Hans Hart Das Haus der Titanen Zwei fette, weiße Hände glitten durch die Luft auf und nieder wie ein schnäbelndes Taubenpaar. Eine Zeitlang standen sie steil aufgerichtet, dann schwebten sie wieder flach ausgestreckt über den Köpfen der Menschen, die sich unter den zwei feierlichen Händen drängten und neigten. Das waren gar wunderliche Köpfe, alte und junge, hübsche und häßliche, und dazwischen ein winziges rotes Ding, wie ein Äpfelchen. Und jetzt schwangen die fetten, weißen Hände ein silbernes Kännlein über dem roten pausbackigen Etwas mit dem blonden Wuschelhaar. Durch die breiten Glasscheiben fiel vom Wintergarten her die Januarsonne in das hohe Zimmer mit den lichtrosa Wänden, die ein weißer Stucksims abschloß. Überall war ein Funkeln und Leuchten auf den schweren, schwarzen, altmodischen Schränken und Konsolen mit dicken geschnitzten Fruchtkränzen und grinsenden Faunköpfen. Die hohen, kobaltblauen chinesischen Deckelvasen schimmerten auf. Über die lichtrosa Wände glitten die seltsam gezackten Schatten der Palmen, draußen im Garten aber ragten die kahlen, silberverzierten Bäume in weißem Märchenglanz. Auch über alle Menschenköpfe spielte die Sonne, über blankpolierte Kugelköpfe mit armseligen Haarbüscheln über den Ohren und Augen, über feine, helleuchtende Frauenköpfe, und vor allem über schwere, plumpe Schädel mit trotzigem Kinn. Die waren in der Mehrzahl. Gleich der hochgewachsene, breite Mann, der das silberne Kännlein schwang, gehörte dazu, die großen grauen Augen blitzten voll Gottvertrauen und Eigenwillen auf das zwergenkleine Menschenköpflein nieder und trafen dabei ein zweites Augenpaar, ebenso grau und ebenso trotzig, und darin sprangen goldhelle Fünkchen, wie der Abglanz eines inneren Feuers, das hinter der Stirn mit den wuchtigen Buckeln lohte. Ein gar stolzes Lächeln lag um den breiten, gewalttätigen Mund, der starke gelbliche Zähne hatte, genau wie bei dem Mann, der das Menschenkind taufte. Die beiden Riesen lächelten einander zu, als hätten sie ein Einverständnis über alle anderen weg. Hinter dem Mann mit den lodernden Augen stand eine schöne Frau, schwer und starkknochig, in schimmernder schwarzer Seide. Eine goldene Haarkrone, nur leicht mit Silber umsponnen, lag auf dem mächtigen Haupt, aber darunter war alles weich und gütig, schimmerte rosig und vergnügt und strafte das vorschnellende Kinn schier Lügen. Und das Lächeln in den blauen Augen war froh und hell wie das Leuchten der Sonne, die tausend stille Goldfäden ins Zimmer spann. Ganz leise lehnte die Frau den Kopf an die Schulter des ältesten Bruders, der alle die andern Riesen noch überragte, wuchtig und derb, mit Muskeln bepackt wie ein Ardenner. Wieder die starken Knochen, das trotzige Kinn, und wie bei der Frau helle, deutsche Blauaugen voll Herzensgüte und Schalkhaftigkeit, nichts von dem gierigen Grau der zwei anderen Männer. Auch das Haar war anders, dunkelbraun und ein wenig grau gemischt bei den Grauaugen, goldblond und leicht gewellt bei den beiden, die da Schulter an Schulter standen. Ein Riesengeschlecht, in dem zwei Blutströme kreisten, verschieden und doch eins. Und jetzt rollte eine mächtige Stimme wie Orgelton über alle Köpfe hin. »Ihr Kinder seid das Licht der Welt. Es mag eine Stadt, die auf einem Berge steht, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind. Also lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Und habt dieses Kind lieb, denn es ist von eurem Blut. Haltet ihm Treue, auf daß es euch Treue halte! Und wie Seine Hoheit Prinz Elias dich heute trägt und hält zur Taufe, du Erdenwürmchen, so sollst du ein Prinzlein aller irdischen Helligkeit werden und deiner Seele nicht vergessen. Du bist ein Williguth. Die waren stark und treu im Herrn, immer und allezeit.« Die vier mächtigen Köpfe um den Täufling nickten im Rhythmus. Ihr Lächeln war fast hochmütig und verriet, daß sie alle Geschwister waren. Wie ein Zug saß dieses Lächeln um alle die festen Lippen. Und wieder schwoll die Stimme des Superintendenten zum Orgelrollen, nur seine linke Hand, die jetzt das silberne Kännlein niedersenkte, zitterte leise. »Und so taufe ich dich denn im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes Sebastian Philipp Elias. Und du sollst Elias heißen, wie seine Hoheit hier und der Prophet, der auf feurigem Wagen zum Himmel fuhr. Mache uns keine Schande, Elias Williguth!« Aus dem Kännlein floß ein Wasserfaden, und blitzende Tropfen fielen auf das rote Zwergengesicht. Da zog das Kind die Augen ein, öffnete sie schnell wieder, ballte den winzigen, eigensinnigen Mund in lustige Falten und nieste kräftig der Sonne entgegen. »Du nimmst zuviel Wasser, Friedemann,« sagte voll Vorwurf die große Frau mit der blonden Haarkrone und wischte mit ihrem Spitzentuch schnell über das nasse Gesichtchen. Der Superintendent Friedemann Williguth lachte: »Schwester, das Leben hat grobe Fäuste.« Und der Mann mit den leuchtenden grauen Augen nickte: »Er soll sich beizeiten hart wie Stahl schmieden.« Sein Blick suchte etwas, fand es nicht und flog dann wieder schnell geradeaus. Aber die buschigen dunkelbraunen Brauen schoben sich finster zusammen. Er drückte die Schultern nach vorne, wie ein Pferd, das sich in die Stränge wirft, wandte sich zum Prinzen Elias, dessen rote, mächtige Nase in dem hageren, blassen Gesicht wie eine Laterne leuchtete, und dankte ihm mit klarer Stimme. Jedes Wort saß und war wie vergoldet von einer Liebenswürdigkeit, die das strenge, bartlose Antlitz jung und schön machte. Das Kind lag jetzt im Arm der Amme. Ein feiner schlanker Mann stand dicht davor, gütige, braune Augen lachten aus einem brünetten, scharfgeschnittenen Kopf auf den kleinen Elias nieder. Und schmale, zartgliedrige Finger spielten mit dem Wuscheligen Blondhaar. Alles an diesem Manne war Güte und Scheu, in dieses Lächeln warf er seine ganze Seele und blieb noch reich genug. Wie ein heimlicher Fanatiker blickte er seinen Enkel an. »Jakobe,« sagte er dann ganz leise und streckte einer hochgewachsenen, braunhaarigen Frau, die in blaßgoldenem Brokat schimmerte und stolz und verträumt in die Sonne starrte, beide Hände hin: »Ich danke dir.« Da hob die Frau die Augen, die waren braun und groß und hatten ein heimliches Leuchten, wie bei Menschen, die viel und stark nach innen leben. Und hatten eine seine Ähnlichkeit mit den Augen des Mannes, nur unruhiger und heißer. Ein scheues Lächeln huschte um den vollen, roten Mund, der noch der eines Kindes war und doch viel Kenntnis heimlich verbarg. »Habe ich es recht gemacht, Papa?« Graf Nikolaus Forcade streichelte die Hand seiner Tochter. Dicht schob er sich heran und flüsterte: »Gib acht auf ihn!« Sie nickte schnell. Und beide sahen hinüber nach dem Mann mit den funkelnden grauen Augen, in Angst und Ehrfurcht. Jakobes schmale Schultern beugten sich schützend über das Kind. Und die Augen hielten schnelle Zwiesprache. Langsam kam der gewaltige Mann näher. Da wichen Vater und Tochter voneinander, als hätten sie eine schuldige Heimlichkeit. Breit und sonnig lachte Geheimrat Philipp Emanuel Williguth, als er jetzt die seltsam bewegliche und weiße Hand auf das Haupt des Kleinen legte. Selbstbewußt stand er da und hielt sein Eigentum fest. »Wo ist die Miriam?« Wieder grollte es in seiner Stimme, weil nicht alle zum Fest seines Enkels kamen. Graf Forcade legte den Kopf auf die linke Schulter: »Die schläft. Heute abend singt sie.« Und dann, wie zur Entschuldigung: »Du weißt ja.« Der Geheimrat schoß einen scharfen Blick zum Schwiegervater seines Sohnes, als wollte er sagen: »Zwinge sie doch einfach!« Aber er schwieg. Nur ein beinahe geringschätziges Lächeln ging um seinen willensstarken Mund. Dann furchte er plötzlich steilrecht die Brauen. Abermals suchte sein Blick etwas und fand es wieder nicht. Hochaufgerichtet und kalt stand er so hinter seinem Enkelkind und nahm die Glückwünsche entgegen, als gebührten sie ihm ganz allein. Sein schwerer Leib deckte herrisch die schlanke Frau im Goldbrokat. Seine Schwester Kunigunde Tredenius flüsterte fast ängstlich: »Wo ist Heinz?« Einen Augenblick schwieg Philipp Emanuel, dann hob er den Kopf und sagte laut und deutlich: »Mein Sohn arbeitet auf der Klinik.« Und mit einem Lächeln an alle Gäste: »Feste sind nur für uns Alte.« Aber sein rechter Fuß stampfte den Boden, in leiser Ungeduld, während der harte Mund lächelte und freundliche Worte fand. Nur die Brauen standen noch immer in steilen Furchen. Durch den Leib der jungen Mutter rann ein Zittern, der schwere Goldstoff bebte leise, hier und dort. Doch auch in ihren Augen war ein Lächeln, starr und wie auf dem Theater. Jakobe Williguth atmete schwer. Philipp Emanuel fühlte es, aber er wandte nicht einmal den Kopf. Durch die Gäste drängte sich jetzt ein Knäblein, nach Pagenart in weiße Seide gekleidet. Um Hals und Schultern lag ein reicher Spitzenkragen, aus dem ein derbes rundes Kindergesicht wuchs, mit hellen grauen Augen und trotzigem Mund. Mit beiden Fäusten bohrte der Wildfang seinen Weg und zerrte und zog, weil ein kleiner, kugelrunder Mann ihn verzweifelt an der weißen seidenen Schärpe festzuhalten suchte. Jetzt hatte das Kind den Geheimrat erreicht, hob die kleinen, stämmigen Arme und bettelte: »Gib mir Kleinbruder, Großer Papa!« Philipp Emanuel schmunzelte behaglich und streichelte das dunkelblonde Haar des Kleinen, der voll spitzbübischen Vertrauens zu ihm aufblickte. Frau Jakobe sagte leise: »Sei doch brav, Witte!« Das Büblein hob den Kopf zur Mutter: »Onkel Aurelius hat mich so brav gemacht. Laß mal los, du!« Und er zerrte an seiner Schärpe und grinste vergnüglich nach dem kleinen dicken Herrn mit dem schüttern hellblonden Zottelbart. »Ja, aber lange hat es nicht gedauert,« murmelte verlegen Doktor Aurelius Schückedanz und schob den glänzend polierten, kahlen Schädel zwischen die feisten Schultern, daß an Kinn und Nacken lustige Speckfalten hüpften. Am liebsten wäre er stracks in das Schneckenhaus gekrochen, das er rings um seine schüchterne und gute Seele aufgebaut hatte, als sein Blick auf die schmalen, glänzenden Lackschuhe des Geheimrats fiel und Schückedanz an seine ausgetretenen Zugstiefletten dachte. Wie eine Schildkröte bewegte er vorsichtig den Kopf und spähte aus, ob ihn keiner lächerlich fand. Graf Nikolaus Forcade fing den ängstlichen Blick auf und lächelte fein. Wieder ein scheuer Mensch in diesem selbstgerechten Hause. Ein heller Schimmer glitt über Forcades braunverwittertes Antlitz. Behutsam winkte er dem kleinen Professor Schückedanz, der Bein und Arm abschneiden konnte und in Gesellschaft wie ein Schreiberlein wirkte. Forcade schritt voran, und Aurelius rollte vergnügt hinterdrein. Hellgrünes Gold flimmerte im Wintergarten. Und draußen leuchtete weiß und froststarr der Winter. »Ist's nicht, als freute sich alles über den winzigen Elias?« Schückedanz nickte heftig. Nikolaus Forcade zwinkerte lustig aus den braunen Träumeraugen: »Professor, Sie müssen nachher eine Tischrede halten, warm und wohlig.« »Ich? Um Gottes willen!« Ganz leise sagte der Graf: »Sonst ist es eiskalt da drin.« Und er deutete in den rosa Salon, wo eben Knabe Wittekind mit großen ernsten Augen den roten Elias beguckte, zuerst schier feierlich, weil er nach den Spuren der heiligen Handlung suchte und am Bruder heimliche Engelsflügel zu finden hoffte, dann aber enttäuscht und geringschätzig in der Überlegenheit seiner fünf Jahre. Schließlich blies er Elias, der ihn nachdenklich und gutmütig anstarrte, kurzerhand ins krebsrote Gesichtlein, worauf der Täufling seine irdische Gebrechlichkeit durch jammervolles Schreien zu erkennen gab und mit den winzigen Fäustchen nach Witte stieß. Jakobe beugte sich über das weinende Ding und blickte es ruhig und still an. Wie eine Bitte war dieser Blick. Elias schnaufte ein paarmal, dann lachte er, machte große runde Augen und schlug mit den Händchen, als die Amme ihn forttrug. In der Tür zum Nebenzimmer stand jetzt ein großer, schwerer Mann, dem ein breiter, brauner, ein wenig krauser Bart bis an die niedere weiße Frackweste reichte. Derb und ungeschlacht waren seine Bewegungen, fest und griffstark die Hände, die er leicht wider einander schlug. Nichts als Schaube und Goldkette fehlte ihm zu einem von Lukas Cranachs gewaltsamen und frommen deutschen Fürsten. »Wir sind so weit, Bruder Geheimrat,« sagte er mit einer Stimme, die das seltsame Orgelrollen des Superintendenten Friedemann Williguth hatte. Philipp Emanuel blickte auf: »Na, Bruder Robert, ist auch genug zu trinken da?« Der Hofzuckerbäcker Robert Williguth nickte würdevoll. Und alle die Williguths in dem hohen sonnigen Raum machten eine feierliche halbe Wendung nach der offenen Tür, voll ernsthafter Befriedigung, daß es zu Tische ging. Prinz Elias reichte Jakobe den Arm. Seine rote Nase schnupperte vergnügt voran, und er war stolz, die schöne Frau zu führen. Der Geheimrat griff Junker Witte auf, schwang ihn hoch wie ein Bündel durch die Luft, daß der Knirps hell aufschrie vor Angst, die sogleich in wilde Freude ausbrach, und setzte ihn rittlings auf seine Schultern. Die weißen Hände lagen fest um die nackten braunen Kinderbeine. In der Türöffnung machte er halt und wartete, bis alles Platz genommen hatte. Die hellen Frauenkleider wirkten lustig und freundlich vor der dunklen Eichentäfelung, in die hier und da große Stilleben eingelassen waren, feiste Fische, bunte Fasanen, leuchtende Früchte, die als Farbflecke aus dem düsteren Braun vorsprangen. Der mächtige venezianische Luster brach die schräg einfallenden Sonnenstrahlen in tausend rote, violette und grüne Lichter und streute ein helles Farbengerinnsel über die lange weiße Tafel, auf der schwere Blüten dufteten. Philipp Emanuel lächelte stolz, als er den gediegenen, ein wenig altmodischen Prunk überblickte. Viel Arbeit hing daran. Ein junges Ding in einem unheimlich kurzen, rosa Backfischkleidchen, ein rosa Band im langen braunen Hängezopf, stand vor einem der schweren Konsoltische, die schmal und reichgeschnitzt unter jedem Stilleben angebracht waren, und mauste ein paar weiße Orchideen aus einem silbernen Füllhorn. Dunkelbraune Augen wandten sich dem Geheimrat zu, und wie Spott blitzte es in dem unregelmäßigen, leidenschaftlichen Mädelgesicht. »O, du spielst den heiligen Christoph, Onkel Philipp,« sagte sie mit heller Stimme, und der kecke Blick wies auf ein uraltes, schmales Tafelbild, das die Rückwand von oben bis unten herablief.   Der Geheimrat setzte schnell, wie unangenehm berührt, den kleinen Witte ab und schritt zu Tische. Fast zornig sah er den überlangen Christoph an, der ein dickes Jesukind mit plumpem Heiligenschein über ein absonderlich geringeltes blaues Wasser trug, hart und eckig auf Holz gemalt. Alles war altersschwarz und undeutlich, Tang und Muscheln, die häßlichen Meerungeheuer vor den Füßen des Heiligen und die bunt zusammengewürfelten Landschaften im Hintergrund. Da gab es eine brennende Stadt, über der ein singender Engel schwebte, Hirten, die Lämmer weideten, und Vogelsteller mit ihren Netzen; eine Reiterschlacht, von der nur mehr die Hinterteile der sich bäumenden Pferde sichtbar waren, alles zwischen seltsam gezackte Berglein und kuriose Bäume und Bauten eingeschachtelt, und schließlich auf kugelrunden Wolken Gottvater selbst in aller Herrlichkeit, von Engeln umgeben, die Posaunen bliesen. Die Posaunenengel waren klar und hell zu erkennen, Philipp Emanuel hatte sie frisch übermalen lassen, zur Erinnerung, daß er selbst im Hause seines musikgewaltigen Vaters Posaune geblasen hatte. Es war ein starker Zug von Zusammengehörigkeit und Familienstolz in diesen Williguths, ob sie nun Organisten, Zuckerbäcker, Ringkämpfer oder weltberühmte Chirurgen wie der Geheimrat waren. Der ewig spöttischen und rätselhaften Renate Forcade just zum Trotz machte Philipp Emanuel den Prinzen Elias auf das Bild aufmerksam. »Ein alter Meister?« fragte der Prinz freundlich und setzte den Kneifer auf. »Nein, Hoheit, das Apothekenschild des Fortunat Williguth aus Quedlinburg von 1632.« Und er wies die verschnörkelte Jahreszahl im Holzsockel, mitten in einem dicken, bunten Kranz von Medizinalblüten, Mohn, Bilsenkraut, Muskatrosen, Ysop und Akonit. Renate schnitt eine lustige Grimasse nach Jakobe hin, und dann wurden ihre Augen plötzlich groß und ernst, als schaute sie an der Schwester allerlei Wunder, die ihrer eigenen Seele noch fremd waren. Die Sonne ließ Jakobes reiches braunes Haar goldig schimmern, wie den matten Brokat, aus dem sich die schmalen, weißen Schultern hoben. Ihr Lächeln war so ruhig, als schliefe ihr Blut einen sanften Schlaf. Jetzt klopfte der Geheimrat an sein Glas, groß und wuchtig ragte er über die zarten Blumen weg, seine Linke wühlte in frühen kostbaren Rosen und zerblätterte sie. In klaren, abgemessenen Worten dankte er dem Prinzen Elias, der sofort das Wohl Jakobes ausbrachte und daran zierliche Worte über Mütterlichkeit und Eheglück knüpfte. Jakobe senkte die Wimpern über die fast erschreckten Augen und hielt den Kopf tief, als bekäme sie Schelte. Breit lachte Philipp Emanuel in sonnigem Behagen: »Ja, das Volk mehrt sich unter meinem Dach.« Schier scharf betonte er das Wort »meinem«. Für die Williguths galt nur der Besitz. Renate in ihrer jungen Unruhe trommelte gelenkig und lautlos auf dem schweren Damasttuch. Ihr Auge haschte nach dem ihres Vaters, und sie nickten einander zu, heimlich, glücklich, ein wenig ungeduldig, wie zwei Verschworene. Die trotzigen Williguths waren ihnen zu laut und zu bestimmt, jedes Wort war ein Hieb und jeder Händedruck ein Griff. Der Rittergutsbesitzer Giacomo Williguth, der reichgewordene große Ringkämpfer, trank und trank, bis die hellblauen Augen leicht verschleiert waren. Hier und da rief er ein kurzes Bravo. Seine starken Kinnbacken kauten das Wort beinahe hervor. Das blütenweiße Hemd über der mächtigen Brust blähte sich wie ein stolzes Segel. Giacomo hob das Glas. Mit einem frohen Kinderlächeln blickte er um sich, auf all den stattlichen Besitz seines Bruders, auf die schöne Frau Jakobe und auf das reiche Silberzeug in gleicher Weise. Dann sagte er kurz: »Auf deinen dritten Buben, Jakobe!« Alle Williguths klatschten fröhlich Beifall. Nur die magere Frau Superintendent, die sklavisch am Blick ihres Mannes hing, schaute verlegen um sich. Aber Friedemann Williguth schlug zufrieden die fetten, weißen Hände zusammen. Da wagte auch die Frau Superintendent zu lächeln. Die kleine Renate verzog den Mund und rettete dann zornig ihre Blumen vor des Hofzuckerbäckers Robert gedankenlosen Fäusten. Immer hatten die Hände der Williguths etwas zu tun oder zu schaffen, und war nichts aufzubauen, zerstörten sie schnell etwas. Graf Nikolaus Forcade winkte dem tödlich verlegenen Professor Schückedanz. Der rieb vorerst den kahlen Schädel rot und zauste den Ziegenbart. Die Augen standen starr und groß, wie erschrockene Kinderaugen. So blickte er auf Jakobe Williguth. Die aber hatte ihr starres, wohlerzogenes Lächeln und sah ihn nicht. Da stand Aurelius mit einem Ruck auf. »Der Schückedanz,« sagte der Geheimrat und schaute belustigt umher, als ergriffe sein Hofnarr das Wort. »Meine Damen und Herren! Es ist heute ein hoher und herrlicher Tag. Ein kleines Menschenkind guckt ins Leben. Lasset uns fröhlich sein!« Schückedanz' Blick grüßte die Blumen und die geschmückten Frauen. Er war der Sohn eines armen Kantors, der bei Sankt Pankraz dem greisen Johann Sebastian Williguth aushalf, denn auch mit fünfundachtzig Jahren ließ dieser alte Trotzkopf nicht von seiner Musik. Glanz und Reichtum hatten für den grundgelehrten Chirurgen noch immer etwas Verwirrendes. »Und da ich seit meiner kargen Studentenzeit in diesem Hause nur Gutes genoß und Liebes fand, will ich hoffen und bitten, daß unser kleiner Elias ein ganzer Kerl werde und ein aufrechter und guter Mensch.« Seine Stimme schlug in ein leichtes Zittern über, in dem scheuer Trotz mitschwang. »Und daß der Ruhm seines Großvaters ihm eine milde Sonne sei.« Schnell blickte er jetzt auf das Tischtuch nieder. Philipp Emanuel saß aufrecht und steif, ebenso seine Brüder Friedemann und Robert. Giacomo spitzte den schweren, breiten Mund wie zum Pfeifen. Nur Frau Gundl Tredenius hob horchend den Kopf, blickte sonderbar und nachdenklich auf die Tür und seufzte ein klein wenig. Renate dankte ihr diesen Blick, den sie schnell begriff. In kindischer Freude langte sie über den Tisch und drückte der gliedermächtigen und herzensguten Frau die Hand. Aber Gundl zog ihre runden weißen Finger schnell zurück und saß jetzt würdevoll und steif, wie ihre Brüder. Auch sie war eine Williguth. Schückedanz aber sprach weiter und ließ seine Stimme hoch und schrill durch den dunkelnden Raum schnellen, in dem die weiße Tafel einen lichten Streif zog. » Vivat, crescat floreat das Haus der Titanen!« Schwere Schritte stampften um den Tisch, Stühle krachten und Gläser klangen, alle waren aufgesprungen und stießen mit dem verwirrten Männlein an. Philipp Emanuel klopfte ihm auf die Schulter: »Gut gemacht, Kleiner. Das Haus der Titanen soll gelten. Ich will es halten. Verlaß dich darauf.« Die großen grauen Augen leuchteten vor innerer Glut. Aber hinter seinem Rücken zog die kleine Renate eine höhnische Fratze. Prinz Elias, dem der Champagner mundete, meinte jovial: »Bei Ihnen, Geheimrätchen, wird mir immer ganz warm ums Herz.« Philipp Emanuel verbeugte sich gut gelaunt: »Ich freue mich sehr, daß Hoheit in meinem Hause sich behaglich fühlen.« Jäh brach er ab. Ein neuer Gast war eingetreten, jung und schön, mit lässigen, etwas linkischen Bewegungen, als trage er stets einen Zwang mit sich. Er war im Frack, aber das Hemd war zerknittert und die weiße Krawatte saß schief. Die nervösen Hände fingerten daran. Große, graue, etwas kurzsichtige Augen musterten die Tafelrunde. Das bartlose Antlitz war grobknochig, nur das Kinn war weich und kurz und trat zurück. Die hohe Stirn, die in schmale Schläfen auslief, hatte frühzeitiges Faltenwerk, wie von leichter Müdigkeit. Der volle Mund war halb spöttisch und halb unsicher. »Da ist mein Sohn,« sagte der Geheimrat laut über die Tafel hin und flüsterte dann: »Sein Hemd ist ein Skandal.« Jakobe war sehr rot und hielt ihr Glas umklammert. Doktor Heinrich Williguth plauderte mit dem Prinzen, zurückhaltend und fremd. Unfreiheit lag über seinem ganzen Wesen. Mit breiten Schultern schob sich der Geheimrat dazwischen: »Ein Partiechen Whist, Hoheit?« »Mit Vergnügen.« An kleinen, grünen Tischen fielen die Karten. Von verblaßten Gobelinwänden blickten braune Niederländer in weißen Halskrausen, das goldschimmernde Weinglas in der derben Hand, ernsthaft und selbstbewußt auf die Spieler. Jakobe spielte mit dem Prinzen und dem Geheimrat. »Meine Schwiegertochter ist eine ausgezeichnete Partnerin, Hoheit. Sie hat von mir gelernt.« Der gute alte Prinz verbeugte sich galant und verlor. Philipp Emanuel nickte zufrieden. Er hatte es nicht anders erwartet. Doktor Heinrich Williguth bot Rauchwerk und Schnäpse an. Er selbst spielte nicht. Wie Elefanten im Zirkus saßen die Brüder Williguth um die kleinen, grünen Tische und lachten unbändig, wenn ihnen ein Trick gelang. Dicke Zigarren dampften wohlriechenden Rauch. Immer dichter hingen die blauen Wölkchen. Wie aus weiter Ferne kam das Kichern und Schelten der Williguths, so gewaltig schmauchten sie. Graf Forcade opferte sich und gab der Superintendentin, die keine Karte kannte, Unterricht im Piquet. Um die übrigen Frauen kümmerte sich niemand. Nur die Karten klatschten. Alles war fort. Durch die offenen Fenster des Spielzimmers zogen graublaue Schwaben in die kalte Nachtluft. Geheimrat Williguth sammelte die Karten und schob jedes Spiel in sein Futteral. Heinrich leerte die Aschenschalen in einen Topf aus Tulasilber, langsam und widerwillig, als machte er sich innerlich über sein Tun lustig. Noch immer saß die Krawatte schief. Der Geheimrat öffnete einen braunen Wandschrank und versorgte die Karten und Spielteller. Dann wandte er sich zu seinem Sohn zurück, rieb die Hände mit den Knöcheln wider einander und sagte selbstzufrieden: »Es war ein gelungener Tag.« Die grauen Augen unter den buschigen, steilstehenden Brauen warteten auf Antwort. Es zuckte wie Bosheit über das schöne Gesicht mit dem kurzen Kinn und dem weichen Frauenmund. Heinz Williguth schlenkerte mit den Armen und murmelte endlich: »Nur eine Blitzlichtaufnahme für die »Woche« hat noch gefehlt.« Philipp Emanuel kreuzte die Arme und warf das Kinn wie ein Bugspriet vor. Die Kinnladen gingen grimmig auf und nieder, doch er verbiß den Zorn. Sorgsam hob er die dunkelfarbigen Schnapsflaschen gegen das Licht und verschloß sie im Schrank, über die Schulter weg fragte er dann gelassen: »Das Lumbalsarkom?« Und als Heinz erstaunt schwieg, sehr scharf und knapp: »Der Fall von Bett 123. Wie steht es?« »Tot.« Und Wort auf Wort in atemloser Folge stieß Heinrich Williguth hervor: »Es ist gut, daß mancher uns doch stirbt. Das knickt den Hochmut.« Die grauen Augen von Vater und Sohn trafen sich, wie Ringer, die ihre Kräfte messen. Die Köpfe hielten sie leicht gesenkt, wie zum Stoß. Rote Flecken brannten unter ihren Augen. Aber sie schwiegen und ließen es beim Blick. Ganz langsam trat eine Frau ins Zimmer, steif und abgemessen, voll kühler Würde. Sofort lächelte der Geheimrat: »Na, Schirlitzchen, sind wir nicht gute Kinder, daß wir so wacker helfen?« Die Hausdame Flora Schirlitz glättete pedantisch und ein wenig geschmeichelt das steife, terrakottafarbene Seidenkleid und schob die dicke Goldbrosche zurecht. In der linken Hand schwang sie den Schlüsselbund, und es gab ein leises Klirren, wenn die dürre knochige Schirlitz einen Schritt nach vorne tat. Wie ein Mann setzte sie den breiten Fuß, und doch lag über all ihrer Wichtigkeit ein Schimmer von Scheu, daß ihre verwaschenen blauen Augen bald herrisch blitzten, bald ängstlich hin und her flatterten, wie gescheuchte Vögel. Niemand ahnte, wie alt Flora Schirlitz eigentlich war. Zwei Männer hatte sie einst begraben, das stand fest. Und an fünfundzwanzig Jahre trug sie den Schlüsselbund in Geheimrat Williguths Hause. Mit der tiefschwarzen Perücke und dem kräftigen Schnurrbartanflug auf der Oberlippe glich sie schier dem Hamlet einer Provinzbühne in Weiberkleidern. Aufmerksam blickte sie den Geheimrat an. Sie kannte alle die kleinen Zeichen seines aufsteigenden Zornes, die roten Flecken unter den Augen, das Kauen der Kinnbacken, dies alles gehörte zum Hausbrauch, wie das Verschließen des Silbers. Philipp Emanuel fing ihren Blick auf und schmunzelte. Die Schirlitz sollte stets Unrecht behalten, auch um harten Preis. So schluckte er seinen Groll hinab und sagte beinahe lustig: »Der große Junge da braucht neue Frackbinden, Flora. Sehen Sie sich bloß den Jammerfetzen an!« So schränkte er alles, was ihm an seinem Sohn nicht gefiel, auf die zerdrückte Halsbinde ein. Die Hausdame legte Heinrich Williguth die knochige, gichtknotige Hand auf die Schulter: »Wird besorgt.« Und dann flüsterte sie beinahe verschämt: »Witte ist mit meinem Plüschaffen eingeschlafen. Er hat ihm sogar eine Nachtmütze gemacht. Eben habe ich der gnädigen Frau gezeigt, wie hübsch er daliegt.« Es klang, als wollte sie erinnern, daß Heinrich noch anderes tun könne als Asche und Zigarrenstümpfchen in den Topf von Tulasilber sammeln. »Schirlitz, Sie verwöhnen mir Witte zu sehr,« murrte Philipp Emanuel. »Gott sei Dank, Papa, daß sie es tut.« Heinrich warf die Lippen auf. Die knochigen Hände der Schirlitz strichen schnell und erregt über das knisternde terrakottafarbene Seidenkleid. Der Geheimrat schwieg. Aber die roten Flecke unter den Augen waren dunkler als vorher. Da sagte Heinrich ganz kurz: »Gute Nacht« und ging, als kein Gegengruß kam, schnell aus dem Zimmer, wie einer, der endlich eine Last abwirft. Flora Schirlitz schloß die Fenster. Langsam sagte Philipp Emanuel, gleichsam nur in das Knarren der Fensterflügel hinein, um den Gedanken im Lärm zu begraben: »Ja, er wird nicht anders.« Bitterkeit schwang jetzt in seiner Stimme, schier alt und verfallen stand er da in seinem tadellosen Frack mit der Ordenskette. Es wetterleuchtete in dem bartlosen Gesicht, harte Falten gruben sich um Auge und Mund. Flora Schirlitz zuckte unmerklich die Achseln und sperrte den Silberschrank ab. Scharf schnappten ihr die Worte in den Rücken: »Wenn die gnädige Frau noch wach ist, lasse ich sie einen Augenblick bitten.« Die Schirlitz schaute fragend über die Schulter, etwas ängstlich, wie ein Wachthund, der für seine Herde fürchtet. Der Geheimrat lächelte. »Morgen abend kommen drei Herren aus Paris.« Da nickte die Hausdame beruhigt und willfährig und stapfte auf ihren großen, flachen Landsknechtfüßen zur Tür. Als Jakobe kam, rasch in einen rotseidenen Schlafrock gehüllt, todmüde, das Haar nur lose aufgesteckt, entschuldigte sich Philipp Emanuel sogar: »Es ging nicht anders, Kind.« Sie sah ruhig zu ihm auf, wie eine gehorsame Tochter. Nur ihre feinen weißen Hände zuckten ein wenig, als reichte ihr Widerstand gegen seinen Willen nur zu dieser armseligen Bewegung. Der Geheimrat plauderte über die Speisenfolge für die Herren aus Paris, Jakobe hatte Papier und Bleistift vor sich und notierte eifrig seine Wünsche. Die braunen Flechten lagen reich und schwer auf dem schmalen, feinen Kopf, als hätte diese junge Frau nur Lasten zu tragen. Die dichten, an der Nasenwurzel leicht zusammengewachsenen Brauen hatte sie in gespannte Falten geschoben, wie um besser aufmerken zu können. Die müden Augen versteckten sich hinter langen, vibrierenden Wimpern. Nur einmal kam ein Funkeln in diese stillen, geduldigen Augen, als im Garten der Nachtwind durch die Bäume fuhr und Schnee und Eiszapfen prasselnd abschleuderte. Wie zornige Ungeduld schlich es sich in das Zimmer, in dem des Geheimrats Stimme noch immer das Wort hatte. Jede Kleinigkeit schrieb er genau vor. Jung und schön war Jakobe Williguth und saß wie eine Sklavin vor dem starken Mann mit dem trotzigen Kinn. Sie hatte keinen Widerspruch gegen diese selbstverständliche Überlegenheit, die immer und immer befahl. Am Hochzeitstage lautete der erste Befehl: »Ich wünsche Orangenblüten.« Und die Siebzehnjährige hatte in hilfloser Bewunderung vor der Größe und dem Willen ihres Schwiegervaters stumm gehorcht. Seitdem war sie sein Ding, mit dem er machen konnte, was er wollte. Wieder horchte sie auf den Wind, der die Bäume im Garten zauste. Sie lächelte. Den Bäumen ging es nicht anders als ihr. Jakobe schloß die Augen. Aus weiter Ferne drangen Stimmen zu ihr. »Bist du müde?« fragte Philipp Emanuel. »Ach nein, Papa.« Sie saß wieder kerzengerade und schrieb. »Ich verlasse mich ganz auf dich. Es wird alles in Ordnung sein. Gute Nacht, liebes Kind.« Langsam stand sie auf. Er küßte sie auf die Stirn, als reichte er ein Geschenk.   Als Jakobe draußen war, lief sie beinahe den Korridor entlang. Dann lauschte sie. Die Speisenordnung für morgen abend knisterte in ihrer Hand, so hastig und schnell sprang das Blut in die kleinsten Äderchen. Im Speisezimmer setzte ein schwerer Schritt sich in Bewegung. Jakobe raffte den Schlafrock und rannte wie gejagt die dunkle Eichentreppe der Halle empor. Auf der Galerie stand sie atemlos still und horchte wieder auf den festen Schritt des Geheimrats, der unter ihr die Zimmer durchmaß. Am Klappen der Türen zählte sie, wie weit er schon von ihr entfernt war. Vom andern Flügel des Hauses klangen diese sicheren Tritte wie ein Stampfen durch die Stille. Jetzt fuhr der Wind wider die Fenster und erstickte jedes andere Geräusch in seinem Pfauchen. Jakobe hatte plötzlich Hunger, sie hatte den ganzen Tag keine Zeit gehabt, ans Essen zu denken. Beim Taufschmaus hatte sie gezittert, daß etwas nicht stimmen, ein Gang falsch serviert oder Wein verschüttet werden könnte. Aber es war alles glücklich abgelaufen. Wenn es nur morgen wieder so ging. In all ihrer Müdigkeit empfand sie beinahe Stolz, daß sie das Haus so geschickt und würdig zu leiten wußte und der anspruchsvolle Geheimrat stets zufrieden war. Jakobe lächelte und schlich wieder behutsam die Treppe hinab. Alles schien ihr auf einmal wunderbar und unwirklich, das große schweigende Haus, das Klatschen der Äste im Garten und ihr eigener unruhiger Herzschlag. Sie huschte ins Speisezimmer und schrak zusammen. Etwas bewegte sich da neben dem braunen Kamin, seufzte tief und trabte heran. Dann lächelte sie. Hund Boabdil hatte sich hereingemacht und zog die warme Kaminecke der kalten Halle vor, wo er sein Schlafplätzchen hatte. Die weiße Weste des schwarzen Bulldogg schimmerte in dem unbestimmten Dunkel. Die klugen dunkelbraunen Augen in dem klobigen Kopf blinkten wie grüner Phosphor, als er Jakobe vertraulich anblickte und nahe an sie drängte. Jakobe drehte eine einsame Glühlampe in dem schweren Kristalluster an, daß seltsam lange, unsichere Schatten durch den großen dunklen Raum fuhren, nahm ein Stück Brot und einen Apfel und begann zu essen, ganz glücklich, daß sie endlich allein war. Boabdil bettelte gravitätisch, ließ aber die Brotstücke fallen und schnappte nur nach den Apfelschnitten. Der Winterwind schwieg im Garten. Jakobe starrte auf den plumpen Hundekopf, als wollte sie fragen: Wer bist du eigentlich? Hast du die Menschen nur lieb, wenn sie dir den Willen tun? Ein schneller Schritt lief draußen über den Gang. Boabdil knurrte und setzte sich auf. Rasch streichelte sie ihn: »Still sein, Bobby.« Aber Hund Bobby bellte kurz. Der Schritt kam näher. Im Türrahmen stand Heinz und hob die Hand wie ein Dächlein vor die Augen. Seine zerknitterte Hemdbrust schimmerte im Dunkel. »Was tust du da, Jakobe?« »Ich habe bloß einen Apfel gemaust.« Scheu und leise abweisend klang es, doch Heinz trat näher. Kein Williguth ging, wenn man ihn gerade forthaben wollte. »War ein harter Tag für dich,« sagte er leise und zog einen Stuhl neben seine Frau. Sie nickte nur. Ihr Haar glänzte einen Augenblick auf und sank wieder in Schatten. Plötzlich küßte er sie, wild und herrschsüchtig. Jakobe ließ es geschehen, aber sie erwiderte seine Küsse nicht. Verträumt und bange saß sie da. »Du warst heute schön, Jakobe.« Er wühlte in ihrem Haar. »Ich bin so müde,« sagte sie schlicht. Er ließ sie nicht. »Du!« Es war ein Befehl. Sie rührte sich nicht. Ihr Blut war plötzlich kalt und erschrocken. Heinz Williguth warb nie, er kam stets und nahm. Sie fröstelte bis ins Mark. Boabdil knurrte und betrachtete sie aufmerksam. Wie der Geheimrat, dachte Jakobe und machte sich mit einem Ruck frei. Zornig griff Heinz nach dem Zettel: »Was hast du da?« »Morgen sind drei Franzosen zu Tisch.« »Ach so, wieder Papa.« Er zerdrückte das dünne Papier. Dann schrie er sie an: »Warum tust du stets, was er will?« Sein Atem ging schnell und schwer. Beinahe bitter antwortete sie: »Ich muß doch.« »Er verbraucht uns alle.« Bewußt tat sie ihm weh: »Er ist größer und stärker als du und ich.« Heinz lachte schrill. Lässig glitt sein Zeigefinger von ihrem Kinn aufwärts und schnellte an der Nase ab: »Na, also –?« Er ging zur Tür und wartete. Aber sie kam nicht. Sie warf dem Hund den Apfelrest hin und saß ganz still. Langsam schlenderte sie dann in den ersten Stock, wo ihre Zimmer lagen. Sie war versonnen und todmüde, schier willenlos. Wieder dröhnte ein Schritt. Sie kannte ihn. Philipp Emanuel Williguth nahm keine Rücksicht auf den Schlaf anderer Menschen. Von der Galerie, die um die Halle lief, tönte dieser Schritt durchs ganze Haus. Du entkommst ihm nicht, grübelte Jakobe und lauschte. Der Geheimrat war im Morgenanzug, gesteppte blaue Seide mit breitem, weißem Kragen, auf dem sein mächtiger Kopf wie auf einer Schüssel lag. Jakobe huschte ihm nach ins Kinderzimmer. An der Tür wagte sie sich nicht weiter und spähte ins Halbdunkel, das ein Nachtlicht nicht besiegen konnte. Philipp Emanuel stand vor dem Bettlein Wittekinds, der mit geballten Fäusten schlief. Unter dem linken Arm hielt er den Plüschaffen der Schirlitz, gequetscht und zerzaust, als sein willenloses Eigentum. Der Geheimrat lächelte. Er sah Jakobe nicht. Er beugte sich hinab und beguckte den kleinen Schläfer. Jakobe schob sich in die Falten des gelben Türvorhangs und hielt den Atem an. Philipp Emanuel küßte das Kind auf die Stirn. Hochaufgerichtet ging er dann in das nächste Zimmer, wo Elias mit seiner Amme hauste. Jakobe aber folgte ihm nicht. Sie schritt langsam den Korridor zurück, an dessen anderem Ende ihre Zimmer lagen. Bitter empfand sie es, daß man ihr nicht einmal die Kinder ließ. Nur gebären durfte sie, ob sie wollte ober nicht. In ohnmächtigem Trotz ballte sie die Fäuste. Von allen Seiten engte dies Haus sie ein. Flora Schirlitz stieg langsam und dröhnend die Galerietreppe empor. Jakobe eilte davon. An der Ecke zwischen Galerie und Korridor blieb die Schirlitz stehen, brachte die flachen Landsknechtfüße zur Ruhe und bewegte horchend den Kopf. Sie wartete. Ihr feines Ohr fing ein Geräusch auf, das unten vom rechten Flügel kam, wo Heinrich Williguth wohnte. Ein behutsames Tasten und ein beinahe lautloses Schleichen, wie wenn einer vorsichtig im Dunkeln tappt. Hochaufgerichtet stand die Schirlitz, den eigenen, riesengroßen Schatten steif hinter sich, wie ein Wachtposten vor dem Feinde, wie das Gewissen dieses seltsamen Hauses. Das Huschen war in der Halle, die schwere Eingangstür klinkte ins Schloß. Und jetzt schlug Boabadil kurz an. Aber auch er kannte dieses Geräusch um diese Zeit. Er bellte nicht. Durch den Frostnebel des eiskalten, schläfrigen Januarmorgens schnitten da und dort die alten Kirchen der Stadt. Wie rote Pünktchen im Grau glimmten die Lichter der Häuser am Flußufer. Der Strom war lautlos, halb erstarrt. Rauhreif hing an Baum und Strauch. Und über dem grauen Nebel wirbelte häßlicher schwarzer Rauch aus den Fabrikschloten, wo das Menschenvolk schon seine Arbeit tat. Auf Terrassen stiegen barocke Prunkgebäude über den Kaimauern auf und standen fremd und hochmütig vor dem Rauchqualm des Fabrikviertels. Heinz Williguth fror. Den Pelzkragen hatte er hochgeschlagen und schritt mißmutig und übernächtigt in den Frostmorgen hinein, durch stille alte Gassen, in denen schmale Häuser mit steilem Dach sich aneinander drängten. Manchmal tauchten die Silhouetten der Giebel aus dem Nebel, ein reichverzierter Erker oder ein altes Holztor mit allerlei Schnitzwerk. Der junge Williguth liebte den Flußnebel, der die ganze Stadt so dicht einhüllte, daß die Gaslaternen in blasse gelbe Kreise verschwammen. Wie durch weiße, dichte Watte ging man dahin, willenlos und ohne Ziel. Das war nach seinem Sinn. Er liebte die Stadt nur, ehe sie erwachte. Alle Möglichkeiten waren da noch frei, ehe die harte Bestimmtheit des Tages Grenzen zog und Zwang setzte. Wie uraltes graues Silber lag der Fontainengarten, in den er jetzt einbog. Die kleinen Seen waren festgefroren, in weißlichem Dampf stieg ihr Atem auf, halb erstickt von den schweren Nebelschwaden. Der Schnee knirschte unter jedem Tritt. Die grauen Sandsteinbilder der großen Allee trugen weiße Fetzenhemden und blickten starr und stumm. Eiszapfen hingen über die Brunnenbecken und an den breiten Mäulern der Delphine. Der dicke Triton trug eine Perücke von Eis und Schnee, die Masken der italienischen Komödie hatten weiße Hauben und grinsten verdrießlich. Heinz blieb stehen und betrachtete ihre erstarrte Lustigkeit. Schier vertraut schienen sie ihm. Sie taten so, als ob sie fröhlich wären. Das stattliche Haus seines Vaters tauchte aus dem wallenden Nebel. Das schwere schmiedeeiserne Gartentor stand offen, in der Kastanienallee, die zum Hause führte, brannten die Laternen. Rasch schritt er weiter. Plötzlich horchte er und trat schnell hinter einen Baum. Pferdehufe klapperten über den hartgefrorenen Schnee. Des Geheimrats schwere russische Rappen trabten heran. Die Wagenlaternen warfen zuckende gelbe Kegel in das Dämmern. Vorne neben dem glattrasierten Kutscher hockte Hund Boabdil voll Würde und Wichtigkeit. Schnuppernd hob er die Nase. Philipp Emanuels Kopf war hinter der Glasscheibe sichtbar. Dann wurde es still. Nur der weiße Schnee und der graue Nebel. Und die Krähen strichen zankend von Ast zu Ast. Heinz schlich ins Haus. Niemand sah ihn. Es war sieben Uhr morgens. In seinem Zimmer drehte er den Gasofen auf und das elektrische Licht und saß auf seinem unberührten Bett. Scharf schnitten die Falten zu den Mundwinkeln. Bleischwere Müdigkeit hing um die Augenlider. Gähnend stand er auf und warf den zerknitterten Frack ab. Ein Veilchensträußchen, klein, welk und tot, fiel aus dem Knopfloch. Weinflecken waren auf dem Hemd. Ein Kinderschrei zerriß die Stille, ein lustiges Krähen, wie von einem jungen Hahn, der den Morgen grüßt. Und noch einmal. Wieder war es still. Heinz lächelte und warf sich der Länge nach aufs Bett. Sein Kind schrie wieder. Er legte die Fäuste vor die Ohren. Die Rappen des Geheimrats rannten durch die große Allee, mitten durch den Fontainengarten. Ein Barockschlößchen huschte vorbei. Irgendwo bellte ein Hund. Wohlgemut antwortete Boabdil vom Kutschbock. Von den Bäumen sanken Schneebrocken und Eiszapfen. Der Morgenwind tat sein Werk. Philipp Emanuel ließ das Fenster herabgleiten und beugte sich hinaus. Ein neuer Tag. Und er atmete tief. Die Umrisse von Baum und Strauch wurden klar. Am Nebelhimmel war im Osten ein lichter Streif. Dort rang die Sonne um ihr Recht. Die Lichter auf der Brücke brannten noch. Der Nebel stieg auf vom Strom. Die zitternden Brückenlichter schwammen wie silberne und goldene Fischlein im dunklen Wasser. Graue und weiße Schwaden zogen um die Brückenbogen. Überall begann ein Wallen und Flattern, ein Schweben und Fluten in den dichtgeballten Massen. Und der lichte Streif über den Hügeln am Strom schimmerte jetzt gelblich und gleich darauf rosenrot. Da zerrissen die Nebel einen Augenblick. Schlank und fein hob sich die Hofkirche aus dem Weiß, dem Brückenkopf gerade gegenüber. Frei und sicher baute sich der oben durchbrochene Turm auf, in kluger Barockherrlichkeit stieg das Mittelschiff über den Seitenschiffen hoch, die ersten Sonnenstrahlen blitzten über die Sandsteinbilder der Heiligen auf den Balustraden. Da klangen von den vielen Kirchen aus der gewalttätigen Barockzeit und aus den koketten Rokokotagen die Glocken über die Stadt, just als der Wagen über den alten Markt fuhr, immer noch im Nebel. Gedämpft schlug die Morgenfreude dieser vielen Glocken durch die weißen Schleier. Der Atheist Philipp Emanuel, der nur an das kalte Messer glaubte, neigte still den Kopf und saß mit einem feinen Lächeln in dieser Gottesfrühe. Die Bürgerhäuser auf dem alten Markt stimmten ihn beinahe fromm. Convenance und Bienséance war da überall, selbst in der Architektur. Die Rokokoornamentik auf den Stukkaturen war gesund und säuberlich, die Erker an den Ecken schmuckvoll, auf Tragsteinen lagen geschweifte Balkone mit reichgeschmiedetem Gitter. Hinter diesen Haustoren mit Holzschnitzerei und Messingbeschlag war ein behagliches und stetiges Leben. Wie ein treuer Wächter stand der Rathausturm über dieser Bürgerzufriedenheit. Der Nebel huschte um die schlanke Spitze. Gedämpft und verhüllt schien alles Leben. Der Kutscher gab oft den Warnruf, und Hund Boabdil nahm ihn bellend auf. In den Häusern brannte Licht und zitterte gelblich im Nebel. Da drin gehorchten die Kinder den Wünschen der Eltern. Der Geheimrat zog die Brauen zusammen. Ein Arbeiter stand an der Straßenecke und zog tief die Mütze. Philipp Emanuel nickte und blickte zurück. Den Mann hatte er unter dem Messer gehabt, und ihn freute dieser Gruß. In die Heide bogen jetzt die Rappen ein, in die froststarre Herrlichkeit des Birkenwäldchens. Graugelb standen die weißen Stämme gegen den Schnee, die dünnen Ruten glänzten schwarz und biegsam. Die Kiefern und Fichten waren tief verschneit, allerlei wunderliche Formen drängten sich, Pyramiden und dicke Zwerge. In den Rindenfurchen der Eichen liefen milchweiße Adern. Wurzelstümpfe hockten wie verschlafenes Gnomenvolk in dicken Schneepelzen. An den dürren Haselhecken blitzten die Eiszapfen wie funkelnde Diamanten. Weiß verhangen ruhte der Wald, weiß stand der umnebelte Himmel darüber. Wie durch ein liebes Gotteswunder ging die Fahrt. Boabdil ward fröhlich, sprang wie ein Ball vom Kutschbock und jagte durch den Schnee. Er witterte das behagliche Ziel. Und da lag der »Blaue Herrgott«, das Dach rund und weiß, das Glockentürmchen mit seiner Schneehaube guckte ehrbar wie zu Mönchszeiten von dem alten Klösterlein. Blau aber schimmerte das Haus, ein gutes, lachendes Himmelblau. Geschmackvoll war es nicht, aber althergebracht und fromm. Philipp Emanuel sprang aus dem Wagen, eine schlanke Flasche unter dem Arm. Der pausbäckige Messingengel, der den Glockenknopf bildete, zitterte auf und ab. Ein helles Klingen verlor sich im Haus. Tag um Tag machte der Geheimrat seine erste Morgenvisite bei den alten Eltern. Die Williguths hingen wie Verschworene aneinander, so mancherlei Wege sie auch das Leben führte. Im Musiksaal, Studier- und Wohnzimmer zugleich, einst Speiseraum der längst vermoderten Mönchlein, saßen die Alten beim Kaffee. Im bauchigen grünen Kachelofen flackerte emsige Glut und spielte auf dem violetten Häubchen der dicken Mutter Apollonia und auf dem kahlen Musikerhaupt des fünfundachtzigjährigen Johann Sebastian, der freundlich dem Sohn entgegenlächelte und dabei drei mächtige, dunkelgelbe Zähne zeigte. Frau Apollonia erhob sich, breit und plump und riesengroß, und schraubte fröhlich die Petroleumlampe höher, ihrem Philipp Emanuel zu Ehren. Schnell goß sie eine dampfende Tasse voll und langte das Morgenblatt von dem alten Klavier, an dem Johann Sebastian seine Kinderschar zur höheren Ehre Gottes in Musik gedrillt und den Stock über manchen widerwilligen Rücken geschwungen hatte. Der Geheimrat atmete tief. Seine Heimat spann ihn in den alten Zauber. Kalt und fremd erschien ihm sein eigenes Haus. Er trank Kaffee und aß alle die dicken Butterbrote, die seine Mutter ihm fürsorglich vorlegte. Von den braunen Schränken an der weißgetünchten Wand glänzten die Messingtäfelchen mit den Namen der Kinder, die einst ihre Instrumente darin verwahrten. Nur ein Täfelchen war stolzer und größer als die übrigen und trug einen Lorbeerkranz mit der Inschrift: Karl Maria Tredenius. Das war der große Geiger, Gundl Williguths Mann. Johann Sebastian schmauchte seine Pfeife und philosophierte aus blauen Rauchwolken über die Taufe des kleinen Elias, der er ferngeblieben, weil der Senior der Williguths nicht einem Prinzen den Vortritt lassen konnte. »Aber morgen komme ich, Philipp, hab' auch etwas für den Kerl. Hat er bloß tüchtige Knochen?« »Gott, so'n armes Würmchen, das man der fremden Amme ausliefert,« seufzte Apollonia und verschluckte mit einem Blick auf Philipp Emanuel den Nachsatz. Johann Sebastian knurrte dazwischen: »Daß die Jakobe in sechs Jahren nur zwei Kinder hat.« Er schüttelte den kahlen Kopf, als ginge es wirklich zu Ende mit den Williguths. »Bei so Gräfinnen ist das wohl Mode,« sagte Frau Apollonia und machte kugelrunde, zürnende Augen, »ich muß schon sagen, Philipp Emanuel, du duldest allerhand Moden in deinem Haus.« »Hm,« meinte Johann Sebastian und klopfte mit der Pfeife ein paarmal an die Kaffeekanne, »ich sage auch immer zu Mutter, siehst du, da liegt der Hase im Pfeffer.« Und plötzlich holte er mächtig mit dem Arm aus und zog die große, ein wenig gewaltsame Geste aller Williguths, wenn sie gerade dran waren, dem Herrgott und den Menschen wohlerwogene Grenzen abzustecken. Ein haarfeiner Aschenregen stäubte in die Runde. »Ja, Philipp Emanuel,« legte die Mutter jetzt los und eilte über Worte und Sätze hin, wie ein Schulkind über eine längst gelernte Lektion, »Vater und ich, wir wundern uns über dich. Deinen Schwestern hätte ich das wohl niemals gestattet. Und die halten es ebenso mit ihren Töchtern. Jakobe gibt uns allen ein Ärgernis damit. Sei still, Vater, jetzt rede ich mit Philipp Emanuel. Ist es dir denn nicht vor den Dienstboten peinlich, daß Heinz im Erdgeschoß wohnt, ganz allein, und Jakobe hat ihr Schlafzimmer im ersten Stock? Soll das eine Ehe sein? Das nimmt noch ein schlimmes Ende, Philipp Emanuel. Du hättest es damals nicht zugeben dürfen, als Jakobe es mit den Mucken kriegte und plötzlich oben schlafen wollte. Solch neumodischen Unsinn unterdrückt man beizeiten.« Atemlos hielt sie inne und guckte über die Brille weg ein wenig ängstlich nach dem Geheimrat und zornig nach Johann Sebastian, der sie feige im Stich gelassen und angelegentlich die Glut im Kachelofen schürte. Der Geheimrat legte methodisch und langsam die Zeitung zusammen und falzte sorgsam die Büge glatt. So hatte er vor fünf Jahren schweigend und mit schwerer, stetiger Hand den ersten bösen Riß in Heinz' und Jakobes junger Ehe aus der Welt gestrichen, ohne Skandal, ohne häßliche vulgäre Szenen. Nicht einmal das dralle flachsblonde Hausmädchen hatte Lärm geschlagen, als man sie plötzlich entließ. Jakobe machte ja nie viel Worte, lief auch nicht aus dem Hause und klatschte bei Mama, das lag nicht in ihrer verschlossenen, etwas starren Art, aber Philipp Emanuel hatte damals doch nicht gewagt, ihr die Zimmer im ersten Stock zu verweigern, die sie scheinbar gelassen für sich forderte. So ward Heinz als des Vaters Befehl verkündigt, was Jakobes Bedingung war. Philipp Emanuel liebte es nicht, an diese Dinge gemahnt zu werden. Der bittere Nachgeschmack der Niederlage von einst, die er schnell und geschickt in einen Sieg verwandelt, war heute noch ebenso bitter. Gleichmütig steckte er die Zeitung ein und sah seine Mutter mit einem Lächeln an, das ganz ohne Heiterkeit war: »Das Ei ist allemal klüger als die Henne, Mütterchen, also wollen wir uns damit zufrieden geben.« Und jetzt beschrieb sein Arm die große abschließende Geste. Ein wenig verlegen und voll leiser Mißbilligung schüttelte die alte Apollonia den Kopf und beguckte aufmerksam die Flasche schweren Burgunders, die der Geheimrat auf den Tisch stellte. »Hoho, das ist wohl für meine Gicht? Wartest du schon auf mein Erbe?« scherzte Johann Sebastian und kniff lustig die Augen ein. Nach einer Weile zündete er ein zweites Pfeiflein an und schlug den Sohn vergnügt auf die Schulter: »Laß dich's nicht anfechten, mein Junge, heute sind's zwei, – es werden schon mehr werden, wenn der Herr seinen Segen dazu gibt. Und Witte ist ein echter Williguth. Elias soll dem Bruder nur nachwachsen.« Viel Stolz und Trotz lag in dieser Anerkennung. Der Geheimrat lächelte und stand auf zum Abschied. »Also morgen komme ich,« sagte Johann Sebastian zwischen seinen drei gelben Zähnen, und wieder begleitete eine unnachahmliche Bewegung diese Worte, als hätte er alle Schätze des reichen Arabien zu verschenken.   Hund Boabdil saß im Schnee und wartete. Im »Blauen Herrgott« liebte man Hunde nicht, die schmutzige Abdrücke ihrer Pfoten auf den blütenweiß gescheuerten Dielen zurückließen. Boabdil ertrug dies als echter Philosoph. Die Rappen griffen aus, der Geheimrat saß mit ernstem Gesicht. Es ging zur Arbeit. Aber ein Schimmer von Freude lag doch noch über dem strengen Antlitz, eine Gabe aus dem »Blauen Herrgott«. Philipp Emanuel wußte, warum er jeden Morgen zu seinen Eltern fuhr. Ein altfränkischer, biederer Familiensinn barg sich hinter der starren Griffestigkeit seines Wesens. Immer noch hielt der Nebel die Stadt umklammert. Schwärzliche Massen von Rauch hingen darüber. Alle Essen dampften. Alle Menschen rührten die Hände. Selbst Boabdil hockte nachdenklich neben dem Kutscher, als die Pferde an dem alten Jakobskirchhof vorüberliefen. Freundliches Weiß und geheimnisvolles Grau spann den Totenacker ein. Und dann tauchte eine ganze kleine Stadt auf, die Universitätskliniken. Pavillon neben Pavillon stand hinter der weiß und rot gewürfelten Mauer. Und vor den schmucken weißen Bauten auf roter Unterlage schwankten überall junge glatte Birkenstämme im Nebel, und der Rauhfrost glitzerte an den braunen Ruten. Durch das wogende Grau leuchteten freundlich die hellgrünen Dächer. Schier farbenfroh war dieses Haus der Leiden und Schmerzen. Geheimrat Williguth saß aufrecht und steif, voll selbstverständlicher Würde. Boabdil tat desgleichen. Der Portier zog die Mütze, sehr tief, denn Williguths graue Augen forderten diesen Zoll. Vor der ersten chirurgischen Klinik hielten die Rappen. Hund Boabdil sprang ab, wie ein Lakai, und stellte sich erwartungsvoll zwei Schritte vom Trittbrett auf. Der Geheimrat stieg aus und reichte dem Bulldogg ein Stück Zucker. Jeden Morgen geschah dies. Die Williguths hielten auf Ordnung und Gleichmaß. Dann hüpfte Boabdil wieder auf den Bock und bellte kurz. Die Rappen hoben die Köpfe und zogen an. Sie kannten dieses Bellen. Überraschungen gab es hier keine. Aurelius Schückedanz eilte dem Chef entgegen. Quecksilbrige Beweglichkeit war in dem dicken Kerlchen. Der hellblonde Zottelbart zitterte vor Geschäftigkeit. Hinter Schückedanz standen die Assistenten und Sekundare. Nur Heinz Williguth fehlte. Der Geheimrat streifte die Gestalten in den weißen Kitteln mit kurzem Blick. »Guten Morgen,« sagte er knapp. Und dann mit schnellem Spott zu einem eleganten jungen Arzt: »Ihr Kragen, lieber Baron, ist zu hoch. Das hindert beim Handwerk.« Die Brauen standen steilrecht über den großen, grauen Augen. Die breiten Lippen zeigten die starken gelblichen Zähne. Es war ganz still. Nur die Uhr tickte emsig. Schlaffer süßlicher Geruch hing in der Luft. Schückedanz drückte den nackten Schädel zwischen die feisten Schultern und sagte scheu: »Nummer vier auf Zimmer sieben ist schlecht.« Philipp Emanuel lächelte: »Wagt es keiner mit ihm?« Wie ein Lauern klang es. Dann kam es ganz kühl und geschäftsmäßig: »Ich operiere sofort.« Und Philipp Emanuel tat sein erstes Tagewerk. Als Schückedanz die Nähte legte, stand der Geheimrat schon am Fenster. Über Wiesen und Auen ging der Blick frei auf den Strom, Eisschollen trieben vorbei. Jenseit des Wassers stieg Hügelland bergan. Villen guckten aus ihren Gärten hervor, in Behaglichkeit und Frieden. Weiter rechts begann die Heide mit Birkenwald und Busch. Und sah man scharf hin, erkannte man den »Blauen Herrgott« an seinem lieben, kindischen Himmelblau, das siegreich in der Sonne glitzerte. Um elf Uhr begann die Vorlesung. Im Amphitheater saßen die Studenten, dicht gedrängt, Kopf an Kopf. Die hohe Gestalt des Geheimrats stand allein in der Mitte. »Wer hat Dienst?« fragte er. Schückedanz stammelte ängstlich: »Doktor Williguth.« »Er ist nicht da. Warten wir also!« Und er begann in klarer, knapper Art über den ersten Fall zu sprechen, der zur Operation kommen sollte. Manchmal hielt er geflissentlich inne, und sein Auge flog zur Tür. Dann klang seine Stimme scharf und voll leisen Grollens. Zögernd, mit lässigen Bewegungen trat Heinz Williguth ein. Die rechte Hand knöpfte noch schnell den weißen Kittel zu, die linke fingerte nervös durch die Luft. Die grauen Augen hielt er gesenkt. Der Vater schaute ihn fest an und sprach gleichmütig weiter. Heinrich verbeugte sich kurz. Falten spielten über die hohe Stirn mit den schmalen Schläfen. Der schöne volle Mund zuckte spöttisch und schuldbewußt. Philipp Emanuel wandte sich an die Hörer: »Wir beginnen jetzt.« Das Bett wurde hereingerollt. Der Geheimrat stampfte ärgerlich auf, dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Voll seltsamer Milde war seine Stimme: »Na, dem Frauchen helfen wir jetzt.« Und wieder beinahe schroff: »Die Atmung, Doktor Williguth!« Die Kranke lag schon in Narkose. Philipp Emanuel reckte sich hoch auf. Am Abend trug Jakobe wieder das Kleid aus blassem Goldbrokat und hörte bereitwillig zu, als der Geheimrat den drei Parisern das Bild des heiligen Christoph in seinem harten, aber klaren Französisch erklärte. Wieder lagen Blumen in den silbernen Schalen. Und abermals kam Heinz Williguth zu spät zu Tische. Philipp Emanuel lachte über das ganze Gesicht: »Er kann sich gar nicht von seinen Kindern trennen, der gute Junge.« Und gutgelaunt klopfte er den Sohn auf die Schulter. Jakobe wurde rot vor Zorn. Aber als glückliche Mutter mußte sie lächeln und die galanten Blicke der alten Herren auf ihren nackten Schultern brennen lassen. Sie stand ganz unter dem Bann der Achtung, die die drei Franzosen dem Geheimrat zollten. Etwas von diesem Schimmer fiel auch für Jakobe ab und machte sie demütig im willenlosen Dienen und stolz, daß sie ein Eckstein im Bau dieses Hauses war. Heinz Williguths Augen flackerten. Wie ein Stachel saß das Lob der lebhaften Gallier in seinem Fleisch. Und sein Vater schlang alle die schönen Worte hinab, eins nach dem andern, lächelnd und humorvoll, wie ein Riese, der Menschen frißt. Heinz bewunderte diese brutale Lebenskraft und wußte doch, daß er daran verdarb. Einer der Gäste fragte zuvorkommend: »Und worin arbeiten Sie, Herr Doktor Williguth?« Philipp Emanuel schmunzelte über das ganze Gesicht, nur in den Augenwinkeln saß es wie Angst. Heinz strich über die feuchte Stirn: »Mein Gott, Papa läßt mir eigentlich gar nichts übrig.« Der Geheimrat saß blaß und nervös und ballte die linke Faust um sein Glas. Die Rechte aber flog pathetisch über den Tisch und beschrieb Kreise, als wollte sie die Unendlichkeit des Arbeitsgebietes messen: »Es ist genug Platz für uns beide.« Das Lächeln war breit und sonnig. Und er trank Heinz zu. Der tat ihm Bescheid und lächelte gleichfalls. Aber spät in der Nacht, als das große Schweigen über dem Hause brütete, kam der Geheimrat, eine Kerze in der Hand, in seinem blauseidenen Schlafrock durch die Zimmer geschritten und stieg in die Halle hinab, wo heute, sehr wider seinen Willen, Hund Boabdil schlafen mußte. Der Bulldogg reckte den Kopf, schnupperte ein wenig, gähnte heftig und trollte neben dem dunkelblauen Schlafrock drein, als sei es seine Pflicht, bei allen Vorgängen in diesem Hause dabei zu sein. Dann pochte der Geheimrat an eine Tür. Es blieb still. Jetzt hämmerte schon die Faust wider das Holz. Da kam von drin die verschlafene Frage: »Was ist los?« Boabdil bellte scharf und kurz, wie ein Nachtwächter, der den Stundenruf gibt. »Ich bin es, Heinz.« Dann saß Philipp Emanuel am Bett seines Sohnes in dem hochroten Klubsessel, und der Bulldogg lag zu seinen Füßen. Heinz blinzelte mißtrauisch. Jetzt kam sicher wieder eine feierliche Szene im Bibelton. Das kannte er. Langsam fragte Philipp Emanuel: »Warum sagst du, daß ich dir nichts zu arbeiten übrig lasse?« »Es ist doch so.« Wie ein verzogenes Kind warf er die Lippen auf. »Aber dazu braucht es gesammelter Kraft. Und die hast du nicht.« Kummervoll und ohne jede Schärfe klang es, nachdenklich, wie eine Diagnose an einem Kranken. Die Kerze brannte unruhig. Mit Daumen und Zeigefinger nahm der Geheimrat den Räuber fort und strich die Schmelzfläche eben. Heinz sah zu. So machte es sein Vater mit allem, mit Menschenherzen und Dingen. Er drückte sie zusammen und bosselte sie nach seinem Willen. »Wenn ich dir irgendwie helfen kann, Heinz,« sagte er jetzt fast unbeholfen und fuhr mit beiden Händen über das kurz geschorene dunkelbraune Haar, in dem nur wenige Silberfäden glänzten. Es fiel ihm schwer, milde und ohne Groll zu bleiben, aber er zwang sich, trotzdem er an seine harte Jugend dachte, an die Armut im »Blauen Herrgott« und an das Niedertreten seiner eigenen Menschenscheu, bis er endlich seinen Willen zum Sklaven gemacht hatte. Sein Junge aber saß mit verschlafenen Augen mitten in der weichen Wolle. Nur die Hand brauchte er auszustrecken, und von allen Seiten sank die goldene Frucht. Aber er tat es nicht. Sonst griff jeder Williguth zu, bis die Hände bluteten, keiner gab nach. Philipp Emanuels Sohn war der erste Lässige, der mit seinem Pfund nicht wuchern wollte. Fast verwundert schüttelte der Geheimrat den Kopf, als er an die Grenzen seiner Macht geriet und erkannte, daß eine Mauer ihm da den Weg versperrte. Scharf und schwer schnitten die Falten ins Gesicht. Das Kinn trotzte nach vorn, gegen diesen schwachen und doch unbesiegbaren Feind, der in Blut und Nerven seines eigenen Sohnes hockte, schadenfroh grinste und vor den Griffen eines Williguth sicher war. Mit rascher Bewegung stand er auf: »Bin ich dir hier im Wege?« Und er wartete. »Ich weiß nicht, Papa.« Philipp Emanuel schlug unwillig mit den Lidern. So sprach keiner, der an sich glaubte. Vielleicht half es, wenn er ihn blindlings vorwärtspeitschte. »Junge, du mußt mir ans Ziel.« Da knirschte der Sohn zwischen den Zähnen: »Aber dort finde ich dich.« Philipp Emanuel senkte den Kopf. Lange blieb er so. Dann nahm er die Kerze, aber seine Hand zitterte, daß die Flamme unruhig flackerte. An der Tür wandte er noch einmal den Kopf. Heinz starrte ihm nach, wie ein armes Tier, das die Peitsche fürchtet. Die ganze Nacht lag der Geheimrat wach. Schwere Gedanken standen um ihn her. Selten nur tat ein Williguth die Frage: »Wozu?« Aber dann schnitt es in Muskel und Nerv. Philipp Emanuel strich über sein starkes Kinn, als liebkoste er seinen Willen. Wer immer sah er diese hilflosen und doch trotzigen Augen, die um Rast und Ruhe bettelten. Und dabei hatte der Junge eine feine, gottbegnadete Chirurgenhand, die half, wo andere verzweifelten. Aber tausend Flämmchen huschten wie Irrlichter, und was heute ein Helles Ja, war morgen ein verdrossenes Nein. Und er war verwöhnt und wußte nicht Maß zu halten. Er lebte nicht, wie er sollte. Philipp Emanuel schritt jetzt durch die Zimmer, die Zigarre glimmte zwischen den Lippen. Schwer fiel sein Schritt in die große Stille. Als er im »Blauen Herrgott« den Morgenkaffee trank, hatte er tiefe Falten um Mund und Augen. Frau Apollonia schaute sorgenvoll: »Du wirst alt, mein Philippchen.« Und sie nahm die Butter doppelt dick. Der Geheimrat schwieg. Spät nur sagte er zum vergnügten Johann Sebastian, der ein Gläschen des guten Bordeaux gegen das Lampenlicht hielt: »Du solltest mal wieder mit Heinz Orgel spielen, Vater.« Ein Schleier lag über den grauen Augen. »Was ist?« stammelte Apollonia, die keine Weichheit an ihrem Sohn kannte. »Vielleicht bin ich zu hart mit ihm.« »Deine Frau hatte Fischblut,« bemerkte Johann Sebastian beiläufig und klopfte die Pfeife aus. Als Williguth tadelte er jede fremde Beimischung in seiner Sippe. Apollonia strich bedächtig ein neues Butterbrot und murmelte: »Vielleicht ist auch Jakobe nicht die richtige Frau für ihn.« Aber sie verstummte schnell vor dem Blick ihres Sohnes, dem die goldgeränderte Tasse in der Hand zitterte: »Das ist meine Sache.« Wie aus Erz und Eisen sprangen die Worte durchs Zimmer. Als die zwei Alten allein waren, guckten sie sich scheu und blinzelnd an. Doch sie fanden kein Wort und wackelten nur mit den Köpfen. Johann Sebastian verstöpselte die Weinflasche und schlug fest mit der Faust auf den Kork. Dann setzte er sich vors Klavier und begann ein altes Kirchenlied. Apollonia faltete die Hände und grübelte schläfrig vor sich hin. Endlich sprach der Greis voll Würde: »Dur und Moll, das ist es.« Beim Mittagessen ging der Vogelkopf der Schirlitz in ängstlicher Erwartung zwischen Vater und Sohn. Jakobe saß hilflos in dem aufbrauenden Gewitter, fragte sie etwas, blieb sie ohne Antwort, versuchte sie zu lächeln, trafen sie sogleich verweisende Blicke, daß sie sich scheu zusammenduckte. Plötzlich sagte Philipp Emanuel mit einer Wichtigkeit, als packte er ein kleines Geschenk aus: »Vater will mal wieder mit dir Orgel spielen. Vielleicht übst du heute nach der Ordination.« Und die starke weiße Hand, die gleichmäßig über das Tischtuch fegte, als wollte sie mit den Brotkrumen allen Ärger und alles Unliebsame von sich streifen, schnellte hoch in die Luft und wies kerzengerade nach oben. Ganz versonnen saß der junge Williguth und nickte nur. Jakobe schob vorsichtig ihre schlanken Finger über den Tisch und umschloß ihres Mannes Hand. Flora Schirlitz riß den Mund auf und ließ ihn vernehmlich wieder zuklappen. Der Geheimrat schaute heiter von einem zum andern und genoß ihre Verwirrung. Nur die Furchen um seinen Mund verrieten, was diese Milde ihn kostete. »Also Schirlitz, das grüne Zimmer wird geheizt. Die Schlüssel holen Sie dann bei mir.« Wieder sah er von einem zum andern und winkte dann Jakobe zu, als wollte er verkünden: »Jetzt wird gelacht.« Sie lächelte verzagt. Vielleicht war diese Güte nur Schein, und dahinter barg sich eine schlimme Absicht. Heinz Williguths Stimme riß ihr den Gedanken ab. Fröhlich und sonnig klang es, als sei aller Staub von der Seele geflogen: »Danke auch recht schön! Und wann soll ich in den »Blauen Herrgott«?« »Wann du willst.« Er sagte nicht, daß der Regens chori samt Frau Apollonia heute zum Besuch anrückte. Heinz war mißtrauisch und konnte sonst leicht eine Verschwörung wittern. Und Philipp Emanuel wollte heute aus vollen Händen schenken und Liebes tun, halb unbewußt buchte er die gute Saat, die er da streute, und überschlug schon die Ernte, die davon aufgehen sollte. »Also, Schirlitz, das Harmonium oben im grünen Zimmer wird abgestaubt. Der Heinz brennt ja schon lichterloh.« Die Zigarre in der Hand trat er zum Fenster und sagte halblaut über die Schulter: »Warum sagst du es mir denn nicht, wenn dich die Musik so in den Klauen hat? Bin ich etwa ein Menschenfresser?« Er lachte dröhnend, aber es war ihm nicht ganz behaglich zumute. Jakobe horchte auf, sie wußte diese Veränderung nicht zu deuten. Das grüne Zimmer war sonst streng verschlossen, weil der Geheimrat das Klimpern als unnütze Zeitvergeudung haßte. Der junge Williguth klatschte in die Hände: »Flink, Florachen, aufschließen und abstauben!« Philipp Emanuel holte gewichtig einen Schlüsselbund hervor und machte einen Schlüssel los, etwas zögernd und nachdenklich, als ginge das alles wider seinen Sinn. Dann sagte er vorwurfsvoll: »Zuerst kommt die Pflicht.« »Meine Patienten kann ich an den Fingern abzählen,« lachte Heinz, aber es klang schon wieder nach Bitterkeit. Der Geheimrat blickte auf, stellte die Brauen steil, schmunzelte heimlich und ging. In diesem Augenblick hatte er eine seltsame Ähnlichkeit mit seiner Schwester Gundl Tredenius. Es war derselbe Zug eigensinniger Güte und treuer Hilfsbereitschaft. In der Halle, wo im Kamin ein lustiges Holzfeuer prasselte, saß Flora Schirlitz vor einem kleinen Schreibtisch, hatte ein dickes Buch vor sich und trug gewissenhaft den Namen jedes Patienten ein, den dann der Diener mit halblauter Stimme fragte: »Zu Herrn Geheimrat oder Doktor Williguth?« Fast alle gingen zum Vater, nur die kleinen Leute mit wenig Geld, die Geizhälse und die Mißtrauischen zum Sohn. Hinter dem Ofenschirm saß wohlversteckt Hund Boabdil und beobachtete das ihm vertraute Treiben. Um diese Stunde bellte er niemals. Keiner sah ihn, aber er sah alles, und das genügte seiner bescheidenen Seele.   