Maximum. Roman aus Monte Carlo von Ossip Schubin. A                       Madame Olga de Okolicsanyi née princesse Lobanow-Rostowski Monte Carlo! Monte Carlo, Ende April – üppig blühende Blumenbeete, die aus smaragdgrünem Rasen herauslachen – Palmen mit braungeschuppten Stämmen und etwas zerzausten, graugrünen Blätterkronen, die sich gegen einen türkisblauen Himmel abheben, glitzernde Glasbauten, phantastische Gebäude jeder Art, alle freundlich einladend, bunt bewimpelt, dazwischen herumwandelnd Menschen, die eine Spur zu auffallend gekleidet sind und auf der Welt nichts zu tun haben, als sich zu unterhalten, – in der Luft ein Geruch von Rosen, Pittosporum und frischgewässertem Rasen – dazu ein Singen und Seufzen von Waldteufelschen Walzermelodieen – der schönste Fleck auf Erden, ein Stück Paradies, das der Teufel in Pacht genommen hat, um sein tollstes Unwesen darauf zu treiben – das ist Monte Carlo – Monte Carlo, wie es zwei junge Leute aus der verglasten Galerie des Hotels de Paris erblicken, wo sie, an einem kleinen, mit einladendster Sauberkeit und Präzision gedeckten Tischchen sitzend, auf ihr soeben bestelltes Frühstück warten und indessen an den Horsd'oeuvres naschen, die der Oberkellner vor sie hingestellt hat. Beide derselben gesellschaftlichen Sphäre und demselben Beruf angehörend, beide Diplomaten, wie es bereits im Fremdenbuch des Hotels de Paris eingetragen stand, waren sie doch gänzlich verschieden in Nationalität, Neigungen und Charakter. Der eine – er mochte um ein paar Jahre mehr zählen als sein Kollege – hatte dunkles, über der Stirn bereits gelichtetes Haar, feine, aber einigermaßen ermüdete Züge, einen hoch hinaufgezwirbelten Schnurrbart, ein Monocle im linken Auge und etwas überlegen Weltmännisches, Blasiertes im ganzen Wesen. Er war ein Preuße mit einer russischen Fürstin zur Mutter und hieß Gerhard von Siehrsburg; der andere, ein junger Riese mit kurzgestutztem, krausem, blondem Haar, schöngeschnittenem, sonnverbranntem Gesicht, dunkelblauen Augen und frischen, roten Lippen, zwischen denen, wenn er lächelte, zwei Reihen kerngesunder, weißer Zähne hervorblitzten, war der Sohn einer Engländerin und eines Österreichers und hieß Friedrich Graf Ulenberg. Seine Freunde nannten ihn Freddy. Wenn Siehrsburg mit seiner überlegenen und abstrapazierten Vornehmheit etwas für die Menschenklasse, die er vertrat, ziemlich allgemein Bezeichnendes, Typisches besaß, so hatte Freddy Ulenberg im Gegenteil etwas sehr Persönliches an sich, und zwar ganz besonders in seinen Augen. Nicht um sich vor dem Blindwerden zu retten, hätte sich Freddy darein gefügt, die Welt so nüchtern, kritisch und gleichgültig anzusehen, wie dies Siehrsburg tat und wie sich's für jeden echten Stutzer schickt. Seine Augen strahlten im Gegenteil eine wahre Fülle von Wohlwollen aus. Das war sehr altmodisch und paßte schlecht für einen Gesandtschaftsattaché im letzten Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts; aber dafür wurde jedem behaglich, auf den sich Freddys Augen richteten – und das war schließlich auch etwas. Man sah es diesen Augen an, daß sie ein wahres Genie dazu besaßen, an allem Häßlichen vorüberzusehen, wenn sie nicht das Mitleid dabei festhielt, daß sie im Gegenteil alles Schöne mit doppelt so viel Begeisterung genossen als andre Menschen, ja daß sie alles, was sie umgab, geradezu in einer gewissen Verklärung erblickten, und da dem Ausspruch eines tiefen Denkers gemäß die Welt nur durch unsre eigenen Vorstellungen geschaffen wird, so hatten die blauen Augen vielleicht recht. Jedenfalls hatten sie Freddy Ulenberg geholfen, das Leben sehr schön und die Menschen viel besser zu finden, als er nach dem vielen Schlechten, das er von ihnen gehört, erwartet hatte. Sie hatten dem jungen Ulenberg auch geholfen, sich bei allen Leuten, denen er noch begegnet war, sehr beliebt zu machen – und dies nur, weil sie der deutlichste äußere Ausdruck seines innersten Wesens waren. Sein innerstes Wesen war wirklich liebenswert. Die erhöhte Gefühlstemperatur, der warmherzige Optimismus, die sich bei andern Leuten infolge eines leichten Rausches einstellen, waren ihm sozusagen angeboren – der Rausch war bei ihm chronisch – in Gemütssachen war er nie ganz nüchtern. Da er aber Recht und Unrecht instinktiv sehr genau zu unterscheiden wußte, wenn es sich ihm zur persönlichen Auswahl anbot, und sich sein Blick nur mitleidig trübte, wenn es das Unrecht andrer zu verurteilen galt, so waren die Nachteile, die dieser unzurechnungsfähige Zustand mit sich brachte, nicht groß. Vorläufig dachte er weder an Recht noch Unrecht, atmete mit voller Lunge die duftige Luft, die ihn umwehte, freute sich an dem farbigen Bilde, das sich vor ihm ausbreitete, und strahlte sein optimistisches Wohlwollen in der freigebigsten Weise auf seine menschliche Umgebung aus, die es leider momentan sehr wenig verdiente. Rings um die beiden Freunde drängte sich eine Fülle von Menschen, fast an allen Tischen saßen Leute, und um die Tische, an denen niemand saß, lagen die Sessel schief angelehnt, die Hinterbeine in der Luft, was bewies, daß diese Tische von vorsichtigen Gästen vorausbestellt worden waren. In diesem Menschenwirrwarr entdeckte Freddy jeden Augenblick etwas Neues, Merkwürdiges und Bewunderungswürdiges. Der kritische Siehrsburg befleißigte sich eifrigst, seine Illusionen beinahe so rasch zu vernichten, als sie aufsproßten. In den Pausen dieser anstrengenden Beschäftigung fand er noch Zeit, Abhandlungen über die Frauen im allgemeinen zu halten und eine sehr genaue Schilderung von derjenigen zu entwerfen, die er eines Tages für würdig erachten würde, seinen Namen zu tragen. Dies alles zu Freddys besonderer Erbauung und Belehrung. Denn Gerhard von Siehrsburg bemühte sich sehr eindringlich mit der Erziehung seines Freundes, nebenbei liebte er es, seinen Geist leuchten zu lassen. Trotz seines sich lichtenden Haarwuchses war er noch ziemlich jung. Das bewies am besten die Phrase, womit er alle seine Vorträge einzuleiten pflegte, nämlich: »Wenn man, wie ich, das Leben hinter sich hat.« So begann er auch diesmal wieder: »Wenn man, wie ich, das Leben hinter sich hat, so weiß man, daß für einen vernünftigen Menschen eine Verstandesheirat der einzige wünschenswerte Ehebund ist. Die Leidenschaft ist Gift für die Ehe – ein korrosives Gift – ich würde nie eine Frau heiraten, in die ich verliebt wäre – aus Prinzip nicht. Ebenso würde ich mir grundsätzlich keine zu schöne Frau wählen. Das, worauf ich halte, ist Vornehmheit in Sitte und Erscheinung, nebenbei Pünktlichkeit und ausgesprochener Ordnungssinn . . .« »Ja, ja, ich weiß schon,« unterbrach ihn lachend der junge Freund. »Aber es scheint dich nicht sehr zu interessieren,« entgegnete etwas empfindlich Siehrsburg. Freddy kraute sich leicht hinter dem Ohr, dann sagte er aufrichtig: »Nein, nicht sehr,« und in augenscheinlicher Angst, den Freund verletzt zu haben, fügte er hinzu: »Weißt du, ich will mich ja nicht messen mit dir, was Erfahrung und Weisheit anbelangt; aber ich behaupte doch, daß diese Vorausbestimmungen im ganzen wenig Zweck haben: man hält sich ebensowenig daran, wie an ein präliminiertes Reisebudget, es kommen immer unvorhergesehene Ausgaben, die alle Vorausberechnungen umstoßen.« Siehrsburg, dem es als eine gänzlich unbefugte Vorlautheit erschien, daß sich Freddy auch einmal erlaubt hatte, eine leidlich gescheite Ansicht über irgend etwas zu äußern, zuckte unzufrieden die Achseln, und Freddy fuhr fort: »Sieh dir doch die junge Frau an, die dort an dem Tischchen neben dem großmächtigen Rosenbukett sitzt, in dem blauen Kleid und dem großen Federhut, sie ist ganz allein, die Ärmste, die ist doch reizend.« »Nicht übel,« äußerte, sein Monocle einklemmend, Siehrsburg kalt. »Wie könnte ich nur erfahren, wer sie ist?« meinte Freddy eifrig und wichtig. »Geh zu ihr hin und frag sie, sie wird dir's sagen,« erklärte Siehrsburg, »es wird ihr sehr schmeicheln, daß du's wissen willst, besonders wenn du sie zum Frühstück einladest.« »Woraus schließest du das?« ereiferte sich Freddy. »Sie kann doch nicht gut einfacher gekleidet sein, noch sich ruhiger betragen.« »Sie hat Angst, hinausgeworfen zu werden, wenn sie sich muckst,« erklärte Siehrsburg. »Du gehst zu weit in deinem ewigen Mißtrauen,« sagte Freddy ärgerlich; »willst du vielleicht von jeder Frau schlecht denken, die ganz ruhig und harmlos im Hotel de Paris frühstückt, nur weil sie allein ist?« »Von jeder,« entschied Siehrsburg. »Ich kann diese Generalisationen nicht leiden!« rief Freddy, worauf Siehrsburg, offenbar eine große Genugtuung darüber empfindend, ihn dermaßen aus dem Häuschen gebracht zu haben, ihm die Hand auf den Arm legte und phlegmatisch dozierte: »Verlaß dich auf meine Erfahrungen, mein Junge. Wenn man einmal das Leben hinter sich hat, wie ich . . .« Aber Freddy horchte nicht mehr auf ihn, es war wie ein Sonnenstrahl über sein Gesicht gezogen. Den Hals vorgestreckt, ein lustig neugieriges Lächeln auf den Lippen, beobachtete er ein sehr junges Mädchen, das soeben auch ohne Begleitung, wie die Dame in dem großen Federhut, aber mit viel weniger zur Schau getragener Bescheidenheit, im Gegenteil sehr sicher und unbefangen, die Hände tief in den Taschen eines weißen Wolljäckchens vergraben, das Kinn in der Luft, eingetreten war und sich nun mit der Sachkenntnis eines Stammgastes nach einem Tisch umsah, an dem es sich würde niederlassen können. »Deine Erfahrungen in Ehren,« erklärte Freddy, der sich trotz seiner Gutmütigkeit stets sehr daran freute, wenn es ihm einmal gelang, einen Sieg über die weitausgreifende Weisheit Siehrsburgs verzeichnen zu können, »aber ich lasse mir den Kopf abschneiden, wenn auch nur das geringste gegen die junge Dame dort einzuwenden ist, obgleich sie ohne Begleitung in Monte Carlo herumspaziert. Ich sage mir einfach, welch sonderbarer Zufall!« Mitleidig und herablassend blickte sich Siehrsburg, der mit dem Rücken gegen die Eingangstür saß, nach der Dame um. Plötzlich sprang er auf, das Monocle fiel ihm aus dem Auge. »Herr Gott, das ist ja Kitty, meine Schwester Kitty!« rief er, indem er entsetzt auf sie zueilte. »Was machst denn du hier allein im Paris, Kitty?« Ohne sich von dem Entsetzen, das ihm ihr plötzliches, unbewachtes Erscheinen einflößte, auch nur im mindesten eingeschüchtert zu fühlen, ja sich offenbar daran ergötzend, erwiderte sie ruhig: »Das ist wirklich nett, daß ich dich treffe; eigentlich erwartete ich dich; aber verdirb mir nicht die Freude an unserm geschwisterlichen Wiedersehen durch dein finsteres Gesicht. Zwischen einer Gouvernante, die von früh bis Abend Ada Negri übersetzt, und einer Großtante, die keinen andern Gedanken hat als den Spieltisch, lernt man für sich selber sorgen.« Freddy bat den Freund, ihn vorzustellen, was Siehrsburg sofort besorgte. Freddy machte eine tiefe Verbeugung, Kitty nickte mit dem Kopfe, dann: »Darf ich mich hier häuslich niederlassen, Gerhard?« fragte sie. »Erwartet ihr niemand? Es ist wirklich kein andrer Tisch frei.« Freddy schob ihr bereitwilligst einen Sessel zu, und Gerhard fragte: »Wo ist denn eigentlich Tante Rina?« »O, die ist momentan für die Welt verloren,« erzählte Kitty – der Kellner hatte ihr indessen ein Kuvert vorgelegt, und sie naschte im Plaudern eifrig an den Oliven, Tomaten und andern säuerlichen Leckerbissen, die in länglichen Schüsselchen herumstanden. »Heute nacht im Traume ist ihr eine scharlachrote Frau erschienen, die ihr zugerufen hat: ›Dreiundzwanzig . . . dreiundzwanzig . . . setzen Sie dreiundzwanzig!‹ Da ist denn Tante Rina gleich bei der Eröffnung ins Kasino gestürmt und setzt auf dreiundzwanzig. Arme Tante Rina! Sie weiß ganz genau, daß sie beim ersten Losdrehen des Roulettes auf dreiundzwanzig setzen muß, aber nicht, an welchem Tisch. Ich riet ihr, auf alle Tische zu setzen; das leuchtete ihr ein, doch zweifelte sie, ob sie zur rechten Zeit die nötigen Kräfte würde auftreiben können . . . das heißt die nötige Anzahl Vertrauenspersonen, die unisono mit ihr setzen müßten. An einem der Roulettetische sollte ich sie vertreten. Ich bedankte mich . . . ich war schon zu hungrig, um mein Frühstück noch weiter hinauszuschieben, erklärte ihr infolgedessen, ich wolle voraus ins Paris, einen Tisch sichern und das Frühstück bestellen.« »Ein wahres Glück, daß ich da war,« erklärte Gerhard, der sich gern für unentbehrlich hielt. »Ich bin zwar sehr böse auf dich, Kitty; aber wenn du versprichst, es gewiß nicht wieder zu tun, so will ich dir verzeihen. Sollten wir aber nicht auf die Tante warten, Kitty? Können wir bald auf sie rechnen, oder wird es noch ein Weilchen dauern, ehe ihr das Geld ausgeht?« »In der Beziehung läßt sich nichts Bestimmtes voraussagen,« meinte Kitty mit humoristischem Ernst, »denn wenn sie mit ihrem eigenen Geld fertig ist, so borgt sie sich welches von ihren Nachbarn; das tut sie sogar mit Vorliebe, weil es heißt, daß man mit geborgtem Geld am sichersten gewinnt; und sie ist so bekannt in den Spielsälen, daß jeder bereit ist, ihr etwas zu leihen. Übrigens, wer weiß, vielleicht hat sie unterdessen das Maximum gewonnen.« »Dann will ich sie holen, eh' sie es wieder verliert,« erklärte Siehrsburg. »Du mußt inzwischen Kitty chaperonieren, Ulenberg. Es ist nicht ganz korrekt, euch so allein zu lassen, aber – man wird euch für Geschwister halten – auf Wiedersehen!« Damit eilte der junge Pessimist fort. Freddy fühlte sich sehr stolz und nicht wenig verlegen darüber, ein so schönes junges Mädchen beschützen zu dürfen – auch Kitty war ein klein wenig eingeschüchtert. Erst häufte sie aus Befangenheit zweimal so viel Oliven auf ihren Teller, als sie in drei Tagen hätte aufessen können, und dann wurde sie geistreich, was bei manchen Menschen eine ganz besonders stark ausgeprägte Form von Befangenheit ist. Sie fragte Freddy ernsthaft, ob der Oberkellner, ein wulstlippiger Südfranzose mit einer zurückweichenden Stirn und stark ausgebildetem Hinterkopf, nicht aussehe wie ein weißgewaschener Neger, wozu Freddy lachte, und dann fragte sie ihn, ob der ovale große Tisch am Ende der Galerie, der mit prunkhaften Frucht- und Dessertaufsätzen, und einem großartigen Blumenarrangement verziert, außerdem reichlich mit Rosenblättern bestreut war, nicht für eine großfürstliche Familie reserviert sei, worüber er ihr keine Auskunft geben konnte. Als gleich darauf die Gäste, für die die Tafel bestimmt war, erschienen und sich als durchaus nichts Großfürstliches, sondern als eine Gesellschaft von sehr laut und mit einem außerordentlich häßlichen Akzent schnatternden, auffällig und kostspielig gekleideten Südfranzosen herausstellten, fragte Kitty den Attaché, ob die Herrschaften nicht alle wie langsam an der Sonne zergehende, lebensgroße Schokoladefiguren aussähen, und ob er nicht auch fände, daß man sehr viel Geld haben müsse, um mit dem nötigen Schwung geschmacklos zu sein. Freddy sah ihr voll in ihr reizendes Gesichtchen, dann, etwas zögernd, erwiderte er: »Und glauben Sie nicht, gnädiges Fräulein, daß es einem, um geistreich zu sein, an einer kleinen Portion Grausamkeit nicht fehlen darf?« Sofort eingeschüchtert errötete sie bis in die Stirn hinaus, ein begütigendes Wort schwebte ihm auf den Lippen, als eine sehr sonderbare Erscheinung neben Gerhard von Siehrsburg den Schauplatz betrat, etwas Kolossales, etwas wie ein mit roter Seide und schwarzen Spitzen bespannter Heuschober, oben aus dem schön dekorierten Heuschober herausragend ein dicker Kopf mit drei Fleischwülsten unter dem Kinn und einer gepufften Puderfrisur über der Stirn und auf der Puderfrisur ein bedenklich hin und her wackelndes sehr kleines Kapotthütchen. Mit großen, feierlich staunenden Augen betrachtete Kitty dieses Ungeheuer, dann, ein mutwilliges Lächeln unterdrückend, bemerkte sie: »Liebe Tante Rina, wenn ich nicht soeben von Graf Ulenberg wegen meiner Bosheit empfindlichst gerügt worden wäre, so würde ich sagen, dein Hut sitzt dir wieder einmal auf dem Kopf wie ein Sonntagsreiter auf einem ausgeborgten Pferd; wenn ich ihn anseh', erwarte ich ein Unglück.« Die Eingetretene zuckte zu diesem Ausfall nur die Achseln, sie hatte sich momentan über ernstere Dinge zu grämen als darüber, ob ihr Hut gerade oder schief sitze. Siehrsburg stellte Ulenberg seiner Tante, Ihrer Exzellenz der Frau Staatsrätin von Jeljàgin, vor. Die Staatsrätin sagte: »Ist mir sehr anjenehm,« und Kitty fragte die Tante, ob denn wirklich Nummer dreiundzwanzig herausgekommen sei. »Um Gottes willen, bring die Tante nicht auf ihre Rouletteabenteuer, Kitty,« warnte Siehrsburg die Schwester. Aber das Unglück war geschehen. Ein Strom entrüsteter Beredsamkeit floß ungestüm über die kleine Tafel hin, an der sich die Staatsrätin soeben mit einem asthmatischen Pusten niedergelassen und die der Kellner den Damen zu Ehren mit einem Rosenstrauß verziert hatte. »Das ist es ja,« erzählte sie, »herausgekommen ist dreiundzwanzig, dreimal ist es herausgekommen hintereinander, und ich hab's versäumt, c'est à se pendre, nicht wahr? Aber was wollen Sie? An allem ist diese Crêvecoeur schuld! – Crêvecoeur – das ist so ein künstlich rothaariges Frauenzimmer, das sich Komtesse de Crêvecoeur nennt. Sie bildet sich vielleicht jetzt selbst ein, daß sie so heißt« – dies zu den beiden jungen Leuten als erklärenden Kommentar, dann immer im selben Tempo – »jedenfalls weiß niemand, wie sie anders heißt, aber das ist Nebensache. Ein gräßliches Weib! Sie ist geizig und hat einen Hund, bringt sich immer einen ganzen Kirchhof voll Knochen in der Tasche vom Restaurant mit, um den Hund damit zu füttern. Und mit den Knochen kommt sie ins Kasino, und immer sitzt sie neben mir beim Roulette – 's ist ein Verhängnis, ein reines Verhängnis! Blaue Flecken bekommt man von ihren Knochenpaketen. – Ich habe sehr lange geschwiegen, aber heute hat sie mich erbost – ich habe Objektionen gemacht, ganz höfliche Objektionen, sie hat sich eine Bemerkung über meine Korpulenz erlaubt – meine Korpulenz. . . . Da bin ich heftig geworden und habe mich etwas lauter über ihre Knochenvorräte beklagt. Das hat sie geniert – kein Wunder – sie ist wild geworden und hat mir gedroht, eine Stecknadel in mich hineinzustoßen, wenn ich nicht still wäre. Da bin ich noch heftiger geworden, und sie hat wirklich ihre Nadel aus ihrem Hut gezogen und mich heimtückisch unter dem Tisch damit gestochen; aber ich habe sie angezeigt – ja, ich habe sie angezeigt – für einen Monat hat man ihr die Spielsäle verboten. Recht geschieht ihr! Aber was hilft das alles – unterdessen ist dreiundzwanzig herausgekommen, dreimal ist es herausgekommen, und ich habe es versäumt! Ich bitte dich, Gerhard, laß mir eine Flasche Champagner servieren, es ist das einzige, was mich vor einer Migräne retten kann.« Trotz der Verzweiflung der Staatsrätin verlief die kleine Mahlzeit sehr heiter. Zum Schluß lud Madame Jeljàgin die beiden Herren für den nächsten Nachmittag zum Tee in die Villa Garibaldi; für heute fühlte sie sich zu angegriffen, um sie zu empfangen. *           * * »Hm, eine spaßige Frau, meine Tante!« meinte Siehrsburg, während er nach der Trennung von den Damen, eine gute Zigarre rauchend, mit Freddy auf dem Damm neben dem Meere am Fuß der Kasinogärten bummelte. Dabei sah er Freddy unsicher von der Seite an. Offenbar war er etwas verlegen. Zu einem so nobeln Diplomaten, wie er es war, paßte diese Tante allerdings schlecht. Auf Freddy jedoch schienen die Absonderlichkeiten der Staatsrätin keinen tiefen Eindruck gemacht zu haben. Er sagte einfach: »Ein bißchen stark ist sie, sie sollte Marienbad brauchen; aber eine sehr liebenswürdige, amüsante, originelle Frau!« Siehrsburg musterte ihn jetzt noch einmal und zwar ziemlich scharf. Nein, nicht eine Spur von Ironie! Offenbar sagte Freddy nur, was er meinte. Da passierte etwas ganz Seltenes. Siehrsburg war gerührt. Für Leute mit lächerlichen Verwandten ist es entschieden vorteilhaft, Freunde zu haben, die Optimisten sind. *           * * Trotz dieser optimistischen Auffassung Freddys hatte Siehrsburg es natürlich nicht über sich gewonnen, die nächsten vierundzwanzig Stunden verstreichen zu lassen, ohne seinem Kollegen mitzuteilen, daß er ein großes Unrecht beginge, wenn er seine, Gerhards, oder Kittys Familie nach diesem einen Original von Tante beurteilen wollte. »Meine Eltern sind wirklich ganz korrekte Menschen,« versicherte er ihm. Daß sie Kitty so unbewacht bei der alten Dame gelassen hätten, sei allerdings merkwürdig, fügte er hinzu, aber bei Kitty habe das nichts zu bedeuten, die könne man als Regimentstochter von ein paar Bataillonen Gardegrenadieren chaperonieren lassen, so käm's aufs selbe heraus; »wenn man, wie ich, sein Leben hinter sich hat, so weiß man das zu beurteilen,« erklärte er. Die Eltern befanden sich gerade im Übersiedeln von einem Posten zum andern – der Vater Siehrsburgs war nämlich Gesandter – und da benützten er und seine Gattin den freien Moment, um eine Erholungsreise durch die kleinen italienischen Städte zu machen, wo sie sich hauptsächlich damit beschäftigten, alte Möbel einzukaufen und für Correggio zu schwärmen. Kitty hatten sie der Bequemlichkeit halber mit ihrer Gouvernante in Monte Carlo deponiert bei ihrer Großtante, der Staatsrätin, die übrigens eine gute Person und gegen die außer ihrem Umfang und ihrer Spielwut nicht viel Bedenkliches einzuwenden war. Sie war nicht immer so dick gewesen, sondern hatte einst zu den gefeiertsten Schönheiten von Petersburg gehört. Die Sage ging, daß ihr Großfürsten, der Kaiser Nikolaus und sogar Franz Liszt zu Füßen gelegen hätten. Das freilich war längst vorbei! Die Beleibtheit war plötzlich gekommen. Eine Zeitlang hatte die Staatsrätin abwechselnd mit Marienbad und Hungerkuren dagegen gekämpft, dann aber sich in ihre Korpulenz ruhig als in etwas Unvermeidliches gefunden und sich dem Spiel ergeben, um sich für den Verlust ihrer Anbeter zu trösten. Vermögliche Witwe, unabhängig, hatte sie in Monte Carlo eine Villa gekauft, und zwar aus dem Nachlasse eines bankrotten Spielers samt dem Strick, an dem er sich aufgehängt hatte. Der Strick hatte bei dem Ankauf die great attraction ausgemacht – er hatte die Verpflichtung, der Staatsrätin Glück zu bringen. In der ersten Saison nach Ankauf der Villa Garibaldi war der Strick auch dieser Verpflichtung nachgekommen, das Glück hatte sich eingestellt; in der letzten Zeit hatte es nachgelassen, Rina Andrejewna verlor fast immer, obschon sie Nummern träumte und die Vorsicht gebrauchte, immer in etwas Schmutziges zu treten, ehe sie sich ins Kasino begab! *           * * Sie spielte, ihr Diener spielte, ihre Köchin spielte . . . die Kammerjungfer, die nicht spielte, hatte eine Liebschaft mit einem der drei Soldaten des Fürsten von Monaco. Die Zustände in der Villa Garibaldi waren dementsprechend. Seit mehreren Tagen hatte man nicht mehr zu Hause speisen können, weil sich die Köchin beim Bleigießen, das ihr Lieblingsorakel war, die Hand verbrannt hatte. Kitty war ganz unbewacht – aber . . . und darin hatte Siehrsburg recht – bei ihr hatte das weiter nicht viel zu bedeuten. Sie war eines von jenen auserlesenen Geschöpfen, denen der Teufel auf ehrerbietige Distanz ausweicht. Er hat keine Versuchung auf Lager, die er gut genug fände, ihnen anzubieten. Sehr reizend, ohne gerade eine Schönheit zu sein, mit einer ungemein biegsamen Gestalt und durchsichtig zarten Haut bei leuchtend braunem Haar und hellen, dunkel umwimperten grauen Augen, fesselte sie am meisten durch die kindliche Offenheit ihres Blicks und die Geradheit ihres Wesens. Seelengut und über die Maßen lebhaft, hatte sie die Vorlautheit eines sehr begabten Kindes, das von seinen Angehörigen ein wenig zu viel verwöhnt und bewundert worden ist. Aber das tat dem Liebreiz ihres Wesens keinen Eintrag. Es strich einem immer wie Waldluft um die Wangen, wenn sie in der Nähe war! . . . Das behauptete Freddy von ihr. Nebenbei behauptete er auch, noch nie ein so entzückendes Mädchen gesehen zu haben, und schwankte fünf Minuten zwischen zwei neuen Krawatten, ehe er den nächsten Tag mit seiner Ausrüstung für den five o'clock der Staatsrätin fertig war und sich mit seinem Freunde nach der Villa Garibaldi begab. Diese Villa war eine rote Backsteinstruktur, die zwischen immergrünen Steineichen und immerblühenden Rosenhecken auf die Straße hinaussah, die nach Mentone führt, und über die Straße hinüber aufs Meer. Eine graue Steinmauer umfaßte den Garten und bemühte sich vergebens, den tollen Blütenunfug im Zaum zu halten, den allerhand Sträucher zu Füßen der immergrünen Bäume trieben. Das Ungestüm dieses Blütenwirrwarrs wuchs der ehrwürdigen Mauer massenhaft über den Kopf, Äste von weißen und roten Rosen, gelbem und rosa Geißblatt, Jasmin und Flieder hingen über den Rand der Mauer bis in die Straße herab, und Heliotrop, rosa Geranien und reichentwickelte Margueriten schienen geradezu durch die Mauer hindurchzuwachsen. Als sich die beiden Freunde der Villa näherten, erblickten sie bereits von weitem Kitty durch das von Geißblatt und Rosen umrankte Gartenportal. Freddys Besuch zu Ehren hatte sie sich eine altkluge Würde angeschafft, die ihr unbeschreiblich drollig zu Gesicht stand, und ein himmelblaues Sommerkleidchen mit breitem, spitzenbesetztem, weißem Halskragen angelegt, in dem sie überaus lieblich aussah. Sie stellte die jungen Herren ihrer Gouvernante, Miß Sinclair, vor, die sich, in einer zwischen zwei blühenden Rhododendronbäumen aufgemachten Hängematte ausgestreckt, wie gewöhnlich mit Fußschmerzen und Ada Negri beschäftigte. Sie war früher Gesellschafterin bei der unter so traurigen Umständen verschiedenen Gräfin Lena Retz gewesen und fühlte sich dementsprechend sympathisch berührt von allem Tragischen. Die Staatsrätin befand sich noch nicht zu Hause – natürlich. Eigentlich benützte sie nur die Stunden, während deren das Kasino gesperrt war, zu einem flüchtigen Gastspiel in ihrem eigenen Heim. Kitty tat ihr Möglichstes, sie würdig zu vertreten. Sie machte Freddy mit den besonderen Schönheiten des Gartens bekannt, worauf sie beide Herren aufforderte, in den Salon zu spazieren – ein großes, mit feuerrotem Stoff bespanntes Gemach, das hauptsächlich mit Großfürsten und Großfürstinnen dekoriert war, das heißt mit deren eigenhändig unterschriebenen Bildnissen. Soeben hatte sie zwischen selbigen Bildnissen das Konterfei ihrer Mutter hervorgesucht, als Frau von Jeljàgin hereinstürmte. Sie zerfloß förmlich in Entschuldigungen ob ihrer Unpünktlichkeit, dann wendete sie sich an Kitty mit der Frage, ob der Diener die neuen Teetassen bereits aus Nizza gebracht habe. Die letzten Teetassen hatte er nämlich bei einem Anfall hochgradiger Gedankenvertiefung in ein merkwürdiges Rouletteproblem zerschlagen. Die Staatsrätin hatte ihm seine Ungeschicklichkeit nicht weiter verübelt, erstens, weil sie sehr gutmütig war, und zweitens, weil das Zerschlagen von Porzellan für glückbringend gilt, sie hatte ihn nur nach Nizza geschickt um neue Tassen. Sein unverhältnismäßig langes Ausbleiben erklärte sie sich durch die Vermutung, daß er gewiß in irgend einer heimlichen Spielhölle, wie es deren in der Umgebung von Nizza zu Dutzenden gibt, festgehalten worden sei. Um ihre Gäste zu bewirten, entschloß sie sich, ein paar Sevrestassen herausholen zu lassen, von denen ihr der Kaiser Nikolaus ein Dutzend geschenkt hatte, und zwar pâte tendre Dubarry – in einem mit purpurfarbenem Samt ausgeschlagenen Etui. Sie forderte die Anwesenden nur auf, etwas vorsichtig mit diesen Raritäten umzugehen, da sie sie mit ihrem Schmuck und andern Kostbarkeiten für ihre Vente aufhebe, das heißt für den Tag, wo sie den letzten Pfennig verspielt haben und sich in der Lage sehen würde, ihre Habseligkeiten zu versteigern. Dieses schauerliche Zukunftsbild entlockte ihr erst Tränen, dann lachte sie darüber, als handle es sich um etwas Komisches. Da sich der Diener im Laufe des Nachmittags nicht zeigte, und die Köchin ihre rechte Hand noch immer nicht bewegen konnte, verfügte man sich gemeinschaftlich zum Diner ins Hotel de Paris. *           * * So hatte es angefangen. Das war nun vierzehn Tage her. Heute ist Freddy Kittys glücklicher Bräutigam – gestern abend hat er sich mit ihr verlobt. Wie das gekommen ist – ja, wie das eben kommt! Den Tag nach Freddys erstem Besuch in der Villa Garibaldi hatten die jungen Leute eine Partie nach Beaulieu gemacht, zu Wagen, nur Kitty und die jungen Herren allein. Miß Sinclair hatte sich von dem Vergnügen ausgeschlossen, weil sie weder mit ihrer Übersetzung noch mit ihren Fußschmerzen fertig war, und die Staatsrätin hatte auf das Vergnügen verzichtet, weil einmal ein Fiaker mit ihr zusammengebrochen war und sie seit der Zeit kein Mietkutscher von Monte Carlo mehr fahren wollte. O, diese erste Fahrt! Wenn sich Freddy daran erinnern will, so taucht anfangs nichts anderes in seiner Seele auf als ein Schwall von Schellengeklingel und jungem, frischem Lachen in einer Wolke von Staub und Rosenduft, in die ein salzig würziger Meerhauch hinaufstreift. Erst nach einer Weile hört er zwischen dem lustigen Lachen und Schellengeklingel Kittys fröhliches Gezwitscher und Gerhards kritische Betrachtungen, und aus der rosenduftigen Staubwolke taucht die Landschaft vor ihm auf, die weiße Straße, die sich breit und glatt hinzieht zwischen hochansteigenden Bergen und einem schroffen Abhang, dessen Fuß das Meer umspült, das leuchtende, farbensatte Mittelländische Meer, das aussieht, als habe man Opale, Saphire und Türkise in Sonnenstrahlen aufgelöst; abwechselnd rosig gelblich, dunkelblau und hellblau schimmernd, wogt's im vollen Sonnenglanz mit einem breiten Silberbesatz am Ufer; zwischen das Schellengeklingel, das die Köpfe der flinken Gebirgspferdchen umschwirrt, hört man den leichten Hufschlag ihrer eilig dahintrabenden Füße. Wie vom Winde fortgefegt, jagt das leichte, weißangestrichene Korbwägelchen dahin, an blühenden Rosenhecken und an grauen Olivenwäldern vorbei, an Villen – immer wieder Villen – Villen mit Stuckverzierungen, mit Sgraffitverzierungen und Villen aus primitivem Rohbau, an Bauernhäusern mit grasgrünen Bretterjalousieen, alle mit blühenden Schlinggewächsen umkränzt, mit Rosen und Geißblatt und am häufigsten mit etwas reichlich blaurot Blühendem, das nach dem Manne, der das Gewächs an die Riviera verpflanzt hat, le Bougainvillea heißt. Quer durch Eze, wo gerade Jahrmarkt gehalten und viel Pfefferkuchen und moussierendes Getränk verkauft wird, dann immer noch zwischen dem blauen Meer und den silbergrauen Olivenwäldern weiter – weiter bis nach Beaulieu, wo man sich zum Vesperbrot aufhält, auf der Terrasse der »Reserve«, der kleinen Dependance eines sehr großen Hotels, Marsala trinkt und Biskuits knabbert, plaudert, lacht und Pläne für neue Landpartien entwirft . . . Man machte noch sehr viele Landpartieen, fast jeden Tag unternahm man eine neue Ausfahrt, so lange, bis Siehrsburg durch einen guten Freund in Nizza die weltberühmt schöne Senora Otero kennen lernte, von welchem Augenblick an er nicht mehr oft zu haben war – und da Freddy nicht gut mit Kitty allein in der Gegend herumkutschieren konnte, so mußte er von da an auf die Ausfahrten verzichten. Er entschädigte sich für den Ausfall dadurch, daß er jeden Nachmittag in die Villa Garibaldi kam, um Kitty im Lawn-Tennis zu unterrichten. Der Lawn-Tennisplatz in der Villa Garibaldi war ein wahres Gedicht von einem Lawn-Tennisplatz. Rings umschlossen von sehr alten immergrünen Steineichen, denen rote und weiße Rosen mutwillig bis in ihre ehrwürdigen alten Kronen hinaufkletterten, und um deren Füße Rhododendronsträucher mit ungeheuren amethystfarbenen Blütenbüscheln spielten. Hoch oben zwischen dem Schwarzgrün der Steineichen ein Viereck von blauem Himmel, und von allen Seiten hereinbrechend der Duft der Blütenüberschwemmung, die jedes Jahr der Frühling der Riviera bringt. Es war wirklich ein wunderschöner Platz, eigentlich viel zu schön, um Lawn-Tennis darauf zu spielen, das fanden wenigstens Kitty und Freddy, die zumeist, anstatt ihre Bälle durch die Luft zu jagen, einträchtig auf einer Marmorbank beisammen saßen und einander, entweder jeder von sich selber oder einer vom andern, vorerzählten. In den Büschen schluchzte eine Nachtigall, und gelbe und weiße Schmetterlinge flatterten paarweise über die amethystfarbenen Rhododendronbüsche hin. Die Lerchen sangen in der Luft, die Rosen dufteten, und von fern hörte man das leise An- und Aufschwellen des Meeres. Und die beiden saßen nebeneinander auf der weißen Marmorbank und plauderten und lachten und lachten und plauderten den ganzen Nachmittag hindurch, und niemand kümmerte sich um sie. Ach, wie schön das war! – Kitty war immer so erstaunlich klug – sie sagte oft die merkwürdigsten Dinge, und einmal hatte sie etwas gar zu Kluges gesagt. Kaum, daß die vorlaute Weisheit ihren hübschen Lippen entschlüpft war, so hätte sie sie wieder einfangen mögen – aber es war zu spät. Eine große Verlegenheit bemächtigte sich ihrer. Sie sah steinunglücklich aus, und Freddy legte, ohne weiter zu bedenken, was er tat, den Arm um sie und küßte sie – um sie zu trösten. Und Kitty küßte ihn auch, aber gleich darauf fing sie an bitterlich zu weinen. Da zog er sie lächelnd noch ein wenig enger an sich heran und flüsterte ihr zu: »Aber, Kitty, meine süße, kleine Braut!« Und dann küßten sie sich erst recht – aber Kitty hatte aufgehört zu weinen. So war's gekommen, und gleich darauf hatte Freddy der Staatsrätin seine Verlobung mitgeteilt! Er begegnete ihr, als er mit Kitty den Lawn-Tennisplatz verließ. Sie war soeben von ihrer Nachmittagssitzung im Kasino zurückgekehrt und hatte zweimal auf dreiundzwanzig gewonnen. Infolgedessen befand sie sich in gehobener Stimmung. Auf Freddys etwas befangen herausgestotterte Mitteilung streckte sie ihre kurzen, dicken Arme in die Höhe, wollte erst lachen, dann weinen, worauf sie sich vor Kitty hinstellte, ihr mit dem Zeigefinger drohte und rief: »Wer so etwas gedacht – nein, wer so etwas gedacht hätte von dem Kind! Sie ist ja ein Kind . . . ein Kind.« Dann, als Kitty anfing, verlegen zu werden, schloß sie erst sie, dann Freddy liebevoll an ihre umfangreiche Brust, und zwar mit solchem Ungestüm, daß sie sich hierauf niedersetzen und fünf Minuten pusten mußte, ehe sie wieder zu ihrem normalen Atem gelangte. Zum Schluß betrachtete sie noch mit feuchten Augen Kitty und sagte schwärmerisch: »Hüten Sie mir mein Kleinod. Sie ist wirklich reizend. Gerade so wie die Kleine sah ich aus, als ich achtzehn Jahre zählte. Nur war ich schlanker.« Aber selbst diese überraschende und betrübende Versicherung war nicht im stande, den Bräutigam aus seinem Himmel zu reißen. Er bat um die Adresse der Eltern Kittys, damit er bei dem Gesandten um ihre Hand anhalten könne. Die Staatsrätin versicherte ihm, es sei nicht nötig, binnen wenigen Tagen würden die Eltern ohnehin in Monte Carlo erscheinen, und indessen nehme sie die Verantwortung auf sich. Da sich die Köchin von ihren Brandwunden endlich einigermaßen erholt hatte, so forderte Madame Jeljàgin den Bräutigam auf, in der Villa Garibaldi zu speisen. Sie schickte sofort in das Hotel de Paris um ein pâté de foie gras und um Gerhard Siehrsburg, damit er an dem kleinen Verlobungsdiner teilnehmen möge. Gerhard zeigte bei dieser Gelegenheit mehr Herz, als ihm Leute, die ihn nur oberflächlich kannten, zugetraut hätten. Er drückte Freddy die Hand, küßte Kitty sehr innig und meinte: »Bedank dich bei mir, du kriegst den anständigsten Menschen zum Mann, der mir je begegnet ist, und ich hab' euch bekannt gemacht!« Freddy errötete über das Lob, und Kitty sagte: »Hm . . . das weiß ich besser als du!« worauf Gerhard sie ein zweites Mal küßte. Er war wirklich sehr nett und benahm sich den ganzen Abend großartig, er lachte der Staatsrätin nicht ins Gesicht, als sie sich nach dem Diner an den Flügel setzte und, mit ihren kurzen Fingern die Begleitung dazu trommelnd, die verliebtesten russischen Romanzen zu singen begann, so gut sie diese aus ihrer schweratmenden Brust heraus zu stöhnen vermochte. Er hörte sogar geduldig zu, erst als die Staatsrätin bei dem süßen, träumerischen »Oh, dites-lui« der Fürstin Kotschubey geradezu beängstigend lyrisch wurde, forderte er sie auf, eine Partie Pikett mit ihm zu machen, worauf sie bereitwilligst einging. Draußen schien der Mond voll und hell, wie eine große, glänzend polierte Silberscheibe schien er aus dem tiefblauen Himmel heraus. Er streute schwarze Schattenfetzen und helle Lichtflecke durch den Garten und zeichnete flimmernde weiße Ränder um die alten Steineichen herum. Hand in Hand, quer durch Schatten und Licht wandelten die beiden seligen jungen Menschen. Immer mächtiger und süßer schwebte der Duft aus den Blütenbüschen empor wie ein Weihrauch, den der Frühling dem jungen Liebespaar darbrachte; sie traten bis an die Mauer des Gartens und blickten zwischen den Zypressen hinaus auf das nur leise rauschende Meer, über das der Vollmond einen breiten Silberstreifen gezogen hatte, quer über die dunklen Wellen wie eine breite, leuchtende Brücke, gerade in den Himmel hinein! Und plötzlich fing Kitty an zu weinen, und als Freddy sie besorgt fragte, was ihr fehle, konnte sie nur erwidern: »Ich bin zu glücklich, zu glücklich, wie hab' ich's mir denn verdient, so glücklich zu sein!« Da konnte Freddy sie nur küssen und immer wieder küssen und flüstern: »Und ich, Kitty – erst ich, mein Herzblatt, mein Liebling, wie verdiene ich dich! « Und die steifen, immergrünen Blätter der Steineichen horchten und regten sich nicht, durch das junge, zarte Frühlingslaub hingegen zog zärtlich und mitleidig ein Schauern und Beben, fast als hätte es Angst um das wunderschöne, große Glück des wonnetrunkenen jungen Liebespaares. *           * * Ja, so war's gekommen – seit dem gestrigen Abend war er Bräutigam! Jetzt saß er in seinem Zimmer im Hotel de Paris, hielt die Feder in der Hand und schrieb an einem Briefe, mit dem er nicht vom Fleck kam. Der Anfang lautete folgendermaßen: »Meine verehrte Mutter! Ich will Dir heute eine Nachricht mitteilen, die Dich, glaube ich, von ganzem Herzen erfreuen wird – ich habe mich heute verlobt, und zwar mit der einzigen Tochter des außerordentlichen Gesandten von Siehrsburg. Kitty ist wirklich das reizendste Mädchen, das ich je . . .« An diesem Punkte stockte seine Feder. Er erinnerte sich nämlich plötzlich, daß er bereits einmal genau dieselbe Phrase verwendet hatte, um seiner Mutter eine andre junge Dame zu schildern, die er ihr ebenfalls als Schwiegertochter zuzuführen beabsichtigt hatte, und diese Schwiegertochter war nicht im mindesten nach dem Geschmack der Gräfin Ulenberg und eine kleine Russin, angeblich vornehmer Herkunft, gewesen, die er im russischen Nationalkostüm, den Kokoschnjk auf dem Kopfe, im Wiener Wurstelprater ein Damenorchester hatte dirigieren sehen. Er hatte damals achtzehn Jahre gezählt und die junge Dame flehentlich gebeten, bis zu seiner Großjährigkeit auf ihn zu warten. Glücklicherweise hatte ihr das zu lange gedauert. Das war längst verjährt und die ganze Geschichte ja eigentlich mehr komisch als ernstlich gefährlich gewesen, nichtsdestoweniger ließ sich's nicht leugnen, daß er damals genau wie heute geschrieben hatte: »Anna Kyrilowna ist das reizendste Mädchen, das mir je . . .« Nachdem ihm das einmal eingefallen war, konnte er mit seinem Briefe nicht weiter. Seiner Mutter würde das gewiß auch einfallen, sagte er sich, und sie würde lächeln und in seine Lobpreisungen Kittys kein Vertrauen setzen. Zwischen einer Gesandtentochter und einer armen russischen Wurstelpraterfürstin war ja keine Parallele zu ziehen, aber sie würde doch lächeln und seinem Enthusiasmus mißtrauen. Warum fiel es ihm denn überhaupt so schwer, seiner Mutter zu schreiben? Es fiel ihm immer schwer, aber in diesem Fall ganz besonders. Sonst gut, warmherzig, von grenzenloser und sich persönlich aufopfernder Wohltätigkeit, wurde sie hart, verständnislos, abweisend, fast grausam, wo es sich um die Beurteilung irgend eines Verhältnisses handelte, bei dem die Liebe eine Rolle spielte. Dieses Gefühl flößte ihr einen für die gescheite Frau, die sie war, geradezu unvernünftigen Haß, ein wahres Grauen ein. Einmal hatte sie vor Freddy die Worte geäußert: »Die Liebe ist in manchen Fällen ein hinterlistiger Meuchelmord, den unsre physische Natur an unsrer ethischen begeht.« Freddy hatte den Ausspruch nie ganz verstanden und längst vergessen. Heute aber fiel er ihm plötzlich wieder ein, und nachdem er ihm eingefallen, brachte er es nicht übers Herz, seiner Mutter die wunderschönen Empfindungen, die ihm alle Adern schwellten, zu schildern. Er schob den bereits begonnenen Brief von sich und seufzte. Schließlich hatte ja die Sache keine so große Eile, er brauchte ihr die Mitteilung nicht zu machen, ehe er mit Kittys Eltern gesprochen; einwenden würde sie ja im Grunde gegen die Verbindung mit Kitty von Siehrsburg nichts können. Nein, ihre Einwilligung würde sie ihm nicht versagen, aber es war genug, wenn sie es an Teilnahme fehlen ließ. Er erhob sich und holte von seinem Betttisch ein kleines ledernes Etui, das ein Bild seiner Mutter enthielt und ihn auf allen seinen Reisen wie eine Art Talisman begleitete. Im Laufe seines Freiwilligenjahres, das er fern von ihr in Wien abgedient, hatte sie es ihm mit ein paar sehr lieben Zeilen zum Geburtstage geschickt – Bild und Briefchen hatten ihm eine unbeschreibliche Freude gemacht – dieselbe Freude, wie sie ihm ihre seltenen, dann aber ganz eigentümlich herzlichen Liebkosungen bereiteten, ein freundlicher Blick aus ihren schönen, aber fast immer kalten Augen, ein Lächeln um ihren ernsten Mund – niemand konnte so lächeln wie seine Mutter – aber Gott, wie selten sie lächelte! Das Bildchen in dem Etui war sprechend ähnlich. Er betrachtete es lange und aufmerksam. Edel geschnittene Züge, ein schöner Mund mit statuesk kurzer Oberlippe – der griechischen Oberlippe, auf die die Engländer so großen Wert legen, dazu große, von breiten Lidern meist halb verdeckte, grünlichblaue Augen, deren Blick, wenn sie sie voll aufschlug, klar und durchdringend wie der eines Falken war, so daß ihm nichts entging. Manches Mal flog ein feuchter Schimmer über ihre hellen Augen, der den Scharfsinn, der in ihnen war, auslöschte und ihnen statt dessen einen Ausdruck von unendlicher, fast verklärter Zärtlichkeit und Rührung verlieh. Dann hätte er jedesmal vor ihr niederknieen und sie einfach anbeten mögen, oder auch sie in seine Arme nehmen und einen Kuß auf ihre früh ergrauten Schläfen drücken. So etwas aber hätte er sein Lebtag nicht gewagt. So gut sie gegen ihn war, hielt sie ihn doch sehr fern, nie kam es zwischen den beiden zu jenen langen, lieben Plaudereien, in denen ein Sohn der Mutter sein Herz ausschüttet, ihr bunt durcheinander alles mitteilt, was ihn bewegt, seine wild aufschießenden Illusionen, seine ersten zögernden Lebensbedenken, seine bald übermütig humoristischen, bald tragisch entsetzten Weltbeobachtungen. Wenn sie mit ihm sprach, so war es über Kunst, Literatur, über seine Bekannten, seine weltlichen Beziehungen. Dazwischen äußerte sie manches Mal ein sehr fein formuliertes ethisches Prinzip. Er hatte immer das Gefühl, etwas gelernt zu haben, nachdem er eine halbe Stunde mit ihr verbracht hatte, es war sehr schön, aber das, wonach er sich sehnte, war es nicht. Eine ihrer Schwächen mit einer zärtlichen Neckerei herauszufordern, wie andre Söhne, hätte er sich nie getraut, und ihr eine spontane Liebkosung zu bieten, wäre ihm als eine Art Wahnwitz erschienen, ja nicht einmal ihr die ritterlichen Aufmerksamkeiten entgegenzubringen, zu denen es ihn aus ganzem Herzen drängte, wagte er. Und so hatte in den Beziehungen zwischen Mutter und Sohn, den heiligsten und schönsten, die es im Leben gibt, immer etwas . . . wenn nicht das Edelste, so doch das Liebenswürdigste gefehlt, und seiner warmen, weichen, überschäumenden Natur nach hatte er es schwer entbehrt. Anstatt seine Mutter mit aller Innigkeit, die in ihm war, zu lieben, hatte er sie doch nur stets mit fast andächtiger Scheu verehrt wie etwas sehr Heiliges, aber hoch über ihm Stehendes, von dem er jegliche Teilnahme an seinen kleinen menschlichen Angelegenheiten als eine Gnade empfand. Zum ersten Male in seinem Leben fing er an, über sie nachzudenken, und folgerte aus ihrem Wesen etwas heraus, was ihn betrübte – daß sie nämlich sehr unglücklich in ihrer Ehe gewesen sein müsse. Gleich darauf trat die Frage an ihn heran, welcher Art denn sein Vater gewesen sei. Über den wußte er so gut wie nichts. Ein einziges Mal hatte seine Mutter mit ihm über den Vater gesprochen. Er hatte sie nämlich dabei angetroffen, wie sie im Begriff gewesen war, ihre Reliquien auszuräumen, das heißt ein paar Sächelchen, die niemand anders berühren durfte als sie, und die sie in einem besonderen Schrein aufbewahrte. Dabei war ein kleines Bildchen auf die Erde gefallen. Er hatte es aufgehoben und gefragt, wen es darstelle. Erst sichtlich zusammenschreckend, hatte sie es, ohne ein Wort darüber zu verlieren, in den Schrein zurücklegen wollen, dann sich plötzlich nach Freddy umsehend, es ihm hingehalten und gesagt: »Dein Vater!« Als er es aber mit großer Aufmerksamkeit zu betrachten begonnen, hatte sie es ihm plötzlich entzogen und in den Schrein zurückgelegt. Mit einer jähen, unschön hastigen Bewegung, die mit ihrem gewohnten vornehmen, etwas gemessenen Wesen in grellem Widerspruch stand, hatte sie den Schlüssel abgezogen. Kurz darauf war sie in ihr Zimmer verschwunden und an jenem Tag nicht mehr erschienen. Mit seiner optimistischen Auffassung der Dinge hatte er sich damals – er war ein kaum zwölfjähriger Schuljunge in einem Eton-Jakett gewesen – die Situation dahin zurechtgelegt, daß die Mutter den Vater sehr geliebt haben müsse und es ihr infolgedessen allzu schmerzlich gewesen sei, an ihn erinnert zu werden. Heute, wo er das Leben besser kannte, wenn er es auch noch nicht »hinter sich hatte«, wie sein Kollege Siehrsburg, dachte er dasselbe, aber dachte sich auch noch manches dazu – daß seine Mutter an dem leidenschaftlich geliebten Mann eine schwere Enttäuschung erlebt haben mochte. Aus seinem warmen, ihn ganz ausfüllenden Herzensglück heraus schwoll eine große Woge von Mitleid auf und zog über seine beiden Eltern hin, über seine Mutter, deren innerstes Gefühlsleben ihm verschlossen blieb, und über den Vater, den er nie gekannt, und von dem er nichts wußte, als daß er jung gestorben war. Von dem kleinen Bildchen war ihm die Erinnerung an eine schöne ritterliche Erscheinung geblieben, und es tat ihm leid, daß er seine Mutter nicht nach dem Vater fragen konnte, ohne ihr wehe zu tun. »Ach, mein Gott! Ist das ein schweres Herz für einen so glücklichen Menschen, wie ich's bin!« dachte er bei sich, lachte und griff nach seiner Uhr. Fünf – nun, da durfte er ja schon in die Villa Garibaldi. Siehrsburg hatte ihn dringend gebeten, solange seine Verlobung mit Kitty noch nicht offiziell war, seine Anwesenheit in der Villa nicht zu übertreiben, darum hatte er am Vormittag keinen Besuch dort gemacht, sondern sich nur auf seine nachmittägigen Glücksstunden dadurch vorbereitet, daß er Kitty ein kleines Geschenk bei einem Juwelier gekauft – einen Ring, der mit einem aus Smaragden geformten vierblätterigen Kleeblatt geschmückt war. Er nahm das hübsche Geschmeide aus dessen weißsamtenem Schrein, ließ es zufrieden in der Sonne blitzen, steckte es dann zu sich, griff nach seinem Hut und begab sich hinaus, wie gewöhnlich ohne daran zu denken, einen Kasten oder Koffer zuzusperren, und ohne den Schlüssel von seiner Tür abzuziehen. Etwas weniger Mißtrauisches als Freddy Ulenberg gab's auf der Welt nicht mehr! Das Bild wohlwollender und gesunder, junger Lebenslust, ging er den Küstenweg entlang auf die Villa Garibaldi zu, wobei seine Schritte immer länger und eiliger wurden. Die trüben Gedanken, die ihn zu drücken begannen, als er an seine Mutter zu schreiben versucht hatte, hatte er alle im Hotel zurückgelassen, er fühlte den Boden nicht mehr unter den Füßen, das Glück zuckte ihm geradezu aus den Fingerspitzen heraus. Die Geißblattblüten und Rosen über dem Gartenportal der Villa nickten ihm ein freundliches Willkommen zu – und dennoch – er empfand es plötzlich – wehte ihm eine befremdliche Luft entgegen. Kittys Stimmchen, das er sonst von weitem froh und süß mitten zwischen den Trillern der Lerchen und dem Schluchzen der Nachtigall irgend eine Melodie zwitschern hörte, war heute stumm. Dafür sprachen ein paar andre, weniger süße Stimmen in nicht zu großer Entfernung von ihm heftig durcheinander, eine fremde Stimme sagte ganz deutlich: »Ich will ihm ja nicht nahe treten, ich verlange einfach Auskünfte über seine Familie, und dazu bin ich berechtigt . . .« Von wem konnte die Rede sein? Es fuhr ihm durch alle Glieder. Stark eingeschüchtert trat er ein paar Schritte weiter . . . Auf dem samtgrünen, englisch gehaltenen Lawn vor der Villa, zwischen den Rhododendronbäumen mit ihren sonnendurchleuchteten, amethystfarbenen Blütenbüscheln, saßen um einen mit Teezeug besetzten Tisch aus Korbgeflecht drei Menschen, die er kannte: die Staatsrätin, Gerhard und Kitty, und zwei, die er nicht kannte, ein Herr und eine Dame. Es hielt nicht schwer, zu erraten, daß dies Kittys Eltern waren. Der Herr, groß, vornehm, breitschultrig, etwas schwerfällig in der Gestalt und pedantisch im Anzug, ein Monocle im Auge und eine seidene schottische Mütze auf dem Kopf, war das Bild eines preußischen Bureaukraten en villegiature, die Dame, eine Schönheit, glich Kitty, nur war sie größer, blendender, es war Kitty mit einigen vierzig Jahren und einer größeren Nase. Sie trug ein blaßlila Musselinkleid, das reich mit Spitzen besetzt war, und einen großen, malerischen Gartenhut aus starkem, gelbem Strohgeflecht, den Magnolienblüten zierten. Als sie Freddys Schritte über den Gartenweg knirschen hörten, wendeten sich alle um. Kitty sah ihn sehr lieb an, wurde rot und rührte sich nicht. Freddy merkte, daß sie geweint hatte. Gerhard stand auf, ging ihm entgegen und drückte ihm mit besonderer Wärme die Hand, die Staatsrätin aber streckte mit einer dramatischen Geste ihre beiden Arme gegen ihn aus und rief: »Enfin... regardez-le, c'est ma justification!