Georges Ohnet Der Schritt zur Liebe – Zweiter Band Sechstes Kapitel In einer kleinen grünen Mulde, die köstlich bespült wird von der blauen Flut des rauschenden Meeres, liegt, seitwärts von der Landstraße, die nach La Condamine führt, die »Lorbeervilla«. In dem Garten, der sich abfallend bis ans Meer zieht, verschlingen blühende Mimosen, Rosen und Tamarinden ihre Zweige zu einem duftenden Schutzdach gegen die Sonnenstrahlen. In einem kleinen Rundell mit sandbestreutem Boden, das mit Korbstühlen und Tisch behaglich ausgestattet war, pflegte Annina arbeitend oder lesend ihre Tage zu verbringen, dort suchte und fand sie der Vicomte, als er nach seiner Unterredung mit Saint-Yrieix von Monte Carlo zurückkam. Annina brauchte nur in sein Gesicht zu sehen, um zu wissen, daß ihm das Glück wiederum nicht günstig gewesen war. Er gab sich jetzt nicht mehr die Mühe, ihr gegenüber seine Stimmungen zu verbergen, und war nach Verlusten so finster und gedrückt, als er fröhlich und übermütig heimkam, wenn er gewonnen hatte. Mit reizender Sanftmut pflegte Annina ihn aufzuheitern, wenn er heruntergestimmt, sich mit ihm zu freuen, wenn er übermütig war, obwohl sie den tiefsten Abscheu vor dem Spiel hegte und alles aufbot, um André davon abzuhalten. Sie liebte ihn so leidenschaftlich, daß sie ihn unaufhörlich vor sich selbst entschuldigte und all seine Torheiten mit Geduld ertrug. Ohne sie zu küssen, warf er sich neben ihr in einen tiefen Lehnstuhl und fragte gleichgültig, wie sie den Tag zugebracht habe. Sie gab ihm lächelnd zur Antwort, daß sie gelesen und gestickt, aufs Meer hinausgeschaut habe und daß zu ihrer großen Freude Frau von Préjean, die sich vorübergehend in Monaco aufhalte, bei ihr gewesen sei. »Tristan mochte sie nicht begleiten,« setzte sie mit einem leisen Seufzer hinzu, »aus Zartgefühl nicht, wie er behauptet. Das hat mir weh getan, denn ich habe ihn sehr gern und würde mich sehr gefreut haben, ihn wiederzusehen.« »Da bin ich besser dran,« sagte Preigne. »Ich traf ihn im Kasino.« »Und hast ihn gesprochen?« »Gründlich!« »Ach?« Annina warf einen besorgten Blick auf André. Sie hatte jetzt vor so vielen Dingen Angst, daß sie sich eigentlich immer in Gefahr fühlte. Für ihr Leben gern würde sie gefragt haben, wovon zwischen ihnen die Rede gewesen sei, wagte es aber nicht aus Furcht, ihn zu ärgern. Er beantwortete jedoch auch die ungesprochene Frage. »Ich weiß nicht, was Frau von Préjean ihm erzählt haben kann,« sagte er, »aber er scheint sich große Sorgen um deine materielle Lage zu machen.... Hast du Äußerungen getan, woraus sie auf Geldmangel schließen konnte?« Eine heiße Röte stieg in Anninas Wangen. »Das traust du mir doch wohl nicht zu?« entgegnete sie mit einer Gebärde der Abwehr. »Nein, Liebste, gewiß nicht, ich kenne ja deine Gleichgültigkeit Geldfragen gegenüber, ja, ich finde sogar, daß du darin etwas weit gehst...« »Was willst du damit sagen?« »Reden wir nicht davon! Das ist ein Thema, das zwischen uns überhaupt nicht berührt werden sollte, und es war unrecht von mir, darauf anzuspielen. Tristan ist schuldig daran ... er sprach sozusagen von nichts anderm als deinen Vermögensverhältnissen. ... Nun denn, dein Mann hat ja dein Vermögen in der Hand, und das ist gut so! Es freut mich, daß er wenigstens auf einem Gebiet dein Schuldner ist.« Annina zog die Brauen zusammen. Nichts war ihr so peinlich, als wenn die Rede auf Trélaurier kam, und soweit es in ihrer Macht lag, verscheuchte sie jede Erinnerung an ihn. Sie konnte ja nicht an ihn denken, ohne daß sich ihr Herz schmerzlich zusammengezogen hätte, Entfernung und Trennung schienen sein Bild verklärt zu haben. Sie sah ihn nicht mehr vor sich wie ehemals, er war in ihren Augen gewachsen, hatte sich verfeinert, veredelt. Das Spießbürgerliche in seinem Wesen war in der stolzen, verzweifelten Haltung während des Auftritts, der zum Bruch geführt hatte, untergegangen, es hatte sich ihr ein Trélaurier gezeigt, den sie nie geahnt hatte, den sie vielleicht hätte lieben können, wenn sie ihn gekannt hätte. Jedenfalls achtete sie den Mann und war darauf bedacht, ihn gegen jede ungerechte Beschuldigung in Schutz zu nehmen. Nie hatte sie von Seiten des Vicomte abfällige Bemerkungen ertragen, und André hatte mit seinem Takt alsbald begriffen, daß er besser tat, über den Gatten zu schweigen, der durch sein Unglück in Vorteil gekommen war. Heute aber hatte sich die vom Spielverlust erregte schlechte Laune durch dringendes Geldbedürfnis gesteigert. Er hatte auf dem Rückweg vom Kasino Tristans Äußerungen über Anninas Vermögen hin und her überlegt, und die Vorstellung, daß der reiche Bankier ihm das Geld seiner Frau vorenthalte, versetzte ihn in Wut. Die Sache erschien ihm als eine Unterschlagung zu seinem Nachteil. Aber sollte er es wagen, der jungen Frau zuzureden, daß sie eine Abrechnung von Trélaurier verlange? Und wenn er sie nicht dazu bewegen konnte, in welch bedenkliche Lage würden sie schließlich beide kommen? Als ob sie seine Gedanken lesen könnte, gab sich auch Annina denselben düstern Betrachtungen hin wie der Geliebte, nur daß die ihrigen noch mehr Bitterkeit enthielten. Es war ihr fester Vorsatz, niemals mit André von Geldangelegenheiten zu sprechen, sie hielt diese Zurückhaltung für nötig, um die Harmonie ihrer Beziehungen nicht zu stören, ihre Würde zu wahren, und nun drängten die Umstände unwiderstehlich, das zu tun, wovor sie sich immer sorgfältig gehütet hatte. »Lieber Freund,« begann sie, »ich weiß nicht recht, wieviel mir noch geblieben ist von meinem Vermögen. Genau wußte ich den Betrag nie, aber ich habe seit einem Jahr sehr bedeutende Summen aus Paris bezogen, und zwar häufig. ... Ich muß zusammenrechnen, wie hoch sie sich belaufen, und dann zu erfahren trachten, wie es mit meinem Guthaben steht. Die einfache Rechtlichkeit, um von Zartgefühl gar nicht zu sprechen, fordert ja, daß ich mich von Trélaurier nicht unterstützen lasse, um fern von ihm zu leben ...« »Unstreitig richtig,« stimmte André lächelnd bei. »Und an wen willst du dich wenden, um diese Aufschlüsse zu erhalten?« »Ja ... ich könnte ja meinen Notar damit beauftragen, einen Herrn Hütin. Aber das würde Förmlichkeiten, Schreibereien und allerhand Weiterungen mit sich bringen. Etwas glatt und einfach zu behandeln ist nicht die Art dieser Herren, und so glaube ich, daß es wirksamer, klüger und namentlich einfacher wäre, mich an Vernaut, den Prokuristen des Bankhauses zu wenden.« »Eine vortreffliche Idee. Dabei wird die Öffentlichkeit vermieden, und du wirst in kurzer Zeit einen genauen Einblick in deine Lage erhalten. Wenn du aber nun augenblicklich Geld nötig hättest, wie würdest du dir's verschaffen?« »Ich habe ja ein Scheckbuch des Hauses Barante.« »Was? Die Florentiner Bankiers marschieren immer noch mit?« »Sie galoppieren sogar, wie mir scheint,« versetzte Annina mit einem matten Lächeln. »Sie haben jedenfalls vorzüglichen Kredit, denn wo wir auch hinkommen, ist ihr Name Gold. Ich habe gar nicht den Mut, die Zahlen auf den Schecktalons zusammenzurechnen, mir graut vor der Summe!« Andrés Gesicht drückte Erstaunen aus. »Ja, warst du denn eine so tolle Verschwenderin? Ich hatte dreihunderttausend Franken bei mir, als ich Paris verließ ... allerdings sind sie in Florenz schnell flöten gegangen ... aber du, Annina, ich begreife gar nicht, wie du so viel verbraucht haben kannst.« »Ich habe es dir gegeben, Liebster,« erwiderte sie gelassen, »wie du mir das Deinige gegeben hattest.« Er schloß sie in die Arme und küßte sie zärtlich zum Dank für diese hochherzige Erklärung, die sein Gewissen entlastete. »Ach, seit sechs Monaten verfolgt mich der Unstern!« flüsterte er, Annina an sich gedrückt haltend. »Ich muß für unsre Liebe büßen: das Glück im Spiel ist von mir gewichen.« »Spiele nicht mehr, André, dann wärst du vollkommen! Diese Leidenschaft ist dein einziger Fehler, aber ein furchtbarer!« »Ich werde ihn wohl oder übel ablegen müssen,« gab er mürbe geworden zu. »Es ist ja zu dumm, immer und immer zu verlieren! Ach, wenn mir doch einmal wieder das Glück lächeln wollte! Vor unsrer Abreise war es mir so hold ...« »Also habe ich dir Unglück gebracht?« fragte Annina wehmütig. »Als ob ich das je dächte,» warf er mit zerstreuter Miene hin, während er sich im stillen sagte: »Und doch ist's wahr, daß ich seit der Zeit, daß sie mich liebt, unerhörtes Pech habe! Nicht ein einziger glücklicher Wurf, der die Reihe der Verluste unterbräche! Sollte das Sprichwort doch recht haben mit dem Glück in der Liebe und dem Unglück im Spiel? Zur Zeit der Marquise Courgiron war's ganz ebenso, ich mußte sie sitzen lassen, um wieder eine glückliche Hand zu haben, was dann ein ganzes Jahr lang der Fall war. Mit Annina fing's von neuem an, die beste Berechnung trügt, nicht ein einziges Mal kommt meine Farbe heraus! Man hätte wirklich denken können, der verdammte Bankhalter hatte falsche Karten vor sich, denn regelmäßig raffte er mein Geld zusammen. Es ist ja zum Teufelholen! Und nichts zu machen gegen diese Ausbeutung!« Er steckte eine Zigarette an und blies mit bekümmertem Gemüt Rauchringe in die Luft. Ein Wort seines Kammerdieners Artur wollte ihm seit heute früh nicht aus dem Sinn. Der Schlingel hatte sich diesen Morgen beim Ankleiden eine ganze Weile herumgedrückt, die Kleidungsstücke bald so, bald anders gelegt, um schließlich anzuheben: »Ich muß mir ein Herz fassen und dem Herrn Vicomte anvertrauen, was mich seit gestern abend umtreibt ... ich weiß ja, daß der Herr Vicomte mich nicht verraten werden. Es handelt sich nämlich um folgendes: ein Italiener, der bei fürstlichen Herrschaften als Kurier in Diensten steht, kam in ein kleines Café, wo Dienerschaft von Stand sich zu treffen pflegt, und als ich mich über das furchtbare Pech beklagte, das mich seit längerer Zeit verfolgt ...« »Sie auch, Meister Artur?'' konnte sich der Vicomte nicht enthalten einzuwerfen. »Jawohl, gnädiger Herr,« sagte Artur demütig. »Das Glück macht keinen Unterschied zwischen Herrn und Diener. Entschuldigen der Herr Vicomte, daß ich mich so ausdrücke ...« »Schafskopf! Ich würde es namentlich entschuldigen, wenn Sie mir ein Mittel angeben wollten, wie dem verdammten Pech abzuhelfen wäre!« Artur zwinkerte mit den Augen und machte sein unterwürfigstes Gesicht. »Dieses Mittel, das hat mir der Italiener gerade gegeben. Man kann in den nächsten Tagen Hunderte und Tausende gewinnen ... man müßte nur die Zeit benützen, bis das Geheimnis entdeckt wird.« »Etwas deutlicher, wenn ich bitten darf.« »Jawohl, Herr Vicomte. Es scheint – wenigstens behauptet's der Italiener – daß einer von den Roulettetischen ein wenig geschwunden ist ... er ist nicht mehr vollständig im Gleichgewicht, so daß die Kugel unter sechs Fallen fünfmal auf die gleiche Seite läuft. Dadurch kommen gewisse Nummern ungewöhnlich häufig heraus, und man muß, wenn man diese kennt, mit mathematischer Sicherheit gewinnen. Das wird vielleicht kaum acht Tage so bleiben, aber diese acht Tage können einträglich werden. Läßt man dabei die Bank von Zeit zu Zeit wieder ausschnaufen, das heißt, hütet man sich, sie zu sprengen, so kann man ganz sachte herbeiführen, daß sie dauernd und reichlich auspacken muß. Das Schlimme ist nur, daß man dem Italiener tausend Franken zahlen muß, wenn man wissen will, welcher Tisch es ist und nach welcher Seite er sich neigt ... und diese tausend Franken, die habe ich eben nicht! Wenn den Herrn Vicomte sein gutes Herz triebe, sie mir vorzustrecken ... ach, morgen abend schon würde ich sie dem Herrn Vicomte heimzahlen ...« »Schurke! Das ist ja Diebstahl! Sie wagen sich damit an mich zu wenden ...« Blaß vor Wut, hatte er dem bestürzten Artur die Türe gewiesen, seit heute früh aber waren ihm die Mitteilungen des Burschen unaufhörlich wieder in den Sinn gekommen. Dieser geschwundene Roulettetisch war ja im Grund genommen doch nur eine Wirkung des Zufalls. Er kannte ihn nicht und niemand hatte ihm den Tisch bezeichnet, was hinderte ihn denn, ihn zu suchen, ihn auf eigene Faust zu suchen? Und wenn er ihn ausfindig machte. ... Er schämte sich vor sich selbst und ein verächtliches Lächeln zuckte um seine Lippen. Er, André von Preigne, der vornehme Spieler, berühmt durch die Haltung, die er in Glück und Unglück bewahrte, der seine Karten offen hinlegte und ohne mit der Wimper zu zucken in einer Nacht Summen von dreihunderttausend Franken verlor oder gewann, er sollte sich mit kleinen Schwindeleien abgeben? War es schon dahin gekommen mit ihm? Seufzend erinnerte er sich eines Ausspruchs des alten Barons von Croix-Mort über die Nachsicht, womit der Spieler den Mogler beurteile, »als ob jeder Spieler in einem geheimen Winkel seiner Seele fühlte, daß auch für ihn der Augenblick kommen kann, wo er sich zum Mogeln hinreißen läßt«. »Nein, nein! Ich werde es nicht meinem Bedienten gleichtun,« dachte der Vicomte, sich stramm aufrichtend. Er warf die Zigarette weg, und da er sah, daß ihn Annina, etwas beunruhigt über sein langes Schweigen, beobachtete, gab er ihr den Arm und führte sie zärtlich und verliebt langsam den gewundenen Fußpfad entlang, der sich zwischen blühenden Mimosen und Lorbeersträuchern bis ans Meer schlängelte. Abends gegen neun Uhr ließ er sie wieder allein, um zu Wagen nach dem Kasino zurückzukehren. Langsam wanderte er durch die Roulettesäle, alle Tische aufmerksam prüfend. Die Behauptung des Italieners beschäftigte ihn und wider Willen regte sich die Neugier, sie auf ihre Richtigkeit zu prüfen. An den ersten fünf Tischen entdeckte er nichts Ungewöhnliches, die Treffer verteilten sich auf die ganze Reihe der sechsunddreißig Nummern, am sechsten aber wurde er plötzlich stutzig. Die Tafel ergab ein bedeutendes Übergewicht der Nummern von zwölf bis vierundzwanzig, er blieb stehen – sollte das der Tisch sein, den der Italiener im Sinn hatte? Eine gewisse Erregung ergriff ihn angesichts dieses Tisches, der den Spielern eine so geheimnisvolle Aussicht auf Gewinn bot. Er war keineswegs umdrängt und das Spiel lief flau, keiner von den Pointierern schien zu ahnen, welch seltene Gelegenheit sich bot, das Glück zu zwingen. André verfolgte das Rollen der Kugeln. Siebzehn kam heraus, dann zwölf, dann fünfzehn, alles Nummern derselben Serie. Einer von den Croupiers, der ihn als Stammgast des hohen Trente-et-Quarante kannte, wagte mit verbindlichem Lächeln zu sagen: »Wird der Herr Vicomte uns nicht auch einmal die Ehre schenken? Freilich für den Herrn Vicomte nur ein Kinderspiel ...« Diese Aufforderung trieb André zum Entschluß; es stieg ihm heiß vom Kopf zum Herzen. Die Brieftasche herausziehend, sagte er, wie um seine Bedenken abzuwehren: »Schließlich warum denn nicht?« Er legte zwei Tausendfrankenscheine auf die zweite Kolonne. Achtzehn kam. Er steckte den Gewinn ein und ließ den Einsatz liegen. »Noch einmal gewonnen, Herr Vicomte!« sagte der Croupier, der sich etwas darauf zu gut tat, einen guten Rat erteilt zu haben. André nahm die Scheine und knüllte sie zusammen. Es wurde ihm schwarz vor den Augen und er hörte eine innere Stimme »Dieb!« rufen. Das war ein unleidliches Gefühl, und rasch warf er das Bündel gewonnener Scheine auf Rot. Schwarz gewann. Mit unsäglicher Erleichterung sah der Vicomte das unrecht erworbene Gut verschwinden. Er machte eine rasche Bewegung, die sich der Croupier als Zeichen der Unzufriedenheit auslegte. »Ach, Herr Vicomte,« raunte er ihm zu, »Sie hätten auf Schwarz bleiben sollen ...« Er hörte nicht hin, sondern wandte sich dem Saal des Trente-et-Quarante zu, wo er in einer Stunde krampfhafter Versuche, das Glück zu erzwingen, alles auf den Tisch legen mußte, was er an Geld bei sich hatte. Als er in der lauen, sternfunkelnden Nacht heimwärts ging, den Rauch der Zigarette in die linde, duftige Abendluft blasend, faßte er seine Erfahrungen und Eindrücke in den Gedanken zusammen: »Du bist ein Schwächling, mein Junge. Du weißt dir die Umstände nicht zu Nutze zu machen, schlägst dich mit deinem Gewissen herum, statt das reißende Tier zu bekämpfen, den Drachen, Bank genannt. Rein zum Auslachen bist du, und dabei bildest du dir ein, zum Kampf ums Dasein gewappnet zu sein! Wenn dir einer heimlich eine diplomatische Neuigkeit anvertraute, wodurch von heute auf morgen der Kurs der Rente um zehn Prozent fallen müßte, würdest du auch Bedenken tragen, deine Wissenschaft zu brauchen, um dir im Handumdrehen ein Vermögen zu machen? Und doch würde das Geld, das dir dabei zufiele, aus den Taschen weniger gut unterrichteter Leute stammen, und du hättest ihre Unkenntnis zu deinem Vorteil mißbraucht. Was ist denn für ein Unterschied zwischen einer solchen vertraulichen Mitteilung und der Entdeckung, daß der Roulettetisch nach einer Seite hängt? Nicht der geringste! Und du hast deinen Gewinn weggeworfen! Weshalb? Weil es im Spiel nicht für anständig gilt, Geheimnisse auszunützen, während beim Börsenspiel die Spekulation mit Geheimnissen gang und gäbe ist. An der Börse darf man also andre Spieler bestehlen, am grünen Tisch nicht? Was für Feinheiten! Ist es nicht hier wie dort das nämliche? Vicomte, du bist ein Schwachkopf und vermagst dich nicht über Vorurteile hinwegzusetzen!« Er stampfte zornig mit dem Fuß auf. »Nennen wir doch das Kind beim rechten Namen,« fuhr er in seiner Betrachtung fort, »ich wollte ganz einfach nicht tun, was mein Bedienter tut. Nicht aus Zartgefühl bin ich davor zurückgeschreckt, sondern aus Hochmut!« Unter diesen philosophischen Erwägungen war er bei der Lorbeervilla angelangt. Er schloß die Gartenpforte auf und trat ein, wobei er bemerkte, daß aus Anninas Zimmer ein breiter Lichtstrahl in die Dunkelheit fiel. Die junge Frau saß wie jeden Abend wartend auf, bis er heimkam, und er schämte sich, sie immer allein zu lassen, um draußen sinnlos sein Geld zu verlieren. Waren seine Taschen leer, so regte sich sein Gewissen, er machte sich Vorwürfe und nahm sich vor, Annina für alles Leid zu entschädigen, das er ihr schon zugefügt hatte. Er zeigte sich zärtlich, liebenswürdig, verliebt, und am andern Tag trug er Anninas Brief an Vernaut selbst zur Post. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Drei Tage darauf, als Annina nachmittags an ihrem schattigen Plätzchen im Garten saß, ohne sonderliche Spannung einen neuen Roman lesend und immer wieder auf die herrliche Bucht gegen Villafranca hinausblickend, kam Zoë eilig herbeigeflogen. »Gnädige Frau ... Herr Vernaut fragt an, ob er Sie sprechen kann ...« Eine heiße Blutwelle stieg der jungen Frau ins Gesicht: unwillkürlich stand sie auf und machte ein paar Schritte, als ob sie dem Besucher entgegeneilen wolle, dann blieb sie plötzlich stehen. »Herr Vernaut ist allein?« »Ja, gnädige Frau. Er wartet vor dem Haus. Er wollte nicht nähertreten, ehe er wisse, ob die gnädige Frau ihn empfangen werde.« »Führen Sie ihn hierher.« Zoë trippelte davon und Annina hörte sie in der Entfernung zwitschern: »Wenn Herr Vernaut sich in den Garten bemühen wollen ...« Ein fester Schritt knirschte auf dem Kies des Gartenwegs und Trélauriers Freund erschien. Er verbeugte sich respektvoll, innerlich bewegt vor der jungen Frau, und die Jungfer zog sich zurück. Annina blickte zitternd, von Angst erfaßt zu Vernaut auf, sie wollte sprechen, fand aber die Worte nicht, und eine körperliche Schwäche wandelte sie an, so daß sie am Umsinken war. Sie setzte sich, wies dem Besucher einen Stuhl neben dem ihrigen an und sagte, endlich die Beklommenheit überwindend: »Ich bin zu glücklich, Sie zu sehen, Herr Vernaut, will aber hoffen, daß Sie nicht meinetwegen diese Reise gemacht haben?« »Doch, gnädige Frau, nur um Ihretwillen bin ich hier. Ich hätte Ihre Anfragen ja schriftlich beantworten können, aber in einem Bankhaus muß jede Antwort auf einen Geschäftsbrief, und der Ihrige war ein solcher, kopiert werden. Wir wollten indes nicht, daß die Verhandlungen zwischen Ihnen und uns irgendwelche Spuren hinterließen ...« Bei diesem »wir« hatte Annina aufgeblickt; gleich in den ersten Worten tat sich ihr die Persönlichkeit des Gatten kund; er mußte also auch das Abkommen mit dem Florentiner Bankhaus veranlaßt haben, daran war gar nicht zu zweifeln. Und wenn Vernaut hier neben ihr saß, so geschah es auf Trélauriers Wunsch, und jedes Wort, das ihr der Bevollmächtigte zu sagen haben würde, kam eigentlich aus seinem Mund. Sie wollte aber nicht den Eindruck erwecken, als ob sie vor der Peinlichkeit dieses Punktes zurückschrecke. »Herr Trélaurier hat sich persönlich mit dieser Angelegenheit beschäftigt?« sagte sie. »Gewiß, gnädige Frau, wie mit den Angelegenheiten all unsrer Klienten ...« Vernaut bemerkte ein leichtes Zucken der jungen Frau beim Wort Klienten, das ihr jetziges Verhältnis zu Trélaurier so scharf hervorhob, und er setzte rasch hinzu: »Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, daß Ihre Interessen allen andern vorgehen, namentlich seinen eigenen.« Ihre Augen füllten sich sofort mit schimmernden Tränen, und sie sagte sanft und traurig: »Ich kenne ja seine großmütige Güte.« Nach kurzem Schweigen fragte sie zaghaft: »Wie befindet er sich denn? Es wäre mir tröstlich, ihn gesund zu wissen ...« Eine Handbewegung Vernauts billigte ihr Verlangen. »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, er ist jetzt ganz wohl. Vor einigen Monaten war er allerdings sehr krank, so krank, daß wir für sein Leben fürchten mußten, aber er ist ja kräftig und elastisch, so hat er die Krankheit überwunden und wir konnten ihn, Gott sei's gedankt, wieder aufs trockene bringen.« »Auch Ihnen gebührt mein Dank, wie ich sehe,« versetzte Annina. »Wie gut von Ihnen, daß Sie ihn gepflegt haben.« »Er hatte ja niemand mehr als mich,« erwiderte Vernaut gesenkten Blicks mit gedämpfter Stimme, »der ihm diesen Dienst hätte leisten können. So habe ich denn mein möglichstes getan.« Annina schwieg, innerlich unschlüssig. Nach einer Weile aber fragte sie: »Spricht er dann und wann von mir?« »Es vergeht kein Tag, ohne daß zwischen uns von Ihnen die Rede wäre.« »Und er nennt mich nicht mit allzuviel Bitterkeit?« »Er spricht von Ihnen mit tiefem Schmerz, der nie enden wird.« »Er flucht mir also nicht?« »Trélaurier hat Sie zu sehr geliebt und ist eine zu großmütige Seele, um anders als mit trostlosem Mitleid Ihrer zu gedenken. In seinem Gefühl für Sie hat sich nichts geändert, seine Zärtlichkeit ist sich gleich geblieben, und sein Vermissen auch. Er spricht von Ihnen stets wie von einer geliebten Frau, die er verloren hätte und bis zu seiner letzten Stunde beweinen würde. In Ihren Zimmern ist alles geblieben, wie es am Tag Ihrer Abreise war, bei Tisch wird Ihr Gedeck aufgelegt, als ob Sie jeden Tag heimkommen und sich an Ihren Platz setzen könnten. Die Dienerschaft hat Befehl, Besuchen, die nach Ihnen fragen, den Bescheid zu geben, daß Sie verreist seien, aber bald zurückerwartet würden. Der Welt gegenüber hat er dem Gerücht, daß Sie bei Ihrer Tante in Schloß Fondettes seien, Glauben zu schaffen gewußt. Man nimmt an, daß Sie nervenleidend seien, und denen, die sich von dieser Lüge nicht täuschen lassen, legt Trélaurier durch seine sichere Haltung Schweigen auf. Soweit es an ihm liegt, ist demnach Ihr Ruf unangetastet geblieben, er hat kein Gerede über Sie aufkommen lassen. Nachdem er Sie nicht mehr sehen, nicht mehr mit Liebe umgeben durfte, wollte er Sie wenigstens aus der Ferne beschützen und verteidigen. Das war ja alles, was er noch für Sie tun konnte, und er hat, wie es bei ihm Brauch ist, all seine Güte und all seine Kraft an diese Aufgabe gesetzt.« Annina, die bei diesen ihr so ganz unerwarteten Aufschlüssen leichenbleich geworden war, fragte bebend: »Hofft er denn, daß ich zu ihm zurückkehren werde?« »Nein, gnädige Frau,« versetzte Vernaut ernst. »Er schätzt Sie noch zu hoch, um anzunehmen, daß Sie einen mit so grausamem Eigenwillen gefaßten Entschluß nicht durchführen könnten. Er glaubt nicht, daß Sie um einer vorübergehenden Laune willen sein Leben zerstört hätten. Er kennt Ihren Stolz, der es Ihnen unmöglich machen wird, je freiwillig umzukehren auf dem Weg, den Sie betreten haben. Sie verließen die Pflicht, um der Liebe willen – er hofft, daß die Liebe Ihnen Ersatz bieten wird für alles, was Sie ihr geopfert haben.« Annina senkte das Haupt. Es war ihr, als ob Vernaut mit diesen wenigen Worten ihr Urteil gesprochen hätte. Ja, er sprach wahr: sie war verurteilt, nie wieder den Schritt rückwärts zu lenken, wollte sie nicht den kläglichsten und demütigendsten Widerruf auf sich nehmen. Sie war der Ehe – Vernaut sagte der Pflicht – entwichen, um die Liebe zu suchen, nun forderten ihre Würde, ihre Ehre, daß sie fortfuhr, der Liebe zu leben – oder daran zu sterben. Es gab für sie nur zwei Möglichkeiten, leben oder sterben durch die Liebe, und Trélaurier selbst dachte so und ließ es ihr kund tun. – Er selbst gab die Möglichkeit nicht zu, daß eine Niederlage des Herzens sie zu ihm zurückführen könnte, denn er kannte sie als zu stolz, um sich vor dem Manne zu demütigen, den sie so schwer gekränkt hatte. Er beweinte sie zärtlich, trostlos, sehnsüchtig, er wollte, daß man ihr die Achtung bewahre. Aber diese Tränen und diese Fürsorge für ihren Ruf waren ein Zoll, den er seiner Schwachheit als Mann und Gatte bezahlte. Er hatte die Kraft nicht, sie zu hassen, er ertrug es nicht, sie mißachtet zu wissen, aber er wußte, daß sie ihm vollständig und auf ewig verloren war. Was er ihr noch an Rücksicht, an Huldigung erwies, das waren Blumen, die man auf ein Grab legt. Annina strich sich langsam mit der Hand über die Stirn, als ob sie das Bild verscheuchen wolle, das vor ihr aufgetaucht war, das Bild des schönen friedlichen Hauses voll Sicherheit, voll Behagen, das sie an einem Tag wahnsinniger Verblendung verlassen hatte. Sie blickte um sich her auf den Garten voll Blüten, das blaue Meer unter ihr und das kleine alltägliche Haus in ihrem Rücken, das vor ihr schon so viele bewohnt hatten, das, wenn sie eines Abends abreiste, am nächsten Tag von andern bewohnt sein würde. Es erschien ihr wie ein Sinnbild ihres gegenwärtigen Lebens, eines Lebens, das, wie Vernaut ihr zu verstehen gab, für immer in gleicher Unstetheit und Unklarheit dahinfließen mußte. Sie erstickte einen Seufzer. Der Gegensatz von einst und jetzt war furchtbar, aber hatte sie es nicht so haben wollen? Hatte sie nicht, was sie begehrt, Freiheit in der Liebe? Sie raffte sich auf, um ihrer Gedanken Herr zu werden, denn sie scheute davor zurück, Vernaut etwas merken zu lassen von ihrem inneren Kampf. Ihren Blick zur Stetigkeit zwingend, nahm sie das Gespräch wieder auf. »Sie sind also hierher gekommen, um Geschäftliches mit mir zu verhandeln, Herr Vernaut?« »Ja, es lag mir daran, Ihnen all die Aufklärungen zu geben, die Sie in dem Brief, womit Sie mich beehrt haben, verlangen. Ist es Ihnen gefällig, mir Gehör zu schenken?« »Ganz gewiß, falls die Sache nicht zu verwickelt ist für mein Verständnis!« »Sie ist außerordentlich einfach.« Damit zog er eine Anzahl Schriftstücke aus der Brusttasche und ordnete sie auf dem ländlichen Gartentisch, worauf auch Anninas Buch lag. »Ihr Beibringen in die Ehe, gnädige Frau, bestand in zwölfmalhunderttausend Franken in Wertpapieren und einer Aussteuer im Wert von sechzigtausend Franken. Die zwölfhunderttausend Franken, die Ihr Eigentum sind, da Sie nicht auf Gütergemeinschaft geheiratet haben, wurden von Ihrem Gatten in der Bank niedergelegt und befinden sich noch dort ...« »Aber,« fiel ihm Annina in die Rede, »von diesen zwölfhunderttausend Franken habe ich also nur die Zinsen?« »Ganz richtig, gnädige Frau, siebenundvierzigtausend Franken Jahreszinsen. ... Wenn Herr Trélaurier in der Lage gewesen wäre, die Summe in der Bank arbeiten zu lassen, würde sie sich gewiß verdoppelt haben, er hielt sich aber streng an die Bestimmungen des Ehevertrags. Folglich haben Sie jährlich in runder Summe fünfzigtausend Franken zu Ihrer Verfügung, die Ihr Eigentum sind, die Sie aber nicht ohne Unterschrift Ihres Ehemanns erheben können.« »Ja, woher kommt aber dann das Geld, das ich seit einem Jahr durch das Bankhaus Barante beziehe?« »Vom Haus Trélaurier,« versetzte Vernaut kühl. »Von meinem Mann? Mit dem Geld meines Mannes habe ich ...« Sie vollendete den Satz nicht. Ein Zittern durchlief ihren ganzen Körper, und sie schwankte, so unerträglich dünkte sie die grauenvolle Wahrheit. Vernaut tat, als ob er ihre Leichenblässe nicht bemerke, und fuhr in seinen Erklärungen fort. »Sie haben am Tag vor Ihrer Abreise die Summe von einhundertundfünfzigtausend Franken bei der Bank erhoben und die Ihnen von Silvestri \& Barante in Florenz ausbezahlten Summen belaufen sich auf achthundertunddreißigtausend Franken. Sie haben demnach neunhundertundachtzigtausend Franken von uns bezogen, worüber ich Ihnen die vom Hause Trélaurier eingelösten Schecks vorlegen kann.« »Aber es war nie meine Absicht, die Schuldnerin meines Mannes zu werden,« rief Annina schaudernd. »Es liegt mir alles daran, das heimzuzahlen: ich will ihm nichts schuldig werden! Der Gedanke, ihn auch nur um einen Franken zu schädigen, wäre mir rein unerträglich.« »Machen Sie doch nicht so viel Wesens, gnädige Frau, wegen ein paarmal hunderttausend Franken,« versetzte Vernaut wehmütig lächelnd. »Sie haben Trélaurier ganz anders geschädigt. Wenn es in seiner Macht gestanden hätte, Ihr Herz mit Gold zurückzukaufen, so wäre er heute ein armer Mann, aber ein glücklicher.« »Ach, Sie müssen mich recht verstehen, Herr Vernaut. Daß Geld in dem Verhältnis zwischen meinem Manne und mir eine Rolle spielen soll, bringt mich in eine schiefe Lage, gegen die mein Herz sich empört. Ich konnte meinen Gatten verraten, ausbeuten will ich ihn nicht! Sie müssen mir das nachfühlen! Es ist ein unerträglicher Gedanke, daß mein Mann mir gegenüber eine derartige Freigebigkeit bewiesen haben soll, während ich ...« Sie schlug die Hände zusammen und rief empört: »Diese Großmut ist schimpflich für mich! Sie erniedrigt mich zur Dirne!« »Gnädige Frau,« entgegnete Vernaut ungerührt, aber achtungsvoll, »Sie verkennen meinen Freund gänzlich. Sie schieben ihm Gedanken unter, die er nie gehabt, Absichten, die er nie gehegt hat. Als Sie Geld nötig hatten, stellten Sie Schecks auf sein Haus aus, und er hat sie bezahlt. Was würden Sie gesagt haben, wenn er die Zahlung verweigert hätte, die Gefühle vorausgesetzt, die Sie in diesem Augenblick kundgeben? Würden Sie ihn nicht der Unredlichkeit geziehen haben? Hätten Sie nicht gedacht, er mißbrauche Ihre Abwesenheit, um Ihnen Ihr Vermögen vorzuenthalten? Oder daß er aus Rache für das Leid, das Sie ihm angetan haben, den Versuch mache, Ihnen die Mittel zum Leben abzuschneiden? Er hat gehandelt, wie sein Herz, seine Vernunft und, ich muß dabei beharren, sein Zartgefühl es ihm vorschrieben. Ich füge hinzu, daß er das nie bereuen und an seiner Auffassung festhalten wird, mögen Sie ihn beurteilen wie Sie wollen.« Annina saß mit gesenkter Stirn da, die Augen starr zu Boden geheftet. Vernauts letzte Worte hatten ihr vollends zum Bewußtsein gebracht, wie unbedacht und leichtfertig ihre Handlungsweise in diesem Jahr gewesen war. Sie zeigte ihr auch mit unerbittlicher Klarheit den Unterschied zwischen dem Verfahren ihres Gatten und ihrem eigenen. Wie er sie sittlich und materiell überragte, der großmütige, edle Trélaurier! Turmhoch stand er über ihr! Alle Möglichkeiten der Rache, die ihm in die Hand gegeben waren, hatte er verschmäht, aus Rücksicht auf Annina. Verlassen, entehrt, tödlich verwundet widmete er seine Fürsorge nur der ungetreuen, ehrlosen, vergötterten Mörderin seines Glücks, und nur eine zufällige geschäftliche Unterredung setzte sie davon in Kenntnis. ... Nein, wenn sie im Lauf dieses Jahres auch nur ein einziges Mal ernstlich nachgedacht hätte, müßten ihr seine Großmut und seine Schonung von selbst klar geworden sein. Sie mußte wirklich in einem Zustand geistiger Umnachtung, sinnlicher Verwirrung dahingelebt haben, um nicht ein einziges Mal an das Rätsel ihrer vom Gatten so reichlich gesicherten äußeren Existenz gedacht zu haben. Und nun, da sie wußte, was er für sie getan, war es zu spät. Vernaut selbst erklärte ihr, daß sie nicht in der Lage sei, die eingegangene Schuld abzutragen, sich reinzuwaschen von der Schmach, mit dem Geliebten auf Kosten des Gatten gelebt zu haben. Ruhiger geworden, wollte sie jetzt der Sache auf den Grund gehen und von Vernaut genau erfahren, womit sie von nun an zu rechnen hätte. »Ihre Erklärungen sind vollkommen deutlich, Herr Vernaut, und ich begreife jetzt, daß ich meinem Mann bedeutende Summen schuldig geworden bin. Helfen Sie mir, bitte, überlegen, wie diese Schuld abgetragen werden kann. Ich will Ihnen Vollmacht geben, meine Papiere zu verkaufen, dann mag er von dem Erlös sein Guthaben abziehen und das übrige mir zuzustellen die Güte haben.« »Was Sie da vorschlagen, ist unausführbar, gnädige Frau,« versetzte Vernaut ohne Zögern. »Selbst wenn Herr Trélaurier über Ihre Mitgift verfügen wollte, wäre er nach dem Gesetz zum Ersatz verpflichtet, und es wäre, als ob er das Geld aus einer Westentasche in die andre steckte. Er ist ein zu guter Geschäftsmann und ein viel zu gewissenhafter Mensch, um Ihnen und Ihrer Familie gegenüber das Unrecht auf sich zu laden, daß er Sie Ihr Vermögen hätte vergeuden lassen. Das wäre mit seinem Charakter unvereinbar und würde niemand glaubhaft erscheinen, auf diesen Gedanken müssen Sie somit verzichten.« »Ich soll mich also darein ergeben,« rief Annina leidenschaftlich, »wider meinen Willen Schuldnerin des Hauses Trélaurier zu bleiben?« »Wenn es Ihnen beliebt, diese Schuld heimzuzahlen, so steht dem nichts im Wege, nur die vorhin angegebene Art und Weise ist nicht annehmbar.« »Sie wissen sehr wohl, daß es eine andre Möglichkeit nicht gibt,« sagte Annina in steigender Erregung. »Warum nicht? Sie sind ja in Monte Carlo! Der grüne Tisch kann Ihnen zurückgeben, was er verschlungen hat!