Joseph von Lauff Marie Verwahnen I. Johannes van Melle Die anbrechende Nacht kroch grau in grau über die Landschaft. Über der Weidenkoppel jenseits des Rheines lag ein schmaler, langgestreckter Streifen wächsernen Lichtes, der allmählich zusammenschrumpfte und an Helligkeit abnahm. Wie abgezirkelte Bälle standen die Schattenrisse der Kopfweiden am jenseitigen Ufer und ließen ihre Spiegelbilder von dem fahlbeleuchteten Rheinwasser verschlucken, das langsam und breit in seinem flachen Strombett vorübergurgelte. Scharfumgrenzte Lichter standen unbeweglich über der ziehenden Fläche. – Es war ein warmer Sommerabend. Knarrend holperte mein Gefährt über den mächtigen Stromdeich, dessen weitausgelegte Flanken das Wiesentief des Binnenlandes bei Überschwemmungsgefahr zu sichern hatten. Wie ein langgestrecktes Ungetüm und fast in schnurgerader Richtung lief diese massige Schutzwehr das Ufer entlang, um in eine kleine niederrheinische Stadt zu münden, deren verschwommene Turmsilhouette sich schon geraume Zeit vor meinen Blicken emporhob. Trotz der werdenden Nacht schwebte eine eigentümliche Dämmerhelle über Rhein und Flachland, die auch die ferner gelegenen Gegenstände deutlich vor Augen führte. Ab und zu tönte Hundegebell. Die große Stille verschlang es. – Eine nicht zu beherrschende Sehnsucht hatte mich in diese Gegend getrieben. Hier war heimischer Boden. Weiter stromaufwärts und in der Nähe der kleinen Stadt, die sich mittlerweile in ein undurchdringliches Düster gehüllt hatte, lag meine engere Heimat. Ich kam von dorther und stand nunmehr im Begriff, einen Jugendfreund aufzusuchen, der, seiner väterlichen Scholle getreu, als Arzt in dem verlorenen Rheinnest praktizierte, dem ich seit einer Stunde in meinem schwankenden Halbverdeck entgegenrüttelte. Gemeinsam hatten wir unseren humanistischen Studien obgelegen, gemeinsam die Miseren des Abiturientenexamens durchkostet und dann uns geschieden. Jahre waren dahingegangen. Sechzehn Jahre, reich an Freuden und Hoffnungen, lagen hinter mir und ließen mich in Ungewißheit über die ferneren Schicksale des in sich gekehrten und eigentümlichen Freundes und Menschen aus verklungenen Tagen. Daß er die Universitäten Würzburg und München bezogen und an letzterer sein Staatsexamen magna cum laude bestanden hatte, war mir zufällig zu Ohren gekommen; daß das Wesen des Absonderlichen sein späteres Dasein umhüllte, konnte ich mir zusammenreimen – dann aber war die große Leere, das tiefe Schweigen über uns hereingebrochen, bis etwa vor Monatsfrist die bedeutendsten Tagesblätter des In- und Auslandes den Namen Johannes van Melle mit einer Entdeckung in Verbindung brachten, die auf medizinischem Gebiet als epochemachend anzusehen war. Ohne Reklame, still und geräuschlos, aber siegesgewiß hatte das glücklich gezeitigte Produkt eines emsig schaffenden Geistes es zuwege gebracht, die für mich und alle Welt so gut wie verschollene Persönlichkeit eines merkwürdigen und vereinsamten Menschen in die grelle Beleuchtung eines elektrischen Scheinwerfers zu stellen – und da solches geschah, begannen in meiner Seele leise Saiten zu klingen. – Der Turmkoloß kam wieder in Sicht. Hinter seiner massigen Profilierung schob sich ein intensives Licht vor, auf dessen Fläche die Zacken und Schrägen des klobigen Bauwerks wie aufgenagelt erschienen. Es lag etwas Ungefüges, Trotziges, Herausforderndes in der ganzen Erscheinung, in welcher ich das Harte und Unbeugsame im Charakter der dortigen Menschen wiederzuerkennen glaubte, eine Erkenntnis, die verstärkt wurde beim Anblick des ruhig ziehenden Stromes und der majestätischen Öde des Tieflandes, die jetzt unter dem Mond lagen wie Giganten in schwerfälliger Eigenart. Mit stoischem Gleichmut paffte der Kutscher seinen Rippchentabak aus der irdenen Pfeife. Es war heimisch Gewächs, was da in blauen Wölkchen hinauszog und meine Stirne umnebelte. Ein großer Nachtfalter taumelte vorüber. Er querte den Deich und schwebte geraume Zeit über einer schwarzen Wasserlache, die, an der Binnenseite des Dammes gelegen, wie ein dunkles und geheimnisvolles Auge nach oben stierte. Stumm, gespenstisch und die Phantasie zauberisch umstrickend, ein sammetglänzender Heliotrop, ruhte der Kolk unter der nächtlichen Helle und nahm die Sinne gefangen. Inmitten der Fläche stieg ein grelleuchtender Punkt auf. Weiß, keusch und rein, wie die Farbe des Kleides, das die kleinen Mädchen am Fronleichnamstage tragen, schwamm sein Licht auf der unbeweglichen Tiefe, die die Blätterfülle des hellen Punktes schauernd zu tragen schien. Es war der vollentfaltete Kelch einer Wasserrose – und mir war es so, als wenn aus dieser Blume das Mysterium eines Menschenherzens sich löste, als müßte eine Stimme ertönen, die da spräche: »Ziehe die Schuhe von Deinen Füßen, denn die Stelle, wo Du stehst, ist heilig.« »Heilig!« klang es um mich her. Ich hatte selber gesprochen. Teich und Wasserrose verschwanden. Sie tauchten in die flüssige, silberlichte Folie des Geländes. – Zwei dunstige Feueraugen lagen fern auf der Mitte des Deiches. Bei unserem Näherkommen nahmen sie eine scharfe Umgrenzung an und wurden wie auf Stielen höher gehoben. Jetzt konnte ich sie deutlich erkennen. Es waren zwei Straßenlaternen mit mattleuchtendem Öldocht, die den Eingang zum Städtchen flankierten. Stoßend ging jetzt das alte Gefährt über das holperige Pflaster, aber noch immer mußte ich der geheimnisvollen Blume gedenken da draußen im Flachland. Die Straßen lagen fast menschenleer; nur vereinzelte Leute saßen hemdärmelig vor den niedrigen Häusern und genossen die angenehme Luft des laulichen Sommerabends. Wäscheblau-weiß und krapprot angekalkte Giebelfronten zogen langsam vorüber. Nirgendwo ein auffallendes und unliebsames Geräusch. Nur in der Wirtschaft ›Zum goldenen Anker‹ machte sich das scharfe Ketschen von Billardkugeln bemerkbar. Das war alles! – Wir hatten die Hauptstraße passiert. »Na, nu weiter!« klang es vom Bock her. Behäbig drehte sich der Kutscher um seine schwerfällige Achse, wobei er an der Schirmmütze rückte und den tönernen Pfeifenstummel stumpfen Blickes in den linken Mundwinkel beförderte. »Heda!« Im Türrahmen eines kleinen Hauses stand ein verhutzelter Mann in Zipfelmütze und Holzschuhen. »Wo wohnt hier der Doktor Johannes van Melle?« »Großer Markt Nummer fünf, neben der katholischen Kirche.« »Danke.« »Har – üh!« Die Schatten der wiederanziehenden Pferde haspelten weiter und bewegten sich auf dem beleuchteten Pflaster wie gigantische Spinnen mit zappelnden Stelzbeinen. »Prr!« Wir waren zur Stelle. Ein stattliches Haus im Mansardenstil, mit Freitreppe und grünen Jalousien lag vor mir. Nachdem ich den Kutscher abgelohnt hatte, zog ich die Klingel. Unangenehm und grell, wie die keifende Stimme eines Frauenzimmers, zitterte und kreischte der langgezogene Ton durch die weiten Korridore der geräumigen Wohnung. Von allen Ecken und Enden kam das Echo zurück. Selbst von den Gängen des oberen Stockwerks hallte das Geklingel wie unter dem Einfluß eines geheimnisvollen Resonanzbodens wider. Dann verstummte es plötzlich. Ein peinliches Gefühl ergriff mich, eine Art von Beklemmung, die sich bis zu einem physischen Schmerz in der Herzgegend steigerte, als die Tür sich öffnete und der weiche, sehnsüchtige Klang einer sanftgestrichenen Geige aus dem Innern hervordrang. Eine kleine Frau mit stechenden Augen, gefälteter Spitzenhaube und ganz in Schwarz gekleidet stand vor mir. Fast gleichzeitig hob sie einen Messingleuchter in die Höhe, dessen Unschlittkerze mir einen unliebsamen und grellen Schein ins Gesicht warf. Der Blick der Alten war scharf und fixierend. Er hatte etwas Unheimliches an sich – aber äußerst besänftigend tönten die schmelzenden Kantilenen aus dem rechts gelegenen Zimmer herüber. »Ist vielleicht der Herr Doktor Johannes van Melle ...« »Ach, du Herr Jeses! – die Landpraxis ...« »Ich stelle keine Anforderungen an seine Kunst,« fiel ich erläuternd ein, »ich möchte ihm nur die Hand schütteln; ein alter Bekannter ...« »Hm!« machte die Alte, »dann muß ich leider bedauern. Der Herr Doktor haben Befehl gegeben ... Wissen Sie nämlich ... Ach, so! – was ich sagen wollte ... Sie sind ja ein guter Bekannter, aber der Herr Doktor hat wieder seinen heiligen Abend.« »Was heißt das?« Mit halbgeschlossenen Lidern betrachtete mich das verschrobene Weibchen. An Stelle des Stechenden in den Blicken war eine melancholische Weichheit getreten. Und wieder die sanfte Kantilene von eben, die allmählich den Charakter des Heiteren verlor und sich in eine ergreifende Klage verwandelte. Die Geige flehte, weinte, schluchzte. Ich stand wie gebannt. »Hören Sie das, mein Herr,« sagte die nunmehr geschwätzig werdende Alte, »hören Sie das, mein Herr? Das drückt einem das Herz ab, wenn man so etwas vernimmt in den heiligen Nächten. Nun begreifen Sie doch ...?« »Nicht ganz, werte Frau.« »Nicht? – Ach, so! – Sie können's ja auch gar nicht begreifen. Die Sache hat nämlich folgende Bewandtnis. Alljährlich, wenn die Zeit der Wasserrosen ist, wenn sie da draußen schwimmen und so eigentümlich gen Himmel blicken, dann sind für den Herrn Doktor die heiligen Nächte gekommen. Dann geigt er den ganzen Abend. Dann muß er spielen – kann nicht anders – dann drückt ihm eine fremde Gewalt die Geige in die Hand, dann muß er spielen, der Aermste, immer nur spielen – spielen, spielen ... Ach, du Herr Jeses ...!« Sie glaubte schon zu viel gesagt zu haben, denn ihre Augen nahmen wieder den stechenden Blick an, krochen in ihre Höhlen zurück und musterten mich von Kopf bis zu Füßen. »Nun werden Sie doch begriffen haben, mein Herr?« »Ich habe verstanden.« »Na, denn also!« Ich war durch die kategorische Art der Abweisung etwas verdutzt, faßte mich aber und stand gerade im Begriff, mit energischen Gegenvorstellungen zu dienen, als das Weibchen sich aufreckte, ein kaum merkliches Zeichen machte, die Augen aufriß und langsam die Worte hersagte: »Jetzt kommt es, mein Herr.« Der dumpfe Ton, in dem sie das sagte, hatte etwas Feierliches, Gespenstisches, Niedagewesenes, so daß es mir fröstelnd und kalt durch alle Glieder rieselte. Gleichzeitig erschallte ein dämonisches Gelächter aus dem Zimmer zur Rechten. Mit einer schneidenden Dissonanz brach das Spiel ab. »Was ist denn das?« Die Tür rechts wurde aufgerissen. Ein hagerer, langaufgeschossener, nach vorn gebeugter Mann, die Geige in der Linken, den Fiedelbogen in der Rechten, salopp, aber tiefschwarz und vornehm gekleidet, mit niedrigen Vatermördern und geknotetem Halstuch trat in den Hausflur. Das Gesicht war bleich, ehern, bartlos. Mit gekniffenen Lippen, das Haar verwirrt, unter den buschigen Brauen verschleierte Blicke – so stand er etliche Schritte vor mir. Die neue Erscheinung übte einen faszinierenden Einfluß aus. Ein packendes Fluidum, eine magische Kraft schien von ihr auszugehen. Ich hatte das Gefühl eines elektrischen Schlages. »Johannes ...!« Der Angerufene prallte ordentlich zurück. Er mußte die Stimme erkannt haben. Ich sah noch, wie er die Arme breitete, ich sah das blendende Weiß seiner durchgeistigten Hände und das zuckende Feuer, welches in der Tiefe seiner Augen brannte – dann ruhten wir Brust an Brust. Seine Seele, sein ganzes inneres Wesen durchströmte mich – und unbewußt, aber wie durch eine magische Kraft hervorgezaubert, trat mir wieder die bleiche Wasserrose vor Augen. In dieser Umarmung wurden Jahre überbrückt. Wir verstanden uns und fühlten: wir waren die alten. »Sechzehn Jahre!« flüsterte Johannes van Melle. Eine große Stille entstand; nur die Alte räusperte sich und meinte: »Soll ich Licht bringen, Herr Doktor?« Dieser sah sie lächelnd an: »Licht in der heiligen Nacht? – Nein, aber eine Flasche Forster-Traminer.« Hierauf führte er mich in sein Arbeitszimmer und legte Geige und Fiedelbogen beiseite. Ich weiß nicht, wie es kam, aber auch hier drängte sich mir wieder etwas Beklemmendes auf, dessen ich nicht Herr werden konnte. Der Mond stand mit seiner vollen Scheibe mitten in der oberen Hälfte des Fensters. Kreidige Lichter, mit dem intensiven Schimmer von Kobaltbläue getempert, lagen auf Tisch und Bücherregalen und zitterten über schwerfällige Möbel von verjährter Pracht und düsterem Aussehen. Johannes van Melle trat in diese grelle Beleuchtung. Er schien unter dem magischen Einfluß zu wachsen, und mir war es so, als wenn ihn ein kaum merkliches, aber dennoch auf- und niederzüngelndes magnetisches Licht umbüschelte, das stetig an Helligkeit zunahm. Ich gebe zu, daß mich Täuschung umfing; meine Nerven waren erregt, und dennoch lag kein besonderer Grund vor, die vorliegende Erscheinung mit skeptischen Augen zu betrachten. Schweigend wies Johannes van Melle auf einen altmodischen Sessel mit Rückenlehne. Die Bewegung seiner schneeweißen Hand hatte eine zwingende Kraft. Ich folgte willenlos. Er selbst blieb stehen. Um mich über das Sonderliche und Peinliche in der ganzen Situation hinwegzusetzen, rieb ich meine fröstelnden Hände zusammen und meinte: »Du bist glücklich, Johannes.« »Glücklich?! – Warum?« Er sprach es mit einer schauerlichen Betonung. »Nun, ich dächte,« wagte ich schüchtern einzuwerfen, »Deine Erfolge lassen es doch berechtigt erscheinen, einer derartigen Vermutung Raum zu geben. Deine Entdeckungen auf gynäkologischem Gebiet beherrschen die fachwissenschaftlichen Blätter, füllen die Spalten der Tagespresse, bilden den Gesprächsstoff in den medizinischen Kreisen, und, falls alle Zeichen nicht trügen, dürften sie geeignet sein, Dir in nicht allzu ferner Zeit einen akademischen Lehrstuhl zu sichern. Das ist eben die nackte Tatsache, die logische Folgerung Deiner Mühe und Arbeit, das nicht hinwegzuleugnende Fazit emsiger Forschung – und, Du magst wollen oder nicht, an dieser bestehenden Sachlage läßt sich nun einmal nicht rütteln und deuteln, mein Junge.« Ich suchte einen jovialen Ton anzuschlagen, allein die erhoffte Wirkung blieb aus. »Und wenn es so wäre,« keuchte Johannes van Melle, »was soll das, was beweist das hinsichtlich Deiner aufgestellten Prämisse?« »Aber Johannes ...!« Eine gebieterische, unnachahmliche Handbewegung ließ mich verstummen. Die Augen meines Partners weiteten sich geisterhaft. »Gut,« fuhr er fort, »durch mein ewiges Sinnen, Grübeln und Denken habe ich der leidenden Menschheit einen gewissen Dienst erwiesen – aber dieses Sinnen, Grübeln und Forschen entsprang nicht aus Liebe zur Sache, es war das gebieterische Muß einer krankhaften Psyche, die notwendige Folgerung eines verfehlten, vereinsamten Lebens und die krampfhafte Sucht, ein drohendes Etwas in meiner Brust, in meinem Fühlen und Denken niederzuschlagen und zu übertäuben, was mir nun schon seit Jahren das Dasein vergiftet. – Nein, nein, nein – und abermals nein! – Hier ist etwas zerrissen in mir, schon seit Jahren zerrissen ...« Er tat den Rock auseinander und schlug mit der geballten Faust auf die Brust: »Hier sitzt das nun schon Monde um Monde, schon Jahre um Jahre und versucht, einem Gefäße und Nerven zu sprengen. Ich kann's nicht verwinden – und dabei glücklich sein?! – Hahahaha ..!« Ein schauerliches Gelächter, das Gelächter von eben, durchhallte die Stube: »Nein, nein, nein! – Für mich sind die Rosen von Pästum verblüht, und Wasserrosen, kalte, bleiche Wasserrosen sind an ihre Stelle getreten. Sieh dorthin!« Doktor Johannes van Melle wandte sich. »Sieh dorthin!« gebot er noch einmal. Wie unter dem Zwange einer Hypnose stehend, folgte ich mechanisch der gegebenen Anweisung. Der Mond war weiter gerückt. Jetzt erst bemerkte ich ein niedriges, dreibeiniges Tischchen, auf dem ein langgezogenes, musivisches Glasgefäß stand. Es war von einer grünlich phosphoreszierenden Färbung. Geschlängelt und kraftstrotzend hing der saftige Stiel einer Wasserrose in einer leuchtenden Flüssigkeit, während der prächtig entfaltete Kelch der schneeweißen Blume den oberen Rand des Gefäßes bedeckte. Ueber Glas und Blütenkelch hing ein Pastellbild in düsterem Rahmen. Ich trat näher. Das taghelle Mondlicht ließ auch die subtilsten Dinge auf dem mittelgroßen Bildwerk erkennen. Ein wunderbarer Mädchenkopf in visionärer Verzückung, würdig der durchgeistigten Tiefe eines Gabriel Max, sah mich aus dem nachgedunkelten Rahmen an. In dem wachsbleichen Antlitz spiegelte sich die alle verschlungenen Fäden des Seelenlebens auflösende Kraft einer Hellseherin wider, gepaart mit dem unwiderstehlichen Zauber einer berückenden Schönheit. Ihre Augen waren nicht von dieser Welt, aber irgendwo waren sie mir schon begegnet im Leben. Mit einem fragenden Blick wandte ich mich an Doktor Johannes – da: leise wurde an die Tür geklopft. Er überhörte das Klopfen, aber sein Aussehen war grausig. Er hatte wieder Geige und Fiedelbogen ergriffen, und während ich sprachlos diesen Begebenheiten eine Deutung abzugewinnen suchte, zogen Töne von eigentümlicher Klangfarbe meinem horchenden Geiste vorüber. Schmerz, Haß, Liebe und Verachtung, Poesie und Entsagung – alles war in diesem schmelzenden, schreienden, weinenden Tongefüge vereinigt, und dabei raunte er hastig: »Das allein ist ein Mittel, wenn auch nur ein Palliativmittel, gegen den entsetzlichen Dämon. – Marie ...! – Marie ...!« Unwillkürlich mußte ich wieder das Bild über der bleichen Wasserrose betrachten, und ich konnte den Zwangsgedanken nicht los werden, schon einmal diesem seltsamen Wesen begegnet zu sein. Da war es mir plötzlich, als ob sich die Nebel zerteilten ... Ein Andante erklang: es war das zauberische Andante aus Mozarts Es-Dur-Sinfonie, und wie es leise verzitterte, da hatte ich auch die Lösung hinsichtlich des schönen Mädchens gefunden. »Johannes – das ist ja ...« Mit einem jähen, gellenden Riß brach das Spiel ab. »Endlich verstehst Du!« »Das ist ja dieselbe,« sprach ich mit abgerissenen Lauten, »dieselbe wie auf der unscheinbaren Photographie, die Du mir vor Jahren zeigtest, als wir nach Beendigung unserer Gymnasialstudien uns trennten.« »Dieselbe,« sagte Doktor Johannes van Melle. Seine Stimme war heiser. »Dieselbe, dieselbe!« wiederholte er mit gräulicher Betonung, wobei er mit dem Bogen auf den Resonanzboden klopfte. »Und die da?« »Gabriel Max hat sie in Pastell übersetzt.« »Und was ist aus ihr geworden?« fragte ich kleinlaut. »Das ist es ja eben – das ist es ja eben!« schrie der Doktor mit häßlicher Stimme. »Sie ist ja tot!« und zum dritten Male ertönte das schauerliche Gelächter, das ich vorhin auf dem Hausflur vernommen hatte. »Und was bedeutet die Wasserrose?« »Das ist die Seele der Verstorbenen, die auf dem Wasser schwimmt,« sagte er ruhig. Er atmete tief auf. Ich entsetzte mich. Sollte hier der Wahnsinn seine Klauen eingeschlagen haben? Er schien meine Gedanken zu erraten. Er lächelte und deutete auf den Sessel, den ich kurz zuvor innegehabt hatte. »Willst Du hören?« fragte er nach einigem Schweigen. »Ich höre.« Es wurde zum anderen an die Tür geklopft. »Herein!« Der Forster-Traminer kam. Die erste Flasche. Doktor Johannes van Melle richtete sich hoch auf. Die gefalteten Hände ließ er herabhängen. Sie hatten im Mondlicht einen Schimmer, der an Marmor erinnerte. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich dicht am Fenster nieder, dann sprach er: »So höre.« II. Im Roten Häuschen »Hörst Du, hörst Du ...!« – – – – – – – – Der Sturm setzte mit gewaltigem Stöhnen über den Rheindeich. Zerfetzte Wolken trieben vorüber; ihre Schatten gaben dem breiten Wasser eine bleigraue Färbung. Die noch kahlen Pappelkronen sausten im Wind, Mensch und Vieh duckte sich vor dem mächtigen Odem, verdächtiger Schaum spritzte über Buhnen und Dämme, und auf allen Beobachtungswarten wurden die Sturmzeichen gehißt. Es war im März. Die Tage der Karwoche waren nicht mehr fern. Märzschauer gingen über die Erde: bald Schneegestöber, bald Regen. Die weite Niederung hatte noch ein winterliches Aussehen, nur die Ruten der Kopfweiden bräunten sich, und hin und wieder sah das safrangelbe Auge einer Sumpfdotterblume aus dem grasigen Teppich. Unter dem Himmel war Krähengeschrei. In langen Geschwadern suchten die schwarzen Vögel ihre Kolonien auf. Trüb, lehmig und mit tückischen Wellen besetzt, rollte das angeschwollene Wasser vorüber. Bis in den März hinein hatte der Rhein gestanden. Dann war der Südwind gekommen. Die Fläche barst, und unter Poltern und Krachen, unter Stöhnen und Mahlen setzte sich das Eis in Bewegung. Stadt und Land atmeten auf. Die Gefahr schien vorüber zu sein, als sich die schwimmenden Massen unterhalb der kleinen Stadt abermals stauten und das Flußbett verrammten. Eine mächtige Eiswehr türmte sich auf, die das nachdrängende Wasser nur langsam fließen ließ. Alle Sprengversuche waren bis jetzt resultatlos verlaufen. Die Barriere regte und rührte sich nicht. Die Hochflut wuchs und bedrohte Dämme und Deiche und das gefährdete Binnenland. Die Stromwachen wurden verdoppelt. Bei Nacht brannten Feuersignale, Meldereiter waren an den wichtigsten Stellen postiert, und die Pulsanten standen in Bereitschaft, auf ein gegebenes Zeichen in die Kirche zu stürmen, die Glockentaue herunterzulangen und die ›Nothilfe‹ auszuläuten. – Stromaufwärts, in Rufweite von den letzten Häusern des Städtchens, lag ein kleiner Ziegelbau. Er war unmittelbar an die Binnenseite des Paternosterdeiches gedrückt. Obgleich engbrüstig und langaufgeschossen, schaute er doch nur mit der äußersten Spitze der Giebelfront über den mächtigen Damm fort. Oberhalb der niedrigen Tür streckte sich ein breites, hellblau angestrichenes Schild, auf dem in stümperhaften Buchstaben geschrieben stand: ›Zum Roten Hüsken‹, mit der Unterbezeichnung: ›In Sinte Joris Estaminet‹. Hinter den viereckigen Scheiben des rechts von der Tür gelegenen Fensters standen allerlei Waren in weitbauchigen Glasgefäßen zum Kauf ausgeboten. Kandiszucker, Kaffeebohnen, Johannisbrotschoten, Süßholzstangen, Varinaskanaster mit dem obligaten Reiter in derber Holzschnittmanier auf der groben Papierdüte, Tonpfeifen und sonstige Nutz- und Gebrauchswaren wechselten in bunter Reihenfolge ab und führten ein beschauliches Dasein zwischen kleinen und großen Flaschen, aus denen gebrannte Flüssigkeiten in verschiedenen Farben und Schattierungen hervorblitzten. In ›Sinte Joris Estaminet‹ verkehrten schlichte und geringere Leute. Schiffer, die in der kleinen Stadt ausfrachteten, Handwerker und Handelsleute, die mit Band und sonstigen Kurzwaren über Land gingen, Fuhrleute, deren schwermütige Pferde mit klingendem Dachsfellkummet vor der Wirtschaft Halt machten, gossen hier gern den hellen Genever hinter den Kittel oder ließen sich das dünne Weißbier schmecken, das in der Nachbarschaft gebraut wurde. Links von der Eingangstür lag die mit weißem Rheinsand bestreute Wirtsstube, wo Herr Cornelis Janßen das Szepter führte, während im Laden zur Rechten seine Frau unumschränkte Gewalt hatte. Wirtschaft und Laden erfreuten sich eines leidlichen Zuspruchs. – »Pröstchen...!« Hemdärmelig, in Velvethose und Weste, die Hände in den weiten Taschen vergraben, die Beine gespreizt und die kurzstielige Tonpfeife in den linken Mundwinkel geschoben, saß Herr Cornelis Janßen hinter dem blankgescheuerten Wirtstisch und sah ins Wetter hinaus. Er war ein kleiner, untersetzter Mann in den vierziger Jahren. Fett und glatt, wie die pralle Haut einer gemästeten Gartenschnecke, frisch vom Rasiermesser gekommen und mit kurzgeschorenem Haarwuchs ruhte der breite Kopf auf dem putzigen Untergestell, das mit Holzschuhen und Lammwollsocken seinen Beschluß fand. Blank und vergißmeinnichtblau leuchteten die etwas schnapsseligen und fidelen Aeugelchen aus den verschwollenen Backen hervor, die ihrerseits wieder an das Knallrot der Pfingstrose erinnerten. Der ganze Kerl offenbarte eine brutale Gesundheit. »Öh ...!« Er gähnte, streckte die Beine, daß der Binsenstuhl in all seinen Fugen ächzte und stöhnte, nahm mit der Linken den Pfeifenstummel, mit der Rechten das Schnapsglas und meinte, zu seinem Gegenüber gewendet: »Na, Pröstchen, Herr Perdje!« Er wartete vergebens auf Bescheid. »Denn nich,« sagte Cornelis Janßen und brachte die wässerige Flüssigkeit an die feuchten Lippen. Die Beine unter den Stuhl gezogen, die Ellenbogen auf die Tischplatte und den zwerghaften Kopf in die Hände gestützt, saß ihm ein hagerer, ausgemergelter Mann gegenüber. Ein zwiebelgroßes Gewächs zierte den bereits völlig gelichteten Schädel. Nur eine Art von Haaroase, in Gestalt eines altmodisch gekräuselten Toupets, hatte auf der blanken Stirnfläche Wurzel geschlagen, während eine stark nach links verschobene Nase entenschnabelförmig über die zusammengekniffenen und schmalen Lippen hinwegsah. Auch nicht die geringste Andeutung eines Bartwuchses war auf dem lederfarbigen Gesicht bemerkbar. Stumpf und stier bohrten sich die verschleierten Blicke in ein klerikales Käseblättchen hinein, auf dem sich die Abdrücke einiger Geneverkringel befanden. Perdje Puhl hörte und sah nicht. Er war seines Zeichens Küster in der kleinen Gemeinde. Außerdem wirkte er als aktives Mitglied der Sankt Sebastiansbruderschaft, einer Schützengilde, die neben dem kirchlichen Banner auch bei Kirmessen und sonstigen weltlichen Lustbarkeiten die Fahne niederrheinischer Freude und Ausgelassenheiten emporhielt. In diesem Verein amtierte er als Kassenwart und hatte bei vorkommenden Anlässen, wie Vogelschießen, Begräbnis und Taufschmaus, die antiquierte Wirbeltrommel zu schlagen. Allmittags genehmigte er sich ein Schnäpschen in der Destille von Cornelis Janßen, eine Gepflogenheit, die er sich schon seit Jahren zur Lebensgewohnheit gemacht hatte. Jetzt war Perdje Puhl bei der Lektüre an eine besonders interessante Stelle gekommen. Seine Lippen bewegten sich krampfhaft. Plötzlich schlug er mit der flachen Hand auf die Zeitung, daß das geleerte Glas emporsprang: »Donnerkiel ...!« »Na. Perdje ...?« »Na, Perdje – was, Perdje?! – Er kommt – der heilige Mann kommt, der Glaubensapostel, der in Engelszungen redet und predigt!« Er sprach nicht weiter. Ein kleines Männchen im blauen Kittel, mit seidener Schirmmütze und rötlichen Haaren, dem man auf den ersten Blick die jüdische Abstammung ansah, drehte sich ins Gastzimmer: »Guten Tag – die Herrens!« Lächelnd legte er ein Leinwandpäckchen beiseite und stellte seinen geschälten Hagedornstock, an dessen Griff sich ein Lederriemen befand, in die Ecke. Fröstelnd rieb er die Hände zusammen: »Püh! – was soll ich sagen, die Herrens?! – Draußen zieht's einem Rock un Stiefel vom Leibe. Dürfte ich bitten um ein gefälliges Schnäpschen, Herr Janßen? – aber ein süßes.« Verschämt, nur die Kante des Stuhles benutzend, ließ er sich am Wirtstisch nieder. »As't üh belieft,« sagte Cornelis Janßen und schenkte die kristallklare Flüssigkeit ein. »Ein artiges Pröstchen, die Herrens!« lispelte Moses Herzlieb und prüfte von der belebenden Feuchte. »Aber was ich sagen wollte, die Herrens,« fuhr er fort, »räumen Sie bald hier die ganze Mischpoke, sonst kommt Ihnen der Rhein mit's große Wasser über dem Halse, 'ne ganze Rebellionierung is hinter dem Deiche. Die Ratten wittern Unrat un wandern aus. Nü, un wenn die Ratten ...« Er blinzelte pfiffig mit den kleinen Augen und wippte das Gläschen hinter das knallrote Halstuch. »Ich bitte noch um ein gefälliges Schnäpschen, Herr Janßen; aber was gesagt is, is gesagt: das große Wasser kommt uns über dem Halse. Bringen Sie Ihre Perdukte un Ihre liebwerte Frau Gemahlin auf 'ne andere Stelle. Besser is besser! Das Hochwasser steht über Pari, Herr Janßen.« »Drecksprophet!« murrte der Küster. »Mit Ihrer günstigen Erlaubnis,« erwiderte Herzlieb, »Sie sind ein gelernter Studierter, Herr Perdje ...« »Bin ich,« sagte der Küster. »Gut,« bestätigte Moses, »aber die Gelernten machen öfters Pleite mit ihrem Studiertsein. Ich habe meine Meinung, Sie haben die Ihre. Dabei bleib' ich.« »Aber, Moses, die Wachen stehn doch,« warf Cornelis Janßen dazwischen. »Weuß ich.« »Und der Deich hat seine reputierliche Stärke.« »Weuß ich auch.« »Na, und dann ist noch die Nothilfe da.« »Weuß ich,« versetzte Moses Herzlieb mit unerschütterlichem Phlegma. »Aber besser is besser! Denken Sie an Ihre Frau Gemahlin, Herr Janßen. – Aus christlicher Barmherzigkeit, denken Sie an Ihre Frau Gemahlin un die feinen Ladenperdukte!« »Donnerkiel noch mal!« fuhr Perdje Puhl auf, »bleiben Sie uns mit Ihren Prophezeiungen vom Leibe. Ein Jud und ein altes Weib prophezeien immer daneben.« »Herr Perdje Puhl,« rief Moses, »ich bitte Ihnen um 'ne gewisse Mäßigung! Ein gelernter Studierter soll Mäßigung haben, Herr Perdje.« »Ach, was!« suchte der Küster einzulenken, »Sie mit Ihren dämlichen Redensarten, Herzlieb! – Der Himmel sorgt schon dafür, daß Gottes Wasser nicht über Gottes Acker dahinläuft. Hier stehen wichtigere Dinge auf der Tagesordnung, wie unser Herr Abgeordneter zu sagen pflegt: große Dinge, übernatürliche Dinge, Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben, Herr Herzlieb!« Dabei sprang er auf, knallte mit der flachen Hand auf das Zeitungsblatt und hielt es dem verschüchterten Moses unter die Nase. Das Toupet sträubte sich, und die entenschnabelförmige Nase rückte in bedenklicher Weise näher und näher. Moses Herzlieb wich einige Schritte zurück: »Bin ich meschugge?! – Was soll's denn, Herr Perdje?« »Können Sie lesen, Moses?« »Nü. ob!« »Kennen Sie Bonaventura, den großen Pater Bonaventura?« Moses setzte sich wieder. »Gott, ob ich ihn kenne, den Herrn Pater Bonaventura! Is er doch ein frommer Herr, ein liberalisierter Herr un ein Herr, der's ehrlich meint mit Christenmenschen un Judenmenschen. Hab' ich ihn doch selber gehört in die Kirche von Calcar. Wahrhaftigen Gott, ßweimal hab' ich ihn gehört, un wie ließ er sich hören, der Pater Bonaventura! Er is ein ehrlicher Mann, ein wundertätiger Mann un ein beredter Mann; sprach er doch von die Nächstenliebe un die patriotische Gesinnung, daß man hätte bekommen können ßuviel von die schönen Gefühle, sprach er doch von David un die Propheten, un lamentierte er doch so ergreifend wie Jeremias mit die Gitarre zu Jeruschalaim. – Nü, was soll's mit dem Herrn Bonaventura?« »Was soll's denn?« fragte nun Perdje seinerseits in höchster Erregung, wobei er abermals mit den Knöcheln der gewendeten Hand auf die Zeitung klatschte. »Schwarz auf Weiß steht's hier deutlich geschrieben. Freut Euch und jubilieret und singt ein Hosianna! – Der große Bonaventura kommt und hält Mission in hiesiger Kirchengemeinde.« »Schön,« sagte Moses Herzlieb, »es soll mich freuen, ihn näher kennen ßu lernen – den Herrn Bonaventura. – Ich bitte noch um ein gefälliges Schnäpschen, Herr Janßen. – Er is ein bedeutender Mann, der Herr Bonaventura.« »Was, nur bedeutend?« fuhr Perdje Puhl dazwischen. »Er ist mehr – der Mann ist heilig!« Perdje Puhl reckte sich bei diesen Worten derart auf, daß sein Toupet fast die niedrige Balkendecke berührte. »Bleiben Sie bei 'ner Mäßigung,« erwiderte Herzlieb. »Aber meinetwegen kann er sein auch heilig – der Herr Bonaventura.« »Und wenn er dann so in die Stadt hineintriumphiert,« fuhr der Küster fort, »dann müssen wir alle dabei sein, auch Sie, Herzlieb, und unschuldsvolle Kinder müssen Kalmus streuen und Palm, und Marie Verwahnen muß ihr Bestes anziehen und den Herrn Bonaventura mit den Worten begrüßen: Öffnet euch, ihr Tore Sions ...! – denn auch die Marie Verwahnen ist heilig.« »Bleiben Sie auch hier bei 'ner Besinnung,« lächelte Moses. »Aber meinetwegen kann sie sein auch heilig – das Freilein Maria Verwahnen.« »Ist sie, ist sie, ist sie!« schrie Perdje Puhl in Ekstase. »Aber das können Sie gar nicht begreifen, Herzlieb, gar nicht begreifen und fassen! Sie kennen ja kaum die Marie Verwahnen.« »Kriegst du den Dalles, Herr Perdje!« trumpfte Herzlieb auf. »Gott, ob ich sie kenne – das Freilein! – Maimemmelochem! – wenn ich auch bin älter acht oder ßehn Jahre, sind wir doch Nachbarskinder gewesen – ich un die Maria Verwahnen un der Herr Studiosus van Melle! – Un denn die Maria nich kennen?! – Steh' ich doch mit ihrer Mutter in doppelte Buchführung: David und Kredo, Herr Perdje. Beßieh ich doch von Hille Verwahnen 's Leinenzeug, was sie macht selber ums tägliche Brot auf 'm Webstuhl – un denn die Tochter nich kennen?! – Belernt sie doch die kleinen Kinder mits Rechnen, mit Lesen un Schreiben – un lächelt sie doch immer so liebreich, wenn ich komm, ßu beßahlen auf 'n rechten Termin. Kann doch ihre Mutter, Frau Hille, nich rechnen – aber sie kann's, un denn machen wir's Fazit von David und Kredo un ßiehn 'nen Strich unters Konto. Un denn gibt sie mir ihre liebliche Hand, macht's Buch ßu un sagt denn: Es stimmt. – Ich danke Ihnen, Herr Herzlieb.« Zur Bekräftigung dessen rückte Moses die Seidenmütze zurück, befeuchtete die Finger der rechten Hand und strich die leichtgekräuselten Schläfenhaare nach vorne. Moses Herzlieb hielt auf eine tadellose Spuck-Coiffüre. »Lieber Freund,« bemerkte der Küster und legte ihm dabei salbungsvoll die Hand auf die Schulter, »und dennoch kennen Sie das innere Leben dieses Mädchens nicht, ich meine ihre Seele – die Physische, wie es die Lateiner benennen, Herr Herzlieb.« »Wieso nich?« fragte Moses. »Aber was ich sagen wollte, Herr Perdje: wie benennt sich doch wieder die Seele der Maria Verwahnen?« »Physische, wie die Lateiner sagen.« »'ne komische Seele vons Mädchen,« lächelte Herzlieb, »aber man weiter – ich höre.« »Sehen Sie,« fuhr der Küster mit unheimlicher Stimme fort, »das mögen nun an die drei Jahre gewesen sein, da brannte eines Tages den Webersleuten der Dachstuhl über dem Kopfe zusammen.« »Weuß ich.« »Aus christlicher Nächstenliebe, weil meine Stellung als Küster das so mit sich bringt, verstattete ich Mutter und Tochter Verwahnen einen eigenen Raum in meinem Hause, bis von seiten der Brandkasse ein neuer Dachstuhl hergerichtet war.« »Weuß ich,« bemerkte Moses Herzlieb und machte sich wieder an seiner Spucklocke zu schaffen. »Aber eins wissen Sie nicht!« zeterte der Küster und reckte sich dabei in seiner ganzen Länge auf. »Gott der Gerechte, was soll's denn?« schreckte Herzlieb zusammen. »Was schreien Sie so?!« Perdje Puhl schraubte seine Stimme um eine ganze Oktave tiefer: »Sie wissen nicht, was dabei unter meinem Dache passiert ist.« »Nü, was soll denn unter dem Dache passiert sein?« In nervöser Hast griff der Küster in die hintere Rocktasche, holte eine zinnerne Schnupftabaksdose hervor, schlug den Deckel auf und warf sich eine Prise in die Nase, dann schrie er los: »Was unter dem Dache passiert ist?! – Sonderbare Dinge, rätselhafte Dinge, heilige Dinge ...!« Bei dem Worte heilig klappte er mit tollem Lachen die Dose zu und streckte beide Arme zur Decke, daß sich die Aermel bis zu den Ellenbogen zurückschoben. »Bleiben Sie bei 'ner Besinnung, Herr Perdje!« stotterte Herzlieb, »man kriegt sonst ßu viel bei die Gewalttätigkeit.« Ängstlich sah er sich nach seinem Stock um. »Oh!« stöhnte der Küster und knickte wie ein Taschenmesser zusammen. »Wissen Sie, Herzlieb, da sitzen wir eines Abends beim Tischgebet, meine Frau und ich, als die Zimmertür leise aufging und dann wieder geräuschlos ins Schloß fiel. Gleichzeitig sprang meine Frau ans Fenster, das nach dem Kirchhof hinausgeht, weil es ihr deuchte, als ob jemand dort vorbeigekommen sei und durch die Scheibe geblickt habe. – Wer war es denn? fragte ich hastig. – Ich glaube, Marie Verwahnen, meinte meine verstörte Frau in großer Aufregung. – Jesus Christus! schrie ich auf und schlug die Hände zusammen – denn Sie müssen wissen, Herzlieb, daß unser Zimmer in der zweiten Etage liegt – und mit etlichen großen Sätzen war ich drunten und im inneren Hofraum. Draußen lag frischgefallener Schnee; eine bläuliche Mondhelle flirrte auf der zarten Decke und hatte fast Tagesbeleuchtung geschaffen. Keine Fußspuren waren zu sehen, nichts war bemerkbar, das auch nur im entferntesten den Schluß zuließ, als habe sich jemand vermittelst einer Leiter bis an das in der zweiten Etage gelegene Fenster begeben.« »Donnerkiel!« brummte Cornelis Janßen. »'s wird 'ne phantasmagoranische Erscheinung von Sie gewesen sein, Herr Perdje,« erwiderte Herzlieb und versuchte ein möglichst couragiertes Gesicht aufzusetzen. Aber es gelang ihm nur schlecht. Der Schrecken saß ihm in den Gliedern, zumal der Küster jetzt in gespensterhafter Weise die Augen aufriß und in einem mysteriösen Tone weiter erzählte: »Also ich wieder die Treppe hinauf – und wissen Sie, wer auf der Türschwelle stand, mit gefalteten Händen, fromm, wachsbleich wie eine Kirchenkerze, wobei die gelösten, braungoldigen Haare ihr über die Schultern fielen?« Klatschend schlug Perdje Puhl auf den Tisch und sah fragend die beiden Zuhörer an. In seinen Blicken zuckte ein eigentümliches Feuer. »Gott der Gerechte! – Perdje, wer war's denn?« »Marie Verwahnen,« sagte der Küster mit entsetzlicher Ruhe. »Aber wie komisch! – über uns ließ sich ein sonderbares Geräusch vernehmen, das mit einem langsam getanzten Schleifer Ähnlichkeit hatte. Der Tanz zeichnete sich durch ein eigenartiges Tempo aus, war mit so sonderlichen Klangfiguren verknüpft, wie ich sie vorher nie im Leben gehört hatte. Das Tanzen, das rhythmische Treten und Schleifen fuhr unbehindert fort und wurde jetzt so deutlich, daß wir imstande waren, auch die feinsten und subtilsten Pas genau zu unterscheiden. Ein kaltes Gefühl rieselte uns über den Rücken. Dann wurde von draußen an die Scheiben geklopft.« »Perdje, schweigen Sie still,« rief Moses Herzlieb, »man geht ja kapores bei die Gespenstergefühle!« »Und Marie stand vor uns,« erzählte der Küster ruhig und unbeirrt weiter, »sie stand vor uns, als schliefe sie mit offenen Augen. Mechanisch zeigte sie mit der linken Hand auf das Fenster, wo es soeben geklopft hatte; dann trat sie vollends ins Zimmer. Langsam ließ sie ihre wachsbleichen Hände über das Magdalenenhaar gleiten, dann sah sie uns mit kalten, toten Blicken an. – Haben Sie gehört? fragte sie mit verschleierter Stimme. – Ja, ja, ja! rief ich ihr zu, aber Sie haben soeben hier oben durchs Fenster gesehen. – Sie schüttelte leise den Kopf. – Nein, sagte sie. Unten, bei uns in der vorderen Stube, ist sie vorher gewesen – und das geheimnisvolle Wesen, das ins Zimmer sah, war die allerseligste Jungfrau Maria. – Mir standen die Haare zu Berge. – Nicht möglich! – Meine Frau jedoch lächelte mit unsagbarer Wehmut und sagte: »Ja, es war die Gottesmutter. Dieses Haus ist gesegnet. Betet, betet, betet! – Und dann diese Augen, diese Augen der Marie Verwahnen! – Ich konnte sie nicht ertragen. Alles um mich her war mir Traum und Ahnung geworden. – Als ich wieder aufblickte, war das Mädchen verschwunden – und dann, wie von einer unsichtbaren Hand geführt, schloß sich die Tür und fiel ins Schloß ein. Dagegen wurde ruhig weiter an die Fensterscheiben geklopft, und das Tanzen über uns wollte kein Ende nehmen. – Wir schliefen die ganze Nacht nicht. Erst gegen Morgen verstummte das sonderbare Geräusch und das deutliche Tanzen im Hause. Ich teilte unsere Erlebnisse dem Herrn Pastor mit. Der aber schwieg lange Zeit und ging unruhig in seinem Zimmer auf und nieder. Plötzlich hielt er den Fuß an. »Perdje,« sagte er in seiner feierlichen Weise, »denken Sie an Luise Lateau, an Katharina Emmerich – denken Sie an die wunderbaren Dinge, die sich im Leben der Heiligen abspielten, und Sie können als studierter und einsichtsvoller Mann, als studierter und einsichtsvoller Mann, meine Herren – die Spreu von dem Weizen sondern und das Für und Wider des nächtlichen Begebnisses in Erwägung ziehen. Beten Sie, beten Sie! – Mir scheint es, als sei Ihrem Hause Heil widerfahren.« Der Küster schwieg. »Klapps!« Mit erstaunlicher Fingerfertigkeit hatte er wieder die Dose geöffnet und sich eine zweite Prise in die Nase geworfen. »Nü,« fragte Herzlieb, der bislang sprachlos zugehört hatte, mit einem tiefen Seufzer, »nü, un wie ging's nu weiter mits Freilein?« »Wie's weiter ging. Herzlieb?! – Himmlisch, himmlisch ...! – Hören Sie. – In der darauffolgenden Nacht ...« Der Küster verstummte. Ein grimmiger, fauchender und entsetzlicher Sturmstoß ging über das Haus hin. Deutlich hörte man das Wasser des Rheines und das Stöhnen der Bäume herübertönen. Fast gleichzeitig wurde die Tür aufgerissen ... »Gottdomie noch mal!« meinte Cornelis Janßen, »da soll doch ...« »Kriegst du den Dalles!« Mit einer Geschwindigkeit, die an die eines behenden Frettchens erinnerte, war Moses Herzlieb verschwunden. Er saß unter dem Wirtstisch. Nur der Küster behielt seine Fassung. Stocksteif, die Schnupftabaksdose in der Linken haltend, die rechte Hand zwischen Rock und Weste geschoben, sah er auf die aufgeflogene Tür. Ein Mann mit verwittertem Antlitz, den Südwester tief in den Nacken gedrückt, stürzte ins Zimmer. Mit dem massigen Daumen der linken Hand zeigte er erregt über die Schulter: »Dat Water, dat groote Water, Mynheers!« »Grades, was gibt's denn?« fragte der Küster. »De Diek ... dat groote Water ...!« stammelte der Deichaufseher. »Mynheer, de Schlötel, de Kerkenschlötel, Mynheer!« »Hier, hier, hier ...!« »We mötte de Nothelp beiern. – De Klocken ... de Klocken ... dat groote Water ... de Klocken ... adjüskes ...!« Der Deichaufseher stürmte mit dem Kirchenschlüssel hinaus. »Donnerkiel noch mal!« rief Cornelis Janßen. »Das gibt ein Unglück, ein entsetzliches Unglück!« »Denn 'raus!« wimmerte Herzlieb, ergriff Stock und Leinwandpäckchen und stürzte ins Freie. Die anderen folgten in großer Hast, erklommen den Deich und sahen ins Wetter hinaus. Die ganze Natur war in Aufregung. Gellende Töne pfiffen über den Damm hin. Immer heftiger, trüber, schlammiger staute das Wasser zurück. Schwere Regentropfen klatschten auf die widerspenstige Flut. Ab und zu setzte eine Schneebö ein, die alles mit wirbelndem Gestiebe auflöste. Erdfahle, schwerfällige Wolkenklumpen krochen über die Landschaft, unterflogen von schieferblauen Fetzen, die im Sturm einhergaloppierten. Wenn die sich unterhalb der kleinen Stadt anstauenden mulmigen Eismassen nicht bald ins Treiben gerieten, schien eine Katastrophe unvermeidlich. Der Deich mußte brechen, und das hinter ihm liegende Binnenland war infolgedessen dem verheerenden Element überliefert. Immer drohender, unheimlicher setzte der Sturm ein. Grausige Töne keuchten und orgelten über Wiesen und Wasser. »Zu Hilfe! – Zu Hil – fe ...!« Von der Stadtseite her drängten entsetzte Weiber und Männer der gefährdeten Stelle des Deiches zu. Cornelis Janßen raste ins Haus zurück, um Weib und Kind von der drohenden Gefahr in Kenntnis zu setzen, aber der Küster hielt in Wetter und Wind aus und ließ sich den Sturm um die Nase fegen. Den abgenützten, sich nach oben verjüngenden Zylinder hatte er bis über die Ohren gezogen. Umflattert von den langen Schößen des schwarzen Düffelrockes, die wie junge Ziegenböcke um seinen eingezogenen Leib kapriolten, schrie er den vordringenden Leuten entgegen: »Jesus, Maria und Joseph! – nur eine kann helfen – nur eine kann helfen!« »Zu Hilfe! – Zu Hil – fe ...!« »De Klocken ...! – De Nothelp ...!« »Unsinn!« schrie Perdje Puhl in die verstörte Menge. »Nicht Klocken und Nothelp! – Der Herr Zebaoth will uns schlagen in seinem Zorn. Mögen die freisinnigen Köpfe auf irdische Dinge und Mittel vertrauen – hier hilft nur Beten – Beten – Beten!« »De Klocken ...! – De Nothelp ...! – Herr, erbarme Dich unser!« »Betet – betet – betet!« kreischte Perdje Puhl dazwischen. »Alle irdische Hilfe ist vom Übel.« Der Mann kannte sich nicht mehr. Das lederfarbige Antlitz war käsig geworden. Der Sturm benahm sich wie ein besoffener Fuhrknecht. Er legte die breiten Finger ins Maul und stieß scheußliche Pfiffe ins Wetter hinein. Kreuzweise schlug er mit der knallenden Fuhrmannspeitsche durch die ziehenden Wollen, daß sie kläfften und bellten. Hochaufgerichtet stand Perdje. Immer wilder tollten und tanzten die schwarzen Rockschöße; der dämonische Küster schien in den Himmel zu wachsen, die knochigen Finger reckten sich aus, um sich gleich darauf wieder zu ballen, als müßten sie die drohenden Wolken herunterfetzen – und dazwischen immer das wilde Geschrei: »Betet, betet, betet! – Nur eine kann helfen – nur eine kann helfen!« Vor dem Ausbruch dieses verworrenen Geistes verstummten alle Gegenvorstellungen. Nur noch vereinzelt erklangen die Rufe nach Klocken und Nothelp. Die Menge drängte sich um den rasenden Küster, gleichsam, als müßte sie ihm die heilverkündenden Worte vom Munde lesen. »Perdje Puhl, Perdje Puhl ...!« »Dat Water – dat Water ...!« »Beten – beten – beten!« schrie der exaltierte Küster dazwischen. »Nur eine kann helfen – nur Marie Verwahnen kann helfen!« »Wachsmarie, Wachsmarie ...!« klang es ihm von allen Seiten entgegen. Einige Weiber waren auf die Knie gefallen: »Moder Goddes, bett för ons!« »Betet, betet!« schrie der wahnsinnige Küster immer wilder und geller. »Marie Verwahnen soll das Wasser besprechen! – Folgt mir, folgt Eurem Hirten!« »Nü – wir können's ja mits Freilein versuchen. Hilft's nich, dann schadet's auch nich.« Moses Herzlieb hatte gesprochen. »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« Perdje Puhl stellte sich an die Spitze der verzweifelten Leute. Unter Heulen und Beten, in Hoffnung und Zerknirschung, aber alle gläubigen Herzens, wälzten sich die geängsteten Menschen dem Eingang der Stadt zu. – – »Hörst Du das? – Hörst Du, wie der Sturm über den Deich setzt?!« Johannes van Melle war aufgestanden. Wieder klopfte er mit dem Bogen auf den Resonanzboden der Geige und lächelte dabei in eigentümlicher Weise. Hierauf trat er in die Mitte des Zimmers. Er stand im Bannkreis des Mondes. In seinem kreidigen Licht war jede Muskel des erregten Gesichtes deutlich erkennbar. Mit einer unbeschreiblichen Grazie holte der Fiedelbogen zum Strich aus. Die weiße Hand des Spielers leuchtete auf, dann zog ein klagender, wimmernder Ton bis in die entlegensten Ecken des Zimmers. Das schwermütige Tongefüge bohrte sich durch alle Nerven und Fasern und quälte die Seele. Und immer die leuchtende Hand – die gespenstische Hand! – Wilde Schreie, häßliche Dissonanzen wurden plötzlich gestrichen. Es pfiff und sauste um mich. »Hörst Du das, hörst Du das?!« »Ich höre, Johannes, ich höre, Johannes!« Ich sah den lehmigen Deich und den Rhein und die bleigrauen Wolken, die schweren Fußes über ihn fortschritten. Ich hörte das Gurgeln und Nagen des Wassers, das Gekreisch der Weiber und Kinder. In kurzen Sätzen sprang der Wind über den Deich fort – und stöhnte und gellte. Das Spiel brach ab. »So,« sagte Doktor Johannes, legte Bogen und Geige beiseite und stürzte ein Glas Forster-Traminer hinunter. Dann ließ er sich wieder beim Fenster nieder. Seine Blicke waren fest auf mich gerichtet. Leise hob er die Hand, als wollte er hierdurch den Fortgang der Erzählung andeuten. Mitdem gingen tönende Schläge durch die lichte Nacht hin. »Elf Uhr,« sagte Doktor Johannes. – – – – – III. Zwischen Vater und Sohn Ungefähr eine Stunde vor dem Begebnis auf dem Rheindamm schritt ein großer, hagerer Mann mit zugeknöpftem Ueberrock und weißer Halsbinde in seinem kahlen, bläulich getünchten Studierzimmer hastig und in nervöser Unruhe auf und nieder. Das Gesicht war wie aus Holz geschnitten – unbeweglich, starr und gefühllos. Der kurzgeschorene, graumelierte Bart zog sich schmal über die Backen hin, lief die Kinnladen entlang und vereinigte sich oberhalb der Halsbinde, so daß das harte Gesicht in seiner unteren Hälfte wie mit einem eisgrauen Rahmen umzirkt schien. Straff gescheiteltes Haar bedeckte den Kopf; nur die hohen Schläfen sprangen zurück. Unterhalb des zusammengekniffenen Mundes hatte ihm die Natur das Kinn stumpf und energisch nach vorwärts geschoben. Tiefeingerissene Falten, die sich von den Nasenflügeln nach den Mundwinkeln verliefen, vermehrten das Hölzerne, Grobzügige und Energische im Gesicht des ruhlos auf und nieder schreitenden Mannes. Die Hände waren auf dem Rücken zusammengelegt, die Augen mit den mächtigen Brauen zu Boden gerichtet. Kalt, frostig und unbehaglich wie die äußere Erscheinung des Insichgekehrten war auch die Ausstattung der geräumigen Stube. Weiße Mullgardinen hingen vor den Fenstern, schwarzgestrichene Bücherregale bedeckten die Wände: Tisch, Sofa und Stühle wiesen die nüchternste Form auf, und das Kruzifix mit dem Heiland aus Porzellanmasse verstärkte noch das Fröstelnde, Trostlose und Unwirtliche, das schwer und drückend auf dem Ganzen lastete. Ein Holzschnitt des großen Reformators nach Lukas Cranach hing über dem Sofa. Tiefe Stille herrschte im Zimmer – nur die Schritte des knochigen Mannes gingen dumpf und taktmäßig auf dem groben Binsenteppich, der die sauber gescheuerten Dielen fast in ihrer ganzen Länge und Breite bedeckte. »Domine...!« Pastor Abraham van Melle hielt den Fuß an, schnipste mit Daumen und Mittelfinger und wendete die stahlgrauen Augen auf den Kanonenofen, bei dem ein kleiner, possierlicher Mann Platz genommen hatte. Ein altmodischer grauer Rock, ebensolche Weste und Beinkleider ließen den Träger noch älter und verwelkter erscheinen, als er es in Wirklichkeit war. Die Beine gespreizt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, ließ er ein spanisches Rohr mit Elfenbeinknopf durch eine geschickte Manipulation in ganz bestimmten Intervallen auf und nieder hüpfen. Dabei haschte er mit der Unterlippe nach einem verschnittenen Stutzbärtchen, das kaum in Größe einer spanischen Fliege unter der Habichtsnase hervorsah. Festangelegte Sardellensträhnen bedeckten den Hinterkopf, dem ein intensiver Duft nach Melissengeist entströmte. »Domine...!« Gleichzeitig stieß das hechtgraue Männchen mit seinem Rohrstock auf: »Alles hat seine Zeit, Domine – Steine sammeln und Steine zerstreuen.« »Schon gut, Doktor,« fiel Abraham van Melle unwirsch ein, »Du in Deiner jovialen Weise bemäntelst Dinge und Begebenheiten, die meinen Anschauungen, sowohl als Mensch wie als Seelsorger, schnurstracks entgegenlaufen. Gewiß – alles hat seine Zeit: Steine sammeln und Steine zerstreuen – aber die Universitätsferien bei einer hysterischen Schürze zu verträumen, vornehmlich jetzt, wo für ihn das Staatsexamen vor der Tür steht, Phantomen nachzujagen, seine gute Zeit zu verplempern und hierbei noch des naiven Glaubens zu sein, diese widersinnige Neigung könnte sich eines Tages realisieren, könnte meine althergebrachten Grundsätze erschüttern – das, mein lieber Doktor, hat nicht seine Zeit, das untergräbt die Beziehungen zwischen Vater und Sohn und muß schließlich zum unvermeidlichen Bruch führen.« Doktor Barthes Terwelp sah den Sprecher groß an, dann zog ein seines ironisches Lächeln um seine blutleeren Lippen. »Sachte, Domine,« meinte er mit erhobener Stimme, »mit Deiner wenig zutreffenden und noch weniger feinfühligen Bemerkung ›hysterische Schürze‹ ist das sonderbare Wesen und der eigentümliche Zustand dieses Mädchens nicht so ohne weiteres abgetan. Ich gebe zu, daß weniger Eingeweihte dem Sensitiven der ganzen Erscheinung skeptisch gegenüberstehen müssen und sich infolgedessen veranlaßt sehen, ins Blaue hinein zu tappen: aber so viel steht fest: für uns bedeutet dieses Seelenleben eine Fundgrube interessanter Kombinationen und Schlüsse.« Wieder ließ der kleine Doktor das spanische Rohr auf und nieder tanzen. Der Pastor schlug ein verächtliches Lachen an: »Mir scheint, Du bist auch von diesem Wahne befangen.« »Nenne Du meine Darlegung, die Tatsachen emsiger Forschung, wie Dir es beliebt,« fuhr der Doktor in ruhigerem Tone fort. »Ich habe mir eine Anschauung gebildet, die ich auch willens bin, mit meiner ärztlichen Kunst und Überzeugung völlig zu decken. Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, das Vorhandensein des geheimnisvollen Ods zu verfechten, jener angeblich entdeckten Kraft, die aus den Fingerspitzen besonders reizbarer Menschen ein schwach taghelles Leuchten und Büscheln hervorbringt und die Eigenschaft besitzen soll, dieses Phänomen auch auf andere Körper zu übertragen, aber keineswegs ist in Abrede zu stellen, daß ein gewisses Fluidum, oder wie man es sonst nennen mag, auf höchst mysteriöse Weise von einer feinnervigen auf eine andere besonders hierzu prädestinierte Person ausströmen kann und imstande ist, einen Zustand hervorzurufen, der von den vulgären Regeln und Normen des menschlichen Denkens und Fühlens in wesentlichen Punkten abweicht. Ein derart magnetischer Rapport ist keineswegs fortzudisputieren. Ja, ich gehe noch weiter und behaupte, daß ein geeignetes Wesen in den mysteriösen Zustand der von der äußeren Sinnenwelt völlig unabhängigen Selbstanschauung überzugehen vermag und, bei äußerlich verschlossenen und toten Sinnen, die Fähigkeit besitzt, infolge eines rätselhaften intuitiven Vermögens, Vorgänge zu sehen und vorherzusagen, die mit gewöhnlichen Sinnen nicht wahrgenommen werden können. Mit diesem Intellekt des Schlafwachens und Hellsehens geht zeitweilig auch eine himmlische Verzückung Hand in Hand, die alles abstreifen läßt, was an das irdische Leben mahnt und erinnert.