Rudolph Lindau Erzählungen aus dem Osten 1909 »Wenn Bücher auch nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sie doch!« (Jean Paul) Inhalt Vorwort Sedschi Die Reisegefährten Mutter Careys Küchlein Der lange Holländer Der Geächtete John Bridges Braut Vorwort Noch immer wird die Novelle im Publikum nicht für voll angesehen. Und doch ist es eine Kunst von geschlossener Eigenart mit einer ganz andern Technik als der Roman, und da, wo sie von einem Künstler geübt wird, von einer Kraft und Schönheit, die sie der gebundenen Form näher bringt. Man hat zwar zu lange die Novelle als Romanskizze behandelt, um nun gleich alle Reize dieser Prosaform entfalten und verstehen zu können. Die Zukunft wird erst lehren, daß in der Kunst der Novelle Kräfte schlummern von märchenhafter Schönheit und einem Sprachglanz, der das poetische in konzentrierter Form zu geben vermag. Auf dem Wege zur modernen Novelle und der der Zukunft, die eine Verbindung zwischen epischer Prosa und Lyrik herzustellen berufen ist, begegnen wir einigen Künstlern, die heute, da man solche Zusammenhänge kaum erst ahnt, nur wenig Beachtung gefunden haben. Künstler, die aber erkannt zu haben scheinen, daß die Novelle ihre eigenen künstlerischen Gesetze hat, ein angestrengtes Sehen, ein scharfes Kombinieren und eine dramatische Schürzung des Knotens verlangt, wie sie dem breiteren Roman leider abgeht. Rudolph Lindau ist einer von jenen Autoren, die sich an russischen und französischen Vorbildern einen solchen eigenen Novellenstil geschaffen haben. Und wenn er auch in der Sprachbehandlung noch nicht jenen Reichtum und jene psychologische Beweglichkeit erreicht, die die Novelle erst ganz über ihre Nachbarkunst, den Roman, erhebt, so bleibt doch in seinen Novellen aus dem Osten soviel stilleuchtende Schönheit und Vertiefung des Problems, daß man unschwer seine überragende Stellung unter den Novellenschreibern seiner Zeit erkennen kann. Vor allem ist es der gute Geschmack, den alle seine Erzählungen verraten und die überlegene Weltmannsklugheit, eine feine, das Romantische streifende Ironie und Kühle, mit der er seine Themen behandelt, die seine Prosa aus dem Durchschnitt der Novellenliteratur herauslöst. Etwas Internationales, wenn wir so wollen, hebt das moralische Niveau seiner Urteilskraft, hier spricht ein Mann zu uns, der viel erlebt und gesehen, der sein halbes Leben in einer ganz anderen Welt zugebracht hat und jene Besonnenheit und Zurückhaltung, jene Vorsicht und Sicherheit in der Beurteilung der Charaktere zur Schau trägt, die man nur draußen in den Kolonien lernt, wo der einzelne so viel und doch so wenig gilt und sich die Europäer auf eine ganz besondere Weise als Vertreter einer anderen Moral und Kultur zusammenschließen. Dort, wo psychologische Probleme unter einem südlichen Himmel gewaltig anwachsen, die Menschen mit ihren noch so gut verborgenen Geheimnissen dennoch ihre Leidenschaften, Schwächen und Charakterstärken nackter zeigen und die brennende, helle Sonne alles so nah und deutlich erscheinen läßt, hat Rudolph Lindau seine Themen gesucht und gefunden. Und da er gesellschaftlich zu den ersten Kreisen der europäischen Kolonien gehörte, hat er sich in ihrer Behandlung an eine weltmännisch diskrete Art gewöhnt, die noch schont, wenn sie enthüllt. Alles Eigenschaften, die man in der Literatur selten genug findet, um ihren Reiz nicht ganz stark zu empfinden. Rudolph Lindau wurde am 10. Oktober 1829 in Gardelegen in der Altmark geboren. In Gardelegen, Naumburg, Magdeburg und Berlin hat er seine Schulzeit verlebt, in Berlin, Paris und Montpellier Sprachen und Geschichte studiert. Wie seinem Bruder Paul scheint auch ihm der Hang zur Literatur vom Großvater, dem Pastor Heinrich Wilhelm Müller in Wolmirsleben, überkommen zu sein, der als einer der fruchtbarsten Jugendschriftsteller seiner Zeit galt, und dem sein Enkel »ein zierliches, korrektes Deutsch« nachrühmt. Rudolph Lindau blieb nach der Beendigung seiner Studien noch vier Jahre in Südfrankreich als Hauslehrer, dann wurde er Privatsekretär des französischen Ministers Barthélémy St. Hilaire. 1860 schickte ihn die Schweiz in diplomatischer Mission nach Japan. Er sollte den Handelsvertrag zwischen beiden Nationen vorbereiten, sein Erfolg brachte ihm den Rang eines Generalkonsuls ein. Bis zum Jahre 1869 lebte er abwechselnd in Indien, Singapore, Cochin-China, China, Japan, Kalifornien. Schon in Frankreich hatte er seine literarische Tätigkeit als Mitarbeiter der » Revue des deux Mondes « und des » Journal des Débats « begonnen. Auch seine erste Reisebeschreibung » Voyage autour du Japon « schrieb er französisch. Später gab er in Yokohama die erste englische Zeitung heraus und schrieb einen Band Novellen in englischer Sprache, ohne durch diese Beschäftigung in den Literaturen fremder Sprachen sein Heimatsgefühl einzubüßen. Der Krieg 1870 rief ihn nach Deutschland zurück. Als Berichterstatter für den Staatsanzeiger und Privatsekretär des Prinzen August von Württemberg machte er den Einmarsch nach Frankreich im Generalkommando der Garde mit: »Die preußische Garde im Feldzug 1870/71.« Es war nicht der erste Krieg, dem der Diplomat im Generalstabe als nächster Zuschauer der Ereignisse beiwohnte. 1862 war er Gast des Admirals Charner im cochin-chinesischen Feldzug. 1872 bis 1878 lebte Lindau wieder in Paris als Beamter der deutschen Gesandtschaft und 1878 als Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt in Berlin. 1880 wurde er wirklicher Legationsrat und 1885 Geheimer Legationsrat. 1892 schickte das Reich den erfahrenen Mann noch einmal auf einen schwierigen auswärtigen Posten. Er ging als Vertreter des Reiches bei der Verwaltung der türkischen Staatsschuld nach Konstantinopel. Nach seiner Pensionierung zog er sich nach Helgoland zurück, wo er in stürmischer Einsamkeit, dem Meere nahe, das ihn so oft und weit hinaus in die Welt getragen hat, seinen Lebensabend genießt. 1893 erschienen seine gesammelten Romane und Erzählungen in sechs Bänden. Die wichtigsten seien hier aufgezählt. Auf dem Gebiete der Novelle versuchte er sich zuerst 1869, 39 Jahre alt, in französischer Sprache. (Eine Sammlung von Novellen, die früher in der » Revue des deux Mondes « und im » Jounal de St. Pétersbourg « erschienen, trägt den Titel: Peines perdues . Seine in englischer Sprache in » Blackwood's Magazine « veröffentlichten Novellen gab er als Buch heraus unter dem Titel: The Philosopher's Pendulum and other stories .) Deutsch erschienen von ihm: Erzählungen und Novellen. 2 Bde. 1. Aus Frankreich. 2. Aus Japan. (1872.) – Robert Ashton. Roman. 2 Bde. (1873.) – Liquidiert. Eine Erzählung. (1874.) – Schiffbruch. Vier Erzählungen. (1874.) – Gordon Baldwin. Eine Novelle. (1875.) – Vier Novellen und Erzählungen. (1876.) – Gute Gesellschaft. Roman. 2 Bde. (1878.) – Kleine Welt. Drei Erzählungen. (1880.) – Wintertage. Drei Erzählungen. (1882.) – Der Gast. Eine Novelle. (1883.) – Zwei Seelen. (1888.) – Marta. Romane. Liebesheiraten. Ein unglückliches Volk. Erzählungen. – Der Flirt. Schweigen. Novellen. Erzählungen eines Effendi. (1896.) – China und Japan. Reiseerinnerungen. – Fonar und Mayfair. Roman. – Zwei Reisen in der Türkei. (1899.) – Türkische Geschichten. (1898.) – Alte Geschichten. (1904.) M. Sedschi I. Es war im Oktober oder November 1864, als ich in Yokohama, im Hause des englischen Ministers Sir Rutherford Alcock, die Bekanntschaft des Majors Baldwin machte. Ich erinnere mich seiner, als ob ich ihn gestern gesehen hätte: er war ein stattlicher, schöner Mann, mit schwarzem, krausem Haar, vollem, starkem Bart, dunklen, freundlichen Augen und tiefer, wohlklingender Stimme. Er mochte damals fünfunddreißig Jahre alt sein und war erst vor einigen Tagen in Yokohama angelangt. Er unterhielt sich lange mit mir und war begierig, soviel wie möglich von Japan und den Japanern zu hören. Er sagte mir, daß er beabsichtige, mit einem jungen Freunde, dem Leutnant Bird, einen Ausflug nach Kamakura zu machen, und bat um Erlaubnis, mich nach seiner Rückkehr zu besuchen. Ich ersuchte ihn höflich, dies nicht zu vergessen, und wir trennten uns mit einem »Auf baldiges Wiedersehen«. Acht oder zehn Tage später hatten sich mehrere meiner Bekannten und Freunde in meinem Hause versammelt. Draußen war es kalt und stürmisch. Ein gutes Feuer im gemütlichen Zimmer, Karten und Zigarren hatten die Gesellschaft bis spät in die Nacht zusammengehalten. Im Laufe der Unterhaltung war erwähnt worden, daß man Charles Wirgman, den Korrespondenten der Illustrated London News , und Albert de Bonnay, einen französischen Edelmann, der sich seit einiger Zeit in Yokohama aufhielt, tags zuvor im Kamakura gesehen hätte. Sie hatten mir Grüße gesandt und sagen lassen, daß sie in drei oder vier Tagen nach Yokohama zurückkehren würden. Es war gegen zwei Uhr morgens, und ich war eben eingeschlafen, als ich von einem japanischen Diener geweckt wurde. Der Mann hatte ein verstörtes Gesicht, und mein erster Gedanke, als ich ihn so unerwartet sah, war, daß das Haus brenne. Ich sprang aus dem Bette und fragte, was vorgefallen sei. »Man hat zwei Fremde ermordet,« sagte er, »und draußen sind Beamte, die Ihnen dies mitteilen wollen.« Ich sprach mit den Leuten, die das Gesagte mit dem Zusatze bestätigten, daß das Verbrechen zwischen Kamakura und dem Daibuts verübt worden sei. Die Namen der Ermordeten konnte man mir nicht angeben: die Nachricht der blutigen Tat war vor einer halben Stunde nach Yokohama gelangt, und der Gouverneur hatte es sich zur Pflicht gemacht, die Kunde sofort zu veröffentlichen. Ich zog mich schnell an und lief zum Gouverneur, den ich persönlich kannte. In den Straßen war es leer und dunkel; aber die Wohnung des Gouverneurs war erleuchtet, und ich wurde ohne weitern Verzug in das Empfangszimmer geführt, wo ich den Oberst Brown, Kommandanten des 20. englischen Infanterie-Regiments, zurzeit in Garnison in Yokohama, und ferner Herrn Lachlan Fletcher, einen der Sekretäre der englischen Gesandtschaft, antraf. Ich erfuhr auch dort nur wenig Neues: zwei Fremde seien ermordet worden, die Leichen lägen noch auf der Stelle, wo man sie aufgefunden hätte, auf halbem Wege zwischen Kamakura und dem Daibuts. – Das war alles. Ich war in großer Sorge um Wirgman und de Bonnay und beschloß, nach Kamakura zu reiten, um mir über deren Schicksal Gewißheit zu verschaffen. Ich eilte nach Hause, wo ich meinen Pony gesattelt und meinen Betto , der in vielen Wettrennen Preise als Schnell- und Dauerläufer davongetragen hatte, für den anstrengenden Ausflug ausgerüstet fand. Obschon es empfindlich kalt war, so hatte er sich doch aller Kleidungsstücke entledigt und hinter dem Sattel meines Pferdes befestigt. Er trug nur um Hüften und Lenden eine schmale Schärpe, in der ein kurzes, dolchartiges Schwert steckte. In der Hand hielt er eine Laterne. Vor der Tür meines Hauses wurde ich von Herrn von Brandt angehalten. Er hatte, wie ich, Kunde von der Mordtat erhalten und teilte meine Besorgnis bezüglich Wirgmans und de Bonnays Schicksal. Als ich ihm sagte, ich beabsichtige, nach Kamakura zu reiten, erbot er sich, mir Gesellschaft zu leisten. Eine Viertelstunde später trabten wir beide die Hauptstraße von Yokohama hinunter zum Tore hinaus. Ein Ritt von ungefähr drei Viertelstunden brachte uns an den Fuß einer kleinen Hügelkette, die sich zwischen Yokohama und dem Fischerdorfe Kanasava dahinzieht. Die Wege sind dort steil und schlecht. Wir stiegen deshalb ab, um die Pferde am Zügel zu führen und die Tiere und den Betto etwas verschnaufen zu lassen. Der Mond war aufgegangen, die Nacht klar und kalt, v. Brandt und ich hatten nur wenige Worte gewechselt. Auf dem weichen Boden hörte man kaum die Tritte der Pferde. Das » haï – haï « des Betto, der durch diesen sich in kurzen Zwischenräumen wiederholenden Ausruf die Tiere auf die Unebenheit des Weges aufmerksam machte, unterbrach allein die unheimliche Stille der Nacht. Auf der entgegengesetzten Seite des Berges begegneten wir einem einsamen Wanderer. Der Betto hielt ihm die Laterne unter die Nase, und wir sahen ein harmloses Bauerngesicht. Der Mann war so bestürzt über sein Zusammentreffen mit uns, daß wir kaum ein Wort aus ihm herausbringen konnten, von dem Morde behauptete er nichts zu wissen. In der Ebene stiegen wir wieder zu Pferde. Wir ritten durch Kanasava, wo noch alles in tiefem Schlaf lag, und es mochte fünf Uhr morgens sein, als wir in die Kamakuraberge gelangten. Dort mußten wir wieder langsam reiten. Der Betto war außer Atem; als ich ihn aber fragte, ob er noch weiter laufen könnte, nickte er zustimmend mit dem Kopfe. Wir kamen durch einen kleinen, mit einer dünnen Eisrinde überzogenen Bergstrom. Ich sah den Betto sich Beine und Gesicht darin baden. Die Pferde zeigten noch keine Spur von Müdigkeit, und sobald der Weg es gestattete, setzten wir sie wieder in Trab. Die Sterne wurden nun bleicher, ein kaltes, graues Halblicht lagerte sich über die öde Winterlandschaft. Vor uns lag die Tempelstadt Kamakura. Brandt und ich hatten während der letzten halben Stunde kaum einige Silben gewechselt. Wir waren beide beklommen: unsere Gedanken eilten unseren Pferden voraus, dem blutigen Ziele unserer Reise zu. Vor dem großen Teehause von Kamakura saßen mehrere japanische Offiziere. Ich erkannte darunter den Dolmetscher Sinagava. Auf unsere hastigen Fragen antwortete er, wir würden die Leichen am Ende der Tempelallee, dort, wo der Weg nach dem Daibuts plötzlich rechts abbiegt, finden. Die Namen der Ermordeten kannte er nicht. Er hatte die Leichen nicht gesehen. Im Galopp ging es nun die Allee hinunter. Plötzlich hielten wir beide unsere Pferde an. Einige dreißig Schritte vor uns lag etwas Unheimliches, Schreckliches. Wir hatten Furcht, das zu sehen, was wir gesucht und nun gefunden hatten. Wir stiegen langsam vom Pferde und gaben dem keuchenden Betto die Zügel. – Dicht nebeneinander lagen zwei Körper, die man mit einer alten Matte bedeckt hatte. Ich zog sie zurück und erblickte zwei schrecklich verstümmelte Leichname. Meine Einbildung war so sehr Herr meiner Sinne geworden, daß ich einen Augenblick Bonnay und Wirgman zu erkennen glaubte. Aber nein – die Ermordeten waren mir fremd. Ich fühlte mich beinah beruhigt; doch war der Anblick grausenerregend. Die Leichen lagen auf dem Rücken, die Arme weit vom Körper, ein Kreuz bildend, die Beine ausgespreizt. Der eine Leichnam war der eines starken, großen Mannes mit schwarzem, krausem Haar und vollem, dunklem Bart; die offenen, gläsernen Augen starrten entsetzlich. In der rechten Hand, von der zwei Finger abgehauen waren, hielt er einen Revolver, in der linken eine mit Blut besudelte Reitpeitsche, neben ihm lag ein abgebrochener Sporn. – Die andere Leiche war die eines jungen, blonden Mannes. Arme und Beine waren buchstäblich zerhackt, der Kopf war beinah vollständig vom Rumpfe getrennt. In der Totenstille, die herrschte, hörte ich deutlich das Ticken seiner Uhr, die halb aus der Westentasche gefallen war. An einem alten Baume, dicht neben den Leichen, waren zwei Pferde angebunden, deren Sättel und Zügel mit Blut bedeckt waren. Wir hörten Geräusch und blickten auf: zwei Reiter kamen dahergesprengt. Sie sprangen in unserer Nähe von den Pferden, und ich erkannte in ihnen einen Amerikaner, John Stearns, und den schwarzen Pferdehändler Georges, beide Einwohner von Yokohama. Stearns näherte sich den Leichen. »Das ist Baldwin und das ist Bird,« sagte er, » poor fellows !« Und jetzt erst erkannte ich in dem einen verstümmelten Körper den Leichnam des kräftigen, freundlichen Mannes, den ich vor wenigen Tagen bei Sir Rutherford Alcock gesehen hatte. Bald darauf langte Lachlan Fletcher an. Er war von Leutnant Wood und von der berittenen Garde des englischen Ministers begleitet. Man untersuchte den Ort, wo der Mord geschehen war; aber die stummen Zeugen der Tat gaben unsern Augen wenig Aufschluß. – Hier und da, besonders in der Nähe eines Brunnens, der sich dort befindet, entdeckten wir Blutspuren. – Das war alles. Die Soldaten hatten zwei Bahren bereitet, und auf diesen trugen sie die Leichen der Ermordeten bis an das nahe Meeresufer, von wo aus sie mit einem Boote nach Yokohama geschafft wurden. II. Die Kunde von der Ermordung Baldwins und Birds erregte große Aufregung in der kleinen Kolonie von Yokohama. Die beiden Unglücklichen waren zwar nicht die ersten Opfer japanischen Fremdenhasses: der edle Heusken, die Holländer Voß und Decker, Lennox Richardson und viele andere waren vor ihnen gefallen; aber die Ermordung der englischen Offiziere erschien deswegen besonders gehässig und geeignet, selbst die ruhigsten Leute in Besorgnis zu versetzen, weil den Getöteten auch nicht der geringste Fehler, der die Schändlichkeit des Verbrechens einigermaßen hätte mildern können, zur Last gelegt werden konnte. Baldwin und Bird waren erst vor kurzem in Japan angelangt, beide waren als ruhige, besonnene, freundliche Leute bekannt. Daß sie in ehrlichem Kampfe gefallen seien, war ganz unwahrscheinlich; ihre Eigenschaft als Nichtjapaner mußte allein die Ursache ihres Todes gewesen sein. Verhielten sich die Dinge in Wahrheit so, wie man nun annehmen mußte, dann war kein Fremder in Japan seines Lebens mehr sicher, und jeder verteidigte seine persönlichen Interessen, wenn er laut und mit Nachdruck auf Ergreifung ernster Maßregeln zur Entdeckung der Missetäter drang. Unter dem Einfluß der öffentlichen Entrüstung schritten die englischen Behörden auf das energischste ein. Sir Rutherfort Alcock begab sich sofort nach Yeddo , um dort mit den höchsten Behörden verhandeln zu können, und erzwang von diesen das Versprechen, es solle nichts versäumt werden, um die Mörder zu entdecken und zu bestrafen. Das Verhör der japanischen Zeugen fand in Gegenwart des englischen Konsuls und Dolmetschers statt. Die Umstände, unter denen Baldwin und Bird erschlagen worden waren, wurden dadurch bald allgemein und genau bekannt. Beato, ein Italiener, und die bereits genannten Herren Wirgman und de Bonnay waren die letzten Fremden gewesen, die Baldwin und Bird lebend gesehen hatten. Diese fünf hatten sich in der Nähe des Tempels von Daibuts getroffen und dort zusammen gefrühstückt. – Baldwin und Bird hatten ihre Absicht zu erkennen gegeben, vom Daibuts über Kamakura und Kanasava nach Yokohama zurückzukehren, während Beato, Wirgman und de Bonnay übereingekommen waren, den Weg nach Yokohama über Fusisawa einzuschlagen. Die letzteren waren am Abend dort angelangt. In der Nacht hatte sie ein Betto geweckt und ihnen gesagt, daß zwei Fremde auf dem Wege zwischen dem Daibuts und Kamakura ermordet worden seien; aber keiner der Fremden hatte diesem Gerüchte Glauben schenken wollen, und sie waren am andern Morgen ruhig und unbelästigt nach Yokohama zurückgereist. Ein junger Bursche von zwölf Jahren, der Sohn eines japanischen Tagelöhners, war der wichtigste Zeuge. Um seine Aussage verständlich zu machen, ist es notwendig, einige Worte über den Schauplatz der tragischen Handlung zu sagen. Der Boden zwischen Kamakura und dem Daibuts ist flach. Wenn man von Kamakura kommt, führt der Weg zunächst durch eine schöne, breite Allee, die auf beiden Seiten mit alten, hohen Bäumen bepflanzt ist. Am Ende dieser Allee befindet sich ein kleines Teehaus. Links von dem Teehause ist ein Brunnen, rechts ein mächtiger Baum, dessen Stamm eine kleine Ruhebank birgt, die auf der dem Wege entgegengesetzten Seite des Baumes angebracht ist. Zwischen dem Teehause und dem Baume biegt der Weg scharf nach rechts ab, verengt sich zum Fußsteig und schlängelt sich durch unbewaldetes Ackerfeld bis zum Dorfe, in dessen Nähe der Tempel von Daibuts gelegen ist. Ein auf der Ruhebank Sitzender kann diese Ebene und den Acker übersehen und sich den Blicken der von der einen oder andern Seite Kommenden leicht entziehen. – In gerader Fortsetzung der Allee führt eine dritte Straße zum Meeresufer. Auf beiden Seiten derselben erheben sich künstliche Erdwälle, die ungefähr vier Fuß hoch und wahrscheinlich als ein Schutz gegen hohe Fluten errichtet worden sind. Hinter diesen Erdwällen befindet sich dichtes, mannshohes Gesträuch. Man kann auch von dort aus die Allee, die nach Kamakura, und den Weg, der nach dem Daibuts führt, überblicken. Hier und da, in der Ebene und in der Nähe der drei bezeichneten Straßen, liegen vereinzelte Häuser und Hütten, die von Feldarbeitern und Fischern bewohnt werden. Der japanische Knabe, von dem ich oben gesprochen habe, sagte nun aus, daß er, am Tage der Ermordung Baldwins und Birds, von seinem Vater, der in der Nähe des am Ende der Allee gelegenen Teehauses wohnte, ausgeschickt worden sei, um Öl zu kaufen. Auf dem Wege nach dem Daibuts war er zwei japanischen Offizieren begegnet, die ihn gefragt hatten, wie lange man zu gehen habe, um nach Kamakura, nach dem Daibuts und nach dem Meere zu gelangen. Der Bursche hatte die verlangte Auskunft gegeben und war seines Weges gegangen. Auf dem Rückwege waren ihm dieselben Leute wieder aufgefallen, sie hatten sich auf der Ruhebank niedergelassen, und es war ihm nicht entgangen, daß sie jetzt die weiten Ärmel ihrer Gewänder aufgeschürzt hatten, wie die Japaner es zu tun pflegen, wenn sie sich zum Kampfe, zum Laufen oder zu irgendeiner heftigen Bewegung vorbereiten wollen. Einer der beiden Offiziere hatte ihm barsch zugerufen, er solle sich fortmachen, oder es werde ihm Arges geschehen. Der Knabe hatte den Weg, der zum Meere führt, eingeschlagen, war über einen der Erdwälle geklettert und hatte sich im Gesträuch versteckt. Von dort aus hatte er zwei fremde Reiter gesehen, die langsam durch die Ebene vom Daibuts dahergezogen kamen. Sie ritten einer hinter dem andern: Baldwin war der Beschreibung nach der erste gewesen, ihm war Bird in einer Entfernung von ungefähr zehn Schritten gefolgt. – Als sie sich der Bank genähert hatten, waren die Offiziere aufgestanden, und in demselben Augenblicke, als Baldwins Pferd an dem Baum vorüberging, hatten sie den Reiter angefallen und ihm mehrere Schwerthiebe versetzt. Dies hatte nur einige Sekunden gedauert. Das Pferd hatte einen Sprung gemacht, und Baldwin war zu Boden gefallen. Die Japaner hatten sich für den Augenblick nicht weiter um ihn bekümmert, sondern waren auf Bird eingedrungen, der inzwischen ebenfalls den verhängnisvollen Baum, der ihm den Mord Baldwins verborgen, erreicht hatte. – Der Knabe hatte einen schrecklichen Schrei vernommen und gleich darauf auch Bird am Boden liegen und ein reiterloses Pferd davonsprengen sehen. Der erst Gefallene, Baldwin, hatte sich aufgerichtet: sein Gesicht und seine Kleider waren voll Blut gewesen; in der einen Hand den Revolver, hatte er sich taumelnd nach dem Wall geschleppt, hinter dem das Kind verborgen war, und dort, in einer fremden Sprache, die der junge Japaner nicht verstanden, etwas gerufen. Es waren nur wenige, und immer dieselben Worte gewesen. Er hatte versucht, über den Wall zu klimmen, als die japanischen Offiziere wiederum auf ihn losgestürzt waren. Dann hatte das Kind einen zweiten furchtbaren Schrei gehört – und darauf war alles totenstill geworden. Der eine Japaner hatte eine Handvoll Blätter aufgerafft, und damit sein Schwert abgewischt. Gleich darauf waren beide Leute verschwunden. Der Knabe hatte sich vor Angst während einiger Minuten nicht von der Stelle gerührt. Als er einen letzten Blick auf das blutige Schauspiel geworfen, hatte er gesehen, wie der große Mann mit dunklem Haar, Baldwin, auf allen vieren nach dem Brunnen zu kriechen versucht hatte, wo Bird lag. Das Kind war darauf nach Hause gelaufen und hatte seinem Vater von dem Morde erzählt. Die Aussagen dieses Hauptzeugen trugen den Stempel vollkommener Wahrheit. Sie wurden übrigens auch im Laufe des Verhörs durch andere Aussagen bestätigt und bekräftigt. Ein Punkt nur blieb unaufgeklärt. Die Japaner, die Baldwin und Bird bald nach der Mordtat gesehen hatten, erklärten einstimmig, daß die beiden Verwundeten noch einige Zeit gelebt und miteinander gesprochen hatten. Das vom englischen Doktor Woodworth vorgenommene post mortem examen schloß aber ganz bestimmt dahin, daß Bird keine Sekunde mehr gelebt haben konnte, nachdem er eine Wunde erhalten, die den Kopf teilweise vom Rumpfe getrennt hatte. Man nahm demnach allgemein an, daß die Leute, die die Unglücklichen gefunden, Bird im Laufe des Abends kalten Blutes abgeschlachtet hatten, um in ihm einen Zeugen der Mordtat aus dem Wege zu räumen: denn Bird, obgleich seine Arme und Beine schrecklich zerhackt waren, hatte nur eine tödliche Wunde – die am Nacken. Dieser Widerspruch zwischen den Zeugenaussagen und dem von Doktor Woodworth gegebenen Gutachten ist nicht aufgeklärt worden. Baldwin hatte sein junges Leben aus einer Wunde ausgehaucht, die ihm wahrscheinlich beigebracht worden war, als er, seinen Feinden den Rücken kehrend, über den Erdwall zu klimmen versucht hatte. Ein Hieb, der an zwei Fuß lang war und von der linken Schulter zur rechten Hüfte reichte, mußte ihn in kurzer Zeit getötet haben. Die Beerdigung von Baldwin und Bird fand in Yokohama statt. Die ganze Fremdengemeinde, das 20. Regiment und viele japanische Beamte begleiteten die Leichen nach dem Friedhofe. Oberst Brown, Kommandant des Regiments, dem Baldwin und Bird angehört hatten, sprach einige Worte, welche den Augen der Anwesenden Tränen entlockten. Sir Rutherford Alcock gelobte angesichts der offenen Gräber, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, um den schändlichen Mord zu rächen. Drei Salven wurden abgefeuert, und die Leidtragenden zogen sich ernst und still zurück. III. Ungefähr vier Wochen nach dem Begräbnis von Baldwin und Bird verbreitete sich in Yokohama die Kunde, daß einer der Mörder der englischen Offiziere verhaftet worden sei. Dieses Gerücht wurde denn auch bald durch die amtlichen Bekanntmachungen des englischen Konsuls Winchester bestätigt. Der Name des Gefangenen, Schimidso Sedschi, wurde genannt, und die baldige Veröffentlichung seines Verhörs, Geständnisses und seiner Verurteilung angekündigt, wenige Tage später brachten die Zeitungen von Yokohama die versprochenen Schriftstücke. Man erfuhr daraus folgendes: Man hatte Sedschi in Sinagawa, der östlichen Vorstadt von Yeddo, verhaftet. Er war dort vor einigen Wochen angekommen und hatte sich, ohne Verdacht zu erregen, in einem der zahlreichen Teehäuser des Ortes eingemietet. Seine Ausgaben waren mäßig, er bezahlte sie regelmäßig und gab sich für einen »Lonin« – herrenlosen Edelmann – aus, wie es deren damals viele in Yeddo und namentlich in Sinagawa gab. Sedschi hatte seinem Wirte erzählt, daß er die Ankunft einiger Freunde erwarte, in deren Gesellschaft er sich nach Simonoseki, im Süden von Japan, begeben wolle. In Yeddo schien er niemand zu kennen. Sein einziger Umgang dort war eine junge, hübsche »Odori« – Tänzerin –, die im Dienste des Teehauses stand, in dem Sedschi abgestiegen war, und über deren Freikaufung er bereits mehrfach mit dem Wirte unterhandelt hatte. Dieser hatte für das Mädchen einen höheren Preis gefordert, als ihr Freund zu zahlen imstande war. Sedschi hatte jedoch dem jungen Mädchen versprochen, die Angelegenheit vor seiner Abreise von Yeddo in Ordnung zu bringen. Die Tänzerin schien große Zuneigung zu ihrem Beschützer gefaßt zu haben, und die beiden verließen sich nur selten. Das Teehaus war ein Sammelplatz für junge, wüste Edelleute, Beamte und »Lonins«, die sich dort allabendlich in zahlreicher Gesellschaft einzufinden pflegten, und deren Gelage häufig bis spät in die Nacht hinein dauerten. Sedschi war zu verschiedenen Malen eingeladen worden, sich der lauten, lustigen Brüderschaft anzuschließen, aber er hatte dies immer höflich abgewiesen, unter dem Vorwande, daß er unwohl und weder zum Trinken noch zum Singen aufgelegt sei. Der Wirt bemerkte, daß ihn dies nicht verhinderte, bedeutende Mengen von »Sakki« – Reisbranntwein – in sein Zimmer kommen zu lassen, um sich dort in Gesellschaft seiner Odori zu berauschen. Eines Abends erschien Sedschi unerwartet im großen Saal des Teehauses, in dem wie gewöhnlich zahlreiche Gesellschaft versammelt war. Er sah erhitzt und aufgeregt aus, und nachdem er einen artigen Gruß mit mehreren der anwesenden Gäste ausgetauscht hatte, rief er nach Fisch, Früchten und Sakki und ließ sich inmitten eines lauten, lustigen Kreises nieder, zur Seite der Tänzerin, die mit ihm in den Saal getreten war. Die anwesenden Offiziere, die einen Standesgenossen in ihm erkannten und einen fröhlichen Kumpan in ihm vermuteten, luden ihn ein, sich zu ihnen zu gesellen. Sedschi nahm dankend an, und bald hörte man ihn erzählen, singen und lachen. Er war augenscheinlich berauscht. Der Wirt, der seit langer Zeit begierig war, Auskunft über die Verhältnisse seines gewöhnlich so stillen und zurückhaltenden Gastes zu erhalten, schenkte ihm fleißig ein: Sedschi wurde mit jeder Minute lauter und aufgeregter. – Seine Freundin, die, ohne sich an dem Gelage zu beteiligen, neben ihm saß, redete ihm leise zu, sich aus dem Saale zu entfernen und in sein Zimmer zurückzuziehen. Aber Sedschi stieß sie unsanft zurück und rief ihr barsch zu, sie möge sich zu Bette scheren, wenn sie müde sei, und solle ihn unbehelligt lassen. Die Odori rührte sich jedoch nicht vom Platze und blieb schweigsam und ernst neben ihrem Geliebten sitzen. Im Laufe der allgemeinen Unterhaltung, die unterdessen ihren Fortgang genommen hatte, fiel bald darauf das Gespräch auf die in Yeddo und Yokohama ansässigen »Todjin« – Fremdlinge. Als Sedschi diesen Namen aussprechen hörte, wurde er plötzlich wütend. Er überhäufte die Fremden mit Schimpfworten, schmähte auf die Schwäche der japanischen Regierung, welche die übermütigen Eindringlinge im Reiche duldete, und schloß damit, daß er ausrief, die Barbaren würden bald aus Japan verschwunden sein, wenn sich nur einige Patrioten fänden, die geneigt wären, mit ihm gemeinschaftliche Sache zu machen, und wie er zu handeln. Der Mord von Kamakura war damals frisch in vieler Leute Gedächtnis. Die Polizei von Yeddo, durch den englischen Minister bedroht und bedrängt, hatte alle ihr zu Gebote stehenden Mittel angewandt, um den Missetätern auf die Spur zu kommen. Namentlich hatten auch die Wirte der berüchtigten Teehäuser von Sinagawa strengen Befehl erhalten, auf ihre Gäste und deren Unterhaltung zu achten, und über alles Verdächtige, was ihnen zu Ohren kommen möchte, an die Polizei zu berichten. Nachdem Sedschi gesprochen hatte, erhob sich der Wirt langsam. – Die Zecher, namentlich der aufgeregte Sedschi, bemerkten dies nicht. Aber die Odori sah den Mann bald darauf zur Tür hinausschlüpfen. Sie wandte sich sofort an Sedschi und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Eine plötzliche und große Veränderung kam darauf über das Wesen des Lonin. Er wurde still, und nach einigen Sekunden stand er auf und begab sich in sein Zimmer. Er kehrte bald zurück, um seinen Platz wieder einzunehmen; aber er beteiligte sich ferner nicht mehr an der Unterhaltung seiner Genossen, sondern saß still und verschlossen, die Arme auf den Lenden, um schnell aufspringen zu können, und die Augen auf die Türe gerichtet, durch die der Wirt verschwunden war. Nach kurzer Zeit öffnete sich diese wieder, und der Wirt, von mehreren Polizeibeamten begleitet, trat in den Saal und forderte Sedschi mit lauter Stimme auf, ihm zum Offizier der öffentlichen Sicherheit des Viertels zu folgen. Der Lonin war im Nu auf den Beinen. Er hatte einen Dolch aus dem weiten Ärmel seines Gewandes gezogen und stürzte mit der blanken Waffe auf den Verräter los, der ihn geliefert hatte. Aber Sedschi hatte mit gewerbsmäßigen Diebesfängern zu tun. Zwei von ihnen, die seine Bewegungen vorhergesehen zu haben schienen, fielen ihn von hinten an, warfen ihn mit großer Gewandtheit zu Boden und schnürten ihm die Kehle zu, während ihre Helfershelfer sich damit beschäftigten, den Gefallenen an Armen und Beinen mit starken Stricken zu fesseln. Sedschi verteidigte sich wütend; er mußte jedoch der Übermacht unterliegen, und nach wenigen Minuten war er vollständig hilflos in den Händen seiner Verfolger. Die übrigen Gäste des Teehauses, die dem Auftritt als teilnahmlose Zuschauer beigewohnt hatten, entfernten sich ruhig. Die Odori war während des Kampfes aus dem Saale entflohen. Sedschi wurde geknebelt nach dem Gefängnis geschleppt und dort vorläufig in eine Zelle geworfen, wo man sich während der Nacht nicht weiter um ihn bekümmerte. – Am nächsten Morgen wurde er darauf von einem höhergestellten Polizeibeamten vernommen. Auf die gewöhnlichen Fragen, woher er komme, wovon er lebe, was er treibe, hatte er keinen befriedigenden Bescheid geben können. Der Untersuchungsrichter hatte ihm darauf mitgeteilt, daß ein schwerer Verdacht auf ihm hafte, und gedroht, die Folter anzuwenden, um Sedschi zur Achtung vor der Gerechtigkeit, d.h. zum Bekenntnis der Wahrheit zu zwingen. Sedschi hatte darauf feierlich erklärt, daß er bereit sei, ein vollständiges Geständnis abzulegen und alle an ihn gerichteten Fragen der Wahrheit gemäß zu beantworten. Er hatte ohne weiteres eingestanden, daß er der Mörder der beiden Engländer sei, aber gleichzeitig die Hoffnung ausgesprochen, daß die Richter die uneigennützigen, patriotischen Absichten der von ihm verübten Tat berücksichtigen und ihm gestatten würden, wie ein Edelmann zu sterben, d.h. sich selbst zu entleiben. Der Untersuchungsrichter hatte kein Versprechen machen können und wollen, er hatte den Gefangenen daran erinnert, daß man ihm nur die Wahl zwischen der Folter oder einem offenen Geständnis gelassen habe. Darauf hatte Sedschi in der Sprache eines gebildeten Japaners eine Erklärung abgelegt und unterschrieben, die bald darauf in Yeddo und in Yokohama in japanischer und in englischer Sprache veröffentlicht wurde und wie folgt lautete: »Ich heiße Schimidso Sedschi. Ich stamme aus Awomori. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt. Meine Mutter habe ich nicht gekannt. Sie verließ meinen Vater, der sie nicht mehr liebte, als ich kaum drei Jahre alt war und zog sich in ihre Familie zurück. Mein Vater erzählte mir später, daß sie einen Offizier aus Nambu geheiratet habe. Aber ich habe nie etwas von ihr gehört und ich kenne weder ihren alten noch ihren neuen Namen. Ich wurde durch die zweite Frau meines Vaters erzogen. Mein Vater stand damals im Dienste des Prinzen von Awomori und bekleidete eine angesehene Stellung. Eines Tages geriet er mit einem nahen Verwandten seines Herrn in heftigen Streit, und dieser entließ meinen Vater aus seinem Dienste und befahl ihm, das Gebiet von Awomori zu meiden. »Wir zogen darauf nach einer kleinen Stadt der Provinz Sendai. Meine Stiefmutter hatte uns nicht begleitet. Mein Vater hatte vorausgesehen, daß wir in ärmlichen Verhältnissen zu leben haben würden und es vorgezogen, seine Frau, die an Wohlleben gewöhnt war, zu ihren Verwandten zurückzuschicken. Sie schrieb ihm regelmäßig und schickte ihm auch von Zeit zu Zeit etwas Geld; aber sie konnte nicht viel für den Abwesenden und in Ungnade Gefallenen tun. Unsere Lage wurde bald eine sehr drückende. Mein Vater verkaufte nach und nach seine Waffen und überflüssigen Kleidungsstücke und behielt zuletzt nur noch zwei Schwerter, die seit langen Jahren in unserer Familie waren, und von denen er sich nicht trennen wollte, damit sie nach seinem Tode in meine Hände gelangen könnten. Sorgen und Entbehrungen warfen ihn endlich auf das Krankenlager, von dem er sich nicht wieder erhob. Vor seinem Tode gab er mir die beiden Schwerter und erinnerte mich daran, daß ich aus einer guten Familie stamme, und daß ich mich bemühen müßte, unserem Namen seinen alten Glanz wiederzugeben. »Ich war im Waffenhandwerk unterwiesen worden. Nach dem Begräbnis meines Vaters verließ ich Sendai und bot meine Dienste verschiedenen Prinzen an, aber ich konnte keinen Herrn finden. Überall hörte ich, Japan verarme, sein alter Ruhm vergehe, weil Fremdlinge wie Herren des Reiches hausten und den Reichtum des Landes auf ihren großen Schiffen fortschleppten. – Die Goldmünzen waren bereits verschwunden, nur wohlhabende oder reiche Leute waren noch in der Lage, seidene Gewänder zu tragen, für die gewöhnlichsten Lebensmittel, Tee und Reis, mußte man das Doppelte und Dreifache entrichten, was früher dafür gezahlt worden war. Die Prinzen waren genötigt, Anleihen zu machen und Grundbesitz zu verpfänden, um in der Lage zu sein, standesgemäß zu leben. Sie konnten unter diesen Umständen nicht daran denken, die Anzahl ihrer Beamten und Soldaten zu vermehren. »Ich erfuhr, daß sich im Süden von Japan, im Reiche des Prinzen von Nagato ein Aufstand gegen die Fremden vorbereite und daß es mir dort vielleicht leichter sein würde, Beschäftigung zu finden. Ich durchschritt ganz Japan, um mich an dem Kriege beteiligen zu können. Ich litt Hunger und Kälte während der beschwerlichen, langen Reise. Als ich endlich in Simonoseki angelangt war, erfuhr ich, daß die Patrioten geschlagen seien, und daß man den Prinzen von Nagato, den Taikun und sogar den Mikado gezwungen habe, entehrende Verträge mit den fremden Siegern abzuschließen. »Darauf ging ich mit einigen andern Lonins nach Yeddo zurück und vergrub meine Waffen vor der Stadt und suchte Beschäftigung als Tagelöhner. Ich verdiente auf diese Weise genug, um ein erbärmliches Leben zu fristen; aber der Gedanke, die Fremden trügen die Schuld daran, daß ich so elend leben müsse, verließ mich nie. »Eines Tages erhielt ich von einem Kaufmann, der mich seit einiger Zeit beschäftigte, den Auftrag, ein Paket nach Yokohama zu tragen. Was ich in dieser Stadt sah, erfüllte mich mit Verwunderung. Niemand zollte den Beamten und Offizieren dort die geringste Achtung, und fremde Kaufleute und Handwerker trabten zu Pferde durch die Straßen, als wären sie geborene Edelleute. – Im Theater, wo ich am Abend eine Stunde zubrachte, sah ich die Fremden auf den ersten Plätzen. Sie lachten und unterhielten sich mit lauter Stimme, sie kamen und gingen, ohne sich um die Vorstellung und um die Zuschauer zu kümmern, als wären sie die rechtmäßigen Herren des Hauses. Die Japaner von Yokohama waren dermaßen an das unhöfliche und beleidigende Benehmen der Fremden gewöhnt, daß sie es gar nicht mehr zu merken schienen. Sie machten sogar Platz, wenn einer dieser hochmütigen Leute bei ihnen vorbeiging, und schämten sich nicht, sich ungezwungen und freundschaftlich mit ihnen zu unterhalten. Ich verließ das Theater in großer Aufregung. Wäre ich bewaffnet gewesen, so hätte ich mir Achtung zu verschaffen gewußt. »Ein Diener des Hauses, in dem ich abgestiegen war, fragte mich, ob ich einen der Paläste der »Todjin« besuchen wollte. Ich willigte ein, und er führte mich in die Wohnung eines Kaufmanns. Der Bruder meines Führers, der dort als Kammerdiener angestellt war, begleitete mich darauf zu seinem Herrn und bat um Erlaubnis, mir das Haus zu zeigen. Der Fremdling war ein junger Mann. Er erwiderte meinen höflichen Gruß kaum und sagte: »Geht – seht.« Ich war über seine Ungezogenheit erzürnt und wollte mich entfernen, aber der Diener versuchte, seinen Herrn zu entschuldigen und sagte, das Herz des Fremden sei gut, seine Sprache nur sei barsch und ungewöhnlich. Ich tat, als ob mir diese Erklärung genügte; aber ich war beschämt, zu sehen, daß Japaner solchen Herren dienen mußten. »Das Haus des Todjin war mit außerordentlicher Pracht eingerichtet. Statt der Matten, mit denen sich jeder Japaner begnügt, lagen kostbare Teppiche auf dem Boden, an den Wänden hingen Bilder und Zeichnungen, die Zimmer waren mit Stühlen und Bänken gefüllt, und wo man hinsah, erblickte man wertvolle Gegenstände: Uhren, Bücher, Vasen, Ferngläser, Waffen. In einer der Stuben befand sich eine junge, schöne Japanerin. Sie war reich geschmückt, als wäre sie die Frau eines hohen Beamten, sie grüßte freundlich lächelnd und schien die Schmach ihrer Stellung nicht zu fühlen. Der Diener redete sie mit großer Unterwürfigkeit an und bat die Dirne um Erlaubnis, mir das Schlafgemach und das Badezimmer des Herrn zu zeigen. – Als ich am Abend nach Yedoo zurückkehrte, dachte ich an alles, was ich gesehen hatte und an mein eigenes Elend. »Einige Tage später traf ich in einem Teehause von Sinagawa mit einem jungen Edelmann zusammen. Er war ebenfalls in Yokohama gewesen und erzählte von dem Stolz und der Macht der Fremden. Ich sagte, daß ich mich stark genug fühle, einen jeden »Todjin«, der mir in den Weg käme, zu töten. Wir unterhielten uns darauf lange Zeit über den Zustand von Japan, und ich gab mich ihm als einen herrenlosen Edelmann zu erkennen. Darauf schwuren wir uns Freundschaft, und zeichneten einen Vertrag ›bis zum Tode‹ und beschlossen, nach Yokohama zu ziehen und dort so viele Fremde zu töten wie irgend möglich. »Mein Freund war ebenfalls ein Lonin und war so arm wie ich. Wir mußten Mittel finden, wie freie Männer zu leben. Wir gingen deshalb eines Abends in das Haus eines Mannes, von dem wir wußten, daß er reich sei, und forderten ihn auf, uns Geld zu geben. Wir waren vermummt, wir waren bewaffnet und kampfbereit und zum Äußersten entschlossen. Wir drohten ihm mit dem Tode, wenn man uns nicht gäbe, was wir verlangten. Der Mann flehte, wir möchten uns mit 150 Rios begnügen (ungefähr 300 Taler), da er am folgenden Tage eine große Schuld zu bezahlen habe. Wir nahmen diese Summe, und er versicherte uns seiner Dankbarkeit, und schwur, daß er des Überfalles zu niemand erwähnen und uns nicht verfolgen würde. Darauf kaufte ich meinem Stande angemessene Kleider, grub mein Schwert aus und begab mich mit meinem Freunde nach Yokohama. Aber die Stadt war scharf bewacht, und da wir keine Pässe hatten, wurden wir an allen Toren und Brücken von den japanischen Wachen zurückgewiesen. »Wir hielten uns darauf mehrere Wochen in der Umgegend von Yokohama auf. Wir trafen häufig Fremde an. Sie zeigten sich gewöhnlich nur in zahlreicher Gesellschaft, bewaffnet und auf ihrer Hut. Sie waren meist zu Pferde und ritten in der Mitte der breiten Straßen, oder trabten schnell durch die engen Wege. »Darauf gingen wir nach Kamakura, um im großen Hadsima-Tempel – des Gottes der Krieger – unsere Andacht zu verrichten. Auf dem Wege nach Kamakura und in der heiligen Stadt selbst sahen wir wieder viele Fremde; aber es gelang uns noch immer nicht, uns ihnen zu nähern. – Am Nachmittage endlich, da wir auf der Lauer umherstreiften, erblickten wir zwei Reiter, die auf dem engen Wege vom Daibuts langsam nach Kamakura geritten kamen. Wir waren beide entschlossen, sie zu töten, und wir erschlugen sie, als sie an uns vorbeireiten wollten. Dies ist wahrlich alles, was ich zu sagen habe.