschriebenen für Einerlei halten, um so viel mehr, da auch Hollar seine meisten Blätter nach Holbein aus dem Arundelischen Cabinette genommen, wenn nicht Sandrart hinzuthäte, das Bild des Erlösers sey jedes Mal in Gestalt eines schwarzgekleideten Mönchs gezeichnet, welches bei Hollar gerade umgekehrt ist, wo 269 die Gegenpartei es ist, die in Mönchsgestalten auftritt. Da jedoch Sandrart von dieser nichts sagt, und gegen seine Gewohnheit die Vorstellung weiter nicht beschreibt, so ließe sich fast annehmen, er habe den Spott zu anzüglich gefunden, und sich absichtlich »als ein weltkluger Cavalier« in der Bekleidung des Erlösers geirrt. Als der junge König Eduard schon 1553 gestorben, und die Prinzessin Maria auf den Thron gelangt war, und mit ihr das Römische Glaubensbekenntniß wieder herrschend wurde, das sie mit Feuer und Schwert zu behaupten suchte, scheint Holbein von dem Schauplatz, auf dem er eine so glückliche Rolle gespielt hatte, allmählig sich zurückgezogen zu haben. Obgleich in der katholischen Religion erzogen, und auch bei Morus unstreitig dazu angehalten, muß er doch unter Heinrich und Eduard sich zu der herrschenden Denkungsart bequemt haben, wie solches auch ermeldtes Passionsbüchlein darthut, dessen Geheimhaltung ihm jetzt gewiß mancherlei Sorgen machte. Als Prinzessin hatte er Maria, so wie alle königlichen Kinder gemalt, aber von ihr als Königin, sind keine Holbeinischen Bildnisse bekannt, außer einem, das Patin in dem Verzeichniß Holbeinischer Werke, No. 57, anführt, und selbst besessen haben will. 270 Eine noch kränkendere Zurücksetzung, als die Abnahme königlicher Gnade, hätte allem Anschein nach auf den alternden Künstler gewartet; denn es kam in seiner letzten Lebenszeit Anton Moro, auch ein trefflicher Meister, mit Empfehlungen Philipps II., der um Maria freite, aus Spanien nach England, und war in großen Gnaden, so daß er viele Bildnisse von der Königin und andern Personen vom Hofe machen mußte, und das Glück hatte, übermäßig bezahlt zu werden Walpole. I. 208. , welches bei der vornehmen Welt schon an sich für einen Vorzug gilt. – Jedoch bald befreite der Tod Holbein von Sorge und Verdruß. Unter die Arbeiten seines spätern Lebens mag auch das Kniestück in Lebensgröße von Thomas Pope, dem Stifter des Dreifaltigkeits-Collegiums in Oxford, gehören, das der Graf Guilford in Wroxton besaß, und vielleicht jetzt noch besitzt. – Desgleichen die (nachherige) Königin Elisabeth Ist im Winklerischen Katalog folgender Maaßen angegeben: La Reine Elisabeth d'Angleterre, en pied, dans le costume de son tems et dans tous ses atours. H. Holbein pinx. Anno 1551. J. Faber fecit in Mezzotinto 1742. La meilleure estampe du graveur. – Aber 1551 war Elisabeth noch nicht Königin, das macht das Bild etwas verdächtig. , muthmaßlich zu gleicher Zeit gemalt 271 mit Th. Pope, bei dem sie einige Zeit unter Aufsicht stand. – Und wenn das schöne Gesicht, welches R. W. Sievier, 1822, aus der Sammlung des Col. Elliot von Nottingham, unter dem Namen Lady Jane Grey gestochen hat, wirklich diese vortreffliche Person ist, wie sie es wenigstens nach den engelreinen Zügen seyn könnte, und wenn es wirklich von Holbein gemalt ist, wie die Art der Darstellung glauben macht, so muß das Gemälde, nach dem Alter der Johanna zu schließen, die 1537 geboren war, in seine späteste Zeit fallen. Im Jahr 1554 starb der kunstreiche Mann in London an der Pest, seines Alters sechs und funfzig Jahre. – Das ist alles, was die Kunstgeschichte von seinem Tode weiß; auch der Ort seines Begräbnisses ist unbekannt. Thomas Howard, Graf von Arundel, der berühmte Sammler von Alterthümern und Kunstsachen unter Carl I., wollte sein Andenken durch ein Grabmahl ehren, soll aber sein Vorhaben aufgegeben haben, weil man seine Grabstätte nicht wußte. Was schadet's? Monumente sind für Todte, welche sonst kein bleibendes Andenken haben; 272 für Männer ewigen Ruhmes sind sie eitele Beiwerke; der Geist, der die Welt durchfliegt, ist doch nicht da, wo der Leichnam in Staub zerfällt. Was hätte der Wanderer bei diesem Denkmal empfinden oder sagen können, als: Hier liegt also Holbein todt und begraben, aber in seinen Werken lebt er, laßt uns seine Werke besehen! 273   Holbein als Zeichner, Miniaturmaler, Architekt. Wie zum Theil jetzt noch der Augenschein weist, und wie van Mander, Sandrart und Walpole bezeugen, war Holbein beinahe keinem Kunstfache fremd; er zeigte sich als Baukünstler, modellirte, schnitzte, wußte zierlich Ornamente zu zeichnen, verfertigte Risse für Goldschmiede, Schmelzarbeiter, Münz- und Holzschneider, bossirte vorzüglich in Wachs; alles Künste, die bei Heinrich VIII. sehr beliebt waren. Nach Walpole Anecd. I. 153. besaß der König zwei reich mit Edelsteinen ausgelegte Dolche von der Erfindung Holbeins, die noch jetzt in England zu sehen sind. In dem Brittischen Museum soll ein Buch, das Hans Sloane besessen, mit Zeichnungen von allerhand Geschmeide, desgleichen das Siegel eines Collegiums zu Oxford, nach 274 Holbeins Entwurf aufbewahrt seyn. In dem ehemaligen Feschischen Cabinette zu Basel befanden sich drei schön geformte Becher mit der Jahrzahl 1533, nach Holbeinischem Vorbilde Et caelatura, fusoria, plastica et architectonica arte excelluit, sagt Patin im Leben Holbeins. . Sandrart schreibt: »Der hochberühmte Graf von Arundel Thomas Howard, Earl of Arundel etc. was the first who professedly began to collect in this country. (Walpole ) Er starb 1646. , der kein Gold noch Silber gespart, wenn etwas von Holbein zu bekommen war, hat eine ganze Gallerie von seinen Handgemälden zusammengebracht, auch ganze Bücher seiner Handrisse, theils mit der Feder umzogen und getuscht, theils ganz fleißig geschraffirt, ob wärens in Kupfer gestochen, theils mit schwarzer Kreide auf Papier groß und also meisterhaft mit verwunderlicher Sauberkeit zusammen gebracht, daß, wann ich selbiges nicht vielmahl persönlich gesehen, oder in Handen gehabt, ich nicht geglaubt hätte, daß ein Mann mit eigner Hand so fleissige und viele Werke von biblischen und weltlichen Historien, auch Poesien hätte können verfertigen; kurz zu sagen, er war in allen Dingen fast übernatürlich geschwind und beschlagen.« Diese 275 Sammlung wurde in den bald nachher folgenden unruhigen Zeiten Englands zersplittert. Weiter meldet Sandrart: »Der Ritter Inigo Jones, »des Königs berühmter Architekt, brachte mich in das königliche Cabinet, allwo er mir unter anderm ein Buch zeigte, das Holbein mit Zeichnungen von der Feder erfüllet, von allerley Dolchen, Gefässen, Zierrathen, Bildlein und Laubwerk, als auch Beschläge zu den Scheiden, zum Degengehäng, Gürtel, Knopf zum königlichen Rock, zur Hutschnur, Spangen auf die Schuh, wie damals im Gebrauch gewesen, aufs alleremsigste und beßte gemacht; wieder zu klein und grossen, güldenen und silbernen Geschirren, zu Messerstielen, Gablen, Salzfässern; groß und kleine Büchlein, sammt andrer Menge Zierrathen des königlichen Schmucks, die sehr lang zu erzählen fallen würden Desgleichen hat W. Hollar mehrere in Kupfer gebracht, wovon das Verzeichniß im Winklerischen Katalog zu finden ist. .« Ebenderselbe zeigt noch andre beträchtliche Handzeichnungen an, die er theils selbst besessen, theils bei Andern gesehen hatte. – Auch Walpole besaß eine Menge dergleichen, und gedenkt noch mehrerer bei andern Kunstliebhabern. 276 Die größte und schönste Sammlung dieser Art mag sich jetzt auf der öffentlichen Bibliothek zu Basel befinden, seitdem ihre Besitzung noch mit der Holbeinreichen Feschischen Kunstkammer vermehrt, und durch die Sorgfalt kenntnißvoller Liebhaber das Echte gesondert, und auf geschmackvolle und würdige Weise für die Dauer gesichert worden ist. Aus diesem reichhaltigen Vorrath sey es vergönnt, nur ein paar große breitgetuschte Handzeichnungen vorzuführen, die Holbeins markigte Kraft und eigenthümliches Machen besonders andeuten: Die eine stellt einen fetten Bischof in seinem vollständigsten Ornate, wohl in Drittellebensgröße dar, ein wahres Ideal pfäffischer Selbstgenügsamkeit; wahrer kann das Bild eines üppigen geistlichen Hirten, dem an seiner anvertrauten Herde wenig, an dem Vorsitz bei Gast und Ehrengelagen Alles gelegen ist, nicht ausgedrückt werden. Ein Beweis, daß der Meister mehr als nur treu und geschickt nachzuahmen, daß er auch die Gattung zu bezeichnen, das heißt, zu idealisiren verstanden habe. – Ferner drei ähnlich gearbeitete, ungefähr anderthalb Fuß hohe und fast eben so breite Stücke: 1. Bauern in Unterhaltung, von 1518. 2. Der Kindermord zu Bethlehem. 3. Eine Zechgesellschaft von Personen beiderlei Geschlechts, von 1526, alle Figuren von kräftigen, derben, üppigen Formen. – Diese, nebst 277 mehrern andern machen es anschaulich, wie Holbein von der zu seiner Zeit noch herrschenden dürren Manier in deutscher Kunst zu einer freiern, sich der Italiänischen mehr nähernden Ansicht der Wirklichkeit übergegangen, und, sey es aus eignem Trieb oder durch Belehrung von außen, einer der Ersten gewesen ist, der den steifen Faltenwurf und die zarte hagere Bewegungslosigkeit der Figuren jener Schule als einen Fehler von sich zu thun, und immer mehr zu meiden gewußt hat. Auch als Miniaturmaler steht Holbein bei den Engländern in größtem Ansehen, und wird noch seinen geschickten Nachfolgern, Hilliard und Olivers, vorgezogen. Ersterer gesteht selbst, daß er Holbeins Manier für die beste halte, und sich vorzüglich nach derselben zu bilden versucht habe Walpole. I. 253. In dem Cabinette des Grafen von Oxford war Hilliards eignes Bildniß, das er im 13ten Jahre seines Alters gemalt hatte. Also eine eben so große Frühzeitigkeit als Holbeins, die Patin so unbegreiflich fand. . Waren sie auch in der Zeichnung eben so stark, so erreichten sie ihn doch nicht in der Kraft der Farben, und in der natürlichen, anspruchlosen Wahrheit, die dieser große Meister seinen kleinsten Erzeugnissen einzuprägen wußte. – So wie er bei größern Bildern durchgehends einen grünen Grund wählte, bediente er sich dafür in 278 Kleingemälden eines tiefen Blaues. Seine Bilder dieser Art sollen aber auch in England sehr selten seyn; Vieles und das Vorzüglichste verbrannte mit dem königlichen Pallast Whitehall, Manches ging durch Vernachlässigung und den Zahn der Zeit verloren, da Miniatur überhaupt nicht so lange hält, als Oehlmalerei. – Bartolozzi hat einen Versuch gemacht, zwei solcher Bilder aus der Sammlung des Königs von England in den Farben des Originals durch den Kupferstich auszuführen; es sind die Söhne des Herzogs von Suffolk. Nichts, sagt Rost Handbuch. IV. 205. kommt der Zartheit dieser beiden Stücke gleich. Daß Holbein auch für tüchtig in der Baukunst angesehen wurde, hat sich schon oben aus dem Gehaltsbriefe der Stadt Basel ergeben. So sind auch jetzt noch einige wenige Zeugnisse seines Talentes in der Wirklichkeit, und viele in Aufrissen in England vorhanden. In Wiltonhouse, dem Landsitze des Grafen von Pembroke, ist noch der zierliche Säulengang, den Holbein errichtete, zu sehen, den man wegen seiner schönen Verhältnisse, wenn sie gleich nicht im reinen Styl aufgefaßt sind, selbst bei der gänzlichen Erneuerung des Pallastes stehen ließ. – »Zu dem schönen, aus würfelförmigen Ziegeln erbauten 279 Eingangsthor von Whitehall, entwarf der große Holbein den Plan,« sagt Walter Scott irgendwo. Es soll 1529 (nicht 1521, wie Walpole zweifelnd angibt) zum prächtigen Empfang Kaiser Carls V. aufgeführt, aber in neuern Zeiten abgetragen, und in Windsor wieder angebracht worden seyn. Ein edles Denkmal seines Geistes, nennt es Walpole. Noch unter Heinrich VII. wurden die schönsten Gebäude im reichen gothischen Styl ( florid-gothick nennen es die Engländer) ausgeführt; auch im Anfange der Regierung Heinrichs VIII. war dieß noch der Fall, und Holbein war einer der Ersten im Königreiche, der sich von dieser noch allgemein verbreiteten Bauart losmachte, und sie der Kunst des Alterthums anzunähern versuchte; so wie er es auch in der Malerei gewagt hatte, aus dem streng umschriebenen Kreise altdeutscher Art und Kunst herauszutreten, und sich mit mehr Freiheit an die lebende Natur zu halten, oder, wie Matthys Quad (in teutscher Nation Herrlichkeit) sagt, nach dem fliegenden Geiste zu malen. – Jedoch jene Annäherung war noch sehr unvollkommen, und ein seltsames Gemisch zwei durchaus verschiedener Kunstweisen, und nur Holbeins eigenthümlicher Geist konnte dieser Abweichung von dem durch Alter und Größe ehrwürdigen Styl Eingang verschaffen. Die 280 Wissenschaft der Verhältnisse, deren tiefes Geheimniß nur dem Geweihten sich aufschließt, bestimmt den Werth des Baukünstlers; etwas davon hatte Holbein vernommen, und darum blieben seine Werke in Ehren. – Seine Nachfolger leisteten wenig, es fehlte ihren Arbeiten an Harmonie, Leichtigkeit und klarem Begriff Walpole. IV. 84. , bis Inigo Jones kam, und diesem gemischten Geschmack ein Ende machte, indem er die wahren, einfachen Regeln des klassischen Alterthums wieder herstellte. 