Arthur Zapp Ehrlos? Roman   Johannes Knoblauch, Verlag, Berlin SW   Alle Rechte vorbehalten Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig I Lautlose Stille herrschte im Saal. Die Kapelle des in der Provinzial- und Regierungsstadt garnisonierenden Infanterieregiments trug das Zwischenspiel der Cavalleria Rusticana vor, die eben über alle größeren Bühnen der Welt ihren Triumphzug angetreten hatte. Das Konzert war, wie alle Sonntagnachmittags-Konzerte im Gesellschaftshaus, sehr gut besucht. Im Saal selbst, wie auf den den Saal flankierenden Galerien war kaum ein Tisch unbesetzt. In aller Mienen spiegelte sich die Wirkung der einschmeichelnden prickelnden Musik des jungen, italienischen Maestro wieder. Ein blutjunger Leutnant, der mit anderen Kameraden an einem größeren Tisch mitten im Saal saß, legte deutliche Zeichen einer wachsenden Nervosität an den Tag. Seine stark geröteten Wangen, sowie seine im feuchten Glanz schwimmenden Augen ließen erraten, daß er beim Diner der Weinflasche sehr reichlich zugesprochen haben mochte. Jetzt schien ihm das stille Sitzen nichts weniger als behaglich. Er rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, fuhr sich mit der Hand an den engen, hohen Halskragen und pustete und keuchte, als bereite ihm die Musik mehr Beschwerden als Genuß. »Donnerwetter, das geht einem ja durch und durch!« machte er endlich, sich zu seinem Nachbar neigend, seinen Gefühlen Luft. Es war mit schnarrender Kommandostimme gesprochen, lauter, als der Sprechende selbst es wohl beabsichtigt haben mochte. Von den anderen Tischen reckte man ärgerlich die Hälse hinüber. Aber man begnügte sich mit unwilligen Mienen und tadelndem ärgerlichen Kopfschütteln, als man erkannt hatte, daß die Störung vom Offiziertisch ausging. Nur von dem dem Störenfried zunächststehenden Tisch wurde ein energisches, verweisendes Zischen laut. Dem jungen Offizier schoß das Blut heiß in die ohnedies glühende Stirn. Sich mit affektiert hochmütigem Gesicht herumdrehend, rief er mit noch lauterer Stimme als vorher: »Ist denn keine Ordonnanz da, die den unverschämten Flegel zum Saal hinaus –« Das laute Rücken des Stuhles, von dem der Beschimpfte aufgesprungen war, unterbrach den Sprechenden. Es war ein elegant gekleideter junger Mann hoch in den Zwanzig, der mit geballten Fäusten und blitzenden dunklen Augen dastand und Miene machte, sich auf seinen Beleidiger zu stürzen. Aber nun ertönten doch von allen Seiten laute Rufe nach Ruhe. Zugleich legten sich die beiden Gefährten des Beleidigten, die mit ihm am gleichen Tische saßen, ins Mittel. Sie faßten den Freund an Armen und Händen und zogen ihn halb mit Gewalt auf seinen Stuhl zurück, ihm beschwichtigend zuredend. Das störende, nicht auf dem Programm stehende Intermezzo schien damit erledigt und das Zwischenspiel konnte zu Ende gebracht werden. In der Pause bezahlten die Offiziere und verließen insgesamt den Saal. Am Nachbartisch wurde indes der Zwischenfall kurz erörtert. Zur Rechten des Beleidigten saß ein etwas stutzerhaft gekleideter Herr, der ein Monokel ins Auge geklemmt hatte und dessen zahlreiche Schmisse auf Wangen, Kinn und Stirn bewiesen, daß er ehemals ein eifriger Korpsstudent gewesen. »Ich bitte Sie, lieber Ulrici,« sagte er im leichten Nasalton, »Sie konnten doch mit Leutnant von Minkwitz nicht einen plebejischen Faustkampf ausführen zum Vergnügen der Einwohner, wie der erste beste Müller oder Schulze. Dergleichen Händel trägt man doch in anderer Weise aus. Nicht wahr, Doktor?« Der Angeredete, ein Dreißiger, mit blondem Vollbart und einer hünenhaften Gestalt, nickte stumm und bedächtig, ein wenig melancholisch. »Es war eine Ungezogenheit«, brauste der Beleidigte auf, in dessen Nerven die Aufregung noch stark nachzitterte. Der mit dem Monokel räusperte sich und schnitt eine Grimasse, als verursache ihm der starke Ausdruck Unbehagen. »Eh – lieber Kollege«, entgegnete er. »Ich gebe ja zu, daß der Herr Leutnant seinen Empfindungen einen ungehörig lauten Ausdruck gab. Aber Sie hätten doch immerhin berücksichtigen sollen, daß es ein Offizier war, von dem die Störung –« »Störung ist Störung«, unterbrach der Beleidigte scharf. »Sollte ich mich erst erkundigen, welchem Rang und Stand der Störenfried angehörte? Und hatte er als Offizier nicht mehr Veranlassung als mancher andere, sich gesittet zu benehmen?« Der Elegant zuckte mit den Achseln. »Wir wollen uns nicht ereifern«, meinte er und schob sein Einglas, das vorher von seinem halsbrecherischen Sitz herabgerutscht war, wieder ins Auge. »Zu ändern ist ohnedies nichts mehr. Die Affäre wird den üblichen Verlauf nehmen müssen. Selbstverständlich, lieber Ulrici, stelle ich mich Ihnen für den Ehrenhandel ganz zur Verfügung. Und jetzt meine Herren« – der Sprechende winkte den Kellner mit einer Gebärde herbei – »denke ich, brechen wir auf. Wir wollen doch diesen Spießbürgern den Spaß verderben, die unseren Tisch mit einem Interesse beehren, als wären wir die reinen Weltwunder ...« * * * Regierungsassessor Kurt Ulrici trennte sich von seinen beiden Begleitern sehr bald. Es verlangte ihn, mit seinen Gedanken allein zu sein. Der Vorfall hatte ihn doch mehr erregt, als er vor den anderen hatte eingestehen wollen. Der Zorn siedete ihm in allen Adern, und seine Hände ballten sich unwillkürlich, während er mit heftigen Schritten seiner Wohnung zueilte. Vor die Pistole sollte ihm der Übermütige, Unverschämte und die schärfsten Bedingungen, die der Duellkodex nur irgend erlaubte, wollte er zur Bedingung machen. Einer von ihnen beiden mußte auf dem Platze bleiben. Seine Stirn lag noch in düsteren Falten und in seinen Mienen vibrierte noch die zornige Erregung, als er zu Hause anlangte. Er hatte die Absicht, sich sogleich auf sein Zimmer zu begeben, aber seine Mutter, die ihn hatte kommen hören, trat auf den Flur hinaus. »Schon zurück, Kurt?« fragte sie verwundert. »Das Konzert kann doch noch nicht zu Ende sein. Ist dir was, Kurt?« »Nichts, Mama!« wehrte der junge Mann etwas kürzer ab, als es sonst seiner Mutter gegenüber seine Art war. »Gar nichts!« Aber gerade dieser ungewohnte Ton erregte die Aufmerksamkeit der alten Dame und machte sie besorgt. »Willst du mir nicht ein wenig Gesellschaft leisten, Kurt?« fragte sie. »Mama, ich – du entschuldigst –« Aber sie hatte ihn schon an der Hand erfaßt und mit sanfter Gewalt zog sie ihn ins Zimmer. Drinnen beim hellen Lampenschein betrachtete sie ihn sorgfältig. Ihren mütterlich scharfen Augen fiel sofort seine verstörte Miene aus. »Was ist geschehen, Kurt?« fragte sie unruhig und sah ihm ängstlich ins Auge. Er schlug den Blick nieder und bemühte sich, ruhig und unbesorgt zu erscheinen. Ja, er versuchte sogar zu lächeln, aber es war nur eine Verzerrung der Mundwinkel, die er zustande brachte. Gerade vor seiner Mutter war er am wenigsten an Verstellung gewöhnt. »Irgend etwas Unangenehmes ist dir widerfahren, Kurt!« rief die alte Dame. »Leugne es nicht! Ich sehe es dir an. Du willst mir etwas verheimlichen.« »Aber Mama –« Dem jungen Mann stieg die Röte der Verlegenheit ins Gesicht. In seiner Ratlosigkeit ergriff er die Hand der Mutter und zog sie an seine Lippen. »Es ist nichts, Mama,« stotterte er, »nichts von Bedeutung.« »Dann brauchst du es mir um so weniger zu verbergen, Kurt.« Die alte Dame drückte ihren Sohn sanft auf einen der um den Tisch stehenden Fauteuils und setzte sich neben ihn. Ihr feines, blasses Gesicht mit den müden, etwas leidenden Zügen ihm voll zukehrend, drang sie in ihn. »Erzähle, Kurt! Was ist vorgefallen?« Der junge Mann wand sich förmlich unter den forschenden Blicken seiner Mutter. Im stillen verwünschte er seinen Einfall, nach Hause zu gehen. Er hätte im Freien bleiben sollen, einen langen Spaziergang machen, bis er die Wirkung des Erlebten wenigstens äußerlich völlig überwunden hatte. Jetzt gärte die Aufregung noch so stark in ihm, daß sie ihm jeder leicht vom Gesicht ablesen konnte. Wie sollte er es seiner Mutter verbergen, die die hingebendste Mutterliebe hellseherisch machte, die in dem langen Zusammenleben gelernt hatte, jede seiner Mienen zu deuten? »Nun, Kurt?« »Ich habe Ärger gehabt, Mama«, gestand er gepreßten Tones. »Ärger?« Noch einmal versuchte er auszuweichen. »Ach, Mama, wirklich, es ist nichts, was dich interessieren könnte.« Aber das kam so wenig herzhaft heraus, daß die Unruhe der alten Dame nur noch wuchs. Sie neigte sich zu ihm hinüber und legte ihm ihre beiden Hände auf die Schultern. »Du sprichst nicht die Wahrheit, Kurt!« sagte sie mit sanftem Vorwurf. »Gerade dein langes Zögern beweist mir, daß es nichts Unwichtiges sein kann, was du mir so geflissentlich zu verheimlichen suchst. Hast du kein Vertrauen mehr zu deiner Mutter?« »Ich – ich hatte einen Streit, einen kleinen Wortwechsel –« »Mit deinem Kollegen von Süßmilch?« Kurt Ulrici konnte ein kurzes Auflachen nicht unterdrücken, so unbehaglich ihm auch sonst zumute war. »Kann man denn mit dem überhaupt in Streit geraten, Mama? Mit dem korrekten Herrn von Süßmilch? Das halte ich geradezu für eine Unmöglichkeit.« »Also mit wem, Kurt?« »Mit Leutnant von Minkwitz.« »Leutnant von Minkwitz? Den kenne ich nicht.« »Er ist erst seit kurzem beim Regiment. Ganz frisch vom Kadettenkorps.« Geringschätzung und wieder heftig emporlodernder Zorn zuckten um des Sprechenden Lippen. »Der junge Herr, der etwas benebelt schien, störte das Konzert«, fuhr er fort. »Ich verwies ihn zur Ruhe. Und er« – Kurt Ulrici biß die Zähne aufeinander, daß ein knirschender Ton durchs Zimmer drang. »Und er, Kurt?« Die alte Dame schlang den einen Arm um ihres Sohnes Schulter und erwartete in angstvoller Spannung seine Antwort. »Er, Mama, er hatte die Keckheit, ein Schmähwort gegen mich auszustoßen.« »Und nun?« »Nun? Hoffentlich wird er mich um Entschuldigung bitten, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen haben wird.« Die alte Dame atmete schwer. »Und wenn er das nicht tut, Kurt?« »Dann,« – der Assessor biß sich auf die Lippen – »dann werde ich ihm eben einen Denkzettel erteilen müssen.« Der Arm der alten Dame löste sich plötzlich; erbleichend sank sie in ihren Sessel zurück. In ihren Augen und in ihren Mienen malte sich eine so ungestüme, schmerzliche Gemütsbewegung, daß der Assessor heftig erschrak und sich liebevoll über sie beugte. »Aber Mama«, sagte er stammelnd, zerknirscht. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und drückte in konvulsivischer Zärtlichkeit ihre Wange gegen die seine. Dann sagte sie flüsternd, ihren Mund ganz dicht an seinem Ohr: »Du darfst dich nicht duellieren, Kurt. Weißt du nicht mehr, was du deinem Vater auf seinem Sterbebette gelobt hast?« Kurt Ulrici fuhr so jäh in die Höhe, daß seine Mutter ihn notgedrungen freigeben mußte und in ihren Sessel zurücktaumelte. Er hatte die Empfindung, als ginge ein Riß durch seine Seele, als sei plötzlich ein Blitz vor ihm eingeschlagen. Daß er auch noch nicht mit einem Gedanken daran gedacht hatte! Ja, jetzt flammte die Erinnerung in ihm auf. Zehn Jahre waren es her. Er – Kurt – war noch Gymnasiast gewesen, als ihn eines Tages ein Telegramm von der Kreisstadt nach dem väterlichen Gute rief. Sein Vater war immer ein ernster, wortkarger Mann gewesen; in den letzten Jahren hatte sich seine Verschlossenheit bis zur Schwermut und zum Trübsinn gesteigert, und wer weiß, wohin den Unglücklichen die schwere Gemütsverstimmung, an der er litt, noch geführt haben würde, wäre nicht plötzlich eine Katastrophe dazwischengekommen. Als Kurt zu Hause anlangte – die Szene stand jetzt wieder ganz deutlich vor seinen geistigen Augen – lag sein Vater bereits im Sterben. Ein Sturz mit dem Pferde, so sagte man ihm, habe den Vater tödlich verletzt. Mit seiner letzten Kraft hatte sich der Sterbende an ihn, den Sohn, der erschüttert vor dem Bette seines Vaters niedergekniet war, gewandt. »Schwöre mir,« hatte der Sterbende mit erlöschender, röchelnder Stimme gesagt, »schwöre mir, daß du dich nie – nie duellieren wirst, gleichviel was einmal an dich herantritt. Das Duell ist die unsinnigste, ruchloseste Einrichtung.« »Ich schwöre es«, hatte er mechanisch wiederholt, verwirrt, benommen von dem Traurigen, das so plötzlich auf ihn eindrang, in völliger Unkenntnis der Tragweite seines Schwurs. Das war das letzte Gespräch mit seinem Vater gewesen. Wenige Minuten später hatte der Unglückliche seine Seele ausgehaucht ... Der Assessor fuhr heftig erschreckend aus seinem Grübeln aus. Was war das? Seine Mutter hatte plötzlich angefangen zu lachen. Es war ein grelles, überlautes, gellendes Lachen. Den jungen Mann überrieselte es kalt und heiß. »Mama!« rief er angstvoll und beugte sich über sie. Sie lachte in einem fort, krampfhaft, mit verzerrten Mienen, unfähig, dem widernatürlichen Reiz zu widerstehen. Und nun plötzlich schlug das Lachen in ein schluchzendes, konvulsivisches Weinen um, das ebenso heftig und ungestüm war und der Leidenden bald den Atem benahm. Kurt Ulrici nahm den Oberkörper seiner Mutter sanft in seine Arme und lehnte ihren Kopf gegen seine Brust und streichelte ihr die bleichen Wangen. Endlich ließ der furchtbare Anfall nach. Der Assessor ließ seine Mutter behutsam in den Sessel zurückgleiten, eilte zur Tür und rief nach dem Dienstmädchen. »Schnell zum Arzt!« rief er ihr zu. Dem jungen Mann waren diese Lach- und Weinkrämpfe seiner Mutter zwar nichts Ungewohntes, aber jedesmal ängstigten und erschütterten sie ihn aufs tiefste. Kurz nach dem Tode des Vaters waren sie zum erstenmal aufgetreten, und bei jeder heftigen Gemütsbewegung kehrten sie wieder. Kurt hatte es deshalb von früher Jugend an für eine seiner heiligsten Pflichten gehalten, jede Erregung, jeden Schmerz von seiner Mutter fernzuhalten. Seit anderthalb Jahren hatte sie keinen Anfall mehr gehabt, und er hatte sich schon mit der frohen Hoffnung getragen, daß die Teure für immer von diesen qualvollen Zuständen verschont bleiben würde. Und nun war dieser letzte Anfall stärker und heftiger ausgetreten als je ein früherer. Die Leidende lag ganz apathisch in ihrem Sessel. Ihr Atem ging mühsam, die Augen waren geschlossen, ein schmerzliches Zucken flog hin und wieder über das blasse, feine, bereits von tiefen Linien durchzogene Gesicht. Zum Glück ließ der Arzt nicht lange auf sich warten. Er flößte der Kranken von den beruhigenden Tropfen ein, die er mitgebracht hatte. Darauf ordnete er an, daß die Leidende sich sogleich zur Ruhe begäbe und daß jede Störung und Erregung aufs strengste von ihr ferngehalten werde. Bevor er ging, nahm er den Regierungsassessor mit sehr ernstem Gesicht beiseite. »Ich halte es für meine Pflicht,« sagte er, »Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Frau Mutter noch mehrere solcher Anfälle nicht mehr aushalten würde. Ihr ganzer Organismus wird durch jeden solchen Anfall immer für längere Zeit erschüttert. Ihr Nervensystem ist ohnedies nicht im normalen Zustande und ihre Körperkräfte lassen viel zu wünschen übrig. Kurz, die sorgfältigste Pflege und Schonung tut dringend not, wenn Sie sich Ihre Mutter noch ein paar Jahre erhalten wollen.« Kurt Ulrici stöhnte. In einem Zustande halber Betäubung trat er an das Bett der Leidenden. Mit halbgeschlossenen Augen lag sie da, schwach atmend, ein Bild völliger Erschöpfung. Als sie ihn erblickte, winkte sie ihm mit den Augen, sich zu ihr hinabzubeugen. »Bleibe bei mir!« flüsterte sie ihm ins Ohr. In ihren Blicken zitterte namenlose Angst. Er drückte ihr erschüttert die Hand und lächelte ihr besänftigend zu. Da fiel ihm ein, daß er zugesagt hatte, den Abend in der Familie des Bruders seiner Braut zu verleben. Er richtete sich in die Höhe. »Wohin willst du?« fragte die Kranke sogleich angstvoll und griff nach seiner Hand. Er gab ihr eine beruhigende Erklärung. Nachdem er draußen dem Dienstmädchen den Auftrag erteilt hatte, ihn bei seinem Schwager und bei seiner Braut wegen der Erkrankung seiner Mutter zu entschuldigen, kehrte er in das Schlafzimmer zurück. Die Kranke bedeutete ihn, sich an ihr Bett zu setzen. Er gehorchte. Ihre Finger zuckten unruhig auf der Bettdecke herum. Ihre Blicke irrten ruhelos im Zimmer hin und her, von einem Gegenstand zum anderen und verweilten dann wieder forschend aus ihm. Kurt Ulrici beugte sich liebevoll über seine Mutter, faßte ihre Hände und drückte sie schmeichelnd, beruhigend in den seinen. »Willst du nicht versuchen, ein wenig zu schlafen?« fragte er sanft. Sie schüttelte lebhaft mit dem Kopf. »Willst du mir ein Versprechen geben, Kurt?« flüsterte sie. Er sah sie fragend an. »Willst du mir versprechen,« fuhr sie fort, »den Leutnant, der dich heute beleidigt hat, nicht zu fordern?« Er zuckte zusammen, biß sich aus die Lippen und sah schweigend zu Boden. »Nun, Kurt?« »Mama,« stöhnte er, ihrem Blick ausweichend, »sprechen wir doch jetzt nicht davon! Ich bitte dich, rege dich doch wegen der dummen Geschichte nicht aus!« Sie seufzte; dann richtete sie ihren Kopf ein wenig in die Höhe. Schweigend blickte sie ihren Sohn eine Weile an, wehmütig, schmerzlich ergriffen, mit einem schweren Entschluß ringend, wie jemand, den die zwingende Notwendigkeit treibt, einer geliebten Person einen großen Schmerz zuzufügen. »Weißt du, woran dein Vater gestorben ist?« fragte sie plötzlich. Der Assessor starrte die Fragende in namenlosem Erstaunen an. »Ich denke, Mama,« stammelte er, »er fand seinen Tod infolge eines Unglücksfalls.« Sie machte eine verneinende Bewegung. »Das war eine fromme Lüge,« erklärte sie, »die ich gebrauchte, um dein Gefühl zu schonen. Nur wenige kennen die schreckliche Wahrheit. Es gelang mir damals, sie vor dir zu verbergen. Heute muß ich sie dir enthüllen. Dein Vater starb von eigener Hand.« Der Assessor sprang entsetzt in die Höhe und griff sich mit beiden Händen an die Stirn. Seine Blicke spiegelten Angst und Zweifel, als fürchte er, daß seine Mutter irre gesprochen. »Dein Vater tötete sich selbst«, fuhr die Kranke im Flüsterton fort. »Er wurde das Opfer eines Duells.« »Eines amerikanischen Duells, Mama?« »Nein, eines Duells, in dem er der Fordernde gewesen, und in dem er seinen besten, liebsten Freund getötet hatte. Die jungen Leute hatten, vom Wein und Spiel erhitzt, einen Wortwechsel gehabt. Der Freund deines Vaters ließ sich zu einem ehrenrührigen Schimpfwort hinreißen. Eine ruhige Aussprache zwischen den beiden Freunden am nächsten Tage hätte den Zwischenfall wahrscheinlich in gütlicher Weise erledigt. Das aber verbot der Ehrenkodex. Die geschäftigen Zwischenträger erklärten, daß die Beleidigung nicht anders als durch Blut gesühnt werden könnte. Dein Vater mußte seinem Freunde mit der Pistole gegenübertreten. Seine Kugel traf den anderen vor die Stirn. Die schöne junge Braut des Gefallenen ging ein paar Wochen später anstatt vor den Traualtar in das Irrenhaus. Dein Vater aber verfiel in Trübsinn und Schwermut. Du weißt nicht, wie furchtbar er gelitten, bis die Kugel, die er sich selbst ins Herz schoß, seiner Reue und seinen entsetzlichen Seelenqualen ein Ende machte. So! Nun weißt du, warum dein Vater das Versprechen von dir forderte, dich nie duellieren zu wollen.« Die Kranke sank erschöpft in ihre Kissen zurück. Kurt Ulrici schlug erschüttert die Hände vor sein Gesicht. »Willst du mir Ruhe und Schlaf geben, Kurt?« klang die Stimme seiner Mutter wieder. »Mama!« Kurt Ulrici ließ seine Hände vom Gesicht sinken und sah mit einem überströmenden Blick aus die Kranke. »Willst du mir versprechen,« sprach diese weiter, »daß du den Leutnant nicht fordern wirst?« Sie tastete nach seiner Hand und blickte ihn beschwörend, flehend ins Auge. »Ich ver?spreche es dir, Mama«, stotterte der Assessor und stöhnte aus tiefster Brust. II Zu ungewöhnlich früher Stunde, schon zwischen neun und zehn Uhr, erhielt Kurt Ulrici am nächsten Vormittag den Besuch seiner beiden Freunde, die tags zuvor Zeugen der ihm zugefügten Beleidigung gewesen. Regierungsassessor von Süßmilch hatte noch sorgfältiger als sonst Toilette gemacht. Ein hoher, schneeweißer Stehkragen umschloß den Hals bis zum Kinn hinauf. Sein eleganter, mit Seide gefütterter langer Gehrock, der ihm bis in die Kniekehlen reichte, war von modernstem Schnitt. In der Hand trug der Eintretende einen Chapeau claque und ein Paar neue hellgraue Handschuhe. »n' Morgen, Ulrici«, begrüßte er den Kollegen, ihm mit feierlicher Miene die Hand drückend, das Monokel im Auge. »Komme, um mich Ihnen zur Verfügung zu stellen. Apropos, haben doch gut geschlafen, wie?« Der Gefragte bejahte, obgleich er erst gegen Morgen eingeschlafen war und kaum zwei Stunden geruht hatte. Während er mit seinem anderen Besucher einen stummen Händedruck wechselte, fuhr der Elegant fort: »Wir haben die Sache bereits auf dem Herweg besprochen, Doktor Stamm und ich, können uns aber über ein paar wichtige Punkte nicht einigen.« »Ich bin der Ansicht,« nahm hier der Amtsrichter Dr. Stamm das Wort, »wir fordern den Beleidiger zunächst auf, zu revozieren und eine formelle Entschuldigungserklärung abzugeben. Tut er das, so erklären Sie, Ulrici, Ihrerseits, daß Sie bedauern, Ihrem Unwillen über die Störung in so unangemessener Form Ausdruck gegeben zu haben. Und die Affäre ist damit erledigt.« Assessor von Süßmilch bewegte mißbilligend sein Haupt, so gut es sein hoher Stehkragen erlaubte. Er legte Chapeau claque und Handschuh aus den Tisch, stemmte ein Knie aus den vor ihm stehenden Sessel, stützte sich mit beiden Händen aus die hohe Lehne und erklärte eifrig, mit dem ganzen gewichtigen Ernst, den die Angelegenheit erforderte: »Ich meine, daß bei der Schwere der Beleidigung eine solche Anfrage unangebracht ist. Wir überbringen einfach die Forderung. Nicht, Ulrici?« Der Angeredete erwiderte nichts; er sah starr vor sich nieder; seine Brust hob und senkte sich in kurzen Zwischenräumen. »Jedenfalls bin ich dafür,« nahm der Amtsrichter wieder das Wort, »daß wir mäßige Bedingungen wählen. Ich schlage vor, fünfundzwanzig Schritt mit festem Standpunkt und zweimaligem Kugelwechsel. Das scheint mir mehr als genügend, denn schließlich ist der Fall doch kein derartiger, daß einer von beiden auf dem Platze zu bleiben braucht.« »Das erscheint auch mir allerdings nicht notwendig«, räumte der Kollege von der Regierung ein. »Dennoch möchte ich davor warnen, daß wir die Sache zu leicht nehmen. Gerade den Herren Offizieren gegenüber dürfen wir es an Schneidigkeit nicht fehlen lassen. Wir müssen ihnen beweisen, daß wir ein ebenso empfindliches Ehrgefühl besitzen, wie sie selbst. Und deshalb meine ich, wir fordern fünfzehn Schritt Barriere mit Vorrücken, Schießen bis zur Kampfunfähigkeit.« Dr. Stamm machte eine heftige Bewegung des Unwillens. Seine gutmütigen, freundlichen blauen Augen blitzten zugleich. »Das scheint mir denn doch übertrieben«, grollte er. »Wir sind doch nicht mehr aktiv. Ulrici war überhaupt nie Korpsstudent.« »Aber er ist Reserveoffizier.« Herr von Süßmilch zog sein Bein vom Stuhl zurück, und in seinem Eifer fiel ihm das Monokel aus dem Auge. »Bedenken Sie gefälligst, was für einen massiven Ausdruck der Leutnant gebraucht hat. Unverschämter Flegel! Ich bitte Sie, das ist ja beinahe so gut wie eine Ohrfeige. Jedenfalls ist es das, was man eine verschärfte Beleidigung nennt, die immer in ernsterer Weise geahndet werden muß. Na, meinen Sie nicht, Ulrici?« Der Gefragte atmete tief. Seine Gesichtsmuskeln vibrierten unter einer starken inneren Erregung. Jetzt verschränkte er seine Arme über der Brust, und die unruhig flackernden Augen zu dem ihm gegenüberstehenden Kollegen erhebend, erklärte er: »Sie regen sich unnütz auf, Herr Kollege. Ich gedenke den Leutnant überhaupt nicht zu fordern.« Herr von Süßmilch fuhr einen Schritt zurück, als sei eine Bombe vor ihm eingeschlagen. Das Monokel, das er eben in sein rechtes Auge hatte stecken wollen, entglitt ihm aufs neue. Er wurde ganz blaß, während er erschreckt stotterte: »Gedenken über – überhaupt nicht zu fordern?« Auch Dr. Stamm riß seine Augen in namenlosem Erstaunen weit aus. Von Assessor von Süßmilch aber wich jetzt die Erstarrung, die ihn im ersten Augenblick ersaßt hatte. Er erhob seine beiden Hände beschwörend gegen den Kollegen und sagte stirnrunzelnd, mit der Miene hoher sittlicher Entrüstung: »Nein, Ulrici, mit so – so ernsten Dingen sollten Sie keinen Scherz treiben! Wirklich, das geht mir ganz und gar gegen den Strich. Das – das kann ich nicht vertragen. In Ehrensachen bin ich für unbedingten Ernst und für prompte Erledigung. Kommen wir zum Schluß! Es dürfte angemessen sein, daß wir bis zehn Uhr bei Leutnant von Minkwitz erscheinen. Also?