« Das war die erste Anspielung auf des Vicomtes Anteil an Anninas Verschwendung, und diese ertrug sie nicht. Seit einer Stunde war Vernaut im Vorteil über sie gewesen, jetzt richtete sie sich hoch auf in schmerzlicher Bewegung. »Bezahlen werde ich, gleichviel, wie ich es möglich mache.« Vernaut verbeugte sich schweigend: er begriff, daß die Unterredung damit beendigt und Annina keinem weiteren Wort zugänglich war. Er faltete seine Papiere zusammen, steckte sie in die Tasche und sagte, Abschied nehmend: »Um noch einmal alles zusammenzufassen, gnädige Frau, möchte ich bemerken, daß Sie jedenfalls über die fünfzigtausend Franken Jahreszins aus Ihrem Vermögen verfügen können, falls Sie wirklich den Ihnen jeder Zeit offenen Kredit beim Hause Trélaurier nicht länger in Anspruch nehmen wollen. Ich werde Auftrag geben, daß sie Ihnen regelmäßig vierteljährlich ausbezahlt werden.« Damit verbeugte er sich und wollte gehen. Sie aber neigte traurig den Kopf, und da sie sich inzwischen gesammelt und beruhigt hatte, gab sie ihm das Geleite bis zur Gartentür. Als sie das Pförtchen erreicht hatten, blieb sie stehen; ihre Lippen bewegten sich, als ob sie sprechen wolle, und Vernaut wartete, selbst tief bewegt. Aber der Stolz gewann die Oberhand in Annina, mit einer verabschiedenden Handbewegung brachte sie nichts heraus als die Worte: »Ich danke Ihnen!« Vernaut sah die junge Frau vorwurfsvoll an, schüttelte betrübt den Kopf und stieg in den Wagen, der ihn hergebracht hatte. Annina kehrte allein unter das grüne Laubdach zurück, wo so schwerwiegende Worte ausgetauscht worden waren. Sie selbst kam sich verwandelt vor seit der Ankunft von Trélauriers Freund, eine schwere Last bedrückte ihr Gewissen, das Gefühl der Freiheit, der Kraft, der Selbstgewißheit war von ihr gewichen. Zum ersten Male war sie genötigt gewesen, mit den nüchternsten Lebensbedingungen zu rechnen, und sie ging etwas verwundet aus dieser Prüfung hervor. Wenn sie sich statt mit Trélaurier mit einem andern auseinanderzusetzen gehabt hätte, so würde ihre Handlungsweise, das konnte sie sich nicht verhehlen, eine unheilvolle Liquidation zur Folge gehabt haben. Oder aber ihre Geldforderungen würden vom ersten Tag an abgewiesen worden sein, und die beschränkte Lage, die ihr von nun an bevorstand, wäre von Anfang an ihr Teil gewesen. Auf demselben Platz sitzend, wo sie Vernaut empfangen hatte, ging sie in Gedanken alles noch einmal durch, was er ihr gesagt hatte, suchte all die ernsten, klugen, ehrenhaften Worte in ihrem Geist zu ordnen. Das erste, was sich klar und deutlich aus dem Wirrsal in ihrer Seele abhob, war die Tatsache, daß sie in Jahresfrist nahezu eine Million verbraucht hatte. Wie und wozu, das fragte sich Annina mit Bestürzung. Sie hatte allerdings ein kostspieliges Leben geführt und die ganze Zeit ihrem Geschmack an Behagen und Luxus Opfer gebracht; Wohnung, Wagen, Pferde, kurz der ganze Haushalt war stets vom feinsten Zuschnitt gewesen. Aber eine Million! Ein Schatten glitt in ihre Augen und das schöne Gesicht verdüsterte sich. Das, was sie André hatte nehmen lassen, mußte den furchtbaren Unterschied zwischen ihrer Lebensführung und dem ungeheuren Aufwand ausmachen, dessen Vernaut sie anklagte. Nicht einen flüchtigen Augenblick empfand sie Reue darüber, diese Ausbeutung geduldet zu haben, das einzige, was ihr das Herz schwer machte, war der Gedanke, daß es ihr von jetzt an nicht mehr möglich war, ihre offene Schublade jeder Laune des Geliebten zu überlassen, und daß sie ihm die Notwendigkeit von Einschränkungen begreiflich machen mußte. Sie urteilte nicht über André, dazu hatte sie ihn viel zu lieb. Sie würde ja ihr Herzblut für ihn gegeben haben: was lag dann daran, daß er ihr Geld verschwendete? Das war in den Augen der verliebten Frau eine Kleinigkeit, und wenn seine Liebe im selben Maß mit ihren Opfern wachsen sollte, so wäre sie fähig gewesen, Ströme von Gold in seine Hände zu lenken. Aber sie war ja mit einem Schlag arm geworden, denn für sie, die nicht zu rechnen verstand, bedeutete ein Jahreseinkommen von fünfzigtausend Franken das Elend. Und von neuem nach dem Scheckbuch greifen, das ihr die Reichtümer des Hauses Trélaurier zur Verfügung stellte, das wollte sie nicht, nein, sie war fest entschlossen, sich dessen zu enthalten. »Nur Mut,« sagte sie sich. »Wir müssen eben sparen lernen! André wird mir dieses Opfer bringen, es ist ja das erste, das ich von ihm verlange. Wie sollte er nicht glücklich sein, seine Liebe beweisen zu können? Er wird sich alle Mühe geben, vernünftig zu werden, wird nicht mehr spielen oder doch mit mehr Maß. Die Zeit, die er an den Baccarat- oder Trente-et-Quarante -Tischen zubrachte, wird er nunmehr mir widmen. Wird das nicht an sich schon eine Wohltat sein, eine Erfrischung und Läuterung unsrer Liebe?« Sie entwarf, von ihrer Phantasie hingerissen, Pläne für ein bescheidenes, trauliches Leben, das ganz der Liebe geweiht sein sollte. Sie malte sich ungetrübte Glückseligkeit darin aus und gab bei dem unbedingten Glauben, den sie an den Geliebten hatte, dem Gedanken nicht Raum, daß der Umschwung in ihrer finanziellen Lage irgendwie ihr Glück und ihre Sicherheit gefährden könnte. Als André zu Tisch nach Hause kam, fand er Annina in dieser zuversichtlichen Stimmung. Er selbst schien weniger rosig gelaunt zu sein, denn er küßte ihr flüchtig die Hand und setzte sich schweigend an seinen Platz. Die Nacht senkte sich über den Garten, in all den Landhäusern von La Condamine wurden Lichter angezündet, die den Hügel mit kleinen leuchtenden Punkten bestreuten. »Rate einmal, wer mich heute besucht hat,« fragte Annina nach einer Weile. »Tristan?« »Nein, es war ein viel wichtigerer Besuch – Herr Vernaut!« »Ach! Der kam eigens von Paris, um dich zu sprechen? Bist du befriedigt über das, was er dir zu sagen hatte?« »Nicht gerade! Es scheint, daß ich etwas unbesonnen umgegangen bin mit dem Geld, und daß wir von nun an etwas genauer rechnen müssen. ... Das wird uns doch wohl möglich sein, nicht?« »Möglich ist alles,« warf André übellaunig hin, »fragt sich nur, ob's angenehm ist! Darauf kommt's eben an.« »Was mich betrifft, bin ich mit allem zufrieden, wenn ich nur bei dir bin und du mir ganz gehörst ...« »Liebe Annina, das ist selbstverständlich bei mir ebenso.« »Dann ist ja alles gut! Dann gibt's für mich keine Sorge, keinen Kummer, und das Haus Trélaurier mag sein Geld behalten.« Der Vicomte schien jetzt aufmerksam zu werden. Er hob den Kopf und fragte mit einem Anflug von Neugierde: »Hat das Haus Trélaurier denn im Sinn, seinen Kassenschrank abzusperren?« »Durchaus nicht, aber ich will nichts mehr haben aus diesem Kassenschrank!« »Und warum nicht, Liebste?« »Weil ich damit Trélauriers Schuldnerin werde, was ich für demütigend halte ...« »Hat dich Vernaut so etwas fühlen lassen?« »Wahrhaftig nicht! Er hat mir im Gegenteil unbeschränkten Kredit angeboten, aber du wirst ja mit mir der Meinung sein, daß es unziemlich wäre, davon Gebrauch zu machen?« »Versteht sich,« sagte Andre, gleichgültig. »Ich werde also jetzt von meinen Jahreszinsen leben wie eine gute Bürgersfrau ...« »Was wirklich Tugend zu nennen ist,« sagte der Vicomte lachend, »denn gut bürgerlich sind deine Lebensgewohnheiten gerade nicht ...« »Ich werde sie mir aneignen.« »Auf wie lange?« »Auf immer!« »Ein achttägiges Immer! Dann wird das berühmte Scheckbuch wieder hervorgeholt werden.« »Bitte, André, scherze nicht mit derlei Sachen. Du tust mir weh ...« »Worüber ich sehr unglücklich wäre!« sagte er, sich zu ihr beugend und ihre Hand streichelnd. »Komm, laß das Köpfchen nicht hängen, das Glück wird uns schon wieder lächeln und wir werden's gar nicht mehr nötig haben, den Signore Barante in Anspruch zu nehmen. Du wirst nichts entbehren müssen von dem Luxus, der dir Bedürfnis ist. Von morgen an beginne ich mit einem neuen System, von dem ich mir Wunder verspreche. ... Ich hatte es aufgespart bis zum Schluß für den Fall, daß mir das Glück untreu wäre. Verlaß dich nur auf mich, du wirst die Erfolge sehen!« »Ach, André! Ich bitte dich,« rief Annina in Herzensangst, »wenn du mir etwas zuliebe tun willst, so gehe, statt ein neues System zu erproben, gar nicht mehr ins Kasino! Bleibe bei mir! Laß uns zusammen diese herrliche Umgebung durchstreifen, das wird dir besser bekommen, als deine Tage und Abende in fieberhafter Aufregung in den dumpfigen Sälen zu verbringen. Genieße den Sonnenschein, die Luft, die Blumen, statt deine Augen mit den trügerischen Berechnungen am grünen Tisch zu ermüden. André, willst du mir nichts versprechen? Ich werde dich noch viel mehr lieben!« »Das wäre also möglich?« fragte er lächelnd mit einem zärtlichen Kuß. »Du hast doch geschworen, mich über alles zu lieben?« »Heuchler! Du willst mir nur ausweichen!« »Soll ich lügen, um dich zufriedenzustellen?« »Nein, nicht lügen, aber vernünftig sein!« »Die Vernunft gebietet jetzt eben das Spiel. Gestern, als wir noch im Gold wühlen konnten, da war es eine Dummheit, heute ist es unentbehrlich. Mache dir keine Sorgen, Annina, habe Vertrauen zu mir. Ich werde aus unsern eigenen Mitteln alles bestreiten, und binnen kurzem sollst du in der Lage sein, auch deine kostspieligsten Launen auszuführen!« Sie hatte ihm gegenüber keinen Mut, und obwohl sie sich bewußt war, wie nötig es gewesen wäre, ihn dieser Leidenschaft zu entreißen, drang sie doch in der Stunde, wo sie ihn hätte zu dem Schwur bewegen sollen, keine Karte mehr anzurühren, nicht weiter in ihn. Am nächsten Tag trat der Vicomte schon um ein Uhr in den Roulettesaal. Sein Plan war einfach. Er hatte sich entschlossen, von der Bank selbst die Munition zu beziehen, womit er sie bekriegen wollte, und da das Schamgefühl, womit er gestern den ungerechten Gewinn fortgeworfen hatte, jetzt überwunden war, wollte er an dem abhängenden Roulettetisch etliche zehntausend Franken, nicht mehr einheimsen, um dann zum Trente-et-Quarante überzugehen. Seine Betrachtungen hatten Früchte getragen, es kam ihm jetzt unglaublich kindisch und töricht vor, daß er gestern den glücklichen Zufall nicht ausgenützt hatte, um seiner Kasse aufzuhelfen. War etwa diese Neigung der Tischfläche, die den Ball immer nach einer Seite gleiten ließ, ein zu großer Vorteil, um den Nullen das Gegengewicht zu halten? War es nicht ehrlicher Krieg, und verdiente die Bank, die immer gewann, nicht, daß man sie mit allen Mitteln angriff? Mit solchen Sophistereien bestärkte er sich in seinem Vorsatz, und der Croupier, der gestern mit ihm geliebäugelt hatte, begrüßte seine Wiederkehr mit Stolz. »Ach, der Herr Vicomte findet Geschmack an unserm Spielchen, obwohl er gestern nicht glücklich gewesen? Unterhaltend ist's ja immerhin, auch bei uns ... der Herr Vicomte hat gewonnen ...« Schon wurden die ersten Tausendfrankenscheine André mit der Schippe zugeschoben. Er setzte fünfmal nacheinander, gewann fortgesetzt und zog mit fünfzehntausend Franken ab. Und er stellte sich selbst das Lob außerordentlicher Ehrenhaftigkeit aus, weil er nicht länger geblieben war, das Glück nicht gründlicher ausgebeutet hatte. Schließlich hätte er ja der Bank ebensogut hunderttausend Franken abnehmen können! Aber nein, die Vorsicht verbot es, durch einen bedeutenden Gewinn die Aufmerksamkeit der Angestellten auf diesen Roulettetisch zu lenken, dessen Kugel nicht mehr der Willkür des Zufalls unterworfen war. Mit Siegesbewußtsein betrat André den Saal des Trente-et-Quarante und begann, entschlossen einer vorbedachten fein ausgeklügelten Berechnung folgend, die auf die »Intermittenzen« begründet war, eine Reihe von Einsätzen zu machen, die ihm in Zeit von einer Stunde sechzigtausend Franken einbrachten. Er war sehr kühl, sehr umsichtig, fest entschlossen, sich nicht hinreißen zu lassen und beim ersten Anzeichen einer Abkehr des Glücks aufzustehen und fortzugehen. Er hatte das Gefühl, heute dem Zufall zu gebieten, zweifelte gar nicht daran, daß er die Bank sprengen und in ein paar Stunden alle Verluste der letzten Zeit hereinbringen werde. Als er eben das Maximum gewonnen hatte und mit triumphierendem Blick die Reihen der Beifall murmelnden Zuschauer überflog, mußte er eine höchst unangenehme Überraschung erleben. An der andern Seite des Tischs stand nämlich in der zweiten Reihe hinter dem Bankhalter ein kleines Herrchen mit gelbem Gesicht, dessen haßerfüllter Blick fest auf ihm ruhte, und in dem er zu seinem großen Verdruß Linguet erkannte. Es war fast ein Jahr her, daß er ihn nicht mehr gesehen hatte, und er hatte schon geglaubt, seinen Belästigungen entronnen zu sein. Das plötzliche Auftauchen des alten Mannes, dessen Leben er zerstört hatte, und der ihn mit tödlichem Haß verfolgte, rief eine unglückselige Verwirrung in Andrés Gedankengang hervor. »Faites vos jeux, messieurs,« sagte der Bankhalter. » Le jeu est fait. « Der Vicomte, der nicht mehr klar zu denken vermochte und die Partie doch nicht versäumen wollte, warf aufs Geratewohl sechstausend Franken auf den Tisch, was er am heutigen Abend noch nicht ein einziges Mal getan hatte. Er verlor. Ein leises Raunen der Verwunderung erhob sich, und der Vicomte sah mit Bestürzung, wie sein Gewinn weggerafft wurde. Dieser Fehlgriff warf sein ganzes System über den Haufen, er versuchte aber, sich zu sammeln, nachzudenken, eine neue Berechnung aufzustellen, allein das gelbe Gesicht war ihm gerade gegenüber, der Mund lachte schweigend und bitter, als ob er den ersten Mißerfolg begrüße und die vollständige Niederlage verkündige. André wollte diesen fremden Einfluß, der ihn wütend machte, von sich abschütteln: gepreßten Herzens, mit verzerrten Lippen spielte er verbissen auf Rot, und zwar jetzt auf Serien, während ihm bisher doch die Intermittenzen so viel Glück gebracht hatten. Mit sechs Einsätzen verlor er sechsunddreißigtausend Franken, wodurch sein Gewinn auf die Hälfte zusammengeschmolzen war. Außer sich geratend, spielte er jetzt Schwarz, was die größte Torheit war, denn jetzt kam Rot und die Bank strich fünf Sätze ein. Wutschnaubend legte der Vicomte mit zitternden Fingern die an der Roulette unredlich gewonnenen fünfzehntausend Franken auf den Tisch, teilte sie in drei Bündel und spielte wieder mit Umsicht. Das Glück kehrte einigermaßen zurück und er gewann wieder zwanzigtausend Franken. Jetzt sollte er etwas Merkwürdiges erleben. Linguet zog bedächtig eine alte schwarze Lederbörse heraus und riskierte als Gegenpart seines Feindes zwanzig Franken. Es war, als ob dieses Goldstück das Zünglein der Wage endgültig zu Andrés Ungunsten herabzöge, denn seit Linguet mitspielte, siegte immer dessen auf die entgegengesetzte Seite gelegtes Gold über die Scheine. Als die Harke des Vicomtes letzte blaue Scheine einzog, raffte Linguet seine vierzig Franken auf, steckte sie in den abgegriffenen Beutel und stieß ein unheimliches, halb unterdrücktes Gekicher aus. Unwillkürlich sah André den Alten an, und dieser verbeugte sich höhnisch, als ob er sich über seine Niederlage lustig machen wolle. Der schöne Preigne stieß seinen Stuhl zurück und ging auf die Türe zu, wobei er an dem kleinen ihm auflauernden Herrn vorüber mußte. Er wollte ihm einen niederschmetternden Blick zuwerfen, aber sein herausfordernder Trotz stumpfte sich an der kalten, drohenden Ruhe des Mannes ab. Da wallte der Zorn in André auf, und er war nahe daran, sich über diesen armseligen und gebrechlichen Feind, den Vater seines Opfers herzuwerfen, um ihn mit Füßen zu treten, allein der Greis war so ruhig, so entschlossen, daß dieser junge Haudegen vor ihm zurückbebte. Er stieß einen dumpfen Zorneslaut aus und verließ, von Linguets Kichern verfolgt, den Saal. Ohne daß Annina irgendwie auf diesen plötzlichen Einfall vorbereitet gewesen wäre, machte ihr André am Abend den Vorschlag La Condamine zu verlassen. »Die Nachbarschaft von Monte Carlo ist entschieden verhängnisvoll für mich, Liebste,« sagte er. »Siehst du, ich nehme mir vor, nicht mehr zu spielen, und gehe trotzdem wieder ins Kasino, denn was soll man hier zu Lande anders anfangen, als spielen oder krank sein, was zum Glück nicht mein Fall ist. Taubenschießen oder das Spiel, das ist alles, was der Ort bietet, und das sind doch recht mäßige Genüsse. Gehen wir nach Nizza. Dort finden wir etwas mannigfaltigere Gelegenheit, uns die Zeit zu vertreiben, und sind auch schon etwas näher bei Paris. ...« »Hast du denn im Sinn, nach Paris zurückzukehren?« »Hätten wir etwa nicht das Recht dazu?« »Wir haben freilich das Recht, es fragt sich nur, was für uns passend ist. Gehen wir jedenfalls nach Nizza, wenn du Lust dazu hast. Wir werden dort einen kleinen Vorgeschmack von Paris bekommen und werden ja sehen, ob das Leben dort Schwierigkeiten für uns hat oder nicht. ... Wir beide haben so viele Bekannte. ...« »Man sieht nur, wen man sehen will.« »Jawohl, aber man begegnet auch den andern. Da du aber Lust dazu hast, gehen wir. Ich werde morgen packen, und du fährst inzwischen nach Nizza, um eine kleine Villa auszusuchen.« »Du bist ein Engel wie immer,« sagte er, ihr die Hände küssend. Angeregt von dem Gedanken, der Stadt des Spiels, die ihm so viel Unglück gebracht hatte, den Rücken zu kehren, und innerlich belustigt über des kleinen Linguet Enttäuschung, wenn er morgen nicht ins Kasino kommen würde, brachte André den Abend bei Annina zu und war so heiter und zärtlich wie in den ersten Zeiten ihres Liebeslebens. Siebentes Kapitel Die Villa, die André von Preigne in Nizza gemietet hatte, lag an der Straße nach Villafranca, die sich in halber Höhe am Mont Bovon hinzieht. Von der Terrasse der rosenfarben getünchten Villa, die unter dem Namen des »Englischen Hauses« bekannt war, hatte man einen Ausblick über den ganzen Golf von La Napoule bis zu den Höhenzügen der Maurischen Berge. Es war ein bezauberndes Bild und Annina konnte stundenlang in stille Betrachtung davor versinken. Sie ließ sich vom Wind umspielen, von der Sonne liebkosen, von der lauen Luft wonnig einlullen und führte ein köstlich hindämmerndes Leben. Wenn der Mistral blies, so stieg sie in die Kiefernwälder seitlich von der Straße hinauf, setzte sich ins Heidekraut und genoß unterm Brausen der gleich Äolsharfen tönenden Kiefernzweige die tiefe Ruhe der Einsamkeit. Von Zeit zu Zeit wurde durch eine Lichtung ein Wagen sichtbar, dessen Räder auf dem weichen Sand der Waldstraße kaum hörbar knirschten. Die Durchreisenden, die in der Regel diese Spazierfahrt machten, warfen dann wohl neugierige Blicke auf die schöne junge Frau, die so abseits im dunkeln Grün der Kiefern saß und ein Buch in der Hand hielt, das sie kaum durchblätterte, niemals las. Annina wunderte sich oft, wie rasch ihr die Zeit verflog. Schon war der April angebrochen und der Süden hüllte sich in Farben und Duft, überall hingen die Rosen in üppigen Girlanden herab, die Orangenbäume standen in Blüte, die Gärten hauchten, sobald der Abend hereinbracht berauschende Düfte aus, die ganze Natur prangte in verjüngter Kraft und strahlender Fruchtbarkeit. André hatte in Nizza Freunde getroffen, die ihn in den Rivieraklub einführten. Er verbrachte dort täglich einige Stunden, wie er sich rühmte, sittsam gleich einem Philister, Billard spielend. »Wenigstens hat man dabei nicht einzig und allein dem Zufall zu opfern,« bemerkte er, »und hat nicht nur die Wahl zwischen dem Trente-et-Quarante und der Roulette, die eins wie das andre ekelhafter Schwindel sind. Man kann eine anständige Partie machen und sein Geld rechtschaffen verteidigen, und dann ist's wirklich eine Freude, wieder Kameraden zu treffen; der Verkehr mit dem zusammengelaufenen fraglichen Publikum, unter dem wir uns jetzt fast ein Jahr herumtrieben, war mir allmählich unleidlich geworden. Du, Annina, du bist eine beschauliche Natur, Wälder, Blumen, Meer, die See, das genügt dir; du hängst deinen Gedanken nach und bist zufrieden. Mir aber fehlt's gänzlich an Phantasie, und wenn ich nichts vornehmen kann, bringt mich die Langeweile um! Ich kündige dir an, daß der Klub für Ende des Monats ein Fest vorbereitet, das reizend zu werden verspricht: eine Korsofahrt blumengeschmückter Automobile, Preise für die geschmackvollsten Dekorationen, abends Redoute im Kasino. Man kommt in Kostüm oder Domino. Wenn du Lust dazu hast ...« »Ach! Das wäre so etwas für eine Frau, die seit einem Jahr früh zu Bett geht und gänzlich entwöhnt ist, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen!« »Die Maske würde dich vor allen Neugierigen beschützen; du könntest sehen, ohne gesehen zu werden.« »Was liegt mir daran? Nun, ich kann mir's ja noch überlegen. Wir wollen sehen ...« Eines Tages mußte sie in die Stadt gehen, um sich Handschuhe und Schleierchen zu besorgen. Äußerst einfach gekleidet wagte sie sich zu Fuß in die Straßen, wo sie unbemerkt zu bleiben hoffte, aber vom Massenaplatz an wurde sie zu ihrer Überraschung von verschiedenen Bekannten, die einst in ihrem Haus in Paris verkehrt hatten, erkannt und gegrüßt. Niemand schien zu zögern, ihr Achtung und Wohlwollen zu zeigen, was sie erst in Erstaunen setzte und ihr dann recht wohl tat. Sie erinnerte sich, was ihr Vernaut von den Vorsichtsmaßregeln erzählt hatte, die Trélaurier zur Schonung ihres Rufs getroffen, und begriff, daß ihr die besonnene Fürsorge des Gatten zu gute kam. Das Gefühl, noch als eine Frau in regelrechten Verhältnissen behandelt zu werden, erfüllte sie mit Freude. Ohne Zweifel wußten die ihr Begegnenden die Wahrheit, aber die Haltung, die Trélaurier bewahrt hatte, legte ihnen Zwang auf und so erwiesen sie sich päpstlicher als der Papst. Nun hatte sie den Beweis, daß sie dank Trélauriers Willenskraft eine gewisse Unantastbarkeit genoß. Als sie in der Bahnhofstraße aus einem Laden trat und sich eben nach einer Droschke zur Heimfahrt umsah, blieb eine Dame, die auf dem Fußsteig ging, stehen und stieß einen Ruf der Überraschung aus. Annina erkannte die Frau des Malers Valançon. Die hübsche Geraldine, die sich der Künstler aus Liebe vom Théâtre français weggeholt hatte, wo sie mit großem Erfolg jugendliche Liebhaberinnen spielte, hatte den Ruf unerschütterlicher Tugendhaftigkeit, war aber dabei ein Original. Ihre Spezialität war, alles zu sagen, was ihr durch den Kopf fuhr, und zwar mit einem Mutterwitz, der ein Erbstück ihrer Familie war, denn alle Beauchamps waren sehr zungenfertig gewesen, von der Urahne Beauchamps der Ersten an, die unter der Schreckensherrschaft beinahe geköpft worden wäre, bis auf Geraldines Mutter, die unterm zweiten Kaiserreich mit Frau Plassy und dem unvergleichlichen Flavart das Repertoire getragen hatte. Das Erscheinen der blonden, strahlenden Künstlersfrau versetzte daher Annina in einige Unruhe, aber sie sollte nicht lang im Zweifel bleiben über deren Gefühle. Ohne sich um die Zuschauer zu kümmern, flog ihr Geraldine in die Arme. »Das nenn' ich Glück haben! Was! Sie sind hier! Wie mich das freut! Wie sich Valançon freuen wird! Wo gehen Sie hin?« »Nirgends ...« stotterte Annina immer noch bestürzt. »Das heißt, ich wollte nach Hause ...« »Jetzt ist's vier Uhr und Sie haben nichts vor, folglich kommen Sie zu mir und trinken eine Tasse Tee! Ich habe Ihnen wahrhaftig viel zu erzählen, das dürfen Sie mir glauben!« Anninas Blick verriet eine wahre Herzensangst. »Fürchten Sie sich nur nicht vor mir!« rief Geraldine. »Sie sollten doch wissen, daß ich Ihnen nicht wehtun will, daß ich Sie viel zu lieb dazu habe. Ich vergesse es Ihnen nicht, daß Sie die erste waren, die mir nach meiner Verheiratung mit Valançon freundlich entgegenkam und mich einlud, als die Gesellschaft sich noch besann, ob man die ›Schauspielerin‹ aufnehmen könne oder nicht. Auf mich können Sie unbedingt zählen. Vorwärts, kommen Sie mit! Mein Mann wird sich auch sehr freuen, Sie zu sehen!« Annina widerstand dieser Flut von Warmherzigkeit nicht länger und ließ sich gutwillig von Frau Valançon mit fortziehen. Nach wenigen Minuten standen sie vor dem Gartentörchen der kleinen Villa Carabacel, die, was in Nizza nicht allzuhäufig ist, ein ziemlich geräumiges Maleratelier enthält. Auf das Klingeln kamen mit wütendem Gebell, das sich alsbald in Freudengeheul verwandelte, ein paar Hunde herbei, und der Diener erschien in eiligem Lauf. »Ist der Herr zu Hause?« fragte Frau Valançon rasch. »Nein, er ist eben ausgegangen.« »Aha, die Sonne geht und er ihr nach,« bemerkte Geraldine lachend. »Treten wir ein.« Sie führte Frau Trélaurier in ein kleines Wohnzimmer, wo der Teetisch schon bereit stand. »Legen Sie den Kragen ab und weg mit dem Schirm und den Päckchen! Ach, liebes Herz, ich bin ganz selig, Sie wiederzusehen! Sie sind noch schöner geworden, ich gebe Ihnen mein Wort. ... Wie haben Sie das nur angefangen? Wird sich Valançon wundern, wenn er Sie sieht! Sie sind viel schöner als Ihr Bildnis von ihm ... und doch ...« Unterm Plaudern hatte Geraldine den Hut abgenommen, ihr köstliches Blondhaar geordnet, die Schildpattnadeln frisch eingesteckt und den Samowar angezündet. Frau Trélaurier mußte sich dicht neben sie setzen, die leuchtenden blauen Augen mit dem lebendigen Blick bohrten sich förmlich in sie ein, und dann fragte sie mit zärtlicher Vertraulichkeit! »Nun, Sie entzückende, unvernünftige Abenteuerin, sind Sie denn zufrieden mit Ihrem Los?« »Gewiß,« versetzte Annina. »Um so besser! Das ist ja die einzige Erklärung für einen so tollen Streich wie der Ihrige! Wenn ich dran denke, daß wir uns zum letzten Male bei dem Maskenball sahen, wo wir in Waldmanns Privatzimmer so fröhlich zu Nacht speisten! Erinnern Sie sich noch? Gott, was waren Sie schön an dem Abend! Das Ungeheuer war in seinem Kostüm Karls I. freilich auch eine Sehenswürdigkeit, aber ob ein Mann, mag er noch so schön sein, je den Ruf, das Leben einer Frau wert ist, weiß ich denn doch nicht. Sie gibt ihm viel, meine Liebe, sehr viel!« Eine Stille trat ein. Géraldine hatte Frau Trélauriers Hand ergriffen und drückte sie innig. Annina fühlte sich jählings zurückversetzt in die Welt, der sie vor einem Jahr den Rücken gekehrt hatte, fühlte, daß sie dieser Frau unbedingt vertrauen konnte, und so ließ sie sich hinreißen, Fragen zu stellen. »Seien Sie ehrlich,« begann sie, entschlossenen Tons die Brauen zusammenziehend, »was wurde über meine Abreise gesprochen?« »Ach, zuerst war jedermann wie vor den Kopf geschlagen! Das können Sie sich denken! Sie, die allgemein Beliebte! Wie hatte nur so etwas geschehen können? Jeder andern Frau würde man ja eine derartige Geschichte eher zugetraut haben als gerade Ihnen! Ich muß sagen, daß Trélaurier sich tadellos gehalten hat – der Wahrheit die Ehre! Er hat die öffentliche Meinung mit einer Bestimmtheit, einem Takt, einer Besonnenheit sondergleichen im Schach gehalten und allen Klatsch kurz abgeschnitten. Überall zeigte er sich und widerlegte durch seine Gelassenheit und Kaltblütigkeit sämtliche Gerüchte. Seine Freunde verfolgten dasselbe Ziel. Valançon und Vernaut hatten die verschiedenen Klubs auf sich genommen und nach acht Tagen war alles niedergeschlagen. Die Zeitungen brachten nichts über die Geschichte. Ob man sie gekauft oder eingeschüchtert hatte, weiß ich nicht, kurz sie schwiegen, und das war alles, was man von ihnen wollte. Daraufhin wagte man nur im vertraulichen Kreise, Sie zu tadeln oder zu beklagen, namentlich das letztere! Ich kann Ihnen wirklich sagen, daß alle Welt ehrlich betrübt war! Auch wer Sie schuldig fand, war ebenso traurig darüber, als wer mildernde Umstände gelten ließ, und worin alle übereinstimmten, das war die Entrüstung über den Vicomte! Auf ihn, den hübschen Bengel, haben alle miteinander tüchtig losgedroschen und er hat's auch wahrhaftig nicht besser verdient! So cynisch führt man sich nicht auf!« »Géraldine!« »Ja, meine Liebe, da können Sie nun nichts machen! Ich lege meine Worte nicht auf die Goldwage und nehme kein Blatt vor den Mund! Es gibt gar keinen Ausdruck für ein solches Herrchen, das sich zum Mitschuldigen Ihrer Tollheit macht! Mich hätte das allein schon kuriert, der Mensch wäre mir von heute auf morgen unausstehlich geworden!« »Ich war es ja, die unsre Abreise forderte,« wandte Annina ein. »Ihm war diese gewaltsame Lösung gar nicht willkommen, aber ich fand die Stellung zwischen meinem Gatten und dem Mann meiner Liebe so verabscheuungswürdig, daß ich mich um jeden Preis daraus befreien wollte.« »Alle Achtung! Aber, meine Liebe, wozu ist denn, wie der andre sagt, die Ehe da, wenn sie einem nicht die Vorteile des Ehebruchs einträgt?« »Sie, Géraldine, Sie könnten Ihren Mann, könnten Valançon ruhig und regelrecht hintergehen? Sie würden ihn nicht lieber verlassen?« Frau Valançon dachte ein Weilchen nach. »Wenn man Valançon die Frage vorlegte, so bin ich überzeugt, daß es ihm lieber wäre, hintergangen, als verlassen zu werden, vorausgesetzt natürlich, daß er nichts davon wüßte. Was mich betrifft, so habe ich, Gott sei's gedankt, so wenig Temperament, daß ich mich frage, was für blendende, phantastische, leuchtende Eigenschaften ein Mann haben müßte, bis ich auf die Idee käme, meinen Gatten mit ihm zu hintergehen. Ach mein Gott! Mich opfern, um einem Verführer Vergnügen zu bereiten, während ich doch im voraus weiß, daß er mir herzlich wenig Vergnügen machen würde! Ich begreife nicht einmal, wie eine Frau auf so etwas kommen kann! Und doch kann es geschehen, ich habe ja ein Beispiel dafür vor Augen, und zwar in der Person der anbetungswürdigsten, der besten aller Freundinnen, die ich so schmerzlich vermißt habe.« Sie umfaßte Annina und küßte sie mit ihren frischen roten Lippen auf beide Wangen. »Sie bereuen also nichts?« fragte sie, wieder ernst werdend. »Doch, ich bereue, meinem Gatten wehgetan zu haben.« »Ja, das war unter den gegebenen Umständen unvermeidlich! Aber Ihr André ... erzählen Sie mir doch etwas von dem jungen Kavalier! Ich kann nichts dafür, aber ich vermag mir ihn nicht mehr anders vorzustellen als im Kostüm Karls I.!« »Er ist mir gegenüber von größter Liebenswürdigkeit.« »Das ist immerhin etwas! Aber schließlich könnt ihr doch nicht eure ganze Zeit damit hinbringen, euch Zärtlichkeiten zu sagen! Womit beschäftigt er sich? Und Sie selbst? Das Leben ist sehr lang, wenn man's so ohne Zweck hinschleppt. Und sich zu lieben, ist doch schließlich nur eine Beigabe. Ich weiß von mir selbst, daß, wenn Valançon nicht zehn Stunden vom Tag in seiner Werkstatt zubrächte, unser Zusammenleben sehr leiden würde, und er ist weiß Gott ein Mensch, mit dem leicht auszukommen ist.« »Wir sind einander alles und sind dessen noch nicht müde geworden.« »Bewundernswürdig! Ich bin auf dem besten Weg, neidisch zu werden. In der Leidenschaft muß demnach ein wunderbarer Nährstoff stecken, den gewöhnliche Leute nicht kennen lernen? Das wäre eine Erklärung für manche Entschlüsse, die sonst unbegreiflich erscheinen würden! Diese Art von Liebe ist so mächtig, daß sie unentbehrlich zum Leben zu sein scheint. Daher bei denen, die sie kennen, die von ihr durchdrungen sind, die wilde Verzweiflung, die wahnsinnigen Zustände, Mord und Selbstmord! Das bringen die Moralisten nicht in Rechnung, wenn sie den Begriff der Pflicht feststellen und die Forderung erheben, daß man nicht davon abweiche. Eine schöne Geschichte! Die Pflicht ist nur bequem, wenn sie mit unsern persönlichen Neigungen zusammenfällt oder wenn uns eine liebenswürdige Gleichgültigkeit die Erfüllung natürlich macht. Stellt aber die Pflicht der Leidenschaft gegenüber, so werdet ihr sehen, wie die menschlichen Wesen sofort mit gleichen Füßen über die Schranken setzen, um auf verbotenem Platz herumzutollen, und dabei haben sie ebenso köstliche als ungewöhnliche Empfindungen, das ist alles ganz klar. Die ganze Frage besteht nur darin, ob man vorzieht, mit der friedlichen Herde leidenschaftsloser Menschen weiterzugrasen, oder in der feurigen Schar der von Leidenschaft Trunkenen davon zu galoppieren.« Sie stand auf, löschte das Feuer im Samowar, der zu singen angefangen hatte, goß eine Tasse Tee ein und fragte, sie Annina hinbietend, mit der größten Seelenruhe: »Nehmen Sie einen Tropfen Rahm?« Dann bediente sie sich selbst und ließ, wie in Zerstreuung, das Gespräch fallen, das sie vorhin so weit getrieben hatte. »Valançon arbeitet ungeheuer viel, seit wir hier sind,« erzählte sie, sich neben die Freundin setzend. »Er hat Eroberungen gemacht unter den hiesigen Amerikanern, die alle ihre Porträts von ihm haben wollen. Es sind reizende junge Damen darunter – ich werde Ihnen nachher sein Atelier zeigen.« Im selben Augenblick ging die Türe auf und ein blondlockiger Knabe von drei Jahren im Matrosenanzug kam, sein Strohhütchen in der Hand, lächelnd herein. Beim Anblick des Gastes geriet er in Verlegenheit und sagte mit schüchternem Gesichtchen: »Ich bin nach Hause gekommen, Mama ...« »War der Spaziergang schön? Wo wart ihr denn?« »Bis am Wasserschloß, Mama.« »Sage Frau Trélaurier guten Tag.« Der Knabe bot Annina seine sonngebräunten frischen Wangen zum Kuß und Frau Valançon sagte: »Mein Herr Sohn ... willst du Kuchen haben, Peter?« »Ich habe schon Vieruhrbrot gehabt, Mama.« »Gut, dann geh in den Garten und sei recht artig ...« Das Kind hüpfte hinaus. Géraldine sah ihm nach und sagte dann ernsthaft: »Das Kind ist's, worin die Erklärung für viele Verzichte liegt. Sie, meine Liebe, haben keines, das hat Ihr Leben anders bestimmt. Wenn Sie einen solchen kleinen Schlingel hätten zurücklassen müssen, wären Sie gewiß nicht abgereist. ... Solch ein Kind bildet ein merkwürdig starkes Gegengewicht gegen phantastische Anwandlungen.« Anninas Augen standen voll Tränen. »Sie sind eine glückliche Mutter und eine gute Gattin, Géraldine. Genießen Sie Ihr Glück und lassen Sie andre Ihre Güte genießen.« »Ach!« rief Géraldine ungestüm, »Sie ergeben sich also endlich! Seit wir beisammen sind, haben Sie mir nicht ein wahres Wort gesagt, aber Sie täuschen mich doch nicht. Ich lese in Ihrem Herzen: aus Stolz wollen Sie die Glückliche spielen!