« Sedschi wollte anfänglich den Namen seines Helfershelfers nicht nennen. Er behauptete, er habe den Mann vorher nie gekannt, er wisse nichts von seiner Herkunft, nichts von seiner Familie. Als der Richter darauf wieder mit der Folter drohte, fügte Sedschi hinzu, daß sein Freund sich Tzé-siro genannt und vorgegeben habe, aus der Provinz Owari gebürtig zu sein. Sedschi wurde darauf gepeitscht, weil man vermutete, daß er die ihm bekannte Wahrheit verschweige oder entstelle. Aber er schwur bei allem, was heilig ist, daß er jede wesentliche Auskunft gegeben habe. Er beschrieb Tzé-siro als einen Mann von fünfundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, groß und stark. Er, Sedschi, habe sich sofort nach der Ermordung der beiden Engländer von seinem Genossen getrennt und seitdem nichts wieder von ihm gehört. – Die Richter, die im Grunde ihres Herzens mit Sedschi sympathisieren mochten, erklärten sich mit dieser Auskunft befriedigt. Das Urteil der japanischen Behörden über Schimidso Sedschi, dessen Verhör in Yeddo stattgefunden hatte, wurde in den Straßen von Yokohama öffentlich ausgerufen und angeschlagen. Es lautete dahin, daß Schimidso, in Berücksichtigung der großen von ihm begangenen und eingestandenen Verbrechen, an einem bestimmten Tage nach Yokohama gebracht und, nachdem er zu Pferde durch alle Hauptstraßen der Stadt umhergeführt worden sei, auf dem öffentlichen Richtplatze durch das Schwert enthauptet werden sollte. IV. Es war im Monat Januar, etwa drei Monate nach der Ermordung der englischen Offiziere, als mein japanischer Diener mir eines Morgens die Mitteilung machte, er habe in Hondjodori, der Hauptstraße von Yokohama, ein Schild gelesen, auf dem angezeigt sei, daß Schimidso Sedschi im Laufe des Tages durch die Stadt geführt und vor Sonnenuntergang auf dem Richtplatze von Tobi, eine Viertelmeile von Yokohama, enthauptet werden solle. Ich war begierig, den Mann, der meine Gedanken während der letzten Wochen oft beschäftigt hatte, von Angesicht zu Angesicht zu sehen und trug dem Diener auf, mich rechtzeitig von Schimidsos Ankunft in Yokohama zu benachrichtigen. Gegen zwei Uhr nachmittags erfuhr ich, daß der Mörder in der Vorstadt Benten angelangt sei und in wenigen Minuten durch die Straße geführt werden würde. – Ich verließ meine Wohnung und begab mich eiligen Schrittes nach Benten. Der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Ich traf ihn in der großen Straße von Yokohama. Ich bahnte mir, nicht ohne Mühe, Weg durch eine dichte Menschenmasse und gelangte in die unmittelbare Nähe des Pferdes, auf dem Schimidso festgebunden saß. Vor und hinter dem Mörder gingen japanische Soldaten. Einige waren bewaffnet, andere trugen große Schilder, auf denen in japanischer Sprache Schimidsos Verbrechen und Verurteilung verzeichnet waren. Ich warf nur einen flüchtigen Blick auf sie und richtete sodann meine Aufmerksamkeit auf den zum Tode Verurteilten. Ich habe den Ausdruck des kalten, grausamen, stolzen Gesichtes nicht vergessen können, und die ganze Gruppe steht mir noch heute lebhaft vor Augen. Schimidso saß auf einem hohen Sattel. Er konnte von allen Seiten gesehen werden und nach allen Seiten hin sehen. Arme und Beine waren gefesselt; aber die Bande waren locker genug, um ihm, dem Anschein nach, die freie Bewegung seiner Gliedmaßen zu gestatten. Er war sauber gekleidet und frisch rasiert, sein Haupthaar, ein höchst wichtiger Schmuck bei der japanischen Toilette, war mit Sorgfalt geordnet. Er war blaß und abgemagert; aber auch nicht eine Spur von Furcht oder Bewegung war auf dem eisig kalten Gesichte zu lesen. Er saß in anscheinend ungezwungener Haltung auf dem breiten Sattel und drehte sich langsam bald nach dieser, bald nach jener Seite, um die umwogende Menge zu mustern. Sein Blick schweifte ruhig und gleichgültig über das bunte Gewühl, so ruhig und kalt, daß es den Anschein hatte, die Menge diene ihm zum Schauspiel. Von Zeit zu Zeit – vier- oder fünfmal während der Stunden, wo ich ihn nicht aus den Augen verlor – öffnete er den Mund und sang mit lauter Stimme. Es waren Rezitative, mit eigentümlich ergreifendem Pathos vorgetragen. Der Ausdruck seines Gesichts blieb dabei unverändert ruhig, der Mund allein mit den geraden schmalen Lippen bewegte sich, während die langgezogenen Klagetöne hell und klar durch die Luft zogen. Seine Improvisationen waren einfach und so deutlich vorgetragen, daß viele von den Fremden seinen Worten folgen konnten. »Ich heiße Schimidso Sedschi,« sang er, »ich bin ein Lonin aus Awomori, und ich sterbe, weil ich Fremdlinge erschlagen habe. »Heute abend fällt mein Haupt, und morgen wird es auf dem Marktplatze von Yokohama ausgestellt sein. Die Fremden werden dann ein Gesicht sehen, das bis zum Tode Furcht vor ihnen nicht gekannt hat. »Es ist ein bitterer Tag für Japan, da ein Edelmann sterben muß, weil er einen Fremdling erschlagen. »Starken Mutes würde ich wie ein Edelmann zu sterben gewußt haben; aber die Gnade des Herrschers von Japan hat mich den Feinden des Vaterlandes überliefert, und der Tod eines gemeinen Verbrechers erwartet mich. »Männer von Yokohama, die ihr mich hört, erzählt den Patrioten von Japan, daß der Lonin Schimidso Sedschi angesichts des Todes nicht gezittert hat.« Es war ein kalter Wintertag, und schon näherte sich die Sonne dem Gipfel von Fusi-yama und rötete mit ihrem Feuerlichte die ungeheuren Schneefelder, die den ausgebrannten Vulkan umhüllen. Ich hatte mich zu Polsbroek, dem holländischen Minister, einem alten Freunde von mir, gesellt, und wir hatten beschlossen, Schimidso bis zur Richtstätte zu begleiten. Der Zug bewegte sich schnell vorwärts. Um vier Uhr war der Gang durch die Straßen beendet. Auf dem Wege nach Tobi, wo die Hinrichtung stattfinden sollte, nahm Schimidso Sedschi seine letzte Mahlzeit ein. Er schien ausgehungert und aß begierig alles, was man ihm gab. Er trank auch mit sichtlichem Behagen mehrere Gläser warmen japanischen Branntweins (Sakki) und unterhielt sich ungezwungen mit dem ihn bedienenden Henkersknechte. Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, war es bereits dunkel geworden, und als er in Tobi anlangte, herrschte finstere Nacht. Es war auch empfindlich kalt geworden. Man zündete Feuer und Fackeln an. Einige Soldaten der Wache hoben Sedschi vom Pferde und lockerten seine Bande. Er rieb sich Arme und Beine, die durch Kälte und Bewegungslosigkeit steif geworden waren, und näherte sich langsam einem der Feuer. Dort blieb er einige Minuten stehen und starrte, in tiefes Nachdenken versunken, regungslos in die flackernde rote Flamme. Dann stieß er einen tiefen, lauten Seufzer aus, und sich nachlässig umwendend, fragte er einen der ihm nahestehenden Soldaten, wie spät es sei. »Sieben Uhr,« gab man ihm zur Antwort. »Sieben Uhr,« wiederholte er bedächtig. »Man hatte mir in Yeddo versprochen, daß um vier Uhr alles vorbei sein würde. Es ist kalt, mich friert; weshalb läßt man mich so lange warten?« Wir hatten uns Platz in der unmittelbaren Nähe des verurteilten Mannes zu verschaffen gewußt. Ich konnte die Augen nicht von ihm abwenden. Ich sah jede seiner Bewegungen und hörte jedes seiner Worte. Er ließ sich schwerfällig vor dem Feuer nieder und verlangte eine Tasse heißen Tee, die man ihm auch reichte. Er bemühte sich augenscheinlich, ruhig und unbekümmert zu erscheinen: er wandte den Kopf nach rechts und links, als beschäftige ihn der Anblick der stummen Menge, die ihn umringte. Bisweilen jedoch unterlag er in dem Kampfe gegen seine natürlichen Gefühle. Wie ein Schleier zog es dann über das dunkle Gesicht, der Blick wurde starr, und ein Ausdruck unbeschreiblichen Entsetzens lagerte sich über die abgemagerten Züge. Aber diese Augenblicke der Schwäche waren selten und kurz. Man konnte sehen, wie der starke Wille wieder Herr des Fleisches wurde. Dann richtete sich Sedschi in die Höhe, warf den Kopf trotzig zurück, und sein herausfordernder Blick hatte einen furchtlosen, bösen Ausdruck. Seine Absicht, angesichts seiner Feinde ohne Schwäche zu sterben, war dann so deutlich in allen seinen Zügen zu lesen, daß es mir schien, als hörte ich ihn sich selbst Mut zurufen. Meine Aufmerksamkeit wurde plötzlich von Schimidso abgelenkt. In der Ferne klang das wohlbekannte Rufen, womit die Bettos, die vor den Pferden der japanischen Offiziere laufen, die Ankunft ihrer Herren anzeigen und ihnen freien Weg bahnen. Es näherte sich, und bald konnte man die großen Laternen des Gouverneurs von Yokohama erkennen, die, von den Bettos getragen, über den Boden zu fliegen schienen. »Der Gouverneur, der Gouverneur!« tönte es von allen Seiten. Ein Soldat legte die Hand auf Schimidsos Schulter: »Mache dich bereit,« sagte er. – Kein Muskel bewegte sich in des verurteilten Angesicht: » Saïo « (in der Tat) war seine einzige Antwort. – Er stand ruhig auf und schaute spähend nach dem andern Ende des Richtplatzes, wo die Pferde des Gouverneurs und der Leibwache halt gemacht hatten. Ein Unterbeamter kam dahergelaufen und sprach leise mit den wachthabenden Soldaten. »Die Hinrichtung ist auf morgen verschoben,« hieß es plötzlich. »Sir Rutherford Alcock verlangt, daß das 20. Regiment derselben beiwohne.« Und so war es. – Als Schimidso diese Mitteilung gemacht wurde, schien er zusammenzuschrecken, und das bleiche Gesicht wurde noch bleicher. »Morgen, morgen,« ( mionitschi, mionitschi ) wiederholte er. Dann ließ er sich ruhig nach dem Tragstuhl führen, in dem er nach dem Gefängnis zurückgebracht werden sollte, und dort verlor ich ihn während der Nacht aus den Augen. V. Der nächste Tag war ein heller, kalter Wintertag. Ganz Yokohama hatte sich auf dem Richtplatz von Tobi versammelt. Diejenigen, welche Schimidso am vorhergehenden Tage gesehen und seine Ruhe bewundert hatten, wollten sich überzeugen, ob er die Kraft habe, seine Heldenrolle bis zu Ende durchzuführen, andere waren begierig, den Mann kennen zu lernen, der am vorhergehenden Abend der Gegenstand jeder Unterhaltung in der Kolonie gewesen war. Wenn Schimidso nur die Absicht gehabt hatte, den Fremden zu zeigen, daß ein japanischer Offizier dem Tode ruhig entgegengehen kann, so hatte er seinen Zweck erreicht. Er hatte jedermann, der ihn gesehen, Bewunderung abgezwungen. Gegen acht Uhr morgens kam das 20. Regiment anmarschiert und nahm um den Richtplatz Aufstellung. Bald darauf erschien Schimidso Sedschi. Er sprang leichten Fußes aus der Sänfte, in der er aus dem Gefängnis getragen worden war, und den Kopf zurückwerfend, schöpfte er einige Male tief Atem; dann blickte er, wie in einem stillen Gebet versunken, mehrere Sekunden lang nach der Sonne, und darauf ging er schnellen, festen Schrittes dem Platze zu, wo ihn der Henker erwartete. Er war wie am vorhergehenden Tage mit Sorgfalt gekleidet. Ein kaltes, schreckliches Lächeln, ein Lächeln des Hohns und der Verzweiflung kräuselte seine schmalen Lippen. Sein Gesicht war bleich, mit der eigentümlich grünlichen Blässe seiner dunklen Rasse. Aber nicht eine Spur von Furcht oder Abgespanntheit war auf den scharfgezeichneten Zügen zu lesen. An der Grube angelangt, vor der er knien mußte und in die sein Kopf fallen sollte, wechselte er einige Worte mit dem alten Scharfrichter. Er schien sich zu unterrichten, wie die Handlung vor sich gehen werde, denn man sah ihn mit dem Finger nach der Grube und nach dem Erdhaufen zeigen, der vor derselben aufgeworfen war. Ein Henkersknecht näherte sich ihm, um ihm die Augen zu verbinden. Er sprach die Bitte aus, man möge ihm gestatten, mit offenen Augen den Tod zu empfangen. Der anwesende Gouverneur von Yokohama hatte wohl vorausgesehen, daß dies Gesuch an ihn gestellt werden würde und gewährte es ohne weiteres. Der hohe Beamte schien gewissermaßen stolz, den anwesenden Fremden ein Schauspiel japanischer Kraft und Todesverachtung zu zeigen. Er blickte wohlgefällig nach der Gruppe der kommandierenden Offiziere des 20. Regiments, als wolle er sagen: »Es ist möglich, daß ihr imstande wäret, ebenso schön zu sterben wie Sedschi; aber es ist unmöglich, angesichts des Todes eine bessere Haltung zu bewahren, als jener japanische Edelmann.« Die letzten Vorbereitungen zur Hinrichtung gingen nun rasch von statten. Sedschi, nachdem er mit dem Fuße die Matte, auf der er knien sollte, dicht an die Grube geschoben hatte, ließ sich langsam nieder. Zwei Henkersknechte standen ihm zur Seite, um den sterbenden, wenn er irgendeine Schwäche zeigen sollte, zu unterstützen. Aber der starke Mann zitterte nicht. Sobald er die vorgeschriebene Stellung eingenommen hatte, machte er eine kurze starke Bewegung mit den Schultern, so daß das weite Gewand, das bis dahin den unteren Teil seines Nackens noch bedeckt hatte, herabfiel, und Hals und Schultern sich nackt zeigten. Der Scharfrichter zog ein langes, schweres Schwert aus der Scheide und hielt es prüfend vor das Auge, dann schürzte er die weiten Rockärmel auf, um die Arme frei bewegen zu können, und hob mehrere Male beide Hände über sein Haupt, um sich zu überzeugen, daß ihn auch nichts verhindere, den verhängnisvollen Streich zu führen. Schimidso folgte jeder Bewegung des Scharfrichters mit Aufmerksamkeit. »Ist alles fertig?« fragte er; – und nachdem er eine bejahende Antwort erhalten, fügte er hinzu: »So gieße heißes Wasser über das Schwert, damit es gut schneide, und habe wohl acht, mich mit einem Hieb zu vollenden. Ich will jetzt mein Sterbelied singen, und wenn ich mich zu dir wende und sage: ›gut‹ ( yio ), so will ich gleich darauf meinen Hals vorrecken und bewegungslos bleiben, so daß du ruhig zielen und schlagen kannst.« – Er verzerrte darauf sein Gesicht in erschrecklicher Weise, wie man dies auf japanischen Bildern sehen kann, die den Tod von Helden oder Halbgöttern darstellen, – und sang mit lauter Stimme aus voller Brust, so daß es weit über den stillen Nichtplatz klang: – »Jetzt stirbt Schimidso Sedschi, der heimatlose, er stirbt ohne Furcht und ohne Reue, denn einen Barbaren getötet zu haben, gereicht dem japanischen Patrioten zur Ehre.« Darauf wandte er sich mit noch immer verzerrtem Antlitz nach dem Scharfrichter, blickte ihn einige Sekunden starr an und rief mit klarer Stimme: » yio !« Und den Hals weit hervorstreckend, dem Raben gleich, der sich zum Fluge erhebt, die Zähne zusammengepreßt, empfing er regungslos den Todesstreich. Das blutige Haupt wurde am Eingange von Yokohama zwei Tage lang neben einem Schilde ausgestellt, auf welchem Schimidsos Verbrechen und seine Verurteilung verzeichnet waren. Der Italiener Beato nahm von dem Kopfe eine Photographie, die ich noch besitze. – Der Tod hat die im Augenblick der Hinrichtung verzerrten Züge wieder beruhigt und veredelt, und ich erkenne in dem Bilde deutlich das grausame, furchtlose Gesicht des Mörders Schimidso Sedschi. In den » Illustrated London News « von 1865 kann derjenige, der sich für Sedschi interessieren sollte, mehrere Zeichnungen von Charles Wirgman finden, welche die Ermordung Baldwin und Birds, den Ritt des Mörders durch Yokohama und seine Hinrichtung darstellen. Der Helfershelfer des Hingerichteten, der angebliche Tzé-siro, wurde einige Monate später entdeckt und verhaftet. Die von Schimidso Sedschi über ihn gegebene Auskunft erwies sich als falsch. Sedschi war nicht zum Verräter an seinem Genossen geworden. Dieser nannte sich Mamiya Hadsime, war neunzehn Jahre alt und stammte aus der Provinz Satzuma. Er hatte ein freundliches, offenes Gesicht. Nichts in seinem Wesen und seinem Aussehen deutete darauf hin, daß er imstande gewesen war, einen grausamen Mord zu vollbringen. Seine Hinrichtung fand in dem Hofe des Gefängnisses von Tobi, in Gegenwart einiger englischer Beamten und Offiziere statt. – Mamiya war ein Schwächling und zeigte dem Tode gegenüber nicht die Ruhe und Kraft, die Sedschi ausgezeichnet hatten. Die Richter hatten seine Feigheit erkannt, und sein Wärter hatte ihm, wenige Stunden vor der Hinrichtung, ein stark berauschendes Getränk eingegeben. Der Unglückliche taumelte, vollständig betrunken, zum Richtplatze. Zwei Henkersknechte, mit denen er sich in lallender Sprache zu unterhalten versuchte, schleppten ihn mehr, als sie ihn führten. Als er sich der Grube näherte, vor der der Scharfrichter seiner wartete, fing er an, ängstlich zu wimmern. Ein kläglicher Ausdruck blöder, halbbewußter Furcht malte sich auf seinem Gesichte. Er machte einen ohnmächtigen Versuch, sich von den Knechten loszureißen; aber diese zogen ihn ungestüm vorwärts und warfen ihn zu Boden, und einem hilflosen Tiere gleich, das man zur Schlachtbank geschleppt hat, fiel er unter dem Schwerte des Henkers. Die Reisegefährten Wir befanden uns seit acht Tagen auf dem Meere und sahen noch eine lange Fahrt vor uns, denn wir hatten uns in Yokohama eingeschifft, und das Ziel unserer Reise war San Francisco. Die Zahl der Passagiere an Bord des »Ajax« betrug nur vier: vier alte »Residents«, wie man im Osten diejenigen nennt, die seit Jahren die Heimat verlassen und sich in Indien, China oder Japan angesiedelt haben. – Der Kapitän des Schiffes, Mac Gregor, war mit uns allen gut bekannt, so daß wir zu fünf ein und denselben kleinen Kreis bildeten, in dem es harmlos, frei und gleichzeitig rücksichtsvoll herging, wie es dies das allgemeine Wohlbefinden während eines längeren Zusammenseins auf engem, beschränktem Raume erheischt. Lesen und Schreiben ermüden schnell auf dem Meere, selbst bei ruhiger Fahrt. Whist und Schach füllten deshalb einen nicht unbedeutenden Teil des Tages aus, auch wurde viel und schweigsam geraucht und auf dem kurzen Deck auf und ab gegangen; aber die geselligsten Stunden waren die des Zuhörens, wenn einer von uns sich herbeiließ, eine »Geschichte« zum besten zu geben, wobei er stets verständige, aufmerksame und wohlwollende Zuhörer in den andern vieren fand. Die meisten Schiffskapitäne, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, waren stille und zurückhaltende Menschen; aber unter diesen viele, die keineswegs als wortkarg bezeichnet werden konnten, wenn sie einmal zu sprechen angefangen hatten. Das, was sie während langer, einsamer Stunden in ihrer nachdenklichen Weise in sich aufgespeichert hatten, kam dann natürlich und leicht zum Vorschein, einem Quell gleich, dem ein neuer Ausfluß eröffnet worden ist. – Ich hatte bei solchen Gelegenheiten immer das Gefühl, als ob ich einem unversiegbaren Wortflusse lauschte; auch die einförmige Redeweise, in der nur wenig interpunktiert und gar nichts unterstrichen wurde, erinnerte an das Murmeln und Rauschen ruhig dahinfließenden Wassers. Der alte Schiffskapitän von der richtigen Art ist ein besonnener, ernster, schwer zu erregender Mann. Sein Leben hat ihn mit großen Gefahren, plötzlichem Tod und Untergang, seltsamen Ereignissen aller Art vertraut gemacht. Er ist ein nachsichtiger Weltbürger, mit weitem und tiefem Blick und mit kühler Auffassung menschlicher Schwächen, Verbrechen und Tugenden. Ohne Entrüstung läßt er die Urheber einer blutigen Schlägerei in Eisen legen, ohne Erregung auch leitet er die Manöver, die den Mann wieder an Bord bringen sollen, der soeben in das Meer gesprungen ist, um das Leben eines verunglückten, schnell versinkenden Kameraden zu retten. Der Vorfall wird ins Schiffsjournal eingetragen und ist damit vorläufig erledigt. Später bekommt der eine der Beteiligten, wenn er mit einem besonders wohlwollenden Vorgesetzten zu tun hat, vielleicht die Rettungsmedaille. Einstweilen erwartet er keinen großen Dank für seine Heldentat und erntet auch wenig. Der Kapitän wird sich damit begnügt haben, ihm energisch die Hand zu drücken: »Freut mich, Sie wieder an Bord zu sehen!« Der Umgang mit Matrosen, den unbändigsten Kindern der menschlichen Gesellschaft hat den Kapitän fest und streng, aber doch nur in seltenen Fallen hart oder gar grausam gemacht; jedoch das Eigentümlichste an ihm, nach meinen Erfahrungen, ist die unergründliche Tiefe seines Gemütes. Um ihn einigermaßen zu verstehen und zu würdigen, muß man bei seinem Reden und Tun stets, sozusagen, zwischen den Zeilen lesen. Er heuchelt nicht, dazu ist er zu stolz, zu sehr an Befehlen gewöhnt; aber er gibt sich nie ganz. Er könnte dies nicht, denn sein Mitteilungsvermögen, so groß es auch sein mag, bleibt immer klein im Verhältnis zu der Masse von Empfindungen und Eindrücken, mit denen die stete Betrachtung des Großen, Furchtbaren und Unendlichen: des Meeres und Himmels sein Herz nach und nach gefüllt hat. Kapitän Mac Gregor konnte sehr gut schweigen, Reden war ihm nicht etwa ein Bedürfnis. An Menschen, die ihm gleichgültig waren, ging er still und höflich vorüber; aber mit Bekannten, bei denen er auf wohlwollende Teilnahme rechnen durfte, zeigte er seine geselligen Eigenschaften durch aufmerksames Zuhören, wenn ihm etwas erzählt wurde, und durch große Bereitwilligkeit – so lange der Dienst es gestattete – Mitteilungen aus seinem eigenen Leben zu machen und auf diese Weise zur Unterhaltung beizutragen. Von meinen drei Reisegefährten waren zwei langjährige, gute Bekannte von mir, Männer in der zweiten Hälfte der Dreißig, über ihre Jahre ernst, zurückhaltend und müde. Sie waren vor fünfzehn oder zwanzig Jahren als junge, unternehmende Männer nach Indien und China gekommen, und hatten dort erreicht, wonach sie gestrebt, denn sie waren zu wohlhabenden Leuten geworden; – aber bei der hitzigen Jagd nach dem Glücke hatten sie sich der eine den Magen, der andere die Leber verdorben; – Brandy, Cock-tail und das Klima von Süd-China hatten ein übriges getan, um sie rasch abzunutzen, und jetzt sahen sie mit ihrer gelblichen Gesichtsfarbe und den weit geöffneten, träge umherschweifenden Augen keineswegs wie Sieger aus, die froh nach erfolgreichem Kampfe die Heimkehr antreten. Der eine, der mir besonders sympathisch war, trank etwas viel: des Morgens, »um das Zittern in den Händen loszuwerden«, bei Tische, »um die trockenen Speisen hinunterzuspülen«, des Abends, »um besser zu schlafen«. – Wenn er sich ordentlich müde getrunken hatte, so wurde er redselig und konnte seine Reisegefährten dann lange Zeit durch Erzählungen auf dem Verdeck festhalten. – Dann sprach er vorzugsweise von eigenen Erlebnissen, während er in nüchternem Zustande in dieser Beziehung strenge Zurückhaltung beobachtete. – Am nächsten Morgen pflegte er dann zu sagen: »Sie hatten mir gestern Abend meinen Grogk zu stark gemischt.« – Er war dann vierundzwanzig, wohl auch achtundvierzig stunden lang übler Laune und beteiligte sich an keiner Unterhaltung; aber da wir ihn ruhig sich selbst überließen, so trieb ihn die Langeweile endlich kleinlaut in unseren Kreis zurück, wo er freundliche Wiederaufnahme fand, ohne daß ein Wort über den Vorfall geäußert worden wäre, der seinen Mißmut verursacht hatte. – Sein Taufname war Heinrich. Im »Settlement« hieß er »der Stutzer«, the Swell , weil er sich mit großer Sorgfalt zu kleiden pflegte. Aber es war nichts Geckenhaftes in seinem Äußeren und Wesen. – Er war mittlerer Größe, gut gewachsen, hager, hatte schlichtes, dunkles Haar, treue, braune Augen und alles in allem ein sympathisches, trauriges Gesicht, das früher, als es noch frisch und voll – ich hatte es vor zehn Jahren so gekannt – hübsch und freundlich gewesen war. – Ich fragte ihn einmal, als er in mitteilsamer Laune mit mir auf dem Verdeck auf und ab ging, warum er während der letzten Jahre still und traurig geworden sei, er habe doch gute Erfolge erzielt, und sei noch jung genug, um sich derselben freuen zu können. Da sann er eine kleine Weile nach und dann sagte er, weit hinausblickend und in einem Tone, der fernere Unterhaltung über die Frage abschnitt: »Gute Dinge kommen meistens zu spät.« – Ich verlor ihn in San Francisco aus den Augen und habe ihn seitdem nicht wieder gesehen. – Sein verdrießlicher Gefährte, in der fremden Kolonie »der häßliche Thomas« – Ugly Tom – genannt, hatte mit dem Swell gemein, daß er erst mitteilsam wurde, nachdem er mehr als die üblichen drei Gläser »Soda and Brandy« vor dem Schlafengehen zu sich genommen hatte. Am Tage trank er wenig. Er war ein eifriger Sportsman, ein guter Jäger, ein kühner Reiter, ein starker Schwimmer und ein unermüdlicher Spieler. Er wettete auf alles Erdenkliche und entfaltete eine eigentümliche Überredungskunst, um andere zu veranlassen, mit ihm zu wetten. Aber er war dabei in erster Linie nur von seiner Vorliebe zum Spiel geleitet, denn wenn man eine von ihm vorgeschlagene Wette nicht annehmen wollte, so zeigte er sich sofort bereit, für die entgegengesetzte Ansicht einzutreten. Er wettete ebenso bereitwillig, daß es am nächsten Tage Sturm geben, wie daß es ruhig bleiben werde. Den Spitznamen »der Häßliche« verdiente er nicht mehr als sein Freund den des Stutzers. Er hatte rötliches Haar, Sommersprossen, helle, scharfe Augen, einen breiten Mund und ein breites Kinn. Er sah verwegen und etwas verwildert aus, keineswegs häßlich. Aber irgend jemand hatte ihn einmal »Ugly Tom« genannt, im Gegensatz zu einem jungen Mann, der sein seidenweiches, braunes Haar in der Mitte scheitelte, einen Sammetrock und ein hellbraunes Halstuch mit einer Diamantnadel trug, und unter dem Namen »Tom Beauty« – »Thomas, die Schönheit« bekannt war. – Der Name »Ugly Tom« war unserem Freunde geblieben und er gefiel ihm ganz gut. – Wir trennten uns vor etwa fünfzehn Jahren. Ich habe seitdem in englischen Zeitungen unter der Rubrik »Sport« seinen Namen wiedergefunden und erfahren, daß er, sehr glücklich auf dem »Turf«, ein reicher Mann geworden ist, der noch heute mit derselben Leidenschaft wie vor zwanzig Jahren schießt, reitet, rennen läßt und spielt. – Und ich gönne ihm sein Glück, denn er war merkwürdig frei von all den häßlichen Eigentümlichkeiten, welche viele seiner Genossen kennzeichnen, die den Sport gewerbsmäßig betreiben. – Er war, soweit ich es beurteilen kann, ein vollständig nutzloses Individuum. Aber der »Stutzer« und viele andere, ja die meisten Menschen, die mir im Leben begegnet sind, haben, meines Wissens, auch nicht viel genützt in dieser Welt, und eben nur einen Platz darin ausgefüllt. – Liebenswürdigkeit und Nutzlosigkeit vertragen sich ganz gut, und ich kann nicht umhin, Ugly Tom ein freundliches Andenken zu bewahren. Er wird sich meiner schwerlich noch erinnern, dagegen bin ich fest überzeugt, daß er noch heute mit allen Merkmalen das Pferd bezeichnen könnte, das ich vor sechzehn Jahren in Yokohama ritt. Mein dritter Reisegefährte hatte wenig mit den beiden andern gemein. – Er war erheblich jünger als diese – er stand etwa in der Mitte der Zwanzig – und er war ein Bild jugendlicher Energie, Kraft und Gesundheit. Er nannte sich Walter Cunningham und hatte sich als »Zivilingenieur« englischer Nationalität auf dem britischen Konsulate eintragen lassen. Er besaß eine bei seinen Landsleuten seltene Eigentümlichkeit: er sprach, außer dem Englischen, verschiedene Sprachen, namentlich auch deutsch und französisch so geläufig und richtig, daß man ihn ebensowohl für einen Deutschen oder Franzosen wie für einen Engländer oder vielmehr Irländer halten konnte. Wie er sich bei seiner großen Jugend diese Kenntnisse erworben hatte, weiß ich nicht. Er machte mit seinem freien, freundlichen Wesen keineswegs den Eindruck eines zurückhaltenden Menschen; aber er war es doch in hohem Maße. Er sprach niemals von sich und seinen Verhältnissen und ging etwaigen Fragen in bezug auf seine Persönlichkeit geschickt aus dem Wege oder wies sie artig und bestimmt zugleich zurück. Man ist »draußen« im allgemeinen nicht neugierig, man erblickt in vielen seiner Genossen doch nur Reisegefährten, die man über kurz oder lang wieder aus den Augen verlieren wird und deren Schicksale und Verhältnisse deshalb keine tiefere Teilnahme einflößen. – Cunningham wurde somit auch nicht mehr mit gewissen Fragen behelligt, seitdem es bekannt geworden war, daß er vorzog, sie unbeantwortet zu lassen; aber man nannte ihn » the dark one «. Dies ist ein Ausdruck, mit dem man in der englischen Sportsprache Pferde bezeichnet, die an einem Rennen teilnehmen sollen, und über deren Vergangenheit und Leistungsfähigkeit noch nichts bekannt ist. – Der Beiname » the dark one « – der Dunkle – rührte möglicherweise auch daher, daß Cunningham mit seinem schlichten, schwarzen Haar, dunkeln, dichten, langen Wimpern und seiner bleichen, aber keineswegs kränklichen Gesichtsfarbe vielmehr einem Italiener oder Spanier als einem Engländer glich. Er hatte schöne blaue – wirklich blaue Augen, die von den dichten, schwarzen Wimpern und Brauen seltsam abstachen, und wie ich sie nur einige Male in meinem Leben gesehen habe. Er war mittlerer Größe, schlank, gut gewachsen, mit kleinen Händen und Füßen. – Jedermann an der Küste, von Hongkong in Süd-China bis Hakodate in Nord-Japan kannte ihn. Alte »Residents« erinnerten sich, ihn vor etwa sechs Jahren als blutjungen Burschen kennen gelernt zu haben. Er war damals – im Jahre 1860 – vom Amurlande gekommen, und zwar in Gesellschaft eines wild aussehenden, großen, schweren Mannes, der sich bald nach seiner Ankunft in Yokohama als der russische Revolutionär Bakunin entpuppt hatte. Mit diesem war er auch aus Japan verschwunden, später jedoch wieder allein aufgetaucht. – Man sah ihn im Klub, auf dem Rennplatz und in Gesellschaft von Offizieren des damals in Yokohama stehenden Infanterie-Regiments, das unter seinen Mitgliedern viele Irländer zählte; aber er stand offenkundig mit keinem der Offiziere auf vertrautem Fuße, und es herrschte eigentlich ein allgemeines Mißtrauen in bezug auf ihn, zu dem aber sein Leben keinen Anhalt bot, sondern nur der Umstand, daß man nichts von seiner Vergangenheit wußte. – Er spielte und wettete gern, wenn auch nicht gerade hoch, und zeigte weltmännische Selbstbeherrschung im Verlust sowohl wie im Gewinn. Alles in allem verlor er erheblich mehr als er gewann. Er blieb nie einen Heller schuldig, aber woher er das Geld nahm, mit dem er bezahlte, das wußte man nicht. Einige meinten, er mache Geschäfte mit den Eingeborenen – Chinesen und Japanern. Er selbst ließ darüber nichts verlauten, und seine gelbhäutigen Freunde, die man auszuforschen versucht hatte – nicht etwa aus zweckloser Neugierde, sondern um Geschäftsverbindungen anzuknüpfen – gaben auch keine Aufklärung und antworteten auf die an sie gerichteten bezüglichen Anfragen mit dem verschmitzten, undurchdringlichen Lächeln, das den meisten Asiaten zur Verfügung steht und allen diplomatischen Deutungskünsten zu trotzen vermag. – Cunningham stand mit den Eingeborenen auf besserem Fuße als irgendein anderer Europäer und nahm an ihren nationalen Festlichkeiten in gemütlicher Weise teil. Er spielte die Sampfin (dreisaitige japanische Gitarre) und sang japanische Lieder dazu, trotz der besten Gheko (Sängerin). – Er hatte nirgends einen festen Wohnsitz, sondern tauchte plötzlich in irgendeiner »Niederlassung« auf, um nach wenigen Wochen wieder zu verschwinden. Manchmal blieb er sodann monatelang, einmal sogar ein ganzes Jahr abwesend, verschiedene Male, das hatte man festgestellt, war er in Amerika gewesen. – Er besaß ein eigentümliches Talent: er war ein geradezu hervorragender Künstler auf zwei undankbaren Instrumenten: auf der Ziehharmonika und auf der Gitarre. Er spielte darauf, wie ich es nie wieder gehört habe und sang dazu in anspruchsloser Weise, mit hübscher, reiner Stimme. – Er ging diesmal, als ich mit ihm zusammen reiste, nach Kalifornien, »der Abwechslung halber«, wie er mir sagte. Als wir in San Francisco landeten, trennte er sich von uns. Auch stieg er in keinem der großen Gasthöfe ab, in denen die Reisenden aus Japan und China einzukehren pflegen. Einige Tage später erblickte ich ihn in einem öffentlichen Lokal, das hauptsächlich von Irländern besucht wurde. Er saß dort in Gesellschaft einiger Männer, deren Aussehen nicht gerade vertrauenerweckend war, mit denen er jedoch auf vertraulichem Fuße zu stehen schien. Er nickte mir zu und verschwand bald darauf aus dem Saale, ohne mich noch einmal begrüßt zu haben. Dann hörte und sah ich während langer Zeit nichts von ihm. Ein Bekannter aus Japan, den ich mehrere Jahre später zufällig in Paris antraf, erzählte mir, Cunningham habe mit den aufständischen Daimios (japanischen Prinzen) gefochten, und man wisse nicht, was aus ihm geworden sei, aus China und Japan wäre er verschwunden: wahrscheinlich habe man ihn erschlagen. Dem war jedoch nicht so, denn als ich bald darauf, am Tage des » Grand Prix «, die Champs Elysées hinaufging, erblickte ich ihn plötzlich, und zwar in Gesellschaft von Männern, die mich an seine Genossen in Kalifornien erinnerten. Er saß in einem offenen Wagen, der wohl von den großen Longchamps-Rennen zurückkam. Ich erkannte ihn sofort an seinen Augen. Er sah mich nicht, und der Wagen rollte so schnell vorüber, daß ich ihn nicht begrüßen konnte. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß ein starkknochiger, großer Mann, der neben mir gestanden hatte, und der in seiner Physiognomie, seinem Anzuge und seiner Haltung unverkennbar die Anzeichen trug, die unter dem Kaiserreiche den geheimen Polizisten kennzeichneten, hinter dem Wagen, in dem Cunningham saß, einige Schritte mitlief, bis er eine vorüberfahrende, leere Droschke angetroffen hatte, in die er mit kurzer Weisung einstieg, worauf der Kutscher schnell kehrt machte und mir dann bald mit dem Cunninghamschen Wagen aus den Augen verschwand. Manches, was mir von Japan her von dem »Dunkeln« bekannt war, fiel mir unwillkürlich ein: seine Ankunft in Yokohama in Gesellschaft des russischen Revolutionärs Bakunin, sein Verschwinden mit demselben, seine häufigen Reisen, die keine Handelszwecke verfolgten und von geheimnisvollen Motiven geleitet erschienen, seine augenscheinliche Vertraulichkeit mit den Irländern, in deren Gesellschaft ich ihn in San Francisco und nun auch in Paris erblickt hatte, namentlich aber der Umstand, daß keine unverfängliche Erklärung dafür zu finden war, weshalb Cunningham in entlegenen Weltteilen umherzuschweifen liebte. Die Fenier machten seit dem Jahre 1860 – gerade dem Zeitpunkt als Cunningham mit Bakunin in Yokohama eingetroffen war – viel von sich reden. – War nicht Cunningham vielleicht ein geheimer Agent jener Partei? Er eignete sich wohl dazu, mit seinen Sprachkenntnissen, seiner Gesundheit, die alle Strapazen mit Leichtigkeit zu ertragen schien und mit seiner jugendlichen, Wohlwollen erweckenden Liebenswürdigkeit. Und jetzt, da ich mir sein Gesicht vorstellte, mit den eigentümlichen, blauen, tiefen Augen, glaubte ich darin einen Zug van Willenskraft und Fanatismus zu entdecken, der ihn mir plötzlich als unberechenbar erscheinen ließ. »Seinem Aussehen nach ist er jeder Tat fähig,« sagte ich mir. Im Laufe der Woche erspähte ich ihn eines schönen Tages in Asnières, an der Seine sitzend, angelnd, ein Vergnügen, dem sich fremde Besucher in Paris nicht hinzugeben pflegen. Ich legte meine Hand auf seine Schulter, denn er hatte mein Nahen nicht bemerkt. Er wandte sich schnell um, wie jemand, der einen Schreck bekommen hat; aber sein Gesicht beruhigte sich sogleich wieder, denn er hatte mich in demselben Augenblick erkannt. Er lächelte freundlich und sagte unbefangen, als hätten wir uns gestern zum letzten Male gesehen: »Sie beißen heute nicht.« »Wie kommen Sie nach Paris?« fragte ich. »Mit der ›Mail‹ natürlich!« Aber als er sah, daß ich zu dieser schnippischen Antwort ein etwas verstimmtes Gesicht machte, fuhr er fort: »Der Abwechslung halber! Man kann doch nicht immer draußen bleiben! – Alle Tage Reis und Curry essen, auf dem »Bund« spazieren gehen und die Sonne hinter dem Fusiyama verschwinden sehen, wird auf die Dauer einförmig. – Aber ich muß in der nächsten Woche doch wieder zurück. Haben Sie Aufträge für Schanghai oder Yokohama? Ich stelle mich Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung.« »Ich habe Sie schon vor einigen Tagen erblickt,« sagte ich darauf. »Sie waren in Gesellschaft, und sie sahen mich nicht.« »Wo war das?« »In den Champs Elysées, am Sonntag des » Grand Prix «. Sie schienen von Longchamps zurückzukommen.« »Ganz richtig,« antwortete er zerstreut. »Ich kann Ihnen noch etwas sagen, was sie vielleicht interessiert,« fuhr ich fort. Er blickte mich fragend an, und wandte dann seine Augen wieder der Angel zu. »Ich glaube – Sie werden überwacht – von der Polizei.« »So ...« sagte er ganz ruhig; aber ich bemerkte, wie seine Augen langsam ein Kreuz schlugen und die ganze Umgebung beobachteten. – »Wie kommen Sie dazu?« Ich erzählte, daß ein Polizeiagent seinem Wagen gefolgt sei. – »Ich irre mich vielleicht,« setzte ich hinzu. »Der Mann war möglicherweise kein ›Detektiv‹ und dachte gar nicht daran, Sie zu überwachen. Aber er sah sehr diensteifrig aus, als er hinter Ihnen herlief.« Da lachte Cunningham kurz und gezwungen und erwiderte: »Ja, Sie irren sich wahrscheinlich.« Er spielte mit der Angel, aber er war sichtlich nicht mehr mit seinem Geiste bei der Sache. »Sie bleiben doch noch einige Tage in Paris,« sagte ich. »Ist es Ihnen recht, daß wir einen Abend zusammen verbringen? Wollen Sie mit mir essen?« »Mit großem Vergnügen. Heute und morgen jedoch bin ich nicht frei. – Übermorgen, wenn es Ihnen paßt.« »Schön! Wo wollen wir uns treffen? Soll ich Sie abholen? Wo sind Sie abgestiegen?« »Mich finden Sie doch nie zu Hause. Ich bin von früh bis spät unterwegs. Ich sehe mir Paris diesmal ordentlich an.« Er angelte in Asnières, wie ein guter Spießbürger der Rue St. Denis! Das zeugte nicht gerade dafür, daß er sich Paris ansähe! Aber ich behielt diese Beobachtung für mich. »Ich werde Sie abholen,« fuhr er fort. »Geben sie mir Ihre Adresse.« – Er las die Karte, die ich ihm reichte. – »Übermorgen um sechs Uhr bin ich bei Ihnen. Um sechs Uhr. Pünktlich auf die Minute!« Ich hörte Schritte hinter uns und wandte mich um. Da kamen dieselben drei Personen, die ich mit Cunningham im Wagen in den Champs Elysées bemerkt hatte. Sie musterten mich scharf und gingen vorüber, ohne Cunningham begrüßt zu haben. Dieser täuschte sich wohl nicht darüber, daß ich seine Genossen wiedererkannt hatte, aber er blickte anscheinend unbefangen vor sich hin und sagte nichts. – Es war nicht mein Recht und es war nicht meine Aufgabe, der Natur der Beziehungen zwischen Cunningham und den Unbekannten nachzuforschen. Ich sagte nicht, daß ich die drei wiedererkannt hätte, aber ich empfand ein gewisses Unbehagen in dem Gefühle, Cunningham wohl ungelegen gekommen zu sein, und nachdem ich noch einige gleichgültige Worte mit ihm gewechselt hatte, ging ich meiner Wege. – Ich drehte mich absichtlich nicht nach ihm um. Die Landstraße machte bald darauf einen Bogen und führte über eine Brücke. Von der andern Seite der Seine sah ich sodann die Stelle wieder, wo ich mit Cunningham zusammengetroffen war. Sie war leer. Auch von den drei Unbekannten war am jenseitigen Ufer, das ich auf eine weite Strecke übersehen konnte, nichts mehr zu erblicken. An dem bestimmten Tage, als ich Cunningham erwartete, empfing ich, kurz vor sechs Uhr, einen Brief, den mir ein Dienstmann brachte. Cunningham schrieb darin, er sei durch dringende Geschäfte verhindert, den Abend mit mir zu verbringen, ich möchte ihn entschuldigen, hoffentlich würde er noch Zeit finden, mich vor seiner Abreise aufzusuchen, andernfalls sage er mir hiermit auf Wiedersehen: in Japan oder Kalifornien, oder in London oder Paris, irgendwo würden sich unsere Wege ja schon wieder einmal kreuzen, bis dahin bäte er mich, ihm ein gutes Andenken zu bewahren. Ich war durch diese kühle Absage etwas verstimmt, aber sie kam mir nicht ganz unerwartet. Ich hatte längst gemerkt, daß Cunnmgham in seinen Bewegungen nicht so frei war, wie er es scheinen wollte, und daß man sich nicht unbedingt auf ihn verlassen konnte. Er hatte mir immer ganz gut gefallen, aber das Geheimnisvolle in seinem Wesen hatte mich von ihm ferngehalten und ich war nicht so vertraut mit ihm geworden, wie mit vielen andern, die ich »draußen« kennen gelernt hatte. Der »häßliche« pflegte ihn »einen eigentümlichen Fisch« zu nennen, »und nicht ohne Gräten«. – »Ein eigentümlicher Fisch« – sagte ich mir, – und damit schlug ich mir den »Dunkeln« aus dem Sinn, und bald dachte ich nicht mehr an ihn. Einige Zeit darauf, als ich mir eines Tages im Klub die neuesten illustrierten Wochenschriften ansah, fiel mir in einem englischen Blatte ein Porträt auf, das gleich auf der ersten Seite, als das Hauptbild der Nummer, prangte. Es stellte einen jungen Mann dar, beinahe noch ein Kind, mit weitgeöffneten, großen Augen, die erstaunt und furchtlos blickten, schmalen, bartlosen Lippen, festgeschlossenem Munde und breitem, festem Kinn. – Das Gesicht schien mir bekannt. Ich blickte nach der Unterschrift und las: »James Geoghegan, der Fenier, nach einer älteren Photographie. Siehe den Artikel: Der neueste Fenier-Putsch.« Ich fand den bezeichneten Artikel und las ihn. Es war darin von einer jener ruchlosen Gewalttätigkeiten die Rede, welche die Fenier-Unternehmen zu einer traurigen Berühmtheit gebracht haben. Man hatte in einer großen englischen Stadt ein öffentliches Gebäude in die Luft sprengen wollen. Es war nicht geglückt; der mißlungene Versuch hatte jedoch einigen Personen das Leben gekostet, und viele andere waren dabei grausam verwundet worden. Die Polizei hatte die Mehrzahl der Übeltäter ergriffen; aber dem eigentlichen Urheber des Verbrechens war man noch nicht auf der Spur. Man hoffte, seiner habhaft zu werden, denn der Telegraph hatte eine genaue Beschreibung seiner Person nach den Häfen des vereinigten Königreichs getragen, und es wurde allerorten scharf auf ihn gefahndet. Ein hoher Preis war auf seine Festnahme ausgesetzt. Als ich die Beschreibung James Geoghegans las, erkannte ich sofort Walter Cunningham; auch war dieser letztere Name mit einem halben Dutzend anderer angeführt, deren »der Dunkle« sich an verschiedenen Orten zu bedienen pflegte. Nach dem Zeitungsberichte war Cunningham, trotz seiner Jugend, eines der gefährlichsten Mitglieder der internationalen Umsturzpartei. Er stammte aus guter und reicher Familie, war Irländer von Geburt, in Genf erzogen worden und hatte sich, kaum den Knabenjahren entwachsen, der Revolution in die Arme geworfen. Seit geraumer Zeit widmete er sich in erster Linie fenischen Zwecken; aber er unterhielt Beziehungen mit den politischen Verschwörern aller Länder, und man wollte sein gemeingefährliches Treiben nicht nur in England, sondern auch in Spanien, Italien und Frankreich beobachtet haben. Eine Zeitlang schien sein Bestreben hauptsächlich darauf gerichtet gewesen zu sein, die englischen Regimenter, die in den Kolonien dienten, zu demoralisieren. Dies war, wie die Zeitung berichtete, an dem vortrefflichen Geiste der britischen Armee gescheitert, und Cunningham hielt sich deshalb, seit zwei Jahren etwa, wieder in Europa auf. Die Polizei kannte ihn genau; es war ihr jedoch bisher nicht gelungen, Beweise für seine verbrecherische Tätigkeit zu finden, die genügt haben würden, seine Verurteilung zu rechtfertigen. Man hatte deshalb von seiner Verhaftung Abstand genommen und sich damit begnügt, ihn scharf zu überwachen, seine Beteiligung an dem letzten Fenierputsch konnte nun, dank den Aussagen eines Kronzeugen, klar und deutlich nachgewiesen werden; aber er hatte sich der Festnahme durch die Flucht zu entziehen gewußt und war vorläufig noch spurlos verschwunden. Soweit berichtete die Illustrierte Zeitung. – Ich verfolgte von jenem Tage ab den bewußten Fenier-Prozeß mit großer Aufmerksamkeit. Es war darin vielfach von James Geoghegan alias Walter Cunningham die Rede; – aber der Genannte selbst blieb unsichtbar. – Seine Genossen wurden zu schweren Strafen verurteilt. Von ihm habe ich nie wieder gehört. In Japan und China ist er auch nicht wieder aufgetaucht, vielleicht ist er gestorben, oder er lebt in Amerika unter einem falschen Namen; daß er sich nach Europa zurückgewagt haben sollte, bezweifle ich, denn dort hätte er mit seinen eigentümlichen Augen nicht lange verborgen bleiben können. Wir fünf: der Kapitän, meine drei Reisegefährten und ich, pflegten uns des Abends bei gutem Wetter hinter dem Mann am Steuer an einem ruhigen Platze zu versammeln, wo es für die Mannschaft nur selten etwas zu tun gab. Wir hatten dort unsere großen Bambussessel aufgestellt, und verblieben darauf oft bis tief in die Nacht hinein: über uns den unergründlich tiefen, wolkenlosen Himmel, mit großen leuchtenden und funkelnden Sternen dicht bedeckt, unter und neben uns das geheimnisvolle, dunkle, stille Meer, dessen lange, regelmäßige, mächtige Wogen das Schiff langsam und sanft wie eine Wiege hoben und senkten, hinter uns einen schmalen, langen, im Sternenlicht zauberhaft glitzernden Silberstreifen, die Furche des geräuschlos dahingleitenden Fahrzeuges, um uns wunderbar weiche, laue, reine Luft, die die Brust wie Balsam einsog und in der gerade genug Bewegung herrschte, um die weitaufgespannten, geisterhaft schimmernden, weißen Segel des scharfen Klipperschiffs sanft zu füllen. – Lange Jahre sind seit jener schönen Fahrt vergangen; – aber sie ist mir unvergeßlich geblieben, und einige der Geschichten, die ich damals gehört habe, will ich nun erzählen. Mutter Careys Küchlein Es gibt Seevögel, die man nur während des Sturmes erblickt: unheimlich schnelle Tiere mit langen und spitzigen Flügeln, eisenhartem Schnabel und rotbraunen unruhigen Augen, erscheinen sie plötzlich, Hunderte von Meilen vom Festlande, wie aus der wetterschweren Luft hervorgezaubert. Sie schießen dicht über die schäumenden Wellenkämme dahin und stoßen durch den sprühenden Gischt, der nach ihnen hascht und von dem sie sich mit kurzem, mächtigem Flügelschlage losreißen. Die englischen Matrosen nennen sie » Mother Carey's chicken « und erblicken in ihnen die sicheren Vorboten nahenden Unwetters. – Während des Sturmes umkreisen sie das Schiff oder lassen sich auf dessen Masten nieder, und wenn sich das Wetter legt, so verschwinden sie wieder: still, schnell, unheimlich, wie sie gekommen waren. Es gibt Menschen, die diesen Seevögeln gleichen. Man weiß nicht, woher sie plötzlich kommen; – und wenn sie später ebenso plötzlich wieder verschwunden sind, so kann niemand sagen, wohin sie sich gewandt haben. Einsame, wortkarge Naturen, furchtlos, zu jeder wilden Tat bereit, kämpfen sie auf eigene Faust, wie ihre ersten Vorfahren, den harten Kampf ums Dasein. Sie achten ihr Leben gering und setzen es jeden Augenblick aufs Spiel; aber sie verteidigen es wie das Raubtier bis zum letzten Atemzuge, und sterbend noch versuchen sie, ihren Feind zu verletzen. – Wenn sie unterliegen, so verenden sie ohne Klage. – In geordneten, friedlichen Staaten können und dürfen sie nicht leben. Sie werden dort als gemeingefährlich unterdrückt. Die Unruhe, der wilde Sturm ist ihr Element. Da, wo der einzelne Mann etwas gilt, wo für Tapferkeit das Höchste feil, wo Gold zu erbeuten ist und Blut fließt, da, wo es heißt: dreinschlagen, zugreifen und festhalten, – da erblickt man sie. Ich habe ihresgleichen unter verschiedenen Himmelsstrichen angetroffen – aber immer nur zu unruhigen Zeiten. Es ist mir nie gelungen, einen von ihnen genau kennen zu lernen, auch habe ich nur einmal einen mitteilsamen Menschen unter ihnen angetroffen; was ich von ihnen weiß, weil ich es gesehen und erfahren habe, ist Stückwerk. Aber auch dies wenige wage ich zu erzählen, weil es befremdlich ist und doch menschlich und wahr. Im Jahre 1860 langte auf einem amerikanischen Teeklipper ein Reisender in Schanghai an, der sich in einem der wenigst besuchten, schlechten Wirtshäuser des Fremdenviertels niederließ, keinen Menschen in seiner Umgebung zu kennen schien, und niemandes Aufmerksamkeit auf sich zog. Er war ein unansehnlicher, stiller Mann von vielleicht dreißig Jahren, mittelgroß, mit einer gewissen Eleganz, wennschon durchaus nicht auffällig gekleidet. Er hielt beim Gehen die Ellenbogen fest an die Seiten gedrückt und bewegte sich leicht und schnell durch die belebtesten Straßen, ohne sich den Weg versperren zu lassen und ohne Anstoß zu erregen. Er hatte ein hageres, wettergebräuntes Gesicht, helle Augen und schlichtes, kastanienbraunes Haar. Die Oberlippe war durch einen feinen, rötlichbraunen Bart bedeckt, Kinn und Wangen waren frei. – Wenige Monate nach seiner Ankunft in Schanghai war jedoch sein Namen schon in vieler Leute Munde, und als man mir eines Tages während eines Spazierganges auf dem »Bund« sagte: »Der Mann dort ist Colonel Wood«, da sah ich mir den Träger dieses Namens genau an und kannte nicht umhin, zu bemerken, daß sein Äußeres nur beim ersten, oberflächlichen Anblick unscheinbar genannt werden durfte. – Sobald man Wood genauer betrachtete, erkannte man, daß man einen ungewöhnlichen Menschen vor sich hatte. Seine Gliedmaßen waren von vollkommenem Ebenmaß und verrieten physische Kraft und körperliche Gewandtheit. Er schritt nachlässig einher und trat leise, doch sicher auf. Seine Bewegungen waren elastisch, abgerundet, geschmeidig wie die der großen Katzen; ich mußte dabei auch an das langsame, regelmäßige Arbeiten einer guten, starken Maschine denken, die, wenn sie mit voller Kraft treibt, erstaunliche Schnelligkeit entwickeln kann. – Wood, wie man ihn auf dem »Bund« sah, ging sozusagen »unter halbem Dampf«. – Er trug den Kopf etwas gesenkt und bewegte den Nacken nur sehr wenig; aber seine hellen, dreisten Augen, die von unten heraufblickten, schweiften wachsam nach rechts und nach links und musterten jeden Vorübergehenden mit kühler Aufmerksamkeit. Doch war nichts Herausforderndes in seinem Wesen, das im Gegenteil bescheiden oder wenigstens rücksichtsvoll genannt werden konnte und Aufsehen vermeiden zu wollen schien. – Er hatte einen großen Mund mit geraden, schmalen Lippen, ein breites Kinn und eine leicht gekrümmte, feine Nase. Ich erfuhr, daß Wood jeden Abend auf der amerikanischen Kegelbahn anzutreffen sei, und begab mich, wenige Stunden nachdem ich ihm zum ersten Male begegnet war, dorthin, um ihn wiederzusehen. Der Blick, den er mir zuwarf, als ich in den Schuppen trat, zeigte mir, daß er mich sofort wiedererkannt hatte. Ich setzte mich, ließ mir ein Glas Soda und Brandy bringen und sah dem Spiele zu. Woods Gefährten schienen mir »Suchende«, das heißt stellenlose Kapitäne oder Steuermänner zu sein, wenigstens sahen sie mit ihren runden, breiten Schultern und harten, braunen Gesichtern wie seefahrende Leute aus. – Wood, der, wie ich gleich darauf bemerken konnte, gut kegelte und die großen, schweren Kugeln die lange Bahn hinunterwarf, als wären es leichte Bälle gewesen, drehte mir eine Zeitlang den Rücken, dann wandte er sich langsam zu mir und sah mich mit einem eigentümlichen, fragenden Blicke an, gleichsam als erwarte er, von mir angeredet zu werden und wolle mich aufmuntern, dies zu tun; dann stellte er einen Stuhl an denselben Tisch, an dem ich saß, nahm Platz und redete mich an: »Wir trafen uns heut' nachmittag auf dem ›Bund‹« sagte er. Ich bejahte dies. Er sah mich wieder forschend an und fuhr dann mit freundlicher Stimme fort: »Wünschen Sie mich zu sprechen?