Alexander Moszkowski Das Panorama meines Lebens 1925 An meine Leser Ich setze den Plural wunschweise und aus einem gewissen Aberglauben. Denn die Anrede soll erkennen lassen, daß ich mir sehr viele Leser vorstelle und dem Fatum die Möglichkeiten nicht verschränken möchte. Aber ich spezialisiere sofort und greife mir einen einzelnen Leser heraus, um mich mit ihm zu unterhalten. Dem sage ich zunächst: Wenn du in diesen Denkwürdigkeiten sensationelle Enthüllungen erwartest, entsiegelte Staatsarchive, aufgedeckte Fäden in den Intrigenspielen der großen Welt, dann steht dir eine Enttäuschung bevor. Es gibt Dutzende von Memoirenwerken, die dem Bedürfnis nach politischer und gesellschaftlicher Aufregung stärker entsprechen als das vorliegende. Das wäre nun noch keine captatio benevolentiae, und du fragst, durch welche Ermunterung ich dein Wohlwollen zu wecken beabsichtige. Ich bin deswegen so wenig in Verlegenheit, daß ich sogar glaube, dir etwas ganz Besonderes versprechen zu können. Ich biete dir ein Leben, das wert war gelebt zu werden, dargestellt in Erinnerungen und Betrachtungen, die weit über mein Einzeldasein hinausgreifen. Du selbst wirst dich darin finden mit Tatsachen, die dir gehören, noch mehr mit Äußerungen des Unterbewußtseins, mit seelischen Geheimnissen, die du mit mir teilst. Mein Plan war, aus den Gegebenheiten meines Lebens etwas Größeres, Allgemeingültiges zu entwickeln. Es sollte ein Panorama werden, aber nicht auf einer Fläche vorübergleitend, sondern mit den optischen Möglichkeiten einer Universalschau. Wie eine silbern spiegelnde Glaskugel in einem Garten, die, für sich genommen, räumlich klein ist, aber mit ihren Reflexen weit in die Welt reicht bis ans Firmament. Hunderte von Leben würden sich dazu eignen, in dieser Weise zurecht geschliffen zu werden, um als Reflexträger des Allgemeinen, Weitgespannten zu wirken. So verstand es Goethe, als er die Forderung aufstellte: »Jeder Mensch sollte seine Memoiren schreiben, sie wären meist lehrreicher als wissenschaftliche Werke!« Weil nämlich jeder als Eigenbiograph ein höchst wichtiges Thema behandeln könnte, in dem er gelehrter ist als irgend ein Mensch der ganzen Welt: seine Persönlichkeit. Es fragt sich nur, ob er imstande ist, dieses von Fall zu Fall unvergleichliche Thema so zu bearbeiten, daß diese Person als ein Unikum, als ein niemals Wiederholbares hervortritt. Könnte und täte das jedermann, so stünde die Memoirenliteratur im Schrifttum ganz zu oberst. In Wirklichkeit begnügt sie sich mit einer viel bescheideneren Stufe und findet in der Mehrzahl ihrer Gebilde den Platz ganz zu unterst. Nur wenige dieser Klasse ragen hervor als Monumente. Spärlich wuchsen sie herauf, wenn der Beschreiber zum Dichter wurde, der den Menschen in sich entdeckte und ihn romanhaft erhöhte wie im »Copperfield« und »Grünen Heinrich«. Aber solche Werke zählen ja kaum zu den Denkwürdigkeiten. Da verlangt man ein deutlich erkennbares Bezugssystem, der Autor soll sich mit dem Helden decken, er soll über ihn nicht fabulieren, sondern berichten. Und dieser Aufgabe verdankt es die Gattung, daß sie fast durchweg im Handwerk stecken blieb, im Stil des Tagebuchs, des Rapports. Ich denke hier vorzugsweise an die neueren Erscheinungen, die in den letzten Jahrzehnten über uns gekommen sind, an die Überfülle der Bekenntnisse erledigter Minister, Botschafter und Generäle, die korrekt sind – wenn der Autor nicht das Dichten durchs Flunkern ersetzt, – korrekt wie ein Polizeibericht und richtig wie ein statistisches Handbuch oder eine Logarithmentafel. Was für druckerschwärzliche Nöte haben wir an diesen geschichtsklitternden Exemplaren ausgestanden, deren beste kaum über den wiedergekäuten Leitartikel hinausgingen und über das aufgeplättete Feuilleton! Aber mir würde es noch lange nicht genügen, wenn der Darsteller eigenen Lebens bloß gut zu erzählen verstünde. Genügt es dir, Leser? Empfindest du nicht, daß eine Begebnisreihe aus irgendwelchem Leben entweder einen Poeten verlangt oder, falls nur der Biograph zur Stelle, einen Gedankenformer? Gewiß, du hast es dir neuerdings oft genug gesagt bei der Berührung mit den Produkten aus der Sudelküche vieler diplomierter Ich-Schreiber: das ist zwar nicht edelste Literatur, aber doch ganz interessant. Es kommen so viele hohe Herrschaften in diesen Büchern vor und Indiskretionen, und Diners und Anekdoten, und man bleibt so hübsch am Leitseil der Chronologie. Aber prüfe dich einmal, wenn du zehn solcher Bände erledigt hast, ob sie dich bereichert haben, ob dein Kopf oder dein Herz einen Gewinn davon trug. Ich möchte deine Empfindlichkeit schärfen nach demselben Maße, wie ich mir selbst meine Aufgabe über das Marktläufige hinweg gespannt habe. Gegen die Tatsachen will ich mich gar nicht auflehnen. Die sollen in Fülle und Interessantheit das feste Skelett jedes Memoirenwerks bleiben und ihm zum Stehen und Schreiten den Halt geben. Aber wenn sein Inhalt nichts anderes bietet, als immer nur Tatsachen, dann ist es so lang wie breit ein Skelett, ein schlotterndes Gerippe. Die interessantesten Knochen verhelfen ihm nicht zum Leben, wenn ihm nicht ein pulsierendes, atmendes Gewebe von Muskeln, Sehnen und Nerven dazuwächst. Das ist aber schon eine Unmöglichkeit in dem üblichen Schema der Memoiren, das die Einhaltung der Chronologie voraussetzt und die Tatsachen am Zeitfaden aufreiht. Fängt die Geschichte an: »Ich bin geboren in – –«, »mein Vater war – –«, so liegt bereits der Verdacht vor, daß du, Leser, mitgenommen werden sollst von Etappe zu Etappe, es läßt sich wetten, daß du Empfänger einer Chronik, wirst, aber nicht eines Lebenswerkes, in dem das Begebnis mehr bedeutet als den Zufall an diesem Ort und zu dieser Stunde. Denn das wirkliche Leben ordnet nicht für den erkennenden Verstand, und sein Ablauf, obschon in sich streng determiniert und folgerichtig wie ein physikalisches Experiment, bietet dem Betrachter den Wirrwarr, wie ein Film, der programmlos auf der Straße aufgenommen wird. Unerkennbar bleiben in solchem Zufallskino tausend Schicksalsfäden, die sich in ihm mit strenger Logik abspinnen, aber in der Bewegung der Masse von keinem Menschenauge auseinander gehalten werden können. Das vermöchte nur ein Über-Laplace, vor dessen Scharfblick sich das Gewirr zu sinnvollen Vorgängen auflöst. Wer daher in seinen Berichten das getreue Nacheinander innehält, der kann nur Chaotisches liefern, flimmernde Filmbilder ohne höheren Bezug. Er glaubt historisch zu verfahren und verkennt dabei den Wert der Historie überhaupt, die erst anfängt eine Wissenschaft zu werden und eine Erkenntnisquelle, wenn sie aufhört, ein Speicher aufgestapelter Tatsachen zu sein. Hieraus erfließt die Nutzanwendung für die Darstellung eines Lebens. Soll die Erkenntnis einen Platz finden, so müssen die Tatsachen aus der Speicherhaft befreit werden. Frei hinzustellen sind sie, so daß sie Durchblick gewähren von der Engnis irdischen Erlebnisses auf kosmische Gestaltungen. Und das verlangt eine besondere Kunst, die der wahren Wirklichkeit ihre Rechte läßt, ohne sich sklavisch an eine Tabelle zu binden. Diese Kunst verfährt nicht kartographisch und generalstäblerisch, sondern nach dem Prinzip eines Landschafters, der das Unwesentliche unterdrückt und das Wesentliche bildhaft steigert. Sie geht nicht darauf aus, die ganze Natur, das ganze Leben in einen einzigen Rahmen zu zwängen, sondern sie schafft Einzelbilder, von denen jedes den Betrachter in besonderem Sinn orientiert. So zerfällt auch mein Panorama in Sonderdarstellungen, die sich räumlich und zeitlich mehrfach weit voneinander entfernen. Ihre Einheitlichkeit gründet sich auf die Einheit der Person: ich bin und bleibe darin das Objekt, allein ich begnüge mich nicht mit der Rolle eines Individuums, dessen Sehkreis sich dort begrenzt, wo das Curriculum vitae aufhört. Ich versuche, über mich hinauszugreifen und den Horizont so weit zu spannen, als es die Anlage eines Erinnerungsbuches gestattet; denn auch das Denken, das Erträumen, das Wandeln auf abseitigen Geisteswegen ist Erlebnis, und wenn ich in Erinnerung daran an Probleme gelange, so sind mir diese meist wichtiger als der Verfolg konkreter Begebenheiten. Nur in einigen Absätzen, zumal im Anfang des Buches, lasse ich die Tatsachen überwiegen, weil sie zeitlich sehr weit zurückreichen und ich für sie die Beleuchtung des Vordergrunds brauche, um sie mir selbst sichtbar zu machen. Weiterhin, wenn diese Sorge fortfällt, stelle ich sie in freier Anordnung auf die Szene, lasse ich verschiedene Lichter hineinspielen, prismatisch gebrochene, farbige, die der Darstellung ein wechselvolles Kolorit ermöglichen. Besonderen Wert lege ich auf die persönlichen Lumina, die