Schweizerfahrten. Von Ernst Kossak.     Leipzig: F. A. Brockhaus. 1858.     Inhaltsverzeichniß.     Nach Süden Basel Gebirgsstufen Bern Thun Interlaken Im Oberlande Wengernalp Grindelwald Meyringen Der Brienzersee Gesellschaftsstudien Der Brünigpaß Der Vierwaldstättersee Rigi Sonnenaufgang Luzern Nach Zürich Nach Norden     1. Nach Süden. »An einem Sommernachmittage trabte eine mit zwei tüchtigen Rossen bespannte Extrapostchaise von Baden aus gemächlich die herrliche Bergstraße entlang gen Süden. Ein auf seiner Hochzeitsreise befindliches junges Ehepaar plauderte behaglich mit dem ältern Freunde auf dem Rücksitze von allerlei anmuthigen Scenen des eben verlassenen herrlichen Badeortes, die Schnitter auf den Feldern blieben stehen und grüßten lächelnd die junge Frau, die Mädchen warfen ihr Blumen zu, der Postillon blies ein lustiges Lied.« . . . . . . . So etwa hätte vor 20 Jahren ein Tourist ältern Stils beginnen können, aber in Wirklichkeit und Gegenwart gestaltete sich die Sache ganz anders. Mein Freund stand mit zwei zusammengebundenen Regenschirmen, einem gerollten Plaid und zwei verschwollenen Reisesäcken bewaffnet neben einem Hochgebirge von Koffer, zwei Holzschachteln und einem trotzigen Felleisen, und bezahlte seine Fracht theurer als den Platz für seine junge Frau. Diese klammerte sich zitternd an seinen Arm und parirte mit dem großen Stahlbügel ihrer sammetnen Reisetasche nur schwach die Stöße zahlreicher Vertreter der Westmächte. »Der Eilzug von Heidelberg kommt!« »Treten Sie 2 beiseite – hier darf Keiner stehen –« »Der Zug nach Baden geht ab!« »Mein Gott, wo sollen nur einsteigen?« »Aprikosen – frisches Wasser!« »Kommen Sie mit«, rief ich, »das ist dort der Eilzug ins badische Oberland – in diesem Waggon sind noch drei Plätze zweiter Classe frei.« Ueber Gepäckstücke, Französinnen und österreichische Militärmusiker aus Rastadt stürzte ich mich muthig in die Bresche – ein Sohn Albions warf sich mir entgegen und nonote fürchterlich – ein Stoß und er verstummte. Wir setzten über ihn und die Mistreß unsern Weg fort und uns auf die noch übrigen Plätze. »Oskar, ich kann es nicht mehr aushalten, ich werde ohnmächtig«, rief unsere reizende Malwine und lehnte sich an den Gatten ihrer Wahl, indem sie die Augen schloß und auf die Engländer einen sterbenden, aber verzeihenden Blick warf. »Sie stirbt mir – Doctor, die Flasche mit Eau de Cologne – sie stirbt – nein sie steckt in der blaugestreiften Reisetasche mit der Papagaistickerei – Malwine, theure Malwine, fasse Muth . . . erhole dich!« Unterdessen hatte ich die Blaugestreifte aufgeschlossen, eine obenaufliegende feingeflochtene Korbflasche geöffnet und dem verzweifelnden Gemahl gereicht. Malwine lag noch immer schwer athmend in seinen Armen und sah reizend aus; Oskar tröpfelte von dem belebenden Fluidum ein wenig auf ihre Schläfe, ich hielt ihr ein angefeuchtetes Taschentuch vor den Mund; Malwine öffnete entsetzt die Augen. »Aber mein Gott, Oskar, was fällt dir ein? Abscheulicher Mensch – willst du mich tödten? Das ist ja nicht Eau de Cologne!« Oskar führte die Korbflasche an seine Kennernase und warf mir einen ernsten misbilligenden Blick zu. Allerdings war ich der Schuldige; ich hatte statt der Kölnerin eine mit Cognac gefüllte, für künftige Bergpartien bestimmte Korbflasche ergriffen. Was 3 aber Liebe und Freundschaft nicht vermocht, hatte der Cognac bewirkt – Malwine lebte wieder, sie lebte für Oskar. Während sie Stirn und Lippen abtrocknete und Oskar ihr voller Bewunderung zusah, strafte ich die verrätherische Korbflasche durch einen strengen Schluck, steckte sie dann wieder unter den gestickten Papagai und ordnete meine wenigen Habseligkeiten und Reiseutensilien. – So fing eigentlich unsere Schweizerreise an. Der Zug hatte sich nach einem heillosen Getümmel und Geschrei, Dampfpfeifen und Klingeln in Bewegung gesetzt; wir überließen uns nach der fieberhaften Aufregung, die gewöhnlich mit dem Uebergange von einer Eisenbahnlinie auf die andere verbunden ist, jener unsaglichen Abspannung aller Nerven, in welcher ein ganzes Stück moderner Reisewonne besteht; nur Malwine beschämte uns Männer jetzt durch eine in dem zarten Wesen nie geahnte Stärke, eine weise vielseitige Umsicht. »Lieber Oskar, mir fällt eben etwas ein.« »Liebe Malwine?« »Wenn die Leute von der Eisenbahn nur nicht den großen schwarzen Koffer auf meine Schachtel mit dem rosengarnirten Hütchen gesetzt haben, der Koffer stand dicht neben der Schachtel, ich habe es wol gesehen.« »Die Leute werden doch nicht toll sein.« »Mit der Haubenschachtel sind sie eben nicht zu zärtlich umgegangen.« »Ich habe sie aber doch selber ganz leise auf unsern Koffer gestellt.« »Als ob diese Leute irgendwelche Rücksicht nähmen – als du dich umsahst, stieß ein fürchterlicher Mensch mit einer ganz braunrothen Nase die Haubenschachtel mit dem Knie in den Packwagen – denke dir meine Hauben!« 4 »Hoffentlich haben sie keinen Schaden genommen«, tröstete Oskar die Geliebte seiner Seele. Während unsere Eisenfuhre weiterjagt, muß ich der Lesegesellschaft zuerst zum Verständniß so mancher spätern naiven oder erhabenen Begebenheiten das junge Ehepaar vorstellen. Oskar gehörte jenem Stande an, der sich in der Civilsphäre aller jener Vortheile erfreut, die im Militär der Lieutenant genießt; er war Assessor. Oskar besaß jedoch Vermögen, und Malwine, das wohlbelesene schöne Kind eines berliner Rentier, harmonirte mit ihm auch in dieser Hinsicht; ihre Ehe war also mit der vollständigen Einwilligung aller Parteien geschlossen worden, selbst der Arnheim'sche Geldschrank des Schwiegervaters hatte seine beiden Thürflügel freudig ausgebreitet und den scheidenden jungen Leuten seinen Segen gegeben. In Baden auf einer Reunion, die ich mir nach meinem alten Grundsatze von außen durch das Fenster ansah, hatte ich das Ehepaar getroffen; sein Zustand litt schon die Gegenwart eines Dritten, ja er foderte ihn zuweilen. Schnell war ein Bündniß für eine Schweizerreise geschlossen, indem es nur den geheimen Zusatzartikel von meiner Seite gab, daß vorkommendenfalls das ganze Bündniß nichts gelten solle und Jeder eigentlich thun und lassen könne was er wolle. Mit Ausnahme gewisser Commissariatsreisen, wie sie junge Juristen nach Posen, Insterburg und andern anmuthigen Orten pflichtschuldigst zu unternehmen pflegen, war Oskar noch wenig in der Welt umhergekommen; Malwine kannte von der Welt nur Teplitz und die berliner Sommerwohnungen. Es war nicht möglich, zwei empfänglichere, aber zugleich unerfahrenere Wesen zu finden, doch waren sie bisjetzt noch wenig auf die Probe gestellt worden. Wenn ich demnächst von mir selber reden darf, so empfand ich schon auf dem Bahnhofe von Oos bei Baden eine Art von 5 Reue über meine Bereitwilligkeit, mich dem zärtlichen Paare anzuschließen. Nicht sein Charakter flößte mir Bedenklichkeiten ein, aber sein Gepäck; es stand mit allen Begriffen einer aufgeklärten modernen Reisephilosophie in vollkommenem Widerspruche. Organisirt nach der Theorie der alten Post- und Haudererschule, eignete es sich vortrefflich dazu, hinten auf eine Kalesche oder auf das Verdeck einer Kutsche gebunden, auf den Rücksitz oder zum Kutscher gestellt zu werden – ein abgehärtetes ausdauerndes Gepäck war es nicht. Hätte ich seine Geschichte, die mir Malwine in diesem Augenblick mit einer allerliebsten Munterkeit erzählte, als ob alle Leiden überstanden wären, vorher gekannt, ich hätte nie in die gemeinschaftliche Reise gewilligt. Schon in Heidelberg hatte sie der Hauptkoffer, eine berliner Spottgeburt aus steifem Papier, schwarzem Handschuhleder und zarten Stiftchen, im Stiche gelassen. Das Schloß war abgerissen und er selber in Frankfurt a. M. bis zum nächsten Zuge zurückgeblieben. In feste Bande geschlagen, hatte ihn die Eisenbahnbehörde Abends im Hôtel abliefern lassen, und erfüllt von Mitleid über dieses unsagliche Kofferelend dem noch nichts ahnenden Ehepaare den neuen Strick geschenkt. Nur mit schweren Kosten war der Kranke durch einen heidelberger Künstler in Eisen und Leder mit einem neuen Gebiß versehen worden. Die Ruhetage in Baden hatten seine Gebrechen in Vergessenheit gebracht; nur ich, ein Mensch, der in seinem Leben viel durch Gepäck erduldet, hatte dem Koffer seine Tücke und unsere künftigen Leiden angemerkt. Wennmöglich noch zärtlicher waren die beiden Holzschachteln. Ihre Constitution vermochte weder Nässe noch Dürre zu ertragen, nur das alte Felleisen schien mir ein erfahrener Odysseus; doch enthielt es leider nur den Stiefelvorrath des jungen Gemahls und wurde stets mit unverdienter Zurücksetzung behandelt. Von den beiden Reisetaschen will ich 6 vorläufig schweigen, aber sie warfen wie zwei kränklich geborene Kinder auf unser ganzes Reisefamilienleben einen finstern Schlagschatten. Ich erlaubte mir einige Bedenklichkeiten über diese touristische Mitgift zu äußern. »Was denken Sie«, rief die junge Dame erstaunt und empört, »glauben Sie, daß ich den ganzen Tag mit diesem braunen Congreßhut umherstolziren werde?« »Aber gnädige Frau«, bemerkte ich schüchtern, »Sie scheinen einen erheblichen Theil ihrer Aussteuer mitgenommen zu haben.« »Gewiß, wozu hätte ich sie denn?« »Ich spreche nur in Ihrem eigenen Interesse und würde Ihnen rathen, nach Ausscheidung des Nothwendigsten, das in die beiden Reisetaschen gepackt werden mag, alle ihre Frachtstücke von Basel nach dem Bodensee zu senden und sie dort bei der Heimkehr poste restante in Empfang zu nehmen.« Die junge Frau erröthete vor Zorn und sagte: »Glauben Sie, daß die Garderobe einer Dame sich wie die eines Herrn in eine Reisetasche stecken läßt?« »Erwarten Sie denn, gnädige Frau, eine ›Garderobe‹ zu brauchen?« fragte ich etwas boshaft. Ich mochte zu weit gegangen sein, die junge Frau blickte ihren Mann hülfeflehend an, und Oskar legte sich ins Mittel. »Meine Frau gedenkt einige Zeit in Interlaken zu verweilen, lieber Freund, und es wäre doch nicht schicklich, wenn sie in der Toilette hinter den andern Damen zurückstände«, sagte Oskar in zurechtweisendem Tone zu mir. »Interlaken – meinetwegen – so nehmen Sie den Ballast bis Interlaken mit.« »Ballast«, seufzte Malwine, »meine gestickten Sachen, mein pariser Hut – Ballast.« »Entschuldigen Sie, meine Verehrte, den Ausdruck in dem 7 Munde eines geborenen Seestädters, aber es kann auf Gebirgspartien so gut Ballast wie auf dem Meere geben, und Sie dürften zu spät für Ihre Behaglichkeit entdecken, daß man im Hochgebirge wie auf dem Meere viel zu schwer geladen haben kann.« »Wir werden schon durchkommen«, begütigte mich Oskar. »Erlauben Sie nur noch, daß ich Ihnen mit wenigen Worten die Geschichte von dem Manne erzähle, der auf einer Reise mit seiner Frau nach Italien, infolge einer ihm octroyirten Fracht von drittehalb Centnern, auf der Gotthardstraße in eine Packetomelancholie mit Anfällen von Raserei versank. Bald wollte er das Gepäck, bald seine Frau in die Reuß stürzen, und es blieb der Frau nichts übrig, als vom Hospiz aus mit dem Gepäck allein umzukehren, worauf der Mann plötzlich wiederhergestellt die Reise vergnügt fortsetzte.« »Sie sind mit Ihrer Geschichte ein Ungeheuer«, schmollte die kleine Frau, »nicht wahr, Oskar, du wirst mich nie in die Reuß werfen wollen?« »Malwine, welche Reden?« rief Oskar, »ich und eine solche abscheuliche Krankheit, wie die Packetomelancholie – kennst du deinen Oskar nicht besser?« »Sie ist ein Leiden«, fügte ich im versöhnlichen Sinne hinzu, »das noch Niemanden während der Flitterwochen überfallen hat.« Ich schien leider schon zu viel gesagt zu haben; das Ehepaar that mich momentan in den Bann und flüsterte heimlich jenen zärtlichen Unsinn, den man in dem glücklichen Traume dieser schönen Zeit der lebhaftesten Unterhaltung mit Andern vorzieht. Alte Städte und malerische Landschaften flogen vorüber, sie sahen nicht die mit Reben bewachsenen Südabhänge des Schwarzwaldes, nicht den herrlichen Münster von Freiburg, sie hörten nicht das englische Ehepaar schnarchen; sie hatten nur Augen und Ohren füreinander. Endlich, als zur 8 Rechten westlich der Rhein erschien und die untergehende Sonne sein weites trockenes Geröllbette sanft röthete, sagte ich so sanft als möglich: »Lieber Assessor, ich glaube, wir werden in einer Viertelstunde auf dem Grund und Boden der Schweiz stehen. Sie haben ja seit Jahren den Wunsch im Stillen genährt, sie zu sehen – dort erblicken Sie schon einige Seitenarme des Rhein – bald werden Sie Republikaner von Angesicht zu Angesicht kennenlernen.« Bei dem Worte »Republikaner« fuhr Malwine erschrocken auf; als der ehelichen Tochter eines berliner Rentier mußte ihr dieser Ausdruck der widerwärtigste im Lexikon sein. »Oskar«, sagte sie, »hast du auch schon daran gedacht?« Der Assessor lächelte mit Ueberlegenheit: »Liebes Kind, du machst dir eine falsche Vorstellung von Republikanern –« Ein gellender Locomotivenpfiff unterbrach sein muthmaßlich sehr schön gedachtes Plaidoyer zu Gunsten der Helvetier; der Zug fuhr in den Bahnhof von Basel ein. Mich für mein Theil machten weniger die Republikaner als die Bewohner der monarchischen Staaten, unsere Reisegefährten, zittern. Sie stürzten sich aus den Waggons über die Schweiz her wie hungerige Jäger über ein Lamm; das kosmopolitische Adieu beim babylonischen Thurmbau kann unmöglich stürmischer gewesen sein als der Anlauf gegen den Tisch der Packetvertheilung. Wäre ich allein gewesen, ich hätte mich mit meiner Reisetasche, Regenschirm und Plaid sofort entfernen können; als Alliirter mußte ich bei dem Ehepaare aushalten. Schon war ich förmlich zum Vormund der Papagaientasche, zum Träger der Regenschirme ernannt; ich konnte Ansprüche auf Bezahlung persönlicher Ueberfracht erheben. Oskar führte Malwine nach dem Postomnibus, denn die jungen Leute hatten sich im ersten Reisefeuer in den Kopf gesetzt, mit dem um 9 Uhr abgehenden Wagen noch in dieser Nacht bis Bern zu fahren. 9 »Sorgt nur für die hohe Schachtel mit dem Hut!« rief uns noch ihre im Innern des Wagens verhallende Stimme nach; wir hatten erst für uns selber zu sorgen. Der Kampf war fürchterlich – England schlug sich wie bei Inkerman – Frankreich stürmte wie gegen den Malakow – wir sprangen verzweifelt mit dem Gepäckzettel hin und her – ich vergesse diesen Abend zeitlebens nicht mehr. Die scharfe Messingecke eines nordamerikanischen Koffergiganten zerquetschte meinen Filz, ein englischer Ballen meine Rippen; endlich erbeuteten wir die Sachen und einen Menschen, der sie nach dem Wagen trug. Das Ehepaar überließ sich jetzt der neuen Sorge, zu spät zur Post zu kommen. Was kümmerte die Leutchen der im Sternen- und Flammenschimmer dunkelflutende breite Rhein, was die alterthümliche Häuserfronte an seinem südlichen Ufer? Malwine vergaß selbst ihre Furcht vor den Republikanern – doch der Omnibus rollte in gewohntem Tempo vondannen und brachte uns rechtzeitig an Ort und Stelle. 2. Basel. Im Posthofe zu Basel herrschte eine ungemeine Reiseaufregung. Die prächtige mit Glas gedeckte Halle war mit fieberhaft hin- und hereilenden Touristen angefüllt, die so eilig nach Bern wollten, als ob ihnen dort ein geliebter Verwandter im Sterben läge. Mit Aufwand äußerster spartanischer Tapferkeit schlugen wir uns bis zum Postbureau durch und baten den Beamten um drei Plätze nach Bern. Malwine ließ sich unterdessen erschöpft auf dem Koffer nieder. Der Postbeamte, 10 ein wahres Symbol classischer Ruhe, thronte in dem Tumult hinter seinem Glasfenster, wie das ewig Bleibende im Wechsel. Er schlug das Protokoll über die ihm zur Beförderung anvertrauten Reisesünder nach und sagte gelassen in französischer Sprache: »Ich werde Sie wol nicht befördern können.« Wieder flehte Oskar in ehrlicher deutscher Mundart um Beförderung, und abermals erhielten wir eine abschlägige französische Antwort, obwol der kahlköpfige Fischmensch über seine Schulter weg fortwährend mit andern Beamten Deutsch sprach. Endlich flüsterte ihm ein junger Mensch etwas in das Ohr und er meinte zögernd: es wäre doch wol möglich, daß wir mitfahren könnten. »Gott sei Dank!« rief Oskar, »hörst du Malwine, wir kommen noch in dieser Nacht nach Bern.« Malwine's Reisegelüste schienen aber schon im Abnehmen begriffen zu sein, denn statt eines Freudenlautes ließ sie nur die seufzenden Worte hören: »Ich sterbe vor Hunger – wenn ich nicht etwas zu essen bekomme, bringt ihr mich nicht lebendig nach Bern.« »Bleiben Sie bei den Sachen«, sagte ich zu Oskar, »ich werde mit Madame dort in die gegenüberliegende Restauration gehen und für sie sorgen.« »Wie lange haben wir noch Zeit?« fragte Oskar den Beamten. » Dix minutes, Monsieur «, antwortete der Helvetier, kaltblütig die Passagierkarte ausfüllend. »Nur eine Suppe«, flehte Malwine. »Kommen Sie«, rief ich diensteifrig, »Sie sollen eine Suppe haben – für das Uebrige lassen Sie mich sorgen.« Wir eilten in die Restauration und erhielten sofort einen Fayencekübel mit einer Quantität Flüssigkeit, hinreichend zu einem Sitzbade. Kaum hatte meine mir anvertraute Schöne 11 aber den Löffel zum Munde geführt, als sie ihn schon geräuschvoll fallen ließ und jammerte: »Mein Gott – das kann ich nicht essen – so etwas ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen.« Mit einigem Mistrauen gegen das Urtheil der verwöhnten Tochter Berlins nahm ich den Löffel und kostete das heiße Fluidum mit kritischer Bedächtigkeit; aber Malwine hatte Recht: es war nicht zu essen. Die Suppe bestand in einem dünnen Kleister, angefettet durch ein Talglicht, das der College Soyer's mehrmals in die Terrine getaucht zu haben schien. Ich legte gleichfalls den Löffel nieder und schüttelte den Kopf. Aber dieser Auftritt hatte schon die Aufmerksamkeit einiger ältern Einwohner von Basel erregt, welche in der von uns verschmähten Suppe schwelgten. Sie steckten murrend die Köpfe zusammen und flüsterten, uns mit düstern Blicken betrachtend. Die einfachen Republikaner mochten fürchten, daß durch den aristokratischen Geschmack verworfener Fürstenknechte die schlichte Gesittung der Küche des Cantons Basel verdorben werden könne. Mir schwebte eine Kritik der Suppe gegen den Wirth auf der Zunge, allein ich unterließ sie mit Rücksicht auf die Misvergnügten am andern Tische und bezahlte schweigend. Ich erinnerte mich, vor einem Jahre den gleichen Betrag für eine Suppe Colbert à la royale beim Restaurant neben der Passage Jouffroy in Paris ausgegeben zu haben. Da stürzte Oskar hinein. »Beeilt euch, wenn ihr mitkommen wollt!« »Da nehmen Sie Ihre Frau«, sagte ich entschlossen, »ich sorge unter jeder Bedingung für etwas Eßbares zu Nacht – Wurst und Brot wird doch noch zu haben sein, zwei Häuser weiter sah ich vorher einen hiesigen Niquet.« Oskar führte sein schmachtendes Weib vondannen, ich aber eilte spornstreichs in das Wurstgeschäft und foderte etwas Wohlschmeckendes, möglichst das Beste in diesem Fache. Mit 12 herablassendem Lächeln nahm der Gebieter des Locals, ein Mann, beleibt wie Brutus, ein paar gebräunte Preßwürste vom Gesims herab und reichte sie mir mit dem Bedeuten, daß ich in meiner Heimat wol noch niemals einen ähnlichen Leckerbissen kennengelernt habe. Auf meine Bitte schnitt er für 25 Centimen einen Klumpen von einem groben feuchten Brote ab und entließ mich mit liebenswürdigem Kopfnicken. Ich eilte nach der Post zurück und fand die Unglückliche auf einer steinernen Stufe sitzend. »Hier, meine Gnädige«, sagte ich selbstzufriedener wie der Taucher in der Ballade, »hier ist Wurst – hier ist Brot!« »Kein Messer?« fragte Malwine schwermüthig lächelnd. Daran hatte ich nicht gedacht: der Ankauf eines Messers war von mir vergessen worden. Plötzlich fiel mir zur rechten Zeit ein, daß ich als wichtiges Instrument auf Fußreisen in Berggegenden ein kleines englisches Hühneraugenmesser in der Tasche trug. Um der schönen Frau nicht den Appetit zu verleiden, machte ich eine halbe Volte und schnitt kunstgerecht mehre Scheiben ab. Zugleich füge ich jedoch für empfindliche Leser weislich hinzu, daß jenes kleine Messer noch nicht durch Operationen entweiht worden war. Leider war aber auch diese Erwerbung für die Küche nicht glücklich gewesen. Malwine ließ die mit Wurst gefüllte zierliche Rechte sinken und sagte in höchster sittlicher Entrüstung: »Nein – diese Ferkel!« Mich überlief es kalt. Schweigend biß ich in die Wurst und nahm sofort wahr, wie wohlbegründet der Weheruf der Unglücklichen gewesen war. Niguet würde sein berühmtes unterirdisches Geschäft auf immer für entehrt halten, wenn ein solches phantastisches Wurstgebilde durch den bösen Willen eines Neiders in seinem Local auftauchte. Ich nahm Malwinen so ruhig, als meiner Aufregung möglich war, die misrathene Speise aus der Hand und bemerkte tröstend: »Zürnen Sie mir nicht, 13 die Schuld trifft mich ganz allein, ich hätte mich erinnern sollen, daß wir uns nicht in der Heimat des Hoflieferanten des Herzogs von Braunschweig befinden. Eine kunstgerechte Anfertigung von schmackhaften Würsten ist nur in sorgfältig überwachten monarchischen Staaten möglich. In keinem Lande der Erde gibt es eine solche Mannichfaltigkeit von Würsten als in Deutschland, aber die Republikaner haben in diesem Fache nie Glück gehabt. Das Beispiel Nordamerikas wird uns die nöthigen Beweismittel liefern. Vor einigen Jahren erschien in einer Zeitung zu Neuorleans ein äußerst polemischer Artikel gegen die an den Ufern des Mississippi zum Verkauf angebotenen Würste. Der Verfasser jenes Artikels sprach namentlich von zwei Sorten und hob hervor, daß die eine derselben, welche mit kleingeschnittenen rohen Kartoffeln gefüllt sei, zwar nicht allen an eine regelrechte Wurst zu stellenden Bedingungen entspräche, allein doch an den Begriff der Eßbarkeit erinnere; die andere aber, deren Füllung nur in Löschpapier und kleingehackten rothen Tuchlappen oder Abfällen von englischen Uniformen bestehe, unmöglich dem Geschlecht der Würste beigerechnet werden könne, und die kaufmännische Rechtlichkeit ihrer Verfertiger etwas verdächtige –« Malwine hörte nicht auf dieses motivirte Gutachten, sie ließ den Schleier herab und hüllte sich in den Plaid. In meiner Verlegenheit eilte ich zu Oskar. Er stand neben dem Beiwagen und blickte sprachlos auf das Verdeck desselben, wo mehre Packknechte sich vergebens bemühten, den Koffer des Ehepaars unterzubringen. So gewaltsam sie ihn auch auf den engsten Raum zusammenzuquetschen suchten, er leistete einen heroischen Widerstand. Man mußte ihn wieder aus einer Höhe von 12 Fuß auf das Pflaster werfen. Der Fischmensch von einem Postbeamten trat jetzt an uns heran und sagte: »Ueberzeugen Sie sich, meine Herren, daß ich Ihr Gepäck 14 nicht befördern kann. Fahren Sie getrost – es wird Ihnen morgen früh nachgeschickt und Sie erhalten es Nachmittags in Bern.« Der Posthelvetier übertrieb nicht, die Verdecke der beiden Wagen glichen wirklich mehr einer Anhäufung von kofferartigen Gebirgsmassen, die in jedem Augenblick einzustürzen drohen, als Flächen, unter denen Menschen ohne Todesangst vor Durchbruch verweilen können. Jetzt galt es, der holden Malwine die Hiobspost beizubringen. »Liebes Kind«, flötete Oskar in seinem verlockendsten Assessorregister, »man will uns mitnehmen, aber das Gepäck soll . . . .« » Was soll das Gepäck?« rief Malwine, aller Weiblichkeit uneingedenk und auffahrend wie eine Löwin, der man ihre Jungen entreißen will. »Bis morgen früh hierbleiben«, murmelte der arme Gatte. »Nun und nimmermehr – ich trenne mich nicht von dem Gepäck!« »Wenn du aber mitfahren willst?« »Nein – nein – nein!« »Lieber Freund, vielleicht erweisen Sie uns den Liebesdienst«, sagte der kleinlaute Oskar, »heute Nacht hier in Basel zu bleiben und morgen früh mit dem Gepäck nachzukommen, Sie sehen ja, meine Frau . . . .« »Ach ja, ja!« bat Malwine, plötzlich ganz in ein liebenswürdiges Pianissimo umschlagend, »ja, Sie thun mir den Gefallen. Wenn Sie bei dem Gepäck bleiben, bin ich ganz ruhig, Sie sind weit kaltblütiger und überlegter als der böse Mensch, der Oskar, hörst du wol – du sollst dir ein Beispiel an dem Herrn nehmen.« Was sollte ich thun? Eine Weigerung wäre sehr unartig gewesen, fast so unartig als die eben mir zugemuthete Packknechtsmission. Schon wurden die Passagiere zum Einsteigen 15 verlesen, der Hauptwagen fuhr bereits ab; ich gab meine Einwilligung und half Malwinen in den Beiwagen. »Geben Sie nur auf die Schachtel mit dem Hütchen wohl Acht – sie ist etwas lose zugebunden, und lassen Sie die Tasche mit dem Papagai ja nicht fortkommen, sie ist ein Andenken von Mama für Oskar!« Das Ehepaar drückte mir zärtlich die Hände und der Postillon fuhr im scharfen Trabe vondannen, daß der Erdboden von der fortrollenden viele Centner schweren Masse erbebte. Der Posthof war bis auf mich und die zu mir gehörigen Vorberge von Gepäckstücken leer; ich gab diese in Pension, ließ mein Passagierbillet auf den folgenden Tag umschreiben und pilgerte ein wenig durch die gute Stadt Basel. Von anständig gekleideten Menschen genossen nur wenige die Kühle der milden sternhellen Nacht, dafür wimmelten die Straßen von einer Legion junger Leute in Jacken und Mützen, die zum Theil mit Frauenzimmern lustwandelten und einer Gattung republikanischer Lazzaroni anzugehören schienen. Da sich in der Schweiz die meisten Beziehungen an Reisende und Gepäckstücke knüpfen, sah meine erhitzte Phantasie in jenen Burschen lauter eifrige »Träger«, und ich beeilte mich, aus dem beängstigenden Gewühl ins Freie auf die Rheinbrücke zu kommen. Die hohe Südseite von Basel baute sich im Dunkel stolz mit Hunderten von hellen Fenstern am Rhein auf, im Hôtel Zu den drei Königen, dem unvermeidlichen Absteigequartier aller Engländer und Handlungsreisenden, herrschte ein wildes Gewühl von Gästen, Cotelettes und Schoppen mit Weinessig, auf der Brücke tummelte sich Alles, was nach Luft schnappte – unten flog der Rhein, schäumend vor Zorn, seine Alpenheimat verlassen zu müssen, in das Flachland hinaus. Die zahlreichen Lichtflammen schienen sein klares Wasser bis auf den Felsgrund zu erleuchten, und imaginäre Schätze 16 blickten aus der Tiefe des edelsten Stroms von Europa empor. Ich konnte mich an dieser drangvollen Flut kaum satt sehen; als mich aber einige von den Fremden lebende Republikaner umringten, wahrscheinlich wol in der Absicht mich zu retten, wenn ich mich etwa über das Geländer stürzen würde, zog ich es vor, mich gleichfalls unter den Schutz der drei Könige zu begeben und meine müden Gebeine durch ein sehr wenig königliches Souper für die Anstrengungen des folgenden Tages zu stärken. 