281   Schicksal seiner Werke. Obgleich die Erzeugnisse seines Fleißes zahllos waren, so ist doch die Menge der noch wirklich vorhandenen geringer, als man glauben sollte. Die Zeit von dreihundert Jahren zersplittert durch sich selbst schon den gebrechlichen Stoff, und dann war diese Zeit früher mit so viel wilden Ereignissen in England erfüllt, daß für Erhaltung von Kunstsachen kaum noch bei einzelnen Besitzern Rücksicht genommen werden konnte. Als in dem bürgerlichen Kriege unter Carl I. das schwärmerische Parlament sich der Herrschaft anmaßte, bewies dasselbe eine Wuth gegen geistliche Bilder, noch stärker, als die Glaubensläuterer unter Eduard VI. gezeigt hatten. Nach einem Befehl dieses Parlaments von 1645, den Walpole anführt, mußten alle Bilder in Yorkhouse, welche die zweite Person der Dreifaltigkeit, oder die heilige Jungfrau bezeichneten, 282 sogleich verbrannt, und die übrigen verkauft werden. Cromwell suchte zwar von Zeit zu Zeit diesem fanatischen Eifer, der noch lange fortdauerte, Einhalt zu thun, vermochte es aber damals noch nicht, und Ludlow war kaum im Stande, den Verkauf von Hamptoncourt zu verhüten, und zog sich darüber noch den Tadel seiner Freunde zu. Selbst als Cromwell nach dem Tode des Königs, 1649, zur unumschränkten Gewalt gelangt war, hatte die Zerstreuung der königlichen Kostbarkeiten und Kunstsachen noch ihren verderblichen Fortgang; er mußte die Meinungswuth schonen, die sein Hebel und seine Stütze war. – Noch 1653 war eine Versteigerung übrig gebliebener Gemälde, wobei es sehr eilfertig und unordentlich zuging; viele derselben kamen in's Ausland. Cromwell selbst kaufte die Cartons von Raphael um dreihundert Pfund; Frobenius und Erasmus von Holbein galten zusammen zweihundert Pfund, und ein schwarzgekleideter Mann von eben demselben hundert und zwanzig Pfund Walpole. II. 106, 114. . – Bei einer ähnlichen Versteigerung der Kunstsachen in Greenwich soll auch eine Handschrift ( piece of writing ) von Holbein vorgekommen seyn, die für zehen Pfund verkauft wurde; was mag das wohl gewesen seyn, wenn es Etwas war? 283 Was nach solchen zerstörenden Ereignissen noch in Privatsammlungen gerettet schien, davon ging ein großer Theil bei dem Brand von London, 1666, wo über dreizehntausend Häuser ein Raub der Flammen wurden, zu Grunde. Dieß unglückliche Schicksal hatte unter andern auch ein Familiengemälde Holbeins, das der Vater des Lordschatzmeisters Oxford, als er über die Londonbrücke ging, und wegen eines Regenschauers genöthigt war, in einen Goldschmiedsladen einzutreten, daselbst entdeckt, und dem Eigenthümer, in dessen Hause Holbein ehemals wohnte, hundert Pfund dafür geboten, auch den Handel wirklich geschlossen hatte, nur mit dem Vorbehalt des Goldschmieds, das Bild noch einigen Personen vorzuweisen; aber des folgenden Tages entstand die Feuersbrunst, und das Gemälde war verloren Walpole. I. 133. . Ein und dreißig Jahre später, 1697, verbrannte der Pallast zu Whitehall nebst hundert und funfzig anstoßenden Häusern der vornehmsten Edelleute des Hofes, und damit war es um alle königlichen Kunstsachen geschehen, die der bürgerliche Krieg und die parlamentarischen Versteigerungen übrig gelassen hatten. Von einigen daselbst befindlich gewesenen Bildern Holbeins ist schon oben 284 gesprochen worden; von andern mehr spricht van Mander als Augenzeuge und Horaz Walpole. Nach solchem Unstern kann es nicht befremden, wenn in England wenig öffentliche Werke mehr von ihm vorhanden, und sie auch in Privathäusern selten sind. Walpole konnte mit Hülfe des unermüdlich nachspürenden Vertue's kaum etliche zwanzig zuverlässig echte Oehlgemälde in England ausfindig machen, und ein späteres handschriftliches Verzeichniß eines Sachkundigen von dorther gibt auch wenig mehrere an. Es ist allerdings anzunehmen, daß in den schwerzugänglichen Schlössern und Landsitzen reicher Engländer noch manche Holbeinische Bilder vorkommen; auch ermangeln unsre Reisebeschreiber nicht, uns einen bärtigen Luther, einen Johann Belin Dieser Kopf des Johann Bellino könnte wohl eher von Girolamo Pennacchi gemalt, und von ihm nach England gebracht worden seyn. Er war zu gleicher Zeit mit Holbein am Hofe Heinrichs VIII. angestellt. , den Holbein nie gesehen haben konnte, eine Maria Stuart in Lebensgröße, und dergleichen mehr, als Erzeugnisse dieses Meisters anzupreisen; denn zahllos sind die Werke, die seinem berühmten Namen aufgebunden worden und noch werden Holbein has been complimented with a thousand wretched performances that were unworthy of him. Walp. I. 102. . So schrieb man ihm lange Zeit mehrere 285 Bilder, die sich jetzt in Windsor befinden, zu: die Spornschlacht, das Lager von Goldstoff, das Unternehmen auf Boulogne, und andre mehr, die auf die Geschichte Heinrichs VIII. Bezug hatten, bis man einsah, daß diese Stücke nicht nur geringer als seine Kunst, sondern zum Theil auch zu einer Zeit gemalt seyen, bevor er nach England gekommen. So galt auch ein berühmtes Gemälde der Belagerung von Pavia, welches in Wilton war, lange für seine, jetzt für eine unbekannte Arbeit Walpole gibt Albrecht Dürer als den Verfasser an. . Es läßt sich auch wohl begreifen, daß unter der großen Anzahl von Künstlern, die sich zu jener Zeit in England befanden, es viele gegeben habe, die Holbeins Eigenthümlichkeit nachstrebten, weil er den größten Ruhm hatte; und unter solchen Bestrebungen mußten wohl auch manche gelungene seyn, die nachher unschwer für echte Holbeine genommen werden konnten, so wie in der Schweiz noch Hans Aspers Bildern diese Ehre zu Theil wird. – Franz Clüet, in England unter dem Namen Janet bekannt, und daselbst zu eben der Zeit beschäftigt, war einer von denen, dessen treffliche Stücke noch jetzt mit denen von Holbein verwechselt werden. So erging es einer ganzen 286 Sammlung, die der Graf von Carlisle zu Castle-Howard als Holbeinische Bilder aufgestellt hatte, die sollen nun alle von Janet herrühren Fiorillo Mal. in Großbritt. 203, nach Gentlem. Magaz 1794. ; denn so war es nun einmal in England von denen, so das Wort führten, angenommen, was man nicht gern für Holbein anerkennen mochte, das mußte Janet heißen. – Auch Richard Stevens, ein Maler und Bildhauer, der etwas später gelebt, soll den Styl Holbeins so gut nachzuahmen gewußt haben, daß der Maler Jervas ein Bildniß des Lords Lumley, welches Stevens verfertigt hatte, so übereinstimmend in Farbe und Zeichnung mit der Manier Holbeins fand, daß er sich selbst darüber täuschte, und den Schluß machte, viele Bilder, die diesem zugeschrieben werden, müßten Arbeit von Stevens seyn Walpole. II. 274. . Weniger selten noch sind Holbeins Werke auf dem festen Lande, weil bei jener gewaltsamen Zerstreuung des Kunstschatzes Carls I. vieles nach Spanien und den Niederlanden, und zu Handen des deutschen Kaisers verhandelt wurde. Unter den Kunstsachen der königlichen Schlösser in Spanien mag bis anhin noch manches versteckt und unbekannt geblieben seyn, weil sowohl die vornehme als 287 die gelehrte Kennerschaft des vorigen Jahrhunderts nächst den Antiken nur den italiänischen correcten Styl seit Raphaels Zeiten bewunderte (der freilich alle Bewunderung, nur, wie nichts in der Welt, keine ausschließliche, verdiente), und weil ältere, besonders deutsche Kunst, wenn man ihr auch insgeheim den Beifall nicht versagen konnte, öffentlich nur mit Bedauern als gothische Unvollkommenheit genannt werden durfte, indem es erst in gegenwärtigem Jahrhundert dahin gekommen, daß man sich wieder mit mehr Geistesfreiheit über ihr Verdienst zu äußern wagte »Der geringe Geschmack, den man den Werken der ältern Florentinischen Meister finde, hat mich gehindert, sie zu sehen,« schrieb Ramdohr (Mal. in Rom \&c. III. 164.) noch im Jahre 1798. Dieser »geringe Geschmack« hielt ihn auch ab, sich bei altdeutscher Malerei aufzuhalten. . Daher findet man auch bei damaligen Reise- und Kunstbeschreibern, Bourgoing, Cumberland u. s. w., wenig dergleichen angegeben. In dem Verzeichnisse der k. k. Bildergallerie in Wien kommen sechszehn Stücke von Holbein dem jüngern vor, alle auf Holz, und mehrere mit einem Sternchen als vorzüglich merkwürdig ausgezeichnet; darunter ist auch sein eigenes Bildniß. Christian von Mechel, der gern die ganze Familie seines Landsmannes beisammen haben wollte, 288 weiset uns hier noch Bilder von Vater, Bruder und Söhnen vor. In München und Schleißheim finden sich von dem ältern Holbein mehrere, unter sich sehr ungleiche Gemälde. Vom Jüngern etwa sechs oder sieben, worunter ein Mann in Pelz gekleidet, mit Bart und schwarzer Mütze, zur halben Figur in Lebensgröße, sehr geschätzt seyn muß, weil er an derselben Wand Platz gefunden hat, wo die Porträte von Raphael und Dürer, und die unvergleichliche italiänische Edelfrau von Lenardo hängen. Auf der Sächsischen Gallerie zu Dresden tragen neun Stücke den Namen Holbeins; das vorzüglichste und allgepriesene ist die betende Familie. Eines dieser Bilder soll auf Kupfer gemalt seyn. Das königliche Museum zu Paris hat eilf Holbeinische Gemälde, dabei ein historisches Stück, das Opfer Abrahams, dessen Originalität aber bezweifelt wird. Zu seinen bewundernswürdigsten Gemälden gehört daselbst das Bild einer jungen Frau in gelbem Schleier, die Hände auf den Knien über einander gelegt. Grüner Grund, der den Schmelz der Farben auf das Anmuthigste heraushebt. Die Gallerie zu Florenz bewahrt neun Stücke von Holbeins Pinsel, wobei sein eigenes Porträt, und einige andre von großer Vortrefflichkeit seyn sollen. 289 Ramdohr (Mal. in Rom) fand im Pallaste Corsini einen sehr schönen Kopf von Holbein. Eben so im Pallaste Barberini einen schönen Kopf auf Kupfer. In der Sammlung altdeutscher Gemälde in dem fürstlichen Schlosse zu Wallerstein Kunstblatt, No. 80 und 89, 1824. Der Verfasser dieser Angabe nimmt nach neuestem Befinden eine ganze Familie von ältern Augsburger Holbeinen an. – Beachtenswerth ist überhaupt dieser Aufsatz, weil er zeigt, wie gern der Deutsche jede neue Spur verfolgt, und in welch kurzer Zeit sich die obenberührte Kälte des Geschmacks in kategorische Wärme verwandelt habe: »Der Fürst, heißt es unter anderm, besitzt drei Bilder von Eyck, und findet darin ein vollständiges Epos christlicher Poesie, einen Mikrokosmus der gesammten christlichen Malerei.« erscheinen »Bilder von Sigmund Holbein, mehrere von den ältern Hans Holbeinen, und unter andern zwei ganz vollendete Bilder des ersten Ranges, von ausgezeichneter Schönheit und höchstem Werthe, von dem jüngern Hans Holbein; Tafeln von sechs Schuh Höhe und drei Schuh Breite.« In der neuangelegten herzoglichen Gemälde-Gallerie zu Gotha sollen in dem Zimmer der altdeutschen Schule auch Holbeinische Gemälde prangen Kunstblatt, 1825, No. 11. . In Prag besonders, in Insbruck, und in Nürnberg, Augsburg, Frankfurt und andern vormaligen Reichsstädten, werden noch in Privatcabinetten viele Bilder von Holbein 290 vorgewiesen; wer könnte sie alle herzählen? – Auch wachsen deren täglich neue empor auf dem fruchtbaren Boden der Kunsthandlungen, die aber nicht alle Mal ihrem Namen Ehre bringen. Eine Ausnahme macht jedoch das Bildniß eines englischen Prälaten, das der Kunsthändler Lamy in Basel besitzt oder besessen hat Er verlangte vierhundert Louisd'or dafür, 1824. ; ein Porträt mit beiden Händen in Lebensgröße, das von bewundernswürdiger Schönheit und Ausarbeitung, nach dem Urtheil von Kennern und Künstlern, seyn soll. Zählt man zu diesem allem noch, was Basel reichhaltig besitzt, Alles, was schon einzeln angeführt worden, so kömmt doch eine ansehnliche Zahl Originalbilder zum Vorschein, die für den verdienten Ruhm des großen Malers zeugen, und denselben noch lange aufrecht erhalten werden. An ein vollständiges Verzeichniß seiner Werke aber ist nicht zu denken, wenn man nicht das Zweifelhafte mit dem Wahren vermischen will It is impossible to give a complet catalogue of his works; they were extremely numerous and that number is increased by copies, by doubtfull or by pretented pieces. (Walpole I. 117.) . 291   Holbein als Formschneider. Van Mander, bei dem man immer den Anfang machen muß, weil er die ersten Nachrichten von Holbein gegeben, sagt zwar nicht ausdrücklich, daß er selbst in Holz geschnitten, wohl aber, daß er Zeichnungen für Formschneider verfertigt habe, und erwähnt dann des Todtentanzes und der biblischen Figuren, als auch in technischer Hinsicht vortrefflich ausgeführter Werke, die von ihm in Holzstich herausgekommen seyen In houte print van hem uytcomende. . – Sandrart, der ihm nachgeschrieben, erwähnt des holzgeschnittenen Todtentanzes nur als einer vorzüglichen Arbeit, und thut hinzu, daß Rubens dieselbe sehr gelobt habe, äußert aber auch keinen Zweifel gegen die Echtheit von Holbeins Hand. – Patin aber sagt bestimmt, er habe allerhand, auch vorbemeldte Werke 292 in Holz geschnitten Insculpsit et ligno varia, inter quae figurae biblicae et chorea mortalitatis, yulgo der Todtentanz. . – Papillon Traité de la gravure en bois. kömmt kein Gedanke, daran zu zweifeln, daß Holbein nicht Alles, was unter seinem Namen bekannt ist, eigenhändig geschnitten habe; ja er erhebt ihn als den größten Formschneider aller Zeiten, und behauptet, nur der Zeichner selbst sey im Stande gewesen, eine solche zarte und kühne Bestimmtheit auf das Holz überzutragen. Er nennt sogar das Jahr 1511, wo Holbein in Holz zu schneiden angefangen habe, und schreibt ihm eine unendliche Anzahl von Vignetten und Anfangsbuchstaben zu, nämlich Alles, was Gutes dieser Art in Büchern aus der Schweiz, von Lyon, London u. s. w. von 1520 bis 1540 herausgekommen sey, das habe er alles eigenhändig geschnitten. Papillon ist freilich als ein unzuverlässiger Träumer in geschichtlichen Dingen bekannt, aber das Werkthätige seiner Kunst verstand er recht gut, und so gehört ihm wenigstens darüber eine Stimme, da er nach seiner eignen Aussage schon im achten Jahre in Holz zu schneiden angefangen, und über fünftausend Stücke geliefert hat. So wurden die besagten bessern Werke immerhin als Holbeinische Holzschnitte anerkannt; nachdem aber Unger, 293 1779 Untersuchung der Frage: ob Albr. Dürer jemals Bilder in Holz geschnitten? von Unger, dem ältern. Berlin. , bedeutende Einwürfe gegen die Echtheit aller und jeder Dürerischen Holzschnitte vorgebracht hatte, und viel für und wider gesprochen worden ist, entstanden bald noch größere Zweifel in Betreff Holbeins, wozu besonders Christian von Mechels vermeintliche Entdeckung beitrug, daß ein gewisser Hans Lützelburger (von dem später die Rede seyn wird) den Todtentanz geschnitten habe. Es kam so weit, daß Bartsch Holbeins gar nicht einmal unter den Formschneidern erwähnte; man glaubte sich überzeugt, daß gerade die Holzschnitte, die man mit den Namen der größten Meister belegt, nach bloßen Zeichnungen derselben von professionellen Formschneidern gemacht worden seyen. Zuverlässig ist darüber noch nichts entschieden. Einige suchten die neuentstandene Meinung zu widerlegen, und glaubten, wie Papillon, gewöhnliche handwerkliche Formschneider hätten niemals die meisterhaften Züge so geistreicher Zeichnungen unverstellt auffassen, geschweige nachschneiden können Zum Beyspiel: Murr's Journal zur Kunstgeschichte. IX, 52. – W. Y. Ottley's history of Engraving. p. 757. Dieser ließ wirklich durch einen der geschicktesten neuern englischen Formschneider zwei fac-simile von dem Ritter und der Nunne des Todtentanzes machen; sie sind Strich für Strich, und Punct für Punct mit unendlicher Mühe nachgemacht, konnten aber doch die zarte Weichheit des Originals nicht erreichen. . – Andre halten dafür, daß Dürer und 294 seine in diesem Fach berühmten Zeitgenossen nicht nur selbst die Zeichnungen auf die Holzplatten getragen, sondern auch noch Köpfe, Hände und andre Hauptpartien mit der feinen Schneide umschnitten, das übrige Herausnehmen der Holztheile aber, welches man den Aushub heiße, ihren Formschneidern überlassen haben Joseph Heller's Geschichte der Holzschneidekunst. S. 161. . Eine aushelfende Erklärung, die nicht grundlos zu seyn scheint; denn von der Zeit an, daß sich die Formschneider von den Modellschneidern, Patronisten, Kartenmachern u. s. w. getrennt und eine eigne Zunft gebildet hatten, und ihre Kunst noch nicht von dem Kupferstich verdrängt war, gab es auch geschickte Leute unter ihrer zahlreichen Menge, die wohl im Stande waren, mit künstlicher und feiner Hand eine aufgetragene Zeichnung, einen angelegten Schnitt auszuführen. – Dem sey nun wie ihm wolle; habe der Meister oder der Gesell die Platte geschnitten, so zeigt sich offenbar, daß bei den vorzüglichen Stücken, die unter des Meisters Namen in die Welt gingen, die Zeichnung erst von demselben in xylographischem Styl mit der Feder ausgeführt, und dann von seiner eignen oder einer eben 295 so künstlichen Hand auf die Platte getragen ward, daß also der Abdruck wohl auch seinen Namen führen durfte und noch darf; a potiori fit denominatio Aus einem kleinen von Hollar radirten Blatte, vorstellend den Profilkopf eines bartigen Mannes mit schwerer Halskette, und mit der Beischrift: Holbein incidit in lignum , wollen Einige (Verzeichn. über das Derschauische Kunstcabinett, S. 75.) den Beweis entheben, daß Holbein selbst in Holztafeln geschnitten habe. Entscheidend ist das aber nicht, denn Hollar lebte hundert Jahre später, und nahm es mit seinen Bezeichnungen eben nicht kritisch genau; auch müßte von einem solchen Holzschnitte doch irgendwo noch ein Exemplar zu finden seyn. . Holbeins berühmteste Werke dieser Art, welche die größte Bewunderung erhalten haben, sind der Todtentanz. und die Figuren zum Alten Testament; dann die kleinen Todten-, Kinder- und Bauerntänze, das Bildniß von Erasmus, nebst einigen andern einzelnen Stücken, wovon Meldung geschehen wird, wenn erst das zu dieser Geschichte Erforderliche über den eigentlichen alten Basler Todtentanz gesagt ist. 296   Der alte Todtentanz von Basel. In Basel war bis 1805 auf dem Prediger-Kirchhofe in der St. Johannes-Vorstadt ein auf Mauer gemalter Todtentanz zu sehen, den man gewöhnlich als ein Werk Hans Holbeins des Jüngern bezeichnete, und häufig auch in gedruckten Schriften für Einerlei mit desselben in Holz geschnittenen Todtentanz ausgab, wiewohl es eine durchaus verschiedene Arbeit, und nicht von ihm, sondern schon in frühern Zeiten gemalt worden ist. Da aber aus dieser Verwechslung manche Verwirrung entstanden, und dieß alte Kunstwerk unter dem Namen des Holbeinischen Todtentanzes fast allgemein bekannt, ja als der Tod von Basel sogar zur Volkssage geworden ist, muß seiner auch hier gedacht werden. Die glaubwürdigsten Nachrichten schreiben dessen Entstehen der Pest zu, die 1439 in Basel grausam wüthete. 