So war alles sicher und wohlgegründet in diesem Hause. Die Schirlitz in ihrem schwarzen Kleide, die dicke Goldbrosche vorgesteckt, den schwarzen Kneifer statt der Hornbrille auf der Nase, das behagliche und vornehme Holzfeuer im leisen Dämmer der Halle, und der alte Diener in seiner dürren Eleganz, mit weißer Binde, auf lautlosen Gummisohlen. Und draußen knirschte der Schnee unter den Füßen der vielen Menschen, die hier Hilfe suchten. Die Feder der Schirlitz kratzte über das Papier, die rote Glut im Kamin sank knisternd zusammen. Hund Boabdil zog pfauchend den Atem ein und stieß ihn pfauchend wieder aus. Simon Gottesdank klapperte gelassen mit den Blechmarken, die jeder Patient erhielt und die dann der Geheimrat der Reihe nach in eine Cloisonnéschale warf. Die schwere Uhr in ihrem Gehäuse, das hinter Flora Schirlitz bis zum Boden reichte, schwang ihr Pendel und hielt Kommen und Gehen in Ordnung, verteilte Hoffnung und Gram. Wer eintrat, erblickte dieses alte Williguthsche Erbstück, das Philipp Emanuel aus dem »Blauen Herrgott« entführt hatte; emsig und doch behäbig rückte der Zeiger mit dem kleinen goldenen Engelskopf über die schwarzen Ziffern. Wieder schob sich Philipp Emanuel zwischen den blauen Plüschfalten hervor: »Ich bitte um Entschuldigung. Ich werde soeben abgerufen.« Mit feinem Lächeln trat er in das Wartezimmer. Hoch und mächtig stand er in seinem schlichten schwarzen Rock und winkte freundlich mit der Hand. In vielen Augen sah er Furcht und Enttäuschung. Breit und behaglich schmunzelte er: »Morgen bin ich wieder da.« In warmen Wellen huschte die Anhänglichkeit aller dieser Menschen durch sein Blut. Jetzt warf er den Kopf zurück: »Drüben ordiniert Doktor Williguth. Mein Sohn versteht sein Handwerk.« Und wieder kam das Winken seiner Hand. Wie einen Befehl zog er die Bewegung durch die Luft. Da gingen viele, die fürchteten, morgen nicht mehr den Mut zu haben, zum jungen Williguth. Ein paar nur schlichen scheu durch die Halle davon. Simon Gottesdank grinste über das farblose Fuchsgesicht, in dem die Backenknochen wie Haken aufsprangen, und zwinkerte aus den gelben Äuglein, als das kleine Wartezimmer Doktor Williguths von Menschen wimmelte, daß das bescheidene Weiß der Wände und Möbel schier verschluckt ward von dem gierigen Schwarz. Jakobe stand in der Halle, als der Geheimrat im Pelz die Treppe herabkam. »Heinz kriegt heute Arbeit, Tochter.« Verschmitztes Wohlwollen grub absonderliche Falten um Mund und Augen. Draußen scharrten die Rappen im Schnee. Boabdil guckte neugierig hinter dem Ofenschirm hervor, aber weiter wagte er sich nicht. Es war nicht seine Zeit. Und alles blieb hier im Bann von Ordnung und Gewohnheit. Als vom Garten gedämpft der Hufschlag der Pferde tönte, blickte Flora Schirlitz von ihrer Schreibarbeit auf: »Das war Absicht vom Geheimrat.« Hastig fragte Jakobe: »Weshalb nur?« »Er ist in Gebelaune.« Stirnrunzelnd prüfte die Schirlitz die Spitze ihrer Feder und beugte die schwarze Perücke schnell über das dicke Buch. Die junge Frau strich das Haar aus den pochenden Schläfen. Zaghaft blickte sie um sich, als sei das Haus voll von wunderlichen Geheimnissen. Und dann loderte heiß die Freude. Wie ein alter Wachthund witterte die Schirlitz in die schwache Wintersonne: »Ja, ja, gnädige Frau.« Bis ums Dämmern hatte Heinz Williguth zu tun. Mit heißen Wangen trat er aus seinem Arbeitszimmer. Im Korridor war es dunkel, nur durch ein Fenster von der Dienertreppe her fiel schläfriges Schneelicht. Dort stand Jakobe. Große braune Augen blickten ihm entgegen. Aber der Mund blieb stumm. Langsam trat er auf sie zu. »Was war das heute?« Sie haschte nach seiner Hand: »Ich freue mich so.« Ein Schatten fiel über sie, das schwarze Seidenkleid der Schirlitz raschelte. »Das grüne Zimmer ist bereit.« Und ihre falschen Zähne blinkten durchs Halbdunkel. Wie ein Wächter stand sie vor den beiden. Dann stampfte sie wuchtig die Treppe voraus und schloß geräuschlos das Musikzimmer auf. Kerzen brannten auf den beiden Klavieren, warfen ihr Flackerlicht über das goldbraune Holz und streuten unruhiges Schattenspiel auf die lichtgrün gemalten Wände und die weiße Stuckdecke. Durch die hohe, doppelte Glaswand, die im Winter die offene Veranda mit den Sandsteinsäulen abschloß, sickerte das letzte graue Licht. Im Garten spann schon die Dunkelheit, nur die weißbereiften Platanen hatten noch matten Silberglanz. Heinz atmete tief und rieb fröhlich die Hände: »Jetzt zünden wir noch die Wandleuchter an.« Mit dem brennenden Zündholz lief er von Licht zu Licht: »Und noch die Glaskrone.« Flora Schirlitz nickte würdevoll. Sie hatte ein gutes Herz und wollte fein stillhalten, wenn der Geheimrat bei der Prüfung der Wochenrechnung, die er jeden Samstag höchst persönlich vornahm, da er Jakobes Rechenkünsten nicht traute, über den horrenden Verbrauch an Wachslichtern schelten würde. Jakobe stand mit runden glänzenden Kinderaugen am dunkelgrünen Kamin, in dem das Gas summte und kochte. Wie gierige Zungen zuckten die bläulichen Flämmchen. Jetzt brannten alle Kerzen; überall war Helligkeit und lustiges Schattenhuschen bunt durcheinander. Heinz schlug den Klavierdeckel hoch. Weiß und schwarz schimmerten die Tasten. Die Schirlitz aber entdeckte eine kleine Staublage, schritt hin und wischte sorgfältig den grauen Hauch fort. Jakobe lächelte leise, und als jetzt der kleine Elias durchs Haus krähte, schüttelte sie fast erstaunt den Kopf. Ihr Herz war leicht und frei, sie reckte die Arme, als hätte sie Schätze ohne Zahl zu verschenken. Heinz wühlte in Notenpäcken, seiner Staub wirbelte empor und hing im Goldlicht der Kerzen. Scharf stand Heinz' Schattenriß auf der lichtgrünen Wand. Flora Schirlitz räusperte diskret und wartete dann. »Danke schön, Schirlitz,« sagte Jakobe mechanisch. Die Tür klappte ins Schloß. Still lag das große Haus. Nur die Bäume im Garten kamen ins Rauschen und räkelten sich auf, ehe der Schlaf kam. Der Atem der zwei jungen Menschen ging durch die Stille. Heinz steckte den Kopf aus den Noten: »Du, Jakobe, wie lange waren wir beide eigentlich nicht zusammen da oben?« »Zwei Jahre.« »So wenig Zeit haben wir für uns selbst?« Er schüttelte den Kopf und schlang die Hände ineinander, wie um abgerissene Fäden neu zu knüpfen: »Zwei Jahre? Jeder schlich da allein herauf. Sind wir denn so feige vor dem Alten?« Jakobe schüttelte sich ein wenig und zog dann behaglich die Schultern hoch, wie eine Katze, die am warmen Ofen Buckel macht. Heinz lachte: »Ja, und jetzt, altes Mädel, jetzt machen wir Musik. Aber das Harmonium dort hinten mag uns gewogen bleiben. Das brauchen wir nicht. Hier ist kein Regens chori und kein strenger Meister von Zucht und Sitte. Hier sind nur zwei Menschen, die sich lieb haben. Oder nicht, Jakobe?« Schon gruben Falten in die Stirn. Die grauen Augen blickten hart wie die seines Vaters. Nur das Kinn blieb klein und kurz, und der Mund war trotzig, aber nicht stark. Wieder war er bei den Noten und klatschte die Stöße auf und ab. »Da, Jakobe! Tschaikowsky F-Moll, du nimmst das zweite Klavier.« Gehorsam setzte sie sich vor ihre Partitur, aber ihre Hände zitterten und griffen falsch. Ihr Herz flog aller Musik weit davon. Heinz hatte rote Wangen und flackernde Augen, mit lustigen, schlenkerigen Kapellmeistergesten langte er von seinem Klavier hinüber und gab ihr Tempo und Einsatz. Ein ganz anderer schien er auf einmal, selbstsicher und Herr über alle Hast und Unkraft. In keckem Übermut pointierte er das Andante, und Jakobe lief hurtig gleichen Schritt. Die Lichter flackerten freundlich, und alles war hell und froh. Plötzlich ließen sie das Spiel, liefen aufeinander zu und küßten sich, heiße, wilde Küsse, die lange geschlummert hatten. Heinz blies zwei Lichter aus. Grau stieg der Qualm. »Willst du nicht weiterspielen?« fragte Jakobe. Er nickte kurz und eilte ins Finale, in das schwermütige und tolle russische Tanzlied, das nach der Balalaika klingt und nach dem Schrei des Kranichs über der Steppe, im Herbst. Und sie summten die Melodie über das Klingen der Tasten hin: »Im Felde stand ein Birkenbäumchen ...« Die Wachskerzen tropften und flackerten, als striche ein heißer Wind über ihre Flamme. Heinz löschte jetzt alle Lichter. Ganz dunkel war es, nur von den Klavieren her schimmerte es weiß. Leise kam die Freude. Dann war es ganz still. Plötzlich schlug draußen eine Kinderstimme hoch; »Hurra, da sind sie!« Und eine derbe kleine Faust hämmerte wider die Tür. Sie schraken auseinander, standen zitternd und lauschten. Scheu huschten die Blicke aneinander vorbei. Witte schrie wieder: »Der »Blaue Herrgott« ist da!« Stumm zündete Heinrich die Kerzen wieder an. »Man entrinnt ihnen nicht.« Und er warf hart die Klavierdeckel zu. »Schließ auf!« befahl er grob. Schmal und schlank schlich sie zur Tür. Herein stürmte der kleine Witte, und hinter ihm stand, den mächtigen Zylinder auf dem Greisenkopf, Johann Sebastian Williguth im Pelz und hielt ein großes flaches Ding, dicht in braunes Papier eingehüllt, unter dem Arm. »Grüß Gott, Großpapa,« sagte Jakobe. Ihre Lippen zitterten, und kein Glanz war in ihren Augen. Mißtrauisch musterte der Regens chori die flackernden Kerzen: »Viel Licht habt ihr da verbrannt.« Und er begann laut und bedächtig die Kerzen zu zählen. Dann fragte er streng: »Und was habt ihr gespielt?« »Tschaikowsky, Großpapa.« Ihre Lippen wurden rot, und die Zunge fuhr liebkosend darüber hin. »Nicht Harmonium?« grollte Johann Sebastian und tat Tschaikowsky und seine Musik mit einer einzigen Handbewegung ab. Aber er lächelte sofort, als Witte sich an ihn drängte und neugierig an dem verhüllten Etwas zu zupfen begann. »Warte, Knirps!« Er griff in die Tasche und brachte einen großen, rot und weiß gefleckten Plüschtiger hervor, den Witte mit lautem Freudengeheul begrüßte. »Er macht auch Musik,« belehrte der alte Herr und zeigte fröhlich seine drei großen gelben Zähne. Er quetschte bedächtig den Leib des Tigers, ein häßliches Quieken ertönte. Witte jubelte schrill und ausdauernd. Auf der Treppe wurden jetzt Stimmen laut, der klare Bariton des Grafen Forcade und der knarrende Altweibersingsang von Urgroßmutter Apollonia. Keuchend pustete sie heran. »Es ist nicht hübsch, daß ich zu euch heraufklettern muß.« Die scheußlichen violetten Federn auf ihrem Kapotthütchen, das wie ein Tüpfelchen auf dem breiten, rosigen Gesicht saß, schaukelten mißbilligend hin und her. Jakobe stammelte: »Wir machten Musik.« »Aber schlimme Musik,« brummte der alte Williguth. Und, seinen Enkel Heinz scharf im Auge, fuhr er fort: »Dein Vater hat schon recht. Es wird gut sein, wenn ich im »Blauen Herrgott« die alten Meister mit dir mal wieder durchnehme. Das wärmt das Herz...« Er brach ab. Heinz bleckte die Zähne, wie ein Tier, das machtlos durch das Gitter seines Käfigs stiert. Nikolaus Forcade sagte freundlich: »Verzeiht, Kinder, daß wir eure gute Stunde stören!« Langsam strich er den braunen Spitzbart. Johann Sebastian sah ihn verächtlich an und knurrte etwas, das zum Glück niemand verstand. Wie Helle ins Dunkel klangen Forcades feste Worte zurück: »Jeder hat sein Recht, lieber Williguth.« Aber der Alte strafte diese sündhafte Schwäche nur mit einem einzigen Blick und schwang unwillig den ehrwürdigen Zylinder durch die Luft. Frau Apollonia, die mißgünstig die Kerzenverwüstung betrachtete und mit betonter Sorgfalt Wachstropfen vom Klavier schabte, bemerkte mit wohlwollendem Erstaunen: »Du bist noch magerer geworden seit der Entbindung, Jakobe. Freilich, wenn man kein Kind selbst nährt.« – Die violetten Federn nickten jetzt bekümmert. »Ich begreife dich einfach nicht.« Heinz Williguth funkelte die alte Dame drohend an: »Ich will es nicht, Großmutter.« »Ich hätte mir das nicht nehmen lassen,« erwiderte voll Stolz die Zweiundachtzigjährige. »Nur Friedemann mußten wir nach zwei Monaten leider die Flasche geben,« mischte sich Regens chori sachverständig ein und sah Jakobe streng an, »aber der war auch der Zwölfte, und Mutter meint heute noch, sie sei ihm etwas schuldig geblieben.« Nikolaus Forcade knackte die Fingerknöchel wider einander: »Meine Frau hat seinerzeit auch nicht...« »Die hatte freilich keine Zeit. Aber Jakobe singt ja nicht. Wenn ich denke, als mein Giacomo zur Welt kam, stand ich noch den ganzen Morgen am Plättbrett. Ja, die jungen Frauen heutzutage! Du weißt wohl gar nicht, wann bei euch große Wäsche ist?« »Wir haben nur die Babywäsche im Hause, Großmama.« »O Gott, o Gott, wo ihr doch den schönen Garten zum Trocknen habt,« seufzte die halsstarrige Alte, »und Philipp Emanuel war daheim immer so heikel auf seine Hemden.« Langgezogenes Hundegeheul gellte durchs Haus. Und dann ein zorniger Kinderschrei. Hund Boabdil jappte. Kleine Füße trampelten eilig die Treppe herauf. »Es ist hier sehr lebendig,« murmelte der Graf und sah seine Tochter von der Seite an. Herein polterte Wittekind, dicke Tränen kollerten ihm die Backen herab, die grauen Augen funkelten vor Zorn. »Tiger ist tot,« brüllte er und verbarg seinen Kopf in Jakobes Rock, zerrte und zog und hing wie ein Bleigewicht. »Aber, Wittelein, schrei doch nicht so!« bat die junge Frau leise und strich dem Wildling über das blonde Strubbelhaar. Johann Sebastian saß breit und wuchtig in einem Fauteuil und lachte unbändig, als jetzt Boabdil hereinschlich, schnaufend, die Augen rot unterlaufen, den unglücklichen Plüschtiger im Maul. Stolz blickte der Bulldogg umher, weil er den Feind erlegt hatte. Witte hob sein Wehklagen wieder an: »Tiger – hat – keine Stimme mehr! – Schlechter Bobby!« Und wütend strampelte er mit den nackten braunen Beinen. Heinz bückte sich und befreite das Opfer. Der Hund knurrte und zeigte die Zähne. »Sind denn lauter Bestien hier?« brach der junge Williguth los und hieb blindlings mit dem Lichterstock auf den widerhaarigen Boabdil ein. So trieb er ihn zur Tür hinaus. Johann Sebastian sah scharf hin, schluckte ein paarmal und kniff die Augen ein. Er war leicht gekränkt und bezog nicht mit Unrecht die Bestien auf sich und seine Frau. Wenn Philipp Emanuel nicht daheim war, herrschte hier ein lästerliches Chaos. Schadenfroh griff der Alte wieder in die Tasche: »Komm her, Witte, ich habe noch etwas Schönes für dich.« Das Kind ließ die Mutter los, preßte den durch Boabdils Biß stumm gewordenen Tiger unter den Arm und lief neugierig zu Meister Williguth. Der hielt eine Kindertrompete hoch und setzte sie schmunzelnd an die Lippen: »So mußt du blasen, liebes Kind, dann klingt es fein.« Und er blies. Apollonia schlug entsetzt die Hände zusammen. »Nein, aber, Vater, das fehlt hier gerade noch, Witte macht doch wahrhaftig Lärm genug.« »Still, Alte! Witte ist ein Williguth, früh soll er die Musik lieb haben. So denke ich.« Und eine große Handbewegung erklärte weiteren Widerspruch für unzulässig. Witte schrie und rannte mit seinem Glück davon. Unablässig blies er Signale. Hund Boabdil fuhr bellend hinterdrein. Durch das ganze Haus ging die wilde Jagd. Johann Sebastian nickte befriedigt: »Das stärkt die Lunge. Und jetzt will ich den kleinen Elias sehen.« Ungeduldig stand er auf und schob das papierverhüllte Etwas wieder unter den Arm. »Ich habe sein Taufgeschenk mitgebracht.« Ergeben, mit leicht gesenkten Schultern, schritt Jakobe den beiden Alten voran. Graf Forcade blieb mit Heinz zurück, überall war ein Flackern und Zischen, wenn das Wachs der unruhigen Kerzen niederschmolz. Schatten tanzten an den lichtgrünen Wänden. Störrig schaute Heinz vor sich hin und schwieg. Forcade sah ihn mit einem feinen, stillen Lächeln an und legte ihm leicht die Hand auf die Schulter: »Laß sie doch! Sie meinen es gut.« Der junge Williguth atmete kurz und schnell. »Du kommst nicht los von ihnen.« Und dann, wie um sein inneres Elend loszuwerden, schrie er auf: »Was weißt du, Papa! Nicht mal küssen kann ich die Jakobe.« Da schwieg Nikolaus Forcade lange und sagte dann nur: »Wir wollen die Lichter löschen.« Und das taten sie. »Heinrich!« »Was?« Mit tiefer Stimme klang es durchs Dunkel: »Hab' nur Jakobe lieb!« Angst war darin. In dem blütenweißen Zimmer des kleinen Elias standen die Urgroßeltern und starrten den rotbackigen Knirps an, der neugierig das Köpfchen drehte. »Für Jakobe ist es immerhin ein starkes Kind,« erklärte anerkennend Mutter Apollonia, die bei jedem Williguthschen Wochenbett mit Rat und Tat zur Hand war. Ihr Blick taxierte die Tauglichkeit der Amme. »Ich will dann dabei sein, wenn er trinkt.« Schüchtern nickte das Bauernmädel und blickte zu Boden, ihre eigene Großmutter daheim war nicht anders. Johann Sebastian beugte sich über das Bettchen, den dicken Rohrstock mit der altersgelben Elfenbeinkugel in der Hand, die alte Kinderfrau im feingefältelten Mullhäubchen sah ihn kampfbereit an und hielt das Deckbett fest. »Na, decke Sie ihn nur auf. Sie dämliche Person,« befahl er ärgerlich, »mit diesem Stock habe ich noch jeden neuen Williguth gemessen. Zieh' ihm mal die Beinchen stramm, Mutter!« Feierlich und aufmerksam maß er den Kleinen, dann nickte er gnädig. »Er wächst tüchtig, freilich, Giacomo war größer im selben Alter.« Er richtete sich hoch auf: »Jetzt sollst du dein Taufgeschenk haben, kleiner Elias.« Und plötzlich fragte er zornig: »Warum heißt er überhaupt Elias? In der Familie Bach gibt es noch viele hübsche Namen. Aber natürlich, ich werde ja nicht gefragt. Ich bin nicht vornehm genug.« Und er fixierte den Grafen Forcade. Mit liebenswürdigem Lächeln antwortete dieser: »Philipp Emanuel wollte es so!« Der alte Murrkopf wagte nicht, laut zu schimpfen, wie es sonst seine Art war. Mit dem Geheimrat band er nicht gerne an. Pustend und brummend wickelte er drei dicke Papierhüllen von dem geheimnisvollen Taufgeschenk, schwang endlich ein schwarz gerahmtes, auf Holz gemaltes Bild empor und hob und senkte es langsam, als sei es das Panier der Williguth, vor dem er Achtung forderte. »Das ist Johann Ambrosius Williguth.« »Jetzt hast du einen neuen Götzen im Haus,« flüsterte Heinrich seiner Frau ins Ohr. Johann Sebastian aber hielt das Konterfei seines Ahnen mit beiden Händen und trug es wie einen Wappenschild vor seinem würdigen Bauch einher. So schritt er von einem zum andern und heischte Bewunderung für die krasse und vierschrötige Malerei, die einen Fähnrich der Seydlitzkürassiere aus der letzten Zeit des siebenjährigen Krieges auf plumpen Stelzbeinen zeigte. Der Greis aber blickte liebevoll von seiner Höhe auf das Familienstück, das er behend hin und her bewegte. Gereizt schaute Heinz Williguth auf die starke Ähnlichkeit zwischen dem Bild und dem Uralten, der es trug. Wieder gierige graue Augen, ein schweres Kinn und mächtige Kauwerkzeuge, die Hände in den weißen Stulpen feste Griffpranken. »Bei Torgau haben sie ihm beide Beine weggeschossen. Er gab sie gern her für den großen Fritz.« Es klang, als wäre der Sieg bei Torgau nur eine Gabe dieses Johann Ambrosius Williguth. »Hier soll er bleiben, beim kleinen Elias.« Und die starke, gichtknotige Hand bezeichnete den Platz an der glatten, schneeweißen Wand. Heinz brachte Haken und Hammer. Diesem Hochmut widersprach man nicht. Mit Wort und Geste kommandierte Johann Sebastian, bis Johann Ambrosius endlich schwarz und protzig auf die Williguths niederschaute.   Witte hielt die Trompete mit beiden Fäusten und blies einen Tusch, er wollte auch ein General werden mit Pallasch und zwei Stelzbeinen. Meister Williguth schmunzelte über das ganze Gesicht. Jakobe dankte schüchtern und zog Junker Witte heran, der dem Urgroßvater artig die Hand küssen mußte. Heinz stand stumm und nagte an der Oberlippe. Ungeduldig trieb Apollonia jetzt die Männer hinaus: »Elias will trinken.« Aber es war gar nicht seine Zeit. Die alte Frau wollte bloß ungestört den Milchreichtum der Amme auf die Probe stellen, wie einst eine Williguth irgendwo auf dem Dorfe die Ergiebigkeit einer Kuh. »Komm,« sagte gönnerhaft der Regens chori , »ich will euch am Harmonium erfreuen.« Hell schimmerte es über sein Antlitz. Die langsamen Greisenaugen fanden ihr Funkeln wieder, und sein Schritt war leicht und schnell. Er öffnete die Tür zum grünen Zimmer. Wachsgeruch hing darin und die letzten Spuren des Kerzenqualms. Aber nur Graf Forcade trat ein, und Witte mit Tiger und Trompete, Heinz kam nicht. Ihm graute jetzt vor diesem Zimmer. Mit kleinen, eiligen Schritten lief jemand die Treppe herauf und schwang lustig den Hut. Aurelius Schückedanz meldete, daß der Geheimrat erst spät abends heimkommen könne. Man sollte mit dem Abendessen nicht auf ihn warten. »Also ganz allein mit dem alten Volk,« murrte Heinz und strich über die Stirn. Schückedanz blinzelte verlegen und vorsichtig rundum. Sein Mut schlich am liebsten auf Filzsohlen wie sein Vater in den Gängen von Sankt Pankraz. Flora Schirlitz' schwere Füße stampften jetzt die Holzstufen empor. Herr Aurelius atmete erleichtert auf und schlug sich klatschend vor die Stirn: »Richtig, Frau Pastor, der »Blaue Herrgott« bekömmt Hühnerfrikassee und Reis, aber nicht zu weich. Er ist stolz auf seine drei Zähne.« »Schickt Sie der Herr Geheimrat?« fragte die Hausdame gemessen. »Ja, ich – allerdings – so im Vorübergehen, meine ich.« Er wurde rot, als er den ruhigen Spott in Frau Floras verwaschenen Augen sah. »Es wird pünktlich besorgt.« Die Landsknechtfüße stampften wieder treppab. Schückedanz guckte Heinz etwas verwirrt ins Gesicht: »Ja, so ist das nun.« »Ich weiß, Aurel.« »Siehst du, es ist ganz lustig, für andere zu sorgen. Und ich tue es gern, Heinz, das darfst du glauben.« Im grünen Zimmer band Johann Sebastian Ton an Ton auf dem Harmonium und schaltete voll behaglicher Seligkeit im Reiche der Musik. Voll und rein klang es durchs Haus, wie wenn ein frommes Herz zu seinem Gott spricht. »Du, sag' mal jetzt, Heinz, ist das nicht einfach ein alter Prachtkerl, mit dem lieben Herrgott auf Du und Du?« Heinz schwieg und horchte nur. Der Kantorssohn von Sankt Pankraz faltete die Hände und legte sie ergeben auf das professorale Spitzbäuchlein: »Ja freilich, da kann das arme Väterchen nicht mit, ist nur ein frommes Stümperlein, mein alter Herr.« »Und der alte Herr da drin drückt ihm natürlich die Gurgel zu?« »Na, na, Heinz! Der »Blaue Herrgott« hat einfach den armen Polykarp Schückedanz in der Tasche.« »Genau wie der Geheimrat den armen Aurelius Schückedanz, nicht?« »Erlaube mal, ich bin doch schließlich Geheimrat Williguths erster Assistent. Für so ein hungriges Studentlein ist's schon ein Ziel.« »Und ich bin der Kronprinz.« Schückedanz fuhr zusammen. Grau und verfallen stand der junge Williguth vor ihm. »Aber – aber,« stammelte der kleine Professor und versuchte ein zuversichtliches Lächeln, das trübsinnig genug ausfiel. Drin jubelte das Harmonium, der »Blaue Herrgott« war in frommer Seligkeit. Und draußen starrte sein Enkel dem kleinen Schückedanz ins Gesicht, wie einer ohne Halt. Dann liefen sie im dunklen, verschneiten Garten wegauf, wegab, stumm und ohne Vertraulichkeit. Gelbrot und warm leuchtete die hohe Balkontür, hinter der Meister Williguth unermüdlich sein Werk tat, trotz seiner fünfundachtzig Jahre. Schückedanz blieb zum Abendessen. Johann Sebastian bekam sein Hühnerfrikassee und nicht zu weichen Reis und trank vergnüglich alten guten Wein. Apollonia lobte die Amme und gab Jakobe weise Ratschläge, worüber Graf Forcade unmerklich lächelte. Johann Sebastian pries noch einmal das Bild des Johann Ambrosius Williguth und wurde dann schläfrig. »Ich bin doch schon alt.« Die Augendeckel fielen herab, und er schlummerte ein. »Er schnarcht niemals,« bemerkte Apollonia stolz und schmunzelte behaglich über so viel Vollkommenheit. Unermüdlich strickte sie dicke weiße und graue Strümpfe, die von Groß und Klein gewissenhaft benützt werden mußten. Die blanken Nadeln klapperten, die Hornbrille saß scharf und schimmernd vor den blauen Augen. »Philipp hat wohl vergessen, daß Vater und ich heute hier sind?« Aber der Geheimrat kam nicht. Er schickte nur den Wagen für seine Eltern. Beim Abschied streckten die zwei Alten dankbar die Hände hin: »Es war wunderhübsch bei euch.« Jakobe küßte diese uralten Hände und bekam einen Kuß auf die Stirn, Heinz machte sich mit Mänteln und Pelzschuhen zu schaffen. Simon Gottesdank gähnte und rieb die Fäuste. Es war bitterkalt. Sorgsam schloß er das Tor und klimperte mit seinem Schlüsselbund. Dann saß er in seinem Zimmerlein, trank den Bordeaux und rauchte die dicken Zigarren des Geheimrats. Das war Trost und Lohn für sein langes Warten. Die Falten hüpften lustig in dem gelben welken Gesicht, und der Adamsapfel glitt blitzschnell auf und nieder, wenn der rote Wein durch die Kehle rann. Ganz im Tabaksqualm saß Simon Gottesdank, die Füße auf einen Sessel gelegt, und wartete. Um zehn Uhr trabte Flora Schirlitz nach Brauch und Sitte das Haus ab. Simon steckte den Kopf hervor und schnupperte mit seiner Fuchsschnauze. »Alleweil fleißig, Frau Pastor?« Ärgerlich hob die Hausdame den Hamletkopf und fächelte sich absichtsvoll mit einem rosa Batisttüchelchen, dessen Ecke ein großes verschnörkeltes »Flora« in rotem Stielstich zierte. »Hier riecht es unerlaubt nach des Geheimrats Zigarren. Ich werde das endlich melden müssen, wer...« »Na, na,« machte der Alte und hielt galant die Tür offen, »Vielleicht einen Augenblick gefällig, Frau Pastor?« Die Schirlitz trat ein, ein wenig hastig und nicht so würdevoll wie sonst. »Ist unsere junge Frau noch auf?« »Natürlich.« Abweisend und kurz klang es, und doch zitterten die festen, knotigen Hände und strichen das schwarze Seidenkleid auf und nieder. »Wir müssen noch unser Whist spielen, wenn der Geheimrat kommt.« »Arme Frauenzimmerchen. Ja, er ist der Herr.« Und Simon hob das Weinglas gegen das Licht. Er trank und kicherte in sich hinein: »Ja, das wärmt und macht helle Augen. Sehen Sie, Frau Pastor, so'n alter Kerl friert leicht. Und dann ...« Simon Gottesdank riß mit gutgespielter Ängstlichkeit die gelben Äuglein auf. »Ich habe nämlich das zweite Gesicht.« Er nickte sehr ernsthaft: »Ist gewissermaßen in der Familie. Mein seliger Papa war, wie man zu sagen pflegt, Jahrmarktzauberer.« Verschmitzt blinzelte er die Schirlitz an: »Hier im Hause gehts um!« Sie richtete sich abweisend auf, als drohende Haken sprangen Nase und Kinn vor, die Hände lagen zu Fäusten geballt auf dem Tisch. Wie ein ergrauter Soldat verteidigte sie ihren Posten. »Was untersteht er sich?« »Na, na, Frau Pastor, 'runter vom hohen Roß. Unser Geheimrat hält Sie doch auch nicht viel besser als einen Dienstboten. Prost, alte Dame!« Rote Flecken brannten im Gesicht der Schirlitz, aber sie blieb ruhig. Simon grinste sie boshaft an: »Seht euch nicht um, die Maus geht um! Ja, wahrhaftig, Frau Pastor, 'ne riesengroße graue Maus.« »Er wird schweigen!« »Tut er auch. Aber einmal, Frau Pastor, so aus gutem Herzen, da hat er sich das Maul verbrannt. Der Alte droben,« er streckte die spitzen Finger gegen die Decke, »hatte gerade sündhaft viel Geld verdient an einem Amerikaner oder so einem Esel und war guter Laune. Da habe ich sozusagen von der Maus erzählt.« Fast feindlich bohrte die Schirlitz ihren Blick in die hämischen gelben Äuglein Gottesdanks, der behaglich weiter schwatzte, wie einer, der plötzlich aus dem Schatten ins Licht der Bedeutung vor Gott und den Menschen tritt. »Und dann?« »Pah, dann! Dann hat er mich nur so von oben angesehen mit seinen zornigen grauen Lichtern und das Hemd, das feine weiße Hemd, das er gerade in der Hand hielt, von oben bis unten zerrissen. Und das zweite und dritte genau so. Rrrr – ratsch! Da ist mir das Herz hingefallen, wohin es nicht gehört, und ich habe nur herausgewürgt: ›Der Herr Doktor haben wohl oft bei Nacht auswärts zu tun!‹ Da hat er die Zähne gebleckt und die Fäuste geballt: ›Raus mit dir!‹ Ich packe die Beine huckepack und fort. Ist nicht gut Kirschenessen mit dem Alten.« »Er weiß es also?« flüsterte die Schirlitz und stierte geradeaus. »Ja, so einer ist der Geheimrat.« Plötzlich fuhr er auf, die schwimmenden Säuferaugen waren starr, die Hände streckte er wie zur Beschwörung aus. »Die Maus geht um. Es ist ihre Zeit.« Lautlos huschte er zur Türe und öffnete sie spalteneng. Gedämpfte Schritte schlurften im Korridor. Türen klinkten auf und zu, Simon zählte langsam: »Eins, zwei, – drei, – vier. Jetzt ist er draußen.« Ein kurzes Bellen. »Der Hund weiß es auch.« »Nur schweigen, schweigen, Simon Gottesdank!« Die Schirlitz stand kerzengerade, wie ein altes Schlachtroß, das ein Trompetensignal hört. »Versteht sich, Frau Pastor, das geht uns Gesindel nichts an.« Lange standen sie so. Ein schrilles Läuten zitterte durch die Stille, schwang auf und ab und lief die Gänge entlang. »Er.« Simon Gottesdank legte die Zigarre weg, bürstete die Asche von dem schwarzen Rock, wischte hastig den Mund und schlich gebückt hinaus. Geheimrat Williguths Stimme fragte: »Meine Eltern schon fort?« »Ach, schon lange, Herr Geheimrat.« »Ihr Maul, Simon, riecht nach meinem Bordeaux und Ihr Rock nach meinen Zigarren, Ihr seid doch alle Diebe.« Der alte Diener knickte zusammen: »Herr Geheimrat scherzen mit meiner Wenigkeit.« »Mein Sohn daheim?« »Herr Doktor schlafen bereits.« Nun schlotterten Simon doch die Knie. Der Geheimrat hatte das dritte Gesicht, und das war stärker als das zweite. »Eine Flasche Wein ins Spielzimmer.« Sein schwerer Schritt verhallte. Simon zog vorsichtig die Tür hinter sich zu: »Haben Sie gehört, Frau Pastor?« Die Hausdame war schon wieder ganz Würde und Zurückhaltung: »Gute Nacht.« Simon kicherte schadenfroh: »Jetzt heißt es Whist spielen und nicht mucksen, eine, zwei, drei Stunden vielleicht. Viel Vergnügen, Frau Pastor!« Er griff nach einer Blendlaterne und langte die Kellerschlüssel vom Haken. »Ei, ja, die graue Maus,« brummte er. Jakobe saß längst am Spieltisch, den Kopf auf die Hände gestützt, zwischen Schlaf und Wachen. Zwei Päckchen Karten, die beiden Schreibtafeln und ein Stückchen Kreide lagen auf dem grünen Tuch. Vor großen Operationen spielte Philipp Emanuel mit Jakobe und Flora Schirlitz einige Partien Whist. Das nannte er seinen Schlaftrunk, und war er erregt und mit sich selbst nicht im reinen, dauerte das Spiel oft bis in die Morgenstunden. Jakobe schrak auf. Sie hörte den Schritt des Geheimrats im Speisezimmer, und er liebte frohe Gesichter, wenn er heimkam. »Verzeih, Kind, daß es so spät wurde,« sagte er leichthin. Er schien angeregt und gutgelaunt, im Ausschnitt des Schlußrockes schimmerte eine fliederfarbene Krawatte. »Na, war der ›Blaue Herrgott‹ bei Humor? Wann rückte der musikalische Wundergreis an?« »Heinz und ich spielten gerade Tschaikowsky im grünen Zimmer.« »So?« Philipp Emanuel stellte die Brauen auf, zog vorsichtig und ruckweise die blaßgrauen Glacéhandschuhe ab und ließ sie dann durch die Luft pendeln, indem er sie an den Fingern hielt und langsam hin und her schwang. »Viel geschwatzt, der alte Papa?« Jakobe mischte schon die Karten: »Nur Großmama begreift nicht, daß ich Elias nicht selbst nähre. Und dann schenkte Großvater ein Bild, das den Johann Ambrosius Williguth vorstellt. Nun hängt es im Kinderzimmer bei Elias.« »Donnerwetter, Jakobe, da hat dir Johann Sebastian seinen Hausgott abgetreten. Das will was heißen!« Er ging gemächlich in den Salon, hob von einer blauen chinesischen Vase den Deckel und warf die nicht mehr ganz frischen Handschuhe hinein, dann holte er ein Geldstück aus der Tasche und ließ es den Grauglacierten nachklimpern. Die Schirlitz kam gerade herein, Flasche und Glas vor sich auf einem Tablett. »Guten Abend,« sagte der Geheimrat und setzte den Deckel wieder auf die Vase. Flora Schirlitz verzog keine Miene. Sie kannte den Hausbrauch und hatte das Klirren der Münze gehört, das deutete auf gut Wetter. War seine Laune schlecht, mußte man die Handschuhe ohne Belohnung zum Putzen aus der blauen Vase holen. Philipp Emanuel lächelte einen ganz kurzen Augenblick schier vertraulich. »Na, Schirlitzchen, wenn ich heute Pech im Spiel habe ...!« »Ach, aber, Herr Geheimrat,« wehrte sie züchtig ab. Sie war rot bis an die Perücke. Wieder lächelte er fast unmerklich und war gleich darauf wieder starr und gemessen. Die Karten fielen. Wie gehorsame Mechanismen spielten die beiden Frauen. Philipp Emanuel führte den Strohmann und tat auch dieses Spiel mit Lust und Liebe, wie alles, was er angriff. »Schirlitz, mit König, Dame und Zehn bringt man den König. O, ihr Weiberchen!« Er schaute wohlwollend, wie ein Großvater, der junges Volk zurechtweist. »Invitiere auf Atout, Jakobe! Nun, hat Heinz mit Vater musiziert?« »Nein, Papa.« Philipp Emanuel trank langsam sein Glas aus und machte einen Trick. Aber er schmunzelte nicht darüber, wie sonst. Eine Stunde spielte er noch, schweigend, mit gespannter Aufmerksamkeit, dann schleuderte er die Karten hin. »Du bist todmüde, Jakobe, genug!« Flora Schirlitz leuchtete mit der Kerze voran, der Geheimrat bückte sich nach einer verstreuten Karte und hielt das Matt Jakobe vor die Augen: »Coeurdame, Kind, das ist Glück.« Er reichte ihr den Arm und schritt stolz und aufrecht hinter dem Licht der Schirlitz drein. Von manchen Abenden, die für alle im Hause ein Geheimnis blieben, brachte er eine lächelnde, bewußt altfränkische Galanterie heim wie ein seltenes Geschenk.   Seine harte Männlichkeit schien dann weicher, gleichsam gebändigt. Scheu und schnell blickte Jakobe nach der Tür des grünen Zimmers. Der Kerzenschein tanzte auf der dunklen Holzschnitzerei der Galerie, warf zuckende Schatten über die alten Bilder im Korridor und schuf eine geheimnisvolle Unsicherheit von Hell und Dunkel mitten in dem stillen, schlafenden Haus. »Du bist schön, Jakobe,« murmelte Philipp Emanuel. »Und jetzt muß der alte Papa wohl gute Nacht sagen?« Die grauen Augen waren hell und jung. Er legte den Kopf in den Nacken: »Hast du etwas dagegen, wenn ich noch eine Tasse Tee bei dir trinke? Schirlitz, drücken Sie ein Auge zu, Sie fromme Seele!« »Aber bitte, Papa.« Verwirrt öffnete sie die Tür zu ihrem Sitzzimmer und drehte das Licht an. »Also Tee, Schirlitzchen, hierher.« Vergnügt hielt er in dem kleinen, lila und weiß gehaltenen Raum Umschau: »Mein Herr Sohn hat's gut.« Er dehnte die starken Arme. Jakobe senkte schnell den Kopf, klapperte mit den Löffeln und schwieg. Dann kam der Tee. Philipp Emanuel stellt die Brauen steil. Sein Blick war jetzt scharf und streng. »Vertragt ihr euch nicht?« fragte er kurz. Und als keine Antwort kam, sagte er geduldig, mit schulmeisterlichem Nachdruck: »Ja, siehst du, Jakobe, ihr Frauen habt doch so viele kleine Mittel. Weißt du sie auch zu brauchen? – Noch ein Stück Zucker, wenn ich bitten darf, liebes Kind.« Mit der Tasse stand er am Ofen und strich die feingliedrige Hand über das volle dunkle Haar. »Wenn er gerne mit dir da drüben Musik treiben will, warum tut er es dann nicht?« »Du magst es ja nicht.« »Ich? Muß er mich denn fragen?« Jakobe beugte sich vor und sah aus weit offenen Augen auf den Geheimrat. »Ein Williguth tut, was er will. Hab' es auch so gehalten, selbst wider Johann Sebastian im ›Blauen Herrgott‹. Da wollte ich nach Paris und hatte keinen Pfennig. Und Vater gab mir nichts. Paris, das schien ihm sündhaft und aller schlimmen Lockungen voll. Nach Herrnskretschen sollte ich, als Dorfarzt. Da packte ich Mutters perlengestickten Fußschemel und schwang ihn wider Johann Sebastian Williguth. Auftrumpfen muß man uns, hörst du, Jakobe?« Wie ein Spieler die offenen Karten hinwirft, weil er seine Stärke kennt. Wieder fühlte Jakobe die bange Unwirklichkeit rundum, das Maskentragen voreinander und vor sich selbst »Vergiß nicht, Kind, daß ich den Fußschemel wider Johann Sebastian schwang, und es war nicht zum Scherz.« Mit der Tasse zog er einen Bogen durch die Luft, mit genau derselben Bewegung, die Meister Williguth hatte, als er sein Geschenk überreichte. Die grauen Augen zwinkerten vertraulich. Da nahm Jakobe allen Mut zusammen: »Was soll ich tun, Papa?« Weiter kam sie nicht. Philipp Emanuel setzte hart die Tasse hin: »Bitte noch etwas Tee. Was hörst du von deiner Mutter?« »Papa erzählte, daß für Ende April ein Gastspiel in Brüssel geplant ist. Im Juni singt Mama wieder in Convent-Garden.« »Ja, die Miriam! Da erntet der Lewis wieder einen Haufen Geld.« Und er zeigte die starken gelben Zähne. Sein Blick streifte beinahe mitleidig die Schwiegertochter. »Ja, die Miriam,« wiederholte er bewundernd. Er hielt die Fäuste vor sich hin, als müßte er alles Schwache dazwischen erdrücken. Dann lächelte er. »Na ja, Frauchen! Jeder ist anders. Mir bist du recht, wie du bist. Hell und fein und schlank. Und jetzt endlich gute Nacht! Da schwatzt man und glaubt, alles mit Worten einrenken zu können, und ist doch nur ein Pfuscher vor dem lieben Herrgott, oder wie man das Ding schon nennen will.« Ganz wie sein Vater Johann Sebastian sprach er jetzt, die großen Augen schimmerten schier schwärmerisch wie einst die Augen der Williguths, die Pfeifer und Spielleute und bibelfeste Bauern in Thüringen und im Niedersächsischen waren, bieder, gierig, weitverzweigt, mit starken Ellenbogen, eisenhart in ihrer Zusammengehörigkeit. Mit genau denselben Augen bewachte der Seydlitzkürassier Johann Ambrosius seit heute den Schlaf des kleinen Elias Williguth. Gott sei Dank, da bin ich endlich wieder, mein Herzblatt!« Wie ein Hornruf klang es, und mit königlicher Gebärde zog die Gräfin Forcade ihre Tochter ans Herz. Nur den Riesenhut mit dem mächtigen Reiherstoß brachte sie schnell durch eine kurze Kopfbewegung in Sicherheit. Und ihre linke Hand raffte vorsichtig die schillernde violette Seide über dem nicht allzukleinen Fuß. Sonst aber tauchte die große Sängerin ganz in Mütterlichkeit unter. Jeder Atemzug warf die schweren Brüste auf und nieder, und die schwarzen Augen flackerten. Der rote breite Mund mit der knappen Oberlippe, die gerne über den starken Zähnen hoch sprang, hielt nicht still. Miriam Forcade hatte stets das erste und das letzte Wort. Erregt, mit großen, runden Theatergesten schritt sie durch das Speisezimmer, in dem eine warme Maisonne Goldfäden über die dunkle Eichentäfelung spann und blitzende siebenfarbige Steinchen in das Glaswerk des venezianischen Lüsters hängte. Auf dem dunkelblauen Teppich lagen wie schimmernde Honigwaben die hellen Vierecke, die die Sonne aus den Fenstern schnitt. »Ich bin gerädert, Jakobe. Futschikato, hin, hin! Dieser erbärmliche Schlafwagen! Man sollte die Kerle ersäufen. Also, ich sage dir nur, die Aida in Brüssel, na, die schmiß ich ihnen hin, daß die Bestie unten im Parkett miaute vor Entzücken. Du verlierst einen Kamm aus der Frisur, Jakobe. Dein Haar ist übrigens so vorteilhafter. Es hat jetzt auch mehr Glanz. Höchste Zeit war es schon. Du warst immer ein entsetzlich verworrenes Mädel. Bist ja jetzt noch ein halbes Kind.« Und Miriam lächelte wie eine junge, o ganz junge Mama. Jakobe wollte jetzt endlich antworten, aber Miriam schnitt ihr mit hochgehobenen Fingern das Wort ab. Ganz wie der Geheimrat warf sie den Kopf zurück und stampfte mit dem Fuß. Dann stellte sie ungeniert das Bein auf einen Stuhl, schob die Röcke hoch und zog den Strumpfträger zurecht: »Meine Wade kann sich sehen lassen, was, Jakobe?« Die junge Frau wurde rot wie ein kleines Mädchen. Ihre Mutter hatte so gar keine Zartheit, alle Dinge benannte sie um eine Oktave höher als andere Menschen. »Renate macht es mir darin nach. Aber ich kann das kleine Mädel doch noch keine langen Röcke tragen lassen. Überhaupt Renate! Die Schirlitz soll ihr heute keinen Kuchen in die Kinderstube schicken, sie ist in Strafe. Denke bloß, da bringe ich ihr einen süßen weißen Spitzenhut mit und eine wundervolle Puppe mit dem Trousseau einer Prinzessin. Und dieser Balg von einem Kind heult und macht mir eine tragische Szene. Und ich muß doch morgen singen! Lache nicht, Jakobe, wenn ich zornig bin! Diese Williguths machen dich noch ganz plebejisch!« Die Gräfin Forcade schrie wie eine Marktfrau. Hochmütig sah sie auf die Tochter hinab und räkelte sich im Gefühl ihrer rassigen Fülle, daß das enge Korsett krachte. »Also Renate! Ja, einen Fächer hätte sie gewollt, der eitle Affe. Der Spitzenhut ist ihr zu kindisch. Sie trägt ihn nicht. Ich soll ihn lieber Witte schenken.« »Aber, Mama, sieh doch endlich ein, daß Renate reichlich fünfzehn ist ...« Miriam lief schon wieder durch das Zimmer. Sie zog die dicken, an der Nasenwurzel zusammengewachsenen dunkelblonden Brauen hoch, in denen Goldstäubchen glitzerten. »Wozu soll ich mich stets mit euch ärgern? Sage mal, wozu?« Mächtig schwoll die Stimme, umsonst bezahlte man sie nicht mit Gold. Der ganze sonnenhelle Raum war erfüllt von ihrem Groll. Die Scheiben zitterten. Miriam sah es und nickte befriedigt, ja, sie sang noch alles in Grund und Boden, alles freche junge Volk, das sich mausig machen wollte. Sie rannte in den Salon. Das Speisezimmer war ihr schon zu klein. Mit dem langen tragischen Schritt einer gefangenen Löwin, der auf der Bühne so todsicher wirkte, durchmaß sie die kurze Entfernung zwischen zwei der großen blauen Deckelvasen. Jakobe kam ihr geduldig nach. »Ja, wozu, frage ich! Wozu plage ich mit meinen Töchtern? Schließlich ist ja euer guter Papa da. Aber, Gott sei's geklagt, so'n alter Herr –.« Sie stützte den Kopf in beide Hände und stemmte die Ellenbogen auf das schwere schwarze Wandschränkchen mit den dicken, geschnitzten Fruchtschnüren. So beschaute sie sich eine Weile in dem runden schwarzgerahmten Spiegel an der lichtrosa Wand. Wie ein trotziges Kind, nur in den dunklen Augen lauerte feige Angst und suchte nach Falte und Runzel. Jakobe stand steif hinter ihr. Sie wußte genau, daß Mama jetzt eine Bestätigung ihrer Schönheit erwartete, und fand kein Wort. Alles, was man von ihr herrisch verlangte, konnte sie nicht geben. Immer waren ihre Hände karg, wenn man gierig nach ihnen griff. Miriams Blicke im Spiegel funkelten in heimlichem Zorn. »Ich soll Großmutter sein? Blödsinn!« Sie lachte gezwungen. Unter dem linken Auge saß ein Krähenfuß. Miriam blinzelte, wie stets, wenn sie sich selbst betrog. Sie wandte jäh den Kopf, daß der Reiherstoß ins Tanzen kam, und schob das starke Kinn vor. »Kindisch wird er, euer guter Papa. Er ist ja auch dreißig Jahre älter als ich.« »Aber Mama –.« Miriam stampfte auf: »Verschone mich mit dieser dummen Haarspalterei. Auf ein paar Jahre kommt es schon nicht an. Ich nehme ja alle Rücksicht auf seine Marotten. Aber heute hätte ich fast die Geduld verloren. Glaubst du, er hätte Renate für ihre Unart bestraft? Ja, Kuchen. Gelacht hat er, Jakobe, gelacht, bis ihm der Kopf wackelte. Der Hut sei wirklich für ein Baby. Und Renate habe seit zwei Jahren keine Puppe mehr angerührt. Dieses dumme kleine Schulmädel mit ihren elf oder zwölf Jahren! Schweig still, Jakobe! Gestern noch schlief sie im Gitterbettchen und aß Milchbrei. Ich habe geschäumt vor Zorn!« Pathetisch rollten die Worte wie in einem veralteten Konversationsstück aus des seligen Sardou bester Zeit. Der tragische Schritt stürmte wieder durchs Zimmer, daß die blauen Kang-He-Vasen ins Schwanken kamen. »Und vorhin erst, nein, es nimmt kein Ende mit diesem Teufelsbalg. Also, ich gehe mit ihr durch den Fontainengarten, Herren grüßen, Backfische schmachten mich an, du kennst das ja, Jakobe. Gut. Da kommt der kleine Rothenwolff, wir plaudern von Brüssel, das er genau kennt. Renate schneidet gelangweilt Grimassen. Bei ihrem unregelmäßigem Gesicht hat sie das ganz und gar nicht nötig. Ich kneife sie endlich in den Arm. Sie lächelt harmlos und kaut am Zopfband. Und auf einmal macht sie dem kleinen Rothenwolff Augen, Augen, sage ich dir! Kokettiert aufs schamloseste mit diesem jungen Menschen. Achatz Rothenwolff amüsiert sich königlich, natürlich auf meine Kosten. Ich bin so'ne Art Gouvernante, die das gnädige Fräulein behütet! Na, ich habe ihr gründlich die Meinung gesagt. Trägt kurze Röcke und benimmt sich wie eine Kokette!« Die Gräfin Forcade saß mit übergeschlagenen Beinen in einem Fauteuil und rauchte dünne, maisgelbe russische Zigaretten. Achtlos warf sie die Asche auf den Teppich, die abgerauchten Stümpfe reichte sie Jakobe, die sie sorgsam in den Aschenbecher trug. Aber die silberne Schale in Jakobes Hand zitterte. Sie kannte ihre Mutter und hatte selbst an Leib und Seele erfahren, was es hieß, die junge, hübsche Tochter von Miriam Forcade zu sein. Das vergaß man nicht. Wie eine erzürnte Löwin saß Miriam in der warmen Maisonne, die breit und voll über sie und Jakobe hinflutete. Als goldenes Wölkchen hing der Zigarettenrauch in dem zitternden Glanz.   Von der Galerie kam ein lautes Bellen Boabdils. Jetzt schrie Witte drein. Schrill schlug die Kinderstimme in die Sonnenstille des rosenroten Salons. Und jetzt ein hohles, langgezogenes Heulen, wie ein Gespenst um seine verlorene Seele klagt. Mit einem Ruck schnellte die Gräfin hoch. Die glimmende Zigarette flog zu Boden. Mit drei Schritten war Miriam an der Tür, riß sie auf und lauschte. Wieder das Heulen, Wittes Jubelschrei und Boabdils Hundebaß. Mit geballten Fäusten stand die Gräfin Forcade, wie zum Sprung geduckt. Ihre starken Nasenflügel bebten in verhaltenem Zorn. Sie kannte diese Stimme, halb die eines Kindes und halb die einer Frau. Ein silbernes Schwingen war darin, wie von alten Kirchenglocken. Jetzt stürmte Miriam in die Halle und blickte drohend zur Galerie. Oben schimmerte ein weißes Bettlaken, nach dem Boabdil sprang und schnappte. Witte stieß in Johann Sebastians Trompete und schrie dazwischen: »Die Tut-Ursel! Die Tut-Ursel!« Wieder erscholl das Heulen, scharf moduliert wie ein Eulenruf »Renate!« Das Laken bewegte sich, tappend und zerrend, ein dunkler Zopf flog heraus und schwang auf und ab, noch einmal heulte das seltsame Gespenst. Dann schaute Renate Forcade aus lustigen Braunaugen auf die erzürnte Mama. »Was erfrechst du dich?« Augenblicklich schob das Mädel die buschigen Brauen zusammen und ließ die kurze Oberlippe über die blanken, kräftigen Zähne hochspringen. Halb scheu und halb trotzig kam die Antwort: »Ich spiele mit Witte die Tut-Ursel. Er ist der wilde Jäger.« Und der Kleine drückte das runde Gesichtchen durch das Holzgeländer und schrie: »O, Tut-Ursel heult gut, so gut!« Jakobe legte hochmütig den Kopf zurück, wie es der Geheimrat tat, aber sie wußte nicht, daß es genau dieselbe Bewegung war. »Papa will nicht, daß du Witte Gespenstergeschichten erzählst. Er schläft dann nicht und fantasiert von deinem tollen Zeug.« Renate lachte nur. Und der kleine Trotzkopf zerrte aus Leibeskräften an dem Bettlaken und wiederholte: »Tut-Ursel ist brav, sehr brav.« Wieder blies er in seine Trompete. Jakobe stieg eine leichte Röte in die Wangen. Und weil sie den Mut zum Angriff nicht hatte, verschanzte sie sich hinter der Strenge und Überlegenheit der älteren Schwester: »Du benimmst dich wie ein dummes Schulkind, Renate.« »Wenn ich so kurze Röcke tragen muß, kann ich doch nicht erwachsen tun,« seufzte Renate und schob schier wehmütig ein rundes Bein nach dem andern über die Balustrade. Miriam wetterte los: »Willst du gleich zurück!« Aber plötzlich lachte sie, grob und gesund, daß alle Nähte krachten: »Nein, dieser infame Fratz! Ist sie nicht kostbar?« Mutterstolz klang in ihrem Groll und Freude über eine kleine Ähnlichkeit mit sich selbst. »Mimi zerspringt! Klopf sie feste, Mama! Hinten!« schrie voll zarter Besorgnis Witte Williguth und klatschte in die Hände. Mitleidig blickte Renate in ihrer unreifen Zwitterart zwischen Kind und Mädel auf die dicke Mama, die Witte Mimi nannte statt Großmama. Aber Miriam war schon wieder zornig. Das enge Korsett schnitt in alle Rippen, und sie hatte keinen freien Atem: »Renate, wenn du jetzt nicht sofort 'runter kommst und Jakobe um Verzeihung bittest für deine blödsinnige Lärmmacherei, kriegst du eine Ohrfeige, daß dir Hören und Sehen vergeht.« Sie stemmte die Arme in die Hüften und schrie wie ein Marktweib. Das war die Miriam Italiener aus der engen, schwarzen Judengasse in der Altstadt, wo ein ewiger, stickiger Geruch von alten Kleidern und ungewaschenen Menschen die Luft verdarb. »Komm, Witte,« sagte Renate kühl, ohne die erregte Mama zu beachten, »ich werde dir jetzt den Großen Papa, den Klaus und die Mimi spielen.« »Was heißt das?« pfauchte Miriam. »Ich spiele ihm Theater vor. Sonst nichts, Mama.« Blick traf auf Blick. Ein Messen und Abwägen und dann ein vorsichtiges Ausweichen. Miriam Forcade stand hochaufgerichtet, das Kinn vorgeschoben, die Finger in die violette Seide verkrallt, in ohnmächtigem Zorn. Breit und wuchtig sprangen die Backenknochen vor. Sie ballte die Hände und öffnete sie wieder, noch immer war das Zucken um ihren Mund. Den letzten Blick Renates konnte sie nicht vergessen, der blieb jetzt bei ihr, alle Tage, das wußte sie. Das erste furchtsame Losreißen, in dem noch ehrliche Trauer ist. Einst hatte auch sie so geblickt, nicht anders, vor langer Zeit, als ihre Eltern noch lebten, die braven Trödler in der Judengasse. Damals waren die alt gewesen und sie jung. Sie ließ die Hände sinken. Dawider half keine Faust. Das Grauen kam über sie, daß sie dies Kind geboren, das ihr nun widerstrebte. »Du sollst dich nicht ärgern, Mama. Denke doch an deine Stimme!« sagte Jakobe unsicher. »Ja, diese Renate! Du hättest dazu nie den Mut gehabt.« Jakobe erschrak. »Sie wird schon wieder vernünftig werden, Mama.« »Die? Nie!« Voll grimmiger Sicherheit. Von droben kam das Jubeln Wittes und scharf und deutlich die unfertige Mädelstimme, kreischend und sich überschlagend, in nachgeäfftem Zorn: »Sie gottverdammte Gans, zerren Sie nicht so an meinem Haar! Könige bettelten darum, es nur küssen zu dürfen.« Blaß und still standen die beiden Frauen und blickten sich an. »Jetzt spielt sie mich,« murmelte Miriam. Die Fenster waren nimmer golden. Apfelgrün stand der Maiabendhimmel davor. Miriam ließ Renate zum Abendessen da. Harmlos und vergnügt saß sie zu Tische, wie immer, wenn ihre Mutter gerade nicht die Zuchtrute schwang. Auch der Geheimrat war guter Dinge. Renates keckes Zupacken behagte ihm, vielleicht, weil er selbst als Junge plump und linkisch vor Welt und Menschen gewesen war. »Ja, das Frauenzimmerchen hat den Teufel im Leibe,« sagte er gemächlich, als die Kleine ungestüm Jakobes Weinglas umstieß, nach dem sie gerade in verbotener Gier langte. Ein rotes Bächlein verzierte das Tischtuch. Jakobe und die Schirlitz blickten sich an. Nie wurde ihnen solche Nachsicht zuteil. Und Philipp Emanuel zwinkerte noch boshaft, wie um den Unterschied fühlen zu lassen. »Kommt denn Heinz überhaupt nicht nach Hause?« fragte Renate und kaute an ihrem Zopfband, weil sie jetzt doch ein wenig Angst vor dem Geheimrat hatte. Jakobe entriß ihr das Kauobjekt und schlug sie zornig auf die Hand. Ganz rot war ihr feines Gesicht. Philipp Emanuel aber blickte belustigt: »Heinz hat Nachtdienst. Der hat's nicht so gut wie du!« »Na, was das betrifft –.« Ein Blick ihrer Schwester schnitt Renate das Wort ab. »Hat es wieder was gegeben?« fragte der Hausherr und warf dem gierig bettelnden Boabdil einen Brocken hin. Er lachte über das ganze Gesicht, als Jakobe in kaltem Schulmeisterton von der Tut-Ursel erzählte. Renate lehnte sich in ihren Stuhl zurück, daß Sitz und Mädel in bedrohliches Schwanken gerieten, und sagte keck: »Soll ich dir mal zeigen, wie du's machst, Onkel Philipp?« »Bitte,« ermunterte der Geheimrat mit lustigen Augen. Da sprang Renate auf, streckte und straffte den rundlichen Leib zu schier stattlicher Höhe, setzte die Augen geradeaus, stampfte gewichtig auf und schob die rechte Hand zwischen die Blusenknöpfe. Die Schirlitz wurde grün vor zorniger Angst. Renate aber stelzte durchs Zimmer, drückte das Kinn vor und brummte im Ton einer unheimlich falschen Gutmütigkeit: »Ist alles zum Whist bereit?« Und nach einer Weile: »Wie geht es den lieben Kleinen? Ach ja, es war ein arbeitsamer Tag. Und nun, Schirlitz, keine Renonce, das bringt die Galle in Wallung.« Steif und starr stand sie da und hielt den Blick gesenkt, wie Philipp Emanuel oft stand, wenn er ungeduldig auf die Erfüllung seines Willens wartete. Der Geheimrat schmunzelte: »Frech ist der Dachs.« Gutgelaunt zog er sie am Zopf. Und dann gab er Renates Keckheit den Preis vor dem willigen Schweigen der anderen: »Aber Mut und Schmiß hast du. Das gefällt mir. Und ist doch kein Tropfen Williguthblut in dir.« Er streifte Jakobe und die Schirlitz mit einem schnellen Blick. Zwischen hell und dunkel lächelte er dann: »Es ist Zeit, daß du heimkommst. Schirlitz, den Wagen für Komtesse Forcade, und Sie selbst nehmen ein warmes Tuch, solche wilde kleine Mädchen kann man nicht allein durch die Mainacht fahren lassen.« Die Rappen trabten durch den Fontainengarten. Da war Duft und Ruch von frischem Gras und umbrochener Erde. Wie eine blaue Glocke stand der Nachthimmel. Renate drückte sich an das graue Wolltuch der Schirlitz. »Jetzt soll mich jemand küssen.« Eine Laterne leuchtete gerade über die weißen Kerzen der blühenden Kastanien. Frau Flora wartete, bis der Wagen wieder in die Dunkelheit glitt, dann küßte sie schnell und scheu den roten Mund von Renate Forcade. Weiße Blumenbüschel schimmerten aus dem weichen, noch ein wenig schlaffen Grün, wie ein liebes Wunder. Und dann kam ein langgezogenes Gebrüll aus der Gegend des zoologischen Gartens. In allem Blute saß der Frühling.   Wenn das bunte Farbenspiel der Blumenbeete begann, krochen auch die Williguths aus ihrer Würde und Feierlichkeit wie aus zu warm gewordenen Pelzen. Besonders der Hagestolz Giacomo hatte dann ein seltsam ruheloses Wesen. In tadelloses Grau gekleidet, die Elefantenfüße in weißgrauen Schuhen, wandelte er immer wieder im Fontainengarten zwischen Busch und Blumengarten, zwischen dem gelben Palais und dem Schwanenteich auf und nieder. Sein schwerer Mund lächelte gar wohlgefällig den lieben hübschen Bonnen und Kindermädchen zu, und er wiegte und streckte den muskelstarken Leib wie zur Vorbereitung für Gott Eros. Aber es blieb dabei. Der arme, reiche Giacomo hatte zu wenig Zeit. Er verwaltete alle Geldgeschäfte der Williguths, legte Kapitalien an und kaufte Grundstücke, spekulierte wohl auch in sicheren, verheißungsvollen Papieren und bewies sich als der wackere, nüchterne Geist, der er zu seinem Vorteil auch in seiner Ringerkarriere gewesen war. Zudem besaß er bei Rellingen ein hübsches Rittergut, wo er Pferde, Rinder und allerlei Federvieh züchtete und wo die Williguthschen Kinder allemal Feiertag hielten, wenn sie hinausfahren durften. Alle hingen sie an Onkel Giacomo, besonders der kleine Witte. Denn Giacomo gab ihm Rauffreiheit. Und während der gesetzte Herr mit Mamas und Bonnen schön tat und hinter bunte Sonnenschirme guckte, balgte Witte mit anderen Knaben. Und es war ein fröhliches Gleichmaß in dem schlanken Wuchs der Buchen, der Behaglichkeit der gefleckten, breitästigen Platanen, den lustgeschwellten Brüstlein der Mütter und Kindermädchen und der Raufseligkeit von Witte Williguth. Onkel Giacomo gebrauchte den Mund zu betulichem Flüstern und die Riesenfaust, um seinem Großneffen den Staub von Höschen und Matrosenbluse zu klopfen. Und oft bettelte der Kleine: »Zeig mir etwas Neues!« Giacomo lächelte das breite, selbstzufriedene Lächeln aller Williguths. Dann wies er Witte allerlei Kniffe, den Armfallgriff und derlei Ringerparaden, daß Witte übermütig krähte und seine kleinen, kurzen Muskeln straffte. Ein gläsernes Sirren und Raunen sang in den Baumkronen. Im Geäst der Linden hielten mit Brummen und Summen die ersten Bienen Kirmes, fanden noch nichts und tanzten wie Goldfünkchen zu dem reichbesetzten Speisetisch der bunten Beete ringsum. Die Damen zierten sich und murmelten geheimnisvoll mit dem eleganten Herrn in den besten Jahren, bis lautes Schreien die Köpfe auseinanderfahren ließ. Witte hatte mit Erfolg den neuesten Kunstgriff an einem Genossen geübt und stand breitbeinig und hochmütig über dem besiegten Gegner, Kinder heulten, Mütter und Bonnen zankten, und der galante Giacomo tröstete nach allen Seiten: »Ach was, lassen Sie das bloß, Frauchen! Was'n richtiges Männchen wird, packt grob zu.« Und er zwinkerte herausfordernd. Seine Philosophie war rotbackig und gar nicht zimperlich. Manchmal fragte Witte: »War Papa auch so stark wie ich?« Dann brummte Onkel Giacomo vor sich hin und sah schnell in die Sonne, bis er niesen mußte. Und mit Grimm erinnerte er sich, wie sein Bruder den Sohn nicht von der Hand gelassen und mit Weisheit vollgestopft hatte, daß er die Namen der Blumen wußte und ihre Blütezeit und sich doch niemals mitten in der bunten Wiesenpracht wälzen durfte, weil er hart gestraft wurde, wenn er Grasflecken an den Kleidern heimbrachte. Wie Ruten standen die strengen, grauen Augen des Vaters vor aller unbekümmerten Knabentollheit. Da schmunzelte der starke Giacomo nicht mehr, sondern schaute gedankenvoll in die maihelle Welt. Auch Johann Sebastian im »Blauen Herrgott« rieb alle Wintermüdigkeit aus den mehr als achtzigjährigen Augen und feierte seine musikalische Wiedergeburt. Er sonnte sich im Hausgarten und horchte, wenn der scharfe Ostwind die Zweige bog und vollere Akkorde durchs Astwerk rauschten. Lustige Fähnchen von Apfelblüten und jungem Grün wehten in der lauen Luft. Und Johann Sebastian klopfte an sein Barometer, studierte den Kalender und horchte Abend für Abend in Büsche und Hecken. Dann malte er mit seiner großen, steifen Schrift bunte Kärtchen an alle Williguths und beschied sie zum Nachtigallenkonzert in den Fontainengarten, wie alle Jahre, wenn hellgrüne Blätter und gelbgrüne Knospen das Licht grüßten. Und sie kamen alle, geruhsam und feierlich, hörten den Nachtigallen zu und bestätigten dem lieben Gott, daß sein Frühling ein wundersam fröhliches Geschenk sei, das auch ernsthafte Menschen einen Abend lang wohl zu schätzen wußten. Tiefblau leuchtete der Nachthimmel, aller Lärm schlief. Der Abendsegen aller Kirchenglocken war verhallt. Liebespärchen strichen durch die Gassen und schmiegten sich in dunkle Winkel. Süßer Duft wehte über verrußte Mauern. Weiße Büsche wiesen den Weg ins Dunkel der Gartenherrlichkeit. Überall wanderten Menschlein, denen der Alltagsstaub von der Seele flog. Selbst Geheimrat Williguth, der Witte an der Hand führte, hatte sein Frühlingsschmunzeln aufgesetzt, wie es die Familientradition verlangte. Heinz hatte helle Augen und hing sich an Jakobes Arm. Die Schirlitz trabte hinterdrein und schleppte Decken und warme Wolljacken, Simon Gottesdank klapperte mit Gläsern und Weinflaschen, denn ohne Trunk feierten die Williguths kein Fest. Im Schlüsselteich schwammen silberne Flecken auf dem blassen blauen Wasser. Hier und dort schnalzte und schmatzte es, wenn die Karpfen ihrer Maiminne dienten. Ein Fisch schnellte hoch, wirbelte funkelnd um sich selbst und fiel mit einem lauten Platsch in seine Hochzeitskammer zurück. Breite silberne Ringe liefen ans Ufer. Rings knirschte der Kies unter schweren Tritten. Da schritten die aus dem »Blauen Herrgott« mit den Familien ihrer zwölf Kinder. Des Hofzuckerbäckers brauner Bart tauchte auf, der Superintendent Friedemann mit drei starkknochigen Töchtern fütterte die Fische. Steif und starr hielten sie alle die Köpfe, gemessen und feierlich blickten blaue und graue Augen, breite und schmale Lippen lächelten überlegen und selbstgerecht, wenn aus der Dunkelheit ein greller Menschenlaut schlug. Derlei liebten sie nicht. Nur Johann Sebastian schwang lustig den grauen Riesenzylinder vor den Kastanien, die den Schlüsselteich mit weißen und roten Blütenkerzen umkränzten. Er grüßte die gliederstarken, uralten Bäume, weil er selbst war wie sie, knorrig und unverzagt in seinem Greisentum. Giacomo Williguth, dem im Fontainengarten stets allerlei galante Erinnerungen im Kopf spukten, erzählte den vierschrötigen Töchtern seines geistlichen Bruders Friedemann kecke Anekdoten, daß die Mädchen scheue Blicke über die Schulter nach Vater und Mutter warfen und verlegen mit den großen Füßen scharrten, wie sehnsüchtige Elefantenweibchen. Am großen Schloßteich machte man halt und wartete auf neuen Zuzug. Der Springbrunnen warf weiße Schleier in die Nacht. Pappeln standen scharf und schlank vor dem tiefblauen Himmel, wie mit der Silhouettenschere ausgeschnitten. Steife Hecken umgrenzten das Wasser, das wie ein dunkler Spiegel vor dem gelben Sandsteinschlößchen lag. Schwer und wuchtig hämmerten von fernher die Turmuhren. Johann Sebastian warf sich in die Brust, pries Gesang und Wesen der Nachtigallen und erklärte umständlich ihre Besonderheit. Sein langer, grauer Leibrock wippte auf und nieder wie ein riesiger Vogelschwanz. Da knirschte und kollerte es über den Kies, Miriam Forcade rauschte heran, hinter ihr Graf Nikolaus, als könne er mit der Leidenschaftlichen niemals Schritt halten. Wie ein silberner Pfau schlug Miriam ihr Rad und grüßte huldvoll im Kreis. Der Geheimrat fragte: »Wo ist Renate?« »Daheim. Sie hat wieder Strafe.« Die Williguths nickten befriedigt. So gehörte sich das nach ihrer Meinung. Junges Volk mußte gehorchen oder die Rute kriegen. Nur Philipp Emanuel lächelte boshaft: »Die hat viel von dir, Miriam.« In Miriams Arger sprang ein Lachen, übermütig und lustig. Runde Schatten fielen über den Kiesweg. Am schweren Tritt erkannte man, daß da Williguths kamen. Aber Bewegung und Lachen war jung und schnell, und die drei starken, blonden Frauen nicht ohne Grazie, als hätte der liebe Gott einmal genug gehabt an den plumpen und starren Trotzgliedern dieser Familie. Stolz schob Gundl Tredenius drei Enkelkinder vor sich her, die aus großen, blauen Augen blitzdumm in die Wunderwelt guckten, zwei Buben und ein Mädel, alle so ungefähr in Wittes Alter. Helle, freundliche Kinderchen waren es, die zierlich knixten und jedem artig die Hand gaben. Vergnügt und eitel blickte Großmutter Gundl und flüsterte schnell den dicken, blonden Töchtern zu: »Küsset dem ›Blauen Herrgott‹ die Hand!« Johann Sebastian streckte huldvoll die Tatzen aus und nahm die schuldige Ehrerbietung entgegen. Witte zerrte inzwischen das kleine blonde Mädel am Hängezöpfchen und erwischte eine Maulschelle von Gundls schöner, weißer Hand. Aber er heulte nicht, bleckte nur die Zähne und knurrte. Schadenfroh bestellte er dann die artigen Vettern für morgen an den Schlüsselteich zum Boxen. Hinter den zwei jungen Frauen glimmten rote Punkte in bärtigen Gesichtern, Gymnasialoberlehrer Krusemann und Fabrikant Vogel bliesen Zigarrenrauch in den weißen Nacken ihrer Eheliebsten und lachten in schönen Baßtönen. Aus dem Ulmendunkel schlenderte jetzt noch jemand ins Licht. Fein und schlank, mehr nach Heinz Williguths Art, über dem schweren Kinn und dem trotzigen Mund bewegliche Züge, immer zwischen Hell und Dunkel. Braune Augen unter dicken Brauen blickten spöttisch und seelengut, in buntem Wechsel, kleine Falten schnitten zum Mundwinkel und kauerten an den Schläfen. Allzuschnelle Bewegungen trieben ein wenig Gaukelspiel, um die verhuschende Jugend zu halten. Johann Sebastian nickte in freudiger Würde. War ja Karl Maria Tredenius, Gundls Mann, durch seine verstorbene Mutter ein Williguth. Und dann strich er die Geige zu Gottes Lob, und eitel Gold fiel unter jedem Strich. Auch diesem irdischen Klang lieh der Greis ein williges Ohr. Aber als ein Williguth mußte er doch voll schulmeisterlicher Hoheit fragen: »Hast du in Petersburg unseres Bach köstliche Brandenburger reiner gebracht als das letztemal im ›Blauen Herrgott‹? Ich will hoffen, daß es der Fall war.« Urgroßmutter Apollonia kam herbei, fragte besorgt, ob Karl Maria keinen Katarrh aus Rußland mitgebracht, und bewunderte Gundls wallende weiße Straußfedern. Fast ehrerbietig berechnete sie den Wert. Lachend zeigte Gundl auf Karl Maria, der gerade Miriam gertenschlank fand: »Von ihm.« Jede Untreue machte er durch ein hübsches Geschenk wett. Der geschlossene Garten verlor sich in freie Parklandschaft. Hohe dunkle Baumgruppen standen auf weiten Wiesenflächen, wo die ersten wilden Feldblumen dufteten. Schwarz fielen die mächtigen Schatten auf den sternhellen Rasen, daß die Kinder mit scheuen Augen nach der Hand der Mutter haschten. Nur Witte Williguth kannte keine Furcht, mutig trabte er in die vielgewundenen, finsteren Wege hinein, mitten durch tauglänzende, blühende Sträucher und starres, unheimlich drohendes Nadelgehölz. Die drei kleinen Tredeniusenkel liefen ihm bewundernd nach, ließen ihn aber vorsichtig ein gutes Stück allein voraus. Auf Sitzbänken verkürzten sich dann die Würdigen und Feierlichen die Wartezeit durch fröhlichen Rundtrunk, wobei Johann Sebastian es nicht an weisen und würzigen Worten fehlen ließ. Nur Mütterchen Apollonia schlummerte sanft in ihrer Bankecke. Giacomo kniff einen jungen runden Arm, der zu einem weißen Spitzenkleidchen gehörte, und flüsterte lange in ein heißes kleines Ohr. Verirrtes Lachen huschte da und dort, Fabrikant Vogel sprach in knorrigem Baß über Politik. Johann Sebastian schmunzelte spitzbübisch, schürzte die Lippen und ließ einen feinen Pfiff hören, der aus weiter Ferne zu kommen schien. Wie ein »Wi-id« klang es, dem er ein »Karr« kunstgerecht und schnarrend anhängte. Erregtes Flüstern, und dann die Stimme von Gundl Tredenius: »Oh, jetzt kommen sie!« Unbändig lachte der Alte: »Ach, Gundl, es ist ein rechter Jammer mit dir! Bist ohne Musik bis in die Fingerspitzen.« Jedes Jahr beim Nachtigallenkonzert machte er den gleichen Scherz, und jedesmal tat seine Tochter, als hielte sie sein Pfeifen für den Ruf der ersten Nachtigall. Das Gegenteil hätte ihn tief gekränkt. Alles mußte in Regel und Gewohnheit bleiben. Aber jetzt fiel das tiefklingende »Tak« einer wirklichen Nachtigall in die Stille. Und gleich antwortete ein feiner Ton, noch einer, dann drei und vier, wie wenn ein Orchester stimmt. Langsam rückte es näher. Hoch in den Wipfeln geschah ein sanftes Flöten und ein seltsam klagendes Schmettern. Hochzeitsheiligkeit war in dieser Nacht. Kunstgerecht glitt das melancholische Flöten in fröhliche Melodie. Die unsichtbaren Sänger verschwendeten ihr kleines Leben an die Freude. Die Williguths zwischen den Büschen horchten in stiller Andacht. Jakobe aber stahl sich heimlich fort. Arm in Arm mit Heinz. Lautlos, wie im Zwang. Noch rollte das volle Orchester der Vogelkehlen und lockte die Weibchen, die da oben im Dunkel heranzogen, ihrem winzigen Schicksal entgegen. Und dann zerriß die gemeinsame Melodie, jeder suchte den stillen Winkel seines Glücks. Schnalzen und Wirbeln bejubelte die gelungene Werbung. In jedem Busch begann ein Adagio froher Heimlichkeit, schnellte zum kecken Allegro auf und sank trillernd in ein schalkhaft getragenes Larghetto, in der schnellen Stufenleiter der Mailiebe. Der blaue Mantel der Nacht breitete sich darüber, wie die Unendlichkeit Gottes über allem Wohl und Wehe der Kreatur. Der Superintendent Friedemann hatte nasse Augen, so hart und streng er sonst blickte. Als er die Tränen lächelnd fortwischen wollte, konnte er plötzlich den Arm nicht heben. Kopfschüttelnd ließ er die Tropfen fließen und horchte, wie das Vogelvolk ohne Pfaff und Bibel in seine Seligkeit einrückte. Aber das starre Krampfen im Arm blieb. Leise rief er den Geheimrat, doch da war der Arm mit einemmal gelenk, und Philipp Emanuel spottete derb: »Alter Schwarzseher, du säufst zu viel!« Friedemann schwieg gekränkt. Besorgt lief seine Frau herbei und stammelte: »Nein, Friedemann, nun hast du dich wieder verkühlt. Lindenblütentee und ins Bett!