3. Gebirgsstufen. Die Eisenbahnindustrie bebt schon lange nicht mehr vor Bergen und Felsen zurück. Die Ueberwindung der Schwierigkeiten am Semmering hat den Ingenieuren Muth eingeflößt, und allerlei Schienenwege schleichen sich schon vom linken Ufer des Rhein nach den Alpen, und spüren heimtückisch nach Spalten und Lücken, um die noch von der Maschinenunverschämtheit unentweihte Majestät der Hochgebirge der Zweckmäßigkeit des Verkehrs zu beugen. Dem beschaulichen Gebirgswanderer braucht bisjetzt nicht bange zu sein vor dem Untergange seiner Poesie, allein über die Vorstufen der Schweiz wird man gewiß gar bald mit aller nöthigen Touristenhast hingepeitscht werden. Welche unumstößlichen Gründe sich auch für die Bewältigung der steinernen Länderscheiden und für Zeitersparniß anführen lassen: im Menschen lebt noch ein anderes Etwas, ein Zeitmaß des Geistes und Gemüths, das mit dem Prestissimo der Locomotiven nicht Schritt zu halten 17 versteht. Aber wie die Kanonen die ultima ratio der Könige sind, so die Eisenbahnen die der Völker; die Burgen des Mittelalters sind unter den Karthaunen eingestürzt; die Eisenbahnen werden im Laufe des Jahres noch mehr nivelliren als Völkergegensätze, Felskämme und Landschaftsgelüste poetischer Träumer. Ein Hauptreiz der Schweiz ist die köstliche ästhetische Entwickelung ihrer Naturtotalität. Zu dem hohen Thron ihrer Alpen gelangt der Wanderer über eine Anzahl Stufen, deren jede in einem eigenthümlichen Schmucke prangt und für die nächsten vorbereitet und stimmt. Alle vom Rhein beginnenden Straßen führen durch ein reizendes Hügelland mit zerstreuten pittoresken Felsbildungen, durch fruchtbare Ebenen voller Fleiß und Wohlstand, durch imposante Mittelgebirge, bis endlich am Spiegel grüner Seen, von üppigen Thalsohlen aus, allmälig die Pfade zu den letzten Höhen des europäischen Erdtheils anheben. Um diese harmonische Entwickelung der künstlerischen Freude an der Natur werden uns die Eisenbahnen bringen. Wie nach Humboldt der Condor, wenn er aus seiner Höhe auf die Beute am Meeresstrande niederschießt, alle Klimata der Erde in wenigen Minuten durchfliegt, werden wir in kurzer Zeit durch eine Bilderreihe, die den Geist wochenlang zu beschäftigen und zu nähren pflegt, mit wüthender Hast uns hingerissen sehen, und wie die lebhaften Farben einer bemalten Scheibe bei rascher Umdrehung, so die schönsten Landschaften in gleichgültiger Mischung erblicken. Die Eisenbahn von Basel aus beraubt heute bereits den Reisenden der Freude an den bewaldeten Bergen, die in südlicherer Färbung als der einförmige melancholische Schwarzwald den Uebergang bilden zur Terrainbildung der Juraformation und der paradiesischen Ebene von Solothurn bis 18 Bern, an deren Horizont in ihrer ewigen Uniform von blauen Dünsten die Berner Alpen schweigend Wache stehen. Bis Liestal brachte uns in einer zweiten Classe, vor deren gegenüberliegenden Sitzen nur die Beine des einen, nicht aber die des vis-à-vis befindlichen Passagiers Platz haben, ein Eilzug, der sich sofort davonmachte, um seinen Ballen Passagiere mit Hülfe einiger Omnibus-Intermezzi an demselben Tage nach Luzern zu schaffen. Auf uns berner Fahrer wartete schon ein per Telegraph bestellter anständiger und bequemer Postwagen. Die Glücklichen, die Plätze im Coupé oder oben auf dem Wagen erobert hatten, kletterten vergnügt hinauf, da in der Schweiz jeder Genuß mit einigem Klettern erkauft werden muß; wir zu dem Dante'schen Höllenkreise des Inférieur Verurtheilten fügten uns gelassen in das Unvermeidliche. Die Sorge für Malwinens Koffer und Schachteln beschäftigte mich wenigstens lange genug im Freien, da ich einen obensitzenden Schweizersoldaten erst durch eine schöne, aber angreifende Beweisführung überzeugen mußte, daß die Schachtel mit dem Rosahütchen kein geeigneter Schemel für seine mit Randsohlen versehenen Schuhe sei. Unser Zustand im Innern des Wagens war bis auf Weiteres erträglich, da nur drei Personen sich in den Raum zu theilen hatten. Auf dem Ehrenplatze saß ein uralter Neufchâteler, links von ihm eine Witwe vom Genfersee. An dem Neufchâteler zeugte Alles von der verheerenden Gewalt der Zeit; er war so alt, daß seine Existenz und äußere Erscheinung wieder etwas Jugendlichverschämtes angenommen hatte und die Gegenwart ihres langen Aufenthalts wegen um Entschuldigung zu bitten schien. Seine um den rothen Regenschirm gerollte Landkarte stammte noch aus dem vorigen Jahrhundert, sein in tausend Fältchen gekniffener Busenstreif kam dagegen wieder in die Mode, und der Mantel mit 50 Kragen war eine wehmüthige 19 Erinnerung an die Zehnerjahre. Auf seinen Augenbrauen und einigen Warzen neben der Nase wuchs ein deutliches Moos, und die Haut der Hände bestand in dem besten Pergament. Er unterhielt sich lebhaft mit mir und der Witwe, mußte aber oft einige Minuten stillschweigen, bis er wieder soviel Kräfte gesammelt hatte, den widerspänstig niedersinkenden Unterkiefer mit seinem Bruder zu vereinigen. Alles athmete an ihm Ehrfurcht und Vergangenheit, und erst Nachmittags sollte sein moderner und jugendlicher Theil überraschend zutage kommen. An der Witwe war nur Eins merkwürdig, und dieses war ihr Kropf. Nicht Witwe, aber Frau zu werden mit diesem Liebesapfel, das blieb mir das Räthsel ihres Daseins. Die Reisegefährten im Coupé und in der Banquette hatten jedoch auch keine leichten Räthsel zu lösen. Sie litten an einer alten französischen Mamsell, die von dem Streben beseelt war, auf jeder Station den Wagen zu verlassen und den Moment der Abfahrt zu versäumen. Wenn wir hundert Schritte weit gefahren waren, zeigte es sich jedesmal, daß die alte Mamsell fehlte, und der Conducteur mußte regelmäßig halten lassen und die athemlos Nachtrabende aufnehmen, wobei er nie versäumte, den betreffenden Paragraphen aus dem Passagierbillet zu wiederholen, daß jeder »instructionswidrige Aufenthalt« ihn bei der Postbehörde strafbar mache. Von einer entgegengesetzten wichtigern Instruction, welche die alte Mamsell von der unerschöpflichen Natur erhalten hatte, wollte er sich schlechterdings nicht überzeugen lassen. So trabten wir gemüthlich zwischen Bergen, Wäldern und Bächlein dahin, erquickt von einer urfrischen Luft, die noch nie zwischen Mauern, Straßen und Fabriken gefangengesessen hatte, und wie ein muthwilliger Schmetterling durch die großen offenen Wagenfenster flatterte. Solche Luft gibt dem Menschen 20 gute sanfte Gedanken. Sie ist das freigeborene Kind der hohen Berghalden, die Morgenkühle hat sie gesäugt, der Nebel unzugänglicher Felsen getauft, die Sonne mit einem goldenen Duft ausgestattet, und der beklagenswerthe Sohn der Fläche athmet sie ein wie der Gefangene den Hauch seiner täglichen einzigen Spazierstunde, halb mit Entzücken, halb mit Kummer, wenn er an den Dunst des gewöhnlichen Kerkers zurückdenkt. Nach einigen Stunden hatten wir den Paß des Jura überwunden, der sich hinter dem hübschen Orte Ballstall der Straße trotzig entgegenstemmt, und ließen nur seine kahle graublaue Zackenwand zur Rechten liegen, bis uns halb gebraten von der aufsteigenden Sonne das alte gastliche Solothurn aufnahm. Hier am Ufer der gleich einem aufgethauten Smaragd durchsichtig grün dem Rhein zueilenden Aar liegt das Herz eines tapfern Mannes auf einem kleinen Gottesacker begraben. Die Gebeine des edeln Kosciuszko haben zwischen den beiden andern Tapfersten Polonias, Poniatowski und Sobieski, zu Krakau ihre Stätte gefunden; sein Herz hat sein letzter Zufluchtsort auf Erden als Faustpfand der Freiheit einbehalten. Wenn aber aus eines Menschen Asche, aus dem einst nimmer Ruhenden, jetzt Heimgegangenen, noch ein Etwas emporblickt, so schaut dieses stille Auge von seines Grabes Bett aus jene Vesten, deren Freiheit die Natur mit eigener Hand in Schutz genommen hat, auf die Hochalpen, die eisgepanzerten Citadellen, wo wilde Orkane und Lavinen die nüchterne Zweckmäßigkeit und die kurzsichtige Willkür der Menschen zu Thal scheuchen. Wir hatten nur spärliche Zeit zu phantasiren; das Mittagsmahl dampfte auf dem Tische und der Conducteur rühmte es als vortrefflich. Dieses Lob verdiente es auch vollkommen, wenn die Kürze unter allen Umständen eine der löblichsten 21 Eigenschaften der menschlichen Dinge genannt werden kann. Rasch nahmen wir wieder Platz im Wagen und hatten bald das malerische Solothurn mit seinen wohlerhaltenen weißgrauen Wachtthürmchen hinter uns. Wir erreichten schnell die Grenzen des Cantons Bern, und von hier aus war es mit unserer Wagenidylle zu Ende. Zuerst stieg ein reicher Bauer von einem Format ein, in dem wol nur noch die Schweiz eine Creatur herausgibt. Die rasche Verwandlung des Jupiter in einen Stier wurde mir sofort durch diesen Mann anschaulich gemacht, denn die Charakteristik eines Vaters der Heerde sprach sich in unserm Giganten mit göttlicher Klarheit aus. Nur ein paar Hörner fehlten ihm, und ich hätte geglaubt, der rothe Regenschirm des Neufchâtelers müßte ihn in blinde Wuth versetzen. Wir wurden beim Einsteigen des gewaltigen Mannes auch sofort instinctiv mäuschenstill und regten uns erst wieder, als seine langsamen tiefen Athemzüge uns verkündeten, die ungeheure Masse sei sanft entschlafen. Bald darauf gesellten sich zwei freundliche Bauermädchen in nicht zu jugendlichen Jahren zu uns, und nun ereignete sich etwas ganz Unerwartetes. Wenn der Greis aus Neufchâtel nach Tische in einen Zustand von mattem Scheinleben versunken war und gleich einer Dampfmaschine, solange Sonntags die Fabrik feiert, nur innerlich leise ein wenig brodelte, wurde er bei Ankunft der Mädchen munter wie ein jähriger Hänfling und machte verliebte Courbetten, die leider 70 Jahre zu spät adressirt wurden. Das bemooste Ungeheuer wollte den verlegenen Schönen die Hände drücken und rückte ihnen so nahe, daß die am meisten Verfolgte auf der nächsten Station ihren Platz mit der Kropfwitwe wechseln mußte. Zur rechten Zeit wachte der Stiermensch auf. Wir befanden uns eben an einer Stelle, wo die Eisenbahn von Basel nach Bern in Angriff genommen war, und der College der Ungeheuer aus 22 den Ruinen von Ninive begann eine Eisenbahnrede, von der ich leider nicht angeben kann, ob sie für oder wider gehalten wurde. Ebenso fruchtlos hätte mir ein Recke aus den Nibelungen specielle Auskunft über die Stelle geben können, wo der Hort versenkt sei; der Dialekt seines Deutsch war mir so unverständlich wie den Laien jenes Gedicht im Original. Die Rede dauerte noch fort, als wir in Bern einfuhren, sie übertönte das Rollen des schweren Gefährts auf dem Pflaster; sie verstummte erst mit dem stillhaltenden Postwagen. Ohne Maßen froh, dieses letzte Aufgebot von Contrabaß überstanden zu haben, wollte ich nun mein Leben genießen, als mich plötzlich etwas am Aermel zupfte und eine menschliche Pickelflöte wieder die alte Melodie anhub: »Bringen Sie endlich mein Gepäck?« Malwine im Reisecostüm, aber höchst misvergnügt am Arme des Gemahls hängend, stand vor mir. 4. Bern. »Ihr seid Gemälde außerm Hause, Schellen im Zimmer, Drachen in der Küche, verletzt ihr – Heilige; Teufel, kränkt man euch; spielt mit dem Haushalt, haltet Haus im Bett.« So lästert der teuflische Jago im zweiten Aufzuge des »Othello« die Damen; er hätte sich gewißlich noch zu einem Anhang veranlaßt gefunden, wäre Malwine, die Schöne auf Reisen, vor sein bösartiges Maul gekommen. Wir Unglücklichen ohne Shakspeare's Geist verschluckten stumm unsern Ingrimm, 23 denn selbst auf dem Gesicht des flitterwöchentlichen Assessors lagen schon die Wolken des ersten ehelichen Donnerwetters. »Denken Sie sich«, sagte Oskar, als wir die junge Frau mit ihrem geliebten Gepäck allein gelassen hatten, »Malwine hat seit heute früh noch kein Wort mit mir gesprochen – sie schmollt – sie wird mich noch zur Verzweiflung bringen.« »Und aus welchem Grunde zürnt sie Ihnen?« »Sie fühlt sich ohne Grenzen unglücklich, weil sie hier nicht im Stande gewesen ist, Toilette zu machen, und gezwungen war, Bern in ihren Reisekleidern zu besehen; was sagen Sie dazu?« Wie die Vertrauten in den Trauerspielen, sagte ich wohlweislich gar nichts, veröffentlichte nur eine sprechende Geberde und schlug wie an ein Schwert an meinen klirrenden Regenschirm, was »Rache« bedeutet. Oskar sah mich wehmüthig lächelnd an: »Warten wir, bis sie besserer Laune wird – wir können Beide nichts Gescheiteres thun.« Schon wollte ich ihm diesen vertraulichen Dualis verweisen und an meine ewigen und unveräußerlichen Menschenrechte als aus eigener Tasche lebender Reisender appelliren, als ein leises Klopfen an der Wand ihm das Signal gab, Malwinen zu Hülfe zu eilen. Das Ehepaar blieb lange aus, endlich erschien es im Speisesaal, wo ich den Kaffee genommen hatte. Auf der Stirn der berliner Schönen schimmerte das selige Bewußtsein von Crinoline, sie rauschte heiter lächelnd gleich einer Woge der sommerlichen Flut auf mich zu, und ein kleiner Kellner verschwand für einige Augenblicke vollständig unter ihrem Kleiderschwall, der arme Bua arbeitete sich wie aus einer Lavine seines Vaterlandes Wallis mühsam aus blauseidenen Falten und Spitzenverbrämungen hervor. »Nun, meine Herren, stehe ich Ihnen zu Diensten«, plauderte die Holde und ließ den Handschuhknöpfer sein letztes 24 Werk verrichten; »wir gehen doch auf die Münsterterrasse? Ich möchte gern das Alpenglühen sehen.« »Du weißt, liebes Kind«, antwortete Oskar, »daß deine Wünsche uns Befehl sind«, immer mich zum Compagnon seiner ehelichen Leiden machend, während ich mich von dem Nießbrauch der Activa vollständig ausgeschlossen sah. Mir wurde klar, daß ich einen sehr nachtheiligen Contract eingegangen war. So schritten wir von unserm freundlichen saubern Hôtel, dem »Mohren«, durch einige schmale düstere Gäßchen auf die herrliche Münsterterrasse. Oskar trug den Parasol, ich den Parapluie. Der schwüle Tag hatte seinen Regenmantel angezogen, und die berühmte Aussicht blieb unter ihrem europäischen Ruf zurück. Das ferne Relief des Berner Oberlandes zur Linken schwamm in einer grauen Trübung, die Berge zur Rechten schwebten in Dünsten, und selbst der Vordergrund der grünen Aar, der Wiesen, Aecker und Gärten, litt unter dem heranrückenden Dunkel einer bevorstehenden Entladung der Atmosphäre. »Mein Gott, Oskar«, bemerkte Malwine, nachdem sie eine Minute lang die düstere Scenerie betrachtet, »ist das die vielgerühmte Schweiz? Du hast mir doch soviel von der berner Aussicht erzählt?« »Aber liebes Kind, ich hatte sie ja selber noch nicht gesehen!« entschuldigte sich der vermeintliche Landschaftsfälscher. »Was sagen Sie dazu«, wandte sich die Schöne zu mir, »Sie sind ein ruhiger, billigdenkender Mann – lockt dieser Mensch mich hierher, phantasirt von der göttlichen Aussicht, liest mir aus dem Reisehandbuche vor, und nun ich ihm gefolgt bin, sehe ich nichts als drohenden Regen und den sichern Ruin meines blauseidenen pariser Kleides –?« »Sie wollen doch nicht etwa Ihren Herrn Gemahl für den Witterungswechsel verantwortlich machen?« 25 »Ach so, Sie vertheidigen ihn – ich sollte meinen, in der Schweiz –« »Regnet es so gut wie in Berlin über Gerechte und Ungerechte; danken wir doch dem Himmel, daß er uns für morgen Regen sendet und den entsetzlichen Staub anfeuchtet«, sagte ich etwas trocken. »Aber ich will das Alpenglühen sehen – wozu bin ich denn von euch hierhergelockt worden?« »Sie vergessen, meine Gnädige, daß Sie uns hierherbefohlen haben!« fügte ich hinzu, und Oskar verrieth hinter Malwinens Rücken schüchtern durch Augenzwinkern seine Beipflichtung zu meiner Meinung. Die Debatte hätte vielleicht eine lebhaftere Wendung genommen und zu persönlichen Bemerkungen Veranlassung gegeben, wenn nicht ein beleibter Regentropfen auf Malwinens gelben Handschuh gefallen wäre. »Den Schirm, Oskar, den Schirm! – nach Hause –es fängt an zu regnen – helfen Sie mir die Mantille umkehren!« Der Ehemann riß mir den Schirm aus der Hand und Malwine band vorsichtig ihr Taschentuch über das Hütchen. »Binden Sie die Zipfel nicht zu – die pariser Damen nehmen bei solchen Gelegenheiten dieselben in den Mund – das ruinirt weniger den Aufputz und den Hutkopf«, bemerkte ich voller Mitgefühl über die Leiden der Unglücklichen. Sie gab mir keine Antwort; sich an Oskar klammernd, beugte sie ihr Haupt unter den Regenschirm, dessen wir noch gar nicht bedurften, während ich hinterdrein trabte und die Bedingungen auseinanderzusetzen versuchte, unter denen ein Alpenglühen möglich sei. Man hörte nicht auf mich, wir stürzten, verlacht von dem Volke, durch die Gassen nach dem Hôtel zurück und flüchteten in den Speisesaal. Unterdessen war der Regen eine Wahrheit geworden; er fiel so dicht, daß, nach der Behauptung jenes nordamerikanischen Münchhausen, Gefahr vorhanden war, 26 die Tropfen erhitzten und entzündeten sich durch die gegenseitige heftige Reibung. »Es wird uns nichts übrigbleiben«, sagte Malwine, nachdem sie eine zeitlang höchst misvergnügt zum Fenster hinausgesehen hatte, »als daß wir einen Wagen nehmen und in das Theater fahren.« Der rathlose Oskar sah mich fragend an; er schien mich, wie der blödsinnige Almaviva den Figaro, für sein helfendes Factotum zu halten. »Auf diesen Genuß werden Sie wol verzichten müssen!« antwortete ich. »Und wenn es das schlechteste Stück ist – doch halt, ist nicht die Birch aus der Schweiz? Vielleicht wird ›Die Waise‹ gegeben – das wäre herrlich, wenn ich hier mein Lieblingsstück sehen könnte. – Ach, Oskar, hole Billets, ich muß sehen, wer hier Lina's Rolle gibt – sie werden hier keine Fuhr haben. – Gott, Oskar, weißt du noch, wenn Lina mit der Mappe zu Hendrichs kommt – sie ist zu reizend!« Malwine ließ ihrer muthwilligen Phantasie zu frei den Zügel; es schmerzte mich fast, ihr anzukündigen, daß weder gespielt werde, noch überhaupt ein Theatergebäude im Sommer geöffnet sei. »Wo halten sich denn die berner Aristokraten im Sommer auf?« wollte Malwine in sichtbarem Verlangen nach jungen eleganten Cavalieren wissen. »Sie werden sie zur rechten Zeit in Interlaken kennenlernen; denken Sie sich aber nur um Gotteswillen keine stattlichen Gardeoffiziere und keine correct angezogenen Civilisten darunter. Der berner Aristokrat ist nichts als ein roh und fest aussehender Bursche, der ohne Bildungstrieb rauchend im Fenster liegt, Abends in seinem Cabriolet spazierenfährt und selbst zu träge ist, sein eigenes Vermögen zu verwalten.« 27 »Wenn die Aristokraten so aussehen, wie werden dann erst die Demokraten sein?« flüsterte schaudernd Malwine. »Liebes Kind – nur keine Politik – wenn ich bitten darf«, flüsterte der ängstliche Assessor und sah sich bange um, ob nicht hinter ihm ein paar Polizeiohren gespitzt würden. »Fürchten Sie nichts, gnädige Frau«, tröstete ich, »Ihre norddeutschen antikisirenden Begriffe von Republikanismus passen nicht auf diese Zustände. Die Abwesenheit eines Königs begründet noch nicht die Republik, wie die Kapuze noch nicht den Mönch macht, und diese geldgierige und wenig gebildete Menschenrace gehört weder nach Athen noch nach Sparta; nur Böotien wäre ein würdiges Vaterland für sie.« »Gehen Sie nicht ein wenig zu weit, lieber Freund?« fragte mit protektorischer Miene Oskar, in dem sich der liberale Tick regte, seit er sich unbeachtet wußte. »Sie als aufgeklärter Jurist haben gerade am wenigsten Ursache, diese Republikaner zu vertheidigen.« »Und aus welchem Grunde, wenn ich fragen darf?« »Weil wir uns in einem Lande befinden, wo noch die Folter im Gebrauch ist.« »Nicht möglich – Sie verleumden diese einfache und biedere Nation«, rief der tugendhafte Oskar. »Ich will Ihnen noch mehr sagen; es ist im Jahre 1850 in Appenzell ein Mensch, den eine Mörderin fälschlich der von ihr verübten Schandthat bezüchtigte, so scharf gefoltert worden, daß er für immer den Gebrauch seiner Gliedmaßen verloren hat.« »Irren Sie sich auch nicht?« fragte Oskar erstaunt. »Als Journalist muß ich es wissen, da ich selbst jene Correspondenz einem großen süddeutschen Blatte entlehnte, zugleich mit der Hinrichtung jenes Weibes, die unter so schrecklichen 28 Umständen stattfand, daß wir glauben mußten, drei Jahrhunderte zurückversetzt zu sein.« Das Ehepaar schwieg, und ich hielt für räthlich einzulenken und darauf hinzuweisen, daß wir nur aus Neigung für die landschaftlichen Schönheiten des Landes, nicht aber um unsere Sitten zu verbessern und unsere civilisirtern Einrichtungen umzumodeln, den Fuß über den Rhein gesetzt hätten. Es gelang mir jedoch nicht, eine leidliche Stimmung hervorzurufen, und die nach und nach sich im Zimmer versammelnde Gesellschaft von Stammgästen aus dem Orte, Kaufleuten und Beamten, trug durch ihre Unterhaltung auch nicht zu unserer Erheiterung bei. Sie tranken ihren sauern Landwein, saßen noch sauertöpfischer beieinander und antworteten auf alle Fragen nur verdrossen und einsilbig, ohne sich untereinander freundlicher zu betragen. Wir begaben uns daher zeitig zur Ruhe, nachdem wir in dem abscheulich engen Postgebäude, uns zwischen allerlei Gefährt und der schmuzigen Mauer durchdrängend, mit Lebensgefahr Plätze nach Thun und Interlaken gesichert hatten. Der Regen goß unermüdlich in Strömen herab und meine Abendunterhaltung bestand zuletzt nur in Beobachtung der Hunde von Bern, die augenscheinlich in ebenso viele politische Fractiönchen gespalten, wie ihre Herren und Landsleute, alle Augenblicke bald zu zweien, bald in Trupps, unter den Bogengängen der Erdgeschosse hervorstürzten und sich mit angestammter Tapferkeit herumbissen, als würden sie dafür von den Bourbonen baar bezahlt. 29 5. Thun. Es war um die Stunde der höchsten Blüte des Markttags Sonnabend, als wir am andern Morgen mit zwei großen Postwagen voller Touristen in der Stadt Thun anlangten. Der Ort wimmelte von Soldaten der Republik, an denen das Herz eines monarchischen Militärs nur wenig Wohlgefallen gefunden hätte. Die wohlgenährten starkknochigen Leute hingen bequem in ihren Uniformen, und die blanken Knöpfe, die im europäischen Militärwesen eine so hervorragende Rolle spielen, schienen, wie aus den Röcken der schwäbischen Bauern, nur ihres glänzenden Selbst wegen da zu sein. Das Kriegerthum dieser Soldaten schmeckte ein wenig nach dem misvergnügten Dilettantismus der Bürgerwehr, und wol keiner der Tapfern auf Wache cultivirte so gern den Schießprügel als den Hirtenstab, den Zaum des Saumthieres, oder das Gepäck des ihm vertrauenden Reisenden. Als wir durch die Straßen voller brauner Holzhäuser, mit reizenden Gärtchen davor, auf den Marktplatz kamen, sahen wir uns von einer solchen Menge Käse umfangen, wie man sie sonst nur in den großen See- und Handelsstädten in fruchtbaren Niederungen erblickt. Die vorliegenden Schweizerkäse gehörten jedoch einem besondern Geschlecht von Giganten an, das erst geviertheilt werden mußte, ehe es sich in ein marktübliches Format schickte. Fast ebenso reich wie an Käse war der kleine köstliche Ort an einer ganz eigenthümlichen Sorte von Gebirgsstraßenjungen, wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf. Sie umspielten uns in wahren Mückenschwärmen, erboten sich Führerdienste zu leisten, wo der Weg nach dem Dampfboot offen vor aller Augen lag, das Gepäck zu tragen, dessen Beförderung der 30 Post oblag; endlich bettelten sie so herzinnig und pechartig wie nur die Unterthanen eines kleinen italienischen Fürsten. Ueber alle diese Miniaturen des schweizerischen Alltagslebens siegte der Anblick des Thunersees mit seiner erhabenen Umgebung. Das ewige Schneereich des Berner Oberlandes schüttet den Ueberfluß seiner Wasser in das Becken des Sees aus und die Aar bringt sie als Mitgift dem Rhein zu. Hier wo der Fuß des Reisenden vor der ersten Stufe des Hochgebirgs steht, entfaltet sich die ganze Harmonie einer schweizer Landschaft. Unser Dampfschifflein setzte seine Räder zur rechten Stunde in Bewegung. Die Wolkentrümmer einer wilden dunkeln Regennacht flohen vor dem frischen Nordwinde, der unsere Fahrt fröhlich förderte. Rollende Nebelballen, gemischt mit gräulichen Regenschauern, eilten in den hohen Versteck der Berge, und ein ragender Gipfel nach dem andern, umkränzt von saftiggrünen Alpenwiesen, tauchte aus der Verwirrung auf. An zackige Felsvorsprünge, an schroffe Nadeln suchte sich das geschlagene Unwetter zu klammern, aber der Wind zerriß seine flüchtigen Banner in Fetzen und unaufhaltsam drang unser kleiner Kaper hinterdrein. Die ganze Reisegesellschaft schwelgte, wie eine Heerde Füllen, in diesem Schauspiel, in dem mit aromatischem Tannenduft und Heugeruch gewürzten Lufthauch; nur ein englisches Ehepaar, er ganz schwarzer Anzug mit Gummitunke, sie ganz gelber flatternder Bast, nahm an dem Natur- und Menschenjubel keinen Antheil. Er glotzte stumpfsinnig in den Kesselraum oder las schläfrig im rotheingebundenen Murray, wie Tausende seiner reisenden Landsleute, und doch lebt in keiner andern Nation eine ähnliche Empfänglichkeit für die unartikulirten Geheimnisse der Natur, und Uebersetzungen der Berg- und Meeresdichtungen des Weltalls, wie Byron und Shelley sie geschrieben, kann kein anderes Volk aufweisen. Den 31 herrlichsten Gegensatz zu dem Stockfischpaar bildete eine kleine Schar von berner Pharmaceuten. Sie sahen aus wie die jüngern Söhne eines Hünengeschlechts. In Drillichkitteln, den Regenmantel von Gummizeug über den Arm gerollt, den niedrigen Hut unter dem Kinn fest zugebunden, die Füße mit schweren Nagelschuhen, die Fäuste mit hohen Alpstöcken bewehrt, rückten sie zu einer Gebirgspartie aus. Am Sonntagabend mußte Jeder wieder in seinem Geschäfte sein, und dazu hatten sie nicht weniger vor, als das Faulhorn vom Gießbach aus zu erklimmen, auf einem Pfade, den selbst alte Gemsen für keine leichte Promenade halten sollen. Ich traf die Schar wirklich am Sonntagnachmittag im Lauterbrunner Thal; das rüstige Volk sprang auf einem Richtweg längs der tobenden Lütschine über Felsblöcke und Baumstämme, und lachte heiter grüßend über den armen Wurm aus der Fläche, den ein geduldiger Brauner langsam im klappernden Wäglein den steilen Berg hinanschleppte. Die Schiffsglocke erschallte, der Dampfer machte eine Wendung und legte bei Neuhaus an, dem Hafen von Interlaken. Am Ufer stand schon außer einem Haufen von Omnibus, Fiakern und Karren, der Phalanx der Pensionäre von Unterseen und Interlaken, geschlossen wie die Lästerallee zu Helgoland. Den Toiletten nach konnte man sich in das Bois de Boulogne bei Paris, oder die Cascinen bei Florenz versetzt glauben, nur blickte die große Natur etwas ernsthafter auf die gelangweilten und kranken Menschlein drein. Jetzt war Malwine in ihrem Esse. Mit der Lorgnette auf der Nase musterte sie die Gruppen und stieß jedesmal einen anmuthigen Freudenruf aus, wenn sie in dieser Wildniß von Felsen, Wellen, Bäumen und Fremdlingen ein unverkennbares berliner Antlitz entdeckte. Das Schicksal bescherte ihr dieses Nationalvergnügen nicht spärlich, da wol die kleinere Hälfte 32 der Wartenden aus der großen Hauptstadt einer Provinz stammte, die bei Freienwalde auch eine »Schweiz« besitzt. Nachdem diesmal Oskar den täglichen Kampf mit dem Gepäck ausgefochten hatte, rollten wir im Postomnibus auf einer unvergleichlichen Chaussee nach Interlaken. Für mich war hinlänglich gesorgt, ein liebenswürdiger Freund theilte sofort sein Zimmer mit mir; das arme Ehepaar mußte noch eine lange Kreuz- und Querfahrt aushalten, ehe es ihm gelang, in dem überfüllten Orte ein leidliches Unterkommen zu finden. Was Pensionen für Kinder sind, wissen alle Aeltern, die sich ihrer Kleinen, ganz oder halb, wie der Kunstausdruck besagt, entäußert haben; um die Pensionen für Erwachsene kennenzulernen, kann man sich an keinen bessern Ort als in das über alle Begriffe herrliche Schweizerthal zwischen dem Thuner und Brienzersee begeben. Wer durch die Leiden und Schwächen unsers Culturlebens körperlich und geistig soweit heruntergekommen ist, daß die gewöhnlichen großstädtischen Heil- und Erziehungsmittel bei ihm nicht mehr anschlagen, wird weise handeln, sich selber dort in Pension zu thun. Zwar gibt man sich mit seinen Gebrechen daselbst keine sonderliche Mühe, und die dortigen Aerzte erheben sich kaum über die wissenschaftliche Bildung unserer Barbiergesellen; zwar sind die Molken sauer wie Weinessig; zwar ist die Apotheke so schlecht, daß jeder Blutegel aus Thun zu Schiff geholt werden muß; allein es ist eben dadurch gesorgt, daß der Natur Niemand in das Handwerk pfusche. Die schweizer Behörde, in ihrer tiefen Auffassung der Besonderheit ihres Vaterlandes, hat sich feierlich dagegen erklärt, aus Interlaken einen entschiedenen Curort zu machen. Es soll eine Art landschaftlichen Sommersalons für die Elite aus allen Welttheilen bleiben, und die Schwächlichen, wenn sie der schweizer Behörde zum Trotz sich unterstehen krank zu werden, mögen sehen, wo sie 33 bleiben, nur nicht in – Interlaken. Davon abgesehen, sind alle Bedingungen vorhanden, die Seele, und mittels ihrer Regeneration auch den siechen Leib von den Gebrechen der entmenschenden Uebercivilisation zu reinigen. Ein schöner Tag in diesem Thale muß einen Maler zu dem Gemälde des Paradieses, einen Musiker zu einer Symphonie begeistern; der Poet legt sich an einem Bergabhange in die süßduftenden Kräuter und saugt träumend neue Einbildungskraft ein. Im Thalgrunde wechseln blumige Wiesen mit uralten Wallnußbäumen, reizende Chalets im Oberlandgeschmack mit niedern Hütten, zwei ewige Mauern von himmelhohen, oben bröckelig-morschem Gestein, schützen das Thal vor dem Nordwind und dem Sirocco; nach Süden erschließt sich die Mauer, und über den kleinen Rugen, den Abendberg und die Ausläufer der Schwalmern hinweg, blickt das Schnee- und Eisgebirge der Jungfrau. Vor diesem Altar sitzen früh und spät die Kenner und Dilettanten der Natur. Der atmosphärische Zustand des Prospects auf die Jungfrau entscheidet über die Stimmung aller Pensionäre. Hat sich eine Wolkenwand zwischen das Thal und den Berg gebaut, so lassen Alle die Flügel hängen; zerreißen die Nebel, blickt bald ein Schneefeld, bald ein Gletscher hervor, lagert sich endlich der volle warme Sonnenschein auf diese weißen Riesenmassen, so bequem und üppig, daß die Augen fast erblinden, so ist gute Zeit in Interlaken. Gleich Bienen fliegen sie aus allen Chalets ihrer Pensionen ins Freie, und sammeln süßen Honig unverfänglicher Thatsachen, aus denen hernach das bittere Gift der Klatscherei bereitet wird. Noch dürfen wir nicht aus der Schule schwatzen; das Interlaken der Pensionäre werden wir erst später kennenlernen. Die Lebensfristung in den Pensionen ist dem harmlosen Zweck entsprechend und billig. Der Einzelne zahlt täglich 34 5 Francs für Wohnung und Unterhalt, für Bedienung 10 Centimes. Dafür erhält er in dem allgemeinen Speisesaal: Morgens zu beliebiger Zeit von sieben bis zehn Uhr Kaffee nach Schweizerart, mit allem Zubehör von Milch, Butter, Honig, Zucker, Brot und Kuchen; Mittags um 2 oder 4 Uhr ein reichliches, nach Landessitte etwas fade gekochtes, sonst gesundes Mittagsessen, und Abends um 8 Uhr kalte Küche und Thee, oder Milch und Erdbeeren. Gelüstet einen Schwelger nach Wein und Nachmittagskaffee, so erhält er beides extra zu billigen Preisen. Ueberall sind die Wohnungen trocken, reinlich und freundlich, die Möbel neu, die Gänge mit Strohmatten bedeckt, und die Dienstboten heiter und zuvorkommend, aber langsam. Die Schweiz ist in vielen Dingen ein wenig hinter dem Zeitalter zurückgeblieben. Eine That des Uebermuthes in Baccho, einen energischen Diätfehler zu begehen, gehört zu den Unmöglichkeiten. Es fehlt an einem tonangebenden Restaurant, an einem Weinlocal, und sogar Prinzen und Lords können ihre Billardleidenschaft nur in einer mehr als mittelmäßigen Bierkneipe an der untern Brücke über die Aar befriedigen. Nicht minder unmöglich ist eine Ueberladung des Geistes durch Studium und Lectüre. Fehlen die Hülfsmittel für ersteres gänzlich, so bestehen die Unterhaltungsbücher nur in solchen, welche der Tourist bereits in seinen Jugendjahren auswendig wußte. Zeitungen sind in einem Leseschuppen zwar vorhanden, gehen aber so schwer aus einer Hand in die andere über, und sind so lange vorher mündlich bei den Kunden abonnirt, daß Jeder nur das Blatt lesen kann, welches ihm aus seiner Heimat nachgesandt wird. Es ist wirklich ein Paradies der Unschuld in allen Einrichtungen – dieses Interlaken. 