« »Nein! Nein!« versicherte Annina mit lächelnder Bestimmtheit. »Da sind Sie nun im Irrtum, Liebste. Der Anblick des schönen Kinds, um das alle Frauen Sie beneiden müßten, hat mich weich gestimmt, eine andre Bedeutung dürfen Sie meinen Worten nicht unterschieben. Ich nehme nichts zurück, was ich Ihnen gesagt, und Sie dürfen sich nicht einbilden, daß es anders um mich stehe.« Sie erhob sich nun, legte ihren Kragen um und band ihren Schleier fest, wobei Géraldine sie scharf beobachtend ansah. »Ich freue mich sehr, Sie getroffen zu haben. Es hat mir wohlgetan, ein Stündchen von alten Zeiten plaudern zu können. Ich werde wiederkommen ...« »Jetzt ist's an mir, Sie zu besuchen. Wo wohnen Sie?« »An der Straße nach Villafranca, man nennt die Villa das ›Englische Haus‹ ....« »Mir wohl bekannt! Wann trifft man Sie?« »Den ganzen Tag. Wenn ich ausgehe, so mache ich nur einen Spaziergang in den Wald, dessen Kiefern und Olivenbäume unser Haus wie ein Park umgeben und wo Sie mich leicht finden können ...« »Und wenn ich Valançon mitbrächte?« »So wird er mir willkommen sein!« »Auf baldiges Wiedersehen, also!« Als André abends zu Tisch kam, sagte Annina beiläufig: »Ich war heute in der Stadt, um Besorgungen zu machen, und da stieß ich auf Frau Valançon. ... Wußtest du, daß Valançon hier ist?« André wurde etwas verlegen. »Ja ... vor ein paar Tagen habe ich davon gehört ... er spielt eine Hauptrolle bei der Anordnung des Blumenfestes, wovon ich dir sprach. Ich weiß nicht recht, wie's kam, daß ich dir nichts davon erzählt habe. Wenn du dich übrigens entschlossen hättest, dem Fest beizuwohnen, so wäre ein Zusammentreffen mit den einstigen Freunden unvermeidlich gewesen. Wie hat sich denn Frau Valançon verhalten?« »Überaus liebevoll.« »Wirklich? Das ist ja gut.« »Was hast du denn gefürchtet?« »Da Valançon als Zeuge des Herrn Trélaurier bei mir erschienen ist, hätte es wohl sein können, daß er und seine Frau gegen dich Partei genommen hätten ... es ist mir sehr angenehm zu hören, daß dem nicht so ist. Frau Valançon ist übrigens eine Klatschbase schlimmster Sorte, und da man ihr den Mund doch nicht verschließen kann, ist es angenehmer, ihre Sympathie zu besitzen. Was Valançon betrifft, so ist er ein sehr anständiger Mensch, ich glaube aber nicht, daß er für mich viel übrig hat. ... Was liegt mir daran? Wenn er nur dir gut gesinnt ist ...« »Ich glaube, daß er mich mit seiner Frau besuchen wird ...« André verzog den Mund und sagte mit etwas gezwungener Liebenswürdigkeit: »Du bist die Herrin des Hauses, all deine Freunde können auf freundliche Aufnahme rechnen ...« Dann stellte er sich, als ob das Nizzaer Tageblatt und die Fremdenliste darin seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nähmen, und tat den Mund nicht mehr auf. Annina konnte nicht daran zweifeln, daß Valançons und seiner Frau Auftauchen in ihrem neuen Leben bei André eine plötzliche Verstimmung hervorgerufen hatte, und das bekümmerte sie sehr. Was konnte er denn fürchten, da er ihrer doch wahrlich sicher war? War es unbewußte Eifersucht auf die Gefährten des früheren Daseins? Fürchtete er, daß weiblicher Einfluß auf die Dauer seine unbedingte Herrschaft erschüttern könnte? Jedenfalls war nicht zu leugnen, daß André die Nachricht von Valançons Aufenthalt in Nizza mit Mißvergnügen aufgenommen, ja daß er Annina die Anwesenheit des Malers verschwiegen hatte. Er war ja genötigt gewesen, einzugestehen, daß er von Valançons Beteiligung an dem bevorstehenden Fest wußte. Diese Wahrnehmung tat Annina weh. Zum ersten Male seit einem Jahr hatte sie das Gefühl, nicht alle Gedanken Andrés zu kennen und zu teilen, die Ahnung, daß er in einem dunkeln Winkel seiner Seele Entschlüsse faßte, Pläne ausheckte, die ihr sorgfältig verborgen wurden. Das versetzte sie in innere Bedrängnis. Sie hatte sich so rückhaltlos hingegeben, daß der Gedanke, André habe sie mit Vorbehalt hingenommen, unerträglich war. Noch kam ihr auch nicht im entferntesten die Vorstellung, daß der Geliebte sich je von ihr lösen könnte, denn die Zärtlichkeit, womit er sie in ehrlicher Glut überschüttete, war zu lebendig, als daß irgend eine Angst in ihr hätte aufsteigen können, aber trotzdem war er nicht ganz offen, er hatte Vorurteile, die er ihr nicht erklärte, Besorgnisse, woran er sie nicht teilnehmen ließ. Sie war viel zu taktvoll, um ihm Vorwürfe zu machen, aber sie beschloß, von nun an auf ihrer Hut zu sein und sich nicht mehr in die vertrauende Sicherheit glücklicher Liebe einwiegen zu lassen. Gleich am nächsten Tag sollte ein alltäglicher Zwischenfall sie noch mehr zum Nachdenken veranlassen. Annina war gegen zwei Uhr, wie sie immer tat, durch die kleine Gartentüre hinausgegangen in den Wald, doch nach ein paar Minuten fiel ihr ein, daß sie ihr Buch vergessen hatte. Sie kehrte deshalb um, ging wieder durch den Garten, nahm das Buch vom Tisch in ihrem Wohnzimmer und wollte sich schon entfernen, als ein heftiges Gezänke zwischen ihrer Jungfer Zoë und Andrés Kammerdiener im Nebenzimmer ihr Ohr erreichte, so daß sie erschrocken stehen blieb. »Ich hab's satt, all meine Ersparnisse in den Kaffeehäusern verplempern zu lassen, wo du den ganzen Tag herumlungerst,« kreischte das Mädchen. »Wenn man jung und hübsch ist, wie ich, und seinen Schatz zahlen soll, das ist doch zu dumm! Wenn ich wollte, könnte ich genug Liebhaber haben, die mir was gäben und obendrein liebenswürdiger wären!« Artur würdigte diese Vorwürfe und diese Drohung keiner Antwort, aber eine schallende Ohrfeige zeugte von der Festigkeit seiner Grundsätze im Punkt der Ritterlichkeit. »So, da hast du eins!« rief er mit wuterstickter Stimme. »Jetzt kannst du doch nicht mehr sagen, ich gäbe dir nichts!« Das Getöse wuchs an, Möbel wurden hin und her gestoßen, wütende Fußtritte erschütterten das ganze Haus. »Canaille du! Warte nur!« schrie die Kleine. »Sieh mal, die Kröte!« knirschte Artur. »Das Weibsbild will mir wohl die Augen auskratzen!« »Meinst du mit mir fertig zu werden durch Dreinschlagen? Ich fürchte mich nicht vor dir, hörst du? Ich bin kein solches Schaf wie die Gnädige, die ihrem Vicomte Hab und Gut überläßt. Du hast mich jetzt genug geschröpft, mein Lieber, damit hat's nun ein Ende! Und dabei hintergehst du mich mit all den Dirnen vom Alten Markt, diesen Greueln von Unsauberkeit, die sich nur jeden Schalttag einmal waschen und nach Knoblauch stinken, daß man umfällt! Geh doch zu deinen orangegelben Schätzchen und laß dir von denen das Geld geben zum Kartenspiel! Nein, mir ist die Geschichte über! Die saubern Manieren lernst du wohl von deinem Herrn?« »Der Herr Vicomte ist ein Mann, der so hoch über einer Schlange wie du steht, daß du gar nicht im stande bist, ihn zu begreifen,« sagte der Kammerdiener von oben herab. »Mein Herr ist ein überwältigender Mensch, wie man ihrer nicht viele trifft, daher auch seine Erfolge, deshalb haben die Frauen sich ihn von je streitig gemacht. Wenn du mich zu beleidigen glaubst, indem du sagst, ich ahme ihm nach, so täuschst du dich gründlich, Kleine. Ganz gewiß versuche ich, es ihm gleichzutun, aber nur von ferne, mit schwachen Mitteln. Ich muß in meiner Sphäre bei den geringen Mädchen bleiben, er aber treibt's nur mit vornehmen Damen!« Jetzt trat Stille ein. Annina, der das Herz bei diesen schmutzigen Reden bis in den Hals schlug, zitterte derart, daß sie sich auf den Tisch stützen mußte, um nicht zu fallen. Dann setzte Zoë etwas beruhigtere Stimme wieder ein. »Du hast allerdings besondern Schick,« sagte sie mit einem Hohn, der die innere Befriedigung durchklingen ließ, »aber trotzdem bist du im Grund eine Canaille ...« »Laß mich ungeschoren mit deinen albernen Vorurteilen,« versetzte der andere, durch Zoës unterdrückte Bewunderung gehoben. »Wenn man mit den Weibern so viel Umstände machen müßte, das wäre mir was Rechtes! Im Herzensspiel gewinnt immer der Schlaueste, und wer verliert, wird noch ausgelacht! Denk doch nur an den Ehemann deiner Gnädigen, wie hat man's dem gemacht! Und dabei gibt's keinen besseren Mann als ihn, und mein Schwerenöter von Vicomte kann's wahrhaftig an Herz nicht mit ihm aufnehmen. Aber siehst du, wie's geht? Man ist beleibt, schwerfällig, wird grau, bekommt Blutandrang, weil man den ganzen Tag im Geschäft sitzt, um Hunderte und Tausende zusammenzuraffen für die Pracht des Haushalts, und mittlerweile schwänzelt ein hübsches junges Kerlchen mit blondem Haar und einer Wespentaille, das auf der Welt nichts zu tun weiß, als spielen – wobei es nebenbei ein schlechtes System hat – um die Frau herum, Räder schlagend wie ein Pfau. Er ist hübsch, dieser Vicomte, er ist unternehmend, ist unwiderstehlich. Und dann hat er riesige Bedürfnisse und keinen Heller; er braucht eine Frau, die Geld hat, deshalb wagt er den Angriff auf die Bankiersgattin, haarklein wissend, wohin das führen wird. Entweder wird die Gnädige sich alle Tage heimlich aus dem Staub machen, um von fünf bis sieben Uhr mit ihm zu schäkern, während er sich mit dem Gatten anfreunden und mit der Zeit an den Finanzoperationen des Hauses Anteil gewinnen wird, wodurch er sich reichlich bezahlt machen kann für alle Liebesdienste, oder die Gnädige läßt alles liegen und stehen, setzt alle Rücksichten beiseite, dann kann man sein Leben in den Badestädten genießen, denn sie bringt ja das Geld dazu mit! Nur heraus mit dem Scheckbuch! Siehst du, mein Seelchen, so macht man's, wenn man nicht von den Weibern gefoppt werden will: man foppt sie selbst! Wunderst du dich etwa noch, daß ich selbst nach den Grundsätzen handle, die ich dir wie ein Rechenexempel klargelegt habe? Hältst du mich für einen Tugendfatzke? Nein! So ist's recht! Komm, gib deinem Schatz einen Kuß und rücke mit den fünfzig Franken heraus, die er nötig hat, um dir Ehre zu machen!« »Nein, was du für ein nichtsnutziger Kerl bist!« sagte Zoë, noch etwas schmollend. »Du möchtest vielleicht, daß ich ein Spießer wäre, der Heiratsgedanken im Kopfe hat? Würde nicht lang dauern, hättest du mir Hörner aufgesetzt! Komm, hab' doch den Mut deines Geschmacks! So einer, wie ich bin, das ist dein Fall! Du bist nicht dumm und begnügst dich nicht mit dem Alltäglichen! Du hast's dick hinter den Ohren! Nun, dann benimm dich auch wie eine Dame!« »Nun, meinetwegen ... aber dies ist entschieden das letzte Mal! Vor allen Dingen weil ich nichts mehr habe ...« »Ach, das sagst du immer und hast doch immer wieder Geld! Leb wohl, Schätzchen. ... Jetzt gib deinem Herzallerliebsten noch einen schönen Kuß. Und nun will ich den Rappen tüchtig laufen lassen.« Annina hörte das Geräusch eines Kusses. Mit zitternden Knieen und benommenem Kopf eilte sie, um nicht als Lauscherin ertappt zu werden, in den Garten und vom Garten an ein einsames Plätzchen in ihrem Wald. Dort setzte sie sich nieder und suchte ihre Gedanken zu ordnen. Was sie an dem belauschten Gespräch am meisten verblüffte, war, daß die Leute ihr eigenes ekelhaftes Verhältnis offenbar ganz auf eine Stufe mit dem ihrigen zu André stellten. Als sie sich der erniedrigenden Aussprüche erinnerte, die sie mitangehört hatte, stieg eine Übelkeit in ihr auf, als ob sie am Rand einer Kloake säße. Dann drängte sich ihr die sehr ernste, sehr schmerzliche Gewißheit auf, sie müsse aus diesen Enthüllungen eine Lehre ziehen. So niedrig die Gesinnung dieser Menschen auch war, so verworfen diejenigen, die sie ausgesprochen hatten, es war nichtsdestoweniger ein Urteil gefällt worden und dieses Urteil hatte, der gemeinen Form entkleidet, einen Wert, womit man rechnen mußte, denn es konnte auch das Urteil vieler andern sein, die in gemäßigterer Form doch das nämliche denken mochten. Zum ersten Male, seit Annina mit den Gesetzen der Gesellschaft gebrochen hatte, trat unmittelbar an sie heran, »was die Leute sagen«. Sie hatte den Mut, diese Meinung ergründen zu wollen, um sich nicht nur über ihre gegenwärtige Lage Rechenschaft zu geben, sondern auch ins Auge zu fassen, wie ihr Leben sich künftig gestalten möchte. In dieser Hinsicht waren Arturs Auslassungen über den Charakter seines Herrn wertvoll, und wenn das Sprichwort Gültigkeit hat, daß keiner für seinen Kammerdiener ein Held ist, so hatte Annina, nachdem sie Artur hatte reden hören, allen Grund, zu zittern. Im Heidekraut sitzend, vom würzigen Harzduft der Kiefern umweht, hing sie ihren Gedanken nach. Etwas Tröstliches, für sie das Allerwichtigste, ließ sich ja aus diesen Äußerungen entnehmen: André hinterging sie nicht. Zoë hatte von der Untreue des Dieners, nicht von der des Herrn gesprochen. Gewiß würde sie nicht verfehlt haben, ihm auch die Streiche seines Herrn an den Kopf zu werfen, wenn dieser solche begangen hätte, die ihr sicher nicht verborgen geblieben wären. Sie hatte nur die Geldfrage berührt, das war also die einzige, die für sie vorhanden war. Aber wie ernst und wie grausam lehrreich wurde diese durch die schmutzigen Erläuterungen, womit der Bediente sie verbrämt hatte! Die Käuflichkeit der Liebe wurde unverblümt als Grundsatz aufgestellt: der arme Liebhaber braucht die reiche Frau. Anninas Herz zog sich schmerzlich zusammen, als sie sich selbst eingestehen mußte, daß André von Preigne dieses ganze Jahr auf ihre Kosten gelebt hatte, daß er sich große Summen angeeignet hatte, indem er sie darauf vertröstete, daß ihm nächstens ein bedeutender Gewinn zufallen müsse. Aber dieser bedeutende Gewinn diente ihm, wenn er je eintrat, nur dazu, höhere Einsätze zu wagen, und Annina sah das Geld, das einmal hinausgeflattert war, niemals in ihre Schublade zurückkehren. An sich war ihr dies ganz gleichgültig, aber die sittliche Schwäche, die sich in dieser Handlungsweise offenbarte, machte ihr Kummer. Sie wußte jetzt, daß ihre Hilfsquellen erschöpft waren, und er konnte darüber auch nicht im Zweifel sein, da sie ihm ja vor der Abreise aus La Condamine ihre Verhältnisse deutlich auseinandergesetzt hatte. Wenn André, wie sein Kammerdiener richtig sagte, nur die reiche Frau an ihr begehrt hatte, was sollte dann aus ihr werden, wenn sie arm würde? Und sie war es. Sie war fest entschlossen, Trélauriers Geld nicht mehr anzunehmen, aber was würde dann geschehen? Würde André sie lieb genug haben, um in beschränkten Verhältnissen bei ihr auszuharren? Oder würde er sich, wie sein Kammerdiener so fest behauptete, als der Don Juan entpuppen, der von den Weibern lebt und der Geliebten den Laufpaß gibt, deren einziger Reichtum eben die Liebe ist? Die Worte, die ihr Gatte bei dem entsetzlichen Auftritt vor ihrer Reise gesprochen hatte, kamen ihr wieder in den Sinn. Sie sah Trélaurier vor sich, wie er sie mit schmerzentstellten Zügen beschwor, sich nicht zu Grunde zu richten, und, um sie vor der Gefahr zu schützen, die er deutlich voraussah, nur ihr eigenes Interesse geltend machte. »Du sollst klar darüber sein, daß er vom Spiel und den Frauen lebt!« hörte sie ihn mit gebrochener Stimme rufen. »Er ist ein gewerbsmäßiger Verführer! Dieser Mann, meine arme Annina, würde dich unwiderruflich zu Grunde richten!« Mit welch angstvollen Blicken, in welch schmerzlichen Tönen hatte der unglückliche Trélaurier sie nicht angefleht, und mit welcher unbeugsamen, eisigen Gleichgültigkeit hatte sie ihn angehört! Die glühenden Zornesworte, die er gesprochen, die gleich Peitschenhieben auf André niedergesaust waren, die Verzweiflungslaute, womit er sie angefleht, sich ihrer selbst zu erbarmen, die Innigkeit, womit er sie beschworen hatte, zur Besinnung zu kommen, seine Bereitwilligkeit, zu vergeben, zu vergessen, wenn sie sich nur nicht dem Unglück der Enttäuschung, der Verlassenheit aussetzen wollte, alles war an ihr abgeglitten. Weder die Beschimpfung ihres Geliebten, noch die an sie gerichteten Bitten hatten sie zu rühren vermocht, die qualvolle Seelenpein des Mannes, der sie vergötterte, der vor Jammer schluchzte und mehr um sie als seiner selbst willen litt, hatte sie vollständig kalt gelassen. Und doch hatte er recht, aber vom Schwindel erfaßt, war sie unfähig, es zu begreifen; der Liebeswahn hatte ihr Augen und Ohren verschlossen. Sie war nur noch ein Wesen, das der Naturtrieb fortreißt zu den trunkenen Wonnen einer Liebe, die sie sich ewig und göttlich schön gedacht hatte. Dem hatte sie ihre Ehre, ihre Sicherheit, das Lebensglück des Gatten geopfert, aus dem strahlenden, sicher gegründeten, verheißungsvollen Aufbau ihres Lebens hatte sie einen Trümmerhaufen gemacht. Was war das Ergebnis? Grauen davor schüttelte sie jetzt. Ein einziges Jahr hatte genügt, die vernichtenden Prophezeiungen zu bestätigen, die Trélaurier ausgesprochen hatte, als er sie unter Tränen beschwor, nicht von ihm zu gehen. Aber Annina sah ihrem Schicksal ins Antlitz, ohne zusammenzubrechen. Sie entwickelte so viel Tapferkeit im Ertragen der Folgen, als sie Verwegenheit entwickelt hatte, um das Recht ihres Handelns zu erobern. Sie hatte bewußt, freiwillig gehandelt, sie mußte also den daraus entstandenen Widerwärtigkeiten die Stirne bieten, sie zu überwinden trachten. Aber ihre Lage war sehr ernst, das wurde ihr immer klarer, und ihr überreiztes Hirn, von dem plötzlich die Dumpfheit gewichen war, machte sich rasch ans Werk, die möglichen Lösungen zu prüfen und zu einem Entschluß zu gelangen. Mit Bestürzung mußte sie erkennen, daß sie sich ohne jede Bürgschaft, ohne jede Sicherheit, wie eine Wahnwitzige in das Abenteuer ihrer Liebe gestürzt hatte. Zwischen ihr und André hatte nie, in keinem Augenblick ein Gleichgewicht der Gefahren bestanden: sie gab alles hin, er fast nichts. Als sie ihm die Abreise angeboten hatte, war sie dem Verhängnis entgegengeeilt, und als er darauf einging, sie zu begleiten, bedeutete das für ihn nicht mehr als eine Vergnügungsreise mit einer hübschen Frau, in die er verliebt war. Er konnte diese Vergnügungsreise ausdehnen oder abkürzen, je nachdem sie ihm Annehmlichkeiten und Vorteile bot, sie aber ...! In einem Augenblick ermaß sie den Abstand, der zwischen ihrer und seiner Verantwortlichkeit, ihren und seinen Verpflichtungen lag. Sie begriff die ganze Gefährlichkeit ihrer Lage. Wenn André sie weniger lieben, sie gar zu lieben aufhören würde, war sie verloren, wurde sie gesellschaftliches Strandgut. Die Notwendigkeit, den Geliebten festzuhalten, sich mit aller Gewalt an ihn zu klammern, wurde ihr klar, aber als sie in ihren Gedanken an diesen Punkt gekommen war, ließ sie mutlos den Kopf sinken. Sich anklammern an den Mann, den sie liebte, war das nicht das sicherste Mittel, ihn sich zu entfremden? Würde ihm ihre Treue nicht lästig werden, wenn er ihrer einmal überdrüssig war? Entsetzen ergriff sie, es flimmerte ihr vor den Augen und sauste in ihren Ohren, und ihr war, als ob das Meer, das unabsehbar wie eine Türkisenschale vor ihr lag, heraufsteige bis an ihre Füße, um sie zu verschlingen. Vor ihrem inneren Blick tauchte das Bild entehrender Streitigkeiten, harter Forderungen, grauenvoller Hilflosigkeit auf, und sie hatte die bestimmte Empfindung, daß es weit besser wäre, in dieser blau schimmernden Unendlichkeit klaren Wassers friedlich den letzten Schlaf zu schlummern, als verbissen um ein Herz zu kämpfen, das sich ihrer Treue entziehen, ihrer Zärtlichkeit verschließen würde. Allein das Schreckensgesicht entschwand, Annina beruhigte sich in dem Gedanken, daß ihre Angst gegenwärtig noch unbegründet, daß von allem, was sie zu fürchten hatte, noch nichts eingetreten sei. Schließlich hatte sie ja nur eine Warnung erhalten, die sie hellsehend gemacht hatte, fähig, sich zu verteidigen. Um so zu erschrecken, mußte sie doch warten, bis sie angegriffen wurde. André war ja noch immer voll Zärtlichkeit, voll Leidenschaft. Ein Verschwender, ein Mensch, dem alles Geld durch die Finger rann, das war er freilich, aber es war noch nicht bewiesen, daß die Rücksicht auf Annina seine Verschwendung nicht im Zügel halten, daß seine Neigung nicht ausreichen würde, ihn zur Beschränkung seiner Ansprüche zu veranlassen. Sie stand auf, dehnte, um des schmerzlichen Eindrucks Herr zu werden, ihren Spaziergang bis in die Nähe des auf dem Mont Bovon erbauten Forts aus und kehrte dann auf stillen Waldwegen zur Villa zurück. Wenn sie in den wirklichen Gemütszustand des Mannes, der jetzt ihr einziges Interesse im Leben bildete, einen Einblick hätte gewinnen können, so würde sie sowohl befriedigt als beunruhigt gewesen sein. Dieser war nicht leicht zu entwirren. Der Vicomte liebte Annina unbedingt, ja, wenn er darüber nachdachte, kam es ihm selbst unbegreiflich vor, daß nach Verlauf eines Jahres sein Verlangen nach ihr noch so lebhaft war als am ersten Tag. Noch nie hatte sein Herz derartige Beständigkeit gezeigt. Der junge Lebemann wunderte sich selbst darüber, ja es beunruhigte ihn sogar, und er fragte sich, ob diese unnatürliche Dauer seiner Gefühle nicht einige Genußmüdigkeit verrate. Daß seine schöne, wechselvoll auflodernde Glut vergangen war, bedeutete am Ende ein Zeichen des Verfalls? Sollte er schon alt werden? Das wollte er nicht zugeben, und so räumte er Annina die Ehre ein, seine Gewohnheiten gewandelt zu haben. In Wirklichkeit liebte er sie, wie er nie zuvor geliebt hatte. Die stolze Entsagung der jungen Frau, das vollkommene Geschenk ihrer selbst, rührten ihn, so hart und selbstsüchtig er sonst war. Die sieghafte Macht ihrer Schönheit, die überall, wo sie hinkamen, derart Aufsehen erregte, daß sie sich fast verkriechen mußte, um nicht unbescheidene Neugier und leidenschaftliche Huldigungen hervorzurufen, schmeichelte André. Er hatte die Genugtuung, die ihm diese Triumphe bereiteten, noch nicht erschöpft, und er konnte auch die großherzige Freigebigkeit nicht verkennen, womit Annina sich für ihn beraubte. Obwohl es ihm unbequem war, seine Gedanken auf materielle Fragen zu heften, bewahrte er doch der Geliebten eine gewisse Dankbarkeit für die Vorteile, die sie ihm verschaffte. Trotz alledem gärte eine gewisse dumpfe Mißstimmung in ihm. Seit Annina ihm erklärt hatte, daß sie entschlossen sei, sich nicht mehr an Trélauriers Kasse zu wenden, war das Geld knapp geworden im Hause. Die Kassette, worin Annina ihre Kassenscheine zu verwahren pflegte, war mit einem Male leer, wie eine versiegte Quelle, sie enthielt nichts mehr als das Scheckbuch des Hauses Barante, aber Annina hatte ja erklärt, sie würde sich dessen nicht mehr bedienen, und somit waren die Blätter ungefähr gerade so viel wert, wie das dürre Laub, worein sich die Goldklumpen im Märchen verwandeln. André hatte mehr als einmal die Kassette geöffnet und das Scheckbuch durchgeblättert, aber das weiße Papier war nur mit Frau Trélauriers Unterschrift in Geld zu verwandeln, und diese Unterschrift wollte Annina, wie sie bestimmt gesagt hatte, nicht mehr geben. Wozu also dieses Bündel weißer Blätter mit dem blauen Druck, der feinen Vignette an der Abreißstelle und der verführerischen leeren Stelle, wo man die Zahlen hinzuschreiben hatte? Gut für ... Man brauchte nur hunderttausend hinzusetzen und es war gutes Geld, lebendiges, klingendes, das so gern über den grünen Tisch gerollt wäre, und das der Kassierer einer beliebigen Bank ausbezahlt haben würde, ohne eine Miene zu verziehen. Damit war es zu Ende. Dieser Scheckblock, der so viel Kredit und Macht enthielt, schlief, ohne daß André ihm einen noch so bescheidenen Vorschuß hätte entlocken können, und in seiner Kasse war eine solche Ebbe, daß ihn seine Machtlosigkeit dem Schatz gegenüber, der gegen all seine Gelüste unerbittlich blieb, geradezu außer sich brachte. Er war überzeugt, daß, wenn er eine bedeutende Summe zur Verfügung gehabt hätte, gerade jetzt das so lang erwartete Glück eingekehrt wäre. Seit acht Tagen war im Rivieraklub eine ungeheure Partie im Gang, ein Kampf zwischen sämtlichen Spielern und einem österreichischen Adeligen, einem Grafen Czethiani, der Bank hielt und mit unverschämtem Glück gewann. André wurde aufgefordert, an dem Angriff teilzunehmen, den die ganze Gesellschaft von Spielern gegen den fabelhaften Glückspilz ausführen wollte, er hatte es aber abgelehnt, obwohl ihm sein Instinkt sagte, daß das Glück drauf und dran sei, sich von dem Bankhalter abzukehren, und daß sich eine einzigartige Gelegenheit biete, mit einem Schlag so viele Verluste hereinzubringen. Er hatte eben nur einige armselige Tausender zur Verfügung und war ein zu erfahrener Spieler, um nicht zu wissen, daß wer sich an einem hohen Spiel beteiligt, ohne die Mittel, auch im Falle des Verlusts eine Nacht hindurch fortmachen zu können, dem Feldherrn gleicht, der ohne Reserven sich in eine Schlacht einläßt. Er enthielt sich also des Spiels, war aber wütend. Ohne spielen zu können, ging er lieber gar nicht in den Klub, und so kam es, daß er sich bei Lady Brandon einführen ließ. Diese einstige amerikanische Sängerin, die von einem englischen Pair geheiratet wurde, besitzt am Carabacel eine prachtvolle Villa, deren grünender Park mit Marmorstatuen geschmückt ist. Auf dem höchsten Punkt des hügeligen Geländes erhebt sich in leuchtendem Weiß ein Tempel mit kannelierten Säulen, den die dankbare Diva der Musik errichtet hat. Lady Brandon, die jetzt eine Fünfzigerin ist, besaß einst die schönste Stimme, die man je gehört hat. Ihre Triumphzüge durch die ganze Welt hatten ihr Millionen eingetragen, und zum Überfluß hatte sie noch einen steinreichen englischen Lord, einen leidenschaftlichen Musikfreund, derart fanatisiert, daß er ihr seinen Namen gab, worauf sie von der Bühne zurücktrat. Die Villa Brandon ist während der Nizzaer Fremdenzeit der Sammelpunkt aller berühmten Künstler, die an der Riviera reisen, und die dort stattfindenden Konzerte, die zur Freude des Hausherrn alle berühmten Virtuosennamen aufweisen, haben einen bedeutenden Ruf. Als der Vicomte von Preigne bei Lady Brandon eingeführt wurde, war der französische Meister Vignot Gast des Hauses. Er hatte den großen Tenor Villedeuil mitgebracht, und von Italien her war eben die Cortazzi angekommen, die rotblonde Venezianerin, die in Verdis Othello Tamagnos Erfolg fast verdunkelte und die für die größte und zugleich exzentrischste Künstlerin der Sängerwelt gilt. Sie ist sehr schön, wenn auch nicht mehr ganz jung, und von einer Leichtfertigkeit der Sitten, die es verbieten würde, sie in guter Gesellschaft zu empfangen, wenn ihr ungeheures Talent nicht ein mildernder Umstand wäre. Sie war in voriger Woche unversehens bei Lady Brandon eingetroffen, schmerzverstört, schwarz verschleiert, voll Todessehnsucht, weil der junge Maëstro Varderella ihr eine Komödiantin niedrigster Gattung vorgezogen hat. Vignot hatte die verzweifelte Stimmung der Cortazzi benützt, um sie in kleinem Kreis die Arie der Dido aus den Trojanern singen zu lassen, und Lord Brandon erklärte der schönen Verlassenen im Überschwang der Kunstbegeisterung kalt lächelnd, daß er ganz glücklich sei über ihr Herzeleid, weil sie dadurch die Schmerzen von Berlioz' Heldin so unvergleichlich vortrage. Diese Lobsprüche hatten die Stimmung der Künstlerin ein wenig gehoben, und sie hatte sich bewegen lassen, von Schwarz zu Perlgrau überzugehen. Am Tag nach dieser Gesangsaufführung wurde André von Preigne durch seinen Freund Robert Chelmsford bei Lady Brandon eingeführt. Er trug einen einfarbigen grauen Anzug mit einem Strohhut, worin er nicht älter als zwanzigjährig aussah. Bei seinem Erscheinen wurden die Augen der Venezianerin starr, eine seltsame Arbeit schien sich in ihrem Geist zu vollziehen. Sie kam aus der dunklen Ecke hervor, worin sie ihrem Liebeskummer nachgehangen hatte, und trat zu der Gruppe, der sich der junge Pariser mit lächelnder Anmut beigesellt hatte. Man erzählte Anekdoten aus der Stadt, Klubklatsch und lachte fröhlich, als sich plötzlich die Cortazzi in den Kreis drängte. Das Spitzentuch, das ihr wundervolles rotblondes Haar verborgen hatte, war auf die Schultern heruntergefallen, neues Leben färbte ihre Wangen und der Lippen strenger Bogen hatte sich gelöst; sie zeigte sich teilnehmend, anmutig, und alle hatten den Eindruck, daß niemand als der Vicomte von Preigne diese Umwandlung hervorgebracht hatte. Er allein beachtete sie nicht und schien sehr überrascht zu sein, als Chelmsford auf dem Heimweg lächelnd zu ihm sagte: »Nun, Teuerster, Sie haben Ihre Zeit nicht verloren! Die Cortazzi ist auf dem Sprung, Romeo und Julie mit Ihnen zu singen.« »Machen Sie doch keine faulen Witze!« »Fällt mir gar nicht ein! Lady Brandon, die diese Cortazzi genau kennt, sagte, indem sie mir die Teetasse hinbot: ›Sehr nett von Ihnen, daß Sie uns den Vicomte gebracht haben, nun können wir mit Helena – so heißt die Cortazzi – machen, was wir wollen, vorausgesetzt, daß der hübsche junge Mensch dabei ist!‹« »Entschuldigen Sie, zur Anregung von Sängerinnen habe ich den Besuch nicht gemacht!« »Reden Sie nicht so leichthin von der Cortazzi! Seit der Patti hat kein Stern so hell gestrahlt. ... Einer solchen Künstlerin zu gefallen, ist nur schmeichelhaft!« »In der ersten Jugend scheint mir die Dame nicht mehr zu stehen, nicht einmal in der zweiten ...« »Hören Sie Ihre Stimme! Dann werden Sie ihr höchstens zwanzig Jahre geben!« »Ich habe nie viel Geschmack an den Damen vom Theater finden können und die Musik ist mir ein Greuel ...« »Sagen Sie das nicht!« »Gewiß sage ich das und wiederhole es mit tiefster Überzeugung! Diese fette Paduaner Henne mit dem roten Schopf hat gar nichts Verlockendes für mich, und wenn man sie überdies noch singen hören muß, so mache ich mich aus dem Staub.« »Ketzer!« Die beiden Freunde verabschiedeten sich, und André ging nach Hause, wo er Annina in ungewöhnlich ernster Stimmung vorfand. Sie hörte mit zerstreuter Miene an, was er ihr von seinem Besuch bei Lady Brandon erzählte, wobei er mit weibischer Eitelkeit den Eindruck schilderte, den er auf die Sängerin gemacht hatte. Er beschrieb indes deren Persönlichkeit in so spaßhafter Weise, daß Annina endlich lächelte. Zur Eifersucht neigte sie nicht, und sie hielt André nicht für fähig, sie zu hintergehen. Er hätte es ja so leicht gehabt, sich von ihr zu trennen, daß ihr der Gedanke, es könnte den Geliebten reizen, ihr eine Nebenbuhlerin zu geben, gar nicht in den Sinn kam. »Wenn deine Anwesenheit bei Lady Brandon genügt, die Sängerin anzuregen, daß sie Wunder tut,« sagte sie, »so wäre es sehr unliebenswürdig, den vielen Gästen, die in der Villa Carabacel Kunstgenüsse suchen, diesen Dienst zu versagen.« »Du bist eine seltsame Frau, Annina,« versetzte der Vicomte mit einem Anflug von Gereiztheit. »Ich sage dir doch, daß diese Komödiantin sich mir schamlos an den Hals wirft?« »Du hast doch wohl nicht zu befürchten, daß sie dich bis hieher verfolgt? Du sollst sie ja nur zum Singen bringen!« »Und wenn sie, nachdem sie gesungen hat und alle andern vergnügt sind, zu mir sagt: ›So, nun will ich meinen Lohn.‹ Was soll ich dann für ein Gesicht machen?« »Ach, lieber André, wenn sie die alte Dame ist, die du mir schilderst, wirst du dich schon aus der Schlinge zu ziehen wissen,« warf Annina etwas boshaft hin. »Vielleicht daß ich dich gar nicht zu dieser Gefälligkeit gegen Lady Brandon ermuntert hätte, wenn die Sängerin jung und hübsch wäre! Aber du weißt es ja, daß ich blindlings an dich glaube.« Anninas Sicherheit verdroß den Vicomte; er war es nicht gewöhnt, für harmlos angesehen zu werden. »Ein solches Vertrauen hast du zu mir?« fragte er, Anninas Augen flammten, und ihre Stimme zitterte, als sie ihm zur Antwort gab: »Was sollte aus mir werden, wenn ich nicht mehr vertrauen könnte, wo ich mich ganz und gar hingegeben habe? Mein Leben ist nur möglich unter der Voraussetzung, nicht an dir zu zweifeln. Wenn ich nur den Schatten eines Mißtrauens gegen die Aufrichtigkeit deines Gefühls für mich hätte, glaube mir, daß ich eine so furchtbare Unsicherheit nicht ertragen könnte und unverweilt ein Ende machen würde.« »Und auf welche Weise, wenn ich bitten darf?« fragte er mit dem Lächeln eines seiner selbst gewissen Menschen. »Indem ich fortginge, ohne einen Blick nach rückwärts zu werfen, mich für immer von dir trennte.« »Das vermöchtest du?« »Ich würde daran sterben, aber Verrat ertrüge ich nicht. Von allem Unrecht, das du gegen mich begehen könntest, würde es für diese Schuld allein keine Verzeihung geben.« »Was, Annina, du würdest mich verlassen?« sagte André mit seinem bezauberndsten Lächeln. »Ja, mein Freund, ohne Zögern, ohne Erwägen, ohne inneren Zwiespalt. So groß ist mein Grauen vor Lüge und Falschheit.« Sie sah eine Weile nachdenklich vor sich hin, dann setzte sie hinzu: »Wenn ich mein Haus verlassen habe, um der Schmach einer Zweiteilung zu entgehen, gegen die sich meine Natur empörte, so werde ich wohl nicht ertragen, daß der Mann, der mich liebt, mir Nebenbuhlerinnen gibt!« Der Vicomte, dem diese Wendung des Gesprächs etwas unheimlich vorkam, brach es ab, und da es zehn Uhr war und er sich bei Annina nicht sehr behaglich fühlte, nahm er Hut und Überrock und ging in den Klub. Nachdem er sich eine Weile in den Sälen herumgetrieben, trat er in das Zimmer, wo Baccarat gespielt wurde, und wo der österreichische Graf mit geradezu verletzender Verbindlichkeit fortwährend den Gegnern ihr Geld abnahm. Chelmsford, dem das Blut stark zu Kopf gestiegen war, rief, André bemerkend: »Sie, mein Lieber, sollten uns helfen, dies unerhörte Glück zu brechen. Da ist ein Einsatz von zwölf und einer von neun auf der andern Seite ...« Als ob dem Vicomte eine innere Stimme zuriefe: »Tu's!« wandte er sich ohne Zögern an den Klubdiener: »Bringen Sie mir tausend Louis.