« Philipp Emanuel wandte sich jäh ab und schlenderte allein den dunklen Pfad entlang. Ein sprungbereiter Ärger war in ihm. Er glaubte nicht, daß ein Williguth krank sein konnte. Immer weiter ging er in die Finsternis, sein grauer Überrock streifte den duftenden Weißdorn, er bückte sich und machte sich frei. Durch das Buschwerk jagten sich zwei Nachtigallenmännchen mit Kreischen und Trillern und kämpften um ein Weibchen. Und mitten in diesem heißen Werben schritt er hoch und aufrecht in seinem grauen Rock und hielt den Blick starr geradeaus, als wäre seinem Ernst dies verliebte Getue zuwider. Die Lippen kräuselten sich geringschätzig, und der Fuß trat hart auf. Eine grämliche Feindseligkeit gegen diese laue, laute Lenznacht erfüllte ihn, ein Groll über diese ewig wiederkehrende Jugend der Dinge, die einst auch über alle Williguths siegen mußte. Zwischen den dunklen Bäumen schimmerte eine weißblühende Wiese im Sternenlicht. Philipp Emanuel schirmte die Augen mit der Hand. Zwei junge Menschen saßen am Waldrain und küßten sich. Er lachte kurz, als er die beiden erkannte, dann riß er sie voll behaglicher Tücke aus ihrer Versunkenheit: »Kinder, ihr kriegt einen Schnupfen. Das Gras ist ja feucht!« Wie arme Sünder standen Heinz und Jakobe vor seinen kühlen grauen Augen. Er hielt die ausgestreckten Finger vor sich hin, als wehrte er etwas ab: »Nun geht wieder hübsch zu den anderen. Sonst lacht man euch noch aus.« Feine Gereiztheit lag über Jakobes schmalem Gesicht, die braunen Augen waren dunkel und groß, ihre Stimme zitterte. »Ich will nicht.« Einen Augenblick war der Geheimrat verdutzt, dann lächelte er boshaft: »Na, denn nicht, Frauchen, verliebtes!« Aber schon schritt Jakobe langsam, mit gesenkten Schultern, den finstern Buschpfad zurück. Vater und Sohn maßen sich. Blick in Blick. Grämlich sagte der Geheimrat: »Es ist spät! Vergiß nicht, daß du morgen früh Dienst hast!« Er nickte kurz und ging. Heinz Williguth stand allein auf dem Rain, über den der Duft der wilden Blumen strich. Die dufteten und trugen Farben, wie sie wollten. Er stampfte mitten unter ihr Blühen und zertrat rechts und links. Doch es war nur Heftigkeit und keine Kraft. Der Geheimrat ging mit großen Schritten, wie stets, wenn er bewegt war. Die Hände hatte er auf den Rücken gelegt, die Finger ineinandergekrampft. Der Mund lag fest und streng. In solchen Nächten war er als junger Kerl vor seiner Arbeit gesessen, mochte es draußen locken und rufen mit tausend Stimmen. Halb im Dunkel lag der Schlüsselteich, in weiße und rote Tulpen gerahmt. Das Karpfenvolk gab jetzt Ruhe im spiegelglatten schwarzen Wasser. Aber drüben am Ufer regte es sich. Drei Kinder standen im Gras und hielten sich artig an den Händen. Weiter vorn, mitten durch die Tulpen, kroch ein Knirps auf allen Vieren und beugte sich über den Rand. Dann zog er eine Schnur nach und hängte sie ins Wasser, mahnte mit erhobener Hand die drei andern zur Ruhe und starrte in den Teich. Der Geheimrat lief beinahe über den feuchten Rasen. Die drei kleinen, ängstlichen Zuschauer kreischten erschreckt auf. Der blonde Bub am Wasser drehte nicht einmal den Kopf: »Seid keine Hasenfüße, ihr dummen Kerle!« Und er ließ seine Angelschnur auf und nieder tanzen. Der Geheimrat bückte sich, packte den nächtlichen Angler wie einen jungen Hund beim Genick und hob so Witte Williguth samt Schnur und Köder hoch in die Luft, schüttelte ihn tüchtig und stellte ihn grob auf beide Füße. »Wie kommst du hierher?« fragte er streng. Das Kind schlug die trotzigen grauen Augen auf: »Jetzt ist mein Fisch fort, und er wollte schon anbeißen.« Vorwurfsvoll wies er auf den Käsebrocken an seinem Angelhaken und wickelte bedächtig und geschickt die Schnur auf, als ließe ihn der Groll seines Großvaters ziemlich kühl. Die drei kleinen Tredeniusenkel standen noch immer Hand in Hand in einer Reihe und schauten hilflos und schuldbewußt. »Die habe ich mitgenommen,« erklärte Witte in edler Gerechtigkeit und wischte die feuchte Erde von seinen nackten Beinen. Den arg beschmutzten weißen Matrosenanzug gab er auf. Philipp Emanuel beobachtete den Knirps halb mit Ärger und halb mit Behagen. Witte hatte keine Angst vor ihm und kehrte den zu Unrecht gekränkten, braven Jungen heraus, dem man nicht einmal dieses bescheidene Vergnügen gönnte. Und Philipp Emanuel war nicht imstande, dieser kleinen, patzigen Wichtigkeit die Kehrseite zu versohlen. Bei Witte half das auch nicht viel. »Woher hast du die Angel?« »Von Simon.« »Wo steckt der Esel?« »Fortgelaufen, Großer Papa.« »Ihr kommt sofort mit mir zurück.« »Ach nein! Geh' lieber du fort. Mit Simon ist es viel lustiger. Er hat sich bloß vor dir versteckt. So geh' doch!« Und er streckte die Faust, als wollte er den lästigen Großvater kurzerhand wegstoßen. Heimlich schielte er dabei nach den drei anderen und sog die Bewunderung der braven Dummköpfe ein. »Gute Nacht, Großer Papa.« Philipp Emanuel verbiß das Lachen. Wartend blieb er im Schatten. Da schritt richtig Simon Gottesdank vorsichtig aus den Fliederbüschen. Man hörte ein kurzes Klirren von zerschmettertem Glas, ehe der Alte zum Vorschein kam, mißtrauisch den Kopf vorgestreckt, wie ein Waldschrat, der Menschen wittert. Der Geheimrat schlug die Rockklappe auf. Kalt war die Mainacht. Es mußte auf Mitternacht gehen. Die Kinder gehörten längst ins Bett. Aber die hirnverbrannten Mütter trieben sich ja im dunklen Busch umher und lauschten dem Liebeswerben der Nachtigallen. Sogar Jakobe hatte den Kopf verloren. Freilich, wenn man den Weiberchen das Küssen verdarb. Wie ein bitterer Nachgeschmack saß das im Munde. Hatte der Frühling sie alle toll gemacht? Nur Philipp Emanuel blieb ein gelassener Beobachter und fror. Ein schwarzes Etwas schoß über die Wiese, schnellte im Bogen seitwärts und stob über den Kies, daß die Steinchen flogen. Das war ja Boabdil. Und dort, zwischen den breiten, gefleckten Stämmen der Platanen, schimmerte silberweiß ein Hundefell. Wie ein Besessener fuhr der sonst so gemessene Boabdil darauf los. Ein langgezogenes Brüllen zerriß jetzt die Stille, ein wilder Schrei und dann ein dumpfes Heulen. Im zoologischen Garten wachten die Raubtiere aus dem Schlaf und setzten in nutzlosen Sprüngen durch das Dunkel ihrer Gefängnisse. Philipp Emanuel Williguth stand und horchte. Nebel dampften von den Wiesen und zogen graue Schleier über die Blumenbeete, damit die Morgensonne beim Säubern Arbeit hatte. Er ging heim, allein und aufrecht, die Hände in den Rocktaschen. Weich und berückend neigte sich die Mainacht ihm entgegen, wie eine dunkelsamtene Larve, hinter der scheu und heiß die Augen des Frühlings brannten. Wie eine fromme und feierliche Wallfahrt lief die Kastanienallee zu Geheimrat Williguths schneeweißem Hause mit den griechischen Säulen. In schweren, grünen Atlasmänteln nickten und schwankten die alten Bäume, über und über besteckt mit roten Räucherkerzen. Ein absonderlich aufreizender Duft verströmte in der Maisonne, wie von unsichtbaren Händen überall zerstäubt. Ein wenig Weihrauch, vermischt mit der letzten Süße welkender Rosen, und mitten darin eine bittere, lenzjunge Herbheit, wie der Saft aus knospenden Birkenblättern. Die Amseln und die kecken Finken wurden davon kirre, die ernsthaften, goldbraunen Bienen kamen ins Taumeln, und selbst von den Menschen, die tagaus, tagein durch die Allee nach ihren Zielen schritten, mußten die Klugen verdrießlich niesen, den Damen aber stand sekundenlang das Herz still, und sie horchten erstaunt, wie ihr Blut sang, weich und voll Sehnsucht. Dann ließen die roten Kastanien die ersten toten Blüten auf den gelben, sonnengefleckten Kies fallen, in einem ungeduldigen, ganz leisen Rieseln, das wie ein kurzer, trockener Seufzer klang. In rotlila Samt stand der Phlox um den Springbrunnen. Gar tugendhaft tat das rote Blumendickicht jetzt am hellen Mittag und verschwieg seine Wünsche, wie Menschen, die alles Süße und Eigene unter Faust und Riegel halten. Die Blüten kühlten sich an den sprühenden Wassertropfen und schienen nichts zu wissen von dem verliebten Treiben der Dämmerungsfalter zwischen dem letzten Amsellied und der ersten Fledermaus. Hinter der biegsamen weißen Garbe des springenden Wassers, das wie ein Schleier in der überheißen Mailuft hing, träumte die langgestreckte, weiße Villa im Schinkelstil, mit den strengen jonischen Säulen und dem nüchternen dreieckigen Giebelfeld. Und streng und nüchtern war die Stimmung an des Geheimrats Tisch im dunkelgetäfelten Speisezimmer, trotzdem helle Sonnenlichter über die braune Haut des heiligen Christoph tanzten. Philipp Emanuel war gereizt und verstimmt. Ein Patient war unter dem Messer geblieben, und er empfand es wie eine ihm angetane Schmach. Sonst plauderte er sich mit Jakobe über solche Verstimmungen weg, heute aber verboten seine harten, eckigen Bewegungen jedes Trostwort, der Blick war starr und kalt, die Finger lagen als Faust um Messer und Gabel. Heinz Williguth aber hatte helle Augen und ein sprunghaft lebendiges Wesen. Der Schatten seines Vaters war heute kürzer. Der Geheimrat ließ stirnrunzelnd eine Platte vorübergehen: »Genug davon!« Simon Gottesdank fand es nicht nötig, erst bei den andern zu servieren, sondern trug das Gericht ab. Philipp Emanuel räusperte sich und fragte scharf: »Du warst also bei Geheimrat Alexius und bei Tante Friedemann, liebes Kind?« »Nein, Papa!« Die Schirlitz fiel sofort ein, gewohnt zu retten und zu beschwichtigen: »Gnädige Frau war heute mit uns im Bernhardbad. Witte bekam die siebente Schwimmlektion. Er puddelt wie ein Fisch. Der Schwimmlehrer will ihn das nächstemal freilassen. Nein, Herr Geheimrat sollten nur mal sehen! Keiner hat so stramme Beinchen wie unser Witte. Der kleine Berghöfer ist die reine Katze dagegen, und der ist bald achte. Und Frau von Osiander meinte auch ...« Aber Witte war heute eine schlimme Empfehlung. Der Geheimrat schnappte ins Wort: »Der Bub wird kürzer gehalten. Es ist höchste Zeit.« Jakobe und Heinz wechselten einen schnellen Blick. Philipp Emanuel formte aus Brot Menschenköpfe, die er dann zerdrückte, nur um die gewalttätige Hand zu beschäftigen. Mit eisiger Kälte sagte er dazwischen: »Danke, Schirlitz. Aber ich wünsche, daß mein Programm eingehalten wird. Verstehst du mich, Jakobe?« Die Köpfe aus Brotkrume wuchsen und schwanden in unheimlicher Raschheit. »Hast du mich gehört, Jakobe?« Das Brot blieb jetzt liegen, die starken weißen Hände sägten an einem imaginären Knochen. Die junge Frau setzte sich aufrecht, um ihren Mund zuckte es wie Trotz. Der Geheimrat zog unmerklich den Kopf zwischen die Schultern, wie sein Sohn es tat, wenn seine Heftigkeit unsicher um sich griff und keinen Halt fand. So traf ihn die Antwort: »Schließlich bin ich kein Kind mehr, Papa.« Fast hochmütig klang es, und das konnte Philipp Emanuel am wenigsten vertragen. Hochmut galt nur für ihn selbst. »Es liegt dir nicht, Frauchen. Renate, das freche Ding, trifft das viel besser.« So stellte er das Lob der jüngeren Schwester als Kränkung mitten auf den Tisch. Jakobe schnellte hoch. Einen ganz kurzen Augenblick glichen ihre Augen denen ihrer Mutter. Die Brüste strafften sich, und in den Hüften war ein herausforderndes Wiegen. Die Schirlitz warf als letztes Mittel ein Weinglas um. Aber keiner beachtete es. Wie Stränge lagen die Adern auf des Geheimrats Stirn. Dann ließ er zögernd die Fäuste sinken. Blitzschnell dachte er, wie er in der letzten Nacht allein und einsam über die Wiesen geschritten war. Wieder hatte er das Frösteln im Blut. Da sagte er ganz unerwartet mit einem steifen, grämlichen Nörgeln in der Stimme: »Ich wünsche nicht, daß du dieses graue Kleid trägst, Jakobe. Es hat einen Fehler an der linken Achsel.« Sie griff unwillkürlich nach der getadelten Stelle. Lauernd fuhr Philipp Emanuels Blick von einem zum andern. Dann fragte er pedantisch: »Ich habe recht, nicht wahr?« Aber Jakobes jähes Aufflackern war schon verglimmt. »Ja, Papa.« Gedehnt und gleichgültig klang es. Heinz schnitt eine Fratze: »Bist du auch Damenschneider?« und zerrte mit beiden Fäusten am Tischtuch. »Hier im Hause muß ich leider Gottes auch das sein. Dieses glatte, eisengraue Kleid paßt nicht für Jakobe.« Er tat, als spräche er von einer Rüstung, die wider ihn getragen wird. Wieder fuhr sein Blick lauernd in die Runde. Dann lächelte er befriedigt: »Meine Zigarre, bitte, Jakobe!« Und in dem Flackern des Zündholzes bohrten sich die Augen ineinander. »Du gehst jetzt zu Tante Friedemann. Mein Bruder war gestern nicht wohl. Und sagst ihr, sie soll nicht so ängstlich sein. Diese ewige Hypochondrie taugt nichts, das viele Weintrinken aber noch weniger.« Gelassen paffte er den Rauch in die Sonnenstäubchen. »Sie braucht ihn nicht in Watte zu wickeln. Wir Williguths haben Nerven aus Eisendraht.« Er nickte kurz und ging aus dem Zimmer. Die drei rührten sich nicht. Heinz sah ihm nach und zog drollige Stirnfalten, halb spöttisch, halb bedrückt: »Na, ja, siehst du, Jakobe –.« Und sie lachten beide hellauf und küßten sich. Madame Orlakoffs Kopf zerrte erhitzt und zerzaust das schwarze Tuch beiseite, die fetten Hände mit den vielen Ringen, die hohe und allerhöchste Modelle der photographischen Künstlerin verehrt, zogen die Gedanken in Spiralen und Kreisen durch die Luft, ehe der volle arrogante Mund die richtigen Worte fand. Miriam Forcade lachte, als die alte Schulfreundin, die jetzt als Vollblutrussin gelten wollte, trotzdem sie wie Miriam aus der Judengasse stammte und eines Tempeldieners Tochter war, in Bocksprüngen durchs Zimmer hüpfte, die Röcke zierlich gerafft, den Kopf in den Nacken gelegt, mit kokett verzweifeltem Augenaufschlag. Die Orlakoff war untröstlich, daß Witte Williguth nicht stillhielt. Dicke Tropfen standen auf der gepuderten Stirn. Im Hintergrund biß Renate an ihrem Zopfband und ließ die kurze Oberlippe hochspringen, wenn Madame Witte in hochtönenden Phrasen zusprach. Dann machte sie dem Knirps heimliche Zeichen, über den feisten Rücken der guten Orlakoff weg, und das Spiel begann von neuem. Miriams Fleisch wuchs prall aus dem tiefausgeschnittenen Kleid, die goldenen Hackenschuhe schlugen eine ungeduldige Melodie. Mit der Miene einer Königin saß sie da, ihre nackten Arme umschlossen das weiße Spitzenbündel, in dem Elias Williguth steckte. Denn die Amme duldete nicht, daß Elias im Adamskostüm auf dem Schoß seiner Großmutter zappelte. In einer Fensternische, wo die Sonne Rücken und Nacken mit aller Kraft wärmte, in einem roten Fauteuil schier vergraben, saß ein uralter Mann mit kahlem Kopf und grauen Fuchsaugen. Die starke Nase sprang wie ein Erker aus dem gelben, fetten Gesicht, und das Kinn war ein Haken, an den Sir S. Lewis aus Wolverhampton seine hartnäckigen Entschlüsse hängte. »Na, Miriam, mein Gold, die Englishmen werden sich die Pfoten wundklatschen,« sagte er mit starker, grober Stimme und rieb die haarigen Handrücken widereinander. Madame Orlakoff lächelte und seufzte in einem Atem. »Ganz genau wie das Portrait der Kronprinzessin mit den kleinen königlichen Hoheiten,« verkündete sie stolz. »Mama tut, als wären es ihre eigenen Kinder und nicht ihre Enkel,« murmelte Nikolaus Forcade und schmunzelte Jakobe zu. Lewis kommandierte scharf mit der armen Orlakoff: »Mach mir nichts vor, mein Herz. In drei Tagen muß ich die Bilder haben.« »Ach ja, Sie Grausamer,« flötete das Madamchen. Miriam dehnte die Arme, kollerte wie ein Pfau durch den Salon und warf einen Sessel nach dem andern mit ihrer Schleppe um: »Eine Hitze ist heute!« Auf ihrer Brust stand der Schweiß. Lewis drehte sich im Fauteuil nach dem Grafen um: »Jung bleibt sie, die Miriam. Nicht zu glauben, Marienbad hilft doch noch immer.« Und er schnalzte mit den dicken Lippen. Witte stand jetzt vor ihm und fragte sehr nachdenklich: »Wie alt bist du?« »Sechsundachtzig, mein Bübchen, und wenn es Gott gefällt, mache ich den Hunderter voll.« »Oh,« sagte Witte und schüttelte enttäuscht den Kopf. Er hatte gedacht, daß nur der ›Blaue Herrgott‹ so alt werden konnte. Dann packte er Renate an der Hand: »Komm zu den Goldfischen!« Und er zerrte und zog, bis sie ihm den Willen tat. Lewis strich langsam über die Armstützen und sagte anerkennend: »Rasse hat das Mädel. Aber längere Röcke könnte die Mama schon bewilligen.« Graf Forcade nickte lustig. Als gütiger und gemessener Zuschauer stand er mitten in der bunten Welt seiner Frau und wollte keinem den Spaß verderben. Wie ein Magnet zog ihn diese unerbittliche Kraft an, trotz aller Lächerlichkeit. Sir Lewis polierte den kahlen Kopf zwischen den plumpen Händen und strich die Weste glatt, wie einer, der immer, im Notfall mit sich selbst, geschäftig sein muß: »Ja, die Miriam. Was wird sie machen, wenn einmal die Stimme futsch ist?« Kummervoll blinzelte er in die Sonne. Forcade aber lächelte, wie über eine Freudenbotschaft. »Vielleicht wird es erst dann bei uns gemütlich, lieber Freund,« sagte er langsam. Der alte Impresario schüttelte verständnislos den Kopf. Trotzdem er englischer Baronet war, verstand er diesen Aristokraten nicht. Forcade winkte Grüße durchs Fenster. Die Rappen des Geheimrats trabten gerade über den Kiesweg des Vorgartens, den ein schwarzes Gitter mit goldenen Pfeilspitzen von der Straße abschloß. Jakobe grüßte hinauf. Sie brachte den kleinen Elias heim und wollte dann wiederkommen. Langsam blickte sie zurück nach dem kleinen grauen Barockpalais, in dessen hellen, hohen Korridoren sie als Kind gespielt hatte. Und jetzt lag ihr gegenüber im Arm der Amme der winzige Elias Williguth, der so viel Milch trank und am liebsten schrie, wenn er nicht gerade schlief. Wundersam schien Jakobe das eigene Leben. Das lief in Kreisen, die eine fremde Hand zog. Um die Martin Lutherkirche flatterten weiße Tauben und die Sonne warf Goldglanz auf ihre Flügel. Über den schlanken lichtgrünen Türmen der Stadt hingen Rauchschwaden in der schweren überhitzten Luft. Und nur selten kämmte ein Windstoß die Rußschwänze in den durchsichtig blauen Himmel, der auf Goldgrund zu ruhen schien. Jakobe genoß das feine Spiel von Farbe und Licht. Dann nahm sie schnell ihren Blick von dem bunten Glast und besann sich, daß der Geheimrat heute abend zu Hof befohlen war und daß zur bestimmten Stunde alles bereitliegen mußte. Geduldig fuhr sie in ihre Pflicht, die ihr Last und liebe Gewohnheit war, wie Nein und Ja, und doch eins. Nikolaus Forcade blickte noch immer in das Flimmern des Frühlings und strich den braunen Spitzbart, in den die Sonne Goldfäden webte und auch schon etwas Silber. Es tat ihm stets ein wenig weh, wenn Jakobe von ihm zu den Williguths ging. Ihre schmalen Schultern waren nicht übermäßig stark, und schon als Kind hatte sie das Lachen am schwersten erlernt. Aber er rührte niemals an ihre Geheimnisse. Und wer konnte es auch verantworten, ungebeten zu sagen: »Ich helfe dir« oder »Es sollte anders sein.« Wenn sie kam, war es mehr ein vieldeutiges Schweigen als ein lautes Anklagen. Und niemals noch hatte sie die Haltung verloren unter diesem trotzigen Williguthschen Volk, das von unten nach oben strebte, mit brutalen Kinnbacken, rücksichtslos und gierig, und doch wie Kinder, die das zerbrochene Spielzeug streicheln. Sie paßten schlecht in diese reiche, enge Barockstadt mit ihren fürstlichen Prunkbauten und ihren stillen alten Gärten. Eher noch in die engen Winkelgäßchen um den Alten Markt, mit ihren Hans Sachshäuschen, wo wenig Sonne hinfiel und das kleine Volk in Bescheidenheit lebte. Aber ihre starken Leiber hatten dort nicht Platz. Den Fontainengarten hatten sie schon erobert und drängten von da wagemutig in die alte vornehme Stadt. So holten sie sich Jakobe Forcade und alles andere, was sie begehrten. Wie ein Wunder schien diese Familie dem Grafen, daß er über seinem Grübeln gar nicht sah, daß sein Haus in dies Schicksal hineingerissen wurde. Als nachdenklicher Sammler lächelte er über die Schätze an Menschenwiderspruch und Besonderheit, die da wirkten und wurden. Die schmalen Hände glitten über den Bart, er neigte ganz leicht den Kopf.   Ein Kinderkreischen krächzte in die blaue Nachmittagstille. Im Vorgarten duftete der Flieder, und die Bienen krochen ein und aus. Ihr feines Summen hing wie das Verklingen meilenferner Kirchenglocken in der warmen Luft. Forcade nickte dem Frühling zu. Er hatte seine innere Freudigkeit wieder, die Williguths, Jakobes ein wenig befremdliche Ehe und Miriams stürmische Jugendlichkeit waren vergessen. Da hinten, im kleinen uralten Park, wo betäubend und süß der Faulbaum duftete, johlte jetzt sein Enkel. Eine große Gläubigkeit war in Nikolaus Forcade, so daß es eine Brücke gab zwischen seinem leisen Spott und der derben Orgelbiederkeit von Johann Sebastian, nur daß der Aristokrat in Gott ein blindes Schicksal sah, bald neidisch, bald gütig, der »Blaue Herrgott« aber einen himmlischen Musikprofessor, der keine Note ausließ. Zwischen den Stiefmütterchen, die in allen Schmetterlingsfarben blühten, von Samtschwarz und Bronzebraun zu dunklem und lichtem Purpur, von Dottergelb und Porzellanblau bis zum reinsten Weiß, trieben zwei Tauben ihr amouröses Spiel. Der Tauber hatte sich zur Liebeskugel aufgeblasen und trug kollernd vor dem Kropf die stahlgrüne Hochzeitsweste. Die Dame trippelte schamhaft auf Korallenfüßchen. Plötzlich hoben beide die Köpfe, rannten mitten in die Stiefmütterchen hinein, duckten sich und setzten ihr Werben und Sprödetun fort. Dann aber schwang sich die kleine Dame erschrocken in die blauglitzernde Luft, daß ihr weißes Gefieder wie Silber leuchtete. Und der verliebte Herr mit der grünen Weste tat desgleichen. Witte kam im Galopp um die Hausecke, guckte sich um und verbarg sich schnell im Fliederbusch. Und jetzt stob der Kies unter Renates eiligen Beinen. Johlend stießen die zwei verfolgten Hasen einander tiefer ins Gebüsch. Dann kam der Jäger nachgekeucht und schwang den runden Strohhut, als wollte er die stattliche Renate damit haschen wie einen dicken Schmetterling. Der etwas füllige Jüngling trocknete die heiße Stirn und zog würdevoll den blonden Schnurrbart in drohende Spitzen. »Du bist noch ein fürchterlicher Kindskopf, Mädel,« sagte er behaglich mit einer hellen, freundlichen Stimme, die zu seiner kurzen Rundlichkeit trefflich paßte. Aber schon flog eine Handvoll Kies wider seinen Spott, und Renate schrie: »Fang' mich lieber, du dummer Achatz!« »Na, warte!« Er hielt den Hut als Schirm vor die Augen und begann gefühlvoll zu singen: »Häschen in der Grube–.« Da rief Forcade in lachendem Ärger hinab: »Lieber Achatz, wenn du schon mit den Kindern spielst, so tue es, bitte, hinten im Park, damit Renates Unarten wenigstens nicht von der Straße gesehen werden!« Renate rupfte verdrossen Stiefmütterchen und aß sie gedankenvoll auf. Witte Williguth kam herangeschlendert, sah ihr mißgünstig zu und sagte kurz: »Ihr seid langweilig.« Von oben aber dröhnte es wie Orgelrollen: »Was ist das heute wieder für ein blödsinniger Lärm?« Eilig verschwand Graf Forcade vom Fenster. Ein dunkelbrauner Arm drohte hinab, eine derbe, fleischige Faust, an der ein blutroter Stein blitzte. Braungeschminkt, ein Büschel Granatblüten hinter dem Ohr, dicke Kämme mit funkelnden roten Steinen in der nachtschwarzen Perücke, den kostbaren, papageienbunt gestickten Schal eng um die zornig atmende Brust gestrafft, schrie Miriam über den kleinen Vorgarten hin, baß die mächtige Stimme weit und klingend in die stille Straße hinausschlug. Hinter ihr wirbelte aufreizend und toll die Habanera und lockte die ergrimmte Carmen zurück in die gelben, sonnenheißen Gassen von Sevilla. »Ach bitte, bitte schnell,« flötete irgendwo die Orlakoff, »das Licht wartet nicht, und wir müssen noch die Aida und die Gilda aufnehmen.« Noch einmal drohte Miriam mit der braunen Faust, dann wiegte sie sich leise nach der Melodie, griff die Spielkarten auf und sprang mit dem jähen, federnden Satz eines großen Raubtiers vom Fenster weg, mitten hinein in die düsterbunte Welt der Schmuggler und Stierkämpfer. Renate ließ Achatz' Strohhut fallen, den sie sinnig mit bunten Stiefmütterchen schmückte. »Das war die Dirne von Sevilla, die um Blumen und Zigaretten ihre Küsse verkauft! Hast du sie gesehen, Achatz?« Die junge Stimme schmetterte hell hinaus, und doch hing ein schamhaftes Zittern darin. Fast verlegen sah sich Achatz Rothenwolff um. »Mama ist groß, groß,« keuchte Renate, »warum mag sie mich nicht?« Das graue Barockpalais lag ganz still in der breiten, warmen Nachmittagsonne. Nichts rührte sich, selbst die Bienen im Flieder summten und brummten nur träge. Kastanien und Platanen träumten in den Abend hinein, der weit im Westen behaglich heranschritt und die Hand nach der müder werdenden Sonne ausstreckte. »Du, Achatz!« »Ja?!« »Wie das alles mit mir noch werden mag?!« »Ach, wo!« Faul und nachdenklich dehnte er sich in der Nachmittagwärme, die wie ein wohliger Strom durch seine Glieder rann. »Die Miranda im ›Sturm‹ kann ich jetzt ganz.« Renate schob die kurze Oberlippe hoch und lächelte ihren eigenen Träumen zu. Ein Funkeln war in ihren Augen, wie wenn sie plötzlich einen Schatz in sich entdeckte. Achatz kam zu ihr in den Schatten. Langsam, wie mitleidig faßte er nach ihren zuckenden Händen. Duftend sanken schwere Faulbaumblüten herab. Der Wind stand plötzlich auf und bog das Laubwerk. Ein großes Rauschen war jetzt in dem Garten. Und mitten darin Renate Forcade in ihrer heißen Jugend. Am Abend kam Jakobe wieder, um Witte nach Hause zu bringen. Aber Achatz Rothenwolff, der in seiner beschaulichen Einsamkeit gelernt hatte, klug und schnell in Menschengesichtern zu lesen, schlug einen Abendbummel vor. Nur widerstrebend gab Jakobe nach. Der Geheimrat war schlimmer Laune gewesen und hatte mit scharfen Worten nicht gespart, weil Kleider und Orden nicht rechtzeitig bereitlagen. So fuhr Achatz mit Witte durch den Fontainengarten und lieferte den Jungen bei Flora Schirlitz ab. Als er zurückkam, wartete man schon auf ihn, Graf Forcade mit den beiden Töchtern und Miriam, die jetzt ganz die in sich gekehrte Königin war, den Kopf hoch trug und drei paar Handschuhe zerriß. Ein spinnwebdünner Mantel floß um ihre Schultern, das jetzt bleiche Gesicht lag im Schatten eines riesengroßen Hutes, der im Abendwind auf und ab klappte. Schweigend ging sie mit Achatz voran und nahm seinen Arm. Blaßgrün war der Himmel, wie Glas auf goldenem Grund. Nur im Westen, über den Rebenhügeln, schwammen rote Federwolken und warfen ihren Widerschein auf den Asphalt. Über dem Fabrikviertel hing schwarzer Rauch, wie Trauerfahnen an der hellen Pracht des Himmels. In allen Fenstern funkelte kupferrot das Abendglühen. Die vielen Kirchenglocken läuteten nur leise, da der Wind den Klang zerriß. Einmal wandte Miriam den Kopf. »Du hast ja heute das Haar aufgesteckt, Renate,« sagte sie unzufrieden und beschrieb mit der rechten Hand eine königliche Geste, als klagte sie die Eigenmächtigkeit ihrer Tochter vor aller Welt an. Renate duckte sich unter diesem Blick und lächelte trotzig. Wie eine schöne Frau im Fenster lag der Abend über der Stadt. Die Brückenpfeiler warfen ihre tiefen Schlagschatten weit hinaus in die fließende Helligkeit des Stromes, der nur an den Ufern dunkler schien, weil dort die Mauern alles Licht verschluckten. Hohe Pappeln vor dem blassen, silbernen Himmel gingen in ewigem Schwanken. Schwere, goldgelbe Staubwolken schoben an ihnen vorbei. Die kupfergrünen Dächer der Kirchen und Paläste wurden allmählich fahl und stumpf, schlanke Türme schnitten ihre dunkelnde Silhouette scharf in die helle Abendluft und gaben ihre berechnete Schönheit preis. Wie im Gebet standen die Heiligen auf der Balustrade der Hofkirche, fern von dieser Erde, in beschaulicher Versunkenheit. Das uralte Schloßtor mit dem roten Ziegeldach und den grünbehelmten Erkern grüßte herüber. Dann schritten sie in die kühle Finsternis des Schwibbogens, der Schloß und Kirche verband. Da rief sie jemand an: »Ist das nicht Salzburg heut' abend, wenn das letzte Lauten in silberner Luft schwingt? O, göttlicher Mozart!« Wie ein junger Schwärmer stand Karl Maria Tredenius und lächelte allen zu. Kalt sagte Miriam: »Ich muß in die Oper.« Tredenius nahm den Hut ab und strich nachdenklich über die Stirn: »Immer jung, Miriam? Wir beide, was?« »Soll ich etwa nicht?« Lauernd kam es, der Mund war jetzt weich und willig, die Augen bettelten fast. Schier jung reckte er sich hoch und freute sich seiner Schlankheit. Mit leisem Mitleid suchte er im Dunkel die Verwischten Linien der Miriam von einst. Hoch oben, über dem herben, energischen Kontur des Opernhauses standen Dionysos und Ariadne auf dem Pantherwagen, in ewiger Jugend. Jakobe trat hervor, schnell und selbstbewußt wie nur selten. Sie mußte jetzt etwas tun, das Widerstand und Widerspruch war. An Fünfzig waren die beiden, die da vorn wie Jüngling und Mädchen über den abendhellen Platz schritten. »Papa, jetzt kaufen wir Renate endlich ein langes Kleid.« Forcade erschrak: »Und die Mama?« »Ach was!« In letzter Zeit kannte auch Geheimrat Williguth diesen Ton. Im Opernhause blitzten gelbrote Lichter in den Garderoben. Fledermäuse taten den ersten Flug und schossen um die luftigen Galerien des Schloßturmes. Renate legte den Kopf in den Nacken: »Nur schnell, sonst sperren sie alle zu.« Und wie ein Wirbelwind lief sie voran. So bekam Renate ihr erstes langes Kleid, freilich nur ein blaues Leinenfähnchen. Aber sie dehnte und streckte sich voll Behagen und blieb vor jedem Spiegelfenster stehen. Dann saßen sie zu viert in einer Weinstube, tief unten, daß der Lärm der Straßen nur als dumpfes Brausen kam, in einer Nische mit altdeutschen Schildereien und trinkfesten Sprüchen geschmückt. Renate zog fortwährend den Rock über den Knien glatt und strich mit den Schuhen über den Saum, um sicher zu sein, daß es wirklich so war. Dann ging es wieder die Holztreppe empor. Draußen stand samtblau die Nacht. Die Sterne schwankten, als hätten sie zuviel himmlischen Wein getrunken. Autos tuteten und jagten rasselnden Droschken vor. Grünweiße Tramwagen surrten vorbei. Bunte Sommerkleider huschten aus dem Dunkel in das grelle weiße Licht der Bogenlampen und wieder zurück. Schwarze, alte Gassen schluckten die Helligkeit und gaben sie nimmer her. Die Hans Sachshäuschen schliefen schon, wie biederes Volk. Nur hier und da funkelte ein Licht. Die Gaslaternen flackerten in dem Wind, der von der Heide kam und den Ruch des blühenden Weißdorns brachte. Forcade schob leicht die Hand unter Jakobes Arm: »Ja, die kleine Renate! Da hat sie nun das erste lange Kleid. Und auf einmal sagt denn der fremde Kerl, der sie fortholt, ›Papa‹ zu mir. Ach, ja!« Jakobe machte die Lippen schmal. Ihr Vater sprach da plötzlich anders als sonst, wärmer, nachdenklicher. Neben ihr war einst niemand lächelnd und wehmütig gestanden, als milder Zuschauer, der alle Bangnis ihrer Jugend deutete. Damals hatte Graf Forcade für nichts Sinn gehabt als für sein großes Werk über das Porzellan der Meißener Frühzeit, das er nie vollendete. Jakobe fühlte plötzlich, wie ganz allein sie stand, den Williguths verfallen als willenloser Besitz, im Netz der Gewohnheit unlösbar verstrickt. Langsam machte sie ihren Arm frei: »Ich muß jetzt heim.« Er hielt sie nicht zurück, und sie wartete doch darauf. Zögernd sagte er nur und schlug die Augen nieder: »Ist es dir manchmal schwer Jakobe?« Sie schüttelte den Kopf, zu stolz zur Weichheit. Da fragte er nichts mehr. Achatz zog Renate am Zopf, der sich längst wieder aus der ungewohnten Frisur gelöst hatte. »Schlafenszeit ist's!« »Schon?« Und sie lächelte verwundert. Lau und lind war die Nacht. Ein schweres Duften überall. Und die Sterne glitzerten, als ginge hoch oben ein Wind über ihr Licht. Achatz trabte stumm neben Jakobe her. Aus schweren Baumgruppen tauchte Geheimrat Williguths weißes Haus. Grell schnitt das Licht zwei hohe Fenster ins Dunkel. Jakobe wandte sich jäh und sah den Ernst in Achatz' Gesicht. Die Kastanien rauschten, eine Laterne warf das schwarze Gaukelspiel von Zweig und Blatt auf den hellen Kies. »Wie ist das mit euch, Jakobe?« Scheinbar gleichgültig zeichnete sein Stock die huschenden Schatten nach. Sie schrak auf. Dann spannte sie mit der starren Geste, die sie unmerklich vom Geheimrat angenommen, die Schultern nach hinten und zog die Arme zurück. »Das wird nicht anders.« »Es ist nicht gut, daß ihr es nicht wissen wollt, du und der Geheimrat.« Gleichmütig sprach er zu dem schwankenden Schattennetz auf dem hellen Kies und hob die Augen nicht. Jakobe beugte sich vor, als hörte sie ein dumpfes Knistern, wie wenn ein jäher Sprung durch feste Mauern fährt. Mit beiden Händen tastete sie vor sich. »Wirf alles ins Spiel, dann kannst du ihn halten!« Fast schrie er es hinaus in seinem Mitleid. Schmal und schlank stand sie in dem gelben Flackerlicht der Laterne. Die Furcht war jetzt fort. In eine große Leere mußte sie hinein, und drin lauerte etwas, wider das man sie schickte, sie ganz allein. Aber sie beugte die Schultern nicht unter der neuen Last, drückte nur die Brust nach vorn, wie zum Sturmlauf gegen ihr eigenes Wesen. »Es gilt,« sagte sie fest und krampfte Hand in Hand. Sie dachte, wie man erst Witte und dann Elias unter Martern von Leib und Seele aus ihr geholt, weil es so sein mußte. »Ich danke dir, Achatz.« Der Wind schmetterte das Haustor ins Schloß, oder tat es Jakobe Williguths sonst so zage Hand. In der Halle hob Hund Boabdil den Kopf von den Pfoten. Unwillig hatte er gewartet, nicht gewohnt, daß Jakobe allein so spät heimkam. Und Boabdil hielt wie sein Herr auf Ordnung und gute Sitte, von gewissen Mainächten abgesehen, wenn der Hundeteufel die Williguthsche Dressur besiegte. So bellte er kurz und gähnte dann mürrisch. Simon Gottesdank streckte den Hals und sagte mit leisem Verweis: »Der Herr Geheimrat sitzen schon lange im Spielzimmer und die Frau Pastor auch.« Neugierig bewegte er die Ohren, als Jakobe stumm durch den Korridor schritt. Boabdil trottete gelangweilt hinterdrein. Jakobe legte die Hand auf Heinz' Türklinke. Ihre Finger zitterten und waren so heiß, daß das Messing wie Eis in die Haut schnitt. Ganz selbstverständlich schien ihr auf einmal alles, was sie tat. Langsam zog sie die Tür hinter sich zu und stand im Dunkel. Ihr Horchen war umsonst, nichts regte sich, nur ihr Atem und der des Hundes. Als wäre das Warten noch die letzte Hoffnung und das Nichtsehenkönnen der letzte Trost, zögerte sie wieder. Mit schnellem Griff machte sie dann Licht. Ihr Schritt hallte und verlor sich in den leeren Zimmern. Heinz Williguth war nicht daheim. Mit zusammengepreßten Lippen stand Jakobe, alt und finster, gar nimmer jung. Boabdil kam heran und leckte ihren Schuh, als spürte er die wortlose Qual. Langsam trabte er dann zurück in die Halle, immer Jakobe nach, wie in einer Pflicht, die er erst heute kannte. Gottesdank spähte aus seinem Türspalt, die Hand auf dem Mund, in hellem Erstaunen, daß Frau Jakobe heute nicht ins Spielzimmer ging, sondern die Treppe hinauf. Feste Tritte drückten das Holz, heute war jeder Schritt ein Entschluß. Ruckweise sprang der Bulldogg von Stufe zu Stufe. Simon Gottesdank rieb die kantige Nase. Da ging etwas vor. Auch die Reichen hatten ihre Not. Er lächelte zufrieden. Heute spielten der Geheimrat und die Schirlitz mit zwei Strohmännern. In den grauen Augen Philipp Emanuels war ein böses Licht. Die Hände bogen die Karten krumm. Der Schirlitz stand der Schweiß unter der Perücke. Eilig fielen die Karten und klatschten trocken auf das grüne Tuch. Da fragte er: »War das nicht Jakobes Schritt?« »Ich weiß nicht.« Wieder fielen die Karten. »Sie wird müde sein. Bei Forcades ist immer Sturm im Wasserglase.« Seine Stimme klang ruhig und unbewegt, und er fand sofort, daß die Schirlitz Renonce machte. Steif und aufrecht saß er da und strich mit der Linken die Falten aus der Stirn. Der Wind pfauchte wider die Fenster und warf jetzt schwere Regentropfen ans Glas. »Gut, daß Jakobe rechtzeitig heimkam,« sagte er und mischte gleichmütig die Blätter. Dann horchten sie beide. Oben im Korridor klang Jakobes Schritt, Boabdil bellte, fast ein Winseln war es. Philipp Emanuel Williguth sah auf: »Der Hund ist oben. Will keine Ordnung mehr sein?« Am nächsten Abend fing Jakobe die graue Maus und ließ sie nicht aus dem Hause. Wieder spielten der Geheimrat und die Schirlitz mit zwei Strohmännern. Sie taten, als wäre es ganz selbstverständlich, daß Jakobe nicht da war. Keiner sprach von ihrer Abwesenheit. Nur um Philipp Emanuels Mund grub ein grimmes Lächeln. Tags darauf sagte er seine Ordination ab und saß im »Blauen Herrgott«. Johann Sebastian mußte ihm vorspielen, allerlei strenge Meister, obwohl er wenig oder nichts von Musik verstand. Heiß und voll Sicherheit arbeitete der junge Williguth indessen an der verwaisten Klinik, seine Finger taten schnelles und gutes Werk. Erstaunt guckte Schückedanz auf diese Veränderung, an deren Dauer er nicht recht glaubte. »Eingerostet bin ich doch noch nicht,« sagte Heinz und reckte die Arme, als er einen schweren Fall mit seiner sicheren, feinen Technik operiert hatte, und warf einen raschen Blick nach der Tür. Es war die Zeit, da sein Vater gegen Abend noch einmal die Klinik besuchte. Aber heute kam er nicht. Der Sohn blieb allein und ging von Bett zu Bett. Die alten Wärterinnen und Pflegeschwestern stießen sich heimlich an, weil seine Augen in ihrem Grau jetzt so trotzig leuchteten wie die seines Vaters. An diesem farbenfrohen Maiabend packte Aurelius Schückedanz das Glas, in dem sein großer Goldfisch mit dem hübschen und passenden Namen »Röschen« faul und feist in die Sonne glotzte, wickelte es säuberlich in ein grünes Tuch und trug seinen Schatz vorsichtig durch den Fontainengarten. Es war heuer etwas früher als sonst, daß er sein Röschen bei Geheimrats in Sommerfrische gab, zu den vielen kleinen Goldfischen im tiefen Wasserbecken, über das der Springbrunnen seinen silberweißen Sprühschleier hängte. »Jetzt kriegst du es wieder fein, liebes Röschen,« flüsterte Herr Aurelius dem dummen Goldkarpfen zu und gab acht, daß er das Wasser nicht verschüttete. Der Abend warf sein rotes Licht auf die grauen Sandsteinbilder und auf die blassen, blauen Teiche. Weiß und rot sanken überall die Kastanienblüten, das erste Lenzsterben hob an. Über die bunten Beete gaukelten halbschläfrige Schmetterlinge und nahmen den Honig mit gierigem Rüssel. Zwei Paare taten Leib an Leib den Hochzeitsflug in die goldhelle Höhe, weiße Pünktchen, die als Opfer verwehten. Mit lauter Wundern grüßte der satte und übermütige Frühling den ehrsamen Aurelius Schückedanz und seinen dicken Goldkarpfen. Der Phlox blühte in allen Farben um den Springbrunnen, die letzten Bienen dieses Tages rafften noch schnell ein Nachtessen zusammen. Unter der alten Kastanie saß Jakobe Williguth, und vor ihr spielte Witte mit bunten Bausteinen. Aurelius Schückedanz schwang sein Glas zum Gruß: »Da bringe ich ›Röschen‹, gnädige Frau.« Wie eine große Gnade klang es, als färbte der Geheimrat auf alle seine Selbstgerechtigkeit ab. Er wehrte Witte ab und liebäugelte mit dem stumpfsinnigen Fisch. Alles Zarte und Feine seiner unbeholfenen Seele hatte er in diesem Tier versammelt, wie in einer Sparbüchse. Er stellte das Glas auf die Bank und setzte sich bescheiden daneben, in seiner eckigen Hofmeisterart, die es stets als Auszeichnung empfand, daß er das Vertrauen dieses Hauses genoß, wie keiner sonst. Beschaulich faltete er die Hände und blinzelte in den schier verwirrenden Reichtum von Farbe und Licht. Er vermied es, Jakobe anzusehen. Um ihren Mund saß ein fester Zug, ihre Hände lagen zum Griff geformt im Schoß. Ganz anders als sonst. Mit der Fußspitze strich er beinahe vorwurfsvoll den gelben Kies glatt. »Der Geheimrat war heute nicht auf der Klinik.« »Ach, ja,« sagte Jakobe mit trockener Kälte, die diese Neuigkeit gleichsam in einen staubigen Winkel stellte. Pedantisch straffte er die Weste über dem Pharisäerbäuchlein: »Und Heinz will alles anders als der Chef, justament, wie zum Trotz. Daß er niemals die Wege geht, die wir ihm bereiten! Er weiß gar nicht, was das heißt, der Sohn von Philipp Emanuel Williguth zu sein.« »Was wollen Sie eigentlich von Heinz?« »Nichts, gar nichts – ich wenigstens freue mich nur– – – .« Hochmütig schnitt sie ihm das Wort ab: »Man muß Geduld haben.« Mit einer Starrheit, die sich selbst ein Ziel setzte. Schückedanz kroch in sich zusammen. Ein schwerer Schritt kam über den Kies. Philipp Emanuel neckte den verlegenen Schückedanz und schwang Witte durch die Luft. Mit Jakobe sprach er kein Wort, nur einen Augenblick kreuzten sich ihre Augen, ernst und wie in Trauer, daß etwas zwischen ihnen stand. Jakobe saß in Heinz' dunklem Ordinationszimmer und sah die Sterne als Lichtpunkte im Fensterausschnitt flimmern. Sie rührte sich nicht und horchte nur auf jedes Geräusch nebenan. In stummer Pflicht wartete sie so und nickte dem hellen Streifen zu, der zwischen Tür und Boden hinlief. Da drin arbeitete Heinz Williguth. Und Jakobe saß als Wächterin und wollte, wie die Williguths, ein einziges Mal den Ereignissen ihren Willen aufzwingen, auch über die Grenzen ihres eigenen scheuen und bedenksamen Wesens hinaus. »Wirf alles ins Spiel,« murmelte sie vor sich hin, »wirf alles ins Spiel!« Auftrumpfen müsse man den Williguths, hatte der Geheimrat selbst gesagt. Und auftrumpfen wollte Jakobe Forcade diesen beiden Williguth und allen wunden Stolz verbeißen. Mochte der Geheimrat zehnmal in spöttischer Galanterie den Kopf vor ihr neigen, wenn er sie spät abends im Korridor traf: »Verliebtes Völklein, verliebtes junges Volk!« Mochte Heinz zehnmal wie ein verwöhnter Junge nach ihr greifen und den schönen weichen Mund schmollend verziehen: »Laß doch den vielweisen Plunder! Kleine Jakobe du, glaubst du, ich weiß nicht, warum du kommst?« Das zornige Blut brannte ihr in allen Adern. Zur Dirne machte man sie in diesem unerbittlichen Hause. Aber sie wollte nicht stolz sein, nicht wund, nicht scheu. Sie wollte Heinz Williguth führen und zwingen, und wenn es Leben und Seligkeit kostete. Deshalb saß sie alle Nächte und wartete. Und Heinz in seiner lässigen, wetterwendischen Art fand Vergnügen an dem neuen Spiel. Fast übermütig deckte er Blatt nach Blatt mit seiner kleinen, feinen Schrift und lachte, wenn Jakobe sorgsam die Bogen zählte und liebkosend über das glatte Papier strich. Ganz langsam rückten neue Sterne im Fenster vorüber. Aber der gelbe Lichtstreif zwischen Tür und Boden blieb. Schwer und schwül hing die Luft im Zimmer. Doch Jakobe wagte nicht ein Fenster zu öffnen, um die Arbeit drin nicht zu stören. Sie horchte angestrengt. Es blieb ganz still. Bloß das Rascheln des Papiers und das Kratzen der Feder. Aber dies feine Geräusch saß als Eindruck seit vielen Nächten im Ohr und stellte sich ein, wenn sie nur daran dachte. Der Schritt des Geheimrats stapfte jetzt über den Korridor und die Treppe nieder. Vor der Tür machte er halt, als brächte ihn eine gemeinsame Furcht hierher. Jakobe wartete. Kam er jetzt, konnte alles gut werden. Aber nur sein Atem keuchte wider das Holz. Die Schritte entfernten und verloren sich. Sie blieb allein und stützte den Kopf in die Hände und die Ellenbogen auf die Knie. Pedantisch zerhackte die Uhr die laue Maiennacht. Jakobe hielt das schmale Licht im Auge, wie einen hellen Punkt in der Finsternis ihrer Sorge. Langsam richtete sie sich auf. Die Müdigkeit machte ihr jede Bewegung schwer. Unwillig streckte sie die Glieder und zwang sie zum Gehorsam. Im Fenster blitzten keine Sterne mehr. Ein heller Himmel stand im Glas. Sie ging zur Tür und horchte. Kein Papier raschelte, keine Feder knisterte. Sie drückte die Klinke nieder wie damals in der Regennacht. Und zögerte wieder. Die Angst, daß alle Qual umsonst sein könnte, strich über sie. Der schwere geschnitzte Stuhl vor dem Schreibtisch war leer. Und sie dachte plötzlich, daß ihr Vater Heinz diesen venezianischen Patrizierstuhl geschenkt hatte, und kam nicht los von dieser gleichgültigen Erinnerung, als hätte sie Furcht, weiterzugehen und weiterzuschauen. Das Licht schnitt grell ins Dunkel und brach dann ab. Sie griff nach den Papieren. Ein halbes Blatt war beschrieben, kleine Züge, hastig und schnell, aber klar in Reih und Glied gestellt, weil der Geheimrat stets auf gefällige und leserliche Schrift gehalten hatte. Auf dem Löschblatt waren Karikaturen hingekritzelt, kindisches Zeug, mit dem ein unwilliger Arbeiter die Zeit vertrödelt. Jakobe stand ganz still. Im Aschenbecher lag eine selbstverkohlte Zigarette, wie ein winziges Totengerippe. Und auf dem breiten roten Diwan schlief Heinz Williguth. Jetzt hörte sie seinen Atem. Die rechte Hand war unter den Kopf geschoben, die linke hing fein und schlank herab. Die Falten auf der hohen, schläfenschmalen Stirn lagen glatt, der starke Mund war rot und feucht. Das kurze Kinn trat weit zurück. Er lächelte im Schlaf. Der rechte Mundwinkel sank herab, wie in schlaffer Lust. Jakobe fror plötzlich. Sie wußte, daß ihr Spiel verloren war. »Nie wieder!« sagte sie ganz laut und hart in einem neuen, knappen Ekel. Heinz dehnte sich und schlug mit den Lidern, erwachte aber nicht. Mit festen Schritten, die schwer in die Stille schlugen, ging sie aus dem Zimmer. Nicht einmal das Licht am Schreibtisch drehte sie aus. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun. Ein bittrer Geschmack saß ihr im Munde, wie von einem Lachen, das der Ekel erstickte. Kühles, blasses Morgenlicht lag in der Halle. Draußen auf dem Kies scharrten die Rappen. Und auf dem Treppenabsatz stand der Geheimrat, groß und schwer im hellen Sommeranzug, eine Nelke im Knopfloch, den weichen grauen Hut auf dem mächtigen Kopf, und lächelte zu Jakobe nieder: »Was tust du da, Frauchen?« Sie hob den Blick, aber kein trotziges Leuchten war mehr in ihren Augen, nur ein scheues Betteln vor seinem Spott. Da klang seine Stimme wieder: »Geh schlafen, Jakobe! Du bist müde.« Schwer und nachdenklich blickte er sie an: »Die Menschen ändert man nicht so leicht, auch du nicht. Von innen muß es wachsen, wenn es Wert haben soll. Sonst bleibt es Stückwerk, Frauchen.« Er kam herab und streichelte ihre Wange, wie man Besitz von seinem Eigentum ergreift. Sie duldete es und neigte den Kopf. Sie hatte keinen Widerstand mehr. In seinen Augen blitzte es wie Mitleid und zugleich wie Triumph, als wollte er sagen: Was kannst du richten ohne mich? Dann schritt er zum Wagen, jung und leicht, wie der Maimorgen da draußen, und winkte zurück. Sie sah das Lächeln um seinen Mund. Langsam stieg sie die Stufen empor.   An diesem Abend saß sie nicht mehr im dunklen Ordinationszimmer und hielt nicht mehr den schmalen Lichtstreif zwischen Tür und Fußboden im Auge, sondern las dem Geheimrat mit ihrer klaren Altstimme aus deutschen und englischen medizinischen Zeitschriften vor. Das geschah sonst regelmäßig jede Woche, diesmal aber waren mehr Hefte zusammengekommen, weil Jakobe in der trotzigen Kampfzeit absichtlich alles liegen ließ, was ehedem unabänderliche Pflicht und Gewohnheit war. Philipp Emanuel hörte gelassen und aufmerksam zu und strich nur, wenn er ein neues Heft hinüberreichte, leicht den Staub ab, als leise Mahnung an das, was jetzt glücklich vorüber war. Und dann schlang er mit einem ganz stillen Lächeln die Finger ineinander und verknüpfte gleichsam abgerissene Fäden. Später rauchte er seine Schlafzigarre im Garten, und die Glutspitze schimmerte wie ein Leuchtwurm im Dunkel der Kastanienallee, überall lagen jetzt rote Blüten auf dem gelben Kies, der seltsame Duft von Weihrauch, welkenden Rosen und bitteren Birkenblättern hing scharf und betäubend in der Luft, dazu ein Geruch von frisch umbrochener Erde. Und an manchen Stellen im Buschwerk roch noch das faulige Laub vom Vorjahr und spottete aller drängenden Fruchtbarkeit des jungen Sommers. Der Himmel war niedrig und wolkenumzogen und drohte mit Regen. Jakobe schritt stumm und steif rechts vom Geheimrat, neben ihr purzelte Hund Boabdil in absonderlichen Affensprüngen. Mit leisem Schrecken und doch nicht ohne ein müdes, lässiges Behagen empfand Jakobe, wie aller Trotz und Streit zu Ende, wie sie mehr denn je willige Tochter und Geschöpf des Geheimrats war. Ruhige Klarheit spannte da ein willkommenes Dach, und man durfte darunter nur nicht vorwitzig hervorlugen. Das litt er nicht. Philipp Emanuel wies auf den Goldfischteich, wo der ewig ruhelose Springbrunnen seine weißen Schleier ins Dunkel hängte: »Gib acht, daß Witte nicht den dummen Fisch unseres wackeren Aurelius da herausfängt! Man soll jedem sein Spielzeug lassen.« Fast strenge sah er sie an und legte einen heimlichen Nachdruck auf das Wort »Spielzeug«. »Überhaupt magst du Witte etwas kürzer nehmen, liebes Kind. Er wird zu üppig. Ein Williguth braucht Hiebe.« Und er stäubte die Asche ab, in einer gemessenen, abschließenden Bewegung, die alles Unliebsame und Unnütze glatt entfernte. Jakobe hatte einen gequälten Zug um den Mund. Sie sah den schönen, weichlichen Heinz Williguth auf dem roten Diwan schlafen. Dem hatte dieselbe Strenge in seiner Kindheit den Willen gebrochen. Sie schüttelte ein letztes Mitleid ab und ging weiter. Boabdil trottete gelangweilt hinterdrein, nur der Kies knirschte, sonst blieb alles still. In Philipp Emanuel war eine starre, grollende Unruhe, daß er nur Schweigen erzwingen konnte und kein tapferes Wort. Fast zornig stieß er den Atem. »Nun wird es ja laut und lebendig in unserer Stille, wenn Renate morgen kommt.« Ein ungeduldiger Vorwurf klang darin. »Ja,« sagte Jakobe gedrückt. »Wenn die mal 'nen Mann kriegt, die kleine Renate, die macht einen Prachtkerl aus ihm.« Er lachte in einem fast lauernden Behagen. Wieder fühlte Jakobe, daß er ihre Schwester höher stellte als sie selbst, voll grämlicher Anerkennung. Wie eine Last lag das auf ihr. Er legte ihr jäh die Hand auf die Schulter, schwer und hart, die Finger zur Faust geballt: »Jakobe, ich war heute bei Heinz drüben, habe alles gelesen, ganz langsam, Wort um Wort.« Ihr Schweigen war ein langes Warten. »Es ist gut. Er kann , wenn er will. Aber, Jakobe, es ist ein Anfang, nichts weiter als ein Anfang. Und weiß Gott, mit einer halben Arbeit werde ich ihn niemals durchlassen. Gerade weil er mein Sohn ist.« Ganz leise rührte sie an seinem Arm: »Wenn du wolltest –.« »Nein, Jakobe. Ich bin's nicht, der ihn hindert. Aber er muß das Seine tun, wie jeder andere.« Und er warf die Hand von ihrer Schulter und gab etwas frei. So standen sie eine Weile. Auf der Holztreppe kam ihnen Flora Schirlitz entgegen, eine graue verstaubte Pappschachtel im Arm, und schützte den eingerissenen Deckel sorgsam vor dem Herabfallen. Um die tiefschwarze Perücke hatte sie ein blaues Seidentuch gewunden. »Ach, du mein Gott, diese Spinnweben! Da habe ich die alten Tennisbälle auf dem Speicher zusammengesucht.« Philipp Emanuel schmunzelte: »Aha, für Renate.« »Der Herr Doktor hat sie verlangt.« Jakobe erinnerte sich, wie sie in der ersten Zeit oft mit Heinz gespielt hatte. Später war das freilich eingeschlafen. Und morgen kam Renate, weil ihre Eltern in London waren. Und die sollte mit den Bällen spielen, die Jakobe als Mädchen hier ins Haus gebracht hatte. Die Schirlitz sah den seltsamen Blick der jungen Frau und erschrak, die Schachtel geriet ins Wanken, lustig hüpften weiße und rote Bälle die dunklen Holzstufen herab. Jakobe straffte die Schultern und verzog ganz unmerklich den Mund. Philipp Emanuel hatte sein hellstes, verbindlichstes Lächeln, nur die Augen blieben leer und hart. Er rieb die weißen Hände leicht aneinander, wie er es zu tun pflegte, wenn er einem Kandidaten eine geistreiche Falle gestellt hatte. »Ach, die Bälle,« sagte er endlich und dehnte die Worte zu einer heimlichen Spottmelodie, »es soll mir lieb sein, wenn Heinz für seine Freistunden daheim eine Partnerin findet. Ein wenig Training ist ja immerhin zuträglich, auch für dich, Jakobe.« In den grauen Augen lag das Lauern und ein kaum versteckter Vorwurf. »Ich werde nicht mittun, Papa.« Er stieß mit dem Fuß nach einem roten Ball, lächelte wieder und hielt Boabdil, der mit einem Satz darauf los stürzen wollte, mit eisernem Griff am Halsband. Das zornige Keuchen des Hundes schien ihn zu belustigen. »Gute Nacht, Jakobe.« »Gute Nacht.« Sie ging langsam die Treppe hinauf. Die Schirlitz stapfte umher und las die verstreuten Bälle auf. Dann verschwand auch sie. Philipp Emanuel stand noch eine Weile allein in der Halle und hielt den Hund fest. Dann ließ er ihn laufen, richtete sich auf und ging in sein Arbeitszimmer.   Am nächsten Morgen hielt Renate Forcade ihren Einzug und brachte neben einer Unmenge von Koffern und Schachteln auch die zweite Zofe ihrer Mutter mit. Der Geheimrat war längst fort, aber Heinz Williguth griff dienstbereit nach dem umfangreichen Gepäck. »Grüß Gott,« sagte er weich und freundlich, und aller Glanz seiner liebenswürdigen Schönheit lag in Wort und Gruß. Er verstand Renates Unsicherheit, mit der sie ihre Jugend als süße und schwere Last zugleich trug. Jakobe stand unbeachtet daneben. »Hast du mir zuliebe daheimbleiben dürfen, armer Junge?« neckte Renate und hieb mit dem Absatz die Steinchen um sich. Da schloß Heinz die Faust wie einen Ring um ihr Handgelenk. Sie blinzelte ihn an und schwieg. Er schob die Brauen zusammen: »Bei uns wird auf Ernst und Würde gehalten, dummes Mädel. Weißt du das nicht?« Als Renate ungläubig den Kopf schüttelte, wies er auf Jakobe: »Frage mal die dort!« Schlank stand er in der Morgensonne, halb Kind, halb Greis, zwischen Hell und Dunkel in stetem Schwanken, heute in einsiedlerischen Grübeleien vergraben, morgen wie ein Fanatiker auf Arbeit aus, ohne Gleichmaß. Alles zuviel und doch wieder zu wenig. Wie ein eitler Junge streckte er den weißen Schuh vor: »Habe ich nicht schöne, schmale Füße, Renate? Meine letzten Kröten habe ich angelegt, damit ich würdig mit Euer Erlaucht Tennis spielen kann.« Er jonglierte auf einem Bein und lachte. »Willst du nicht auspacken?« fragte Jakobe und zog Renate ins Haus. Ihnen nach tönte Heinz Williguths Stimme, der mit Boabdil um das runde Blumenbeet jagte, als wäre gar nicht genug Tollheit aus dieser Stunde zu holen. »Sitzt ihr immer so schweigsam und ehrbar bei Tisch?« forschte Renate und vollführte mit dem Suppenlöffel ein ganz unausstehliches Geräusch auf dem feinen weißen Porzellanteller mit dem mächtigen gothischen W. Flora Schirlitz schob die Perücke und faltete die Serviette auf und zu. Philipp Emanuel hatte ein gnädiges Lächeln. Heinz richtete sich scharf auf: »Im Haus der Götter ist heilige Stille.« Und Stille war auch jetzt. Der Geheimrat legte den Löffel hin: »Ich muß dir wohl einen Zettel schreiben, kleine Renate, weil du heute die Schule versäumt hast?« »Danke. Das hat Papa schon besorgt. Wenn er nett ist, schreibt er mir gleich fünf oder sechs Stück, das richtige Datum male ich dann hinein.« »So? Und wo treibst du dich inzwischen herum?« fragte Jakobe, so trocken und scharf, wie einst die alte strenge Gouvernante der Forcadeschen Kinder. Renate lächelte sehr von oben herab: »Du brauchst nicht so langweilig zu sein, Jakobe. Du bist noch lange kein Gott.« Gutmütig sagte Philipp Emanuel: »Na, Heinz, was, da habe ich dich strenger gehalten?« Es klang wie eine Abbitte, die unwillig genug geschah. Renate aber trumpfte weiter auf, wie ein junges Pferd, das zum erstenmal in einer saftgrünen Wiese tollen darf: »Ach, die in der Schule, die brauchen mich ja! Für die Schlußakademie habe ich den ganzen Monolog der Phädra geochst, und im Proverb spiele ich den Vicomte. Fein, nicht?« Und sie steckte unversehens das Messer in den plappernden Mund. »Na, und die Mama?« Vergnügt reizte der Geheimrat Renate zu immer größerer Unverschämtheit. Jakobe und die Schirlitz wechselten einen Blick, wie geprügelte Hunde, denen der Herr einen Knochen wegnimmt und ihn einem dritten zuwirft, der gar kein Recht darauf hat. »Uff, die Mama! Die weiß eben nichts.« Herausfordernd lehnte sie sich über den Tisch. »Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen!« drohte Philipp Emanuel mit dem Zeigefinger. Sein Mund war weich und nachgiebig, alle Strenge verwischt. In den Augen aber saß ein bedeutsames Lauern, das dem Sohn galt. Der blickte fort. Philipp Emanuel hatte wieder einmal vergeblich gewartet. Blitzblanke Jugend fegte über den weißen Grund. Renate Forcade schnellte durch die Luft und freute sich der trauten Gewohnheit des kurzen Rockes. Ihre junge Kraft ersetzte Heinz Williguths stählerne Gewandtheit. Die Bälle flitzten über das Netz, auf und ab, und Witte hatte willkommene Arbeit, um die er erst mit dem jappenden Boabdil einen Raufhandel ausfechten mußte. Jakobe saß unter der breiten Platane, die ihre zackigen Blätter gravitätisch im Windhauch auf und ab bewegte. Keiner hatte sie zum Spiel aufgefordert, so daß die helle Jugend der beiden nur als Schatten zu ihr herüberfiel. Rot und weiß sprangen die Bälle. Und drüben schrie Renate: »Keiner spielt so gut wie du!« Heinz Williguth bog sich zurück, mit straffen Muskeln, und lachte über das ganze Gesicht. Dann blinzelte er in die Sonne, und alles an ihm war plötzlich Schlaffheit und lässiges Gleitenlassen. Mit erstaunter Grausamkeit prüfte Jakobe Zug um Zug, wie man einer langen Enttäuschung endlich ledig wird. Ohne Mitleid war dieser Blick. Am Westhimmel versickerte das letzte träge Licht. Jenseit des Fontainengartens trennten sich schwarz und dunkelviolett die Hügel vom lichtgrünen Himmel, der langsam nachdunkelte und seine gläserne Helle verlor. Rotgelbe Wellen liefen im Osten, die ersten Lichter der Stadt. Eine Amsel schmetterte noch ihr Lied in die Stille. Jakobe Williguth ging mit dem kleinen Witte durch die Kastanienallee. Um diese Zeit bekam Witte stets sein Märchen erzählt, und er hielt pedantisch darauf, daß er nicht darum gekürzt wurde. Freilich liebte er die Spukgeschichten Renates mehr als Andersens geruhsame Erzählungen vom häßlichen Entlein, von der Schneckenfamilie und vom Fliedermütterchen, die Jakobe bevorzugte. Aber da ein Williguth nie genug bekommen konnte, schluckte er beides und verlangte nach mehr. Plötzlich blieb Jakobe stehen, daß Witte ins Schwanken geriet und sein Gleichgewicht mit beiden Beinen suchen mußte. Ein fernes Murmeln plätscherte heran, hier und da ein Wort scharf aus dem Schweigen geschnitten, dann wieder ein eintöniges Raunen, das in Stille verrann. »Ist der wilde Mann im Garten?« flüsterte erregt der märchenfeste Witte. Jetzt kamen schwere, dumpfe Wortreihen, dann schoß ein halber Satz klar und spitz wie eine Stichflamme aus dem Dunkel. Jakobe lächelte. Das war Renate, die in den apfelgrünen Abend hineindeklamierte. »Ha!« machte Witte und zog nach vorwärts, er witterte ein Abenteuer vor Schlafenszeit. Der Weg bog ab. Da schimmerte rötliches Licht. Witte ging auf dem Kriegspfad und hielt den Atem an. Jetzt schlug das Pathos von Renate Forcade voll in die Stille. Jakobe packte den widerwilligen Jungen mit einer fast zornigen Bewegung, wie letzthin der Geheimrat Hund Boabdil. Lief da dies närrische Mädel vor einem flackenden Windlicht auf und ab und polterte mit den rollenden Versen, ganz die Mutter, selbstherrlich, leidenschaftlich und mitten durch. Aber dann lauschte Jakobe. Ihr Gouvernantenärger brach vor der Macht und dem Glanz dieser Mädchenstimme. Wie eine Feuergarbe stieg es auf: »Das Maß des Gräßlichen hab' ich vollendet. Blutschande atm' ich und Betrug zugleich; Ins Blut der Unschuld will ich, racheglühend, Die Mörderhände tauchen – Und ich lebe! Ich Elende! Und ich ertrag' es noch, Zu dieser heiligen Sonne aufzublicken, Von der ich meinen reinen Ursprung zog. Den Vater und den Oberherrn der Götter Hab' ich zum Ahnherrn; der Olympus ist, Der ganze Weltkreis voll von meinen Ahnen. Wo mich verbergen? Flieh' ich in die Nacht Des Totenreichs hinunter? Wehe mir! Dort hält mein Vater des Geschickes Urne, Das Los gab sie in seine strenge Hand, Der Toten bleiche Scharen richtet Minos.« Jakobes Arm spannte sich, und ihre Finger wurden zur Faust. Mit weiten, starren Augen schaute sie ins Licht. »Was wirst du, Vater, zu der gräßlichen Begegnung sagen? Ach, ich sehe schon Die Schreckensurne deiner Hand entfallen; Ich sehe dich, auf neue Qualen sinnend, Ein Henker werden deines eignen Bluts.« Wie im Bann schritt Jakobe vorwärts. Da saß Philipp Emanuel auf der halbrunden weißen Gartenbank, die Arme aufgestützt, und hielt Renate im Auge. Auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen flackerte ein Windlicht und streute Helligkeit und Schatten über die erregten Gesichter. Renate hatte den Kopf vorgestreckt, noch ganz im inneren Lauschen. Der schwere Mund war schmerzlich verzogen, die Hände eingekrallt in den dünnen Stoff des Kleides. Wie wenn zwei dasselbe Feuer in sich erkennen, so war dieser Blick von ihm zu ihr, ein stummes Grüßen von einem zum andern. Jetzt blickte der Geheimrat auf: »Ja, Frauenzimmerchen, so muß es brennen. Wird schon das Rechte sein.« Und er streckte die Hand nach ihren zitternden Fingern. Weich und verträumt war jetzt sein strenges Gesicht, voll heimlicher Sehnsucht. Jakobe kannte ihn nur anders. Renate stand stumm, um ihren Mund zuckte es wie verhaltenes Weinen. In Philipp Emanuels Augen aber war ein fast stolzes Leuchten, unmerklich schloß er die Hand zur Faust. »Ja, du und ich!« Schwer kamen die Worte, im Eisenschritt. Und ein höhnisches Lächeln, das anderen galt, schlich ihnen nach. Jakobe trat schnell zurück. Sie hatte hier nichts zu suchen. Wieder riß sie Witte an sich und rannte beinahe in die Dunkelheit hinein. Die Nacht war jetzt im Park, die Lichter der Stadt funkelten in tausend bewegten Wellenlinien, und darüber stand, schmal und blank im opalblassen Himmel, ein junger sehnsüchtiger Mond. In der Halle schwang Giacomo Williguth grüßend den breiten Panama mit dem grellroten Band und hielt Jakobe ein weißes Körbchen entgegen, aus dem rauhe gezahnte Blätter guckten. Behaglich zog er dann ein dunkelbraunes Zappeltier hervor: » Die ersten Krebse habe ich da gebracht. Feiste Luderchen!« Und er schnalzte mit gefräßigen Lippen. Witte sprang und tanzte nach dem Krebs und schrie wie am Spieß. Auf der Treppe erschien jetzt der Geiger Tredenius, schlank und jugendlich wie immer, und rief vergnügt: »Dürfen wir zu Abend bleiben, Frau Kronprinzessin?« Da bemerkte er die flackernde Unruhe in ihrem Gesicht und schwieg schnell. Nur die Augen grüßten vertraulich. Ein bißchen Selbstgefälligkeit, daß er klug mit Frauen umzugehen wußte, trug er stets zur Schau, aber Jakobe Williguth hatte er wirklich lieb. So kam er ganz herab und gab ihr die Hand. Der leise Druck sollte ein stummer Trost sein und war es auch. Giacomo mit Witte und den Krebsen war längst küchenwärts gestampft, gewisse Leckerbissen überwachte er selbst in der Zubereitung. Er war in allen Sätteln gerecht und ein großer Feinschmecker, gleichsam als wollte er sich jetzt in der Ruhezeit schadlos halten für die karge und strenge Kost der Ringerjahre. Nur sein Ehrgeiz war satt, darin war er der einzige in seiner Familie. Beim Abendessen, das im Sommer stets auf der Terrasse vor dem grünen Zimmer eingenommen wurde, verzehrte Renate faul und verdrossen ihre Krebse. Der Geheimrat übte mit seinen weißen starken Fingern geschickte Chirurgenarbeit an Schale und Schere und legte der schläfrigen Renate besonders gute Bissen auf den Teller, wie zur Belohnung. Jakobe sah sein heimliches Lächeln und verzog hochmütig die Lippen. Renate brachte eine einzige Stunde, was Jakobe in sieben Jahren nicht gewinnen konnte. Fast zornig rettete sie sich in ihre schmale Komtessenschönheit, lächelte den Williguths zu und warf alles Schwere und Bange kurzerhand beiseite. Heiter und leicht stellte sie Renates mürrische Unreife in den Schatten und war das feine Prunkstück in Philipp Emanuels Haus, über das die täppischen Hände der Williguths liebevoll hinstrichen. Ihr Lachen eroberte schnell, was angstvolle Fügsamkeit vergeblich umworben hatte. Der Geheimrat nickte ihr zu und nannte sie sein gutes Töchterchen. Giacomo blickte rot und unternehmungslustig aus seiner emsigen Kauarbeit, schenkte die grünen Gläser voll und roch gefühlvoll an der ersten La France-Rose, die er im Knopfloch trug. Karl Maria kniff die Augen ein, als betrachtete er ein Bild. »Wie hübsch dir das weiße Kleid steht, Jakobe,« sagte er, »wenn meine beiden Dicken das doch fertig brächten! Weiß Gott, an den Schneiderrechnungen, die ich bezahle, liegt es wahrhaftig nicht! – Na ja, das Williguthsche Kleinstadtblut schlägt eben durch. Die lieben das Dauerhafte, – und bunt muß es sein, wie das liebe Scheckvieh. Meine Gundl wieder, die trägt ihre dumme schwarze und graue Seide nur, wenn sie steif wie Leder ist und mindestens zehn Pfund wiegt. Na, ich kann dir sagen, würdiger Philipp Emanuel, sie spricht immer noch in süßer Andacht von Mutter Apollonias Blauplüschenem, das für sie zurechtgeschustert wurde, als wir Anno Schnee unsere entsetzlichen Brautvisiten machen mußten. Gottlob, daß die Motten es längst gefressen haben! So rückwärts, hinter der Wespentaille, sah's aus, wie'n drapierter Klubsessel.« Er lachte wie ein ausgelassener Junge und riß den Geheimrat und Jakobe mit. Nur Giacomo war gekränkt, daß etwas aus dem »Blauen Herrgott« nicht ganz vortrefflich gewesen sein sollte. Denn so sehr und so gerne sie andere richteten, sich selbst hielten die Williguths durchaus für tadellos. Verärgert rieb er das schwere Kinn und fragte plötzlich: »Wo ist Heinz?« »Der hat Dienst an der Klinik.« Der Geheimrat griff nach einem neuen Krebs und beugte sich über den Teller. Giacomo aber hatte noch nicht genug. »Könnte auch schon Professor sein,« brummte er und stemmte herausfordernd die Fäuste in die Hüften. Noch immer bohrte Philipp Emanuel an seinem Krebs, knirschend sprang eine Schere ab. Dann sagte er gleichmütig: »Du bist auch nicht mit einmal Weltmeister geworden, hübsch langsam voran, das bitte ich mir aus.« Und er schickte plötzlich Renate schlafen, in einer beherrschten Heftigkeit, die einen Ausweg suchte. Willig erhob sie sich und sagte allen gute Nacht. Philipp Emanuel sah ihr nach und murmelte beifällig: »Paßt auf, was aus dem Mädel wird!« Und er lobte Renate über alles Maß. Giacomo saß heimtückisch und zerbrach knackende Krebsschalen in seiner derben Faust, es schien ihm Spaß zu machen, die Ohren der anderen zu quälen und zugleich seine Kraft zu zeigen. Jakobe lächelte ihm zu, weil sie jetzt fröhlich sein und um jeden Preis vergessen wollte. Karl Maria marschierte lustig in die Bresche, die der Brüder gewalttätige Art in die Behaglichkeit des Abends gerissen hatte. Er hob sein Glas: »Allerliebst siehst du aus, Jakobe, siebzehnjährig! Ich muß wirklich meine Dickwänste zu dir schicken. Vielleicht gucken sie dir's ab. Immer das steife, pimpelige Zeug! So'n liebes, schlichtes Batistfähnchen, wie du es da hast, das ist mir das Richtige für euch junges Volk! Nur immer bescheiden und billig!« Der große Frauenkenner Karl Maria Tredenius hatte Williguthsches habgieriges Blut und liebte die Billigkeit, so reich er war. Der Geheimrat fand seine gute Laune wieder: »Ach, Geigerlein, um zwei solcher Fähnchen von Paquin schneidet dir mein Schückedanz Blinddarm und sonst noch etliches heraus.« Er trank Jakobe zu, und sie tat ihm lustig Bescheid. Giacomo biß umständlich die Spitze einer ganz dicken Zigarre ab, spuckte sie kunstgerecht über die Balkonbrüstung und sagte behaglich: »Knallprotz!« Er freute sich, daß der vortreffliche Karl Maria, der ja doch nur ein halber Williguth war, eins abbekommen hatte. Vergnügt schlug er mit den Fäusten auf den Tisch und schrie: »Schmeiß uns eine Maibowle, Bruderherz!