« »Ich fordere nicht und ich schlage mich nicht«, erklärte Ulrici mit derselben Entschiedenheit wie vorher. Der elegante Herr von Süßmilch machte eine Bewegung der fassungslosesten Bestürzung; er sah mit einem hilflosen, fragenden Blick nach dem Amtsrichter hin, als wenn er sagen wollte: Verstehen Sie das? Begreifen Sie das? Auch in Dr. Stamms Mienen spiegelte sich grenzenlose Verwunderung. »Haben Sie auch Ihren Entschluß reiflich überdacht, lieber Ulrici? Haben Sie sich auch die Folgen klargemacht?« fragte er. Kurt Ulrici sah mit einem kurzen, scheuen Blick nach den beiden Freunden hin, mit denen er seit Jahr und Tag in täglichem Verkehr stand. Er sah in des einen Mienen tiefste Entrüstung, während ihm aus des anderen ehrlichen, offenen Zügen bange Sorge, aufrichtige, warme Teilnahme entgegenstrahlte. »Ich habe keine Wahl,« stieß er, schwer atmend hervor, »ich kann nicht anders. Ich bin der einzige Sohn, das einzige Kind meiner Mutter. Ihr Gesundheitszustand ist der zarteste, die geringste Aufregung kann sie töten.« »Aber Ihre Frau Mutter weiß doch nicht –« wandte Herr von Süßmilch ein. »Doch – sie weiß.« Der Elegant schüttelte sehr mißbilligend mit dem Kopf. Dann erhob er seine beiden ineinanderverschlungenen Hände und rief mit dem Brustton tiefster Überzeugung: »Aber Sie können doch um Himmels willen die gröbliche Insulte nicht auf sich sitzenlassen! Das kann doch auch Ihre Frau Mutter nicht von Ihnen verlangen.« »Ich werde mir auf dem gesetzlichen Wege Genugtuung verschaffen«, entgegnete Ulrici, den Blick der ihm gegenüberstehenden Kollegen vermeidend. »Ich werde den Leutnant gerichtlich belangen.« Herr von Süßmilch ließ ein kurzes, schrilles Auflachen hören. Mit einer schnellen, ungestümen Bewegung nahm er seinen Hut und seine Handschuh vom Tisch und reckte sich zu einer straffen, steifen Haltung zusammen. Sein Gesicht nahm den Ausdruck kühler, strenger Vornehmheit an. »Ich gestatte mir zu bemerken,« sagte er, »daß es unter Gentlemen nicht üblich ist, sich seine angegriffene Ehre vom Schiedsrichter oder vom Schöffengericht reparieren zu lassen. Das tut man höchstens, wenn ein Beleidiger nicht satisfaktionsfähig ist oder wenn er die Forderung nicht angenommen hat. Und ich bemerke Ihnen ferner, Herr Kollege Ulrici, daß Sie in diesem Falle mit Einreichung der gerichtlichen Klage das Recht zu einer Forderung ein für allemal verwirkt haben, daß Sie sich damit aus der Liste der Ehrenmänner streichen, daß Sie es jedem Gentleman unmöglich machen, mit Ihnen – eh, ferner zu verkehren und Ihnen – eh, freundschaftlich die Hand zu drücken.« Herr von Süßmilch drehte sich heftig auf dem Absatz herum, trat an die Wand und betrachtete angelegentlich die Terrakotten, die zu beiden Seiten eines Ölgemäldes hingen und Szenen aus einem Shakespeareschen Drama darstellten. Amtsrichter Dr. Stamm aber erfaßte die Hand des mit finster gerunzeltem Gesicht zu Boden starrenden Freundes und redete wohlwollend und eindringlich auf ihn ein: »Süßmilch hat nicht zuviel gesagt. Die Unterlassung der Forderung würde die verhängnisvollsten Folgen für Sie haben. Man verletzt nicht ungestraft die herrschenden Anschauungen des Kreises, in dem man doch zu leben gezwungen ist. Geben Sie nach, Ulrici! Tun Sie's – in Ihrem eigenen Interesse, wenn Sie auch vielleicht innerlich das Duell verabscheuen.« Er warf einen verstohlenen, forschenden Blick nach dem andern Kollegen von der Regierung hin und fuhr in leisem Flüsterton fort: »Ich habe ja auch nicht die bedingungslose Hochachtung vor dem Duell wie unser Kollege Süßmilch. Im Gegenteil, ich finde, es ist viel Unsinniges, Lächerliches und vielleicht Barbarisches daran. Aber der einzelne ist ohnmächtig dem Zwang des Vorurteils gegenüber. Wir leben innerhalb der Gesellschaft und müssen uns ihren Gesetzen fügen –« »Wenn ich allein stände!« stieß Kurt Ulrici hervor. »Denken Sie, mir siedet das Blut nicht, wenn ich an die Beschimpfung denke, glauben Sie, es kostet mich keine Überwindung, auf die übliche Genugtuung zu verzichten? Aber die Pflicht gegen meine Mutter steht mir höher als die Rücksicht auf die Meinungen der Gesellschaft.« Der Amtsrichter drückte die Hand des Sprechenden noch herzlicher als zuvor. »Ich begreife und würdige Ihre Bedenken vollständig, lieber Freund«, entgegnete er. »Aber Ihre Frau Mutter selbst könnte Sie nicht zurückhalten, würde sie sich Ihre Lage ganz klarmachen. Sie isolieren sich, Sie verbannen sich aus dem Kreise Ihrer Freunde und Berufsgenossen.« »Sie machen sich gesellschaftlich tot!« rief Herr von Süßmilch, wieder herumschnellend. »Sie machen sich unwürdig, den Rock des Königs zu tragen und werden unbarmherzig von der Liste der Reserveoffiziere gestrichen.« »Geben Sie nach, lieber Freund!« redete auch Dr. Stamm wieder auf ihn ein. »Mein Gott, es wird ja nicht gleich so schlimm werden. Man knallt ein paar Löcher in die Luft, und der Ehre ist Genüge getan.« »Und wenn mich nun mein Gegner über den Hausen schießt!« warf Kurt Ulrici bitter ein. »Halten Sie dann die mir zugefügte Beleidigung für gesühnt?« »Es ist Ihnen unbenommen,« tröstete Herr von Süßmilch, »Ihrerseits Ihren Beleidiger niederzuknallen.« »Freilich,« rief Kurt Ulrici mit zuckenden Lippen, »das steht mir frei – wenn ich ihn treffe. Und dann habe ich einen Mord auf dem Gewissen, dann habe ich für ein in der Hitze des Augenblicks oder vielleicht in der Trunkenheit hingeworfenes unbedachtes Wort das Henkeramt ausgeübt und ein blühendes, junges Menschenleben vernichtet. Ich weiß nicht, ob das Gefühl, eine Beleidigung unverdient erlitten zu haben, nicht doch weniger drückend und quälend sein würde als dieses Bewußtsein.« Herr von Süßmilch zuckte mit den Achseln und schüttelte mit dem Kopf, dann stieg ihm die Röte einer hohen, heiligen Überzeugung ins Gesicht, während er eifrig entgegnete: »Darüber kommt man hinweg. Das Gefühl, nicht anders gekonnt zu haben, die heiligste Mannespflicht erfüllt, das höchste, edelste Gut, das der Mann besitzt, seine Ehre, verteidigt zu haben, würde, wenigstens bei mir, jede sentimentale Regung im Keim ersticken. Jede Fiber, jeder Blutstropfen in einem muß sich ja doch empören bei dem Gedanken, eine so gröbliche Beleidigung ruhig einstecken zu sollen. Ja, kann denn ein Ehrenmann mit einem solchen Bewußtsein überhaupt leben? Wäre da nicht der Tod tausendmal vorzuziehen? Überhaupt – eh, in einem solchen Falle da denkt und reflektiert, da disputiert man nicht lange, da handelt man einfach, wie heilige Tradition und gesellschaftliche Sitte es einem vorschreiben. Und nun noch einmal: Herr Kollege Ulrici, ich stelle mich Ihnen zur Verfügung. Beauftragen Sie mich, daß ich mit Herrn Dr. Stamm zu Leutnant von Minkwitz gehe und ihm Ihre Forderung überbringe? Ja oder nein?« »Nein.« Mit einem scharfen Ruck reckte sich der Regierungsassessor von Süßmilch zu seiner ganzen stattlichen Höhe empor. Wie mit Zauberschlag glätteten sich die eben noch lebhaft vibrierenden, von einer starken Empfindung durchstrahlten Züge und nahmen einen eisigen, starren Ausdruck an. »Dann, dann erübrigt – jedes weitere Wort«, sagte er kurz, hastig. »Es ist nicht meines Amtes, Ihre – eh, Anschauungen zu korrigieren.« Er nickte kaum merklich und wandte sich an den Amtsrichter. »Kommen Sie mit, Doktor?« »Gleich – ich komme gleich«, sagte dieser und trat noch einmal an Ulrici heran, während Herr von Süßmilch sich kurz umdrehte und das Zimmer verließ. »Vielleicht – vielleicht gehen Sie noch einmal gründlich mit sich zu Rate, Ulrici!« sprach Dr. Stamm, seinen Blick mit warmem, herzlichem Mitgefühl auf den ihm Gegenüberstehenden richtend. »Ich gehe jetzt aufs Amt. Von drei bis fünf Uhr bin ich zu Hause. Sie haben bis fünf Uhr Zeit. Vergessen Sie nicht: eine Forderung muß spätestens vierundzwanzig Stunden nach der Beleidigung erfolgen. Wenn Sie sich doch noch entscheiden, ich halte mich zu Ihrer Disposition. Adieu, Ulrici!« Er drückte ihm die Hand und ging. Kurt Ulrici fühlte einen Moment lang den heißen Impuls in sich, den Freunden nachzueilen und sie zurückzurufen. Sollte er ihnen nicht mitteilen, daß sein Vater an einem Duell zugrunde gegangen und daß er selbst dem Sterbenden gelobt, sich nie in einen Zweikampf einzulassen? Würden sie nicht dann seinen Entschluß begreifen und würdigen? Aber schon im nächsten Augenblick ließ er sich mit einem resignierenden Achselzucken aus den ihm zunächst stehenden Stuhl niedersinken, Dr. Stamm verstand ihn auch so und verdammte ihn nicht. Der andere aber würde nichts gelten lassen. Für ihn war das starre Prinzip der Ehre maßgebend. III Es war in der siebenten Abendstunde desselben Tages. Kurt Ulrici begab sich in die Wohnung des Staatsanwalts Böhl, seines Schwagers, in dessen Familie seine Braut, Nataly Böhl seit dem Tode ihrer Eltern lebte. Gerade an diesem Tage, der vielleicht für sein ganzes künftiges Leben von einschneidender Bedeutung war, fühlte er das Bedürfnis, dem geliebten Mädchen ins Auge zu sehen und ihren liebevollen Händedruck zu fühlen. Und dennoch war ihm das Herz bang und schwer, als er jetzt den oft gegangenen Weg zurücklegte. Wußte sie bereits? Und wie nahm sie es aus? Aber als er oben eintrat und Nataly ihm mit einem Ausruf der Freude entgegenkam, wich es wie eine Zentnerlast von seiner Brust. Sie war ihm nie so schön und nie so lieb erschienen, wie in diesem Augenblick, und er hatte es nie so beglückt empfunden, daß er stolz sein durfte, die Liebe dieses strahlend schönen und anmutvollen Geschöpfes zu besitzen. Nataly Böhl konnte zu den sogenannten stolzen Schönheiten gerechnet werden. Imponierend war ihre hohe, schlanke Figur, und imponierend war ihr ruhiges, sicheres Wesen, das ebensosehr in der völligen Beherrschung der Formen der guten Gesellschaft wie in einem sorgfältig durchgebildeten und natürlich beanlagten Verstande wurzelte. Imponierend war die Schönheit ihres regelmäßig geformten seinen Gesichts und der klare Blick ihres braunen Auges, des Spiegels einer stolzen, reinen Seele. Die beiden Verlobten befanden sich allein. Natalys Schwägerin war bei ihren Kleinen im Kinderzimmer, und der Staatsanwalt war ausgegangen. »Weißt du, womit ich mich eben beschäftigt habe?« eröffnete Nataly das Gespräch, nachdem Kurt Ulrici auf ihre Frage nach dem Befinden seiner Mutter Bescheid gegeben. Er sah sie fragend an. Sie lächelte. »Studiert habe ich – Moden studiert.« Sie deutete auf den Tisch, auf dem einige Nummern der Modenwelt mit ihren großen kolorierten Modetafeln lagen. »In vier Wochen«, erklärte sie, »findet das große Ballfest im Offizierkasino statt. Da heißt es, sich beizeiten rüsten. Du weißt, daß bei uns Damen die Kostümfrage eine große Rolle spielt.« Kurt Ulrici zuckte innerlich zusammen; seine Stirn legte sich in unwillkürliche Falten. Er biß sich aus die Lippen und erwiderte nichts. Nataly Böhl blätterte in den vor ihr liegenden Blättern, lebhaft weiter plaudernd. »Ich freue mich auf keinen Ball so sehr, wie auf den Kasinoball. Du nicht auch, Kurt? Ich finde, es ist ein so angenehmes, stolzes Bewußtsein, sich sagen zu können, daß man zu den Auserlesenen, Bevorzugten gehört. Das ist das Schöne, daß zum Kasino nur die allerbeste Gesellschaft Zutritt hat. Was gäbe zum Beispiel Marie Falisch darum, wenn sie einmal einen Kasinoball mitmachen könnte. Aber was hast du denn, Kurt?« Sie sah ihrem Verlobten erstaunt in das düstere Gesicht und legte ihre zarten, schlanken Finger auf seine nervös auf den Tisch trommelnde Hand. »Ich?« Er bemühte sich, eine unbefangene Miene zu zeigen, während es ihn innerlich fröstelte. Sicherlich würde auch er diesmal zu den Ausgeschlossenen gehören, denen der Zutritt zu den heiligen Pforten des Kasino verwehrt blieb. »Entschuldige!« fuhr er rasch fort: »Mamas Befinden beunruhigt mich noch immer. Und ich weiß nicht, ob –« Er stockte und senkte unwillkürlich seinen Blick vor dem ihren, in dem sich lebhaftester Schrecken spiegelte. »Was denn, Kurt? Du meinst doch nicht etwa, daß du den Ball nicht wirst besuchen können.« Er zuckte mit den Achseln. »Aber vier Wochen ist doch eine lange Zeit«, fiel sie eifrig ein. »Bis dahin wird Mama doch längst völlig wiederhergestellt sein. Ach Kurt, das wäre ein furchtbarer Schlag für mich, müßte ich auf den Kasinoball verzichten. Kein anderer Ball ist auch nur halb so schick, und ich gebe gern drei Logenbälle für einen Kasinoball.« Der Regierungsassessor stöhnte in sich hinein. Sie wußte noch nichts. Ob er's ihr sagte? Aber sie ließ ihn den Gedanken nicht ausdenken. »Rate einmal, Kurt,« nahm sie von neuem das Wort, »wer heute bei mir war!« »Nun?« »Lucie von Kranach, die Tochter des Obersts. Ach, Kurt, ich wünschte nur, daß du nicht versetzt wirst, wenn du zum Rat ausrückst. Wer weiß, ob ich anderswo einen so netten Umgangskreis finde. Lucie von Kranach, Frau Hauptmann Krönig und Frau Leutnant von Westernhagen sind mir wahrhaft ans Herz gewachsen, und es würde mir sehr schmerzlich sein, ihren Verkehr zu missen. Überhaupt, ich finde, mit den Offiziersdamen verkehrt sich's am nettsten.« »Ich finde sie hochmütig.« »Hochmütig? Du bist ungerecht, Kurt. Ich kann es nicht hochmütig nennen, wenn man sich gegen sozial Tieferstehende eine gewisse Reserve und Zurückhaltung auferlegt. Das ist einfach eine natürliche Folge des Selbstgefühls, des Bewußtseins der bevorzugten Stellung, die man einnimmt. Aber unter sich sind gerade die Offiziersdamen von hinreißender Liebenswürdigkeit.« Kurt Ulrici, der auf einem Fauteuil neben seiner Braut gesessen, erhob sich und machte einen Gang durchs Zimmer. »Weißt du nicht, wo Egon steckt?« fragte er, um von dem peinlichen Thema abzubrechen. »Er ist im Hotel zum Kronprinzen. Du pflegst ja doch sonst auch um diese Zeit nicht am juristischen Stammtisch zu fehlen.« Ihre braunen Augen blitzten ihn schelmisch an. »Heute trieb mich die Sehnsucht zu dir«, sagte er herzlich, mit weichem Gefühl und trat an sie heran. Sie nickte ihm freundlich zu und streckte ihm ihre Hand entgegen. Er beugte sich hernieder und küßte die seinen, mit liebevoller Sorgfalt gepflegten Finger. An allzu stürmische Zärtlichkeiten hatte ihn seine Braut nicht gewöhnt. Auch ihre Empfindungen hatten ein schönes, vornehmes Gleichmaß. Und er hatte von jeher seinem heftigeren Temperament Zügel anlegen müssen. »Das viele Küssen von Brautpaaren«, hatte sie einmal geäußert, »finde ich furchtbar unfein und undelikat.« Daß sie ihn aufrichtig liebte, davon freilich hatte er einen untrüglichen Beweis. Denn würde sie sonst seine Bewerbung erhört haben, sie, die strahlende Schönheit, die viel Umschmeichelte, die aus vornehmer Familie stammte und von ihren Eltern ein Kapital ererbt hatte, dessen Zinsen allein zur Bestreitung eines vornehmen Haushaltes hinreichten? Heute freilich, wo alles in ihm noch in gärender Bewegung war, konnte er seinem Gefühl einen lebhafteren Ausbruch nicht versagen. Auch nach dem Kuß behielt er ihre Hand noch eine Weile in der seinen und preßte sie innig. Dann legte sich sein Arm mit einer impulsiven Bewegung um ihren Nacken und zog ihr Gesicht dem seinen entgegen; sein heißer Kuß brannte aus ihrer Wange. »Nataly,« flüsterte er zärtlich, »meine liebe, liebe Nataly!« Berührte sein hervorbrechendes Gefühl eine gleichgestimmte Saite in ihrer Brust, riß seine Leidenschaftlichkeit sie hin? Von selbst bot sie ihm die zarten, schwellenden, frischen Lippen, die er glutvoll küßte wieder und wieder. Da sprang sie plötzlich auf, und als er sie ungestüm an sich ziehen wollte, machte sie sich heftig los. »Aber Kurt!« stieß sie zürnend, eilends hervor. »Es kommt jemand!« Ihre Bewegung war nicht eine so tief innerliche gewesen wie die seine und hatte sie nicht so unempfindlich gemacht für die Äußerungen der Außenwelt, daß sie die elastischen, schnellen Schritte, welche aus dem Vorflur laut wurden, überhört hätte. Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür, und ihr Bruder Egon stand auf der Schwelle. Der Staatsanwalt war ungewöhnlich früh heimgekehrt. Aus den ersten Blick erkannte er die Situation. Die stürmisch gehenden Atemzüge seines Schwagers, seine blitzenden Augen und erhitzten Wangen – die verlegene Haltung seiner Schwester – etwas bei ihr ganz Ungewöhnliches – der ungemein peinliche Ausdruck ihrer Mienen verrieten ihm, daß sein plötzlicher Eintritt sehr störend eine zärtliche Szene unterbrochen hatte. Aber während er vielleicht sonst sich und den anderen mit einer humoristischen Bemerkung über die etwas unbequeme Situation hinweggeholfen hätte, stutzte er heute schweigend. Das Furchen seiner Stirn und das nervöse Nagen seiner Zähne an der Unterlippe bekundeten, daß er sich von dem, was er erblickte, nicht eben angenehm berührt fühlte. »Wo ist Eugenie?« fragte er seine Schwester. »Bei den Kindern.« »Bitte sage ihr, daß ich nach Hause gekommen bin und daß wir bald speisen können.« Nataly nickte und schritt gehorsam zur Tür. Das kluge Mädchen verstand sogleich, daß er mit Kurt etwas unter vier Augen zu besprechen hatte. Was war es nur? Egon sah so merkwürdig mißgestimmt und ernst aus. Sie kannte dieses Zucken seiner Mundwinkel sehr wohl. Das war bei ihm immer ein Zeichen, daß ihn irgendeine verdrießliche Sache innerlich lebhaft beschäftigte. An der Schwelle drehte sich Nataly noch einmal nach ihrem Bräutigam um. »Du bleibst doch zum Abendbrot, Kurt?« fragte sie. »Wenn du und Eugenie erlauben?« Sie nickte und verschwand. Der Staatsanwalt war eine stattliche, echt männliche Erscheinung. Das Imponierende schien in der Familie zu liegen. Der lange bis zur Brust hinabfließende Bart verstärkte noch den imposanten Eindruck, den seine weit über Mittelgröße gehende breitschulterige Gestalt mit den gemessenen, würdevollen Bewegungen zu machen pflegte. Seine Augen, die wie die seiner Schwester braun waren, blickten ernst und achtunggebietend hinter einem goldberänderten Pincenez, das er ohne Schnur trug. Sein Händedruck fiel heute etwas kürzer, hastiger und weniger kräftig aus als sonst. »Weißt du,« redete er seinen Schwager an, »wovon heute am Stammtisch in erster Linie die Rede war?« Kurt Ulrici antwortete nicht. Er raffte sich innerlich zusammen, und auch äußerlich reckte er sich entschlossen. Er wußte, daß er alle seine Energie, seine ganze moralische Kraft würde aufbieten müssen in der Auseinandersetzung, die ihm bevorstand. »Dein Renkontre mit Leutnant von Minkwitz bildete das Hauptthema unserer Unterhaltung«, fuhr der Staatsanwalt fort. »Wir waren ja alle darüber einig, daß das aggressive Verhalten des Leutnants ein höchst ungehöriges und unverantwortliches war, um so mehr, als der junge Herr nicht viel mehr als achtzehn Jahre zählt und die Epaulettes erst ein paar Monate trägt. Übrigens sollen ihm seine älteren Kameraden ihre Ansicht ziemlich unverblümt zu erkennen gegeben haben, und ein ganz gehöriger Wischer steht ihm vom Oberst in sicherer Aussicht. Überhaupt, ich bin der Ansicht, daß diese Herren viel zu früh die Epaulettes erhalten. Man wird ja auch nicht mit achtzehn Jahren Staatsanwalt oder Amtsrichter, nicht einmal Assessor oder Referendar. Ich sehe nicht ein, warum nicht schon längst das Abiturientenexamen obligatorisch gemacht ist und warum die Herren nicht drei oder vier Jahre Fähnrich bleiben und nur dann zum Offizier avancieren, wenn sie ihre sittliche Reise erwiesen haben. Man sollte eine so verantwortungsvolle Stellung, die so viel seines Takt- und Ehrgefühl erfordert und die im öffentlichen und im privaten Leben soviel Prestige verleiht, nicht flaumbärtigen Knaben anvertrauen. Aber nun sage mal, Kurt« – der Staatsanwalt fuhr mit seiner Rechten durch den Bart und drückte sein Kinn zurück, eine Bewegung, die er immer zu machen pflegte, sobald er sich zu einer Anklage anschickte – »ist es wirklich wahr, daß du den Leutnant noch nicht gefordert hast?« »Es ist wahr.« »Aber Unglückseliger! Weißt du denn nicht, daß bei Ehrenhändeln das prompteste Handeln üblich ist? Zug um Zug, heißt es da. Vierundzwanzig Stunden nach der Beleidigung die Forderung, spätestens achtundvierzig Stunden nach der Forderung das Duell. Das müßte dir doch bekannt sein.« Der Staatsanwalt griff in seine Westentasche. »Wieviel Uhr haben wir denn? Viertel acht! Für heute ist es zu spät. Der Leutnant wird ohnedies nicht zu Hause sein. Also morgen in aller Frühe! Um neun etwa. Abgesehen von meiner Stellung hindern mich ja meine nahen Beziehungen zu dir, in diesem Falle persönlich für dich einzutreten. Aber du hast ja unter deinen Kollegen die Auswahl. Die Krankheit deiner Mutter, der plötzliche besorgniserregende Anfall bietet dir ja eine plausible Entschuldigung für die ungehörige Verzögerung. Du seist eben so benommen und in Anspruch genommen gewesen, daß du die andere Sache nicht mit dem nötigen Eifer hättest betreiben können. Na, das wird sich schon arrangieren lassen. Bei der Schwere der Beleidigung und dem allgemeinen Unwillen seiner Kameraden kann Minkwitz nicht anders, als deine Gründe anzuerkennen und dir die übliche Satisfaktion zu geben, trotz der ungewöhnlichen Verzögerung der Forderung.« »Ich werde den Leutnant nicht bemühen.« Die Augen des Staatsanwalts blitzten unwillig. »Was soll das heißen?« sagte er scharf, fast drohend. »Willst du dich nicht deutlicher erklären.« »Ich werde den Leutnant nicht fordern, und werde mich nicht schlagen.« Dem Staatsanwalt gab es einen Ruck. »Fürchtest du dich etwa?« rief er heftig. Dem anderen schoß die helle Glut ins Gesicht. Seine ganze Gestalt erbebte, und seine Fäuste ballten sich. Zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen zischelte er verächtlich, bitter hindurch: »Eine große Heldentat, sich hinzustellen und ein paar Schüsse aus der einem in die Hand gedrückten Waffe abzugeben! Ich bin kein Freund von theatralischen Aktionen und habe nicht den Ehrgeiz, mir das Renommee eines Bramarbas und blutgierigen Raufboldes zu erwerben.« Der Staatsanwalt strich sich mit der Hand über die Stirn. »Du hast recht,« sagte er ruhiger, »eine besondere Leistung ist das gerade nicht, und mancher hat sie schon zustande gebracht, der nichts weniger als ein Held war. Verzeihe! Es fuhr mir nur so in der ersten Aufregung heraus. Jedenfalls gehört ein größerer Mut dazu, den Anschauungen der Gesellschaft ins Gesicht zu schlagen und sich dem Achselzucken und der Verachtung seiner Freunde und Standesgenossen auszusetzen. Und deshalb beschwöre ich dich, Kurt, sei kein starrer Prinzipienreiter! Tue, was in deiner Lage doch nun einmal unumgänglich ist: fordere deinen Beleidiger!« »Das rätst du mir, du, der Staatsanwalt, der Hüter des Gesetzes!« Egon Böhl ließ sich durch diese bittere, satirische Bemerkung nicht einen Augenblick in seiner sicheren, würdevollen Haltung beirren. »Mein Lieber,« sagte er, dem Schwager seine Hand aus die Schulter legend, »ich spreche hier nicht zu dir als Beamter. Ich werde als Staatsanwalt meine Pflicht zu tun wissen und nicht einen Augenblick zögern, sobald die Straftat offiziell zu meiner Kenntnis gelangt, die Anklage gegen dich zu erheben. Aber ich bin nicht nur Staatsanwalt, ich bin nebenbei auch Gentleman und Hauptmann der Reserve. Und als solcher rufe ich dir zu: Füge dich dem Gebot der Ehre, das von dir verlangt, den Beleidiger mit der Waffe in der Hand zur Rechenschaft zu ziehen. Das bist du dir selbst, das bist du auch deinen Freunden und Angehörigen schuldig.« »Du irrst,« entgegnete der andere düster, »gerade die Rücksicht auf die, die mir am nächsten stehen, die Rücksicht auf meine Mutter und auf meinen verstorbenen Vater gebieten mir, mich nicht zu schlagen.