« Ich mußte dies verneinen, und ich tat es in sehr höflicher Form und nicht ganz frei von Verlegenheit; denn es kam mir plötzlich vor, daß es Herrn Wood einfallen könnte, mir sein Mißfallen darüber zu bezeugen, daß ich ihn auf der Straße und auch jetzt wieder verschiedene Male scharf angesehen hatte. Er aber sagte kein Wort, stand gelassen auf und kümmerte sich ferner nicht mehr um mich. Als ich einem Bekannten, der seit langer Zeit in Schanghai wohnte und mit allem, was dort vorging, vertraut war, von meinem Zusammentreffen mit Wood erzählte, lachte jener und sagte: »Das ist ganz klar! Der Kolonel glaubte, Sie wollten sich von ihm anwerben lassen. Sie haben ihm Vertrauen eingeflößt. – Ich gratuliere! – Er hätte Sie gleich zum Offizier, vielleicht zu seinem Adjutanten gemacht. – Da ist eine Karriere für Sie, wenn Sie rasch Geld verdienen wollen!« Ich verspürte aber keine Lust, in des Obersten Dienste zu treten. Kolonel Wood – niemand wußte, woher ihm sein Titel kam, denn man hatte in der kosmopolitischen Fremdenniederlassung von Schanghai mit Leichtigkeit festgestellt, daß er sich denselben in keiner zivilisierten Armee der Welt erworben haben konnte – war bald nach seiner Ankunft in Schanghai auf geheimnisvolle Weise in Verbindung mit dem Tau-tai, dem Präfekten der Stadt, getreten und hatte von diesem die Ermächtigung erhalten, ein Freiwilligenkorps gegen die Taiping-Rebellen auszurüsten. Dann war er während mehrerer Wochen verschwunden, als er sich wiederum auf dem »Bund« zeigte, verlautete aus chinesischen Kreisen, daß Wood im Innern von China, auf dem Wege nach Sutschau, Wunder der Tapferkeit verrichtet hätte. Mit einem kleinen Haufen wüsten Gesindels, das er in den übelberüchtigtsten Schenken von Hongkong, Canton und Makao zusammengerafft und mit guten amerikanischen Schießwaffen versehen, hatte er starke Abteilungen der Rebellenarmee angegriffen und Vernichtung und Verwirrung unter ihnen angerichtet. Gleichzeitig hatte er den Taiping einen Teil ihres Raubes abgejagt und war damit bis in die Nähe von Schanghai zurückgegangen, wo die Siegesbeute unter den Leuten, die tapfer unter seinem Befehl gefochten hatten, in redlicher Weise verteilt worden war. Einige Unzufriedene hatten zwar gemurrt und geklagt, daß der Colonel die kostbarsten Sachen für sich behalten habe; aber Wood hatte sich in seiner kleinen Armee schon »Getreue« zu machen gewußt und regierte seine Leute mit der gewaltsamen Autorität eines Räuberhauptmanns. Er hatte gedroht, Musterung zu halten, und die Unzufriedenen waren zum Schweigen gebracht worden oder davongelaufen. Die Kunde von den Woodschen Heldentaten hatte sich schnell in allen Vertragshäfen der chinesischen Küste verbreitet, und als es hieß, der amerikanische Colonel sei wieder in Schanghai und werbe dort für seine Armee, da kamen die »Sturmvögel« von Norden und Süden geflogen, und auf allen Wegen in und um Schanghai konnte man einigen von »Mutter Careys Küchlein« begegnen. Man sagte, es befänden sich darunter bestrafte und flüchtige Verbrecher, englische, amerikanische, französische, spanische fortgelaufene Matrosen, Piraten, denen das Meer in der Nähe der fremden Kriegsschiffe zu unsicher geworden war und die nun ihr Glück auf dem festen Lande probieren wollten, Goldsucher aus Kalifornien, Kulihändler aus Makao und ähnliches Gesindel. – Es war eine wilde, gefährliche Gesellschaft, die man nicht lange in der ordentlichen, handeltreibenden Fremdenniederlassung geduldet haben würde, wenn der ganze Schwarm nicht bald nach seinem Auftauchen auch wieder verschwunden wäre. Kolonel Wood führte seine »Küchlein« von neuem in die von den Taiping überzogenen Landstriche, wo ihr Nahen Schrecken verbreitete, und wo die chinesischen Rebellen vor ihnen flohen wie Schafe vor den Wölfen. Bald darauf kamen unerfreuliche, aber nicht gerade überraschende Nachrichten aus dem Innern. – Woods Leute wüteten dort noch ärger als die Rebellen. Sie schlugen und vernichteten diese, wo sie sie antrafen; – aber sie wollten um jeden Preis kämpfen, töten, plündern, – und wenn die Taiping sich ihnen nicht stellten, so fielen sie über die friedlichen Land- und Stadtbewohner her, die von den Rebellen noch verschont geblieben waren. Der Tau-tai von Schanghai konnte schlechterdings nicht umhin, über das ungebührliche Benehmen seines Verbündeten Wood Mißbilligung zu äußern; aber er ergriff keine Maßregeln, um diesem und seiner Bande das Handwerk zu legen. Er hatte kaum zu befürchten, daß die Kunde der Woodschen Missetaten bis nach Peking dringen würde; dagegen gereichte es ihm zu nicht geringem Ruhme, dorthin berichten zu können, daß es seiner energischen und umsichtigen Verwaltung gelungen sei, die Rebellen in Respekt zu halten und ihnen bei verschiedenen Gelegenheiten empfindliche – vom Tau-tai natürlich sehr übertriebene – Verluste beizubringen. Die chinesischen Kaufleute munkelten unter sich, der Tau-tai teilte mit Wood den Raub, den dieser von seinen Streifzügen nach Schanghai zurückbringe, und beide, der Präfekt und der Oberst, seien in kurzer Zeit reiche Leute geworden; aber diese und ähnliche Behauptungen waren nicht zu begründen. Mit der Zeit verbreitete sich Woods Ruf mehr und mehr. Er zeigte sich, so erzählte man, als ein hervorragender Feldherr. Es gelang ihm zu verschiedenen Malen, zahlreiche Rebellenhorden zu überraschen und zu überrumpeln. Er hielt eine gewisse Manneszucht unter seiner wilden Rotte aufrecht und zwang ihr Achtung ab durch die tollkühne Todesverachtung, mit der er bei jedem Kampfe den gefährlichsten Posten für sich und seine unmittelbare Umgebung wählte und von dort aus, immer vor der Front, dem Feinde entgegenging. Woods Ansprüche und wohl auch sein Ehrgeiz wuchsen mit seinen Erfolgen. Er erklärte die Rebellion, die bereits Millionen von Menschenleben verschlungen und unberechenbaren materiellen Schaden angerichtet hatte, für ein Kinderspiel, dem er – wenn man ihm nur die einfachen und verhältnismäßig bescheidenen Mittel, die er zu dem Zweck beanspruchte, gewährte – im Handumdrehen ein Ende machen wollte. Die Ortsbehörde von Schanghai lieh solchen Reden ein williges Ohr. Der kleine Stadtpräfekt sah sich bereits zur Würde eines Vizekönigs der von der Rebellenhorde befreiten Provinz Kiangsu erhoben! – Wood verlangte, daß man kaiserliche Soldaten zu seiner Verfügung stellen sollte, die er sodann durch seine eigenen Offiziere führen lassen würde. Ferner beanspruchte er Löhnung für die ihm anvertraute Armee, um nicht zu deren Unterhalt ausschließlich auf Raub und Plünderung angewiesen zu sein. – Der Tau-tai gewährte dies, und bald darauf stand Wood an der Spitze eines »gemischten« Korps von ungefähr viertausend Mann, von denen die Mehrzahl der gemeinen Soldaten Chinesen, und die der Unteroffiziere Eingeborene von Manila (Tagals), die Offiziere aber ausschließlich Europäer oder Amerikaner waren. Die Dienstleistungen dieser auserlesenen Truppe beschränkten sich zunächst darauf, die Umgegend von Schanghai und die wichtigsten Verkehrsstraßen und Kanäle, die dorthin führten, von den Rebellen zu reinigen. Nachdem dies geschehen war, machte Wood sich daran, Städte, die von den Rebellen eingenommen worden waren, zurückzuerobern und dort die Macht des Kaisers von China wiederherzustellen. Für solche Waffentaten verlangte er aber, nachdem er sich nunmehr hinlänglich hatte erproben lassen, daß man ihm große Geldzahlungen im voraus mache. Für die Wiedereroberung von Sung-Kiang, einer Handelsstadt von fünfzigtausend Einwohnern, am Kanal, auf dem Wege von Schanghai nach Sutschau gelegen, wurden ihm, wie man mir von glaubwürdiger Seite mitteilte, hunderttausend Taels, ungefähr eine halbe Million Mark, im voraus bezahlt. Die Einnahme von Sung-Kiang gelang. Aber Wood mußte diesen Erfolg teuer bezahlen. Als er, von seinen besten Leuten gefolgt, zuerst auf den Stadtwall sprang und von dort in eine Straße stürzte, in der eine Rotte verzweifelter Rebellen den Versuch machte, ihr Leben teuer zu verkaufen, verloren seine Getreuen, da der Kampf in der Nacht stattfand, ihren Führer aus den Augen. Sie riefen besorgt nach ihm, aber seine laute, helle Stimme, die ihnen noch vor wenigen Minuten »Come on!« zugerufen hatte, war verstummt. – Man trug Laternen herbei, und nach einigem Suchen fand man Wood in einer Blutlache bewußtlos am Boden liegen. Er hatte zwei tiefe Wunden: eine in der Brust, eine im Schenkel. – Woods »Leibarzt«, ein wunderbarer Heiliger, der an seinem eigenen Körper Studien der Chirurgie gemacht zu haben schien – er hatte nur ein Auge, und sein Gesicht und seine Hände waren mit Narben bedeckt –, legte einfache Verbände an, wie ein Schiffskapitän oder ein Präriejäger es wohl auch zu tun vermocht hätte, und verordnete sodann, Kraft seiner unbestrittenen ärztlichen Autorität, daß der Verwundete sofort nach Schanghai geschafft und dort der Pflege eines ordentlichen Doktors übergeben werde. – Wood wurde darauf in ein Boot getragen, das man mit soviel Ruderern bemannte, als darin Platz finden konnten, und das den schwerverwundeten Mann in kurzer Zeit nach Schanghai brachte. Während der langen Krankheit, die Woods Verwundung folgte, übernahm dessen erster Leutnant, der General Bourquard, den Befehl des Woodschen Korps. Dieser »General«, der seit der Bildung der gemischten Armee dem Oberst Wood bei allen Kämpfen tapfer und treu zur Leite gestanden hatte, war ein würdiger Stellvertreter des Kolonels. Daß er ein Recht habe, sich General nennen zu lassen, das glaubten nur die allereinfältigsten unter seinen Leuten; – aber daß er ein kaltblütiger Soldat sei, der vor keinem Wagnis zurückschrecke, und dem der Oberst vertrauensvoll die Ausführung der gefährlichsten Aufgaben überlassen durfte, daran zweifelte niemand. – Bourquard war ein großer, schwerer Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, mit buschigen Augenbrauen, schwarzem Haar und Vollbart, dunklen Augen und stark gerötetem, brutalem Gesicht. Man erzählte von ihm, er habe als Goldgräber in Kalifornien ein großes Vermögen erworben und wieder verloren und sei wegen einer »unangenehmen« Geschichte aus den Staaten geflüchtet. Das Wort »unangenehm« deckte im Munde der Berichterstatter einen weiten Begriff. Die glimpflichste Deutung, die ich dafür finden konnte, war die, daß Bourquard jemand über den Haufen geschossen hatte. Schließlich konnte es jedoch mit den Mitteilungen über Bourquard nur dieselbe Bewandtnis haben wie mit jenen über alle andern »Küchlein«. Es waren eben nur Vermutungen. Etwas Bestimmtes wußte niemand über die Vergangenheit des Generals. Wood, der nichts weniger als neugierig war, versuchte nicht, den Schleier zu lüften, der darüber lag; außer ihm hätte wohl niemand gewagt, Bourquard darüber ausforschen zu wollen. Der General bewährte sich musterhaft während des ihm anvertrauten Interims, und hielt den guten Namen des Woodschen Korps aufrecht, das unter seinem Befehl ein Schrecken der Provinz blieb. Auch verstand er beinahe noch besser als der Kolonel, seine Leute in Ordnung zu halten; aber man hörte, daß diese über seine Strenge klagten, da er auch bei verhältnismäßig geringen Versehen die Chinesen unbarmherzig peitschen, die Unteroffiziere und Offiziere standrechtlich erschießen ließ. Diese und ähnliche Berichte nahmen aber niemals eine Form an, welche die europäischen Behörden in Schanghai hätte veranlassen können, gegen den gestrengen General einzuschreiten. Bourquard hatte keine Rang- und Quartierliste aufzuweisen, man wußte nicht, wer mit ihm ins Feld zog, man wußte nur, daß seine Genossen schwer zu bändigende, wilde Gesellen seien; und wenn schließlich die chinesische Obrigkeit, in deren Sold Bourquard stand, mit seinen Leistungen zufrieden war, so konnten die europäischen Behörden über sein Gebahren in China ein Auge zudrücken. – »Jeden, den der General erschießt,« sagte man, »den rettet er vom Galgen.« Als Wood nach seiner Genesung den Oberbefehl wieder übernehmen wollte, zeigte Bourquard sich sofort bereit, auf seinen bescheidenen zweiten Platz zurückzutreten. Aber er verblieb nur wenige Tage darauf. – Wood fiel in einem Nachtgefecht gegen eine kleine Truppe Taiping, die in einer offenen Stadt in der Nähe von Sung-kiang überrascht worden war. Bourquardt wollte am nächsten Morgen den Kolonel mit allen militärischen Ehrenbezeigungen, die man dem ehemaligen Oberbefehlshaber der Armee schuldete, begraben lassen, aber der »Leibarzt« bestand darauf, daß die Leiche nach Schanghai zurückgeführt werde. Er sagte, er habe der Frau des Kolonels versprochen daß er ihren Gatten lebendig oder tot zurückbringen werde. Die Offiziere waren der Meinung, ein Mann müsse sein Wort halten, und Bourquardt mußte von seinem Vorhaben, dem Kolonel ein prachtvolles Begräbnis zu bereiten, abstehen, da eine kurze Beratung mit den Stabsoffizieren ihm gezeigt, daß er bei diesem Plane seine ganze Umgebung gegen sich hatte. – Die trauernde Armee zog in ihre alten Quartiere in der Nähe von Schanghai zurück, und von dort wurde Woods Leiche in das Haus gebracht, in dem des Obersten Frau lebte. – Diese war jedoch nicht etwa des Kolonels ehelich angetrautes Weib, sondern eine hübsche, junge Chinesin, die Wood ihren Eltern vor sechs Monaten für teures Geld abgekauft hatte. – Sie stieß herzzerreißende Wehklagen aus, als ihr toter Herr ins Haus getragen wurde; aber sobald sie den Leichnam im Beisein der Leichenträger und mit Hilfe des »Leibarztes« entkleidet und die Schußwunde im Rücken des Gefallenen gesehen hatte, wurde sie plötzlich still und bedeutete den Doktor, mit ihr in ein Nebenzimmer zu treten, wo sie sich einige Minuten flüsternd mit dem Freunde des Verstorbenen unterhielt. Dieser entfernte sich gleich darauf und entsandte, als er in seinem Quartier angekommen war, einen Boten an mehrere der Offiziere, die er als die »Getreuen« des Dahingeschiedenen kannte, um sie zu bitten, sich ohne Säumen, behufs einer wichtigen Beratung, bei ihm zu versammeln. Als sich später etwa ein Dutzend Offiziere im Quartier des Doktors eingefunden hatte, teilte dieser ihnen mit, daß der Verdacht auf Bourquard ruhe, Wood meuchlings ermordet zu haben. Des Kolonels letzte Worte, als er seine Frau verlassen habe, seien gewesen: »Wenn man mich mit einer Kugel im Rücken zu dir bringt, so kannst du sicher sein, daß der General mich erschossen hat.« Die Anwesenden beschlossen, Bourquard zu verhaften und zu verhören. Aber sie wußten, daß der General sich ihnen nicht gutwillig stellen und seiner Verhaftung kräftigen Widerstand entgegensetzen werde. Er trug stets einen guten Revolver bei sich und verstand es wie wenige, damit umzugehen. Man sann deshalb auf eine Kriegslist. Man wollte sein Haus aus einer unverdächtigen Entfernung überwachen und ihn, wenn er auf dem gewöhnlichen Wege nach der Stadt ging, überfallen. Der Plan wurde sofort in Ausführung genommen; aber unter den Offizieren, die ihn gefaßt hatten, war ein Verräter. – Die Verschworenen verharrten während des ganzen Tages auf ihrem Posten. Als die Nacht hereinbrach, näherten sie sich dem Hause, in dem sie den General wähnten. Die oberen, von Bourquard bewohnten Räume blieben dunkel; nur im Erdgeschoß, das von der Dienerschaft eingenommen wurde, steckte man Licht an. – Die Verschworenen warteten noch lange; dann trat einer, von seinen Kameraden abgesandt, in das Haus und sagte, man möge ihn beim General anmelden. Er erhielt den Bescheid, der Gesuchte sei vor mehreren Stunden in den Garten hinter dem Hause gegangen und werde sich von dort nach Schanghai begeben haben, denn er sei nicht zurückgekehrt, auch sei im Garten keine Spur von ihm zu entdecken. – Haus und Hof wurden sorgfältig durchsucht, aber ohne Erfolg. Der General war gewarnt worden – man wußte nicht, von wem, und keiner der Verschworenen wagte es, den andern anzuklagen oder zu verdächtigen – und der Gewarnte war entflohen. Er hatte sich dabei nicht übereilt, denn man fand, daß er vor seiner Flucht verschiedene Papiere verbrannt hatte, und man suchte vergeblich nach einer nicht unbedeutenden Summe in ungeprägtem Golde, die man in seinem Besitze wußte. Er hatte diese also jedenfalls mit sich genommen oder an einem sicheren Orte verborgen. Seitdem war Bourquard aus Schanghai verschwunden, und niemand konnte sagen, wohin er sich gewandt habe. Zwei Monate später tauchte er in Yokohama auf, wo ihn ein junger englischer Kaufmann, der ihn früher in Schanghai gesehen hatte, wiedererkannte und die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. – Bourquard kümmerte sich nicht darum, daß die Leute auf der Straße stehen blieben, um ihm nachzusehen. Es bestand in Japan kein Gerichtshof, der das Recht gehabt oder beansprucht hätte, ihn als eines Verbrechens verdächtig festzunehmen. Das war für Bourquard die Hauptsache! Wenn man ihn hinter seinem Rücken als Woods Mörder bezeichnete, so erfuhr er dies entweder nicht oder er achtete nicht darauf. – Er war in einem amerikanischen Wirtshause abgestiegen, wo er seine Zeche regelmäßig bezahlte, und trieb sich viel in den japanischen Stadtteilen umher, wo er einige kleine wertvolle Kunstgegenstände einkaufte. Man sah ihn manchmal in Unterhaltung mit sogenannten »herrenlosen« Edelleuten, »Lonin«, die sich derzeit in Yokohama aufhielten und das Leben dort unsicher machten, und man wunderte sich, wie er es anfange, um sich mit diesen Leuten zu verständigen, die sicherlich kein Wort englisch sprachen. Eines Tages war Bourquard aus Yokohama verschwunden. Nach kurzer Abwesenheit erschien er jedoch wieder. Man nahm an, ohne es beweisen zu können, daß er den Versuch gemacht habe, bei einem der aufständischen Daimios eine Anstellung zu finden. – Sein zweiter Aufenthalt in Yokohama war von kurzer Dauer. Er schiffte sich an Bord einer holländischen Bark ein, die nach Hongkong segelte, um von dort eine Ladung chinesischer Produkte nach Japan zurückzubringen. Kapitän Voß, der die Bark auf der Hin- und Rückfahrt geführt hatte, erzählte, als er wieder in Yokohama war, der General habe sich während der ganzen Fahrt »sehr ordentlich« benommen, wennschon er etwas viel getrunken habe. Übrigens sei er, Voß, der Meinung, daß Bourquard ein gelernter Seemann sei, denn als sie in der Höhe von Swatau schlechtes Wetter bekommen hätten, sei Bourquard auf Deck gekommen und habe in so sachverständiger Weise zugefaßt, daß die Matrosen sofort einen der ihrigen in ihm erkannt hätten. Der General sei nicht in Hongkong ans Land gegangen, sondern habe sich mit dem chinesischen Lotsen verständigt und mit diesem die Bark verlassen. Niemand dachte daran, weitere Erkundigungen über den General einzuziehen. Die Fremden in Yokohama hatten damals an vieles zu denken, was ihnen näher lag als die Schicksale eines vaterlandslosen Abenteurers. – Nach langer Zeit, nach einem halben Jahre vielleicht, las ich zufällig in einer in Hongkong erscheinenden englischen Zeitung, der »berüchtigte General Bourquard«, der sich in der Nähe van Amoy an die Spitze eines starken Rebellenhaufens gestellt und eine Zeitlang Schrecken bei den Kaiserlichen verbreitet habe, sei schließlich von diesen gefangen genommen und hingerichtet worden. Man sagte, sie hätten ihn gekreuzigt, und er sei eines qualvollen Todes gestorben. Es ist nicht ermittelt worden, was diese Nachricht an Wahrheit enthielt. Bourquard war auf keinem der fremden Konsulate in China amtlich bekannt. Seiner Aussprache des Englischen nach war er ein Amerikaner; er selbst hatte sich jedoch nie über seinen Ursprung geäußert. Einige Leute wollten wissen, er sei ein Deutscher gewesen, andere, ein Irländer – er führte einen französischen Namen. Eines stand fest: er war verschwunden. Auch durfte man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß er von den Kaiserlichen getötet worden sei. Man konnte diese nicht verhindern, mit Rebellenführern, die mit den Waffen in der Hand auf chinesischem Grund und Boden ergriffen wurden, nach chinesischem Gesetz zu verfahren. General Bourquard wurde vergessen, wie man Kolonel Wood vergessen hatte, und heute sind die Namen der beiden Männer nur noch den wenigen Fremden bekannt, die sich in den Jahren 1861 und 1862 in China oder Japan aufgehalten haben und den Bewegungen der Taipingrebellion mit einiger Aufmerksamkeit gefolgt sind. Nachdem Wood und Bourquard beseitigt waren, wurden die einträglichen Stellungen, die sie bekleidet hatten, von verschiedenen anderen Abenteurern eingenommen. Keiner von ihnen zeigte hervorragende militärische Begabung. Es war ihnen allen, dem Anscheine nach, nur daran gelegen, an der Spitze gemischter Korps gewissermaßen eine Befugnis zum Mordbrennen und Plündern zu haben. Sie wurden in schneller Reihenfolge ihrer Stellungen enthoben und nach und nach durch bessere, zuletzt durch tüchtige und gute französische und englische Offiziere ersetzt, die sich gewissenhaft die Aufgabe stellten, China von der Rebellion zu befreien, und denen dies nach vielem Blutvergießen schließlich auch gelang. – Einige von ihnen stehen noch heute in chinesischen Diensten, wennschon nicht mehr in der Eigenschaft als Heerführer, und haben sich schwererkaufte, große Vermögen erworben. – Der hervorragendste unter ihnen, Kolonel Gordon, der sich übrigens in China nicht bereichert hatte, ist einige zwanzig Jahre später im Kampfe gegen den Madhi gefallen. Der lange Holländer In seinen guten Tagen habe ich Georg Büchner nicht gekannt: die lagen in den Jahren 1856 bis 1860. Damals war er, wie ich später erfahren habe, ein sehr beliebter Mann in Schanghai, wo er unter dem Namen »Der lange Holländer« ging. Aber er war kein richtiger Holländer. Er war ein Deutscher – aus Bremen, wenn ich nicht irre. – Das tut übrigens nichts zur Sache. – Ich machte seine Bekanntschaft im Jahre 1862 in Japan. Ich führte damals die »Aurora Belisle« und hatte Aussicht, längere Zeit auf der Linie Yokohama-Schanghai-Hongkong zu bleiben. Am Tage vor meiner Abreise von Yokohama, als ich beim Frühstück saß, wurde mir vom Steuermann gemeldet, es sei ein Mann an Bord gekommen, der mich zu sprechen wünsche. »Was für ein Mann?« »Sieht aus wie ein Zwischendeckpassagier.« »Da wird er wenig Platz finden. – Nun, lassen Sie ihn nur herunterkommen.« Bald darauf hörte ich einen schweren, bedächtigen Tritt, und dann kam ein Mann herein, der sich tief bücken mußte, um durch die Kajütentür treten zu können. An der Schwelle blieb er stehen und sagte höflich: »Guten Morgen, Kapitän«. »Guten Morgen, mein Herr,« antwortete ich. »Was steht zu Ihren Diensten?« Es war nämlich etwas in seiner Gesichtsbildung, Stimme und Haltung, was mich nötigte, ihn wie einen Gentleman zu behandeln. Sein Alter war schwer zu bestimmen, konnte aber nicht mehr als etwa fünfunddreißig Jahre betragen. Er war auffallend groß und schwer, trug kurzgeschorenes, blondes Haar und einen ebenfalls kurzgeschnittenen, hellen Vollbart. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt. Dazu hatte er eine ganz weiße Stirn. Daß der Mann trank, glaubte ich beim ersten Blick zu erkennen: an dem finsteren Aussehen und an dem schweren Zug um den Mund, der Gewohnheitstrinkern eigen ist. Seine Kleider saßen gut, waren aber etwas abgetragen und zu warm für die heiße Jahreszeit: die Kleider eines heruntergekommenen Mannes. Überhaupt war sein ganzes Wesen das eines Menschen, der bessere Tage gesehen hat; und seine Augen, die wie die eines eingeschüchterten Hundes bittend und traurig an mir vorbei in die Welt hinaussahen, hatten einen Ausdruck, der mich mitleidig stimmte. – »Nehmen Sie Platz,« sagte ich. Er setzte sich ganz langsam, wobei er sich mit der Hand auf den Sitz stützte und die Lippen eigentümlich zusammenkniff. »Was steht zu Befehl?« wiederholte ich. »Können Sie mich mit nach Schanghai nehmen?« fragte er. »Man könnte schon Unterkommen für sie finden; aber eine Kajüte habe ich nicht für Sie. – Wir sind nicht auf Passagiere eingerichtet.« »Ich mache keine Ansprüche. Geben sie mir irgendeinen Platz, wo ich unterkriechen kann. Mehr brauche ich nicht.« »Sehr wohl,« sagte ich, »dann können sie heute abend oder morgen früh an Bord kommen, wir segeln mit der Ebbe, um 11 Uhr. – Ich berechne für die Überfahrt vierzig Dollars, die sie gefälligst bei meinen Agenten, Millner u. Co., einzahlen wollen.« »Das ist nicht teuer,« meinte er, »aber ...« und er stockte. Ich sah alsbald, was kommen würde. – »wie ist Ihr werter Name?« fragte ich. »Ich werde mit Herrn Millner sprechen, wenn der nichts dagegen einwendet, so können sie meinetwegen freie Passage haben.« Er wurde dunkelrot, blickte zur Erde und antwortete verlegen: »Ach nein, Kapitän, sie irren sich. Ich möchte sie nur bitten, mir bis Schanghai Kredit zu geben. Ich hatte meine Ausgaben falsch berechnet und besitze hier nicht genug bares Geld, um die Überfahrt zu bezahlen. Gleich nach meiner Ankunft in Schanghai werde ich alles berichtigen.« Und dabei schlug er die Augen in die Höhe und sah mich zum ersten Male gerade an: jammervoll und elend, aber mit einem Blicke, der mir volles Vertrauen zu dem Manne einflößte. – Ich war in China und Japan niemals mit einem anständigen Menschen zusammengetroffen, der sich wegen vierzig Dollars in Verlegenheit befunden hätte; aber weshalb sollte das in Yokohama nicht gerade so gut vorkommen, wie in London und Liverpool? – Und dann: es gefiel mir, dem Mann einen kleinen Dienst zu erweisen, sein Blick hatte es mir angetan, ein Blick so traurig und nachdenklich, wie ich ihn nie gesehen hatte. »Nun gut,« sagte ich, »wir werden uns schon verständigen, Herr ... wie nannten Sie sich?« »Büchner, Georg Büchner ist mein Name,« antwortete er so leise, daß ich ihn kaum verstehen konnte. Darauf wartete er eine kleine Weile, und dann setzte er augenscheinlich erleichtert hinzu: »Gestatten Sie, daß ich heute abend an Bord komme?« »Nach Ihrem Belieben, Herr Büchner,« erwiderte ich und reichte ihm die Hand, die er aber kaum berührte. »Vielen Dank, Kapitän,« sagte er und entfernte sich langsam und schwerfällig, wie er gekommen war. »Ein kurioser Passagier!« sagte ich mir, und da ich während des Gesprächs das Frühstück beendet hatte, ließ ich mein Boot klar machen und fuhr ans Land, um mit Millner u. Co. eine letzte Rücksprache zu nehmen. Nachdem das Geschäftliche in Ordnung gebracht war, fragte ich James Millner, ob er einen Georg Büchner kenne. »Den langen Holländer?« »Lang genug ist er, um den Namen zu verdienen.« »Ja, den kenne ich ... was ist mit ihm los?« »Das möchte ich eben wissen.« »Das ist eine endlose Geschichte. Mich wundert nur, daß Sie sie nicht kennen. Es ist doch genug davon gesprochen worden.« »Wann war das?« »Vor zwei Jahren.« »Das erklärt, weshalb ich nichts davon gehört habe. – Vor zwei Jahren war ich in London.« »Richtig! – Nun, Büchner hat vor Gericht gestanden – des Diebstahls angeklagt; aber man konnte ihm nichts beweisen.« »Hallo!« sagte ich, »das müssen Sie mir erzählen.« – Denn der Gedanke, mit jemand zu fahren, der nur aus Mangel an Beweisen eines von ihm begangenen Diebstahls nicht hatte überführt werden können, war mir doch etwas unbehaglich. James Millner hatte gerade viel zu tun. Er vertröstete mich auf den Abend. Ich speiste bei ihm, und als wir nach dem Essen auf der Veranda saßen, und die jungen Leute sich entfernt hatten, kam ich wieder auf die Geschichte zurück. Millner erzählte sie mir mit vielen Einzelheiten, die mir im Gedächtnis geblieben sind, weil ich von dem Tage an den »langen Holländer« nie mehr ganz aus den Augen verloren habe. Mit der Zeit habe ich denn auch alle Lücken in Millners Erzählung ausfüllen können, teils aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, teils aus den Mitteilungen anderer über Büchners Schicksale. Das alles hat sich nach und nach in meinem Geiste zu einer einzigen, vollständigen Geschichte verschmolzen, – und die will ich Ihnen nun erzählen. 1. Büchner nahm seit einer Reihe von Jahren die Stellung eines Kassierers bei Rawlston u. Co. in Schanghai ein. Er stand daselbst in hohem Ansehen, und man sprach davon, er werde Edith Rawlston, die Schwester seines Prinzipals heiraten und sodann Mitglied des alten und vornehmen Hauses werden, dem er vorläufig noch als erster Angestellter diente. Edith war ein bildhübsches Mädchen und ein regulärer »Flirt«, die sich damals die Aufgabe gestellt zu haben schien, den jungen Männern von Schanghai im allgemeinen, ganz besonders aber dem langen Holländer und Herrn Francis Morrisson das Leben möglichst schwer zu machen. Francis Morrisson galt für die beste Partie in Schanghai. Er war ein liebenswürdiger, heiterer junger Mann von gutem Aussehen und vortrefflichen Manieren, dazu war er sehr reich und infolge aller dieser Eigenschaften von Müttern und heiratsfähigen Töchtern stark verwöhnt. Daß er in Edith verliebt war, konnte jedermann sehen, der mit den beiden zusammentraf, und wenn er trotzdem noch nicht um die Hand des jungen Mädchens angehalten hatte, so war dies nur dadurch zu erklären, daß Edith ihm bisher wenig oder gar keine Ermutigung gegeben hatte. – Dagegen beschäftigte sie sich viel mit dem langen Holländer. Hübschen Mädchen wird es leicht gemacht, witzig und geistreich zu sein, wenn eine Häßliche sich so benommen hätte, wie Edith es häufig tat, so würde man ihr den Rücken gekehrt haben; aber Fräulein Rawlston war aller Liebling und galt für witzig und klug. Der schwerfällige Büchner hatte oftmals von ihren Launen und Unarten zu leiden; er ertrug jedoch alles, was von ihr kam, mit unendlicher Langmut, so daß sie schließlich die Geduld verlor und ihn eines Abends gewissermaßen nötigte, ihr endlich in Worten die Liebeserklärung zu machen, die sie seit Monaten in seinen Augen gelesen hatte. Nachdem er gesprochen, wie sie es erwartet, hatte sie ihm herzhaft die Hand gedrückt und gesagt: »Das wäre nun in Ordnung, Georg; von heute ab sollen Sie nur noch Freude an mir haben!« Dies hatte sich eines Abends zu später Stunde, sagen wir an einem Dienstage, zugetragen. Als der lange Holländer sich am nächsten Morgen bei James Rawlston anmelden ließ, erwartete dieser, Büchner werde um die Hand seiner Schwester bei ihm anhalten: denn Edith, die von ihrem Bruder verzogen wurde und in ihm einen treuen Verbündeten erblickte, war bereits zu früher Stunde in seinem Zimmer gewesen, um ihm zu sagen, sie habe sich mit Georg Büchner verlobt. – Rawlston ging dem Eintretenden mit freundlichem Gesichte und ausgestreckten Händen entgegen, denn er wollte dem schüchternen Menschen eine förmliche Erklärung erleichtern; aber zwei Schritt vor ihm blieb er stehen: »Was ist Ihnen zugestoßen, Mann? – wie sehen Sie aus? – was gibt's?« »Ein Unglück, Herr Rawlston.« »Nun, was? Schnell!« »Wir sind heute Nacht bestohlen worden.« »Was ist gestohlen worden?« »Die zehntausend Dollars, die gestern abend von Ki-tschong eingezahlt worden sind.« Niemand verliert gern zehntausend Dollars, auch wenn er das Zehnfache entbehren könnte, und der Amerikaner machte bei der Mitteilung des Verlustes nicht gerade ein vergnügtes Gesicht. Er stülpte sich aber, ohne ein Wort zu sagen, den Hut auf den Kopf und folgte Büchner zur Kasse, um den Schaden bei Lichte zu besehen. Das feine Schloß des eisernen Schrankes, in dem das Geld aufbewahrt gewesen war, zeigte keine Spur von gewaltsamer Öffnung. Die Türen und Fenster des Zimmers waren unversehrt. Der herbeigerufene Hausdiener, dessen Pflicht es war, sie am Morgen zu öffnen und am Abend zu schließen, hatte nichts Außergewöhnliches bemerkt. – James Rawlston drehte nachdenklich die Spitzen seines langen Schnurrbartes und ließ sich von Büchner noch einmal zusammenhängend erzählen, was mit dem verschwundenen Gelde in Verbindung stand. Am Dienstag nachmittag um fünf Uhr, als Büchner gerade zum Essen gehen wollte und seine sämtlichen Genossen das Kontor bereits verlassen hatten, war ein chinesischer Kaufmann, der mit dem Hause Rawlston u. Co. in regem Geschäftsverkehr stand, in das Kassenzimmer getreten, um noch eine Einzahlung von zehntausend Dollars in Barren zu machen. Der Komprador (chinesischer Kassierer) war gerufen worden, hatte das Gold geprüft und gewogen und es, nachdem er es richtig befunden, in den eisernen Schrank gelegt, wo es bis zum nächsten Morgen aufbewahrt bleiben sollte, um sodann in üblicher Weise zur Bank geschafft zu werden. – Büchner hatte darauf einen Empfangsschein ausgestellt, den Schrank geschlossen und sich schleunigst entfernt, um nicht zu spät zum Essen zu kommen. »Hm!« sagte Rawlston, »sind Sie sicher, den Schrank zugeworfen und abgeschlossen zu haben?« »Ganz sicher!« »Und sind Sie sicher, den Schlüssel mitgenommen zu haben?« »Ebenfalls ganz sicher! Er steckt an demselben Bund wie andere Schlüssel, die ich noch gestern abend in meiner Wohnung benutzt habe.« »Und heute früh?« »Die Kasse war wie gewöhnlich verschlossen, und ich öffnete sie ohne Schwierigkeit.« Rawlston setzte sich nieder, gähnte gezwungen und sagte: »Alles wäre demnach in schönster Ordnung: die Schlüssel, das Schloß, die Türen, die Fenster. – Aber das Geld ist fort! Das ist nicht in Ordnung.« Darauf wandte er sich an den Komprador und den chinesischen Diener, welche stumme und ernste Zeugen dieser Vorgänge gewesen waren, und sagte: »Ihr könnt jetzt gehen.« Und als er mit Büchner allein war, fuhr er fort: »Nun, und welchen Vers machen Sie sich auf die Geschichte?« »Ich zerbreche mir den Kopf darüber.« Unterdessen waren auch die anderen Angestellten des Hauses angekommen: ihrer sechs an der Zahl. Sie unterhielten sich kopfschüttelnd über den geheimnisvollen Vorfall, und weder der eine noch der andere war in der Lage, eine Vermutung über den Urheber des Diebstahls auszusprechen. Man ging die Namen sämtlicher Hausbewohner durch, aber hielt sich bei keinem länger als eine Sekunde auf: im ganzen »Hong« (unter dieser Bezeichnung versteht man alle zu ein und demselben Grundstück gehörigen Baulichkeiten) wohnten nur erprobte, zuverlässige Menschen, auf die kaum ein Verdacht fallen konnte, am wenigsten befand sich darunter jemand, dem man die nötige Diebesgeschicklichkeit hätte zutrauen können, in das verschlossene Kontor zu gelangen und dort die feste Kasse zu öffnen, ohne bemerkbare Spuren des Einbruchs zu hinterlassen. »Ja, Herr Büchner,« sagte endlich James Rawlston, »dann machen Sie nur bei der Polizei Anzeige von der Geschichte und gehen sie lieber selbst aufs Amt und bitten Sie, man möchte die Untersuchung möglichst beschleunigen. – Morgen wird das Gold schon eingeschmolzen sein.« Büchner, der sich die Sache sehr zu Herzen zu nehmen schien, rief nach seinem »Chair« (Tragstuhl) und begab sich geradeswegs auf die Polizei. Nach einer halben Stunde kehrte er in Begleitung des ersten Inspektors, eines bewährten alten Londoner Beamten, zurück, der den Geldschrank und alle Eingänge zum Kontor zunächst aufmerksam untersuchte und sodann sämtliche Bewohner des Hauses, die chinesischen Diener sowohl wie die Angestellten des Geschäfts, einem kurzen Verhör unterwarf, wobei er sich flüchtige Notizen machte. An alle richtete er dieselbe Frage: wo sie seit Dienstag abend fünf Uhr bis Mittwoch früh acht Uhr gewesen seien, und die darauf bezüglichen Antworten schrieb er auf einem besonderen Bogen nieder. Er machte das geschäftsmäßig und schnell ab; aber es wohnten im »Hong«, die Diener mitgerechnet, an dreißig Personen, und es dauerte wohl vier Stunden, bis die Untersuchung beendet war. Dann unterhielt sich der Inspektor noch längere Zeit im geheimen mit Herrn Rawlston, und darauf entfernte er sich. Die nächsten Tage brachten noch mancherlei Unannehmlichkeiten für die Bewohner des Rawlstonschen Hauses. Einer nach dem andern wurde vor den Untersuchungsrichter gerufen, um Beweise dafür anzuführen, daß er die bewußte Nacht von Dienstag auf Mittwoch in der Tat so verbracht, wie er in dem ersten Verhör ausgesagt hatte. Büchner konnte, bei jener Gelegenheit nicht mehr und nicht weniger zu seiner Entlastung ausführen als seine Genossen: er hatte bei einem Freunde, und zwar in Gesellschaft von James und Edith Rawlston zu Mittag gespeist, und er war am Abend nach seiner Heimkehr, noch eine Stunde etwa, im Garten des Hauses mit Fräulein Rawlston spazieren gegangen. Unmittelbar nachdem er diese verlassen, hatte er sich in sein Zimmer zurückgezogen, wo er angab, bis zum nächsten Morgen verblieben zu sein. Zeugen für diese letztere Aussage konnte er nicht namhaft machen. Er hatte die Gewohnheit, sich ohne Hilfe eines Dieners auszukleiden, und er schlief allein in seinem Zimmer. Seine Kollegen befanden sich übrigens in dieser Beziehung in derselben Lage wie er. – Die beiden Chinesen, die während der Nacht im Hofe Wache gehalten hatten, und zwar in Begleitung eines bösartigen Hundes, der jeden Fremden, der sich in den Hong gewagt hätte, angefallen haben würde – die beiden Wächter erklärten, zu keiner Stunde der Nacht ein verdächtiges Geräusch oder eine verdächtige Bewegung bemerkt zu haben. Das Ergebnis der Untersuchung war, daß der Diebstahl aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen fünf und sieben Uhr abends oder sieben und acht Uhr morgens, also am hellen Tage, unmittelbar vor dem Verschließen oder nach dem Öffnen des Kontors durch den Hausdiener, aber während der Abwesenheit der Angestellten, welche die Schreibstube zwischen fünf und sechs Uhr abends verließen und zwischen acht und neun Uhr morgens wieder betraten – ausgeführt worden sei. Der Dieb war augenscheinlich im Besitz eines Schlüssels zur Kasse und somit in der Lage gewesen, diese schnell und geräuschlos zu öffnen. Er hatte dabei nicht zu fürchten brauchen, daß man ihn von außen beobachten werde, denn da man sich im Hochsommer befand, so waren die Stabvorhänge während des ganzen Tages nicht aufgezogen worden. Büchner hatte während der Untersuchungszeit Edith Rawlston häufig gesehen, aber kaum gewagt, ihre freundlichen Blicke zu erwidern; auch die Unterredung mit dem Bruder hatte noch nicht stattgefunden. James Rawlston zeigte üble Laune und schien es zu vermeiden, mit Büchner allein zu sein. Dieser aber war zu schüchtern, um seinen zukünftigen Schwager unter solchen Umständen um Gehör in seiner Herzensangelegenheit zu bitten. Am fünften Tage nach dem Diebstahl kam Rawlston eines Nachmittags mit sorgenschwerem Gesichte auf das Zimmer seiner Schwester, um ihr nach einer kurzen Einleitung verlegen, aber doch klar verständlich zu sagen, der Polizeiinspektor sei der festen Überzeugung, Büchner und nur Büchner könne die zehntausend Dollars gestohlen haben. Edith wurde bleich, ihre großen Augen öffneten sich weit und starrten finster und stumm auf den Überbringer dieser schlimmen Post. »Wiederhole das noch einmal!« sagte sie endlich langsam. »Der Inspektor ist der Ansicht, Büchner habe den Diebstahl verübt. Er ist der letzte, den man im Kassenzimmer gesehen hat. Er besaß den Schlüssel zum Geldschrank. Dreißig Pfund Gold nehmen keinen großen Platz ein und können beiseite geschafft werden. Der Diebstahl ist sofort erklärt, sobald man annimmt, Büchner habe ihn verübt; in jedem anderen Falle ist er unerklärlich.« »Du solltest dich schämen!« sagte Edith leise. James blickte verwundert auf seine Schwester. »Du solltest dich schämen!« wiederholte diese langsam mit gepreßter Stimme, »verlaß mein Zimmer, ich mag dich nicht mehr sehen!« »Aber Edith, hast du den Verstand verloren? Was fällt dir ein?« »Ich habe den Verstand nicht verloren, weil ich mir klar mache, wie klein und erbärmlich du bist.« »Ich muß dich bitten, dich zu mäßigen, oder ...« »Nun ... oder was?« Sie hatte bis dahin mit verhaltenem Grimm anscheinend ruhig gesprochen; jetzt loderten Jugend und Leidenschaft in ihr auf. »Nun, so vollende doch: oder ... was?« »Oder,« sagte James Rawlston zornig, »ich packe dich auf den nächsten Dampfer und schicke dich nach Hause.« »Wie einen Ballen Seide oder eine Kiste Tee! ... Nein, mein Lieber! Du kennst mich noch nicht, gerade wie ich dich noch nicht kannte. Jetzt kenne ich dich – und du wirst mich kennen lernen. Ich kann dir die Tür nicht weisen, ich bin in deinem Hause ... aber ... sieh mich genau an ...« Sie stand vor ihm kerzengerade, die Augen in Feuer, die kleinen weißen Zähne zusammengepreßt, ein Bild der Entrüstung ... »Sieh mich genau an!... So hast du deine Schwester zum letzten Male gesehen!« Die Heftigkeit des jungen Mädchens wirkte beruhigend auf den reiferen Mann. »Ich bitte dich, Edith, sei vernünftig, höre mich an!« »Ich will kein Wort mehr von dir hören!