« »Nun, und was beweisen Deine Expektorationen im vorliegenden Falle?« fragte Abraham van Melle. »Was sie beweisen?« lächelte das hechtgraue Männchen. »Alles! – und bei ruhiger und sachlicher Prüfung der obwaltenden Umstände würdest auch Du Dich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß wir in Marie Verwahnen ein Wesen vor uns haben, das, in Kraft seines potenzierten Seelenlebens, mit jenen Menschen in verwandtschaftlichen Beziehungen steht, die ich Dir vorhin geschildert habe.« »So!« meinte der Pastor, und seine Blicke huschten spöttisch über das ruhige Antlitz des Doktors. »Deine Maximen scheinen mir denn doch äußerst utopischer Natur zu sein, und ich bin fast des Glaubens, daß Du eine derartige Konzentration der Seele für befähigt hältst, alle Beschaffenheiten des überirdischen Daseins zu durchdringen, ja selbst zu Gott zu gelangen, um mit ihm in direkter Wechselbeziehung zu stehen.« »Ähnlich drückt sich Baptist van Helmont aus,« entgegnete Terwelp mit seinem Mienenspiel, »Du scheinst ihn studiert zu haben; aber Ihr beide, Du in ironischer, er in überzeugter Weise, schießt weit über das gesteckte Ziel hinaus. Ahnungen, dunkle Vorgefühle, zwingenden Einfluß auf das Verhalten einer zweiten Person gebe ich unbedingt zu, aber ich verneine entschieden Deine aufgestellte, wenn auch ironisch gemeinte Hypothese, die Du mir unterzuschieben gedachtest.« »Hm!« versetzte Abraham van Melle und stellte sich dicht vor den Doktor, der den fixierenden Blicken seines Freundes ruhig begegnete. »Ich will mich kürzer, prägnanter und einschränkender fassen,« fuhr der Pastor nach einigem Schweigen fort, »und erwarte von Dir, daß Du mir auch ohne Umschweife kurz und bestimmt meine Frage beantwortest. Ich greife nur eine Deiner Behauptungen heraus. Also! – Ist das Geheimnis der Willensprojektion verfechtbar, kann es vor der wissenschaftlichen Lupe und Sonde bestehen, oder ist es in das vage Gebiet des Phantastischen zu verweisen?« »Es besteht,« sagte der Doktor und ließ dabei die rechte Hand über das angeklebte Sardellenhaar gleiten. »Selbstverständlich,« ergänzte der Pastor, »will ich bei meiner obigen Fragestellung die eigentümlichen Zustände nicht gemeint haben, die etwa durch wechselseitige Liebe gezeitigt werden.« »Ich verstehe vollkommen,« versetzte Doktor Terwelp, »und trenne beides in allerschärfster Weise. Die Willensprojektion ist eine besondere Art der Beeinflussung eines Individuums durch ein anderes, welche von letzterem mit oder ohne Absicht, ohne Vorwissen oder auch in bestimmtem Einverständnisse mit ersterem ausgeübt wird. Daß hierbei eine innige Neigung, nennen wir es ›Liebe‹, Hand in Hand gehen kann, ist so natürlich wie die Vorkommnisse alltäglicher Dinge, die uns stündlich begegnen.« »Du glaubst also ...« »Ja. – Ich bin der Ansicht,« entgegnete Terwelp, »daß Marie Verwahnen infolge ihrer sonderlichen Veranlagung, ihres Nervengeistes, sei es nun bewußt oder unbewußt, eine gewisse magnetische Kraft auf Deinen Sohn ausübt.« »So wäre also dieses Mädchen ...,« fuhr Abraham van Melle auf. »Ich muß mich genauer fassen,« bemerkte der Doktor. »Ich sagte vorhin: ›bewußt oder unbewußt‹, möchte aber nicht auf das Bewußte in dieser Willensprojektion einen besonderen Nachdruck legen, glaube vielmehr, daß diese magnetische Kraft, die dem ebenso eigenartigen wie schönen Mädchen innewohnt, als eine willenlose Suggestion anzusprechen ist.« »Das ändert nichts an der Sache,« trumpfte Abraham van Melle mit scharfer Betonung auf. »Das Fatale in der ganzen Angelegenheit bleibt bestehen und ist geeignet, unter meinem Sohn und mir den Boden wankend zu machen.« »Domine,« meinte der Hechtgraue, »es liegt mir fern, mich in Deine Familienangelegenheiten zu mischen. Ich fühlte nur die Verpflichtung in mir, dem Mädchen, und zwar Dir gegenüber, eine Ehrenerklärung zu geben. Ich habe es getan, wie ich es vor meinem Gewissen verantworten kann, vor allen Dingen, wo ich, nebenbei gesagt, der festen Ueberzeugung bin, daß hier eine große, wahre und heilige Liebe unzerreißbare Fäden gewirkt hat.« Das Gesicht des Pastors nahm eine aschgraue Färbung an. Ein dumpfes Stöhnen rang sich aus seiner Brust: nervös knöchelten die Finger seiner rechten Hand auf der Tischplatte. Doktor Barthes Terwelp stand auf. »Aber, carissime ,« meinte er lächelnd, »nun sei auch mir eine Frage verstattet.« Abraham van Melle trommelte weiter. »Lassen wir alle potenzierten Seelenzustände, Suggestionen, Hypnosen, telepathischen Erscheinungen und Willensprojektionen beiseite, bleiben wir auf realem, auf nüchternem Boden, nehmen wir die Dinge, wie sie sind, und beantworte mir die Frage: Was bringt Dich also in Harnisch, was denn – um tausend Gottes willen! – hast Du eigentlich gegen Marie Verwahnen?« Abraham van Melle ergriff ein Stück Papier, das in Reichweite lag, zerknitterte es und warf es mit einem unterdrückten Fluch in eine Ecke des Zimmers. »Ruhe, Ruhe, mein Bester!« begütigte der Kleine. »Du magst Gründe haben, schwerwiegende Gründe, die bei Dir eine gewisse Skepsis erzeugen und erzeugen müssen, aber betrachtest Du die Sachlage mit nüchternen, objektiven Augen, so wirst Du selber einsehen, daß selbst die schwerwiegendsten Bedenken nicht ausreichend sind, hemmend und zerstörend in diese Herzensneigung und Liebesaffäre mit brutaler Gewalt einzugreifen. Das Mädchen hat einen tadellosen Ruf, wird von der ganzen Gemeinde auf Händen getragen, hat sich eine soziale Stellung durch eigene Kraft geschaffen, um die sie, selbst von unseren sogenannten Honoratiorentöchtern, nur zu beneiden ist, und dann – ebenfalls nicht zu gering zu bewerten – ihre äußeren Vorzüge ...« »Ein Leporellozettel, angefüllt mit hyperbolischen Begriffen und Anpreisungen!« wehrte Abraham van Melle mit schroffer Handbewegung ab. »Du beliebst noch in Deinen alten Tagen zu schwärmen.« »Warum nicht,« bemerkte der Doktor, »wenn es seine Berechtigung hat und Dein Epitheton ornans , ›hyperbolisch‹ als deplaciert zu bezeichnen ist?!« Ein schnurrendes Rad, das er mit dem spanischen Rohr bewerkstelligte, verlieh seinen Worten den gehörigen Nachdruck. »Ich betone nochmals die äußeren Vorzüge,« ergänzte er hierauf, schnalzte mit der Zunge und versuchte durch eine geschickte Bewegung der Unterlippe das pflastergroße Stutzbärtchen zu fassen: »Eine sublime Erscheinung, angeborene Grazie, ein Madonnengesicht ...,« hob sich auf den Zehen, spitzte den Mund und ließ an der erhobenen rechten Hand Mittelfinger und Daumen in graziöser und selbstgefälliger Weise sich nähern: »Na, Domine, wenn ich das alles bedenke – trotz des eigentümlichen Seelenzustandes des Mädchens, trotz Suggestionen, überfein besaiteter Psyche, spiritistischer Anwandlungen, ja, trotz ihres katholischen Glaubensbekenntnisses, das nicht das meine ist – ich wäre imstande ...« »Nun?« fragte Abraham van Melle. » Carissime , ich wäre imstande ... hm!« Mit einer schnellen Handbewegung steckte er sich eine Virginia in den Mund, entzündete sie ebenso schnell, warf sich seinen Don Diego um die Schultern, stülpte ein winziges Hütchen mit schmalem Filzrand auf die linke Seite des Kopfes und zog ein zwiebelgroßes Uhrgehäuse aus der Westentasche. »Tink, tink, tink, tink, tink!« »Fünf Uhr – meine Patienten, Gestrenger!« Er paffte eine stattliche Wolke zur Decke und schwenkte den Filzhut. »Doktor, Du wärest imstande ...?« »Ach, so ... na, ja ...!« schmunzelte der Kleine, »ich wäre ... sagen wir: ich wäre nicht abgeneigt, Domine, und zwar hinsichtlich der inneren und äußeren Vorzüge des allgemein gefeierten, aber von Dir angefeindeten Mädchens ...« »Na – und?« »In der Haut Deines Herrn Sohnes zu stecken.« Der Pastor prallte zurück. »Mensch, Doktor – bist Du von Sinnen?!« Barthes Terwelp zuckte die Schultern. » Dixi et salvavi animam meam, « sagte er ruhig, drehte sich gleichzeitig um und wendete sich an einen jungen Mann, der eben ins Zimmer trat: » Servus, studiose!« In diesem Augenblick erschütterte ein heftiger Sturmstoß die Grundfesten des Hauses, und ein scharfer Regen, mit dicken Graupen durchsetzt, klatschte an die beschlagenen Fenster. Stumpf, grau und verschlafen kroch die Abendstimmung ins Zimmer. »Schlecht Wetter, studiose! « meinte Terwelp und schloß seinen Don Diego bis zum obersten Knopfloch. »Der Wind treibt das Stauwasser zurück,« erwiderte der Neuangekommene. »Die Menschen laufen zusammen – der Deich soll gefährdet sein – die Leute sagen ...« »Nicht möglich!« versetzte der Doktor und lüftete seinen Filzhut. » A rivederci! – Domine, ich habe die Ehre! – Herr Studiosus ...« Noch ein kurzes Schwenken des Hutes, ein schnurrendes Rad mit dem spanischen Rohr – und Doktor Barthes Terwelp legte die Tür zwischen sich und die beiden van Melles. Draußen verhallten die Schritte des possierlichen und hechtgrauen Männleins. – Unter dem Dache Abraham van Melles fühlte sich das Behagliche nicht heimisch: mit dem Fortgang des Doktors war aber auch der letzte Hauch des Anheimelnden und Jovialen spurlos gewichen. Eine fröstelnde, rauhe und unwirtlich puritanische Stimmung lastete auf Vater und Sohn, die sich schweigend gegenüberstanden. Im Innern des Pastors lebte ein unbeugsames Etwas, eine kalte Resignation und ein unerschütterlicher Glaube, der Berge versetzen konnte. Sein Wort hatte nichts von der Farbenpracht, der glühenden Rhetorik und der träumerischen, sinnverwirrenden Symbolik katholischer Kanzelredner; es war rücksichtslos und ohne Erbarmen, selbstquälerisch, kritisch und kalt wie ein Eisstern. Selbstische Interessen lagen ihm fern. Alles, was er sprach, was er aus seiner tiefsten Seele hervorholte, entbehrte jedes erwärmenden Sonnenstrahls, vermied ängstlich heitere Lichtblicke und Hinweise auf die erlösende Zukunft. Abraham van Melle malte grau in grau. Seine Predigten muteten an wie vergilbte Blätter in derber Holzschnittmanier. Sie erwärmten nicht, sie läuterten nicht, sie erquickten nicht Herz und Gemüt und waren kein Balsam für solche verwundeten Seelen, die des Balsams bedurften – aber sie hatten doch eine andere Kraft: sie erschütterten bis ins Knochenmark und schlugen rücksichtslos alles zu Boden. Das war Abraham van Melle als Kanzelredner und Mensch. – Die Wupper hatte ihn als Knaben gesehen. Dort, wo die ungefugten Arbeiterhäuser blauschwarze Ziegelpfannen tragen, wo die Eisenhämmer stampfen und die Schlote ihre schmutzigen Rauchpartikel auf Menschen und Vieh legen, dort, zwischen Arbeiterkitteln, berußten Kappesgärten, armseligen Weibern, Feilenhauern, dem kreischenden Geräusch von Rädern und Spulen und dem brenzlichen Geruch der Fabriken, hatte Abraham seine ersten Leidensjahre durchlebt. Von hier aus bezog er die Universität, hier wirkte er später als Hilfsprediger und lernte das Elend, die darbende Entsagung, aber auch die Verrohung der Massen kennen; hier wurde er das Geschrei nicht los: »Helfen Sie mir! – Helfen Sie mir!« – Dazu die greifbare Not – und dann wieder die kreisende Schnapsflasche. Hier hatte er gesehen, was aus der Ehe eines evangelischen Weibes und eines katholischen Mannes herauskommt, wenn auf beiden Seiten die Hetzer, die fanatischen Ohrflüsterer und Liebhaber, die die Situation ausnutzen, im Rücken sitzen. Die Ehe seiner Eltern ging aus dem Leim wie ein altes Stück Möbel, dem die Axt in die Holzfaser fährt. Bruder und Schwester kamen unter die Räder, verdarben moralisch – nur er blieb gerecht, gefestet und glaubensstark, aber auch stumpf gegen irdische Freuden und Genüsse und hart wie ein Kieselstein. Das Konsistorium erkannte seine eminenten Vorzüge und schickte ihn als Pionier in die kleine Enklave am Niederrhein, um dortselbst das evangelische Banner hochzuhalten gegen den katholischen Ansturm. Und Abraham van Melle tat es mit der ganzen Hingebung und Entsagung eines berechnenden Mannes. Die schöne Tochter seines Amtsvorgängers wurde sein Weib. Leib und Seele waren eins – ob aber die Ehe glücklich wurde, das bleibt eine andere Frage. Nach dem frühen Tode der Frau gestaltete sich das Leben des Predigers noch insichgekehrter und abweisender als zuvor. Verächtlich sah er auf die niederen Leidenschaften, den Tand und den Krimskrams der Welt; er war gerecht wie ein Gerechter des Herrn, aber eigentliche Liebe genoß der starre Mann nicht in seiner Gemeinde. – Abraham van Melle stand einsam, eisig, geehrt und geachtet zwischen Protestanten, Katholiken und Juden. – Er wurde gefürchtet. – – – Vater und Sohn! »Du hast mir etwas zu sagen, Johannes.« »Was sollte ich Dir zu sagen haben, Vater? – Und wenn ich es hätte. Du würdest mich doch nicht verstehen.« »Warum nicht?« »Weil ich weiß, daß sich unsere Anschauungen diametral gegenüberstehen, weil ich weiß, daß dasjenige, was mein Inneres beseelt, absterben würde vor Deinem Hauch, wenn ich es Dir offenbarte.« »Ich bin Dein Vater und war Dein Seelsorger von Kind an. Du brauchst den Frieden, Johannes.« »Du könntest mir diesen Frieden geben, Vater, wenn Du es wolltest.« »Der Frieden wurzelt in den Glaubenswahrheiten des Evangeliums und im Gehorsam, in der aufopferungsfähigen Liebe der Kinder zu ihren Eltern.« »Das weiß ich.« »Gut, daß Du dieses erkennest – aber hast Du nicht die Axt gelegt an die Wurzeln dieser Erkenntnis? Werden die Bäume des Glaubens, des Gehorsams und der kindlichen Liebe imstande sein, lange Deinem unheimlichen Treiben Widerstand zu leisten?« »Vater ...!« »Schweige. – Ich habe lange im stillen Dein Tun und Lassen beobachtet – und schwieg, da ich Deinerseits an eine Erkenntnis glaubte. Ich täuschte mich. Jetzt sind wieder die Ferien gekommen – dasselbe Verhalten. Deine Vorsätze zerfließen Dir wie Schnee unter den Händen. Statt Deine Studien zum Abschluß zu bringen, jagst Du einer Neigung nach, die unter den obwaltenden Umständen an Wahnsinn grenzt und uns der Lächerlichkeit preisgibt. Ich sehe das Ende vor mir. Gelähmt, mit gebrochenen Flügeln wirst Du in meine Arme zurückkehren wollen, wenn es zu spät ist.« Der Prediger deutete über die Schulter: »Du warst bei der da?« »Ja.« »Bei Marie Verwahnen?« »Ja.« »Und Du weißt doch, Du mußt es gefühlt haben ... Ach, was! – mit Vorbedacht schlägst Du mir die Klauen in die gequälte Seele; hüte Dich, daß ich mich nicht genötigt sehe, ein gleiches zu tun.« Die Stimme des Predigers zitterte, als er mit gerunzelten Brauen fortfuhr: »Weißt Du was?! – Gehe hinaus, dort hinaus, wo die Eisblockade im Rhein steht. Greife hinein mit dem Arm und lange Dir ein Eisstück aus dem starren Wasser. Leg's auf die Herzgrube – auf die Herzgrube, Johannes! – damit Du von Deinem sündigen Feuer genesest, denn ein sündiges Feuer ist in Dir. All Dein Wissen, alle Deine Studien, denen Du obliegen solltest, sind für nichts, wenn Du Schaden leidest an Deiner Seele.« »Ich fühle keinen Schaden in mir.« »Aber er kommt.« »Nein,« sagte Johannes van Melle, »er kommt nicht. Seitdem ich das Mädchen kenne, seitdem ich es liebe und es mich liebt, ist Ruhe über mich gekommen.« »Das ist die Ruhe vor dem Sturm,« versetzte der Prediger. »Der Sturm kommt nicht.« »Aber Du zwingst mich, daß ich ihn heraufbeschwöre. Der Sturm wird kommen, und was dann geschieht ... Eine starre Hand wird sich zwischen uns strecken – und diese Hand ist erbarmungslos und ohne Gefühl. Sie zerreißt die Bande, die uns verknüpfen: sie reißt Vater und Sohn auseinander.« In den grauen Augen des Predigers flammte ein heißes Leuchten auf, dann sprach er weiter: »Man sollte Dich und Deine Leidenschaften knebeln wie ein wildes Tier, da Du ein drohendes Unglück mit Dir und mir zu verketten gedenkst. Ich bin hier als Tempelwächter des wahren Evangeliums an gefährdeter Stätte aufgestellt – und so wahr ich lebe, so wahr ich das Wort Gottes verkünde, ich bin der mir auferlegten Mission bewußt bis in die innersten Nieren. Unentwegt, fest im Glauben habe ich des mir gewordenen Amtes gewaltet – und nun will einer den Kampf mit mir aufnehmen, nun kommt einer daher, und dazu noch mein eignes Fleisch und Blut, und will mir die Achillesferse durchschneiden? – Lachhaft ...! – Entweder – oder, mein Junge! – Ich stehe, und wenn einer strauchelt, so bist Du es, Johannes. Her zu mir – sieh mir ins Auge, Johannes! – Willst Du ablassen von diesem hysterischen Wesen, das Deiner unebenbürtig ist und zudem noch dem mystischen Kult huldigt, der sich der katholische nennt? – Erkenne Dich selbst.« »Ich erkannte mich längst,« erwiderte der junge van Melle mit einer Stimme, die dasjenige, was in seinem Innern vorging, mehr als deutlich zur Anschauung brachte. »Jahrelang habe ich diese Neigung mit mir herumgetragen, mir das Dornenvolle dieser Leidenschaft klar gemacht, Dir zuliebe versucht, das heilige Gefühl aus meinem Herzen zu reißen – und ich habe gefunden ...« »Nun?« fragte der Prediger. »Daß mich diese Liebe nicht losläßt.« »Was?!« schrie Abraham van Melle. »Weißt Du, Unglücklicher, wem Du verfallen?! Dieses Weib ist furchtbar. In diesem Mädchen steckt ein entsetzlicher Dämon, der Dich an sich reißt, um Dich wieder von sich zu stoßen, der Dich umarmt, um kalten Blutes Dir gleich darauf die Löwentatze in die Eingeweide zu schlagen. Höre mich, höre mich! – In diesem Weibe, in diesem Wesen mit dem Madonnengesicht schlummert die Sünde!« »Das ist nicht wahr!« »Die Sünde, die Sünde!« rief Abraham van Melle noch einmal. Mit eisernem Griff umspannte er das Handgelenk seines Sohnes. Mit heiserer Stimme zischelte er ihm ins Ohr: »Und wenn es nicht so wäre, wenn Du keine Rücksicht zu nehmen hättest auf meine Person, auf meine kirchliche Stellung – weißt Du die Folgen, die sich in den meisten Fällen mit einer gemischten Ehe verknüpfen?!« »Ja.« »Nein!« knirschte der Pastor. »Du bejammernswerter Tor, das kannst Du nicht wissen. Aber hier,« – mit einer jähen Bewegung riß er den Rock auf – »hier diese Brust hat es bitter erfahren, in diesem Herzen hat die schreckliche Erkenntnis gewühlt und mir die Jugend vergiftet und mir ein Brandzeichen in die Seele gedrückt, daran ich vergehen müßte, wenn ich nicht steinern geworden wäre vor lauter Entsetzen.« Abraham van Melle ließ die Hand seines Sohnes fahren, aber er packte mit beiden Fäusten seine Schultern und schüttelte ihn und keuchte mit verhaltener Stimme: »Und diese Erkenntnis ist mir gekommen dort hinten unter dem Elberfelder Himmel, unter dem Gestöhn der Räder und Hämmer, beim penetranten Geruch der Schnapsflaschen, an meinem eigenen Vater, an meiner eigenen Mutter – und so was vergißt sich nie mehr im Leben. Die Mischehe zeugte den Unfried, der Unfried zeugte das Unglück, und mit ihm kam der Verführer ins Haus. Ich stand am Bett meiner sterbenden Mutter und wartete auf den Augenblick, wo ich ihr die Augen zudrücken konnte. Da, in ihrer höchsten Not, zerrte sie mich unter heftigen Krämpfen an sich und stammelte mir ein Geheimnis ins Ohr, das niemand kannte, niemand wissen durfte – nur einer. Und dieser eine war tot. Noch einmal riß sie die Augen auf, dann starb sie. Ich hatte ihr Geheimnis erfahren. – Es war furchtbar, denn als ich eines zuckenden Schmerzes halber, der die eine Gesichtshälfte zu lähmen gedachte, den Spiegel befragte, da war graue Asche auf meinen Scheitel gefallen. Was die Aermste mir gestanden, warum das Unglück über unser armseliges Haus kam, will ich nicht sagen, kann ich nicht sagen, ich müßte denn das Andenken meiner Mutter noch im Grabe beschmutzen. Aber das prophezeie ich Dir« – und der Prediger reckte sich auf, und seine Stimme rollte wie Gewittersprache durch die umdüsterte Stube – »hörst Du nicht, folgst Du nicht dem warnenden Rufe Deines Vaters, Deines Herrn und Seelsorgers, dann wirst Du dasselbe an Deinem eigenen Leibe und an Deinem Weibe erfahren. Johannes, Johannes! – Wir Menschen sind elendes Gewürm – haltlos, kraftlos, und unser Lebensschiff würde zertrümmern, muß zertrümmern, wenn wir nicht ankern auf dem Grund und 57 Boden, den uns die Kirche gewiesen. Hier wirf den Anker aus – und beschließe Dein Leben in Christo!« Mit dumpfem Stöhnen war Abraham van Melle in einen Sessel gefallen. Seine Augen schlossen sich, seine Hände lagen gefaltet im Schoße. Wie im Traume stand sein Sohn vor ihm. Er hatte die letzten Worte nicht mehr vernommen. Sie waren untergegangen in einem Stimmengewirr, das immer lauter und erregter von der Straße her ins Zimmer drang. Eilende Schritte, Ausrufe der Angst und Verzweiflung – und dazwischen, in kurzen Pausen, heulte die Glocke über die Stadt hin. Taumelnd verließ Johannes die Stube. Als der Prediger aufblickte, war er allein. Er versuchte zu lächeln – es gelang nicht. Er gedachte einen Fluch auszustoßen – der Fluch erstarrte auf seinen Lippen. Da neigte der starke, aber nunmehr völlig gebrochene Mann das Haupt und weinte wie ein Kind. IV. Die Wachsmarie In die Abenddämmerung hinein heulte die Glocke. Von dem wuchtigen Kirchturm, dessen Ziegelstein-Profilierungen ernst und geheimnisvoll den grauen Himmel durchschnitten, hallte Schlag auf Schlag. Die benachbarten Ortschaften nahmen die Nothilfe auf. Bald mit einem schneidenden Gebimmel, bald mit dumpfen und sonoren Schlägen antworteten die Glocken von Wisselward und Huisberden. Auf ihren klobigen Ackergäulen galoppierten die Wasserreiter nach den umliegenden Gehöften, Flecken und Liegenschaften. »Gespanne vor!« »Gottdomie noch mal!« »Die Faschinen verladen!« »Wo bricht's denn?!« »Am Paternosterdeich!« Achsen und Räder krachten, die Peitschen knallten, überall war es lebendig geworden; die junge Mannschaft zog mit Hacken und Spaten, mit Pfählen und Strauchbündeln der gefährdeten Stelle zu. Die Deichaufseher hielten die bedrohte Stelle besetzt, ließen die ankommenden Wagen abfrachten, stapelten die Reisig- und Faschinenbündel an geeigneten Plätzen auf und befragten die Wasserrute, an der die Flut langsam emporkroch. Immer mürrischer zeigte sich die aufgeregte Fläche des Rheinstroms. Die tiefhängenden Wolken, die Schnee- und Regenschauer ließen allmählich das gegenüberliegende Ufer verschwinden. Alles verschwamm in Düster und Dämmer. »Moder Goddes, bett för ons!« »Dat Water – dat Water ...!« »Jesus, Maria en Josep!« Perdje Puhl und die von ihm fanatisierten Menschen achteten nicht auf das Sturmläuten, sie kehrten nicht um, um tätlich Hilfe zu leisten, sondern fluteten, von der wahnwitzigen Idee des katholischen Küsters vorwärts getrieben, in die Stadt hinein. Nicht einmal die Klügeren unter ihnen wagten es, Einspruch zu erheben und abzubröckeln. Willenlos standen sie unter der Fuchtel des fanatischen Küsters, dessen schäbige Figur allen voran balancierte und ihnen heilverkündend den Weg zeigte, um das drohende Unglück in weniger verderbliche Bahnen zu lenken. »Faschinen und Knüppel ...?!« schrie Perdje Puhl dazwischen. »So wollen's die liberalen Strohköpfe! Lachhaft! – als ließe sich der Zorn des Herrn durch Faschinen und Knüppel ins Bockshorn jagen! – Gottdomie noch mal! – Betet – betet – betet!« Heulend schlurften und trampelten die geängstigten Menschen durch die belebten Straßen, streckten die Arme und gebärdeten sich, als seien die Tage des Jüngsten Gerichtes gekommen. Dunstig ließ der Himmel seine Trauerflore hängen, und die Glocken griffen mit ehernen Schlägen hindurch und schrien um Hilfe nach oben. – Dem evangelischen Pastorat schräg gegenüber lag das Haus der Mutter Verwahnen. Sie und ihre Tochter überhörten zuerst das Sturmgeläut. Die Alte saß hinter dem Webstuhl, nickte mit dem Kopf und ließ das sausende Schiffchen hin und herschießen. Die Unruhe da draußen, Glocken und Stimmen wurden geraume Zeit von dem Stampfen des Stuhlmechanismus, dem Knarren des Zeugbaums und dem eintönigen Geräusch der hin- und hergeschnellten Spule verschlungen. Nur ein dumpfes, unbestimmtes Rumoren und Brausen kam näher. Zwischen den Stuhlsäulen gespensterte ein geheimnisvolles Halbdunkel, aus dem nur das mit einer enganliegenden Spitzenhaube umrahmte Gesicht der alten Weberin hervorsah. Die grauen Augen waren durch den feinen Hanf- und Flachsstaub an den Lidern gerötet, das bleiche Gesicht zeigte Runzel bei Runzel, aber es wies unzweifelhaft die Spuren einstiger Schönheit auf. Mit stetigem Nicken und unter leisem Singsang bewegte sie das Trittbrett, warf das schnurrende Schiffchen und ließ den Kontermarsch gehen. Plötzlich hielt die Alte mit Weben inne, zog das gehäkelte Wolltuch fester um Brust und Schultern und meinte: »Was ist das, Marie?« Eine hohe Gestalt, die bislang in der Fensternische gesessen und dort die Schulhefte der ersten Mädchenklasse korrigiert hatte, erhob sich: »Was soll's denn, Mutter?« »Um Gottes willen, was ist das, Marie?! – Mir ist es so, als wenn sie da draußen ... Das ist doch nicht ...« Marie riß das Fenster auf. Mit aller Wucht dröhnten die Glocken herüber. Starr horchte sie hinaus. Es lag etwas Großes, Heiliges, Sonderbares im ganzen Wesen und dem ruhigen Gesicht der schlanken Person, die da hinaussah und dabei keine Wimper bewegte. In diesem herben, jungfräulichen Leibe waren alle Empfindungen, Gefühle, Schönheiten, Leidenschaften und Schwächen des reifen Weibes vereinigt, aber sie lagen geknechtet, sie waren an die Kette gelegt, und sie selber, Marie Verwahnen, knechtete sie mit einer fast brutalen Willensstärke und gerade dann am meisten, wenn jene, vom heißen Taumel gepeinigt, sich anschickten, die qualvollen Fesseln zu sprengen. Ein eigentümlicher Duft ging von ihrem Körper aus; es war das prickelnde und dennoch schwüle Arom, das von entzweigebrochenen Stielen harzreicher Blattpflanzen ausgeht, wenn das Licht der heißen Sonne hineintaucht. Kastanienbraunes Haar, über das sich ein eigentümlicher Metallschimmer hinzog, lief tief in die Stirne hinein, begleitete in sanften Wellen das Oval des schönen Gesichts und war im Nacken zu einem schlichten, aber gewaltigen Knoten verschlungen. Und dieses braune, metallschimmernde Haar, das so geschmeidig und weich war wie das Fell eines Raubtiers, umrahmte ein Gesicht von gleichmäßiger Wachsfarbe, dessen Sammethauch an den duftigen Mehlschmelz erinnert, der sich auf der Oberfläche köstlicher Früchte ausbreitet. Es schillerte in ihren Augen – und diese Augen waren halbgeschlossen. Hochaufgerichtet lauschte das Mädchen hinaus. »Marie ...!« »Was?« »Das da draußen ...?! – Das Rufen und Läuten ...?!« »Das ist die Nothilfe, Mutter! Ich will hinaus.« Die Alte verfärbte sich. »Hiergeblieben!« gebot sie mit fester Stimme, »und zünde die heilige Kerze an! Dann bete, Marie, bete, bete!« »Jesus Christus!« rief das Mädchen und warf das Fenster zu, »wir müssen hinaus!« »Ich?! – Du?!« schrie die Alte. – »Nein. – Hier bleibe ich sitzen, hier harre ich aus; keine zehn Pferde bringen mich von dieser Stelle, Marie. Hier halte ich das Unglück zurück – und Du ...« Mutter Verwahnen, die sich inzwischen erhoben hatte, ließ sich auf die Holzbank zurückfallen. Ihr Oberkörper reckte sich, die toten, grauen Augen nahmen einen grünlichen Glanz an, und mit einer Kraft, die man dem verfallenen Weibe kaum zutrauen mochte, setzte sie den schweren Mechanismus des Webstuhls wieder in Tätigkeit. Die Wände bebten unter dem schweren Gewuchte der Lade, das Trittbrett knarrte und stampfte, und dazwischen betete die Alte mit lauter Stimme: »Der Du Blut geschwitzet im Garten – Herr, erbarme Dich unser! – Marie, zünde das Licht an!« »Mutter, Mutter ...!« »Der Du für uns mit Dornen gekrönt worden bist – Herr, erbarme Dich unser!« Immer schwerer arbeitete die Lade, immer lauter betete Mutter Verwahnen. »Zünde das Licht an, Marie!« »Wo, Mutter?« »Dort in der Ecke, hinter dem Spiegel ...! – Jesus Christus, der Du für uns gekreuzigt wurdest – Herr, erbarme Dich unser!« Ein mattes Licht flackerte auf und zuckte mit trübem Schein durch die Dämmerhelle des Zimmers. »Gut so,« nickte Mutter Verwahnen. »Stell's dorthin. Gut so, Marie. Herr, erbarme Dich unser! – und hier will ich sitzen und weben – keine zehn Pferde, Marie, denn es ist wahr und gewiß und hat seine Richtigkeit: so lange man tritt und webt und die Lade stampft, kann kein Unglück passieren, stirbt keiner, wird keine Todsünde getan, reißt kein Deich und geht kein Wasser über das Land hin. Du aber bete, Marie – das dringt durch die Wolken. Du bist anders wie die anderen Leute ...« »Frevle nicht, Mutter.« »Was, freveln! – Ich habe nichts gehört, ich will nichts gehört haben,« rief die Alte unter stetigem Treten und Weben. »Ich will nichts berufen – aber ich weiß, was ich weiß, und so viel steht fest: ebenso kräftig wie ein arbeitender Webstuhl sich anläßt, ebenso übernatürliche Kraft hat ein Stoßseufzer. – Jesses, die Glocken ...!« Marie Verwahnen trat wieder ans Fenster. Der Sturm rüttelte die Läden, fauchte und orgelte um die Scheiben, daß sich die weißen Gardinen und die gehäkelten Fenstervorsetzer merklich bewegten. Die Dämmerung gähnte ins Zimmer; mit intensivem Knistern warf die geweihte Kerze allerlei Reflexe über Wände und Dielen. Die hohen Binsenstühle schienen zu wachsen, die Verkröpfungen der Längs- und Querriegel am Webstuhl sahen aus wie häßliche Fratzen, die mit weitaufgerissenen Augen in das wachsende Dunkel hineinstierten – und dazwischen das eintönige Sausen der Spule, das Knistern der Fäden und das dumpfe, schwerfällige Gewuchte der Lade. Ein brausendes Stimmgewirr kam näher. »Hier sitze ich,« meinte Mutter Verwahnen, »und keine zehn Pferde ... Herr Gott, was gibt's denn da draußen?! – Keine zehn Pferde, Marie ... Hier sitze ich und tu' meine Pflicht, und Du mußt auch Deine Pflicht tun – das hilft! – Du bist nicht wie die anderen Menschen ... Herr, Du mein Christus ...!« Marie Verwahnen wandte langsam den Kopf. Ein Zucken durchfuhr ihren Körper. Ihre wachsbleichen Hände krampften sich zusammen und lösten sich wieder. »Das hilft, Marie!« rief die Alte, indem sie einige Fäden entwirrte. »Ich sag' es ja immer, und die anderen Menschen sagen's auch: Du bist nicht wie die übrigen Leute – Du bist ganz anders – Du bist gezeichnet – Deine Zukunftsaugen sind nicht eingetrocknet, Marie! – Das wissen sie alle – das weiß Perdje Puhl – das weiß der Herr Dechant. Na, geniere Dich nicht! – Dir ist die Mutter Gottes erschienen; Du hast sie gesehen mit Deinen beiden zwei Augen. – Bete man; Du kannst die Sterne vom Himmel 'runterbeten – das weiß ich ...« »Ach, Gott – Mutter ...!« »Geniere Dich nicht,« keuchte die Alte durch das Gepolter des Webstuhls, das Geheule des Sturmes und der Glocken, »Du kannst Berge versetzen, Du bist so gesegnet vom Herrn wie Katharine Emmerich, wie Luise Lateau ... Christus, erbarme Dich unser! – Hörst Du, wie sie draußen rufen und schreien?! – Laß sie rufen und schreien! – So 'ne Hauptlehrerin kriegen sie nie wieder im Leben! – Sie haben Dich nötig! – Der junge Student hat Dich nötig; er kann nicht leben ohne Dich. – Halte ihn fest; aber den kalvinschen Glauben muß er abschwören – sonst nicht, sonst nicht!« »Mutter, was soll das?« »Sonst nicht – sonst nicht!« »Mutter, sie kommen!« »Wer denn?« »Die Leute ...! – Mutter, sie kommen nach hier – Perdje Puhl und die anderen ...« Das junge Mädchen verstummte. Es wurde heftig an der Klingel gerissen, dann ging die Tür auf, und Perdje Puhl stürmte ins Zimmer. Eine hundertköpfige Menge drängte nach, schob sich in den Flur hinein, umstellte die Fenster, trommelte gegen die Scheiben und suchte Trost und Heil in den Blicken Marie Verwahnens, die sprachlos den Eindringlingen entgegenstarrte. »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« Ausgemergelt und mit asketischen Gesichtszügen, in der rechten Hand die Tabaksdose haltend, den Hut schief auf dem Kopf, stand ihr der fanatische Küster gegenüber. Hinter ihm, die Hände in den sackartigen Hosentaschen vergraben, machte sich das ängstliche Gesicht von Moses Herzlieb bemerkbar. »Gott, wie erhaben!« meinte er tonlos, als er im Halbdunkel das bleiche Antlitz des schönen Mädchens gewahrte. »Moder Goddes, bett för ons!« »Im Namen der allerseligsten Gottesmutter«, lamentierte der Küster, »sind wir nach hier gekommen, Jungfrau Verwahnen.« »Dat Water – dat Water ...!« »Ja,« wiederholte der gespenstische Küster, »das Wasser will uns und unsere Sünden verschlingen; der Tag des Gerichtes bricht an, wenn nicht ein wunderkräftiges Gebet den Zorn Gottes besänftigt. – Jesus, Maria und Joseph ...! – Und da draußen die Glocke ...! – Nichts für uns ...! – aber Du vermagst den gerechten Zorn des Himmels niederzubeten. Bete für uns, Jungfrau Verwahnen!« Ein brausendes Stimmgewirr unterbrach den Sprecher. Weiber, Männer und Kinder umdrängten das schöne Mädchen, das sich nicht zu rühren wagte. Dummleere, aber gläubige Gesichter stierten sie an. Eine heftige Erschütterung lief durch ihren jugendlichen Körper, und ihr war es, als wenn ein englischer Gruß sie umtönte. Sie dachte an Weihrauch und Myrrhen. Ein heiliges Gefühl durchrieselte ihre Seele. Sie wähnte sich gottbegnadet, als die Trägerin einer überirdischen Sendung. Langsam hob sie die Hand: »Da hinaus ...?!« »Auf den Deich – auf den Deich!« schrien Männer und Weiber. Perdje Puhl riß den Hut vom Kopf und deutete auf die Tür: »Du mußt das Wasser besprechen – Du mußt auf den Deich – wir nehmen Dich mit – Du mußt für uns beten ... Herr, erbarme Dich unser! – Du mußt.« Die Stimme des Küsters nahm einen befehlenden Ton an: »Du willst doch?« »Sie will.« Mutter Verwahnen hatte gesprochen, aber unentwegt polterte dabei der Webstuhl durch die dämmerige Stube. »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« Ein betäubender Lärm umtobte sie. Der Küster ergriff ihre Hände. »Ich will, ich will!« schrie Marie. Erhobenen Hauptes, die Hände gefaltet und einen heiligen Zug um die Lippen, schritt sie der Tür zu. Etliche Weiber warfen ihr ein Tuch um die Schultern; die Alte aber hatte sich wieder an ihre Arbeit gemacht, wuchtete die Lade und betete so laut und inbrünstig wie zuvor. »Kyrie eleison!« rief Perdje Puhl und stieß die Leute beiseite, um für die Verzückte Raum und Freiheit zu schaffen. Sie hatte kaum die Schwelle erreicht, als ihr der Studiosus van Melle entgegentrat. Seine Augen gluteten, seine Haare waren vom Sturme zerzaust. Er erfaßte sofort den verzweifelten Ernst der ganzen Situation. »Wohin willst Du, Marie?« keuchte er tonlos. »Dort hinaus, wo die Wasser mich rufen.« »Das ist ja Unsinn – ein Hirngespinst ...!« »Ich muß. – Mich ruft die Stimme des Herrn.« »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« Die Leute nahmen eine bedrohliche Haltung ein. Marie Verwahnen schritt vorwärts, aber der Studiosus vertrat ihr den Weg. »Du sollst nicht – Du darfst den Fanatismus der Leute nicht schüren!« Sie schüttelte leise den Kopf – dann sah sie ihn mit großen Augen an. Mit einem Satz war er bei ihr. Der Atem seiner Brust ging wilder und wilder, er legte den Mund dicht an ihr Ohr und zischelte mit verhaltener Stimme: »Du Törin – Geliebte – Du Närrin, ich flehe Dich an: tue den wahnwitzigen Gang nicht. Mir zuliebe ...! – Mache Dich nicht zur Gehilfin des greifbaren Blödsinns.« Er schlang die Arme um das geliebte Mädchen. Perdje Puhl mußte die letzten Worte verstanden haben. »Was?!« rief er, am ganzen Leibe bebend. »So'n kalvinischer Dickkopf, so'n lutherscher Knollfink will die heilige Handlung zertöppern?! – Fort von der da!« Von der Menge unterstützt, trennte er die beiden. Mit einem dumpfen Aufschrei taumelte der Studiosus in eine Ecke des Zimmers. »Nieder mit dem kalvinischen Dickkopf!« »Wachsmarie ...! – Wachsmarie...!« »Moder Goddes, bett för ons!« Von der tosenden Menge begleitet, ging sie über die Schwelle. Noch einmal suchten ihre Blicke den Geliebten. Große Tränen standen in ihren Augen. Sie sah ihn nicht mehr. Ein Schauer durchfuhr ihren Körper. Sie riß sich zusammen, denn eine heilige Mission beherrschte die Seele. Mit toten Augen betrat sie das Freie. Der Sturm umbrauste sie; zerfetzte, tiefhängende Wolken jagten zu Häupten des vorwärts schreitenden Mädchens. »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« Alles strömte dem gefährdeten Deich zu. V. Ich beschwöre Dich, Wasser! Der Aufruhr in der Natur war genau wie zuvor, nur die Wolken hatten sich mehr zerteilt, so daß größere Strecken des Himmels sichtbar wurden. In die engen Gassen des kleinen Städtchens tastete schon die Finsternis hinein, vereinzelte Lichter wurden geschlagen; ihr Widerschein legte sich quer über die verschmutzten und schlüpferigen Pflastersteine der Straßen, welche das Geheul der vorüberziehenden Menge durchhallte. Auf den roten Ziegeldächern und den starren Pappelkronen, die wie ausgehungerte Bettler ihre kahlen Aeste und Zweige gen Himmel streckten, ruhte noch ein sonderbares und milchiges Licht, das sich aber bald wie Nebel zerteilte. Und da draußen! – Haushoch, mit schräg abfallenden Flanken, links von den lehmigen Fluten des Rheines benagt, rechts von endlosen Wiesen begleitet, lief das unförmliche Deichungetüm das Ufer entlang, um sich in weiter Ferne zu verlieren. Dunkle Männergestalten hasteten auf der Krone des Deiches. Dumpfe Hammerschläge stöhnten weithin. Pfähle wurden eingerammt und Weidenknüppel dazwischen geflochten. Die an- und abfahrenden Karren und Wagen ächzten und knarrten im Binnenland. Es war ein Kampf, der da auf Leben und Tod gegen das Steigen und Nagen des wütenden Elementes geführt wurde, ein hoffnungsloses Ringen gegen das kochende Wasser, das zeitweilig schaumige Wellen über die wankende Krone hinwegfegte und alles zu verschlingen drohte, was sich landeinwärts erstreckte. Und dazu wälzte sich über Strom, Deich und Wiesen die wachsende Dunkelheit wie in grauen Floren – traurig und lähmend. Nur jenseits des Rheines breitete sich ein matter Schein aus, der stetig an Helligkeit zunahm. Auch am gefährdeten Deich blitzte es auf. Erst vereinzelte Funken, irre Sterne, größer werdend, weithin leuchtend, immer lichter und lichter – dann flammend, schwelend, ein sprühendes Geprassel ... Feurig lohten mächtige Pechfackeln gen Himmel und erhellten die Stätte, wo beherzte Männer ihr Leben in die Schanze schlugen gegen Sturm und Wassersgefahr. Dazwischen Klirren und dumpfes Schlagen, Gestampfe und Rufen – und das Gekreische und Beten der näherziehenden Menge, die, von Perdje Puhl geführt, auf der Krone selbst und den patschigen Wegen der Binnenseite vorrückte und alle Gefahren blindlings außer acht ließ. – Hemdärmelig, in Velvethose und Weste, purzelte Herr Cornelis Janßen durch die arbeitende Mannschaft. In der Rechten hielt er eine weitbauchige Flasche, in der Linken ein Schnapsglas und feuerte ›Jan und Allemann‹ durch herzhaften Zuspruch und Darreichung des üblichen Deputats gebrannten Wassers an, sich zu sputen und nicht in die Arbeit zu spucken. »Hierher, Cornelis!« »As't üh belieft, Mynheer Grades.« »Danke!« »Hierher, Cornelis!« »As't üh belieft, Mynheer Kermes.« »Danke!« »Hierher, Cornelis!« Immer verlangender und begehrlicher wurde nach der belebenden Feuchtigkeit gefragt, immer tiefer sank sie in der spendenden Flasche, bis sie alle war und Cornelis Janßen mit seinen viven Beinchen dem bedrohten Hause zueilte, um neuen Belebungsstoff für die Deicharbeiter zu holen. – Das Licht jenseits des Rheines wurde größer. Der Mond war im Aufstieg begriffen. Dunkle Wolkengebilde flogen ihn an, spannten ihre Fledermausflügel und versuchten, ihn in die Tiefe zu zerren, allein der ruhige Waller verfolgte gemessenen Ganges seine Bahn und stieg höher und höher. Die Regen- und Schneeböen hatten ihre Arbeit eingestellt, nur das Blasen und Fauchen des Sturmes dauerte in ungeschwächter Heftigkeit fort. Unermüdlich nagte und pochte das Wasser, immer mehr bröckelte es von den Deichflanken, und trotz der fieberhaften und umsichtigen Tätigkeit der Arbeiter, die wie eine wimmelnde Masse, vielfüßig, vielköpfig, den Boden warfen, Pfähle rammten und mit Aufbietung aller ihrer Kräfte sie hürdenartig verflochten – die Gefahr ließ nicht nach und wuchs von Minute zu Minute. Der Deich bauchte sich aus, Risse und Rillen bildeten sich an verschiedenen Stellen, und mit häßlichem Knirschen und Fauchen flogen die Schaumspritzer über die wankende Krone. Meldungen kamen vom Unterstrom. Noch immer stand die morsche Eissperre im Rhein und rückte und wankte nicht von der Stelle. Wenn die Barriere stromabwärts nicht bald ins Treiben geriet, war alles verloren. Am meisten war das ›Rote Hüsken‹ gefährdet. Hundert Hände mühten sich ab, zu retten, was noch zu retten war, denn jeden Augenblick stand die Katastrophe bevor, die alles mit sich fortreißen mußte, was sich dem durchbrechenden Wasser in den Weg stellte. »Zu Hilfe ... – Zu Hil – fe ...!« Schaurig hallten von der Stadtseite her die Schreckensrufe durch die werdende Nacht. Dort hatte sich schon längst die fanatische Menge gestaut. Die meisten Weiber waren niedergekniet und flehten die Arme gen Himmel. Greifbar nah flogen die Wolken vorüber. Der Mond schien durch die schwarzen Lappen zu jagen. Schatten liefen über die Erde, um bald wieder einer plötzlichen Helle Platz zu machen; dazwischen das Schnauben und Pfeifen, das Heulen und Beten und die Kommandostimme der Deichmeister. Unbeweglich, ein tiefschwarzer Klumpen, hielt und kauerte die geängstigte Menge unterhalb der gefährdeten Stelle. Dumpfes Beten kam von dorther. Dann machte ein verzweifelter Aufschrei die Lüfte erzittern: »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« In diesem Augenblick legte sich eine silberlichte Färbung über Land und Strom. Zwei Gestalten lösten sich von der dunklen Masse, die ihrerseits wie angenagelt verharrte. Heiße Gebete folgten den beiden Menschen, die da in Ausübung ihrer heiligen Pflicht vorwärts schritten und den Kampf mit Wind und Wetter aufzunehmen gedachten. Dumpfe Glockenschläge hallten ihnen nach. Perdje Puhl und Marie Verwahnen ...! Ausgemergelt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, schritt er an ihrer linken Seite. Er hatte kein Gefühl für das Gekreische des Windes und das Fauchen der Spritzwellen, die seine Füße benetzten. Er achtete der Gefahr nicht. Er tat, was seines Amtes, denn der Geist Gottes war in ihm. Und sie: wie eine Nachtwandlerin, wie ein langsam sich bewegender Körper trieb sie dahin, willenlos und dennoch verzückt und geleitet von der zwingenden Macht eines göttlichen Rufes, als verstände sich das alles von selbst. Nur unbestimmte, verschwommene Begriffe stiegen vor ihrer Seele auf, um bald zu entschweben. Andere drängten sich nach. – Wandelte dort nicht die Mutter Gottes vor ihren Blicken? – Winkte sie nicht mit ihrer schneeweißen Hand, deutete sie nicht auf die große Gefahr? – Ja – sie war es, und zu ihren Häupten schwebte ein Stirnreif, fein und glitzernd und mit sieben funkelnden Sternen besetzt. Das hatte sie schon früher gesehen. – Aber nur weiter, immer nur weiter und weiter! – Sie sah die Pechfackeln loh'n, sie hörte das Einrammen der Pfähle und das Klappern und Klirren der Spaten – aber alles wie im Nebel, gedämpft, verschwommen und traumhaft. »Herr, erbarme Dich unser!« Zu ihren Füßen gurgelte und nagte das Wasser. Die zarten Knöchel wurden bespritzt; ein feiner Sprühregen, der von den kurzen Wellen ausging, netzte ihr leichtes Gewand. Sie hatte dessen nicht acht. Ihre Gedanken waren nicht mehr von dieser Welt, sie waren in den Himmel geflogen. Der Qualm der Pechfackeln schlug ihr entgegen. Die bleichen Züge des verzückten Gesichtes wurden strahlend umleuchtet, und glitzernde Funken wehte das Mondlicht durch ihre gelösten Haare, die flatternd im Winde wehten. Mechanisch, den Eindrücken der Außenwelt fern, ging sie vorwärts, ruhig Schritt für Schritt, und nur das Klirren der Spaten verriet ihr, daß sie auf dem richtigen Wege war. Ein wirres Knäuel von Menschen drängte sich unvermittelt in ihre Blicke hinein, aber dieses Menschenknäuel war für sie nicht da, sie bemerkte es kaum; die Leute waren ihr gleichgültig, gleichgültig wie die drohende Gefahr, die aus dem lehmigen Boden stierte, die mit warnender Stimme aus dem heulenden Sturm sprach und mit umstrickenden Armen aus den trüben Fluten des Stromes heraufstieg. »Zurück, Marie Verwahnen!« Sie stand plötzlich mitten zwischen den schaffenden Menschen, die, wie von einem höheren Wesen gebannt, die Arbeit einstellten und sie sprachlos anstierten. Nur noch vereinzelte Wolken flogen am Himmel. Verzerrt und auseinandergerissen, in Bändern und Streifen fegten sie an der bleichen Fläche des Mondes vorüber, der jetzt in voller Leuchtkraft seinen magischen Zauber ausübte. Auf einmal erhob sich ein Schrei, der aus vielen hundert Kehlen ertönte: »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« »Jetzt ist Deine Zeit gekommen,« gebot der Küster, »jetzt mußt Du – jetzt muß das Wunder geschehen – sonst ist alles verloren!« »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« Ein Donner von Schreien brach los. Die Menschen, die wie angewurzelt bislang in der Ferne geharrt hatten, setzten sich in Bewegung. Langsam strömten sie vor. »Die sind ja wahnsinnig!« wetterten die Deichmeister. »Nein!« schrie Perdje Puhl, »die wollen das große Wunder sehen. – Das Wunder, das Wunder ...!« »Zurück ...! – Zurück ...!« Etliche Arbeiter eilten der Menge entgegen, um die Vorwärtsdringenden aufzuhalten. Von Augenblick zu Augenblick vergrößerte sich das dumpfe Getöse, und mitten darin, von Fackeln umstrahlt, von spritzenden Wellen umzischt und von den Dünsten der Fackeln umzogen – Marie Verwahnen. – Die Hände gefaltet, zur Bildsäule erstarrt, das Antlitz dem gurgelnden Wasser zugewendet und die Augenlider gesenkt – so stand sie auf der Krone des Deiches, in unendlichem Reiz, ein höheres Wesen im Angesicht des Todes. Ohne die Füße zu bewegen, mit geschlossenen Knien drehte sie sich auf ihren gewölbten Hüften und wendete das Antlitz stromabwärts. In langen Strähnen flogen ihre Haare den Mond an. Leise hob sie die Lider, und der Mund öffnete sich wie unter dem Einfluß einer Verzückung. Ein rosiges Feuer spielte auf ihren bleichen Wangen, und wie ein phosphoreszierendes Licht drang ein grünlicher Schein aus den weitgeöffneten Augen. Und dieses Licht strömte über die Fluten des Rheins – weithin und seltsam ... Und wieder das Beten und Grollen der langsam vorschiebenden Menge: »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« Der Küster sank in die Knie und riß sich den Hut vom Kopf: »Betet – betet – betet!« Wie aus schwerer Lethargie erwachend, streckte sich Marie Verwahnen. Ein Zucken flog über das starre Gesicht; maßlos vergrößerten sich die dunklen Augäpfel in dem grünlichen Lichtschein. Noch einmal spritzten die mächtigen Wellen über den Damm fort, noch einmal kam der Sturm in entsetzlichen Lauten gefahren – da, in der höchsten Not breitete die Verzückte die Arme, und dann: durch Wetter und Weh, durch Not und Gefahr hallte ihre tönende und glockenhelle Stimme: »Vater unser, der Du bist in den Himmeln ...! – Ich beschwöre Dich, Wasser – ich beschwöre Dich, Sturm ...! – Meerstern, ich Dich grüße – o, Maria, hilf ...!« Und dann in diese Worte hinein: ein unbeschreiblicher Freudentumult, ein Befreiungsruf aus hundert und aberhundert Menschenherzen; erlösend, fanatisch, brüllend, jauchzend und begeistert kam es mit brausenden Zungen: »Meerstern, ich Dich grüße – o, Maria, hilf ...!« Der Küster jubelte in den Freudentaumel hinein: »Herr, erbarme Dich unser! – Christus, erbarme Dich unser!« Gleich fernem Gewittergrollen verhallten die Stimmen. Hochaufgerichtet stand die Wachsmarie: keusch, lilienhaft und alle berückend ... Aber neben ihr tauchte ein bleiches Gesicht auf. Die Haare waren vom Sturm in die Schläfen geweht, die Brust keuchte. – Es war Johannes van Melle. Die Wachsmarie ließ die Lider fallen. Nur ein schmaler Streifen drängte sich durch die Wimpern. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, das plötzlich erlosch. Der Gedanke an das Jenseits, an die Allmacht Gottes ergriff sie. »Ich beschwöre Dich, Wasser – ich beschwöre Dich, Sturm ...!« Noch einmal sprach sie gegen das stöhnende und keuchende Wasser. Da – von stromabwärts ein donnerndes Getöse: dumpf, fern, klagend, schiebend und knirschend – und dennoch mit elementarer Gewalt, wuchtig wie ein Naturereignis, vor dem alle menschliche Kraft sich beugt wie ein Rohr vor dem Winde. Der Sturm hielt den Atem an. Das donnernde, rollende Getöse aber dauerte weiter. Dem Krachen einer Batteriesalve ähnlich, klang es von weit herüber. Die Menge erstarrte, beugte sich – dann warf sie sich nieder. »Das Eis geht!« Ein einziger Aufschrei. »Gerettet!« »Meerstern, ich Dich grüße ...!« Viele schluchzten, andere beteten, viele weinten. »Gerettet!« Ein herzzerreißendes Lächeln spielte um die Lippen der Wachsmarie. Ihre Arme hingen schlaff herab – ihre Augen waren geschlossen. Perdje Puhl riß sich vom Boden auf. Fiebergluten standen auf dem leberkranken Gesicht: »Wachsmarie ...! – Du bist heilig – heilig – heilig ...!« Und: »Heilig – heilig – heilig ...!« schreit und heult es von allen Seiten. Langsam weicht das Wasser zurück. Die Menge dringt vor. Das Donnern im Rhein verstummt. »Heilig – heilig – heilig ...!« Aber Marie ist vom Deich verschwunden. Keiner hat gesehen – wohin. Und doch – einer. Der Studiosus van Melle. VI. Du bist heilig – heilig – heilig ...! Die Wachsmarie war vom Deiche verschwunden. Keiner hatte gesehen – wohin ... In Rufweite der gefährdeten Stelle, landeinwärts und dort, wo schmale Gräben das Land durchsetzten und nur verstohlene Wege die Verbindung mit den weit verstreuten Gehöften herstellten, lag ein tiefer Kolk, ein verschwiegenes Wasser, das vor vielen Jahren der entfesselte Rhein aufgewühlt und gebildet hatte. Der Mond stierte hinein und ließ den Spiegel aufblitzen. Verwetterte Kappweiden hielten hier einsame Wacht und flochten ihr verkrüppeltes Astwerk grotesk durcheinander. Fratzenköpfe mit langem Pfriemenhaar, an dem die zarten Blattknospen durchbrachen, saßen auf krummgewachsenen Leibern und sperrten die Mäuler auf, kniffen ein Auge zu und stierten mit dem anderen, aus dem der Holzmulm hervorsickerte, in die große Öde hinein. Ein betäubender Erdgeruch entstieg dem quirligen Boden. Trotz der vorhergegangenen Schneewehen – man fühlte doch, bald mußte der Frühling kommen. Tiefschwarz hob sich die langgestreckte Silhouette des Rheindammes gegen den Abendhimmel ab. Die dunkeln Menschen, die dort auf und nieder hasteten, wirkten wie ein Schattenspiel. Die Nacht zeigte alles in anderen Formen und Rissen. Von vielen verworrenen Stimmen klang es herüber. Sie riefen nach Marie Verwahnen; dazwischen hallten die gedämpften Rufe: »Du bist heilig – heilig – heilig ...!