« Das war unbeschreiblich komisch, so daß alle aus ihrer sichtbaren Verstimmung heraus zu lachen anfingen. Selbst der pedantische Vater Siehrsburg verzog die Lippen, seine schöne Frau hingegen lachte geradezu unbändig, sehr ausgelassen und sehr reizend. »Au fond,« rief sie, »hat Tante Rina recht, und wenn er so ist, wie er aussieht, so kann man's weder der Tante noch Kitty übelnehmen, daß es kam, wie es gekommen ist.« »Vous savez...« wendete sie sich an ihren Gatten, si c'était à recommencer, und wenn ich in Kittys Alter wäre, ha, ha, ha,« sie fing wieder an zu lachen, dabei reichte sie nun ihrerseits Freddy die Hand – eine lange, aristokratische Hand, die er ehrerbietig küßte – »jedenfalls freue ich mich sehr, Sie kennen zu lernen,« versicherte sie ihn. Frau von Siehrsburg, Fürstin Lydia, wie sie von allen denen, die sie in ihrer Mädchenzeit gekannt hatten, noch heutigentags genannt wurde, war so schön wie Lola Montez und tugendhaft wie Madame Recamier, nur ohne die historisch berüchtigte Pedanterie der Freundin Chateaubriands. Die Tugend war bei ihr kein Verdienst, sondern eine geniale Charakteranlage. Sie beanspruchte nie die geringste Bewunderung dafür. Diese stolze Bescheidenheit, verbunden mit dem Umstand, daß sie ebenso kokett als tugendhaft war, und keinen Mann, der ihr halbwegs der Mühe wert dünkte, in Ruhe lassen konnte, ohne zu versuchen, ihm den Kopf zu verdrehen, hatte es fertig gebracht, daß ihre Tugend ihrer Popularität nicht geschadet hatte. Freddys Herz hatte sie natürlich im Sturm erobert. Nun wendete er sich an seinen zukünftigen Schwiegervater und, die Hand auf die Lehne von Kittys Stuhl stützend, sagte er befangen und mit seinem einnehmenden, langsamen Lächeln: »Sie finden gewiß, daß ich mich nicht hätte mit einem so jungen Mädchen verloben dürfen, ohne früher bei deren Eltern anzufragen, Exzellenz. Ich weiß, daß es nicht korrekt war, und ich hätt's auch gewiß nicht getan, wenn ich es im vorhinein überlegt hätte. Es kam aber ganz plötzlich, ich habe einfach ein bißchen den Kopf verloren. Aber . . . sehr Schlimmes ist wohl dabei nicht, 's ist ja doch nur eine unterlassene Formalität. Wir bitten demütigst um Verzeihung und um den elterlichen Segen. Nicht wahr, Kitty?« Er beugte sich ein wenig über das geknickt dasitzende junge Mädchen und strich ihr sanft über die Schulter. Die Vertraulichkeit der Anrede, sowie die Zärtlichkeit der Berührung waren dem Gesandten sichtbar verdrießlich. . . . Anstatt den Segen auszusprechen, um den Freddy ihn bat, räusperte er sich, blickte von Kitty zu Freddy, von Freddy wieder zu Kitty und sagte endlich: »Geh ins Haus, Kitty, bei dem, was wir weiter zu verhandeln haben, brauchst du nicht anwesend zu sein!« Freddy traute seinen Ohren kaum. Kitty rührte sich nicht, ein entrüsteter, widerspenstiger Ausdruck überflog ihr zartes Gesichtchen. »Geh, mein Kind,« sagte Frau von Siehrsburg. Da stand sie auf und ging ein paar Schritte, ihre junge Brust hob und senkte sich, offenbar konnte sie die Beleidigung nicht verwinden, die man ihrem Liebling angetan! Mit einem Male wandte sie sich zurück, stürzte auf Freddy zu, nahm seine Hand zwischen ihre beiden und drückte sie heftig an ihre Lippen, worauf sie laut schluchzend ins Haus lief. Eine unbehagliche Pause folgte, der Gesandte trommelte verlegen auf der Platte des Gartentisches, die Fürstin Lydia biß sich die Lippen, offenbar war sie unzufrieden, aber nicht mit ihrer unvorsichtigen Tochter, sondern weit mehr mit ihrem zu vorsichtigen Gemahl. »Vor allem möchte ich Sie bitten, Platz zu nehmen,« wandte sich jetzt der Gesandte an Freddy. Unter den Umständen hätte dieser ihm wahrhaftig lieber eine der neuangeschafften japanischen Teetassen, die auf dem Tische standen, an den Kopf geworfen, anstatt ihm gegenüber Platz zu nehmen, aber er erinnerte sich noch zur rechten Zeit, daß er den Vater Kittys vor sich habe, und so kam er denn der Aufforderung nach; er hielt sich musterhaft, nur an dem heißen, jungen Blut, das ihm stoßweise in die Wangen schoß, merkte man, daß es ihm in allen Fibern zuckte vor Empörung. »Und nun,« fuhr der Gesandte, der im Grund ein sehr guter Mensch, wenn auch ein großer Pedant war, fort, »muß ich Ihnen vor allem andern versichern, daß Sie mir persönlich außerordentlich gefallen –« er stockte »Aber Sie haben eine andre Partie für Kitty – für Ihre Tochter,« murmelte Freddy. »Nein, ich bitte nur ganz bescheiden um einige Auskünfte.« Freddy erinnerte sich der Worte, die bei seinem Eintritt in den Garten an sein Ohr geschlagen hatten. »Nun, ich glaube,« sagte er, »Gerhard, der seit einem Jahr mit mir in Paris fast täglich beisammen war, könnte Ihnen beiläufig sagen, ob etwas gegen mich einzuwenden ist.« »Ich wüßte bei Gott nichts,« ereiferte sich Gerhard, »außer daß er einmal im Frühjahr das Gequake von Fröschen für Vogelgezwitscher gehalten hat, daß er überhaupt ein schrecklicher Optimist, das heißt ein schauderhaft guter Kerl ist, der an jedem Ungeheuer noch irgend eine Schönheit herauszustreichen findet und für jeden Verbrecher einen mildernden Umstand entdeckt. Ihr solltet mir ein Prämium dafür geben, daß ich diese Verlobung eingefädelt habe, denn sie ist mein Werk, mehr oder minder ist sie mein Werk; und statt dessen bringt ihr meinem besten Freund, der nebenbei der anständigste Mensch ist, den ich kenne, ein Mißtrauen entgegen, das ihn beschimpft und mich bodenlos beschämt!« Eine solche Explosion von Entrüstung und Ungezogenheit hatte man bei Gerhard Siehrsburg noch nicht erlebt. Der Gesandte wurde zu Stein, seine Gattin hatte Lust zu lachen, blieb aber ernst und sagte nur: »Du gehst zu weit, du erlaubst dir zu viel,« und Freddy, der ob der Aufregung seines Freundes seine eigene Ruhe wiedererlangt hatte, legte ihm die Hand auf den Arm und meinte: »Sei nicht närrisch, Schwiegersöhne werden immer ein wenig von den Eltern ihrer Bräute malträtiert, dagegen läßt sich nichts einwenden, das ist traditionell.« »Ja,« brummte Gerhard, »uneigennützige Schwiegersöhne werden immer malträtiert; es sind nur Lumpen, die ohne einen Pfennig in der Tasche Millionärstöchter heiraten, denen das Recht zugestanden wird, die Schwiegereltern zu malträtieren.« »Na, schweig schon,« verwies ihm gutmütig Freddy, »ich glaube, es wäre besser, zur Sache zu kommen – to come to the point, ohne uns weiter heiße Köpfe zu machen. Es war recht töricht von mir, mich so empfindlich zu zeigen. In Monte Carlo begegnet man so vielen Schwindlern, daß jeder berechtigt ist, auf seiner Hut zu sein.« »Pardon, pardon,« unterbrach ihn die Fürstin Lydia, die sich indessen, wie Madame de Maintenon während des Vortrages wichtiger Staatsgeschäfte, mit einer Tapisseriearbeit beschäftigt hatte, »der größte Dummkopf in der Weltgeschichte vermöchte nicht, Sie für einen Schwindler zu halten.« Worauf der Gesandte großmütig hinzusetzte: »Darin hat meine Frau recht,« dann etwas zögernd und an seinem Hemdkragen herumrichtend, sagte er: »Es handelt sich auch gar nicht um Ihre eigene Persönlichkeit, ich möchte Sie nur um einige Auskünfte bitten in Betreff Ihrer Familie. Ihre Mutter war, wie mir Gerhard mitteilte, eine Miß Bretford.« »Honorable Miß Bretford, Tochter von Augustus Lord Bretford,« schob Gerhard giftig ein. »Eine vorzügliche Familie,« fuhr der Gesandte unbeirrt fort, »vorzüglich . . . wer aber war Ihr Vater?« »Nun, mein Vater war ein Graf Ulenberg, ein österreichischer Offizier, der bald gestorben ist,« erwiderte Freddy, dem bei dieser Frage von neuem das Blut zu Kopf gestiegen war. »Wann und wo ist er gestorben?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen,« erwiderte Freddy; es fing an, ihm schwarz vor den Augen zu werden. »Wie hat er mit dem Vornamen geheißen?« Freddy dachte nach. »Auch das wüßte ich Ihnen nicht zu sagen,« erwiderte er heiser. Eine unheimliche Pause folgte. Dann sagte der Gesandte mühsam, sehr verlegen – offenbar kam es ihm selber hart an, dem jungen Mann, der ihm im Laufe dieser Unterredung sympathisch geworden war, nahe zu treten: »Ich will gern annehmen, daß Ihre Unkenntnis sowohl des Sterbetages als des Taufnamens Ihres Vaters nur einem Zufall entspringt. Nichtsdestoweniger muß ich Sie bitten, nähere Erkundigungen über den verstorbenen Grafen Ulenberg einzuziehen. Der Name an und für sich ist ein sehr guter – aber . . . die Ulenbergs sind verarmt, und wie viele verarmte, ruhmreiche Adelsgeschlechter . . .« »Vater!« rief Gerhard heftig. »Albert!« mahnte leise Frau von Siehrsburg. »Nun – nun, ich hoffe ja, es wendet sich alles zum besten,« meinte der Gesandte beschwichtigend, »schreiben Sie an Ihre Frau Mutter, der ich mich zu Füßen legen lasse, um die nötigsten Referenzen. Es ist ja nur eine Formalität, aber . . . Sie sind ja selber vernünftig – Sie sehen ein . . . und noch eins – ehe diese leidige Angelegenheit geordnet ist, würde ich Sie bitten . . . würde Sie bitten . . . den Verkehr mit Kitty zu unterbrechen. Kitty ist Ihnen offenbar jetzt schon sehr zugetan – und es ist besser . . . im Falle . . . in dem ganz unvorhergesehenen Falle, daß sich ihrer Verbindung mit Ihnen . . . Hindernisse entgegenstellen sollten . . .« Mehrere Minuten später stand er allein draußen auf dem staubweißen Küstenweg, über die Mauern der Villa Garibaldi nickten ihm Rosen- und Jasminzweige – Abschiedsgrüße zu. Er ging wie im Traum, das Bild, das sich zuletzt seiner jungen, tiefverletzten Seele eingeprägt, mitnehmend: den niedrigen Tisch aus Korbgeflecht, die japanischen, mit roten und goldenen Schimären verzierten Teetassen darauf, und um den Tisch herum die Fürstin Lydia mit ihrem magnolienbesteckten Gartenhut, den Gesandten mit seiner leichten schottischen Seidenmütze, Gerhard Siehrsburg mit seinem finsteren Gesicht . . . den kupfernen Samowar auf dem Nebentisch, die sonnendurchleuchteten lila Magnolienbüsche . . . und dann nichts . . . nichts als Kitty mit ihrem tränenüberströmten Gesichtchen, Kitty, die ihm zuliebe ihren Eltern hatte den Gehorsam kündigen wollen, und als sie dazu nicht die unschöne Kraft gefunden, auf ihn zugestürzt war und ihm die Hand geküßt hatte, um ihm das Unrecht abzubitten, das man ihm angetan. Was hatte sie ihm abzubitten – ihre Eltern hatten recht, vorsichtig zu sein . . . vorsichtig . . . aber woher kam der Zweifel, woher die Vermutung einer möglichen Unwürdigkeit seiner Abkunft? In das Hotel de Paris zurückgekehrt, sperrte er sich – zum ersten Male in seinem Leben – ein. Er griff traurig nach dem armen, kleinen Ring in seiner Tasche und legte ihn weg, ohne ihn angesehen zu haben. Dann plötzlich – er war noch sehr jung und sehr weich und war gewöhnt gewesen, den Kopf sehr hoch zu tragen – versteckte er das Gesicht in seinen verschränkten Armen auf der Tischplatte und begann heftig zu schluchzen. Darauf schrieb er an seine Mutter. *           * * Ein, zwei, drei, fünf Tage sind verstrichen . . . heute muß der Brief kommen, sagt er sich, der Brief, der all seiner unvernünftigen Qual, seinem krankhaften Mißtrauen, seinen wahnwitzigen, in allerhand Peinlichkeiten herumstöbernden Vermutungen ein Ende macht. Er wird den Leuten wieder unbefangen ins Gesicht sehen können, wird Kitty in die Arme schließen dürfen, wird die Last, die ihn jetzt in die Erde hineindrückt und ihm das Atmen erschwert, von sich schleudern. Ach, wieder leicht atmen können und sich an Gottes Sonnenschein freuen, wie er's vor fünf Tagen noch gekonnt hatte! Jetzt schleppt er mit jedem Atemzug eine Zentnerlast auf und ab, und jeder Sonnenstrahl tut ihm weh. Schon gestern und vorgestern hat er den Brief erwartet, hat ihn mit Bestimmtheit erwartet. Heute muß er kommen! Er ist bald eingeschlafen am Abend zuvor, von Müdigkeit erdrückt, aber mitten in der Nacht weckt ihn das Zuschließen irgend einer Tür im Korridor – ihn, neben dem man sonst Kanonen hätte lösen können, ohne ihn im Schlaf zu stören, das Knistern eines Blattes Papier weckt ihn jetzt. Das Knistern eines Blattes Papier! . . . Torheit – die Unruhe in seinem Blut weckt ihn. Er wendet sich von neuem gegen die Wand, schließt die Augen . . . vergebene Mühe – die Unruhe wird stärker – ein peinliches Stechen in der Brust, ein häßliches Ziehen und Zerren von den Schultern bis in die Handgelenke hinein. Aus diesen widerwärtigen physischen Empfindungen steigt ein Gedanke empor, den der Schlaf ein wenig verwischt hatte, der sich jetzt groß und deutlich in seiner Seele ausbreitet. »Wer war mein Vater – warum zweifeln die Leute an meinem Vater?« Er dreht das elektrische Licht auf, sieht nach der Uhr – zwei Uhr! Er greift nach einem Buche, versucht zu lesen. Seine Augen gleiten über die Zeilen hin, seine Hand wendet die Blätter um, aber er behält nichts von dem, was er liest, der Sinn dringt ihm nicht in den Kopf. Müde schließt er das Buch, dreht das Licht ab und versucht noch einmal zu schlafen. Er schläft nicht. Ein weißer Schimmer sickert durch den Store, breitet sich aus, heller und heller, die Vorhänge seines Bettes, die noch vor kurzem pechschwarz waren, fangen an, sich zu röten, immer klarer und gestalteter wachsen die Möbel aus der weißlichen Undeutlichkeit der Morgendämmerung heraus. Ein Vogel zwitschert draußen, erst einer, dann mehrere, ein paar Fliegen schlagen ihre Köpfe laut summend gegen die Fensterscheiben, unten hört man das Schieben und Scharren der Kehrbesen, womit die Straßenreiniger den Platz säubern, das Rollen ihrer Karren. Einen Augenblick verwischt sich sein Bewußtsein, dann . . . war das nicht ein Schritt vor seiner Tür – der Schritt hält – unter der Tür hervor kriecht etwas Weißes – ein Brief – ja – ein Brief! Er stürzt aus dem Bett. Ein Brief – wohl ist es ein Brief, aber nicht von seiner Mutter, sondern von einem Kollegen, der ihn fragt, ob er zum grand prix in Paris zurück sein werde. Er möchte weinen vor Aufregung, vor Enttäuschung! Das Stechen in seiner Brust wird noch stärker, der Atem schwerer. Die dritte Nacht ist's, die er jetzt so verbracht hat, er fängt an, sich müde zu fühlen, schlecht auszusehen. Es ist nicht die Schlaflosigkeit an und für sich – als ob er es nur je empfunden hätte, wenn er sich als Freiwilliger während der Waffenübung zur Manöverzeit mit zwei, höchstens drei Stunden Schlaf abfertigen mußte, oder auch im Karneval von einem lustigen Fest zum andern rasend, kaum dazu gekommen war, sich niederzulegen – nein, die Schlaflosigkeit ist's nicht, die ihn so heruntergebracht hat, sondern die Qual, aus der diese Schlaflosigkeit entspringt. Mit heißen Augen und wunden Gliedern steht er auf, 's ist unnütz, sich weiter im Bett herumzuwälzen. Er klingelt um sein Bad. Dreiviertel Stunden später sitzt er im Frühstückszimmer vor einer mit rotem Garn gestickten Serviette, trinkt eine Tasse Kaffee und fragt den Kellner, wann der nächste Posteinlauf zu erwarten sei. Die Post ist gekommen, die in die Zimmer hineingeschobenen Briefe stammten von der Abendpost. Er schickt den Kellner nachzusehen, ob kein Brief für ihn eingetroffen ist. – Nein . . . kein Brief. Was mit sich anfangen? Er verfügt sich ins Lesezimmer, schreibt ein zweites Mal an seine Mutter, adressiert mit größter Deutlichkeit: Gräfin Marie Ulenberg Hotel Liverpool             Paris. Zum ersten Male in seinem Leben fällt ihm ein kleiner, geringfügiger Umstand auf, der ihm früher nie zu denken gegeben hat. Andere Frauen setzen bei ihren Adressen den Taufnamen des Gatten dem Familiennamen vor. Sie weicht von dieser Sitte ab. Ist's, daß sie so wenig mit dem Verstorbenen gemein haben will als möglich? Er stampft mit dem Fuß. Das ist schon unerträglich, warum deutet er denn alles häßlich und ungünstig? Wie weh das tut! Es ist ja purer Unsinn. Seine Mutter kann keinen Lumpen geliebt haben, es ist eine Versündigung an ihr, so etwas zu vermuten! Er trägt den Brief selber auf die Post, läßt ihn einschreiben. Eine halbe Stunde später sendet er dem Brief ein Telegramm nach: »Warum keine Nachricht? Bitte dringend um Nachricht.« Dann den hübschen, von einer niedrigen Mauer umsäumten Küstenweg entlang, bummelt er von der Post nach dem Hotel de Paris zurück. Was mit sich anfangen? Siehrsburgs sind in Cannes, nur auf wenige Tage sind sie fort, um Begegnungen mit ihm auszuweichen, Gerhard hat sich mit einem Freund auf einer Jacht eingeschifft, offenbar ist ihm das Beisammensein mit Freddy unter den Umständen zu peinlich. Während er recht melancholisch und mutlos über den Platz schlendert, ruft ihm plötzlich eine fremde Stimme »bon jour« zu. Er blickt auf und in die schönen Augen der Fürstin Lydia, die ihm aus dem Schatten eines breitkrempigen schwarzen Federhutes zulachen. Sie reicht ihm die Hand. »Haben Sie Nachrichten von Ihrer Frau Mutter?« fragt sie freundlich. Sie nimmt es als selbstverständlich an, daß er Nachrichten haben muß. »Nein . . . ich begreife nicht . . .« murmelt Freddy, bis an seine blonden Haarwurzeln errötend. »Ah, wie schade!« ruft sie, »wir sind gestern abend von Cannes zurückgekommen, und als ich Sie sah, freute ich mich und hoffte, Sie gleich zum Frühstück mitnehmen zu können.« »Das ist unter den Umständen natürlich nicht möglich,« stößt Freddy bitter hervor. »Nein . . . nur wegen der törichten Pedanterie meines Mannes,« sagt Fürstin Lydia ärgerlich. »Aber quälen Sie sich doch nicht so; mit Briefen hat man immer Verdrießlichkeiten, eine Antwort kommt nie zur rechten Zeit, wenn man sie gerade besonders sehnsüchtig erwartet. Was mich anbelangt, so bin ich überzeugt, daß die Auskünfte Ihrer Mutter äußerst beschämend für uns sein werden; ich habe nur Angst, daß die Gräfin die Kleinigkeitskrämerei meines Mannes übel nimmt. Wundern könnt' es mich nicht.« Sie ist mit ihm von dem Platze hinweg in den eigentlichen Park des Kasinos abgebogen, um sein niedergeschlagenes Aussehen der Beobachtung der immer um das Hotel de Paris herumschweifenden Müßiggänger zu entziehen. Durchsichtige Schattenarabesken spielen über die Kieswege vor den Füßen der beiden hin, das leise Säuseln in den Bäumen mischt sich mit dem gedämpften mezza-voce -Gesang des nie sehr lauten Mittelmeeres. »Ich an Ihrer Stelle wäre wütend über meinen zukünftigen Schwiegervater,« sagt sie weiter, »aber tüchtig wütend, und ich gebe Ihnen auch carte blanche, ihn zu quälen, bis Sie mit diesen dummen Formalitäten im reinen sind, aber mich dürfen Sie nicht entgelten lassen, was Sie jetzt ausstehen. Ich versichere Ihnen, daß ich keine Referenzen von Ihnen verlangt hätte!« Wieder reichte sie ihm die Hand, diesmal verabschiedend. Er hält sie fest. »Was macht Kitty, Fürstin, – wie geht's Kitty?« murmelt er. »Kitty ist viel vernünftiger als Sie,« erwidert ihm Frau von Siehrsburg. »Sie sieht ein wenig blaß aus und ärgert sich über Papa, im übrigen schreibt sie den ganzen Tag Briefe an Sie – Briefe, die sie nicht abschicken darf, aber die sie Ihnen schenken wird, bis sich herausgestellt hat, daß alles in Ordnung ist. Sie ist ebenso überzeugt davon wie ich, daß alles in Ordnung sein muß. Und nun adieu, pauvre garçon – Sie dauern mich. . . . Auf Wiedersehen – hoffentlich bald.« Wieder reicht sie ihm die Hand, er küßt sie nicht nur einmal, sondern zwei-,\> dreimal, dann bleibt er stehen, bis sie hinter dem blaugrünlichen Geschimmer einer Weymouthskiefer verschwindet. Er möchte sich auf die Erde werfen und ihre Fußspuren küssen, aus Dankbarkeit für das ihm bewiesene Vertrauen. *           * * »Wenn sich Monsieur und Madame die Mühe nehmen möchten, dorthin zu sehen – das dort – das ist die Soubise.« Mit diesen Worten macht der Kellner im Hotel de Paris einem jungen Ehepaar, das sich langweilt, die Honneurs einer der Merkwürdigkeiten von Monte Carlo. »Das ist die Soubise.« Die Soubise! Obschon er im Augenblick mit andern Dingen als Merkwürdigkeiten von Monte Carlo beschäftigt ist, streckt Freddy doch den Kopf vor und sieht nach der von dem Oberkellner angedeuteten Richtung auf den Platz hinaus. Ein altes Frauchen in einem abgeschundenen, rostig schwarzen Merinokleid, einen Marktkorb über dem Arm und ein Hündchen neben sich, humpelt vorbei. Das ist die Soubise! Früher eine der glänzendsten Courtisanen des zweiten Kaiserreichs, hat sie Millionen verschwendet, verjubelt, verschenkt und verspielt, jetzt besitzt sie kein Kleid, das gut genug wäre, ihr den Eintritt in das Kasino zu ermöglichen, und ist nichts mehr als . . . eine typische Figur von Monte Carlo. In die niedere Volksklasse zurückgesunken, aus der sie hervorgegangen, legt sie dennoch keinerlei Unzufriedenheit an den Tag, sondern scheint sich in ihren bescheidenen Verhältnissen wohl zu fühlen. Sie hält Kostgänger und spielt Abends Lotto. Nur selten umschleicht sie noch neugierig das Kasino, wenn sich etwas Besonderes darin zugetragen, irgend jemand dreimal hintereinander das Maximum gewonnen oder ein andrer sich am Spieltisch erschossen hat. Im Grunde genommen interessiert sie auch das nicht mehr sehr. Das einzige, was ihr noch wichtig scheint und sie für kurze Zeit aus ihrer zufrieden duseligen Stumpfheit weckt, ist, die Leute, wenn sie vorüberhumpelt, flüstern zu hören: »Da geht die Soubise!« Es gibt Menschen, die, wenn ihnen jede andre Auszeichnung versagt bleibt, stolz darauf sind, wenn man mit Fingern auf sie weist. Freddy sitzt in der verglasten Galerie des Restaurants im Hotel de Paris beim Lunch. Das wohlwollende Entgegenkommen der Fürstin Lydia hat seinen Lebensmut etwas gehoben, so daß er mit mehr Appetit sein Beefsteak und seine Omelette mit Spargelspitzen verzehrt als seit langer Zeit, eigentlich nur seit fünf Tagen, aber ihm erscheinen diese fünf Tage wie ein Jahrhundert. Es ist zwölf Uhr. Über Monte Carlo schwebt eine schwere, schläfrige Hitze – gsch – gsch hört man das Rauschen der Gartenspritzen, die damit beschäftigt sind, den durstigen Rasen in den Anlagen zwischen dem Hotel de Paris und seiner ihm gegenüberliegenden kleinen Sukkursale, dem Café gleichen Namens, zu erfrischen. Die abtrocknenden graugelben Palmen auf dem grünen Rasenteppich und längs der kerzengeraden Straße, die dem Kasino gerade gegenüber auf dem Platz hinaus in den Credit Lyonnais hinaufführt, knistern leise, jede Palme zeichnet einen kurzen schwarzen Schatten auf die hellgelbe Straße und den giftgrünen Rasen in den grellen Sonnenglanz hinein. Wie schwül es ist! Monte Carlo fängt an, leer zu werden. Nein, Monte Carlo wird nie ganz leer, denn das Kasino bleibt offen. Und solange das Kasino offen bleibt, wird Monte Carlo nicht leer – das schrecklich lockende, glückversprechende, todbringende . . . Im vollen Sonnenschein liegt es da mit seinen scheußlichen Auswüchsen von buntem Ton, die ihm wie unheimliche Beulen um den Kopf starren, mit seinen weitgeöffneten Portalen, die hungrig auf Opfer zu lauern scheinen, ein träges, stolzes Ungeheuer, das sich seines Sieges sicher fühlt. Die Hälfte der supplementären Züge, die zwischen Monte Carlo und der nächsten Umgebung verkehrt haben, ist zwar bereits gestrichen, und mit Ausnahme des Hotels de Paris sind alle großen Hotels geschlossen. Aber die kleinen Wirtshäuser sind noch alle offen, und nicht nur offen, sondern überfüllt – überfüllt von einer bunt zusammengewürfelten Menge von Menschen, denen die billigen Preise des Saisonendes den Aufenthalt in dem teuersten Erholungsort von Europa ermöglichen, unheimlichen Leuten mit hohlen Wangen und heißen Augen, die hierher gepilgert sind, um mit dem Gelde, das sie sich erspart, erdarbt, erbettelt oder – erstohlen haben, beim Roulette einmal ihr Glück zu versuchen. Auch in den Hotels zweiten Ranges ist noch kein Mangel an Gästen, biederen Rundreisenden, die im Lauf einer Tour durch Oberitalien Monte Carlo mit in den Kauf nehmen, um sich nachträglich zu Hause über dessen flagrante und unverhüllte Immoralität aufregen zu können, und die bedächtig fünf Franken setzen, um sich einmal im Leben auch diese Erfahrung gegönnt zu haben. Vor dem Café de Paris, dessen dîners prix fixe sehr begehrt werden, drängen sich die Menschen Schulter an Schulter. Das Publikum hat einfach gewechselt, das ist alles. An Stelle der Sportsdandies, die zu den Rennplätzen geeilt sind, treten kleine Gewerbtreibende, Weinbauer und so weiter aus der Umgegend, anstatt der eleganten Koketten mit gelb gefärbtem Haar und kühn getragenen Modeübertreibungen die zimtfarbenen Touristinnen mit umgeschnallten Geldtäschchen. Nein, Monte Carlo ist nicht leer . . . aber das Hotel de Paris ist leer – und wenn sich im Café drüben, innerhalb und außerhalb, im Speisesaal und unter der Markise die Menschen stauen, so hat im Gegenteil Freddy heute das Restaurant des Hotels fast ganz für sich allein, nur noch zwei Tische sind außer dem seinigen besetzt – an dem einen zankt sich ein Trio von spitzbärtigen, gelben, fetten Südfranzosen heftig darüber, ob es geratener ist, auf Farben oder einzelne Nummern zu setzen, und an dem andern befindet sich das junge Ehepaar, dem der Kellner die Honneurs von Monte Carlo macht. Er erzählt gerade, daß das große Blumenbeet dort, das mit seinem ewig wechselnden blühenden Schmuck eine der Hauptzierden der Gartenanlagen von Monte Carlo bildet, und worin heute die Lafrancerosen von weißen Nelken abgelöst worden sind, die Bankgesellschaft im Laufe der Saison zehntausend Franken gekostet hat. Die italienische Musikbande drüben im Café de Paris, die seit der letzten Viertelstunde klimpernd gestimmt hat, spielt jetzt die Donauwellen. Der alltäglich um diese Stunde eintreffende Omnibus setzt seine Ladung Croupiers an einer Seitentür des Kasinos ab; vor der mit einer Kokosmatte bedeckten, von einem gläsernen Vordache geschützten Freitreppe des Hauptportals hält ein Rollwagen, aus dem ein kolossaler Mensch in verliederlichtem grauen Anzug herausgehoben und von zwei Dienern die Stufen hinauf in das Kasino geschleppt wird. Das Spiel hat begonnen. Das Erscheinen des Gelähmten, der sich alle Tage um dieselbe Stunde hinaufschleppen läßt, kündigt den Umstand mit mehr Sicherheit an als der Glockenschlag. »Encore une figure typique,« bemerkt der Kellner zu dem hochzeitreisenden Ehepaar, das ihm für seine Mitteilungen wenig dankbar scheint. Freddy glaubt erst, daß es sich um den Gelähmten handle, aber nein, über den Platz auf das Kasino zu, knapp an der verglasten Galerie, in der Freddy, sowie das Ehepaar sich befinden, vorbei, wandert ein Mensch von hoher Statur, mit einem schön gewesenen, verfallenen Gesicht und einer Art verkommener Vornehmheit in der Haltung. Sein buschiges graues Haar ist schlecht gestutzt, seine Oberlippe glatt rasiert. Auf den ersten Blick sieht er fast wie ein alter Schauspieler aus, aber wenn man ihn genauer betrachtet, möchte mau ihn doch eher in eine andre Menschenklasse einreihen, ohne bestimmen zu können, in welche. Sein auffallend steifer, korrekter Hemdkragen sticht sonderbar ab von seinem verwahrlosten, fast abgerissenen Anzug, und seine gerade Haltung steht in schreiendem Gegensatze zu seinem von Ausschweifungen erschlafften Gesicht. Verkommen, verliederlicht, fast abgerissen, trägt er doch etwas an sich, das das Interesse der gelangweilten jungen Frau des feingeschniegelten Stutzers erregt. »Was für eine prachtvolle Ruine.« sagt sie. »Wer ist das?« »Wenn man's wüßte,« entgegnet der Oberkellner. »Monsieur Paul heißt er – Paul Müller, denke ich, aber der Familienname ist niemand wichtig, man nennt ihn einfach Monsieur Paul. Im Herbst ist er hier angekommen, von Amerika herüber; er hatte noch Geld, man hielt ihn für reich, in der Gegend ist er herumgestrichen wie ein Verrückter. Eines Abends setzt er sich dort drüben ins Café, trinkt zwei Flaschen Champagner aus, geht ins Kasino und verspielt dreißigtausend Franken auf einen Sitz. Seitdem geht er alle Tage ins Kasino. Er ist eine gute Haut: wenn er gewinnt, schenkt er alles weg, wenn er nichts gewinnt, schenkt er auch noch. Er hat seine Uhr verkauft, um einer armen Ladenmamsell aus dem Louvre, die ihren Urlaub dazu benützt hatte, im Kasino ihren letzten Heller zu verlieren, die Rückreise nach Paris zu ermöglichen. Schade, daß er so viel trinkt – avec cela immer noch Aventüren, trotz seiner Jahre.« Der zartfühlende junge Ehemann trommelt unruhig auf dem Tisch, die junge Frau schlägt die Augen nieder. »Enfin, c'est un type,« – erklärt der Oberkellner, seine Mitteilungen abbrechend, indem er den Tisch des Ehepaares abräumt und eine saubere Serviette darüber breitet für den schwarzen Kaffee. »Man sagt, er habe früher bessere Tage gekannt.« Freddy wendet ein letztes Mal den Kopf, um dem alten Sonderling nachzublicken, aber Monsieur Paul ist verschwunden. *           * * »Kein Brief für mich?« fragt Freddy um weniges später beim Bureau. »Mais non, monsieur.« Es ist das dritte Mal im Laufe des heutigen Tages, daß er nach dem Brief fragte. Einer der kleinen, mit Knöpfen besäten Pagen, ein munterer Junge, der Ange Mignon heißt, und den er früher mit seiner besonderen Protektion beehrt hat, fragt ihn: »Monsieur le comte sort?« »Warum fragst du, petit imbécile? « »Nun, um dem Herrn Grafen den Brief nachzutragen, wenn er mir sagt, wo er hingeht.« »Ich mache nur einen kleinen Spaziergang, ich werde gleich zurückkommen.« »Monsieur dîne à la maison?« »Ja!« Damit verläßt Freddy das Hotel, tritt hinaus in die heiße, träge, duftige Luft. Was soll er mit sich anfangen? Er wird seinen Mokka drüben nehmen im Café und der Musik zuhören. Vor dem Café de Paris setzt er sich an einen der wenigen kleinen runden Blechtische, die er noch frei findet, und schielt nach dem Kasinoeingang, in der Hoffnung, die Staatsrätin zu erblicken. »Du café double?« fragt, diensteifrig an ihn herantretend, der Kellner. Freddy nickt. »Un petit verre, monsieur?« Diese Proposition lehnt Freddy ab. Sein heißes junges Blut brauchte noch keine künstlichen Erregungen. Die italienische Musikbande sendet soeben eine von dramatischen Tremoli getragene, tragisch klingende Phrase in die trockene, leuchtende Luft hinaus. Mit vorgebeugt horchendem Kopfe, wie magnetisch angezogen von der Musik, schlich sich ein alter Mann in fadenscheiniger Kleidung heran. Freddy erkannte Monsieur Paul. Als er sich an dem Tischchen neben Freddy niederlassen wollte, wehrte es ihm der Kellner hochmütig und unter dem Vorwand, daß der Tisch besetzt sei. Der Alte ging seiner Wege, wobei er immer noch horchend den Kopf nach der Musik wendete. Aus seiner Haltung und aus seinem Gesichtsausdruck sprach eine so tiefe Verletztheit, daß sich Freddy peinlich davon berührt fühlte. Ohne weiter zu überlegen, sprang er auf und, dem so gröblich Abgewiesenen nacheilend, fragte er ihn: »Möchten Sie nicht indessen an meinem Tisch fürliebnehmen?« Monsieur Paul fuhr zusammen. So freundlich hatte offenbar schon lange niemand zu ihm gesprochen. Er erschrak sozusagen über die gute Behandlung, die er nicht mehr gewöhnt war. »Sie sind sehr liebenswürdig,« murmelte er, »es war nur, um den Walzer zu hören, auf den Bänken draußen ist kein Platz.« »Aber ich bitte Sie,« sagte Freddy und machte eine einladende Handbewegung. Die beiden Männer setzten sich einander gegenüber, der junge und der alte Mann. Jetzt erst fingen sie an, einander gegenseitig zu mustern. Aber wenn Monsieur Paul den blonden, gutgepflegten, knapp zugestutzten, breitschulterigen und bildschönen jungen Menschen mit ganz unverhohlener Bewunderung anstarrte, so tastete hingegen der Blick des jungen Mannes mit einer Art von mitleidiger Unsicherheit und Unruhe an der verkommenen Erscheinung des Alten herum, fast als fürchte er, den abenteuerlichen Fremden irgendwie und irgendwo zu scharf zu treffen. Freilich war ihm der Typ dieses Monsieur Paul etwas völlig Fremdartiges, das er mit nichts zusammenreimen konnte, wie es ihm bis dahin geläufig gewesen war. Dennoch hatte der Alte nichts Abstoßendes für ihn, im Gegenteil fühlte er sich eher zu ihm hingezogen. Eine mächtige Natur verriet sich noch deutlich in seiner Erscheinung, und zwar dermaßen, daß selbst seine Verbummeltheit eine Art heroischen Charakters zeigte. Sein Gesicht mußte sehr schön gewesen sein, ehe es vom Alkoholgenuß aufgedunsen und gerötet worden war. Aus den blaugrauen, von buschigen Brauen beschatteten Augen blitzte noch immer ein gefährliches Feuer. Leider wölbten sich darunter große, schlaffe Säcke, und quer durch die roten Wangen zog sich ein breiter Schatten. Die vollen, gutgeschnittenen Lippen verrieten ein gutes Herz und eine nicht zu bezähmende Sinnlichkeit. Die Zähne waren, wenn auch etwas gelb, doch stark und gesund, die schöngeformten Hände ungepflegt, die Nägel von zweifelhafter Sauberkeit. Anfangs bemühte sich Monsieur Paul, Freddy durch ein paar unbeholfene Platitüden für dessen große Liebenswürdigkeit zu danken. Bald aber verstummte er, und den Kopf nach den italienischen Geigern und Bläsern gewendet, lauschte er mit fast unheimlicher Gier der Musik. Aus der auf wirbelnden Tremoli getragenen Antrittsphrase heraus rang sich eine süße Walzerweise. Erst ritterlich, zum Vergnügen einladend, dann einschmeichelnd, kokett, scherzend. Ein Hauch wollüstiger Melancholie mischte sich in das kokette Scherzen hinein, die hüpfenden Stakkati wurden schleppend, versanken endlich in eine großartig anschwellende Melodie von hinreißender Süßigkeit. Es war, als ob sich aus dem Walzer eine Hymne losgerungen hätte. »Prachtvoller Walzer, es gibt keinen schöneren Walzer!« murmelt Monsieur Paul; »war einer der ersten, die Waldteufel komponiert hat, ist noch Himmelstürmerei drin, das hört alles auf, wenn man älter wird . . . man muß an den Himmel glauben, um ihn stürmen zu wollen, später glaubt man nicht, und wenn man glaubte, sehnt man sich nicht mehr danach . . . ist zu gute Gesellschaft . . . alles weiß . . . keine Farbe . . . langweilig. Kommt ein Moment im Leben, wo man sich vor den Engeln mehr als vor dem Teufel fürchtet. Vor den Engeln muß man sich immer schämen, schämen, vor dem Teufel schämt man sich nicht, der ist unsersgleichen. Ist zwar auch ein großer Herr, aber macht sich gern populär, verflucht populär. Darin zeigt er seine größte Geschicklichkeit, damit fängt er uns alle – alle. Da hören Sie . . . hören Sie . . . ist das nicht schön? Darüber vergißt man den Teufel – hm . . . in . . . in . . . so singen die Engel, wenn sie Menschen geworden sind . . . herrlich . . . herrlich . . . eine Triumphhymne der Liebe . . . höher hinauf – höher – man denkt, es wachsen einem Flügel, wenn man das hört! – Unsinn . . . nichts wächst – müd' wird man – bricht zusammen in den Schmutz! Ach . . . da hören Sie . . . das ist das Ende von allem!« Die hymnenartige Melodie war plötzlich untergegangen in dem gewöhnlichsten, banalsten, mit nichtssagenden Läufen und donnernden Akkorden versetzten Walzerfinale. »Es ist immer so! . . . hm! . . . Garçon!« Der Kellner trat an den kleinen Tisch, Monsieur Paul zog aus seiner Tasche ein Portemonnaie, das sehr alt, abgeschabt und an den Ecken durchgerieben war, öffnete es und leerte den Inhalt auf die Tischplatte. Es enthielt zwei Doppelfrankenstücke und ein paar Kupfermünzen. Monsieur Paul nahm das Geld in eine seiner unsauberen Fäuste, und es dem Kellner reichend befahl er: »Bringen Sie das den Musikanten, sie sollen den Walzer noch einmal spielen, und dann mir ein Glas Absinth. »Und sich an Freddy wendend: »Erlauben Sie, daß ich mein Glas Absinth neben Ihnen leere?« sagte er, nicht ohne eine gewisse weltmännische Förmlichkeit. »Aber natürlich,« versicherte ihm der junge Mensch. »Wissen Sie,« erklärte ihm hierauf Monsieur Paul, »man braucht es manchmal. Wenn einem der Lebensmut so in die Stiefel hinabfährt, so pumpt man ihn mit einem Gläschen wieder herauf, da hat man gleich ein bißchen mehr Courage für ein paar Stunden. Dann freilich kommt das garstige Gefühl von neuem. Na . . . da muß man eben wieder nachhelfen. Die Räder schmieren, damit die Maschine geht – Garçon, noch ein Gläschen!« Der Kellner brachte es ihm, wobei er Freddy mit einem fragenden Blick streifte. Freddy schien entschlossen, alle Absonderlichkeiten des Fremden ruhig hinzunehmen. Dieser summte indessen die Melodie zwischen den Zähnen mit. »Ein herrlicher Walzer!« murmelte er, »erinnert mich an meine Verlobung, es war ihr Lieblingswalzer.« »Wessen Lieblingswalzer?« fragte Freddy. Monsieur Paul sah ihn mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck an, dann, die Augen zukneifend, stieß er heraus: »Der Lieblingswalzer meiner Frau!« Freddy war etwas verblüfft. Auf alles war er eher gefaßt gewesen, als daß dieser herabgekommene Abenteurer anfangen würde, ihm von seiner Gattin zu erzählen; es mutete ihn seltsam an, daß der alte Bummler eine legitime Gattin gehabt haben sollte. »Lebt Ihre Frau Gemahlin noch?« fragte er. Kaum waren ihm die Worte von den Lippen gefallen, so merkte er, wie sonderbar seine Frage gewesen war. Welchen andern Mann hätte er gefragt, ob seine Gattin noch lebe oder nicht. Monsieur Paul hielt sich dabei nicht auf, er kraute sich hinter dem Ohr, räusperte sich in seiner auffälligen, lauten Weise, die selbst dem geduldigen Freddy unangenehm war, dann beide Arme auf das Tischchen stützend, daß die Gläser klirrten, sagte er: »Ob sie noch lebt? Ich weiß es nicht . . . wahrscheinlich lebt sie – ich hätte es wohl in den Zeitungen gelesen, wenn sie gestorben wäre – aber freilich, ich lese die Zeitungen nicht alle Tage – längst nicht mehr . . . zu was auch!« »In den Zeitungen?« wiederholte Freddy erstaunt. »War Ihre Frau Gemahlin etwa eine große Künstlerin?« »Eine große Künstlerin?« . . . Der Alte lachte bitter. »Sie meinen, die Frau von so einem, wie ich bin, kann eben auch nichts Besonderes gewesen sein? . . . Eine Künstlerin, vielleicht eine, die sich am Trapez produziert hätte oder auf den öffentlichen Tanzböden wie die Rigolboche, hm! . . . Da geht sie übrigens vorüber. Dieser gutmütig dreinschauende Fettklumpen war die ihrer Zeit berühmteste Cancantänzerin von Europa, jetzt hat sie eine Zufluchtsstätte für gefallene Größen eröffnet, da drunten in Monaco, so eine Art Hades, wo man zeitweilig untertaucht, wenn einen das Sonnenlicht auf der Oberwelt geniert, mit andern Worten eine pension bourgeoise für . . . Lumpen, die nicht staatsgefährlich sind. Habe auch zu ihren Pensionären gehört – alle Achtung – die Preise zivil, die Kost eßbar und die Pflege – ach, was die Pflege anbelangt, mütterlich – ich sage Ihnen, mütterlich . . . aber . . . aber wohin bin ich wieder abgeschweift! Ich sitze doch nicht da, um Ihnen die Pension der alten Rigolboche anzupreisen. Wie kam ich denn auf die alte Rigolo? – Ach – ich erinnere mich, ich wollte Ihnen gerade erzählen von meiner Frau – hm, von Maman Rigolo bis zu meiner Frau ist der Sprung etwas weit! Denken Sie sich ein – na . . . ein Schwein, ein gutmütiges Schwein, das sich behäbig in einem Sumpfe wälzt, und hoch oben auf einem steilen, steilen Felsen, einem Gletscher, der vor Eis und Reinheit blitzt, einen Engel mit großmächtigen weißen Flügeln – Flügeln, die ihn auf flachem Lebenswege unbeholfen machen, ihm aber die Schwindelfreiheit neben den gefährlichsten Abgründen wahren, ihm den Aufschwung bis zu den verklärtesten Höhen ermöglichen, da haben Sie die Rigolboche und« . . . er wischte sich die Lippen mit einem sehr zerknitterten, rotseidenen Taschentuch ab – »meine Frau!« Hierauf zog er mit einer Geste, die zugleich etwas Hochromantisches, Lächerliches und Rührendes hatte, den Hut, dann, sich über die Augen fahrend, sagte er: »Hm! Sie haben mich gefragt, ob meine Frau eine große Künstlerin war? Nein, das war sie nicht, aber . . . sie war . . . eine große Dame!« Freddy zuckte zusammen. Sein Gesicht drückte ein so unverhohlenes, ungläubiges Staunen aus, daß Monsieur Paul es merkte. »Ha, ha, ha!« lachte er polternd. »Sie sind erstaunt . . . wollen mir nicht glauben, aber es ist so . . . eine große Dame war sie, eine sehr große . . . was sage ich da, sehr groß, einfach eine wirkliche große Dame – und als wir uns heirateten, war die Welt nicht einmal erstaunt – ein wenig beneidet hat man mich, das war alles. Die Galerie sah zu und applaudierte, und wenn wir vorübergingen, sagten die Menschen: ›Welch schönes Paar!‹ Ha, ha, ha!« Dann plötzlich sein krampfhaftes, hartes Gelächter, das mehr wie ein Husten als wie ein Lachen klang, einstellend, fügte er in einem gedämpften, völlig veränderten Ton hinzu: »Sie haben mich auch gefragt, ob sie schon tot ist, darauf hab' ich Ihnen erwidert, ich wisse es nicht. Ich weiß es wirklich nicht, aber das eine weiß ich . . . für mich ist sie tot, oder vielmehr ich bin für sie tot, was auf dasselbe herauskommt. Die Kluft zwischen uns ist so tief und so weit, daß der liebe Gott selbst nicht im stande wäre, eine Brücke darüber zu spannen. Wenn sie zufälligerweise einmal an mir vorbeikäme, würde sie mich nicht erkennen, und wenn sie mich erkennte, so glaube ich, stürbe sie daran; und wissen Sie, warum sie daran stürbe? Weil . . . weil sie mich einmal liebgehabt hat – darum würde sie sterben, wenn sie mich jetzt wiedersähe!« Er hielt inne. Ein unheimliches Gefühl, ein furchtsames Mißbehagen hatte sich Freddys bemächtigt. Er fragte sich, ob er es mit einem Geisteskranken zu tun habe oder mit einem Schwindler. »Ich weiß nicht, was mir heute eingefallen ist, von ihr zu reden,« begann indes der Alte von neuem. »Jahre und Jahre hab' ich ihrer nie mehr erwähnt. Es ist wahr, daß ich jahrelang mit niemand geredet habe, dem ich . . . der . . . würdig gewesen wäre, daß ich . . . von ihr mit ihm gesprochen hätte! Was ist Ihnen eigentlich eingefallen, gut gegen mich zu sein? Sie sind ein Idealist, das sehe ich Ihren Augen an. Eine gräßliche Spezies, die Idealisten – grausam – erwarten Dinge von den Menschen, denen die Menschen nicht gewachsen sind, die sie nicht leisten können – der alte Adam überrumpelt einen, eine schwache Anwandlung kommt – die Idealisten wenden sich entsetzt ab, können sich über den Riß in ihren Illusionen nicht trösten – ihr sittliches Schönheitsgefühl ist verletzt – aus ist's mit der Liebe – ich bitte Sie, wegen einer Lappalie! – Grausam – grausam! – Ich sage Ihnen . . .« wieder schlug er polternd mit der Hand auf den Tisch – »wer die Menschen nicht mit ihren Schwächen zu lieben vermag, dessen Menschenliebe steht auf unsicheren Füßen!« Offenbar hatte er gänzlich vergessen, wo er sich befand. Der Kellner, dem sein Wesen wenig zu behagen schien, trat zu dem Tischchen, an dem die beiden Männer saßen, und begann mit Ostentation abzuräumen. Monsieur Paul zog noch einmal sein Geldtäschchen. Erst jetzt erinnerte er sich, daß er den ganzen Inhalt den Musikanten gespendet hatte. Er schüttelte verlegen den Kopf. »Erst hatte ich kein ganzes Fünffrankenstück mehr zum Roulette, jetzt habe ich nicht einmal genug, um meine Zeche zu zahlen, die erbärmliche Zeche von vier Gläschen Absinth – wie viel waren's – vier . . . fünf –« zum Kellner gewendet – »also fünf – hab' nicht gezählt, glaub's – tut mir leid . . . kann nicht zahlen!« Freddy errötete bis in die Haarwurzeln hinein. »Erlauben Sie,« begann er, »gestatten Sie mir, Ihnen auszuhelfen.« »Nur zu, mein junger Freund, aber rechnen Sie nicht mit Sicherheit auf eine Rückzahlung, kann nichts versprechen, ha, ha, ha! Bah, auf die paar Cents kommt's Ihnen nicht an, nicht wahr? Für die danke ich Ihnen nicht einmal,« polterte der Alte. Er gehörte offenbar zu denen, die sich ihrer schlechten Manieren bewußt sind und aus Verlegenheit übertreiben. »Aber daß Sie mir gestattet haben, so vor allen Leuten mich zu Ihnen zu setzen, das war schön,« fuhr er, in eine weichere Tonart übergehend, fort, »es hat mir gut getan, Ihnen in Ihre freundlichen Augen zu schauen. Es sind zwar die Augen eines Idealisten, aber eines Idealisten, der ein – Einsehen hat. Adieu!« Sie trennten sich. Schon glaubte sich Freddy seines seltsamen neuen Bekannten ledig, als er plötzlich eine Hand auf seinem Arm spürte. Erst empfing er nur den unangenehmen Eindruck einer unsauberen Berührung, erschrak vor dem Anblick der gichtverkrümmten Finger mit den unsauberen Nägeln daran. Zugleich machte ihn die Zudringlichkeit des Abenteurers ein wenig ungeduldig. Als er aber aufsah, lag ein solcher Ausdruck verschüchterter, fast zärtlicher Dankbarkeit in den dunklen Augen des alten Mannes, daß sich Freddy seiner unfreundlichen Regungen aus innerstem Herzen schämte. »Kann ich Ihnen noch mit irgend etwas dienen?« fragte er gutmütig. Der Alte wurde verlegen. »Nein,« sagte er, »das heißt,« er zuckte mit den Achseln, »im ersten Augenblick sagt man immer nein, solange man noch um fünf Groschen Anstand im Leibe hat, und dann – der Magen knurrt, man überlegt sich's, man fängt den großsprecherischen Anstand beim Zipfel und sagt: ›Eigentlich . . . wenn's nicht unbescheiden wäre, fünf Franken . . . zehn Franken . . .‹« Freddy griff in die Tasche und reichte ihm einen Napoleon. Monsieur Paul zögerte einen Augenblick, dann nahm er die Münze, schloß die Faust darüber und ließ sie in die Tasche seiner fadenscheinigen Hose hinabsinken. »Vergelt's Gott,« murmelte er, »aber – aber Sie haben mich mißverstanden, ich war Ihnen nicht nachgelaufen, um Sie anzubetteln . . . ich meinte nur . . . ich . . . möchte mich Ihnen gerne erkenntlich zeigen. . . . Soll ich Ihnen meine Geschichte erzählen? Vielleicht kann sie Ihnen von Nutzen sein. In welcher Richtung, werden Sie wohl fragen. Das weiß ich eigentlich nicht. Aber es ist immer was wert, wenn man seine Menschenkenntnis erweitert – und neue Gründe lernt, auf der Hut vor sich selbst und nachsichtig gegen den Nächsten zu sein. Seit Jahren hab' ich von meiner Vergangenheit mit niemand gesprochen, ja eigentlich hab' ich überhaupt nie irgend jemand etwas davon erzählt, die Vergangenheit war mir, wenn das Wort sich nicht lächerlich ausnähme auf meinen Lippen, würde ich sagen, sie war mir zu heilig; aber, hm . . . bei Ihnen werden meine Erinnerungen besser aufgehoben sein als bei mir selber. Viel besser – wollen Sie hören?« Es wäre eine Grausamkeit gewesen, den traurigen Sonderling abzuweisen. Freddy war nicht grausam. Er nahm das Anerbieten des Alten freundlich an und suchte ein Plätzchen, wo sie beide ungestört miteinander plaudern konnten. Nach einigem Überlegen begab er sich mit ihm auf die Galerie Carlo III., wo sie sich vor dem Café Riche zwischen ein paar rund zugestutzten Lorbeerbäumen in grünen Holzkübeln niederließen, hinter ihnen das Gefunkel und Geglitzer der glänzenden Verkaufsauslagen, die die Galerie entlang laufen, vor ihnen in blauer, sich an den Himmel schließender Ausdehnung das Meer. »Haben Sie je den Rheinfall bei Schaffhausen gesehen?« begann der alte Bummler. Freddy verneinte, und Monsieur Paul fuhr fort. »Über hoffnungsgrüne Klippen wirft er sich jauchzend ins volle Leben hinein, dann vorwärts – vorwärts, zu einem stattlichen Strom schwillt er an, und weiter eilt er, legendenumsungen, von den zwei größten Nationen der Welt umstritten, weiter, um schließlich – na, Sie wissen's ja – sich in einen elenden Sumpf zu verkriechen – verkriechen, weil er nicht mehr die Kraft findet zu einem anständigen Tod! Sie wundern sich über meine poetische Ausdrucksweise? Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben über den Rheinfall – für sie – vielleicht hat sie sich's aufgehoben, es ist möglich, ein paar Reliquien unsrer armen Liebe mag sie wohl aufbewahrt haben, um sich vor sich selbst ob der Täuschungen zu entschuldigen, denen sie sich gelegentlich meiner Person ergeben hat. Arme Frau! »Wie das Gedicht lautete, weiß ich nicht mehr, nur so viel weiß ich noch, die hoffnungsgrünen Klippen kamen darin vor, und dann zum Schluß etwas Trauriges: ›Warum hat denn auch der stolzeste Strom Ein abwärts gestecktes Ziel?‹ »Das war ihr nicht recht. Sie hatte nie daran gedacht, daß alle Ströme bergab ziehen, mögen sie sich auch noch so breit und tief entwickelt haben, bergab ziehen sie alle! Sie hatte auch nicht bedacht, daß ein gewisses müdes Bergabstreben in unserm innersten Wesen wurzelt und mit der Organisation der Welt eng verbunden ist, daß wir alle unsern Schwerpunkt in der Tiefe suchen. Ich glaube, die großen Gelehrten haben dieses Streben auf irgend ein Naturgesetz zurückgeführt, aber wie es heißt, weiß ich nicht mehr. Hab' so viel vergessen, schrecklich viel vergessen, aber das eine weiß ich noch, bei dem großen Zusammenstoß, dem grausamen Auftritt, der ihre Einsamkeit und mein Elend besiegelte, sagte ich ihr's ins Gesicht: ›Du hast immer wollen, daß die Ströme bergauf fließen. Das gibt es nicht auf der Welt!‹ Aber ich verliere mich; wenn ich so abschweife, werd' ich nie fertig mit meiner Geschichte. Nur das muß ich Ihnen noch sagen: den Schaffhausenfall hab' ich zum ersten Male auf meiner Hochzeitsreise gesehen, darum hat er mir einen so tiefen Eindruck gemacht; er hatte etwas Prophetisches für mich; damals schon; mir war's, als zeichne er mir mein Leben vor – ich hatte recht! Nur . . . alle Vergleiche hinken und alle Parallelen, auch die Parallele zwischen meinem Lebenslauf und dem des Rheins hinkt insofern, als das Verkriechen in den Schlamm bei mir viel früher als bei ihm eingetreten ist. »Nun aber will ich endlich pedantisch beim Anfang beginnen, sonst werden Sie ganz konfus und laufen mir davon, ehe ich das Vorwort beendet habe!