« Kurt Ulrici berichtete in kurzen Worten das, was sich zwischen ihm und seiner Mutter zugetragen. Zugleich gab er dem Staatsanwalt Ausklärung über das Ende seines Vaters. Egon Böhl hörte den Erzählenden aufmerksam an. Als dieser mit seinem Bericht zu Ende war, erklärte der Staatsanwalt mit derselben unerschütterlichen Entschiedenheit wie zuvor: »Über den Fall deines Vaters habe ich kein Urteil, weil ich die näheren Umstände nicht kenne. Möglich, daß dein Vater das Duell hätte vermeiden können, ohne seiner Ehre etwas zu vergeben. Bei dir aber liegt die Sache so: Du kannst nicht anders, du mußt dich schlagen, du mußt! Mag die Sache ausgehen, wie sie wolle, dich trifft keine Schuld, und du hast keinen Grund, dir Vorwürfe zu machen. Du kannst eben nicht anders, die Pflicht der Selbsterhebung zwingt dir die Waffe in die Hand. Was den Eid betrifft, den dein Vater von dir, als du ein unerfahrener Knabe warst, erzwungen hat, so bin ich der Ansicht, daß dich derselbe nicht bindet. Ja, dein Vater würde sicherlich, wäre er noch am Leben, selbst dich deines Versprechens entbinden. Und ebensowenig kann deine Mutter das Unmögliche von dir verlangen. Sie kann nicht wollen, daß du ein Schicksal auf dich hinaufbeschwörst, das viel, viel härter wäre als der körperliche Tod. Wie viele haben vor dir Frau und Kind im Stich lassen müssen, als es galt, ihre Ehre zu verteidigen! Ich will nicht untersuchen, ob unsere Anschauungen, die in einem Fall wie dein deinigen dem Ehrenmann das Duell aufzwingen, die richtigen sind. Ich begnüge mich zu konstatieren, daß für dich, wenn du deine Ehre verloren hast, innerhalb der Gesellschaft kein Platz mehr ist. Ebenso wie Licht und Luft hast du zu deiner Existenz die gesellschaftliche Achtung nötig. Besitzest du diese nicht mehr, so bist du gesellschaftlich ein toter Mann. Und das Leben, das du dann zu führen gezwungen bist, ist nicht mehr des Lebens wert.« Der Staatsanwalt hatte mit Eifer und Wärme, mit der Kraft und Eindringlichkeit der Überzeugung und ehrlicher Anteilnahme gesprochen. Seine Blicke strahlten an Stelle ihres gewohnten kalten, amtlich strengen Ausdrucks ehrliches Wohlwollen und eine tiefe innerliche Gemütsbewegung. Kurt Ulrici atmete tief. Mit seiner ganzen moralischen Kraft wehrte er sich gegen den Eindruck, den die Worte seines Schwagers und der bewegliche Ton seiner Stimme aus ihn hervorbrachten. »Ich glaube nicht an das düstere Bild, das du da von mir entwirfst«, stieß er mit finsterem Trotz hervor. – »Und wenn – Gut! Ich werde auch ohne die Achtung einer Gesellschaft zu leben wissen, die meine Gründe nicht respektiert und die von mir verlangt, ich solle das Leben meiner Mutter aufs Spiel setzen und gewissenlos meine Pflicht gegen sie außer acht lassen, eines – nun ja, eines Phantoms wegen. Ich sehe nicht ein, daß meine Ehre einen Vorteil davon haben soll, wenn ich meinen Beleidiger zum Krüppel schieße oder mich von ihm über den Haufen schießen lasse. Ich sehe nicht ein, daß meine persönliche Ehre abhängig sein soll von dem Belieben eines jeden jungen Mannes, der sich – vielleicht mit Unrecht – ein Gentleman nennt und der an Jahren und an geistiger und sittlicher Qualität weit unter mir steht. Ich sehe nicht ein, daß ich meine Ehre verloren haben soll, weil ein junger Mann in seinem Rausch oder seinem Übermut ein Schimpfwort gegen mich ausgestoßen hat.« Der Staatsanwalt zuckte mit den Achseln. »Ich habe nicht die Macht und habe nicht den Beruf, die Anschauungen der Gesellschaft zu reformieren. Und wenn ich persönlich auch vielleicht deine Gründe und deinen Standpunkt zu würdigen wissen würde, was wäre dir damit geholfen? Nichts! Du kannst nicht vor jedem einzelnen Mitglieds der Gesellschaft, auf deren Wohlwollen und Achtung du durch deine berufliche und gesellschaftliche Stellung doch nun einmal angewiesen bist, dein Verhalten rechtfertigen und kannst nicht jedem die Überzeugung einflößen, daß es höhere sittliche Motive waren, die dich abhielten, die unter Gentlemen übliche Satisfaktion zu fordern. Man wird sich nicht lange damit aufhalten, nach Gründen deines ungewöhnlichen Verhaltens zu forschen, man wird dir einfach das nächstliegende Motiv, das der Feigheit, unterschieben und dir das Ehrgefühl absprechen. Deshalb, lieber Kurt, rate ich dir: gehe mit dir noch einmal sorgfältig zu Rate! Überlege und bedenke alle Folgen wohl! Schon die Rücksicht aus deine amtliche Stellung –« »Auf meine amtliche Stellung?« unterbrach Kurt Ulrici erregt. »Was hat meine amtliche Stellung mit der Duellfrage zu tun –?« »Ja, bist du dir denn darüber nicht klar,« erwiderte der Staatsanwalt und strich wieder mit seiner Rechten durch den langen, stattlichen Bart, »bist du dir denn darüber nicht klar, daß du in deiner Karriere elend Schiffbruch erleidest, sobald du deine gesellschaftliche Ehre verloren hast? Heute besitzest du noch die volle Achtung, das ganze fördernde Wohlwollen deiner Vorgesetzten. Morgen bist du für sie eine unsympathische, unbequeme Persönlichkeit, die man je eher je besser loszuwerden trachtet.« »Niemand kann mir mein Amt nehmen.« »Direkt allerdings nicht. Aber sie können dich kaltstellen, auf einen verlorenen Posten, sie können dir deinen Beruf verleiden und dir dein Amt zur Hölle machen.« Die Augen des Assessors leuchteten in unbeugsamer Energie. Zu schwer hatte er seelisch bereits gekämpft, zu fest war sein Entschluß, als daß ihn die Argumente seines Schwagers, die er ohnedies zum Teil schon selbst bei sich erwogen hatte, wankend hätten machen können. »Meine Vorgesetzten können nicht von mir verlangen,« erklärte er fest, »daß ich auf ihre privaten Empfindungen und Wünsche mehr Rücksicht nehme als aus die meiner Mutter.« »Und Nataly«, mahnte der Staatsanwalt, und seine Mienen nahmen einen sorgenvollen Ausdruck an. »Hast du auch an Nataly gedacht, Kurt?« »An Nataly?« wiederholte der Assessor bestürzt. »An Nataly?« »Nun ja. Hast du dir denn noch nicht gesagt, daß auch Nataly schwer unter den Folgen deines Entschlusses zu leiden haben würde? Nataly liebt dich, und du stellst sie nun in einen furchtbaren seelischen Konflikt?« »In einen seelischen Konflikt?« »Allerdings. Sie wird zu wählen haben zwischen einem einsamen freudlosen Leben voll bitterer, demütigender Erfahrungen und der Notwendigkeit, dir zu entsagen.« Kurt Ulrici taumelte unwillkürlich einen Schritt zurück; aus seinem Gesicht wich alle Farbe, und seine Augen öffneten sich weit in starrem Schreck. Aber er überwand die Anwandlung rasch und rief heftig, während ihm das Blut wieder heiß in Wangen und Stirn zurückfloß: »Ich hoffe, daß Nataly die Empfindungen meiner Mutter teilen, daß sie sich auch nicht einen Augenblick lang von dem Vorurteil der anderen beeinflussen lassen wird.« Der Staatsanwalt bewegte mißbilligend sein Haupt. »Du bist ungerecht, Kurt«, sagte er. »Zwischen deiner Mutter und Nataly besteht ein großer Unterschied der Jahre. Deine Mutter ist eine kränkliche alte Dame, die sich schon seit Jahren von allem geselligen Verkehr zurückgezogen hat. Nataly aber steht noch sozusagen an der Schwelle des Lebens. Ihr ist der gesellige Verkehr, die Anregung und Zerstreuung des geselligen Treibens noch Lebensbedürfnis. Und nun willst du sie der Eventualität aussetzen, daß sie sich plötzlich von allem lossagen soll, was ihr lieb und teuer ist, was zu ihrem Wohlbefinden, zu ihrer Zufriedenheit, ja, zu ihrem Glück unentbehrlich ist!« Kurt Ulrici stöhnte in sich hinein. Der Staatsanwalt trat wieder ganz dicht an ihn heran und legte ihm abermals beschwörend, dringlich die Hand aus die Schulter. »Darum, Kurt, wenn du es schon in deinem eigenen Interesse und auch um meinetwillen nicht tun willst, tue es deiner Braut, tue es Nataly zuliebe. Und sollte es auch deiner innersten Überzeugung widerstreben, mein Gott, wie oft muß nicht der moderne Kulturmensch ein Opfer seines Intellektes bringen, um sich und die Seinen vor Schaden zu bewahren.« Der Staatsanwalt versuchte, seinem Schwager in die Augen zu blicken, aber Kurt Ulrici hielt sein Gesicht zu Boden gekehrt; nur die heftigen Atemzüge, unter denen sich seine Brust hob und senkte, bekundeten, daß eine starke innere Bewegung in ihm vorging. Nachdem Egon Böhl eine Weile vergebens auf eine Antwort gewartet hatte, nahm er noch einmal, mit einem schärferen Klange seines Organs, das Wort: »Ich kann und will dich heute zu keinem bindenden Versprechen drängen. Vergegenwärtige dir zu Hause in aller Ruhe noch einmal alle Konsequenzen! Morgen früh freilich wirst du handeln müssen. Ich bin bis elf Uhr vormittags zu Hause und erwarte bis dahin von dir Nachricht. Adieu!« Er streckte mit einem Ruck dem Schwager seine Hand entgegen, in die der Assessor mechanisch die seine legte. »Nataly« – sagte er zögernd. »Ich möchte ihr doch –« »Ich werde dich den Damen empfehlen«, fiel der Staatsanwalt rasch ein. »Ich glaube, in deiner jetzigen Gemütsverfassung würde es nur eine Pein für dich sein –« »Du hast recht«, stimmte der Assessor mit einem Seufzer bei. »Also grüße Nataly! Adieu!« IV Kurt Ulrici schlug mechanisch den Weg nach seiner Wohnung ein. Aber auf halbem Wege machte er plötzlich eine Schwenkung. Es glühte und stürmte noch zu sehr in ihm, als daß er seiner noch immer leidenden Mutter hätte unter die Augen treten dürfen. Für sie mußte die Affäre Minkwitz abgeschlossen sein; sie durfte er nicht ahnen lassen, daß er wieder wankend geworden, daß die Unterredung mit seinem Schwager noch einmal einen Kampf in seiner Brust entfesselt hatte. Mit beflügelten Schritten eilte er durch die Straßen unter dem Drange, allein zu sein. Als er die Landstraße erreicht hatte, atmete er wie befreit auf. Mit einer instinktiven Geste lüftete er seinen Hut, um die frische, kühlende Brise des Herbstwindes um seine heiße, schmerzende Stirn wehen zu lassen. Und nun versenkte er sich mit emsigem Grübeln noch einmal in die Betrachtung seiner Situation. Noch einmal wiederholte er bei sich alle Ausführungen seiner Freunde von Süßmilch und Dr. Stamm, alle Gründe seines Schwagers Egon Böhl. Plötzlich lieh der Vorwärtsstürmende ein lautes, schneidendes, grelles Lachen hören. War es nicht eine Tragikomödie? War es nicht die reine Satire? Die Seele des modernen gebildeten Menschen schien in zwei einander widerstreitende Teile gespalten. Als Vertreter der staatlichen Gerechtigkeit, als Hüter und Wächter des öffentlichen Rechtes verdammten und bestraften sie eine Handlung, die sie selbst als Privatmenschen ihm dringend und als unumgänglich anrieten! Sie hatten gleichsam eine offizielle Meinung und eine andere private Meinung, die der ersteren schnurstracks widersprach. Und aus diesen Kreisen, denen die Süßmilch, Stamm und Böhl angehörten, gingen zum großen Teil die Gesetzgeber des Landes hervor. Seit alten Zeiten erklärte das Gesetz das Duell für eine strafbare, ungesetzmäßige Handlung und belegte jeden Duellanten mit gesetzlicher Strafe. Warum verpönten und verfolgten sie als offizielle Persönlichkeiten eine Einrichtung, die sie doch im Privatleben hochhielten und als unerläßlich bezeichneten? Offiziell brandmarkten sie das Duell mit Strafen, inoffiziell erklärten sie es als eine heilige Pflicht des Ehrenmanns, in gewissen Fällen dem Duell zu huldigen. Warum traten sie nicht auf und verlangten öffentlich volle Straffreiheit für das Duell, das sie doch für eine auch dem modernen Kulturmenschen unentbehrliche Einrichtung hielten? Warum stimmten sie öffentlich für ein Gesetz und sanktionierten es, wenn sie sich vorbehielten, es gegebenenfalles selbst übertreten zu wollen? Warum erhoben sie sich nicht öffentlich alle wie ein Mann gegen ein Gesetz, dessen Übertretung sie doch als Privatpersonen für eine Pflicht des Ehrenmanns erklärten? Ja, verfolgten sie nicht jeden, der Bedenken trug, das öffentliche Recht, das sie doch selbst geschaffen hatten, mit Füßen zu treten? Verachteten sie ihn nicht, stießen sie ihn nicht aus ihren Reihen, schlossen sie ihn nicht aus von dem Kreise der anständigen Männer? Zorn, Erbitterung, Trotz und Verachtung siedeten in der Brust des einsam Grübelnden. Solchen Widersinn, solch unwürdiges, ja, heuchlerisches und frivoles Gebühren sollte er mitmachen? Den Gründen der Leute, die eine Moral mit doppeltem Boden hatten, sollte er Respekt entgegenbringen, sollte er sich fügen? Ins Gesicht lachen wollte er allen denen, die ihm sagen würden, daß er unrecht getan, weil er das Gesetz, das er als Staatsbeamter hochzuhalten verpflichtet war, als Privatperson nicht übertreten hatte. Hatte er darum als Student logisch und juristisch denken gelernt, um nun als erwachsener Mann und Staatsbeamter der Logik und dem Recht ins Gesicht zu schlagen? Er wollte doch sehen, ob sie es wagen würden, ihm ihre Achtung zu versagen, weil er logischer und ehrlicher handelte wie sie. Einem plötzlich in ihm erwachenden und ihn ganz erfüllenden inneren Antrieb folgend, lenkte er seine Schritte nach der Stadt zurück. Um diese Stunde pflegten immer ein paar jüngere Juristen, Ärzte und Offiziere in dem mit einer Weinhandlung verbundenen eleganten Restaurant Heckenthal am Markt versammelt zu sein, um bei einem Glase Wein, Berufs- und politische Fragen zu erörtern und daneben ein bißchen gesellschaftlichen Klatsch zu treiben. Oft war er an dem großen, meist dichtbesetzten reservierten Tisch erschienen, an dem nicht selten bis spät in die Nacht gezecht wurde bei fröhlicher Unterhaltung. Er wollte doch sehen, was für Gesichter die Herren machen würden, wenn er auch heute unter ihnen erschien. Als er eintrat, schlug ihm lautes Stimmengewirr entgegen, und er sah an dem Tisch im Hintergrund des großen Zimmers erhitzte Gesichter und lebhafte Gestikulationen. Aber als er sich nun dem Tische näherte, an dem Kollege von Süßmilch, zwei Referendare der Regierung, Dr. Stamm, ein junger Arzt und zwei Offiziere saßen, verstummte plötzlich, wie auf ein Kommandowort, das allgemeine Gespräch. Die Mienen, die noch eben in der Hitze der Debatte gezuckt, glätteten sich und nahmen einen kalten, reservierten Ausdruck an. Ja, in Herrn von Süßmilchs reich mit Narben geschmücktem Gesicht spiegelte sich tiefstes Befremden, ehrliche Entrüstung, als Kurt Ulrici mit unbefangener Miene an den Tisch herantrat und die Tafelrunde mit einer Kollektivverbeugung und einem lauten »Guten Abend, meine Herren!« begrüßte. Dann zog er einen Stuhl heran und schob ihn in die kleine Spalte zwischen Dr. Stamm und Assessor von Süßmilch, die notgedrungen ein wenig zur Seite rückten. Es war, als wenn eine eisige Erstarrung sich plötzlich auf die Zechgenossen gelegt hätte. Wie Bilder aus Stein saßen sie da, starr, geradeaus blickend. Niemand erwiderte Kurt Ulricis Begrüßung; nur Dr. Stamm schwang sich zu einem stummen Kopfnicken aus. Der eine der Referendare, ein etwas heißblütig veranlagter Freiherr von Kappenberg, machte eine heftige, ungestüme Bewegung, als wollte er von seinem Stuhl ausspringen; aber er begnügte sich, wohl einsehend, daß ihm als einem der Jüngeren irgendwelche Initiative nicht anstehen würde, indigniert die Achseln zu zucken. Auch die beiden Leutnants fanden, nachdem zwei oder drei peinliche Minuten verstrichen waren, ihre Aktionsfähigkeit wieder. »Ich denke, wir brechen aus«, sagte der eine zu dem neben ihm sitzenden Kameraden. »Ganz meine Ansicht« erwiderte jetzt der andere, sich gleichzeitig erhebend. »Ich schlage vor, wir trinken unseren Schoppen im Kasino.« Sie ließen sich nicht einmal Zeit, den Kellner herbeizurufen. Sie warfen ihre Mäntel um die Schultern, ergriffen ihre Mützen und machten ostentativ jedem einzelnen am Tisch ihre Verbeugung – nur über Kurt Ulrici sahen sie hinweg, als wäre er Luft, als wäre er überhaupt nicht vorhanden. Ein kurzes spöttisches Auflachen sandte der also Gemaßregelte den Davongehenden nach, die ihre Zeche am Büfett berichtigten. »Es scheint beinahe,« sagte er laut, seine Tischgenossen der Reihe nach fixierend, »als ob meine Erscheinung die Herren in die Flucht getrieben hätte.« Dr. Stamm sah in peinlicher Verlegenheit vor sich nieder. Herr von Süßmilch steckte seine eisigste Miene auf und hüllte sich ganz in verachtungsvolles Schweigen. Doch der heißblütige Referendar Freiherr von Kappenberg konnte sich nicht enthalten, mit herausfordernder Schärfe zu sagen: »Da könnten Sie wohl recht haben.« »So?« Kurt Ulrici sah dem jungen Kollegen spöttisch ins Auge. »Und wie erklären Sie sich diese befremdende Wirkung meiner bescheidenen friedfertigen Persönlichkeit?« »Ich dächte doch,« entgegnete der Referendar, »die Erklärung läge nahe genug.« Und mit spottender, malitiöser Betonung fügte er hinzu: »Allerdings, die Friedfertigkeit kann Ihnen niemand bestreiten, Herr Assessor.« Ein Schaudern ging durch die Gesellschaft. Herr von Süßmilch bewegte mißbilligend das Haupt. Seiner gesellschaftlich feinfühligen, diskreten Natur war dieses laute Besprechen einer so peinlichen delikaten Affäre an öffentlicher Kneiptafel höchst zuwider. Auch Dr. Stamm räusperte sich verweisend und warf dem vorlauten jungen Herrn einen tadelnden, ärgerlichen Blick zu. In Kurt Ulricis Augen züngelte eine zornige Flamme. Aber schon in der nächsten Sekunde wandte er sich mit der ruhigsten Miene an seinen Gegner. »Wenn ich Sie recht verstehe, spielen Sie aus mein Renkontre mit Leutnant von Minkwitz an. Nun, der vorschnelle junge Herr wird seiner Bestrafung nicht entgehen. Ich werde morgen das gerichtliche Verfahren gegen ihn einleiten.« Der Regierungsreferendar antwortete mit einem höhnischen Auflachen, während Assessor von Süßmilch eine unwillkürlich protestierende Bewegung machte, als wenn er sagen wollte: »Schweigen wir doch hier von diesen Dingen!« Aber Kurt Ulrici war nicht gewillt, sich diesem stummen Gebot zu fügen. Zu heftig wogte und drängte es in ihm; er wollte sich wenigstens die Genugtuung gönnen, den Herren da, die sich in ihrer gesellschaftlichen Korrektheit so erhaben dünkten, einmal gehörig die Wahrheit zu sagen. Und so brachte er alles das, was ihm vorher während seines einsamen Spazierganges aus der Landstraße durch die Seele gezogen, in scharfer, satirischer Form zum Ausdruck. In starrer Überraschung hörten die andern ihm zu; niemand wagte ihn zu unterbrechen. – Erst als er geendet, bemerkte Dr. Stamm achselzuckend: »Ja, das ist alles ganz schön und in gewissem Maße auch logisch. Aber was vermag der einzelne gegen die Macht der Gewohnheit der Tradition. Es mag ja ein Vorurteil sein, aber vorläufig herrscht es doch nun einmal; die Gebote der gesellschaftlichen Sitte lassen sich doch nicht so ohne weiteres hinwegdekretieren. Das Schwimmen gegen den Strom ist immer eine undankbare und meistens eine sehr gefährliche Sache.« Herr von Süßmilch aber zog seine Augenbrauen in die Höhe, klemmte sein Einglas ein und wandte sich an Dr. Stamm, als seien seine Worte nur für diesen berechnet: »Mit der Logik und dem bloßen kühlen Verstande lassen sich solche Fragen überhaupt nicht erledigen. Das Gefühl entscheidet da, das Gefühl, das Produkt von Vererbung, Erziehung und Gewöhnung. ›Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen‹ – sagt schon der Dichter.« Damit drehte er sich um und rief nach dem Büfett hin: »Kellner, zahlen!« Seinem Beispiel folgten die übrigen. Alle bezahlten und erhoben sich. Dr. Stamm war der letzte, und er war der einzige, der sich wenigstens mit einem kurzen Kopfnicken von dem allein Zurückbleibenden verabschiedete. Wie ein Ausgestoßener saß Kurt Ulrici an dem verlassenen Tisch. Die Gäste von den anderen Tischen sahen mit neugierigen, erstaunten Blicken herüber; der Wirt steckte eine verdrießliche, ärgerliche Miene aus. Die Kellner lächelten. Scham, Zorn, Erbitterung siedeten in der Brust des Einsamen. Es kostete ihn keinen geringen Zwang, scheinbar unbefangen noch eine Weile dazusitzen und die halbe Flasche Wein, die er sich hatte geben lassen, zu leeren. Draußen stürmte er mit weitausgehenden Schritten dahin. Unweit seiner Wohnung trat eine hünenhafte Gestalt an ihn heran. Es war Dr. Stamm. Der Amtsrichter griff nach der Hand des überrascht Stehenbleibenden und drückte sie kräftig. Mit einem sonderbaren Gemisch von schamhafter Verlegenheit und ungestüm hervorbrechender Gutmütigkeit und Herzenswärme sagte er dabei: »Es tut mir in der Seele weh, lieber Ulrici, daß Sie sich nun in einen so häßlichen Konflikt mit uns allen gestellt haben und daß Sie es einem nun geradezu unmöglich machen, die freundschaftliche Gesinnung, die man Ihnen gegenüber immer empfunden hat, auch ferner zu betätigen. Aber ich wollte Ihnen doch sagen, Ulrici, daß ich Ihren Standpunkt wohl begreife und entschuldige. Freilich, den kürzeren werden Sie doch ziehen in diesem ungleichen Kampf; das Vorurteil ist eben noch allmächtig. Ich – ich persönlich freilich, das wollte ich Ihnen doch noch sagen, kann Ihnen innerlich trotz alledem meine Achtung nicht versagen.« In Kurt Ulrici wallten Empörung und Erbitterung noch zu heftig, als daß er für den Gefühlston, der in des Sprechenden Stimme lag, empfänglich gewesen wäre. Kalt und mit schneidendem Sarkasmus erwiderte er: »Ich bedaure, Herr Doktor Stamm, daß Sie mir diese förmliche Ehrenerklärung nicht vorher an offener Kneiptafel in Gegenwart der anderen gegeben haben. Hier in der Einsamkeit und Dunkelheit der Nacht hat dieselbe wenig Wert für mich. Gute Nacht, Herr Dr. Stamm!« Er lüftete seinen Hut mit ironischer Höflichkeit und eilte davon. V Was Kurt Ulrici ursprünglich nur mit Rücksicht auf seine Mutter, die er über alles liebte und verehrte, unter dem Druck des durch die Erkrankung der Teuren geschaffenen Zwanges gelobt, war in den seelischen Kämpfen und den herben Erfahrungen des letzten Tages bei ihm zur heiligen Überzeugung geworden. Während des anhaltenden Nachdenkens und Grübelns über die Frage, vor die er durch den Vorfall im Gesellschaftshaus plötzlich gestellt worden war, hatte er sich immer klarer und entschiedener zu der Ansicht durchgerungen, daß sein Standpunkt, von dem aus er das Duell verwarf, der seiner amtlichen Stellung und seiner Pflicht als Staatsbürger, Sohn und wissenschaftlich gebildeter Mensch allein angemessen und würdig sei. Gerade die schroffe, unduldsame Haltung der Angehörigen seines Umgangskreises, die eine blinde, unbedingte Unterwerfung unter das alte, überlebte Vorurteil von ihm verlangten, bewirkten das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war und veranlaßten ihn nur zu einem um so schärferen, leidenschaftlicheren Widerstand. Sollte er sich von ihrem blinden Fanatismus schrecken lassen und sich zum Sklaven der starren, sinnlosen Formen einer veralteten, in die moderne Zeit nicht mehr hineinpassenden Standessitte machen, die für die Kaste der oberen Zehntausend eine andere Ehre und ein anderes Gesetz vorschrieb, als es für den übrigen Teil der Bevölkerung maßgebend war? Ihr Standpunkt, von dem aus sie in Ehrenhändeln das bürgerliche Gericht verachteten und die gesetzliche Sühne nicht für ausreichend erklärten, sollte ihm nicht imponieren. Er verschmähte es als seiner unwürdig, das von ihm verlangte »Opfer des Intellekts« zu bringen. Er wollte doch sehen, ob man ihm ernstlich etwas anhaben konnte, wenn er sich weigerte, eine Handlung zu begehen, die das Gesetz verbot und wenn er aus dem vom Gesetz vorgeschriebenen Wege seine Genugtuung suchte. Nataly aber – von dieser Überzeugung war er innig durchdrungen – würde sich trotz aller Gegenreden ihres Bruders nicht von ihm abwendig machen lassen) ihr Herz würde ihm ebenso wie ihr Verstand recht geben. Sein Leben war ihr ja teuer, und sie würde es um kleinlicher gesellschaftlicher Rücksichten willen nicht in Gefahr bringen wollen. In sichererer, entschiedenerer Haltung als gestern trat er am nächsten Morgen seinem Schwager entgegen, der ihn in seinem Arbeitszimmer empfing. »Nun, Kurt,« rief der Staatsanwalt, von seinem Stuhl aufspringend und ihm voll Spannung ins Gesicht blickend, »hast du die nötigen Schritte getan?« »Ich bin auf dem Wege«, antwortete der Assessor mit der Ruhe und Kraft eines festen, unumstößlichen Entschlusses. »Von dir begebe ich mich direkt zum Rechtsanwalt, um ihn mit der Anstrengung der Klage gegen Leutnant von Minkwitz zu beauftragen.« Der Staatsanwalt zuckte zurück. Sein erwartungsvoll vornübergeneigter Körper reckte sich wieder straff und steif empor. »Mit der gerichtlichen Klage?« »Jawohl, mit der gerichtlichen –« Der Staatsanwalt strich nach seiner Gewohnheit mit seiner Rechten durch den prächtigen über die Brust wogenden Bart. Seine Gesichtsfarbe wurde um eine sichtbare Nuance blasser: seine Augen blickten streng hinter dem goldberänderten Pincenez, und seine Stimme nahm einen harten, scharfen Klang an. »Nun denn,« sagte er, »so zwingst du mich, dir zu erklären, daß das Band zwischen uns zerrissen ist. So nahe wir uns auch bisher standen, als Gentleman und als Offizier kann ich zu dir fortan keine Beziehungen mehr haben.