hier in den Bildern wirken sollen, wie sie zuvor meinen Lebensweg bestrahlten; viele hervorragende Menschen lasse ich als Fackelträger über die Szene schreiten. Und in allen Phasen meines Berichts schwebt mir ein alter ego vor, du selbst, Leser, den ich nicht nur unterhalten, sondern zum Mitwirken einladen möchte. Was mir bisweilen wie die Stimme des Unterbewußtseins klingt, soll in dir ein Mittönen veranlassen, mit Schwingungen, die sich durchaus nicht immer auf volle Konsonanz einzustellen haben. Vielmehr bleibt reichlich Platz für gegensätzliche Stimmführung, für jeden erdenklichen Kontrapunkt. Aber wenn in dir etwas Selbständiges, Ergänzendes erklingt, so würde es doch stumm geblieben sein, ohne den besonderen Ton-Anschlag, den dieses Buch dir zuführt. Und ich könnte mir vorstellen, daß die Grundklänge vorliegender Schrift in Verschmelzung mit deinen Obertönen eine ganz reizvolle Klangfarbe erzeugen werden. Ich bin dessen sogar ziemlich sicher. Denn ohne solche Voraussicht hätte ich diese Denkwürdigkeiten, oder wie man sonst meine Aufzeichnungen nennen will, gar nicht erst begonnen. Zu jedem Werk, das ein persönliches Lebensmaterial verarbeitet, gehört Bekennerdrang, der nicht mit Demut verschleiert, was man mit hoffendem Stolz empfindet. Und wenn ich dich – jetzt im weiten Plural gedacht – als mitarbeitenden Empfänger begrüße, so bekenne ich damit freimütig, daß ich meinem Buch die Fähigkeit zutraue, unser Buch zu werden! Fibel der Kindheit Meine Erinnerungen reichen sehr weit zurück; mir sind winzige Einzelheiten im Gedächtnis verblieben, schattenhaft und doch unverwischbar, die an der Grenze des dritten und zweiten Lebensjahrs liegen müssen. Aber auf meine Urheimat vermag ich mich nicht zu besinnen. Die ist für mich paläontologisches Gebiet, irgendwo im damaligen Russisch-Polen, wo ich in einem abseitigen Nest namens Pilica – in klassischer Aussprache »Pilitza«, in vulgärer Abkürzung bloß »Pilz« – am 15. Januar 1851 mit der besten aller Welten erste Bekanntschaft machte. Ich war fünfzehn Monate alt, als meine Eltern den Wohnsitz nach Breslau verlegten; eine kostspielige und schwierige Angelegenheit, denn die Auswanderungsgebühr verschlang fünfzehnhundert Rubel, der Umzug und die Einbürgerung in Preußen fraß weitere Löcher in das schmächtige Portemonnaie meines Vaters. Eigentlich hätte sich in unserer Familie Geld befinden müssen, denn mein Großvater mütterlicherseits hatte einmal das große Los gewonnen, aber der ganze Reichtum war blöde verjuxt worden, man schaffte eine vierspännige Equipage an, fuhr mit Kind und Kegel zu luxuriösem Leben nach Karlsbad und fand weitere sinnige Methoden zur Vergeudung des Restes. Als mein Vater heiratete, stiftete man ihm eine Mitgift von 1100 Gulden damaliger polnischer Währung, was sich in 183 Taler umrechnen ließ. Dieser Größenordnung entsprechend hielten sich auch die Lebensanschauungen meiner Eltern in den allerengsten Grenzen. Eine Bildung in westeuropäischem Sinne war kaum andeutungsweise vorhanden. Allein in diesem engen Horizont befand sich ein Konzentrationspunkt für Sehnsüchte nach einer ultrapolnischen Kultur, die etwa in Myslowitz begann und sich in schlesisches Land erstreckte bis zum Kulminationspunkt Breslau. Darüber hinaus dachte man nicht, da sonstige Städte wie Berlin, Leipzig oder Wien für diese Vorstellung in anderen Planetensystemen lagen. Nach heutigen Begriffen trug Breslau mit seinen 100 000 Einwohnern die Ausmaße einer unbeträchtlichen Provinzstadt, noch lange nicht an gewisse Vororte Berlins heranreichend, die es um die Jahrhundertwende bis zur dreifachen Seelenzahl brachten. Aber für den polnischen Kleinbürger besaß es Londoner Dimensionen und dazu einen Geistesglanz wie Athen im Altertum, zu Perikles' Zeiten, wo ja ganz Attika nicht mehr Bewohner zählte als das heutige Görlitz. Die Bildung, so schwebte es meinem Vater vor, konnte sich nicht in dem einfachen Drill der Gebetschule erschöpfen, und auf den Breslauer Anstalten, überragt von der Universität Viadrina, gab es sicherlich viele Lehrmeister, die noch mehr und besseres wußten als die Talmudisten der dunklen Heimat. Blieb ihm selbst das Wissensparadies verschlossen, so sollte es sich doch einmal dem kleinen Alex öffnen. Über die Bestandteile solches Wissens dämmerten ganz nebelhafte Ahnungen. Sprachenkunde, das war wohl das wichtigste, irgendwelche Bücherweisheit, worin Hochdeutsch, Lateinisch und Griechisch – im Jargon hieß das »Greckisch« – vorkommen mochten. Hiermit verflochten sich ganz verworren die Namen einiger Berühmtheiten, die zufällig in jenen engen Ideenkreis eingedrungen waren. Homer, Dante, Shakespeare fehlten auf der Liste, Goethe war ein Klang, von Schiller kannte man einige Szenen und Verse, von Lessing den Nathan, und als der Hauptvertreter der Gelehrtenwelt galt Alexander von Humboldt, der ein ungeheures Buch »Kosmos« geschrieben haben sollte. Da sah man in weitester Ferne, mit verschwimmenden Umrissen ein Ziel: vielleicht war es möglich, den kleinen Sprößling der Familie auf eine Fährte zu setzen, damit er dereinst so eine Sache wie den Kosmos studieren und verstehen konnte. – Die erste Station zur Humboldt-Höhe war eine Kleinkinder-Bewahranstalt im Dorotheengäßchen, wenige Schritte von unserer Behausung. Ich war drei Jahr alt, als man mich dort hineintat, und mein erstes Debüt lief übel ab. Natürlich gab es dort noch kein schulmäßiges Lernen; die ältliche Vorsteherin erzählte den Knirpsen allerlei, die Kleinchen waren auf Bänken aufgereiht, damit sie sich an manierliches Sitzen gewöhnten. Allein ich war sogar den Anfangsgründen des Benehmens unzugänglich und produzierte mich mitten in der Stube mit einem hydraulischen Akt, der bei gesitteten Kindern sonst nur unter Ausschluß der Öffentlichkeit vorkommt. Man hatte mich offenbar überschätzt, als man mir die moralische Reife für die Kleinkinder-Bewahranstalt zutraute, und hielt zur Vermeidung fortgesetzten Ärgernisses einen vorläufigen Besserungskursus im Hause für angezeigt; und nachdem man mir die ärgsten Springbrunnen-Phänomene ausgetrieben hatte, wurde ich zur weiteren Übertünchung mit europäischer Kultur einer Spielschule überliefert. Das war nun eine ganz lustige Angelegenheit. Die Kinder wurden von überallher früh morgens in besonderem Omnibus abgeholt, gegen Mittag ebenso heimgebracht, und mit fröhlichem Gelärm wie diese Spazierfahrt im klingelnden Wagen verlief auch der ganze spielerisch angelegte Unterricht. Es gab da nicht nur Haschemann, Kämmerchenvermieten, Seilspringen und Kreiseltreiben, sondern auch Ansätze zu Handfertigkeitsübungen und Spuren von Sprachkultur. Die Namen etlicher Pfleger sind mir noch gegenwärtig: Roedelius, der als Turnwart den Hauptbetrieb leitete, und ein schweizer Fräulein l'Ami, mit der wir ein bißchen auf französisch kauderwelschten. Man gab uns auch, ohne jede methodische Anleitung, Bilderfibeln mit Knittelversen und Prosatexten, deren Sinn den Geweckteren schnell genug aufging. Das vollzog sich wesentlich instinktiv und automatisch. Ich habe nicht die leiseste Erinnerung an ein Lesenlernen, besinne mich aber genau, daß ich rund zwei Jahre vor dem schulpflichtigen Alter mit deutscher Fraktur und mit Antiquaschrift ganz ausreichend Bescheid wußte; denn als man mich als noch nicht Sechsjährigen aufs Gymnasium gab, fand ich sogleich Unterkunft in der Oktava, mit Überspringung der untersten ABC-Klasse. Ein Jahr später, immer noch in der Vorschulabteilung, bekam ich bereits eine Menge lateinischer Vokabeln eingetrichtert, nach einem längst überwundenen vorsintflutlichen Lehrplan. Viele Begriffe gelangten an mich in Lateinworten, bevor sich der deutsche Ausdruck in meinem kleinen Schädel eingebürgert hatte. Und diese Einpaukerei wurde nicht etwa einem Bakelschwinger der Klippschule überlassen; nein, der Rektor selbst, der seinerzeit sehr berühmte Professor Fickert, der sonst nur in Prima dozierte; erschien täglich in der Septima, um die Jungchen mit ciceronianischen Mitteln zu bearbeiten, indem er lateinisch fragte und lateinische Antworten verlangte. Das mag zu allererst ganz absurd klingen, es ist und war aber durchaus nicht unmöglich: erzählt uns doch auch Montaigne in seinem Kapitel von der Kinderzucht, daß er sich mit sieben Jahren ein ganz brauchbares Gesprächslatein angeeignet habe, bevor er noch von seiner französischen Muttersprache eine rechte Ahnung besaß. Es gibt eben Verständigungswege, die in keiner Grammatik vorgezeichnet stehen, und wer für humanistische Erziehung sehr viel übrig hat, der wird am Ende auch jene prämaturierte Gymnasialmethode nicht gar so schrecklich finden. Mit dem Deutschen freilich haperte es. Ich befand mich eingekeilt in Fickert'schem Latein, häuslichem polnisch-orientalischem Jargon und schlesischem Gassendialekt, mit seinem Gewimmel mundartlicher Brocken, von denen heut manche kaum noch in versteckten gebirgsschlesischen Winkeln in Umlauf sind. Und meine Kinderbücher waren auch nicht geeignet, mich zur wahren Germanistik zu führen, zumal ich stark zu privaten Deutungen neigte, weitab von jeder deutsch-sprachlichen Möglichkeit. So begann eine gedruckte Fabel: »Die Nachtigall ging einst auf Reisen und zur Gesellschaft nahm sie eine Lerche mit.