« Zum ersten Male, seit er in Nizza war, am Spieltisch Platz nehmend, begann er, die Bank mit Einsätzen von hundert Louisdor anzugreifen, und als ob das Glück nur seine Ankunft abgewartet hätte, um wetterwendisch zu werden, verließ den Bankhalter sein Stern. In Zeit von zwei Stunden mußte der Graf Czethiani zweihundertzwanzigtausend Franken herausrücken, wovon André achtzigtausend zufielen. Um ein Uhr morgens kam er, ganz von seinem Triumph erfüllt, in zärtlicher Stimmung nach Hause. Endlich fühlte er wieder festen Grund unter den Füßen. Das Glück hatte aufgehört, ihm zu grollen, jetzt war er wieder er selbst und in seiner vom Erfolg beflügelten Phantasie stand die Cortazzi wieder mit allen Vorzügen da, die seine mürrische Laune ihr streitig gemacht hatte. Ja, der Aberglaube des Spielers führte dahin, daß er dem plötzlichen Interesse, das die Italienerin ihm zugewendet hatte, den Umschlag seines Mißgeschicks zuschrieb, wofür er im geheimen seit sechs Monaten Annina verantwortlich machte. Die Sängerin gewann für diesen Fetischanbeter die Bedeutung eines Glückbringers, und als er sich am andern Morgen, eine Melodie summend, in seinem Ankleidezimmer fertigmachte, dachte André: »Wenn mich diese Cortazzi mit ihren wundervollen schwarzen Augen – daß sie schöne Augen hat, ist nicht zu leugnen – jeden Tag ansähe, wie sie mich gestern ansah, wäre ich bald aus der Klemme.« Achtes Kapitel Valançon arbeitete in seinem Atelier am Beiwerk des prachtvollen Porträts einer Miß Craushaw aus Philadelphia, das er in Auftrag hatte. Der Tag ging zur Neige, das tiefe Blau des Himmels begann grünlich zu schimmern, während die Sonne feuerrot, wie eine glühende Kugel in der Richtung der Lerinischen Inseln ins Meer hinabstieg. Géraldine trat ein, besah sich das Bild, machte eine kleine Ausstellung, die der Künstler berechtigt fand, und ließ sich dann ihrem Mann gegenüber auf ein kleines Stühlchen nieder. »Ich bin so verblüfft, als man nur sein kann. Den ganzen Tag geht mir im Kopf herum, was du mir heute früh gesagt hast, und ich komme zu keinem Entschluß. Wie denkst du denn selbst darüber?« »Ach, Kindchen, das ist eine heillos stachelige Geschichte! Die Mitteilungen, die man mir über diesen Grafen Czethiani gemacht hat, können ja möglicherweise unrichtig sein, und dann hätte man sich eine böse Geschichte auf den Hals geladen. Mich geht's auch schließlich gar nichts an, ob dieser Ungar, der in Wirklichkeit keiner sein soll, ein Grieche ist oder sonst etwas! Er betrüge die Dummköpfe, die gegen ihn spielen, sagt man. Wer heißt sie denn spielen? Der Vicomte von Preigne ist einer davon ... für den habe ich nun am allerwenigsten Teilnahme. Wenn wir nicht annehmen müßten, daß er Frau Trélauriers Geld verspielt, so würde ich's ihm nur gönnen, wenn er sich zu Grunde richtet.« »Wenn sich's nur um ihr Geld handelte, würde mir selbst das keinen Kummer bereiten,« fiel Géraldine ein – »Aber da ist ja auch eine Frau im Spiel, diese Italienerin, mit der er seit einer Woche den ganzen Tag zusammensteckt. Das ist das Schlimme. Was für eine Canaille der Kerl doch ist!« »Stimmt.« »Valançon, deine kleinen Pinselstriche auf dem Kleid dieser Amerikanerin gehen mir auf die Nerven. Willst du nicht so gut sein, die Palette beiseite zu legen und mich anzusehen? Nur wenn ich deine Augen sehe, weiß ich, was du wirklich denkst! Was würdest du an meiner Stelle tun?« »Das weiß ich nicht,« »Mein Gott, du bist unausstehlich! Irgend etwas muß ich doch tun!« »Ich sehe nicht recht ein, weshalb.« »Du meinst, ich solle den Dingen ihren Lauf lassen? Aber dann wird entsetzliches Unglück geschehen!« »Was für ein Unglück?« Valançon legte die Palette endlich weg, wandte sich Géraldine zu, steckte sich eine Zigarette an und hüllte sich in Rauchwolken. »Was für ein Unglück?« wiederholte die junge Frau. »Ja, wenn Annina erfährt, daß Preigne sie hintergeht, gemein hintergeht ...« »Hintergehen ist immer gemein.« »Mit der Cortazzi ...« »Was weißt du denn davon? Du warst ja nicht dabei.« »Ach, wie dumm du dich heute stellst! Du glaubst, daß die Person mit ihren vierzig Jahren diesen hübschen Burschen an sich lockt, um die musikalischen Umwälzungen in der italienischen Gesangschule zu erörtern? Hm, glaubst du wirklich?« »Ich wünsche aus Herzensgrund, daß dieser junge Laffe, der sich vor einem Jahr über Vernaut und mich lustig machte, indem er uns sein Wort gab, daß Frau Trélaurier, mit der er noch am nämlichen Abend durchging, nicht seine Geliebte sei, von der Person genasführt und mit allen ihm gebührenden Ehrenbezeigungen an die Luft gesetzt werde!« »Ja, du Unglücklicher, wie denkst du dir denn Anninas Gefühle dabei? Anninas, unsrer Freundin, Trélauriers Frau?« »In der Lage, worin sie sich befindet, könnte ihr gar nichts Besseres widerfahren!« »Und wenn sie sich das Leben nimmt?« »Daran wirst du sie verhindern,« »Und wenn mir das nicht gelingt?« »Nun, dann werden wir sie beweinen,« versetzte Valançon gelassen. »Das wird immer noch besser sein, als sie verachten, sie schließlich als eine Gefallene meiden zu müssen. Versteh mich recht, Géraldine, wenn Frau Trélaurier jetzt mit dem Vicomte bricht und ins rechte Geleise zurückkehrt, so kann sie noch gerettet, kann ihr Ruf wiederhergestellt werden. Wühlt sie sich aber noch weiter hinein in den Schlamm, der mir dieses Galgenvogels eigentliches Element zu sein scheint, so ist sie endgültig verloren, und Trélaurier mit ihr, denn ich kenne Felix, er wird sich nie darüber trösten! Das größte Glück, das Annina widerfahren könnte, wäre, daß sie zur Einsicht käme, nicht nur über die Verschuldungen des schönen André ihr gegenüber, sondern auch über ehrlose Handlungen, die er im Punkt des Geldes begeht. ... Es steht nämlich nicht nur der Fall Cortazzi auf der Tagesordnung, sondern noch andres, wovon ich dir bis jetzt nichts gesagt habe,« »Warum nicht? Worauf wartest du?« »Auf sichere Beweise für das, was man mir bisher nur angedeutet hat. ... Die Sache ist die: vor zehn Tagen hat der Vicomte, wie du weißt, dem Grafen Czethiani eine bedeutende Summe abgewonnen, die er am Tag darauf wieder an ihn verlor, samt bei der Klubkasse entlehnten sechzigtausend Franken. Die mußten in der vorschriftsmäßigen Frist heimbezahlt werden, da gab's kein Fackeln. Herr von Preigne stellte sich denn auch beim Bankhaus Seyton ein und erhob hunderttausend Franken auf einen von Frau Trélaurier unterzeichneten Scheck auf Barante in Florenz. Der Bankier Seyton, den ich täglich bei den Craushaws treffe, ein tadelloser Ehrenmann, zahlte sie aus, ohne die leiseste Schwierigkeit zu machen; da es ihm indessen sonderbar vorkam, daß Herr von Preigne an seine Kasse kam, um einen Scheck der Frau Trélaurier zu erheben, bat er, ihm Entlastung zu geben. Der Vicomte schien davon nicht angenehm berührt zu sein, unterschrieb aber, was ihm vorgelegt wurde, und ging mit seinen hunderttausend Franken davon. Als sich nun Seyton die Unterschrift des schönen André genauer ansah, fiel ihm namentlich in den großen Buchstaben die Ähnlichkeit mit Frau Trélauriers Unterschrift auf dem Scheck auf. Er beachtete den Umstand indes zuerst nicht weiter. Als aber der Vicomte, der in dieser Nacht abermals unglücklich gegen den Ungarn gespielt hatte, andern Tags wieder an der Kasse erschien und einen Scheck von Frau Trélaurier über hundertfünfzigtausend Franken einkassieren wollte, wurde Seyton stutzig und erklärte, daß er vorziehen würde, die Summe an Frau Trélaurier persönlich auszubezahlen. Bei diesem Wort erblaßte der Vicomte, warf sich aber in die Brust und nahm dem Bankier gegenüber eine so drohende Haltung an, daß dieser, der ja schließlich keine Berechtigung hatte, solches Mißtrauen zu zeigen, auch den zweiten Scheck ausbezahlen ließ. Um aber sein Gewissen zu beruhigen, schickte er beide Schecks an das Haus Barante in Florenz, mit der Anfrage, ob er unter diesen Umständen fortfahren solle, auch weitere Schecks zu honorieren. Zu seiner großen Bestürzung erhielt er vor drei Tagen ein Telegramm des Inhalts: ›Unterschrift gefälscht. Nicht mehr zahlen. Berichten nach Paris ...‹« Valançon hielt inne und sah seine Frau an, um den Eindruck seiner Worte zu genießen. Géraldine schlug bestürzt die Hände zusammen, blinzelte, als ob sie aus einem Traum erwache, und rief dann mit ihrem gewohnten Ungestüm: »Der Schurke! Bestiehlt seine Geliebte, um spielen zu können, und betrügt sie mit der Sängerin, um sich zu betäuben!« »Gemach, gemach!« mahnte Valançon. »Du bist zu ungestüm. Laß die Tragödie doch ungestört ihre Entwicklung bis zur Peripetie durchlaufen, denn vor einer Tragödie stehen wir ...« »Da bin ich in meinem Element! Und du Heimlichtuer wußtest solch haarsträubende Dinge und hast mir nichts davon gesagt! Vorwärts, laß mich nicht verschmachten ... ich ahne unerhörte Greuel!« »Du wirst die Wahrheit nicht erraten. Sie ist einfach, aber fürchterlich. Bühne und Roman geben nur blasse Schatten der Wirklichkeit, sie selbst aber ist ganz anders, roh und offen, macht keine Zugeständnisse an den Geschmack des Publikums! Weißt du, was dieser Lumpenkerl von Vicomte tat, nachdem ihm die Geldquelle verschüttet war? Statt gegen den Ungarn zu spielen, der immer gewinnt, hat er sich mit ihm verbündet, und sie halten jetzt auf gemeinsame Rechnung Bank.« »Und er weiß, daß es ein Gauner ist?« »Die einfache Tatsache dieser Teilhaberschaft ist der beste Beweis dafür! Ein leichtsinniger junger Mensch, der auf Kosten einer Frau gelebt hat – Vernaut hat uns ja darüber gründlich aufgeklärt –, fängt auch noch an, ihre Unterschrift zu fälschen. Kannst du von dem auch nur einen Augenblick annehmen, daß er sich mit einem Falschspieler großen Stils zusammentäte, ohne zu wissen, wie es mit dessen Spielmethode steht? Geh mir doch. Damit sind wir am Höhepunkt angelangt. Als du mich vorhin fragtest, was ich an deiner Stelle täte, habe ich dir zur Antwort gegeben, ich wisse es nicht, und ich weiß es auch ehrlich gesagt nicht. Man kann die Sache verschieden auffassen, und in der Wahl der richtigen Lesart liegt die Schwierigkeit.« »Aber bist du auch ganz sicher, daß dieser Graf Czethiani ein Gauner ist?« »Ach, du gehörst noch zu den harmlosen Seelen, denen ein Titel Eindruck macht, ich aber sage dir, je mehr Graf, je mehr Ungar er ist, je mehr Orden er im Knopfloch hat, desto mehr Grund zur Vorsicht! Du wirst sehen, daß er bei der Abwicklung der Affäre aus Marseille stammen, Marius heißen und sich statt der Orden eines Aktenfaszikels mit siebzehn Verurteilungen zu rühmen haben wird. Mit diesen ungarischen Grafen nimmt es immer ein solches Ende!« »Aber wer hat seine Kniffe beobachtet und Alarm geblasen?« »Damit kommen wir ins Possenhafte, das in keiner guten Tragödie fehlen darf, soll sie anders wirkungsvoll sein. Seit zwei Jahren heftet sich ein alter Spießbürger, dem er, ich weiß nicht was, zuleide getan hat, und der ihm Rache geschworen, an des Vicomtes Fersen. Wo der schöne André auch auftaucht, tritt der kleine Alte nach einiger Zeit auch auf den Plan, und unsre Blüte der Eleganz stößt überall auf diesen jämmerlichen Philister, der nicht aufhört, seine Fährte zu verfolgen, ihm nachzuspüren, ihn zu bewachen, nach ihm zu fragen, um verdrießliche Einzelheiten über ihn zu sammeln, Ungünstiges über ihn erzählen oder wenigstens andeuten zu können. Mit wahrer Leidenschaft schädigt er ihn, mit Liebe schwärzt er ihn an. Ich weiß von Vernaut, daß jener es war, der Trélaurier gewarnt hat, in der Hoffnung, dieser würde den schönen André niederschießen. Jetzt hat er, ich weiß nicht auf welche Weise, den Kommissär benachrichtigt, den die Pariser Polizei kürzlich nach Nizza geschickt hat, um einigen kleinen Unregelmäßigkeiten nachzuforschen, die im Kurhaus einer Rivierastadt vorgekommen sein sollen. Er hat erreicht, daß dieser sehr findige Polizist einen Abend im Rivieraklub zubrachte, um das Spiel des Grafen Czethiani zu beobachten, kurz die Sache ist zweifellos, und wenn der Graf ins Garn geht, wird der Vicomte mitgefangen.« »Aber wie kann man den Betrug überhaupt herausbringen?« »Nimm einmal an, daß der vornehme Fremdling, wie es wahrscheinlich ist, ganz ruhig ein paar Serien Karten in die Taille einschmuggelt, so braucht man ja, da die Zahl der Karten bekannt ist, nur die auf dem Tisch liegenden zu zählen, um zu wissen, wie viele hinzugefügt wurden.« »Und der Vicomte weiß das? Er ist im Einverständnis mit dem Gauner?« »Daß er's weiß, ist mehr als wahrscheinlich, denn er bleibt ja nach wie vor sein Verbündeter. An ein Einverständnis, das heißt, daß der eine zum andern gesagt hätte: ›Ich betrüge. Wollen Sie mir dabei helfen?‹ glaube ich nicht. Die beiden Spießgesellen werden sich wohl stillschweigend verständigt haben. Wahrscheinlich hat der Ungar gemerkt, daß der Vicomte seinen Kniff durchschaute und ihn sich zu nutze machen wollte, und um sich vor unliebsamen Zwischenfällen zu bewahren, ergab er sich in die Teilung. Mit einem Augenzwinkern haben sich die beiden Schurken als feine Männer von Welt dahin verständigt, ihre Kameraden gemeinsam zu plündern, und, der kleine Alte, der ihren Kniff entdeckte, hat in aller Stille die Verwaltung des Klubs benachrichtigt. Diese hat sich entschlossen einzugreifen, wenn auch nur sehr ungern. Ein derartiger Skandal kühlt die Spieler ab und macht, daß der Besuch für dieses Jahr flau wird, aber es muß etwas geschehen, damit der Klub selbst nicht in ein schiefes Licht kommt.« Valançon steckte sich eine frische Zigarette an, indes Géraldine ihren Gedanken nachhing. »Einerlei!« rief sie nach einer Weile. »Dein Vicomte von Preigne ist ein sauberer Patron, und Annina muß ihm aus den Klauen gerissen werden, koste es, was es wolle! Ich gehe ans Werk!« »Aber behutsam, wenn ich bitten darf! Du setzt viel aufs Spiel, Frau Trélaurier wird nicht leicht zu überzeugen sein. Das erste, was sie tun wird, ist sicher das, daß sie den Vicomte warnt und ihn damit gegen die Gefahr wappnet. Man wird dann die Möglichkeit verlieren, ihn zu überführen, und er wird über Verleumdung zetern. Annina desgleichen, denn sie wird sich ohne Zweifel auf seine und nicht auf unsre Seite stellen.« »Aber ich kann doch die unglückselige Frau nicht in diesem Sumpf von Gemeinheit versinken lassen und die Hände in den Schoß legen, statt ihr herauszuhelfen!« »Es wäre besser, Preigne Zeit zu lassen, sich bloßzustellen. Ist er einmal überführt, so kann man nicht mehr sagen: ›Ich glaube es nicht‹, denn man hat dann Tatsachen!« »Ach Gott, du machst mich ganz wirr! Was soll ich glauben, wozu mich entschließen?« Als ob der Zufall die Antwort auf diese Frage übernommen hätte, fuhr in diesem Augenblick mit großem Getöse ein Automobil am Gartentor vor und Frau von Préjean stieg aus in Begleitung von Saint-Yrieix, der als Samojede verkleidet zu sein schien und dessen Gesicht durch eine mit Stoff umkleidete Brille fast ganz verdeckt war, so daß er an die »Eiserne Maske« erinnern konnte. »Sieh mal!« rief Valançon. »Du weißt dir nicht zu helfen, und da sind Freunde von Frau Trélaurier, die dir raten können. Du hast ja Zutrauen zu Frau von Préjean, die auch eine gute Frau ist, wenn sie sich einmal entschließt, stillzusitzen. Tristan ist obendrein Anninas Vetter. Besprich also die Sache mit ihnen und handelt gemeinsam. Es ist jedenfalls besser, nur den dritten Teil der Verantwortlichkeit zu haben, für die Dummheiten, die etwa gemacht werden.« »Gehen wir hinunter!« Als sie die Gäste im Erdgeschoß begrüßten, hatte Tristan seine Ausrüstung abgelegt und wieder Menschenähnlichkeit gewonnen. »Meine Liebe!« rief Frau von Préjean, Géraldine die Hand drückend, »wir kommen von Turin über den Col di Tenda! Eine ganz außerordentliche Bergfahrt! Vierzig Kilometer in der Stunde, und zwar auf Straßen ...« Sie brach plötzlich ab und sah Frau Valançon aufmerksam an, dann fragte sie in verändertem Ton: »Was geht denn vor sich? Sie sehen ja ganz verstört aus! Ist Ihnen etwas Unangenehmes zugestoßen?« »Mir persönlich nicht ...« »Wem denn?« »Es handelt sich um Annina ...« »Preigne hat sie verlassen?« rief die junge Frau aufgeregt. »Wollte Gott, er täte es! Wenn's nur das wäre ...« »Sagen Sie mir alles! Tristan, setzen Sie sich! Wenn Sie sich vor mir aufpflanzen wie ein Fragezeichen, werde ich nervös! O Gott, die arme Annina!« Valançon gab seiner Frau einen Wink, sich mit ihren Eröffnungen noch ein wenig zu gedulden. »Verabreden wir zuerst, daß Sie bei uns zu Tisch bleiben! Wir müssen etwa zu treffende Maßregeln mit Muße durchsprechen und gemeinsam handeln ...« »Abgemacht!« sagte Tristan. »Ich will das Auto ins Hotel schicken, dann stehen wir ganz zu Ihrer Verfügung ...« »Und heute abend ist doch Ihr Fest im Kasino?« fragte Frau von Préjean. »Wir sind eigens deshalb zurückgekommen! Es wird wunderschön werden und ich habe einen entzückenden Domino ...« Als Saint-Yrieix zurückkam, setzte man sich, und Valaçon begann, den Freunden die Sachlage zu erklären. Im »Englischen Haus« hatte das Liebespaar unter vier Augen gespeist. Jetzt war der Vicomte in sein Ankleidezimmer gegangen, um Geld und Handschuhe zu sich zu stecken. Frau Trélaurier hatte es ihm abgeschlagen, ihn zum Fest zu begleiten, weshalb er eine gekränkte Miene zur Schau trug. Im Grund war ihm die Weigerung nicht so schmerzlich, denn sie ließ ihm Ellbogenfreiheit. Er hatte versprochen, Lady Brandon in der Villa Carabacel abzuholen und mit ihr hinzufahren. Lord Brandon hatte zwei Proszeniumslogen genommen, die Zwischenwand entfernen und durch seinen Gärtner den erweiterten Raum mit herrlichen Kamelien schmücken lassen. Alle Hausfreunde der Villa sollten sich im Theater treffen. Vignot war noch über diesen Tag in Nizza geblieben, und die Cortazzi, die feuriger, ausdrucksvoller und großartiger als je war, seit sie ihren Maestro über Andrés schönen Augen vergessen hatte, erwärmte alle durch ihre verliebte Glut. Mit entblößten Schultern wandelte sie durch die mondbeschienenen Gärten, den Marmor der Statuen an leuchtendem Weiß beschämend, und mit den Nachtigallen im Gebüsch um die Wette trillernd und tirilierend. Sie war von einer leidenschaftlichen Glut verzehrt, die aus ihrem ganzen Wesen hervorbrach, aus dem Blitzen der Augen, dem Klang der Stimme, dem Stolz der Haltung. Lady Brandon, die sich an diesem herrlichen Aufblühen der heißblütigen Künstlerin erfreute, begünstigte, so viel sie konnte, Preignes Begegnungen mit der Cortazzi. Als Vignot ihr lachend zum Vorwurf machte, daß sie eine gefügige Beschützerin des Leichtsinns sei, hatte sie ihm entgegnet: »Ach, mein lieber Meister, sehen Sie, die Kunst läutert ja alles! Die Hauptsache im Leben ist nicht, die Moral zu bewachen, sondern Schönheit hervorzubringen! Kann ein Abend wie der gestrige, wo Helena so wunderbar gesungen hat, überhaupt zu teuer bezahlt werden? Was schadet es uns, daß sie die ganze Herrlichkeit ihres Talents nur für diesen jungen Blondkopf entfaltete? Uns hat sie hingerissen, und das ist das Wesentliche! Mag sie ihn, wenn das Klavier geschlossen ist, in ihrem Wagen entführen und mit ihm zu Nacht speisen, wenn sie Lust hat, mich kümmert das sehr wenig!« »Sie sind eine Kupplerin des Erhabenen!« warf der Komponist lachend hin. »Wenn Sie wollen, ja, aber Lord Brandon weiß mir Dank dafür. Er war glücklich.« »Und ich auch.« Der Vicomte hatte trotz seines ersten abfälligen Urteils über die Sängerin nicht unberührt bleiben können vom Reiz dieser feurigen Natur, die so ganz anders war als Annina, und die sich in ehrlichen aber etwas auffälligen Gefühlsäußerungen ergoß. Die Cortazzi gehörte nicht zu den Frauen, die ein stilles, heimliches Glück genießen können, sie brauchte prunkhafte Inszenierung, hellsten Lichtglanz, um ihre Vorliebe kundzugeben; es genügte ihr nicht, einen Mann anzubeten, die Welt mußte auch darum wissen. André mit seiner kühlen, schneidenden Klarheit hatte dem Überschwang der Venezianerin eine vernichtende Höflichkeit entgegengesetzt, und diese, die sich verschmäht glaubte, war darüber fast wahnsinnig geworden und hatte mit tragischer Heftigkeit vom Sterben gesprochen. »Sappho letzter Akt. Ein Vorgebirge und eine unsterbliche Leier!« hatte der Vicomte gespottet. »Sie können etwas Gescheiteres tun, als sich in das bittere Meer zu stürzen! Nehmen Sie gütigst nicht Himmel und Erde zu Zeugen ihrer Gefühle, dann wird man Ihre Verzweiflung vielleicht lindern können. Nur keine Deklamation, keine Attitüden, keinen Lärm, oder ich reise nach Paris ab, denn alles, was dem guten Ton widerspricht, ist mir in der Seele zuwider!« »Du bist ein Kieselherz!« hatte Helena geseufzt. »Weshalb bist du so schön, wenn du so unbarmherzig bist?« »Mein Gott,« hatte der Vicomte leichten Tons erwidert, »solche Sachen singt man, aber man sagt sie nicht! Opernlyrik – es gibt nichts Langweiligeres.« Ihm zu Gefallen hatte die Cortazzi ihre Liebeswut gedämpft, ihren Blick verschleiert und vor allem hatte sie gesungen. Ach, wenn sie sang, konnte sie wohl Herzen bewegen! Sogar André, der kühle, spöttische Pariser, war ergriffen, wenn Helena, von Vignot begleitet, das zauberische Metall ihrer wunderbaren Stimme ertönen ließ. Dann verging ihm der Spott über ihre pathetischen Reden, das Ungestüm ihrer Liebesäußerungen; die Kunst lieh der Sängerin Laute, die ihm das Herz umkehrten, und ihre dadurch verklärte Schönheit war unwiderstehlich. Wenn André anfangs der Cortazzi seine Gunst geschenkt hatte, weil er sich einbildete, sie bringe ihm Glück im Spiel, so blieb seine Neigung trotz anhaltender Spielverluste unverändert, weil er sich dem Eindruck ihres herrlichen Talents nicht zu entziehen vermochte. Dabei gärte im geheimsten Grund seines Wesens ein dumpfer Groll gegen Annina, deren zu keinem Zugeständnis bereite Liebe ihn für den Fall der Untreue so stolz mit völligem Bruch bedroht hatte. Andrés angeborener Widerspruchsgeist war durch die ihm angedrohte Strafe für eine etwaige Übeltat wachgerufen worden, und dann war der Gegensatz zwischen der schlichten, ernsthaften, schwermütigen Annina und dieser phantastischen, überschwenglichen, sittenlosen Cortazzi so groß, daß er den unbeschäftigten Mann um seiner selbst willen ergötzte. Wenn man ihn vor die Wahl zwischen Helena und Annina gestellt hätte, würde er die Sängerin mit Abscheu von sich gestoßen haben, was ihn aber durchaus nicht hinderte, die Frau, die er wirklich liebte, zu hintergehen mit einer Person, über die er sich lustig machte, sobald er nicht unter dem Zauberbann ihrer Künstlerschaft stand. Als es zehn Uhr schlug, fuhr der von André bestellte Wagen am Haus vor. Annina hörte es mit einem Seufzer, nicht weil sie bereut hätte, dem Fest fernzubleiben, sondern aus Schmerz, daß er hinging. Sie konnte sich nicht verhehlen, daß er sie in letzter Zeit mehr als sonst vernachlässigt hatte. Zu stolz zu einer Klage, ließ sie ihm volle Freiheit, nach seinem Belieben zu gehen und zu kommen, aber sie stellte mit Betrübnis fest, daß Andrés Zärtlichkeit zwar dieselbe geblieben war, seine Aufmerksamkeiten aber bedeutend nachgelassen hatten. Lächelnd trat er in glänzendem Gesellschaftsanzug, eine Orchidee im Knopfloch, in ihr Zimmer; er schien in solcher Festesstimmung zu sein, daß die junge Frau sich Vorwürfe gemacht hätte, seine Laune zu trüben. Er kam auf sie zu, nahm ihre Hand und liebkoste sie sanft mit dem feinen duftenden Schnurrbart. »Sag einmal, Annina, ist dein Entschluß ganz unwiderruflich? Keine Reue? Nichts leichter, als dich jetzt noch anders zu besinnen! Der Domino, den ich dir besorgt habe, liegt in deinem Ankleidezimmer, du brauchst nur hineinzuschlüpfen und mitzufahren ...« »Ach, ich wäre dir ja nur im Wege!« versetzte sie mit einem klugen Blick. »Mir? Was fällt dir nur ein?« widersprach André lebhaft, obwohl er errötet war. »Kommst du nicht mit, so gehe ich in Lady Brandons Proszeniumsloge, kommst du mit, so führe ich dich in die des Klubs, und unter der Maske bist du ja völlig sicher. Außerdem würde ich, wenn dir das lieber wäre, all den Herren die Türe weisen, die Loge für mich allein behaupten. Ist's abgemacht? Kommst du mit?« »Nein! Ich bin schon am Einschlafen, ich glaube, daß ich's gar nicht mehr fertig brächte, eine Nacht zu durchschwärmen ... ich wäre eine schlechte Gesellschaft für dich. Du würdest dich nur langweilen. ... Geh du nur mit deinen Freunden ...« »Ach, Annina! Auf diese Weise zwingst du mich ja dazubleiben!« »Das will ich um keinen Preis. Dringe nicht weiter in mich, du siehst doch, daß ich nicht für derartiges tauge. Unterhalte dich gut und sei vernünftig!« »Ach, Liebste, ich bin ja in einem Kreis alter Damen! Eine Generation, die noch vom Kaiserreich spricht und sich heimlich nach der Krinoline zurücksehnt!« »Mache keinen Versuch, mich zu beruhigen! Wenn ich an dir zweifelte, würde das, was du mir erzählst, mein Vertrauen nicht stärken.« Sie lachten jetzt beide. André setzte sich neben die junge Frau und drückte sie, von seinem Gewissen gemahnt, mit solch glühender Leidenschaft an sich, daß Anninas Augen flammten. Ihre Lippen berührten sich, aber nach einem kurzen Augenblick machte sie sich frei und sagte in verändertem Ton: »Es ist Zeit! Mach, daß du fortkommst ...« Er wollte sie wieder umschlingen, aber sie drängte ihn sanft zurück, richtete den Knoten seiner weißen Krawatte auf, rückte mit leichter Hand die Blume in seinem Knopfloch zurecht und sagte, ihn am Arm nehmend, schelmisch und mütterlich: »Ich werde dich in den Wagen setzen.« Sie traten in den Garten hinaus. Die Nacht war lau, voll milden Lichts, das vom sternbesäten Himmel ausstrahlte. Starker Erdgeruch stieg vom Boden auf und die Blumen dufteten, von der Abendkühle erfrischt, fast betäubend. Über das regungslose Meer goß der Mond seine blasse Klarheit, eine friedliche Heiterkeit umhüllte alle Dinge. Annina und André, die aneinandergeschmiegt durch die bläuliche Szenerie des geheimnisvollen Gartens schritten, verlangsamten unwillkürlich den Schritt, um den wonnigen Augenblick auszukosten. Der Kutscher, der sie kommen sah, sprang vom Bock und riß mit echt italienischer Dienstbeflissenheit den Schlag auf. Annina zog ihren Arm aus dem des Geliebten und bot ihm am Gartentörchen lächelnd die Stirn zum Kuß. »Denke doch auch ein wenig an mich ...« Er küßte sie und sprang in den Wagen. Der Kutscher trieb die Pferde an und Annina sah nur noch den zitternden Schein der Laternen auf der dunkeln Straße. Mit einem Seufzer wandte sie sich langsam zum Haus zurück, setzte sich an den Platz, den sie vorhin verlassen hatte und versank in Träumerei. Um sie her war tiefste Stille; die Dienstboten hatten sich in die unten gelegene Küche zurückgezogen. Annina konnte sich allein glauben in dem Häuschen, das so klein und doch für ihre Einsamkeit so groß war. Wie lang sie wohl so gesessen haben mochte? Sie hatte alle Schätzung der Zeit verloren, als das Rollen eines Wagens sie aus ihrem Sinnen riß. Sie sah den Wagen am Garten halten und hatte die Idee, André komme zurück. Erstaunt und ein wenig beunruhigt schickte sie sich an, hinunterzugehen, als sie in dem zum Haus führenden Laubgang zwei Frauengestalten unterschied und eine Stimme, an der sie Frau von Préjean erkannte, von weitem rief: »Bleiben Sie, wo Sie sind, Annina, mir kommen!« Jetzt wirklich beängstigt, blieb Annina im Rahmen der Türe stehen, oben an den Stufen, die vom Zimmer zum Garten herabführten. Der Umriß ihrer Gestalt hob sich dunkel ab von dem Lichtschein, der aus dem Zimmer drang, und der Mond fiel hell auf ihr schönes Gesicht, das in seinem Glanz sehr blaß erschien. »Wer kommt denn mit Ihnen?« fragte sie besorgt. »Ich bin's, Géraldine!« »Ja, was ist denn nur?« »Warten Sie! Wir sind gleich da.« Sie hatten die Terrasse erreicht, stiegen langsam die Stufen herauf und traten bei Annina ein. Beide Frauen sahen so ernst aus, daß Annina bei einem Blick in ihre Gesichter ein Frösteln überlief. Das Vorgefühl eines großen Unglücks bemächtigte sich ihrer, und voll Ungeduld, alles zu erfahren, blieb sie vor den Freundinnen stehen, ohne ihnen auch nur einen Sitz anzubieten. Als ob diese an Höflichkeit und Schicklichkeit gedacht hätten! »Wir sahen Preigne wegfahren,« begann Frau von Préjean rasch, »wir hatten nämlich an der Straßenkehre seinen Wagen abgewartet, denn wir wollten ihn nicht treffen. Er ist so gewitzt, daß er sofort Verdacht geschöpft hätte, und dann wäre alles verloren.« »Alles? Ja was denn?« stammelte Annina von furchtbarem Argwohn erfaßt. Frau von Préjean ergriff ihre beiden Handgelenke und sah ihr tief in die Augen, als ob sie ihr die Überzeugung von ihrer ehrlichen Freundschaft förmlich aufdrängen wolle. »Annina, Sie wissen, daß ich Sie liebhabe, daß ich nicht fähig wäre, Ihnen zwecklos wehzutun, und daß, wenn ich Ihnen großen Schmerz bereite, es nur geschieht, weil ich für Sie Großes davon hoffe ...« Frau Trélaurier war außer stande, mehr zu ertragen. Sie wurde leichenblaß, ihre schönen Augen sanken ein, daß sie ganz schwarz erschienen, und ihre Lippen zitterten wie bei einem Fieberkranken. »O mit einem Schlag!« rief sie. »Tötet mich mit einem Schlag, gebt mir das Gift nicht tropfenweise. André ist mir untreu? Er verläßt mich? Ich bin verloren, nicht wahr?« Ihre Finger kämpften sich unter Frau von Préjeans Händen zusammen, daß sie knackten. Sie wartete nicht mehr auf Antwort, sie hatte sie auf den verstörten Gesichtern der Freundinnen schon gelesen. Mit einem Schmerzenslaut, aber immer noch ihrer selbst mächtig und stark genug, selbst die Verzweiflung zu bekämpfen, rief sie: »Sagt mir, was ich tun muß, um ihn meiner Nebenbuhlerin zu entreißen, ihn wieder zu gewinnen, ihn mir zu retten!« Géraldine hatte den Mut, ihr darauf zu entgegnen: »Setzen Sie sich nicht zur Wehr, Annina! Geben Sie den Widerstand auf! Der, den Sie zurückerobern möchten, ist es nicht wert, daß Sie Anstrengungen machen, ihn neu zu fesseln. Trotz all Ihres Jammers wird es ein großes Glück für Sie sein, beizeiten von ihm befreit zu werden und nicht die entsetzliche Qual durchmachen zu müssen, den Mann, den Sie geliebt haben, zu Grund gehen zu sehen.« »Aber was hat er denn begangen? Kann ich's ihm nicht verzeihen?« »Wenn Sie schwach genug wären, Nachsicht zu üben, Annina,« erklärte Frau von Préjean, »so werden andre umso unerbittlicher sein. ... Sie fragen, was er begangen hat? Ach, es sind der Fehler gar viele und sehr ernste gegen Sie, aber noch hundertfach schwerere gegen sich selbst!« Von allem, was an Anninas Ohr drang, nahm sie nur das eine in sich auf: André hatte sich gegen sie vergangen, das allein beschäftigte sie. Unrecht gegen andre? Was lag ihr daran? Sollte sie sich um andre kümmern, wenn ihr Glück, ihre Sicherheit, ihr Leben auf dem Spiel standen! Vor allem wollte sie Klarheit haben über das, was sie persönlich betraf. Nachher kam das übrige, und wenn André einen Mord begangen haben würde, so mußte es leicht sein, ihn davon freizusprechen, wenn er nur ihr gegenüber ohne Schuld war. Unsühnbar konnte nichts sein, als der Verrat, alles ließ sich rechtfertigen, nur nicht die Liebesschuld. Sie setzte sich auf einen Diwan, zog die beiden Frauen neben sich nieder und sagte, beider Hände mit aller Glut ihrer Herzensangst pressend: »Ihr sagt, er betrüge mich; jetzt gilt es, euch darüber zu erklären! Wenn er das tut, nach all seinen Gelöbnissen, seinen Verpflichtungen, meinen Opfern, so ist er ein Elender! Aber ihr müßt mir ohne Schonung alles mitteilen, damit ich auf Grund genauer Kenntnis der Tatsachen urteile. Ich erwarte von eurer Freundschaft rückhaltslose Aufrichtigkeit. Euer Kommen beweist ja, daß ihr entschlossen seid, alles zu sagen. Also, bitte, klärt mich auf! Ich höre. Die Frau, welche Frau?« »Die Cortazzi,« versetzte Géraldine. »Eine Sängerin! Ja, von der hat er mir in den letzten acht Tagen mehrmals gesprochen! Was für eine Person ist es denn? Er machte sich lustig über sie, zog sie immer ins Lächerliche ... ohne Zweifel, um mich irrezuführen! Ihr seht, ich zweifle nicht an dem, was ihr mir sagt. ... Ihr klagt diese Cortazzi an, und ich bestreite nicht, daß das Verhältnis besteht, denn wenn ihr nicht Beweise hättet für eure Behauptung, so wäre dieses Eingreifen ja unbegreiflich und grausam!« Sie sprach mit fieberhafter Zungenfertigkeit. Ihr Blick war starr, ihr Gesicht leichenbleich, und sie erschreckte jetzt Frau von Préjean wie Géraldine derart, daß sie es fast bereuten, gekommen zu sein, und sich fragten, ob Vernunft, Gerechtigkeitssinn und Freundschaft ihnen wirklich das Recht gäben, dieses Herz, dessen schmerzliches Zucken sie mitansehen mußten, derart zu quälen. »Annina, glauben Sie uns, daß wir nur nach langem Zögern zu Ihnen kamen,« versetzte Frau von Préjean. »Wir taten es erst, als wir Gewißheit hatten, daß wir Sie vor dem Greuel eines furchtbaren Skandals bewahren müssen, der, wenn Sie darein verwickelt würden, auch über Ihnen zusammenschlagen würde. Über die Beziehungen der Cortazzi zu Herrn von Preigne besteht kein Zweifel, sie sind in dem Kreis der Lady Brandon, die sie begünstigt, vollständig bekannt. ...« »Was habe ich dieser Frau zu Leid getan?« fiel ihr Annina ins Wort. »Ich kenne sie ja gar nicht! Weshalb trägt sie dazu bei, mir den Geliebten zu stehlen?« »Dafür hat Lady Brandon eine Entschuldigung in ihrer ästhetischen Weltanschauung, die das Schöne über das Gute stellt und alles verzeihlich findet, wenn es nur der Kunst zu gute kommt. Sie hat die Cortazzi dem Vicomte in die Arme geworfen, um sie in den Zustand von Liebeswahnsinn zu versetzen, der Offenbarungen ihrer Kunst hervorruft. Diese Cortazzi, die sehr schön war, aber nicht mehr jung ist, ist nur ein Genie, wenn sie singt und verliebt ist ...« »Eine alte Person!« rief Annina. »Eine Schnurrantin! Ein Geschöpf, das sich durch Verliebtheit in Stimmung bringt, wie manche andre ihresgleichen durch Alkohol. Um die ... um das verläßt er mich!« Sie rang die Hände und zwei Tränen rollten aus den Augen auf den zuckenden Mund. Sie blieb eine Weile regungslos wie zerschmettert, dann begann sie, mühsam Atem holend: »Wo kommen Sie zusammen?« »Bei der Cortazzi, die am Carabacel in Lady Brandons Nähe wohnt?« »Wer hat sie gesehen?