« Auch die kleinere, schlankere Gestalt des Assessors rückte sich in eine straffe, stolze Haltung. »Gut!« erwiderte er, blaß zwar, aber doch mit kaltem, ruhigem Gesichtsausdruck. »Wie du willst. Meine Überzeugung gebietet mir, so und nicht anders zu handeln. Ich kann dich nicht hindern, die Konsequenzen deines von dem meinigen abweichenden Standpunktes zu ziehen.« Er sah zu seinem Schwager hinüber, der in demselben Moment seine Augen mit einem halb unwilligen, halb lauernden Ausdruck auf ihm ruhen lieh. Die Blicke der beiden Männer, die sich so nahegestanden und deren Wege sich nun für immer trennen sollten, begegneten sich und hingen einen Augenblick lang ineinander. Der Staatsanwalt war es, der zunächst wieder das Wort nahm. »Das, was noch zwischen uns zu erledigen sein wird,« sagte er, kühle, stolze Gelassenheit heuchelnd, »machen wir wohl am besten schriftlich ab oder durch die Vermittlung unserer beiderseitigen Rechtsanwälte.« »Einverstanden. Nur noch für ein Viertelstündchen bitte ich um deine Gastfreundschaft. Da es ja wohl nicht deinem Wunsche entsprechen würde, wenn ich je wieder dein Haus beträte, so hätte ich noch mit Nataly zu besprechen, wie wir künftig –« »Nataly ist verreist«, unterbrach der Staatsanwalt kurz. »Ver – verreist?« Der Assessor fuhr in tiefstem Erschrecken zurück. »Heute morgen – ja,« bestätigte Egon Böhl – »in aller Frühe. Sie wird ein paar Wochen oder Monate bei unseren Verwandten in Berlin zubringen.« Ein heftiger Schmerz malte sich in den zuckenden Gesichtszügen des jungen Mannes, und mit leidenschaftlicher Bitterkeit rief er: »Du hältst sie von mir fern, du willst sie mir entfremden – ich verstehe.« Der Staatsanwalt zuckte unempfindlich mit den Schultern. »Du irrst«, gab er ruhig zurück. »Das würde gar nicht in meiner Macht liegen. Nataly ist alt und verständig genug, um selbst zu wissen, was sie zu tun hat, und sie ist gar nicht die Natur, sich in einer so wichtigen Frage ihres Lebens dem Verlangen eines anderen blindlings zu unterwerfen. Freilich, ich habe ihr der Wahrheit gemäß dargestellt, welche Folgen sich aus deiner Handlung oder richtiger deiner Unterlassung auch für deine Braut, beziehungsweise für deine Frau ergeben würden. Das war einfach meine Pflicht als Bruder. Im übrigen möge sie selbst entscheiden.« Kurt Ulrici preßte seine Rechte gegen Stirn und Augen. »Sie konnte gehen,« stöhnte er, »ohne mir ein Wort des Abschieds zu sagen.« »Sie hat einen Brief für dich zurückgelassen«, sagte der Staatsanwalt und trat zu seinem Schreibtisch. Kurt Ulrici nahm hastig das ihm gereichte geschlossene Kuvert und öffnete es mit zitternden Fingern. Aber seine Gemütsbewegung war eine so tiefgehende, ungestüme, daß es ihm vor den Augen flirrte und die Buchstaben vor seinen Blicken ineinanderverschwammen, als er den geöffneten Brief nun zu seinem Gesicht erhob. Ein Geräusch bewog ihn, verstört aufzublicken. Der Staatsanwalt verschwand eben in das Nebenzimmer. Der Assessor biß sich heftig auf die Lippen, so daß ein dünner Blutstrom unter seinen Zähnen hervorrieselte. Das war deutlich! Man wies ihm indirekt die Tür. Mit einer schnellen Bewegung schob er den Brief in die Tasche und verließ in fluchtähnlicher Eile das Haus, in dem er so unvergeßlich schöne Stunden verlebt hatte, und das ihm nun mit einem Male verschlossen sein sollte, für immer. Erst zu Hause, in der Stille seines Studierzimmers, las er Natalys Brief. Er lautete: »Lieber Kurt! Mir blutet das Herz, und der Kopf ist mir noch so benommen, daß ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Ich soll fort, ohne Dich noch einmal sehen, noch einmal sprechen zu können. Aber Egon hat recht: es ist das beste, wenn ich vorläufig den Ort verlasse, an dem ich ja in der nächsten Zeit doch nur schmerzliche Aufregungen und bittere Demütigungen erleben würde. In der Ferne werde ich eher zur ruhigen Überlegung und zu einem klaren Urteil kommen. Wie lange ich fortbleiben werde? Ja, das kann ich heute noch nicht bestimmen, wie ich überhaupt im Augenblick nicht zu denken imstande bin. Ich fühle nur, daß ich sehr unglücklich bin und daß mein Herz in namenlosem Schmerz zusammenzuckt. Als mir Egon von Deinem Renkontre mit Leutnant von Minkwitz Mitteilung machte und von Deiner Weigerung, den Leutnant zu fordern, da jubelte ich im ersten Moment auf. Gottlob, daß Du Dich nicht der Gefahr aussetztest! Gottlob, daß ich nicht um Dein mir teures Leben zu bangen brauchte! Aber als Egon dann die Folgen vor mir besprach, die Deine Weigerung, Satisfaktion zu fordern, nach sich ziehen würde, da war es freilich mit meinem Frohlocken vorbei, und ich erschauerte bis ins innerste Mark. O Kurt, welch einen entsetzlichen seelischen Konflikt hast Du über mich heraufbeschworen! Mein Gefühl kämpft gegen meinen Verstand einen verzweifelten Kampf. Kann ich mich noch freuen, daß Du Dein Leben nicht in Gefahr bringen willst, wenn ich mir doch sagen muß, daß Deine Weigerung auf Dein ganzes zukünftiges Leben einen finsteren Schatten wirft?! Ich habe keinen Grund, Egon zu mißtrauen, auch habe ich ja selbst so viel Urteil, um einzusehen, daß er nicht übertrieben hat. Ja, das höchste Gut des Gentleman ist seine Ehre. O Kurt, wie furchtbar tragisch ist meine Lage. Ich liebe Dich. Dein Leben und Deine Gesundheit sind mir unendlich wertvoll, und doch zwingt mich gerade mein Interesse an Deinem Wohlergehen, Dir zuzurufen: O Kurt, wenn es noch nicht zu spät ist, fordere Deinen Beleidiger vor Deine Waffe! Um Deines und um meines Glückes willen tue es! Wie furchtbar grausam ist doch das Leben, und wie schwer müssen wir uns unser bißchen Glück erkämpfen. O Kurt, ich bin ja immer so stolz auf Deine Liebe gewesen. Egon hat mir immer gesagt, daß Deine Begabung, Deine Tüchtigkeit und Dein sittlich ernstes Streben Dir eine glänzende Karriere verbürgen, daß Du sicherlich einmal eine der höchsten Stellen im Staatsdienst erreichen würdest. O Kurt, wie oft klopfte mein Herz nicht hoch auf, wenn ich mir ausmalte, welche glänzende Stellung ich einmal an Deiner Seite einnehmen würde! Und nun soll sich diese stolze Hoffnung als trügerisch erweisen, nun willst Du Dich gleichsam in Schatten und Dunkelheit stellen! Wenn ich denke, daß sie Dich über die Achsel ansehen, Dich ausschließen und nicht mehr als vollberechtigt anerkennen werden, dann stockt mir das Blut, dann zittert mir das Herz. Lucie von Kranach, die Tochter des Oberst, wird mich nicht mehr kennen, Frau Hauptmann Krönig und Frau Leutnant von Westernhagen werden mich nicht mehr zu ihren Freundinnen zählen. Der Kreis der Offiziersgesellschaft und des höheren Beamtentums, der einzige, in dem ich verkehren könnte, wird uns hermetisch verschlossen sein. Ja, Kurt, mein eigner Bruder hat mir erklärt, daß ich zwischen ihm und Dir zu wählen haben werde, denn er könne keine Gemeinschaft mehr haben mit Dir und Deiner Familie, sobald Du Deine gesellschaftliche Ehre verloren habest. O Kurt, werde ich alles das ertragen können? Verfehmt, in Acht und Bann getan, abgeschlossen von allem, was mir lieb und teuer, ja, unentbehrlich ist, werde ich mich da anders als entsetzlich elend und unglücklich fühlen, ja, werde ich in solchen Verhältnissen überhaupt existieren können? Ich bin jetzt noch zu aufgeregt, um zu einem klaren Urteil und zu einem bestimmten Entschluß kommen zu können. Darum gehe ich fort und warte ab. Egon wird mir telegraphisch Nachricht geben und mich im übrigen aus dem Laufenden erhalten. Ich werde ja sehen, wie sich Deine Zukunft gestaltet und werde erwägen, was die Pflicht gegen mich selbst mir zu tun gebietet. Bis dahin lebe wohl, lieber Kurt! Welch ein schweres Verhängnis! Daß ich, gerade ich in einen so furchtbaren Zwiespalt des Gefühls und des Verstandes geraten mußte! Mit Zittern und Zagen erwarte ich die nächste Nachricht. Was werde ich erfahren? In Verzweiflung Deine unglückliche Nataly Böhl.« Wie betäubt saß Kurt Ulrici eine ganze Weile und starrte mit wirren Augen auf die Schriftzüge nieder, die wenig von ihrer gewohnten Regelmäßigkeit und Zierlichkeit eingebüßt hatten, trotz des aufgeregten Gemütszustandes, in dem sich die Schreiberin doch befunden haben mußte. Er hatte die Empfindung, als zerrisse etwas in seinem Innern, als erstarre ein Gefühl in ihm, das bis dahin seine Brust mit belebender Wärme erfüllt hatte. Er preßte seine Zähne fest auseinander, um nicht vor Schmerz laut aufschreien zu müssen. Plötzlich fuhr er heftig auf von seinem Stuhl, packte den eleganten duftenden Briefbogen und warf ihn zerknüllt in das ungestüm herausgerissene Mittelschubfach seines Schreibtisches. Er wühlte mit der Hand in seinem Haar, machte ein paar hastige Gänge durchs Zimmer und stellte sich endlich an den Ofen, seine Arme über die Brust verschränkend. Ein kurzes, grelles Auslachen brach sich über seine zuckenden Lippen Bahn, seine Gesichtszüge verzerrten sich, und sein erhitztes Gehirn brütete verzweifelte, bittere Gedanken. War das nicht ein unverblümter Absagebrief? Anstatt sich ihm, ohne zu überlegen, ohne zu schwanken, in dieser schweren Krisis seines Lebens treu zur Seite zu stellen, anstatt ihn mit ihrer Liebe für das, was er vielleicht verlor, zu entschädigen, machte sie sich einfach kaltherzig aus dem Staube, um allem Peinlichen aus dem Wege zu gehen. War das nicht rücksichtsloser Egoismus, krasseste Lieblosigkeit? An ihn dachte sie nicht, nur an sich. Was er bei ihrer Flucht empfinden mußte, das kümmerte sie nicht. Konnte er nun noch glauben, daß sie ihn liebte, daß sie ihn je geliebt hätte? Gestand sie nicht selbst in ihrem Brief, daß es Stolz und nicht Liebe gewesen, der sie veranlaßt hatte, seine Werbung anzunehmen? Sie liebte ihn nicht, seine Persönlichkeit nicht, sie liebte seine gesellschaftlich bevorzugte Stellung, und was sie mit ihm erstrebte, war nicht das stille, trauliche Glück der Liebe, sondern ein Leben voll Luxus und äußerem Glanz. Und während es sich für ihn um eine heilige Überzeugung, um die Erfüllung seiner Pflicht als Sohn und als Bürger, um den Kampf des guten Rechts, der Vernunft und Gesittung gegen ein blindes, veraltetes Vorurteil handelte, jammerte sie um den eventuellen Verlust der Freundschaft des Fräulein von Kranach und der anderen Offiziersdamen. Ja, sie hatte kein Herz, kein Gemüt, und die Triebfeder ihrer Empfindungen und Handlungen war allein kleinliche Eitelkeit, erbärmlicher Stolz. Er als Persönlichkeit bedeutete ihr nichts, und sobald sie erkannt haben würde, daß sie an seiner Seite nicht das rauschende, glänzende Gesellschaftsleben würde führen können, das sie mit allen Fibern ihres Wesens ersehnte, würde sie auch kein Interesse mehr für ihn empfinden ... Aber nach dem Paroxismus der ersten heißen Empörung kamen weichere Regungen über den einsam Grübelnden und über den Zorn und die Entrüstung gewann der Schmerz und die Wehmut die Oberhand. Und aus der Tiefe seines Herzens stieg die Sehnsucht empor und richtete sich die Hoffnung auf. Es war ja nicht möglich, daß es nun zwischen ihnen beiden für immer aus sein sollte. Sie, die so heiße Erinnerungen verbanden, die einander so nahegestanden, konnten doch nicht so einfach auseinandergehen. Gewiß es war nur die erste durch die Reden des Staatsanwalts geschürte Angst und Aufregung, denen sie in dem Briefe Ausdruck gegeben. Fern von dem Einfluß ihres Bruders würde ihre edlere Natur, ihre ruhige, verständige Denkweise sich wieder Geltung verschaffen, würde sie ihren Gleichmut wiederfinden und sich aus ihre Liebe und auf ihre Pflicht besinnen ... VI »Du bist so merkwürdig einsilbig und zerstreut, Kurt«, sagte Frau Ulrici, als ihr Sohn ihr beim Mittagessen gegenübersaß. »Und warum langst du denn gar nicht zu? Schmeckt es dir denn nicht?« »Verzeihung, Mama!« Der Assessor bemühte sich mit gewaltiger innerer Anstrengung ruhige Gelassenheit zu heucheln. »Die Trennung von Nataly –« »Trennung? Ist deine Braut plötzlich verreist?« »Ja. Ihre Tante in Berlin ist schwer erkrankt und verlangte nach ihr.« »Und da sagt sie mir nicht einmal Adieu?« »Sie läßt sich entschuldigen, Mama. Die Abreise fand so plötzlich statt – heute in aller Frühe. Da mochte sie dich nicht stören ...« Auch während der nächsten Tage und Wochen mußte Kurt Ulrici noch oft zu einer Notlüge seine Zuflucht nehmen, um seiner Mutter den wahren Stand der Dinge zu verbergen und ihr Aufregungen und seelische Erschütterungen zu ersparen. Trotz aller Bemühungen wäre ihm das wohl kaum in vollem Umfange gelungen, wenn ihn nicht der Umstand begünstigt hätte, daß seine Mutter ihrer zarten Gesundheit wegen ein außerordentlich zurückgezogenes Leben führte. Die wenigen Personen, mit denen sie gelegentlich in Berührung kam, hatten entweder kein Interesse oder kein Empfinden für die stille, einem oberflächlichen Beobachter kaum sichtbare Veränderung in dem äußeren und inneren Leben des jungen Mannes, oder sie hüteten sich taktvoll, die alte Dame in Mitleidenschaft zu ziehen. Desto empfindlicher machte sich dem Assessor selbst der Umschwung von einst und jetzt fühlbar, und er litt mehr darunter, als er sich selbst eingestehen wollte. Gerichtlich zwar war Leutnant von Minkwitz der Verurteilte. Ein scharfer Verweis seitens des Regimentskommandeurs und ein Stubenarrest von vierzehn Tagen war für den Leutnant die Folge von Kurt Ulricis gerichtlicher Klage gewesen. Aber gesellschaftlich war nicht der Beleidiger, sondern der Beleidigte der Verurteilte. Das Nächste war, daß von seiten des Landwehrbezirkskommandeurs das ehrengerichtliche Verfahren gegen ihn eröffnet wurde. Von den Kameraden der Reserve und Landwehroffizierskorps seines Bezirks wurde ein Ehrengericht abgehalten, und der Spruch desselben entzog ihm seine militärische Charge und das Recht des Tragens der Reserveoffiziersuniform. Und dieser offiziellen Verurteilung seines Verhaltens folgte die private, stille Ächtung, die zwar meist nur durch Mienen und Gesten, durch Schweigen und Unterlassungen zum Ausdruck kam, die aber um so empfindlicher war, als er sich ihren Äußerungen fast täglich ausgesetzt sah, und als es kein Mittel gab, sich ihnen zu entziehen. Es waren kleine Nadelstiche, die scheinbar nur oberflächlich die Haut ritzten, die aber doch empfindlich schmerzten, die seine Nerven irritierten und seine Widerstandskraft und Ausdauer aus eine harte Probe stellten. Auch in seine amtlichen Beziehungen griff der doch ganz private Vorfall ein. Bisher hatte Kurt Ulrici mit allen seinen Kollegen auf dem besten Fuße gestanden; jetzt sprach niemand in den Büros der Regierung mehr ein freundliches Wort mit ihm; die unumgänglichen amtlichen Mitteilungen wurden in kurzer, knapper, rein dienstlicher Form gegeben. Auch seine Vorgesetzten, die den fleißigen und begabten Gehilfen bisher durch ihr besonderes Wohlwollen ausgezeichnet hatten, begegneten ihm jetzt mit kühler Zurückhaltung und mit strenger amtlicher Miene. Ja, selbst seine Untergebenen sahen ihn verstohlen, mit lauernden, fragenden Blicken an, in denen sich eine Nuance von Geringschätzung ausdrückte, und sie legten seinen amtlichen Anweisungen und Befehlen gegenüber eine Lässigkeit und Gleichgültigkeit an den Tag, die scharf abstach gegen den ihm früher stets entgegengebrachten Respekt und Diensteifer. Eines Tages ließ ihn der Herr Präsident in sein Dienstzimmer rufen und legte ihm die Frage vor, ob er nicht wünsche, in eine andere Verwaltung überzugehen. Als Kurt Ulrici mit ruhiger Miene verneinte, bemerkte er, den ihm Gegenüberstehenden mit unwilligem Erstaunen betrachtend: »Ich dachte, einem Wunsche von Ihnen entgegenzukommen, indem ich annahm, daß Ihnen das längere Verweilen auf Ihrem hiesigen Posten unbequem und peinlich sein müßte. Nun, wie Sie wollen.« Und der hohe Beamte entließ ihn mit mißbilligendem Stirnrunzeln und einem höchst ungnädigen kurzen Kopfnicken. Kurt Ulrici wappnete sich mit dem Trotz und der Widerstandskraft seines guten Gewissens gegen die Wirkungen, die die gesellschaftliche Verfemung auf ihn ausüben wollte. Er steckte eine unbekümmerte, geringschätzig lächelnde Miene aus, wenn bei einer zufälligen Begegnung auf der Straße seine Kollegen und Bekannten ein eisiges, hochmütiges Gesicht machten, starr geradeaussahen und an ihm vorübergingen, ohne die geringste Notiz von ihm zu nehmen. Er tat, als bemerkte er nicht, wenn Dr. Stamm, sein ehemaliger intimster Freund, einen großen Bogen um ihn beschrieb, um ihm nicht begegnen zu müssen. Seine Besuche im Hotel zum Kronprinzen und im Restaurant Heckenthal gab er auf; seine Spaziergänge machte er allein oder in Begleitung seiner Mutter; seine ganze übrige freie Zeit brachte er zu Hause zu. Um nicht den Argwohn der ahnungslosen alten Dame zu erregen, zwang er sich in ihrer Gegenwart zu einem heiteren, aufgeräumten Wesen, das zu seinem Gemütszustand im grellen Kontrast stand. Dennoch fragte ihn seine Mutter eines Tages besorgt, warum er sich denn plötzlich von allem Verkehr zurückzöge. Für einen jungen Mann in seinen Jahren und von seiner sozialen Stellung seien gesellige Zerstreuungen geradezu eine Notwendigkeit. »Wie, Mama,« antwortete er in heiterem Scherzton, während er innerlich zuckte, wie unter der Berührung einer schmerzhaften Wunde, »du beklagst dich, daß ich deine Gesellschaft dem Wirtshausbesuch vorziehe? Übrigens rechne ich mich nicht mehr zu den jungen Leuten, die ihre Zeit vertändeln dürfen. Es ist Zeit, daß man einmal mit der Jugend abschließt. Ich habe eine wissenschaftliche Arbeit vor – ja, ja, Mama! Und Gesellschaften zu besuchen, widerstrebt mir, solange Nataly abwesend ist.« Freilich, er hätte kaum Gelegenheit gehabt gesellschaftlichen Verkehr zu pflegen. Denn zu dem Kasinoball erhielt er zum ersten Male seit Jahren keine Einladung, und seine sämtlichen verheirateten Kollegen und Vorgesetzten übergingen ihn wie auf Verabredung, so oft sie zu einer Gesellschaft Einladungen ausschickten. Nur zum Logenball – derselbe fand vier Wochen nach der Kasinofestlichkeit statt – ging ihm das übliche Einladungsschreiben zu. Der Vereinsamte, Geächtete fühlte sich wie von einem Sonnenblick berührt. Gottlob, es gab doch noch Menschen, die sich einem sinnlosen Vorurteil nicht unterordneten und die Unabhängigkeitsgefühl und geistige Selbständigkeit genug besaßen, um sich offen zu ihrer Überzeugung zu bekennen und sich von kleinlichen Bedenken nicht unterjochen zu lassen. In seiner verdüsterten, krankhaft empfindlichen, gereizten Seelenstimmung empfand er die Einladung des Vorstandes der Loge wie eine Art Rehabilitierung und in dem freudigen Hochgefühl, das ihn angesichts der elegant ausgestatteten Einladungskarte durchströmte, beantwortete er das übliche U. A. w. g. mit einem herzlich bejahenden Schreiben. Freilich, ein paar Tage später, als er seinen Entschluß noch einmal in ruhiger Gemütsverfassung überlegte, wollte ihm bedünken, als ob er voreilig gehandelt habe. An Stelle des ersten seelischen Ausschwunges und der freudig gehobenen Stimmung war lähmendes Bedenken und ein niederziehender Kleinmut getreten. Wie wenn die Einladung nur der formellen Höflichkeit wegen an ihn gerichtet war und man seine Absage als selbstverständlich erwartet hatte? Vielleicht lag auch nur ein Versehen des Sekretariats vor, und er hatte lediglich einer Vergeßlichkeit zu danken, daß er nicht von der Liste gestrichen war. Würde er nicht dem Vorstande peinliche Verlegenheiten bereiten und sich selbst neuen bitteren Erfahrungen und Demütigungen aussetzen? Aber auch diese Stimmung hielt nicht vor und wurde wieder von einer trotzigen Kampfeslust abgelöst. Sollte er sich selbst desavouieren und durch sein Nichterscheinen gleichsam erklären, daß er sich nicht für würdig halte, der an ihn ergangenen Einladung Folge zu leisten? Sollte er selbst gleichsam das Verdikt seiner Standesgenossen bestätigen, das ihn für ehrlos erklärte, für einen Menschen, der nicht das Recht hatte, sich unter Ehrenmännern zu zeigen? Sollte er sich den Anschein eines schlechten Gewissens geben? Nein, tausendmal nein! Er war nicht der Mann, der sich mutlos selbst aufgab. Er erkannte nicht an, daß er Grund habe, sich scheu vor der Berührung mit seinen Mitbürgern zurückzuziehen. Stolz, mit erhobenem Haupte wollte er unter sie treten und dem lächerlichen Hochmut seiner Gegner trotzig die Stirn bieten. Dennoch klopfte ihm das Herz nichts weniger als freudig, als er, eine gelassene Miene heuchelnd, den Logenball betrat. Das bürgerliche Element war bei weitem vorherrschend, und nur etwa ein halbes Dutzend Uniformen unterbrachen die Eintönigkeit der schmucklosen, einfachen schwarzen Fracks. Das Erscheinen des gesellschaftlich geächteten Assessors wirkte auf einen Teil der Gäste wie ein Alarmsignal. Die Offiziere traten zugleich zusammen und hielten eine kurze Beratung ab. Dann begab sich der Älteste von ihnen zu dem dem Logenvorstand angehörenden Leiter des Balles und richtete leise einige wenige Worte an den bestürzt aufhorchenden Herrn. Die übrigen Offiziere machten ihre Verbeugung, und demonstrativ verließen alle sechs in Korpore den Saal. Das war ein Flüstern und Staunen, ein unruhiges, ängstliches Aufblicken der jungen Damen, die bereits den einen oder anderen Namen der Offiziere auf ihrer Tanzkarte hatten. Gerade die Herren Offiziere waren die schneidigsten und ausdauerndsten und deshalb beliebtesten Tänzer. Der Tanz, der in diesem kritischen Moment aufgespielt wurde, machte vorläufig weiteren Störungen ein Ende. Kurt Ulrici biß die Zähne aufeinander, während es ihn innerlich kalt und heiß durchschauerte, als sich plötzlich so viele unwillig erstaunte, ärgerliche Blicke auf ihn richteten. Er gab sich den Anschein, als bemerke er nichts, und mit verbindlich lächelndem Gesicht schritt er auf eine der erwartungsvoll nach Tänzern ausschauenden jungen Damen zu. Er stieg ein paar Stufen der sozialen Leiter herab, um ganz sicher zu sein, keinen Korb zu erhalten. Es war die Tochter eines bescheidenen Materialwarenhändlers, die er zum Tanz aufforderte, und das Fräulein folgte vor Stolz und Freude errötend der Aufforderung des Negierungsassessors. Auch die nächsten zwei Tänze durchtanzte Kurt Ulrici mit einem Eifer und einer Hingabe, als hielte er das Tanzen für eine der wichtigsten Angelegenheiten des Lebens. Es war, als wenn er sich betäuben wollte, als wenn er von dem, was um ihn vorging, nichts sehen und nichts hören wollte. Doch die ganz ungewöhnliche Unruhe, die sich im Saale und in den anstoßenden Räumen bemerkbar machte, konnte ihm trotzdem auf die Dauer nicht verborgen bleiben, und es entging ihm nicht, daß etwas gegen ihn im Werke war. Eine sich stetig vergrößernde Schar von Herren gruppierte sich um Kurt Ulricis Kollegen von der Regierung, die eifrig auf die sie Umringenden einsprachen und offenbar die Unentschlossenen zu irgendeiner Kundgebung aufzustacheln sich bemühten. Ja, sogar die jungen Damen begannen Gruppen zu bilden und sich lebhaft miteinander zu besprechen. Er bemerkte allenthalben erhitzte Gesichter, zornige und ärgerliche Mienen. Kurt Ulrici verließ den Tanzsaal und zog sich nach dem Restaurationszimmer zurück. Hier nahm er an einem leeren Tisch Platz und bestellte sich eine Flasche Wein. Am liebsten freilich hätte er dem ganzen Logenball den Rücken gekehrt, aber er zwang sich zum Aushalten. Sollte er sich von der lächerlichen Entrüstung seiner Gegner imponieren oder gar in die Flucht schlagen lassen? Er wollte doch sehen, wie die Sache sich weiter entwickeln würde. Die Wirkung des Weines, von dem er schnell hintereinander zwei, drei Gläser leerte, half ihm sein Unbehagen zu überwinden und sich in eine humoristisch angehauchte Stimmung zu versetzen, in der er das ganze wie einen Karnevalsulk, wie eine Tragikomödie, die mehr komisch als tragisch war, ansah. Da kam plötzlich, gerade als Kurt beim vierten Glase war, ein würdiger, älterer Herr auf ihn zugeschritten, den das Abzeichen auf seinem Frackaufschlag als einen der Herren des Vergnügungsausschusses legitimierte. Kurt Ulrici kannte den Herrn sehr wohl; es war der Apothekenbesitzer Fahlisch, der eines der Ehrenämter in der Loge bekleidete. Mit der liebenswürdigsten Miene der Welt trat Herr Fahlisch an Kurts Tisch heran und streckte ihm mit verbindlicher Gebärde die Hand entgegen. »'n Abend, Herr Assessor! Ist's erlaubt?« »Bitte! Sehr angenehm!