« *           * * »Vor allem noch eine Frage: Sie sprechen tadellos und mit einem sehr angenehmen Akzent Französisch, dennoch halte ich Sie dem Stimmfall und dem Organ nach nicht für einen Franzosen, auch für einen Russen möchte ich Sie nicht halten, Sie singen nicht und quetschen nicht ein j zwischen jedes n und i –« »Ich bin Österreicher,« sagte Freddy. »Also sind wir Landsleute,« erklärte der Fremde. »Dann will ich Ihnen aber auch meine Geschichte deutsch erzählen,« und aus dem geläufigen, aber liederlichen Französisch, worin er sich bis dahin ausgedrückt hatte, ins Deutsche hinüberspringend, hob er also an: »Ich bin vermögender Leute Kind. Mein Vater war . . . es ist unnütz, Ihnen mitzuteilen, wer mein Vater war und welchen Namen ich trage. Jetzt heiß' ich Monsieur Paul und damit basta! Nur daß er von guter Familie war, verrate ich noch, und daß er eine Herrschaft im westlichen Böhmen besaß. »Unser Schloß war einer jener großen, weitläufigen Kästen ohne besonderen Baustil, wie sie in Böhmen häufig sind, halb wie eine Kaserne und halb wie ein Kloster sah es aus, war auch inwendig recht kahl, nur überall reichlich mit Reh- und Hirschgeweihen geschmückt. Aber wohnlich war's doch, und der Blick aus meinem Zimmer zauberisch . . . ich sage Ihnen, zauberisch! . . . »Vor meinem Fenster breitete sich ein Teich aus, der so groß wie ein See und von hohen, alten Birken umstanden war, und hinter den Birken schimmerte etwas Märchenblaues, etwas, das wie ein Stück Himmel aussah, in einer Gewitterwolke versteckt – die fernen Berge des Böhmerwaldes. Es war herrlich, besonders im Frühjahr, wissen Sie, wenn sich das erste, noch nicht voll entwickelte Laub wie ein grüner Schleier um die weißen Stämme der Birken legte und sich das helle Grün und leuchtende Weiß deutlich abhob gegen das Märchenblau des Hintergrundes! Und dann die Sonnenuntergänge! – Das rotbrennende Gold hinter den weißen Birken! Die Blätter sind schon dunkel, aber die Stämme leuchten noch, immer feuriger brennt die Glut, fast unheimlich schön, über das Grünblau der fernen Berge verbreitet sie ihren roten Schein – der Teich vor meinen Fenstern leuchtet wie geschmolzenes Kupfer und zwischen den langen, schmalen, weißen Stämmen schimmert der Rasen wie mit Gold bestreut. »Dann – graue Streifen ziehen über die leuchtende Glut am Himmel, das lohende Gold wird rötlichbraun, glanzlos, grau, der Schimmer aus dem Rasen ist erloschen, die Schatten sind verwischt, der Teich vor meinem Fenster ist schwarz, mit einem breiten Silberrand, der immer schmäler wird, der Umriß der Birkenkronen wird undeutlich, nur die weißen Stämme leuchten noch immer aus der sich dicht und dichter über die ganze Welt herabsenkenden Dunkelheit, eine schwache Glocke bimmelt das Abendläuten – und im Herzen hat man eine Traurigkeit, als ob einem etwas gestorben wäre. »Ich habe nie mehr solche Sonnenuntergänge gesehen wie in . . . Aber verzeihen Sie, es wäre unnütz, Ihnen den Namen meiner Heimat zu verraten. »Meine Vorliebe für märchenblaue Hintergründe und Sonnenuntergänge beweist Ihnen, daß ich ein sehr sensitives kleines Menschenexemplar war; aber darum kümmerte sich niemand. »Meine Eltern lebten schlecht miteinander . . . was ich meiner Mutter nicht verübeln konnte; dennoch war ich meinem Vater mehr zugetan; er zeigte auch eine entschiedene Vorliebe für mich. Ich sah ihm sehr ähnlich! Manchmal, wenn er mir zufällig im Park begegnete, faßte er mich plötzlich unter das Kinn, sah mir in die Augen und sagte: ›Armer Kerl, wirst mir nachgeraten – die Pferde sind edel, aber sind zu feurig, und der Kutscher ist schlecht!‹ Damit klopfte er mir auf die Stirn, dann streichelte er mir die Wangen, kehrte sich um und sah mich tagelang nicht wieder an. »Er hatte recht, die Pferde waren zu feurig und der Kutscher schlecht, früher oder später mußte das Gefährt umwerfen – in den Straßengraben hinein! Das ist auch geschehen! Aber zu meiner Geschichte zurück. »Schlimm war ich nicht, nur wild und unbändig . . . und viel zu weich dazu, das war das Allergefährlichste dran! Mein Herz war voll Liebe und Zärtlichkeit, und da niemand etwas von diesem Überfluß beanspruchte und ich ihn anders nicht los werden konnte, so liebte ich wenigstens meine Heimat, die aber mit Schwärmerei! »Darin stimmte ich mit meinen Brüdern überein, wenn wir uns auch sonst den ganzen Tag zankten und rauften – alle hatten wir dieselbe wahnsinnige Liebe für das alte Nest! »Infolgedessen war es für uns sehr schmerzlich, als wir alle drei ins Theresianum gesteckt wurden, weil die ewigen Zerwürfnisse zwischen unsern Eltern unsre Erziehung zu Hause beschwerlich machten. »Wenn wir zu den Ferien nach Hause zurückkehrten, sprangen wir jedesmal an den Grenzen unsrer Herrschaft aus dem Wagen, der uns abgeholt hatte, und umarmten eine alte, mächtige Birke, die sich in einem binsendurchwachsenen Tümpel neben einem Feldrain spiegelte. Es war der erste Baum auf unserm Grund. Als die Heimat verkauft wurde, fiel die Birke – den Tag vor Unterzeichnung des Kontrakts hat sie mein Vater umhauen lassen. »Als die Heimat verkauft wurde! . . . Was das für einen Riß in meinem Leben gab! Ein vierzehnjähriger Junge war ich, da ich eines schönen Tages die Nachricht erhielt, daß es geschehen war, daß es hatte sein müssen, um uns vor einem ehrlosen Bankrott zu sichern. Die Nachricht traf mich ins Herz! »Ich weinte bitterlich, nicht weil wir arm geworden waren – darüber zu weinen, hätte ich mich geschämt – aber weil wir von der Heimat fort mußten. Das war gräßlich! Niemand, der es nicht durchgemacht hat, weiß, wie gräßlich so etwas ist! »Achtzehnjährig trat ich in ein böhmisches Jägerbataillon ein, zur Kavallerie langte es nicht – ich erhielt nicht einen Kreuzer Zulage – und bei der gewöhnlichen Infanterie zu dienen, wäre mir doch zu demütigend gewesen. Von jeher schwebt in unserm Österreich ein gewisses Prestige um die Jäger, vielleicht weil sie die Truppe sind, die immer an den gefährlichsten Stellen der Schlacht ins Feuer geschickt wird. »Der erste Leutnantsstern am grünen Kragen meiner hechtgrauen Uniform hatte seinen Glanz noch nicht verloren, als Anno sechsundsechzig die preußischen Kanonen über die böhmische Grenze rollten. »Unsre Kriegsbegeisterung war maßlos, leider – ich muß es gestehen – auch unsre Ruhmredigkeit! »Wir bereiteten uns vor, ein Spalier von preußischen Gardeoffizieren um den damals neuen Wiener Stadtpark anzulegen. Der ›Kikeriki‹ hatte den ersten Entwurf zu diesem originellen Staket geliefert. Nach seiner Zeichnung zu urteilen, hätte der Zaun von Arm in Arm stehenden Junkern sehr dekorativ gewirkt. »Und wenn wir für den Kaiser von neuen Provinzen träumten, so träumte nebenbei jeder für sich von einem Theresienkreuz! Was aus dem allem geworden ist, wissen Sie. »Daß es uns an Tapferkeit nicht gefehlt hat, brauch' ich Ihnen ebenfalls nicht erst zu sagen, wenn man auch angesichts der großen Nationalblamage, worin schließlich das ganze Resultat dieser Tapferkeit kulminierte, nicht viel damit prahlen mag. Aber tapfer waren wir, die Offiziere, sowie die Mannschaft, und zwar mit jener dummen, selbstverständlichen Tapferkeit, die, bei dem Soldaten jedes Bewußtsein eines Verdienstes ausschließend, zur Folge hat, daß die Feldherren vergessen, einem den Todesmut als irgend etwas Besonderes anzurechnen, und schließlich nicht weiter daran denken, mit Menschenleben zu sparen, die sich selbst nicht wichtig scheinen. »Nur in Rußland gibt es noch so ruhig der Vernichtung entgegengehende Soldaten. Die Führung war dementsprechend. »Ja, tapfer waren wir, und die Tapfersten unter all den Braven, die auf den grünen Saatfeldern zwischen Königgrätz und Sadowa zusammenbrachen, waren die böhmischen Jäger. »Fürchten Sie sich nicht vor einer militärischen Abhandlung; wie die Schlacht von Königgrätz verloren und gewonnen wurde, können Sie in der Weltgeschichte nachlesen, nur so viel: Ich diente in einem Bataillon von neu ausgehobenen Rekruten. Man hatte uns dahin und dorthin kommandiert, ohne bestimmten Endzweck; in die eigentliche Aktion waren wir gar nicht vorgedrungen, aber wir hatten den ganzen Tag nüchternen Magens sterben sehen. Nichts hatten wir genossen von früh ab als den Geruch von Pulver und geronnenem Blut. »Als nun in dem Augenblick, da die Kugeln der preußischen Hinterlader wie ein tödlicher blauer Hagel auf das Schlachtfeld niederprasselten, die Order kam, vorzurücken, da zog durch die Reihen unsres Bataillons ein Murmeln, das uns Offizieren nicht gefiel. Die Jäger standen still und rührten sich nicht. »Wenn ich sagen sollte, daß ich damals irgendwie empört war über diese Unlust der armen Teufel, ins Feuer zu gehen, müßte ich lügen – nein. Nichts nahm ich ihnen übel, leid war mir um sie. Ich bitte Sie, ganz junge Burschen waren's, schmal und mager, blaß vor Hunger und Kälte, denn es war kalt wie im November an jenem schrecklichen, unvergeßlichen dritten Juli, dem Tag von Königgrätz. Dazu goß es in Strömen aus einem weißen, sich immer dichter zusammenziehenden Nebel heraus, und ringsherum Blutlachen und Leichen, und das teuflische, scharfe Knattern des Musketenfeuers, das sich deutlich abhob gegen den Hintergrund des schweren, wuchtigen Kanonendonners. »Was war zu machen? »›Kinder, so bringen wir sie nicht vorwärts, wir müssen sie ein bißl animieren,‹ sagte ich – mehr nicht – aber sofort schlossen sich mir die drei jüngsten Offiziere an, und alle vier, Arm in Arm, gingen wir dem Feind entgegen, singend, die Mütze auf dem Ohr. »Wir sangen – bei Gott, ein Gassenhauer war's, den wir anstimmten, frisch, fröhlich, keck – weiß selber nicht, wie's kam, daß wir plötzlich alle vier in die österreichische Nationalhymne übergingen! »Unternommen hatten wir unser Heldenstückchen, wie alle echten Heldenstückchen unternommen werden, ohne darüber nachzudenken, fast mit dem Gefühl, einen tollen Streich auszuführen, aber mit einem Male kam die Begeisterung, die echte, andächtige, und mit der Begeisterung hingebender Opfermut, feierliche Todesfreudigkeit. »Noch heute höre ich den dünnen Laut unsrer vier Stimmen mitten im Getöse der Schlacht! »Plötzlich sangen nur drei, der Kamerad an meiner Linken hing schwer an meinem Arm. Kurz darauf fielen die übrigen drei wie auf einen Schlag. Das letzte, was mein sinkendes Bewußtsein noch in sich aufnahm, war der begeisterte Anlauf des durch unser Beispiel, durch unser vergossenes Blut in eine wahre Raserei von wilder, rachsüchtiger Tapferkeit aufgestachelten Bataillons. »Als ich nach langer Bewußtlosigkeit erwachte, lag ich in einem Kuhstall, der zum Lazarett umgestaltet worden war. »Das erste, was ich erfuhr, war, daß die Schlacht von Königgrätz verloren und meine drei Kameraden geblieben waren . . . »Ich muß sagen, daß mir das Heldenstück, an dem ich nicht nur meinen Teil gehabt, sondern zu dem ich geradezu den Impuls gegeben, weiter keinen großen Eindruck hinterlassen hatte, ja daß ich mich eigentlich kaum mehr unsres gemeinschaftlichen todesmutigen Geniestreiches erinnerte, außer um meine armen Kameraden – nicht ohne Reue zu betrauern, als ich ein paar Wochen nach dem Friedensschluß in einem illustrierten Blatt eine Schilderung der Episode las. Eine die vier heldenmütigen Jünglinge darstellende Illustration war dieser Schilderung beigegeben. »Schilderung und Illustration waren dem einfachen Sachverhalt ziemlich unähnlich, und ich brauchte ein Weilchen, eh' mir's einfiel, daß ich bei der also verewigten Heldentat eine Rolle gespielt hatte. »Dann freilich blähte ich meine Lunge nicht wenig auf. Ja, ich ließ mich herbei, an die Redaktion des betreffenden Blattes einen Brief zu senden, der den eigentlichen Sachverhalt richtig stellte, und den ich mit vollem Namen unterschrieb – in dem ich aber gottlob! nicht geschmacklos genug war, zu verraten, daß ich der Anstifter des Heldenstückchens gewesen war. Damals hatte ich es noch nicht nötig, zu prahlen.« Der Alte unterbrach sich, nach einer kurzen Pause begann er von neuem: »Auf mein Schreiben erhielt ich einen ausführlichen Dank von der Redaktion, zugleich mit der Bitte um meine Photographie. Mein Porträt erscheint in der Zeitung, in mehreren andern Zeitungen. »Meine Vorgesetzten erinnern sich plötzlich, daß man mir einen Orden schuldig geblieben ist – ich erhalte die eiserne Krone. »Ein alter Geizkragen von Onkel, der früher nie etwas von mir hat wissen wollen, meldet sich und gewährt mir eine anständige Zulage. Kurz, ich bin von einem Tag zum andern eine berühmte Persönlichkeit! »Sie sagen wohl, ›tant de bruit pour une omelette‹ ? Aber was wollen Sie, bedenken Sie die Zeit! Für das österreichische Gemüt war es immerhin tröstlich, sich inmitten unsrer allgemeinen Erniedrigung solch einzelner Züge persönlichen Heldenmuts zu erinnern. Das Selbstgefühl der Nation richtete sich daran auf . . . mein eigenes Selbstgefühl jetzt nachträglich auch. »Da man mir nach allen Richtungen hin gern behilflich war, wurde es mir nicht schwer, mich in ein Kavallerieregiment versetzen zu lassen, wo ich mich als ein von Jugend auf geübter, nicht nur kühner, sondern tüchtiger, pferdekundiger Reiter unter meinen neuen Kameraden mit Leichtigkeit behauptete. »Aber wie es so geht! Als Leutnant bei den Jägern, ohne einen Kreuzer Zulage, war ich ausgekommen, als Oberleutnant bei den Husaren mit der mir von meinem Onkel gewährten wirklich anständigen Apanage kam ich nicht aus. »Freilich war ich als besondere Zierde der Armee einem in Wien garnisonierenden Regiment zugeteilt worden. »Ich mußte mein Einkommen auf jede einem Offizier zu Gebote stehende Art zu vergrößern trachten. In solchem Falle müssen vor allem die Pferde herhalten. Das wußte ich und richtete mich danach. »Ich hatte ein großes Talent, rohe Pferde fein zuzureiten, und machte infolgedessen besonders mit den Ausländern ausgezeichnete Geschäfte. »Wissen Sie, wir österreichischen Kavalleristen verlangen von einem Pferde, daß es Blut hat und Temperament und auch, daß es jung und hübsch ist, das andere besorgen wir selbst. Aber die preußischen Offiziere – sie machten meine beste Kundschaft aus – haben in Beziehung auf Pferde ganz andre Wünsche. . . . Ich habe alle Achtung vor den Herren und sie haben uns bei Königgrätz geschlagen, aber von Pferden verstehen sie nicht viel, und das ist für uns ein großes Glück! »Ein Preuße will vor allem, daß ein Pferd einen Pedigree hat, einen schönen, gebogenen Hals und keine weißen Füße – o, um Gottes willen keine weißen Füße! Hm! ich hab' meine schneidigsten Rennen gewonnen mit einem Pferde, dessen Hinterfüße weiß waren! . . . Die Preußen haben einmal ein Vorurteil dagegen! Dunkle Füße wollen sie haben, einen Pedigree und einen gebogenen Hals, und wenn dann das Pferd nebenbei noch fein zugeritten ist, so kann's meinetwegen zwanzig Jahre alt sein und steif wie ein Bock – ein Preuß' nimmt's doch! Das mit den zwanzig Jahren hab' ich aufgeschnitten, aber richtig ist's, daß ich oft elf- und zwölfjährige Pferde ins Ausland verkauft habe, nur weil sie Figuranten waren. »Mit der Zulage, die ich von meinem Onkel bezog, und dem Gelde, das ich an meinen Pferden verdiente, hätt' ich ganz gut auskommen können – aber . . . sehen Sie, ich habe eine Eigentümlichkeit . . . na, da haben Sie die Ursache meines ganzen Unglücks, den Schlüssel zu allen Verkehrtheiten, die mich zu Grunde gerichtet haben – ich bin eine Spielernatur; es ist angeerbt. Bei meinem Vater hatte die Krankheit mit Macao angefangen und mit industriellen Unternehmungen geendigt; bei mir fing sie auch mit Macao an – aber zu Ende ist sie noch immer nicht. Wenn ich heute nicht ins Kasino gegangen bin, so war's . . . weil ich mir nicht mehr ein ganzes Fünffrankenstück verschaffen konnte, um es zu setzen. »Eine Spielernatur! Es gibt dürre, nüchterne Spielernaturen, das sind Menschen, die reich werden wollen, ohne sich anzustrengen, und über ihr Unglück lamentieren und ihr Schicksal anklagen, wenn es ihnen nicht gelingt. Das ist das Kleingeld der Spezies . . . aber es gibt auch noch etwas anderes. . . . Um den Gewinn ist's einem natürlich auch zu tun, aber an das ordinäre Geld denkt man nicht, man denkt – an den Sieg! Zugleich erfaßt einen ein optimistischer Schwindel, der einen von der Erde losreißt – es ist ein Übergewicht der Phantasie nach der Seite von allen hoffnungsreichen Möglichkeiten hin, eine Tollkühnheit, die jeglichen Gedanken an Gefahr ausschließt. Ein echter Spieler ist ebenso bereit, sein Leben einzusetzen wie seinen letzten Heller – und bei Gott! das, was mich damals meinem Bataillon voran ins Feuer trieb bei Königgrätz, das war meine Spielernatur. Da ich kein Schlachtfeld hatte, auf dem ich mein Temperament austoben konnte, so versuchte ich's am Spieltisch! »Ich spielte mit rasendem Glück, und immer in demselben optimistischen Dusel, immer mit der Empfindung, als ob ich mir irgendwie den Eintritt ins Paradies erspielen könnte. »Aber da kam etwas . . . eines Tages gewann ich zwölftausend Gulden von einem Kameraden. . . . Sie begreifen nicht, wie ich es wagte, um so hohe Summen zu spielen; wenn ich sie gewinnen konnte, hätte ich sie ebensogut verlieren können. Aber an so etwas denkt ein echter Spieler nicht, ebensowenig wie eine verliebte Frau daran denkt, was daraus werden kann, wenn sie ihre ganze soziale Stellung auf eine Karte setzt für einen Kuß. »Na, ich gewann. . . . Der, dem ich das Geld abgewonnen hatte, war ein reicher Kaufmannsohn, einer von denen, die sich noch eine Ehre daraus machen, in einem nobeln Kavallerieregiment zu dienen. Er hatte eine unüberwindliche Vorliebe für die gute Gesellschaft – und erster Klasse zu reisen oder in einem Kavallerieregiment zu dienen, waren damals in Österreich die einzigen Mittel, einem »Ausgeschlossenen« den Verkehr mit Prinzen zu ermöglichen. Er hieß Artur und hatte Eltern, die er Papa und Mama nannte (statt Vater und Mutter), und deren er sich schämte. »Ich kann nun einmal keine Menschen ausstehen, die Artur heißen und sich ihrer Eltern schämen; nebenbei war er, wenn ein Fürst ihm in die Nähe kam, für den Rest der Welt ebenso verloren wie ein Auerhahn auf der Balz, und wenn er einmal mit dem Prinzen Bonbon Liscat – das war eine unsrer Durchlauchten – Arm in Arm über die Ringstraße gegangen war, so traktierte er uns noch zwei Tage später mit Bonbons-Witzen. Das ärgerte mich vielleicht am allermeisten, denn die Witze waren sehr schlecht. »Ich sage Ihnen das alles, um Ihnen begreiflich zu machen, daß ich auch nicht die geringsten Gewissensbisse empfand, ihn ein wenig ›gerupft‹ zu haben, als ich damals vom Spieltisch aufstand, ja mich ehrlich über meinen Gewinn freute. Nun, eine Spielschuld ist eine Ehrenschuld, die bekanntlich binnen vierundzwanzig Stunden beglichen werden muß. Als nach Verlauf dieser Frist das Geld nicht kam, fing ich an, verdrießlich zu werden. Ich überlegte, was zu tun sei, und ritt schließlich in den Prater und zwar auf einem sehr wilden Pferde, mit dem ich mich bis spät in den Nachmittag hinein herumzankte. Das Pferd war mit Schaum bedeckt und ich herzlich müde, als ich durch die ersten Dämmerungsschleier eines Frühabends im August langsam an die Josefstädter Kaserne hinantrabte. »Schon von weitem merkte ich, daß etwas los war in der Kaserne. »Dem Eingangstor gegenüber, vor einem Laden, in dessen Auslage ein sehr schmutziger und mottenzerfressener Hermelin zwischen roten Dragonermützen seine winzigen Zähne fletschte, bemerkte ich einen Knäuel von zerlumpten Gevatterinnen, die – das sah man der Art an, wie sie, die Fäuste auf den Hüften, die Hälse vorstreckten – im Begriff standen, einander eine Schauergeschichte zu erzählen. Mein erster Gedanke war, daß sich ein armes Mädel wieder einmal in die Donau geworfen habe wegen irgend eines Dragoners – so etwas war letzterer Zeit öfters vorgekommen und verursachte uns jedesmal viel Schererei – aber nein . . . »Brrr! Es sind mehr als fünfundzwanzig Jahre darüber hinweggegangen, und ich habe seither viel Trauriges erlebt, aber an öder, nüchterner Gräßlichkeit hat nichts jenen Abend überboten! »Es krümmt sich noch heute jeder Nerv in mir, während ich davon rede. Ein Gewitter stand am Himmel, in der Ferne grollte der Donner, ein kleiner, ächzender Wind, der knapp am Boden hinfegte, wirbelte den Staub auf, und ein Geruch von Gerberlohe und schlecht gewässertem Untergrund erfüllte die Luft. Ringsherum flüsterten die Leute. »Ein ganzer Schwarm hatte sich den Gevatterinnen vor der Militärrequisitenkammer zugesellt. Ich ritt in den Kasernenhof hinein, sprang vom Pferd, warf die Zügel einer Ordonnanz zu und eilte die breite, schmutzige Treppe hinauf. »Kennen Sie die Josefstädter Reiterkaserne?« Freddy nickte. »Nun, ich weiß nicht, wie's heute darin aussieht,« fuhr der Alte fort, »damals aber kam man von der Stiege auf einen langen Korridor, der an allen Wohnungen vorbeilief, und dessen Fenster in den Hof sahen. »In dem Korridor, der so schmutzig war wie die Treppe, waren immer Burschen mit Kleiderputzen beschäftigt, und ich kann nicht sagen, daß der Geruch von Kommißtabak und allerhand unpoetischen Ausdünstungen die Luft gerade besonders angenehm gewürzt hätte, wenn sich auch der Duft türkischer Zigaretten vielfach in diesen Gestank hineinschlich. »Trotz all diesen wenig empfehlenden Eigenschaften war es sonst da gemütlich. Zwischen Sporenklirren und Kleiderputzen hörte man pfeifen, singen, lachen. »Heute Grabesstille . . . nichts als aus den Ställen heraus das Scharren und Stampfen der Pferde (es war Fütterungszeit) und aus einer Fensternische heraus das gedämpfte Flüstern einer Gruppe von Offizieren, die bei meinem Anblick zusammenschraken und . . . sich abwendeten. »›Was gibt's?‹ fragte ich. Sie blieben stumm. Da trat einer von ihnen aus der Gruppe heraus, und mich beim Arm nehmend sagte er: ›Komm einen Augenblick her!‹ »Es war mein bester Freund, ein Hannoveraner, Wilhelm von . . . na, meinetwegen . . . Hagenried. »Er führte mich in sein Zimmer, dann mir teilnahmsvoll ins Gesicht sehend, sagte er: ›Du – er hat sich erschossen.‹ »Nicht einen Augenblick zweifelte ich, von wem die Rede war. »Er hat sich erschossen! Wie ein Schlag auf den Kopf traf's mich. »Draußen grollte der Donner, die Luft wurde schiefergrau, man hörte die ersten starken Tropfen fallen. Ich sank in einen Stuhl, zerbrochen, zerknirscht von dem Gedanken, daß ich ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte. »Erst nach einer Weile fand ich den Mut, zu fragen, wie das zugegangen war. »Er hatte für sehr reich gegolten. Wie es schien, hatte er den Kopf verloren. Nach der Spielpartie, die auf ein lustiges Dejeuner folgte, war er von einem Wucherer zum andern gerannt, ohne sich das Geld verschaffen zu können. Schließlich hatte er sich in seiner Todesangst an seinen Vater gewendet. Dieser, ein tyrannischer, engsinniger, alter Spießbürger, der von der dringenden Wichtigkeit der Begleichung einer Spielschuld keine Ahnung besaß, hatte ihn abgewiesen; als der Arme ihm sagte, daß er unter den Umständen als ehrenverlustig seine Charge niederlegen müßte, hatte der Alte erwidert: ›Um so besser!‹ Was der Verlust seiner Offiziersehre dem Sohne bedeutete, begriff er nicht. »Gegen vier Uhr war der arme Teufel totenblaß in die Kaserne zurückgeschlichen und hatte sich eine Flasche Champagner in sein Zimmer bringen lassen. Eine Stunde später hatte ihn sein Privatdiener, durch den Wilhelm die Einzelheiten der Angelegenheit erfahren hatte, tot auf seinem Bett gefunden. »Ich war fassungslos! »›Du bist ja gänzlich unschuldig an dieser Geschichte,‹ tröstete mich mein Freund, ›aber ich begreife, daß dir's nahe geht – scheußlich, so etwas!‹ »›Wir hätten ihn keiner für so honorig gehalten, armer Teufel – armer Teufel! 's fällt einem jeder schlechte Witz auf die Seele, den man über ihn gemacht hat!‹ »Als ich wieder halbwegs beisammen war, raffte ich mich auf und ging in die Wohnung des Verstorbenen. Wilhelm begleitete mich. Die Rouleaus waren herabgelassen, die Vorhänge zugezogen. Dort auf seinem Bett lag er, weiß und still, der Tod hatte ihm die Vornehmheit gegeben, die ihm das Leben versagt hatte. Zwei Kerzen standen neben seinem Bett, rechts und links von einem Kruzifix, auf einem Rauchtische nicht weit davon waren noch die Champagnerflasche und das Glas stehen geblieben, womit sich der Tote den Mut angetrunken hatte, seine Ehrenschuld zu zahlen. »Verschiedene, mit geschlossenen Kronen und großartigen Wappen verzierte Zigarettentaschen, Andenken von seinen Lieblingsdurchlauchten, lagen umher. Doch schien er mit diesem Tand nicht weiter viel beschäftigt gewesen zu sein; auf seinem Betttisch neben dem Kruzifix lag noch das Bild seiner Mutter, deren er sich im Leben immer geschämt, und die ihm geholfen hatte zu sterben. »Ich kniete neben dem Bett nieder und betete ein Vaterunser. Da öffnete sich die Tür, eine schwarzgekleidete, sehr anständige Frau von etwa fünfzig Jahren, stark, aber mit einem guten, freundlichen, zum Erbarmen verweinten Gesicht, einen halbwüchsigen Knaben an der Hand, trat ein – seine Mutter und sein kleiner Bruder. Ich hatte mich erhoben, Hagenried ging auf sie zu und sagte ihr irgend etwas. Am ganzen Körper zitternd, fing sie an zu knicksen und höflich zu sein, der kleine Bruder kaute verlegen an dem Schirm seiner Mütze und blickte aus furchtsamen Augen nach der Leiche. Hagenried und ich küßten der unglücklichen Frau die Hand und zogen uns zurück. Ich hatte die Tür noch nicht erreicht, als ich einen Laut vernahm, den ich nie vergessen werde – ein elendes, kicherndes Schluchzen, das allergräßlichste. Ich sah mich halb um, nur mit einem einzigen Blick wagte ich's, die Mutter zu streifen. Sie war zusammengebrochen neben dem Toten und streichelte ihm liebkosend wie einem kleinen Kinde die starren Hände. Von jenem Tage an hab' ich keine Karte mehr berührt. »Ich hatte einen Schwur geleistet, keine mehr anzurühren. – Solange die Erschütterung meiner ganzen Natur vorhielt, hatte ich auch kein Verlangen danach. Sobald ich mich aber beruhigt hatte, war mir's, als hätte ich mir durch meinen Schwur die Tür des Paradieses selber vor der Nase zugesperrt. Ich wurde unruhig, heftig, brauste wegen nichts und wieder nichts auf, meine Sehnsucht rüttelte mit Händen und Füßen an dem Riegel, den ich vorgeschoben hatte. Es war nicht wie eine gewöhnliche Sehnsucht, es war wie ein unabweisbarer, tyrannischer Naturtrieb, den man um sein Recht betrügen wollte, und der sich dagegen sträubte. »Endlich fand ich einen Ausweg. Ich hielt meinen Schwur, rührte keine Karte mehr an, spielte nie mehr mit einem sichtbaren Gegner, dem ich schaden konnte, aber ich wurde eine bekannte Figur auf allen Rennplätzen in Österreich – ich ließ selber rennen. Anfangs ritt ich meine Pferde selbst – famos – ich war bekannt für meine Art, einen Finish zu reiten, im letzten Moment, und wo man es am allerwenigsten erwartete, einem Nebenbuhler zuvorzukommen – aber lange dauerte das nicht, die Natur hatte mich nicht zum Jockey bestimmt, ich war zu groß dazu, und trotz allen Trainierens, Hungerns und künstlichen Abschwitzens wurde ich bald zu schwer. Ich wettete halsbrecherisch, erst mit Glück, dann hatte ich Gegenwind – es ging nicht, ich kam in die Hände der bookmakers, machte Schulden, wettete noch toller, um sie zu decken. Dem mutmaßlichen Erben meines Onkels, der jetzt einen wahren Narren an mir gefressen hatte, ging alles durch, ich zahlte nicht einmal sehr hohe Wucherzinsen – da . . . »Von meinen Beziehungen zu den Damen habe ich Ihnen bis jetzt nichts gesagt – es ist nicht viel zu sagen, außer, daß ich immer Glück gehabt hatte bei den Frauen, was so viel bedeutet, als daß sich mir das weibliche Geschlecht bis dahin immer von seiner schlechtesten Seite gezeigt. »Viel Wert habe ich auf meine Siege nie gelegt, ich war ein heller Kopf und wußte, daß der erste beste Tenor doch immer noch mehr Eroberungen aufzuweisen hat als unsereiner. »Ich genoß, was das Leben mir bot, und ohne daß es mir sehr zu Herzen ging. Alles, was ich mir bei meinen vielfachen Liebesscharmützeln holte, war eine recht miserable Meinung von den Frauen und eine höllische Angst vor dem Heiraten, denn . . . ich hatte nicht umsonst in meiner Jugend für Sonnenuntergänge und märchenblaue Hintergründe geschwärmt. Im Grunde meines Herzens war ich ein romantischer Esel! »Ich hegte eine geheime Sehnsucht nach einem poetisch duftigen Heim, nach einer allem Erdenschmutz abgekehrten, lieben und hübschen Frau, die treu an mir hängen und mir entzückende, krausköpfige Kinder schenken würde. Das aber war in meinen Augen alles ein wundersamer Traum, dessen Verwirklichung mir damals sehr viel unwahrscheinlicher erschien, als daß ich einmal den Haupttreffer machen oder Feldzeugmeister werden sollte. »Da so was nicht zu haben war, so lumpte ich denn meinen Schlendrian vergnügt weiter. »Ich hatte damals eine kleine Freundin, Lotti Schwippel hieß sie. Sie war Soubrette am Wiedner Theater und sehr begabt. Aber es ging nicht vorwärts mit ihrer Karriere, irgend etwas klappte nicht. Sehr weit hat sie es auch nicht gebracht – im Grunde genommen nie weiter als bis zu einem sehr schlechten Ruf. »Aber . . . immerhin, sie war ein lieber Kerl . . . frech, gutmütig und unvergleichlich drollig. Sie hatte gar keine metaphysischen Bedürfnisse und war immer guter Laune, das machte den Verkehr mit ihr sehr angenehm. Nebenbei freilich war sie ein schauderhaft leichtes Tuch und für ein Paar Brillantohrgehänge, mit denen sie einer Kollegin imponieren konnte, hätte sie sich dem Teufel verkauft. Das ärgerte mich manchmal, im ganzen aber vertrugen wir uns sehr gut – bis sie mich eines schönen Tages mir nichts dir nichts um den Ehering anbettelte. Eine hochnasige Rivalin von ihr hatte kürzlich einen polnischen Fürsten geheiratet, da wollte sie auch wenigstens Frau Gräfin werden. Das war mir denn doch eine zu starke Zumutung! »Wir waren aus diesem Anlaß recht derb aneinander geraten, hatten uns so gezankt, daß ich sie mehrere Tage nicht aufgesucht hatte, als ich plötzlich im Vorzimmer meiner Wohnung in der Kaserne wuchtige Schritte und ein mächtiges Organ vernahm. Es war der Erbonkel, der unerwartet zu mir hereinstürmte. »Er hatte vierzig Jahre lang unter einer wohlerzogenen Gattin gelitten. Kaum daß ihn der Tod von ihr erlöst hatte, war er nach Wien gekommen, um sich seiner, damals gerade sechs Wochen alten Freiheit zu erfreuen. Ich sollte ihm dabei ein wenig an die Hand gehen. Da ich ein bißchen zu heftig gegen Lotti gewesen war und meine Härte nachträglich bereute, gönnte ich ihr eine Zerstreuung; ich forderte meinen Onkel auf, sie mit mir zum Souper zu laden, was er sich nicht zweimal sagen ließ. »Noch am selben Abend verliebte er sich in sie wie ein Narr, was mich und sie herzlich ergötzte. Ich selbst eiferte sie an, ihm Augen zu machen und ihm nur recht den Kopf zu verdrehen. Wenn ich auch in einem andern Fall nicht auf die Felsenfestigkeit ihrer Treue geschworen hätte, so wäre es mir doch nie im Traum eingefallen, auf den Alten eifersüchtig zu sein, und die komische Art, wie sich seine Leidenschaft gebärdete, machte mir einen mörderischen Spaß. Doch . . . ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die triumphierenden Mienen meines Onkels wurden mir nachgerade bedenklich, und eines Abends begab ich mich zu Lotti, um ihr wieder einmal ordentlich die Leviten zu lesen. »Es war Anfang Februar, auf den Straßen ein gräßlicher brauner Pantsch, und in der Luft zergehende Schneeflocken, die einem ein scharfer Wind ins Gesicht trieb. »Sie wohnte in einem scheußlichen alten Hause auf der Wieden, einem dreistöckigen Hause, worin sich eine schlechtgehaltene Sandsteintreppe um ein schwarzes Loch drehte. »Ich klingelte an ihrer Tür, in ihrer Wohnung war alles still – ich klingelte noch einmal, niemand zeigte sich. Ich klingelte, bis ich den Glockenzug heruntergerissen hatte und mir der Holzgriff in der Hand blieb. »Jetzt fing ich an, heftig zu werden. Als mit der Klingel nichts mehr anzufangen war, warf ich den Holzgriff auf die Erde und polterte mit beiden Fäusten gegen die Tür. »Plötzlich hörte ich von oben hämisch lachen. ›Sie strengen sich vergebens an,‹ rief man mir zu, ›die Wohnung ist leer!‹ »Ich kam zur Besinnung. Mein erster Gedanke war: Gott sei Dank, daß ich nicht in Uniform bin! »Was geht's mich an, wo sich die Gans herumtreibt, ob sie zu Hause ist oder nicht, sagte ich mir und beeilte mich, fortzukommen. »Ärgerlich kehrte ich nach Hause zurück, wo mich ein Brief erwartete. Ein Dienstmann hatte ihn gebracht. »Ich erkannte sofort Lottis kindische, unausgeschriebene Schrift. Der Brief lautete: »›Mein Lieber! »›Es tut mir leid, Dich zu kränken, aber es läßt sich leider nicht vermeiden. Wenn Du gescheit bist, so kommst Du recht bald nach Kremenez, Deiner Frau Tante die Hand küssen. Nimm Dir's nicht zu viel zu Herzen, warum warst Du so stolz? 's ist alles Deine eigene Schuld. Aber wir waren doch mordsfidel zusammen, gelt? Es umarmt Dich zum Abschied Deine ehemalige Lotti. P.S. Du! Die hochnasige Lisi, die wird Augen machen, was? Recht geschieht ihr. – Wenn ich die Augen nur sehen könnt'.‹ »So beiläufig lautete das Dokument! »Erst schäumte ich einfach vor Wut über das Schriftstück, dann fing ich an, mich zu fragen, was es denn eigentlich bedeute? »In wenigen Tagen wurde mir das sehr klar gemacht, und zwar durch ein gedrucktes faire part, womit mich mein Onkel von seiner in aller Stille in Kremenez, einer seiner Herrschaften, stattgehabten Vermählung mit Fräulein Charlotte Schwippel benachrichtigte. »Ich schrieb auf die Rückseite: ›Alter schützt vor Torheit nicht!‹ und schickte es ihm sofort zurück. Das war nicht sehr witzig, dafür aber außerordentlich unvernünftig. Mein Onkel sistierte natürlich sofort meine Zulage, und mit jeglicher Hoffnung auf eine Erbschaft war's vorbei. »Die Kunde von meinem Zerwürfnis mit dem Erbonkel verbreitete sich mit Blitzesschnelle. Die Folgen blieben nicht aus! Binnen acht Tagen hatte ich alle meine Gläubiger auf dem Hals. Der Moment war kritisch! An eine Begleichung meiner Schulden war vorderhand nicht zu denken. »Außer meinem Onkel hatte ich keinen Verwandten auf der Welt, der sich mir irgendwie nützlich hätte zeigen können. Ich hatte überhaupt keinen Verwandten mehr. Meine Eltern waren längst gestorben, aus meinen beiden Brüdern war nichts Gutes geworden. Einer von ihnen war nach Australien ausgewandert. Die Lust wandelte mich an, ihm dahin zu folgen. Ich hätt's auch getan, wenn ich meine Schulden hätte bezahlen können. Aber meinen Gläubigern durchbrennen wie der erste beste Lump, dazu war ich nicht – damals noch nicht. »So hatte ich nur zwischen zwei Dingen zu wählen – zwischen einer reichen Braut oder einer Kugel durch den Kopf. »Reiche Mädchen hätt' ich dutzendweise finden können, hübsche, anständige, wohlerzogene, besonders wenn ich in Bezug auf die soziale Sphäre, der sie entstammten, nicht wählerisch gewesen wäre. »Ich brauchte ja auch durchaus nicht ›Geld‹ zu heiraten, nur mich . . . in ein reiches Mädchen zu verlieben. Die meisten Männer schämen sich, ohne Liebe reich zu heiraten. Das Geld ist in solchen Fällen immer nur, hm . . . ein glücklicher Zufall, eine angenehme Beigabe. So ein etwas bedürftiger Freier geht auf Brautschau, findet ein Mädchen, das ihm halbwegs erträglich scheint, sagt sich so lange vor, daß sie sehr wohlerzogen und gut gewachsen, und daß das die Hauptsache ist, bis es ihm nicht mehr zu schwer fällt, ihr einen Kuß zu geben, und hat er ihr einmal den ersten Kuß gegeben, so küßt er sich so allmählich in eine gemäßigte Verlobungsschwärmerei hinein. »Aber einer solchen pflichtschuldigen Opportunitätsneigung war ich ganz unfähig. Ich hätte heiß und leidenschaftlich lieben können – mit dem Besten oder dem Schlechtesten, das in mir war, wie's eben kam – in meinem Innersten fühlte ich das, aber mich zwingen, ein Paar Lippen küssen, nach denen mich nicht verlangte, das hätte ich nicht können! »Na, so war die Wahl einfach – eine Kugel durch den Kopf! »Wissen Sie, der Selbstmord ist eigentlich eine Institution in Österreich. Bis in die katholischesten Kreise hinaus ist man davon überzeugt, daß es aus gewissen moralischen Sackgassen für einen Ehrenmann keinen andern Ausweg gibt, und nimmt an, daß der liebe Gott in solchen Fällen ein Einsehen hat. Drum zauderte ich nicht, dem Beispiel des armen Artur zu folgen. Eines Tages Anfang März sperrte ich einfach die Tür zu und steckte mir den Revolver in den Mund . . . »Als ich eben losdrücken wollte, rüttelte jemand an der Klinke – ich drückte dennoch ab – aber der Schuß ging fehl. Da hinter der Kinnlade ging die Kugel heraus. Die Narbe habe ich noch heute – sehen Sie.« In der Tat bemerkte Freddy knapp unter dem Ohr deutlich die Narbe. Monsieur Paul fuhr fort: »Immerhin hatte ich mich arg genug zugerichtet und verlor sofort das Bewußtsein; als ich aufwachte, lag ich in meinem Bett, und mein Freund Hagenried saß neben mir. »Er pflegte mich durch ein fünftägiges Wundfieber hindurch mit großer Ausopferung. Als ich leidlich beisammen war, schalt er mich tüchtig aus wegen des Mangels an Vertrauen, den ich ihm bewiesen, und forderte mich auf, mich ordentlich auszubeichten, damit wir über Mittel und Wege sinnen könnten, mein Leben in Ordnung zu bringen. »Als ich ihm die Ausdehnung meiner Passiven mitgeteilt, bestand er darauf, mir die ganze Summe vorzustrecken. Zurückzahlen könnte ich sie ihm später nach Belieben. Ich war nicht in der Lage, sein großmüßiges Anerbieten abzulehnen. »Ich dankte ihm sehr warm und sagte ihm zugleich, daß ich mich in eines der billigen, in Polen garnisonierenden Regimenter würde versetzen lassen, weil ich die Ausgaben in Wien nicht mehr bestreiten konnte. »Dies betrübte ihn sehr. Ohne mich wollte er überhaupt nicht dienen, und mir nach Polen zu folgen, hatte er keine Lust. Nach zwei Tagen teilte er mir mit, er habe seinen Abschied eingereicht. Vorläufig habe er das Militärleben satt und gedenke ein halbes Jahr zu reisen. Er bat mich, ihn zu begleiten, und als er sah, daß mich sein Antrag einigermaßen überraschte, meinte er hastig, ich könnte ja ein Pferd verkaufen, um die Reisespesen zu decken, zum Sparen hätte ich in Polen oder in der Bukowina auch noch Zeit. »Hm. Dies alles unter den Umständen, die Sie wissen . . . »Er war ein Hannoveraner, wie ich bereits erwähnt habe – es dienten ihrer damals mehrere in unsrer Armee –, nebenbei sehr reich, ein wenig verrückt und ein Prachtmensch, dessen gutes Herz leider in einem zu schweren Körper steckte. »Wie viele zu starke Menschen, war er schüchtern und klammerte sich an mich wie an eine Kindsfrau – wenn er mich nämlich nicht pflegte wie eine Mutter! »Ich würde ihm einen wahren Dienst erweisen, wenn ich mich entschließen könnte, ihn zu begleiten, stellte er mir vor. Bei der rasenden Menschenscheu, woran er litt, schließe er sich so schwer jemand an, – mache nie Bekanntschaften unterwegs, würde infolgedessen seinen ›Ausflug nach Algier‹ nicht im mindesten genießen, wenn ich mich seiner nicht erbarmte. »Ich ließ mich erbitten. »Ich wußte genau, daß er den ›Ausflug‹ nach Algier projektiert hatte, um mich aus meiner Melancholie herauszureißen; es demütigte mich, daß er mich unterstützen wollte, und je zarter er es anfing, um so mehr demütigte es mich. Aber ich hatte einen starken Wandertrieb in mir und mich im Grunde schon längst über die Grenze hinausgesehnt – und so verkaufte ich denn ein Pferd und gab nach. Von dem Erlös meines Pferdes durfte ich mein Reisebillett bezahlen, im übrigen war ich sein Gast. »Auf die Dauer tut so etwas kein gut. Ich bin nun einmal so gemacht, daß ich keinen Zwang aushalten kann, und die vielen Rücksichten, die mein Freund mir bewies, legten mir einen geradezu unerträglichen auf – den Zwang, noch rücksichtsvoller gegen ihn zu sein, als er gegen mich war. Unser altes vertrauliches Verhältnis war gestört. Wir flossen über von Höflichkeit gegeneinander, wir machten Redensarten. Gott verzeih mir's, Redensarten . . . stellen Sie sich das vor, zwei Freunde, die Redensarten machen. Mit einem Wort, wir hatten gegenseitig auf das Recht verzichtet, grob gegeneinander sein zu dürfen. Und wissen Sie, eine Freundschaft, die nicht von Zeit zu Zeit durch ein paar tüchtige Grobheiten aufgefrischt werden kann, in der wird einem nach und nach so flau wie in einer Stube, in der man die Fenster nicht aufreißen darf. Die Grobheiten gehören sozusagen zur Ventilation der freundschaftlichen Luft. Der Augenblick mußte eintreten, wo ich ihn unzart und er mich undankbar finden, und wo wir beide recht haben würden oder unrecht . . . wie man's nimmt. »Übrigens hielten wir uns tapfer. Den Mißmut, den wir empfinden mußten, würgten wir hinunter, ohne es zu einer Explosion kommen zu lassen, und grinsten einander an, so ausdauernd und ununterbrochen wie zwei Bulldoggen aus Biskuitporzellan. »So hatten wir uns höflich durch einen kleinen Teil von Afrika und einen großen Teil von Europa hindurchgewunden, wobei wir mit Europa an der Südspitze von Spanien angefangen hatten, über Paris und London vorgedrungen waren, um dann über Holland und Belgien nach Hause zurückzukehren, als das Schicksal plötzlich auf die wunderbarste Weise in mein Leben eingriff. »In Brüssel war's – im Juni. Kennen Sie Brüssel . . . nein . . . nun, man sagt, es sei noch schöner im Mai, wenn der Flieder blüht – ich kann mir nicht denken, daß es schöner sein kann als im Juni – daß irgend etwas schöner sein kann als Brüssel in den ersten üppigen, blütenübermütigen, duftgesättigten Wochen zwischen Frühling und Sommer – in der oberen Stadt, meine ich, in der, wo man wohnt. »Es war noch recht früh am Tage. Der Morgensonnenschein flimmerte noch um das Denkmal Gottfrieds von Bouillon vor dem Hotel de Flandre, als ich mich bereits hinausbegab, während mein Freund noch von seinen Reisestrapazen ausruhte, und der zur Ergänzung unseres Dejeuners bestimmte Champagner in einem Eiskühler seine Erziehung vollendete. »Die Museen waren noch nicht offen, und von vielen der Geschäftsauslagen wurden erst die Schaufenster aufgedeckt. Auf den Straßen hörte man nichts als das Geknatter der schützenden Holzläden, die man zusammenschob, und das Geknarr der einfarbigen oder gestreiften Markisen, die man ausrollte, das Gerassel eines vereinzelten Karrens, der den Kehricht wegführte, und das ›Hü‹ und Peitschenknallen der Kutscher. Und außer besagten Kutschern und den die Auslagen ordnenden Ladnerinnen begegnete man auch niemand, es sei denn hie und da einem Dienstmädchen, das ein ellenlanges, uneingewickeltes Brot in der einen, ein blechernes Milchgefäß – das, was die Franzosen une boîte à lait nennen – in der andern Hand, rüstig des Weges schritt. »Diese Dienstmädchen waren alle entweder sehr brünett oder sehr blond, sie trugen meist dunkelblaue, sehr weitläufige Schürzen um die Hüften, und alle appetitliche weiße Häubchen auf dem Kopfe, mit über die Schultern hängenden Bändern und um die Stirn gekraustem Besatz. Die meisten von ihnen waren sehr hübsch, und fast alle sahen sich nach mir um, einige zwei-, dreimal, so über die Schulter, nachdem sie an mir vorübergetrippelt waren, denn sie gingen schnell und ich langsam, sie hatten etwas zu tun und ich nicht. »Ich war's damals gewöhnt, daß sich die Frauenzimmer, die aus den niedrigen Klassen hauptsächlich, die sich nicht genieren, nach mir umsahen. Warum auch nicht? Ein bildsauberer Bengel war ich damals. So etwas klingt lächerlich, wenn's nicht mehr wahr ist, aber sagen muß ich's Ihnen doch, weil's zu meiner Geschichte gehört. »Gewöhnlich kümmerte ich mich nicht weiter um das bißl Aufsehen, das ich bei dem schönen Geschlecht erregte. An jenem Tage machte es mir Vergnügen. Ich weiß nicht, wie es kam . . . aber Vergnügen machte es mir, und ich fühlte ein Prickeln in meinen Adern, ein Vibrieren in meinen Nerven, wie es gewöhnlich einem neuen Verlieben vorausgeht . . . so ein gewisses, die ganze Lebensfähigkeit ans Licht drängendes, sehnsüchtig ausdehnendes, süß quälendes, unruhig hoffnungsvolles Gefühl, so etwas, wie es die kahlen Winterbäume empfinden müssen, wenn ihnen die Frühlingsonne die Knospen aus den Ästen treibt. Hinter mir schwirrten die Glocken von St. Gudule, auf den Boulevards blühten die Linden, in der Luft war jene Feuchtigkeit, die den Sonnenschein sichtbar macht, die blühenden Bäume waren von breiten, flimmernden Goldrändern umsäumt, und ganze Wolken von goldenem Staub schwebten verklärend um ihr Geäst. »Der Duft war wundersam süß und dabei doch erfrischend, nicht betäubend und berauschend wie der von Akazienblüten. Ich atmete ihn mit voller Lunge, ohne zu bemerken, daß ich die Reitallee entlang spazierte. Gedankenversunken hatte ich mich hineinverirrt, ohne tiefgehende Betrachtungen darüber anzustellen, warum der Boden unter meinen Füßen so unbequem weich und locker war. »Plötzlich schrie mich jemand an, ich wich zur Seite und erblickte eine Gruppe von drei Reitern – eine junge Dame, neben ihr einen Herrn, hinter beiden einen Reitknecht. »Ich sah nur sie, gegen einen goldenen Hintergrund von gelbflimmerndem Sonnenschein zeichnete sie sich ab, eine herrliche Gestalt, nicht elfenhaft schlank und durchsichtig, wie's jetzt Mode ist, sondern kräftig entwickelt, die Haltung königlich. »Der Kopf paßte dazu, er war klein und saß sehr fest und stolz auf dem schlanken Hals, über dem ein engverschlungener Knoten dunkelblonden Haares glänzte. Das Gesicht war von tadelloser Regelmäßigkeit und gesunder Blässe, die Lippen voll, sehr schön geschnitten und tiefrot; unter dem Schatten, den die schmale Krempe des Hutes über den oberen Teil ihres Gesichtes warf, leuchteten ein Paar große, zwischen Blau und Grün schillernde Augen. »Ihre Art zu sitzen verriet die vollständigste Vertrautheit mit Sattel und Pferd, war aber um ein kaum zu bezeichnendes Etwas zu steif. »Die Weise, in der sie die Zügel hielt, bekundete eine große Festigkeit des Charakters und einen gänzlichen Mangel an Geschmeidigkeit. Die Figur, die das Pferd unter ihr schnitt, zeigte, daß es ihr gehorchte, aber daß sie es ihm nicht bequem machte. Im übrigen war es seiner Herrin wert, eine prachtvolle englische Rappstute mit goldig durch den schwarzen Atlas ihrer Haut hindurch glänzendem Schimmer an den Schultern. »Das Tier hatte vor mir gescheut, mit einem kurzen Anziehen der Zügel hatte sie es zu bändigen versucht. Es bäumte sich aufgeregt, schlug nach vorn und rückwärts aus. Eine schlechte Reiterin hätte sich in so einem Fall furchtsam angekrampft, eine gewöhnliche gute Reiterin hätte dem Pferde Luft gelassen, um es zu beruhigen. Sie tat keines von beiden. Den Zügel noch ein wenig fester an sich ziehend, züchtigte sie es mit großer Gelassenheit. »Als ganz objektiver, aber sachkundiger Zuschauer erschrak ich über diese herausfordernde Behandlung. Das Pferd machte einen Satz, dann drückte es knirschend das Kinn gegen den Hals und verfiel in einen unruhigen, sich jedoch mit jedem Tempo ausgleichenden leichten Trab. Jetzt erst kam's der Reiterin in den Sinn, sich nach dem Manne umzusehen, der die Aufregung und Ungezogenheit ihres Pferdes veranlaßt hatte. »Unsre Augen begegneten einander, ich hatte mich nämlich gewendet, um ihr nachzustaunen. »Anfangs war ihr Blick einfach kalt, nachlässig, neugierig, dann wurde er aufmerksam – dann . . . »Daß sie sich einmal nach mir umsah, nahm mich nicht wunder, als sie aber ein zweites Mal den Kopf über die Schulter zurückbog, schoß mir das Blut heißer durch die Adern. Ein kleines Triumphgefühl, wie angesichts der mir nachstarrenden Grisetten, empfand ich jedoch keineswegs. »Es fiel mir gar nicht ein, mich in die Brust zu werfen und von einer Eroberung zu träumen. »Danach hatte mich ihr Blick auch nicht angemutet. Eine nachdenkliche Frage, ein ungläubiges Verwundern hatte mir daraus entgegengeleuchtet, das war alles. »Weckte ich eine Erinnerung in ihr oder verwechselte sie mich mit jemand? »Ich starrte ihr nach, bis ihre Gestalt in der von den Lindenzweigen umrahmten Perspektive der Allee kleiner und kleiner wurde und endlich in dem goldenen Dunst verschwand. *           * * »Ich weiß nicht, warum mich in dem Augenblick das Gefühl einer drückenden Vereinsamung, eines plötzlichen Verlassenwordenseins überkam. Genau dasselbe Gefühl, wie ich es als Knabe empfunden, wenn die Sonne untergegangen war. »Um mich zu zerstreuen, schlug ich in meinem Bädeker nach und sah mir alles an, was man sich in Brüssel in einem Vormittag ansehen kann. Die Folge davon war, daß ich zu spät zum Gabelfrühstück zurückkehrte. Auf der Treppe des Hotel de Flandre, wo wir abgestiegen waren, begegnete mir ein schlanker brauner Mann in einem sehr hellen Anzug. »Ich erkannte den Begleiter der eigensinnigen Reiterin. »Oben fand ich meinen Freund bereits bei Tisch, den Champagnerkühler neben sich, die Serviette hinter dem Hemdkragen, in unserm Wohnzimmer. Anstatt mir Vorwürfe wegen meiner Unpünktlichkeit zu machen, entschuldigte er sich gar, nicht auf mich gewartet zu haben. Ich bitte Sie, solche Faxen zwischen zwei Männern! Aber die Rücksicht eines anständigen Kerls gegen einen Menschen, der von ihm abhängig ist, kennt keine Grenzen. Ich war im Augenblick derartig durch meine schiefe Lage geärgert, daß mich der brennende Wunsch befiel, ihm etwas an den Kopf zu werfen. Ich machte ein brummiges Gesicht und versicherte ihm, ich hätte keinen Hunger. »Ich merkte, wie er anfing, ungeduldig zu werden, doch wußte er, daß ich ihm eine Grobheit hätte weder verzeihen noch erwidern dürfen, daß sie, so wie die Sachen standen, einen Bruch zwischen uns bedeutet hätte. »Ein guter Kerl, wie er's war, trachtete er das Gespräch durch eine gleichgültige Bemerkung wieder in Gang zu bringen. »›Schade, daß du keinen Appetit hast,‹ meinte er, ›wir sind heute abend zum Diner eingeladen, und wenn ich zu einem Diner geladen bin, seh' ich mich immer gern vor! Ich hoff', du nimmst's nicht übel, daß ich für dich zugesagt hab'.‹ »›Ich kann vielleicht absagen,‹ brummte ich. »›Es wäre mir sehr unangenehm,‹ erklärte er. »›So, dann bleibt mir keine Wahl,‹ erwiderte ich mit jener Unausstehlichkeit, durch die in Abhängigkeit lebende Menschen mitunter einen blödsinnigen Versuch machen, ihre Würde zu wahren. »Diesmal verlor er die Geduld, stand auf, verließ das Zimmer und warf die Tür hinter sich zu. »Mir war, als ob ich mich zum Fenster hinausstürzen sollte! »Es waren kaum drei Minuten vergangen, da kam Wilhelm wieder. Er schlug mich mit einer kordialen Derbheit auf die Schulter, die mir wohltat, und sagte: ›Sei kein Esel – ich hätte nicht darauf bestanden, dich zu diesem Diner zu schleppen, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, du würdest dich amüsieren. 's ist keine formelle Veranstaltung, wir sollen ganz en famille speisen mit meinem Vetter und seiner Schwester – die . . . hm . . . Kathrin ist, so gut ich mich erinnere, ein etwas querköpfiges, aber süperbes Geschöpf, und was Tim anbelangt, so kenne ich keinen gemütlicheren Burschen als ihn. So sehr mich Bekannte in der Fremde gewöhnlich genieren, freute ich mich doch, ihn zu sehen. Es tut mir leid, daß du seinen Besuch verfehlt hast – er hatte mich kaum verlassen, als du eintratst – eigentlich mußt du ihm noch auf der Treppe begegnet sein. Ein großer schwarzer Mensch mit einem helmartigen Strohhut auf dem Kopfe.