297 Es war gerade damals die Zeit der Kirchenversammlung, die von 1431 bis 1448 währte, und einen großen Zufluß von Sterblichen aller Stände nach Basel zog. Da der schreckliche Tod Große und Kleine, Vornehme und Geringe hinwegraffte »Im grösten Sterbent vergiengen alle Tag bey hundert Menschen.« (Wursteisen's Baslerchronick.) , so mußte der Eindruck seiner unerbittlichen Macht gewaltig und allgemein seyn; begreiflich also erscheint nach überstandener Gefahr der Wunsch, diesen Eindruck durch ein Kunstwerk bleibend zu erhalten, als einen aufgehobenen Finger der Warnung für die noch nicht wieder in ehevoriger Sicherheit dahin lebenden Großen, und als einen Trost der unparteiischen Natur für die Kleinen Anderweitige Behauptungen, daß die gemalten Todtentänze Nachbildungen geistlicher Maskeraden, die im Mittelalter üblich gewesen, seyen, können immerhin noch neben dieser Erklärung Platz haben. . Von einem guten Meister, dessen Name jetzt unbekannt ist, war dieser Triumph des Todes gemalt, und zwar an einem für einen solchen Gegenstand schicklichen Orte, auf einer langen Mauer des Kirchhofs eines Predigerklosters. Die Figuren in Lebensgröße bezeichneten alle Stände vom Pabst und Kaiser bis zum Bettler, und alle wurden vom Tode unter mehr oder weniger 298 Widerstand zum Tanze fortgezogen. Ihre Tracht war aus früherer als Holbeins Zeit, und beweist also auch für ein höheres Alter des Gebildes. Nach der Sage, der auch noch Matthäus Merian beistimmt, soll die Figur des Pabstes das ähnliche Bild Felix V. gewesen, desgleichen Sigismund als Kaiser, und Albrecht II. als Römischer König dargestellt worden seyn, welche Personen bei der Kirchenversammlung auch gegenwärtig waren. Das ist aber schwer zu glauben, wenigstens geschähe heut zu Tage Kaisern und Königen kein Gefallen, wenn sie bei irgend einem Congreß sich selbst und der Welt, in einem so verzweifelten Tanze begriffen, vorgestellt würden, Freund Hain möchte auch noch so säuberlich dabei zu Werke gehen Votre Holbein n'est pas mon homme, sagte Kaiser Joseph lächelnd, als ihm Christ. von Mechel im Vorübergehen den Todtentanz wies. (Lavaters Handbibliothek, 1793, V.) . Es waren vierzig Vorstellungen, wahrscheinlich zuerst al fresco gemalt, ungeachtet spätere Nachrichten sie Oehlgemälde nennen, denn zur Zeit des Basler Conciliums war die Oehlmalerei nur noch im Entstehen, und die sehr häufigen Mauergemälde jener Zeit waren durchgehends a tempera oder fresco ausgeführt. – Als späterhin diese Gallerie durch die Zeit gelitten, ließ sie der Magistrat, 299 1568, wie es eine Inschrift bezeugte, wieder feierlich durch Hans Hug Klauber erneuern, welcher die noch leeren Plätze der Mauer, der Reformation zu Ehren, mit dem Bilde des Oekolampadius zierte, wie er dem Pabst, Kaiser, Kardinälen u. s. w. das Evangelium predigt. Auch seinen eignen und der Seinigen letzten Tanz brachte Klauber hier an; und wahrscheinlich wurde die alte verblichene Frescomalerei jetzt von ihm mit Oehlfarben übermalt, wie dieß nach Fiorillo's Zeugniß Gesch. der zeichnenden Künste in Deutschland und den Niederlanden. II. 394. mit unzähligen Frescomalereien geschehen seyn soll. Es mögen auch die bei jedem Stande angebrachten Reime zur Zeit dieser Restauration, das heißt, nach der Glaubensläuterung entstanden seyn; denn während der Kirchenversammlung selbst hätte man nicht wohl dem Pabst die Verse in den Mund legen können: »Heilig was ich auff Erd genant »Ohn Gott der höchst führt ich mein stand. »Der Ablaß thet mir gar wol lohnen »Noch will der tod mein nicht verschonen. Oder wie hätte bei aller Verschiedenheit der Begriffe jener Zeiten über Anstand und über Freiheit der Meinungsäußerungen auch die liberalste Polizei zugeben dürfen, 300 daß der Tod den damals lebenden und auf dem Concilium gegenwärtigen Kaiser Sigmund anrede: »Herr Keyser mit dem grawen Bart »Ew'r reu habt ihr zu lang gespart –? Zur Zeit dieser Ausbesserung des Gemäldes hingegen war Basel schon zum reformirten Glaubensbekenntniß und zur politischen Freiheit übergegangen; ist auch bis auf den heutigen Tag dabei geblieben, wiewohl man sich jetzt aus mehr als Einem Grunde dergleichen trauliche Wahrheiten nicht mehr erlauben würde. Zum zweiten Male mußte, 1616, die beschädigte Malerei erneuert werden, und diese Erneuerung wurde wiederum durch eine feierliche lateinische Inschrift bestätigt, wo zwar die Namen der Stadtbauherren vollständig angeführt sind, aber keines Malers gedacht wird, was man jetzt gewiß nicht unterlassen haben würde, wenn man irgend einen Antheil an der Verfertigung oder frühern Ausbesserung dem Holbein, als einem nunmehr schon hochberühmten Mitbürger, hätte zuschreiben können. – Da auch 1658 eine ähnliche Wiederauffrischung vorgenommen ward, so mußte von dem ursprünglichen Bilde hinsichtlich der ersten Färbung und Behandlung wenig mehr übrig bleiben, und kaum noch die alte Stellung der Personen und der Schnitt ihrer Kleidung zu sehen seyn. 301 Die Vorstellung selbst aber, was ist sie? Mit einigen Abänderungen immer dieselbe Idee. Der Tod, ein hageres Scheusal Nirgends erscheint er als wirkliches Skelett, als bei dem Doctor, wo er spricht:         Herr Doctor bschaw die Anatomey         An mir, ob sie recht gmachet sey. Man sehe die Nachbildungen. , benimmt sich immer komisch und possirlich, dagegen der Sterbliche kläglich und tragisch; dieser Contrast macht die Situation auffallend und anziehend, und mag wohl das Meiste zum Geschmack an dieser Gattung beigetragen haben Aehnliche Werke finden sich noch hie und da in der Schweiz, die aber nicht hieher gehören. – Die Literärgeschichte von diesem und allen bekannten Todtentänzen findet man umständlich, jedoch etwas verworren, in Fiorillo's Geschichte der zeichn. Künste in Deutschland \&c IV. Band. – Den sinnreichsten Todtentanz hätte wohl Hogarth liefern können. . So blieb nun diese alte Todeserinnerung bei allen Veränderungen, die indessen an dem Prediger-Kirchhofe vorgenommen worden, stehen, mit einem Dache bedeckt und durch Gitterwerk verwahrt, bis zu Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts, und hatte den Beifall des Volkes, dem die Unparteilichkeit, womit der Tod den Herrn wie den Bettler holt, allezeit gefällt; das Gemälde wurde von den Reisenden besucht, und von Manchem, der es für 302 eine Arbeit Holbeins hielt, mit Bewunderung angestaunt. Da es aber immer mehr zu Schaden kam (auch 1703 soll es noch einmal ausgebessert worden seyn), und sich allmählig von der Mauer abschälte, wozu nicht wenig beitrug, daß lange Zeit ein Seiler unter dem Dache desselben arbeitete und seine Geräthschaften verwahrte Etrennes helvetiennes, 1806. , da überdieß die Mauer neuen Bauanlagen sehr im Wege stand, so wagte es der Magistrat, jedoch nicht ohne Bedenklichkeit, dieß alte Merkzeichen der Stadt gänzlich wegzuschaffen, und so wurde, 1805, dieser Tod von Basel selbst dem Tode überliefert; wobei aber ein kleiner Volkstumult entstand, indem unter der Bürgerschaft, besonders bei den Bewohnern der St. Johannes-Vorstadt, wo das alte Denkmal gestanden, eine neue Anhänglichkeit an dasselbe erwachte, die in gewaltthätigen Widerstand auszubrechen drohte, doch bald unschädlicher Weise in matten Versen erstarb. Einige Trümmer der Gemälde wurden noch von Liebhabern gesammelt, und bis auf den heutigen Tag sorgfältig aufbewahrt; daraus wäre wohl am besten zu ersehen, wem viel daran gelegen seyn sollte, ob die erste Anlage al fresco gewesen, und ob die Nachrichten, welche diese 303 Malerei erheben, mehr Glauben verdienen, als diejenigen, welche sie herabsetzen, denn ältere und neuere Meinungen sind darüber getheilt. So nennt sie der englische Bischof Bürnet in seiner Reisebeschreibung eine rohe Arbeit ( a coarse work ); der französische Charles Patin hingegen sagt, dieser Todtentanz sey orné de toutes les beautés de la peinture ; eben so gilt er in den Melanges tirées d'une grande bibliothèque für ein Chef d'oeuvre ; und von Horaz Walpole wird das ganze eine läppische Reihe von Figuren ( a dull series of figures ) geheißen. – Daß aber dieß alte Denkmal in spätern Zeiten dem Hans Holbein zugeschrieben worden, ist wohl zu begreifen, wenn man bedenkt, daß er selbst auch einen Todtentanz gemacht, der mit dem alten, dessen primitiver Maler unbekannt geblieben, so oft verwechselt worden, und daß man unter des berühmten Bürgers von Basel immer wachsenden Namen gern Alles aufnahm, was einigen Schein hatte, und wozu Ort und Gelegenheit die Hand boten. Die Bibliothek in Basel besitzt davon eine fleißige Copie in Wasserfarben von Emanuel Büchel, in einem zierlichen Bande, und Matthäus Merian hat eine Abbildung in Kupferstich in mehrern Auflagen geliefert, 304 wovon nachher verschiedene Nachbildungen gemacht worden sind Todtentanz, wie derselbe in der löblichen und weitberühmten Stadt Basel zu sehen ist. Nach dem Original in Kupfer gebracht, und herausgegeben durch Matth. Merian den ältern. 4. Frankf. 1649. – Nur allein diese Kupfer können einen wahrhaften Begriff von dem Urbilde geben; nicht aber die mit GS bezeichneten Holzschnitte, welche später unter demselben Titel bei Conrad von Mechels slg. Witwe in mehrern Auflagen erschienen, denn da sind die wenigsten Blätter von dem alten Todtentanz genommen, sondern die meisten schlechte Copien der Holbeinischen Holzschnitte; aus welcher Vermischung mancher Irrthum der Kunstgelehrten entstanden ist. . Ein ähnliches Werk zu Bern, das ebenfalls auf der Mauer eines Dominikanerklosters angebracht war, darf hier nicht übergangen werden, indem von Einigen behauptet und bestritten worden, daß es älter als das zu Basel sey Leben Niklaus Manuels, Fänners der Stadt Bern. 8. Bern, 1742. (von S. Scheurer.) Jos. Casp. Füesli Gesch. der Schweizer Künstler, im Leben Manuels. , weil sie in der irrigen Meinung gestanden, Holbein oder gar Klauber sey der Urheber von diesem, wonach freilich der Berner Todtentanz, der eine Arbeit Niklaus Manuels ist, welcher etwas früher gelebt hatte, älter hätte seyn müssen. – Ungeachtet der Verschiedenheit in der Handlung und der ganz andern Kleidertracht, welche in dem Basler Werk eine frühere Zeit andeutet, ist doch 305 in beiden Darstellungen der Gedanke eben derselbe: ein gräßliches Skelett zerrt Hohe und Niedere mit sich fort, hier meist noch unglimpflicher, als in dem Baslertanz. Auch waren ähnliche Reimsprüche zwischen Tod und Mensch angebracht, mit gleicher, ja noch muthwilligerer Freiheit gegen die Geistlichkeit, so daß sich daraus muthmaßen läßt, Manuel, der bekanntlich ein abgesagter Feind des damaligen Pfaffenthums gewesen, habe diese Bilder gemalt, als es schon mit der Reformation zu spuken anfing und die weltliche Gewalt der Geistlichkeit bereits in Verwirrung gerathen war; welche Muthmaßung noch durch die Sage Gewicht erhält, daß unter den Porträten, die Manuel häufig angebracht hatte, auch dasjenige seines Freundes Lienhard Tremp, Rathsgliedes in Bern, gewesen sey, der ihm, wie es in seiner Lebensbeschreibung heißt, »im Anfang und Aufgang des Evangeliums ein getreuer Beisteher der Wahrheit« war. Da schon 1560 diese Gallerie zur Erweiterung der Gasse abgebrochen wurde, so kann man davon nur nach den zwei wohlerhaltenen Copien urtheilen, die sich noch in Bern vorfinden, eine von Albrecht Kauw, und die andre von Wilhelm Stettler (diese ohne Zweifel nach jener gemacht); beide sind in Wasserfarbe auf vier und zwanzig Blättern in klein Folio, und von sehr geschickten Zeichnern 306 verfertigt Niklaus Manuels Todtentanz, lithographirt nach W. Stettlers Copien, ist gegenwärtig in Bern bei R. Haag und Comp. zu finden. . Nach diesen Abbildungen zu schließen, möchte der Kunstwerth dieses Todtentanzes noch vorzüglicher gewesen seyn, als dessen zu Basel; die Figuren sind zierlich, frei, natürlich, und ohne die Steifheit damaliger deutscher Zeit gezeichnet; die Farben lebhaft, und im Hintergrunde zeigen sich vielfältig schöne Partien von schweizerischer Landschaft. Dieser Niklaus Manuel mit dem Zunamen Deutsch, geboren 1484, gestorben 1530, war ein vorzüglicher Mann seiner Zeit. Ein ausgezeichneter Maler in der Jugend, dann Dichter, witziger Kopf, Reformator; in spätern Jahren höchstverdienter und zu den wichtigsten Geschäften gebrauchter Staatsmann. Auf der Bibliothek zu Basel liegen noch sehr bedeutende Handrisse von ihm, die nach dem zierlichen, freien Styl, worin sie gezeichnet sind, wohl die Vermuthung derer begründen möchten, die ihn für den unter den Italiänern bekannten Emmanuelle Tedesco halten. Anstatt also die Veranlassung des Basler Todtentanzes gewesen zu seyn, mag vielmehr dieser zu dem Bernerischen den Anlaß gegeben haben. Die Stadt