« Er liebte es vor dem stets korrekten Bruder Geheimrat den Naturburschen herauszukehren. Philipp Emanuel wandte sich an die Schirlitz: »Dann mal los, liebe Frau Pastor!« Jakobe wunderte sich. Er nannte die Schirlitz nur dann Frau Pastor, wenn er ihre aschgraue Wesenlosigkeit verspotten wollte, aus Zorn oder aus Übermut. Giacomo leckte die Fingerspitzen und spreizte sie dann kokett gegen Jakobe: »Ach, Philippchen, was bist du für ein verdammter Pascha!« »Alter Esel!« sagte Tredenius mit einer bei ihm seltenen Grobheit. Er fühlte sich als Feinschmecker unter diesem rüpelhaften Volk. Giacomo aber kam jetzt mit verliebten Abenteuern aus dem Fontainengarten, schmückte alles hübsch deutlich mit bunten Bildern und süßen Worten und zwinkerte vielsagend von einem zum andern. Philipp Emanuel hielt mit ihm, nur maßvoller und etwas steif, daß dies alles bloß wie augenblickliche Schalkhaftigkeit aus dem Mantel seiner Würde hervorsah. Die Brüder saßen mit verschränkten Armen und lachten sich zu, ihr breites gesundes Lachen, das Arbeit und Lust gleichmäßig verteilte und nichts allzu üppig wuchern ließ. Kein Williguth verlor sich an eine Frau. Leise stand Jakobe auf und ging zur Tür. Ihr nach klang Giacomo Williguths Posaunenton: »Da war so'n klapperdürrer Racker in Kansas City, das hatte Niggerblut in den Adern ...« Schon flog die Tür ins Schloß. Breit und wuchtig lehnte Giacomo an der Balustrade und freute sich, wenn ein leises Knistern durch den Stein rann. Wenn jetzt alles herabgebrochen wäre und er mit in den Tod, er hätte noch einmal gelacht in seiner Bärenkraft. Die Williguths trumpften Gott und dem Teufel auf. Karl Maria saß vor dem Klavier im grünen Zimmer. Nur drei oder vier Kerzen brannten, daß Schatten und Licht durcheinanderhuschten. Die Tasten sangen und liefen, wie Nachtwind über die Lagunen. Halb unwirsch summte Karl Maria: »Holde Nacht, Liebesnacht ...« Und plötzlich rief er mit zornigem Lachen: »Alt wird man, pfui Teufel!« »Tanzen!« schrie draußen Giacomo und stampfte mächtig auf, »Jakobe! Jakobe!« Sie kam. Galant verbeugte er sich: »Darf ich bitten?« Als sie erstaunt einen Augenblick zögerte, lachte er behaglich und fragte mit schallender Stimme: »Ist vielleicht schon wieder etwas los bei dir?« »Lümmel!« murmelte der Geheimrat und blickte unzufrieden Jakobe nach, die schlank und ernsthaft mit Giacomo dahinglitt und heimlich ihr Schattenbild an der grünen Wand suchte. Dann holte er sie selbst zum Tanz. Von der Tür kam ein Klatschen und eine scharfe Stimme: »Ah, le roi s'amuse !« Jakobe wandte schnell den Kopf. Da stand Heinz und hatte versteckten Zorn in den grauen Augen. Sie wollte die Arme sinken lassen, aber der Geheimrat hielt sie eisern fest: »Ja, wir tanzen und sind guter Dinge.« Es klang wie ein Befehl. Der junge Williguth zuckte die Achsel und sagte halblaut: »Ich kann ja warten.« Philipp Emanuel zog die Mundwinkel krumm, er vertrug nicht, daß man seine Freude störte. »Nun?« fragte er kurz und ließ Jakobe stehen. »Fall 17 auf Zimmer 3 war bloß Fibrom.« Heinz schlürfte den Maitrank und lauerte boshaft über sein Glas weg. »Sieh' mal! Da war ich ein Esel. Den Kerl bringen wir durch.« Jetzt hatte Philipp Emanuel seine breite Behaglichkeit wieder. »Hast du operiert, mein Junge?« »Nein, Schückedanz.« »Warum?« »Ich wollte dir nicht ins Handwerk pfuschen.« »Pfusche du nur ruhig! Der liebe Herrgott bin ich ja schließlich auch nicht.« Ganz frei und menschlich klang es, wie heiterer Spott über die eigene Begrenztheit. Schenkfreudig tat er alle Türen zu sich selbst auf und wartete, ob einer käme. Aber der junge Williguth antwortete verdrossen: »Das sagst du so hinterher.« »Bist du schon frei?« Der alte Despotenton schwang wieder mit. »Tante Friedemann hat um mich telephoniert. Mit Onkel stimmt es nicht.« »Unsinn! Ein Hypochonder ist er.« »Meinst du?« Sie blickten sich an, Trotz wider Trotz. Dann aber brach Heinz Willlguths stolze Sicherheit mitten entzwei. Er fühlte, wie er wider Willen rot wurde, und knirschte vor Zorn. Unstet, fast schon wie eine Entschuldigung kam es heraus: »Ich kann dir nicht helfen, Papa. Die linke Hand von Onkel Friedemann ist grifftaub.« »Na, mein Junge, die Tante hat dich ja gründlich mit ihrer Angst angesteckt.« Jakobe allein hörte die unwillige Furcht in des Geheimrats Stimme, die so breit und überlegen nur klang, weil er jetzt sein Behagen nicht gestört wissen wollte. Diese Stunde war sein helles Eigentum, und als Williguth gab er nicht her, was er einmal hatte. Heinz aber begriff ihn nicht. Vor diesem hochmütigen Nichtgeltenlassenwollen wich er zurück. Übellaunig gab er nach, ohne selbst überzeugt zu sein, hastig, nur um fertig zu werden: »Du wirst ja sehen, Papa.« Mürrisch stand er und ließ sich die Waffe aus der Hand schlagen, in der stumpfen Gewohnheit all der Jahre, da er seines Vaters Fesseln trug. Hart und vergeblich forderten Jakobes Augen. Sie war blaß und lächelte höhnisch, ohne daß sie es wußte. Giacomo stapfte heran, in jeder Hand ein Glas. Auch er schmunzelte selbstherrlich, wie alle Williguths, wenn sie eine fremde Meinung zertraten. »Merk dir's, Heinz, keiner von uns wird krank. Uns muß man mit der Hacke erschlagen, und dann sind wir erst nicht ganz tot! Da, du Schwarzseher, trink!« Heinz hielt das Glas und blickte von einem zum andern, wie in eine fremde Welt. Da standen die Brüder, groß und schwer, und hatten ihr selbstbewußtes Lachen. Ihre harten Stimmen krachten in die Stille, als säßen Götter beim Schmaus, und hell darüber hin schwebte Karl Marias spröder Knabenton. Die hatten alles, was Heinz Williguth immer versagt blieb, die göttliche Sicherheit, die jeden Becher bis zur Neige trank und nicht grübelte und nicht ins eigene Fleisch schnitt. Heinz lachte trotzig, dann setzte er sich ans Klavier und begleitete Karl Maria, toll und flackernd, daß er dem Geiger das Spiel verdarb. Die Birken vor dem Krankenhaus trugen ihr grünes Kleid um den silberweißen Leib. Alles war hell und freundlich, schier voll sommerlicher Verheißung. Der rote Unterbau der Kanzlei war von kleinen weißen Kletterrosen umsponnen. Auf den grünen Dächern lag heiß und prallt die Junisonne. In den Wiesen und Auen zum Strom hin hielt der Sommer seinen bunten Blumenmarkt. Und die Kranken in den blauen und weißen Spitalkitteln schnupperten diesen Duft ein, der als lieber Gruß über die Mauern wehte. Hier und dort hing in den Fliederbüschen noch eine violette Dolde, eine abgezehrte Hand griff danach und strich langsam über die halbverwelkten Blüten. Die Vögel schrien nicht mehr so bunt und dreist in das Schwatzen der Rekonvaleszenten, sie saßen im Nest und hatten besseres zu tun. In den Augen der Jungen irrlichterte es wie Hoffnung, und die Lippen der Alten verzogen sich zu einem schmalen Lächeln. Hund Boabdil aber erhielt in diesen fröhlichen Tagen nur selten seinen Morgenzucker. Der Geheimrat hatte den Kopf übervoll und vergaß selbst alte Gewohnheiten. Und die jüngeren Ärzte der ersten chirurgischen Klinik hatten es nicht besser und verwünschten diese Junipracht, die ihnen nur Plage und Arbeit brachte. Philipp Emanuel hatte rauhe Hände, wenn er sie nach einem Ziel ausstreckte. Und jetzt hatte er eines und setzte dafür sein kleines Reich instand. Schückedanz konnte nur selten sein geliebtes Röschen im Williguthschen Goldfischteich besuchen und sich von dessen Wohlsein überzeugen. Als treuer Gesell lag er fest in den Riemen und zog tüchtig an. Wie eine Hausfrau die Zimmer blank fegt und überall Blumen aufstellt, wenn Besuch erwartet wird, sammelte Geheimrat Williguth von allen Seiten interessante Fälle in seine Klinik und zwang seine Ärzte strenger ins Joch denn je. Der Chirurgenkongreß stand vor der Tür, und Philipp Emanuel wollte zeigen, was er war und wie sicher und gelenk er sein Handwerk übte. Keiner hielt mit ihm Schritt, und er freute sich darob. Seine Jugend holte er immer wieder hervor und blies den Staub von ihrer ruhigen Kraft, die nicht alterte und keine Müdigkeit kannte. Scharf und schroff war sein Ton, wenn andere rasten wollten, ungeduldig wies er sie zurecht. Jetzt ging er früh zu Bett und ließ die Whistkarten unberührt, und für die endlosen Klagen der Frau Superintendent, daß es mit Friedemanns Arm nicht besser werden wollte, hatte er nur knappes Gehör. Störendes und Unliebsames schob er einfach von sich. Dann kamen die fremden Ärzte, alte und junge, und Philipp Emanuel führte den Vorsitz, gewandt und sicher, und hatte für jeden ein freundliches Wort. Viele kannte er seit langer Zeit und wunderte sich, wie mancher grau und griesgrämig einherschlich und doch nicht älter war als er selbst. Stark und selbstbewußt stand er im Operationssaal und blickte wie ein König in die scharfen, klugen Gesichter, die beinahe ehrerbietig seinen Worten lauschten. An zwei Tischen wurde operiert, er schritt dazwischen auf und ab und legte oft selbst Hand an, wenn es ein besonders schweres Stück Arbeit war. Schückedanz und Heinz Williguth taten das übrige. Mit seinem Lächeln wies Philipp Emanuel auf seinen Sohn: »Mein Einziger!« Stolz klang es, und die fremden Ärzte lächelten dem Sohn ihres großen Kollegen zu, aufmunternd und prüfend zugleich. Heinz aber sah wieder nur den Schatten, der auf ihn fiel, und merkte nicht, daß sein Vater ihn geflissentlich in den Vordergrund schob. Ein Schauspiel schien es ihm und ein Geschenk, das er nicht wollte. Ein beweglicher Franzose, der Schnurrbart und Haar sorglich gefärbt trug, breitete in zappelnder Ekstase beide Arme aus: »Ach, junger Mann, wie glücklich sind Sie, diesen Vater zu haben!« Das zuvorkommende Lachen zeigte die Goldplomben an den schwarzen Zähnen, Falten und Runzeln schnellten über die trockene gelbe Haut. Es war nach einer schwierigen Darmoperation, sie standen am Fenster, wo der Blick über Wiesengrund zum Strom ging. Weiß leuchteten jenseits die kleinen Häuser im Grün der Hügel. Heinz Williguth wandte den Kopf. Die Augen hatte er eingekniffen und fragte kurz: »Glauben Sie?« »Aber, mein Lieber, natürlich! Sie sind ja der Erbe!« Der junge Williguth zuckte die Achsel und schwieg. Der lebhafte Herr rieb verständnislos den scharfen Nasenrücken und hatte eine dumpfe Ahnung, etwas Ungeschicktes gesagt zu haben. Philipp Emanuel stand stumm hinter ihnen. Langsam zerknüllte er die weiße Operationskappe zwischen den Fingern und grub die Zähne in die Unterlippe. Der Franzose griff nach seiner Hand: »Er ist nicht froh, Ihr Sohn, lieber Freund.« Fast heftig riß sich Philipp Emanuel los: »Jetzt wollen wir, vor der Mittagspause, noch eine Muskelplastik bei einer Herznaht zeigen. Die Ambulanz lieferte soeben ein. Ich bitte, Doktor Williguth, den Puls!« Und machte mit seltsamem Lächeln den Sohn zum Handlanger. Heinz zog die Lippen schmal. Philipp Emanuel operierte selbst. Kein anderer durfte sich daran wagen. Rings hatte Heinz die achtungsvolle Bewunderung der Fremden und vor sich das kalte Leuchten aus seines Vaters Augen.   Im Garten des Geheimrats schnitt man Rosen für die Kongreßmitglieder, die heute abend hier Gäste sein sollten. Graf Forcade tat diese Arbeit als feiner Gartenkenner, und Jakobe half ihm dabei. Witte zog einen kleinen Korbwagen hinter sich drein, in den Jakobe die Rosen legte. War alles voll, trabte Witte ins Haus, wieherte lustig, stampfte mit den Beinen und bedauerte nur, daß er keinen richtigen Pferdeschweif besaß. Von den vielen springenden Wassern draußen im Fontainengarten und von den roten schlangengleichen Schläuchen, die jetzt Gras und Blumen besprengten, kam ein leises Zischen und Brausen kühl durch die heiße Luft. Wie leichter Dampf stieg es auf, wenn der Strahl den warmen Boden traf. Bunt und reich lag der Williguthsche Rosengarten in seiner späten Junipracht. Auf dem samtgrünen Graspfad in der Mitte gingen Vater und Tochter langsam und prüfend hin und her. Ihre Hände griffen geschickt und sanft und zögerten jedesmal, ehe sie die Schere klappen ließen. Ihr Lächeln war ganz fein und still, wenn sie einander eine besonders schöne Rose zeigten. Sie brauchten keine Worte und waren doch dicht beieinander, in ihrer leisen, gleichsam gehemmten Freude. Heimliche Musikanten blicken nicht anders, wenn ein Geigenstrich durch die Luft bebt. Und hier strich der ewig junge Pan im dunklen Buschwerk die Flöte über die dicken Lippen. Sommerreife ging schwer und duftend in starken Farben durch das Land. Jakobe war es, als müßte sie die Augen schließen und die Hände ausstrecken nach dem, was ihr keiner hier geben wollte. Nikolaus Forcade legte den Kopf nachdenklich gegen die linke Schulter: »Schade um die Rosen! Was verstehen die Williguths davon?« Und mit lustigem Lächeln schnitt er eine schwere weiße Souvenir d'un Prince : »Da! Das ziehe ich für sie in ihrem eigenen Garten. Ist es nicht jammerschade?« Jakobe richtete sich auf: »Sie nehmen alles.« Sie schleuderte eine winzige schwarzgrüne Raupe weit von sich, dann beugte sie sich wieder geduldig über die Blüten in Wittes Wagen, Forcade band sorglich und stirnrunzelnd eine sahnefarbene Antoine Rivoire auf, die den schweren Kopf hängen ließ: »Ja, die können nur ernten.« Er sah Jakobe scharf an und schwieg. Witte zog seine Last mit viel Geschrei über die glatte Grasbahn. Ungeduldig, in einem jähen Ärger, der zu tadeln suchte, schalt Jakobe: »Er sieht die Rosen nicht einmal an. Wenn sein dummer Wagen nur voll ist, recht voll!« »Williguth!« gab Graf Forcade kurz zurück. Heftig arbeitete sich seine Schere in einen Stock tiefroter Felix Faure hinein. Unwillig summten die aufgestörten Bienen um seinen Kopf. In drolligem Zorn schlug er nach den goldbraunen Näschern. Seine Gedanken aber spannen bedächtig weiter: »Ja, wir Forcades! Haben schon viel Wasser in unseren Wein getan. Anno 1100 hatten wir wohl auch Williguthhände.« »Renate hat sie noch!« Jakobe erschrak über die eigene Heftigkeit. Forcade aber tat, als merkte er nichts. Sie versteckten sich gern voreinander aus Scheu vor Aufdringlichkeit, aus Scham vor dem lauten Wort, mit dem Miriam und die Williguths so gerne rasselten. Prüfend strich er über eine Felix Faure, die purpurnen Blätter lösten sich und sanken langsam wie tote Schmetterlinge zu Boden. Er warf den Stiel weg und blies die letzten Blätter ab, die weich und duftend noch an den Fingern hafteten: »Ja, Renate! Die rennt Mauern ein. Und dazu die Mama!« Und jetzt lachte er vergnügt und doch ein wenig schadenfroh und rieb die schlanken braunen Hände widereinander: »Da zanken sie jetzt ohne Unterlaß. Mama begreift das nicht. Das streckt sich und wächst und wirft Geweih ab, rennt und schreit, heult und lacht. So ist's mit Renate. Aber Mama sieht das nicht und tobt und nennt es Verrat, daß Renate im Lyzeum heimlich Theater gespielt hat. Du kennst sie ja. Sie bleibt ewig jung und glaubt, das Alter läuft davon, wenn sie es fortstößt. Du lieber Gott!« Aber Jakobe lachte nicht. Sie warf den Kopf vor, daß ihr schwaches Kinn schier auftrotzte: »Warum habt ihr mich nicht daheim behalten? Nichts als Lüge habe ich hier, Papa!« Ein Flackern war jetzt in ihren Augen, und die Hände rissen ihm die Rosen weg, daß die Finger von den Dornen bluteten. Beinahe ungeduldig sah er sie an: »Jakobe, du vergissest dich.« Er sprach ganz streng und trocken, wie zu einem kleinen Mädchen. Er begriff nicht, was sie da wollte. Wenn daheim ein Porzellanfigürchen nicht genau an seinem Platze stand, furchte er die Brauen geradeso. Er haßte nichts mehr als einen rohen Griff in die Ordnung, in die er sein Leben eingehegt hatte, und einen Schmerz, der nicht zu schweigen wußte. So waren sie heiter in den Tod geritten, die vielen Forcades mit den schlanken Gliedern und den schmalen, feingeschnittenen Köpfen, die über alles lächelten, selbst wenn es ins Herz schnitt. Und keiner hatte je gefragt, ob der Befehl seines Königs notwendig oder sinnlos war. Unwillig schüttelte er den Kopf, trennte bedächtig halbwelke Rosen von den Sträuchern und baute daraus einen Haufen, aus dem Duft und Fäulnis zugleich emporstieg. »Es ist deine Pflicht, Jakobe.« Kühl brach er Rose um Rose. Eine Scheidewand stand jetzt zwischen ihm und ihr. Jakobes Stimme zitterte: »Ein schöner Tafelaufsatz bin ich für ihren Tisch, weiter nichts.« Die Rosen fielen unter seiner Hand, jetzt schnell und hastig, als gälte es, schlimmes Unkraut auszuschneiden. Die braunen Augen lagen klein und schmal. Ganz langsam sagte er: »Du hast den Ruhm seines Vaters geheiratet. Was willst du jetzt?« Mitleidlos klang es, wie das Klappern der Gartenschere.   Der Abend kam und löschte alle Farben aus. Nur auf der grünen Welle des Rosenhügels zögerte das Licht und gab den Blumen noch etwas Glanz. Tiefer unten war schon ein stumpfes Grün mit einzelnen grauen Tönen. Im Westen funkelte der letzte Sonnenbrand, kleine rote Wölkchen hingen dort im Blau, als machten die Engel im Himmel ihre Bettchen und streuten beim Schütteln der Kissen unachtsam rosenrote Flaumfedern aus. Zwischen den hohen Stöcken und der Steinpergola mit Kletterrosen schnitt der Graspfad scharf in das blasse Firmament. Ein einziger schwarzer Fleck stand wider den apfelgrünen Himmel. Hund Boabdil hockte vor einem Maulwurfhaufen und wartete, die Nase zwischen den Pfoten im Gras vergraben, die Augen auf das braune Erdhäufchen gerichtet. Es war nicht die erste Schermaus, der Boabdil den Garaus machte. Über seinem Lauern dufteten die Rosen. Abendtau lag in den Kelchen. Auf dem weichen Gras schritten der Geheimrat und sein Sohn, langsam und behäbig. Schritt vor Schritt, vom Grün im Osten zum Kupferrot im Westen, rechts und links die Schatten der hohen Stöcke und der buntumsponnenen, grauen Steinpfeiler. Philipp Emanuel war wie Heinz im Frack. Die Orden gaben einen kleinen, harten metallischen Ton, zwei breite Bänder schlangen sich um die Brust. Jetzt standen sie bei den letzten Strauchrosen. Blaßrote Lichter spielten auf Heinz Williguths schönem Gesicht und ließen den untergehenden Tag in seinen Pupillen widerschimmern, daß er eine winzige, kreisrunde, glänzende Welt darin trug. Sein Vater streifte mit der Hand über einige zierliche Queen Mabrosen, die in niederer Hecke wuchsen. Die weißen, nach innenzu pfirsichfarbenen Blüten glitten durch seine Finger und schnellten an biegsamen Stielen eilig zurück. »Der gute Forcade macht das sehr geschickt. Aber es bleibt doch nur Spielwerk.« Hoch und stark stand er wider das langsam verrinnende Abendlicht, ganz Herr seiner selbst, und nahm die Schönheit ringsum wie einen Zoll, der ihm gebührte. Heinz Williguth aber war voll weicher Dankbarkeit für diese duftschwere Stille. Am liebsten hätte er sich ins Gras geworfen und die dämmernde Gartenpracht stundenlang in sich eingetrunken. »Nun kommen sie bald,« sagte der Geheimrat stolz. »Ja, Heinz, heute siehst du sie alle, jeder ein Kerl und doch nicht frei von kleinen menschlichen Schrullen. Es wundert mich fast, wie alt und vertrackt mancher geworden ist.« Und er lächelte in seiner ungebrochenen Kraft. Dann brannten die grauen Augen auf Heinz: »Werde wie ich!« Heinz stand zwischen Spott und Ehrfurcht und streichelte die Rosen, ganz leicht und sanft, als liebkoste er seine eigene Schwache. »Weißt du, er ist nicht immer leicht zu tragen, der Name Williguth.« Mit spitzen Fingern stach er in den grünen Abendhimmel. Ein scheuer, fast bittender Blick suchte den Vater. Wie ein kleiner Bub wartete er auf ein trauliches Wort. Erstickte Kindlichkeit hing wie Spinnweb in jedem Winkel seines Wesens. Aber Philipp Emanuel war jetzt nur zornig. In die Stimme kam das Grollen der Williguths, und alle Herzlichkeit steckte er verdrossen in die Tasche. »Denkst du, ich habe nicht gesehen, wie du heute dastandest, als ich die Muskelplastik machte? Wie ein dummer Junge, der noch immer auf das blaue Wunder aus ist. So war ich nie, nie. Die Besessenheit fehlt dir. Jeder hat sie, jeder, der etwas leistet.« Er warf die Arme ärgerlich durch die Luft: »Du lebst ohne Taten und ohne Maß!« Blick fiel in Blick. Der Schmerz des Alten aber fand nur hämischen, geduckten Trotz. Da wurde sein Gesicht dunkel. Hart setzte er Wort an Wort: »Du wirst diesen Sommer die Klinik leiten, wenn ich fort bin. Und ich will lange fort sein, daß du alle Freiheit hast.« Heinz Williguth straffte den Leib. Er sah ein offenes Tor. Da schloß es Philipp Emanuel grämlich vor ihm zu. »Schückedanz lasse ich dir da. Den kannst du fragen.« »Also nicht allein?« »Nein! Und im Herbst wünsche ich endlich deine Habilitationsarbeit zu sehen. Es ist Zeit. In deinem Alter war ich längst Dozent.« Jetzt sprang sein Stolz auf und drückte den Sohn in den Schatten. »Und diese Arbeit muß gut sein, sie muß erstklassig sein. Ich weiß, was du kannst, wenn du willst. Auf meine Nachsicht darfst du nicht rechnen. Mein Sohn muß etwas Ganzes bringen. In die weiche Wolle setze ich dich nicht. Das Spielzeug lasse jetzt gefälligst deinem Buben, der hat das Recht dazu, du nicht.« So sprach er, schroff und scheltend wie Johann Sebastian, als dieser noch im »Blauen Herrgott« den Bakel über dem Rücken seiner Kinder schwang. Mitten hinein sprang es wie grollende Klage: »Junge, du mußt mir werden! Ich habe ja nur dich!« Und jetzt wartete Philipp Emanuel. Heinz aber sah nur den langen heißen Sommer vor sich und die viele Plage. Und doch lockte es ihn, dem Vater zu zeigen, daß auch er zupacken konnte, wie ein Spieler mit schlechten Karten hohes Spiel wagt. Ungeduldig stieß der Geheimrat den schmalen Lackschuh auf das Gras: »Also?« »Ja, Papa.« Leer und gleichgültig kam es, wie einer aus Lässigkeit Ja sagt. Minutenlang maßen sie einander. Wieder trat ihre Ähnlichkeit hervor, der schwere Mund und die scharfen grauen Augen. Der Geheimrat zwang die Lippen in ein steifes, widerwilliges Lächeln und streckte zögernd die Hand aus: »Und jetzt sprichst du dann hübsch und klug auf die alten Herren und begrüßt sie als Jünger von demselben Handwerk.« »Muß das sein?« Mit großer Geste griff Philipp Emanuel durch die Luft: »Sie sollen fröhlich und guter Dinge in meinem Hause sein.« »Also wieder Weihrauch?« Mißtrauisch legte er den Kopf zurück und musterte Heinz von oben bis unten: »Ist das Neid? Dagegen weiß ich ein Mittel: Werde selbst einer, vor dem sie das Rauchfaß schwingen!« Aber rasch setzte er seine Liebenswürdigkeit als Maske auf. Zwei Herren kamen vom Hause durch den Rosengarten. Philipp Emanuel ging ihnen mit großen, schnellen Schritten entgegen. Der kleine gelbe Franzose hatte haltgemacht und warf einem Rosenstock Kußhände zu: » Gloire de Dijon . Da bin ich her.« Nicht weit von ihm stand Lord Darcy, das lange Gesicht mit der knochigen Stirn, über der dünnes, rötliches Haar sich zu einem knappen Scheitel zusammenfand, in einen blühenden Strauch versenkt, und roch andächtig den süßen Duft, der kühl und frisch war wie von reifen Früchten. Dann reckte er sich lächelnd hoch. Behutsam und scheu blickten sie einander an, und John Darcy sagte schlicht: »Diese habe ich auch in Edinburgh. Man muß viel Sorge nehmen wegen der Raupen.« Philipp Emanuel streckte die Hände hin: »Willkommen unter den Rosen!« Lord Darcy merkte den leisen Spott: »Weißt du, Williguth, das hier ist für die heimlichen Stunden. Zum inneren Ausgleich.« Gut gelaunt, mit rascher Bewegung nahm der Geheimrat den Arm des Engländers und ging mit ihm auf und nieder. »Und jetzt haben wir alle Hunger, oder nicht?« Er ragte über sie weg in seiner derben Gesundheit und griffesten Kraft. Heinz blickte ihnen nach. Die zwei Fremden hatten sich bei den Rosen aufgehalten, sein Vater nicht. Der hatte jetzt nur Hunger. Wie blasse Seide spannte sich der Himmel. Irgendwo rief ein Pirol. Die Rosen nickten im Abendwind und dufteten schwer und süß. Heinz streckte die Arme langsam und sehnsüchtig, wie ein Kind, das um einen Kuß bettelt, dann ließ er sie kurz niederfallen und hatte Falten auf der Stirn und um den Mund. Mißmutig schlenderte er über das Gras und dachte boshaft, daß er sie alle warten ließ. Noch immer lag Hund Boabdil vor der Maulwurfsburg, lauernd und listig, ganz hingegeben an den Mord, den er plante. Heinz rief den Hund an. Der hob den Kopf und legte ihn gleich wieder zwischen die Pfoten. Boabdil gab nicht nach, wenn er etwas im Sinn hatte. Heinz schob die Hände in die Hosentaschen und starrte vor sich hin. Ein weißes Kleid wehte in der Dunkelheit und lief über das Gras. »Heinz!« rief Jakobe halblaut. Aber als sie ihn sah, bog sie tiefer zwischen die hohen Stöcke und griff mit schnellen Händen in die tiefroten Rosen. Er sollte nicht wissen, daß sie ihn suchte. Hastig steckte sie ein paar dunkle Blüten in die weißen Spitzen, die sich von ihren nackten Schultern hoben. Um den Hals und im dunkelbraunen Haar glänzten matte Perlen, die einst ein Prinz von Frankreich einer hübschen Forcade geschenkt, als Entschädigung, daß er ihren Mann unter Turenne in den Tod geschickt hatte. Heinz lächelte höhnisch, daß er sie jetzt ertappte, wie sie sich für seinen Vater und dessen Gäste schmückte. »Bist du noch nicht schön genug für die alten Herren?« Sie zuckte zusammen und ließ die Hände sinken. Ein weiches Lächeln war um ihren Mund. Er aber nagte zornig an den Lippen, wie ein Kind, das alle Liebe für sich allein will. »Du bist schamlos, Jakobe.« Heftig riß er die Rosen weg und schleuderte sie ins Gesträuch. »Du sollst zu Tisch kommen,« sagte sie verschüchtert. »Hat er dich geschickt, kleine Jakobe, süße, dumme Frau? Du bist ja doch nur die artige Puppe, mit der er spielt.« Die Finger ballten sich zur Faust. Sie trat einen Schritt auf ihn zu und zauderte wieder. Sie begriff, warum er hier einsam und gallig im Dunkel blieb und die lobeifrigen Stimmen nicht hören wollte, die seinen Vater feierten. Aber er ließ keinen Weg zu sich frei. Überall stand sein Spott und sein Mißtrauen. Und da warf er ihr schon die neue Last vor die Füße, nicht stark genug, sie allein zu tragen. »Mit unserer Dolomitenkletterei ist es Essig. Ich muß hier sitzen und die Klinik leiten.« Sie atmete tief. »Dann hat er ja Vertrauen zu dir.« Er lachte ihr ins Gesicht. Sie wußte, daß sie jetzt etwas Liebes sagen, daß sie bei ihm bleiben mußte, den ganzen Sommer lang, daß alles noch gut werden konnte. Aber sie fand kein Wort vor seinem höhnischen Lachen, das an ihren Nerven zerrte. Gehetzt bewegte sie den Kopf von rechts nach links und wieder zurück. Da klang der Gong. Wie eine dröhnende, rufende Stimme kam es durch den dunklen Garten. »Wir haben jetzt keine Zeit, Heinz...« stammelte sie nur und wandte sich schon dem Hause zu. »Freilich, die haben wir nie.« Sie hatte plötzlich Angst. Er wies mit der ausgestreckten Hand nach dem weißen Haus im lichthellen Hintergrund: »Lauf, so lauf doch Jakobe, damit du nicht zu spät kommst!« Und sie hatte sein Lachen im Rücken. Auch dann noch, als sie längst zu Tische saß, dem Geheimrat, der rechts neben sich den Prinzen Elias und links John Darcy hatte, gerade gegenüber. Irgendwo in der Mitte war Heinz Williguth versteckt, zwischen einem uralten Professor mit schmieriger Hemdbrust und zerzauster Krawatte und einem dicken kleinen Mann mit einem schwäbischen Bauernkopf, der wie seine Urahnen auf den Prunk ritterlicher Burgen brummig und verdrossen auf die heitere Üppigkeit dieser Tafel blickte. Geringschätzig zog er die schmalen Lippen kraus und aß voll unheimlicher Geschicklichkeit die schwierigsten Dinge mit dem Messer. Jakobe lächelte über den rüden Kauz und lächelte auch zu den langweiligen Galanterien des eleganten und verschmitzten Bonner Professors, dem der schwere Wein die Zunge löste. Und wieder hatte sie das Gefühl, daß alles nur ein Traum sei. Bloß der starke Christoph mit dem Heiligenschein über dem Platz des Geheimrats mahnte sie an die Wirklichkeit. Die Köpfe beugten sich über die Teller, Besteck klirrte, hie und da wurde ein Schmatzen oder ein derbes Lachen laut. Und plötzlich fing Jakobe einen Blick aus Heinz' eingekniffenen Augen. Nun saß sie in heller Angst. Auch Philipp Emanuel runzelte die Brauen, als sein Sohn so geflissentlich schwieg oder sich auf ein kurzes Nein und Ja beschränkte. Er selbst liebte gastliche Geselligkeit und wußte sie eindrucksvoll zu üben. Und just heute war kein kleiner Tag. Da saßen ernste Arbeiter an seinem Tisch, jeder Name hatte Klang. Er kannte freilich auch ihre arme Menschlichkeit, die oft noch die Eierschale ihrer Geburt mit sich schleppte, aber er wußte, wie viel hartes Ringen hinter allen lag. Und dafür forderte er Achtung. Sein Sohn aber schaute scheel auf die Männer, deren Handwerk er doch selbst trieb. Dies Nichtzueinanderfindenkönnen war Philipp Emanuels zorniger Schmerz. Da wurde er leicht hart. Die Brauen standen steilrecht über den schönen grauen Augen. Und er beschloß, den Jungen zu zwingen, so oder so, besser er zerbrach, als er verdarb im Schatten. Ein hartes Leuchten war jetzt in des Geheimrats Blick. Breit und behaglich griff er ins Gespräch und hielt die Stimmung in Gang. Außer Lord Darcy merkte niemand den Zwang. Nur Jakobe. Da wuchs ein neues Band zwischen ihm und ihr. Sie beide taten ihre Pflicht. Hingebend blickte sie zu ihm hinauf und holte sein Lächeln als Dank. Und das schlimme Wort des Grafen Forcade: »Du hast den Ruhm seines Vaters geheiratet, was willst du jetzt?« schien ihr auf einmal kein Vorwurf mehr, nur eine schlichte, selbstverständliche Wahrheit, deren sie jetzt von Tag zu Tag mehr inne ward. Wie vom andern Ufer sah Heinz Williguths mißvergnügtes Gesicht zu ihr herüber. Rings bewunderten die Herren ihre feine Schönheit. Der bewegliche Franzose legte gar die Hand aufs Herz, sah zum Himmel und wollte Jakobe die beiden Buben durchaus nicht glauben. Sie spielte mit dem Messer und lächelte in ihr Bild auf dem blanken Stahl: »Mein Ältester hat heute seinen sechsten Geburtstag.« Der Franzose verbeugte sich ein Halbdutzendmal. Philipp Emanuel brach herrisch ins Gespräch: »Darf mein Enkel Ihnen Gutentag sagen? Er hat es sich ausgebeten.« Heinz krampfte die Finger ums Glas. »Allerliebst,« sagte Prinz Elias freundlich. Die Schirlitz brachte den kleinen Witte und blieb bescheiden an der Tür. Wohlgemut trug Philipp Emanuel allen Familienstolz der Williguths zur Schau: »Das also ist mein Enkel Witte.« Seine Hand zeichnete einen weiten Kreis, in dem gleichsam alle Zukunftsmöglichkeit des Kindes eingeschlossen war. Witte sah ihm ernsthaft und aufmerksam zu, machte vor dem Prinzen Elias einen artigen Diener, marschierte rund um den Tisch und gab allen höflich die Hand, jeder Zoll ein Williguth. Derb packten seine kleinen starken Hände zu. Manch einer lächelte heimlich über die Ähnlichkeit zwischen Witte und dem Geheimrat. Heinz Williguth aber blinzelte zwischen halbgeschlossenen Lidern gehässig nach seinem kleinen Buben, der mit blanken Augen jedem sicher ins Gesicht blickte, voll Selbstbewußtsein und wie in leiser Herablassung. Der taugte zu seinem großen Namen und paßte in den reichen Prunk dieses Hauses. Heinz ekelte vor dieser Fülle und Selbstgerechtigkeit. Sein Blut war anders, war das der vielen gedrückten Williguths von Jahrhunderten her, die als arme Kantoren und Schulmeisterlein unter der knauserigen Strenge ihrer Pastoren seufzten und sich ein wenig heimliches Glück nur stahlen, wenn ihre gichtigen Finger in die Register der Orgel griffen zur Geburt, zur Hochzeit oder zum Tod. Seine gereizten Nerven errieten alles, alle stummen Vergleiche, die so mancher an diesem Tisch zwischen seinem Vater und ihm selbst zog, zu seinem Nachteil. Und dort saß Jakobe, hatte nur Auge und Ohr für die Gäste ihres Schwiegervaters, als wäre sie dessen Frau. Die lebte nur vom Ruhm des Geheimrats und streute ihm Weihrauch. Und da stolzierte Witte, wie ein kostbares Familienstück, das herumgereicht wurde, von einem zum andern. Undurchbrechbar war ihre Kette. Heinz schämte sich, daß er sogar seinen Buben beneidete. Jetzt stand Witte bei ihm und fragte: »Warum lachst du nicht, Papa, wenn so viel gutes Essen da ist?« Gierig leckte er die Lippen und zeigte die starken weißen Zähnchen. Philipp Emanuel reckte sich auf und lächelte stolz. Wesen und Art der Williguths lebten in diesem unverzagten Knirps. Er hob langsam sein Glas, trank Jakobe zu und dankte ihr so für seinen Enkel Witte. Sie wurde rot und blickte dann rasch auf ihren Mann. Der tat, als ginge ihn diese Familienszene gar nichts an. Er schenkte seinen Tischnachbarn fleißig ein und trank selbst hastig ein Glas ums andere. Unter den Augen brannten rote Flecken. Und jetzt kam auch sein grelles Lachen wieder, das unfroh und lärmend hinter seiner plötzlichen Lebhaftigkeit einherflatterte. Schückedanz saß puterrot und schnappte nach Luft. Ängstlich polierte er den nackten Schädel, den er ganz tief zwischen die Schultern geschoben hatte. Lord Darcy wechselte einen schnellen Blick mit dem Geheimrat. Der nickte nur. Dann sprach der Engländer auf das Haus Williguth, knapp und kurz, beinahe nüchtern, und doch gewann gerade dadurch jedes Wort eine besondere Bedeutung. Heinz senkte den Kopf und verbarg nur schlecht sein lauerndes Warten. Alle standen auf und drängten sich um Philipp Emanuel. Über das Klingen der Gläser sprangen frohe und erregte Stimmen. Schückedanz küßte plötzlich den unartig sich sträubenden Witte und schob ihm schnell ein Bonbon in den zornig aufgerissenen Mund. Da biß Witte zu und war vollauf beschäftigt. Dann kamen die Gläser zu Jakobe und Heinz Williguth. Der Champagner spritzte hoch auf, so zitterte seine Hand. Jakobe hatte ihr steifes wohlerzogenes Lächeln. Flora Schirlitz stand noch immer an der Tür, grau und unscheinbar, und wartete auf Witte. In ihre verwaschenen Augen kam jäh eine dunkle, starre Angst, als Heinz jetzt langsam aufstand. Jakobe saß vorgebeugt, mit leicht gesenkten Schultern, und bohrte den Blick in ihr Glas. Das Letzte, was sie sah, war der stolze Kopf Philipp Emanuels. Streng und drohend lag der schwere Mund. Heinz aber starrte geradeaus, über alle weg. Trocken und geschäftsmäßig begann er, mit gleichgültiger, leicht belegter Stimme, und doch klang es wie ersticktes Schreien, das zornig an Ketten rüttelt. Ein dünnes, hämisches Licht war in den Augen. »Ich habe die Ehre, die Herren im Hause meines Vaters zu begrüßen und für die freundlichen Worte zu danken, die soeben dem Geheimrat und auch mir gewidmet wurden.« Er stockte einen Augenblick und fingerte zerstreut an der Krawatte. Um den Mund lag Falte bei Falte. Dann ging seine Stimme schrill und scharf über Philipp Emanuels reiche Tafel hin: »Söhne großer Männer sollten freilich niemals sprechen. Vielleicht sollten sie überhaupt gar nicht sein.« Er hob steif das Glas und schloß mit einem Hoch auf die Kongreßmitglieder. Es blieb totenstill. Nur einige alte Herren schnauften unbehaglich. Wie ein Automat saß Jakobe Williguth. Wittes Finger griffen eilig nach frischer Beute. Das Rascheln der Kinderhand war der einzige Laut in dem allgemeinen Schweigen. Von oben kam der Blick des Geheimrats, eiskalt und befehlend. Heinz hielt ihn aus. Jetzt war er stark. Hart glänzten seine Augen. Ein Fremder war er in diesem Haus. Jakobe aber richtete sich auf und lächelte wieder. Vor ihrer leisen, ein wenig hastigen Altstimme wich der Bann. Sie plauderten alle mit der hübschen Frau und waren froh, diesen Ausweg aus dem Unbehagen zu finden. Hinter Jakobs geschultem Lächeln aber barg sich kalter Zorn gegen Heinz. Meilenweit war sie jetzt von ihm. Boshafte, kindische Unart schien ihr sein Tun. Und wieder empfand sie, wie eng sie mit dem Geheimrat und seinem prunkvollen Hause verwachsen war, enger als mit dem Mann, dessen Weib sie war und dem sie Kinder geboren hatte. In ihren Ohren war ein Knistern, wie wenn feines Glas zerbricht. Sie lächelte jetzt wirklich wie Geheimrat Williguths Frau. Von Heinz wußte sie kaum mehr. Der saß da irgendwo am Tisch und haderte mit sich selbst. Das Flämmchen Eigenwille und Habmichlieb war in ihr zertreten, der Ruhm Philipp Emanuels setzte einen neuen Jahresring an um Jakobe Williguth. Schon stand der kleine Schückedanz in der Bresche. Tapfer und schier feierlich rollten die Sätze, genährt von der bibelfesten Erinnerung seiner Jugend, geschmückt mit dem frommen Pathos seines Vaters, des Küsters von St. Pankraz. Er pries seine Wissenschaft, wie ein kleiner fanatischer Priester, und war stolz, in diesem Hause und vor diesen Männern zu reden, heller Glanz fiel von ihnen auf seine bescheidene Art und machte seine Zunge beweglich und erfinderisch. Er mußte jetzt dem Hause Williguth danken, in dieser schlimmen Stunde, da der Sohn den Vater bloßstellte. Aurelius Schückedanz fühlte zum erstenmal, daß auch er Geltung hatte und ein Eckstein war im Mauerwerk dieses starken Hauses, durch das heute ein häßliches Knistern rann. Leuchtend gingen seine Augen zu Frau Jakobe. Auch ihr durfte er helfen. Mit schnellen, geschickten Worten füllte er den Abgrund, den Heinz Williguths wilder Ausbruch in die Erde gerissen hatte. In gemessener Freundlichkeit nickte ihm der Geheimrat zu. Schückedanz segelte auf weißen Wolken mitten hinein in seine große Stunde. Als er dann bescheiden und doch voll vergnügter Wichtigkeit den Beifall erntete, volle Gläser auf ihn zuwandelten und er so auf einmal im Mittelpunkt der Festfreude stand, kam auch Philipp Emanuel langsam und schwer den Tisch herabgeschritten, zögerte einen Augenblick am Platze seines Sohnes, wandte unmerklich den Kopf und ging weiter bis zu Aurelius Schückedanz. Gewichtig stieß er mit ihm an und sagte: »Na, alter Kerl, gar so jammerängstlich brauchen Sie nicht zu tun, das Dach über meinem Kopf steht noch alleweil fest.« Breite Sicherheit lag um den herrischen Mund. Die freie Hand hielt er in der Hosentasche, um zu verbergen, daß es eine Faust war. Dann lachte er. Sein Hochmut war stärker als sein Zorn. Bei Jakobe machte er noch einmal halt und sah sie ruhig und lange an. Sie beide gaben der Welt kein Schauspiel, wie Heinz. Jetzt wußte Jakobe, daß sie kein schönes Prunkstück im Haufe der Williguths, sondern einfach die Frau war, die mit dem Geheimrat Hand in Hand die Würde aufrecht hielt. Zoll um Zoll wuchs sie in das Maß Philipp Emanuels hinein. Auf dem hellen Kiesplatz vor dem Hause, wo man dann an kleinen Tischen Kaffee und Schnäpse reichte, war sie ganz Gräfin Forcade, die einen hausbackenen Verstoß ihres Mannes voll liebenswürdiger Sicherheit vergessen ließ. Mit eigensinnigem Lächeln schob sie zwei dunkle Rosen in den Ausschnitt ihres Kleides und freute sich, wie das leuchtende Rot die weiße Haut noch weißer machte. Im Buschwerk hingen bunte Lampions und schufen ein behagliches Zwielicht zwischen Farbe und Dämmern. Die alten Herren rauchten und stimmten Studentenlieder an, der Franzose sang sogar mit kreischendem Papageienstimmchen eine wallonische Volksweise, die einen etwas gewagten Refrain hatte. Im Schatten der alten Kastanien erzählten andere von gelungenen Operationen und neuen Methoden. John Darcy blickte Heinz Williguth lange mit seinen kühlen grünen Augen an: »Nein, mein Junge. So nicht!« Heinz kannte Lord Darcy, der mit seinem Vater im russisch-japanischen Feldzug monatelang Kriegschirurg gewesen war. Und er wurde rot. Um den schmalen Mund des Engländers flog ein leises lächeln. Da drückte ihm der junge Williguth schnell die Hand und wandte sich ab. Der Alte mit dem schwäbischen Bauernkopf hatte sich eine Pfeife ausgebeten und plauderte im Qualmen mürrisch und stockend von den Reichtümern, die er sich erworben hatte. Seinem harten Sinn war Geldverdienen das Maß aller Dinge. Philipp Emanuel gab ihm schmunzelnd recht und hielt die dünne weiße Schale mit den goldenen Streublumen Simon Gottesdank zu frischer Füllung hin. Huschend und verwegen flackerten die roten Windlichter auf den weißen Tischen, daß diese Versammlung ernster Männer ein nächtliches Abenteuer schien. Darüberhin wehte, kühl und duftend von Wiesen und blühenden Gärten, der Atem jungen Sommers. Mancher hob schnuppernd die Nase, sog den süßen Ruch ein und saß dann fein stille, versponnen in ein Sinnen, das milder und weicher war als sein blutiges Handwerk. Schückedanz und Lord Darcy schritten gemächlich aus dem Lichterkreis ins Dunkel. Ihre roten Zigarrenenden schimmerten als Leuchtkäfer voran, machte der dicht verwachsene Buchengang eine Biegung, fachten sie das Glimmen zu kurzer Flamme und erhellten so die Finsternis. Der Engländer schob die Zigarre in den Mundwinkel und fragte durch die geschlossenen Zähne: »Was war das mit dem jungen Williguth?« Gutmütig ließ Schückedanz das Bächlein seiner Beredsamkeit plätschern und suchte schnell den schlimmen Eindruck wegzuschwemmen. Mit schmalen, hochgezogenen Lippen hörte John Darcy die Verwässerung des kleinen Deutschen an. »Nein! Das war Haß, Mr. Schückedanz.« Aurelius wehrte sich erschrocken. Haß war seiner Güte wie seiner Enge ein fremdes Gefühl. Die ganze biedere Kantorenerziehung lehnte sich dagegen auf. Darcy rieb die knochige Stirn und schob das dünne rötliche Haar sorgsam in die Scheitellinie. »Williguth soll seinen Sohn zu mir schicken. Ich mache noch einen rechten Kerl aus ihm!« Der kleine Schückedanz leistete sich im Dunkel ein herablassendes Armschlenkern. »Das tut der Geheimrat niemals.« Er schmunzelte in stolzer Sicherheit. Der Kelte nickte unmerklich. Diese Sachsenschädel gaben niemals nach, eher ließen sie sich die Knochen klein schlagen. Geringschätzung und Hochachtung zugleich lagen in seiner Stimme: »Was also dann?« Schückedanz zuckte kleinlaut die Achsel: »Ja, ... Hm?« Da begriff John Darcy, daß Philipp Emanuel Williguth in der rücksichtslosen Spannweite seines Wesens keinen starken Menschen um sich duldete. Sein erster Assistent da wurde zu Wachs, wenn von Widerstand nur die Rede war. Stumm gingen sie zum lichthellen Kiesplatz zurück. Dort war die Munterkeit frisch aufgeflackert. Die alten Herren hatten ihre Würde ausgezogen und trieben es wie junges Volk. Mit heiseren Stimmen gröhlten sie einen Rundgesang aus längst verklungenen Tagen. In jeder Hand schäumte ein Glas frischen Bieres und ging im Rhythmus auf und nieder, die Füße stampften den Takt. Jetzt begann erst das eigentliche Zechen, das eine Art Heimkehr in die tote Jugend war. Und das Zucken der Windlichter wehte über diese späte Freude. Ein Lampion ums andere erlosch. Unter den Bäumen war es jetzt dunkel, daß der helle Kreis mit den vergnügten Menschen desto schärfer hervortrat. Schückedanz spähte hinüber: »Doktor Williguth ist nicht dabei.« Lord Darcy stäubte die Asche von seiner Zigarre. Wie ein Nußknacker stand er da. Drüben drängten sie sich um den Geheimrat, schwangen die Gläser und ließen ihn leben, wieder und immer wieder. Heiter und behaglich tat ihnen Philipp Emanuel Bescheid. Sein stolzes weißes Haus stand breit hinter ihm, hell von vielen Lichtern. Lächelnd hielt sich Jakobe im Hintergrund. Die Rosen vor ihrer Brust schimmerten tiefrot. John Darcy kniff die Augen ein. »Doktor Williguths Frau ist sehr schön.« Plötzlich packte er Schückedanz beim Arm. Es war ein nerviger Griff. »Welche Prognose stellen Sie da, lieber Kollege?«   In den ersten Julitagen regten sich alle Hände im »Blauen Herrgott«. Korb an Korb standen die glashellen, hochroten Johannisbeeren in der Küche, deren behagliche Geräumigkeit noch an den guten Appetit der Mönchlein erinnerte, die einst hier gehaust hatten. Die heiße Sonne lag breit und gemächlich im Fenster und sah auf allerlei bewegliches Weibsvolk, das in weißen und bunten Schürzen Hantierung trieb. Rosenrot spritzte der Saft, und die klebrigen goldgelben Kernchen schnellten an die weiß und blau geschachten Wände. Frohes Schaffen ward da getan in heiterem Farbenspiel, zu dem der glutheiße Herd aus seinen offenen Feuerlöchern roten Schein spendete, wenn eine schnelle Hand die schweren Kasserollen abhob. Flinke Finger und starke weiße Arme, gleich tüchtig zum Umhalsen und zur Arbeit, griffen wacker zu. Die Frauen der Williguths waren am Werke. Und es war kräftiges Weiberfleisch, das da rumorte und schaffte. Über schweren Brüsten strafften sich die langen Schürzen, und auf stolzen, wohlgenährten Gesichtern perlte der Schweiß. Drei Generationen weiblicher Williguths hatten hier Heerlager, überwacht vom Feldherrenblick der alten Apollonia. »O Gott, o Gott,« seufzte die Uralte und schaute hinter der dicken Brille bekümmert auf ein rotgewürfeltes Küchentuch, mit dem sie ein wassergrünes Dunstglas ums andere aus dem großen Korb zu ihrer Linken emsig trocken wischte und in Reih und Glied auf den langen, weißgescheuerten Tisch setzte. »Schon wieder ein Loch. Dieses neumodische Gespinst taugt auch gar nichts. Nun ist das Dutzend kaum sieben Jahre im Gebrauch!« Alle Williguths hielten ihre Sachen peinlich nett, aus angeborener Sparsamkeit und weil sie jeden Gegenstand schon durch den Gebrauch ihrer Hände gleichsam heiligten und ehrwürdig machten. Die dicken Töchter von Gundl Tredenius wandten ihre roten Gesichter lachend vom Herd und trockneten den Schweiß mit seinen Batisttüchelchen, die wie weiße Läppchen in ihren plumpen Händen wehten. Apollonia schob entrüstet die Brille hoch: »Lacht nicht, Minna und Linchen! Ihr habt beide noch in Onkel Giacomos Windeln gelegen, die meine Mutter selig selbst gesäumt hat. Das war eben noch 'ne Leinwand.« Grämlich streckte sie das schadhafte Tuch weit von sich, als hielte sie diese ganze verdammte Schwindelzeit in der Hand. Die beiden jungen Frauen prusteten. Wenn Großmutter ärgerlich war, kamen stets Onkel Giacomos Windeln an die Reihe. Und sie wunderten sich immer aufs neue, daß ihre jetzt so stattliche Leiblichkeit einst darin Platz gefunden haben sollte. Und nun hatten sie selbst längst Kinder aus den Windeln gepackt und auf die derben runden Beine gestellt. Die wundersame und ewige Mannigfaltigkeit des Lebens trat in solchen Augenblicken auch vor ihre einfachen Seelen. Sie waren stolz, fruchtbare Frauen zu sein, hell und stark und ohne Nerven, wie die Williguthsche Weltanschauung es von ihnen forderte. Rosenrot spritzte der Saft aus den glashellen Beeren, aus den mächtigen brodelnden Kasserollen dampfte der Geruch von heißem Zucker und siedendem Obst. Es war, als hätten die handfesten Weiber den lachenden, schwellenden Sommer draußen gepackt und überwältigt und schmorten ihn jetzt beharrlich und sorgsam an ihrem Feuer, auf daß der karge Winter mit wohlabgewogenen Portionen von Süße und Fröhlichkeit versorgt sei. Gundl Tredenius lief zur Tür und spähte hinaus: »Kein Mannsbild zu sehen. Gottlob! Die Hitze ist mir zu arg!« Schnell zog sie die Bluse aus, stand mit weißen Schultern in ihrer großen Trägerschürze und spannte die Muskeln der nackten Arme, daß der Beerensaft rings um den breiten Holzschwamm aufsprang. Das riesengroße Sieb ächzte und bog sich unter dem schweren, gleichmäßigen Druck. Ein häßlicher vierschrötiger Backfisch schürzte die dünnen Lippen, daß man die vielen Goldplomben an den großen gelben Zähnen recht deutlich sah. »Gott, wie ihr euch da alle plagt, Tantchen,« sagte sie und schob eine Handvoll Johannisbeeren samt den Stielen in den Mund, »bei uns machen das alles die Maschinen.« Und sie blickte geringschätzig auf das emsige Werk, eine echte Williguth. Was sie selbst für gut und empfehlenswert hielt, mußte es auch für alle Welt sein. Mutter Apollonia aber tadelte spitz: »Wenn auch dein Vater der Hofzuckerbäcker Robert Williguth ist, mausig brauchst du dich deshalb noch lange nicht zu machen, mein liebes Kindchen. Und euren künstlichen Konditoreisaft, mit Raupen und faulen Beeren drin, möchte ich nicht einmal gegen Husten einnehmen.« Die Williguthschen Frauen nickten einmütig Beifall. In dieser Familie wurde man niemals ganz mündig. Erst wenn der Sargdeckel zuklappte, ließen diese harten Finger vom Zupacken. Wie unter dem Schwert standen sie alle unter dem Familienrecht, das die Alten übten. Robert Williguths sommersprossige Jüngste aber war offenbar noch zu dumm, diese weise Einrichtung der Weltordnung richtig zu würdigen. Sie glaubte noch an das Recht ihrer eckigen Jugend. Drum knixte sie spöttisch und warf krachend die Tür ins Schloß. Apollonia wischte zornig an ihrem Glas: »So'n Kiekindiewelt!« »Na, weißt du, Großmama,« schwatzte Linchen Krusemann geschäftig und schlug mit der silbernen Gabel den Takt dazu, statt die Johannisbeeren von den Stielen zu streifen, »bei Geheimrats finden sie unser Einsieden wohl auch unter ihrer Würde.« Triumphierend sah sie sich um. Gymnasiallehrer Krusemann wurde von Philipp Emanuel stets mit gnädiger Überlegenheit behandelt, und das verdroß seine Frau mehr als ihn selbst. Gundl Tredenius stieß ärgerlich den Holzschwamm auf und nieder: »Aber, Line, sie sind doch alle verreist!« »Ja, Mama. Aber verreist man, ehe man eingesotten hat, frage ich? Hast du es jemals so gehalten, Großmama?« Drohend schwang sie ihre Gabel wider solche Verletzung von Brauch und Herkommen. »Unsinn,« brummte Apollonia, die niemals über die Grenzen der Stadt hinausgekommen war. Knappe Einkünfte und die vielen Kinder banden sie an den »Blauen Herrgott«. Und später, als die Kinder in Amt und Würden einrückten, war sie zu alt und zu bequem. Veränderungen aller Art fielen ihr überhaupt schwer auf die Seele. »Wir sind so, und die sind anders,« entschied sie dann übellaunig. Wie kam die dumme Krusemann dazu, an Philipp Emanuel zu mäkeln? Aber Minna Vogel, die schöne und füllige Fabrikantensfrau, die gern mit dem Geld ihres Mannes auftrumpfte, sprang eifrig der Schwester bei: »Gott, natürlich, Jakobe rührt nicht an so etwas. Die wird doch nicht.« So deutete sie zartsinnig an, daß auch sie es ganz und gar nicht nötig hatte. Und dann setzte sie ihre freiwillige Hausfrauentugend noch besser ins Licht: »Na, überhaupt, darüber wäre noch viel zu sagen. – – Ich möchte nur wissen, wer jetzt in der Villa abstaubt?« Großmama Apollonia war plötzlich Feuer und Flamme. Nach gutem alten Brauch fegte und scheuerte sie noch den ganzen Tag, trotz ihrer zweiundachtzig Jahre. »Wenn nur der schöne teuere Teppich im Salon nicht voll Motten sitzt. Man müßte da wohl einmal gründlich nachsehen.« Bitterböse funkelte sie jetzt ihr Dunstglas an. Linchen putzte unartig mit ihrer Gabel die Fingernägel und wunderte sich insgeheim, daß ihr Vater nicht plötzlich hinter ihr stand und ihr die Gabel zornig aus der Hand schlug. Er brachte ja auch Krusemann, der am liebsten in Hemdärmeln bei Tisch saß, regelmäßig den Rock und hielt gefällig die Ärmel auseinander. »Ach, Großmütterchen, da gäbe es manches, das man nachsehen müßte. Diese großartigen Allüren! Ich finde es protzenhaft. Papa ist doch schließlich auch jemand. Aber ihr wißt ja alle, wie kurz er Krusemann hält. Nicht mal den Druck seiner Gedichte will er bezahlen. Und es sind doch so hübsche Sachen darunter.« Sie seufzte vernehmlich. Apollonia aber hielt nichts von Gedichten und begriff vollkommen, daß man für solchen Kram kein Geld hinauswerfen wollte. Außerdem war sie auf den Geheimrat unmäßig stolz, wie eine Henne auf ihr bestes Küchlein. So sagte sie nur scharf: »Wirf mir bloß die ekligen Stiele nicht unter die Beeren!« Und verdrossen ließ sie die Gläser klirren. Aber Linchen spann eigensinnig ihren Faden weiter: » Meine Kinder bleiben eben hier, bis ich mit ihnen nach Bad Schachen gehe, trotzdem Haraldchen und Emmi Keuchhusten hatten. Natürlich, sie mit der Hausdame nach Zoppot schicken, das können wir uns nicht leisten.« Ein erpresserischer Williguthblick flog zu ihrer Mutter. Aber die zeigte nur lachend die weißen Zähne. Da geriet die Tochter in zornigen Eifer: » Mein Schwiegervater nimmt mich auch nicht mit nach Schottland zu einem unverheirateten Lord. Krusemann findet es unsagbar unpassend. Nun, wir denken eben über manches anders. Jakobe läßt die Kinder allein mit der Schirlitz. Schließlich ist die doch auch nur ein sehr gut bezahlter Dienstbote!« »Jetzt schweig endlich still!« zankte Apollonia, der Lord Darcy in Schottland gewaltig ins Auge stach, »soll Jakobe vielleicht rasch zurückkommen, weil Line zu faul ist, die Beeren zu putzen?« »Jakobe hat sich auch letzten Sommer von unseren Johannisbeeren gedrückt, weil Elias damals unterwegs war. Linchen hier ist im vierten Monat und hilft doch tüchtig mit,« verteidigte ein klein wenig rachsüchtig Gundl Tredenius, die ihr Leben getreulich zwischen den Launen ihres Mannes und den zahlreichen Wochenbetten der Töchter teilte und gar nicht daran dachte, daß es überhaupt anders sein könnte. Da gerade niemand die reiche, fleißige Minna lobte, tat sie es selbst: »Na, und ich! Wo ich doch Lottchen stille! Den ganzen Tag stehe ich hier am Herd.« Und Linchen fiel sofort ein: »Ach, Minna, wenn die Jakobe in sechs Jahren endlich das zweite Kind bekommt, so ist das eben viel großartiger, als wenn du in drei Jahren drei oder ich in vier Jahren vier Kinder habe.« Auf ihre Kinder taten sie sich etwas zugute, auch das war Besitz. Apollonia schmunzelte vergnügt über die große Schar der Williguths, die da rings um ihr Alter heranwuchsen. Nur daß nicht alle wirklich Williguth hießen, kränkte sie. Drum haßte sie auch Krusemann und Vogel und die anderen, so sehr diese Wackeren auf eheliche Vermehrung bedacht waren. Die Schwestern erkannten klug ihren Vorteil, und Minna brach mit bedeutsamem Augenrollen los, als müßte sie einen Stein vom Herzen wälzen: »Ich sagte erst gestern zu meinem Ernst, wenn ich Jakobe wäre, ich ließe Heinz nicht solange allein.« Jetzt steckten alle die großen, starken Williguthfrauen die Köpfe zusammen. Da war etwas, das sie alle betraf. Ein dunkles Tappen im Ungewissen machte diese ganz auf Tag und Herkommen gestellten Menschen irre. Wie Riesinnen ein Menschenkind, beguckten sie jetzt voll Neugier und Besserwissen Heinz Williguths Wesen, das anders war als sie selbst und ihre fröhlichen und derben Männer. Bekümmert und ein wenig überlegen blickten sie und hatten Angst vor dem mitleidlosen Wort, das ihnen allen auf den Lippen saß. Apollonia ließ sogar die wassergrünen Gläser ruhen und schob sorgenvoll die Brille auf die noch immer glatte Altweiberstirn. Gundl schlang die weißen Finger ineinander, wie immer, wenn sie angestrengt nachdachte. Auch mit Karl Maria war es ein hartes Stück Arbeit gewesen. Doch der hatte wenigstens keinen Philipp Emanuel zum Vater. Die anderen Frauen aber standen ratlos vor Heinz Williguths irrlichternder Art und gaben heimlich seiner toten Mutter alle Schuld. Von seiten der Williguths konnte nichts Schlimmes stammen. Alle die großen blauen und grauen Augen starrten einander traurig an, wie gute, treue Tiere, denen die Sprache fehlt. Endlich sagte Gundl Tredenius gedrückt: »Er hätte nicht auch Mediziner werden sollen.« Aber da hatte sie es schon mit der Mutter verdorben »Wo das soviel schönes Geld bringt?« greinte Apollonia und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Ich begreife dich nicht, Mama. Krusemann wäre glücklich, wenn er nur ein Zehntel davon hätte,« erklärte die bescheidene Lina. Und eine andere Williguthtochter, die es nur zu einem Kanzlisten und sieben häßlichen kleinen Mädchen gebracht hatte, stimmte eifrig zu und strich wehleidig über ihren feisten und fruchtbaren Leib, als wüßte sie nicht, wie sie diesen gefräßigen Gebieter ernähren sollte. Weil sie arm war, durfte sie sonst niemals mitsprechen. Sie galt nur wenig im Hause der Williguths, trug aber geduldig ihr Los und suchte emsig Jahr um Jahr nach reichen Taufpathen für das jeweilige Jüngste. Gundl schnippte geringschätzig mit den weißen, runden Fingern durch die Luft: »Ach, was!« Dann horchten alle auf. Ein Klavier wurde gehämmert, zwei zornige Männerstimmen krachten darein. Apollonia griff nach dem Wischtuch und rückte die Brille vor die Augen, weil das wortlose Grübeln vorüber war und der Alltag wieder sein Recht bekam. »Er hat noch immer eine gesunde Stimme.« Sie schmunzelte behaglich und hatte rosenrote Backen, weil der Eheliebste so mannhaft und gewaltig schrie, daß die Fenster klirrten. Heinz Williguth war vergessen. Türen flogen auf und zu, und da stand Johann Sebastian im grauen Schlafrock, ein schwarzes Käppchen mit goldener Quaste schief auf dem kahlen Scheitel, und schwang zornig die Arme wie Windmühlenflügel. »Habt ihr die Katzenmusik gehört? Aber Tredenius findet es richtig. Es ist zum Haarausreißen!« Seine Faust traf aber bloß das Hauskäppchen, das ballte er zusammen und warf es mit kurzem Ruck mitten unter die Frauen. Ruhig bückte sich Gundl, glättete die Falten und gab das Mützchen dem Vater zurück. Der knurrte sie an: »Dein Mann, na, das ist schon der Richtige.« Gundl sah ihn groß an und straffte unmerklich den Leib, aus alter Gewohnheit, wie sie schon als Mädchen Karl Maria vor Johann Sebastians Grimm verteidigt hatte. Sie wußte jetzt gar nicht, daß er längst für sich allein einstehen konnte, selbst bald ein Fünfziger, trotz seiner jugendlichen Behendigkeit, die er durch gar nicht Williguthsche Kasteiung erhielt. »Was hat er denn getan?« fragte sie gutmütig und schaffte dabei emsig weiter. »Viel zu schnell nimmt er das Tempo. Soll das überhaupt noch Musik sein, frage ich?« Er spreizte sich wie ein alter Kampfhahn, dem ein Eindringling ins Gehege kommt. »Freilich, er und die Komtesse Forcade, die haben's weg. Wissen alles besser als ich eisgrauer Kerl.« Wieder kam die Abwehr der Williguths gegen alles Fremde zum Vorschein. Streng schaute er sich um, ob niemand widersprach. Dann nickte er befriedigt. Im Musiksaal des »Blauen Herrgott« schritt der Geiger Tredenius über die goldenen Vierecke, welche die Sonne auf den blanken Holzboden zeichnete. Er trug einen weißen Seidenanzug und ein lichtgrünes Hemd mit weißer Krawatte, gepflegt, sommerlich und ein bißchen stutzerhaft. Die braunen Augen waren noch heiß vom Wortstreit mit Johann Sebastian. Vor dem Klavier saß Renate Forcade und hatte müßig die Hände auf die Tasten gelegt. Gelangweilt starrte sie geradeaus. Diese Musikstunden, zu denen ihre Mutter sie zwang, um sie während der Schulferien für eine Weile los zu sein, tat sie nur mit Zähneknirschen ab. Und das selbstgerechte Besserwissen des Regens chori erbitterte sie noch mehr. So stampfte ihr Fuß leise den Takt zu ihrem Zorn. Zusammengeduckt hockte sie wie ein junges Raubtier, das gerade geprügelt wurde. Sie war jetzt gar nicht hübsch, alles im Werden und Wachsen, zuviel und zuwenig auf einmal. Nur in ihr reiches, dunkelbraunes, jetzt endgültig hochgestecktes Haar spann die Sonne ihr Flimmern. Karl Maria blieb stehen und schaute verstohlen nach Renate, die ihm noch immer stumm ihren Katzenbuckel zeigte. Dort, vor diesem alten Klavier war einst Miriam Italiener gesessen, genau so kratzbürstig und eigensinnig. Schnell fügte er Jahr an Jahr und baute für einen Augenblick seiner Jugend goldenes Haus. Lächelnd schüttelte er den Kopf und mochte nicht glauben, daß dreißig Jahre darüber hingegangen waren. Leise rief er: »Renate!« Sie wies ihr verdrossenes Gesicht mit dem Katzenlauern hinter den dichten Wimpern. Hochmütig und trotzig lag der schwere Mund. Karl Maria fand Zug um Zug die Mutter wieder und das Wunder der ewigen Wiederkehr, just im »Blauen Herrgott«. Heiß stand die Sonne vor den Fenstern, in ewiger Jugend, und der Staub zitterte goldig in ihrem Licht. Nachdenklich hielt der Mann die offene Hand vor sich hin und starrte auf das feine Faltenwerk. Fast befehlend sagte Renate Forcade: »Du gibst mir doch recht.« Er schwieg noch immer. In seinen Augen war die Angst vor dem Alter, das er zögernd und langsam an dieser heißen Jugend maß. Renate atmete schnell. Dann schüttelte sie die lastende Stille ab und trabte unbarmherzig mit knarrenden Schuhen in die hellen Sonnenvierecke hinein, die Hände auf den Rücken gelegt, etwas enttäuscht von Karl Marias onkelhaft melancholischer Miene. »Ich will dir etwas sagen.« Aber es war mehr mißtrauische Angst als kecke Sicherheit. »Ich weiß es schon.« »Du?!« Er hatte wieder sein altes, weltvergnügtes Lächeln, mit dem er alle Williguths in Harnisch brachte. »Ja, du nimmst heimlich Schauspielunterricht. Ich bin dir einmal nachgegangen, Mädel.« »Du wirst schweigen, Karl Maria!« Er kannte diesen gewalttätigen Ton. Die Miriam hatte ihn auch gehabt. In seiner reifen, sorglich wägenden Beschaulichkeit staunte er jetzt, daß dies junge Volk immer von neuem alles auf eine Karte setzte. Er hatte bedenkliche Zweifel für diesen hitzigen Glauben an sich selbst, anders als einst, und begriff, warum die Alten den Jungen Widerstand leisteten. Die Narben brannten noch und erzählten von verlorenen Schlachten. Über den wenigen Siegen aber lag der Staub. Steif und ein wenig mißgünstig stand er und ließ Renate warten. Trotzig stemmte sie die Arme in die Hüften und nickte gleichsam ihrer eigenen Entschlossenheit zu. »Also mit dir ist es auch nichts.« Sie war ganz jung und lebte nur zwischen Ja und Nein. Er aber erkannte an dieser schnellen Abkehr sein eigenes Altern. Als Renate dann später mit den erhitzten Frauen der Williguths um den reichbesetzten Mittagstisch saß und kräftig schmauste, suchte sie vergeblich in den wohlgenährten Gesichtern die Funken, die unruhig und befremdlich in ihrem eigenen Blut knisterten. Als sie so gar nichts als mahlende und kauende Kinnbacken vor sich hatte, und das Alltagschwatzen wichtig und eintönig fortplätscherte, warf sie hochmütig den Mund auf und zog den Mantel ihrer Einsamkeit mit pharisäischem Wohlgefallen um die Schultern. Das dumme Gerede über das Einsieden der Johannisbeeren und das Zähnekriegen der Kinder verdroß sie. Linchen Krusemann holte sich einen großen Happen Kalbsbrust mit Wachsbohnen und fragte, den ersten Bissen im Munde: »Was hört man von Onkel Friedemann?« »Ach Gott, ich weiß nicht so recht. Albine schreibt ja nur Gutes aus Konstanz, aber Friedemann hat noch immer das Zittern im Arm. Er war immer mein Sorgenkind.« Apollonia ließ in der Angst um ihren Jüngsten sogar Messer und Gabel ruhen. »Krusemann ist auch oft sehr nervös,« bemerkte wichtig die leicht gekränkte Gattin des Trefflichen. Da lachte Karl Maria in derbem Spott: »Er soll das Dichten lassen!« Und ärgerte sich sogleich über den trockenen Philisterton in seinen Worten, weil ihm auch dies ein Alterszeichen schien. Linchen verdrehte vorwurfsvoll die Augen: »Kannst du das Geigen lassen, Papa?« Aber es blieb wie ein Schatten auf allen, daß einer von ihnen nicht so gesund sein sollte, wie es in dieser gliederstarken Familie Brauch war. Krankheit hielten sie für eine Bosheit, die ihnen das Schicksal antat. Hatte mal einer Katarrh, rückten alle mit erprobten guten Ratschlägen an und saßen im Kreise, wie Leuchten der Fakultät. Renate legte sich unartig über den Tisch: »Habt ihr schon den Geheimrat gefragt?« Johann Sebastian hatte noch immer das heimliche Grollen in der Stimme: »Sitz' gerade, Renate!« Und dann erst sagte er ziemlich gleichgültig: »Philipp Emanuel hat ja unsern Friedemann nach Konstanz geschickt.« Mit seinen fünfundachtzig Jahren achtete er jedes Kranksein gering und hielt es für müßige Einbildung, und gar erst beim Superintendenten, der törichterweise seine rollende Predigt hartnäckig über die Kirchenmusik setzte und seinen Regens chori zum Zorn Johann Sebastians als geduldeten Himmelsnarren behandelte. Noch immer teilte der »Blaue Herrgott« die Menschen in musikalische, denen alles Glück in den Schoß fliegen mußte, und in unmusikalische, die mit dem, was von der Tafel fiel, vorlieb nehmen sollten. Jedem Williguth saß so die angeborene Haut wie ein Panzer, der kein Hinauswachsen erlaubte. Renate Forcade aber hatte eine Mutter, die aus muffiger Enge das weite Leben erobert hatte und deren Nerven auf jeden leisen Reiz ins Schwingen kamen, das gab ihr die Lust am Widerspruch. »Habt ihr auch schon Heinz Williguth gefragt?« Jetzt wartete sie auf den Sturm. Aber kein Williguth nahm die Keckheit eines jungen Mädchens ernst. Nachsichtig ging ihr sattes Lächeln darüber fort. Gutmütig und überlegen stießen sie sich an und nickten einander zu. Das war eine, die wie der Wind in ihre festgefügte Ordnung wirbelte. So eine, die man schmunzelnd in den Winkel stellte und feierabendmal als Kuriosum beguckte. Renate fühlte, wie jede Waffe an der Hornhaut dieser Zufriedenen abglitt und stumpf wurde. Sie warf schnell und verstohlen Karl Maria einen bitterbösen Blick zu, weil auch er ihr nicht half. Und mit der Grausamkeit der Jugend stellte sie fest, daß viele Fältchen unter seinen Augen liefen und daß die schöne weißseidene Weste bedenklich geschwellt war. Plötzlich dachte sie an ihre Mutter, die täglich zankte, bis das Korsett richtig saß. Stolz räkelte sie sich auf. Frau Apollonia schob geräuschvoll einen Teller über den andern: »Wenn Philipp Emanuel einmal gesprochen hat, liebes Kind, braucht man doch seinen Sohn nicht mehr zu fragen.« Gundl Tredenius faltete langsam ihre Serviette: »Heinz ist doch auch jemand.« »Seines Vaters Sohn, ja, das ist er,« entschied Johann Sebastian und wünschte allseits gesegnete Mahlzeit. Und die Williguths schmunzelten zum Witz ihres Oberhauptes.   Auf der Klinik des Geheimrats war Abendvisite. Schückedanz zog die altmodische Uhr, die sein Vater ihm zur Doktorpromotion geschenkt, und starrte unwillig auf die schwarzen Zeiger. Seufzend schob er dann die Uhr zurück und stand schwerfällig auf. Auch die alte Wärterin schüttelte den Kopf und schielte bekümmert nach der Tür. Aber bei Philipp Emanuel war man wortkarg wie der Chef. Die diensthabenden Arzte tuschelten und dehnten sich dann gähnend in der leisen Langweile dieses Regentages. »Er kommt heute nicht mehr,« murmelte Schückedanz und gab sich einen Ruck, wie ein Pferd, das die Muskeln in den Sielen spannt. Bedachtsam und genau tat er das Werk, das eigentlich Heinz Williguths Sache war. Aber der war wohl jetzt daheim mit seiner Arbeit beschäftigt. Er hatte hitzige Tage, an denen er gar nicht rastete, dann wieder Bummelzeit, in der er nur müßig im Fenster lag und die Krankenwagen zählte, die da ein- und ausfuhren. Als Aurelius heimging, einen großen flachen Schirm über seine feiste Leiblichkeit gespannt, wie ein Pilz, der im Regen aufwächst, traf er im Hof einen alten, gichtkrummen Professor, der, längst pensioniert, noch immer seine Zeit im Krankenhause verbrachte und freiwillig überall half, ob auch die anderen grimmig auf sein ewiges Besserwissen blickten. Der rief Schückedanz an und schwang einen triefenden Schirm zum Gruß: »Hab' eine Karte von Ihrem Chef.« Stolz klopfte er auf die Brusttasche und drängte den höflichen Aurelius mitten in eine aufspritzende Pfütze. Dann fragte er kurz: »Wie macht sich der Junge?« »Hat alle Hände voll Arbeit.« Schückedanz wurde rot. Aber der andere merkte nichts und sah über den Schirm des Kleinen weg: »Dem Alten reicht er doch nicht das Wasser.« Und das gichtkranke Bein stapfte unverzagt durch den spritzenden Kot. Schückedanz warf sich in die Brust. Auf Haus Williguth durfte kein Schatten bleiben. »Na, passen Sie nur auf!