« »Wer will, denn sie spielen durchaus nicht Versteckens. Sie sind ja sicher, daß Sie, die entfernt Wohnende und in völliger Abgeschiedenheit Lebende, sie nicht überraschen wird. Wenn Sie aber selbst sehen, sich mit eigenen Augen von der Richtigkeit unsrer Anklagen überzeugen wollen, so brauchen Sie uns nur zu begleiten, wir werden Ihnen das Paar zeigen.« »Wo?« »Beim heutigen Fest, wo sie sich vollkommen sicher glauben. Sie legen, wie wir auch, einen Domino an, kommen ins Kasino, wo niemand Ihre Gegenwart ahnt, drängen sich an sie, hören, und, wenn Sie wollen, entlarven Sie beide.« Annina schien gesenkten Blicks mit finsterer Miene gründlich nachzudenken. Die weißen Zähne gruben sich tief in die Unterlippe. Dann schlug sie die Augen wieder auf und sah die beiden Freundinnen fest an. »Ja, ich werde hingehen! Ich will mein Schicksal kennen. Es handelt sich für mich um Leben oder Tod. Wenn ich verlassen bin, wenn ich dem Mann nicht mehr vertrauen kann, dem ich Gegenwart, Zukunft, alles gegeben habe, so bleibt mir nichts übrig, als ... zu verschwinden.« »Annina!« »Hatten Sie etwa gedacht, ich würde mich drein ergeben, nach einer Enttäuschung, wie sie mich erwartet, noch weiter zu leben? Für eine Frau in meiner Lage gibt es nur zweierlei Möglichkeiten ihr Leben zu gestalten. Sie muß den Geliebten, der geht, durch einen zweiten ersetzen, der sich ja immer findet, und dann von einer Hand in die andre gehen, bis sie alt wird, schließlich als geschminkte, getünchte Person, die sich an die entfliehende Lust anklammert und das abschreckende Bild eines ruhe- und würdelosen Alters bietet, oder aber sie hat von Anfang an das Grauen vor dieser sichern Erniedrigung und faßt tapfer ihren Entschluß, im Tod Zuflucht zu suchen. Die zweite Möglichkeit ist die unendlich reinlichere und meinem Wesen entsprechendere, denn ich kann mich nicht wohl in die Rolle einer leichtfertigen Frau hineindenken, die mit der Liebe Handel treibt und ihre Küsse verkauft. Das Handwerk muß ja einträglich sein und auch seine Annehmlichkeiten haben, da sich so viele ihm widmen, man darf sich nur nicht leicht ekeln! Und ich, ich glaube, daß ich's nie fertig bringen würde, aus jedermanns Glas zu trinken!« Sie brach in ein schrilles, unheimliches Gelächter aus, das ihre Nerven erschütterte und in einem Weinkrampf endigte. Minutenlang wurde sie angesichts der bestürzten Freundinnen von furchtbarem krampfhaftem Schluchzen geschüttelt, rang vergeblich nach Selbstbeherrschung, wies, von Schmerz überwältigt, jeden Trost, jeden Zuspruch von sich und weinte fassungslos, als ob es ihre Verzweiflung linderte, diesen Tränen freien Lauf zu lassen, die ihr von Bitterkeit überfülltes Herz ein wenig entlasteten. Endlich trocknete sie ihre Augen und raffte sich mit gewaltsamer Willensanstrengung auf. »Das ist ja nicht einmal alles. Sie sagten vorhin, daß Herr von Preigne nicht nur gegen mich, daß er auch gegen andre ein Unrecht begangen habe, und daß, wenn ich schwach genug wäre, ihm zu verzeihen, doch diese andern unerbittlich sein würden. Ich habe mich, und das ist ja wohl verzeihlich, zuerst auf das an mir begangene Unrecht gestürzt. Gehen wir jetzt zum andern über ... worum handelt es sich?« Géraldine beriet sich mit Frau von Préjean durch Blicke, und begann auf ein Zeichen der Zustimmung hin: »Ach, liebe Annina, so schmerzlich auch die Tatsachen sind, die Ihre Aufmerksamkeit zuerst gefesselt haben, so sind sie doch nur kleine Sünden im Vergleich zu dem, was Herr von Preigne sich außerdem hat zu Schulden kommen lassen. Gewiß ist Untreue verwerflich, besonders wenn sie einer so reizenden, guten Frau wie Sie schweres Herzeleid bereitet, aber was will Untreue sagen im Vergleich zu Verfehlungen wider die Ehre?« »Wider die Ehre?« wiederholte Annina. »Ja, Verfehlungen, die unheilvolle Folgen nach sich ziehen werden. ... Muß ich mich deutlicher aussprechen?« Frau Téslaurier wurde rot, denn sie ahnte die Wahrheit. »Ach!« rief sie. »Das Spiel! Der Unselige hat sich durch das Spiel zu Torheiten hinreißen lassen?« »Ja, das Spiel ist's, aber um Torheiten handelt sich's nicht. Was Herr von Preigne des Spiels wegen an Torheiten begehen konnte, hat er längst getan! Ich sagte Ihnen ja schon, daß die Ehre in Frage steht. ...« »Was hat er getan?« »Er hat sich verbündet mit einem Ausländer, der durch sein hohes Spiel bald Verdacht erregte, jetzt aber durchschaut ist, allem Anschein nach einem Gauner, der sich geschickt zu verwandeln weiß, heute als Greis, morgen jugendlich auftritt, bald dick, bald mager, bald kahlköpfig, bald behaart ist und die Frechheit so weit treibt, sich zeitweise als Kranker im Fahrstuhl rollen zu lassen. Dieser Bandit, der Schrecken aller Klubs in Badestädten, übt gegenwärtig im Cercle von Nizza sein Handwerk aus. Seit zwei Tagen ist Herr von Preigne sein Partner als Bankhalter, und wenn der angebliche Graf heute abend entlarvt, auf frischer Tat ertappt wird, so ist der Vicomte gleichfalls bloßgestellt.« »Er! André! Im Spiel betrügen! Das ist ja unmöglich, unsinnig, lächerlich!« »Er hat noch Schlimmeres getan,« fiel Frau von Préjean mit tiefem Ernst ein, »er hat Sie bestohlen, Ihre Unterschrift gefälscht!« »Wieso?« »Er hat Schecks ausgestellt auf Ihren Namen.« »Wer hat das entdeckt?« »Der Bankier Seyton schöpfte Verdacht und fragte bei seinem Korrespondenten in Florenz an, worauf dieser den Betrug festgestellt hat.« Annina war aufgesprungen, und hoch aufgerichtet rief sie mit entfärbten Lippen: »Ich habe ihn dazu ermächtigt! Es geschah mit meiner Zustimmung! Ich werde diese Schecks zurücknehmen und andre ausstellen ...« »Arme Annina,« bat Géraldine sanft, »kämpfen Sie nicht gegen Ihr Schicksal! Sie möchten uns überzeugen, daß Herr von Preigne kein Fälscher ist. ... Wozu? Unsre Überzeugung fällt nicht ins Gewicht, vielmehr müßten die verschiedenen Geschäftsleute, durch deren Hände die gefälschten Unterschriften gingen, überzeugt werden. ... Sie haben es mit einem grundschlechten Menschen zu tun, der Sie verrät, ausbeutet, Sie und andre bestiehlt. Wenn Sie auch noch so nachsichtig sein wollten, die geprellten Spieler werden kein Erbarmen kennen. Man lauert heute abend den beiden Spießgesellen auf, um sie zu überraschen. Man hat ihnen eine Falle gestellt, in die sie unfehlbar gehen werden, sie müßten denn gewarnt sein. ... Begreifen Sie?« »Ja ich begreife,« erwiderte Frau Téslaurier düster, »daß ich über das Schicksal des Mannes, der mich verrät, entscheiden soll. ... Nicht wahr, ihr wolltet sein Leben, seine Ehre in meine Hand legen? Ihr übergebt mir damit das Mittel, mich zu rächen? Wenn ich ihm die Gefahr zeige, die ihm droht, so rette ich ihn, wenn ich ihn dagegen sich selbst überlasse, seiner Torheit, seiner Schlechtigkeit, seiner Verräterei, so ist er verloren! So liegen die Dinge, nicht wahr? Gut, ich nehme an! Ihr habt mir in Aussicht gestellt, daß ich mich mit eigenen Augen überzeugen könne, ob er mir gegenüber schuldig ist oder nicht, so überlasse ich mich eurer Führung. Was habe ich zu tun?« »Uns zu begleiten. Wir werden uns irgendwie einen Domino für Sie verschaffen ... die unsrigen liegen im Wagen ...« »Ich habe das Nötige,« sagte Annina mit traurigem Lächeln. »Herr von Preigne hatte mich, vielleicht unterm Druck seines Gewissens, vielleicht auch rein aus Spiegelfechterei dringend gebeten, mitzugehen; er selbst hat mir einen Domino besorgt. Ich werde ihn umlegen ... ich bin im Augenblick wieder da ...« Géraldine bat Frau von Préjean durch einen angstvollen Blick, die Freundin nicht allein zu lassen. »Ich helfe Ihnen, Annina ...« Von einer Aufwallung tiefsten Mitleids ergriffen, schlang sie die Arme um die junge Frau und drückte sie an sich. »Liebe, liebe, gute Annina, wie gern möchte ich all Ihr Leid auf mich nehmen! Es ist so namenlos ungerecht, daß Sie so Schweres erdulden sollen durch den Mann, dem Sie alles geopfert haben.« »Nein,« sagte Annina, stillstehend und den beiden Frauen fest in die Augen blickend, »ungerecht ist es nicht, sondern vielmehr logisch, natürlich, notwendig. Als mich mein Mann mit Tränen anflehte, ihn nicht zu verlassen, hat er es mir vorhergesagt! Das ist seine Rache. Er glaubte sie vielleicht nicht einmal so nahe! Ein Jahr der Liebe und alles wird vorüber sein! Ein Jahr ... dafür habe ich mein ganzes Leben eingesetzt!« Sie strich sich mit der Hand über die Stirne. »Zuerst aber,« setzte sie angstvoll hinzu, »muß ich Gewißheit haben! Und wenn diese Gewißheit mein Tod wäre ...« Sie ging, von der Freundin begleitet, hinaus, und schon nach wenigen Minuten kehrten beide zurück. Annina im weißen Domino, dessen Spitzenkrausen die Blässe ihres schönen Gesichts noch steigerte, machte die Türe auf, dann gingen sie die Stufen hinunter und durchschritten den Garten, wobei Annina mit zuckendem Herzen daran dachte, wie sie vor kaum einer Stunde noch glücklich und vertrauensvoll mit André durch diese stille Heiterkeit geschritten war. Das blühende Gesträuch hauchte dieselben Düfte aus wie vorhin, der Mond goß immer noch seine blasse Klarheit über das ruhige Meer, die Luft war ebenso lind, die Stille ebenso wonnig. Nichts um sie her war verändert. Sie seufzte tief auf, ging aber entschlossen auf den Wagen zu. Neuntes Kapitel Im Theatersaal des Kasinos, der durch Blumenschmuck in eine wahre Frühlingsau verwandelt war, drängte sich alles zusammen, was Nizza an reichen, unbeschäftigten Fremden, eleganten und vergnügungslustigen Frauen sein nannte. Lady Brandons mit weißen und roten Kamelien ausgeschmückte Proszeniumsloge bot einen entzückenden Anblick, dessen Glanz höchstens die mit Orchideen umrahmte Loge des berühmten amerikanischen Milliardärs Morgan gleichkam. In der Klubloge versicherte Saint-Yrieix, der für einen Kenner galt, daß der Direktor des Zinntrusts seine fünfhundert Louisdor für Blumen ausgegeben habe, und daß die Kamelien der einstigen Sängerin nicht auf der Höhe stünden. Übrigens machte Tristan an diesem Abend, als ob er einer ausgegebenen Parole gehorchte, Lady Brandon und ihren ganzen Kreis überhaupt schlecht, und zwar mit so viel Witz, daß die Zuhörer belustigt seiner Kritik lauschten. Der junge Baron Goldscheider, dessen Automobil von vierzig Pferdekräften im Autokorso für seinen Blumenschmuck von Veilchen und Jonquillen den ersten Preis davongetragen hatte, fragte Tristan: »Wie alt mag denn diese Lady Brandon wohl sein?« »Ach, mein Lieber, das ist eine unheimliche Sache! Mein Onkel Battoncelle sprach manchmal davon, daß er die Brimbella – das war ihr Bühnenname – mit Mario singen gehört habe, vor dem Krieg ...« »Alle Wetter! Das stempelt die Dame reichlich zur Sechzigerin ...« »Ja, und sie ist noch immer an den Kamelien! Die gehören in ihre Zeit! Die Kameliendame, der Vater Duval, der Spießbürger, der vor Damen der Halbwelt den Hut auf dem Kopf behält, um sie die Überlegenheit der Tugend fühlen zu lassen! Und die englischen Lords, die aus Kunstbegeisterung Sängerinnen heiraten, das alles ist Stil des zweiten Kaiserreichs, dächte ich ...« Hier wurde Saint-Yrieix durch das Erscheinen des Vicomte von Preigne unterbrochen. Alle verstummten einen Augenblick, denn man wußte ja, daß der schöne André viel in der Villa Carabacel verkehrte, und niemand von den Anwesenden, Saint-Yrieix ausgenommen, stand ihm nah genug, um kleine Sticheleien zu wagen. Tristan selbst schien auf andre Gedanken gekommen zu sein und sprach von dem Fest am Nachmittag, das glänzend verlaufen war. André, der sich, als ob er ermüdet wäre, auf einen Sitz in der Vorderreihe niedergelassen hatte, ließ seine Blicke durch den Saal schweifen, wo nach den Klängen eines auf der Bühne selbst in glänzender Dekoration untergebrachten Orchesters der Tanz begonnen hatte. »Was hast du für heute abend vor?« fragte Tristan den Freund. »Wirst du zu Nacht speisen?« »Wahrscheinlich.« »Mit mir?« »Sehr liebenswürdig, aber Lady Brandon hat mich eingeladen ...« »Laß sie sitzen!« »Warum?« »Um mir ein Vergnügen zu machen. Wenn wir zusammen gespeist haben, werde ich dich nach Hause begleiten...« Der Ton, in dem Saint-Yrieix diese harmlosen Worte sprach, fiel dem Vicomte auf. Es war ihm, als enthielten sie sowohl einen Rat als eine Bitte. Er sah den Jugendfreund durchdringend an, und als dieser unbefangen dem Blick standhielt, wollte er ihn zu einer Erklärung zwingen. »Was hat denn diese zärtliche Fürsorge zu bedeuten?« fragte er lachend. »Hast du etwa Angst, ich könnte entführt werden? Die Straßen sind sicher und die Gasthäuser werden nicht verödet sein heute abend!« »Du hast also vor in ein Restaurant zu gehen?« »Wie neugierig du bist! Was geht's denn dich an?« Tristan zog den Freund in den Hintergrund der Loge und sagte mit einer Erregung, die er nicht zu verhehlen suchte: »Höre mich an, André, und laß dir einen guten Rat geben! Spiele heute abend nicht und iß auch nicht in Gesellschaft zu Nacht. ... Du weißt, daß du mir dereinst sehr lieb warst. Wenn du auch schwerwiegende Fehler gemacht hast, die ich tadle und beklage, so kann ich dir doch meinen Anteil nicht ganz entziehen. Wenn noch ein Funke gesunden Menschenverstands in dir steckt, so gehe hinunter, spring in einen Wagen und fahre nach Hause.« »Ach, du scheinst dich über mich lustig zu machen mit deinem Angstgefühl!« rief der Vicomte. »Wenn ich in Lebensgefahr stünde, könntest du nicht anders zu mir sprechen! Ist die Sache so ernsthaft? Erkläre dich, und ich verspreche dir zu gehorchen, wenn du mir nur einen einzigen vernünftigen Grund angeben willst. ...« »Gib ihn dir selbst an, diesen Grund,« versetzte Saint-Yrieix verstimmt. »Glaubst du etwa, es sei anständig, die arme Annina mit dieser alten, ausgeleierten Cortazzi zu hintergehen?« »Sachte, sachte! Das ist meine Sache und ich kann tun, was mir beliebt!« entgegnete der Vicomte hochmütig. »Ich vertrage von niemand, auch von dir nicht, Bemerkungen über mein Privatleben. Überdies verhält sich die Sache ganz anders,« setzte er in milderem Ton hinzu. »Wenn man dummes Zeug über mich schwatzt, so ist's nicht meine Schuld, und hindern kann ich's auch nicht. Diese arme Helena macht mir Spaß mit ihrer sentimentalen Überschwenglichkeit, und ihre Art, wie sie unsre Sprache radebricht, finde ich entzückend, aber glaubst du, daß man eine Frau ernst nimmt, die › Dieou de l'amore ‹ sagt?« »Wenn du sie nicht ernst nimmst, dann laß sie laufen!« »Ach so! Du möchtest, daß ich mit Frau von Préjean und Valançon zu Nacht speiste,« warf André geärgert hin, »das aber werde ich hübsch bleiben lassen. Entweder esse ich mit der Brandonschen Gesellschaft, oder ich gehe in den Klub, wo mich eine schöne Partie erwartet ...« »Du solltest heute abend weder spielen, noch soupieren, André,« sagte Tristan beharrlich. »Du richtest dich zu Grund, mein armer Junge. Ich weiß, daß du schon zu Hilfsmitteln greifen mußt, die ...« »Ich! Ich habe achtzigtausend Franken zur Verfügung, die ich gestern abend gewann. Sie liegen bei der Klubkasse...« »Laß sie liegen und geh nach Hause!« »Da hört sich doch alles auf! Was soll denn die Komödie? Du gehst mir auf die Nerven mit deiner Orakelmiene! Da, sieh, Frau von Préjean macht dir Zeichen ... Mach, daß du zu ihr kommst ... und guten Appetit!« Frau von Préjean, die Anninas weißen Domino angelegt und dieser ihren fliederfarbigen gegeben hatte, winkte allerdings Tristan herbei, denn sein langes Gespräch mit André von Preigne begann sie zu beunruhigen. Da sie den Vicomte ebenso haßte, als ihr Frau Trélaurier lieb war, hatte sie sich ohne Bedenken, Zaudern oder Furcht in das Abenteuer gestürzt, als Frau für die Frau eintretend, und sie hoffte sehnlich, daß ihr Wagnis zu Anninas Befreiung und des Vicomtes Untergang führen werde. Was den erbarmungslos Verfolgten auch nur einen Schritt weit von dem geschichteten Scheiterhaufen ablenken konnte, erschien ihr als eine Feindseligkeit gegen sich selbst. Sie hatte sich gehütet, Tristan die ganze Gefahr zu verraten, die an diesem Festabend über dem Haupt des Vicomte schwebte, und trotzdem bereute sie, zu mitteilsam gewesen zu sein, als sie Saint-Yrieix und André in so lebhaftem Gespräch beieinanderstehen sah. »Die Männer sind doch alle gleich,« sagte sie sich. »Sie betrachten sich als gemeinsam haftbar für all ihre häßlichen Sünden und halten sich für verpflichtet, einander in Schutz zu nehmen. Wenn nur Tristan keine Ungeschicklichkeit begeht, die unser ganzes Unternehmen gefährdet!« In diesem Augenblick hob sie, die beiden ansehend, ihre Hand und gab Saint-Yrieix ein gebieterisches Zeichen, in die Loge zurückzukehren. »Wer ist denn bei Frau von Préjean in der Loge?« fragte André, von einem plötzlichen Unbehagen ergriffen, den Freund noch. »Frau Valançon.« »Die kenne ich wohl, aber neben Frau Valançon die sitzende Dame im lila Domino mit Gesichtsmaske?« Tristan durchfuhr's, ob er dem Freund nicht sagen sollte: »Unglücklicher! Das ist Annina!« aber ein noch heftigerer Wink seiner Gebieterin brachte ihn zur Besinnung. Er durfte sich sagen, daß er der einstigen Freundschaft genügend Rechnung getragen habe durch die André erteilten wertvollen Warnungen; achtete dieser nicht darauf, so war es seine Sache. »Die Dame in Lila?« erwiderte er daher gleichgültig. »Ach, das ist eine Engländerin, die Frau eines mit Valançon befreundeten Bankiers Seyton ...« »Kenn' ich!« warf der Vicomte hin. »Nun laß dich aber nicht länger erwarten, man wird ungeduldig. Guten Abend!« »Guten Abend.« Sie gingen beide hinaus, Tristan, um Frau von Préjean, André, um Lady Brandon aufzusuchen. Sobald er in die Loge trat, wurde Saint-Yrieix von der Freundin ins Verhör genommen. »Was habt ihr denn so lebhaft verhandelt, der Vicomte und du?« »Meine Liebe, ich habe alles aufgeboten, ihn von seinen Plänen abzulenken. Es ging nämlich über meine Kraft, ihn ins Verderben rennen zu lassen, ohne wenigstens einen Versuch der Warnung zu machen.« »Dachte ich mir's doch! Sehr taktvoll, das muß ich sagen! Das nächste Mal werde ich mich wohl hüten, dich ins Vertrauen zu ziehen! Und was hat er gesagt ... das Ungeheuer?« »Er ist blind und taub! Dem Mann ist nicht zu helfen!« »Umso besser! Wohin geht er jetzt?« »Höchstwahrscheinlich soupiert er mit der Cortazzi?« »Schämt er sich nicht? Sieh sie dir nur an, da, in Lady Brandons Loge, diese Kunstveteranin! Sie könnte ja seine Mutter sein! Ach, die Männer sind doch abscheulich!« »Wenn ich bitten darf nicht so verallgemeinern!« »Ihr seid alle gleich! Gott mag wissen, wozu du fähig wärst, du Tugendapostel! Und weiß ich denn überhaupt, ob du dich nicht hinter meinem Rücken unwürdig aufführst?« »Ach, Teuerste,« wandte Saint-Yrieix ein, »woher sollte ich die Kraft dazu nehmen? Du hältst ja nicht ein mit Reisen, Auteln, Segeln, Rudern! Du mußt zugeben, daß ich in einem Zustand fortdauernder Erschöpfung bin, und wenn ich dich einmal hinterginge, so geschähe es sicher nur, um auszuruhen!« »Schon gut!« »Und Annina?« fragte Tristan. »Sie macht mir mehr und mehr Sorge. Seit sie hier ist, hat sie den Mund nicht aufgetan, und sie läßt keinen Blick von der Proszeniumsloge, wo ihre umfangreiche Nebenbuhlerin thront. ... Wenn Blicke töten könnten ...« »Und was tut Valançon?« »Der ist im Klub. Er hat heute mittag an Vernaut telegraphiert, um ihn auf die Geschehnisse vorzubereiten, Trélaurier muß schon davon unterrichtet sein. Du begreifst, daß wir nicht die ganze Verantwortung für das möglicherweise Bevorstehende auf uns nehmen können ...« »Was fürchtet ihr denn?« »Alles! Das ist ganz einfach! Gib acht ...« Annina war plötzlich aufgesprungen und ging in den Hintergrund der Loge. »Sie gehen,« murmelte sie mit dumpfer Stimme. »Ich will ihnen folgen.« In der Proszeniumsloge verabschiedete sich die Cortazzi von ihren Gastfreunden, indes im dunkeln Hintergrund der Vicomte wartend an der Türe stand. »Tristan wird Sie begleiten,« flüsterte Frau von Préjean der Freundin zu. »Nein, das möchte Argwohn erregen und zur Erkennung führen ...« »Dann wird er Ihnen in einiger Entfernung folgen, und zur Hand sein, wenn Sie Beistand brauchen. Ich gehe übrigens auf alle Fälle mit ... ich lasse Sie ein derartiges Abenteuer nicht allein bestehen. ... Guten Abend, Géraldine.« »Kommen Sie doch,« sagte Annina, »sonst entschlüpfen sie uns.« Schon war Frau von Préjean hinter Annina in den Logenumgang getreten. Einer Art von Naturtrieb gehorchend, wandte sich Annina zur richtigen Treppe, um den Vicomte und seine Dame im Vorbeigehen zu treffen. Dank ihrer Geschwindigkeit hatte sie beide überholt, und sie sah das Paar herankommen, lachend, unbefangen plaudernd in dem Gedränge von Menschen, die sie neugierig anstarrten. Sie streiften Annina, die sich ans Treppengeländer lehnte, und die junge Frau hörte die Cortazzi in fröhlichem Ton auf einen von ihrem Ritter gemachten Vorschlag erwidern: »Bei Benozzi? Gut ... überall, wo Sie wollen ...« Eine Wolke von Wohlgerüchen hinter sich lassend, raschelte die Sängerin in ihrem knisternden Domino von blauer Seide an Andrés Arm die Treppe hinunter. Annina stieß einen leisen Wehlaut aus und machte eine Bewegung, als ob sie sich auf sie stürzen wolle, Frau von Préjean aber hielt sie am Arm fest, rief den in einiger Entfernung wartenden Tristan herbei und sagte gebieterisch: »Sachte, Kindchen! Nur keinen öffentlichen Skandal! Sie wissen jetzt schon zur Hälfte, was Sie wissen wollten! Sie werden also bei Benozzi speisen. Wünschen Sie, daß wir ihnen dorthin folgen?« »Ja« »Nun gut! Gehen wir hinunter. Das Restaurant ist ganz in der Nähe. Tristan wird unserm Kutscher sagen, daß er uns dort abholt. Gehen wir voran ... zu zweien haben wir nichts zu fürchten.« Mit ein paar raschen Schritten standen sie am Ausgang des Kasinos. Die Stille und Dunkelheit der Nacht war nach dem Lichterglanz und Stimmengewirr im Saal auffallend. Unter den Arkaden des Massénaplatzes sahen sie den Vicomte und die Cortazzi, innig aneinandergeschmiegt, arglos vorangehen. Vor einem Blumenladen, der wegen des Festes nicht geschlossen worden war, machten sie halt, und André erstand einen großen Strauß Teerosen, den er seiner Dame überreichte. Die Sängerin drückte ihre Lippen darauf mit einem Ausdruck von so leidenschaftlicher Hingebung, daß es Annina, die hinter einem Steinpfeiler stand, durchschauerte. Jetzt setzten die beiden ihren Weg fort bis zum festlich beleuchteten Eingang des Restaurants Benozzi, wo sie die zu den » chambres separées « führende Treppe hinaufstiegen. Die beiden Frauen, die ihnen bis zum Eingang gefolgt waren, blieben zögernd stehen, wobei sie sofort von nächtlichen Bummlern angegafft wurden. »Traktieren Sie mich mit Austern, schöne Prinzessinnen!« schrie ein Straßenjunge höhnisch. »Dirnen, die sich ein Abendbrot suchen,« brummte eine dicke Dame, die keuchend am Arm des Gatten nach Hause stapfte. Tristans Erscheinen erlöste die Damen von derartigen Anzüglichkeiten. Sie gingen unter seinem Schutz rasch dieselbe Treppe hinauf, über die André und die Cortazzi verschwunden waren. Diensteifrig öffnete ein Kellner eins der Privatzimmer, und Saint-Yrieix, der wohl annehmen konnte, daß André im Hause bekannt sei, fragte leichthin: »Ist der Vicomte von Preigne schon da?« »Gewiß, mein Herr, im anstoßenden Zimmer ...« »Gut! Stören Sie ihn ja nicht ... ich werde ihn später sprechen. Bringen Sie die Speisekarte nebst Papier und Bleistift.« Er vertiefte sich in die Auswahl der Speisen, während Annina, schweigend und regungslos dasitzend, den Verschlag anstarrte, hinter dem der Geliebte mit einer andern zu Nacht speiste. Tristan reichte dem Kellner den Zettel, auf den er seine Bestellung geschrieben hatte, die dieser mit zustimmender Miene durchlas. Er steckte den Bleistift in die Westentasche und verschwand. Sobald sie allein waren, sagte Frau von Préjean: »Nun, Liebste, Sie sehen, daß wir Sie leider Gottes nicht falsch berichtet haben! Wollen Sie die Untersuchung noch weiter führen? Oder genügt Ihnen, was Sie bis jetzt feststellen konnten?« Annina zuckte die Achseln. »Was würden Sie an meiner Stelle tun?« »Ich? Ach, ich würde für diese Nacht Frau Valançon um Gastfreundschaft bitten und morgen nach Paris abreisen oder zu Frau von Perceval, die Sie mit offenen Armen aufnehmen würde ...« »Ganz gewiß!« versicherte Tristan. »Ohne André wiedergesehen zu haben?« »Selbstverständlich. Wenn Sie ihn wiedersähen, wäre eine Aussprache unvermeidlich, und wenn's dazu käme, wären Sie verloren! Er würde Sie wieder in seine Gewalt bekommen und würde Ihnen, auf den einmal verziehenen Verrat pochend, das Leben zur Hölle machen!« »Aber wenn trotz alledem nur der Schein gegen ihn spräche? Kann er denn nicht mit einer Dame zu Nacht speisen, ohne mich zu verraten?« »Annina, Sie fangen an, mit sich selbst in Widerspruch zu geraten. Sie sind auf dem Punkt, sich selbst untreu zu werden! Was für Beweise sind denn noch nötig, um Sie zu überzeugen?« »Ach,« rief Annina verzweifelt, »Sie haben es leicht, den Verstand walten zu lassen, Sie leiden nicht meine Folterqualen! Glauben Sie, daß ich im stande sei, innerhalb einer Stunde selbst auf schwere Verdachtsgründe hin das letzte Band zu zerreißen, das mich ans Leben knüpft? Wenn ich gezwungen bin, mich von André zu trennen, was bleibt mir dann? Ich habe, fortgerissen von einer Leidenschaft, der ich nicht zu widerstehen vermochte, meinen Gatten verlassen. Aber ihn hatte ich nicht geliebt, während ich meinen Geliebten anbete! Wenn ich ihn aus meinem Herzen reiße, das mit allen Fibern an ihm hängt, so reiße ich mir selbst das Herz aus der Brust. Und Sie wundern sich noch, daß ich zögere! Ach, es ist leicht, besonnenen Rat zu erteilen, aber danach zu handeln ... handeln, wenn Gegenwart, Zukunft, das ganze Leben auf dem Spiel stehen! Was wird aus mir, wenn ich André verlasse? Ich konnte den Menschen ein überschwengliches Glück vorgaukeln, konnte sogar Neid auf meine prahlerisch zur Schau getragene Leidenschaft erwecken, wenn ich aber der Einsamkeit, der Verlassenheit anheimfalle, wird man nicht Spott genug auf mein Haupt häufen können! Wenn man sich anmaßt, über Gesetz, Sitte, Brauch zu stehen, muß man seinen Platz behaupten, oder der Absturz ist fürchterlich! In diesem Augenblick bin ich ebenso tief in meinem Stolz als in meiner Liebe verwundet, ich bin an der empfindlichsten Stelle getroffen. Soll ich allem, was ich gering geschätzt habe, Abbitte leisten, mich Lügen strafen, eingestehen, daß der Mann, um den ich mein und andrer Leben zerstört habe, meiner Liebe nicht wert war? Hier ist ein Zaudern doch wahrlich berechtigt!« Sie brach ab. Der Kellner erschien mit Tellern und Platten, und hinter ihm der Kellermeister mit Weinflaschen. Die drei Gäste versanken in Nachdenken, während rasch und geräuschlos aufgetragen wurde. Tristan saß gesenkten Blicks da und trommelte auf seinem Teller einen Marsch. Er sah mit großer Verstimmung, daß die Sache eine tragische Wendung nahm, denn ihm waren Aufregungen, kurz alles, was den friedlichen Lauf des Lebens stört, in tiefster Seele zuwider und Frau von Préjeans Streitbarkeit bereitete ihm großes Unbehagen. Dabei gab es für ihn gar keine Möglichkeit, sich mit Gleichgültigkeit gegen Anninas Unglück zu wappnen, erstens, weil sie seine Verwandte war, und zweitens, weil Frau von Préjean es nicht geduldet haben würde. Er hätte heute viel darum gegeben, hundert Meilen weit von Nizza zu sein, und doch war er des Reisens gründlich müde. Er sagte sich mit Niedergeschlagenheit, daß er nirgends, wo er auch wäre, den Zuckungen dieses Liebesfiebers entgehen könnte, und ergab sich seufzend und gedrückt in sein Schicksal. Frau von Préjean, die mit Ungeduld gewartet hatte, bis die Bedienung sich zurückzog, nahm sofort das unterbrochene Gespräch wieder auf. »Meine liebe Annina,« rief sie, »nur nicht sich selbst betrügen! Wie schmerzlich Ihnen auch der Verlust Ihrer Illusionen sein mag, sind sie einmal tot, so vermag nichts und niemand sie wieder lebendig zu machen. Sie sagten vorhin, daß Ihr Stolz ebenso tief verletzt sei als Ihre Liebe, das glaube und verstehe ich vollkommen, aber der Stolz ist wenigstens noch zu retten, wenn auch die Liebe flöten geht. Und darum rate ich Ihnen, nicht einer Schwachheit nachzugeben, die Ihre Lage gar nicht mehr rechtfertigen ließe. Sie können sich nur noch durch Mut und Selbstbewußtsein heraushelfen. Ich bitte Sie um Gottes willen, strecken Sie die Waffen nicht! Wenn Sie sich diesem Mann auf Gnade und Ungnade preisgeben, wer weiß, was er aus Ihnen machen würde!« Annina wollte etwas erwidern, aber die Klänge eines Klaviers im Nebenraum schnitten ihr das Wort ab. Blaß und zitternd saß sie da, als, durch den Wandbehang gedämpft, und doch deutlich die warme, modulationsfähige Stimme der Cortazzi herüberdrang, die die berühmte Arie aus den Zigeunern » Ah! caro delirio ...« sang. Als sich die leidenschaftliche, von Liebeslust durchbebte Melodie, vom unvergleichlichen Talent der Künstlerin gehoben, entwickelte, begannen aus Anninas Augen langsam schwere Tränen herabzurollen, als ob jeder Ton des Gesangs, der dem geliebten Mann geweiht war, ihre Niederlage bestätigt, den Triumph der Nebenbuhlerin gefeiert hätte. Sie lehnte sich nicht mehr auf gegen das Unglück, kämpfte nicht mehr. In der nüchternen Umgebung eines Hotelraums, vor einer Mahlzeit, die weder sie noch die Freunde berührt hatten, lauschte sie mit blutendem Herzen diesen Klängen und fühlte, wie mit den bittern Tränen die letzten Hoffnungen dahingingen. Plötzlich mitten in einem Lauf brach der Gesang ab, als ob der Mund der Sängerin durch einen Kuß verschlossen worden wäre, und die Stille, die jetzt im Nebenraum eintrat, war so lastend, so grausam, so gesättigt von abscheulichem Verrat, daß Annina wutbebend auffuhr und, ehe Frau von Préjean und Saint-Yrieix Einsprache erheben konnten, auf den Flur und an die Türe stürzte, hinter der André mit der Cortazzi saß, und mit geballter Faust dagegen schlug. Ein Schrei der Überraschung ließ sich hören, Stühle wurden gerückt, dann ging die Türe auf und der Vicomte erschien mit ärgerlichem, drohendem Gesicht auf der Schwelle. Bei Anninas Anblick wurde er blaß und trat vor, um sie hinwegzuziehen, aber behend und kräftig stieß sie ihn beiseite und drang ins Zimmer, wo die Cortazzi noch am Klavier saß. » Che volete ?« näselte die Italienerin bestürzt. »Ich will, daß Sie das Zimmer verlassen,« versetzte Frau Trélaurier mit so stolzer, entschiedener Handbewegung, daß die Sängerin die Fassung verlor. »Aber, aber, was das heißen? ... André, bin ich hier, daß Sie mich lassen kränken? ...« Das Kauderwelsch der Cortazzi hatte für Preigne in diesem tragischen Augenblick etwas so Groteskes, es machte ihm durch seine triviale Komik den Greuel seiner Lage so klar, daß Ekel in ihm aufstieg. Er ermaß in einem raschen Überblick, wie grausam verletzend, wie schmachvoll und erbärmlich sein Verhalten gegen Annina war. Das brachte ihn selbst außer sich; all seine Selbstanklagen verdichteten sich zu einer unbezwinglichen Gereiztheit, und zu der Italienerin gewandt, die in der Haltung einer beleidigten Theaterkönigin auf Antwort wartete, sagte er in schneidendem Ton: »Legen Sie Ihren Mantel um, ich werde Sie an Ihren Wagen bringen ...« Bei diesem jähen Erwachen aus der Trunkenheit der vorigen Minute warf ihm die Cortazzi einen finstern Blick zu und alle volkstümliche Deutlichkeit der einstigen Gondoliersgeliebten wiederfindend, überschüttete sie ihn zischend mit Schimpfworten ihrer venezianischen Mundart. » Ah! Peccato! Ich dich nicht brauchen! Ich gehe allein!« Sie hüllte sich in ihren Abendmantel und nickte Annina einen hochmütigen Gruß zu. »Behalten Sie ihn! Viel ist er nicht wert!« Damit riß sie die Türe auf und stürmte hinaus, worauf sich Frau von Préjean und Saint-Yrieix sofort ins Zimmer drängten. Die Wut verzerrte Andrés Züge, als er ihrer ansichtig ward. »Nun weiß ich doch, wem ich diese Überraschung zu danken habe,« sagte er, sie feindselig ansehend. »Nur sich selbst, mein Lieber,« entgegnete Frau von Préjean keck. Ohne sie einer Antwort zu würdigen, trat der Vicomte mit drohendem Ausdruck auf Tristan zu. »Ich bin froh, wenigstens einen Mann zu finden, an den ich mich halten kann,« sagte André mit bebender Stimme. »Mein Lieber,« versetzte Tristan gelassen, »wenn du gerecht sein willst, mußt du anerkennen, daß ich mein möglichstes getan habe, dir diese Beschämung zu ersparen. Was habe ich dir nicht gesagt, um dich von diesem Einfall abzubringen? Wenn dir's trotzdem paßt, mich verantwortlich zu machen für das, was dir begegnet, so stehe ich zu Diensten.« Frau von Préjeans Blick ruhte mit Wohlwollen auf Saint-Yrieix. Er gefiel ihr ganz außerordentlich in diesem Augenblick, wo er so stolze und ehrenfeste Überzeugung bewies, und sie verzieh ihm ein gut Teil Faulheit für diesen kurzen Augenblick der Verwegenheit. Schon aber legte sich Annina ins Mittel. »André,« sagte sie mit müder Stimme, »nicht an Tristan hast du dich zu halten, sondern an mich. Diese treuen Freunde sind mir nur gefolgt, damit ich dieser Frau und dir nicht allein gegenübertrete. ... Ich war's, die eindringen wollte, sie, sie aber wollten mich davon abhalten. Doch ich konnte mich nicht entschließen, an die furchtbare Wahrheit zu glauben, eh ich dich selbst gesehen, dich gehört haben würde ...« Er fiel ihr mit einem Ausdruck ehrlicher Verzweiflung ins Wort. »Annina, wer hat mich angeschwärzt? Wer hat mir diese Falle gestellt? Wer hat dir, der Vertrauenden, den fürchterlichen Dienst erwiesen, dich zu warnen?« »Wer es getan, hat mich vor dem schlimmsten Untergang bewahrt, André. Aber klage nicht andre an, sondern dich selbst. Man hat dich nicht mit Gewalt hierher geführt, du bist freiwillig gekommen ... hast fröhlich hier getafelt beim Klang der Lieder ... die Sängerin ist fort, aber die Mahlzeit ist noch da. ... Lebe wohl!« Er vertrat ihr den Weg. »Annina, du wirst nicht gehen!« Sie sah ihn unendlich traurig, aber stolz an. »Du wirst mich doch nicht zwingen wollen, denke ich? Erinnere dich, was ich dir sagte: ein Verrat würde der Tod unsrer Liebe sein. Du hast mich verraten, André, und mein Herz hat nicht mehr das Recht, dich zu hören ...