Bern, 307 schon angesehen und mächtig in Helvetischen Landen, wollte dem berühmten Basel in nichts nachstehen, auch in dem nicht, was zu äußerlichem Glanze beiträgt. Man wetteiferte damals (am Ende des XV und zu Anfang des XVI Jahrhunderts) in dergleichen Dingen, die das öffentliche Leben belehrten oder erheiterten, in Bemalung der Häuser, Verzierung der Thür- und Fenstergiebel, in Aufstellung prächtiger Brunnen, und dergleichen mehr, so wie man früher in Erbauung von Kirchen und Glocken gewetteifert hatte, und wie es in spätern Zeiten in Errichtung von Zollstätten, Sperrungen und andern weniger volkserfreulichen Anstalten geschah. Zudem war so ein Todtentanz ansprechend für Jeden, selbst dem gemeinen Mann erbaulich, der den Tod ansah, wie ihn die Bibel verkündigt, als der Sünde Lohn, oder wie er in der Natur erscheint, als einen Feind des Lebens, und noch nicht belehrt war, wie die Alten den Tod gebildet, um wo möglich mit schnöder Verachtung auf das Gerippe, dem er doch nicht entgehen kann, herabzusehen. Ueberhaupt mochte so ein Memento doch manchen guten Gedanken wecken; und die durch alle Stände durchgeführte Darstellung gab dem Künstler Gelegenheit, sich tüchtig zu zeigen, und seiner Vaterstadt Ehre zu machen. Beinahe überall wurde der Basler Todtentanz für 308 das älteste ausgeführte Bilderwerk dieser Art in und außer Deutschland angesehen Die Danses Macabres in französischen Holzschnitten sind etwas jünger. , und doch hat es sich gezeigt, daß auch dieses nur Nachahmung eines ältern gleichen Inhalts war, das sich in der Stadt Basel selbst vorgefunden hat. Man entdeckte nämlich im Laufe des vorigen Jahrhunderts im Klingenthal, einem Gebäude der kleinen Stadt, das ehemals ein Nonnenkloster gewesen, und am Ende des XIII Jahrhunderts (1275) erbaut worden, in dem alten Kreuzgange noch Reste von dem Mauergemälde eines Todtentanzes, der nicht nur in der Wahl der Gegenstände, sondern auch größten Theils in den Figuren selbst, mit dem andern auf dem Prediger-Kirchhofe übereinstimmte, nur daß letzterer besser gezeichnet und gemalt, auch in mancher gar zu plumpen Stellung verbessert war; denn jene alten Vorstellungen sind hager, steif, ungestalt, und schlecht beleuchtet, einige doch auffallend richtiger, als die andern, als ob sie von verschiedenen Malern herrührten. Sie haben auch Verse, deren Sprache und Schrift auf hohes Alterthum deutet; die erste Aufschrift über dem Beinhaus lautet: 309 Hie richt got noch dem rechten Die heren ligē bi den knechten Nvn mercket hie bi Welger her oder knecht gewesē si. Und über der Figur des Grafen, den der Tod holt, steht oder stand die Jahrzahl: Dussent jor trihuntert und xii (1312); demnach die Malerei mehr als hundert Jahre vor der Pest des Conciliums muß gemacht worden seyn Da das Klingenthal unter der geistlichen Aufsicht des Prediger-Convents stand, so mußte diesem der Todtentanz des Klosters wohl bekannt seyn, und läßt sich daraus die spätere Nachbildung und verbesserte Darstellung wohl erklären. , welches jedoch die Wahrscheinlichkeit, daß jene Seuche den Anlaß zu dem spätern Todtentanz gegeben habe, nicht aufhebt, indem der frühere einen gleichen Ursprung haben konnte, denn die Pest war dazumal eine oft wiederkehrende Landplage, und ungefähr um jene Zeit herrschte in Basel eine Pestilenz, die bei eilftausend Menschen wegraffte Wursteisen schreibt: 1314. . – Gegenwärtig ist dieser älteste Todtentanz großen Theils schadhaft und verblichen, und wird es täglich mehr, sowohl Alters halber, als weil der Kreuzgang seit langem zu einem Salzmagazin gedient, und niemand dieses merkwürdigen Alterthums geachtet hat, bis Emanuel Büchel War ein Bäcker von Profession; anbei ein fleißiger Zeichner und Liebhaber der Kunst. , 310 1766, demselben zuerst seine Aufmerksamkeit widmete, und von allem, was davon noch sichtbar war, eine genaue und sorgfältige Abbildung in Farben machte, welche jetzt die öffentliche Bibliothek besitzt. An allem diesem konnte der spätere Hans Holbein keinen Antheil haben; aber er versuchte sich seiner Zeit auch in demselben Fache, und mehrete durch ein ähnliches Werk seinen Ruhm. Sey es, daß er durch den alten Todtentanz, den er von Jugend an täglich vor Augen gesehen, zum Bessermachen angereizt wurde, oder daß ihn Niklaus Manuels Verdienst, den er kennen mußte und der seiner Nacheiferung werth war, befeuerte, oder mag es eine bestellte Arbeit gewesen seyn; genug, er führte eine Folge von Zeichnungen zuerst in Tusch aus, und schnitt sie, oder ließ sie nachher in Holz schneiden, woraus die unvergleichlichen Blätter entstanden, welche noch jetzt die Bewunderung der Künstler ausmachen, und die Sammlungen der Kenner zieren. 311   Der Holbeinische Todtentanz. Da dieser unter die vorzüglichsten Meisterstücke der Formschneidekunst gezählt wird, und um dieser Vorzüglichkeit willen in wiederholten Auflagen allgemein verbreitet worden, so daß, wie Papillon behauptet, über hunderttausend Exemplare davon in die Welt gekommen sind Traité de la gravure en bois. Paris, 1766. I. 423. Zum Belege dieser Aeußerung spricht er von einer Platte, die heilige Jungfrau vorstellend, von seinem Vater geschnitten, die schon neunzig Jahre lang gebraucht worden sey, und jährlich fünf bis sechstausend Abdrücke geliefert habe, und noch immer brauchbar sey, obgleich mehr als fünfmalhunderttausend Exemplare davon abgezogen worden. – Eine Holzplatte könne mehr als sechzigtausend Abdrücke liefern, ohne daß die Letzten merklich schlechter seyen, als die Ersten. – Endlich kömmt er gar auf Millionen von Abdrücken seiner eignen Arbeit. , die jetzt gleichwohl als eine köstliche Seltenheit gesucht werden, so ist es wohl der Mühe werth, und gehört zur Sache, 312 die verschiedenen Ausgaben dieses Kunstwerks hier anzuführen, so wie sie, nach mühsamer Erforschung, so bestimmt und von falschen Nachrichten geläutert, als möglich, und mit Weglassung aller unzuverlässigen Editionen, deren Besitz nirgends angegeben ist, vorgelegt werden können. 1530 . Papillon gibt eine wirkliche Ausgabe von diesem Jahre an; doch spricht er davon mit Ungewißheit, so daß man es fast für eine seiner vielen falschen Muthmaßungen halten muß. Er sagt: la premiere edition, a ce que l'on peut juger, doit etre de 1530. Elle fut imprimée a Basle ou a Zuric, avec un titre a chaque estampe, et je crois des vers sous chacune, le tout en langue Allemande. – Dieß schrieb nun Murr Journal u. s. w. XVI, 10. als eine Gewißheit nach, und Jansen Essay sur l'origine de la gravure etc. I, 119. übersetzte es wörtlich nach Murr; und so kam der Glaube in die weite Welt. Späterhin wurde von Andern diese Ausgabe mit Recht in Zweifel gezogen. 1538 . Les Simulachres et historiées faces de la mort, autant elegammēt pourtraictes, que artificiellement imaginées. (Mit einer emblematischen Vignette.) a Lyon, soubz l'escu de Coloigne. MDXXXVIII. 313 – Hinten: Excudebant Lugduni Melchior et Gaspar Trechsel Fratres 1538. Nebst einer Dedication: a moult reverende Abbesse du religieux convent S. Pierre de Lyon, Madame Jehanne de Touszele, und verschiedenen französischen Abhandlungen und Todesbetrachtungen. – Diese Ausgabe mag, einzelne frühere Abdrücke abgerechnet, die erste seyn, die aus einer Buchhandlung hervorgegangen, wie auch die Vorrede anzudeuten scheint. Sie enthält ein und vierzig Holzschnitte von 2 Zoll 4½ Linien Höhe, und 1 Zoll 10 Linien Breite, französisch Maaß. Ueber jedem steht ein lateinischer biblischer Spruch, und unterhalb ein französisches Quatrain. – Im Besitze des Verfassers. 1542 . Imagines mortis etc. Lugduni apud Joannem et Francisc. Frellonios fratres. 1542. . Soll nach Fiorillo, nur neun und dreißig Holzschnitte haben. Er gibt einen Besitzer dieser Ausgabe in Altorf an. Auch die Einleitung zum Hollarschen Todtentanz erwähnt ihrer. 1545 . Imagines Mortis. His accesserunt epigrammata e gallico idiomate a G. Aemylio in Latinum translata. Lugduni apud Jo. et Fr. Frellonios fratres. 1545. Soll sich in der Bibliothek des Britischen Museums befinden. Ebendaselbst auch eine 314 italiänische Ausgabe von eben dem Ort und Jahre, die auch Rumohr (bei Fiorillo) anführt. 1547 . Imagines mortis, duodecim imaginibus praeter priores, totidemque inscriptionibus, praeter epigrammata e Gallicis a Georgio Aemylio in latinum versa, cumulatae. Lugduni sub scuto Coloniensi. Hinten: Lugduni excudebat Joannes Frelonius. 1547. – Hat 53 Holzschnitte. – Im Besitze des Herrn von Rumohr Kunstblatt, 1823, No. 31. . Les images de la Mort, auxquelles sont adjoustées douze figures etc. Lyon, l'escu de Cologne, chez Jean Frelon. 1547. Von diesen beiden Ausgaben gibt Fiorillo die Besitzer an; beide hat auch die Englische Abhandlung zu Hollars Todtentanz. – Von den hinzugekommenen zwölf Stücken wird später die Rede seyn. 1549 . Simulacri, historie et figure de la morte. In Lyone apresso Giovanni Freloni. 1549. Jedes Blatt hat seinen lateinischen Bibelspruch gleich den andern, unten aber einen italiänischen Viervers. Die neu hinzugekommenen Stücke finden sich hier ebenfalls. In der Vorrede beschwert sich (nach Angabe des Englischen 315 Herausgebers von Hollars Todtentanz) der Verleger über Nachdrücke, die in andern Ländern gemacht werden. Papillon bemerkt, daß diese Abdrücke nicht so sauber und rein seyen, wie in den frühern Ausgaben. – Wird verschiedentlich angetroffen. 1554 . Icones Mortis, duodecim imaginibus praeter priores etc. Basileae. 1554. Ist an mehrern Orten, auch auf der Bibliothek in Basel, und bei dem Verfasser anzutreffen. Auch hier sind die Abdrücke weniger gut. Angehängt sind allerhand Todesbetrachtungen in lateinischer Sprache. Wie dieß Werk jetzt in Basel, und nachher doch wieder in Lyon erscheinen konnte, dürfte am wahrscheinlichsten als ein buchhändlerisches Unternehmen gegen Nachdruck erklärt werden Herr Oberst Haas in Basel besitzt noch jetzt eilf Holzstöcke, die 1546, dem Original nachgeschnitten worden. – Fiorillo führt schon einen Nachschnitt, Augsburg 1544, durch Jobst Donneker an, und nennt es eine treue Copie der ersten Ausgabe; nach Füeßli's Lexikon hingegen (Art. Hans Bock) wäre es eine Vorstellung des alten Todtentanzes zu Basel. . – Vielleicht war auch diese Verlegung nach Basel nur fingirt, indem, gegen damalige Gewohnheit, kein Name des Verlegers, sondern allein der Druckort angegeben ist. 1562 . Les images de la Mort, auxquelles sont 316 adjoustées dix sept figures. Lyon, chez Jean Frelon. 1562. Dabei sind die Todesbetrachtungen, welche die Edition von 1554 lateinisch hat, hier französisch. Die siebenzehen neuen Figuren sind die zwölf schon früher hinzugekommenen, denen jetzt noch fünf andre beigefügt sind, nämlich Nach Murr's Journal zur Kunstgeschichte. XVI. eine junge Frau, die der Tod fortzieht, und der ein Jüngling mit der Zither vorgeht, und dann ein junger Ehemann, den der Tod mit Gaukelsprüngen führt; diese sollen nach Papillons Zeugniß sehr gut gezeichnet und geschnitten seyn. Die drei übrigen Vorstellungen sind spielende Kinder, die zu den religiösen Betrachtungen gehören. Douce führt diese Ausgabe in dem Hollarschen Todtentanz an, sie soll sich in der Bibliothek des Britischen Museums befinden. – Dieses mag wohl die letzte der zuverlässigen Originalausgaben seyn. Wenn es bei Kupferstichen auf gute Abdrücke ankommt, um richtig über ihren Werth urtheilen zu können, so ist das bei Holzschnitten noch mehr der Fall. Werden diese im Abziehen nicht auf das Sorgfältigste behandelt, so verwischen sich einzelne Partien, das Dunkle läuft zusammen und wird schwarz, oder es druckt sich nicht genugsam ab, und alle Haltung geht verloren, so daß kaum 317 Sachkundige darin noch das Verdienst des Künstlers anerkennen können. Gewöhnlich gingen schon die alten Drucker, die tausende von Abdrücken häufig auf beiden Seiten des Blattes zu machen hatten, oder selbige dem Text einrücken mußten, allzu eilfertig zu Werke, und so geschah es auch mit diesen Holbeinischen Holzschnitten. Wer sie in ihrer Vollkommenheit sehen will, muß ein blos auf Einer Blattseite abgedrucktes Exemplar, dergleichen noch hier und da vorhanden sind, vor Augen haben; Musterdrucke, die zur Empfehlung des Werks oder für Liebhaber um doppeltes Geld gemacht wurden. Eine Sammlung solcher unvergleichlicher Abdrücke, wo jeder Strich und Punkt in Klarheit und Kraft erscheint, besitzt die öffentliche Bibliothek zu Basel. Es sind vierzig Stücke, nämlich alle, welche die Ausgabe von 1538 hat, den Sterndeuter ausgenommen. Sie sind aus vier Folioblätter, auf jedes zehen Vorstellungen, gezogen, und über jeder derselben steht in deutscher Sprache, mit lateinischen beweglichen Typen gedruckt, der Name des Gegenstandes, ohne allen weitern Text. Die Benennungen sind folgende: 1. die Schöpffung aller Ding. - 2. Adam Eva im Paradyss. - 3. Usstribung Ade Eve. - 4. Adam bawyt die erden. - 5. Gebeyn aller menschen. - 6. der Bapst. - 7. der Keyser. - 318 8. der Künig. - 9. der Cardinal. - 10. die Keyserinn. - 11. die Küniginn. - 12. der Bischoff. - 13. der Hertzog. - 14. der Apt. - 15. die Äptissinn. - 16. der Edelman. - 17. der Thumherr. - 18. der Richter. - 19. der Fürspräch. - 20. der Ratsherr. - 21. der Predicant. - 22. der Pfarrherr. - 23. der Münch. - 24. die Nunne. - 25. dass Altweyb. - 26. der Artzet. - 27.  fehlt (der Sterndeuter). - 28. der Rychmann. - 29. der Kauffman. - 30. der Schiffman. - 31. der Ritter. - 32. der Groff. - 33. der Alt man. - 34. die Greffin. - 35. die Edelfraw. - 36. die Hertzoginn. - 37. der Kramer. - 38. der Ackerman. - 39. dass Jung Kint. - 40. dass Jüngst gericht. - 41. die wappen des Thotss.  – Ein ganz ähnliches Exemplar, dem gleicher Weise die deutschen Benennungen beigedruckt sind, beschreibt auch, als desselben Eigenthümer, W. Y. Ottley History of Engraving. II. 762. , wo ebenfalls der Sterndeuter mangelt. Woher nun aber diese deutschen Namen in einem, so viel man weiß, zuerst in Lyon öffentlich 319 herausgekommenen Werke? Sie scheinen die Meinung zu bestätigen, daß diese Holzschnitte wirklich in Basel verfertigt worden, zumal auch diese Bezeichnungen der Basler Mundart entsprechen. Um der Schönheit dieser Abdrücke, und um der deutschen Benennungen willen, halten Einige Kunstblatt, 1823, No. 59. dafür, dieß möchte die erste bezweifelte Ausgabe von 1530 gewesen seyn. Allein diese Abdrücke sind bisher nirgends als ein Verlagswerk aufgefunden worden, und nicht anders als mit beschnittenen Rändern, auf einzelne Blätter aufgezogen, als Probdrücke vorgekommen, wobei sich keine Jahrzahl findet. – Hätte auch eine solche Basler Edition von 1530, mit deutschen Versen, wie Murr und Jansen (nach Papillon) behaupten, wirklich existirt, so wären wohl in die, 1554, angeblich zu Basel wieder erschienene Auflage, statt der lateinischen Uebersetzung der alten französischen Quatrains, jene deutschen Reime wieder aufgenommen worden. Die zwölf in den spätern Ausgaben, von 1547 an, hinzugekommenen Blätter sind: der Soldat – die Spieler – die Schlämmer – der Schalksnarr – der Straßenräuber – der Blinde – der Fuhrmann – der 320 Bettler – Spielende Kinder, vier Blätter. – Sie sind in derselben Weise gearbeitet, wie die ältern Stücke, einige besser, als die andern, Schlämmer und Schalksnarr am schlechtesten; doch haben sie nicht dieselbe zarte und leichte Vollendung, noch die sprechende Bedeutung der Mienen. Am besten sind die Kinder, doch in einer andern Manier gezeichnet und geschnitten Papillon, der größte Bewunderer sämmtlicher Platten, gibt von jeder, so wohl alten als neuhinzugekommenen, den technischen Werth an und erhebt mit vorzüglichem Lobe das letzte Stück, das Todeswappen. Er hält die Schildhalter nicht mit Unrecht für Porträte; Einige wollen, es sey Holbein selbst und seine Frau. . Von den häufigen Nachbildungen dieses Todtentanzes hat Fiorillo Gesch. der zeichn. Künste in Deutschl. u. s. w. IV. ein ausführliches Verzeichniß gegeben; zu gegenwärtiger Geschichte gehören vornehmlich drei derselben: 1. Imagines Mortis. His accesserunt epigrammata e Gallico idiomate in latinum translata ad haec Medicina animae et alia. Coloniae apud Haeredes Arnoldi Birckmanni. Anno 1555. – In neuer Auflage 1557, 1566, 1567 und 1573, ebendaselbst. – Es sind drei und funfzig Holzschnitte, etwas größer, als die Holbeinischen, und alle, No. 16. (der Edelmann) ausgenommen, in umgekehrter Vorstellung. Mehrere Blätter haben das Zeichen , welches Anton 321 Sylvius oder Sylvins bedeuten soll, der als ein geschickter niederländischer Formschneider bekannt ist Dictionaire de Monogrammes etc. par Brulliot. , und sich auch hier so gezeigt hat. Zwar ist keine dieser Vorstellungen ohne mehr oder weniger beträchtliche Abweichung von den Holbeinischen, doch hatte der Künstler offenbar kein andres Vorbild vor Augen; und er mag sich diese Freiheiten erlaubt haben, um seine Landestracht der ältern Schweizerischen zu substituiren, und damit den Knochenmann seinen Landsleuten desto näher zu bringen. 2. The Dance of Death, painted by H. Holbein, and engraved (geätzt) by W. Hollar. S. 1. et a. 8. Es werden von Fiorillo noch verschiedene Ausgaben von 1647 bis 1804 angeführt; bald mit Einfassungen von A. Diepenbeck, bald ohne dieselben. vornen Holbeins und Hollars Porträte. Dann eine kleine Abhandlung über den Todtentanz, die Mr. Douce, einen Englischen Kunstfreund, zum Verfasser hat. Ferner, Beschreibung der Kupfer, deren dreißig sind, bezeichnet , unter jedem derselben der lateinische Bibelspruch, der über den Holzschnitten steht. Am Ende: the dance of Macaber , und ein in Umrissen gestochener Todtenzug auf Einem Blatt, mit einer Erklärung, die aber wenig erklärt. 322 Hollar hat aber nicht alle Stücke der Originalholzschnitte aufgenommen, noch ist er denselben überall treu geblieben. Ihm fehlen (nach der alten Bezeichnung) 1. die Schöpfung aller Ding. – 5. Gebein aller Menschen. – 8. der Künig. – 16. der Edelmann. – 17. der Thumherr. – 18. der Richter. – 20. der Rathsherr. – 22. der Pfarrherr. – 27. der Sterndeuter. – 30. der Schiffmann. – 31. der Ritter. – 36. die Herzogin. – 38. der Ackermann. – 40. das jüngst Gericht. – Hingegen hat er aus den spätern Editionen noch drei Stücke: den Soldat, die Spieler und den Fuhrmann. Und dann finden sich beträchtliche Abänderungen. Einige erscheinen von umgewandter Seite, weichen aber sonst wenig vom Original ab, ja viele derselben entsprechen dem Holzschnitte auch in Schraffur und in Behandlung der Falten so sehr, daß sie offenbar nach demselben copirt erscheinen. Dagegen zeigen diejenigen Blätter, welche nicht umgewandt sind, mancherlei Veränderung in Stellungen, Kleidung und Landschaft, und lassen vermuthen, der Künstler habe andre Vorbilder, und bei einigen die Birckmannische Ausgabe benutzt. Alle aber, auch die genau nachgestochenen, reichen bei weitem nicht an Klarheit, Bestimmtheit, Ausdruck und Haltung an die Originale, wenn gleich diese nur Holzschnitte sind. 323 3. Le Triomphe de la Mort, gravé d'après les dessins originaux de Jean Holbein par Chrétien de Mechel. Basle, 1780. Macht den ersten Theil des von Mechel herausgegebenen Holbeinischen Werkes aus. Es sind im Ganzen sieben und vierzig Kupfer in Octavformat, vier auf einem Folioblatt. Hinten eine französische Erklärung. Mechel ließ diesen Todtentanz nach Zeichnungen von gleicher Größe stechen, wie seine Kupferstiche sind. Diese mit der Feder umrissenen und leicht getuschten Zeichnungen sollen aus der berühmten Arundelischen Sammlung nach den Niederlanden gekommen seyn; ein Maler daselbst, Jan Bockhorst, genannt Langhen-Jan, Zeitgenosse von Vandyck, besaß sechs und vierzig derselben; später fanden sie den Weg in das reiche Cabinet von Crozat in Paris, wovon Mariette eine Beschreibung gegeben. Bei dessen Versteigerung, 1741, kaufte sie der Geheime-Rath Fleischmann von Straßburg, und dieser überließ sie dem Fürsten Gallizin, Russischen Gesandten in Wien, dessen Gefälligkeit sie Mecheln zum Stechen anvertraute. Nachher verschlang sie die Kaiserliche Kunstsammlung in Petersburg. Diese Folge von Zeichnungen ließ Mechel unverzüglich durch einen guten Zeichner Rudolph Schellenberg von Winterthur. copiren, und durch 324 einen Handlanger seiner Werkstatt stechen, durch welches doppelte Medium von dem Holbeinischen Urbild nur noch ein Schatten übergeblieben ist. Es mögen auch nicht alle jener Zeichnungen begründeten Anspruch auf Originalität haben. Ein Theil davon zeigt sich im Kupferstiche von umgekehrter Seite der Holzschnitte, und stimmt, den vergrößerten Maßstab abgerechnet, genau mit denselben überein; manche andre hingegen, ja der größere Theil, wie sie das Kupfer darstellt, weichen so beträchtlich von den Holzschnitten ab, daß die Holzschnitte unmöglich nach diesen abweichenden Zeichnungen haben gemacht werden können. Auch zeigen sich, hauptsächlich in diesen, die Extremitäten von schwachem und flüchtigem Umriß, ja man kann sich bei einigen der Muthmaßung nicht enthalten, als hätte der Zeichner sie von den Holzschnitten copirt, und sich willkührliche Veränderungen erlaubt. Man vergleiche nur in dem zweiten Stücke bei Mechel die Eva unter dem Baum, mit der des Holzschnittes; sie sitzt so elegant da, als wenn sie zu der französischen Familie Boucher's gehörte; so wie der Engel in dem folgenden Stücke sicher auch ein modernes Machwerk seyn mag. Dabei verräth sich an mehrern Orten Mangel an Kenntniß des Costums, gleich als wenn der Abbilder nicht gewußt hätte, wie er es nackt dem Holzschnitte verstehen sollte. 325 Es ist nicht so, wie Coxe Lettres sur la Suisse, trad. de l'angl. Lettr. XL. meinte, daß Hollar auch nach diesen Zeichnungen gearbeitet habe. Seine Kupferstiche sind wesentlich davon verschieden, und stimmen mehr mit der Birckmannischen Edition überein. Auch Mechel, wo er von den Holzschnitten abweicht, ist von Hollar verschieden, sie treffen nur zusammen, wo beide mit den Holzschnitten übereinkommen. Vier Blätter der Ausgabe von 1538 fehlen bei Mechel: 1. Schöpfung. – 5. Gebein aller Menschen. – 40. Jüngst Gericht. – 41. Wappen des Todes. – Dagegen hat er alle nachgebrachten Stücke der spätern Ausgabe, die Kinder ausgenommen. Das Werk schließt mit einem kleinen Todtentanz auf einer Dolchscheide, wo fünf verschiedene Personen in trefflich gezeichneten, künstlich gewandten Stellungen von eben so viel Todtengerippen fortgezogen werden. Die schöne Originalzeichnung davon ist auf der Basler Bibliothek. Hier erkenne man auch im Mechelschen Stiche noch den Holbeinischen Geist, weil der Kupferstecher sich eines bessern Vorbildes zu erfreuen hatte, als bei mehrern vorermeldeten Zeichnungen, von denen Mechel 326 selbst gestehen mußte Handschriftlicher Nachlaß. , daß sie von sehr ungleichem Werth seyen. Daß dieser holzgeschnittene Todtentanz durchaus ein andrer sey, als das alte Mauergemälde von Basel, mit dem er noch jetzt häufig verwechselt wird, ist sattsam erwiesen; und daß er die Ehre des alten Formschnittes sey, bezeugen alle Kunstrichter, die seiner Erwähnung thun, vortrefflich durch Zeichnung und Ausführung, löblich durch Erfindung, und preiswürdig durch einen Ausdruck der Mienen in diesen kleinen Köpfen, daß ihn selbst Chodowiecki nicht wahrer und bestimmter hätte angeben können Dessen Todtentanz zum Lauenburgischen Almanach 1792 diesem an sinnreicher Erfindung nicht beikommt. . Bevor über die zweifelhafte Frage eingetreten werden kann, wer dessen eigentlicher Verfasser, oder vielmehr Formschneider sey, muß vorher ein ähnliches kleines Werk in Betrachtung kommen, dessen Künstler man ausgemittelt zu haben glaubt. 327   Der kleine Todtentanz bei Uncialbuchstaben. Zu Holbeins Zeiten, ehe noch der Kupferstich herrschend geworden, erschienen wenige Bücher, besonders von größerm Formate, ohne Holzschnitte, wenigstens nicht ohne solche bildhafte Anfangsbuchstaben bei jeder Abtheilung. Dergleichen Buchstaben gab es daher eine unzählige Menge von verschiedenen Größen und Vorstellungsarten. Ganze Alphabete von biblischen und heidnischen Geschichten, von Köpfen, Kindern, Thieren, Vögeln und Blumen aller Arten, wurden ausgefertigt, und von den Buchdruckern meist ohne Unterschied, und ohne Rücksicht auf den Inhalt, gebraucht; ja man war dessen so gewohnt, daß die Gelehrten selbst nicht mehr darauf zu achten schienen, so daß man häufig zu Hauptstücken ernsthaften und religiösen Inhalts von spaßhaften, sogar leichtfertigen Vorstellungen eingeführt wird. 328 Unter die besten Stücke dieser Art gehören drei Alphabete, welche von jeher unter die Werke Holbeins gezählt wurden. Eines mit nackten Kindern in den verschiedensten Stellungen; ein andres mit tanzenden und ungezogenen Bauern, welches höchst selten angetroffen wird Schöne Abdrücke dieser beiden Alphabete besitzt Herr Peter Vischer in Basel. ; und dann der sogenannte kleine Todtentanz; alle drei ohne Monogrammen. Die beiden ersten haben acht bis neun, letzterer eilf französische Linien in's Gevierte; sie sind nicht nur mit der kühnen und üppigen Gewandtheit gezeichnet, die den Meister nicht verkennen läßt, sondern auch so ausnehmend fein und deutlich in den engen Raum gearbeitet, daß Einige dafür gehalten haben, sie seyen in Metall und nicht in Holz gegraben Douce, in the dance of death etc. by Hollar. – Fr. von Rumohr, Kunstbl. 1823, No. 31 \&c. – Der rühmlich bekannte Kupferstecher Heinrich Lips, dessen Ansicht aus Erfahrung sprach, war nicht dieser Meinung, sondern hielt sich nach genauer Betrachtung des Todtentanz-Alphabetes für überzeugt, daß dasselbe in Holz geschnitten sey. , welches man auch, gegen die Ansicht Papillons und andrer ausübender Künstler, von dem größern Todtentanz, und selbst von dem stehenden Bildnisse Erasmus, dessen hölzerner Block noch vorhanden ist, wähnte. Man zweifelte nämlich, daß es möglich sey, 329 mit solcher weichen Zartheit das Holz zu behandeln. Zwar haben neuere Formschneider bewiesen, daß noch weit mehr zu leisten möglich sey, und daß man den Holzschnitt dem Kupferstiche nahe bringen könne; ob aber damit diese Kunst zu größerer Vollkommenheit gebracht sey, ist eine andre Frage, denn jede Kunst will ihre Bedingung, ihre eigne Art und Weise haben, über die hinaus man wohl verfeinern, aber die Kunst nicht vorwärts bringen kann. Der Holzschnitt muß seinen bestimmten Charakter der kräftigen Bezeichnung und einfachen, glanzlosen Schraffur haben, und nicht dem ausgeführten Kupferstiche gleich seyn, nicht in fremdes Gebiet hinüber streben wollen, sonst ist nicht einzusehen, warum man nicht lieber in Kupfer stechen sollte, welches bei so gesteigertem Erfordernisse leichter und natürlicher ist. Zu Holbeins Zeiten war dieser xylographische Charakter zu seiner männlichen Reife gelangt, und mehr hätte man nicht fordern sollen. Dieser alphabetische Todtentanz ist von dem größern durchaus verschieden in der Darstellung, ähnlich im Geist der Zeichnung, aber ungleich im Schnitte. Da derselbe auf's Neue zu der Streitfrage über den Formschneider des größern Todtentanzes Anlaß gegeben hat, so fordert er hier um so viel mehr Berücksichtigung. Es findet sich 330 nämlich auf der Bibliothek zu Basel Auch in der K. Kupferstichsammlung zu Dresden. (Kunstblatt, 1825, No. 6.) ein Abdruck dieses ganzen Alphabets auf einem Bogen Papier, unten daran steht in deutschen beweglichen Lettern H Anns Lützelburger formschnider, genannt Franck , und das lateinische H vor den beweglichen Lettern hat ein eignes figurirtes Holzstöckchen. – Aus dieser Unterschrift glaubte man, nicht ohne einige Befugniß, den Schluß machen zu können, Hans Lützelburger sey der geschickte Mann, der das Alphabet geschnitten habe. Diese Entdeckung, die Christian von Mechel zuerst gemacht, gab ihm Anlaß, das , welches sich in dem größern Todtentanz am Fuße des Bettes der Herzogin (nach der alten Bezeichnung) findet, ohne weiters auch auf diesen Hans Lützelburger zu deuten, und den wichtigen Fund dem Herrn von Murr mitzutheilen, der die Deutung sogleich als eine Gewißheit in sein Journal der Kunstgeschichte (XVI, 10.) aufnahm. – Aufmerksam auf einen Namen, der nach dieser Voraussetzung den größten Künstler in seinem Fach bezeichnete, machte man nun auch einen größern Holzschnitt ausfindig, bei dem er anzutreffen ist, worin ein halbnärrisches Gefecht in einem Walde zwischen nackten 331 und bekleideten Männern in Utopia dargestellt wird. Der Stich, obgleich gut und fleißig, reicht aber lange nicht an den größern Todtentanz, und eine Vergleichung mit dem kleinern anzustellen, hält wegen der verschiedenen Größe schwer Das Blatt ist nach Papillons Angabe 5½ Zoll hoch und 11 Zoll breit. . In der Platte selbst zeigt sich ein umgekehrtes Täfelchen demnach zu lesen N.H. . Unten an der Platte aber, nicht unmittelbar dazu gehörig, und ohne alle Verbindung mit derselben, sind Abdrücke von zwei besondern Holzblöckchen; auf dem Einen: HANNS . LEVCZELLBVRGER . FVRMSCHNIDER × 1.5.2.2. Auf dem Andern ein lateinisches vollständiges ABC . – Zu bemerken ist, daß auch diese beiden geschnittenen Blöcke gar nicht zusammen gehören, von verschiedener Arbeit und Einfassung, und offenbar später hinzugedruckt sind. – Wer dieser H N , oder vielmehr N H sey, ist nicht ausgemacht. Hat er blos die Zeichnung geliefert, und Lützelburger sie geschnitten, so läßt sich fragen, warum dieser Letztere, wenn er doch seinen Namen dabei haben wollte, ihn nicht in die Platte selbst eingegraben, sondern auf einem eignen Plättchen hinzugedruckt habe? – Und wozu das nichtssagende 332 Abc auf dem andern Täfelchen? Sollte man nicht dem Zweifel statt geben, ob nicht diese Unterschrift sowohl, als die mit