« Und er ließ so alle Möglichkeiten offen. Dann ging er trotz des Regens durch den Fontainengarten, guckte nach Licht aus und lächelte, als zwei Fenster gelblich ins Dunkel schimmerten. Dahinter saß Heinz Williguth. Schückedanz schlug befriedigt den Heimweg ein. Alles schien im besten Geleise. Aber nur bis zum nächsten Morgen. Denn da hatte er eine heftige Halsentzündung weg und konnte seinen Grimm darüber nicht einmal hinabschlucken, so enge und so verschwollen war seine Kehle. Bekümmert standen der ehrsame Kantor von St. Pankraz und seine Schwester, die den beiden Männern die Wirtschaft führte, vor dem Krankenbett. Polykarp Schückedanz war ein dürres, schüchternes Männchen mit großen, erstaunten Kinderaugen, voll übereifriger Höflichkeit gegen jedermann, um nur um Gotteswillen keinen Menschen zu beleidigen und ungefährdet auf lautlosen Sohlen durchs Leben zu huschen. Johann Sebastian Williguth hatte mit diesem armseligen Diener Gottes sehr leichtes Spiel. Der tat alles, was ein stärkerer Wille von ihm verlangte, und wunderte sich schließlich noch, daß er nicht selbst auf diesen guten Einfall gekommen war. Jungfer Sabine dagegen war rundlich und wohlgeglättet wie eine Billardkugel, bewegte sich hurtig und sicher und hielt alle Fäden fest in der Hand. An diesem Morgen mußte Aurelius auf der riegelsamen Tante Geheiß tüchtig mit Lakritzensaft gurgeln, immer wieder, bis er ganz blaurot im Gesicht war. Dann verlangte er mit matter Stimme ein warmes Aschensäckchen um den Hals, denn Geheimrat Williguths erster Assistent, der schnitt und sägte, daß es eine Art hatte, war um sein Leben gar besorgt und bekam Schweißtropfen auf der Stirn, wenn er an den Tod bloß dachte. Und heute war sein Kummer doppelt schwer und drückte ihm schier den feisten Rücken krumm. Die Klinik stand verwaist. Nur Heinz Williguth war verfügbar, und Schückedanz trug die volle Verantwortung in Abwesenheit des Chefs. Ratlos ließ er die kurzen Finger über das bunte Deckbett spazieren, worüber sein Vater weidlich erschrak, weil er diese fatale Bewegung schon für das Pflücken der Todesblumen hielt. Dann richtete sich Aurelius entschlossen auf und verlangte Schreibmaterial. Auf einer alten, schweinsledernen Bibel als Unterlage schrieb er seine Verfügungen für den Tag und kündete regelmäßig solche Schriftstücke für die Zeit seines Krankseins an. Alles war hübsch und klar nach Gesichtspunkten geordnet, daß man leichten Überblick hatte. Sein Ordnungssinn frohlockte in aller Kümmernis. So erhielt Polykarp Schückedanz den Auftrag, Brief und mündliche Bestellung in die Klinik zu tragen, und geriet darob in nicht geringe Verwirrung. Seines Sohnes blutiges Handwerk schien ihm noch immer Greuel und Vermessenheit vor Gottes Allmacht. Was sterben sollte, starb nach unerforschlichem Ratschluß. Die Glocken läuteten dann, und durch die Stille von St. Pankraz schwebte ein schwermütiger Trauerchoral. Aber Aurelius hatte keine Demut. Vorwitzig war sein Tun und ohne die rechte Frömmigkeit. Polykarp holte seufzend den schwarzen Leibrock und bürstete jedes Stäubchen ab. Dann glättete er den Zylinder, griff mit spitzen, widerwilligen Fingern nach dem Brief und fragte ängstlich, ob er nicht einen Arzt schicken sollte. Jungfer Sabine aber stemmte die Arme in die Hüften und lächelte geringschätzig: »Unsinn, Polykarp, das ist meine Sache.« Sie kochte Fliedertee und Kraftsuppen, und ihr Neffe schmunzelte, weil es ihm jetzt auf einmal wieder so gut ging wie als Kind, und er von allen Seiten betreut wurde. Der alte Herr erhielt noch ein Säckchen mit Ameiseneiern für den Goldfisch »Röschen«, da heute dessen Futtertag war und das liebe Tier nicht vergeblich warten durfte, und wurde dann kurz verabschiedet. So kletterte er kopfschüttelnd die ausgetretenen Treppen hinab, wandelte durch die dunklen Korridore des winkeligen Hauses und stand schließlich augenblinzelnd in der Morgensonne, die den goldenen Turmhahn von St. Pankraz beleuchtete. Durch alte enge Gassen nahm er seinen Weg und atmete tief, weil er die frische Luft in seiner Kircheneinsamkeit gar nicht mehr gewohnt war. Und doch setzte er seine dünnen Beinchen voll Wichtigkeit auf die Katzenköpfe und drehte eitel den Kopf, wenn ihm jemand nachschaute, wie er so feierlich angetan dahinschritt. Bei dem Goldfisch hielt er sich allerdings zuerst und länger auf als in der Klinik. Sein Herz aber frohlockte über die Achtung, die Aurelius bei diesen Weißkitteln genoß. Heinz Williguth schüttelte dem Alten sogar die Hand, daß dieser schüchtern vor sich hinschaute, weil er solche Ehre doch gar nicht verdiente. Es fehlten noch acht Tage zum Semesterschluß, so daß Heinz auch die Vorlesung übernehmen mußte. Der Besuch war schwach, aber die gekommen waren, musterten neugierig Geheimrat Williguths Sohn. Heinz blickte mißtrauisch und hochmütig zugleich, als er so zum erstenmal an seines Vaters Stelle trat. Eine verbissene Auflehnung war in ihm. Der Saal schien voll von erstarrten Worten Philipp Emanuel Williguths, die jetzt alle frei wurden und gemessen und höhnisch in Heinz' Ohren klangen. Sorgsam gab er acht, in nichts an den Vater zu erinnern, und doch war die Ähnlichkeit des Blutes stärker als sein Wille. Von der Handbewegung, die gleichsam das eigene Wissen an andere verschenkte, bis zum kalten, trotzigen Blick, der nur sich selbst Rechenschaft gab, war es der junge Williguth, der da mit einer scheuen und hochfahrenden Lässigkeit vor dem Krankenbett stand. Merkte er den verdächtigen Tonfall, der ihn zum Affen seines Vaters machte, und lenkte hastig hinüber in das Irrlichtern des eigenen Wesens, spürte er ringsum die beginnende Teilnahmslosigkeit und geriet wider Willen in die klare und gedrungene Art, wie der Geheimrat seine Sätze schmiedete. Nur die verhaltene Selbstironie, die manchmal mitschwang, war dem Vater fremd; das stille Eingeständnis ärztlicher Ohnmacht, die Heinz gar nicht verbarg, ließ Philipp Emanuel niemals laut werden. Aber den Studenten gefiel diese offene Menschlichkeit fast besser als die starre Überlegenheit des Geheimrats, der wie ein Felsblock vor ihrer eigenen Unsicherheit stand. Als aber der Praktikant des Tages Unsinn schwatzte, klang die Zurechtweisung schroff und scharf, und in den grauen Augen leuchtete Philipp Emanuels Zorn. Die Studenten stießen sich an und freuten sich wie im Schauspiel. Und Heinz las in jedem Blick: Ganz der Alte. Es war eine bittere Stunde für Philipp Emanuels Sohn. Er wußte, daß er mit Leichtigkeit den schwerfälligen Schückedanz in den Schatten stellte, selbst aber geschlagen blieb von seines Vaters stiller Größe, die nie an sich selbst zweifelte. Was er tat, verrichtete er mit den Waffen, die ihm Philipp Emanuel in die Hand gegeben, wo er versagte, war es die Begrenztheit der eigenen Natur. Heute begriff er zum erstenmal, warum und wie sein Vater auf alle Menschen wirkte. Der war aus einem Guß, ohne Risse und Sprünge. Und da trug er bitterer als sonst den Fluch, der zu sein, der nachher kommt und nur zu verwalten hat, was ein anderer erwarb. Er neigte den Kopf und tat seine Pflicht. Im Blut aber blieb das Brennen, das alle Williguths kannten, der unbezähmbare Wille, ein Eigener zu sein. Scheue Freude färbte sein Gesicht, als er merkte, wie seine Art Anker fand und die Augen aller dieser jungen Menschen an ihm hingen und sie schier vergaßen, daß hier sonst sein Vater zu ihnen sprach. Später aber trat der pensionierte alte Professor, den die Neugierde hierhergeführt, zu Heinz Williguth und sagte mürrisch: »Er hat schon viel vom Vater gelernt.« Da brach alle Sicherheit, achselzuckend wandte er sich ab und spähte unter gesenkten Lidern, ob einer lachte. Aber der Saal war schon leer.   Heiß, wie im Dampf, stand der Juliabend über der Stadt. Kein Wind war auf, ein blasser Himmel, an dem in breiten Massen graue Dunstwolken klebten; hing über den glutwarmen Gassen und spiegelte bleiern in den unbewegten Teichen des Fontainengartens. Baum und Strauch standen steif und verstaubt, nur hier und da rann ein Rieseln und Rauschen in die Stille, wenn die Gärtner ihre Gießarbeit taten. Im Westen schnitten rote Striche in das graue Gewölk, und darunter, weit draußen in der Ebene, schwebte in Goldschleiern der Rauch der Dörfer. Es war ein Abend, da niemand einschlafen kann und das Blut heiß bleibt bis zum Morgen. Im Speisezimmer, das nach Staub und brauner Leinwand roch, wie das ganze verödete Haus, saß Heinz Williguth allein am Tisch, dem heiligen Christoph gerade gegenüber, der steif und würdig blickte, als habe ihn der Geheimrat mit seiner Stellvertretung betraut. Heinz hielt ein Glas Wein gegen das Sickerlicht der Dämmerung und nickte befriedigt. Dann trank er langsam, in kleinen, genießenden Schlucken. Von der offenen Tür, durch die man für einen Augenblick eine lange Reihe von pedantisch grau verhüllten Kronleuchtern in leeren dunklen Zimmern hängen sah, meldete verdrossen Simon Gottesdank: »Herr Professor Schückedanz.« Er verachtete den kleinen Aurelius, weil dieser einst hier Hofmeister gewesen war. Der wiedergenesene Schückedanz lief trotz der Schwüle erregt auf und nieder und trug eine ängstliche Miene zur Schau. Der Schweiß rann in schmalen Bächlein über sein feistes Gesicht und verlor sich hinter dem schon halb erweichten Hemdkragen. Er schluckte mißtrauisch. »Ein Glas Wein, Alterchen?« »Danke!« Er beguckte die Flasche und zog die Augenbrauen hoch. »Hm! Der Chef trinkt bei Tisch nur Brauneberger.« »Mir ist Chablis lieber!« Wie ein übermütiger Junge lachte Heinz Williguth. Das Leben schien ihm plötzlich reich und aller Wunder voll. Fast glaubte er jetzt an seine eigene Kraft. Sein Vater war ihm kein bloßes Schreckbild mehr, sondern ein Ziel. Wieder lief Schückedanz mit kleinen, schnellen Schritten auf und ab und blies und schluckte. Das ganze große Zimmer schien erfüllt von seiner geräuschvollen Rastlosigkeit. Er hob die kurzen Arme: »Ja, Heinz, das geht nicht. Sieben Todesfälle in einer Woche! Das ist zu viel. Kam auch früher nicht vor.« Beinahe selbstgefällig zerrte er den blonden Bart. In den Augen von Heinz Williguth funkelte es auf. Er knackte die Finger ineinander. »Es war keiner zu retten.« »Weiß ich. Aber du verdirbst uns die Statistik.« Vorwurfsvoll, in gekränkter Würde hakte er die Finger in die Armlöcher der Weste und stand wie ein kleiner Götze der Unfehlbarkeit. Die Augen kniff er ein und schob den kahlen Kopf zwischen die Schultern: »Übrigens denkt der Chef wie ich.« Im Triumph posaunte er die Worte und nickte bedeutsam den Takt dazu. Der junge Williguth lachte nicht mehr. Finster schaute er auf das Apothekenschild des Fortunat Williguth aus Quedlinburg Anno 1632. Aurelius aber zog einen dicken Brief hervor, strich ihn fast ehrerbietig glatt und las mit selbstbewußter Würde: »Die volle Verantwortung tragen Sie ganz allein, und ich wünsche nicht,– –« Er ließ das Papier sinken und genoß seine Wichtigkeit. »Also dir schreibt er?« Wie ein Aufschrei. Schückedanz erschrak: »Du mußt das nicht so auffassen. Da ich doch einmal sein Stellvertreter bin –.« Er brach ab, als jetzt Heinz' Blick ihn ansprang, starr und dunkel, ohne Licht. Ratlos schaute er wieder in den Brief und las stockend: »Die gemeldete Operation in meiner Privatklinik aber bezeichne ich einfach als Tollheit. Es lag kein Grund zu einem operativen Eingriff vor. Die Launen meines Sohnes verbitte ich mir.« Ohne daß Schückedanz es wußte oder wollte, geriet er in den gemessenen und überlegenen Ton des Geheimrates und schwang die weißen Blätter vorwurfsvoll gegen Heinz Williguth. Ein grelles Lachen schlug in die Stille. »Warum schreibt er das nicht mir?« »Ich weiß doch nicht– –« Schückedanz hatte Angst vor den starren Augen des jungen Williguth. Er geriet ins Stammeln, blinzelte verlegen und schlenkerte hilflos mit den Armen. Dann reichte er schnell den Brief hinüber. Steife, aufrechte Buchstaben marschierten da, voll stolzen Besserwissens und zweckbeladener Schwere. Mit jedem Satz warf Philipp Emanuel eine unsichtbare Schlinge um seines Sohnes Arm. Und in diese unlösbaren und undurchschaubaren Gegensätze tappte jetzt der kleine Schückedanz mit plumper Hand. »Fühlst du denn nicht, Heinz, wie besorgt und umsichtig der Chef für uns alle denkt? Wie er nach allem und jedem fragt, auch nach dir?« »Ja, auch nach mir. Pack deine Weisheit ein, Aurelius! Hier ändert sich eben nichts, gar nichts.« Er klappte den Brief auf den Tisch und strich mechanisch darüber hin. Schückedanz sah ihm zu, wie ein geprügelter Hund, kleinmütig, als hätte ihn der Geheimrat selbst getadelt. Kummerfalten saßen wie drollige Narben in seinem fetten Gesicht, die Hände fingerten ratlos an den Rockknöpfen. Der junge Williguth blickte eigensinnig in den bleifarbenen Abend. Nur das Steigen und Fallen des Springbrunnens draußen ging wie schwerer Atem durch die Stille. »Du, Heinz!« flüsterte Schückedanz und verwünschte sich selbst ob seiner trockenen Schulmeisterlichkeit. Ganz erbärmlich kam er sich vor, als kläglicher Schatten, den Philipp Emanuel an die Wand warf. Aber wieder kam nur das gleichförmig stockende und wieder ansteigende Plätschern des Wassers in das schwere Schweigen. Da nahm er allen Mut zusammen und erschrak, wie rauh und heiser seine Stimme klang. Und er wollte doch nur ein liebes Wort sagen. »Jetzt kommt Jakobe ja bald zurück.« Die Stille schien plötzlich noch tiefer. Draußen ging das rhythmische Seufzen des Wassers schneller, wie im Spott. Wie von weit her kam endlich Heinz' gleichgültige Stimme: »Ja, die hat auch geschrieben. Warte mal!« Er suchte in den Taschen: »Da, lies!« Aurelius aber zögerte verschämt. Hastig spann er an dem glücklich erhaschten Faden weiter: »Als ich jetzt krank lag, habe ich so recht erkannt, welche Gottesgabe ein gutes Weib ist. Bei mir war es freilich nur die alte Tante Sabine.« Er seufzte. »Wirklich?« Hartnäckig bohrte sich Heinz Williguths Blick in den kleinen Professor, der nun alles gut gemacht zu haben glaubte und voll junggesellenhafter Zimperlichkeit Jakobes Brief noch immer ungelesen in der Hand hielt. »Hab' keine Furcht, Aurelius, lies nur! Da drin steht nichts Geheimnisvolles, nichts Dunkles, nur glatte kleine Sätze, die wie Soldaten im Stechschritt dem Hauptmann nachlaufen. Und ich kenne den Hauptmann. Gut die Hälfte ist angefüllt mit der höchst wissenswerten Tatsache, daß sich Witte in Zoppot eine Muschelsammlung angelegt hat. Der Knirps pappt auch schon Etiketten auf alles Lebendige.« Jetzt guckte Schückedanz endlich in den Brief, scheu und verlegen, wie durch ein Schlüsselloch in ein fremdes Zimmer. Auf einmal wurde er krebsrot. Da stand ein Sätzlein, halb versteckt und ohne Zusammenhang mit den Stechschriftworten: »Viel Rosen sind da, wie bei uns. Und Tschaikowsky habe ich auch schon gespielt,« Und er grübelte, ob Heinz dies heimliche Betteln seiner Frau denn nicht erraten wollte. Ein Lichtlein flackerte in Schückedanz' schwerfälligem Hirn. Unbeholfen schaute er lange auf das weiße Blatt. Dann holte er umständlich des Geheimrats Brief hervor, blätterte stirnrunzelnd und machte endlich an einer Stelle halt. Dort war die Schrift kleiner, nicht so steif und starr wie sonst, und es hieß: »In acht Tagen gehen wir von hier nach Zoppot. Meine Schwiegertochter scheint allerdings bis jetzt nicht allzugroße Lust zu haben.« Dies gab mit der andern Stelle von den Rosen und der Musik einen nur halbverborgenen Sinn. Schückedanz atmete schwer und blickte ein paarmal zaghaft zu Heinz Williguth hinüber. Aber dann wagte er es doch nicht. Einmal konnte er einen großen Griff mitten ins Leben tun, und da war er wieder scheu und feige, der alte Junggeselle, der rot und hilflos vor halbdunklen Frauenworten stand. Schweigend reichte er Jakobes Brief zurück und wartete. Aber das Blatt verschwand in Heinz' Rocktasche, und nichts geschah. Aurelius schlug die Finger klamm und streckte sie wieder, daß des Geheimrats Schreiben zu Boden fiel. Noch hatte er Zeit, als er sich bückte. Aber er schwieg auch jetzt. Wie Goldpünktchen hingen die Sterne im dunklen Blau. Heinz Williguth ging durch das leere Haus, in dem die Hitze in erstarrten Wellen stand. Nur der Widerhall seiner Schritte lief ihm nach. Und hier und da flog eine Motte durchs Dunkel. Er war überreizt und müde, hatte eine wachgepeitschte Unruhe im Blut, die der verloderte Zorn zurückließ. Auf dem Tisch im Speisezimmer hatte der nachlässige Gottesdank eine brennende Kerze vergessen. Das Licht stieg schmal und steil aufwärts, kein Zucken lenkte die Flamme ab. Kleine Schmetterlinge schwärmten ab und zu. Und dann verschrumpfte ein heißes kleines Leben in dummer Gier, sank verbrannt auf den Tisch, und Heinz Williguths Hand warf es über den Rand. Plötzlich zog er Jakobes Brief hervor, aber er las ihn nicht mehr, langsam strich er damit durch die Flamme, bis das Papier aufbrannte und verkohlte. Zorniger Trotz saß um seinen Mund. Er wollte jetzt nicht allein sein. Ein hartes Lachen sprang in die Stille. Dann flog die Asche dem versengten Schmetterling nach. Auf dem Kiesplatz stieg und fiel der Springbrunnen. Aber die Tropfen verdampften in der Hitze dieser Nacht. In den breiten Alleen des Fontainengartens geschah überall ein Flüstern. Irgendwoher kam ein verlorener Schrei. Da und dort glühte das rote Ende einer Zigarre. Auf einer Bank lockte das helle Kleid einer Frau. Der junge Williguth ging darauf zu, mit knapp geschlossenen Lippen und heißen Augen.   Heiß und schwül blieb der Sommer, die Williguths aber seufzten nicht und trugen beharrlich des Lebens wundersame Bürde, jeder nach seiner Art. Witte in Zoppot ordnete eifrig seine Muscheln und baute regelmäßige Sandburgen, die er dann zornig gegen das Meer verteidigte, wenn der Sturm auf Wogenkämmen anritt. Er hielt fest, was er einmal hatte. Jakobe saß in ihrem Strandkorb, Tag um Tag, und stickte gleichmütig Tupfen um Tupfen in das weiße Mullkleidchen, das einst für Witte bestimmt, erst jetzt, da Jakobe vergeblich auf den Ruf aus der Heimat wartete und so reichlich Zeit hatte, der Vollendung entgegen wuchs und nun den kleinen Elias zieren sollte, der aus großen runden Kinderaugen das unendliche Meer beguckte und täppisch nach dem Ungreifbaren griff, auch er ein Williguth. Manchmal flatterten Papierschnitzel wie verwehte Schmetterlinge über den sonnenheißen Sand, wenn Jakobe Heinz Williguths knappe, nichtssagende Briefe zerriß. Dann lächelte sie hochmütiger als sonst über die bewundernden Männerblicke ringsum und wunderte sich, daß ein anderer nicht nahm, was doch nur auf das Genommenwerden wartete. Der Geheimrat aber wandelte lächelnd zwischen Gräfinnen und Fürstinnen, wie einst Goethe auf der Promenade von Karlsbad, und schrieb schulmeisterliche Briefe nach Hause, die Stein auf Stein zu einer Mauer bauten. Er lobte Wittes strengen rechtschaffenen Ordnungssinn, lehrte ihn die Namen aller Muscheln und Krebslein und zog schnurgerade Striche im Sand, wo dann Witte seine Burgen türmte. Und Philipp Emanuel freute sich, daß sein Blut nicht ganz aus der Art schlug. Nicht jeder war so klug und zweckbewußt wie sein kleiner Enkel. Gleich der starke Giacomo liebte, mehr als ihm gut war, grellere Farben und derbere Genüsse. Er tat seiner Menschlichkeit in Herkulesbad vollauf Genüge. Rumäninnen und Ungarinnen eroberten der Reihe nach sein Herz und manche sogar seine Brieftasche. Man lebte gar rasch und betäubend im grünen Czernatal. Umsonst saßen nicht in Ada Kaleh, mitten in der Donau, noch Türken um die schlanke Moschee. An der Grenze des Orients hatte das Blut schon schnelleren Schlag. So liebten die pfiffigen Frauen den reichen und dummen Schwaben. Aber der war ein Williguth, den kein verwirrendes Wunder aus der Fassung brachte, und in den Nächten, wenn die Zigeuner Trunkenheit in alle Mieder fiedelten und schlanke braune Offiziersfrauen mit prahlerischen Abgeordneten tanzten, die nur von der Politik lebten, begann für ihn das Treiben der verschlossenen Zimmer, wo das Hazard den Vorsitz führte. Und da holte sich Giacomo Williguth sein Geld wieder von den Männern, deren Frauen es ihm abgeschmeichelt hatten, mit Zins und Zinseszins. Denn er war das Finanzgenie der Familie, auf breitem Stock gewachsen, mit Fäusten, die stets im richtigen Augenblick zugriffen. Mitten in heißen Küssen konnte er plötzlich kalt und nüchtern erwägen, ob der holde Unsinn auch das schöne Geld wert sei. Dann hatte er dasselbe Lauern in den Augen wie sein Bruder Philipp Emanuel. Ganz anders als der üppige, etwas lärmende Giacomo trieb es der Geiger Tredenius. Der saß in seiner kleinen, alten »Adlerburg«, nicht weit vom »Blauen Herrgott«, und spann sich in Arbeit ein. Keiner durfte ihn stören, wenn er mit sich zu Gericht saß und die Geige oft in die Sommernacht hinausklang und noch nicht schwieg, wenn die Sonne die schläfrigen Sterne beiseite schob. Auch Karl Maria besaß den Trotz und die Verbissenheit der Williguths und die schrankenlose Hingabe an sich selbst. Vielleicht noch rücksichtsloser als die andern, denn bei ihm klang noch etwas mit: Der Kampf um die ewige Jugend. Fand er sein Spiel verrostet oder allzugrell, dann quälte ihn dies Nichtbezwingenkönnen aller Schwierigkeit weit weniger als der Gedanke: Du bist alt geworden. Da duldete er nicht einmal Frau Gundl um sich. Ihre behäbige großmütterliche Fülle war ihm eine verhaßte Mahnung an einstige Schlankheit, und das leise silberne Grau in ihrem Blond trieb ihn heimlich und gereizt vor den mitleidlosen Spiegel. So saß die verbannte Gundl geduldig mit der Familie Krusemann in Bad Schachen, paßte auf die torkelnden Enkel und häkelte blütenweiße Mützchen und Jäckchen für das Nächste, während Gottlob Krusemann in Hemdärmeln an der Korrektur seiner aus tiefster Seele gezeugten Gedichte feilte, die durch Gundls gutmütige Freigebigkeit endlich einen reichbezahlten Verleger gefunden hatten. Und nun wartete Gottlob auf den Lorbeerkranz. Linchen aber ließ sich den Hof machen und ihre blonde rotwangige Üppigkeit von einem alten Redakteur bewundern, der die Gedichte sicherlich in Erinnerung an Lines Zuvorkommenheit höchst günstig besprechen mußte, wie die wackere Frau aus der berechnenden Familie der Williguths inständig hoffte. So raffte das brave Geschöpf standhaft und indezent die Röcke und lernte ein verruchtes Lächeln. Und Gundl lächelte mit. Sie hatte Sinn für Humor und schaute gern in der Menschen wunderlich Wesen. Johann Sebastian aber und sein Weib verließen den »Blauen Herrgott« auch im Sommer nicht. Sie fürchteten, in der Fremde zu sterben, und glaubten an Wohlergehen nur in der Heimat. Auch konnte allzuleicht in ihrer Abwesenheit der Garten vernachlässigt oder ein Fenster vom Wind zerbrochen werden, wenn die zwei eisgrauen Dienstmädchen allein das Regiment führten. Die beiden Alten trauten nur sich selbst. So strickte Apollonia unablässig Strümpfe für den Winter, in möglich geschmacklosen Farben und recht dick, weil kalte Füße die Wurzel alles Übels waren, und die lieben Töchter, Enkelinnen und Urenkelinnen in ihren Sommerfrischen zitterten schon jetzt im Gedanken an diese Gaben, denn die gute uralte Dame machte nicht viel Federlesens, hob ohne Zagen die Röcke aller Williguthfrauen und überzeugte sich persönlich, ob ihre warmen Strümpfe auch wirklich getragen wurden. Johann Sebastian aber saß im Garten und wartete auf das erste Gelb im grünen Mantel des Sommers. Das war seine bescheidene Freude. Er liebte diese Zeit, da der Herbst die gelbroten Finger aus allen Büschen streckte, weil er am Welken ringsum seine eigene Lebenskraft immer aufs neue erkannte und stolz war, daß Gehör und Gesicht noch immer jung blieben und die Muskeln zu jeder Arbeit brauchbar. Manchmal trieb er auch Musik und lud dazu Heinz Williguth in den »Blauen Herrgott«. Der kam gern, denn er liebte die absonderliche, bunte Welt bei den Großeltern, die rund und reich war und dem alten Herrgott in Treuen diente. Da kam selbst seine flackernde Unruhe, die alle Kerzen an beiden Enden brannte, in ein beschauliches Besinnen, da lebte er wenigstens für kurze Stunden in einem Reich von Licht und Wärme. Denn seine Arbeit an der Klinik und daheim tat er jetzt wieder ohne die rechte Freudigkeit, wie einer Steine in einen Brunnen wirft und doch weiß, daß er ihn niemals ganz ausfüllen kann. Trotzig ließ er des Vaters mahnende und auch zornig fordernde Briefe in einem Winkel verstauben und schrieb nur knappe Antworten, hinter denen er seine tatenlose Zerrissenheit versteckte. Schückedanz aber schüttelte in geschäftiger Bedrücktheit den kahlen Kopf und schlich umher wie ein armer Sünder, der Angst vor dem Tage hat, da man von ihm Rechenschaft fordert.   So ging der Sommer zu Ende. Im Garten des Geheimrats war der alte Gärtner der Forcades am Werk, wie jedes Jahr. Er machte Jagd auf Rosenschädlinge, verbrannte verdächtige Blätter sorglich in kleinen, qualmenden Häufchen, trieb in einer Gartenecke allerhand Seltsames mit einer Düngermischung für das nächste Jahr, die vergraben und festgestampft sein strenggehütetes Geheimnis blieb, schnitt früh abgeblühte Stöcke mitleidlos zurück und veredelte wuchernde Kletterrosen. Welke Blüten in allen Farben verschenkten ihre Süßigkeit, aber sie lagen verstreut im Gras, und niemand dankte für ihren Duft. Auch im Hause begann das Reinmachen und Räumen und scheuchte Heinz Williguth hinaus. Simon Gottesdank hörte nach wie vor die Maus durch die Gänge huschen, nickte voll Weisheit und trank des Geheimrats Wein, weil ihn das zweite Gesicht wieder quälte. Und dann kam Flora Schirlitz mit Sommersprossen und einer neuen Handtasche aus Seehundfell, voll unwirschen Eifers, und schwang den Stab über den verdrossenen Köpfen des Gesindes, das faul und üppig war von der Sommerfreiheit und nur störrisch an die Arbeit ging. Der junge Williguth tat kurze Fragen nach Vater und Frau und schien verschlossener als je. Die Schirlitz faltete die Hände im Schoß und sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, gleichgültig und doch sonderbar hastig. Gottesdank begann den Tisch abzuräumen und räusperte bedeutungsvoll. Aber die Schirlitz biß lieber die Lippen blutig, ehe sie ihrer bekümmerten Neugierde nachgab. Simon faltete ironisch die Serviette, die der junge Herr unter den Tisch geworfen, und wartete wie ein selbstbewußter kleiner Herrgott, zu dem die beladenen Menschen kommen müssen. Als ihn aber das hartnäckige Schweigen verdroß, stieg er mit Würde einige Stufen von seinem Thron und wisperte geheimnisvoll: »Es ist immer noch das alte Lied.« Jetzt riß er die versoffenen Äuglein sperrangelweit auf und breitete die Arme, als wollte er seine Machtlosigkeit wider das üble Schicksal dartun. Und erkannte in diesem Augenblick, wie er mit diesem Hause verwurzelt war, daß er jetzt schwer atmete und die helle Angst ihn packte. Flora Schirlitz schob die tiefschwarze Perücke zurecht und schritt, ohne ein Wort zu sagen, an der dürren krummbeinigen Wichtigkeit vorbei. Würdevoll rasselte sie mit dem Schlüsselbund, tat gar sicher und zuversichtlich und klopfte mit Staublappen und Flederwisch an der Tür von Heinz Williguth. Es blieb ganz still. Da besann sie sich, daß er heute Nachtdienst auf der Klinik hatte, und trat ein. Auf dem Schreibtisch war ein buntes Durcheinander, alle Schubladen standen offen. Die Schirlitz drehte den Schlüssel im Türschloß und richtete sich straff auf. Gottergeben trabte sie auf ihren breiten Füßen mitten hinein in ihre Pflicht. In einem Schubfach waren Philipp Emanuels Briefe achtlos durcheinander geworfen. Die Hausdame zögerte einen Augenblick. Ihre gichtknotigen Finger streckten sich und zogen sich wieder schnell zurück. Sie ließ die Briefe unberührt. Dann fand sie ein paar kleine, graue Billette von Jakobe Williguth. Auch die las sie nicht. Sie schnüffelte nur ein paarmal und gebrauchte umständlich das Taschentuch. Dann ordnete sie zornig die Papiere, die kreuz und quer mit Heinz' kleiner, flüchtiger Schrift bedeckt waren. Ihr Atem lief schnell und schwer durch die Kehle. Sie lehnte sich in den hohen venezianischen Patrizierstuhl, den einst Jakobe mit ins Haus gebracht, und setzte die Hornbrille auf die Nase. Die Blätter knisterten zwischen ihren Fingern. Sie wußte nicht, was sie da eigentlich vor sich hatte, sie schaute nur pedantisch und ängstlich, ob auch alles fertig und abgeschlossen war. Auch sie maß alle Dinge nur nach ihrem Umfang und nach dem Wert, den sie einbrachten. Fast dreißig Jahre war sie schon im Hause und hatte ihre eigene Art ganz an die Umgebung verloren. Sie hatte Heinz aufgezogen, ihn verhätschelt und verwöhnt, dann seine Kinder betreut, und jetzt hielt sie seine Arbeit in der Hand. Sie mußte alles wissen. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Sie hatte eine hübsche, ordentliche Reinschrift erwartet. Und da liefen die Zeilen kreuz und quer, und der Schluß stand gar erst auf kleinen Zetteln, in Notizen und Tabellen hastig hingeworfen. Das würde der Geheimrat mit Recht tadeln. Dann erschrak sie. Zwischen den letzten Seiten lag ein Blatt mit einer Frauenschrift, die nicht von Jakobe stammte. Mit hochrotem Kopf las die Schirlitz das nicht ganz einwandfreie Blättchen und zerriß es dann in kleine Fetzen, die sie sorgsam in die Tasche steckte, daß ja nichts davon verstreut würde. Die alte Frau blieb ganz still, die Brille auf dem Nasenrücken, und starrte geradeaus. Sie sah Jakobe gelassen und doch voll verhaltener Unrast zwischen Witte und Elias, sie hörte ihren raschen Ausruf, wenn die Post kam, sie erinnerte sich der langen, sonnenroten Abende, wenn der Geheimrat auswärts war und Jakobe einsam auf ihrer Veranda saß, von welcher der Blick frei über das Meer ging. Und ihre in langer Witwenschaft altjüngferlich vertrocknete Seele erkannte mit einem Male dunkle Zusammenhänge und das Leid zwischen Mensch und Mensch. Fremd und gewaltsam zog das Leben seine Furchen und fragte nicht, ob sie über ein heißes Herz wegschnitten. Sie raffte sich auf. Die Hauptsache war gerettet, die Arbeit, wie es schien, im großen und ganzen vollendet. Fast heiter tat sie ihr Werk mit Wischen und Stauben und putzte eifrig, als gelte es, allenthalben Staub und Flecken zu tilgen. Als Heinz heimkam, sagte sie schlicht: »Ich habe die Arbeit gesehen. Ist sie wirklich fertig?« Er zuckte die Achsel: »So ziemlich.« »Ich hätte eine Bitte.« »Na, was denn?« Sie brauchte das alte, trauliche »Du«, wenn sie mit ihm allein war. »Schau, Heinz, der selige Schirlitz hat mir auch immer die Predigt in die Feder vorgesagt. Laß es jetzt auch so sein! Ich freue mich auch ganz kindisch, daß du so fleißig warst.« Sie wurde rot und lächelte über den breiten, häßlichen Mund. »Ob es auch etwas taugt?« So hatte er schon als kleiner Junge immer gezweifelt, wenn er ihr seine Schulaufgaben zeigte. »Aber, Heinz, das muß ja gut sein!« Sie wog den Stoß engbeschriebenen Papiers stolz in der Hand. Er zögerte noch: »Weißt du, das ist so'ne Sache – –.« »Wir haben noch viele Abende. Da ist reichlich Zeit, wenn wir fleißig sind. Und dann –.« Wie im Triumph streckte sie den Arm und wies in eine hellere Ferne. Er streichelte ihre alte Hand und blieb so eine Weile. »Gleich jetzt!« sagte sie schnell, genau wie sie ihn einst zur lateinischen Präparation eingefangen hatte. Und sie ging ihm voran und schrieb bis zum Morgen und staunte, wie seine tonlose Stimme jetzt Klang und Farbe hatte. Dazwischen kochte sie schwarzen Kaffee und brachte ihm Zigaretten. Und Heinz tat ihr den Willen, ging aus sich selbst heraus und baute knappe, klare Sätze, die jetzt auch im Stechschritt marschierten, aber sie merkten es beide nicht. Das ging zwei Wochen so fort. Dann setzte sie fein säuberlich den Schlußpunkt, malte Titel und Datum hin und war froh und stolz. Nun mußte alles gut werden, und sie lachte aller Welt ins Gesicht. »Na, da siehst du mal!« Er blickte sie unsicher an und strich langsam über die Stirn. An diesem Abend kam ein Telegramm aus Konstanz. Des Superintendenten Befinden hatte sich plötzlich verschlechtert, und Frau Albine verlangte nach Heinz. Daß sie so eigenmächtig alle Familienordnung durchbrach und nicht den Geheimrat aus Zoppot berief, zeigte dem jungen Williguth, wie schlimm es mit Onkel Friedemann stehen mußte. Denn es geschah nicht oft, daß die so fügsame Albine überhaupt eigenen Willen bekundete oder gar allein handelte, ohne erst rundum zu fragen. Und er wunderte sich fast, daß man gerade ihn zu Hilfe rief. Flora Schirlitz hielt das Papier mit beiden Händen mißtrauisch von sich ab: »Warum nicht der Geheimrat?« Da war er plötzlich hochfahrend und sah sie nur zornig an. Abermals empfand er die starre Art der Williguths als etwas Fremdes in seinem Blut und wußte, daß diese schnelle Reise auch eine erwünschte Flucht vor Vater und Frau war. Denn er hatte eine mißtrauische Scheu vor dem ersten Zusammentreffen, wenn der Zwang freundliche und lächelnde Gesichter schuf, das Leben wieder auf eisernen Schienen lief und jede Stunde von vornherein ihren Merkzettel bekam. Er haßte alle die glatten, wohlerwogenen Worte, die wie Seiltänzer über Abgründe sprangen. Aber Friedemann wollte durchaus heim. So brachten Heinz und Albine den Schwerkranken in das stille Haus hinter St. Pankraz. Da kamen nun alle Williguths, die der Herbst in die Stadt führte, und standen traurig und schwerfällig in der guten Stube mit dem großen Lutherbild, dicht gedrängt, daß ihre großen plumpen Körper allen Raum ausfüllten. Johann Sebastian fingerte den Rand seines Zylinders und blickte zum Himmel, doch es war mehr Zorn als Frömmigkeit. Auch der Herrgott sollte ihm zu willen sein. Flüsternde Frauen trösteten die verzweifelten dicken Töchter Friedemanns, denen kugelrunde Tränen aus den Augen tropften. Frau Aline stand hilflos in der Mitte und wartete auf irgend einen Befehl. Nur Philipp Emanuel kam noch immer nicht. Verwundert, daß einer von ihnen sie im Stiche ließ, steckten sie die Köpfe zusammen. Und Apollonia sagte endlich: »Du hast ihn gekränkt. Albine.« An keinem Williguth konnte ein Tadel sein, bei angeheiratetem Frauenvolk war es ein ander Ding. Von allen Seiten beguckt und bedrängt, richtete sich Albine Williguth auf. Ihre knochigen Finger zerrten an dem schwarzen Kleid, das schlapp an der dürftigen Gestalt hing, das farblose, demütige Gesicht wurde rot vor Arger. Selbst die sonst so ängstlichen Augen bekamen plötzlich ein drohendes Funkeln. Eines ganzen Lebens still getragene Bürde schien von ihr zu gleiten. Dann aber sank sie gleich wieder in die alte, längst gewohnte Ergebenheit in den Willen dieser Familie und sagte nur angstvoll: »Es ist doch mein Mann, um den ich mich sorge.« Unbehaglich stießen sie sich an, verwundert und ärgerlich, daß dieses unbeachtete Geschöpf einen Williguth ganz für sich in Anspruch zu nehmen wagte, weil sie ihm Kinder geboren hatte. »O, du!« schnappte Apollonia und war geneigt, der dürftigen Albine alle Schuld an Friedemanns Krankheit aufzupacken. Johann Sebastian schwang feierlich den Zylinder, bedrückt, daß er hier nicht schimpfen und wettern konnte. Er öffnete ein paarmal den Mund und schloß ihn wieder, wie ein Fisch, dem die Luft ausgeht. Gundl Trebenius fand das rechte Wort. Sie packte ihre zwei geschwätzigen Töchter an den runden Schultern und drehte sie zur Türe: »Jetzt macht endlich, daß ihr rauskommt!« Sie wies sehr deutlich von einem zum andern, und es blieb kein Zweifel, daß sie die ganze hochmögende Familie meinte. Gottlob Krusemann aber mußte sich einen eindrucksvollen Abgang schaffen. Wichtig, mit schöner Empfindung in seinem Baß, wandte er sich zu Karl Maria Tredenius: »Was soll aus den vaterlosen Waisen werden, wenn wirklich – –?« Da stand der Geheimrat in der Tür, eine kleine Reisetasche in der Hand, das Haar verstaubt, das Gesicht alt und verfallen. Bloß die grauen Augen hatten ihr helles Leuchten. Die Williguths wichen vor ihm zurück. Nur Krusemann konnte sein Plappern nicht lassen und verbreitete sich über den traurigen Anlaß. Der Geheimrat schob ihn wie ein Kind zur Seite: »Erzähle das deinen Schulbuben!« Apollonia hielt ihn an den Rockklappen fest: »Denke mal bloß, daß nun Friedemann krank ist!« Sie küßten sich fast niemals. »Ja, Mutter,« sagte er müde und blinzelte rundum. Aurelius Schückedanz, der ein Stockwerk tiefer bei seinem Vater gerade Mittagrast hielt, kam hereingestürmt. Polykarp hatte sein Pfeiflein am Fenster geschmaucht und den Geheimrat im Automobil erkannt. »Ist hier ein Kaffeehaus?« fragte Philipp Emanuel scharf und zog die Brauen hoch. Langsam gingen da die Williguths. Vor ihm hatten sie alle Angst. Und dann war Friedemann jetzt in guten Händen. Nur ein Williguth konnte ihm helfen. »Wo ist mein Sohn?« Schückedanz hob vorsichtig den Zeigefinger gegen das Krankenzimmer. Grollend kam Philipp Emanuels Stimme aus der breiten Brust: »Auf der Klinik war natürlich keiner von euch zu finden. Man braucht euch nur mal unerwartet kommen. Die Hüftgelenksresektion habe ich gleich selbst gemacht. Lotterwirtschaft!« Er gähnte. Einen Augenblick sank sein Kopf nach vorn. Dann straffte er sich wieder und blickte geradeaus. Die Hand auf der Türklinke fragte er: »Mit welchem Unsinn habt ihr beide denn das Volk erschreckt?« Und diese spöttische Überlegenheit behielt er auch bei, als er mit Schückedanz und Heinz in der Pfarrkanzlei den Fall Friedemanns wissenschaftlich erörterte. Dann rieb er in unwilliger Anerkennung die Handrücken aneinander und sagte langsam: »Nun, du bist ja recht eifrig geworden.« Und blickte verwundert, daß Heinz dazu nur ruhig und gemessen lächelte. Breit strich Philipp Emanuels Hand durch die Luft: »Du siehst entschieden zu schwarz.« »Warten wir ab!« Jetzt stützte der Geheimrat den Kopf in die Hand und grübelte. Langsam ging sein Blick zu Heinz, ein mißtrauisches Prüfen auf Willen und Kraft. Dann aber schmunzelte er, wie Gottvater, wenn er seinen Engeln das Weltregiment wieder abnimmt: »Wir wollen es zunächst mit Jod versuchen.« Schückedanz nickte ergeben, Heinz aber kreuzte die Arme: »Du glaubst selbst nicht, daß dies helfen kann.« »Na, mein Junge, wir wollen es darauf ankommen lassen.« Grämlich verzog er den Mund. Jetzt haßte er seinen Sohn. Es war eine üble Heimkehr. Das behagliche Ausruhen hatte ihn etwas schlaff gemacht, das Frauenlächeln seine Eitelkeit umschmeichelt. Er fühlte sich wie ein Gott, der ewig jung bleibt und immer recht hat. Und da spazierte jetzt sein Bub im Gelehrtenrock vor dem eigenen Vater. Verdrossen lehnte sich Philipp Emanuel wider dies neue Wesen auf. Da mußte Ordnung werden. Als er durch den Rosengarten schritt, die zurückgeschnittenen Stöcke betrachtete und an den bunten kleinen Herbstrosen roch, beschloß er kurzerhand, auch sonst ringsum unerwünschtes Rankenwerk abzuknipsen. Er holte die Gartenschere und schnitt da und dort in den Büschen. Die Bewegung tat ihm wohl. Das Blut stockte nicht mehr, sondern rann hell und schnell. Da lächelte er plötzlich im Gedanken, daß er seine Jugend sich überhaupt erst beweisen sollte. Noch trug er die Krone und fühlte sie nicht als Last. Die andern konnten lange warten, bis er ging. Er reckte die Arme und schlug sie durch die Luft. Sein Vater spielte noch immer die Orgel und war an Sechsundachtzig. Sie alle waren von gesunder Rasse. Da dachte er an Friedemann und furchte sekundenlang die dichten Brauen. Fast zornig reckte er sich wieder auf und ließ die Schere schnappen. Jetzt sollte Leben ins Haus, er brauchte sein Haustyrannentum wie einen Bissen Brot. Er blieb der Herr, immer und alle Tage. Lampen sollten überall brennen und mit ihrer hellen Wärme die langen fröstelnden Abende betrügen. Fröhliche Gäste wollte er und alle prunkhaften und behaglichen Geräte seines Reichtums. Jakobe und die Kinder sollten ihn erheitern, wenn sein Bruder Friedemann schon krank war. Wieder furchte er steilrecht die Brauen, dann lachte er. Oben lag ja die Chronik in Schweinsleder. Als Patriarchen waren die Williguths gestorben. Freilich, es gab Ausnahmen. Er blieb stehen, senkte die Schere und stampfte unwillig auf. Am Abend schrieb er an Jakobe und berief sie heim.   Witte Williguth saß im Gras und schaute nachdenklich in den Fall der gelben Kastanienblätter, die unsichtbare Hände wie zum Spiel herabstreuten. Witte ging jetzt in die Schule und war darob stolz und hoffärtig. Zudem hatte er eine Engländerin und lernte von ihr Vokabeln mit Williguthscher Verbissenheit und Wichtigkeit, die jede neue Weisheit überall anzubringen suchte. Auch Boabdil entrann dieser aufdringlichen Gelehrsamkeit nicht immer. Verdrossen hockte er in der Sonne und sah verspäteten Schwalben nach, die im Blau sich tummelten und zum Fernflug rüsteten. Wie Kiesel ins Wasser fielen Wittes Vokabeln spitz und eintönig vor ihm nieder: »Die Tür – the door .« Ein gekränkter Blick, weil niemand seinen Fleiß bewunderte, und dann: »Der Hund – the dog .« Boabdil bellte anerkennend einer besonders behenden Schwalbe nach, und Witte hielt ihm erfreut sein buntes Merkbuch hin, wo unter jeder Abbildung das englische Wort gedruckt war. »Der schwarze Hund – the black dog !« Boabdil runzelte die kurze Nase und guckte stumpfsinnig sein Konterfei an. Witte seufzte ungeduldig und betastete fast ehrfurchtsvoll sein wackliges Zähnchen. Er fühlte dunkel, daß eine Veränderung mit ihm geschah. Irgend etwas wurde anders, er schaute an sich hinab, aber er fand nur, daß das weiße Höschen kürzer und die braunen Beine länger waren als bisher. Sorgenvoll blickte er wieder in das Fallen der Blätter, die wie gelbe Schmetterlinge in der blauen Luft schwebten. Dann zog er einen Briefumschlag hervor und musterte die Marken, die er jetzt emsig in der Schule gegen seine vielbegehrten Muscheln eintauschte. Er machte gute Geschäfte, ließ sich nicht betrügen und bildete sich nicht wenig auf seine Klugheit ein. In einem Viereck weißgestrichener Bretter war weicher, trockener Flußsand aufgeschüttet. Dort kroch der kleine Elias und grub nach Herzenslust. »Er ist nicht gescheiter als Boabdil,« dachte der hoffärtige Witte und verachtete seinen Bruder. Der schrie gleich, wenn er hinfiel, und trug noch einen Weiberrock. Witte war entschieden das bedeutendere Geschöpf. Wohlgefällig schmunzelte er in sich hinein. Plötzlich turnte Elias auf allen Vieren über die niederen Bretter und saß erstaunt im Gras. Ganz langsam krabbelte er sich auf, hielt sich am Rand und stand auf einmal auf seinen kurzen Beinen. Witte wunderte sich sehr, Boabdil tat dies nur, wenn er um Zucker oder sonst etwas bettelte. Eine Weile blinzelte Elias und drehte das Köpfchen, ob die Kinderfrau auch in sicherer Entfernung war, dann tat er jauchzend die ersten Menschenschritte auf seinen Bruder zu. Die grauen Augen waren groß und rund, als Elias das erste Stück der weiten Welt eroberte. Wichtig wackelte er umher und lallte unverständliches Zeug. Auch ihn sollte man jetzt bewundern. Bescheiden war kein Williguth, auch der winzigste nicht. Er hielt sich an Witte fest, weil er ins Schwanken kam, tat aber sogleich, als wollte er den großen Bruder führen und leiten in der ersten Sicherheit seines aufrechten Menschentums. So zerrte er Witte bis zum Goldfischteich, die Lippen aufeinandergebissen in dem mutigen Entschluß, nicht hinzufallen. Dort hockte Aurelius Schückedanz mit einem kleinen grünen Handnetz und fischte nach seinem »Röschen«, das jetzt ins Winterquartier sollte. Wie eine Kugel, so rund und fett, erschien der gute Professor dem naseweisen Witte. »Ks – ks!« machte er unartig und trieb Schückedanz den dicken Goldkarpfen davon, der schon beinahe im Netz war. Erstaunt schaute Aurelius auf: »Gotteswunder, unser Elias marschiert auf seinen kleinen, kleinen Beinchen!« Er hob Hände und Netz zum Himmel. Witte nickte stolz, weil er jetzt seinen Bruder beschützte und herzeigte und diese neue Wichtigkeit voll genoß. Elias aber ballte die Hand und streckte dann die Finger aus. »Ham, ham!« krähte er. Was er sah, wollte er haben. Auch darin geriet er Witte nach. Schückedanz hatte jetzt »Röschen« endlich gefangen und setzte es behutsam ins Glas. »Ham!« beharrte Elias puterrot und zog schon den Mund schief. Schückedanz hielt »Röschen« vorsichtig in die Höhe und schmunzelte in der Erinnerung, daß noch im Frühjahr Witte denselben entschiedenen Wunsch geäußert hatte. Er selbst hatte als Knirps alles an andere verschenkt, sogar das dünn bestrichene Vesperbrot, und diese Zwerge griffen schreiend nach allem, was ihnen in die Augen stach. Einen Augenblick las er in diesen Kindern die Runenschrift ihres Blutes, den unbeugsamen Willen Philipp Emanuels und der ganzen starken Sippe. »Dummer Elias,« sagte jetzt herablassend Witte, »der Fisch gehört doch Onkel Aurelius. Aber du bist noch so klein.« Mitleidig hielt er den strampelnden Greifer mit beiden Armen fest. Und Schückedanz dachte an den überlegenen Stolz, den der Geheimrat seinem eigenen Sohn entgegensetzte. Da wuchs dasselbe Kraut ins Blatt. Verwundert schüttelte er den Kopf. Die hübsche, blitzblanke Engländerin lief heran, Aurelius wurde rot und stellte schnell das Fischglas ab. Witte plapperte sofort seine Weisheit los und wurde belobt. Boabdil bellte, weil er das fremde Frauenzimmer nicht leiden konnte. Überall griff man jetzt in sein Recht. Elias kroch schon wieder auf allen Vieren und suchte ihn am Schwanz zu packen. »Ach ja,«sagte die Miß und strich das blonde Haar zurück, »those children! I hope they didn´t bother you?« »Yes!« antwortete Aurelius sehr laut und rieb die Hände trocken. Er hatte keine Silbe verstanden. Unter den Bäumen stand Jakobe Williguth. Zu ihr rettete er sich schnell aus seinem schlechten Englisch und seiner Junggesellenscheu. Jakobe war schöner und sicherer als je, sie wuchs jetzt voll in das Maß der Williguths hinein. Schückedanz dienerte vergnügt: »Gut, daß Sie wieder da sind!« Die braunen Augen glitten ruhig an ihm vorbei: »Braucht man mich denn?« Dann blickte sie mit müdem Lächeln auf die spielenden Kinder. Ihre schmalen Hände hingen steif und regungslos herab. Schückedanz erschrak. Früher war sie anders, ging mehr aus sich heraus. Jetzt schien sie nur ein gelassener Zuschauer in dem Widerstreit dieses Hauses. Und er wußte auf einmal keinen Weg zu ihr. Auch Flora Schirlitz stand überall vor kleinen Veränderungen. Zunächst schien ihr die Miß, die zudem eine Pastorentochter war, ein unnützer Eindringling. Sie hielt nicht viel von fremden Sprachen. »Schnack«, dachte sie ärgerlich, »Witte stößt nun glücklich mit der Zunge an. Aber das will keiner hören.« Dann war die junge Frau voll Unrast und schien ganz dem Teufel irdischer Eitelkeit verfallen. Die sah und hörte überhaupt nichts mehr. Kleider und Hüte wurden ins Haus gebracht, es gab stundenlange Anproben, und dann erschienen noch mehr Kleider und Hüte. Besuche kamen und gingen, Jakobe war bald da, bald dort, kaum, daß sie während der Mahlzeiten stille saß. Die Rappen des Geheimrats fielen schier vom Fleisch, weil sie plötzlich so strengen Dienst hatten. Aber es war keine Heiterkeit in dieser absichtsvollen Unruhe. Sie alle wollten das starre Schweigen aufrütteln, das wie zerrendes Blei an jeder Stunde zu dritt hing. Sie scheuten dunkle Stunden und leere Zimmer und haschten nach jeder fremden Stimme, die das weite Haus mit ihrem Widerhall füllte. Eine Gesellschaft jagte die andere. Mehr als je glänzte der Geheimrat mit seiner Schwiegertochter. Abend für Abend waren Gäste im Hause, überall brannten Lampen und gaben Licht und Wärme. Alle, die kamen, beneideten das Glück der Williguths und wußten nichts von dem rastlosen Unfrieden, der wie mit der Hetzpeitsche durch ihre Tage lief. Und mancher wunderte sich, daß hinter dem stattlichen Philipp Emanuel und der schönen, schmalen Jakobe manchmal ein mürrischer, starkknochiger Mensch auftauchte, der dann als der Mann der bezaubernden Frau vorgestellt wurde. So lebten die drei aneinander vorbei. Sie konnten nicht anders. Flora Schirlitz allein war voll Mißtrauen, ihr puritanischer Sinn begriff nicht, daß es ein bewußtes Abschließen gab, das wie eine Hingabe an jedermann schien, daß man lieber mit glitzernden Lügen Fangball spielte, als sich an der harten Wirklichkeit die Haut blutig ritzte. Nikolaus Forcade wieder freute sich der bunten Geselligkeit, tat lächelnd mit und betrachtete die Hast seiner Tochter mit philosophischem Gleichmut. Zunächst schlug da die Art der Mutter einmal durch. Dies vielgeschäftige Hin und Her war ihm wohlbekannt. Und dann grübelte er, daß Jakobe eigentlich keinen rechten Frühling gehabt und nun ein wenig krampfhaft und eilig in den Sommer hineinlebte, als könnte sie wettmachen, was ungenossen und farblos hinter ihr lag. Dann aber verließ ganz unerwartet die junge Engländerin das Haus. Sie hatte selbst darum gebeten. Der Geheimrat empfahl sie wärmstens an einen Kollegen in Kiel. Keiner im Hause verlor die Haltung. Sie schwiegen und besprachen gleichgültige Dinge, lächelten und machten ernsthafte Gesichter, alles zu seiner Zeit. Die Schirlitz wandte übellaunig den Kopf, wenn jetzt Simon Gottesdanks boshafte Blicke ihr den Weg versperrten und bedeutsames Räuspern den Alleswisser verriet. Nur Witte war betrübt und fand kein Ende mit Fragen, weil er um seine vielen neuen Vokabeln bangte. Der Geheimrat saß gelassen am Teetisch und ließ sich von Jakobe die Tasse füllen. Wie beiläufig und scheinbar zum Dank für ihren willigen Eifer sagte er plötzlich: »Dir gefiel neulich der Manet in der Ausstellung, nicht wahr, liebes Kind?« Langsam führte er die Tasse zum Mund und lauerte über den goldenen Rand weg. Erstaunt sah Jakobe auf und sagte nichts. Am nächsten Abend, als sie todmüde heimkam, hing der wundervolle kleine »Garten an der Seine« in ihrem Schlafzimmer, eine Wildnis von bunten Blumen unter einem schweren grauen Himmel. Philipp Emanuel selbst hatte den richtigen Platz ausgesucht. Jakobe dankte herzlich und hatte das wehe Gefühl, daß diese Williguths allem ein Denkmal setzen mußten. Dann saß sie lange allein und grübelte. Vor ihr leuchtete der Manet im grellen Weiß der elektrischen Birnen. Draußen kam ein Schritt. Jakobe sprang zur Tür und schloß lautlos ab. Eine Hand versuchte die Klinke. Ein zorniges Aufstampfen, und wieder war es still. Nur im Garten rauschten die Bäume, der Oktoberwind ging durchs Land und streute welkes Laub vor sich her. Vom Fluß, aus weiter Ferne kam das Stampfen einer Baggermaschine, die Kübel nach Kübel hob, immer wieder, in stetem Gleichmaß, und es ward doch kein Ende. Endlich einmal bei euch etwas, das nicht langweilig ist!« Und Jakobe konnte steinern lächeln, als ihre Mutter, die Lorgnette vor den Augen, durchs Haus rauschte und sehr verwundert tat, die Miß nicht mehr zu finden. Miriam unterhielt sich glänzend: »Schade, Witte machte so hübsche Fortschritte! Also nach Kiel hat Philipp Emanuel sie spediert? Gott, nein, Jakobe, wenn ich mir vorstelle – –!« Sie lachte ihr lautes, gesundes Lachen, ausgelassen und derb, wie eine kleine Choristin. Dann nahm sie die Tochter beim Ohrläppchen, zog die dicken Brauen hoch und guckte spöttisch durch die Lorgnette: »Na? Nicht mal neue Boutons? Wirklich nichts, gar nichts?« Auf einmal lachte sie nicht mehr. Zornig schlug sie mit der Lorgnette gegen die schweren Brüste: »Nicht eine Ader hast du von mir! Bist nichts, weißt nichts, stehst da wie ein Haubenstock. Meinst du, das amüsiert ihn? Halten sollst du ihn und verscheuchst ihn mit deiner Hundeschnauze. Lehr du mich Männer kennen! Mach' Skandal, schrei', fall' ihm um den Hals oder in Ohnmacht, wie sich's gerade trifft, dann hast du ihn. Meine langen Smaragdtropfen da hab ich eurem guten Papa abgeluxt, als er mit weiland eurer Bonne, du weißt doch, die hübsche kleine Gilberte mit den grünen Augen, gar zu sehr auf sein elegantes Französisch bedacht war. Gott, war der arme Mensch damals außer sich! Ich habe mich krank gelacht!« Vertraulich warf sie Jakobe die schöne weiße Grübchenhand auf die Schulter. Dann stand die Gräfin Forcade mit eingekniffenen Augen vor dem »Garten an der Seine«. »Da sieh mal an, du Duckmäuser! Von ihm natürlich?« »Vom Geheimrat.« Wieder lachte Miriam, laut und derb, daß Fenster und Lampen in ein feines Singen kamen. Ihr Theatersinn hatte lustigen Feiertag. Sie schnippte mit allen zehn Fingern: »Sapristi, das nenn' ich originell! Warum hast du eigentlich nicht den Alten geheiratet?« Und wieder klirrten die Scheiben. Jakobe senkte den Blick und machte die Lippen schmal. »Ach so! Na, ja, weißt du was. Kleine, magst du mit mir reisen? Meran, Nervi, Mentone, wohin du willst. Halb Europa spaziert dort auf der Promenade.« Gutmütig, wie eine Spießbürgerin, streichelte sie jetzt die Tochter. »Ich war lange genug fort.« »Gott, du bist langweilig, Jakobe!« Zornig sprang sie auf, daß die Röcke raschelten. Die Lorgnette wirbelte im Kreis um ihre starken Hüften. Scharf schnappte ihre Stimme: »Du weißt einfach nicht, was du willst!« Unbequeme Menschen schob sie gern auf das Nebengeleise. Da kam der Geheimrat, stattlich, voll heiterer Würde, und Miriam und er versicherten sich, daß sie jung und frisch seien, wie noch nie. Jakobe blickte stumm dieser wechselseitigen Bewunderung zu, wie dem Spiel zweier Puppen, die an Drähten tanzten. Als sie dann im Kinderzimmer die bereitgelegten Kleidchen der Buben für den nächsten Tag durchsah, kam ihr Mann herein und fragte ohne Gruß: »Die Sonntagskleider? Wozu?« Wenn er unsicher und schuldbewußt war, gab er sich stets kurz und grob. Hinter halbgeschlossenen Lidern prüfte Jakobe Zug um Zug. Die Feinheit von einst war verwischt, alles schien derber und gewöhnlicher. Rote Flecken lagen unter den Augen, das Kauen der Kinnbacken kam kaum zur Ruhe. Und auch diese Gewaltsamkeit war nur eine Maske. Fast sah es aus, als äffte er den Vater nach. »Du kannst antworten, Jakobe, wenn ich frage.« Verwundert hob sie den Blick, in müder Gleichgültigkeit: »Es soll bleiben, wie jedes Jahr. Onkel Friedemann will das Reformationsfest mit allen Kindern feiern.« Sie schob die dichten Brauen in gespannte Falten, wie um besser aufmerken zu können, und prüfte fast ängstlich Elias' gesticktes weißes Kleidchen und die Bügelfalten an Wittes langem Matrosenhöschen. Die Williguths hatten krittelsüchtige, scharfe Augen, auch wenn sie tafelten und Feste feierten. Verdrossen mäkelte er weiter: »Friedemann ist krank. Wozu die Komödie?« Sie legte die Kleider sorgsam zurück und gab keine Antwort. »Mir kann es recht sein. Aber denk' an mich, Jakobe, in dieser Sache mit Friedemann wird der Alte seine Gottähnlichkeit noch ganz kurios in die Tasche stecken müssen.« Höhnisch stand er da und hatte ein schlimmes Lauern in den Augen. Er war ein Williguth und wandelte sein Unrecht in Recht. Jakobe schwieg und lächelte nur zu ihrer neuen Kargheit. Und plötzlich lagen strenge, scharfe Linien um ihren Mund.   Die Kirche von St. Pankraz verstellte dem Hause des Superintendenten Friedemann Williguth alle Sonne. Klein und engbrüstig duckte sich der schmale Bau mit der hohen roten Dachkapuze unter das Massiv von Kirche und Turm. Und die uralten, samtbraunen Eichbalken im grauen Mauerwerk vibrierten ganz leise, wenn drüben Johann Sebastians Orgel ging oder eine der großen Glocken. Aber heute traten schwere Williguthfüße und stampfende Kinderbeine derb hinein in dies haarfeine Mitsummen zu Gottes Ehre. Dunkle Korridore sprangen plötzlich ins Licht und zeigten rissige Wände, vergilbte, dunkelgerahmte Stiche und ehrwürdiges Hausgerät, wenn eine der drei geschäftigen Haustöchter eine schwarzgestrichene Tür aufriß und der Widerschein der milden Oktobersonne von der warmgoldenen Kirchenmauer matt und stetig über die grauen Steinfliesen hinrann. Aber schon im nächsten Winkel blieb das schläfrige Dämmerlicht, das zur abgeschlossenen Würde dieses Hauses gar wohl paßte. Nur das emsige, schnarrende Kreischen des glitzernden Turmhahns hoch oben, der sich jahraus, jahrein im Kreise drehte, war ein Zugeständnis an die Weltlichkeit da draußen. Ein Wunder schien es, daß in dieser engen Gasse mit den steilen, schmalbrüstigen Häusern das Frauenvolk Friedemanns zu solcher Knochenwucht und Leibesfülle herangediehen war. Heute flog ein Frauenrock um den andern Tür aus, Tür ein. Denn der feste Brauch, an diesem Tage die ganze Familie zu bewirten, konnte selbst durch die Krankheit des Hausherrn nicht erschüttert werden. Das Braten und Kochen geschah sogar mit verdoppelter Betriebsamkeit, als könnte solche Beharrlichkeit auch den Kummer besiegen, der mit schweren Schwingen durchs Haus strich. Und als mittags das Rasseln der Turmuhr zum Schlag anhob, war der lange Tisch in dem Zimmer, wo einst die evangelischen Kirchenobern in schweren Zeiten sich Treue schwuren, blütenweiß gedeckt, und zwei junge Hilfsprediger guckten schon hungrig durch den Türspalt. Dann schämten sie sich ihrer irdischen Gier und sahen aufmerksam über den sonnenhellen Kirchenplatz nach dem Glockenspiel. Und aus der Turmnische drüben trat jetzt richtig Gustav Adolf im gelben Koller, die blaue Feldbinde um den Leib, und schwang artig den Federhut vor der mittäglichen Rast der Williguths und ihrer Stadt. Über die häßlichen Läufer aus Rohleinen, die zur Schonung über die bunten, geschmacklosen Teppiche gebreitet waren, schritten jetzt die Williguths mit ihren starken Frauen und brachten ihren zahlreichen und gliederschweren Nachwuchs mit sich. Jedes Jahr kamen sie so zu Friedemann, und die Würdigen und Wohlansehnlichen grollten dem Schicksal, daß dieser Tag diesmal nicht so hell und frohbewegt sein durfte, wie sonst. Denn für das Kranksein und Sterben hatten sie sich noch keine Maske zurechtgelegt, da sie noch alle lebten, vier Generationen, ein Heerwurm, der sich gewichtig über die Erde schob und alles Gute und Genießbare wegfraß. Und wie an allem Besitz hielten sie auch daran fest, daß ihr Friedemann gar nicht ernstlich krank war, blickten unwillig nach seinem leeren Platz und warteten, ob er denn nicht doch käme. Aber ihr breites Lachen hatte einen falschen Ton, selbst ihre sonstige Gefräßigkeit hielten sie im Zaum, nur die Kinder griffen wacker zu. Und doch war alles wie stets, der blütenweiße Tisch, das große, ewig dämmrige Zimmer mit dem leisen Geruch nach Tabak und frischgewaschenen Gardinen, der wackelige Ofenschirm aus vergoldetem Rohr mit Laura und Petrarca in buntem Kreuzstich, die dunklen, streng geschlossenen Kleider der Frauen, die feierlichen schwarzen Röcke der Männer, alles ernsthaft, gediegen und bürgerlich. Wie stets trug die blasse, hagere Frau Mine die große ovale Brosche mit dem Miniaturbild des Eusebius Williguth, der als Abtrünniger und Kardinal der römischen Kirche zu Venedig, vor dem Hause, in dem Casanova seine Spielbank hielt, von Sigismondo Bramafàm und einem jungen deutschen Prinzen im Raufhandel erschlagen worden war. Aber der eiserne Familiensinn ließ auch den Ketzer nicht aus seiner Mitte. Er war der geheime Stolz und die geheime Schande der Williguths, ein seltsam wilder Schößling an ihrem uralten Baum. Aber er trug das rote Barett und mochte immerhin als ein Diener Gottes gelten. Und weil sein schmales, spöttisches Gesicht mit dem schweren Kinn und den verlebten grauen Augen auf Elfenbein gemalt und von großen Amethysten und Rauten umgeben war, vergaßen sie seiner Sünden und seines schlimmen Todes, und er durfte Generationen von Williguthfrauen auf der vollen oder flachen Brust liegen, wie ein Symbol der irdischen Größe, zu der einer aus ihrem Hause emporgestiegen war, wennschon auf absonderlichen Wegen. Der Kardinal Eusebio Bentivoglio hatte den hochmütigen Blick aller Williguths. In ihm erkannten sie sich selbst mit halb geschmeicheltem, halb pharisäischem Unbehagen. Heinz Williguth glich ihm Zug um Zug. Derselbe frauenhafte Mund, die gleichen gierigen Augen mit den frühen, scharfen Falten darunter, die starken Backenknochen und die schmale, überhohe Stirn mit den seinen blauen Adern an den Schläfen. Da saß er, steif und aufrecht, ein Fremder in der eigenen Familie. Die konnten essen und trinken und plötzlich mitten darin den Kranken bedauern, alles mit derselben Wichtigkeit. Wie eine Mauer stand ihr sicherer Hochmut. Und sein Vater war wie die anderen. Selbst in Jakobes verhaltener Art fand er ein allmähliches Anpassen an den Brauch dieser Sippe. Johann Sebastian erhob sich jetzt, das Weinglas in der Hand, wuchtig und selbstbewußt stand er, wie ein Patriarch unter seinem Volk. »Ich trinke auf die Gesundheit unseres Friedemann.« Dann schnappte er kurz ab und setzte sich. Voll bedächtiger Schwerfälligkeit nickten sie mit den dicken Köpfen und blieben ganz still. Durch die schmalen, hohen Fenster fiel nur mehr wenig Licht, verirrte Sonne, karg und spärlich, ohne warmen Glanz. Überall lagen dämmrige Schatten, auch von den dunklen Kleidern kam keine Farbenhelle. Selbst die größeren Kinder trugen düstere Festtagsgewänder und hockten voll Würde und Anmaßung in der dicken Frühlingskapsel ihrer Jugend, Witte allen voran. Leise und zurückhaltend klangen heute die harten Stimmen, nur von Giacomos Platz polterte hie und da ein derbes Lachen. Ein häßlicher, fanatischer Zug grub um Heinz Williguths Mund. Er sah unheimlich scharf in alle ihre Ecken und Winkel, zog Linie um Linie, bis er das Bild beisammen hatte, enge Muffigkeit, die sich unfehlbar dünkte. Jetzt schoben sie die Konfektteller zurück, rückten die schweren Stühle, schärften den Kindern ein, artig und mit fröhlichen Gesichtern vor Onkel Friedemann zu treten, ordneten und stellten sie in Reihe und Glied, mit wachsamen Augen und flinken Händen, wie die Männer sonst Geld und die Frauen Wäschestücke zählten. Witte mit seinem Blumenstrauß kam voran, weil Philipp Emanuels Enkel der Vortritt gebührte, und er blies die Backen hochmütig auf, daß man ihm das meiste Vertrauen schenkte. Johann Sebastian stand in der Zimmerecke und lächelte milde, als die Zukunft seines Geschlechts, mehr als ein Dutzend, Blumen in den kleinen Fäusten, an ihm vorüber zog. So schlängelte sich die Schar der Kinder durch die halbfinstern Korridore, das Sträußlein in der steif abgestreckten Hand, die Augen weit offen, weil das Gruseln vor dem altertümlichen Haus und der befremdlichen Krankheit des Onkels sie kleinmütig machte und nur kurze, trippelnde Schritte setzen ließ. Nur Witte stieß die Füße kräftig auf und freute sich, wenn der Widerhall von den Wänden zurücksprang. Frau Albine öffnete die Tür und hatte jetzt helle Äugen, da sie meinte, diese kerngesunde Jugend müsse auf Friedemann wie ein Heilkräutlein wirken. Witte drückte das Kinn nach vorn und bot allen Mut auf, denn auch ihn packte jetzt die Kinderscheu vor dem Rätsel und Geheimnis in dem halbdunklen Zimmer. Aber er trabte tapfer drauf los. Zuerst sah er nur schwarzbraungetäfelte Wände, einen hohen Betschemel, unter einem beängstigenden Bild, aus dem in der Dämmerung nur die Dornenkrone deutlicher hervortrat, dann zwei schwere dunkle Betten, dicht beisammen, von einer grünen Samtdecke farbenhell überflammt. An das Fußende war ein plumper grüner Divan geschoben, und darauf lag, den wachsgelben Kopf auf ein schneeweißes Kissen gebettet, Friedemann Williguth. Um den schweren, schlaffgewordenen Mund saß Falte an Falte, tiefe Furchen schnitten in die Stirn, das Weiß der Augen schimmerte gelblich, von kleinen Blutäderchen durchzogen, der linke Arm lag steif und unbehilflich auf der schwarzgetigerten Plüschdecke. Verschreckt und zagend ordneten sich die Knirpse zum Kreis, in dessen Mitte nun ganz ruhig, mit großen gefaßten Augen, Witte Williguth trat. »Ja, Kinder, da seid ihr also wieder,« sagte der Superintendent und grüßte schwerfällig mit der gesunden Hand. Der Geheimrat und Heinz hielten sich im Hintergrund, durch die offene Tür spähten zwei oder drei neugierige Williguthfrauen. Stumm und steif standen die Kinder im Kreis. Ein kleiner Krusemann weinte plötzlich laut und ängstlich in die tiefe Stille, und eine Enkelin des Hofzuckerbäckers Robert tat das gleiche. Dumm und verlegen umkrampften die anderen ihre Blumen und wären am liebsten hinausgelaufen. Da schwang Witte die Faust: »Seid nicht so dumm, ihr da, der große Papa hat erlaubt, daß wir herkommen.« Und mutig legte er seinen Strauß in Onkel Friedemanns zuckende Finger. Der Kranke richtete sich auf. Einen Augenblick loderten die grauen Augen, und die Stimme bekam die alte Kraft. Er wies auf das Christusbild über dem Betschemel: »Behaltet ihn lieb!« Milde lächelte er und wollte weiter sprechen, im schweren, salbungsvollen Bibelton, den er liebte. Plötzlich verzerrte sich der Mund. Über die linke Gesichtshälfte lief ein wellenförmiges Zucken, von Muskel zu Muskel. Die Stimme riß ab, die letzten Worte verloren den Zusammenhang und blieben ein Stammeln. Alle Willensanspannung war umsonst. Nur ein Röcheln kam über die qualvoll verzerrten Lippen. In die großen, grauen Augen trat zornige Angst, die rechte Hand griff nach der Gurgel, als säße dort ein Würgen. Dann sank er zurück und lag ganz still. Nur die Augenlider schlugen ruhelos auf und nieder. Ein Frauenschrei gellte vom Korridor her. Witte beugte sich weit über den Diwan: »Was fehlt dir, Onkel Friedemann?« In die Zimmerecken gedrückt schluchzten die kleinen Wllliguths oder klammerten sich bleich und entsetzt an ihre Eltern, die jetzt das Zimmer füllten. Philipp Emanuel sagte rauh: »Bringt die Kinder fort!« Sein Blick war glanzlos, wie der eines gequälten Tieres. Aber kein Williguth wich. Alle bekannten sich zu dem Kranken, der da hilflos vor ihnen lag. Und dann richteten sich alle Augen auf den Geheimrat. Ein stummes Bitten und Fordern: Hilf ihm doch! Johann Sebastian drückte die Finger in Philipp Emanuels Arm, sie wechselten einen schnellen Blick. Schwerfällig bewegte der Greis den Kopf vom Arzt zum Kranken und wieder zurück, in kindischem Wundern über das Unmögliche, daß Friedemann in Todesgefahr sein sollte. Apollonia stand mit hellen Augen am Fußende des grünen Diwans und lachte dem armen Friedemann zu, wie nur eine Mutter alles Schwere von ihrem Kind weglacht. Tief und dunkel brannten Heinz Williguths graue Augen aus dem blassen Gesicht. Wie in zuckender Gier hob sich die Oberlippe von den großen gelblichen Zähnen. Zum erstenmal sah er den Vater schwach und die starke Hand zag zur Tat. Lauernd stand er und stieß mit einem rauhen, kehligen Laut den Atem aus. »Warum tust du nichts, Philipp Emanuel?