35 6. Interlaken. Der Vergnügungstourist in Interlaken steht Morgens um 5 Uhr auf und wundert sich über die fabelhafte Stille des Aufenthalts. Etwa 2000 Schritte von dem Kirchthurm des Orts hört man um diese Zeit deutlich die Bewegung des Uhrwerks und das auf die Berge steigende Vieh bringt mit seinem Glockengeläute eine wunderbare Wirkung hervor. Wie gesagt, erhebt sich der Tourist, brennt eine Pfeife an, lang genug, um damit den Thuner- oder Brienzersee zu durchstöbern, und begibt sich über die Aar nach Unterseen. Der liebenswürdige und lebhafte Fluß sieht, die Verminderung im Glanz des Colorits abgerechnet, wie gestern aus, er rinnt ebenso hastig thalabwärts, und nur sein Rauschen tritt bei dem tiefen Schweigen der Umgebung kräftiger und bemerklicher hervor. Die menschlichen Einwohner von Unterseen lassen sich noch nicht blicken, sie schließen sich im Sommer dem Beispiel der Gäste an und stehen erst um 7 Uhr auf. Aber es gibt in Unterseen ein kräftiges Geschlecht, das noch nichts von den Schwächen der Menschen weiß. Kaum hat sich der Tourist als seltsame Ausnahme von der Regel gezeigt, als gleich der erste Hund im Dorfe seine Stimme erhebt und sich beeilt, die Anwesenheit des Unberufenen zu verkündigen. Der zweite ergreift mit seltener Genugthuung dieselbe Gelegenheit, und bald erschallt von allen Seiten ein so mörderisches Durcheinander, als ob das Dorf Unterseen von einem kriegerischen Abenteurer überfallen würde. Da der Tourist ruhig weiterschreitet und der Hundewelt nicht die geringste Veranlassung gibt, ihre menschenfeindlichen Uebungen fortzusetzen, beschwichtigt sich endlich ihre kühne Harmonie und sie überläßt sich jetzt den 36 Parteidebatten, welche in der Schweiz so viele Abwechselungen in die Hundesphäre bringen. Auf einem Hofe, unweit des Weges nach Lauterbrunnen, steht ein Hundehaus, dessen Aussehen nicht Comfort verspricht. Ein Greis von sparsamen Sitten und scharfen Zähnen scheint es innezuhaben. Etwa hundert Schritte davon bewohnt eine Familie von Spitzen ein elegantes schweizer Sommerhaus, groß und reich genug, um selbst einer menschlichen Genossenschaft zu genügen. Zwischen diesen beiden Endpunkten bricht an diesem Morgen ein sonderbares und seltsames Verhängniß aus. Zwei reife, vielgewanderte Hunde sprechen bei dem Greise ein, und bellen ihm wol zehn Minuten lang eine heftige Litanei vor, welche er nur mit einzelnen heftigen Lauten unterbricht; dann gehen sie ab und begeben sich zu den Spitzen. Hier bringen sie ihre Motive über den Zaun mit hoher Gelassenheit vor, wobei sie sich fortwährend umsehen, ob das Gefilde hinter ihnen rein ist und kein frevler Biß auf sie lauert. Die Spitze hören erst ihr Gesuch an, dann raffen sie sich auf und protestiren einstimmig gegen den Antrag, wobei sie sich durch ihre Lebhaftigkeit beinahe Schaden thun. Die beiden Köter vom Juste-Milieu entfernen sich und verschwinden; da hört man plötzlich ein Wehgeschrei und beide kommen entsetzt angerannt, verfolgt von einem elefantenartigen Hunde, der zu der Fahne der Spitze geschworen hat. Jetzt nehmen auch einige unbetheiligte ruhige Vierfüßler Antheil, und ehe wir es uns versehen, florirt wieder ein Gebell, das unmöglich zu beschwichtigen scheint, wenn nicht ein gestörter Einwohner aus einem Dachfenster mit einem Wagenfragmente so gewaltsam unter eine Hundegruppe auf dem Wege schleuderte, daß die Gesellschaft wehklagend vondannen eilt und den Weg freiläßt. Wir begeben uns jetzt wieder nach Interlaken zurück. Hier ist unterdessen eine große Veränderung vorgegangen. Die 37 einzelnen Söhne Englands, die in Stille und Geduld an einer Verbesserung ihrer Finanzen arbeiten, beginnen an den Fenstern zu erscheinen. Man muß auf die obern Stockwerke der Häuser Acht geben. Ein Gentleman arbeitet dort mit einer großen Nähnadel und einer schmächtigen Korbflasche an der Wiederherstellung eines Paars von Schuhen; hier bürstet ein Lord, ohne den aufmerksamen Zuschauer zu beobachten, mit kunstgeübter Hand seine Kleidungsstücke; und dort bemüht sich ein alter Schotte unter einem Haufen von schwarzbraunen Glimmstengeln das brennbarste Product zu entdecken. Einige schon praktikabel gewordene Engländer begegnen uns auf der Promenade und grunzen uns freudig an. Engländer, die vor 7 Uhr Morgens sich unter die Menschen wagen, gehören nicht unter die gefürchtete Elite ihrer Landsleute. Wir nähern uns jetzt unserer Pension und steigen langsam die Treppe hinauf. Ein Pole mit schneeweißem Schnurrbart und pechschwarzen Augen kommt uns entgegen und sagt, indem er uns den Paß verlegt: »Wie mein Herr, Sie rauchen? Wie kommen Sie dazu, hier zu rauchen?« »Ist das Rauchen hier etwa verboten?« »Ich sage Ihnen, mein Herr, Sie sollen nicht rauchen, wenn Sie uns nicht Alle verbrennen wollen; das ganze Haus liegt voller Strohmatten und – ich werde ausziehen, wenn mir noch einmal ein Herr mit einer brennenden Pfeife oder Cigarre begegnet.« Bei diesem Worten wirft er mir einen überaus grimmigen Blick zu und entfernt sich mit fabelhafter Geschwindigkeit. Kaum biege ich eine Treppe hoch in den ersten Gang ein, als ich drei junge Leute bemerke, die sämmtlich mit Cigarren bewaffnet an einer Laterne stehen und ihren Feuervorrath einnehmen. Zufällig brennt schon die Strohmatte am 38 Fußboden und ich sehe mich genöthigt, den Herren anzuempfehlen, ein wenig vorsichtiger mit den Gaben Gottes umzugehen. Da die jungen Herren aber weder die ehrliche deutsche Mundart, noch irgendeine andere vollsthümliche Sprache verstehen, und jeder mit größter Bereitwilligkeit einen Fidibus anzündet und meine Pfeife in Brand zu stecken sucht, gebe ich alle Besserungsversuche auf und richte meinen Lauf in das Kaffeelocal. Es schlägt 7 Uhr und man verabreicht mir eine Dosis, stark und groß genug, um den Magen des gigantischen Christoph in der Ballade zu füllen; nur der Honig besitzt keine einschmeichelnden Eigenschaften; er ist eine gastfreie Herberge für Fliegen, deren etwa 2–300 ein Unterkommen darin gefunden haben. Nach dem Kaffee setze ich mich unter einen großen Nußbaum hart am Wege und lasse die Vorübergehenden die Revue passiren. Zuerst sind es nur Herren, welche herüberkommen und sich den Obliegenheiten des Kaffee widmen; dann nähern sich auch Damen. Sie erscheinen sämmtlich mit großen runden Feldhüten, grünen Fächern und Filethandschuhen, und enthalten sich bisjetzt aller Redeübungen, da die Toilette noch nicht vorschriftsmäßig entwickelt scheint. Währenddessen erscheinen auch die Eingeborenen des Landes und beginnen ihre Gewerbe anzuempfehlen. Da ist erstens ein Engrosvermiether von feinen und rührigen Eseln; dann ein Junge mit einem viereckigen Kästchen, in dem eine ungeheure große Raupe sitzt; dann ein altes Weib, die einen Kahn zu vermiethen hat; dann ein Mann, der etwas aus einer Zeitung aufsagt, was kein Mensch versteht, und ein anderer Mann, der selbige Thatsache erklärt, ohne darum verständlicher und volksthümlicher zu werden – alle diese rüstigen Gewerbeungethüme reden mich an und erkundigen sich, ob ich nicht die Raupe für 2 Francs 39 kaufen, oder auf die Wengernalp fahren, oder nach Brienz segeln wolle. Ich lasse sie eine Viertelstunde lang reden und dann noch eine, und sehe nur zu, wie endlich eine Gesellschaft Damen sich vereinigt und sechs Esel miethet, welche mit acht Herren 14 ausmachen, und auf der Stelle bestiegen werden. Der Cercle setzt sich auf und die Esel entfernen sich mit der spaßhaften Gemüthlichkeit, welche dieses Geschlecht so unwiderstehlich macht. Es sind ihrer sechs, aber sie gehen so unterschiedene Pfade, daß man glauben möchte, jeder von ihnen sei seines Lebens satt und suche einen schönen ruhmgekrönten Tod. Der eine wandelt mitten auf dem Fahrwege und stellt sich ankommenden Wagen in die Quer, schlägt gegen die gehandhabte Peitsche hinten aus und wirft seine Dame kopfüber in den Sand; der andere schleicht sachte den Fußpfad entlang und zerreißt die Garderobe seiner Reiterin in kleine Fetzen, während sie nach Kräften Jammer schreit; der dritte bleibt ganz zurück und läßt sich mit einem Stecken höchst unbarmherzig bearbeiten, ohne auch nur ein Zeichen von Aufmerksamkeit vonsichzugeben, und frißt während dieser Scene mit vollständiger Gelassenheit was an seinem Wege wächst – es ist ein erschreckliches Schauspiel, und schon nach einer Viertelstunde kommt die Gesellschaft zurück und beklagt sich bitter über die Schwierigkeiten des Transports. Nach einer fernern Stunde erscheint meine berliner Reisefee mit Oskar, ihrem Vertrauten. Es muß unter allen hierselbst vorhandenen Frauenzimmern ein geheimes Bündniß geben, denn plötzlich springen aus allen benachbarten Thüren auftoupirte und aufgedonnerte Frauenzimmer hervor und bestatten den Tag mit seinem vielverheißenden Frieden. Dazwischen gehen stillschweigend die drei Herren in den Garten, welche seit sechs Wochen unter einer bedeckten angenehmen Galerie Whist mit dem Strohmanne spielen, und nehmen Platz, ohne 40 eine Miene zu verziehen. Ein anderer Herr folgt ihnen und läßt sich mit triumphirendem Lächeln ein kolossales Extrafrühstück auf seine Kosten bringen, das er bis auf den letzten Bissen verzehrt. Noch ein anderer Herr, welchen man mir als den »schwedischen Gelehrten« bezeichnet, streckt sich auf eine Gartenbank, die er mit Hülfe von Bettkissen und Sophapolstern erweicht hat, und studirt bis gegen Mittag. Malwine versammelt unterdessen den geheimen Frauenbund um sich und bespricht im Fortissimo, während das anwesende männliche Geschlecht allen Widerspruch aufgegeben hat, die offenen Fragen des Tages. Jetzt kommen allmälig die Schwindsüchtigen zum Vorschein und verwünschen die Aerzte, die nie zur Stelle sind, wenn sie von den Herren gefodert werden. Sie unterhalten sich ausschließlich vom Essen und beschließen in seltener Einstimmigkeit, heute Mittag allen ihren Aerzten Trotz zu bieten und wider das ausdrückliche Verbot Käse zu essen. Ein wohlwollender Herr, der ihnen Einhalt zu thun wünscht und eine Rede wider den Käsebeschluß hält, wird ohne weiteres mit Vornehmheit ignorirt und fortan als »Schafskopf« signalisirt. Unterdessen erscheinen zwei Damen von etwas verrücktem Aussehen, welche mit großer Beklommenheit Platz nehmen, sich aber consequent von der ganzen Gesellschaft trennen. Es geht das Gerede, daß sie sehr vermögend seien, aus Furcht vor Diebstahl aber ihr ganzes Capital in allerlei Taschen in den Unterröcken und im Schnürleibe bei sich trügen. Mit einem male springt die ganze Versammlung auf und eilt an das Gitter. Das Dampfboot am Thunersee ist angekommen und hat eine reichhaltige Fuhre ausgeschifft; man beeilt sich jetzt, den Zuwachs an Bevölkerung in Augenschein zu nehmen und die Originale zu registriren. Vierspännige Wagen mit bärtigen Kurieren auf den Vordersitzen, italienische Vetturine mit drei Pferden, der Postomnibus bis an die 41 Wolken mit Gepäck überladen, Hauderer mit einem oder zwei Pferden, endlich bescheidene Fußgänger mit einem dienstbeflissenen Gepäckträger – alles das trabt und wandelt vorbei, wobei das Auditorium seinen geistreichen Witz spielen läßt; endlich hat sich der Zug erschöpft und die frühere Ruhe tritt wieder ein. Die Gruppen ziehen sich unter die schattigen Nußbäume zurück, gähnen und schlafen, die Damen wiederholen die Kragenangelegenheit zum zwanzigsten male, die Whistspieler wechseln eben die Plätze, der schwedische Gelehrte studirt weiter und die öde Melancholie der menschlichen Gemeinschaft wüchse uns zu Häupten, beschlössen wir nicht am andern Tage eine Ausflucht in das Berner Oberland. 7. Im Oberlande. Wer seinem Pedal nicht mehr unbedingtes Vertrauen schenkt, thut wohl, sich eines Rosses nebst dazu gehörigem Bändiger oder Pfleger zu versichern, wenn er das gebirgige Terrain der republikanischen Staaten Europas mit einiger Behaglichkeit heimsuchen will. Mithin berief ich einen berner Demokraten und beauftragte ihn, mir auf eine unbestimmte Zeit für einen Tagelohn von 11 Francs und den 12. als Trinkgeld, mit seinem Rosse zugebote zu stehen. Am andern Morgen um 6 Uhr rollte der dienstbereite Freistaatler vor die Thür, und ich fuhr in einem kleinen Wägelchen, das von Lauterbrunnen aus durch Kinder wieder nach Interlaken zurück bergab gezogen werden sollte, in der herrlichen Frische des Sommermorgens vondannen. Ich glaubte von den bequemen 42 Gästen Interlakens der Erste zu sein, welcher sich aufgemacht hatte; allein mehre Einspänner, die von alten Bauernweibern mit großen eisernen Brillen und ungeheuern Strickstrümpfen besetzt waren, und von kleinen Knaben nicht über 10 Jahren gezogen wurden, belehrten mich, daß eine Anzahl Touristen schon am Abend vorher nach Lauterbrunnen aufgebrochen und wahrscheinlich schon längst unterwegs sei. Der Weg von Interlaken nach Lauterbrunnen trägt den Charakter der Schönheit und Erhabenheit an sich, der den ganzen Punkt zu der schönsten Stelle der Schweiz macht. Es ist die glücklichste Steigerung der Prospecte, die binnen zwei Stunden irgend möglich ist. Anfangs eilt man zwischen schwarzbraunen Bauernhäusern, saftgrünen Wiesen, die mächtige Waldung überragt, beschattet von reichliche Frucht tragenden Obstbäumen durch einige stille Dörfer, dann verengt sich das Thal, und gedrängt durch die riesigen Felswände ihres rechten Ufers braust die Lütschine, einer der mächtigsten Abflüsse des Berner Oberlandes, mit grauen, wildschäumenden Wogen, und einen eiskalten Athem in die milde Sommerwärme ausstoßend, gegen den steilen Fahrweg. Die rohe Wildheit dieses rasenden Wassers, das die Gletscherfluten von Grindelwald, der Jungfrau, des Schmadribachs und anderer vereinigt, sticht unheimlich ab von den sonnigen Felswänden, deren steile Gipfel Alpwiesen bedecken, von den reichen Laubwaldungen und den schneebedeckten ewigen Höhen, die da, wo Seitenthäler sich einmünden, scheinbar ganz nahe in unerhörter Majestät sichtbar werden. So das Wetterhorn, das mit seiner wilden dreigezackten Stirn da, wo der Weg nach Grindelwald sich abzweigt, den ganzen Hintergrund abschließt und nichts mit der Gemeinschaft des Thals, sondern nur mit den Töchtern der blauen Sphäre, den leichten fliegenden Wolken, zu schaffen hat. 43 Allmälig verstummt das Geheul des tobenden Eiswassers links in der Tiefe, und eine steile Anhöhe zwischen seltsam geformten Felsmassen emporsteigend, nähert man sich der Heimat thalwärts niederstürzender Wasser, dem einsamen friedlichen Lauterbrunnen, dessen großes Hotel Der Steinbock sich dem Wanderer zuvor in den Weg stellt. Zwar kann man in sogenannten char-à bancs von hier aus noch eine kleine halbe Stunde das schmale düstere Thal entlangfahren, allein die Mehrzahl der Reisenden setzt von hier aus ihre verschiedenen Wege zu Fuß oder zu Pferde fort. Der Vorhof des »Steinbock« zu Lauterbrunnen ist eine wahre Börse aller der Talente zu nennen, welche sich den Reisenden zu Diensten stellen und seine künftigen Beschwerden erleichtern wollen. Kutscher, Führer, Reitknechte, Träger und Jungen drängen sich um den aussteigenden Reisenden und bieten ihm ihre Arme, Beine, Räder und Hufe an, während der Mann im schwarzen Frack, der Steinbocks-Oberkellner, als Präsident in ihrer Mitte, den stutzenden Ankömmling in Empfang nimmt, in das Zimmer führt und seine Kräfte mit Kaffee soweit stärkt, daß er ohne Gefahr die endlosen Anerbietungen vernehmen kann. Ich, dessen Ausdauer noch durch interlakener Pensionselemente wohlgerüstet war, leistete diesem gewinnenden Verfahren hartnäckigen Widerstand und begab mich nach dem nahen Staubbach, dessen flatternde Mähne man vom Hotel aus wenige Schritte weiter von der Felswand herabhängen sieht. Zunächst ist zu bemerken, daß die meisten vom Fels nach Lauterbrunnen herabfallenden Bäche»Staubbäche« sind, insofern die beträchtliche Höhe des Sturzes, die nirgends unter 800 Fuß hinabsteigt, das Wasser auf der Hälfte des Weges in Staub auflöst und dem Winde als Spiel überläßt. Indessen ist nur der höchste dieser Fälle, dessen glatte Wand beinahe 1000 Fuß erreicht, mit jenem Namen beehrt 44 worden. Ich begab mich zu seinem Fuße und sah oben in jäher Höhe den ziemlich starken Wasserarm vereinigt herabstürzen, dann sich in einen dichten Schleier auflösen, dann in eine dichte rollende Wolke, endlich in einen Nebel vergehen, der über unsern Häuptern ruhig wallte, und indem er weit und breit die Vegetation mit feinem, dem Diamantstaub vergleichbaren glänzenden Naß erquickte, hier und da lichte farbige Höfe bildete. Das Schauspiel besaß durch den Hintergrund der grauen, mit dunkelgrünen Flechten in schwindelnder Höhe bewachsenen Felswand etwas Feierliches, und das tiefe Schweigen, unter dem das seltsame Phänomen vor sich ging, unterstützte die ernste Scenerie. Mein Roßbändiger war unterdessen mir nachgekommen; der Braune, dessen Appetit durch ein großes Haferbrot gestillt worden war, trug einen abgeschabten Sattel und dahinter ein glattes Gestell, auf das meine Effecten geschnallt worden waren. Ich setzte mich zu Pferde, wir überschritten bei der Kirche die Lütschine und nach wenigen Schritten, die mein Gaul in philosophischer Ergebenheit vor sich gebracht, standen wir vor dem Anfange des Weges auf die berühmte Wengernalp. Bädeker, der vielbenutzte Wegweiser des deutschen Touristenthums, nennt diesen Weg »wegen des steilen Steigens anfangs für Ungeübte vielleicht etwas beschwerlich«, allein ich kann versichern, daß der erste Aufmarsch von Lauterbrunnen nach Dorf Wengern, das oben am Fuß der Alp liegt, vollkommen ausreicht, um die Kräfte eines starken Mannes und Pferdes, worunter ich meinen Automedon und seinen energischen Braunen verstehe, so zu verarbeiten, daß sie oben eine gute halbe Stunde Ruhe brauchen. Was mich betrifft, so lag ich ergeben in mein etwaiges Schicksal nach vorn gebeugt über dem Halse meines Rosses, blickte gelassen in die Abgründe, die sich alle Augenblicke auf unserm Zickzackmarsche aufthaten, und petitionirte beim Fatum, 45 den über mir reitenden Engländer, wenn er fallen sollte, mir nicht direct auf den Kopf, sondern entweder rechts oder links vorbeizuwerfen. »Es war der Vater mit seinem Kind«, der über mir der Jungfrau zueilte, jedoch hielt er ihn nicht sicher, auch hielt er ihn nicht warm, sondern der Alte ritt allein, und das Kind, dessen Beine in meiner Erinnerung – das soll mir Keiner ausreden – als sechs Fuß lang fortleben, während das übrige Zubehör nur zwei Fuß betrug, wandelte rüstig vor dem Vater und setzte zuweilen sanft kleine Felsstückchen in Bewegung, die freundlich auf meinen Kopf fielen. Ich gestehe, daß es die erste halbe Stunde lang kein Genuß war, diese beiden Ungethüme, von denen das älteste das arme Pferd mit einem Birkenaste erbärmlich anpeitschte, stets über mir in der Schwebe zu erblicken; man gewöhnt sich indessen bald an Alles, und endlich vermißte ich noch mit Schmerzen den Vater und sein Kind. Sie hatten längst vor mir die Höhe erreicht, allein ihre eilige Freude dauerte nur kurze Zeit. Sowol ihre Kräfte wie das mishandelte Pferd waren so angestrengt, daß ich sie später bald überholte und im Verlauf des Tages weiter nicht zu Gesicht bekam. Hart am Rande der Felswand, die östlich von Lauterbrunnen aufsteigt, liegt oben ein Wirthshaus, bei dem ich vor Schweiß triefend anlangte, die Rippen des Thieres flatterten wie ein von Dampfkraft getriebener Blasebalg, und der arme Bursche vermochte sich seiner Blouse nur mit Hülfe eines Bauernburschen zu entledigen, so fest verbunden war sie mit seinem sonstigen Costüm durch die Macht des Wassers. Aber die ganze Situation war entzückend und voller Einheit. Das mir aufgetragene Déjeûner entsprach an Härte und Ursprünglichkeit dem Zustande des Landes. Zwei Stück Käse von der Festigkeit, aber nicht von der Biegsamkeit des Stahls, ein Brot, das von der Basis des Felsens abgeschlagen schien, eine 46 Milch, wie aus dem Staubbach aufgefangen, und eine Butter, so weich wie eine herabgestürzte Sommerlavine, wurden mir zu meinem größten Entzücken dargebracht und meinen Zähnen als Problem vorgelegt. Ich begnügte mich mit der herrlichen Aussicht auf die gegenüber ragende Felswand, die schroff zur Linken über mir den Prospect abschließende grünbewachsene Klippe, und das düstere, das Thal von Lauterbrunnen abschließende, einem eisigen Grabmal vergleichbare Panorama. Eine Menge von Schneefeldern und Gletschern senkte sich thalnieder, und wie ein Streifen von der Länge und Dicke eines Spazierstocks zeichnete sich in blendender Klarheit der 200 Fuß hoch auf einer blaugezackten Eismasse niederstürzende mächtige Fall des Schmadribachs ab. Dieses große Bild ruhte in fernem tiefen Schweigen, und der Staubbach, den ich unmittelbar vor mir sah, bildete bereits oben schon einmal einen gewaltigen Sturz und verflog jetzt vor dem frischen Nordwind in Atome, als könnte er nicht länger der Sehnsucht nach seiner Heimat, dem weißen Hochlande, widerstehen und müsse als Wolke dorthin zurückkehren. Wir brachen wieder auf, und der Weg setzte sich jetzt, weniger steil bergan, über wellige Höhen, durch Abhänge voll seltsamen bitterlich aromatischen Blumenduftes, über Naturbrücken aus wenigen dünnen Baumstämmchen, unter denen ein schneeweiß schäumendes Wasser zu Thal rann, durch junge schwarze Tannen, etwa zwei Stunden lang fort. Auf diesem Pfade genoß ich eine mannichfache und gute Gesellschaft. Wo eine Hecke war, öffneten dienstfertige Kinder, wo sich keine vorfand, öffneten sie wenigstens die Hände und bettelten; wo aber nur die Spur eines Echos zu finden war, reizte ein Mann das sogenannte Alphorn, ein Instrument, das vom Charakter des Hornes gar nichts, von dem der Alpen nur das Entsetzliche und Schroffe ansichträgt, zu starken 47 Seufzern, und die Natur läuterte in ihrer gen Himmel ragenden Werkstatt die schwache Virtuosenarbeit und sandte die Töne wie Antworten aus dem Munde höherer Wesen zurück. Als merkwürdigstes Etablissement der Schweizerindustrie fand ich etwa 4000 Fuß hoch, in einer stark mit Felsstücken beschwerten Hütte eine Art Kleidergeschäft, in dem etwa 10–12 Röcke, Jacken und Beinkleider hingen. Eine junge Frau saß darinnen hinter dem aufgeklappten großen Tische und flickte, ein paar Kinder spielten vor der Thür im Grase, der Mann blies hundert Schritte weiter das Alphorn zum Erbarmen. Mir flößte das arme Bild in dieser hehren und stillen Einsamkeit von der aus das elegante und reiche Interlaken mit seinen Tausenden nur wie ein Häufchen weißer Bachkiesel, die ein Kind zum Spielen aufgelesen, aussah, ein so erschütterndes Mitleid ein, daß ich mein Thier anhielt und die Frau nach dem Ertrage ihres Geschäfts und der Nahrung fragte. Wir konnten uns nicht verständigen, unsere Dialekte waren gegenseitig nicht zu entziffern, und ich ritt vorwärts, nachdem ich sie beschenkt und mich selbst über die Unzufriedenheiten im eigenen Leben durch den verzweiflungsvollen Vergleich mit diesem wilden Bergschneiderthum im Stillen getröstet hatte. Wie wir so immer höher stiegen, verließen uns zuerst die Sträucher, dann die Blumen, dann die Insekten, und vom Leben blieb nichts bei uns als ein kurzes graugrünes Gras, ein sanfter kühler Wind, der von den Eisfeldern der Jungfrau uns entgegenfächelte, und eine himmlische, durch Höhe und Luftklarheit gemäßigte Sonnenwärme. Das Bild der Landschaft war jetzt weit und großartig geworden; ferne Eiszacken tauchten rings am Horizonte auf, und das Thal von Lauterbrunnen erschien von hier aus gesehen wie ein Felsspalt, nicht eben breiter, um mit einem leidlichen Ansatz darüber wegzuspringen. Selbst die hochgelegenen Dörfer Mürren 48 und Eisenfluh waren versunken, und soweit der Blick reichte, erschien die Gegend gänzlich vereinsamt. Indem wir so still und unablässig in mannichfachen Windungen die kahlen Höhen bergankletterten, trat plötzlich die ganze Façade der Jungfrau, wie ich sie schon in Interlaken gesehen, jetzt in ihrer vollständigen Macht und anscheinenden Nähe hervor. Der Bergpfad wandte sich links empor, und ich konnte zur Rechten blickend mein Auge auf diesem Wunder der Hochgebirgswelt ruhen lassen. Der Gipfel des gewaltigen Berges, daneben das wundervoll glänzende Silberhorn, schien mir beim ersten Anblick ganz nahe zu sein; allein wenn ich auf die zahlreichen Wasserstürze blickte, die über die hellblaugrauen Felswände aus Gletscherpforten der Tiefe des zwischen der Wengernalp und dem Hochgebirge sich weit unten erstreckenden Trümletenthals zueilten und sie deutlich sah , sie aber ihrer Größe und Höhe ungeachtet nicht hörte , so erhielt ich eine Ahnung von der Tiefe der Perspective, und begriff die Reinheit der dünnen Luft, die die nächsten und ganz ferne Gegenstände dem Auge gleichmäßig verdeutlichte. Die Temperatur, die tief in den Thälern und an den Felsabdachungen ungemein drückend gewesen war, beschränkte sich hier auf 15° Réaumur im Schatten des Pferdes, und der volle Strahl der Sonne, der uns in der Fläche um diese Stunde – es war etwa 12 Uhr – so empfindlich trifft, berührte mich hier nur wie die melancholische Kühle eines seligen Spätherbstmittags. Der Genuß war unvergleichlich. Es überkam die Seele die unendliche Ruhe des Gestorbenseins, die Unthätigkeit der sonst sich jagenden Gedanken und das überirdische Gefühl des stillen klaren Schauens. Wie das Bewußtsein überstandener Entbehrungen, die wir uns weislich selbst auferlegt haben, den Geist seltsam befriedigt, so die Seele der Gedanke, hier hart 49 an der Schwelle des Urwinters, umgeben von äußerster Armuth und irdischer Noth, trotzig hinaufgestiegen zu sein und in das Reich der Unveränderlichkeit zu starren. Das aber ist der Hohn der Natur, daß uns zahlreiche Wege in das Grauen des ewigen Winters offenstehen; aber ein ewig ungetrübter Frühling oder Sommer ist dem Menschen nirgends gegeben, er gehe so weit er wolle, er steige so hoch sein Fuß ihn trägt. Ich begriff, daß diese Stätte den tiefsinnigen Lord Byron einst unendlich fesseln, daß er sich hier vom Rosse werfen, sein glühendes Haupt an den kalten steinigen Boden pressen und jenen »Manfred« dichten mußte, die letzte Verherrlichung des müden Menschengeistes. 8. Wengernalp. Auf der letzten Höhe angelangt, wurde die Mittagsstation des Tages gemacht. Im Speisesaale zur Linken saß eine kleine halb amerikanische, halb englische Gesellschaft, untermischt mit einigen russisch-französischen Elementen, und verzehrte stumm die aufgetragenen Leckerbissen. Ein deutscher Herr hatte sich pflichtschuldigst ganz seitwärts gesetzt und wahrscheinlich die Schiller'schen Worte: Auf den Bergen ist Freiheit! allzu muthig und großsprecherisch gefunden. Er war ein stattlicher Herr, vielleicht ein hübscher Gerichtsrath aus einer sächsischen Stadt, aber die fremde Gesellschaft hatte ihn vollständig erdrückt und moralisch ruinirt; der Mann sah mich 50 demüthig an und buhlte um meine Blicke, als ich in deutscher Sprache das Essen bestellte; allein ich wandte ihm den Rücken vor Unwillen über seine vaterländische Bescheidenheit. Ich war noch nicht 24 Stunden älter geworden, als meine Theorie vollständig umgeschlagen war. Wie bereute ich um diese Zeit mein garstiges hochfahrendes Benehmen; aber heute ließ ich mich durch ein Vorurtheil hinreißen. Der stattliche Herr saß an einem Tischchen vor dem Fenster und bemühte sich, einen Eierkuchen von felsenfester Constitution nebst einer Portion Schinken zu überwältigen. Ein Schoppen Wein stand vor ihm und mochte nach den Gesichtern, die der Herr schnitt, wohl geeignet sein, jene Victualien aufzulösen, aber wol auch die Wände eines allzu vertrauungsvollen Magens. Ich musterte hierauf die andern Gesellschaften. Kleine Portiönchen Braten, aber riesige Schüsseln mit gebratenen Kartoffeln auf allen Flanken, im Centrum, in der Reserve, im Vortrab, gebratene Kartoffeln, und noch einmal: mit Schaffett gebratene Kartoffeln waren die Leckerbissen, in denen die Mitglieder der mächtigsten europäischen Nationen schwelgten. Dazu drang ein heiterer Gesang aus einem dem Speisezimmer am Ende des langen Ganges gegenüberliegenden Raume. Die Sänger waren unsere Führer und Reitknechte. Sie freuten sich des Lebens, während ihre Herrschaften mit äußerster Mühe die angegriffenen Nervensysteme zu ordnen und wiederherzustellen suchten. Als Zuthat zu unserm Mahle mußten wir die Reden eines Holzschnitzers aushalten, der sich Zurflue nannte und wie noch 20 andere Schnitzer, die ich später kennenlernte, der berühmte Holzarbeiter sein wollte, dessen Bädeker gedenkt. Er brachte allerlei Gemslein, Böcklein, Häuserchen und Büchschen, Messer und Gabeln u. dergl. m. aus den großen Schränken an der Wand herbei, und ging uns nicht eher vom Leibe, als bis Jeder ihm etwas von den 51 theuern Sachen abgekauft hatte. Die Reinlichkeit und das saubere appetitliche Ansehen dieser Dinge brachte mich auf den Gedanken, daß es wol besser wäre, wenn wir diese Holzcompositionen essen könnten, und uns dagegen die höchst merkwürdigen Küchenwaaren als Curiositäten aus dem Schweizerlande zum Verkauf angeboten würden. Ein Russe ließ sich indessen für einige Hundert Francs von der gebrechlichen Waare aufschwatzen und ritt davon, nachdem sein Pferd vorn und hinten mit weißen klappernden Holzkästchen behängt worden war. Es war mir unmöglich in der dumpfen geheizten Stube zu bleiben, wo die mächtigen Aromen der Schweiz und Rußlands: Käse und Juften, einen Todeskampf ausfochten, und ich ging hinaus, um mich in der erhabenen Natur über die Menschen zu trösten. Das Haus auf der Wengern-Scheideck liegt auf einem schmalen Felsrücken und blickt südwestlich nach der Jungfrau und dem Mönch, südlich nach dem Eiger hinüber, dessen steile Pyramide gerade vor dem Fenster des Hauses in den Himmel zu steigen scheint. Als ich aber in Betrachtung versunken das kahle graugrüne Terrain zwischen unserer Schwelle und dem Fuß des Giganten maß, drang plötzlich ein wunderbar harmonischer Ton in mein Ohr. Er kam vom schneebedeckten Eiger und glich den verlorenen Tönen einer Aeolsharfe; allein wenn der sanfte Wind schwieg, schwoll er an und gewann Gleichmaß und Festigkeit. Ich nahm ein kleines Fernrohr zur Hand und entdeckte zwischen dem Eiger und dem Hause eine Heerde von mehr als 1000 Stück Vieh, deren Glocken das liebliche Geräusch hervorbrachten. Die Thiere waren so entfernt, daß sie nur wie braune, schwarze und weiße Punkte auf dem monotonen Hintergrunde hervortraten. Aber zuweilen gewährte es eine reizende Unterbrechung, wenn ein junges Thier den unermeßlichen ruhigen Schwarm verließ und, 52 wie ein flüchtiges Insekt, im Galopp davonschwebte, während das fromme friedliche Geläut der Gesammtheit ihm still und mahnend nachklang, wie die Kirchenglocken einem leichtsinnigen Ketzer und Sünder. Südlich war die Aussicht durch die Kolosse des Berner Oberlandes beschränkt, und nur zuweilen konnte man auf dem Wege nach der Jungfrau die Eisspitze des Finsteraarhorn erblicken; nördlich verrammelte die weniger hochragende Bergkette des Faulhorn den Brienzersee, und nur östlich that sich ein meilenweiter Abhang auf, der sich am Horizont mit Schärfe hellgelb gegen das Himmelblau absetzte, und ein Häuschen, das sogenannte »Hôtel« auf der Hasli-Scheideck zeigte. Die ganze