« entgegnete der andere höflich, während das Ball-Komiteemitglied einen Stuhl heranzog und sich an dem Tisch niederließ. »Na, wie amüsieren Sie sich, Herr Assessor?« setzte der Apotheker zu einer Unterhaltung an. »Ich danke – sehr gut.« »So – hm! Aber Sie tanzen ja gar nicht, Herr Assessor.« In Kurt Ulrici regte sich eine leise Unruhe! Was mochte das Komiteemitglied von ihm wollen? Handelte es sich nur um eine einfache kurze Höflichkeitsunterhaltung oder hing sein plötzliches Erscheinen mit der gegen ihn herrschenden Gärung zusammen? Äußerlich zeigte der Assessor eine unbekümmerte, lächelnde Miene, und humoristisch entgegnete er: »Ich gönne mir nur eine kleine Pause, Herr Fahlisch. Dann soll's wieder losgehen – mit neugestärkten Kräften.« Das Komiteemitglied schien nichts weniger als erfreut von dieser Erklärung. Von seinem Gesicht schwand mit einem Male das verbindliche Lächeln; er reckte und zog an seiner Halsbinde, als würde ihm der Atem knapp; er besah sich angelegentlich die Nähte seiner schönen weißen Ballhandschuhe, räusperte sich einige Male und ging dann plötzlich auf ein anderes Thema über. »Unsere jungen Damen sind ganz rabiat, Herr Assessor.« »Was Sie sagen!« »Ja. Sie können sich ja denken – die Herren Offiziere haben doch nun einmal bei unseren Tänzerinnen einen Stein im Brett. Fräulein Brausendorf, die Tochter des Amtsgerichtsrats, hat einen Nervenanfall bekommen.« »O, das tut mir sehr leid.« »Ja, und nun droht eine Anzahl von Herren, und noch dazu gerade die schätzenswertesten Tänzer und Gesellschafter, den Ball zu verlassen. Nun stellen Sie sich meine Lage vor, Herr Assessor! Machen die Herren ihre Drohung wahr, so können wir mit dem Konter und Kotillon getrost einpacken. Ein Ball ohne Kotillon – ich bitte Sie, das ist ja geradezu unerhört. Eine Blamage ersten Ranges! Es kommt uns ja künftig keine Dame mehr zu unseren Bällen.« Der Apotheker zog sein Taschentuch und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. »Ich spreche Ihnen mein tiefstes Bedauern aus, Herr Fahlisch«, bemerkte Kurt Ulrici ironisch. »Ich begreife voll und ganz den Ernst der Situation.« Sogleich klärte sich das Gesicht des Komiteemitglieds aus; ein Hoffnungsleuchten ging über seine erhitzten Züge. »Ich danke – danke Ihnen, Herr Assessor«, rief der Apotheker ekstatisch, und es schien ihm ein Stein vom Herzen zu fallen. »Ich hab's ja gleich gesagt: der Herr Assessor ist ein rücksichtsvoller, vernünftiger Mann. Sehen Sie, Herr Assessor –« der Sprechende dämpfte seine Stimme vorsichtig, während er sich zugleich in die Brust warf und mit seiner Rechten beteuernd aus den steif geplätteten Brusteinsatz seines Vorhemdes pochte: »Keine Macht der Erde würde uns bewegen können, eine Einladung, die wir einmal haben ergehen lassen, zurückzunehmen. Keine Macht der Welt! Und solange Sie unser Gast sind, Herr Assessor, soll Ihnen niemand zu nahe treten, niemand! Es fällt uns ja gar nicht ein, irgendeinen Zwang auf Sie ausüben zu wollen, mein verehrtester Herr Assessor, um so weniger als wir ja –« das Komiteemitglied beugte sich noch weiter hinüber und sprach in noch leiserem Flüsterton weiter – »als wir ja ganz aus Ihrem Standpunkt stehen und als Sie nach wie vor unsere vollste Hochachtung besitzen. Natürlich, einen unliebsamen Eklat würden wir gern vermieden sehen, und deshalb würden Sie uns zu aufrichtigem Dank verpflichten, wenn Sie freiwillig – aus eigner Entschließung –« Der Assessor machte eine Bewegung, um sich zu erheben. Der Apotheker aber packte ihn eifrig am Unterarm und hielt ihn zurück. »Nicht doch, Herr Assessor! Jetzt nicht! Das könnte ja so aussehen, als ob ich Sie ? – Man beobachtet uns und ich möchte um keinen Preis der Welt, daß man glaubt, daß Sie unter irgendeinem Druck – nein! Beileibe nicht! Das wollen wir nicht! ...« Herr Fahlisch sah sich um, rief einen Kellner herbei und ließ sich ein leeres Weinglas geben, während Kurt Ulrici wie erstarrt dasaß und mechanisch zusah. »Sie gestatten doch, Herr Assessor«, sagte Herr Fahlisch und schenkte sich aus Kurts Flasche das halbe Glas voll. »Prost, Herr Assessor!« Er ließ sein Glas an das des jungen Mannes anklingen, dessen Wangen die Glut der Scham und Entrüstung bis zur Stirn färbte und der dem diplomatischen Komiteemitglied am liebsten den Inhalt seines Glases ins Gesicht geschüttet hätte. »So, Herr Assessor!« nahm Herr Fahlisch noch einmal das Wort. »Nun leeren Sie Ihre Flasche in aller Ruhe und ohne alle Überstürzung und dann ohne alles Aufsehen – na, besten Dank, Herr Assessor, und gestatten Sie mir noch einmal die Versicherung meiner vollen Hochachtung.« Er dienerte und verschwand mit strahlendem, pfiffig lächelndem Gesicht, offenbar in dem erhebenden Bewußtsein, sich mit ebensoviel Geschick wie Würde aus einer der schwierigsten Situationen seines Lebens gezogen zu haben. Kurt Ulrici aber sprang empört von seinem Stuhl auf, um, ohne die gewünschte Frist zur Markierung eines freiwilligen Entschlusses einzuhalten, den gastlichen Räumen der Loge den Rücken zu kehren. Er achtete nicht der neugierigen, schadenfrohen Blicke, die ihm folgten; wie ein Nebel lag es vor seinen Augen, und er handelte rein mechanisch, wie bewußtlos, als er nun in den Garderobenraum eilte, sich Hut und Mantel geben ließ und in wilder Aufregung in die Nacht hinausstürmte. Kurz vor seiner Wohnung kam er zur Besinnung. Er blickte auf seine Ahr. Kaum elf! Seine Mutter war womöglich noch wach. Er würde ihren Argwohn, ihre Sorge erregen. Sie würde nach dem Grunde seiner so frühen Heimkehr in ihn dringen. Nein, nein! Nur jetzt nicht sprechen, jetzt nicht Rede stehen müssen! Er schwenkte von der Straße ab und eilte weiter. Er befand sich in einer unbeschreiblichen Stimmung. Alles in ihm war in zitternder Bewegung. Das Herz schlug ihm zum Zerspringen, das Blut siedete und alle Fibern und Nerven in ihm vibrierten. Er durchkreuzte den Stadtpark, durcheilte die Vorstadt und stürmte auf die Landstraße hinaus. Die kalte Nachtluft tat ihm wohl; seine wilde Erregung tobte sich in den weitausgreifenden Schritten aus. Er mochte schon eine Stunde und länger marschiert sein, als ihn seine Ermüdung zwang, kehrtzumachen und in langsamerem Tempo nach Hause zurückzukehren. Sein Schlafzimmer lag neben dem seiner Mutter. So behutsam er auch die Tür öffnete, so leise er auch eintrat, sie hatte ihn doch gehört und rief ihn an ihr Bett. »Nun, Kurt, hast du dich gut amüsiert?« Er ballte im Dunkeln seine Fäuste und nahm alle seine Selbstbeherrschung zusammen. »Es war sehr schön, Mama!« antwortete er, und seine Stimme klang hell, wie unter der Wirkung einer freudigen Erinnerung. »Soso! Hast du denn auch getanzt?« »Ich habe keinen Tanz ausgelassen, Mama.« »Oh, oh! Ich weiß nicht, ob Nataly nicht darüber mit dir schmollen wird, Kurt.« Er biß sich auf die Lippen und brummte etwas Unverständliches vor sich hin. »Wie meinst du, Kurt?« Die Fragende konnte nicht sehen, daß es den jungen Mann wie ein Krampf schüttelte, bevor er ein kurzes Auslachen hören ließ, dem im Scherzton die Worte folgten: »Ich meinte nur, sie weiß es ja nicht, Mama. Und du wirst mich gewiß nicht verraten.« Auch die alte Dame ließ ein leises, schmunzelndes Lachen hören. »Wie spät ist es denn, Kurt?« »Es geht stark auf zwei Uhr, Mama.« »Schon? Da mußt du dich allerdings gut unterhalten haben. Na, du wirst müde sein. Schlaf wohl, mein lieber Sohn. Gute Nacht!« »Gute Nacht, Mama!« * * * Es war einen Monat später, als Kurt Ulrici auf seinem Schreibtisch im Bureau ein amtliches Schreiben vorfand. Es kündigte ihm seine Versetzung nach Mogilno an, einem polnischen Kreisstädtchen, nahe der russischen Grenze. So war also eingetroffen, was ihm sein Schwager, Staatsanwalt Böhl, prophezeit hatte. Man stellte ihn kalt, schickte ihn auf einen Posten, der ihm seinen Beruf gründlich verleiden mußte. Was nun tun? Nun würde seine Mutter doch erfahren, welch schweres Geschick sie ihm auferlegt hatte, als sie das Versprechen von ihm erzwang, die ihm angetane Beleidigung nicht nach mittelalterlichem Brauch mit der Waffe in der Hand zu rächen. In seiner verbitterten Stimmung setzte er sich hin und schrieb einen langen Brief an Nataly. Er teilte ihr alles rückhaltlos mit, was ihm in den Wochen ihrer Abwesenheit widerfahren war. Er verschwieg nichts und beschönigte nichts. Ja, ihr Bruder Egon hatte recht: er war verfehmt, in Acht und Bann getan, mit dem Makel der Ehrlosigkeit behaftet. Jeder Ehrenmann zuckte die Achseln über ihn und ging ihm voll Abscheu aus dem Wege. Nicht besser würbe das Los derjenigen sein, die ihr Geschick an das seine knüpfte. Von allen Demütigungen, von allen Zurücksetzungen und Enttäuschungen, die ihn trafen, würde ein vollgerütteltes Maß auch auf sie entfallen. Zum Schluß seines Schreibens setzte er sie von seiner Versetzung nach dem polnischen Nest in Kenntnis und knüpfte daran die Erklärung, daß er es unter diesen Umständen für seine Pflicht halte, sie ihres Jawortes und aller Pflichten gegen ihn zu entbinden. Kurt Ulrici sehnte sich nach einem Wort der Liebe und Treue. Von wem aber sollte ihm Trost kommen, ihm, dem Vereinsamten, dem Verlassenen, wenn nicht von ihr, die ihm nach seiner Mutter, der er sich ja nicht entdecken durfte, am nächsten stand? Auf dem Grunde seines Herzens lebte ja die Zuversicht, daß Nataly sein Opfer nicht annehmen, daß sie ihm herzlich erklären würde, ihre Liebe gehöre ihm jetzt und immerdar. Er hoffte, sein Brief würde die besseren Empfindungen in ihr aufrütteln und ihr Herz werde sie antreiben heimzukehren, um ihm in dieser schwersten Zeit nahe zu sein. Nataly ließ nicht auf ihre Antwort warten. Umgehend traf ein Brief von ihr ein. Seine Mutter überreichte ihn ihm. Kurt nahm sich nicht die Zeit, in sein Zimmer zu gehen, um Natalys Brief in der Stille zu lesen. Zitternd vor mühsam beherrschter Aufregung riß er das Kuvert auf. Es waren nur wenige Zeilen, die er mit flirrenden Augen las. Sie lauteten: »Lieber Kurt! Ich danke Dir, daß Du selbst aus eigenem Antrieb das erlösende Wort sprichst, das ich von Dir erwartet hatte, um das ich Dich bitten wollte. Ja, Du hast recht, es ist für uns beide das Beste, aufeinander zu verzichten. Ein Leben, wie Deine Schilderung es mir in Aussicht stellt, wie ich es auch nach Egons Briefen mir ausmalen mußte, könnte ich nicht ertragen. Ich würde mich – ich kann ja nicht dafür, daß ich nun einmal so bin, ich habe mir ja meine Natur nicht selbst gegeben – ich würde mich tief unglücklich fühlen und könnte meine Aufgabe, Dich glücklich zu machen, unter diesen Verhältnissen nicht erfüllen. Darum nehme ich – mit blutendem Herzen – mein Dir gegebenes Wort zurück und entbinde Dich auch meinerseits jeder Verpflichtung mir gegenüber. Lebe wohl für immer! Nataly Böhl.« Die schmerzliche Enttäuschung des Lesenden war eine so heftige, daß er alle Fassung verlor. Das, was er seit Monaten still in sich verschlossen, drängte an die Oberfläche. Der Brief entfiel seinen Händen, sein Gesicht verfärbte sich und verzerrte sich in wütendem Schmerz. »Mein Gott, was hast du, Kurt?« schrie seine Mutter erschreckt. »Ich? O – nichts Besonderes, Mama«, stieß er in überströmender Bitterkeit hervor. »Ich habe nur meine Braut verloren. –« Die ahnungslose alte Dame sah ihren Sohn ungläubig an, als habe sie nicht recht gehört. Das Aussehen des Unglücklichen aber, der mit wirr in die Stirn hängendem Haar, mit wogender Brust, bleich wie der Tod vor ihr stand, überzeugte sie, daß etwas Außergewöhnliches geschehen sein mußte. »Deine Braut« wiederholte sie. »Deine Braut hast du verloren – Nataly? Ja, warum denn in aller Welt?« Kurt Ulrici antwortete nicht. Vorbei war es mit seinem Trotz, seiner Widerstandskraft, seinem Stolz. Wie zerschmettert von den Schlägen des Schicksals sank er aus den in seiner Nähe stehenden Sessel und bedeckte sein zuckendes Gesicht mit beiden Händen. Aus seiner röchelnden Brust drangen erschütternde Laute hervor, die das Blut in den Adern der alten Dame erstarren machten. Sie umschlang ihn mit einem Arm und strich ihm mit der anderen Hand liebevoll das Haar aus dem Gesicht. »Was ist zwischen dir und Nataly?« fragte sie. »Willst du es mir nicht sagen, mir – deiner Mutter?« Der Unglückliche erhob sein Gesicht. Aus den Augen seiner Mutter strahlte ihm ein so tiefes Gefühl, so innige Teilnahme entgegen, daß auch der letzte Nest seiner Widerstandskraft in nichts zerschmolz, daß das übermächtige Verlangen, der bedrückten Brust einmal Luft zu machen, sich nicht mehr zurückhalten ließ und alle anderen Regungen in ihm zurückdrängte. Und so berichtete er mit stammelnder Stimme, in kurzen, ungestüm hervorgestoßenen Sätzen von allen bitteren Erfahrungen, von allen brennenden Demütigungen, die ihm die letzten Wochen gebracht. In atemloser, fieberhafter Spannung, bis ins innerste Mark erschauernd, hörte die Überraschte zu, bis plötzlich ein gellender, schauriger Ton von ihren Lippen kam und sie kraftlos, zuckend in den Armen ihres Sohnes zusammenbrach. * * * Acht Tage später stand Kurt Ulrici an dem Sarge seiner Mutter. Ihre schrecklichen Nervenanfälle hatten sich in kurzen Zwischenräumen wiederholt und ihre schwachen Kräfte ganz aufgezehrt. Ein Herzschlag erlöste sie von ihren Leiden. Einsam geleitete Kurt Ulrici seine Mutter zu ihrer letzten Ruhestätte. Er konnte sich das Zeugnis ausstellen, ein guter Sohn gewesen zu sein. Das Gelöbnis, das er seinem Vater gegeben und das er seiner Mutter wiederholt, hatte er treu gehalten. Ja, ein guter Sohn und ein gehorsamer Staatsbürger war er gewesen und alles hatte er seinem Pflichtgefühl zum Opfer gebracht: die Achtung seiner Freunde, seine Karriere als Staatsbeamter, die Liebe seiner Braut, das Leben seiner Mutter und seine Ehre obendrein. Denn alle sagten und bewiesen es ihm ja, daß er ehrlos war – ehrlos! VII Fünf Jahre sind vergangen. Kurt Ulrici ist ein Mann von dreiunddreißig Jahren. Bereits mischen sich graue Fäden in den dunklen Bart, der sein blasses, ernstes Gesicht umrahmt. In die Verbannung nach Mogilno ist er nicht gegangen. Er hat seinen Abschied aus dem Staatsdienst genommen und ist zur Advokatur übergetreten. Als Rechtsanwalt lebte er nun seit zwei Jahren in einer mittelgroßen Stadt in einer entfernten Provinz. Niemand kannte hier seine Vergangenheit. Freilich, das erkannte wohl jeder, der mit ihm in Berührung kam, daß es in dem Leben des ernsten, stillen Mannes irgendwelche düsteren Ereignisse gegeben haben mußte, die ihn vorzeitig Lust und Freude hatten verlernen lassen. Rechtsanwalt Ulrici lebte einsam für sich. Von allem geselligen Verkehr zog er sich mit einer fast ängstlichen Scheu zurück. Ja, er hatte nicht einmal die üblichen Besuche in den Familien der Herren gemacht, mit denen ihn sein Beruf in fast täglichen Verkehr brachte. Man hatte über ihn die Achseln gezuckt, erstaunt, unwillig, wie über einen Sonderling, dessen Eigenheiten und Schrullen spottende Kritik herausfordert. Schließlich aber hatte man ihn ruhig gewähren lassen, ohne ihm eine aufrichtige Achtung versagen zu können. Denn in seinem Berufe konnte er geradezu als ein Muster gelten, und er nahm sich der Interessen seiner Klienten mit einem Eifer und einer Pflichttreue an, die bewies, daß er noch nicht für alle Interessen des Lebens abgestorben war. Der Kreis derjenigen, die aus Stadt und Umgegend seinen juristischen Rat und seine Hilfe in Anspruch nahmen, vergrößerte sich stetig, und sein Ruf als gewissenhafter Rechtsanwalt, dessen Fleiß und Energie ebenso groß waren, wie seine juristischen Kenntnisse, wuchs von Tag zu Tag. Eines Tages erhielt Ulrici während seiner geschäftlichen Sprechstunden von einem älteren Herrn Besuch, dessen straffe Haltung und bestimmtes, sicheres Austreten ihn als ehemaligen Militär legitimierten. Es war ein Oberst a.D., namens Hammer, der in einer verworrenen Erbschaftsangelegenheit seinen Beistand erbat. Es war eine ziemlich verwickelte Sache und es dauerte wohl eine volle Stunde, bis der neue Klient dem Rechtsanwalt alle einschlägigen Verhältnisse und näheren Umstände auseinandergesetzt hatte. Es handelte sich um die Mitgift seiner verstorbenen Frau, die auf dem väterlichen Gute eingetragen gewesen war. Inzwischen war das Gut in die dritte Hand gekommen, an einen Neffen des Verstorbenen. Die verlangte Auszahlung der Hypothek verweigerte der neue Besitzer unter dem Vorgeben, daß die Hypothek unkündbar sei. Nun war aber durch die Mißwirtschaft des leichtsinnigen jungen Herrn bereits eine nicht unerhebliche Entwertung des Gutes eingetreten, und es stand zu befürchten, daß bei längerem stillen Zusehen die ganze Hypothek verlorengehen würde. »Ich habe von Ihnen das Beste gehört,« sagte der Oberst, als er sich erhob, um sich zu verabschieden, »und ich lege meine Angelegenheit vertrauensvoll in Ihre Hände. Wenn ich Sie trotzdem noch besonders bitte, meiner Sache Ihren ganzen Scharfsinn und Ihren vollen Eifer zu widmen, so tue ich das, wie gesagt, nicht aus mangelndem Vertrauen, sondern in Angst um die Zukunft meines einzigen Kindes. Ich habe eine Tochter, die einmal nach meinem Tode ohne alle Mittel dastehen würde, wenn ihr das Erbe ihrer Mutter verlorengehen sollte.« Die Stimme des alten Offiziers klang so eindringlich und seine Augen spiegelten eine so lebhafte innere Bewegung, daß in Kurt Ulrici ein warmes Gefühl aufwallte. Aber er war seit Jahren gewöhnt, jede Gefühlsbewegung streng in sich zu verschließen, so daß er auch jetzt sich nur stumm verneigte. Die verwickelte Angelegenheit des Obersten Hammer brachte es mit sich, daß die Herren wiederholt Besprechungen miteinander hatten. Dieselben fanden regelmäßig in Rechtsanwalt Ulricis Bureau statt. Doch eines Tages, als Kurt wieder eine Notiz an den Obersten sandte und diesen um seinen Besuch bat, wurde ihm der Bescheid, daß der Oberst leider durch einen Anfall von Ischias an sein Zimmer gefesselt sei. In der höflichsten Weise ersuchte der Oberst, falls die Sache dringlich sei, der Herr Rechtsanwalt möge doch freundlichst bei ihm vorsprechen. Nun duldete die Auskunft, deren er bedurfte, allerdings keinen Aufschub, und Kurt Ulrici mußte sich notgedrungen zu dem Besuch bei dem Obersten entschließen, so wenig er auch private Berührungen mit seinen Klienten liebte. Es war in der siebenten Abendstunde, als er die Wohnung des Obersten Hammer betrat. Der alte Herr saß in einem bequemen breiten Lehnstuhl, unfähig, sich ohne Beistand zu erheben. Seine lebhaften Dankesworte wehrte Kurt Ulrici mit der kurzen, fast schroffen Erklärung ab, daß er nichts Besonderes tue, sondern lediglich seine Pflicht erfülle. Darauf ging er sogleich auf den Gegenstand ein, der die Veranlassung seines Besuches war. Fast eine Stunde lang arbeitete man miteinander. Dann erhob sich Kurt Ulrici. Oberst Hammer aber protestierte lebhaft: »Nein, Herr Rechtsanwalt, so lasse ich Sie nicht wieder fort. Eine kleine Stärkung werden Sie doch nicht verschmähen nach so anstrengender Arbeit. Zunächst lassen Sie uns einmal eine Friedenszigarre miteinander rauchen!« Er nahm eine vor ihm aus dem Tisch stehende Zigarrenkiste in die Hand und präsentierte sie dem Rechtsanwalt. »Ich bedaure,« lehnte dieser kalt, förmlich ab, »meine Zeit erlaubt mir nicht –« »Nun denn –« der Oberst setzte ein wenig verletzt die Kiste aus den Tisch zurück – »so gestatten Sie mir wenigstens, Sie mit meiner Tochter bekannt zu machen, die mich ausdrücklich darum gebeten hat.« Er drückte auf eine Tischglocke, die vor ihm stand. Fräulein Hammer mußte wohl aus dieses Zeichen im Nebenzimmer gewartet haben, denn es vergingen nur ein paar Sekunden, bis sie eintrat – eine Blondine von etwa achtzehn oder neunzehn Jahren mit heiteren, lebhaften blauen Augen. Kurt Ulrici stand unschlüssig, in peinlichster Stimmung mitten im Zimmer. »Meine Tochter Gertrud,« stellte der Oberst vor – »Herr Rechtsanwalt Ulrici.« Die junge Dame streckte Kurt mit bezaubernder Liebenswürdigkeit ihre Hand entgegen. »Papa hat mir erzählt,« begann sie sogleich lebhaft, – »mit wie großem Eifer und Erfolg Sie sich unserer Sache annehmen. Gestatten Sie auch mir, Ihnen meinen herzlichsten Dank zu sagen.« Es waren Jahre her, daß Kurt Ulrici eine zarte, weiche Frauenhand in der seinen gefühlt hatte und daß eine klangvolle, schmeichelnde Frauenstimme freundliche Worte zu ihm sprach. Verwirrt, von einander widerstreitenden Gefühlen erfüllt, verbeugte er sich, nur ein gestammeltes: »Aber, mein gnädiges Fräulein« – zur Abwehr findend. »Wollen Sie nicht Platz behalten, Herr Rechtsanwalt«, sprach sie weiter und deutete einladend auf den Stuhl, von dem Kurt Ulrici sich kurz vorher erhoben hatte. Wie das Urbild blühender Jugend stand sie vor ihm mit ihrem frische Gesundheit und Lebensfreude widerstrahlenden Gesicht, zu dessen rosigen Teint das starke aschblonde Haar vortrefflich stand. Es war fast ein mitleidiger Blick, mit dem ihre blauen Augen zu dem ernsten, düsteren Mann aussahen, von dessen Menschenscheu und zurückgezogenem einsamen Leben sie schon längst gehört haben mochte. Mit der ganzen Kraft seiner seelischen Verbitterung wehrte er sich gegen den Eindruck ihrer Lieblichkeit und ihrer herzgewinnenden ungekünstelten Freundlichkeit. »Verzeihung,« entgegnete er, den Blick der bittend auf ihn gehefteten Augen vermeidend, »ich war eben im Begriff, mich zu verabschieden.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein Dienstmädchen mit einem Tablett, auf dem eine Flasche und drei Gläser standen, kam herein. »Ein Glas Wein werden Sie doch mit uns trinken, Herr Rechtsanwalt«, lud das junge Mädchen ein, und mit ihrem bestrickenden Lächeln fügte sie hinzu: »Sie werden mir doch nicht abschlagen, mit uns auf einen glücklichen Ausgang unseres Prozesses anzustoßen.« Kurt Ulrici hatte schon seinen Hut, den er beim Eintritt auf den Nachbartisch gelegt hatte, ergriffen. Gertrud Hammer nahm ihm die Kopfbedeckung wieder ab und legte sie an die frühere Stelle zurück. Einem so liebenswürdigen Nötigen gegenüber wäre jede weitere Weigerung eine unmögliche Grobheit gewesen, und so setzte sich Kurt Ulrici denn noch einmal mit einem halb wohligen, halb beklemmenden Gefühl. Eine halbe Stunde verstrich schnell und angenehm. Gertrud Hammer leitete die Unterhaltung; sie plauderte lebhaft und launig und unterbrach sich zuweilen mit einem herzlichen, fröhlichen Lachen. Es lag etwas Frisches, kindlich Harmloses und dabei etwas so ungesucht Anmutvolles in ihrem Wesen, daß es selbst aus den verdüsterten Mann, der fünf Jahre gesellschaftlich ganz einsam gelebt hatte, bezwingend wirkte. Sein in Hypochondrie und Zimmerluft blaß gewordenes Gesicht färbte sich lebhafter, seine Augen blickten klarer und sein Atem ging freier. Er fuhr fast erschrocken in die Höhe, als nun das Dienstmädchen abermals eintrat mit der Meldung: »Es ist angerichtet.« »Darf ich Sie einladen,« fragte der Oberst, »unser frugales Abendbrot mit uns zu teilen?« Aber Kurt Ulrici lehnte diesmal noch entschiedener ab als vorher und entschuldigte sich mit dringender Arbeit. Man drang nicht weiter in ihn und er ging in einem eigentümlichen Zustand halber Unzufriedenheit mit sich selbst und stiller, uneingestandener Behagnis. Sein Leben war wie ein Dasein im Schatten und nun war wieder einmal ein Sonnenstrahl auf seinen Weg gefallen ... Acht Tage später führte seine Pflicht ihn abermals in die Wohnung des noch nicht genesenen Offiziers. Diesmal empfing ihn Fräulein Hammer. »Verzeihen Sie!« sagte sie entschuldigend. »Papa wird gleich erscheinen. Er hatte heute eine so schlechte Nacht und da hat er seinen Nachmittagsschlaf etwas länger ausgedehnt als sonst.« Kurt Ulrici sprach ein paar höfliche Worte des Bedauerns und nahm aus ihre Aufforderung ihr gegenüber Platz. Ein paar Sekunden verstrichen in beiderseitigem Stillschweigen. Das junge Mädchen schien verlegen um ein Unterhaltungsthema. Kurt Ulrici rang mit seinen Empfindungen und Stimmungen. Er hätte glauben können zu träumen, so seltsam und wunderbar kam ihm die Situation vor. Zwei, drei Schritte von ihm sah ein holdes, liebliches Geschöpf, umwoben von der Glorie der Anmut, Schönheit und jungfräulichen Reinheit, wie die Fee aus einem deutschen Märchen. Und er, der menschenfeindliche Einsiedler, der besonders die Gesellschaft der Frauen floh wie das Unglück, sollte sich jetzt der Aufgabe unterziehen, das liebreizende junge Wesen da zu unterhalten. Wovon plauderte man denn mit jungen Damen? Die Lösung dieser Frage wurde ihm wirklich schwer; er war ja seit Jahren ganz aus der Übung. »Sind Sie schon lange in der Stadt, Herr Rechtsanwalt?