« fragte Johann Sebastian fast drohend, und alle nickten beifällig. Mechanisch griff der Geheimrat nach dem Puls, aber er zählte die überschnellen Schläge nicht. Er war ein Williguth, und gerade ihm zerbrach der starre Glaube an das Unerschütterliche ihrer Art. Der Mensch und der Arzt standen widereinander. Kein Williguth konnte gezeichnet sein, keiner von ihnen elend und kümmerlich dahinsiechen, ein Stück totes Fleisch, das hin- und hergeworfen und zerstückelt ward. Er wollte nicht wahr haben, was er da mit mitleidloser Schärfe sah. Heinz Williguth aber empfand wie einer, der lange genug außen stand, wie ein fremder Arzt, der plötzlich in eine bestürzte Familie gerufen wird und nur darauf bedacht ist, seine Bedeutung gleich ins hellste Licht zu setzen. Es lockte ihn, seines Vaters Altar, vor dem immer Weihrauch dampfte, niederzuwerfen und in Holz und Stein zu zerschlagen. Da starb ein Williguth. Und sie würden alle einmal sterben, die Alten, Wohlbehäbigen, Neunmalweisen, jeder von ihnen würde den wohlverschanzten Platz endlich räumen müssen, wo er zeitlebens Besitz und Besserwissen aufgestapelt hatte in eigensinniger Beharrlichkeit, den Platz, auf den längst ein anderer wartete. Friedemann mochte sterben, elend unter Messer und Meißel bleiben, wenn nur Heinz Williguth seinen Hochmut ausleben und sie alle demütigen konnte, den Vater voran. Jetzt war er stark, da selbst der große, weltberühmte Chirurg sich lieber auf das verzweifelte Trostlächeln der Greisin verließ, die ihn und den kranken Bruder zur Welt gebracht, als auf seine sichere Hand. Heinz ballte die Fäuste. Endlich, endlich war sein Tag. Er setzte sein Ich wider das Wir der Williguths und dachte, ihre eiserne Kette zu zerreißen mit seinem Haß. Jetzt suchte er den Blick seiner Frau, wie ein Taschenspieler den Beifall. Aber er fand sie nicht unter den dichtgedrängten Menschen, die alle auf Philipp Emanuel blickten, auf den einzigen Helfer in ihrer gemeinsamen Not. Wie unter Peitschenhieben duckte sich Heinz Williguth vor diesen Blicken. Sie ließ nicht locker, die Kette. Als sie dann heimfuhren, brach nur Wittes wichtiges Kinderplaudern das Schweigen. Jakobe saß rechts vom Geheimrat und starrte aus dunklen, erschreckten Augen in die flackernde Erwartung ihres Mannes. Philipp Emanuel dachte an den kranken Bruder und hatte seine weiche Stunde, die ihm aus dem warmen Gold dieses letzten Oktobertages zuwuchs. Heinz Williguth hätte ihm ins Gesicht lachen mögen. Endlich brach er los: »Wann willst du operieren?« Philipp Emanuel wandte ihm den Blick zu, der messerscharf alle Lüge entzweischnitt. Aber er schwieg. Und Heinz sah mit heißen, trockenen Augen, wie Jakobes Finger über seines Vaters zuckende Hände glitten. In der Nacht nahm er seine Arbeit wieder vor und las Seite um Seite. Zuerst lächelte er zufrieden, dann fand er Sprünge und Unstimmigkeiten, die den klaren Fluß unterbrachen. Er strich und änderte und schaltete neue Blätter ein. Verzweifelt wehrte er sich gegen den ewigen Vergleich, an dem er litt. Dann holte er seines Vaters Werke, blätterte hastig, maß sich an dieser selbstbewußten Kraft und knirschte mit den Zähnen. Er haßte diese Bücher, wo jede Zeile so fest und sicher hingestellt, scheinbar mühelos verschenkt war. Neid verzerrte ihm den Mund. Von neuem machte er sich an die Arbeit, fieberhaft, voll brennenden Eifers schwang er die Peitsche über sein lässiges Wesen. Plötzlich aber gähnte er und kaute an der Feder. Langsam und zäh tröpfelten die Gedanken. Zornig rüttelte er sich auf. Nur aus Trotz tat er die Arbeit. Bleich stierte er dann in den Morgen, der schläfrige Dämmerung ins Zimmer schickte. Stumpf und glanzlos hing die elektrische Birne, wie ein rotes Schlängelein krümmte sich der Faden. Mit wüstem Kopf ging der junge Williguth in seines Vaters Klinik. Miriam Forcade hatte eine neue Rolle geschaffen, die Salome in Haß und Blut getaucht. Jetzt saß sie vor dem Spiegel und ließ sich frisieren. Ihr Haar war noch schön und reich, das Blond durch kunstvolle Pflege heller und leuchtender als in jungen Tagen. Wie ein goldener Mantel hing es über die weißen, nur schon allzustarken Schultern. Griff das Mädchen ungeschickt, stieß Miriam den Fuß krachend gegen die kostbare Marketerie ihres Toilettetisches und pfauchte vor Wut. Der Panther kam zum Vorschein, der tagüber schlief und grimmig mit der Pranke aushieb, wenn man ihn störte. Die starken, ringgeschmückten Finger zerknitterten die Morgenblätter, die ihren Ruhm verkündeten, sie lachte spöttisch und lechzte doch nach dieser Kost. Erst seit Renate mit seltsamen Blicken die ewig junge Mutter streifte, wurde Miriam ein wenig unsicher, wenn ein Lob gar zu grelle Farben hinstrich. Sie erinnerte sich des Spottes, mit dem sie selbst einst alternde Sängerinnen zerpflückt, brüchige Stimmen getadelt hatte. Ob nicht vielleicht Renate anders und schärfer sah als alle Welt? Miriam lächelte. Sie wußte jetzt selbst nicht, wie alt sie war. Befriedigt straffte sie die Arme, daß die losen Ärmel bis zur Achsel zurückfielen, und prüfte das glatte, tadellose Weiß der Haut. Da hörte sie einen schnellen Schritt und furchte die Brauen. »Was willst du, Renate?« Aber die Tochter lief auf sie zu und küßte sie: »Du warst groß, Mama, das macht dir keine nach!« Die Mutter erwiderte den Kuß und hatte jetzt weiche, verträumte Augen, da Renate nur selten lobte. »Ja, Kind, ich wundere mich selbst, daß ich schon ein so großes Mädel habe.« Jakobe vergaß sie gänzlich. Sie lebte stets nur im Augenblick. Und gerade jetzt stand Renate in höchster Gunst, weil sie zur Not doch noch für einen Backfisch gelten konnte. Zudem verlor sich ihre unbekümmerte Rundlichkeit, alles streckte und reckte sich, allenthalben gab es Ecken und Winkel, als käme das Fleisch den Knochen nicht so schnell nach. So störte sie jetzt die schwer behauptete Schönheit der Mutter weniger als früher. Miriams Herz lief darob leicht und froh im Takt des Blutes, in Gebelaune zog sie einen Ring vom Finger. »Willst du ihn?« »Danke,« sagte Renate und hob nicht einmal die Hand. »Na, was soll es denn sein?« Sie warf sich in ihren Sessel zurück, kreuzte die Beine und schnellte die Lorgnette vor die Augen. Renate fingerte an ihrem Rock und preßte das Kinn nach vorn. Ein dunkles Licht stand in ihren Augen. Zwei scharfe Falten gruben sich um Miriams vollen Mund. Mit diesem Mädel gab es doch immer Schwierigkeiten. Auch bemerkte sie wieder einmal die unheimliche Ähnlichkeit zwischen sich und Renate, Zug um Zug. Selbst der Eigensinn schien der gleiche. Miriams Zunge strich schnell über die Lippen: »Na?« Renate schüttelte zuerst den Kopf, dann sagte sie zwischen zusammengepreßten Zähnen, daß es wie ersticktes Zischen klang: »Laß mich zum Theater, Mama!« Es blieb ganz still. Die Lorgnette klappte ein. Wie Buschwerk hingen die Brauen über Miriams eingekniffenen Augen. »So?« Fast ein Schrei. Renate zuckte die Achseln und trat zurück, wie einer dem Zorn des andern einfach aus dem Wege geht. »Niemals!« Die Hand der Mutter beschrieb einen majestätischen Bogen und tilgte diesen kindischen Wunsch für immer aus. »Warum entschuldigst du dich nicht, Renate?« Wie zum Sprunge vorgebeugt saß Miriam vor diesem stummen Trotz. Betteln und bitten sollte Renate jetzt, liebe Worte finden, damit die Mutter dem dummen Kinde großmütig verzeihen könnte. Miriam stand auf. Die Spitzen vor ihrer Brust schwangen auf und nieder. Renate aber blieb stocksteif, ein Stück harten, verhaltenen Willens zu kommenden Dingen. Sie hatte so hübsch von Hand in Hand gehen geträumt, und jetzt gab es wieder Streit. Die kurze Oberlippe von Mutter und Tochter sprang zu gleicher Zeit hoch. »Nun?« schrie Miriam und ballte die Fäuste. Ihr eigener Trotz schaute ihr da plötzlich entgegen. Sie packte Renate an beiden Schultern und schüttelte sie: »Ich verheirate dich auf der Stelle, wenn du mich ärgerst! Marsch hinaus!« Ihre Stimme überschlug sich. Zornig riß sie die starken weißen Hände zurück. Renate wandte sich langsam zur Tür. Noch einmal, fast bittend, sah sie zurück. Ihre Mutter saß schon wieder vor dem Spiegel und begann mit vorsichtigen, geübten Fingern, Stirn und Mundwinkel zu massieren. Sie hatte Furcht vor dem Zorn, der Falten und Runzeln zog. Da klappte die Tür ins Schloß. In dem sonnenhellen, runden Speisezimmer saßen sie beim Lunch, die Forcades und Jakobe Williguth, neben der schweigsamen Renate aber Achatz Rothenwolff und zwinkerte ein wenig erstaunt und mißtrauisch aus seinen dunkelgrünen Augen zu Miriams plötzlicher Huld. Der Impresario Lewis hatte die Serviette vorgesteckt und schmauste unermüdlich. Zwei alte Herren, trotz Sonne und Mittagsstunde im Frack, mit würdigen Bärten, flankierten die Hausfrau, Kritiker von Ruf, voll liebenswürdiger Bereitwilligkeit und doch mit einem Zug versteckter Wichtigkeit. Sie gingen da aus und ein und spielten manchmal, wenn sie besonders bei Laune waren, mit dem guten Forcade ein wenig Karten. Sonst betrachteten sie ihn nur als den Mann seiner Frau und rauchten mit Vorliebe seine tadellosen Zigarren. Nikolaus Forcade aber gefiel sich voll lustiger Ironie in der Rolle der guten alten Kinderfrau, der man alle Launen aufpackt und hier und da ein freundliches Wort wie einen Brocken vom Tisch zuwirft. Es machte ihm Spaß, für einen harmlosen Dummkopf zu gelten. Wie Marionetten tanzten sie alle vor seiner vergnügten Klugheit. Renate hielt trotzig die Augen gesenkt und beobachtete zwischen tückischen Wimpern die heitere Lebendigkeit ihrer Mutter. Miriam blies die breiten Nasenflügel auf und sog alles Lob ein, wahrend ihr lachender Mund scheinbar das Übermaß abwehrte. Sie hatte jetzt keine Launen, weil man ihr gerade alle erfüllte, ihr schenkfrohes Lächeln galt aller Welt. Voll Absicht wies sie auf den jungen Rothenwolff: »Der hat mit mir die Salome studiert! Denn unsere Kapellmeister sind Ochsen, daß sich Gott erbarm!« Sir S. Lewis, der bisher nur seinem Magen gelebt, blickte vom Teller auf: »Du bleibst ewig jung, Miriam, und schimpfen kannst du noch immer so prachtvoll,– –« Er blinzelte boshaft: »Wie vor dreißig Jahren.« Die beiden Musikkritiker zogen strenge Gesichter und krauten verdutzt die würdigen Barte. Miriam furchte die Brauen und saß kerzengerade. Und Nikolaus Forcade schenkte eifrig die Gläser voll. Miriam tat ihm jetzt leid, sie lebte doch von ihrer ewigen Jugend. Boshaft stemmte Renate die Arme auf. Da sah sie Jakobes Augen voll kalter Strenge auf sich gerichtet und klapperte nur trotzig und unartig mit Messer und Gabel. Jakobe aber saß wie Geheimrat Williguth und wachte sorgsam, daß Sitte und Ordnung gewahrt blieb. Sie haßte jetzt diese flackernden Blicke, dies Auflehnen von Jung wider Alt. Mit der starren Gebärde, die sie unmerklich vom Schwiegervater angenommen, spannte sie die Schultern nach hinten, zog die Arme zurück und sprach mit krampfhaftem Lächeln und seltsam hochmütigen Augen von der Salome, als wüßte sie allein um diese dunklen und unnennbaren Dinge. Die Herren von der Kritik fielen sofort ein, und auch Nikolaus Forcade zündete flugs das Licht seiner nachdenklichen Weisheit an. »Wie seltsam alles wächst und wird! Da sagt ein Weib: ›Weil er mich verschmähte, ließ ich ihn töten.‹ Und Oskar Wilde hat die Salome empfangen.« Plötzlich hörte sich Jakobe Williguth sagen: »Sterben, das ist die kleinere Enttäuschung.« Ihr Vater hielt den Kopf schief und trank einen kleinen Schluck: »Liebes Kind, wenn, wie Ruskin sagt, alles Geschaffene kostbar ist, scheint mir deine Theorie nicht ganz richtig.« Allem Lebendigen hängte er eine sinnige Etikette an. »Was hat man von die Narrischkeiten?« seufzte S. Lewis philosophisch und sah sich nach einer Zigarre um. Er brannte das Kraut an und stieß den Rauch kurz und herrisch von sich. »Verlieben hätt' ich mich gestern in dich können, Miriam, aber dein Korsett taugt nix. Beim Schleiertanz hat deine schöne, schwanenweiße Schulter gemacht – wie soll ich sagen – ein kleines Doppelkinn.« Miriam warf zornig die nackten weißen Arme über den Tisch und pfauchte Mann und Töchter an: »Wozu hockt dann ihr drei im Theater?« »Laß gut sein, Miriam, mein Gold! Ich geb' dir 'ne Adresse, und du bist schlank wie ä Rabbi am langen Tag. Notieren Sie, lieber Graf!« Fast feierlich begann er zu diktieren und füllte den runden, sonnenhellen Raum mit seiner lauten, selbstgefälligen Stimme. Jakobe saß stumm, mit gesenktem Kopf. Wie Haß lief es über ihr heißes Gesicht. Sie hatte plötzlich Sehnsucht nach der strengen Klarheit Philipp Emanuels, die allem Unerwünschten haarscharfe Grenzen zog. Renate versetzte Achatz Rothenwolff einen gelinden Tritt: »Du, das wird langweilig. Komm!« Miriam lächelte voll unergründlicher Weisheit: »Du darfst dir eine Zigarette nehmen, mein Herzchen.« Und fast mütterlich nickte sie dem trefflichen Achatz zu. Mit beiden Armen schlüpfte Renate in die orangegelbe Golfjacke, die Miriam einst für sich selbst gekauft, dann aber als zu grellfarbig der Tochter geschenkt hatte. Achatz Rothenwolff schob die Hände tief in die Taschen seines braungrünen Mantels. Der Rauch von Zigarre und Zigarette wirbelte ihrer Eile vorauf. Ihre Schultern streiften dürres Blattwerk, als sie über herbstbraunes Gras kreuz und quer durch den Garten liefen. Renates Herz tat schnelle Schläge. An der Schläfe sprang und hüpfte eine blaue Ader unter der weißen Haut. Stoß um Stoß führte der Wind wider die raschelnden, schon halbkahlen Zweige und riß den Rauch der Zigarette, die Renate allzuschnell paffte, in Fetzen mit sich. Graue Wolken schwammen im Westen und verschluckten das Blau. Ein letzter Streifen Sonne zitterte auf dem Braun und Gelb von Baum und Strauch. Ganz hoch oben geschah ein dumpfes Brausen. Aus dem welken Blattwerk des Ahorns wirbelte es Schmetterlinge in Renates Haar, hoch hinauf schraubte sich der Flackertanz, dann riß der losbrechende Sturm alles über Baum und Hausdach in die brausende Heide hinaus. Der Winter wollte ins Land. Renate horchte auf das Wispern ihres eigenen Lebens und war allein in ihrem wunderlichen Werden. Trotzig sehnte sie sich und hatte doch dumme Kleinmädchenfurcht. Voll Ungeduld stieß sie die Hacken ihrer Schuhe in die halbfeuchte Erde und sagte kurz: »Mit Mama habe ich also wieder Krach gehabt.« »Na, und?« fragte Achatz, der an diese Katzbalgereien längst gewöhnt war. Als diese forttanzenden Blätter jung und grün waren, hatte er an gleicher Stelle gleiches Leid vernommen. Faul hob er die Augen. Und da fand er, daß gar nimmer die Renate von früher vor ihm stand, der eckige, übellaunige Backfisch war fort. Ein ganz feines Menschenpflänzchen suchte da Wurzelgrund. Selbst erstaunt über die neue, jähe Wärme in seinem Blut legte er beide Hände auf ihre Schultern und fühlte mit leisem Erschrecken, wie samtweich das junge Fleisch unter seinen Fingern zuckte. Wenn sie jetzt zurückgewichen wäre, hätte er sie an sich gerissen. Der Duft ihres Haares nahm ihm die kühle Überlegung, die sonst sein Stolz war. Aber in der unbewußten Hellsichtigkeit der Frau rührte sie sich nicht. Und diese erschrockene Starrheit, ganz fremd an dem wilden Mädel, verscheuchte die rasche Leidenschaft. Er schämte sich und lächelte verzagt. Langsam senkte er den Kopf. Da sagte sie schnell: »Du willst mich doch nicht küssen?« Eine tiefe Falte stand zwischen ihren dichten Brauen. Als er hartnäckig schwieg, kam wieder ihre Stimme, wie tiefer Glockenton: »Du bist ja der einzige, der mir helfen kann.« Ganz langsam strich sie die orangefarbene Jacke glatt, es war eine Liebkosung, die einem andern galt. Mit zagem Lächeln streckte sie ihm beide Hände hin. Er zauderte und nahm sie dann. Jetzt war Renate Forcade schön. Ganz weich und hingegeben, ein junges Weib. »Weißt du, Achatz, Mama möchte uns zusammenbringen. Hast du's nicht gemerkt?« Er schüttelte zornig den Kopf und sah über sie weg, drei kleinen weißen Wolken zu, die in die Haide hinausschwammen. Die belud er mit seinem versäumten Glück und wünschte ihnen gute Fahrt. »Hast du dein Auto da?« »Ja. Was willst du denn?« »Komm!« Sie ging voran und hatte einen wiegenden Gang, wie nie zuvor. Ein jähes Reifen füllte alle Ecken aus. Die reiche Welt schuf wieder mal ein junges Wunder. Und Achatz Rothenwolff durfte dabei Handlanger sein, mehr allerdings nicht. Sein Kopf wirbelte, wie das Laub der Bäume, verständnislos blinzelte er. Dort oben liefen noch immer die drei weißen Wolken. »Du bist ja ohne Hut,« sagte er schwerfällig. »Wir sind gleich zurück.« Sie gab dem Chauffeur das Ziel. Der schmunzelte vertraulich. Achatz warf ihm einen Wutblick zu, aber er ließ sich führen und hatte keinen eigenen Willen. Das Auto surrte, kam ins Gleiten und schwang hinaus in den brausenden Novembertag. Rote Lichter glimmten aus dem Nebel, den der Winter über das Land spreitete. Sie saßen ganz still und spannen ihre Gedanken. Achatz Rochenwolff stellte mit leisem Bedauern fest, daß er zum alten Onkel geworden, vor dem Renate Forcade keine Geheimnisse hatte. Seine Hände waren ungeschickt zum Halten der hübschen Dinge dieser Welt. In die Vorstadt ging die Fahrt, durch enge Gassen, die am frühen Nachmittag schon dunkel lagen. Durch schmale Fenster blinkte bereits hier und da ein Lichtlein in den Nebel, der draußen Brücken von Haus zu Haus baute und wie dicker Schnee die winzigen Gärten erfüllte. Nur irgend ein laubloser Baum hob seine Sparren hoch, wie ein Ertrinkender den Arm. Schwarz und rußig krochen Feuermauern auf, der Bewurf rissig und abgeblättert, nackt der rote Stein. Langsam streckte die Stadt die schmutzigen, gierigen Arme nach dem grünen Kranz ringsum, Stück für Stück verwandelte sie in wimmelnde Menschenburgen, und zerlumpte Kinder schrien verwundert, wenn mal ein leibhaftiger Laubfrosch in der verstaubten Buschhecke hüpfte. Dann kamen stillere Gassen, wo die ehemaligen Landhäuser der Bürger hinter beschaulichen Vorgärten mit strohverpacktem Rosenparterre und kahler Jasminlaube schlummerten. Aber auch ihre Tage waren gezählt. Schon standen einzelne Zinskasernen unter dem bescheidenen und anmutigen Volk, schon lärmten grelle Plakate, ein Kino tat sich auf, Wirtshaus schob sich an Wirtshaus, und aus einer Seitengasse schrillte eine Fabrikspfeife. Mittendurch surrte das Automobil mit Renate Forcade. Sie sog das vielgestaltige Leben in sich, wie es da gespenstisch aus dem Nebel herauswuchs und wieder im wallenden Grau verschwand. Der Wind zauste ihr Haar, ihre Nasenflügel spannten sich. Sie glich mehr als je ihrer Mutter. Das heiße, ungebändigte Proletarierblut rann schnell durch die Adern. Die Huppe warf ihr Tuten in den Nebel. Drüben zeichneten sich in schwachen Umrissen Waldberge, die wie im Pulverdampf standen. Ein breiter Bau schälte sich los, ein plumpes Viereck, mit roten, blauen und gelben Zetteln beklebt, von Bogenlampen an hohen Masten überragt, die jetzt noch lichtlos wie weißliche Kürbisse in der Luft schwebten. Renate blickte Achatz erwartungsvoll an. Der aber stülpte nur die Handschuhe über die Finger, als er die Alhambra erkannte, ein Tanz- und Ballokal für Kleinbürger und genußhungrige Dienstboten. »Da also?« fragte er verdrießlich und empfand den plumpen Witz, daß Nikolaus Forcades Tochter in diesem häßlichen Winkelwerk ihren Ehrgeiz zur Schau stellte. Ein fetter Kellner, der auf der Hemdbrust die ganze Speisekarte trug, verbeugte sich mit dienstbereitem Blinzeln. Renate warf plötzlich hochmütig den Kopf zurück. Ein Liebespaar strich aus einer Tür, bleich vom Vergnügen, Arm in Arm, und der Mann nickte gutmütig Renate und Achatz zu, als gönnte er ihnen gleiches Glück. Im Schanklokal spielten Kellner mit schmierigen Karten, im Winkel schrieb einer an der Speisekarte. Schaler Bierdunst verdarb die Luft. »Ach, das Fräulein ist da,« grüßte die dicke hellblonde Dame an der Kasse und schob einen losen Haarpfeil zurecht. Renate lächelte jetzt wieder. Ihr Kindersinn war stolz, daß man sie hier überall kannte. Lauter als nötig verlangte sie den Schlüssel zum Theatersaal. Ein Kellnerjunge schwang die fleckige Serviette und schrie: »Der Direktor ist da, und der Regisseur auch.« Es klang wie eine stolze Zusammengehörigkeit mit dieser glitzernden und grellbunten Welt. Achatz tippte den Jungen auf das farblose, pomadeverklebte Haar: »Willst du auch Schauspieler werden?« Da traf ihn ein zorniger Blick Renates. Zwischen halbgeöffneten Lippen schimmerten ihre starken Zähne. Das Kinn sprang vor wie ein entschlossener Eroberer. Und die Buckel der Stirn saßen breit und wuchtig unter dem windverwehten Haar. Trotz seiner weisen Gelassenheit, die nur an allen Dingen tastete, ohne sie wirklich in Besitz zu nehmen, neidete Achatz Rothenwolff dem wilden Mädel diese Entschlossenheit zum eigenen Leben. Dünnes Licht sickerte durch einen Türspalt und malte auf verstaubtem Kulissentrödel helle Striche, daß die erloschenen Farben in gebrochenen Linien flimmerten. Eine Goldkrone aus Pappendeckel lag auf einem vielfach geflickten Krönungsmantel. Renate stieß die Tür auf: »Da drin!« Eine Petroleumlampe blakte und gab ihren üblen Geruch zu den vielen häßlichen Düften dieser Winkelburg, in der das gierige Vergnügen kleiner Leute hauste. Ein eisgrauer Mann saß unter dem Lichtkegel und rechnete. Ein schlanker, fahriger Bursch wühlte in Rollenstapeln, von denen Staub wirbelte und mauszerfressenes Papier in leisem Rascheln rieselte. Der Alte hob den Kopf, und jetzt sah Achatz, daß er rote, versoffene Äuglein hatte und das Hemd eines Wechsels dringend bedurfte. »Grüß Gott, Renate!« sagte der Alte mit hohlem Pathos, das wie eine kurzatmige Uhr rasselte und krächzend ausschwang. Ein wägender Blick maß wohlgefällig die sichere Eleganz des kleinen Grafen. »Sie hat Talent, das Mädel ist zu Großem bestimmt,« murmelte er mit verschmitzter Würde, um sich den, wie es schien, zahlungsfähigen Verehrer günstig zu stimmen. Seine Ideale waren längst schmutzig, wie seine Leibwäsche, beide aber legte er nicht ab. Der Glattrasierte mit den Papierbündeln ließ seine Last zornig niederkrachen, daß eine kleine Wolke das Licht verschleierte. »Kennen Sie ihr Lachen, mein Herr? Das wird man einst mit Gold bezahlen!« Er schnippte die leeren Finger durch die Luft. Stumpfsinnig nickte der Alte. Aber die dicken, klebrigen Finger strichen bedächtig die Rechnungen glatt, die eine Operette mit runden Zahlen gefüllt hatte, rund nur für die Kärglichkeit seiner Existenz, die an den Grenzen der Stadt Kunstkreuzer sammelte. Dann watschelte er langsam auf Achatz zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Können Sie mir fünfzig Mark leihen, Herr Baron? Sie ist es wert.« Achatz griff schnell in die Brusttasche. Staub saß ihm in der Kehle, ein ekelhafter Geruch von Schweiß und Branntwein kroch in die Nase. Er warf die Banknote hin und schob rasch die Hände in die Taschen, weil die schmutzige Tatze des Alten sich zum Dank ausstreckte. Renate wandte sich um. Ihre Augen brannten im Feuer ihrer Jugend. Ein ganz schwacher Schimmer von Helligkeit umrandete ihr dunkles Haar. Sie lächelte glücklich. Achatz wunderte sich, daß er sie einmal hatte küssen wollen. »Da werde ich die Lady Milford spielen.« »Hier?« fragte er schafig und sah sich nach einem Sessel um. Zum Glück war einer vorhanden.   Achatz Rothenwolff lächelte in etwas zaghafter Vertraulichkeit: »Jetzt weißt du alles, Onkel.« Graf Forcade zog zuerst grimmig die Brauen hoch, stampfte mit dem schmalen Fuße und nahm dann den kleinen Achatz bei beiden Schultern: »Bist ein Prachtkerl, Junge. Aber siehst du, wozu soll ich jetzt die Miriam aufregen? Sie singt doch heute abend. Und wozu dem Kind den Spaß verderben?« Er hatte nichts weiter zu sagen. Die Menschen mit ihrem Leid und Glück wandelten sich in seinem Grübelsinn zu knapp umrissenen Begriffen, die er gelassen und sicher in seine Weltanschauung hineinbaute. Dann strich er mißmutig die Finger durch den Bart: »Zu mir hat sie kein Vertrauen mehr.« Durch die lange Zimmerreihe schnellte Miriams scharfe Stimme. Achatz sah auf. Forcade verstand die stumme Frage in diesem Blick, aber er zuckte nur grämlich die Achseln. Er liebte es nicht, wenn ein anderer das Ja oder Nein hart vor ihn auf die schmale Kante der Entscheidung stellte. Ein leises Lächeln der Bitterkeit zog um Achatz' Lippen. Renate hatte wirklich nur ihre eigenen Fäuste und den kleinen runden Achatz Rothenwolff. Mit der geheimen Grausamkeit der Jugend belauerte er Nikolaus Forcade. Hatte der überhaupt das Recht, über Renates Zukunft zu entscheiden? Oder gar die leidenschaftliche Frau, deren Stimme jetzt wie Faustschlag durchs Haus polterte? Miriam trat ins Zimmer. Mit knapper Verbeugung schritt der junge Rothenwolff an ihr vorbei. Draußen lachte er wie ein Schuljunge und blies die Backen auf, dem Novembersturm zum Trotz. Nikolaus Forcade half seiner Frau in den Theatermantel. Die Seide raschelte, schwer und süß dufteten die Essenzen, die Rosen vor der Brust schwangen auf und nieder. Die Nasenflügel spannten sich, in den Augen saß stolzer Glanz. Sie gab ihm die Hand zum Kuß: »Hab' ich das nicht fein gemacht?« Unbeholfen wandte er sich ab und griff nach ihren Handschuhen. Da gingen ihm ihre Worte mit harten Schritten nach: »Achatz und Renate meine ich natürlich.« »Ach so.« Und er schloß feige die Augenlider, hinter denen jetzt ein feines Lächeln funkelte. »Du träumst schon wieder!« »Ich?« Da warf sie bereits krachend die Tür zu. Und wie ein Gott wandelte der Glaube an die Unerschütterlichkeit ihres Willens vor Miriam her. Graf Forcade rieb nachdenksam die Handflächen widereinander. Er schmunzelte voll philosophischer Überlegenheit und bückte sich nach einer breiten Nadel, die aus Miriams Haar geglitten war. Mit leisen Griffen klappte er Türen auf und zu. Dann schob er einen gelben Vorhang zurück und guckte ins Bibliothekzimmer. Drin gab eine einzelne Kerze mattes Licht. Und da hockte Renate und hatte ein dickes Buch auf den Knien. Forcade streckte den Hals. So wartete er, bis Renate die Blätter umschlug. Jetzt erkannte er das Buch. Es war ein Werk über Kostümkunde des Rokoko. Ganz leise fiel der Vorhang in die glatte Fläche zurück. Und dahinter stand der Schatten von Nikolaus Forcade. Die Hände hatte er gefaltet und lächelte. Der schnelle Atem Renates war allein in der großen Stille. Dann ging Forcade, vergnügt und kopfschüttelnd, und schrieb einen langen Brief an Sir S. Lewis. In der Garderobe des Opernhauses schleuderte Miriam gerade einen Schminktopf krachend zu Boden. Und draußen in der Heide breitete der Sturm das welke Herbstlaub, das er aus den Gärten der Stadt geraubt, auf die in regennasser Erde schlummernden Keime, die auf den kommenden Frühling warteten.   Im Musikzimmer des »Blauen Herrgott« schwankten die Kerzenflammen, wenn Johann Sebastian, das Cello zwischen den Knien, den Atem aus der breiten Brust stieß. Der Arm mit dem kurzen dicken Bogen glitt als Schattenriß an der weißen Wand auf und nieder, in komischer Emsigkeit, darüber zeichnete sich scharf und unbeweglich der klobige Kopf. Im grünen Bauch des Kachelofens knatterte knorriges Holz, der Rest einer uralten Kastanie, die der Herbststurm gebrochen hatte. Auf die vergilbten Noten des Haydnquartetts tropften die Wachstränen, eine fiel gar auf Johann Sebastians kahlen Scheitel. Zornig stülpte er das schwarze Käppchen auf und zog wieder den Bogen schier feierlich über die Saiten. So übten sie zu Mutter Apollonias dreiundachtzigstem Geburtstag. Plötzlich klopfte der Geiger Tredenius ab und streifte mit beinahe traurigem Blick den Schwiegervater. Der wurde rot wie ein Schulbub. »Hast recht, noch einmal von vorn!« Karl Maria gab jetzt die Führung an die zweite Geige in Heinz Williguths Hand. Schmal und blaß schnitt dessen Gesicht aus dem Halbdunkel, die Lippen zusammengepreßt, die Brauen in Faltenwülsten, darunter flackerndes Licht. Wie eine weiße Spinne kroch seine Hand um den Geigenhals. »Bitte, es ist Haydn, nicht Richard Strauß,« tadelte Tredenius und rückte in schulmeisterlicher Würde das Notenpult vor Heinz' Augen. Da griff schon die Viola das Thema auf und spann es singend weiter, mit sicherer Gelassenheit strich Achatz Rothenwolff seine Geige. Alles ließ er an sich herankommen, keinem Ding lief er nach. Der junge Williguth aber sprang darauf los und blieb doch mit leerer Hand. Von Vater Haydns stillem Gottvertrauen war verdammt wenig in seinem Spiel. Plötzlich riß es ihm den Bogen ab, daß er wie ein Schwert in der jäh emporgeworfenen Hand stand. Zugwind wehte die Kerzenflammen krumm. Ein langer Schatten fiel über die braunen Schränke an der weißgetünchten Wand und schnitt im Zimmerwinkel kurz ab. Unwirsch kratzte Johann Sebastian allein weiter. Da spürte er die kühle Luft von der offenen Tür. Er stützte den Kopf auf den Cellobogen, aus dem verwundert klaffenden Munde starrten die drei starken gelben Zähne, die er noch besaß. Karl Maria aber blätterte rasch die Noten um und fragte kurz: »Warum so feierlich, Philipp Emanuel?« Der Geheimrat schritt aufrecht ins Zimmer, hinter ihm kam schwer und eilfertig seine Mutter, die mit unbeholfenen Fingern das Häubchen feststeckte und noch rote Schlafflecke im Gesicht hatte. Die Tür fiel von selbst ins Schloß, die Kerzenflammen bogen sich fächerförmig nach abwärts, zuckten und brannten dann wieder schmal und aufrecht. Langsam sagte Philipp Emanuel: »Mit Friedemann steht es leider Gottes schlimm. Ich habe ihn auf meine Privatklinik bringen müssen.« Johann Sebastian strich kreischend den Bogen über das Cello: »Es kann ja nicht sein!« Der junge Williguth atmete schnell. Aber niemand hatte auf ihn acht. Die beiden Alten hielten Philipp Emanuel an der Hand und schüttelten nur angstvoll und ungläubig die Köpfe. Auch als sie dann allein waren, blieben sie zunächst stumm. Unbehaglich schlurften sie durch die Stuben und räumten allerlei Tageskram fort, nur um ihren Händen Beschäftigung zu gehen. Apollonia begann mit den Hausmädchen einen kleinen Zank, aber mitten darin kippte ihre Stimme in Schluchzen um. Da ging sie schnell und verbarg ihre Weichheit. Bekümmert brachte sie dann einen Stapel blauer und grauer Wollstrümpfe, die mit vielen andern die Strickernte von Frühling und Sommer darstellten. »Das war für Friedemann!« Und es zuckte um ihren Mund. Johann Sebastian wackelte mit dem Kopf und rieb die Fingerknöchel an der Hose blank. Es verdroß ihn schwer, daß sein Quartett zerrissen und seine Behaglichkeit gestört war. In der harten Selbstsucht des Alters dachte er vorerst an nichts anderes. Jeder Williguth lebte irgendwo an der Peripherie eines gemeinsamen Kreises, eigensinnig gesondert von rechts und links, und ließ die Linien seines Lebens hübsch zum Mittelpunkt laufen. So hielt jeder getrennten Ausguck, blieb in den Grenzen seines Wesens und war doch nur ein Bruchteil des Kreises, der sie alle umspannte. Dies gab allen dieselbe Blutmischung, die trotz individueller Verschiedenheit auf jeden Schicksalsreiz in der gleichen Weise antwortete. Und wie ein Volk, das in strenger Absonderung von den Nachbarn haust, hatten die Williguths den Götzen ihrer Laster und Vorzüge Altäre errichtet und waren unerbittlich in ihren ererbten Anschauungen, voll mißtrauischer Verachtung für alles Fremde. Krankheit kannten sie bisher überhaupt nicht. Alle wurden uralt, wie die Bäume. Und jetzt fiel einer von ihnen mitten auf dem Wege. Schwerfällig und zögernd tappten sie an dieser Wahrheit. Im Flur lagen die Trümmer der alten Kastanie, sauber zu Scheiten geschnitten. Johann Sebastian führte seine Frau vor diesen Holzstoß und sagte feierlich: »Der hat auch dran glauben müssen.« Zum erstenmal empfand er sein Alter nicht als unantastbares Recht, sondern als Geschenk, das ihm jederzeit entzogen werden konnte. Ein schnelles Erschrecken stand in den runden grauen Augen, als ginge es wirklich zu Ende mit den Williguths. Traurig nickte er zu dieser Erkenntnis. Auch sie, die Starken, hatten eine noch stärkere Hand über sich. Er reckte die Arme, hielt sie in der Schwebe und lauerte, ob die Kraft noch reichte. Apollonia aber hatte eine Tür aufgestoßen und winkte nun eifrig. Das Zimmer war leer. Spinnweben krallten sich in die Ecken, der weiße Bewurf hing in losen Blättern an Decke und Wand. Johann Sebastians Tritte lösten lockere Stückchen, die mit feinem Rieseln über die beiden Alten stäubten Und als weiße Punkte an Kopf und Schulter hafteten. Das halbblinde Fenster ging in den Garten. Moderluft machte das Atmen schwer. Schlicht sagte Apollonia Williguth: »Hier habe ich zwölf Kinder zur Welt gebracht. Und jetzt soll mir Friedemann sterben.« Johann Sebastian blinzelte trübe aus den etwas weitsichtigen Greisenaugen. Sie rasselte mit dem Schlüsselbund und legte ihm die Hand auf die Achsel: »Es war nicht immer leicht, Bastian. Etliche hatten so dicke Köpfe.« Und ein stolzes Mutterlächeln ging um ihren plumpen Altweibermund. Johann Sebastian ließ ein dumpfes Ächzen hören. Hilflos ballte er die gewaltigen Fäuste. Die Greisin aber reckte sich auf. Kampfbereit blitzten jetzt die sanften blauen Augen: »Ich gebe keinen her, keinen einzigen! Ich komme zuerst, wenn es sterben heißt!« Und jetzt schwang die Hand die klirrenden Schlüssel: »Du darfst mir Friedemann nicht nehmen, du da oben!« »Weib!« schrie der »Blaue Herrgott«, »du versündigst dich!« Sie lächelte ganz still: »Ich habe sie alle geboren.« Breit und wuchtig stand sie in dem leeren Raum, wo sie einst der Erde zwölf Kinder gebracht, ein Stück dieser Erde selbst, ans Irdische gebunden und doch in alle Zukunft reichend. Fremd schien sie ihrem eigenen Mann, wie sie jetzt noch immer starr die Hand zum Himmel reckte, mit der ein wenig gewaltsamen Gebärde aller Williguths, wenn sie dem Schicksal Grenzen absteckten und mit dem Herrgott nicht einer Meinung waren. Mit genau derselben Bewegung schwang Giacomo seinen breitrandigen braunen Filzhut, als er Jakobe allein in der Halle erblickte, gerade eifrig beschäftigt, dem heulenden Witte eins übers Leder zu ziehen. Hund Boabdil hockte davor und grinste boshaft wie Anno 1700 ein gut preußischer Negerfürst zu einer Niederlage weiland der Westindischen Compagnie. Die Scherben einer der tiefblauen chinesischen Deckelvasen lagen nicht weit von dem mehr aus Zorn als aus Schmerz schreienden Witte. Jakobe stellte den schweren Bengel auf die Füße und zeigte rote Wangen. Flugs lief der Missetäter davon, und Boabdil jagte hinterdrein. »Ach, Jakobe,« neckte Giacomo, »daß du so tüchtig zuschlagen kannst, habe ich wirklich nicht gewußt. Gott verdamm' mich, du wächst prachtvoll in unser Maß hinein! Nur – –« Er sah sich verlegen um, verschluckte etwas und gab dafür ein rätselhaftes Lächeln. »Denk' dir bloß, Witte wollte gar Geld stehlen! Papa legt doch manchmal eine Mark oder zwei für das Putzen seiner Handschuhe in eine Vase. Das wollte sich Witte holen. Natürlich kippte er gleich die erste um.« Jakobe plapperte wie eine Gliederpuppe, bei der alles an Schnürchen und Rädchen abschnurrt. Mißtrauisch schob Giacomo die hellblonden Brauen hoch. Er kannte auch eine andere Jakobe, die mit dem Schwiegervater tanzte und lachend und ihrer Schönheit bewußt den trinkenden Herren auf der Veranda eine Augenweide war. »Was wollte er mit dem Geld?« Die junge Frau drehte unmutig das verknotete Taschentuch, mit dem sie ihren Ältesten gerade gezüchtigt, zwischen den Fingern. Die Stimme war glashell und spröde. »Er will Boabdil eine Frau kaufen, weil das arme Tier ganz allein sei, und freut sich schon auf die vielen Hundekinder. Ist das nicht zu dumm?« Wie Ekel stand es um die knappen Lippen. Aber Giacomo lachte dröhnend: »Witte ist ein Williguth!« Damit gab er Lossprechung von allen Sünden. Dann fragte er plump und schnell, um längst ausgedachte, zur gefälligen Benützung bereitliegende Antworten über den Haufen zu rennen: »Was macht Heinz?« Jakobe wandte den Kopf in den Pfeilerschatten: »Er muß jetzt gleich kommen.« Giacomo sah, wie die schmalen Schultern zuckten, der gereizte Zug um den Mund sich verschärfte, und wußte plötzlich, daß Jakobe Williguth lange ohne Küsse war. Langsam netzte er die Lippen, setzte zum Sprechen an und brach ab, genau wie vorhin. Ärgerlich strich er die lebergelbe Weste glatt und schob die brandrote Krawatte in die Mitte. In seinem braunen, schwarzgestreiften Anzug und der unzufriedenen Beweglichkeit, die er heute zur Schau trug, glich er ganz einer dicken Hummel, die übellaunig durchs Haus fährt, überall mit dem Kopfe anstößt und dann brummend davonsummt. Voll wichtiger Geschäftigkeit brachte er eine schwarze Ledermappe zum Vorschein und schlug klatschend darauf: »Die Jahresabschlüsse, Jakobe, habe ich dir mitgebracht.« Im Salon breitete er dann umständlich seine Papiere aus, erklärte und rechnete und sparte nicht mit großartigen Bewegungen. Dazwischen warf er wie Angelhaken die Worte hin: »Heinz scheint von dem Seinen viel verbraucht zu haben. Weißt du, wozu?« »Da mußt du ihn schon selber fragen.« Wieder zog sie sich schnell zurück und wich ihm aus. Dick lag jetzt die Ader auf seiner Stirn, wie einst, wenn ein Gegner beim Ringkampf mit keinem Griff zu fassen war. Er spitzte die breiten Lippen und blies die Backen auf. Voll zorniger Betrübnis starrte er Jakobe ins Gesicht. Dann kam Heinz und schüttelte dem Onkel freudig die Hand, weil er jedes Alleinsein mit seiner Frau scheute. Geschickt spielte er den liebenswürdigen Schwerenöter und tat, als liefe ihm alles leicht und sicher nach Wunsch und Willen. Die lächelnde Maske saß fester denn je. Giacomo wippte auf dem Stuhl, kramte in seinen Papieren und erzählte mit polternder Stimme von Mehadia, von den ganz verdammt schönen, leichtsinnigen Weibern und warnte mit fast drohender Scherzhaftigkeit seine Nichte, ihren Mann jemals in diesen Sündenpfuhl reisen zu lassen. Allerdings, auch anderswo gäbe es Frauenzimmer, die, na, kurz gesagt,– er rollte die Augen und hüllte sich in vieldeutiges Schweigen. Jakobe verlor keinen Augenblick ihr kühles Gleichmaß, nur die Lider schlugen rascher als sonst. Heinz aber lümmelte mit beiden Ellenbogen auf dem Tisch und schrie voll boshafter Heiterkeit: »Hat sie nicht das Olympierlächeln von Papa? Jeder Zoll eine Königin.« Und er streichelte wie ein täppischer Junge Jakobes Hand. Ihre Finger blieben liegen und zuckten nicht. Es war zwischen ihm und ihr eine beflissene Zuvorkommenheit, die hinter wohlerzogenen Gebärden und glatten Worten Steine für Brot reichte. Giacomo fühlte, daß er trotz aller Weiberkenntnis hier eine ziemlich klägliche Rolle spielte und überall an verschlossene Türen klopfte. Er war recht froh, daß wenigstens der Geheimrat nicht zum Abendessen heimkam. Das Ehepaar tat dem Gast alle Ehre. Jakobe legte ihm vor, und Heinz entkorkte eine Flasche, die Simon Gottesdank nur zögernd aus der Hand gab. Die Gläser klangen, und alles war guter Dinge. Aber mit unheimlicher Behendigkeit wichen die jungen Leute jedem Sätzlein aus, das Giacomo hier und da abschnellte und das allzu vorwitzig in geheime Kammern springen wollte. Und wenn sie einander etwas reichten, glitten die Finger schnell auseinander. Ihr Fleisch war sich fremd geworden. Giacomo seufzte mitten in der etwas absichtlichen Lustigkeit und trank sein Glas aus. Hastig, fast erschrocken, daß sie jetzt allein bleiben sollten, forderten sie ihn auf, doch den Geheimrat zu erwarten. Aber er hatte leider keine Zeit. Schnell raffte er seine Ledermappe zusammen, packte sorgfältig die Scherben der blauen Vase ein, schob das Verzeichnis der Bruchstücke in die Tasche und lächelte hoffnungsvoll: »Wird alles wieder prachtvoll zusammengeleimt.« Als Jakobe einen leichten Zweifel äußerte, schlug er selbstgerecht an die Brust: »Verlaß dich darauf, kleine Frau!« Und er zwinkerte vielsagend. Graue Wolken verdunkelten den Garten, in dem alles nackt und schwarz den ersten Schnee erwartete. Giacomo hörte ein dumpfes Rollen und das Klappern von Hufen. Eine Wagenlaterne schimmerte jetzt an der Wegbiegung. Philipp Emanuel kam heim. Giacomo aber trat hinter einen dicken Stamm und ließ den Wagen ohne Anruf vorbei. Er wollte seinen Bruder jetzt nicht sehen. Mit einem Ruck griff er in die Pelztasche, wo er die Scherben der blauen Vase trug, und lächelte sein starrköpfiges Kinderlächeln. Das wollte er alles wieder zusammenleimen, Stück um Stück.   Und das Leben ging langsam und unaufhaltsam weiter und das Jahr mit ihm. Weihnachten kam und fand erschreckte und fast verlegene Williguthgesichter und Hände, die sich gerne zu Fäusten geballt und um ein wenig Frist getrotzt oder selbst gefleht hätten. Niemals war ein Fest wie dieses. Wer durfte sich freuen, außer den ganz Kleinen, wer durfte voll geldfroher Betulichkeit sinnen und kaufen, um weihnachtselige Kindersehnsucht, behagliche Genußmenschenwünsche und karge Greisenvergnügtheit fröhlich und hell unter dem harzduftenden Lichterbaum zu vereinen? Wer durfte da an fette, eiderdunenweiche Karpfen denken, an vierschrötige, knusperige Kapaunen, an wundervoll getürmten und gezierten Salat, der jeder Williguthfrau streng gehütetes Geheimnis war, an süßen und unverdaulichen, kunstreich geschmückten Marzipan, an die Heerschar von Naschwerk aus Früchten, Mandeln, Nüssen und Zitronat, die der Hofzuckerbäcker Robert Williguth sonst um diese Zeit von Haus zu Haus schickte, und die jetzt, silberverschnürt und mit Namen versehen, im Magazin ein nutzloses Dasein führte? Wer durfte es wagen, schimmernden weißen Damast auf glänzende dunkle Tische zu breiten, schweres Silber und Kristall blitzen zu lassen und unter der hundertkerzigen Tanne zu sagen: »Kommt und seid fröhlich!?« Friedemann lag auf den Tod. Sie faßten es nicht, die Williguths, daß einer von ihnen sterben sollte, und schämten sich fast, daß ein Fest sie nicht bereit fand. Verschwiegen und insgeheim maß ein jeder gerade daran die Hinfälligkeit seines strotzenden, festgegründeten Lebens. Der Geheimrat schloß sich ein, wie stets, wenn seine Gedanken nicht willige Sklaven waren, nur Flora Schirlitz durfte ihn da stören. Witte und Elias bekamen ein kleines Bäumchen, das man im Kinderzimmer eilfertig geputzt hatte. Elias hob die dicken Händchen und bejubelte die Kerzen. Witte aber sagte vorwurfsvoll, die kleinen dunkelblonden Brauen steilrecht gefurcht: »Dummer Onkel Friedemann! Voriges Jahr war der Baum viel größer und viel mehr Zuckerwerk daran!« Mißmutig kroch er ins Bett, nachdem er den neuen Bierwagen an seinen Fuß festgebunden und so vor jedem Diebstahl sicher hatte. Bilderbuch, Kanone und Plüschaffe lagen in Griffweite. Jakobe lächelte, als ihr Bub seinen Besitz wie eine Vasallenschar um sich versammelte. Und in diesem Lächeln war Neid. Dann fuhr sie mit Heinz zu ihren Eltern und trug in dem Lärm dieses Weihnachtsabends ihren Kopf stolzer denn je. In einem rastlosen Gehetztsein, das wie Übermut wirkte, zwang sie alle Welt zu glauben, daß sie eine glückliche Frau sei. Hochmut trotzte um die heute rotgeschminkten Lippen, die Stimme war laut und scharf in einer neuen gläsernen Sprödigkeit, und Nikolaus Forcade stellte nachdenklich fest, daß der Ausschnitt tiefer reichte als sonst. Mit bekümmerter Unruhe entdeckte er an Jakobe Spuren von dem grellen Wesen der Mutter. Miriam aber empfand diese plötzliche Gefallsucht als Eingriff in ihr alleiniges Recht. Sie war ohnedies schon schlimmer Laune, weil Renate und Achatz wider Erwarten unter dem Lichterbaum nicht um ihren mütterlichen Segen gebeten, sondern nur vergnügten Unsinn miteinander getrieben hatten. Und jetzt lief ihr noch Jakobe über den Weg, spreizte sich und haschte nach Blick und Wort, hob lässig die schmalen Arme und nahm alles Lob an sich. Mißtrauisch standen die schwarzen Brauen über Miriams herrischen Augen. »Spar' dir die hübschen Mätzchen für dein Schlafzimmer, mein Herzblatt!« zischte sie der Tochter ins Gesicht und bewunderte laut und mütterlich die kostbaren Spitzen an Jakobes Kleid. Sir S. Lewis, der feine Ohren hatte und gerade am Kamin die alten Knochen wärmte, schmunzelte boshaft, als er Miriams Oberlippe hochspringen und ihre Zunge schlangenschnell über die starken Zähne gleiten sah. »Komm her, Miriam, mein Gold!« Sie wandte nur den Kopf und gab ein kurzes, zorniges Lachen. Sie hatte Jakobe Williguths nackte Schultern dicht vor sich und nicht weit davon Renate im Stolz des ersten ausgeschnittenen Kleides, das man ihr in der Hoffnung auf die bevorstehende Verlobung bewilligt hatte. Miriam atmete schnell. Sie fühlte mit grimmiger Schärfe, daß diese Frau und dieses Mädchen sie selbst ins Alter verwiesen, unbarmherzig ihre Schönheit übertrumpften, daß zwischen zwei Generationen dunkel und unbewußt der Haß am Werke war und das Gestern unerbittlich vom Heute schied. Der alte Mann am Kamin griff nach ihrer zornigen Hand und murmelte: »Gib dich darein!« Aber sie riß sich los. Ihre schweren Brüste standen straff, ihre Nasenflügel zuckten auf und nieder, die nicht allzukleine Hand raffte knapp das Kleid. Ein Rauschen lief vor ihr her. So stieß sie auf Jakobe wie auf eine sichere Beute. Die plauderte gerade mit Heinz, eine heitere, undurchdringliche Maske vor dem Gesicht, und setzte Worte, deren müde Gleichgültigkeit ein ewiges Lächeln warm und hell verdeckte. Miriam kniff die Lider ein. Sie maß die beiden einen kurzen Augenblick. Jakobe war schöner als je. Miriams Finger krallten sich in die Seide. Dann sagte sie vorwurfsvoll: »Ich hatte gedacht, liebe Kinder, daß mir Heinz diesmal den Privatdozenten unter den Christbaum legen würde.« Und sie sah von einem zum andern und lächelte wie eine enttäuschte Mutter, der die Kinder eine kleine, unschuldige Freude vorenthalten. Jakobe stieß hart und lautlos den Fuß auf, man sah es nur am Zittern ihres Kleides. Heinz Williguth war blaß und nagte an den Lippen. »Na?« fragte die Gräfin Forcade und schlug lachend den Fächer nach ihm, »bist doch der Sohn deines Vaters, oder nicht?« Rothenwolff wechselte einen schnellen Blick mit Nikolaus Forcade und verbeugte sich in gemessener Würde vor Miriam: »Es wird getanzt! Darf ich bitten, gnädigste Tante?« Sie nahm seinen Arm, ließ die Seide knistern und fühlte sich jung in befriedigter Rachsucht. Die Williguths fuhren heim. Steif und aufrecht saßen sie und hatten acht, daß zwischen ihren Körpern Raum blieb. Endlich fragte Heinz: »Was wollte eigentlich deine Mutter?« Eine Weile kam keine Antwort. Nur die Augen Jakobes brannten aus dem Dunkel. Ihre Hand zog die Spitzen dichter um das Gesicht. Dann sagte sie langsam: »Du weißt ganz gut, was sie wollte.« Und kehrte den Blick zum Fenster, hinter dem die Brückenlichter vorbeihuschten. »Und du, Jakobe?« Sie zuckte nur die Schultern. In seinen Augen aber war jetzt ein halb lauerndes, halb fröhliches Funkeln, das die flüchtige Stunde einfangen wollte. Ganz nahe schob er sich heran. »Du, Jakobe!« Jäh wandte sie den Kopf. Da hielten schon die Rappen vor dem hellerleuchteten Portikus mit den strengen jonischen Säulen. Heinz hob seine Frau aus dem Wagen. »Du, Jakobe!« Hand in Hand, Liebkosung und Gewalt. Sein hastiges Flüstern lief wie Feuer über ihre Haut. Zögernd, mit großen, hellen Augen sah sie ihn an. Simon Gottesdank riß die schwere Eingangstür auf. Aus einem tiefen Korbstuhl erhob sich die Schirlitz, ihr graues Seidenkleid raschelte wie dürres Laub, die harten Tritte weckten wunderliche Stimmen in der Stille. »Schön guten Abend, gnädige Frau und Herr Doktor. Herr Geheimrat sind nochmals nach der Klinik und bleiben dort. Und, ach, gnädige Frau,« sie hielt Jakobe, die abgewandt ihre zornigen Tränen verbarg, am Pelzbesatz des Mantels fest und wies eifrig und erregt nach dem Wintergarten, »vielleicht wissen gnädige Frau dazu Rat. Der Gärtner will rote Azaleen um alle Palmen stellen, sozusagen als Rabatte. Und nun fürchte ich, daß dem Herrn Geheimrat rote Blumen nicht erwünscht sein könnten, wo doch der Herr Superintendent so leidend sind– –.« Heinz grub den Blick in Jakobes Gesicht: »Warum operiert Vater nicht und macht ein Ende, ehe uns alle der Satan holt?« Die schrille Stimme schlug in ein heiseres Keuchen um. Er duckte sich wie ein Tier. Dann drehte er sich auf dem Absatz und schmetterte die Tür ins Schloß. Jakobe streckte die leeren Hände und ließ sie schlaff wieder fallen. Der Alltag zerschlug das scheue Wunder in tausend Scherben.   Im »Blauen Herrgott« saß an diesem Abend Giacomo allein bei den greisen Eltern. Er fühlte seine Junggeselleneinsamkeit stärker als sonst, aß und trank zerstreut, was ihm die Mutter vorsetzte, seufzte, kam ins Grübeln und breitete plötzlich nachdenkliche Weisheit vor sich aus. »Ja, es sollte jemand mit Philipp Emanuel sprechen. Es fängt gerade so an wie damals, als uns Karl Maria vor die Hunde gehen wollte.« Und hieb die schwere Faust auf den Tisch: »Aber ich rühre keinen Finger mehr. Wie ein Aal ist der Kerl, einfach nicht zu fassen. Und sie? Fordert sie doch gefälligst auf, mit ihm zu schlafen!« »Unsinn!« brummte Johann Sebastian, »das renkt sich alles zurecht. Um einen Williguth ist mir nicht bange. Wir verstehen es mit den Weibern.« Herablassend sah er auf den gliederschweren Hagestolz und kniff die unwillige Apollonia in den Arm: »Was Mutter?« Damit war der Fall Heinz Williguth für ihn erledigt. Als dann Giacomo dem Vater ein Glas Punsch zur vollen Zufriedenheit gebraut hatte, schlürfte Johann Sebastian den Trank und sagte behaglich und doch zaghaft: »Komm, du sollst mir die Bälge treten. Friedemann kann es nicht kränken, und dem Herrgott und mir ist es heut abend doch eine kleine Freude.« Und dann klang die Orgel. Apollonia war allein im Schimmer der niederbrennenden Weihnachtskerzen, hielt den Stock mit dem Löschhütchen in der Hand und drückte die rauchenden Stümpfchen sorgsam aus. Giacomos Worte gingen ihr schwer und kummervoll durch den Sinn. Hochaufgerichtet blickte sie in das Flackern der Kerzen.   Weihnachten war vorüber, da kam Apollonia in das Haus Philipp Emanuels. Das violette Kapotthütchen saß ein wenig schief auf dem silberweißen Altweiberkopf, und die rechte Hand stützte sich kräftig auf den plumpen Schirm, neben dem die mit Süßigkeiten wohlgefüllte, perlengestickte Tasche schaukelte. Mit festen, entschlossenen Schritten stapfte sie durch den Schnee, der jetzt endlich das häßliche nackte Schwarz des Gartens in rundlich gepolstertes Weiß verwandelt hatte. Mit umständlicher Wichtigkeit packte sie dann die Näschereien für Witte aus und überzeugte sich mit Wohlgefallen, daß er ihre dicken weißen Winterstrümpfe wirklich trug. Jakobe wagte sie doch nicht danach zu fragen, mißtrauisch musterte sie nur den schmalen dunkelgrauen Schuh und ließ den Blick heimlich über das enge rote Hauskleid gleiten, das so scharf die spitzen Knie abzeichnete. Beinahe anstößig und wider die Natur schien ihr Jakobes Mädchenschlankheit. Erregt glättete sie das an den Schläfen noch leicht wellige Weißhaar und saß wie Urmutter Eva, die unter ihrer zahlreichen Nachkommenschaft mal wieder nach dem Rechten sieht. Befriedigt nickte sie erst, als die Wage eine stattliche Gewichtszunahme des feisten Elias auswies. Sachverständig griff sie den Kleinen auf und prüfte Knochen und Muskeln. »Brav, Jakobe!« Die dunkelblauen Pupillen funkelten vertraulich hinter der dicken Hornbrille. Sie stemmte die plumpen Hände auf die Schenkel, wie Johann Ambrosius auf dem Holzbild, das Apollonia gerade gegenüberhing. Jakobes Finger lagen als Fäuste auf dem weichen roten Kleid und preßten ins Fleisch. Die alte Frau warf plötzlich den Kopf zurück: »Kann niemand horchen?« Sie stampfte selbst zur Tür und guckte hinaus. Wie ein Richter über Tod und Leben, so stand sie dann breit und wuchtig vor der Frau ihres Enkels. »Elias ist jetzt auch schon vierzehn Monate alt. Da wäre es nun wieder an der Zeit, Jakobe.« Und ein listiges Lächeln lauerte um den habgierigen Mund. Jakobe schloß die Augen und hatte das Schwirren des Blutes im Ohr. »Nein, Großmama.« Apollonia schob dies stille »Nein« von sich wie ein unnützes, unverlangtes Ding. Schmunzelnd zeigte sie ihre gut erhaltenen Zähne: »Du weißt ja gar nicht, wie wunderschön Johann Sebastian die Orgel spielt, wenn so ein neues Urenkelchen gerade gekommen ist.« »Ich will nicht.« Ganz starr und ruhig war ihr Blick. Apollonia Williguth schob die Kinnbacken vor und schlug zornig die Finger durch die Luft, wie man Fliegen scheucht. »Es ist deine Pflicht, liebes Kind.« Das Fordern und Heischen der Williguths kannte keine Scham. Schwerfällig, in langsam tappenden Worten gab die Greisin ihre kargen und geringen Geheimnisse preis. »Eine Frau muß gar mancherlei. Die Männer sind mal so. Auch Johann Sebastian lief gern auf andern Wegen . Du lieber Gott, und ich habe doch zwölf Kinder mit ihm gehabt.« Gewichtig nickte sie zu dieser Weisheit, legte sie hin wie ein kostbares Geschenk und wartete dann. Jakobe aber dachte an den Abend, da der Geheimrat lächelnd zu kleinen, feinen Frauenmitteln geraten und sie wie eine Dirne in Heinz' Umarmungen getrieben hatte. Und der Ekel schüttelte sie, daß sie jetzt ein zweitesmal diesen Kreuzweg gehen sollte. »Was willst du von mir?« »Ihr lebt nicht wie Eheleute. Oder kannst du es leugnen?« Die Stimme der alten Frau wurde scharf, in den Augenwinkeln standen zwei kleine, zornige Tränen. Kein Williguth gab sein Gefühl preis, auch ihre Frauen nicht. Jakobe wich langsam vor dieser unerbittlichen Entschiedenheit, die kein Entrinnen litt. »Heinz läuft mit fremden Frauen. Schämst du dich nicht?« Sie reckte sich hoch auf und sah geringschätzig auf Jakobe. Sie haßte diese hochmütige Schlankheit, die keinen Nutzen brachte, sie verachtete diese schöne Frau, die den Mann nicht in ihre Arme zwingen konnte. Was sollte sie den Williguths, die Unfruchtbare, die ihren Besitz nicht zu hüten und nicht zu mehren wußte? Aber nochmal kirrte sie mit lächelnder Weisheit: »Ach, Kindchen, wir sind sechzig Jahre verheiratet, und es waren genug bittere Tage darunter. Und schau mal, jede Nacht horche ich auf seinen Atem, seit sechzig Jahren, Kindchen, und kommt ein Rasseln, weil er doch einen kurzen Hals hat, dann schiebe ich ihm ein Polster unter und freue mich, wenn er wieder ruhig atmet. Werde erst nur einmal so alt, wie ich!« Mit beiden Händen riß Jakobe den letzten Fetzen Lüge von der nackten Schande: »Ich kann ihn nicht halten. Er nimmt mich und geht.« Langsam und schier ratlos schüttelte die alte Apollonia den Kopf. Die großen Augen glänzten jetzt fast schwarz hinter der dicken Hornbrille. »Unsinn,« zankte sie dann, in einer plötzlichen, abschließenden Feindseligkeit, »was sind das überhaupt für Reden! Mein Lebtag habe ich das von keiner Frau gehört! Er hat doch den schönen Namen, hat gut zu essen und zu trinken, trägt seine Kleider und hat zwei Kinder. Ich verstehe dich nicht.« Ihre Hand zog die wegwerfende Bewegung der Williguths, mit der sie alles abtaten, was ihrem eigenen Wesen fremd war. Grübelnd stand sie eine Weile und lächelte dann wieder voll selbstgerechter Sicherheit. Herrisch streckte sie die Hand aus. »Komm!« Würdevoll schritt sie voran, durch dämmerige Korridore, vorbei an dunklen Bildern, durch das schweigende Haus Williguth. Erst in Heinz' Schlafzimmer machte sie halt. Strenge, als täte es not, mit dem Wischlappen in staubige Winkel zu fahren, sah sie sich um und schob das Kinn vor. »Rufe die Mädchen, die Schirlitz und Simon!« »Wozu, Großmama?« »Dies Bett soll hinauf zu dir. Das bist du uns schuldig.« Wie Eisenklammern schlug sie die Finger in Jakobes Schulter. »Du willst nicht, was? Ich werde dich lehren, Frau Gräfin!« Jakobe spannte widerwillig die Arme zurück und zog die Schultern nach, daß die Halsadern dick und pochend unter der blassen Haut sprangen. Stoßweise kam ihr Atem. Die Greisin reckte sich auf in eigensinniger Gewalttätigkeit: »Die Mädchen sollst du rufen, hörst du nicht!« In dem offenen Mund zitterte die Zunge, weiß quoll der Speichel. Plötzlich glitt ihre Hand herab. Sie hörte einen bekannten Schritt. Da setzten beide ihr steinernes Lächeln auf und schickten es dem Geheimrat als Gruß entgegen. Mißtrauisch und scherzend hob Philipp Emanuel den Finger: »Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, was klopfgeistert ihr mir da bei meinem Jungen?« Jakobe drückte die Nägel ins Fleisch. Dann hatte sie wieder den Mut zur Lüge: »Großmama wollte so gern Heinz' Arbeit sehen, die suchen wir nun.« Ein Schatten strich über Philipp Emanuels wuchtige Stirn, dann warf er gleichmütig hin: »Ei ja, die Arbeit!« Jakobe wußte, daß auch seine Gelassenheit verzweifelte Lüge war. Jetzt galt es wieder, vielleicht zum letztenmal. Langsam gab sie das schweigende Zuschauen auf und tat Schritte auf die Seite, die sie längst verlassen hatte, aus Mitleid mit der alten Frau. In gehetzter Lustigkeit lief sie voran. »Helft doch suchen!« Dann schwang sie das Manuskript. Der Geheimrat wog es lange in der Hand. Seine Mutter trat heran: »Sei nicht zu streng mit ihm! Er ist noch jung.« Ärgerlich schüttelte er den Kopf und blätterte schnell. Die Frauen atmeten kaum. Er blinzelte über das Manuskript scharf nach Jakobe. Die Falten auf der Stirn vertieften sich. »Warum kommt er nicht selbst zu mir?« Apollonia fiel schnell ein: »Er weiß doch nicht, daß wir hier sind.« Sie hatte jetzt den herrisch fordernden Blick wie am Schmerzensbett des Superintendenten. Alles Drohende und Schwere wollte dieser Blick niederzwingen. Und dann lächelte sie vertraulich dem Sohn zu. Über Jakobe aber kam die alte Starrheit. So standen die drei.   Am Abend ordnete Jakobe, in erzwungener Bereitschaft zu den kleinen Dingen des Alltags, Blumen in den silbernen Schalen und stach lange Rosenstiele in die schlanken Kristallvasen. Es kam sündhaft teuer, aber der Geheimrat wollte es behaglich und farbenhell haben, wenn er von seinem blutigen Handwerk heimkehrte. Im Garten schwamm der Mond hinter den schwarzen Gittern der Äste und baute silberne Brücken ins Zimmer. Selbst dem heiligen Christoph strichen lichte Hände über das bärbeißige Gesicht. Da stand Heinz Williguth in der Tür. Zwischen Aug und Aug gingen unausgesprochene Worte, hart und eckig, wie man Steine wirft. In seinen Mundwinkeln lag das ewige Lauern. »Hat die Alte wieder spioniert?« Und wie ein Schuljunge, der einer Anklage zuvorkommen will, polterte er los: »Gott, ja, ja! Sie haben tausendmal recht. Was willst du? Etwas muß ich doch haben!« Sein hoher, schmaler Körper schien nur der Schatten, den die Williguth warfen. Immer lauter schrie er in seiner Unsicherheit. Jakobes Schweigen nahm ihm den letzten Schein von Recht. Zornig, mit langen, unsteten Schritten lief er auf und ab. Dann blieb er knapp vor ihr stehen und äffte mit hämisch verzerrtem Mund: »Du hast ja keine Zeit für mich. In Zoppot saßest du in Vaters Sonne und ließest dir von ihr den Rücken wärmen. Da hast du prachtvoll die schöne Schwiegertochter von Philipp Emanuel Williguth gespielt. Und ich konnte indessen Motten im leeren Haus fangen. Und jetzt legst du für ihn Blumen in silberne Schalen und bewunderst deine schlanken weißen Finger. Freilich, ihm bist du unentbehrlich mit deinem Räucherfaß!« Jakobe straffte die schmalen Schultern. Ihre Stimme war ganz still und fremd. »Du irrst! Die Williguths sind da anderer Meinung, deine Großmutter voran. Die denken alle, ich sei hier ganz überflüssig geworden.« »Was heißt das?« »Vor sieben Jahren habt ihr mich ins Haus genommen, weil du ein Lump warst. Ich sollte dir Ziel und Zweck geben und dir die Zeit vertreiben, weil ich jung und hübsch war. Die Williguths meinten, es wäre gut so. Es ist natürlich meine Schuld, daß diese klugen Rechner sich verrechnet haben.« In die schwere Stille kam jetzt Wittes schrilles Pfeifchen und das schnelle Rollen seiner kleinen Eisenbahn. Pedantisch schob Jakobe die Vasen zurecht. Sie erschrak fast, daß sie jetzt nur Mitleid fühlte, wollte mehr geben, aber hatte es nicht. Mißtrauisch blinzelte er nach ihr. Als das Ebenbild seines Vaters, karg und streng stand sie da vor ihm und las ihm den Text. Er strich den rechten Arm durch die Luft, nur kürzer und schneller als der Geheimrat, daß kein Abschließen darin lag, nur ein verdrossenes Hinschleudern, mit dem er jeden Vorwurf abtat. »Wer hat mein Manuskript fortgenommen?« Wieder war das Lauern um den Mund und in den eingekniffenen Augen. Aber hinter der hämischen Knappheit bettelte er um ein wenig Lob. Weite, helle Augen kamen ihm entgegen, Augen, die schenken wollten, immer und immer wieder, leise und vorsichtig setzte Jakobe ihre Worte. »Vater also?« Grämlich verzog er den Mund. Dann lachte er: »Gnade mir Gott!« Aus den Scherben ihrer Liebe, die auch Giacomo Williguth nicht mehr zusammenfügen konnte, wie die blaue Deckelvase, suchte sie ein buntes Stück der Erinnerung und gab es ihm zum Spiel. »Warum die Schrift der Schirlitz? Ich hätte es auch getan.« Und wartete wieder. Aber er sagte nur: »Ja, die wollte es so« und reckte sich stolz, weil ihn doch jemand lieb hatte. Da stand plötzlich das einzige Kind, das mutterlos unter seines Vaters Zuchtrute aufgewachsen war. Draußen schrie der geschäftige Witte: »Schnellzug nach Berlin. Einsteigen!« Und wieder ratterte und rasselte die kleine Eisenbahn. »Der wilde Kerl!« Ganz weich lächelte Heinz. Mit einem Ruck legte er dann das Gesicht wieder in die starre Maske. Als Mal, das niemals vernarbte, hatte man ihm den Ehrgeiz eingebrannt. Eine unsichtbare Peitsche schwang hinter ihm drein: der Name, den er trug. Das Lauern in seinen Augen wurde schärfer und kälter, das Mißtrauen wuchs und schüttelte ihn: »Warum hast du Vater meine Arbeit gegeben? Was kümmert dich das plötzlich? Du meinst wohl, es ist nichts damit, und willst es schnell vom Alten schwarz auf weiß bestätigt haben, daß alles umsonst ist? Was?« Mitten im heisern Flüstern schrie er auf: »Bande! Ihr sitzt über mich zurate und spioniert hinter mir drein.« Dunkel stand jetzt der Haß in seinen Augen: »Vater ist riesengroß für euch alle, und ich zwergenklein. Aber ducken soll er sich vor mir wie ein Hund, auf seiner eigenen verfluchten Klinik. Und du – – du – – –.« Die Stimme schnappte ab. Er trat auf Jakobe zu, als wollte er sie schlagen. Sie zuckte und wandte den Kopf. Als sie wieder aufsah, war sie allein. Ihr Herz schlug in schnellen, harten Schlägen, als wären die Adern leer und das Herz selbst ein gefangenes Tier, das nicht zur Ruhe kam. In starrer Gewohnheit ordnete sie wieder die Blumen. Plötzlich schnellte das volle Licht der schweren Glaskrone in den blassen Mondschein. »Im Dunkel, schöne Frau?« In bester Laune schob der Geheimrat Aurelius Schückedanz ins Zimmer: »Na, ihr Weiberchen, hoffentlich macht ihr mir keine Schande mit dem Hecht. Schückedanz hat einen guten Gaumen für Fische. Denk' mal bloß, Jakobe, er hat ja sein 'Röschen'!« Unter seinem breiten Lachen flog ein scharfer Blick rundum. »Friedemann ist heute viel wohler. Ich bin zufrieden. Da kann ich also morgen nach Moskau. Die russischen Rubel klingen gut.« Er rieb die starken weißen Hände und roch an den Blumen. Sein Gesicht sah man jetzt nicht. »Zwischen zwei Operationen habe ich von Heinz' Arbeit die ersten Seiten gelesen. Nicht übel, gut sogar, sage ich dir. Du kannst stolz sein.« Er nickte ihr zu, und blitzschnell hatte sie das Gefühl: Er lügt. Er will heute alles gut finden. Er spielt für die Komparserie. Deshalb hat er auch Schückedanz mitgebracht. Was verschlug es da, ob sie im bunten Maskenspiel mittanzte oder nicht? »Was, Assistente, der Passus über Hypophysentumoren, den ich Ihnen da vorlas, ist famos aufgebaut?« »Genial, möchte ich fast sagen,« bestätigte Schückedanz und strahlte über das gute, feiste Gesicht, »wenn er so weiter bleibt, werde ich ihm wohl bald Platz machen müssen.« Wieder lachte der Geheimrat sein breites Lachen und blickte sich scharf um: »Wenn er glücklich den Dozenten weg hat, will ich ihm mal 'ne Freude machen. So 'ne ganz richtige Freude.« Die königliche Gebärde verschenkte schier den Erdkreis: »Denk einstweilen nach, Jakobe! Du wirst ja wissen, was er gern möchte.« Automatenhaft sagte sich Jakobe vor: »Laß uns beide fort! Weit fort!« Aber sie sprach es nicht aus. Fremd und unwahrscheinlich schien ihr der bloße Gedanke. Wieder war sie nur eine gelassene Zuschauerin in dem Schicksal dieses Hauses, das sie und andere mit bunten Kränzen schmückten. »Na, kommt denn Heinz gar nicht zum Vorschein?« Es klang heiter, und doch drohten die großen grauen Augen. Mit schmerzhafter Erkenntnis fühlte Jakobe, daß sie alles, was sie für Heinz tat, um Philipp Emanuels willen tat, daß sie schweigend die Würde dieses Hauses stützte, weil sein Vater es so wollte. Sie schützte Philipp Emanuels Sohn wie ein Stück seines Hausrates, wie die Schirlitz den Staub von Glas und Silber blies und die Schreibtafel für das Kartenspiel reinwischte. So eng und fest war sie an Philipp Emanuel und sein Haus gebunden, daß sie jetzt ein helles Lächeln fand und leichthin sagen konnte: »Heinz wollte noch tüchtig arbeiten, Papa.« »Wacker!« lobte Schückedanz, der mit verzweifelter Hartnäckigkeit die erwünschte Lüge weiterspann, »da hat er ein paar hochinteressante Operationen an der Leiche gemacht, Frau Jakobe. Allerhand Achtung! Man merkt wohl, woher er die glückliche Hand hat.« Und er wippte eine Art Verbeugung nach dem Geheimrat hin. Der schob ihn gutgelaunt an den gedeckten Tisch: »Hunger habe ich, Kinder! Simon, Burgunder, falls du nicht allen heimlich ausgesoffen hast.«   Kaltes Licht im weißen Zimmer. Vor den Fenstern die Nacht und engbrüstige Häuser mit steilen Dachkapuzen. Leises Leben in der stillen Straße. Nur dann und wann ein dumpfes Dröhnen, wenn abseits von dem vergessenen Winkel ein Auto über das Pflaster surrte oder ein Lastwagen polternd aufstieß. Auf dem Tisch stand eine halbleere Weinflasche und ein volles Glas, über dem Stuhl hing ein weißer Kittel. Hart tickte die Uhr. Sie hatte hier ihr besonderes Recht, denn sie schob Menschenleben ein Stück weiter, wenn das Ohr der Kranken in der Einsamkeit der Nacht das gleichmäßige Ticken nachzählte, in stumpfer Angst vor der letzten Minute Zahl an Zahl setzte. Die Tür glitt ins Zimmer, leer stand der halbdunkle Ausschnitt im grellen Licht. Dann kam eine Männerstimme in das Schweigen: »Was jetzt?« Schückedanz' Rücken wurde sichtbar, schob sich in die Helligkeit und zog die erregt fuchtelnden Arme nach. »Und der Chef ist in Moskau!« Er blies die dicken Backen auf und schnaufte ärgerlich. Über der Tür hing ein Lichtbild des Geheimrats, Kopf und Brust. Wie zu einem Fetisch blickte Schückedanz empor. »Der hilft dir jetzt mal nicht.« Heinz Williguth warf spöttisch die Hand durch die Luft und wippte auf den Fußspitzen, wie ein Spieler, der endlich die Trumpffarbe zwischen den Fingern hält. »Willst du operieren? Lange kann Onkel Friedemann nicht mehr warten.« »Freilich.« Schückedanz drückte den Kopf zwischen die Schultern, daß die Speckfalten im Nacken sprangen. Die dünnen Augenbrauen rückten hoch in die rote Stirn. Dann horchten beide. Ein schwerer Schritt schleppte über die dicken Teppiche, die hier alle Geräusche dämpften. Albine Williguths knochige Finger zerrten an dem schwarzen Kleid, das schlapp an der dürren Gestalt hing. Dann streckte sie stumm die Hände aus. »Ja, Tante, wir sind da,« sagte der junge Williguth und umschloß die zuckenden Finger mit leichtem Druck. »Tu's du!« Wie ein Griff war ihr Blick. Dankbar schaute er sie an. Jetzt war kein anderer da, und sie brauchten ihn. »Hast du den Atem gehört, Schückedanz? Cheyne-Stokes. Es ist Zeit.« Der runde, kahle Kopf fuhr hemm. Hilflos ruderten die kurzen Arme. Die Uhr tickte. »Es ist Zeit,« wiederholte Heinz Williguth und griff nach dem weißen Kittel. Er hakte bedächtig die Knöpfe ein und sagte geschäftsmäßig: »Leicht ist es nicht, Tante.« In ihren Augen war ein gläubiges Leuchten. Heinz strich schnell über das Gesicht. Wunderlich schien ihm diese Frau, die, häßlich und unbeachtet, als Sklavin lebte und jetzt doch helle Kraft hatte, dem Tode zu trotzen. Sie faltete die rotgearbeiteten Hände und blieb so. »Die Mädchen sind noch so jung,« murmelte sie dann und lächelte in ihrer Trauer. Heinz Williguth hatte den Blick auf dem Bild seines Vaters. Ein stummes Messen und Wägen. »Vorwärts!« sagte er rauh. Albine hatte lange, sehr lange zu warten, bis der junge Williguth kam. Er nickte nur stumm. Angstvoll drehte sie den Kopf im Kreise. »Man kann noch nichts sagen.« Dann murmelte er mitleidig: »Aber er lebt, Tante.