« Sie irrte unstet im Zimmer umher. Sie hatte sich einen Hut aufgesetzt und näherte sich der Tür. Er stellte sich entschlossen davor. »Wo willst du hin?« fragte er kalt. Sie antwortete nicht und versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen. Als sie sah, daß ihr dies nicht gelingen werde, trat sie einen Schritt zurück und sagte mit bebender Stimme: »Höre, was ich dir sage: wenn du mir den Weg nicht sofort freigibst ... sofort! ... so wahr mir Gott helfe! ... ich stürze mich aus dem Fenster!« Sie hätte getan, wie sie drohte; er fühlte es und trat beiseite. Sie sprang an ihm vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, und gleich darauf hörte er ihren eilenden, leichten Schritt auf der Treppe. Rawlston verzog den Mund zu einem Lächeln, aber es gelang ihm nicht, heiter auszusehen, und er gab den Versuch schnell auf. Er blickte sich eine halbe Minute lang ratlos in dem leeren Zimmer um, dann murmelte er eine Reihe von Flüchen vor sich hin, mit denen er »allen Unsinn« sowie »alle tollen Weiber« und »alle verrückten Liebeshändel« zum Teufel wünschte – und nachdem er auf diese Weise seinem vollen Herzen etwas Luft gemacht hatte, stieg er nachdenklich die Treppe hinunter. Als er über den Hof ging, sah er in der Kassenstube am offenen Fenster das vergrämte Gesicht des langen Holländers, der hinter seinen großen Büchern saß und eifrig zu arbeiten schien. »Der Halunke!« sagte Rawlston vor sich hin; »sieht aus, als ob er kein Wasser trüben könnte, und hat das Geld so sicher gestohlen, wie ich hier gehe.« Er wollte den Hof verlassen und sich auf den »Bund« (den Hafendamm des Fremdenviertels in Schanghai) begeben, um seine Nerven durch einen Spaziergang zu beruhigen, als ihm im Torweg ein kleiner, blasser Mann mit dunklem Vollbart und schlichtem, schwarzem, glänzendem Haare entgegentrat, der ihn mit seinen großen, klugen Augen freundlich anblickte und ihm artig lächelnd »Guten Tag« bot. »Seit wann sind Sie wieder hier, Herr Prati?« fragte Rawlston. »Ich bin in diesem Augenblick zurückgekommen.« »Nun, haben Sie etwas mitgebracht?« »Ich bin ganz zufrieden. Ich habe etwa zwanzig Ballen bekommen. Die Qualität ist nicht schlecht, und jedenfalls ist die Ware sehr billig.« »Das ist recht angenehm! – Angenehme Nachrichten kommen in diesem Augenblick ganz besonders erwünscht.« »Weshalb gerade in diesem Augenblick?« »Nun, wegen des verdammten Diebstahls.« Herr Prati sah Herrn Rawlston mit seinen beredten Augen fragend an. »Von welchem Diebstahl sprechen Sie?« »Haben sie von der Sache noch nichts gehört?« »Ich steige soeben aus dem Boote, Herr Rawlston. Seit acht Tagen habe ich mit keinem Menschen außer mit unseren Chinesen ein Wort gewechselt.« Herr Prati war der italienische Seideninspektor des Hauses Rawlston u. Co., ein sehr angesehener und der bestbezahlte Angestellte des Geschäfts. Er kehrte soeben, von einer Reise in das Innere zurück, wo er Seideneinkäufe gemacht hatte. »Lassen Sie sich die Geschichte von Büchner erzählen,« fuhr Rawlston fort, »der kennt sie am besten, und seien Sie so freundlich, nach dem Essen zu mir zu kommen, damit wir noch wegen der Seide sprechen. In diesem Augenblick bin ich zu keiner Arbeit aufgelegt. Auf Wiedersehen heute abend!« »Ihr gehorsamster Diener!« Herr Rawlston begab sich auf den Bund und Herr Prati in das Kontor, wo er von seinen Genossen freundlich begrüßt wurde. Als er an Büchners Pult trat, das im Kassenzimmer allein stand, drückte er die Tür hinter sich zu, und nachdem er mit dem Kassierer einen freundschaftlichen Händedruck gewechselt hatte, sagte er teilnehmend: »Was ist denn das für eine Geschichte, die Rawlston andeutete, – ein Diebstahl?« Der lange Holländer blickte schwermütig auf den kleinen Italiener hinab und antwortete: »Sie können von Glück sagen, daß Sie die ganze Sache nichts angeht.« – Und darauf erzählte er bereitwillig die Geschichte, die seit vergangenen Dienstag all' seine Gedanken beschäftigte, Prati hörte aufmerksam zu, hie und da die Stirn runzelnd, den Kopf schüttelnd oder die Achseln zuckend, wie das so südländische Art ist. »Sind Sie ganz sicher,« fragte er endlich vorsichtig, »daß der Komprador das Gold in den Schrank gestellt hat? Sie waren in Eile, so sagen Sie selbst, Sie haben die Kassentür schnell zugeworfen. Die Chinesen sind geschickte Leute, und ich traue keinem von ihnen über den Weg.« »Der Komprador ist seit zehn Jahren im Hause,« antwortete Büchner verdrießlich, »und wenn er nicht ein Taschenspieler allerersten Ranges ist, so konnte er das Geld unmöglich sozusagen unter meinen Augen verschwinden lassen. Ich habe der Kasse nicht eine Viertelminute den Rücken gekehrt: ich hatte nur ein Formular auszufüllen, zehn Worte zu schreiben.« »Wie Sie meinen,« sagte Prati, »Sie haben vielleicht recht. Aber wenn Sie soviel mit Chinesen zu tun hätten wie ich, so würden Sie meinen Argwohn nicht unbegründet finden.« Büchner begnügte sich, darauf mit den Achseln zu zucken, und Prati trat wieder in das Nebenzimmer zurück, wo er noch einige Worte mit den andern Angestellten wechselte; sodann begab er sich in sein Zimmer. Etwa eine halbe Stunde später ließ sich Frau Onslow bei Herrn Rawlston anmelden. Herr Wallice, der erste Buchhalter, ging hinaus, um der Dame höflich zu sagen, Herr Rawlston sei augenblicklich nicht im Hause. Frau Onslow erklärte darauf, sie wolle ihn erwarten und wurde von Herrn Wallice in das Empfangszimmer geführt, wo sie ihre große knochige Gestalt mit einem tiefen Seufzer auf einen bequemen Sessel niederließ. Die genannte Dame, die Frau eines angesehenen amerikanischen Kaufmanns, war in der Fremdenniederlassung wegen ihrer Wohltätigkeit und Herzensgüte beliebt und wegen ihres seltenen Rednertalents gefürchtet. Wer immer mit ihr zusammentraf, mußte sich darauf gefaßt machen, eine längere Abhandlung aus ihrem Munde über diese oder jene Frage, die Moral oder das allgemeine Wohl betreffend, zu vernehmen. Hatte sie nun aber gar Veranlassung, sich mit jemand über einen von ihm begangenen Fehler oder etwas, was sie für einen solchen hielt, auszusprechen, so war sie sehr ermüdend, und ihre Opfer verschwanden gewöhnlich gänzlich zerknirscht aus ihrer Nähe und gingen ihr sodann während der nächsten Wochen mit ängstlicher Scheu auf weite Entfernung aus dem Wege. Aber das kümmerte Frau Onslow nicht. Sie betrachtete es als eine Pflicht, alle Sünder, mit denen sie zusammentraf, zu belehren und zu bekehren, und ob dies den Unglücklichen gefiel oder nicht, war ihr vollkommen gleichgültig. – Nachdem sie etwa fünf Minuten ungeduldig gewartet hatte, klingelte sie und beauftragte den eintretenden Diener, einige Boten auszusenden, um Herrn Rawlston zu suchen und diesem zu melden, Frau Onslow warte in seiner Wohnung, sie habe ihm eine wichtige Mitteilung zu machen. Der gutgeschulte Diener tat, wie ihm geheißen, und einer der Ausgesandten hatte das Glück, seinen Herrn in der Nähe des Hauses anzutreffen und Frau Onslows Bestellung schnell ausrichten zu können. Rawlston begab sich darauf eiligen Schrittes zu ihr, denn er vermutete, sie werde ihm Nachrichten von seiner Schwester bringen. 2. Als James Rawlston in den Salon trat, nickte ihm Frau Onslow finster zu und bedeutete ihm durch eine stumme Gebärde, auf einem Sessel ihr gegenüber Platz zu nehmen. Rawlston wußte genau, was ihm bevorstand, und ließ sich ergeben auf den ihm angewiesenen Platz nieder. Darauf trat eine Pause ein, während der Frau Onslow ihren Wirt unter majestätischem Heben und Senken des belockten Hauptes vom Kopf bis zu den Füßen und von den Füßen bis zum Scheitel musterte. Rawlston ertrug diese Untersuchung mit anscheinender Ruhe, öffnete und schloß langsam die Augen, zerrte an seinem Schnurrbart und begann endlich, um seine Unbefangenheit ganz klar zu machen, mit den Fingern beider Hände einen Marsch auf den Lehnen seines Sessels zu trommeln. »Verhalten Sie sich ruhig!« brach Frau Onslow zornig hervor. Rawlston sah seinen Besuch mit einem Blick von unten an. Er hatte einen stark ausgeprägten Sinn für Humor, und Frau Onslow fing an, ihn trotz seiner üblen Laune zu erheitern. Unwillkürlich zuckte es ihm um Augen und Mund, und er war sich bewußt, zu lächeln. »Lachen Sie nicht, höhnen sie nicht, Sie ... Mann!« Das Onslowsche Wörterbuch war reichlich versehen mit wohltönenden, salbungsvollen Worten, aber zur Äußerung ihres Unwillens fehlten der Frau kräftige Ausdrücke. – »Mann« war alles, was sie zur Niederschmetterung ihres Gegners finden konnte. Das Wort verfehlte die beabsichtigte Wirkung. Rawlstons Mund wurde im Gegenteil breiter, die Augen kleiner, und bald konnte kein Zweifel mehr darüber obwalten, daß er lachte – daß er es wagte, Frau Onslow auszulachen. Das war der guten Dame, ihres Wissens wenigstens, noch niemals vorgekommen. Sie wurde dunkelrot. »Es gibt hier nichts zu lachen, Herr! Es handelt sich um das Glück eines edlen Wesens, welches das Unglück hat, Ihre Schwester zu sein! Lachen sie nicht! Hören Sie! – schämen sollten sie sich!« Das wirkte ganz anders, Rawlstons Gesicht wurde sofort ernst und er sagte verdrießlich: »Meine liebe Frau Onslow, es ist nun das dritte oder vierte Mal, daß ich heute hören muß, ich sollte mich schämen. Das gefällt mir nicht! Mit aller Achtung, die ich einer Dame schuldig bin und Ihnen bereitwillig zolle, gestatte ich mir die Bemerkung, daß ich ganz den Wunsch hege, es möge ausschließlich meinem Ermessen überlassen bleiben, ob und worüber ich mich zu schämen habe. Bestehen Sie darauf, darüber Betrachtungen anzustellen, so bitte ich um die Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen. Mein Haus ist das Ihrige; – aber ich mag mich auch bei Ihnen nicht schlecht behandeln lassen. – Sie entschuldigen gütigst ...« Er erhob sich, aber er hatte nicht die Absicht, zu gehen, denn es lag ihm am Herzen, von seiner Schwester zu hören, und um die Unterredung nicht abzubrechen, beging er die Unvorsichtigkeit, sie durch eine Frage fortzusetzen: »Worüber sollte ich mich denn schämen?« Dies öffnete endlich die verschlossenen, zum Überfluten gefüllten Schleusen der verheerenden Onslowschen Beredsamkeit. Rawlston verstand zunächst kaum, was ihm gesagt wurde: so überwältigend drang der Wortschwall auf ihn ein. Er blickte hilflos von rechts nach links und vom Fußboden nach der Zimmerdecke, dann sank er in den Sessel zurück, kreuzte die Arme, stützte das Kinn auf eine Hand und versuchte, den Inhalt des ihn umwogenden Wortgetöses zu erfassen. Es gelang ihm endlich, den Faden zu finden, und nun kam Klarheit in seine verwirrten Sinne. – »Worüber er sich schämen sollte?« – Frau Onslow nahm nicht Anstand, es ihm klar und deutlich zu sagen, war nicht Edith ein edles Wesen von vollkommener Herzensgüte, hellem Verstande, makelloser Reinheit? War sie nicht jung, schön, reich, klug, gut – alles in sich vereinigend, was ein Mädchen liebenswürdig machen kann? War sie nicht seine, James Rawlstons, leibliche Schwester? Hatte sie je in ihren Pflichten dem Bruder gegenüber gefehlt? War sie nicht ganz auf ihn angewiesen, und hatte er dies nicht böswillig verkannt, indem er sie, die alleinstehende Jungfrau, in rauher Weise aus ihrem Heim, seinem Hause verstoßen hatte? Rawlston schlug laut die Hände zusammen und blickte gen Himmel, als erwarte er eine höhere Einmischung, die ihn gegen diese böse und falsche Anklage schützen sollte. »Ich Edith verstoßen! – Aber Frau Onslow, Frau Onslow! Edith war es ja, die gegen meinen Willen davonlief, die mir drohte, aus dem Fenster zu springen, wenn ich sie daran verhindern wollte.« »Sehr richtig, ganz richtig!« Frau Onslow wäre nicht die stets siegreiche Wortkämpferin gewesen, wenn ein bißchen erbärmlicher Logik sie erschüttert hätte. »Sie erwarteten wahrscheinlich, daß Edith ruhig mit anhören sollte, wie sie ihren künftigen Gemahl beschimpften.« Rawlston war Frau Onslow nicht gewachsen, er folgte gehorsam, wohin sie ihn führte. »Frau Onslow, gestatten sie mir zwei Worte.« »Ich höre Sie seit einer Stunde an, ohne sie zu unterbrechen.« »Liebe Frau Onslow, es ist unmöglich, daß meine Schwester sich mit einem Manne verlobe, der unter dem Verdacht steht, eine Veruntreuung begangen zu haben.« »Wer verdächtigt ihn? – Sie! Das ist ja eben das Schändliche.« »Sie irren sich: der Polizeiinspektor hat den Verdacht ausgesprochen.« »Und Sie haben sich diesen Verdacht sofort angeeignet. Es ist empörend!« »Aber, gnädige Frau!« »Wie lange kennen sie Herrn Büchner?« »Seit sechs Jahren.« »Haben Sie jemals Ursache gehabt, an seiner Ehrlichkeit zu zweifeln?« »Nein.« »Und ein Polizeimensch, der die Welt nur von der schwärzesten Seite kennt, der überall Diebe und Mörder wittert, der Herrn Büchner nie gekannt hat und der plötzlich, Gott weiß, weshalb! Ihr Vertrauensmann geworden ist, Ihr intimer Freund sozusagen – der verdient mehr Glauben als Ihre eigene, durch lange Jahre befestigte persönliche Erfahrung von der Ehrenhaftigkeit eines unbescholtenen Mannes? – O, Herr Rawlston! Ist das edel? Ist das christlich? Ist das gerecht? Ist das nicht im Gegenteil abscheulich ungerecht? – Einen Menschen des Diebstahls zu zeihen, einfach weil keine materielle Unmöglichkeit vorliegt, daß er den Diebstahl begangen habe! – Was spricht denn gegen Herrn Büchner? – Daß er in Ihrem Hause wohnt, daß er den Kassenschlüssel besitzt. Wohnen Sie nicht auch hier, besitzen Sie nicht ebenfalls einen Schlüssel zur Kasse? Weshalb richtet sich des Polizisten Verdacht nicht auf Sie?« »Das wäre Unsinn!« »Ja, das wäre Unsinn, in der Tat! Das andere aber, die Verdächtigung eines unbescholtenen Mannes, wissen Sie, was das ist? – Eine Schlechtigkeit!« »Gnädige Frau, ich fürchte, wir werden uns auf diese Weise nicht verständigen.« »Daran habe ich vom ersten Augenblick an gezweifelt. Auch bin ich deswegen nicht gekommen, sondern nur, um einen Auftrag meiner jungen Freundin auszuführen.« »Und der wäre?« »Ihre Schwester wünscht, daß unter meiner Leitung gewisse Sachen zusammengepackt werden, deren sie bedarf, um sich bei mir häuslich einrichten zu können.« Rawlston dachte einen Augenblick nach. An eine sofortige Versöhnung mit seiner Schwester war nicht zu denken, ihr Charakter und seine Gefühle für sie schlossen den Gedanken aus, sie zwingen zu wollen, gegen ihren Willen in seinem Hause zu bleiben. Edith würde bei Frau Onslow, in der sie eine mütterliche Freundin erblickte, wohl aufgehoben sein. Die Sache würde zu mancherlei Gerede Veranlassung geben; aber daran war nun einmal nichts zu ändern. »Wie meine Schwester wünscht und Sie befehlen,« sagte Rawlston ruhig. »Aber eine Bedingung muß ich stellen: Edith darf mit Herrn Büchner nicht zusammentreffen. Ich verbiete es ausdrücklich!« »Das verbieten sie, Herr Rawlston? Und mit welchem Rechte, wenn ich fragen darf? – Sind Sie Ediths Vormund? Sie ist einundzwanzig Jahre alt, soviel ich weiß, und ihre eigene Herrin. Sie haben jedes Recht über das arme Kind verloren; ich aber lasse mir keine Vorschriften von Ihnen machen und übernehme allein die Verantwortlichkeit für das, was Edith in meinem Hause tun und lassen wird.« »Sie wollen also einen Bruch zwischen zwei Geschwistern herbeiführen, die stets in Frieden und Eintracht zusammen gelebt haben. Es ist nicht christlich, was Sie da tun.« »Über meine Christenpflichten brauche ich mich von Ihnen, Herr Rawlston, nicht belehren zu lassen, darüber werde ich mich mit meinem Gewissen verständigen!« Die Erbitterung auf beiden Seiten hatte nun ihren Höhepunkt erreicht. »Ihr gehorsamster Diener!« sagte Rawlston und verließ das Zimmer mit einer Verbeugung. Er war Amerikaner, und seine Erziehung machte es ihm verhältnismäßig leicht, der älteren Dame gegenüber die gesellschaftlichen Formen unter allen Umständen zu wahren. – Frau Onslow fand dies ganz in Ordnung und wußte dem höflichen Mann keinen Dank für seine Mäßigung. Bitterböse entfernte sie sich, um Ediths Auszug aus dem »ungastlichen« Hause so schnell wie möglich zu bewerkstelligen. Während sie damit beschäftigt war, setzte Rawlston, in einem Zustande großer Aufregung, ein kurzes Schreiben an Herrn Büchner auf. Dem unglücklichen Kassierer wurde darin in dürren Worten gesagt, die Herren Rawlston u. Co. verzichteten für die Zukunft auf seine Dienste. Er werde deshalb ersucht, die von ihm geführten Bücher und den Kassenbestand im Laufe des Tages an Herrn Wallice abzugeben. Nachdem Rawlston diesen Brief geschrieben hatte, schloß er ihn in sein Pult ein. Er wußte, daß damit die Ächtung Büchners unterzeichnet war, und er zauderte, das Schriftstück abzusenden. Er saß eine Weile grübelnd da. – Büchner war ihm sechs Jahre lang als ein treuer, zuverlässiger Diener seines Hauses erschienen. Vor einer Woche noch hatte er ihn, wenn auch nicht mit Freuden, denn er wollte für seine Schwester höher hinaus, so doch artig und höflich als seinen zukünftigen Schwager begrüßen wollen; und nun wies er ihm die Tür wie einem Unwürdigen. – Frau Onslows Worte fielen ihm ein: sollten die sechs Jahre persönlicher Erfahrung von Büchners Charakter nicht schwerer wiegen als das Urteil des Polizeibeamten? – Er wurde immer nachdenklicher. Alles, was in seiner Natur vornehm war, sträubte sich dagegen, einen Schritt zu tun, der Büchner zu einem Unglücklichen machen mußte. Er nahm den Brief wieder hervor und las ihn noch einmal durch. Sinnend sah er sodann zum Fenster hinaus. Da erblickte er den langen Holländer, der schnellen, entschlossenen Schrittes über den Hof ging und sich dem Arbeitszimmer näherte, in dem Rawlston soeben sein Schicksal erwog. Gleich darauf wurde heftig angeklopft. »Herein!« Die Tür öffnete sich und Büchner trat hastig in das Zimmer und an den Tisch, an dem der überraschte Kaufmann saß. »Herr Rawlston,« sagte Büchner – seine Stimme zitterte und hatte einen heiseren, fremden Klang. – »Herr Rawlston, Sie glauben, ich hätte Ihnen das Geld gestohlen? ... Ich? ... Herr Rawlston, das ist eine Niedertracht!« Der Amerikaner war ein Mann aus guter Familie, der bei seinen Mitbürgern in hohem Ansehen stand und an schlechte Behandlung nicht gewöhnt war. Er gehörte nicht zu denen, die sich leicht einschüchtern lassen, und er hatte bei verschiedenen Gelegenheiten Beweise persönlichen Mutes gegeben. Wenn er trotzdem bei dem neuen Schimpf nicht in die Höhe fuhr, oder nach kalifornischen Sitten, die ihm keineswegs fremd waren, – denn er hatte eine Zeitlang in Nevada gelebt – nach dem Revolver griff, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag, so erklärte sich dies dadurch, daß sein Vertrauen zu der Ansicht des Polizeiinspektors im Laufe des Tages erschüttert worden war und er sich kurz vorher gefragt hatte, ob es nicht unrecht von ihm gewesen sei, seinen Verdacht so bestimmt auszusprechen, wie er es getan. Aber er war nicht der Mann, der eine Beleidigung, selbst wenn er sie eingestandenermaßen hervorgerufen haben mochte, ruhig hinnahm. Er erhob sich. Er war nicht so lang wie der Holländer; aber er war von stattlicher Gestalt, und wie er sich emporreckte und den Kopf zurückwarf, erschien er ebenso groß wie der gebeugte Mann vor ihm. »Es ist nicht meine Schuld,« sagte er ruhig, »wenn ein schwerer Verdacht auf Ihnen haftet. Möglicherweise ist es auch nicht die Ihrige. Dann ist es Ihr Unglück. Aber das werden Sie durch Schimpfen nicht besser machen.« »Wie dürfen Sie sich unterstehen,« fuhr Büchner auf, »anderen gegenüber einen unbegründeten Verdacht zu äußern, der mich entehrt!« »Ich habe nur mit meiner Schwester gesprochen; das war mein Recht und meine Pflicht.« »Sie haben auch mit anderen gesprochen, leugnen Sie nicht!« »Ich leugne nichts. Ich habe in der Tat auch mit Frau Onslow gesprochen, aber gegen meinen Willen. Sie war von meiner Schwester zu mir gesandt, um mit mir zu sprechen. – Sie sind augenblicklich sehr erregt, und ich begreife das; aber wenn Sie fähig sind, eine Minute ruhig nachzudenken, so werden Sie sich sagen müssen, dass ich unter den obwaltenden Umständen meiner Schwester mitteilen musste, ich könne meine Zustimmung zu ihrer Verlobung mit Ihnen augenblicklich nicht geben. – Ich verzeihe Ihnen das Wort, das Sie gegen mich gebraucht haben, denn ich kann heute keine Rechenschaft dafür von Ihnen fordern. Und damit sei die Sache nunmehr abgetan!« »Sehr wohl,« sagte Büchner ingrimmig, »die Sache sei abgetan – aber nur vorläufig! Der Tag wird kommen, da ich Rechenschaft von Ihnen fordern werde. Ich verlasse das Haus heute abend. – Wem soll ich die Kasse übergeben?« »Bedenken Sie wohl, was Sie tun, Herr Büchner. Es ist vielleicht in Ihrem Interesse besser, wenn Sie ruhig im Hause bleiben, so dass alle Welt sieht, ich habe Ihnen mein Vertrauen nicht entzogen.« »Wie können Sie es wagen, so zu sprechen!« stieß Büchner zwischen den zusammengepressten Zähnen hervor, »haben Sie nicht bereits gesprochen? Ist Ihr Verdacht nicht in diesem Augenblick Stadtgespräch?« »Ich habe mit niemand gesprochen, als mit meiner Schwester. Wenn diese und Frau Onslow reinen Mund halten wollen, so ist nach außen hin an Ihrer Stellung nichts geändert.« »Nein,« sagte Büchner, »ich darf nicht wieder mit Ihnen zusammentreffen: es wäre gefährlich für Sie – lebensgefährlich.« Er ballte die mächtigen Fäuste und schüttelte sie, und dabei nahm sein Gesicht einen furchtbaren Ausdruck an, und sein ganzer Körper bebte. – »Wem soll ich die Kasse übergeben?« »Herrn Wallice. Aber es ist Ihr Wille; Sie verlassen mich.« Darauf antwortete Büchner nicht mehr, sondern machte kurz Kehrt und verließ das Zimmer. 3. Während der nächsten Tage gingen allerhand Veränderungen im Rawlstonschen Hause vor, mit denen sich die öffentliche Meinung in Schanghai lebhaft beschäftigte. Edith war zu Frau Onslow gezogen. Sie machte und empfing keine Besuche. Man sah sie von Zeit zu Zeit neben ihrer Freundin im Wagen spazieren fahren. Die Männer grüßten sie ehrerbietig, und sie dankte ruhig und vornehm. Georg Büchner hatte sich im amerikanischen Viertel, am äußersten Ende der fremden Niederlassung, eine kleine Wohnung gemietet, in der er zurückgezogen lebte. Die Meinung der Kolonie über ihn war geteilt. Die Mehrzahl seiner ehemaligen Genossen war der Ansicht, dass er ein ehrlicher Mann sei; aber hier und da wurden die Augenbrauen in die Höhe gezogen, die Köpfe geschüttelt und die Achseln gezuckt. Ob Büchner nun ein ehrlicher Mann oder ein Dieb war – seinen unangefochtenen guten Namen hatte er eingebüßt. Was er darunter litt, konnte niemand sagen, denn er sprach nicht davon; aber wer ihn erblickte, der konnte in dem gramverstörten Gesichte deutlich lesen, daß er einen unglücklichen Menschen vor sich sah. Büchner hatte sich nicht von der Welt abgeschlossen. Mehrere seiner Freunde pilgerten nach seiner Wohnung hinaus und besuchten ihn und sprachen zu ihm mit einer künstlichen Unbefangenheit, die bei den rauhen Männern etwas Rührendes hatte, »Wollen wir nicht eine Partie Kegel machen? – Oder einen gemütlichen Rubber? – Reiten Sie heute nicht aus?« – Büchner schüttelte auf solche Anfragen stumm das Haupt. Er ging zu niemand, er zeigte sich an keinem öffentlichen Orte. Wer ihn sehen wollte, der mußte ihn aufsuchen. Unter denen, die dies taten, erschien keiner häufiger, als sein ehemaliger Kollege im Hause Rawlston, der Seideninspektor Prati. Büchner hatte gar nicht gewußt, daß er einen so guten Freund an dem kleinen Italiener hatte, und empfand es dankbar, daß dieser sich in der Stunde der Not treu zeigte. Prati war der einzige, der sich nicht die Mühe gab, die Gedanken zu verhehlen, mit denen alle zu der Zeit über Büchners Schwelle traten. Er sprach offen mit ihm von dem nahe bevorstehenden Prozesse, in dem Büchner der Unterschlagung verdächtig, vor den Schranken des Gerichts erscheinen sollte. »Nehmen Sie sich doch die Sache nicht so zu Herzen, Büchner! Sie sind unschuldig. Das wissen Sie, das weiß alle Welt. Niemand, um den Sie sich zu kümmern haben, zweifelt an Ihrer Unschuld.« »Rawlston!« warf Büchner dazwischen. »Ach was, Rawlston! Der weiß ebenso gut wie ich, daß Sie ein Ehrenmann sind. – Sie haben keine Idee, wie niedergeschlagen er ist; und er hat Grund, verdrießlich zu sein, denn sein Benehmen Ihnen gegenüber ist gar nicht zu rechtfertigen. O, ich habe es ihm gestern wieder gesagt. Ich fürchte mich nicht vor ihm. Und wenn Sie sähen, wie klein er sich macht! Er ist einen Kopf größer als ich, aber wenn ich Ihren Namen ausspreche, dann sinkt er zusammen und reicht mir nicht bis zur Schulter. Sie wissen, daß er unter keinen Umständen als Ihr Ankläger auftreten wollte. Hätte es in seiner Macht gelegen, so wäre die ganze Sache zurückgezogen worden. Aber es ist gut, daß der Staatsanwalt sich veranlaßt gefühlt hat, auf die Anzeige der Polizei hin gegen Sie vorzugehen, denn Sie müssen die Genugtuung haben, vom Gericht für unschuldig erklärt zu werden. Und das wird geschehen! – Und dann, Büchner, dann versprechen Sie mir, wieder ein vernünftiger Mensch zu werden. Wollen Sie, Büchner? Versprechen Sie es mir!« Der lange Holländer lächelte traurig. »Sie sind ein guter Freund,« sagte er. Jeden Abend um neun Uhr begab sich Büchner zu Frau Onslow, wo er seine Braut antraf und sodann in Gesellschaft der beiden Damen etwa zwei Stunden verblieb. Daß dies geschah, war Frau Onslows Werk. Büchner hatte an demselben Tage, an dem er mit Rawlston gebrochen, einen betrübten, aber keineswegs kläglichen Brief an Edith geschrieben und ihr auseinandergesetzt, weshalb er sich für verpflichtet halte, ihr ihre Freiheit wiederzugeben: als er um sie geworben, habe er geglaubt, sie glücklich machen zu können, wenn sie ihr Schicksal an das seinige knüpfen wolle; nun dürfe er dies nicht mehr hoffen, denn er sei plötzlich ein unglücklicher Mensch geworden. Er sage ihr Lebewohl, und er bitte sie, ihm ein gutes Andenken zu bewahren. – Als Antwort hatte er auf einer offenen Karte den kurzen Bescheid von Frau Onslow erhalten, sie bitte ihn, am Abend um neun Uhr, im engsten Kreise den Tee bei ihr einzunehmen. – Büchner war erschienen und hatte Herrn und Frau Onslow angetroffen, von denen jener nach kurzer, herzlicher Begrüßung wieder verschwunden war, wogegen die Dame des Hauses ihm eine längere Rede gehalten hatte, um ihm klar zu machen, daß in seinem Verhältnis zu Edith nichts geändert werden dürfe. »Wofür halten Sie denn meine junge Freundin? – Für ein leichtfertiges Geschöpf, das ihr Herz heute gibt und morgen zurücknimmt? Man sieht, daß Sie ein Europäer sind, der nicht ahnt, was ein ordentliches amerikanisches Mädchen wert ist. Edith wird sie nicht verlassen: sie hat sich Ihnen versprochen und sie gehört Ihnen. Ihr Glück liegt da, wo ihr Herz und ihre Pflicht sie hintreiben: bei Ihnen. – Herr Büchner, es gibt eine Art schlecht verstandenen Edelmutes, der in seinen Folgen ebenso traurig ist wie beabsichtigte Bosheit. Wenn Sie Edith jetzt verlassen wollen, nachdem sie Ihretwegen mit James gebrochen hat und mit der ganzen Welt brechen würde, so wäre das eine schlechte Handlung, gleichviel ob Edelsinn oder Feigheit Sie dazu triebe. Seien Sie ein Mann! Sagen Sie nicht: Alles ist verloren. Das soll ein Mann, der das gute Recht auf seiner Seite hat, nicht tun. Kämpfen Sie bis zum Ende um das höchste Gut, das Ihnen auf Erden beschieden ist: um ein reines, treues Frauenherz.« Es bedurfte nicht so langer Reden, um Büchner zu überzeugen. Er wünschte nichts sehnlicher, als was Frau Onslow ihm aufdrang. Er drückte ihr tief bewegt die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen.« Darauf erhob sich Frau Onslow triumphierend und kehrte nach wenigen Minuten mit Edith zurück, die blaß und niedergeschlagen aussah, aber deren Wangen sich röteten und deren Augen aufleuchteten, als Büchner ihre kleine Hand nahm, sie sanft streichelte und dazu leise sagte: »Mein ganzes Leben kann ich Ihnen nicht für diese Stunde danken.« Ja, Edith fühlte sich glücklich. Ihre Liebe zu Büchner hatte, ohne sein Zutun, in wenigen Tagen erstaunliche Fortschritte gemacht. Das unverdiente Unglück, unter dem sie ihn leiden sah, machte ihn in ihren Augen nur noch liebenswerter. Ihr ganzes Streben war darauf gerichtet, ihm sein schweres Los zu erleichtern und es ihn womöglich vergessen zu machen. »Du bist zu gut, meine Edith,« sagte er. »wie kann ich es dir je vergelten?« »Warte nur,« antwortete sie lächelnd, »bis du wieder sorglos und heiter bist, dann werde ich dich schon genug quälen. Du sollst mit schweren Zinsen zurückzahlen, was du jetzt empfängst.« Wenn Büchner am Abend den dunklen Wussongfluß entlang über den verödeten »Bund« nach seiner entfernten Wohnung heimkehrte, dann dachte er darüber nach, was Edith ihm gesagt hatte. – Konnte er je wieder froh werden? Der Wussong ist ein breiter, tiefer Strom. Inmitten einer baumlosen, sumpfigen Ebene wälzt er seine gelben, schlammigen Wasser dem riesigen Jangtsekiang zu. Zur Zeit der Ebbe, die sich bis weit hinter Schanghai fühlbar macht, verfolgt er in wilder, wütender Hast, gurgelnd und zischend, seinen mächtigen Lauf. Dies Gurgeln und Zischen schien einen eigentümlichen Reiz für den langen Holländer zu haben, denn oftmals blieb er stehen und lauschte dem unheimlichen Getöse. – Konnte er je wieder froh werden? – In seiner Wohnung angelangt, entkleidete er sich langsam und suchte das Lager; aber er fand keine Ruhe. Dann erhob er sich wieder und trat auf die Veranda. Dort hörte er das Rauschen des dunklen Stromes! Über ihm breitete sich der tiefe, mit unzähligen Sternen besäte Nachthimmel. Und sein Blick richtete sich immer und immer wieder auf einen und denselben Stern, der im Zenith, aus unergründlichen Fernen, in kaltem, ruhigem wunderbarem Lichte auf ihn herabstrahlte. Mit welchen Gedanken sich seine Brust dabei füllte, das kann kein Mensch wissen; aber sie mußten bitter und schwer sein, denn er blickte in solchen Augenblicken hilflos, verzweifelt um sich, und dann sank er ganz geknickt zusammen und stöhnte laut. – Wenn er nur Ruhe finden, wenn er nur schlafen könnte! – Er trat in das Zimmer zurück, füllte ein großes Glas mit Brandy und leerte es. Darauf steckte er einen Cheroot an und begann zu rauchen. Die Augen wurden ihm schwer und er schloß sie. – Aber plötzlich fuhr er aufgeschreckt in die Höhe. – Wer hatte ihn gerufen? – Tiefe Stille ringsumher. Das ununterbrochene Gurgeln und Zischen des dahinschießenden Wussong, das deutlich vernehmbar war, gehörte zur Stille der Nacht. – Er trank ein zweites Glas Brandy, und dann warf er sich auf sein Lager, wo er in schweren, unerquicklichen Schlaf versank, aus dem er am Morgen mit einer Last auf dem Herzen und dumpfem Kopfschmerz erwachte. – So lebte er nun seit drei Wochen, und es fiel allen auf, wie sehr er sich in dieser kurzen Zeit verändert hatte, wie sehr er gealtert war. Auch James Rawlston war nicht mehr der Alte. Freude und Jugend hatten sein Haus mit Edith verlassen. Verdrießlich verbrachte er den Tag in seinem Arbeitszimmer, verdrießlich saß er des Abends einsam bei Tische, von stummen, gleichgültigen Dienern umgeben, und verdrießlich bis spät in die Nacht hinein auf der Veranda, allein mit unerfreulichen Gedanken. Denn Büchners Freunde ließen ihn fühlen, daß sie sein Benehmen diesem gegenüber mißbilligten. Sie vermieden ihn. Er war zu stolz, Annäherungsversuche zu machen, und so blieb er allein, vereinsamt in dem großen Hause, in dem noch vor wenigen Wochen mit und um Edith frisches, junges Leben geherrscht hatte. Von Zeit zu Zeit ließ er Herrn Wallice oder Herrn Prati bitten, mit ihm zu speisen. Herr Wallice erschien mit dem Glockenschlage sieben, in schwarzem Frack und tadelloser, weißer Binde. Er aß und trank guten Appetits und war in dieser Beziehung ein vorzüglicher Tischgenosse; aber er sprach unaufgefordert kein Wort, und er hatte ein eigentümliches Talent, auch verwickelte Unterhaltungsgegenstände durch kurze Antworten zu erschöpfen. Die langen Pausen, die oftmals eintraten, machten Rawlston geradezu verlegen; Herr Wallice schien sie nicht zu bemerken, sondern saß, wenn er nicht mit Essen beschäftigt war, kerzengerade hinter seinem Teller, den Blick sinnend auf die Blumen gerichtet, die in der Mitte des Tisches standen. – Prati war eine redseligere, aber deshalb für Rawlston nicht gerade angenehmere Gesellschaft, denn er schien sich die Aufgabe gestellt zu haben, seinem Vorgesetzten Vorwürfe über dessen Benehmen Büchner gegenüber zu machen, und zwar wußte er dies in so höflicher Form zu tun, daß Rawlston, der an seinem Tische einem Gaste gegenüber artig bleiben wollte, ihn nicht zur Ruhe verweisen und dem Gespräch eine andere Wendung geben konnte. »Was verlangen Sie eigentlich von mir?« fragte Rawlston eines Abends, nachdem Prati sich wieder in der ihm eigenen pathetischen Weise über das unverdiente Unglück des armen Büchner ausgesprochen hatte. »Können wir denn über niemand und nichts anderes in der Welt sprechen als über Herrn Büchner und seine traurige Lage? Fast hat es den Anschein, als liege es in Ihrer Absicht, mich zu verstimmen.« »Das können sie bei meiner Ihnen bekannten Verehrung für Sie unmöglich glauben; aber da Sie mich dazu auffordern, so erlaube ich mir, ganz offen mit Ihnen zu sprechen. – Ja, ich wünschte, daß Sie etwas für Büchner täten, nachdem Sie ihn unglücklich gemacht haben.« »Ich bin mir nicht bewußt, ihn unglücklich gemacht zu haben.« »Sie haben das gegen Ihre Absicht und ohne Ihr Wissen, aber Sie haben es doch wirklich getan: Hätten Sie Ihren Verdacht nicht so bestimmt geäußert, so wäre Herr Büchner heute noch in derselben Lage wie Herr Wallice zum Beispiel, dessen Stellung und Ruf durch den bei Ihnen verübten Diebstahl in keiner Weise berührt worden sind. Dadurch allein, daß Sie dem Brautpaar gegenüber eine zwecklos feindliche Haltung eingenommen haben – denn verhindern können Sie die Verbindung zwischen den beiden schließlich ja doch nicht, da Fräulein Rawlston Ihrer Vormundschaft entwachsen ist, – dadurch haben Sie meinen Freund aus Ihrem Hause getrieben und ihn in die schreckliche Lage versetzt, in der er sich jetzt befindet. Denken Sie an sein Los, Herr Rawlston! Malen Sie sich aus, was der Unglückliche zu erdulden hat – und zwar unverschuldet – und auf Ihre Veranlassung! Und sagen Sie selbst, die Hand aufs Herz: halten Sie Büchner einer Unterschlagung für fähig?« Vor drei Wochen hätte Rawlston darauf unbedingt mit »Ja« geantwortet; aber seitdem war seine Zuversicht geschwunden. Auch der Polizeiinspektor, mit dem Rawlston noch verschiedene Unterredungen gehabt, war seiner Sache durchaus nicht mehr ganz sicher. Büchner hatte nämlich einen Schritt getan, auf den die beiden nicht vorbereitet gewesen waren: an demselben Tage, an dem er seine Stelle aufgegeben, hatte er an Rawlston eine Bankanweisung für den ganzen abhanden gekommenen Betrag mit einem kurzen Schreiben eingesandt, in dem gesagt war, er betrachte sich für die von ihm geführte Kasse verantwortlich und überweise deshalb den Betrag, der daran fehle. Rawlston hatte die Anweisung zurückgesandt: es sei in China nicht Gebrauch, daß ein Kassierer die Verantwortlichkeit dafür übernehme, daß seine Kasse nicht ausgeplündert werde. Aber Büchner hatte das Geld nicht zurücknehmen wollen, sondern es auf dem amerikanischen Konsulat niedergelegt: »zur freien Verfügung der Herren Rawlston u. Co. bis zu dem Tage, an dem die jüngst abhanden gekommene Summe von zehntausend Dollars wieder in deren Besitz gelangt sein würde.« Büchners Guthaben bei Rawlston u. Co. hatte nur achttausend Dollars betragen, die fehlende Summe war ihm geliehen worden und zwar, wie man später erfuhr, von seinem Kollegen und Freunde Prati, der sich im Besitz eines Vermögens von etwa zwanzigtausend Dollars befand, die er während der letzten glücklichen Jahre als Seideninspektor verdient hatte. Als der Polizeibeamte erfahren hatte, die zehntausend Dollars seien bei Rawlston wieder eingezahlt worden, hatte er zunächst gesagt: »Ich gratuliere Ihnen, da sind Sie ja wieder zu Ihrem Gelde gekommen!« Aber gleich darauf war er nachdenklich geworden, hatte sich das Kinn gestrichen und hinzugesetzt: »Das ist eigentümlich. Ein ordentlicher Dieb hätte das Geld nicht so leicht wieder herausgegeben; der hätte es verscharrt oder irgendwo in Sicherheit gebracht, um später die Hand wieder darauf legen zu können.« – Mit der Zeit war der Beamte immer unsicherer geworden, er hatte noch einmal die genauesten Erkundigungen über alle Bewohner des Hauses eingezogen und schließlich gesagt: »Mein Latein ist zu Ende, vielleicht ist der Mensch so unschuldig wie Sie und ich.« – »Der Mensch« war Büchner, und es wurde Herrn James Rawlston recht unbehaglich zumute, wenn er daran dachte, daß er »diesen Menschen« ins Unglück gestürzt und sich seinetwegen mit Edith überworfen hatte. – Als Prati ihn deshalb fragte: »Halten Sie Büchner einer Unterschlagung für fähig?« und ihn dabei mit seinen klugen Augen scharf ansah, zerrte Rawlston eine Weile an seinem Schnurrbart und antwortete endlich langsam: »Sie können recht haben.« »In diesem Falle habe ich sicherlich recht,« entgegnete Prati mit großer Bestimmtheit. »Unter den anständigen Menschen in Schanghai herrscht darüber nur eine Meinung. – Was die andern sagen und denken, ist von keinem Wert und kümmert Sie nicht.« »Das Geschwätz der Leute kümmert mich überhaupt nicht. Aber es ist in der Tat meine Sorge, das zu tun, was recht ist.« »Nun wohl, Herr Rawlston, dann machen Sie Ihr Unrecht wieder gut: schreiben Sie an Ihre Schwester oder an Herrn Büchner und geben Sie Ihre Zustimmung zu deren Vermählung.« »Nein, heute kann ich das nicht tun. Zunächst muß ich den Ausgang des Prozesses abwarten, in den Büchner verwickelt ist.« »Das halte ich für falsch; denn einmal dürfte Ihre Haltung in der Sache auf die Richter, so unbefangen sie auch sein mögen, von großem Einfluß sein, und sodann werden weder Büchner noch Fräulein Rawlston in Ihrer Zustimmung, wenn dieselbe nach Büchners unzweifelhafter Freisprechung erfolgt, eine Genugtuung für das ihm von Ihnen zugefügte Unrecht erblicken.« »Es würde mir sehr leid tun, wenn ich mich für immer mit meiner Schwester entzweien sollte; aber ich muß mich auch darüber hinwegsetzen, wenn es sich darum handelt, eine Pflicht zu erfüllen, und ich halte es für meine Pflicht, der Verlobung meiner Schwester mit einem Manne, der noch unter dem Verdacht eines Verbrechens steht, meine Einwilligung zu verweigern. – Weit wichtiger für meine Entschließungen ist Ihre erste Betrachtung. Ich möchte die Richter in keiner Weise beeinflussen, am wenigsten zu Ungunsten Büchners. Aber nach dem, was nun einmal geschehen ist, weiß ich nicht, was ich in der Sache tun könnte.« Prati sann einen Augenblick nach und dann sagte er: »Sie könnten vielleicht dem Untersuchungsrichter ein Wort schreiben. Sie brauchten in dem Briefe nur zu wiederholen, was Sie eben gesagt haben, nämlich: daß Sie Ihre Zustimmung zur Vermählung Ihrer Schwester einfach deshalb noch nicht gegeben hätten, weil Herr Büchner durch ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände in den Verdacht geraten sei, eine unehrliche Handlung begangen zu haben, sie selbst wären der Ansicht, daß der Verdacht ein unbegründeter sei, und nähmen an, daß auch der Gerichtshof sich in diesem Sinne aussprechen würde. Jedenfalls wollten Sie den Herrn Untersuchungsrichter darauf aufmerksam machen, daß Ihre augenblickliche Haltung Herrn Büchner gegenüber keineswegs einen Verdacht gegen diesen in sich schließe, und Sie im Gegenteil hofften, ihn bald als Ihren Schwager begrüßen zu können.« »Den Brief will ich schreiben,« sagte Rawlston, augenscheinlich befriedigt, irgend etwas zur Beruhigung seines Gewissens tun zu können. »Und um Ihnen zu zeigen, daß ich bereit bin, ganz in Ihrem Sinne zu handeln, bitte ich Sie, das Schriftstück aufzusetzen und mir morgen früh zur Unterschrift vorzulegen. – Sind Sie nun zufrieden mit mir? Sehen Sie nun ein, daß mein Benehmen durch keinerlei Feindseligkeit gegen Büchner, nur durch berechtigte Fürsorge für meine Schwester beeinflußt ist?« »Sie handeln wie ein Ehrenmann, Herr Rawlston, und ich hatte nichts anderes von Ihnen erwartet. Ich werde Ihnen den Brief morgen früh auf Ihr Zimmer senden, denn es ist keine Zeit mehr zu verlieren. Die Verhandlungen sind, wie ich erfahre, auf übermorgen angesetzt.« 4. Der verhängnisvolle Tag war gekommen, und Büchner stand vor den Schranken des Gerichts, das über sein Schicksal entscheiden sollte. Sein Äußeres machte einen günstigen Eindruck. Seine Kleider saßen zwar etwas schlotterig auf dem abgemagerten Körper, aber es waren die Kleider eines Mannes aus der guten Gesellschaft; und daß Büchner dazu gehörte, das sah man sofort. Er trat ohne Ängstlichkeit und ohne Übermut auf: bescheiden und ernst. Das Gesicht war blaß, der Mund fest geschlossen, und die großen Augen hatten einen traurigen und gleichzeitig unverzagten Blick. Der Mann sah sicherlich nicht wie ein gemeiner Verbrecher aus! – Das hatte sich schon der Untersuchungsrichter gesagt, und in den Akten war von der guten Haltung des Angeklagten während des Verhörs gesprochen; das sagten sich jetzt auch die Mitglieder des Gerichtshofes, als sie in den öden Saal traten. – Derselbe war nämlich ganz leer. Die Freunde und Bekannten Büchners hatten untereinander verabredet, keiner sollte den Gerichtsverhandlungen beiwohnen. Sie wollten Büchner ersparen, in einer so bedrängten Lage von denjenigen gesehen zu werden, mit denen er jahrelang frei und freundschaftlich verkehrt hatte und hoffentlich bald wieder verkehren würde. Nur in einer Ecke des Zuschauerraumes saß ein einzelner Herr, der sich so klein wie möglich machte, den bebrillten Kopf tief gebeugt hielt und eifrig schrieb: der Berichterstatter des » North China Herald «. Das Verlesen der Anklageschrift, das Verhör des Angeklagten, das Vernehmen der Zeugen, die Reden des öffentlichen Anklägers und des Verteidigers, die Darlegung des ganzen Falles durch den Präsidenten endlich: alles dies nahm viel Zeit in Anspruch. Das Verfahren hatte um zehn Uhr begonnen – nun war es ein Uhr. Büchner sah zum Erbarmen aus: totenblaß mit fieberhaft leuchtenden Augen. – Der öffentliche Ankläger war sehr gelinde mit ihm umgegangen, aber der Präsident hatte gewissenhaft seine Pflicht erfüllt, ohne jede Voreingenommenheit alles abzuwägen, was für und gegen die Anklage sprach, und dabei hatte sich Büchner eigentlich zum ersten Male klar gemacht, wie schwer, ja wie berechtigt der Verdacht sei, der auf ihm lastete. Seine Freunde, Prati besonders, hatten seine Unschuld als etwas so Selbstverständliches behandelt, daß auch er schließlich dazu gekommen war, seine Freisprechung als zweifellos zu betrachten. Bei der kalten, geschäftsmäßigen Zusammenstellung aller Momente, die dafür sprachen, daß Büchner der Dieb sei, überlief es ihn kalt. Wie, wenn er schuldig befunden würde, schuldig eines Diebstahls? – Er konnte den Gedanken nicht ausdenken; er war zu schrecklich. Es summte ihm in den Ohren, es schwirrte ihm vor den Augen. Er schloß die Lider, und da erhob sich dicht vor ihm und schwebte auf und nieder der in Phosphorlicht bläulich leuchtende Stern, zu dem er wochenlang allnächtlich emporgeblickt hatte, und seine Ohren vernahmen das Vorbeirauschen des dunklen Wussong, der sich zu seinen Füßen dem unermeßlichen Meere zuwälzte. – Das schimmernde Licht erblaßte, das summende Getöse verstummte: es wurde schwarz und still um ihn her. Er saß noch eine Weile, deren Dauer er nicht mehr ermessen konnte, mit geschlossenen Augen. Endlich schlug er sie wieder auf. Vor ihm stand sein Rechtsanwalt mit einem feuchten Taschentuch in der Hand, das nach Äther roch. – Büchner fühlte eine erfrischende Kühle an den Schläfen. Er blickte langsam, blöde um sich. Der Saal war leer, der Gerichtshof hatte sich zurückgezogen. »Fassen Sie sich, Herr Büchner, haben Sie guten Mut!« sagte der Advokat. Gleich darauf öffnete sich eine Tür vor ihm, und die Richter erschienen wieder. »Nichtschuldig!« Mehr hörte er nicht. Er nahm alle Kraft, die er besaß, zusammen. Er wollte sich nicht ein zweites Mal schwach zeigen. »Ein Glas Brandy,« murmelte er. Der Advokat nahm ihn am Arm und führte ihn aus dem Gerichtssaal ins Freie. Dort sah er sich plötzlich von einer jubelnden Menge umringt: »Hurra für den alten Büchner!« Zwanzig Hände streckten sich ihm entgegen, Prati, der erregbare Südländer, weinte laut und sprach in seiner Aufregung italienisch. In der ganzen Versammlung war nur ein Gesicht, das nicht freudig bewegt war: das des Freigesprochenen. Dieser blickte stumm und anscheinend teilnahmlos um sich und sagte endlich leise: »Bitte, meinen Chair«. Der Tragstuhl war sogleich bereit, und die vier starken Kulis trabten mit ihrer Last davon. »Wohin, Master?« »Zu Frau Onslow!