« begann Gertrud Hammer endlich. »Doch, mein gnädiges Fräulein, schon zwei Jahre.« »Ach, und ich bin Ihnen noch nie in einer Gesellschaft begegnet.« Seine Stirn runzelte sich unwillkürlich. »Ich besuche nie Gesellschaften.« »Davon hörte ich schon –« hatte es ihr unwillkürlich herausfahren wollen. Aber sie hat es noch rechtzeitig unterdrückt und entgegnete nun: »Sie sind gewiß leidend?« »Leidend? O nein. Aber jede größere Ansammlung von Menschen verursacht mir Unbehagen.« In ihrem Mienenspiel drückte sich lebhaftes Bedauern aus. »Das tut mir aufrichtig leid«, erwiderte sie. »Ich finde, es ist so anregend und es gibt nichts Schöneres, als in einem Kreise angenehmer, lieber Menschen zu weilen, mit ihnen zu plaudern und sich sonst gesellschaftlich zu vergnügen. Das gehört doch sozusagen zum Leben. Ohne das kann man doch gar nicht existieren. Meinen Sie nicht auch?« Schweigsam, in sich versunken, saß er da und blickte finster vor sich hin. Er hatte es ja nur zu oft und schmerzlich genug empfunden, wie furchtbar es war, auf den Verkehr und den Gedankenaustausch mit gebildeten Menschen zu verzichten; einsam, inmitten der Gesellschaft zu leben, nur auf sich angewiesen. Wie ein Alp hatte es auf ihm gelegen; oft geradezu unerträglich hatte ihm besonders in der ersten Zeit seine Vereinsamung erscheinen wollen. Verzweifelte, schwarze Gedanken hatten ihn umschwebt. Schwermut und eine lähmende Unlust zu leben hatten ihn gepackt, und er hatte schwer gerungen mit der Versuchung, seinem freudlosen Dasein durch ein Gewaltmittel ein Ende zu machen. Mehr als einmal war der fast unbezähmbare Drang nach Gesellschaft in ihm erwacht, eine unbändige Lust, sich unter die Fröhlichen und Heiteren zu mischen, denen das Leben eine Reihe von Freuden schien. In heißen inneren Kämpfen, allmählich, hatte er sich zu einer dumpfen, ergebungsvollen Resignation hindurchgerungen, zu der Ruhe eines Asketen, für den die Nichtigkeiten des Lebens nicht mehr existierten, der freudlos, mechanisch seine Pflicht tat und in der Arbeit den Inhalt seines Lebens fand. Und nun kam dieses junge Mädchen und legte ihm Fragen vor, die ihn aus dem mühsam errungenen seelischen Gleichgewicht brachten und aus die er keine Antwort geben konnte, ohne sie einen Blick in seine Vergangenheit tun zu lassen. Zum Glück trat eben Oberst Hammer, auf zwei Stöcke gestützt, ins Zimmer. Gertrud eilte ihm entgegen und geleitete ihn mit liebevoller Sorgsamkeit zu seinem Lehnstuhl. Die beiden Männer begannen sogleich zu arbeiten. Gertrud setzte sich mit einer Handarbeit etwas abseits. Kurt Ulrici berichtete und las dem Oberst aus den vor ihm liegenden Aktenstücken vor. Einmal, als seine Augen unwillkürlich die Richtung suchten, in der er die Tochter des Hauses wußte, begegnete er ihrem Blick, der mit einem eigentümlich teilnahmvollen, beinahe mitleidigen Ausdruck auf ihm ruhte. Kurt Ulrici zog seine Augenbrauen zusammen. Warum sah sie ihn so mitleidsvoll an, als ob sie ihn bedauerte? Hatte er ihr seinen Gemütszustand verraten? Erriet sie, daß er im tiefsten Innern ein unglücklicher Mann war? Er hatte ihren Blick fortwährend vor seinem geistigen Auge und er mußte sich energisch zusammenraffen und seine Gedanken gewaltsam auf den zwischen ihm und dem Oberst zur Verhandlung stehenden Gegenstand konzentrieren, um sich seine Zerstreutheit nicht anmerken zu lassen. Wenn er nun auch vermied, sie anzublicken, das Bewußtsein, daß sie da war, daß sie ihm mit seelischer Anteilnahme zuhörte, ihren Blick mit Interesse auf ihm verweilen ließ, verließ ihn nicht eine Sekunde lang, beschäftigte ihn und erfüllte ihn mit lange nicht empfundenem wohligen Behagen. Diesmal brachte er es nicht über sich, ihre freundliche Einladung, an dem Abendessen der Familie teilzunehmen, abzulehnen. Ihr munteres, zwanglos natürliches Wesen wirkte wie ein Berauschungsmittel auf ihn, das sein Gedächtnis an die trübe Vergangenheit betäubte, ihn den Reiz der Gegenwart intensiver empfinden ließ, das seiner Seele Schwung und seinem Geiste Flügel verlieh. Der finstere Zug in seinem Gesicht verschwand, seine Stirn entwölkte sich und seine Augen strahlten wirkliches Interesse, während er an ihren Lippen hing. Ihr Lachen wirkte ansteckend, und auch über seine ernsten Züge, die das laute Lachen längst verlernt hatten, glitt ein paarmal der Sonnenglanz eines heiteren Lächelns. Ja, das Wunderbare geschah: er selbst fing an, lebhaft zu werden, angeregt zu plaudern und hier und da eine humoristische Bemerkung in das Gespräch zu flechten ... Die baldige völlige Wiederherstellung des Obersts machte vorläufig weitere Besuche des Rechtsanwaltes unnötig. Inzwischen nahm der Prozeß einen günstigen Verlauf. Kurt Ulricis Ansicht und die Energie, mit der er sich der Sache gewidmet hatte, führten einen guten Ausgang herbei. Die Hypothek gelangte in fast vollem Betrage zur Auszahlung und konnte nunmehr in sicheren Werten, die der Tochter des Obersts ein ausreichendes Vermögen sicherten, angelegt werden. Oberst Hammer war außerordentlich befriedigt über dieses Resultat, das weit günstiger war, als er zu hoffen gewagt hatte, und es trieb ihn, seiner Freude einen seiner geselligen Natur entsprechenden äußeren Ausdruck zu geben, indem er seinen größeren Bekanntenkreis zu einem opulenten Souper einlud. Ganz selbstverständlich erhielt auch Rechtsanwalt Ulrici, dem sich der cholerische alte Herr zu lebhaftestem Dank verpflichtet fühlte, eine Einladung. Kurt Ulrici ging lange mit sich zu Rate. Wenn er an die Stunden dachte, die er bereits in der gastlichen Familie verlebt hatte, dann pulsierte sein Blut lebhafter und seine Augen, die träumerisch ins Leere starrten, leuchteten sehnsuchtsvoll aus. Aber dann kam das lähmende Bedenken. Durfte er in seiner Lage gesellschaftliche Verbindungen wieder anknüpfen? Ein Zufall konnte die Ereignisse der Vergangenheit ans Licht bringen. Sollte er sich von neuem schmerzenden Demütigungen, bitteren Erfahrungen aussetzen? War es nicht in all den Jahren sein fester Vorsatz gewesen, allen gesellschaftlichen Berührungen gerade mit den Kreisen, denen Oberst Hammer angehörte, ängstlich aus dem Wege zu gehen? Und so schrieb er mit ein paar höflichen Zeilen ab, während ein Seufzer des Bedauerns sich aus seiner schwer atmenden Brust emporrang. Noch nie in den letzten fünf Jahren war ihm die Stille seiner Wohnung so bedrückend erschienen, hatte ihn seine Vereinsamung, sein freud- und abwechslungsloses Leben mit so quälender Unlust erfüllt, wie an diesem Abend. Unmöglich war es ihm, seine Gedanken bei der Arbeit, die er vorgenommen hatte, zusammenzuhalten. Und ebensowenig kam er mit der Lektüre vorwärts, zu der er griff, nachdem er den Federhalter ärgerlich aus der Hand gelegt hatte. Immer wieder schweifte die erregte Phantasie weit ab und aus den Blättern vor ihm tauchte ein lieblicher blonder Mädchenkops auf. Es war am anderen Tage in der Mittagsstunde. Rechtsanwalt Ulrici befand sich aus dem Wege vom Gerichtsgebäude nach seiner Wohnung, als ihm Fräulein Hammer aus der Straße begegnete. Mit einem scheuen Gruß wollte er an ihr vorüber. Aber die junge Dame zwang ihn, indem sie vor ihm stehenblieb, ihr Rede zu stehen. »Sie haben meinem armen Papa einen rechten Verdruß bereitet, Herr Rechtsanwalt«, sagte sie, nachdem sie ihm die Hand zum Gruß gereicht hatte. »Doch nicht durch meine Absage, gnädiges Fräulein?« Sie nickte. »Dadurch – jawohl! Sie haben ihm die Freude, die er sich von dem beabsichtigten Fest versprach, gründlich verdorben. Sie, Herr Rechtsanwalt, sollten ja gerade die Hauptperson, sozusagen der Held des Abends sein.« »Ich, mein gnädiges Fräulein?« »Freilich, Sie! Papa hatte sich sogar schon einen kleinen Toast ausgesetzt, mit dem er Ihre Verdienste um die Familie Hammer zu feiern gedachte. Warum haben Sie denn eigentlich abgeschrieben, Herr Rechtsanwalt?« »Weil – ? ich passe nicht in einen fröhlichen Kreis, gnädiges Fräulein. Ich sagte Ihnen ja schon, daß mir größere Gesellschaften Unbehagen bereiten.« »Aber es sind ja doch nur unsere Freunde – lauter gute, liebenswürdige Menschen.« Ihr naiver Eifer, ihre aufrichtige Betrübnis über seinen Entschluß schmeichelte ihm leise und tat seinem wunden, verbitterten Gemüt unendlich wohl. Sein Widerstand kostete ihn wirkliche Überwindung; mit einer humoristischen Wendung hoffte er sich aus dem Dilemma zu ziehen. »Dann passe ich schlechter Mensch um so weniger hinein. Wirklich, mein gnädiges Fräulein, ich Brummbär tauge überhaupt nicht in die Gesellschaft froher Menschen.« »Ja, das sind Sie«, sagte sie, ihre frischen roten Lippen schmollend aufwerfend. »Ein rechter Hypochonder sind Sie, Herr Rechtsanwalt. Man hat mir wirklich nicht zuviel gesagt, als man sie mir als menschenscheuen Sonderling schilderte.« »Hat man das, mein gnädiges Fräulein?« warf er mit zuckenden Mundwinkeln ein. Sie nickte und fuhr dann eifrig fort, während sie sich in Bewegung setzten, nachdem sie ihn mit einer bittenden Gebärde bedeutet hatte, sie zu begleiten. »Wissen Sie, Herr Rechtsanwalt, was ich mir vorgenommen hatte, als ich Sie nun kennenlernte?« Sie sah ihn mit schelmisch-lächelnden Augen an. Reizende Grübchen bildeten sich im Kinn und in den rosigen Wangen. »Nun, mein gnädiges Fräulein?« »Ich hatte mir vorgenommen, Sie von Ihrer Hypochondrie zu heilen, Sie mit den Menschen auszusöhnen, die doch gar nicht so schlimm sind, wie Sie vielleicht meinen. Sie können ja doch nicht immer so einsam leben. Die Welt ist ja doch so schön und die Menschen sind so gut.« Ihre Augen leuchteten und ihr liebliches Gesichtchen strahlte von den lebhasten Empfindungen, die ihr weiches, argloses Mädchenherz bewegten. Kurt Ulrici fühlte sich eigentümlich ergriffen. Die Bitterkeit, die ihr naiver, frommer Glaube an die Güte der Menschen in ihm erregte, wurde schnell erstickt von einer warmen Aufwallung inniger Dankbarkeit und Sympathie, welche ihn für dieses ebenso gute wie schöne Geschöpf erfüllte. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, gnädiges Fräulein«, entgegnete er herzlich. »Und ich weiß nicht, womit ich Ihre menschenfreundliche Güte verdient habe.« »O – das wissen Sie recht gut, Herr Rechtsanwalt. Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet. Das hat mir Papa schon mehr als einmal versichert. Und außerdem – man tut doch gern ein gutes Werk. Ein Mann, der sich so von jedem Verkehr zurückzieht und die Menschen förmlich flieht, der kann ja doch nicht glücklich sein, der muß sich doch unglücklich fühlen. Und da dachte ich mir, Sie würden wieder froher werden und glücklicher, wenn es mir gelänge, Sie mehr unter Menschen zu bringen und Ihnen gesellige Zerstreuungen zu verschaffen. Wir haben einen so netten, lieben Verkehr. Und nicht wahr, Herr Rechtsanwalt, Sie nehmen Ihre Absage zurück, Sie kommen? Und wenn Sie es nicht für sich selbst tun wollen, so tun Sie es, bitte, für Papa und für mich. Sie würden uns wirklich eine große Freude bereiten.« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. Er sah in die bittend zu ihm aufgeschlagenen Augen und warm stieg es ihm zum Herzen empor. Er legte seine Hand in die ihre. »Ich werde kommen, gnädiges Fräulein – unter einer Bedingung.« »Und die wäre?« »Daß Sie Ihren Herrn Papa bewegen, den beabsichtigten, liebenswürdigen Toast auf meine bescheidene Persönlichkeit zu unterdrücken.« Sie lachte. »Gut!« erwiderte sie fröhlich. »Das verspreche ich Ihnen, wenn Sie durchaus darauf bestehen.« VIII Als Kurt Ulrici an dem festgesetzten Abend die hell erleuchteten Räume des Obersts betrat und sich plötzlich von einer größeren Anzahl fremder Menschen umgeben sah, kam wieder die alte kleinmütige, mißmutige Stimmung über ihn. Der Anblick der vielen fremden Gesichter, das Schwirren und Rauschen der Kleider, das Stimmengewirr verwirrte und betäubte ihn. Er hatte sich wirklich des lebhaften, geräuschvollen gesellschaftlichen Treibens so sehr entwöhnt, daß es ihn bedrückte und ihn förmlich schwindlich machte. Statt des gesuchten Behagens empfand er eine nervöse Unruhe, eine peinliche Nervenerregung. Und wenn ihm seine Phantasie vorgegaukelt hatte, in anregendem Geplauder mit Gertrud Hammer ein paar angenehme Stunden zu verleben, so sah er sich jetzt bitter enttäuscht. Sie hatte die Honneurs des Hauses zu machen und wurde von allen Seiten in Anspruch genommen. Es entsprach aber nicht der Natur des stillen, zurückhaltenden Mannes, sich durch die Mauern von schwarzen Fräcken und blitzenden Uniformen, die die junge Dame fortwährend umgaben, hindurchzukämpfen. Freilich Oberst Hammer nahm sich seines Gastes liebenswürdig an und machte ihn mit mehreren Herren und Damen bekannt. Aber es war für Kurt Ulrici nichts weniger als ein Vergnügen mit Menschen, die ihm fremd waren und deren nähere Bekanntschaft er nicht suchte, über allerlei gleichgültige Dinge zu sprechen. Viel lieber wäre es ihm gewesen, wenn er sich still und allein in einen Winkel hätte zurückziehen können, von dem aus er hätte verstohlen und ungestört nach der holden Erscheinung der jungen Herrin des Hauses und der Königin dieses Festes hinschauen dürfen. In ihrem duftigen indischen Mullkleide dünkte sie ihm wie ein Genius der Reinheit und Anmut. Unwillkürlich tauchte das Bild einer anderen weiblichen Erscheinung seinem Geiste auf, die einst, vor Jahren, in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hatte. Nataly Böhl! Majestätischer, prächtiger, imposanter war sie gewesen, eine strahlende Schönheit, die die Bewunderung herausforderte, die aber mehr auf die Sinne wirkte als auf das Gemüt. Ja, es wollte ihm mit einmal unbegreiflich erscheinen, daß er je für das stolze, kalte Mädchen ein wärmeres Gefühl empfunden hatte. Gertrud Hammer war keine auffallende, blendende Schönheit. Aber ihr ganzes Wesen und ihre äußere Erscheinung umfloß ein undefinierbarer Zauber von Anmut und Lieblichkeit. Wenn er in diese seelenvollen blauen Augen mit dem treuherzigen Unschuldsblick, in das rosige, grübchengeschmückte Kinderantlitz sah, dann schlug dem einsamen Mann das Herz höher, dann ergriff ihn weiche Rührung. Die Souperstunde kam, und Kurt Ulrici erlebte eine sehr angenehme Überraschung. Der Oberst hatte ihn zum Tischnachbar seiner Tochter bestimmt. Als er ihr seinen Arm bot, um sie zu Tisch zu führen, lächelte sie ihn neckisch an. »Nun, Herr Rechtsanwalt,« fragte sie schelmisch, »was macht Ihre Hypochondrie?« »Ihre Nähe, gnädiges Fräulein,« antwortete er, von ihrer Munterkeit angeregt, »treibt alle bösen Launen in die Flucht.« »Ah, Sie können auch schmeicheln und Komplimente sagen, Herr Rechtsanwalt!« »Komplimente? Nein, das sollte es nicht sein«, gab er, ihr ernst in die Augen blickend, zurück. »Es war nur der Ausdruck einer unwillkürlichen, aufrichtigen Empfindung. Ich freue mich, Sie so strahlend von Heiterkeit und Frohsinn zu sehen.« »Soll man nicht fröhlich sein, wenn man so viele liebe Gäste um sich sieht!« Er seufzte vernehmlich, während sie sich setzte. »Ihnen natürlich,« sagte sie lächelnd, ihre Stimme ein wenig dämpfend, »sind's ihrer zu viele. Habe ich recht?« »Nur zu recht.« Sie lachte. Aber ehe sie noch imstande gewesen, eine Antwort zu geben, wurde sie von ihrem Nachbar zur Rechten angeredet. Es war ein junger Leutnant, der sich mit süßlichem Lächeln und einer Miene, der deutlich das Bewußtsein seiner Unwiderstehlichkeit aufgeprägt war, an Gertrud Hammer wandte: »Gestatten eine Frage, gnädiges Fräulein. Ein Tänzchen nach dem Souper gehört doch zum Programm des Abends?« »Gewiß, Herr Leutnant«, erwiderte sie freundlich. »Ohne Tanz gibt es doch nun einmal für uns junge Leute kein rechtes Vergnügen.« Der Leutnant stimmte sogleich enthusiastisch bei: »Gnädiges Fräulein haben ganz recht. Das Tanzen ist doch immer der Gipfelpunkt, das Höchste. Besonders wenn man eine Tänzerin hat, wie das gnädige Fräulein. Darf ich Sie um den ersten Tanz bitten, – Gnädigste?« Bevor Gertrud Hammer annahm, zauderte sie einen kurzen Moment und warf einen schnellen Seitenblick aus ihren Nachbar zur Linken, der stirnrunzelnd, finster vor sich hinblickend dasaß. Schon die Persönlichkeit des jungen Offiziers erregte seinen Mißmut, wie er sich denn überhaupt seit jenem für sein Leben so verhängnisvoll gewordenen Zwischenfall mit Leutnant von Minkwitz bei dem bloßen Anblick einer Uniform jedesmal eines nervösen Unbehagens nicht erwehren konnte. Der junge Offizier – Kurt Ulrici hatte es wohl bemerkt – war einer der eifrigsten gewesen von denen, die die Tochter des Hauses umschwärmt und ihr mit bewundernden Blicken und galanten Phrasen gehuldigt hatten. Auch jetzt richtete er häufig das Wort an sie, und Kurt Ulrici schwieg verstimmt, obgleich seine liebenswürdige Nachbarin sich eifrig bemühte, ihn immer wieder in das Gespräch zu ziehen. Kaum war das Souper vorüber, so ließ sich die Tanzlust der jungen Leute nicht mehr zügeln. Das große Speisezimmer wurde in überraschend kurzer Zeit mit Unterstützung der jungen Herren ausgeräumt. Eine ältere Dame setzte sich an das Piano, und der improvisierte Ball begann. Gertrud Hammers Tänzer tanzte vorzüglich. Aber für Kurt Ulrici war es mehr eine Folter als ein Genuß, zuzusehen, wie das junge Mädchen vor Freude und Lust glühte und wie jedesmal ein Lächeln über ihre Züge flog, sooft der Leutnant ihr irgendeines seiner kecken Komplimente zuzuflüstern schien. Kaum war der Tanz beendet, als auch schon ein zweiter Tänzer vor Gertrud Hammer seine Verbeugung machte. Und dem zweiten folgte ein dritter und diesem ein vierter. Kurt Ulrici sah, wie sie mit immer strahlenderem, verklärterem Gesicht von einem Arm in den anderen flog, und ein peinliches, quälendes Gefühl regte sich in ihm. Er wunderte sich und ärgerte sich über sich selbst. Was ging es ihn an, daß Gertrud Hammer nicht anders war als die anderen jungen Mädchen, daß auch sie an diesen nichtigen Dingen ihre höchste Befriedigung fand, und daß sie den Schmeicheleien ihrer galanten Kurmacher ein freundliches, williges Ohr lieh? Ungerecht wäre es, ihr ihre Freude zu mißgönnen. Zu tadeln war nur er, daß er seinem Vorsatz ungetreu geworden, daß er sich hatte bestimmen lassen, seine Zurückgezogenheit aufzugeben. Wozu saß er hier im Winkel und machte sich zum Teilnehmer an diesem lauten, geräuschvollen Treiben, bei dem er nichts empfand, als eine seelische Verstimmung, Widerwillen und körperliches Unbehagen? Niemand würde ihn vermissen, wenn er sich heimlich aus dem Staube machte, weder der Oberst, der mit einigen älteren Herren beim Kartenspiel saß, noch Gertrud, der auch ohne ihn Tänzer und Bewunderer genug zu Gebote standen. Schon erhob er sich, schon hatte er begonnen, sich langsam und unauffällig zum Ausgang zurückzuziehen, als Gertrud Hammers forschend umherschweifender Blick ihn traf und als sie mit unverkennbarer Hast auf ihn zutrat. »Warum tanzen Sie denn gar nicht, Herr Rechtsanwalt?« fragte sie und sah ihn mit einer allerliebsten, liebenswürdigen Schmollmiene an. »Warum muß ich erst die Damenwahl abwarten, um mit Ihnen tanzen zu können? Ich gestatte mir, Herr Rechtsanwalt.« Sie machte vor ihm ein neckisch tiefes Kompliment. »Aber mein gnädiges Fräulein«, wollte er erschreckt abwehren. »Ich habe seit fünf Jahren nicht getanzt und ich befürchte –« »Sie werden mir doch keinen Korb geben, Herr Rechtsanwalt«, unterbrach sie ihn empfindlich. Es blieb ihm nichts übrig, als ihr die Hand zu reichen und sich mit ihr in das Gewühl der tanzenden Paare zu stürzen. Er war wirklich so sehr aus der Übung, daß er schon nach anderthalb Runden völlig außer Atem war und haltmachen mußte. Ihm war ganz schwindlich und er mußte sich neben seiner Tänzerin auf einem Stuhl niederlassen. »Wirklich, Sie müssen sich mehr üben, Herr Rechtsanwalt«, sagte sie, wie es ihm schien, ein wenig spottend. »Nur immer munter! Ich gehe Ihnen mit gutem Beispiel voran.« Fort war sie, einem der uniformierten schneidigen Tänzer entgegenschwebend, mit deren Ausdauer seine Tanzlust sich allerdings nicht messen konnte. Er zögerte nun nicht länger, und noch ehe der Damenwalzer sein Ende erreicht hatte, stand Kurt Ulrici, aus freier Brust aufatmend, auf der stillen, dunklen Straße. Das Ergebnis des Abends war Kopfschmerz, Verdruß und Ärger über sich selbst und, gegen Gertrud Hammer eine leise Empfindlichkeit, die auch noch am nächsten Tage in ihm fortglimmte und um derentwillen er sich schalt und grollte, da sie ihn selbst ebenso unvernünftig wie unberechtigt dünkte. Als zwei Wochen später eine neue Einladung von seiten des Obersten an ihn erging, diesmal zu einem Diner »in engerem Kreise«, wie von Damenhand hinzugefügt worden war, da lehnte Kurt Ulrici in einem so entschiedenen Ton ab, daß sich ein weiteres Nötigen von selbst verbot. Von da ab gingen ihm keine weiteren Einladungen zu, und bei einer gelegentlichen Begegnung aus der Straße erkannte Kurt Ulrici an der gemessenen, kühl formellen Erwiderung seines Grußes, daß sich Oberst Hammer ernstlich verletzt fühlte. Scheuer als je zog sich Kurt Ulrici von jedem Verkehr zurück und so war es kein Wunder, daß die liebliche Tochter des Obersten nicht mehr in seinen Gesichtskreis kam. Die Erinnerung an die freundliche, liebreizende Erscheinung, die so plötzlich und für eine kurze Spanne Zeit erhellend in sein düsteres Dasein getreten, lebte in ihm fort, beschäftigte seine Phantasie und erfüllte sein Herz mit einem leisen, uneingestandenen Bedauern. Als die heiße Jahreszeit kam und mit ihr die angenehme Periode der Gerichtsferien, reiste Kurt Ulrici an die Ostsee. Heringsdorf, die »Perle der Ostsee«, war ihm während der letzten Jahre immer ein angenehmer Aufenthalt gewesen. Wohl war die Schar der Gäste, die von überallher hier zusammenströmten und zum Teil Erfrischung und Gesundheit, zum Teil nur Zerstreuung suchten, eine zahlreiche, aber es bot sich dem, der Einsamkeit und Ruhe liebte, hinreichend Gelegenheit, dem Getümmel der Zerstreuunglüsternen auszuweichen und allen unerwünschten Annäherungen aus dem Wege zu gehen. Man brauchte nur einfach ein Boot zu nehmen und auf die See hinauszurudern oder zu segeln, oder man suchte in dem unweit des Strandes zwischen Heringsdorf, Ahlbeck und Swinemünde sich hinziehenden Wald ein verstecktes, lauschiges Plätzchen, wo man mit sich und seinen Gedanken allein war. Für Kurt Ulrici gestaltete sich das Leben auch in dem vielbesuchten Seebade, in dem kein Mangel war an interessanten Gestalten und abwechslungsreichem Treiben, nicht weniger einsam und eintönig wie daheim. Der Unterschied war nur, daß ihn dort die vier Wände seines Zimmers, hier die dichten Bäume des Waldes oder die Wogen der See von dem Verkehr mit anderen abschlössen. Es war in der zweiten Woche seines Aufenthalts in Heringsdors, als er aus einem Spaziergang am Strande eine überraschende Begegnung hatte. In einer der letzten Strandhütten, die am Strande zum Schutz gegen Sonne, Regen und Wind errichtet waren, erblickte er eine junge Dame, die aus der roh gezimmerten Bank saß, ein Buch vor sich aus dem primitiven Holztisch. Ihr Gesicht beschattete ein breitkrempiger Strandhut. Bei seiner Annäherung blickte die junge Dame auf; im nächsten Augenblick ertönte ein Laut der Überraschung, und mit ausgestreckter Hand und freundlich grüßendem Lächeln trat ihm Gertrud Hammer entgegen. »Das nenne ich eine Überraschung, Herr Rechtsanwalt!« sagte sie. Es war ein wirkliches Erschrecken, das ihn im ersten Augenblick anwandelte. Aber ihre Freude war so ungeheuchelt, ihre Begrüßung so ungesucht herzlich, daß auch ihm das Herz höher zu klopfen begann. »Also Sie zürnen mir nicht, gnädiges Fräulein?« fragte er, ihre Hand drückend. Sie fand sogleich den neckischen, zutraulichen Ton wieder, in dem sie schon früher mit ihm verkehrt hatte. »Ich sollte wohl«, entgegnete sie schelmisch. »Aber ich weiß ja, daß man mit Ihnen Nachsicht haben muß – Sie Menschenfeind.