‹ »›Der?‹ . . . entfuhr mir's. »›Ja, was machst du denn plötzlich für ein kurioses Gesicht?‹ »Ich sagte nichts, aber jeder Blutstropfen in mir pochte. *           * * »Sie wohnte . . . wenn ich mich gut erinnere, war's Rue de l'activité Nummer zwei, wo sie wohnte. Ein kleines, reizendes Hotel, das sich eine vornehme verwitwete Frau hatte bauen lassen, als sie ihre zwei schönen Töchter in die Welt führen wollte. Die Dame befand sich damals mit ihren Töchtern auf Reisen und hatte das Haus für ein Jahr möbliert vermietet. »Es war ein Eckhaus und blickte mit vier Fenstern auf die Place St.-Joseph. Vielleicht steht es heute noch dort. »Was mir am meisten auffiel, als ich es betrat, war die duftige, fast grelle Helligkeit und Reinheit, die es auszeichnete. Alles war weiß, die großen Steinquadern des Flurs, die Wände, das Holzwerk. Der dunkelrote Teppich auf der ebenfalls weißen breiten Treppe bildete den einzigen Farbenfleck. »Ein Diener führte uns die Treppe hinaus in die Empfangszimmer. »An der Tür kam uns bereits Wilhelms Vetter entgegen. Ohne zu warten, bis uns mein Freund vorgestellt haben würde, reichte er jedem von uns eine Hand und zog uns über die Schwelle. »›Freu' mich sehr, daß ihr gekommen seid,‹ rief er. Dann, da ihm Wilhelm leicht schmunzelnd meinen Namen nannte, faßte er mich etwas schärfer ins Auge, lachte und meinte: ›Wenn ich nicht irre, haben wir ja bereits Bekanntschaft gemacht, und zwar haben Sie meine Schwester von einer sehr charakteristischen Seite kennen gelernt.‹ »›Wir scheinen etwas zu früh gekommen zu sein,‹ bemerkte Wilhelm. »›Nein, im Gegenteil sehr pünktlich,‹ versicherte er, ›was nicht verhindert, daß ihr aller Wahrscheinlichkeit nach noch längere Zeit werdet auf euer Essen warten müssen. Auch könnt ihr zufrieden sein, wenn ihr schließlich nicht mit gebratenen Schimären und eingemachten Idealen abgefüttert werdet.‹ »Auf Wilhelms Frage, was denn los sei, erwiderte er: ›Eigentlich nicht viel, Kathrin hat nur wieder einmal eine Kleinigkeit zur Katastrophe aufgebauscht. Eine famose Person, Kathrin, aber unerlaubt überspannt. Sie verlangt Edelmut von jedem Stallknecht und Keuschheit von jeder Küchenmagd – auf die Länge der Zeit gestaltet das einen Haushalt ungemütlich. In unsre letzte Köchin war sie rein verliebt. Das sittsame Betragen dieser, nebenbei sei's gesagt, bildhübschen Person hatte es ihr angetan. Nun hat es sich herausgestellt, daß die Köchin in unerlaubten oder zum mindesten übereilten Beziehungen zu irgend jemand steht, einem jungen Bäcker, glaube ich. Kathrin war ob der Schwachheit ihrer hübschen Köchin dermaßen entsetzt, daß sie sie sofort auf die Straße hinausjagen wollte. Ehe die Köchin ihren Koffer zu Ende gepackt, gewann bei Kathrin das Mitleid die Oberhand. Dann, glaube ich, wollte sie ihr ein Landhaus schenken mit einem Garten, worin sie sich verstecken und mit Anstand ihre Sünden bereuen könnte. »›Spendier ihr etwas zu ihrer Ausstattung, riet ich ihr, das ist viel einfacher. Das war ihr früher nicht eingefallen. Die Frauen – die Frauen – und dieses Geschlecht sollen wir mündig sprechen? Nie, solange ich etwas zu sagen habe!‹ Er streckte mit einer pathetischen Geste die Hand aus. »Er war ein schöner, vornehmer Mensch. Jetzt, wo ich Zeit hatte, ihn näher zu betrachten, bemerkte ich die Ähnlichkeit mit seiner Schwester. Seine Züge waren vom selben edlen Schnitt, nur die Augen anders, sein Blick stumpfer – der Blick eines erfahrenen Weltmanns, der es gelernt hat, an Dingen, die ihm unangenehm sind, und die er nicht ändern kann, vorüberzusehen. Er war offenbar sehr klug und sehr gutmütig, aber seine Klugheit und seine Gutmütigkeit waren von praktischem, in die bestehende Weltordnung hineinpassendem und nicht viel daran herumbesserndem Zuschnitt. »Diplomat von Beruf und erst seit wenigen Wochen von seinem letzten Posten Rio de Janeiro nach Brüssel zurückgekehrt, wo er seine nächste Designation abzuwarten gedachte, kannte er unsern Erdball nach allen Richtungen hin in- und auswendig, fand vieles an ihm auszusetzen, aber auch, daß sich's, wenn man es sich einzurichten verstand, darauf leben ließ. Auch die Gesellschaft kannte er in allen ihren Sphären nach oben und unten, und sah auch an der mancherlei, was ihm anders besser gefallen hätte, entschied aber, daß man auch mit ihr auskommen konnte, wenn man ihre unangenehmen Eigenschaften nicht unnütz herausforderte. »Solche Leute sind ein Segen für ihre Umgebung, nur bringen sie die Menschheit nicht um einen Zoll weiter, als sie sie gefunden haben. Sie leben nur in der Gegenwart und wirken auch nur für diese! »Während er sich also immer mit einer gewissen bewundernden Zärtlichkeit über die Verkehrtheiten seiner Schwester ausließ, sah ich mich in dem Raume um. Die Wände waren mit Holz getäfelt, weiß gestrichen und die Felder mit Goldleisten eingefaßt, die Möbel sehr hell und in weißen Holzgestellen, sie hoben sich eigentümlich von dem Teppich ab, welcher ebenso wie der auf der Treppe einfarbig blutrot war. Die vielen Blumen, die in allerhand Gefäßen, meist durchsichtigen Kristallvasen, herumstanden, waren fast ausschließlich weiß – weiße Lilien und weiße Rosen. »Während ich noch mit der Musterung meiner Umgebung beschäftigt war, traten zwei Damen ein: eine kleine, sehr hübsche ältere Frau mit weißen Puffscheiteln um ein rosiges, kindliches Gesicht und einem altmodischen Kreppschal über einem grauen Seidenkleid – eine alte Verwandte Kathrins –, dann sie. Mir blieb das Herz stehen. Noch heute überläuft's mich, wenn ich ihr Bild in mir zurückrufe, so wie sie damals vor mir stand. Wie eine Erscheinung aus einer andern Welt mutete sie mich an! Sie war sehr groß und hielt sich prachtvoll. Man sah ihr's an, daß sie's nicht gewohnt war, in Demut ihren schönen Nacken zu beugen. »Im Gegensatz zu ihrem Bruder war ihr Gesicht blendend weiß. Ich habe selten einen so hellen Teint, außer bei rothaarigen Personen, gesehen, und sie war nicht rothaarig, nur ein ganz leichter Goldschimmer umschwebte ihre Schläfen und die Löckchen in ihrem Nacken. Sie trug das Haar einfach zurückgestrichen, obgleich es schon damals Mode geworden war, sich die Stirn bis an die Augenbrauen mit allerhand Gekräusel zu bedecken. »Aber wozu sich lange aufhalten bei der Beschreibung ihrer äußeren Person. Sie war ein sehr schönes Mädchen, wie mir ihrer schließlich im Leben wohl ein Dutzend begegnet sein mögen – mehr freilich nicht –, dazu nicht in der ersten Jugend, sie mochte wenigstens fünf- bis sechsundzwanzig Jahre zählen. Wirklich merkwürdig an ihr waren nur ihre Augen. Von goldbraunen Brauen überwölbt, von langen, zurückgebogenen Wimpern beschattet, sehr hell, beständig von Meergrün in tiefes Blau und aus tiefem Blau wieder in Meergrün hinüberschillernd, mit einem Blick, der einem durch die Seele sah, übten sie im ersten Moment eine geradezu unheimliche Wirkung aus, bis im Laufe des Gesprächs ein Schimmer von Rührung sie verschleiert und die forschende Schärfe des Blicks abgedämpft hatte. »Solang die Rührung anhielt, waren sie unbeschreiblich schön, aber sie hielt nie lange an. »Wenn die Augen unheimlich und unerbittlich scharfsichtig, ja geradezu hellseherisch erschienen, so war der Mund im Gegenteil unendlich weich und gut, mit einem schwermütigen Zug um die Mundwinkel, fast als litte sie selber unter ihrer Hellseherei, als traure sie darüber, keiner ausdauernden Täuschung fähig zu sein. »Sie trug ein weißes Kleid und weiße Rosen an der Brust; mit Ausnahme von ein paar grünen Blättern, die sich zwischen die Rosen mischten, war nichts Farbiges an ihr zu sehen. Ich sage Ihnen, wie eine Erscheinung aus einer andern Welt mutete sie mich an. Sie schien mir in ihrer leuchtenden, vornehmen Reinheit allen andern Menschen so fern, daß es mir ganz kurios vorkam, als Wilhelm ohne Umschweife mit einem lauten, kordialen ›Grüß dich Gott‹ ihre Hand schüttelte, ja, seine Vetterrechte geltend machend, darauf bestand, ihre Wange zu küssen. Dann stellte er mich vor – nannte meinen Namen. »Ihr Blick richtete sich auf mein Gesicht, wuchs ordentlich fest darauf; zum ersten Male bemerkte ich, wie jener dämpfende, verklärende Glanz ihre Augen überzog, zugleich färbte ein seines Rot ihre blassen Wangen, nur so, wie es in dem Kelch einer Malmaisonrose schimmert, und eine Art gerührter Schelmerei umspielte ihren Mund. ›Also doch!‹ murmelte sie. »Der Diener meldete, daß serviert sei. Wilhelm reichte der alten Dame in dem Creponschal (sie diente Kathrin als offizielle Ehrenwache) den Arm. Ich führte Kathrin. *           * * »Ob das Diner gut oder schlecht war, weiß ich nicht – hab's nie gewußt – nie, ob uns wirklich gebackene Schimären und eingemachte Ideale serviert worden sind, oder genießbarere Speisen. Aber ich weiß noch genau, daß auch der Tisch mit weißen Blumen geschmückt war, und daß das Tafelgeschirr aus Altwiener Porzellan bestand, weiß mit feinen grünen Weinranken an den Rändern. »Ich bemerkte zu meiner schönen Nachbarin, daß sie eine große Vorliebe für die weiße Farbe hegen müsse, und sie erwiderte darauf, das sei allerdings wahr, auf Weiß ruhe ihr Blick aus, weniges auf der Welt bereite ihr mehr Vergnügen, als auf ein reines Schneefeld zu schauen. Hingegen sei es für sie ein wahrer Schmerz, wenn der Frühling anfange, Schmutzlöcher in den Schnee hineinzubohren. Für sie gebe es nichts Häßlicheres auf der Welt als Tauwetter, das greife ihr immer entsetzlich an die Nerven! »›Aber das Tauwetter ist ja nur eine Übergangsperiode, und es weckt das Leben,‹ erlaubte ich mir, ihr zu entgegnen. »›Alles, was das Leben weckt, ist häßlich,‹ murmelte sie. »Ich war mir noch nicht klar darüber geworden, was sie damit meinen konnte, als sie plötzlich errötete. »Innerlich fing ich an, mich ein klein wenig an ihrer Verlegenheit, die sie mir menschlich um vieles näher brachte, zu ergötzen, da rief mir ihr Bruder über den Tisch herüber zu: ›Willy teilt mir soeben mit, daß Sie einer der berühmtesten gentlemanriders von Österreich sind; gönnen Sie mir Ihre Ansicht über die Behandlung, die meine Schwester diesen Morgen ihrer Stute angedeihen ließ.‹ »›Wenn ich ganz aufrichtig sein soll,‹ gab ich zur Antwort, ›so erschien mir die Strenge, die das gnädige Fräulein an den Tag legte, eine etwas unnötige Herausforderung ihres Pferdes. Das Experiment ist ja glänzend ausgefallen, war aber doch für eine Dame gefährlich. Ein begütigendes Verfahren hätte ich praktischer gefunden.‹ »›Da hast du's, Kathrin,‹ rief der Bruder, ›was hab' ich dir gesagt?‹ »›O darum gebe ich mich noch lange nicht geschlagen,‹ erwiderte sie munter, ›ich finde, wenn ein Pferd unartig ist, so muß es gezüchtigt werden.‹ »›Und ich finde, wenn ein Pferd unter einer Dame unruhig ist, so muß es vor allem besänftigt werden,‹ rief der Bruder. »›Das Züchtigen und Geraderichten besorgt dann irgend ein sachkundiger Freund der Dame,‹ erlaubte ich mir einzuwerfen. ›Ich sah ja sofort, daß Sie eine vorzügliche Reiterin sind, gnädiges Fräulein; nichtsdestoweniger bleibt der Sitz einer Dame unsicher und ihr infolgedessen nichts übrig, als in gewissen Fällen ihr Pferd psychologisch zu behandeln. Wenn Ihr Pferd nur um eine Schattierung aufgeregter gewesen wäre, als es wirklich war, hätten weder Gerte noch Zügel darauf gewirkt, Sie hätten mit Ihrer Züchtigung ganz verkehrte Resultate erzielt, und bedenken Sie, Sie waren fünf Schritt vom Pflaster.‹ »In der Tat hatte sich die kleine Szene knapp neben einer Stelle abgespielt, wo der weiche Boden der Reitallee vom Pflaster durchkreuzt wurde. »›Das ist alles richtig,‹ meinte sie lachend, ›aber ich gehe grundsätzlich nie einer Schwierigkeit aus dem Wege, am wenigsten aus Feigheit. Wenn ich recht habe, so will ich auch recht behalten.‹ »Der Bruder schüttelte den Kopf. ›Laß mich in Ruh' mit deiner Rechthaberei,‹ meinte er, ›eine Frau ist immer am reizendsten, wenn sie unrecht behält.‹ »Hierauf lächelte sie und meinte: ›Ich bin ja gar keine Frau, behauptest du.‹ »›Vorläufig bist du's auch nicht,‹ erwiderte er, ›sondern irgend ein fabelhaftes Ungeheuer – aber warte nur, deine Stunde wird schlagen – ich hoffe, sie schlägt nicht zur unrichtigen Zeit!‹ »Die Tafel wurde aufgehoben, und wir begaben uns von neuem hinauf in den Salon, wo der Kaffee bereits auf uns wartete. Wilhelm und sein Vetter hatten sich in ein politisches Gespräch verwickelt, die alte Verwandte Kathrins – sie war Schülerin von Chopin gewesen – hatte sich an den Flügel gesetzt und spielte halblaut lückenhafte Reminiszenzen aus ihrer musikalischen Glanzperiode. Kathrin stand auf einem Balkon und atmete den süßen Duft der Sommernacht. Es zog mich zu ihr, zugleich aber fürchtete ich mich vor ihr, oder vielmehr – sie schüchterte mich ein. Ich wußte nicht, ob ich mich ihr zugesellen dürfe oder nicht – da wendete sie den Kopf um, ich konnte mich nicht darüber täuschen – sie suchte mich mit dem Blick. »Ich trat neben sie. Sie lächelte mir zu, freundlich, schelmisch, geheimnisvoll. In ihrem Wesen war die Sicherheit eines Kindes oder einer Königin. Sie hatte nichts von der ängstlichen und gezierten, ihre Avancen immer wieder einfangen wollenden Koketterie jener Mädchen, die sich einem Manne auf Umwegen an den Kopf werfen, weil sie sich genieren, Farbe zu bekennen, und es doch nicht übers Herz gewinnen, sich still zu verhalten. Wenn es ihr einfiel, sagte sie einem Manne eine Freundlichkeit gerade ins Gesicht, offenbar fest davon überzeugt, daß er ihr Entgegenkommen nicht als eine Zudringlichkeit, sondern nur als eine Gnade auffassen könne. »›Sie wunderten sich gewiß, daß ich mich heute nach Ihnen umsah, nachdem mein Pferd vor Ihnen gescheut hatte?‹ meinte sie. »›Als Sie sich das erste Mal umsahen, wunderte ich mich nicht; man sieht sich gewöhnlich nach etwas um, das einem Unannehmlichkeiten bereitet hat. Als Sie sich das zweite Mal umsahen, wunderte ich mich,‹ gab ich zu. »›Da muß ich Ihnen doch erklären, warum ich mich umgesehen habe,‹ sagte sie. ›Mir war's bei Ihrem Anblick, als ob plötzlich jemand aus der Weltgeschichte herausgetreten wäre, um mich zu grüßen.‹ »›Seh' ich irgend einem Heldenporträt ähnlich?‹ fragte ich. »›Nur sich selber,‹ entgegnete sie mir. »›Gnädiges Fräulein! . . .‹ »›Ja . . . Sie sind doch einer der vier jungen Jägeroffiziere, die Arm in Arm singend ihrer Mannschaft voran ins Feuer gingen bei der Schlacht von Königgrätz?‹ »›Gnädiges Fräulein, wie kommen Sie denn auf die alte Geschichte zurück?‹ »›Ganz einfach – als sehr junges Mädchen sah ich einmal das Bild der vier Helden. Ich kann gar nicht sagen, wie mich das rührte – ich weinte eine ganze Nacht um die vier jungen Leben. Dann kam ein zweites Blatt mit Ihrem Bildnis – das interessierte mich noch mehr, aber es war mir nicht deutlich genug. Ich schrieb an einen Vetter in Wien – gerade an Willy schrieb ich – mit der Bitte, mir womöglich eine Photographie von Ihnen zu verschaffen. Das tat er denn auch. Das Bild muß sehr ähnlich gewesen sein, da ich Sie sofort danach erkannt habe. Heute morgen auf dem Boulevard meinte ich, es handle sich vielleicht um eine zufällige Ähnlichkeit. Als Willy vor Tisch Ihren Namen nannte, fuhr ich zusammen. Ich freute mich so, endlich einmal einen leibhaftigen Helden zu sehen.‹ »›Ach, gnädiges Fräulein,‹ erwiderte ich, ›ich will die Tat meiner armen verstorbenen Kameraden nicht herabsetzen – aber mit dem Heldenmut war's nicht so arg. 's ist nie wirklich so schön gewesen, wie's in den Zeitungen steht.‹ »›Ist es denn nicht wahr, daß Sie alle vier aus der Front heraustraten, Arm in Arm dem Feind entgegen, und singend?‹ »›Nun ja . . . aber,‹ wehrte ich mich gegen ihre eigensinnige Begeisterung, ›bedenken Sie die Umstände; wie elend unsre armen Soldaten waren, das stand in den Zeitungen nicht. Frisch ausgehoben, kaum ausgewachsen, dazu halbtot vor Hunger – kein Wunder, daß ihnen die Courage ausgegangen war! Das Mitleid wandelte uns an. . . . Schließlich hätte es keiner von uns mehr übers Herz gebracht, die armen Schlucker ins Feuer zu treiben, ohne ihnen ein paar Schritte vorauszugehen.‹ »In der hellen Sommerdämmerung sah ich's, wie plötzlich der verklärend dämpfende Glanz über ihre Augen zog. »›Nun, offenbar war's noch schöner, als es in den Zeitungen stand,‹ murmelte sie. Ihre Stimme zitterte, und – ja, ich irrte mich nicht – eine Träne rollte über ihre Wangen herab. »Wir plauderten noch lange zusammen. »Während ich Ihnen das so erzähle, bin ich um dreiundzwanzig Jahre jünger geworden, ich stehe wieder neben ihr auf dem Balkon und sehe alles genau . . . genau: die durchsichtige Sommerdämmerung, in der die Farben sterben, die hohen Bäume des Squares, das, von einem Eisengitter umfaßt, die Mitte des Platzes einnimmt, und hinter den Bäumen die Aussicht abschließend, die Sankt Josephskirche, sehr modern, aber mit früh ergrauten Wänden, bereits von einer gewissen stimmungsvollen Patina überzogen, und rechts die weißen, glatten Häuser mit ihren weißen, glatten Jalousieen, und links das große, finstere, vornehme Palais der Marquise d'Assch, in dessen offenem Portal man die Diener herumstehen sieht. »Die Dämmerung sinkt – sinkt – an den weißen Wänden schleicht sie herum, jede harte Linie verwischend. Die feingezeichneten Kronen der Bäume in dem Square – ich glaube, es waren Eschen – sind nur noch eine undeutliche, dunkelgraue Masse, und ein großes weißes Rosenbeet zu ihren Füßen schimmert gespenstisch durch die nächtlichen Schleier, und aus diesem unklaren weißen Etwas zittert ein Duft so süß, traurig, so herzbewegend verheißungsvoll . . . »Und ringsherum ist es still, still – nur in langen Zwischenräumen unterbricht das Rollen eines Wagens die träge Ruhe des Brüsseler Adelsviertels. Sonst nichts – nichts als der friedliche Klang einer Kirchenglocke, die das Schwinden einer Viertelstunde verkündet, und die gebrochen stammelnde Musik der armen, alten Frau an dem Klavier, deren wehmütige und lückenhafte Melodieen hinübergleiten in das wonnige Schauern und Lispeln der Eschen, die sich den Küssen der Sommernacht hingeben. »›Der Franz hat fragen lassen, wann er morgen satteln soll!‹ rief plötzlich Kathrins Bruder in unser Gespräch hinein. Er mußte die Frage wiederholen, ehe sie ihm antwortete: ›Um sieben Uhr früh.‹ Dann, nach einer kleinen Pause ihr himmlisches Gesicht mir zuwendend, bemerkte sie: ›Da Sie mit meiner Reitkunst nicht einverstanden sind, könnten Sie mir vielleicht Stunden geben. Ich kann Ihnen ein Pferd zur Verfügung stellen.‹ *           * * »›Nun, was sagst du zu Kathrin?‹ fragte mich Wilhelm, während wir auf dem Heimweg nebeneinander über die lindenbesetzten Boulevards schritten. Der Lindenduft war noch stärker als bei Tag – ganze Wolken von säuerlich würzigen Wohlgerüchen senkten sich aus den Ästen auf uns nieder. Hie und da in weiten Zwischenräumen färbte der Strahl einer Gaslaterne einen Ast arsenikgrün, und am Himmel oben flimmerten die Sterne. »›Was soll ich sagen?‹ murmelte ich, ›ein herrliches, einziges Geschöpf! Ich begreife nicht, daß sie noch unverheiratet ist!‹ »›Besonders, da sie mordsmäßig viel Geld hat,‹ lachte er. ›Aber weißt du, es gibt schon so Mädchen, an denen die Männer bewunderungscheu vorübergehen in der Welt; es traut sich keiner an sie heran . . . sie wollen etwas so ganz Besonderes – unter einem Halbgott tun sie's nicht – schließlich kommt Hochmut vor dem Fall!‹ »Wir hatten unser Hotel fast erreicht; über das Gitter des Parks an der gegenüberliegenden Seite der Rue royale wehten uns die Linden einen letzten Duftgruß zu. In meiner Erinnerung schimmerten Kathrins verklärte Augen auf, ich hörte sie leise sagen: ›Ich freue mich, endlich einem leibhaftigen Helden begegnet zu sein.‹ Arme Kathrin! »Der mit Kathrin verbrachte Abend hatte in mir den Eindruck von etwas unendlich Reinem, Stillem, Harmonischem zurückgelassen. Wenn ich die Augen schloß, so sah ich vor mir eine weite, blendende, weiße Fläche, aus der an einigen Stellen etwas Grünes aufschimmerte wie ein ferner Hoffnungsgruß, und als ich einschlief, träumte ich von einem weißen Schneefeld, aus dem blütenweiße Frühlingsbäume herauswuchsen. Das hatte ich einmal bei uns zu Hause gesehen, als es geschneit hatte im Mai. Es war sehr schön, aber traurig, weil der Sonnenschein fehlte, und die Blütenbäume zitterten vor Kälte. Da brach die Sonne aus den Wolken, alles glänzte in verklärtem Licht, und die Blütenbäume bebten wonnetrunken – einen Augenblick, nur einen Augenblick, dann plötzlich zerging der Schnee, verwandelte sich in schlüpfrigen Schlamm. »Die Blüten fielen von den Bäumen – ich sah sie auf den Pfützen schwimmen! Dann erwachte ich!« *           * * Der Alte hielt inne, er heftete seinen Blick auf seinen jungen Zuhörer, offenbar in der Hoffnung, ein Zeichen besonderer Teilnahme an ihm wahrzunehmen. Aber das wohlwollende Gesicht des jungen Menschen hatte sich eigentümlich verfinstert, so sehr, daß es den alten Bummler einschüchterte. »Ich langweile Sie,« stieß er hervor. »Sie suchen nach Ausflüchten, um sich von mir loszuschrauben – begreif's – begreif's! Dummkopf, der ich war, glaubte, daß meine verjährten Miseren noch irgend jemand interessieren könnten! Gehen Sie nur, gehen Sie . . .« Anfangs schien es, als habe Freddy wirklich Lust, sich unter einem höflichen Vorwand zurückzuziehen. Er sah auf die Uhr, die bekanntlich immer herhalten muß, wenn es gilt, eine sich unangenehm lang hinschleppende Unterredung abzubrechen . . . Die Empfindungen eines unsicher herumtastenden Mißbehagens, das ihn, noch ehe der Alte seine Biographie abzuleiern begonnen, heimgesucht hatte, drängten sich jetzt in ein gräßliches Angstgefühl zusammen, das vor einer sich immer deutlicher gestaltenden schrecklichen Möglichkeit zurückschauderte. Er sagte sich, daß die Angst unsinnig sei . . . und wenn sie nicht unsinnig war, hatte er kein Recht, ihr auszuweichen. Aber . . . sie mußte unsinnig sein! Er steckte die Uhr von neuem ein und rückte sich auf seinem Sessel zurecht. »Ich . . . ich habe noch Zeit,« murmelte er, »ich bitte Sie, fahren Sie fort in Ihrer Erzählung – ich bin gespannt, sehr gespannt . . . nur . . . eine Frage . . . welcher Nationalität war . . . die . . . die Dame?« »Kathrin meinen Sie – hm! – Sie hieß eigentlich anders, sie hießen alle anders . . .« brummte der Alte – »hab' nicht das Recht, ihre eigentlichen Namen zu verraten. Welcher Nationalität? . . . Kosmopolitin – Diplomatenkind. Aber eigentlich hätte ich Ihnen das auch nicht verraten sollen. Stellen Sie mir keine Frage mehr – begnügen Sie sich mit dem, was ich Ihnen erzähle . . . nur gestatten Sie . . . mein Hals ist trocken – möchte gern etwas trinken . . . Garçon, einen Kognak und Soda!« Aus der großen Glastür des Café Riche trat ein Kellner und brachte einen Siphon, ein Fläschchen Kognak, eine Zuckerdose samt Glas und langem Silberlöffel auf einer Tablette. Nachdem sich der Alte seinen Trunk eingerührt und eine große Portion davon gierig auf einen Zug ausgeschlürft hatte, begann er von neuem. »Wo war ich denn geblieben? Hm – bei meinem ersten Abend mit . . . Kathrin – ja, ja, Kathrin – sie hieß anders, aber der Name kleidet sie sehr wohl, also – mit Kathrin. »Den nächsten Tag ritt ich mit ihr in das Bois de la Cambre. »Von da an ritten wir alle Tage in das Bois, alle Tage . . . und schließlich kam's, wie Sie's erwartet haben mögen – ehe zwei Wochen verstrichen waren, hatten wir uns verlobt. Ich war der einzige, den diese Verlobung überraschte. Am längsten vorausgesehen hatte sie Willy – er hatte auch sein Möglichstes getan, ihr Vorschub zu leisten. Es schien ihm sehr darum zu tun gewesen zu sein, sie herbeizuführen. »Gleich den Tag, nachdem wir in der Rue de l'activité diniert hatten, erklärte er mir, Brüssel gefiele ihm, und er wolle sich eine Weile hier aufhalten. »Während ich Kathrin finishing lessons im Reiten gab, mich auch anderweitig bemühte, ihren Spuren zu folgen, kostete er nacheinander alle besten Restaurants von Brüssel durch und verspielte alle Tage ein paar hundert Franken beim Bakkarat in dem exklusiven Klub, der damals, glaube ich, le petit Bac hieß, und in den er als Fremder von Distinktion durch ein Mitglied eingeführt worden war. »Eines Nachmittags verspielte er zufällig mehr als ein paar hundert Franken. Da er in allem mäßig war, außer in der Großmut, verleidete es ihm Brüssel. Er war schlechter Laune, als er ins Flandre zurückkehrte, wo er mich an meinem Schreibtisch Verse schmiedend antraf. »Ich arbeitete an einem Gedicht, das ich Kathrin zugleich mit einem Bukett übersenden wollte, und zwar anläßlich eines Vielliebchens, das ich an sie verloren hatte. »›Weißt du . . . du . . . Hans, das heißt Paul – du,‹ er trampelte auf und ab, wobei er kolossale Rauchwolken vor sich hin blies, ›du . . . Brüssel gefällt mir nicht mehr – ich hab's satt.‹ »Ich erwiderte nichts, ließ nur die Feder über dem Papier schweben, als ob ich plötzlich erstarrt wäre. »›Ich möchte mir schon gern etwas anderes anschauen,‹ fuhr er fort . . . ›aber Freudverderber will ich keiner sein. Dir zuliebe bleibe ich ja meinetwegen noch – aber . . . könntest du nicht das Tempo ein wenig beschleunigen?‹ »›Was meinst du?‹ rief ich, mich voll nach ihm umsehend. »›Na, was ich mein'?‹ Er schob sein dickes, rotes, von Gutmütigkeit strahlendes Gesicht verlegen in seinem steifen, weißen Hemdkragen hin und her. ›Ich . . . was soll ich meinen . . . ich meine nur . . . ich möchte wissen . . . wie du eigentlich mit Kathrin stehst?‹ »Mir fuhr's wie ein Blitz durch den Leib. ›Ich, wie soll ich eigentlich mit deiner Cousine stehen? . . .‹ Ich war aufgesprungen, die Hand auf die Platte des Schreibtisches gestützt, sah ich ihn drohend an. »›Na, da brat' mir doch einer einen Storch,‹ platzte er heraus. ›Ich denk', du bist längst im reinen, und jetzt machst du ein Gesicht, als ob du gar keine Ahnung davon hättest, was sich alle Spatzen von Brüssel auf den Dächern erzählen.‹ »›Was denn?‹ »›Na, daß sich die Kathrin auf den ersten Blick verliebt hat in dich.‹ »Der Fußboden schwankte unter mir. Ich setzte mich auf den ersten Sessel, den ich zur Hand hatte, und ließ meinen Kopf in meine verschränkten Arme auf die Tischplatte sinken. »Als ich wieder aussah, war ich allein. *           * * »Ich rieb mir die Augen, ich sagte mir, daß ich das alles geträumt haben müsse. Dann wollte ich zu Wilhelm, ihn fragen, auf was er seine unsinnige Behauptung stütze. Aber er war ausgegangen, da begab auch ich mich hinaus. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, die sich tiefer und tiefer senkten, dumpfe Donnerschläge grollten aus der Ferne. Ich achtete nicht darauf. In mir wütete ein gräßlicher Kampf; alles, was ich an Ehrenhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit besaß, lehnte sich auf gegen mein Glück. »Mir wollte es fast wie ein Kirchenraub erscheinen, daß ein Mann wie ich die Hände ausstrecken sollte nach einem Mädchen wie Kathrin. »Es ging eine so herbe, leuchtende Reinheit von ihrem Wesen aus, daß sich dagegen alles schmutzig ausnahm. »›Nein, nein, nein!‹ schrie es in mir, ›es darf nicht sein, ich darf die Täuschung, der sie sich mir gegenüber hingibt, nicht dahin ausnützen, daß ich sie lebenslänglich unglücklich mache – ich bin ja nicht der, für den sie mich hält. Wenn sie mich lieben könnte, so wie ich wirklich bin – aber das kann sie nicht, nein, das kann sie nicht!‹ »Übrigens war es nicht nur Gewissenhaftigkeit, die mich von ihr zurückhielt – es war auch eine Art Angst, eine Ahnung der Dinge, die kommen mußten. »War ich wirklich in sie verliebt – ich weiß es nicht. Ich glaube, es war etwas viel Heiligeres als nur so Verliebtheit, das ich für sie empfand. Eine von allerhand hübschen Fiorituren umkleidete Begehrlichkeit macht ja doch das Leitmotiv jeder echten Verliebtheit aus, und in mein Gefühl für Kathrin hatte sich die Begehrlichkeit noch nie hineingetraut. Um's genau zu sagen, so empfand ich für sie das, was ein halbwegs ritterlicher Untertan für seine junge, schöne Königin empfinden mag – mich in sie verlieben, wäre mir als Größenwahn erschienen! »Aber jetzt kam's – die Worte Wilhelms hatten den Bann gebrochen, mein Herz fing an, rascher zu schlagen – in meinen Adern brannte es. ›Wenn es möglich wäre – ach, wenn es möglich wäre!‹ »An die materiellen Vorteile, die mir eine Verbindung mit ihr gebracht hätte, dachte ich nicht. Gottlob, daß ich mir wenigstens das jetzt sagen kann! »Durch den Aufruhr in meiner Seele klang ihre süße, etwas tiefe Stimme: ›Es freut mich, daß ich endlich in meinem Leben einem wirklichen Helden begegnet bin!‹ Das Blut stieg mir in die Wangen: wenn sie das nur nicht gesagt hätte! »Ich lief weiter, weiter, aus der Stadt hinaus, bis dorthin, wo es nichts mehr als Kalk, Ziegelhaufen und unfertige Bauten gab, durch deren leere Fensteröffnungen man die grauen Gewitterwolken drohen sah. »Die ersten Regentropfen prasselten auf mich nieder – sie taten mir wohl. Es goß in Strömen, mir fiel es gar nicht ein, einen Unterschlupf zu suchen. Ich ging und ging . . . »Als ich nach Brüssel zurückkehrte, hatte sich das Unwetter verzogen, es war spät am Nachmittag, die Linden auf den Boulevards dampften von Feuchtigkeit, die ganze Stadt war von den Strahlen der tiefstehenden Sonne vergoldet, über allem lag ein mildes, verklärendes Licht. Um ganz Brüssel schwebte es wie ein Glorienschein. *           * * »Das erhebende Gefühl einer durchgemachten inneren Läuterung, einer heldenmütigen Entsagung schwellte mir die Brust, als ich meine triefenden Kleider in das Hotel de Flandre zurückschleppte. »Ich war mit mir einig geworden darüber, daß es nicht sein könne, nicht sein dürfe! »Wilhelm, dem ich dies auf seine gutmütige Frage, wie ich mir's überlegt habe, zur Antwort gab, lächelte etwas verschmitzt, erhob aber keine Einwendungen gegen meinen heroischen Entschluß – fragte mich nur, ob ich Abends noch mit ihm einen Sprung in die Rue de l'activité machen wolle, um mich von seinen Verwandten zu verabschieden. Das konnte ich nicht ablehnen. »Obgleich die Straßen noch von dem Gewitter naß waren, gingen wir zu Fuß und in Galoschen. In Brüssel gingen damals alle jungen Männer zu Fuß in Gesellschaft, selbst zu den Hofbällen. »Als wir uns der Rue de l'activité näherten, scholl uns Tanzmusik entgegen. »Wiegend, jauchzend, klagend! Im Palais d'Assch war Ball, eine hölzerne, mit allerhand Behängen verkleidete Markise beschirmte das Portal, eine dichte Volksmenge umdrängte es und machte lange Hälse, um etwas von der Toilettenpracht der Damen zu erspähen. »Durch die Musik hindurch tönte das Zuschlagen der Wagentüren, die rauhen Stimmen der Diener, die den Equipagen die Abholestunde zuschrieen, das Knistern und Rauschen der seidenen Schleppen. »Eine Angst erfaßte mich, Kathrin könnte sich auf den Ball begeben haben . . . wir würden sie nicht zu Hause finden. . . . »Aber wir fanden nicht nur sie, sondern den ganzen Salon voller Leute, meist Herren und Damen, die im Begriff waren, zu d'Assch zu gehen, und sich nur vorher bei Kathrin aufgehalten hatten, um eine Tasse Tee zu trinken und ein wenig zu plaudern. Kathrin war sehr animiert – über den Kreis von Verehrern hinüber, der sie umringte, suchte sie mich mehrmals mit den Augen. »Diese Verehrer drangen in sie mit Bitten, sie möge sich in der elften Stunde noch entschließen, das Fest zu besuchen, auf dem ihr Bruder sich bereits befand. »Sie wollte nichts davon hören, gab lachend ausweichende Antworten. »Ich saß mit den älteren Herrschaften um Kathrins Tante herum vor dem kalten Kamin. Man sprach von dem und jenem, dem neuen Bilde von Emil Wauters und der jüngsten politischen Komplikation. Man grämte sich darüber, daß der König zu schwach sei, den aufschäumenden Übermut der Demokratie zu bändigen, und lachte darüber, daß die Tochter eines der liberalen Minister in einem Federhut ausreite. »Gegen elf Uhr zogen sich die Menschen zurück. ›So, nun wollen wir's uns recht gemütlich machen,‹ rief Kathrin, ›helfen Sie mir diese Erdbeeren verzehren, Graf . . . hm . . .‹ »Aber Wilhelm, dem es offenbar darum zu tun war, meine Angelegenheit auf die Spitze zu treiben, erhob sich. ›Es geht schon auf Mitternacht, Paul,‹ bemerkte er, ›für zwei Leute, die den nächsten Morgen abreisen wollen, ist das spät. Meinst du nicht?‹ Er blinzelte mich mit einem komisch überlegenen Gesichtsausdruck an. »Ich aber sagte gelassen: ›Du hast recht, Wilhelm, ich habe noch verschiedenes zu ordnen!‹ »Kathrin war bis in die Lippen blaß geworden. ›Was bestimmt Sie eigentlich, abzureisen?‹ fragte sie. »›Du könntest eher fragen, was uns bestimmt hat, so lange zu bleiben,‹ erwiderte Willy. ›Wenn wir euch nicht hier getroffen hätten, wären wir schon längst über alle Berge – wenigstens ich. Es ist ja doch nur Pauls wegen, daß ich mich so lange hier aufhielt – den interessierte, glaube ich, die Bildergalerie,‹ setzte er mit einem humoristischen Zwinkern hinzu. ›Ich forderte ihn übrigens auf, zu weiterem Studium noch ein Weilchen allein hier zu verbleiben. Er wollte nichts davon wissen.‹ »›Ah!‹ Ihr Gesicht nahm einen harten, finsteren Ausdruck an, dann kalt, mit vollendeter Selbstbeherrschung bemerkte sie: ›Eigentlich habt ihr beide recht – es fängt an, sehr heiß zu werden in der Stadt, man sehnt sich aufs Land.‹ »Wir verabschiedeten uns in aller Form von den Damen, ich trug Kathrin eine besondere Empfehlung an ihren abwesenden Bruder auf, küßte ihre eiskalte Hand und ging. Als ich dann unten im Vestibül stand, würgte mich plötzlich die Verzweiflung an der Kehle. Warum hatte ich eigentlich meine Schiffe verbrannt? fragte ich mich – nun blieb mir nichts übrig, als zu ertrinken. Ich sah das Wasser vor mir, schwarz und kalt, sausend, mich in seinem Strudel fortreißend – mußte es sein? . . . »Ich trieb die Selbstquälerei so weit, meinen Oberrock anzutun und in den Hof hinauszugehen. Dort vor dem Tor, während mein Freund noch in seiner Westentasche nach dem Trinkgeld für den Diener suchte, riß plötzlich mein Heldenmut entzwei. ›Warte nicht auf mich, Willy,‹ rief ich, ›ich muß noch einmal hinein. Ich . . . habe etwas vergessen!‹ »› All right ‹ brummte er, indem er seine Zigarre ansteckte; ich aber eilte in das Haus zurück und stürzte die weiße Treppe hinauf. »›Wird sie noch dasein?‹ fragte ich mich atemlos. »Ja, sie war noch da – ihre Tante hatte sich zurückgezogen – sie aber war noch da. Durch die Tür, die nur von einer Portiere umhangen, nach dem Vorplatz zu offen stand, sah ich sie – mit müden, freudlosen Bewegungen bemühte sie sich, den Flügel zu schließen. »Da trat ich vor – sie zuckte zusammen. ›Suchen Sie etwas?‹ fragte sie herb. »Durch das offene Fenster drangen Wogen von Duft und Musik – der Walzer von Waldteufel war's, den sie im Palais d'Assch spielten – Sie begreifen, denselben Walzer . . . den . . . den . . . und Sie begreifen vielleicht auch, warum ich jedesmal halbverrückt werde, wenn ich ihn höre! »Mehr als eine Minute mochte vergangen sein, ehe ich die Lippen öffnete. »›Warum reisen Sie ab?‹ fragte sie schließlich heiser, fast rauh. »›Warum? . . . Weil ich ein armer Schlucker bin, der nicht das Recht hat, Ihnen sein Leben zu Füßen zu legen,‹ murmelte ich. ›Es ist eine Feigheit, Ihnen das einzugestehen, ich wollte abreisen, ohne es Ihnen gesagt zu haben – ich konnte nicht. Gott behüte Sie, Kathrin – Adieu!‹ »Sie hatte sich indessen in einen Lehnstuhl niedergelassen. Offenbar vermochte sie sich nicht mehr aufrecht zu halten vor Erregung. Ich kniete vor ihr nieder, zog den weißen Saum ihres Kleides an meine Lippen – als ich mich erheben wollte, hielt sie mich zurück. »›Ihre Armut ist kein Grund, der uns scheiden könnte,‹ murmelte sie, dann mit einem wundervollen Lächeln: ›Wenn Sie keinen stichhaltigeren haben, um . . . mich unglücklich zu machen, so . . . so . . .‹ Sie reichte mir die Hand, ich bedeckte sie mit Küssen! Aber im Lichte des Blicks, mit dem sie mich betrachtete, sah ich mehr als je den fürchterlichen Unterschied zwischen dem, was ich war – und dem, für was sie mich hielt. »Eine schauderhafte Betrügerei war's, ihre Liebe anzunehmen! »Ich wollte sie nicht blind in die Falle hineinlocken, ich bemühte mich, ihr die Augen zu öffnen. ›Es ist nicht nur meine Armut,‹ begann ich, ›aber ich bin Ihrer nicht würdig . . . ich habe ein leichtsinniges, vergeudetes Leben hinter mir.‹ Kurz, ich ließ mich in weitläufige Geständnisse ein . . . ich bemühte mich, wahr zu sein – aber was ich mit einem Wort gestand; nahm ich mit dem andern zurück oder schwächte es wenigstens ab . . . und schließlich sagte ich über mich nur das, was sie über mich zu hören wünschte – was ihre Augen mir eingaben zu sagen, alles was ich vorbrachte, war nur danach angetan, das Mitleid einer edeln Frauenseele zu wecken, und neben dem Mitleid jenen schwungvollen Herzenstrieb, der alle sittlich hochstehenden weiblichen Naturen kennzeichnet – den Trieb, einen Sünder zu bekehren, einen Verirrten den richtigen Weg zu führen. »Als ich meine Beichte geendigt, das, was ich für meine Beichte ausgab, was ich für meine Beichte hielt, und nun, noch immer zu ihren Füßen knieend, ihren Urteilspruch erwartete, fühlte ich ihre Hand leise, wie segnend auf meinen Kopf niedersinken. Den andächtigen, wonnigen Schauer jenes Augenblicks vergesse ich nie! ›Kathrin!‹ jauchzte ich und schloß sie in meine Arme! »Die Uhr auf dem Kamin kündigte wehmütig den Tod auch dieser Stunde! »›Gott, wie spät es geworden ist!‹ rief ich fast verlegen. »›Ja,‹ erwiderte sie mit der rührenden, etwas unbeholfenen Schalkhaftigkeit ernster, stark empfindender Mädchen, die selten lächeln. ›Es ist sehr spät – Sie werden mich noch ins Gerede bringen – Sie sehen, daß Sie mich nicht mehr im Stich lassen dürfen!‹ »Ich küßte ein letztes Mal ihre beiden Hände und ging. »Unten auf dem Platz angelangt, blickte ich noch zu dem Balkon hinauf, wo wir an jenem ersten Abend miteinander geplaudert hatten. Ja, dort stand sie in ihrem weißen Kleid! Mehr als je mutete sie mich an wie eine Erscheinung aus einer andern Welt. Ein letztes, halblaut süßes ›Gute Nacht!‹ murmelte sie mir zu und verschwand im Inneren des Hauses. »Ich stand noch ein Weilchen wie benommen da, dann ging ich meiner Wege. »Die Nacht war unsagbar schön! Noch triefte und glänzte alles von dem nachmittägigen Gewitterschauer. Über der Kirche von Sankt Joseph schwebte der Vollmond in einem blaßgrünen Himmel, über den sich schillernde, durchsichtige Wolken hinzogen. Auf dem taufunkelnden Rasen des Square lagen blendend weiße Lichtstreifen neben schwarzen Schatten. »In den süßen Blätter- und Blütenatem mischte sich mächtig, ja geradezu betäubend der Duft der bis ins Innerste aufgeregten lebentreibenden Erde. Die wiegenden Tanzmelodieen schwebten darüber hin. »Den Kopf sehr hoch, wie getragen von einem jeglichem Erdenschmutz entfremdeten Gefühl, ganz in die Erinnerung an sie versunken, schritt ich über den Platz. Da schlug plötzlich etwas Störendes an mein Ohr – das Lallen eines Betrunkenen. »Aus der Rue du Commerce kam er auf mich zu, den Zylinder auf dem Ohr, den Schnurrbart hoch hinaufgedreht, einen Stock um die Hand wirbelnd, gröhlte er eine Walzermelodie – die Melodie . . . »Mir war's, als sei mir eine Kröte über den Weg gesprungen! »Mehr als zwanzig Jahre später habe ich in Paris in der Neujahrsnacht in einem der Spiegel, die neben den Auslagen der Läden hinlaufen, mich selber erblickt. Ich fragte mich, woran mich mein Bild erinnere? An den Betrunkenen, vor dem ich erschrocken war in jener wundervollen Juninacht, die mein Glück und mein Unglück besiegelte! Es war dasselbe . . . ich versichere Ihnen, genau dasselbe. *           * * »Den nächsten Morgen verschlief ich die Abreisestunde. Wilhelm kam in mein Zimmer, rüttelte mich auf und gab vor, Eile zu haben. »›Wir versäumen den Zug, wir versäumen den Zug,‹ rief er ein Mal über das andre. »›Ah . . . ah,‹ erwiderte ich, mir die Augen reibend, ›was willst du?‹ »›Abreisen.‹ »›Ich . . . ich reise nicht!‹ »›So . . . nun dann müssen wir schleunigst Abschied nehmen!‹ »Aber wir nahmen nicht Abschied. Er war ein guter Kerl und wußte, daß ich ihn, so wie die Dinge standen, mehr als je brauchte. »Beim Frühstück teilte er mir schmunzelnd mit, daß er die ganze Verlobung absichtlich eingefädelt und sich nur deswegen in Brüssel aufgehalten hatte, um mich mit Kathrin bekannt zu machen. ›Ich wußte, daß sie sich für dich interessiert,‹ meinte er, ›sie hatte mir einmal nach Wien um eine Photographie von dir geschrieben.‹ »In meiner Serviette fand ich einen Briefumschlag – er enthielt meinen zerrissenen Schuldschein! ›Mein Hochzeitsgeschenk!‹ erklärte Wilhelm. Er lachte – ich weinte. Wir umarmten uns. »Kathrin hatte mit mir ausgemacht, daß ich den Tag nach unsrer Verlobung bei ihr lunchen solle. »Vorher begab ich mich jedoch noch zu ihrem Bruder, der Raummangels halber nicht in dem kleinen, hübschen Hotel der Rue de l'activité, sondern in einem Junggesellenquartier in der Rue Montoyer wohnte. »Er empfing mich sehr herzlich, klopfte mich auf die Schulter und behauptete, genau zu wissen, was ich ihm zu sagen gekommen sei, noch ehe ich den Mund aufgemacht hatte. »Dann bot er mir eine Zigarre an und forderte mich auf, mich niederzusetzen. Die Zigarre war ausgezeichnet, der easy chair , den er mir zuschob, sehr bequem. Überhaupt war seine ganze Behausung über die Maßen anheimelnd. »Als ich ihm etwas darüber sagte, lachte er vergnügt und meinte: ›Nicht wahr, 's ist gemütlich bei mir – gemütlicher als bei Kathrin – o, Sie brauchen keine so entsetzten Augen zu machen. Ich will Kathrin nicht nahe treten, aber . . . mir ist in ihren immer wie die Kirche im Marienmonat mit Lilien und weißen Rosen geschmückten Gemächern zu Mut wie in einem Vorsaal des Himmels, dessen ich mich noch nicht würdig fühle. Bei mir sieht's nicht erhaben aus – aber dafür haben meine Stühle bequeme Lehnen – 's ist einfach irdisch, hausbacken, für Menschen hergerichtet und nicht für Engel.‹ Dann rückte er mir einen Aschenbecher näher, und sich vor mich hinstellend, die Hände in den Taschen seines Jacketts, richtete er den Blick voll auf mich und sprach: ›Also Sie haben den Mut, meine Schwester zu heiraten? Ich gratuliere!‹ »Daß er die Sache von diesem Standpunkte aus betrachten würde, kam mir unerwartet. »›Vor allem,‹ rief ich, ›bitte ich, mir zu glauben, daß, obschon mir Ihre Schwester vom ersten Augenblick an die größte Bewunderung einflößte, ich nicht einen Augenblick gewagt hätte, ein solches Glück, wie es mir beschieden scheint, auch nur für möglich zu halten, wenn . . .‹ Hier stockte ich, worauf er mir mit dem heiteren philosophischen Wohlwollen, das ihn kennzeichnete, folgendermaßen ins Wort fiel: ›Weiß schon – begreife – es wird Ihnen schwer, mir klar zu machen, daß Sie nicht gewagt hätten, um Kathrin zu werben, wenn sie Ihnen nicht bis zu einem gewissen Grad entgegengekommen wäre. Sie brauchen sich nicht weiter anzustrengen – ich habe die Dinge sich entwickeln sehen! Ich bin nicht eingeschritten, erstens weil es nichts genützt hätte – zweitens weil Kathrin eine noch unvernünftigere Wahl hätte treffen können. Ich habe mich bei Willy nach Ihnen erkundigt, er hat Ihnen das glänzendste Zeugnis ausgestellt: sehr gute Familie, tadellose Vergangenheit, schneidiger Offizier und so weiter. Leider kein Vermögen! Das ist allerdings ein großer Fehler – es ist immer ein Fehler, wenn es dem Manne der Frau gegenüber an Autorität gebricht, und ein Mangel an Vermögen schmälert entschieden die Autorität eines Ehemannes; nicht so sehr in den Augen der Welt, als in seinen eigenen Augen, wenn er zartfühlend ist; er bleibt immer unbeholfen der Frau gegenüber, wagt nicht aufzutreten. Aber was ist da zu machen? In den Augen meiner Schwester ist Ihre Armut eine interessante Eigenschaft – und in meinen Augen ist sie zwar eine Unbequemlichkeit, aber eine, die mich keineswegs berechtigt, in diesem Fall ein Veto einzulegen. So bleibt mir denn nichts übrig, als Ihnen beiden meinen Segen zu geben und Sie beide . . . von ganzem Herzen zu bedauern!‹ »›Erlauben Sie –‹ rief ich außer mir. »Er schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab. Ich seh' ihn noch vor mir, die Hände in den Taschen seiner Joppe, auf und nieder gehen. »›Ich kenne meine Schwester genau,‹ rief er, ›schätze sie sehr hoch und liebe sie aufrichtig. Eben deshalb hatte ich gehofft, daß sie – so wie sie nun einmal ist – unverheiratet bleiben möge. Meine Schwester ist eine Idealistin, aber sie gehört zu der gefährlichsten Kategorie der Idealisten, nämlich zu der Kategorie der intermittierenden. Ein Idealist ist immer mehr oder minder ein Ungeheuer, das sich ausschließlich von Illusionen nährt und grausam wird, wenn ihm der Vorrat ausgeht. »›Es gibt Idealisten, denen die Illusionen nie ausgehen, Idealisten, die mit einer verschönernden Augenkrankheit durchs Leben wandeln, unter deren Einfluß sie alles in einem verklärenden, verwischenden goldenen Nebel sehen. »›Jede kleine Dummheit ist für sie ein Ereignis, jeder zerstruwelte Brausekopf ist für sie ein Genie, sie finden Bedeutung, wo sie kein andrer findet, und Schönheit, wo sie kein andrer sieht. Sie kommen einem manchmal beinahe dumm und zu andern Malen beinahe unmoralisch vor, aber man hat sie gern des unerschöpflichen Wohlwollens halber, das mit ihrem Wahn verbunden ist, und wegen der unbewußten Milde ihrer schwachen Augen, mit denen sie freundlich lächelnd an unsern Schwächen oder Gebrechen vorübersehen. Was sind wir manchmal einem Paar solcher schwacher, gutmütiger Augen dankbar dafür, daß sie nicht sehen! Die Blindheit ist ja so viel wohltuender als die Nachsicht und das Mitleid, mit welchen beiden Eigenschaften das Wohlwollen kluger Menschen immer verdünnt ist! »›Na – also . . . diese armen, ihre Illusionen immer von neuem erzeugenden Idealisten sind wohltuend – aber mit denen hat der Idealismus meiner Schwester nichts gemein. Der Idealismus meiner Schwester ist eine grausame Forderung an die Menschheit, deren sittliche Leistungsfähigkeit sie überschätzt, und mit deren Schwächen sie sich nicht abfinden will. So ein Anflug von Begeisterung ist bei ihr ein vor übergehender Wahn; sobald er sich verflüchtigt hat, sieht sie alles, alles, alles! Sie sieht das Leben so deutlich, daß ihr davor graut. Sie ist wie die Menschen, die kein Wasser mehr trinken können, weil sie einmal einen Wassertropfen unter dem Mikroskop betrachtet haben! Sie betrachtet alles durch das Mikroskop. In Ihnen glaubt sie den Höhepunkt der Menschheit, den Helden gefunden zu haben, nach dem sie sich ihr Lebtag gesehnt – das Maximum; es wird nicht ewig dauern, der Tag wird kommen, an dem Kathrin auch Sie durch das Mikroskop mustern wird – und dann . . . gnade Ihnen Gott! . . . Aber gehen wir frühstücken . . .‹ »Ende August heirateten wir. Um sieben Uhr früh in der Kirche Sankt Joseph, die reich mit weißen Rosen und Nelken geschmückt war. »Durch das Düster der Kirche schimmerte das Rot der Altarkerzen, neben mir kniete eine weiße, magische Erscheinung – Kathrin, und beugte, dicht umhüllt von dem Mysterium des Brautschleiers, ihr königliches Haupt demütig unter der beseligenden Last der Myrtenkrone. »Ich fühlte mich dermaßen ergriffen, daß ich nicht wußte, wie meine Fassung behaupten. »Als wir das Gelöbnis geleistet, die Ringe gewechselt hatten und nun in einer Wolke von Weihrauch und Rosenduft durch das traumhafte Halbdunkel der Kirche in den hellen Sonnenschein hinaustraten, ertönte hinter uns die östreichische Volkshymne. Wem ich diese Aufmerksamkeit zu danken hatte, weiß ich noch heute nicht. Ehrlich gesagt, hab' ich auch nie danach gefragt! »Die Unruhe, die einer Erinnerung vorangeht, meldete sich in meiner Seele, und plötzlich mitten in dem hellen Sonnenschein war mir's, als tauchten die feuchten Nebel von Königgrätz vor mir auf. Da überkam mich etwas, das ich nur einmal früher empfunden hatte, und zwar damals, als ich unserm verängstigten Bataillon voran, diese selbe Volkshymne singend, Arm in Arm mit meinen drei Kameraden ins Feuer geschritten war – ein die Brust erweiterndes, emportragendes Gefühl, als ob mir plötzlich Flügel gewachsen wären – ein Gefühl, das über die dem Menschen gesteckten Grenzen hinausstrebte – nichts Freudiges darin – nein, tief traurig – ein heiliger Schmerz – aber doch das Schönste, was ich je empfunden! In diesem Augenblick gelobte ich's mir feierlich, ein andrer Mensch zu werden und durch meine ganze weitere Existenz Kathrinens begeisterte Zärtlichkeit für mich Unwürdigen zu rechtfertigen! »Wie ich mein Gelöbnis gehalten habe, sehen Sie selbst!« Der Alte hielt sich einen Moment die Hand über die Augen, dann mit heiserer, niedergeschlagener, sich aber allmählich wieder erwärmender Stimme fuhr er fort: »Also wir waren verheiratet! Feierlichkeiten gab's keine, außer der schönen Feier in der Kirche, kein Hochzeitsdejeuner mit neugierigen, gleichgültigen Menschen, kein Verwandtenschwarm auf der Bahn. Nur ihr Bruder begleitete uns bis an das für uns reservierte Coupé. Seltsamerweise war er bedeutend aufgeregter als Kathrin! Totenblaß betrachtete er abwechselnd sie und mich und quälte beständig seinen Schnurrbart. Der Abschied der beiden Geschwister war rührend. Zum Schluß stieg er noch in das Coupé, zog die Schwester an sich und sagte ihr: ›Verlang nicht das Unmögliche vom Leben – hab' Geduld . . . hab' Geduld!‹ »Dann küßte er sie sehr innig, drückte mir die Hand und verließ uns. »Ich habe ihn nie wiedergesehen! Die Tür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als der Zug davonbrauste. »Nachdem ich dem Schwager noch ein letztes Lebewohl zugenickt hatte, wendete ich mich meiner jungen Frau zu. »Ich betrachtete ihre wundervolle Erscheinung sprachlos, wählend sie mit der zärtlichsten Schalkhaftigkeit – auf das erste Wort unsres ersten ehelichen Tete a tete harrte. Mir kam's vor, als ob sie erwarte, daß dies erste Wort etwas Besonderes – Bedeutungsvolles sein solle. Ich fühlte mich ganz entsetzlich eingeschüchtert. Ich suchte in meinem Gehirn – ich fand nichts, nur immer das eine hätte ich ihr zurufen mögen: ›Stell' mich nicht auf ein so hohes Piedestal, mir schwindelt, laß mich zu deinen Füßen knieen und mich langsam aufrichten an dir!