« Der Zufall hatte das Mittelwort »Gesellschaft« an den Zeilenschluß gesetzt und durch Abteilungsstrichel in Gesell-schaft zerlegt. Das kleine »schaft« bedeutete mir eine gleichgültige Partikel, während der Anfang nunmehr hieß: »Die Nachtigall ging einst auf Reisen und zur Gésell...« Folglich war die Gésell – mit dem Ton auf der ersten Silbe – ein Vogel, den die Nachtigall besuchen wollte. Und diese Deutung setzte sich in mir so fest, daß ich noch nach Jahren das gedruckte Wort Gesellschaft nicht ansehen konnte, ohne daß mir aus den ersten Silben ein ganz bestimmter Vogel, nämlich ein bunter Fink, entgegenpiepte. Dies mochte damit zusammenhängen, daß meine ganze Vorstellungswelt von gefiederten Wesen bevölkert war. Sie hießen in der Familie »Wedden« oder »Weddeles«, zärtlich verdorben aus »Vögelchen«, wir hatten stets solche Kreaturen in Käfigen, in Hecke-Vorrichtungen, Kanarienvögel, Stieglitze, Bengalisten, die wir einzeln mit hätschelnden Bezeichnungen belegten: Prinkel, Hoppenprinkel, Jeïschle, Kitschkischi, Worte, deren Bedeutung sich viel später ins Persönliche ausdehnten, um dann sinngemäß übertragen meine Braut und Ehehälfte zu kosen. Aber der Generaltitel für das liebe Getier blieb erhalten, und als ich nach reichlichen Jahrzehnten für Harden's »Zukunft« arbeitete, erschien dort von mir eine ganz lehrreiche ornithologische Studie mit der Überschrift »Weddele«. Meine Leidenschaft für die beschwingten Kreaturen wurde von den Eltern und von meinem jüngeren Bruder Moritz – der sich später als Tonkünstler einen bedeutenden Namen gemacht hat – vollauf geteilt, ja, dieser übertraf mich sogar noch in der praktischen Auswirkung, da seine Liebe von den lebendigen Objekten offensichtlich erwidert wurde. Er verstand sich auf zärtliche Lockrufe, und es ereignete sich gar nicht selten, daß ihm im Wald und auf der Wiese Vögel auf die Hand flogen. Einen Teil seiner späteren Menagerie hat er sich selbst eingefangen, ohne die Künste eines Vogelstellers, lediglich durch die Affinität zwischen Mensch und Tier, die sich bei ihm in einer ganz erstaunlichen Fernwirkung kundgab. Mein eigener Hätscheltrieb beschränkte sich nicht auf das Kleinformat. Wenn ich an meine Vorschulzeit zurückdenke, so tritt alsbald ein Vogel in den Vordergrund, der damals für mich mindestens die Ausmaße gezeigt haben muß, wie ein tüchtiger Schwan für einen Erwachsenen. Die Septima befand sich nämlich abseits des großen Gymnasiums zu Sankt Elisabeth in einem Seitenhäuschen, auf dessen Gehöft irgendwer eine Geflügelzucht betrieb. Dieser Hof war für die Zwischenstunden mein Tummelplatz, und hier hatte ich an einer ausgewachsenen gelbbraunen Henne eine Freundin gewonnen. Sie kam gern zu mir, und es gewährte mir ein unbeschreibliches Vergnügen, das schwere Biest auf meinen Armen zu wiegen, ja, ich trug mich sogar mit der Idee, das Huhn aus seiner Klausur zu entführen und es unserem Hausstand als Giganten-Wedde anzugliedern. Dieses opernhafte Projekt gedieh nicht zur Ausführung, weil wohl meine Muskelkräfte nicht so weit gereicht hätten, als der romantische Wunsch; ich wäre zudem mit dem Strafrecht der Anstalt in Widerspruch geraten, und in dieser Hinsicht übte Sankt Elisabeth keine Sentimentalitäten, da sie vielmehr alle Konflikte in der einfachsten Weise durch stramme Prügel auszutragen pflegte. So verblieb es bei dem liebenswürdigen Gegluckse des Tieres, ohne die Begleitmusik eines klatschenden Rohrstockes; und von Septima her ist mir der gelbliche Vogel ebenso gegenwärtig als wichtige Figur, unverlöschbar wie der Rektor selbst, dem ich die Wissenschaft verdanke, daß Huhn und Henne nur profane Ausdrücke wären für das klassische »gallina«. * Ich habe bereits angedeutet, daß in der häuslichen Umfriedung die Verbände mit der Urheimat keineswegs glatt durchschnitten waren. Die Sprache bewahrte vielfache orientalische Väterklänge, und die Lebensführung blieb bis zu gewissem Grade »fromm«, das heißt rituell. Nicht als ob mein Vater an die Unverbrüchlichkeit der Gesetze vom alten Stamme geglaubt hätte; er durchsprenkelte vielmehr die Regel mit bequemen Ausnahmen und ließ der Freigeistigkeit weiten Spielraum. So erschien beispielsweise zur Passahzeit das ungesäuerte Osterbrot, die Mazze, als obligatorisch, ohne daß deswegen die brave schlesische Semmel vom Tisch verbannt war. Am Versöhnungstage wurde gefastet, aber mit kleinen erquicklichen Kaffee-Episoden dazwischen. Hauptsache war, daß es in der Wirtschaft so aussah, Als Ob, denn man wurde doch beobachtet, und eine so ausgebreitete Verwandtschaft, wie wir sie besaßen, weiß sich mit ihrer Kontrolle schon durchzusetzen. Ich bin niemals dazu gelangt, auch nur annähernd zu ermitteln, wie viel Onkels, Tanten, Vettern und sonstige Anhängsel der weiteren Familie in der Welt umherwimmelten. Man war bis ins Unabsehbare versippt und verschwägert, und seit wir unsere Zelte in Breslau aufgeschlagen hatten, entluden sich Schwärme über uns, die in der Kopfzahl an die Scharen der Völkerwanderung erinnerten. Die meisten kamen aus obskuren Nestern herangeschwemmt, aus Dzialozice, Pilica, Sosnowice, Kielce, Pintschow, Olkusz, Koslow, viele aber auch Lodz und Warschau, und bei ihnen befanden sich nicht selten Weiblichkeiten von auserlesener Schönheit, heiratsfähige Jungfrauen, nach denen man Vignetten zum Hohelied »Rose von Saron« hätte bilden können. Es fehlte auch nicht an praktischen Hintergründen; die Männer kamen größtenteils geschäftlich, hauptsächlich zur Zeit des Wollmarkts, sie kitzelten auch ein bißchen an der Börse, und die Geschäfte erstreckten sich bis ins Reich Hymens mit Heiratsplänen für die mitgebrachten Huldinnen, die im allgemeinen Treffpunkt Breslau zur Schau auf den westöstlichen Diwan gesetzt wurden. Ich hörte beständig von Verlobungen reden und bevorstehenden Vermählungen, aber dabei müssen doch dramatische Verwickelungen bestanden haben, denn in den Gesprächen kamen doch noch mehr zurückgegangene Partien vor als perfekte Hochzeiten. In unserer Wohnung war ein Verhandlungsherd, ein zweiter befand sich beim Oberlandesrabbiner Tiktin, mit dessen Haus wir innige Beziehungen pflegten. Das waren die beiden Brennpunkte für die planetarischen Ellipsen, in denen sich die promessi sposi bewegten. Man blickte zum Oberhaupt der Gemeinde als zu einer Respektsperson ersten Ranges und pries ihn besonders als einen Meister der Eloquenz. Aus seinen Hochzeitspredigten sind einige Fragmente geflügelt geblieben, wie etwa: »Sie, liebe Braut, stammen aus einem Freudenhause und sind guter Hoffnung zu führen eine glückliche Ehe; und bestimmt werden Sie glücklich werden denn Ihr Bräutigam ist ein selten anständiger Mensch.« Für die Schlagfertigkeit seines Ausdrucks zeugt eine Bahnhofsszene beim Empfange des Königs Wilhelms I. Auf die huldvolle Anrede des Monarchen: »Nun, lieber Oberrabbiner, wie geht's?« erwiderte er mit sinnigem Mienenspiel: »Wie soll's gehen, Majestät – me lebt!