Scenerie in ihrem unendlichen glorreichen Schweigen, mit der weitreichenden Fernsicht in eine grandiose Einfachheit erstarrter Elemente, war wunderbar und entzückend. Zwei junge Franzosen traten aus dem Hause, stocherten sich in den Zähnen und legten sich alsbald in das dürftige Gras innerhalb eines weiten Geheges, indem sie naturphilosophische Glossen ausstießen und die milde Kühle des Grases lobten. Aber bald verstummten sie, machten befremdete Gesichter, berührten das gelobte Gras, näherten den Finger der Nase, schüttelten die Köpfe, standen auf und entfernten sich gebeugt. Jenes weite Gehege war das Nachtrevier für jene entfernte große Heerde, und das junge Frankreich hatte die vielfach zertretenen kühlen Düngerreste der Schweizerkühe für eine herzerfreuende Eigenschaft der Bergvegetation gehalten. Unsere Herren Knechte hatten sich jetzt nachhaltig mit Speise, Getränk und Gesang erfrischt, ihre Pferde, auf denen wir ritten, waren von andern Herren Knechten, die wieder jene bedienten, in einem unbekannten Quell gebadet worden, und allmälig empfingen wir die Ordre, uns bereitzuhalten, 53 um die Reise nach Grindelwald fortzusetzen. Die gesattelten Pferde wurden an einen hohen in die Erde gerammten Tritt geführt und wir stiegen geduldig auf; nur ein alter französischer Herr ließ es sich nicht nehmen, seine junge Dame auf das Pferd zu heben. Da es ihm nach vielen vergeblichen Versuchen nicht gelang, trat er zurück, beschuldigte das Pferd, einen kleinen gedrungenen Schimmel, das größte Thier zu sein, das ihm noch je zu Gesicht gekommen, und bat alle Anwesenden, dieses Ungeheuer von Reitpferd genau in Augenschein zu nehmen, da es unter die Merkwürdigkeiten von Europa gehöre. Als alle Individuen zu Pferde gestiegen waren, ritten sie in östlicher Richtung friedlich bergab und bekümmerten sich nicht weiter umeinander; der stattliche Herr aber war schon eine halbe Stunde früher in die Gegend nach Lauterbrunnen aufgebrochen. Die uns begleitenden Herren Knechte hatten auf unserer Tour nach Grindelwald mehr zu thun als auf dem Ritt des Vormittags. Ihre Hauptbeschäftigung bestand wesentlich darin, ihre Thiere beim Schwanze zu ergreifen und sie an vielen sehr abschüssigen und aus morschen Schieferfragmenten bestehenden Stellen vor dem Sturze zu bewahren. Die Unterhaltung, welche sie dabei mit den Pferden pflogen, muß für einen Kenner der Pferdesprache sehr anziehend und belehrend gewesen sein. Gleich nachdem wir die Wengern-Scheideck verlassen hatten, kamen wir auf dem abschüssigen und steilen Pfade in die Nähe eines aussterbenden Arvenwaldes. Die weitausgedehnten Gruppen dieses kiefernartigen Nadelholzes standen im traurigsten Verfalle da. Die am weitesten den westlichen Abhang des breiten Felsens hinanwachsenden Bäume waren längst den Tod tapferer Vorposten im Kampfe mit verwildernden Temperaturmächten gestorben. Sie schienen bis in das innerste 54 Mark von Weststürmen erstarrt zu sein, und glichen im Glanz der Nachmittagssonne dichtbereiften zackigen Holzgebilden. Etwas tiefer sahen wir Reihen von Bäumen, die kurz über der Erde noch einige Spuren von frischem Grün trugen, aber in der Höhe längst dem rauhen Ungemach der Witterung gewichen waren. Nur wenige Stämme waren noch unversehrt und blickten still auf dieses wilde Gehölz, in dem der Sturm, der Regen und das rasende Feuer des Blitzes so schreckliche Verheerungen angerichtet hatten. Wir ritten schweigend über mehre hastig dem Thale zueilende Berggewässer und fanden neben einer Brücke noch eine Wölbung von Schnee, welcher der Ueberrest einer im Frühjahr vom Eiger herabgestürzten Lavine sein mochte. Dann gelangten wir an eine Sennhütte von unnennbarem Aeußern und einer grotesken Bevölkerung. Unter einem kleinen nach Norden gerichteten Wetterdach saßen nämlich zwei musikalische Sennerinnen von einem Alter und einer Häßlichkeit, daß man unwillkürlich auf den Verdacht fiel, sie seien maskirt und eigentlich bei der großen Oper zu Berlin angestellt. Die Ehrwürdigere dieser Schwestern schlug die Zither und zeigte die Zähne, die Jüngere, in der Blüte der funfziger Jahre stehende, blies die Clarinette und sang dazwischen zum Erbarmen. Auf einem kleinen schmuzigen Tischchen aber standen Milch, Erdbeeren, Butter und Käse, jeder dieser Stoffe in einem kleinen elenden Töpfchen. Nach kurzem Aufenthalte ging es wieder länger als eine Stunde bergab, und wir kamen endlich an den Rand des steilen Abhanges, der sich inmitten von Wald, Buschwerk, Felsen, Châlets und Wiesen nach Grindelwald hinabstürzt. Hier mutheten uns die Herren Knechte ohne weiteres zu abzusteigen und links einen kürzern Richtweg zu wählen, während sie den üblichen Saumpfad zurücklegen wollten. Wir zogen es vor, ihnen nicht zu widersprechen, und 55 stelzten geduldig den anfangs höchst mühseligen, dann aber anmuthiger werdenden Fußweg zwischen üppigen Wiesen, an lieblich rieselnden Bächen hinab. Grindelwald lag vor unsern Augen und bald standen wir am Ufer der aus den Gletschern lebhaft hervorrauschenden Lütschine, welche dem idyllischen Bilde des Thales ein reizendes und feuriges Attribut verlieh. Hier fanden wir unsere Rossebändiger wieder, stiegen von neuem zu Pferde und ritten nach dem»Adler«. 9. Grindelwald. Der »Adler« ist das höhergelegene der beiden Sommergasthäuser von Grindelwald, und gestattet aus den hintern Zimmern eine Aussicht auf die beiden Gletscher, welche den Ruhm des Thales bilden. Unter den Fittigen dieses königlichen Vogels ließ ich mich nieder, und wählte nach den vollendeten Nothwendigkeiten jeder Reise meinen Platz auf einem reizenden großen Balkon, den der aufmerksame Besitzer den Touristen gewidmet hat. Der Abend athmete nur Blumenduft und Sonnenwärme, außer dem fernen Schuß eines Jägers und dem melodischen Rauschen der unaufhörlich rinnenden Gletscherwasser gab es keine Laute des Lebens, und die auf dem Balkon versammelte Gesellschaft, Gäste aus Interlaken, war durchaus in die Wonne der glücklichen Spätstunde versunken. Vor einem Fenster saß Oskar, Malwine und noch ein livländischer Herr, ein schöner junger Mann. Die beiden Cavaliere hatten sogar zur Feier des seltenen Abends zärtlich die Arme um Malwine geschlungen; denn erhebt uns nicht 56 die Poesie über die peinlichen Rücksichten der Sitten und die veralteten Gebräuche? Oskar schien mir sogar glücklicher denn je; er war ohne Gepäck in Grindelwald. Ich setzte mich mit brennender Cigarre gelassen in einen Winkel des breiten Balkons und musterte die etwa aus 30 Personen bestehende Gesellschaft. Sie war wieder die alte Leier, bezogen mit englischen, französischen, russischen und deutschen Saiten, und spielte die gemeinsame Nationalmelodie »Abendbrot«. Das Trio unterhielt sich noch am lebhaftesten, aber ich entzog mich absichtlich der Conversation und wollte nicht das ausländische Quartett vervollständigen. Im Ganzen sprachen alle Anwesenden aber leiser als gewöhnlich, und mir schien die ungemeine Nähe der Alpenriesen, welche von unserm Sitze aus wenige Tausend Schritte weiter emporragten, die Menschen befangener zu machen. Allmälig dunkelte es in der Tiefe, ein zarter Rosenhauch überzog die hellgrauen Felswände und den Schnee des Wetterhorn, dann verschwand der Rest des Lichts, auf dem Abhange Grindelwalds tauchten Nebel auf, und der große untere Gletscher glich im Dunkel einem mächtigen erstarrten Wassersturze. Jetzt wurde es im Hotel lebendiger und die starke Resonanz des weiten Holzgebäudes machte jedes leise Wort verständlich. Große Hunde bellten, an 30 in der Nähe untergebrachte Pferde stampften und klirrten mit ihren Ketten, Führer liefen hin und her, mehre Kammermädchen im reifen Mannesalter schrien den schweizerischen Nationalruf: »Ja Herr!« Was blieb dem Reisenden übrig, als nach dem Souper sich unter die dünnen Bettdecken und den Bleiklumpen von Federn, welche ein Bett im französischen Stile vorstellen sollten, zu vergraben, die Ohren mit den kleinen Kopfkissen zu verstopfen und einzuschlafen, wenn es ihm gelingt, da jenes Bette sehr sinnig so arrangirt ist, daß dem Schläfer jeder Lichtstrahl von außen in das Gesicht 57 fällt und eben ein lebhaftes Wetterleuchten durch die Berge flammt? Nach einer Cavaleriestudie von 10 Stunden fügt sich indessen wol Jeder in sein Schicksal, und ich weiß nur anzugeben, daß ich ruhig einschlief, während an meiner Thür ein Kellner tobte, der mir einen Bogen Postpapier zu bringen beflissen war und selbigen auch wirklich in meine Rechnung unterbrachte, obgleich ich selber jenem geheimnißvollen Stück Papier vollkommen fremdblieb. Es schlug auf dem Thurme der Kirche von Grindelwald eben 6 Uhr, als mein Brauner mich mit jener philosophischen Resignation, welche Pferde und Menschen im Sommer in der Schweiz auszeichnet, aufsitzen ließ und bergantrug. Der holperige Saumpfad wurde höchst unerquicklich durch den gräulichen Bettel, welcher hier auf dem Boden der stolzen Republik sich organisirt hat. Von der Kirche zu Grindelwald an bis zu jenem Punkte hinauf, wo die eingehegten Alpenwiesen endigen, muß der Reisende eine lange Reihe Bettelstationen passiren. Bald tritt ihn ein alter Mann mit Bergkrystallen oder einem Murmelthier an, bald öffnen oder verschließen Jungen eine Hecke, bald springen zwei kleine Mädchen hervor, jodeln ein Weniges und verschwinden, sobald sie ihre 10 Centimes empfangen haben, höchst unmusikalisch auf der Secunde oder der Septime. Endlich kommen wir zum obern Gletscher und werden von dem Portier desselben, dem alten Bohren, in Empfang genommen. Nach dem Aussehen dieses Greises zu urtheilen, muß das Eisgrundstück sich gut rentiren; er ist einige siebzig Jahre alt, von kräftiger Constitution und hat 22 oder 23 Kinder. Alle diese Beiträge zu seiner Geschichte erfuhr ich, während wir die wenigen Schritte zum Gletscher hinabstiegen, auch ermunterte er mich gleich darauf zum Betreten der untern blauen Eisspalten, durch die bekannte Begebenheit mit seinem Vater oder Großvater, der aus 58 Wißbegierde in einen entfernten Eisspalt gefallen war, und mit einem zerbrochenen Arme und Beine unter der schrecklichen Masse dem Eiswasser folgend, wieder hervorkroch. Besagte Erzählung mußte natürlich meinen Muth ungemein erhöhen, und ich beschritt kühn die dünnen Bretchen, welche der biedere Greis in die Spalten gelegt hatte, und bewunderte pflichtschuldigst die allerdings tiefblauen schönen Farbentöne des Eises. Ich mag jedoch in meinen Ausdrücken etwas zu weit gegangen sein, denn Bohren fing an, mich für ein Stück wissenschaftlich gefärbten Gletscherwütherichs zu halten, packte mich beim Kragen und schleppte meine unglückliche Person über eine Menge Stufen auf die Oberfläche des Gletschers, wo ich dieselben blauen Spalten wiederfand und bedeutet wurde, daß weiterhin noch unendlich schönere blaue Spalten zu finden seien. Meine Lust, diese Wunder der Natur zu betrachten, war durch die eisige Temperatur gewaltig herabgestimmt worden; ich lehnte die Expedition ab und entzog mich weislich Bohren's Händen, der eben Miene machte, mir wider meinen Willen den hohen Alpengenuß zu verschaffen. Der Eindruck des Gletschers war bei dem Schmuz, der seine Oberfläche und Seitenwände bedeckte, bei dem unsaubern Getrümmer vor seiner Mündung, nichts weniger als behaglich; das ferne, sich von Zeit zu Zeit wiederholende klägliche Aechzen, der rauhe Eishauch, der aus allen seinen unheimlichen Winkeln und Spalten wehte, das rasch seitabrieselnde Wasser seines Fundaments, das unaufhörliche Tropfen von den thauenden offenen Wänden, ließ das kalte Ungeheuer wie etwas abscheulich Lebendiges erscheinen, und in jedem Augenblick mußte man gewärtig sein, von unheimlichen Bewohnern dieser sich in die Tiefe so jäh und ungestüm hinabdrängenden Masse überfallen zu werden. Der fernere Weg zur Hasli-Scheideck erheiterte das Gemüth; er bot dem Auge wieder einen jener göttlichen weiten 59 Prospecte, umbaut von ewigen Gebilden, deren Formen auf Schönheit Anspruch machen. Eine stundenbreite, von Schiefertrümmern und knappem Graswuchs bedeckte Berghalde erstreckt sich allmälig zur Höhe, links ferne gewaltige Kuppen, beliebt bei den berner Gemsjägern, rechts das Wetterhorn, eine graue zackige Felswand, die sich von hier aus noch etwa 7000 Fuß hoch bis in jene reine stille Höhe erhebt, welche der Mensch nur für wenige Stunden besuchen darf. Drei Lavinenzüge deuten durch reichliche Schneespuren an der Wand und in der Tiefe darauf hin, daß an diesem Fels nichts haftet als der Zahn des Mooses, und schwache Wasserspuren zerstäuben niederrieselnd in einen schnell verwehten Dunst. Wol drei Stunden reitet man diese jähe Wand entlang und kommt endlich zu einer Sennhütte, bei der vorbei der Blick neben dem Wetterhorn sich in die Tiefe der Hochgebirgswelt versenken kann. Der Bewohner dieser Hütte lebt vom Ertrage eines Echos, dessen poetischer Schönheit ich heute noch nicht gedenken darf, ohne auf das tiefste ergriffen zu werden. Der Ton des Alphorns trägt irgendeinen verminderten Septimenaccord in die Weite, und er kommt gleich darauf noch kräftig, aber geläutert zurück; doch jetzt wiederholt sich die Klangfigur, noch einmal antwortet eine zarte Stimme, und endlich erschallt, als die dritte Wiederholung des Lautes der Sterblichen, ein verklärter leiser Sang, wie ihn die Einbildungskraft eines Musikers aus den Vorhallen des Paradieses aufschweben lassen würde, ein thränenloser wunderbarer Hauch aus einem Hause, wo die Ungewißheit und irdische Verworrenheit des qualvollen Lebens längst gelöst ist, und aus den rauhen Stimmen der Sterblichen ein Etwas wird, wie zur Zeit der scheidenden Sonne aus dem still und hoch schwebenden Gewölk, ein Traum von Ueberirdischem, ein Trost für das schwache, menschliche Auge und Ohr. Mehrmals ließ ich, 60 versunken in diesen einzigen Genuß, den Bettler in längern Intervallen in sein Horn stoßen und mich von mehren Touristen auslachen, die gerade desselben Weges zogen. Es mag von der Stelle des Echos bis zur Hasli-Scheideck noch eine gute halbe Stunde Weges sein, die wir nicht einsam zurücklegten. Bald nahm uns das Hotel, eine in tiefster Abgeschiedenheit auf schmalem Felsrücken stehende Breterhütte auf, und wir hatten Gelegenheit, den alten Ruhm des Locals in Bewirthungsangelegenheiten vollauf zu prüfen. Als wir eintraten, ging eben ein deutscher Herr in die Falle und wurde von den ehrlichen und bescheidenen Schweizern gehörig bedient. Er hatte im Vertrauen auf die an den Alpabhängen hüpfenden muntern Kälber bei den jungen Damen des Hauses eine Portion Kalbsbraten bestellt und als solche, für anderthalb Francs, einen krummen langen Knochen mit einer halbverbrannten Sehne daran erhalten. Nachdem er sich eine zeitlang vergeblich bemühte, diesen Stoffen eine eßbare Seite abzugewinnen, stöhnte er kläglich: »Aber mein Gott, das ist ja nicht zu essen!« Sogleich erhob die älteste Tochter die Stimme und antwortete mit der bekannten stehenden Schweizerphrase: »O, Sie können auch noch eine Portion bekommen.« Der Mensch wird hier selbst in den Dingen der Scham grausam und hart wie die Elemente. Da wir an diesem Actus der Gastfreiheit vollständig genug hatten, beschwichtigten wir unsere Wünsche und setzten den Wanderstab weiter. Das Terrain zeigt von hier an eine Mannichfaltigkeit der Erscheinungen, welche die Strecke von der Hasli-Scheideck bis Meyringen einer Ausstellung von höchst pittoresken Gebirgslandschaften vergleichbar machen. Bald ist es ein wahrer Urwald, in dem Wasser und Feuer des Himmels und der Erde, Sturm und Verwesung vergebens gegen die Macht der unermüdlichen Vegetation ankämpfen; bald sind es prachtvolle 61 Gletscher, wie der von Rosenlaui, welche das Auge durch die Reinheit ihrer Farben und den Schwung der Bildung in Erstaunen versetzen; bald eine idyllische Hirtenscene an einem sanftrieselnden Bergwasser, bald wieder eine Kette von mächtigen Wasserfällen, wie die des Reichenbach, der in drei großen Absätzen und in einer unzähligen Menge kleinerer Cascaden in das Thal von Meyringen hinabstürzt. An dem zweiten dieser Fälle ereilte uns ein Gewitter, das schon seit geraumer Zeit an den Felswänden sich zusammengerollt hatte, und nun wie ein Wolkenbruch sich auf uns niederstürzte, den Saumpfad in einen Gießbach verwandelte und das enge Thal durch den rollenden Donner wahrhaft erschütterte. Wir flohen so rasch, als es der elende und ungemein abschüssige Saumpfad erlaubte, bergab und kamen ohne einen Unglücksfall, wie ihn ein Engländer, der mit seinem Pferde stürzte, erlitt, glücklich an dem Ufer der im Unwetter tobenden Aar an, trabten über die Brücke und fanden endlich ein Unterkommen in dem Wilden Manne, dem renommirtesten Hotel des Thales, wo wir zunächst am Feuer unsere Garderobenstücke trocknen und die feuchten Notizen ordnen wollen, ehe wir unsern reizenden neuen Aufenthalt in Augenschein nehmen. 10. Meyringen. Gewiß werden viele unter unsern Lesern auf ihrer Schweizerreise zu Meyringen im Wilden Mann eingekehrt sein; diesen dürften die folgenden Zeilen noch einmal die Schrecknisse ihres Aufenthalts in das Gedächtniß zurückrufen; sie 62 sollen aber noch eine ernstere Pflicht erfüllen und jeden norddeutschen gutmüthigen Mann, jeden an leidliche Kost und ein erträgliches Bett gewöhnten Christen ermahnen, sich fern von den Klauen dieses Ungethüms zu halten. Der Wilde Mann, den man nur im Abbilde an einer Querstange unter dem Dache erblickt, muß den Führern, Trägern und Pferdeknechten erhebliche Procente von den Rechnungen gewähren, da sie jeden Touristen an ihn empfehlen. Er stellt das erste Gasthaus des Orts vor und scheint, nach der Sicherheit seines menschenschänderischen Betragens zu urtheilen, sich schon seit langen Jahren dieser Position bewußt zu sein. Die von der Bergeshöhe durch einen Schweizerbuben vorausgesandte Reisetasche hatte schon bei guter Zeit auf ein Zimmer Beschlag gelegt, und ich erhielt dieses sofort im zweiten Stockwerk. Sehr oft ist es mir auf meinen Wanderungen durch dieses glückliche Land aufgefallen, daß der Reisende draußen in der Natur meistentheils mehr Bequemlichkeiten findet als bei der Gastfreundschaft der Hotels. Der kurze graugrüne Rasen einer Hochalp hat mir, wenn ich mich neben einen frischen Quell hingestreckt, ein besseres Lager gewährt als die dunkeln engen Holzstuben selbst der ersten Wirthshäuser. Zunächst besaß mein Zimmer weder ein Sopha noch einen Lehnstuhl; ein Dreiblatt von Holzschemeln pflegt die Garnitur jedes Raumes im zweiten Stock zu sein, also überraschte mich auch hier diese Trias auf keine Weise. Kommt der Reisende höchst ermüdet noch bei guter Zeit in das Nachtquartier und gedenkt er ein Stündchen zu ruhen, so bleibt ihm nichts übrig, als entweder sofort zu Bette zu gehen oder jene drei Schemel zusammenzurücken und diese republikanische Hôtelpritsche als Sopha zu benutzen. Ebenso wenig findet er einen Klingelzug neben der Thür, und als ich mich meiner aufgeweichten und an den scharfen Felsecken zerrissenen Stiefeln entledigen wollte und 63 angestrengt umhersuchte, entdeckte ich wol bei einem Blick zum Fenster hinaus drei Wasserfälle, aber nicht einen Stiefelknecht. Mir blieb nichts übrig, als mich von den Stiefeln auf Schuljungenmanier zu befreien, die Inexpressibles zum Fenster hinauszuhängen, wo sie unter dem breiten Dach hinlänglich vor dem Regen geschützt waren, dem Geschlecht von Meyringen aber eine ebenso lebhafte Unruhe verursachten, wie das Banner einer feindlichen Truppenabtheilung, und gelassen Pantoffeln und einen langen Ueberrock anzuziehen, welcher vom Regen verschont geblieben war. Das einzige Unterhaltungsmittel blieb bei dem sich in kurzen Zwischenräumen wiederholenden Gewitterregen die Aussicht zum Fenster hinaus. Ich setzte mich auf das breite Bret vor demselben, öffnete beide Flügel, und sog die edle, in Bergkühle und Elektricität gebadete Luft ein. Die drei erwähnten Bäche, welche in gewaltigen Stürzen von den gegenüberliegenden Felswänden herabrauschten, beschäftigten lebhaft die Einbildungskraft. Sie bildeten Wasserfälle von sehr verschiedener Höhe, die aber sämmtlich ihre Fluten an der Basis vereinigten, und in einem künstlich von der Gemeinde geschaffenen Bett in die Aar strömten. Der unterste war heftig von dem Gewitterregen angeschwollen und schleuderte sein mit kleinen Felsstücken vermischtes Wasser in einem Bogen herab. Der mittlere war zwar auch reichhaltiger als gewöhnlich, nur zeigte sich die Farbe nicht so getrübt und glich mehr dem Gletscherwasser. Der obere dagegen hatte mit den düstern und vorübergehenden Einflüssen der Atmosphäre nichts mehr gemein; sein Wasser glich flüssigem Silber und kam augenscheinlich aus den über dem Zuge der Wolken gelegenen Berggegenden her. Bei diesem Anblick wurde man sofort an die Werke verschiedener menschlicher Naturen erinnert, die höher und niedriger gestimmt, der Menge ein ungleiches Schauspiel ihrer 64 Lebensthätigkeit gewähren. Der Ernst der Beschaulichkeit konnte jedoch vor dem Wechsel der Staffage in der Straße des Dorfes nicht lange Stand halten. Nach und nach langten die Reisenden von der Hasli-Scheideck an und hielten vor der Thür des Wilden Mannes. Es ist schon in einer Stadt lächerlich, eine vom Regen durchgepeitschte Gesellschaft heimkehren zu sehen; diese unglücklichen Wasservögel hätten auch den finstersten Philosophen um seine melancholische gemessene Haltung gebracht. Da gab es Engländer, denen das Wasser aus den Stiefeln wie aus einer Brunnenröhre lief, Damen, denen die Hüte aufgeweicht und plattgedrückt waren, und deren Gewänder tricotartig knapp saßen, endlich einen französischen Greis, dessen scurriles, witzig auf ein Ohr gerücktes Sommermützchen die Perücke nur höchst mangelhaft geschützt und dem Regen nicht verwehrt hatte, das zarte Meisterwerk des pariser Adonisateur in lange schwarze Strehnen aufzulösen. Alle diese Verunglückten wurden theils im Wilden Mann einquartiert, theils in die gegenübergelegene sogenannte »Dépendance« hinübergeführt. Die gastfreien Schweizer bezeichnen nämlich mit diesem hochtrabenden Ausdruck das Supplement oder die Beilage zu einem Hôtel, wohin die überschüssigen Gäste abgelagert werden. Im Deutschen könnte man dafür vielleicht nur das bekannte und bescheidene Wort »Schlafstelle« gebrauchen, denn wegen Bedienung und Kost müssen sich die Dépendenten nach dem Haupthotel bemühen, widrigenfalls sie Niemand aufsucht als der Ueberbringer der Rechnung am andern Morgen. Nach einer guten Stunde hatten die Berge ihren Vorrath an Touristen, und die Wolken ihren Ueberfluß an Regentropfen erschöpft, die Luft wurde klar, goldene Pfeile der purpurn versinkenden Sonne schossen durch die blaue Atmosphäre, und ein Abend, wie ihn in dieser Erhabenheit nur die Schweiz und 65 Italien den menschlichen Sinnen erschließen können, stieg schweigend in das schöne Haslithal. Noch verhallte in den fernen Schluchten der wilde Donner, aber mit seinem ewigen reinen Schimmer trat der Schnee der Höhen wieder aus den fliehenden rosigen Nebelstreifen hervor, und die kahlen Felszacken der reizenden Ferne tauchten sich in ein tiefes Violet, die zauberische Farbe einer rührenden Schwermuth, welche nur das Rauschen der Wasser und der Klang einzelner Heerdeglocken unterbrach. Außer der Phantasie und dem Gemüth hatte aber auch der Magen noch Rechte geltend zu machen; mit einem Worte, das Souper war um 7½ Uhr versprochen worden, und diese wichtige Stunde näherte sich mit starken Schritten. Nach nothdürftig gemachter Toilette stieg ich in den Speisesaal und in den zu ebener Erde gelegenen freien Raum hinab, der eine malerische Aussicht auf das Bergpanorama gewährte. Hier saß Altengland bereits auf den besten Plätzen und braute mit der höchsten Bedächtigkeit das heilige Getränk Thee. Die ganze Estrade war mit ziemlich gewöhnlich und charakterlos aussehenden Ladies und Gentlemen gefüllt, die dem göttlichen Abend nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkten, sondern nur alle Fähigkeiten ihrer Geister auf die Beschaffenheit ihres Souper richteten. Ueberall blinkten schlechtgeputzte Theekessel; Cotelettes und warme Eier waren die Losung, Käse und Rahm das Feldgeschrei. Wir armen Deutschen, d. h. eine schlesische adelige Familie, mehre Livländer und meine Wenigkeit, mußten uns auf einigen Stühlchen an den Balkon klammern, obgleich unsere Napoleonsdor gleich vollwichtig waren wie ihre Vettern in den englischen Börsen, und die Schweiz nicht daran dachte, uns die bescheidenere Benutzung des Platzes von der Rechnung abzuziehen. Im Saale wurde gedeckt und jede um den Tisch irrende Person mit großer Wichtigkeit gefragt, welche Weinsorte sie 66 wählen würde. Die Namen dieser Rebensäfte besaßen viel Verlockendes, allein ihre Beschaffenheit war, wie später alle Gäste einstimmig versicherten, von einer Erbärmlichkeit, wie sie selbst das Höllengebräu irgendeines großstädtischen Weinfälschers nicht an sich trägt. Die halbe Flasche Burgunder, für die ich 2½ Francs zahlen mußte, war nach meinem Geschmack höchstens gut genug, um eine durch Hitze allzu sehr verdickte Stiefelwichse wieder in Fluß zu bringen. Reden wir aber nicht von den Weinen des Wilden Mannes, sondern beschreiben wir der strengsten Wahrheit gemäß dieses Souper zu 3 Francs, als ein würdiges Denkmal schweizerischer Oekonomie an einem höchst bequem gelegenen Orte, in den eine bequeme Poststraße mündet, und wo die Anschaffung der Nahrungsmittel nicht die mindeste Schwierigkeit bietet. Der Reisende ist namentlich in Gebirgsgegenden zur äußersten Langmuth gestimmt; er ist gern bereit, mit schwerem Gelde die nöthigsten einfachen Nahrungsmittel zu bezahlen; wenn man ihn aber wie einen Sklaven behandelt und ihn nach einem mühseligen Tage hungerig vom Tische aufstehen läßt, so verdient ein solches Verfahren die allerhärteste Züchtigung. Ich trage umsoweniger Bedenken, dem Wilden Manne diese Streiche zu versetzen, als in Meyringen noch drei andere sehr gute Hôtels vorhanden sind, und ich selbst am andern Morgen in eines derselben, Die Krone, flüchtete, wo ich mich von den Schrecken des Kannibalen vollständig erholte. Wir waren unser etwa 20 Personen aus allen Gegenden der Welt, die sich den Schicksalen dieser grausamen Tafel unterwarfen. Eine Suppe, matt und fade und nicht sonderlich warm, bereitete uns ahnungsvoll vor; dann kamen zwei Fische, die ganz auf die Tafel gesetzt, aber nicht herumgereicht wurden; vielmehr verschwand der höchst spitzbübisch aussehende Kellner damit an den Nebentisch und theilte auf jeden Teller 67 ein winziges Portiönchen ab, welches wie eine feige Schutzwache ein Schälchen geschmolzener alter Butter als Runde um den Tisch begleitete. Nur große harte Kartoffeln, der einzige Gegenstand, mit dem ein schweizer Gasthaus freigebig ist, waren in hinlänglicher Anzahl vorhanden. Aber, o Jammer, die Gesellschaft wandte sich mit gleichem Entsetzen, wie der Gastfreund des Polykrates, von dem Fische ab! Zwar nicht auf Grund eines in seinem Magen gefundenen goldenen Siegelringes, sondern statt dessen wegen der Fortschritte, welche dieser Fisch auf dem Wege aus dem Organischen in das Unorganische gemacht hatte. Ungekocht schon muß das Geschöpf, dessen Fragmente uns zugetheilt wurden, wie ein Fixstern geleuchtet haben. Jetzt kam die Pastete. Sie sah schön aus, man konnte sie verlockend nennen; aber sie war doch nur eine falsche Pastete, wie es einen falschen Hasen in der Kochkunst gibt. Ihre Füllung bestand in nichts als zähen, klebrigen Mehlklößen, bedeckt mit einem häßlichen, ungesalzenen Kleister. Was soll ich noch mehr von dem Hammel, oder wie man hier sagte, dem »Schafbraten« erzählen? Ich würde schweigen, wenn die Frechheit nicht bei dieser Gelegenheit culminirt hätte. Obwol 20 Personen bei Tische saßen, schnitten die gaunerischen Kellner doch, genau erzählt, nur 11 dünne Scheiben ab, flogen mit dem Fleischstück zur Thür hinaus, und Schaf und Kellner sahen wir niemals wieder. Der verrathenen Gesellschaft war anheimgestellt, sich an einigen vertrockneten Makronen als Dessert zu halten, und die Haselnüsse zu knacken, welche ringsumher auf den Felsabhängen zu wachsen schienen und so häufig wie die Kartoffeln auf dem Tische vorhanden waren. Da die Meisten von uns nach dem anstrengenden Tagemarsch zu so später Stunde und bei der kühlen Abendluft großen Appetit hatten, standen wir äußerst kleinlaut von Tische auf, brannten die geknickten triefenden Talglichter mit 68 Kienspänen an und schlichen gedemüthigt in unsere Zimmer. Ich will indessen lieber noch einmal an dem Souper des Herrn E. B . . zu Meyringen theilnehmen, als eine ähnliche Nacht zum zweiten mal verleben. Kaum hatte ich mich niedergelegt und das bleiern schwere Kissen, das wie ein Alp auf meinem leider leeren Magen lag, über mich gewälzt, als aus allen Cantonen des Bettes wüthende Freischaren über mich herfielen und mich peinigten, als ob ich ein royalistischer Neufchâteler wäre. Zuerst sprang ich entsetzt auf, zündete Licht an und setzte mich auf einen meiner Schemel, um nach meiner alten Gewohnheit mir die Beschaffenheit des Uebels hinlänglich klar zu machen. Ich vermuthete, daß ich unter eine Abtheilung Gems- oder Steinbockflöhe gerathen sei, so gewaltig waren die Sprünge und so hart die Hufen dieser bergbewohnenden Insekten; dann aber sagte ich mir: »Seid geboren, wo ihr wollt, bewohnt meinetwegen das Fell des hyrkanischen Bären, Insektenpulver wird euch als Sterblichgeborene fällen.