« »Auch nicht, wenn ich dich anflehe, wenn ich mich demütige, wenn ich dich mit Tränen bitte ...« In den Augen des harten Mannes, der bis dahin alle Frauen nach Laune behandelt, sich nie um ihre Leiden gekümmert hatte, wenn nur er sein Vergnügen fand, zitterten wirklich Tränen. Der düstere, stolze Schmerz Anninas versetzte ihn in Bestürzung, und ohne Zweifel liebte er sie noch, liebte sie jetzt vielleicht mehr als je. An der Stelle, wo die Cortazzi vorhin die Füße hingesetzt hatte, sank er vor ihr auf die Kniee und streckte die flehend erhobenen Hände nach der jungen Frau aus, die blaß, aber entschlossen, in erlesener Schönheit vor ihm stand. Es war vergebens. Mit jenem Ausdruck unerbittlicher Entschlossenheit, der einst Trélaurier jeder Hoffnung beraubt hatte, zog sie die Brauen zusammen und ging ohne ein Wort, ohne eine Handbewegung hinaus. Frau von Préjean und Saint-Yrieix, die bestürzt dagestanden hatten, als sie an ihnen vorübergeglitten war, sahen den Vicomte mit kläglicher Miene an, als ob sie einen Ausbruch seiner Leidenschaft, einen unwiderstehlichen Aufschrei des Herzens von ihm erwarteten, der Annina zurückführen würde. Er aber blieb regungslos in sich versunken, mit gesenktem Blick Klarheit über sein erbärmliches Abenteuer suchend. Dann gingen auch sie schweigend hinaus und Preigne war allein. Er schien ihr Verschwinden gar nicht bemerkt zu haben, er war wie vernichtet. Mechanisch ließ er sich auf einen Stuhl nieder, legte die Ellbogen auf den Tisch, ließ den Kopf auf die Hände sinken und dachte nach. Von Zeit zu Zeit lief ein Zucken durch seine Hände und große Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn, so schmerzvoll war diese Betrachtung. Nach Verlauf einer Viertelstunde erwachte er aus dem bangen Traum, blickte um sich, sah die Überreste der üppigen Mahlzeit und stand mit einem bittern Lächeln auf. Er zog eine Zigarette aus der silbernen Büchse, steckte sie an und klingelte. Der Kellner erschien voll heimlicher Neugier, aber äußerlich unbefangen, mit seiner Serviette unterm Arm. André warf einen Hundertfrankenschein auf den Tisch und sagte: »Machen Sie sich bezahlt!« »Der Herr Vicomte gehen?« »Ja, geben Sie mir meinen Überrock.« Er machte sich fertig und ging dann mit ruhiger Miene, als ob er nichts Ungewöhnliches erlebt hätte, über den Massénaplatz nach dem Klub, wo er gegen zwei Uhr morgens eintraf. Das Fest hatte einen starken Zulauf von Spielern herbeigeführt; nach einer im Kasino verbrachten Stunde waren die Stammgäste des Spieltischs zurückgekehrt und ein paar reiche Leute, die aus Cannes oder Monaco herübergekommen waren, verstärkten die gewöhnliche Kundschaft des grünen Tischs. Das Spiel war in lebhaftem Gang, als Preigne eintrat, und Graf Czethiani hielt die Karten in der Hand. Er hatte eben die Bank übernommen und verlor, was sonst nicht seine Gepflogenheit war. Als er den Vicomte eintreten sah, sagte er, im Geben begriffen, mit Gemütsruhe: »Ah! Da kommt vielleicht mein guter Stern wieder. ... Es wäre hohe Zeit!« Er schlug seine Karten auf. Sieben, drei. Er verlor auf beiden Tableaux. Mit unmutiger Gebärde warf er das übrige Spiel in den Korb und erklärte: »Ich höre auf. Mein Pech ist zu groß.« »Machen Sie nicht weiter, Graf?« fragte André den Ungarn. »Mit Ihnen halbpart, wenn Sie Lust haben?« »Gut. Wieviel Geld haben Sie vor sich?« »Darauf kommt's nicht an, ich halte jeden Betrag.« Unter den Spielern entstand eine Bewegung, als ob ein entscheidender Höhepunkt der Partie erwartet würde. Der Vorstand des Klubs, der General Baron Gaujard, der an einem Seitentisch mit Valançon Pikett spielte, stand auf und kam herüber, und ein kleines Herrchen mit leberkranker Hautfarbe, das an einer Partie Ecarté beteiligt war, trat ebenfalls an den Baccarattisch. »Die Partie will ich mitansehen,« sagte er zu seinen Mitspielern. »Herr Linguet, Sie werden sich nur rupfen lassen, bleiben Sie lieber bei uns,« bemerkte ein reicher Ölhändler aus Grasse. Aber der kleine Mann schien Wichtigeres vorzuhaben, als Zehnfrankenstücke zu gewinnen oder zu verlieren. Seine Augen waren unverwandt auf den schönen André geheftet, und ohne die Einsprache zu hören, ging er auf den Baccarattisch zu. Der Spielkellner hatte inzwischen neue Karten gebracht und der Ungar mischte sie auf dem Tisch mit einer übertriebenen Korrektheit, die an sich verdächtig war. »Na, Valançon, auf diese Weise überwachen Sie das Fest, zu dessen Anordnern Sie gehören?« bemerkte André gelassen. »Ich war todmüde, bin seit heute früh nicht aus dem Geschirr gekommen! Da glaubte ich mir das Recht auszuschnaufen und ein wenig stillzusitzen redlich verdient zu haben. Sie kommen vom Kasino?« »Ja.« »War's hübsch?« »Prachtvoll.« »Haben Sie meine Frau gesehen?« »Sie muß gleichzeitig mit Frau von Préjean und Saint-Yrieix aufgebrochen sein.« André beobachtete Valançon aufmerksam, denn er hätte gern gewußt, ob er mit im Komplott gegen ihn sei, doch der Maler zuckte nicht mit der Wimper. Er sah offenbar mit Spannung zu, wie der Ungar die Karten mischte. Als das Spiel eingeleitet war, ließ der Graf seine Blicke über den ganzen Kreis der Spieler hinschweifen und sagte dann mit einem übertrieben höflichen, unangenehmen Lächeln zu Valançon: »Wollen Sie abheben, verehrter Meister?« »Mit Vergnügen.« Der Künstler griff nach dem Kartonblättchen, womit die Karten in zwei Teile geteilt werden, und steckte es ins Spiel. Der Ungar fügte die beiden Hälften zusammen und legte sie in den vor ihm stehenden Behälter aus Palisanderholz. » Messieurs, faites vos jeux !« Preigne hatte sich an die entgegengesetzte Seite des Tischs gesetzt und hielt die Harke bereit, um verlorene Einsätze einzuziehen, gewonnene auszubezahlen, während Valançon neben ihm Platz nahm. Der General, der sich nie am Baccarat beteiligte, hatte laut gesagt: »Jetzt ist ja die Partie im Gang. Ich will geschwind noch einmal ins Kasino hinüber.« In diesem Augenblick tauchte zwischen zwei am Tisch stehenden Spielern Linguets gelbes Gesicht mit den höhnischen Augen auf. André bemerkte ihn und die gewohnte verstimmende Wirkung dieses Anblicks zeigte sich auf seinem Gesicht. Er hatte gewußt, daß der kleine Mann in Nizza war, denn er hatte ihn mehrmals im Klub gesehen, aber an den Baccarattisch hatte sich Linguet bis jetzt nicht gewagt; er zog Gesellschaftsspiele wie Bridge oder Ecarté vor. Nach den Vorfällen im Restaurant Benozzi empfand Preigne das Auftauchen dieses haßerfüllten Gesichts als ein verhängnisvolles Zusammentreffen, und ein banges Vorgefühl beschlich ihn. Er erinnerte sich der Worte Saint-Yrieix': »Soupiere und spiele heute abend nicht«, und er glaubte, sie jetzt besser zu begreifen. Saint-Yrieix hatte gewußt, daß er von einer doppelten Gefahr bedroht war. Die erste mit der Cortazzi hatte ihn in vollem Maße ereilt, drohte ihm jetzt von dem Ungarn eine zweite? Er sah seinen Bundesgenossen an, der mit unerschütterlicher Ruhe Karten auflegte. Das weichliche Gesicht des Fremden, das von einem nach österreichischer Mode geschnittenen Backenbart umrahmt war, schien ihm mit einem Male einen seltsam niedrigen und heimtückischen Charakter zu verraten. Er blickte nur durch einen kleinen Spalt der gedunsenen Lider und seine beringten Finger handhabten die Karten mit einer fatalen Geschicklichkeit. Spielgewohnheit ohne Zweifel, etwas zu viel Übung! Ein Schauer überlief André, und er wäre gern aufgestanden, hätte am liebsten, ein Unwohlsein vorschützend, das Spiel aufgegeben, aber eine falsche Scham hielt ihn zurück. ... »Was würde man dazu sagen?« »Wir haben kein Glück,« hörte er in diesem Augenblick die rauhe Stimme des Ungarn sagen. »Bezahlen Sie für beide Tableaux, Vicomte.« André atmete auf. Zum ersten Male im Leben war ihm der Verlust willkommen. »Noch drei verlorene Sätze,« sagte er sich, »und ich hebe die Sitzung auf. Das Mißgeschick liefert mir dann einen vortrefflichen einwandfreien Vorwand aufzubrechen und damit der von Saint-Yrieix angedeuteten Gefahr zu entgehen.« In diesem Augenblick jedoch machte der Graf Czethiani eine Pause im Spiel, zog langsam und bedächtig ein Zigarrenetui aus der Tasche, legte es auf den Tisch und wählte aufs umständlichste eine Havanna aus, die er anzündete. Als sie brannte, nahm er die Zigarrentasche und steckte sie mit einer gewissen Hast zu sich, ergriff zugleich die Karten und leierte das übliche: » Messieurs, faites vos jeux ... Les jeux sont faits! « Er gab, und nun schien sich das Glück gewendet zu haben, als ob die Zigarrentasche ein kräftiger Talisman gewesen wäre. Drei volle Sätze für den Bankhalter, dann eine Unterbrechung und dann wieder fünf Gewinnsätze. Massen von Gold, Banknoten, Spielmarken häuften sich vor André auf, und man hörte murmeln: »Es müssen mindestens viertausend Louisdor sein ...« Der Ungar psalmodierte weiter: » Messieurs, faites vos jeux ... Les jeux sont faits! « Er wollte eben wieder geben, als sich von rückwärts eine Hand auf seine Karten legte und der Baron Gaujard nachdrücklich sagte: »Einen Augenblick! Es macht mir den Eindruck, als ob Sie mehr Karten hätten, als zum Spiel gehören.« »General! Sie beschimpfen mich!« rief der Bankhalter mit tragischer Entrüstung, wobei er den Versuch machte, die Karten durcheinander zu werfen, doch der Vorstand des Klubs hielt sie fest und Valançon leistete ihm Beistand. »Kein Geschrei, kein Aufsehen! Sie folgen uns ins Nebenzimmer. ... Wir wissen, wer Sie sind, und sprechen uns besser in kleinem Kreis aus.« Mit zitternden Knieen stand der Ungar auf, als eine durchdringende Stimme rief: »Halt! Den Teilhaber nicht vergessen! Wenn der Graf Czethiani ein Betrüger ist, so ist der, der seinen Gewinn teilte, auch nicht hasenrein! Ich verlange, daß man ihn jetzt auch halbpart machen läßt!« Vor Freude bebend, wies der kleine Linguet mit dem Finger auf seinen leichenbleichen, schreckensstarren Feind. »Ich! Ich!« rief André, sich hoch aufrichtend. »Sie wagen, mich zu verdächtigen!« Die anfängliche Verblüffung der geprellten Spieler verwandelte sich jetzt in Wut, der Vicomte sah, wohin er auch blicken mochte, nur zornige Gesichter um sich, und ein Kreuzfeuer von beleidigenden Bemerkungen prasselte auf ihn nieder. »Dieb! Räuber! Unser Geld wollen wir wieder!« André drängte mit einer erschreckenden Gebärde die Hitzigsten von sich. »Den ersten, der noch ein Wort sagt, den zerschmettere ich!« Allein der kleine Linguet war nicht der Mann, seine Beute fahren zu lassen, er hatte zu lang auf diesen Augenblick der Wonne geharrt, um einer Einschüchterung zugänglich zu sein. »Nur keine Schimpfreden und keine Drohungen!« erklärte er. »Sie haben es hier nur mit anständigen Leuten zu tun, Herr Vicomte von Preigne, verstehen Sie wohl. Die Wahrscheinlichkeit, daß Sie ein Gauner sind, ist dagegen sehr groß. Wir werden's alsbald erfahren. Einstweilen gehen Sie mit den Herren, die Ihren Spießgesellen geleiten. Die Sache wird genau untersucht werden ... vor allem, daß niemand an die Karten rühre!« Valançon war schon damit beschäftigt, sie in einen Korb zu sammeln, nachdem er den Rest des Spiels, den der Ungar noch nicht ausgegeben, vor aller Augen versiegelt hatte. Er beugte sich zu André hinüber. »Kommen Sie mit mir, Vicomte. Sie dürfen nicht hier bleiben, wo Sie nur Beschimpfungen ausgesetzt sind ... wenn Sie sich rechtfertigen können, so beeilen Sie sich damit ...« Im Nebenzimmer befanden sich jetzt der Baron Gaujard, Valançon, der kleine Linguet, der Ungar, André von Preigne und der reiche Ölhändler aus Grasse, der mit einem Schlag eine für alle unerwartete Bedeutung gewonnen hatte und knappe, jeden Widerspruch abschneidende dienstliche Befehle erteilte. »Schließen Sie die Türe ab, daß wir ungestört bleiben! ... Stellen Sie an jedem Eingang einen Diener auf, daß niemand ohne Erlaubnis eindringe! ... Und jetzt bringen wir die Sache zur Sprache.« »Ja, wer sind Sie denn?« rief der Ungar, sich gegen die Anmaßung auflehnend, womit der Unbekannte die Verhandlung an sich riß. »Wenn es Sie interessiert, das zu wissen, ich heiße Robillaud und bin Polizeikommissär für Spielangelegenheiten. Sie haben mich nur nicht erkannt, weil ich gut vermummt bin. ... Soll ich etwa die Perücke abnehmen? Was Sie betrifft, so machen Sie gütigst mit mir keine Flausen. Sie sind Armoison, der sogenannte König der Griechen; und Sie sitzen dieses Mal fest in der Klemme.« Der »Graf Czethiani« schien seinen Ankläger keiner Antwort würdigen zu wollen. »Ich weiß nicht, was das heißen soll,« wandte er sich an den Vorstand des Klubs. »Meine Papiere sind in Ordnung, und ich berufe mich auf den österreichischen Konsul. Wenn Ihre Kollegen, weil sie verloren haben, behaupten, betrogen worden zu sein, so beweist das nur, daß sie schlechte Spieler sind, weiter nichts.« »Herr Valançon,« sagte Robillaud gelassen, »wollen Sie die Güte haben, mir den Teil der Karten zu übergeben, den Sie versiegelt haben? Während ich ihn vor diesen Zeugen untersuche, sind Sie wohl so freundlich, die Karten im Korb nachzuzählen. Es waren ursprünglich die üblichen vier Spiele. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, so müßten wir mit diesem Rest hundertundacht Karten vorfinden...« »Kann ich wissen, was für eine Gaunerei man in dem Getümmel um den Spieltisch ausgeübt haben mag?« warf der sogenannte Graf Czethiani hin. »Sie schweigen!« herrschte ihn der Baron Gaujard in so rauhem Ton an, daß der Mann eingeschüchtert ward und sich darauf beschränkte, seine Entrüstung durch Gebärden zu äußern. Einstweilen erklärte der Polizist unter den Augen des finster schweigenden Vicomte von Preigne in spöttischem Ton: »Wenn sich der Herr, wie ich vermute, des portugiesischen Sequens bedient hat, werden wir nach drei Treffern einen Fehlschlag, dann wieder fünf Treffer finden,« Er spielte nun die Rolle des Bankhalters, indem er den Anwesenden regelrecht Karten austeilte, nur daß er sie offen auf den Tisch legte, und wirklich entwickelte sich das Spiel genau so, wie er vorausgesagt hatte. »Um dies Sequens erfolglos bleiben zu lassen, müßte unter den Gegnern ein Windhund sein, der kreuz und quer setzt, was so gut wie niemals vorkommt. Es sind wirklich, wie wir vermutet hatten, überschüssige Karten eingeschmuggelt worden. Als er die Zigarrentasche herausnahm, hat Herr Armoison diese Karten auf den Tisch gelegt und dann sehr geschickt ins Spiel eingeschoben. Saubere Arbeit, übrigens kein Wunder, denn Herr Armoison ist längst Meister in seinem Fach und niemand versteht sich wie er, wenn's not tut, auf Taschenspielerstückchen.« Ein Zucken ging über das Gesicht des Ungarn, wie wenn ein Windstoß eine Wasserfläche kräuselt. Seine Augen funkelten höhnisch und sein Mund verzog sich grollend. »Sie machen sich über mich lustig,« warf er hin. »Wahrhaftig, nein,« sagte Valançon, der mit Zählen fertig geworden war. »Es sind sechzig Karten zu viel ...« »Wer diese unter das Spiel gemischt hat, weiß ich nicht,« erklärte der Ungar. »Sind Sie Ihres Dienstpersonals sicher?« »Genug der Ausflüchte!« rief der Baron Gaujard. »Sie sind ertappt, jetzt gilt es nur noch Ihre Rechnung ins reine zu bringen. Mit Ihrer Person werden wir uns gar nicht mehr befassen. Das erbeutete Geld ist in unsern Händen und wird denen zurückerstattet, die es eingebüßt haben. Was Sie betrifft, so ersuche ich Sie in aller Interesse, sich anderswo einen Galgen zu suchen ...« »Sachte, sachte!« fiel der kleine Linguet ein. »Es kann doch eine gerichtliche Klage anhängig gemacht werden ...« »Für die Mitglieder des Klubs stehe ich gut,« erklärte der Präsident, »und ...« »Ich bitte mich davon auszunehmen,« unterbrach ihn der gallige Alte. »Ich sehe zwar kein Unrecht darin, den falschen Grafen und Pseudoungarn, kurz den Herrn Armoison, einfach an die Luft zu setzen und laufen zu lassen, aber bei seinem Mitschuldigen, dem Vicomte André von Preigne liegt der Fall anders. Der Meister Armoison ist ein Gauner von Beruf, er lebt von diesem Handwerk, und man kennt ihn, die Leute brauchen sich also nur vor ihm zu hüten. Dieser junge Kavalier aber, der ganz verstohlen den Helfershelfer bei diesem Kniff mit eingeschmuggelten Karten macht, dieser elegante Weltmann, der seinen vornehmen Rang dazu mißbraucht, die Leute zu täuschen, dieser hochgeborene Dieb, dieser Bandit aus der großen Welt, der jetzt in unsre Hand gegeben ist, und an dem vor unsern Augen der Angstschweiß ausbricht – Scham kennt er ja nicht – was soll mit diesem geschehen?« »Ich schwöre bei meiner Ehre,« rief der Vicomte leidenschaftlich, »daß ich von den Kniffen dieses Herrn nichts wußte! Ich fordere ihn auf, sich auszusprechen, ob zwischen mir und ihm ein Einverständnis bestanden hat.« »Nein, nein, gewiß nicht!« sagte der entlarvte Gauner mit einem wohlwollenden Lachen. »Der Herr Vicomte sah, daß ich gewann, deshalb beteiligte er sich an meinem Spiele, das ist alles. Nichts einfacher als das, und jeder von Ihnen würde an seiner Stelle dasselbe getan haben ...« Bei diesen unklugen Worten breitete sich eine bleierne Stille aus, die sich wie ein Verdammungsurteil schwer auf André niedersenkte. Keiner wollte ihn vollends zu Grund richten, indem er Widerspruch erhoben hätte, doch alle waren mit ihrem Urteil über ihn im klaren. »Will denn gar niemand hier für mich eintreten?« rief er, sich rasend aufbäumend unter der Last des Schimpfs. »Valançon, geben auch Sie mich auf?« Der Maler erbebte bei diesem verzweifelten Notruf. Rasch stieg Anninas Bild vor ihm auf, er sah die Schande des Geliebten, an ihr aufspritzend, sie selbst beschmutzen und es war ihm, als ob auch Trélaurier nicht so furchtbar gerächt werden wollte. »Im Grunde, meine Herren,« sagte er, auf André zutretend, »fehlen doch Beweise für die angebliche Mitschuld des Vicomte von Preigne, deren man ihn bezichtigt ...« »Ich bezichtige ihn hiermit ausdrücklich dieser Mitschuld!« kreischte der kleine Linguet, die magere, zitternde Hand nach dem Feind ausstreckend. »Der Ungar geht mich nichts an, ich will auch mein verlorenes Geld nicht zurückerstattet haben, ich will aber, daß ... sagen wir die Inkorrektheit des Herrn von Preigne festgenagelt werde. Wenn Sie kein Protokoll aufsetzen wollen, und wäre es auch nur für die Geheimakten des Klubs, so mache ich heute früh noch Anzeige beim Staatsanwalt.« Dieser elementare Haß des alten Männchens wirkte erkältend auf die Anwesenden. Der Baron Gaujard bemerkte beinah vorwurfsvoll: »Mein Herr, Sie zeigen ja eine große Verbissenheit ...« »Sparen Sie Ihre Milde!« rief Linguet höhnisch. »Der Lump verdient kein Mitleid! Er ist mir verfallen mit Leib, Leben und Ehre, das weiß er wohl. Sehen Sie nur, wie er grün wird vor Angst, wenn ich ihm seine Erbärmlichkeit ins Gesicht speie! Wenn ich die Kraft hätte, ihn im Zweikampf zu töten, wie er's mit seinen Feinden macht, wäre er längst nicht mehr da! Aber ich habe ihn trotzdem in der Gewalt, und wenn Sie, wie es scheint, nicht geneigt sind, Ihre Pflicht zu erfüllen, werde ich sie übernehmen und nicht nachlassen, bis das Ziel erreicht ist.« »Elender!« knirschte André. »Schweig, du Schurke! Du weißt, daß mir jedes Mittel, dich zu treffen, zusteht, und ich werde dich noch mit Füßen treten, feiger Mörder. In diesem Augenblick halte ich in Händen, was man so deine Ehre nennt, und niemand wird sie mir entreißen! Sie verstehen mich, meine Herren – entweder, oder. Entweder wird auf der Stelle ein Protokoll aufgenommen über den ganzen Vorgang und von allen Anwesenden mit Einschluß des Vicomte unterzeichnet, oder es erfolgt die Anzeige beim Staatsanwalt. Haben Sie mich verstanden?« »Ich unterschreibe nichts!« rief André. »Eher mag man mir die Hand abhauen.« »Man wird Ihnen nichts abhauen und Sie werden unterschreiben. Bramarbasieren Sie doch nicht!« »Mißbrauchen Sie den Vorteil Ihrer Lage nicht, Herr Linguet,« legte sich Valançon ins Mittel. »Sie schaden sich selbst, indem Sie einen Mann angreifen, der sich nicht verteidigt. Wir alle sind darin einig, einen Skandal vermeiden zu wollen, der weder dem Klub, noch allen, die in das Abenteuer verwickelt sind, zum Heil gereichen würde. Verhüten wir, wenn irgend möglich, daß die Sache in die Öffentlichkeit dringt. Sie verlangen ein Protokoll, darin stimmen wir Ihnen bei, aber daß der Vicomte seinen Namen darunter setzt, ist durchaus überflüssig. Die Lage, worin er sich befindet, ist an sich peinlich genug, wir brauchen nichts hinzuzufügen, was über unsre Aufgabe hinausgeht. Wir lassen uns nicht von Ihnen als Werkzeug gebrauchen, merken Sie sich das.« Valançon sah das kleine Männchen bei diesen Worten mit solcher Festigkeit an, daß Linguet wohl oder übel seinen Plan fahren lassen mußte. »Und wer wird die Betrogenen entschädigen?« fragte er indes in immer noch drohendem Ton. »Es sind von den Spielern etwa zweihundertfünfzigtausend Franken an die verdächtige Bank verloren worden, das Geringste, was der Vicomte tun kann, ist, sie zu bezahlen. Ungefähr hunderttausend Franken haben Sie auf dem Tisch in Beschlag genommen, somit fehlen noch Hundertfünfzigtausend Franken, die morgen hier an die Spieler auszuzahlen sind, sonst betrachte ich mich als berechtigt, weitere Schritte zu tun. ... Das Gericht mag dann die Sache in die Hand nehmen.« »Das wäre abgemacht. Herr Robillaud, wollen Sie Armoison über die Diensttreppe aus dem Haus führen und an die Luft setzen.« Der Bankhalter atmete erleichtert auf und wagte sogar zu lächeln, indem er sagte: »Sie behalten den Spielgewinn der Partie. Es sei, aber möchten Sie mir nicht wenigstens meinen Einsatz zurückerstatten? Ich kam heute abend mit fünfzigtausend Franken in den Klub ...« »Die Sie gestern auf die uns jetzt bekannte Art gewonnen haben. Wir werden sie den hundertundfünfzigtausend beifügen, die uns der Vicomte für morgen verspricht.« Der Bursche machte ein Zeichen der Zustimmung und wollte sich in der Runde verbeugen, er bekam aber nur Rücken zu sehen. Nun verschwand er mit handgreiflicher Nachhilfe des Polizeikommissärs. »Gehen Sie fort, Vicomte,« sagte Valançon halblaut zu André. »Sie sehen, daß ich um Anninas willen für Sie tat, was ich konnte. Jetzt will ich Ihnen noch den wohlgemeinten Rat geben, gehen Sie für ein paar Monate ins Ausland. Das wird für alle Welt das Beste sein.« »Ich bin unschuldig, Valançon,« beteuerte André, schmerzlich flehend. »Sie waren anwesend, Sie können zu meinen Gunsten zeugen, lassen Sie mich nicht im Stich ...« Der Künstler sah ihm fest ins Gesicht und erwiderte mit ernster Stimme: »Sie haben Trélaurier beschimpft, der mein Freund ist, Annina verraten, die ich gleich einer Schwester liebe, Sie haben an der Ehre gefrevelt, Herr von Preigne, das ist mehr, als daß ich noch für Sie eintreten könnte. Für jeden kommt die Stunde, wo er für seine Sünden büßen muß, für Sie ist sie jetzt angebrochen. Reisen Sie und sorgen Sie dafür, daß man Sie vergißt.« Der junge Mann warf sich mit einem erstickten Zorneslaut in die Brust, heftete einen drohenden Blick auf den Maler und sagte mit bitterem Lächeln: »So leicht wird man doch nicht mit mir fertig werden. Ich bin weder schwach noch wehrlos ...« »Nehmen Sie sich in acht, und drohen Sie nicht! Sie würden dadurch andre Maßregeln hervorrufen.« André war wieder vollkommen Herr seiner Bewegung geworden. Er maß Valançon mit einem verächtlichen, hochmütigen Blick und sagte lachend: »Ich fürchte nichts!« Und mit einem nachlässigen Gruß gegen die andern Herren ging er auf die Türe zu; ungebeugten Haupts wollte er die Klubräume durchschreiten. Durch seine Kühnheit eingeschüchtert, blickten ihm alle schweigend nach; nur Linguet hatte die Geistesgegenwart, ihm noch zuzurufen: »Auf Wiedersehen, Sie Zierde der Menschheit. Wir sind noch nicht miteinander fertig.« Der Baron Gaujard wandte sich zu Valançon und Linguet. »Setzen wir jetzt unser Protokoll auf, aber es versteht sich, daß die Sache unter uns bleibt.« »Gewiß,« stimmte Linguet voll Vergnügen bei, »denn ob Sie das Protokoll geheimhalten oder nicht, bleibt sich ganz gleich. Wenn ich nur darauf hinweisen kann, daß es vorhanden ist, setze ich es durch, daß der Vicomte aus sämtlichen Pariser Klubs ausgewiesen wird.« »Mein Gott, was hat Ihnen denn der Unglückliche zu Leid getan?« fragte Baron Gaujard, in dem die grenzenlose Verbissenheit dieses Kleinbürgers das Gefühl der Solidarität mit dem Standesgenossen wachrief. »Was er mir zu Leid getan hat? Ach, was er so in der Gewohnheit hat,« sagte der alte Mann einfach. »Er hat mein einziges Kind entehrt und dann verlassen; sie aber ist aus Kummer darüber gestorben.« Der General senkte schweigend den Kopf. Zehntes Kapitel Um zwei Uhr morgens hatten sich Géraldine, Frau von Préjean und Annina, nachdem sie das Benozzische Lokal verlassen, in Valançons Atelier zusammengefunden. Es war von Anfang an beschlossene Sache gewesen, daß Frau Trélaulier nicht in ihre Wohnung zurückkehren, sondern den Rest der Nacht bei Géraldine zubringen solle. Tristan war in den Klub gesandt worden mit dem Auftrag, Valançon über das Vorgefallene zu unterrichten, und außerdem, falls noch Zeit wäre, André gegen die ihm dort drohenden Gefahren zu wappnen. Mit furchtbarer Herzbeklemmung war Annina sich bewußt geworden, daß sie von ihrem persönlichen Schmerz hingerissen, alles vergessen, was nicht mit dem ihr zugefügten Unrecht zusammenhing, und André damit arglos den Feinden ausgeliefert hatte. Sein Schicksal hatte in ihrer Hand gelegen, und sie hatte vergessen können, daß ein Wort von ihr ihn aufklären und vor dem Verderben bewahren konnte. Großmütig auch im eigenen Leiden, beauftragte sie Tristan, André zu benachrichtigen, daß er mit Mißtrauen beobachtet werde und daß derjenige, der ihm den Scheiterhaufen geschichtet habe, nicht barmherzig sein werde wie sie, sondern seine Sache aufs äußerste zu verfolgen gesonnen sei. Diese Bemühung zu Gunsten des Vicomte war die letzte Äußerung ihrer Willenskraft gewesen. Seit sie Tristan ihren Auftrag erteilt hatte, war die junge Frau in ein dumpfes Hinbrüten versunken, dem auch die zärtlichste Fürsorge der Freundinnen sie nicht zu entreißen vermochte. Sie lag ausgestreckt auf dem Ruhebett des Ateliers, den Kopf ganz vergraben in Kissen, weinte aber nicht, sondern verharrte regungslos und starr wie eine Tote und erwiderte auf all den liebevollen Zuspruch, den ihr Frau von Préjean wie Géraldine aufs zartfühlendste zuflüsterten, kein einziges Wort. Es machte den Eindruck, als ob für sie alles zu Ende wäre, als ob sie weder Linderung in der Gegenwart, noch Hoffnung für die Zukunft zugänglich sei. Ob sie auch nur hörte, was man ihr sagte? Man konnte darüber nicht ins klare kommen, aber der liebevolle Eifer der beiden Frauen erlahmte deshalb doch nicht. Endlich aber stellten sie ihr Zureden ein, weil sie Anninas Erschöpfung dadurch zu steigern fürchteten, überließen sie ihrer eigensinnigen Schweigsamkeit, ihrer trotzigen Starrheit und zogen sich in die entfernteste Ecke des großen Raums zurück, wo sie leise plaudernd Saint-Yrieix und Valançons Rücklehr abwarteten. Um drei Uhr morgens klingelte es an der Gartentür. Bei diesem Klang, der Nachricht erwarten ließ, fuhr Annina jählings auf. »Das sind sie!« murmelte sie mit namenloser Angst auf dem Gesicht und im Klang der Stimme. Als die Schritte der beiden Männer auf der Treppe laut wurden, zitterte sie wie Espenlaub. Sie schien ganz außer sich zu sein; ihre Augen glühten, der Mund war krampfhaft verzerrt. Außer stande, ihre Ungeduld zu bemeistern, lief sie an die Tür, riß sie auf und rief: »Was ist geschehen?« Valançon wie Tristan sahen so niedergeschlagen aus, daß Annina keine Antwort brauchte. »Tristan kam zu spät?« rief sie, die Hände ringend. »Man entrinnt seinem Schicksal nicht,« gab Valançon ernst und traurig zurück. »Wenn Herr von Preigne heute nicht ertappt worden wäre, so wäre es unfehlbar ein andres Mal geschehen, vielleicht in vier Wochen, vielleicht in einem Jahr; wer einmal auf die schiefe Ebene geraten ist, den hält man nicht mehr auf. Der Unglückselige war verloren .... Es ist besser, daß ihn sein Schicksal heute nacht ereilt hat! Wenigstens konnte er Sie nicht weiter mit sich hinabreißen, und das war's, was uns am meisten am Herzen lag ...« »So haben Sie um meinetwillen ihn geopfert?« »Nein. Um Ihretwillen habe ich ihn sogar beschützt, soweit es in meiner Macht lag, und mir verdankt er, daß ihm wenigstens noch ein Schimmer von Ehre bleibt.« »Und was wird er beginnen?« »Er wird den Versuch machen, Sie wiederzusehen, darüber ist kein Zweifel. Sie sind seine letzte Zuflucht, seine einzige Rettung. Er weiß zu genau, wie gut Sie sind, und er rechnet auf Ihre Zärtlichkeit. Wenn Sie ihm Gehör schenken, ihn auch nur sehen, werden Sie, wie ich fürchte, ihm verfallen sein und dann so tief sinken, daß alle Liebe Ihrer Freunde, aller Opfermut dessen, der Sie nie aufgegeben hat, nicht ausreichen würden, Sie wieder zu erheben.« Annina wurde leichenblaß bei dieser deutlichen Anspielung auf die übermenschliche Großmut ihres Gatten, die Valançon in dem Augenblick wagte, wo die grausame und ehrlose Selbstsucht ihres Geliebten sich so deutlich bestätigte. Es war ihr selbst unmöglich, den Vergleich dieser beiden Männer von sich zu weisen, und Trélaurier wuchs in ihren Augen in demselben Maß, als sein Nebenbuhler zusammenschrumpfte. Atemlos fragte sie, immer noch an André denkend, ehe sie an sich selbst dachte: »Der Unselige! Was wird aus ihm werden?« »Ach, das ist seine Sache!« fiel Tristan ungerührt ein. »Machen wir uns doch keine Sorgen um den! Mit seiner hübschen Larve und seiner lasterhaften Geschicklichkeit wird er immer wieder Leute finden, die auf ihn hereinfallen. Du aber, Annina, mach dir ums Himmels willen die Lehre zu nutze, die du jetzt erhalten hast. Die Macht der Umstände gibt dir deine Freiheit zurück, du hast das in einer Stunde der Verblendung geknüpfte Band nicht aus freien Stücken gelöst, es ist zerrissen, jetzt flicke du es nicht wieder zusammen! Ich bitte dich im Namen aller, die dich lieb haben, mache die Augen auf. Von Selbsttäuschungen betrogen, hast du den Weg verfehlt, stehe jetzt still! Wir sind an deiner Seite, wir wollen dir den rechten Weg weisen, dich pflegen, dich trösten, aber versprich uns, Preigne nicht wiederzusehen!« »Werde ich das können?« fragte sie trostlos. »Werde ich die Kraft dazu haben, wenn ich's auch verspreche?« »So geben Sie uns das Recht, Sie vor ihm und vor sich selbst zu beschützen,« sagte Frau von Préjean. »Wir werden nicht von Ihrer Seite weichen ...« »Aber wenn er mir trotz alledem Aufklärungen zu geben hätte? Wenn er mir beweisen könnte, daß er mich nicht verraten hat?« fragte Annina, verzweifelt die Hände ringend. »Ach! Ihr seht's ja, wie feige ich bin, wie sehr ich noch an ihm hänge .... überlaßt mich meinem Elend, ich bin's nicht wert, daß ihr mich zu retten versucht. Ich bin besessen, bin nicht mehr ich selbst. Ich werde alle Schwüre brechen, eure Freundschaft betrügen, ich bin so niedrig wie er, laßt mich bei ihm!« Mit einem Strom von Tränen sank sie auf das Ruhebett zurück, verzweifelt wie eine Wahnsinnige, ihren Schmerz hinausschreiend. Die Freunde sahen einander betroffen, bekümmert, ratlos an, nur Saint-Yrieir zeigte Entschlossenheit und Kaltblütigkeit. »Gewinnen wir Zeit,« sagte er leise. »Ohne Zweifel kommt Vernaut heute mit dem Schnellzug, vielleicht sogar Trélaurier selbst. Tun wir unser möglichstes, bis dahin wenigstens eine Begegnung des Vicomte mit Annina zu verhindern. Das erkläre ich euch, wenn er sich hier einstellt, so weise ich ihm die Tür, mag daraus entstehen, was will. Schließlich habe ich seine Großmäuligkeit satt, und Angst habe ich nicht im geringsten vor ihm!« Zum zweiten Male errang Tristan durch seine Mannhaftigkeit Frau von Préjeans Bewunderung. »Tristan, so gefällt's mir!'' sagte sie mit Wärme. »Ich stimme Ihnen in allen Stücken bei. Valançon und Sie wachen an der Türe, Géraldine und ich im Innern. So glaube ich, können wir den Ereignissen mit Ruhe entgegensehen,« Sie beugte sich über Annina. »Liebling, ich meine, Sie sollten ein wenig ruhen ... Frau Valançon hat ein Zimmer für Sie bereit. Kommen Sie mit mir, ich werde Sie zu Bett bringen und wie ein geliebtes Kind in Schlaf singen ... Sie müssen Ihre Kräfte sammeln für das Kommende. Haben Sie nur Vertrauen zu uns, die wir Ihnen so gern aus aller Not helfen möchten, und kommen Sie jetzt.« Sie hatte den Arm unter Anninas Schulter geschoben und half ihr, sie stützend, sich aufrichten. Géraldine hielt die Tür offen und im Nu befand sich Annina im dämmerigen Dunkel einer Schlafstube, wo ein blendendweißes Bett Ruhe und Vergessen verhieß. Die beiden Frauen nützten Anninas Widerstandslosigkeit, um sie zu entkleiden, ihre schönen Haare zu lösen und zu flechten und ihr ein feines, duftendes Nachthemd überzuwerfen. Körperlich angenehm berührt, von einem gewissen Wohlsein durchströmt, sah sie die Freundinnen an und die trostlosen Augen versuchten zu lächeln, konnten aber nur neue Tränen, dieses Mal der Rührung, vergießen. Géraldine kniete vor ihr, um ihr Schuhe und Strümpfe abzuziehen, und die jungen Frauen tauschten beim Anblick dieses geschmeidigen und kraftvollen jugendfrischen Körpers einen schmerzlichen Blick aus. Dieses Meisterwerk der Schönheit verschmähte der Geliebte über ungesunden Gelüsten, dieses entzückende Geschöpf, dessen Liebe jedes Opfers wert war, hatte alles hingeben müssen, um nun nicht einmal Achtung zu genießen! In anmutiger Bewegung setzte Annina das schimmernde Knie aufs Bett, das leicht federte, und streckte sich mit wohligem Aufatmen aus. Im Schatten der Vorhänge wälzte sie langsam den Kopf auf dem Kissen hin und her, als ob sie die Unruhe ihrer Gedanken damit beschwichtigen wolle. »Liegen Sie bequem, Liebste?« fragte Géraldine. »Ja, ich danke Ihnen ... Sie sind so gut ...