« – In jenen Zeiten machte ich die erste Bekanntschaft mit einer Denkweise, der ich später in Nähe der Jahrhundertwende eine berufliche Arbeit zugewendet habe. Und ich möchte in diesen Bekenntnissen verraten, daß eine erhebliche Anzahl von Scherzblüten aus dem Garten der jüdischen Humoristik tatsächlich zuerst durch mich zu Druck und Verbreitung gelangt ist. Vielfach kamen sie an mich in Erstentstehungen aus dem Munde jener besuchenden Verwandten, der kaftantragenden Männer mit Stirnlöckchen, die ihre Bemerkungen und Sentenzen hervorbrachten in losen, einem idiomfremdem Ohr ganz unverständlichen Improvisationen. Ich selbst begriff als Knabe davon nicht allzuviel, aber mein Vater war dankbarer Empfänger, und da er mein Interesse für diese seltsamen Gedankensplitter bemerkte, half er mir mit Umschreibungen nach, die sich meinem Sprachverständnis schon um einige Grade annäherten. Erst sehr viel später, als ich schon schriftstellerte und redigierte, meldete sich bei mir das frühe Gedächtnis und lieferte mir aus der Zeitverschüttung viel Versprengtes, sonst rettungslos Vergessenes. Einige dieser blinkenden Scherben haben in meinen Druckschriften Unterkunft gefunden, man kolportiert sie auch noch als autorlos, wie ganz natürlich, da ich der einzige Überlebende bin, der sich der Urheber entsinnt. Deren Geistesäußerungen sind einzeln genommen literarisch ganz wertlos, sie könnten aber doch zu literarischer Arbeit verlocken. Ich habe mich erst kürzlich anläßlich eines meiner Vorträge davon überzeugt, daß einzelne Proben, dem originalen Tonfall angenähert, noch heute sehr schlagkräftig wirken; es hat sich dabei auch gezeigt, daß es möglich ist, in die Witzmaterie analytisch einzudringen und in ihr einen quasi-philosophischen Atomkern abzuspalten. Man könnte aber auch untersuchen, wie sich die Substanz des jüdischen Witzes im Zeitenwandel gemodelt, verfeinert oder verschlechtert hat; die Geheimfäden aufdecken zwischen ihr und den Gestaltungen des klassischen Aphorismus. Man würde dann vielleicht die Höhepunkte der Veredelung in Heine und Börne wahrnehmen, die Tiefpunkte der Verelendung in Saphir und seinen wortwitzelnden Nachtretern. Als Publikum hierfür denke ich mir freilich eine Galerie von Hörern, denen von Anfang an die sprachlich gesicherte Einheit von Witz und Wissen gegenwärtig ist, und die es außerdem begreifen; daß eine sehr starke durch Druck niedergehaltene Intelligenz sich in Witzentladungen Luft macht. In diesem Betracht sind für mich jene längst vermoderten Menschen in Patriarchentracht gültige Typen geblieben; sie rebellierten unbewußt gegen ihre talmudische Verknöcherung, indem sie den Impuls zum Stöhnen durch Gelächter überwanden. – Es gab in jener Gesellschaft noch ein anderes Mittel, um das Bewußtsein aufzumuntern: das Operieren mit Ahnentafeln. Da man staatsbürgerlich so wenig ausmachte, wollte man wenigstens genealogisch etwas bedeuten. Freilich waren beglaubigte Urkunden nur selten vorhanden, und wo sie existierten, hätten sie auf Staat und Behörden keinen Eindruck gemacht. Allein die Überlieferung wurde aufrecht erhalten, und die Stammeslinie gab Auskunft über den Grad des Adels, auf Ebräisch: »Jichuss«, dem man zugehörte. Die Rückleitung erstreckte sich in der Regel auf Gelehrte, Rabbis und Wundertäter, die in den Annalen des Volkes eine Rolle spielen. Eine seltsame Heraldik, in der keine Burggrafen und Kreuzzugsritter, sondern wesentlich synagogale Größen vom Klange der Akiba-Eger, Eybenschütz und Luria auftraten. Man bezog sich in diesem Zusammenhange oftmals auf philosophische Autoritäten, aber der Name Spinoza wurde niemals genannt. Der galt wohl als ein Abtrünniger, und man hätte lieber vom erbärmlichsten Hausierer abgestammt, als vom Träger eines Tempelfluches. Dagegen wollten einige in ihrer Ahnentafel bis auf Maimonides zurückgreifen, den »Rambam« von Cordoba, rein auf Treu und Glauben, ohne daß sie imstande gewesen wären, für ihre weitschweifende Genealogie den leisesten Anhalt zu liefern. Mein Vater vollends verfuhr beinahe mythologisch, indem er mir erzählte, wir speziell stammten »Aus des Königs Garten«; womit die Familienlegende wahrscheinlich einen Zusammenhang mit davidischer oder salomonischer Herrlichkeit konstruieren wollte. Ich bekenne, daß diese abenteuerliche Heroldskunde mich nicht recht überzeugte. Ich wußte aus Märchenbüchern wie es in und bei Palästen hergeht, ich hatte sogar schon die Schlösser Fürstenstein und Sibyllenort gesehen, und da ergab der Vergleich mit unserer Wirtschaft doch gar zu wenig Ähnlichkeiten. Von den Fenstern der Wohnstube fiel der Blick auf keinen Königsgarten, sondern auf den städtischen Marstall, ein übel duftendes Gehöft, worin den ganzen Tag mittels zweirädriger Pferdekarren Mist und Müll abgeladen wurde. Eher stimmte die Parallele in dem großen Vorderzimmer, das sich Salon nannte und mit Parkettfußboden, Pfeilerspiegel und einem prismenbehängten Kronleuchter allerdings für meine Vorstellung fürstliche Kennzeichen aufzeigte. Wie wir solchen Luxus erschwangen? Nun, es steckte nicht viel dahinter, mein Vater mußte sich sauer genug durchschlagen, mit Schmalhans-Koch als gelegentlichem Begleiter, er fand aber hin und wieder irgendwelche Geschäftsvermittelungen, deren Erträgnisse durchschnittlich für einen leidlichen, zu Zeiten ganz behaglichen Hausstand ausreichten; so daß auch noch für die Bewirtung der zahlreichen Verwandtenbesuche allerlei schmackhafte Brosamen abfielen. Vom Standpunkt heutiger Finanzarithmetik ist das alles schlechterdings unbegreiflich. Unsere Fünfzimmerwohnung in bester Stadtlage beanspruchte eine Miete von 150 Talern, wir hatten sie dreizehn Jahr inne, ohne daß es dem Hauspascha einfiel, die Steigerungsschraube anzusetzen. Der Küchenindex ergibt sich am einfachsten aus dem Preis der Suppentauben, von denen das Stück unveränderlich einen Silbergroschen kostete, mit der Maßgabe, daß auf je 15 Tauben eine umsonst zugeliefert wurde. Die massivste Stopfgans überschritt niemals das Niveau eines Talers, und dementsprechend hielten sich alle anderen Tarife. In den trefflichen Konditoreien Engadiner Herkunft –, da steigen Namen auf wie aus einem Märchen: Perini, Manatschall! – kostete die schlaraffische Portion Schlagsahne, für mehrere Leckermäuler zugemessen, einen Groschen. Nahe beim Pennal lockte ein Tischleindeckdich, »Käseböhm« benamst, wo man für einen Sechser ein üppiges Frühstück strotzend von Butter und Emmenthaler bekam. Selbst der kupferne »Dreier« bewährte ansehnliche Kaufkraft, dafür gab es bei ambulanten Händlern eine Ladung Kinderkonfekt, in bunter Umhüllung. Lockerte man im Portemonnaie drei Groschen, so konnte man sich den lebemännischen Exzeß einer Droschken-Spazierfahrt leisten bis an Punkte der Umgebung, wo das blauromantische Gebirge herübergrüßte. Einmal nahmen wir Sommeraufenthalt im Badeort Salzbrunn, die Familie mit einem Dienstmädchen, und die gesamte Reise für fünf Köpfe sollte nicht mehr kosten als der Stadtaufenthalt für die gleiche Zeitdauer. Diesen Barbestand, eine Bagatelle, die heute noch nicht für einen Löffel Suppe genügt, steckte Vater sich ein, als Deckung für die ganze Expedition, allein es erwies sich als unmöglich, ihn aufzubrauchen. Am Schluß der Badereise stellte sich noch ein Überschuß heraus, der hinreichte, um für unsere Wohnung eine neue Einrichtung von Fenstergardinen und Wolkenvorhängen (»Rouleaux«) anzuschaffen. Wenn wir heute in Albrecht Dürers Tagebüchern die Zehrungskosten nach lumpigen Weißpfennigen notiert finden, so meinen wir wohl: Urzeiten! Fünfzehntes Jahrhundert, ganz inkommensurabel mit der Gegenwart! Aber ich erzähle hier von Zuständen, die ich selbst noch als Kind und Knabe erlebte und die sich dennoch in den Wertmaßen von den Dürer'schen nicht sehr erheblich unterscheiden. Altwerden heißt, ein Altertum erlebt haben, und die Kommentare hierzu lauten im gegenseitigen Widerspruch: »meminisse juvabit«, und »wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht!« * Da tut sich noch ein Kontrast auf, schwer überbrückbar, meiner Erklärung unzugänglich, aber dem Gedächtnis fest einverleibt. Ich sehe mich als Strolch, als händelsüchtigen Wegelagerer auf den Straßen, in unaufhörlichen Konflikten mit Sitte und Ordnung. Magnetisch zog es mich nach Punkten, in denen Keilereien stattfanden, im dicksten Trubel balgender Gassenjungen war ich zu finden, aktiv und häufiger noch passiv; denn ich brachte gewöhnlich Kratzwunden, Schrammen, Beulen und zerrissenen Anzug nach Hause, zum größten Verdruß meines Vaters, der mir den Teufel durch Beelzebub austreiben wollte, also die Händelsucht durch häusliche Prügel. Ich hatte auch streckenweise in der Schule üble Flecken auf der Konduitenliste, wenngleich hier bei den Lehrern die günstige Meinung überwog und mir oft wochenlang in der Rubrik »Betragen – Fleiß – Aufmerksamkeit« – die Stellung eines Musterschülers einräumen wollte. Aber zwischendurch leistete ich Extempores, die mir die gute Zensur wieder verdarben. Mitten im Silentium der Klasse verursachte ich explosive Ereignisse, mit sogenannten »Knallbriefen«, die zwar nur einen papiernen Bestand aufwiesen, aber mit Detonationen knallten wie Pistolen. Ich sehe ihn noch vor mir, den braven Zeichenlehrer Breuer, einen hinfälligen Greis, wie er am Katheder bei solcher Explosion erschreckt das Gleichgewicht verlor und umfiel. Zu diesen Bubenstreichen, die sich in einem Bilderbogen von Busch nicht übel ausgenommen hätten, gesellten sich späterhin noch andere Verstöße, in denen die Magister eine geistige Perversität witterten. Zu zweien hatten wir uns verschworen, ich und ein anderer Pennäler, dem weiterhin eine große Berühmtheit vorbehalten war: der Mitverbrecher war Kurd Laßwitz , der nach Jahrzehnten als Professor in Gotha eine Zierde der Gelehrtenwelt wurde und die Literatur durch vorzügliche Schriftwerke, wie »Auf zwei Planeten« bereichert hat. Wir grünen Jungen von Oberquarta verfaßten in