beweglicher Schrift gedruckte unter dem Todtentanz-Alphabet, beide mit dem Namen Lützelburgers, fast eher einer Verlagsanzeige, einem Excudit ähnlich seyen, als dem zuverlässigen Namen des Künstlers selbst. Die Händler jener Zeit nannten sich gerne Formschneider; so wie Mechel selbst, der Urheber dieser Offenbarung, noch öfters seinen Namen zu den Werken gab, die in seinem Verlag von andrer Hand ausgefertigt wurden; er hätte also auch über diesen Punkt weniger schnellglaubig seyn dürfen. Auch die, so es ihm nachsagten, waren zu voreilig. Das ist Alles, was man bis auf den heutigen Tag Bestimmtes von diesem Hans Lützelburger, ungeachtet so bedeutender ihm zugeschriebener Leistungen, weiß. Nirgend sonst erscheint sein Name; in Basel ist weiter nichts von ihm aufzufinden, auch in keinem Tauf- und Bürgerregister daselbst kommt ein Lützelburger vor. Das Wahrscheinliche ist wohl, daß er als wandernder Kunstkrämer, wie es damals solche gab, die bald da, bald dort sich für einige Zeit niederließen, diese Platten an sich gebracht, und damit Handel getrieben habe. Möchte jedoch dem Lützelburger der Ruhm, das 333 Todtentanz-Alphabet geschnitten zu haben, mit Recht gebühren, so folget noch lange nicht daraus, daß das einfache auf dem größern Todtentanz auch ihm zukomme; nirgends ist die Identität des Monogrammes mit dem Namen dargethan. Man glaubte, diesen Schluß blos aus der ähnlichen Art beider Kunstwerke machen zu können, deren Aehnlichkeit jedoch mehr im Styl der Zeichnung; als in der technischen Ausführung zu finden ist. Und wer kann behaupten, daß dieß gerade den Formschneider bedeuten soll; sind nicht einfache Buchstaben ohne Messerchen eben so oft das Monogramm des Zeichners? Auch kommt der Namenszug eines Formschneiders, der zu einem ganzen Werke beigetragen, selten nur auf einem einzigen Blatte zum Vorschein. Wie man nun über die Buchstaben am Bette der Herzogin noch nicht im Klaren ist, so liegt auch noch die Frage, wer diese ganze Folgereihe in Holz geschnitten habe, im Zweifel. Herr von Rumohr hat in neuern Zeiten sich bemüht Kunstblatt 1823. No. 31 \&c. , auch die Ehre des Schnittes wiederum, wie man ehedessen gethan, dem Holbein zuzueignen, und viel Bemerkenswerthes gegen die erhobenen Zweifel dargebracht; besonders hat er die verworrenen und zum Theil 334 falschen Behauptungen Douce's ( the dance of death etc. ) gründlich widerlegt; welches aber hier, um allzugroße Weitläuftigkeit zu vermeiden, übergangen werden muß, und um so viel eher kann, da doch die Frage noch nicht entschieden ist, und man nur noch im Nebel der Wahrscheinlichkeiten, die, wie alle Ungewißheit, ein unendliches Feld bieten, auf einander stößt. In der Dedication der ersten Lyoner Ausgabe, wird in geschraubten Worten bedauert, daß der Tod den Künstler selbst, der diese zierlichen Figuren erdacht ( imaginé ), die alle bisherigen übertreffen ( avançantes toutes les patronées jusqu'icy ), hinweggeholt habe, so daß er nicht mehr im Stande gewesen, mehrere andre schon angefangene ( jà par luy trassées ) zu vollenden, und jetzt niemand sich die letzte Hand daran zu legen getraue ( par les audacieux traictz, perspectives et umbraiges en ce cdef d'oeuvre comprises ). – Da dieses schon 1538 geschrieben worden, Holbein aber erst 1554 gestorben, so hat man auf dieses hin demselben sogar auch die Ehre der Erfindung absprechen wollen Douce in the dance of death etc. by Hollar. . Wogegen Ottley Hist. of Engraving. Chap. VIII. umständlich und nicht ohne Wahrscheinlichkeit darzuthun sucht, 335 daß unter diesem Verstorbenen niemand als der Formschneider, der früher schon unter Holbeins Direction in Basel gearbeitet, gemeint seyn könne, indem der Schreiber der Dedication nicht gut unterrichtet gewesen sey, und die beiden Künstler für Eine und ebendieselbe Person genommen habe, wobei er dann auch seinen gezierten Witz desto schöner habe anbringen können. – Nach damaligen Zeitverhältnissen, wo literarische und artistische Mittheilungen weniger leicht waren, konnte so eine Verwechslung wohl statt finden; dergleichen Kunstgegenstände gingen von einer Hand in die andre; Holbein war jetzt in England, und wollte vielleicht nichts mehr mit der Sache zu thun haben, konnte deshalb auch für todt angesehen werden. Nimmt man noch dazu, daß Nikolaus Borbonius, ein Freund Holbeins, und zu gleicher Zeit mit ihm in England, des Todtentanzes in einem Epigramm erwähnt: de Morte picta, a Hanso Pictore nobili Nugae poëticae. Basil. 1540. – Warton ( Observations on Spenser, II. 117. ) führt (nach Fiorillo's Gesch. der Mal. in Deutschl. II. 399. \&c.) noch einige lateinische Verse von N. Bourbon an:         Videre qui vult Parrhasium cum Zeuxide         Accessat e Britannia         Hansum Ulbium et Georgium Riperdium         Lugduno ab urbe Galliae. (Nugae, libr. III.) und soll dadurch auf den Einfall gekommen seyn, dieser Riperdius , von dem man weiter nichts weiß, sey der Formschneider des Todtentanzes. . und daß 336 die Sage von jeher das Werk dem Holbein zuschrieb wenn man überdieß den Zeichnungen, die Mechel hat stechen lassen, die wenigstens theilweise bestimmt Originale sind, ihr historisches Zeugniß nicht verwerfen kann, so wird man ohne Unbill die geistreiche Erfindung und meisterhafte Zeichnung des größern und kleinern Todtentanzes dem Holbein nicht wohl absprechen können, sollte man auch dem Zweifel über die vollendende Ausführung in Holz nicht ganz abwehren können. So wie das größere ist auch das kleinere Todesmemento mehrmals nachgeschnitten worden; am besten kömmt dieser Nachschnitt in den von Christoph Froschauer in Zürich gedruckten Büchern als Anfangsbuchstaben vor. Es sind auch daraus viele Verwechselungen entstanden, und Mancher meinte, und meint noch, er besitze diese Initialen im Originale, die nur Froschauerische oder anderweitige Copien sind. Hier darf auch ein vermeintlicher Beitrag zu Holbeins Kunstgeschichte, der sich in dem mehrmals erwähnten kleinen Werke: the dance of death, painted by Holbein, engraved by Hollar , findet, nicht übergangen 337 werden. Der Herausgeber bemerkt: »es sey allen Biographen Holbeins entgangen, daß er einen Todtentanz in Fresco in dem Pallaste zu Whitehall, der 1697 vom Feuer verzehrt worden, gemahlt habe. Er beruft sich auf ein Buch Imagines mortis, or the Death-dance of Hans Holbeyn, Painter of King Henry VIII mit neunzehn sehr mittelmäßigen ( very indifferent ) nach den Holzschnitten geätzten Blättern von einem gewissen Nieuhoff; das Werkchen sey zwar nie in den Buchhandel gekommen, sondern nur des Verfassers Freunden mitgetheilt worden, mit handschriftlichen holländischen Dedicationen, in welchen der Verfasser berichte, Holbein habe den Todtentanz, welchen er in Holz geschnitten, vorher in lebensgroßen Figuren auf die Mauern zu Whitehall gemalt. Dieß sey zur Zeit Willhelms III., zwar nach dem Brande des Pallastes geschrieben worden, habe aber dem Schreiber noch wohl bekannt seyn können, übrigens finde man sonst nirgends Nachricht von diesem Nieuhoff.«. – Das wäre allerdings eine bedeutende Entdeckung, wenn man ihr einigen Glauben beimessen könnte. Allein weder van Mander, noch Sandrart, noch Patin, die alle in England gewesen, und Whitehall noch gesehen haben, melden ein Wort von diesem gemalten Todtentanz, auch Vertue nicht, und 338 Niemand, als dieser unbedeutende und unbekannte holländische Kupferstecher Neuhof, und blos in handschriftlicher Mittheilung. – Es wäre auch hier dieser Fabel keine Meldung geschehen, hätte nicht Douce ein unverdientes Gewicht darauf gelegt, und fänden seine oberflächlichen Kunstforschungen nicht unverdienten Glauben bei Englischen und andern Compilatoren. Diese Warnung vor unbegründeten Nachrichten möge für hundert Andre gehen; denn es würde ein eignes Buch erfordert, alles Halbwahre und Falsche und Irreleitende, was über den Todtentanz, und seinen Urheber überhaupt, geschrieben worden, anzuführen und zu widerlegen. 339   Die Holzschnitte zum Alten Testamente; der Cranmersche Katechismus, und anderes. Weniger gekannt und gepriesen, obgleich theilweise nicht weniger verdienstlich, als der Todtentanz, sind die Historiarum Veteris Testamenti Icones , die, in ein Bändchen gesammelt, zuerst von den Gebrüdern Melchior und Gaspar Trechsel ( sub scuto coloniensi ) in Lyon, 1538, herausgegeben wurden, zu gleicher Zeit also mit dem Todtentanz, da dessen vermeinte Edition von 1530 noch niemand gesehen hat. – Diese Lyoner Ausgabe findet sich in dem Königlichen Kupferstichkabinette zu Dresden, wie auch auf der öffentlichen Bibliothek zu Basel, und ist vermuthlich dieselbe, welcher Papillon das Jahr 1539 angibt. Sie enthält nur neunzig Bilder, von denen die vier ersten die nämlichen Vorstellungen von Adam und Eva sind, die auch zum Todtentanz gebraucht worden. 340 Eine spätere Ausgabe ist von 1543, auch Lugduni (sub scuto coloniensi) , aber jetzt apud Joannem et Francicsum Frellonios, fratres . Diese hat vier und neunzig Bilder, wovon jedoch wenigstens zwei, Joel und Zacharias, offenbar von andrer roher Hand geschnitten seyn müssen. Dieser Ausgabe entspricht auch die von 1547, Lugd. apud Jo. Frellonium , an Zahl und Beschaffenheit der Blätter Die Ausgaben von 1543 und 1547 besitzt der Verfasser. . – Alle diese Bilder, die vier ersten ausgenommen, haben die Höhe von zwei Zoll, drei Linien, und drei Zoll, drei Linien Breite; sind in Geist und Charakter der Zeichnung dem Todtentanz ähnlich, aber sehr verschieden in der xylographischen Ausführung; man findet nicht die feinen engen Striche und Punkte, in denen Papillon die unerreichbare Kunst sieht, nicht den sich überall gleich bleibenden Fleiß, indem die Behandlung viel freier und flüchtiger, aber nicht minder geistreich ist. Die Art des Schnittes ist nicht bei allen Blättern die gleiche; einige, worunter sehr gefällige, zeigen länglich laufende Striche, andre gerundete, kürzere, je nach der Laune des Zeichners, oder Flüchtigkeit des Stechers; beinahe aber sollte man glauben, daß mehr als ein Formschneider daran Theil gehabt habe. 341 Voran der Sammlung geht ein lateinisches Carmen, und ein griechisches Epigramm von Nicolaus Borbonius, voll überschwänglichen Lobes auf Hans Holbein und auf diese biblischen Vorstellungen Ille artis gloria prima suae. – Icones hae sacrae tanti sunt (optime lector) Artificis, dignum quod venereris opus.         Das sind noch die lauesten Ausdrücke dieses feurigen Lobes. , die er ein Holbeinisches Werk ( opus Holbinae manus ) nennt, so daß man, nach diesem Zeugnisse des gleichzeitigen Freundes, beides, Zeichnung und Schnitt für die Arbeit Holbeins halten dürfte. Jedes Bild hat eine kurze lateinische Erklärung oben, und unterhalb vier französische Verse, die in den verschiedenen Ausgaben etwas verändert sind. Ein wunderschönes Exemplar, mit Abdrücken nur auf Einer Seite des Blattes, ist auf der Basler Bibliothek, wo alle Abdrücke von der reinsten Bestimmtheit und Sauberkeit sind, und auch das technische Verfahren im schönsten Lichte erscheint. Es ist kein Titel bei diesem Abdruck, er war demnach noch kein buchhändlerischer Verlag. Die vier ersten aus dem Todtentanz genommenen Vorstellungen fehlen, hingegen ist statt derselben ein einzelnes Blatt eingerückt, Adam und Eva unterm Baum, in Format und 342 Schnitt gleich den übrigen. Noch fehlen auch vier bis fünf andre Stücke, und da diese fehlenden gerade die schwächsten aus der spätern Folge sind, so mögen sie mit Recht für unzulässig gelten. Papillon zeichnet siebenzehen dieser Vorstellungen aus, die er lobpreist; van Mander hat wiederum andre ausgezeichnet; somit kann man annehmen, daß die wenigsten unerheblich seyen. Van Mander bemerkt, daß dieselben in verschiedenen Bibeln, abgedruckt und nachgestochen vorkommen Sie erschienen in: Biblia utriusque Testamenti juxta vulgatam translationem, Fol. Lugduni apud Hugonem a Porta, MDXXXVIII. . – Höchst wahrscheinlich sind sie ein älteres Werk Holbeins, und müssen schon früher bekannt gewesen seyn, als der Todtentanz, indem schon die bei Christoff Froschauer 1531 in Zürich gedruckte deutsche Bibel in Folio unter den vielen Holzschnitten, womit sie geziert ist, auch Copien fast aller dieser Holbeinischen Bilder hat, die sich trefflich vor den andern Stücken in dem Bibelwerke auszeichnen, freilich keine Vergleichung mit der geistigen Leichtigkeit der Originale aushalten, jedoch von einem mechanisch geschickten Formschneider zeugen, so daß, wenn Jene nicht vorhanden wären, man diese Nachahmungen 343 vielleicht dafür genommen hätte Hiedurch werden die Vermuthungen des Herrn von Rumohr (Kunstbl. 1823, No. 31. \&c.), der diese biblischen Icones für beträchtlich jünger, als den Todtentanz hält, widerlegt. . – Diese Bibel hat, so wie auch ihre folgenden Auflagen, und noch andre Froschauersche Werke, mehrere große Anfangsbuchstaben mit biblischen Gegenständen, die theils wirklich nach Holbein geschnitten sind, theils seinen Charakter tragen, und einen geübten Formschneider verrathen; man schreibt sie, nach Christs und Papillons Ausspruche, dem Sigmund Holbein zu. Wenn dem so ist, so könnte sein Neffe Hans ihm wohl die Zeichnungen dazu geliefert haben. Es sind auch diese alttestamentlichen Bilder, gleichfalls nicht übel nachgemacht, in eine Sammlung biblischer Holzschnitte aufgenommen, die unter dem Titel: Biblische Historien, künstlich fürgemalet, zu Frankfurt bei Herrmann Gülfferich, 1551, in Octav herausgekommen ist. Rost (Handbuch I. 189.) schreibt sie dem Hans Brosamer zu. – Ohne Zweifel erschienen sie auch an andern Orten, denn ärger, als die Nachdrucker jetziger Zeit mit Büchern, trieben damals und später die Buchhändler einen verderblichen Kram mit Holzschnitten. Hatten solche, größern Werken eingerückt, Beifall gefunden, so wurden sie noch 344 in besondere Sammlung abgedruckt, und mit einzelnen Versen begleitet. Ein Unternehmer kaufte die Holzblöcke dem andern ab, und ließ, wenn er des Formschneiders habhaft werden konnte, mehrere dazu schneiden, fügte dann noch andre bei, die er schon besessen, oder an sich zu bringen gewußt hatte, und gab sie so zusammen heraus, oder rückte sie einzeln, oft sehr unpassend, neuen Büchern ein. Hinwieder ließen andre, was gut war, wiederholt, kleiner und größer, gut und schlecht copiren, und machten daraus einen noch vielfältigern Gewerb, als er mit den Urbildern getrieben wurde. So geschah es, daß Bilder aus der Bibel, besonders aus der Leidensgeschichte und der Offenbarung, auch weltliche Gegenstände, Vignetten und Randleisten, die sich zu Büchertiteln zusammensetzen ließen, Anfangsbuchstaben und dergleichen, in unzähligen Weisen nachgemacht und zu Fratzenbildern entstellt wurden. Auch Holbeins Meisterstücke mußten sich dieß gefallen lassen. Von seinem ältesten Holzschnitte, dem schon angeführten Titelblatte zu Frobenischen Flugschriften von 1516, mit dem Namen Hans Holb. und von andern ähnlichen frühen Producten, die das Monogramm H.H. tragen; von diesen an, die der Kunst eben keine Ehre machen, bis in seine spätern Zeiten, finden sich noch manche einzelne 345 Stücke von guter Zeichnung, die für seine Arbeit gehalten werden, die auch als Holzschnitte nicht ohne Verdienst sind: Buchdruckerzeichen, Randverzierungen, Dolchscheiden Beschrieben im Kunstblatt 1823, No. 32. , Hercules gallicus, Bild des Hoflebens, Weg des menschlichen Lebens (eine Art Cebetischer Tafel, so häufig copirt worden), das doppelte Titelblatt zu dem Stadtrechte der Stadt Freyburg im Breisgau von 1519, und anderes mehr. Vorzügliches dieser Art hat auch die im Jahre 1522 bei Adam Petri in Basel herausgekommene deutsche Uebersetzung des Neuen Testaments, in Fol. Ochs (Gesch. der Stadt Basel. V. 442.) gedenkt ihrer und des Titelblattes von Holbein. , wo das Titelblatt mit den zwei Aposteln Petrus und Paulus, so auch die kleinern Blätter zu Anfang der Evangelien und Episteln, in eben der Manier und nicht viel geringer gearbeitet sind, als der Erasmus mit dem Terminus. Noch ein berühmtes Werk mit Holbeinischen Holzschnitten, aber so selten, daß man davon fast nur, wie von dem Mann im Monde spricht, ist der Cranmerische Katechismus: Set foorthe by the moost reverend father in God, Thomas Arch-Bishop of Canterburie. Gualterus Lynne 346 excudebat 1548. 