« Meine Hoffnung war vollkommen irrig gewesen; der geringe Vorrath wurde vergebens verstreut als ein Weihrauch auf den Altären des süßen Schlummers; es half nichts. Ihr Souper war besser und reichlicher, als unser beiderseitiger Hausherr es mir gereicht hatte. Wie Gespenster zogen sie sich erst bei Tagesanbruch zurück, und das klagende Geräusch in allen benachbarten Zimmern belehrte mich, wie einig diese Bundesversammlung in ihren Maßregeln gegen verwegene und unbesonnene Fremdlinge gewesen war. 69 11. Der Brienzersee. Der Morgen brach finster und regnerisch an und von dem herrlichen Haslithal war bei diesem Wetter wenig mehr zu sehen als von einer langweiligen und geraden berliner Straße. Im Erdgeschoß des Wilden Mannes herrschte eine außerordentliche Aufregung auf Seiten der deutschen, eine stumpfe Gleichgültigkeit auf Seiten der überseeischen Reisenden. Vor der Thür unter dem breiten Dache wimmelte es von gesattelten Pferden, Trägern, Führern und Knechten, die mit schweizerischer Gemüthsruhe, vertrauend auf die Taxe ihres Landes und das sichere Gold der Fremden, den warmen dichten Sommerregen auf ihr festes Fell triefen ließen und höchst gleichgültig auf ihre fremdländischen Gebieter emporblickten. Endlich lichtete sich das Gewölk ein wenig, die Basis der Berge und Felsgruppen wurde sichtbar, und sogleich befahlen alle Touristen, die Pferde vorzuführen. Sieben dieser wackern Rosse kamen allein auf die nordamerikanische Familie des Mr. Williams aus Neuyork, der die Seinigen bis herab auf ein etwa sechsjähriges reizendes, aber zugleich ebenso selbständiges Mädchen mitgenommen hatte. Die Menschen- und Gepäckvertheilung der Yankeegesellschaft auf diese sieben tüchtigen Gäule war höchst lehrreich. Jedes ausgewachsene Individuum hatte nur eine kleine Rolle hinter dem Sattel, aber hinter jedes der Kinder war zur Ausgleichung ein gehöriger Koffer geschnallt; nur Mr. Williams, als Familienoberhaupt und Mann von fast zwei Centnern, hielt sich von schnöder Ueberfracht frei, obwol das starkknochigste Pferd die Ehre hatte ihn zu tragen. Der Leser wird vielleicht verwundert sein, daß mir der 70 Name dieses großen Gentleman bekannt geworden, zumal die überseeischen Menschen die Söhne des Continents weder zu bemerken noch des Gesprächs zu würdigen pflegen. Ich bemerke deshalb eilig, daß der Name Mr. Williams auf allen Koffern, Schirmen und Plaids gravirt stand, daß die blasse Gouvernante aber wahrscheinlich mit dieser herrlichen Signatur noch näher, etwa wie unsere Edelschafe, von ihren Gebietern bezeichnet war. Die nordamerikanische Familie hatte sich kaum zu Pferde gesetzt, als der Regen wieder begann und die ganze Sippschaft sofort aus den Sätteln rutschte und sich in einer Reihe im Hausflur aufstellte. Der sechsjährigen Lady mochte aber die Zeit länger als billig werden, denn sie begann plötzlich das Verlangen zu äußern, die Muße durch die Anfertigung von Seifenblasen auszufüllen. Der kleine Napoleon konnte nicht eifriger bedient werden als das Kind von Neuyork. Die Gouvernante stürzte sofort in die Küche und stellte einen Schweizerbua zur Verdichtung des nöthigen Seifenwassers an, ein Stuhl wurde herbeigeschafft und an den großen Tisch gestellt, und ein Bote augenblicklich in die Engroshandlung von Meyringen geschickt, um eine Thonpfeife zu holen. Ungewöhnlich schnell kam dieser Mercur zurück und brachte einen Pfeifenstummel, der mir länger als billig von Charakter alter Glimmstengel gewesen zu sein schien, hier aber für neu galt und auch nur einen Franc kostete. Die kleine Lady ergriff ihn, der Sohn der jungen Schweiz hielt die Schüssel, sie machte Seifenblasen, und Master wie Mistreß Williams bewunderten das Genie ihrer jüngsten Tochter. Die Bedienung des Hôtel bildete in malerischen Gruppen einen Chor der Bewunderung und bekümmerte sich weiter nicht um die sonstigen Continentalgäste, die nach Kaffee lüstern waren. Doch selbst die glücklichsten Momente auf Erden müssen am Menschen vorbeigehen, 71 die Lady warf plötzlich dem Bua die Pfeife an den Kopf, sprang vom Stuhl, gab ihm einen Stoß, daß die Seifenlauge ihm in das Gesicht spritzte, und wollte fort. Der Himmel begünstigte ihren Eigensinn, eben kam die Sonne zum Vorschein, und in Zeit von 10 Minuten sah ich die eilige Familie über die Aar jenem Felsabhange entgegenreiten, den ich gestern hinabgestiegen war. Mir flößte das Wetter nicht ein gleiches Vertrauen ein; ich beschloß nach Interlaken zurückzukehren, berief meinen Pferdeknecht zur Auszahlung und foderte die Rechnung im Wilden Mann. Brüchi – so hieß dieser Goldmensch – erschien und erhielt für zwei Tage und den dritten, als die Zeit seines Rückwegs, 36 Francs, wobei ich ihm noch das Trinkgeld für den heutigen dienstfreien Tag mit auszahlte. Dann kam die Rechnung, natürlich in gutem Französisch, wenngleich sonst nicht das Mindeste an die Eleganz von Paris erinnert hatte; es stand sogar das Frühstück, welches ich noch gar nicht genossen, da Niemand so freundlich gewesen war es mir anzubieten, darauf verzeichnet. Dieser Köhlerglauben an meinen Appetit und guten Willen nach den Antecedentien des gestrigen Tages beleidigte mein Gefühl. Ich befahl das Frühstück zu streichen, erklärte mit einer Offenheit, die ich den edeln und einfachen Sitten des Landes entlieh, daß der Bissen verflucht sein solle, den ich in dieser »S . . wirthschaft« noch genießen würde, und wandte mich, ernst und gespenstisch, wie ein dämonisches Wesen in einer deutschen Ballade. Feierlich ging ich auf die »Krone« zu, welche wenige Schritte von dem unseligen Wilden Mann entfernt, zugleich Post- und Telegraphenstation vorstellte, löste mein Postbillet nach Brienz und erquickte mich mit einem reichlichen, saubern und überaus billigen Déjeûner. Hier herrschte das entgegengesetzte Bewirthungsprincip. Statt der Kellner bedienten die freundlichen Töchter 72 des Hausherrn die Gäste, wie sie außerdem den Post- und Telegraphendienst mit Gewandtheit verrichteten. Noch saß ich gemüthlich bei meinem Thee und wehrte nach Kräften den Fliegen, sich freiwillig in den Honig zu stürzen und den süßesten Tod zu suchen, als mein Brüchi erschien und mich fragte, ob ich nach Brienz fahren wollte. Der liebe Mensch mochte kein Engagement durch das Oberland gefunden haben und auch begierig nach seiner Heimatsruhe sein. Er bot mir deshalb an, wenn ich ihm soviel bezahlen wolle, als mein Postgeld betrug, mich bis Brienz zu fahren. Da ich ihm für den Tag bereits 12 Francs gezahlt hatte und nach dem Landesgebrauch der Kerl und sein Pferd mir noch gehörten, soweit ich auf dem Rückwege eben reiten oder fahren konnte, rührte mich diese Sitteneinfalt beinahe bis zu Thränen. Ich fragte ihn, wie viel das Postgeld, welches ich 10 Minuten vorher mit 1½ Francs bezahlt hatte, betrüge, und erfuhr, daß es gerade 2 Francs ausmache. Ohne weiter mit ihm zu unterhandeln, zeigte ich ihm den Postschein mit dem darauf vermerkten Preis, nannte ihn einen Schuft, wünschte ihm auf der Heimkehr den Hals zu brechen und bat ihn, mein Frühmahl nicht ferner durch seine gaunerische Gegenwart zu entweihen. Mit Vergnügen füge ich hinzu, daß die Leute in der Krone über Brüchi's speculativen Sinn äußerst erzürnt waren und ihn unter heftigen, mir leider unverständlichen Controversen zum Hause hinauswiesen. Pünktlich um 9½ Uhr bestiegen wir buntzusammengewürfelten Passagiere den omnibusartigen Postwagen und fuhren bei dem freundlichen Sonnenschein auf einer trefflichen Chaussee nach Brienz. Der Hauptcharakter der Gesellschaft war außer einem berliner Rentier ein alter Schweizerführer, der sich das Vergnügen machte, sein Controlebuch zur Ansicht wie ein Album vorzuzeigen, und allerdings die trefflichsten 73 Zeugnisse vorweisen konnte. Da die Schweizerregierung mit anerkennenswerther Berücksichtigung der vaterländischen Interessen jährlich die Preise der Miethpferde je nach dem Steigen des Hafers und der wachsenden Zahl der Reisenden pünktlich erhöht, könnte sie auch wol die erwähnten Führungsbücher auf die Pferdeknechte ausdehnen, über welche, wie über die Lohnkutscher, die Klagen der Reisenden alles Maß überschreiten. Nach einer starken Stunde langten wir in Brienz an, parirten die Finten des Wirthes, welcher uns mit einem Frühstück überlisten wollte, und mietheten für 3 Francs einen flachen Kahn, um uns nach dem berühmten Gießbach, dem jetzigen Besitzthum der Gebrüder Rappard aus Preußen, überfahren zu lassen. Man glaubt nicht, auf welcher elenden Stufe die nautische Fertigkeit der Schweizer steht. Ihre Fahrzeuge gleichen den ungeschickten Booten, welche unsere Knaben aus der Borke der Fichtenstämme schneiden. Sie sind im höchsten Grade unsicher, und müssen bei irgendwelcher Unruhe der darin Sitzenden auf der Stelle umschlagen. Bei lebhaftem Winde sind sie sofort zu Ferien verurtheilt, und Gäste zu Interlaken erzählten, daß sie bei einer aufspringenden Brise mehr als einmal am Ufer ausgesetzt worden und gezwungen gewesen seien, ihren Weg meilenweit am Ufer über Gestrüpp und Felstrümmer zu suchen. Kielboote und Segel stehen noch nicht im Marineregister der freien Schweiz. Die kleine Strecke am Rande des lieblich grünen Sees, über dessen mächtige Felsufer südlich das beschneite Faulhorn blickte, war bei dem ruhigsten Wetter schnell zurückgelegt, und nach 20 Minuten wurden wir bei einer bedeckten Plateforme unterhalb des Gießbach-Etablissements ausgesetzt. Die Klänge eines fünfstimmigen musikalischen Bettels waren uns schon über die Fluten in mittelmäßiger, etwas hahnebüchener Melodik 74 entgegengeschwebt. Fünf nicht allzu reinliche, weder hübsche noch junge Nachtigallen des Berner Oberlandes standen um einen Pfeiler und sangen mit einer bangen Verschämtheit, die allerdings ihren Leistungen nur angemessen war, aber doch das menschliche Herz wenigstens zum Mitleid stimmte. Das übrige Schweizerpublicum bestand aus Weibern und Buben, welche ein Gewerbe daraus machten, die Habseligkeiten der Fremden in Verwahrung zu nehmen. Nachdem wir diesen Industriellen unsere Plaids, Taschen und Schirme anvertraut, stiegen wir den Fels in die Höhe. Der breite, sehr sauber unterhaltene Fußweg gewährte nach den Strapazen der vorangegangenen Tage die anmuthigste Erholung; wir schlenderten neben dem tobend herabstürzenden Bergwasser bequem, wie in einem königlichen Park bergan. Gegenüber dem zweiten, sehr schönen Wasserfalle des Gießbach liegt das hübsche kleine Hôtel, dessen Bedienung und Waaren einen Anstrich von norddeutscher Solidität und Güte haben. Dem entsprechend zahlt der Fremdling auch als »Entrée« für die Naturscene einen halben Franc. Mein berliner Rentier, der schon die ganze Zeit hindurch die Schweiz mit allen den unnachahmlichen Redewendungen überschüttet hatte, welche das Monopol unserer geistreichen, aber stets zur Unzufriedenheit geneigten Mitbürger bilden, hatte eben mit dem Satz geschlossen: »Tausend Berliner möchte ich in diese Schweiz werfen – nur tausend wie ich – und sie würden das ganze ›Ding‹ wie einen Handschuh umkehren!« als das Dampfboot von Interlaken anlangte und einen wahren Blumenflor von reizenden Damen nebst ihren herrlichen Rittern und Knappen zu unserer Höhe emporsandte. Sie gedachten solange zu verweilen, bis das Dampfboot von Brienz zurückkam, und dann nach Interlaken heimzukehren. Der Gießbach ist eine reizende Vormittags- oder eine Wasserpartie für die Villeggiaturgäste 75 von Interlaken. Man sah die saubersten Toiletten, die rosigsten Frauenwangen, die zierlichsten Gestalten, die graziösesten Bewegungen neben den bestgedrehten Schnurrbärten und Sommer- und Reitfracks von Dusautoy vom Boulevard des Italiens, umgeben von einer wilden Natur, die eine Viertelmeile weiter nur für den Fuß des Gemsjägers und Schützen des Steinadlers gangbar erscheint. Aber trotz dieses ausgesprochenen Zaubers trug das Schauspiel etwas Ueberreiztes, ja Krankhaftes an sich. Diese ernste, wenn auch schöne Natur sah mit ablehnender Miene auf die verwöhnten und entarteten Sprossen der weichen Civilisation herab, und das harte Volk in seinen groben Kleidern, das stumpfsinnig umherstand, paßte würdiger zu dem großen und rohen Stile der gewaltigen Formen, welche wie erstaunt und ungewohnt in die Milde des schweigenden Sommervormittags schauten und sich nach Sturm, Blitz, Regen und Hagel zu sehnen schienen. Unsere Betrachtungen mußten gemessen sein; gleich einer hungerigen Ente mit den Rädern schnatternd, kam das kleine Dampfboot von Brienz zurück, und die fashionablen Cirkel, die es sich kaum bequem gemacht, sahen sich zur Heimkehr gezwungen. Ueber Hals und Kopf eilten Alle die Windungen des Berges hinab und drängten sich an Bord. Nie hat es einen kläglichern Raddampfer gegeben. Er litt an Asthma und galoppirender Schwindsucht in seinen eisernen Lungen. Nur bei dem friedlichsten Wetter wagte sich der unglückliche, schon unheilbar krank auf die Welt gekommene, als Patient über den grünen Seespiegel. Interlakens herrliches Klima, der Phthisis so heilsam, hatte alle medicinischen Kräfte für ihn verloren; er siechte langsam unter der Führung eines Flüchtlings aus Berlin dahin. Litt er wie dieser am Heimweh? Die Frische des Sees, die Heiterkeit der glücklichen Stunde und ein alter polnischer Herr ließen uns die Qualen des 76 Dampfers vergessen. Das alte Polen hatte auf seine Kosten das Oberland-Quintett von der Plateforme für die Mittagstafel des Hôtel des Alpes engagirt und erging sich gegen mich, der ich ihm ein tückischgeneigtes Ohr lieh, in überschwänglichen Lobpreisungen der Altistin. Mir schien indessen, als ob es weniger die »musikalischen« Talente dieser Person waren, welche den Kunstsinn des Greises reizten, als sonstige Naturgaben, wie sie selbst in rohester Gestalt Alte vom Berge anziehen können. Sein Zweifel, ob es nicht passend sei, das arme Quintett gleich zur Morgenmusik in Interlaken zu behalten, bestärkte mich in meinen verwerflichen Muthmaßungen. Da schellte es am Bord, das schwindsüchtige Boot schwamm in die Aar, vom Ufer winkten mit Tüchern und Blumenbouquets schöne Damen, Kinder und Freunde – wir waren wieder in Interlaken. 12. Gesellschaftsstudien. Wer aus dem Berner Oberlande heimkehrt, weiß erst die Bequemlichkeiten von Interlaken gehörig zu schätzen. Nachdem ich, begleitet von einem Knaben Gehasi, deren stets ein halbes Hundert zu Diensten der Fremden steht, mich und mein leichtes Gepäck wieder in der guten Pension untergebracht, trachtete ich aus gerechtfertigten Gründen nach einem Bade. Es gibt in Interlaken zwei öffentliche Institute dieser Art. Das erstere liegt an der obern Aarbrücke und gehört in die Kategorie der sogenannten Schreckbäder. Bekanntlich eignet sich dieses Genre nicht für jede Nation und Constitution, man muß geborener 77 Russe und ausdrücklich in Eiswasser getauft sein, um an dem Sprunge in die grüne Aar, deren Temperatur nur einige Grade über Null steht, Wohlgefallen zu finden. Das kalte Aarbad ist das Monopol jener Nervenrenommisten, jener Percys des Wassers, die über Verweichlichung klagen, wenn sie nicht alle Morgen den schrecklichen Mordschauer der Prießnitzianer genossen haben. Nicht anspruchsvoll genug, um ein solches Wagniß zu unternehmen, seit drei Tagen auch mehr geeignet zu scheuern als zu schauern (zwei Verba, die für ein gewisses Berlin ganz identisch sind), begab ich mich in die warmen Bäder an der untern Aarbrücke. Nachdem ich um das in einem kleinen verwilderten Garten gelegene alte Haus gewandelt und Niemanden gefunden hatte, nachdem auf meinen bangen Hülferuf ebenso wenig eine menschliche Stimme geantwortet, ahmte ich dem bekannten blinden Schimmel in der Ballade nach und zog, wenn auch nicht wie mein unsterbliches Vorbild mit den Zähnen, eine große Glocke. Kaum erschallte ihr feierlicher Klang, als aus Ställen, Fluren und Fenstern plötzlich eine Anzahl Menschen blickte, woraus ich schloß, daß ich den großen Bourdon der Abfütterung, die Melkglocke oder den Hauswecker gezogen haben müsse. Da indessen in meiner Haltung nichts lag, was mich in den Verdacht des Wunsches bringen konnte, zu essen, aufzustehen oder gemelkt zu werden, näherte sich mir eine Schweizerin und fragte nach meinem Begehren. Kaum war mein offenes Geständniß erfolgt, als mich die Dame in ein großes niedriges Gemach führte und sich entfernte. Anfangs war ich geneigt, diesen Raum für das Wartezimmer des Instituts zu halten; allein bald entdeckte ich zwei Gefäße, welche mir den Verdacht einflößten, ich könnte mich doch wol in einer Badestube befinden. An den Wänden standen zwei kleine viereckige Kästen von der Größe mäßiger Kindersärge ohne Deckel, an deren linker Seite 78 zwei Hähnchen, die nur ein wenig dicker waren als die Stiele von Thonpfeifen, aus der Wand hervorragten. Der Raum für das zu dieser Badefolter verurtheilte Geschöpf wurde noch durch einen dicken verrosteten Draht beschränkt, dessen Handhabe am Kopfende des Kastens dazu bestimmt war, das Wasser abzulassen. Bald erschien die Dame mit zwei Handtüchern, drehte die Hähnchen und bat mich um ein wenig Geduld. In Verlegenheit gesetzt durch die Kleinheit der mir zugedachten Wanne, machte ich sie auf das unzureichende Format des Bades aufmerksam, erhielt aber nur zur Antwort, daß alle übrigen Zimmer besetzt seien, ich auch gar keinen Grund zur Klage habe, da mir ja zwei Wannen zur Disposition gestellt seien, die Kosten aber nur den tarifmäßigen Franc betrügen. Dagegen ließ sich nichts einwenden; ich zahlte höflich und kroch in die elende Wanne, die ich so genau ausfüllte, wie die Schnecke ihr Haus. Während ich das Aarwasser, dessen köstliches Fluidum ganz dieselbe atlasartige Geschmeidigkeit der Thermen von Gastein und Wildbad besaß, auf mich wirken ließ und darüber speculirte, ob die Wirkung jenes berühmten Bades nicht lediglich der großen Reinheit des Wassers, deren auch die Fluten aller aus geschmolzenem Schnee entstandenen Ströme unfern von ihrem Ursprunge theilhaftig sind, zuzuschreiben sei, fiel mir die berner Regierung ein. Wenn ihr Princip ist, daß Interlaken niemals zu einem gemeinen Badeorte erniedrigt werden solle, könnte sie doch mehr für die Anstalten der Reinlichkeit sorgen, als sie dieses Bad gewährte. Hier wo die reichen Leute Europas während dreier Sommermonate ihre Villeggiatur beziehen, existiren nicht einmal Vorrichtungen von der demüthigen Bequemlichkeit der Badestube in dem Zellengefängnisse von Moabit bei Berlin. Ein norddeutscher Unternehmer würde hier in wenigen Jahren ein reicher Mann werden; aber die Schweizer sind so eifersüchtig auf ihre klügern und 79 gewerbfleißigen Nachbarn, daß jedem fremden Industriellen die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden würden. Man peinigt lieber die Gäste mit altfränkischen und elenden Einrichtungen, ehe man das triviale Schutzsystem zu Gunsten der Landeskinder aufgibt. Gleiches gilt von der Zubereitung der Molken. Von allen Seiten wurde mir geklagt, daß sie ihrer abscheulichen Säure wegen kaum zu genießen seien. Und solche Beschwerden muß man in einem Landstriche hören, der die herrlichsten Alpenweiden Europas in sich schließt. Die Molken von Reinerz, Ischl und Kreuth wurden bei weitem dem schweizerischen Gebräu vorgezogen. Nachdem ich Toilette gemacht, lungerte ich nach Ortsgebrauch in dem Garten der Pension umher und hörte die gewöhnliche Kritik der einzigen Jungfrau an, deren Toilette nicht den Spott oder Neid der anwesenden Damen erregte. Die Pension hatte ihre Gäste zum Theil gewechselt, und eine neueingezogene aus dem Hôtel des Alpes übergesiedelte Insulanerin beschäftigte die Gesellschaft ausschließlich. Unter dem großen Nußbaum vor der Thür sprach man nur von Miß Nelly; im Garten, wo eine ewige Whistpartie blühte, schwärmte man für Miß Nelly; vom Balkon tönte als Seufzer »Miß Nelly« herab, und im Gartenhause sang ein junger Franzose ein von ihm componirtes, aber höchst kunstloses Lied zu Ehren der Miß Nelly. Ich machte mir Vorwürfe, durch einen Ausflug in das Berner Oberland ein so wichtiges Ereigniß, als die Ankunft der Miß Nelly, versäumt zu haben. Von wem sollte ich erfahren, wo diese Helena von Interlaken sei; ich entschloß mich, die schöne Malwine, die einzige mir näher bekannte Dame zu befragen. Wo anders als am Hofe einer Königin der gestickten Unterröcke konnte ich auf unparteiische Auskunft rechnen. Ich fand die Gemahlin des 80 berliner Assessors auf dem Balkon, einsam, vernachlässigt, mit einem Romane der Currer Bell in der Hand. Eine Dame, die ihr Buch nicht unmittelbar an der Landstraße eines Badeorts liest, hat gegründete Ursache mit dem männlichen Geschlechte zu grollen. »So einsilbig, meine Reisegefährtin?« begann ich den Dialog. »Ich habe Zahnschmerzen!« antwortete Malwine und legte das Buch hin. »Welche Veränderungen sind hier eingetreten?« fuhr ich fort; »ich finde nach meiner kurzen Abwesenheit eine totale Umwälzung, eine empfindliche Störung der gewohnten Ruhe; die ältern Damen sind zu einem Kriegsrath versammelt, die jungen Damen brüten, jede für sich, über Rachepläne, alle Herren sind aufgeregt, aber heiter, der berliner Balneologe hat zum ersten male ein reines Hemde angelegt, und der lange Stadtgerichtsassessor läßt die Schnur, mit der er die jungen Katzen des Hauses zu vergnügen pflegt, diesen immerwährenden Begleiter seines schweizer Aufenthalts, ungewöhnlich kokett zu seinen Füßen spielen – was ist geschehen, Verehrte? – ich flehe Sie an, befriedigen Sie meine Neugier!« »Ach, ich sterbe vor Langeweile!« gab die Schöne zur Antwort, ohne meine Fragen zu beantworten. »Dann bleibt mir nichts übrig, als mich an ihren Gemahl zu wenden«, sagte ich und wollte gehen. »O, der Treulose!« seufzte Malwine, und ergriff wieder den Currer Bellschen Roman. »Sollte auch er? – Miß Nelly –« wagte ich zu flüstern. »Das kokette Geschöpf!« rief Malwine erröthend. Ich wußte genug und verabschiedete mich, da einige Herren mit Bouquets erschienen, welche zu Ehren Miß Nelly's und um 81 ihr Couvert bei Tisch zu zieren, weit hergeholt worden waren. In diesem Moment erschallte die Eßglocke; es war 4 Uhr, und die zweite Table d'hôte begann. Als ich in den Saal trat, fand ich ihn für diese Eßstunde ungewöhnlich gefüllt. Die Mehrzahl der Herren, insoweit sie unverheirathet oder ohne die Hausfrauen auf Reisen waren, schien plötzlich eine späte Eßzeit liebgewonnen zu haben. Ich wurde als Letzter, weit vom Throne Miß Nelly's, an den Grenzen ihres Reiches placirt. Allgemeine Spannung – geheimnißvolles Tuscheln – endlich öffnete sich die Glasthür und die Königin des Tages erschien in Begleitung ihres Bruders. Sie war von der stattlichen Figur der Viereck, aber zarter und graziöser, und ihre blauen Augen besaßen einen Schimmer, der selbst die Nebel ihres Vaterlandes erleuchten konnte; ich fand die Exaltation der Pension natürlich und verzeihlich. Aber die schöne Miß nahm wenig Notiz von den ungeschlachten Bemühungen ihrer Nachbarn, einen Blick dieser herrlichen Augen zu erobern; auf ihrer Stirn lagerten Sorgen, und meine Lorgnette, die ich quer über die Länge der Tafel unbemerkt anwenden konnte, verrieth mir die Geheimnisse dieses anziehenden Wesens fast ausführlicher als die Gestalten ihrer Mutter und Schwester, die auf dem Wege einer Menschenanleihe von ihr erworben schienen. Miß Nelly war kein unerfahrenes Vögelein, wie es der gläubige Dichter besingt. So mächtige und feste Augen, umschattet von einer reizenden und geübten Schwermuth, eine so welterfahrene Haltung, diese sanft umwölkte Marmorstirn, um die sich das hellbraune reiche Haar in Fülle schlang, plauderten von großen Erfahrungen, vielleicht von einer geheimen Geschichte, von Memoiren des Herzens oder des speculirenden Verstandes; ich hielt im Stillen Miß Nelly für eine jener Zauberinnen vom Stammbaum der Circe. Neben mir saß ein alter Herr, Berliner, wie sich von 82 selbst versteht, eine neuere Ausgabe des seligen Herrn von Treskow, ein Mann, begabt mit der Travestie jenes Wissensdurstes, der Alexander von Humboldt über Meere und Berge jagte, um die Natur zu ergründen; mein Nachbar durchforschte jedoch nur die Natur, insofern sie »Klatsch« war. Nur eines vorsichtigen Blickes von der Seite bedurfte es, um ihn redselig zu machen. »Hübsches Mädchen – das!« schmunzelte das graue Berlin. »Hm!« antwortete ich nur, meines Mitbürgers Eigenthümlichkeit beachtend. Er verstand diesen mystischen zweifelnden Laut, legte das Messer hin und sagte: »Hat Unglück gehabt mit einem kleinen deutschen Fürsten – ist jetzt hier, um einen reichen Russen zu heirathen – hat ihr im Hôtel des Alpes sehr die Cour gemacht, der Russe ist aber eifersüchtig – Heirathsantrag wird stündlich erwartet – Russe trägt nicht sein eigenes Haar – ist Fürst der Russe – unter einen Fürsten heirathet sie nicht!« Die Aufwärterinnen brachten Fisch, und mein alter Berliner beschäftigte sich jetzt nur mit diesem unglücklichen Sohne des Thunersees. Beim Braten ergriff er wieder das Wort und bemerkte: »Heute Ball bei den Engländern – gehen Alle hin ohne Entrée – Puddings tanzen drinnen – wir sehen von außen durch die Fenster.« »Woher bekommen denn die Engländer ihre Damen?« konnte ich nicht umhin ihn zu fragen. »Viele deutsche Väter hier – junge heirathslustige Töchter anbringen – denken, werden Engländer heirathen – lauter Pfefferkrämer – kein Lord, lauter Mob!« stammelte und kaute mein Mitbürger. O, der Mensch steigt mit seiner Qual auch auf die Berge; ich sah es wohl, stand auf und verließ den Saal und die lärmende Heerde der schönen Engländerin. Mich dürstete nach Natur, nach Unverdorbenheit! 83 Draußen herrschte tiefer Frieden, ich wandelte ein wenig auf und ab und setzte mich auf die steinerne Ballustrade am Rande jener köstlichen Wiese, dem Smaragd in dem Diadem von Interlaken. Die Jungfrau blickte mit ihrer unsterblichen Gelassenheit aus der frostigen Höhe in das Thal auf die lächerlichen Menschen herab; plötzlich überraschte mich ein göttliches Gelächter im Baß, das aus dem ersten Stock des gegenüberliegenden eleganten und neuen Chalet kam. Es rührte von einem derben, kleinen rothnasigen Herrn her, der auf dem Balkon bei Tische saß, den Rock ausgezogen, das Halstuch abgelegt, die Weste aufgeknöpft und die Serviette um den Hals gebunden hatte, damit alle diese Garderobegegenstände ihn nicht am Essen und Einschenken des Champagners hindern sollten. Zu seiner Rechten und Linken saßen zwei Damen in der Nationaltracht des Oberlandes, reich behangen mit den üblichen silbernen Ketten, und ihm gegenüber kokettirte eine dritte Grazie. Um den Anstand einigermaßen zu retten, hielt sich an einer abgelegenen Küste des Tisches ein bleicher ausgewaschener Jüngling auf und aß mit Heißhunger. Die Gesellschaft reizte meine Neugier und es war mir im hohen Grade willkommen, daß meine berliner Allwissenheit eben vom Essen kam. »Wer ist der Herr dort auf dem Balkon?« fragte ich ihn rasch. »Ah«, rief mein Alter und nickte mehrmals ironisch betrachtend den Kopf, »französischer Komiker aus Paris – reiches liederliches Ungeheuer – hat sich zur Ruhe gesetzt – drei Frauenzimmer aus der hiesigen Gegend engagirt – wohnen bei ihm – großer Lebemann – echter Franzose – kann Alles für baar Geld haben!« »Drei Schweizerinnen?« fragte ich ein wenig entsetzt. »Drei – baar bezahlt!« 84 »Und der junge Mensch?« »Anstandslouis – weiter nichts!« antwortete mein Cicerone und setzte sich zu mir, mit unendlicher Zufriedenheit den pariser Komiker betrachtend, der eben einen vortrefflichen Witz über uns gemacht zu haben schien, denn die freien Schweizerinnen lachten über den freien Mann aus vollem Halse. Ich hatte genug Erfahrungen gemacht. Es stand schlecht mit jener Einfachheit der Sitten und der frommen Einfalt, die ich zur Ausfüllung der Sommerferien so sehnsüchtig gesucht, und der andere Morgen, als Termin der Abreise, erschien mir nicht zu früh gewählt. 13. Der Brünigpaß. Es ist im Hochsommer leichter, die Einsamkeit in den Straßen einer großen Stadt als in den Thälern der Schweiz zu finden. Das im Süden so überaus beständige und den Reisenden günstige Wetter des vorigen Jahres hatte eine Anhäufung von Menschenmassen hervorgebracht, welche einem jener Völkerstürme zu vergleichen war, von denen das sinkende Rom soviel zu erzählen wußte. Mit Recht hat man sich über den jährlichen Füllsel Helvetiens, die wandernden Colonien Englands, beklagt, allein auch Deutschland stellt sein gehöriges Contingent von gelangweilten Touristen, um die großen Reisestraßen und die sehenswürdigsten Punkte der Schweiz mit allen den Unbequemlichkeiten und Rücksichten zu umgeben, welche uns in den Salons der berliner Gesellschaft oft so lästig fallen. 85 Als ich am nächsten Morgen im tiefen Gebirgsnebel Interlaken verließ und mit wenigen Passagieren über den Brienzersee nach dem Brünigpaß fuhr, um noch an demselben Tage den Vierwaldstättersee und den Fuß des Rigi zu erreichen, hatte ich noch keine Idee davon, daß diese Reise, natürlich die landschaftliche Umgebung abgerechnet, hinsichtlich der Gesellschaft kaum etwas Anderes als eine Sonntagspromenade unter den Linden sein würde. Selbst bei dem herrlichsten Wetter würde ich deshalb nicht rathen, auf der Tagereise von Brienz über Lungern nach Beckenried einen guten Hut mit fester Krempe aufzusetzen. Der Ruin meines eigenen, höchst leichtsinnig in Anwendung gebrachten, und noch vor Abend vollständig »zuschanden gegrüßten« Filzes veranlaßt mich zu dieser freundschaftlichen Ermahnung. Die Morgensonne hatte sich noch nicht durch die wüsten Nebel gekämpft, und die Natur sah wie eine schlechte verwischte Bleistiftzeichnung aus, als ich in Brienz das einzige Pferd des Gasthauses, ein junges Thier, dessen Lieblingsbeschäftigung darin bestand, mit beiden Beinen nach den Stechfliegen auszuschlagen, für meinen Gebrauch engagirte. Im Speisesaal saß ein magerer, etwas deutschsprechender Engländer, der seinen Sohn mit den Fragmenten eines von ihm zu drei Vierteln verzehrten Eierkuchens und einigen Tassen Kaffee besänftigte. Gleich aus den ersten Phrasen erkannte ich, daß mir hier ein Exemplar jener Species, welche am passendsten mit dem Ausdruck »Meilenfresser« bezeichnet werden dürfte, in den Weg gekommen sei. Das touristische Phänomen und sein Junges waren grau bis zum Exceß gekleidet, und sahen vollständig wasserdicht aus. Das Alle versicherte mich, daß es jährlich mit seinem Jungen einen großen Abschnitt der Schweiz zu Fuß zu durchreisen pflege, und lehnte mein artiges Anerbieten, Beide bis an den Fuß des Brünig 86 in meinem Wäglein mitzunehmen, mit einem sehr entschiedenen » No, No! « ab. Das Junge warf mir einen triumphirenden Blick zu und meinte, wir würden, trotz Wagen und Pferd, uns schon am Tage wiedertreffen, und das Alte nickte bedächtig mit dem Kopfe und sang dazu vernehmlich: » Yes, Yes! « Nach kurzem Abschied überließ ich das Meilenfresserpaar den Freuden der ersten Fütterung und gelangte im raschen Trabe des jungen Braunen in kurzer Zeit an den Fuß des Passes. Schnell war der Sattel aufgelegt, der Wagen in eine Felsecke geschoben und gemach ging es den steinigen Pfad bergan. Anfangs war der Weg wenig belebt. Außer einigen Ziegen, die sich übten die Gemsen zu copiren und auf scheinbar unersteigliche Felsblöcke geklettert waren, von denen sie freundlich und neugierig herabmeckerten, war nichts Lebendiges zu sehen. Kaum hatte ich aber das sogenannte Wirthshaus kurz vor der Höhe des Passes erreicht, als sich die Scenerie belebte. Zwei Berliner saßen bei einem Glase Milch und bewunderten den Zuchtstier (Muni) des Wirthes. Dieser Koloß wurde eben von drei kräftigen Männern einen Felssteig heraufgeführt und brummend in einen unverhältnißmäßig kleinen Käfig gesperrt. Der Gefangene sah sehr misvergnügt aus und schien die Trennung von seinen zahlreichen Gemahlinnen, die auf den nahen Matten weideten, sehr übel zu empfinden. Auch die beiden Berliner verfehlten nicht, ihre Condolenzbemerkungen zu machen, und den Jüngern hörte ich ein wenig anzüglich zu dem Aeltern sagen: »Weißt du Abraham, wie sie dich am letzten Sylvesterabend bei Kroll auch so aus dem Saale brachten?