Kompagniearbeit Schmähgedichte auf die Gymnasialprofessoren, Poeme von eindringlichster Unverschämtheit, die zur Kenntnis der angepöbelten Präzeptoren gelangten und sonach die beiden Pasquillanten in ein Strafverfahren verwickelten. Laßwitz, als der ältere und erfahrenere, verordnete mir zunächst prophylaktische Maßregeln zum Schutze für den meist gefährdeten Körperteil: Einreibung mit Knoblauch und eine dicke Papiereinlage zwischen Hosenboden und Gesäß. Allein, wir wurden nicht karbatscht, kamen vielmehr mit Karzer davon, vermutlich, weil man in unseren satirischen Strophen strafmildernde Spuren literarischer Begabung angetroffen hatte. Meine Missetaten standen übrigens noch lange nicht auf der Höhe der großen Kriminalfälle, in denen damals die eigentlichen Gymnasial-Rüpel exzellierten. Diese drangen mit ihren Freveln bis in die Polizeinotizen der Zeitungen, denn es handelte sich um Verführung und Entführung schulpflichtiger Mädchen, um Einbrüche in die Schularchive, ja, um handgreifliche Exerzitien gegen die Lehrer, verübt von robusten Lümmeln, die es bei Konflikten mit den Vorgesetzten auf persönliche, in Puffen und Boxen betätigte Eigenwehr ankommen ließen. Im Gesichtskreis des heutigen akademischen Geschlechts finden derlei Tollheiten gar keine Stätte, während sie damals, nicht nur in Breslau, so zur Lateinschule gehörten, wie die Exzesse des Burschentums zur Universität. Mancher Rowdy hat später den Weg zum bescheidenen Philisterium gefunden. Vor Jahren besuchte mich ein Kumpan von Anno Olim, der auf unserem Pennal einen Lehrer mit Rippenstößen in die Flucht gejagt hatte und dafür mit Verbannung von allen preußischen Schulen bestraft worden war. Er hatte sich indes irgendwelche Amnestie verschafft und konnte sich mir bei unserem Wiedersehn als königlich preußischen Regierungsrat, beamtet in Stettin, vorstellen. Offen gesagt, mir erschien er in seiner nachträglichen Würde lange nicht so imposant, wie einst in seiner raufboldigen Draufgängerei, gegen die mein bißchen Flegeltum wie das Betragen eines Unschuldsengels abstach. Die Gefahr des Geschaßtwerdens hatte mich niemals bedroht, und nach Verbüßung jener Karzerhaft leuchtete mir wieder die Gnade der Oberlehrer und des Rektors. Dreimal empfing ich bei der Versetzung zur höheren Klasse die Schulprämie in Form deutscher und griechischer Klassiker, und eine gewisse Rührung überkommt mich noch heute beim Betrachten des Aufdrucks: » PRAEMIUM PRO STUDIO ET VIRTUTE DATUM IN GYMNASIO ELISABETANO. « Mir ist also die »Virtus« trotz mancher Verfehlung amtlich bescheinigt. Ob am Ende Schopenhauer mit seiner Lehre von der Unveränderlichkeit des Charakters doch Recht hat? Mir selbst sind in dieser Hinsicht bisweilen Zweifel angeflogen, nicht sowohl wenn ich mir die Rauflust meiner jungen Jahre vorhalte, als in Erinnerung an gewisse Charakterzüge, die in keiner Weise beschönigt werden können. Mir war die Schadenfreude nicht fremd, und ich verstieß damit gegen den Korpsgeist, für den schon Kinder bei leidlich anständiger Gemütsverfassung ein feines Verständnis besitzen. Nach der Schulordnung saßen die besten Schüler der Klasse an der Spitze der Bank, über die sie eine Art Aufsicht ausübten, und ich mißbrauchte dieses Amt in vielen Fällen, um meine kleinen Genossen beim Klassenhäuptling anzuzeigen und zu verpetzen. Ich bewirkte dadurch Strafen wegen unerheblicher Versündigungen, die ohne meine Meldung im Dunkel verblieben wären, und ich verspürte ein Behagen, wenn mir die Vermittelung an die Strafinstanz gelang. Damit begnügte sich meine kindische Bosheit noch nicht: Sobald Arrest verhängt wurde, gab es Strafzettel, die den Eltern des Verknaxten zur Kenntnisnahme und Unterschrift vorgelegt werden mußten. Und da drängte ich mich jedesmal zum Botendienst, verlief schweißtriefend ganze Stunden bis in entlegene Vororte, versäumte darüber die häusliche Mahlzeit, bloß um den Effekt der Hiobsbotschaft bei den Angehörigen des verpönten Schülers zu erleben. In meiner Seele schwangen also Infamien, von denen ich, wie ich ebenso aufrichtig versichere, auch nicht das allergeringste in meine Jünglingszeit hinübergenommen habe. Nehme ich mich selbst als Paradigma mit meinen verjährten Abscheulichkeiten, so bin ich außerstande, in mir eine Konstanz des Charakters nachzuweisen. Nur innerhalb begrenzter Zeitphasen gewinnt er den Anschein einer Beständigkeit, nicht darüber hinaus. Wie die Substanz des Körpers sich von sieben zu sieben Jahren radikal erneuert, so erfährt auch die Seele Umwandlungen und Variationen in allen erdenklichen Graden. Ich sprach von meinem Hang zur Schadenfreude, aber vielleicht liegt hier schon ein Betrachtungsfehler zugrunde. Denn wäre dieser Zug immer wesentlich und primär gewesen, so hätte er sich auch anders geäußert, als nur in den sadistischen Vergnügungen des Denunzianten und Zettelträgers; etwa in meinem Verhalten zur Tierwelt, der gegenüber ich gar nichts anderes kannte als Zärtlichkeit. Die bravsten Jungen meiner Umgebung waren Tierquäler, wie denn dieser Trieb in weitesten Kinderkreisen grassiert; und ich erwähne, daß der sanfte und in Seelenanalyse sehr bewanderte Gottfried Keller sämtliche Kinder darunter begreift, ohne sich selbst auszunehmen, wie er im »Grünen Heinrich« mit Aufzählung seiner eigenen Schandtaten bekundet. An mir wie auch an meinem Bruder hätte er das gegenteilige Exempel erfahren können, bis zu allen Stärkegraden der Absonderlichkeit. Es gab für uns keine untere Grenze, unsere Fürsorge erstreckte sich auf alles Erreichbare bis zu den lästigen Kreaturen. Wir befreiten gefangene Mäuse aus der Falle, wir lösten Fliegen vom Klebstoff der Fliegenstöcke, wuschen ihnen mit kleinen Schwämmen die Füßchen und Flügelchen blank und brachten sie durchs Fenster außer Verfolgung; ja als wir zum erstenmal unterm Vergrößerungsglas Infusorien erblickten, fügten wir mit Eifer frische Wassertropfen zum Aufguß, damit die winzigen Lebewesen nicht durch Verdunstung zugrunde gingen. Jene Schadenfreude den Mitschülern gegenüber mag also ein kompensatorischer Ausweg gewesen sein, den die Natur verordnete, um der sonst niedergehaltenen Kinderbrutalität irgendein Ventil zu öffnen. Hält man dies auch nur für möglich, so verliert die Frage nach der Konstanz des Charakters jegliche Substanz. Alles relativiert sich, und die Taxe nach Gut und Böse der Veranlagung findet in keinem brauchbaren Maßstab einen Halt. * In der Fibel meiner Kindheit befinden sich auch erotische Bilder, und ich glaube, daß sie sich bei genügend starker Erinnerung zu Romanen ergänzen könnten. Die Einschränkung gilt ganz allgemein, denn das Altersgedächtnis, das die nichtigsten Zufälle oft mit erstaunlicher Beharrlichkeit festhält, bewahrt die femininen Einschläge nur in dürftigsten Resten. Was wir in gedruckten Bekenntnissen von Kinderliebschaften lesen, ist sicherlich ganz überwiegend Arbeit einer Phantasie, der die erlebte Wirklichkeit nur ganz lose Stützpunkte bietet. Gleichwohl bin ich überzeugt, daß die Erotik auch im Triebleben des Knaben eine mächtige Rolle spielt und zu seinen anderen Neigungen und Begehrungen in derselben Proportion steht, wie beim Manne; man muß dabei nur den selbstverständlichen Korrekturfaktor einsetzen, der das Unklare, Dämmerhafte aller Jugendtriebe in Rechnung setzt gegen die weit bestimmteren und an tausend Vorbildern orientierten Erregungen des Erwachsenen. Richtige, leidlich glaubhafte Kinderromane könnten sonach nur von Kindern geschrieben werden, und nur von solchen, die über Gestaltungstechnik verfügen, was eine unmögliche Voraussetzung ist. Sowie auch der Literat mit unhaltbaren Voraussetzungen arbeitet, insofern er kindliche Ereignisse beschreibt, deren seelisches Wesen von einem Altersgehirn gar nicht begriffen werden kann. Er wirtschaftet mit Erinnerungen in zweiter und dritter Potenz. Denn es gibt potenzierte Gedächtnisakte, bei denen der gesteigerte Exponent nichts anderes ausdrückt, als die wachsende Verdünnung. Es verhält sich damit wie bei Berichten über geträumte Erlebnisse, die nur dem Träumenden verständlich sind. Schon in der Minute des Erwachens verblassen die Bilder, und schreitet man zu einem Bericht, so liefert man Erinnerungen an Erinnerungen in einer Sprache, welche die Ausdrucksform jener Bilder nie erreichen kann. Wir behelfen uns also mit Andeutungen und dazu mit der Feststellung, daß die seelische Pubertät weit früher und intensiver einsetzt, als die physiologische. Jedenfalls waren mir die Anwandlungen des Cherubim – »wenn ich nur ein Mädchen sehe ...