« Sie nötigte ihn, neben ihr auf dir Bank Platz zu nehmen. Man kam bald in ein zwangloses Plaudern. Gertrud Hammer teilte mit, daß der Oberst in Kissingen zur Kur gewesen, und daß man Heringsdorf zur Nachkur gewählt habe. Kurt Ulrici hing mit allen Sinnen cm ihren Lippen und an ihren Mienen. Der Ton ihrer klangvollen Stimme, der Anblick des lieblichen mehr als je von Gesundheit und Frische strahlenden Gesichts erzeugten wieder jene wohlige, behagliche Stimmung in ihm, mit der ihre Nähe ihn immer erfüllt hatte. Es war schon anregend und reizvoll, ihr stumm zuzuhören, das lebhafte Spiel ihrer ausdrucksvollen Züge zu beobachten und ihr anmutiges, frisches, zutrauliches Wesen aus sich einwirken zu lassen. Dabei keinerlei Störung, kein unerwünschtes Dazwischentreten von anderen, deren Geschwätz plump die Stimmung zerriß. Er ganz allein mit ihr auf einem kleinen, kurzen Bänkchen. Eine Stunde verstrich wie im Fluge. Plötzlich erhob sie sich. »Sie müssen mich zu Papa begleiten«, forderte sie ihn in ihrer munteren Weise aus. »Bitte, Herr Rechtsanwalt! Wie Papa sich freuen wird!« Dabei blitzten ihre Augen in der Vorfreude der Überraschung, die sie dem alten Herrn bereiten würde. Er konnte nicht gut ablehnen, und so schritten sie nebeneinander der Strandstraße zu, wo der Oberst die untere Etage einer kleinen Villa gemietet hatte. Auch bei dem Obersten schien die Zeit den Groll, den das ungesellschaftliche Wesen seines ehemaligen Gastes in ihm erregt hatte, einigermaßen verwischt zu haben, denn auch er begrüßte den Eintretenden mit alter Herzlichkeit und seiner gewohnten jovialen Laune. »Nun, Sie Ausreißer!« sagte er, dem Rechtsanwalt lachend die Hand schüttelnd. Und zu Gertrud gewandt: »Hast du ihn richtig wieder eingefangen?« Und nachdem er seinem Besuch liebenswürdig einen Stuhl zugeschoben hatte, fuhr er mit einem Rückfall in die frühere Empfindlichkeit fort: »Zu Ihrer Beruhigung, lieber Herr Rechtsanwalt, will ich Ihnen nur gleich mitteilen, daß wir hier niemand kennen. Es dürfte also kein Grund für Sie vorliegen, uns wie dem Beelzebub scheu aus dem Wege zu gehen oder heimlich auszureißen, wenn Sie uns wieder einmal das Vergnügen Ihres Besuches schenken.« Aber um den Eindruck seiner satirischen Laune rasch wieder zu verwischen, präsentierte er seinem Gaste die Zigarrenkiste, liebenswürdig auffordernd: »Und nun lassen Sie uns eine Friedens- und Versöhnungszigarre miteinander rauchen! Und du, Gertrud, sorgst wohl für einen guten Tropfen, denn wir müssen doch das unverhoffte Wiedersehen auch gebührend feiern ...« IX Es kamen Tage und Wochen, wie sie Kurt Ulrici nie vorausgeahnt und nie für möglich gehalten hätte. So viel Schatten und Düsterheit während der letzten Jahre auf seinem Leben gelegen, so viel Licht und Sonnenschein bestrahlte ihn jetzt, im wirklichen und im übertragenen Sinne des Wortes. Wie sollten Melancholie und Menschenscheu noch länger bestehen, wenn Tag für Tag das lieblichste Mädchenantlitz ihm freundlich zulächelte, wenn wieder und wieder das helle, lustige Lachen des reizendsten Mädchenmundes in sein Ohr tönte und alle seine Grillen sieghaft verscheuchte? Da der alte Oberst schlecht zu Fuß war und am liebsten in seinem Lehnstuhl im Vorgarten der Villa oder in der Veranda des Kurhauses saß, so hatte Gertrud Hammer sich den Rechtsanwalt zum ständigen Begleiter erkoren. Ganze Nachmittage verbrachten die beiden miteinander, entweder Ausflüge in die herrliche Waldumgebung von Heringsdorf zu Fuß unternehmend, oder auf der See im Segel- oder Ruderboot, die Kurt Ulrici beide gut zu führen verstand. Es war ein Leben so sorglos, so heiter-schön, daß Kurt Ulrici sich oft wie im Traum vorkam. Er wunderte sich am meisten über sich selbst. War er nicht wieder jung, wieder froh, wieder glücklich geworden? Wo war der düstere, scheue Ausdruck in seinem Gesicht geblieben, wo seine Schwerfälligkeit, seine ewig schlechte Laune, seine Unlust, sich unter heitere Menschen zu mischen? Er hatte nicht nur lächeln, er hatte wieder lachen gelernt. Seine Bewegungen waren wieder frisch, elastisch geworden, und wenn er auf der Strandpromenade oder auf der langen, weit in die See hinausgebauten Kaiser-Wilhelm-Brücke an Gertruds Seite sich zwischen dem zahlreichen Publikum bewegte, so verursachte das Gewirr der auf und ab schreitenden Menge ihm weder Beklemmung noch quälende Mißstimmung. Er fand wieder Vergnügen an harmlosen Dingen und Belustigungen, die weit hinter ihm lagen. Er lachte, er ruderte, er lief sogar mit Gertrud um die Wette, als sie beide eines Tages einen mühsam erklommenen Berg nebeneinander wieder hinabeilten. Er spielte mit ihr Krocket und Lawn Tennis und konnte sich ehrlich freuen, wenn es ihm gelungen war, als Sieger aus dem Spiel hervorzugehen. Einmal war Gertrud durch eine leichte Erkältung an das Zimmer gefesselt und Kurt Ulrici verlor für diesen einen Nachmittag die Gesellschaft seiner getreuen, liebenswürdigen Begleiterin. Er hatte sich für den Nachmittag eine Partie nach dem Langen Berg vorgenommen, und zwar wollte er den größten Teil des Weges zu Wasser zurücklegen. Aber das Segeln erfreute ihn heute nicht, das herrliche Seepanorama, in das er sich sonst bewundernd mit allen Sinnen zu versenken pflegte, kam ihm langweilig und monoton vor, und aus halbem Wege machte er wieder kehrt. Er brachte sein Boot an den Strand und die Strandpromenade kreuzend, die ihm mit ihrem Menschengewimmel heute unleidlich vorkam, drang er in den Wald. Hier warf er sich an einem einsamen Plätzchen der Länge nach auf die Erde, und in die luftige blaue Höhe über sich starrend, vertiefte er sich in ein emsiges Nachdenken über sich und seinen Zustand. Warum plötzlich wieder diese Unlust und Schwermut? Warum erschien ihm auf einmal wieder alles grau in grau? Warum diese siedende Unruhe in ihm? War es, weil ihm Gertrud fehlte? War sie ihm zu seinem Wohlbefinden notwendig? Mit einem Ruck schnellte der Grübelnde in die Höhe, ein heißer Schauer durchrann ihn und seine Pulse pochten stürmisch. War er auf dem Wege, sich für das bewunderte, liebreizende Geschöpf wärmer zu interessieren, als für seine Ruhe gut war? Liebte er sie etwa? Brennende Vorwürfe wurden in ihm laut. während er über diese Frage nachsann und über seine Empfindungen ins Klare mit sich zu kommen strebte. Wäre es nicht besser gewesen, zurückhaltender und vorsichtiger zu sein und sich nicht wie ein unüberlegter Jüngling von zwanzig Jahren in ein Abenteuer zu stürzen, das nimmermehr ein gutes Ende nehmen konnte? Aber diesen ängstlichen Erwägungen des nüchternen Verstandes traten die heißen Wallungen des hochklopfenden Herzens entgegen. Um keinen Preis mochte er die letzten Wochen in seiner Erinnerung missen. War sein Leben nicht leer, trocken und schal genug gewesen? Schlummerte in ihm nicht auch noch ein Rest des Sehnens nach Poesie, nach Freude und Lust, ein Rest des Glückverlangens, das jedes Menschen Brust hob und dehnte? Daß er an diese kurze Episode, die bald, ach, nur zu bald vorüberschwand, Hoffnungen und Wünsche knüpfte, die unerfüllbar waren, davon freilich konnte keine Rede sein. Denn wenn wirklich die Liebe noch einmal Triebe in seinem erstarrten Herzen zeitigen sollte, so durfte das Mädchen seiner Wahl nicht den Gesellschaftskreisen Oberst Hammers angehören. Nein, er war Mannes genug, sich nicht trügerischen Illusionen hinzugeben und unstatthafte Regungen energisch in sich niederzukämpfen und zu ersticken. Aber würde es nicht eine unnütze Grausamkeit gegen sich selbst sein, wenn er sich der paar Tage glücklichen Selbstvergessens, harmloser Daseinsfreude, die ihm noch blieben, unnötig selbst beraubte? Wenn er erst wieder in der Stadt war, verbot sich ein so zwangloser, reger Verkehr von selbst. Und dann würde es auch nicht schwierig sein, seine Beziehungen zu dem Obersten und seiner Tochter allmählich zu lockern und endlich wieder ganz abzubrechen. Es war ein paar Tage später, als Kurt Ulrici und Gertrud Hammer ihre geplante Wasserpartie nach dem Langen Berg zur Ausführung brachten. Es war ein heißer Tag und die schwache Brise blähte die Segel so wenig, daß Kurt zu den Rudern greifen mußte. Gertrud saß am Steuer und kam sich sehr wichtig vor in ihrer Tätigkeit. Es wurde wenig gesprochen; das Herz des Ruderers klopfte bang und schnell, nicht nur unter der körperlichen Anstrengung. Es war der letzte größere Ausflug, den er mit dem lieben Mädchen unternehmen würde, denn schon in wenigen Tagen war seine Ferienfrist abgelaufen. Rudernd und segelnd brauchten sie mehr als eine Stunde, bis sie in den Kanal einfuhren, durch den sie in den Gothensee gelangten. Hier stellten sie das Boot ein und brachen von da zu Fuß nach dem Langen Berg aus, den sie in einer halben Stunde erreichten. Auf der Höhe bot sich ihnen ein wunderbarer Blick auf die See, deren Wellen im Sonnenschein wie flüssiges Silber glitzerten. Eingefaßt wurde das entzückende Panorama von dem jenseitigen Ufer des Haffes, Anklam, Wolgast, der Greifswalder Oie und den Inseln Rügen und Wollin. »Wie schön! Wie schön!« flüsterte das junge Mädchen enthusiastisch, mit glänzenden Augen an dem wunderbaren Bilde hängend. »Wie schön! Wie schön!« klang es wie ein Echo in des Mannes Brust, dessen Blicke sich verstohlen an den entzückten Mienen des holden blonden Geschöpfes an seiner Seite labten. Da fuhr plötzlich ein heftiger Windstoß durch die Bäume des Buchenwaldes, der bis zur Höhe des Langen Berges hinaufreichte. Zugleich bemerkte Kurt Ulrici, daß graue Wolken am Horizont auftauchten. »Wir müssen uns beeilen,« mahnte er, »wenn wir noch trocken nach Hause kommen wollen!« Sie stiegen eilends herab. Fischer aus dem nahen Dorfe Bansin, die ihre Boote fester verankerten, warnten vor der Fahrt. Aber Kurt Ulrici hoffte, bei dem kräftigen Winde, der sich erhoben hatte, in kürzester Zeit Heringsdorf zu erreichen, lange bevor noch das drohende Gewitter zum Ausbruch kommen könnte. Und in der Tat, das Boot flog unter den sich blähenden Segeln wie ein Pfeil dahin. Aber als man vom Kanal in die See einbog, zeigte sich, daß Kurts Berechnung falsch gewesen. Schon hatte sich das Bild am Firmament wesentlich geändert. Schwarze Wolken kamen mit rasender Eile herauf und vereinigten sich über der See zu turmhohen, drohenden Gebilden. Und nun zerriß plötzlich ein feuriger, bläulicher Strahl die Finsternis zu ihren Häupten, und ein dumpfer, grollender Donner folgte. Gertrud Hammer, die wie vorher am Steuer saß, heftete einen fragenden, ängstlichen Blick auf ihren Begleiter. Ernste Besorgnis spiegelte sich in seinen Mienen. »Nun hat uns das Gewitter doch überrascht!« sagte er, »und ich muß mir Vorwürfe machen, daß ich nicht auf die Warnung der Fischer hörte.« »Ich fürchte mich nicht«, tröstete sie ihn und lächelte ihm zu. Er warf einer dankenden und bewundernden Blick auf sie und erhob sich. »Wir wollen die Segel einziehen,« sagte er, »und wenden. Im Kanal ist keine Gefahr.« Aber da brauste plötzlich ein so rasender Windstoß über sie dahin, daß er sofort wieder zurücktaumelte. Dazwischen das Geknatter und Gefunkel der Blitze, das Rollen des Donners. Das kleine Boot tanzte aus den empörten Wellen, die immer höher gingen, wie eine Nußschale. Noch einmal versuchte Kurt Ulrici, das Segel zu reffen. Aber seine Kraft reichte nicht aus. Der Wind hatte sich zu fest in das Stück Leinwand gesetzt. Blaß, aber ruhig schaute ihm Gertrud zu. »Wir können nicht zurück«, rief Kurt Ulrici und setzte sich neben sie, um das Steuer zu ergreifen. Immer wütender tobte der Sturm, immer schneller hintereinander zuckten die Blitze. »Halten Sie sich gut fest, Gertrud!« rief er ihr zu. »Armes Kind!« fügte er halblaut, wie zu sich selbst hinzu. Totenbleich saß sie da, aber ihre Augen blickten ihn voll gläubigen Vertrauens an. »Ich fürchte mich nicht«, murmelten ihre zitternden Lippen. »Tapfres Kind!« sagte er und seine Linke legte sich schützend um sie, während er mit der Rechten das Steuer hielt. In rasender Eile jagte das Boot vorwärts, jetzt hoch auf der Spitze der Wogen balancierend, jetzt wieder hinabgleitend mit den abstürzenden Wellen, so daß man glaubte, es könne nie wieder zum Vorschein kommen. Es war ein Gefühl grimmigen Behagens, das Kurt Ulrici durchpulste. Nun war sie doch sein, nun ruhte sie ergeben an seinem Herzen und niemand hatte die Macht, sie ihm zu entreißen. Die Natur selbst hatte sie in seine Arme geführt. Unwillkürlich preßte sich sein Arm fester um sie; widerstandslos, Schutz suchend schmiegte sie sich an ihn und legte ihr Köpfchen an seine Schulter. Er beugte sich herab und küßte sie auf die Stirn. »Mein süßes, geliebtes Mädchen!« flüsterte er ihr zu. Sie erwiderte nichts; aber ihr Blick ruhte innig fest in dem seinen und über ihre blassen Züge breitete sich ein glücklicher, verklärender Schimmer. Wie ein Rausch erfaßte es ihn; trotz Sturm und Wetter glühte es heiß in seinen Adern; seine Lippen preßten sich für einen kurzen seligen Moment zuckend auf die ihren. Fast triumphierend klang seine Stimme, als er jetzt sagte: »Wenn wir sterben, so sterben wir miteinander, Gertrud – du und ich!« Er fühlte, wie sie in seinem Arm zusammenschauderte und er sah, daß eine Träne an ihren Wimpern hing. »Armer Papa!« hauchte sie schwach. Er reckte sich straff in die Höhe, als habe ihn eine Faust plötzlich am Genick gepackt und ausgerüttelt. Das Wort hatte ihn ernüchtert, der Taumel wich und er wurde sich wieder seiner Pflicht bewußt, um ihr Leben zu kämpfen. »Mut!« raunte er ihr zu und faßte das Steuerruder fester. »Mut!« Er sah forschend um sich. Da blickte der Kulm mit seinen Villen herüber und dort tauchte die Landungsbrücke von Heringsdorf aus. Gottlob, daß sie weit genug aus hoher See trieben, um nicht gegen den vor der Brücke aufgeführten steinernen Wogenbrecher geschleudert zu werden. Solange der Sturm toste, konnte an eine Landung nicht gedacht werden. Rettung konnte ihnen nur ein größeres Fahrzeug bringen, das sich ihrer erbarmte. Aber wer sollte die von den turmhohen Wogen verdeckte Nußschale sehen! Jeder Augenblick aber konnte ihnen Verderben bringen. Ihr Leben hing von der Gunst der Sekunde ab und es war fast ein Wunder, daß die tosende See sie mitsamt dem kleinen Nachen noch nicht verschlungen hatte. Nun kamen sie aus die Höhe von Ahlbeck. Da öffneten sich mit einem Male die Schleusen des Himmels und ein furchtbarer Regen ging nieder. Es war wie eine Sündflut und im Nu waren die schutzlosen Insassen des kleinen Bootes naß bis auf die Haut. Gertrud hatte nur ein kurzes, dünnes Cape um ihre Schultern, das vor dem Anprall der sich auf sie ergießenden Regenmassen nicht mehr Schutz gewährte wie ein Blatt Papier. Wieder zog Kurt Ulrici das geliebte blonde Mädchen an sich in dem unwillkürlichen Streben, sie zu schützen. Ihr Mut schien gebrochen. Schwer atmend, mit geschlossenen Augen, halb ohnmächtig, ruhte sie an seiner Brust. Ein unendliches Weh durchzuckte sein Herz. Voll Verzweiflung blickte er nach Hilfe aus. Aber nichts – nichts! Er hatte nicht das Bewußtsein von dem, was er tat, als er nun in seiner Herzensnot süße, kosende, tröstende Schmeichelworte in ihr Ohr raunte und seine warmen Lippen wieder und wieder auf ihre bleichen, kalten Wangen drückte. Ebenso plötzlich und heftig wie der Gewitterregen gekommen, ebenso plötzlich ließ er auch nach. Und auch die Kraft des Sturmes schien gebrochen, wenn auch die aufgepeitschten Wellen noch berghoch gingen. Kurt Ulrici atmete auf und von neuer Hoffnung belebt, hielt er nach dem Strande zu. Vielleicht, daß die Fischer von Ahlbeck sein Boot bemerkten und ihm zu Hilfe kamen. Wohl ein halbes Dutzend kräftiger Gestalten sah er am Strande tätig und ihrer noch mehrere eilten zum Strand, um jetzt, wo das Unwetter sich ausgetobt hatte, nach ihren Booten zu sehen und den vom Sturm angerichteten Schaden sogleich auszubessern. Und nun gewahrte sein aufleuchtender Blick, wie ein paar der wetterfesten Gestalten mit dem Südwester auf dem Kopf und den langen wasserdichten Stiefeln an den Beinen zusammentraten, auf die See hinausdeuteten und sich eifrig miteinander zu besprechen schienen. Tatkraft und Entschlossenheit belebte plötzlich die Männer. Vier stramme, wackere Gesellen wateten nach einem der am Strande schaukelnden Fischerboote, machten es vom Anker los und sprangen hinein. Und nun legten sie sich mit aller Kraft in die Ruder und das Boot schoß wie eine Möwe über die Wellen, den beiden Schiffbrüchigen entgegen. »Gerettet!« jauchzte Kurt Ulrici dem geliebten Mädchen zu. »Sieh, dort kommen sie, uns zu holen! Meine liebe, süße Gertrud! Mein angebetetes, schönes Lieb!« Im Überschwang seines Entzückens zog er sie fest an sich und küßte die sich ihm willig bietenden Lippen noch einmal mit dem Feuer seines ungestüm hervorbrechenden Gefühls. X Die halbe Nacht saß Kurt Ulrici in seinem Zimmer auf und ging mit sich zu Rate. Was nun tun? Die Stimmung des Augenblicks hatte ihn mit sich fortgerissen und stärker als der überlegende Verstand hatte sich der Zug des Herzens erwiesen. Die Natur selbst hatte die elementare Leidenschaft in ihnen beiden entfesselt und über alle kleinlichen Bedenken und konventionellen Rücksichten hatte das wahre Gefühl gesiegt. Nun würde sie erwarten, daß er ihr Herz, das er im Sturm genommen, auch festhielt, daß er sich auch offen vor ihrem Vater, vor aller Welt zu den Empfindungen bekannte, die ihn im einsamen Kahn getrieben hatten, sie an seine Brust zu ziehen. Aber durfte er um ihre Hand werben? War sie nicht die Tochter eines Offiziers? Und war er diesem nicht volle Offenheit, rückhaltslosen Aufschluß über sich und den dunklen Punkt in seinem Leben schuldig? Alle Qualen und Kämpfe der Vergangenheit lebten noch einmal in Kurt Ulrici auf. Das wußte er – trügerischen Täuschungen durfte er sich hinsichtlich dieses Punktes nicht hingeben – entdeckte er dem Oberst alles, so mußte er die Hoffnung, Gertrud Hammer mit Zustimmung ihres Vaters heimzuführen, ein für allemal aufgeben. Auf der anderen Seite aber sagte er sich, daß es unmöglich sei, zu schweigen und sich nun plötzlich zurückzuziehen. Durfte er ihre Hoffnung, ihr Vertrauen so bitter täuschen? War es nicht seine heiligste Pflicht, ihr sein Leben zu weihen, nachdem er sie in seinen Armen gehalten und sie mit den süßen Namen der Liebe genannt hatte? Sollte er ihr junges Leben vergiften und Mißtrauen, Haß, Verzweiflung in ihr argloses, schwärmerische junges Herz säen? Und war nicht in ihm selbst ein übermächtiger, unüberwindlicher Drang nach dem Glück? Glühte ihm nicht in allen Fibern das Sehnen nach ihrer Liebe? Unter Zweifeln und Kämpfen schlief er ein. Am anderen Morgen faßte er seinen Entschluß. Nur ihr wollte er alles bekennen, ihr allein. Sie sollte dann über die Zukunft entscheiden. Sie allein konnte es ja wissen, ob ihr Gefühl stärker war, als die Furcht vor dem Vorurteil der Gesellschaft, die seinerzeit Nataly Böhl abgehalten hatte, ihm ihre Liebe und Treue zu bewahren. War ihre Liebe die echte starke Leidenschaft des Weibes, das selbst dem Tode trotzt, um dem geliebten Mann anzugehören, so würde sie die Gesellschaft zu ihrem Glücke nicht brauchen, so würde seine Liebe ihr genügen. Als er nach der Villa in der Strandstraße kam, war es der Oberst, dem er zuerst begegnete. Der alte Herr saß an seinem Lieblingsplatz im Vorgarten des Hauses, aber als er den Rechtsanwalt erblickte, sprang er aus und eilte ihm mit fast jugendlichem Ungestüm entgegen. Sein Gesicht strahlte und seine Augen blickten voll Rührung und Freude auf den sich ihm erstaunt Nähernden. »Ich weiß alles!« rief er Kurt Ulrici zu. »O Sie böser Mensch! Mir das Herz meines Kindes zu stehlen – auf des Meeres und der Liebe Wellen!« Er schob seinen Arm herzlich unter den des sprachlos Dastehenden. »Kommen Sie! Wir überraschen sie. Das liebe Kind! Sie konnte es ja nicht in sich verschließen. Unter Weinen und Lachen hat sie sich mir an die Brust geworfen und mir alles gestanden.« Dem alten Herrn zitterte die Stimme, und dem feuchten Glanz seiner Augen sah man an, wie tief ihn das Glück seines Kindes ergriff. Arm in Arm betraten sie den Salon. Gertrud saß am Klavier. Als sie die Tür gehen hörte, sprang sie mit einem Freudenschrei aus und stürzte ihnen entgegen. Und mit schämig erglühenden Wangen sank sie in Kurt Ulricis Arme. Es wurde eine kleine Verlobungsfeier improvisiert. Am aufgeräumtesten war der Oberst. »Eigentlich sollte ich Ihnen ja zürnen,« sagte er scherzend zu Kurt, »daß Sie mir das Mädel da gekapert haben wie ein echter, rechter Seeräuber. Aber was soll ich tun? Kämpfe einmal einer gegen fertige Tatsachen! Übrigens eine gewisse Schneidigkeit liegt doch in Ihrem Vorgehen. Das imponiert mir. Nehmen das Mädel einfach in Ihre Arme und küssen es und der Racker sträubt sich nicht einmal –« »Aber Papa!« unterbrach Gertrud errötend die Neckereien des übermütigen alten Herrn. »Nun, nun, mein Kind, Spaß muß sein. Im Ernst gesprochen, lieber Ulrici, ich gebe Ihnen mein Kind gern. Sie haben immer auf mich den Eindruck eines ganzen Mannes gemacht und ich lege das Geschick meines Lieblings vertrauensvoll in Ihre Hände. Ich weiß Gertrud bei Ihnen gut aufgehoben, und nun kann ich alter Krauter mich einmal in aller Ruhe zur großen Armee versammeln ...« Kurt Ulrici war verlobt. Die Tatsache hatte sich schneller vollzogen als er geahnt hatte. Das alles war so überraschend schnell gekommen und auch die nächsten Tage über lebte er wie im Rausche. Keine Sorge, kein Bedenken trübten sein Glück. Im Sonnenschein lag die Welt vor ihm und das Leben enthielt so unendlich viel Schönes und Süßes. War er nicht beneidenswert, der Glücklichste aller Menschen im Besitz der Liebe eines so bewundernswerten Geschöpfes, das alle weiblichen Tugenden besaß: Schönheit, Anmut, Reinheit und dessen Wesen von so köstlicher Frische war, daß es ihn selbst wieder jung und frisch machte und ihm die beinahe verlorengegangene Fähigkeit, sich am Leben zu erfreuen, wieder verlieh? Erst als er Heringsdorf verlassen hatte, überdachte er seine Lage ruhiger. Dem Oberst jetzt noch Mitteilung über die Vorgänge zu machen, die einst so schwer in sein Leben gegriffen, wäre die reine Selbstvernichtung gewesen. Der Oberst selbst würde dadurch in einen schweren, kaum lösbaren Konflikt gestellt. Von ererbten, langgehegten Anschauungen sagt sich keiner los, ohne sich erst durch schmerzende seelische Kämpfe hindurchzuringen und ohne blutenden Herzens dabei ein Stück von sich selbst aufzugeben. Andererseits liebte der Oberst sein Kind so innig und er selbst war so sehr über Gertruds Glück erfreut, als daß er die Hand dagegen hätte erheben können, ohne sich selbst eine tiefe Wunde zu schlagen. Und er – Kurt Ulrici – hing auch er nicht bereits mit allen Fasern seines Wesens an Gertrud? Sollte er nun sein Glück aufs Spiel setzen, sollte er vor den Oberst hintreten und ihm sagen: Ich bin der Hand deines Kindes nicht wert! Ja, war er denn ihrer nicht wert? Erkannte er denn das Verdikt der Gesellschaft als berechtigt an, das ihn für ehrlos erklärt und von allen ihm liebgewordenen Beziehungen losgelöst hatte? Nein, tausendmal nein! Er hielt sich für vollauf berechtigt und würdig, um die Hand des geliebtes Mädchens zu werben und er traute sich die Kraft zu, Gertrud glücklich zu machen. Freilich, seine volle Seelenruhe vermochte ihm diese stille Selbstentschuldigung nicht zu verschaffen. Oft zitterte er heimlich bei dem Gedanken, daß sich irgendein Zwischenfall, irgend etwas Unvorhergesehenes ereignen könnte, das die Ereignisse der Vergangenheit wieder heraufbeschwor. Zuweilen wenn der Blick des Obersts zufällig aus ihm ruhte, zuckte er innerlich zusammen und er mußte seine ganze moralische Kraft aufbieten, um sich gegen das Gefühl zu wehren, daß er sich gegen Gertruds Vater etwas habe zu schulden kommen lassen. Dazu kam, daß ihm seine Verlobung gesellschaftliche Pflichten auferlegte, deren er sich ganz entwöhnt hatte. Mit Rücksicht auf Gertrud und den Oberst konnte er sich dem gesellschaftlichen Zwang nicht entziehen, in dem ganzen Bekanntenkreise der Hammerschen Familie Besuche zu machen. Eine Weigerung wäre zu auffällig gewesen, und welchen Grund hatte er dafür angeben sollen? Es war eine Folter für ihn, Unbefangenheit zu heucheln und allen denen mit sicherer Haltung gegenüberzutreten, die ihm verachtungsvoll den Rücken gedreht hätten, würden sie seine Vergangenheit gekannt haben. In einem Zustande beständiger innerer Unruhe sehnte er seine Hochzeit herbei. Wenn ihm Gertrud erst angetraut, wenn sie erst seine Frau war, dann mochte kommen, was das wollte, dann hatte ihr Vater keine Macht mehr über sie, dann konnte sie ihm niemand mehr abwendig machen, niemand als sie selbst. Das Verhängnis, das gefürchtete, in dumpfem Bangen erwartete, kam. Eines Abends während einer Gesellschaft bei einem der intimsten Freunde des Oberst, trat ihm ein Bekannter aus der Vergangenheit gegenüber. »Gestatten Sie,« redete ihn der Gastgeber an, mit einem fremden Herrn an ihn herantretend, »gestatten Sie, daß ich Sie mit Herrn Regierungsassessor von Kappenberg bekannt mache. Herr von Kappenberg ist der Stellvertreter unseres erkrankten Landrats ... Herr Rechtsanwalt Ulrici.