« – und dann verstummten sie wieder. Aber die alten Weiden rauschten weiter und weiter und ließen helle Perlen ins Gras tropfen, über das in leichten Wellenbewegungen der Wind strich. Heilige Schauer gingen über die Erde, und mitten darin Marie Verwahnen. Hatte sie ein Wunder getan? Sie wußte es nicht, sie gab sich keine Rechenschaft darüber – und dennoch glaubte sie daran, denn was da geschehen war, ging über menschliche Kraft, war überirdisch und zaubergewaltig. Noch hallten die mächtigen Stöße in ihrem Ohr nach; sie hörte das ferne Donnern und Brechen der Stromsperre, sie sah im Geiste das Eis gehen, sie hörte das Malmen und Mahlen und sah, wie die Flut abströmte und sank. Das Bewußtsein von einer eigentümlichen Kraft durchfuhr sie. Sie hatte die Gottesmutter gesehen, genau wie damals in der verschneiten Winternacht – und zu ihren Häupten schwebte ein Stirnreif, fein und glitzernd und mit sieben funkelnden Sternen besetzt. Sie konnte nicht irren: das war alles wirklich und wahrhaftig geschehen, aber dünne Schleier webten darüber hin und tauchten ihr Erinnern in mystische Dämpfe. – Hatte Gott sie begnadet? – Strömte ein höheres Wesen durch sie seinen Willen aus? – Ja, es war so; aber sie mußte jetzt Ruhe haben – Ruhe, Ruhe. Ihre ganze Seele sehnte sich und lechzte nach Ruhe. Und hier hatte sie diese gefunden. Hier war sie allein, hier konnte ihr angegriffener Geist ausrasten von den seelischen Erregungen der verflossenen Stunde; sie befand sich in einer anderen Welt, und säuselnd raunten ihr die langen Weidenruten Frieden in die zweifelnden und geängstigten Sinne. Langsam beugte sie die Knie und sank auf den Boden. Sie fühlte die kühle Feuchte des Erdreichs, der Wiesenbrodem legte sich kalt um ihren fröstelnden Körper, sie schauderte zusammen, aber eine wohltätige Ausgeglichenheit des Denkens und Wollens kam über sie; sie fühlte sich glücklich. Mit einer beinahe feierlichen Gemessenheit faltete sie die Hände und betete lange. Und ihre Gedanken flogen, was sie gerne taten, in die schönen Tage der Kindheit zurück: ihr seliger Vater, der Webermeister, weinte. Er weinte immer, wenn sie vor ihm stand im schlichten, weißen Kleidchen, ein frisches Kränzchen im Haar und eine künstliche Lilie in der Hand, um am Fronleichnamstage mit der Prozession durch die mit frischem Grün austapezierten Straßen zu schreiten. Sie hörte die Trommel der Schützenbruderschaft feierliche Wirbel schlagen. Perdje Puhl rührte die Schlägel; mit pomphafter Würde schritt er vor dem Allerheiligsten, während der Weihrauch stieg und silberhelle Schellchen, von zarten Kinderhänden in Bewegung gesetzt, allerwärts tönten. Geschnittenes Kälberrohr duftete in den Straßen – und es gab Maien vor allen Türen, Maien an allen Straßenecken, wehende Kirchenfahnen und Glockengebimmel und brennende Kerzen. Ihre kleine Freundin ging neben ihr und war ebenso feierlich gestimmt und so glücklich wie sie, denn sie trug das Lamm Gottes auf einem brennendroten Sammetkissen, das mit einer goldenen Bordüre versehen war. Und Moses Herzlieb stand vor der Tür. Er hatte die seidene Mütze vom Kopf genommen und dienerte so freundlich herüber. Blühende Levkoyen und Goldlackstöcke hatte er auf das blauangestrichene Fensterbrett gestellt, und seine fahlroten Schläfenlöckchen waren sorglicher gekräuselt und mit Quittensaft verkleistert als an sonstigen Tagen, denn er wollte doch auch das Seinige tun auf Fronleichnam. Und weiter, am Großen Markt, auf der Freitreppe des evangelischen Pfarrhauses, wo alles so nüchtern und kahl aussah, wo keine Fahnen wehten und kein Maienbaum duftete – da harrte noch jemand. Es war ein junger Gymnasiast mit grüner Schirmmütze und brauner Lodenjoppe. Er sah sie mit großen Augen an – sie, das armselige Häuslerkind ... Und sie schlug die Blicke zur Erde, denn sie fühlte, wie sich ihr bleiches Gesichtchen mit einer fliegenden Röte bedeckte. Und die Kirchenfahnen wehten im Wind, die geschlagenen Maien bewegten ihre Herzblättchen so seltsam, und als sie an ihrer ärmlichen Schwelle vorbeikam, kniete ihr Vater neben der Tür und schlug sich die Brust und weinte – denn er weinte immer am Fronleichnamstage. Und die Schellen klingelten ... Marie Verwahnen fuhr aus ihren Träumen empor. »Heilig – heilig – heilig ...!« Fern lag ihr das eintönige, nüchterne Grau des Alltags; gierig saugte sie die heiligen Rufe ein, alle Zweifel schwanden und eine Fülle von Sabbatlicht umleuchtete sie. Sie war dem Erdenstaub und dem irdischen Leben entrückt. Himmlische Musik umtönte ihr Ohr, Engelsköpfe tauchten aus rosigen Wolken. »Marie ...!« Mit einem jähen Laut schreckte sie auf. »Was war das?« Johannes van Melle stand vor ihr. »Du ...?!« Sie wandte langsam das Gesicht zu ihm. Sie war dem nüchternen Leben wiedergegeben. Mit der Rechten umklammerte er ihr Handgelenk: »Was tust Du jetzt – hier?« Sie konnte nicht sprechen. Nur gestammelte Laute rangen sich aus ihrer Brust, aber auch diese erstarben unter der frostigen Kälte, die ihr aus einem verzerrten Antlitz entgegenstarrte. Mit einem brutalen Behagen fühlte er die Marter, die in ihr war, und die diabolische Lust stieg in ihm auf, sie weiter zu quälen. Sein keuchender Mund näherte sich ihrem Ohr: »Also das ist der Dank für all meine Liebe zu Dir, für alles das, was ich gelitten habe um Dich und noch leide?!« »Johannes ...!« »Schweige! – Um Deinetwillen wurde das Herz meines Vaters zum Kiesel, hart und gefühllos. Um Deinetwillen bin ich zum Bettler geworden, als ich Dich anging, dem aberwitzigen Vorhaben zu entsagen, Dich nicht dem Gespött der denkenden Menschen auszusetzen, denn Du warst meiner Bitte gegenüber ...« »Aber ich konnte nicht anders – ich durfte nicht anders! – Die heilige Stimme ...« »War ein Unsinn, Marie! – Du, ich glaube, daß unsere Liebe ...« Er hielt plötzlich inne. Ein trockenes Schluchzen erschütterte seinen Körper. »Das Schicksal läßt sich nicht aufhalten,« stöhnte er verzweifelt, »das weiß ich. – Aber nicht das Schicksal greift hier mit rauher Gewalt ein, um uns auseinanderzureißen – Du selber ...« »Johannes, lieber Johannes ...!« »Ich sage Dir Lebewohl,« sagte er rauh, ohne die Stimme zu heben. Er wandte sich zum Gehen. Ihre Züge versteinten sich. Mit herabhängenden Armen und halbgeöffnetem Munde sah sie ihm nach. Dann kam Leben in die starre Gestalt. Sie umschlang ihn so plötzlich, daß er keine Zeit fand, sich rücklings zu beugen, um ihren brennenden Lippen zu entgehen. Das Weib, das begehrende und Liebe fordernde Weib war in ihr rege geworden. Mit abgewandtem Gesicht sträubte er sich gegen ihre Umarmung, aber ihr Mund hatte bereits den seinen gefunden. Ha! dieser schmiegsame Leib, dieses braungoldige Haar, diese Lust auf den glühenden Lippen und diese Augen, groß wie die eines Rehes und schuldlos wie die eines Kindes – und dabei diese fanatischen Anwandlungen und die zerfleischende Tatze! – Nein – das war nicht mehr seine Marie! – Es hatte sich vieles geändert. Mit rauher Gewalt löste er sich aus ihrer Umarmung: »Nein, Marie, nach allem, was geschehen ist – ich werde zum Narren!« »Johannes ...!« »Leb' wohl.« Sie vertrat ihm den Weg. »Du,« fragte sie bestürzt, »Du willst fort – fort von mir?!« Ein Lächeln, das ihm die Seele zerschnitt, legte sich um ihren Mund, und dieses Lächeln wandelte sich und nahm einen ersterbenden Zug an. »Warum das?« stammelte sie mit abgerissenen Lauten. »Ich kann doch nicht dafür, daß eine unwiderstehliche Gewalt mich zu Gott hinzieht und mir gebietet, seinem Willen als Werkzeug zu dienen – aber trotz dieser Gewalt: meine Liebe, meine grenzenlose Liebe zu Dir ...« Sie stand dicht vor ihm. Ein heißer Duft ging von ihr aus, jener eigentümliche Duft, der dem Frauenleibe entströmt, und der sich um seine Sinne legte wie eine unentrinnbare Fessel. Und ob er wollte oder nicht, er mußte auf der Stelle verharren, er konnte sich ihrem Wesen nicht entziehen, denn jählings fühlte er die geheimnisvolle und magnetische Kraft ihres Körpers, die ihn seit Jahren schon in eine Art von Knechtschaft versetzte, jene Kraft, die er haßte und fürchtete und dennoch immer wieder mit allen Fibern seines Herzens herbeisehnte, die ihn nicht mehr loslassen sollte fürs Leben. Rettungslos war er dieser verfallen. »Gehe von hinnen,« flüsterte ihm eine innere Stimme zu. »Fliehe dieses Weib,« raunte sie weiter, »und habe Mitleid mit Dir selbst,« und dennoch blieb er und sah in die starren Augen der Wachsmarie – lange und fragend. Sie fühlte diesen Wandel. Die schmalen Flügel ihrer Nase hoben sich bebend, das pulsende Leben trat in ihre Wangen zurück – und dann: wie von einem Taumel gefaßt, sank sie in seine geöffneten Arme. Brust drängte sich an Brust, die pochenden Herzen schlugen hörbar zusammen – und die grünumsponnenen Weidenruten raunten in dieses Sichwiederfinden, in diese Seligkeit hinein wie mit geheimnisvollen Märchenstimmen aus verklungenen Tagen. »Verzeih' mir!« stammelte sie. »Ich habe unrecht getan – unrecht an Dir und mir. – Hörst Du das Rauschen? – Fühlst Du das Erwachen um uns? – Das ist der Frühling, der kommende Frühling! – O, Du – Du – Du ...!« Sie drängte sich näher an ihn, und die bläuliche Mondeshelle wob zärtliche Schleier um die glücklichen Beiden. Und wie der Wind wehte – wie das tönte und rauschte ...! Mit unruhiger Hand strich er durch ihre durchfeuchteten Haare. Er schauerte unter ihren Küssen zusammen. »Nun glaubst Du wieder,« meinte sie flüsternd. »Du – Du ...! – Ja, Du fühlst meine Liebe, Du mußt sie fühlen, denn niemals hat ein Weib so geliebt, wie ich liebe, Johannes! – Ich kann nicht mehr sprechen. – Johannes, lieber Johannes ...!« In der innigen Hingabe ihres ganzen Seins, ihres ganzen Wesens schienen ihre Augensterne zu wachsen. Ein aufsteigendes Feuer rötete ihre Wangen, das Wächserne schwand – und wie ein Hochzeitsschleier legten sich ihre gelösten Strähnen um die beiden Gestalten. Er suchte nach Worten in seinem Glück. Er kniete nieder zu ihren Füßen, er legte die Arme um sie und barg sein Antlitz in ihren Schoß. Der Atem seiner Brust ging wilder und wilder: »Ja – nun bist Du mir wiedergegeben! – Endlich – endlich gefunden! – Nun gehörst Du mir, und keine Macht auf Erden vermag uns wieder zu trennen. Du bist mein – mein – mein ...!« Jubelnd sprang er auf. Mit freudiger Gewalt riß er sie an sich und trank ihre Küsse mit gierigen Lippen: »Marie – Marie – Marie ...!« An seine Schulter gelehnt, den Kopf leise gesenkt, lauschte sie seinen trunkenen Worten. Dann warf sie beide Arme um seinen Hals, und zu ihren Häupten wölbte sich jetzt der wolkenlose, dunkelblaue Himmel in nächtiger Klarheit. Es war Ruhe in der Natur und Ruhe in den Herzen der beiden einsamen Menschen. Selbst auf dem Rheindamm schienen die lauten Stimmen eingeschlafen zu sein; nur die Schattenrisse der versprengten Menge hoben sich noch immer gegen den klaren Himmel ab – scharf, deutlich und greifbar. Und die beiden mitten in dieser großen Stille. So selig wie heute war er noch niemals in der Nähe dieses hingebenden Weibes gewesen. Ein niegefühltes Drängen irrte durch seinen Geist. Wie ein sanftes elektrisches Strömen ging es von ihrem jungfräulichen Leibe aus und drängte sich ihm in die kleinsten Fasern hinein. Er fühlte diese eigentümliche Kraft, und ihm war es, als wenn Harmonie und Friede durch sie in seine Seele übergingen. So standen sie ... Plötzlich kam ein Brausen über ihn her, ein Brausen, das ständig wuchs und von dem er sich zuerst keine Rechenschaft zu geben vermochte. Gleichzeitig erstarrte der Körper der Geliebten in seinen Armen. Was war das, was bedeutete das?! Langsam wandte sie den Kopf. Die durchsichtigen Nasenflügel öffneten sich über den feingeschnittenen Lippen. Ihr Gesicht nahm wieder die Wachsfarbe an, um schließlich bleich und kalt wie weißer Marmor zu werden. Weit und gespenstisch öffneten sich ihre Blicke: »Hörst Du das, hörst Du das – lieber Johannes?!« Ohne das Gesicht zu ihm zu wenden, streckte sie die Hand aus. Und wieder das dumpfe Brausen von eben – dann ein einziger Schrei, erschütternd, mächtig, gewaltig. Ihre Augen bohrten sich in Richtung des Deiches. Eine wilde Aufregung war von neuem unter die Massen gekommen. »Hörst Du – hörst Du?!« »Um Gottes willen, was hast Du?!« »Meerstern, ich Dich grüße ...!« klang es in hundert und überhundert Stimmen – und dann wie aus einem Munde: »Du bist heilig – heilig – heilig ...!« Sie taumelte rücklings. »Wie sie rufen ...!« schrie die plötzlich Verzückte. »Heilig – heilig – heilig ...!« Immer lauter, inbrünstiger, fanatischer klang es herüber. Es dröhnte wie eine Posaune am Tag des Gerichts. Schnell war er bei ihr. Er packte sie mit bebenden Händen: »Ich beschwöre Dich, Marie – ich flehe Dich an ...!« Erregt wies sie auf den Deich: »Und weißt Du, was das bedeutet ...?« Ein trockenes Schluchzen erschütterte ihren Körper; ihre Züge nahmen einen entschlossenen, kalten und gierigen Ausdruck an: »Weißt Du ...?! – Weißt Du ...?!« »Das ist der helle Wahnsinn!« schrie Johannes van Melle. »Nein!« Unter ihren Brauen flackerte es wie Irrlichter. »Nein – und abermals nein! – Sie wollen mich haben – Sie werden mir fluchen, wenn ich das Große, Heilige nicht erfülle. Sie wollen mich unter sich haben!« »Marie, Marie ...!« »Hörst Du die Stimmen?! – Sie rufen mich auf den Weg der Pflicht, sie verdammen mich, wenn ich meiner Liebe ferner lebe – denn unsere Liebe ist sündig!« Ihr Gesicht schimmerte totenblaß. Mit Entsetzen starrte Johannes van Melle hinein. Ja, das war wieder das verlockende Weib mit den blutigen Tatzen. »Ich ersticke, Marie!« »Du bist heilig – heilig – heilig ...!« Deutlich schallte die gellende Stimme des Küsters herüber. Johannes van Melle sank in die Knie: »Erbarme Dich meiner ...!« »Wende Dich!« hauchte die Verzückte. »Der Himmel ist in mir! – Du, Du, Du – lasse Deinen ketzerischen Glauben – und dann: ewig die Deine!« »Wachsmarie ...! – Wachsmarie ...!« klang es von drüben. Mit einem wilden Satz sprang er auf: »Du – das ist ja entsetzlich!« »Willst Du – willst Du?!« »Herr Gott im Himmel, ich darf doch nicht – ich kann doch nicht!« »Niemals?« »Nie!« »Dann ...« Sie stand wie eine gemeißelte Säule. Vorgebeugten Leibes rückte der Ärmste näher. Seine Brust keuchte, ein wirres Leuchten stand in seinem Gesicht. – Eine Erkenntnis erfüllte seine Seele. »Du!« schrie er auf. »Weißt Du, wer Du bist ...?!« Beide Hände umklammerten ihre Schultern. Ein gellendes Gelächter schlug ihr entgegen: »Weißt Du, wer Du bist – wer in Dir wohnt? – Weißt Du das – weißt Du das?!« Sie rührte sich nicht. Er brachte seinen Mund an ihr Ohr. »Der Wahnsinn – oder der Teufel!« stöhnte er mit kalten Lippen, mit einer Stimme, daß ihr grauen mußte. »Der Wahnsinn – oder der Teufel!« Alles flirrte, tanzte vor ihm. Dann war es betäubende Dunkelheit vor seinen Blicken geworden. Noch einmal glaubte er das Rauschen von Frauengewandung und gedämpfte Rufe zu hören: »Heilig – heilig – heilig ...!« – Dann vernahm er nichts mehr und sah nichts mehr. Schwer sank sein Haupt in die Feuchte. Die Nacht ging über ihn hin. Als er erwachte, zwinkerte der Morgen hinter ihm auf – fahl, grau, dunstig, fröstelnd. Er war allein, aber das Fieber war in ihm. VII. Rudibumbumbum Und das Fieber war in ihm. – – – – – – – Die zweite Flasche kam – die Zweite Flasche Forster-Traminer. Wie in einem Zauberspiegel war alles meinen inneren Blicken vorübergezogen. Die unerwarteten, packenden und fesselnden Beziehungen, die sich mir hier entrollten, die Schicksale zweier Menschenleben, die mir hier in geheimnisvoller Eigenart entgegentraten, nahmen mein ganzes Denken und Fühlen in Anspruch – und was mir mein Freund in tiefer Wehmut, im wilden Schmerz und mit zerrissener Seele in der Ich-Erzählung klarlegte, gestaltete sich gleichzeitig in meinem Geiste genau so, wie ich es nach ungefähr Monatsfrist und im Angedenken an den Bedauernswerten in dieser Fassung und Form, wenn auch in etwas freier Bearbeitung, den Blättern dieses Buches anvertraute. – Schweigend stießen wir mit den Gläsern an. Doktor Johannes van Melle ergriff wieder die Geige. Instrument und Bogen waren nicht zu unterscheiden, nur die weiße, gespenstische Hand des Spielers leuchtete aus dem Dunkel hervor. Wie eine Geisterhand schwebte sie auf und nieder, und Klänge wurden lebendig, die mit einem Zauberschlage mich der gegenwärtigen Situation entrückten und in den lachenden, klingenden Frühling versetzten. Das waren Töne, die sich liebend umarmten, sich wieder ließen und wie bunte Falter ob den grünen Fluren schwebten. Unter ihren blitzenden Flügeln streckte sich Gräschen bei Gräschen, mit seinen Spitzen drängten sie sich aus dem warmen Erdreich empor, die Weiden verstäubten ihre silbernen Kätzchen, Wiesen und Deiche blümten sich schwefelgelb, und aus dem nahen Schilf und Geröhr zogen die scharfen und lockenden Rufe der Rohrdrossel über die weite Ebene. Alles Flimmer und Licht und Sonnenschein! – und dennoch: durch den erwachenden Frühling zitterte es plötzlich in wehmütigen Klängen. Im tiefen Westen stand das Abendrot. Alle Heiterkeit war der reizvollen Landschaft genommen. Und das Abendrot wuchs zusehends, während die übrige Beleuchtung des Himmels an Helligkeit abnahm. Kalt, unwirtlich und leichenfahl legte es sich auf die keimende Erde. Schwarze Vögel flogen in die unheimliche Färbung hinein ... und überall das wehmütige Klagen, das Weinen und Schluchzen durch den niederrheinischen Frühling. Die schmelzenden Töne waren wie mit den Ranken und den violetten Blütenkelchen der Passionsblume umsponnen. Jetzt verstummte die Geige. – – – – – – – Palmsonntag! – Wie sich das alles geändert hatte in den wenigen Wochen! – Die roten Ziegeldächer, die hellangestrichenen Fensterläden, die weißgekalkten Giebelfronten leuchteten im Sonnenlicht, und der Rhein flutete so ruhig und freundlich in seinem Bett, als hätte er noch niemals Sturm gegen die haushohen Dämme gelaufen. Kähne und Schiffe hatten wieder ihre Stromfahrt aufgenommen. Dickbauchige Ruhrorter Schleppboote prusteten und fauchten durch das friedliche Wasser. Im Hafen der kleinen Stadt standen buntbewimpelte Masten, frischgeteerte Nachen stellten den Verkehr mit dem jenseitigen Ufer her, und melancholisch tönte der gleichförmige Ruf »Holüber!« von Zeit zu Zeit durch den sonnigen Morgen. Hier roch und duftete es nach Werg und Teeren – und die Männer standen in Velvetjacken und sonntäglichen Sammethosen am Ufer, schoben ein Priemchen hinter die Backe oder bliesen ihren Varinaskanaster aus kurzen Tonpfeifen über das Wasser hinaus. Palmsonntag! – Und weiter da draußen – auf Dämmen und Deichen und im sonnigen Flachland: da lag alles wie ein safrangelber Teppich gebreitet. Wohin das Auge sah – leuchtende Streifen, mächtige Bänder, endlose Flächen wie pures Gold, gleißend und glänzend. Und dieser funkelnde Glast überkroch die Wiesen und Weiden, legte sich auf die Flanken der Dämme, wandte sich die schmalen Pfade entlang und lief mit den blinkenden Wasserläufen, die silbern aus den Weidenbüschen hervorsahen. Dicht zusammengerückt, sich mit den saftigen Stielen und den nierenförmigen Blättern berührend, die butterfarbigen Blütensterne aus dem Grase hervorhebend, stand Butterblume bei Butterblume – ein gelber Farbenrausch, wie ihn nur das erste Frühjahr am Niederrhein zu geben vermag. Mit einem Schlage war alles hervorgezaubert worden. Schwarzbraun- und rotgefleckte Kühe standen oder lagen im Grase, wiederkäuten und blinzelten stumpfsinnig über die saftigen Halme. »Muhu!« – und in der Ferne lag ein kobaltartiger Hauch, kaum merklich und schleierhaft wie der bläuliche Schimmer auf einer vollreifen Zwetsche. Palmsonntag! – Auch in die schmale, verschrumpfelte Gasse, die sich vom Großen Markt dem Rhein zuwandte, fiel ein kleines Stück dieses wonnigen Frühlingsmorgens hinein, über einer niedrigen Tür, die etwas aus dem Senkel gerückt war, vergoldete die liebe Sonne ein langgestrecktes Firmenschild, auf dem in lateinischen Buchstaben zu lesen stand: ›Leinenhandlung von Moses Herzlieb‹ – und sie fiel durch das mit Schirting verhangene Fenster der kleinen Stube, wo der ehrliche Herzlieb damit beschäftigt war, sich in die Morgentoilette zu werfen. Kurz vorher hatte er mit seiner Frau Giddel und seinem kleinen Sohn Schlaume das Dankgebet gesprochen und einige davidische Psalmen gesungen. Dann war Giddel in den Laden gegangen, wo sie Leinewandpäckchen, Wollstrümpfe, gehäkelte Sachen und seidene Bänder auf der Theke zurechtlegte und sich an dem winzigen Ladenfenster zu schaffen machte, während der kleine Schlaume in der Stube blieb, sich an den gescheuerten Tisch setzte und mit abgegriffenen Rechenpfennigen merkantile Erwägungen und Betrachtungen anstellte. Schlaume, ein prächtiges Judenjüngelchen mit Korkzieherlöckchen, Sommersprossen und etwas abgeknabberten Fingernägeln, war der einzige Sprößling des Herzliebschen Ehepaares. Er besuchte die lateinische Schule, die ein Aufsteigen bis zur Quarta gewährleistete, und quälte sich zurzeit mit den Deponentien herum. Obgleich der lateinische Wust nicht nach seiner Mütze war und er am liebsten sofort in das väterliche Geschäft eingesprungen wäre, so bestand Moses Herzlieb dennoch auf einer humanistischen Bildung, die er im Interesse Schlaumes bis zur Erwerbung des Zeugnisses für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst in der benachbarten Kreisstadt bei seinem Sohne aufzuspeichern gedachte. Das genügte! – »Soll er doch werden ein gelernter Mann mit feine Qualitäten,« pflegte Moses bei seinen Bekannten zu sagen, wenn sie seine gelehrten Neigungen bespöttelten. »Lernt er was – nü, so braucht er nich laufen wie ich mit's Päckchen bei die ländlichen Bauern und sein Brot verdienen im Schweiße seines Angesichtes. Bin ich meschugge! – Lernt er was – nü, kann er doch schreien Kikeriki! wie'n Hahn, denn er kann die Hennen betreten, daß sie ihm legen goldene Eier ins Nest. Nü, un wenn er hat goldene Eier, kann er werden Kommerzialrat in Preußen. Und wenn er is geworden Kommerzialrat in Preußen, kann er auch trinken Schepanger, der Schlaume, un kann sich halten 'ne eigene Schabbesgoie gegen Beßahlung, um for zu löschen die Lichter am Sabbat.« – Bei jeder Gelegenheit brachte Herzlieb diese Wagenden Argumente vor und führte zuletzt ein triumphierendes »Kikeriki!« ins Treffen, was lediglich sagen sollte: die goldenen Eier sind sicher. – Also – der junge Schlaume Herzlieb saß an diesem sonnigen Frühlingstage in der elterlichen Behausung am Tisch, schlenkerte mit den krummen Beinchen und zählte die schmierigen Rechenpfennige zusammen, während sein Vater sich mit der Morgentoilette beschäftigte. Moses Herzlieb stand hemdärmelig vor einem schmalen Spiegel, hinter dem eine stattliche Pfauenfeder hervorsah. Die Prozedur des Rasierens war glücklich zu Ende geführt. Jetzt kamen die Kleisterlöckchen an die Reihe. Noch hingen sie betrüblich zu beiden Seiten der Schläfen herab. Dem wurde bald abgeholfen. Mit beiden Zeigefingern, wie er es bei jeder Festlichkeit zu tun pflegte, griff er in ein Näpfchen hinein, in welchem sich eine klebrige Auflösung von Quittenkernen befand. Hierauf fuhr er sich an die Schläfen, manipulierte mit Zeigefinger und Daumen an den Haarschwänzchen herum, bis sie sich rundeten, spiralförmig drehten und schließlich die lustige Form von frischen Hobelspänen annahmen. Mit einer schnellen Bewegung schlenkerte er hierauf die überflüssige Klebefeuchte von den Fingern, trat einen Schritt vom Spiegel zurück, musterte sich selbstgefällig in der blanken Fläche, spuckte in die flachen Hände und strich mit diesen improvisierten Haarbürsten beiderseitig vom Scheitel bis zu den Schläfepartien herunter, mit welcher Einbalsamierung Moses Herzlieb seine Coiffüre gewöhnlich als vollendet ansah. Hierauf wandte er sich an Schlaume: »Schlaume, hol' mir's Schamieschen.« »Ich derf nich.« »Wer will's nich haben?« »Die Memme.« »Worum nich?« »Heut is christlicher Jontef – un da will's die Memme nich haben.« »Ich sage Dir, Schlaume – hol' mir's Schamieschen, aber ein feines, sonst gibt's ein Schlamassel.« Moses Herzlieb hatte mit Energie und allem Nachdruck gesprochen. Das ging nun nicht anders: der kleine Schlaume holte das Verlangte aus der Kommode im Nebenzimmer, übergab es dem Vater, und dieser legte das gesteifte und sauber gebügelte Leinenstück mit einer gewissen Feierlichkeit über das buntgestreifte Flanellhemd. Hierauf knüpfte er ein Halstuch um den niedrigen Kragen, steckte die Hände in die Taschen, sah in den Spiegel, drehte und wandte sich, spitzte die Lippen und nickte zufrieden: »Nu – Schlaume, den Schabbesrock.« Allein der Kleine tat, als ob er nicht hörte, baumelte mit den krummen Beinchen, häufelte die Rechenpfennige und zählte: »Oleph, bes, gimel...« »Schlaume, bist Du meschugge – sind wir alle meschugge?!« Wieder klapperten die Münzen: »Doleth, he, vuv ...« »Ich sage Dir, Schlaume – den Schabbesrock!« »Un ich sag' es der Memme!« »Gehst Du kapores – den Schabbesrock, Schlaume!« Der kleine Judenbengel sprang vom Stuhle: »Ich ruf' die Memme. – Memme ...!« »Ruf' Du die Memme – ich will haben den Schabbesrock, Schlaume.« »Memme ...!« Frau Giddel Herzlieb trat aus dem Laden ins Zimmer. Beide Hände in die Seiten gestemmt, eine prächtige Fladuse auf dem Kopf, goldene Gehänge in den Ohren, stellte sie sich fragend und herausfordernd vor ihren Mann hin. »Giddelchen,« sagte Herzlieb, so recht mit treuherzigem Tone, »der Friede sei mit Dir, un der Malach Hamoves bleibe Dir fern.« »Worum schreit der Schlaume nach mir?« Moses Herzlieb lächelte sanft und suchte nach Worten, allein sein Söhnchen kam ihm zuvor und sagte: »Memme, er will den Schabbesrock anziehn auf christlichen Jontef.« »Püh!« machte Frau Herzlieb. »Giddelchen,« erwiderte Moses, »ich habe Geschäften. Ich will dem Herrn Pater Bonaventura entgegen triumphieren mit die übrigen Herrens. Heute kommt der Herr Pater Bonaventura nach hier. Er is ein lieber Mann un ein wundertätiger Mann. Hab' ich ihn doch gehört in die Kirche von Calcar. Un wie ließ er sich hören! – Gott, was hat der Mann doch für schöne Gefühle!« Er hatte mit fetter Gutturalstimme gesprochen. Frau Herzlieb trat einen Schritt näher. »Du bist ein Behemeh,« versetzte sie mit keifendem Tone. »Giddelchen,« begütigte Herzlieb, »bleib' bei 'ner Besinnung. Bin ich behemeh – will ich auch sein ein Behemeh; aber ich bin keiner. Ich will machen Geschäften durch den Herrn Pater Bonaventura.« »Ich sag' es dem Rabbi,« trumpfte Frau Giddel auf, »daß Du willst machen gemeinsame Sache mit die Gojim. Püh! – es stinkt.« »Giddelchen, als wir haben Hochzeit gemacht un sind unter die Chuppe gestanden, hat's da auch gestunken nach Gojim? – Im kunträren Gegenteil, Giddel: es hat gerochen nach Kalmus un Schalet un seine Rosinen – un es war doch Herr Perdje Puhl auf die Hochzeit un die Hille Verwahnen. – Stinken denn auch die christlichen Leinwandstücke un die christlichen Halbzeuge mit Kette von Flachsgarn un Einschlag von Hedegarn? – Giddel, sei liebreich.« »Un ich sag' es dennoch dem Rabbi.« »Sag' es dem Rabbi,« patzte Herzlieb auf, »un der Rabbi wird sagen: Herr Herzlieb is ein gescheuter Mann un ein ehrlicher Mann, wenn er macht Massematten mit dem Herrn Pater Bonaventura. – Worum auch nich?! – Sind denn die christlichen Talers aus dem Abtritt geßogen? – Ich will machen 'ne geschäftliche Niederkunft mit dem Herrn Bonaventura. – Hofier' ich ihn mit's Schamieschen un den Schabbesrock, un triumphier' ich ihm bei seinem Einzug entgegen – nü, so hofier' ich auch die übrigen Herrens, un dann gibt's 'ne Rebellionierung in die ganze Kaufmannschaft, un sie kaufen alle bei uns, un wir werden mehr noch wie reicher.« »Moses ...!« »Laß mir aussprechen, Giddel. – Un ich bekomm' die größten Posten in Kummischon von die feinsten Häuser, un wenn ich dann gehe, um sie ßu besuchen, dann sagen die Herrens: Nehmen Sie 'nen Stuhl, Herr Herzlieb. Kriegst du den Dalles, Giddel! – nein, sie werden sagen: Nehmen Sie ßwei Stühle, Herr Herzlieb. – Nü – un das Ende?! – Ich werde Kommerzialrat, un Du ... Was siehst Du mir an?! – Worum soll ich nich werden Kommerzialrat, ebensogut wie Aron Hirschkuh un der Chef vons große Haus Simon Löwenthaler in Frankfurt?!« Moses Herzlieb hatte begeistert auf sie eingeredet. Im Überschwange seiner beseligenden Gefühle breitete er die Arme, ging etliche Schritte auf seine Frau zu und sagte: »Giddel, mein Täubchen, gib mir ein Küßchen.« Giddel stand sprachlos – denn da draußen ging das: »Rudibumbumbum! Rudibumbumbum!« Moses Herzlieb fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen, wahrend der kleine Schlaume sich bereits in richtiger Auffassung der Situation krumm- aber fixbeinig an die Haustür begeben hatte und sich dort, in Erwartung des Schauspiels, das da kommen sollte, postierte. »Rudibumbumbum!« Dumpfe, aber trefflich geschlagene Trommelwirbel liefen straßauf und straßab. »Das is der Perdje,« rief Moses, »der gewaltige Perdje! – Is er doch der Vorläufer vom Herrn Bonaventura! – Den Schabbesrock, Giddel!« »As Du bist meschugge!« schrie Frau Herzlieb und gedachte, ihrem Mann den Weg zu vertreten. Aber dieser war bereits in die Nebenkammer und in den Schabbesrock gefahren. Klopfenden Herzens stellte er sich an die Seite Schlaumes. Giddel warf sich auf einen Stuhl, faltete ergeben die Hände und sah dem Abtrünnigen nach, wie ein Gerbermeister den davonschwimmenden Fellen nachsieht. »Un er is doch ein Behemeh!« sagte sie tonlos. » Rudibumbumbum!« Draußen war Leben. Jung und alt, groß und klein, Männlein und Weiblein – alles hatte sich auf die Straßen begeben, durch welche sich Herr Perdje Puhl in seiner Eigenschaft als Kassenwart und Trommelschläger der Sankt Sebastians-Bruderschaft hindurchtrommeln mußte. Perdje war der bestgefeierte Mann des Ortes geworden, hatte er doch in Kraft seines energischen Auftretens entschieden dazu beigetragen, das wütige Stauwasser in Schranken zu halten, und man wunderte sich allgemein, daß ihm noch nicht von Amts und Staats wegen die Rettungsmedaille am Bande verliehen sei. Aber dieser Racker von Staat hatte nur Verständnis für liberale Gesinnung, und so ein Mann wie Perdje, der doch offenbar als der unmittelbare Urheber des getätigten Wunders anzusehen war, wurde von ihm hundsmiserabel behandelt. Allein was scherte dies Perdje?! Mit einer unnachahmlichen Würde, den Düffelrock um den hageren Oberkörper geschlagen, die antiquierte Trommel aus der Franzosenzeit an einem schweren Lederbandelier von der rechten zur linken Schulter gehängt, mit beiden Händen die Schlägel rührend, einen grandiosen Zug um den Mund, die Augen verschleiert, mit einem brausenden Gefolge von Jungen und Mädchen und in seiner ganzen gloriosen Küsterherrlichkeit waltete Perdje Puhl seines Amtes. »Gott, wie erhaben!« lispelte Herzlieb. »Schlaume, verstehst Du: Un Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke in ihre Hand, und alle folgten ihr nach mit Pauken am Reigen.« »Tateleben,« fragte der kleine Schlaume mit so einem recht dreipatzigen Judenbengelgesicht, »is der Herr Perdje Puhl 'ne jüdische Jungfrau?« »Neun,« sagte Moses. »Tateleben, is er 'ne prophetische Jungfrau?« »Neun,« sagte Moses. »Nü,« bestätigte Schlaume, »so kann er nich sein Aarons Schwester – die Mirjam.« »Weuß ich,« erwiderte Moses, »aber wie trommelt der Mann!« Und Moses Herzlieb hatte recht. Was da unter den behenden Schlägeln und aus dem hallenden Kalbsfell hervordrang, klang wie ein Raketenfeuer, das knatternd in den Lüften verpuffte; es waren getrommelte Jauchzer, Hosiannarufe, Hallelujasänge – und dazwischen flogen und purzelten pausbackige Engel mit frommen Lilienstengeln in den dicken Patschhändchen, und die niedlichen Putten schrien »Hurra!« und »Vivat!« »Gott, wie trommelt der Mann!« lächelte Herzlieb. Und dann ...! – Herr Perdje Puhl, der sich bis in die Nähe von Moses und Schlaume herangetrommelt hatte, machte plötzlich ein Gesicht, als wäre ein Aschenregen darüber gefallen, als hätte der liebe Herrgott ernste Trauerflore darüber gezogen, als stände in den trostlosen Zügen geschrieben: Tu es pulvis et ad pulverem reverteris . Diesem Gesicht entsprach auch das Verhalten der Trommel. Es schien, als sei die ganze misanthropische Seele des plötzlich umgewandelten Mannes in das klagende Kalbsfell gefahren. Es waren Trauertöne, Lamentationen, getrommelte Stationen der irdischen Leidenspilgerschaft. – Miserere! – Miserere! »Bum – bum – bum ...!« Hierauf pausierte die Trommel, und Perdje Puhl steckte die beiden Schlägel unter den linken Arm, streckte den rechten empor, plinkte Herzlieb zu und schlug die wässerigen Augen gen Himmel – dann begann er: »Er kommt! – Er kommt für alle Christen und alle übrigen Menschen. Der hochwürdige Herr Bonaventura von der Regel der Benediktiner wird uns beehren in heilsamer Mission. Er spricht in Engelszungen, und seine Rede ist süße! – Drum, ihr Christenmenschen und ihr übrigen Menschen: Jubilate!« Und der Küster brachte wieder die Schlägel an Ort und schlug einen feurigen Wirbel – und wieder begann er: »Aber er kommt auch als strafender Mann. Er wird Euch ein Kirchenlicht aufstecken von wegen Eurer Sünden auf Erden, denn die Karwoche steht vor der Tür. – Und Buße sollt Ihr tun in Sack und Asche – und darum: Miserere! – Miserere!« Perdje schlug dabei so schaurige Kadenzen, daß Moses Herzlieb sich weidlich entsetzte. »Aber das macht nichts!« schrie der Küster durch die Trauerwirbel hindurch. »Heut ist Palmsonntag – und wir wollen daher dem hochwürdigen Herrn Schlag Klock zwölf vor dem Rheintor entgegenziehen mit Kirchenfahnen und Lichtern und mit Palm und mit weißgekleideten Mädchens. Jubilate! – Jubilate!« Die Trommel verstummte. »Erhaben!« sagte Moses Herzlieb und schüttelte Perdje Puhl die Hand, der inzwischen freundschaftlichst, aber doch unter Wahrung einer gewissen Formalität auf ihn zutrat. »Gott will es,« meinte der Küster. »Herr Perdje,« sagte Moses mit Ostentation, denn er wollte doch gerne haben, daß alle es hörten, wie familiär er mit dieser gewichtigen Standesperson stände, »Herr Perdje, wo rührend! – Wo haben Sie rührend gesprochen. – Sie müssen 'ne Fetierung haben, Herr Perdje. – Sie müssen in die Sozietö wie die übrigen Herrens, denn Sie sind doch auch so gut wie der Herr Lehrer.« »Bin ich,« erwiderte Perdje. Und Herzlieb deutete auf Perdje und sagte zu Schlaume: »Mußt auch so'n Mann werden wie der da; der kann was. David und Kredo machen's allein nich – auch die menschliche Bildung... Er is auf die lateinische Schule, Herr Perdje.« »Schön!« sagte Perdje und legte dem kleinen Schlaume mit wohlwollender Gönnermiene die Hand auf den Kopf: »Wollen mal fühlen. – Wie heißt der Abelativus von ecclesia , Schlaume?« » Ecclesiam ,« versetzte prompt der Gefragte, und das mit dem dämlichsten Gesicht von der Welt. »Der wird,« sagte Perdje, nahm wieder die Schlägel zur Hand und ging wirbelnd davon, um an einer anderen Stelle dieselbe Rede zu halten wie vorhin. »Was e Mann – was e Mann!« begeisterte sich Moses Herzlieb, und dann, ohne sich weiter um Schlaume, Giddel und seinen Laden zu kümmern, trabte er durch die Menschenmenge dem Rheintor zu. »Rudibumbumbum!« Allmählich verhallte die Trommel Perdje Puhls in der Ferne. »Memme – un er is doch im Schabbesrock un ins weiße Schamieschen dem Herrn Bonaventura entgegen!« Frau Herzlieb schlug die Hände zusammen: »Laß ihn, Schlaume. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei mit ihm! – Aber er bleibt doch ein Behemeh.« Dann schluchzte sie auf, und mit denselben Worten, wie sie kurz vorher Herzlieb an sie gerichtet hatte, sagte sie mit tränenerstickter Stimme: »Jetzt bist Du mein alles! – Schlaume, gib mir ein Küßchen.« Das tat nun Schlaume; dann begab er sich in den Stall hinter dem Hause, wo er einen stattlichen Ziegenbock beherbergte, der sich ›Isidor‹ nannte. VIII. Bonaventura Um zwölf Uhr sollte er kommen. Die Wirbeltrommel Perdje Puhls hatte Leben in das sonst so ruhige Treiben der kleinen Stadt gebracht. Die aktiven Mitglieder der Sankt Sebastians-Bruderschaft waren auf dem Großen Markt unter Gewehr getreten, überweht von dem rotseidenen Banner, auf dem der große Märtyrer Sebastianus geschildert war, wie ihm der Leib von mauretanischen Bogenschützen durchspickt wurde. Christkatholische Jungfrauen aus dem dortigen Paramentenverein hatten das Banner gläubigen Sinnes gestiftet und mit seiner Nadelmalerei die nachfolgende Devise auf dem Seidentuche verewigt: ›Ein frommes Herz, ein gut Geschütz Sind heilsam und zu allem nütz – Drum, heiliger Sebastian, Laß keinen Schuß vorübergahn.‹ Die beiden ehrsamen Jungfrauen und Schwestern Nettchen und Settchen Käschen hätten zu gerne den Vers mit einem kräftigen ›Amen‹ geschlossen, da aber Herr Perdje Puhl, als Verfasser der Devise, keinen passenden Reim darauf finden konnte, unterblieb die Sache, worauf Nettchen und Settchen ostentativ ihren Austritt aus obigem Verein erklärten, eine Eigenmächtigkeit, die geraume Zeit die Gemüter der kleinen Stadt in Aufregung versetzte und nicht zur Ruhe kommen ließ. Jetzt war Gras darüber gewachsen. Fröhlich flatterte und knatterte das Banner im laulichen Wind. Herr Cornelis Janßen, der lustige Schankwirt, hatte den Degen gezogen und hielt als zweiter Offizier in weißer Krawatte, Frack und himmelblauer Schärpe, an der sich goldene Fransen befanden, Posto bei dem entrollten Banner. Da der erste Chargierte, Herr Faßbindermeister Hesselink, mit Tod abgegangen war, so war dem Herrn Cornelis Janßen einstimmig das Kommando für den heutigen Tag zugestanden worden, ja, es ging schon lange das Gemunkel um, man würde ihn, in Anbetracht seiner Verdienste als Kirchendelegierter, aller Wahrscheinlichkeit nach in die erste Charge einrücken lassen, ein Umstand, der sofort im Herzen der Frau Cornelis Janßen den kleinstädtischen Dünkel wachsen ließ und sie veranlaßte, die etwas hochnäsige Gattin des Kreistierarztes nicht mehr zu grüßen. Herr Cornelis Janßen gab in seiner Eigenschaft als Höchstkommandierender eine köstliche Figur ab. Die putzigen Beinchen waren zu weit durch die schwarzen Hosenröhren gesteckt, känguruhartig trat sein wohlgemästetes, mit einer weißen Weste bekleidetes Bäuchlein aus dem Frack hervor, während die vielfach eingeknickte Degenscheide ihm recht unliebsam zwischen den kurzen Beinchen kapriolte und bammelte. Allein diese sofort in die Augen springenden Mängel wurden gänzlich aufgehoben durch den martialischen Sitz des Zylinders und das Forsche in der Stimme, die sich bemühte, die etwas schwerfällige Gesellschaft der Bundesbrüder in Reih' und Glied zu bringen. Schließlich gelang es. Butterblumensträuße in den Gewehrmündungen, die talergroße Sankt Sebastians-Denkmünze auf der Brust, Pulverhorn und Schrotbeutel umgehängt, erwarteten die Herren das Zeichen zum Abmarsch. Noch fehlte die Musik. Ohne Perdje Puhl durfte und konnte nicht losmarschiert werden. Jetzt fingen die Glocken an zu bimmeln. Herr Cornelis Janßen kam sich vor wie ein Feldherr, von dessen strategischen und taktischen Erwägungen und Dispositionen das Wohl und Wehe von Abertausenden und das Heil der alleinseligmachenden Kirche abhing. Immer forscher leuchteten die schnapsseligen Vergißmeinnichtaugen, immer selbstbewußter stellte er bald den rechten, bald den linken Fuß vor, wobei er sich schwerfällig in den Hüften wiegte und spielend die verrostete Degenklinge durch die weißen Baumwollhandschuhe gleiten ließ. Plötzlich nahm Herr Cornelis Janßen die Hacken zusammen: »Stillgestanden! – Jetzt kommen die Mädchen!« Und richtig – sie kamen. Weißgekleidet, etliche brennende Kerzen in den Händen, andere künstliche Lilien und Palmstücke tragend, klein, groß, pausbackig, stubsnäsig, hager und rundlich, aber alle mit verklärten Mienen, zogen sie näher – der Herr Kaplan im weißen Röckling, die Hände fromm ineinander gelegt und das Barett auf dem Kopfe. Ihm folgte Marie Verwahnen im schlichten Kleide, die Augen zu Boden geschlagen, bleich und durchgeistigt und eskortiert von Nettchen und Settchen Käschen, beide Hilfslehrerinnen an der dortigen Mädchenschule und Mitglieder a. D. des Paramentenvereins. – Marie hatte sichtlich gelitten. Seit jenem großen Begebnis auf dem Deiche und dem letzten Zusammensein mit dem Studiosus Johannes van Melle hatte sie, bald stimmlich gehoben, bald betrübt bis in den Tod, ihre Tage verlebt. Einem ferneren Begegnen mit dem Geliebten, der übrigens seit jener einschneidenden Stunde fiebernd und wie geistesabwesend umherging, war sie geflissentlich aus dem Wege gegangen. Sie lebte nur sich und ihren Betrachtungen, und mehr denn sonst las sie die Schriften über die stigmatisierten Nonnen Katharina Emmerich und Luise Lateau, die ihr der Herr Dechant als heilsame und erbauliche Lektüre angeraten hatte. Eine neue Welt ging ihr auf. In selbstquälerischer Weise vertiefte sie sich in die magnetischen Eigentümlichkeiten und somnambulistischen Seelenzustände dieser beiden gottbegnadeten Frauen und fühlte mit der Zeit, daß ähnliche, verwandte Klänge die Tiefen ihres eigenen Herzens und Gemütes durchzitterten. Vor allen Dingen weilten ihre Gedanken bei Luise Lateau. Sie schwärmte mit der exaltierten belgischen Geistlichkeit und dem braven Bischof von Tournai, sie fühlte die Nervenausströmungen dieser körperlich und geistig verwandten Person, sah die durch Handauflegen verursachten Krämpfe bei ihr, schwelgte mit ihr in transzendentaler Verzückung, hörte ihre Lamentationen und Prophezeiungen im schlafwachen Zustande, sah das Blut aus den heiligen Malen der Stigmatisierten fließen und legte im Geiste die Hände auf die Wunden des gleichgearteten Wesens. Seele und Leib schienen hierdurch oft wie geteilt; aber eins blieb ihr treu: der berückende Zauber, der unwiderstehlich von ihrer eigenartigen Schönheit ausging – und dieser Zauber umspielte sie wie der Ruch von weißen Friedhofsrosen. Unter atemlosem Schweigen kam sie näher. Nettchen schritt ihr zur Linken, Settchen zur Rechten. Ganz in Schwarz gekleidet, die schlichten blonden Haare gleichartig gescheitelt, mit demselben Augenniederschlag, denselben hysterischen Gefühlen, derselben Weltanschauung, demselben unerbittlichen Eifer und derselben Glaubensstärke behaftet, unterschieden sich die beiden Jungfrauen nur durch die verschiedenartige Reliquie, die eine jede von ihnen in einem schwergoldenen Anhängsel um den Hals trug. Nettchens Kapsel umspannte ein winziges Partikelchen von der Lanzenspitze des heiligen Quirinus, über dessen Gebein das prächtige Münster in Neuß erbaut wurde, wohingegen Settchen sich rühmen konnte, ein Zahnfragment der heiligen Apollonia aus Alexandrien ihr eigen zu nennen. Von der ans Wunderbare grenzenden Heilkraft dieser Reliquie machte die letztere einen ausgiebigen und selbstlosen Gebrauch. Nicht nur ihrer näheren Verwandt- und Bekanntschaft, sondern auch fernerstehenden und wildfremden Menschen ließ sie die Wohltat dieses Beißfragmentes zugute kommen. Stellten sich irgendwo die bohrenden Schmerzen des Zahnreißens heraus, war eine geschwollene Backe vorhanden, dick, straff und gerötet, als hätte eine Hornisse hineingestichelt, und brüllte der Delinquent, daß es zum Steinerbarmen war, gleich war Settchen Käschen zur Hand, um die heilsame Kraft des Sankt Apollonia-Zahns in die Wege zu leiten. »Sieh mal, mein Kind,« begann sie alsdann mit salbungsvollen Worten, »dieses hier ist von der heiligen Apollonia aus Alexandrien. Wenn ich nun mit dieser Kapsel über Deine kranke Backe streiche und es hilft, dann mußt Du zu Gott beten und ihm danken, daß er Dich durch die Fürsprache der großen Heiligen von Deinen quälenden Schmerzen befreit hat – hilft es aber nicht, dann mußt Du erst recht zum lieben Gott beten und ihm danken, daß er Dich würdig befunden hat, diese Schmerzen zur Läuterung Deiner unsterblichen Seele in Geduld zu tragen, denn Gott ist einsichtsvoll und gerecht.« – Und wenn sie diese Worte gesprochen hatte, dann begann die Streichprozedur. In den meisten Fällen aber fühlten sich die Patienten veranlaßt, das zweite Dankgebet, wegen gütig überlassener Schmerzen zur Läuterung der unsterblichen Seele, gen Himmel zu schicken – und innerlich gestärkt, durchdrungen von der Würde ihrer gelungenen Sendung, die Kapsel zärtlich an ihren jungfräulichen, wenn auch nur sehr rudimentären Busen drückend, verließ Settchen den Ort und die qualvolle Stätte ihres erfolgreichen Wirkens. – Immer lauter bimmelten die Glocken. Etliche sonore Töne mischten sich ein, und unter diesem Geläut waren der Herr Kaplan, die weißgekleideten Mädchen, Marie Verwahnen nebst Begleiterinnen bis in die Nähe der Schützenbrüder gekommen. Der Höchstkommandierende senkte den Degen und ließ mit dem fliegenden Banner salutieren. Herablassend winkte der Herr Kaplan mit der Hand: »Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Janßen,« ein Hinweis, der ihn auch sofort veranlaßte, ein kräftiges »Rührt Euch!« zu kommandieren. Herr Perdje Puhl kehrte mit seiner Wirbeltrommel zurück. Er hatte den vorgeschriebenen Rundgang vollendet. Die übrigen städtischen Musizi, von denen der erste, seines Zeichens Leineweber, die Klappentrompete handhabte, der andere, zur Schuhmacherinnung gehörig, die Klarinette blies und der dritte, als wohlbestallter Barbier, das Waldhorn beglückte, stellten sich ebenfalls ein. Jetzt konnte es losgehen, und wirklich – es ging los. Perdje mit dem kompletten Musikkorps setzte sich an die Spitze des Zuges, der Höchstkommandierende folgte mit der ihm unterstellten Sankt Sebastians-Schützengesellschaft, und der Herr Kaplan beschloß, in einiger Entfernung von den männlichen Teilnehmern, mit seinen Jungfrauen und weißgekleideten Mädchen den feierlichen und denkwürdigen Aufzug. »Stillgestanden! – Mit Sektionen rechts schwenkt marsch!« »Donnerkiel!« meinte Herr Perdje Puhl, als die äußerst schneidige Kommandostimme des ersten Offiziers in spe an sein Ohr schlug, »Donnerkiel! – gut so, Cornelis.« Aber dem gespendeten Lob fügte er noch ein Kodizill hinzu, indem er sich umwandte und sagte: »Gut so, Cornelis! – aber trotz- und alledem: die Seele, die Physische vons Ganze, wie es die Lateiner benennen, sitzt hier,« und dabei schlug er sich auf die Männerbrust, daß es knallte. »Bataillon, marsch!« Im Gleichschritt und mit klingendem Spiel setzte sich die Kolonne in Marsch. »Rudibumbumbum!« Mit der rührenden Weise aus Händels Messias: ›Tochter Sions, freu-e-e-e Dich‹, die Herr Perdje Puhl fein und sachgemäß als Unterlage für ein zündendes Marschtempo benutzt hatte, ging es dem Rheintor zu, wo der solenne und offizielle Empfang des Herrn Bonaventura stattfinden sollte. Alles schwamm in Wonne und Seligkeit. – Fliegende Fahnen in den päpstlichen Farben winkten aus allen Fenstern und Bodenluken, Girlanden aus Stechpalm- und Buxbaumzweigen spannten sich quer über die Straßen, und über das Pflaster spreitete ein Blumenteppich von zerrupften Ranunkeln und Primeln sein dottergelbes und spinatgrünes Gewebe aus. – Am Rheintor, wo der mächtige Deich in die Stadt einlief, war eine Ehrenpforte errichtet, die kunstfertige Hände mit Teppichen und Tannenreisig würdig drapiert hatten. So wollte es die frommgesinnte Bürgerschaft, denn wie ein Triumphator, wie ein siegreicher General sollte der Herr Pater Bonaventura, der mit dem gestrigen Tage seine Missionspredigten in einer Nachbargemeinde beendet hatte, empfangen werden. Und Herr Bonaventura war ein General im wahrsten Sinne des Wortes, ein umsichtiger Feldherr auf dem Gebiete fortreißender Dialektik. Er machte die toten Steine lebendig. Er sprach mit den Lilien auf dem Felde und wußte, was die Wellen erzählten im plaudernden Rinnsal. Er kannte die Sprache der Blumen und was der Fichtenwald brauste und rauschte, wenn der Sturm mit schwerem Fittich hindurchfuhr. Er wußte, was der Donner wollte, wenn er mit Posaunenstimme aus der hängenden Wolke predigte. Er rüttelte die Glaubensschwachen auf, er stärkte die Schwachen im Geiste und schreckte die Bösen mit den Dämonen der Hölle. Dann lag alles wolkenverhangen, trüb und traurig wie Karwochentage, dumpfe Glockenschläge gingen über die Erde und mahnten zur Umkehr – aber schließlich brach dennoch durch Dunkel und Nacht und Trübnis ein glänzendes Licht hervor, verheißend, belebend – das Licht des Erlösers. – »Tochter Sions, freu-e-e-e Dich ...!« Der Zug näherte sich der stolzen Ehrenpforte; die Kirchenglocken waren inzwischen verstummt. Unter der schwebenden Girlande baumelte eine mit einem Stechpalmenkranze umgürtete Pappscheibe, die auf beiden Seiten mit demselben Willkommgruße bedeckt war. Nettchen und Settchen Käschen hatten es sich nicht nehmen lassen, ihre ausgiebige Kenntnis in der Poetik christkatholisch zu verwenden und in den Dienst der guten Sache zu stellen. Ihrer gemeinschaftlichen Firma hatte der Spruch sein Leben zu verdanken. ›Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe; Es naht der Hirt – hier steh'n die Schafe!‹ war auf der Pappscheibe in gotischen Lettern zu lesen. Rechts und links von diesem poetischen Erguß hatten sich die Sankt Sebastians-Brüder, gemäß kirchlichen Erlasses, zu rangieren, während der Herr Kaplan mit der ihm anvertrauten Herde defilieren und so weit vorrücken mußte, bis die verhängnisvolle Stelle des seinerzeit gefährdeten Dammes erreicht war. Hier auf historischem Boden sollten laut Programm die ersten Präliminarien der Begrüßung stattfinden. Die Anordnung ging nach Wunsch. – Die Herren Schützenbrüder schwenkten vorschriftsmäßig am Triumphbogen ein, der Herr Kaplan, die Wachsmarie, die beiden Dichterinnen und die übrigen Mädchen zogen hindurch, die Büchsen rasselten bei Fuß, und Perdje schlug noch einen freudigen Wirbel – alles nach Vorschrift! – als der Herr erste Leutnant in spe die baumelnde Papptafel nebst Begrüßungsdithyrambe gewahrte, sie las und dann jählings erbleichte. »Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe; Es naht der Hirt – hier steh'n die Schafe!« sprach er mit bebenden Lippen, dann verstummte seine Zunge, wie Zacharias verstummte, ein Priester von der Ordnung Abia, als ihm der Engel des Herrn verkündete, daß seine hochbetagte Frau noch eines Knäbleins genesen würde. Kreidebleich sah Herr Cornelis zuerst die ihm unterstellten Truppen an – die wußten's nicht, dann flogen seine verstörten Blicke zu Perdje Puhl hinüber – allein dieser stand da, als sei ihm die Buttermilch über eine Salatschüssel gelaufen. Er fügte sich aber der Vorschrift und hatte kein Verständnis für die gänzlich verzweifelte Lage des Herrn ersten Offiziers in spe. Da kehrte diesem die Sprache wieder. »Perdje...!« stöhnte er aus tiefster Seele. Perdje Puhl sah ihn von der Seite an. »Und hier – hier sollen wir stehen?« fragte Herr Cornelis Janßen mit umschleierter Stimme, wobei sein Kopf betrüblich wie der Fettschwanz einer Heidschnucke wackelte. »So will es die Kirche,« versetzte der Küster. Herr Cornelis Janßen reckte sich auf: mit dem Degen in der bebaumwollten Hand zeigte er auf den ominösen Pappdeckel: »Also hier, Herr Perdje Puhl, sollen wir stehen?« – Seine Stimme wuchs, als er weiter redete und das beleidigte Herz an die stolze Männerbrust klopfte. »Hier? – ich, der den geweihten Degen trägt, und dort die übrigen Herren der Sankt Sebastians-Gilde?« Perdje Puhl hatte nur ein ablehnendes Achselzucken für die grimmigen Worte. »Gottdomie noch mal! – Herr Perdje, was heißt das: Es naht der Hirt – hier stehn die Schafe ...? – Entweder wir rücken weiter vor, oder ...« Mit der geballten Faust schlug er sich auf das tadellos gestärkte Vorhemd. Blitze schossen aus seinen schnapsseligen Vergißmeinnichtaugen. »Beruhigen Sie Ihre Physische,« meinte der Küster. »Nach der kirchlichen Vorschrift ...« Das genügte für den Herrn Offizier. »Denn nicht!« schrie er mit Stentorstimme. »Ich danke ...« Mit einem sackgroben Fluch warf er die Klinge in die verknitterte Degenscheide zurück. Dann ging er. Herr Cornelis Janßen hatte also in der feierlichsten Weise das ihm übertragene Amt als Höchstkommandierender niedergelegt, und es wäre voraussichtlich zu einer sehr bedenklichen und fatalen Rebellion gekommen, wenn sich nicht in diesem Augenblick eine altmodische Karosse in der Ferne des Deiches gezeigt hätte. Schwerfällig holperte sie durch die sonnige Landschaft. Kiebitze schwankten darüber hin und entfalteten jongleurartig ihre prächtigen Flugkünste. Bald mit langsamen Schwingenschlägen dahinschwebend, gaukelnd, bald sich in der Luft überschlagend und hierbei zeitweilig das blendende Weiß der Unterseite, bald den dunkelgrün- und purpurschillernden Mantel dem Auge bietend, jetzt wieder in den kühnsten Schwenkungen sich hebend und senkend, belebten diese Vögel in eigenartiger Weise das niederrheinische Frühlingsbild. »Kiwit – kiwit ...!« In gemächlichem Trabe, rumpelnd und stoßend, waren Schimmel und Karosse bis in die Höhe der Ehrenjungfrauen und weißgekleideten Mädchen gekommen, und hundertstimmig zog der Choral ›Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre‹ über das Gelände und den murmelnden Rhein hin. Herzerquickend hob sich der würdige Gesang in den sonnigen Aether. Der Wagen hielt. Eine hohe Gestalt, barhaupt, barfüßig und mit der kleidsamen Tracht der Benediktiner umhüllt, entstieg dem Wagenschlage und näherte sich lächelnd der singenden Gruppe. Es war Pater Bonaventura, ein Mann, der hinreißen und alle Herzen, auch die der Andersgläubigen, fesseln und begeistern mußte. Mit weltmännischen Manieren ausgerüstet, fein und selbstbewußt in jeder Bewegung, ungekünstelt und einschmeichelnd, lauteren Sinnes und angebrachte Strenge mit Milde und Herzensgüte verbindend, waltete er des ihm gewordenen Hirtenamtes in Gott und den Menschen wohlgefälligem Sinne. Er hatte die schlanken, mit feinen Äderchen durchsetzten weißen Hände wie spielend ineinander gelegt. Die hohe Stirn sprang weit zurück, und kastanienbraunes Haar legte sich wellenförmig um die durchgeistigten Schläfen. Heilig dämmerte es auf in den großen Augen. Und diese Augen konnten schimmern wie sanftes Mondlicht, wenn er auf der Kanzel stand und von der Liebe redete, süß und einschmeichelnd wie das verschlafene Rauschen der Fichten im Bergtann, sie konnten flammen und zucken wie Blitze aus schwüler Wetterwolke, wenn er die Ärmel des Gewandes zurückschlug, die Brüstung umfaßte und dann das Bild des Gekreuzigten beschwor, der da gestorben auf Golgatha für die sündige Menschheit auf Erden. Und seinen Worten beugte sich diese Menschheit – sie beugte das Knie und weinte bitterlich. Der Choral verstummte. Alle umdrängten die hohe, sympathische Erscheinung. Es war, als sei der Erlöser unter sie getreten. Sie hatten das Gefühl, als sei er gekommen, die Sünden von ihnen zu nehmen und sie einzuführen in das Reich der ewigen Freude. Der Kaplan begrüßte ihn in herzlicher und solenner Weise. Dann sprach er lange in Flüsterlauten zu ihm und deutete auf die Stelle, wo sie standen. Und da solches geschah, verklärte sich das Antlitz des jungen Mönches. Noch immer sprach der Kaplan – flüsternd und raunend. Unter den Brauen Bonaventuras zuckte es auf. – Sehendes Auge! – Schön und wunderbar schweiften die Blicke des Benediktiners über das erwachende Grün, über das goldige Tief des weiten Geländes. Resedefarben flutete der Rhein in seinem Strombett. Weiße Segel zogen vorüber, bunte Wimpel wehten vom Mast, überall Weihe und Friede. Der Kaplan hatte geendet – da wandte Bonaventura das Haupt; seine Blicke blieben auf Marie Verwahnen haften. »Also hier ist das Wunder geschehen?