« schon zu einer Zeit geläufig, da ich vom körperlichen Unterschied der Geschlechter keine Ahnung hatte. Ich war dauernd verliebt, dauernd in der Stimmung eines Märchenprinzen, der sich von irgendeiner Weiblichkeit etwas Köstliches verheißt, und ich spezialisierte mich dabei keineswegs auf die Einzahl, verstand das Wesen dieser beglückenden Angelegenheit vielmehr in dauerndem Plural. In den Milchgärten an der Promenade gab es vielfache Gelegenheit zu persönlicher Näherung in Kinderspielen, und es ist mir so, als wäre mir das Spiel selbst, die Betätigung des Körperlichen ziemlich gleichgültig gewesen – denn die Katzbalgereien mit den Gassenjungen standen mir doch höher – die Freude an der Gegenwart der Mädchen dagegen die Hauptsache. Ich sage »Freude«, aber mit dem Unterton des Zweifels, denn in meinen vorzeitigen Ansätzen zum Flirt schwebten Bedrängungen und Gleichgewichtsstörungen, die sich besonders bemerkbar machten, wenn ich flatternde Röckchen erblickte. Von den Physiognomien der Huldinnen ist mir nichts verblieben, aber einzelne Namen und Gewänder haben sich im Gedächtnis erhalten, und die Julie vom Blücherplatz bleibt für mich mit einem blauen Kleid, die Jenny vom Ring mit einem roten Kleid verknüpft. Im Verkehr mit einer kleinen Polin traten lyrische Betonungen auf. Petka, eigentlich Petronella, war eine Warschauer Verwandte, sie wohnte etliche Wochen bei uns und zeigte Anlagen zur Koketterie. In ihrem Kindergemüt lebte die Vorstellung davon, daß in mir etwas vorging, und sie steigerte dieses Etwas instinktmäßig durch Annahme plastischer Stellungen auf dem Sopha. Ich glaube, daß meine ersten Kußerfahrungen damit zusammenhingen, falls nicht etwa Bianca oder Regina als Kußfreundinnen die zeitliche Priorität zu beanspruchen hätten. Jedenfalls war Petka die Schönste von allen, und nicht bloß in meiner Einbildung, denn wenn ich mit ihr auf der Straße spazierte, bemerkte ich prüfende und bestätigende Blicke der Passanten, neidisches Kopfdrehen gleichaltriger Knaben, und ich fühlte mich in blähendem Stolze als der Bevorzugte. Meine Empfindungen ergossen sich aufs Papier in blöden Reimereien, die auf der poetischen Leiter etwa so hoch standen, wie die Stammelverse, mit denen die Da-da-Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts die Poesie besudeln. Rhythmisch wie grammatisch waren sie sogar um ein Grad erträglicher, und mein Auftakt »O du Petka, Himmelsstern, o wie hab' ich dich so gern« vertrug wenigstens die Ehrlichkeitsprobe. Wie stand es nun mit dem Sinnlich-Sexuellen? Sollten sich mir am Ende schon damals Zweige mit verbotenen Früchten entgegengestreckt haben? Ich werde nicht umhin können, einzugestehen, daß ich ein Abenteuer erlebte, das nach der Tiefe der Gedächtnisspur zu schließen, in die Unschulds-Naivität eines siebenjährigen Knirpses sehr schlecht hineinpaßt. Wir waren auf Sommerfrische in dem Vorort Scheitnig, und beherbergten als Logisgast eine eben erblühte Jungfrau aus den Ostmarken. Eines Frühmorgens huschte ich im Hemdchen durch ihr Schlafzimmer und folgte der Lockung ausgebreiteter Arme ins warme Bett. Weit davon entfernt blieb ich, wissend zu werden, aber mich befiel doch eine bebende Ahnung von ungeheuren Dingen jenseits meines Gefühlshorizontes. Eine tastende Neugier stieg in mir auf, die sich zaghaft und schämig, aber doch verlangend an schwellende Formungen heranwagte. Später hat sich das Erlebnis in seiner eigentlichen Substanz wieder verflüchtigt, und in meinem weiteren Verkehr mit jugendlichen Freundinnen trat niemals das Begehren auf, die Süßigkeit des Scheitniger Zufalls auch nur in Gedanken zu wiederholen. Der früh geweckte Trieb entschlummerte wieder, und das Beispiel libidinöser Kameraden zog mich nicht in seinen Bann. Ich hörte davon reden, staunte vor tollkühnen Exzessen, fand aber weder Anlaß noch Drang zu cytherischen Experimenten, bei denen mir die Gefahr unendlich größer erschien, als die jemals zu erhoffende Lust. Ich hatte auch nicht viel von Bedrängungen durch schlüpfrige Lektüre auszustehen, geriet indes leicht in sinnlichen Taumel, wenn mir das Aphrodisische in höherer Kunstform begegnete, namentlich, als sich mir – immer noch Jahre vor der wirklichen Pubertät – die Homerischen Gesänge offenbarten. Da meldeten sich Nachwehen des ersten Ansturms, und wenn ich mir eine Venus, eine Kalypso vorstellte, dann glitt meine Einbildungskraft zu den Rundungen der ostmärkischen Jungfrau, in denen ich ein einziges Mal das körperliche Wesen des Weibes verspürt hatte. * Innerhalb der häuslichen Pfähle waren erotische Themen nicht beliebt, sie wurden nur selten angeschnitten, und über ihrer Abfertigung lag der Obskurantismus. Man verstand unter Liebe das herzliche Verhältnis der Familienmitglieder unter einander, betrachtete sie aber in ihrer Beziehung zwischen den Geschlechtern wesentlich als eine Unanständigkeit, der eine breite Erörterung nicht gewidmet werden durfte. Die sexuelle Aufklärung gedieh nur unerheblich über die Storchlegende hinaus. Etwas liberaler gestaltete sich die Auffassung, wenn wir gemeinsam bei traulicher Abendlampe in guten Büchern lasen, wobei wir ja auch an Dichter gerieten, an lyrische Verse und Liebesszenen in Schauspielen. Allein da zog man doch einen Trennungsstrich, und nahm diese Dinge als unvermeidliches dichterisches Reservat, das in gewöhnliche Sphären nicht überzugreifen hatte. Wenn einer ein Tempelherr war oder ein Präsidentensohn Ferdinand, dann durfte er lieben, aber das schickte sich nicht für bürgerliche Kreise. Übrigens blieb im Lessing der Nathan mit seinen drei Ringen die Hauptsache, im Kabalestück die vergiftete Limonade und im Glockenlied verschwand der ersten Liebe goldne Zeit gänzlich hinter der aufregenden Geschichte von der Feuersbrunst. Mit der eigentlichen Lyrik wußten wir überhaupt nicht viel anzufangen, und unsere Versuche, uns mit Heines Buch der Lieder anzufreunden, verliefen im Sande. Nichtsdestoweniger geschah etwas bei uns, das den Gepflogenheiten der dürren Lebensprosa widersprach. Wie denn überhaupt viel Unmotiviertes, Abruptes die Lebensführung der Familie durchkreuzte. In dem puritanischen Brevier klafft ein absonderlicher Riß: man brachte mich in Fühlung mit der leichtgeschürzten Muse – – man führte mir eine Ballettänzerin zu! Der Grundgedanke war gar nicht so abwegig. Ich sollte auf dem Wege des Tanzunterrichts meine ungelenken Bewegungen überwinden und mir eine manierliche Gangart angewöhnen. Aber man verfuhr radikal und grotesk, indem man für mich allein die Prima Ballerina des Stadttheaters engagierte. Solus cum sola. Sie nahm mich in unserem parkettierten »Salon« in technische Fürsorge, als hätte es sich darum gehandelt, den Bengel zu einem Virtuosen im Pirouettieren auszubilden. Starke sinnliche Erregungen waren die keineswegs beabsichtigten aber unvermeidlichen Begleiterscheinungen dieser Methode. Man sprach in Breslau von Fräulein Behnisch , wie ehedem in den Großstädten von der Camargo und Barberina. Ich hatte sie schon vorher auf der Bühne gesehen mit dem ganzen Überschwang meiner frühen Entzündlichkeit, und nun erschien diese Göttin im Zimmer, lüpfte ihr Kleid expreß für mich und nahm mit leibhaftiger Berührung mich in die Lehre. Ich kann die Zeit ziemlich genau bestimmen, sozusagen astronomisch; denn man sah damals den ungeheuren, feuerglänzenden Donatischen Kometen, und meine Phantasie wob Fäden zwischen dem himmlischen und dem irdischen Wunder. Ich hörte vom bevorstehenden Weltuntergang reden, und mich beschäftigte die Frage, wie das wohl wäre, wenn wir grade beim Tanzen in den Weltenbrand verwickelt würden. Es lag ein Omen darin, bedeutungsvoll für den einen Bestandteil unseres Duetts. Denn bald darauf kam die bezaubernde Behnisch in einer Theatervorstellung der Gasbeleuchtung der Rampe zu nahe und sie verbrannte auf offener Bühne. Diese Katastrophe war die erste ungeheure Erschütterung meines Daseins. Der Donatische Komet, der lange Zeit als schauriges Fanal drohte, weist auf das Jahresdatum 1858. Ich befand mich also im achten Lebensjahr und muß schon vorher mit theatralischen Dingen Bekanntschaft gemacht haben. Zu diesen zählten Robert der Teufel, Aubers Ehernes Pferd, Nestroys Lumpazi Vagabundus und skandalöser Weise Offenbachs Orpheus in der Unterwelt. Schillers Postulat von der Schaubühne als moralischer Anstalt wurde grimmig verletzt, da man mir die antike Sage nicht in der Erhabenheit des Originals, sondern zu allererst in lächerlicher Travestie zeigte. Wenn ich die Karikatur ohne geistigen Schaden überwand und nach wenigen Jahren ohne störenden Rückblick, ja mit elementarer Inbrunst mich in den hellenischen Götter- und Heldenmythus versenkte, so danke ich dies wohl dem Umstand, daß ich als Bub von den dargestellten Vorgängen nur die alleräußersten Umrisse wahrnahm, von der Fabel selbst aber nicht das geringste verstand, geschweige