« »Sie haben wenig Zeit zum Schlafen, es ist schon vier Uhr und demnächst wird der Tag anbrechen. ... Wollen Sie nicht etwas Beruhigendes nehmen, um einschlafen zu können?« »Ich nehme, was Sie mir geben,« sagte Annina sanft wie ein Kind. Frau von Préjean trat an Géraldines Stelle ans Bett. Sie drückte ihre Lippen auf die schon kühler werdende Stirn Anninas, flüsterte ihr zärtliche Trostesworte zu, die dem Ohr schmeicheln und das Gemüt beruhigen, bis Géraldine mit einem Glas zurückkam, worin sie eine Flüssigkeit umrührte. »Trinken Sie das, Liebling ... Valançon hat das beruhigende Tränkchen selbst für Sie gemischt.« Sie hob ihr den Kopf, hielt das Glas an ihre Lippen und ließ Annina trinken. »So, jetzt versuchen Sie's nur ernstlich, das Denken aufzugeben!« Sie zog alle Vorhänge zu, um Annina vor dem einbrechenden Tageslicht zu schützen, und setzte sich mit Frau von Préjean in eine ferne Ecke des Zimmers. »Was ich ihr gab, ist ein Morphiumsirup,« sagte sie leise. »Das arme Kind wird einschlafen und hoffentlich recht spät erwachen, so daß wir Zeit haben, einen etwaigen Angriff des Vicomte mit allen Mitteln abzuschlagen.« »Hören Sie nur ... sie schläft schon ...« Regelmäßige, tiefe Atemzüge ließen sich vernehmen, Annina hatte, von Müdigkeit überwältigt, von dem Schlaftrunk betäubt, endlich das Bewußtsein ihres Elends verloren. »Liebe Freundin, tun Sie mir den Gefallen, in Ihren Gasthof zu gehen,« sagte Géraldine zu Frau von Préjean. »Sie bedürfen auch der Ruhe! Seien Sie bis neun Uhr wieder hier, so lange werde ich wachen. Wenn Sie dann wieder da sind, kann ich mich eine Weile schlafen legen. Ich werde jetzt sorgen, daß Valançon zu Bett geht, denn er würde uns ja nichts nützen. Sie sehen, daß die arme Annina folgsam ist, wie ein kleines Kind, und vermutlich wird der Rest der Nacht ganz ruhig vorübergehen. Ach! Wenn wir das auch vom morgigen Tag hoffen dürften ...« Frau von Préjean drückte Géraldine die Hand und ging auf den Zehenspitzen ins Atelier hinüber. Nach kurzer Zeit hörte man den Landauer, der vor dem Tor gewartet hatte, davonfahren, und tiefe Stille trat im Hause ein. Annina schlief, zuweilen im Traum tief aufseufzend, unter der treuen Obhut der Freundin, bis diese nach einem halben Stündchen gespannter Aufmerksamkeit den Kopf auf die Rücklehne ihres Stuhls sinken ließ und friedlich neben ihrem Pflegling einschlummerte. Um acht Uhr erschien ein Telegraphenbote. Valançon wurde geweckt und nahm das von Vernaut unterzeichnete Telegramm in Empfang. »Komme mit Felix Schnellzug. Handelt einstweilen nach Gutdünken.« Noch hielt er das Blatt in der Hand, als Saint-Yrieix schon als Vorläufer Frau von Préjeans erschien. »Ich komme so zeitig,« sagte er, »aus Angst, Preigne könnte den Versuch machen, Annina zu sprechen.« »Das würde ihm schwerlich gelingen, wenn ich nicht will!« »O, er ist von verzweifelter Verwegenheit und hat, ganz abgesehen von der Eigenliebe, triftige Gründe, sich nicht willig verdrängen zu lassen!« »Mir wäre, offen gestanden, nichts lieber, als wenn er käme, ehe Trélaurier und Vernaut hier sind. Es wäre mein höchster Wunsch, mit dem sauberen André fertig zu werden, ohne jegliche Einmischung des Ehemanns. Wenn Trélaurier und der Vicomte zusammentreffen, so könnte sich die lang angesammelte Wut entladen, der seit einem Jahr aufgehäufte Groll zum Ausbruch kommen.« »Was für Gesinnungen setzen Sie zur Zeit bei Trélaurier voraus?« »Ich kenne Felix sehr genau; er ist ein Mensch, der sein Urteil nie widerrufen wird. Er hat alles aufgeboten, um Annina zu verhindern, daß sie sich zu Grund richte, und es ist ihm nicht gelungen. Weit entfernt, das Spiel aufzugeben, hat er dann seine ganze Kraft eingesetzt, den Schein oder was davon noch übrig blieb, zu retten. Jetzt wird er logischerweise ehrlich und aufrichtig darauf hinarbeiten, Annina aus dem Sumpf zu ziehen, worin sie beinah erstickt. Annina wird sein einziger Gedanke sein, alles andre wird er der tiefen Liebe unterordnen, die er seiner Frau bewahrt hat. Wird ihm das gelungen sein, falls es überhaupt gelingt, so werden wir ja sehen, was er weiter unternimmt. Für den Augenblick steht das eine fest: er wird alle Hebel ansetzen, um Annina von dem Mann zu befreien, der sie vom rechten Weg abgeleitet hat.« »Was verstehen Sie unter diesen Hebeln?« »Alles: Schlauheit, Macht, Bestechung. Wenn's sein muß, wird er dem schönen André ohne Zögern ans Leben gehen, ist er für Geld zu haben, so wird Trélaurier nicht knausern!« »Für Geld zu haben? Schätzen Sie ihn dermaßen nieder ein?« »Ich bin dahin gelangt, ihn so gering zu schätzen, als man einen Menschen nur gering schätzen kann. Ich habe den Kerl an der Arbeit gesehen; er ist zu allem fähig. Aus Egoismus, zu seinem Vergnügen, um einer Laune willen würde er Christus noch einmal ans Kreuz schlagen, um so weniger zaudert er, ein einfaches menschliches Geschöpf am Spieß zu drehen, bis er seinen schändlichen Zweck erreicht hat. Er ist der Typus des neuen Geschlechts der Übermenschen, dessen sich die Gesellschaft zu erwehren haben wird. Ob unten oder oben an der Leiter, die jetzigen Sitten bringen die nämlichen Erscheinungen hervor: in den untern Kreisen Mörder, die wegen fünfzig Franken eine alte Frau abschlachten, in den höhern reizende Schwerenöter, die sich darin gefallen, an gar nichts zu glauben, nichts und niemand zu achten. Mein Lieber, wir leben in einer Gesellschaft, die in Zersetzung begriffen ist! Man hat alle Stützbalken entfernt, worauf sie ruhte, und braucht sich also nicht zu wundern, wenn sie zusammenstürzt, nur ist's nicht sehr angenehm, gerade unten zu stehen!« »Sie sind ein Schwarzseher, Valançon!« »Wie sollte ich es nicht sein? Ich bin Idealist und man hat die Ideale totgeschlagen! Ich habe einen Sohn, der mir leid tut, in den kommenden Zeiten leben zu müssen ...« Sie wurden durch den Bedienten unterbrochen, der mit geheimnisvoller Miene eintrat und mit gedämpfter Stimme, gleichsam vertraulich, meldete: »Die Jungfer von Frau Trélaurier ist da; sie bringt Kleider für ihre Herrin.« Valançon und Saint-Yrieix verständigten sich durch einen raschen Blick. Vielleicht, daß man durch das Mädchen erfahren könnte, was im »Englischen Haus« vor sich ging und was der Vicomte plante. Zoë war zweifellos nicht ohne Auftrag gekommen, sie mochte auf Rekognoszierung, vielleicht auch als Parlamentär abgesandt worden sein. »Führen Sie die Jungfer in den kleinen Salon im Erdgeschoß,« beschied Valançon den Diener. »Ich will sie nicht heraufkommen lassen,« sagte er erklärend zu Tristan. »Annina könnte ihre Stimme hören, und das würde vielleicht genügen, all unsre Berechnungen umzustoßen. Unten können wir das Zöfchen ins Gebet nehmen und vielleicht etwas Wissenswertes aus ihr herauskriegen.« Trotz ihrer sonstigen Naseweisheit war Arturs Freundin ziemlich verzagt, als sie den beiden Herren gegenübertreten mußte. Sie setzte eine Trauermiene auf und fragte in weinerlichem Ton, wie ihre geliebte Herrin die Nacht zugebracht habe. »Sie schläft noch,« sagte Valançon trocken. Zoë machte ein sehr verwundertes Gesicht über diese unerwartete Nachricht, und der Künstler setzte hinzu: »Wenn Sie ihr etwas zu bestellen haben, so werden Herr von Saint-Yrieix und ich den Auftrag übernehmen, oder Sie müssen später wiederkommen, denn wir werden Frau Trélaurier deshalb sicher nicht wecken lassen.« »O, das versteht sich,« gab Zoë zu. »Und ich möchte nicht ... es war mir nur darum zu tun, der gnädigen Frau das Nötigste zu bringen ...« »Beruhigen Sie sich, es mangelt ihr hier an nichts. Bestellen Sie das auch denen, die sich dafür interessieren und Sie hergeschickt haben.« »Ich bin aus freien Stücken gekommen ...« »Davon sind wir überzeugt, möglicherweise weiß aber Herr von Preigne doch darum ...« »Gewiß, das gehört sich auch. Er gab mir sogar ein Briefchen für die gnädige Frau ...« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« Zoë verzog gekränkt den Mund. »Ich möchte nicht falsch beurteilt werden von den Herren. Ich bin der gnädigen Frau ganz und gar ergeben, und den Herrn von Preigne, ... den ertrage ich nur, weil sie es verlangt. Mir wäre nichts lieber, als wenn wir ihn los würden, denn er ist ein abscheulicher Mensch!« »Die Ratten verlassen das Schiff,« brummte Tristan. »Haben Sie für den Fall, daß Sie Frau Trélaurier seinen Brief nicht zustellen könnten, vielleicht einen mündlichen Auftrag an die Dame?« fragte Valançon. »Ja, Herr Valançon. Ich sollte der gnädigen Frau sagen, sie möchte ausgehen, und Herr von Preigne werde sie gegen ein Uhr in den öffentlichen Anlagen erwarten. Falls Sie nicht käme, werde er sie auf jede Gefahr hin hier aufsuchen ...« »Schön. Nun, mein Kind, da Sie Frau Trélaurier nicht sehen werden, können Sie ihr weder den Brief zustellen, noch den mündlichen Auftrag ausrichten. Davon bitte ich Herrn von Preigne in Kenntnis zu setzen ...« »Aber befindet sich meine gnädige Frau auch wirklich wohl, Herr Valançon?« »Ihre Gesundheit läßt nichts zu wünschen übrig.« »Und wie befindet sich denn Herr von Preigne?« fragte Saint-Yrieix. »Bei einem Mann von solcher Selbstbeherrschung ist das schwer zu sagen! Er spricht nichts und geht seit heute früh, Zigaretten rauchend, im Garten auf und ab. Artur, sein Diener, der ihn genau kennt, sagt, der Herr Vicomte sei in größter Aufregung. Man denke sich auch, eine Frau wie die Gnädige, so gut, so nachsichtig, so großmütig, zu verlieren! Eine Frau wie sie findet man nicht so leicht wieder! Ach, und was hat sie nicht trotzdem auszustehen gehabt! Und diese Geduld, die sie hatte! Ein Ungeheuer von einem Mann, der sie Abend für Abend allein sitzen ließ, um Karten zu spielen, und um zwei Uhr Nachts heimkam mit ausgeleerten Taschen, wie ein ausgelaufener Krug! Ach, die Spieler! Etwas Schlimmeres gibt es nicht! Lieber noch die Schürzenjäger! Allerdings sind sie oft beides zumal! Und dann ist's die Hölle ... Gott helfe uns heraus!« »Und Sie glauben also, daß Herr von Preigne alles daran setzen wird, Frau Trélaurier wieder in die Gewalt zu bekommen, wenn sie nicht freiwillig zurückkehrt?« »Das ist Arturs Ansicht. Er sagt, der Herr Vicomte sei ein furchtbarer Mensch, wenn man ihm Widerstand leiste. Man kann sich's kaum vorstellen, wenn man ihn so sieht, blond und rosig und harmlos wie ein kleiner Junge. ... Der führt die Leute schön an!« »Herr von Preigne wird Sie wahrscheinlich ausfragen, wenn Sie nach Hause kommen. Wiederholen Sie ihm genau, was wir gesagt haben, wiederholen Sie alles ...« »Jawohl, Herr Valançon.« »Und setzen Sie noch hinzu, daß wenn er hierherkommt, Herr von Saint-Yrieix und ich bereit sind, ihn zu empfangen, daß er aber Frau Trélaurier nicht sehen wird.« »Gut, Herr Valançon. Das Paket für die gnädige Frau lasse ich da.« »Herr von Preignes Brief steckt nicht etwa darin?« »O nein, Herr Valançon, den habe ich hier.« Sie zog den Umschlag aus der Tasche und hielt ihn Valançon hin. Als dieser nicht danach griff, steckte sie ihn wieder zu sich, grüßte und ging mit bekümmerter Miene ab. Als die beiden Herren ins Atelier zurückkehrten, fanden sie Frau von Préjean dort vor, die während ihrer Zwiesprache mit der Zofe leise ins Haus getreten war. Im ganzen Umkreis von Anninas Zimmer herrschte noch tiefe Stille. Die Sonne stand schon hoch, und die Uhr der benachbarten Kirche hatte elf Uhr geschlagen, als Géraldine die Tür aufmachte und, von ihrem verwirrten blonden Haar wie von einem Heiligenschein umrahmt, hereinrief: »Eben erst ist sie aufgewacht! Guten Morgen beisammen!« »Wie steht's mit ihr?« »Das läßt sich noch nicht so bestimmt sagen. Die Ermüdung, der Jammer, der Schlaftrunk – Valançon hat die Dosis etwas reichlich bemessen – alles miteinander hat eine gewisse Unklarheit in ihrem armen Kopf hervorgerufen. Sie wußte anfangs nicht recht, wo sie war, wunderte sich, nicht zu Haus zu sein, und ist jetzt in finsteres Schweigen versunken. Was sie denkt? Was sie vorhat? Ich habe noch nicht gewagt, daran zu rühren.« »Jetzt werde ich Ihre Stelle bei ihr einnehmen, Géraldine, « erklärte Frau von Préjean. »Sie können sich einstweilen ankleiden, und die Herren bewachen den Eingang, wie in einer belagerten Festung. So wollen wir den Feind erwarten.« Frau von Préjean fand Annina außer Bett, in einem leichten Morgenrock am Fenster sitzend. Als sie die Freundin eintreten sah, flog eine leichte Röte über ihr Gesicht. Das ganze Entsetzen der Auftritte dieser Nacht wurde ihr wieder lebendig beim Anblick der Frau, die deren Zeuge gewesen war, sie sah wieder den nüchternen Wirtschaftsraum vor sich, sah die Cortazzi ihre Augen verdrehen, um Eindruck zu machen, sah André blaß vor Wut aufschäumend, drohend, dann flehend, vergebens flehend vor sich. Und jetzt war sie in einem fremden Hause, war getrennt von dem, den sie liebte, lag hier an den Strand gespült, bis der Strom sie wieder ergreifen und fortreißen würde, sie wußte nicht wohin. Verzweiflung überkam sie, und als Frau von Préjean sich über sie beugte, um sie zu küssen, wandte sie sich ab und verbarg das Gesicht in den Händen, um nichts mehr zu sehen von allem, was sie umgab. »Liebes Herz,« sagte Frau von Préjean mit sanfter Überredung, »beruhigen Sie sich doch, seien Sie verständig, erkennen Sie Ihre wahren Freunde ...« »Habe ich denn welche?« fragte Annina, ihr Gesicht enthüllend, mit finster leuchtenden Augen und bitter verzerrtem Mund. »Und welches sind die wahren? Welches die falschen?« »Ist es dahin gekommen,« fragte Frau von Préjean traurig zurück, »daß Sie die Gesinnung anzweifeln, die uns zu handeln trieb?« »Ach, ich zweifle an allem! Ich weiß nicht mehr, was gut und was schlecht ist! Mir ist, als ob ich im tiefsten Dunkel, das mich mit unsagbarem Entsetzen erfüllt, dahinginge. Weiß ich denn, ob ich nach den wahnsinnigen Torheiten, die ich gemacht, nicht noch größere machen werde? Ich habe kein klares Urteil mehr über mein Handeln. ... Was soll aus mir werden? Ach, und wie viel Zeit bleibt mir noch zu leiden?« Auf ihren Zügen prägte sich bei diesen Worten die ganze Angst ihrer Seele aus. »Was hat man mir heute nacht zu trinken gegeben,« fuhr sie den Blick zu Boden senkend fort, »um mich so tief einzuschläfern, daß ich bis jetzt die Erinnerung an mein Unglück verloren hatte? Wenn Sie wirklich die aufopfernde Freundin wären, für die Sie sich ausgeben, wissen Sie, was Sie dann tun würden? Sie würden dieses narkotische Mittel holen, das, nach seiner Wirkung zu urteilen, ein furchtbares Gift sein muß, Sie würden's vor mich auf diesen Tisch stellen und ins Nebenzimmer gehen zu Ihren Freunden ...« »Unglückliches Kind! Was fordern Sie von mir!« »Das oberste Heilmittel für alle Leiden, den ruhigen Schlaf, fern von aller Aufregung, Angst und Qual! Ach! Wenn Sie wirklich Mitleid mit mir hätten, würden Sie meinen Wunsch erfüllen! Bedenken Sie doch, was ich in diesem einen Jahr an Herzeleid erduldet, was ich andern bereitet habe. Das Unglück ging von mir aus, jetzt hat's mich selbst erreicht. Ich bin ein armes verzagtes Geschöpf, das den schwersten Prüfungen ausgesetzt ist und es als freilich unverdiente Gnade erfleht, in Leblosigkeit und Schweigen zurückzusinken.« »Annina, Sie reden irr! Sie, die Starke, sollten sich so mutlos zeigen? Das Schlafmittel hat bei Ihnen aufs Gehirn gewirkt und Sie haben die Herrschaft über sich selbst verloren ...« »Ach, ehedem, als ich voll Zuversicht einschlief, da war ich ohne Besinnung! Blind, verblendet war ich, ich mußte gestraft werden für meine abscheuliche Undankbarkeit ... Ein unschuldiges, großmütiges Herz habe ich gefoltert, und es ist nur recht und billig, daß nun das meinige Folterqualen leidet!« »Aber Sie sind wirklich töricht! Von niemand haben Sie irgend etwas zu fürchten, als von sich selbst. Der durch Sie so viel gelitten hat, denkt Ihrer voll Milde und Verzeihung! Beurteilen Sie doch Ihre Lage richtiger. ... O Annina! Vielleicht ist sie günstiger, als Sie es in der Tat verdienen. ... Aber dem ist so, und all Ihre Torheiten haben der Barmherzigkeit dieses bewundernswerten Mannes, dem Sie so bitteres Leid zugefügt haben, keinen Abbruch zu tun vermocht. ...« »Ich will seine Barmherzigkeit nicht! Sie meinen, er werde nicht unerbittlich gegen mich sein? Damit glauben Sie mich zu trösten? Sie täuschen sich sehr, wenn Sie das für einen Trost halten, denn wenn ich in meinem Elend auf seine Verzeihung rechnete, so wäre ich dadurch in meinen Augen noch tiefer erniedrigt, als durch meinen Fehltritt! Ich wußte, was ich tat, als ich aus der Ehe zur Liebe flüchtete: ich setzte mein persönliches Leben gegen die Ehre meines Gatten ein, und die Möglichkeit einer Umkehr gab es für mich niemals. Ich habe entschlossen den Weg betreten, worauf man nur vorwärts gehen kann, den Pfad des Abenteuers. Er kam mir herrlich, leuchtend vor, schien durch blumige Auen zu führen, heute dünkt er mir ein steiniger, düsterer Hohlweg, der nirgends anders hinführt als zu einem Sumpf, worein ich meine letzten Bedenken, den letzten Rest von Stolz ertränken soll. ... Nein! Nein! Ich werde ihn nicht zu Ende gehen diesen Weg, das Ziel ist zu ekelhaft, zu gräßlich! Ich will lieber vorher abreisen. Erbarmen Sie sich meiner, verschaffen Sie mir die Mittel dazu!« »Niemals!« »Es ist Ihnen also lieber, wenn ich eine abscheuliche Todesart wählen muß, die mich entehrt?« fragte Annina mit grausiger Entschlossenheit. »Werden Sie etwa verhindern können, daß ich aus dem Fenster springe, mich auf die Eisenbahnschienen lege, mich von der Klippe ins Meer stürze? Von der Ausführung meines Planes werden Sie mich nicht abbringen. Am Tag, als ich mein Haus, meinen Gatten, meinen Kreis verließ, als ich freiwillig auf mich nahm, eine Ausgestoßene und Entehrte zu heißen, da gelobte ich mir, der Welt, die meinen Fehltritt gesehen, niemals das Schauspiel meiner Reue zu geben. Mich bestimmt nicht, wie Sie vielleicht annehmen, eine vorübergehende verzweifelte Stimmung, vielmehr schicke ich mich an, einen reiflich und ruhig überlegten Plan auszuführen. Ich will meinen Gatten nicht wiedersehen, denn seine Nähe wäre mir zu qualvoll. Ich will auch Herrn von Preigne nicht wiedersehen, denn er hat alle Bande zerrissen, die mich an ihn knüpften. Ich bin allein, bin verloren, habe nichts mehr zu tun, als zu verschwinden. Aus Barmherzigkeit verschaffen Sie mir Gift!« »Wie können Sie ein derartiges Ansinnen an mich stellen, Annina? Besinnen Sie sich doch auf sich selbst! Mich, die ich Ihre Freundin bin, flehen Sie an, Ihnen beizustehen in der verwerflichsten aller Handlungen? Die verwerflichste, weil sie die unwiderruflichste ist. Ist denn in Ihrem Herzen jedes menschliche Gefühl erloschen? Gilt Ihnen der Kummer so gar nichts, den Sie allen bereiten würden, die Sie noch lieben? Sind Sie keine Christin mehr, Annina? Ich habe doch Ihre inbrünstige Frömmigkeit gekannt! Vergessen Sie ganz, daß wer sich der Buße für eine Schuld entzieht, diese Schuld furchtbar erschwert? Ist Ihnen denn wirklich so wenig Energie geblieben, daß, während wir alle in Reih und Glied stehen, um für Sie zu kämpfen, Sie selbst fahnenflüchtig werden möchten?« Annina blickte sie dankbar an, und für einen kurzen Augenblick erschien ein milder Ausdruck auf ihren Zügen. Sie ergriff Frau von Préjeans Hand und preßte sie zwischen ihren glühendheißen Händen. »Annina, Sie haben ja Fieber! Ich bitte Sie ums Himmels willen, sprechen wir nicht länger von Dingen, die so traurig für mich, so grausam für Sie sind! Wollen Sie uns etwas zuliebe tun, so vertrauen Sie uns, leben Sie heute wie ein Kind, das keinen Willen, keine Selbstbestimmung hat, sondern von andern abhängt. Diese andern sind Ihre Freunde, die für Sie sorgen, treue Wacht für Sie halten. Lassen Sie uns Ihre Verteidigung übernehmen, geben Sie uns das Recht, Sie zu retten. ...« Annina schüttelte mit schmerzlicher Hartnäckigkeit den Kopf. »Ich kann mich ja eurer Aufsicht gar nicht entziehen, ich bin nichts mehr, ich zähle nicht mehr mit. Lebendiges Strandgut, muß ich tun, was fremdem Willen beliebt, aber meine Gedanken bleiben mein Eigentum und kein Zwang wird sie umgestalten. Ihr behauptet, mich zu lieben, aber ihr liebt mich schlecht, denn ihr liebt mich um euret-, nicht um meinetwillen. ... Die Aussicht auf meinen Tod erschreckt euch, weil er euch einen peinlichen Schrecken und Verdruß bereiten würde, und nur an eure Pein denkt ihr, nicht an meine Qualen. ... Ich werde mich gedulden, weil ihr es verlangt, aber morgen, übermorgen, sobald ich die Freiheit wieder erlange, werde ich meinen Plan ausführen, denn es lebt niemand auf Erden, verstehen Sie mich wohl, der mir jetzt noch seinen Willen aufdrängen dürfte. ...« »Selbst ich nicht, Annina?« gab eine ernste Stimme zur Antwort. Die junge Frau wandte sich rasch nach der Seite, von der sie kam, und ein namenloses Entsetzen malte sich auf ihren Zügen, die weit aufgerissenen Augen wurden starr, sie hob flehend, abwehrend die Hände. Im Rahmen der Tür erschien ihr, blaß, gebeugt, todestraurig, Trélaurier. Sie griff mit den Händen in die leere Luft, als wolle sie das Traumgesicht verscheuchen, ein erstickter Schrei entrang sich ihren Lippen, dann fiel sie wie vom Blitz erschlagen in Frau von Préjeans Arme. »Mein Gott!« rief Trélaurier. »Habe ich ihr den Tod gebracht?« »Nein. Sie atmet, aber die Überraschung kam zu jählings für dies schwer verwundete Herz.« Sie trugen die Leblose auf eine Chaiselongue in der Nähe des Fensters und Trélaurier konnte mit schmerzlicher Lust das geliebte Antlitz betrachten, über das sich die Schatten des Todes gebreitet hatten. Der Mund war fest zusammengepreßt, die Spitzen der perlmutterweißen Zähnchen gruben sich in die entfärbte Unterlippe. Die Augenlider waren nur halb geschlossen, die Pupille schimmerte unter den Lidern hervor wie in Liebeslust. Sie war so schön in dieser Marmorblässe, daß Trélaurier erbebte. Aber Annina kam wieder zu sich, kurze Atemzüge hoben die Brust und sie stieß tiefe, herzzerreißende Seufzer aus; man sah, daß sie selbst in der Bewußtlosigkeit namenlos litt. »Sie erwacht,« sagte Frau von Préjean. »Lassen Sie mich mit ihr allein,« erwiderte Trélaurier. Die junge Frau ging und Trélaurier zog sich einen Stuhl an die Chaiselongue heran, um das Erwachen der Unglückseligen abzuwarten. Das Schwinden ihrer Sinne hatte das Bewußtsein nicht vollständig aufgehoben und der überwältigende Eindruck, den das Erscheinen ihres Gatten hervorgebracht hatte, war ihr geblieben, denn die Hände bewegten sich in krampfhaften Zuckungen, Tränen rollten über ihre Wangen. Man sah so deutlich, wie furchtbar sie litt, daß Trélaurier beschwichtigend die Hand auf ihre Stirne legte. Bei dieser Berührung schlug sie die Augen auf, und sich in die Kissen drückend, als ob sie drin verschwinden möchte, murmelte sie mit dem Ausdruck tiefsten Entsetzens: »O mein Gott!« »Annina,« sagte Trélaurier mit bebender Stimme, »ich bitte dich, mich anzuhören, ich erbitte es als einzige Gnade. Du siehst, ich befehle nicht, ich will keinerlei Druck auf dich ausüben. Ich betrachte dich als unbedingt frei und will nicht auf deinen Willen einwirken, aber ich halte unter den neuen Verhältnissen, die für dich wie für mich eingetreten sind, eine Auseinandersetzung für unvermeidlich. Eigens zu dem Zweck fuhr ich von Paris her. ... Du siehst daraus, daß ich über die Vorgänge der letzten Tage unterrichtet bin. Ich erwähne sie nur, um die Lage der Dinge klarzustellen, und damit du die Tragweite meiner Worte recht ermessen und über die Bedeutung deiner eigenen Klarheit gewinnen kannst. Willst du mich anhören? Kannst du dich entschließen, mir zu antworten?« Annina war im Innersten erschüttert, als sie diese traurige Stimme so edle Gefühle äußern hörte. Wenn sie die Augen schloß, so war es ihr, als ob sie noch in Paris wäre, als ob all das Elend, das sie während ihres letzten Lebensjahrs durchgemacht hatte, noch nicht auf sie hereingebrochen wäre, als ob Trélaurier jetzt erst die Unterredung herbeiführte, die über ihr Schicksal entscheiden sollte, als ob ihr die Wahl zwischen Pflicht und Liebe noch offen stünde. Nein! Was sie erlebt hatte, war nicht Wirklichkeit! Sie hatte die unbegreifliche Tollheit nicht begangen, den guten, weisen, redlichen Trélaurier zu verlassen, um mit dem verführerischen, selbstsüchtigen, unwahren André von Preigne durch die Lande zu schweifen. Alles, was sie getan, war, dem Himmel sei Dank, ein böser Traum, und wenn sie die Augen öffnete, würde sie wieder als anständige geachtete Frau in ihrem Haus bei ihrem Gatten sein. Dieser Eindruck war so mächtig, daß sie mit einem lauten Schrei auffuhr. Als sie aber Trélaurier ansah, den von Kummer abgezehrten, ernsten, nachdenklichen Mann, dessen Haar der Schmerz gebleicht hatte, verflog die beglückende Selbsttäuschung. Vom Bewußtsein der Wirklichkeit niedergeschmettert, sank sie auf ihr Lager zurück. Ja, sie war wirklich die Frau, die dem Gatten entflohen war, und die der Geliebte verlassen hatte, die Frau, die vor wenigen Minuten inbrünstig gefleht hatte, daß man ihr die Möglichkeit gewähren möge, zu sterben, und die jetzt wehrlos die höchste Pein zu dulden hatte, dem Blick des Mannes preisgegeben zu sein, den sie so grausam beleidigt hatte, seine Klagen hören zu müssen, unter denen sie vor Scham zusammenbrach. Diese letzte Prüfung aber dünkte ihr zu hart. Sie hatte so viel gelitten, ohne jede Möglichkeit, das Leid abzuschütteln, daß sie sich mit aller Macht auflehnte gegen dieses neue Leid, das entweder zu tragen, oder von sich zu weisen einigermaßen in ihrer Macht lag. Die Ungeheuerlichkeit ihrer Lage schien ihr über das hinauszugehen, was sie gerechterweise auf sich nehmen mußte, und jäh aufspringend, rief sie wie eine Wahnsinnige: »Bist du hierhergekommen, um mich nun auch deinerseits zu martern? Was willst du von mir? Das Geständnis meines sträflichen Wahns? Dein Wunsch soll erfüllt werden! Ja, ich war wahnsinnig! Ja, ich habe gefrevelt an dir und an mir selbst! Ja, ich bin gestraft dafür, furchtbar gestraft, weil ich neben dem eigenen Leid auch noch den Anblick des deinigen zu ertragen habe! Was kann ich tun, um dich zufrieden zu stellen? Unglücklicher als ich bin, kann ich nicht sein! Du bist sattsam gerächt. Alles hattest du vorhergesehen mit Ausnahme meines eigenen Ekels vor meinem Frevel. Die Qual, den Einsturz all meiner Hoffnungen zu überleben, den darfst du mir nicht auferlegen, damit rechne nur nicht! Das Ende meines sündhaften Glücks muß auch das Ende meines Lebens sein. Ich fordere das Recht, zu verschwinden, weshalb erhebst du deine Stimme, um es mir zu bestreiten?« Sie stand hoch aufgerichtet, beinahe drohend vor ihm, glühend von Willenskraft und Empörung. Trélaurier sah sie fest an und sagte mit einer Stimme, aus der das Zittern gewichen war: »Du fragst, weshalb ich dir zu sterben versage? Ich werde es dir sagen. Ich will nicht ein volles Jahr lang den Kummer getragen haben, der mich zu dem Unglücklichen gemacht hat, der vor dir steht, ohne daß er dir zum Heil gereichte. Beurteile mich doch richtiger, Annina. Ich habe ausgehalten im Leben, um dir nicht zu deiner Schuld auch noch die Verantwortlichkeit für meinen Tod aufzubürden. Daß niemand mir meine Tränen vorwerfe, habe ich sie in der Verborgenheit geweint. So hart du mit mir verfahren bist, ich hatte nur den einen Gedanken, dich zu beschützen und zu verteidigen. Jedes Unheil, das dich betroffen, zerriß mir das Herz, und ich würde alles daran gesetzt haben, dir Leiden zu ersparen – vielleicht aus Selbstsucht, wenn du so willst. Ich konnte mich ja innerlich niemals von dir losmachen. Die Gefühle, die ich dir schildre, sind nicht naturgemäß, natürlich wären Haß und Rachsucht gewesen, aber ich kann mich nicht anders machen, als ich bin. Ich hätte nach allem Unrecht, das du mir angetan, aufhören müssen, mich mit dir zu beschäftigen, aber das lag nicht in meiner Macht. Das einzige, was mich noch ans Leben band, warst du. Es mag sein, daß du das Feigheit nennst, darauf kommt mir's nicht an. Mir liegt nichts an deiner Achtung, ich trachte nicht nach deiner Dankbarkeit, es genügt mir, dir zu nützen, das ist mir eine bittersüße Freude, die einzige, die mir geblieben ist, und auf die werde ich nicht verzichten.« Mit gesenkter Stirne, als ob sie sich schwer zu der Frage entschlösse, sagte Annina darauf: »Und trotzdem hoffst du auf einen Lohn deiner Mühen? So viel Großmut wird nicht immer uneigennützig bleiben? Was erwartest du von mir zu erlangen?« »Nichts.« »Und wenn ich mich dreinfüge, weiter zu leben, und morgen, in acht Tagen, wieder gefangen von dem Zauber des Lasters, der schon einmal auf mich gewirkt hat, abermals von dir ginge ...« »Ich habe dir schon gesagt, daß du frei bist.« »Aber, Unglückseliger, begreifst du denn nicht, daß ich dieselbe Schwäche für den andern habe, wie du für mich? Die Opferwut, die dich hinriß, die erfüllte und erfüllt mich noch ihm gegenüber! Der Elende, der mich zu Grund gerichtet hat, braucht nur zu erscheinen, und sein Anblick, der Klang seiner Stimme durchschauert mich, wie in diesem Augenblick meine Nähe dich durchschauert. Er braucht mir nur ein Zeichen zu machen, und ich folge ihm! Gerade weil ich in seinem Bann stehe, ihm kraft- und widerstandslos verfallen bin, will ich zwischen der Ehrlosigkeit und Erniedrigung, wozu er mich sicher zwingen würde, und meinen letzten Regungen besserer Gefühle, eine unübersteigliche Schranke aufrichten – den Tod. Nichts als der Tod kann mich ihm entreißen, das fühle ich deutlich, das mußt du begreifen. Es graut mir vor ihm, er erregt meinen Abscheu, aber trotzdem werde ich ihm nicht entrinnen! Gib den Widerstand auf, spare dir weitere Mühe, kehre nach Paris zurück, sage dich ganz von mir los. Du bist der edelste, großmütigste Mann, dem anzugehören der Traum einer Frau sein könnte. Wenn ich die Einsicht gehabt hätte, dich zu verstehen und zu würdigen, als es noch Zeit war, hätte ich ein Glück kennen gelernt, das ich bitter beweine, aber dessen ich ohne Zweifel nicht würdig war, sonst würde ich's erkannt haben. Lebe wohl! Gib mich auf! Füge meinen Schmerzen nicht noch die Bürde der deinigen hinzu. Unsrer beider Existenzen sind für immer getrennt, nichts vermag sie wieder aneinanderzuknüpfen.« Trélaurier schüttelte traurig den Kopf. »Rechne nicht darauf, daß ich vor den ersten Einwänden zurückschrecke, die du erhebst. Ich habe oft in Gedanken durchgenommen, was ich dir sagen würde, und was du mir zur Antwort geben könntest an dem Tag, wo ich den unausbleiblichen Entscheidungskampf zwischen uns beiden herbeiführen würde. Du bist nicht zum Widerstand gerüstet wie ich, weil dein Unglück noch zu jung ist, als daß du es hättest überdenken können. Du leidest seit zwei Tagen, ich seit einem Jahr! Dir liegt noch ob, deine Lage zu ergründen, wollen wir's nicht gemeinsam tun? Das verpflichtet dich zu nichts, aber in Gefühlssachen ist es so gut wie in geschäftlichen Dingen, heilsam klar zu sehen, wohin man geht. Du sprichst mir von dem Bann, dem du unterworfen bist. Es sei. Aber bist du auch gewiß, daß man diesen Bann noch weiter über dich verhängen wird?« Bei diesen unerwarteten Worten, deren Sinn ihr nicht vollständig aufging, zuckte Annina ungeduldig. Trélaurier aber gebot ihr durch seinen Blick Ruhe und fuhr fort: »Bist du gewiß, daß der, dem du auch dein Letztes zu opfern bereit bist, noch in der Laune ist, Opfer zu fordern?« Anninas Herz klopfte wild und vor ihren Augen verschwamm alles, als ob sie einer Ohnmacht nahe wäre. Kein Wort, kein Hauch kam über die entfärbten Lippen. Die tiefe Stille wurde nur von dem scharfen Geräusch unterbrochen, womit Trélaurier einen Stuhl herrückte, auf den er Annina niedersitzen ließ. Das war der einzige Laut. Nun saßen sie einander gegenüber, beide fast zurückschreckend vor dem, was sie zu besprechen vorhatten. »Ich muß also tun, was mir in der Seele zuwider ist,« begann Trélaurier, seine Scheu bezwingend, »ich muß von dem Elenden sprechen. Laß mir die Gerechtigkeit widerfahren, Annina, daß ich damit nur der äußersten Notwendigkeit gehorche. Es gibt kein Zaudern mehr, er selbst muß dich heilen von deinem Übel. So viel du davon kennen gelernt, seine ganze Erbärmlichkeit kennst du noch nicht, du weißt noch nicht, wie weit seine Ehrlosigkeit reicht. Dieser Mann hat sich nicht nur deiner Schönheit, nein auch deines Reichtums wegen an dich gehängt. Als ich dir das vor einem Jahr zu verstehen gab, hast du dich aufgebäumt, hast mich als Verleumder behandelt, aber ich war meiner Sache sicher. Dieser junge Mann, der aufs gemeinste mit den ihm verliehenen glücklichen Gaben rechnet, ist das Urbild des gewissenlosen ›Übermenschen‹. Was ihm dienlich ist, ist ihm kostbar, was ihm nicht mehr dient, wirft er verächtlich weg. Das ist sein Grundsatz, und du wirst erfahren, wie er danach handelt. Er ist anziehend, fesselnd, bezaubernd, das weiß ich, habe ich doch diese Einsicht teuer genug bezahlt. Man widersteht ihm nicht leicht, das dient dir zur Entschuldigung. Es sind ihm schon viele zum Opfer gefallen; so jung er ist, hinterläßt er auf seinem Pfad blutige Fußspuren zwischen Trümmerhaufen. Aber das Unheil, das er stiftet, läßt ihn kalt; er hat kein Mitleid mit seinen Opfern, er ist taub für ihre Klagen und ihren Jammer. Du darfst überzeugt sein, daß er in diesem Augenblick ausrechnet, wie er deiner wieder habhaft werden könne, und zugleich auf Mittel sinnt, sich für deine Abkehr zu rächen. Willst du erleben, daß er dich mit cynischer Roheit von sich stößt, wie einen Bedienten, mit dem man nicht mehr zufrieden ist, dich, die du ihn liebst, die du ihm so Großes geopfert hast? Gib ihm nur zu verstehen, daß du von nun an mittellos bist und nur auf ihn angewiesen. ... Ach, du erschrickst! Du hast ihn schon unabsichtlich auf diese Probe gestellt und weißt, was dabei herauskam! Du hast eines Tags den Entschluß gefaßt, seinen Lastern nicht länger durch deine Mittel Vorschub zu leisten, du hast ihm erklärt, daß Einschränkungen nötig seien. Das geschah am Tag nach Vernauts Besuch, und was tat dieser Spieler in seiner rasenden Goldgier? Zu welchen Hilfsmitteln hat er gegriffen? Sieh mich an, Annina! Die Genugtuung bist du mir schuldig, daß du mir sein Verbrechen eingestehst. ... Armes Kind! Du errötest für ihn. ... Ja, er hat dich bestohlen! Hat deine Unterschrift gefälscht, und diese Fälschungen trage ich bei mir, hier in meiner Tasche sind sie. Willst du deine nachgemachte Schrift sehen? Da, hier ist sie.