« Als er durch den Garten getragen wurde, der vor Frau Onslows Hause lag, erblickte er auf der Veranda die lichte Gestalt Ediths. Sie eilte ihm entgegen, aber einige Schritte vor ihm blieb sie stehen und wurde so bleich wie er. »O Georg, o Georg! Ist es möglich? Sprich! Sag', daß ich mich irre!« Aber er konnte nicht sprechen, es war ihm, als müsse er ersticken. – »Meine Edith, meine einzig geliebte, gute, arme Edith!« brachte er endlich hervor. Da brach das Mädchen mit einem leisen Aufschrei zusammen. Ihre Ohnmacht gab ihm seine Kraft wieder. Er nahm sie und trug sie auf die Veranda, und in demselben Augenblick erschien bei Frau Onslow. »Freigesprochen!« sagte Büchner kurz, und dann bemühte er sich mit Frau Onslow um die Ohnmächtige. »Lassen Sie uns einen Augenblick allein,« sagte diese ruhig! »das wird schnell vorübergehen. – Rufen Sie das Kammermädchen: sie soll kaltes Wasser und Eau de Cologne bringen.« Büchner entfernte sich schleunigst und tat, wie ihm geheißen war. Dann sah er am äußersten Ende der Veranda, wie die zwei Frauen mit der Leidenden beschäftigt waren; aber er wagte sich nicht in ihre Nähe. Die Kammerfrau kam und ging. Frau Onslow drehte ihm beharrlich den Rücken und verdeckte mit ihrer breiten Gestalt die vor ihr liegende Edith. Endlich wandte sie sich um, und durch ein freundliches Zeichen des milde lächelnden Hauptes beschied sie Büchner in ihre Nähe. Vor ihm, mit aufgelösten, feuchten Haaren und bleichem Antlitz, aber mit einem Ausdruck innigen Glücks in den großen Augen, lag seine Braut. »Du böser Mann,« sagte sie, »wie du mich erschreckt hast!« »Aber womit denn, mein Kind? Ich begreife nicht.« »Du sahst aus, als ob man dich verurteilt hätte.« »Um Gotteswillen! Sag' das nicht. – Wie konntest du es nur denken?« Er fuhr schaudernd zusammen. »Nun ist alles gut. Gib mir deine Hand, mein guter, alter, großer Georg.« Einen Monat lang schien es, als ob alles gut werden wollte. Büchners Freunde wetteiferten während dieser Zeit miteinander, ihm zu zeigen, daß er ihr Vertrauen nicht verloren habe. Er empfing zahlreiche Einladungen von ihnen, bis bekannt wurde, er fühle sich noch angegriffen von der Aufregung der letzten Wochen und wünsche bis zu seiner Verheiratung zurückgezogen zu leben und nur mit seiner Braut und Frau Onslow zu verkehren. Das fand man in Ordnung und ließ ihn unbehelligt. Der einzige, der sich nicht aus seiner Nähe vertreiben lassen wollte, war Prati, der sich auch mit Frau Onslow befreundet hatte, und der keinen Tag vorübergehen ließ, ohne mit Büchner in dessen oder Frau Onslows Wohnung zusammenzutreffen. Prati zeigte sich eifrig bemüht, eine Versöhnung zwischen Rawlston und Büchner herbeizuführen. Aber in dieser Beziehung scheiterte alle Beredsamkeit an Büchners entschieden ablehnender Haltung. Hätte sich Edith mit ihm verbunden, so wäre es den beiden vielleicht gelungen, Büchners Starrsinn zu beugen; aber das junge Mädchen stand auf Seite ihres Verlobten. »James hat sich zu schlecht benommen,« sagte sie. – »Es ist unmöglich, daß Georg ihm jetzt schon verzeihe. Heute könnte es sich doch nur um eine Scheinversöhnung handeln. Ich selbst möchte meinem Bruder noch nicht wieder gegenübertreten ... Später vielleicht, aber heute nicht.« »Aber mein liebes, gnädiges Fräulein, seien Sie doch nicht so hart,« entgegnete Prati. »Dem reuigen Sünder gegenüber soll man Barmherzigkeit üben. Und wenn Sie wüßten, wie reumütig Ihr armer Bruder ist! Sie sind eine gute Schwester! Sehen Sie denn nicht, daß Sie ihn unglücklich machen, daß Sie ihm seine Stellung hier verderben? Denn keiner von Büchners Freunden will mit ihm umgehen, so lange Sie nicht mit ihm verkehren.« »Das tut mir leid,« antwortete Edith, »aber er hat sich zu schlecht benommen. Bedenken Sie doch, daß er mich gewaltsam von Georg losreißen wollte. Wie konnte er ihn je eines Diebstahls für fähig halten! – Nein, es geht wirklich nicht! Wir können vorläufig nicht zusammentreffen.« »Und der Brief, den er an den Untersuchungsrichter geschrieben hat? Zeigt er nicht deutlich, was er von Büchner stets gehalten?« »Lieber Herr Prati, lassen wir das! Sie haben die besten Absichten. Ich bin Ihnen dankbar für alle Freundschaft, die Sie uns in dieser schweren Zeit erwiesen haben und noch erweisen möchten. Ich bin Ihnen auch für Ihre Freundschaft zu meinem Bruder dankbar. Aber alles, was Sie sagen und tun könnten, macht nicht ungeschehen, daß James mir ins Gesicht gesagt hat, Georg sei ein Dieb. Ich wünschte, der Tag möchte bald kommen, wo ich das vergessen habe; heute wäre es mir unmöglich, nicht daran zu denken, wenn ich ihn sähe, und solange ich dies fühle, ist es besser, wir gehen ein jeder unsere eigenen Wege.« Rawlston fühlte sich so unglücklich über die Wendung, welche die Dinge genommen hatten, daß er eines Tages den Entschluß faßte, China auf längere Zeit zu verlassen. Es schmerzte ihn, daß er an dem Tage der Verheiratung seiner Schwester in Schanghai sein sollte, ohne der Vermählung beizuwohnen, und er bereitete sich darauf vor, nach Amerika abzusegeln. Dort und in Europa wollte er ein Jahr oder länger verweilen, während seiner Abwesenheit überließ er seinen Vertrauensmännern, den Herren Wallice und Prati, die Leitung des Geschäfts. Er wußte, daß er sich auf die Sachkenntnis, Vorsicht und Ehrlichkeit dieser bewährten Diener seines Hauses vollständig verlassen konnte. Zwei Tage vor der Abreise schrieb er einen herzlichen Brief an Edith. Er sagte darin, er wäre sich nicht bewußt, ihr ein Unrecht zugefügt zu haben. Was er getan, das sei aus Liebe für sie, aus Furcht, sie könne unglücklich werden, geschehen. Wenn er sie dadurch beleidigt habe, so betrübe ihn das in tiefster Seele, denn es lebe niemand auf der Welt, der ihm seine Schwester je ersetzen könnte; sie werde in ihm stets einen treuen Bruder finden, und er bäte sie, ihm eine gute Schwester zu bleiben. In der Dunkelheit ließ sich Edith durch Frau Onslow zu ihrem Bruder begleiten. Tief verschleiert, so daß sie von den Dienern nicht erkannt wurde, betrat sie sein Zimmer, während Frau Onslow in einem Nebengemach auf sie wartete. Sie fiel ihm um den Hals und sagte: »Nur wenige Worte, James. Zwischen uns beiden kann kein Haß leben. Ich bin und bleibe deine treue Schwester. Aber das darf heute niemand wissen als du und ich und Frau Onslow. Lebe wohl! Auf Wiedersehen! Möge es dir nur gut gehen!« »Ein Wort, Edith,« sagte Rawlston. »Nein, James, laß mir meinen Frieden! Es ist unrecht von mir, daß ich ohne Georgs Erlaubnis zu dir gekommen bin. Aber ich konnte nicht anders: es war mir unmöglich, dich scheiden zu sehen, ohne mich mit dir versöhnt zu haben. Aber weiteres Unrecht will ich nicht tun. Also lebe wohl, mein lieber, lieber Bruder!« – Sie umarmte ihn noch einmal, »schreibe an Georg, aber sprich nicht von unserer Zusammenkunft!« Und gleich darauf war sie verschwunden. – Der Auftritt hatte kaum zwei Minuten gedauert. Zwei Tage später brachte Prati dem langen Holländer einen Brief. Dieser erkannte auf dem Umschlag die Handschrift Rawlstons und behielt das Schriftstück unentschlossen in der Hand, die leise zitterte. »Nun, lesen Sie nur! Unangenehmes enthält das Schreiben nicht, soviel ist gewiß. Rawlston ist heute früh nach Kalifornien abgesegelt.« Darauf erbrach Büchner den Brief. Er enthielt folgende Zeilen: »Geehrter Herr! Ich will Schanghai nicht verlassen, ohne Ihnen zu Ihrer bevorstehenden Vermählung mit meiner Schwester meine Glückwünsche darzubringen. Das Schicksal hat Sie in letzter Zeit hart verfolgt; aber indem es Ihnen die Liebe Edith Rawlstons gab, war es gütig für Sie, und dessen freue ich mich. – Glauben Sie an meine unveränderliche freundschaftliche Gesinnung. – Aufrichtig der Ihrige J. R.« In Büchners Gesicht bewegte sich während des Lesens dieses Briefes kein Muskel, Prati, der ihn aufmerksam beobachtet hatte, schien etwas anderes erwartet zu haben und sagte verdrießlich: »Es ist wirklich nicht leicht, Sie zufrieden zu stellen.« Büchner sah seinen Freund eine Weile groß und stumm, abwesenden Blickes an, dann erwiderte er leise: »Es kann nie wieder gut werden.« Darauf fuhr er, wie im Selbstgespräch, fort: »Heute Nacht träumte mir, ich sei verurteilt worden und säße im Gefängnis. Das war nicht schlimmer, als was da ist.– Am liebsten wäre ich ganz allein, weit von hier und sähe niemand, der mich kennt.« »Wie können Sie so undankbar und ungerecht sein! Auch Edith Rawlston möchten sie nicht mehr sehen?« »Es wäre besser für sie, ich sähe auch sie nicht wieder,« sprach er finster. Er erhob sich langsam, strich sich mit der Hand über die heiße Stirn und näherte sich dem Tisch, auf dem eine Flasche stand. Prati folgte seinen Bewegungen mit aufmerksamen Blicken. – Der lange Holländer nahm wieder einmal eine starke Dosis der von ihm beliebten Medizin gegen Unruhe und Traurigkeit. »Sie trinken reinen Brandy bei dem heißen Wetter?« bemerkte Prati. »Tun Sie das nicht; Sie schaden Ihrer Gesundheit. Ich trinke nie etwas Aufregenderes als Rotwein und Wasser.« Büchner hatte das Glas bedächtig geleert und atmete befriedigt auf. »Ich trinke auch nichts Aufregendes, lieber Freund,« sagte er in freundlichem Tone – »Beruhigendes!« »Aber Brandy kann Sie doch nicht beruhigen!« Der andere nickte verschiedene Male und blinzelte dabei verständnisvoll mit den Augen, worauf Prati sich mit sorgenschwerem Gesicht entfernte. – Die Zuneigung, die der Italiener zu dem langen Holländer gefaßt hatte, war geradezu rührend, und dabei war Prati nicht etwa ein Mensch, der sein Herz auf der Hand jedermann entgegentrug: er erschien im Gegenteil als ein recht zurückhaltender kleiner Mann, der wohl wegen seiner Höflichkeit und Gefälligkeit beliebt war, aber früher keinen vertrauten Freund im ganzen »Settlement« besessen hatte. Wenige Tage später fand die Vermählung zwischen Edith Rawlston und Georg Büchner in Frau Onslows Hause statt. Auf Büchners Wunsch waren nur wenige Einladungen zu der Feier ausgesandt worden, aber Prati hatte dabei natürlich nicht gefehlt. – Das junge Paar machte eine Hochzeitsreise von vier Wochen nach Nagasacki und kehrte sodann nach Schanghai zurück. Prati und Frau Onslow benutzten diese Zeit, um die neue Wohnung einzurichten, die Büchner in einem stillen Viertel der fremden Niederlassung gemietet hatte. Es war ein hübsches, neues, kleines Haus, das Prati vor etwa sechs Monaten gekauft hatte, und das er seinem Freunde zu einer verhältnismäßig billigen Miete überlassen konnte. Er hatte nämlich mit dem Ankauf des Hauses ein gutes Geschäft gemacht, und es lag ihm besonders daran, einen ordentlichen Mieter dafür zu finden. Er konnte sich deshalb mit einem bescheidenen Zins begnügen. Büchner war mit dieser Anordnung wohl zufrieden, denn er mußte sich zunächst einfach einrichten. Das kleine Vermögen von achttausend Dollars, das er sich erspart hatte, lag auf dem amerikanischen Konsulat »zur freien Verfügung der Herren Rawlston u. Co.«, und er hatte, seitdem er seine alte Stelle verlassen, noch keine Beschäftigung gefunden. Das machte ihm jedoch wenig Sorge, denn er hatte nur zu wählen zwischen einem halben Dutzend guter Anstellungen, die ihm angeboten waren und wußte, daß er jeden Tag mit Leichtigkeit soviel verdienen könnte, wie er gebrauchte, um mit Edith ohne Geldsorgen zu leben. Einstweilen machte er ruhig von dem Kredite Gebrauch, den Prati ihm als etwas ganz Selbstverständliches eröffnet hatte. Alle diejenigen seiner Bekannten, die wohlhabend genug dazu waren, hätten dasselbe getan; denn man war damals in Geldsachen nicht kleinlich in Schanghai, wo das Geschäft blühte und das Geld sozusagen auf der Straße lag. Ediths Mitgift betrug fünfzigtausend Dollars. Sie hatte darüber freie Verfügung, denn dies Geld war ihr Anteil aus der Hinterlassenschaft der verstorbenen Eltern. Büchner hatte mit seiner Braut nie ein Wort über deren Vermögensverhältnisse gewechselt. Erst als es sich darum handelte, den Heiratskontrakt aufzusetzen, kam die Sache zur Sprache. Der amerikanische Konsul, ein scharfer Geschäftsmann, stellte nach kurzer Unterredung mit Büchner und dessen Braut fest, wie die Sachen lagen: Edith besaß, wie gesagt, bare fünfzigtausend Dollars – Büchner schuldete an Prati etwa dreitausend. Das Mißverhältnis war so groß, daß Büchner darüber eine gewisse Beschämung empfand und dem Konsul, der den Heiratskontrakt aufsetzen wollte, errötend sagte, selbstverständlich werde das Vermögen seiner Frau deren Privateigentum bleiben. »Also keine Gütergemeinschaft?« fragte der Konsul schnell. »Nein, sicherlich nicht!« Edith erhob dagegen zunächst lebhaften Einspruch. Der Konsul schwieg dazu und saß, die Augen geschlossen, anscheinend teilnahmlos da, während das junge Mädchen mit Entrüstung den Gedanken zurückwies, daß zwischen ihr und Büchner in Zukunft nicht alles gemeinschaftlich sein sollte. Aber Frau Onslow hatte richtiges Verständnis für die Empfindungen ihres Günstlings und sagte ruhig und ernst: »Edith, du mußt nachgeben, was Herr Büchner vorschlägt, gereicht ihm zur Ehre und ist recht. Erschwere ihm nicht, seine Pflicht zu tun.« Darauf wurde die Angelegenheit so geordnet, wie Büchner es gewünscht hatte. Das junge Ehepaar hätte nun mit den Zinsen der fünfzigtausend Dollars, wenn auch einfach, so doch bequem leben können: denn Edith, die als Mädchen sehr anspruchsvoll gewesen war, schien die bescheidenste Frau werden zu wollen; aber es erhob sich eine neue Schwierigkeit. Das Geld war bei Ediths Bruder, im Hause Rawlston u. Co., niedergelegt, und Büchner weigerte sich, auch nur einen Cent von dem Kapital oder von den Zinsen darauf zu entnehmen. Prati, Herr und Frau Onslow und Edith erklärten das für töricht und redeten sich müde, um Büchner zur Vernunft zu bringen. Aber es zeigte sich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, daß Büchner außerordentlich eigensinnig sein konnte. »Unter keiner Bedingung darfst du einen Heller von dem Gelde nehmen,« sagte er. »Es ist dies mein ausdrücklicher Wille.« Und davon war er nicht abzubringen. Ja, er zeigte sich bald so erregt, daß die vier, die auf ihn einredeten, eingeschüchtert wurden und das Gespräch abbrachen. »Das fehlte gerade noch!« murmelte Büchner ergrimmt vor sich hin. »Ich hoffe imstande zu sein, meine Frau auch ohne das Rawlstonsche Vermögen zu ernähren. Jedenfalls will ich es versuchen und für meine Person lieber Hungers sterben, als das Geld anrühren.« Edith war einen ganzen Tag über diesen Auftritt unglücklich, wie konnte Georg nur so heftig sein! Er hatte im Zorn gesprochen, und die Blicke, die er auf sie geworfen, waren feindlich gewesen. Aber die Liebe verzeiht alles! – Ja, Georg hatte ganz recht. Edle, männliche Gesinnung machte ihm den Gedanken verhaßt, daß es scheinen könne, er lebe auf Kosten seiner Frau. Es war unrecht gewesen, ihm dies nur einen Augenblick zuzumuten. Frau Onslow war zu gut, um sich über diese Sinnesänderung von Edith nicht zu freuen. Sie streichelte der schönen, jungen Frau sanft die Wangen und sagte: »Du hast ganz recht: tue und verlange nie etwas, was deines Mannes Stolz verletzen könnte. Er ist in dieser Beziehung krankhaft empfindlich. Dies ist aber kein Unglück, und mit der Zeit wird sich das wieder ändern. Du bist jung und kannst es abwarten.« Der Auftritt schien bald aus aller Gedächtnis geschwunden zu sein; jedenfalls sprach niemand mehr davon. Einstweilen lebte Büchner von dem Gelde, das Prati unaufgefordert zu seiner Verfügung stellte. In dem neuen kleinen Büchnerschen Hause sah es, dank Frau Onslows und Pratis Bemühungen, wohnlich und hübsch aus. Büchner besaß von alters her eine gute Einrichtung für zwei Zimmer. Weder er noch Edith waren während der Verlobungszeit in der Stimmung gewesen, die Einkäufe zu machen, welche zur Umwandlung der Junggesellenwirtschaft in eine häusliche Einrichtung für Mann und Frau notwendig waren. Man hatte übrigens damals in Schanghai keine große Wahl. Alle Welt besaß dieselben schwarzen, schweren Kanton-Möbel im Salon, dieselben hellbraunen Ningpo-Betten, Tische und Stühle im Schlafzimmer, und dieselben Pinang-Sessel auf der Veranda. Es handelte sich nur darum, ob man das Allerbeste oder weniger Gutes nehmen wollte. Darüber entschied der Geldbeutel allein, und Büchner hatte sich deshalb damit begnügen können, Prati und Frau Onslaw die Summe zu nennen, die er zu deren Verfügung stellen konnte, um alles anzuschaffen, was noch an Möbeln und Wäsche zur Vervollständigung der Einrichtung gebraucht wurde. Es war erstaunlich, wie gut Frau Onslow und Prati eine verhältnismäßig geringfügige Summe angewandt hatten, denn es fehlte in der neuen Einrichtung an nichts Notwendigem – und alles Vorhandene war vom Besten. Die Möbel für den Salon, die Prati besorgt hatte, waren zu einem Spottpreise erstanden worden. Im gewöhnlichen Handel wären sie das Doppelte und Dreifache des von Prati dafür gezahlten Preises wert gewesen. Dieser hatte Frau Onslow mitgeteilt, als sie sich bei Ankunft der prächtigen Tische, Schränke und Stühle etwas beunruhigt gezeigt, er habe einen Gelegenheitskauf machen können – bei einem ruinierten Möbelhändler. Frau Onslow war darüber höchlich erfreut und machte dabei die philosophische Bemerkung, daß des einen Unglück oftmals des andern Glück sei. Als es schließlich an die Ausschmückung der Wohnung kam, leisteten die hübschen Hochzeitsgeschenke: alte Vasen, Pariser Uhren, japanische und chinesische Kabinette, französische Lampen und silberne Leuchter und Pokale aus Kanton – vortreffliche Dienste, und Frau Onslow und Prati konnten sich rühmen, gute Arbeit getan zu haben, als sie am Tage vor Büchners Rückkehr den letzten Rundgang durch die niedliche Wohnung machten und alles daselbst in schönster Ordnung fanden. 5. Die »Costarica« aus Nagasacki langte rechtzeitig im Hafen von Schanghai an. Prati hatte sich an Bord begeben, um Büchners abzuholen, während Frau Onslow die Heimkehrenden in der neuen Wohnung erwarten wollte. Die Freude des Wiedersehens war jedoch nicht groß. Büchner schien wenig verändert; aber er hatte eben vor seiner Hochzeit schlecht genug ausgesehen, und seine Freunde hatten erwartet, er werde während der Reise sein altes, gutes, offenes Gesicht wieder bekommen, das überall, wo es sich gezeigt, Wohlwollen und Vertrauen erweckt hatte. – Nein. Das alte Gesicht war nicht wiedergekommen. Büchner drückte Prati herzlich die Hand, als dieser ihn bewillkommnete; aber seine Züge blieben ernst und starr, und sein ganzes Aussehen war das eines Mannes, der eine schwere Krankheit überstanden und sich noch lange nicht erholt hat. Noch trauriger fühlten sich Büchners Freunde durch Ediths Anblick berührt. Aus dem heiteren frischen Mädchen mit den lachenden Augen und dem lachenden Munde war eine stille Frau geworden, der die Tränen in die Augen traten, als Frau Onslow sie umarmte und sie »meine liebe Tochter« nannte. Prati und Frau Onslow sahen sich betroffen an, und die Freude, die sie sich davon versprochen hatten, den Neuvermählten die Einrichtung der Wohnung in allen Einzelheiten zu zeigen, war ihnen gründlich verdorben. »Was mag geschehen sein?« fragte Prati Frau Onslow. Die gute Dame zuckte die Achseln, sie stand vor einem Rätsel: zwei junge Leute, die sich aus reiner Liebe geheiratet hatten, und die einen kurzen Monat nach der Hochzeit so gemessen und ernst dreinschauten, wie Georg und Edith! – Es war unerklärlich. Sie beschloß, Edith in die Beichte zu nehmen, und tat dies auch schon am nächsten Tage, als die junge Frau ihrer alten Freundin einen Besuch abstattete. Aber das diplomatische Verhör brachte keine vollkommene Aufklärung. »Nun, mein Rind, wie war es in Nagasacki?« »Es ist das lieblichste Land der Erde: die schöne Bai, die freundliche, helle Stadt, die herrliche Umgegend, die artigen Leute! Ich hätte immer dort bleiben mögen.« »Und wie hat es Georg gefallen?« »Ausgezeichnet.« »Ich finde, er sieht noch immer etwas niedergeschlagen aus.« »Ach ja, leider ...« »Er war doch freundlich gegen dich?« »Freundlich? – Ein Engel ist er an Herzensgüte, der beste Mann der Welt!« »Es freut mich und beruhigt mich, dich so sprechen zu hören; denn offen gesagt, ich finde, daß auch du nicht ganz wohl aussiehst.« Darauf antwortete Edith nicht. »Fehlt dir etwas, mein Kind?« »Nein, mir fehlt gar nichts ... nur ... nur ... es macht mich natürlich traurig, Georg noch immer so still und ernst zu sehen. Aber nicht wahr! Das muß sich doch mit der Zeit ändern, und er wird wieder der Alte werden?« »Natürlich,« beruhigte Frau Onslow. »... Also sicher, meine liebe Edith, du verheimlichst mir nichts? Er ist gut gegen dich? Du bist glücklich?« »Er ist der beste Mann der Welt.« Das war soweit ganz befriedigend – aber Frau Onslow hatte doch das Gefühl, daß ihr irgend etwas verschwiegen wurde. Sie tröstete sich damit, daß dies ihrem Scharfsinn nicht lange verborgen bleiben könnte. Bald nach seiner Rückkehr nach Schanghai hatte Büchner sich um die gutbezahlte Stelle eines Buchhalters in dem Hause des Herrn Francis Morrisson beworben und diese bekommen. Er war infolgedessen täglich von morgens neun bis nachmittags fünf Uhr von seiner jungen Frau getrennt, denn er nahm sein zweites Frühstück in einem kleinen Zimmer ein, das ihm sein neuer Prinzipal in dem geräumigen Geschäftshause zur Verfügung gestellt hatte. Seine Kollegen frühstückten gemeinschaftlich in der » Junior mess « (Tisch für die jüngeren Mitglieder des Hauses) oder gingen in den nahegelegenen Klub, wo sie Freunde und Bekannte antrafen. Die einsamen Mahlzeiten Büchners wurden bald vielfach besprochen. »Er trinkt,« so hieß es. – Man bedauerte seine arme Frau, die natürlich darunter zu leiden haben mußte, und im Verhältnis, wie die Sympathie der Gemeinde für diese wuchs, verminderte sich das Wohlwollen für Büchner. Dazu kam, daß dieser in schroffer Weise gegen die ersten Regeln der Höflichkeit, die in der Kolonie streng beobachtet wurden, verstoßen hatte. – Die verheirateten Frauen und Männer warteten noch immer vergeblich auf den Antrittsbesuch der Neuvermählten. Diese ließen sich nirgends blicken. Frau Onslow, die überall umherkam und sich angelegen sein ließ, freundliche Gesinnungen für das junge Paar zu erwecken, bemühte sich vergebens, den groben Etikettefehler damit zu entschuldigen, daß Büchner noch nicht wohl genug sei, um in Gesellschaft gehen zu können. Man bezeichnete das als eine leere Ausrede. Ein Mann, der täglich seinen Geschäften obliegen könne, sei auch in der Lage, seinen gesellschaftlichen Pflichten nachzukommen. Er wäre das schon seiner Frau schuldig! Aber es sei klar, daß er sich nicht sonderlich um deren Wohlergehen kümmere. Früher wäre es eine Freude gewesen, sie anzutreffen, alles an ihr hätte damals gelacht und gelebt; jetzt täte es einem weh, wenn man ihr vergrämtes Gesichtchen sähe. Büchner bekam dies und manches Ähnliche durch Frau Onslow wieder zu hören; denn wenn seine Freundin ihn auch den andern Mitgliedern der Kolonie gegenüber entschuldigte, so teilte sie in ihrem Herzen vollkommen die Ansicht von Büchners Anklägern und bemühte sich, jenen zu veranlassen, das Versäumte nachzuholen. »Ich begreife nicht,« sagte sie, »daß Sie den Leuten die kleine Genugtuung nicht geben wollen. Setzen sie sich einen Nachmittag in meinen Wagen und machen sie die Runde von Schanghai: in drei Stunden und mit einem oder zwei Dutzend Visitenkarten haben sie alles getan, was man van Ihnen verlangt.« »Später!« antwortete Büchner kurz. Frau Onslow besaß die Ausdauer großer Redner. Sie wurde nicht müde, wiederholt auf denselben Gegenstand zurückzukommen, bis Büchner eines Tages ungeduldig wurde. »Ich weiß nicht, weshalb Sie mich zwingen wollen, zu den Leuten zu gehen, die mich doch nur aus Gnade und Barmherzigkeit empfangen! – Verwünscht sei ihr Mitleiden! – Oder verlangt Edith etwa danach?« Edith äußerte überhaupt nur noch selten einen Wunsch. Sie war eine zurückhaltende, stille Frau geworden, die über nichts klagte, die auf Frau Onslows Frage über die Ursachen ihrer Traurigkeit ausweichende Antworten gab, aber die schon bei verschiedenen Gelegenheiten von ihrer alten Freundin mit rotgeweinten Augen angetroffen worden war. »Was fehlt dir?« fragte Frau Onslow. »habe doch Vertrauen und sage mir, was vorgeht. Ich bin eine alte erfahrene Frau, vielleicht kann ich helfen.« »Es fehlt mir nichts,« antwortete Edith. »Ich bin nur traurig, weil ich glaube, daß Georg kränkelt. Der große Mann ißt nicht mehr als ein kleines Kind; und dann kann er des Abends nie zur Ruhe kommen, und des Morgens, wenn er aufsteht, ist er todmüde und niedergeschlagen. Ich weiß nicht, wie das enden soll. Ich tue ihm zuliebe, was ich ihm von den Augen absehen kann, und er ist so dankbar dafür, so dankbar, liebe Frau Onslow. Aber ich sehe wohl, daß ich ihn nicht glücklich mache. – Ist das nicht Grund genug, um traurig zu sein?« Die Kolonie von Schanghai lernte bald, sich ohne Herrn Büchner und seine Frau zu behelfen. Hier und da fiel noch ein unfreundliches Wort über ihn, ein Ausdruck des Bedauerns über sie; aber im allgemeinen hörte man auf, sich um die beiden zu kümmern. Langsam jedoch, einer schleichenden bösen Krankheit gleich, trat der alte Verdacht gegen Büchner wieder hervor. Die Gesellschaft suchte nach einem Grund, um den verschmähen zu können, der sich so wenig aus ihr machte, und so war es wohl zu erklären, daß manchmal eine peinliche Andeutung laut wurde: ob Büchner nicht vielleicht ein schlechtes Gewissen habe, da er sich in der Gesellschaft anständiger Leute nicht mehr wohl fühle. – Es waren die Böswilligen allein, die so sprachen; aber es fand sich auch unter den Gutmütigen niemand, um den Abwesenden zu verteidigen. Er hatte eben nach und nach das Wohlwollen seiner Mitbürger verloren. Frau Onslow und Prati machten sich deswegen große Sorge und unterhielten sich häufig und lange über das Los ihrer jungen Freunde. Als die beiden eines Abends zusammensaßen und das für sie unerschöpfliche Thema wieder aufgenommen hatten, sagte Frau Onslow nach längerem Nachdenken: »Wissen Sie, Herr Prati, was Büchner fehlt?« Dieser blickte die Sprecherin etwas verwundert an, denn seit einer Stunde hatten sich beide den Kopf über dieselbe Frage zerbrochen. »Ich will es Ihnen sagen,« fuhr Frau Onslow mit großer Bestimmtheit fort: »Es ist mir jetzt klar geworden: Büchner fühlt, daß er in den Augen mancher doch noch nicht wieder so rein dasteht, wie vor dem unglücklichen Diebstahl. Er wird erst wieder ruhig und froh werden, wenn man den Übeltäter entdeckt hat. Leider wird das mit jedem Tage unwahrscheinlicher. Die Polizei hat längst aufgehört, auf ihn zu fahnden, selbst melden wird sich der Elende natürlich nicht, daß ein Zufall die Wahrheit ans Licht bringen sollte, ist in hohem Grade unwahrscheinlich – und so fürchte ich denn, daß Büchner sich hier nie wieder wohl fühlen wird. Wir sollten deshalb darüber beraten, ob es nicht besser wäre, ihn aus einer Umgebung zu schaffen, wo ihn jeder Stein an die dunkle Sache erinnert, und wo er in jedem Gesichte eine stumme Anklage liest. Glauben Sie mir, er traut in dieser Beziehung niemand: weder Ihnen, noch mir, noch meinem Mann; er traut nicht einmal seiner Frau. Erinnern Sie sich, daß er wiederholentlich Anspielungen auf deren Ohnmacht gemacht hat, als sie einen Augenblick fürchtete, er sei verurteilt worden. Er hat einmal mit mir darüber gesprochen – nicht etwa ausführlich – das ist ja überhaupt nicht mehr seine Art. Er warf ein paar bittere Worte hin, die ich aber aufnahm, um sie ihm als eine grausame Ungerechtigkeit gegen seinen Engel von Frau vorzuhalten. Ich sagte ihm, Edith sei an jenem Tage ohnmächtig geworden, weil sie gefürchtet hätte, es sei eine Art Justizmord an ihm begangen worden. An seiner Unschuld hätte sie nie eine Sekunde gezweifelt, und sie würde ihren Glauben an ihn bewahrt haben, auch wenn die Richter ihn zehnmal verurteilt hätten. Er antwortete nicht, aber in seinem Gesicht las ich deutlich die alten Zweifel. Er ist ein halsstarriger Mensch in allem, was er tut und will; aber nirgends ist sein Trotz unglücklicher für ihn und für die arme Edith, als in seinem Unglauben an das Vertrauen der Menschen zu ihm. Das ist seine ganze Krankheit. Glauben Sie mir: an dem Tage, an dem der Dieb entdeckt sein wird – ein Tag, den wir aber wohl leider nicht erleben werden – erst an dem Tage wird Büchner wieder gesunden.« Prati hatte still zugehört und schwieg. Der berühmte Onslowsche Redefluß ergoß sich breit und ruhig. Der Italiener aber schien nicht mehr darauf zu achten. Er blickte sinnend vor sich hin. Nach einer Weile – Frau Onslow hatte den besonderen Fall Büchner längst verlassen und sprach gerade von der Liebe im allgemeinen, nachdem sie sich in einer Reihe sinnreicher Betrachtungen über den Trotz der Männer und die Milde edler Frauen ergangen hatte – nach einer langen Weile unterbrach Prati sie plötzlich: »Sie irren sich!« Frau Onslow hatte soeben mit vielem Gefühle ein schönes Gedicht hergesagt, in dem die Allgewalt der Liebe besungen wird, und der unerwartete Widerspruch des Italieners erfüllte sie mit Entrüstung. Sie hatte für eine gute Sache zu kämpfen und sie kämpfte mit Feuereifer. Ihre leidenschaftlichen Worte, die den kleinen Italiener niederschmettern sollten, erfüllten ihn aber nur mit großem Erstaunen, und diese Verwunderung war auf seinem beweglichen Gesicht so deutlich zu lesen, daß Frau Onslow plötzlich unaufgefordert innehielt. »Verzeihung,« sagte Prati, die Pause schnell benutzend, »wir verstehen uns nicht mehr. – Ich dachte darüber nach, daß sie gesagt hatten, die Entdeckung des Diebes würde Büchner retten, und da erlaubte ich mir die Bemerkung, Sie irrten vielleicht.« Frau Onslow war schnell wieder besänftigt. »So,« sagte sie, »das ist in der Tat etwas anderes. Aber wie konnte ich glauben, daß Sie mir auf etwas antworteten, was ich vor einer halben Stunde gesagt hatte.« »Ihre Worte hatten tiefen Eindruck auf mich gemacht und mich während der ganzen Zeit beschäftigt,« erklärte Prati. Das schmeichelte Frau Onslow. Sie war vollständig versöhnt, und Prati konnte auf geneigtes Gehör bei ihr rechnen. »Weshalb glauben Sie, daß ich mich irre?« fuhr sie fort. »Ich bin begierig, Ihre Gründe zu hören.« Der kleine Italiener blickte an Frau Onslow vorbei zum Fenster hinaus, wie einer, der seine Gedanken sammeln und gut beisammen halten will, und sagte mit einem Ausdruck tiefen Nachsinnens: »Um diese Frage zu beantworten, muß ich Ihnen eine kleine Geschichte aus meiner eigenen Erfahrung erzählen. Es ist eine alte Geschichte. Sie ereignete sich vor ... vor zwanzig Jahren etwa, als ich noch ein Kind war, und Sie müssen entschuldigen, wenn ich sie vielleicht etwas unklar vortrage. Sie ist mir nicht mehr ganz deutlich im Gedächtnis; aber sie paßt auf den vorliegenden Fall. – Urteilen Sie selbst.« Prati sprach langsam, wie einer, der in seinem Gedächtnis nach etwas sucht, das jahrelang daraus verschwunden war. »Es war in Bergamo – ich selbst bin nicht aus Bergamo, ich bin ein Mailänder, aber ich hatte Verwandte in Bergamo, die seitdem gestorben sind und die ich während der Schulferien manchmal besuchte. Was ich Ihnen erzähle, ereignete sich also in Bergamo. – »Dort lebten zwei Brüder, deren Familiennamen ich vergessen habe. Der älteste hieß Josef, glaube ich, der jüngere Anselm. Diese beiden liebten sich zärtlich und waren immer beisammen. Sonst hatten sie nicht viel Freunde, weil sie sich eben um niemand als um sich selbst kümmerten. Da wurde eines Nachts ein großer Diebstahl verübt in dem Erdgeschoß des Hauses, das die beiden bewohnten. Der Verdacht, das Verbrechen begangen zu haben, lenkte sich auf sie. Weshalb? Das weiß ich nicht mehr genau – aber es war ein schwerer Verdacht. Der ältere Bruder wurde nur wenig behelligt. Er konnte irgend etwas anführen, was seine Unschuld klar bewies – ein Alibi vielleicht – aber das tut nichts zur Sache. Kurz und gut, der jüngere Bruder allein wurde verhaftet und zur Untersuchung gezogen. Dabei stellte es sich nun zwar heraus, daß dieser den Diebstahl wohl hätte verüben können, aber weiter nichts; und da seine Vergangenheit rein war, so wollte man ihn auf einen bloßen Verdacht hin nicht verurteilen und sprach ihn frei. – Die beiden Brüder waren, wie gesagt, nicht eben beliebte, gesellige Menschen, aber es waren angesehene junge Männer. Sie stammten aus guter Familie, sie waren nicht unbemittelt und hatten vornehme und reiche Verwandte. Diese nun waren stolze Leute und fühlten sich so gekränkt dadurch, daß man ihren Namen in den Zeitungen mit einem Diebstahl in Verbindung gebracht hatte, daß sie ihre Beziehungen zu den beiden Brüdern abbrachen. Am meisten litt natürlich der beargwöhnte jüngere Bruder Anselm darunter, dem auch trotz des freisprechenden Urteils persönliche Kränkungen nicht ganz erspart blieben. Er nahm sich das sehr zu Herzen und wurde schwermütig. Da war es denn nun rührend, wie Joseph seinen kranken Bruder pflegte. Er hütete ihn wie eine Mutter ihr Kind und wich Tag und Nacht nicht von seiner Seite. Aber alle Sorgen halfen nichts. Anselm wurde kränker und kränker, und der Arzt, der ihn behandelte, fing an, für den Verstand seines Patienten zu fürchten und sprach dies dem älteren Bruder gegenüber aus. »Was kann ich tun?« fragte Josef. – »Würden Sie eine Luftveränderung anempfehlen?« »Das würde sicherlich nichts schaden, aber ob es viel helfen würde, das bezweifle ich. In dem Zustande; in dem sich Ihr Bruder augenblicklich befindet, wird er sein Leiden überall mit sich schleppen. Es stellen sich schon Wahnvorstellungen bei ihm ein: er glaubt sich wegen des Diebstahls verfolgt. Er bedarf der sorgfältigsten Behandlung, und seine Genesung wird auch unter den günstigsten Umständen eine sehr langsame sein, es sei denn, daß der Dieb entdeckt und Ihr Bruder dadurch vollständig zu Ehren gebracht werde.« »Sie meinen, das würde ihn retten?« »Ich bin fest davon überzeugt.« »Darauf ereignete sich nun folgendes. Am Abend nach dem Essen, als die beiden Brüder wie gewöhnlich allein beisammen waren, begann Josef eine lange und verwickelte Geschichte, die mit dem Bekenntnis endete, er habe den Einbruch verübt und sei bereit, dies öffentlich zu bekennen, so daß Anselm von jedem Verdacht frei sein würde.« »Ist es möglich?« unterbrach Frau Onslow. »Und wissen sie, was Anselm darauf tat?« fuhr Prati fort. Er fiel dem andern um den Hals und brach in Tränen aus und rief: ›Mein armer Josef, was mußt du gelitten haben!‹ – ›Das sei Gott geklagt,‹ antwortete Josef; ›aber was bleibt zu tun?‹ – Da waren sie beide ratlos. Endlich beschlossen sie, das gestohlene Geld heimlich zurückzuerstatten und sodann auszuwandern. Das erstere taten sie auch, zum andern kam es nicht, wenigstens nicht für beide. – Anselm hatte nicht zugeben wollen, daß sein Bruder sich öffentlich als Schuldigen bekenne. – Was ihn gekränkt hatte, sagte er, könne doch nicht wieder gut gemacht werden; – bemerken Sie dies wohl, Frau Onslow. Daß er kein überführter Verbrecher sei, dafür zeuge seine Freisprechung, aber daß man ihn unter seinen nächsten Verwandten eines Diebstahls für fähig gehalten, das habe seine Ruhe für alle Zeiten zerstört. Morgen werde er vielleicht eines Mordes angeklagt werden. Warum nicht? Mit demselben Rechte könnte man es jedenfalls tun, mit dem man ihn des Diebstahls verdächtigt hatte. Seine Furcht, man werde ihn eines Tages unschuldiger Weise einer Missetat zeihen, wuchs immer mehr, und zuletzt wurde er geisteskrank und mußte in ein Irrenhaus gebracht werden, wo er bald darauf seinen Leiden erlag. – Josef, der sein kleines Vermögen der Pflege seines Bruders geopfert, und den die Aufregung jener bösen Zeit arbeitsunfähig gemacht hatte, verarmte. Er wanderte nach dem Tode seines Bruders aus – und seitdem hat man nichts wieder von ihm gehört.« »Das ist eine merkwürdige Geschichte,« sagte Frau Onslow nachdenklich. »Aber wie ist es bekannt geworden, daß der ältere Bruder der Dieb war, wenn Anselm das Geheimnis mit sich ins Grab genommen hatte?« »Das weiß ich nicht mehr genau,« antwortete Prati. Und nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: »Ich glaube, Josef hatte von einem fernen Weltteile her an einen seiner Verwandten geschrieben und den Sachverhalt aufgeklärt. Sein Gewissen trieb ihn, das Andenken seines verstorbenen Bruders von jedem Makel zu befreien. Sie sehen, er war kein schlechter Mensch.« »Erlauben Sie!« sagte Frau Onslow, deren unverfälschte Moral nicht leicht Zugeständnisse machte. »Er mag seinem Bruder gegenüber treu gewesen sein – aber er war ein Dieb. Und ein Dieb ist und bleibt ein schlechter Mensch.« »Sie haben ganz recht, Frau Onslow. Aber nicht wahr, dem reuigen Sünder gegenüber soll man Barmherzigkeit üben. – Und Josef hatte sein Verbrechen bitter bereut und es zu sühnen versucht. Er hatte das gestohlene Gut wieder herausgegeben, und schließlich war niemand geschädigt als er selbst.« »Und sein armer, unschuldiger Bruder,« unterbrach Frau Onslow. »Ja, das ist wahr,« sagte Prati mit einem Ton tiefer Entmutigung. »Aber das war Josefs Unglück, nicht seine Schuld. Hätte er geahnt, sein Bruder könnte für das von ihm begangene Verbrechen verantwortlich gemacht werden, so wäre es unterblieben. – Sie werden mich vielleicht leichtfertig finden, wenn ich bekenne, daß ich eine gewisse Sympathie für den älteren Bruder fühle. Ich denke mir so, daß er kein schlechtes Herz hatte. Er war vermutlich leichtsinnig, seine moralischen Grundsätze waren nicht von den festesten, und dann trat eine große Versuchung an ihn heran und er unterlag ihr: er strauchelte und fiel. – Liebe Frau Onslow! Fallen ist traurig, ist jammervoll – aber es ist verzeihlich. Liegen bleiben ist schlimm! Und wenn Josef sich nicht wieder ganz erheben konnte, so möchte ich ihn beinahe bemitleiden, denn er machte verzweifelte Anstrengungen, sich wieder aufzurichten.« Pratis sanfte Stimme war noch weicher als gewöhnlich geworden, und seine dunklen Augen schimmerten in feuchtem Glanze. Er nahm augenscheinlich lebhaften Anteil an dem Schicksale seines Josef. »Kannten Sie den Menschen,« fragte Frau Onslow, »da Sie ihn so warm verteidigen.« »Ich verteidige ihn nicht, ich versuche es, ihn zu erklären,« antwortete Prati. »Ich habe ihn niemals gesehen, ich war ein Kind, als die Geschichte sich ereignete. Aber ich erinnere mich noch, daß man ihn als einen wohltätigen, freundlichen Mann darstellte. Wenn ich vorher sagte, man solle einen gefallenen Menschen nicht unwiderruflich verurteilen, so sprach ich im allgemeinen.« »Nun,« meinte Frau Onslow, »was mich angeht, so würde ich dem Schuldigen wohl verzeihen können; aber näher treten möchte ich ihm nicht. Es gibt ehrliche Menschen, die unglücklich sind, und die stehen meinem Herzen doch näher als unglückliche Diebe. – Ein Dieb ist ein Dieb – etwas Häßliches. Davon halte ich mich lieber fern.« Prati und Frau Onslow unterhielten sich fast täglich über Büchners Schicksal, und es wurden bei der Gelegenheit oftmals entfernte Gegenstände berührt. Auf manche dieser Themata kamen die beiden gelegentlich zurück, und so sprachen sie auch noch verschiedene Male von den beiden Helden der Pratischen Erzählung, Anselm und Josef. Aber Prati hatte seine Freundin nicht überzeugen können, daß die Entdeckung des Diebes nichts an Büchners Gemütszustand ändern würde. Sie blieb bei ihrer entgegengesetzten Meinung, und Prati gab es schließlich auf, sie zu der seinigen zu bekehren. »Wir wollen nicht mehr darüber sprechen,« sagte er; »ich sehe, wir können uns doch nicht verständigen.« »Ich möchte nur, daß wir den Dieb hätten,« bemerkte dazu Frau Onslow; »dann wollte ich Ihnen tatsächlich beweisen, daß ich recht habe.« Darauf antwortete Prati nicht und kam auch später nicht wieder auf die Sache zurück. 6. Die nächsten Monate verliefen für Büchner und Edith ohne bemerkenswerte Ereignisse. Erst nach Verlauf längerer Zeit, fast eines Jahres, konnten Prati und Frau Onslow sich Rechenschaft davon ablegen, daß die Lage ihrer Freunde langsam aber stetig immer schlechter geworden war. Es ließ sich nicht mehr verbergen, daß Büchner trank. Zwar hatte ihn noch keiner seiner Bekannten trunken gesehen, aber an seinem ganzen Aussehen und Wesen erkannten die zahlreichen Sachverständigen der Kolonie, daß Büchner Gewohnheitstrinker der schlimmsten Art, einsamer Trinker sei. Seine geistigen Fähigkeiten nahmen ab, seine Arbeitskraft verringerte sich. Zu verschiedenen Malen schon hatte er als Buchhalter Irrtümer begangen, die Herrn Morrisson zwar keinen wirklichen Schaden zugefügt, wohl aber ihn in seinem kaufmännischen Stolze verletzt hatten. »In meinen Büchern dürfen keine Fehler gefunden werden,« hatte er eines Tages verdrießlich bemerkt. »Es ist früher niemals vorgekommen und darf auch in Zukunft nicht wieder geschehen. Sie müssen sich mehr in acht nehmen, Herr Büchner.« Büchner hatte sich so sehr wie möglich in acht genommen – aber ohne Erfolg. Die Fehler häuften sich mehr und mehr – und eines Tages, angesichts eines neuen von ihm begangenen Irrtums, stand er zunächst eine Weile ratlos da, und dann trat er in Herrn Morrissons Arbeitszimmer und erklärte diesem, er sei krank, fühle sich unfähig, den berechtigten Ansprüchen, die man an ihn stelle, zu genügen, und bitte deshalb um seine Entlassung. Büchner war nicht mehr beliebt in Schanghai. Herr Morrisson, der seine Angestellten gut bezahlte, aber dafür tüchtige Arbeit verlangte, war froh, einen unzuverlässigen Buchhalter loszuwerden, und begnügte sich damit, zu sagen, er hoffe, Herr Büchner werde bald wieder hergestellt sein. Dann würde sich auch vielleicht wieder ein Platz für ihn im Hause finden. Einstweilen stehe es ihm frei, es sofort zu verlassen, um sich zu pflegen. Selbstverständlich werde ihm sein Gehalt noch für die nächsten drei Monate ausgezahlt werden. Am Abend dieses Tages wartete Edith schon lange Zeit vergeblich auf ihren Mann, der zwischen fünf und halb sechs Uhr nach Hause zu kommen pflegte. Es war sieben Uhr geworden, und noch immer hatte er sich nicht blicken lassen. Man befand sich im Monat November. Die Nacht war längst eingebrochen, und das Wetter stürmisch. Es regnete, und der Himmel war mit finsterem, niedrigem Gewölk dicht bedeckt. Frau Edith wurde unruhig. Sie sandte einen Diener zu Herrn Morrisson und ließ sich erkundigen, ob ihr Mann bald heimkehren werde. Ihr ahnte sofort Schlimmes, als nach Verlauf einer kleinen Stunde Herr Morrisson selbst, den sie seit ihrer Verheiratung nicht wieder gesehen hatte, sich bei ihr anmelden ließ. »Es ist ein Unglück geschehen!« rief Edith aus, sobald sie Morrisson erblickte. »Ich hoffe, nein,« sagte dieser, ein wenig zögernd. »Ach, sprechen Sie schnell!« bat Edith. Morrisson erzählte nun kurz, was zwischen ihm und seinem Buchhalter vorgefallen war, wobei er betonte, daß es seine Absicht sei, Büchner nach seiner Wiederherstellung von neuem zu beschäftigen. Derselbe, setzte er hinzu, habe das Kontor zur gewöhnlichen Stunde, gegen fünf Uhr, verlassen und dabei gesagt, er würde am nächsten Tage wiederkommen, um die Bücher seinem Nachfolger zu übergeben. »Gott sei mir gnädig!« murmelte Edith. Sie war totenblaß, aber sie wurde nicht ohnmächtig. »Sind sie in einem Wagen gekommen?« fragte sie. »Er steht vor der Tür,« antwortete Herr Morrisson. »Ach bitte, dann fahren Sie gleich nach der Polizei. Es müssen sofort Nachforschungen angestellt werden.« »Es war meine erste Sorge, dies zu veranlassen, sobald Ihr Diener bei mir erschien. In diesem Augenblick sind bereits alle verfügbaren Polizeikräfte aufgeboten, um nach Herrn Büchner zu suchen, auch meine eigenen Leute sind sämtlich unterwegs.« »Ich danke Ihnen,« sagte Edith flüchtig. Sie trat an das Fenster. Es regnete in Strömen. Sie kam wieder zurück, die gefalteten Hände auf der Brust, ein Bild des Jammers. »Was kann ich tun?« fragte sie. »Sie können augenblicklich nichts tun als warten,« erwiderte Morrisson milde. »Beruhigen Sie sich, meine liebe, gnädige Frau: es ist noch kein Grund vorhanden, Schlimmes zu befürchten. Herr Büchner kann sich einfach im Klub verspätet haben.« »Er geht nie in den Klub.« Sie klingelte und sagte dem Diener, der schnell eintrat: »Eilen Sie zu Herrn Prati, suchen Sie, ihn zu finden, wo er auch sein möge. Ich müßte ihn sofort sprechen!« Dann ging sie in fieberhafter Aufregung im Zimmer auf und ab. Morrisson folgte ihren Bewegungen mit teilnehmenden Blicken. »Ich will auf das Polizeiamt fahren,« sagte er endlich. »Sobald dort Nachricht eintrifft, bringe ich sie Ihnen.« »Vielen Dank, vielen Dank. Bitte, tun Sie das.« Gleich darauf vernahm sie das Geräusch des davonrollenden Wagens; aber nach wenigen Minuten schon kehrte derselbe zurück. Sie öffnete das Fenster und sah Herrn Morrisson aus dem Wagen springen und durch den kleinen Garten dem Hause zueilen. Noch ehe er die Tür erreicht hatte, trat sie ihm schon entgegen. Er führte sie in das Haus zurück und rief ihr zu: »Sie können ganz ruhig sein. Alles ist in Ordnung!