behielt. Auch die musikalischen Eindrücke vom Theater blieben in mir ohne Nachhall. Als ich weit später mit gereifterer Empfangsfähigkeit die Meyerbeersche Oper wiederhörte, war mir alles neu und gänzlich fremd, bis auf das Kirchhofsballett, aus dem noch etliche Klänge im Gehör nachspukten. Desto nachdrücklicher umfing mich schon in frühester Zeit die Hausmusik. Meine Mutter besaß ein bescheidenes Talent, dessen Pflege einem sehr bedeutenden Musiker anvertraut war. Das war der erste Organist der Breslauer Bernhardinerkirche Adolf Friedrich Hesse , ein Meister ersten Ranges, der in London und Paris Triumphe gefeiert hatte und dort als der Sebastian Bach des neunzehnten Jahrhunderts ausgerufen worden war. In der ganzen Stadt sprach man davon, daß dieser Träger internationalen Ruhmes allwöchentlich mehrmals im Hause des Kießlingschen Bierausschanks zwei Treppen hoch emporkletterte, um der Frau eines Kleinbürgers Klavierstunde zu geben. Man kannte Hesse zudem als einen korpulenten Asthmatiker, berechnete die weiten Wegstrecken und gelangte schon dieserhalb zu immensen Honorarziffern, die indes noch hinter der Wirklichkeit zurückblieben; denn der Gewaltige liquidierte und empfing für jede Lektion die exorbitante Summe von 20 Silbergroschen, gleich zweidrittel Talern. Meine Mutter gedieh unter seiner Leitung bis zum Vortrag klassischer und romantischer Stücke. Ich hatte schon damals die Vorstellung, daß dies keine Vollendung wäre, denn ich bemerkte die ungelösten Schwierigkeiten, allein das schmälerte nicht mein Entzücken, das sich durchaus aus den Tongebilden selbst herleitete, zumal aus dem Weberschen Konzertstück, Mendelssohns Rondo, und einigen Beethovenschen Sonaten. Die Pathétique, hundertmal geübt, ließ immer wieder eine Bezauberung auf mich strömen, ebenso auf meinen Bruder, und unsere höchste Wonne war es, wenn wir dabei auf dem Fußboden unterm Klavier liegen durften, vor Seligkeit mit den Extremitäten strampelnd. Der Kreis der Kompositionen war aufs äußerste beschränkt, Mozart war spärlich vertreten, Chopin nur mit etlichen Walzern und Nocturnos, Schumann fehlte gänzlich, aus der Opernliteratur gab es ganz vereinzelt einige leichte Arrangements nach Rossini, Donizetti und Meyerbeer. Seltsamerweise kam Bach mit keiner Note aufs Programm, trotz der Spielleitung Hesse's, der doch in Sebastians Spuren wandelte. Rückwärts blickend taxiere ich, daß er der Spielerin nicht die geeignete Kapazität für eine Musik zutraute, die ihm persönlich sakrosankt war. Manchmal, in frohlauniger Stunde, setzten wir uns zusammen an den Flügel, der Vater und die Söhne, und droschen in Willkür darauf los, wohin es gerade treffen wollte. Wir nannten das »Symphonie machen«, und dies blödsinnige Getöse mochte auch wirklich den Anschauungen entsprechen, die wir zusammen vom symphonischen Wesen hegten; denn unsere Erfahrungen auf diesem Gebiet waren gleich Null. Von Richard Wagner war nur der Name bekannt und das Attribut »Zukunftsmusiker«, was so viel bedeutete als Verderber. Der bloße Wunsch, etwas aus Tannhäuser oder Lohengrin kennenzulernen, fiel schon ins Bereich der komischen Perversionen. Unser Horizont erweiterte sich merklich, als wir in einige wirkliche Konzerte mit ernstem Orchester und mit Solisten gerieten, die im Saale der Bürgerressource stattfanden. In diesen Veranstaltungen ereignete sich Außerordentliches. Ein wilder Tastenvirtuos schlesischer Herkunft – er hieß Göldner – schleuderte sich aufs Podium und überfiel uns mit Hexenmeistereien auf der Tastatur. Höher im Range stand der heute fast vergessene, seinerzeit viel bewunderte Franz Bendel , bei dessen Produktionen uns zum erstenmal ein Licht darüber aufging, welche Möglichkeiten überhaupt im Klavier steckten. Und da trat auch der Junglöwe Carl Tausig auf, mit den Konzerten von Beethoven in G und Es, an die zwar unser Verständnis nicht hinanreichte, die uns aber doch einen Schimmer aus übergeordneten Tonwelten zuführten. Der berühmte Leopold Damrosch führte den Taktstab, und wir gewannen durch ihn eine verschwommene Ahnung von symphonischer Klassizität. Diese wurden indes übertäubt durch die orchestralen Abenteuer, die Damrosch als Ultra-Fortschrittler in den Vordergrund stellte. Er brachte die Futurismen von Liszt und Berlioz, und als er einmal eine Festmusik von Hans von Bronsart auf uns losließ, da galt es uns als ausgemacht, daß dieses Tongelände wesentlich vom Teufel beherrscht werde. Wir wurden darin bestärkt durch unser Hausorakel der schlesischen Presse, dessen Hauptvertreter Max Kurnik im Geruch der Unfehlbarkeit stand. Und da lasen wir es schwarz auf weiß, daß solch eine Festmusik nur bei menschenschlächterischen Lustbarkeiten der Kannibalen am Platze wäre. Jetzt standen wir völlig gerechtfertigt da mit unserem vielhändigen Gepauke, das wir in drastischer Verallgemeinerung »Symphonie machen« benamst hatten. Erst als im Jahre 1865 unser Wohnsitz nach Dresden verlegt wurde, gerieten wir Buben in eine reinere musikalische Atmosphäre. Dort gab es symphonische Gartenkonzerte, die wir als Zaungäste erlauschten. In der begrenzenden Strauchhecke fanden wir ein Verließ, worin wir uns verkrochen, wenn der Stadtmusikus Puffhold mit seiner dürftigen Kapelle – vier Geigen, ein Kontrabaß! – seine Herrlichkeiten anstimmte. Himmel, welche Offenbarungen wurden uns da in dem umgrünten Strauchloch! Und wie wirkten sie auf uns trotz der akustischen Verdünnung, denn wir hockten weitab vom Orchester, in dessen Nähe man nur gelangte, wenn man den stattlichen Obolus von 30 Pfennigen fürs Entreegeld aufbrachte. Das war ein Crescendo im Genuß, wenn man erst in mehrfacher Wiederholung Beethovens Fünfte hörte und die Pastorale, und Mozart's G-moll-Symphonie. Hier goß sich der heilige Geist auf uns aus, und den beiden Klang-Nassauern war es, als müßten sie vergehen in Andacht und Glückseligkeit. * Weit vorher, noch in Schlesien, hatte ich auch eine andere Sorte geistiger Anregungen erspäht, abseits der Kunst. Auf der Kindheitsfibel erscheinen allerlei Reflexe aus den Bezirken von Lionardo, Franklin, Congreve und Montgolfier. Zuerst wollte ich Feuerwerk machen mit Flammenrädern, die nicht rotierten, und angepappten Patronen, die nicht losgingen; wogegen mir ein Heißluftballon, eben aus Florpapier mühsam fertig geklebt, sofort wegbrannte, als er sich vielversprechend zur Kugelfigur blähte. Demnächst baute ich einen hübschen Papierdrachen, der ein bißchen Gewitter herunterholen sollte, was er aber unterließ, da er mir beim ersten Aufstiegversuch von einem handfesten Gassenlümmel geräubert wurde. Gefährlicher wurde ein Beginnen im Bade Salzbrunn, wo ich mich mit einem kräftigen Regenschirm in die Dachräume schlich, um etwas Aeronautisches zu erproben. Ich hatte mir nämlich eingebildet, dieses Werkzeug müßte in aufgespanntem Zustand das Amt eines Fallschirms übernehmen, und ich könnte damit vom Fenster des Dachbodens heil auf die Straße springen. Es hing an der einen, der nächsten Sekunde, daß ich den Saltomortale ausführte, wonach sich alles Weitere in diesem Leben erübrigt hätte. Allein ein Hausbewohner hatte Unheil gewittert, war mir nachgestiegen und riß mich im letzten Moment von der Fensterluke ins Sichere. Meine Erkenntnisgier betätigte sich bald an weiteren Experimenten, die sich auf dem Grenzgebiet von Physik, Chemie und grobem Unfug bewegten. Ich hatte als Lausbub von Untertertia in naturkundlichen Kalenderschriften geschnüffelt, und im Zusammenhange damit brachte mir der Weihnachtsmann einen Experimentierkasten für Kinder mit allerhand gläsernem und metallenem Gerät. Da kam der Geist Lavoisiers über mich, und ich beschloß, reinen Sauerstoff zu erzeugen. Mit Überwindung einiger pekuniärer Widerstände väterlicherseits gelangte ich in den Besitz von etwas Braunstein, Natrium, Kalium, und nun konnte der Zauber losgehen. Beim ersten Versuch schien die Sache zu glücken; es bildete sich wirklich in einem Probierglase ein gasartiges Etwas, das bei Berührung mit erhitztem Draht feuerwerkend reagierte, und ich empfand aufjauchzend alle Wonnen eines Adepten. Aber noch in derselben Stunde, als ich mit dem mirakulösem Kalium zu wirtschaften anfing, stürzte ich aus dem Feenhimmel der Wissenschaft in einen Schandpfuhl, wie ihn nur Wilhelm Busch auf seinen verwegensten Bilderbogen dargestellt hat. Also eine Explosion, die ja in chemischem Betracht ihren Wert behielt, insofern sie die Wirkungen des Knallgases verdeutlichte, allein als häusliches Erlebnis merkliche Schattenseiten aufwies. Ich wurde splitterübersät zu Boden geschleudert, hatte das ganze Gesicht voller scheußlicher Substanzen und dachte nicht mehr an Sauerstoff, sondern an Weltuntergang. Nachdem der ärgste Schaden beseitigt