« fragte er mit weicher Betonung. Seine Stimme klang eigentümlich und seltsam. Der Kaplan nickte. Ein gellender Ruf ... Die Wachsmarie war in die Knie gesunken. Ihre Lippen berührten den Boden: »Großer – Gewaltiger ...! – Segne mich, Bonaventura!« Langsam hob sie das Haupt. Ihre verzehrenden Blicke flammten in die seinen hinüber. Mit seinem Lächeln breitete er die weißen Hände: »Ich sehe Dich – ich grüße Dich – ich segne Dich! – Stehe auf und ziehe in Frieden.« Ein verhaltenes Schluchzen war umher. Viele gaben sich die Hände, viele umarmten sich – und kein Auge war trocken geblieben. Moses Herzlieb, der bislang in seinem Schabbesrock, seinen Kleisterlöckchen, die seidene Mütze in der Hand, seitwärts gestanden hatte, trat näher. »Ich begrüße Sie, Herr Bonaventura,« sagte der Jude. »Sie haben's mir angetan mit die schönen Gefühle.« Eine große Träne rollte über seine Backe. »Wer ist der Mann?« fragte der Benediktiner. Der Kaplan sagte es ihm. Da reichte ihm Bonaventura die Hand und meinte: »Ich danke Ihnen, Herr Herzlieb. Unser Gott ist ein gemeinsamer Gott – und sein Friede sei mit Ihnen.« »Ach, wo liebreich!« erwiderte Moses Herzlieb. »Der Gott Abrahams segne Sie.« Er wollte noch weiter sprechen. Er vermochte es nicht, denn er mußte sich abwenden, um seiner Rührung Herr zu werden. Tränen bedeuten Schwäche, und Moses Herzlieb wollte nicht schwach sein; zudem ließ Herr Perdje Puhl einen dröhnenden Tusch blasen, der wie eine schneidende, aber wohlgemeinte Dissonanz in die harmonische Gegend hineinknallte. Die Schützenbrüder schwenkten, so gut es ging, auch ohne Kommando zur Sektionskolonne ein, Bonaventura gab ein stummes Zeichen, etliche Mädchen streuten Butterblumen und Palm, und unter den weihevollen Klängen des Marsches ›Tochter Sions, freu-e-e-e Dich‹ setzte sich der Zug in Bewegung. Als er den Triumphbogen passierte und Bonaventura den poetischen Erguß auf der bammelnden Pappscheibe bemerkte, flog ein lustiger Zug um die feingeschnittenen Lippen. Diese verhaltene Fröhlichkeit wurde zum Lächeln, als er die Verlegenheit der beiden gottesfürchtigen Jungfrauen Nettchen und Settchen Käschen bemerkte. Er verbiß es aber, und ernsten Gesichtes zog der würdige und Gott wohlgefällige Mann in die festlich geschmückte Stadt ein. – Bis in die sinkende Nacht gab es Jubel und Trubel, Musik, sinnige Transparente, bengalisches Feuer und Geknatter von Fahnen – und bis in die sinkende Nacht hinein bemühte sich Moses Herzlieb, Frau Giddel und den kleinen Schlaume mit Aufbietung der ganzen ihm zur Verfügung stehenden Überredungskunst für seine Handlungsweise umzustimmen. Es war eine schwere Stunde, die sich in den vier Pfählen des kleinen Handelsmannes abspielte. Schließlich gelang es ihm auch. Mutter Giddel und Sohn trugen nach langer Debatte den vorliegenden Umständen Rechnung, sie fügten sich im Hinblick auf die in Aussicht gestellten glänzenden Tage, und überglückselig leistete sich Moses in der zunächst gelegenen Destille ein gefälliges Schnäpschen. Auch wurde er nicht müde, die schönen Gefühle des Herrn Bonaventura in allen Farben des Regenbogens brillieren zu lassen, und machte geheimnisvolle, aber schwerwiegende Andeutungen bei allen, die es hören und nicht hören wollten, über das Unausbleibliche seiner grandiosen und ehrenvollen Zukunft. Ja, es konnte nicht fehlen: er hatte schon jetzt den Herrn Kommerzialrat so gut wie in der Tasche. »Ich bitte noch um ein gefälliges Schnäpschen. – Prosit, die Herrens ...!« So ging die Nacht hin – die Palmsonntagnacht. Und der andere Morgen kam – der erste Tag in der Karwoche. – Da ... IX. Intermezzo – – – Ein scharfes Klingeln lief gellend und mißtönend durch die geräumige Wohnung. Es wurde stark an der Schelle gerissen. Wie etliche Stunden vorher, so kam auch dieses Mal das Echo von allen Ecken und Enden des weiten Hauses zurück. Wir lauschten beide auf. Dann wurde an die Tür geklopft. »Herein!« Doktor Johannes van Melle stand auf. Die Alte mit den stechenden Augen und der kunstvoll gefälteten Spitzenhaube erschien wieder. »Herr Doktor – die Landpraxis!« »Wer ruft mich?« »Die Alte vom Entenbusch. – Es soll schlimm mit ihr steh'n. Auch der Herr Notar ist schon da.« »Anspannen lassen.« »Bis morgen,« sagte Doktor Johannes zu mir. »Petronella soll es Dir behaglich machen auf Deinem Zimmer. Hier ist mein und Dein Haus. Leb' wohl.« Bald darauf ratterte das einspännige Halbverdeck über das holperige Pflaster der kleinen Stadt hin. Geraume Zeit noch lauschte ich auf das ersterbende Geräusch der vorwärts eilenden Räder, dann stieg ich mit der völlig zutraulich gewordenen Alten die knarrenden Stiegen hinauf. Ein wohnlich ausgestattetes und gastliches Zimmer, mit alten Kupferstichen in schweren Barockrahmen an den Wänden, mit vergilbten Tapeten und einem mächtigen Himmelbett im Hintergrund, empfing mich. Auch hier machte alles den Eindruck bewährter Solidität und altbürgerlicher Wohlhabenheit. Mitten im Zimmer befand sich ein Tisch, auf dem die Alte in vorsorglicher Weise einen frugalen Imbiß hergerichtet hatte. Zwei Metalleuchter warfen ihr flirrendes Licht über die weißgespreitete Tafel und reflektierten in einem großen Wandspiegel, der fast die ganze, zwischen zwei Fenstern gelegene Wandfläche einnahm. »Machen sich's der Herr nur bequem,« sagte die Alte, wobei sie diensteifrig den Polstersitz des hohen Sessels abstäubte und mich zum Sitzen einlud. »Hier hat alles seinen geregelten Gang,« sagte sie mit einer nickenden Bewegung ihrer bauschigen Kopfhaube, »Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, denn jedes Ding will seine Zeit haben.« Indem sie dieses vorbrachte, rasselte sie leise mit dem großen Schlüsselbund, der mit einem Ledertäschchen an ihrer Seite hing, und mahlte dabei mit ihrem zahnlosen Munde, daß es oft den Anschein hatte, als lutsche sie an der durchsichtigen Spitze der scharfgebogenen Nase. »Sie stehen wohl schon geraume Zeit dem Hauswesen des Herrn Doktors vor?« fragte ich, um doch auch etwas zu sagen. »Ach, Gott, ja, mein bester Herr! – der hat ja sonst nichts auf der Welt als seine Geige und mich.« Ein Lächeln spielte um meinen Mund. »Lächeln der Herr nicht,« meinte sie mit einer geringen Dosis Vorwurf in der näselnden Stimme. »Eine Frau hat er nicht, keine Verwandten und Freunde – und die er einst geliebt hat auf dieser Erde, die es ihm angetan hatte, als er noch ein blutjunger Student war ... Ach, du Herr Jeses! – der Herr haben wohl die Wasserrosen bemerkt, die unten so kreideweiß über den Rand des hohen Glases hängen?« »Und was hat es für eine Bewandtnis mit diesen Blumen?« »Gar nichts, mein Herr, absolut gar nichts! – das heißt ... Aber die blühen nun schon an die dreizehn Jahre da unten – das heißt, immer frische, wenn ihre Zeit gekommen ist und die Julinächte warm über unser niederrheinisches Land gehen.« »So! – und Sie stehen schon seit dreizehn Jahren in Diensten des Herrn Doktors van Melle?« »Nein – aber zehn, und zwar hier in diesem Hause, mein Herr.« »Und dieses Haus ...?« »Gehörte einem alten Sonderling. Als es nach seinem Tode vergantet wurde, hat es der Herr Doktor erstanden. Spottbillig kam es unter den Hammer. Keiner wollte es haben, denn alle Menschen fürchteten das dumpfe Geräusch, die meckernden Stimmen, die in den weiten Räumen dieses Gebäudes umgeh'n sollten. Herr Perdje Puhl brachte das ängstliche Gerede unter die Leute. Er hatte nach dem Tode jenes Sonderlings, des Herrn Jakob Verweyen, der hundertfünfzig Stunden hinter Amerika gewesen sein und ein lästerliches Verhältnis mit einer Schwarzen gehabt haben sollte, allerlei Dinge gehört und gesehen, die nicht auf natürlichem Wege zugingen. Mit Schlüsseln wurde gerasselt, Türen gingen auf und zu, trotzdem lange Zeit keine menschliche Seele in dem Hause wohnte, brannte viele Nächte hindurch eine Wachskerze in diesem Zimmer – gerade in diesem Zimmer, mein Herr – und erlosch von selber, wenn das erste Morgengrauen durch das Fenster blickte.« »Das ist ja seltsam.« »Äußerst seltsam!« fuhr das alte Weiblein fort, wobei es immer wieder versuchte, an der herabhängenden Nasenspitze zu kauen, »äußerst seltsam, mein Herr! – und Herr Perdje Puhl will es auf seinen Eid nehmen, daß er eines Nachts, als er mit dem Dechanten von einem Sterbenskranken gekommen, gesehen habe, wie der verstorbene Jakob Verweyen im großgeblümten, verwaschenen Schlafrock und mit weißer Zipfelmütze hier am Fenster gestanden und blitzeblanke Dukaten gezählt habe.« »Und diesen alten Herrn habe ich selber gekannt,« unterbrach ich das geschwätzige Weibchen. »Im benachbarten Calcar habe ich meine Jugendjahre verlebt: eine enge Knabenfreundschaft verband mich mit Doktor Johannes, als wir gemeinschaftlich das Gymnasium in Münster besuchten. Die Ferien brachten mich zeitweilig nach hier, und da war es, daß wir den geheimnisvollen Vorbesitzer dieses Hauses in seinem verwaschenen Schlafrock und der weißen Zipfelmütze am Fenster bemerkten – aber da lebte der Mann noch.« Ein verständnisvolles Grinsen huschte über die verrunzelten Züge der Alten: »Ach, du Herr Jeses! – schon richtig, denn das da mit der Gespenstergeschichte glaubten ja nur Perdje Puhl und die übrigen dösigen Leute. Sie werden doch nicht annehmen, mein Herr, daß ich ...« »Nicht im geringsten, werte Frau.« »Wie mich das freut!« fuhr sie erstaunt fort. »Also der Herr sind so'n richtiger Jugendfreund vom Herrn Doktor gewesen?! – Nein, nein, nein,« ereiferte sie sich und schlug dabei die mageren Hände zusammen, »welche Ehre für uns! – Aber wie ging's denn weiter damit?« »Nach dem Abiturientenexamen trennten wir uns. Ich schlug die militärische Laufbahn ein, während er zur Universität ging, um Medizin zu studieren. Jeder von uns folgte dem Leuchten des Sternes, der auf verschiedenen Bahnen für uns erstrahlte.« »Ach, nee!« meinte die Alte, »und da haben sich die Herren nie wieder gesehen?« »Nie mehr! – Erst heute ...« Ein stechender Blick glitt über mich fort; fragend blieb er auf meinem Antlitz haften. Ich fühlte, daß sie meine Gedanken zu erraten suchte, stellte mich aber möglichst unbefangen und sprach gleichgültig weiter: »Unser Geschick trennte uns. Mein Vater wurde als Justizrat aus dieser Gegend versetzt, während mich die militärische Karriere dem fernen Osten zuführte. Andere Menschen, andere Eindrücke! Die Weichsel flutete träge durch die Kiefernlandschaft. Alte Ziegelbauten spiegelten sich in dem ruhigfließenden Wasser. Fremde Laute drangen an mein Ohr, schwermütig tönte die Geige auf den Flößen, die von Polen herunterschwammen, und berückend schluchzte der Sprosser auf den weidenumbuschten Kämpen. Mich umfing eine andere Welt. – Erst vor kurzem wurde ich wieder in die engere Heimat verschlagen.« Ein langgedehntes »So!« mahlte die Alte zwischen den zahnlosen Kiefern. Dann steuerte sie auf ihr Ziel los. »Also Jugendfreunde?!« meinte sie lauernd. »Hm, hm! – dann müssen der Herr auch jenes Wesen gekannt haben, jenes Mädchen mit dem sonderbaren Wachsgesicht und den schneeweißen Händen, was da unten ein berühmter Maler aus München nach einer kleinen Photographie ... und was die Wasserrosen bedeuten ... und die heiligen Nächte ... und das traurige Geigen ... Ach, du Herr Jeses! – ich soll doch nicht ...« Stoßweise kamen die letzten Worte aus ihrem kauenden Munde. Sie merkte, daß sie hier ein Thema angeschlagen hatte, von dem sie den Schleier nicht lüften durfte. Plötzlich gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. »Na, ja!« mit diesen Worten lenkte sie wieder in das frühere Fahrwasser ein, »und so geschah es, daß dieses Haus hier vergantet wurde. Der Herr Notar saß vor einem großen Papier mit der Feder in der Hand, der brennende Wachsstock verlöschte: zum ersten, zum zweiten, zum dritten ...! – Mein Herr hatte ganz alleine geboten, der Hammer fiel dreimal auf den Tisch – und dieses Haus war Eigentum des Herrn Doktors geworden. Spottbillig, sage ich Ihnen. Spottbillig, mein Herr: das ganze Haus mit Stallung, Garten, Remise und dem fetten Inventar, kaum seine bare zehntausend Taler preußisch Kurant. Und dabei dieser Plie, diese Freitreppe mits Messinggeländer, diese feinen Plüschmöbel und diese Spiegel mit den venetianischen Rahmen – nur bare zehntausend Taler preußisch Kurant! – Ach, du mein lieber Herr Jeses! – aber mehr konnte der blutjunge Herr Doktor auch nicht gut anlegen, denn das Erbteil von seinem inzwischen verstorbenen Vater war nicht bedeutend, und die Praxis des seligen Terwelp, in die er hineinspringen konnte, warf auch nur so viel ab, um ein anständiges Leben zu führen. Na – später ging's besser. Da kamen die blauen Scheine man so ins Haus geflattert, denn die Praxis wuchs – und da konnte die letzte Hypothek abbezahlt werden, die Moses Herzlieb noch zu seinem Gunsten im Grundbuch stehen hatte. Aber der Mann hat nie gedrängt; die Hypothek war eine Ehre für ihn, und es ging ihm ordentlich nah, als sie ihm gekündigt wurde.« Ich sah das mundfertige Weibchen mit großen Augen an. »Moses Herzlieb?« fragte ich, »der kleine Moses Herzlieb, konnte der denn Geld auf Hypotheken austun?« Nun war das Erstaunen wieder auf seiten meiner Partnerin. »Der?!« meinte sie mit einem komischen Tonfall, als vermutete sie in mir einen Mondbewohner, der plötzlich auf die Erde gefallen sei. »Aber, mein Herr, kennen Sie denn die große Spinnerei nicht auf der Emmericher Straße?! – Moses Herzlieb und Sohn! – Fünfzig Webstühle – eigene elektrische Anlagen – Massenbetrieb – dreihundert Arbeiter, ungerechnet die fünfzig, die so auf dem Lande für Rechnung des Hauses arbeiten ...! – Brillante Geschäfte ...!« Ich war wie aus den Wolken gefallen. »Und nun«, ergänzte die Alte, »fährt er mit Frau Giddel in 'nem pikfeinen Landauer, und Schlaume hat sein eigenes Reitpferd und klingt mit den Sporen herum – und es sind schon Verhandlungen im Gange, Herrn Moses mit dem Kommerzienratstitel zu beehren, denn er hat liberale Gesinnungen, ist Mitglied der Sozietät und hat ein Krankenhaus für fünfundzwanzig Betten gestiftet. Und als er vor 'nem Jahr, auf Sankt Peter und Paul, mitten ins Zentrum hineinschoß, riefen alle Schützenbrüder ›Hurra!‹ und ›Vivat!‹ – Er wurde zum Ehrenmitglied ernannt, bekam ein funkelnagelneues Diplom, und Moses dienerte man so herum, daß es eine Art hatte. In seiner Großmut spendierte er ein gefälliges Gläschen Champagner, schlug auf den Tisch, daß die Gläser man so herumpurzelten und das feine Getränk auf dem Boden verspritzte. Aber das gehört sich so, meinte Herr Moses, wenn man einen silbernen Becher stiftet – denn er hatte einen solchen wirklich splendide geschenkt, daß es ein Angedenken sei für ihn und seine ganze Familie. Und die Sankt Sebastians-Schützenbrüder schrien wieder ›Hurra!‹ und ›Vivat!‹ – und hoben ihn auf und trugen ihn durch die Stadt und sangen dabei: Hoch soll er leben, hoch soll er leben – dreimal hoch! – Das war nun alles recht schön mit dem Champagner und dem silbernen Becher – aber Herr Perdje Puhl, der ihn in seiner Eigenschaft als Kassenwart unter Schloß und Riegel zu nehmen hatte, wurde durch den fortwährenden Anblick so erregt, daß er ihn immer heimlich füllen mußte, gottsjämmerlich die Trunksucht bekam und vor vier Tagen an den Folgen der verderblichen Kümmelei elend ins Gras biß. Er ist › Rips ‹, sagen hierlands die Leute, und die beiden Lehrerinnen an der hiesigen Töchterschule, Nettchen und Settchen Käschen, bekreuzigten sich bei der Todesnachricht und hielten seinen plötzlichen Heimgang für eine gerechte Strafe und den Fingerzeig Gottes, weil er im Leben so schlechte weltliche Verse gemacht und das Sprüchlein auf der Fahne der Sankt Sebastians-Bruderschaft nicht mit ›Amen‹ beschlossen hatte. – Gott habe ihn selig!« So lautete der Bericht, der auch der Wahrheit in den wesentlichen Punkten ziemlich nahe kam. Mit einer gewissen Lustigkeit hatte bisher die betagte Frau alle Einzelheiten ihrer Erzählung vorgebracht, und ein pfiffiges Blinzeln war damit untergelaufen, als die tiefen Gesichtsfalten plötzlich etwas Starres, Unliebsames, ja Unheimliches annahmen, die schmalen Hände in eine nervöse Unruhe gerieten und die Augen stechend wie scharfe Kardendisteln in ihre Höhlen zurücktraten. Dabei legte sich ein wehmütiger, betrübter und schmerzhafter Zug um die zusammengekniffenen Lippen, dann fuhr sie auf, und ein eigentümlicher Klagelaut, halb Lachen, halb Schluchzen, kam mir entgegen. Es war ein altmodisches Lachen, ein hüstelndes Seufzen – aber es paßte in dieses Haus, zu diesen vergilbten Tapeten und Vorhängen, es gehörte zur ganzen Umgebung, zu den Kupferstichen in den goldenen Barockrahmen und zum Himmelbett mit seinen schweren Quasten und Troddeln, daß es mir aufgefallen wäre, wenn die Alte dieses bittere Lachen und Seufzen unterlassen hätte. Es schien aus dem Boden, aus der Balkendecke, aus dem Nebenzimmer zu kommen – und dann wieder die seufzende Stimme: »Herr, du mein Jeses! – das können der Herr mir glauben: Moses Herzlieb ist glücklich, denn er wird bald Kommerzienrat werden, auch Perdje Puhl ist glücklich, denn ihm ist die ewige Ruhe geworden – aber mein armer Herr konnte die Ruhe nicht finden. Ich sah ihn leiden – und konnte nicht helfen. Immer mehr zog er sich von der Welt zurück. Es wurde stiller um ihn, immer stiller und einsamer. Er sah nur wenige bei sich, und die Wenigen, die kamen, blieben schließlich auch fort, denn das Verschlossene des Einsamen wirkte frostig auf alle. Und da mieden sie den traurigen Mann, denn sie verstanden ihn nicht mehr. Ich aber verstand ihn, mein Herr – und da hätte ich sterben mögen in meiner Betrübnis.« Immer rätselhafter wurde das ganze Wesen der Alten. Mit ihren schmalen Händen griff sie ans Herz: »Hier saß das und wollte nicht mehr lassen von ihm. Er konnte eben nicht verwinden, was ihm in der Jugend, als er noch Student war und vor dem Staatsexamen stand, in so verhängnisvoller Weise passiert war. Nur wenn er die Geige zur Hand nimmt, wenn er vor dem Bilde des verstorbenen Mädchens steht, das ihm der große Maler gemacht hat, dann kommt der Friede über ihn. Das dauert dann bis in die Zeit, wo die Wasserrosen blühen und die Wiesen dem zweiten Schnitt entgegenreifen. Zwar klingt dann die Violine ebenso süß und lieblich wie sonst, aber es kommen doch sonderbare Töne hinein, die einem ins Herz schneiden – und dazu das Gelächter, das fürchterliche Gelächter, mein Herr ...!« Mit beiden Händen hielt sich das betrübte Weibchen die Ohren zu. Die Haube nickte bedrohlich vom Kopf: ihr Schattenbild an der Wand wuchs ins Ungeheuerliche. »Ja – das Gelächter, das helle Gelächter! – Es läuft mir den Rücken herunter, wenn ich es höre. Sie ja selber, mein Herr ... Es ist entsetzlich – entsetzlich – entsetzlich ...! – Gute Nacht.« Sie bot mir ihre verknöcherte Hand. Langsam trippelte sie aus dem Zimmer. Ich vernahm noch, wie sie keuchend und seufzend über den Flur wegscharrte, wie der große Schlüsselbund klirrte, mehrere Stufen knarrten und dann über mir eine Tür ging. Alsbald wurde es still in dem großen Hause des Doktors Johannes van Melle. – Ich aber konnte den Schlaf noch nicht finden, setzte mir eine Zigarre in Brand, ging ans Fenster und sah in die sternklare Nacht hinaus. Das Geschick meines vereinsamten Freundes lastete schwer auf mir. Die Fäden des Gehörten verwirrten sich immer mehr, allerlei Kombinationen traten mir vor die Seele, wurden hin und her erwogen und wieder verworfen, allein eine befriedigende Lösung blieb mir fern, wie das Sternlein, das mit flirrendem Licht just über der Helmspitze des Kirchturmes aufleuchtete. Eine selige Ruhe ging durch die warme Julinacht. Von meinem Fenster aus sah ich ein Stückchen des Rheines blitzen. Weiter nach rechts lag die Welt in einem bläulichen Dämmer; von dorther kam die Erinnerung auf weichem Flügel gezogen. Es war ein Gruß aus der Kinderzeit! – Da – stromaufwärts und mehr in das Binnenland geschoben lag meine engere Heimat. Die beiden Türme der niederrheinischen Städtchen konnten sich wechselseitig begrüßen, und an stillen, klaren Sommerabenden, wenn der Wind ruhte, wenn sich auf den Roggenfeldern kaum eine merkliche Bewegung zeigte, mochte es vorkommen, daß das gegenseitige Aveläuten sanft und harmonisch ineinander verhallte. Und als ich dieses Aveläutens gedachte, als meine Seele hinüberschweifte in das Land meiner Kindheit, da ward ich selber zum Kinde. – Stattliche Linden umhegten mein elterliches Haus in der Siebenzahl – und in diesem Hause amtierte ein hoher, hagerer Mann als Notar, ein Mann mit lieben Augen und vieler Güte im Herzen. Und wenn seine Klienten kamen, dann fanden sie Trost und Hoffnung bei ihm, sie fanden liebevollen Zuspruch und offene Hände, denn manches Leid wurde ihnen von der Brust gewälzt und manche tiefe Furche auf der sorgenvollen Stirn geglättet. Und ich wuchs auf unter seiner liebevollen Führung, umrauscht von den Linden des väterlichen Hauses und umweht von dem Zauber der heimischen Poesie. Alles wirkte berückend auf mich: der melancholische Charakter der Gegend, die verschnörkelten Ziegelbauten mit ihren verkragten spanischen Giebeln, die Sankt Nikolaikirche mit ihrem sonoren Geläut und mit ihren Altartafeln, die Meister Jan van Calcar mit jugendfrischem Pinsel und leuchtenden Farben geschaffen – und dann das kleine Mädchen, die Schwester meines Freundes Joe und die Tochter des gefeierten Arztes, der so viele Krankheiten kurieren konnte und abends mit der langen Pfeife vor der Haustür stand und seine Wölkchen in die Luft hineinblies. Und dieses liebe Mädchen war meine Freundin; wir kannten uns gut und standen oftmals Hand in Hand auf der Deichkrone, wenn die Wiesen bald einschlafen wollten und der Abendstern schüchtern die Dämmerhelle besiegte. Dann sahen wir still über das wogende Grasmeer, wo die Kuckucksblumen standen mit ihren fleischfarbigen Blüten und die hohen Königskerzen, die an den Böschungen wucherten, sich leise im Winde bewegten. Und meine Freundin lächelte still vor sich hin. Dann aber wurde sie ernsthaft und meinte, ich solle besser den Katechismus lernen, denn sie müsse sich immer während der Christenlehre schämen, wenn ich so dumm vor dem Herrn Kaplan stände und Maulaffen feil hielte. – Ja – Maulaffen feil hielte, das sagte sie – und die Wiesen schliefen ein, im verfallenen Mühlenwehr brauste es auf, die kanadischen Pappeln rauschten dazwischen, und der liebe Abendstern leuchtete schöner und schöner. Späterhin! – Schneewehen gingen über das weite Land, der Kirchturm von Sankt Nikolai trug eine blendendweiße Haube, auf dem Monreberg wurden die jungen Fichtenbäumchen geschlagen, weithin klagte die Axt durch den eingeschneiten Wald, aber Engelsstimmen waren in den Lüften, und die heilige Weihnachtszeit mit ihren Schauern und Freuden dämmerte ahnungsvoll heran. Lustig knackte der Funke im Kamin, die Lichter erstrahlten, helle Weihnachtsseligkeit war in mir, während meine Mutter mich sorglich in ihre Arme schloß und mein Vater mit seinen großen Augen in den strahlenden Lichtschein und in die glücklichen Gesichter seiner Kinder hineinsah. – Und diese lieben Augen ...?! – Etliche Jahre später, als er schon als Justizrat in die rheinische Hauptstadt versetzt war, zogen trübe Schatten vorüber, und diese Schatten nahmen an Stetigkeit zu. Sie ließen sich nicht mehr verscheuchen, sie wurden intensiver, dunkler und trüber – da, eines Tages ... Ich weiß es noch wie heute: meine gute Mutter weinte leise vor sich hin, die Ärzte kamen häufiger denn sonst ... Es mußte irgend etwas Trauriges geschehen sein. – Ein Arzt aus Utrecht kam gegen Abend an; aber auch dieser schüttelte wie seine Kollegen den Kopf und machte sich reisefertig. Wir wußten genug und konnten unseres Schmerzes nicht Herr werden. Betrübt bis in den Tod saßen wir alle zusammen und weinten bitterlich. Nur die Seele des schwergeprüften Mannes blieb sanft und heiter – aber Gott, der Herr, hatte ihm das Licht der Augen genommen. – Und diese Heiterkeit des Geistes blieb ihm zu eigen, trotzdem er von nun an in Finsternis tastete; seine Arbeitsfreudigkeit erlahmte nicht, ein verklärter Frieden verschönte sein inneres Leben, und aus diesem Frieden wuchs das ›Gaudeamus der Notare‹ heraus, das er in jenen Tagen gedichtet. Freudig, und dennoch mit Trübnis und Wehmut gepaart, klingt die Weise des erblindeten Mannes zu mir herüber: Gaudeamus igitur, Vacui dum sumus! Procul sint a nobis acta, Repertorium et pacta! Hodie bibamus! Vita nostra brevis est, Labor autem longus! Cras ut melius scribamus, Bene hodie vivamus! Vivat totus mundus! Vivat Imperator Rex, Guilelmus noster! Vivat et Minister Ejus! Ne reformet jus in pejus, Caveamus semper! Vivant omnes Judices, Justi et benigni! Vivant et Procuratores, Qui non sunt persecutores! Vivant Advocati! Vivat nostra unio, Et qui illam regunt! Floreat Notariatus! Crescat bene taxae status! Pereant osores! Gaudeamus igitur, Vacui dum sumus! Cras redibimus ad acta, Repertorium et pacta! Quod notamus – lex est! Gaudeamus igitur ...! – Noch lange hallten diese Worte in meinem Geiste nach – und dazwischen war leises Gläserklingen und Stimmengewirr ... Das liebe Gesicht meines Vaters trat mir vor die Augen – und der Rhein blaute herauf, winkte und grüßte; Geisterlaute schwebten durch die ruhigen Lüfte, sie umzitterten mich, als hätten sie mir eine Botschaft zu bringen von dorther, wo die Sterne mit ruhigem Glanze erstrahlten. Ich war seltsam erregt, und als ich zufällig mit der Hand meine Wangen streifte, waren Tränen darüber gefallen. So saß ich lange. – Endlich holperte ein Wagen über das Pflaster, um bald darauf geräuschvoll in die Toreinfahrt des Hauses einzulenken. Doktor Johannes van Melle war von seinem Krankenbesuche zurückgekehrt. Noch lange Zeit hörte ich ihn unter mir auf und niedergehen, bis gegen drei Uhr die Schritte verhallten. Doktor Johannes hatte sich zur Ruhe begeben, um im Schlafe den ersehnten Frieden zu suchen, den er im wachen Zustande nicht finden konnte. – Der junge Morgen fand mich noch am Fenster sitzen. Fahlgraue Lichter hoben sich jenseits des Rheines. In den kleinen Gärten der Nachbarschaft wurden die Vögel lebendig. Die kühle Frische scheuchte mich vom Fenster, und ich schlief bis weit in den Morgen hinein. – Als ich später das Wohnzimmer betrat, konnte ich meinen Freund nur flüchtig begrüßen. Draußen stand das Halbverdeck schon wieder reisefertig; das Pferd wurde angeschirrt, und Doktor Johannes fuhr nochmals zur Alten im Entenbusch. Ich benutzte den mir verbliebenen Rest des Vormittags dazu, verschiedene Örtlichkeiten der Umgegend, die mir noch aus der Jugend- und Ferienzeit her lieb und bekannt waren, wieder aufzusuchen. Es hatte sich vieles verändert; nur der Rhein rauschte herauf wie in früheren Tagen. – Erst gegen Abend kehrte Doktor Johannes zurück. Er war sichtlich bewegt, denn seine Kunst war eitel gewesen. Nach schwerem Ringen hatte die Alte vom Entenbusch die Seele in seinen Armen ausgehaucht. – Nach dem Abendessen saßen wir wieder in dem altmodischen Arbeitszimmer mit den düsteren Möbeln. Das musivische Glasgefäß, das unter dem Pastellbild stand, war inzwischen mit frischen Wasserrosen versehen worden. Kein Licht brannte. Wie gestern, so lichterte auch jetzt der Mond durch die Scheiben. Alle Dinge waren unter seiner Dämmerhelle deutlich erkennbar. Die weißen Hände des Doktors lagen wie aus Marmor gebildet auf der Stuhllehne. Leise wurde an die Tür geklopft. Die dritte Flasche kam – die dritte Flasche Forster-Traminer. – X. Karfreitag Karwochentage! Die Glocken hatten ihre Fahrt nach Rom angetreten. In stiller Nacht waren sie durch die Lüfte geflogen, hatten lautlos die Alpen gequert, um in der heiligen Stadt wahrend der Leidenswoche des Herrn auszuruhen von ihrer schweren Arbeit auf Erden. Stumm, mit herausgeschälter Zunge sah der stattliche Kirchturm auf die Menschen herab, die sich zu den Fastenpredigten des Herrn Paters Bonaventura drängten. Jedes Geräusch war auf der Straße verpönt. Lautlos gingen die Leute ihrem Berufe nach. Kein dröhnendes Hämmern und Klopfen in den Werkstätten: nur mit einer gewissen Scheu setzte der Schreiner den Hobel an, um möglichst unauffällig die Späne zu lösen. Herr Perdje Puhl, dessen subtiles Empfinden hinsichtlich der Karwochenruhe allgemein bekannt war, hatte selbst die schweren Gewichte vom Gangwerk der Turmuhr gelöst, damit auch von dieser Seite jedes störende Pochen und Schlagen vermieden würde. Es geschah alles, um den Totenfrieden zu wahren. Noch gestern das jubilierende: ›Hosianna dem Sohne Davids! Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn!‹ und jetzt: die Präliminarien der Großen Passion, das Vorspiel der Tragödie auf Golgatha, die da schloß mit den Worten: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! und dann: ein krampfhaftes Zucken durchflog den gemarterten Leib. Das dornengekrönte Haupt neigte sich zur Seite, ein schmerzhaftes Lächeln – und des Nazareners Erdenwallen und irdische Sendung waren zu Ende. – In der großen Kirche, wo allabendlich die Missionspredigten stattfanden, hatte das Symbolische der Leidensgeschichte trefflichen Ausdruck gefunden. Alle freudigen Farben mußten der tiefen Trauer weichen. Nur im Hauptschiff und ungefähr dort, wo etliche Steintreppen die Verbindung mit dem Hohen Chore vermittelten, erhob sich das rohgeschnitzte Holzbildnis des gekreuzigten Heilands ohne jede Umhüllung. In grober, derbrealistischer Manier hatte der mittelalterliche Künstler dem Kruzifix Ausdruck und Fassung gegeben. Kreidig hob sich das Lendentuch von der bläulichen Leichenfarbe des Körpers. Von den heiligen Wundmalen und den tiefen Schrunden der Dornenkrone rieselten blutrünstige Streifen, dick, schwertriefend und mit sicherem Pinsel aufgetragen. Die blutigen Rinnsale sickerten über den weißen Schurz, bedeckten die übereinandergeschlagenen Beine, färbten die Fußnägel und verloren sich erst am schwarzangestrichenen Längsscheit. Die schon gebrochenen Augen des Welterlösers stierten zur Decke. Jesus Nazarenus Rex Judaeorum! – und im Anblick dieses Bildstocks, vom Geist und den Qualen des Gekreuzigten umschauert, hielt der junge Benediktiner allabendlich seine Predigt. Stadt und Umgegend standen unter dem Bann des feurigen Kanzelredners. Von allen Seiten strömten die Hörer zu: Katholiken und Andersgläubige, Schwärmer und notorische Freidenker, lauschend, zitternd, zagend und sich beugend unter der Wucht des gesprochenen Wortes. Ein biegsames, volltönendes Organ, das auch die entlegensten Winkel des räumigen Hallenbaues beherrschte, einte sich einer äußeren Erscheinung, die in ihrer faszinierenden Eigenart hinreißen mußte. Das kurzgeschorene Haupt erhob sich frei aus der dunklen Kapuze, dazu die bleiche Stirn, das markante Gesicht mit der geschweiften Nase und den glutenden Augen, die feingebildeten Hände mit dem zartverzweigten Geäder – alles Dinge und Eigenschaften, die nie ihre Wirkung verfehlten und vornehmlich auf die sensitiven Nerven der Frauenwelt einen prickelnden Reiz ausübten, noch verstärkt und gehoben durch die mystischen Ausflüsse des Kirchenraumes, den betäubenden Duft des Weihrauchs und das einschläfernde und müde Knistern der Wachskerzen, deren matte Flämmchen wie liebestrunkene Johanniswürmchen von Empore und Lettner herüberleuchteten. Er war Mensch und Theologe in einer Person. Er griff mit den Worten eines schlichten Mannes ans Herz, so einfach, so überzeugungstreu und rein menschlich, daß kein Auge trocken blieb und verhaltenes Schluchzen die dichtgedrängten Reihen durchlief, und dann wieder schlug er mit dem wuchtigen Hammer der Dogmatik dazwischen, pochte ans Höllentor und zitierte die Schatten der Verdammten, daß die Gläubigen wähnten, ein eiserner Ring würde um ihre Herzen geschmiedet, aus dessen Gefüge kein Entrinnen mehr möglich. – Und sie schlugen die Brust in ihrer Not und Verzweiflung – und Zähneknirschen war in den hölzernen Bänken. Ein geheimnisvoller Sagenkreis umgab die Person Bonaventuras. Man wußte, daß er ein preußischer Husarenoffizier gewesen war, ein schneidiger Reiter, ein Verehrer der Damen, dem keine Hürde zu hoch und kein Graben zu breit gewesen, und der infolge eines unliebsamen Zwischenfalls einen Aristokraten vor die Pistole gefordert und niedergeknallt hatte. Das war alles, aber um dieses wenige kristallisierte sich Mythe an Mythe. Nicht genug, daß er, der frühere Danziger Husar, die tollsten Reiterstücke vollführt, die vollsten Becher geleert und den vornehmsten pommerschen Junker auf fünfzehn Schritt Distanz und so mir nichts dir nichts über den Haufen geworfen – allerlei pikante und gepfefferte Anspielungen machten hierbei die Runde, wurden heimlich ins Ohr geflüstert, um schließlich mit epischer Breite offenkundig verhandelt zu werden. Irgendeine ostelbische Schönheit von unfaßbar vornehmer Abstammung, mit so und so viel Kronenzacken im Wappen, ein Weib mit blendender Grazie und Lebenskraft, aber ebenso vollsaftig und pferdewütig wie er, spielte selbstverständlich die Hauptrolle in dieser verfänglichen Liebes- und Leidenstragödie. Die stillen Dünen der Ostsee und die verschwiegenen Föhrenwälder bei Oliva hatten das Stammeln und Flüstern der beiden gehört; eine weise Frau tat das ihrige hinzu, bis schließlich der Bruder des verlockenden Weibes dahinter kam und der Geschichte ein Ende machte. Dreimaliger Kugelwechsel zwischen den Danziger Föhren, ein dumpfer Aufschrei – und die Affäre war so gut wie beigelegt. Der junge Offizier aber konnte den letzten, glasigen Blick des Gefallenen nicht mehr verwinden. Er vertauschte Pelzmütze und Attila mit dem Kleid der Benediktiner, und an Stelle des Chargenpferdes tummelte er von nun an das schwarze, theologische Rößlein. Natürlich war die blaublütige Schönheit an gebrochenem Herzen gestorben, und ihr Schatten spukte jetzt irgendwo auf einer Familienklitsche herum. Miserere! – Miserere! – Miserere! – aber die Engel jubilierten dem Gefeierten zu, denn er hatte der schönen Sünde den Rücken gekehrt, hatte mit eiserner Selbstzucht der Fleischeslust und der unkeuschen Begierde die Köpfe gespalten, hatte sich der alleinseligmachenden Kirche für Zeit und Ewigkeit in die Arme geworfen und durch Knechtung des eigenen Willens, durch Studium und Entsagung es schließlich zu einem Kirchenlicht gebracht, das mehr bedeutete als die übrigen Lichter allinsgesamt, das je nach Bedarf flimmern konnte wie ein bläulicher Irrwisch, wie ein sanftes Sternchen am Himmel, wie der indifferente Schein der Ewigen Lampe – und dann aufzuflammen vermochte gleich einem Kometen, düster, unheimlich, schrecklich, und dann wieder seine Lohe entfaltete wie blutiges Nordlicht. – Unter stetig wachsendem Zudrang des Publikums hatten bisher die Büßpredigten des Paters Bonaventura stattgefunden, und so war aus den entschwundenen Tagen der Woche Karfreitagabend geworden. – Durch die engen Straßen der kleinen Stadt legten sich bereits die sinkenden Schatten. In ihrer ganzen Länge und Starrheit stiegen die matterhellten Kirchenfenster in das unbestimmte Dunkel der werdenden Nacht hinein. Ein Ungewisses Schummern beherrschte den inneren Kirchenraum, in welchem Perdje Puhl mit einem, an einer langen Stange befestigten Wachsstock geschäftig umherging. Die letzten Kerzen seitwärts des Kruzifixes waren angezündet. Perdje löschte den Wachsstock und erstickte den noch glimmenden Docht mit Daumen und Zeigefinger. Hierauf griff er in die Rocktasche, langte die zinnerne Tabaksdose hervor, schlug auf den Deckel, daß es knallte und das Echo aus den entlegensten Winkeln zurückkam, und warf mit einer grandiosen Pose, nachdem er zuvor den parfümierten Tabak gehörig durchgemengt hatte, eine handliche Prise in die entenschnabelförmige Nase. Gemächlichen Schrittes begab er sich hierauf zur Sakristei. Ungeduldige und verfrühte Kirchengänger, die den Beginn der Predigt nicht erwarten konnten, fanden sich mittlerweile ein und harrten klopfenden Herzens auf das Erscheinen des gefeierten Kanzelredners, denn man versprach sich große Dinge von seinem heutigen Auftreten, zumal es nach den in der Stadt kursierenden Gerüchten nicht ausgeschlossen erschien, daß er seiner Predigt allerlei Aufklärungen über Wundertäterei, magnetische Erscheinungen, über Hellsehen und das Wesen der Stigmatisierten verflechten werde. – Im Schatten einer Säule, mit Schabbeshosen und Jontefrock angetan, erwartete auch Moses Herzlieb den Beginn der Trauerandacht. Nicht etwa, daß dem braven Moses auch nur der blasseste Gedanke gekommen wäre, dem Glauben seiner Väter untreu zu werden, aber der unwiderstehliche Drang, sich an den schönen Worten Bonaventuras zu berauschen, in einem Meer von schönen Gefühlen zu schwimmen und sich gleichsam wonnegrunzend darin herumzusielen, war ihm zur zweiten Natur geworden, wie dem schillernden Schmetterling das Verlangen, seinen Saugrüssel in den Kelch einer duftigen Blume zu tauchen. Und so stand er denn, hehre Gedanken und Gefühle in seinem schuldlosen Busen und unter dem schneeweißen Chemisettchen tragend, eine halbe Stunde zu früh unter dem ragenden Gewölbe des christlichen Tempels und lauerte sehnsüchtig auf das Erscheinen des Benediktiners und die heiligen Dinge, die da kommen sollten. Wie eine heiße Flamme lief es durch die Brust des jüdischen Mannes, der die festgesetzte Zeit der kirchlichen Trauerfeier nicht erwarten konnte – aber erst um acht Uhr sollte die Andacht beginnen. – Karfreitagszauber gingen über die friedlichen Lande; die Seelen der Menschen schauerten in sich zusammen, denn es jährte sich wieder der Tag, von dem der Evangelist also verkündet: Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde. Und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: ›Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!‹ – Und als er dieses gesagt, verschied er. – Die fieberheiße, pochende Stirn gegen die kühlen Scheiben gepreßt, ganz umstrickt von der Hülle dumpfen Verzagens, an sich und seinem klaren Verstande irre werdend, stand Johannes van Melle an diesem Abend am Fenster und sah mit blutendem Herzen auf die Menschen, die schweigend und zu dichten Scharen gedrängt dem Portale der Kirche zuströmten. Was kümmerten ihn die Leute da unten! – Unter dem Druck eines unabwendbaren Verhängnisses stehend, mit selbstquälerischer Lust ließ er die Bilder der letzten Wochen an seinem Geiste vorüberziehen. Nur mit Aufbietung seiner ganzen Willensstärke war es ihm möglich gewesen, gegen das Fieber anzukämpfen, das seit jenem traurigen Tage, seit der Katastrophe unter den Weiden sein Inneres beherrschte und sich anschickte, ihn auf das Krankenlager zu werfen. Wie Kerkerluft wehte es ihn an. Die düstere Tragik seines Geschickes und seiner verzehrenden Liebe, der Umschwung der bestehenden Verhältnisse und die geradezu ungeheuerliche Wandlung im Seelenleben des von ihm noch immer vergötterten Mädchens waren geeignet, ihn an dem Übermaße seines Schmerzes buchstäblich ersticken zu lassen. Wenn sein Vater recht behielte, wenn sich erfüllen sollte, was dieser ihm prophetischen Mundes und mit schneidender Härte entgegengehalten, als sie in herber Aussprache sich gegenüberstanden – es wäre zum Verzweifeln gewesen. Sein Inneres bäumte sich auf bei diesem Gedanken. Fast wörtlich traten die damals gesprochenen Worte vor seine bekümmerte Seele: Ich sehe schon das Ende vor mir. Gelähmt, mit gebrochenen Flügeln wirst Du in meine Arme zurückkehren wollen, wenn es zu spät ist. Ja, so hatte Abraham van Melle, sein Vater, mit dürren Worten gesprochen. Er empfand eine dumpfe Angst vor sich selber, es wurde ihm bange vor der eigenen Phantasie, die mit meisterhafter Bravour die Zukunft düster malte, die alles im Hohlspiegel auffing, verzerrt zurückwarf und bei ihm wildes Grausen erregte. Und wie das hämmerte in seinen Schläfen und pochte und glühte! – Aber war es denn wirklich zu spät für ihn? – Konnte er nicht ein neues Leben beginnen, konnte er nicht lassen von dieser qualvollen Leidenschaft, der zu frönen er sein Bestes hingeben sollte: seine Überzeugung in kirchlicher Hinsicht? – Abfall vom Glauben – und das, um die stetige Liebe eines begehrenden Weibes sein eigen zu nennen! – ein Äquivalent, bei dessen Erwägung sein Blut heftiger strömen und das eigene Schamgefühl ihm einen Schlag ins Gesicht geben mußte. Mit einem dumpfen Aufschrei fuhr er vom Fenster zurück. Der Laune, dem perversen Empfinden eines geliebten Weibes in dieser Hinsicht sich unterzuordnen, wäre schmachvoll gewesen. »Arbeiten, arbeiten,« stöhnte Johannes van Melle, »und Vergessen trinken aus dem Brunnen der Selbstbeherrschung und der Entsagung!« Ja – wenn er nur könnte, wenn es im Bereich des Möglichen läge! – Und wenn das Zurückdenken, das Erinnern nicht wäre! – Aber da stand sie, die Vergangenheit, und rief ihm die Stunden zurück, die er am Herzen dieses herrlichen Mädchens verträumt hatte, und bei diesem Gedanken war es ihm, als würde ihm von zauberischer Hand ein Kranz von Taumelmohn um die Schläfen geflochten. Ha! – wie das blühte und duftete, wie das berauschte und prickelnd seine Nerven umspielte! – Vergessen wollen und nicht vergessen können – entsetzlich! Erregt warf er sich auf einen Sessel und preßte die hämmernde Stirn an die Tischkante. Das tat ihm wohl. Wie eine tiefe Lethargie kam es über seine gemarterten Sinne. Gähnend stierte der Abend, der Karfreitagabend, in die einfache Stube. Nebenan gingen harte Schritte, gleichmäßig und von einschläfernder Monotonie. Es war der Prediger Abraham van Melle, der in seinem Arbeitszimmer auf- und niederschritt. So hatte er es schon viele Abende hindurch getrieben – ohne Ruhe, ohne Aufhören, kalt und bestimmt und mit einer erschreckenden Gleichförmigkeit. Was in der Seele dieses Mannes vorging, in der Seele dieses eisernen Mannes, dessen Kinn wie abgehackt, stumpf und energisch den unteren Teil des Gesichtes abschloß, dessen Wille so ehern fußte wie der Fels Petri, auf dem die Kirche Gottes gebaut steht, konnte nur der richtig ermessen, dem es vergönnt war, in die Nieren dieses starren, glaubensstarken und insichgekehrten Menschen zu schauen. Seit dem letzten Begegnen mit seinem Sohne war dieser gestorben für ihn. »Beuge Dich – oder ...« Und der Sohn beugte sich nicht; er trotzte seinem Vater, obgleich dieser ihm von seinem Standpunkte aus die Verderbnis und Schrecken einer Mischehe mit scharfer Sophistik, unter Heranziehung eines Beispiels aus der eigenen Familie, vor Augen geführt hatte, obgleich er von Marie Verwahnen selber jene vernichtende Abweisung erfahren und aus ihrem eigenen Munde jene Bedingung auf religiösem Gebiet vernommen hatte, deren Erfüllung für ihn im Bereiche des Unmöglichen wurzelte. Nur um diesen Preis konnte und wollte sie die Seine werden und ihm angehören für immer ... Und er? – Seit jenem Tage hatte er gegen die wilde Leidenschaft angekämpft und gerungen mit der Selbstverleugnung und dem verzweifelten Mut eines Mannes, dem die Scholle unter den Füßen wankend geworden, der sich gezwungen sieht, sein ein und alles auf die allerletzte Karte zu setzen. Ein jäher, grausiger Abgrund hatte sich vor ihm aufgetan, aber so, als hätte die Vorsehung in ihrer Allweisheit und Güte diesen gähnenden Abgrund geschaffen, der schroff schwindelnd, unüberbrückbar sich in eine unbestimmte, purpurblaue Tiefe verlor. Ein Überspringen desselben wäre der reinste Wahnsinn gewesen – und trotzdem ... Johannes van Melle griff sich mit einem heiseren Lachen an die pochenden Schläfen. Mit hängendem Kopf, vornübergebeugt und schleppenden Ganges begab er sich wieder ans Fenster, stierte in das wachsende Dunkel da draußen und in die matte Helle, die von der Kirche herüberflämmerte. Da lag ja der Abgrund! – von drüben lockte und wirkte eine magnetische Kraft, eine Willensprojektion, deren magischem Einflusse er sich nicht zu entziehen vermochte. Und da stand sie – das Wunderwesen, seine Heilige mit der Paradiesessehnsucht in der Brust, mit dem Madonnengesicht und trotzdem mit der ganzen Skala der irdischen Liebe im Herzen und angetan mit einem durchsichtigen Kleid, unter welchem man, wenn auch nur angedeutet, ihre seltenen Reize erblickte, gleichsam wie aus dem Spiegel eines klaren Wassers köstlich Gestein und das leuchtende Resedagrün rätselhafter Pflanzen in sanften Konturen herausschimmert. In weichen Linien drängte sich das milchweiße Licht ihrer jungfräulichen Formen aus der leichten Umhüllung, und ihre Augen schwammen in einem feuchten, spiegelnden Glanze. Ein wachsendes Feuer rötete die wachsbleichen Wangen, ihr Atem schwellte die Brust, und ihr, zu einem schmerzlichen Lächeln verzogener Mund konnte sich nicht mehr schließen. Und sie hob die nackten Arme und breitete sie ihm entgegen in heißer Verzückung. Ein fünfter, wundertätiger Windhauch strömte von jenseits des Abgrundes herüber und trug ihm das duftige Aroma zu, das von ihrem Körper ausging, belebend und seine Sinne betörend. Und sie stand inmitten eines dunkelblauen, ruhigen Wassers, abgrundtief – und Blumen stiegen aus der schimmernden Flut, Blumen so tieffarbig wie Lapis lazuli und schuldlos wie die frommen Lilien auf den galiläischen Bergen; über ihr spannte sich ein Himmel von fast flüssiger Klarheit. Er sah nur sie. – Die Erinnerung an das, was sie ihm zugefügt hatte, drang nur undeutlich, schemenhaft in seinen Geist. »Marie, Marie ...!« hauchte er mit fiebernden Lippen. Und von drüben klang es mit vernehmlicher Stimme: »Vielgeliebter, Du hast nach mir verlangt; siehe, ich harre auf Dich; fasse ein Herz und überspringe den Abgrund.« Sie beugte den Kopf zurück und griff mit beiden Händen an ihre Brust – aber eine dunkle Gestalt schwebte aufwärts in langer Gewandung und mit schwarzer Kapuze. Vor diesem Schemen verdorrten die Blumen. Und die dunkle Gestalt trug die Züge des fanatischen Küsters, und von seinem Munde klang es mit dumpfen und gespenstischen Lauten: »Du bist heilig – heilig – heilig ...!« »Ich komme, Marie!« schrie Johannes van Melle. Sehnend breitete er die Arme aus. Er gedachte, den Sprung in die purpurblaue Tiefe zu machen. Er sah noch, daß sie die schönen Augen schloß und schmerzlich lächelnd sich von ihm abwandte – dann verschwand die Geliebte. In Weihrauchwolken, die der betende Küster aus einem geschwungenen Rauchfaß emporsteigen ließ, zerfloß sie. Auch der Weihrauchspender löste sich auf; nur die unheimliche, murmelnde Stimme tönte wie vorhin: »Heilig – heilig – heilig ...!« »Wenn auch die Herzen zusammengehören – die Seelen müssen sich scheiden für immer,« sagte Johannes van Melle und sah auf die Straße. Die letzten Kirchengänger zogen vorüber. Im trüben Laternenschein bemerkte er, wie etliche von ihnen auf das evangelische Pfarrhaus deuteten. Andere blieben stehen und verhandelten leise zusammen. Er fühlte es, daß sie über ihn sprachen. Und jetzt ... Zum ersten Male sah er sie wieder. Da ging sie. Ein jäher, körperlicher Schmerz durchzuckte ihn; in diesem Schmerz erkannte er den völligen Zusammenbruch seines inneren Menschen. Wütend preßte er die vom Fieber durchmarterte Stirn an die kühlenden Scheiben. Von Schauern durchrüttelt verfolgte er die Vorübergehende mit gierigen Blicken. Einer unbekannten Macht, einem unentrinnbaren Zwange anheimgegeben, wie unter dem Einfluß eines dunkeln Kultes stehend, war er hilflos der zwingenden Hypnose des verführerischen Weibes verfallen, das in diesem Augenblick den breiten Lichtschein der flackernden Laterne durchquerte. Schultern und Hinterkopf in die Falten eines schwarzen Tuches gehüllt, Schläfen und Kinn mit weißem Linnen umkleidet, überirdisch und nonnenhaft schien sie vorüberzuschweben. Sie ging zur Kirche. Aus gepreßter Seele stöhnte er auf. Es gab keinen Rückweg mehr für ihn; sein Schicksal war mit jenem Weibe verkettet. Haltlos, in zügelloser Leidenschaft, die ihn immer gieriger umwehte, beachtete er nicht die zerfleischende Tatze, die aus jenem Rausche sich löste. »Marie – Marie ...!« Der Schrei mußte nebenan gehört worden sein. Die Tür öffnete sich, ein heller Lichtbalken fiel in den dunkeln Raum, und mit harten Schritten trat Abraham van Melle ins Zimmer. Sein Gesicht war wie immer kalt, hölzern, gefühllos, und dennoch: lag nicht tief in den Augenhöhlen ein Etwas, das an Mitleid erinnerte – an Mitleid, seinem Sohn, seinem einzigen Kind gegenüber? War das Herz dieses Mannes überhaupt so pedantisch, so ehern und rücksichtslos, wie es den äußeren Anschein hatte? – Unter der Ichsucht eines eisernen Willens, unter der strengen Doktrin des orthodoxen Menschen und Predigers, die gleich isländischen Eis- und Felsenblöcken das Äußere des Insichgekehrten umklammerten, barg sich dennoch das Feuer aufopfernder Vaterliebe, ebenso heiß wie das Feuer auf Island; und wenn es die starre Schale durchbrach, wenn es auflodern konnte ... Selten geschah es. Die Fels- und Eisblöcke waren wie Granit – und heute hatte die Glut nicht die Kraft, wollte sie nicht haben, siegreich an das Licht des Tages zu dringen. Nur ein mattes Flackern deutete an, was Abraham van Melle bewegte. Schwer legte sich die Predigerhand auf die Schulter des Sohnes. »Ich komme noch einmal wieder,« sagte er im rauhen Tone. »Willst Du dem verhängnisvollen Dämon entsagen, willst Du lassen von dieser Gauklerin, die Gott und ihrer eigenen Kirche Gewalt antut und ihre blöden Mitmenschen am Narrenseile hinter sich herschleppt – willst Du wieder Deiner Pflicht, Deinem Studium leben und Deinem Vater gehorchen und ihm zugetan sein, auf daß es Dir wohlergehe auf dieser Erde? – Noch liegt die Welt vor Dir; betätige Dich in ihr, reiße das Bild aus Deinem Herzen, das Dich irreleitet und schließlich Dein Verderben herbeiführt. – Willst Du – willst Du, mein Sohn? – Ich glaube, wir stehen heute zum letztenmal uns gegenüber, wenn Du verharren solltest in Deiner sündigen Liebe. – Johannes ...!« Mit der Rechten umklammerte er das Handgelenk des sprachlos vor ihm Stehenden: »Du hast ja dieses Weib nicht gekannt und wirst es nie kennen lernen ...« »Was?!« Glasige Augen starrten ihn an. War das sein Sohn – oder hatte das Fieber, der Irrsinn ...? »Johannes ...!« Milde vibrierte die Stimme des Vaters: »Du bist krank; Du hast nicht nur einen Seelsorger, sondern auch einen Arzt vonnöten.« Kraftlos brach der Studiosus auf einem Lehnstuhl zusammen. Abraham van Melle klingelte. Die Haushälterin kam. »Trage Sorge um ihn,« sagte der Prediger, »ich gehe zu Barthes Terwelp.« Mit großen Schritten, das Gesicht äschern und die Hände in nervöser Erregung, verließ er das Zimmer. XI. Herr, erbarme Dich meiner! »Heb' das Auge, das Gemüte, Sünder, zu dem Berge hin; Schau' die Qualen, schau' die Güte, Schau', ob ich dein Heiland bin.