« Sie atmete tief auf und seufzte leise. »Aber erschrecken Sie nicht ...« »Sie täuschen mich!« rief sie, plötzlich wieder auf das äußerste geängstigt. – »Was ist vorgefallen? Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir das Schlimmste.« »Es ist nichts Schlimmes vorgefallen, Frau Büchner. Hören Sie?« – Sie war zurückgetaumelt, einer Ohnmacht nahe. – »Frau Büchner, ich gebe Ihnen mein Wort, Ihr Mann lebt, er wird in wenigen Minuten hier sein, und morgen so gesund, wie er Sie heute verlassen hat. Es ist ihm ein kleiner Unfall zugestoßen, aber ohne jede bedenklichen Folgen. Ohne jede! Hören sie? Aber nun seien Sie ruhig, bitte, seien Sie ruhig.« Er nahm sie am Arm und führte sie in das Empfangszimmer, wo sie leise wimmernd auf einem Sessel zusammenbrach. »Was ist denn geschehen?« fragte Edith nach einer kleinen Weile, noch immer weinend, aber durch die Versicherung, die Morrisson ihr gegeben hatte, augenscheinlich beruhigt. »Nichts Erschreckliches, liebe Frau Büchner« ... Er lächelte gezwungen und verlegen. »Ich fürchte ... ich fürchte ...« fuhr er fort ... »nun, Sie werden es ja selbst sehen, und es wäre unnütz, es Ihnen verheimlichen zu wollen ... Ich fürchte, Büchner... Büchner hat sich betrunken.« Sie nickte langsam mit dem Haupte. »Ich will lieber allein sein, wenn er ankommt,« sagte sie nach einer kleinen Pause mit sanfter Stimme. »Ich danke Ihnen, Herr Morrisson.« Dieser entfernte sich darauf schnell. Nach einigen Minuten lag Büchner sinnlos betrunken auf dem Bette, wo ihn ein paar grinsende Kulis niedergelegt hatten: die Kleider besudelt, zerrissen, vom Regen durchnäßt, hilflos, die Haare wüst auf der bleichen Stirn, – ein Bild des Ekels und noch mehr des Jammers. Seine Augen waren halb geschlossen und er sah und vernahm nichts von dem, was um ihn her vorging. Frau Edith schien kein Auge zu haben für das Abschreckende des Anblicks vor ihr, sondern nur zu sehen, wie jammervoll derselbe war: in ihrem stillen Antlitz zeigte sich kein Zug von Verachtung oder Abscheu, nur Erbarmen und Traurigkeit waren darin zu lesen, und diese Traurigkeit hatte etwas eigentümlich Ruhiges, Entschlossenes. Wie sie in dem matt erleuchteten Zimmer geräuschlos hin und her ging, in sachverständiger Weise für den bewußtlosen Mann sorgend, zu dessen Pflege sie keine fremde Hilfe hatte zulassen wollen, da glich sie einer jener frommen Dulderinnen, die sich in selbstloser Barmherzigkeit für die Leiden der kranken Menschheit aufopfern. Nach einer halben Stunde mühevollen Schaffens der armen kleinen Frau war Büchners Anblick ein ganz anderer geworden. Sein bleiches Haupt ruhte auf weichen, weißen Kissen und glich in seiner kalten Unbeweglichkeit dem eines Mannes, der nach schweren Leiden endlich Ruhe gefunden hat. Edith schien sich in seinen Anblick ganz zu vertiefen. Ihre Züge, die in Schmerz erstarrt gewesen waren, wurden weicher, bis sich zuletzt ein Ausdruck kindlicher, herzzerreißender, hilfloser Traurigkeit darüber lagerte und sie leise weinend neben dem Bette niedersank. Sie hörte nicht, wie die Tür geöffnet wurde und Prati in das Gemach trat. Er blieb eine kleine Weile am Eingang stehen, näherte sich dann vorsichtig der weinenden Frau, die, als sie seine Nähe fühlte, zunächst erschrocken auffuhr, aber dann mit einer stummen Geberde der Verzweiflung, die zitternde Handfläche nach oben, auf den Unglücklichen deutete und nun in lautes, bitteres Weinen ausbrach. »Was ist geschehen?« fragte Prati. Sie antwortete nicht. »Soll ich einen Arzt rufen?« Sie schüttelte verneinend den Kopf. Eine lange Pause trat ein. Dann trocknete Edith sich die Augen, und Prati die Hand reichend, sagte sie milde: »Ich danke Ihnen, Sie lieber, treuer Freund.« Etwas Kläglicheres als der Gesichtsausdruck des Italieners bei diesen herzlichen Worten läßt sich kaum denken. Am nächsten Tage war der Unfall, der Büchner betroffen hatte, Stadtgespräch. Die von Morrisson ausgesandten Schutzleute hatten ihn im Matrosenviertel, in der Nähe einer elenden Schenke, wo Schwefelsäure mit Wasser vermischt als Branntwein verkauft wurde, auf der Straße liegend gefunden und ihn von dort nach seiner Wohnung geschafft. Die Entrüstung in der Kolonie war allgemein. Wenn ein Junggeselle sich betrank, so war das schon schlimm genug – man konnte es jedoch zur Not noch hingehen lassen; aber daß ein verheirateter Mann, der eine Frau wie Edith Rawlston besaß, sich zum Tier herabwürdigte, das war unverzeihlich. Kein Wort schien zu stark, um die sittliche Empörung der Kolonie und Büchners Benehmen zu kennzeichnen. Nur vier Personen stimmten nicht ein in den Entrüstungschorus – eigentlich sogar nur drei: Prati, Morrisson und Frau Onslow. Herr Onslow sagte zwar auch nichts gegen Büchner, aber dies geschah ausschließlich aus Furcht vor seiner Frau. Hätte er den Mut gehabt, seine Meinung zu äußern, so würde er auf Seiten der Ankläger Büchners gestanden haben. – Ein sonderbarer Heiliger der Gemeinde kam auf den Gedanken, es sei die Pflicht der anständigen Amerikaner von Schanghai, für Frau Büchner zu sorgen; und da er bei einigen seiner Landsleute Zustimmung fand, so redete er sich ein, er habe eine Mission zu erfüllen, und begab sich mit einer nicht geschriebenen Vollmacht, die er sich selbst ausgestellt hatte, zu Frau Büchner, um ihr zu verkünden, daß, falls sie sich von ihrem Gatten trennen wollte, sie die Sympathien der ganzen Kolonie zu einem solchen Schritt für sich habe, und daß diese sie sicherlich auch tatsächlich unterstützen werde. – Der Empfang, der ihm zuteil wurde, übertraf die kühnsten Erwartungen derjenigen, die vorsichtig genug gewesen waren, von einem Einmischen in die häuslichen Angelegenheiten des Büchnerschen Ehepaares abzuraten. Frau Edith wies dem unberufenen Beschützer, sobald sie dessen Absichten erkannt hatte, in so energischer Weise die Tür, daß jener, ein eitler und würdevoller Mann, der Dank und Ehre zu ernten gehofft hatte, mehrere Tage lang ganz verwirrt blieb und – wenn man von seinem Abenteuer sprach – nur die Hände zusammenschlagen und verzweifelnd gen Himmel blicken konnte. Die erste Äußerung über Frau Büchner, die man von ihm vernahm, war: »Eine furchtbare Frau – schlimmer als ihr Mann!« Aber er hatte damit keinen Erfolg und wurde nur hinter seinem Rücken ausgelacht. Die verheirateten Männer sagten von Frau Edith mit aufrichtiger Bewunderung: »Eine mutige kleine Frau, die das Herz auf dem rechten Flecke hat.« Büchner erwachte erst nach vierundzwanzig Stunden aus der schweren Betäubung, in der er gelegen hatte, und war noch mehrere Tage lang krank. Nicht ein Wort wurde zwischen ihm und seiner Frau über das, was vorgefallen war, gewechselt. Aber er würdigte diese Schonung in seiner Weise. Er nahm ihre kleine Hand und streichelte sie leise, wie es seine Art war, und blickte sie dabei stumm mit dankbaren Augen an. – Und Edith? – Sie sagte: »Mein armer, guter Georg!« – Das war seine ganze Strafe. Aber die Geschichte war ihm doch sehr nahe gegangen. – Er zog sich von jedem Umgang zurück. Selbst vor Frau Onslow versteckte er sich, wenn sie in das Haus kam. Nur mit Edith verkehrte er noch und mit Prati, der, so oft seine Geschäfte es erlaubten, mit Büchner zusammen war und diesem wie ein treuer Hund folgte, der schon dafür dankbar ist, wenn er nur in der Nähe seines geliebten Herrn geduldet wird. Edith und Büchner fanden dies ganz natürlich – Prati gehörte zum Hause. Acht Tage etwa nach seiner Genesung empfing Büchner einen Brief von Herrn Morrisson mit einem Check für das Gehalt, das Büchner noch für die nächsten drei Monate zu erhalten hatte. Der Brief schloß mit den Worten: »Ich hoffe, daß Ihr Gesundheitszustand Ihnen bald gestatten wird, Ihre Dienste meinem Hause wieder zu widmen, in dem ich Ihre alte Stellung bis auf weiteres für Sie offen halte.« Büchner zeigte diesen Brief zuerst Edith und sagte dazu: »Morrisson ist ein guter Mensch.« »Ja, in der Tat,« antwortete Edith darauf. Am Abend sprach Büchner sodann mit Prati über Morrissons Anerbieten. Auch der Italiener erkannte die wohlwollende Gesinnung des Engländers bereitwillig an; aber er hatte seinem Freunde ein anderes Anerbieten zu machen. – Das Geschäft ging sehr gut. Prati hatte während des letzten Jahres sein Kapital mehr als verdoppelt, er wollte seine Beziehungen jetzt noch mehr ausdehnen und schlug Büchner vor, sich zu dem Zweck mit ihm zu verbinden. »Rawlston, dem ich geschrieben habe,« sagte er, »ist damit einverstanden, daß ich, unbeschadet meiner Stellung in seinem Hause, für eigene Rechnung Geschäfte mache. Er stellt nur die Bedingung, daß ich mich seines Hauses als Agenten bediene. Das paßt mir ganz und gar. Aber ich brauche jemand zur Buchführung und Korrespondenz. Ich möchte mich auch mit einem zuverlässigen Tea-taster (Einkäufer von Tee) in Verbindung setzen. Früher verstanden Sie sich, wie ich mich sehr wohl erinnere, vortrefflich auf diesen Artikel, und wenn Sie Ihre Zunge schonen, wenig rauchen und keinerlei scharfe Sachen trinken wollen, so werden sie bald in der Lage sein, allen Ansprüchen zu genügen, die ich an Sie für das Teegeschäft stellen würde. Ich habe mich schon lange nach einem Partner umgesehen, und da Sie jetzt frei sind, so frage ich, ob Sie Ihr Glück mit mir versuchen wollen. Wir sind beide vorsichtige und sachverständige Leute, und ich kann mir nicht denken, daß Sie als mein Sozius nicht ebensoviel verdienen sollten wie als Morrissons Buchhalter.« Büchner erbat sich Bedenkzeit. Er wollte mit seiner Frau sprechen. Diese besaß für Geschäftsfragen wenig Verständnis und zog nur in Erwägung, daß, wenn Georg sein eigener Herr würde, er nicht wieder Vorwürfe, wie die ihm einmal von Francis Morrisson gemachten, zu fürchten habe. Das war eine beruhigende Aussicht. »Ich würde Pratis Vorschlag annehmen,« sagte sie – und damit war die Sache abgemacht. Ein Zimmer in der Büchnerschen Villa wurde als Kontor eingerichtet. Dort verbrachte Büchner fortan den größten Teil seines Tages in ruhiger, wenig anstrengender Beschäftigung, der er vollständig gewachsen war und der er sich mit Interesse für die Sache hingab. Die Einkäufe und Verkäufe, sowie die Verschiffung von Tee und Seide besorgte Prati durch Vermittlung von Rawlston u. Co. Büchner hatte nur mit der Korrespondenz und Buchführung und mit dem »Kosten« und der Abschätzung der zu versendenden Tees zu tun. Das Teegeschäft gewann schnell an Umfang und gab Büchner viel zu schaffen. Eines Tages, während Büchner im Kontor beschäftigt war, stattete Prati Frau Edith einen kurzen Besuch ab, um sich mit ihr, wie dies bei solchen Gelegenheiten fast immer der Fall war, über Büchners Gesundheitszustand zu unterhalten. »Ich kann Ihnen niemals genug danken, Herr Prati,« sagte Edith. »Sie haben ihn gerettet. Ein Bruder hätte nicht mehr für ihn tun können. Sie sind sein guter Engel. Sein Gesundheitszustand wird täglich besser, und seine Entmutigung, die eine vollständige geworden war, beginnt zu schwinden. Gestern machte er Zukunftspläne! Ich dankte Gott im Herzen dafür und ich danke Ihnen, lieber Freund. – Wissen Sie, daß er das Rauchen ganz aufgegeben hat, und ... und –« sie stockte etwas – »und das andere auch. Wenn das nur dauern wollte! Ach, wenn ich meinen alten Georg wieder wie früher vor mir sehen könnte!« Büchners Gesundheit besserte sich in der Tat augenscheinlich, aber doch nur langsam. Auch war er noch immer außerordentlich schweigsam und nachdenklich, und seine Menschenscheu hatte seit seiner Besserung womöglich noch zugenommen. Namentlich schien er vor Morrisson und Frau Onslow Furcht zu haben und vermied es ängstlich, mit ihnen zusammenzutreffen. Prati, der ohne Büchners Wissen über dessen Zustand mit einem Arzte gesprochen hatte und mit diesem in regelmäßiger Verbindung geblieben war, erhielt von ihm gegen Ende des Frühjahrs den Rat, Büchner zum Sommer eine längere Reise machen zu lassen. Es würde seinem Gemüte wohltun, sagte der Doktor, andere Menschen und ein hübscheres Land als Schanghai zu sehen. Nagasacki sei zu heiß im Sommer, er solle nach Yokohama oder Hakodate gehen, man könnte dort schon irgend jemand zu seiner Überwachung finden. Doktor Jenkins in Yokohama zum Beispiel würde eine geeignete Persönlichkeit dazu sein, Wenn Prati es wünsche, so wolle er, der Doktor, seinem Kollegen schreiben und ihm alle nötigen Anleitungen bezüglich Büchners Behandlung geben. »Wäre es gut, wenn seine Frau mit ihm ginge?« fragte Prati. »Besser nicht,« meinte der Doktor. »Sie würde ihn zu sehr verhätscheln und er mit niemand verkehren wollen als mit ihr. Er muß wieder mit fremden Menschen umgehen lernen, und dazu ist es am besten, daß er allein in Yokohama ankommt.« »Aber fürchten Sie nicht, daß er von neuem anfängt zu trinken, wenn er sich nicht mehr so streng beobachtet fühlt, wie hier?« »Es ist möglich, aber ich fürchte es nicht. In dem Falle würde übrigens mein Kollege einschreiten und mit einem Bericht nach Schanghai drohen. Büchner hat den Entschluß gefaßt, sich zu bessern, und die Energie, mit der er ihn nun seit sechs Monaten durchführt, läßt mich hoffen, seine Heilung sei bereits soweit vorgeschritten, daß wir ihn sich selbst überlassen können. – Sie behaupten, er trinke jetzt nur noch Tee und Rotwein und Wasser. Sagen Sie ihm, er müsse dabei beharren, und ...« fügte der Doktor lächelnd hinzu – »lassen Sie sich wöchentlich einen Teebericht von ihm geben und verlangen Sie von ihm die Einsendung von Mustern und Gutachten. Sendet er keine Berichte oder erfahren wir, daß er wieder angefangen hat zu trinken, nun, so lassen wir ihn schleunigst zurückkommen. Aber wir müssen einmal den Versuch machen, ob man ihn sich selbst überlassen kann, und nach meinem Gefühl ist der richtige Zeitpunkt dazu gekommen.« Es kostete nicht geringe Mühe, Frau Edith zu bewegen, sich auf mehrere Monate von ihrem Mann zu trennen. Schließlich siegte jedoch die vereinigte Onslowsche und Pratische Beredsamkeit. Kein Opfer war der kleinen Frau zu groß, wenn es dem Wohle ihres Mannes gebracht werden sollte, und nachdem sie einmal überzeugt worden war, es sei zur vollständigen Wiederherstellung Büchners notwendig, daß er Schanghai eine Zeitlang allein verlasse, wurde sie Pratis Verbündete, um dahin zu wirken, daß Büchner im Monat Mai nach Japan gehe. Den Vorwand zur Reise gaben kaufmännische Unternehmungen, die Büchner in Yokohama gründlich studieren sollte, und von deren Ausführung Prati sich, wie er seinem Sozius mit ernstem Gesicht versicherte, großartige Erfolge versprach. »Lassen Sie nur niemand merken, was Sie vorhaben,« sagte er geheimnisvoll. »Sagen Sie, Sie kämen als Leidender, um Ihre Gesundheit herzustellen. Geben Sie sich viel mit Doktor Jenkins ab, der übrigens ein liebenswürdiger Mensch sein soll. Ich werde Ihnen eine Einführung bei ihm verschaffen. Unter der Hand ziehen Sie dann genaue Erkundigungen über die Seidenkultur im Innern ein und studieren Sie den Teemarkt. Rawlston u. Co. – dies ganz vertraulich – machen in San Francisco und in Neuyork ein großartiges Geschäft mit Japan-Tees. Schreiben Sie mir regelmäßig und ausführlich; ich werde Ihnen von hier aus weitere Anweisungen geben, je nachdem Sie mir die Lage des Marktes darstellen.« Büchner nickte bedeutungsvoll. »Ich habe wohl verstanden,« sagte er, »verlassen Sie sich auf mich.« »Wie auf mich selbst.« »Das können Sie.« »Büchner, noch ein Wort ... nehmen Sie es mir nicht übel.« Der lange Holländer sah seinen Freund fragend und ängstlich an. »Sie müssen da drüben leben wie hier , in jeder Beziehung: nicht rauchen und ...« Er hielt inne. Büchner wurde rot und sah verlegen zu Boden. »Ich darf mich auf Sie verlassen?« Eine kurze Pause. Dann sagte Büchner mit leiser Stimme, aber entschlossen: »Sie können sich auf mich verlassen.« »Das ist recht,« versetzte Prati und drückte herzhaft die ihm dargereichte Hand. Und so kam der lange Holländer in geheimer Sendung nach Japan, im Mai 1862, vier Monate, ehe ich an Bord der »Aurora Belisle« seine Bekanntschaft machte und ihm freie Überfahrt nach Schanghai anbot. 7. Büchner hatte in Yokohama während der vier Monate, die er dort verweilte, ruhig gelebt; sicherlich hatte er nicht getrunken. Aber heiter und gesellig war er nicht geworden. Er hatte außer mit Doktor Jenkins mit keinem Europäer verkehrt. Der Grund seiner Zurückhaltung in dieser Beziehung war folgender: Jenkins hatte Büchner in den Klub einführen und ihn, da er mehrere Monate in Japan zu bleiben beabsichtigte, als Mitglied vorschlagen wollen; aber einige der jungen Leute, die seine Geschichte von Schanghai her kannten, hatten die Nase gerümpft: er habe im Verdacht des Diebstahls gestanden, er sei ein Säufer und mache seine Frau unglücklich, in Schanghai erscheine er seit Jahr und Tag nicht mehr im Klub, weil er fürchten müsse, man könne seinen Austritt beantragen, und wenn er für den Schanghaiklub zu schlecht wäre, so sei er für den von Yokohama auch nicht gut genug. Die Gesellschaft in Japan könne schließlich ebenso anspruchsvoll sein wie die in China. Doktor Jenkins war ein angesehenes Mitglied der fremden Gesellschaft in Yokohama, aber er gehörte nicht zu den Leitern der öffentlichen Meinung. Seine Tätigkeit brachte es mit sich, daß er gern mit aller Welt gut stand. Er wollte sich nicht des Fremden aus Schanghai wegen mit alten Bekannten aus Yokohama streiten, möglicherweise überwerfen. Er ließ den Sturm auf Büchner über sich hinweggehen und begnügte sich damit, diesem in schonender Weise mitzuteilen, er würde wohl daran tun, sich nicht in den Klub einführen zu lassen. Jenkins war durchaus kein hartherziger Mensch; aber er dachte zuerst an »Nummer Eins«, an sich selbst. Das tun die meisten anderen Menschen ebenfalls – und man darf den Doktor nicht wegen seines Kleinmuts schelten. Er selbst empfand jedoch darüber eine gewisse Beschämung: es kam ihm vor, als ob er Büchner gegenüber etwas wieder gut zu machen habe, und dies äußerte sich dadurch, daß er persönlich den ihm anempfohlenen Gast aus Schanghai mit großer Herzlichkeit empfing. Er zweifelte nicht, daß der Verdacht der Unterschlagung, der sich auf Büchner gelenkt hatte, ein ungerechter sei; was des Genannten Leidenschaft für den Trunk anging, so wußte Jenkins als Arzt, daß der lange Holländer dieselbe mit außergewöhnlicher Energie zu beherrschen bemüht war. Der Doktor hatte anfänglich gewissermaßen ein Opfer gebracht, indem er sich Büchner gegenüber freundlich gezeigt. Bald änderte sich dies jedoch, und er faßte eine eigentümliche Zuneigung zu dem fremden Mann. – Es gibt Menschen, die gar nichts zu tun brauchen, um zu gefallen. Gewöhnlich sind es weiche, gutmütige, stille Naturen, und sie müssen, um möglichst vollkommen in ihrer Art zu sein, ein gutes Äußeres, klare, ehrliche Augen, gesunde Zähne und eine angenehme Stimme besitzen. Alles dies war Büchner eigen. Sein herzgewinnendes Wesen war in letzter Zeit nur noch Edith und Prati gegenüber zutage getreten. Aber auch den freundlichen Doktor Jenkins gewann er sich schnell, nur weil er diesem für die Aufnahme, die er bei ihm fand, dankbar war und in seiner Gesellschaft das finstere Wesen ablegte, das ihm seit seinem Unglück fremden Menschen gegenüber eigen war und ihn unliebenswürdig erscheinen ließ. Büchner hatte die vorsichtigen Äußerungen, die Jenkins in bezug auf den Besuch des Klubs gemacht hatte, bei den ersten Worten verstanden. Er hatte darauf nichts erwidert, aber sein Leben danach eingerichtet, indem er nicht nur den Klub, sondern überhaupt jeden Fremden in Yokohama vermied. Er hatte sich ein Pferd gekauft und ein Boot gemietet und trieb sich einen guten Teil des Tages auf dem Meere und in der Umgebung von Yokohama umher. Da er niemand grüßte und mit niemand sprach, so wurde er auch von keiner Seele behelligt: denn die jungen Leute von Yokohama, und unter diesen auch seine Gegner, waren keine boshaften Klatschschwestern. Nachdem sie den Verdächtigten von sich ferngehalten hatten, ließen sie ihn unbehelligt seiner Wege ziehen. Im übrigen verkehrte Büchner viel mit Japanern und Chinesen, von denen er sich über alles belehren ließ, was auf den Handel von Yokohama bezug hatte. Am Abend saß er gewöhnlich bei Jenkins auf der Veranda und hörte den langen Geschichten zu, die der Doktor zu erzählen liebte und für die er nur selten so aufmerksame Zuhörer fand, wie Büchner einer war. Der Doktor bemerkte nach einiger Zeit, daß Büchner mit einer an Geiz grenzenden Sparsamkeit lebte, während die jungen Leute in Yokohama damals mit dem Gelde um sich warfen, hoch wetteten und spielten, zahlreiche Diener besoldeten und das Beste an teuren Speisen und Getränken gerade gut genug für ihren Tisch hielten, lebte der lange Holländer wie ein Eingeborener von Reis, Fisch und Tee und gestattete sich, außer für ein Pferd und ein Boot, nicht die geringste überflüssige Ausgabe. Nun aber paßte Geiz gar nicht zu seinem Charakter, wie Jenkins ihn zu kennen glaubte, so daß er ihn eines Tages geradezu fragte, weshalb er sich so sehr einschränke, ob er etwa Geldsorgen habe. In diesem Falle möge er über seine, Jenkins', Börse verfügen. Büchner dankte ohne übertriebene Wärme für das Anerbieten und antwortete, nein, er habe keine Geldsorgen, er empfange sogar von seinem Geschäftsgenossen in Schanghai Nachrichten, aus denen hervorgehe, daß sie dort sehr gute Geschäfte machten, Aber in Yokohama könne er nicht recht vorwärts kommen. Die kleinen Unternehmungen, in die er sich eingelassen habe, seien zwar nicht mißglückt, aber hätten auch nicht viel abgeworfen. An das Geld, das in Schanghai verdient werde, wolle er jedoch nicht rühren. Er habe noch einige Schulden, die ihn zwar nicht drückten, die er aber doch möglichst bald abzutragen wünsche, und sodann müsse er auch daran denken, seiner Frau, falls er sterben sollte, etwas zu hinterlassen. »Wie können Sie, ein junger, kräftiger Mann, an Sterben denken?« fragte Jenkins. »Ich denke nicht viel daran und ich fürchte mich nicht davor; aber es wird eine Beruhigung für mich sein, wenn ich mir sagen kann, daß meine Frau auch nach meinem Tode genug zu leben haben wird.« »Ich habe gehört, Ihre Frau sei wohlhabend.« »Das ist sie in der Tat. Aber ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, ihr durch das, was ich selbst verdiene, ein ruhiges Leben zu sichern. Ich lege mir keine Entbehrungen auf: ich habe jetzt nur noch wenig Bedürfnisse, und es macht mir Vergnügen, nachzurechnen, wie klein meine heutigen Ausgaben im Vergleich zu den früheren sind.« Alles das war schön und gut, aber Jenkins war damit nicht zufrieden. Der Gemütszustand seines neuen Freundes hatte sich seit Monaten nicht gebessert. Büchner war, ohne je zu klagen, wortkarg, nachdenklich und traurig. »Sehnen Sie sich vielleicht nach Schanghai zurück?« fragte ihn Jenkins eines Abends. »Ja, ich möchte meine Frau und meinen Freund Prati bald wiedersehen,« antwortete Büchner. »Ich lebe nun schon lange von ihnen getrennt. Aber Geschäft geht vor Vergnügen! Ich muß hier ausharren, bis Prati mich zurückruft. Ich fürchte, meine Reise hat nicht viel genützt. Doch habe ich mir große Mühe gegeben, alles in Erfahrung zu bringen, worüber Prati unterrichtet sein wollte.« »Sie ernten vielleicht später die Früchte ihrer Tätigkeit,« tröstete der Doktor. Aber mit der nächsten Post schrieb er an seinen Kollegen in Schanghai, er solle veranlassen, daß Büchner dorthin zurückberufen werde: er verzehre sich in Sehnsucht nach seiner Frau, und eine weitere Ausdehnung der Trennung von ihr könne ihm nur schaden. Von der Trunksucht erscheine er vollständig geheilt. – Darauf traf mit umgehender Post ein Brief von Prati an Büchner ein, der glänzende Berichte über ein von Prati unternommenes großes Seidengeschäft enthielt. »Ich hoffe, sie werden am Ende des Jahres alle Ihre Schulden abbezahlt und noch etwa achttausend Dollars übrig haben. In der Beurteilung des japanischen Marktes bin ich aber, so scheint es mir jetzt, auf falscher Fährte gewesen. Sicher ist augenblicklich hier mehr zu verdienen als dort. Also wickeln sie die kleinen Geschäfte, die noch laufen mögen, baldmöglichst ab und kommen sie herüber: je eher, je lieber.« So schloß Pratis Schreiben. Auch von Edith war gleichzeitig ein liebevoller Brief eingetroffen, in dem sie ihre Freude ausdrückte, ihren alten Georg nun bald wiederzusehen. Büchners kleiner Hausstand war in wenigen Tagen aufgelöst; nachdem aber die Miete bezahlt und die Diener abgelohnt worden waren, blieben dem langen Holländer nur noch wenige Dollars übrig. Er hatte darauf gerechnet, für sein Pferd denselben Preis wieder zu bekommen, den er dafür gegeben. Es fanden sich jedoch keine Käufer, und er überließ das Tier als Geschenk dem Doktor, zum Andenken an die Stunden, die sie zusammen verlebt hatten. Jenkins hätte dem Scheidenden sicherlich und gern die kleine Summe geborgt, die zur Reise nach Schanghai mit dem Dampfschiff »Costarica« nötig war. Er konnte aber nicht ahnen, daß Büchner sich in Geldverlegenheit befand, und dieser, sei es, daß es ihm unangenehm war, Jenkins um Geld zu bitten, sei es, daß ihm die billige Überfahrt auf dem Segelschiff besser zusagte, als die teure auf dem Dampfer, sei es endlich, daß er die Gesellschaft anderer Reisender vermeiden wollte, die er auf der »Costarica« unfehlbar angetroffen haben würde – Büchner zog es vor, mit der »Aurora Belisle« zu fahren und sich wegen der Zahlung des Überfahrtgeldes mit mir zu verständigen. Die letzte Stunde seines Aufenthalts in Yokohama verbrachte Büchner mit Jenkins, dem er bei dieser Gelegenheit auch den Inhalt von Pratis Brief mitteilte. Dazu bemerkte er, daß er nun, dank seinem Geschäftsgenossen, am Ende des Jahres ziemlich genau wieder in derselben Lage sein werde, wie vor seinem Austritt aus dem Hause Rawlston u. Co. »Ich besaß damals achttausend Dollars,« sagte er, »die durch einen Unglücksfall verloren gingen. Die achttausend Dollars habe ich wieder bekommen; das Unglück kann nicht wieder gut gemacht werden.« Es war dies die erste Anspielung auf seine Vergangenheit, die Jenkins von ihm hörte. »Alles kann wieder geheilt werden,« tröstete er freundlich. Büchner schüttelte den Kopf. »Wenn mir ein gesunder Zahn ausgeschlagen worden ist, so kann ich mir einen falschen einsetzen lassen, den Fremde für einen gesunden ansehen mögen; aber die Bekannten wissen, daß es ein falscher Zahn ist. Und wenn sie es auch vergessen wollten, ich müßte doch jeden Abend und jeden Morgen daran denken.« Jenkins brachte Büchner an Bord der »Aurora Belisle« und verließ uns erst, als wir die Anker gelichtet hatten, und die Bark mit der Ebbe langsam aus der Bai dem offenen Meere zuschwamm. – Es war ein schöner Abend. Die Sonne ging hinter den schwarzen Hakkonibergen unter und rötete den breiten, mit Schnee bedeckten Krater des Fusi-Yama. Das tiefblaue Meer war sanft bewegt und mit Hunderten von Fischerbooten bedeckt, deren Insassen, wenn wir in ihrer Nähe vorbeifuhren, uns »Glückliche Fahrt!« zuriefen. Die straffgezogenen Segel waren mit lauer Luft leicht gefüllt, und durch die Raaen und Taue zog ein leises Summen, das zur Ruhe einlud. Büchner hatte sich auf dem Deck lang ausgestreckt, die Hände unter dem Kopf, die Augen weit geöffnet, und schaute in die Höhe mit einem Ausdruck tiefen Friedens auf dem stillen Gesichte. – Ja, von dem Augenblick an gefiel mir der Mann – ich weiß selbst nicht warum. Es gab bei dem ruhigen Wetter wenig zu tun. Ich setzte mich auf eine Bank neben dem Platze, wo Büchner lag. »Friedliche Fahrt,« sagte ich. Er machte ein zustimmendes Zeichen mit dem Haupte. »Hoffentlich bleibt das Wetter gut,« setzte ich hinzu. Er richtete sich halb in die Höhe, und, auf den einen Ellenbogen gestützt, musterte er langsam den ganzen Horizont. »Kein Wölkchen am Himmel.« »Schlechtes Wetter kommt unverhofft.« »Ja, das ist wahr,« sagte er. Aber diesmal blieb das Wetter unverändert günstig, bis ich nach zehntägiger Reise die Anker vor Francis Morrissons »Hong« in Schanghai fallen ließ. – Während dieser wenigen Tage war ich nun von früh bis spät mit Büchner zusammen. Er aß natürlich mit mir. – Ich trinke an Bord nie etwas anderes als Wasser, Tee und Kaffee, aber ich fragte meinen Passagier, ob er Wein oder nach Tisch ein Glas Brandy nehmen wolle. Er dankte. Ich hatte ihn, wie gesagt, beim ersten Blick für einen Trinker gehalten. Seine Geschichte kannte ich damals nur unvollkommen, und seine Weigerung, ein Glas Wein zu nehmen, verdroß mich. Sie kam mir wie eine Heuchelei vor, ich war überzeugt, er hätte eine Kiste Spirituosen mit an Bord gebracht und tränke des Nachts, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Aber ich hatte mich geirrt: er hielt sich, wie ich es tat, ausschließlich an Wasser und Tee. Nur an der Art, wie er sich einschenkte und das Glas hielt, sah ich noch, daß er nicht immer so mäßig gewesen war. – Trinker gehen nämlich mit Flüssigkeiten sorgfältiger um als andere Menschen. Sie füllen das Glas bedächtig bis zu einer bestimmten Höhe, sie scheinen jedesmal genau abzumessen, was sie nehmen, und dann stürzen sie das Getränk nicht etwa hinunter – kein ordentlicher Trinker tut das – sondern sie legen alle fünf Finger um das Glas, führen es behutsam zum Munde und leeren es langsam, wenn Büchner sein Wasser aus einem dunklen Glase zu sich genommen hätte, so hätte man wetten mögen, er tränke kostbaren Wein: so große Aufmerksamkeit widmete er der einfachen Handlung. Am vierten oder fünften Tage nach unserer Abfahrt von Yokohama – es war mir, als kennte ich meinen Passagier seit einem Jahre, obgleich wir nicht viel miteinander gesprochen hatten – fragte ich ihn, ob er sich immer mit Wasser und Tee begnügte. Ich, so setzte ich hinzu, fände ein Glas Claret oder Sherry unvergleichlich schmackhafter als ein Glas Wasser und gäbe jenen Getränken den Vorzug, sobald ich am Lande wäre. Er antwortete anscheinend unbefangen, er könne keine Spirituosen vertragen und habe ihnen deshalb entsagt. Er fühle sich seitdem wohler. Während der ersten Zeit sei ihm die Enthaltsamkeit etwas schwer geworden, aber jetzt denke er gar nicht mehr daran; jedoch verkehre er am liebsten mit Menschen, die sich, wie er, mit Wasser begnügten. »Nun,« sagte ich, »dann werden Sie mich in Schanghai nicht gern sehen, denn dort stehe ich meinen Mann beim Trinken.« »Ich werde Sie unter allen Umständen gern sehen,« antwortete er. »Sie haben sich sehr freundlich gegen mich gezeigt. Auch Doktor Jenkins habe ich lieb gewonnen,« fuhr er fort. »Früher achtete ich nicht darauf, wenn ich gute Menschen antraf. Jetzt macht es mir Freude, und ich bin ihnen dankbar dafür.« Ich kann nicht recht sagen, weshalb solche und ähnliche einfache Worte meine Zuneigung zu dem Manne vermehrten. Aber es war so. Ich hätte schon damals dem langen Holländer von Herzen gern etwas zuliebe getan. Später, nachdem ich seine Frau kennen gelernt hatte, wurde ich gut befreundet mit den beiden, und wenn ich in Schanghai war, so schlug ich mein Hauptquartier immer bei ihnen auf, obgleich mein Geschäft mich für gewöhnlich zu Morrisson zog, an den die »Aurora Belisle« fest konsigniert war. Während Büchner sich in Yokohama aufhielt, war James Rawlston von seiner Reise nach Schanghai zurückgekehrt. Seine erste Sorge war gewesen, sich mit seiner Schwester in Verbindung zu setzen. Diese war mit ihm, am Tage nach seiner Ankunft, bei Frau Onslow zusammengetroffen. »In meinem Hause kann ich dich nicht empfangen,« hatte sie mit großer Traurigkeit gesagt. »Auch darf ich dich nicht besuchen. Du billigst meine Haltung sicherlich.« Das tat James Rawlston nun zwar nicht, denn er konnte nicht begreifen, weshalb Büchner ihm noch immer zu zürnen schien. Rawlstons Schuld war es doch sicherlich nicht, daß der Diebstahl verübt worden war und daß sich ein schwerer Verdacht auf Büchner gelenkt hatte. Es wäre dem Amerikaner unter allen Umständen lieber gewesen, seine Schwester hätte sich mit dem reichen Francis Morrisson verheiratet, anstatt mit dem unbemittelten langen Holländer. Aber wenn er, Rawlston, geneigt war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, so hätte man ihm dafür Dank wissen sollen. Büchners Benehmen ihm gegenüber war nicht zu rechtfertigen. Rawlston sprach in diesem Sinne mit Frau Onslow. Diese empfahl ihm, das Thema in Gegenwart seiner Schwester lieber nicht zu berühren. Sie hinge in voller Liebe an ihrem Ehegemahl und sei der Ansicht, daß der von Rawlston unmittelbar nach dem Diebstahl offen ausgesprochene Verdacht die Hauptursache von Büchners Unglück gewesen sei. »Sie haben in Edith eine treue Schwester,« schloß Frau Onslow; »aber muten Sie ihr nie zu, zwischen Ihnen und ihrem Manne zu wählen. Sie wird sich bemühen, beide Verbindungen aufrecht zu erhalten, aber im Falle der Notwendigkeit einer Wahl würde sie sicherlich auf Büchners Seite treten, wie schwer es ihr auch fallen möchte.« Rawlston mußte sich dabei beruhigen. Aber seine Zuneigung zu Büchner wuchs dadurch nicht. Er traf mit seiner Schwester gelegentlich bei Frau Onslow zusammen. Das war besser als sie gar nicht zu sehen; aber der richtige Verkehr, wie er zwischen Schwester und Bruder bestehen sollte, war es doch nicht. Prati hatte nicht aufgehört, oft bei Frau Onslow zu erscheinen. Zu den kleinen Vereinigungen, die bei ihr stattfanden, gesellte sich auch bald Herr Morrisson. Größer wurde der Kreis nicht. Die Gesellschaft bestand außer den Wirten immer aus denselben Personen: Rawlston, Edith, Prati und Morrisson. Diese Zusammenkünfte waren harmloser Natur. Die Kosten der Unterhaltung wurden ausschließlich von Frau Onslow getragen, Rawlston war mürrisch, Edith saß still in sich gekehrt da, mit einer Handarbeit beschäftigt, die sie wohl aufgenommen hatte, um ihre Schweigsamkeit und Zurückhaltung weniger auffällig erscheinen zu lassen, der geschmeidige Italiener hatte einen freundlichen Gruß und ein freundliches Lächeln für jedermann – aber auch er war der Alte nicht mehr. Eine geheimnisvolle Sorge schien an ihm zu nagen, und er saß oftmals da, anscheinend mit schweren Gedanken beschäftigt, die mit Frau Onslows philosophischen Abhandlungen sicherlich nichts gemein hatten; auch auf Francis Morrisson hatte die gedrückte Stimmung der anderen ihren Einfluß nicht verfehlt. Das war die einfachste Erklärung dafür, daß er, sonst so heiter und anregend, den langen Abend ruhig verbringen konnte, ohne etwas anderes zu tun, als hier und da einige artige Worte an den einen oder andern der Anwesenden zu richten. Er saß gewöhnlich im Schatten, etwas vom Tisch entfernt, auf dem die Lampe brannte, die das bleiche Gesicht der still arbeitenden Edith hell erleuchtete. Herr Onslow wohnte den Gesellschaften, die er »meiner Frau feierliche Tees« benannt hatte, selten und auch dann nur auf kurze Zeit bei. Er fand die Genossen, die er im Klub oder bei Bekannten antreffen konnte, ungleich mehr nach seinem Geschmack als die steinernen Gäste seiner Frau. »Höchst achtungswerte Menschen,« sagte er, »aber unglaublich langweilig!« Der Frau Edith gefielen sie augenscheinlich, denn sie war Frau Onslows regelmäßigster Gast, bis sie sich eines Tages, einen Monat etwa vor Büchners Rückkehr, plötzlich beunruhigt fühlte. – War es recht, daß sie ohne Wissen ihres Mannes, möglicherweise gegen dessen Wünsche, häufig und regelmäßig mit ihrem Bruder zusammentraf? – Sie richtete diese Frage an Frau Onslow, die zunächst meinte, Büchner werde sicherlich nichts dagegen einzuwenden haben, daß seine Frau ihren Bruder sehe. Aber als Edith darauf entgegnete, dann sei es wohl das einfachste, sie schriebe ihrem Manne, was vorginge, da wurde Frau Onslow nachdenklich und sagte, bei seinem Gesundheitszustand sei es schwer, zu wissen, wie er eine solche Nachricht aufnehmen werde, es dürfte sich deshalb empfehlen, sie ihm mündlich zu machen. Edith war damit einverstanden, nahm sich jedoch vor, ihre Besuche bei Frau Onslow in Zukunft einzuschränken oder sie so zu verlegen, daß sie dabei ein Zusammentreffen mit ihrem Bruder und Herrn Morrisson vermeiden konnte. An Prati dachte sie nicht. Diesen treuen Freund durfte sie überall und täglich sehen, ohne zu befürchten, ihren Mann dadurch zu erzürnen. Aber James und Herr Morrisson kamen nicht in ihr Haus, und sie durfte sie auch nicht regelmäßig an fremden Orten antreffen, wenigstens so lange nicht, bis sie die besondere Erlaubnis ihres Mannes dazu erhalten hatte. 8. Das Wiedersehen zwischen Edith und ihrem Mann war ein unbeschreiblich herzliches. Beide waren so erregt, daß geraume Zeit weder sie noch er Worte finden konnten, bis endlich Edith dem ergreifenden Auftritt dadurch ein Ende machte, daß sie ihre Tränen trocknete und den alten scherzenden Ton aus ihrer Mädchenzeit anzuschlagen versuchte. »Nun laß dich einmal ordentlich betrachten,« sagte sie. »Ich will sehen, ob ich dir ein gutes Zeugnis ausstellen kann.« Sie musterte ihn aufmerksam und dann setzte sie hinzu: »Nein, ich bin nicht zufrieden mit dir. Du siehst viel zu schmal aus. Man hat dich in Yokohama wahrscheinlich schlecht genährt. – Und dann: wie kannst du nur bei der Hitze, die wir haben, so warm gekleidet gehen? Du siehst aus wie ein Missionar. Das muß alles von jetzt bis auf heute abend vollständig anders werden. Aber komm nur zunächst zum Essen – und dann werde ich nach deinen Sachen sehen.« »Du gefällst mir auch nicht,« sagte Büchner, seine Frau mit inniger Liebe betrachtend, »wo sind deine hellen Augen und deine frischen Farben geblieben?« »Die hat der heiße Sommer fortgenommen; aber jetzt wird alles gut werden. Merke dir, ich lasse dich nie wieder auf so lange Zeit fort!« »Ich gehe auch nicht wieder. – Es war recht einsam da drüben.« »Warst du denn immer allein, mein armer Georg?« »Nein, ich verkehrte mit Doktor Jenkins. – Ein guter Mann! Auch die Bekanntschaft mit ihm verdanke ich Prati, wo steckt der übrigens?« Dieser ließ nicht lange auf sich warten. – Die Begrüßung zwischen den beiden Freunden war herzlich, jedoch ruhiger seitens des Italieners, als man nach dessen gewöhnlichem Gebahren erwarten durfte. Es war vielmehr, als ob zwei Engländer sich wiedersähen: ein kräftiger Händedruck – und damit basta. Unter gewöhnlichen Verhältnissen wäre es zwischen dem Deutschen und Italiener ohne eine herzhafte Umarmung nicht abgegangen. Büchner, der von Natur zurückhaltend und ein Feind lebhafter Gemütskundgebungen war, bemerkte Pratis Ruhe nicht; aber nach einer Weile fiel ihm doch das stille Wesen seines Freundes auf. »Fehlt Ihnen etwas?« fragte er besorgt, und um seine Teilnahme für das persönliche Wohl Pratis zu verbergen, fügte er hinzu: »Es ist doch nichts Unangenehmes im Geschäfte vorgefallen?« »Durchaus nicht. Alles geht nach Wunsch. Aber ich bin etwas abgespannt. Der Sommer war diesmal recht schwer, und ich habe mehrere weite Ausflüge ins Innere gemacht, die nicht gerade Erholungsreisen waren, hinter Sutschau sieht es erschrecklich aus. Es wird Jahrzehnte dauern, ehe sich das Land von den Verheerungen der aufständischen Tai-ping erholen kann. Überall Trümmer und furchtbares Elend. Die Leute verhungern zu Tausenden, und unter den Überlebenden wüten Pestilenz und Cholera. Ich habe eigentlich ganz gute Nerven, aber diesen Sommer ist ihnen doch ein bißchen zuviel zugemutet worden. Das ist alles! Die kühle Jahreszeit wird mich schon wieder gesund machen.« Als Prati sich entfernt hatte, begann Edith ausführlich zu erzählen, wie sie während der Abwesenheit ihres Mannes gelebt hatte. Sie war voll des Lobes der unermüdlichen Aufmerksamkeit und Freundschaft von Prati und Frau Onslow und brachte das Gespräch, anscheinend unbefangen, auf die geselligen Abende, die sie bei dieser zugebracht hatte. Büchner sagte kein Wort und machte auch keine Bewegung, als von dem häufigen Zusammentreffen mit James Rawlston und Francis Morrisson die Rede war. Edith aber wollte eine Erklärung von ihrem Mann über diesen Punkt haben und fragte geradezu, ob er es billige, daß sie die beiden oftmals gesehen habe. Er schwieg eine Weile und sagte dann milde: »Ich weiß, wie sehr du deinen Bruder liebst. Also sieh' ihn, so oft du es wünschest. Ich zürne ihm nicht mehr ... aber ... nun, wozu soll ich dir lange Erklärungen machen, da du ja ohnehin weißt, wie ich fühle – ich, für meine Person, sehe ihn lieber nicht.« Von Morrisson war nicht weiter die Rede gewesen. Büchner stellte seiner Frau augenscheinlich frei, ihn zu sehen oder nicht, ganz wie es ihr gefiel. »Wirst du Frau Onslow einen Besuch machen?« fragte Edith schüchtern. »Es geht wohl nicht gut anders,« antwortete Büchner; »sie würde es mir übelnehmen, wenn ich sie nicht aufsuchte, und sie ist eine gute Frau. Wir wollen lieber gleich heute abend zu ihr gehen; dann ist die Sache abgemacht, und ich brauche nicht mehr lange darüber nachzudenken.« Edith willigte freudig ein, und die beiden verbrachten den Abend bei ihrer redseligen Freundin. Sie verstand es, alles in ihrer Unterhaltung zu vermeiden, was Büchner unangenehm hätte berühren können, so daß dieser zufrieden von dem Besuche den Heimweg antrat und unterwegs zu Edith sagte: »Sie ist doch wirklich eine herzensgute Frau. Und wenn ich bedenke, wieviel ich ihr zu verdanken habe! Geh' recht häufig zu ihr und unterhalte dich dort, so gut du kannst, natürlich auch mit deinem Bruder. Es ist mir eine Beruhigung, mir sagen zu können, daß du durch meine Schuld nichts entbehrst, wonach du dich sehnst. Hörst du, Edith? Sieh deinen Bruder recht oft. Es macht mir Freude. Ja, sicher, jetzt, da ich darüber nachgedacht es macht mir Freude, ich bitte dich darum.« »Du guter Mann!« sagte Edith. Die nächsten Monate gingen ruhig vorüber. Büchner machte sich viel im Kontor zu tun, unternahm lange Spaziergänge und Spazierritte mit Prati und trieb sich in einem schmalen, leichten Boote, einem »Ausleger«, auf dem Wussong umher. Das kleine Fahrzeug aus Mahagoniholz, ein Meisterstück der Schiffbaukunst, war auf einer Gewerbeausstellung in San Francisco durch eine Medaille ausgezeichnet worden. Wer es nach Schanghai gebracht hatte, weiß ich nicht mehr. Es war dort lange unverkäuflich geblieben, weil sich kein Liebhaber für das teure Spielzeug gefunden, bis Prati es eines Tages entdeckt und für Büchner gekauft hatte, der von jeher ein großer Freund des Rudersports gewesen war. Der lange Holländer nahm das Geschenk dankbar an, ließ es mit großer Sorgfalt instand setzen und begab sich damit, sobald es tüchtig war, auf den Wussong. Für einen reißenden Strom mit zahlreichen Strudeln und Schnellen und häufig starker Wellenbewegung war das leichte Fahrzeug nun aber nicht berechnet, und Prati machte sich klar, daß er seinem Freunde ein etwas gefährliches Geschenk gemacht hatte. Aber der lange Holländer war einer der besten und sichersten Ruderer der fremden Kolonie und ein ausgezeichneter Schwimmer, wenn sein Boot auch wirklich zu Schaden kommen sollte, so war bestimmt anzunehmen, daß er selbst sich auf demselben mit Leichtigkeit so lange würde halten können, bis ihm Hilfe käme. Daß er sich unterhalb des Hafens hinauswagen sollte, aus dem Bereich der Schiffe, die dort zu jeder Jahreszeit vor Anker lagen – an eine solch' waghalsige Torheit brauchte man nicht zu denken. Büchner hegte auch nicht die Absicht, etwas Ähnliches zu unternehmen, und seine weitesten Fahrten brachten ihn auf die andere Seite des Wussong, bis wohin Prati ihn von scharfen Matrosenaugen beobachtet wußte. Denn »Jack« sagte sich natürlich, einmal werde das kleine Ding doch wohl kentern, und dann seien für denjenigen, der mit seinem Boote am schnellsten am Orte des Unfalls eintreffe, wohl einige zwanzig Dollars zu verdienen. Der Sommer verging – die Tage wurden kürzer, die Spazierritte mußten verkürzt, die Fahrten auf dem Wussong ganz eingestellt werden. Es kamen die langen Abende, und Büchner war während derselben nicht selten allein. Frau Edith hatte von der ihr erteilten Erlaubnis, mit ihrem Bruder bei Frau Onslow zusammenzutreffen, anfänglich nur bescheiden Gebrauch gemacht. Aber die harmlosen Besuche, die ihre einzige Zerstreuung bildeten, waren mit der Zeit häufiger geworden. Die Wirtschaft gab ihr, wie allen anderen Frauen in Schanghai, nichts zu tun. Sie hatte nicht gelernt, sich um Küche, Speisekammer und Wäscheschrank zu bekümmern. Das war Sache des Cook , des Boy und der Ama (Koch, Diener, Kammerfrau). Was sollte sie tun, während Georg im Kontor arbeitete oder auf dem Wussong lag oder seine langen einsamen Spaziergänge machte, die ihm dem Anscheine nach ein Bedürfnis geworden waren? Besuche empfing sie nicht und hatte deshalb auch keine zu erwidern. Sie konnte doch nicht den ganzen Tag Romane lesen und sticken, und es war natürlich, daß sie sich bisweilen auch nach anderer Gesellschaft sehnte, als der des nachdenklichen Mannes, der ihr am Abend unendlich freundlich und liebevoll, aber wortkarg und traurig in dem stillen Gemach gegenübersaß, bis die Uhr endlich, manchmal nach recht langer Weile, ankündigte, es sei nun an der Zeit, nach der ermüdenden Einförmigkeit des Tages die nächtliche Ruhe zu suchen. – Sie bedurfte nicht so vieler Ruhe. Sie war jung! – Bei Frau Onslow wurde sie mit offenen Armen empfangen, verzogen, wie sie es als Mädchen gewöhnt gewesen war. Ihr Bruder überhäufte sie seit ihrer Versöhnung mit Aufmerksamkeiten aller Art, Herr Morrisson brachte ihr neue Bücher, selbst Herr Onslow entrichtete ihr seinen Tribut, indem er ihr Geschichten aus der Schanghaier Gesellschaft erzählte, der sie seit ihrer Verheiratung fernstand, aber für die sie natürlich Interesse bewahrt hatte. Das Wetter war rauh und unfreundlich geworden. Drei Abende hintereinander hatten Büchner und Edith sich allein gegenübergesessen. Prati war auf einem seiner zahlreichen Ausflüge in das Innere und durfte erst in einer Woche etwa zurückerwartet werden. »Willst du nicht zu Frau Onslow gehen?