« Rote Flecken brannten auf ihren eingesunkenen Wangen, der Herzstoß warf das Blut hoch. Sie preßte Heinz' Hände und begann jetzt erst zu weinen, sparsame, karge Tränen, die dick und langsam niedertropften. »Du mußt jetzt schlafen, Tante. Er braucht dich vielleicht schon morgen.« Gehorsam stand sie auf. Er gab ihr den Arm. Als er allein war, löschte er das Licht und saß im Dunkel. Sein Atem lief mit dem Ticken der Uhr. Schückedanz steckte geschäftig den Kopf herein: »Ich bleibe da.« »Ich auch.« Die Tür klappte zu. Dann klopfte es wieder. »Heinrich!« »Ja, Tante?« »Darf ich bei dir sein? Ich setze mich ganz still da auf den Stuhl.« Die Nacht ging weiter, leise klatschte der Regen an die Scheiben. »Willst du nicht schlafen, Heinz? Du mußt ja müde sein.« »Nein, gar nicht.« Und er hatte den Blick im Dunkel, auf seines Vaters Bild.   Durch den zähen, braunen Kot, in den der Nachtregen den Schnee verwandelt, trabten die Williguths, Mann und Weib. Von überallher wandelten sie unter plumpen, naßglänzenden Regenschirmen, wie dicke Riesenpilze, denn ihr Geiz verschmähte die Verschwendung einer Droschke. Mit würdevollem Dünkel schoben sie sich an dem Hauswart vorbei. Zu Philipp Emanuels Privatklinik stand wohl jedem Williguth der Weg offen. Hoffärtig stapften die schweren Füße über die Teppiche, von Schirm und Mantel troff das Wasser. Dann drängten sie sich in dem blanken weißen Zimmer und hatten Albine in der Mitte, zogen und zerrten alles Wissenswerte aus ihr und wunderten sich insgesamt, daß gerade Albine auf einmal im Brennpunkt ihrer besorgten Neugierde saß. In schöner Gleichmäßigkeit wandten sie dann große, verwunderte Augen auf Heinz Williguth. »So ein junger Mensch,« brummte Johann Sebastian und schüttelte den Kopf. Auch Apollonia guckte mißtrauisch durch die Brille und begriff nicht recht, daß ein Mensch, der mit Gott weiß welchen Weibern Küsse tauschte, den frommen Friedemann gerettet haben sollte. Minna Vogel prüfte wohlwollend die weißlackierten Möbel: »Nett! Was zahlt hier die erste Klasse?« »Protze nicht so fürchterlich!« knurrte Linchen Krusemann und musterte mit Neid den pompösen Winterhut ihrer Schwester, die überdies im Auto vorgefahren war. Robert Williguth bewegte die Arme, als rührte er feinen Blätterteig, und sagte gnädig hinter seinem langen, gekräuselten dunklen Bart: »Ja, mein Junge, du kannst Gott danken, daß du soviel von deinem Vater gelernt hast.« Und er tat eine innere unsichtbare Verbeugung vor Philipp Emanuels Bild. »Daß sich chirurgische Fertigkeit auch vererbt, das habe ich nicht gewußt,« bemerkte Minna Vogel und spielte geziert mit ihrer langen feingliedrigen Uhrkette, an der sie gut bürgerlich die winzig kleinen Bildnisse von Mann und Kindern trug. Heinz lächelte immerzu. »Ist Jakobe denn nicht da?« forschte Frau Apollonia und warf ihrem Mann vielsagende Blicke zu. Nein, Jakobe war nicht da. Halblautes, erstaunt tuendes Murmeln der Weiber stellte diese merkwürdige Tatsache fest. Der Hofzuckerbäcker verteilte Bonbons, die, wie er betonte, auch regelmäßig dem Prinzen Elias geliefert wurden, und fragte mit gutmütigem Spott: »Dürfen wir noch dableiben, Doktor Williguth? Denn du bist ja jetzt wohl der Herr.« Und dann beteuerte er, daß sein Ältester ihm an gewisse Torten für vornehme Herrschaften beileibe nicht rühren dürfe. Die Erfahrung sei doch eine gute Sache. Mit vernehmlichem Flüstern wandte sich Minna Vogel zu Albine: »War es nicht vorschnell von dir, liebstes Tantchen, Heinz die Operation zu überlassen? Hätte man nicht – – –?« »Nein,« schnappte Albine, die plötzlich fühlte, daß sie und Heinz ganz allein dieser mißtrauischen Masse von Williguths gegenüberstanden. Im Korridor traf Heinz auf Jakobe, die gerade den Schleier über dem blassen Gesicht hochschob. »Ach, du kommst auch?« Er sah nicht die blauen Schatten unter den übernächtigen Augen, nicht die haarfeinen Falten um die Mundwinkel. Gleichgültig streckte er die Finger hin und ließ sie mittewegs sinken. Jakobe nestelte an den Handschuhen und sagte unsicher: »Meine Eltern sind im Lesezimmer. Vielleicht hast du einen Augenblick Zeit?« »Denkst du vielleicht, ich will euer Lob einkassieren?« Schweigend ging sie voran. Plötzlich wandte sie den Kopf: »Ich wäre gestern gerne zu dir gekommen.« Und schon drückte sie die Klinke nieder. Nikolaus Forcade blinzelte in behutsamer Freude, die ängstlich an dunklen Dingen tastete. Miriam aber schwenkte den breiten Muff, daß die vielen Zobelschwänze auf und ab sprangen, und tänzelte wie eine große schillernde Kropftaube auf den Schwiegersohn zu: »Ja, mein Goldjunge, ich habe stets gewußt, was in dir steckt, sonst hätte ich dir nicht Jakobe gegeben!«   Zu Potsdam trepanierte ich, valleri juchhe! Den Koch des großen Friederich, valleri juchhe!« So sang Giacomo Williguth fast andächtig in rollenden, unbarmherzigen Mißtönen, daß Simon Gottesdank entsetzt den Fuchskopf aus der Tür steckte, ihn ebenso schnell zurückzog und zwei verstaubte Weinflaschen, die er unter dem Arm trug, mit unheimlicher Behendigkeit in Boabdils Schlafkorb verbarg. Dann sprang er mit Katzenbuckel und Kratzfuß die nassen Stufen hinab. Giacomo winkte gnädig mit der Hand, die in einem schier überlebensgroßen Handschuh steckte, und wandte sich zu seinem Kutscher, der den unruhig tänzelnden Braunen die Köpfe niederhielt. »Nach der ersten chirurgischen Klinik! Empfehlung vom Rittergutsbesitzer Williguth, und anbei kämen zwanzig Masthühner, eine Kufe springlebendiger Forellen und mein schönster Rehbock. Die armen Tröpfe sollen heute 'was Gutes haben. Die Kufe aber bringst du leer zurück. Allons, Abfahrt!« Kaum trabten die Braunen mit dem hochbepackten Jagdwagen durch die kahle Kastanienallee, stürzte Giacomo mit schrillem Geschrei hinterdrein: »Holla, halt! Erst Zimmermannstraße vierzehn, Privatklinik. Die große Forelle ist für Herrn Superintendent persönlich, dann das andere ins Krankenhaus! Verstanden?« Der Kutscher schüttelte den Kopf und hob die Peitsche. Widerspruch duldete sein Herr nicht. Frohgemut stapfte Giacomo zurück zu den weißen griechischen Säulen, unter denen Simon Gottesbank stand und starrte. Da flog dem Alten der kurze Pelzrock in den Arm, der mechanisch aufschnappte, und eine derbe Hand stülpte ihm das verwegene grüne Hütchen über. Dann warf sich Giacomo krachend in einen tiefen Korbstuhl, streckte die mächtigen Beine in den hohen, knallgelben Juchtenstiefeln weit von sich, beschrieb mit dem Daumen feierliche Kreise nach allen Windrichtungen und fragte endlich, aufmunternd und vertraulich: »Na?« Simon zuckte vorsichtig die Achseln und zog die Mundwinkel in gelbledernes Faltenwerk. »Freut ihr euch denn nicht?« polterte Giacomos grobe Stimme. »Die Ordination war heute sehr besucht.« Und boshaft setzte Gottesdank gleich hinzu: »Wie immer, wenn der Herr Geheimrat fort ist.« Giacomo ließ die Fingerknöchel krachen und blickte zu Boden. Die Treppe knarrte. Da stand Flora Schirlitz und hielt ein Zeitungsblatt. »Simon, hat er nicht meine Brille gesehen?« »Frau Pastor haben ja das Futteral in der Hand.« »Ja, das macht die Freude. Ist ein seltenes Ding bei uns.« Erschrocken hielt sie inne, aber Giacomo herrschte nur mit unerschütterlicher Ruhe: »Bitte, lesen Sie doch endlich!« Ein Ruck, dann lag die Brille fest vor den verwaschenen Augen. Und die welken Lippen plapperten, die dürren Arme spreizten das Blatt weit von sich. So stand die Schirlitz wie ein Herold und las mit rauher Bibelstimme. Ihre Hand ließ manchmal das Papier los und glitt auf und ab, als schwänge sie ein unsichtbares Räucherfaß: »Die geniale Hand des jungen Doktor Williguth, die der seines Vaters nichts nachgibt, ein schlagender Beweis gegen die Behauptung, daß die Söhne großer Männer ...« »He!« murrte Giacomo, »woher weiß der Kerl solchen Unsinn?« Gegen Journalisten trug er stets einen kleinen Groll, weil diese Sippe ihn einst wiederholt schwindelhaften Ringens beschuldigt hatte. »Eine Unterredung mit Professor Doktor Schückedanz, so heißt es am Anfang.« »So, so, der Schückedanz?« Der würdige Simon ließ ein Pfeifen hören und schlug sich dann schnell auf den Mund. Kerzengerade stand er im Hintergrund und grinste boshaft. Die Schirlitz trocknete den Schweiß von der Stirn und gab acht, den geschwärzten Brauen nicht zu nahe zu kommen. »Ich kann nicht mehr.« Gottesdank stelzte langsam heran: »Geben Sie mal her, Frau Pastor! Richtig, da kommen medizinische Fachausdrücke. So was ist mir ein Kinderspiel.« Mit gönnerhafter Freundlichkeit warf er die Finger aus und zog sie wieder ein. Haarscharf, aber mit richtiger Betonung buchstabierte er und stellte bei jedem griechischen oder lateinischen Wort, das er kunstvoll und geziert aussprach, durch einen raschen Blick die Wirkung fest. »»Die osteoplastische Resektion deckte die Zentralfurche und die beiden Zentralwindungen rechts auf.«« Er versuchte die Handbewegung des Geheimrats nachzumachen, und seine Fistelstimme kam in melodisches Rollen. Dann schloß er würdevoll: »»Die Operation endete mit der glücklichen Ausschälung eines neunzig Gramm schweren Myxosarkoms.«« Giacomo schlug die Hände zusammen: »Donnerwetter, das ist ja 'n richtiges Gansei! Um das auszuhalten, muß einer schon Williguth heißen!« Wie ein kollernder Truthahn warf er den Kopf zurück. Simon runzelte die Brauen und kniff die Augen ein. Zuviel Weihrauch ward da verbrannt. Jungem Volk tat dies nicht gut. Wie ein stolzer Riese stand Giacomo in der dämmerigen Halle und schrie seine helle Freude hinaus, daß die Williguths den Tod besiegt hatten. »Her mit dem Wisch, Alter! ... neunzig Gramm schweres Myxosarkom ... zu besten Hoffnungen berechtigt ... Ja freilich! Ein Dankgottesdienst bei St. Pankraz, an der Orgel Johann Sebastian Williguth! Na, Schirlitz, 'rein in das Schwarzseidene, Gesangbuch sittsam in die Hand, und ein Lob angestimmt auf den braven alten Herrn da droben! Und mein Pastor daheim soll ein fettes Schwein kriegen. Kinder hat er ja genug!« Das rollte und krachte, als zöge Johann Sebastian alle Register auf einmal. Die Schirlitz lächelte ängstlich: »Verzeihung, aber der junge Herr schläft, und – – –.« »Pimpelei!« schrie Giacomo mit dreifach verstärkter Stimme und stürmte schon an Heinz' Zimmer, wie Israels Posaunen vor den Mauern Jerichos. Mit der aufklappenden Tür fiel er fast hinein. Flora Schirlitz seufzte: »Nicht mal im Schlaf hat man Ruhe von diesem Volk.« Gottesdank glättete bedächtig die Zeitung: »Mein Gott, so ein ehemaliger Ringkämpfer!« Die Hausdame schlang die Hände ineinander, der Schlüsselbund klirrte wie feines Glockengeläute: es jetzt endlich besser wird?« Simon Gottesdank legte die Fuchsschnauze in unendlich weise Falten. »Abwarten!« sagte er patzig und pfiff durch die Lippen. Die Schirlitz wurde ganz wirr im Kopf: »Ach, freilich, das mit den Zeitungen mag der Herr Geheimrat gar nicht.« Wie ein Feinschmecker genoß der Alte seinen Triumph. Bedächtig und ein wenig verächtlich klopfte er auf das zusammengefaltete Blatt: »Das sind die Komödiantenmanieren der gnädigsten Gräfin Fortade. So gedrucktes Lob frißt das Theaterpack schon zum Frühstück. Wir brauchen aber das nicht, wir sind auch so jemand.« Wieder ahmte er mit selbstbewußter Würde die große Geste Philipp Emanuels nach. Im Schlafzimmer dehnte sich Heinz in glücklicher Faulheit und lächelte ein bißchen spöttisch zu Giacomos polternden, herzensguten Glückwünschen. Was machten diese Williguths doch für kerngesunden Lärm, wenn alles nach ihren Wünschen ging! Mit schlanker Hand schlug er den Wortschwall zurück: »Ach, was ist denn soviel daran? Heute nacht, ja, da meinte ich wohl einen Augenblick, es sei eine große Tat, aber schließlich hätte es auch Schückedanz gemacht. Und wenn erst Vater – – –.« Er lauerte scharf zwischen halbgeschlossenen Lidern. Warum widersprach Giacomo jetzt nicht? Merkte er vielleicht gar, daß es heißen sollte: »Heute nacht, da glaube ich schon, ich hätte Vaters großen Namen zwischen beiden Fäusten zermalmt. Aber schließlich ist die Welt darüber weiter gegangen, und ich bin leer wie nur je zuvor?« Und da stand ein schlimmer Gedanke auf: Wäre Friedemann unter Meißel und Hammer geblieben, was dann? Heinz blinzelte mißtrauisch und lag dann ganz still. Giacomo aber krähte wieder alle selbstherrliche Hoffahrt der Williguths hinaus: »Dein Vater kann stolz auf dich sein!« Und er lächelte breit. Heinz schloß verdrossen die Augen. Er wußte es ja: Jeder verglich, jeder maß ihn am Vater. »Über den Berg sind wir noch lange nicht.« Die Hand reckte sich steilrecht und glitt im Bogen durch die Luft, schnell aber schlug er die Finger ein, weil er wider Willen die Gebärde seines Vaters zog. Seine kalte Stimme hieb den Williguthschen Dünkel scharf in die Flanken. Mit runden, traurigen Kinderaugen schaute Giacomo, wie der kleine Elias, wenn man ihm ein Spielzeug fortnahm. »Nein, nein! Der alte Gott wird schon weiterhelfen.« Heinz klemmte ungeduldig die Lippen zwischen die Zähne. Den Williguths konnte man nicht an, mit Gott und dem Teufel hatten die ihre Sonderverträge und ließen davon kein Quentchen nach. Da kam Jakobe, ein wenig zögernd, aber mit einer hellen Freudigkeit in jeder Bewegung, daß Giacomo heimlich den dicken Mund zum Pfeifen spitzte. Er schmunzelte wie ein würdiger Pfarrer, der kleine Streitigkeiten klug schlichtet und den Kopf fromm abwendet, ehe die Lippen sich finden. »Das soll ich dir von Mama geben.« Mit einem Lächeln, das spöttisch die eigene Freude zügelte, hielt sie ihm ein goldenes Zigarettenetui hin. Giacomo griff nach dem Geschenk und wog es anerkennend auf gespreizten Fingern: »Schweres Gold, mein Junge. Na, die Miriam läßt sich nicht lumpen.« Jakobe streckte die leeren Hände aus: »Ja, und ich habe gar nichts für dich – – –.« Sie gab ein schmales Lächeln. Es hieß aber: Ich bin stolz auf dich. Zerstreut streichelte Heinz ihre Hand. Mit plumper Gefälligkeit zeigte Giacomo schnell den muskelstarken Rücken. Ganz ärgerlich schnaufte er in die beharrliche Stille. Aber es klopfte nur, und die dürre Hand der Schirlitz schob ein Zeitungsblatt durch den Spalt: »Von Frau Gräfin.« Jakobe breitete das Blatt aus. Eine Stelle war blau angestrichen. »Die evangelische Kirchenzeitung.« »Gib!« sagte Giacomo und las voll Williguthscher Würde: »Zum Dank für die glückliche Errettung des Superintendenten Friedemann Williguth aus Todesgefahr haben für die neue Orgel zu St. Pankraz gespendet: Gräfin Miriam Forcade 2000 M., Hofzuckerbäcker Robert Williguth 500 M., Johann Sebastian Williguth 100 M., Frau Minna Vogel 500 M. usf. Na, siehst du, Heinz, das hat der ›Blaue Herrgott‹ fein eingefädelt, um endlich zu seiner neuen Orgel zu kommen!« Er schwang die Zeitung wie ein Festbanner. »Na, Kinder, und morgen bringe ich endlich auch die blaue Deckelvase, sie ist wirklich wunderhübsch zusammengeleimt.« Sein breites Lachen schlug allen Zweifel nieder.   Hals über Kopf rennen die Telegraphenstangen. Meilensteine purzeln in den Schnee. Der Wind wirft weiße Schleier und heult in den Drähten. Die Schienen singen und schwingen. Es rattert und rasselt. Breit weht die schwarze Rauchfahne in den niederen, blaßgrauen Himmel. Schwarzer Kaffee schwankt in den kleinen Tassen, Zigarettenrauch schaukelt in bläulichen Wölkchen. Zwei scharfgeschnittene Männerköpfe gleiten im Rhythmus der rollenden Räder. Zwischen schlanken, starkgliedrigen Fingern knistert ein Brief. Und in das wiegende Rollen fallen die Worte: »So hat es Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß gefallen, unsern Friedemann durch die Hand deines Sohnes zu retten. Einen ganzen Apfel schnitt er ihm aus dem Gehirn. Ich bin stolz auf Heinz Williguth.« Der Geheimrat senkte das Blatt und blickte hinaus in die russische Steppe. Der Rauchschweif kehrte gerade über ein Häuflein Holzhäuser, die schultertief im Schnee steckten. Der Mann gegenüber schob bedächtig die dünnen roten Haare in die Scheitellinie und rieb die knochige Stirn. Philipp Emanuel stieß den Zigarettenstumpf aus. »Ja, das hat also mein Bub gemacht.« Die grauen Augen leuchteten. Nur um den Mund hockte ein grämliches Lauern. Lord Darcy blies gelassen blaue Rauchringe in kunstvollen Spiralen. »Na, was sagst du dazu?« Philipp Emanuel beugte sich vor und starrte in die grünen Augen. Aber die rötlichen Wimpern schlugen schnell darüber hin. »War es Ehrgeiz?« Der Geheimrat biß zornig die Lippen: »Es kann auch Neid sein. Und wenn es so geschah, ist keine Kraft in seinem Tun.« John Darcy drückte die Nadel in die gelbe Krawatte: »Ihr Williguths seid ein bibelfestes Volk. Dein Vater schreibt wie ein Prophet.« Ein Lächeln stand jetzt um den schmalen Mund. Dunkle Wälder tauchten auf, liefen heran, wuchsen empor und stolperten vorbei, wie betrunkene Riesen. Die Achsen hämmerten. Philipp Emanuels Hand zerknitterte seines Vaters Brief. Stumm saß er da. Darcy trank in kleinen Schlucken den Kaffee: »Was ist mit der Arbeit von Heinz?« »Darüber urteile ich nicht. Die ist eingereicht. Kollege Schneider von der zweiten Klinik hat sie wohl jetzt in der Hand.« »So, der?« Ein Zwinkern lief durch die grünen Pupillen. Der Geheimrat lächelte ein steinernes Lächeln: »Leicht hat es mein Sohn nicht. Er trägt ein schlimmes Halsband.« Die kalten grauen Augen starren hart in die weiße Weite, über welche die Rauchfahne hinfegt. Totenstill liegt das Land. In der Luft hängt eine Rabenschar.   Flora Schirlitz stand auf einer Leiter und klopfte die Kränze aus Tannenreisig fest, die Simon Gottesdank ihr reichte. Froh blitzten ihre Augen. Heinz Williguth ging durch die Halle. Er hob nicht einmal den Kopf. Gottesdank schielte ihm nach. »Frau Pastor, was sagen Sie dazu?« Aber nur der Hammer fiel auf die Nägel. Zornig prasselten die Schläge. Simon Gottesdank klapperte im Werkzeugkasten. »Gestern war wieder ein Kerl da, der mich ausholen wollte. Von der Zeitung.« Das Tannengrün zitterte unter der harten Wucht, mit der Flora Schirlitz die Nägel eintrieb. »Unser glückliches Familienleben sollte ich ihm schildern. Na!« Von oben kam ein Seufzen. Der Hammer klopfte und klopfte. Ein feines Duften zog durch die Halle. »Es riecht nach Weihnachten.« Witte kam gelaufen und hob schnuppernd die Nase. Dann stürzte er auf den Eingang los: »Der große Papa!« Da stand Philipp Emanuel schon in der Tür. Mit schenkstolzem Lächeln wandte er sich um. »Na, Heinz?« Und schob den Sohn vor sich her. Hell fiel die Sonne herein und hängte tanzende Lichter in die grünen Kränze. Philipp Emanuel streckte beide Hände hin: »Das hast du brav gemacht. Ich danke dir.« Scheue Augen glänzten ihm entgegen. Heinz wartete. Sein Vater aber warf die Arme aus in herrischer Forderung: »Und wie jetzt, so fortan!« Hoch ragte er über den Sohn. Der wußte keine Antwort.   Im »Blauen Herrgott« stand ein Baumkuchen, steil und zackig wie ein Turm, auf dem schneeweißen Kaffeetisch. Feierlich schimmerte der Goldrand der braunen Tassen. Johann Sebastian saß im schwarzen Rock vor dem Klavier. Demütig lag das Hauskäppchen vor ihm und darauf der schon ganz dünne Ehering. So wartete er auf Philipp Emanuel. Frau Apollonia lief alle Augenblicke zum Fenster. »Er kommt!« Leise schwangen die Scheiben im Wagenrollen. Johann Sebastian richtete sich auf, warf einen Blick zum Himmel und griff in die Tasten. Noch sprangen die knotigen Finger gelenkig zwischen Schwarz und Weiß, die alte Uhr rasselte ihre Stunde und schwieg dann erschrocken. Apollonia legte die Finger an die Lippen. Ihre Augen leuchteten in stillem Gottesdienst. Johann Sebastians Stimme aber stapfte in die Melodie, die feierlich dem Geheimrat entgegenlief. Und er sang: »Heil dir, David, junger Held, der des Feindes Haupt gefällt! Tausend schlug, o Saul, dein Schwert! Heil dir, der uns Sieg gewährt! David warf zehntausend hin, zehntausend Lieder preisen ihn!« Dann wanderten die Greisenaugen von Mann und Frau wie glückwünschende Kinder zu Philipp Emanuel. Und dieser Blick strich die Falten auf seiner Stirn glatt. Mit einem Ruck warf er die Hände aus, und die Finger seiner Eltern schlangen sich darum. Die Liebkosung tat ihm heute wohl. Johann Sebastian wackelte mit dem Kopf: »Denk' mal bloß, so groß wie'n Apfel war das Ding. Jetzt muß Heinz aber bald Professor werden.« »Aber, Vater, das genügt doch nicht.« Wie Buschwerk standen die Brauen. Mit ungeduldiger Bewegung suchte er in den Taschen die kleinen Geschenke für die alten Leute. Apollonia goß schon den Kaffee ein. Über den würzigen Dampf weg blinzelte sie verschmitzt dem Geheimrat zu: »Jetzt sieh' aber, daß auch Jakobe ihre Pflicht tut!« Philipp Emanuel lächelte, sagte aber nichts. Sie zog mit dem Messer drei Kreuze über dem Baumkuchen und schnitt dann ein. Johann Sebastian aber begann mitten im vergnüglichen Kauen: »Ja, also dein Heinz – – – – .« Da verschluckte er sich.   Fünf Herren saßen um einen grün bespannten Tisch, hatten weißes Papier vor sich und trugen schwer an Würde und Geheimnis. In Philipp Emanuels kalten Augen wartete der Spott. Mit schnarrender Stimme krächzte ein dicker alter Mann unverständliches Zeug und hieb manchmal mit der Faust auf das grüne Tuch. Das war der Dekan, und sie berieten, ob Doktor Heinrich Williguths Arbeit dem Professorenkollegium der medizinischen Fakultät behufs Zulassung zur Dozentur empfohlen werden könne. Die erste Instanz, die aber in Wirklichkeit allein die Entscheidung hatte, tagte hier als Areopag, raschelte mit dem Papier und schob die Bleistifte zwischen die Lippen, tippte im Takt auf den Tisch und übte so schon äußerlich das Richteramt. »Herr Kollege Schneider hat das Wort.« Der Dekan mit der weichen, schmierigen Hemdbrust streckte den Arm aus und setzte sich. Ein eleganter Herr mit schmalem Habichtskopf, kleinen wasserblauen Augen dicht neben der scharfrückigen Nase, schnellte hoch. Der Geheimrat schaute auf. Da ging Professor Schneiders Blick behutsam in das braune Halbdunkel der Zimmerecke. »Weil unser allverehrter Geheimrat als Vater nicht in Betracht kommt,« kurze, bedauernde Verbeugung zu Philipp Emanuel, »obliegt mir heute die Pflicht, mein fachmännisches Urteil über Doktor Heinrich Williguths Arbeit: ›Zur Diagnose und Chirurgie der Gehirnkrankheiten‹ gerecht und wohlwollend abzugeben.« Er setzte ab und hängte so allen künftigen Worten den Purpurmantel der Wichtigkeit um. Dann zerpflückte er die Arbeit mit liebenswürdiger Gelassenheit, Kapitel um Kapitel, Seite um Seite. Hier und da lobte er auch und ließ gerade dadurch die Mängel nur noch schärfer hervortreten. Voll hochmütiger Gleichgültigkeit erwartete der Geheimrat den Schluß. Nur der Bleistift zuckte zwischen den Fingern. Jedes Wort wußte er voraus. Der Dekan hockte in stumpfer Langweile und klopfte mit der fettigen Brieftasche einen uralten Walzer ab. Jetzt breitete Professor Schneider beide Arme, wie ein Geier, der auffliegen will, die Flügel, ölte die Stimme zu salbungsvollem Pathos und bohrte wieder den Blick in die Zimmerecke. »Trotz bestechender Einzelheiten kann die vorliegende Arbeit in Berücksichtigung aller Umstände als Habilitationsschrift nicht in Betracht kommen. Denn die originellen Gedanken darin sind Eigentum unseres hochgeschätzten Kollegen Williguth.« Sein Lächeln verneigte sich gleichsam vor Philipp Emanuel. Der schlug es mit dem Blick zurück. Ein Primarius mit derbem Bauernschädel, der es an brillanter Technik dem Geheimrat gleichtat und diesem die Karriere verdankte, hämmerte auf den Tisch: »Zum Donnerwetter, das riecht nach Absicht.« Schneider legte selbstgefällig die Hand aufs Herz: »Leider kann ich nicht anders.« Jetzt sollten alle vergessen, daß man ihn selbst als Schwiegersohn seines mächtigen Vorgängers von Stufe zu Stufe emporgeschoben hatte. Und er wartete schadenfroh, daß der stolze Williguth zu Kreuz kröche und bitten käme. Die zwei anderen Beisitzer waren scharf aneinander geraten und zerrten mit zornigen Fingern an Heinz Williguths Arbeit. »Aber, meine Herren,« mahnte schläfrig der Dekan und ließ einen Tintenklecks auf das weiße Papier fallen. Wie Faustschläge prasselten die Worte der Streitenden. »Wir schreiten zur Abstimmung,« pfauchte endlich der Vorsitzende und schwang seine Glocke. Philipp Emanuel stand auf. Da schwiegen alle. »Einen Augenblick!« bat er und warf den Kopf zurück. Schneider hob gönnerhaft den Bleistift: »Das letzte Wort ist ja noch nicht gesprochen.« Und er wartete wieder. Wie Hämmer lagen des Geheimrats Fäuste auf dem Tisch. Hoch und schwer ragte er über die geduckten Köpfe. »Wir Williguths brauchen keine Nachsicht. Da sei Gott vor!« Wie Bastionen sprangen die Stirnbuckel und das Kinn. Und war eine schwere Stunde für den stolzen Mann. Zugeben mußte er, daß sein Werk mit ihm abriß, daß sein Sohn ihm nicht glich. Die Halsadern schlugen, um die Mundwinkel grub der beherrschte Schmerz. Schneider war jetzt ganz blaß, wieder traf er auf die unerschütterliche Größe Philipp Emanuels. Der stand da, wie aus Steinblöcken gebaut, ernst und feierlich und mit offener Stirn. »Ruhe und Reife fehlt dieser Arbeit. Das ist es, meine Herren. Und Milde taugt für jeden andern, nur nicht für meinen Sohn. Es soll nicht heißen, Geheimrat Williguth hat seinen Jungen zum Dozenten gemacht, und wenn es tausendmal so Brauch ist.« Wie Schwerter blitzten die grauen Augen. »Einige Änderungen, – strafferes Zusammenfassen im zweiten Teil, der ja äußerst flüchtig gearbeitet ist – – –.« Wider Willen preßten sich die Worte aus Schneiders Mund, stolperten unbeholfen und purzelten zu Boden. Da griff des Geheimrats Hand über den Tisch: »Ganz oder gar nicht.« Und er zerriß die Arbeit seines Sohnes. Die Fetzen flogen den andern ins Gesicht. Sie sprangen auf und wehrten mit den Händen ab. Aber Philipp Emanuels Finger taten schnelles Werk. »Jetzt kann keiner sagen, daß ich meinen Sohn der Fakultät aufzwingen will.« In der harten Stimme rauchte der Zorn. Dann winkte er kurz und wandte sich zur Tür. Der Dekan schwang zornrot die Glocke: »Ich muß das Benehmen des geehrten Herrn Kollegen leider rügen. Es ist nicht Brauch, daß – – – –.« Aber da schlug sein Stammeln schon an die Tür, die Williguth hinter sich zugeschmettert hatte. Auf der Treppe zogen zwei Studenten, ärmliche Judenjungen aus dem Osten, die Hüte tief vor Philipp Emanuel. In heißen Augen brannte der Ehrgeiz. Der Geheimrat blickte zurück. Vielleicht wuchs da etwas Starkes in enger Heimlichkeit. In der Aula flogen alle Kappen. Er lächelte zornig. Sein Ruhm lief ihm nach und warf langen und breiten Schatten, nahm andern das Licht, seinem Sohn zuerst. Verdrossen blinzelte er in die Wintersonne.   Die Karten klatschten. Philipp Emanuel gewann jedes Spiel wider Jakobe und die Schirlitz. Aber er lächelte heute nicht über sein Glück. Und fiel ein Wort, zuckte er nur ungeduldig die Schultern. Die Lippen wulsteten in grämlichem Trotz, hochmütig blickten die grauen Augen. Plötzlich legte er die Karten weg und starrte geradeaus. Knapp und kalt sagte er dann: »Sie haben Heinz' Arbeit abgelehnt.« Und blickte weder Jakobe noch die Schirlitz an. Jakobe hatte die Hände im Schoß verkrampft und schaute darauf nieder. »Und sie hatten recht. Die Sache taugte nichts. Wenigstens für meinen Sohn war es zu wenig!« Hochmütig bog er den Kopf zurück. Da legte sich die Schirlitz weit vor und stemmte die knochigen Finger wider den Tischrand: »Warum haben Sie die Kerle nicht gezwungen, Herr Geheimrat?« »Ach ja, Schirlitzchen, Sie haben ja die Reinschrift besorgt.« Wie ein ungezogenes Kind wies er sie zurecht. Dann ging er steif mit Jakobe hinter der Hausdame drein, die das Licht trug, ihre Schritte schleppten durch die dunklen Korridore. Unsichere Schatten zuckten über die alten Bilder, streckten sich, verschluckten die Helligkeit und schwankten wieder zurück. Plötzlich ließ der Geheimrat die Schirlitz allein voraus tappen und sagte leise: »Es wird jetzt viel auf dich ankommen, liebes Kind.« Er sah Jakobes Gesicht nicht. Jetzt hob Flora Schirlitz die Kerze. Und da starrten große, entsetzte Augen. »Du mußt seine Schwächen mit schöner Stärke tragen,« sagte er unmutig und glich auf einmal seiner Mutter Apollonia, gerade wie sie streckte er Daumen und Zeigefinger hoch. Jakobe hatte keinen eigenen Willen. Jetzt spannte er sie wieder ins Joch. Wie ein Wegweiser flackerte die Kerze der Schirlitz.   In der Halle warteten die zwei Frauen. Starre, trockene Augen ohne Glanz gingen in die Finsternis, in die nur durch das Oberlicht der Tür der Schimmer einer Gaslaterne fiel, ein Heller Kreis im Dunkel. Boabdil knurrte. Schritte knirschten auf dem hartgefrorenen Schnee. »Draußen geht einer auf und ab,« murmelte die Schirlitz und rasselte mit dem Schlüsselbund, wie um ihre dienstwillige Gegenwart darzutun. Sprungbereit stand Boabdil knapp an der Tür und bellte. Über ihn weg griff die Hand der Schirlitz. Das Schloß kreischte, weißes Licht prallte herein. »Guten Abend, Frau Pastor,« sagte Aurelius Schückedanz und schwang den Hut. Zwei erschreckte Gesichter verbargen sich hinter einem Alltagslächeln. »Sie warten auch?« fragte die Schirlitz und zog fröstelnd das dicke Wolltuch enger. Dann klappte das Tor zu, und die Schritte trabten wieder über den Schnee. Die schwere Stockuhr zerhackte die Zeit. Endlich stieß Heinz Williguth die Tür auf. Im Schimmer von Schnee und Laterne erkannte er die beiden Frauen. Mit gesenktem Kopf starrte er sie an. »Ist er daheim?« »Du willst doch nicht –?« stammelte Jakobe und faßte den Arm der Schirlitz. »Nein, ich will wirklich nicht,« höhnte er, »du kannst ganz ruhig sein.« Er warf Hut und Mantel auf die Wandbank. Jakobe kam ihm entgegen. Er wehrte kurz ab. »Wenn du mir etwas zu sagen hast, Jakobe, brauchst du es mir nicht gerade durch den Esel Schückedanz bestellen zu lassen.« Einen Augenblick stierte er geradeaus. Niemals glich er seinem Vater mehr als jetzt. »Ich wußte es übrigens schon. So etwas ist ein Fressen für die Kerle.« Er schnellte den Arm durch die Luft: »Nur sein Sohn. Das ist es! Gute Nacht, Jakobe. Ich habe genug von euch allen.« Sie blickte ihn furchtsam an und schritt schleppend, mit gesenkten Schultern, die Treppe hinauf. Dann lachte der junge Williguth. »Na, siehst du, alte Frau, deine schöne Handschrift hat auch nichts genützt. Zerrissen hat er sie.« Der Mund hing schlaff in den Winkeln. »Ach nein,« sagte die Schirlitz. »Ja, er schleppt mich nach wie eine Kette am Fuß.« Er saß auf der Wandbank und trommelte mit den Absätzen. »Du wirst eine neue Arbeit machen,« beharrte Flora Schirlitz und lächelte schon zuversichtlich. »Glaubst du?« Heinz beugte sich hinab zu Hund Boabdil und streichelte das glatte, dunkle Fell. Die Schirlitz erschrak. Sonst hatte er nie etwas für das Tier übrig. Jetzt aber hob er sogar den zappelnden Boabdil hoch und legte Kopf an Kopf. So einsam war er.   Geheimrat Williguth frühstückte heute nicht im »Blauen Herrgott«. Steif saß er daheim und strich sorgsam Butter aufs geröstete Brot. Die kalten grauen Augen hafteten an der Tür. Jakobe rührte sich nicht. Mit breitem Lächeln grüßte er dann den Sohn: »Na, den Ärger schon verschlafen?« Kräftig schüttelte er die Hand. In den Augen aber stand die Angst. Heinz stopfte den Mund mit Butterbrot voll, um nicht antworten zu müssen. Philipp Emanuel streifte Jakobe mit unwilligem Blick. Warum half sie ihm nicht? »War die Arbeit wirklich so schlecht?« Heinz Williguths Augen bettelten jetzt. Der Vater warf den Arm geringschätzig aus und zog die Finger in immer engerwerdenden Kreisen an sich: »Nur unreif. Zum Schluß geschleudert.« Hell lachte er auf: »Jakobe hat dich den letzten Sommer zu lange allein gelassen. Da waren lauter verliebte Gedanken in dir. Und das taugte nicht. Ja, ja, ihr junges Volk!« Die Augen drohten beinahe: So lacht doch! Aber Mann und Frau senkten die Köpfe. Keiner fand ein liebes Wort. Scharf sagte der Geheimrat: »Du weißt doch, Jakobe, daß Heinz Sahne zum Tee nimmt.« Und stellte verdrossen den Zwang zwischen sie. Dann fuhr er mit Heinz nach der Klinik. Mißvergnügt hockte Boabdil neben dem Kutscher. Er haßte Veränderungen. Im Fontainengarten tat der Winter sein Werk. Spitze Eiszapfen, die jede Erschütterung löste, klirrten überall. Das gelbe Barockschlößchen schien ein überzuckerter Tafelaufsatz, wie ihn Robert Williguth nicht trefflicher hätte herstellen können. Reiter galoppierten die Allee entlang, Dampf wirbelte von den Pferden. Jeder Hufschlag warf Eisblätter auf. Plötzlich rief der Geheimrat dem Kutscher zu: »Rechts abbiegen!« Heinz schaute auf. Da ritten drüben Nikolaus und Renate Forcade. Sie winkte lachend mit der Hand. Aber da liefen die Rappen schon auf Seitenwegen. Das Spießrutenlaufen begann. Man wich den Menschen aus und grub sich ein mit seiner Schande. Heinz dankte dem Vater die kluge Rücksicht nicht, biß die Lippen aufeinander und kniff die Augen ein. Arm in Arm schritten sie dann durch die Klinik, Philipp Emanuel trug den Kopf hoch, gebärdete sich laut und lärmend und lauerte, ob irgendwo einer lachte oder nur tuschelte. Wie ein Tier verteidigte er sein Junges. Scharf traf heute sein Tadel, und er fragte wieder und wieder: »Was meinst du, Doktor Williguth?« Aber Heinz gab einsilbige Antworten. Überall spähte er nach Mitleid oder Spott. Nach der Morgenvisite besprach Philipp Emanuel mit Schückedanz die Fälle, die in der heutigen Vorlesung dargestellt werden sollten. Plötzlich zerriß ein Zucken das kalte, beherrschte Gesicht. Die Stimme grollte: »Warum haben Sie ihm nicht geholfen, Schückedanz?« Aurelius riß Mund und Augen auf und schnappte nach Luft. »Man kann so etwas unauffällig tun, Schückedanz.« Das Papier raschelte in den zornigen Händen. »Man kann doch nicht,– – – er hätte es ja auch nicht gewollt, Herr Geheimrat!« »Unsinn, durchs Gymnasium haben Sie ihn doch auch geschleppt!« Rücksichtslos hieb er auf den Tisch: »Heinz ist mal kein starker Mensch. Wozu habe ich Sie den ganzen Sommer hier gelassen?« »Ich wußte nicht– –,« stammelte der verwirrte Schückedanz. »Muß ich alles hinaus schreien, wenn ich etwas will?« Steilrecht standen die Brauen. Sein grimmiges Lächeln stellte Aurelius Schückedanz als unnützes Gerät in den staubigen Winkel. Geduckt und zitternd stand der Kleine, bewegte lautlos die Kiefer und schielte ängstlich nach der Tür. Dann aber packte ihn plötzlich der uralte Pastorenzorn, der von so vielen Dorfkanzeln über die harten Bauernschädel hingeprasselt war, wenn irgendwo ein Schückedanz endlich doch an seiner Langmut Ende kam. Mit den kurzen Atmen fuchtelte er dem erstaunten Geheimrat ins Gesicht: »Wenn einer wie der üble Satan hinter jeder Schürze her ist, dann läßt man ihn nicht den ganzen langen Sommer allein!« Einen Augenblick funkelte Philipp Emanuel drohend mit zornigen Augen, dann zuckte ein ganz stiller, ein wenig selbstgefälliger Hohn über sein schönes, willensstarkes Gesicht. Der kleine, häßliche Schückedanz! Seine Stimme klang tief und gar nicht verärgert, als er jetzt leichthin sagte: »Sie sollten wirklich den Ruf nach Marburg annehmen.« Schückedanz erschrak. Der Geheimrat sah ihn nicht einmal an: »Den nächsten Fall, wenn's beliebt!«   Jakobe saß in dem kleinen Salon zu ebener Erde, der einst ihr Schlafzimmer gewesen war. Langsam stickte sie an einem von den vielen, vielen Tupfen des weißen Mullkleidchens, das niemals fertig wurde. Bleiches Winterlicht spielte an den mit grauer Seide bespannten Wänden und auf dem reichen braunen Haar von Jakobe Williguth. Das heiße Gesicht hatte sie tief auf die Arbeit gesenkt. Philipp Emanuel zerknitterte ungeduldig die Zeitung. Da blickte sie auf, in seine harten und strengen Augen. Verdrossen und lauernd fragte er: »Was wollte meine Schwester Gundl bei dir?« Er zögerte einen Augenblick: »Weiß sie schon –?« »Ja, Papa.« Schnell beugte sie sich wieder über die Stickerei. Der Geheimrat schritt bedächtig auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Von ganz weit her kam Wittes lustiges Kreischen und ein Bellen Boabdils. Die schweren Schritte der Schirlitz trabten im Stockwerk, von der Küche klang gedämpft und eintönig ein Klopfen und Rasseln. Im Garten knisterte der Frost. »Ja, ja, die gute Gundl,« sagte Philipp Emanuel mit seinem Spott. Jakobe legte die Arbeit fort und wartete. Er sah ihr nachdenklich ins Gesicht, dann lächelte er unmerklich und strich über ihre Hand, die den Ehering trug. »Es ist nicht immer leicht, Frauchen.« Jäh und unvermittelt stellte er die Worte und schloß knapp die Lippen. Es wird noch alles gut, dachte Jakobe und fühlte sich geborgen, wie lange nicht. Da zerriß der breite Williguthsche Hochmut wieder alles Feine und Stille: »Mein Sohn, es ist nicht zu denken!« Wuchtig stieß er das Kinn vor und verbarg seine heimliche Angst. »Was weiß also die kluge Gundl?« »Sie meint, daß du ihn fortlassen– – .« »Unsinn!« Er stampfte zornig auf: »Ich will nichts hören.« Plötzlich lächelte er geheimnisvoll. Wie er sonst Boabdil ein Stück Zucker reichte, hielt er Jakobe einen orangegelben Zettel hin: »Da! Die beste Loge, die zu haben war. Mach' dich schnell fertig, kleine Frau! Dein Allerschönstes. Justament heute. Und Gottesdank soll Heinz' und mein Frackzeug herauslegen.« Ein lauernder Blick ging Jakobe nach, die mit leicht gebeugtem Rücken schon an der Tür zum Spielzimmer stand. »Nach der Oper seid ihr beide meine Gäste.« Und sein Arm verschenkte ein kleines Königreich.   Tauwetter rann und tropfte im Fontainengarten. Nasse schwarze Stämme spiegelten sich in kleinen Teichen, die hell und rund aus weichem, verrußtem Schnee blitzten. Nur hoch oben im Astwerk saß noch ein wenig wolliges Weiß. Dünner Nebel stieg von dem vielen Naß zur warmen Wintersonne, Spatzen und Stare schirpten und lärmten, von der feuchten, dunklen Erde kam ein herbes Duften, als wollte es Frühling werden. Schokoladefarbener Schmutz überzog die Wege. Aber im Westen lauerten große, runde Schneewolken und rückten langsam vor am blassen blauen Februarhimmel. Der Strom war grau und polterte mit weißbraunen Schollen. Von den feinen blaßgrünen Türmen und den mächtigen schwarzen Kuppeln der Stadt waren die schweren Schneedecken tief herabgeglitten. Große und kleine Tropfen klatschten verdrossen nieder und sprangen lustig wieder hoch. In den vielen Lachen lag der Himmel wie blaues Glas. Witte und Boabdil nahmen dem lieben Gott dies Tauwetter sehr übel, der Bub wegen der zerstörten Eisbahn, der Hund, weil jeder seine ewig schmutzigen Pfoten mit häßlichen Reibetüchern verfolgte. In ihrem Mißvergnügen stifteten die zwei wenig Nutzen. Jakobe hatte ihre liebe Not. Zudem war der Geheimrat gereizt und verschlossen, denn Heinz wich ihm aus, wo er nur konnte. Simon Gottesdank schüttelte den Fuchskopf und zog die Schirlitz in allerlei dunkle Winkel zu vertraulicher Mitteilung. Die graue Maus huschte wieder. Philipp Emanuel Williguth machte seinen Morgenspaziergang. Scharf stampfte er auf, daß unter der dünnen Eishaut der Nacht das Wasser hochfuhr. Von den Hängen sickerten schmale Wässerlein, überall begann ein Rinnen und Rieseln, als die Sonne sich über den knofpenstarren Ästen hochhob. In lichthellen Winkeln stand das erste Grün. Winterlenz ging durchs Land. Aber die großen grauen Augen Philipp Emanuels schauten verdrießlich in diese vorschnelle Geschäftigkeit. Der Frost hatte an einer uralten Linde die Borke gesprengt, daß der lichte Bast wie nacktes Fleisch aus Lumpen klaffte. Der Geheimrat stieß den Stock in den Spalt, wie in dumpfem Zorn, der blind anspringt. Um den Mund stand ein grimmiges Lächeln. Sein Wille griff jetzt rechts und links daneben. Grämlich hockte sein Junge im Haus und kapselte sich immer mehr in widerwillige Einsamkeit ein. Er tat knapp, was man von ihm verlangte, und verkroch sich gleich wieder in trotziges Schweigen, aus dem er mit seinem schwertscharfen Spott hervorstach, wenn man ihn aufrütteln wollte. Philipp Emanuel trug das erste Grau an den Schläfen. Nachdenklich und vergrämt stand er in der blinzelnden Sonne und hörte das seine Lautwerden, das dem Frühling vorauslief. Plötzlich zog er die Brauen hoch. Dort drüben saß ein seltsames Paar, die Knie hochgezogen, daß die Füße im Trockenen blieben, darunter gluckste das Schneewasser. Von den triefenden Bäumen fielen dicke Tropfen. Nikolaus Forcade schwang Renates schwere, unordentlich gepackte Schultasche zum Gruß und zog den schmalen Mund zu einem verlegenen Lächeln. Renate sprang auf und warf den Kopf zurück. Der Geheimrat schmunzelte und freute sich, daß er so bequem aus seinen dunklen Gedanken kam. »Seid ihr beide verrückt?« »Nicht ganz,« antwortete Forcade und strich die Tropfen aus seinem Bart. Jung und stark stand Renate in der bleichen Sonne, ein schäbiges Pelzmützchen mit verblaßtem Veilchentuff flott in die Stirn gerückt, in einem alten dunkelblauen, längst wieder bedenklich kurzen Winterkleid, und warf vergnügt wässerige Schneebrocken nach den Baumstämmen. Die Augen hatte sie halb eingekniffen und überließ dem Vater das Wort. Wie eine große Katze streckte und reckte sie sich und stieß die hohen, sehr hellgelben Schnürstiefel in den braunen Brei. Philipp Emanuel stützte sich auf den Stock: »Was treibt ihr da für Heimlichkeiten?« Nikolaus Forcade legte den Kopf nachdenklich gegen die linke Achsel und seufzte: »Man hat sie aus der Schule gejagt.« »Sieh' mal an!« lachte der Geheimrat breit und behaglich und hatte plötzlich Freude an diesem voreiligen Frühling. »Das heimliche Theaterspielen wollten sie nicht leiden. Und frech ist sie auch gewesen.« Behutsam baute er Wort an Wort und wartete dann auf Philipp Emanuels zorniges Besserwissen. Aber der blickte nur nachdenklich und legte sich fest auf den Stock. »Und die Miriam?« »Ja, siehst du, die Mama! Ihretwegen sitzen wir hier in der Nässe. Aber was willst du? Du kennst sie ja. Da führe ich eben das Kind in den scheußlichen Schulkleidern täglich vier Stunden spazieren. Leicht ist es gerade nicht!« »Ich habe meinen Jungen anders kurz gehalten.« »Freilich,« sagte Nikolaus Forcade ganz langsam und blickte dem Geheimrat fest in die Augen. Der wandte ungeduldig den Kopf: »Ja, die Renate!« Und er lächelte ihr zu. »Hat das dumme kleine Mädel auch schon Sorgen! Na, zum Glück sind es noch lauter Sorgen mit Goldrändchen!« Er saß auf der Bank und stemmte den Stock zwischen die Knie. Dicke Knospen hockten an allen Astenden, und darunter stand Renate Forcade. Mit einem ganz weichen Lächeln, das allen an ihm fremd war, sagte er jetzt: »In acht Tagen ist Ball bei mir. Friedemanns Genesung wollen wir feiern. Da kommst du doch, Renate?« Frohe Augen dankten ihm. Forcade aber biß die Lippen und schüttelte bedenklich das philosophische Haupt: »Du lieber Gott, das auch noch.« Scharf sprang ihm da Philipp Emanuels Stimme entgegen: »Freue dich doch! Die weiß, was sie will.« Und sein Arm zeichnete einen großen Kreis, als wollte er allen Zweiflern zeigen, wie man sich durchsetzte.   Überall im Hause polierte man die Möbel, bohnte das Parkett und steckte frische Vorhänge auf. Die Schlüssel der Schirlitz rasselten treppauf, treppab. Selbst der Geheimrat griff mit an und wischte den Staub von den alten dunklen Holländern in den sonst versperrten Zimmern des Stockwerks. Diese frohe Geschäftigkeit machte seine Augen wieder blank. Er streckte die Hände und rückte aller Unordnung zuleib, nickte Jakobe zu und blinzelte schalkhaft. Und einmal sagte er plötzlich: »Das ist alles für Heinz. Jetzt schiebe ich ihn ins Licht vor den Williguths und aller Welt.« Aber sie gab das Lachen nicht zurück. Da trieb er zornig einen lockeren Nagel tief in die Wand, hob das Bild des Johann Ambrosius Williguth ab und trug es stolz und besitzfreudig ins Speisezimmer, wo es für den Ball dem Apothekenschild aus Quedlinburg gegenüber Platz finden sollte. In der kurzen Hausjoppe stand er auf der Leiter und schwang den Hammer, dann hängte er sich an den Haken und prüfte die Festigkeit. Plötzlich kam er ins Wanken, glitt aus und stürzte samt der Leiter zu Boden. Jakobe rannte schreiend hinaus und traf auf Heinz, der gelassen und faul Zigarrenkisten durcheinander schob. Sie lallte nur und griff in die Luft, packte ihn am Arm und zerrte ihn mit sich. Ein rasches Licht sprang in seine Augen. »Er wird doch nicht – – –.« Er preßte das Kinn vor. Aber es war keine Angst in seinem Blick. Wie von einem Mörder wandte sie sich ab. Mit schleppenden Schritten ging sie zum Vater und versuchte den Arm unter seine Schulter zu schieben. Heinz Williguth stand in der Tür, die Fäuste gegen die Pfosten gestemmt, den Kopf vorgestreckt, schwer atmend, mit einem starren Zug, der fast ein Lachen war. Ein häßliches, feiges Lauern, schlimmer als Haß, saß um den Mund und in den halb furchtsam eingekniffenen Augen. Weich strich Jakobes Hand über Philipp Emanuels Stirn. Zage Tränen tropften darauf nieder. Jetzt gab sie Heinz Williguth auf und wußte, daß sie es tat. Herrisch wie nach Simon Gottesdank wandte sie den Kopf. Da sagte er feig, mit lässiger, nüchterner Alltagstimme: »Es wird doch nichts Schlimmes sein?« Und griff endlich zu. Mit einem Ruck richtete sich der Geheimrat auf, öffnete weit und erstaunt die Augen, blinzelte im Licht und murmelte: »Es ist nichts, Kinder.« Er streckte die Arme, die Hände hatte er blutig von zerspelltem Holz und eine Beule auf der Stirn. Jakobe beugte sich, wie man sich verschenkt, und küßte seine Hände. »Aber Frauchen, liebes, ich bin ja ganz heil.« »Gott sei Dank, Papa!« Und Heinz hatte ein steifes Lächeln im Gesicht.   Gundl Tredenius schälte die weißen Schultern aus dem Pelz und ordnete das Haar vor dem hohen Wandspiegel. Die runden Gesichter ihrer Töchter standen neben ihr im Glas. Simon Gottesdank schmunzelte zufrieden. Er hatte Sinn für Frauenschönheit. Seine Hand öffnete und schloß sich in froher Erwartung der Trinkgelder. Feiner Duft stieg von der nackten Haut der Frauen, Schleppen fegten über die roten Teppiche und streiften das Grün der Blattpflanzen. Feierlich wartete das Haus in lichter Pracht. Auf der Treppe stand der Geheimrat und trug alle Würde der Williguths. Neben ihm Jakobe, in ihrer schlanken, sicheren Schönheit, die wie Licht durch Schleier schimmerte. Heinz aber war nicht da. Und die ganze Familie wußte doch, daß der Ball nur dem jungen Williguth galt, der Friedemann vor dem Tod gerettet hatte. Es war kein kleiner Tag für das ehrgeizige Volk. Breit und wuchtig füllten sie die Zimmer und neigten huldvoll und abwartend die Köpfe, wenn einer herantrat, der nicht zu ihnen gehörte. Im Kreise umstanden sie Friedemann Williguth, ihre Augen leuchteten vor Stolz. Nur die drei Töchter des Superintendenten, in der strengen Einsamkeit des Pfarrhauses aufgewachsen, guckten scheu in das viele Licht und freuten sich doch in schamhafter Heimlichkeit über ihr nacktes junges Fleisch. In hochmögender Würde saßen Johann Sebastian und sein Weib, erspähten alles Ungewohnte und lobten und tadelten mit vernehmlichen Stimmen. Die erst halbflüggen Mädchen Robert Williguths brachten ihnen Naschwerk und Wein. Die sommersprossige Jüngste zog mißmutig die Spitzen über die mageren Schultern hoch und setzte vorsichtig die plumpen Füße auf das glatte Parkett. Giacomos derbes Lachen ließ die jungen Frauen erröten und hinter ihren Fächern kichern. Friedemann drohte lustig mit dem Finger und verbarg geschickt seine leichte Taubheit, nebst der schönen braunen Perücke das einzige, was noch an die schlimme Krankheit mahnte. Und der Kardinal Eusebio, der über Albines bescheidenen Reizen heute ein ganz absonderliches rundes Schulterkrägelchen sittig feststecken mußte, sah steif und hochmütig aus grauen, verlebten Augen. Wie ein Pfau schlug Miriam Forcade das Rad ihrer Eitelkeit. Sie war wieder einmal unheimlich jung. Ihre überreife Fülle lag frei vor allen Augen. Lässig ließ sie die Achselbänder gleiten und zwang die Blicke der Männer zu sich. In einem jammervollen Tanzstundenfähnchen saß Renate gelangweilt mitten unter den Backfischen. Ihre Augen funkelten vor Zorn. Scharfgeschnittene Gelehrtenköpfe tauchten auf und steuerten eilig einer ruhigen Ecke zu. Im Stockwerk waren Spielzimmer eingerichtet und kleine Tische gedeckt. Dort hockte das Alter und teilte harterworbene Weisheit aus. Aurelius Schückedanz aber machte große runde Augen und kam nicht los von Friedemanns blonden Töchtern, die wie junge Riesinnen über ihn wegragten. Schier hochzeitlich rumorte es in seinem Herzen. Er schwitzte arg und wechselte immer wieder in der Garderobe den Hemdkragen. Allzuschnell hüpfte sein Blut. Dann neigten sich alle Köpfe vor dem Prinzen Elias, der geradewegs auf Heinz Williguth zuschritt und ihm kräftig die Hand schüttelte. »Ganz der Papa.« Ein steinernes Lächeln dankte ihm. Da setzte die Musik ein, und der Tanz schwang biegsam und heimlich rauschend seine Kreise. Jakobe und Heinz traten als erstes Paar an, so wollte es der Geheimrat. Dann kam Miriam mit Karl Maria Tredenius, ihre Augen blitzten in wiedergewonnener Jugend. Ihre Leiber preßten sich aneinander, wie im Kampf um eine gemeinsame Sache. Nikolaus Forcade strich langsam den spitzgeschnittenen Bart und kniff die Augen ein. Gutmütig und belustigt gönnte er ihnen alles Glück. Renate wies einen dicken, rotwangigen Williguth zurück und blieb ein Mauerblümchen. Und dachte voll Bitterkeit an die krampfhafte Jugend ihrer Mutter. Leise glitt ihre Hand über ihr junges Fleisch, und da lächelte sie plötzlich. Miriam aber wußte nicht, war sie fast Fünfzig oder Fünfzehn. Sie war allein mit Karl Maria, fern von aller Welt, und hatte alles vergessen. Ihr Atem ging knapp, aber sie tanzte. Das Leben lief in lieben Wellen. Margaret Williguth, Friedemanns Älteste, schwang den Fächer mit Elefantengrazie. Das fromme Türkisenkreuz schaukelte auf der weißen Brust. Klug prüften die grauen Williguthaugen den kleinen Schückedanz und hüllten ihn gleichsam in eine Wolke von Vertraulichkeit. Verwundert und glückselig blickte er auf das starke blonde Mädchen, das an ihm Gefallen fand. Langsam erwachte seine Eitelkeit. Er blies die dicken Backen auf und sagte plump: »In Marburg ist eine Professur frei. Und der Geheimrat wünscht, daß ich annehme.« Die Lider der Williguthtochter schlugen schneller, es zuckte vergnügt um den schweren Mund. »Ach!« Verschämt und habgierig maß ihr Blick den künftigen Ordinarius. »Es ist nicht leicht für mich. Das ist kein alter Rock, den man ablegt.« Unschlüssig trat er von einem Fuß auf den andern. Da sah sie unzufrieden über ihn weg. Verschreckt zog seine Junggesellenscheu die Fühler ein. Es war nach Tante Sabine die erste Frau, die sich wirklich um ihn bekümmerte. Lau blies der Tauwind übers Land, das Lenzen wollte kein Ende finden. Er seufzte und schielte nach dem Türkisenkreuz auf der ruhig atmenden weißen Brust, dann tat er alle Türen auf: »Der Chef will mich jetzt forthaben.« »Warum?« Unentwegt marschierte sie auf ihr heimliches Ziel los. Die Frauen ihrer Sippe wählten ihre Männer selbst und hatten keine Scheu. »Es ist wegen Heinz.« Da fiel eine derbe Hand auf seine Schulter, und Philipp Emanuel sagte mit leichtem Spott: »Ja, Margaret, meinen Schückedanz hier kann ich dir bestens empfehlen. Und Ordinarius wird er nun auch.« In Wort und Bewegung lag ein zorniges Beiseitestellen. Und Aurelius wußte, warum. Friedemanns Tochter saß still und nachdenklich und ließ den Fächer in Ruhe. Schückedanz bettelte mit den Augen, wie ein geprügelter Hund, aber Philipp Emanuel zog boshaft den Mund krumm. Er war ein harter Mann, wenn seine heimlichen Wünsche unerfüllt blieben. Mit kalter Stimme sagte er: »Man geht bald zu Tische. Vielleicht sehen Sie mal nach, lieber Schückedanz, wo Heinz wieder steckt. Er soll heute neben Bruder Friedemann sitzen.« Er kniff die Augen und schob die Brauen steil, voll Angst, selbst zu suchen. Aurelius verbeugte sich in gekränkter Manneswürde und ging. Er war kein starker Mensch und trug das Schicksal dieses Hauses als schwere Last. Kerzen flackerten in seinen Weg, Puderstaub hing in der Luft, Lachen und Schwatzen sprang hinter ihm drein, und er allein wußte: alles war Lüge. Aber wie alle Jahre tat er auch jetzt seine Pflicht. Durch ein offenes Fenster brach der Föhn und drückte die Kerzenflammen schief. In einer Herrengruppe plauderte Jakobe Williguth. Der Wind zauste ihr Haar. Schückedanz zögerte, wie einer, der überall Hilfe sucht. Sie wandte den Kopf und lächelte ihm zu. Da war er schon in der Halle. Vor einer Zigarrenkiste hockte der alte Professor der Chirurgie, der alle Kliniken unsicher machte, und qualmte behaglich. Die dürre Greisenhand zerteilte den Rauch, zwei gekrümmte Finger winkten eifrig. Ein schadenfrohes Grinsen gab die zahnlosen Kiefer frei: »Was macht ihr jetzt mit dem jungen Williguth?« Schückedanz wurde rot vor Zorn. Dann hatte er das spöttische Kichern im Rücken. Wieder brach der Föhn an die Fenster und sprang pfauchend zurück. Der vorzeitige Frühling klopfte an das Haus Williguth und an Schückedanz' bisher so gelassenes Herz. Verwirrt stand er auf einmal vor der Entscheidung über sein eigenes Schicksal. Er tat einen langen Blick rundum, zaudernd und schwermütig. Philipp Emanuel stieß ihn von sich. Er war und blieb eben ein Jammerkerl und begriff nicht, daß ein Mensch ihm so liebe Worte gab, wie Margaret Williguth. Aus einem Winkel kam der schwere Duft von Hyazinthen. Scheu schlich er zu und streichelte die kühlen, prallen Blütenschäfte. Plötzlich aber setzte er die Lippen knapp und warf den Kopf zurück. Ja, er wollte fort, aber nicht allein. Und er suchte jetzt nach Heinz Williguth. Türen klappten auf und zu, dann horchte er. Glas klirrte, ein Kork knallte. Im Schlafzimmer stand Heinz Williguth vor einem offenen Schrank und kippte gerade einen Benediktiner in die Kehle. Da gab es breite und schlanke, bunt etikettierte Flaschen in Reih und Glied. Jetzt griff er wieder zu und trank. Schückedanz stieß heftig den Fuß auf. »Ach, du kommst mir Gesellschaft leisten?« Er warf die Hand hinter sich: »Ganz prächtige Kerle! Womit kann ich dienen?« Aber heute gelang es ihm nicht, den kleinen Aurelius einzuschüchtern, ihn mit rollenden Worten in sein Schneckenhaus zurückzujagen. Zuviel Helligkeit war heute in Schückedanz. Zornig hieb er auf den Tisch: »Rechtfertige dich!« Und erschrak selbst vor soviel Entschlossenheit. Der junge Williguth schlenkerte komödiantenhaft mit den Armen, das Hin und Her seiner Schwäche brannte im Blick. »Ich mag nicht da oben sein, als Galapferd für einen Abend!« Er lachte wie ein trotziges Kind. Ein Walzer schwirrte durchs Haus. Ein feines Klingen sang in den Flaschen. Um Heinz' Mund lag mißtrauisches Lauern: »Warum will er mich zwingen?« »Weil er dich lieb hat, Heinz, auf seine Art, weil er stolz auf dich sein möchte, auf seinen einzigen Sohn.« Mit spitzen Fingern stieß er das Wort von sich. Aurelius Schückedanz aber sagte steif: »Das ist Neid.« »Ja, tausendmal ja! Neid und Haß, alles, was du willst. Jeder Esel guckt mich von der Seite an: der junge Williguth! Ist auch Chirurg. Was leistet er denn? Die Köpfe stecken sie zusammen: Mein Gott, er ist seines Vaters Sohn. Weißt du überhaupt, wie das demütigt?« Mit geballten Fäusten stand er da. »Überall wittere ich Mitleid oder Spott. Williguth! Williguth! Der Name ist mein Fluch, den schleppe ich mit mir, wie ein Sklave seine Kette. Und da bringt er mir Menschen ins Haus, schiebt mich hin zur gefälligen Bewunderung, zwingt sie dazu und lächelt gnädig. Glaubt er denn noch immer, daß er mir helfen kann? Aber seine Eitelkeit ist zu groß, er kann nicht dulden, daß sein Sohn im Schatten bleibt. Weißt du, Schückedanz, oft graut mir vor ihm. Wäre ich nach seinem Maß geschnitten, er ginge ganz gern zähneknirschend im Kampf mit mir zugrunde, wüßte er nur, daß ich die Fackel besser schwingen kann als er selbst. Aber so, siehst du, so denke ich, es wäre ihm lieber, er hätte gar keinen Sohn als mich. Er schweigt und würgt an seinem Groll. Ich aber spüre seine Blicke, die heimlich mir nachlaufen und grimmig betteln: ›Werde wie ich!‹« Der Tauwind rüttelte an den Fenstern, die nackten Äste im Garten knarrten und klatschten. Schückedanz horchte. Sein Blut lief hell und schnell. Heute war sein Tag. »Na, Junge, ich weiß ein Mittel. Geh' fort von hier!« Der junge Williguth gab keine Antwort, starrte nur geradeaus und schüttelte fast verwundert den Kopf. Dann lachte er leise. Schückedanz aber streckte sich voll bescheidener Wichtigkeit und scheuchte alle Zweifel mit beiden kurzen Armen: »Meine Berufung nach Marburg ist sicher, wenn ich will.« Er schmunzelte vergnügt und schloß geschwind die Äuglein: »Und ich will jetzt.« Er sah ein Myrthenkränzlein und allerlei andere holde und herzwarme Dinge. Schier tief holte er Atem. Da griff der junge Williguth nach seiner Hand: »Du lieber Kerl!« Der kleine Schückedanz lachte zuversichtlich und stellte sich neben Heinz, wie unters Maß. »Von mir hast du keine Konkurrenz zu fürchten.« Und er wunderte sich, daß eine trauliche Stunde einen Menschen so reich zum Schenken machen konnte. Alle Dinge hatten auf einmal ihre Erdenschwere verloren und trugen kleine rosenrote Flügel. Plötzlich stand da Flora Schirlitz, in ihrem eisengrauen Seidenkleid, mager und eckig, hielt ein Messer zum Öffnen der Champagnerflaschen steif vor sich und sagte mit mißtrauischem Vorwurf: »Aber meine Herren, was ist denn? Man wartet, und der Geheimrat hat schon den zornigen Blick.« Schlaff stand der junge Williguth, mit hängenden und leeren Händen, wie einer, der seinen Glückstopf längst in Scherben schlug. Wie ein Sbirre wartete die Schirlitz. Aurelius blinkte mit den Augen. Die kleinen rosenroten Flügel schrumpften elendiglich ein. Scheu schaute er dann zu Heinz empor: »Da müssen wir nun wohl gehen?« Der nickte bloß und warf zornig den Schrank zu. Die Schirlitz rührte sich nicht. Nur in den verwaschenen Augen sprang die Angst auf.   Unermüdlich wirbelte der Tanz. Würdig und verweisend blickten der heilige Christoph und Johann Ambrosius Williguth auf das leichtsinnige Volk. Mitten darin Jakobe, von einem Arm in den andern, in beinahe fieberhafter Unermüdlichkeit. Der bedächtige Giacomo rätselte an ihrer Tollheit. Just unter dem Konterfei des Seydlitzkürassiers drehte er sie auf und ab. Sie schloß die Augen und machte die Lippen schmal. In der Tür zum Salon stand Heinz und sah ihr nach, mit einem fast schadenfrohen Lauern. Dieser lässige, ein wenig müde Hochmut sollte in Marburg ein heilsames Fegefeuer finden. Er lachte voll grausamer Schwäche, daß er seines Vaters Haus leer und dunkel machen konnte. Albine Williguths Stimme schreckte ihn auf: »Die Mädchen sind so glücklich.« Die häßliche Frau lächelte und schob die Miniatur des Kardinals Eusebio zurecht. Albine und Heinz blieben allein, abseits von den anderen, und er hörte geduldig zu, wie sie von ihren Kindern plauderte. Margaret Williguth tanzte mit Schückedanz vorüber, ein ungleiches Paar, an Wuchs und Wesen. Albine tastete vertraulich nach ihres Neffen Hand: »Hat er Aussichten?« Sprach wie alle Mütter, die Hochzeitskuchen riechen, ganz rot vor Freude und Bangnis. »Na, und wie, Tante.« Schweißperlen lagen auf den erhitzten Frauenschultern, feiner Staub hing in der Luft und der Geruch von halbwelken Blumen und verbranntem Wachs. Die strenge Würde dieses Hauses wich einer behäbigen Ausgelassenheit. Manchmal stampfte ein Fuß, ein grelles Lachen flog auf, ein Kopf neigte sich tiefer, in sonst ruhige und ernsthaft prüfende Augen kam ein Flackern. An den Fenstern rüttelte der Frühlingssturm. Und er pfauchte lau und fiebrig in die Halle, riß die Spitzentücher der Frauen los und wirbelte Locken auf, als der letzte Geigenstrich verklang und es an den Abschied ging. Schückedanz lief und schleppte Garderobe für Friedemann Williguths Frauenvolk, breitete Mäntel aus und schob derbe Füße in geräumige Überschuhe. Und lächelte dem warmen Wind entgegen, der ihm den Zylinder vom Kopfe riß. Krummbeinig sprang Simon Gottesdank und heuchelte greisenhafte Gebrechlichkeit, machte hohle Hände und guckte scharf, was da hineinkam. Auf der Treppe stand Miriam Forcade, hoch und eigenherrlich, mit blitzenden Augen, sie roch den Frühling in seiner herben Kraft. Halb offen war der schwere Mund. »Wer geht heim in einer solchen Nacht!« Mit durstigen Lippen lächelte sie rundum und wußte stolz, jetzt dachte jeder: Salome. Auch um den Mund von Karl Maria Tredenius lag habgierige Sehnsucht. Warm rieselte es im Blut, mit wilden und gewaltsamen Stimmen lockte die Lenznacht. Wie zum Wettlauf bog er sich vor, vergaß Frau und Kinder und horchte nur, wie der Sturm in die Bäume griff. Er zog die Uhr: »In zwei Stunden ist Sonnenaufgang. Miriam, wir fahren nach Blauenkirchen!« Schon lief er die Treppe hinab und suchte eine Droschke, die Romantik voll zu machen. Miriams Nasenflügel spannten sich, um die Lippen trat ein beinahe frommes, kindliches Lächeln. Der Wind kehrte im Wirbel welkes Laub vor ihre Füße, da stampfte sie darauf. Von feuchter Erde kam ein schwerer Duft. Am Himmel zuckten die letzten Sterne, der Sturm strich langsamer und wollte die Flügel falten. Das Land wartete auf den Morgen. Als schwarzes Gitterwerk starrten die Bäume und trugen schwer an ihren prallen Knospen. Nikolaus Forcade lächelte Gundl Tredenius zu: »Du lieber Gott, mit aller Gewalt will das noch einmal jung sein!« Schier mitleidig schüttelte er den Kopf. Da humpelte die Droschke schon in die Nacht, ein plumper Knochengaul zog die zwei, so die ewige Jugend suchten. Ein Brüllen zerriß die Stille. Die laue Nacht trieb die Raubtiere im zoologischen Garten auf.   Der Geheimrat verschloß die Schnäpse, hob prüfend und mit langsamen, sicheren Bewegungen die dunklen Flaschen und rückte die Etiketten nach vorn. Blaue Rauchschwaden wehten durch die offenen Fenster in die laue Nacht. Die Wagen mit den letzten Gästen klapperten durch den Fontainengarten. Wieder kam das kurze, scharfe Brüllen der wilden Tiere. Unwillig reckte Philipp Emanuel die Hand, als wollte er solchem sinnlosen Ungestüm Einhalt gebieten. Hastig und unordentlich trug Heinz die Aschenbecher aus den Zimmern zusammen und leerte sie in den Topf aus Tulasilber. Auch er hörte das Brüllen, halb geduckt, wie einer, der selbst losbrechen will. Mit einem Ruck wandte er den Kopf: »Schückedanz geht also nach Marburg?« Der Geheimrat schob die Brauen steil: »Allerdings. Ewig kann ich ihn ja nicht bei mir behalten.« Der Schlüssel schrie im Schloß. Zögernd und verdrießlich wartete Philipp Emanuel. Er hörte den schweren Atem seines Sohnes. »Kann ich mal offen mit dir sprechen, Papa?« »Warum nicht?« Der Geheimrat setzte sich und faltete die Hände im Schoß. Um den Mund lag ein mißtrauisches Lauern. »Ich bin hier nicht glücklich, Papa. Du hast ja daran keine Schuld. Und da denke ich, es wäre am besten, wenn ich mit Schückedanz fortginge, wenigstens für einige Zeit.« »So?« Auf Philipp Emanuels Stirn grub schon der Zorn seine Falten. Er senkte den Kopf und starrte zu Boden. Der Starke begriff den Schwachen nicht. In Heinz' Augen aber sprang der Trotz auf, das einzige Erbe vom Vater. Er hieb die Fäuste auf den Tisch: »Hier bin ich nur dein Sohn!« Die großen grauen Augen leuchteten hart: »Und in Marburg wird das anders sein?« Und dann mit seinem Spott: »Da willst du so gleichsam bei Nacht und Nebel davon? Aber du selbst gehst ja mit, mein Junge.« Höhnisch lachte er auf. Er haßte Zickzackwege, weil er mit sich selbst nie im Widerspruch war. Unmutig legte er den Kopf zurück und musterte Heinz von oben bis unten. »Mit Schückedanz also glaubst du Schritt halten zu können, Heinz Williguth? Und Jakobe?« Ein grimmiges Lächeln ging um seinen Mund. Der junge Williguth hob den Blick, darin drohte ein häßliches Licht. »Die wird entscheiden müssen zwischen mir und dir.« Beide erschraken. Der Geheimrat stieß den Stuhl, auf dem er gesessen, mit einem Fußtritt fort, daß er kopfüber in den Zimmerwinkel fuhr, und warf die Hand durch die Luft: »Jakobe ist mir zu gut für deinen verzettelten Willen. Merk auf, was ich dir sage: Mir und meinem Hause kannst du entlaufen, dir selbst aber nicht!« Mit der Faust zog er gleichsam einen dicken Strich und schloß das Konto seines Kindes ärgerlich ab. Jetzt war er ganz Philipp Emanuel Williguth, der seinen Willen als Herrn über alle Menschen setzte. Drohend stand der Haß zwischen Vater und Sohn. »In die Lästermäuler der kleinen Stadt zerrst du mir meinen Namen nicht.« Nur der Tisch trennte sie jetzt, ihr keuchender Atem traf sich, die grauen Augen packten einander. Der Geheimrat senkte den Kopf, die Zähne knirschten. »Einmal bin ich rot vor Scham geworden für dich, als diese Kerle mir deine Arbeit höhnisch ins Gesicht warfen. Ein zweitesmal wäre mir zuviel. Ich traue dir nimmer, daß du allein ans gute Ende findest.« Schwer kam Wort nach Wort, wie wenn einer Steine wirft. Messerscharf schnitt Heinz' Stimme in das grausame Schweigen: »Die Frau nimmst du mir, die Kinder, alles. Bettelarm hast du mich gemacht und hast nur noch die schöne Leichenrede für mich übrig.« Hochaufgerichtet stand Philipp Emanuel, mit kalten, unbarmherzigen Augen. »Krepier', wenn du nicht leben kannst!« Da sprang Heinz los. Brust an Brust, und hörten nicht, wie die Tür klappte. Grau und hager stand Flora Schirlitz, hob die gichtknotigen Finger und sagte mit erschrockener Stimme: »Die Kinder!« Aber mit bitterbösem Blick auf den Sohn schlug Philipp Emanuel die Faust vor die Brust: »Heimtücker und Neider im eigenen Hause! Pfui Teufel!« Stumm ging der junge Williguth. »Herr Geheimrat!« stammelte die alte Frau und rückte zitternd näher. Philipp Emanuel wies in den Garten: »Dort geht er jetzt.« Dann blickte er plötzlich gramvoll und legte die Hand vor die Augen. Ein wildes Röcheln rang aus der breiten Brust. Er aber warf den Kopf hoch und lächelte seltsam: »Es gilt am Ende doch nur Vorwärts!« Die Schirlitz wußte nicht, zu wem er jetzt sprach. Langsam wandte er sich zu ihr: »Ich will zu den Kindern!« Mitten auf dem Wege stockte er, als hielte ihn etwas zurück. Vorgeneigt zögerte er. Dann schüttelte er den Kopf und drückte die Klinke nieder. Er glaubte nicht mehr, daß es da etwas zu ändern gab. Der Knochengaul schleppte das romantische Paar in die Nacht, langsam und gemächlich, wie man aus dem grobgriffigen Leben in blaue Träume hinübergleitet. Der Kutscher döste und ließ den struppigen Kopf auf die Brust sinken. Das Rößlein wußte auch allein den Weg. Schnurgerade Alleen entlang holperte die Karre. Der Wind schlief in der Heide. Es begann wieder zu frieren, die Hufe rissen schon Eisklumpen auf. Frost war in der Luft, ehe der Morgen sich aufmachte. Rechts und links in den Mulden lag noch knietief der Schnee. Dampfwolken wirbelten von dem Klappertier, das vorsichtig die rheumatischen Beine setztet Der Kutscher, schnarchte wie ein Sägewerk. Aneinandergeschmiegt wie Bub und Mädel saßen die zwei im Wagen, hatten die Hände verschlungen und lachten leise, wenn ein Stoß des Rumpelkastens sie enger Leib an Leib rückte. Und dann küßten sie sich, wie ganz junges Volk, ihr schon stockiges Blut verlor alle Schwerfälligkeit und sprang schnell durch die etwas verkalkten Adern. Ihre Hände winkten durch die offenen Fenster hinaus, und im Dunkel sah sie nichts von Falten und Runzeln. »Weißt du noch – –?« »Damals, als wir beide – – –?« »Ach, ja.