‹ »So viele Worte aber konnte ich in meiner großen Aufregung nicht finden, und schließlich küßte ich ihr nur einfach die Hände und murmelte: ›Hab' Geduld!‹ *           * * »Sie hat keine Geduld gehabt – zwei Monate später hat sie mich durchs Mikroskop gesehen, und da war natürlich alles vorbei! »Nein, sie hat keine Geduld gehabt – zwei Monate nach unsrer Trauung war alles vorbei! Und schließlich – ganz unrecht hatte sie nicht, mich zu verstoßen, ich war ihrer nicht wert, aber . . . wenn sie sich durch den Abscheu, die Empörung hindurch, in der ihre Liebe zu mir erstickt ist, noch der ersten Zeiten unsrer kurzen Ehe erinnert, so muß sie sich sagen, daß wenige Frauen Flitterwochen genossen haben wie die, die ich ihr bereitete. Was man einer Frau an leidenschaftlichen Huldigungen, an zartesten Rücksichten bieten kann, habe ich ihr geboten. Ich war durch ihren Einfluß so aus mir heraus, so über mich hinausgehoben, daß ich für eine kurze Zeit ihren höchsten Ansprüchen genügte. »Erst hielten wir uns in einem einsamen Schlößchen in den Ardennen auf, dann reisten wir den Rhein entlang aus einem traumseligen Städtchen ins andre. »O es war schön, die langen Spaziergänge, besonders das Heimkehren, wenn sie sich in leichter Ermüdung – der schnellen Ermüdung jener, die schwer tragen an einem großen Glück – fester an meinen Arm hing und ein wenig schleppen ließ. »Dann das Beisammensein in unserm Wohnzimmer bei offenen Fenstern, eng aneinandergeschmiegt, und von dem hereindringenden kühlen Hauch der ersten Oktoberabende umschwebt! Von fern hörten wir das Kichern und Singen der Burschen und Mädel, die die reifen Trauben von den Weinstöcken schnitten, deren Blätter der Herbst rot und gelb gefärbt hatte; und zwischen die Fröhlichkeit der Winzer schauerte mahnend das Knistern des fallenden Laubes! »Die Dämmerung sank – sank – der Hauch des Abends wurde kühler – enger schmiegten wir uns aneinander; von den Weinbergen tönte kein Laut– alles war verstummt, nur vor unsern Fenstern rauschte der Rhein, über dessen Glanz die Abendnebel hinzogen – ernst und großartig rauschte er dahin – ohne Hast – ohne Rast! »Es war, als höre man den Strom der Zeit vorbeirauschen an unsrer Liebe, die ewig währen sollte! »Ewig! . . . Mein Gott! *           * * »Das erste Angstgefühl um meine Liebe kam mir beim Anblick des Rheinfalls in Schaffhausen. Ich habe Ihnen davon erzählt. Unverwandt, solange ich ihn erblicken konnte, hingen meine Augen an dem herrlichen jungen Strom, der sich dort so keck und mutig in ein reicheres Leben stürzt. »Als er außer Sicht war, zuckte ich zusammen. Kathrin fragte mich, wovor ich erschrocken sei. Ich erwiderte ihr: ›Es fiel mir eben ein, was für ein klägliches, schmähliches Ende der junge Strom nimmt, der hier seiner glänzenden Entfaltung zujauchzt. Hast du den alterschwachen Rhein ins Meer versinken sehen – durch einen dicken Sumpf hindurch, aus dem er den Weg kaum herausfinden kann?‹ »›Es ist ein häßliches Bild,‹ erwiderte sie leise. »›Weil so manches Leben ihm ähnlich sieht.‹ »›Ach, das ist eine Ausnahme,‹ erwiderte sie, ›die meisten Ströme ergießen sich breit und voll in das Meer.‹ »›Ja,‹ gab ich ihr zur Antwort, ›aber traurig bleibt's doch, daß die stolzeste Laufbahn des herrlichsten Stromes ein Abwärtsfließen – ein langsames Sinken in sich schließt!‹ »Darauf runzelte sie ihre feinen Brauen, dann den Kopf zurückwerfend, sagte sie: ›Es gibt auch ein triumphierendes Versinken! Wohl dem Strom, der sich in ein Meer verliert, das tiefer und großartiger ist als er selbst!‹ »Es lief mir kalt über den Rücken!« »Eines Tages kam ich zu dem Bewußtsein, daß die Flitterwochenzeit vorüber war. Ich kann Ihnen nicht sagen, woran ich es merkte. Ein böses Wort war zwischen uns nicht gefallen und unsre Zärtlichkeit hatte nicht abgenommen. Wir küßten einander noch gerade so oft wie früher – aber manchmal in die seligste Verzückung hinein beschlich mich etwas wie eine leise Verstimmung. Der goldene Dunst vor ihren Augen fing an zu verschweben – öfters, immer öfter bemerkte ich etwas Musterndes, Prüfendes in ihrem Blick. »Und immer häufiger überkam mich das Gefühl meiner Unzulänglichkeit; ich kann Ihnen nicht sagen, wie linkisch mich das machte, wie schwer es mich drückte! »Wir reisten jetzt durch Oberitalien, von Venedig nach Mailand, von Mailand nach Genua – dann von Genua zu Wagen die Riviera entlang. »Es war Ende Oktober und die Blätter fielen, aber die Rosen blühten mitten zwischen das herbstliche Sterben hinein, und die immergrünen Bäume des Südens lenkten den Blick ab von dem Verfall. »Eines Nachmittags fuhren wir die Bergstraße zwischen Monte Carlo und Nizza entlang, auf der einen Seite ein Olivenwald, auf der andern eine fast schroff gegen das Meer zu abfallende Felswand. »Nur hie und da hatte sich eine Pflanze an den Stein geklammert – ein stachliger, blaugrauer Kaktus, eine merkwürdige Distel oder ein Tamariskenbusch. »Tief unter uns rauschte das blaue Meer und küßte leise den harten Fuß des Felsens. »Heute zieht sich durch diese Gegenden am Rande des Abhangs eine schöne, weiße Mauer, über der sich zum besonderen Schutz der Reisenden an den gefährlichsten Punkten der Straße noch ein Gitter erhebt. Damals gab es keinerlei Schutzwehr und man mußte sich gänzlich der Klugheit der Pferde und der Vorsicht des Postillons anvertrauen. Ich bin von Natur aus zum Schwindel geneigt – meine Frau kannte dergleichen gar nicht. Da sie auf meinen Vorschlag, auszusteigen und zu Fuß weiter zu wandern, nicht eingegangen war und ich mich nicht dazu bringen konnte, meine Schwachheit einzugestehen, so lehnte ich mich mit geschlossenen Augen im Wagen zurück, als sie mich plötzlich mit einem Schrei des Entsetzens am Ärmel packte. Ich fuhr auf und fragte: ›Was gibt's?‹ Sie deutete nach dem Abhang hin, und dort erblickte ich etwas, das mir allerdings das Blut in den Adern erstarren ließ, nämlich ein etwa zweijähriges Kind, das gegen fünfzig Fuß tiefer als der Straßenrand an einem Gestrüpp hing. Es mußte herabgestürzt und von dem Buschwerk wundersamerweise aufgehalten worden sein. In der Ferne sah man ein Frauenzimmer, offenbar die Wärterin des Kleinen, mit verzweifelt vor sich hin gestreckten Händen und laut schreiend dem nächsten Dorfe zueilen. Offenbar wollte sie Hilfe suchen. »Hilfe! Ehe die Menschen mit Stricken und Leitern die Stelle erreicht hätten, wäre der arme Wurm längst zerschmettert unten gelegen! »Was war zu tun? »Das Kind wimmerte und weinte und schlug mit den Ärmchen um sich – die Dornen hielten es am Kleidchen fest – es wußte nicht, daß diese Dornen seine einzige Rettung waren – es tat, was es konnte, sie von sich abzuwehren. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn – eine halbe Sekunde später war ich irgendwie den Felsen hinabgerutscht auf das Kind zu. Ich handelte, einem höheren Gebot folgend, wie im Traum, aber selbst in diesem traumhaften Zustand war ich mir deutlich des Umstands bewußt, daß unser Kutscher mich mit einem entsetzten Warnungsruf hatte zurückhalten wollen, während Kathrin mich stumm und regungslos gewähren ließ . . . Ja nicht nur das. Einen Augenblick war's wie eine nervöse Unruhe durch ihren Blick geirrt – wie eine Angst, ob ich die Prüfung bestehen würde. »Mich an Dornen und Gräsern anklammernd, erreichte ich das Kind. Es hing nur noch mit einem Fältchen seines Kleides an dem Gestrüpp. Ich empfand eine jauchzende, jubelnde Freude, als ich den kleinen, warmen Leib in meinem Arm fühlte, dann löste eine lähmende Müdigkeit die Freude ab. »Was nun? Warten, bis die Menschen mit dem nötigen Rettungskrimskrams angesegelt kämen! Die große Woge der Begeisterung, die mich sozusagen den Abhang hinuntergeschwemmt hatte, war verbraust, nie in meinem Leben war ich nüchterner, klarer gewesen. Im rechten Arm hielt ich das Kind, mit der linken Hand klammerte ich mich an einen Ast des Strauches fest. Der Ast krachte, ich fühlte, daß er nicht lange meiner Last widerstehen würde. »Oben, in recht anständiger Entfernung vom Rande des Abhanges, in einem bequemen Wagen hinter zwei vorsichtigen Pferden, hatte mir dermaßen geschwindelt, daß ich die Augen hatte schließen müssen. Hier an einem Haar über dem sicheren Tod schwebend, hielt ich die Augen weit offen und fühlte nicht die geringste Beängstigung – höchstens das Kind fallen zu lassen, fürchtete ich. Im übrigen prüfte ich meine unangenehme Lage genau und berechnete, was noch an Möglichkeiten vorhanden war, mich ihr zu entziehen. Viel Hoffnung lachte mir nicht – einen Augenblick kam der Gedanke, alle weitere qualvolle Unschlüssigkeit abzuschneiden, den Ast los und mich samt dem Kind in die Tiefe stürzen zu lassen. Und möchten Sie das glauben – in den Gedanken mischte sich der Wunsch, durch meinen Tod meiner Frau ein Leid zuzufügen. Ich hätte ihr das Leid gegönnt – es nagte mir am Herzen – in diesem feierlichen, schauerlichen Augenblick, an der Grenze der Ewigkeit nagte mir's am Herzen – ja, ich vermochte nichts andres zu denken, als daß der fremde Kutscher, der elende Mietling, mich von dem halsbrecherischen Unternehmen hatte zurückhalten wollen – mein Weib nicht! »Lange dauerte die selbstmörderische Anwandlung keineswegs; als der Ast in meiner Hand stärker zu krachen begann und die dringende augenblickliche Gefahr mir näherrückte, sah ich mich von neuem gespannt nach einer Rettungsmöglichkeit um. »An ein Hinaufklettern war nicht zu denken – und knapp unter dem Busche war der Abfall des Felsens senkrecht – aber links von mir, etwa sechzig Zentimeter von dem Platz, an dem ich mich befand, fing das Gestein an, sich etwas abzuschrägen, auch zeigte sich da schon hin und wieder ein Gestrüpp, so daß man sich langsam hinunterrutschen lassen konnte. Es galt nur, sich diese sechzig Zentimeter weit nach links zu schieben . . . sechzig Zentimeter . . . es ist nichts . . . aber ich sag' Ihnen, mir war's, als dauerte es ein Jahr, ehe ich darüber hinwegkam – ich weiß noch heute nicht, wie mir's gelang! Ich nahm das Kleidchen des Kindes zwischen die Zähne, dann griff ich nach einem kleinen Tamariskenbusch, der an der Stelle aufragte, wo sich der Felsen zu schrägen begann . . . er hielt genau so lang, bis ich mich hinübergewunden . . . dann gab er nach – alles fing an, nachzugeben – mein Bewußtsein, meine Willenskraft, meine Nerven – das Kind immer noch teilweise im Arm, teilweise mit den Zähnen festhaltend, ließ ich mich hinuntergleiten; manches Mal hielt ich mich an einem Steinvorsprung, ein andermal an ein paar derben Gräsern, an denen ich mir die Hände zerschnitt . . . eh' ich mich dessen versah, war ich unten! »Auf einem rings vom Meer umspülten Felsblock saß ich da, ein bewußtloses Kind auf dem Schoß – müde, mit einem zerschundenen Körper, zerrissenen Kleidern – und einem wunden, zornigen Herzen! »Zum ersten Male blickte ich nach meiner Frau. Ich habe Falkenaugen – Jägeraugen. Trotz der großen Distanz, die uns trennte, sah ich sie genau. Dort stand sie am Rande des Abgrunds, drückte beide Hände an ihren Mund und schickte mir einen Kuß. »Ihre Gestalt hob sich gegen den Hintergrund eines Olivenwaldes ab, zwischen dessen grausilberigem Laub die rote Brunst des Sonnenunterganges glühte. Sie sah hinreißend schön aus, auch ihre Gebärde war schön, edel. Dennoch trug sie nur dazu bei, meinen Zorn zu vermehren. Anstatt Kathrins Gruß zu erwidern, wendete ich meinen Kopf von ihr ab. »Als ich wieder hinaufsah, hatte sie den Wagen bestiegen und rollte dem Flecken zu, der hinter den Olivenbäumen aufragte. »Sie ist gegangen, um ein Boot zu holen, sagte ich mir – es war mir ganz gleichgültig! *           * * »Wie viel Zeit verstrich, ehe sie mit dem Boot kam, weiß ich nicht. »Ob's lang, ob's kurz war? Ich sehnte mich nicht nach dem Boot – ich sehnte mich nach nichts – in mir war alles stumpf – mit einer Stumpfheit, aus der sich's wie ein dumpfer Haß gegen meine Frau herausrang – ja, ein Haß! »Meine Gedanken drehten sich immer im selben Kreise herum. »Es wäre in jedem Fall gekommen, wie es kommen mußte! Das Kind hätte ich ja nicht im Stich gelassen, aber daß meine Frau mich nicht nur nicht zurückgehalten, sondern Angst gehabt hatte, ich könne der Prüfung nicht gewachsen sein, das wurmte mich! . . . »Das Boot kam, von zwei Schiffern gerudert, Kathrin saß darin, himmlisch schön, mit dem verklärenden Dunst vor den Augen, den ich so gut kannte. Sie streckte die Arme nach mir aus, ich schob sie von mir. Sie wollte mir das Kind abnehmen – ich hielt's fester an mich. Da senkte sie traurig das Haupt. »Die Schiffer wollten mir entgegenjubeln – ich lehnte alle Ovationen ab. Nun bestiegen wir den Kahn. Längere Zeit war nichts zu hören als das leise Anklatschen der Wellen an die Flanken des Boots und das Aufundniedertauchen der Ruder. Dann stimmten die Schiffer ein Lied an. Das Kind auf meinen Knieen kam zum Bewußtsein, öffnete die Augen, sah mich verwundert an, verzog das Mündchen und fing an zu wimmern. »Ich bemühte mich, es zu beschwichtigen, aber ohne Erfolg, und da jetzt meine Frau zum zweiten Male die Hände danach ausstreckte, so überließ ich es ihr. In ihren Armen beruhigte es sich sofort. Sie hatte aber auch eine gar zu liebe Art, es anzurühren, ihm zuzulächeln; ihre Haltung schmolz in eine so unaussprechliche Weichheit und Zärtlichkeit zusammen, daß ich meinen ganzen wütenden Zorn vergaß. Zum ersten Male sah ich eine ganz neue Kathrin vor mir; und die söhnte mich mit der alten aus. »›Wenn wir nur schon so weit wären!‹ dachte ich heimlich, und wurde mir zugleich darüber klar, daß alle ans Unerquickliche streifenden Überspanntheiten ihres Wesens nichts andres waren, als die sich in edlen Schrullen äußernde Unreifheit einer großartigen Natur, die länger als eine andre braucht, um sich voll und harmonisch zu entwickeln, und daß sie die liebenswürdigste aller Lebensgefährtinnen werden würde, sobald ihre Liebe zu mir durch eine gegenseitige Sorge geheiligt worden wäre. *           * * »Am Ufer kam uns die Wärterin des Kindes entgegen. Sie machte ein großmächtiges Geschrei, kniete vor mir nieder – aber das gehört nicht hierher. Ich habe weder sie noch das Kind je wiedergesehen. »Als wir endlich allein waren, Kathrin und ich, und nun einen schmalen Weg zwischen zwei Orangengärten entlang gingen, fragte sie plötzlich: ›Warum warst du mir denn eigentlich so böse, Paul?‹ Dabei legte sie mir die Hand auf den Arm. »Etwas von meinem erlöschenden Groll flammte bei dieser Frage von neuem in mir auf. ›Warum ich dir böse war – mich ärgerten deine heroischen Attitüden,‹ erklärte ich ihr schroff. »›Meine heroischen Attitüden?‹ Die Tränen traten ihr in die Augen. »›Daß ich dem Kind beispringen mußte, verstand sich von selbst, wie hätte ich denn das Leben weiter ertragen sollen und an den Wurm denken – aber es gibt keine Frau, die bei einer ähnlichen Gelegenheit ihren Mann nicht zurückzuhalten versucht hätte, während du . . . du jagtest mich förmlich mit deinen Augen vorwärts, einen Moment – Gott verzeih mir's, sahst du mich an, als habest du Angst . . . ich könnte vielleicht nicht selbst auf den Gedanken kommen, da hinunterzuspringen!‹ »Sie hatte meinen Arm losgelassen und war stehen geblieben. Beide Hände über den Augen, verblieb sie eine Weile regungslos, worauf sie dann plötzlich und unvermittelt dermaßen zu schluchzen begann, daß ihr ganzer Körper davon zuckte und zitterte. Mich überkam eine gewaltige Rührung. Ich nahm sie in meine Arme und küßte sie wieder und immer wieder. Als sie sich etwas beruhigt hatte, blickte sie zu mir auf: ›Zurückhalten durft' ich dich nicht,‹ murmelte sie, ›aber von dem einen kannst du überzeugt sein, wenn dir etwas zugestoßen wäre, so hätte ich mich in die Tiefe gestürzt – dir nach.‹ Ich fühlte, wie ihr Körper an meinem Herzen schauderte. Daß sie die Wahrheit gesprochen hatte, wußte ich. *           * * »Als ich den nächsten Morgen erwachte, bemerkte ich, daß die Schläfen meiner Frau über Nacht grau geworden waren. »Da erriet ich, was sie, dort am Rande des Abgrundes stehend, für mich gelitten hatte. »Das rührte mich natürlich sehr, und ich küßte die armen, verblaßten Härchen . . . aber ein Bodensatz aufrührerischer Bitterkeit war seit jener grauenhaften Begebenheit in mir verblieben und gärte bei den geringfügigsten Anlässen von neuem in mir auf. »Sie hatte sich's von mir ausgebeten, daß wir uns ein paar Tage in dem Flecken aufhalten sollten, neben dem ich das Kind gerettet hatte. Es war damals ein ziemlich unbedeutendes Örtchen. Ich sehe es noch vor mir – die einfachen Häuser, teilweise grellweiß mit blaßgrünen Bretterfensterläden – Fensterläden in einem Stück, wissen Sie – andre Häuser mit großen, braunen Narben an den Wänden – Stellen, wo die Feuchtigkeit den Mörtel heruntergefressen hatte – andre ganz ohne Mörtel und ohne Fensterläden und mit außerhalb angebauten Steintreppen, fast alle mit denselben blaßrötlichen Dächern, und ringsum das fiedrige Grau der Ölbäume oder das golddurchschimmerte Dunkelgrün der Orangengärten. Im Hintergrund die himmelanstrebende Schroffheit der dürftig bewachsenen Alpen – vorn das blaue Meer – blau – blau – als hätten die Engel ein Stück Himmel gestohlen, um es uns vor die Füße zu breiten. »Die Rosen dufteten noch, und die Sonne schien goldig und hell, aber über alles senkte sich doch schon eine dämpfende Traurigkeit – die Traurigkeit, die jeden Wechsel begleitet. »Kammerdiener und Jungfer hatten wir vorausgeschickt nach Nizza, wo sie das Winterquartier für uns vorbereiten sollten. »Wir lebten wie die Studenten in einem kleinen, primitiven Gasthof mit einer Terrasse, die auf das Meer hinaussah und von einem Feigenbaum beschattet war. »Wir nährten uns hauptsächlich von Makkaroni, Parmesan, Paradiesäpfeln und Bouillabaisse – wir bedienten einander gegenseitig – sie bürstete meine Röcke aus und ich knöpfte ihr ihre Stiefelchen zu, wir machten lange Spaziergänge zwischen den Orangengärten und in den Olivenwäldern der Umgebung, und kamen mit einem wundervollen Appetit heim. Es hätte so reizend sein können, und doch . . . »Ihr ganzes Wesen hatte sich verändert, ihr Lächeln, ihr Blick, der Ton ihrer Stimme, alles verriet mir gegenüber eine fast demütige Innigkeit. »Ich hatte es sehnlichst gewünscht, daß aus meiner Heroine ein Weib werden möge – jetzt war mein Wunsch erfüllt! Aber anstatt mich zu freuen, überkam mich die Melancholie der Menschen, denen nichts mehr zu wünschen übrig bleibt! »Und wenn's noch Melancholie gewesen wäre, aber . . . es war launenhafte Verdrießlichkeit. Früher hatte ich beständig daran denken müssen: wird sie mit mir zufrieden sein, mache ich ihr's recht? Mein ganzes Wesen hatte sich um ihretwillen gestreckt und gehoben . . . über sein natürliches Maß hinaus. Jetzt war zum Strecken keine Veranlassung mehr – sie neigte sich zu mir nieder, und da ich ohnehin von der langen Anstrengung erschöpft war, so ließ ich mich gehen. Das aber vertrug sie doch nur eine sehr kurze Zeit – nur gerade so lange, als ihre Begeisterung für meine armselige Heldentat noch andauerte. Dann wich der goldene Dunst von ihren Augen, sie begann wieder zu sehen und, wie ich erriet, zu kritteln. »Ich merkte es genau, daß ihr häufig etwas an mir nicht recht war – ein Befehl, den ich erteilt – ein Urteil, das ich über ein Buch oder über irgend einen Menschen gefällt hatte – oder auch, daß mir mein Mittagessen zu gut schmeckte. Sie sagte mir nichts, weil ich mir die Rettungsmedaille verdient hatte, aber das machte die Sache nicht besser. »Mir wär's viel lieber gewesen, sie hätte mich nicht geschont, hätte mit mir gezankt – wenn ich nur nicht so beständig gefühlt hätte, daß sie mich beobachtete! »Da hatte sie so ein ganz besonders quälendes Marterinstrument bei sich, das sie ihren ›ethischen Standpunkt‹ nannte. Ich haßte diesen ethischen Standpunkt, der mir entsetzlich unbequem und überall im Wege war. »Meinethalben sollte er herausrücken bei großen Gelegenheiten, aber daß er sich so von früh bis Abend in meine Existenz hineinmischen, mir jedes kleine Pläsier verderben wollte, das ihm nicht entsprach, daß er mein ganzes Leben in ein feierliches Marschtempo hineinzuzwingen versuchte, das war mir unsagbar verdrießlich! Ich verwünschte den ethischen Standpunkt! »Ich hätte manches Mal mit meiner jungen Frau lachen und tändeln, sie necken, quälen, ausgelassen mit ihr tollen, schlechte Witze machen, ihr vielleicht eine bedenkliche Anekdote erzählen, mich an ihrem Entsetzen ergötzen und ihr die liebliche Schamröte von den Wangen küssen mögen . . . »Ja, versuchen Sie so etwas mit einer Frau wie Kathrin! »Es wäre alles gegangen, wenn wir irgend etwas zu tun gehabt hätten im Leben, wenn wir, durch die Mühsal unsrer Existenz täglich mehrere Stunden getrennt, uns von einem Beisammensein aufs andre hätten freuen können, wenn wir, von gesunder Arbeit ermüdet, miteinander hätten ausruhen, Schwierigkeiten hätten überwinden, kleine Überraschungen füreinander hätten vorbereiten dürfen. »Aber unser Leben lag fix und fertig zurechtgeschnitten vor uns da, wir hatten nichts zu tun, als einander zu lieben. Wir waren im Grunde beide viel zu vernünftige Geschöpfe, um das auf die Dauer auszuhalten. Kathrin, klug wie sie war, sah ein, daß es nicht wohl anging, mich ohne Beschäftigung zu lassen. »Eines Tages trat sie besonders zärtlich an mich heran und sagte: ›Es kommt mir manches Mal vor, als ob du es bereutest, deinen militärischen Beruf aufgegeben zu haben!‹ Dies hatte ich nämlich ihr zuliebe getan. »›Ach nein . . . wirklich nicht . . . ich versichere dir,‹ murmelte ich ausweichend. »Sie betrachtete mich prüfend, etwas unzufrieden. ›Nun, viel zu bedauern hast du dabei nicht,‹ meinte sie, ›zum Säbelschleppen in Friedenszeiten scheinst du mir nicht recht geschaffen. Ich habe mir etwas ausgedacht, das dich für deinen aufgegebenen Beruf entschädigen soll. Wir wollen die alten Herrschaften deines Vaters zurückkaufen und dort wollen wir uns festsiedeln.‹ »Nun hatte ich mir heimlich gar nichts brennender gewünscht, als meine alte Heimat zurückzugewinnen. Doch witterte ich sofort ein veredelndes Erziehungsexperiment hinter ihrem Vorschlag, und gereizt, wie ich war, verdroß mich das. »Infolgedessen erwiderte ich ihr auf ihre Worte fast nichts. »Meine anscheinende Gleichgültigkeit befremdete sie. – Offenbar hatte sie erwartet, daß ihre Mitteilung einen großen Eindruck auf mich machen würde. Sie war enttäuscht. »›Ich denke mir das sehr schön,‹ fuhr sie mit etwas weniger siegesgewisser Stimme fort. ›Wir werden trachten, die Landwirtschaft zu heben und das Volk zu bilden – es sollen keine Lumpen und keine Unglücklichen mehr zu finden sein, soweit unsre Grenzen reichen. Und an die Stelle, wo die alte Birke gestanden hat, wollen wir eine neue hinpflanzen!‹ »Sie blickte gespannt zu mir auf. Ich aber blieb stumm. ›Gefällt dir mein Vorschlag denn gar nicht?‹ fragte sie. ›Ich habe mich bereits durch einen Freund in Wien erkundigen lassen – die Herrschaften sind zu verkaufen.‹ »›Es wundert mich nicht, daß man sie los werden will,‹ erwiderte ich, ›getragen haben sie nie etwas.‹ »›Einen hohen Prozentsatz des angelegten Kapitals herauszupressen, darauf sind wir ja, Gott sei Dank, nicht angewiesen, Paul, und es kann ja auch nicht durch geführt werden ohne Plackerei der arbeitenden Klasse, vor der mir graut! Wir wollen sie nicht schinden, wir wollen sie beschäftigen, ernähren und erheitern!‹ »›Bin neugierig, wie du das durchsetzen wirst!‹ entgegnete ich trocken. »Ich wußte es ganz gut, daß sie trotz all ihrer theoretischen Humanität kein Talent hatte, sich populär zu machen. – Ich war ja ihr gegenüber nur ein recht erbärmlicher Wicht – aber ich verstand es, mit dem Volk umzugehen. Sie verstand es nicht. Meine Leute wären alle für mich durchs Feuer gegangen, von meinen ehemaligen Rekruten bis zu meinem ganz neu angeschafften Kammerdiener – während sie immer Scherereien hatte mit ihren Untergebenen, jeden Augenblick wurde einer oder der andre renitent. »Sie seufzte ein wenig. – mein Mangel an Sympathie für ihre schönen Projekte entmutigte sie. »›Und wo möchten wir, das heißt wo sollen wir den Winter verbringen?‹ fragte ich nach einer Pause. »›Einen kleinen Teil des Winters könnten wir reisen,‹ erwiderte sie, ›den Rest möchte ich auf dem Lande verbleiben – der Winter ist wunderschön auf dem Lande.‹ »›Ja, solange die Jagden dauern,‹ erwiderte ich, ›wenn die einmal vorüber sind, finde ich den Winter auf dem Lande tötend. Und das Reisen wird man auf die Länge der Zeit überdrüssig.‹ »›Und wo möchtest du im Winter sein?‹ fragte sie etwas unruhig, ›doch nicht in Wien?‹ »›Gewiß in Wien,‹ erwiderte ich. »›Ich liebe Wien nichts entgegnete sie, ›es ist mir eine zu üppige, genußsüchtige Stadt. Aber wenn du's wünschest, so könnten wir ja immerhin ein paar Wochen im Winter dort zubringen. Nur, wenn ich mich einmal auf dem Lande niedergelassen hätte, möchte ich mich nicht gern allzu lange entfernen. Wenn man Einfluß auf die Bevölkerung gewinnen will, darf man den Kontakt mit ihr nicht verlieren.‹ »›Einfluß auf die Bevölkerung!‹ . . . Ich zuckte mit den Achseln, ›wovon träumst du!‹ »›Mir wäre darum zu tun – to raise the moral standard of the people, das ist die Aufgabe, die ich mir in meinem kleinen Wirkungskreis gesetzt habe!‹ »›Hm! . . . In der Woche wirst du mit guten Ratschlägen und Viktualien in den Dörfern herumspazieren, und am Sonntag werde ich vor einem Publikum von Ackerknechten und Taglöhnern Vorträge halten sollen über das Thema ‚ noblesse oblige ‘, und auch über das Thema ‚Gebet dem Cäsar, was des Cäsars ist‘; denn das darf bei euch Sozialisten aus den höheren Sphären doch nie vergessen werden!‹ spottete ich. »›Paul!‹ sagte sie und sah mich traurig an. »Ich senkte den Kopf – den Blick konnte ich nicht aushalten! »›Du sprichst mit mir, als ob du mir böse wärest,‹ sagte sie leise. ›Hab' ich dich verletzt?‹ »Erst schwieg ich, ich wollte mich bemeistern, dann brachte ich's nicht über mich. Es brauste aus mir heraus: ›Bist du dir denn gar nicht bewußt, daß du in all deinen Zukunftsplänen nur deine Ansichten betonst? Du meinst's ja vielleicht ganz gut, aber schließlich ist es doch eine demütigende Sache für einen Mann, sich so als willenloses Opfer der Beglückungs- und . . . Erziehungsexperimente seiner Frau hinter ihr durchs Leben schleppen zu lassen.‹ »Sie zuckte zusammen wie von einem Schlag getroffen, wurde totenblaß und wendete sich ab. »Ich meinerseits nahm meinen Hut und ging voll Zorn und Verdrießlichkeit hinaus. »Herrgott! war das ein Leben auf dem Lande, das sie mir da ausgemalt hatte! Ins Irrenhaus käme ich, unfehlbar ins Irrenhaus, sagte ich mir, wenn ich unter solchen Bedingungen in meiner ehemaligen Heimat existieren sollte. Ebensogut konnte ich als Missionar nach Afrika gehen. – Ich liebte das Leben auf dem Lande. Aber für mich waren die Hauptsache dabei: ein glänzendes Gestüt, ein famoser Marstall, ein malerisches Revier, ein reicher Wildstand, Viererzüge, Reitpferde und Jagden. Und was das Volk betraf . . . na, es verstand sich von selbst, daß es den Leuten um mich herum gut gehen mußte – schon weil es mich verstimmte, wenn ich lange Gesichter sah – um das materielle Wohl der armen Teufel wollte ich mich natürlich kümmern, aber mit ihrer moralischen Vervollkommnung sie nicht weiter plagen, sondern ihnen sogar recht gern alle ihre kleinen Schustereien und Lumpereien durchgehen lassen, solange mir persönlich kein Schaden daraus erwuchs. – Ich redete mir ein, daß dies das einzig Richtige – und Kathrinens theoretische, humanitäre Veranstaltungen ein überspannter Unsinn seien. Solange mein Zorn andauerte, blieb ich auch bei dieser Überzeugung, aber als er sich zu verflüchtigen begann, wurde ich schwankend. Es dämmerte in mir auf, daß meine Lebensauffassung, wenn auch die bequemere, doch die unendlich niedrigere war. »Überspannt freilich war Kathrin, aber vielleicht konnte ich mit meinen Erfahrungen etwas zur praktischen Durchführbarkeit ihrer Utopieen beitragen. – Arme Kathrin! – lieb und reizend war sie doch – und schließlich kam mir der Gedanke, daß meine einseitige Selbstsucht mit ihrem etwas schroffen Edelmut allenfalls ein Kompromiß schließen könne. »Ich fing an, sehr unruhig zu werden und mich meiner Flegelhaftigkeit recht empfindlich zu schämen. »Es war ein schöner Herbsttag. Die Sonne schien herrlich – nicht grell alle Konturen kantig hervorhebend, wie sonst wohl die südliche Sonne tut – sondern weich und goldig. Sie erinnerte mich an Brüssel! »Im Laufe meiner Wanderungen verirrte ich mich zufällig in den schmalen Weg zwischen den Orangengärten, wo ich am Abend nach meinem schwindligen Abenteuer mit ihr hingewandelt war. »Um ein verfallendes Gemäuer schlang sich ein Rosenstock mit schweren gelblichrosa Blüten und rötlichen Stengeln und Blättern – echte Rivierarosen. Da ich kein Messer bei mir hatte, brach ich von den Rosen ab, was sich brechen ließ. Es tat mir wohl, daß ich mir dabei die Finger zerstach. »Dann begab ich mich, etwas aufgeregt und mit furchtsam klopfendem Herzen, nach Hause zurück. Ich dachte, sie würde mir böse sein und mir abweisend begegnen, wie ich's eigentlich verdient hätte. Aber nein! »Als ich in unserm kleinen Gasthaus nach ihr fragte, sagte man mir, sie erwarte mich draußen auf der Terrasse zum Frühstück. »Ich begab mich auf die Terrasse. Der Tisch war gedeckt mit derbem, duftigem Linnen, mit eisernen Bestecken in schwarzen Holzgriffen, mit buntbemaltem Geschirr und den landesüblichen, in Bast eingeflochtenen Weinflaschen von antiker Vasenform. Sie stand, beide Hände auf die niedrige Brüstung der Terrasse gestützt, den Rücken mir zugewendet, da und sah auf das Meer hinaus. Ich merkte, daß sie ihr Kleid gewechselt und eines aus weißer Wolle angetan hatte, das ich besonders liebte. Leise schlich ich mich an sie heran, legte den linken Arm um ihren Leib und reichte ihr mit der rechten Hand den Rosenstrauß über ihre Schulter hinüber. Sie zuckte zusammen – sah sich nach mir um. Ihre Augen waren gerötet, offenbar hatte sie geweint, aber von Zorn oder abweisendem Verdruß war in ihrem lieben Gesicht nichts wahrzunehmen. »Da schmolz ich völlig. Sie nahm mir die Rosen ab, neigte mit geschlossenen Augen das Haupt zurück, ich küßte sie auf Augen und Mund, dann murmelte ich: ›Kathrin, mir ist schrecklich leid – ich habe unrecht gehabt!‹ »Sie schüttelte heftig den Kopf – ›Nein, nein, nein.‹ entgegnete sie trotzig. »›Also haben wir vielleicht beide ein wenig unrecht gehabt?‹ fragte ich leise. »›Nein!‹ rief sie, ›ich allein habe unrecht gehabt!‹ »›Du? . . . Aber, bist du närrisch?‹ »›Nein, gar nicht – ich habe nur ernstlich über die ganze Angelegenheit nachgedacht – als du fortliefst, war ich erst ein wenig böse auf dich, ich dachte wirklich, du seiest im Unrecht, und das machte mich sehr unglücklich. Dann entdeckte ich, daß ich allein im Unrecht sei. Das beruhigte mich. Ich schämte mich sehr, aber es war mir viel lieber. Zehntausendmal will ich mich lieber für mich schämen, als ein einziges Mal für dich! Aber das wirst du mir nie antun – nie! – nie! . . . daß ich mich für dich schämen müßte, nur das nicht, Paul! Und jetzt verzeih mir aber ganz!‹ »Sie umschlang mich mit beiden Armen und küßte mich. »Ich liebte sie in diesem Augenblicke rasend, aber aus meinem Herzen schrie eine Angst auf, die an Verzweiflung grenzte; mehr als je fühlte ich ihre Überlegenheit und meinen Unwert, und mehr als je fühlte ich mich als einen Schwindler, der sich beständig fürchten muß, ertappt zu werden. »Warum konnte sie mich denn nicht lieben, wie ich wirklich war! *           * * »Kurz darauf erhielten wir die Nachricht, daß die alte Tante Kathrins, die ihr in Brüssel das Haus geführt hatte, auf dem Wege von Paris nach Italien erkrankt sei und, von einer Lungenentzündung befallen, in Nizza im Hotel des Anglais liege. »Es ist ein gutes, altes Hotel am Kai gleichen Namens und mit der Aussicht auf die Engelsbai und einen etwas schäbigen Palmengarten. »Dorthin begaben wir uns, um die Tante zu pflegen. »Kathrin wich nicht von dem Bette der alten Frau. Ich sah sie kaum mehr, außer bei den Mahlzeiten. Die ersten Tage verbrachte ich damit, in unserm kleinen Salon ein Scheit Holz nach dem andern auf das Feuer zu legen, die Zeitungen zu lesen und zu warten, daß mir Kathrin Nachricht aus dem Krankenzimmer bringen möge. »Die Nachrichten blieben immer dieselben – die Tante erhole sich, aber langsam und mühsam – sie war schlechter Laune, wollte mich nicht sehen und Kathrin nicht aus den Augen lassen. »Immer zu Hause sitzen wurde mir auf die Länge der Zeit langweilig. Ich ging aus – erst für eine halbe Stunde, dann eine ganze, dann blieb ich von einer Mahlzeit bis zur anderen fort, und möchten Sie es glauben – anfangs . . . nun ja, anfangs hatte ich Kathrin bei jedem Schritt vermißt, nach einer Weile fing mich's an zu freuen, allein zu bummeln, wobei ich aber noch immer stark mit Kathrin beschäftigt war und in alle Läden hineinschaute, um ein hübsches Geschenk für sie zu finden. Dann . . . dann – es ist scheußlich – aber ich erwachte langsam wie aus einer hypnotischen Betäubung. Mit jedem Schritt, den ich allein machte, war mir's, als streife ich irgend eine Fessel ab. »Erst jetzt empfand ich's ganz, wie unbequem mir Kathrins edle Bevormundung gewesen war. »Und eines Tages auf der Place Masséna, während ich gerade einer alten, blaßblond gefärbten Frau in einem sehr auffallenden Kostüm nachblickte, zupfte mich eine leichte Hand am Ärmel. Mich umsehend, blickte ich in die Augen von Lotti Schwippel. Ich wollte sie mit einem verächtlichen Blick niederdonnern und grußlos an ihr vorübergehen. Sie aber ließ sich nicht so rasch abschütteln. Ihre Hand in meinen Arm legend, lachte sie zu mir auf. Sie sah blaß und abgefallen aus, was mich rührte, und dann . . . Ja, plötzlich wandelte mich eine Lust an, mit beiden Füßen in mein altes, lustig ungebundenes Leben hineinzuspringen – und sei's nur für eine Stunde! »›Na, was machst denn du eigentlich hier?‹ fragte ich. »›Suche ein neues Engagement,‹ gab sie mir zur Antwort. »›Hm! . . . Richtig, mein Onkel ist tot!‹ sagte ich. ›Hat er dir denn nichts hinterlassen?‹ »›Hinterlassen – mir? nausgeworfen hat er mich.‹ »›Da hat er vielleicht recht gehabt.‹ »›Na, freili . . . aber weißt, das, was du moanst, davon is nix vorg'fallen – überhaupt seit mir zwa auseinand sind, hab' ich g'funden, die Liab is kein Spiel, auch kein Genuß is sie – die Liab is eine harte – harte Arbeit.‹ Bei diesen Worten legte sie die Hand aufs Herz und verdrehte auf so unglaublich drollig tragische Art die Augen, daß ich laut auflachen mußte, so laut und herzlich, wie ich überhaupt nicht mehr gelacht, seitdem sie mich verlassen hatte. Ich lachte mit dem ganzen Körper, mit jedem Blutstropfen, jedem Nerv – ein Lachen, das ich bis in die Haarwurzeln hinauf und bis in die Zehen hinunter spürte. Ach, was tat das wohl, so lachen zu können, – mit Kathrin hatt' ich mein Lebtag nicht so gelacht. Nicht daß Kathrin langweilig gewesen wäre oder keinen Sinn für Humor gehabt hätte, im Gegenteil, sie hatte einen sehr scharfen, wenngleich an allem Dürftigen, Ärmlichen schonend vorbeigleitenden Blick für das Lächerliche und eine sehr geistreiche Art, ihre Beobachtungen zu äußern. »Aber ihre traits d'esprit waren zu fein, als daß man darüber hätte lachen können, es war schade darum, sie waren wie die Spitzentaschentücher – nur zum Bewundern, aber nicht für den Gebrauch. »Über die schlechten Witze Lottis lachte ich so, daß sich die Leute auf der Straße nach mir umsahen. Lotti betrachtete mich schwermütig – sie behauptete bei dergleichen Gelegenheiten immer einen würdevollen Ernst, der viel dazu beitrug, die komische Wirkung ihrer Bemerkungen zu erhöhen. »›Naah, was gibt's denn?‹ fragte sie, die Hände tief in die Taschen ihres Jäckchens vergrabend, ›hast vielleicht den Keuchhusten bekommen, soll ich dir an Puffer in den Rücken geben, damits dich erholst?‹ »›Nein, nein, ich bitt' dich, Lotti, hör' auf,‹ lachte ich weiter, ›du bringst mich um, die Menschen laufen ohnedies schon zusammen.‹ »Sie streckte den Arm mit einer tragischen Gebärde von sich und sagte mit der affektierten Bruststimme einer Wiener Lokalsängerin, die den hochdeutschen Akzent karikiert: ›Kann ich dafür – kann ich dafür?‹ »›Du bringst mich um – du bringst mich um,‹ schluchzte ich vor Lachen. »Sie sah mich mit einem Blick an, der mitleidig von meinem Kopf bis zu meinen Füßen herunterglitt. ›Woaßt, wie du mir vorkommst?‹ sagte sie, ›wie a Champagnerflaschen, die endlich den Stöpsel losg'worden ist – da geht der ganze verhaltene Spiritus auf einmal raus . . . psch . . . sch . . . sch . . . s . . . sch–ch–sch! Hast wohl schon lang nicht mehr g'lacht, du armer Schlucker, du? Unter uns gesagt – nöd wohr, Alter, die Ehe is ane melancholische Veranstaltung!‹ »›Du, Lotti. Da hinein misch dich nicht, das duld' ich nicht!‹ »›Na, was denn?‹ »›Daß du mir an meine Heiligtümer tastest!‹ fuhr ich sie an. »›Hm! Werd's bleiben lassen, won's di kränkt, scher' mich überhaupt nit mehr viel um kane Heiligtümer nicht, hab's satt.‹ »›Aber wie kommst denn du auf die Vermutung, daß ich mich langweil'?‹ fragte ich ärgerlich. »›Weil's auf deinem ganzen Gesicht steht,‹ gab sie mir zur Antwort, ›brumm nicht, ich verrat's keinem Menschen – und wem sollt' ich's auch erzählen, wo's dich genieren könnt' – meine Worte dringen nicht über die Kluft hinüber, die mich von – der trennt‹ – wieder der tragische Gaumenton und das karikierte Hochdeutsch aus der Lokalposse, dabei eine Geste nach oben mit herausgekehrter Handfläche, ›die mich von der trennt, die ich nicht nennen darf.‹ »›Lotti!‹ »›Na, nix für ungut, ich komm' nit mehr auf sie zu sprechen, und da i dir's sehr gut moan, so denk' ich, es könnt' uns am End' ein Bekannter von dir erblicken und der ›Unnennbaren‹ was vortratschen – schließlich die erste beste bin i nit, könnt' doch aner fragen, wer war denn die hübsche Person, mit der ich Ihren Herrn Gemahl . . . \&c. Also wennst vielleicht noch eine Viertelstunde frei hast, so kumm mit mir in mein Loschih und laß dir 's letzte Kapitel von meiner Biographie erzählen.‹ (Sie sprach natürlich Piehjokraffie aus.) »Ich hätt' nicht mit ihr gehen sollen, aber – ach, das bißchen Freiheit tat wohl. . . . »›Geh hinter mir, damit man nöd sieht, daß d' mit mir bist,‹ rief sie mir zu, und ich tat's. »Im Innersten der Stadt wohnte sie, in einer Pension, die von einer alten Tänzerin gehalten wurde, und in der lauter gefallene Größen hausten. Ein Witzbold hatte die Pension infolgedessen Pension Sankt Helena getauft. Seither nannte man sie nicht anders. »Lotti hauste im vierten Stock. Die Treppe war schmal, dunkel, mit einem außerordentlich schmutzigen Teppich bespannt und von oben bis unten von einem widerwärtigen Knoblauch- und Safrangeruch durchweht. »Das Zimmer war so niedrig, daß ich mit der Hand den Plafond erreichen konnte. »Aus den Löchern des bunten, billigen Teppichs guckten die roten Ziegel, womit der Fußboden gepflastert war; auf einem eisernen, mit schmutzigen, rotweißen Gardinen umhangenen Bette lagen zwei sehr dünne Matratzen, ein elendes Polster und eine noch elendere, mit gelbem Wollatlas bezogene Steppdecke. Auf dem Kamin aber stand eine prachtvolle Bronzeuhr, die die Afrikanerin unter dem Manzanillenbaum darstellte. »›A b'sondere Aufmerksamkeit von der Hauswirtin, 's letzte Cadeau von ihrem letzten Verehrer, frisch aus'n Versatzamt,‹ erklärte Lotti, ›na, etwas muß ma doch davon hab'n, daß man a Gräfin is,‹ bei dem Wort Gräfin seufzte sie tief. Die scheußlich blau und gelben Wandtapeten waren teilweise mit stockfleckigen, in schmale Goldleisten eingefaßten Stahlstichen verdeckt – Napoleon am Pont d'Arcole und Sappho am leukadischen Felsen hingen da in verträglicher Gemeinschaft mit ein paar Chromolithographieen, die die Abenteuer eines jungen Engländers bei Mabille darstellten. »Die schmalen, rosa gestrichenen Türen waren mit Goldleisten verziert und vor dem Fenster zog sich ein Balkon hin, von dem man auf ein Square hinunterblicken konnte, wo sich hinter einem niedrigen Eisengitter ein paar zerzauste Palmen mit dem Herbstwind herumbalgten. »Warum ich Ihnen das so ausführlich schildere? Um Ihnen einen Begriff von der elenden Schäbigkeit des Raumes zu machen, in welchem ich mich, ich kann's nicht leugnen, nach fünf Minuten vollständig heimisch fühlte. »Lassen Sie Ihren Verdacht auf keiner falschen Fährte herumschweifen! Nein, Lotti warf sich mir nicht an den Kopf, dazu war sie zu klug, von Liebe nicht ein Sterbenswörtchen, sie sah mir's an der Nase an, daß in der Richtung momentan nichts durchzusetzen war, aber sie machte mir's unglaublich gemütlich und bequem. Sie schob mir einen Lehnstuhl zu, von dem sie freilich zuvor ein halbes Dutzend Kleidungsstücke hatte forträumen müssen, in dem ich mich aber sehr behaglich ausstrecken konnte; dann bettelte sie mich treuherzig an, ihr eine Flasche Champagner heraufbringen zu lassen. Das tat ich mit großer Bereitwilligkeit, unter der Bedingung, daß ich nichts davon trinken müsse. Was mich anbelangte, so wollte ich mich mit Kognak und Sodawasser begnügen – sehr viel Kognak und wenig Sodawasser – es war mein Lieblingsgetränk, und ich hatte diesem Genuß, wie allen meinen Lieblingsunarten, entsagen müssen, seit ich verheiratet war. »Lotti klingelte den Kellner herauf, er erschien, ein Jüngling in einem sehr schmutzigen Frack und mit einer schönen, symmetrisch zusammengeklebten Frisur um ein regelmäßig gebildetes, aber von dem fettig schimmernden, unreinen Teint der Südfranzosen verunstaltetes Gesicht. »Er hieß Ambroise. Auf meine Frage nach der Weinkarte grinste er – und schwieg. Lotti stieß mich mit dem Ellenbogen. Über Weinkarten verfügte die Pension Sankt Helena nicht, aber verschaffen wollte Ambroise alles, wir möchten ihm nur die Marke sagen, die wir wünschten, erklärte er mir. »Lottis Lieblingsmarke war Cliquot; sie hatte eine Leidenschaft für süßen Champagner. »Der Kellner verschwand mit unserer Bestellung und einer Ladung abgegessener Teller, die Lotti bei meinem Erscheinen von dem einzigen Tische in ihrem Zimmer auf einen Koffer geschoben hatte. »In unglaublich kurzer Zeit kam Ambroise zurück, beladen mit Champagner, Syphon und Kognak. Der Champagner war warm, der Pfropfen flog an die Zimmerdecke, das Sodawasser war lau, der Kognak von fragwürdiger Qualität. Aber er schmeckte herrlich. Ambroise schien besorgt um die Begleichung der Rechnung – ich zahlte sofort und belohnte ihn außerdem mit einem königlichen Trinkgeld. »Es genierte Lotti nicht im mindesten, daß ich als ihr Gast die Bewirtung bei ihr bestritt. Sie hatte keinen ›ethischen Standpunkt‹ – Gott sei Dank. »Kaum hatte sie die ersten zwei Gläser Champagner hinuntergeschlürft, so übersprudelte sie geradezu von lustigen Teufeleien. »Unter anderem erzählte sie mir, warum sie aus Schloß Kremenz vertrieben worden war. Die Ursache war humoristischer Natur. »Sie erzählte das einfach in ihrem Wiener Dialekt, mit einer Verve, unbeschreiblich sag' ich Ihnen – unbeschreiblich – ich muß trachten, mich auf ihre Worte zu besinnen. »›Du weißt,‹ fing sie an, ›wie er mich kennen g'lernt hat, hab' ich ihm's gar nit toll g'nug treiben können, je ausg'lassener, je besser, aber kaum daß i verheirat' war, hat er die Kurasch verloren, hat Spagat kriegt, aber so an Spagat! Hat mi ins Gebet g'nommen, der alte Exzellenzerich, mir was vorplauscht von der Würde meiner Stellung, und daß i der was schuldig bin. Jesus Maria! von anem Tag zum andern hab' i lernen sollen, den Leuten Respekt einflößen. – Na, und erst hat mir's Spaß gemacht, sie recht anzuschmieren, bin rumspaziert mit niederg'schlagenen Augen, das Bild leutseliger Wohlerzogenheit, ganz wie i's auf der Burg von der Hohenfels gesehen hab. Der Alte war wie närrisch vor Freud, daß ich's so gut treff'. »›Zu meiner höheren Vervollkommnung hat er noch a Schwester von sich nach Kremenz kommen lassen, die grad' ihr ganzes Gerstel in Aktien verspielt g'habt hat, weshalb sie disponibel war, sonst hätt' sie sich's wohlweisli überlegt, meine Erziehung zu übernehmen. Die Dienerschaft hat ihr Frau Gräfin g'sagt, obschon s' nie an Mann g'habt hat, aber sie war a Stiftsdam, und die san alle solche Talmifrauen. »›A gelbe alte Hex war sie mit an rot'n Samtbeutel am Arm, aus dem immer a besonders garstige Arbeit rausg'schaut hat, die für an wohltätigen Zweck b'stimmt war. »›Na, sie war sehr gnädig mit mir, um sich beim Exzellenzerich einzuschmeicheln, hat mir die Backen g'streichelt und mir immerfort g'sagt: ›sie hat Talent, die Kleine – wird sich machen‹, und dann hat s' an mir rumg'hobelt den ganzen Tag. Französisch hat s' mir beibringen wollen, und meinen musikalischen G'schmack bilden. Jeden Vormittag hab' i müssen mit ihr das Bußlied von Beethoven singen, und nach dem Diner haben wir alle Tag den Trauermarsch aus der Eroica vierhändig gespielt. »›Herr Gott! war das a Unterhaltung, nach acht Tagen hab' i's satt g'habt bis daher,‹ sie hielt sich die Hand unters Kinn. »›Dann hat der Exzellenzerich die Gicht kriegt zur Abwechslung, is in Baumwoll eing'wickelt dag'legen wie a Siebenmonatskind, und i hab' ihm müssen die ›Fliegenden‹ vorlesen und bei ihm sitzen den ganzen Tag. Na, wenn er eing'schlafen is, hab' i zum Fenster nausg'schaut, grad in den wunderschönen Stallhof hinein, und da hab' i a Entdeckung g'macht, denk dir, in anem von di Reitknecht hab' i a leibhaftiges Geschwisterkind von mir erkannt – den Franz – 's war a besonderer Spezi von mir. Nein, die Freud', die i g'habt hab'! Kaum daß i's hab' erwarten können, bis i mi heimli in den Stall g'schlichen hab'. Na, er war grad beim Pferdeputzen; von hinten bin i auf ihn los, hab' ihm d' Händ' auf die Achseln g'legt und gerufen: ›Wer bin i, Franzl? Kennst mi nöd?‹ . . . I hab' glaubt, er wird mir um den Hals fallen dafür, daß i nöd stolz bin. Ja grad! Fuchsteufelswild war er. »›I soll mi nöd unterstehen, jemandem unsere Verwandtschaft zu verraten, hat er g'sagt, sonst schmasten s' uns bade naus! »›Des wär' ihm nemli recht z'wider g'wesen – weil er grad a Avancement abgewartet hat, um a ehrsame Schneiderstochter hamz'führen, mit der er schon seit drei Jahren verlobt war. – Na, so hab' i denn ma Fleisch und Blut nöd öffentli anerkennen dürfen,‹ fuhr sie pathetisch, die Hand aufs Herz legend, fort. ›Es hat mir sehr leid getan.‹ »›Dem Franz z'lieb hab' i g'schwiegen. Im Schloß hab' i fortg'fahren, mit niederg'schlagenen Augen rumzuschleichen, mir die Hand küssen z' lassen und den Leuten Respekt einz'flößen. »›Aber meine ganze freie Zeit hab' i im Stall verbracht – und dort war's aus mit der Frau Gräfin und dem Respekt. »›A paar Tag is des so weiter gangen – vom Stallpersonal hätt' kaner auf mich g'tratscht, die haben mi alle gern g'habt. Aber die Kammerjungfer von der Talmifrau – des war a Drach! »Inzwischen is der Fasching z' End gangen und am Faschingsdienstag hab' i a großes Fest geben mit Punsch und Krapfen in der G'schirrkammer, und weil i schon so lang vor dem Publikum nöd g'sungen hab', hab' i mei Jockeikostüm anzogen, das, in dem i zum letzten Male am Theater an der Wien auftreten bin, und hab' ihnen Stanzerln vorg'sungen, die Viererpeitschen in der Hand, der Franz hat mir's derweil gelernt g'habt zu knallen. Du, der Applaus, Alter, besonders fürs Knallen, nicht zu sagen, wie beim Benefiz. – Da . . . tönt's Mitternacht – Aschermittwoch is – na . . . i weiß noch heut nöd, was mi da für a Teufel g'ritten hat, aber i stell' mi in Positur und fang an das Bußlied von Beethoven zu brüllen: ›Mein Gott, wie schwer hab' ich an dir gesündigt, und Übles oft an dir getan.‹ – Was is das? – Die Tür geht auf, und herein tritt die Talmifrau, von ihrer Kammerjungfer g'folgt. »›Dann war's natürlich aus,‹ schloß sie. »›Wie's der Franz vorausgesagt hat, so is's eintroffen – rausg'schmissen haben s' uns alle beide. Hat der auf mich g'schimpft, der Lackl! Na, ihn haben s' wieder zurückgenommen – mich nicht. Hab' auch nicht drum g'standen. Nein, wie sie mir's angekündigt haben, daß sich der alte Exzellenzerich scheiden lassen will von mir, hab' ich erklärt: I küss' die Hand – mit dem allergrößten Vergnügen! Darüber ist er gestorben, und seine Verwandten haben mir hunderttausend Gulden geben zur Abfertigung; die hab' i auf der Börs' verspielt – die Stimm' hab' i indes auch verloren, und – so geht's mir schlecht. Na, aber die Sonn' scheint doch manchmal und verlangt nicht, daß man ihr dafür was zahlt, und manchmal g'winn' ich was in Monte Carlo, und ich versichere dich, daß, wenn man auch oft genug net weiß, mit was man sein Mittagessen zahlen soll, alles doch noch schöner ist, als Exzellenzgräfin sein und den Leuten Respekt einzuflößen auf Schloß Kremenz.‹ »Ich lachte über die Geschichte wie toll. Sie sah mir humoristisch zu und schlürfte ihren Champagner zu Ende. Als ich mich etwas beruhigt hatte, sagte sie phlegmatisch: ›Wie du siehst, Hochmut kommt vor dem Fall, warum i hab' auch durchaus müssen Frau Gräfin wern! Aber jetzt hast mir beinah' verziehn – beinah'! – gelt.‹ Sie blinzelte einschmeichelnd und schelmisch. »Ich antwortete nicht, trank nur noch ein großes Glas Kognak und Soda. Von unten tönte die Nachtigall von Alabieff: › Solowieh moj solowieh! ‹ von einem schwachen Sopran zu dem harfenartigen Akkompagnement eines alten Klaviers gesungen. »›Bei uns in der Pension Sankt Helena ist alles lungensüchtig, selbst das Klavier, und alles hat bessere Tage gekannt,‹ erklärte mir Lotti, ›das Klavier soll einer Fürstin gehört haben und von dem berühmten Franz Liszt in seinen jetzigen Zustand hineinmalträtiert worden sein, die Sängerin ist eine Französin, die in Petersburg die Stimme verloren hat, der, dem sie vorpiepst, ist ein russischer General mit sehr vielen noblen Verwandtschaften und noch mehr Gründen, ihnen allen aus dem Wege zu gehen; wer ich bin, weißt.‹ »Die Dämmerung sank, rundete die Ecken in dem kleinen Zimmer ab, unten fröstelten die Palmen auf dem Square. »Die Uhr auf dem Kamin gab sieben Schläge – erschrocken fuhr ich auf. »›Du gehst schon? . . . Letztes Läuten,‹ rief sie, – ›na, halten mag i di net, Verdruß sollst keinen hab'n wegen mir, mein Alter, aber schön war's. Schad', daß mir auseinander müssen.