« fragte Büchner. »Was willst du ganz allein anfangen, mein armer Georg?« antwortete Edith. »Ich habe noch zu tun, unten im Kontor – geh nur, mein Kind.« »Wenn du es erlaubst.« Er hing ihr den Mantel um und half ihr in die Sänfte, die sie zu Frau Onslow tragen sollte. Dann kehrte er in das stille Zimmer zurück, in dem er nachdenklich lange Zeit auf und ab ging. Endlich öffnete er die Tür zur Veranda. Der rauhe Wind blies in das Zimmer, das Lampenlicht flackerte in die Höhe. Er schloß die Tür hinter sich und trat auf die offene, nasse Terrasse. Er blickte in die Höhe, er suchte seinen Stern; aber dunkles, dichtes Gewölk lagerte niedrig und schwer über ihm. Aus der Ferne vernahm er das Rauschen des Wussong. – »Es muß Hochwasser sein,« sagte er im Selbstgespräch. Er trat in das Zimmer zurück. Der Tisch war mit Büchern bedeckt. Er nahm eines davon, einen neuen Roman, und begann darin zu lesen. Aber seine Aufmerksamkeit erschlaffte bald. Er gab es auf, sie anzustrengen, warf sich in den Sessel zurück, bedeckte das Gesicht mit der Rechten und blieb unbeweglich, wie ein in Schlaf Versunkener. Endlich vernahm er im Garten das helle Rufen der »Chair-Kulis«. Er erhob sich, strich sich mit der Hand über die Stirn, atmete tief auf und ging seiner Frau entgegen. Diese trat elastischen Schrittes, mit leicht geröteten Wangen in das Zimmer. »Frau Onslow läßt dich herzlich grüßen. – Nun, was hast du ohne mich angefangen?« »Ich hatte noch zu arbeiten und ich habe gelesen, woher kommen all' die neuen Bücher, die auf dem Tische liegen?« »Kleine Aufmerksamkeiten Herrn Morrissons.« Die Besuche bei Frau Onslow wiederholten sich noch zweimal in derselben Woche, jedesmal auf Büchners Anregung, dann kam Prati zurück und leistete seinem Freunde des Abends Gesellschaft. Es war Vollmondszeit. Das Wetter hatte sich gebessert. Die beiden Freunde machten nach dem Essen lange Spaziergänge, so daß Edith gewöhnlich schon von Frau Onslow heimgekehrt war, wenn Büchner von seiner Promenade wieder nach Hause kam. Aber bald verschwand Prati von neuem auf mehrere Tage. »Darf ich zu Frau Onslow gehen?« fragte Edith am Tage nach der Abreise des Italieners. »Welche Frage! Natürlich, mein Kind. Viel Vergnügen!« Dann drei Stunden später: »Frau Onslow läßt dich herzlich grüßen. Wie hast du den Abend verbracht?« Und immer dieselbe Antwort: »Ich hatte nach zu arbeiten. Ich habe etwas gelesen. Die Zeit ist mir ganz schnell vergangen.« Und eines Abends der Zusatz: »Welch' schöne Blumen du mitgebracht hast!« »Herr Morrisson war so liebenswürdig, mir den Strauß zu schenken.« Das ging noch ein halbes Dutzend Male so, und dann fing die gewissenhafte kleine Frau an sich Vorwürfe zu machen. Sie durfte ihren Georg nicht jeden Abend allein lassen: es war nicht denkbar, daß er immer arbeitete und las. Der Ärmste langweilte sich wahrscheinlich tödlich. »Gehst du heute abend nicht zu Frau Onslow?« »Nein, ich bleibe bei dir.« Büchners Gesicht verklärte sich. »Meine gute Edith!« »Siehst du, daß du dich freust, mich hier zu haben, weshalb schicktest du mich jeden Abend fort?« »Ich schicke dich nicht fort.« »Nun gehe ich auch nicht wieder.« Der Abend verging schnell und angenehm. Aber es gibt in einer einzigen Woche sieben – lange sieben Abende. Sie erschienen Edith mit jedem Tage länger. Ein unbeschäftigter Mann ist etwas Schreckliches! »Willst du nicht rauchen? Prati hat mir gesagt, es sei jetzt kein Tee zu kaufen, du dürftest wieder rauchen.« »Nein, Kind, es hat mich Mühe genug gekostet, es mir abzugewöhnen. Jetzt entbehre ich es nicht, und ich mag es mir nicht noch einmal angewöhnen, um es später wieder aufgeben zu müssen.« Nach zehn oder zwölf Tagen war es Büchner wieder, der Edith bat, zu Frau Onslow zu gehen, und an demselben Abend, nachdem Edith gegangen war, ohne sich mehr als nötig bitten zu lassen, erschien Prati. Er fand Büchner allein, noch nachdenklicher als gewöhnlich und erfuhr im Laufe des Abends die Ursache der besonderen Traurigkeit seines Freundes. Das Gespräch zwischen beiden lenkte sich in natürlicher Weise auf die abwesende Hausfrau, Prati hatte sich nach ihr erkundigt, und Büchner ihm geantwortet, sie befinde sich ganz wohl, sie sei zum Besuch bei Frau Onslow. Darauf geriet das Gespräch ins Stocken. »Woran denken Sie eigentlich?« fragte der Italiener. Büchner begann langsam und leise zu sprechen, es war, als denke er laut. »Edith ist bei Frau Onslow. Ich habe sie gebeten, sich zu zerstreuen. Hier ist es einsam. Dies ist nicht das Haus, in dem sich eine junge Frau wohlbefinden kann. Ich bin traurig, und Edith hat in meiner Gesellschaft keine Freude. Ihre Jugend sehnt sich nach Glück. Sie hat redlich versucht, es zu finden in dem freudlosen Kreise, in den mein Dasein gebannt ist. Vergeblich! Ich sehe wohl, wie sie nach Sonne und Wärme dürstet und in dem kalten Schatten, in dem ich lebe, dahinwelkt. Ich selbst habe ihr die Tür des Gefängnisses geöffnet und sie ins Freie geführt. Aber sie fühlt sich dort ohne mich nicht sicher und flattert ängstlich nach ihrem Käfig zurück. Die treue Seele mag sich nicht freuen, weil ich traurig bin. Neulich kehrte sie heim mit Blumen, einem Zeichen, wie schön Gottes Welt da draußen ist. Und hier ist es öde und kalt, und ich allein halte sie zurück ...!« Er blickte starr vor sich hin. »Graue Dämmerung rings umher! – Ich möchte, es wäre dunkle Nacht!« Prati fand kein Wort des Trostes. »Wollen wir einen Spaziergang machen?« fragte er leise. Keine Antwort. »Raffen Sie sich auf. Büchner!« »Wozu?« Prati sah wohl, daß er an diesem Abend nicht helfen konnte. Er drückte Büchner die Hand und begab sich zu Frau Onslow. Als er die Treppe hinaufging, vernahm er freundliches Lachen, und deutlich unterschied er den hellen Klang von Ediths frischer Stimme. Während er die Anwesenden begrüßte, sagte Frau Edith: »Herr Morrisson, erzählen Sie auch Herrn Prati die reizende Geschichte; sie wird ihm gefallen, und wir hören sie gern noch einmal.« Herr Morrisson ließ sich nicht lange bitten. Edith lauschte seinem Vortrag mit glänzenden Augen und stimmte wieder ihr fröhliches Lachen an, als er geendet hatte. Prati konnte an der Geschichte nichts Komisches finden, aber er sagte mit seinem verbindlichen Lächeln: »Sehr hübsch.« Bald darauf entfernten sich die andern, und Prati blieb mit Frau Onslow allein. Er erzählte von seinem Besuche bei Büchner. Frau Onslow hörte aufmerksam zu. »Was Büchner von den Blumen sagte, macht mich nachdenklich,« bemerkte sie, als Prati geendet hatte. »Morrisson hatte sie Edith geschenkt.« »Sie glauben doch nicht, daß Büchner eifersüchtig ist?« »Nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Er weiß so gut wie Sie und ich, daß er sich auf Ediths Liebe und Treue unbedingt verlassen kann.« »Nun, was glauben sie?« »Er grämt sich über seine Ohnmacht, Edith glücklich zu machen, er bildet sich ein, daß dies anderen gelingen könnte. Er denkt dabei vielleicht an Morrisson, – wie der Kranke an den Gesunden: mit einer Art von Neid, aber ohne Übelwollen für den andern.« »Ich quäle mich nun seit bald drei Jahren mit Büchner,« sagte Prati. »Ich habe es ehrlich versucht, ihn von seinem Elend zu heilen. Aber Gott sei es geklagt, ich habe nichts erreicht, und heute fühle ich mich entmutigt.« »Sie waren ihm ein treuer Freund, Herr Prati; niemals hatte jemand einen besseren, als Büchner in Ihnen besitzt. Sie haben Ihre Pflicht getreulich geübt. Der Beste kann nicht mehr als sein Bestes tun. Das haben Sie getan. Aber ich fürchte, unserem Freunde ist nicht mehr zu helfen: er ist ein gebrochener Mann.« »So geben auch Sie die Hoffnung auf, ihn je wieder froh zu sehen?« fragte Prati verzweifelt. »›Je‹ ist ein langes Wort. Die Zeit heilt alles. Aber ich komme wieder auf meinen alten Gedanken zurück: Edith und Büchner müssen China verlassen. Man sollte in Amerika oder in Europa etwas für sie zu tun finden.« »Das ist auch meine letzte Hoffnung,« sagte Prati. »Ich werde darüber nachdenken, wir kommen später darauf zurück. Ich sage Ihnen heute Lebewohl. Von Büchner habe ich mich schon verabschiedet, er wird es wohl seiner Frau bestellen, ich vergaß, ihr zu sagen, daß ich morgen nach Sutschau gehe.« »Sie sind ja soeben zurückgekehrt.« »Ich konnte nicht alles erledigen, was ich dort zu tun fand. Gegen Ende der Woche hoffe ich wieder in Schanghai zu sein. – Auf Wiedersehen, Frau Onslow!« 9. Es war Pratis letzte Reise. Er kehrte von derselben lebend nicht zurück. Er erkrankte in dem verpesteten Lande an der Cholera und starb auf dem großen Kanal, eine Tagereise vor Schanghai. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze fremde Niederlassung; nur Edith und Büchner, die mit wenigen verkehrten, erfuhren davon zunächst nichts. Frau Onslow empfand tiefe Betrübnis darüber. Ihre größte Sorge war aber, wie Büchner diesen neuen Schlag ertragen würde. Sie sandte einen Boten zu Edith und bat diese um ihren Besuch. Edith erschien bald darauf. Sie erkannte sofort an Frau Onslows Miene, daß diese eine Trauerbotschaft für sie bereit halte, und fragte ängstlich, was vorgefallen sei. Frau Onslow erzählte es in möglichst schonender Weise. »Mein armer, armer Georg! – Der gute treue Prati!« rief Edith, und dann brach sie in Tränen aus. – »Wie soll ich es Georg mitteilen?« sagte sie weinend. »Ach, ich bin recht unglücklich, ich fühle mich vollständig ratlos.« Frau Onslow erbot sich, die schwere Aufgabe zu übernehmen, Büchner die Nachricht von dem Tode seines Freundes zu bringen. Davon wollte Edith nichts hören. »Nein,« sagte sie, »das darf ich niemand überlassen. – Aber, liebe Frau Onslow, kommen Sie in einer Stunde etwa; dann ist es wohl besser für ihn, auch noch andere als mich zu sehen.« Die mutige kleine Frau trocknete ihre heißen Tränen und machte sich auf den Weg, die schwere Pflicht zu erfüllen, die sie sich auferlegt hatte. Genau eine Stunde später erschien Frau Onslow in dem Büchnerschen Hause, wo Totenstille herrschte. Der Diener sagte, Herr und Frau Büchner seien im Salon. Frau Onslow hatte nicht die Gewohnheit, sich bei guten Freunden anmelden zu lassen. Aber sie lauschte einen Augenblick, ehe sie einzutreten wagte. Alles war still. Als sie die Tür öffnete, erblickte sie Büchner vor dem Tisch sitzend und in seiner Rechten die Hand Ediths haltend, die neben ihm stand. Er war sehr bleich, seine Augen waren trocken, auch schien es Frau Onslow nicht, als ob er geweint hätte. Der Redefluß der guten Frau war versiegt angesichts des großen Schmerzes, dessen Zeugin sie war. Sie drückte ihrem Freunde stumm die Hand, dann winkte sie Edith abseits und fragte, wie Büchner die Trauernachricht aufgenommen habe. Edith sagte nur: »Ach, der Arme!« Die Beerdigung Pratis fand am nächsten Morgen statt. An der Spitze der Leidtragenden, unmittelbar hinter dem Sarge, schritt der lange Holländer, alle übrigen Anwesenden um Haupteslänge überragend. Er blickte starr auf die mit Blumen bedeckte Bahre, die vor ihm dem Kirchhof zugetragen wurde, und er bemerkte nicht, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren. Es war ein ergreifendes Schauspiel, wie der große, starke Mann mit seinem Schmerze kämpfte um Fassung zu bewahren, und wie er sie bis zum Ende nicht verlor. Nachdem ein Priester die Trauerrede gehalten und man die Leiche in die Gruft gesenkt hatte, warfen die Anwesenden in üblicher Weise ein jeder Erde auf den Sarg und zogen sich still zurück; dann schaufelten die Totengräber das offene Grab zu. Von dem Sarge war längst nichts mehr zu sehen; aber Büchner hatte seinen Platz neben der Gruft nicht verlassen und starrte noch immer nach der Stelle, wo die letzten Blumen unter der darauf geworfenen Erde verschwunden waren. An der Tür des Kirchhofes drehte mancher, der Prati das letzte Geleit gegeben hatte, noch einmal den Kopf nach Büchner um. Dieser stand wie festgebannt auf derselben Stelle. – Da berührte Edith, die sich mit Frau Onslow dem Leichenzuge in einem Wagen angeschlossen hatte, sanft den Arm ihres Mannes. Er wandte sich langsam zu ihr. »Komm nach Hause, mein armer Georg,« sagte sie milde. Darauf folgte er den andern. Unterwegs sprach er kein Wort, und Edith versuchte nicht, ihn zu trösten. Der italienische Konsul hatte, gleich nachdem er die Anzeige von Pratis Tode empfangen, dessen Nachlaß versiegeln lassen. Im Laufe des Tages, an dem das Begräbnis stattgefunden hatte, erschien er sodann in Begleitung eines Kanzleibeamten, um das Bestandsverzeichnis der Hinterlassenschaft aufzunehmen und in Gemeinschaft mit Rawlston nach Pratis Testament zu suchen, da ein solches auf dem Konsulate nicht niedergelegt worden war. Aber es fand sich keines. Darauf bat der Konsul, Herr Rawlston möchte einen verständigen Diener zu seiner Verfügung stellen, der ihm bei der Aufzeichnung aller in Pratis Zimmer vorgefundenen Gegenstände behilflich sein könnte. »Die Arbeit, muß sorgfältig gemacht werden,« sagte der Konsul; »sie wird wohl einen ganzen Tag in Anspruch nehmen: denn nicht eine Stecknadel darf in dem Nachlaßverzeichnis fehlen.« »Ich werde Ihnen den Komprador hinaufschicken,« antwortete Rawlston; »das ist ein gewandter Mann, auch spricht er gut englisch; außerdem können sie sich noch von Pratis Boy helfen lassen.« Der Konsul dankte. Er setzte sich in des verstorbenen Zimmer auf einen Sessel und begann zu lesen, während der Kanzleibeamte unter dem Diktat des Kompradors und des Boy alles niederzuschreiben begann, was diese als Herrn Prati angehörig bezeichnen konnten. Die Arbeit währte schon seit einer Stunde, und der Konsul war, trotz des ununterbrochenen Kommens und Gehens, sanft eingeschlafen, als er plötzlich aus seinem Schlummer geweckt wurde durch den eigentümlichen hellen Ausruf, der Überraschung bei den Chinesen zu erkennen gibt. »Ai-joh!« Der Konsul wandte sich um und erblickte den Komprador und den Boy vor einem alten ledernen Koffer stehend, den sie soeben aus dem Schlafzimmer herbeigeschleppt, und dessen Inhalt, aus Kleidern und Büchern bestehend, sie auf dem Boden ausgebreitet hatten. Der Komprador hielt einen gelblichen glänzenden Gegenstand von der Größe eines kurzen, kleinen Lineals in der Hand. »Das gehört zum Ki-tschong-Golde,« sagte er lakonisch. Der Konsul verstand nicht, was das heißen sollte. Es wurde ihm bald erklärt. Und noch vor dem Essen wußten Rawlston und Wallice und Morrisson und Onslow und ganz Schanghai, mit der üblichen Ausnahme von Büchner und Edith, die ihre Wohnung seit dem Begräbnis nicht wieder verlassen hatten, daß Prati, den man am Morgen feierlich zur Ruhe bestattet hatte, der Dieb der zehntausend Dollars gewesen sei, für den der arme Büchner jahrelang gegolten hatte. Die Geschichte war ziemlich verwickelt, aber die Aufklärung eine vollständige. Der Komprador hatte auf der Goldbarre, die er in einem von Pratis Koffern gefunden, auf den ersten Blick den ihm wohlbekannten Stempel seines Geschäftsfreundes Ki-tschong erkannt, und dieser hatte aus seinen Büchern den unzweifelhaften Nachweis führen können, daß diese Goldbarre, im Werte von etwa fünfhundert Dollars, einen Teil des Geldes bildete, das er Büchner eingezahlt hatte, und das diesem, in bis dahin unaufgeklärter Weise, abhanden gekommen war. Als man einmal auf die richtige Spur des Diebes geleitet war, klärte sich das ganze Geheimnis wie von selbst auf. Prati hatte sich einen Schlüssel zur Kasse zu verschaffen gewußt. Dies war ihm leicht gemacht worden. In dem Kassenschrank befand sich nur in seltenen Fällen bares Geld. Er diente in erster Linie und gewöhnlich dazu, die Hauptbücher des Hauses und gewisse Wertpapiere – Konnossemente, Wechsel, Kontrakte, Versicherungsscheine usw. – in feuerfestem Verwahr zu halten. Nicht nur stand die Kasse während der Kontorstunden gewöhnlich offen, von niemand sonderlich bewacht, da das, was sie enthielt, für keinen Dieb Geldeswert hatte, sondern es war verschiedene Male vorgekommen, daß Prati, während längerer Beurlaubungen von Büchner, dessen Vertretung übernommen und auf diese Weise den Kassenschlüssel wochenlang zu seiner Verfügung gehabt hatte. Da war es ihm leicht gewesen, sich von einem chinesischen Schlosser einen Nachschlüssel machen zu lassen, und selbst an demselben so lange zu feilen, bis er die Kasse ebenso gut öffnete wie der richtige. Der Diebstahl war nun an einem Dienstagabend verübt worden. Am vorhergehenden Sonntag hatte Prati zu einem seiner häufigen Ausflüge in das Innere, Schanghai verlassen. Eine Tagereise hinter der Stadt, am Montag Abend, war sein Boot von den Tai-ping-Rebellen aufgehalten worden, und er hatte zu seiner Bestürzung bemerkt, daß er keinen Passierschein besitze. Die Rebellenhäuptlinge waren stets bereit, jedem Fremden, der in den von ihnen überzogenen Landstrichen reisen wollte, ein derartiges Schriftstück auszustellen. Aber ohne im Besitz eines solchen zu sein, war es gefährlich, manchmal sogar, wie in dem vorliegenden Falle, unmöglich, die Grenzen der von den Tai-ping beherrschten Provinz zu überschreiten. Prati besaß einen Paß in bester Ordnung, mit allen nötigen amtlichen Siegeln versehen und von einem halben Dutzend »himmlischer« und anderer »Könige« visiert. Das Schriftstück war von ihm in Schanghai vergessen worden. Nun mochte Prati aber gewichtige Gründe haben, niemand den Schlüssel zu seinem Schreibtisch anzuvertrauen, denn er bequemte sich dazu, selbst nach Schanghai zurückzukehren. Da die Strömung im Kanal, in dem er sich befand, die Rückreise im Boote zu einer sehr langwierigen gemacht haben würde, so befahl er den Bootsleuten, bis nach einem bestimmten Orte zurückzugehen. Dort wollte er sie in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch wieder antreffen. Er selbst mietete einen von Menschenhand gezogenen Karren, wie dergleichen in China auf den Landstraßen gebräuchlich sind, um darin nach Schanghai zurückzukehren. Er verließ sein Boot Dienstag mit Grauen des Tages und langte gegen fünf Uhr abends in der chinesischen Vorstadt von Schanghai an. Dort ließ er das primitive Fuhrwerk, dessen er sich bedient hatte, warten, und begab sich zu Fuß nach seiner Wohnung. In der Nähe derselben begegnete er dem Kaufmann Ki-tschong, der ihm beiläufig erzählte, er komme soeben von Rawlston u. Co., wo er zehntausend Dollars eingezahlt habe. – Sieben Stunden später, etwas nach Mitternacht, war Prati wieder auf seinem Boote. Über die Art, wie der Italiener einen Teil dieser Zeit angewandt hatte, fehlten bestimmte Nachrichten; jedoch hielt es nicht schwer, dies mit nahezu vollständiger Sicherheit festzustellen. Prati war – so erklärt man sich die Sache – ohne bemerkt zu werden, in das Kontor gelangt. Er hatte sein Pult geöffnet, um den Paß herauszunehmen. Und in demselben Pulte mochte wohl auch der Nachschlüssel zur Kasse gelegen haben. Das Kontor war leer. – Da trat die Versuchung an den Italiener heran und fand ihn schwach. Dicht neben ihm lagen zehntausend unbewachte Dollars. Er öffnete die Kasse, bemächtigte sich des Goldes, schloß den Schrank wieder – und war verschwunden. Der Diebstahl hatte im Verlaufe einer halben Minute verübt werden können. – Die Zeit von fünf bis sechs Uhr ist die ödeste Stunde für das Straßenleben in der Niederlassung von Schanghai. Die Fremden sitzen dann gewöhnlich bei Tisch, die unbeschäftigten Diener pflegen dies zu benutzen, um zu schlafen. Prati hatte auf dem Rückwege zur chinesischen Stadt, wobei er die wenigst belebten Straßen gewählt haben mochte, keinen Bekannten angetroffen; und um halb sieben Uhr rollte er bereits wieder auf seinem Schiebkarren dem Orte zu, den er seinen Bootsleuten bezeichnet hatte und wo er diese auch richtig antraf. Der größte Teil der entwendeten zehntausend Dollars war wahrscheinlich sofort gegen Seide umgetauscht worden. Die Rebellen, mit denen Prati auf seiner damaligen Reise verkehrt hatte, kümmerten sich wenig darum, wie das Geld erworben war, das sie für die von ihnen gestohlene Seide bekamen. Sie selbst hatten Interesse daran, den Ursprung des Geldes zu verbergen, da die obersten Häuptlinge, die für ihre eigene Rechnung unbarmherzig raubten und plünderten, darauf hielten, daß von ihren Untergebenen strenge Mannszucht beobachtet wurde. Die Goldbarren mit dem Stempel Ki-tschongs waren sicherlich sofort eingeschmolzen worden. Wie es gekommen, daß eine Goldbarre in Pratis Besitz geblieben war, darüber schwankten die Ansichten. Einige nehmen an, er habe nicht mehr gewagt, das Ki-tschong-Gold auszugeben, nachdem der Diebstahl bekannt geworden war; andere glauben – und diese Ansicht hat die Wahrscheinlichkeit für sich, – daß Prati, mit jener eigentümlichen Unvorsichtigkeit, welche gewisse Handlungen der verschlagensten Verbrecher kennzeichnet, kein Bedenken getragen hatte, einen Teil des gestohlenen Gutes zurückzubehalten, in einem verschlossenen Koffer, zu dem er den Schlüssel bei sich trug, und in dem es niemand, auch keinem Diebe, eingefallen sein würde, Gold zu suchen. – Als der Italiener, acht Tage nach dem Verschwinden des Goldes, wieder in Schanghai eintraf, war die polizeiliche Untersuchung längst beendet, weder Rawlston noch der Polizeiinspektor hatten dabei an Prati denken können, den sie an dem Tage, an dem das Verbrechen begangen worden war, weit von Schanghai glauben mußten. Der Komprador erinnerte sich nachträglich, daß Pratis chinesischer Diener, der seinen Herrn nach Sutschau begleitet hatte, von den Unannehmlichkeiten gesprochen, die ihnen das Fehlen des Passes verursacht hatte. Aber dieser Umstand war vom Komprador in keinen Zusammenhang mit dem Diebstahl gebracht worden, und er hatte ihn in der Aufregung jener Tage schnell vergessen. Auch auf Ki-tschong hatte die kurze, unverdächtige Begegnung mit Herrn Prati auf der Straße so wenig Eindruck gemacht, daß er derselben gar nicht erwähnt hatte. Es waren ihm an jenem Tage und zur selben Zeit auch noch andere Mitglieder des Rawlstonschen Hauses zu Gesicht bekommen. Er hatte an keinen von diesen als den möglichen Dieb der zehntausend Dollars gedacht. Hätte er damals von dem Zusammentreffen mit Prati gesprochen, so würde dies auch nicht genügt haben, einen begründeten Verdacht auf den Italiener zu lenken. Seine unfreiwillige kurze Anwesenheit in Schanghai konnte durch die Umstände, welche dieselbe begleiteten, vollständig erklärt werden. Rawlston war geradezu betroffen, als Büchners Unschuld nun sonnenklar vor ihm stand. Der Vorwurf, den andere ihm wiederholt gemacht hatten, er habe Büchner zugrunde gerichtet, gewann plötzlich an Schärfe. Fast empfand er Bedauern darüber, daß die Wahrheit nun ans Licht gekommen sei. Aber diese Empfindung machte schnell besseren Gefühlen Platz, die ihn drängten, dem gekränkten Manne jede mögliche Genugtuung zu verschaffen. Er begab sich schnurstracks zu Francis Morrisson, den er von ähnlichen Gesinnungen Büchner gegenüber beseelt fand und mit dem er sich nach kurzer Unterredung dahin verständigte, die ganze Kolonie, da sie sich als solche, absichtlich oder nicht, an der Kränkung Büchners beteiligt hätte, solle nunmehr förmlich und feierlich ihre wohlgesinnte Teilnahme an dessen Schicksal zu erkennen geben, und zwar in der üblichen Form: durch Überreichung einer Ehrengabe. Rawlston und Morrisson gehörten zu den einflußreichsten Mitgliedern der fremden Niederlassung. Sie zweifelten nicht daran, daß ihre auf Büchner bezüglichen Vorschläge allgemeine Zustimmung finden würden, und sie irrten darin auch nicht. Nachdem jeder von ihnen mit einigen der reichsten Kaufleute der Kolonie gesprochen hatte, konnte eine Liste, in der eingeladen wurde, Herrn Georg Büchner ein »Testimonial« zu überreichen, in Umlauf gesetzt werden, an deren Spitze die besten Namen von Schanghai mit nicht unerheblichen Beiträgen prangten, und die sich schnell mit zahlreichen Unterschriften bedeckte. Schanghai war damals reich, und Kleinlichkeit in Geldsachen gehörte nicht zu den Eigentümlichkeiten der »Pioniere«. Die Beiträge zu dem »Büchner-Testimonial« ergaben bald die stattliche Summe von neuntausend und etlichen Dollars. Morrisson und Rawlston taten sich zusammen, um sie auf zehntausend Dollars abzurunden. Sodann fand eines der beliebten »Meetings« im Klub statt, in dem Morrisson den Vorsitz führte, und das nach kurzer Beratung, »nem. con.« wie in der Zeitung zu lesen war, mit dem Beschlusse endete, ein aus zehn Personen bestehender Ausschuß – derselbe wurde auf der Stelle durch Akklamation ernannt – solle Herrn Büchner die Summe von zehntausend Dollars in geeignet scheinender Weise überbringen, als »ein Zeichen der Teilnahme und der Hochachtung der Kolonie für deren verehrtes Mitglied Herrn Georg Büchner.« Frau Onslow teilte dies Edith vertraulich mit. Man wollte die Freude haben, Büchner angenehm zu überraschen. Aber er mußte in irgend einer Weise auf die außerordentliche Kundgebung vorbereitet werden. Edith zeigte sich erfreut über die Nachricht. Das Geld war ihr gleichgültig. Sie hatte sich niemals arm gefühlt, und es fehlte ihr die richtige Schätzung von Geld und Geldeswert. Aber sie war stolz auf die ihrem Manne gezollte Verehrung. – Nun endlich würde er wieder erhobenen Hauptes durch die Straßen von Schanghai gehen! Ediths Empfindungen in bezug auf Prati waren zunächst geteilter Natur gewesen. Im ersten Augenblick, nachdem sie erfahren, was er verübt, hatte sie nur Bestürzung gezeigt: Prati, der treue Freund, die Stütze ihres Mannes, Prati ein Dieb! – Es erschien unglaublich, und doch war es so. Der Unglückliche! – Aber gleich darauf hatten die berechtigten Gefühle der Gattin die Oberhand gewonnen. Prati war also an dem Unglück ihres geliebten Georg schuld. – Der Elende! In heller Entrüstung eilte sie nach ihrem Hause zurück, dem Schmerz um einen Unwürdigen, unter dem Büchner litt, Einhalt zu tun. Sie vergaß alle Rücksichten, die sie seit ihrer Verheiratung gewöhnt war auf ihres Mannes Zustand zu nehmen. »Georg!« rief sie ihm entgegen, sobald sie ihn erblickt hatte, »der Dieb ist entdeckt.« Er sah sie erstaunt an. »Prati – ja Prati ist der Dieb!« »Allmächtiger Gott!« sagte Büchner leise und sank auf den Sessel zurück, von dem er sich beim Eintritt seiner Frau erhoben hatte. Diese, ohne die Niedergeschlagenheit ihres Mannes zu beachten, vielleicht ohne sie zu bemerken, erzählte in fliegender Hast alles, was sie soeben von Frau Onslow erfahren hatte. Büchner hörte stumm zu. Von Zeit zu Zeit schüttelte er das Haupt. »Der Arme!« sagte er, als Frau Edith geendet hatte. Und unwillkürlich die Worte wiederholend, die Prati in seiner Erzählung über das Schicksal der Brüder Josef und Anselm gebraucht hatte, fügte er hinzu: »Was muß er gelitten haben!« »Der Arme?« rief Frau Edith entrüstet. »Der Elende, der Heuchler, der dich und mich unglücklich gemacht hat!« »Er hat schwer dafür gebüßt.« Edith war einige Sekunden sprachlos. »Für diese Art von Edelmut,« brachte sie endlich gereizt hervor, »fehlt mir in der Tat das Verständnis.« »Ja,« sagte Büchner, »ich fürchte, wir werden uns darüber nicht verständigen. Du hast vollkommen recht.« »Aber bist du denn nicht froh – wäre es auch nur um meinetwillen, – daß du nun in aller Augen wieder makellos dastehst?« »Ja, ich freue mich in der Tat ... Deinetwegen. Mir ist es gleichgültig. – Ich bin fertig.« »Georg, versündige dich nicht.« »Ich bin fertig, fertig, fertig!« wiederholte er und sah sie mit weit geöffneten Augen befremdlich an. – Er preßte die linke Hand auf das Herz und hob und senkte sie wieder in schnellen, harten Schlägen: »Ach, Edith, wenn du wüßtest, wie sie mich alle gequält haben!« »Alle? O, Georg!« »Nein, du nicht? du warst treu – du – und Prati ...« »Nenne mich nicht mit dem Nichtswürdigen!« »Du hast recht, verzeihe mir!« Er fühlte sich gänzlich vereinsamt. Es war dunkel geworden. – »Ich will etwas an die freie Luft gehen,« sagte er sanft. Edith sah ihm kopfschüttelnd nach. – Sie zürnte ihm wegen seiner Schwäche für Prati. Während der nächsten Tage wurde dem langen Holländer das Geld zurückgegeben, das er auf dem amerikanischen Konsulat vor etwa drei Jahren niedergelegt hatte, »zur freien Verfügung der Herren Rawlston u. Co., bis zu dem Tage, an dem die abhanden gekommenen zehntausend Dollars wieder in deren Besitz gelangt sein würden.« – Diese Summe sollte später aus dem Nachlaß Pratis gedeckt werden. Bei der Prüfung jener Hinterlassenschaft hatte sich übrigens herausgestellt, daß Pratis Vermögen in den letzten Jahren nicht unerhebliche Einbuße erlitten. Von den glänzenden Geschäften, über die er Büchner Abrechnungen geliefert und von denen er angegeben hatte, sie seien durch Vermittlung von Rawlston u. Co. ausgeführt worden, war weder in Pratis nach in Rawlstons Büchern eine Spur zu entdecken. Die ersteren erschienen übrigens ohne besondere Bedeutung, denn seit zwei und einem halben Jahre waren darin nur noch wenige Eintragungen gemacht worden. In einem Notizbuche, das in Pratis Pulte vorgefunden wurde, entdeckte man den flüchtigen Bleistiftentwurf eines Kontokorrents. Es hatte keine Überschrift. Auf der rechten Seite stand 10000 und zweimal die Zahl 1200. Die andere Seite war beinahe vollgeschrieben. Zuerst las man die Ziffer 2000, dann folgten verschiedene größere und kleinere Beträge, deren Gesamtsumme nahe an 12400 ausmachte. Rawlston schloß nach einigem Nachdenken, daß er das Konto Büchners bei Prati vor sich habe. Die Zahl 10000 bezeichnete augenscheinlich die gestohlene Summe, 2400 bildeten zweijährige Zinsen auf jenen Betrag zu dem, wenn auch hohen, doch in Schanghai damals nicht ungebräuchlichen Satze von 12 %. – Die Ziffer 2000 entsprach dem Darlehen, das Prati seinem Freunde gemacht hatte, um die fehlenden zehntausend Dollars an Rawlston u. Co. zurückerstatten zu können, die übrigen Summen endlich bezeichneten aller Wahrscheinlichkeit nach verschiedene Beträge, die Prati im Verlauf von zwei Jahren an Büchner geborgt oder ihm unter dem Vorwande ausgezahlt hatte, daß sie den Nutzen geschäftlicher Unternehmungen darstellten, die für gemeinschaftliche Rechnung ausgeführt waren. – Der Italiener erschien demnach als ein eigentümliches Gemisch von Ehrlichkeit und Spitzbüberei. Es lag kein Anzeichen dafür vor, daß er über den von ihm verübten Diebstahl Gewissensbisse empfunden; den von seinem Freunde erlittenen Geldverlust hatte er dagegen reichlich wieder getilgt. Frau Onslow verstand nun erst die Geschichte der beiden Brüder, die Prati ihr einmal erzählt hatte. – »Fallen ist traurig, ist jammervoll – aber es ist verzeihlich; Liegenbleiben ist schlimm,« hatte er gesagt, um einen Dieb zu entschuldigen. – Er hatte große Anstrengungen gemacht, sich wieder emporzurichten, und im tiefsten Innern ihres guten Herzens bemitleidete Frau Onslow den reuigen Sünder. Es war ihr jedoch nicht möglich, ihm zu verzeihen. »Ein Dieb ist ein Dieb – etwas Häßliches!« und sie hörte ruhig mit an, wenn der Italiener in ihrer Umgebung allgemein verdammt wurde. Edith hatte es nicht ohne Zagen unternommen, Büchner auf den Besuch der Abgesandten der Kaufmannschaft vorzubereiten. Sie fürchtete, seine Menschenscheu werde ihren Wünschen Widerstand leisten. Sie gebrauchte viele Worte, um Büchner von dem Vorhaben seiner Mitbürger – ohne des Ehrengeschenks zu erwähnen – bekannt zu machen; dann schloß sie mit einer Bitte: »Tu' es mir zu Liebe und sei recht freundlich mit den Herren! Sie sind mir beinahe ganz fremd geworden; aber es wird mir leicht werden, wieder unbefangen mit ihnen zusammenzutreffen, wenn ich einmal gesehen habe, wie hoch du in ihrer Achtung stehst.« »Ich bin es dir schuldig und tue es gern,« hatte Büchner geantwortet, und damit war die Angelegenheit in befriedigender Weise erledigt worden. 10. Der Tag war gekommen, an dem die Abgesandten der fremden Niederlassung Herrn Büchner den angekündigten feierlichen Besuch machen wollten. Edith hatte alles darauf vorbereitet. Der hübsche Speisesaal zu ebener Erde, das größte Gemach des Hauses, war überfüllt mit Blumen und Ehrenkränzen, die von den ehemaligen Freunden und Genossen Büchners als ein ferneres Zeichen der Teilnahme an dessen Geschick seit frühem Morgen eingetroffen waren. Der lange Holländer hatte es sich ruhig gefallen lassen, daß man ihm statt des gewöhnlichen bequemen Hausanzuges seine besten Kleider hingelegt, und er hatte sie, ohne eine Bemerkung zu machen, angezogen. – Mit dem Glockenschlage zwölf erschienen die Abgeordneten in schwarzen Fräcken, mit weißen Binden und den sonst nur bei Hochzeiten und Leichenbegängnissen gebräuchlichen hohen Hüten. An ihrer Spitze ging Francis Morrisson, der unter dem Arm ein großes Portefeuille aus rotem Leder trug. Sie stellten sich in feierlicher Ordnung an dem einen Ende des Saales auf und beschieden sodann den chinesischen Diener, der sie mit stummer Verwunderung beobachtet hatte, Herrn und Frau Büchner zu bedeuten, daß man sie erwarte. Gleich darauf öffnete sich die Tür, und Büchner, von seiner in weiß gekleideten Frau gefolgt, trat in das Zimmer. Er blieb einen Augenblick an der Schwelle stehen, verneigte sich tief und sagte leise, doch so, daß es alle verstehen konnten: »Ich danke Ihnen, meine Herren, für die große Ehre, die Sie mir erweisen.« Darauf näherte er sich der Gruppe der Abgesandten und reichte einem jeden, Rawlston mit inbegriffen, die Hand, die sie alle herzlich drückten und schüttelten. Sodann gesellte er sich wieder zu seiner Frau, die in der Mitte des Zimmers stehen geblieben war und dem Auftritt mit einem Gemisch von Rührung, Freude und Stolz beigewohnt hatte. Und nun trat Herr Francis Morrisson mit dem großen roten Portefeuille vor. Er öffnete es, – und man sah, daß es, gleich einem Brautgeschenk, mit blendend weißem Atlas gefüttert war, – entfaltete einen beschriebenen Bogen, der darin lag, räusperte sich und begann mit lauter, fester Stimme eine Adresse an Herrn Georg Büchner zu lesen. In wohltönenden, sorgfältig gewählten Ausdrücken war darin gesagt, daß Büchner von einem großen Unglück heimgesucht worden sei, daß er es mit männlichem Mut, ohne ein Wort der Klage ertragen und in seiner Gattin, einem Vorbilde aller edlen Frauen, eine mutige Gefährtin gefunden, die in unwandelbarer Treue an seiner Seite gestanden habe; der gütigen Vorsehung sei es zu danken, daß das Unglück, unter dem Büchner Unverdientes erduldet, sich nunmehr von ihm abgewandt habe. Deß müsse sich jeder Gute freuen, deß' freue sich die gesamte Kolonie, und als einen Ausdruck dieser herzlichen Teilnahme überreiche sie Herrn Büchner hiermit eine Ehrengabe, die er zu empfangen gebeten werde, »für sich und die Seinen als ein dauerndes Zeichen der Liebe und Achtung seiner Mitbürger.« Frau Edith rannen die Tränen – Tränen des Glücks, über die Wangen; die ganze Versammlung – und es befanden sich darunter einige recht rauhe Männer – war sichtlich ergriffen. – Und Büchner? Er lauschte der Rede starr und stumm, aber er verstand die Worte nicht. Er begriff nur, daß man ihm Wohlwollen bezeigte, und er empfand, daß er sich dessen nicht mehr freuen konnte. Unwiderstehlich wie die Flut drang der Jammer über sein Elend auf ihn ein und bemächtigte sich seines ganzen Wesens. Die letzten Jahre der Einsamkeit zogen vor seinem Geiste vorüber. Er sah sich verachtet, ausgestoßen von der Gesellschaft, des Diebstahls verdächtig, ein Trinker, er sah sein düsteres, kaltes Heim, das selbst die lichte Erscheinung Ediths nicht zu erleuchten und zu erwärmen vermocht hatte, er sah, wie sie an seiner Seite freudenlos dahinwelkte, und er sah den Urheber all seines Elends, Prati, den ängstlichen Freund – und er zürnte ihm nicht. Sein Glück war dahin; das, was man ihm jetzt bot, machte es nicht wieder erstehen. Sie kamen zu spät mit ihren Glückwünschen und mit ihrem Troste. Was kümmerte ihn jetzt noch Anerkennung? Er hatte abgerechnet mit allem. Er war fertig mit dem Glück, mit der Hoffnung und mit dem Leben! Morrisson hatte geendet und legte das geschlossene Portefeuille auf den Tisch. – Büchner wollte sprechen, danken. Die Stimme versagte ihm. Wie ein Greis bewegte er den Kopf leise hin und her, und einem gänzlich Hilflosen gleich erhob er zitternd beide Hände. Ein rauher Laut – ein Seufzer, ein Stöhnen – entrang sich seiner Brust. Noch einmal richtete er einen trostlosen Blick auf alle, die gekommen waren, ihn zu erfreuen; darauf wandte er sich langsam ab und schritt der Tür zu. Dort blieb er einige Sekunden stehen: seine Lippen bewegten sich, aber man vernahm nicht, was er sprach – und dann war er gegangen. Edith eilte ihm nach, nicht, ohne einem jeden der Anwesenden die Hand gedrückt zu haben. »Die Freude hat ihn überwältigt,« wiederholte sie dabei verwirrt. – »Sehr erklärlich, sehr natürlich,« erwiderten die Gäste, »er ist nicht mehr an Freude gewöhnt. Grüßen Sie ihn herzlich! Wir hoffen, Sie und ihn bald wiederzusehen.« Sie entfernten sich höchlichst befriedigt mit der Art, wie sie ihren Auftrag ausgeführt hatten, und mit dem tiefen Eindruck, den dies auf den langen Holländer gemacht zu haben schien. Sie wußten plötzlich alle, daß er seit Jahr und Tag das Trinken aufgegeben hatte. »Wie die kleine Frau an ihm hängt – er muß ein edler Mann sein – eine Seele von Mensch – nun wird er bald wieder der Alte sein – ich freue mich schon darauf, ihn im Klub und auf der Kegelbahn zu sehen. – Es müßte ihm dort ein feierlicher Empfang bereitet werden.« – Dieser Vorschlag fand begeisterte Zustimmung: ein silberner Pokal sollte ausgeschoben und es dabei so eingerichtet werden, daß Büchner ihn gewinnen müsse. Diese Frage beschäftigte die Mehrzahl der Abgesandten auf dem Heimwege. Ich befand mich während der ganzen Zeit in Schanghai und hatte Büchner oftmals gesehen. Er fühlte sich zu mir hingezogen – das kann ich mir nachsagen, ohne mich zu rühmen; denn wenn ich einmal einen Tag hatte vorübergehen lassen, ohne bei ihm vorzusprechen, so besuchte er mich an Bord der »Aurora Belisle«, während er sonst doch nicht gern zu irgend jemand ging. Ich glaube deshalb auch, daß ich seinem Herzen näher stand als seine alten Bekannten in Schanghai. – Weshalb? – Vielleicht weil ich ihm von Anfang an vertrauensvoll entgegengetreten war, sodann, weil ihm die schöne Reise, die wir von Yokohama nach Schanghai zusammen gemacht hatten, in guter Erinnerung geblieben sein mochte, und endlich – Sie dürfen dies nicht für eine Eitelkeit halten – weil ihm das ruhige Wesen des alten Seemanns vielleicht besser gefiel als die laute Zutraulichkeit der Leute auf dem Lande. Denn ich bin schweigsam – wenn ich nicht spreche. Sie verstehen, was ich sagen will: ich kann lange Geschichten erzählen und tue es ganz gern; aber wenn ich nichts zu sagen habe, so verhalte ich mich ruhig. Ich störe nicht leicht jemand durch mein Sprechen. – Büchner fühlte sich bei mir willkommen und unbeobachtet. Manchmal kam er an Bord und sagte: »Guten Tag!« und ging dann nach hinten, wo er sich niederlegte, mit dem Kopf auf die Schiffswand, um den Wussong vorüberfließen zu sehen. Er hatte eine eigentümliche Zuneigung zu dem Strome gefaßt. – Nach einer Stunde sagte er: »Auf Wiedersehen!« Und die vier Worte waren alles, was ich während seines Besuches von ihm gehört hatte. – Ein anderes Mal war er gesprächiger. Das heißt nach seiner Art: hier und da einige Worte, die ich mir dann am Abend, wenn ich auf dem Deck spazieren ging, zusammenreimen mußte, um sie zu verstehen. Das Auffallendste an ihm in der letzten Zeit war das ewige Nachdenken und Grübeln, und ich fand heraus, daß seine Gedanken sich unausgesetzt mit seiner Frau, seinem verstorbenen Freunde und auch mit Francis Morrisson beschäftigten. Seine Frau beklagte er: sie führe an seiner Seite ein freudenloses Dasein, und das könne nie besser werden, so lange er lebe; Morrisson nannte er häufig »den liebenswürdigen Herrn Morrisson«; aber es klang nicht freundlich in seinem Munde, und das fiel mir auf, denn es war nicht seine Art, sich über andere unfreundlich oder spöttisch zu äußern; von Prati sprach er nie anders als von seinem Freunde: »Er war für andere ein schlechter Mensch, aber für mich war er gut,« sagte er. »Alle dürfen ihn verachten – auch Edith – aber ich kann es nicht und will es nicht!« Die letzten Worte: »Ich will es nicht« wiederholte er mehrere Male mit besonderem Nachdruck, gleichsam, als weise er eine an ihn gerichtete Zumutung zurück. – Ich habe mir gedacht, daß über diesen Punkt zwischen ihm und seiner Frau Meinungsverschiedenheiten bestanden, die gelegentlich zu unerfreulichem Wortwechsel führen mochten. Am Tage meiner Abreise von Schanghai, eine Woche etwa, nachdem Büchner die Ehrengabe der Kolonie überbracht worden war, kam er in der Dämmerung an Bord. Ich hatte mich bereits von ihm und seiner Frau verabschiedet; aber es freute mich, ihn noch einmal zu sehen, und ich hieß ihn an der Treppe willkommen. »Weshalb haben Sie keinen Sampan (chinesisches Boot) genommen?« fragte ich. »Die Ebbe läuft heute stark. Ihr Ausleger ist in solchem Wasser gefährlich.« »Nein, das kennt mich,« antwortete er. Er schwang sich an Bord, nachdem er sein Fahrzeug an der Treppe befestigt hatte. »Ich wollte Ihnen noch einmal Lebewohl sagen, Kapitän.« Er blickte nach dem grauen Novemberhimmel. »Sie werden Wind bekommen,« fuhr er fort, und dann, auf den Wussong deutend, der zischend und gurgelnd an der Schiffswand vorüberzog: »Wie er singt und ruft!« Nachdem er einige Minuten gleichgültig die Vorbereitungen zur Abreise, die an Bord getroffen wurden, beobachtet hatte, zog er die schwere Jacke aus, mit der er gekommen war, und legte sie, nach Matrosenart sorgfältig gefaltet, in ein kleines Paket zusammen. »Was machen Sie?« fragte ich. »Ich mache es mir bequem. Ich will noch eine Spazierfahrt unternehmen und will in meinen Bewegungen nicht beengt sein.« Er schwenkte die langen Arme hin und her, als versuche er, ob sie auch gut in den Gelenken arbeiteten. »Sie würden besser tun, nach Hause zu fahren,« sagte ich; »in einer Stunde haben wir dunkle Nacht.« »In einer Stunde bin ich zu Hause,« antwortete er leise und nachdenklich. – Er zauderte noch einige Sekunden, endlich sagte er: »Es muß geschieden sein. Also noch einmal, leben sie wohl, Kapitän, und bewahren sie mir ein gutes Andenken!« – Er stieg behende die Treppe hinab, nahm mit Sicherheit in dem schwankenden Fahrzeuge Platz, löste das Tau und stieß ab. Ein einziger Ruderschlag brachte ihn hinter das Schiff. Ich sah ihm nach, sein Gesicht war mir zugewandt; aber er blickte nicht wieder auf. Es war ein Antlitz so starr und kalt wie das eines Toten. – Er spielte anfänglich mehr mit den Rudern, als daß er arbeitete, und bog langsam nach dem entgegengesetzten Ufer ab. – Herr Boswell, der Steuermann, hatte sich zu mir gesellt. »Herr Büchner sollte sich mit dem kleinen Ding nicht zu breit vor den Strom legen,« sagte er. Es war, als ob der lange Holländer es vernommen hätte, denn in demselben Augenblick schlug er mit dem einen Ruder kräftig ein: das Boot machte eine viertel Wendung und lag gerade mit der vollen Strömung. Und nun begann Büchner wirklich zu arbeiten. Wie ein großer Pendel schwang der lange Körper vor- und rückwärts. Ich erkannte an der regelmäßigen Geschwindigkeit und dem großen Umfang der Bewegungen, daß Büchner sich, weit ausgreifend, mit der ganzen Kraft seines schweren Körpers auf die Riemen legte. »Wenn Herr Büchner noch zehn Minuten so weiter fährt, so gebraucht er eine Stunde, um zurückzukommen,« bemerkte der Steuermann. Er setzte das Glas, das er in der Hand hielt, ans Auge und beobachtete den Davoneilenden etwa eine halbe Minute lang; dann reichte er mir das Instrument, ohne ein Wort zu sagen. Büchner war bereits über »Sutschau-Creek« hinaus und näherte sich dem Ausgang des Hafens. »Mein Boot,« rief ich, »und die vier besten Männer!