8. Das Buch soll sich weder in der Königlichen Bibliothek, noch in dem Britischen Museum, noch in der Bodleianischen Sammlung in Oxford finden Nach schriftlicher Versicherung Herrn Carlisle's, Königl. Bibliothekars, dessen Bericht zufolge es auch noch spätere, eben so seltene Editionen geben soll. . Aber nach Dibdin's Beschreibung Typographical antiquities. IV. 231. – Auch Fiorillo läßt vermuthen (Mal. in Deutschland. II. 398.), er habe das Original gesehen. »Diese Holzschnitte, sagt er, sind einfach, aber sehr zart, und man entdeckt gleich die geübte Hand des Meisters. Auf dem Holzschnitte zu S. 217. hat sich Holbein in ganzer Figur abgebildet, und an zwei Orten kommen die Buchstaben I. H. vor.« hat die niedliche Titeleinfassung oben das Bild des Sieges, und auf beiden Seiten die Bilder der Gerechtigkeit und der Klugheit, unten das königliche Wappen; auf der Rückseite sieht man einen saubern Holzschnitt von König Eduard auf seinem Thron, der in der Rechten ein Schwert hält, mit der Linken die Bibel dem Erzbischof und Gefolge übergibt. Das Buch ist nicht in Frag' und Antwort geschrieben, sondern enthält kurze Vermahnungen über einige Hauptlehren des Christenthums. Vor jedem Abschnitt steht ein hübscher Holzschnitt von Holbein u. s. w. – H. Walpole spricht auch sehr unsicher, und wie von bloßem Hörensagen darüber; einer der Holzschnitte, bemerkt 347 er, habe Holbeins Namen. So viel oder so wenig sagt auch Douce The dance of death etc. by Hollar. , rühmt die Erfindung, findet aber die Ausführung weit unter dem Todtentanz; den Holzschnitten gibt er das Zeichen H. H. Walpole Catalogue of Engravers etc. pag. 8. gedenkt auch eines andern beträchtlichen und seltenen Werkes, das um die Mitte des XVI Jahrhunderts bei John Rastell herausgekommen, betitelt: Zeitvertreib des Volks ( Pastyme of the people ), oder: Rastell's Chronik. Es soll von großem Format und mit vielen Holzschnitten geziert seyn, wovon achtzehn in Groß-Folio die Könige von England vorstellen, so gut gezeichnet und kräftig ausgeführt, daß man es für ein Kunstwerk Holbeins halte; woran aber Walpole zweifelt, ohne zu sagen warum. Im St. Johannes-Collegium zu Cambridge wird Heinrichs VIII. Bibel, in Pergament gedruckt, aufbewahrt, mit den zierlich illuminirten Holzschnitten Holbeins, und den Bildnissen Heinrichs, Cromwells und Andrer. Wenn diese Ausmalung, wie es wohl seyn könnte, eine Arbeit Holbeins ist, so muß man bedauern, 348 daß Walpole, der dies anführt, nicht mehr davon meldet Anecd. of painting, I. 155.     Nach Fiorillo (Mal. in Deutschl. II. 402.) hat ein Engländer die Werke aufgezählt, in welchen man Holzschnitte von Holbein findet: Works ornamented from designs of Hans Holbein etc. in Gentl. Magazine, 1813. T. LXXXIII. . Man hat Holbein sogar einen Schüler in dieser Kunst gegeben, und ihn Alexius Pirnbaum genannt. Dieß ist ein Irrthum, der von Prof. Christ herrührt, der in seiner Auslegung der Monogramme ein verschlungenes A und P , das er auf Titelblättern alter Basler Bücher gesehen, auf diesen Namen deutete, indem er die Holzschnitte so »fein und künstlich« fand, daß sie, seiner Meinung nach, entweder von Holbein selbst, oder von einem, der sein Schüler oder Meister gewesen, herrühren müssen. Diese Vermuthung, der auch Papillon als einer Gewißheit beitrat, pflanzte sich fort, und ging stereotypisch in die Kunstgeschichte über. Allein das vermeintliche Monogramm des Künstlers ist nichts anders, als der Namenszug Adam Petri's, eines Baslerischen Buchdruckers, und die Holzschnitte gehören zu den bessern, welche man gewöhnlich Holbein zuzählte; wer sie geschnitten habe, das 349 ist die alte unerörterte Frage. Jener Alexius Pirnbaum war, nach dem Zeugnisse J. Hellers Geschichte der Holzschneidekunst. S. 107. , der es wissen kann, weiter nichts, als ein geschickter Schreiber zu Nürnberg und Kirchner bei St. Lorenzen daselbst. 350   Kunsturtheile über Holbein. Zu einer Biographie wird in der Regel eine Charakterschilderung erfordert, wenn auch der Charakter sich schon klar genug aus dem beschriebenen Leben und Streben ergibt, ja darin wahrer und eigenthümlicher erscheint, als im abgezogenen, künstlich ausgesprochenen Urtheile, das man Charakteristik nennt; denn eben in solcher unbedingten Entscheidung besteht die Schwierigkeit, ja das Unmögliche. Vollgültige Aehnlichkeit bringt nicht einmal ein Bildnißmaler heraus, und wenn hunderte dasselbe Gesicht malen, hat jedes seine besondern Züge und Farben; was aber bei blos äußerlichen Merkmalen nicht einmal erhältlich ist, wie viel schwieriger muß es seyn, wenn die ganze Geistessumme soll in die Schranken willkührlicher Ansicht gebannt werden, einer Ansicht, die uns oft mehr das Gepräge des Absprechenden als des Besprochenen zu erkennen 351 gibt. Das gilt vom Kunst- wie vom Weltleben; der individuelle Geist läßt sich nicht so leicht in eine Wortformel zwingen, je größer er ist, desto weniger. Man mag die Schranken noch so scharfsinnig abstecken, er schwingt sich darüber hinaus, oder bleibt unsichtbar in der Begrenzung; immer wird man sie zu enge oder zu weit finden. Manche mögen sich einbilden, einen Charakter zusammenstricken zu können, wie die Frauen einen Strumpf, aber was kommt dabei heraus? ein Geflechte von Eigenschaften, das den Selbstforscher niemals befriedigt, und nur dem nachsprechenden Dilettanten genügt. Die Alten waren damit behutsamer. Statt eines solchen Charakterbildes möge hier lieber eine kleine Wolke von Zeugnissen Andrer vorüberschweben, die wenigstens da, wo sie übereinstimmen, recht haben mögen, und wo sie abweichen, zu vergleichender Berichtigung Anlaß geben können. Carl van Mander, Schilder-Boek. 1618. »Dieser vortreffliche Holbein, als ein Mann, der sich überall zu helfen wußte, mahlte in Oehl und Wasserfarben und Miniatur, in allem gleich meisterhaft. Er hatte in allen seinen Werken eine Behandlung und 352 sichere Festigkeit in der Anordnung, Zeichnung und Ausführung, viel anders als andre Mahler. So schilderte er Bart und Haare vollkommen nach ihrer Wirklichkeit, wußte ihnen Schatten zu geben, und mahlte darüber bis zur Täuschung wieder einzelne Härchen, mit großem Fleiße, und dennoch leicht und fließend wie in der Natur. Aehnliche Verfahrungsweisen und Vortheile wußte er auch in vielen andern Sachen mit großem Wohlstand anzubringen.« Eygenwissentliche \&c. Contrafaytungen der röm. Bäpst, erstlich in Latein von Bernhard Jobin, nochmals durch J. Fischaert teutsch beschrieben. 1573. »So kann ich nicht ohne rühmliche Meldung gedenken des recht kunstsinnigen Johan Holbein Burgern zu Basel; mir wohl bekannt. Sintemal er beynah allein unter andern vielen die beständige wahre Geschicklichkeit und Art des rechten Mahlens durch seine offenbare Monument erhalten, und sich der fremden welschen Art zu mahlen entschlagen. – Er wurde wegen seines großen Namens, so er im Gemäl bekommen, von König. Maj. in England ehrlich berufen, da er auch seiner erwiesenen Kunst halber hochgehalten, mit Tod ist verschieden.« 353 Joachim von Sandrart, deutsche Akademie. 1675. »Holbein ist noch in seinen Lebzeiten in so hohem Werth gewesen, daß die fürnehmsten Italiener keinen Scheu getragen, aus seinen Inventionen viel in ihre Werke zu bringen, sonderlich M. A. Caravaggio, als da Mattheus von dem Zoll durch Christum berufen wird; auch den Spieler, der das Geld vom Tisch abstreicht, und anders mehr. So erinnere ich mich, daß als Anno 1627 der hochberühmte Paul Rubens nach Utrecht den Hunthorst zu besuchen kommen, und ich ihn auf Amsterdam begleitet, auch unterwegs im Schiff in dem Büchlein Holbeins über den gezeichneten Todtentanz speculirt, Rubens selbigen sehr hoch gelobt, mit Vermelden, ich als ein Jüngling sollte es mir wohl befohlen seyn lassen, denn er selbst habe dieses in der Jugend nachgezeichnet.« De Piles, Cours de Peinture. Paris. 1708. In der Kunstwage, die de Piles aufgestellt hat, wo er das größte, unerreichte Gewicht der Vollkommenheit auf zwanzig Grade setzt, schreibt er dem Holbein in der 354 Composition neun, in der Zeichnung zehen, im Colorit sechszehen, und im Ausdruck dreizehen Grade zu. Unter sieben und funfzig der größten Künstler läßt er ihm nur sieben im Colorit, und im Ausdruck nur neune vorangehen. Wenn man nun die Resultate dieser Gewichte vergleicht, so kommen im Ganzen nur dreizehen große Maler über Holbein zu stehen. Da aber diese Vergleichung seltsame Ergebnisse erzeugt, so daß zusammengenommen Rubens gerade so viel zieht, als Raphael; Lebrün mehr, als Tizian und Correggio; so sieht man, daß dieß Spiel zu keiner wahren Werthbestimmung führt. Eigenschaften des Geistes lassen sich nicht behandeln und gegen einander abwägen, wie Waaren. – Doch auch de Piles selbst spricht mit bescheidenem Zweifel von seinem Kunstbarometer. Johann Winkelmann, Geschichte der Kunst. 1764. »Holbein und Albr. Dürer haben ein erstaunendes Talent in der Kunst gezeigt, und würden, wenn sie, wie Raphael, Correggio, Tizian, aus den Werken der Alten hätten lernen können, eben so groß wie diese geworden seyn, ja diese vielleicht übertroffen haben.« 355 Serie degli uomini i piu illustri nella pittura etc. Firenze, 1783. » Holbein fu ammirabile per la facilità - poichè soleva, per non incommodare per lungo tempo i Personaggi grandi, delineare il loro volti colla sola matita rossa e nera, e riuscivagli poi di esprimerli con i colori senza che essi fossero presenti, con somma vivezza et somiglianza, riservandosi solo in fine a dargli gli ultimi tocchi dal vero. « Aus Christian von Mechels handschriftlichem Nachlaß. » Un des principaux caracteres qu'on observe surtout dans ses dessins, c'est une gaiete franche, une sorte d'abandon, qui les rend souvent très piquants, mais qui tombe aussi très souvent dans l'ignoble. « » On remarque plus de force, plus de noblesse et beaucoup moins d'inegalités dans les ouvrages qu'il a faits en Angleterre, que dans ceux qui sont anterieurs a cette epoque Herr von Rumohr hingegen bemerkt (Kunstblatt 1823. No. 32.), daß Holbein in spätern Jahren im Malen seine Manier aus dem Emsigen und Genauen nach und nach in's Breite und Lässige umgewandelt habe. «. 356 Ebendaselbst, aus einem französischen Eloge. » Holbein se fraya une route nouvelle, et se forma une maniere toute particuliere, qui fit toujours l'admiration des connaisseurs; un colorit vif, naturel et harmonieux; une fraicheur qui semble braver l'injure des siecles; un fini precieux qui presente dans les plus grands details toutes les beautés de la nature, sans faire tort a l'effet, qui est aussi beau qu'on puisse l'imaginer, des touches en même tems douces et hardies, des chairs ou le sang parait circuler; un dessin elegant et correct, des raccourcis bien traités, des attitudes vraies tirées de la nature du sujet; des expressions qui font lire dans chaque figure l'état actuel de l'ame, et le degré de passion qui anime chaque personnage; des accessoirs travaillés avec assez de soin pour être des parties précieuses des ses tableaux, et avec assez d'art pour ne pas interrompre l'attention due aux objets principaux. Telles sont les qualités qui l'ont placé a coté des plus grands peintres. « – Was will man mehr? 357 Anecdotes of painting in England etc. published by Mr. Horact Walpole. 1786. » Holbein was equal to dignified character (nicht blos für gemeine Naturen). He would express the piercing genius of More, or the grace of Ann Boleyn. - Great energy of expression. - He smoothed the stiffness of his manner by a velvet softness and lustre of colouring. « » He painted equally well in oil, watercolours and in fresco, and although he had never practised the art of painting in miniature, till he resided in England, yet he afterwards carriedit to its highest perfection; his miniatures have all the strength of oil colours joined to the most finished delicacy. « » The invention of Holbein was surprisingly fruitfull and often poetical, his execution was remarquably quick, and his application indefatigable. His pencil was exceedingly delicat; his colouring had a wonderfull degree of force; he finished his pictures with exquisite neatness, and his carnations were life itself. He excelled all his contemporaries in portrait, and his genuine 358 works are allways distinguishable by the true, round, lively imitation of flesh visible in them, and also by the amazing delicacy of his finishing. « J. C. Lavaters Handbibliothek. 1791. »Es ist überhaupt ein Charakter, und wahrlich kein geringer, dieses unvergleichlichen Meisters, in alle seine Gemählde, Zeichnungen, Skizzen, eine Gleichheit, Harmonie und Einheit zu bringen, die sich dem Wahrheits- und Intuitionssinn, dem Grundsinne der menschlichen Natur, gleich als Wahrheit und Harmonie mit sich selbst empfiehlt.« J. G. Forsters Ansichten vom Niederrhein. »Von Holbein sah ich hier ( Christchurch-college in Oxford) ein paar schöne Köpfe, wie denn überhaupt seine besten Arbeiten in England anzutreffen sind (?). Es ist in diesen weniger Härte, als ich ihm sonst zugetraut hätte Voreiliges Zutrauen! , und eine unübertreffliche Treue. Kein 359 Strich, kein Zug ist vergessen, aber von dem Seinen ist nichts hinzugekommen; denn was der Künstler hinzuthun soll, Genie in der Darstellung und Idealisirung, das hatte er nicht Aber in der Individualisirung! Ist die unvergleichliche Gabe, die Holbein besaß, die feinen, bedeutenden Züge eines Gesichtes aufzufassen, und »mit unübertrefflicher Treue,« mit den reinsten Farben, sprechend wie die Natur darzustellen, nichts von dem Seinigen, kein Genie? – Mancherlei Verstand mag Georg Forstern zu Theil geworden seyn, nur nicht der Kunstverstand. Wie verächtlich spricht er nicht blos vorher von Annibal Caracci! Raphaels Cartons sind ihm zuwider! (III. 92.) ; Fleiß und Anstrengung sind unverkennbar.