« Gleich hinter dem Vater der Heerde kamen hoch zu Roß zwei berliner Damen in Begleitung eins jungen, ohne Zweifel herzoglich sächsischen Herrn, von Meyringen herauf und zeigten 87 sich sehr ungehalten über die kurze Rast, zu welcher ihre Pferdeknechte sie nöthigten. Die liebenswürdigen Geschöpfe begriffen nicht, daß die Ruhe den schweißtriefenden Thieren nöthiger sei als ihnen, die bequem im Saumsattel lehnend, mit Fächer und Reitpeitsche sofort einen Austausch von Blicken mit den beiden erstgenannten Herren begannen. Ein fleißiger Theatergänger lernt nach und nach alle jene Gesichter kennen, welche den ersten Liebhaberinnen des Parquet gehören, und ich glaubte, als ich diese geheime und dem jungen sächsischen Herrn durchaus unverständliche Vereinbarung zwischen den patriotischen Parteien bemerkte, im berliner Schauspielhause zu sitzen, und statt der wirklichen Berge des in der Tiefe liegenden Haslithals nur die Decoration des »Sonnenwendhof« oder des »Tell« von Schiller vor mir zu sehen. Eilig machte ich mich auf und erschrak eben über einen höchst unbequemen Sprung meines Braunen, den die Fliegen im höchsten Grade genirten, als mir um den nächsten Felsvorsprung ein alter Herr zu Pferde entgegenkam und den Zügel anhaltend mich freundlich um Feuer bat. Ich erkannte einen liebenswürdigen Commerzienrath aus der Leipziger Straße. Der treffliche Mann saß in einem Damensattel und bemühte sich vergebens, mittels eines Luntenfeuerzeugs seine Cigarre in Brand zu stecken. »Ich kann mit diesen Achatsteinen nie Feuer anschlagen, können Sie mir nicht ein paar Schwefelhölzchen mit auf den Weg geben?« fragte der Würdige. Mit Vergnügen theilte ich meinen Vorrath mit ihm, und vor Freuden drang er mir eine Handvoll trefflicher Upmans aus seiner Satteltasche auf, die mit dem eben von mir gerauchten schwarzen »Rattenschwanze«, wie die Schweizer in richtiger Erkenntniß diese populäre ländliche Sorte nennen, einen wahrhaft erschütternden Contrast bildeten. »Auf Wiedersehen, Doctor!« waren seine letzten Worte, 88 der Knecht führte mein Pferd vorüber und der Commerzienrath verschwand zwischen dem Laube einiger Birkengebüsche. Die Gegend, welche bisher nur einen beschränkten Prospect geboten hatte, nahm jetzt plötzlich einen höchst anmuthigen und poetischen Charakter an, sodaß ich mehre bekannte Herren und Damen, die ich theils aus Gesellschaften, theils von Whistpartien her kannte, nicht anredete, sondern nur achtungsvoll grüßte. Von hohen Bergen, grünen Matten und schattigen Waldungen umgeben, lag der kleine grüne See von Lungern und glitzerte in der warmen Vormittagssonne. Auf schattigen, unregelmäßigen Felstreppen stieg ich, nachdem ich Roß und Führer entlassen, in das von Fels und Bäumen eingeengte Dorf Lungern, den abermaligen Anfangspunkt einer Fahr- und Poststraße hinab. Ueber die hohen Vorberge ragte majestätisch ein beschneiter Gipfel des Berner Oberlandes hervor. In Lungern herrschte ein großer Wirrwarr unter Pferden, Führern, Trägern, Buben und Postknechten. Die Einwohner des Orts, gehüllt in Schwalbenschwanzfracks und bedeckt von ungeheuern Seidenpapphüten mit ganz schmalen Krämpen, standen in einer Reihe, hielten die Köpfe steif zwischen fußhohen Vatermördern und lächelten ironisch über die eleganten Moden, die sich in zahlreichen Exemplaren vor ihnen aufthaten. Den echten Stammschweizer, den Urenkel Tells, darf man sich nie ohne einen Hut denken, wie ihn etwa Hähnchen oder der Maurerpolier Kluck in Angely's »Fest der Handwerker« tragen. Man muß schon ein sehr ruhiger Charakter sein, wenn man den geheimen Wunsch zu unterdrücken vermag, einen dieser Deckel gegen angemessene Francsentschädigung bis auf die Nase des Besitzers herunterzuschlagen! Da ich diesen Grad von Ruhe noch nicht durch Jahre und Philosophie erworben habe, war es vielleicht sehr zu meinem Besten, daß 89 mir die Post mündliche Schwierigkeiten machte, mich nach Beckenried zu befördern. Zum zweiten male hätte sonst ein Hut Veranlassung zu einem welthistorischen Schweizerkampfe geben können, nicht ein Hut auf hoher Stange, sondern ein festaufgetriebener Hut; zum zweiten male hätte die Geschichte einen Geßler, einen Tell sehen können, aber das Geschwätz des Postbeamten wehrte gnädig den tödtlichen Pfeil von meiner Brust. Die jungen Berlinerinnen mit ihrem Seladon langten an, und siehe da! seitdem vier Personen vorhanden waren, fand sich auch ein hübscher leichter Beiwagen nebst zwei schnellen und kräftigen Pferden neben der Postchaise ein, und um 12 Uhr setzten wir uns in Begleitung mehrer Miethwagen lustig in der Richtung des Vierwaldstättersees in Bewegung. Hätte ich nicht meine Zeit damit vergeuden müssen, die zahllosen uns entgegenkommenden Landsleute zu grüßen, schlechte Witze zu hören und Bestellungen im Fluge entgegenzunehmen, ich würde diese Reise von Lungern nach Beckenried die herrlichste Spazierfahrt meines Lebens nennen. Allmälig in bequemen Thalstufen bergab führte der Weg zwischen steilen, zur Hälfte herrlich belaubten Bergen der Mittelalpen an dem lieblichen See von Sarnen vorüber, durch große saubere Weiler, bevölkert von einem stillen nachdenklichen Menschenschlage. Die Chaussee war meilenweit von gigantischen Wallnußbäumen eingefaßt, deren Stämme hier und da kaum von drei Männern umklammert werden konnten, und aus diesem milden kühlen Schatten blickte das Auge die sonnenhellen Felskuppen hinan und freute sich an den Nebelstreifchen, die wie Schäfchen die öden Gipfel abzuweiden schienen. Nur drei mal drang durch diese Gegenwart voll Schönheit und Glanz eine dämonische Erinnerung an die unversöhnlichen Naturmächte. Bei einem der letzten Gewitter hatten drei, steil vom Gebirge herabstürzende Bäche, vom Regen angeschwellt, mächtige 90 Steinklumpen und Geschiebe niedergeschwemmt und außer mehren Obstgärten und Getreidefeldern auch eine kleine Kapelle arg zugerichtet. Ein schwarzer Strich an der Mauer zeigte die kaum glaubliche Höhe der Flut, und weit den Berg hinauf lag noch das wüste Geröll, ein trauriger Anblick. Der Fahrweg war nur nothdürftig wiedereingerichtet, und die Passagiere stiegen weislich aus und wanderten zu Fuß über die steinige Stelle, während die Gespanne langsam im Schritt darüberhingeleitet wurden. Von sonstiger Kurzweil gab es mancherlei auf der lustigen Reise. Zuweilen fanden wir einen Regenschirm, zuweilen auch einen gestickten Reisesack auf der Landstraße. Bei dem liebenswürdigen Familienleben haben solche Verluste keine andern Unannehmlichkeiten als den ersten Schrecken; die Telegraphenkosten sind so billig und das Volk so ehrlich und klug, daß der Verlierende sein Hab und Gut stets in wenigen Tagen zurückerhält. Nur muß man sich hüten, wie Herr Baron von Rothschild, in seinen Reisesack 20,000 Francs zu stecken und ihn dann vom Wagen fallen zu lassen. Auch die Ehrlichkeit der Helvetier hat ihre Grenzen. Bei Stanz trennte sich die Wagenkaravane. Der Hauptzug eilte nach Stanzstadt, um sobald als möglich mit dem letzten Dampfboot nach Luzern zu kommen; ich blieb allein zurück, um nach Beckenried zu fahren. In einer Ecke des Marktplatzes hielt ein altfränkisches Cabriolet, das ich ohne den braunen riesenhaften Postillon und den davorgespannten starken Schecken für ein durch Künstlerlaune etwas modificirtes Watercloset auf Rädern gehalten haben würde. Dieses Fahrzeug war telegraphisch bestellt worden, und alsbald ergriff der Postillon mein Gepäck, öffnete auf der Kehrseite des Cabriolets eine Klappe wie die eines Schreibtisches, und band endlich das Gepäck, welches sich nicht den beschränkten Dimensionen fügen 91 wollte, mit Stricken fest. Dann setzte er mich unter das Verdeck, ergriff die Peitsche und ließ den Schecken ausgreifen. Die Bergluft und der bisherige Sitz auf einem schmalen Kutscherbock hatten seit 4 Uhr Morgens meine Munterkeit untergraben. Ohnehin war mein Mittagessen nichts gewesen als eine Flasche Wasser mit ein wenig rothem Alpenkrätzer gemischt; ich schlief also sanft ein. Aber als ob sich tausend Teufel gegen meinen Schlummer verschworen hätten, hielt der Wagen alle 4–500 Schritte mit einem plötzlichen Ruck an, ein Junge öffnete eine natürlich nichts versperrende Hecke und lief dann laut schreiend neben dem Wagen her, um eine Belohnung seiner Anstrengungen zu erflehen. Ja sogar die Kinder ganz bemittelter Aeltern, Jungen mit feiner Wäsche, Sammetwesten und silbernen Knöpfen, entblödeten sich nicht, uns nachzusetzen und wie elendes Bettelvolk die Hände auszustrecken. Endlich zeigte sich der Spiegel des wunderbaren Sees, die Ausgeburten der reisenden Civilisation verschwanden, und dem ermüdenden tagelangen Wagengerassel folgte die himmlische Stille und labende Kühle der weiten, von pittoresken Felsformationen und anmuthigen Dörfern umgebenen Wasserfläche. 14. Der Vierwaldstättersee. Wol an keiner Stelle der Erde dringt sich dem unbefangenen Beobachter lebhafter der Gedanke auf, daß Reisen eine Arbeit, ein trockenes Geschäft werden könne, als an den romantischen Ufern des Vierwaldstättersees. Obgleich sich ein Abend von der seltensten Schönheit über die Felsen und die 92 hellgrünen Wasser verbreitete, wurde ich bei dem Gebaren der ganzen Umgebung den Gedanken nicht los, daß die Natur dieses sublime Schaugericht nur auf den gedeckten Tisch der Landschaft setze, um nach 10 Minuten einen Schweizer mit der Rechnung an den beschaulichen Reisenden abzusenden. Schon bei meiner Ankunft in Beckenried hatte ein dienstwilliges Frauenzimmer gleich meine Effecten in Beschlag genommen, und in der Voraussetzung, ich könne nichts Anderes thun, als mich in Pension zu verdingen, sie von mir unbemerkt in ein Hôtel getragen. Nachdem ich sie zum großen Misvergnügen eines andern Frauenzimmers, welches den Posten einer Gasthausgouvernante zu bekleiden schien, gerettet und wieder an den See hatte tragen lassen, sahen sämmtliche vorhandenen Pensionäre so neugierig und glücklich aus den Fenstern der Wohnungen auf mich herab, als wollten sie mir durch ihre ungemeine Zufriedenheit andeuten, welches Glück meiner an diesem bezaubernden Orte harre. Auf der Landungsbrücke angelangt, fand ich einen Vorrath von Schweizerkindern, welche eben einen Regenschirm, den ein junger Mensch in der Zerstreuung hatte in den See fallen lassen, zu retten bestrebt waren. Nachdem ihre menschenfreundlichen Bemühungen ihnen gelungen, erschöpften sie sich durch krampfhafte Anstrengungen möglichst viel Trinkgeld zu erhalten; mir ward wahrhaftig italienisch oder böhmisch unter diesen Kindern der Freiheit und Republik zu Muthe. Die Ankunft des Dampfers, der von Gersau quer über den See kam und die letzte Menschenladung für heute nach Luzern bringen wollte, unterbrach meine misvergnügten Reflexionen. In zwei Minuten war ich mit einem ganzen Schwarm von Touristen an Bord gegangen, in derselben Zeit hatte sich das Schiff einer gleichen Masse entledigt und schaufelte gelassen durch das liebliche Gewässer seines Weges. 93 Gern hätte ich den Untergang der Sonne, welche die wildphantastischen Gipfel des Pilatus mit einer unvergleichlichen goldhaltigen Färbung malte, still betrachtet, gern die Contouren dieses berühmten Berges, welche von einem gewissen Punkte aus einem behelmten römischen Haupte glichen, das auf dem Deckel eines Sarkophags ruht, mit wenigen Strichen gezeichnet; es war auf dem ganzen Verdeck kein Platz zu finden, und die Harmonien einer entsetzlichen Drehorgel zerrissen die Nerven des Ohres und die Gedärme des Unterleibes. Eine Mailänderin mußte von ihrem Gemahl als seekrank von Musik in den Salon gebracht werden. Es war im Freien kein Stuhl zum Sitzen und kaum eine Stelle zum Stehen vorhanden; das ganze Verdeck war mit Menschen und Gepäck, der zweite Platz sogar mit Frachtgütern, Pferden und Ochsen bedeckt. Wenn man sich ein wenig rührte, trat man auf englische Hühneraugen oder Reisesäcke und setzte sich der Gefahr aus, mit der Spitze eines Alpstocks »aus Versehen« bearbeitet zu werden. Nur einem Savoyarden mit einem der unverschämtesten Affen gelang es, überall durchzudringen und sich gründlich unausstehlich zu machen. Dieses Ungeheuer faßte alten Herren in die Tasche, nahm kleinen Mädchen die Strohhüte vom Kopf und betrug sich so sicher, wie es nur ein zum eisernen Bestande gehöriger Schiffsaffe thun konnte. Dem entsprechend unternahmen auch die Beamten nichts gegen ihn; sie überließen die Passagiere seinen Belästigungen, zählten die Personen, vertheilten die Billets und kassirten die Francsstücke ein. Die Menschen waren ihnen nur numerirte Waarenballen. Die Qual dauerte jedoch nicht lange; gegenüber dem Rigi, in der Nähe von Wäggi, läutete das Boot, ein Kahn näherte sich seinem Räderkasten, und ein rascher Sprung befreite mich von Engländern, Savoyarden 94 und Affen. Nie sah ich mit größerer Genugthuung einen Dampfer das Weite suchen. In Gesellschaft einiger weniger Personen landeten wir und traten in das Hôtel, das seinen ehrlichen deutschen Namen Zur Eintracht auch noch in andern Sprachen an der frechen Stirn trug. Alle seine Fenster und Thüren standen offen; sobald man in den Flur trat, vernahm man ein Geräusch, ähnlich wie wenn man das Ohr auf den Deckel eines von Virtuosenhand wohlgepaukten Klaviers legt. Wäggis steckte voller heimkehrender Rigifahrer oder solcher, die es erst werden wollten. Zu meiner grenzenlosen Freude betheuerte mir aber der Wirth und sein Kellner, dessen brauner, mit blanken Stahlknöpfen beschlagener Frack wie ein schönes Sternbild durch den Suppen- und Theebrodem des Speisesaals schimmerte, daß ich unter seinem Dache kein Obdach finden könne, daß er aber Sorge tragen werde, mich bei einem Freunde unterzubringen. Damit nahmen wir die Effecten und begaben uns links von der »Eintracht« ein wenig bergan in ein alleinstehendes, unter schattigen Bäumen am Felsabhang gelegenes Haus. Es gehörte einem Doctor, und die einfache Familie desselben nahm mich wie den verlorenen Sohn auf. Zwar wurde kein gemästetes Kalb geschlachtet, allein die Schnitzeln und der Thee waren vortrefflich, und der gute Doctor leistete mir freundlich Gesellschaft, mich ganz besonders ermahnend, trotz meiner Ermüdung nicht zu früh zu Bette zu gehen, da uns nach dem heißen klaren Tage eine köstliche Nacht bevorstehe. Der wackere Aesculap hatte die Wahrheit gesprochen, und ich erinnere mich nicht, in irgendeines Herrn Ländern die Poesie der lauen Sommernacht so göttlichrein genossen zu haben. Wenn sich in der Natur etwas von dem Frieden der platonischen Republik vorfindet, so schlummert es 95 in einer Mondnacht an dem Felsabhange dieses märchenhaften Sees. Ich setzte mich einsam vor ein Spalier, an dem Pfirsichen und eine edle Birnensorte gezogen wurden, und schaute verwundert in die Gegend, deren nächtliches Dunkel ein röthlichviolettes Phosphorlicht auszustrahlen schien. Vor mir stieg jenseit der süßschlummernden Wasserfläche, deren müdes Murmeln sich an dem Gestein der untersten Gartenterrasse brach, eine steile Felswand empor und warf einen kohlschwarzen, von schwachem Zwielichtscheine umgrenzten Schatten auf den See. Da stieg über den Ausläufern des Rigi der Mond empor, eine blutrothe Scheibe, und hauchte sacht die zarten Nebel an, die wie Geister über Wellen und Felskanten huschten. Wie er nun aus den irdischen Resten der Atmosphäre in eine lichtere Sphäre schwebte, ward sein Schimmer ein so gediegener Silberblick, daß die Augen kaum den Reflex auf der gekräuselten Oberfläche ertrugen. Der ganze massenhafte Umkreis des Felslandes erhielt durch dieses verklärte Licht ein so zartes und überirdisches Colorit, daß man wähnen konnte, die Massen würden sich in leichte Wolken auflösen und in den blendendweißen Strahlen dahinschwinden. Den unendlichen Reiz dieses Augenblicks erhöhte der kräftige Duft der nahen Blumen und Sträucher, die, geweckt von dem Monde, tiefer und energischer athmeten. Nichts unterbrach die Stille dieser kirchlichen Naturstimmung, und selbst die geräuschvollen Bewohner der beiden Gasthäuser unten am See verstummten vor dem ergreifenden Eindruck der erhabenen Missa solemnis der Alpen. Als ich am Morgen vor die Thür des friedlichen Hauses trat, schien mir der ganze Ort in der Ruhe des Dante'schen Paradieses zu träumen. Eine milde warme, aber kräftige Luft, gemischt aus Alpenduft, Waldhauch, Seekühle und Blumengeruch wehte durch die Einsamkeit des Aufenthalts, und ein Wasserfädchen, das aus einer eisernen Röhre in ein 96 steinernes Becken lief, machte dazu eine leise Morgenmusik. Das Toben der Reisearbeit und des Touristenproletariats drang nicht bis hierher, nur zuweilen zogen tornisterbeschwerte Jünglinge, berittene Damen und bepackte Träger einige Hundert Schritte weiter nach dem dichtbelaubten Pfade zum Rigi hinan. Es war mir durchaus unmöglich ihrem Beispiel zu folgen. Auf Reisen besteht der Hauptgenuß in der freien Ausbeute jener seltenen Momente, die uns die zufälligen Combinationen glücklicher Naturscenen und Lichtphänomene zum Genuß anbieten. Ich setzte mich unter einen alten Wallnußbaum am Abhange in den tiefsten Schatten und verlor mich in ein gedankenloses seliges Schauen auf Fels und See. Die höhersteigende Sonne verbreitete ihre goldene Glorie über die herrliche Landschaft, sodaß es keinen größern Schatten mehr gab. Aber die eigenthümlichen Farben der Gegenstände vermischten sich in dem zarten Dufte der Atmosphäre durch die helle Beleuchtung zu einem mysteriösen Lichtfluidum, das eine gewisse Aehnlichkeit mit der Färbung eines Goldkäfers hatte. Man bewunderte vor einigen Jahren eine ähnliche Ansicht aus der Gegend des Vierwaldstättersees von dem Genfer Calame, hielt aber das Colorit für eine phantastische Uebertreibung; ich kann versichern, daß der geniale Meister wahrscheinlich sein Werk nur für einen schwachen Abklatsch der Natur angesehen hat, als er es aus seinen Händen entließ. Von meinem Platze aus leuchtete das gegenüberliegende Felsufer und das stille Seewasser in einer so überirdischen Färbung, daß der Blick sich magisch gefesselt fühlte und ich bis Mittag in Entzücken verloren vor diesem Wunder der Optik sitzen blieb. Nach Tisch, als die Beleuchtung sich veränderte, entschloß ich mich endlich mein Zaubergärtchen zu verlassen und die Besteigung des Rigi zu unternehmen. Das Söhnchen meines 97 Wirths, der erste wohlerzogene Knabe, der mir auf Reisen seit zwei Monaten in den Wurf gekommen war, trug meinen Plaid bis zu dem Hôtel Zur Eintracht, und ich ging jetzt an das ernste Geschäft, mir ein Pferd auszusuchen. Voraussichtlich drohte das Geschäft schwierig zu werden, denn es verlautete als Gerücht, daß schon am frühen Vormittage alle Pferde der Umgegend für die Menge der Reisenden mobilgemacht worden seien, und mein guter schweizer Doctor hatte bedenklich die Achseln gezuckt. Auf dem Platze vor der »Eintracht« herrschte ein lebhaftes Getümmel von dienendem Rigipersonal, und als ich meine Wünsche kundgab, entfernte sich sofort ein Mann, um den verlangten Gaul zu holen. Inzwischen ließ ich mich mit dem Wirthe in ein Gespräch ein und erfuhr, daß jährlich ein Regierungsbeamter eintreffe und die Rigi-Miethklepper inspicire, also dem Reisenden gewisse Garantien für seine Sicherheit gewährt würden. Als aber der Mann mit seinem Pferde erschien, mußte ich unwillkürlich der ähnlichen berliner Droschkenparaden und ihrer geringen Gewährleistung für die Bequemlichkeiten der Fahrenden gedenken. Das Pferd war der Größe nach in seiner Jugend für den leichten Cavaleriedienst geeignet gewesen, aber das Alter hatte ihm unbarmherzig alle Eigenschaften geraubt, welche es einst wahrscheinlich ausgezeichnet. Zudem litt es an einem Altmannshusten, der, wie man weiß, unter die unheilbaren Uebel der vorgerückten Lebensjahre gehört. Als ich auf alle diese Bedenken hinwies, war der Besitzer ehrlich genug, einzugestehen, daß ich auf seinem Thiere nur bergauf reiten könne, für den Rückritt wolle er in keiner Weise haften. Dieses Bekenntniß einer schönen Seele begleitete der umstehende Haufe von etlichen 30 Kerlen durch ein unbefangenes Gelächter, und der Wirth empfahl mir sogar, bergab Träger zu nehmen. Lieber hätte ich jedoch meinem lahmen Beine das 98 Aeußerste zugemuthet, ehe ich als Mann menschliche Schultern und – Lungen in Anspruch genommen; ich verlangte deshalb ein anderes Pferd. Alsbald erschien ein alter Mann und führte einen Goliath von braunem Engländer vor, der wahrscheinlich nicht im Lande der Freiheit geboren, sondern erst durch eine Verkettung seltsamer Umstände in den Verband der Eidgenossenschaft aufgenommen worden war. Cervantes erspart mir durch die Beschreibung des Rozinante die Mühe, das Conterfei dieser Mähre zu entwerfen. Was sollte ich thun? Die Rigibesteigung aufgeben, oder meine Gebeine dem Skelet dieses schwanz- und mähnelosen armen Pferdeungethüms anvertrauen? Ein gewisser türkischer Fatalismus, der mich schon häufig durch allerlei schlimme Händel glücklich gebracht hat, ließ mich das Letztere wagen. Trotz der Abmahnungen meines Doctors befahl ich, einen Tritt an das Pferd zu setzen, da ich trotz ausreichender Mannesgröße doch nicht den Steigbügel erreichen konnte, und bestieg den alten Gentleman. Zugleich verfügte ich, »da der Tod jedes Menschen gewiß, die Zeit desselben aber bekanntlich äußerst unbestimmt ist«, über meine zurückgelassenen Effecten, übergab dem Doctor eine Karte an Richard Wagner in Zürich, den ich zu meinem Testamentsexecutor ernannte (er befand sich damals nur leider am Genfersee), und ritt gelassen auf dem letzten Pferde aus Wäggis vondannen. Um den untröstlichen Doctor zu beruhigen, versprach aber mein alter Rossebändiger, ein hoher Siebziger, noch an demselben Abende durch einen rückkehrenden Boten an seinen Vater eine Depesche zu senden, auf welche Weise wir hinaufgekommen seien. Hier war Alles merkwürdig: die Gegend, die Pferde, die Menschen – ein Siebziger hatte noch einen rüstigen Vater! Zur möglichsten Sicherung eines Nachtquartiers aber versprach ich einem der umherlungernden Jungen einen Franc, worauf diese 99 menschliche Gemse alsbald auf eine unbegreifliche Weise im Buschwerk verschwand, eine steile Felswand hinanschwebte und nicht mehr gesehen ward. 15. Rigi. Der Weg von Wäggis auf den Rigi ist der verhältnißmäßig steilste von den zahlreichen Pfaden auf diesen beliebtesten aller Schweizerberge, doch ist er gut im Stande gehalten und legt leidlichen Fußgängern nicht die geringsten Schwierigkeiten in den Weg. Wer landschaftliche Ueberraschungen liebt, und um des Effects willen nach langem Marsche zwischen Fels und Busch plötzlich auf dem Gipfel des Rigi die weite Rundschau zu genießen, die bezaubernden Landschaftsbilder der Umgebung des Berges opfern mag, der wird wohlthun, den Rigi auf einem der Pfade, die den Rücken und die östliche Seite des Berges kreuzen, zu besteigen. Nach meiner Theorie ist es aber weiser, jede Stunde in diesen herrlichen Gegenden auszubeuten, und ich bereue nicht, die von Nebel und Wolken abhängige, sehr zweifelhafte Ueberraschung für die Wandelbilder meines Nachmittagsritts hingegeben zu haben. Lange führt der Felspfad durch schönes Buschwerk und Laubholz, das rings die lieblichen und fruchtbaren Gärten der Ortschaften am Seeufer gegen die kahlen Terrassen der höhern Gegenden des Rigi abgrenzt. Zahlreiche Oeffnungen in dem Ast- und Blätterwerk gestatten aber die anziehendsten Durchblicke auf die ganze Gegend und den lieblichgrünen Vierwaldstättersee. Trotz der außerordentlichen Wärme des Tages 100 vermochte ich mich an diesen großen magischen Augen des Gewässers, die durch den schattigen Waldrahmen träumerisch emporblickten, nicht satt zu sehen und widmete nur zuweilen meinem Rozinante einige Augenblicke, um ihm mit einem Zweige die lästigen Stechfliegen abzuwehren, obwol ausdrücklich oben in der St. Michaelskapelle auf einer Tafel bemerkt ist, »daß dieser königliche Berg von Gott dem Allmächtigen mit der Freyheit begabt sei, daß darauf kein Ungezyffer noch vergifftig Thier zu finden«. Der arme Gaul fühlte sich vollständig pensionsberechtigt, trug aber seine Last so gelassen wie ein vielduldender Kanzleirath. Der alte Schweizer trottete ruhig neben uns bergan und wußte trotz der Anstrengungen des Marsches noch allerlei Lehrreiches und Unterhaltendes zu erzählen, das ich leider in Abwesenheit eines Dolmetschers nicht zu genießen vermochte. Wir waren noch nicht sonderlich weit gekommen, als wir schon heimkehrende Reisende trafen, und die ganze Strecke bis zum sogenannten Kaltbad trug den Charakter einer vielbesuchten, beliebten Promenade an sich, deren oberes Ende irgendein mächtiger Zauberer aus Muthwillen um 4000 Fuß erhöht hat. Der merkwürdigste Gegenstand auf dieser Laufbahn war eine kleine vermagerte Dame, die, rückwärts in einem Tragsessel lehnend, von vier herculischen Kerlen »mühsam« bergab getragen wurde. Das beklagenswerthe Persönchen mochte mit ihrem ausgedörrten Knicker und einem winzigen Pompadour höchstens 70–80 Pfund wiegen, nichtsdestoweniger waren vier Athleten für nothwendig erachtet worden, diese zarte Perle Altenglands nach Wäggis zu schaffen. Den Gipfel der Lächerlichkeit erreichte die Scene aber durch die sichtliche Einbildung der guten alten Jungfer, wirklich so überaus schwer zu sein. Auf der Ruhestation, wo wir zusammen verweilten, beklagte sie sich gegen ihren Begleiter, einen riesenartigen, braunen 101 Engländer, daß sie die Träger von ganzem Herzen bedaure, ihnen so lästig zu fallen. Die republikanischen Enackssöhne aber lagen eine Strecke weiter hinter einem Felsstück, thaten als ob sie den Schweiß von den Stirnen wischten, und lachten. Es spricht unstreitig für die gänzliche Unfähigkeit der biedern Helvetier, sich auf hinterlistige Weise zu verstellen, wenn man mit hoher Befriedigung entdeckt, daß sie dem von ihnen geprellten Fremden offen in das Gesicht lachen. In gemüthlicher Erhebung über dieses abermalige glänzende Beispiel der Rechtlichkeit, das mich an die bescheidenen und unermüdlichen Träger im schlesischen Riesengebirge erinnerte, wo zwei Männer für einen geringern Tagelohn, als die Rigiträger für zwei bis drei Stunden erhalten, schwere Personen vom frühen Morgen bis an den späten Abend umherschleppen, zogen wir weiter, passirten die Kapelle, das seltsame Felsenthor, und gelangten endlich aus der Waldregion auf die Alp und an das oftgenannte Rigi-Kaltbad. Da es etwa 6½ Uhr Abends, also gerade die geeignete Promenadezeit war, und mir von verschiedenen Seiten schon in Interlaken gesagt worden war, daß Rigi-Kaltbad an Eleganz seiner Besucher den ersten Rang in der Schweiz einnehme, näherte ich mich diesem Centrum der republikanischen Eleganz nicht ohne Herzklopfen, und mein offenbar sehr demüthiger Aufzug flößte mir schon vorher einen geheimen Schrecken vor den Notabilitäten des Kaltbades ein. Sobald ich mich jedoch der berühmten Kaltwasserheilanstalt näherte, wuchs wieder mein Muth, und bald fühlte ich mich ebenso heroisch gestimmt als mein Vorfahr zu Roß im Angesicht der berühmten Windmühlen. Das gefürchtete Kaltbad löste sich in ein ziemlich unbedeutendes Gebäude auf, das durch allerlei Hecken, Zäune und Nebenbaulichkeiten von weitem ein gewisses Ansehen erhielt. Auf der Promenade, welche sich am schattenlosen Bergabhang die Höhe 102 hinan erstreckte, spazierten nur einige längst aus der Mode gerathene Frauenzimmer mit seltsam großen Füßen, und ein paar Jungen, die auf einem Zaune ritten, beschauten mich durch ein zerbrochenes Taschenperspectiv. Diese elegante Welt verletzte weiter nicht die Reste meines Eigendünkels, vielmehr wuchs mein Selbstvertrauen, und mein stolpernder Rozinante erschien meinen Augen wie der stattliche Babieça des Cid. Zwei Herren, die ich an den offenen Fenstern ihrer Wohnstuben erblickte, erregten sogar meine herzliche Theilnahme. Der Jüngere von Beiden hielt nämlich ein Paar schwarze Beinkleider prüfend in die röthliche Abendsonne und ließ die freundlichen Strahlen durch einen Riß fallen, den zu heilen in dieser Alpenhöhe keine Schneidernadel kühn und gewandt genug war. Auf dem Antlitz des Unglücklichen lag die hoffnungsloseste Schwermuth in einen dichten Knäuel zusammengeballt; er schien zu überlegen, ob er, gleich dem Könige von Thule, sein Kleinod in den See werfen und dann sterben, oder ohne Beinkleider die Last des Lebens noch länger ertragen solle. Der ältere Herr stimmte mich vielleicht noch mehr zum Mitleid: er rasirte sich nämlich. Ein Mensch, der sich Abends kurz