« Und er hielt ihr die Papiere unter die Augen. Schmerzlich zusammenschaudernd, schob Annina sie mit zitternder Hand von sich. Die schönen Augen in dem qualverzehrten Gesicht hatten einen erlöschenden Ausdruck, Trélaurier aber fuhr mit unerschütterter Selbstbeherrschung fort: »Da hast du den Mann, Annina, und vor diesem erbärmlichen Kerl willst du in den Tod fliehen? Kannst du den Gedanken wirklich durchdenken? Ach! Wie beurteilst du mich denn, wenn du glauben konntest, ich würde dich gewähren lassen? Nein, ich war fest entschlossen, dich ihm zu entreißen; seit dem Tag deiner Abreise ist es mein Ziel, nur die günstige Stunde wollte ich abwarten. Dazu war leider Gottes nötig, dich leiden zu lassen, damit dich Übersättigung und Ekel zur Empörung trieben. Jetzt ist es so weit, denn du erklärst ja, zu allem, sogar zum Selbstmord bereit zu sein, nur um nicht wieder in die Gewalt deines Henkers zu geraten. Aber verstehe mich recht, Annina, mißdeute meine Worte nicht. Ich arbeite nicht selbstsüchtig, nicht mit der niedrigen Absicht, mich dir, auf den erwiesenen Dienst pochend, aufzudrängen. Keineswegs! Ich wiederhole aufs bestimmteste, daß du frei bist, frei bleiben wirst. Ich will dich nur dir selbst zurückgeben; sobald ich dich dem Unglück abgerungen habe, werde ich dein Schicksal wieder in deine eigene Hand legen.« Annina strich mit der weißen Hand leicht über ihre feuchte, kalte Stirne und sagte mit unstetem, irrem Blick: »Aber wenn du dich täuschtest? Wenn er doch aufrichtig wäre, zu mir zurückkehrte, weil er mich liebt? Trotz all seiner Vergehen kann er mich ja lieben ...« »Ach! Wie zäh die Hoffnung im Herzen haftet! Du weißt ja jetzt, daß er ein ehrloser Wicht ist, und rechnest noch auf eine Art von Wunder, auf die unglaubliche Möglichkeit, daß in dieser Schmutzseele ein Fleckchen rein geblieben wäre, wo ein edles Gefühl hätte Wurzel schlagen können? Annina, muß es denn sein, daß ich deine letzten Illusionen zerstöre, auf die Gefahr hin, das Leben selbst zu treffen, das ich um den Preis meines eigenen retten möchte?« »O quäle mich nicht!« sagte sie, die Hände ineinanderlegend, »Habe Mitleid mit mir.« »Wenn Mitleid die Schonung dieses Schurken bedingt, darf ich keins haben, Annina.« »Aber welche Prüfung willst du ihm denn auferlegen, um mich zu überzeugen?« »Hättest du den Mut, diese Prüfung gleichzeitig mit ihm zu bestehen?« fragte Trélaurier mit dem Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit. »Du ängstigst mich namenlos!« Er faßte sie am Arm und zwang sie, ihm ins Gesicht zu sehen. »Annina, nur ein wenig Festigkeit. ... Die Wunde blutet, sie muß gereinigt werden, damit kein giftiges Geschwür entstehe. ... Um ein Uhr soll Herr von Preigne hierher kommen. ... Valançon hat mich darauf vorbereitet.« »Er ist nicht der Mann, vor irgend etwas zurückzuschrecken, er wird sich einstellen ...« Im selben Augenblick ertönte die Glocke des Gartentors. Unwillkürlich trat Annina ans Fenster, von dem aus sie mit furchtbarer Herzbeklemmung André eintreten und ruhig durch den Garten schreiten sah. »Da ist er ja!« rief Trélaurier mit einem bittern Lachen. »Nun muß sich in der nächsten Viertelstunde alles entscheiden! Du siehst diesen jungen Mann, Annina ... wenn ich will, wird er dich an mich verkaufen! Vernaut hat genaue Anweisung von mir ... er wird ihn empfangen. Höre mich an: Das Atelier hat eine Galerie, dort kannst du alles hören, ohne gesehen zu werden. ... Folge mir ...« Er nahm die Widerstandslose an der Hand und zog sie aus dem Zimmer. Eine kleine Treppe führte zu einer mit farbigen Scheiben und weichen Wandbehängen ausgestatteten Loggia, von der man das Atelier überblickte. Halb ohnmächtig sank Annina auf die Kissen des im tiefsten Schatten stehenden Ruhebetts, während Trélaurier in gespannter Erwartung neben ihr stehenblieb. Elftes Kapitel Der schöne André, den seine stählernen Nerven vor allen Folgen der Aufregung bewahrten, war nach gesundem Schlaf zu gewohnter Stunde aufgestanden und, wie Zoë erzählt hatte, in Erwartung von Nachrichten, im Garten auf und ab gegangen. Von der Erschütterung, die der peinliche Auftritt im Klub auf kurze Zeit wirklich bewirkt hatte, war nichts mehr zu spüren, und er überdachte seine Lage mit außerordentlicher Kaltblütigkeit. Die sittliche Bedeutung der begangenen Handlungen ließ er dabei vollständig beiseite, ihn beschäftigten einzig die materiellen Folgen. Da er entschlossen war, über Menschen hinwegzuschreiten wie über einen Bodenteppich, ohne sich im mindesten darum zu kümmern, wen er zertreten oder verwunden würde, so zog er die Ergebnisse seines Betragens nur unter dem Gesichtspunkt des ihm daraus erwachsenden Schadens in Betracht; was andre dadurch leiden mochten, focht ihn nicht an. Die Spielgeschichte machte ihm wenig Sorgen. Er kannte die menschliche Feigheit zu genau, um auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß man ihm im Klub ebenso höflich und unterwürfig begegnen würde wie vorher. Er hatte sogar im Sinn, sich noch heute dort zu zeigen, denn er hatte noch nie erlebt, daß einem Mann, der, wenn es galt, zwölfmal nacheinander ins Schwarze traf, irgendwo Gruß und Handschlag verweigert worden wäre. Das übrige würde die unter Spielern übliche gegenseitige Nachsicht besorgen, und er wußte, daß es keine vierzehn Tage anstehen würde, bis unter den an diesem Auftritt Beteiligten die Bemerkung fiele: »Der arme Vicomte hatte mit den Kniffen des falschen Ungarn nicht das geringste zu schaffen. Er hatte vorher ebensoviel verloren, als wir andern alle, und verlor nachher abermals wie alle Kameraden. Man kann ihm durchaus keine Inkorrektheit vorwerfen, und wenn jeder verantwortlich sein sollte für alles, was an einem Spieltisch vorgehen kann, täte man besser, sich nie an einer Partie zu beteiligen.« Das Protokoll, das in Gegenwart des Vorstands, Valancons, des kleinen Linguet und des Polizisten hinter geschlossenen Türen aufgenommen worden war, machte ihm auch keinen Kummer. Wenn er heute die zur Entschädigung der Spieler bestimmte Summe ablieferte, so würde von dem Wisch Papier nicht mehr die Rede sein, Anninas Auflehnung und ihre Flucht beunruhigten ihn desto mehr. Vor allen Dingen war er sich nicht klar, wie viel die junge Frau wußte. Hatte sie ihn einfach auf seiner Untreue ertappt, nachdem sie ihm vorher angekündigt gehabt, welcher Gefahr er sich dadurch aussetzen würde? Hatte er noch die Möglichkeit, ihr auf Ehrenwort zu versichern, daß dieser Mahlzeit unter vier Augen mit der Cortazzi keine andern Begegnungen vorangegangen seien und daß er es sofort bereut habe, einer flüchtigen Laune und Lockung nachgegeben zu haben. Die Gegenwart Frau von Préjeans und Saint-Irieix' verliehen dem ärgerlichen Auftritt freilich den Anstrich einer abgekarteten Sache, was ihn sehr beunruhigte. Er konnte sich nicht verhehlen, daß sowohl die Valancons, als Frau von Préjean und Tristan von Anfang an energisch auf Trélauriers Seite getreten waren und ihm nur feindselige Gesinnungen gezeigt hatten. Ob sie wohl alle zusammen, auch Tristan mit inbegriffen, ihm die Falle gestellt hatten, in der er sich so tölpelhaft hatte fangen lassen? Wenn sie aber in der Angelegenheit mit der Cortazzi so geschickt verfahren waren, mußte man ihnen dann nicht zutrauen, auch im Klub ihre Hände im Spiel zu haben? Und war es in dem Fall nicht logisch, vorauszusetzen, daß man Annina alle ihm zum Vorwurf gemachten Unregelmäßigkeiten berichtet hatte, um das Gewissen der jungen Frau zu beunruhigen, ihr Angst zu machen und sie schließlich seiner Herrschaft zu entreißen? Wenn dem aber so war, hatte er dann noch Einfluß genug, sie zu überzeugen und umzustimmen? Und wenn es ihm nicht gelang? Was für eine Schlappe für ihn! Der Gedanke, daß Annina ihm entrinnen, möglicherweise zu Trélaurier zurückkehren könnte, versetzte ihn in Wut. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, wenn er an ihre Jugend, Schönheit und die Leidenschaft der jungen Frau dachte, und lächelnd, strahlend, in erlesener Schönheit tauchte ihr Bild vor ihm auf. Die Hingebung, die er nicht hatte erschöpfen können, die Großmut, die keine Grenzen kannte, alle Vorzüge, die sie über alle Frauen erhoben, kamen ihm in den Sinn, nicht etwa bittre Reue weckend, sondern zum finstern Haß spornend. Der häßliche Gedanke stieg in ihm auf, daß es besser wäre, Annina würde sterben, als einem andern angehören. Das Ungeheuer in ihm erwachte, das kühle Berechnungen auf die Liebe der Frauen angestellt und kalten Blutes mitangesehen hatte, daß sie den Tod einer Trennung von ihm vorzogen. In der Einsamkeit seines Gartens brach er in ein schauriges Gelächter aus. Er sann nur darauf, die Leiden zu verschlimmern, die das herzensgute Wesen seinetwegen ertrug, und von dem Augenblick an, wo sie sich ihm zu entziehen trachtete, war ihm keine Qual zu schlimm für sie. Er sagte sich: »Ob sie nun weiß oder nicht weiß, was ich getan, ob sie mich entschuldigt, oder verurteilt, Annina wird meinem Einflusse nicht widerstehen, sondern zu mir zurückkehren. Andernfalls werde ich sie von Stund an als meine Feindin betrachten. Mein Interesse sowohl als meine Neigung verbieten mir, mich von ihr narren zu lassen.« Unter »von Annina genarrt werden« verstand der Vicomte, daß es ihm nicht gelingen würde, sie auf dem abschüssigen, schlüpfrigen Pfad, wohin er sie geführt hatte, weiter mit fortzureißen, und in einer merkwürdigen Verkehrtheit des sittlichen Gefühls setzte er all die von andrer Seite gemachten Anstrengungen, sie ihm zu entreißen, der jungen Frau selbst aufs Kerbholz. Als die Jungfer gegen elf Uhr von ihrem Besuch in der Stadt zurückkam, führte er sie in Anninas kleines Wohnzimmer, wo er sie aufs genaueste ausfragte. Er folgerte aus ihrem Bericht mit Sicherheit, daß die Valançons, Frau von Préjean und Saint-Yrieix gemeinsam alle Vorsichtsmaßregeln trafen, eine Begegnung zwischen ihm und Frau Trélaurier zu verhüten. Folglich waren seine Feinde ihrer durchaus nicht sicher, zweifelten vielmehr an ihrem festen Entschluß, den Bruch herbeizuführen, was ihn äußerst hoffnungsvoll stimmte. Zu allererst aber mußte er sich die Mittel verschaffen, um die auf Linguets Antrag gestellte Forderung der Klubkasse zu befriedigen. Ohne Zögern nahm André abermals Zuflucht zu Anninas Scheckbuch. Er hatte ja keine Ahnung, daß sie um den Mißbrauch wußte, den er mit ihrer Unterschrift getrieben hatte. Ein paar Zahlen und Buchstaben auf ein Blatt Papier zu schreiben, war eine Kleinigkeit. Im Handumdrehen hatte er das Mittel in Händen, seine Ehrenhaftigkeit zu bekräftigen und jede Gefahr von sich abzuwenden, und während im Valançonschen Hause alle Herzen bangten, setzte er sich gemütsruhig zum Frühstück. Als es ein Uhr schlug, stieg André in seinem eleganten grauen Straßenanzug, die Zigarette im Mund, in den Wagen, um nach der Seytonschen Bank zu fahren. Dort erwartete ihn die erste peinliche Überraschung. Nachdem der Angestellte hinter seinem Schalter den Scheck mit ungewohnter Genauigkeit studiert hatte, erklärte er dem Vicomte, ohne Rücksprache mit dem Inhaber der Bank die Summe nicht ausbezahlen zu können, und bat André, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Preigne fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach. So frech er auch war, stieg doch bei den Vorsichtsmaßregeln, die man gegen ihn anwandte, plötzlich eine unangenehme Vorstellung in ihm auf. Statt im Flur des Bankhauses, wo die Angestellten aus und ein gingen, glaubte er sich in den Vorsälen des Justizpalasts, wo die Gerichtsdiener auf Holzbänken sitzend, das Zeichen abwarten, die Verhafteten dem Untersuchungsrichter vorzuführen. Er war daher ungewöhnlich blaß, als er Seytons Arbeitszimmer betrat. Der Bankier bot ihm mit kühler Höflichkeit einen Sitz an und sagte, den strittigen Scheck in der Hand haltend: »Ich bedaure sehr, Frau Trélauriers Wunsch nicht sofort entsprechen zu können und ihrem Beauftragten Mühe zu machen, aber ich habe zur Zeit keine Deckung für den Scheck und auch vom Haus Barante keinen Auftrag ...« »Können Sie nicht an Barante telegraphieren? Das Geld wird dringend gebraucht ...« »Das soll sofort geschehen,« versetzte der Bankier nicht unfreundlich, »aber eigentlich nur, um mich Ihrem Drängen nicht zu widersetzen, denn ich kann Ihnen im voraus sagen, daß ich nicht auf zustimmenden Bescheid rechne. Eine kürzlich erhaltene Mitteilung unsres Florentiner Korrespondenten verpflichtet uns zu größter Vorsicht betreffend Frau Trélauriers Konto.« »Und weshalb, wenn ich bitten darf?« »Ach!« warf der Engländer lachend hin. »Vielleicht findet man in Paris, daß Frau Trélaurier ein wenig zu scharf ins Zeug ging ...« Und André den Scheck hinreichend, setzte er hinzu: »Ich bedaure sehr, Ihren Wünschen nicht besser entsprechen zu können, aber im Geldgeschäft gibt es keine Gefälligkeit, sondern nur Kredit.« Er begleitete den Vicomte bis zur Tür und ließ ihn dann allein seinen Weg finden. Mit trockenem Mund und einem peinlichen Sausen in den Ohren durchschritt der verdutzte Vicomte die Räume und es schwante ihm, daß das Verhängnis über ihn hereinbreche. Diese Zurückweisung des Schecks, denn daß es eine unwiderrufliche Zurückweisung war, darüber täuschte ihn die Höflichkeit des Bankiers nicht, war die erste Kundgebung ernstlicher Feindseligkeit. Von Annina konnte sie nicht ausgehen, sie kam also von Trélaurier. Der Ehemann trat auf den Plan und machte seine Gewalt fühlbar. André hatte ihn besiegen können, solange man mit Gefühlen kämpfte, jetzt, wo Geld die Waffe war, mußte der Sieg auf seine Seite treten und alle vom Kriegsrecht erlaubten Repressalien waren zu fürchten. Bekümmert verließ er das Seytonsche Bankhaus. Er wußte sehr gut, daß er die hundertfünfzigtausend Franken, die er zu bezahlen hatte, auf keine andre Weise beschaffen konnte. Annina mußte sie ihm geben, aber Annina war nicht mehr in seiner Gewalt, er hatte sein schönes Liebespfand aufs unbesonnenste entwischen lassen, und es kam ihm fast vor, als ob Trélaurier schon darum wüßte. Reichte denn die Verfolgung, als deren Opfer er sich betrachtete, weiter zurück, als er geglaubt hatte? Hatte der Ehemann mit heimtückischer Geduld auf den Augenblick gelauert, wo Annina sich von dem Geliebten lossagen würde, um dann in der entscheidenden Stunde das Gewicht seines Geldes in die Wagschale zu werfen? »Darüber werde ich ja rasch ins klare kommen,« sagte sich André. »Nach einer Unterredung mit Annina werde ich sofort wissen, was ich von ihr zu erwarten habe. Wenn ich nur eine Viertelstunde mit ihr sprechen kann, und sei es selbst vor Zeugen, so werde ich ihr das Geheimnis der gegen mich angezettelten Verschwörung entreißen. Was sie auch gegen mich auf dem Herzen haben mag, die großmütige, zärtliche Annina wird nicht fühllos bleiben beim Klang meiner Stimme. Sie kann in einem kurzen Augenblick ihre Liebe nicht begraben haben, und die Frau, die mir gestern ohne Zaudern ihr Leben geopfert hätte, wird sich heute nicht weigern, mir Gehör zu schenken.« Mittlerweile war die Droschke vor Valançons Wohnung angelangt. André sprang rasch heraus; alle Unschlüssigkeit, alle Befürchtungen waren wie weggeblasen. Er war sich seiner Stärke bewußt und hielt den Sieg für sicher. Mit festem Griff klinkte er die Tür auf und schritt elastisch zwischen den blühenden, duftenden Rosenhecken aufs Haus zu. Bei einem Blick auf die Fenster nahm er im ersten Stock eine rasch verschwindende Gestalt wahr. Er lächelte – das war ohne Zweifel Annina, die nach ihm ausgespäht hatte! War sie etwa nur die Gefangene ihrer Freunde und nicht deren Verbündete? Nun, das mußte sich ja sofort zeigen! An der Freitreppe kam ihm ein Diener entgegen. Zu streng in der Form, um nach Frau Trélaurier zu verlangen, gab André ihm einfach seine Karte, worauf ihn der Bediente in den Salon führte und mit der Bemerkung: »Ich werde Herrn Valançon benachrichtigen,« allein ließ. Schon nach wenigen Augenblicken ging die Tür auf und Valançon trat ins Zimmer. Der Vicomte verbeugte sich, ohne dem Künstler die Hand zu bieten. Dieser erwiderte den Gruß höflich, aber mit einem Beigeschmack frostiger Zurückhaltung, und schien abwarten zu wollen, daß André den Zweck seines Besuchs erkläre, was dieser ohne jegliche Befangenheit sofort tat. »Ich höre, daß Frau Trélaurier seit heute nacht Ihr Gast ist, mein lieber Valançon, und ich möchte mich zuerst nach ihrem Befinden erkundigen und dann, wenn Sie mir gestatten, um eine Unterredung mit ihr bitten.« »Frau Trélaurier befindet sich so wohl, als es nach den überstandenen Aufregungen möglich ist,« versetzte Valançon, »ob sie Ihnen aber die gewünschte Unterredung gewähren wird, bezweifle ich ...« »Weshalb nicht?« fragte der Vicomte, die Stimme erhebend in hochfahrendem Ton. Valançon machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Es ist nicht an mir, Ihnen Aufschluß zu geben über ihre Gründe. Bitte, folgen Sie mir, in meinem Atelier erwartet Sie ein dazu Befugter.« Mit feierlicher Höflichkeit ließ er dem Vicomte den Vortritt und führte ihn in seine Werkstatt, wo der Vicomte auf den ersten Blick Vernaut entdeckte, der neben dem hohen Kamin stand, worin trotz der vorgerückten Jahreszeit ein Holzfeuer brannte. »Ach so!« rief André spöttisch aus. »Nun fange ich an, die Schwierigkeiten zu begreifen, auf die ich stoße ...« Vernaut rührte sich nicht vom Fleck, nickte aber beifällig. »Ihr Scharfsinn überrascht mich nicht, Herr Vicomte,« erwiderte er, »denn ich weiß längst, daß Sie viel Verstand haben. Ich hoffe, davon sofort einen weiteren Beweis zu erhalten ...« »Ihre günstige Meinung von mir entzückt mich,« warf der Vicomte verbindlich hin, »ich muß aber in erster Linie die schon an Herrn Valançon gestellte Bitte erneuern, da Sie ja, wie ich merke, den Befehl im Hause übernommen haben – ist es mir gestattet, Frau Trélaurier zu sprechen?« »Nein, Herr Vicomte,« entgegnete Vernaut in vollkommen ruhigem Ton. »Man wird Ihnen das nicht gestatten.« »Ist Frau Trélaurier in Privathaft?« fragte Preigne unverschämt. »Frau Trélaurier hat vollkommene Freiheit des Handelns und will Sie nicht sehen. Gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich es nach den Vorgängen von heute nacht überraschend finde, daß Sie der Dame Ihre Gegenwart aufdrängen wollen.« »Ich halte es für durchaus nötig, mich ihr gegenüber auszusprechen.« »Und Frau Trélaurier hält es für unnötig.« »Wenn ich einen Fehler begangen habe,« erklärte der junge Mann mit Selbstüberwindung, »so kann ich ihn ja bereuen und ihr meine Reue zeigen wollen.« »Der Fehler, den Sie da im Auge haben, ist nicht der schlimmste, den sie Ihnen vorzuwerfen hat. Eine Untreue des Geliebten hätte sie vielleicht verzeihen können, über die Ehrlosigkeit des Mannes kommt sie nicht hinweg.« Bei diesen schwerwiegenden Worten, denen die Ruhe, womit sie gesprochen wurden, eine vernichtende Kraft verlieh, wurde der Vicomte aschfahl. »Valançon,« stammelte er, bebend vor Wut, »Sie haben aus der Schule geschwatzt! Das werden Sie mit dem Leben zu verantworten haben!« »Nur ruhig, Herr Vicomte, wenn ich bitten darf,« mahnte Vernaut, den auf Valançon Zuschreitenden, »denn unser Freund hat mit der Erklärung, die ich Ihnen eben gab, nicht das geringste zu tun. Ich habe ja die Auswahl unter den Anklagen, die man gegen Sie erheben kann. Vorläufig handelt es sich nur um eine bestimmte Tatsache, mit dem übrigen können wir uns später befassen, wenn wir Zeit dazu haben. Sie haben auf verschiedene von unserm Haus ausbezahlte und in unsern Händen befindliche Schecks eine Namensunterschrift gesetzt, die nicht Ihre eigene war. Das nennt man in allen Sprachen der Welt Fälschung.« André bäumte sich unter diesem Schimpf. »Sie schwelgen in Rache! Ohne sich einer Gefahr auszusetzen, rächen Sie den Freund aus feigem Hinterhalt.« Vernaut gebot ihm durch eine Gebärde Schweigen. »Ich bitte, sich nicht in so zwecklosen Äußerungen zu ergehen, Herr Vicomte. Sie wissen sehr genau, daß Herr Trélaurier nicht nach Rache dürstet, und daß es nur an Ihnen gelegen hätte, ihm mit den Waffen Genugtuung zu geben. Ich bedaure, Ihnen den Tag ins Gedächtnis rufen zu müssen, an dem Herr Valançon und ich Sie in Trélauriers Auftrag zur Rechenschaft ziehen wollten, und Sie, indem Sie uns mit Grazie mystifizierten, die allerberuhigendsten Zusicherungen Ihrer vortrefflichen Gesinnung gaben. Am selben Abend noch sind Sie abgereist, und heute, nach einem Jahr, habe ich zum ersten Male das Vergnügen, Sie wiederzusehen. Wenn Ihre eilige Abreise damals keine Flucht war, so wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich eines Bessern belehren wollten. Einstweilen muß ich Ihnen gestehen, daß mir weder Ihre Gegenbeschuldigungen, noch Ihre Großmäuligkeit Eindruck machen, und sollten Sie jetzt noch nicht genügend aufgeklärt sein, so füge ich hinzu, daß zwischen einem makellosen Ehrenmann wie Trélaurier und einem so fraglichen wie Sie ein Ehrenhandel ausgeschlossen ist.« »Diese Beschimpfungen werden Sie mir teuer bezahlen!« rief André, unter Vernauts verächtlichem Blick vor Wut bebend. Doch Trélauriers Freund verlor die Fassung nicht. »Sich bezahlt zu machen, gehört ja zu Ihren Gewohnheiten, mein Herr,« sagte er trocken, »das ist bei Ihnen in der Regel das Ende vom Lied. Sowohl die Marquise von Courgiron als die kleine Linguet haben es ja erfahren, was es kostet, Sie zu lieben: die eine ist drüber zur Bettlerin geworden, die andre gestorben. Frau Trélaurier zu Grunde zu richten, lag nicht in Ihrer Macht, aber es würde Ihnen vielleicht nicht unangenehm sein, wenn sie Ihrer schönen Augen willen in den Tod ginge? Dem haben wir aber einen Riegel vorgeschoben – ich sage gewohnheitsmäßig mir, denn wenn vom Haus Trélaurier die Rede ist, rechne ich mich auch dazu. Solange es sich nur um Leidenschaft gehandelt hat, waren wir die Unterliegenden, sobald es sich aber um Geld handelt, sind wir im Vorteil, und wenn Sie nichts dagegen haben, scheint mir der Fall jetzt so zu liegen. Uns ist berichtet worden, daß Sie heute vor Abend eine bedeutende Summe bezahlen müssen, um nicht gesellschaftlich unmöglich zu werden. Höchst wahrscheinlich haben Sie schon den Versuch gemacht, sich diese Summe durch Ihre gewohnten Mittel zu schaffen, aber wir hatten unsre Vorkehrungen getroffen, die Ihnen ganz einfach die Zufuhr abschneiden. Verstehen Sie mich? Ich sagte zu Anfang unsrer Unterredung, daß ich mit Sicherheit auf einen Beweis Ihrer Klugheit rechnete, jetzt ist der Augenblick da, ihn zu geben. Sie brauchen hundertfünfzigtausend Franken, um wenigstens den Schein Ihrer Ehre zu retten; diese Summe werden Sie nie und nimmer auftreiben können, ich aber stelle sie Ihnen zur Verfügung.« Totenstille trat nach diesen Worten ein. Preigne stand wie niedergeschmettert da; seine Augen waren starr zu Boden geheftet, auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß. Er hatte sich indes bald gesammelt und sagte, einen bösen Blick auf Vernaut werfend, in rauhem Ton: »Sie wollen mir Frau Trélauriers Freiheit abkaufen!« »Da täuschen Sie sich gründlich,« versetzte Vernaut mit Nachdruck, »Frau Trélaurier ist frei. Aber so unwürdig Sie an ihr gehandelt haben, will sie doch nicht, daß Sie unter der Trennung leiden sollen. Ihre Großmut wie ihr Stolz treiben sie, Böses mit Gutem zu vergelten. Sie kennt ja jetzt den Wert Ihrer Gelöbnisse, sie konnte, dank Ihnen, Vergleiche anstellen zwischen der gefälschten, ungesunden Liebe, die Sie ihr zu bieten hatten, und der tiefen, unwandelbaren Zuneigung, die sie verkannt hat. Aber indem sie sich für immer von Ihnen lossagt, will sie Ihnen einen letzten Dienst erweisen. Das ist ihre Auffassung von Rache.« Wie ein Widerhall dieser Worte drang ein leiser Wehlaut durch den weiten Raum. André erbebte, denn er erriet Anninas Gegenwart. Mit einer Hinterlist, die er nicht hatte voraussehen können, mußte Trélaurier sie ohne Zweifel hier verborgen haben, damit sie Zeuge dieser Unterredung und seiner endgültigen Niederlage sei. Tolle Wut wallte in André auf und er suchte nach einer Waffe um dreinzuschlagen. Wie ein blutiger Nebel lag's vor seinen Augen und er wünschte sich den Tod, unter der Bedingung, vorher die zu erschlagen, die ihn so grausam gedemütigt hatten. Aber diesem Vernaut gegenüber, der ihn mit seiner beschimpfenden Freigebigkeit zu Boden drückte, diesem Valançon gegenüber, der in seinem Künstlerbewußtsein den Spieler verächtlich belächelte, war er ja machtlos. Sich als besiegt bekennen wollte er aber nicht, mochte es kosten, was es wolle; so warf er denn den Kopf zurück und rief mit einer harten, heisern Stimme, ach! so unähnlich der, womit er Liebesworte zu flüstern pflegte: »Ich will nichts von Ihnen! Glauben Sie mich so vollständig in der Hand zu haben? Geld! Geld bieten Sie mir! Sie müssen verrückt geworden sein! Als ob es mir daran je fehlen könnte!« Der Klang seiner Worte belebte, berauschte ihn, das Selbstvertrauen kehrte ihm durch die eigenen Vorspiegelungen zurück, und er raffte sich gewaltsam auf, um ungebeugt aus diesem Abenteuer hervorzugehen, sollte sein Stolz ihn auch zu Grunde richten. »Ach was, Geld! Daran wird es mir nie gebrechen, das ist meine geringste Sorge! Mit Geld glauben Sie mich niederwerfen zu können? Sie tun mir wahrhaftig leid!« Und er stieß ein Hohngelächter aus. »Jedenfalls haben Sie meine Macht unterschätzt. Soll ich Ihnen Beweise dafür geben? Sie behaupten, die Frau, die zu suchen ich hieher kam, wolle mich nicht sehen? Wenn es mir beliebt, wird sie im nächsten Augenblick erscheinen! Soll ich sie rufen? Ich weiß, daß sie mich hört. Sie haben ein gewagtes Spiel getrieben. Glauben Sie vielleicht, daß ich der Narr sei, es nicht zu durchschauen?« Und mit triumphierendem Hohn wies er auf den Winkel des Ateliers, wo Annina sich in namenlosen Qualen wand. »Soll ich sie rufen?« wiederholte er, höhnisch lachend. »Sie wollten mich übertrumpfen, aber Sie hätten mich besser kennen sollen! Nun denn, auf jede Gefahr hin, die daraus entstehen mag, soll diese Probe entscheidend sein. Wenn ich das Haus verlassen soll, ohne ein Wort der Verzeihung und der Hoffnung, so muß sie selbst, von der ich das Wort hören wollte, es mir verweigern.« Er machte ein paar Schritte nach der Loggia und rief mit erhobener Stimme: »Annina, man behauptet, daß du nur noch Haß und Verachtung für mich empfindest. Wenn dem so ist, so sage es mir doch selbst! Annina ...« Auf diese Beschwörung antwortete ein erstickter Schrei, und die von André Herbeigerufene erschien irren Blicks, mit vorgestreckten Händen wie eine Nachtwandlerin. Unsichern Schritts, als ob sie die Füße gar nicht auf die Stufen setzte, kam sie die zum Atelier führende Treppe herab, während Trélauriers Blick sie angstvoll verfolgte. Hoch aufgerichtet, leichenblaß aber entschlossen, ging sie auf Preigne zu und blieb zwei Schritte von ihm entfernt stehen. Mit zusammengepreßten Lippen durchforschte er ihr Gesicht. Sie aber blieb schweigend und regungslos stehen, und ihm, dem Vermessenen, versagte der Mut, sie zu befragen. »Sie haben verlangt, daß ich komme,« sagte sie dann, den Arm, wie um Gnade flehend, erhoben. »Hier bin ich. Aber Sie haben mich genug gequält. Wenn ein Rest von Menschlichkeit in Ihnen ist, so schonen Sie mich ...« »Ich weiß, daß du ehrlich bist und nie lügst,« versetzte er ohne Erbarmen. »Sind die Worte, die ich zu hören bekam, und die du mitangehört hast, mit deiner Zustimmung gesprochen worden?« Sie zögerte einen Augenblick, und Trélauriers Herz schien stillzustehen vor Angst, aber sie sagte mit schwacher Stimme: »Ja, zwischen uns ist jedes Band zerrissen. Ich hatte Liebe ersehnt und fand nur Schande. Ich kann nicht mehr ...« Er trat so nah auf sie zu, daß sein Hauch ihr Gesicht streifte. Sie zitterte, und er glaubte schon, Sieger zu sein. Aber sie zog sich von ihm zurück und flüsterte mit einer Gebärde der Verzweiflung: »Leben Sie wohl ...« Preigne begriff, daß alles zu Ende war. Den Zeugen seiner Niederlage trotzig ins Gesicht blickend, wandte er sich, ohne ein Wort zu sprechen, kalt und hochmütig dem Ausgang zu. Annina lauschte dem Geräusch seiner auf der Treppe verhallenden Schritte, griff an ihre Stirn, als ob ein unerträglicher Schmerz sie quälte, stieß einen jammervollen Seufzer aus und sank leblos in Trélauriers Arme. Annina war sechs Wochen lang schwer krank. Nur die Hingebung der Freunde, die sich Tag und Nacht an ihrem Bett ablösten und Trélaurier beistanden, sie dem Tod streitig zu machen, rettete ihr Leben. Die unbezwingliche Zähigkeit des Gatten, sowie Géraldines und Frau von Préjeans unermüdlicher, liebevoller Eifer trugen den Sieg davon, und an einem strahlend schönen Maitag konnte Annina in den Garten hinuntergebracht werden. Valançons kleiner Junge jagte eifrig nach Schmetterlingen, und die noch unsteten Blicke der Genesenden folgten freundlich seinem fröhlichen Spiel. Géraldine rief den Knaben und hieß ihn zu Annina hingehen. »Hans, gib unsrer Frau Trélaurier einen Kuß!« Die junge Frau umfaßte das Kind und drückte es mit Innigkeit an sich, als ob sie in dieser Bewegung der Zärtlichkeit allen Dank ausströmen wollte, der ihr Herz erfüllte, und zum ersten Male wieder lächelnd beim Anblick dieser Unschuld und Frische, streckte sie ihrem Mann die Hand hin und zerfloß in Tränen. Acht Tage später verließen Herr und Frau Trélaurier Nizza, um sich nach dem Schloß Varenne zu begeben, wo sie den Sommer zubringen wollten. Man hatte dort den Eindruck vollständiger Einigkeit zwischen den Gatten. Sie lebten in stiller Einsamkeit, die nur durch Vernauts gelegentliche Anwesenheit und Besuche der Tante Perceval dann und wann unterbrochen wurde. Als sie Ende Oktober nach Paris zurückgekehrt waren, nahmen sie die früheren Lebensgewohnheiten wieder auf, und das Haus an der Rembrandtstraße öffnete sich dem vertrauten Kreis. Die Welt nahm die Versöhnung mit derselben wohlwollenden Nachsicht auf, womit sie seiner Zeit den Bruch beurteilt hatte. Die Erinnerung an die schönen Feste, die Trélaurier einst gegeben hatte, sprach zu seinen Gunsten: man sieht einen Hausherrn, der so großartige Gastfreundschaft ausübt, nicht gern schief an, und als Annina zum ersten Male wieder im Opernhaus erschien, stellten sich die früheren Besucher der Loge ein, als ob man sie Tags zuvor zum letzten Male gesehen hätte. Trélaurier hatte sich mit der Rührigkeit eines jungen Mannes wieder in die Arbeit gestürzt. Er hatte sich äußerlich sehr verändert, war magerer, schlanker geworden und erschien dadurch, trotz der beinahe ganz weißen Haare, verjüngt. Bald verbreitete sich auch das Gerücht, daß Frau Trélaurier ein Kind zu erwarten habe. Eines Morgens, als der Bankier in seinem Privatzimmer eben die Unterschrift der Geschäftsbriefe erledigt hatte, erschien Vernaut, ein Zeitungsblatt in der Hand, mit geheimnisvoller Miene bei ihm. Er stand an den Kaminsims gelehnt und wartete bis der Angestellte, der Trélaurier die Briefe gebracht hatte, abgefertigt war. Als dieser gegangen war, trat er an den Schreibtisch und hielt dem Freund die Zeitung hin, worin er einen Abschnitt blau angestrichen hatte. »Lies das!« Trélaurier überflog die bezeichnete Stelle, und erblassend blickte er zu Vernaut auf. »Lies nur bis zum Schluß,« sagte dieser gelassen. Trélaurier nahm das Blatt wieder vor und las: »Man schreibt uns aus Belgrad: ›Einer der glänzendsten Vertreter der Pariser Gesellschaft, der Vicomte André von Preigne, der seit über einem Jahr aus der französischen Gesellschaft verschwunden war, wo ihm seine Eleganz so viele Erfolge eingetragen hatte, verlor kürzlich auf geheimnisvolle und abenteuerliche Weise sein Leben. Auf einer Reise durch die Donauländer begriffen, hatte er sich einige Wochen in Belgrad aufgehalten, wo er wie alle Franzosen in den vornehmsten serbischen Kreisen freundliche Aufnahme fand. Gestern aber, als er gegen zwei Uhr morgens zu Fuß vom Klub in seine Wohnung zurückkehren wollte, wurde der Vicomte von Preigne auf der Straße von vier Männern überfallen, die ihn nach heftiger Gegenwehr, von drei Kugeln und zahllosen Messerstichen durchbohrt auf dem Pflaster liegen ließen. Als die durch den Lärm herbeigeführte Polizei auf den Schauplatz trat, ergriffen die Mörder die Flucht, und niemand war bei der Leiche zu finden, als ein andrer Franzose, namens Linguet, der wohl zu gleicher Zeit mit dem Vicomte den Klub verlassen hatte. Herr Linguet vermochte den Landsmann, zu dessen Verteidigung er herbeigeeilt war, nur noch in seinen Armen aufzufangen, als dieser den letzten Seufzer ausstieß, und ihm die Augen zuzudrücken.‹« Mit zitternder Hand schob Trélaurier die Zeitung zurück, Vernaut aber nahm sie, ballte sie zu einem Knäuel und warf sie ins Feuer. »Sehr angenehm für die Canaille, seinen letzten Seufzer in Linguets Armen auszuhauchen,« bemerkte er mit finsterer Ironie. »Der Biedermann hat also sein Ziel erreicht! Er wollte im Blut seines Feindes waten, nun konnte er die Schuhsohlen tief hineintauchen: wahrscheinlich hat er die Mörder gedungen! Klar ist an der Geschichte nur, daß wir den Schurken los sind. Die Vergangenheit ist abgeschlossen, befassen wir uns mit der Zukunft.« »Die Zukunft?« wiederholte Trélaurier schwermütig. »Wie wird sie sich gestalten? Annina ist wieder vernünftig geworden, aber wird sie je wieder glücklich werden?« »Gewiß,« versetzte Vernaut, »zweifle nicht daran!« »Und wodurch?« »Durch das erste Lächeln eures Kindes.« Ende.