« So wühlten sie im alten Kram der Erinnerung und zogen bunte Bändchen aus verstaubten Schubladen. Mit einem Ruck blieb der Gaul stehen, weil er nimmer weiter wußte. Der Lenker erwachte, rieb den Schlaf aus den Augen und blinzelte in das träge Flackern der Petroleumlaternen, die hier draußen in der dörflichen Einsamkeit Dienst taten. Ein Milchwagen ratterte heran, ein derber Gruß, dann verschwand das Licht um die Ecke. In der Kutsche der ewigen Jugend gähnte jemand. Kinnbacken klappten auf und zu. Dann ein lustiges Lachen, und das Scharren von Füßen, die sich wohlgemut in Müdigkeit streckten. Ein blasses Gelb war jetzt im Grau des Himmels. Der Kutscher hielt Morgenandacht mit der Schnapsflasche. Dann hob er die Zügel und ließ den Gaul in Zotteltrab fallen. Und drüben lag Blauenkirchen im verdrossenen Dämmer des Februartages, der nur langsam und widerwillig die Schlafmütze abtat. Steifbeinig kletterte der Fuhrmann vom Bock und guckte in den Wagen. Aneinandergelehnt schlief man. Karl Maria saß der Zylinder schief. »Ihr gehört ins warme Bett, ihr alten Narren,« entschied der Rossebändiger und lenkte zurück zur Stadt. Da lief ihm der helle Morgen nach und streute goldene Flecke auf das abgeschabte braune Pferdefell. Über den purpurnen Schnee sprühte das Licht. Vollgesogen vom eigenen Schattenblau standen die Fichten in tiefschwarzer Kulisse, an den Stämmen aber huschte braunrote Helligkeit. Überall knisterte der Frost. Der Winter nahm gelassen dem vorwitzigen Frühling die Zügel der Herrschaft wieder aus der Hand. Mit allen Farben pinselte der Morgen. Sattviolett malte er jeden Stamm, feuerrot die braune Rinde weiter oben, zartgrün den Baumbart. Erst hoch in den nackten Ästen endete das Farbenspiel. Im Wagen aber schlummerte das romantische Paar und war jetzt im Wunderland, wo es nicht Falten und Runzeln gab. Erst das Straßenpflaster zerstieß ihre Seligkeit. Rechts und links fuhr ein Kopf in die Morgenfrische. Der Wagen polterte durch die engen Winkelgassen mit den Hans Sachshäuslein. In kleine Fenster legte die Sonne ihr Licht. »Es ist nichts mehr mit der Jugend,« sagte schlaftrunken und fröstelnd der Geiger Tredenius und hielt die Hand vor den Mund, weil das Gähnen gar nimmer aufhören wollte. Miriam lachte trotzig. Da kam die Sonne herein und war unbarmherzig mit Falte und Krähenfuß. Karl Maria streckte sich sogleich wohlgefällig in pharisäischer Selbstzufriedenheit. Die Miriam war wirklich nimmer jung. Er bedauerte sie heimlich und gab ihr das falsche Mitleid des noch aufrechten Mannes für das welkende Weib. Miriam aber klammerte sich an den Gedanken, heut abend, wenn ich singe, glaubt man mir wieder alles. Sie warf die Lippen auf und saß wie eine Siegerin. So kehrten sie aus der Romantik heim. Frostweiß schimmerten die kleinen Parks, blau auf Goldgrund spannte sich der Himmel, schwarze Rauchfahnen wehten mitten hinein. Von den Türmen wirbelten Tauben in die silberne Luft. Knisternd rieben Eisschollen an den Pfeilern der großen Brücke. Bald darauf bückte sich Frau Gundl, schob dem etwas schwermütigen Eheherrn die bequemen, samtgefütterten Hausstiefel zurecht und verbarg so ihr leises Lächeln. Behaglich schaute Karl Maria dem Rauchwölkchen zu, das aus dem Teekessel purrte. Dann sagte er bedächtig: »Ja, ja, die gute Miriam wird alt.«   An diesem Morgen läuteten die vielen Glocken der Stadt den Sonntag ein. Der Geheimrat aber nahm den erstaunten Witte, der in froher Erwartung auf Wiederherstellung der verdorbenen Eisenbahn schon mit den Schlittschuhen klapperte, an der Hand und führte den ganz in hochrote gestrickte Wolle verpackten Knirps auf den Speicher. Dort rasselte er mit rostigen Schlüsseln, die nur widerwillig einbissen, und Witte bekam sogleich große, runde Gieraugen. Philipp Emanuel war sehr bleich und handwerkte ungeschickt mit Schloß und Riegel. Jetzt standen sie zwischen altem Gerümpel, auf dem handdicker Staub lag. Im Luftzug wehten graue, verstaubte Spinnweben, das Dachfenster schnitt ein funkelndes blaues Viereck aus dem Sonntaghimmel. Witte hockte auf einem Balken, bohrte die Fäuste unters Kinn und wartete. Philipp Emanuel stieß die Luke auf, und schnurgerade goldene Sonnenbalken fuhren in den wirbelnden Staub. Dann griff er den Enkel auf und ließ ihn hinausgucken, daß er die frühen Baumknospen gerade vor Augen hatte. Gar mächtig schwangen die Glocken, als riefen alle Williguths ihre Andacht über die Stadt. Feierlich blickte der Geheimrat in den klingenden, frostblauen Sonntag und sagte dann mit einer Stimme, die selbst wie eine alte Glocke tönte: »Siehst du, mein Bübchen, da ist die heilige Frühe vor dir. Merke dir den Tag, Witte Williguth!« Dann kramte er in Truhen und wackeligen Schränken, die hier in rußigen Winkeln ihr Gnadenbrot hatten. Witte schloß pfiffig die Augen, weil er sich überraschen lassen wollte. Staub und Ruß fiel dem Geheimrat entgegen, als er so nach dem alten, wohlverschlossenen Spielzeug seines Sohnes suchte, um es Witte zu schenken. Es hatte keinen Sinn mehr, derlei Tand aufzuheben. Aber an jeder Kleinigkeit hing eine Erinnerung. Mit hartem Griff packte er zu und lächelte grimmig. Witte blinzelte verstohlen und zog den Mund breit. Er wußte nicht, daß diese Stunde für seinen Großvater ein Abschluß und ein Weiterrücken war, daß hier eine trotzige Hoffnung vom Sohn auf den Enkel sprang. Im Takt stieß er die Absätze auf die roten Ziegelsteine und ließ alles Gute gemächlich an sich herankommen, als wäre seine heimliche Gier nur eine lässige Gnade. Plötzlich aber packte es ihn, daß er Mund und Augen aufsperrte und kurz und schwer atmete. Der Großvater hob ein schmales Ruderboot aus einer Kiste und setzte es vorsichtig zu Boden. Aber schon saß Witte darin, stemmte die Knie und streckte die Hände nach dem kurzen Doppelruder. Mit trockener Sachlichkeit erklärte der Geheimrat, wie das Ding zu halten und zu gebrauchen sei. »Großer Papa, jetzt muß schnell Wasser in unsern Teich, dann fahre ich mit Bobby und Elias!« Fest lag der Kindermund, keck blickten die grauen Augen in die Welt. Darüber her kam das Sonnenlicht durch die Luke und das letzte Klingen der Glocken. Philipp Emanuel lächelte. Wittes Vater hatte einst geweint, als er das Boot geschenkt erhalten, war zwei oder dreimal zaghaft darin gesessen, mit großen erschrockenen Augen, daß der Geheimrat in hellem Zorn alles auf den Speicher schaffen ließ. Witte war doch ein anderer Kerl. Mit plumper Freundlichkeit trug Philipp Emanuel allerlei andere Schätze herbei und legte sie vor dem Enkel nieder. Federkrone, Hüftschurz und Waffen eines Indianerhäuptlings, daß Witte bescheiden fragte: »Bin ich jetzt so ein braver Junge?« Und der sonst so strenge Großvater nickte gütig. Von der Tür aber kam jetzt Jakobes Stimme: »Was tut ihr denn hier?« Bedeutsam und mit leiser Bosheit antwortete der Geheimrat: »Ich schenke Witte die alten Spielsachen von Heinz.« Seine Augen lauerten. Witte griff nach der Indianerkrone, schmückte sich und guckte nach Bewunderung aus, da war er plötzlich allein. Auf dem schmalen Gang zwischen den Speicherkammern schritt der Geheimrat mit Jakobe. Graues Dämmerlicht ließ die Gesichter im Halbdunkel. So fand man leichter den Mut zu den mitleidlosen Worten, die endlich gesagt werden mußten. Verschüchtert wartete Jakobe und hatte doch das Gefühl wundersamen Geborgenseins, weil dieser ernste und tätige Mann nichts von ihr forderte, was sie selbst nicht gerne zu geben bereit war. Kampfgerüstet stand er jetzt. »Hat Heinz mit dir gesprochen?« »Ja, Papa.« »Und du?« »Ich fürchte mich.« Wie im Krampf stieß sie die Hände nach vorn. »Ich hätte Angst vor mir selbst, wenn ich von hier fort müßte.« Ein unmerkliches Lächeln lag um seinen Mund. »Das ist doch auch ganz ausgeschlossen. Er braucht dies Haus, das ihn deckt und immer decken wird. An mir hat er Halt und sonst nirgendwo.« Er blickte über sie weg und sprach wie zu sich selbst: »Es gab ja auch bei mir Augenblicke, da ich arg empfindlich und mißtrauisch war. Damals, als ich meines Vorgängers Tochter heiratete. Jeder glaubte nur an mein gutes Glück und stach mit spitzen Nadeln nach mir. Aber man läßt sich von derlei nicht anfechten. Meinem Jungen freilich blieb diese Weisheit fremd.« Er stampfte zornig und griff mit tastenden Fingern in die leere Luft, dann schloß er sie besitzstolz zur Faust. »Wir haben Witte und Elias.« Da wußte sie, daß er jetzt seinen Sohn preisgab. Sie hob den Blick, unwillig und erstaunt fand er darin ein verzweifeltes Fordern. »Warum hilfst du ihm nicht?« Er warf nur die Hand aus, als streute er etwas in alle Winde: »Glaubst du, daß es noch Wirkung täte?« In seinen Augen aber stand die Angst. Sie schwieg. Er streckte ihr beide Hände hin: »Dagegen ist kein Mittel als ein stilles Ausharren. Wir sind ein tüchtig Stück zusammen gewandert, durch helle und dunkle Tage, liebe Tochter, und wollen uns nicht verdrießen lassen, es weiter zu tun!« Und er stieß kurz die Tür zur Kammer auf, wo Witte mit dem neuen Ruder rumorte. Steif und stolz stand der Geheimrat in der hellen Sonne. »Ja, unser Witte,« sagte er langsam. Scheu schob Jakobe den Kopf zwischen die Schultern und haßte den Knaben, der unbekümmert nach Heinz' Spielsachen griff. Mit breitem Lächeln aber grüßte Philipp Emanuel den Enkel. Ums Dämmern klopfte der Geheimrat an Jakobes Tür. Auf dem Teppich spielte gerade der kleine Elias mit roten und weißen Bällen, täppisch und ungeschickt, aber mit unverdrossener Ausdauer. Er war ein stilles Kind, das mehr an der Mutter hing als der eigenwillige Witte. Nachdenklich betrachtete Philipp Emanuel das Menschenfröschlein, das zwischen Kriechen und Aufrechtgehen noch ganz wunderlich schwankte. Hart klinkte er dann die Tür ein, als wollte er mit diesem Griff alles abschließen, was dahinter wartete und ins Wirken kam. Wuchtig und schwer stand er in dem dünnen grauen Licht, die Hände um ein schlichtes schwarzes Buch gelegt, und glich plötzlich seinem Bruder Friedemann, wenn der die Bibel auf den Kanzelrand stellte und Abrechnung mit seiner Gemeinde hielt. Mit steifen Schritten trat er zu Jakobe und legte das Buch in ihren Schoß. Ein ganz feines Zittern schwang in der altfränkischen Feierlichkeit seiner Stimme: »Vielleicht dient dir dies besser als viele Worte.« Und sein ausgestreckter Finger wies ihr Stelle um Stelle in dem Tagebuch, das er vor fast dreißig Jahren an seines Sohnes Taufe begonnen hatte. Wie eine Tochter, die der Vater in lange gehütete Geheimnisse schauen läßt, saß Jakobe Williguth. Und da las ihr Philipp Emanuel leise die Worte vor, mit denen die Eintragungen jäh abbrachen. »»Ich glaube nicht mehr recht an ihn.«« Darunter war ein dicker Strich gezogen. Sie blickten sich an und schwiegen. Elias rollte die roten und weißen Bälle und stieß kleine vergnügte Schreie aus, wenn ihm sein Spiel gelang. Und da starb das letzte Licht.   Beim Abendessen aber, an dem wie jeden Sonntag Aurelius Schückedanz und der verabschiedete Kollege von der Chirurgie teilnahmen, war der Geheimrat beweglich und mitteilsam, fast wider seine Gewohnheit. »Du wirst nicht alt, Williguth,« brummte griesgrämig der Pensionist und hob mit beiden Händen einen Hühnerschenkel zum Munde. »Nein, ich habe keine Zeit dazu.« Philipp Emanuel lachte behaglich und goß rundum die Gläser voll. Dann trank er Jakobe zu: »Und wie immer, so fortan!« Schückedanz spähte unbehaglich nach dem jungen Williguth. Der verzog spöttisch die Lippen und drehte Figürchen aus Brotkrume, was sonst wohl auch sein Vater im Zorn tat. Boshaft grinste der alte Professor, der in enger Selbstsucht der jungen Welt alles Schwere gönnte. Der Geheimrat aber brachte schnell allerlei Tabellen und Zeichnungen, schon vor Tisch bereitgelegt, Reste einer Arbeit, die er einst als ganz junger Arzt begonnen und nicht vollendet hatte. Mit beinahe gewalttätigem Eifer erklärte er, was noch zu tun wäre, schob die Blätter über den Tisch und ermunterte schließlich seinen Sohn, daran Hand zu legen. Es klang wie eine bekümmerte Bitte. Gutgelaunt machte er sich dann selbst über mancherlei Irrtümer lustig. Mit flinken Fingern zeichnete und schattierte er im Handumdrehen, wies Ziel und Zweck und fragte wiederholt Heinz um Rat, der freilich nur gleichgültig und zögernd gegeben wurde. Doch Philipp Emanuel ließ ihn kaum sprechen: »Ganz recht, mein Junge, so ist's.« Sparte nicht mit Lob und zog ihn so nach und nach in das Netz, das er angstvoll und heimlich spannte. Auch Schückedanz, den der Geheimrat heute mal wieder absichtsvoll in den Schatten rückte, tat eifrig und verlegen mit, und selbst der alte Griesgram spundete das spinnwebigte Fäßlein seiner Weisheit an. Nur Jakobe saß stumm und ungewiß in der allgemeinen Betriebsamkeit. Der junge Williguth ließ die Papiere unberührt liegen, weil er in seines Vaters hilfreich erhobener Hand nur den Schulmeisterbakel erblickte, den er seit Kindertagen haßte. Der Geheimrat bog sich jetzt über den Tisch: »Na, Heinz, hättest du etwa Lust?« Und er lachte voll kernfester Zuversicht in das verdrossene Schweigen seines Sohnes. Als er aber dann die Augen zu Jakobe wandte, kauerte darin die Angst wie ein krankes Tier. Die Köpfe der anderen waren gerade tief über Tabellen und Zeichnungen gebückt. Nur Jakobe sah diesen gequälten Blick, in dem Widerwille und Unruhe zugleich war. Flora Schirlitz trabte durchs Haus und klirrte leise mit den Schlüsseln. Das alte Holz knarrte unter ihren schweren Tritten. Ihre Kerzenflamme züngelte im Schattentanz. Wieder flog der Tauwind übers winterliche Land, pfauchte aus vollen Backen und drückte das Fensterglas in zitterndes Schwingen. Tat Stoß auf Stoß und holte dann Atem, wie der Wolf am Waldrand heult. Weiter wandelte das Licht, wie ein treuer Wächter, der vor Schlafenszeit noch einmal in alle Winkel guckt. Eine Tür kreischte jetzt in den Angeln, irgendwo schlurften Schritte. Die Hausdame horchte, vielleicht schlug ein schlecht verwahrtes Fenster. Aber aus dem Halbdunkel, in das die Kerze lichte Flecken warf, trat Philipp Emanuel Williguth, einen Pack Papiere unter dem Arm, hatte die Augen sinnend gesenkt und die Hand zur Faust geballt. Er streckte schnell die Finger und schlug daraus ein Dächlein über die Augen: »Ach, Sie sind es.« Fast müde klang es. Tief in den Höhlen lagen die grauen Augen. Er nickte und schritt vorüber. Draußen schwieg der Sturm. Und da klappte wieder eine Tür, wieder kamen Schritte. Starr blickte Philipp Emanuel die Schirlitz an, drohend und zornig zugleich. Sie blendete die Flamme mit der Hand, daß er ihr Gesicht nicht sah. So blinzelte sie in den hellen Fensterausschnitt, wo mondbeschienene Wolkenfetzen vorbei schwammen, und zählte langsam die auf und zu fallenden Türen. »Gute Nacht, Herr Geheimrat,« sagte sie dann still und stieg die Treppe hinab. In der Halle setzte sie ihr Licht auf den Kamin und versuchte Schloß und Riegel. Als sie aufschaute, stand Philipp Emanuel drei Schritte von ihr auf dem letzten Absatz. Steif wies er auf die Stockuhr: »Die geht schon seit gestern sieben Minuten nach.« Flora Schirlitz kniff die Augen ein: »Ich weiß nicht, täusche ich mich, aber ich höre da Schritte.« Mitten in den plötzlich neu einsetzenden Sturm brach des Geheimrats Zorn: »Ja, wir Williguth sind Alles- oder Nichtsmenschen.« Er stieß die Arme von sich: »Sagen Sie mal, Sie alte Frau, warum kann es nicht Alles sein?« In seinem Blick war jetzt aller Wille und alle Sehnsucht dieser Stunde. Zitternd drückte sich die Schirlitz in den nächsten Winkel, als erwartete sie einen Schlag. Er aber tadelte nur verdrossen: »Es riecht hier nach Wachs,« deutete auf die Tropfen, die von der Kerze liefen, und stieg schon die Treppe hinan. Im Garten zerbrach ein eiliger Fuß die Eishaut der Erde. Über Haus Williguth kam die Nacht.   Wieder frühstückte der Geheimrat nicht im »Blauen Herrgott«, sondern saß mit Jakobe stumm in der unfrohen Stimmung dieses Morgens. Schwere Nebel lagen vor der Sonne, die Laternen brannten noch und hingen als trübe gelbe Kugeln im allgemeinen Grau. Scharfe Falten schnitten um Philipp Emanuels Mund und liefen an den Schläfen in das graugemischte Haar. Und langsam sagte er, als tastete er sich erst selbst zurecht: »Im April sollst du mit Heinz nach Italien. Es möchte sein, daß sich da manches wieder anknüpft, an dessen Versäumnis die Umstände hier Schuld haben.« Sie hob den dunklen, unruhigen Blick und sah mit scheuer Feindseligkeit in seine versteckte Schwäche. Eine fremde Unsicherheit trug er an sich, die ihn auf einmal alt und müde erscheinen ließ. Nachdenklich faltete er die Hände auf dem Tisch und grübelte vor sich hin: »Allerlei Menschen kommen in mein Haus, die meisten anders als ich. Leicht konnte er sich zu einem von den vielen finden. Aber es geschah eben nicht. Und das ist ein Williguth!« Grämlich schob er das Kinn vor: »Ja, ja, Prüfungen erwarte bis zuletzt'« Wieder hob Jakobe scheu und feindselig den Blick. »Ist es dir nicht recht?« fragte er plötzlich und hatte sogleich böse lauernde Augen. Hartnäckig schwieg sie. Dann kam es wie Befehl und Bitte zugleich: »Es ist noch eine Möglichkeit. Die wollen wir nutzen.« Und er lächelte eckig, daß er seine Angst verriet. Nicht anders als ein Bettler wartete er. Jakobe aber saß vor ihm, ohne Willigkeit, wie eine Wärterin, die man zu einem gleichgültigen Kranken schickt. Eine jähe Grausamkeit machte sie karg. Seine Faust griff nach ihrer Hand: »Du mußt!« Sie zog die Lippen schmal und schloß die Augen, hörte sein Ächzen und schwere Schritte, die aus dem Zimmer gingen. Und jetzt erschrak sie vor sich selbst, sah ihre leeren Hände und schüttelte den Kopf. Da stand Jakobe Forcade in ihrer lässigen Schönheit und wollte sich plötzlich nimmer zwingen lassen.   Tagelang blieb der Nebel und verhängte die Sonne. Dabei war es kalt, in den Wasserlachen des vorwitzigen Frühlings stand blankes Eis, die ganze Stadt steckte in weißlichgrauer Watte. Durch die dicken Schwaden gellten die Pfeifen und Huppen, man sah nicht die Hand vor den Augen. Den ganzen Tag brannten die Laternen, grämlich und blaß hinter Nebelkappen. Im Lichtkreis tanzte der Ruß. So blieb es vom Morgen zum Abend, man roch und schmeckte diese ekle Feuchtigkeit, die durch Spalten und Ritzen kroch. Philipp Emanuel stand in der Halle. Hund Boabdil schnupperte mißtrauisch in die graue, unbewegliche Mauer, aus der die Wagenlaternen fahlgelb schimmerten. Plötzlich sprang er vorwärts und kläffte vergnügt. Der Geheimrat warf den Kopf zurück. In der letzten Zeit schien er immer auf irgend etwas zu warten, aber es war ein verdrossenes Warten, hinter dem die Angst stand. Scharf rief er den Hund und blickte nach der Peitsche. Aus der grauen Wand aber trat Renate Forcade. »Du bist natürlich erstaunt, Onkel Philipp. Aber es ging wirklich nicht anders. Weißt du, ich bin jetzt so weit!« In ihren Augen trotzte alles Wilde und Heiße ihrer Jugend. Er wandte den Kopf, wie einer, dem fremde Freude wehtut, und zog die Hundspeitsche pfeifend durch die Luft. Boabdil schob den Rücken und knurrte ergrimmt. Verstockt wartete Renate. War auch er wie die andern und ließ sie allein? Beinahe spöttisch wurde ihr Blick. Er spürte ihr schnelles Mißtrauen und zwang sich zu einem Lächeln: »Na, also, was ist denn wieder?« Sie stand jetzt dicht vor ihm und atmete schwer. »Bist wieder heimlich fortgelaufen, was?« Und er rückte ihr das veilchengeschmückte Pelzmützchen zurecht, das bedenklich schief auf dem dunkelbraunen Haar saß. Beinahe demütig war diese Bewegung. Sie stampfte mit dem Absatz auf: »Ja, Onkel Philipp, übermorgen spiele ich die Lady Milford.« Er lächelte sonderbar, mit zusammengebissenen Zähnen, und blickte in alle Winkel, als suchte er etwas. »Ich komme hin,« sagte er und funkelte Renate mit den grauen Augen an. Sie gab den Blick zurück und schob das Kinn vor. Nur um die Mundwinkel lief ein beherrschtes Zucken. Er reckte sich auf: »Na, Renate, wir beide fechten es durch.« Sie fuhren in den Nebel. Bäume tauchten auf und huschten wieder ins brodelnde Grau. Eis krachte unter den Hufen. Scharf gellte der Ruf des Kutschers, Pfeifen schrillten, Lichter prallten vor und verschwanden. Kamen die Nebelschwaden ins Schwanken, schimmerten einen Augenblick die alten Kirchen der Stadt. Ihre Glocken klangen gedämpft. Alles schien unwirklich und ins Grenzenlose erweitert. Renate drückte sich an den Geheimrat und saß ganz still. Er fühlte den jungen, warmen Leib und das leise Zittern in den Muskeln und freute sich ihrer Tapferkeit. So wünschte er sein eigenes Fleisch und Blut. Häßlicher schwarzer Rauch wirbelte jetzt über dem fließenden Grau. Hinter den dichten Vorhängen, die der Nebel spann, lärmte die Arbeit. Dann rückten hellere Wände dicht an den Wagen. An der toten Stille rundum erkannten sie, daß die Fahrt jetzt über die Heide ging. Roter Stein brach durch die wallenden Schleier, als dunkles Strichwerk zeichneten sich die kahlen Birken. Renate beugte sich aus dem Wagen und gab dem Geheimrat die Hand. Und Philipp Emanuel, der den eigenen Sohn unter seinen harten Willen zwang, fand plötzlich ein helles Lächeln. Er liebte diesen jungen, zagen Trotz, hatte ihn einst selbst gehabt. Was er in seinem Hause karg zurück hielt, gab er jetzt als Geschenk. »Hab' es einmal auch so gemacht, Mädel. Zupacken, und man hat's in der Hand.« Dann winkte er mit der Hand und schritt, schon wieder steif und aufrecht, den Birken zu, die nur manchmal in zartgelber Helligkeit aus dem Nebel tauchten.   Beim Morgenrapport trug der Geheimrat wieder die strenge Maske und sparte nicht mit spitzen Worten, in einer eigentümlich bösen Lust, fremden Willen klein und furchtsam zu machen. Die Fäuste hatte er in die Hüften gestemmt und das schwere Kinn vorgeschoben. Als nun Heinz eine nachlässige Auskunft gab, in der verbitterten Gleichgültigkeit, die er jetzt stets zur Schau trug, sagte Philipp Emanuel scharf: »Ich bitte um Klarheit, Doktor Williguth.« Grob wies er den sogleich hilfsbereiten Schückedanz zurück: »Sie habe ich gar nicht gefragt.« Bei der Vorlesung aber war er dann voll sicherer Liebenswürdigkeit, half sogar gegen seine sonstige Art dem Praktikanten, der jammervoll ins Stolpern kam, und leuchtete bereitwillig mit heller Fackel in die Kammern seines Wissens. Er liebte dieses junge Volk, das noch ans Leben glaubte und rüstig die Hände rührte. Der letzte Fall, den Philipp Emanuel operierte, blieb ihm unter dem Messer. Langsam hob er den Kopf und nickte den Studenten zu: »Ja, ja, überall gibt es Grenzen, auch für uns.« Und jetzt ging er Schritt um Schritt einem möglichen Irrtum nach, schonte sich selbst nicht und hatte ein vergrämtes Lächeln um die Lippen. Der junge Williguth wartete auf ein Stocken dieser unerschütterlichen Sicherheit, aber umsonst. Manchmal zuckte es in seinem Herzen auf, heiß und wild, daß ihm der Atem schwer wurde und er die Augen schloß, in dem kranken Ehrgeiz, der mit hastigen Händen ins Leere langte. Widerwillig hörte er seines Vaters starke und zuversichtliche Stimme. Der war und blieb der Herr, nahm alle Dinge im Guten und im Schlechten gelassen hin, weil auch ein Mißerfolg ihn nicht kleiner machen konnte. Wieder maß sich der Sohn am Vater und las in ohnmächtigem Zorn den Unterschied ab. Philipp Emanuel drückte dem Toten die Augen zu, mit einer kleinen, unmerklichen Bewegung, wie sie langjährige Gewohnheit gibt. Heinz spürte diesen Druck, als geschähe er an ihm selbst. Er wußte, daß sein Gesicht jetzt verzerrt und voll Furcht war. Sein spöttisches Lächeln wurde starr. Im leeren Hörsaal, vor dem Leichnam, sprach der Geheimrat noch zu seinen Assistenten über den letzten Fall. Er ließ nicht nach, wenn ihm etwas mißglückte, sondern rüttelte auch an verschlossenen Türen. Heinz tat einen schnellen Blick rundum. Wie arme Sklaven standen sie alle, keiner widersprach, keiner rührte sich, Schückedanz hatte die Hände über dem Bäuchlein gefaltet, machte treue Hundeaugen und schweifwedelte voll Diensteifer. Da kam über Heinz Williguth ein quälender Zwang, weh zu tun, wem immer es sei. Noch knebelte die Scham die Worte, welche schon locker saßen, bitter und gallig, aus der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht. Aber aus dem schweren Zweifel: Wer bist du? Was ist an dir? rang sich unerbittlich der Spott los. Heinz haßte jetzt, was er selbst mit aller Sehnsucht sein wollte. Häßlich hockte der Neid um seine Lippen, und er hatte nicht mehr die Kraft, ihn zu verbergen, wollte es vielleicht auch gar nicht, in der schrankenlosen Zerrüttung seines Wesens. In den Augen kam und ging ein hämisches Flimmern, in den Mundmuskeln lief ein krampfhaftes Zucken. Und plötzlich lachte er grell auf. Zornig fragte der Geheimrat: »Wer lacht hier?« »Es ist gut, daß dir manchmal doch einer stirbt.« Schräg offen lauerte der Mund des jungen Williguth, ein boshafter Kindermund. Philipp Emanuel wartete einen Augenblick, dann schrie er in die Stille: »Mich ekelt vor dir.« Wandte sich und hieb die Tür ins Schloß. Langsam rückten sie ab von Heinz Williguth, nur Schückedanz zögerte.   Prinz Elias räusperte. »Ja, das ist so'ne Sache.« Die kleinen wasserblauen Augen zwinkerten in gutmütiger Verlegenheit und versteckten sich dann schnell unter der mächtigen dunkelroten Nase. »Hoheit, jeden andern kann ich dafür vorschlagen, Heinz aber nicht.« Und Philipp Emanuel warf nachlässig die Hand durch die Luft. Vorsichtig sagte der Prinz: »Sie sind ehrgeizig, lieber Williguth, vielleicht allzusehr. Ich dachte, mein Vorschlag käme Ihrem Sohn gerade zurecht. Andere Luft atmen, frei sein vom Alltag, und ein wenig auch von Ihrer väterlichen Gewalt, Herr Geheimrat, das ist etwas, oder nicht?« Aber Philipp Emanuel schüttelte nur den Kopf: »Kriegschirurg nach Südwest-Afrika? Niemals, Hoheit. Das hieße dem Maßlosen die Maßlosigkeit weisen.« Er stand erregt auf und schritt, die Hände auf dem Rücken, durchs Zimmer. Mit einem Ruck machte er dann vor dem Prinzen halt: »Es ist nicht leicht für mich, Hoheit, ganz und gar nicht!« Zorniger Schmerz funkelte in seinen Augen. Prinz Elias duckte sich, als fürchtete er Schelte: »Sie brauchen gar nichts zu sagen, lieber Geheimrat.« Philipp Emanuel spannte die Arme und ballte die Fäuste: »Er trinkt und läuft den Weibern nach.« Jetzt furchte er die Brauen und schob das Kinn vor, kein Mitleid war in seinem Blick. »Wissen Sie, Prinz, was Stolz ist, maßloser, wahnwitziger Stolz auf das eigene Fleisch und Blut? Von den Bauern kommen wir Williguths, und da vertut einer Acker und Land. Ich kann ihn nicht fortlassen. Soll er mir am Pranger stehen, der lässige, faule, der schöne Lump Williguth? Hier wagt keiner zu sehen, wenn ich es nicht will. Und wir schweigen alle. Auch die Frau, die ich ihm gab, habe ich erzogen, daß sie schweigt. Aber wo ich nicht bin, ist er vogelfrei.« Mit fast grober Hast schnitt er dem Prinzen das Wort ab: »Es ist keine Schande, die er mir nicht angetan hat!« Und dann zögernd und schwer, als sträubte er sich gegen seine eigenen Worte: »Er ist verdorben zu jeder Tat. Er weiß sich nicht in Welt und Menschen zu schicken, unstet und voll Mißtrauen gegen sich und die andern. Und trotzdem voll Begabung, ja, Prinz. Sonst – meinetwegen, aber er vergräbt sein Pfund, zerstört sich selbst in boshafter Freude und ist schnell, zu hören, wenn mich einer haßt. Und so geht das weiter, Jahr um Jahr. Mitleidig lächeln sie über meinen Sohn. Und da steht man mit hilflosen Händen und kann nichts ändern. Manchmal, ja, da reißt er sich auf, hält wacker Schritt, spielt mit allen Hindernissen, und man hofft, ist stolz auf diese junge, heiße Kraft. Dann bricht alles jäh wieder ab. So ist es mit Heinz Williguth.« Er schlug in Schmerz und Zorn die Faust vor die Brust. Dann sagte er mit kaltem Lächeln: »Verzeihen Hoheit meine Heftigkeit!« In den sonst so scheuen und gleichgültigen Augen des Prinzen Elias war jetzt ein starkes Leuchten. Er reckte sich, bis er Schulter an Schulter mit dem Geheimrat stand. »Ich hätte nicht den Mut dazu.« Um Philipp Emanuels Mund aber saß ein unbeugsamer Wille, der sich nichts mehr abbetteln ließ. Zaudernd, beinahe furchtsam trat der Prinz zurück. »Kann ich mein Patenkind sehen?« »Ja, gehen wir zu meinen Enkeln!« Philipp Emanuel stützte sich gleichsam auf dieses letzte Wort. Eine grausame neue Jugend ließ ihn schnelle Schritte tun.   Schwer gingen die Stunden auf Füßen von Blei. Und draußen blieb der Nebel, eine dicke weiße Wand. Der Winter wollte nicht weichen, klammerte sich fest mit gieriger Greisenhand. In Philipp Emanuels Haus schritten sie mit steifen Köpfen aneinander vorbei und blickten unwillig und erschrocken, wenn Wittes Lachen in den langen dunklen Korridoren klang. Keiner glaubte mehr, daß Worte etwas nützen könnten. Jeder hatte Angst, den scheintoten Haß zu wecken. Nur wenn andere Menschen kamen, nahm man die Maske vor und atmete auf, daß man für eine Weile nicht allein war. Besonders vor seinen Brüdern spielte der Geheimrat den glücklichen Hausvater und zwang die andern mitzutun. Nur Karl Maria Tredenius blinzelte mißtrauisch in diese etwas gewaltsame Heiterkeit. Oft war er nahe daran, mit beiden Fäusten auf den Tisch zu trommeln und den drei Menschen zornig in die Ohren zu schreien: »Hier wird nicht weiter gelogen!« Aber auch er war ein Williguth und nicht ohne die verlogene Gemessenheit seiner Familie. So blieb das seltsame und verwirrte Wesen, das hinter äußerlicher Lebendigkeit starr und stumpf eine Veränderung erwartete, ohne daß sie wußten, was denn geschehen sollte. Mit Vorliebe hatte jetzt der Geheimrat die Enkel um sich, trieb ihre kleinen Spiele und allerhand Schabernack und streckte manchmal mit beinahe ängstlicher Bewegung die Arme nach den Knaben aus, als hätte er den Glauben an die Zuverlässigkeit der Ereignisse und wäre überzeugt, daß junge und lebfrohe Wesen auch schöne und glückliche Geschehnisse um sich schufen. Er trug seinen heimlichen Frost zu dieser Jugend und wärmte sich. Manchmal aber ging ein versteckter Blick zu seinem Sohn, wie Bettler schauen, die man mit leeren Händen läßt. Dann setzte Philipp Emanuel die Lippen schmal und stierte geradeaus. Und schließlich wanderten seine Augen zu Jakobe und blieben dort in zornigem Fordern. Gelassen und mit einem gefälligen Lächeln, das für alle bereit lag, schritt die junge Frau durchs Haus. Einmal hielt Graf Forcade sie fest und fragte: »Lügst du nicht, damit ich lächeln soll?« Sie straffte den Leib und legte abweisend den Kopf zurück. Sie wollte kein Mitleid, war ganz und gar eine Williguth. Da sprach er behutsam von Renate, die morgen in aller Heimlichkeit Theater spielen sollte. »Ich komme nicht.« So redete die Stimme dieses Hauses voll Selbstgerechtigkeit und Würde aus Jakobe Williguth.' »Du bist anders geworden, Jakobe.« Nachdenklich blickte er sie an: »Zu langsam im Verzeihen, Kind.« Sie neigte den Kopf, daß er ihre Augen nicht sah. Er fragte nicht weiter, in der stillen Zurückhaltung, die immer zwischen ihm und ihr war. Er küßte sie nur voll plötzlicher Angst.   Der erste Akt von »Kabale und Liebe« war zu Ende. In der »Alhambra« gab es stets lange Pausen, weil der geschäftskundige Wirt diese Bedingung stellte, und gar erst an Sonntagen, wenn Kleinbürger und genußhungrige Dienstboten das winzige Theater füllten. Zuerst schlang man gruselige Tiraden und dann Speis und Trank hinab, wie es die Romantik der Vorstadt liebte. Schaler Bierdunst verdarb die Luft, es roch nach billiger Seife und allzu reichlich verwendetem Haaröl. Die Gasflammen blakten nur trüb durch den stockigen Zigarrenrauch. Heiße Gesichter lehnten sich aneinander, Lippen, noch feucht vom Bierschaum, suchten sich in der knapp bemessenen Gier der freien Sonntagsstunden. Die Kellner schwenkten schmierige Servietten und balancierten Tellerreihen über vorsichtig geduckten Köpfen. Vier Männer saßen an einem Tisch. Graf Forcade blinzelte mißtrauisch in diesen groben Lärm. Schweigend rauchte er seine Zigarre, deren feiner Duft sich in dem beizenden Qualm verlor, der überall aus schlechtem Kraut dampfte. Gelassen wartete er nach seiner Art und reihte diese seltsame Stunde als neues Wunder in seine Sammlung ein. Hier und da nur lächelte er, daß Renate just sein Kind war. Achatz Rothenwolff hatte die Lippen eingekniffen und die Hände über dem Leib gefaltet. So starrte er geradeaus, wo an einem Tisch unter kichernden Ladenmädchen und Kommis ein dicker alter Mann in Allongeperücke und Tressenrock das laute Wort führte und sich von allen Seiten Freibier reichen ließ. Präsident von Walther stärkte sich zum schlimmen Handwerk. Sir S. Lewis speiste gemächlich und wischte mit dem haarigen Handrücken den Bratensaft vom Munde. Verschmitzt guckte er von einem zum andern, als wüßte er allein um alle verworrene Buntheit des Lebens. Philipp Emanuel blieb steif und verschlossen, die Arme vor der Brust verschränkt. Und so saß er dann auch ganz hinten, allein unter lautem Volk, das sich in der Dunkelheit vergnügt knuffte und stieß. Er lächelte geringschätzig über das aufgedonnerte Pathos, das plump und unecht über die Bühne polterte. Plötzlich kam ein zorniger Schrei, schrill sich überschlagend und ganz allgemach versinkend. Philipp Emanuel schloß die Augen und schlang die Finger ineinander, als liebkoste er ein unsichtbares Ding. Er lächelte über diesen dummen Ferdinand, der Himmel und Hölle anrief und die glockenstarke Stimme der Lady Milford überschrie. Das Publikum aber klatschte entzückt in jede Tirade, die der junge Walther der Fürstenmaitresse an den Kopf schleuderte. Der Geheimrat blickte auf. Der Rausch der Worte fegte Renate vor sich her, nur manchmal stockte sie, wie in geheimem Widerstreben vor dieser starren Wucht, die jedes Gefühl überlebensgroß an die Wand warf. Unreif und unsicher flackerte es dann auf, ein Erwachen ganz von innen her, ein dunkles Erraten tief verborgener Seelenheimlichkeit. Da gab es plötzlich einen erschrockenen Blick, eine zornige Bewegung, die aus dem Augenblick kam, kaum erkennbar in dem schulmäßigen Abhaspeln der überhitzten Sätze. Schmerzliche Augen blickten aus dem geschminkten Kindergesicht, als wäre alles Erleben voll Scham und Widerwillen. Mit einem seltsam andächtigen Lächeln saß Geheimrat Williguth vor Renates heißer und trotziger Kraft, die in dieser Spelunke auf roten Stöckelschuhen auf und ab trippelte, deren herber Kindermund Geheimnisse einer reifen Frau ausplauderte, daß jedes Wort grotesk und unwirklich schien. Und doch der einzige Mensch unter diesen bemalten und geputzten Puppen. Philipp Emanuel lächelte jetzt beinahe grimmig. Ihm war diese irrlichternde Kulissenwelt fremd, er selbst hielt Gefühl und Wort unter Schloß und Riegel, wie alle Williguths. Unbehaglich bewegte er den Kopf und lauerte auf ein derbes Wort, das Renates halbnackte Schönheit beleidigen könnte. Und doch leuchtete es stolz und selbstbewußt in den kalten grauen Augen. Die da grub sich rechts und links den Weg ins Leben. Jetzt beneidete er Miriam Forcade um diese Tochter, die alle Hindernisse zerbrach. Grämlich saß er und hatte einen schalen Geschmack im Munde. Dann nickte er ganz langsam dem Musikus Miller zu, der mit dem Rohrstock Ordnung in seiner Familie schaffen wollte, wie Johann Sebastian Williguth vom »Blauen Herrgott«. Der alte Narr da rannte durchs Zimmer, tobte und schrie und griff doch ins Leere. »Esel!« zischte der Geheimtat durch die Zähne. Er starrte auf die giftgrüne Bluse einer dicken Schlächtersfrau, die in breitem Behagen schnaufte, die Arme aufgestemmt. Vielleicht hatte die auch Kinder, die nichts taugten, plagte sich und schaffte doch nichts Rechtes. Da kamen von der Bühne die Worte: »Friß aus, was du einbrocktest!« und trafen ihn wie ein Stoß vor die Brust. In plötzlicher Angst stand er auf und drängte rücksichtslos zum Ausgang. Man schrie und schimpfte. Jemand packte ihn am Arm: »Na, was sagst du?!« Im schmalen, halbdunklen Gang glänzten Nikolaus Forcades frohe Kinderaugen: »Euphrosine! Könnte sie nicht Goethes kleine Freundin sein? Sie wird ihn niemals heiraten wollen, den guten Achatz.« Unwillig legte Philipp Emanuel den Kopf zurück. Was gingen ihn diese fremden Menschen an? Er wollte heim. Aber da fuchtelte Sir G. Lewis ihm schon mit den fetten, rotbehaarten Händen ins Gesicht. Er hörte gar nicht, was der alte Routinier sagte. Verdrossen blickte er weg. Und da stand Renate, noch geschminkt, kaum zu erkennen, das Haar hoch aufgesteckt, in weißer Kontusche mit gelben Bandschleifen, gespreizt und steif auf den roten Hackenschuhen. Sie ließ die drei andern und kam gerade auf ihn zu, mit großen, etwas furchtsamen Augen. Philipp Emanuel lächelte und strich gütig über die heißen Mädchenhände. Und jetzt blieb er, aus Furcht vor dem Wechsel zwischen hier und dort. Zweierlei Gesicht hatten die Dinge. »Ja, die Renate,« sagte er mit etwas unwilliger Bewunderung und tippte spöttisch auf das herzförmige Schönheitspflästerchen, das kokett über ihrem Kinn saß. Und dann war ein stummes Grüßen von ihm zu ihr. Lewis schwang sein rotes Notizbuch: »Donnerwetter, Kleine, noch etwas auf die Hobelbank, – und dann – – –.« Er schnippte Daumen und Zeigefinger durch die Luft, als zählte er Geld. Renate blickte wie ein Kind, das auf einmal alle liebhaben. Dann ballte sie die Faust wider das unsichtbare Publikum: »Wartet nur!« Stand straff und stolz, ein grausames Lächeln um den jungen Mund. »Ich bin auch da,« murmelte Graf Forcade. Aber sie hörte ihn nicht. Philipp Emanuel ging allein durch die Märznacht. Die Bogenlampen hingen wie bläulichweiße Kürbisse in der nebelerfüllten Luft. Es war kalt, aber nirgends lag Schnee. An Baum und Strauch froren die Knospen. Der Geheimrat machte lange Schritte, als gälte es, die Freude dieses Abends lebendig heimzutragen. Schier traute er jetzt wieder seiner Kraft, Krummes gerade zu biegen. Dann zögerte er und stieß verdrossen den Stock auf. Seine Nerven mißtrauten dem Zwitter von Lenz und Winter rundum. Im Fontainengarten knirschte der Nachtfrost, verbrannte manche Hoffnung und ließ doch genug übrig. Die Erde war grämlich in ungeduldiger Fruchtbarkeit. Wie eine laue Welle schlich es manchmal durch das Dunkel, aber der Frost blieb Herr. Nur das Starke kam heil aus seiner Faust. Mit einer ihm sonst fremden Bangnis zögerte Philipp Emanuel vor den hellen Fenstern seines Hauses. Er warf die Hand aus und sah darauf nieder, als wäge er Ja und Nein. Dann schob er den Drücker ins Schloß. In der Halle stand Heinz, zum Ausgehen bereit. Scheu wich er zurück. Aber Philipp Emanuel streckte beide Hände hin: »Grüß Gott. Ich war bei Renate.« Jetzt sah er Jakobe auf dem Treppenabsatz und nickte ihr zu. Er legte den Pelz auf den nächsten Stuhl und lehnte sich daran, in breiter, herrischer Gebelaune. »Kannst stolz sein auf deine Schwester, Jakobe.« Und er sprach in hellen, frohen Worten, wie lange nicht. Mit weit offenen, glänzenden Kinderaugen wartete Jakobe auf das Wunder zwischen Vater und Sohn. Heinz aber verzog nur den Mund und schwieg. Da fuhr schon Philipp Emanuels Hand zornig steil aufrecht: »An dir habe ich solche Freude nie erlebt.« »Freilich,« antwortete der junge Williguth und ging ohne Gruß. Ergeben, mit gesenkten Schultern, schritt Jakobe dem Geheimrat voraus. Dann horchten beide auf die Tritte, die draußen über den frostharten Boden liefen. Willenlos ließ Jakobe die Hände fallen und starrte geradeaus. Er drehte den Kopf nach den Schatten, die lange gierige Hälse aus dem Korridor reckten, blickte zu Boden und sagte langsam: »Ich wollte – ich wollte heute früher heimkommen.« Einen Augenblick stand er mit vorgestrecktem Kopf und horchte in die Stille. Dann klang sein schwerer Schritt weit hinten im Korridor, und eine Tür fiel scharf ins Schloß.   Man schwieg an diesem Abend und schwieg am nächsten Tag, trotzdem in allen Augen die Angst stand. Heinz Williguth war nicht heimgekommen. Aber sie änderten nichts an ihrem Gleichmaß, sprachen von Alltagsdingen und versuchten sogar zu lächeln, als wäre alles in bester Ordnung. Jakobe schien heiter und wie immer, als ihr Vater kam, und nicht anders, als später Gundl Tredenius zwei Enkel zu Witte brachte und das Haus bald vom frohen Lärm der Kinder erfüllt war. Man verbarg hier alles eigene Erleben, in einem schmerzlichen Stolz, der mit großen runden Gebärden einherfuhr und ganz Würde und Zurückhaltung war. Die Williguths brauchten kein fremdes Mitleid. Dann aber stand Flora Schirlitz in der Halle vor Frau Tredenius und winkte bedeutsam mit den verwaschenen Altweiberaugen. Vorsichtig blickte sie um sich und streckte plötzlich die knotigen Finger in steifer, schier automatenhafter Bewegung. »Ich fürchte mich, gnädige Frau!« Sie allein brach das Schweigen, das bei Geheimrat Williguth als ungeschriebenes Gesetz galt.   Abends spielten die zwei Frauen mit Philipp Emanuel Karten, in einer fast freudigen Hartnäckigkeit, weil beim Whist jedes unnütze Wort verboten war. Während die Karten fielen, horchten sie auf die tausend pochenden, haarfeinen Geräusche der Stille. Aus entfernten Zimmern kam langsam und metallen das Schlagen von Uhren und warf das kleine Maß der Viertelstunden in die große Angst. Mit schlanken, schnellen Fingern raffte der Geheimrat die Stiche an sich, welche die Unaufmerksamkeit der Frauen ihm gab. Er hielt ein Blatt hoch: »Impaß mit dem Buben.« »Trick,« antwortete die Schirlitz. Und wieder horchten sie in die Stille. Nur die Karten klappten trocken und biegsam. Ein schlaffer und dumpfer Geruch von Kreide und bunter, glattgefalzter Pappe war in der Luft. Pedantisch zählte Philipp Emanuel und teilte die Karten aus, die weggelegte Zigarre brannte ein zackiges Loch in das grüne Tuch. Jakobe und die Schirlitz stierten darauf hin, ohne zu sprechen oder sich zu rühren, bis er selbst das kleine Flämmchen ausdrückte, mit einem harten, ungeduldigen Ruck, der seine versteckte Unrast verriet. Kurz und rauh lachte er über seine Karten weg und funkelte die zwei Frauen schier drohend an, als wollte er jedem unzeitigen Wort halt gebieten. Wieder kam das Ticken der Uhren aus fernen Zimmern in die große Stille. Die bunten Blätter knisterten und fielen überschnell auf das grüne Tuch, und mit einemmal wußten alle drei, daß sie dem Spiel gar nicht mehr folgten, daß sie Herz zu Treff und Carreau zu Pique warfen. Ihre Augen hingen ineinander in einer stummen, maßlosen Furcht. In diesem Augenblick haßten sie sich, weil jeder vom andern vergeblich Hilfe erwartete. Plötzlich schleuderte Jakobe ihre Karten hin: »Nicht atmen können wir bei dir! Jetzt ist es genug.« Ihre Hände zuckten und griffen krampfig in die leere Luft. Blaß und geduckt saß Flora Schirlitz und rechnete mechanisch mit steifen, dicken Ziffern. Philipp Emanuel verzog den Mund, daß tiefe Falten zu den Winkeln gruben, rauchte aber stumm weiter, in einer verbissenen Starrheit, die immer noch durch Schweigen siegen wollte. In seinen Augen lauerte Spott über Jakobes ohnmächtigen Zorn. Weil er selbst immer auf der Wacht vor fremdem Zusammenbruch stand, beobachtete er auch sein eigenes Erleben mit eiskalter Zurückhaltung, mit einer verwunderten, schwerfälligen Neugierde, ob das Schicksal, an dessen Unerbittlichkeit er blind glaubte, jetzt auch an ihn herantrat. Er schien meilenfern von dem schweren Willen dieser Stunde. Jakobe aber schlug die Fäuste vor die Brust und kam ins Schreien, wie ein Tier, das plötzlich aus dem Käfig bricht: »Bitten will ich ihn, daß er mit mir aus deinem Hause geht.« Höhnisch blickte er ihr gerade ins Gesicht: »Du kommst spät, Jakobe Williguth!« Er schob langsam die Karten zusammen, in erzwungener Gleichgültigkeit. Jakobe lehnte sich weit über den Tisch: »Warum hilfst denn du nicht?« Ihre Stimme überschlug sich in einem schrillen Lachen. Er legte bedächtig die Hände ineinander: »Laß das meine Sache sein!« Und sah sie lange an. Verdrießlich wandte er dann den Kopf. Stockend, mit geduckter Furcht, in der schon wieder die alte Hilflosigkeit war, fragte sie jetzt: »Glaubst du, daß er überhaupt kommt?« »Wie?« Ärgerlich fuhr er auf und warf die Hände hoch. In seinen Augen stand ein jähes Grauen. Er war am Ende seiner herrischen Gelassenheit. Mit schwerem Ernst wies er zur Tür: »Geht, das ist keine Weibersache!« Gleich aber eilte er Jakobe nach und faßte ihre Hand: »Du mußt nicht denken, daß ich heute mit dir rechten will, Kind, ich weiß ganz gut – – –.« Da brach ihm die Stimme. »Geht, so geht doch!« Mit angstvollen Augen blickte Jakobe zurück. In stiller Bitte tasteten ihre Finger. »Kannst du uns nicht helfen?« Es klang wie Kinderweinen. Langsam kreuzte er die Arme vor der Brust und sagte voll widerstrebender Milde: »Er kommt, du kannst ruhig schlafengehen. Und dann, dann will ich mit ihm sprechen, morgen, wenn alle Dinge heller scheinen. Aber ich allein muß es tun. Es liegt nur zwischen ihm und mir.« Und dann in schwer verhaltenem Groll: »Irgendwo muß doch der Williguth auch in meinem Sohn stecken. Nur finden mußt du es mich lassen.« Müde, mit gesenkten Schultern, stand Jakobe, bereit, alle seine Gesetze wieder auf sich zu nehmen. »Genug jetzt,« schloß er mit einem ganz leisen Lächeln in seiner tiefen Stimme, »du sollst uns morgen den Abend heiter machen.« Johann Sebastian stieß den Sessel zurück und hieb mit der Faust auf den hübsch gedeckten Kaffeetisch, daß Frau Apollonias gute weiße Tassen mit dem blauen Zwiebelmuster in klirrendes Tanzen kamen. »Wir erwarten es von dir, Philipp Emanuel.« Puterrot wie ein Kampfhahn stand er dem Geheimrat gegenüber, seine zornigen kugelrunden Augen suchten unwillkürlich nach dem Rohrstock in der Ecke. Hochmütig legte Philipp Emanuel den Kopf zurück und blickte mit verstecktem Spott von einem zum andern. Da saßen seine Brüder und Gundl Tredenius, breit und gewichtig, hatten die Arme aufgestemmt und das gewalttätige Kinn vorgeschoben. Er reckte sich auf. In uralte Zeiten, da der Vater über Leben und Tod der Kinder entschied, schien dieser Williguth zu wachsen, der Stärkste und Trotzigste unter diesem starken und trotzigen Volk. »Was wisset ihr alle von ihm und mir?« Seine Schwester Gundl hob die ruhigen blauen Augen: »Du hast ja selbst Angst, Philipp.« Der Superintendent faltete nachdenklich die Hände und schaute darüber in das Flackern der Glut im grünen Kachelofen: »Auch mein lieber Eidam Schückedanz ist voll Unruhe um Heinz. Bedenke dich, Philipp Emanuel! ›Denn der Reiche kommt um mit großem Jammer, und so er einen Sohn gezeugt hat, dem bleibt nichts in der Hand.‹« Johann Sebastian aber winkte würdig mit der welken Greisenhand, als gebührte ihm allein das Wort in dieser ernsten und beschwerlichen Sache: »Wir haben dich kommen lassen, damit wir ratschlagen, was am besten zu geschehen habe.« Sie nickten alle, in unwilliger Verwunderung, daß so etwas in ihrer Familie notwendig war, und rückten enger um den Tisch. Der Geheimrat aber ging schweigend im Zimmer auf und nieder, aus einer Ecke in die andere, die Hände auf dem Rücken, und hatte ein grimmiges Lächeln um den Mund. Dann kreuzte er die Arme und stieß die Worte wie Steine: »Es gibt Dinge, die notwendig geschehen müssen.« Hart und eckig stand er vor ihnen, in einer Grausamkeit, die ihm aus seinem Handwerk kam. »Mit Bibelworten wird da recht wenig getan. Habe ich nicht sein Treiben gedeckt vor euch allen? War ich nicht fein stille um der guten Ruhe willen?« Da warf Gundl ärgerlich die Hände durch die Luft, wie sonst der Geheimrat: »Aber du hast ihn nie von Herzen liebgehabt.« Und zornig gab er die Antwort: »Ich bin nicht schwach genug für einen schwachen Sohn.« Alle die grauen und blauen Augen der Williguths leuchteten ihm jetzt entgegen, in einer unausgesprochenen, starken Einigkeit ihres Wesens, und gaben ihm recht. Giacomo aber, der alle Dinge dieser Welt mit Griff und Kniff zu behandeln gewohnt war, stützte den klobigen Kopf in beide Fäuste, als spähte er nach einem letzten Ausweg. Über die nachdenklich geneigten Gesichter der Männer ging Philipp Emanuels kurzes, verächtliches Lachen. Bekümmert rückte Johann Sebastian das schwarze Samtkäppchen zurecht: »Man ist zu alt für allerlei Dinge und weiß es nicht.« Und er hielt die Tasse zu frischer Füllung hin, aber Apollonia schob seine Hand zurück und trommelte mit zornigen Fingern auf den Tisch: »Ihr schwatzt alle nur Unsinn, ihr Männer.« Und sie lächelte breit und siegessicher als eine Frau, die zwölf Kinder geboren und in allerlei Fährlichkeit zu wetterstarkem Volk erzogen hatte. »Ja, Philipp Emanuel, du zuerst. Alles ist einfach und leicht zum Guten, wenn man nur richtig zupackt. Lies ihm tüchtig die Leviten und dann sieh' zu, daß er endlich mal an die Krippe kommt! Was kann denn so Großes an einem Haufen beschriebenen Papiers sein? Oft und oft habe ich dir bei deinen Schularbeiten geholfen, wenn du dahocktest und den Federstiel zwischen den Zähnen zerkautest. Und dein Junge hat ja schon einen dicken Stoß Papier verkritzelt, und wenn das nun noch immer nicht genug sein soll, gut, so mache du selbst ihm jetzt die Arbeit. Ist da so viel dabei? Vater und Sohn, das ist doch ganz einerlei.« Vergnügt stimmte Giacomo ein: »Bravo, Mutter, so ist's!« Die andern aber schwiegen. Der Geheimrat hielt die Zigarre zwischen den Zähnen, stieß in schnellen Zügen den Rauch aus und zwinkerte spöttisch aus den kalten grauen Augen. »Und wenn ich es tue – – –.« Er brach ab und stampfte auf. Johann Sebastian aber wandelte würdevoll auf Apollonia zu, küßte die unwillig und geschmeichelt Abwehrende auf den Mund und sagte stolz: »Ja, meine Affi, die hat es weg.« Die Williguths lachten ihr herrisches und selbstbewußtes Lachen, in dem noch ganz zu unterst heimliche Sorge mitklang, und stießen mit lauten und zuversichtlichen Gebärden das hartnäckige Schweigen des Geheimrats von sich. Johann Sebastian sah stirnrunzelnd rundum und fragte gemessen, wie ein Patriarch, der unbedingten Gehorsam erwartet: »Nun, Philipp Emanuel?« Und bleckte zur Warnung seine drei letzten Zähne wider einem möglichen Widerspruch. Der Superintendent trat langsam auf seinen Bruder zu und legte ihm die griffesten Hände auf die Schultern: »Mache deinen Stolz klein und reiße keinen Sparren aus dem Dach unseres Hauses!« Eigensinnig sah er ihm ins Gesicht und wartete wie ein Gläubiger, mit der ein wenig angestrengten und lauschenden Kopfhaltung, hinter der er seine leichte Taubheit verdeckte. Philipp Emanuel aber starrte über alle weg, hatte die Brauen zusammengeschoben und die Hände zu Fäusten geballt. Ein gewalttätiges Zucken lief um seinen Mund. Dann sagte er schwer und abwägend: »Ihr wisset nicht, was ihr da verlangt.« Und er gab keine Antwort mehr, so sehr sie drängten und forderten, in der angeborenen Sucht, alle widerstrebenden Dinge nach ihrem Willen zu biegen. Als er mit Karl Maria Tredenius durch den Nebel schritt, der wie ein Leichentuch auf der Heide lag, wandte er den Kopf. Als lichte scharfe Vierecke blinkten die Scheiben des »Blauen Herrgott«, als füllte ein zuversichtlicher Glanz das Innere. Hinter der weißen Wand rollte der Lärm der Stadt als dumpfes Brausen. Im Nebel aber wühlte ein lauer Märzwind, riß formlose Ballen los und baute da und dort. Am Himmel rannten graue Sturmwolken unter den Fauststößen des Windes. Ein starkes Rauschen war über aller Welt, wie wenn alles abbricht und Neues ins Leben fährt. Der Geheimrat streckte verdrossen die Hand zum Himmel: »Da glauben sie mit Worten alles zu richten und zu renken, und es sitzt doch tief drinnen, wohin keiner blickt.« Der Wind warf seine Worte in den Nebel. Tredenius tat einen schnellen Blick nach Philipp Emanuel. Der schien erregt und in mißtrauischer Erwartung, machte zögernde Schritte und hatte noch immer das Zucken um den Mund. Dicht spann das brodelnde Weiß um die beiden Männer. Der Geheimrat schlug den Rockkragen hoch: »Man riecht und schmeckt dies ekle Zeug. Ich liebe diese verhängten grauen Tage nicht. Leicht geht einer am andern vorüber und sieht ihn nicht.« In seiner Stimme war eine unerfüllte Sehnsucht. Dann preßte er Karl Marias Hände mit zorniger Heftigkeit: »Warum greift ihr über die Grenzen meiner Art?« Ein feines Rieseln und Rinnen ging hinter der weißen Wand, warm wehte der Wind, überall brach der Frost. Des Frühlings Vorhut stand im Kampf. Beim Abschied sagte der Geheimrat: »Schicke bald deine Enkelkinder zu Witte und Elias! Es freut mich, wenn junges Volk in meinem Hause tollt!« Grämlich blickte er geradeaus.   In der Halle stand Flora Schirlitz. Philipp Emanuel schloß die Tür vor dem nachdrängenden Nebel und hatte ein schnelles Suchen in den Augen. Die Schirlitz neigte den Kopf, als legte dieser Blick eine unsichtbare Last auf ihre Schultern: »Der Herr Doktor war da und ist wieder fortgegangen.« Sie zwang sich zu einem zuversichtlichen Alltagslächeln. »Wenn mein Sohn kommt, sagen Sie ihm, daß ich ihn erwarte.« Es klang kalt und beherrscht wie immer. Simon Gottesdank schnupperte mißvergnügt um die Ecke und wies mit dem Daumen dem Geheimrat nach: »Was hat der Alte?« Die Hausdame setzte sich steif in einen roten Korbsessel und glättete das Kleid mit knotigen Fingern, dann richtete sie ihre farblosen Augen starr und abweisend auf den alten Schwätzer. Aber der zündete eine Zigarre an und blies verächtlich den Rauch von sich: »Merkt Sie was, Frau Pastor? Die Jakobe mit den Buben bei den Eltern, der Alte da droben wartet, und der Junge kommt zwei Tage nicht heim. Tja!« Die Schirlitz gab keine Antwort, nur in ihrem Blick stand die Angst von gestern abend. Langsam und bedächtig schritt Philipp Emanuel durch die Zimmer seines Sohnes. Unter gefurchten Brauen gingen die Augen ruhelos auf und ab. Dann lächelte er trotzig und bohrte die Fäuste in die Taschen, als versteckte er seinen Zorn. Mit einem Ruck warf er den Kopf hoch. Jetzt war er stark genug, widerwilligen Dingen Zwang zu tun. Er holte die Papiere und Zeichnungen zu seiner eigenen, unvollendeten Jugendarbeit, die Heinz achtlos hatte liegenlassen. Noch immer saß das grimmige Lächeln um Philipp Emanuels Mund. Die Blätter knisterten, als widerstrebten sie seinem Griff. Er aber ordnete und sichtete und kritzelte Anmerkungen an den Rand, um alles nur rasch in Lauf zu bringen, vergrub sich mit verbissener Hartnäckigkeit in seinen Zweck. Als er dann in der Schreibmappe kramte, lagen zwei Briefe vor ihm. Er atmete schnell und lehnte sich abweisend zurück, strich mit zitternden Fingern über die Stirn und lächelte über seine plötzliche Angst. Zögernd streckte er die Hand und zog sie wieder zurück, starrte nur aus kalten grauen Augen auf die zwei Umschläge, die an ihn und an Aurelius Schückedanz gerichtet waren. Dann las er. Falten schnitten zu den Mundwinkeln, der Unterkiefer sank ruckweise herab. Einer riß die Tür auf. Philipp Emanuel bog den Kopf und saß wie zum Sprung. So fragte er langsam: »Wo?« Und blickte mit steinerner Ruhe Schückedanz in das verzerrte Gesicht. Der schaute wie ein treuer Hund, der seinem Herrn alles Schwere tragen hilft: »Ein Unfall – im Nebel –.« Philipp Emanuel blieb starr und unbewegt: »Das mag für die andern gelten, zwischen uns aber braucht es keiner Lüge.« Er zog mit der Hand eine herrische Gebärde, steckte die zwei Briefe zu sich, ohne sie Schückedanz zu zeigen, und knöpfte langsam den Rock zu, nur um seinen Fingern zu tun zu geben und so ihr Zittern zu verbergen. Und dann, beinahe zornig: »Man schweige!«   Sie fanden ihn tot mit einer Hure, der Blut und Schminke das Gesicht verklebten. Der Arzt der Rettungsmannschaft wartete, die Kappe in der Hand. Philipp Emanuel schob die Brauen hoch: »Man bringe dieses unbekannte Weib fort! Sie hat nichts mit meinem Sohne zu schaffen.« Alle sprachen jetzt auf ihn ein, der keine Frage hatte, erzählten, wie Heinz Williguth mit jener Frau im dicken Nebel von der Straßenbahn niedergestoßen worden sei, überboten sich in Bedauern und Teilnahme, flüsterten den Namen eines schielenden Gäßchens und blickten sich bedeutsam an, weil der Geheimrat hochmütig schwieg und nur einmal mit dem Fuß nach der weiblichen Leiche stieß, als wollte er sie von seinem Sohne trennen. Es war aber zugleich Zorn gegen den Toten, daß er ihm diese letzte Schmach angetan und daß ein Williguth das Leben von sich geworfen hatte. Langsam, wie im Streit mit sich selbst, sagte er dann: »Ich möchte allein sein.« Als auch Schückedanz gehen wollte, hielt er ihn plötzlich fest, mit einer schmerzlichen, bittenden Bewegung, saß alt und kummervoll vor dem Toten, frei von allem Stolz, hatte aber selbst jetzt keine Tränen. Nach einer Weile hob er den Kopf, wieder das Leuchten in den grauen Augen. »Er war ein schöner Träumer zwischen Schlaf und Wachen.« Und er nickte, weil er diesem Schicksal einen Namen gegeben und es jetzt als harte Notwendigkeit hinnahm. Dann brachte er Heinz Williguth heim und tat alle Schritte, welche dies Ereignis erforderlich machte, stand lange Hand in Hand mit Flora Schirlitz und sagte endlich in verkniffenem Gram: »Ja, er hat nimmer zu uns heimgefunden.« Erschrocken blickte die alte Frau auf ihre Finger, an denen Philipp Emanuels Tränen hingen. Sie wuschen und kleideten den Toten, und Simon Gottesdank wischte über die Lackschuhe und rieb sie blank. Dann legte er in steifer, gewohnheitsmäßiger Hantierung Pelz und Hut zurecht, wie an den vielen Abenden, da Heinz Williguth lachend oder zornig aus seines Vaters Haus gelaufen war. Und plötzlich sahen sie einander an, in einem starren Grauen, als wüßten sie erst, daß ein Toter vor ihnen lag. Als der Geheimrat später durch die nebelerfüllte Allee fuhr, kam aus dem verstummten dunklen Hause das langgezogene Geheul Boabdils, der sich vor dem Tode in einen Winkel verkrochen hatte.   In die dämmerige Stille des kleinen lavendelblauen Teezimmers polterte Miriams Zorn. Kurze, schnelle Schreie, dann rollendes Pathos, das mit geballten Fäusten die Worte von sich stieß. »Seid ihr denn ganz verrückt mit Renate? Aber sie ist mein Kind, und ich will nicht, heute nicht, und morgen nicht, und niemals!« Nikolaus Forcade saß mit seltsam vergnügtem Lächeln, strich bedächtig den Bart und gab keine Antwort. Wieder stemmte Miriam Italiener aus der engen, schwarzen Judengasse die Arme in die Hüften und schrie wie ein Marktweib: »Ich prügle sie tot, wenn sie zum Theater läuft!« Hochaufgerichtet stand sie, das Kinn vorgeschoben, daß die Backenknochen breit aufsprangen. Sie ballte die Hände und öffnete sie wieder. In ihren Augen war der Haß. Forcade duckte sich unter diesem Blick. Da glitt ein schmales Lächeln um ihren gewalttätigen Mund. Und sie nickte beinahe lustig mitten in ihrem Zorn, legte aber gleich wieder trotzig den Kopf zurück, als jetzt Philipp Emanuel ins Zimmer trat und ohne Gruß von einem zum andern blickte. Mißtrauisch krallte sie die Finger in seinen Arm: »Hat etwa Renate auch dir den Kopf verdreht?« Er starrte geradeaus und schüttelte unwillig den Kopf. Hochmütig warf Miriam die Hand durch die Luft: »Siehst du, Forcade, er denkt wie ich.« Schwer und zögernd setzte der Geheimrat Wort an Wort: »Mir scheinen diese Dinge von geringerer Bedeutung.« Und beinahe verwundert sah er in die hurtige Leidenschaft dieser zwei Menschen, die um das Schicksal ihres Kindes stritten. Wie einer, der keine Zeit mehr hat, Gleiches zu tun. Da schrie die Gräfin Forcade: »Würdest du vor deinem Sohn zu Kreuz kriechen, Philipp Emanuel?« Er kreuzte die Arme und senkte den Kopf: »Mein Sohn ist nicht mehr.« »Was ist er nicht?« schrillte Miriam in bissiger Schärfe, als witterte sie neuen Ärger, »was soll das wieder heißen?« Der Graf aber beugte sich vor und tat einen einzigen Blick in Philipp Emanuels Augen. Stumm hob er dann die Hand. Da stand die Wahrheit hart und kalt mitten unter ihnen. Drohend warteten die grauen Augen Philipp Emanuels. Als aber der zornige Schmerz Miriams ihm die Worte ins Gesicht schleuderte: »Du bist schuld, du ganz allein!« wehrte er sich nicht, wandte nur langsam den Kopf zu Nikolaus Forcade, mit einer geduckten, fast ängstlichen Bewegung. »Willst nicht du es Jakobe sagen?« Dann saßen sie einander gegenüber, Miriam Forcade und Geheimrat Williguth, und verdrossenes Alter war in ihrem Schweigen. Plötzlich streckte er bittend die Hände aus: »Hast du noch den Mut, Renate zu zwingen?«   Wieder kamen die Williguths, würdig und ernst, ohne Tränen, in einem steifen, beherrschten Leid, als wollten sie ihre starken Leiber um den Toten stellen und jede fremde Neugier fernhalten. Stumm schüttelten sie sich die Hände und bildeten einen Kreis in dem verhängten Zimmer, wo Heinz Williguth zwischen Blumen und Lichtern lag. Sie küßten Witte und Elias und strichen mit ungelenken Fingern über die Kinderköpfe. Kein Vorwurf und keine Frage wurde laut, aber auch kein verzweifeltes Schluchzen, nur die blauen und grauen Augen sahen manchmal in ungläubiger Verwunderung aufwärts, als wäre ihnen allen bitter unrecht geschehen. Jakobe wichen sie aus, weil sie, verwirrt und absonderlich, wie die Dinge einmal lagen, mit ihrem willenlosen Schmerz nichts anzufangen wußten, blickten aber strenge und unwillig, wenn die Witwe die Knaben heftig an sich riß, und nur die Furcht vor dem Geheimrat verbot das harte Wort, das ihnen auf den Lippen saß. Witte und Elias waren doch Williguths und gehörten der Familie. Bedeutsam nickten sie sich zu und legten schweigend Beschlag auf Philipp Emanuels Enkel. Und wieder standen sie in zornigem Erstaunen, daß Schlimmeres als Krankheit und Tod einen aus ihrem Kreise gerissen hatte, ihre plumpen Hände zogen wie zum Hohn die große, ein wenig gewaltsame Gebärde aller Williguths, wenn sie den Menschen Grenzen absteckten und mit dem Herrgott nicht einer Meinung waren. Die beiden Uralten hielten allein die Leichenwacht, saßen schwer und traurig um den Sarg und blickten aus trüben Greisenaugen auf das scharfe, wachsbleiche junge Gesicht von Heinz Williguth, der ihnen sein ganzes Leben lang fremd und unverständlich erschienen war, unstet und ohne festgegründete Sicherheit. Apollonia legte die breiten, raschelnden Kranzschleifen glatt und putzte sorgsam die Lichter, Johann Sebastian sah mit kindischer Verwunderung, daß die Haare am Kinn des Toten noch wuchsen, als wäre noch nicht alles Leben zu Ende. Er reckte sich hoch in seinem ungebrochenen Alter und faltete andächtig die Hände. Als nun der Adjutant des Prinzen Elias einen Kranz niederlegte und Apollonia laut und bedächtig die Inschrift vorlas, riß Johann Sebastian die Schleife ab und warf sie zu Boden. »Genug der Lüge!« Er wies zur Tür und stampfte zornig auf. Gotteslästerung dünkten ihm die gutgemeinten Worte, die seinem Enkel eine fromme Lüge ins Grab mitgeben wollten. Dann kam die Nacht. Der Geheimrat saß zwischen seinen Eltern, die seine Hände hielten und in karger Zärtlichkeit streichelten. Apollonia hob den Daumen und zeigte grämlich nach dem Toten: »Warum nur?« Und da gab Philipp Emanuel preis, was er in trotziger Eigenherrlichkeit vor aller Welt verschwieg, daß er längst die Rechnung seines Sohnes abgeschlossen und an kein Besserwerden geglaubt hatte, so daß der Tod als schneller und fast willkommener Löser verwirrter Dinge vor seinem Herzen stand. »Heinz war nicht stark genug zum Leben.« Das blieb seine einzige Rechtfertigung. Die beiden Alten aber begannen leise und tastend von Witte und Elias zu sprechen, als suchten sie die Brücke zu einem helleren Ufer.   Dicht hing der Nebel um Heinz Williguths Grab, wurden selten weniger Tränen vergossen, und war doch ein echter Schmerz. Aurelius Schückedanz allein weinte. Der Geheimrat gab ihm stumm die Hand, und so standen sie wie zwei, die allein um eine verborgene Wahrheit wissen. Schückedanz blickte mitleidig in Philipp Emanuels kalte graue Augen: »Nun kann ich doch nicht fort!« »Bedenken Sie alles in Gelassenheit, da Sie doch selbst ein Haus gründen wollen, und es heißt, Geheimrat Williguth habe grobe Fäuste.« »Ich bleibe.« Da warf Philipp Emanuel den Kopf zurück: »Und wie immer, so fortan.« Die ersten Schollen polterten ins Grab.   Miriam Forcade stand vor dem Spiegel und ordnete ärgerlich die Falten ihres Trauerschleiers. Hart und eckig war ihr Mund: »Ich fürchte, daß ich alt werde.« Nikolaus Forcade legte langsam Scheite in den Kamin. Knisternd brannte das Holz an. »Willst du wieder zu uns zurück, Jakobe?« Der Geheimrat straffte den Leib und hatte ein drohendes Funkeln in den Augen. Forcades Stimme wurde scharf und zornig: »Jetzt möchtest du das Spielzeug streicheln, das du selbst zerbrochen hast.« Philipp Emanuel stand mit hängenden Armen und wartete. Jakobe blickte sich um, zögernd und suchend, in einer stillen Gefaßtheit, in der viel Staunen lag. Dann schob sie die Finger unter Philipp Emanuels Arm: »Sei nicht böse, Papa, ich muß hier bleiben.« Ein ganz schmales Lächeln ging um des Geheimrats Lippen.   Trotzig und scheu saßen Witte und Elias um den Kindertisch, aßen nur wenig und hatten erstaunte Blicke, weil heute eine schwarze und traurige Welt das Haus erfüllte. Manchmal schnupperten die kleinen Nasen, denn überall hing noch der Geruch von Blumen und Wachs. Witte zerrte an den Ärmeln seines neuen Traueranzuges und rieb verdrossen die Beine aneinander, die in ungewohnten, langen schwarzen Strümpfen steckten. Flora Schirlitz verteilte reichlich gutgemeinte Küsse an die Knaben, bis ein Blick des Geheimrats ihr halt gebot. Und er sagte mit frostigem Gram in der Stimme: »Die Kinder sollen jetzt neben mir schlafen,« streckte die Arme und schloß sie zum Kreis, als wollte er alles, was ihm geblieben, mit festem Griff umfassen. Wittes eigensinniges, verweintes Gesicht verschwand sofort hinter der großen Milchtasse, man sah nichts als die dunkelblonden, steilrecht gefurchten Brauen. So hockte er mit aufgestemmten Ellenbogen und trank schlürfend und schnaufend, wie ein kleines Tier. Die Schirlitz sah voll mitleidiger Bosheit zum Geheimrat: »Witte wird nicht wollen.« Er zog den Kopf zwischen die Schultern: »Ich kann ja warten.« Und war das erste Nachgeben in diesem Hause, in dem sonst nur sein Wille galt. Mit steifem Schritt verließ er das Zimmer, an der Tür wandte er noch einmal den Kopf und nickte Jakobe und der Schirlitz zu: »Ich war mit euch zufrieden in diesen dunklen Stunden. Und so lasset uns denn in besinnlicher Arbeit hellere Tage erwarten. Es gilt, über dem Toten das Lebendige nicht zu vergessen.« Und sein Lächeln grüßte Witte und Elias. Dann ordnete und sichtete er die Papiere seines Sohnes, warf Briefe ins Feuer, ohne sie zu lesen, gab Schückedanz telephonisch Weisung für die Klinik und legte das Haushaltungsbuch bereit, weil er gesonnen war, von jetzt an die Zügel des Regiments in eigene Hände zu nehmen, alles in der pedantischen Gelassenheit, die seinem Wesen keinen Abbruch tat. Plötzlich stand Witte vor ihm und trotzte aus grauen Kinderaugen. Philipp Emanuel wartete in der Sehnsucht seines frostigen Alters. Langsam ging Witte zum Schreibtisch und griff nach seines Vaters Bild. »Das gehört jetzt mir.« Er hielt es fest mit beiden Händen und hatte eine ganz neue steife und verhaltene Würde. Da wuchs ein Williguth. Der Geheimrat horchte, wie die kleinen, festen Schritte durch die Stille tappten, die Holztreppe empor, und sich in dem dunklen Korridor verloren. Da wuchs ein Williguth, stark und trotzig, mit dem Leben Faust auf Faust. Droben klappte eine Tür, kurz und scharf ins Schloß geworfen. Plötzlich schien das schweigende Haus laut und reich an aller Möglichkeit. Und Philipp Emanuel Williguth lachte in seiner Einsamkeit.