vor Schlafengehen ohne erklärlichen Grund den Bart abnimmt, erschüttert meine Seele ebenso sehr wie ein gesundes Subject, das sich bei klarem Wetter Vormittags zu Bette legt. Abendliches Rasiren setzt eine schreckenerregende Zerfallenheit mit den gutmüthigen und regelrechten Gebräuchen der Menschen voraus, ein bedrohliches Hinneigen zum Dämonismus, es erinnert, als ein muthwilliges Spiel mit Bartstoppeln, Seifenschaum und scharfem Stahl, so auffallend an den Act des Halsabschneidens, verhöhnt so spöttisch die liebliche Ordnung des Tages und verdächtigt den Ort, wo es geschieht, durch so viele diabolische Vermuthungen auf wochenlangen Mismuth, elenden Kaffee, Wanzen, nasse Wände, schlecht 103 geputzte Stiefeln, Mangel an Büchern, und Suppe mit Zwiebelstreifen, daß meine Kraft, den Anblick des sich zu Nacht rasirenden Herrn zu ertragen, nicht ausreichte, und ich schaudernd ohne anzuhalten weiterritt. Kaum hatte ich 100 Schritte hinter dem Kaltbade zurückgelegt, als mir der Nachmittags ausgesandte Junge entgegenkam und mir anzeigte, daß auf dem Rigikulm nicht mehr der geringste Raum vorhanden sei, daß er aber auf der etwa eine halbe Stunde unter dem Gipfel gelegenen Rigistaffel das letzte kleine Zimmer für mich belegt habe. Er erhielt hierauf seinen Franc und verschwand nach Landessitte, diesmal in einer tiefen Bodenfurche, da sich kein beachtenswerther und geeigneter Abgrund in der Nähe befand. Etwa noch ein Stündchen stolperten wir über ein leidlich steiles Terrain und erreichten dann um 7½ Uhr Rigistaffel, wo mein Ohr, noch ehe ich den Sattel verlassen hatte, durch den weichen ionischen Dialekt der Spandauerstraße erquickt wurde. Eine ansehnliche Gesellschaft von Engroisten und ihren Reisecommis hatte von Basel aus die Geschäftsreise unterbrochen, und einen Vergnügungsabstecher nach Luzern und dem Rigi gemacht; sie erwartete jetzt den Sonnenuntergang mit der Ruhe von Philosophen, welche wissen, daß in wenigen Augenblicken der Laden zugemacht werden muß. Leider ließ sich die Natur heute auf nichts ein; so schön der Tag gewesen war, so trübe endete der Abend. Ein rothgrauer Nebel stieg im Westen auf und verschleierte die Hälfte des Horizonts; um den Sonnenuntergang waren wir gekommen, und die Engroisten rächten sich durch höchst anzügliche Witze an der Natur. In Ermangelung poetischerer Dinge betrachtete ich daher den Ort und die menschliche Staffage desselben mit desto gewissenhafterer Genauigkeit und prägte das Ergebniß meinem Gedächtniß fest ein. Das Wirthshaus von Rigistaffel war bis unter das Dach mit Reisenden angefüllt, und noch fortwährend kamen ganze Züge an, die ohne weiteres zuerst im Pferdestall, dann im Kuhstall untergebracht wurden; die Letztangekommenen waren daher sichtlich erfreut, daß auf Rigistaffel die Schweinezucht noch nicht festen Fuß gefaßt hat. Da viele Touristen ihre Pferde nur zum Hinaufreiten gemiethet hatten, so eilten die Knechte in der Dämmerung wieder nach Hause, und die langen Züge der im Dunkel rasch verschwindenden Pferde machten auf mich den unheimlichen Eindruck geschlagener und fliehender Schwadronen. Schätzte man die Anzahl der vor der Thür stehenden Touristen, Kuriere, Führer, Diener und Jungen ab, so begriff man schlechterdings nicht, wo diese Menschenmenge die Nacht zubringen wollte. In dem weiten und niedrigen Speisesaal wurde eine ungeheure Tafel gedeckt und die Couverts alle 10 Minuten enger aneinandergerückt, zuletzt noch gar hart an der Thür ein Trompeter- oder Katzentisch arrangirt, an dem später acht junge, sehr lebhafte Herren Platz nahmen. Nachdem sich das Charivari von Koffern, Absätzen und Stimmen einigermaßen gelegt hatte, wurde das Zeichen zum Souper gegeben. Meine geistigen Fähigkeiten waren aber in diesem Augenblick schon soweit niedergetrampelt worden, daß ich nicht mehr mit Bestimmtheit anzugeben vermag, ob geläutet, gebrüllt oder einfach vom Wirth ein Reisender beim Kragen ergriffen und mit seinem Leichnam zum Signal gegen die Holzwand geschlagen wurde. Als ich wieder zu mir kam, saß ich neben einem medicinischen wiener Professor, der mit seiner viel zu jungen Frau diese Nacht im Kuhstall wohnen sollte und sich bei mir erkundigte, welche Weinsorte man auf der Karte wol auswählen sollte? Ich unterdrückte meine bittern Thränen über diese Frage eines kindlich reinen Gemüths und wies ihn an das uns gegenübersitzende Reisephänomen, das mit seinem Nachkommen 105 wirklich angelangt war. Der Engländer verstand aber schlechterdings nicht den wiener Dialekt und sagte nur mit tröstendem Tone: »O, ein sehr gutes Haus, Rigistaffel, yes , ich bin schon oft hier gewesen, ein sehr gutes Haus, yes , sehr gut!« Der Wiener fügte sich also in sein Schicksal und wählte auf das Gerathewohl unter den sämmtlich ungenießbaren Rebensäften einen Fünffrancskrätzer aus. Die Rigitour schien des guten alten Jungen erste größere Reise vorzustellen, und er mochte bis dahin höchstens nach dem Kahlenberg und Baden gekommen sein. Nie sah ich ein anziehenderes jungfräuliches Entsetzen wie das meines Professors, als die nach Landessitte zubereitete, eine Suppe vorstellende, salzige Schnittlauchjauche auf dem Tisch erschien, als er das grobe dürre Brot, das derbe ungestoßene Steinsalz erblickte. Mehlspeise, gebackene Hähndl, Rehrücken – wo waret ihr? – Gehen wir aber zu allgemeinen Betrachtungen über. Eine mehrwöchentliche Erfahrung hatte mich belehrt, daß bei jeder Schweizermahlzeit das zweite Gericht durch eine große Schüssel ungeschälter Kartoffeln mit Butter und Salz gebildet wird. Nun war es außerordentlich interessant, unter den Gästen die eben in die Schweiz kommenden und die über den Rigi abreisenden mittels dieser Kartoffelschüsseln zu unterscheiden. Die Ankömmlinge verschmähten theils mit einem vornehmen Lächeln die Bauernkost, theils naschten sie ein wenig davon, mehr um der frischen Butter als der leidigen harten Erdäpfel willen; die Abreisenden dagegen arbeiteten große Stollen in das Kartoffelgebirge und fristeten auf eine rechtschaffene, aber freilich sehr mühsame Weise ihr armes Leben, weil sie zu gut wußten, wie wenig der Schweizer für 3 Francs verabreicht. Ich wäre auch nach dieser Kartoffelschwelgerei gleich von Tisch aufgebrochen, wenn mich nicht die auffallende Heiterkeit der jungen 106 Leute hinter uns an dem Trompetertisch, und dann eine seltsam vulkanisch angebrannte Versteinerung, die für »Ziegenbraten« ausgegeben wurde, noch ein Stündchen gefesselt hätte. Die Jünglinge hatten sich in der Freude ihres Herzens Champagner geben lassen und fanden ihn so urschlecht und grunderbärmlich, daß sie sich gar nicht beruhigen konnten, sondern noch mehre andere Sorten Sect bringen ließen und damit ihre Führer tractirten. Der Umstand, daß die Champagner immer nichtsnutziger und die Führer dessenungeachtet immer vergnügter wurden, reizte die reichen hübschen Bursche zu einem so anhaltenden frischen Gelächter, daß ich es noch oft in meinen Träumen hören werde. Plötzlich entstand eine sonderbare Unruhe in der zahlreichen Gesellschaft, alte Herren führen sentimentale junge Damen rasch an das Fenster und öffnen die Flügel – Seekrankheit? – nein, nur der Vollmond! Er geht gluthroth im Osten auf und blickt kalt und verächtlich auf die verfallenen Kuppen Helvetiens. Man hat sich auch sehr bald an ihm satt gesehen und schließt die Fenster, während ich vondannen schleiche, meinem Pferdebändiger den Auftrag gebe vor Tagesanbruch zu satteln, und mich ruhig zu Bette lege. 16. Sonnenaufgang. Die kurze Sommernacht verfloß sehr angenehm unter Gesängen Betrunkener im Mondschein, Brüllen von Kühen, Wiehern von Pferden und Trampeln im Hause. Ich schlief eben unendlich sanft ein, als ich durch einen heftigen Schlag 107 gegen die Thür geweckt wurde. Diese Faustschläge wiederholten sich in allen Stockwerken, und sofort erhob sich abermals der eben etwas beschwichtigte Tumult. Das ganze Haus wurde durch diesen vom Hausknecht hervorgebrachten Wirbel für den bevorstehenden Sonnenaufgang alarmirt. Geschrei nach Stiefeln, über Nacht gewaschenen Hemden, heißem Kaffee und gesattelten Pferden erschallte von allen Seiten, und ich beschleunigte meine Toilette, um nur aus dieser Arche, in welche nicht alle noch auf Erden vorhandenen Menschen, aber wol alle nur möglichen Spectakel gesperrt waren, befreit zu werden. Draußen war es noch ganz dunkel. Die Luft war klar, unbewegt und warm, wie ein italienischer Abend; der Mond neigte sich abwärts und schien sich vor den drohenden Bewegungen unserer Gesellschaft hinter den berner Schneebergen ängstlich verkriechen zu wollen. Aus allen Häuserwinkeln, Kuh- und Pferdeställen krabbelten jetzt verdrießlich Menschenhaufen hervor und zogen unter allerlei schnöden Bemerkungen den letzten Gipfel des Berges hinan. Ich ritt mitten unter ihnen auf dem unglücklichen Rozinante und genoß sämmtliche Vorbereitungen zu der poetischen Situation eines Sonnenaufgangs. »Gib doch einmal der Kuh einen Rippenstoß mit deinem Alpstock!« sagte ein großer, höchst bäuerisch aussehender Mensch zu einem Bengel von kleinerm Format, und alsbald stieß der Bube einem am Abhange liegenden armen Thiere die Spitze so heftig in die Weichen, daß es erschrocken aus dem Schlafe auffuhr und beinahe ein paar Damen überrannte. »Ich gäbe den ganzen Sonnenaufgang für eine Prise Taback!« seufzte der wiener Professor, und erhielt von einem meiner liebenswürdigen berliner Engroisten die gewünschten Atome Niesestoff, ohne daß dieser zwei Antheile am Sonnenaufgange beanspruchte. 108 »Der Deibel soll mir holen, wenn mir ein Mensch noch 'n mal um diese Zeit aus 'n Bett kriegt, Justeken!« stöhnte ein dicker Herr, dessen Art die Mütze mit einem Shawl unter dem Kinn festzubinden an den eleganten Geschmack des Publicums der »harmlosen Mühle« neben der Anhaltischen Eisenbahn erinnerte. Noch vieles Geistreiche in deutschen Dialekten hörte ich und schriebe es gern nieder, wenn ich es verstanden hätte; allein einzelne Worte abgerechnet, bin ich über den Sinn der Reden noch heute ebenso im Unklaren als über die Abstammung der sie haltenden Reisenden. Man muß auf den Rigi steigen, um die richtige Vorstellung von der Größe des deutschen Vaterlandes zu erhalten. Es braucht wirklich nicht größer zu sein! Unsere Gesellschaft von Pilgern bedurfte etwa einer halben Stunde, um den Rigikulm zu erreichen, wo wir bereits die ganze Besatzung im Freien auf den Beinen fanden. Die anwesende Menschenmenge vermochte wirklich zu imponiren. Ich schätzte sie etwa auf die Stärke eines preußischen Bataillons in Kriegsstärke, doch mögen eher einige Personen mehr denn weniger gewesen sein. Mit gen Osten gewandten Gesichtern saß die Versammlung auf der hölzernen Warte, auf Felskanten und einem großen Balkenhaufen, oder stand und wandelte umher. Endlich zeigte sich im Osten ein röthlicher Schimmer, ein Bursche tutete abscheulich auf einem Alphorn, und nun begannen der Reihe nach alle die elenden Witze und Bemerkungen, welche man an jedem Sonntage in Reiterbuden oder kleinen Theatern von den lieben Leuten auf der Galerie hören kann. Der Mensch bleibt in allen Landstrichen derselbe, ob man ihn am Meeresstrande oder hoch oben in der reinern Atmosphäre der Bergluft belauscht. Zum Glück vernahm der goldene Stern, an dem unser Planet, aller 109 Creaturen Leben und des armen Sterblichen gute und schöne Gedanken hängen, nicht die grenzenlosen Trivialitäten der flachen Buben und schnatternden Mägdlein; er ging aus und warf schweigend sein klares Auge auf die unermeßliche Landschaft, in welcher der Rigi so glücklich gelegen ist. Der Sonnenaufgang war nach den Behauptungen jener anwesenden Naturkritiker, die schon öfter den Berg bestiegen hatten, so vollendet wie nur möglich gewesen, nichtsdestoweniger hatte ich mir von dem Lichteffect, überhaupt von dem Charakter der ganzen Landschaft eine weit großartigere, mit viel lebhaftern Farben geschmückte Vorstellung gemacht. Fast muß ich fürchten die zahllosen Rigienthusiasten zu beleidigen, wenn ich meine persönliche Enttäuschung hier durch nähere Angabe der Motive begründe, und ich bitte deshalb, die folgenden Zeilen nur als die Aufzeichnungen eines meinetwegen grillenhaften und eigensinnigen Menschen zu halten. Allerdings ist die Rundschau vom Rigi so weit umfassend, als es der Besitzer des besten Fernrohrs nur wünschen kann; allerdings stellen sich dem Auge so wenig Hindernisse als möglich entgegen; allein es fehlen dieser Fernsicht alle sanftern malerischen Vordergründe und Uebergänge, welche das Gemüth bei längerer Betrachtung erst harmonisch zu stimmen vermögen. Von den an den Fuß des Rigi grenzenden Landschaften treten eigentlich nur die nördlichen Seestrecken mit ihren grünen Ufern anmuthig hervor, allein die weite Entfernung stumpft auch ihre Färbung ab und verleiht ihnen, noch mehr aber dem weiten und unübersehbaren Gebiete der nördlichen Schweiz, etwas trocken Landkartenmäßiges. Man hält das Ganze unwillkürlich für einen Reliefplan nach dem größten Maßstabe. Einen trotz der beträchtlichen Höhenunterschiede ähnlichen Charakter trägt die Südseite der Rigiaussicht, deren Gipfel sie auch noch östlich und westlich umklammern. Wenn das 110 neugierige Auge den sich massenhaft vorlegenden sanft abschüssigen Rücken des Rigi durchmessen hat, stößt es auf die gewaltige Hecke aller nur irgend erheblichen Berge der Alpenlinien. Wen es erfreut, Tabellen durchzunehmen, der kann mehre Tage sehr angenehm mit dem Aufsuchen aller bemerkenswerthen Alpenhöhen zubringen, im Ganzen aber sind die Bergriesen so entfernt und dadurch ihrer charakteristischen individuellen Bildungen beraubt, so gleichförmig in Ansehen und Farbe, ja nach einer bekannten optischen Täuschung so klein, daß ich beim Ueberfliegen des Felsenpanoramas im Stillen an einen kolossalen, durch langen Gebrauch etwas beschädigten Kamm denken mußte. Das gesammte Berner Oberland gleicht einem beschneiten großen Pilz, und nur die nähergelegenen Felsbildungen, besonders der Pilatus bei Luzern, zeichnen sich durch mehre pittoreske Formationen aus. Jeder Berg gewinnt aber nur von seinem eigenen Fuß aus betrachtet ein poetisches Ansehen. Während ich die farblose und todte Monotonie der ausgedehnten Fernsicht sorgfältig im vollen warmen Sonnenschein betrachtete und die durch Gasthofsbesitzer mit großer Liebe verbreitete Ueberschätzung reichlich erwog, bildeten sich auf den Seen in der halben Höhe des Berges einige weiße Wolken, die unter uns in der Luft schwimmend, und zum Theil die Städte und Wälder, die Wasser und Schiffe der Tiefe verdeckend, wunderbare Wirkungen hervorbrachten. Sie verursachten mir die meiste Freude, und indem ich, nach einer guten Stunde Aussichtsarbeit in Gemeinschaft mit tausend andern Landschaftssträflingen, an der abschüssigen nördlichen Tiefe langsam bergabritt, kam es mir beim Anblick dieser zauberischen Nebelvögel und Wolkenschmetterlinge vor, als ob von allen einfachen und starren Dingen der mit dem Maßstab und dem Denken zu erforschenden weiten Welt den unglücklichen Menschen nichts mehr in der Tiefe seiner Seele 111 entzückt als die über dem Abgrunde seines Wesens schwebenden, von Stunde und Stimmung trügerisch beleuchteten geistigen Dunststreifen: die Illusionen, die räthselhafte Wiege unserer Thränen und unsers Lächelns, die süße Nahrung der Träume und der morsche Stab des wachen Lebens! Der Troß meiner Gefährten von Rigistaffel folgte mir aber zu rasch auf dem Fuße, und war obenein zu kaffeewüthend gestimmt, um melancholischen Gleichnissen länger nachzuhängen. Unser Geschwader warf sich mit Macht in den Speisesaal, der jetzt in einen großen Frühstückssalon verwandelt war, und statt mit Flaschen voll sauren Weines, Kartoffeln in der Schale und Haselnüssen, mit großen Kaffeekannen, Milchtöpfen, Honigschalen, Butter, Zucker und nüchternem alten Brote bedeckt war. Das Frühstück besaß, wenn ich mich recht erinnere, eben keinen gemüthlichen Charakter, es hatte etwas von dem übereilten Déjeûner einer Truppe von Belagerern einer Stadt, die noch die Lasten einer großen Plünderung vor sich haben und deshalb rasch die aufgefundenen Bissen hinunterschlingen. Den sich seinen abgeschabten Rücken an der Thür reibenden Kellner erfreute ungemein der hastige Appetit seiner Gastfreunde. Er fand über dieser angenehmen Empfindung selbst nicht soviel Zeit, die Reisenden zu bedienen, sondern lachte von Herzen und schrie nur, wenn in den verschiedenen Zonen der ungeheuern Tafeln ein Mangel an Frühstückslebensmitteln eintrat, in die Küche hinaus: Kaffee! Brot! Milch! worauf starkknochige Schweizernymphen das Verlangte herbeibrachten. Am Ende stand der Bursche nur an der Thür, um das Entwischen irgendeines leichtfertigen Gastes zu verhindern, denn der mannhafte Gastgeber saß einige Schritte von seinem Posten in einem kleinen Gemach am Pulte, schrieb Rechnungen und händigte sie jedem Reisenden aus, sobald er die Nummer seines Zimmers genannt hatte. 112 Als ich nach beseitigtem Kaffee mich ihm vorstellte, erhielt ich folgendes wortgetreu abgedruckte Document über meinen nächtlichen Aufenthalt: Hôtel et Pension G. Z. Schreiber . Propriétaire. Chambre 15. Mois Augst. Jour. 16. 17. 1 Hemt' geleint 50 Cent. 1 Soupers 2 Fr. 50  Cent. ½ Boutel Bojiles 1 Fr. 50 Cent. Lugement 1 Fr. 50 Cent. Früstück 1 Fr. 20 Cent. Serwiß 50 Cent. – Francs 7, 70 Cent. Das »geleinte Hemt« war eine reine Improvisation des Hôtel. Es war vermuthlich von der Rechnung eines Fußwanderers, der über Nacht hatte waschen lassen, auf mein Conto gerathen, wollte aber nicht von demselben weichen. Sonst bemerke ich nur noch für neugierige Sprachforscher, daß »Bojiles« ein poetischer Titel für den auf der Weinkarte stehenden »Beaujolais« war. Aus den Klagen hartnäckigerer Reisenden entnahm ich zugleich, daß sich fast auf jeder Rechnung irgendeine Phantasieausgeburt von angeblich geleisteten Naturallieferungen befand. Der schülerhafte Wirth mochte auf diese Weise wol Einiges als Ueberschuß profitiren wollen, da er sich fürchtete, die Preise für seine schlechten Waaren noch mehr zu erhöhen. Nachdem diese zahlreichen, aber unbedeutenden Zwiste um einen halben bis 1½ Francs geschlichtet waren, ging es in hellen Haufen wieder denselben Weg bergab. Englische Gentlemen mit ihren Familien, deutsche Professoren und Studenten, schweizerische Spießbürger mit ihren großfüßigen Töchtern, französische Schwätzer und italienische Sänger hüpften, gingen oder hinkten den Berg hinab und wurden am Kaltbade von der dort befindlichen Wasch- und Badegenossenschaft empfangen. Leider sah ich mich vergeblich nach dem sich zu Nacht rasirenden Herrn um, wahrscheinlich thronte er jetzt, nach seiner melancholischen Gemüthsverfassung 113 zu schließen, in einem Sitzbade von 4°Réaumur und philosophirte über die Annehmlichkeiten eines schweizerischen einsam gelegenen Badeorts. Weiter unten kamen uns kräftige Männer mit Körben auf dem Rücken, in welchen sich die Fourrage für den begonnenen Tag befand, entgegen, und ihre starke Reserve bildeten natürlich mehre Bursche mit großen Kartoffelsäcken. Es war eine Wonne, dieses blühende Berggeschäft zu beobachten, nur verbitterte mir Rozinante häufig diesen Genuß. Trotzdem der weise Greis aus Wäggis ihn vorsichtig führte, glitt er so oft über glatten Felsplatten aus, oder stolperte über hervorstehenden Steinen, daß mir zuweilen angst und bange wurde. Endlich unterhalb der Kapelle kam mir mein liebenswürdiger Doctor in Begleitung des Vaters meines Führers entgegen. Ich war höchst gespannt, dieses alte Möbel kennenzulernen, und erwartete eine neuere Auflage des edeln Attinghausen zu finden, sah aber nur einen ziemlich stupiden Graukopf, den man für den ältern Bruder meines Führers halten konnte, und der mit einem von langer Uebung herrührenden Anstande einen Franc als Trinkgeld für die Mühe der Bergbesteigung entgegennahm. Ein wenig weiter abwärts weigerte sich Rozinante standhaft, mich fernerhin zu tragen, und aus Achtung vor dem untrüglichen Instinct der Thiere stieg ich ab und hinkte geduldig in das freundliche Doctorhaus, wo mich die blühenden Oleandersträuche, die prachtvollen Hortensien und das erfrischende grüne Seewasser wie einen alten Freund begrüßten. 114 17. Luzern. Mit wahrem Kummer trennte ich mich am nächsten Tage von der gemüthlichen Familie meines Doctors, bezahlte mit ungeheucheltem Erstaunen eine Rechnung, die so niedrig war, daß ich durch ihre Veröffentlichung wahrscheinlich dem Gastfreunde ein gewaltsames Ende unter den Händen der Gastwirthe seines Vaterlandes zuziehen würde, und begab mich, begleitet von der ganzen Familie, deren Oberhaupt sich zudem noch wegen der »Höhe« der Rechnung entschuldigte und künftig den »Pensionspreis« viel billiger zu stellen versprach, nach dem Hôtel Zur Eintracht. Hier stellte ich mich wieder freiwillig unter das Joch der üblichen Schweizerpreise und zahlte sofort für zwei Cigarren aus der pfälzischen Familie der Stinkadores (es war die beste Sorte des Hôtel) nicht mehr als einen Franc. So setzte ich mich denn, den ersten dieser Verpestungsstengel rauchend, auf eine Bank an der Schiffbrücke hinter dem Hause, erwartete das Dampfschiff nach Luzern und beobachtete zum letzten mal die Eigenthümlichkeiten des Hôtel. Nie habe ich einen merkwürdigern Aufenthaltsort für reisende Zwei- und Vierfüßler kennengelernt. Tag und Nacht standen Thüren und Fenster offen, früh und spät schauten aus letztern Touristen in Hemdärmeln, und unaufhörlich tönten aus seinem Innern begeisterte Lieder. Wer in diesem Hause wohnte, schien aus freien Stücken in den unaufhörlichen Preisgesang der »Eintracht« einzustimmen, und doch war es schwer begreiflich, durch welches magische und geheime Mittel die Eintracht eigentlich aufrechterhalten wurde, denn das Verfahren des Wirths und seines blankknöpfigen Kellners säete streng genommen nur »Zwietracht« aus. Aber der Segen des 115 Himmels ruhte auf dem Hause, wer einkehrte, entschlug sich aller Rachegedanken, dachte nicht mehr an Ohrfeigen für die herrschende Schmuzerei und Liederlichkeit, aß genügsam was aufgetragen wurde, trank zufrieden des Ortes Säure und sang Tag und Nacht fröhlich mit. Eben wurden im ersten Stock französische Chansons, im zweiten »Was ist des Deutschen Vaterland?«, im dritten »Irische Melodien« von Thomas Moore vorgetragen, und eine schöne Bankiertochter aus Berlin flötete außerdem unter einem Zeltdache: »Kein Feuer, keine Kohle brennt je so heiß.« Mein Herz wurde schwer, mein Auge trüb vor aufsteigenden Thränen; hätte ich einem innern heißen Drange nachgeben können, ich wäre in das Haus geeilt, hätte den Wirth nebst seinem Kellner herausgeholt und mit ihnen das Räuberlied von Schiller, die große Arie des Fra Diavolo oder etwas Aehnliches »zur Situation« Passendes im Freien gesungen. Schon fühlte ich den seltsamen Einfluß des Hauses, und wäre nicht das Dampfboot als ein fernes Pünktchen auf dem Spiegel des Sees erschienen, ich säße wahrscheinlich noch heute in der »Eintracht« am Fuße des Rigi und bildete mein Organ in feierlichen Lobgesängen aus. Sobald aber das Schiff seine Glocke gezogen und angelegt hatte, mußten alle sanftern menschlichen Regungen, alle romantischen Sehnsüchteleien verstummen; einen letzten Blick warf ich noch auf den Hauptsänger unter dem Dache, einen schwarzbärtigen Wilden in einem mit großen rothen Blumen bedruckten Oberhemde, und ließ mich dann willenlos von der Sturmcolonne der Touristen an Bord drängen. Der Gesang der für die Eintracht Begeisterten verhallte, die helle Kirchenglocke von Wäggis rief uns einen freundlichen Abschiedsgruß nach, und wenige Minuten darauf gewann das lärmende Charivari des Dampfboots und das monotone Plätschern seiner Räder die 116 Oberhand über die in der Ferne verklingenden Rufe der Poesie und des Humors. Am Bord bestanden die Hauptbeschäftigungen dieses Vormittags in Viehhüten und Fechten. Ersteres fand in ländlich-sittlicher Weise und Würde auf dem zweiten, letzteres zwischen einem englischen Offizier und seinen beiden Jungen auf dem ersten Platze statt; aber es erhöhte nicht das Vergnügen der zusammengepreßten Reisegesellschaft, bis endlich ein unerwartetes Ereigniß die Gladiatoren in Ruhe, die Hirten aber in die gefährlichste Aufregung versetzte. Auf dem zweiten Platze befanden sich nämlich zwei edle Pferde, die sich schlechterdings nicht wie die anwesenden Ochsen, Kühe und Kälber der Schiffsordnung bequemen wollten. Schon seit einer Stunde hatten sie ihren Wächtern unglaublich zu schaffen gemacht, als das Muthigere von Beiden sich plötzlich vom Zügel losriß, gewaltig bäumte und dabei hintenüberschlagend in das Wasser stürzte. Der Besitzer, in der Besorgniß, das edle Thier könne unter die Räder gerathen, da es im Instinct der Selbsterhaltung sich schwimmend hart am Schiffe hielt, rannte verzweifelt hin und her und rang die Hände, die Maschine wurde gestoppt, ein Boot ausgesetzt und der Versuch gemacht, sich des Pferdes zu bemächtigen. Allein das feurige Geschöpf widersetzte sich selbst jetzt noch, und erst als vom nahen Ufer aus ein kleines Geschwader zu Hülfe eilte, gelang es, den Marinedilettanten einzufangen und in anscheinender gänzlicher Erschöpfung an das Land zu ziehen, wo er indessen nach wenigen Minuten wieder aufsprang und, als ob nichts vorgefallen wäre, aus Leibeskräften mit allen Vieren ausschlug. Es versteht sich von selbst, daß fernerhin am Bord nur Pferdegeschichten in mehren lebenden Sprachen erzählt wurden, daß der Besitzer des Pferdes als Mann des Tages erschien, und alle Perspective nur auf das in Sicherheit gebrachte Thier am Lande gerichtet blieben. So kamen wir glücklich nach Luzern, schifften das im Trockenen gebliebene Pferd unter allgemeiner Theilnahme aus und suchten in einem Hôtel ein Unterkommen zu finden. Die Einwohnerschaft des in der neuern Geschichte so berüchtigt gewordenen Orts der Bürgerkriege und räthselhaften Criminalgeschichten schien mir im ersten Augenblick ausgewandert und der Ort von einer berliner Emigrantencolonne besetzt zu sein. Aus allen Hôtelfenstern schauten bekannte Gesichter, ja auf einer kurzen Promenade am Seeufer vor den prachtvollen Gasthofspalästen entdeckte ich selbst mehre Persönlichkeiten, welche eine berliner Zeitung gleich unter ihre Notabilitäten gerechnet hätte, z. B. den wackern Friedrich Förster, der (nicht mit seinem gewohnten frischen Humor) eine Tasse Kaffee im Freien zu erwischen suchte, die indessen bei diesen intelligenten Republikanern, trotz ihrer Nachbarschaft mit Italien, nicht zu erlangen war. Einen andern renommirten Herrn sah ich auf einer Bank am See sitzen und mit göttergleicher Ruhe, durch einen Regenschirm gegen die Sonnenstrahlen geschützt, die Kreuzzeitung lesen. Er schien sich an ihren schmächtigen Spalten zu laben und in die kühlen Schatten der Dessauerstraße zurückzuträumen, nahm mehrmals lächelnd Prisen und trommelte dann mit fetten weißen Fingern auf der goldenen Dose. Ein sich meiner erbarmender Kellner brachte mich im Hôtel Rigi, vier oder fünf Stock hoch, in einem freundlichen Zimmer unter, von dessen heiterer Höhe aus ich einen unumschränkten Blick auf die alten Befestigungen und Thürme von Luzern thun konnte. Es litt mich indessen nicht im Zimmer, ehe ich den berühmten Löwen von Luzern gesehen hatte. Nach einer kaum nennenswerthen Promenade stand ich vor dem vielbesprochenen Monument, welches seiner Tendenz nach von 118 jedem Andern passender als gerade von den Schweizern selber errichtet worden wäre. Zum Andenken an die bei den wiederholten Angriffen auf die Tuilerien im Jahre 1792 gebliebenen schweizer Soldtruppen gegründet und mit der Inschrift » Helvetiorum fidei ac virtuti « versehen, ist es nichts als ein Denkmal zur Verherrlichung des Eides tapferer Lohnsoldaten, welche, obwol für ihre Personen anderweitiger Ueberzeugung huldigend, zum Nutzen eines absoluten Fürsten laut Contract vom Leder gezogen haben. Die Nachwelt wird auf ihren Reisen vielleicht an einer andern Stelle der Schweiz ein Denkmal zu Ehren einer im Dienste des Königs von Neapel gefallenen Schar zu besuchen genöthigt sein. » Haec sunt nomina eorum, qui ne sacramenti fidem fallerent, fortissime pugnantes ceciderunt «, lautet das ausführlichere Epigramm auf diesem gewaltigen Erinnerungsstein, nicht der edeln freigewagten That, sondern des zähen militärischen Aushaltens des Todes auf dem Soldbeutel, der stummen Fügsamkeit in die Consequenzen eines halbverrückten Commandos. Heute lägen sie doch Alle im Grabe und jeder Tod für eine abstracte Idee wirft auf den Gefallenen einen Strahl von der überirdischen Glorie, welche die dichterischen Träume von Treue, Gehorsam und Aufopferung seit Anbeginn der Welt verbreitet haben. Den Todten sei darum das großartige Mausoleum der Disciplin gegönnt, denn unbedingt großartig ist es in seiner Ausführung und in der poetischen Situation. Nicht wie von modernen Menschenhänden in den Stein gearbeitet, sondern wie das Werk einer halbvergessenen Vergangenheit liegt der sterbende Löwe, dessen gewaltigen Leib ein abgebrochener Lanzenschaft durchbohrt, in seiner Nische, und die verwitternden Namen und Inschriften auf der grünlichgrau geglätteten Felswand erhöhen den ehrwürdigen Eindruck der Alterthümlichkeit. 