‹ »Sie drängte sich an mich heran, und eh' ich mich dessen versah, hatte sie die Arme um meinen Hals geschlungen und mich grad auf den Mund geküßt. – Ich schob sie heftig von mir. »Sie bog den Kopf zurück und lachte. »›Hu, wie du dich fürcht'st –‹ rief sie. ›Mach dir 's Leben doch nicht so schwer, nimm's wie's kommt. – Du, wenn wir uns a Rendezvous geben täten in Monte Carlo – gelt, das war' a Hetz!‹ »Ohne mich nach ihr umzusehen, eilte ich die vier Stockwerke hinunter. »Unten am Fuß der Treppe paßte mich die Pensionsvorsteherin ab, eine Dame von etwa fünfzig Jahren, an der sehr viel gefärbt war, die Haare, das Gesicht und das Kleid, und sehr viel falsch, ein Auge, die Zähne, der Blick und das Lächeln. Sie sang eine Lobeshymne auf Lottis Liebenswürdigkeit und ein Trauerlied über deren Armut. Hatte denn eine reizende Frau wie die Gräfin keine Freunde? Da ich sehr beeilt war, schüttelte ich einfach meine Börse in ihre Hand aus und bat sie, Lottis Rechnung damit zu begleichen. »Während sie sich noch in grinsenden Danksagungen erging, stolperte ich hinaus auf den Platz. »Der Gedanke, woher das Geld stammte, mit dem ich Lotti unterstützt hatte, durchzuckte mich unangenehm. Überhaupt berührte mich jetzt die Erinnerung an das ganze Zusammentreffen, an dem ich mich doch anfangs sehr ergötzt hatte, peinlich . . . Von der Turmuhr schlug's halb Acht. . . . Wie ich mich sputete nach Hause! *           * * »Im Hotel des Anglais angelangt, schlich ich heimlich in mein Ankleidezimmer. Ich hatte einen Geruch von Moschus und Knoblauch an meinen Kleidern mitgebracht, den ich durchaus los werden mußte, ehe ich mit Kathrin zusammenkam. »Kaum hatte ich den Schlüssel hinter mir im Schloß umgedreht, als Kathrin bereits an meine Tür klopfte. ›Paul!‹ »›Kathrin! Wünschest du etwas, liebes Kind?‹ »›Nein . . . nur . . . ich war sehr besorgt . . . du hast dich so unbegreiflich verspätet!‹ »›Wirklich? Da hat mir meine Uhr aber einen schönen Streich gespielt. Ich komme gleich – in fünf Minuten bin ich bei dir!‹ »Darauf blieb ihr als der wohlerzogenen Gattin, die sie war, natürlich nichts übrig, als sich zurückzuziehen und mich in ihrem kleinen Salon zu erwarten. »Zehn Minuten später erschien ich bei ihr in Frack und weißer Binde, wie immer, seitdem wir uns in Nizza nach den improvisierten Zuständen der Hochzeitsreise in regelmäßige Verhältnisse gefügt hatten, mit meiner zurückgerichteten Uhr in der Hand und einer plausiblen Entschuldigung auf den Lippen. »›Ich hatte keine Ahnung, daß ich mich verspätet hab' – sieh nur . . .‹ und ich zeigte auf das Zifferblatt meines Chronometers. »Sie zeigte auf die Pendule auf dem Kamin. Dann lachten wir einander an, und ich küßte ihr die Hand. »›Es wär' ja gar nichts weiter dabei gewesen, wenn ich nicht so gräßliche Angst um dich ausgestanden hätte,‹ meinte sie, ›aber zufällig war gerade ein Feuer ausgebrochen in Riquier, und da stellte ich mir vor, daß du dir mit Menschenrettungen auf irgend eine halsbrecherische Art die Zeit vertriebst; ich weiß ja, was du in der Richtung leistest!‹ und ihre Augen schimmerten stolz. »Anstatt mich zu rühren, verdroß mich diese Bemerkung, wie alles, was mich an ihre rasende Überschätzung meiner Persönlichkeit erinnerte. Zu was diese Flausen! »›Nein, ich war nicht in Riquier,‹ erwiderte ich, ›ich wußte gar nichts von dem Feuer.‹ »›Gott sei Dank!‹ sagte sie, ›offenbar habe ich mich ganz vergeblich geängstigt, und du hast dich einfach mit einem zufällig wiedergefundenen alten Freunde verplaudert.‹ Sie sah mir dabei unbefangen in die Augen. »Wissen Sie, ihr so gerade ins Gesicht zu lügen, das brachte ich nicht über mich; aber ich fand einen Ausweg. ›Nicht mit einem Freunde,‹ sagte ich, ›sondern mit einer armen Verwandten.‹ »›So – warum hast du mir sie nicht einfach gebracht – wir hätten sie zum Essen eingeladen,‹ meinte Kathrin freundlich. »›Das wäre nicht ganz gut gegangen,‹ erwiderte ich ausweichend. »›Erwartet sie vielleicht, daß ich sie zuerst besuche?‹ sagte Kathrin; ›ich bin jederzeit bereit.‹ »›Nein, nein . . . es ist eine Verwandtschaft, auf die ich nicht sehr stolz bin,‹ sagte ich, ›eine Tante von mir, sie hat ihr ganzes Vermögen verloren – teilweise durch Leichtsinn, teilweise durch Börsenspekulativen, und wohnt hier, in einer Pension dritten Rangs. Es ist kein Verkehr für dich. Erstens hat sie einen schlechten Ruf, und zweitens würde sie dich anbetteln. Du begreifst, so etwas demütigt mich.‹ »›Aber wenn's ihr schlecht geht, können wir sie doch nicht darben lassen,‹ meinte Kathrin. »›Ich habe mir ohnehin erlaubt, sie mit deinem Geld zu unterstützen . . . aber damit laß es genug sein!‹ »Es war alles wörtlich wahr, was ich sagte, und dennoch Lug und Trug. Ich schämte mich, aber was war zu machen? »Ich nannte ihr den vollen Namen meiner Anverwandten, dann . . . ›Kathrin!‹ sagte ich, ›du meinst's gewiß nicht so – aber 's klingt genau wie ein Verhör, wenn du mich so ausfragst. Du zweifelst doch nicht an dem, was ich dir mitteilte? Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich dir die Wahrheit gesagt habe.‹ »Statt aller Antwort trat sie auf mich zu, legte mir beide Hände auf die Schultern und küßte mich. Der Diener meldete, daß serviert sei. *           * * »Bei Tisch war sie ganz besonders munter und gesprächig. Die alte Tante, die sich seit den letzten Tagen viel wohler fühlte, dinierte mit uns, verfügte sich aber bald nach dem Kaffee in ihr Zimmer. »Kathrin ging noch einen Augenblick zu ihr und kam dann mit einer Handarbeit in den Salon zurück. Sie setzte sich mir gegenüber an den Kamin, und ich fragte sie, ob ich ihr nicht etwas vorlesen solle, was sie dankbar annahm. Ich las, wie sie behauptete, sehr gut – eine Seltenheit für einen Kavallerieoffizier – sowohl Englisch als Deutsch. Ich hatte die Iphigenia gewählt, die sie sehr liebte. »Da ereignete sich etwas Seltsames. Über dem Buch in meiner Hand sah ich plötzlich als Bild, als Gesamtwirkung – Kathrin und den Raum, in dem wir uns befanden – sie in ihrem weißen, mit Straußfedern besetzten Wollkleid, die Füße auf einem weißen Bärenfell, neben ihr in einer Kristallvase einen Strauß weißer Nelken. »Es war schön, wunderschön. Das Holzfeuer warf seine roten Reflexe über den Saum ihres weißen Gewandes. »Plötzlich überkam mich ein rasender Schwindel – ein Gefühl, das peinlicher war als jenes, womit ich damals an dem Felsen zwischen Himmel und Erde geschwebt – mir war's, als bewege sich alles um mich herum, als glitte alles, was mich umgab – das ganze Zimmer samt Kathrin – langsam . . . langsam von mir fort! »Wissen Sie, was mich bei meinem Wiedersehen Lottis am meisten aufgeregt hatte – das war ihr Vorschlag, mir ein Rendezvous mit ihr zu geben in Monte Carlo. »Der unverbesserliche Spieler schlug bei mir durch. »'s war auch eines von den Dingen, die mich am meisten reizten gegen Kathrin – daß sie schon von Beaulieu aus durchaus nicht mit mir nach Monte Carlo hatte fahren wollen. Durch verschiedene Anspielungen gab sie mir auch jetzt in Nizza täglich zu verstehen, wie wenig angenehm es ihr wäre, wenn ich mich einmal dorthin begeben wollte. Bei der Generalbeichte, die ich ihr vor meiner Verlobung abgelegt hatte, hatte ich ihr verraten, daß ich ein Spieler gewesen sei. Sie fürchtete für mich die Versuchung. Verstehen Sie mich gut – die Versuchung. Ob ich ein paar tausend Franken ihres Vermögens am Spieltisch verloren hätte, wäre ihr ebenso gleichgültig gewesen, als ob ich ein paar tausend gewonnen hätte. Was sie für mich fürchtete, war ›das Sinken des höheren Menschen durch die neuerwachte Spielgier‹. »Das wäre in ihren Augen eine Versündigung gegen ihren ethischen Standpunkt gewesen. »Na, wenn Kathrin mir nicht beständig ihre Angst verraten hätte, ich könne mich gegen diesen verdammten ethischen Standpunkt vergehen, so wäre weder meine Sehnsucht nach Monte Carlo, noch meine Wut auf den ethischen Standpunkt so groß geworden. So aber schäumte ich heimlich vor Ungeduld wie ein zu scharf gezügeltes Rassepferd, das nur den Augenblick abwartet, ausbrechen zu können. »Zwei Tage waren seit meinem Besuch in der Pension Sankt Helena vergangen. Am dritten Tage, als wir nach beendetem Gabelfrühstück im Salon saßen, meine Frau, ihre alte Tante und ich – da trat mein Diener ein und machte mir ein Zeichen mit den Augenbrauen, worauf er sich ohne weitere Erklärung zurückziehen wollte. Er war ein schrecklicher Esel – und wie alle Esel am dümmsten, wenn er schlau sein wollte. »›Na, was willst du eigentlich?‹ schrie ich ihn an. »Ich ahnte, was es war, und da ich Kathrins scharfes Beobachtungsvermögen kannte, so wußte ich, daß mir nichts anderes übrig blieb, als durch dick und dünn vorwärts zu gehen. »›Nur ein Billett für den Herrn Grafen.‹ »›Von wem?‹ »›Von der Frau Gräfin . . .‹ – er nannte meinen Familiennamen – aus der Pension Sankt Helena. Der Bote wartet auf Antwort.‹ »›Schafskopf – gib her.‹ »Nachdem ich das Billett gelesen, reichte ich es meiner Frau. Es enthielt die Worte: ›Mein lieber Paul. Muß dringender Umstände halber Nizza bereits morgen verlassen. Möchte Dich noch einmal sehen. Ich erwarte Dich gegen vier Uhr – übrigens ist mir jede Stunde recht. Ich bin in großer Aufregung. Ein paar Augenblicke wirst Du wohl übrig haben für Deine unglückliche Tante Charlotte.‹ »Ich merkte sofort, daß Lotti den Brief pfiffigerweise so eingerichtet hatte, daß er meiner Frau in die Hände geraten könne, ohne mir zu schaden. Ich segnete sie für ihren genialen Einfall, der mit der ›genauen Wahrheit‹, die ich Kathrin den Tag zuvor mitgeteilt hatte, so herrlich übereinstimmte. »›Was soll ich tun?‹ fragte ich Kathrin. »Mein Diener erschien noch einmal – ›der Bote wartet auf Antwort,‹ wiederholte er. »›Du mußt natürlich gehen,‹ entschied meine Frau, worauf ich dem Dienen zurief: ›Ich laß der Gräfin sagen, daß ich komme!‹ Dann mich meiner Frau zuwendend, ›ist mir sehr unangenehm, es ist ein so schöner Tag, ich war' so gern mit dir und deiner Tante ausgefahren!‹ »›Ich hatte mich schon darauf gefreut,‹ sagte Kathrin, ›aber in so einem Fall ist nicht zu zaudern.‹ Dann mir die Hand auf die Schulter legend und leicht errötend, setzte sie leise hinzu: ›Deine Tante befindet sich offenbar in Geldverlegenheiten – ich bitte dich, spare nicht mit der Unterstützung aus Rücksicht für mich!‹ Sie errötete noch stärker, küßte mich zweimal und flüsterte mir ganz leise ins Ohr: ›Du weißt ja doch, Paul, daß du jetzt über alles verfügst, was mir je gehört hat!‹ »Sie küßte mich noch einmal, was sonst gar nicht so in ihren Gewohnheiten lag. Denn trotz ihrer leidenschaftlichen Liebe zu mir war sie in ihren Liebkosungen von einer schüchternen Zurückhaltung, mit der ich sie oft geneckt hatte. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich in diesem Augenblick schämte! Alles Gute, was damals noch in mir war, drängte mich, sie in meine Arme zu schließen und ihr zu bekennen, wie's eigentlich stand – ihr zuzuflüstern: ›Kathrin, mein Liebling, mein guter Engel! Alles, was ich dir gestern gesagt habe, ist wahr – und doch falsch – verzeih mir – Schlimmes war nichts dabei – aber ich bring's nicht übers Herz, dich auch nur um einer unschuldigen Sache willen zu betrügen.‹ »Wenn ihre alte Tante nicht im Zimmer gewesen wäre, hätt' ich's auch getan. Aber so – schob ich mein Geständnis auf – fünf Minuten später hatte ich nicht mehr den Mut dazu. . . . Ich beschäftigte mich noch mit allerhand guten Vorsätzen . . . aber gegen fünf Uhr verfügte ich mich in die Pension Sankt Helena. »Eine Stunde später sandte ich an meine Frau ein Billett des Inhalts, sie möge mich nicht zum Diner erwarten, da mich meine Tante gebeten habe, mit ihr zu speisen. »Sie hatte es durchgesetzt, ich fuhr mit ihr nach Monte Carlo – um mein Gewissen zu beruhigen, nahm sie eine Freundin mit. »Über den Brief, den sie für meine Frau geschrieben hatte, wollte sie sich krank lachen, am meisten darüber, daß ihre List ihr gelungen sei. »Die Umstände, die sie aus Nizza vertrieben, waren unbezahlte Rechnungen und ungeduldige Gläubiger. Mit einem übermütigen Augenblinzeln raunte sie mir zu: ›Na, weißt – 's hat sich halt wie ein Lauffeuer verbreitet, daß ich einen reichen Protektor hab' – meine Hausfrau hat's verraten – so großmütig ist man nicht ungestraft!‹ »Ach, wie gemein ich mich fühlte – aber ich amüsierte mich. Was wollen Sie. Was wir drei zusammen gelacht haben im Coupé bis Monte Carlo! »Die dritte war die Französin, die in Petersburg ihre Stimme verloren hatte – eine rotgefärbte Brünette. Sie gehörte zu den Stammgästen der Pension Sankt Helena. »Der Gedanke an Kathrin stach mir anfangs noch ein wenig im Gewissen herum. Kaum aber saß ich fünf Minuten am grünen Tisch, so hatte ich Kathrin samt meinem Gewissen vergessen. Das alte Fieber war in mich hineingefahren. Ich spielte nicht mehr um tausend – zweitausend – dreitausend Franken. Ich spielte um die Seligkeit auf Erden – um eine unabhängige Vermögensstellung in meiner Ehe, den Eintritt ins Paradies. – »Ich gewann und gewann, wie fast alle, die zum ersten Male in Monte Carlo spielen. Umsoweniger glücklich waren meine zwei Damen. »Die Französin spielte nach einem System und verlor. Lotti setzte die Zahlen von allen möglichen Gedenktagen, ihrem Geburtstag, ihrem Hochzeitstag, dem Tag, an dem wir zwei, sie und ich, uns zum ersten Male, und den, an dem wir uns zum letzten Male, und schließlich den, an dem wir uns wiedergesehen, und verlor ebenfalls. ›Scheinen lauter Pechtage g'wesen zu sein für mich,‹ seufzte sie pathetisch, dann fing sie an, herumzuraten, welche von den Damen an dem Tisch wirklich verheiratet sei, konnte nicht einig werden darüber, machte irgend einen sehr schlüpfrigen Witz und setzte von neuem. Da beide Damen nicht genügend mit Munition versehen waren, um diese ›desastreuse Campagne‹, wie sich Lotti ausdrückte, auszuhalten, mußte ich natürlich aushelfen. Ich stellte mich ihnen mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung. Ich fühlte mich als Glückspender, und mir schmeichelte die Aufmerksamkeit, die ich erregte. »Die Gleichgültigkeit, mit der ich meinen tollen Gewinst hinnahm, imponierte der Galerie. Nach einer Weile wendete sich das Glück gegen mich. Ich zuckte die Achseln, zog mein Retourbillett hervor, das ich lachend meinen beiden Gefährtinnen zeigte, und meinte: ›Was kann mir geschehen,‹ worauf ich in die Tasche griff und eine Handvoll Napoleons über den Roulettetisch ausstreute, ohne auch nur angeben zu können, wo sie hinfielen. Darum war mir's auch gar nicht zu tun. Ein Taumel hatte mich erfaßt. »Lotti, die bei allem Leichtsinn eine praktische Ader hatte, wie die meisten Leute ihres Schlags, gab vor, hungrig zu sein, um mich vom Spieltisch wegzulocken. Ich setzte in aller Eile tausend Franken auf rouge ; als ich sie verlor, griff ich in die Tasche und sagte: ›Kinder, jetzt gehen wir, aber ihr müßt bescheiden sein – ich habe nur noch dreihundert Franken übrig – glaubt ihr, daß das genügt, euern ärgsten Hunger zu stillen?‹ »Wir soupierten im ›Paris‹ – die Französin machte das Menü. – Sie kannte alle Spezialitäten des Hotels. Besonders auf eine › Poularde en casserole ‹ legte sie Wert und dann auf eine russische Nationalspeise, irgend ein mit Trüffeln und Champagner abgesottenes Wild. Lotti aß nichts, trank nur sehr viel Champagner, wobei ich ihr Gesellschaft leistete. »Ich fühlte das Bedürfnis, mich mit Champagner ›aufzupulvern‹, wie man bei uns zu Land sagt. Mir ward jetzt sehr unheimlich zu Mut – die beiden Frauen langweilten mich, und allerhand mit Reue gemischte Beängstigungen durchschlichen mir die Brust. »Plötzlich rief Lotti aus: ›Du, den Damen scheinen wir aber gar nicht gefallen zu haben!‹ »›Von wem sprichst du?‹ fragte ich. »›Eine kleine Braune in einem dunkelblauen und eine große Blasse in einem grauen Kleid! Die war mordsnobel, die Graue, und bildschön. Eine von den echten. Sie ist nur in die Tür getreten, hat uns angeschaut und ist wieder verschwunden. Offenbar hat sie sich nicht im selben Zimmer niedersetzen wollen mit uns.‹ Dabei rieb sich Lotti mit der Serviette den rosa Flaum von den Wangen. ›Merkt man 's denn gar so sehr, daß i g'schminkt bin?‹ murmelte sie mit herausforderndem Lachen. »› Quelle bêtise! ‹ rief die Französin, ›die Dame hat einfach jemand hier gesucht, und ist zurückgetreten, weil sie ihn nicht erblickt hat.‹ »›Wie war sie angezogen?‹ fragte ich. »›A grau's Kleid, glaub' i, und an kleinen grauen Samthut mit weißen Federn!‹ »Einen kleinen Samthut mit weißen Federn . . . ach was . . . Unsinn! . . . Es gab wenigstens sechshundert graue Samthüte mit weißen Federn in Nizza. »›Und die Dame mit ihr?‹ fragte ich nach einer Pause, ›war die eine alte Frau?‹ »›Nein, ganz jung, sehr elegant, sah wie eine Wienerin aus – ich glaub', es war die Gräfin Binsky.‹ »Eine junge Frau – eine Wienerin – mit der konnte Kathrin nicht zusammen gewesen sein! – Was für Dummheiten! »›Und kein Herr dabei?‹ »›Ja, ich glaube . . . bin nicht sicher, sie verschwanden zu rasch.‹ »›Unsinn – Unsinn!‹ murmelte ich – aber ich goß ein Bierglas mit Champagner voll, um mich zu betäuben. »Als ich mit den beiden Damen im letzten Zug nach Nizza zurückfuhr, schwankte die Welt unter mir, und alle Konturen waren von einem grauen Nebel verwischt. Ich stolperte beim Gehen, aber so viel wußte ich noch, daß es galt, meiner Frau um jeden Preis auszuweichen. Ich schlich mich an meine Zimmertür heran, dummerweise rempelte ich so fest dagegen, daß das halbe Hotel davon erwachen mußte. Eilig wollte ich die Tür hinter mir zusperren, als die Jungfer meiner Frau bei mir anklopfte. »› Madame la comtesse wünscht Monsieur le comte zu sprechen – will sich Monsieur le comte nicht in den Salon bemühen?‹ richtete sie mir aus. »Es war nicht mehr auszuweichen! Ich hatte das Gefühl, als ob der Fußboden unter mir einsänke – ich schwebte in der Luft und suchte nach etwas, an dem ich mich anklammern konnte. Ich tauchte meinen Kopf in kaltes Wasser, das Bewußtsein fing an, sich bei mir einzustellen – je mehr es sich klärte, um so elender, trostloser wurde mein Zustand. »Mit Sehnsucht, ich sage Ihnen, mit Sehnsucht gedachte ich des Bleihagels von Königgrätz, tausendmal, ja zehntausendmal lieber wäre ich noch einmal den preußischen Hinterladern entgegengetreten – als den Augen meiner Frau! Aber was war da noch zu machen? Ich trachtete die Sache auf die leichte Achsel zu nehmen. Leise, ein Liedchen vor mich hinsummend, ging ich auf den Salon zu. Jetzt schob ich die Tür auf – es galt! Da stand ich ihr gegenüber. Ich sah sie genau – sie trug ein graues Kleid, und neben ihr auf einem Fauteuil lag ein kleiner grauer Hut, der mit weißen Straußfedern geschmückt war! – Mir wurde kalt bis in die Knochen hinein. »›Ist es sehr wichtig, Kathi?‹ fing ich an. »›Ja,‹ erwiderte sie bestimmt mit einer herben, scharfen Stimme. »›Nun, da muß ich es wohl über mich ergehen lassen,‹ erwiderte ich, krampfhaft scherzend, und haschte nach einem Sessel, um mich darauf niederzulassen. ›Aufrichtig gesagt, hätt' ich mich lieber vor dir versteckt, Kathi – ich bitte dich vielmals um Verzeihung – aber solche Sachen . . . kommen vor . . . kommen vor – der Champagner – du begreifst, meine Tante hatte noch jemand eingeladen . . .‹ »Mit einem Male verlor ich jeden Rest von Halt und Besonnenheit. »›Es war meine Tante . . . ich versichere dir, Kathi, ich habe dich nicht angelogen,‹ lallte ich. »Damals wußte ich kaum, was ich sagte, später trat mir's Wort für Wort ins Gedächtnis zurück. Ich streckte den Arm nach ihr aus, wollte sie an mich ziehen, sie fuhr zurück mit einer Gebärde schaudernden Ekels, die mir das Blut in den Adern erstarren ließ. »Mir versagte der Atem, ich ließ mich schwer in dem Sessel nieder, an dem ich mich bis dahin angehalten hatte. Erst hatte sie von mir weggeblickt, jetzt heftete sie die Augen voll auf mich – ein paar kalte, spähende Augen, von denen der feucht verklärende Begeisterungsschimmer für immer verschwunden war, denen kein Jota der Widerwärtigkeit meines Zustandes entging, und die mit unaufhaltsamer und verächtlicher Sicherheit in allen Winkeln meines Innersten herumforschten . . . »›Es ist ganz unnütz, daß du dich in weitere Auseinandersetzungen verstrickst – ich habe dich in Monte Carlo gesehen – ein alter Freund von mir besuchte mich auf der Durchreise mit seiner Frau – und da sie wünschten, den Abend mit mir zu verbringen und zugleich Monte Carlo kennen zu lernen, so fuhr ich mit ihnen hin. Ich hatte ihnen erzählt, daß du bei deiner Tante speisest. Sie machten komische Gesichter, als ich ihren Namen nannte. Als ich dich in Monte Carlo erblickte, erklärte mir Klara Binsky die Situation. Ihr Mann wollte sie daran hindern, aber sie plauderte alles aus.‹ »Ich schwieg wie vom Donner gerührt! Indessen fuhr sie fort: ›Ja, sie ist deine Tante – das weiß ich – aber ich weiß jetzt auch, daß sie deine Geliebte war.‹ »Ich senkte nur den Kopf. »›Ja,‹ sagte sie hart, ›zehn Wochen nach meiner Verheiratung habe ich meinen Mann mit seiner ehemaligen Geliebten beisammen gefunden – und nicht nur, daß ich ihn gesehen habe – meine Freunde haben ihn auch gesehen. Wie sehr ich mich für dich geschämt habe, wirst du allenfalls begreifen können – wie ich mich aber für mich geschämt habe – das . . . glaube ich, übersteigt dein Fassungsvermögen.‹ »Ich fühlte mich wie ein gepeitschter Hund, aber noch immer trachtete ich mich zu entschuldigen. »›Ich begreife deine Empörung,‹ erwiderte ich, ›so etwas ist einer Frau gräßlich, besonders vor Zeugen. Aber an und für sich war nichts dabei. Ich bin der, von der du sprichst, neulich auf der Straße begegnet – ihrer Bitte nachgebend, hielt ich mich bei ihr auf, und da es ihr schlecht geht, unterstützte ich sie. Als heute das Billett kam, hatte ich Lust, dir die ganze Sache zu beichten!‹ »›Und warum hast du's nicht getan?‹ fragte sie hart, immer mit demselben verächtlichen Blick, mit demselben eiskalten Spott um den Mund. »Ich geriet außer Rand und Band. ›Warum ich's nicht getan habe?‹ schrie ich. ›Weil ich keine Szene heraufbeschwören wollte und das Bedürfnis in mir fühlte, mich endlich einmal deiner Tyrannei zu entziehen.‹ »›Meiner Tyrannei? Dich meiner Tyrannei zu entziehen, um zu deiner ehemaligen Geliebten zurückzukehren?‹ fragte sie. »Und dabei sah sie mich an . . . sah mich an. Es ist nicht zu beschreiben, wie sie mich ansah. »Ich fühlte plötzlich, daß ich nicht mehr zu Hause bei ihr war, daß ich nicht mehr das Recht hatte, mich in ihrem Zimmer niederzusetzen, solange sie mich nicht dazu aufforderte. »Ich erhob mich schwerfällig . . . dabei versuchte ich, ihr ihren Blick zurückzugeben. »Nicht eine Spur von Herzenskränkung stand auf ihrem marmorweißen Gesicht. So unantastbar überlegen, wie in ihrem herben Stolz versteinert, stand sie vor mir, daß auch jedes Fünkchen von Reue in mir erlosch. Ein wahrer Heißhunger danach, ihr weh zu tun, eine verwundbare Stelle an ihr zu finden, übermannte mich. »›Laß das gut sein,‹ rief ich, ›die Geliebte laß aus dem Spiel, ich weiß kaum mehr, ob sie es je war oder nicht – aber das eine weiß ich, daß ich mit ihr reden kann, ohne mich beständig in überschwengliche Edelmutssphären hinaufzuschrauben, hol's der Teufel! . . . das hält man auf die Dauer nicht aus! Dein Bruder hatte ganz recht, der sagte mir's im vorhinein, daß man's nicht mit dir aushalten könne, trotz all deiner schönen, großartigen Eigenschaften! . . . Erinnerst du dich des Rheinfalls? Du verlangst immer, daß die Flüsse bergaufwärts strömen – das gibt's nicht auf der Welt. Zum Kuckuck! verzeih mir, aber der Verkehr mit dir ist eine solche Anstrengung, daß . . . daß . . . danach . . . na, Donnerwetter – eine Unterhaltung mit einer Kuhmagd eine Erholung für unsereinen wäre!‹ »Der Hieb saß . . . Ja, der saß! Einen Moment stand sie regungslos da, sah mich ein letztes Mal an, dann wandte sie sich zum Gehen. . . . Ich wollte ihr nach, aber schon hatte sich die Tür ihres Schlafgemachs hinter ihr geschlossen. Ich hörte den Schlüssel sich umdrehen im Schloß. Da erst erfaßte ich, was ich getan hatte. Ich rüttelte an ihrer Tür, kniete vor der Schwelle nieder, bat und schluchzte; keine Antwort! »Endlich wurde ich müde. Die Verzweiflung und Aufregung, die mich aus meinem unzurechnungsfähigen Zustand in eine gewisse Halbzurechnungsfähigkeit wach gequält hatten, ließen nach, die trunkene Müdigkeit lähmte mir von neuem die Glieder. »Ich taumelte mehr als ich ging in mein Ankleidezimmer zurück, warf mich, kaum daß ich Rock und Stiefel abgestreift, auf einen Diwan und schlief ein. »Mein Schlaf war bleiern und traumlos. Ich erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand, mit schwerem, schmerzendem Kopf und einer unangenehmen Wundheit in den Gliedern, etwa mit demselben Gefühl wie nach einer fest durchschlafenen, aber auch im Schlafe noch unbequemen und anstrengenden Eisenbahnnacht. »Alles, was vor meinem Einschlafen geschehen war, hatte ich vergessen. Ich konnte mir's nicht zusammenreimen, wo ich mich befand, warum ich da auf meiner Chaiselongue lag, ohne Rock und Stiefel, nur in eine Reisedecke eingehüllt. Ich griff nach meinem Rock – hastig, verlegen, um nicht von Kathrin bei meinem Trägheit ertappt zu werden. Ich wußte, daß Kathrin das Schlafen bei Tag nicht leiden konnte. »Bei dem Gedanken an Kathrin fing's in meiner Seele an zu dämmern – dann plötzlich mit einem stechenden Schmerz durchzuckte mich das Licht! Ah! Ich hielt mir beide Hände vor die Augen, mir schwindelte dermaßen, daß ich mich niedersetzen mußte. Es war nicht ein Gedanke in mir, der nur den Versuch wagte, mich zu trösten, nicht ein Blutstropfen, der mich nicht brannte in höhnender und verzweifelnder Selbstanklage. »›Das hast du getan, du selber hast das getan!‹ schrie es hundertstimmig in mir, ›dein Glück hast du zerschlagen, durch den Sumpf geschleift, erstickt!‹ »So gräßlich war mir zu Mut, daß es mir als eine Erleichterung erschienen wäre, meinen Rücken der Geißel preiszugeben – keine Geißel vermochte mich so scharf zu brennen wie die Erinnerung. Jedes Wort, das ich gesprochen, taute sozusagen aus meiner erstarrten Seele heraus, ich hörte mein schwerzüngiges Lallen, ich sah meine häßlichen, taumelnden Bewegungen. »Eine Weile blieb ich vor Angst wie erstarrt, dann stützte ich den Kopf zwischen die Hände und stöhnte. »›Wird sie verzeihen – nicht das, was ich ihr angetan, aber das, was ich zu ihr gesprochen habe – gibt es überhaupt eine Frau, die so etwas verzeiht? Ja, es gibt vielleicht irgendwo eine solche Frau – es gibt nicht nur eine, es gibt viele Frauen, die so etwas verzeihen könnten – aber sie – sie . . .!‹ »Mitten in meiner herzbeklemmenden Niedergeschlagenheit durchschwebte mich die Erinnerung an gewisse, besonders schöne und zärtliche Episoden in unsrer kurzen Ehe. Ein lähmendes Grauen durchzog mich bei dem Gedanken, daß sie sich für immer von mir abwenden könne. »Ich begriff nicht mehr, wie ich mich gegen irgend etwas, das sie je von mir gewünscht, hatte auflehnen können – ich elender Bettler, den sie aus dem Staub gezogen. Ich sehnte mich nach ihr, mich hungerte und dürstete nach ihr, nach dem freundlichen Blick ihrer schönen und stolzen Augen, nach dem Klang ihrer Stimme, nach ihren lieben Händen – den Händen, die stark und fest waren, fast wie die eines Mannes, und die, wenn sie mir über den Kopf glitten oder meine Schultern streichelten, weich und hilflos wie die eines kleinen Kindes wurden. »Meine ganze Ehe erschien mir plötzlich als etwas Heiliges, fast unglaublich Schönes. »Ich hätte mich zu Kathrins Füßen niederwerfen, ihr zurufen mögen: da will ich liegen, mich im Staube demütigen vor dir, bis du mich durch ein Lächeln, einen freundlichen Blick begnadigst! Dann sagte ich mir: ›Aber damit ist ihr ja gar nicht gedient, ich soll mich nicht demütigen vor ihr – sie will das Recht haben, sich vor mir zu demütigen – alles will sie mir verzeihen, nur nicht . . . den Beweis dafür, daß ich kleiner bin als sie!‹ »Was war zu machen? . . . »Vor allem mußte ich sie sehen, mit ihr sprechen. Ein so starkes Gefühl, wie sie es für mich empfunden, stirbt nicht in einer einzigen Stunde, sagte ich mir. »Ich mußte vorsichtig sein, Takt zeigen, mich nicht von Anfang an zu sehr an sie herandrängen. Vielleicht, vielleicht würde dann eines Tages der Augenblick kommen . . . »Indessen kleidete ich mich an – mit einer Sorgfalt, wie ich sie sonst als Junggeselle an den Tag zu legen pflegte, eh' ich auf einen Ball ging. »Ich half mir dabei selbst. Es fiel mir gar nicht ein, nach meinem Diener zu klingeln – ich hatte vergessen, daß mir ein solcher jetzt zur Verfügung stand, wie ich der materiellen Vorteile meiner Lage – das schwör' ich Ihnen – in meiner großen Aufregung und Verzweiflung überhaupt vergessen hatte. »Nun war ich fertig – es galt! Ich wollte zu ihr hinein – sie sehen, o, nur einen Augenblick sie sehen. Wie ich mich danach sehnte und . . . wie ich mich davor fürchtete! Endlich nahm ich mir ein Herz! . .‹ »Ich trat in den Salon, in dem wir gestern voneinander geschieden waren – eine unheimliche Luft schlug mir entgegen – der Raum erschien mir seltsam leer und kahl – auch kalt. Das Feuer im Kamin war ausgegangen – die Blumen in den Vasen waren nicht erneuert worden – sie hingen müd' und welk – auch merkte ich, daß verschiedentliche Gegenstände, die ich dort zu sehen gewohnt gewesen war, fehlten, und zwar lauter Gegenstände, die zu Kathrins täglichem Gebrauch gehörten. »Ich klopfte an die Tür ihres Schlafzimmers, keine Antwort; ich drückte die Klinke nieder in der Erwartung, daß die verschlossene Tür mir Widerstand leisten würde. Aber nein – die Tür öffnete sich – ich warf einen Blick in das Zimmer – es war leer! Von ihren Sachen auch hier nichts mehr übrig – alles hinweggeräumt – nur ein kleiner, pelzbesetzter, himmelblauer Atlasschuh lugte vergessen unter dem Rande des Bettes hervor – einer ihrer kleinen Hausschuhe, in die sie hineinzuschlüpfen pflegte, wenn sie sich's recht bequem machte des Abends in ihren weiten, weißen Schlüpfkleidern. Ich bückte mich nach dem kleinen Schuh und drückte ihn an meine Lippen. »Noch wie betäubt, den Schuh in der Hand, stand ich da, als mein Diener zu mir trat. »Er war sehr rot und sah zugleich unglücklich und verlegen aus. Mir ahnte Gräßliches. »›Wo ist die Frau Gräfin?‹ schrie ich ihn an. »›Frau Gräfin sind auf die Bahn gefahren,‹ erwiderte er stotternd und die Finger seiner an die Hosennähte geklebten Hände vor Schrecken ausspreizend. »›Auf die Bahn?‹ »›Ja . . . mit der Frau Baronin.‹ »Das war die kränkliche Tante. »›Wann kommt sie zurück?‹ »›Ich . . . ich weiß nicht. Sie hat mir aufgetragen, gräflichen Gnaden den Brief zu übergeben.‹ »Ich öffnete ihn hastig – wie die Worte lauteten, weiß ich nicht mehr, aber mein Urteil war darin verzeichnet. »Einen Augenblick stand ich regungslos, wie vom Donner gerührt, dann schrie ich außer mir: ›Und wann ist sie fort?‹ »›Jetzt, vor einer Viertelstunde . . . zum Pariser Zug.‹ »Ich sah nach der Uhr – noch zehn Minute blieben mir, um den Zug zu erreichen. Ob ich meinen Hut aufgesetzt hab' oder barhaupt hinausgelaufen bin, weiß ich nicht, aber ich stürzte hinaus; ich hatte nicht die Zeit, mich zu fragen, was die Leute von mir dächten, ob sie mich für einen Narren halten würden. Ich lief und lief, bis ich eine leere Droschke erblickte. In die schwang ich mich – ›Auf die Bahn,‹ schrie ich, ›zum Pariser Zug – schnell!‹ »Der Kutscher peitschte sein Pferd. Ich erreichte den Bahnhof vor Abfahrt des Zuges. Meinen armen, kleinen Schuh hielt ich noch in der Hand. »Ich suchte sie mit den Augen; als ich sie endlich erblickte, schwand jeder Schimmer von Hoffnung. »Ich hatte mir gesagt, wenn sie verweint ist, geht alles gut. Sie war nicht verweint. Die alte Frau an ihrer Seite, die war verweint, bis zur Unkenntlichkeit war sie verweint – aber Kathrin . . . furchtbar bleich sah sie aus, fast verfallen, die Augen hohl, die festgeschlossenen Lippen kreideweiß – eine Leiche, keine Frau mehr, kein Weib! Ich hatte sie totgeschlagen – sie und ihr Herz – zu rühren war sie nicht mehr! »Ich nahm mein letztes bißchen Kraft zusammen, ging auf sie zu. Sie erblickten mich beide. »Die arme, kaum genesene alte Frau, die sich wie ein Opferlamm nachschleppen ließ, zitterte am ganzen Körper, wischte sich verstohlen die Wangen. »In Kathrin bewegte sich nichts – anscheinend nichts! »Sie stieg ein – der Zug brauste davon – ich sah ihm nach! . . . In meinem Innern war alles wirr! Die Häuser, das graue Glasdach, die bunten Anschlagzettel an dem Bahngebäude, alles verschwamm in ein braunes Chaos; in meinem Ohr war ein fernes Sausen – es klang wie das Sausen der alten Birke an der Heimatsgrenze – und in meinem Herzen war dasselbe öde, vernichtende Gefühl, wie ich's als ganz junger Mensch empfunden, als ich die Heimat verloren hatte!« Der alte Mann unterbrach sich. Er wischte sich mit seinem rotseidenen Taschentuch die Augen, dann räusperte er sich und schenkte sich noch ein Glas Kognak und Soda ein. Totenblaß sah ihm Freddy zu – sein Mißbehagen hatte sich längst in eine deutliche Angst verwandelt – und die Angst ließ sich nicht bannen, wenn er sich auch hundertmal vorsagte, daß sie unsinnig sei. »Nun,« drang er in den alten Mann, »und was geschah weiter?« Der Alte zuckte die Achseln. »Was weiter geschah? Ich träumte von einer Versöhnung – lange träumte ich davon. Ich wollte ihrem Bruder schreiben, und zwar ganz freimütig, mich rücksichtslos preisgebend – aber ich konnte die Worte nicht finden – er war mir doch zu fremd. Statt dessen schrieb ich an sie, heiße, zärtliche, verzweifelte Briefe – Briefe, die einen Stein hätten rühren müssen. Ich schrieb alle Tage, manchmal zweimal am Tage. An ihrem Schreibtisch schrieb ich, in unsrer Wohnung im Hotel des Anglais. Ich konnte mich nicht entschließen, diese zu verlassen. Mit jeder Post erwartete ich einen Brief von ihr. Im innersten Herzen erwartete, hoffte ich noch etwas andres! . . . Soll ich's Ihnen sagen, was ich hoffte? . . . Daß sich gegen Abend die Tür öffnen und sie an mich herantreten würde, leise . . . leise, sie würde die Hand auf meine Schulter legen und zu mir niederschauen mit ihren himmlischen Augen. »Es war ein unsinniger Traum, aber ich träumte ihn! Alles hielt ich bereit, damit sie, sobald sie den Fuß über die Schwelle setzte, das Gefühl haben möchte, als habe sie unser kleines Nest nur für die Dauer eines kleinen Spaziergangs verlassen. Der Salon war hergerichtet wie die Kirche im Marienmonat, um den Ausdruck ihres Bruders anzuwenden, mit weißen Blumen, Nelken, Gardenien und Tuberosen überreich ausgeschmückt. »Solange ich damit beschäftigt war, so alles auszuputzen, war mir ein wenig leichter, ich redete mir vor, daß sie zurückkommen müsse – dann saß ich neben dem Kamin und horchte – horchte . . . horchte. Manches Mal hörte ich unten vor dem Hotel einen Wagen halten . . . dann fieberte es in mir . . . ich eilte zum Fenster . . . die hoch mit Koffern bepackte Kalesche irgend einer lungensüchtigen Engländerin war's. »Sie kam nicht! . . . und wenn das Licht verlosch und sie nicht gekommen war, verlosch auch das Licht in meiner Seele! Der Kellner erschien, um zu fragen, ob er servieren solle. Ich nickte. Wissen Sie, ich schämte mich, vor dem erbärmlichen Kellner schämte ich mich, daß mich meine Frau verlassen hatte. Ich log ihm alles mögliche vor – nur damit er nicht erraten möge, wie die Dinge stünden. Ohne daß er mich danach fragte, teilte ich ihm mit, ich erwarte die Gräfin stündlich, und ich erwartete sie auch. »Wissen Sie, es gibt keine Qual über die einer solchen armen, todkranken Hoffnung, die sich unruhig um unsern Schmerz, um unsre Sehnsucht herumschmeichelt und uns daran hindert, einfach den Kopf unters Joch zu stecken und uns zu sagen: ergib dich drein. 's ist, als ob sie einen Menschen, den das Schicksal in ein niedriges Loch hineingeschoben hat, worin er sich höchstens auf allen vieren zurechtfinden kann, beständig veranlassen wollte, sich aufzurichten, nur damit er sich den Kopf recht wundstoßen möge. »Je früher man sich in so einem Fall entschließt, auf allen vieren zu kriechen, um so besser! »Ich brauchte leiden ziemlich lang, um mich zu entschließen! »Ich erwartete sie und ich sehnte mich nach ihr . . . ach, wie ich mich nach ihr sehnte! »Ich stellte mir die holdesten Möglichkeiten vor. Wenn sie doch käme – ein Rauschen wie von Engelsflügeln oder wie von einem weiblichen Gewand – ein Hauch von Veilchen und frischem Grün – eine leise, weiche Stimme, ein Gemisch von feierlichem Orgelklang und dem Schlag der Nachtigall – und sie war da! Plötzlich würde sie auftauchen neben mir, wie der Frühling auftaucht, wenn der Winter besonders hart und kalt gewesen ist! »Mit schaudernder Wonne fühlte ich ihre Hand auf meiner Schulter, ich fühlte ihren Kuß auf meiner Stirn – sie – sie – meine Einzige, Unvergleichliche, und dann glitt ich nieder zu ihren Füßen und küßte den Saum ihres Gewandes und dankte ihr schluchzend für ihr schönes, großmütiges Verzeihen! »Sie ist nicht gekommen! . . . »So wie sie einmal war, konnte sie nicht kommen. Aber . . . was sie gelitten haben muß! »Wenn ich's jetzt ruhig überlege, so wundere ich mich nicht darüber, sondern nur, daß ich es von ihr erwarten konnte! »Da habe ich was in den Zeitungen gelesen, unlängst, von einem deutschen Gelehrten, einem Psychiatriker noch obendrein, der behauptet, wenn die Liebe einer Frau ihre Achtung für den Mann oder ihr Vertrauen zu ihm überdauert, dann ist es eine ungesunde, eine unnatürliche, eine suggestionierte Liebe! Hab' lachen müssen, ja lachen, hören Sie, über diese Behauptung. Der Mann, der so einen Ausspruch gelassen in die Welt hinausposaunen konnte, mag ja ein großer Gelehrter sein, aber die Frauen kennt er schlecht! Es ist gräßlich, wie lang auch bei der edelsten, würdigsten der Zersetzungsprozeß einer solchen armen vergifteten Liebe dauert, wie ruhelos sich so ein tödlich getroffenes Herz zwischen der neuen Verachtung und der alten Zärtlichkeit herumwindet und immer noch nach einer Rechtfertigung für seine Schwäche ausspäht – nach der erlösenden Illusion, die so eine arme Frau von der Notwendigkeit befreit, sich für jeden gegebenen und empfangenen Kuß zu schämen! »Es gibt keinen schrecklicheren Todeskampf, als den einer sich langsam zu Tode schämenden Liebe. »Die Leidenschaft stirbt sehr selten von einem Augenblick zum andern ab, und ich bin überzeugt, daß Kathrin durchaus nicht schnell fertig geworden ist mit ihrer Neigung zu mir. – Aber sie brauchte einen edlen Grund, um zu verzeihen; ehe sie diesen edlen Grund gefunden hatte, wollte sie nicht verzeihen, mochte sich ihr Herz noch so sehr danach sehnen. Sie dachte zu sehr über die Situation nach, anstatt sich blindlings ihrem Gefühl hinzugeben; – und wenn eine Frau in ihrer Lage anfängt nachzudenken, ist es in solchem Falle sehr schwer für sie, die höchste Barmherzigkeit von der gewöhnlichsten Schwäche zu unterscheiden. Ja, sie dachte – das ist das richtige Wort; und die denkenden Frauen finden sich immer schwer zurecht in der Liebe – sie machen's auch den Männern schwer. – Die Liebe und die Religion muß man einfach hinnehmen, ohne darüber zu grübeln. Sobald man über die eine oder die andre zu grübeln beginnt, zerstört man sie. »Aber zu meiner Geschichte zurück. Ich war damals dumm, das was ich Ihnen heute sage, fiel mir nicht ein; – ist alles Treppengeist. »Daß sie sich einfach schämte, ohne einen edlen Grund zu verzeihen, darüber wurde ich mir ebensowenig klar, als darüber, daß sie Zeit – und ziemlich viel Zeit brauchen würde, um sich zu beruhigen. Ich hatte keine Ruhe und keine Geduld. Ich wollte alles übers Knie brechen. »Zwei Wochen waren vergangen. Sie war nicht gekommen. Nun wartete ich schon in die dritte Woche hinein – vergeblich. »Da . . . ich erinnere mich – als ob's gestern geschehen wäre – ein sonniger Herbsttag war's – ein Tag, in den etwas Frühlingssüßes hineinduftete, das mir alle Adern hoffnungsfreudig anschwellen ließ – mit jener Hoffnungsfreudigkeit, die fast jeder großen Verzweiflung vorangeht. »Ich hatte ihre Zimmer besonders schön und festlich geschmückt – heute wird sie zurückkehren, dachte ich, oder zum mindesten erhalte ich Nachricht von ihr. »Und ich erhielt Nachricht! »Der Postbote brachte mir ein dickes Paket – darin befanden sich alle Briefe, die ich aus Nizza an sie geschrieben – uneröffnet! . . .« Der alte Spieler unterbrach sich mit einem heiseren, röchelnden Laut und hielt sich beide Hände über die Augen – dann den Kopf zurückwerfend, fuhr er in rascherem Tempo fort: »Ich hab' Sie lange aufgehalten mit meiner Erzählung, aber fürchten Sie sich nicht, das Ende kommt schnell! Beim Finish werde ich nicht zögern – war bekannt für meine Art, den Finish bei einem Wettrennen zu reiten, ist mir keiner gleich gekommen in Österreich – der Finish war immer famos, und darauf kommt's an – was liegt denn daran, wie der Rest des Rennens ausgesehen hat – wenn nur der Finish gut ist. . . . Wenn ich noch hoffen könnte, meine Existenz mit einem guten Finish zu schließen – heute möcht' ich meinen Kopf niederlegen . . . aber wie soll ich – wie soll ich? Der Rhein, der im Sumpf stecken bleibt, weil er nicht mehr die Kraft hat, weiter zu kriechen, das bin ich . . . Ja genau – das ist mein Ende . . . nur . . . nach einer weniger glänzenden Laufbahn. »Aber vorwärts! »Da ich nicht wußte, wo sich meine Frau aufhielt, hatte ich alle meine Briefe an ihren Rechtsfreund in London gesandt. Es hatte mich geniert – ja, obgleich ich ihn persönlich gar nicht kannte, hatte es mich geniert, ihn durch dieses Verfahren in meine Lage einzuweihen – aber ich bitte Sie, Rechtsfreunde und Ärzte gelten mehr oder minder für Vertrauenspersonen – sind so eine Art confesseur laïque . »Damit mir kein Zweifel darüber bleiben sollte, daß die Briefe richtig an meine Frau abgeliefert worden waren, hatte sie das Paket in ihrer Schrift adressiert. »Wie mir zu Mute war? . . . Ich hatte nur gerade noch die Geistesgegenwart, den Schlüssel in der Tür umzudrehen, damit nicht zufällig ein Kellner oder mein eigener Diener eintreten und mich überraschen möge in meiner nicht mehr zu bändigenden Verzweiflung. Mir war's, als ob ich plötzlich blindgeworden sei, ich sah buchstäblich nichts . . . nichts . . . ich tappte mit den Händen – vor meinen Augen wälzten sich schwarze Wolken, und in meinen Ohren war ein Sausen wie von einem Wasserfall. Ich hatte das Gefühl des Fliehenwollens, das uns bei allen unerträglichen Lebenslagen übermannt – etwas wie einen physischen Drang, zu entrinnen. »Ich machte ein paar Schritte vorwärts, ohne auch nur zu ahnen, nach welcher Richtung, nur um mich zu bewegen. In meiner Blindheit stieß ich an ein Möbel und stürzte hin – der Länge nach stürzte ich auf den Boden! Ich schlug mit dem Kopf gegen den Teppich und schluchzte. Stundenlang mag ich da gelegen haben. Als ich mich ein wenig gefaßt hatte, schleppte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb einen Brief an Kathrin, worin ich den Empfang des Pakets bestätigte, ihr aber zugleich meldete, daß ich unter den Umständen natürlich nichts mehr von ihr annehmen könne, ihr infolgedessen die Hälfte ihres Vermögens, das sie mir durch ihren Heiratskontrakt abgetreten hatte, wieder zur Verfügung stelle und so weiter. Es war ein dummer, lahmer Brief – ich brachte keinen andern zu stande. Damit sie ihn lesen möge, schrieb ich darauf ›Geschäftssache‹ und sandte einen kurzen Zettel an den Advokaten mit. »Von dem Mammon wollte sie nichts wissen – zurücknehmen wollte sie nichts. Der Rechtsfreund erklärte mir das in einem langen, ausführlichen Dokument. »Na, ich fügte mich, schrieb ihm meinesteils eine schönverfaßte, sehr förmliche Epistel, worin ich ihm mitteilte, daß ich mich vorläufig gegen die Entscheidung meiner Gemahlin nicht auflehne, infolgedessen von den Einkünften des Vermögens annehmen würde, was ich zum einfachsten, anständigen Leben brauche; aber nur das – den Rest wolle ich so gewissenhaft verwalten wie das Hab und Gut eines unmündigen Sohnes. »Dann lebte ich eine Weile sehr still und zurückgezogen. Ich drehte allen hübschen Frauen den Rücken und sah mich in der ganzen Welt nach einem Drachen um, den ich töten könnte, um ihr ihn zu Füßen zu legen. »Wie ein Büßer lebte ich, immer in der Hoffnung, daß meine Frau, die indes zu ihren Verwandten nach England gezogen war, etwas davon hören möge. Meine Frau hörte nichts davon, mir aber schwamm es schwarz vor den Augen, ich wurde grün und elend und schlich herum wie ein Mondsüchtiger. Keiner kann sich' s vorstellen, der's nicht durchgemacht hat, wie einen die Ehe verwöhnt. Warum heiraten denn gerade die Witwer, die, die sich am Sarg ihrer Frau am unsinnigsten gebärdet haben, am schnellsten? Weil sie das Alleinsein nicht aushalten können. Ich konnte es auch nicht aushalten, ich am allerwenigsten. So allein essen im Gasthaus und zurückkehren in eine öde, leere Wohnung, und den ganzen Abend dasitzen mit einer Zeitung oder einem Buch. Dazu bin ich nicht geschaffen. Wenn ich länger als eine Stunde lese, wird mir übel – einfach übel – und wenn man nicht liest und nicht ins Theater gehen will . . . dasitzen und rauchen und immerfort denken . . . denken . . . wie alles ganz anders gekommen wäre, wenn man statt jenem dieses gesagt hätte, und statt diesem jenes – und man regt sich auf und spekuliert, als ob an dem allen noch irgend etwas zu ändern wäre – und da schleicht einem plötzlich so ein ekelhaft kaltes Gefühl vom Rückgrat bis in die Ellenbogen hinein, man hätte Lust, sich zum Fenster hinauszuwerfen und tut's dann doch nicht, weil man im letzten Augenblick denkt, es könnte noch besser werden. »Vor den alten Bekannten geniert man sich, hat Angst, sie könnten einen ausfragen, neue sucht man nicht, jedes nüchterne Wort tut einem weh. »Und eines Tages, als ich so recht zerknirscht und einsam dasaß, krank vor Traurigkeit, da öffnete sich die Tür – ich hörte das Rauschen eines weiblichen Gewandes . . . mich durchzuckte eine irrsinnige Hoffnung – nur einen Augenblick! Sofort fühlte ich, daß sie's nicht war. Nein, die andre war's. Ich wollte sie hinausjagen. . . . Sie blieb. »Verurteilen Sie mich nicht zu streng, ich war nun einmal ein schwacher Charakter in einem zu starken Körper, infolgedessen mein Lebtag lang ein Lump mit heroischen Augenblicken! Ich war ja schlecht genug, aber so schlecht, um dann noch von ihrem Gelde zu leben, so schlecht war ich nicht! »Ich ging nach Amerika mit – mit der andern . . . weiter brauche ich Ihnen nichts zu sagen. »Was ich dort alles ausgeführt hab', das ist nicht für Ihre Ohren. »Ich nahm einen andern Namen an – von dem Augenblick an atmete ich auf – wie von einem hemmenden Zwang befreit fühlte ich mich – und dann – reden wir nicht davon – aber als ich nicht mehr Angst haben mußte, sie könnt's erfahren, ließ ich mir vollständig den Zügel schießen. Ach, wie bequem das war, nur mit Menschen zu verkehren, die noch tiefer standen als ich, Menschen, neben denen ich mich nicht mehr zu schämen brauchte! »Zwanzig Jahre hab' ich mich dort herumgetrieben, habe Gold gegraben und in kalifornischen Schenken gerauft und gezecht. Seit drei Jahren bin ich nach Europa zurück, hab' Heimweh bekommen. Kaum daß ich den Fuß auf den alten Boden gesetzt, hätt' ich gewünscht, ich wäre drüben geblieben! . . . Was soll ich hier? Ich bin von der Liste gestrichen. Für einen, der zwanzig Jahre tot war, ist auf der Erde kein Platz! Ich mußte ja fürchten, einem alten Bekannten zu begegnen, fürchten, daß er mich erkennen könne. Sind zwei, drei an mir vorübergegangen, hat sich keiner nach mir umgeblickt! Habe mir den Schnurrbart abrasiert und die Haare wachsen lassen, war nicht zu erkennen, ganz verändert. . . . Wollen Sie wissen, was mich hergelockt hat an die Riviera – das Ungeheuer dort, meinen Sie wohl?‹ Der Alte deutete nach der Richtung des Kasinos . . . »Nein, ich wollte das kleine Nest wiedersehen, wo ich damals die schönen Herbsttage mit ihr verbracht hatte. Ich alter, verlotterter Bummler hatte so eine sentimentale Anwandlung! Aus dem Dorf ist heute ein stattlicher Ort geworden, wo vornehme Fremde ihre Winterquartiere aufschlagen – Beaulieu – Sie kennen's ja – ringsherum mit Villen und noblen Hotels garniert. Das kleine Wirtshaus, wo ich so grausam begonnen hatte, sie zu quälen, wo sie sich mit so himmlischer Güte an mich geschmiegt, ist fort, von der Erde verschwunden, als ob es nie gewesen wäre, aber inwendig im Flecken ist alles so ziemlich beim alten geblieben: dieselben mörtellosen Mauern um die Oliven- und Orangengärten herum, dieselben niedrigen, korallenroten Dächer auf den komischen kleinen Häusern mit den grünen Blätterjalousieen, dieselbe Einteilung der Straßen. Ich bin alle Wege gegangen, die ich mit ihr zu wandeln pflegte, auch am Meeresrand bin ich stehen geblieben, dort, wo ich dem armen, kleinen Wurm das Leben gerettet hab'! Und wissen Sie, mir kam eine Anwandlung, mich da hinabzustürzen. Hab's nicht getan – hätt's getan, wenn ich gewußt, sie erführe davon und erriete, daß ich im Sterben an sie gedacht hab'! Aber wie sollte sie's erfahren – für sie bin ich tot – längst tot . . . hab's nicht getan, hab' mich nicht umgebracht – statt dessen . . . bin ich hierher nach Monte Carlo . . . hinein ins Kasino . . . hab' alles verspielt, so nach und nach alles! . . . Wissen Sie, was das Spiel ist da drüben? Die spannendste Zerstreuung, das wirksamste Opiat, der stärkste Ablenker gegen unangenehme Erinnerungen. Sie meinen wohl, die Leute gehen hin, um zu gewinnen? . . . Viele, ja . . . eine Menge aber, die echten, die ärgsten Spieler, die gehen hin, um – zu vergessen, nur um zu vergessen, gehen sie hin!