« Der Gesang verstummte. Ohne Orgelbegleitung hatte die andächtige Gemeinde gesungen. Ans Herz greifend und die Sinne eigenartig berührend, waren die dumpfen Klänge des einleitenden Fastenliedes durch die dreigeteilte Halle der gotischen Kirche gezogen. Leise verlor sich die Klageweise zwischen den Pfeilerbündeln des Hohen Chores. Von brennenden Kerzen auf hohen Metalleuchtern flankiert, sah der blutrünstige Kruzifixus über die vielhundertköpfige Menge, die betend in den Bänken kniete oder auf den kalten Steinfliesen am Boden kauerte. Nur ab und zu ein verhaltenes Hüsteln, ein Knittern der gewendeten Gebetbuchblätter – sonst tiefe, beängstigende Stille. In bestimmten Intervallen tropfte das flüssige Wachs auf die Messingschalen. Eine dunstige Helle ging von dem Lichtmeer aus, das jenseits des Lettners das ›Heilige Grab‹ umleuchtete, in welchem der Leichnam des Herrn, ein aus Eichenholz geschnitztes und mit weißer Kalktünche bekrustetes Bildnis, aufgebahrt lag und in seinem naiven Pomp die Gemüter erschütterte. Stocksteif, mit einer Art von Soutane umkleidet, stand Perdje Puhl am heiligen Grab und blickte unverwandt auf den Eingang der Sakristei, der in das nördlich gelegene Seitenschiff der Kirche einmündete. In der linken Hand trug er eine hölzerne Klapper. Jetzt gab er den zunächst Sitzenden ein überaus herablassendes Zeichen, zupfte mit Daumen und Zeigefinger an der Unterlippe, streckte sie gummiartig vor, ließ die wimperlosen Augendeckel herabfallen und begann Wort und Weise des zweiten Liedes mit fulminanter Stentorstimme anzuschlagen. Die Gemeinde fiel ein, und ergreifend lief es vom Hohen Chor zum Turmeingang, vom Nord- zum Südportal in anschwellenden Tönen: » Stabat mater dolorosa Juxta crucem lacrimosa, Dum pendebat filius. Cujus animam gementem, Contristatam et dolentem Pertransivit gladius. « Pergoleses Meisterwerk rüttelte und schüttelte die Herzen, machte Stimmung und Weihe und ließ auch die Nacken der Andersgläubigen tiefer sich beugen. Auf dem Baß der Altmännerleute schwammen die Weiberstimmen wie flimmernde Lichtpunkte, und über das alles flatterten die aus tiefster Brust und in seraphischer Stimmung herausgeholten Klagetöne des Schwesternpaares Käschen wie schwarze Trauerbänder dahin. Die frommen Hände auf die spärlichen Busenfragmente gedrückt, verzückt ihre Reliquien betrachtend, sich auf Pergoleses Meistertönen gen Himmel singend, knieten sie dicht hinter Marie Verwahnen, die nicht weit von der Kanzel neben einem brennenden Wachsstock Platz genommen hatte. »Ouis est homo, qui non fleret, Christi matrem si videret, In tanto supplicio ...« Knarrend hallte die von Perdje Puhl gedrehte Schnarre dazwischen. Ein fühlbarer Ruck ging durch die Versammlung bis in die hintersten Bänke, denn jetzt nahte der Ersehnte, der Gefeierte, der Mann des sieghaften Wortes von der Sakristei her. Die schönen Hände in den weiten Kuttenärmeln vergraben, mit freier Stirn, auf der die durch ernste Selbsterziehung gewonnene Charakterstärke sich widerspiegelte, ein Mann mit weltmännischen Manieren in jeder Bewegung, bestieg Pater Bonaventura die Kanzel. Unter den Klängen der zweiten und der folgenden Strophen kniete er nieder und betete lange. Immer inbrünstiger, verlangender, packender drangen die Mysterien des frommen Liedes von den Lippen der Gläubigen. Kerzenlicht, Dämmerungen, Schlagschatten und der ragende Kruzifixus ... und dann: »Quando corpus morietur, Fac ut animac donetur Paradisi gloria« Eine unnennbare Inbrunst wohnte in diesem Gesange. Töne waren's, unter deren Allgewalt das Trauerspiel auf dem Kalvarienberg lebhaft vor die Sinne trat, Klänge, die man nie mehr vergessen konnte im Leben. Zum Erlöser schreiend, sich aus dem irdischen Tale der Tränen sehnend, stiegen sie aufwärts, um melancholisch am Kreuzgewölbe zu ersterben. Das Lied verzitterte, verwehte – aber auf der Kanzel erhob sich Pater Bonaventura. In der weißen Kutte mit dem dunkelfarbigen Oberkleid, die durchgeistigten Hände auf die Kanzelbrüstung gelegt, den schlanken Oberkörper ein wenig rückwärts gebeugt, den ausdrucksvollen Schwärmerkopf mit dem kastanienbraunen Haar und der großen Tonsur zur Seite geneigt, ließ er die Blicke mit einem feinen Lächeln über die Schar der Andächtigen schweifen. Sehnende Augen, verklärt und tiefgründend...! – und auf Marie Vermahnen blieben sie haften, als hätten sie an diese eine stumme Frage zu richten. Und diese Augen...! – Marie Verwahnen mußte sie fühlen. Ihre Brust hob und senkte sich wie unter dem Einflusse einer auf sie eindringenden höheren Gewalt. Die Hände ineinander verschlungen, das schmale Gesicht von der weißen Hülle umzirkt, in dem schmalen Gesicht dunkle Schattenringe, in dessen Tiefen die Augäpfel sich maßlos vergrößerten, versuchte sie die diabolischen Lockungen niederzukämpfen, die in verführerischer Gestalt sich ihres Geistes bemächtigt hatten. Was wollte der Satan...?! – Ihre Gedanken jagten sich in hastiger Flucht. »Großer Gott, heiliger Gott – rette mich vor mir selbst!« Unter ängstlichem Murmeln sah sie ins Leere. Da schlugen ihr die ersten Laute Bonaventuras ans Ohr. Er las das Evangelium vom Leiden und Tod des Erlösers, und diese Laute kamen ihr vor wie das Klingen von Harfensaiten, mit denen der Wind spielt. Und dieser Wind nahm an Stetigkeit und Heftigkeit zu, bis er schließlich zum Sturm wurde, um alsdann wieder allgemach in sich zusammenzufallen. Der Benediktiner legte das Evangelium auf die Kanzelbrüstung. Mit einer raschen Handfertigkeit schlug er die Ärmel des weiten Obergewandes zurück: »Kommet her und sehet die Stätte!« Und wie in einer Zauberlaterne zog es an der frommen Menge vorüber. Jeruschalaim! – und hier der Berg des Bösen Rates, der Berg des Ärgernisses, und weiter gen Osten, von Olivenhainen bedeckt und dreifach gekuppt – Golgatha. Und die Palmen von Josaphat wehten herüber, und auf dem höchsten Geklüft, das die Schlucht des Kidrons einengte, saß Satanas und spannte die Fledermausflügel. Die Sonne hatte ihre Mittagshöhe erreicht – aber die Fledermausflügel spannten von Osten nach Westen, und sie beschatteten, was jenseits des Toten Meeres lag bis über das Pisgagebirge hinaus, und sie bedeckten den felsigen Landstrich zwischen Jeruschalaim und Joppe, und sie legten sich schwer auf die purpurblauen Wogen des Mittelländischen Meeres. Und da solches geschah, zogen Dämmerungen über die Erde und über den Himmel, und das Dunkel wuchs mit großer Schnelligkeit und hüllte die heilige Stadt ein und die Berge des Bösen Rates und des Ärgernisses; es kroch im Geklüft aufwärts, wo Satanas saß, und umhüllte auch ihn. Nur seine Augen leuchteten gleich feurigen Kohlen durch die Nacht. Und tief in ihnen lag ein bläulich-grünlicher Schein. Der stierte unverwandt gen Golgatha. Jenseits des Berges dehnte sich ein langgezogener Lichtbalken, eingefaßt von schieferblauen Schattenmassen, die wie aufgeklebt am Firmament hafteten; das Licht aber hatte eine sandige Färbung, die an den Ton von Gewitterwolken erinnerte, wenn Hagel darin sitzt. Die dunkelblauen Schattenrisse dreier Kreuze ruhten auf der sandfarbigen Helle. Alle Einzelheiten waren deutlich erkennbar. Das mittlere Kreuz maß etliche Schuhe höher denn die übrigen. An seinem Längsscheit war eine Tafel befestigt – und an diesem Kreuze hing sterbend der Nazarener. Eine Aureole umbüschelte sein Haupt. Es war der einzige milde und versöhnende Schein in der Finsternis. Und Satanas sah nach dem Nazarener hinüber. Er wollte den Menschensohn sterben sehen und sich weiden an seinen Qualen. Das sollte ein hoher Genuß für ihn sein, denn er wußte, daß mit dem Tode des Erlösers ein Teil seiner großen Macht auf Erden dahin sei. Und darum haßte ihn Satan – und darum freute er sich auf das kommende Sterben. Und von Golgatha kam ein dumpfes Geschrei: »Sei gegrüßt, König der Juden!«, dem eine Stimme folgte, die da lautete: »Herr, gedenke meiner, wenn Du in Dein Reich kommst.« Und die dritte Stunde verfloß, und wieder klang es durch die grausige Stille: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!« Da flog ein höllisches Grinsen über das Gesicht des Gespenstes mit den Fledermausflügeln. Ein Zittern und Bersten lief durch die Kidronfelsen. Die Palmen von Josaphat rauschten dumpf herauf wie Wasser der Meerflut. Und wieder die atemlose Stille von eben. Der stille Hügel, auf dem die Kreuze standen, hörte das Herz des Sterbenden klopfen. Sein Atem trat in die letzten Züge ein. »Es ist vollbracht!« Das Herz des Nazareners hatte aufgehört zu schlagen. Mitdem hallte ein betäubendes, gellendes Gelächter über die steinige Landschaft. Es war ein scheußliches Freudengelächter; das bleierne Wasser des Toten Meeres mußte es hören. Der zackige Sitz auf dem Felsblock der Kidronsschlucht war leer – und die Sonne stand wieder am Himmel. – Und Bonaventura reckte sich auf; sein Antlitz war unter der Beschwörung der Großen Passion schier überirdisch geworden. Darin leuchtete es auf wie ein heiliges Feuer, durchzuckt von einer ergreifenden Wehmut, die die Mundwinkel schmerzlich herabzog. »Und Satanas hatte gelacht ...!« Mit pochenden Schläfen stieß Bonaventura die letzten Worte über die lautlose Menge; dann schloß er die Augen. »Und Satanas hatte gelacht ...!« Wie eine Posaune kam es daher, doppelt ergreifend und wirksam durch die Art und Weise, wie Bonaventura es brachte. Unter Schauerkrämpfen ließ Marie Verwahnen ihre kalte Stirn auf die Holzbank sinken. Ihre Knie zitterten; ihre Fingerspitzen krümmten sich ein. Eine unstillbare Sehnsucht drang trotz der Leidensgeschichte des Herrn, trotz allen Bangens bis an die Pforte des Paradieses. Und dort in der goldenen Pforte erhob sich ein seraphisches Bildnis mit mächtigen Flügeln. Und dieses Bildnis stand wie ehern in dem flammenden Eingang. Seine Haare waren gelockt, die Augen glänzten in himmlischer Glut, und durch den unendlichen Raum drangen die Harmonien seliger Stimmen. Das Bildnis aber trug die schönen Züge Bonaventuras ... Marie schreckte auf und stierte zur Kanzel. Da stand er mit heiligen Zügen, stark, groß, frei; so hatte sie ihn noch niemals gesehen. »Und Satanas lachte,« fuhr der Mönch mit gedämpfter Stimme fort, »und sein Gelächter tönt auch heut so scheußlich, so herausfordernd und furchtbar wie an jenem Tage, da der Welterlöser das Haupt neigte und Leib und Seele sich schieden. Es dringt in die verborgensten Winkel, es gellt hinein in die verschwiegensten Stuben, es ist dort, wo der Schnaps die Gesichter dunsig macht und die Morgensonne dem auf den Tisch geknallten Coeurkönig ins Gesicht lacht. Es überhallt die heimliche Sünde und wiehert vor Freude in die Liebesidylle hinein, wenn zwei auf verbotenen Pfaden sich finden und das Mondlicht seine verführerischen Netze wie ein pfiffiger und kundiger Teich- und Reusenmeister auswirft. Und die zappelnden Fischlein verfallen den engen Maschen, denn der feurige Liebesstern betört ihre Sinne – und der brünstige Nachtmar treibt sie hinein. Und das Gelächter, das teuflische Lachen, das die göttliche Vorsehung gewissermaßen als Warnung bestehen läßt ...?! – Die es hören sollen, hören es nicht! – Geliebte im Herrn! – Ich bin ein Mensch und denke menschlich von den menschlichen Schwächen – und wehe dem, der es wagen sollte, den ersten Stein gegen die von der Sünde Umgarnten zu heben! – Noch leben sie, noch strecken sie sich nicht in dem letzten Hemd, noch ist keine Grube für sie aufgeworfen, und so lange sie leben, ist auch für sie der Kreuzesstamm auf dem Kalvarienberge errichtet, das Kreuz der Erlösung.« Settchen Käschen schlug sich bei diesen Worten an den kindlichen Busen, während Nettchen in dem Überwallen ihrer Gefühle die Kapsel mit der Reliquienpartikel an die betenden Lippen drückte. Moses Herzlieb äugelte scheu um die Pfeilerecke und zwirbelte verlegen seine seidene Schirmmütze in den Händen herum. Er war sich keiner Sünde bewußt, wenn er von dem sich ab und zu genehmigten süßen Schnäpschen absah. Noch einmal hielt er eine umfassende Heerschau über sein vergangenes Leben. Er hatte keinen falschen Wechsel gezogen, nicht mit zu kurzer und unrichtig gekerbter Elle gemessen und keine Pleite gefingert, aus deren Aermelfalte das verschmitzte Gesicht eines kleinen Profitchens heraussah, und was das wichtigste war: hinsichtlich der fleischlichen Sünden und der ehelichen Treue hatte er sich keine Vorwürfe zu machen, selbst da nicht, als ihm die schöne Rosalie Pinkus, verwitwete Lessmann, verfängliche Blicke zugeworfen hatte. Ja – Giddel, seine brave Frau Giddel konnte in dieser Hinsicht mit ihm zufrieden sein. Es stand gut im Kontobuch seiner Seele. ›David und Kredo‹ stimmten aufs Haar – aber, aber! – als der redegewaltige Benediktiner in so schaurigen Farben malte, verborgene und offenkundige Laster und Leidenschaften schonungslos an den Pranger stellte, da war es ihm doch zumute, als wenn da zuweilen ein kleines, unerforschtes, übersehenes, naseweises Dezimalsündchen ans Licht des Tages wollte, ein Purzelbäumchen schlüge und mit feinem, aber eindringlichem Fistelstimmchen in die Worte ausbräche: »Hier bin ich, Herr Moses!« »Wehe dem, der es wagen sollte, den ersten Stein zu heben, um ihn auf die sündige Mitwelt zu schleudern,« fuhr Bonaventura mit erhobener Stimme fort, »denn gerade für sie steht das Kreuz auf dem Kalvarienberge, und gerade für sie geschehen noch heute Zeichen und Wunder. Noch hat das große Werk der Erlösung keine bleibende Stätte auf Erden gefunden, Lauheit und Dünkelsucht schießen in Ähren und tragen hundertfältige Ernte, und der Engel des Herrn steht von ferne und verhüllt sich weinend das Antlitz. – Hört, wie Satanas lacht! und dieses Gelächter übertäubt die Worte des Priesters, den Mahnruf der Glocken und das herzzerreißende Wort des göttlichen Dulders: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« »Erbarmen, Erbarmen!« hauchte die Wachsmarie; ihr Oberkörper sank bis auf die Fersen herab. »Um dem Einhalt zu tun,« erklang es von neuem, »um die Lauen zu stärken, die Schwachen im Geiste zu trösten, sind Wunder und Zeichen vonnöten. Wehe, dreimal wehe uns allen, wenn wir dieser Wunder und Zeichen nicht achten! – Höret und misset: die Weltlust, und hierdurch die Verderbnis der Sinne, hat das Weib in dieses Tal der Tränen gebracht – und darum dreimal wehe dem Weibe!« Nettchen und Settchen Käschen knickten zusammen wie gebrochene Lilien. Also auch in ihren Herzen hatte die Weltlust ihre verderblichen Wurzeln geschlagen. Mit beiden Händen griffen sie in die Gegend, wo sie das Unkraut vermuteten, und sie sahen im Geiste, wie der höllische Buhle um sie hofierte, wie er liebreich auf sie einsprach und sie schließlich mit glühendem Zweizack, unter Geigengejohle und Bratschenklängen der brennenden Pforte entgegenschleppte. »Herr, sei mir Sünder gnädig!« Die geknickten Höllenbräute wagten nicht mehr aufzublicken. Sie vermieden jedes fremde Auge, denn sie glaubten, ihre eigene Schande widergespiegelt zu finden. »Herr, erbarme Dich unser!« Und wieder begann der junge Benediktiner. Aber seine Stimme klang mild: seine Mienen waren geglättet und ruhig wie ein klares Wasser, in welches der Mond sieht. »Ich sagte,« erklang es von der Kanzel, »das Weib ist die Trägerin der Weltlust, und dennoch – und darin erkennet die Allbarmherzigkeit des ewigen Gottes – es ist ein gefügiges Werkzeug des Himmels und ein vom göttlichen Dulder ausgewähltes Gefäß seines Willens. Er bedient sich des Weibes, um die Geschehnisse auf Golgatha symbolisch wiederzugeben, auf daß die Erinnerung daran niemals erlösche und hierdurch die Wankelmütigen sich festen und die Freidenker gläubig werden durch den Anblick eines begnadeten Weibes, durch das Hören und Sagen von ihm – durch Zeichen und Wunder!« Die Blicke aller wendeten sich in diesem Augenblick instinktiv auf Marie Verwahnen. Sie fühlte das, aber an Stelle des Unruhigen, das alle Zuhörer beherrschte, kam eine abgeklärte Stimmung über sie, süß, berauschend und einlullend. Sie hörte nur ihn, sie sah nur ihn, und sie schwelgte in den geheimnisvollen Lauten, die jetzt allbezwingend an ihr Ohr schlugen: »Wendet die Blicke, Geliebte im Herrn, und folget mir in das begnadete Land, wo die Schmelzhütten stehen und die Hochöfen durch ihren Rauch den Himmel verfinstern – nicht hierdurch begnadet, aber begnadet durch jenes liebliche Wesen, das der Himmel gezeichnet. Eines schlichten Mannes Tochter, von einem schlichten Weibe geboren, hatte der Herr sie auf das Lager geworfen, ihre Züge verklärt und ihren Geist geläutert von den irdischen Schlacken und ihn ähnlich gemacht dem Geist himmlischer Wesen. Mitten in der Stube war das Bett errichtet: tännern Holz mit Stroh gefüllt, aber sauber mit weißen Kissen und weißen Decken gespreitet – und auf diesem schlichten Lager: Luise Lateau. Am Kopfende stand eine Lilie, schuldlos, rein und weiß, der blendenden Wolle des Lammes ähnlich. Das war der einzige Schmuck, der sich den Blicken des Eintretenden darbot. Der höchste Schmuck ruhte in ihr selber, denn sie hatte die Kraft, Leib und Seele voneinander zu trennen. Und geschah es, dann lag ihr Körper starr, empfindungslos, während der Geist die wunderbarsten Gesichte hatte, nach fremden Weltteilen hinüberschwebte, Sonne, Mond und Sterne besuchte, mit Verstorbenen Zwiegespräche hielt, die Leidenden im Fegefeuer tröstete, in die graue Vergangenheit hinabtauchte und die Geschehnisse der dunkeln Zukunft voraussah.« Immer verzehrender, himmlischer, verheißender, immer mehr sich im Mystischen verlierend und die Gemüter mit sich fortreißend, tönte es vom Munde des Sprechers. Wie von einer starken Hand gepackt, von zwingenden Armen umschlossen, aus denen es kein Fortkommen und Sichlosreißen mehr gab, fühlte sich die Wachsmarie in das Reich des Uebersinnlichen getragen. Alles Menschliche streifte sie ab; sie glaubte ihren Körper in einen Astralleib verwandelt, der, jeder Schwere Hohn sprechend, sich hob und den Sternen näher rückte. Ahnungsvolle Träume, Divinationen beherrschten ihren Geist, sie gab sich keine Rechenschaft mehr von dem, was irdisch, was überirdisch war; ihr seelischer Zustand bildete sich seine eigene Welt, in der eine andere, hellere Sonne strahlte als die, die alljährlich das erbärmliche Leben auf dieser Erde wachrief, wenn die Winterstürme vergingen – und diese Sonne, dieses heilige Licht ... Die Stimme Bonaventuras weckte sie aus dieser Vertiefung der Sinne. Und wieder begann er: »Und fromme Kirchenfahnen wehten vor dem Hause der Luise Lateau, über dessen Lehmwände das verfallene Dach wie ein gelähmtes Augenlid hing. Gesunde und Kranke, Kleriker und Laien knieten nieder und küßten mit Inbrunst die heilige Schwelle, hinter welcher die Gottbegnadete ruhte und ihre Verbindung mit der anderen Welt aufrecht erhielt, wo Zeichen und Wunder geschahen und sich die Wundmale des gekreuzigten Dulders erneuten, den gläubigen Herzen zur Erbauung, den Sündern zur Einkehr. Beuget die Knie, denn diese Stätte ist heilig! – Gläubig stand auch ich auf den rohen Binsen in dem öden Gemach. Friede und Weihe! – Es war in der Karwoche und an demselben Tage wie heute; der Frühling ging über Land, gerade wie heute – und da ruhte sie auf dem einfachen Lager, schon halb hinübergegangen, schon halb eine Selige. Die Decken waren zurückgeschlagen, die weiße Leinenbinde war ihr von den Schläfen genommen, prophetische Worte gingen ihr von den starren Lippen. Und siehe, siehe: rote Tropfen rieselten ihr von der wächsernen Stirne – und diese Tropfen waren Blut, als hätte dort die grimmige Dornenkrone gelegen; schwere Tropfen sickerten aus den Händen und Füßen, als hätten dort die Eisennägel gehaftet – und diese Tropfen waren Blut; starre Tropfen standen an der linken Seite der Brust und fielen rot auf das weiße Linnen des Bettes – und diese Tropfen waren Blut und entquollen genau derselben Stelle, wo der römische Knecht dem Heiland den Speer in die Seite gebohrt hatte. Sehet die Dulderin und beuget die Knie, denn also erneute sich die furchtbare Stunde auf der Schädelstätte, im Angesichte von Jeruschalaim!« Bonaventura beugte sich rückwärts. Ueber das schöne Haupt des Benediktiners huschte es wie von himmlischen Lichtern. Kein Auge blieb trocken. Ein leises Schluchzen ging durch den weiten Kirchenraum. Marie glich einer Sterbenden. Mit beiden Händen die Lehne der Holzbank umklammernd, auf die Fersen zurückgesunken, zog ein magnetisches Zucken durch ihren Körper. Wie von hundert Nadeln berührt, die langsam tiefer und tiefer sich bohrten, legte sich ein empfindlicher Schmerz um ihre Kopfhaut. Eine kalte Feuchtigkeit netzte ihre Schläfen und Stirne. Dasselbe Gefühl, dasselbe nadelartige Eindringen machte sich unter der linken Brust bemerkbar, brannte durch ihre Füße und nagte in den feinen Nervenbündeln der inneren Handflächen. Bis in die Fingerspitzen hinein erstreckte sich dieses wundersame Empfinden. Es wurde stärker und stärker, bis es schließlich den Zustand des Krampfartigen erreichte. Klopflaute taten sich in ihrer Nähe auf, wie auf weichen Socken kam es gegangen, vor ihren erregten Blicken standen etliche, die sich an einer Dornenkrone zu schaffen machten, andere hielten Nägel und Hammer bereit – und dort, von den übrigen gesondert, saß ein römischer Soldat, der die Schärfe einer Lanzenspitze mit prüfendem Finger feststellte. Und Palmen rauschten herauf, dumpf und so eigenartig wie die schwermütige Klage eines Föhrenwaldes, wenn der Nachthimmel darüber liegt, aber schmerzlicher, mehr die Seele ergreifend und tiefer. Und ein schöner Mönch stand am Fuße des Kalvarienberges; mit der weißen Hand deutete er auf das Kreuz, an dem der Nazarener das Werk der Erlösung vollbrachte. Und die Stimme des Mönches überhallte die Berge des Bösen Rates und des Ärgernisses, und bei ihm war eine sterbenskranke Gestalt, die ihre Wundmale offen zeigte: Luise Lateau ...! »Und ich sah sie,« rief Bonaventura, »ich beugte mich – ich bemerkte das Paradies in den Augen des gottbegnadeten Weibes! – Selig, selig sind alle, die also vom Herrn gezeichnet sind, auf daß Zerknirschung und Buße durch den Anblick der Wundmale entstehe und die Sünde hinweggenommen werde von der strauchelnden Menschheit durch Jesum Christum unsern Herrn, der da kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten!« »Selig ...! – Selig ...! – Herr, erbarme Dich meiner!« Marie Verwahnen taumelte und wankte. Und wieder der bohrende, zuckende, intensive Schmerz in den Handflächen – an den Füßen – unter der linken Brust ... und wie brannten die Schläfen! »Begnadet wie jene?! – Begnadet wie Luise Lateau?! – Bonaventura ...!« Alles vergeht vor ihren Blicken, vor ihrer Ekstase: das Flammen der Kerzen, der blutrünstige Kruzifixus auf hohem Lettner, ihre irdische Liebe – alles, alles! – Nacht um sie – und nur in dem nächtigen Chaos ein schwacher Lichtschein, der größer wird und sich immer mehr ausreift, und mitten darin: das durchgeistigte, bleiche Antlitz Bonaventuras, der herrliche Schwärmerkopf mit den flammenden Augen. War es die himmlische Liebe allein, die sie durchzuckte, betörte, vergewaltigte, oder – Bonaventura ...?! Sie hörte nicht mehr, wie er mit weicher Stimme den Segen spendete, sie sah nicht mehr, wie er mit einem groben Tüchlein Mund und Schläfen betupfte und dann innig lächelnd die Kanzel verließ. Sie kniete noch an derselben Stelle, als die Leute die Kirche bereits verlassen hatten. Sie konnte es nicht fassen, daß schon alles vorbei sei, daß rechts und links von ihr keine Menschen mehr saßen. Mit Erstaunen bemerkte sie, daß der Küster alle Kerzen gelöscht hatte und außer der Ewigen Lampe, die dunstig vom Hohen Chore herüberflimmerte, nur noch ihr eigener Wachsstock brannte. Sie konnte sich in dem greifbaren Dunkel des weiten Raumes kaum zurechtfinden, bis Perdje Puhl kam und ihr die leisen Worte zuraunte: »Für heute ist alles zu Ende. Es ist Zeit für Dich, daß Du nach Hause gehst.« Da löschte sie das tiefgebrannte Licht, zog das schwarze Tuch enger um die Schultern und verließ vereinsamt die Kirche. Die Straßen waren menschenleer. Viele Sterne waren am Himmel aufgetan; die lichte Milchstraße legte sich quer über die Stadt hin. Ab und zu schossen glühe Punkte vorüber, die einen hellen, rasch zergehenden Schweif nachzogen. Jedesmal, wenn sie verstiebten, wurde eine arme Seele aus dem Fegefeuer erlöst. – Zögernden Ganges umschritt sie die Kirche. Zur Rechten lag das Haus des evangelischen Pfarrers. Alle Fenster hatten die Augen zugemacht, nur die Scheiben des Eckfensters, hinter denen die weißen, frostigen Gardinen hingen und die steifen Geranienstöcke standen, blinkten noch unter dem Einfluß einer Lampe mit grünem Schirm. Neben diesem erleuchteten Fenster befand sich die Stube, die Johannes van Melle schon während seiner Knabenjahre benutzt hatte und auch jetzt wieder bewohnte. Achtlos schritt sie vorüber. Auch die Schwelle ihres eigenen Hauses, das sich ängstlich an die Nachbarhäuser drückte, vermied sie. Sie ging zum katholischen Pfarrhaus, dessen Garten sich bis an die feuchten Wiesen erstreckte. Darüber hinaus erhob sich ein kaum wahrnehmbares Blitzen, als wenn die Frühlingsnacht verschlafen mit den Augen zwinkerte; in den noch kahlen Ästen der Bäume säuselte es mit flüsternden Lauten. Von den Weiden her kamen die bekannten Nachtlaute: das ängstliche »Kiwit!« eines ausgeflogenen Kiebitzes und der markante Ruf der Wiesenralle, ein Locken und Werben, als würde mit einem harten Holzstäbchen über die Metallzähne eines Weberkammes gefahren. In dem katholischen Pastorat war Licht. Dort hatte der Benediktiner Unterkunft gefunden. Die Zweige der Lindenbäume legten ihre scharfumrissenen, beweglichen Schatten auf die weiße Fläche des herabgelassenen Vorhanges. In der aus dem Fenster strahlenden Helle bemerkte sie, daß bereits die roten Triebe der Pfingstrosen aus den Rabatten des Pastorengartens hervordrangen. Üppig und strotzend wuchsen sie unter der Kraft der schaffenden Wärme. In den Stachelbeersträuchern flimmerten die Knospenspitzen wie grüne Glassplitter. Alles atmete Leben und Freude am Leben – und sie?! Ein hoher Schatten bewegte sich hinter dem Vorhang. Ruhlos ging er auf und nieder. Der charakteristische Faltenwurf des Benediktinerkleides war deutlich erkennbar. Sie stierte darauf. Es war ihr, als würde sie zu ihm hingerissen, als müßte sie ihn mit ihren Armen umfangen. Sie fühlte, daß ihr Widerstand erschlaffte, müde wurde. Eine innere, begehrliche Stimme redete ihr zu. Sie hatte die beklemmende Angst eines Menschen, der willenlos in die Sünde hinein will: »Bonaventura ...!« Wieder zuckte ihr Körper unter den rätselhaften Nadelstichen. Sie fühlte die Schmerzen am Kopf, an den Füßen, in den Handflächen und dort, wo ihr Herz fieberhaft klopfte. Da erfaßte sie ein geheimes Grauen. Sie bangte vor ihrem eigenen Schatten. »Begnadet wie jene ...?! – Herr, erbarme Dich meiner!« Nicht mehr rückwärts schauend, gewaltsam sich von der Stelle reißend, eilte sie mit bebenden Gliedern ihrem Hause zu. Auf den Wiesen stiegen die Nebelschwaden. Immer lauter wurden die nächtigen Stimmen, und deutlich hallte der Lockruf, die harte Schnarre der Wiesenralle herüber. XII. Und der Todesengel stand bei ihm Der Wind ging – der Wind wehte ...! – Die Köpfe der Weidenpfosten, die als markante Punkte die Grenzen des Wiesengeländes begleiteten und meistens die schmalen Wassergräben entlang liefen, schwammen auf einer Schicht hin und her sich bewegenden Nebels, dessen feines Gebilde vom Mondlicht am Boden gehalten wurde. Es erinnerte an ein leise wogendes, gespenstisches Meer, über dem der nächtige Himmel in unendlicher Klarheit ruhte. Der Wind ging – der Wind wehte ...! – Die Einsamkeit legte ihre Hand auf die dampfenden Schollen. Da ward es still, ganz still, nur die Wasserblasen stiegen in den nahen Kolken auf und zerplatzten gurgelnd an der Oberfläche. – Im Nebel tauchte der Oberkörper eines Menschen auf. – – – Abraham van Melle war schon längst von Doktor Barthes Terwelp zurückgekehrt. Er hatte ihn nicht zu Hause gefunden. Als er hierauf bekümmert über seine eigene Schwelle trat und die Haushälterin nach seinem Sohne fragte, zuckte diese mit den Schultern und wies auf die Straße. Da wußte der Prediger genug, begab sich in sein Arbeitszimmer und legte die Hände zusammen. So saß er lange. Der schmale Kopf der Haushälterin schob sich nach einiger Zeit zwischen die Spalte der kaum geöffneten Tür. »Domine,« sagte sie mit scheuer Betonung, »soll ich bei den Webersleuten ...?« Abraham van Melle machte eine abwehrende Handbewegung. Ein stumpfes Lächeln belebte seine Züge, die Mundwinkel zogen sich tiefer, als ob er weinen wollte. Aber er schluckte die Tränen mit einer krampfhaften Bewegung herunter. Die Hände schlossen sich fester zusammen, und die eckigen Züge lagen wieder so hölzern in dem harten Gesicht, wie sie es gewöhnlich taten. »Gute Nacht, Domine.« Die Tür schloß sich geräuschlos, und Abraham van Melle war wieder allein. »Da lehre mich einer die Welt kennen!« sagte er mit bitterem Lachen. »Du sollst Vater und Mutter ehren ... So'n Pastorjunge versteht das. Der wird gemästet von der frommen Luft, die im Pfarrhause weht, und dieses Fette macht ihn für die Weltlust gefügig.« Alle milden Regungen erstickten in seinem Innern: »Es wäre besser ...« Schwer hob er sich vom Stuhle. Mit großen Schritten ging er über den Teppich. Die zusammengefalteten Hände verstrickten sich immer mehr. Die einzelnen Sehnen sprangen hervor; die Nägel bohrten sich tief in das magere Fleisch. Der grüne Schirm der brennenden Lampe gab seinem Gesicht den Anschein des Leichenhaften. Vor dem großen Kruzifix aus Porzellanmasse blieb er stehen. Die früheren Worte taten ihm leid. Ein Frösteln erschütterte den starken Mann. Er suchte Hilfe und Trost beim Heiland. Er beugte sich und sank in die Knie. Unter den buschigen, straffen Brauen hoben sich die Augenlider. In dem irisierenden Grau verschwand das Harte, das Puritanische, das Abstoßende. Er schluckte nicht mehr die Tränen herunter. Langsam rollten sie über die knochigen Wangen, wobei er die Worte sprach: »Vater, willst Du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.« Er stand auf und ging ans Fenster. Draußen war Stimmengewirr; viele Leute kamen vorüber. Die Fastenandacht war zu Ende. Dann bildeten die Menschen da unten Spalier, entblößten die Köpfe und verneigten sich tief. Wie ein Heiliger schritt ein Mann mit weißem Gewand und dunklem Oberkleid durch ihre Reihen. Es war Bonaventura. Er ging zum katholischen Pfarrhaus. Die Lust am Kampfe zuckte im Gesicht des Predigers auf. Mit denselben Worten, die er vor Wochen seinem Sohne entgegengehalten, verlieh er seinen Gedanken Ausdruck. Auch jetzt sprach er für sich, wobei er die Hände krampfte: »Als Pionier, als Tempelwächter des wahren Evangeliums bin ich hier in dieser Enklave an gefährdeter Stelle aufgestellt – und so wahr ich lebe, so wahr ich das Wort Gottes verkünde, ich bin der mir auferlegten Mission bewußt bis in die innersten Nieren.« Alles Weiche und Milde wich von ihm. Abraham van Melle verließ die Fensternische, warf sich in einen Lehnstuhl und betete lange. – – – Der Wind ging – der Wind wehte ...! – Nebelschwaden schleppten über die Wiesen, schattenhaft standen die kahlen Baumkronen über dem weißen Meer, und im Nebel tauchte der Oberkörper eines Menschen auf ... Kurz vor der Rückkehr seines Vaters von Doktor Barthes Terwelp hatte Johannes van Melle das Haus verlassen. Er wußte nicht, wohin er seine Schritte wenden sollte. Planlos irrte er zuerst durch die engen Gassen, war dann ans Rheinufer gegangen und hatte in die Flut gestiert, die ihn mit ihrer träumerischen Stimme hinablockte. Nur mit Mühe riß er sich von den knirschenden Kieseln los. Scheu und verzweifelt umkreiste er hierauf die große Kirche, sah durch das Portal in die dämmrige Halle und drückte die heiße Stirn an die Ziegelsteine der Turmmauer. Sie kühlten nicht; sie glühten, als wären sie eben aus dem Ziegelofen gekommen. Ihr brennender Dunstkreis betäubte ihn. Alles war Feuer um ihn, und das › Stabat mater ‹, das wuchtig und schwer aus der Kirche hervordrang, traf ihn wie mit Keulenschlägen. Er versuchte in die dämmrigen Hallen einzudringen, allein seine Füße versagten, und eine starke Gewalt hielt ihn zurück. Da taumelte er von den Stufen und lief den Wiesen zu, wo die Schwaden wie dünne, weißgraue Tücher über das kurze Gras krochen. Er beugte den Oberkörper und ließ seine Stirn von der kühlen Feuchte umspielen. Aber auch dieses fruchtete wenig; er fuhr sich mit der Hand über den Kopf, als müsse er die heißen, tollen Gedanken verwischen. Er quälte sich mit der Vergangenheit, er grübelte in der Gegenwart und durchlief die ihm bevorstehenden Leidensstationen der zukünftigen Tage – und es kam ihm vor, als wenn er sich nur in Irrtum und Sünde befände. Da biß er die Lippen zusammen und irrte weiter und weiter. Er wollte ein anderes Leben beginnen, die verderbliche Liebe aus seinem Herzen reißen und sie mit Füßen zertreten; das flog blitzartig durch sein Hirn. Aber wie konnte er wollen?! – Dort von der Kirche her kam sie mit geschlossenen Augen gewandelt. Sie winkte ihm mit der Hand – und er folgte ihr durch Nebel und Weideland bis an die Stelle, wo er sie zuletzt gesprochen hatte. Sein Atem keuchte. Jetzt glaubte er, sie fassen zu können, als er aber die Arme streckte, schwebte sie lächelnd weiter wie ein Irrwisch. Sie hatte die Kraft eines Riesen und den Zauber eines Wunderkindes in sich vereinigt. So kam er in seinem wirren Umherstreifen wieder an den Rhein, genau an dieselbe Stelle, wo er noch kurz vorher gewesen. Und er stand da mit verzerrten Zügen und stierte in die Flut, die, kleine Trichter ziehend, vorüberhastete. Hinter ihm lagen einige Matrosendestillen. Bald darauf hörte er leise Stimmen und das Klappern von Holzschuhen auf dem Pflaster. Es drang aus den Gassen, die auf den Strom mündeten. Die Fastenpredigt mußte beendet sein. Nicht lange, und um ihn lag wieder die große, furchtbare Einsamkeit, die ihm ins Gewissen redete. Wollte er nicht die Bretter zum Sarge seines Vaters schneiden? Hatte er nicht vor, mit den Lehren, mit den Heilswahrheiten zu brechen, in denen er groß geworden? War er nicht jenem Weibe rettungslos verfallen, das Dinge von ihm verlangte, gegen die sich sein Gewissen aufbäumen mußte? Gedachte er nicht etwas zu tun, vor dem seine Seele schauderte und sein guter Engel das Antlitz verhüllte? War das, was jetzt geschehen sollte, nicht gegen Gottes Gesetz, nicht gegen der Menschen Gesetz? – Ach, was ...?! – Dort hinten, im Nebel, auf dem gurgelnden Wasser schwebte sie wieder ... »Marie ...!« Mit beiden Händen griff er an die heißen Schläfen. Er fühlte, wie das Fieber dort pochte. »Verrückt, oder ...« Er lehnte sich über die hölzerne Brustwehr. Drunten wogte es und zog Kreise um Kreise – und kein Mensch war in der Nähe ... »Habe die Ehre, Herr Studiosus!« Eine feste Hand legte sich auf seine Schulter. Er wandte sich. Das freundliche Gesicht von Moses Herzlieb stand vor ihm: »Herr, was wollen Sie hier?« »Das hab' ich ßu fragen an Sie,« sagte der Handelsmann mit ruhiger Betonung. »Herr, machen Sie keine Geschichten! – Bin ich doch soeben gekommen aus die Predigt des Herrn Pater Bonaventura. Kennen Sie ihn? – Nein, Sie kennen ihn nich, un da kennen Sie auch nich die Erregung, die in mir war – un die wollte ich mir ein bißchen am Rhein vertreten. – Un da fand ich Sie. – Bin ich meschugge! – Herr Studiosus, wissen Sie was: Sie wollten machen Geschichten.« »Herr Herzlieb ...!« Das gutmütige Gesicht des Juden nahm einen fürchterlichen Ernst an. »Ich habe gesehen,« sagte er nach einiger Pause, »ich habe gesehen mit meine zwei Augen am leiblichen Körper: der Malach Hamoves, der Todesengel, stand bei Sie.« Johannes van Melle prallte zurück. »Kommen Sie ßu 'ner Besinnung, Herr Studiosus, Kenne ich doch Ihren Herrn Vater. Er is ein stiller Mann, er is ein gelernter Mann, aber er is auch ein Mann mit 'nem Blick, der 'nen Strohreiter ansticht, wenn er hineinsieht; nü, un sieht er ins Wasser – wahrhaftigen Gott! – dann wird's ßu 'nem großen Klumpen Eis. Un ich kenne auch Sie – un ich kenne auch Maria Verwahnen. Gott, ob ich sie kenne, das Freilein! – Aber was ich sagen wollte, Herr Studiosus van Melle! – Bleiben Sie ruhig, bleiben Sie bei 'ner richtigen Besinnung. Lassen Sie heute die schönen Gefühle ßurück. Ich kenne das mit die schönen Gefühle. Sie bringen nich immer Perzente for's menschliche Leben. Ich habe öfters mit die schönen Gefühle verspielt. Seien Sie kalt und bewußtlos wie der Herr Tapezier- und Malermeister Eusebius Dornkat vom Hinteren Graben. Gott, wie is der Mann kalt und bewußtlos bei die fitalsten Begebenheiten im menschlichen Leben! – Weuß ich! – werden Sie sagen – aber kennen Sie ihn?« Johannes van Melle nickte. »Schön,« sagte Moses, »dann muß ich Ihnen 'ne Geschichte erzählen. – Nü, was is denn?! – Kommt da eines Tages meine Frau Giddel ßu mir un sagte: Moses, sagte sie, die Gute Stube is müffig, da müssen neue Tapezereien hinein. – Schön, sagte ich, da werde ich gehen ßu'm Herrn Eusebius Dornkat vom Hinteren Graben. Gut, sagte sie, un die Küche muß werden frisch gekälkt; da haben die Fliegen un die Kakerlaken geschweinigelt un es schlimmer getrieben als die Menschenskinder in Sodom un Gomorra. – Schön, sagte ich, da werde ich auch gehen ßu'm Herrn Eusebius Dornkat vom Hinteren Graben. Un ich ging ßu ihm. Der Mann saß in seinem Atölje, wie er seine Werkstätte benennt, denn er hält was auf sich, un ich sagte ihm das von wegen der Guten Stube un Küche. Weuß ich, sagte er, wird gemacht. – Szu welchem Termine? – Szu morgen. – Schön, sagte ich, un ging wieder ßu Giddel. Anderen Tages hatte meine Frau Geschäften mit Herrn Perdje. Der Mann brauchte neues Unterßeug. Gott, warum soll der Mann nich brauchen neues Unterßeug for Hosen un Jacken?! Er hat's ja daßu! – Schlag Klock neun kommt nu Herr Eusebius Dornkat in meine Behausung. Gott Abrahams segne den Eintritt, Herr Dornkat! – Danke! sagte er – aber wie kam er! – In der linken Hand trug er 'nen Eimer mit Weißkalk, in der Rechten 'nen Eimer mit Blaukalk, un um dem Halse hatte er ßwei Weißquäster mit 'nem Bindfaden gebunden. Die bammelten man so auf dem äußerlichen Menschen. Auch sein Herr Newö, was is ein richtiger Schwestersohn un ein gelernter Lehrling von ihm, war bei ihm un trug die übrigen Sachen. – Aber, wo sind nu die Tapezereien? fragte ich. – Herr Dornkat is nu ein kalter un bewußtloser Mann un macht sich nich viel aus wörtlichen Umständen. Er nickte dem Weißkalkeimer ßu, spuckte hinein und sagte: Hier sind sie! – un stellte ihn in die beste Stube von Giddel. – Un das for die Küche, Herr Dornkat? – Da spuckte er in den Blaukalk hinein un stellte den Eimer in die Küche, wo die Fliegen geschweinigelt hatten. Nu kann's losgehen! sagte Herr Dornkat. – Bon ! sagte ich – un er nahm den Blauquast un bemalte die Küche lila un blitzblau, daß es mir vor Augen wie 'nem Färber wurde, der in 'nen Kübel mit Blauholz hineinsieht. – Fertig! sagte Herr Eusebius – un dann ging's in die Gute Stube mit's Weiße los. Sein Herr Newö hatte inzwischen die alten Tapezereien von die Wände gerissen. Nü, warum sollte er nich herunterreißen die Tapezereien von die Wände? Püh! – rochen sie doch un müffelten wie'n Landbriefträgertornister. Gott, was 'ne Maramme! – Alles wurde weiß wie's Unschuldskleid von Maria Verwahnen. Man kriegte die Schneeblindheit in die leiblichen Augen. – Nu kann die wahre Kunst losgehen, sagte Herr Dornkat, hier mit de Blumierung und mit de Sternierung da hinten. – Schön, sagte ich, un wie ich das sagte, da brachte der Herr Newö den Eimer mit Weißkalk in die Küche un den Eimer mit Blaukalk in die Gute Stube. Un der Herr Dornkat streifte die Ärmel von's Flanellhemd ßurück, knüffelte die Finger der rechten Hand zusammen un stellte sich in Positionierung. So knüffelte er die Finger zusammen ... un wie ich mir so recht besinne, da stippt Herr Dornkat die Hand mit die Fingerspitzen in den Blaukalk un tuppt fünf blaue Punkte mit so 'nem richtigen Wuppdich auf die Wand mit's Unschuldskleid. – Sind Sie meschugge? fragte ich. – Warten Sie ab, sagte Herr Dornkat, das is Künstlerinstinktum! – un dann ging's los mit die Finger: immer 'rein in den Blaukalk, immer 'ran an die Weißwand – un wie ich so richtig ßusah, da is sie mit die feinsten Vergißmeinnichtblümchens gemustert. – Gott, wie gefühlvoll! – sagte ich, aber die Stengels fehlen. – Modern! sagte Herr Dornkat un warf sich wieder in so 'ne richtige Positionierung. Stengels? – die gibt's nich, die ahnt man. – Schön, sagte ich – un nu? – Nu kommt die Sternierung, sagte Herr Dornkat, nahm den Weißquast un ging in die Küche. – Habe die Ehre, sagte ich, vielleicht vorher so'n gefälliges Schnäpschen? – Gerne, sagte Herr Dornkat, das mischt die Farben ßusammen – un wuppte das Schnäpschen herunter. – A votre santé ! dienerte der Herr Newö, denn er hatte doch auch bekommen sein gefälliges Schnäpschen – aber ein süßes. – Platz, die Herrens! schrie Herr Eusebius Dornkat. – Gott, der Gerechte! – mit 'ner tigerischen Wut hatte er den Quast in den Weißkalk getaucht, ßog ihn wieder 'raus un sagte: Nu kommen Sonne, Mond un Sterne 'ran! – Wie machen Sie das? fragte ich. – Alles aus purem Kopfe! rief Dornkat. Platz da, die Herrens! – Und vor ihm die blitzblaue Wand un über ihm die blitzblaue Decke – un dann: Rrrrr! – wie so'n Brummkreisel turnierte Herr Dornkat um seinen eigenen Senkel un schwenkte dabei seinen majestätischen Weißquast. Un klacks! stand ein Stern an die Wand, un klacks! 'ne Sonne, un klacks! gimel Sterne, lames Sterne, 'ne Milchstraße von Sternchens, un klacks! ein Mond mit fünfzehn Kuriere. – Platz da, die Herrens – nu kommt's! – Un siehst du mir: Herr Dornkat hatte mit seinem Weißquast geschmissen, un klacks! stand ein Komet mit die gange lange Kö an die blitzblaue Decke. – Fertig! sagte Herr Dornkat. – Wo erhaben, wo erhaben! begeisterierte ich mir, un der Herr Newö hatte sich for Rührung noch ein gefälliges Schnäpschen genehmigt – aber ein süßes. – Da trat Giddel in die bekometete Küche. – Herr Dornkat hatte, wie so'n richtiger Moderner, seine rechte Hand zwischen Flanellhemd und Hosenträger gesteckt un triumphierte mit die Augen umher. – Wo gefällt es Dir, Giddelchen? fragte ich. – Mir? fragte Giddel, ging zuerst in die beste Stube, besah sich die Vergißmeinnichtblümchens mit ohne Stengels – un sagte nichts; kam in die Küche, besah sich Sonne, Mond un die blinkenden Sternchens – un sagte auch nichts. – Nü, meinte ich, Giddel, wo gefällt Dir die Sache? – Mir? fragte Giddel noch einmal, aber mit Augen wie so'n giftig Kaninchen. – Bedanke Dir auch recht schön beim Herrn Eusebius Dornkat, sagte ich dann mit so'n bißchen Beklemmung. – Ich? fragte Giddel un stemmte die Arme in die Seiten. Bin ich meschugge? – Waih geschrien! – Mit 'ner tigerischen Wut, aber 'ner richtigen, ergriff sie den Eimer und goß Herrn Dornkat den restierenden Weißkalk mit aller Ausdrucksvolligkeit über dem puren Kopfe: – Sie sind ein Kilaf, Sie sind ein Behemeh, Sie find ein Meschores ...! – Waih geschrien! rief ich. – Aber Herr Malermeister Eusebius Dornkat behielt seine kalte un bewußtlose Fassung. Ich danke for die Fetierung, sagte er, nahm den Weißquast unter den linken und den Blauquast unter den rechten Arm und stakelte in aller Besonnenheit mit seinem Herrn Newö aus dem ehrengekränkten Hause, um in aller Ruhe das große Schlamassel in seinem Atölje ßu besinnen. Als er jedoch durch die Haustür das öffentliche Pflaster betrat, kam ihm der ßweite Guß über dem Kopfe. Gott, der Gerechte! – diesmal war's Blaukalk – un Giddel stand am Fenster un lachte so recht aus giftiger Seele. Auch jetzt behielt Herr Dornkat seine kalte un bewußtlose Fassung. Ich danke, sagte er, nu hab' ich die bayrischen Kulören am äußeren Menschen. In meinem Atölje trinke ich 'ne Potellje Rotspon auf Ihrem Wohl, Frau Herzlieb; aber ich schicke die Rechnung. Un dann ging er in seiner bewußtlosen Ruhe un sang dabei: Ich un mein junges Weib ... un sein Herr Newö pfiff un flötete daßu wie so'n liebreicher Karnaljenvogel. Ich aber lief dem Herrn Maler nach un sagte: Um Verßeihung, Herr Dornkat, von wegen die Sache. Schad't nichts, sagte Herr Dornkat un ging mit 'ner erhabenen Seelenruhe nach Hause. Der Mann imponierte mir mit seiner großen Positionierung. Erhaben! – sagte ich, ging wieder 'rein in die Stube, besah mir die Blumierung un Sternierung un dachte: Habe ich doch gesehen den Herrn Dornkat in seiner Amtierung, habe ich ihn doch gesehen ßwischen seine Planeten un Blümchens mit ohne Stengels, habe ich ihn doch gesehen in seine misen Verhältnisse un dann in seine feldherrlichen Ruhe, un da mußte ich sagen: der Mann is mehr wie erhaben, der Mann is mehr wie'n Löwenbändiger, weil er die Giddel un sich selber besiegt hat.« Moses Herzlieb atmete tief auf; mit einer schnellen Bewegung tastete er nach der Hand des Insichgekehrten und sah ihm treu in die Augen. »Junger Mann,« sagte er, »schämen Sie sich, denn bei Sie hat der Todesengel gestanden, un was das Schlimmste is, Sie haben ihn selber gerufen. Un das is so viel, als um Ihren ehrenwerten Herrn Vater un die übrigen Menschen in Tränen zu bringen. Un da über uns steht auch einer,« sagte er mit zitternder Stimme und zeigte nach oben, »der sieht allens, der weiß allens un will dereinst Rechenschaft haben von Sie, junger Mann.« Johannes van Melle wollte antworten. »Schweigen Sie, Herr Studiosus,« sagte Moses. »Un was auch immer passiert is, ich kann Ihnen geben 'nen guten Rat, der bringt hundert Perzente. Denken Sie an Herrn Eusebius Dornkat. Der Mann war erhaben, großartig, erschütternd in seiner Fitalität. Seien Sie ebenso kalt un bewußtlos in Ihren Todesnöten wie Herr Eusebius Dornkat. Also: kalt un bewußtlos, Herr Studiosus, und sind Sie's – nü, da werde ich zu übermorgen als am Ostersünntag, wo geht ein Liebreiz un 'ne animierte Verbrüderung durch die Natur un die Herzen der Menschen, 'ne Potellje Rotspon trinken auf Ihrem Wohl, Herr Studiosus. – Also schlagen Sie ein.« Moses Herzlieb hielt ihm die Hand hin. Langsam legte er die seine hinein. »Gut so!« sagte der ehrliche Jude, »gehen wir nach Hause. Sie müssen ins Bett.« In dumpfen Schlägen tönte die zehnte Abendstunde über die Dächer und den Rhein hin. Die Nebel waren inzwischen dichter und weißer geworden. Rötlich dunstete der Mond aus der zarten Umhüllung. Die beiden wandten sich der inneren Stadt zu. An der großen Kirche trennten sie sich. Beim Abschiednehmen hob Moses Herzlieb noch einmal die Hand auf und sagte: »Denken Sie an Herrn Eusebius Dornkat un den Malach Hamoves. Noch hat's gut gegangen. Adjüs, junger Mann. Ich habe die Ehre.« Dann ging er. Johannes van Melle sah ihm bekümmerten Herzens nach. Der Wind ging – der Wind wehte ...! – Wie eine rote Laterne hing der Mond zwischen dem ziehenden Nebel. Er machte ein ernstes Gesicht und schimmerte blutig. Die Schritte Herzliebs waren schon längst verhallt. Da seufzte Johannes van Melle tief auf und wandte sich dem evangelischen Pastorat zu. Sein ganzes Mißgeschick fiel ihm zentnerschwer auf die Seele. Er dachte an den Malach Hamoves. XIII. Das Stigma Eine Menschenseele war vor einer schweren Sünde gerettet, aber nicht befreit von dem nagenden Wurm, der da drinnen bohrte und wühlte. – Bei den Webersleuten war noch Licht. Neben der Tür war's hell, und oben, wo die roten Pfannen über ein windschiefes Dachfenster liefen, war auch Licht. Unten aber lagen die rohgezimmerten Blenden vor, und der matte Schein vermochte nur durch herzförmige Ausschnitte, die sich in den Brettern befanden, auf die Straße zu schlüpfen, während das Licht im Dachzimmer frei in den Nebel hinausirren konnte. Und Johannes van Melle stand da und stierte klopfenden Herzens nach dem Giebelfenster, aus dem der breite Lichtbalken hervortrat. Er achtete nicht auf das geheimnisvolle Rauschen, welches aus dem kleinen Garten tönte, nicht auf die warnende Stimme, die ängstlich und immer dringender aus seinem Innern hervorzitterte. Ein lindes Säuseln war um ihn, ähnlich dem kaum wahrnehmbaren Geräusch von mächtigen Schwingen, die sich nur leise bewegten. Sollte wieder der Todesengel den Weg zu ihm gefunden haben? »Gehe von hinnen,« sagte zum andern die Stimme, und dennoch blieb er und stand auf der Stelle wie angenagelt, denn er sah sie dort oben auf- und niedergehen – die Wachsmarie – und das Oberkleid hatte sie abgelegt ... Auch die Alte war noch nicht schlafen gegangen. Trotz der vorgerückten Stunde arbeitete sie noch. Deutlich hörte er das dumpfe Gewuchte der Lade, den scharfen Gang des Kontermarsches und das rhythmische Schlurren des hin- und hergeworfenen Schiffchens, dessen ausgeprägtes Klappern von einem dumpfen Gehummel begleitet war. Und da drinnen: ein gehäkeltes Wolltuch um die Schultern, mit geröteten Augenlidern, von dem unruhigen Schein einer Küchenlampe beleuchtet, saß Hille Verwahnen im Webstuhl und ließ unermüdlich das Schiffchen hin und her tanzen. Die Abendandacht hatte sie nicht besucht. Sie machte sich kein Gewissen daraus, denn trotz ihres gläubigen Gemütes schien ihr die Arbeit, die sie unter den Händen hatte, ebenso gottwohlgefällig und heilig zu sein wie die Karfreitagpredigt des Herrn Paters Bonaventura. – Mit dem heutigen Tage jährte sich der dritte Karfreitag, an welchem sie ein und dasselbe Leinenstück eingespannt hatte, um es bis kurz vor Mitternacht fertig zu weben. Und sie mußte es fertig machen; konnte bis dahin die Arbeit nicht bewerkstelligt werden, ihre Mühe und ihr emsiges Schaffen wäre umsonst gewesen. Sie hätte von neuem beginnen müssen, und das hätte ein gottseliges Sterben doch sehr in Frage gestellt; denn was da aus dem Rahmenwerk heraussah, war nichts geringeres als ihr Totenhemd, das ein leichtes Einschlafen und die ewige Seligkeit so gut wie verbürgte, wenn es vor Schluß des dritten Karfreitags tadellos, ohne gefallene Maschen und ungeknotet aus dem Webstuhl hervorging. Diese christliche Überzeugung wurzelte in ihr, und keine drei Pferde hätten dieses Glaubensaxiom ihrem Herzen entreißen können. Darum ihr emsiges Schaffen in später Nacht, ihre fröhliche und zuversichtliche Stimmung, weil sie annehmen konnte, daß mit dem elften Glockenschlage die Arbeit getan sei. Aber sie mußte sich sputen; der Tod liebt Überraschungen, und jeden Tag konnte er die Fiedel spielen und sagen: »Mutter Verwahnen, nun kommt die letzte Mazurka!« – Wenn aber alles bereit lag, gut, dann mochte er kommen, dann konnte er zum letzten Hopser aufspielen; das Karfreitagshemd hatte ja seine geweihte Kraft, und die Geige spielte infolgedessen die arme Seele direkt in den Himmel hinein – und das war denn doch eine andere Sache! Mutter Verwahnen unterbrach auf kurze Zeit ihre Arbeit. Mit einer Haarnadel, die sie unter der weißen Haube hervorzog, längte sie den niedergebrannten Docht und fachte das kurzatmig gewordene Flämmchen zu neuem Leben an. Und wieder stampfte die Lade, und wieder exerzierte der Kontermarsch, und Mutter Verwahnen saß zwischen Lade und Stuhlsäulen, zwischen Spulrädern und Garnsträhnen und ließ alte Bilder und alte Zeiten vorübergleiten. Am liebsten wallfahrtete sie beim Weben. Es war ihr dieses die schönste Jugenderinnerung. In Gedanken zog sie mit wehenden Kirchenfahnen über die Landstraßen nach Marienbaum und Kevelaer, berühmte Gnadenorte, die sie schon von frühester Jugend an kannte. Vor allen Dingen lag ihr Kevelaer am Herzen: kein Wunder, denn sie war dort geboren, hatte dort ihre Mädchenjahre verlebt, hatte von dort aus geheiratet – und schließlich war sie eine geborene Buschmann. Heute hatte sie ihren Kevelaerer Tag, aber sie befand sich nicht unter den frommen Pilgern, sondern sie saß als kleines Mädchen mit ihrem Großvater an der staubigen Chaussee, auf der eine unabsehbare Prozession der begnadeten Stadt entgegenzog. – Ein stahlblauer Himmel liegt über der Landschaft. Die Sonne brütet und kocht, und ihre spitzen Strahlen stechen wie Bremsfliegen. Die weißen Häuschen von Kevelaer stehen im flimmrigen Licht, die schlanken Pappeln rühren auch nicht das kleinste Blättchen; kein Hälmchen am Straßenraine zeigt eine Bewegung. Die kobaltblauen Sterne der Zichorienstauden vergessen das Atmen, denn weißlicher Mulm hat sich auf ihre Staubfäden und in ihre Kelche gesetzt, und kein Lüftchen regt die Schwingen, ihn hinwegzufegen. – Und jenseits der strohgelben Roggenfelder breitet sich die Kevelaerer Heide im Sonnenlicht; die Luft zittert darüber, als hätte sie das Nervenzucken bekommen. Mitten im Roggen stehen einige Scheumänner, um die körnerlustigen Spatzen zu vertreiben. Blaue und rote Kirchenfahnen ragen aus dem Korn hervor, getragen von barhäuptigen Männern in weißen Chorhemden, über deren Gesichter der Schweiß in großen Perlen niederträufelt. Weiber und Männer aus allen Berufsschichten, viele lahmend und mit sonstigen Gebresten behaftet, aber alle mit gedunsenen Köpfen, die Schuhe bestaubt, schweißtriefend und sich nur noch mit Aufbietung aller Kräfte fortbewegend, ziehen in zwei endlosen Reihen, die Mitte der Straße freilassend, vorüber und senden heiße Bittgesänge zu der Alleserbarmerin, deren schlichtes Bildnis in der Kirche zu Kevelaer hängt und durch deren Fürbitte so manches Leid gehoben wird, das schwer und traurig auf dem irdischen Dasein lastet. Gläubigen Herzens, funkelnden Auges und sich sehnend, die trockenen Lippen auf das Gnadenbild pressen zu dürfen, schlurfen und beten sie weiter. So sind sie schon seit vielen Stunden gezogen. Endlos dehnt sich die Straße. Roggenfelder und Heide, Buchweizenäcker und ausgetrocknete Wiesen, Birn- und Apfelbäume, hier und da ein Steinhaufen, ein Schlagbaum, den die Kommunalverwaltung zur Mehrung des knappen Seckels aufgerichtet hat, das ist alles, was rechts und links von der gepuderten Chaussee liegt – eintönig, langweilig ... Aber jetzt atmen die durstigen Seelen auf; die Tritte werden fester, die Gebete nehmen an Inbrunst zu, die Stimme strafft sich wieder, die Köpfe werden freier von den müden Schultern getragen, denn dort zwischen den hochaufgeschossenen Kiefern, zwischen Hecken und Gärten taucht das ersehnte Heil mit seinen Kirchen und kleinen Häusern auf: Kevelaer. Von Zeit zu Zeit kommt die Gestalt eines Heerohmes gewandelt. Die Schnallen blitzen auf den grauen Schuhen. Neben ihm, die Bruderschaftsstange mit der Silbermedaille in der Rechten tragend, in der Linken Taschentuch und Rosenkranz, mit verquollenem und blaurotem Gesicht schreitet der Vorbeter in aufgekrempelten Hosen und schwarzem Gehrock. Ab und zu fährt er sich mit dem baumwollenen Taschentuch über Kopf und Stirne und wischt sich den hellen Schweiß aus dem Nacken. Die Füße wollen kaum noch weiter, aber die Stimme hält aus; unermüdlich hallt sie über die glutatmende Landstraße: »Du unbefleckte Mutter!