« Jedermann verstand, was es galt. Eine Minute später hielt ich das Steuerruder der Gig: »Nun, Leute! Euer Bestes!« Alle hatten sie den langen Holländer lieb gewonnen, wennschon der stille Passagier kaum je mit einem von ihnen gesprochen hatte. Wir flogen durch die Bai. Das kleine Fahrzeug erbebte bei jedem Ruderschlag. Von den Schiffen aus, an denen wir vorbeifuhren, blickte man uns nach. Man meinte wohl, wir liefen ein Rennen gegen Zeit. Aber so hatten meine Leute noch in keiner Regatta gearbeitet. – Jetzt waren wir an Sutschau-Creek vorüber. In weiter Entfernung sah ich den Ausleger, und durch das Glas konnte ich erkennen, daß der lange Holländer noch immer mit voller Kraft ruderte. Der eine und der andere meiner Leute versuchte, sich nach ihm umzudrehen – aber die schwere, schnelle Arbeit gestattete es nicht. »Nun, Kapitän?« fragte der Mann am Schlagruder. »Vorwärts, Männer! Ich sehe ihn.« Und die Schwingungen der Leute über den Riemen wurden noch weiter und schneller. Es war ein kalter Abend – aber der Schweiß rann ihnen von den Stirnen. Die Entfernung zwischen uns und dem Ausleger verringerte sich. Ich zog ein Tuch aus der Tasche und stand auf und winkte damit. Ich sah durch das Glas. – Richtig! Er hatte die Riemen gehoben und ließ sich vom Strome treiben. Ich gab das Signal: »Eins, zwei, drei: Hurra!« und noch einmal: »Eins, zwei, drei: Hurra!« riefen wir fünf wie aus einer Kehle. Der Wind trug den Schall zu dem Flüchtigen. Aber der hatte wieder die Ruder ergriffen, und sein Fahrzeug flog vor uns dahin. – Die Jagd hatte schon über eine halbe Stunde gedauert. – »Vorwärts, Leute! Mut!« – Sie keuchten schwer, aber arbeiteten tapfer weiter. Die Nacht brach schnell herein. – Kaum konnte ich das Boot vor mir noch auf dem grauen Wasser unterscheiden. – »Was ist das?« – Ich suchte es mit dem Glase – da schwamm es – leer! Nach wenigen Minuten lagen wir daneben. Die Leute beugten die Köpfe bis dicht über das Wasser und sahen scharf aus nach allen Richtungen; nirgends eine Spur vom langen Holländer. Im Boote fanden wir seinen Hut und die sorgfältig zusammengelegte Jacke. Wir suchten, das Wasser noch eine halbe Stunde lang ab. Da war es dunkle Nacht geworden, und wir mußten die Rückfahrt antreten. Bald darauf ging der Mond auf, und es wurde wieder heller. Auf halbem Wege, den Strom hinauf, kam uns eine dunkle Masse entgegengeschwommen: die »Aurora Belisle«. Boswell hatte schon vom Deck aus gesehen, daß wir fünf Mann an Bord der Gig waren; und als auch der leere Ausleger aufgezogen wurde, da brauchte ich ihm nicht erst zu sagen, was vorgefallen war. Am nächsten Morgen begegneten wir, noch im Fluß, einer Bark, die nach Schanghai ging. Der gab ich einen Brief für Frau Onslow mit. An Frau Edith zu schreiben, hatte ich nicht den Mut. Wir bekamen schlechtes Wetter und machten eine lange Reise bis Hongkong. Bei meinem dortigen Agenten fand ich von Frau Onslow einen Brief, der mir den Jammer ihrer Freundin erzählte. Die Leiche Büchners war nicht gefunden worden. Sein Freund, der Wussong, hatte sie hinausgetragen in das graue Meer. Ich kehrte damals nicht nach Schanghai zurück, da ich Fracht für London bekam und im Dezember nach dort absegelte. Ich war jedoch mit Frau Onslow in Verbindung geblieben und erfuhr durch diese im Laufe der Zeit, Edith habe ein ganzes Jahr in vollständiger Zurückgezogenheit verbracht: den Verstorbenen beweinend, ihrem Schmerze allein lebend, ohne Trost zu suchen, ja zunächst ohne Trost empfangen zu wollen. Aber der friedliche Bote hatte nicht allzu lange vergeblich an das junge Herz geklopft. Ungefähr zwei Jahre, nachdem ich Schanghai verlassen hatte, schrieb mir Frau Onslow, Edith habe endlich dem langen, treuen werben Francis Morrissons nachgegeben und sich mit diesem vermählt. »Jedermann,« so schloß der Brief, »wünscht ihr von Herzen, sie möge an seiner Seite das Glück finden, das sie durch ihre treue Liebe für unsern armen verstorbenen Freund, nach dem schweren Trübsal, das sie erduldet, so reichlich verdient hat. Aber sie sieht noch nicht glücklich aus, wenn sie auch wieder ruhig und freundlich geworden ist und von ihrer Menschenscheu geheilt erscheint. Sie würden in der stillen Frau mit den ernsten Augen die lachende Edith Rawlston kaum wiedererkennen. – Und wissen Sie, Kapitän, was sie am meisten zu Francis Morrisson hingezogen hat? – Daß er Georgs Freund im Unglück war, daß er stets an seine Unschuld glaubte, daß er den Armen in seinem Elend bemitleidete und ihm hilfreich zur Seite stand. Das hat ihn der guten kleinen Frau teuer gemacht, das hat sie ihm nie vergessen, das allein war es, was ihm zuerst die Türen des Hauses wieder öffnete, die, nach Büchners Tode, außer für ihren Bruder und für mich, ein Jahr lang jedermann verschlossen blieben. – Als ich erkannte, wie die Sachen lagen, daß Francis Morrisson Edith liebte, daß es der Zweck seines Lebens sein würde, sie glücklich zu machen, da habe ich getan, was in meinen Kräften stand, um die Trauernde dem neuen Werben zuzuneigen. Es ist mir endlich gelungen – und ich glaube damit ein gutes Werk getan zu haben.« Der nächste Sommer brachte mich wieder nach Schanghai. Aber meine Freunde Morrisson und Onslow waren vor der Hitze nach Chefoo im Norden entflohen, wohin ich ihnen nicht folgen konnte. Eines Tages machte ich dem Kirchhof meinen Besuch. Ich tue dies jedesmal, wenn ich nach Schanghai komme. Früher kannte ich dort niemand; heute ruht dort so mancher, den ich im Leben lieb gehabt habe. Ich suchte nicht nach Büchners letzter Ruhestätte, denn ich wußte, ich würde sie nicht finden können. Aber als ich durch die stillen Reihen schritt, fiel mein Blick auf ein mit frischen Blumen bedecktes Grab: darauf stand ein Kreuz aus schwarzem Marmor. – Der Stein trug ein Datum – aber keinen Namen. Ich blieb sinnend stehen. – Wie kam das Grab eines Namenlosen zu solch liebevollem Blumenschmuck? Da erblickte ich den Totengräber und winkte ihm herbei. »Wer ruht in diesem Grabe?« fragte ich. »Ein Fremder, ein Italiener, so hat man mir gesagt.« »Und wer sorgt für das Grab?« »Frau Francis Morrisson. Augenblicklich bin ich damit beauftragt, da sie verreist ist. Der Fremde hier soll eines Herrn Büchner, des ersten Mannes von Frau Morrisson, treuer Freund gewesen sein; aber Herr Büchner hat auf diesem Friedhof keine Stätte, und so kommt die Frau und betet am Grabe des Fremden, als wie an dem ihres verstorbenen Mannes. Eine treue Frau – und eine mildtätige Frau. – Gott segne sie!« Dazu sagte ich »Ja und Amen!« Der Geächtete Im Jahre 1864 tauchte in Yokohama eine Frau Clifton mit einem jungen Mädchen auf, die, nachdem sie acht Tage bescheiden und zurückgezogen im Wirtshaus gelebt hatte, in einer billigen Nebenstraße einen kleinen Laden mietete und dort ein Geschäft eröffnete, das jedenfalls keine Konkurrenz zu fürchten hatte – nämlich ein Modewarengeschäft. – Wo die Kundschaft dafür herkommen sollte, mußte jedermann ein Rätsel sein. Schon die männlichen Einwohner von Yokohama dachten nur in seltenen Ausnahmefällen daran, Garderobegegenstände in Yokohama zu kaufen: die meisten hatten ihre alten Lieferanten in Europa und empfingen von diesen regelmäßige Sendungen, die sie mit allem versahen, was sie an Kleidungsstücken gebrauchen konnten. Hie und da verirrte sich wohl der eine oder der andere in einen »Store«, um dort ein Halstuch oder einen Hut zu kaufen; aber das waren, wie gesagt, Ausnahmen. – Die jungen Pioniere der Zivilisation waren, trotz der ihnen nachgerühmten Rauheit, elegante Herren, die auf den guten Zuschnitt ihrer Kleider gerade ebensoviel Wert legten wie ihre Altersgenossen in London und New York. – Was nun aber erst die Damen von Yokohama anging, die alle zusammengenommen immer noch nicht zahlreich genug gewesen wären, um die Gründung eines Modewarengeschäftes in der Fremden-Niederlassung zu rechtfertigen, so würden diese es geradezu für eine Beleidigung gehalten haben, wenn man ihnen zugemutet hätte, sich in Japan kleiden zu lassen. Die jungen Herren Gemahle der jungen Frauen – alte gab es nicht – verdienten damals leicht Geld, und Knauserei war ein bei den »Pionieren« unbekanntes Laster; dagegen warfen viele von ihnen das Geld zum Fenster hinaus. Die schmucken, gefeierten, lebenslustigen Engländerinnen und Amerikanerinnen von Yokohama bezogen alles, was sie zur Toilette gebrauchten, von guten und besten Schneiderinnen und Putzmacherinnen aus London und Paris, und nur die sparsamsten unter ihnen mochten eine geschickte Kammerjungfer von »drüben« mitgebracht haben, die im geheimen im Hause für die Toilettenbedürfnisse der Herrin Sorge zu tragen hatte. Aber daß es einer der weißen Frauen in den Sinn kommen sollte, sich von einer in Yokohama ansässigen Schneiderin ein Kleid oder Ähnliches anfertigen zu lassen, – daran war nicht zu denken. – Man ging deshalb auch mit einigem Kopfschütteln an dem neuen Laden vorüber, und die Bemerkungen, die bei der Gelegenheit über die Besitzerin desselben gemacht wurden, waren nicht gerade schmeichelhafter Natur für die Neuangekommenen. – Frau Clifton hörte jedoch davon nichts und war zunächst eifrig damit beschäftigt, das Schaufenster ihres Ladens so verlockend wie möglich einzurichten. Sie hatte einige Kisten Modewaren aus Europa, oder wo sie sonst herkommen mochte, mit sich gebracht, und eines Morgens konnten die Vorübergehenden bemerken, daß sie im Laden der Genannten, außer den üblichen Toilettengegenständen wie Bürsten, Kämme, Seifen, wohlriechende Essenzen, – auch Stoffe für Damenkleider und Herrenanzüge, Halstücher, Mützen, Hüte, Handschuhe, Taschentücher, Reitpeitschen, Patentbleistifte, Siegelringe usw. usw. zu verhältnismäßig billigen Preisen erwerben konnten. Wenn man nach den im Schaufenster ausgestellten Mustern schließen durfte, so waren die Sachen meistens von sehr zweifelhaftem Geschmack, mit ausgesprochener Vorliebe für die glänzendsten Farben und auffallendsten Formen. – Trotzdem blieb aber der Laden nicht lange Zeit leer, denn die »Pioniere« hatten schnell entdeckt, daß das etwa sechzehnjährige, schlanke, blonde Mädchen, das sie in Begleitung von Frau Clifton in den Abendstunden auf dem »Bund« angetroffen hatten, die Tochter der Inhaberin des Modewarengeschäftes sei, und dort während der Tageszeit als Verkäuferin tätig war. Frau Clifton mochte etwa vierzig Jahre alt sein und war noch immer eine hübsche Person, mit klaren Augen, weißen Zähnen, roten Lippen und guter, wenn auch vielleicht etwas zu lebhafter Gesichtsfarbe, aus der einige böswillige junge Leute den Schluß ziehen wollten, daß sie vielleicht »besser lebe«, d.h. mehr trinke, als es den Frauen im allgemeinen gestattet ist. – Gegen der Tochter, Mary Cliftons, Aussehen dagegen, ließ sich gar nichts einwenden. Sie war mit einem Worte bildhübsch. Sie hatte schönes, hellbraunes Haar, große blaue Augen mit dunklen Wimpern, feine Züge, und der Ausdruck des lieblichen Gesichtes war von unwiderstehlicher, lebenslustiger Heiterkeit. Dazu kam eine niedliche Figur, die in den knappen Kleidern, in denen sie sich auf dem »Bund« zeigte, wohl zur Geltung gebracht wurde. – Damals waren die Kleider aus dem vorigen Jahrhundert wieder Mode geworden: »Pompadour-Roben« nannte man sie, so glaube ich. – Die kleine, zarte Mary, mit ihren frischen Farben, lachenden Augen, dunklen Wimpern und Augenbrauen und winzigen Füßchen, die in Stiefeln mit hohen Absätzen steckten, glich in diesem Staate einer Nippfigur aus Meißener Porzellan. Frau Clifton machte außerordentlich gute Geschäfte. Die Schubladen der jungen Männer von Yokohama füllten sich bald mit all den verschiedenartigen Gegenständen, die bei ihr zum Verkauf ausgeboten wurden und für die in Wahrheit nicht der geringste Bedarf bestand. – Die Damen der Niederlassung erfuhren dies und besprachen es unter sich mit gebührender Verachtung für die starken Herren der Schöpfung, die sich, wie sie meinten, auf so schamlose Weise von einer hergelaufenen Abenteurerin hinters Licht führen ließen. Der eine oder der andere hatte darüber auch wohl Vorwürfe zu hören; aber Mary Cliftons jungfräuliche Lieblichkeit besaß eine zu große Anziehungskraft, um nicht trotz der Feindseligkeit der Damen von Yokohama zu siegen, und diese mußten es sich gefallen lassen, daß ihre Anbeter, mit nur wenigen Ausnahmen, sämtlich gute, niemals feilschende Kunden von Frau Clifton wurden und blieben. – Ja, als der Vorrat an Gegenständen für Herrenanzüge, den die Genannte mit sich gebracht hatte, bald erschöpft war, gingen auch Damenhüte, Shawls, Ballhandschuhe, Straußfedern, zierliche Morgenschuhe und Stoffe zu Damenkleidern in unberechenbarer Menge in männlichen Besitz über. Der beste Kunde von Frau Clifton, während der ersten zwei Monate, war zweifelsohne Herr Alexander O'Mara, ein wohlhabender junger Mann aus guter irländischer Familie, der nicht etwa ein eigenes Geschäft in Yokohama leitete, oder in einem der dort etablierten Häuser als Angestellter arbeitete, sondern der vor Jahr und Tag, auf einer Vergnügungsreise um die Welt, nach Yokohama gekommen war, sich dort als Gast eines englischen Kaufmannes bei diesem niedergelassen hatte und seitdem in unregelmäßigen Zwischenräumen, wenn er gerade eine gute Gelegenheit zu erblicken glaubte, durch die Vermittlung seines Gastfreundes vereinzelte, aber bedeutende Geschäfte, hauptsächlich in Seide oder Tee, machte, die ihm, nach allem, was davon in die Öffentlichkeit gedrungen war, ein nicht unbedeutendes Vermögen eingebracht haben mußten. O'Mara mochte etwa achtundzwanzig Jahre alt sein. Er war in der fremden Kolonie allgemein beliebt wegen seiner Heiterkeit, seines guten, verwegenen Reitens und seiner nimmermüden Bereitwilligkeit, sich an einer jeden Vergnügungspartie, ob Picknick, Schnitzelrennen, Wettreiten oder Wettrudern, zu beteiligen. Auch war er ein äußerst gastfreier Mann, der in regelmäßigen Zwischenräumen im Klub Festlichkeiten veranstaltete, die häufig mit einem kleinen Ball endeten, und bei denen sich die Anwesenden immer aufs beste zu vergnügen pflegten. – O'Mara war ein hübscher Mensch, groß, schlank, blond und von jener eigentümlichen Lebhaftigkeit der Bewegungen und der Rede, die man bei den Irländern, im Gegensatze zu ihren nächsten Nachbarn, den Engländern und Schotten, häufig findet. Nachdem die ersten zwei Monate dahingegangen waren, erblickte man O'Mara nur noch selten, und später gar nicht mehr in Frau Cliftons Laden. – Aber er hatte nicht mit den Leuten gebrochen, denn man traf ihn manchmal des Abends mit Mutter und Tochter spazierengehend, und einige wollten wissen, man habe ihn zu später Stunde mit der Tochter allein erblickt. – Es wurde im Klub viel darüber geredet – nicht etwa in Form ängstlicher, böswilliger Klatscherei – das war in Yokohama damals nicht Mode – nein! laut und scharf griff man O'Mara an, bereit, das, was man ihm vorwarf, persönlich zu vertreten. Der kleinen Mary hatte, als sie sich in Japan zum ersten Male zeigte, kindliche Reinheit in unverkennbaren Zügen auf dem lieblichen Gesichtchen geschrieben gestanden. Mehr als einer der Pioniere, von denen sicherlich keiner je daran gedacht hätte, eine Vernunftheirat zu machen, mochte sie mit dem stillen Verlangen angeblickt haben, ihr seine Hand fürs Leben zu reichen. Nur die unglaubliche Schüchternheit weißen Frauen gegenüber, die der Mehrzahl der jungen Leute eigentümlich war, hatte wahrscheinlich veranlaßt, daß der Tochter von Frau Clifton nicht schon verschiedene gute und ehrerbietige Heiratsanträge gemacht worden waren. – Und was tat O'Mara? – Glaubte er sich in den »Argylle-Rooms« oder im »Jardin Mabile«, wo man mit den hergelaufenen Frauenzimmern, die sich dort herumtreiben, rücksichtslos verkehren darf? Wie ein Lump oder wie ein Narr benahm er sich, denn selbst wenn es seine Absicht war, Fräulein Clifton zu heiraten, so handelte er unverantwortlich, indem er sie zum Gegenstand des Geredes in der Niederlassung machte. Die Damen von Yokohama hatten spitze Zungen, und nur selten Gelegenheit, sie zu üben. – Die arme, kleine Mary! In gewissen Kreisen sprach man schon von ihr wie von einer Verworfenen! Wer durfte jetzt noch daran denken, das Mädchen zu seiner Frau zu machen? Unter den Pionieren hätte man keinen gefunden, der sich dazu hergegeben, und wäre er noch so verliebt gewesen, einen schlechten Mädchenruf durch eine Heirat wieder herzustellen. Bei der Frau ihrer Wahl durfte in bezug auf Leumund nichts Verdorbenes wieder gut zu machen sein. Wieder ging einige Zeit hin, und dann wurde es auffällig, daß Frau Cliftons Tochter nach und nach die blühende Gesundheit und die frische Heiterkeit verlor, die sie so liebenswürdig gemacht hatten. Die Augen des Mädchens schienen größer zu werden und traten in ihre Höhlen zurück, und das liebliche Gesichtchen wurde kleiner und bleicher. Auch lagerte sich ein nachdenklicher und bald darauf sorgenvoller, schmerzlicher Ausdruck darüber. Der Unmut im Klub stieg. Er drohte bei dem ersten Erscheinen O'Maras im Kreise seiner erbittertsten Gegner auszubrechen und großes Ärgernis hervorzurufen. Deshalb glaubte Gilmore, ein besonderer Freund O'Maras, diesem eines Tages, während des Spazierrittes, geradezu sagen zu müssen, die Veränderung in Fräulein Clifton falle allgemein auf, und man bringe sie mit O'Maras Verhältnis zu dem jungen Mädchen in Verbindung. – Was er dazu zu sagen habe? O'Mara war nicht mehr derselbe lebenslustige junge Mann, als den man ihn noch vor wenigen Monaten gekannt hatte. Er war ernster und stiller geworden, auch schien er nicht mehr bei so guter Gesundheit wie früher. Er antwortete nicht gleich auf Gilmores Bemerkung und wandte sein Gesicht zur Rechten, als ob er die Landschaft betrachtete, so daß Gilmore, der zu seiner Linken ritt, nicht sehen konnte, wie er seine Frage aufgenommen habe. Nach einer längeren Pause erst ließ er sich vernehmen: »Was sagten Sie?« Gilmore wiederholte seine Bemerkung. »Unsinn!« meinte O'Mara. »Unsinn? – Was hat denn das arme Kind krank gemacht? – Daß sie nicht mehr die alte ist, kann doch jedermann sehen.« »Was weiß ich? – Was geht das mich an?« »Nun, desto besser, wenn es Sie nichts angeht.« »Nun, und wenn es mich etwas anginge?« Darauf wußte Gilmore eine Weile nichts zu antworten, und die beiden setzten ihre Pferde in eine schnellere Gangart und trabten eine Viertelstunde lang stumm nebeneinander her. Als sie einen schattigen Wald erreicht und dort die Pferde wieder in Schritt gesetzt hatten, da war Gilmore wieder zu sich gekommen und sagte plötzlich, als sei die Unterhaltung gar nicht unterbrochen worden: »Dann könnte ich Ihnen nur sagen: wenn Sie ein Ehrenmann sind, so müssen Sie das Mädchen heiraten.« Auch O'Mara mußte wohl die ganze Zeit noch an seine letzte Frage gedacht haben, denn er erwiderte ohne Zaudern: »Sie wollen mich lehren, wie ich mich als Ehrenmann zu benehmen habe?« »Warum nicht? Wenn Sie selbst es nicht wissen.« O'Mara hielt sein Pferd kurz an, und Gilmore tat dasselbe, und die beiden jungen Leute blickten sich einige Sekunden fest und drohend an. Keiner von den beiden hatte Furcht vor dem andern. Aber unter jungen englischen Kaufleuten ist der Zweikampf etwas kaum Erhörtes, und an gegenseitiges Aufeinanderlosfeuern dachte weder Gilmore noch O'Mara, obgleich jeder von ihnen seinen geladenen Revolver handbereit im Gürtel trug. Und so hatte O'Maras Anhalten des Pferdes auch eigentlich keinen Zweck, denn daß er Gilmore nicht einschüchtern konnte, das wußte er sehr gut. Nach einer kurzen Weile setzte er deshalb auch seinen Weg wieder fort, und mit ihm Gilmore; aber keiner sprach mehr, und an der nächsten Stelle, wo die Straße sich kreuzte, bog O'Mara nach links ab, während Gilmore den geraden Weg nach Yokohama fortsetzte. Einige Wochen später wurde Frau Cliftons Laden eines Morgens nicht geöffnet, und am Abend konnte man auf der im Klub angeschlagenen Passagierliste der »Amerika«, die in der Frühe nach Hongkong abgedampft war, auch die Namen von Frau und Fräulein Mary Clifton lesen. O'Mara hatte Yokohama nicht verlassen, seine Lebensweise jedoch hatte sich nach und nach so geändert, daß er nur noch wenig Leute sah. Im Klub erschien er beinahe gar nicht mehr. Drei Monate etwa gingen ruhig dahin. Dann traf ein englischer Kaufmann von Yokohama, der eine Geschäftsreise nach China unternommen hatte, wieder in seinem Wohnorte ein. Er hatte die Damen Clifton nur oberflächlich gekannt, aber er wußte genau, wer sie waren, und er erzählte, er hätte sie in Hongkong auf der Promenade angetroffen. Sie lebten, wie er erfahren hätte, zurückgezogen, was sich übrigens durch den Zustand, in dem sich das junge Mädchen augenscheinlich befände, wohl erkläre. Die Einzelheiten, die er noch darüber hinzufügte, wurden von seinen Zuhörern mit ernstem Schweigen aufgenommen. Die Pioniere der Zivilisation in Japan waren, wie bereits gesagt, rauhe Männer; aber in bezug auf den Umgang mit weißen Frauen hatten sie Grundsätze, die einem Kreuzritter Ehre gemacht haben würden. Drei oder vier der einflußreichsten unter ihnen steckten die Köpfe zusammen, und dann begab sich der eine zu O'Mara, um sich mit ihm auszusprechen. Eine halbe Stunde später berichtete er den andern, O'Mara habe jede Erklärung verweigert. Er schlage deshalb vor, daß man sich von ihm zurückziehen solle. Die öffentliche Meinung war damals allmächtig in der fremden Niederlassung. Diese Meinung bildete sich jedoch nicht leichtfertig, sondern wurde von den hervorragendsten Mitgliedern der Gesellschaft in gewissenhafter Weise geleitet. Diese »Führer«, ihrer acht an der Zahl, versammelten sich am Abend im sogenannten Ausschußzimmer des Klubs und einigten sich nach längeren Unterhandlungen über folgende Beschlüsse: O'Mara sollte noch einmal förmlich, im Namen der Kolonie aufgefordert werden, sich über sein Verhältnis zu Fräulein Clifton zu äußern. Erklärte er, daß er mit deren Abreise und jetzigem Zustande nichts zu tun habe, so wolle man sich das genügen lassen; hatte er aber das junge Mädchen unglücklich gemacht, so sollte ihm die Wahl gestellt werden, sein Unrecht wieder gut zu machen, Fräulein Clifton zu heiraten – oder Yokohama zu verlassen. Gilmore war es, der mit diesem Auftrage zu O'Mara entsandt wurde. Er traf ihn in seinem Zimmer, einen Roman lesend. Ohne jede Umschweife setzte er den Zweck seines Besuches auseinander. O'Mara hörte ihn schweigend mit an. Als der andere aufgehört hatte, zu sprechen, kreuzte er die Arme über die Brust, legte den Kopf etwas auf die Seite und sagte: »Wissen Sie wohl, Gilmore, daß das, was Sie da tun, unvorsichtig ist? – Es ist schon das zweite Mal, daß Sie mich mit dieser Geschichte behelligen. Nehmen Sie sich in acht, ich könnte die Geduld verlieren.« »An Ihrer Geduld oder Ungeduld ist mir gar nichts gelegen. – Ich bin hier im Auftrage der Kolonie, um eine Erklärung von Ihnen zu fordern. Verweigern Sie diese ...« »Nun? ...« »Nun ... so haben Sie Yokohama zu verlassen.« O'Mara lachte höhnisch auf. »Und wer will mich denn hinaustreiben, wenn ich fragen darf?« »Sie haben nicht zu fragen. Sie haben zu antworten, wollen Sie – ja oder nein – die Auskunft geben, die ich von Ihnen fordere?« Keine Antwort. »O'Mara seien Sie nicht trotzig, wo Trotz nichts nützen kann. Sagen Sie mir, Sie hätten mit der Abreise der Cliftons nichts zu tun gehabt, und ich will Ihnen aufs Wort glauben. – hier, meine Hand, O'Mara! – O'Mara, wollen Sie mir – ja oder nein – die verlangte Auskunft geben?« »Und wenn ich zehntausend befriedigende Antwort zu geben hätte, nicht eine einzige würde ich aus mir herausängstigen lassen!« Darauf nahm Gilmore seinen Hut und verließ das Zimmer. Um O'Mara aber bildete sich von jener Stunde ab vollständige Öde, und er war zu trotzig, um auch nur den schwächsten Versuch zu machen, eine Änderung in dieser Beziehung herbeizuführen. Er kannte die Macht der öffentlichen Meinung und hütete sich, sie zu reizen. Er ging nicht mehr in den Klub, denn er wußte, daß dies seine Ausweisung daraus zur Folge gehabt haben würde, auch gab er seinen alten Bekannten nicht Gelegenheit, ihm die Abneigung, die sie für ihn empfanden, dadurch zu bezeugen, daß sie seinen Gruß nicht erwiderten, denn er vermied sie, soviel er konnte. Wenn er trotzdem mit dem einen oder andern zufällig auf der Straße oder auf den Reitwegen in der Umgegend von Yokohama zusammentraf, so wandte er die Augen ab und grüßte nicht. Nachdem dieser unerquickliche Zustand etwa acht Tage gedauert hatte, brachte ihm sein japanischer Diener einen Brief von seinem Geschäftsfreunde und Wirte, mit dem er seit Jahren in vertrautestem Verkehr gestanden hatte. Dies Schriftstück drückte in verlegener, aber nicht mißzuverstehender weise den Wunsch aus, O'Mara möchte sich gefälligst nach einer andern Wohnung umsehen. »Sie brauchen sich dabei nicht in einer Weise zu beeilen, die Ihnen Unbequemlichkeiten verursachen könnte,« schloß der Brief; »ich erwarte den Besuch, dem ich Ihre Wohnung zur Verfügung stellen möchte, erst gegen Ende des Monats.« Der Brief war vom fünfzehnten datiert. »Vierzehntägige Kündigung, wie einem Dienstboten!« murmelte O'Mara ingrimmig vor sich hin. Er machte sich sofort daran, eine neue Wohnung zu suchen; aber bei dieser Gelegenheit stieß er auf Schwierigkeiten, die er nicht erwartet hatte. – Die Besitzer der Häuser, in denen er mieten wollte, zeigten sich ihm nicht. Überall hieß es, der Herr sei nicht zu Hause. Einen der Hausbesitzer traf er auf der Straße. Der konnte ihm nicht entgehen. Aber er blickte zu Boden, während O'Mara sein Anliegen vorbrachte, und antwortete kurz: »Bedaure, die Wohnung ist nicht mehr frei.« O'Mara blickte dem schnell Davonschreitenden mit einem Ausdruck ohnmächtigen Zornes nach und sagte dann mit finsterem Lächeln vor sich hin: »Und es soll ihnen doch nicht gelingen, mich von hier fortzutreiben. Und wenn ich unter einem Zelte zu kampieren habe, ich bleibe hier!« Als er wieder in seinem Zimmer angelangt war, nahm er Rücksprache mit seinem ersten chinesischen Diener, dem Komprador. Dieser, dem an dem Wohl- und Übelwollen der fremden Kolonie gleichviel und gleichwenig gelegen war, wußte Rat. Er besaß auf dem »Hügel« ein hübsches Grundstück mit einem kleinen Hause, in dem seine Frau wohnte. Wenn der Herr es mieten oder kaufen wollte, so stände es ihm gern zur Verfügung. Die Frau würde überall ein Unterkommen finden, und das Haus könnte in wenigen Tagen so eingerichtet werden, daß der Herr sich dort ungestört und wohl fühlen würde. Es sei oben auf der Klippe, dicht am Meere gelegen, mit schöner Aussicht auf die Bai und den Wald und den Fusi-yama. »Was willst du dafür haben?« »Ich habe fünfzehnhundert Dollars dafür bezahlt, und möchte es nicht unter zweitausend wieder verkaufen.« »Ich nehme es. Ist Stallung dabei und kann der Betto (Stallknecht) mit untergebracht werden?« »Jawohl, Herr. Es war ursprünglich für Herrn Davis gebaut, und von diesem habe ich es gekauft, als er Yokohama verließ. Der Herr werden zufrieden sein.« Am folgenden Tage schon verließ O'Mara seine alte Wohnung, ohne seinem Wirte Lebewohl gesagt zu haben; und darauf sah und hörte man Monate lang so gut wie nichts von ihm. – Dann verbreitete sich das Gerücht, O'Mara habe sich dem Trunke ergeben. Seine Diener erzählten, er sei beinahe nie mehr nüchtern. In langen Zwischenräumen traf ihn der eine oder der andere seiner ehemaligen Genossen auf einsamen Reitwegen. Sie berichteten sodann im Klub, er sei bis zur Unkenntlichkeit verändert. Sein Anblick flöße Furcht ein: er sei blaß und aufgedunsen, mit geröteten Augen und wüstem Haar, und sein Anzug vollständig vernachlässigt. – Manchmal, des Nachts, hörte man den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes in den stillen Straßen der fremden Niederlassung. Das war O'Mara, der von einem weiten Spazierritt nach seiner entlegenen Wohnung auf dem Hügel heimkehrte. »Er hat es wohl darauf angelegt, sich totschlagen zu lassen,« meinte man im Klub. – »Das wäre das beste, was ihm zustoßen könnte.« Von Mitleid mit seinem Lose war nirgends eine Spur zu entdecken. Sein Trotz hatte die Erbitterung seiner Mitbürger nur noch gesteigert. – Beinahe ein volles Jahr war auf diese Weise dahingegangen, als der englische Arzt von Yokohama eines Morgens den Besuch von O'Maras chinesischem Diener empfing. Dieser bat, der Doktor möge seinen Herrn besuchen, er sei sehr krank. »Was fehlt ihm?« »Er hat erschreckliche Wutanfälle. Gestern abend hat er alles in seinem Zimmer zerschlagen. Nun liegt er wie tot da, und nur von Zeit zu Zeit erwacht er aus tiefem Schlaf und ächzt und stöhnt zum Erbarmen.« Der Doktor steckte seinen Revolver in den Gürtel und begab sich nach dem Hügel. Er hatte das Recht, den Geächteten zu sehen. Als er in O'Maras Zimmer trat, saß dieser halbbekleidet in einer Ecke des Zimmers und blickte ihn mit blutunterlaufenen Augen finster und stumm an. Die langen Haare fielen wirr über die bleiche Stirn, und der Arzt bemerkte, daß er zahlreiche Wunden und Beulen an seinem Körper hatte, die er sich durch wildes Umsichschlagen oder durch wiederholtes Fallen zugezogen haben mochte. »Was wollen sie?« brachte der Unglückliche endlich heiser hervor. »Ich bin der Arzt.« »Ich habe Sie nicht rufen lassen. Fort mit Ihnen ... oder ich stehe für nichts.« »Herr O'Mara ...« »Fort, sage ich! ... schnell ... Dies ist mein Haus, hier bin ich Herr! Sie Tapferer von der Armee aller gegen einen!« »Ihr Diener hat mich gerufen ...« »Ich werde meine Diener lehren ... Kotzki! Momban! Komprador!« Er gebärdete sich wie ein wildes Tier. Der Doktor sah wohl, daß er hier allein nichts ausrichten könnte, und entfernte sich. Aber er war ein gewissenhafter Mann, und er hielt es für seine Pflicht, den Kranken, der möglicherweise gemeingefährlich werden konnte, nicht ohne Hilfe zu lassen. Er begab sich zum englischen Konsul und erstattete diesem Bericht von dem Vorfall, und erbat sich sodann von dem Beamten die Hilfe zweier Schutzleute, um O'Mara nötigenfalls zwingen zu können, sich ärztlicher Behandlung zu unterwerfen. Der Konsul gewährte dies Gesuch, und die drei – der Doktor und zwei Schutzmänner – begaben sich am Abend, etwa um die neunte Stunde, nach O'Maras Hause. Es war im Monat Oktober, und die Nacht war schon eingebrochen; aber der Mond, der voll und glänzend am klaren Himmel stand, verbreitete Helle, die auf einen weiten Umkreis alles deutlich erkennen ließ. Der Doktor trat zuerst allein in O'Maras Zimmer. Die Schutzleute hielten sich an der Tür, bereit, auf den ersten Ruf dem Arzt zu Hilfe zu kommen. Sie hatten keine zwei Sekunden zu warten, denn sobald O'Mara, dessen gerötetes Gesicht und wildleuchtende Augen zeigten, daß er unter dem Einflusse im Übermaß genossener geistiger Getränke sei, den Eintretenden erblickt hatte, stürzte er mit lautem Schreien auf ihn zu und packte nach seiner Kehle, um ihn zu erwürgen. – Im selben Augenblicke aber fühlte er sich von hinten von vier kräftigen Armen gepackt; und nun begann ein kurzes Ringen zwischen den vieren, welches damit endete, daß O'Mara mit übermenschlicher Kraft die drei von sich stieß und mit einem Satze durch die weit offenstehende Tür, die nach der Veranda führte, das Freie suchte. – Der Doktor und die beiden Schutzleute, alle drei entschlossene Männer, sprangen ihm nach, und eine Minute lang verfolgten sie in wildem Lauf den in seinen weißen Nachtgewändern Dahinfliehenden. – Aber plötzlich machten sie Halt. – Der Atem stockte ihnen. – O'Mara hatte den Rand der hohen Klippe erreicht – noch einen Schritt, und er mußte in der Tiefe verschwinden. Die Verfolger wagten keinen Schritt weiter zu tun. O'Mara aber schien zu fühlen, daß er an der Stelle, wo er sich befand, von seinen Verfolgern nichts mehr zu fürchten habe. Er stand ebenfalls still und blickte ruhig nach allen Seiten um sich: nach dem im Mondschein glitzernden Meere, nach der ungeheuren Masse des Fusi-yama, die in der Ferne undeutlich auftauchte, nach den dunklen Wäldern, die sich zu seiner Linken ausbreiteten, und dann nach seinen Verfolgern, die er zornig mit der geballten Faust bedrohte. – Darauf wandte er sich wieder dem Monde zu und machte weite Bewegungen mit den Händen, als begrüße er das Sternbild, und gleich darauf, wie jemand, der einen Kopfsprung ins Wasser tun will, legte er beide Hände weit ausgestreckt flach über seinem Kopf zusammen und sprang mit einem wilden Satze vom Felsen in den tiefen Abgrund. – Dort am Fuße der Klippe wurden seine zerschmetterten Gliedmaßen bei der nächsten Ebbe gefunden, in einen Sarg gelegt und ohne Sang und Klang begraben. John Bridges Braut Die Stadt Yokohama in Japan war vor wenigen Jahren noch ein ausgezeichneter »Markt« für heiratslustige Mädchen. In der an Europäerinnen armen fremden Gemeinde genügte es, eine weiße – im Gegensatz zur farbigen – Frau zu sein, um unbeschreiblich begehrenswert und liebenswürdig zu erscheinen. Ich erinnere mich nur eines Falls, in dem eine Engländerin die tiefgefühlte Schmach zu erdulden hatte, von dem Manne ihrer Wahl – es war gewissermaßen eine blinde Wahl – nicht mit offenen Armen aufgenommen zu werden. Ein junger Mann namens Bridges hatte sich nach zehnjährigem Aufenthalt in Japan ein kleines Vermögen erworben. Es war ihm jedoch nicht möglich, dasselbe flüssig zu machen. Sein Kapital war nämlich in einem von ihm selbst geleiteten Geschäfte so fest angelegt, daß an eine schnelle und gleichzeitig einigermaßen gute »Liquidation« nicht zu denken war. Aber Bridges war des Junggesellenlebens müde geworden, er wünschte sehnlichst, sich zu verheiraten, und ein jedes junges Mädchen, das nach Yokohama kam, konnte sich mit Sicherheit darauf gefaßt machen, innerhalb der nächsten Wochen, nachdem Herr Bridges sich ihr hatte vorstellen lassen, einen Heiratsantrag von ihm zu erhalten. Er hatte jedoch nie Glück damit gehabt. Die jungen Mädchen waren wählerisch, und der unbedeutende kleine Bridges, der weder hübsch noch besonders reich, noch unternehmend war, hatte Dutzende von Körben eingeheimst. Er war darüber sehr unglücklich und pflegte jedermann, der sich ihm näherte, zum Vertrauten seiner Verzweiflung zu machen. – Eines Tages, als ihn Miß Nelly, die hübsche Nichte von Frau Morrisson, ebenfalls schnippisch abgewiesen hatte, und er einem wohlmeinenden Freunde seine Not klagte, gab ihm dieser den Rat, auf die Mädchen von Yokohama ganz zu verzichten und in Europa, »wo bei der starken Konkurrenz der gewünschte Artikel leicht zu beschaffen sein würde«, eine Frau zu suchen. Dies leuchtete Herrn Bridges, der ein kühler, erfahrener Kaufmann war, ein, und mit der nächsten Post schrieb er einem Geschäftsfreunde in London einen Brief des Inhalts: er sei achtundzwanzig Jahre alt, besitze ein blühendes Geschäft, ein gutes, gesichertes Einkommen, ein liebevolles Herz, erfreue sich in jeder Beziehung des besten Rufes und wünsche alles, was er sein nenne, einem jungen, anständigen, wohlerzogenen, womöglich hübschen Mädchen zu Füßen zu legen. Der Geschäftsfreund wurde gebeten, eine den Ansprüchen Bridges' entsprechende Persönlichkeit ausfindig zu machen und diese sodann zu veranlassen, sich vertrauensvoll nach Yokohama zu begeben, wo sie von ihrem liebenden Bräutigam an Bord des Schiffes abgeholt werden würde. Für Ausstattung und Reisekosten wurde in freigebiger Weise ein guter Kredit eröffnet. Als Bridges den Brief seinem Ratgeber vorlas, mochte dieser fürchten, eine zu große Verantwortlichkeit übernommen zu haben. Er streichelte sich Schnurrbart und Kinn und sagte: »Man kauft keine Katze im Jack, geschweige denn eine Frau. Ich bin kein Ehestandskandidat; aber wenn ich an Ihrer Stelle wäre, so würde ich eine Nachschrift zu dem Brief machen und darin um eine Photographie des Objekts bitten. Ihr Freund in London hat vielleicht einen andern Geschmack als Sie, und schickt Ihnen möglicherweise eine Frau, die er hübsch findet, und die Ihnen unliebenswürdig erscheint, verlangen Sie ein Muster. Es wird zwar nicht möglich sein, die Sendung danach vollständig zu beurteilen, aber Sie werden sich doch eine annähernd richtige Idee von deren Wert machen können.« Bridges dankte für den Rat und befolgte ihn getreulich, vier Monate darauf erhielt er die sehnlichst erwartete Antwort seines Londoner Korrespondenten. Dieser berichtete, daß er eine Anzeige in der »Times« veröffentlicht habe, und daß ihm infolge derselben zahlreiche Anerbieten und Photographien zugegangen seien. Er habe darunter eine sorgfältige Auswahl getroffen und übersende in der Einlage drei Briefe und drei Photographien mit dem Wunsche, daß Herr Bridges darunter etwas Passendes finden möge. Die erste Photographie stellte eine Dame im Profil dar: scharfgezeichnete, edle und gleichzeitig milde Züge, große, schöne Augen, üppiges Haar, einfache Toilette, die eine majestätische Figur zur Geltung brachte. Der Brief, der zur Erläuterung des Bildes beigefügt war, bekundete in fester Schrift und kurzen Worten: die Einsenderin, die sich unter » A. B. 28 « Antwort in der »Times« erbitte, sei 26 Jahre alt, von unbescholtenem Rufe, Tochter eines achtbaren Beamten, gehöre der anglikanischen Kirche an und habe ihr Lehrerinnenexamen gemacht, »Haar: hellbraun, Augen: braun, Zähne: gut, Gesichtsfarbe: gesund, Nase, Mund und Kinn wie die Photographie deutlich zeigt.« Bridges war entzückt. » A. B. 28 oder keine!« – Er würdigte die beiden andern Anerbieten kaum eines Blickes und schrieb mit umgehender Post seinem Londoner Freunde, er möge die Absendung der geliebten Braut nach Möglichkeit beschleunigen. Zur richtigen Zeit kam das Dampfboot in Yokohama an, auf dem sich die von Bridges sehnlichst erwartete » A. B. 28 « befand. Eine Freundin des glücklichen Bräutigams, Frau Dexter, begab sich mit ihm an Bord des Schiffes, um die Braut zu empfangen und ihr bis zur nahe bevorstehenden Hochzeit ein Asyl in ihrem gastfreundlichen Hause anzubieten. – Als die beiden, Bridges und Frau Dexter, auf dem Verdeck angekommen waren, erblickten sie dort nur männliche Passagiere. Bridges wandte sich an den Kapitän, den er persönlich kannte, und fragte unruhig, ob denn nicht auch eine junge Dame mitgekommen sei. »Jawohl,« antwortete Kapitän Lennox, verschmitzt lächelnd. »Sie hat sich auch viel nach Ihnen erkundigt. Sie saß bei Tisch neben mir. Sie wird sogleich hier sein. Eine große Schönheit, eine imposante Erscheinung, Herr Bridges! – Da kommt sie die Treppe herauf.« Bridges wandte sich der Treppe zu. – Er erblickte einen Frauenkopf, der langsam auf einem unendlich langen Körper höher und höher emporwuchs. Er erkannte das feingeschnittene Profil, das hellbraune Haar, die nußbraunen Augen; aber ihm schwindelte, als er die Besitzerin all' dieser Reize, eine sechs Fuß hohe Riesin, der er nicht ganz bis zur Schulter reichte, gelassenen, weiten Schrittes auf sich zukommen sah. »Mein Name ist Miß Brown,« sagte eine Baßstimme. »Ich vermute, daß ich das Vergnügen habe, Herrn John Bridges vor mir zu sehen.« Der arme John konnte nur stumm mit dem Kopfe nicken. »Ich bitte um Ihren Arm,« fuhr die Riesin fort: – »Wollen Sie mich der Dame vorstellen?« setzte sie hinzu, einen Blick auf Frau Dexter werfend, die als eine tapfere, gute Frau ihrem armen Freunde John in der Stunde der Gefahr nicht von der Seite gewichen war. Bridges murmelte Worte der Vorstellung, hob den Arm bis zur Höhe seines Ohres, so daß Miß Brown, ohne sich tief zu bücken, ihre gewaltige Hand hineinlegen konnte, und, vollständig geknickt, geleitete er seine Braut in das Boot, aus dem er vor wenigen Minuten so hoffnungsreich ausgestiegen war. Mrs. Dexters gute Seele füllte sich mit Mitleiden für den armen John. Um dessen Verlegenheit einigermaßen zu verdecken, eröffnete sie eine Unterhaltung mit der Riesin. Diese zeigte sich nicht abgeneigt, darauf einzugehen, so daß Bridges das Ufer erreichen konnte, ohne seiner Verzweiflung Ausdruck gegeben zu haben. Aber mit Schrecken erblickte er am Landungsplätze ein Dutzend von Bekannten, darunter den Herausgeber des »Yokohama Punch«, Charles Wirgman, mit den lachenden, aufmerksamen Augen, dessen Hand jetzt suchend auf die Rocktasche klopfte, in der er sein bekanntes und gefürchtetes Skizzenbuch zu bergen pflegte. – John Bridges wünschte, er wäre nie geboren, er wäre tot. – Er stellte sich aufrecht auf die Bank des Bootes, und als dieses gegen einen der Pfeiler der Landungsbrücke anstieß, verlor er in geschickter Weise das Gleichgewicht und fiel ins Wasser. Die beiden Frauen stießen einen Angstschrei aus. Aber John hatte sehr wohl gewußt, weshalb er so unvorsichtig gewesen war. Er war ein vortrefflicher Schwimmer und erreichte mit Leichtigkeit das Ufer. Er entschuldigte sich flüchtig bei seiner Braut und bei Frau Dexter und eilte dann in schnellem Laufe seiner Wohnung zu, um dort die Kleider zu wechseln. Er schwur später, daß er lieber ertrunken wäre, als mit »A. B. 28« am Arm, unter Wirgmans Augen, in das » Settlement « einzuziehen. Als Bridges sich außer unmittelbarer Gefahr befand, tat er, was mancher tapfere Mann in seiner Lage getan haben würde: er sann auf schmähliche Flucht. – Alles war besser, als an der Seite jener unglaublichen Frau, die man ihm aus London zugesandt hatte, durchs Leben zu wandeln. Er ließ ein Pferd satteln, und vertraute dem zuverlässigsten seiner Diener an, daß er auf einige Tage nach Mïen-Haschi, einem japanischen Badeorte im Hakkonigebirge gehen wolle und sich dort verborgen zu halten wünschte; sodann schrieb er einen langen Brief an Frau Dexter und flehte diese an, ihn zu retten. Er erklärte sich zu jedem Opfer bereit, um sich von dem unglücklichen Geschäfte frei zu machen, in das sein »elender« Agent in London, dem er Haß und Rache schwor, ihn verwickelt hatte. Er überließ » A. B. 28 « die Aussteuer, die sie in London mit seinem Gelde gekauft hatte, und war selbstverständlich damit einverstanden, keinen Heller davon zurückzufordern, was sie zur Reise nach Yokohama verausgabt hatte. Sie sollte die Rückreise nach Europa auf seine Kosten über Amerika oder via Suez, ganz nach ihrem Belieben, antreten, und er war bereit, ihr eine, für seine bescheidenen Verhältnisse höchst anständige Summe anzuweisen, als Vergütung für die ihr verursachten Mühen und als Entschädigung für die Vereitelung ihrer Heiratspläne. – Aber heiraten wollte er sie unter keiner Bedingung. Im Notfall würde er es auf eine Klage wegen Bruchs eines Heiratsversprechens ankommen lassen, und er hoffte in diesem Fall, den Richter davon überzeugen zu können, daß er, John Bridges, der betrogene Teil sei, und daß die von seinem Londoner Agenten gemachte Sendung nicht bona fide als dem »eingesandten Muster entsprechend« bezeichnet werden könnte. Frau Dexter hatte keine großen diplomatischen Künste aufzuwenden, um die Wünsche ihres Freundes zu erfüllen. » A. B. 28 « zeigte sich für die ihr gemachten Vorschläge zugänglich. »Er ist in der Tat etwas klein,« sagte sie, »und ich habe noch nicht Gelegenheit gefunden, ihn lieb zu gewinnen. Er hat unvorsichtig gehandelt; aber ich sehe, daß er bereit ist, seinen Fehler wie ein Gentleman wieder gut zu machen.« Sie nahm alles an, die Ausstattung, den Wechsel auf die Orientalbank und schließlich auch die Reisevergütung, die ihr Frau Dexter in Bridges' Namen auszahlte; sie verweilte acht Tage in Yokohama, sah während dieser Zeit so viel wie möglich von Japan, kaufte einige kleine Kunstgegenstände »zur Erinnerung an die schöne Reise« und verabschiedete sich endlich in herzlicher Weise von Frau Dexter, die sich mit aufrichtigen Tränen in den Augen von ihr trennte und ihr, als sie gegangen war, das Zeugnis ausstellte, » A. B. 28 « sei ein gutes, vernünftiges, bescheidenes, junges Mädchen, und John Bridges habe sich ihr gegenüber eigentlich recht schlecht benommen; aber so wären die Männer! John Bridges kehrte nach zehntägiger Abwesenheit von Mïen-Haschi nach Yokohama zurück. Er ertrug den Verlust der Braut und des Geldes, den er erlitten hatte, mit großer Ruhe. Er schwor Frau Dexter ewige Dankbarkeit, und diese verzieh ihm, untreu gewesen zu sein. Bridges ist unverheiratet geblieben. Fräulein Brown aber machte auf der Reise von Yokohama nach Hongkong die Bekanntschaft eines unternehmenden »Storekeepers« (Besitzer eines offenen Ladens), dem es bei der Frau seiner Wahl auf ein paar Fuß mehr oder weniger augenscheinlich nicht ankam, der sich an Bord des Schiffes mit »A. B. 28« verlobte, sie unmittelbar nach seiner Ankunft in Hongkong heiratete, und der, als ich das letzte Mal in dieser Stadt war und aus Neugier seinen Laden besuchte, in ruhiger, glücklicher Ehe mit der von John Bridges verschmähten großen Schönheit lebte.