« Er verstummte. Es war indessen spät geworden, die Kellner vor dem Café Riche begannen die Tische für die Abendmahlzeit herzurichten, drei elende Musikanten, ein Flötenspieler, ein Guitarrist und eine Geigerin hatten neben einer der Efeuwände, die den Terrassenraum vor dem Café abschließen, Posto gefaßt, die unheimlichen Gestalten zeichneten sich fast schwarz gegen die Glut des Sonnenuntergangs ab. Der Guitarrist und der Flötenspieler hatten den gewöhnlichen, zerzausten, aufgedunsenen neapolitanischen Typ, wie er bei fahrenden italienischen Musikanten üblich ist, die Geigerin war offenbar aus einer besseren Sphäre in ihr jetziges Elend herabgesunken und mußte einmal sehr schön gewesen sein. Ihr schwarzes, lockiges Haar wuchs ihr dicht und tief in die breite, niedrige Stirn hinein, die feinen Brauen wölbten sich regelmäßig über einem Paar prachtvoll geschnittener Augen, die aus tiefen Höhlen wie Fackeln herausleuchteten, der Mund war groß und sinnlich, die Wangen tief eingesunken, um ihre Schläfen schwebte der grünliche Schimmer der Opfer, die der Tod bereits als seine Beute gestempelt hat. Sie trug ein schwarzes, abgesetztes Spitzentuch kreuzweis um die flache Brust geschlungen und rückwärts, in einen Knoten zusammengeknüpft, hinter dem Ohr eine verstaubte Granatblüte aus rotem Kaliko. »Auch eine épave de Monte Carlo! « murmelte der Alte neben Freddy, »war vormals Direktrice eines der ersten Musikinstitute in Genua, unglücklicherweise verliebt in einen Tunichtgut von Komponisten, träumt eine Nummer, spart und spart, um sich eine Reise nach Monte Carlo zu ermöglichen und für ihr Ideal das Maximum zu gewinnen, und wie's mit dem Sparen zu langsam geht, tastet sie anvertraute Gelder an, brennt durch, gewinnt den ersten Abend zehntausend, den zweiten dreißigtausend Franken, und verspielt am dritten Tag jeden Heller . . . und jetzt sehen Sie sie an! So bringt sie sich durch, ich kenne ihre Geschichte genau, sie erzählt sie selbst, ist auf dem Punkt angelangt, an dem man sich nicht mehr geniert, besonders nicht in unsrer Gesellschaft, wo einer so viel wert ist als der andre, das heißt so wenig. Wir wohnen im selben Hotel ›Tour Eiffel‹, herrliche Lage, Blick auf das Meer, Pension täglich vier Franken – und man kann schuldig bleiben. »Herr Gott. zu denken, daß unsereins noch Lust hat zu leben – hab' mich oft gefragt, warum sich das Weib nicht umbringt . . . aber warum leb' denn eigentlich ich? . . .« Freddy blickte zu Boden. Sein junges, schönes Gesicht drückte eine tiefe Niedergeschlagenheit aus. »Na, Ihnen ist gründlich elend vom Zuhören,« sagte, ihn betrachtend, der Alte, »aber es wird Ihnen nichts geschadet haben. Sie haben heute einen tieferen Blick ins Leben getan, als es Ihnen bis jetzt vergönnt war! Mit meiner Geschichte bin ich zu Ende – ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen, daß Sie es so lange neben mir ausgehalten haben, und zum Lohn für Ihre große Güte und Barmherzigkeit verspreche ich Ihnen eines . . . nie mit den Augen nach Ihnen hinzuzwinkern, wenn wir einander je wieder begegnen sollten, Sie nie mit einem Gruß in Verlegenheit zu bringen!« Er wollte sich erheben und gehen, Freddy hielt ihn zurück. »Aber darum ist mir's durchaus nicht zu tun!« rief er heiser, »ich will Sie ja gar nicht aus den Augen verlieren – ich . . . ich möchte Ihnen gern helfen! Kann ich gar nichts für Sie tun?« Zehnmal im Laufe der unheimlichen Erzählung hätte Freddy dem Alten davonlaufen mögen, jetzt konnte er sich nicht entschließen, sich von ihm zu trennen, ein seltsames Gemisch von Entsetzen, Ekel, Mitleid und warmer Sympathie fesselte ihn an den verkommenen Menschen, dessen rücksichtslose Beichte zugleich so viel Roheit und Schwäche und so viel Schwung und Großartigkeit der Charakteranlagen verraten hatte. »Ich weiß, hier ist nicht der Ort, um darüber zu sprechen,« sagte Freddy, »aber ich werde Sie aufsuchen, morgen, in der Tour Eiffel, und wir wenden uns miteinander beraten – Sie und ich – wir werden etwas finden!« Die Augen des Alten wuchsen ordentlich fest an dem schönen, jungen Gesicht. »Gott segne Sie tausendmal, aber zu helfen ist mir nicht, und je eher Sie mich vergessen, je besser! 's ist ohnehin mehr, als ich verdiene, daß sich ein junger Mensch wie Sie einmal freundlich nach mir umgesehen hat! . . . Hol' mich . . . aber . . . ich habe mich geradezu verliebt in Sie . . . und zu denken, daß . . . wenn alles gut gegangen wäre, ich jetzt so einen Sohn haben könnte wie Sie – gerade so einen! Ich weiß, daß es ein Zufall ist, aber . . . in Ihrem Gesicht ist etwas, das mich an sie erinnert, an meine Frau . . . eine wundervolle Frau, nur viel, viel zu gut für mich! Sie können sich's nicht vorstellen, wie sie war!« Plötzlich wechselte der Alte die Farbe, streckte den Kopf vor, sein Blick wurde stier, er zitterte an allen Gliedern. »Großer Gott!« stieß er heraus. »Was fehlt Ihnen?« fragte Freddy. »Es ist nichts,« murmelte der Alte. »Gespenster . . . Gespenster!« Freddy sah sich um. »Meine Mutter!« rief er emporschnellend, indem er eine große, schöne, grauhaarige Frau erblickte, die auf der Schwelle eines Juwelierladens stand. »Ihre Mutter?« Die Augen der beiden Männer begegneten einander. »Verzeihen Sie, der Luftzug ist mir zu scharf!« rief der alte Bummler hastig, indem er von Freddy hinweg in das Café Riche hineintrat. *           * * In dem Juwelierladen, wo von allen Seiten Diamanten auf sie niederblitzten, standen sie einander gegenüber, Mutter und Sohn. Sie reichte ihm die Hand, auf die er mit fast andächtiger Zärtlichkeit die Lippen drückte. Dann ihm leicht über den Oberarm fahrend, fragte sie: »Nun, was sagst du zu der Überraschung? Bin ich eine brave Mama, was? Selber herzureisen, anstatt dich mit einem trockenen Brief abzufertigen . . .« Ihre großen Augen blickten heute schalkhaft, und ein Lächeln voll unbeschreiblichen Liebreizes umspielte ihren schönen, etwas strenggeformten Mund. So freundlich und fröhlich hatte er sie noch nie gesehen. Der Wohllaut ihrer Stimme umschmeichelte ihn wie eine Liebkosung, ihr Lächeln drang ihm wie ein Sonnenstrahl ins Herz. Seine ganze Angst war wie weggezaubert, und der fürchterliche Verdacht, der ihn gequält hatte, kam ihm jetzt wie der reinste Unsinn vor – ein Wahnbild, wie es kranke Nerven erzeugen. »Wer ist denn übrigens der alte Vagabund, mit dem du in ein so eifriges Gespräch vertieft warst?« fuhr sie fort. »So gut ich's von hier aus wahrnehmen konnte, schien mir das Individuum deiner Teilnahme nicht wert.« Ganz unbefangen sagte sie das. Wie lächerlich, daß er einen Augenblick hatte fürchten können . . . »Der Alte ist ein großartiges Exemplar in seiner Art,« versicherte er, »es liegt sehr viel Schönes und Edles in ihm begraben, liebe Mutter, und ich möchte ihn gern aus dem Sumpfe herausretten, in den er sich verirrt hat!« Sie schüttelte mitleidig den Kopf. »Aus dem Wasser kannst du jemand retten,« sagte sie traurig, »aus dem Sumpfe nicht. Aber ich will dich nicht betrüben, mein Liebling. Gott erhalte dir dein weiches Herz, und etwas wird sich wohl immerhin tun lassen für deinen alten Schützling, nur verliere dich nicht zu weit in deinen wohltätigen Absichten. Ein bißchen Vertrauen könntest du, glaube ich, dem Urteil deiner alten Mutter schenken, denn schließlich verdankst du's ihr doch, daß du heute, hm . . . anstatt der Gatte einer russischen Tingeltangelfürstin, der Bräutigam eines ganz entzückenden Mädchens bist.« »Mutter! . . . Kennst du sie denn?« »Ob ich sie kenne!« Die Gräfin Ulenberg lachte. »Aber wir benehmen uns hier wie närrisch, machen den Eindruck, als ob wir einander ein Rendezvous gegeben hätten in dem Juwelierladen, und ich bin schließlich zu einem andern Zweck hierhergekommen. Ringe, das Schönste von Ringen, was Sie haben,« wendete sie sich an einen der Kommis, der, inzwischen mit einem höflich erstaunten Gesicht Mutter und Sohn betrachtend, den Augenblick abgewartet hatte, wo man seiner Dienste benötigen würde. Bald glitzerte der mit grünem Tuch bespannte Ladentisch von kostbaren Kleinodien. »Suche dir den Verlobungsring für deine Braut aus – nur keine Perlen, mein Verlobungsring war mit einer Perle besetzt.« Die Stimme der Gräfin zitterte. »Ich finde diesen da reizend,« sie deutete auf einen Brillanten, der, kaum merklich gefaßt, an einem dünnen Goldreif hing. »Gefällt er dir nicht?« »Aufrichtig gesagt, Mutter, habe ich bereits einen Ring für Kitty – nur . . . nur durfte ich ihr ihn nicht schenken, solange deine Antwort auf meinen Brief ausblieb.« »Armer Junge!« meinte sie. »Hoffentlich hast du dir keine Spinnen in den Kopf gesetzt wegen des Ausbleibens meiner Antwort. Wenn du schon einen Ring hast, so wollen wir dieses Nädelchen wählen, du kannst es heute deiner Braut in die Serviette stecken. Siehrsburgs essen bei uns im Paris,« sagte sie. Freddy küßte seiner Mutter die Hand und dankte ihr für das große, ihm gespendete Glück. – Das Glück war wunderschön, aber er konnte es nicht recht genießen – denn in das Glück mischte sich schon wieder das kaum verschmerzte Angstgefühl . . . es war, wie wenn in ein hellerleuchtetes, großes, warmes Zimmer durch eine unsichtbare Ritze ein kalter Luftzug streicht, der ein unheimliches Flackern in den Kerzenschimmer bringt und einem ein widerwärtiges Frösteln in die Glieder treibt, ohne daß man eigentlich die Richtung anzugeben vermöchte, aus der er entspringt. Als er mit seiner Mutter den Juwelierladen verließ, sah er sich nach dem sonderbaren Alten um. Er war verschwunden! »Unsinn, krankhafter Nervenspuk!« sagte sich Freddy. Nichtsdestoweniger klang seine Stimme scharf, als er, neben seiner Mutter auf das Hotel de Paris zuschreitend, fragte: »Jetzt möchte ich doch endlich erfahren, warum du meine Briefe so lange nicht beantwortet hast?« »Aber Freddy! . . .« ermahnte ihn die Mutter, »ist das ein finsteres Gesicht, so mürrisch kenn' ich dich gar nicht. Und nur, weil man ein bißchen hat warten müssen. Warum ich deine Briefe nicht beantwortet habe? . . . Weil ich sie erst gestern erhielt. Sie waren indessen ruhig im Hotel liegen geblieben. Ich hatte mich nämlich plötzlich entschlossen, deinem Onkel Henry nach England entgegenzufahren, als er mir sein Eintreffen in London signalisiert hatte. Ich hatte dort verschiedenes geschäftlich abzumachen, wobei er mir behilflich war. Da ich anfangs gewähnt, meine Abwesenheit von Paris würde sich höchstens auf zwei Tage ausdehnen, hatte ich im Hotel zurückgelassen, man möge mir zwar Telegramme nachsenden, Briefe jedoch nicht. Aber mein Aufenthalt in England verzögerte sich von einem Tag zum andern – ich reiste von London zu Freunden – das und jenes . . . erst gestern, als ich mit Henry nach Paris zurückkehrte, fand ich deine Briefe. Aufrichtig gesagt, durchfuhr mich ein gelinder Schrecken über dein neues Verlobungsprojekt. Nebenbei mußt du wissen, daß das einzige Familienmitglied deiner entzückenden Braut, das ich bis heute kannte, die dicke Staatsrätin war – das war nicht vertrauenerweckend, und als du nun der Bitte der Angehörigen Kittys um Referenzen erwähntest, fand ich die Prätention ihrerseits mehr als sonderbar. Ich lachte geradezu auf. Dein Onkel war zufälligerweise anwesend und fragte mich, warum ich lachte. Als ich's ihm erklärte, nahm er mir deinen Brief aus der Hand, las ihn aufmerksam durch und meinte: ›Höre, Polly, die Sache ist nicht so ohne, ich habe Kitty als Backfisch gekannt, damals war ich verliebt in sie, der Altersunterschied allein verhinderte mich, um sie anzuhalten, nebenbei vielleicht auch der Umstand, daß ich fest davon überzeugt war, daß sie sich über einen Heiratsantrag von mir krank gelacht hätte – über einen Heiratsantrag unsres Jungen scheint sie sich nicht krank gelacht zu haben . . . ich denke, wir können nichts Besseres tun, als ihm schleunigst zu seinem Glück zu gratulieren.‹ »So dein Onkel! ›Nun ja, aber ihre Angehörigen,‹ wendete ich ein, und entwarf ihm mit kräftigen Strichen ein Porträt der Staatsrätin, er machte mit dem Zeigefinger sein beliebtes Verneinungszeichen und zeichnete mir ein ideales Bild der Eltern Kittys vor, wir zankten uns, schließlich machte er mir den Vorschlag, nach Monte Carlo zu reisen und mir die Sache näher anzusehen. Ich ging darauf ein. Vor zwei Stunden kam ich an, im Hotel de Paris fragte ich nach dir, man sagte mir, du seiest ausgegangen, würdest aber zum Speisen zurückkehren, wahrscheinlich früher, da du dringend einen Brief erwartetest; ich schickte Henry ins Kasino, nach dir zu sehen, dort warst du nicht, ich wußte nicht, wo ich dich suchen sollte! Erst wollte ich deine Rückkehr im Paris abwarten, dann . . . wurde mir die Zeit zu lang, ich verfügte mich mit Henry in die Villa Garibaldi, fand die ganze Familie beim Tee, und denke dir, mich besonnene, mißtrauische Frau überkam ein Begeisterungsanfall, wie ich ihn seit vierundzwanzig Jahren nicht gekannt habe. Ich verliebte mich auf den ersten Blick in Kitty und war in einer halben Stunde mit ihren Eltern so vertraut, als ob ich sie mein Lebtag gekannt hätte. Wir waren sehr heiter und machten schließlich aus, daß wir heute abend im Paris ein kleines Verlobungsdiner feiern wollten. Als ich in das Paris zurückkehrte, hatte dich einer der Pagen, ein nichtsnutziger, kleiner Schlaukopf, der sich Ange Mignon nennt, ausgekundschaftet. Er teilte mir mit, du säßest vor dem Café Riche und tränkest Kognak und Soda mit dem berühmten Monsieur Paul. Erst wollte ich Henry zu dir schicken, dann ging ich selbst, um zugleich den Verlobungsring anzuschaffen, Henry bestellte indessen das Diner. . . . Aber wie sonderbar du aussiehst, fast als ob du dich gar nicht recht freuen könntest! Um Gottes willen, Freddy! Hätt' ich mich vielleicht übereilt? . . . Dein Brief war so dringend, hätte es sich vielleicht bei dir wieder nur um eine flüchtige Neigung gehandelt? . . . Du bringst mich in eine entsetzliche Verlegenheit! Es ist doch nicht möglich, daß du . . .« »Was?« fragte er scharf. »Daß du Kitty nicht mehr lieb hast!« Sie sah ihn ängstlich an. »Kitty nicht lieb,« murmelte er halblaut, »nein, Mutter, so etwas brauchst du von mir nicht zu fürchten. Vielleicht wär's besser, wenn ich sie nicht . . . aber nein, ich spreche Unsinn!« er griff sich an die Stirn. »Du mußt mir nicht böse sein, Mütterchen, aber ich bin wie blöd. Es ist alles zu schnell, zu unerwartet, meine Liebe zu Kitty kam so plötzlich wie die Blüte im Frühling, ich war selig, und von einem Hindernis, das sich meinem Glück entgegenstellen könnte, träumte ich nicht. Es schien mir alles so normal, fast zu normal für etwas so Schönes . . . Da kamen Kittys Eltern und fragten nach Referenzen – nach Referenzen – mich. Es erschien mir wie ein schlechter Spaß – erst . . . dann . . . fast wie eine Beschimpfung – fast – warum sage ich fast, geradezu als eine Beschimpfung erschien mir's. Ich dachte, unsre Familie sei in der ganzen Welt bekannt, und daß es mir vom Gesicht abzulesen sein müsse, daß ich ein anständiger Mensch bin, und daß alle, die zu mir gehören und gehört haben, ebenfalls anständige Leute sind oder gewesen sein müssen. Dann schrieb ich dir . . . und als du mir so lange nicht antwortetest . . . nun, da setzte ich mir schließlich Spinnen in den Kopf.« Er holte tief Atem. »Du dummer Junge!« verwies ihm die Mutter zärtlich, »daß die Liebe blind macht, das weiß ich schon lang, aber daß sie hypochondrisch macht, das erfahre ich zum ersten Male. Ganz elend bist du von deinen Grillen geworden. Warum hast du mir aber auch, anstatt zu telegraphieren, geschrieben – in so einem Fall telegraphiert man!« »Man telegraphiert, wenn es sich darum handelt eine Verlobung anzukündigen, nicht wenn man . . .« er ballte die Faust, »wenn man aufgefordert wird, Belege für die Anständigkeit seiner Familie herbeizuschaffen! Nie . . . nie hätte ich mir's träumen lassen, daß man von mir . . . Referenzen verlangen würde!« Die Gräfin lächelte mitleidig und zärtlich. »Freddy, mein Liebling, deine Empfindlichkeit ist mir geradezu komisch – du, der du sonst mit deinen unerschrockenen Augen der Sonne kühn ins Gesicht gesehen hättest, ohne zu blinzeln, machst plötzlich den Eindruck, als hättest du allen Ernstes Angst, es könnte etwas vorliegen, was einen Schatten auf deinen Namen wirft . . . ich begreife nicht, was dir einfällt.« Freddy schwieg einen Augenblick. Sie hatten das Paris erreicht und waren in das niedrige, farbenbunte Vestibül getreten, das, mit phantastisch geformten Gefäßen aus türkisblauem oder himbeerrotem Valoriton geschmückt, außerdem mit Korbmöbeln und orientalischen Teppichen wohnlich ausstaffiert war. Es war ganz leer, nur ein paar Stubenmädchen mit gesteiften weißen Hauben und rosa Halsschleifen zu schwarzen Kleidern saßen vor dem Eingang in die Damengarderobenzimmer und sahen sich nach jemand um, der ihnen Eau de Cologne abkaufen würde. »Sieh, Mutter, wenn ich der erste beste, ohne Anstellung auf der Welt herumlaufende junge Mensch wäre,« begann Freddy dumpf, »dann . . . dann wäre es ja lächerlich, zu verlangen, ein jeder müsse mir's am Schnitt meiner Nase ansehen, daß ich aus guter Familie bin, aber . . . ich bin österreichischer Gesandtschaftsattaché, mein Onkel ist ein in der ganzen Welt bekannter und geachteter Diplomat, die Ulenbergs gehören zu den ältesten Familien Österreichs, und dennoch . . . dennoch . . . das ist nicht aus der Luft gegriffen – es muß ein Vorurteil existieren gegen die Familie.« »Ganz unbegründet ist es nicht,« erwiderte die Mutter ernst. »Die Ulenbergs sind verarmt, und mehrere von ihnen waren der schiefen Stellung, die ein gänzlicher Mangel an Vermögen einem jungen Manne mit glänzendem Namen im Leben anweist zum Opfer gefallen, sie haben sich auf der Welt herumgeschlagen irgendwie. Der eine von ihnen, ein Bruder deines Vaters, ist nach Amerika gegangen, nachdem er das Vermögen seiner Frau durchgebracht hatte, und ist dort verschollen. Man will ihn als Kellner in San Francisco wiedergesehen haben! Das habe ich deinem künftigen Schwiegervater mitgeteilt. Ärgeres hatte ich nicht zu sagen!« Freddy war stehen geblieben. Grübelnd starrte er vor sich hin auf das schwarz und weiße Gequader des Fußbodens. »Nichts Ärgeres?« Dann plötzlich den Kopf hebend . . . »und mein Vater!« . . . Eine jähe Röte stieg in die Wangen der Gräfin, sie zögerte einen Augenblick, dann sagte sie: »Dein Vater war ein ungewöhnlich begabter, genialer Mensch, er hatte große Fehler, durch die aber nie jemand gelitten hat als er und ich – er ist tot!« In diesem Augenblick trat ein großer, brauner Mann in das Vestibül. »Freddy, gratuliere . . . freut mich, daß ich gerade zu diesem freudigen Ereignis von Amerika herübergekommen bin – aber was für ein Gesicht? . . .« »Es ist nicht mit ihm auszuhalten,« klagte die Mutter, »er hat sich Spinnen in den Kopf gesetzt, weil die Siehrsburgs bei Nennung des Namens Ulenberg die Köpfe geschüttelt und Referenzen verlangt haben. Ich weiß nicht, warum er sich einbildet, daß das Mißtrauen gegen seinen Vater gerichtet war.« »Darüber kannst du dich vollständig beruhigen,« erwiderte ihm der Onkel, indem er ihm mit derber Herzlichkeit auf die Schulter klopfte, »gegen deinen Vater ist nichts einzuwenden gewesen, der war ein famoser, schneidiger Mensch. Schade, daß er so bald gestorben ist. Wenn er am Leben geblieben wäre, so hättest du jetzt ein halbes Dutzend Geschwister, die du verhätscheln und durchprügeln geholfen hättest, und wärst nicht ein verwöhntes einziges Kind, das sich wegen nichts und wieder nichts Grillen in den Kopf setzt wie ein hysterisches Frauenzimmer – aber da kommen Siehrsburgs – ich höre die mächtige Stimme der Staatsrätin. Ab mit dir – beeil' dich mit deiner Toilette und komm in fröhlicher Stimmung zurück!« *           * * Das Verlobungsdiner hatte erst in der Villa Garibaldi stattfinden sollen, aber als die Staatsrätin die Mahlzeit bestellen wollte, stellte es sich heraus, daß die Köchin spurlos verschwunden war; sie hatte nichts hinterlassen als einen leeren Koffer und einen Brief. In diesem Brief bekannte sie, eine Brillantbrosche der Staatsrätin entwendet zu haben, wobei sie sich der Hoffnung hingegeben hatte, mit dem Erlös die Bank zu sprengen und die Brosche zurückkaufen zu können. Sie hatte die Bank nicht gesprengt, sondern jeden Pfennig, infolgedessen auch ihre Ehre, verloren! Da sie den Verlust nicht ertragen konnte, war sie geflohen. Die gutmütige Staatsrätin, die den Verlust ihrer Brosche nicht bemerkt hatte, grämte sich unendlich über das Verschwinden ihrer Köchin, die, wie sie kühn behauptete, ihre beste Freundin gewesen war; »sie hat schlecht gekocht, aber sie hat mich immer verstanden,« versicherte sie. Sie weinte bitterlich, teilweise, da sie eine sehr gastliche Natur war, darüber, daß es ihr nun benommen war, das kleine Familienfest bei sich zu feiern, teilweise aus Besorgnis, die Verzweiflung ihrer Köchin könne in einem Selbstmord kulminiert haben. Infolgedessen erschien sie im Paris ganz außer Atem und, wie sich's bei stärkerer Beleuchtung herausstellte, von oben bis unten mit Spinnweben bedeckt. Kurz vor dem Ausgehen war sie noch umgekehrt und auf den Boden gestiegen, wo sie die Köchin an einem Balken aufgehängt zu finden fürchtete. Sie hatte sie nicht gefunden, dafür aber entdeckt, daß man aus den Dachfenstern eine wunderschöne Aussicht habe. Im Paris hatte das Diner in dem Appartement der Gräfin Ulenberg eingenommen werden sollen, aber das ihr versprochene Gelaß war nicht zur rechten Zeit geräumt worden. Unter tausend Entschuldigungen hatte der Oberkellner gefragt, ob er in dem kleineren Speisesaal decken dürfe, der bei der vorgerückten Saison den Herrschaften zur Verfügung stehe. Oder wünschten die Herrschaften ein separiertes Eßzimmer? Da hatte sich Kitty als Hauptperson ausgebeten, in der verglasten Galerie zu speisen, die auf den blumengeschmückten Platz hinaussah, und über den Platz hinüber auf das bunte, lustige Café de Paris, aus dem die Musik heraustönte, und rechts auf das Kasino, links auf den großen Bankpalast des Credit Lyonnais. Denselben Tisch hatte sich Kitty ausgesucht, an dem sie das erste Mal mit Freddy gefrühstückt – nur hatte man noch einen zweiten Tisch herangeschoben, damit die Herrschaften Platz haben möchten. Während die Kellner den für die Verlobungstafel vorbereiteten Blumenschmuck ordneten, hatte man sich in das Lesezimmer verfügt und wartete auf Freddy. »Unerhört!« sagte Kitty mit komisch tragischen Augen, »daß eine Braut auf den Bräutigam warten muß! Diese Unpünktlichkeit verzeih' ich ihm nie! Und ich hab' mich so gesputet!« Gleich nach diesem freimütigen Bekenntnis ihrer bräutlichen Ungeduld wurde Kitty feuerrot und bat: »Aber Freddy dürft ihr's nicht verraten, daß ich Eile gehabt hab'!« Die Gräfin Ulenberg legte ihrer Zukunftsschwiegertochter die Hand unter das Kinn. »Darf ich meinem Jungen die Freude nicht machen?« lächelte sie. Doch ehe Kitty noch Zeit gefunden hatte zu antworten, erschien Freddy im Smoking und mit kleinen, rosig schimmernden Perlenknöpfen in einem sehr steif gestärkten, weißen Hemd. Er küßte erst der »Fürstin Lydia«, dann Kitty die Hand und beantwortete den Händedruck seines Schwiegervaters mit der Frage: »Nun, waren die Auskünfte in Betreff meiner Sippschaft zufriedenstellend?« Der Gesandte blickte ihn groß an und lachte. »Sapristi, bist du aber empfindlich.« rief er. »Offenbar scheinst du beansprucht zu haben, man möge dich auf Treu und Glauben hinnehmen wie den Lohengrin.« » Mon cher! ich hätte ihn hingenommen,« versicherte Frau von Siehrsburg mit ihrer pikant heiseren Stimme und dem russischen Akzent, der in ihrem Munde einen besonderen Reiz erhielt. Kitty murmelte leise: »Ich auch,« und Freddy lächelte gerührt und setzte sich neben sein Bräutchen und streichelte zärtlich den Rücken ihres Sessels, da er unter den Umständen Kitty nicht selber zu streicheln wagte. Es befanden sich nämlich außer den zwei Verlobungsfamilien noch zwei fremde Personen im Lesesaal, ein Engländer in einem grauen Anzug und mit einem grauen Backenbart, der das »Field«, und seine Gattin in einem himbeerfarbenen Gewand und gleichfarbigen Gesicht, die die »Queen« las. Eigentlich las keines von beiden, sondern beide starrten sich verborgen die Augen aus nach dem Brautpaar – er nach Kitty, und seine Gattin nach dem Bräutigam. Als echte Engländer bedauerten sie das Pärchen, das, wie sie wähnten, traurig aussah, weil es sich nicht küssen durfte, und einem gemeinschaftlichen Impuls höheren Zartgefühles folgend, erhoben sie sich und zogen sich zurück. Indessen hatte Bretford nicht aufgehört, seinen Neffen zu beobachten. »Höre, mein Junge, du gefällst mir heute gar nicht.« »Sei nicht zu aufrichtig,« erwiderte Freddy mit gezwungenem Lächeln, »ich vertrag's heute nicht, ich bin noch immer empfindlich. Überhaupt bitte ich die sämtlichen anwesenden Herrschaften um Schonung.« »Schonung soll dir zu teil werden, so viel du davon wünschest,« versicherte jetzt Herr von Siehrsburg, »aber was deine Empfindlichkeit anbelangt, so . . . ist das eine Kinderei, die ich nicht ganz begreife, und die ich mir mit dem fröhlich offenen, unerschrockenen Wesen, das du mir bei deiner ersten Unterredung zeigtest, nicht zusammenreimen kann. Dir fehlt etwas – du bist krank . . . oder . . . zum Teufel noch einmal, hast du vielleicht dein ganzes Reisegeld beim Roulette- oder trente et quarante -Tisch gelassen und ein dementsprechend schlechtes Gewissen von dorther mitgebracht?« »Mein Gewissen ist rein!« versicherte Freddy treuherzig mit dünner, etwas traurig zitternder Stimme. »Krank mag ich sein – ich denke, daß ich es sein muß, es wäre ja sonst nicht möglich, daß ich mich unter den Umständen . . .« er nahm Kittys Hand und führte sie an seine Lippen – »unter den Umständen so mutlos und niedergeschlagen fühlen könnte. Es ist plötzlich gekommen, vielleicht geht es plötzlich . . . das erste Glas Wein, das ich auf die Gesundheit meiner Braut leere, schwemmt die Trübsal mit fort!« »Sie haben ganz recht,« versicherte ihm die Staatsrätin, »ganz recht, nichts ist besser gegen die Traurigkeit als Essen und Trinken. Nachdem mein armer Mann gestorben war, aß ich den ganzen Tag – besonders Austern hatte mir der Doktor verschrieben – mit Sekt, das war das einzige, worüber ich meine Schmerzen vergaß. Davon bin ich auch so stark geworden! Hélas, à quoi bon être belle-pauvre veuve que je suis! « stöhnte sie und rieb sich mit einem ganz kleinen Taschentuch die Augen. Der Oberkellner kam, zu fragen, ob serviert werden könne. »Gott sei Dank, der Tisch ist gedeckt!« rief die Staatsrätin. Bretford aber murmelte unruhig vor sich hin: »Der Junge gefällt mir nicht, ich gäb' was drum, wenn ich ihn noch vor Tisch eine halbe Stunde hätte ungestört ausforschen können.« *           * * »Ah!« ein diskret gedämpfter Ausruf des Entzückens entfuhr den Eintretenden beim Anblick des Blumenschmuckes, der den Verlobungstisch zierte – weiße Rosen, weiße Nelken, Gardenien und ein kaum merklicher grüner Schimmer durchsichtiger Farnkräuter dazwischen. »Das ist wirklich reizend, Henry,« rief Gräfin Ulenberg, sich zu ihrem Bruder wendend, aus. »Ich finde es rührend, daß du dich nach so langer Zeit noch meiner Lieblingsmanieen erinnerst. Übrigens muß ich sagen, daß man deine Befehle außerordentlich geschmackvoll ausgeführt hat!« »Ich habe nie einen so schön gedeckten Tisch gesehen!« versicherte Kitty feierlich. »Es ist zu hübsch – findest du nicht, Freddy?« »Ja, entzückend,« murmelte dieser, aber sein Blick war starr, und er war noch um eine Schattierung blässer geworden als früher. Gleich darauf versuchte er zu lächeln und machte einen Witz, der schrill und hart klang, und über den niemand lachte. Er behauptete, sehr hungrig zu sein, und ließ seine Suppe stehen. Noch immer, mit der ganzen jugendlichen Kraft, die in ihm war, kämpfte er gegen das Unnennbare, das schattenhaft Schauerliche, das ihn umkreiste und das immer deutlichere Umrisse anzunehmen begann! »Was bin ich für ein Tor, mich mit so etwas zu quälen – es ist der reinste Wahnsinn!« sagte er sich. Aber wie er sich auch bemühte, wegzuschreiten vermochte er über den schwarzen Schatten nicht, der quer über seinen sonnigen Lebensweg gefallen war und alle Blumen, die darauf sproßten, vergiftete. Es fiel ihm mit jeder Minute schwerer, ein Wort zu sprechen, und was er sich auf den Teller legte, ließ er stehen. Die Augen seiner lieblichen kleinen Braut hefteten sich besorgt und traurig auf sein erbarmungswürdig verfallenes Gesicht. Henry Bretford sah nachdenklich aus, und die Züge des Gesandten von Siehrsburg nahmen einen finsteren und unzufriedenen Ausdruck an. Fürstin Lydia bemühte sich, über die allgemeine Ungemütlichkeit hinüber das Gespräch im Gang zu erhalten, vielleicht aus Angst vor dem Scharfblick der Kellner, und die Gräfin Ulenberg griff mehr als einmal nach ihrem Riechfläschchen. Nur die Staatsrätin entwickelte einen Appetit, der sich durch die allgemeine Verstimmung nichts anhaben ließ, und plauderte dabei ununterbrochen von den guten Eigenschaften ihrer in Verlust geratenen Köchin und von der herrlichen Aussicht, die sie aus ihrem Dachfenster genossen hatte. »Man sieht Beaulieu, ganz deutlich sieht man Beaulieu,« versicherte sie. »Beaulieu! . . . mir fährt immer ein Schauder durch den Leib, wenn ich den Namen höre,« sagte Frau von Siehrsburg, dann sich zu ihrem Gatten wendend, fuhr sie fort: »Du weißt doch, wegen Gerhard.« »Ach ja, wegen seiner halsbrecherischen Rettung,« erwiderte der Gesandte. Das Gesicht der Gräfin Ulenberg belebte sich plötzlich. »Von was für einer halsbrecherischen Rettung ist die Rede?« fragte sie. »Ach, 's ist eine sehr alte Geschichte,« erzählte die Fürstin Lydia, » vous savez, ma chère, als mein Sohn Gerhard noch ein ganz kleines bébé war und Beaulieu noch ein ganz kleines, unbekanntes Dorf, da ließen wir ihn mit seiner Wärterin und einer prachtvollen alten Nurse dort zurück, während wir, Oskar und ich« – sie sah sich nach ihrem Manne um – »einen Ausflug nach Paris machten. Ich mußte mich wieder einmal equipieren . . . wir waren damals in Rom. Wissen Sie, Rom war zu der Zeit nur eine kleine Provinzstadt mit einem großen historischen Hintergrund; es war unmöglich, etwas zu kaufen in Rom, und Nizza war ebenfalls impossible, besonders was Hüte anbelangt – jetzt ist das ganz anders. Und so reisten wir denn nach Paris, und Gerhard blieb, wie gesagt, mit seiner kleinen Suite in Eze. Als wir zurückkehrten, fanden wir alles in Ordnung, in schönster Ordnung – nur . . . nach einem halben Jahr verließ uns die Engländerin, die famose Nurse, und da erfuhren wir durch die nursery maid... c'est toujours comme cela... erst wenn eine Dienerin weggeht, erfährt man solche Dinge, daß während unsrer Abwesenheit, – mais c'est à faire dresser les cheveux sur la tête – Geri bei einem Spaziergang an der Küste den Abhang hinuntergefallen und nur von einem Dornbusch festgehalten worden war. . . . Ein heldenmütiger Mann, der mit seiner jungen Frau vorüberfuhr, sprang aus dem Wagen dem Kinde nach. . . . Wie er es fertig gebracht, weiß ich noch heute nicht, aber er rettete es. Die Nurse verheimlichte uns natürlich die Sache aus Angst, wegen ihrer Unachtsamkeit entlassen zu wenden, wir erfuhren infolgedessen davon so spät, daß wir dem Helden nie danken konnten, was mir heute noch leid tut.« Aus den Augen der Gräfin Ulenberg brach ein fast überirdischer Glanz. »Freddy!« sagte sie leise, »du wolltest etwas Näheres über deinen verstorbenen Vater wissen – nun, der Mann, der angesichts der allergrößten Lebensgefahr auf seiner Hochzeitsreise jenem Kinde, dessen Namen ich bis heute nicht ahnte, das Leben gerettet hat, war dein Vater!« »Nicht möglich!« schrie fast die Fürstin Lydia. »Ich war dabei,« erklärte die Gräfin Ulenberg. »Es wäre doch sonderbar, wenn zwei Kinder in jener merkwürdigen Art an derselben Küste gerettet worden sein sollten. Der Vorfall, auf den ich mich beziehe, trug sich am 27. Oktober 1869 zu!« Eine große Aufregung bemächtigte sich der kleinen Tischgesellschaft, alle fragten durcheinander, forschten nach dem Verstorbenen, erkundigten sich nach dem und jenem – nur Freddy sagte kein Wort! Dasjenige, vor dem er ausweichend geflohen war, nach dem er nicht gewagt hatte, sich umzusehen, aus Angst, sich überzeugen zu müssen, daß es sich ihm nähere, hatte ihn eingeholt – es umdrängte ihn von allen Seiten, grausam, unentrinnbar! Ihm war zu Mute wie einem, der, in einem Hause festgehalten, rings um sich herum die Flut steigen sieht – höher, immer höher – aus einem Stockwerk ins andre stürzt er – das Wasser steigt, steigt, steigt – mit leisem, siegesgewissem Kichern steigt's die Treppe hinauf, ihm nach, höher . . . immer höher – jetzt ist er unter dem Dach, höher hinauf kann er nicht mehr . . . draußen kichert das Wasser, eine Stufe, noch eine Stufe steigt's empor – er macht die Tür zu, damit es nicht herein kann – kindischer Widerstand! Die Tür fliegt auf – da ist das Wasser – es umspült seine Knöchel kalt und naß – höher, immer höher hinauf steigt es – das Herz preßt's ihm zusammen, den Atem nimmt's ihm! *           * * Durch den Duft von Rosen und Orangenblüten zitterten die ersten Klänge desselben Waldteufelschen Walzers, der die Bekanntschaft Freddys mit dem alten Sonderling eingeleitet hatte. Das Gesicht der Gräfin Ulenberg nahm einen leidenschaftlichen, fast durstig horchenden Ausdruck an, dann fuhr ein Schauder durch ihren Körper. »Ich bitte dich, Henry, mache das Fenster zu,« wandte sie sich an ihren Bruder, der den Platz neben dem Fenster einnahm. »Fühlst du einen Luftzug, Polly? 's ist ja schwül,« fragte besorgt der Bruder. »Du bist krank . . . du zitterst!« »Mir fehlt nichts, ich kann nur die Musik nicht vertragen.« »Es ist doch ein so schöner Walzer!« murmelte Kitty leise. »Ja, Kitty, und es war mein Lieblingswalzer vor langer, langer Zeit,« sagte die Gräfin mit gedämpfter Stimme, »darum tut er mir jetzt so weh!« »Übrigens,« nahm Herr von Siehrsburg das Wort, »wär's gut, nicht nur das Fenster zu schließen, sondern auch den Store herunterzulassen, wir werden beobachtet. Schon seit mehreren Minuten schleicht dort ein wenig Vertrauen erweckendes Individuum auf dem Platz herum und starrt herauf.« Freddy blickte hinaus. Auf dem Platze stand Monsieur Paul. Als er merkte, daß man den Rollvorhang herunterließ, senkte er den Kopf und schlich fort. »Sonderbar.« meinte Henry Bretford, »etwas an dem Alten kommt mir bekannt vor – 's muß eine zufällige Ähnlichkeit sein, denn so gut ich weiß, hab' ich keinen intimen Freund in dieser Sphäre.« »Es ist ein alter Bekannter von mir,« bemerkte unbefangen die Staatsrätin, »wir sind oft beim Spieltisch nebeneinander gesessen, er spielt immer, wenn er Geld und seinen einzigen anständigen Rock nicht versetzt hat, um sein Mittagessen zu bezahlen.« »Eine sonderbare Ähnlichkeit – eine sehr sonderbare Ähnlichkeit!« murmelte Bretford, und Kitty sagte leise: »Armer alter Mann!« – »Armer alter Mann,« wiederholte kaum hörbar Freddy. *           * * Beim Dessert meldete der Oberkellner, daß das Appartement der Frau Gräfin bereit sei. »Wünschten vielleicht die Herrschaften den Kaffee dort zu nehmen?« Die Herrschaften wünschten es. Aber es war keine Heiterkeit bei ihrem Wünschen und keine Gemütlichkeit in dem hübschen Wohnzimmer, obschon es den vornehmen Herrschaften, sowie der festlichen Gelegenheit zu Ehren reich mit Blumen geschmückt worden war. »Du hast ja ganz vergessen, Kitty dein kleines Verlobungsgeschenk zu überreichen,« bemerkte die Gräfin Ulenberg. »Ich habe das Geschmeide in der Tasche meines andern Rockes gelassen,« erwiderte Freddy. »Nun, so hol's doch, du zerstreuter Junge,« eiferte die Mutter ihn an. »Es hat keine Eile, Mutter.« Einsilbig saß er etwas abseits von den andern in einem Winkel, Kitty neben ihm. Jetzt brauste der reizbare Vater Siehrsburg auf – der Sohn befand sich leider noch auf seiner Jacht, was ein Nachteil für die ganze Gesellschaft war. »Was hast du eigentlich?« bohrte er in Freddy hinein. Freddy wechselte die Farbe. »Was . . . meinst du?« sagte er. »Ich meine,« donnerte Siehrsburg, »daß deine Haltung etwas geradezu Beleidigendes für uns hat.« »Aber Vater,« rief Kitty, sich an ihren jungen Bräutigam anklammernd. »Kitty, so wie die Sachen stehen, würde ich's an deiner Stelle für vernünftiger und passender halten, wenn du diesem jungen Manne gegenüber mit deiner Liebenswürdigkeit ein wenig spartest.« Kitty sah ängstlich erst den Vater, dann den Bräutigam an und schmiegte sich dann noch enger, zärtlicher an Freddy. »Papa möchte mir zu verstehen geben, daß du mich nicht mehr lieb hast,« murmelte sie, »aber ich weiß es besser, Freddy, mein armer, lieber, lieber Freddy, was fehlt dir?« Dem jungen Menschen traten die Tränen in die Augen. »Was mir fehlt? . . . Nur . . .« die Stimme versagte ihm – »nur . . . daß ich nicht weiß . . . ob . . . ob ich das Recht habe, deine Liebe anzunehmen . . . erwidern werd' ich sie bis an mein Lebensende. . . . Aber . . . ach, Kitty! . . . Kitty. . . . schau mich mit deinen lieben Augen nicht so an, ich kann's nicht aushalten.« Er schluchzte jetzt wie ein Kind, dann nahm er das junge Mädchen in seine Arme, küßte es ein paarmal auf die Augen und schob es von sich. »Und jetzt geh, mein einziges Kleinod, mein Liebling, 's ist besser, du gehst – führ sie nach Hause,« wendete er sich an den Vater – »und das eine glaub' mir – ich bin kein Schuft, nur ein sehr unglücklicher Mensch!« Herr von Siehrsburg sah ihn drohend an, aber vor dem bleichen Elend dieses jungen Gesichts verstummte sein Zorn. *           * * Jetzt waren sie fort. Vor den Bediensteten des Hotels, die um die Verlobung wußten, hatten sie sich geschämt – rasch, ohne ein Wort zu sagen, waren sie hinausgeschlichen, Henry Bretford hatte sie begleitet. Der Zimmerkellner und das Stubenmädchen standen im Korridor beisammen und fragten sich, was denn da vorgefallen sein möge? Daß sich nach einem Verlobungsdiner die beiden Familien trennten, fast ehe sie den Kaffee ausgetrunken hatten, war doch wirklich nicht erhört. Da tönte aus dem Zimmer der Gräfin ein heiserer, krächzender, schrecklicher Schrei. Gleich darauf kam die Kammerfrau auf den Korridor hinausgestürzt und bat um Eis! *           * * Als Monsieur Paul am Schluß seiner langen Erzählung von seinem geduldigen jungen Zuhörer so plötzlich verlassen worden war, hatte er sich in den Speisesaal des Café Riche geflüchtet. Dort einen Kellner rufend, fragte er: »Könnten Sie mir vielleicht mitteilen, wer der junge Mann war, mit dem ich draußen geplaudert habe?« »Un comte autrichien – Ulberg – Ul... »Ulenberg?« fragte der Alte scharf. »C'est cela – Ulenberg – ein sehr liebenswürdiger junger Mann – bin sehr befreundet mit seinem Kammerdiener. Er hat sich verlobt mit einem entzückenden jungen Mädchen, Tochter einer russischen Fürstin und eines Gesandten! Man erwartet nur noch seine Mutter, um die Verlobung zu feiern!« »Seine Verlobung?« »Ja.« Dann war der Kellner abberufen worden. Während er ein paar neu eingetretenen Gästen die Speisekarte vorlegte, blieb der Alte wie vom Donner gerührt stehen. Man hätte nicht zu sagen gewußt, ob er zu viel dachte, oder ob der Faden seines Denkens plötzlich entzweigeschnitten worden sei. Ein zweiter Kellner machte ihn darauf aufmerksam, daß er den andern Tischgästen den Weg versperre, und fragte, womit er ihm dienen könne? Solle er Monsieur nicht ein Diner servieren – diner du jour zu fünf Franken? Monsieur Paul nickte geistesabwesend, worauf er sich hinter ein Tischchen in eine Ecke des Speisesaals verkroch. Den Kopf in die Hand gestützt, stierte er vor sich hin. »Kann er Verdacht geschöpft haben? . . . Armer Bursche, armer Junge!‹ fragte er sich immer wieder. »Unsinn . . . unmöglich. . . . Die Sache ist zu unwahrscheinlich, er kann's nicht erraten, daß er mein Fleisch und Blut ist, dieser herrliche Junge, mein Fleisch und Blut! . . . Zu unwahrscheinlich. . . . Was fiel mir aber auch ein, ihm mein Leben zu erzählen! Anfänglich wollt' ich nur ein wenig flunkern, nur einen kleinen Zipfel meines jetzigen Elends emporheben und den Glanz meiner Vergangenheit leuchten lassen, um ihm zu imponieren, nein – nicht imponieren, nur um dem lieben, sympathischen jungen Menschen, der sich meiner so freundlich angenommen hatte, zu beweisen, daß der elende Bummler, den er vor sich sah, doch wenigstens einmal ein anständiger Mensch gewesen war. »Da hab' ich's nun,« fuhr der Alte in seinem Selbstgespräch fort, »sein Leben hab' ich ruiniert . . . seine Brautschaft . . . pah! . . . nichts wird er erraten – es ist zu unwahrscheinlich – die Kluft zwischen dem, was ich war, und dem, was ich bin, ist zu weit, kein Mensch findet die Brücke hinüber – es gibt keine Brücke – und doch . . . wenn er sich erkundigen . . . sie fragen sollte! . . . was fiel mir ein, was fiel mir ein . . . aber . . . was hab' ich eigentlich verraten . . . hab' ja keinen Namen genannt – immerhin – er dürfte doch . . . nun, wie hätte ich's denn ahnen sollen, daß das mein Sohn ist – dieser herrliche Junge mein Sohn!« Der Dampf, der aus seiner vor ihm stehenden Suppe aufstieg, wurde immer schmäler und durchsichtiger . . . Monsieur ne mange pas sa soupe?« fragte der Kellner, indem er nach dem Teller griff. Der Alte merkte es gar nicht, daß man ihm die Suppe wegnahm und einen andern Teller vor ihn hinstellte. Abgerissene Vorstellungen glitten durch seine Seele. Er sah, was geschehen war, und sah, was hätte sein können. Er sah seine junge Gattin vor sich, ihren wundervollen, stolz getragenen Kopf, um den sich die goldbraunen Haare bauschten, die unvergleichliche Schönheit ihrer Arme, die, bis zum Ellenbogen bloß, aus den spitzenumsäumten Ärmeln ihres bequemen Abendkleides herausschimmerten. Er glaubte den lieblichen Irisduft einzuatmen, der ihre Persönlichkeit zu umschweben pflegte – einen Moment, dann war er fort – statt dessen stieg der Geruch der säuerlichen Kapernsoße zu ihm auf, die neben einem sehr blassen Stück Seelachs auf seinem Teller lag. »Monsieur ne mange pas son poisson?« fragte der Kellner. Mit einer ärgerlichen Bewegung schob er den Teller von sich. Ein Ekel vor dieser banalen Hotelküche, die er sich sonst nur an hohen Feiertagen gönnte, und wenn er besonderes Glück beim Roulette gehabt hatte, würgte ihn am Halse. Es war nicht nur dieser eine Ekel . . . nein, überhaupt mitten in seiner maßlosen Verzweiflung überkam ihn ein Grauen vor tausend unbedeutenden physischen Einzelheiten, unsauberen Schlampereien, Notbehelfen seiner Existenz, ein Hunger nach Traulichkeit, Vornehmheit, Sauberkeit verzehrte ihn. Monsieur Paul – Hans Ulenberg – erhob sich, warf seine zwanzig Franken auf den Tisch und verließ das Speisehaus, der Kellner lief ihm nach mit dem gewechselten Kleingeld. Anfangs wollte ihm der Alte das Ganze überlassen, dann behielt er zehn Franken für sich. Mechanisch steckte er sie ein. Sie brannten ihn in der Tasche – aber was sollte er tun, morgen war auch noch ein Tag, und er wollte leben! Wollte er noch leben? Warum? Zu was? Nun, das Leben war eine schlechte Gewohnheit von ihm geworden, die er sich ebensowenig entschließen konnte abzustreifen, wie seine andern schlechten Gewohnheiten. Die Dämmerung begann zu sinken, eine schwere, graue Gewitterwolke zog sich über die Glut des Sonnenuntergangs, nur an ihrem untersten Rande schimmerte ein schmaler, dumpf roter Streifen – auch das Meer hatte seinen feurigen Glanz verloren, es war, als habe man Asche über die Glut gestreut. Die Musikanten hatten eine Pause gemacht, zwischen den Notenpulten auf dem Tisch vor ihnen standen ein paar sehr frugale Erfrischungen. Vor dem jüngeren, hübscheren der beiden Neapolitaner stand eine Flasche Branntwein. Die Geigerin nahm sie ihm weg. Er warf ihr einen finstern, gehässigen und zugleich verächtlich überlegenen Blick zu, stützte übermütig beide Wangen zwischen die Hände und fing an, mit zwei kleinen Grisetten zu liebäugeln, die Arm in Arm vorüberschritten und ihn anlachten. Die Geigerin schob ihm die Branntweinflasche wieder zu, sie schenkte ihm selbst ein Glas ein . . . Der Alte, der den Vorfall beobachtet hatte, wendete sich ab . . . Wie konnte es auf derselben Welt zugleich Frauen geben wie diese da – und Kathrin! Sie hatte nicht Kathrin geheißen, er aber hatte sie immer so genannt nach der Heldin des berühmten Stücks von Shakespeare, weil sie seine bezähmte Widerspenstige gewesen war – Kathrin – Kate . . . Er schlich sich von den Menschen fort bis an das äußerste Ende der Galerie Carlos III. Dort blieb er stehen und sah in das Meer hinab, das nichts mehr war als eine dunkle, stöhnende Unruhe zu seinen Füßen! . . . Ja . . . wenn er sich ihrer nicht unwürdig gezeigt – wenn sie Geduld gehabt hätte! . . . Früher hatte er sich als den einzig Schuldigen gefühlt – seitdem er wußte, daß ein Sohn von ihm lebte, erhob sich in ihm eine anklagende Stimme gegen sie. Sie hatte es wissen müssen, damals, als sie ihn von sich stieß, hatte sie es bereits wissen müssen! . . . Das Kind hätte sie ihm nicht vorenthalten dürfen . . . und dann auch, dem Kinde zuliebe hätte sie Erbarmen haben sollen – für das Kind – sie hätte trachten sollen, ihm den Vater zu erhalten, einen Vater, für den er nicht gezwungen war, sich zu schämen. Schämen! Ob er's wirklich erraten hatte. . . . Mein Gott, er würde ja die Augen nicht mehr aufschlagen können in der Welt, die schönen, hellen, freundlichen, unerschrockenen Augen, deren Blick noch nie irgend einem andern Blick ausgewichen war. Ein herrlicher Junge, ein schöner, lieber, edler, schneidiger Junge! . . . Inmitten seiner Verzweiflung erfaßte den Alten ein rasender Stolz. »Ein ganz erbärmlicher Wicht kann ich doch nicht gewesen sein, sonst wäre er nicht so ausgefallen,« sagte er sich. »Wenn er etwas ahnt . . . Gott im Himmel, wenn er etwas ahnt!‹ Unten stöhnte das Meer, darüber wölbte sich, die Sterne versteckend, eine dunkle Wolkenkuppel. Zwischen Himmel und Meer schwebte eine schwere feuchte Luft, und aus weiter Ferne leuchteten ein paar grüßende Lichter herüber von einer fremden Küste! Durch die matte Luft schwebte jetzt ein italienisches Lied, die Stella confidente – die Melodie in ihren höchsten Lagen durchdringend, schmerzlich vibrierend – der höchste Ton! Er erwachte aus seinem Traum! Der Gedanke, daß er den Jungen durch sein ausführliches Bekenntnis auf die Spur ihrer gegenseitigen Beziehungen gebracht und ihm dadurch geschadet habe, verfolgte ihn dermaßen, daß er durchaus trachten wollte, zu erfahren, wie Freddy den Abend zubrachte. »Daraus werde ich meine Schlüsse ziehen können,« sagte er sich. Den Kopf gesenkt, wendete er sich um, und nachdem er die Galerie ziemlich rasch durchmessen hatte, schlich er, etwas ängstlich den Lichtglanz der Laternen meidend, auf das Hotel de Paris zu, um seine Erkundigungen einzuziehen. Plötzlich fuhr er zusammen. Ja, da saßen sie beieinander, Freddy und seine Braut, die Gräfin Ulenberg und die andern alle! . . . Und zu denken, daß sein Platz eigentlich mitten unter ihnen hätte sein sollen! . . . Wie süß die Kleine war – entzückend hübsch! Nun, es war ja alles ganz gut, da die Verlobung gefeiert wurde, hatte er doch nichts verdorben! Eine reizende Braut! Und plötzlich tauchte es wie eine Vision aus seiner Seele auf. Er saß neben dem jungen Mädchen an dem Tisch dort oben, neckte sie zärtlich und vorsichtig, und wenn er sie ein klein wenig, ein ganz klein wenig aufgebracht hatte, beruhigte er sie mit herzlichen und ritterlichen Huldigungen. Über den Tisch hinüber schimmerten ihm die Augen seiner Frau aus ihrem schönen, edlen Matronengesicht freundlich ermahnend zu – sie drohte ihm mit dem Finger, und Freddy sagte munter: »Papa, vergiß nicht, daß ein Duell zwischen Vater und Sohn ausgeschlossen ist.« Rings um ihn der Duft von Zitronenblüten, Rosen und Pittosporum und jetzt durch den Duft zitternd die süße, glückstrunkene Traurigkeit der Waldteufelschen Walzermelodie. . . . Er vergaß, daß er nicht aus dem Schatten herausrücken durfte, er streckte den Kopf vor, Freddy besser zu sehen. Um Gottes willen! war's denn möglich, daß eine so kurze Zeitspanne einen Menschen so zu verändern vermocht hatte? Freddy sah aus, als ob ihn plötzlich eine schwere Krankheit befallen habe. Zu Tode erschrocken, wollte der Alte noch genauer hinsehen, da zog irgend jemand den Store herunter, offenbar um sich gegen die indiskreten Blicke des Gaffers zu schützen. Den Insult fühlte der Alte nicht. Er sah nur immerfort das blasse Gesicht des Sohnes vor sich! Er weiß, sagte er sich – er weiß – und dann tauchte die Frage in ihm auf – was wird er tun – wird er mich verleugnen – oder wird er sich erschießen? *           * * Klikliki! . . . Das klingende, klirrende Geräusch rollenden Goldes und Silbers inmitten einer großen Stille – der atemlosen Stille einer peinlich gespannten Erwartung! Über den Spieltischen, am Plafond angebracht, Lampen mit starken Reflektoren, deren Licht grell auf den grünen Tisch fällt, auf das runde Becken des Roulettes, worin die kleine weiße Kugel herumklappert, auf die Croupiers, die gewichst und gestriegelt in vollendet anständiger Haltung von ihren hohen Sitzen herab das Spiel leiten und überwachen, auf die Banknoten und das Gold neben ihnen, auf die Spieler, die eng gedrängt die Tische umsitzen, die Krücke in der Hand, um ihren Gewinst einzuscharren oder einen Einsatz zurechtzurücken, und auf die Spieler, die hinter ihnen stehen, in doppelten, dreifachen Reihen, mit vorgestreckten Hälsen die Laune des Zufalls beobachtend, ehe sie sich ins Feuer wagen! Über die Roulettetische hinaus graue Dämmerung, auf den Sofas die Wände entlang schläfrige, gleichgültige Menschen, Männer und Frauen, die die Beine von sich strecken und gähnen. Einige schlafen fest. Inmitten der Säle das Fieber, ringsherum traurige Abgespanntheit oder zufriedene Langeweile – ehrbare Gattinnen, die in dem beruhigenden Bewußtsein, die sämtlichen Reisegelder bei sich zu tragen, geduldig abwarten, bis ihre Männer die paar Franken verspielt haben, die ihnen gegönnt worden sind, um an dem Spieltisch Erfahrungen zu sammeln; Villabewohner aus der Umgebung oder aus Monte Carlo selbst, die, im vollen Aufbruch begriffen, ihren von ungemütlicher Packerei verheerten Räumen entflohen sind, um den Abend irgendwie zu verbummeln – eine Feuilletonistin, die verstohlen den Operngucker an die Nase setzt, um den unheimlichen Höllenpfuhl genauer zu mustern, und sich indessen von einem sachkundigen jungen Beamten des Credit Lyonnais Lokalfarbe und Schrecklichkeiten erzählen läßt. Von Zeit zu Zeit sagt die Feuilletonistin »Entsetzlich!