« »Bitte für uns!« »Du elfenbeinerner Turm!« »Bitte für uns!« »Du Königin der Patriarchen!« »Bitte für uns!« Weit voraus sind die ersten, und noch ist das Ende des Zuges nicht abzusehen. »Bimmel, bimmel, bimmel ...!« Die hektischen Glocken von Kevelaer begrüßen den Vortrab, und wieder ertönt die Stimme des Vorbeters und die einförmige Antwort der Menge über Roggenfelder und Buchweizenäcker: »O, Du Lamm Gottes, welches Du hinwegnimmst die Sünden der Welt!« »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« »Bimmel, bimmel, bimmel ...!« Großvater deutet auf die gläubigen Menschen. Seine verstümmelte Hand zittert wie die Heide dort hinten. »Sieh mal, Hilleke,« sagt er, »wenn mein Ururgroßvater Heinrich Buschmann nicht das Marienbildchen gestiftet hätte, wenn ihm nicht die heilige Stimme gekommen wäre: Hier sollst Du mir ein Heiligenhaus bauen! – dann wäre auch Kevelaer nicht, dann wären auch die Prozessionen nicht und die Kirchenfahnen nicht und die Wachsbeine und Wachsarme und Wachsherzen nicht – aber daß es so ist, das haben wir alle dem Heinrich Buschmann zu danken, und – Gottdomie noch mal! – darauf können wir Buschmanns stolz sein, und auch Du, Hilleke, denn Du bist auch eine Buschmann.« »Oh!« sagt Hilleke und betet weiter. »Christe, höre uns!« »Christe, erhöre uns!« »Bimmel, bimmel, bimmel...!« Die Sonne sticht immer heftiger, der Weihrauch steigt, die letzten Wallfahrer humpeln vorüber, Wagen und Karren mit weißen Spriegeltüchern folgen, von den Karrenplanken baumeln die Beine der Marodegewordenen, Spitze bellen gegen die mahlenden Räder, die Kevelaerer Heide schimmert jetzt in violetten Tönen herüber, Großvater hat sich gegen einen Pappelbaum gelehnt und ist eingeschlafen, und munter schrillert die Goldammer über den Roggen: »Wie, wie hab' ich Dich lieb ...!« – Und Hille, jetzt wieder zu Mutter Verwahnen, geborene Buschmann, geworden, träumt sich noch einmal in die alte Zeit zurück; sie sitzt im Webstuhl und betet mit lauter Stimme: »Unter Deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin! – O, Du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau, unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin, versöhne uns mit Deinem Sohne, empfiehl uns Deinem Sohne, stelle uns vor Deinem Sohne!« – Ja – Mutter Verwahnen hatte heute ihren Kevelaerer Tag – und da merkte sie doch, daß sie eine geborene Buschmann, eine Nachfahre des berühmten Heinrich Buschmann war, daß sie eine Tochter besaß, ebenso gottbegnadet wie jener, die überirdische Kräfte verspürte, heilige Gesichte hatte und mit der allerseligsten Jungfrau Maria in offenbarer Wechselbeziehung stand, eine Erkenntnis, die ihr Herz höher schlagen ließ, und vornehmlich heute, wo sie sich anschickte, die letzten Schluß- und Kettenfäden für ihr Sterbehemd ineinanderzuweben. Noch einige Male stampfte die Lade, flog das Schiffchen hin und wieder, als Mutter Verwahnen mit einem tiefen Seufzer innehielt, liebevoll mit der runzeligen Hand über das weiße Linnen fuhr und sich im Webstuhl zurücklehnte. – Sie hatte ihre Arbeit getan; das Sterbelaken war fertig, und somit konnte sie getrosten Mutes den schrillen Klängen der letzten Mazurka entgegenharren. Sie war heute in einer besonders feierlichen und gehobenen Stimmung. Unwillkürlich lauschte sie nach oben, ob sich nicht wieder die unerklärbaren Klopflaute und die leichten Walzerschritte erhöben, die jedesmal den Erscheinungen ihrer Tochter als bedeutsame Vorboten vorangingen. Die ungewöhnliche Abwechslung dieser Laute, die sich bald in scharfer und trommelnder Weise, bald in dumpfen und sich langsam folgenden Tönen vernehmen ließen, die zierlichen und gleichsam schwebenden Pas der Walzerschritte, begleitet von einer Musik, die Ähnlichkeit mit Harmonikaklängen hatte, übten einen eigenen Reiz auf die Alte aus. Mutter Verwahnen hörte es gern, und mit gespannter Aufmerksamkeit harrte sie auf den Moment, wo es wieder losginge im Hause. Der Webstuhl pausierte, die schwere Lade rückte und regte sich nicht; kein Laut ließ sich im ganzen Hause vernehmen, und nur die Lampe knisterte ab und zu durch das qualvolle Schweigen. Groß, wie aus einem schwarzgetönten Papierbogen geschnitten, lag das Schattenbild der Alten auf der gegenüberliegenden Kalkwand. – Die Gedanken auf ein und denselben Punkt gerichtet, saß Mutter Verwahnen mit gefalteten Händen, und es kam ihr vor, als wenn jemand auf lautlosen Socken zu ihr käme, den Mund an ihr Ohr legte und ihr zuflüsterte: »Jetzt kommt was.« Aber es kam nichts. Keine Walzerschritte und keine Klopflaute ließen sich hören; dafür aber pflügten sich ihre Gedanken immer mehr in das dumpfige Erdreich des Phantastischen und Spukhaften hinein. »Jetzt kommt es,« flüsterte zum anderen die Stimme. Und wieder nichts. »Aber jetzt ...!« Sie hatte es deutlich gehört. »Jesus, Maria ...!« Da waren sie wirklich – die ersehnten Klopflaute. Sie kamen von draußen – jetzt von oben – jetzt aus der Nebenkammer ... und jetzt, wie sie es bei dieser Gelegenheit gewöhnlich tat, mußte die Tür lautlos und ohne fremde Hilfe aufspringen. Sie tat es nicht; ruhig verharrte sie in ihrem bisherigen Zustand – aber die Pochlaute dauerten fort. Ja – es wurde draußen geklopft. Dazu eine Stimme: »Mutter Verwahnen! – Mutter Verwahnen ...!« Sie stand auf, trat aus dem Webstuhl, ergriff die Küchenlampe und schritt der Haustür zu. Spukhaft glitt ihr gigantischer Schatten über die Kalkwände. »Wer ist da draußen?« »Ich!« Jetzt wußte sie, wer angeklopft hatte. Sie öffnete die Tür – und Johannes van Melle stand vor ihr. Gleichzeitig ließ sich ein inbrünstiges Beten von obenher vernehmen. »Ah, Du ...!« sagte Mutter Verwahnen mit erstauntem Gesicht. Die verstörten Züge des vor ihr Stehenden fielen ihr auf. »Wo ist Marie?« »So spät noch?« »Ich muß zu ihr.« »Du ...?« »Ja – wo ist sie?« »Auf ihrer Kammer – sie betet. – Hörst Du? – Sie ist heilig – sagen die Leute.« Ein bitteres Zucken drängte sich auf seine Lippen. Er schob die Alte zurück. »Wohin?« »Dort hinauf!« Er hatte den Fuß auf die ersten Treppenstufen gestellt, aber Mutter Verwahnen wollte ihm den Weg vertreten. Da ging ihm das Blut zu Kopf, und er ballte die Faust: »Ich habe allein mit ihr zu sprechen – verstehst Du.« Mutter Verwahnen schreckte zurück. So hatte sie den jungen Mann noch nie gesehen. In wenigen Sätzen war er oben. Er tastete sich durch die Dunkelheit und folgte dem schwachen Lichtschein, der durch eine feine Türspalte fiel. Jetzt fand er die Klinke; er drückte darauf und trat ins Zimmer. Da war nicht viel zu sehen. – Zwei Wachskerzen erleuchteten die kahlen Wände. Ein Muttergottesbild hing am Kopfende über der schlichten Bettstelle, darunter befand sich ein zinnernes Weihwasserkesselchen, aus dem die frischen Blätter eines Buchsbaumzweiges hervorsahen – aber neben einem Betpult stand Marie Verwahnen, halbentkleidet und genau so, wie er kurz vorher ihren Schattenriß von der Straße aus bemerkt hatte. Das Schnürwerk eines Rosenkranzes war um die Finger der linken Hand geschlungen. Bei seinem Eintritt hatte er die Tür zugeschlagen und den Riegel vorgelegt. Sie waren allein ... Ruhig sah die Wachsmarie den Eintretenden an. Ihre Mienen bekundeten keinerlei Erregung, ihr Atem ging nicht stärker als sonst, leise hob und senkte sich ihre Brust unter dem leichten Webwerk, das die sanftgewölbten Schultern, die gerundeten Arme und den schlanken Hals mit dem feinen Geäder freigab – aber tief innen, in dem verführerischen Farbenspiel ihrer verzückten Augen stieg ein gefährliches Feuer auf, eine Willenskraft, die sich nicht beugen ließ. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als müßte sie einen Schleier entfernen, als verstände sie nicht, was eigentlich um sie vorginge, und gerade diese erkünstelte Ruhe, diese Beherrschung ihres inneren Menschen wehte ihn an wie ein Wunder berückender Schönheit, umgab ihn mit einer Atmosphäre, die den feinen Wildgeruch des Sinnlichen streifte. Ein dürstendes Verlangen kam über ihn. Daß er sie mit verzehrender Glut liebte, daß sie ihn bis zum Wahnsinn getrieben hatte, das wußte er, aber daß sie so schön, so berauschend schön war, nein – das wußte er nicht, das sah er erst heute. Der ganze Blütenregen ihres jungfräulichen Zaubers triefte um ihn, und in schneller Folge zogen ihm die Bilder längst vergangener Tage vorüber, alles Bilder, die ihn an die Stunden des höchsten Glückes erinnerten. Seine düsteren Blicke richteten sich voll leidenschaftlicher Gier auf die berückende Mädchengestalt. Er fühlte sich von Schauern durchrüttelt wie der Baum in der Frühlingsnacht. Die Kerzen wurden zu heiligen Flammen, die den Marmor ihres herrlichen Leibes umspielten. Er sah die zierlichen Konturen ihres geschmeidigen Körpers, die bläulichen Flugschatten der Schultergelenke, die fast durchsichtige Wachsfarbe der Stirne, des ganzen Gesichtes ... und das sollte er alles verlieren?! – Verlieren für immer ...?! Das leichte Gewand, die weiche Beleuchtung des Zimmers wirkten erregend auf ihn. Bevor sie es zu hindern vermochte, riß er sie an sich: »Du ...!« Mit einem leichten Schrei bog sie sich rücklings. »Du!« hauchte er wieder, »und weißt Du, warum ich gekommen bin?« Sie schüttelte den Kopf. Die fast durchsichtigen Nasenflügel öffneten sich über dem halbgeöffneten Munde. Die Starrheit ihres ganzen Wesens hatte etwas Krampfartiges an sich. Sie schloß die Augen ... Um ihre Mundwinkel legte sich wieder jenes herzzerreißende Mienenspiel, das er schon einmal bei ihr bemerkt hatte. Sie hob die Arme, legte die Hände zusammen und preßte sie auf die untere Rundung des blendenden Halses. Die tiefblauen Perlen des Rosenkranzes bargen sich scheu in den Zwischenraum der nur wenig verhüllten Brüste. Eine herbe, unbezwingliche Jungfräulichkeit ging von ihr aus, gepaart mit einer magnetischen Kraft und einer dürstenden Sehnsucht, die ihn in einen Dunstkreis von Betäubung versetzten. Er sah nur sie, er fühlte nur sie, er wußte, daß er nur leben konnte für sie ... Um ihretwillen wollte er ja alles entäußern, aufopfern, was ihm sonst teuer, heilig und unveräußerlich war auf dieser Erde und im Jenseits. Mit lechzenden Blicken versenkte er sich in die wundersamen Geheimnisse des vor ihm stehenden Weibes. Willenlos glitt er zu ihren Füßen nieder und umspannte sie mit sehnenden Armen: »Erlöserin!« Er hatte seine Selbstbeherrschung verloren. »Johannes,« sagte sie mit weicher Stimme. »Erbarme Dich meiner, erlöse mich, schenke mir den Frieden für immer!« Sie schüttelte leise das Haupt; aber sie beugte sich nieder, und ihre weißen Hände fuhren leicht durch die Haare des vor ihr Knienden. »Es kommen noch glückliche Stunden für Dich,« flüsterte sie, »wenn Du vergessen gelernt hast.« War das die Antwort? »Lerne vergessen,« sagte sie noch einmal, aber kaum zu verstehen, wie hingehaucht. Und sie beugte sich tiefer und senkte die Lippen auf seine Stirn. Da schlang er die Arme fester um sie, und alles versank vor ihm: Vater, Mutter, Kirche und Glaube – als er mit heißen Worten ihr entgegenstammelte: »Marie, ich will ja alles, ich tu' ja alles, was Du willst! – Ich lasse meinen Glauben um Deinetwillen – nur liebe mich! – Ich sterbe, ich vergehe unter den lechzenden Gluten! – Fühlst Du nicht, wie es hämmert und pocht?! – Das ist das rasende Fieber, das mich verzehrt. – Nur unter Deinen Händen, nur durch Deine Liebe kann ich genesen – will ich gesunden! – Sei mein fürs Leben, und leben will ich in Deinem Glauben. Deine Kirche sei meine Kirche, Dein Gebet sei mein Gebet – nur Liebe, Liebe ...!« Sie stand regungslos – aber plötzlich umfing sie fein Haupt, küßte seine Augen und küßte den armen Mund und ließ die Lippen darauf rasten – lange, lange. »Mit diesem Kusse kaufe ich mich los von Dir,« sagte sie leise und mit bewegter Stimme. »Lebe wohl, lieber Johannes.« »Was ...?!« Mit einem dumpf abgebrochenen Laut fuhr er vom Boden: »Auch jetzt nicht, wo ich Dir alles gebe, wo ich um Deinetwillen alles abstreifen will, was mir heilig gewesen ist im Leben? Auch da nicht?!« Wieder machte sich das herzzerreißende Lächeln um ihre Mundwinkel bemerkbar. »Es ist zu spät,« sagte sie ruhig. Nicht die geringste Erregung zeigte, was in ihrem Inneren vorging. »Nie mehr, nie mehr!« fuhr sie mit demselben Tonfall fort. »Ich gehöre nicht mir – ich gehöre nicht Dir mehr – ich gehöre dem Himmel.« »Marie...!« Seine Stimme klang gellend. »Du mußt gehn. Lebe wohl, lieber Johannes.« Aber das ging nicht so leicht. Er tat einen Schritt vor. Seine Brust keuchte. Er hatte die Arme um ihren Leib geschlungen und seine heißen Schläfen an ihre nackten Schultern gepreßt: »Du willst nicht?!« Geschmeidig bog sie sich im Kreuz. Ihr Atem berührte ihn, ihre weichen Formen machten ihm die Sinne trunken. Beide Hände stemmte sie gegen seine Stirn und stieß ihn zurück: »Heilig, heilig, heilig ...!« »Um Gottes willen – Marie ...!« »Es ist zu spät,« keuchte sie mit offenem Munde. »Sieh her...!« Sie hielt ihm die Handflächen entgegen. Ihre Augen weiteten sich wie unter dem Einfluß eines himmlischen Gesichtes. Sie waren hyazinthblau, dunkel und glänzend zugleich und schillernd wie Mondsteine. »Siehe die Wundmale des Herrn!« Johannes van Melle prallte zurück. War das fanatische Wut oder Wahnsinn?! – Tiefes Mitleid, grenzenloses Erbarmen flog ihn an. »Unglückselige ...!« Sie aber streifte das dünne Gewebe von den Schultern – und als sie die Arme breitete, entwickelte sich die ganze schöne Linie ihres Körpers und die keusche Nacktheit ihrer jungfräulichen Büste. Ihre Taille bog und reckte sich, durch ihre Wangen rieselte warmes, dunkles Blut, das den überirdischen Glanz ihrer offenen Augen noch erhöhte. Ein angstvolles Atmen erschütterte ihren Leib. Mit beiden Händen deutete sie auf die linke Brust, die, mit zartbläulichem Ton überhaucht, aus der Marmorfläche herauswuchs: »Sieh her – Du! – Das Zeichen von Golgatha! – Siehe das Stigma! – Hier fuhr die Lanze des römischen Knechtes hinein. Sieh, wie es blutet und rinnt ...! – und mit ihm, dem Abgesandten des Herrn, kehre ich ein zu den ewigen Freuden des Paradieses!« »Mit wem?!« schrie Johannes van Melle. »Mit Bonaventura.« »Bonaventura ...?!« Eine furchtbare Ahnung blitzte in seinem Hirn auf. »Der ...?!« schrie Johannes van Melle. Er stierte vor sich hin, als suche er etwas, als müsse er eine verlorene Spur wieder finden. Aber wie er auch suchte, Gras war darüber gewachsen, sie lag verwischt, und wenn sie auch unter der Grasnarbe fortlief und weiterkroch, für ihn in seiner jetzigen Verfassung war sie unauffindbar geworden. Warum auch hatte Moses Herzlieb den Todesengel von seiner Seite gescheucht? Wäre es nicht geschehen, vielleicht wäre es besser gewesen. Aber jetzt lebte er, und sie lebte, und so weiter leben müssen mit dieser Qual, mit dieser verzehrenden Sehnsucht zwischen den Rippen – da gehörten denn doch andere Kräfte dazu wie diejenigen, über welche er verfügte. Und hatte er denn solche überhaupt noch? – Nein! – Seine Kraft war so gut wie verzehrt, und der spärliche, ihm noch verbleibende Rest war brüchig geworden. Das wußte er, das erkannte er ... Und da kam die Wut über ihn. Es war dieselbe Wut, die ihn damals auf der Weidenkoppel bei dem geretteten Deich übermannte. Aber dieses Mal war sie tiefer, nachhaltiger, grimmiger. Sein heiliger Tempel war eingestürzt, die Bausteine lagen verstreut, die Werkmeister waren verjagt ... Schutt überall, mit Giftpflanzen dazwischen, und darüber stand ein versengender Himmel. – Staub, Einöde und Wüste! – und sein eigenes Leid saß auf den Trümmern des eingefallenen Tempels und weinte. Und er sah dieses Leid auf dem morschen, verwitterten Schutt seines Glückes sitzen – und die Tränen wollten ihm kommen. Aber sie kamen nicht; die Wut unterdrückte sie. »Bonaventura...?!« Sie fühlte sich mit eisernen Klammern umstrickt. Ein leidenschaftlich verzerrtes Antlitz stand ihr gegenüber. Seine Brust arbeitete, seine Augen waren mit Blut unterlaufen. »Also das ist das Ende!« knirschte er zwischen den Zähnen und schleuderte ihre Hände zurück. Sie stand so ruhig wie vorhin. Die Worte verfingen bei ihr nicht mehr. Die Starrheit ihrer Glieder löste sich nicht auf. Sie stand, als hätte sie ein Gesicht, und dieses Gesicht... Kaum wahrnehmbar hob sie den Kopf. »Was soll ich denn?« fragte sie. »Vermaledeite!« Ein seliges Lächeln dehnte ihre Lider weit in die Länge. Er trat näher. »Ehe der Hahn zweimal gekräht, hast Du mich dreimal verleugnet.« Diese Worte des Herrn traten ihm in den Sinn. In abgerissenen Lauten gab er sie von sich. Dann stöhnte er auf: »Du hast mehr getan,« keuchte er aus verzweifelter Brust. Er rüttelte ihre Schultern. Seine Blicke senkten sich kalt in die ihren. »Du hast mein ganzes Leben vergiftet. – Du hast mich betrogen um meine Jugend, um mein Glück, um meine Überzeugung. – Dürr ist alles um mich. – Ich verdurste in dieser Öde, die Du um mich gespreitet. – Gib mir zu trinken ...! – Aber so seid Ihr ...! – Kaum, daß Eure Brüste ausgereift sind, saugt Ihr die Lebenskraft aus unserm Blut, setzt den Fuß auf den Nacken desjenigen, der liebestoll seine Würde verlor und sich dem Staube genähert. – Aber das ist alles ja Wahnsinn ...! – Das ist ja ...! – Ich halte Abrechnung mit Dir ...! – Ich will ...« Er taumelte vorwärts. Von Entsetzen gepackt, stieß sie einen wilden Schrei aus. Draußen hämmerte eine Faust gegen die Haustür. Auf der Treppe ließen sich polternde Schritte vernehmen – dann wurde an der Klinke gerüttelt... Johannes van Melle hörte noch das dumpfe Gepolter; es war ihm, als würde die Tür gesprengt, als sähe er das leberkranke Gesicht des unheimlichen Küsters und die weiße Haube Mutter Verwahnens ... Dann flirrte alles durcheinander wie die Glaspartikel in einem Kaleidoskop – und diese Glasstückchen setzten sich allmählich kunstgerecht zusammen. Eine hohe Gestalt bildete sich, und diese Gestalt trug schwarzweiße Benediktinergewandung und einen Schwärmerkopf mit Tonsur. Tanzende Nacht legte sich um ihn. Nur ab und zu ging ein Wetterleuchten in weiter Ferne. – Als er die Augen aufschlug, wußte er nicht, wo er war. Auch kannte er nicht Tag und Stunde und nicht das Gesicht, das sich über ihn gebeugt hatte. – Es war Karsamstag geworden, und das harte, aber verweinte Antlitz, das über ihm stand, war das seines Vaters – des Predigers Abraham van Melle. XIV. Herr Doktor Barthes Terwelp Doktor Barthes Terwelp war Junggeselle; dennoch gestattete er sich einen eigenen Rauch, und was noch luxuriöser war, er bewohnte ein stattliches Haus, dessen mit vielen Fenstern und geriffelten Läden gespickte Frontseite auf die Ufer des Rheines hinaussah. Eine vorgebaute, zweiseitige Schnirkeltreppe mit Eisengeländer und Messingknöpfen, die an Blänke mit dem hellpolierten Türklopfer wetteiferten, führte zu einem etwas zurückgekragten Eingang, dessen Oberlicht zwei aus Holz geschnitzte Äskulapschlangen umrahmten, die sich wechselseitig in die lustigen Schwanzenden bissen. Hinter den Scheiben mit den grünen Vorsetzern und dem blühenden Krokus, wo sich des Doktors Studierzimmer befand, saß ein aufgedunsener Dompfaff im Messingkäfig, der trotz seiner steifernsten, zimmetfarbigen Weste, des aschgrauen und schwarz auslaufenden Schniepels und des weltschmerzlichen Gesichtsausdruckes den lieben langen Tag Hanfkerne knackte und dabei nicht müde wurde, »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage!« zu pfeifen. – An diesem Karsamstagmorgen standen die Fenster geöffnet, die Kugelakazien vor dem Hause waren noch kahl, aber lustig plauderte der Rhein herauf: weiße Schiffe segelten in den Morgen hinein, und von drüben winkte das junge Grün der Wiesenkoppel herüber, wo große, braunweiße Flecken im Grase lauerten und dumpf in die Frühe muhuten. Die Mühle von Grietherort stakelte mit ihren Flügelarmen durch die Luft, stämmige Weiber in kurzen Röcken, blankgescheuerte Eimer an einer Schultertrage schleppend, gingen dem Rhein zu, um Wasser zu schöpfen. Senkrecht stieg der Rauch aus den niedrigen Schornsteinen auf. Hier am Rhein war das in der Stadt verpönte Geräusch nicht ganz zu vermeiden. Die Ankerketten ratterten, bauchige Kähne, die am Ufer lagen, wurden ausgefrachtet, ab und zu holperte eine Karre vorüber; die davor gespannten Pferde schwermütigen Schlages trugen den rheinischen Dachsfellkummet, an dem Schellen und breitgeschlagene, durchlochte Messingscheiben klingelten, und hoch über der Priesterkoppel stieg eine Lerche auf. Sie war die erste in diesem Frühjahr. Feierlich klang ihre Stimme von droben. Sie sang dem morgigen Ostertage entgegen. – Breitbeinig, das Zwirbelbärtchen gewichst, die Hände in den Hosentaschen, die glimmende Virginia in einen Mundwinkel geschoben – so stand Herr Doktor Varthes Terwelp auf der Plattform seiner Schnirkeltreppe, um sich die heitere Morgenluft um die Nase spielen zu lassen. Enganliegende, graue Reithosen, Stiefel und Sporen waren über die kurzen Beinchen gezogen; eine Joppe von ebenderselben Farbe legte sich knapp um den Oberkörper, den er selbstgefällig und mit einer Art von Grandezza in den Hüften wiegte. Der bekannte hechtgraue, schmalrandige Filz, der sich kecklich dem linken Ohr näherte und dessen Hutschnur mit einem himmelblauen Flügeldeckfederchen des Eichelhähers geziert war, vervollständigte den lustigen Anzug des Doktors, der nach eingenommenem Frühkaffee seines Rößleins harrte, um auf Praxis über Land zu reiten. Statt des würdigen Stockes trug er heute eine schwanke Gerte unter dem Arm. Circumstantiae variant res, und so stand er denn als Reitersmann auf seiner Freitreppe, schob den Rattenschwanz von einer in die andere Mundecke, prüfte mit krauser Nase dessen Arom und lauschte, ob er den Hufschlag des ihm vorzuführenden Rößleins noch nicht vernähme – als Stina, die Haushälterin Abraham van Melles, mit allen Zeichen großer Todesnot auf ihn zukam. »Na, Stina ...?« »Eine Empfehlung von Domine, und Domine läßt den Herrn Doktor ... Es ist zu entsetzlich ...! – Aber was ich sagen wollte, Herr Doktor ...« »Wo fehlt's denn?« fragte Terwelp. »Der Herr Studiosus hat wieder seinen Zufall bekommen, und Domine meinte ...« »Und ...?« »Bei uns würden die Todeslaken aufs Dach fallen.« »Juffer, das wäre denn doch!« »Ja, das meinte er – und Domine sitzt nun bei ihm und betet.« »Um tausend Gottes willen! – was ist denn passiert?« »Gestern abend brachten sie ihn: Perdje Puhl, Hille Vermahnen und noch einer. Er war wieder bei den Webersleuten gewesen – und ich und Domine hatten doch immer gesagt, daß das mit den Webersleuten einmal ein schlimmes Ende nehmen würde. Aber das hörte ja nicht, das mußte ja mit dem christkatholischen Fraumensch lieb tun, bis ihn diese Maria Magdalena am Kanthaken hatte, und als sie ihn hatte ... die verflossene Nacht ging's noch, aber heute morgen ... Herrjemine, lieber Herr Doktor! – da schrie das, da lamentierte das, da wollte das aus dem Bett und auf die Straße hinaus ...« Doktor Barthes Terwelp machte eine stumme Handbewegung, um den Wortschwall in eine ruhige Schleuse überzuführen, allein Stina ließ sich nicht stören und jammerte weiter: »Aber das kommt davon! – So'n Fraumensch macht ja die reinsten Konfirmationskinder zuschanden – und ich will nicht Stina Prußt heißen...« »Schon gut,« beschwichtigte sie Barthes Terwelp und setzte treuherzig hinzu: »Juffer Stina, gehe Sie jetzt ruhig nach Hause; ich komme.« »Adjüs denn, Mynheer,« sagte Stina, zog das Tuch enger um die hageren Schultern und schlurfte in die nächste Seitengasse hinein, nicht ohne dabei noch saftigere Ausfälle auf das christkatholische Fraumensch zu machen. »Aber ich will nicht Stina Prußt heißen ...« Die Leute sahen ihr nach, und ihr Entrüstungssturm legte sich erst bei der Wirtschaft »Zum goldenen Anker«, wo ihr ein angenehmer Duft von frischen Waffeln und Osterbretzeln in die verlangende Nase hineinräucherte. Das beruhigte sie wieder. »Hm, hm, hm!« machte Doktor Terwelp, paffte noch einmal und voltigierte das hechtgraue Fortunatshütchen auf die rechte Seite des Kopfes. Dann ging er hinein, vertauschte die Reitgerte mit dem beknopften Bambus, warf sich den hechtgrauen Don Diego um die Schultern, rief seinem Dompfaff noch ein, › A rivederci ‹ zu und verließ seine Wohnung. Herr Doktor Barthes Terwelp war schwer in Gedanken. Als er bald darauf mit seinen putzigen Beinchen sporenklirrend über den Großen Markt stelzte, merkte er an verschiedenen tuschelnden Gruppen, daß das Drama im Hause der Webersleute kein Geheimnis geblieben war. Vor allen Dingen schien es Perdje Puhl zu sein, der heftig gestikulierend seine gestern gemachten Beobachtungen und Erlebnisse an den Mann zu bringen suchte. »Morgen, Herr Doktor!« Herr Barthes Terwelp lüftete sein Fortunatshütlein: »Morgen, morgen, morgen ...!« »Morgen, Herr Doktor!« Der Abwechselung halber salutierte er jetzt mit dem Bambus: »Morgen, morgen, morgen ...!« Mit dem Filz grüßend, mit dem Stock salutierend, sein ›Morgen, morgen morgen!‹ zwischen Lippen und Virginia durchquetschend, passierte er die verschiedenen Gruppen und betrat kurze Zeit darauf das evangelische Pastorat. – Herr Doktor Barthes Terwelp hatte richtig beobachtet. Die Geschehnisse, die sich im Hause der Hille Verwahnen in so unliebsamer Weise abgespielt hatten, waren gründlich durch das lose Mundwerk des Küsters gesickert, und, wenn auch zumeist entstellt und gefärbt wiedergegeben, so trafen die geäußerten Vermutungen doch vielfach den eigentlichen Kern der Sache und verfehlten nicht, recht bedenkliche Störungen in der Bürgerschaft hervorzurufen. Wie jedes Ereignis, wenn es das religiöse Gebiet streift oder konfessionelle Gegensätze verschärft, die Gemüter in die höchste Erregung versetzt, so wurden auch hier Fragen angeschnitten, die gärend, zerfetzend und herausfordernd auf die wenig urteilsfähige Volksseele wirken mußten. Sie glaubte sich in ihren heiligsten Rechten bedroht, sie machte eine rein private Angelegenheit zu der ihrigen und fühlte sich bis in die tiefsten Nieren gekränkt, daß ein Lutheraner es gewagt hatte, einem Mädchen, das mit Leib und Seele der katholischen Kirche gehörte, in unlauterer Absicht entgegenzutreten. Herr Perdje Puhl galt bei allen als eine völlig einwandsfreie Autorität, der blindlings geglaubt wurde. Dabei waren seine Erörterungen von einem geradezu dramatischen Aufbau. Mit scharfen, schlagenden Auseinandersetzungen drang er in medias res , gab eine durchsichtige und sonnenklare Exposition, um alsdann durch vorbereitete Ueberraschungen und retardierende Momente den Knoten zu schürzen und die Katastrophe herbeizuführen. Versteckte und offene Angriffe wechselten dabei in segensreicher Folge ab. Mit künstlerischer Beredsamkeit, bald einen salbungsvollen Ton anschlagend, bald mit der Schärfe eines Bienenstachels hineinstichelnd, wies er ähnliche Beispiele aus dem Leben der Heiligen und der Kirchengeschichte nach, wobei selbstverständlich der Studiosus van Melle als ein Proselytenmacher und lutherischer Schwärmer hingestellt wurde, während die Wachsmarie, unter die Begnadeten des Himmels versetzt, auf leuchtenden Wolken zu thronen schien. In Kraft seiner küsterlichen Allgewalt gab er ihr die schmerzensreiche Palme der Glaubensstreiter und Märtyrer in die Hand, setzte ihr die Dornenkrone aufs Haupt, aber feste, daß ihr das Blut von der Stirne träufelte, umkleidete sie mit dem Gewande überirdischer Freuden und ließ ihr eine Aureole wachsen und leuchtende Engelsschwingen – und zwar in so beredten Worten, daß die Zuhörer die Hände vorhielten, um von dieser Fülle des Lichtes nicht geblendet zu werden. Der Studiosus van Melle hingegen mußte sich mit einer zweizinkigen Forke begnügen. Geile Höllenweiber umtanzten ihn, knisternde Funken gingen unter seinen Schritten hervor, und des Teufels Großmutter machte die richtige Musik dazu. Den Leuten standen die Haare zu Berge. Bei diesen Auseinandersetzungen gestikulierte Perdje Puhl mit seinem Hut durch die Luft, zog zwischendurch die Schnupftabaksdose aus der Tasche, warf den Spaniol in die Schnabelnase, nieste und prustete und klappte schließlich den Deckel der Zinndose mit einer derartigen Vehemenz zu, als wenn er durch diesen Knalleffekt die verlorene Seele des Unglücklichen für ewige Zeiten in die Schnupftabaksdose gebannt und somit unschädlich gemacht hätte. Mit fingerfertigen Händen warf er seine Basiliskeneier umher; die gläubigen Weiber fingen sie auf, bargen sie an ihrem Busen, brüteten sie aus, bis schließlich auf dem Großen Markt und vor dem katholischen Vereinshause, das im Volksmunde ›Zum versoffenen Rosenkranz‹ hieß, ein derartiges Piepen und Piepsen entstand, als würden fünfundzwanzig Meerschweinchen in die kurzen Schwänzchen gekniffen. Aber dieses Piepsen und Piepen wurde schließlich zu einem Geschrei und das Geschrei zu einem Tumult, daß Perdje Puhl seine liebe Not hatte und kaum mehr imstande war, die aufgeregten Gemüter, und zwar im Hinblick auf den Ernst der ›Stillen Woche‹, in ruhigere Bahnen zu lenken. Alle schrien und keiften bunt durcheinander. »So'n lutherscher Dickkopf!« »Der Herr Landrat müßte dahinter!« »Das Konsistorium müßte benachrichtigt werden!« »Ach, was – Konsistorium!« schrie Perdje Puhl trotz der ›Stillen Woche‹ dazwischen. »So'n lutherscher Dickkopf, so'n Holofernes secundus ! – er müßte nach Kleve – und so müßte er gehen.« Erregt schob er die Hände derart übereinander, als sollten ihm Handschellen angelegt werden. Nur zwei Männer standen abseits und beobachteten in diesem Tumult eine vorläufig neutrale Haltung, und zwar: Herr Cornelis Janßen, Schankwirt und Leutnant a. D. der Sankt Sebastians-Bruderschaft, als zweiter Herr Eusebius Dornkat. Auch ein dritter schwieg noch, mißbilligte aber die küsterliche Verdammungsbulle gegen den Studiosus van Melle. Im blauen Kittel, die rötlichen Haare mit einer Seidenmütze bedeckt, aus der nur die Kleisterlöckchen seitwärts hervorlugten, hatte sich Moses Herzlieb wie ein Füchslein an Perdje Puhl herangeschnürt. Sein Blut siedete, und es kam zum Überkochen, als Schlaume auf ihn zutrabte und ihm die entsetzten Worte zuraunte: »Der Herr Perdje is ein gewalttätiger Mann; will er doch verhaften lassen den Herrn Studenten van Melle.« »Schlaume,« sagte Herzlieb, »Du bist ßu dumm!« – aber die Lunte war ins Pulverfaß gefallen. Alle Furcht beiseite schiebend, sich einen ordentlichen Ruck gebend, trat er vor Perdje Puhl hin und sagte: »Sie ruinieren den jungen Mann durch die Gewalt; ich protestituiere dagegen, Herr Perdje!« »Was tu ich?« fragte Perdje mit einem Gesicht, als stände er in Überlegung, ob er jetzt oder erst zum Vesperbrot den kleinen Juden als Schmalzschnitte verzehren sollte. Als er hierüber mit sich einig geworden und sich für die Verspeisung beim Vesperbrot entschieden hatte, musterte er Moses Herzlieb von den Spucklöckchen bis zu den abgetretenen Absätzen, von diesen wieder bis zu den Spucklöckchen und meinte mit Donnerstimme, daß der Herr Newö des Herrn Eusebius Dornkat wie 'ne aufgeblasene und dann angestochene Wurstpelle zusammenklappte: »Und Sie, was wollen denn Sie überhaupt?!« »Ich protestituiere dagegen, Herr Perdje!« »Der Mann hat recht,« sagte eine ruhige Stimme, die fett und langsam wie eine saftige Wegeschnecke über die Lippen des Herrn Eusebius Dornkat hervorkroch. »Nu kommt er mit die kalte Bewußtlosigkeit,« triumphierte Moses Herzlieb für sich, denn er fühlte instinktiv, daß er in der Person des Herrn Malermeisters einen unerschütterlichen Advokaten gefunden hatte. Die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, den kleinen Tonpfeifenstummel mit Blechdeckel im Mundwinkel haltend, wandte dieser sich an Perdje, indem er jedes Wort wie Sirup ausdehnte, der zäh und fadenförmig von einem Holzlöffel herabläuft. »Schön,« sagte er. »Herr Perdje, was haben Sie denn eigentlich gesehen?« »Allens,« erwiderte Perdje und sah hochfahrend den Entenschnabel entlang. Dabei nahm er eine theatralische Pose an, als wollte er sagen: »Was will so'n Pinsel von Schmierhahn? – Aber meinetwegen kann's losgehen.« »Un wo?« inquirierte Herr Eusebius Dornkat weiter. »Auf ihrer jungfräulichen Kammer.« »Schön,« sagte Herr Dornkat, »un da haben Sie was Unrechtes gesehen mit Ihren leiblichen Augen?« »Gesehen nicht, aber gefühlt; hier mit meinem Herzen gefühlt.« »Denn wahrscheinlich gehört?« fragte Herr Dornkat. »Gehört? – Was brauch' ich zu hören?« erwiderte Perdje. »Ich habe die Heilige in ihrem Unschuldskleide und in ihrer wehmütigen Miene beobachtet. Ich habe bemerkt, wie sie geduldet, gelitten hat – und ich habe gesehen, wie der Herr den Versucher mit Blindheit geschlagen. Er war ein zweiter Tobias.« »Glaub' ich Dich, Perdje, glaub' ich Dich,« sagte Herr Eusebius mit stoischer Ruhe. »Un denn?« »Und dann sah ich, wie der böse Geist in ihn fuhr.« »Glaub' ich Dich, Perdje – un denn?« »Dann hab' ich den Versucher mitsamt seiner jämmerlichen Verfassung in das Haus des andersgläubigen Priesters geleitet.« »Glaub' ich Dich, Perdje – un denn?« Die Frageweise des Herrn Eusebius Dornkat wurde immer ruhiger, aber auch bestimmter, klebrig wie eingekochter Vogelleim. Nur an dem Klebrigen merkte man die innere Erregung des Mannes. »Nu kommt die tigerische Wut über ihn,« dachte Moses Herzlieb. Aber sie kam nicht. »Un denn?« fragte Herr Dornkat. »Und dann?« wiederholte Herr Perdje. Mit einer grandiosen Pose entblößte er seinen zwerghaften Glatzkopf, reckte sich auf und schlug die Augen gen Himmel. »Und dann habe ich den großen Fluch über ihn ausgesprochen.« »Glaub' ich Dich, Perdje – un denn?« Eusebius Dornkat legte ihm gönnerhaft die Hand auf die Schulter: »Ich will Ihnen was sagen, Herr Perdje. Heute abend trinke ich mit meinem Freunde, dem Herrn Moses Herzlieb, 'ne Potellje Rotspon – aber nicht im »Versoffenen Rosenkranz«, was ich wegen der Scharnierlichkeit vom Herrn Moses Herzlieb nicht tun kann, sondern in meinem Atölje. Un diese Potellje trinken wir auf Ihrem Wohle, Herr Perdje. – Un somit – adjüskes. – Schafskopp...!« Und damit ging er, begleitet von seinem Newö und Herrn Moses Herzlieb. »Mir das!« donnerte der abgefertigte Küster. »Gottdomie noch mal! – der Herr Dechant wird diesem Kirchenrebellen schon richtig einheizen, denn in mir ist die Kirche beleidigt. Dies sagt mein Instinktus – aber er sagt auch: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! – und darum wollen wir zu Marie Verwahnen, daß sie bitten möge dort oben für Herrn Eusebius Dornkat. Folgt mir, Geliebte im Herrn!« Mit diesem verständigen Vorschlag Perdje Puhls schien alles einverstanden zu sein, denn unter seiner Führung zogen die Menschen in feierlicher Prozession nach der kleinen Behausung der Webersleute. – Als Doktor Barthes Terwelp das evangelische Pastorhaus betrat, sah ihm eine dumpfe Verstörtheit entgegen. Stina Prußt hatte verweinte Augen, und Abraham van Melle ging von Zimmer zu Zimmer. Er konnte seine Ruhe nicht finden. Mit dem Doktor betrat er die Stube des Fieberkranken. Mit brennendroten Wangen und pochenden Schläfen lag der Studiosus zwischen den Kissen. Er wollte die Lider heben – sie waren zu schwer. Er wollte sprechen – die Worte versagten ihm. Doktor Terwelp sah ihn mit einem langen, stillen Blick an. Währenddessen rieb der Prediger seine kalten Hände zusammen. Ohne viele Worte zu machen, traf Barthes Terwelp seine Anordnungen und versprach im Laufe des Tages wiederzukommen. Als er sich empfahl, zog ein großer Ernst um die verwitterten Züge. Abraham van Melle blieb bei seinem Sohne. Stina Prußt begleitete den Arzt bis zur Haustür. Dort meinte sie: »Ich kann mir nicht helfen, Herr Doktor, aber ich habe in der verflossenen Nacht Licht in der Guten Stube gesehen. Es waren mehrere Lichter, und sie standen in zwei Reihen auf hohen Leuchtern, wie sie sonst in der Kirche stehen.« »Dummes Zeug!« sagte Barthes Terwelp. »Je, Herr Doktor, und dann der eigentümliche Geruch nach frischen Hobelspänen und Firnis.« »Dummes Zeug!« wollte der Doktor noch einmal sagen, aber er sagte es nicht. Er sah jedoch Stina von der Seite an und wackelte nachdenklich mit dem Kopfe. Dann machte er rasch die Tür auf und ging. »Wunderlich, wunderlich ...!« meditierte Stina in tiefem Sinnen. »Der Herr Doktor versteht das ja besser, aber ich habe deutlich die Lichter gesehen und dann noch was Schwarzes, worauf ein silbernes Kreuz lag.« Sie barg die Hände unter die Schürze und ging mit ihren eigenen Gedanken in die Küche. Ihr graute schon jetzt; sie konnte ihrer verfänglichen Ahnungen und Gesichte nicht Herr werden. – Gegen Abend kam der Doktor wieder. Das Fieber war stärker geworden. Barthes Terwelp fand den Prediger, wie er am Bette seines Sohnes kniete. Auf Zehenspitzen trat er näher. Der harte Mann betete laut. »Großer Gott, heiliger Gott, erhalte mir den Einzigen und lasse ihn von diesem Weibe gesunden. Stehet fest im Glauben, denn eine feste Burg ist unser Gott. Ich habe nichts mehr auf dieser Welt, wenn mir dieser genommen wird. Johannes, Johannes...! – Aber, Herr, Dein Wille geschehe!« Der Kranke schlug die Augen auf. Er versuchte zu lächeln. Unruhig warf er den Kopf hin und her. Dann griff er mit den Händen in die leere Luft. Irre Laute, die in keinem Zusammenhange mit der Außenwelt standen, kamen von seinen fieberheißen Lippen. Von draußen sah der Abend durch die Gardinen. Schon zitterten leise Osterstimmen durch die Lüfte. Es war wie ein Glockenläuten aus weiter Ferne. Und immer lauter und lauter wurden die Stimmen. Jetzt klangen sie in dumpfen Schlägen vom Turme. Die Glocken waren von Rom zurückgekehrt, und Johannes van Melle hörte ihr Grüßen: aber er hörte auch das krampfhafte Schluchzen des gebrochenen Mannes, der an seinem Bette kniete und den er für unduldsam gehalten hatte. Ab und zu kamen Leute aus der evangelischen Gemeinde, um nach dem Befinden des jungen van Melle zu fragen. »Der wird bald ruhig,« beschied, sie Stina Prußt, und dann erzählte sie das Gesicht, welches sie in der vergangenen Nacht gehabt hatte, mit allen Nebenumständen. »Steht es so schlimm?« »Je!« sagte Stina Prußt und zuckte mit den Schultern. »Was soll das heißen?« »Ich habe immer so'n Spatenklirren im Ohr,« orakelte Stina, »so'n Klirren und Klingen, und dann ist mir so, als wenn Tannenbretter gehobelt würden – und das will mir nicht gefallen.« Auch Moses Herzlieb sprach vor, und Herr Eusebius Dornkat. Sie erhielten denselben Bescheid. – Gegen zehn Uhr in der Nacht war es still im evangelischen Pfarrhaus. Stina Prußt saß in der Küche am Feuer, schlürfte ihr Schälchen Kaffee und strickte an einem allmächtigen Lammwollstrumpf, dem sie allerlei Betrachtungen über Sterbekerzen, Firnis und Hobelspäne verwebte. Sie sah sich selbst im Trauerkleide sitzen, und in Gedanken tapezierte sie bereits das Empfangszimmer mit schwarzen Tüchern aus. Sie gefiel sich ordentlich in dieser Pompfunèbrestimmung, und der Wollstrumpf wurde zu einer Pleureuse, die immer länger wurde und schließlich über einen frisch gefirnißten Sarg voltigierte. Na – so was! – Es ging auf Mitternacht. Auf der Priesterkoppel jenseits des Rheines waren junge Burschen damit beschäftigt, Reisigbündel aufeinanderzustapeln und den gehäuften Scheiter mit einer leeren Teertonne zu krönen. Punkt zwölf Uhr sollte das Osterfeuer gen Himmel schlagen. »Da hinten auf der Heide brennt ein weißes Licht,« stöhnte der Kranke, »und in dieses Licht muß ich hinein wie ein trunkener Falter. – Und eine blaue Schlange züngelt hervor; ein Krönlein funkelt auf ihrem Haupt... und tausend Sterne ...« Abraham van Melle wandte sich ab. Noch immer saß Doktor Barthes Terwelp am Lager und folgte dem unruhigen Gange des Pulses mit seiner Hand. Immer bekümmerter, immer ernster wurden die Züge des Arztes; immer verworrener gestalteten sich die Auslassungen des schwer Erkrankten. Das Fieber rüttelte und schüttelte ihn. Nur ab und zu kamen lichte Momente – und wenn sie kamen und er alsdann die fieberblanken Augen aufschlug, dann begriff er nicht, wie der grobe, starkknochige Mann mit den harten Zügen so bitterlich weinen konnte. Und er tastete nach der Hand seines Vaters und drückte sie leise. Schwer sank er in die Kissen zurück. Ein hippokratischer Zug flog über sein Antlitz. Der Arzt schreckte zusammen. »Domine...!« kam es unwillkürlich von seinen Lippen. Der Prediger verstand ihn und sah ihn trostlos an. »Wirklich so schlimm?« fragte er tonlos. »Domine, hier kann nur ein Wunder helfen,« sagte der Doktor. Die ganze Stube tanzte vor den Blicken Abraham van Melles ... da flammte der Holzstoß jenseits des Rheines auf. Wie eine große, rote Eule bewegte sich der Lichtschein über das Wasser, wankte hierhin und dorthin, spielte um Schornsteine und Dächer, flog den Kirchturm an, um schließlich gegen die nächtigen Wolken zu irren. Dann sank er wieder und sah mit feurigen Augen in das Krankenzimmer hinein. »Das Licht, das Licht...!« rief Johannes van Melle. »Barthes, Barthes...!« stöhnte der Prediger aus tiefster Seele. »Nur ein Wunder kann helfen,« wiederholte der Arzt mit flüsternder Stimme. »Und dieses Wunder ...« Er stand auf und legte beide Hände auf die Schultern des Predigers: »Domine...!« Er war tiefbewegt und raunte einzelne Worte dem Freunde zu. »Was ...?!« schrie Abraham van Melle. »Es ist die letzte Hilfe, die ich weiß,« sagte der Arzt. »Willst Du?« »Und sonst keine Rettung?« »Nein,« versetzte Barthes Terwelp. Abraham van Melle verfärbte sich. Qualvoll sah er in das Gesicht seines Sohnes. »Herr, Dein Wille geschehe!« sagte der Prediger und ergriff die Hand des vor ihm Stehenden. – Während der ganzen Nacht blieb der Doktor im evangelischen Pfarrhaus. Der große Vogel flatterte und wankte auf rotem Gefieder bis um die Dämmerung einher. Erst gegen Morgen erlahmte sein Flug. Er sank immer tiefer und tiefer. Schließlich machte er die glühenden Augen zu. Nur ein Häuflein flockiger, flaumiger Asche war übriggeblieben. XV. Kommen sollst Du, auf daß er genese Nur ein erbärmliches Häuflein flockiger, flaumiger Asche – das war alles, was übriggeblieben war von dem großen nächtigen Vogel, der so prächtig und auf roten Schwingen die Stadt und den Rhein überstrichen und den Kirchturm angeflogen hatte. Blendendweiß ruhte es auf der Priesterkoppel, umgeben von leuchtendem Grün und dem brennenden Schwefelgelb der Sumpfdotterblumen, die beseligt ihre Augen aufschlugen und Ostergrüße mit der Lerche tauschten, die singend in den blauen Himmel schwebte. Sonnige Ostern ...! – – – – – – – Die vierte Flasche kam – die vierte Flasche Forster-Traminer. – Bald darauf kehrte die Alte zurück und stellte zwei brennende Kerzen auf den Tisch, denn es war völlig dunkel geworden. Der Mond hatte sein Licht aus dem Zimmer genommen und war mit ihm weiter gezogen. Durch das geöffnete Oberlicht des Fensters strich die kühle Nachtluft herein. Man hörte deutlich, wie der laue Wind in der großen Linde wühlte, die auf dem Markte stand. Der letzte Duft der bereits absterbenden Blüten wurde durch das Oberlicht des Fensters getragen. Schmeichelnd legte er sich um meine Stirne und die meines Freundes, der wieder nach Geige und Bogen gegriffen hatte. So ein Lindenblütenhauch...! – Er duftet nach Honig und macht abgestorbene Tage wieder lebendig. Und dann wieder die Geige...! – Ich konnte den Reiz der vorgetragenen Melodie mit nichts vergleichen, so einschmeichelnd, sinnbetörend und nie dagewesen mutete sie mich an. Ich hatte nur das Gefühl, als wenn der Wind über eine Äolsharfe glitte und das Lied einer weltfremden Nachtigall herüberwehte. Es waren Osterklänge, die meine Seele wunderseltsam berührten. Aber wie immer, so war auch jetzt dem Lieblichen und Anheimelnden des Spiels keine lange Dauer beschieden. Allmählich mischte sich eine Klangfarbe ein, die mich an das Schluchzen eines Kindes erinnerte. Und das Kind hatte sich verirrt im winterkalten Walde und konnte den Weg nicht mehr finden. Eisnadeln hingen von den verschneiten Ästen, und die dichten Tannen standen im Totenhemd. Und als die Nacht kam, da jammerte das Kind nach Vater und Mutter und dem warmen Herdfeuer. Aber niemand hörte sein Rufen. Als dann ein fernes Lichtchen aufblitzte, streckte es glücklich die Hände aus; allein die Füße versagten ihm. Da setzte es sich auf einen verschneiten Stein, verhüllte das Köpfchen und vergaß bald, daß es gelebt hatte auf dieser Erde. – Die Geige tönte gleich Eiskristallen, die im Winterwalde zusammenklingen. Mit einem disharmonischen Schlußsatz brach das Spiel ab. – – – – – – – – – Schon beizeiten und in aller Sonntagsfrühe hatte Schlaume Herzlieb seinen stattlichen Ziegenbock auf die Weide getrieben, um ihm die Wohltat des frischen Grases zu verstatten. Der meckernde Gesell war das Eigentum Schlaumes. Er konnte nach eigenem Ermessen über ihn schalten und walten, mußte allerdings alle Lasten, die mit der Haltung des Tieres verknüpft waren, tragen, war dafür aber auch der unumschränkte, glückliche Nutznießer des prächtigen Herrn aus dem Ziegengeschlecht, der als vielbegehrter Sprung- und Deckbock ein Erkleckliches abwarf. Alle Ziegen der Nachbarschaft wurden diesem Pascha zugeführt, waren ihm tributpflichtig und genossen seine Liebe gegen die Hinterlegung eines Kastemännchens, das nach geschehenem Sprunge in die Tasche Schlaumes hinabklingelte. So häufte sich im Laufe des Jahres Kastemännchen auf Kastemännchen. Allmonatlich wurde die Kasse einer Revision unterzogen, und stets wies das Fazit ein erfreuliches Resultat auf. »'s stimmt!« sagte alsdann der kleine Schlaume und schloß die Kassette wieder ab, auf deren Deckel die inhaltsschweren Worte ›Bock- und Sprunggelder for Salomo Herzlieb‹ in flüssiger Kurrentschrift verzeichnet standen. Trotz des christlichen Jontefs hatte Schlaume zur Weide getrieben, und während Isidor gravitätisch durch das frische Grün stelzte, den Bart schleifte und mit dem Schwänzchen kapriolte und fröhliche Rädchen schlug, lag der kleine Judenbengel rücklings am Wiesenrand, schlenkerte das rechte über das aufgestemmte linke Bein und blinzelte zum Himmel auf, der in strahlender Bläue die weite, duftige Grasfläche überspannte. Schlaume war glücklich. In dieser Glückseligkeit nickte er dem bereits etwas steifbeinigen, aber würdigen Pascha zu – und dieser verstand ihn. »Isidor!« rief der kleine Schlaume. Der Bock meckerte auf. »Übermorgen kommt die Weiße von Herrn Cornelis Janßen zu uns: macht ein Kastemännchen.« »Mäh!« sagte der Pascha. »Nü – un zu kommenden Freitag die Schwarz-Braune mit's dumme Gesicht von Herrn Eusebius Dornkat.« Der Bock meckerte wieder. »Macht zwei Kastemännchen,« ergänzte Schlaume in tiefer Betrachtung. »Un denn kommt die Rahmweiße, die Zimperliche mit's himmelblaue Bändchen von die Damens Käschen. 'ne Kapitalziege ...! – Wieder ein Kastemännchen.« Im behaglichen Vorgefühl der kommenden Dinge schloß der Steifbeinige die Augen, gab etliche Rosinen von sich und ließ sie durch eine schnelle Bewegung des Schwanzes turbinenartig rotieren. »Isidor, un denn kommt die Schwarze mit die Hängeohren von Perdje Puhl – un denn die Fromme vom Herrn katholischen Pfarrer – un denn die Blässe mit's dicke Euter von der liebreichen Frau Ankerwirtin. – Drei Kastemännchen auf einmal...! – Nu, Isidor«– un wo gefällt Dir die Sache?« Dreimaliges Meckern von seiten des Paschas. »Un denn,« fuhr Schlaume fort, »Isidor, gehst Du kapores! – un denn kommen die fünf mit die Glöckchens vom Entenbusch, un denn zuletzt – aber, Isidor, nimm's mir nich übel! – die Lahme mit's abgebissene Ohr: dem Herrn Meyer Pinkus die seine. Macht sechs Kaste Männchen ßusammen.« Allein Schlaume hatte dieses Mal die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Höchst indigniert, verächtlich und mit langem Gesicht drehte sich der Pascha auf seinen steifen Beinen herum und gewährte Schlaume den Anblick seiner hinteren Seite. Er würdigte den Rechenkünstler keines Blickes mehr. Stocksteif und mit eingezogenem Buckel sah er in die Gegend hinaus. »Isidor, bist Du meschugge?! – Is sie doch auch 'ne Ziege, die Lahme mit's abgebissene Ohr: dem Herrn Meyer Pinkus die seine.« Es war umsonst. Jeder Zuspruch fiel auf unfruchtbaren Boden. Isidor ließ sich auf nichts mehr ein, graste weiter und schnappte gelegentlich nach einer braunroten Erdhummel, die nicht müde wurde, um seine Nase zu taumeln. »Püh – denn nich!« sagte Schlaume. »Gefällt Dir die Sache nich – mir aber gefällt sie. – Macht ßusammen zwölf Kastemännchen, gleich 'nem Taler preußisch Courant. Isidor, 's stimmt.« Also meditierte Schlaume, kümmerte sich nicht weiter um den halsstarrigen Bock, legte sich wieder rücklings ins Gras und schlug die Beine übereinander. So mochte er etliche Stunden gelegen haben, als mit feierlichen Schlägen die Glocken zum Hochamt riefen. – Das waren glückliche Ostern! – Seit Menschengedenken hatte sich die liebe Gotteswelt noch nie so frühzeitig geschmückt wie in diesem Jahre. Die Weidenkätzchen rüttelten und schüttelten sich; ein flimmeriger Goldstaub wehte davon über die Wiesen. Die Holztaube ruckste in den alten Weidenköpfen, und mohnblaue Feldflüchter zogen mit reißendem Fluge über die Triften. Von den benachbarten Bauernschaften und Einzelgehöften fuhren die Leute zum Hochamt. Mit jungen Maien waren die Wagen geschmückt, und festlich geputzte Menschen legten heute ihre schwerfällige Eigenart ab, um glücklich mit den Glücklichen und fröhlich mit den Lerchen zu sein, die, Osterlieder singend, zu ihren Häupten schwebten. Feierliche Glockenschläge gingen über das duftige Grasmeer; vom Schieferhelme des Kirchturmes wehte die lange Fahne in den päpstlichen Farben. Schwefelgelbe Quasten baumelten vom Flaggenstock und berührten fast die Kronen der frisch geschlagenen Maienbäume, die vor dem Portal aufgepflanzt waren. Von hier aus lief eine Via triumphalis bis zum katholischen Pastorat, flankiert von silberlichten Birken und bestreut mit geschnittenem Kalmus, dessen Geruch angenehm die schmalen Straßen durchströmte. Es war fast wie am Fronleichnamstage – so feierlich, so duftig und so prozessionsmäßig. Pater Bonaventura predigte heute zum letzten Male vor der kleinen Gemeinde. Das Düstere und Beengende der verflossenen Karwoche sollte mit dieser Predigt abgestreift werden; alle Bängnis sollte sie von der Seele nehmen und die goldene Pforte der hoffnungsfreudigen Zukunft aufsperren, denn das Kreuz von Golgatha stand leer, die dumpfe Gewitterschwüle war einem blendenden Licht gewichen. Auferstanden von den Toten war der Herr, die Himmlischen freuten sich, und die armseligen Menschenkinder atmeten auf, denn alles hatte sich zum Guten gefunden, und vollendet war das große Werk der Erlösung. Mit den letzten Glockenschlägen schritt Bonaventura durch die Reihen der aufgepflanzten Bäume zur Kirche. Eine große Schar begeisterter und frommer Menschen begleitete ihn. Für alle und jeden hatte er ein freundliches Wort, ein liebevolles Lächeln, und unablässig war er bemüht, das Zeichen des Kreuzes mit seinen durchgeistigten Händen zu spenden. Alles Asketische, Düstere und Ernste war von seinem Antlitz gewichen. Der Prediger der Leidensgeschichte hatte sich in einen Verkünder der glorreichen Auferstehung gewandelt. Männliche Schönheit thronte auf seiner Stirn, sprühendens Leben gaben die Blicke wieder, und unter dem Benediktinergewand schlug ein Herz für alles Edle auf dieser Erde. Es war so, als schritte die verkörperte Osterfreude zur Kirche, als müßte der Mann, der da ging, jegliches Leid von der Seele nehmen, als müßten seine Lippen die Worte verkünden: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Alles Trauergepränge der verflossenen Tage war aus der Kirche entfernt. An Stelle der dunkeln Umkleidung und violetten Gewänder hatten farbenfreudige Gegenstände Platz gefunden, bunte Blumen standen auf den Altären, und die Kerzen flimmerten lebenswarm durch die sonnigen Räume, auf deren Fliesen die Kirchenfenster verschwenderisch die ganze Skala ihrer eingebrannten Farben verstreuten. Die Kleriker hatten sich bereits in der Sakristei eingefunden. Perdje Puhl stand auf dem Hohen Chor und wartete auf den Augenblick, wo er das Zeichen für den Beginn des Hochamtes mit der Klingel geben konnte. Obgleich alles in seiner Umgebung Feier und Freude war, in seinem Gesicht haftete noch immer die Karwochenstimmung. Vergrämelt sah er über die Leute, und nur durch das Herauskehren einer pomphaften Haltung suchte er die ihm fehlende österliche Weihe auszugleichen. Der Mann wurde von seiner eigenen Würde wie von einem Wasser verschlungen. Jetzt setzte die Orgel ein. »Halleluja! – Halleluja ...!