119 Zur Rechten des Beschauers aber sickert von der steilen Felswand ein zarter Quell über die Buchstaben und umspannt sie, niedertriefend und jene leise Trauermelodie lispelnd, welche die menschliche Imagination den um Grabsteine murmelnden Wassern beilegt, mit einem feuchten Moossaume. Das feierliche Bild selbst trennt, außer einem eisernen Gitter, das von der Quelle gebildete trübe unbewegte Bassin, auf dessen Oberfläche sich lautlos die welken Blätter der umstehenden hohen Bäume gleich Opfergaben der mitleidig theilnehmenden Natur sammeln. Das Werk ist aus einer Idee Thorwaldsens hervorgegangen und bringt die erhabene Wirkung einer großen Tragödie der Sculptur hervor. Hart neben ihr hat sich der Humor in der Person des Wächters, angeblich des einzigen, dem Gemetzel entwischten französischen Soldaten, eingenistet. Er soll als Kind Anno 1792 den Posten eines Tambours bekleidet haben und deshalb später mit der Ehrenstelle eines Monumentportiers bekleidet worden sein. Auch trägt er merkwürdigerweise noch die Uniform der Schweizergarde, welche mit ihm gewachsen zu sein scheint, und beherzigt die Verse, welche Horaz an seinen Freund Torquatus schrieb: Immortalia nec speres, monet annus, et almam quae rapit hora diem. Die Unsterblichkeitspedanten der Stätte, die Eingriffe der Zeit und der Wechsel der Stunde kümmern ihn weniger als die Francsstücke der Fremden, auf welche er mit edelm kriegerischen Anstande und schöngewichstem Schnurrbarte speculirt. Es liegt etwas von einem illustrirten bourbonisch verklärten Schmerz in seiner Physiognomie, und wenn er den Besucher in sein links etwas höhergelegenes Häuschen führt, auf das Denkmal deutet und das Geschenk höflich dankend in die Tasche steckt, glaubt man in seinem Mienenspiele den heitern Gedanken 120 zu lesen: »Möglicherweise könntest du auch in dem Soldatenregister dort genannt sein, allein es ist besser ein lebendiger Hund zu sein als ein sterbender Löwe!« Ich hatte noch nie einen Greis gesehen, in dem Natur und Kunst gleich geschickt miteinander gemischt waren und sich schwerer auf ihr Maß zurückführen ließen; der Wächter war durchaus ein schweizerisches Problem. Gegen Abend durchstreifte ich die saubere, aber höchst schwermüthige Stadt. Mächtige mit Strichregen beladene Wolken tummelten sich in der Höhe und wechselten mit lieblichen, über tiefes Himmelblau streifenden warmen Blicken der sich senkenden Sonne, in den Straßen lagerten sich starke Schatten, und aus den weiten leeren Thorhallen vieler großen Häuser grinste schauerliches Dunkel. Ich lehnte mich auf die steinerne Balustrade der Reuß und sah in den vorüberschießenden Azur der Flut hinab. Obgleich entzückt von dem Schauspiel und der Landschaft, überfiel mich jenes Gefühl grenzenloser Einsamkeit und todesbangen Verlassenseins, das wol Jeder einmal in einer ganz fremden Stadt an einem Sonntagabende kennengelernt hat. Als ob ich wie Johannes Parricida im »Tell« von der Reuß sagen könnte: »Sie floß bei meiner That!« sprang ich auf, warf mich in die Gassen und suchte eine menschliche Zerstreuung, eine Musik, eine Komödie, ein Puppenspiel – in diesem Zustande hätte ich selbst den »Graf von Monte-Christo« noch einmal lesen können: es gibt ja verzweifelte, räthselhafte Varianten in dem Codex der Seele. Soviel ich jedoch suchte, es fand sich nichts, es sei denn, ich hätte mir zur Vertreibung meiner Hypochondrie einen Pfefferkuchen, eine hölzerne Pfeife oder einen Riemen zum Zuschnallen des Plaid kaufen wollen. Es gab in Luzern gar kein Sonntagsvergnügen; die Stadt war offenbar der Musterort für die Anhänger einer strengen Sabbathfeier. Ich fand 121 nicht einmal einen bereitwilligen Mann, der für Geld und gute Worte ein Stück Holz in die Reuß geworfen und es durch seinen Hund hätte herausholen lassen; es wäre doch eine anständige erlaubte Zerstreuung und dem Hunde nicht zur Last zu legen gewesen! So begab ich mich denn mit der Ergebung eines reisenden Märtyrers nach der Post, die zum Glück als ein aufgeklärtes und geldverdienendes Institut nicht von der sonstigen strengen Disciplin Luzerns betroffen wurde, und löste ein Passagierbillet für den folgenden Tag nach Zürich. 18. Nach Zürich. Es mag wahr sein, daß sich nichts schwerer ertrage als eine Reihe von schönen Tagen, nur muß der Abwechselung gewährende häßliche Tag sich nicht auf einer Reisetour einstellen, welche uns zwingt, fünf mal in 10 Stunden die Fahrgelegenheit zu benutzen. Als ich in Luzern das Dampfboot bestiegen, sämmtliche Trinkgeldansprüche befriedigt und mein Gepäck an einer trockenen Stelle untergebracht hatte, ahnte ich noch nicht, unter welchen Eindrücken ich aus der Schweiz gebracht werden sollte. Um den Pilatus, den Hygrometer der Gegend, streiften einzelne verdächtige Vagabunden von grauen heruntergekommenen Wolken; das Bergpanorama, mit Einschluß des Rigi, hatte sich in einen grauen Regenrock gehüllt, und der Vierwaldstättersee plätscherte lustig in schäumenden Wellen, als wollte er das bevorstehende Regenwetter begrüßen. Am Bord wurden alle Vorkehrungen gegen Wind und Wetter getroffen. 122 Die Mannschaft bedeckte die Berge von Koffern und Kisten mit einer großen Wachsdecke, knöpfte ihre Jacken zu und rollte das Leinwanddach zusammen; der Schornstein dampfte trotzig in die trübe Regenluft hinaus; der Tag fing wirklich vielversprechend an. Nach und nach fand sich die heutige Pilgerschaft, natürlich höchst misvergnügt, auf dem Verdeck ein. Alle Physiognomien waren möglichst zusammengerollt, wasserdicht verpackt und zugeknöpft, nur die Regenschirme flatterten vorläufig im Westwinde um ihre Stäbe. Gutta-Percharöcke, Ueberschuhe und lackirte Regenmäntel waren augenblicklich die beliebteste Mode. Ganz zuletzt stiegen meine alten Freunde, Oskar und Malwine, an Bord. Er trug, in graues Löschpapier eingewickelt, einen großen Reliefplan der Schweiz, ein als Spazierstock verkleidetes Fernrohr, ein Körbchen mit etwas angefaulten Aprikosen, eine Flasche mit Kirschwasser, einen ausgestopften Falken, und sah aus, als wollte er den Rest seiner Tage in einer hochgelegenen Einsiedelei beschließen. Die junge Frau dagegen fiel mir durch ihre kühne Sicherheit und ein Ansehen von männlicher Bestimmtheit auf; Oskar schien in einer Entscheidungsschlacht bei Interlaken total geschlagen und in den diplomatischen Friedensunterhandlungen, in Betreff der schönen Engländerin, einen für seine künftige Macht- und Weltstellung sehr nachtheiligen Vergleich eingegangen zu sein. Malwine hüllte sich in einen grauen Plaid, setzte sich auf einen Feldstuhl neben mich und ergriff alsbald die Offensive: »Oskar, ich bitte dich, wenn du den theuern Reliefplan so ungeschickt hältst, fällt er doch noch zu Boden und Onkel Moritz hat uns ganz vergeblich den Auftrag gegeben.« »Aber, liebes Kind, wie soll ich ihn denn halten, ich kann ihn doch nur unter den Arm nehmen wie das Fernrohr. Du siehst doch, daß ich den Falken für August und das 123 Kirschwasser für Papa auch nicht fallenlassen darf. Die verwünschten Aprikosen rauben mir alle Freiheit der Bewegung. Sie würden mich verpflichten, lieber Freund, wenn Sie wenigstens das Körbchen und das Fernrohr tragen wollten, ich kann dann besser auf den Falken Acht geben!« Mit diesen Worten überreichte mir der geplagte Ehemann die beiden kostbaren Stücke und befestigte in mir die Ueberzeugung, daß ich nach dem unerforschlichen Rathschlusse des Himmels die Schweiz unter denselben Gepäckqualen, wie ich sie betreten, auch verlassen solle. Diese Einsicht gab mir vollständig meine Ruhe wieder; ich beugte mich gelassen unter das unabwendbare Schicksal und fühlte die natürliche Heiterkeit meines Wesens wiedererwachen. Wie tief war dieser Assessor binnen wenigen Wochen durch weibliche Alleinherrschaft und seine thörichten Versuche, sich ihr heimlich zu entziehen, statt ihr einen offenen ritterlichen Kampf anzubieten, herabgewürdigt worden! Ich hatte ihn noch in Berlin unter den Linden siegesfroh mit junger Garde von Kaiser Franz oder Alexander Arm in Arm spazieren und die schönen Damen durch ein schwarzes Nasenkneifglas beäugeln gesehen; zwischen jenem Apoll von Belvedere und dem geknechteten Wächter des Falken und Kirschwassers lag eine zertrümmerte Welt von Träumen, über denen das bleiche Bild der Miß Nelly schwebte. Das Läuten der Glocke unterbrach diese traurigen Gedanken, ein dreister Eindringling von Spitz wurde noch rasch aber freundlich ans Land gepeitscht und der Dampfer machte sich auf den Weg nach Küßnacht. Jetzt nahm das Regenwetter auch nicht die geringste Rücksicht mehr, die Wolken senkten sich dicht herab, und nachdem die Damen eilig und mit Zetergeschrei in die enge Kajüte geflüchtet waren, saßen wir unglücklichen Mannspersonen unter unsern Regenschirmen auf dem Verdeck des ersten Platzes wie zwei bis drei Dutzend 124 holländischer Heringe, die zur Mahlzeit gewässert werden. Die von den Regenschirmen herabströmenden Fluten bildeten außerdem zwischen uns auf Tischen, Stühlen und Reisetaschen Seen, Teiche und kleine Pfützen, oder erzeugten Cascaden, welche einen poetischen Abfluß in Röcke, zwischen Halstuch und Kragen suchten; zum Ueberfluß stieg sogar der Rauch aus dem Schornstein gastlich zu uns hernieder und überzog unsere Leibwäsche mit einer gräulichen Masse von Ofenatomen. Jede Unterhaltung blieb uns in der Kehle stecken, ich goß zuweilen das angesammelte Wasser aus dem Aprikosenkörbchen und schützte mit dem Regenschirm mehr das Fernrohr als meinen eigenen Leib. Endlich langten wir in Küßnacht an und bestiegen die bestimmten Plätze in dem aufgestellten Postwagen. Das grundgütige Schicksal hatte mich auch hier wieder mit meinem berliner Ehepaare zusammengeführt. Ich sah mich sogar aus Ritterlichkeit genöthigt, meinen tröstlichen Eckplatz an Frau Malwine abzutreten und mit einem schnöden Mittelsitz vor einem Fenster vorliebzunehmen. So rollten wir denn in angenehmem Trabe der berühmten Gegend entgegen, welche unsern Heldenspielern so viele Redensarten zu kosten pflegt; natürlich hatte der Regen aufgehört, sobald wir im Wagen saßen. Unsere Schöne zog jetzt aus ihrer Reisetasche einen Bädeker und einen Schiller und bereitete sich, indem sie abwechselnd eine Stelle aus dem Monolog und einige Zeilen in dem Reisehandbuch las, ästhetisch und topographisch auf den Moment vor, in dem wir die Hohle Gasse passiren würden. Gewöhnt an dergleichen Ausbrüche von berliner Poesie, gab ich nicht weiter Acht auf Malwine, sondern richtete mein Augenmerk auf einen neben der Kutschenthür sitzenden ältlichen kurzleibigen Herrn, der sein dem Anschein nach tückisches rothes Gesicht zwischen zwei mit vielen himmelblauen Rosenknospen bedruckte 125 Vatermörder zu verbergen suchte. Der Herr schien von einer namenlosen Unruhe gepeinigt zu werden; er rückte auf seinem Sitze hin und her, sah zur Thür hinaus, schüttelte unwillig den Kopf, warf wüthende Blicke auf Malwine und die Bücher in ihren Händen, bückte sich angstvoll und brummte Allerlei vor sich hin. Schon wollte ich in der festen Ueberzeugung, daß wir einen heimlichen Anhänger der Börne'schen Recension über Schiller's »Tell«, laut welcher die That des Mannes nichts als ein schnöder Meuchelmord war, vor uns hätten, Malwine einen Wink geben, sie möge das zarte Gewissen des kurzleibigen Herrn nicht zu stark auf die Probe stellen, als dieser plötzlich die Wagenthür aufriß, mit starker Stimme die Worte des Tell: Hier vollend' ich's. Die Gelegenheit ist günstig. Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich ihm – ausstieß und alsbald wirklich im Gebüsch verschwand. Wir erschraken nicht wenig und riefen nach dem Conducteur; allein da ein schweizer Conducteur nie Ohren für seine Pflegebefohlenen hat, und die Wagen sämmtlich langsam bergan fuhren, wir den Herrn auch bald wiedererscheinen und uns mit rüstigen Schritten folgen sahen, legten sich unsere Besorgnisse. Kaum hatte sich der kurzleibige Herr wieder auf seinem Platze eingebürgert und die Thür geschlossen, als er auch in seinem ganzen Wesen wie verändert erschien. So muckisch und maulfaul er vorher gewesen war, von einer so angenehmen Seite zeigte er sich jetzt als Meister einer geistreichen Unterhaltung. Als ob ihm auf seinem kurzen Ausfluge neue herrliche Ideen gekommen wären, ging er auf die Tellsage ein, zeigte sich als solch ein gelehrter und munterer Mann, brachte so viele kleine anekdotisch unterhaltende Züge bei, daß Malwine Schiller und Bädeker einsteckte und trotz einiger Verlegenheit ganz Ohr 126 war. Der Kurzleibige hielt augenscheinlich nicht viel von der ganzen Sage, und das Endresultat seiner Untersuchungen war, daß ohne die herrliche Dichtung Schiller's alle jene Wallfahrtsorte, wie Rütli, Altorf, Tell's Platte und die Hohle Gasse, wahrscheinlich sehr wenig beachtete Localitäten geblieben sein würden. Unterdessen hatten wir die berühmte Stelle wirklich passirt und der eben wiederbeginnende Regen erinnerte uns daran, daß wir sehr bald die Wagen verlassen und uns dem Dampfboot über den Zugersee anvertrauen müßten. Man wird es mir hoffentlich erlassen, diese klägliche Ueberfahrt specieller zu schildern. Oskar wurde so arg von dem Regen mitgenommen und gab infolge dessen so schlecht Acht auf seinen Pensionär, den Falken, daß dieser ein rheumatisches Fieber bekam, das sein früheres gutes Aussehen sehr beeinträchtigte. In unendlich trübseliger Stimmung gelangten wir nach Zug, wo das Boot uns unter fortwährendem Regen auf einem freien Platze eilig an das Land setzte und unser Gepäck dem grimmigen Unwetter überließ. Da es in der Schweiz zuweilen ganz passend sein kann, wenn man sein Gepäck controlirt, blieb ich mit einer Menge Herren bei den Packstücken und wunderte mich, daß nasse Koffer nicht weniger in die Höhe gehen als ein mit frischer Hefe eingerührter Kuchenteig. Eine allgemeine Verstimmung herrschte in jeder Menschenbrust, selbst die wohlbestallten Postknechte warfen mit unserm Eigenthum so grimmig um sich und stauchten die Sachen so wüthend zusammen, als wollten sie uns zeigen, was wir als die eigentlichen Urheber ihrer Unbequemlichkeiten erst verdienten. Endlich zog der Conducteur seine Personenliste heraus, die Passagiere stürzten aus der kleinen Poststube auf den Platz, der mit Wasser getränkte Kiessand spritzte uns Allen um die Köpfe, und die aufgeweichte Reisegesellschaft drängte sich bange in die zum Glück dichten und bequemen Wagen. 127 Der kurzleibige Herr war zu Malwinens sichtlicher Beruhigung in Zug zurückgeblieben, und zwei räthselhafte Frauenzimmer hatten unsern Kreis vergrößert. Ich nenne diese Wesen räthselhafte, weil sie durchaus gepäcklos, mit Blumensträußen und einem ausgeprägten norddeutschen Dialekt ausgestattet, dazu von mittlern Jahren und zuversichtlichem Wesen, in kein Fach der Touristenregistratur passen wollten. Oskar, in dem trotz der Leiden seiner Flitterwochen noch immer eine Ader des ehemaligen verwegenen Assessors pulsirte, ergriff sofort seine Maßregeln zur Anknüpfung eines angenehmen Verkehrs. Nachdem er sich nach Möglichkeit seiner Bagage entledigt, die Flasche mit Kirschwasser zwischen die Plaids gesteckt und den Falken in das Wagennetz gelegt hatte, nahm er mir mit unbeschreiblicher Verwegenheit das Aprikosenkörbchen aus der Hand und präsentirte es zuerst seiner Gemahlin, dann aber den beiden unbekannten Damen. Obgleich die Früchte keine Leckerbissen waren, wurde die Aufmerksamkeit doch sehr gut aufgenommen, und nach der üblichen kurzen Capitulation sah sich der in seiner Selbstgefälligkeit überglückliche Oskar in ein lebhaftes Gespräch mit den Damen verwickelt. Welche Rolle hätte ich wol spielen können als die des Sündenbocks? Mir fiel die Aufgabe zu, die göttliche Malwine zu unterhalten, ein Vergnügen, das ich bei ihrer Laune gern dem ersten besten Stellvertreter unentgeltlich überlassen hätte. Die Dreistigkeit des vermessenen Oskar, den sie bereits vollständig unter den Pantoffel gebeugt zu haben glaubte, der augenblickliche Mangel eines Courmachers, dieses unentbehrlichsten Möbels für Damen von Malwinens Charakter, und meine mit dem Stempel einer verwünschten Pflichterfüllung gebrandmarkte Unterhaltung verdarben ihren Humor, und als ich ihr zuletzt, zu den äußersten Mitteln greifend, 128 anbot, durch das verkleidete Fernrohr aus dem Wagenfenster die bezaubernde Gegend des Albis, welche eben durch ein aufsteigendes Donnerwetter verdunkelt wurde, zu betrachten, gab sie mir gar keine Antwort mehr. Unter einem großen Aufwande von Redensarten seitens der Damen und Oskar's langten wir nach einigen Stunden in Horgen am Zürichersee an und stiegen in einem schöngelegenen Hôtel ab, wo zwei reglementsmäßig geschnurrbärtete schwärzliche junge Herren die mit großer Sehnsucht erwarteten Damen in Empfang nahmen und die zärtlichen Empfindungen Oskar's wieder in einen verwitweten Zustand versetzten. Die Pärchen mochten gewissen gesetzlichen, kirchlichen und conventionellen Fesseln im fernen Norden entflohen sein und an den lieblichen Ufern des schönen Sees im Lande der republikanischen Freiheit auch die momentan errungene Freiheit von allen andern Banden genießen; die Villeggiaturen im Süden gewähren reichen und emancipirten Nordländern zuweilen die verlängerten Freuden der winterlichen Maskenbälle. Ich setzte mich in die Nähe des räthselhaften Quartetts und zweifelte nach kurzer Beobachtung nicht mehr daran, daß die beiden Gentlemen vielleicht ein paar Kunstreiter, Hercules oder Seiltänzer seien, welche als sommerliche Cavaliere jener Damen von ihnen hierherberufen, sie nach einem kurzen Abstecher ins Gebirge gehorsam erwartet hatten. 129 19. Nach Norden. Des Regenwetters ungeachtet trat der anmuthige Charakter der Gegend am Zürichersee lebhaft hervor. Der kleine Ort Horgen war mit Touristen angefüllt, die sich wesentlich von den wilden und eiligen Horden unterschieden, welche die Gegenden der schweizer Hochgebirge überschwemmt hatten. Hier hausten die Geschlechter jener bequemen Reisenden, welche theils nicht im Stande waren, hohe Berge zu besteigen, theils aus Liebe zur Bequemlichkeit etwas »Schweiz« genießen wollten, ohne sonderlichen Kostenaufwand zu machen. Das Ansehen der Pensionäre oder Bewohner von Horgen war nicht mehr so nomadisch wie an vielen Stellen des Cantons Bern, wo Gäste und Wirthe in jeder Minute des Tages so aussehen, als ob noch heute das Finsteraarhorn oder die Jungfrau bestiegen werden müßten. In Horgen gab es gemüthliche lange Pfeifen, Schlafröcke, Nachtmützen und Pantoffeln, conservative Tabacksnasen, solid gewichste Schnurrbärte; sogar ein alter Herr mit einem Ordensbändchen im Knopfloch lag in einem Fenster und ließ sein Ehrenzäumchen frische Luft schöpfen. Ach, die glücklichen Einwohner großer fürstlicher Städte, welche täglich in dem Genusse des Anblicks zahlloser glänzender Ehrenzeichen auf der Brust ihrer Mitbürger schwelgen, wissen nicht, wie wehe die Entbehrung thut. Erst in wochenlanger Abgeschiedenheit von den ritterlichen Ehren und Gewohnheiten, unter einem Volke mit hohen steifen Vatermördern aus grober Leinwand, in englisirten schnupftabacksfarbigen Fracks und butzköpfigen Hüten, das höchstens eine Blume in seinem Knopfloch trägt, um sie an den nächsten Reisenden für fünf Rappen zu verkaufen, lernt man die Süßigkeit monarchischer 130 Auszeichnungen kennen. Das erwähnte Bändchen war vielleicht nur das Allgemeine Ratzeburgische Ehrenzeichen, oder der Orden für fertige Abschreiber und schnelle Fußboten, allein es führte die angeregte Phantasie immerhin aus dem Lande der kahlen, gleichgültigen Freiheit unter liebenswürdige und von einem sanften, erlaubten Ehrgeiz belebte Menschen. Der alte Herr mochte in meinem entzückten Auge einen Theil meiner loyalen Empfindungen lesen, wenigstens warf er mir eine Kußhand zu und schien Miene machen zu wollen, auf die Straße herabzukommen und ein kurzes Reiseverhältniß mit mir anzuknüpfen. Der sehr unausgebürstete Zustand des Ordensgreises und seine, trotz der Nähe des züricher Wasserbeckens vernachlässigte Leibwäsche trieben mich aber eher vondannen, als der Treffliche seinen freundlichen Plan ausgeführt hatte. Wir eilten nach dem Ufer und begaben uns heute zum dritten male an Bord eines Dampfboots, das jedoch durch Umfang und Reinlichkeit von seinen Vorgängern lebhaft abstach. Bald war alles Gepäck auf das Verdeck geschleift, und an Oskar's und Malwinens Seite steuerte ich gleich darauf direct nach Zürich. Der Tag hatte sich jetzt immer mehr verdüstert; die Wolken des Himmels waren dichter, die Schicksale der Menschen trüber geworden. Die diplomatischen Verhältnisse des jungen Ehepaars schienen im höchsten Grade verwickelt und kaum noch auflösbar zu sein; ich sah mit Wahrscheinlichkeit voraus, daß in den nächsten Tagen Amor seine Pässe fodern würde. In Oskar's interessanten Gepäckangelegenheiten war zunächst eine auffallende Veränderung eingetreten; das Körbchen, in welchem früher die Aprikosen gelegen hatten, und der Falke waren spurlos verschwunden. Die pikante Unterhaltung mit den beiden räthselhaften Damen mochte die Aufmerksamkeit des verliebten Sünders so gefesselt haben, daß er den Falken, der ihm ohnehin wenig an das 131 Herz gewachsen war, im Netze des Postwagens hatte liegen lassen. »Betrachten Sie diesen Mann, lieber Freund«, sagte Malwine, die mich immer ihren Freund nannte, wenn Oskar ein Verbrechen begangen, »betrachten Sie ihn und sagen Sie mir, ob ein junger Ehemann rücksichtloser gegen seine Frau und Verwandten zuwerke gehen kann?« Ich betrachtete Oskar sehr genau, bemerkte aber nicht, daß sich das Verbrechen der Rücksichtlosigkeit bemerkenswerth und deutlich ausdrückte. »Daß er mein Körbchen wahrscheinlich auf die Straße geworfen hat«, fuhr die unermüdliche Schöne fort, »will ich ihm verzeihen; daß er aber den ausgestopften Falken, den ich in Bern mit meinem Taschengelde bezahlt habe, gleichfalls auf die Seite geschafft, das kann, das darf ich nicht verzeihen!« »Nun, so wird der Junge etwas Anderes bekommen«, brummte der mürbegemachte Assessor in B-moll . »Aber Oskar, wenn du August nur nicht immer den ›Jungen‹ nennen möchtest. Ehe wir verheirathet waren, hast du dir niemals eine so grobe Bezeichnung des Kindes erlaubt. Damals war er der reizende Kleine, der niedliche Bursche, der muntere Schelm – den Ausdruck ›der Junge‹ hast du dir erst auf der Reise angewöhnt.« »Liebes Kind, seit wie lange August ›der Junge‹ oder ›der niedliche Kleine‹ heißt, wollen wir heute nicht mehr untersuchen, besonders da die Leute auf dem Sopha dort die Ohren spitzen; er soll nicht einen, sondern zwei Falken bekommen, die ich ihm in Augsburg kaufen werde, allein dafür wirst du mir erlauben, ihn, trotzdem er sich meinen Vetter nennt, für Das zu halten, was er der Wahrheit nach ist: für einen berliner Straßenjungen vom reinsten Wasser.« So maulte der bis 132 aufs äußerste ergrimmte Oskar und stampfte mit dem Fernrohr wild auf den Fußboden der Kajüte. »Haben Sie je einen solchen wilden und abscheulichen Menschen gesehen?« fragte mich die Schöne und pumpte mit raschem Zwinkern der Augenlider etwas Rührungswasser heraus. »Ja«, sagte ich meinerseits nun auch erbittert und entschlossen, nicht mehr den Fangeball zwischen dem Ehepaare zu spielen, sondern die Partei des Schwächern zu nehmen. »Ja, Madame, ich habe wildere und abscheulichere Menschen gesehen, und Oskar erträgt wirklich sein Schicksal mit einer mehr als christlichen Ergebenheit. Wundern Sie sich daher nicht, wenn auch ihm endlich der Faden der Geduld reißt. Ich an seiner Stelle wäre längst durch diesen unaufhörlichen kleinen Krieg zur Verzweiflung gebracht worden.« »Fangen Sie jetzt auch mit mir an? Wirklich – wirklich – eine Krähe hackt der andern nicht die Augen aus – wenigstens weiß ich von Ihnen, daß Sie sich nicht Oskar's Sünden hätten zuschulden kommen lassen!« »Und was hat er denn begangen, gnädige Frau? Er mag schwach gewesen sein, doch ach! kein Bösewicht!« tröstete ich mit Weisheit und Hofrath Kind. »Kein Bösewicht? – Sie haben wol nicht bemerkt, wie er den beiden landläuferischen Frauenzimmern die Cour gemacht hat?« »Darf ein Herr nicht einmal mehr ein paar einzelne Damen in Gegenwart seiner Gemahlin anreden? Das ist neu für mich, gnädige Frau.« Vielleicht hätten meine dreisten Worte und eine zuversichtliche Miene, die ich vorläufig aufgesetzt, den Sieg über die eigensinnige Schöne davongetragen, wenn nicht der Schwächling von einem Ehemanne mir in die Parade gefallen wäre, seiner Frau Recht gegeben und mich ermahnt hätte, den 133 unterbrochenen Frieden herzustellen. Jetzt sah ich ein, daß jeder Versuch, durch eine geschicktgeleitete Intervention die unbezähmte Widerspänstige zur Ordnung zu bringen, fernerhin vergebens sein werde, und strich resignirt die Flagge. Die Natur aber drückte draußen auf dem See durch gewaltsame Zeichen ihren Unwillen über die menschlichen Ehefratzen und Uneinigkeitskindereien aus, wenigstens hätte ein Grieche oder ein Römer die heftigen Blitze und lauten Donnerschläge in diesem ernsten und abergläubischen Sinne aufgefaßt. Der Regen bannte uns unausgesetzt in die Kajüte und unter einem heftigen Gießkannenschauer wurden wir in Zürich ans Land gesetzt. Gern hätte ich mich hier von dem gefährlichen Ehepaare getrennt und ein anderes Hôtel bezogen; allein der glückliche junge Gatte brauchte die weise Vorsicht, meine Sachen mit den Habseligkeiten seines Reisehaushalts auf Einen Karren laden und nach dem Hôtel de l'Epée fahren zu lassen. Er bedurfte meiner noch immer und schien die Absicht zu hegen, mich als Schild mit dem Haupte der Medusa bis in die theure Heimat Berlin mitzuschleppen. Oskar ging voraus, den langsam von einem schwerfälligen Träger geschobenen Karren beobachtend, dann folgte Malwine, von mir in einer starken Nachtrabstellung begleitet. Die gute Frau behielt ihren misrathenen Mann scharf im Auge und regelte seinen Gang durch zeitweilige richtige und treffende, aber zuweilen etwas beleidigende Bemerkungen. »Lieber Freund«, sagte sie plötzlich, »bemerken Sie, wie Oskar das Fernrohr trägt. Es hat 50 Thaler gekostet, aber der Mann trägt es, als ob er den nächsten Menschen damit durchprügeln wollte.« Diese Notiz war sehr gegründet; allein das Oskar am nächsten stehende Wesen war seine Frau, und sollten seine Gedanken sich wirklich in der Art das Fernrohr zu tragen ausdrücken, so konnte man die weitgediehenen Differenzen in der 134 Denkungsart dieses reisenden Ehepaars nur beklagen. Auf ihre Bitte nahm ich also Oskar das Fernrohr auf eine liebevolle Weise ab und beruhigte die edle Seele seines Weibes. So gelangten wir nach dem Hôtel Zum Schwerte, welches mir weniger zum Schutze der Fremden als zu ihrer systematischen Ausbeutung gezückt scheint. Doch kam mir die dreiste und verwegene Art des uns empfangenden Kellners vortrefflich zustatten, denn als er uns gleich bei der Ankunft fragte, wie lange wir uns aufzuhalten gedächten, um die Qualität der Zimmer und die Höhe des Stockwerks nach unserer Angabe zu bestimmen, erfuhr ich, daß Oskar und Malwine beschlossen hatten, noch den folgenden Tag in Zürich zuzubringen. Obgleich ich mir das Nämliche vorgenommen hatte, gab ich auf der Stelle meinen Plan auf und beschloß, am nächsten Morgen Zürich und die Schweiz zu verlassen. Wenn es wahrscheinlich war, daß ich den liebenswürdigen Ort bald wiedersehen würde, konnte ich es doch für unwahrscheinlich halten, jemals in meinem Leben wieder mit solchem verheiratheten Reisepack zusammenzutreffen; ich täuschte demnach den Kellner durch eine ihm schmeichelnde Vorspiegelung und erhielt deshalb ein hübsches Zimmer im ersten Stock. Unterdessen war es Abend geworden, die Straßen wurden grabesstille, die Lichter spiegelten sich in der rauschenden Limmat und der Regen plätscherte unermüdlich auf das Pflaster herab. Ich beschloß nach dem Kaffeehause zu gehen, wo sich die deutschen Flüchtlinge zu versammeln pflegen; mich gelüstete nach einer republikanischen Predigt; ich wollte mich tüchtig haranguiren lassen, denn die Unterhandlungen mit dem Ehepaare hatten mich moralisch so heruntergebracht, daß ich einer energischen Herzstärkung bedurfte. Heute schlug indessen Alles fehl. Ich saß länger als eine Stunde an dem bewußten Orte, ohne eines jener Gesichter eintreten zu sehen, welche im Jahre 135 1848 Ministerien und Magistrate erzittern machten, und jetzt, ach! so genügsam und bescheiden gesinnt waren, daß ein wenig Regenwetter sie in ihren Stübchen zurückhielt. Unmuthig entfernte ich mich und sandte einen Boten nach Richard Wagner's Wohnung; aber auch dieser Bote kam mit einer Hiobspost zurück. Wagner wurde erst am dritten Tage von einer Ausflucht nach dem Genfersee zurückerwartet, und statt den Componisten des »Tanhäuser« und »Lohengrin« nach manchem traurigen Jahre seiner Verbannung wiederzusehen, mußte ich in das »Schwert« zurückkehren und durch die Wand einen abermaligen Liebeszwist meiner Getreuen anhören. Er war wenig sanfter als der Streit, welcher Frau Venus und den liederlichen Heinrich von Ofterdingen für immer trennte. Ich setzte mich daher an den Waschtisch, der in meinem Zimmer Schreibsecretärsstelle vertrat, und entwarf folgenden Brief: »Meine verehrten Freunde! »Wenn der Anblick vollkommenen, ungetrübten Glücks, einer auf Erden wahrhaft seltenen Einigkeit, und das lebendige Beispiel zu dem schönen Spruche: ›Zwei Seelen und ein Gedanke‹, einen beklagenswerthen einzelnen Reisenden mit Neid erfüllen können, so finde ich mich in dieser Lage. Ein tadelnswerthes Gefühl von Misgunst hat sich meiner Seele soweit bemächtigt, daß es die Wißbegierde und fernere Lust an den Reizen der Schweiz vollkommen unterdrückt hat. »Lebt wohl! Der Augenblick, der euch beim Ankauf eines neuen Falken gewiß in himmlischer Einigkeit und Uebereinstimmung der Geister beisammenfinden wird, sieht einen eiligen und melancholischen Pilger auf der Fahrt nach Ulm. Folgt mir nicht, erneuert nicht den Schmerz, den euer Glück in ein trauriges Dasein gerufen; begebt euch auf einer andern Heerstraße in die theure Heimat, und bringt euer Gepäck gut und 136 ganz nach Hause. Fürchtet nichts, ich bin stärker als der alte Werther und habe keine Pistolen bei mir. Ewig euer E. K.« Als ich diese Zeilen zusammengefaltet und versiegelt hatte, überkam ein seltener Zustand von Ruhe meine Seele. Ich rief den Kellner, befahl ihm, den Brief morgen Mittag den Herrschaften unter die Serviette zu legen, ließ eine Flasche Lambry Geldermann Goldlack bringen und beschloß meine Schweizerfahrten mit einem Toaste auf das Wohl aller jungen reisenden Ehepaare. Um 10 Uhr am andern Tage hatte ich schon eine Zeche von 22 Francs, darunter 1½ Francs für ein Licht, bezahlt und zwei Meilen nach dem Bodensee zurückgelegt.