« und macht Notizen in ihr Taschenbuch, und eine Dame neben ihr fragt ihre Nachbarin, ob sie glaubt, daß sich die Mode der breiten Ärmel halten wird – das alles höflich, halblaut, denn keine Stimme wagt sich zu erheben neben der Stimme der eintönig hinklirrenden Münzen. Klikliklikli! Durch alle Säle zieht sich's, das kristallhelle, klingende Geräusch, jedes andre Geräusch beherrschend. Klikliklikli! . . . Es ist wie die kichernde Stimme des Zufalls, der die Menschen verspottet ob der abgeschmackten Huldigungen, mit denen sie um seine Gunst buhlen. Klikliklikli – die Stimme des lockenden, fliehenden Glücks. Hie und da hört man zwischen dem eintönigen Hinklirren des Geldstroms Bemerkungen von Spielern, die ihren Einsatz nicht selber zurechtrücken können und dem Croupier eine Weisung geben. »Quatorze et les chevaux – rouge – impair – passe!« Dann wieder nichts als das Klingeln der Münzen, das Rollen der geheimnisvollen Kugel – krrrrr – le jeu est fait, rien ne va plus! Zwischen den Spielern, die, wie durch einen unseligen Zauber festgebannt, die Tische umdrängen, und den ruhig die Zeit vertrödelnden Bummlern, die sich schläfrig auf den weichgepolsterten Kanapees lümmeln, glänzt ein breiter Streifen helles Parkett, auf dem sich ein paar Unschlüssige herumsiedeln, die zum Spiele entweder keine Lust oder kein Geld, zum Stillsitzen keine Ruhe haben – ein paar elende, blasse Frauen, die ihre verweinten Augen hinter schwarzen Staubbrillen verstecken und von Zeit zu Zeit vergebliche Versuche machen, ihre Gatten vom Spieltisch wegzuschmeicheln, müd' und geduldig, ohne sich von der barschen Roheit oder der vertröstenden Sanftmut, womit ihre mahnenden Worte aufgenommen werden, abschrecken zu lassen. Ein paar aufgeregte blasse Männer, die, eine Roulettetabelle zwischen den Fingern zerknitternd, im Gehen über ihre Schulter hinüber den Gang des Spieles beobachten – ein paar leichtfertige Damen, die sich die Augen ausschauen nach jemand, der ihnen zwanzig Franken borgen oder schenken möchte, damit sie ihr Glück versuchen könnten. Zwei von ihnen stoßen sich mit dem Ellenbogen und zischeln: »Monsieur Paul! vielleicht hat er zufällig wieder Geld. Wenn er Geld hat – hat er immer eine offene Hand.« Aber wie sie auf ihn zugehen wollen, erschrecken sie vor seinem verstörten Gesicht und prallen zurück. Er schreitet an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken. »Was ist vorgefallen?« fragen sie einander – sie haben ihn an einem Abend fünfzigtausend Franken verspielen sehen, aber einen so verstörten Eindruck hat er damals nicht gemacht. Er geht an allen Tischen vorbei, hält sich nirgends auf – geht nur immer fort. Einen Augenblick setzt er sich in eine Ecke, aber kurz darauf erhebt er sich wieder und wandert von neuem aus einem Saal in den andern. Was will er hier, was sucht er hier – warum ist er überhaupt hierhergekommen? Er weiß es selber nicht! Sein Kopf ist wirr, die starken Getränke, die er massenhafter als sonst zu sich genommen hat, um sich momentan zu beleben, üben jetzt ihre nachträgliche niederschlagende Nachwirkung auf ihn aus. Seine Glieder sind wund und schwer, an seinen Schläfen fühlt er einen peinlichen Druck, und um den Kopf schwebt's ihm wie ein grauer Nebelring, durch den er alles verschwommen oder von einem irisierenden Schein umleuchtet sieht. Er möchte laut aufstöhnen unter der Last, die ihm an den Schultern zerrt, atemraubend – so schwer ist sie, daß er hinsinken müßte unter ihr, augenblicklich, wenn er nicht zugleich diese schreckliche Unruhe in sich fühlte – eine Unruhe, die ihm peinlich in allen Adern herumsticht, ihm aus den Fingerspitzen herausbrennt, ihn rastlos von Stelle zu Stelle jagt – eine Unruhe, die so groß ist, daß er sich noch weiterschleppen müßte, selbst wenn man ihm die Füße abgeschnitten hätte. Immer wieder sieht er das blasse, verstörte Gesicht des Sohnes vor sich, und immer wieder schreit's in ihm auf: »Das hast du getan!« Und weiter irrt er, weiter, wie einer, der einen Ausweg sucht aus einem dunklen, von giftigen Miasmen verpesteten Gang – einen Ausweg – es muß einen Ausweg geben – ein Mittel, das Leben des Sohnes zu retten! Plötzlich – unklar, schauerlich dämmert ihm eine Möglichkeit auf – die einzige. Ein Frost durchzieht ihn. Nein, das nicht – das nicht. Er schleppt sich weiter mit der Last, die immer größer wird. Er verirrt sich in den vornehmen trente-et-quarante -Saal hinein, der von berühmten französischen Malern dekoriert ist, und wo nur mit Gold gespielt wird. Die reichen Leute, die Magnaten von Monte Carlo, versammeln sich hier – die Begünstigten, die von ihrer gesicherten Vermögensgrundlage aus den Kreislauf des Zufalls abwarten können und sich mit ihrem Überfluß eine spannende Zerstreuung erkaufen. Hans Ulenberg hält sich nicht gern bei ihnen auf – zu anständige Gesellschaft, und dann – sie sind wirklich nicht interessant. Er schleppt sein Elend, seine Unruhe in die Roulettesäle zurück. Er tritt an einen Tisch, den er besonders gut kennt, an den Tisch, der immer am dichtesten besetzt ist, um den die lautloseste Stille herrscht. Ihn durchschauert's. Wie sich das drängt und stößt; Frauen darunter, schwache, kränkliche Frauen – ja die Überzahl besteht aus Frauen – einige noch mit einem Rest besserer Lebensgewohnheiten in Haltung und Toilette, andre dürftig, ärmlich, zerzaust, schlecht gepflegt, abstoßend schäbig. Von Männern nichts Vertrauenerweckendes, ein paar Ausgestoßene und viele, die zu gar keiner Kategorie gehören, die man nirgends anderswo sieht als in Monte Carlo – Spieler. Blaß und fahl, gegen alle andern Lebensinteressen abgesperrt, drängen sie sich vor den Spieltisch und bauen mit zitternder Hand an einem letzten ungeheuren Luftschloß. Darüber hinaus sehen sie nichts – wissen sie von nichts. Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachten sie den Lauf des Spieles, mit stierem, stumpfem Blick, der ihre mit Morphin bekämpfte Schlaflosigkeit verrät – einem Blick, dem man außer in Spielhöllen nur noch in Irrenhäusern und in politischen Versammlungen radikalster Färbung begegnet, dem Blick von Fanatikern und Irrsinnigen, die alles einer fixen Idee, einer trügerischen Hoffnung zu opfern bereit sind – Herz, Seele, Charakter, Liebe und Ehrbegriffe – die auf eine geträumte Nummer hin nicht zögern würden zu stehlen, und sich zwingen könnten zu morden, um sich die Möglichkeit zu schaffen, ein letztes Mal dem trügerischen Zufall die Hand zu bieten – müde Sklaven der grausamen angebeteten Gottheit, der sie zusammenbrechend ihr »Morituri te salutant« zurufen. Und zwischen diesem gierigen Gelichter sitzen ein paar vornehme Menschen, bleich und stumm, wie erstarrt in einer ungeheuren Trostlosigkeit, die spielen um einen höheren Gewinn als den, von dem die kleinen Glücksjäger träumen – sie spielen um eine Stunde Vergessenheit. Dort die Frau in den schwarzen Kleidern ist die berühmte Mrs. P . . ., die, des Gattenmordes beschuldigt, von der Jury wegen Mangels an Beweisen nach einem spannenden Prozesse freigesprochen worden ist; neben ihr ein magerer Mann mit schneeweißem Haar und Bart, ein Russe, der in einer Nacht seine Frau und drei Kinder an der Cholera verloren hat; und dort links von dem Croupier – 's ist eine der seltsamsten Erscheinungen von Monte Carlo, man zeigt sie den Fremden wie eine Merkwürdigkeit, wie ein Monument, es ist die ausdauerndste Spielerin im Kasino, sie kommt, wenn das Kasino geöffnet, und geht, wenn es geschlossen wird – alle Tage – alle Tage immer an demselben Posten sieht man sie, ganz weiß oder ganz schwarz gekleidet, mit einem einst schön gewesenen Gesicht, das fast zum Totenkopf abgezehrt ist, so, daß die Knochen durch die Haut schimmern. Stunde um Stunde sitzt sie da, das Flacon mit Riechsalzen neben sich, unermüdlich verfolgt sie den Lauf des Spiels, berechnet die Chancen, beobachtet die Launen des Zufalls und rückt mit ihrer Croupierkrücke ihre Einsätze zurecht. Von weitem sieht man das Blitzen der Diamanten an ihren mageren Fingern. Sie spielt immer ohne Handschuhe. Es heißt, sie habe auf der Jagd durch Zufall ihren einzigen Sohn erschossen. Ein schweres Nervenfieber streckte sie nach dem schrecklichen Unglück auf ihr Krankenlager nieder. Und als sie das Krankenlager endlich verließ, war sie so geworden, wie man sie jetzt alle Tage in Monte Carlo sehen kann. Der Verstand ist noch rege, aber von ihrer Gemütstätigkeit ist nichts übriggeblieben als eine atemlose Angst – vor der Erinnerung! Hans Ulenberg kann heute die Augen nicht von ihr wenden – »ihr einziges Kind, einen Sohn – einen Sohn, den sie liebte, den sie vergötterte – erschossen – mit eigener Hand – auf der Jagd!« denkt er immer wieder. Es ist nicht erst heute, daß er ihr Schicksal erfahren hat; er weiß es längst, aber es ist erst heute, daß er die Qual dieses Schicksals begreift. Die Frau flößt ihm keine Sympathie ein, kaum Mitleid, nur ein bannendes Grauen. »Sie kann nie eine ernste, edle Frau gewesen sein,« sagt er sich; »eine von den überspannten Ruhelosen muß sie gewesen sein schon früher, sonst würde sie nicht hier und auf solche Weise Zerstreuung suchen. Edle Naturen suchen überhaupt keine Zerstreuung in solchen Fällen – die werfen ihren Schmerz nicht von sich, die pflegen ihre Erinnerungen, mögen sie noch so traurig und quälend sein – pflegen sie als ihr letztes, höchstes Gut. »Edle Naturen! – pah, wer denkt an edle Naturen hier in den Spielsälen von Monte Carlo! Man schlampt sein Leben zu Ende irgendwie und sieht zu, daß es einem nicht zu wehe tut, und wenn niemand anders einem die Last abnehmen will, die einen drückt, so läßt man den Teufel gewähren und sagt ihm noch: ›Schön Dank!‹« Plötzlich steht er in Reih und Glied mitten in der enggedrängten Menschenmauer, die den Roulettetisch umragt. Klikliklikli . . . immer dasselbe klingelnde, klirrende Geräusch, die kichernde Stimme des Zufalls, die Stimme des lockenden, fliehenden Glücks! Die vergiftete Atmosphäre, die den Spieltisch umschwebt, übt eine zugleich aufreizende und betäubende Wirkung auf ihn aus. – Es ist eine Atmosphäre, die mit dem Geruch von Schönheitsmitteln und scharfen Essenzen und mit der Ausdünstung einer fiebernden Menschenmenge geschwängert ist. Eine scheußliche Luft, aber für ihn gerade gut genug. Er ist sie gewöhnt. Klikliklikli . . . »Quatorze et les chevaux – rouge – pair!« Und plötzlich schwirrt's wie eine magische Beschwörungsformel um die Ohren der Spieler – das eine Wort: Maximum! Ein keiner Weinbauer aus der Umgebung, der zum ersten Male den Spielsaal betreten und mit fünf Franken Einsatz begonnen hat, der hat's gewonnen. Sechstausend Franken auf rouge ! Er scheint ganz erstaunt über seine Heldentat und macht ein wichtiges und geheimnisvoll kluges Gesicht, als ob er durch seine persönliche Schlauheit den Zufall besiegt hätte und nun gewärtig wäre, dafür von der Regierung mit der Ehrenlegion ausgezeichnet zu werden. Ein paar Bekannte drängen sich an ihn heran, gratulieren ihm. Sich wichtig die Brusttasche streichend, verläßt der vernünftige Mann den Saal. »Sechstausend Franken – das kleine Maximum – tant de bruit pour une omelette!« denkt Monsieur Paul und zuckt verächtlich die Achseln – das hat er mehr als einmal gewonnen – das zählt nicht, aber das große Maximum – nur einmal das Maximum, das alle glücklichen Chancen des Spieltisches in sich zusammenfaßt – wenn er das gewinnen könnte, nur einmal, dann wäre er ein gemachter Mann – das Geld vermag alles, er könnte den Kopf wieder hochhalten, er brauchte sich nicht mehr zu schämen, die andern Menschen brauchten sich nicht für ihn zu schämen! Aber wie sollte ihm so etwas blühen! Na, mehr als verlieren kann er nicht. Er zieht seine letzten zehn Franken aus der Tasche und setzt sie auf Nummer siebenundzwanzig. Krrrrr! . . . Das Rollen der geheimnisvollen Kugel! Krrrrr! . . . pah, nicht einen Blick will er werfen nach dem grünen Tisch, um sich zu vergewissern, daß er verloren hat, er weiß es im vorhinein . . . Doch nein, was ist das – der Croupier, ein alter Freund, fragt ihn, wie viel von seinem Einsatz er stehen lassen wolle – sein Goldstück hat sich sechsunddreißigmal vermehrt. Er fährt zusammen, nimmt von den dreihundertundsechzig Franken einhundertundachtzig, setzt sie auf Noir und läßt die andern einhundertundachtzig auf der Nummer stehen. Krrrrrr . . . Wieder hat die kleine weiße Kugel ihren geheimnisvollen Kreislauf begonnen. Krrrrrr . . . Die Brust zieht sich ihm zusammen, sein Atem wird kurz. Siebenundzwanzig! Die Hände zittern ihm, das Fieber hat sich seiner bemächtigt, er fühlt den Boden unter seinen Füßen nicht mehr. Der alte optimistische Schwindel hat ihn gepackt – der Schwindel der Spieler – ein hoffnungsseliger Rausch, der allen glückbringenden Möglichkeiten entgegenjauchzt. Er spielt nicht mehr um Tausende, um Hunderttausende – er spielt um sein verlorenes Leben, um die Zukunft seines Sohnes – es gibt nichts, was ihm in diesem Augenblick der Spieltisch nicht verspräche. Ein Sessel an dem Spieltisch wird frei. Er nimmt darauf Platz, setzt noch einmal, gewinnt – gewinnt immer wieder. Das Geld häuft sich unter seinen Händen – vorwärts, rücksichtslos vorwärts! Die Leute sehen ihm zu – erschrecken vor der Tollkühnheit, womit er immer die größten Einsätze wagt. Jetzt – die Farbe, impair, manque – premier douze – les chevaux – le carré – und Nummer neun – alles, was man besetzen kann, hat er besetzt, was man wagen kann, hat er gewagt. Krrrrrr! Ihm selber und allen, die zusehen, ist's, als liefe die Kugel dreimal so lang wie sonst um das Roulette herum. Jetzt steht sie still – er streckt den Kopf vor: Nummer neun! Das Maximum – das große Maximum! Mit dem wahnwitzigen Glauben der Spieler, die dem Glück epidemische Eigenschaften zuschreiben, drängt sich jetzt eine geradezu beängstigende Menschenmenge um den Tisch. Damen aus den höchsten Ständen mischen sich in das Gewühl, werfen das Geld mit vollen Händen auf den grünen Tisch – Spieler, die seit mehreren Tagen nicht mehr zu setzen gewagt haben, legen einen letzten Tausendfrankenschein auf das grüne Tuch. Durch die Augen des Alten flackert die Unruhe eines Somnambulen, der langsam aus einem Traum erwacht. *           * * Der Rausch ist vorüber, die Schleier, die seine Seele umfangen hatten, sinken langsam – das Licht dringt herein – die Luftschlösser zerfallen wie mit einem Schlag. Er hat das Maximum gewonnen – das große Maximum – nun, – was weiter? Kliklikli . . . höhnend, aufreizend hört er's neben sich, hört's rings um sich herum – die kichernde Stimme des Zufalls, der ihm heute seinen lebenslangen Wunsch erfüllt hat, weil heute die Erfüllung desselben wertlos für ihn geworden ist. Wertlos? – Nun ja, wertlos. *           * * Monsieur Paul senkte den Kopf, steckte sein Geld ein und ging. Am Ausgangsportal hielt er sich auf und warf ein paar Goldstücke in die Sammelbüchse – »pour les naufragés«, dann schritt er hastig über den Platz. Ein feiner Regen zitterte durch die weiche, von Wohlgerüchen fast übermäßig gesättigte Luft. Die Wolken hingen tief. Hastig, ohne sich nach rechts und links umzusehen, schritt er weiter die Straße entlang, die nach Mentone führt, bis er sein dürftiges Gasthaus erreicht hatte. Quer durch einen schmalen Gang, über einen Hof, wo ein paar Fremde plaudernd auf Blechstühlen zwischen blühenden Oleanderbäumen saßen, ging er in das Hintergebäude hinein und über eine steile Steintreppe in sein Zimmer. Er zündete eine Lampe an, dann nahm er das Geld ans seinen Taschen, breitete es vor sich aus und zählte es. Es waren fast einhundertundachtzigtausend Franken. Eine hübsche Summe – aber was sollte er damit? Er stützte den Kopf in die Hände. Er konnte allenfalls ein paar Menschen, die noch erbärmlicher daran waren als er selbst, Almosen schenken – er konnte sich ein besseres Lager gönnen – eine schmackhaftere Kost. Als ob ihm je ein Bissen mehr munden würde, und ob er weicher oder härter lag, war ihm auch gleichgültig. Vor bösen oder allzu süßen Träumen war er nie und nirgends mehr sicher. Er war wie ein Scheintoter, der plötzlich im Sarge erwacht ist und sechs Fuß Erde über sich fühlt. Die Erde konnte er nicht bewegen, den Weg ans Licht nicht mehr finden. Als er der Rehabilitierungsphantasieen gedachte, die ihn am Spieltisch umgaukelt hatten, lachte er erst über sich, dann mit einem Male fing er an, bitterlich, fast wie ein kleines Kind zu weinen. Wie hatte er sich das eigentlich vorgestellt? Hatte er sich einen neuen Anzug in Nizza kaufen und dann in aller Form bei dem Gesandten Siehrsburg für seinen Sohn um die Hand der Tochter Siehrsburg anhalten wollen? Hm – grotesk! Übrigens das Anhalten war nicht nötig – verlobt war ja der Junge, aber wie lange würde es dauern . . . Es durchfuhr ihn – er hatte einen klaren Kopf, wenn er nicht betrunken war – an den Fingern konnte er sich's abzählen, wie alles kommen würde. Offenbar hatte der arme Junge noch nicht Gelegenheit gehabt, sich mit seiner Mutter auszusprechen. Er fürchtete allerhand – Bestimmtes wußte er nichts. Und wenn er es wissen würde! Wieder trat die Frage an ihn heran: »Wird er sich erschießen oder wird er mich verleugnen?« Der arme Junge – der arme Junge! Und wieder hatte er das Gefühl, weiterzukriechen durch einen engen schwarzen Gang, aus dem er den Ausweg suchte – einen Ausweg, eine Möglichkeit – die einzige. Wieder – diesmal deutlicher – schwebte der grauenhafte Gedanke an ihm vorbei. Und wieder schnürte sich ihm der Hals zu in Todesangst. Das nicht – nein, das nicht. Freilich, wenn er den Jungen nur einmal in dem Arm halten dürfte, ihn sagen hören könnte: »Vater!«, so wirklich aus vollem Herzen heraus, dann wäre er vielleicht auch das noch im stande. Aber daran war nicht zu denken – das konnte nicht sein. Ein Wimmern brach von seinen Lippen. Da . . . was war das . . . er horchte auf . . . die Stimme unten im Flur, eine junge, weiche Stimme, die nach ihm fragte – nach Monsieur Paul Müller. War das wirklich? . . . Nein, das konnte nicht . . . aber doch. . . . Die Treppe herauf kam ein junger, elastischer Schritt näher, näher! Der Alte zitterte am ganzen Leib. »Um Gottes willen,« fragte er sich, »was wirst du tun, wenn er dir entgegentritt? Ihm die Arme entgegenstrecken? – alter Egoist! Nein, tausendmal nein – du darfst nicht – du darfst nicht!« Und als die Tür aufging und Freddy eintrat, faßte sich alles, was noch Gutes in Haus Ulenberg übriggeblieben war, in einem heldenmütigen Versuch zusammen, dem Sohn die Demütigung zu ersparen, der dieser so großmütig entgegenkam. »Vater!« murmelte Freddy beklommen, und streckte dem Alten die Hand entgegen. Der Alte blinzelte mit den Augen und erwiderte mürrisch: »Es tut mir unendlich leid – aber ich ahne nicht . . . was Sie eigentlich meinen!« Überrascht sah ihm Freddy ins Gesicht. Sollte er sich doch geirrt haben? Die Augen der beiden Männer begegneten einander. Aus dem Gesicht des Alten sprach eine so mühsam unterdrückte Zärtlichkeit, eine so rasende Beschämung und Trauer, daß jeder Zweifel ausgeschlossen war. »Vater!« rief Freddy noch einmal, stärker, wärmer, und diesmal . . . Ja – eine Viertelstunde früher hätte er es nicht geglaubt, daß er es über sich vermögen würde – aber er breitete die Arme aus und zog den Alten an seine Brust. Da war's mit dem Widerstand des Vaters vorbei. Er hielt den Sohn an sein Herz, preßte ihn fest an sich, und dann schob er ihn von sich hinweg und verzehrte ihn mit einem Blick, voll von Liebe und Stolz und Verzweiflung. Er streichelte ihm die Schultern, die Arme, er nahm seine beiden Hände in die seinen und drückte sie an seine Wangen, an seine Lippen und murmelte immer wieder: »Mein Sohn! mein Kind! mein herrliches, herrliches Kind – aber wie kannst du nur – wie bist du's im stande – mein Kind – mein Kind!« Es war eine solche Wärme und Innigkeit in der Art des alten Mannes, daß der Sohn gänzlich der Kluft vergaß, die ihn von ihm trennte. Ein Gefühl engster Zusammengehörigkeit zog ihn zu ihm hin, er erwiderte seine Herzlichkeit und sagte ein um das andere Mal: »Vater! Beruhige dich doch – Vater – mein armer, alter Vater!« Als sich der Alte an ihm satt geherzt und satt geschaut, fragte er ihn mit einer demütigen Bitte in der Stimme, die den jungen Burschen bis ins Innerste rührte: »Da du schon gekommen bist, mein Junge, mein lieber, mein herrlicher Junge – so – so bleibst du doch ein Weilchen, nicht wahr, ein ganz kleines Weilchen. So . . . setz dich, da in den Stuhl, der ist noch der beste. – In so einer elenden Kammer bist du gewiß dein Lebtag noch nicht gewesen, es ist alles viel zu schlecht für dich, aber am allerschlechtesten ist dein alter Vater, der ist deiner am unwürdigsten, armer Bub!« Ohne ein Wort herausbringen zu können, setzte sich Freddy dem Vater gegenüber. Eine beklommene Pause folgte, dann ängstlich seinen Sohn von der Seite ansehend, fragte Hans Ulenberg: »Und deine Mutter – weiß sie, daß du mich aufgesucht hast?« »Ja!« »Du hast mit ihr über mich gesprochen?« »Ja, ich mußte sie ausfragen, um mich zu vergewissern, daß meine Vermutungen richtig waren.« »Nun . . . und als sie erfuhr, daß ich noch lebe, was geschah dann?« Freddy schwieg. »Sie wurde ohnmächtig, nicht wahr?« »Ja!« »Arme Frau! arme Frau!« Der Alte verstummte – er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. »Es tat ihr schrecklich leid, zu erfahren, daß du dich in Not befindest,« versicherte ihm Freddy. »Sie hatte keine Ahnung davon, daß du lebst – wenn sie es gewußt hätte, so . . .« »So hätte sie mich nicht darben lassen. O, dafür kenn' ich sie!« sagte der Alte. Aus dem Nebenzimmer tönte ein rauher Lärm – das Schimpfen einer männlichen und das Gejammer einer weiblichen Stimme. Freddy zuckte zusammen. »Es ist nichts – so etwas gibt's bei uns alle Tage,« erklärte ihm der Alte. »Die Violinistin, die du vor dem Café Riche gesehen hast, und einer der beiden Neapolitaner – sie sind einander wert. Wenn beide Teile nichtsnutzig sind bei einem Liebesverhältnis, so geht's famos – die dauerhaftesten Beziehungen . . . 's ist nur, wenn einer gar nichts wert ist und der andre sehr viel, daß es nicht zusammen geht, ganz und gar nicht!« Dann griff er nach den Händen des Sohnes, drückte sie und murmelte: »Mein armer Junge! mein armer, lieber Junge! Es ist wunderschön, daß du gekommen bist, aber es bricht mir das Herz – ich . . . ich möchte dich so gern verwöhnen, dir etwas schenken, etwas vorsetzen, aber wie soll ich in diesem Loch – in diesem Loch! Rauch doch wenigstens, mein Alter, mein Tabak wird dir zu schlecht sein, ich rauche immer Caporal; aber rauche deine eigenen Zigaretten – die eine Stunde in deinem Leben, die du mir schenkst, sollst du dich wohl fühlen, so gut's geht, so gut's geht.« Er rieb sich die Augen, nach einem Weilchen sah er auf, sein Blick fiel auf das Geld, das vor ihm lag. »Das hab' ich heut gewonnen mit deinem Zwanzigfrankenstück,‹ erklärte er Freddy, und schüchtern setzte er hinzu: »'s ist eine Masse – kann ich dir nichts davon geben? Da hast du!« Er schob ihm einen ganzen Haufen von Goldstücken zu mit der naiven Freigebigkeit eines Kindes, das nicht rechnen kann. Freddy lehnte das Geschenk freundlich ab. – Hans Ulenberg zuckte die Achseln und murmelte: »Hätt's wissen können. Du nimmst nichts von mir, kein anständiger Mensch nimmt etwas von mir, geben möchten sie mir allenfalls etwas, aber etwas nehmen von mir – nehmen – nie . . . nie. . . . Armer Kerl! . . . Es tut dir leid genug, mir weh tun zu müssen, mein armes Kind! 's geht nicht anders. Aber . . .« er verstummte, versank in Nachdenken. Plötzlich hob er den Kopf, und mit der Hand polternd auf den Tisch niederfahrend, schrie er, etwas in seine alte rohe Art zurückfallend, aus: »Na, und die noble Sippschaft deiner Braut, was sagt denn die dazu, daß ich dein Vater bin?« Freddy errötete sehr tief und stotterte: »Sie wissen's noch nicht.« »Aber wenn sie's wissen werden, was dann? . . .« Über den schmalen Tisch hinüber packte der Alte den Sohn an den Handgelenken, die er mit fast grausamer Gewalt zusammenpreßte – »und wenn sie's wissen werden, was dann – was dann?« röchelte er. »Vater! Ich kann dir's nicht sagen.« »Aber ich kann dir's sagen,« schrie der Alte, indem er mit der Faust auf den Tisch hieb. »Sobald sie's erfahren, werden sie dich hinauswerfen, weil ich dein Vater bin – und die arme Kleine . . . das liebe, süße Ding wird sich an dich festklammern und dich nicht im Stich lassen wollen, und sie werden ihr die weichen, schwachen Arme herunterreißen von dir, werden ihr das Herz brechen – weil ich dein Vater bin. Aber das kann nicht sein – das darf nicht sein! Wenn sie's noch nicht wissen, so brauchen sie's auch nicht zu erfahren – brauchen's nicht zu erfahren – nie – nie! Zu was es ihnen sagen – ich plauder's nicht aus, drück' mich noch tiefer in den Schatten, braucht niemand zu ahnen, daß ich noch lebe – zu was mich öffentlich anerkennen! Es war ja so schön, daß du überhaupt gekommen bist, daß du mich Vater genannt und mich freundlich angesehen hast! Aber dabei laß es bewenden, kümmere dich nicht weiter um mich. Zu leben hab' ich ja, du siehst,« – mit einem Blick auf das Geld – »für meine Bedürfnisse übergenug! Ich werd' nicht mehr spielen – alles will ich ertragen, nur das eine nicht – das Bewußtsein, dein Leben vernichtet, dich um dein Glück betrogen zu haben! Das nicht – nur das nicht! Laß mich aus meinem Loch auf euch schauen, heimlich, unbemerkt, und mich an eurer Freude freuen! »Wenn du mit deiner schönen jungen Frau an mir vorüberfährst und die Straße ist zu eng, so will ich mich gegen die Wand drücken und mich nicht mucksen, wenn mich ein Rad abschindet; und wenn ich deinen Kindern begegnen sollte, so werde ich stehen bleiben und sie ansehen und stolz auf sie sein und mich an ihrem Anblick ergötzen und sie nie festhalten und nie mit meinen häßlichen Händen berühren, aus Angst, sie zu beschmutzen oder ihnen weh zu tun – nur stehen – stehen und mir die Augen ausschauen nach ihnen und mich freuen, je schöner, je vornehmer, je ferner sie mir sind. Nur nicht dir schaden, dir und den Deinen – das nicht – das nicht!« Der Alte hatte sich beim Kopf gefaßt, und den ganzen Oberkörper vor Verzweiflung auf und nieder bewegend, schluchzte er jämmerlich. Ein Nebel zog sich vor die Augen des Sohnes. Er stand auf und legte die beiden Hände auf die Schultern des gebrochenen Mannes. »Und du glaubst wirklich, daß ich's fähig wäre, dich zu verleugnen, Vater?« fragte er. Der Alte wimmerte nur und antwortete nicht. »Nein, Vater,« sagte Freddy sehr herzlich und einfach: »Ich dürfte es nicht, und ich könnt's auch nicht. Mag jetzt kommen, was will, ich werde zu dir stehen durch dick und dünn! Es ist spät, ich muß nach Hause, morgen vormittag komm' ich zu dir, und dann wollen wir uns über deine Zukunft beraten. Und jetzt lebe wohl, Vater, adieu! Habe Mut – ein neues Leben wird anfangen für dich. Ich wollte die Nacht nicht verstreichen lassen, ohne dich aufgesucht zu haben, aber jetzt muß ich fort.« »Geh, mein Junge, geh . . . Gott segne dich und lohne dir's, daß du gekommen bist!‹ Er zog den Sohn noch einmal an seine Brust, umarmte ihn heftig und stieß ihn dann von sich. *           * * Als sich der junge Mann entfernt hatte, rieb sich der Alte die Augen und fragte sich, ob er das nicht alles geträumt habe? Nein . . . er hatte nicht geträumt, da war der Stuhl, auf dem sein Junge gesessen, sein Junge, sein Sohn, der ihn Vater genannt und sich von ihm, dem alten Spieler, hatte in die Arme schließen lassen! Jemand hatte die sechs Fuß Erde, die über ihm aufgetürmt gewesen waren, hinweggeräumt und ihn hinausgerufen ins Licht, aber er hielt sich die Hände vor die Augen und wollte wieder ins Grab zurück, er fürchtete sich davor, wieder mit anständigen Menschen verkehren zu müssen – im selben Käfig eingesperrt zu werden mit wilden Tieren, wäre ihm weniger schrecklich vorgekommen. »Ein neues Leben wird anfangen für dich!« Wenn der Junge dazu zu bewegen gewesen wäre, ihn im Dunkeln weiter vegetieren zu lassen, aber nein. Der Bursch war tapfer, offenbar wollte er alles daransetzen, den Vater zu rehabilitieren; aber war's denn möglich, war's möglich? In seinen Adern fing das Blut an zu brennen, ihm schwindelte. Hundert kleine, dunkle, zweideutige Handlungen, die er früher vergessen, die ihm neben den Menschen, zwischen denen er sich jahrelang bewegt hatte, gar nicht aufgefallen waren, tauchten aus seiner Vergangenheit auf, giftig und schauerlich wie erstarrte Skorpione, die von einem Sonnenstrahl ins Leben geweckt worden sind. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn – wenn der Junge das erführe und das . . . mehr, immer mehr – Ärgeres kann es in seiner Vergangenheit nicht mehr geben, meinte er, und da kam noch etwas, noch etwas – aus allen Ecken und Enden seiner Erinnerung kroch's wie schwarzes Ungeziefer hervor – noch mehr, noch mehr. Das hatte er getan, das und das – und sein Sohn wollte ihn zu sich rufen ans Licht und einen Lumpen wie ihn Vater nennen vor den Augen aller Welt. Zu was konnte das führen – zu was? Dazu, die Existenz des Jungen zu vernichten – zu sonst nichts! Er hatte einmal ein Stück gesehen in der Porte Saint-Martin, wo ein solcher alter Liederjan wie er im letzten Akt als reuiger Sünder in den Schoß seiner Familie zurückkehrte. Er setzte sich in einen alten Lehnstuhl am Kamin und sonnte sich in der Zärtlichkeit seiner Angehörigen. Bei dieser erbaulichen Szene hatte die Galerie die Taschentücher hervorgezogen und viel geschneuzt und geweint, und in den ersten Ranglogen hatte das Publikum gelacht, geradezu gelacht über die melodramatische Unwahrscheinlichkeit der Situation. Und zum Schluß . . . hatten sowohl die Galerie als die ersten Ranglogen erleichtert aufgeatmet, als der Alte – kurz nach der Versöhnung – in den Armen seiner Angehörigen verschieden war! Hans Ulenberg erinnerte sich dessen genau. Sein Kopf sank auf seine Brust. Was er in dieser Minute fühlte, übertraf alles, was er an Schmerz bis dahin heruntergelebt hatte, darüber reichte die menschliche Empfindungsfähigkeit nicht hinaus. Da, da war er wieder, der eiskalte Angstschauer, der ihn schon zweimal an diesem selben Abend gepackt hatte. Auch diesmal wollte er sich abwenden vor dem Gräßlichen. Aber nein – er zwang sich, ihm ins Gesicht zu sehen – und da plötzlich kam etwas Wunderbares über ihn, etwas Befreiendes, Erlösendes! Durch seine Seele schwebte es wie aus weiter Ferne herüberklingend, von vier unsichern, jungen Stimmen gesungen – die österreichische Volkshymne. Er sah die grauen Nebel ziehen über die gräßliche Leichenernte auf den grünen Saatfeldern von Königgrätz, er sah das Flimmern der roten Altarkerzen und den weißen Blumenschmuck der Kirche von Sankt Joseph an seinem Hochzeitstag! Mit einem Male überkam's ihn, die Brust ausdehnend, zum Himmel emporreißend . . . dasselbe Gefühl wie damals, als er seinen verängstigten Soldaten voran den feindlichen Kugeln entgegengeschritten war – dasselbe Gefühl wie damals, als er, an der Seite seiner weißverschleierten Braut in den himmlischen Tagesglanz hinaustretend, sich gelobt hatte, der Liebe dieses herrlichen Weibes würdig zu werden – das Gefühl, als ob ihm plötzlich Flügel gewachsen wären, nur überkam es ihn viel stärker und selig schmerzlicher als die beiden ersten Male in seinem Leben! Bis dahin hatten die Flügel nie genügt, ihn emporzutragen . . . diesmal . . . *           * * Den nächsten Morgen um etwa zehn Uhr saßen Freddy und sein Onkel Bretford in dem hübschen Wohnzimmer der Gräfin Ulenberg, das auf eine Gartenterrasse hinaussah und über diese hinüber auf das blaue Mittelländische Meer. Ein freundlich gedeckter Frühstückstisch stand zwischen den beiden Männern; doch sprach weder der Onkel noch der Neffe den einladenden Speisen zu. Die Gräfin Ulenberg war nicht anwesend. Noch gestern um Mitternacht hatte sie den Sohn zu sich beschieden, um ihm das Ergebnis seiner Unterredung mit dem Vater abzufragen. Bis zum letzten Augenblick hatte sie gehofft, daß er sich in einem Irrtum befinden möge. Nach dem, was der Sohn ihr berichtete, waren Zweifel und Hoffnung abgeschnitten. Sie verfiel in einen stumm und starr hinbrütenden Zustand, aus dem sie nichts zu wecken vermochte. Als Freddy diesen Morgen an ihr Bett getreten war, hatte sie ihn nur mit einem unartikulierten Wehlaut hinausgewiesen. Ihr Aussehen war entsetzlich gewesen. »Nun, Freddy,« begann Bretford mitleidig, »hast du dir die Sache gut überlegt?« »Wenn es dabei etwas zu überlegen gäbe, so hätte ich bis ins nächste Jahr nicht zu Ende überlegt,« sagte Freddy treuherzig; »die Aufregung und das Leid, die ich bei meiner Mutter heraufbeschworen habe, bringen mich fast um. Aber ich kann ja doch nur das eine tun, es gibt keine Zweifel, der Weg liegt schnurgerade vor mir. Mein Vater hat mich zwar flehend gebeten, ihn nicht aus seinem Dunkel herauszuziehen, ihn nicht öffentlich anzuerkennen. Aber ich kann Kittys Eltern nicht verschweigen, daß er existiert. Alles weitere wird sich klären mit der Zeit. Du wirst mich natürlich wieder einen sentimentalen Optimisten spotten, Onkel Henry, aber ich versichere dir, so verbummelt er äußerlich ist, mein armer Vater, 's ist doch viel Wunderschönes in seiner Natur, eine Wärme, Herzensgüte, Aufopferungsfähigkeit, wie sie mir im Leben noch nie begegnet sind. Ich war wie berauscht davon. Solange ich mich bei ihm aufhielt, vergaß ich ganz, wie entsetzlich schwer es mir gefallen war, mich zu entschließen, ihn aufzusuchen! Ich begreife es völlig, was meine Mutter in seiner Jugend an ihm bestochen haben mag.« »Das mußte jeder begreifen, der ihn in seinen guten Tagen kannte,« versicherte Bretford, »er gehörte zu den bedeutendsten Erscheinungen, die mir je vorgekommen sind: bildschön, überaus schneidig, sehr einfach und bescheiden in seiner Haltung und unbeschreiblich gutmütig! Du hast sein Herz, Freddy, aber glücklicherweise den tüchtigen Charakter deiner Mutter dazu. Der fehlte ihm, er war moralisch schwach, dabei leidenschaftlich und reizbar! Das Zusammenleben mit ihm mag unerträglich gewesen sein, aber – ganz freisprechen kann ich deine Mutter nicht!« »Arme Mutter!« seufzte Freddy, und Henry Bretford fuhr fort: »Sie war zu schroff, sie kannte nur einen Weg für die Tugend, und der ging kerzengerade einen steilen Berg bis zum Gipfel der sittlichen Vollkommenheit hinauf. Daß man den Weg zu ebnen versuchen könne für Leute, die schwindelig sind, und denen der Atem ausgeht, daß man sie allenfalls eine allmählich ansteigende Serpentine hinaufführen könne, das begriff sie nicht! Arme Frau!« »Ja, arme, arme Mutter!« wiederholte Freddy sehr leise, und dann setzte er hinzu: »Weißt du, Onkel, die ist meine größte Sorge. Ich hoff's von ganzem Herzen, daß ich meinen Vater dazu bringe, sich aufzurichten, so daß er von neuem den Platz in der Gesellschaft einnimmt, der ihm gebührt!« Der mutlose Ausdruck, womit der ältere, erfahrenere Mann diesen Ausspruch beantwortete, dämpfte die freudige Gläubigkeit des jüngern, nichtsdestoweniger wiederholte er: »Ich hoff's wirklich – nur an dem einen verzweifle ich – eine Versöhnung herbeizuführen zwischen ihm und meiner Mutter!« »Die ist ausgeschlossen,« entschied Bretford herb. Freddy senkte den Kopf. Er sah sehr blaß aus, aber ohne den unruhigen Ausdruck und finstern Blick, die gestern sein schönes Gesicht entstellt hatten. Heute verrieten seine Züge nichts mehr als eine geduldige und mitleidige Traurigkeit, die sie sehr wohl kleidete, ja ihnen einen neuen Adel verlieh. »Das ist das Schreckliche,« murmelte er, »und doch – die Mutter selbst könnte nicht wünschen, daß ich anders handeln möchte, als ich es tue. Es gibt, wie gesagt, nur einen Weg.« Er zog seine Uhr. »Die Zeit ist um, ich muß zu ihm.« Er stand auf. »Onkel,« sagte er leise, »du hast versprochen, zu Siehrsburgs zu gehen statt meiner. Sag den Eltern, was du für gut findest, aber Kitty . . . Kitty sag nichts . . . der . . . der gib diesen Brief von mir –« Die Hände von Onkel und Neffe begegneten einander in einem festen, herzlichen Druck, dann trat Freddy auf die Tür zu. Er versuchte zu lächeln. Mit grenzenlosem Mitleid blickte ihm der Onkel nach. »Armer Junge.« murmelte er vor sich hin. *           * * Freddy schritt indessen mit langen, gleichmäßigen Schritten aus dem Hotel über den Platz die Straße in der Richtung von Mentone entlang. Er sah sich nicht nach rechts, nicht nach links um. Erst als er plötzlich die Rosenhecken und Zypressenpalisaden der Villa Garibaldi erblickte, merkte er, daß er zu weit gegangen war. Er blieb stehen, tauchte seinen Blick sehnend in die wuchernde Blütenmasse, dann holte er tief Atem und wendete sich um. Diesmal verfehlte er die Tour Eiffel nicht. Bei Tag mutete ihn das Haus noch viel elender an als in der Nacht. Ein schmales, dreifenstriges Gebäude an der Straße, das Erdgeschoß rot angestrichen, holzgetäfelt wie alle billigen Weinstuben, ein Flügel des Hauses hinter einem verwilderten Gärtchen, das gegen die Straße zu mit einem verfallenen Gemäuer abgeschlossen war, in dem Gärtchen Kehrichthaufen und widerliches Gerümpel zwischen zwei Orangenbäumen, die Wände des Hinterhauses von Wind und Wetter abgeschunden und mit einer großen Anzahl teilweise leerer, alter hölzerner Vogelkäfige behängt. An einer Stange inmitten des Hofes ein Plakat, worauf »Terrain à vendre« stand. Unter einem der Fenster zwischen den Vogelbauern ein Zettel mit den Worten »Appartement à louer«. Den jungen Mann überkam ein unsägliches Mitleid bei dem Gedanken, daß sein Vater in diesem elenden Spelunke wohnte, die nichts war als eine noch nicht hinweggeräumte Ruine, und inmitten seinem großen Jammers freute er sich, den Armen aus dieser Umgebung herausholen zu können. In dem schwarz und weiß gequaderten, schmalen Gang schlug ihm eine beengende, unheimliche Luft entgegen; in dem Hofe, den er durchkreuzen mußte, um in das Hintergebäude zu gelangen, stand eine Gruppe von Menschen, die einander lebhaft und halblaut etwas erzählten, und die auseinanderliefen, als sie ihn erblickten. Er ging die Stiege hinauf, mußte umkehren, weil er sich geirrt hatte, überall vernahm er dasselbe halblaute Flüstern, es ging durch alle Räume der elenden Spelunke. Die Wände schienen zu flüstern, und kein Mensch wagte ein lautes Wort zu reden. Endlich fand er die Treppe, die zu seinem Vater hinaufführte. In der Mitte der Stufen vertrat ihm die Wirtin, die er bis dahin umsonst gesucht hatte, den Weg. »Ich möchte gern zu Monsieur Paul Müller hinauf,« erklärte Freddy. »Es ist nicht möglich!« »Warum?« Einen Augenblick zögerte die Wirtin, dann sagte sie: »Weil . . . weil die Herren vom Gericht oben sind.« Sie brach in Tränen aus. »Die Herren vom Gericht?« wiederholte Freddy, wie vom Donner gerührt. Dann begriff er. »Er ist tot!« murmelte er. Die Hausfrau nickte und wendete den Kopf ab. Tot – niemand konnte es begreifen – heute früh hatte man ihn im Bett gefunden, starr und kalt, mit einem Blutfleck auf der Brust. Er hatte sich erschossen, nachdem er gestern das Maximum gewonnen, das große Maximum. Das Geld hatte er noch nach dem Besuch Freddys bei der Hausfrau hinterlegt. Dann war er ausgegangen, um einen Brief aufzugeben, den er niemand hatte anvertrauen wollen. Als sich die Polizei zurückgezogen hatte, betrat Freddy das niedrige, dürftige Zimmerchen. Das Fenster stand offen, die Sonne drang voll herein. In der Ferne sah man den blauen Himmel und das blaue Meer, eine Endlosigkeit von Blau, sonst nichts! Auf dem elenden, schmalen, eisernen Bett lag der Mann, der sein Vater gewesen war! Freddy kniete neben dem Toten nieder und küßte seine Hand. *           * * Als Freddy in das Hotel de Paris zurückkehrte, kam ihm sein Onkel entgegen. Freddy merkte ihm sofort an, daß er von der Katastrophe gehört habe. Er drückte dem jungen Mann beide Hände, dann sagte er sehr leise: »Geh zu deiner Mutter, sie wünscht dich zu sehen.« Die Gräfin Ulenberg lag noch immer zu Bett, aber ihr Gesichtsausdruck hatte sich gänzlich verändert, alle Starrheit war daraus entwichen, sie war bis zur Unkenntlichkeit verweint. In der Hand hielt sie einen Brief, den sie Freddy reichte. Er lautete: »Mein liebes, nie vergessenes Weib. »Du brauchst nicht zu erröten über diese Anrede. Zur Stunde, wo Du diese Zeilen lesen wirst, habe ich mir das Recht zurückerobert, Dich so zu nennen. Ja – denn zu der Stunde, wo Du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, und Du brauchst Dich nicht mehr für mich zu schämen. Ich sterbe, damit Du Dich nicht mehr für mich zu schämen brauchst, und damit sich mein armer Junge nicht mehr für mich zu schämen braucht. »Früher maß ich mir immer die ganze Schuld bei an unserm Unglück, ich sagte mir, so wie Du warst, hattest Du nicht nur das Recht, mich zu verstoßen, sondern Du mußtest es tun, um Dir selber treu zu bleiben. »Seitdem ich den Jungen gesehen habe, weiß ich, daß auch Du unrecht gehabt hast. »Du mußtest es wissen, daß Du ein Kind von mir unter dem Herzen trugst, als Du von mir gingst, und das hättest Du mir nicht verschweigen dürfen. »Aber an mir ist es nicht, Dir Vorwürfe zu machen. Das Recht hab' ich verscherzt! »Das einzige, was ich für mein Kind tun kann, tue ich! Ein echter Spieler tritt vom Spieltisch zurück, wenn er das Maximum gewonnen hat. Und als der Junge mich aufsuchte in meiner elenden Spelunke und mich freundlich ansah und mich Vater nannte und mich in seine Arme schloß, da hatte ich das Maximum meiner Existenz erreicht, das Schönste, das Unwahrscheinlichste! Es war wie ein wunderbarer Traum, ein Weiterleben müßte ein Erwachen sein. Ich will im Traum sterben! »Wenn ich durch meinen Tod die Existenz des Jungen retten kann, so will ich gern sterben und mich nur grämen, daß ich nichts Besseres für ihn hinzugeben vermag als dieses elende, beschmutzte Leben, das mir ohnehin längst zur Last geworden ist. »Gott behüte und segne ihn tausendmal . . . alle, denen er teuer ist und die ihm teuer sind, mit ihm! »Zum Schluß bitte ich Dich, noch die Vollstreckerin meines letzten Willens zu sein. »Die einhundertundachtzigtausend Franken, die ich gestern gewonnen und bei meiner Hausfrau, Madame Jules Lebon, hinterlegt habe, bitte ich, auf die Unterstützung notleidender Waisen von Spielern zu verwenden. »Dir und meinem Sohne vermache ich jedem ein kleines Legat – Dir die alten Briefe, die ich voll verzweifelter Sehnsucht an Dich schrieb in den ersten Tagen nach unsrer Trennung in Nizza – und meinem lieben Sohne den kleinen blauen Schuh, den Du in unsrer Wohnung vergessen hattest bei Deiner – Flucht. Er soll ihn seinem süßen Bräutchen geben, es ist mein Hochzeitsgeschenk. Sie soll den armen, kleinen Schuh nicht verachten . . . weil ich ihn oft geküßt habe, es ist doch Dein Schuh, und sie möge mit dem anmutigen Szepter recht zart umgehen, aber ihn nie aus der Hand legen. »Die Briefe und den Schuh habe ich ebenfalls bei meiner Hausfrau deponiert. »Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, daß ihr keine Trauer tragen sollt um mich – und mich auch nach dem Tode nicht öffentlich anerkennen möget. Das kleine Opfer, das ich bringe, hätte keinen Zweck, wenn es Veranlassung gäbe, meine Vergangenheit aufzurühren. Es braucht's kein Fremder zu wissen, daß der alte Vagabund, der dort oben auf dem Selbstmörderfriedhof verscharrt wird, einmal Dein Mann war und Hans Ulenberg geheißen hat. Aber wenn Du . . .« An dieser Stelle waren ein paar Zeilen mit einem dicken Gekritzel ausgestrichen. Der Brief schloß mit den Worten: »Ich küsse den Saum Deines Kleides in unveränderter Verehrung und verbleibe, Dich noch zum Schlusse herzlichst für alles Dir angetane Leid um Vergebung bittend, Dein Hans Ulenberg, bekannt unter dem Namen Paul Müller. »Die Papiere meines bei dem Untergang der ›Liberté‹ Anno 1871 ertrunkenen Dieners, dessen Namen ich seither angenommen, sowie mein eigener, vom Jahre 1871 datierter Reisepaß und mein Taufschein befinden sich in dem bei Madame Lebon hinterlegten Paket.« *           * * Mit überströmenden Augen hatte der junge Mann den Brief gelesen. Als er ihn der Mutter zurückgab, hielt sie ihn an ihre Lippen. »Du hast immer wissen wollen, wie er war, jetzt weißt du's, wie und was er war! Der Mann, der nach fast vierundzwanzig Jahren eines traurig vergeudeten Lebens noch die Kraft in sich fand, dieses Opfer zu bringen, und den Edelmut, diesen Brief zu schreiben – das war dein Vater!« *           * * Es ist zehn Tage später. Die Rosen hängen matt, die Palmen sind von der Sonne verbrannt, die ganze herrliche Vegetation der Riviera erstickt langsam unter einer dicken Lage Staubes; Mentone ist wie ausgestorben, die Hotels von Bordighera und San Remo sind geschlossen, und alle vermögenden Leute haben auch Monte Carlo geflohen. Alles sehnt sich aus dieser verdurstenden, grauen Landschaft hinaus in das kühlende, frische Grün nördlicher Gegenden. Ein Flügel des Hotel de Paris steht noch offen. In dem kleinen, ebenerdigen Appartement der Gräfin Ulenberg hat die letzte Zeit große Aufregung und Besorgnis geherrscht, die Gräfin war krank, schwer krank. Eine heftige Nervenkrise, die zu Befürchtungen Anlaß gab, daß sie in einen Typhus ausarten würde, fesselte sie an ihr Lager. Der Typhus ist nicht gekommen, die reine und leichte Luft von Monte Carlo – so behaupteten die dortigen Ärzte – hat die Gräfin davor bewahrt. Trotz des großen Vertrauens, das die Ärzte in diese reine und leichte Luft setzen, haben sie dennoch die Gräfin dringend aufgefordert, Monte Carlo zu verlassen, sobald ihre Rekonvaleszenz weit genug vorgeschritten sein wird, ihr das Reisen zu gestatten. Und heute stehen die sämtlichen Koffer der Gräfin Ulenberg, bereits mit Adressen versehen, in dem Vestibül, von wo sie der Omnibus auf die Bahn befördern soll. Der Kammerdiener im dunkelgrauen Reiseanzug verhandelt im Bureau eifrig mit Monsieur Blum, von dem er sich die Rechnungen unterschreiben läßt, und die Kammerjungfer hat ein letztes sentimentales Gespräch mit einem Kellner, der ihr soeben einen mit einer Ansicht von Monte Carlo verzierten Fächer verehrt hat, und dem sie versichert, daß die Tage im Hotel de Paris zu den schönsten ihres Lebens gehören, und daß sie diese Tage nie vergessen wird. Kammerdiener und Kammerjungfer erwarten die Rückkehr der Gräfin und des jungen Grafen, die ausgefahren sind. Ja, ausgefahren! so kurz vor der Abreise – und das erste Mal, wo die Gräfin überhaupt ihr Zimmer verlassen hat. Die Kammerjungfer schüttelt den Kopf zu dieser Unvorsichtigkeit, und der Kammerdiener beanstandet etwas in der Rechnung. Indes rollen Mutter und Sohn die staubweiße Straße nach der Condamine entlang. Sie tragen beide dunkle Kleider, aber ohne jedes offizielle Abzeichen der Trauer. Das Aussehen des Sohnes hat sich nur wenig verändert. Zwar ist der knabenhafte Übermut von seinem Antlitz gewichen, seine Züge haben sich geschärft, aber der treuherzige Blick ist seinen Augen geblieben, und sein Lächeln hat nichts von seinem alten Wohlwollen eingebüßt, wenn sich auch eine leise Traurigkeit in dieses Wohlwollen hineinmischt. Das Äußere der Gräfin hingegen hat sich fast bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Sie ist um zehn Jahre gealtert, ihre Haltung ist gebückt, das Gesicht verfallen. Die Hände krampfhaft gefaltet, blickt sie starr vor sich hin. Am Tor des Friedhofs hält der Wagen. Freddy ruft den Totengräber herbei und fragt ihn etwas. Der Totengräber zuckt die Achseln und meint: »Wie Sie wollen, aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß der Weg nicht zu den bequemsten gehört.« »Ich kenn' ihn,« erwiderte Freddy. Der Totengräber faßt ihn schärfer ins Auge. »Ja, richtig,« sagt er, sich besinnend, »aber will die Dame wirklich da hinauf? Es ist sehr steil.« »Mütterchen, er hat recht, mutest du dir nicht zu viel zu?« flüstert der Sohn besorgt. Aber die blasse Frau schüttelt den Kopf. »Ich will hinauf,« murmelt sie – und hinauf geht sie. Schwer auf den Sohn gestützt, steigt sie den steilen Berg empor, an dem in seinem eintönig weißen Glasperlenschmuck glitzernden Friedhof der Kinder schleppt sie sich vorüber, höher, immer höher, zwischen Kehrichthaufen und Olivenbäumen, höher, immer höher in der tötenden Sonnenglut, über das spitze, scharfe Geröll. Mehr als einmal muß sie innehalten, Atem schöpfen; kaum daß sie sich noch weiter zu bewegen vermag, ist sie doch zum Umkehren nicht zu bewegen. Endlich hat sie den Friedhof oder vielmehr Beerdigungsplatz der Selbstmörder erreicht; – ein längliches Viereck von einer niedrigen Mauer umfaßt, gänzlich schmucklos. Dort werden die Leichen der armen Sünder verscharrt, die, der Ruhestätte in geweihter Erde als unwürdig befunden, ohne priesterliche Einsegnung ins Grab gesenkt worden sind. Gänzlich abgeschieden von der Welt liegt der Totenacker da. Über die obere Mauer strecken ein paar alte Ölbäume ihre Äste wie ein erlösendes Friedenszeichen herein, über die untere Mauer sieht man hinter ein paar schwarzen Zypressenwipfeln das Meer, das sich in wundersamer Bläue an die Grenze des Himmels schließt. Sonst nichts – nichts! Auf den Gräbern kein Kreuz, kein Stein, keine Blume, kein Grashalm, kaum ein Unkraut, nichts als auf jedem ein Holzpflock mit einer Nummer. Etwas Traurigeres gibt's auf der Welt nicht als den Beerdigungsplatz der Selbstmörder in Monte Carlo – den Totenacker der Hoffnungslosen! Nur auf einem der Gräber liegt ein verwelkter Rosenstrauß. Vor diesem Grabe bleibt Freddy mit seiner Mutter stehen. Die Augen der Mutter heften sich auf die verdorrten Rosen. »Weißt du, wer die gebracht hat?« fragt sie leise. »Meine kleine Braut – Kitty!« »Sie war hier?« »Ja, mit mir und Onkel Henry.« »Früher als ich,« murmelt die gebrochene Frau, dann sieht sie sich um, in ihren Augen ist die Unruhe eines Wunsches, der sich nicht zu äußern wagt. Der Sohn versteht sie! Er, dessen Herz groß genug ist, die zärtliche Verehrung der Mutter unbeschädigt neben dem grenzenlosen Mitleid für beide Eltern zu bergen, versteht sie – er veranlaßt den Totengräber, sich zu entfernen. Dieser tritt zurück. Noch einen Augenblick bleibt sie aufrecht, dann mit einem Schluchzen, durch das es wie der Nachhall eines längst verklungenen Liebkosungswortes klingt, bricht sie zusammen!   Ende .