« Handbuch für Kunstliebhaber, nach Huber von Rost. 1796. »Er wünschte sich selbst übertreffen zu können, und in diesen Gesinnungen ward er das Wunder seiner Zeit. In seine Porträte wußte er Geist und Leben, und in seine historische Darstellungen den erhabensten Ausdruck zu bringen. Sein Colorit ist lebhaft, sein Vortrag geistreich, seine Ausführung meisterhaft und schön beendigt, und seine Figuren sind bis zum Täuschen herausgearbeitet Ein gleiches, großen Theils richtiges Urtheil gibt auch J. C. Füßli in seiner Geschichte der Schweizermaler. – Beide werden hier nur angeführt, um die Erinnerung anzubringen, daß man sich auf ihre historischen Angaben nicht verlassen soll. Beide schreiben Holbein noch den alten Baslertod, und Anderes, das er nie gemalt hat, zu, und sind voll compilatorischer Irrthümer, besonders Huber, wo er von den Holzschnitten redet. .« 360 Lectures on painting, by H. Fuseli. 1801. » The scrupulous precision, the high finish, and the tizianesque colour of Hans Holbein would make the least part of his excellence, if his right to that series of emblematic groups, known under the name of Holbein's Dance of Death, had not, of late, been too successfully disputed Den alten Basler Todtentanz konnte Füßli damit nicht meinen, wie das Allgemeine Künstlerlexikon glaubt, sondern das Gesagte hat Bezug auf den Todtentanz in Holzschnitten, dessen Holbeinische Echtheit damals Douce und andre Engländer bezweifelt hatten. Er spricht ja gleich darauf von Invention, als einer Charakteristik der Schweizer, und diese war es, die er hier noch über Holbeins tizianisches Colorit setzen zu müssen glaubte. .« Europa, herausgegeben von Fr. Schlegel. 1803. »Gar nicht blos auf den reizenden oder imposanten Effect geht Holbein zu Werke; er geht im Porträt auf die treueste, tiefste Wahrheit und Objectivität aus; daher meistens die Stellung ganz gerade und einfältig, der 361 Hintergrund nur eine dunkelgrüne Fläche, alles auch in der Tracht auf's fleißigste und genaueste ausgeführt. Man kann es nicht läugnen, soll das Porträt eine abgesonderte Gattung seyn, so dürfte wohl dieß die einzig richtige Methode seyn, denn wodurch kann die Kunst in der einzelnen Darstellung eines Individuums sich noch als Kunst bewähren, außer durch die strengste Objectivität, wo der Charakter recht in seiner Beschränktheit concentrirt, und gleichsam fest eingeschlossen erscheint, wie es auch bei Holbein der Fall ist?« »Stellung, Hand und Kleidung pflegen beim Holbein jedes wiederum den Charakter des Gesichts auszusprechen, wodurch denn die Eigenheiten desselben, oft beinahe zur Caricatur, deutlich und objectiv werden.« »Holbeins Farbe ist gleichsam nur der Abdruck seiner eignen Kraft und Männlichkeit, ein einfacher, reiner Accord von dunkelm Schwarz, brennendem Roth, oder kräftigem Gelbbraun, der in dem unvergleichlichen Bilde zu Dresden am deutlichsten herauskommt, der Tendenz nach aber sich überall zu erkennen gibt.« »Die Madonna zu Dresden, wo Demuth so schön mit Göttlichkeit verbunden ist, muß ich darum weit wahrer finden, als die Madonna von Raphael ebendaselbst, die zwar göttlich blickt und gestaltet ist, aber 362 mit einer zu allgemeinen Göttlichkeit, so daß auch wohl eine Juno oder selbst eine Diana so seyn könnte.« »Holbein hat sich dem Johann von Eyck nachgebildet.« »In Holbein beschließt die deutsche Kunst ihre Entwicklung mit einer bis zur äußern Glätte und Weichheit vollendet ausgebildeten Genauigkeit und Richtigkeit.« Christian Mannlich, Beschreibung der Churpfalz – Bayerischen Gemäldesammlung. 1805. »Holbein der Sohn war ein genauer Nachahmer der Natur; seine Färbung ist wahr, oft kräftig. Seine Zeichnung so wie seine Composition naiv, natürlich, ungezwungen, und seine Ausarbeitung, obgleich sehr fleißig, ist nicht so trocken und schneidend, als es zu seiner Zeit gewöhnlich war. – Seine Zeichnungen mit roth und schwarzer Kreide sind in Wahrheit, Richtigkeit und naiver Nachahmung der Natur von großem Werthe.« H. Heinrich Füßli, allgemeines Künstlerlexikon. 1808. »Seine Erfindungen in historischen Zusammensetzungen waren nicht selten groß, gelehrt, und bisweilen 363 echt poetisch. Das Ideal, welches er sich schuf, war freylich nicht Raphaels seines, nicht aus den Antiken, aber aus dem Schönsten geschöpft, was die Natur um ihn her darbot, und sein großer Geist zu veredeln wußte. In richtiger Zeichnung durfte er nur wenigen, in der Wahrheit des Ausdrucks und des Colorits, so wie überhaupt in allem, was meisterhafte und völlige Beendigung heißt, keinem seiner Zeitgenossen weichen. – Ihm fehlte bei seinem feinen, weichen und markichten Pinsel nichts als gelindere Umrisse, und bei seiner Kraft, die Natur aufzufassen, nur noch etwas mehr Sinn für das Ideal des Charakters. – Milizia nennt ihn den Einführer einer bessern Baukunst in England, und bemerkt von dem Porticus zu Wilton: der Geschmack daran sey zwar reiner, als derjenige vieler seiner Nachfolger, aber doch immer eine Bastardgattung zwischen dem Gothischen und Griechischen; Ornamente und Ebenmaß daran aber wären graziös und wohlgewählt.« Göthe, zur Farbenlehre. 1810. »Holbein ahmte die Farben der Naturgegenstände sehr treu nach. Er ist zarter in den Tinten, als Dürer, 364 weiß den Pinsel gewandter zu führen, und die Bestimmtheit artet selten bei ihm in Härte aus.« Mittheilung eines Kunstfreundes. 1813. »Holbeins Manier war feste und richtige Zeichnung – nicht große Partien, nicht frappante Beleuchtung. Er verbindet Treue mit Freiheit, Correctheit mit Kraft. Seine Ausführung ist zart und fein; sein Colorit wahr, weich und lauter, nur unterordnete er oft die Nebensachen nicht genug. Die Umrisse seiner Figuren sind zuweilen hart, welches er, so wie den Fleiß der Ausführung und die Haltbarkeit der Farben mit den besten deutschen Malern gemein hatte. »Weniger flach als Cranach und besser in der Zeichnung. – Er wußte den Charakter eines Gesichts besser aufzufassen, als Dürer. »In schönen Gesichtsbildungen ohne eckigte Umrisse und borstiges Haar, wo auch die Kleidung in sanften Falten und harmonischen Farben dahinfloß, wo also die Natur selbst schon für den Geschmack gesorgt hatte, war Holbein den größten Porträtmalern an die Seite zu setzen. Nicht Genie, aber der idealische Geschmack fehlte ihm. 365 »Ein Charakter von Ueppigkeit und froher Lebenslust ist in seinen Werken, besonders in seinen Zeichnungen sichtbar. Seine Figuren sind breit, wohlgenährt, sinnlich, und haben nichts von der altdeutschen Frömmigkeit.« Schorn, Kunstblatt 1820. »Das Eigenthümliche aller dieser Bildnisse besteht in der unbefangenen Treue und Objectivität, womit der Charakter des Individuums ergriffen und in lebendiger Ruhe geschildert ist. Nicht die vortheilhafte Erscheinung des Gesichts, der Figur, des Geistes und der Gesinnung in diesem oder jenem vorübergehenden Augenblick suchten diese alten Meister im Porträte festzuhalten, sondern die bleibende Eigenthümlichkeit, die Natur und Leben zusammenwirkend ausbilden, und deren spezifische Mischung Individuum von Individuum sondert. Diese strenge Auffassung des Charakters unterscheidet sie von den meisten neuern Porträtmahlern, welche, mehr dem Ausdruck huldigend, darauf ausgehen, einen dem Geist und der Figur günstigen Moment darzustellen, und so ein erhöhtes bewegtes Leben schildern, das aber nicht als das durchgehend wahre und eigenthümliche anerkannt werden kann.« 366 Kunstblatt. 1823. »Holbeins Bildnisse haben etwas Eigenthümliches, wodurch sie sich auf den ersten Blick als Productionen dieses Meisters ankündigen. Er hält sie fast durchaus im Lichte, und weiß ihnen doch eine Rundung zu geben, die Andre oft mit allen Schattenmassen nicht hervorbringen. Dadurch gewinnen sie eine außerordentliche Klarheit und Reinheit. Auch sind seine Köpfe bey aller Ruhe sehr ausdrucksvoll und von einer sprechenden Individualität, die sich jedoch nie in bedeutungslose Zufälligkeiten verliert.« C. A. Böttiger, Andeutungen zu M. Retzsch Fridolin. 1823. »Man hat es immer als einen Zug reiner Naivetät in dem herrlichen Bilde von Holbein auf der Dresdner Gallerie mit Recht angeführt, daß, indem der Bürgermeister Meier in Basel mit seiner ganzen Familie, Frau, Söhnen und Töchtern in unaussprechlicher Inbrunst vor der Hochgebenedeiten knien und bethen, das jüngste Knäblein der Familie allein in harmloser Kindlichkeit noch nicht bey der Sache ist, und auf andre Gegenstände seine Aufmerksamkeit zu richten scheint.« 367 Kunstblatt. 1824. Altdeutsche Gemälde in dem Schlosse Wallerstein. »Des jüngern Holbeins vollendete Kunst ist nicht als plötzliche Erscheinung, sondern als würdige Krone einer herrlichen Reihenfolge der wiederauflebenden deutschen Kunst zu betrachten.« 368 Holbeins Bildniß. Monogramm. Van Mander berichtet, ohne zu sagen, woher er es wisse, denn das sagt er bei keinem Anlaß, Holbein habe mit der linken Hand gemalt, und er vergleicht ihn darin dem Römischen Ritter Turpilius, von welchem Plinius das Nämliche bezeuge. Diese vermeinte Merkwürdigkeit ging nun, jedes Mal vom Ritter Turpilius begleitet, in die spätern Nachrichten über, und Papillon beweist es sogar aus der Art, wie er im Formschneiden die Striche gezogen habe, nämlich von der Rechten zur Linken, da man sie sonst von der Linken zur Rechten zu nehmen pflege. Dagegen behauptet Walpole, diesem Vorgeben van Manders widerspreche ein Bildniß Holbeins, das früher in der Arundelischen Sammlung gewesen, und nachher in den Besitz Lord Stafford's gekommen sey, wo der 369 Künstler den Pinsel in der rechten Hand führe. Allerdings die beste Widerlegung einer an sich gleichgültigen Sache. Man hat ein Bild von L. Vorstermann gestochen: Joh. Holbenius Pictor Regis Magnae Britanniae, sui saeculi celeberrimus. Anno 1543. aetat. 45. , wo er auch mit der linken Hand malt. Vermuthlich ist dieß eine Copie des Porträts aus der Arundelischen Sammlung, das im Kupferabdruck die entgegengesetzte Seite zeigt, und so zu der irrigen Meinung Anlaß geben konnte. – W. Hollar, der, 1647, das Bildniß Holbeins offenbar nach demselben Originale ätzte, ( . Ae. 45, Ann. 1543. ) hat den Pinsel in der linken Hand weggelassen. Ebenderselbe Kopf mit der schwarzen Mütze wie bei Vorstermann und Hollar, aber ohne Hände, findet sich auch in Patins Vita Holbenii. . Ӕ. 45. ex musaeo Feschiano Effigiem Holbenii habet Pinacotheca nostra vivis coloribus aliunde depictam, a Jo. Lydio nostrate sing. induslria elaboratam et mihi oblatam prid. Cal. Jan. 1662. (Hum. industr. monum. op. Rem. Feschii. Msc.) – Wo findet man Nachrichten von diesem Johannes Lydius? . Nach einem andern Vorbilde ist der Kupferstich in dem Florentinischen Museum genommen: 370 Joannes Holpenius Basiliensis, sui ipsius effigiator. Ae. XLV. Nic. Billiy. Scolp. – Offene Augen mit breiten Liedern, breite Nase, kleiner Mund, runder Bart, Haare rund geschnitten, ohne Mütze. Sandrart schreibt, er habe dem M. Le Blond in Amsterdam verehrt Holbeins eigenes Conterfet, in ein Rund sehr fürtrefflich gemacht. Nach diesem mag der Stich in seiner Academie verfertigt worden seyn, der nachher wieder von Andern ist copirt worden. Man hat auch einen Kupferstich von Andr. Stockius, der nach der Unterschrift eine Abbildung von Holbein seyn soll, aber wenig Aehnlichkeit mit andern hat; ein rohes Gesicht, das einen falschen Namen zu führen scheint. Dieß sind die Originalien zu vielen andern weniger bedeutenden Kupferstichen des berühmten Mannes. Da jedoch keines von besondrer Vorzüglichkeit ist, so wäre zu wünschen, daß eine geschickte Hand den Stich des Gemäldes übernähme, das sich in der Bildergallerie zu Wien befindet, und in dem Mechelschen Katalog so beschrieben ist: »Holbein in seinen besten Jahren, in einem braungemodelten Rocke, mit umgeworfenem Mantel, und einem runden flachen Hut. Seine Rechte auf die Hüfte gestützt, in der Linken Handschuhe.« In Kensington sind, wie Horaz Walpole meldet, 371 zwei sehr schön ausgeführte Bilder von Holbein, die man für sein und seiner Frauen Porträte halte. Walpole's Vater hatte sie der Königin Caroline überreicht; vielleicht auch denselben nach Belieben Namen gegeben. Und in der Gallerie zu Windsor fand Walpole ein schönes kleines Gemälde eines Mannes und Weibes, denen man auch diese Namen beilegte. Auch spricht Dallaway von einem Bilde Holbeins und seines Sohnes zu Petworth; man kann aber auf diesen Stoppler nicht gehen. Van Mander nennt zwei kleine ausnehmend hübsche Selbstbilder von Holbein, die er bei Kunstliebhabern gesehen. Und Patin spricht von einem solchen, das in der Sammlung des Königs von Frankreich war, jetzt aber nicht mehr daselbst gefunden wird, oder einen andern Namen trägt. Holbein habe seinen eignen Kopf in Holz geschnitten, sagt Walpole, gibt aber keine weitere Nachricht davon. Schließlich ist noch zu bemerken, daß Hans Holbeins Monogramm von seinen ersten Zeiten an nie ein andres gewesen, als zwei meistentheils getrennte H. H., niemals , welch letzteres Zeichen auf keiner einzigen seiner früher gezeichneten und gemalten Arbeiten in Basel angetroffen wird; auch nie auf seinen spätern zuverlässigen Kunstwerken, welche nicht durch den Kunsthandel gegangen, 372 vorkommt, wenn schon die Ausleger der Monogramme dieses und noch mancherlei andre anführen, und auch Hollar zu seinem Todtentanz es gebraucht hat, ja selbst der Mechelsche Katalog der Wiener Gallerie, dessen Verfasser es doch besser hätte wissen sollen, dasselbe als Holbeinisches Zeichen angibt. Somit können auch die Kunstwerke, die damit bezeichnet sind, schwerlich dem Namen Holbein angehören, oder, wenn es wirklich Originale sind, so mögen sie, da er die wenigsten seiner Werke bezeichnete, dieß Monogramm aus Mißverstand, zur Bekräftigung der Originalität, erst nach der Hand erhalten haben; kein Handel in der Welt erlaubt sich so viele X für V wie der Malereihandel. So viel unschuldige oder absichtliche Irrungen in den Monogrammen machen die Bestimmung der Echtheit ungewiß, und das Verzeichniß sämmtlicher angeblicher Werke des Meisters erläßlich. Am Ende muß man doch in der Kunst wie im Leben mit eignen Augen prüfen lernen, damit man nicht alles Gold nenne, was glänzt und gepriesen wird, sondern auch das Verdienst der Trefflichkeit, das oft in dem unscheinbaren liegt, erkennen möge.