« Brausende Stimmen fluteten aus dem Kirchenportal dem Benediktiner entgegen. Langsam bestieg er die Stufen, die zum Eingang führten. Am Portal zur linken Hand stand Marie Vermahnen. Mehrere Mädchen der ersten Klasse waren am Eingang placiert. Österlich geschmückt, trugen sie Papierrosen im schlichtgescheitelten Haar und sahen verschämt auf die schwarzeingebundenen Gebetbücher, die sie ängstlich zwischen den Fingern hielten. Der Benediktiner trat näher und legte einem flachsköpfigen Mädchen die Rechte auf den Scheitel, überglücklich sank es in die Knie. Tränen standen in den kindlichen Augen. »Halleluja! – Halleluja ...!« Bonaventura wandte sich. Sein berückendes Schwärmergesicht glitt über Marie Verwahnen. Lange sah er sie an. Hatte der junge Benediktiner verstanden, was in ihrer Seele wühlte, was deutlich aus ihrem Antlitz redete? – Fast schien es so, denn er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und betrat zögernd die räumigen Hallen. Die Kinder folgten. Sprachlos sah ihm die Wachsmarie nach. Die Füße versagten ihr den Dienst. Angewurzelt haftete sie an der Stelle, und es war, als wenn eine zwingende Gewalt sie abhielte, über die Schwelle zu treten. Der Himmel öffnete sich ihr; eine strahlende Lichtbahn ging von ihm aus. Darin erschien die heilige Mutter mit dem Jesuskinde. Langsam sank die Verzückte in die Knie und streckte die Arme. Derselbe Schmerz machte sich wieder an den Füßen, auf den Handflächen und unterhalb der Herzgrube geltend. Ein Gefühl der Seligkeit kam über sie. Nichts Finsteres, nichts Verhüllendes mehr trübte ihre Erkenntnis. Sie wußte, daß Gott sie abermals begnadet hatte. Das machte sie trunken vor überirdischer Freude und Glückseligkeit. Demütig senkte sie das Haupt. Jubilierend klang die Orgel herüber. Langsam erhob sie sich von den Steinfliesen, und als sie aufschaute, fielen weiße Rosenknospen aus der sich zurückziehenden Lichtbahn, die sie ganz überdeckten. »Herr, mache mich würdig, das Wunder zu tragen!« stammelte Marie Verwahnen, dann hob sie gestärkt das Haupt und schickte sich an, in die Kirche zu treten, wobei sie die Worte sprach: »Setze mich wie ein Siegel auf Dein Herz – denn meine Liebe ist stark wie der Tod.« Sie mußte die letzten Worte laut und deutlich gesprochen haben, denn sie wurden gehört, und eine harte Stimme antwortete darauf: »Wenn Deine Liebe stark wie der Tod ist, so gib mir meinen Sohn zurück.« Ein Mann im Predigergewand kam lautlos näher. Seine Züge waren übernächtigt. Keine Fiber lebte und zuckte darin. Die Ruhe des vor ihr stehenden Mannes war so gewaltig und zwingend, daß ihr Körper daran erstarrte. Abraham van Melle regte sich nicht. Er kam aus der Kirche. In der linken Hand krampfte er noch das Buch, aus dem er kurz vorher das Evangelium seiner kleinen Gemeinde verkündet hatte. Tonlos kam es von seinem Munde: »Alle Menschendinge werden gewertet – die guten und bösen. Denke daran und beherzige es, denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.« »Domine ...!« Die Wachsmarie prallte zurück vor diesem Verkünder des anderen Glaubens. »Auch Du wirst gewertet vor Gott,« begann er von neuem, »und Du wirst zu leicht befunden werden. Bedenke das Ende, denn in der Hölle, da Du hinfährst, ist weder Werk, Kunst und Vernunft, noch Weisheit.« Es hörte sich weltfremd und schauerlich an, als er in dieser monotonen Weise redete. »Du hast Dich an ihn geklammert mit Deinem buhlerischen Wesen,« fuhr er fort, »Du hast ihn seinem Vater und seiner Kirche entfremdet – Du hast meinen Sohn mir genommen und ihn geleitet auf den Pfad des Verderbens. Gib mir meinen Sohn zurück. – Meinen Sohn, meinen Sohn ...!« Eine nervige, knochige Faust legte sich auf die Schulter des aus allen Himmeln gerissenen Weibes. Ein kalter Hauch wehte sie an: zwei starre, eisige Blicke waren ihr nah. »Meinen Sohn, meinen Sohn...!« »Was wollen Sie? Ich habe keine Gemeinschaft mit Ihnen.« Die Selbstbeherrschung kam ihr wieder. Sie reckte sich auf, Milde legte sich um ihre erschreckten Züge, sie hatte Mitleid und Erbarmen mit dem Manne, der vor ihr stand. Die Worte taten ihr leid, die sie soeben gesprochen hatte. »Domine,« sagte sie mit weicher Betonung, »wir haben nichts mehr zusammen – Johannes und ich.« In dem harten Gesicht Abraham van Melles zuckte etwas Lauerndes auf. »Eitel Flitter, Schminke und Lüge!« sagte er mit nervösem Lachen. »Ich will die Wahrheit, die ungeschminkte Wahrheit – ich will sie ...« »Ich gab sie.« Er konnte sich in den plötzlichen Wechsel der Dinge nicht schicken, aber er fühlte, daß der Stein, der bislang auf seiner Brust gelastet, ins Rollen kam und eine befreiende Luft ihn umspielte. Er tastete nach der Hand des schönen Weibes. »Du – Du – Du...!« keuchte er mit heiserer Stimme. »Also wirklich...?!« »Ich habe mit Ihrem Sohn nichts mehr zu schaffen; ich gab ihn frei.« Eine zwingende Kraft lag in dem, was sie sagte. Er konnte sich der ruhig und überzeugend abgegebenen Erklärung nicht mehr verschließen. »Johannes!« stieß der Entsetzte heraus, schlug die Hände vor das Gesicht und taumelte unter der Wucht des Gehörten und Unfaßbaren in eine Nische des weiten Portals. Dort hielt er sich an einem Pfeilerbündel. Mit leeren Blicken sah er sie an, und da erinnerte er sich des Elends und des Jammers in seinem Hause; da erinnerte er sich der Worte, die ihm Doktor Barthes Terwelp in schwerer Stunde und am Krankenlager seines Sohnes zugeflüstert hatte. Es war die ultima ratio des verzweifelten Arztes gewesen. Der Zweck seiner eigentlichen Mission trat ihm klar vor die Sinne, obgleich er wußte, daß er Ärgernis gab, und eine innere Mahnung klang ihm zu Ohren: »Wehe dem, durch den Ärgernis in die Welt kommt.« Aber er wollte sie nicht hören, er wollte sich nicht irre machen lassen in seinem Vorhaben, denn durch das Ärgernis sollte das Gute gezeitigt werden. Er war aschfahl geworden, und die Fingernägel der rechten Hand krampften sich tief in die Handfläche ein. Unsicher trat er vor. Der starke Mann schien unter der Last der ihm aufgebürdeten Sendung zusammenzubrechen. Widerwillig rangen sich die Worte von den schmalen Lippen. »Also – Du gabst ihn frei ...,« sagte er mit weher Stimme, »und somit hast Du einsehen gelernt, nachdem Du so viele Leiden gesät hast. – Aber das allein genügt mir nicht mehr,« stöhnte er auf und preßte das Gebetbuch mit beiden Händen, »das hilft mir nicht, das tröstet mich nicht – und bringt keine Erlösung für mich. – Du gabst ihn frei! – Jetzt, da ich dieses weiß – kommen sollst Du mit mir. In das evangelische Pfarrhaus sollst Du mit mir – ihm die Hände auf die fieberheiße Stirne legen sollst Du – beten sollst Du für ihn, auf daß der Tod vorbeigehe – auf daß er genese.« Abraham van Melle hatte mit der ganzen inneren Zerrissenheit eines verzweifelten Mannes gesprochen. Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er, der Prediger, kannte nur zwei Dinge im Leben: schwanke Dinge und spröde Dinge – Biegen und Brechen. Aber das Brechen der Dinge lag seiner Natur näher. Was nicht wollte wie er, das mußte unter seinem Vorurteil, unter seinem starren Willen zerknicken. Er selber hielt daran fest, und wäre er darüber zugrunde gegangen. Heute bog er sich aber. Abraham van Melle war ein Bittender geworben. Das fahle Gesicht näherte sich dem Ohr des Weibes. »Siehst Du,« begann er wieder, »da drinnen ringt mein Sohn mit dem Tode. Das schwache Licht will vergehen – und wenn es verlischt, dann ist auch für mich ewige Finsternis geworden. Ich aber will nicht in Finsternis tasten; ich will mich noch des Lichtes und meines Sohnes erfreuen auf Erden. – Es ist mir schwer geworden zu bitten. – Ich wollte nichts von Andersgläubigen; da mir aber gesagt wurde: Tu' es! – so habe ich es getan und habe meine Grundsätze, meine Ueberzeugung unter die Füße gezerrt. Das mußt Du verstehen, und darum ...« Seine Stimme sank zu einem leisen Flüstern herab: »Und darum sollst Du mit mir in das evangelische Pfarrhaus. – Ihm die Hände auf die fieberheiße Stirne legen, das sollst Du, auf daß er genese – denn Du, so sagen die Leute...« Sie streckte beide Hände von sich. Das Gesicht des Predigers entstellte sich. Atemlos suchte er die Antwort vom Munde der Erstarrten zu lesen. Schrittweise wich sie zurück. Drinnen wurde das Evangelium verkündet. Die letzten Worte des gesungenen Textes verhallten. Leise setzte die Orgel ein, und unter ihren Klängen bestieg Bonaventura die Kanzel. Die Brust Abraham van Melles keuchte: »Denn Du, so sagen die Leute ...« In diesem Augenblick hallte das schöne und volle Organ des Kanzelredners herüber. Ein unsagbar berückender Wohllaut lag in der Stimme. Jedes Wort war deutlich vernehmbar. Marie hörte Bonaventura, und dieses reichte hin, alles vergessen zu machen, was sich in ihrer Gegenwart in herzergreifender Weise abspielte. Und wäre die Stimme aus Feuersgluten gekommen, ohne Besinnen wäre sie ihr gefolgt, wäre durch die Flammen geschritten, um dem Manne nahe zu sein, dessen Mund sie entströmten. Langsam wandte sie das Haupt. Der Prediger kannte sich nicht mehr in seiner Verzweiflung, die ihm an der Kehle saß. »Willst Du, willst Du?!« schrie Abraham van Melle. Er hob flehend die Arme. Einige Leute in der Kirche, die in der Nähe des Portals standen, wurden auf den Vorgang aufmerksam. Sie schoben sich dem Ausgang zu. »Ich will nicht,« sagte Marie, ohne merken zu lassen, daß sie vor Unheimlichem bangte. »Nicht ...?!« »Nein – ich habe mit Bonaventura zu sprechen. Ich kann nicht – und will nicht.« Nie vor einem Besessenen wich sie zurück. »Bonaventura ...!« schrie der Prediger. »Und mein armer Johannes ...?!« Da stöhnte er auf, so aus seinem Jammer heraus und so furchtbar, als käme es aus der Brust eines Wahnsinnigen. Da nahm das Grauen bei ihr überhand. »Bonaventura ...!« rief sie in ihrer Todesnot. Drohend stand Abraham van Melle vor ihr. Etliche Leute, die aus der Kirche gestürzt waren, umringten sie und stellten sich schützend vor sie hin. Da sah er, daß alles umsonst sei. Mit dem Seufzer eines zu Tode Getroffenen schlug er die Faust auf sein Herz. Gesenkten Hauptes verließ er die Schwelle. Er ging, wie ein Mann geht, den das Schicksal mit dem Scheit des Unglücks vor den Kopf geschlagen und so um den Verstand gebracht hat. Marie Verwahnen aber trat in die Kirche. XVI. Nicht heilig Schlaume Herzlieb lag noch immer im Grase und zählte die Hüpfer, die über ihn wegschossen. Der warme Sonnenschein drückte sich zwischen die jungen Halme und weckte alles zum Leben, was leben konnte und wollte. In den Wassergräben trieben Pfeilkraut und Froschlöffel ihre Spitzen an die Oberfläche. Langbeinige Spinnen huschten darüber hin. – Isidor weidete stelzbeinig durch den saftigen Rasen. Für seinen Herrn hatte er kein Auge mehr. Er war total mit ihm verfeindet, denn dessen beleidigendes Ansinnen, seine Gunst auch der Meyer Pinkusschen Ziege teilhaftig werden zu lassen, trug allzu sehr den Stempel des Geschäftlichen an sich, hatte mit Liebe nichts gemein und lief somit seiner bockigen Ehre schnurstracks zuwider. Die Weiße von Cornelis Janßen, die Schwarz-Braune von Herrn Eusebius Dornkat und vor allen Dingen die Rahmfarbige, die Zimperliche mit dem himmelblauen Bändchen der Damen Nettchen und Settchen Käschen: das waren denn doch andere Nummern, das waren Geschöpfe, mit denen zu buhlen nichts Anrüchiges anhaftete, nichts Unliebsames anklebte. Im Gegenteil, hier konnte die freie Liebe ihre schönsten Triumphe feiern, hier konnte sie aufjubeln und gleichartige Herzen im Taumel des Genusses vereinen. Aber die Lahme mit dem abgebissenen Ohr ...? Hier sah das pure Geschäft wie ein Frettchen aus dem Bau. Infam! – Es ging ihm wider die ehrliche Bocksnatur, sein Gewissen sträubte sich dagegen; die von ihm selbst ausgeklügelte Theorie über den idealen Liebesgenuß und seine praktische Anwendung in besonderen Fällen wurde hierdurch über den Haufen geworfen, und dieses erwägend, stieß Isidor plötzlich ein zorniges Gemecker aus, zeigte sich halsstarrig und machte Miene, sich mit gesenktem Gehörn und mit schleppendem Bart auf seinen ahnungslosen Herrn zu stürzen. Schlaume sprang auf. Schnellfüßig rettete er sich hinter einen Weidenstamm, riß eine Gerte herunter und versetzte dem zudringlichen Bock etliche wohlgezielte Hiebe, die diesen etwas zur Vernunft brachten. Der Angriff war abgeschlagen, das Gleichgewicht scheinbar hergestellt, aber innerlich wurmte und kochte das, und Rachegedanken im schwarzen Busen hegend, machte Isidor kehrt und rupfte mit der gleichgültigsten Miene von der Welt fettes Gras und saftige Kräuter. Zuweilen nur drang die verhaltene Wut durch. Er mobilisierte alsdann etliche Korinthen und Rosinen, quirlte mit dem Schwanz und dirigierte die runden Geschosse auf Schlaume. Schließlich merkte dieser die böswillige Absicht. »Nu grade,« sagte Schlaume. »Un Du kriegst doch dem Herrn Meyer Pinkus die seine; aber die Rahmweiße un die mit's dumme Gesicht von Herrn Eusebius Dornkat werden gestrichen. – Wir gehen nach Hause.« Mit schwanker Weidengerte trieb Schlaume den steifen Bock vor sich her. Ängstlich vermied er die belebten Pfade. In großem Bogen lenkte er um die kleine Stadt, bog in die vereinsamten Gartenstege ein, um, von den grünen Hecken geschützt, den Stall zu erreichen. Er wollte am christlichen Feiertage kein Ärgernis geben. Die braunrote Erdhummel von vorhin mußte wohl an Isidor ein besonderes Wohlgefallen gefunden haben, denn sie stellte sich von neuem ein, brummte schwerfälligen Fluges mit und machte nur ab und zu kleine Streifzüge in die nahegelegenen Gärten. Aber immer wieder taumelte sie über die Hagedorn- und Buchenhecken zurück, umkreiste Isidor – und so: Schlaume schimpfend und mit der Gerte fuchtelnd, Isidor meckernd und die dicke Erdhummel das tiefgestimmte Fagott blasend, zogen die drei auf verschwiegenen Wegen in die sonntägliche Stadt ein. In den erwachenden Gärten trugen die Amseln dürre Stecken und faserige Quecken zu Nest. Die Aprikosen- und Pfirsichbäume spendeten Weihrauch, das sanfte Rauschen in den Obstbäumen erinnerte an fernes Orgelklingen, und die gelben Narzissen entfalteten ihre Sterne und muteten an wie Kerzen, die den Frühlingsgarten verschönten. Tausendfältig zirpte und geigte es zwischen den Hecken, die Vögel sangen dazwischen – aber alles wurde übertönt durch die mächtigen Klänge der Orgel, die jetzt aus der Kirche mit allen Registern über die Gärten frohlockte. Deutlich klangen die Aeolsstimmen und rief die vox humana herüber. Das Hochamt war zu Ende. – Duftig stieg der Weihrauch zur Decke; am hohen Sterngewölbe verflog er. Die schweren Kirchentüren wurden geöffnet. Langsam strömte die Menge durch die weiten Portale, noch ganz im Banne von dem stehend, was sie soeben gehört hatte. Bonaventura hatte sich selbst übertroffen. Wie ein Frühlingsrausch, wie ein Auferstehungslied war es über ihre Köpfe gefahren. Er hatte gesprochen, wie der Wald spricht, wenn der Odem der erwachenden Erde ihn berührt und der Tauber lenzfroh der Gefährtin entgegenharrt. Er hatte vieles gemildert, was er während der verflossenen Fastenpredigten zürnenden Geistes angedroht hatte. Die zu Boden Geworfenen richteten sich wieder empor, die Zerknirschten freuten sich wieder des Lebens, die geängstigten Naturen atmeten auf: denn der Benediktiner hatte Töne gefunden, Töne der Verheißung auf die ewige Liebe und Barmherzigkeit Gottes, so überzeugungstreu und erquickend, so keusch und ergreifend, daß der dumpfe Geist der verlebten Trauertage von allen Zuhörern wich und der Ausblick auf eine hoffnungsfrohe Zukunft und ein glückliches Dasein nach dem Tode ihre Herzen erquickte. Es waren große Augenblicke gewesen, Augenblicke des höchsten Genusses und der Erhebung. In verdorrte Stämme trat wieder der Saft. Nichts Irdisches klebte seinen Betrachtungen an, sie belebten wie Manna, sie entzündeten heilige Osterfeuer in der Brust der sündigen Menschheit. Unaufhaltsam, aber stetig und ruhig und einem warmen Regen gleich waren sie auf die Gemeinde geträuft. Kein Stocken trat ein. – Nur einmal hatte seine Rhetorik geschwankt und die Stimme gezittert, und das geschah, als er Marie Verwahnen bemerkte, jene Begnadete mit den traurigen Blicken, deren stummes Flehen ihn mit einem innigen Gefühl überschauerte. Auch Bonaventura war ein Mensch, auch ihm hafteten die irdischen Gebresten an; auch dem Reinsten naht sich der Versucher mit dem dämonischen Spiegel, aus welchem freudige Lebensbilder mit sinnlichen Reizen strahlen. Und dazu hofiert das Pfeiflein des Genusses und ladet ein, den süßen Einflüsterungen des Versuchers zu folgen und sich in den Taumel der schönen Sünde zu stürzen. Allein – nicht die Anfechtungen find sündhaft, sie werden erst zur Sünde, wenn sich ihnen das Unterliegen gesellt, und Bonaventura war stark genug, dem Versucher zu trotzen und das Bild des schönen Weibes, das sich mächtig vor seine Seele stellte, von sich zu weisen. Ja – nur für einen Augenblick hatte seine Rhetorik geschwankt und seine Stimme gezittert, dann war er wieder der Alte geworden. Die Welt und das Weib mit dem stummen Flehen in dem bleichen Gesicht lagen tief unter ihm. Er sah sie nicht mehr – aber die Welt sah ihn, und es gab Männer, die nicht mehr von seiner Seite wichen, wenn er die Straßen durchwandelte, es gab Frauen, die ihm knechtisch folgten, verhaltene Glut in den Blicken, und die schon glücklich waren, wenn sie in seine Fußtapfen treten und ein Zweiglein vom Boden nehmen konnten, das er von irgendeinem Strauche gerupft und achtlos auf die Erde geworfen hatte. Viele beteten ihn an und verehrten den Staub, der unter seinen Sohlen aufwallte. – Bonaventura hatte zum letzten Male vor der kleinen Gemeinde gesprochen. Mit der heutigen Predigt nahm er Abschied. Sein Ziel führte ihn wieder stromaufwärts seinem Kloster zu. Die schweren Kirchentüren waren geöffnet, und fast widerwillig verließ die erschütterte, aber auch neugestärkte Menge das Gotteshaus. Sie konnte sich nicht trennen von der Gestalt und dem Odem des Mannes, der so ganz anders geartet war wie ein jeder von ihnen. Nur Marie Verwahnen fühlte sich eins mit ihm. Sie hatte das Bewußtsein gegenseitiger Verwandtschaft, sie glaubte, daß ihre Neigungen und Gefühle in Wechselwirkung standen und sich derart verstrickten, daß eine Trennung voneinander für immer ausgeschlossen erschien. Unlösliche Bande fesselten sie an den Mann, der soeben die Kanzel verlassen und die Sakristei aufgesucht hatte; aber worin diese Fesseln bestanden, darüber wollte sie sich keine Rechenschaft geben. Sie tastete lieber durch unbestimmte Dunkelheit, als sich durch das grelle Licht der Erkenntnis aus ihrem süßen, magnetischen Taumel aufschrecken zu lassen. Die Begegnung mit Abraham van Melle hatte sie längst vergessen, an den sterbenskranken Johannes dachte sie nicht mehr. Strahlender denn je trat das schöne Bild des Kanzelredners vor sie hin, sein Auge berückte sie, seine Stimme übte Gewalt aus – und mehr träumend denn wachenden Geistes, von den Wahngebilden eines Irren umgeben, gewann sie das Freie. Ehrfurchtsvoll wichen die Leute zurück, die sich am Portal aufgestellt hatten, um dem geliebten Manne ein letztes Lebewohl zuzurufen. Eine gedrückte Stimmung, vielfach von verhaltenem Schluchzen und Weinen durchsetzt, empfing sie. Sie drängte sich in die erste Reihe, gewillt, die letzten Blicke Bonaventuras, der von hier aus die altmodische Karosse zur Weiterreise benutzen wollte, für sich aufzufangen. Viele stießen sich an und warfen mitleidige Blicke auf sie, als sich ihnen Perdje Puhl gesellte. Er war barhaupt. Stattlich saß das zwiebelgroße Gewächs auf dem kahlen Schädel. Das einsame Toupet sträubte sich leicht. Mit großer Förmlichkeit zog er die Zinndose aus der hinteren Rocktasche, klappte sie auf, räusperte sich und warf sich den Spaniol in die Nase. Dann deutete er geheimnisvoll auf den Eingang. Vom Herrn Dechanten begleitet, schritt der junge Benediktiner über die Schwelle. Für einen Augenblick blieb er stehen. Man hätte von einer selbstgefälligen Pose sprechen können, wäre die Haltung nicht so ganz sein eigen und für ihn so natürlich gewesen. Heiteren Gesichtes spendete er mit seiner weißen Hand den Segen. Ruhig sah er über die harrende Menge. Weihevolles Schweigen umgab ihn. Alle sanken in die Knie. Da tönte eine verzweifelte Stimme: »Bonaventura!« Trunken von seinem Anblick warf sich ihm Marie Verwahnen zu Füßen. Ihr Leib hörte nicht auf zu zittern: beide Arme schlang sie weinend um seine Lenden. »Du, Du!« keuchte sie aus gequälter Brust, »Großer, Heiliger, setze Deinen Schuh auf meinen Nacken: geh' über mich, auf daß ich gesunde!« Tiefe Stille ging um. Die Bestürzung wuchs mit jeder Sekunde und lähmte Willen und Wesen. Hochaufgerichtet stand der Mönch. Man hörte den Herzschlag der näher Stehenden. Was sollte jetzt kommen? – Diese Frage stand auf allen Gesichtern, und siehe: leise, als ob er sich gefürchtet hätte, streckte er die Arme von sich: dann beugte er sich nieder und nahm den kraftlosen Kopf der vor ihm Knienden mitleidig zwischen seine Hände. Langsam bog er ihr Haupt zurück, streifte mit der Rechten ihr Haar von den Schläfen und sah ihr stumm in die Augen. Dieser Augenblick sollte über ihr ganzes Leben entscheiden. Kalt und bleich kniete sie vor ihm. Sie sah nicht mehr die erschreckten Gesichter ihrer Mitmenschen, nicht mehr die eisig gewordenen Züge des Dechanten – nur noch Bonaventura war bei ihr. Die Menge hing an seinen Lippen. Bewegt hob er das Haupt und fuhr mit der Hand über die Stirne, sie lange beschattend. Hatte sich ihm wieder der Versucher genähert? Er sah über die Aermste fort, aber er fühlte deutlich das krampfhafte Zittern ihres Körpers. Da kam ihm die Stimme zurück. »Was willst Du, Weib?« fragt« der Mönch. »Was ich will?!« schrie die vor ihm Liegende. »Alles will ich ...! – Mit Dir vereint, in Deinen Armen, an Deiner Brust – mit Dir vereint zu den ewigen Freuden...!« »Unglückselige ...!« Bonaventura entsetzte sich. Männer und Frauen drängten sich verstört zusammen. Nur ein kleiner Raum blieb übrig, auf dem der Mönch stand und die Wachsmarie kniete. Was galten ihr die gleichgültigen Menschen mit den erschreckten und doch nichtssagenden Gesichtern? Die Ekstase kam über sie. Sie gab sich keine Rechenschaft mehr von dem, was sie dachte und aussprach. Was kümmerten sie noch die gaffenden Leute, von denen ein nüchterner Hauch wie von Fenchel und Kamillen ausging! – Diese verstanden sie nicht, aber der junge Benediktiner verstand sie. »Sieh her, Bonaventura...!« Ein unsagbares Gefühl härtete und straffte ihren Körper. Sie bog sich im Kreuz zurück, daß ihre jungen Brüste sich steiften; sie zeigte die Handflächen und spreizte die Finger – die wächsernen Finger: »Sieh, sieh, sieh, Bonaventura, die Wundmale des Herrn – das Stigma! – Ich bin vom Himmel gezeichnet!« »Ah!« stöhnte der Mönch. Mit einer heiligen Scheu betrachtete er die religiöse Wut in diesem Weibe, dessen Körper sich wand unter der entsetzlichen Geißel der perversen Empfindung. »Ich sehe nichts.« »Nichts, nichts, nichts?!« jammerte Marie Verwahnen. »Ha! – und trotzdem: die Wundmale bluten und fließen – ein Blutgerinnsel, wie es der Herr getragen auf Golgatha! – Und diese blutenden Hände ergreifen Dein Haupt und beugen es nieder ... Ich will – ich bete Dich an ...!« Marie sprang auf. Jetzt verstand sie der Mönch. Die Erleuchtung war ihm gekommen. Ein düsterer Ernst legte sich um seine Schläfen. »Du,« sagte er mit rauher Stimme, »Du hast Dein Joch gebrochen und Deine Bande zerrissen – und auf Dich passen die Worte Jeremiä, die da lauten: Du läufst umher wie eine Kamelin in der Brunst und wie ein Wild in der Wüste, wenn es lechzet vor Brunst, so niemand aufhalten kann. – Hebe Dich von hinnen, Weib – ich habe nichts zu schaffen mit Dir!« Sie hörte nicht auf ihn; und wieder erschütterte sie das übermenschliche Zucken von eben. »Du kannst mich erlösen oder vernichten,« wimmerte sie und reckte sich auf: »Du, küsse mich, Bonaventura!« Ein einziger Aufschrei im Volke. »Du, küsse mich!« klang es noch einmal. Mit wütiger Inbrunst schlang sie die Arme um ihn. Sturm ging über sie fort. Etwas Medusenartiges, Entgeisterndes flammte aus ihren blauumränderten Augen. Bonaventura streifte sie von sich. Seine Stimme rollte. »Hebe Dich von hinnen!« gebot er zum andern. »Der Himmel ist nicht in Dir!« Mächtig flammte sein Blick auf. »Aber eins ist in Dir, Weib,« ergänzte er in heiligem Zorn, »und das ist die Sünde.« »Die Sünde ...!« wiederholte sie schreiend. Sie glich keiner Lebenden mehr. Etwas Dunkles, Furchtbares, Unheimliches lag zwischen ihr und Bonaventura. Sie fühlte, daß sie unter seinen Blicken, unter seinen Worten zermalmt war. Ihre Finger krümmten sich. Sie stand da, als hätte sie ein Gesicht, aus dem die Faust Gottes hervordrang. Sie glaubte die rollende Stimme des Allerhöchsten in den Wolken zu hören. Die Menschen befanden sich unter dem Zwang des Augenblicks, und bevor sie sich noch Rechenschaft über das Entsetzliche, über diesen Gottesraub und dieses Sakrileg geben konnten, hatte Bonaventura den Wagen bestiegen, der in scharfem Trabe dem Rheindamm zufuhr. Bald war er hinter den ersten Häusern verschwunden. Das harte Geräusch der vorwärts hastenden Räder brachte die Leute zur Besinnung. Jetzt merkten sie erst, daß ihnen Bonaventura genommen war, und das Kränkende von seiten einer Ortsangesessenen, unter dem er die letzten Augenblicke seines Hierseins verbracht hatte, fiel ihnen schwer auf die Seele. Hochaufgerichtet stand die Wachsmarie. Sie hielt die Arme gekreuzt und die Hände gegen die Brust gepreßt. Ihre visionären Augen schauten an der Menge vorüber. Sie folgten den Spuren Bonaventuras, der längst den übrigen entrückt war. Aber keiner hatte Mitleid mit ihr. Ein jeder fühlte das Beschämende in dem Verhalten des sonst so vergötterten Mädchens heraus und hatte das Empfinden, als wäre die dem jungen Benediktiner angetane Schmach auf ihn selber übergegangen. Noch immer stand die Verlassene mit seherischen Blicken da. Dem dumpfen Brüten der Umstehenden folgte ein verdächtiges Wispern und Raunen. Alle steckten die Köpfe zusammen. Eine starke Erregung bemächtigte sich der in ihren heiligsten Gefühlen beleidigten Kirchengänger. – Das Volk hat kein Erinnern an geschehene Wohltaten. Dem gestern noch jubelnd ausgestoßenen ›Hosianna!‹ folgt heute schon das brutale ›Steinigt ihn!‹ – je nach Umständen und dem plötzlichen Wandel der Dinge. Dem Küster kamen zuerst die Worte zurück. Er sprang auf die obersten Treppenstufen. In einer Anwandlung von religiöser Wut schlug er das Zeichen des heiligen Kreuzes und stülpte die schäbige Kopfbedeckung über Toupet und Zwiebelwarze. Seine Blicke glotzten aus den Höhlen heraus. Der Herr Dechant entfernte sich. Entrüstet folgten ihm Nettchen und Settchen Käschen, wobei sie, gleichsam um den bösen Geist der Hauptlehrerin fern zu halten und ihre erschütterten Kräfte neu zu beleben, die Kapseln, in denen sich die heiligen Partikel befanden, mit ihren Händen umkrampften. Perdje Puhl kannte sich nicht mehr. »Was ist das, was bedeutet das?!« rief er von den Kirchenstufen herunter. »Der heilige Mann wandte sich ab! – Was sagte er doch? – Er sprach von einer brünstigen Kamelin. – Weib, gehe von hinnen: in Dir ist die Sünde – die Sünde, die Sünde ...! – Ja, das sagte Bonaventura. – Also nicht heilig, nicht wundertätig! – Die Wachsmarie ist nicht heilig, nicht wundertätig, Geliebte im Herrn! – In ihr ist die Sünde!« Perdje Puhl sprang unter die Menge. »Nicht heilig, nicht heilig!« klang es ihm von allen Ecken entgegen. Aller Augen richteten sich auf denselben Punkt, auf Marie Verwahnen. Ein dumpfes Geheul tobte sie an; geballte Hände wurden ihr entgegengestreckt. Man sprach beleidigende Vermutungen aus: Lästerungen kamen von allen Seiten gefahren. Unreife Jungen hoben Steine vom Pflaster, um sie auf die Ärmste zu werfen. Ein betäubender Donner von wilden Schreien brach los: »Nicht heilig, nicht heilig ...!« Vergebens suchten Eusebius Dornkat und Moses Herzlieb die erregten Gemüter in ruhigere Bahnen zu lenken. Auch die milden und schnapsseligen Äugelchen des Herrn Cornelis Janßen verfehlten ihre Wirkung. Der Ankerwirt und der Newö des Herrn Eusebius Dornkat blieben in abwartender Stellung. Sie verhielten sich neutral, und somit konnte das erregte Volk unter der Führung Perdje Puhls ruhig weiter rasen. Alle Gesichte, die die Wachsmarie angeblich gehabt, alle Wunder, die sie angeblich getan hatte, fielen in nichts zusammen. Perdje Puhl gerierte sich wie ein Tollhäusler. In dem verwüsteten Kopf lief alles bunt durcheinander. »Nicht heilig!« brüllte der schmächtige Großhans und schwenkte dabei den Hut durch die Luft. »Sie kann keine Wunder tun; sie hat uns betrogen!« Perdje Puhl schluckte seine früheren Überzeugungen hiermit herunter, aber er blickte, vom Ton der eigenen Stimme erschreckt, scheu um sich her. Ein höhnendes, vernichtendes Gelächter drang von allen Ecken und Enden auf die Wachsmarie ein. Von allen verleugnet, von allen im Stich gelassen, stand die Unglückliche mitten in dem tobenden Haufen. Einige Augenblicke vergingen. Das Hohngelächter der Menge dauerte fort. Moses Herzlieb wandte sich ab. Er konnte diese Erniedrigung nicht mit ansehen; sein Inneres bäumte sich auf gegen das Verhalten des aufgewiegelten Volkes. Die Verspottete packte ihr Haar. Zwei Strähnen lösten sich aus der blendenden Fülle; diese legten sich kreuzweise über die Brust zusammen. Totenbleich sah das verlängerte Gesicht aus dieser Umrahmung. Sie regte und rührte sich nicht. Ihre wächsernen Nasenflügel waren durchsichtig wie die einer Verstorbenen. Und wieder das Gelächter von eben: »Nicht heilig bist Du; Du kannst keine Wunder tun!« »Du hast uns betrogen!« rief es von anderer Seite. Da legte sich ein verächtlicher Zug über das arme Gesicht. »Also nicht heilig – nicht gezeichnet vom Herrn?!« »Nein!« schrien die Leute. Ein triumphierendes Lachen ertönte. Die Wachsmarie hatte gelacht. Das verblüffte. »Schweiget alle!« rief sie mit lauter Stimme und preßte die Haarsträhnen fester an die Brust. »Der Himmel ist in mir. Ein Wunder wollt Ihr?! – Es sei.« Und hochaufgerichtet, von einem inneren Drange getrieben, schritt sie durch die plötzlich stumm gewordene Menge auf das evangelische Pfarrhaus zu. Die Leute faßten es nicht. Dort erschien sie alsbald auf der Treppe, und dann: Marie Verwahnen war in das Haus Abraham van Melles getreten. XVII. Die Wachshand Und Marie Verwahnen betrat die Wohnung Abraham van Melles. – Wäre der Küster weiblichen Geschlechtes und die Ehefrau des Herrn Loth gewesen, hätte ferner das evangelische Pfarrhaus Ähnlichkeit mit den von Schwefel und Pech überregneten Städten Sodom und Gomorra gehabt, man hätte füglich sagen können: und Perdje Puhl wurde in eine Salzsäule verwandelt. Nichtsdestoweniger stimmte der Inhalt der alttestamentlichen Legende auch auf ihn. Perdje Puhl war tatsächlich in eine Salzsäule verwandelt. Vielen anderen passierte dasselbe. Wie einer, dem plötzlich die Mundsperre anfliegt, genau mit demselben Gesichtsausdruck und geöffneten Kauwerkzeugen stierte Perdje auf den verfemten Eingang, wo das verlästerte und verlachte Wesen verschwunden war. Die bereits Gerichtete hatte hierdurch die Wohnung eines Ketzers betreten, sie hatte somit einen zweiten Frevel auf den ersten gestapelt, und das war hinreichend, sie überhaupt aus der Gemeinschaft der christkatholischen Menschen zu tilgen. Ein derartiges Beginnen schrie gen Himmel – und dieses im Geiste erwägend, wich auch die Maulsperre wieder von dem salzigen Küster. Auch er mußte gen Himmel schreien – und er tat es mit dem Aufgebot des ihm zur Verfügung stehenden küsterlichen Organs. »Geliebte im Herrn!« so wetterte er, »also auch das noch! Sie ist mithin, wie der heilige Mann sagt, nicht nur eine liebestolle Kamelin und ein brünstiges Tier in der Wüste – auf sie passen auch die Worte, die da lauten: Ich will meinem Buhlen nachlaufen, der mir gibt Brot, Wasser, Wolle, Flachs und Trinken. – Also Hosea im fünften Kapitel des zweiten Buches.« Da kam wieder die Mundklemme über ihn. Sprachlos sah er in die enge Gasse, die mit ihren schiefen und winkeligen Häusern auf den Marktplatz führte. Entgeistert stierte er auf den teuflischen Spuk, auf den schwarzen, zottigen Gegenstand, der von dort herbeikapriolte. Inzwischen waren Schlaume Herzlieb, Isidor und die fettleibige Erdhummel schimpfend und Gerte fuchtelnd, meckernd und fagottierend durch die blühenden und duftigen Gartenstege gezogen. Schlaume achtete nicht auf das Grünen und Treiben in der Natur, auf das Zwitschern und Nesterbauen in den Zweigen und auf den belebenden Erdgeruch, der aus der warmen Scholle hervordrang. Er mochte es sich eingestehen oder nicht, das offenbare Zerwürfnis mit Isidor, die Mißhelligkeiten und pekuniären Schäden, die aus dieser Zwietracht mit tödlicher Sicherheit erwachsen mußten, waren ihm in die Glieder gefahren. Ein ehrenvoller Rückzug seinerseits war hierdurch nicht nur angezeigt, sondern geradezu notwendig geworden, ein Rückzug, den er zuvörderst durch Enthaltung des Schimpfens in die Wege zu leiten gedachte. Also – er enthielt sich in erster Linie des Schimpfens. Hierauf pfiff er ein fröhliches Liedchen in Gottes schöne Welt hinein. Isidor achtete nicht darauf. Alsdann führte er ein lautes Selbstgespräch, in welchem er die Vorzüge der Rahmweißen mit dem blauen Halsbändchen in die beste Beleuchtung stellte. Es schien keinen Eindruck zu machen. Als dieses nicht fruchtete, schlug er einen jovialen Ton an. »Nu, Isidor, wo geht's Dir?« Schlaume hatte etwas Wehmut in die joviale Färbung der Fragestellung gemischt. Derselbe negative Erfolg. Isidor dachte gar nicht daran, so kurzerhand seinen Frieden mit Schlaume zu machen. Die Kränkung wurzelte zu tief. Bockbeinig, gesenkten Hauptes und auf seine wichtige Stellung als Geldverdiener fußend, zog er Schritt für Schritt den heimischen Penaten entgegen. »Nu, denn nich!« sagte Schlaume. So waren sie bis zu den ersten Häusern gekommen. Hier, wo die Gärten zurücktraten, die blühenden Aprikosen- und Pfirsichbäume dem Auge entschwanden, wo Gundermann und Bienensaug ihre Hauptbedingungen, das Versteck der Hecken, verloren, hörte auch das eigentliche Reich der mitsurrenden Erdhummel auf. Ihr Flug wurde unruhig, unstet, zwecklos. Der komisch wirkende Ton ihres Fagotts verlor an Glanz, Feuer und Gleichmäßigkeit und nahm eine unwirsche Klangfarbe an. Alles genierte sie. – Sie ärgerte sich über den steifgravitätischen Schritt Isidors, über das etwas verschrobene Beinwerk Schlaumes – kurzum, sie kam sich vor wie ein zweifelhafter Reporter, dem irgendeine Sache nicht in seinen Kram und seine Cliquenwirtschaft paßt, und dieserhalb – ob mit Recht oder Unrecht, ob es dem moralischen Empfinden und der sittlichen Würde schnurstracks entgegenlief oder nicht: hier mußte die Giftblase entleert und tapfer gestichelt werden. Und so geschah es. Die Kritikaster- und zweifelhafte Reporternatur der braunroten, haarigen und dickwanstigen Erdhummel kam zum glorreichen Durchbruch. Mit schadenfrohem Brummton umschwirrte sie einige Male den ruhig seines Weges einherwandelnden Bock – dann rückte sie näher und dann... Was hatte ihr Isidor überhaupt zuleide getan? Dieser Bockphilosoph, der sich ruhig in seine Liebesträume zurückzog, kümmerte sich nicht um die Hummel, aber die Hummel um ihn – und er wurde angerempelt. Sein lustiges Schwänzchen, das wieder in die heiterste Stimmung gekommen war, schlug ein flirrendes Rädchen nach dem anderen – und gerade dieser Ausbruch ungezwungener Lustigkeit schien besonders mißfällig auf die an und für sich schon verdrießliche Hummel zu wirken. Hier setzte sie ihr Gift- und Stechorgan an und stachelte weidlich. Mit einem klagenden Gemecker fuhr Isidor auf. – In dem irrtümlichen Glauben befangen, Schlaume habe gestochen, wandte er seinen ganzen Zorn und Ingrimm auf diesen. Steifbeinig machte er kehrt, senkte das Gehörn und verdrehte die Augen, mit der bestimmten Absicht, den nichtsahnenden Humanistiker in Grund und Boden zu rennen. Als er aber dessen schuldlos-dummes Gesicht bemerkte, wußte er, von wannen das tückische Geschoß gekommen war. In ohnmächtiger Wut tat er einen verzweifelten Luftsprung, und dann, bevor Schlaume es noch verhindern konnte, setzte sich Isidor in einen krummbeinigen Stakelgalopp und raste auf den Großen Markt und die katholische Kirche zu. Von dem brennenden Stigma gepeinigt, ein gehörntes Untier mit schwarzen Zotten und schleppendem Bocksbart, die Augen verdreht, so daß das Weiße unheimlich glänzend hervortrat, jagte er weiter, alles überrennend, was sich ihm in den Weg stellte. Das Hummelgift wirkte. Alle zärtlichen Liebesgedanken, alle Erinnerungen an gehabte Schäferstündchen schmolzen dahin wie Schnee an der Märzsonne. Isidor kannte sich vor Wut und Schmerzen nicht mehr. Sein Galopp artete in eine panikartige Flucht aus, und wie Schlaume auch zetern und flehen mochte, er konnte das Unglück nicht mehr aufhalten. Hinter ihm herrufend, mußte er mit leiblichen Augen zusehen, wie sein Brotverdiener an einem hohen christlichen Festtag die Straßen durchfegte, die lächerlichsten Sprünge vollführte und blindlings dem staunenden Menschenknäuel entgegenwetterte. Alle Bande der Disziplin waren auseinandergesprengt. Kein Zuspruch verfing mehr; das Verderben wollte sich austoben – und es tobte sich aus. In putzigen Kurbetten erschien Isidor auf der Bildfläche des Marktes, und zwar in dem Augenblick, als dem Küster die zweite Mundsperre anflog. Klaffenden Mundes sah dieser das Nahen des teuflischen Unholds. Schreckliche Begebenheiten und Naturereignisse lähmen die Zunge, schreckliche Begebenheiten bringen in der höchsten Not die Sprache zurück. Perdje Puhl war wieder zungenfertig geworden. »Die Wachsmarie in Gestalt eines Bockes!« schrie der Küster, »und in den Bock ist der Satan gefahren! – Der Satan ...! – Der Satan ...!« Moses Herzlieb wollte versinken. Der Zusammenhang der Dinge war ihm sofort klar geworden. Um allen unliebsamen Konsequenzen aus dem Wege zu gehen, drückte er sich ruhig beiseite, um auf dem nächsten Wege sein Haus zu erreichen. Immer näher galoppierte der Gepeinigte. Staub flog hinter ihm auf. Das Schwänzchen wirbelte, der Bart streifte den Boden, das Weiße im Auge war blutunterlaufen. Die Weiber kreischten, und die Männer drängten sich enger zusammen. Mit tragischer Wucht setzte die unvermeidliche Katastrophe ein. Noch einmal rief Perdje über die Hegung: »Sehet das Strafgericht des ewigen Gottes! – Der Satan ...! – Der Satan ...!« aber er hielt seine Stellung inne. Er dachte gerade daran, den großen Bannfluch gegen den Bock auszustoßen – da unterlief Isidor den zum Exorzismus Geneigten. »Der Satan ...! – Der Satan ...!« kreischten die Weiber. Rittlings, seiner Selbstherrlichkeit und seiner ganzen küsterlichen Würde entkleidet, saß Perdje auf dem Untier, das nunmehr, noch mehr geängstigt, in den tollsten Sprungkünsten davonjagte. Allein dem unfreiwilligen Rittmeister war kein langer Sattelsitz beschieden, obgleich er sich in tausend Nöten am Bocksgehörn festhielt und krampfhaft mit den Beinen Isidors Bäuchlein umklammerte. Zuerst flogen Hut, Taschentuch und Schnupftabaksdose ins Weite – dann folgte er selber. Unsanft und in hohem Bogen schlug er auf das holperige Pflaster, während Isidor in erleichterten Sprüngen davonraste. Um die nächste Ecke verschwand er. »Und es war doch der Satan!« knirschte Perdje zwischen den Zähnen. Barmherzige Weiber hoben ihn auf. Andere gaben ihm die verlorenen Sachen zurück. Mit eingedrücktem Hut, schadhafte Stellen an Rock und Hosenzeug, die verbeulte Zinndose in der Hand haltend, reckte er sich noch einmal auf und sagte: »Betet für die räudige Seele – betet für Marie Verwahnen! – Der Satan ist in ihr! – Der Satan ...! – Der Satan ...!« Dann hinkte er heimwärts. Aber sein küsterliches Prestige war dahin; sein Stern sank mit dem heutigen Tage tiefer und tiefer. Die Menge ist wandelbar. Sie hörte auf Herrn Eusebius Dornkat, der mit tiefer Erkenntnis und Weltweisheit die ruhige Erklärung abgab: »Kinder, das war ja gar nicht der Satan. – Das war der schwarze Isidor, Schlaume Herzlieb sein kapitaler Springbock.« »Gottdomie noch mal!« riefen die meisten. Da gingen alle ruhig auseinander. Herr Eusebius Dornkat hatte die richtige Beschwörungsformel gefunden. Und Isidor? Desgleichen. Meckernd, wenn auch mit einer faustgroßen Schwellung an der Hinterseite behaftet, hatte er den Schutz des Herzliebschen Stalles gefunden. Schlaume war glücklich. – – – Selbstbewußt, der höhnenden Menge und ihrem Gelächter Trotz bietend, war Marie Verwahnen in die Wohnung Abraham van Melles getreten. Hinter ihr schloß sich die Tür des evangelischen Pfarrhauses. Im Hause des Predigers stand der Tod am Kopfende des Bettes, um den letzten Hauch von den Lippen des Fieberkranken zu nehmen. Jetzt kam wirklich der Malach Hamoves. Lautlos war er gekommen, lautlos hatte er sich den weißen Kissen genähert, ruhig in das fieberheiße Gesicht des Ärmsten geschaut – und dann mit dem Schärfen der Sense begonnen. Wie eine ferne, fremde Vogelstimme lief das eintönige Wetzen durch das dämmerige Zimmer. Der Kranke hörte es deutlich – sonst niemand. Mit halberblindeten Augen sah er zur Decke. – Noch vor Beendigung des Hochamtes war Doktor Barthes Terwelp gesenkten Hauptes aus der Krankenstube gegangen. Auch er hatte die ferne, fremde Vogelstimme gehört. Er kannte sie; er hatte sie schon mehr denn hundert Male vernommen, und wenn er sie hörte, dann machte er Kampfereinspritzungen. Es war das letzte Mittel, die Lebensgeister neu zu stärken und das nadelscharfe, abscheuliche Wetzen zum Schweigen zu bringen. In einzelnen Fällen gelang es – meistens aber nicht. Auch hier machte er Kampfereinspritzungen; aber der eigentümliche Singsang, das feine Schärfen und Klingen wollte nicht aufhören. Da wußte Barthes Terwelp genug. Er hüllte sich in seinen hechtgrauen Don Diego, legte mit zitternder Hand seine Sardellensträhnen zurecht und stülpte das Fortunatshütlein darüber. Noch einmal sah er den Prediger an und schüttelte ihm treuherzig die Hand. Dann ging er. Auch die andern Menschen hatten ein Anrecht auf ihn. Ein eiliger Bote rief ihn über Land nach Wisselward, wo eine Frau in schweren Kindsnöten nach ihm verlangte. So schnell wie ihn seine kleinen Beinchen tragen mochten, suchte er das eigene Heim auf, um sein braunes Lieschen satteln und zäumen zu lassen und noch sonstige Vorkehrungen und Anordnungen zu treffen. Keine behagliche Kanasterstimmung empfing ihn. Unwirsch, stumm und frostig kam ihm alles vor. Wie sollte es auch anders sein? – Es paßte genau zu seiner eigenen Gemütsverfassung, zu seinem inneren und äußeren Menschen. Er fühlte, trotz seines warmen Don Diegos, ein eisiges Schauern am Körper. Schleunigst fuhr er in seine Reithosen, ließ sich die Sporen anschnallen, steckte noch einige Instrumente zu sich und zündete sich eine Virginia an. Sporenklirrend ging er auf die Straße, wo er sein treues Lieschen bestieg. »Ans Geschäft!« sagte Doktor Terwelp. Dann ritt er an. Alsbald hatte er die kleine Stadt hinter sich. Mit keckem Stutzbärtchen, das Wunschhütlein schief auf dem Kopf, an seinem glimmenden Rattenschwanz muffelnd und blaue Wölkchen vor sich hinblasend, also trabte er umdüsterten Geistes landeinwärts. Rings um ihn lag der prächtigste Osterzauber: goldige Wiesen, leuchtende Blumenbäche, Blüten an Blüten, safrangelbe Fluten von Dotterblumen und Himmelsschlüssel, eine märchenhafte Lohe von schimmernden, sehnenden Kelchen – und darüber das tiefblaue Himmelsgewölbe in unendlicher Klarheit. Herr Barthes Terwelp achtete nicht darauf. Sein Herz war bei Johannes van Melle. Mit trüben Gedanken ritt er durch die endlose Frühlingspracht. Fern, jenseits der bläulich umdufteten Baumkronen lag Wisselward – das Ziel seiner Reise. Er ahnte nicht, daß er erst am nächsten Morgen zurückkehren sollte. Munter trabte Lieschen weiter und weiter. Lerchen stöberten auf; Heupferdchen geigten im Grase. Alte Wackelköpfe von Weiden liefen in der Ferne mit, bis sie schließlich den Atem verloren und zurückblieben. Vereinzelte Bauern kamen dem Reiter entgegen. Sie kannten ihn alle und zogen ehrerbietig die Hüte. »Der hat's eilig!« meinten die Leute. Im Grase liegende und wiederkäuende Kühe begrüßten ihn mit lautem »Muhu«. »Danke,« sagte Doktor Terwelp. Seitwärts, zwischen Pappel- und Erlengestrüpp, stand ein alter, ehrwürdiger Flieder. Seine Äste schimmerten im ersten Grün des erwachenden Lebens. Im Vorübertraben lüftete der Doktor mit einer gewissen Feierlichkeit das filzige Hütlein. Es war so seine Gewohnheit. Er grüßte immer, wenn er an einem schwarzen Flieder vorbeikam. »Gott segne Dich!« sagte Doktor Barthes Terwelp. Tee von seinen Blüten ging ihm über alles, denn er hielt einen Fliederstrauch für einen Beglücker der Menschheit. Jenseits des Menschenbeglückers verschwand er. Roß und Reiter tauchten unter in dem goldigen Farbenhauch der endlosen Landschaft. – – – Hinter der Wachsmarie hatte sich die Tür des evangelischen Pfarrhauses geschlossen. Juffer Stina schlug beide Hände zusammen, als sie sie eintreten sah. »Um Jesu Christi willen,« entsetzte sie sich, »das christkatholische Fraumensch ...!« Marie Verwahnen würdigte Stina Prußt keines Blickes. Achtlos, mit gesenkten Lidern, schritt sie vorüber und folgte dem kahlen, unfreundlichen Korridor, der auf die Krankenstube führte. Instinktiv fand sie das richtige Zimmer. In aller Stille und ohne anzuklopfen, mit einer Selbstbeherrschung, die auch nicht die geringste Unruhe aufkommen ließ, trat sie über die Schwelle. Abraham van Melle kniete am Bett seines Sohnes. Auf das Geräusch, das die Tür verursacht hatte, wandte er langsam das Haupt. Der harte Mann war nicht wiederzuerkennen. Alles Abstoßende, Abweisende in den sonst so strengen und hölzernen Zügen war einer innigen Wehmut gewichen. Ohren und Nase schimmerten durchsichtig. Das Antlitz ähnelte dem eines Mannes, welchem alles Glück unter den Händen zerflossen war. Abraham van Melle traute seinen Augen nicht. Das plötzliche, stille und unerwartete Erscheinen des schönen Mädchens wirkte auf ihn, als hätte ihn ein wuchtiger Hammerschlag auf die Stirn getroffen. Marie Verwahnen kam näher. Sie schien bis in die Nähe des Bettes zu schweben. Ein langer, verwunderter Blick irrte ihr aus den Kissen entgegen. Aber der Kranke wußte nicht einmal, wer zu ihm gekommen war. Schüttelfrost und glühende Hitze wechselten ab. Der Puls hatte etwas Unstetes, Flatterndes an sich, und wieder tönte der eigentümliche Singsang des fremden, fernen Vogels herüber. Der Prediger hob sich vom Boden. Er griff nach seiner weißen Binde, als müßte er dort Platz schaffen, als wäre ihm ein eisernes Band um die Kehle geschmiedet. Die knochigen Hände fingerten und zerrten in nervöser Hast und Unruhe daran. Not und Bängnis seines Herzens schrien aus ihm, obgleich er nichts sagte. »Domine ...« Es war das erste Wort, das sie sprach. Da kamen auch dem Prediger die Worte zurück. »Du kommst ...?« fragte er mit erkünstelter Ruhe. »Ich komme.« »Jetzt – wo es zu spät ist? – Was willst Du noch hier?« »Domine, ich will tun, was Sie mich hießen.« »Warum das?« »Weil eine höhere Kraft mich hertrieb.« »Und da willst Du ...?« Mit einem kurzen, heiseren Lachen brach Abraham van Melle die Frage ab. »Die Hand auf die Stirn legen – das will ich, auf daß er gesunde.« »Und wenn er gesundet – willst Du ihm entsagen für immer?« Die Wachsmarie schwieg. »Willst Du?« fragte der Prediger noch einmal. »Ich weiß, was es mit den Mischehen auf sich hat. Da ist weder Heil noch Glück dabei; ich hab's in meiner eigenen Familie, an Vater und Mutter erfahren. – Willst Du?« »Ich entsage.« »So bleibe.« Abraham van Melle atmete tief auf, dann wandte er sich und verließ zögernd die Stube. Aber an seine Stätte, dort wo er gekniet hatte, setzte sie sich und legte ihre Hand, ihre schöne, wächserne Hand auf die fieberheiße Stirne des Kranken. Da fuhr der Studiosus van Melle unter der leisen, wundertätigen Berührung zusammen. – So saß sie, bis der Abend kam und die milden Lichter des Westens weich und wohlig auf der leichten Decke des Bettes spielten. Ab und zu feuchtete sie ihm die trockenen Lippen an und legte ihm den Kopf zurecht, den er unruhig hin und her warf und rücklings in die Kissen bohrte. Es war totenstill hier drinnen und auf den kahlen Gängen da draußen. Die Einsamkeit schlich auf Socken umher. Die Stille ebenso. Sie dämpfte die Schritte Abrahams van Melle in seinem Studierzimmer, sie machte, daß die Dielen nicht krachten und der Kanarienvogel in der Guten Stube nicht anfing zu singen; sie war in der Küche und legte Stina Prußt die weiche Hand auf den Mund und hob vermahnend den Zeigefinger der anderen. Nur eins konnte die Stille nicht verhindern: das war das nadelscharfe Schleifen und Wetzen, das fremde, ferne Vogelgezwitscher, das noch immer nicht nachließ und in gewissen Zeitabschnitten sich deutlich verstärkte. Auch die Wachsmarie hatte ein feines Ohr. Sie vernahm, was andere Menschen nicht hörten. Sie war ja anders geartet als die übrigen Leute; sie war empfindlicher, hellsichtiger und tiefer veranlagt. Sie hörte das Klingen und Schleifen so deutlich, wie es Doktor Terwelp vernommen hatte, und auch ihr war es, als wenn ein geheimnisvolles Wesen sich damit beschäftigte, eine Sense leise und mit einem fast verhaltenen Tone zu schärfen. Und noch etwas erkannte sie mit ihrem hellsichtigen Geiste. Lag ihre wächserne Hand auf der Stirn des Kranken, so entfernte sich das Tönen und Wetzen, hob sie dieselbe, dann rückte es näher und nahm jedesmal einen drohenden Ton an. Da ließ sie nicht mehr die Hand von der Stirne des Kranken. So saß sie, bis die Nacht kam und die Sterne heraufzogen. In unendlicher Klarheit, gleich Perlen sich reihend, gleich irren Fünkchen sich zerstreuend, in wechselvollen Farben und Bildern schimmerten sie vom Ostersonntag zum Ostermontag hinüber. Am Himmel war eine wunderbare Bewegung. Kurz vor Einbruch der Nacht trat der Prediger ins Zimmer. Er hatte ein Gebet auf den Lippen und ein Gebet im Herzen. Er brachte ein Nachtlicht und dämpfte den Schein durch einen Schirm, den er vorsetzte. Unruhige Kringel zitterten an der tiefhängenden Decke. Abraham van Melle warf noch einen besorgten Blick auf den Ärmsten, dann entfernte er sich wieder, so still wie er gekommen war. Ruhig ging die Nacht über die träumenden Lande. Hin und wieder drang das verlorene Schluchzen einer Nachtigall aus dem Garten des katholischen Pastorats ins Zimmer. Zum ersten Male in diesem Jahre ließ sie ihre schmelzende Stimme ertönen. – Unter ihrem Gesang schliefen die Menschen ein, die noch am Vormittage Marie Verwahnen verlacht und verhöhnt hatten. Auch die schliefen, die Mitleid mit ihr gefühlt. Auch Moses Herzlieb und Herr Eusebius Dornkat ließen sich von schönen Träumen umgaukeln. Sie verdienten es; sie hatten ein gutes Werk getan und waren zufrieden mit sich. Gleich nach der Katastrophe auf dem Großen Markt waren sie auf Schleichwegen zu Hille Verwahnen gegangen. Die Alte hatte das Bett hüten müssen, allein Herr Eusebius und Moses erhielten Zutritt und erzählten in Kürze, was sich alles vor der Kirche abgespielt hatte. Sie brachten es der Alten in der schonendsten Weise bei, wenngleich sie auch nicht verschweigen konnten, daß ihre Tochter unter dem Hohngelächter der Menge das evangelische Pfarrhaus aufgesucht habe, um dortselbst ihre wundertätige Kraft zu erproben. »Und das Volk lachte?« hatte Mutter Verwahnen gefragt. »Ja.« »Und die Marie ist hineingegangen?« »Ja.