« Herr von Kappenberg stand einen Moment unschlüssig, wie erstarrt. Dann aber machte er, anstatt sich höflich zu verbeugen, eine höhnische, geringschätzige Grimasse. »Pardon!« sagte er zu dem Gastgeber gewandt drehte sich auf dem Absatz herum und ließ die Herren stehen. Bleich, sich heftig aus die Lippen beißend, stand Kurt Ulrici da. Endlich ermannte er sich dem Gastgeber gegenüber zu einer kurzen Erklärung. »Ich kenne Herrn von Kappenberg. Der Herr hat einmal eine unliebsame Rolle gespielt bei einer Affäre in meiner Vergangenheit. Ich werde den Herrn morgen zur Rechenschaft ziehen.« Damit war der Zwischenfall vorläufig erledigt. Zum Glück hatte außer den Beteiligten niemand von dem Vorgang, der sich sekundenschnell abgespielt, etwas bemerkt. Auch der heißblütige Regierungsassessor von Kappenberg hatte inzwischen die Besonnenheit und Selbstbeherrschung so weit zurückgewonnen, daß er jede weitere Auffälligkeit vermied. Er unterhielt sich noch eine Zeitlang mit verschiedenen Gästen unbefangen, als sei nichts geschehen. Bevor er sich verabschiedete, nahm er den Gastgeber beiseite und entschuldigte sich, für den anderen Tag volle Aufklärung versprechend. Kurt Ulrici befand sich in fiebernder Empörung. Kaum war es ihm möglich, seine Haltung vor Gertrud und ihrem Vater zu bewahren. Glühender Haß, wie er ihn noch nie empfunden, siedete in ihm und eine heiße Rachsucht loderte in ihm empor. In allen Adern pochte ihm das Verlangen, diesen dünkelhaften Menschen zu züchtigen, der da glaubte, ihn wie einen Ehrlosen behandeln zu dürfen, dem man keinerlei Rücksichten mehr schuldete. Den Unverschämten, dessen knabenhaft ungezogenes Auftreten ihm das Glück seiner Zukunft zu rauben drohte, zu vernichten, erschien ihm als ein Gebot der Selbsterhaltung. So sehr beherrschte ihn dieses Verlangen und so stark gärten Entrüstung und Zorn in ihm, daß er auch am nächsten Morgen keinen anderen Gedanken hatte, als seinen Beleidiger zur Rechenschaft zu ziehen. Daß er im Begriff war, eine grobe Inkonsequenz zu begehen, sich selbst und seine frühere Handlungsweise ins Unrecht zu setzen, daran dachte er nicht. Er war so sehr aus seinem seelischen Gleichgewicht gebracht, daß er überhaupt nicht kaltblütig zu denken vermochte. Er fühlte nur, daß er in der ewigen Unruhe der letzten Wochen nicht weiter leben könnte, daß er endlich einmal einem jener prahlerisch sich überhebenden Herren, die da glaubten, ihm Mangel an Mut vorwerfen zu dürfen, den Mund stopfen müsse. Er wollte endlich einmal den Beweis liefern, daß es nicht Feigheit gewesen, die ihn ehemals vom Duell zurückgehalten. Jetzt band ihn ja nicht mehr die Rücksicht auf seine Mutter und heiliger als das dem Verstorbenen gegebene Versprechen war ihm seine Pflicht gegen Gertrud. Für ihr Glück galt es zu kämpfen, für ihre und seine Zukunft. Bevor er seinen fast täglichen Gang zum Gericht antrat, suchte er einen seiner Kollegen auf, der nur um wenige Jahre älter war als er selbst. Ohne den Kollegen in die dem Austreten des Herrn von Kappenberg zugrunde liegenden Vorgänge einzuweihen, berichtete er nur kurz die Tatsache des brüsken Benehmens des Regierungsassessors, durch das er sich beleidigt fühlte. »Und Sie wünschen nun, daß ich dem Herrn Ihre Forderung überbringe?« fragte der Rechtsanwalt. »Jawohl, darum wollte ich Sie bitten,« erwiderte Kurt Ulrici, ganz von dem Verlangen nach Rache beherrscht, »und ferner möchte ich Ihnen dringend ans Herz legen, mit dem Zeugen des Herrn von Kappenberg so scharfe Bestimmungen als nur irgend möglich zu verabreden.« Der Rechtsanwalt aber zuckte lächelnd mit den Achseln und erklärte: »Ich bedauere, Ihnen nicht dienen zu können, Herr Kollege. Ich bin ein prinzipieller Gegner des Duells und kann als solcher natürlich nicht den Kartellträger spielen. Können Sie denn die Angelegenheit nicht in anderer Weise zum Austrag bringen?« Kurt Ulrici verneinte, während er über sich selbst errötete. Aber das Gefühl der erlittenen Beschimpfung, der Gedanke an das Duell, nach dem er sich mit einem Male wie nach einer Erlösung von jahrelanger Schmach sehnte, beherrschte ihn noch zu sehr, als daß er dieser leisen Regung von Scham nachgegeben hätte. Die Folge der Ablehnung des einen Kollegen war nur, daß er sich an einen zweiten wandte, von dem er wußte, daß er Reserveoffizier war. Als solcher konnte er natürlich die Übernahme der Mission als Kartellträger nicht verweigern. Aber das Resultat war ein überraschendes, unerwartetes. Der Herr kam mit einem sehr erregten Gesicht zurück, aus dem sich Enttäuschung und Ärger sehr deutlich malten. Ja, in seinen Mienen und in seinem ganzen Wesen drückte sich eine kühle Gemessenheit aus, die sehr von dem sonst freundlich kollegialen Wesen des Herrn abstach. »Herr von Kappenberg«, erklärte er, »weigert sich, Ihnen Satisfaktion zu geben.« »Weigert – sich?« wiederholte Kurt Ulrici mechanisch, von einem unbestimmten Schrecken ergriffen. »Ja. Er behauptet, daß Sie, Herr Kollege Ulrici nicht satisfaktionsfähig seien.« Kurt Ulrici fuhr zusammen, als habe ihn ein Keulenschlag getroffen. Das hatte er nicht erwartet. Daran hatte er nicht gedacht. In ohnmächtiger Wut erkannte er, daß er kein Mittel besaß, Herrn von Kappenberg vor seine Pistole zu zwingen. Er konnte nur in stillem Grimm die Fäuste ballen und sich die Lippen blutig nagen. Den Schaden hatte er noch obendrein, daß er sich vor dem Kollegen da, der sich mit steifer Förmlichkeit empfahl, bloßgestellt hatte. Wie vor den Kopf geschlagen, saß Kurt Ulrici eine ganze Weile da, nachdem ihn der andere verlassen hatte. Eine furchtbare Ernüchterung bemächtigte sich seiner. Das Rachegelüst war aus einmal in ihm verraucht und hatte einem vernichtenden Schamgefühl Platz gemacht. Recht war ihm geschehen, vollkommen recht. Herr von Kappenberg handelte von seinem Standpunkt aus durchaus logisch. Jedenfalls hatte der heißblütige Herr mehr Konsequenz bewiesen als er selbst. XI In des Obersten Mienen stritten Schmerz und Kummer mit zorniger Entrüstung, als er an demselben Nachmittag dem Verlobten seiner Tochter gegenübertrat. »Mit diesem Makel aus Ihrer Vergangenheit«, sagte er herb, »wäre es Ihre Pflicht gewesen, den Umgang aller derer zu meiden, von denen Sie voraussetzen mußten, daß Sie gesellschaftliche Beziehungen mit Ihnen nicht aufrechterhalten können.« Ein bitteres Lächeln zuckte um Kurt Ulricis Lippen. »Sie werden mir zugeben,« entgegnete er, »daß ich mir alle Mühe gegeben, ja, daß ich selbst vor offener Unhöflichkeit nicht zurückschreckte, um allen unerwünschten gesellschaftlichen Beziehungen aus dem Wege zu gehen.« Über des Obersten Gesicht huschte ein momentaner Ausdruck von Verlegenheit. »Allerdings« – gab er zu. »Ich will nicht ungerecht sein. In dieser Hinsicht war allerdings Ihr Verhalten einwandfrei. Aber ich kann Ihnen doch den Vorwurf nicht ersparen, daß Sie Ihre Zurückhaltung nicht genügend gewahrt haben. Sie durften meiner Tochter, der Tochter eines Offiziers, nicht von Liebe sprechen. Sie durften, als es dennoch geschehen war, mir, dem Vater, vollen Ausschluß über Ihre Vergangenheit nicht vorenthalten.« Kurt Ulricis schlanke Gestalt erzitterte unter der tiefen Gemütsbewegung, die ihn ergriff. Eine heiße Blutwelle stieg ihm vom Herzen empor und färbte sein bleiches Gesicht bis zur Stirn hinaus. »Als ich Gertrud in meine Arme schloß,« rief er leidenschaftlich, »handelte ich unter dem Antrieb einer höheren, unwiderstehlichen Macht, die stärker war als mein Wille und mein Vorsatz. Und nun, nachdem ich erkannt hatte, daß Gertrud meine Liebe erwiderte, nun sollte ich das Göttergeschenk ihrer Liebe mit eigener Hand von mir weisen? Nein, das konnte niemand von mir verlangen, Herr Oberst! Das ging einfach über Menschenkräfte. Ja, wenn ich den Makel, den mir meine Standesgenossen anhaften wollen, als berechtigt anerkennen müßte, wenn ich mich nach dem Urteil aller Menschen von Ehre, nicht bloß nach dem einer bestimmten Kaste, für ehrlos betrachten müßte, dann freilich wäre es ein Verbrechen, jemals an eine Verbindung zwischen Gertrud und mir zu denken. Mein Glück, und das des geliebten Mädchens freiwillig aber einem Vorurteil zum Opfer zu bringen, einem eingebildeten Gefühl, über das auch Ihre Standesgenossen nach zwanzig oder fünfzig Jahren lachen werden, dagegen sträubt sich jeder Gedanke, jede Fiber in mir.« In dem faltigen Gesicht des alten Offiziers vibrierte es lebhaft und in dem Blick, der jetzt aus seinen Augen zu dem jungen Mann hinüberflog, malte sich eher Wehmut und Bedauern, als ein anderes Gefühl. Er machte eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand, als wollte er den Eindruck, den die Worte und die ganze Persönlichkeit des Sprechenden auch in diesem Augenblick auf ihn hervorbrachten, von sich abwehren. »Wir leben noch nicht in den Anschauungen,« erwiderte er, »die vielleicht in zwanzig Jahren oder noch später Geltung haben werden. Und wir müssen mit den Ansichten rechnen, die noch heute die herrschenden sind. All mein Empfinden aber sträubt sich dagegen, meine Tochter, mein einziges Kind einem Manne zu geben, der nicht imstande sein wird, seine Frau zu schützen in der Weise, wie es unter Ehrenmännern Brauch ist. Mein Ehrgefühl läßt nicht zu, einen Mann meinen Sohn zu nennen, der sich nicht verteidigen kann, wenn man seine Ehre angreift. Ich kann, ich will mich nicht der Eventualität aussetzen, über meinen Schwiegersohn erröten und mich still hinwegschleichen zu müssen, wenn man über ihn die Achseln zuckt und seinen Mut in Frage stellt.« »Aber Sie glauben es verantworten zu können, das Glück Ihres Kindes aus Rücksicht auf eingebildete Empfindungen preiszugeben, die für Sie nicht mehr bestehen, sobald Sie nur ernstlich wollen.« Oberst Hammer fuhr sich mit den Händen durch sein silberweißes Haar, das noch in stattlicher Fülle Scheitel und Stirn bedeckte. »Sie können nicht von mir verlangen,« rief er, »niemand kann von mir erwarten, daß ich nun plötzlich aus meiner Haut hinausspringe. Anschauungen, Gefühle, denen ich ein ganzes Menschenalter nachgelebt habe, die tief in mir wurzeln und ein Teil meines Selbst sind, die kann ich nicht plötzlich von mir tun, weil Sie sagen, sie seien falsch, sie seien nur eingebildet. Für mich und alle die, die auf meinem Standpunkt stehen, sind diese Empfindungen eine reale Macht, an der Glück und Leben zerschellen, wenn man sie nicht respektiert. Und Sie selbst, was hat Ihnen all Ihr stolzes Selbstgefühl, die Überzeugung von Ihrem Recht, geholfen? Haben Sie sich nicht verbittert, menschenscheu, ängstlich vor jeder Berührung mit Menschen Ihres sozialen Standes zurückgezogen?« Kurt Ulricis Stirn zog sich in düstere Falten, seine Stimme klang dumpf grollend, während er erwiderte: »Das habe ich freilich getan – ich habe es tun müssen, weil meine nächsten Freunde und Angehörigen, die, von denen ich erwarten konnte, daß sie mir Glauben schenken, daß sie meine Gründe, meine Überzeugung achten würden, mich schmählich im Stich ließen.« »Nun ja – sehen Sie! Und auch ich kann nicht anders, auch zwischen Sie und mich tritt nun der unglückliche Vorgang in Ihrer Vergangenheit. Und wenn Sie auch sagen, es war nicht Mangel an Mut, es waren andere Gründe, die Sie abhielten, die unter Ehrenmännern übliche Genugtuung zu fordern, wie wollen Sie den Beweis dafür erbringen, wie wollen Sie den Zweifel abwehren, der Ihnen immer – immer wieder entgegentreten wird? Ich aber, ich kann nicht einen Mann in meinem Hause und in meiner Familie aufnehmen, dem jeder Bube das Recht hat, den Vorwurf der Feigheit ins Gesicht zu schleudern. Und so sehr ich auch mein Kind beklage, ich kann nicht anders, ich kann nicht gegen meine Natur. Ich kann nicht aus mir heraus, ich kann nicht mit Füßen treten, was mir immer heilig und teuer war.« Der Oberst ging. Kurt Ulrici hielt ihn nicht zurück. Er fühlte, daß hier das bloße Wort ohnmächtig war. Eines Mannes heilige Überzeugung stieß man nicht mit leeren Reden über den Haufen. In einer frühen Abendstunde desselben Tages saß Kurt Ulrici einsam in seinem Zimmer, als plötzlich die Tür aufging und hastige leichte Schritte über seine Schwelle huschten. »Kurt!« rief eine unter ungestüm hervorstürzenden Tränen erstickte Stimme. Im nächsten Moment kniete vor dem verstört sich umschauenden Manne die zarte Mädchengestalt Gertrud Hammers. Von dem lieblichen Gesichtchen war jede Spur von Frohsinn und Lebensfreude verschwunden. Bleich, mit einem fremden Zug tiefen seelischen Leidens in ihren Zügen, blickte Gertrud zu ihm empor. Erschreckt und ergriffen zugleich sprang Kurt Ulrici auf und zog die Kniende mit einer instinktiven Bewegung zu sich empor. »Wie – du, Gertrud!« stammelte er. »Du verabscheust mich nicht, du bebst nicht zurück vor der Berührung des Geächteten, Entehrten?« Sie machte eine Bewegung, als wollte sie sich aufs neue zu seinen Füßen niederwerfen, aber er hielt sie mit seinen Armen umschlungen. »Für mich, Kurt,« rief sie, »bist du und bleibst du der beste, edelste, liebste Mann auf Erden!« Über sein Gesicht breitete sich ein frohes Leuchten und aus seinen sich umflorenden Augen brach ein Strahl innigster Genugtuung. Seine Arme legten sich fester um sie und seine Gestalt reckte sich in stolzem Selbstgefühl in die Höhe. Nun mochte ihn verachten, wer wollte, nun mochten sie ihn schmähen, verdächtigen, begeifern. Ein Geräusch draußen auf dem Flur riß ihn plötzlich aus seiner gehobenen Stimmung. Er blickte sich ernüchtert um und das Bewußtsein der schwierigen, außergewöhnlichen Situation, in die sich Gertrud begeben, legte sich ihm beklemmend auf die Seele. Zugleich aber drückte er sie noch einmal innig an seine Brust und hauchte einen hastigen, keuschen Kuß auf ihre Stirn. Dann ließ er seine Arme sinken und ergriff sie an der Hand. »Komm!« forderte er sie auf. »Du mußt sogleich wieder fort. Wenn dich nur niemand gesehen hat!« Sie aber zuckte unbekümmert mit den Achseln und widerstrebte dem Druck seiner Hand, die sie fort, nach der Tür zu, ziehen wollte. »Papa erklärte mir,« sagte sie, »daß wir die Stadt verlassen werden – schon sehr bald! Und nun komme ich, um dich zu fragen, Kurt, was nun aus uns werden soll.« Sie heftete einen Blick auf ihn, aus dem schrankenlose Hingebung, unerschütterliche Liebe strahlte. Kurt Ulrici antwortete nicht. Er blickte düster zu Boden und zuckte mit den Achseln. »Kurt!« rief sie mit einem Ausdruck voll Angst und Schrecken. »Armes Kind!« sagte er erschüttert, selbst von brennendem Schmerz ergriffen. »Gegen den Willen deines Vaters sind wir ohnmächtig. Wir müssen uns ihm fügen oder warten – lange Jahre!« Er sah, wie sie erschauerte. Und nun flammte plötzlich dunkle Glut in ihrem bleichen Antlitz auf und ein unendlich lieblicher Ausdruck von zitternder Verschämtheit verschönte die schmerzdurchwühlten Züge. »Ich habe gehört,« sprach sie flüsternd, stammelnd, ihren Blick vor dem seinen senkend, »daß Brautpaare nach England flüchten, um sich heimlich trauen zu lassen.« Ein Schrei des Entzückens brach sich über seine Lippen Bahn. Mit einer heftigen, impulsiven Bewegung riß er sie an sich und hielt sie innig, fest umschlungen, als wollte er sie nie wieder von sich lassen. Und tief sah er ihr in die ergeben, unter Tränen zu ihm emporschauenden Augen. So verstrichen ein paar stille Sekunden, bis er plötzlich aus tiefster Brust aufstöhnte. »Nein, nein!« rief er laut, heftig, als gelte es eine Versuchung von sich abzuwehren, gegen die er seine ganze moralische Kraft aufbieten mußte. »Das dürfen wir nicht, in unserer – in meiner Lage unmöglich! Das kann ich nicht!« Und als sie nun fassungslos schluchzend zusammenbrach, da nahm er sie mit zarter Liebe in seine Arme und tröstete und schmeichelte und bettete ihren Kopf an seine Brust und ließ sie sich an seinem Herzen ausweinen. Dann ergriff er sie an der Hand und verließ mit ihr seine Wohnung. »Ich will dich selbst zu deinem Vater zurückbringen«, sagte er. »Offen und ehrlich wollen wir vor ihn hintreten und ihm erklären, was wir zu tun beabsichtigen. In fünf Jahren erlangst du nach dem Gesetz die freie Verfügung über dich und kannst dich mit dem Mann deiner Liebe verheiraten auch ohne Einwilligung deines Vaters. Bis dahin laß uns warten, du bei deinem Vater – ich allein!« * * * Es war acht Tage später. Kurt Ulrici kam ermüdet vom Gericht, wo er drei Stunden plädiert hatte. Als er aus dem dumpfen, überwarmen Gerichtszimmer auf die Straße hinaustrat, fröstelte es ihn unwillkürlich. Schon war der Herbst gekommen und ein kühler Wind riß die gelben Blätter von den Bäumen, die den Marktplatz umsäumten, den Kurt Ulrici, seine Aktenrolle unter dem Arm, eben durchkreuzte. Er beflügelte seine Schritte. Hinter ihm lärmte die ausgelassene Jugend, froh der langweiligen Schule wieder einmal entronnen zu sein. Kurt Ulrici wollte eben vom Marktplatz in die Hauptstraße einbiegen, als er plötzlich laute Rufe, angstvolles Schreien hörte. Menschen mit furchtverzerrten Gesichtern stürzten an ihm vorüber, ein polterndes, donnerndes Geräusch schallte die Straße herauf. Und nun erkannte er auch die Ursache des Tumultes. Ein schwerfälliger Arbeitswagen kam in rasendem Tempo heran. Dem Kutscher war die Leine entglitten; die wildgewordenen jungen Pferde stürmten in toller Karriere dahin. Kurt Ulrici warf einen unwillkürlichen Blick hinter sich. Die fröhliche Schuljugend hinter ihm neckte und balgte sich noch immer und vor dem selbst verursachten Lärmen hörten und sahen sie nichts von der sich ihnen schnell nähernden Gefahr. Die nächste Minute mußte eine furchtbare Katastrophe bringen. Kurt Ulrici überlegte nicht. Ohne daß er selbst ein rechtes Bewußtsein hatte von dem, was er tat, sprang er mit einem Satz mitten auf den Fahrdamm; seine Aktenmappe ließ er zu Boden fallen und mit einem schnellen Ruck schob er seinen Hut von der Stirn ins Genick. Und nun den Oberkörper wie zum Sprung vornübergebeugt, die Arme und Hände wagerecht ausgestreckt. Der Anprall zwischen dem mutigen Mann und den heranrasenden Tieren war heftig. Aber Kurt Ulrici griff mit beiden Händen fest zu und mit aller Kraft seines Körpers hängte er sich an die erfaßten Zügel und zerrte und riß, bis er fühlte, daß die Pferde zur Seite abschwenkten, wo die Häuserreihe ihren Lauf hemmen mußte. Wohl war die Kinderschar gerettet, wohl hatte niemand aus der Straße Schaden genommen, der mutige Retter aber fühlte plötzlich einen stechenden Schmerz am Hinterkopf und im nächsten Moment erhielt sein linker Arm einen furchtbaren Schlag. Seine Hände ließen los, bewußtlos sank Kurt Ulrici zu Boden. * * * Der bei dem kühnen Rettungswerk schwer zu Schaden Gekommene hatte langwierige Krankheit zu bestehen. Gefährlicher als die Kontusion am Kopf, die Kurt Ulrici bei dem Anprall an der Mauer eines Hauses davongetragen, erwies sich die Verletzung seines Armes. Die eisenbeschlagene schwere Deichsel hatte den Knochen des Unterarmes vollständig zersplittert und der Arm mußte amputiert werden. Wochenlang schwebte der Leidende zwischen Tod und Leben. Als endlich jede Gefahr vorüber und der Verletzte in die Rekonvaleszenz eintrat, konnte sich endlich die Bewunderung und Dankbarkeit, die die mutige Tat in der Stadt allgemein erregt hatte, Luft machen. Eine Deputation der städtischen Körperschaften erschien in der Wohnung des Genesenden, um ihm zu danken und ihm in herzlichen Worten die Anerkennung seiner Mitbürger zu übermitteln. Von seiten der Staatsbehörde erfolgte eine öffentliche Belobigung sowie die Verleihung der Rettungsmedaille. Am meisten aber überraschte und erschütterte den Rekonvaleszenten der Besuch des Obersten Hammer. »Gestatten Sie auch mir, lieber Ulrici,« sagte der alte Herr und drückte dem Rechtsanwalt warm die gesund gebliebene Rechte, »gestatten Sie auch mir, Ihnen meine Bewunderung und meine Hochachtung auszudrücken. Sie haben mit Einsetzung Ihrer Gesundheit und Ihres Lebens eine Anzahl blühender jungen Menschenleben gerettet und namenlosen Kummer von mehr als einer Familie ferngehalten. Mich aber haben Sie durch Ihre Tat seelisch tief erschüttert und Sie haben mich alten abgehärteten Soldaten um und um gekrempelt. Ja, mein lieber Ulrici –« der alte Offizier stand auf; die heftige Gemütsbewegung, die ihn ergriff, litt ihn nicht auf seinem Sitz – »ja, mein lieber Ulrici, Sie haben mich überwunden mit Ihrer Tat. Und wenn Sie meine Gertrud noch mögen, dann will und kann ich sie Ihnen nicht länger vorenthalten. Mag daraus entstehen, was da wolle!« Kurt Ulrici fuhr überrascht in die Höhe. »Herr Oberst – das – das wollen Sie tun?« stammelte er glückselig. Der alte Herr nickte. »Es wäre grausam,« sagte er, »wenn ich Ihnen den Lohn Ihrer Tat vorenthielte. Sie haben Ihr Leben in die Schanze geschlagen und haben sich gesagt: entweder ich erringe mir das Mädchen meiner Liebe oder ich gehe zugrunde. Sie haben gesiegt. Für Gertrud und Ihre beiderseitige Liebe haben Sie es getan. Sie haben sich durch Ihre Tat rehabilitiert und niemand kann Ihnen künftig mehr vorwerfen, daß Sie über die Gebühr für Ihr Leben besorgt sind.« In Kurt Ulricis Mienen spiegelte sich ein sonderbares Gemisch von Erstaunen, Befremdung und Enttäuschung. Als der Oberst nun schwieg, strich er sich mit der Hand über die Stirn, atmete ein paarmal tief und erklärte dann freimütig: »Sie irren, Herr Oberst, wenn Sie annehmen, daß ich an mich, an Gertrud und unser Glück dachte, als ich mich den Pferden in die Zügel warf. Ich dachte in diesem Augenblick überhaupt nicht. Ich fühlte nur – ich empfand eine schwere, unerträgliche Beklemmung bei dem Gedanken an das Unglück, das entstehen mußte, wenn die scheuen Tiere in die ahnungslose, wehrlose Kinderschar hineinrasen würden. Ich fühlte die Notwendigkeit, das drohende Unglück zu verhüten, und in diesem seelischen Zwange handelte ich, instinktiv, ohne Überlegung, ohne Bewußtsein. Was ich tat, tat ich nicht um eines Lohnes willen und ich verdiene keinen Lohn.« Der Oberst blickte den Sprechenden mit weitgeöffneten Augen an. Und nun strahlte und leuchtete es über seine verwitterten, alten Züge. »Dann, lieber Ulrici,« sagte er und schlang in einer impulsiven Bewegung seinen rechten Arm um des Jüngeren Schultern, »dann gebührt Ihrer Tat noch weit mehr Anerkennung und Bewunderung, als ich ahnte. Sie handelten nicht für sich, um einen Vorteil zu gewinnen, Sie handelten so, wie Sie aus Ihrer edlen, hochherzigen Natur heraus handeln mußten. Und nun soll mir noch einer kommen und soll die Achseln über Sie zucken! Niemand hat das Recht, über einen Mann, der moralisch so hoch steht wie Sie, sich das moralische Richteramt anzumaßen und den Verdacht der Furcht und Feigheit gegen Sie zu erheben. Den Beweis, daß es nicht Furcht war, die Sie einst vor Jahren zu Ihrer so heftig angegriffenen Handlungsweise bewog, haben Sie glänzend erbracht. Und ich meine, Sie haben jetzt das Recht zu fordern, daß man Ihre Motive wenigstens anerkennt und gelten läßt, wenn man auch Ihren Standpunkt nicht teilt. Und wenn es mich auch meinen Offiziersdegen, den ich nun seit über vierzig Jahren getragen habe, kosten sollte, ich will doch jedem, der es hören will, erklären, daß Sie in meinen Augen ein Ehrenmann sind vom Scheitel bis zur Sohle trotz des soldatischen Ehrengerichts, das Ihnen die Ehre abgesprochen hat. Zum Donnerwetter, leben wir nicht im Angesicht des zwanzigsten Jahrhunderts? Sollen wir nicht endlich aufhören, einander intolerant und kleinlich zu verketzern, weil der eine in einer politischen oder sozialen Frage anders denkt als der andere? Doch genug des Geschwätzes! Kommen Sie, begleiten Sie mich! Besser als meine schönsten Reden wird Sie Gertruds Kuß entschädigen für alles, was Sie durchlitten und durchkämpft haben. Kommen Sie! ...«