« »Was die Marie tut, ist wohlgetan,« hatte sie alsdann gerufen, hatte sich in den Kissen aufgerichtet und vielsagend mit dem Kopfe genickt. Dann waren Herr Eusebius Dornkat und Moses Herzlieb gegangen. Mutter Hille aber hatte das Bett verlassen, war in die Kammer geschlurft und hatte sich, trotz des heiligen Osterfestes und trotz ihres Gichtanfalles, in den Webstuhl gesetzt, die Lade gewuchtet, gewebt und die Worte gesprochen: »Es ist wahr und gewiß und hat seine Richtigkeit: so lange man tritt und webt und die Lade stampft, kann kein Unglück passieren, stirbt keiner, wird keine Todsünde getan, reißt kein Deich und geht kein Wasser über das Land. Gott sei meiner Tochter gnädig und verderbe ihre Neider und Feinde!« Und die Lade stampfte und stöhnte, und das geworfene Schiffchen schlurrte und schlappte, und Hille Verwahnen saß zwischen den Stuhlsäulen und dachte an ihre Tochter im evangelischen Pfarrhause. Und so saß sie noch jetzt und webte und webte. – Und ihre Tochter ...? Immer noch ruhte die kühle Wachshand auf der Stirne des Kranken, und diese Hand konnte Tränen stillen und Frieden den Friedlosen geben. Sie konnte denen Barmherzigkeit verleihen, die der Barmherzigkeit bedürftig waren, sie konnte ruhige Träume in die fiebernde Seele streuen und Sterbende zum Leben erwecken. Sichtlich beruhigte sich die heiße Fieberwelle unter ihrem wohltuenden und wundertätigen Einfluß. Immer weiter rückte die sternenbesäte Nacht vor, um sich an die verzehrende Brust des jungen Tages zu schmiegen – und je weiter sie vorrückte, um so ferner klang das seltsame Wetzen und Schleifen. Es war kaum noch zu hören. Um die dritte Stunde war es fast gänzlich verklungen. Regungslos saß die Wachsmarie. Das Nachtlicht umstrahlte das Madonnengesicht mit dem braungoldigen Scheitel. Verworren jagten die Erinnerungen der letzten Tage ihrem Geiste vorüber, überholt von anderen, verhängnisvolleren, die ununterbrochen aus dem Dunkel der Ecken sich hoben. Heilige oder Dirne ...! – Böse Ahnungen, Zweifel und Ängste bedrängten sie bei ihrem Liebeswerk. Eine Treibhauswärme tat sich auf, die ihr wie ein lauer Atem zuwehte. Sie sah ihr eigenes Bild im schlichten Kleide, das Gesicht von Leidenschaft verzehrt. Sie hätte hinausstürmen mögen. Und dann kam wieder eine merkwürdige Ruhe über sie, eine Verklärung, die alles vergessen machte, was sie noch kurz zuvor in selbstquälerischer Weise erduldet hatte. Sie fühlte sich selig, auf ihrem bleichen Gesicht erschien das krankhafte Sehnen nach einer anderen, weltfernen Existenz, die sie schon seit ihrer frühesten Kindheit erträumt hatte. Allein, um dorthin zu gelangen – da lag etwas Dunkles, Geheimnisvolles, Unheilvolles dazwischen. Und dort hineinzugehen, hineinzutasten, den verhängnisvollen Schritt in die Tiefe zu wagen ... Sie schreckt zusammen. Über ihr gehen die Schritte des Predigers. Das innere Leid verzehrt ihn. Er kann sich nicht sammeln. Das Ungewisse, die Zweifel, der entsetzliche Dämon ... Von den aschfarbigen Lippen ringen sich kurzausgestoßene Worte, die sich schließlich vereinen und zu einem inbrünstigen Gebete werden. Abraham van Melle betet laut. Deutlich klang es in das tiefer gelegene Zimmer. Es waren nervenaufregende Klagen und Selbstanklagen, heiße und verzehrende Bitten zu dem Allerbarmer dort oben. Ums Morgengrauen verstummten sie. Abraham van Melle hatte sich ans Fenster gesetzt, die Hände gefaltet und erwartete so das werdende Licht, das Gott auszugießen gedachte über Gerechte und Ungerechte, über Fromme und Zweifler. Und noch immer ruhte die schöne, kühle, belebende Wachshand auf der Stirne des Kranken – und sie ruhte dort, bis die Nachtigall im katholischen Pastorgarten ihr sehnsüchtiges Schluchzen einstellte. Das Nachtlicht verknisterte. Der kalte, nüchterne Schein des Morgens sah ins Zimmer hinein. Auf den Dächern wurden die Spatzen lebendig. Die lange Bängnis der Nacht verlor sich allmählich. Die Wachsmarie horchte auf. Kein Klingen und Wetzen ließ sich vernehmen. Da zog sie die wundertätige Hand von der Stirne. Auch jetzt dauerte die langersehnte Stille an. Der ferne, weltfremde Vogel hatte das bedrohliche Schleifen völlig vergessen. Friedlich ruhte Johannes van Melle zwischen den Kissen. Da breitete die Wachsmarie die Arme nach ihm aus, beugte sich nieder und zog sein Haupt an ihre Brust. Der Genesende schlug die Lider auf und sah sie an: »Du ...?! – Mir träumte so lieblich ...! – Die kühle Hand, die Hand meines Glückes – wo ist sie? – Ein Wunder ...! – O, Du, Du, Du ...!« Lächelnd kehrte der erquickende Schlaf zurück. Aber Marie drückte sein Haupt fester an sich, inniger, länger, um es alsdann sanft und leise in die Kissen gleiten zu lassen. Mit unsäglicher Wehmut beugte sie sich zu seinen Lippen, und als sie diese berührte, schob sie den Arm unter sein Haupt und küßte den Mund mit heiliger Inbrunst: »Lebe wohl, lieber Johannes!« Langsam erhob sie sich. Eine Träne stand in den Wimpern. »Was ich getan habe und tue,« sagte sie mit weicher Betonung, »tat ich und tu' ich mit völliger Klarheit und vollem Bewußtsein. Ich gehe von hinnen, von Dir, von allem, was mir lieb und teuer ist auf dieser Erde. Ich weiß, Schmähungen und Gehässigkeiten werden mir folgen – aber auch Tränen, die geliebte Menschen um mich weinen werden. – Aber keine Reue wandelt mich an. Ich gehe von Dir – ich kann nicht anders; es zieht mich hinein ins Dunkle, Ungewisse. Vielleicht ist dort, was ich suchte und nicht finden konnte hienieden. Und nun – lebe wohl, lieber Johannes!« Der Genesende hörte nicht mehr. Sein Geist hatte sich in seligen Traumgefilden verloren. »Verzeih' mir,« stöhnte sie auf, »ich kann ja nicht anders, ich bin ja nicht wie die anderen Menschen, lieber Johannes!« Noch einmal küßte sie ihn. Es war zum letzten Male. »Wie sagte der Prediger doch?!« hauchte sie mit tränenerstickter Stimme. »Ja, so: der Staub muß wieder zur Erde, von wannen er stammt ...« Sie wandte sich ab, und ohne noch einen Blick auf das Krankenlager zu werfen, schritt sie der Tür zu. Gefaßt, ohne Leidenschaft, verließ sie das Zimmer. Eine seltsame Starre kam über sie. Als sie lautlos die Tür hinter sich schloß, furchte ein zurückgehaltener Schmerz ihr schönes Antlitz. »Es ist besser so,« sagte sie, als sie durch den verlassenen Flur ging. Niemand sah sie, niemand hörte sie. – Draußen lag ein dichter Rheinnebel über den Straßen. Das matte Morgenlicht dunstete fahl und rötlich hindurch. Die weiter gelegenen Häuser waren kaum zu erkennen. Unbestimmt wuchsen sie in die graue Färbung hinein. Es war still und menschenleer auf den vereinsamten Straßen. Schüchtern und fröstelnd hielt die Wachsmarie den Fuß an. Ihre Blicke hefteten sich auf die rechte Hand – auf die wundertätige Hand. Ihre Augen verklärten sich. »Ich bin doch heilig, Bonaventura ...!« kam es jauchzend von ihren Lippen. Dann verschwand sie im Nebel. XVIII. Der Morgen graut Hellauf krähten die Hähne durch den erwachenden Morgen. Noch krochen die Nebel auf grauen Tatzen und mit langen, schleppenden Gewändern über die Wiesen, klare Tröpfchen triefenden Taues hinterlassend. Fern, jenseits des Rheines stand ein rosiger Dunstkreis. Es war die Sonne, die sich bis jetzt vergeblich bemüht hatte, die dichten Nebel niederzukämpfen. Das Wasser des Rheines war bleifarben umsponnen. Man sah es nicht, wo es begann, wo es aufhörte; man vernahm nur ein verschlafenes Gurgeln, ein leises Plätschern am Ufer, das ins Ungewisse hinaustönte. Auch die Deiche verloren sich bald in diesem weißen Nebelmeer. Nur auf eine kurze Entfernung hin war ihre Spur zu verfolgen. – Die Baumkronen, die sich zwischen Wisselward und die endlosen Wiesen drängten, schauerten leise zusammen. Der Frühwind spielte mit ihnen und machte jedes Blättchen lebendig, das sich bemühte aus der braunen Hülle hervorzudringen. Die Bäume konnten noch nicht ihr volles Rauschen entfalten; es war zu früh in der Jahreszeit. Der volle Blätterschmuck mangelte noch. Durch die langen Pappelreihen trabte ein Reiter. Er hatte sich fest in seinen hechtgrauen Don Diego gehüllt. Lässig führte die Linke den schlappen Zügel. Ein glimmendes Lichtpünktchen tanzte matten Scheines durch den Nebel. Es befand sich über dem Pferdekopf und gehörte zum Rattenschwanz, den sich Barthes Terwelp angebrannt hatte, übernächtigt kehrte der Doktor vom Krankenlager zurück, um zu einem anderen zu traben, an welchem der Tod stand. Vielleicht hatte er schon seine Sense geschwungen. In Wisselward war Terwelp zufrieden gewesen. Hier hatte seine Kunst genützt. Bis in den grauenden Morgen hinein war ein verzweifeltes Kämpfen gewesen; dann war der Umschlag zum Besseren gekommen. Ein quäkender Ton mutete an wie Himmelsmusik. Ermattet drückte die junge Frau ihr Haupt in die Kissen, aber sie besaß noch so viel Kraft, die Hand des Arztes zu ergreifen, sie beseligt an die Lippen zu führen und sie dankbar zu küssen. Als dann Barthes Terwelp sein Lieschen vorführen ließ, es bestieg und davonritt, blieben glückliche Menschen unter dem Strohdach zurück. Aber die Herzen schlugen ihm nach, und Segenswünsche folgten dem vortrefflichen Manne. Die Sonne stieg höher. Ihre erwärmenden Strahlen drückten die grauen Schwaden zu Tal. Die Höhen wurden frei, klar, durchsichtig, glänzend. Nur die Erde konnte noch nicht die tiefgehenden Nebel verschlucken. Dicht und geschlossen, widerstrebend und schleifend drehten sie sich über Wiesen und Kolke. Wie eine hechtgraue Ente schwamm das Fortunatshütlein des Doktors auf der weißen, hin- und herwogenden Fläche. Längst hatte Barthes Terwelp das säuselnde Pappelgehölz durchritten. Vor ihm lag das verschleierte Gelände, aus dem der Kirchturm der kleinen Stadt auftauchte. Die höchste Helmspitze war rosig umleuchtet. Die strahlende Glorie senkte sich tiefer und tiefer. Schon wurden einzelne Giebel sichtbar. Allmählich traten auch die Kämme der Rheindeiche in die Erscheinung. Doktor Barthes Terwelp lenkte sein braunes Rößlein zur Linken. Wiehernd setzte es durch die triefenden Halme und Blumen. Jetzt ging es an dem ehrwürdigen Flieder vorüber, dessen knospende Zweige unter dem kühlen Hauche des Morgenwindes erschauerten. Wieder grüßte der Doktor. Die Nebel wurden dünner, feiner, gespenstischer. Das Licht auf der noch fernen Helmspitze nahm an rosiger Färbung zu. Die Gegend erinnerte an einen Bleichsüchtigen mit feiner, durchsichtiger Haut, auf dessen Wangen scharfumgrenzte, hektische Flecke standen. Die Niederung lag unter dem Einfluß einer Morgendämmerung, die immer noch zögerte, ein freies, sonniges Bild zu entfalten. Das Wiesenland stöhnte hohl und dumpf unter den eilenden Hufen Lieschens auf. Es war der einzige Laut in der nächsten Umgebung. Jetzt mußte der Reiter an einer tiefhängenden Weide vorüber. Er beugte den Kopf, wobei er das Gesicht mit dem glimmenden Rattenschwanz zur Linken wandte. Da war es ihm, als wenn eine menschliche Gestalt fern im Nebel stände. Er konnte sich täuschen, denn unter dem Einfluß der noch immer ziehenden Dünste nahm jedes Ding eine absonderliche Form an. Aber die ferne Gestalt ließ ihn nicht los. Sie schien zu wachsen. Auch war es ihm, als wenn eine klagende Stimme herüberkäme. Da hielt Doktor Terwelp sein Rößlein an. Nichts war zu hören. Ringsum Schweigen; nur ein schläferiges Beichtstuhlgeflüster ging von den nahegelegenen Bäumen aus. Auch das, was er zu sehen geglaubt hatte, war spurlos verschwunden. »Unsinn!« sagte Barthes Terwelp, setzte die Sporen ein und hoppelte weiter. Aber er konnte seiner grüblerischen, düsteren Gedanken nicht Herr werden. Er zerbastelte sich den Kopf: etwas ritt hinter ihm her, um ihm eine Trauerbotschaft zu melden. Unwillkürlich kroch er in seinem Don Diego zusammen. Noch einmal wandte er sich und sah in die Gegend, wo er das menschliche Wesen vermutete. Aber es regte und rührte sich nichts. Ruhig und friedlich blenkerte der Wasserspiegel eines Kolkes aus der Ferne auf. Vorher hatte er ihn übersehen. Jetzt, wo das Licht über ihn fortlief, lag er ihm deutlich vor Augen. Allein die Unruhe wich nicht von ihm. Auch die Botschaft, die hinter ihm hertrabte, blieb ihm dicht auf den Fersen, und sie verließ ihn erst, als er den Rheindamm gewann und bald darauf vor seinem Hause aus Sattel und Gurt stieg. Hier schien sich manches verändert zu haben. Die Fenster blinkten hell über den Rhein fort, die Gardinen sahen weißer aus als am Tage zuvor, und eine genügliche Kanasterstimmung lag mit ihrem großblümigen Schlafrock und der gestickten Zipfelmütze im ersten Stock und ließ die Gaudaer Tonpfeife über das Fenstersims wegbaumeln. Auch der melancholische Dompfaff, der am Tage zuvor so unwirsch gesessen hatte, schwänzelte jetzt vergnügt mit dem hinteren Frackschoß, trippelte von einem Bein auf das andere und pfiff so akkurat wie nur möglich: »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ...!« Das mußte anregend und erheiternd wirken – und es geschah auch. Doktor Barthes Terwelp hatte längst die menschliche Gestalt, die ihm im Nebel da draußen erschienen war, vergessen. Er dachte nicht mehr an sie, schlürfte behaglich seinen Morgenkaffee und begab sich gespornt und gestiefelt, nachdem er zuvor seinen Don Diego beiseite gelegt hatte, in das evangelische Pfarrhaus. Sporenklirrend, den beknopften Bambus aufstampfend, schritt er durch die stellenweise mit kurzem Gras bewachsenen Straßen, in denen das erste Morgentreiben noch verschämt wie ein Küchelchen aus dem Ei kroch. Von einzelnen Schornsteinen kringelte der Rauch auf. Hier und da zerrte ein Bäckerjunge an den blankpolierten Klingelzügen, Frauen und Mädchen mit bloßen Armen und weißen Knippmützen klapperten in ihren gescheuerten Holzschuhen zu den nahegelegenen Pumpen; in den Kramläden wurden die Fensterblenden aufgestoßen. Hin und wieder begegneten ihm eifrige Kirchengänger, Frömmler, denen das spätere Hochamt allein nicht genügte, und die bereits die Frühmesse besucht hatten. In den Dachrinnen schilpten die Spatzen, auf dem Kirchturm wurden die Dohlen lebendig – und so aus dem Holzschuhgeklapper, dem Kreischen der Pumpenschwengel, aus den mehr oder weniger lauten Geräuschen, die sich aus dem Spatzengeschilp und dem Schwatzen der Dohlen zusammensetzten, kam allmählich der Morgen in dem kleinen Flecken zustande. Er war flügge geworden und sah mit erstaunten, wenn auch etwas verschlafenen und noch traumverlorenen Augen über die Ziegeldächer in Gottes herrliche Welt hinein. – Barthes Terwelp mußte die schmale Gasse passieren, in welcher das Moses Herzliebsche Firmenschild fast die ganze Frontseite des kleinen Hauses erdrückte. Moses Herzlieb kannte die Bauern. Heute war großer Verkaufstag. Während Frau Giddel und Schlaume sich im Schaufenster selbst zu schaffen machten, geköperte Stoffe, Drell, Batist und gemusterte Leinenstücke herbeiholten, sie hinter den Scheiben aufstapelten, zusammenrollten und in knitterige Falten legten, stand Moses in höchsteigener Person auf der Straße und dirigierte von hier aus das ganze Arrangement und den eigentlichen künstlerischen Dreh. Durch Kopfnicken, vielsagende Handbewegungen, Wenden des Körpers, durch Springen von der einen auf die andere Seite, durch ein äußerst ausdrucksvolles Spiel mit den Fingern und ein lautschallendes Zungengeschnalze gab er Frau Giddel und Schlaume die nötigen Direktiven, stellte in gebleichtem, grauem, meliertem und gefärbtem Drell die sanftesten und einschmeichelndsten Couleuren zusammen, verband das Grobe der Wollsocken mit dem Zarten und Gerundeten der jungfräulichen Strümpfe, ließ hier ein Chemisettchen hervorblinzeln, häufelte zur Linken eine Kollektion bedruckter Taschentücher auf, ließ zur Rechten als Gegenstück blitzblaue Garnsträhnen niederbaumeln, machte liebevolle, streichelnde und abgerundete Handbewegungen durch die Luft, nickte und legte den Kopf auf die Seite, bis alles im Laden seine Richtigkeit hatte. Dann trat er einige Schritte zurück, schob die seidene Schirmmütze in den Nacken, brachte den linken Arm unter den Rockschoß, kniff das linke Auge ein und gab der rechten Hand ein perspektivartiges Aussehn, die er in dieser Verfassung dem andern Auge näherte und so den ausstaffierten Laden betrachtete. Lange stand er in Erwägung. Frau Giddel und Schlaume verhielten sich abwartend, bis Moses Herzlieb mit sich einig war und eine zustimmende Bewegung machte. Die da drinnen verstanden ihn und verließen das Schaufenster. »Giddel, es stimmt,« sagte Herzlieb für sich. »Schlaume, die Sache is richtig.« Doktor Barthes Terwelp kam vorüber. »Wahrhaftigen Gott, der Herr Doktor!« freute sich Moses, streckte Terwelp die Hand entgegen und fragte: »Wo geht es dem Herrn Studiosus Johannes van Melle?« »Je, Herzlieb ...!« »Woso, Herr Doktor? – Steht's schlimm?« »Ich glaube.« Mit einem wehleidigen Gesicht zuckte der Arzt mit den Schultern. Da lüftete der Jude die Seidenmütze und sagte: »Gott Abrahams beschütze ihn: ich will für ihn beten, Herr Doktor. Er war immer so liebreich, der Herr Studiosus van Melle.« »Adjüs.« Mit einer vielsagenden Handbewegung empfahl sich Barthes Terwelp. Stumm sah ihm Moses Herzlieb nach. »Also er ist doch gekommen – der Malach Hamoves,« sagte er endlich und ging in den Laden. Eiligst schritt der Doktor weiter, querte den Großen Markt und stieg die bekannte Treppe hinauf. Stina Prußt öffnete. »Um Jesu Christi willen!« schrie sie auf, als sie Terwelps ansichtig wurde. »Das christkatholische Fraumensch ...!« »Lassen wir das,« versetzte das hechtgraue Männchen. »Wie geht es?« Da trat Abraham van Melle aus dem Krankenzimmer und streckte ihm beide Hände entgegen: »Barthes, bist Du es?! – Bist Du es?!« »Domine ...« »Ja, Du bist es, mein Jugendgenosse, mein Freund ...!« Ein heftiges Schluchzen erschütterte den Körper des Predigers: die Augen des harten Mannes standen in Tränen. »Aber, Domine!« Das Herz des Arztes war in Zweifel und Hoffnung. »Was soll das?« »Barthes,« sagte der Prediger, »es ist über mich gekommen wie ein großes Licht, wie eine seltsame Musik aus einer anderen Welt. – Komm,« meinte er schließlich. Da gingen die Männer in das kahle, schmucklose Zimmer, wo der Studiosus zwischen den Kissen ruhte. Stina Prußt blieb zurück und verhüllte ihr Gesicht mit der grobleinenen Schürze. Die beiden Männer aber standen am Bett des friedlich Schlummernden. Ein seliger Glanz spielte um die Züge des Kranken. Der Atem ging ruhig. Lange und mit verwunderten Blicken verfolgte Terwelp die Atemzüge des vor ihm Liegenden. Dann beugte er sich nieder und horchte. Endlich richtete er sich wieder auf. »Du ...,« sagte er leise. Der Prediger trat näher. »Sie war hier?« fragte Terwelp. »Ja,« sagte Abraham van Melle. »Domine, hier ist ein Wunder geschehen.« »Auch ich glaube daran,« versetzte der Prediger. Barthes Terwelp ergriff die Rechte Abraham van Melles: »Also Du glaubst?« »Ja.« »Und die Wundertäterin, das verlästerte Mädchen ...?« »Nicht mehr hier.« Da fühlte Terwelp wieder das eigentümliche Grausen; es war dasselbe Grausen, das er empfunden, als er draußen im Wiesenland jemand mit einer unheilvollen Botschaft hinter sich wähnte. Und wieder trat ihm die Gestalt deutlich vor Augen, die er draußen im Nebel gesehen haben wollte. Er gab sich keiner Täuschung und keinem Zweifel mehr hin. Jetzt wußte er es mit aller Bestimmtheit: er hatte sie deutlich gesehen und konnte nicht irren. In tiefer Bekümmernis warf er einen großen Blick auf den Kranken. Das Grausen und das tiefe Leid, das er in diesem Augenblick für den Ärmsten verspürte, machten ihn sprachlos. Er wandte sich ab. Aber der Prediger war am Bette seines geretteten Sohnes in sich zusammen und auf die Knie gesunken – ein Mensch, der von der Überfülle des Glückes zu Boden gedrückt wird. – Inzwischen hatte Mutter Verwahnen in der Nacht vom Ostersonntag zum Ostermontag im Webstuhl gesessen. Bis gegen den Morgen hin hatte der Nachtwächter Licht in der vorderen Stube bemerkt und das dumpfe Wuchten der Lade vernommen. Er kannte die eigentümlichen Schrullen der Alten, aber dies kam ihm doch sonderlich vor. Allein, wie er auch singen und klopfen mochte, Hille Verwahnen hörte nicht auf ihn und webte und webte. Beim dritten Male war es still da drinnen geworden – ganz wisperstill; nur der Lichtschein huschte wie ein glühendes Mäuschen durch den herzförmigen Ausschnitt der Läden, die Mutter Verwahnen sorglich vorgelegt hatte. Dann verkroch sich auch dieses, und zum letzten Male pochte der Wächter an, dann sang er dumpf und feierlich in den grauenden Morgen hinein: »De Klock het fiff, fiff het de Klock – Rin in de Box en in den Rock; De Dag well komme naar en wiet – Heer Pater noster, verlaat ons niet. Amen!« Mutter Verwahnen jedoch war ruhig und sanft zwischen den Garnfäden eingeschlafen. Stunde auf Stunde verging; das werdende Taglicht fiel durch die herzförmigen Ausschnitte und spann sich gespensterhaft um das vorgesunkene Antlitz der stillen Frau. Die Hände lagen ihr im Schoß; lange Flachs- und Hanfsträhnen hingen dicht neben ihr von den Stuhlsäulen herab, so daß es aussah, als wäre ihr das dünne, graue Haar über die Schultern gefallen. Mit verkohltem Docht stand die altmodische Lampe neben ihr. Auch der kleinste Rest des Rüböls war aus dem Behälter gewichen. Die Flamme hatte sich selbst aufgezehrt. Ein brenzlicher Geruch durchwölkte die Stube. Hille Verwahnen schlief bis tief in den Morgen hinein. Das Licht da drinnen wurde heller und heller; draußen ließen sich die Schritte der Menschen hören, die zum Hochamt gingen. Dann lief ein lautes Knacken durch den Webstuhl – und Hille Verwahnen wachte auf. »Wo bin ich?!« Sie brachte wieder den Kontermarsch in Gang und versuchte das Schiffchen zu werfen. Allein die Kräfte versagten ihr. Und wieder das laute Knacken von eben. Da merkte sie, daß sie die Zeit verschlafen hatte. »Das ist der böse Geist, der im Webstuhl sitzt,« sagte die Alte. Eine fliegende Angst kam über sie: »Jesus, Maria ...!« Da streckte ihre Seele die Arme aus. Ängstlich kroch Hille aus den Stuhlsäulen vor und tappte ans Fenster. Dort stieß sie die Läden zurück. Helles Licht flutete ihr entgegen. »Nun kommt das Unglück,« stöhnte sie leise. Sie dachte an ihre Tochter Marie. »Marie, Marie!« jammerte Hille Verwahnen. Keiner hörte sie, denn hallend gingen feierliche Glockentöne über die Stadt hin. Sie riefen zum Hochamt. XIX. Keine Glocke wurde geläutet Ohne seinen Vermutungen anderen gegenüber weitern Spielraum zu geben, ging Herr Barthes Terwelp nach Hause. Er dachte an Marie Verwahnen. Obgleich er sich bemühte, das Trübe aus seinen Folgerungen zu scheuchen, heiteren Gedanken Raum zu geben und seine vermeintlichen Beobachtungen in das Reich einer regen Phantasie zu verweisen, er konnte über gewisse Punkte nicht hinweg; immer tiefer klügelte er sich in den Zusammenhang der Dinge hinein, konstruierte, tüftelte, bis schließlich das beklemmende Gefühl des Zermarterns sein Inneres beherrschte und er seiner Unruhe kaum noch Herr werden konnte. Müde und abgespannt warf er sich in einen Sessel. Es hielt ihn nicht lange darauf. Er setzte eine Virginia in Brand. Sie schmeckte ihm nicht. Mit einer unwirschen Geberde warf er den glimmenden Rattenschwanz in eine Ecke des Zimmers. Immer diese Zwangsgedanken, der drückende Alp, den er nicht zu bannen vermochte! – Die Lehre vom magnetischen Rapport, die er selbst nicht leugnen konnte, trat ihm vor die Sinne, und er beschäftigte sich eingehend mit der Projektion des Willens, jener besonderen Art der Beeinflussung des Individuums durch ein anderes, die er noch vor einiger Zeit seinem Freunde Abraham van Melle gegenüber in beredten Worten verfochten hatte. Er erörterte das Sein und Nichtsein des geheimnisvollen Ods und grübelte über das Fluidum nach, das nach seiner Ansicht imstande war, auf höchst mysteriöse Weise von einer feinnervigen auf eine andere, besonders hierzu prädestinierte Person überzuspringen. Sollte etwa auch hier – von Marie Verwahnen – auf ihn ... »Unsinn!« Warum überhaupt dieses sensitive Grübeln und Denken? – Und selbst zugegeben, seine Vermutungen deckten sich mit der Wirklichkeit – warum diese Erregung, wo doch nicht mehr zu retten und zu helfen war? – Aber dieses Mädchen, dieses auch von ihm verehrte Geschöpf mit den feinfühligen Nerven, dem äußeren Reiz und der sonderbaren inneren Verklärung ... Wenn es möglich wäre, wenn wirklich ...!« »Ach, was!« Hastigen Schrittes ging er auf ein Schränkchen zu, entnahm ihm Glas und Flasche und suchte das Unbehagliche seiner Stimmung durch die belebende Wohltat des Tokayers hinwegzuspülen. Eine Stunde später war Herr Doktor Barthes Terwelp zu seinen Patienten gegangen. – – – »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!« Gestärkt hob sich Abraham van Melle vom Betstuhl. »Herr, mein Gott,« sagte er, »ich danke Dir, daß Du diesen Kelch vorübergehen ließest. Ewiger Gott, Deine Allmacht und Güte währet ewig!« Und plötzlich sah er das Leben mit anderen Augen an. Nicht mehr lauter Mühe und Arbeit schien es für ihn; eine lachende Sonne strahlte hinein – und wenn auch mit Sünde und Irrtum gemischt, so war doch die furchtbare Not aus seinem Dasein gewichen. Die dunklen Schatten, die riesengroß zu werden begannen, schrumpften in sich zusammen, freundliche Ausblicke taten sich auf. Er sah in eine Gegend hinein, über welche ein schweres Gewitter, ohne merklichen Schaden angerichtet zu haben, gezogen war. Neubelebt lag sie vor ihm. Tausend und aber tausend Tropfen perlten auf den frischgetränkten Halmen, die Natur atmete auf, ein sanftes Regen und Säuseln lief durch die triefenden Bäume, und mit süßem Wohllaut rief eine ferne Glocke über die friedlichen Lande – die Abendglocke des Herrn. Verklärten Auges sah Abraham van Melle in diesen Abend hinein. Es kam über ihn wie eine Verheißung, wie ein Appell an eine glückliche Zukunft. Und dieses Glück, das ihm unter Tränen zulächelte, war ihm durch Marie Verwahnen geworden, durch jenes Mädchen, dem er skeptisch begegnet, das er verdammt hatte. Ja – jetzt stand sie in der lachenden Landschaft, die sein Geist vor seinen trunkenen Blicken entrollte. Aber sie stand allein, vereinsamt, müde und trostlos, und schwarze Kleider wehten um ihre schöne Gestalt, die der Abendwind gegen das ersterbende Licht blies. Sie wurden länger und florig, bis sie die milden und heiteren Farbentöne völlig bedeckten. Der Prediger fühlte sich unbehaglich. Legte sich ihm nicht eine kalte, unsichtbare Hand quer über die Stirne?! Er verfärbte sich. Da wurde an die Tür geklopft. »Domine ...!« Hille Verwahnen trat unter Führung Stinas ins Zimmer. Die Alte machte den Eindruck einer Verstörten. Das graue, dünne Haar hing ihr in dürftigen Strähnen um die eingefallenen Wangen. Die schmalen Lippen versuchten zu sprechen, aber Hille Verwahnen konnte die Worte nicht finden. »Na, Hille – was gibt es?« Als Abraham van Melle dies fragte, da sah er wirklich, daß die Alte verstört war; ihre Blicke liefen ängstlich und unstet durch alle Ecken des Zimmers. Da nahm er die Hand der alten Frau und sah stumm auf sie nieder. »Domine,« stotterte diese, »sie – war – hier – meine Tochter?« »Sie war hier – und bei ihm,« versetzte der Prediger. »Und jetzt – wo ist meine Tochter?« »Nicht mehr da.« »Und war hier?« »War hier – sie wird nach Hause gegangen sein.« »Ach, Gott – nein, nein, nein ...!« »Vielleicht in der Kirche ...?« »Auch da nicht.« »Ich will doch nicht glauben ...« »Das ist es ja eben,« stöhnte die Alte. »Wenn einer da tritt und webt und die Lade stampft, kann kein Unglück passieren, stirbt keiner, wird keine Todsünde getan, reißt kein Deich und geht kein Wasser über das Land hin. – Domine, das ist es ja eben: ich habe die Zeit verpaßt und bin eingeschlafen über der Lade. – Und nun ist das Unglück gekommen.« »Aber, Hille ...!« »Das Unglück, das Unglück ...!« Der Prediger fuhr auf. Draußen erhob sich ein Geräusch von vielen Stimmen. »Domine,« sagte Mutter Verwahnen mit flatternder Stimme, »die wissen's auch schon. Die fühlen das – die glauben fest, daß da irgend was passiert ist mit meiner Tochter. Aber wenn da etwas passiert ist ... Jesus Christus, Herr Pastor ...!« »Liebe Frau ...« »Wenn da etwas passiert ist, Herr Pastor ...!« Mit vorgestreckten Händen, langsam rücklings schreitend, sagte die Alte: »Domine, beten Sie für meine unglückliche Tochter.« Tränenlos verließ sie das Zimmer und ging von hier auf die Straße: »Ich will sie suchen, ich muß sie finden ...« Abraham van Melle hörte diese Worte noch von der Treppe her. Das übrige verhallte in dem lauter werdenden Stimmengewirr von draußen. Auch er schloß jetzt auf ein herannahendes oder bereits geschehenes Unglück. Er ging ans Fenster und sah von dort aus das Verworrene und Verstörte in den Mienen der Leute, die auf Mutter Verwahnen vor seinem Hause warteten. Viele steckten die Köpfe zusammen und verhandelten laut und mit halb verschluckten Sätzen zusammen. Er dachte an seinen Sohn, er dachte an das Wunder und an Marie Verwahnen, er dachte daran, was da noch alles verhängnisvoll in der Zukunft schlummerte für ihn und die anderen. Und Abraham van Melle wurde bewegt und ergriffen. Er beugte sich vor der Wucht des Verhängnisses, dem gegenüber alles menschliche Wissen und Können zwerghaft erscheint. – Unten ging es jetzt lauter und lärmender zu. Erschüttert von den ungeheuerlichen Vermutungen, die immer mehr um sich griffen, wollten die Menschen nicht mehr zur Ruhe kommen. Man suchte nach Motiven der verhängnisvollen Tat, denn daß die Wachsmarie gestorben und zwar keines natürlichen Todes gestorben war, das stand bei allen so fest wie das ›Amen‹ in der Kirche. Man erinnerte sich mit einiger Dankbarkeit an so vieles, was die Ärmste getan hatte. Man erinnerte sich des Wunders auf dem Paternosterdeiche, man hielt sich vor, daß sie immer so fromm und sittsam gewesen, daß sie, die doch wenig Begüterte, gern gegeben hatte, wenn es ihr karges Einkommen erlaubte, ja, man erinnerte sich ... Andere wieder nahmen die nackte Tatsache hin, ließen aber das Mitleid beiseite. Man sprach von einem Begräbnis ohne kirchlichen Beistand, von einem Grab auf ungeweihter Erde und von anderen Dingen, bei denen das Stummbleiben der Glocken eine Hauptrolle spielen würde. Das Mitgefühl, das man Hille Verwahnen selbst entgegenbrachte, vermochte hieran nicht vieles zu ändern. Das Urteil über ihre unglückliche Tochter war im allgemeinen vernichtend, erschwert durch die zuletzt gesprochenen Worte Bonaventuras, die noch im Gedächtnis aller hafteten. Es stand schlimm um das Gedenken des verschwundenen Mädchens. Bei Mutter Verwahnen, die bislang hilfesuchend und in einem fast lethargischen Zustand durch die Leute gegangen, kam endlich die Erkenntnis ihres ganzen Unglücks zu Raum. Mit einem wilden Schrei brach sie auf der Straße zusammen. Barmherzige Menschen brachten sie in ihre Wohnung. Und da zogen viele hinaus – hinaus auf die Wiesen ... Doktor Barthes Terwelp begegnete ihnen. – Die Stunden des Tages krochen wie die Schnecken, die nicht Ende noch Ziel finden konnten. Die Leute standen in flüsternden Gruppen zusammen. Die Neugierigen jedoch waren hinaus auf den Deich gegangen, um zu sehen, was diejenigen machten, die es sich nicht hatten nehmen lassen, die Vermißte zu suchen. Von hier aus sahen sie viele dunkle Punkte, in langen Reihen auseinander gezogen, über die grünen Wiesen streifen. Unter den Suchenden befanden sich Cornelis Janßen, Moses Herzlieb, Perdje Puhl und Herr Eusebius Dornkat, die unter Anleitung des Doktors die verschiedenen Kolke und Teiche abfischten, die zwischen dem Rheindamm und dem Pappelgehölz diesseits Wisselwards gelegen waren. Über die Stelle, wo er bei seinem Heimritt die Erscheinung im Nebel gehabt haben wollte, war er sich zuerst nicht im klaren. Erst als er dem mächtigen Holunder wieder begegnete und die alte Weide bemerkte, die er noch heute morgen passiert hatte, da glaubte er auch das betreffende Wasser gefunden zu haben, wo die Ärmste zu suchen war. Tiefblau und friedlich lag es mitten im lachenden Frühling. Leise strich der Wind über die stille Fläche. Nur leichte Furchen zogen von einem Ufer zum andern. Hungerblümchen und Goldenmilzkraut schmiegten sich um das umbuschte Ufer des Teiches. Eine kirchliche Weihe ruhte auf dem verschwiegenen Wasser. Es mochte um die dritte Mittagsstunde sein, als die Menschen, die sich auf dem weiten Gelände zu schaffen machten, plötzlich zusammenliefen. Bald darauf bewegte sich eine traurige Gruppe der Stadt zu. Diejenigen, die bisher neugierig auf der Deichkrone gewartet hatten, kamen ihr entgegen und schlossen sich an. Viele von ihnen schlugen die Hände zusammen. Keiner wagte zu sprechen. Der Anblick des Traurigen hatte alle stumm gemacht. Moses Herzlieb, der mit Doktor Terwelp voranschritt, hatte die Seidenmütze abgenommen und drehte sie entsetzt, gleichsam um Herr seiner Gefühle zu bleiben, zwischen den Händen. Still und ernst zog man in die geängstigte Stadt ein. Wortlos ließen die Menschen, die vor den Häusern standen, den kleinen Zug vorüberziehen. Sie faßten es nicht; sie konnten es auch nicht fassen, aber alle bewahrten unter dem Eindruck des erschütternden Schlages eine würdige Haltung. Perdje Puhl war den anderen gestikulierend und unter allen Zeichen des Schreckens vorangeeilt, um dem Herrn Dechanten über das Vorgefallene Bericht zu erstatten. Die Konferenz dauerte lange. Wichtige und schwerwiegende Fragen mußten zwischen den beiden Männern verhandelt worden sein, denn als nach ungefähr einer Stunde Perdje wieder zum Vorschein kam, trug er eine Haltung zur Schau und machte dazu ein Gesicht, als sei von ihm, unter Hinzuziehung des Herrn Dechanten, über das zukünftige Seelenheil der Marie Verwahnen in aller Feier und Form entschieden worden – und das von Rechts wegen. Viele Menschen umstanden das Haus Hille Verwahnens. Als sich die Tür hinter dem kleinen Zuge schloß, hörte man einen herzzerschneidenden Aufschrei, dem bald darauf ein leises Wimmern folgte. Nicht lange danach erschien der Herr Polizeidiener, um die Voruntersuchung einzuleiten und den Tatbestand vorläufig in seinem dickleibigen Notizbuch festzustellen. – Inzwischen hatte sich Barthes Terwelp in das evangelische Pastorat begeben. Er traf Abraham van Melle bei seinem Sohne an. Gestärkt schlummerte der Genesende zwischen den weißen Kissen. Er fühlte noch immer die kühle, lindernde Wachshand und den belebenden Odem des lieblichen Mädchens ... Abraham van Melle hatte das Kommen und Gehen der Leute da draußen nicht bemerkt, und Stina Prußt hatte noch keine Zeit gefunden, ihm die traurige Nachricht zu übermitteln. Sie stand als Neugierige mit den übrigen vor der Haustür der Webersleute. Allen Groll gegen das christkatholische Fraumensch schluckte sie heroisch herunter. Jedes Unglück wirkt besänftigend; es macht mitleidig, edelmütig, empfänglich – und Stina Prußt konnte vergessen. Lautlos war der Arzt ins Zimmer getreten: »Domine ...« »Barthes ...!« »Wir haben Marie Verwahnen gefunden.« »Menschenskind ...!« »Sie ist tot,« ergänzte Barthes Terwelp mit gedämpfter Stimme. »Meine Ahnung täuschte mich nicht; nicht weit vom großen Flieder hat sie im Wasser zwischen den Weiden gelegen. Jetzt gilt unsere Sorge dem da.« Abraham van Melle wankte. Er hielt sich an einer Stuhllehne: »Barthes, Barthes, Barthes ...!« Draußen entstand ein dumpfes Geräusch, das immer näher rückte. Stina Prußt öffnete hastig die Tür. »Domine, die Alte von drüben, Hille Verwahnen ist hier ... Ich glaube ...« Ein lautes Weinen und Jammern drang ins Zimmer. »Marie ...! – Marie ...!« Geisterbleich erhob sich der Kranke von seinem Lager. »Wer rief nach Marie?! – Wo ist sie? – Was will sie? – Herr Doktor, mir ist so ...« »Domine,« meinte Terwelp, »es ist besser, er erfährt das Schlimmste: denn zu verheimlichen ist hier nichts mehr – und Zweifel erdrücken.« Ohne die Antwort des Predigers abzuwarten, begab sich Barthes Terwelp in die Tiefe des Zimmers. Hier ergriff er die Hand des Kranken, setzte sich zu ihm und sprach lange auf ihn ein. Endlich zeigte er leise nach oben. Da fiel Johannes van Melle mit einem dumpfen Laut in die Kissen zurück. Barthes Terwelp blieb bei ihm und wachte bei ihm. Der Prediger aber ging zu Hille Verwahnen. – – – Die Nacht kam und die Nacht ging. Im Befinden Johannes van Melles wechselten sich Fieber und Selbstgespräche ab. Ängstlich verfolgte Doktor Terwelp den weiteren Gang der Erscheinungen. – In der darauffolgenden Nacht war sein Geist ruhiger geworden. – Seine Gedanken traten in das kleine Zimmer ein, wo sie die Verblichene aufgebahrt hatten. Er war allein mit ihr, so ganz allein, denn Mutter Verwahnen hatte bei seinem Eintritt die Stube verlassen. Friedlich lag seine Marie zwischen den schwarzen Brettern. Die Lichjungfer hatte alles auf das beste besorgt. Sie hatte ihr ein weißes Kleid angetan, die braunen Haare mit dem Metallschimmer auf das sorgfältigste gescheitelt und ihr das Kränzchen, das sie als Kind zum ersten Male am Fronleichnamstage getragen, um die wachsbleichen Schläfen gelegt. Die schlanken Hände waren über der Brust gefaltet; Partikelchen glitzernden Rauschgoldes lagen über Sterbekleid und Haare verstreut. Er trat dicht an die Lade; ihm war es wie Licht und Gesang. Nun hatte er sie doch noch gefunden. Er tastete nach ihrer kalten Hand und behielt sie lange in der seinen. Jetzt entzog sie ihm diese nicht mehr. Und wie ruhig und doch wie beredt lag das liebe Gesicht auf dem schmalen Kissen! – Und als er sich niederbeugte, fiel eine Träne auf die wächserne Stirne. Da brach er vor der Lade zusammen und legte seinen Mund auf den der Verstorbenen. Sie ließ es ruhig geschehen und sträubte sich nicht wie das letzte Mal. »Marie – meine liebe Marie ...!« Sie hörte ihn nicht mehr, sie gab keine Antwort; nur die Kerzen, die die Lichjungfer aufgesteckt hatte, unterbrachen die Stille, die so still war wie das Herz, das unter dem weißen Kleide nicht mehr schlagen wollte. So weilte er stundenlang bei der toten Geliebten. Als er ihr dann den letzten Kuß gab, als er Abschied von ihr nahm, als er dann zur Tür ging und noch einmal sich wandte, da glaubte er ein goldenes Reiflein zu sehen, das wie ein Heiligenschein über ihrem verklärten Gesicht stand – und das Reiflein flimmerte so ... Drei Tage nach ihrer Auffindung sollte sie bestattet werden. Schon in aller Frühe kam Herr Eusebius Dornkat mit seinem Newö in das Sterbehaus. Sie trugen ein Kränzlein von Buchsbaum, Pinsel und Farbtopf mit sich. Das Kränzlein befestigte der Herr Newö am Fußende des einfachen Sarges, und in diese Umrahmung hinein pinselte Eusebius Dornkat die vier inhaltsschweren Buchstaben › R.I.P.S. ‹ mit weißer Ölfarbe. Nach diesem Liebesdienst verließen die beiden Männer das Trauerhaus, um sich sonntäglich anzuziehen. Eine Stunde später erschienen die Träger. Es war eine ungewöhnliche Zeit, da sie sich einstellten. Sie hatten ihre bestimmte Weisung erhalten und durften daher nicht anders handeln. Mit altmodischen Zylindern auf den Köpfen, mit glattrasierten, bläulich angehauchten Gesichtern und langen, schwarzen Röcken betraten sie das Sterbehaus. Bei ihrem Eintritt sahen sie sich gleich nach dem ortsüblichen Schnaps um. Eine weitläufige Verwandte der Familie Verwahnen sorgte dafür, daß diese Gemütsmenschen nicht zu kurz kamen. Mit geschlossenen Augen und behaglichem Schmunzeln gossen sie die helle Flüssigkeit hinter die verknotete Binde. Sie waren in die richtige Stimmung gekommen. – Zur Zeit der Beerdigungsstunde saßen Nettchen und Settchen Käschen beim Morgenkaffee. In ernster Stimmung tauchten sie ihre Milchbrötchen in die dampfenden Tassen. Große Trauerschleifen hatten sie um ihre weißen Kragen geschlungen, aber weniger des Herzeleids halber, das ihnen das entsetzliche Geschick der Wachsmarie verursacht hatte, als vielmehr der unsterblichen Seele wegen, die nach ihrer kirchlichen und felsenfesten Überzeugung unrettbar für den Himmel verloren war. In dieses Wehleidige mischte Settchen aber eine gewisse freudige Zuversicht hinein, da durch den Tod ihrer bisherigen Vorgesetzten für sie ein Einrücken in deren Stelle nicht ausgeschlossen erschien. Der Stimme des Herrn Dechanten und der Perdje Puhls war sie sicher – und das genügte so ziemlich. Nachdem Nettchen und Settchen den Kaffee zu sich genommen und die leckeren Milchbrötchen verzehrt hatten, gingen sie ruhigen Herzens zur Schule, die seit einigen Tagen ohne Hauptlehrerin war. Inzwischen stellten sich die Leidtragenden ein. Nur wenige erschienen, darunter: Doktor Barthes Terwelp, Abraham van Melle, Cornelis Janßen, Eusebius Dornkat mit seinem Herrn Newö, Moses Herzlieb und noch einige, die in näherer Beziehung zu Hille Verwahnen standen. Mutter Verwahnen selbst hatte sich wiedergefunden. Tränenlos sah sie den Vorbereitungen zu, tränenlos sah sie, wie die glattrasierten Männer ihr einziges Kind aufhoben und über die Schwelle trugen. Aber da drinnen, in ihrem Herzen da drinnen ... In aller Stille ging es dem nahen Kirchhof zu. – Keine Glocke wurde geläutet – auf ungeweihter Erde ward sie bestattet. XX. Teichrose Auf ungeweihter Erde, fern ihren Lieben, die ihr im Tode vorausgegangen, wurde die Aermste bestattet. – – Die beiden Lichter in den hohen Metalleuchtern waren bis zur Neige gebrannt. Docht und Flamme lagen in einer wasserhellen Schicht flüssigen Stearins, das sich anschickte, über die bauchigen Schalen zu träufeln. Jetzt sickerten die ersten Tropfen nieder, weißliche Spuren hinter sich herziehend. An der kalten Oberfläche des Messings erstarrten sie. Die bläulich umspielten Dochte knisterten. Die Flämmchen wurden unruhig. Sie waren des Lebens müde und wollten sterben. Was sollten sie auch weiter noch?! Draußen begann das Licht des Tages schon leise zu zwinkern. Schüchtern tastete es sich über die Firsten der gegenüberliegenden Häuser. Durch das geöffnete Oberlicht des Fensters drang bereits verlorenes Vogelgezwitscher ins Zimmer. Deutlich klang die scharfe Locke der Merle dazwischen. Mir waren die Stunden vergangen, als waren sie Minuten gewesen – und diese Stunden-Minuten hatten mir Leib und Seele erschüttert. Ich stand völlig unter der zwingenden Gewalt des soeben Gehörten. Doktor Johannes van Melle stand auf und trat in die Mitte des schwacherleuchteten Fensterrahmens. Der etwas nach vorn geneigte Körper meines unglücklichen Freundes nahm eine seitliche Wendung an. Das scharfe, bartlose Profil des bedeutenden Gesichtes ruhte wie ausgeschnitten auf der Helle des grauenden Morgens. Die Kerzen erloschen. Doktor Johannes van Melle machte eine große Handbewegung; dann fuhr er sich über die Stirn, als wollte er dort das Erinnern verwischen. Das Feierliche, Gespenstische, Niedagewesene in seinem ganzen Verhalten, das mir besonders am ersten Abend aufgefallen war, trat wieder so recht in die Erscheinung. Seine großen Augen ruhten fragend auf mir. »Du hast mich verstanden?« meinte er nach einiger Weile. »Ich habe verstanden, lieber Johannes.« »Es ist eine einfache Geschichte,« fuhr er ruhig sprechend fort, »die in diesen Tagen an Dir vorüberzog, aber diese einfache Geschichte ... Nun, Du verstehst mich. Meine Liebe und mein späteres Leben standen unter dem Zeichen des Kreuzes. – Ich trug eine große Leidenschaft zu Grabe, und als ich sie zu Grabe trug, da war ich nahe daran, mich mit ihr bestatten zu lassen. Es sollte nicht sein, und die Zeit hat vieles geändert. Ich habe mich in das Unabwendbare gefügt, ich habe gekämpft wie ein Verzweifelter und schließlich die Prüfung bestanden. Wenn auch blutenden Herzens – ich raffte mich nach dem wuchtigen Schlage auf, vollendete meine Universitätsstudien und betäubte die Erinnerung in Ausübung meines ärztlichen Berufes. In München lernte ich Gabriel Max kennen und schloß mit ihm innige Freundschaft. Er verstand mich so ganz, er klärte mich über manches auf, dem ich ratlos gegenübergestanden, er entwirrte so manche Fäden, die ich vergebens zu lösen versucht hatte, und über so viele, viele Wunden, die mir jene verhängnisvolle Neigung geschlagen, ließ er den Balsam des Genesens träufen. Seiner Liebe und Freundschaft habe ich jenes Bild zu verdanken ...« Er zeigte auf das Pastellgemälde, das undeutlich aus dem Schatten des Zimmers aufleuchtete. »Und dann! – Ich bin meinem Vater ein guter Sohn geworden; wir verstanden uns. Ich habe ihm die Augen in Frieden zugedrückt, und ihn unter heißen Tränen bestattet. Als die ersten Schollen auf die schmalen Bretter niederfielen und der kleine Hügel über seinem Grabe sich wölbte, da fühlte ich so recht, was ich an ihm verloren hatte. Aber auch dieses verwand ich, und ich wäre zufrieden und glücklich in meinem ärztlichen Berufe geworden, wäre die Erinnerung an die vergangene Zeit nicht gewesen. Aber sie war da und ist da; sie läßt mich nicht los, sie ist bei mir Tag und Nacht, und das ist das Entsetzliche in meinem qualvollen Zustand. Oft ist sie nur einem ersterbenden Licht zu vergleichen, das mir schwach entgegendämmert – und dann sind meine ruhigen, erträglichen Tage und Nächte gekommen. Doch sie kann zur Flamme werden, auflodern und mich mit glühenden Zungen umspielen – und das ist jetzt der Fall, das ist die Zeit, wo ihre arme Seele erscheint und die Teichrosen gleich bleichen Gesichtern auf dem Wasser schwimmen. Das fühlst Du nicht, nein, das kannst Du nicht fühlen und wirst es auch niemals begreifen... Aber es ist so.« Er schüttelte leise das Haupt: »Aber es ist so – und dann ist die entsetzliche Zeit der heiligen Nächte gekommen. – Ich nenne sie ›heilig‹, weil das Gedenken an ihre unsterbliche Seele mir heilig vorkommt – allein dieses Gedenken ist furchtbar, vornehmlich, wenn die Stille der Nacht die Erinnerung wachhält und mir alles so deutlich und scharf umrissen vor die Blicke stellt, als wären die traurigen Ereignisse erst gestern geschehen. Nur meine treue Genossin im Leid, meine Geige, vermag mir Tröstung zu geben.« Johannes van Melle atmete tief. »Marie Verwahnen ist tot. – Rätselhaft wie ihr ganzes Leben und Lieben ist auch ihr Sterben gewesen. Ich will nicht rechten mit ihr, ich will nicht richten über sie. Sie war ein Kind, und ihr Geist war krank, aber ihrem Zauber konnte niemand entrinnen. Auch jetzt noch, nach ihrem Tode, übt er eine ungeschwächte Gewalt aus. – In den glücklichen Nächten tritt sie vor mich hin, schön wie der Morgen, leuchtende Wasserrosen im Haar, und küßt mir die Stirne.« Johannes van Melle reckte sich auf. Sein Gesicht verfärbte sich, und mich beschlich wieder jenes beklemmende, drückende und unheimliche Gefühl, das ich bei meinem ersten Begegnen mit ihm in so aufdringlicher und zwingender Weise verspürt hatte. »Und warum sollte sie nicht?« fuhr er mit scharfer Stimme fort, die etwas Beängstigendes an sich trug, »warum sollte sie nicht?! – Hatte sie doch im Leben so oft in diesen Armen geruht und ihren verzehrenden Mund auf diese Lippen gedrückt, als sollten wir beide vergehen in Rausch und Verzückung. Das ist doch klar, das ist doch begreiflich ...! – Das ist doch menschlich und vernünftig gedacht ...! – Aber dann: Bonaventura ...! – Und das ist das Verrückte – der Wahnsinn ...!« Er preßte die Hände gegen die Schläfen. »Marie ...!« Er stieß ein gellendes Gelächter aus, das mich auf das tiefste bewegte und erschütterte. »Aber, Johannes ...!« »Es ist gut,« sagte er leichthin und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Der ganze Mensch war plötzlich ruhig geworden. »Komm.« Stumm drückte er mir die Hand: eine schimmernde Feuchte stand in seinen milden und zärtlichen Blicken. Er war wie umgewandelt in seinem Verhalten. »Wohin willst Du?« »Dort hinaus. Der Morgen hat sich aufgetan, und dann: Du mußt doch wissen ...« Ich verstand ihn. Wir gingen hinaus. Ein kühler, erfrischender Windhauch schlug uns entgegen. Es war noch einsam und leer auf den Straßen. Kein menschliches Wesen begegnete uns. Nur die grünen Grashälmchen, die verschlafen zwischen den Pflastersteinen sich duckten und die Öhrchen zu spitzen begannen, mochten unsere Schritte vernehmen. Neugierig sahen die Spatzen von den Dachrinnen uns nach. Die Gärten, die uns zur Seite lagen, atmeten üppige Lebensfülle. Die Levkojenbeete standen in voller Sommerpracht. Der nächtige Tau hatte sie ganz entfaltet. Etliche Linden dufteten noch, andere verstreuten bereits ihre Blüten. In den Weißdornhecken purzelten und vergnügten sich die Zaunkönige. Die Gärten traten zurück. Gestreckte Felder mit blauroten Kappesköpfen nahmen uns auf. Strotzend lagen diese in ihrer kräftigen Färbung und zu langen Schnüren gereiht auf der dampfenden Erde. Jenseits der Kappesfelder dehnten sich die endlosen Weiden, und dort, wo sie sich mit dem angebauten Lande berührten, flossen Grün und Violett sanft ineinander. Schweigend gingen wir durch die langen Rabatten der blauroten Köpfe. Saftig ruhten sie auf kurzen Stielen zwischen ihren starkgerippten Blätterhüllen. Es war friedlich und still auf den weiten Feldern und Wiesen. Noch ging keine Frühglocke über die Erde. Weiter zur Rechten und ungefähr dort, wo Pappel- und Erlenbüsche aus der Niederung aufstiegen, lagen verschiedene Gebäulichkeiten, die erst die neue Zeit hingestellt hatte. Sie trugen ein fabrikartiges Gepräge. Es waren langgestreckte Bauten mit niedrigen Dächern und vielen Fenstern, die matt, wie blinde Augen, ins Leere starrten. Vereinzelt aufgeführte Schornsteine ragten darüber hinaus. Weißliche Rauchsäulen standen kerzengerade und fast unbeweglich über den Schloten. In der Nähe dieses Fabrikanwesens erhob sich ein zweistöckiges Haus, das einen herrschaftlichen Charakter trug. Mit Rücksicht auf die kleine niederrheinische Stadt kam mir dieses industrielle Unternehmen, das sich allem Anscheine nach in blühendem Zustande befand, wunderlich vor. Johannes van Melle blieb stehen. Er deutete auf den Gebäudekomplex. »Die Herzliebschen Spinnereien!« sagte er mit einem Anflug von innerer Freude. »Moses Herzlieb und Sohn.« Als er dies sagte, spielte eine stille Heiterkeit um seine Mundwinkel. Es war das erste Mal, daß ich ihn während unseres Zusammenseins lächeln sah. »Herzlieb und Sohn ...« Mit einer gewissen Befriedigung wiederholte ich die soeben gesprochenen Worte – dann gingen wir weiter. Alsbald umfing uns das große Schweigen, die heilige Stille der taufrischen Wiesen. Auf einem schmalen Pfad, der sich schnurgerade dem Inneren zuwandte, drangen wir in das üppige Meer der feuchten Rispen und Halme. Das Gras reifte seinem zweiten Schnitt entgegen. Vor uns dehnte sich die grüne Niederung in unabsehbarer Weite, nur von einzelnen Baumgruppen und kleinen Liegenschaften durchsetzt, während unmittelbar zur Linken die Flanken des Paternosterdeiches durch die Ebene krochen. Es war jener Deich, der in unserer Geschichte eine so traurige Berühmtheit erlangte. Auf ihm hatte vor Jahren die Wachsmarie gestanden. Er hatte Bonaventura gesehen. Auf ihm war der junge Mönch in die kleine Stadt eingezogen – auf ihm hatte er sie wieder verlassen. Darüber hinaus stand der erste Frühschein des erwachenden Morgens. Wir mochten ungefähr eine halbe Stunde gegangen sein, als ein kreisrundes Wasser in Sicht kam, das unvermittelt das Einerlei der Landschaft belebte. Niedriges Weidengebüsch, von einigen alten Stämmen überragt, legte sich um die steilabfallenden Ufer. Eine sichtliche Unruhe bemächtigte sich meines armen Freundes, als wir uns dem Wasser näherten. Ein kaum wahrnehmbares Schilfgesäusel empfing uns. Alsbald standen wir vor der ruhigen, tiefen Fläche, die auch nicht die geringste Furche aufwies. Mit schwarzem, blaudurchsetztem Wasserspiegel lag sie unter dem Himmel. Ein langgedehnter Streifen weißlichen Lichtes begrenzte das jenseitige Ufer. Doktor Johannes stierte in den geheimnisvollen Kolk. In seinem Gesicht ging eine plötzliche Wandlung vor, die mir Besorgnis einflößte. Ich stand dicht neben ihm. Dunkelgrüne, große und herzblattförmige Blätter schwammen auf dem Teich. Etliche Knospen der Wasserrose lagen daneben. Nur eine Blüte hatte sich völlig entfaltet. In blendender Reinheit, keusch und leuchtend ruhte sie auf der dunklen Tiefe. Langsam wendete Johannes van Melle seine Blicke auf den Kelch der schwimmenden Blume. »Du mußt es doch wissen,« sagte er mit inniger Rührung, »Du muht es doch wissen, wo sie ihr Ende gefunden hat. – Hier war es. – Friedlich lag ihr schöner Körper auf der schimmernden Tiefe, als die Leute sie fanden. Ihre Haare waren gelöst – ihr Antlitz war gen Himmel gerichtet ...« »Und die Teichrose?« wagte ich schüchtern einzuwerfen. »Das ist die Seele der Ärmsten, die auf dem Wasser schwimmt. – Die eigene Kirche hatte ihr den Eingang zum Himmel versperrt – da suchte sie die Stätte auf, wo sie sich vom Leibe der Entschlafenen trennte.« Doktor Johannes van Melle schwieg. Er nahm meine Hand und weinte bitterlich. Die erste Morgenglocke hallte herüber – die Stimme des Herrn. Ende.