war, vervollständigte eine Tracht Prügel die Lektion, und damit fanden meine häuslichen Experimente ihr vorläufiges Ende. Das Folgekapitel meiner experimentellen Erfahrungen fällt schon in die Hochregion der Sekunda und betrifft einen Mann, den Gott in seiner Gnade zum Professor und in seinem Zorn zum Experimentator gemacht hatte. Das war Magister Kambly , der uns Jünglinge in die wirklichen Geheimnisse der Physik einführen wollte mit Hilfe von Experimenten, von denen nach meiner Erinnerung auch nicht ein einziges glückte. Er brachte es nicht einmal, wie ich vordem, zu einer interessanten Explosion, es kam überhaupt nichts zustande; die Apparate blieben zu dauerndem Generalstreik verschworen, und Kambly's bloße Nähe genügte, um sie allesamt unbrauchbar zu machen. Wir sahen Elektrisiermaschinen ohne Elektrizität, Magnete ohne Magnetismus und eine Luftpumpe, bei der schon der Gedanke an ausgepumpte Luft lächerlich gewesen wäre. Selbst die gefügigen Kapillarröhrchen bockten und weigerten sich, die niedlichen Phänomene der aufsteigenden Flüssigkeit zu zeigen. Man dürfte eine Trillion gegen eins wetten, daß bei dieser Einfachheit niemals ein Versagen auftreten kann: hier hätte man die Wette verloren. Der Magister erklärte, er würde oben mit dem Munde ein bißchen nachhelfen, er begann zu saugen, zerbrach dabei das Röhrchen, und damit war das Thema der Kapillarität experimentell erledigt. Man hatte mir später in Dresden eine kräftige Lupe geschenkt, mit der ich mir feine Federsträhnen vergrößern wollte, was bekanntlich einen reizenden Anblick gewährt. Am Schloßteich im Großen Garten fand ich die gesuchten Objekte in ausgiebigster Fülle, prachtvolle schneeweiße Daunen, mit denen die Schwäne die Ufer beschüttet hatten. Da erfaßte mich Sammelwut; ich raffte wieviel ich nur konnte und bettete den Flaumensegen in meine blaue Gymnasiastenmütze, die ich mir besitzfroh wieder auf den Kopf stülpte. Wer nie eine ähnliche Prozedur ausgeführt hat, der besitzt keine Ahnung von der Unmasse der Schwanenfedern, die zusammengebauscht zwischen Schädel und Mützentuch Platz finden. Ich trieb mich weiter im Garten herum, dachte bald gar nicht mehr an meinen Schatz und sah mich plötzlich in einem Menschenspalier, das sich dem herannahenden König geöffnet hatte. Der alte Johann, Philalethes, stand uns Kreuzschülern besonders nahe, als ein hochgelahrter Herr, der sogar bisweilen in den Klassen erschien, um den Lehrern wie Scholaren seine landesväterliche Fürsorge zu bewenden. Jetzt war der Monarch ganz nahe heran, alle Häupter entblößten sich zum Gruß – und nun begab sich unter Mitwirkung eines a tempo einsetzenden Windstoßes ein Naturphänomen, dessengleichen weder vor- noch nachher beobachtet worden ist: ein Schneegestöber über die ganze Allee hinweg, mitten im Sommer. Mein Kopf verriet sich klar genug als der fedrige Ursprung, und ich wußte gar nicht wohin, vor staunendem Entsetzen über das rätselhafte Flockengewimmel. Zum Glück war der beschneite König genau so verblüfft wie die übrige anwesende Menschheit, er stutzte, blieb stehen, wechselte Blicke mit seinen beiden Adjutanten, und ich Sünder gewann dabei Zeit, um mich aus dem Staube zu machen. * Ich halte mich in diesen Erzählungen nicht streng an den chronologischen Faden; denn an der zeitlichen Reihenfolge ist nichts gelegen, und ich ziehe es vor, die Geschehnisse der Pennalzeit so zu mischen, wie sie mir für die lebendige Darstellung geeignet erscheinen. Zwischendurch finde eine kurze Betrachtung Platz, die sich mir wie so manchem aufdrängt, wenn sie ihres Primordiums gedenken, vom Pferch der ABC-Schützen bis zum Maturitäts-Stall der vielgeprüften »Muli«. Das biogenetische Grundgesetz erklärt bekanntlich, daß jedes Lebewesen in seiner eigenen embryonalen Entwicklung die Vorgeschichte des ganzen Stammes repetiert. Erstaunlicher als das Gesetz selbst ist die Tatsache, daß sich erst Forscher wie Darwin, Spencer und Haeckel bemühen mußten, um es zu finden. Denn seit es gelehrte Schulen gibt, zeigt der Ablauf jedes Pennälers von unten auf bis zum Abitur die Gültigkeit jenes Gesetzes. Sein ganzer Lehrplan ist nichts anderes als eine Wiederholung der menschlichen Vorgeschichte, und alles Einpauken, Büffeln, Examinieren im Schuldrill läuft nur darauf hinaus, ihm diese Repetition recht fühlbar zu machen. Muß das sein? Liegt ein Sinn darin, dem armen Wicht solch erdrückende Repetierfracht aufzubuckeln? Ja, erdrückend ist sie auch heute noch, und überwiegend unnütz, weil sie zu vier Fünftel bestimmt ist, durch die Maschen des Gedächtnisses zu fallen; es ist, als verstaute man unendliche Warenmassen auf Schiffe ohne Kielboden, auch heute noch, nachdem die Reformen aller Orten das Pensum von vielen toten Gewichten entlastet haben. Aber ein schaudervoller Betrieb herrschte vielfach zu meiner Zeit, als ich und meine Leidensgenossen unter der pädagogischen Fuchtel standen, als man uns den Ranzen mit einem Lehrstoff vollpackte, der ausgereicht hätte, um eine Kohorte von Mommsens und Humboldts zu versorgen. Zwei uralte Gymnasien streiten sich, wie schon erwähnt, um die Ehre, mich aufgepäppelt zu haben. Das Elisabetan und die Kreuzschule, auf deren Bänken zu Dresden sich übrigens auch die Sitzabdrücke von Karl Maria von Weber und von Richard Wagner befinden. Sie zählen neben Schulpforta und den Fürstenschulen von Meißen und Grimma zu den berühmtesten Lehrstätten in Deutschland und zeigen in ihren Annalen eine Menge von Magistern, bei deren bloßer Namensnennung jeder Philologe fromm erschauert. Ich selbst habe noch bei Klee und bei Hultsch geochst, und es muß wohl an mir gelegen haben, wenn es diesen Giganten altklassischen Wissens nicht gelang, mir die letzten Sprachgründe im Tacitus und Thukydides zu erschließen. Auf den Dresdner Oberklassen wurde Latein und Griechisch mit sportlichem Hochdruck traktiert. Unsere Präzeptoren diktierten die Extemporalien lateinisch, indem sie etwa ein mit grammatischen Fallstricken durchwirktes Kapitel aus den Tuskulanen in schnellem Tempo aufsagten, und wir Zöglinge verwandelten dies unmittelbar in schriftliches Griechisch. Rektor Klee hatte gewöhnlich gar kein Buch in der Hand; er war lebendige Bibliothek, wußte alles auswendig und wunderte sich nur, wenn wir Jungmannen mit Fingern und Augen an den klassischen Scharteken klebten. In Prima hielten wir Schüler über gestellte und selbstgewählte Themen lateinische Vorträge, mit anschließenden Debatten in der toten Ursprache, die wir uns als lebendig vortäuschten. Daß da viele ungenützte Entlastungsmöglichkeiten vorhanden waren, beweise ich selbst kurioserweise. Ich war im ersten Semester von Unterprima leidlich tüchtig, – keineswegs Musterschüler – und verdiente mir zufällig mit einem Aufsatz eine recht gute Zensur. Daraufhin fragte mich der Rektor, ob ich wohl Lust hätte, das zweite Semester zu überspringen. Mich kitzelte der Ehrgeiz, und so saß ich mit plötzlichem Ruck in der Oberprima. Da hatte ich zunächst sechs Monate entbehrlichen Drills gespart, und nach einem weiteren Halbjahr wiederholte sich der nämliche Vorgang mit der Frage, ob ich mir wohl zutraute, das jetzt fällige Abitur mitzumachen, was einer zweiten Semestral-Überspringung gleichkam. Ich verstand die Frage wie eine Aufforderung, riskierte die Geschichte, wurde in einem zehntägigen Examen gezwiebelt, daß mir Hören und Sehen verging, – und rutschte glücklich über alle Fährlichkeiten hinweg. Warum gerade ich, während sicherlich in Prima Reifere vorhanden waren, die sich um ein volles Jahr länger quälen mußten? Das ist nicht zu beantworten, denn die Erklärung beruht wahrscheinlich auf einem Komplex magistraler Launen, die sich zufällig mir günstig erwiesen. Bei der Entlassung betonte der Schulmonarch meinen Schnelligkeitsrekord als ein Unikum in den letzten Jahrzehnten, denn ich zählte knapp siebzehn Jahre und wurde deshalb beim Abiturientenkommers von den weitaus älteren, teilweis schon recht bebärteten Konkneipanten fürchterlich hergenommen. Es galt als unverbrüchliche Norm, daß der jüngste Mulus erbarmungslos untern Tisch gesoffen wurde, und so endete mein flottes Allegro durch beide Primen in einem Miserere mit jämmerlicher Bewußtlosigkeit. – Einige Episoden seien aus der Zeitverschüttung herausgeschaufelt. Man kennt die Figur des zerstreuten Historikers Galletti, dessen konfus-drollige Aussprüche im vorigen Jahrhundert als »Gallettiana« veröffentlicht wurden. Wir Dresdner Rangen wußten nichts von diesem Urtypus unfreiwilligen Humors; aber wir hatten einen Galletti Nummer zwei vor uns auf der Lehrkanzel, den Professor Helbig , einen grundgelehrten Pauker für Literatur und Weltgeschichte, der niemals aus einem piepsenden Pathos herauskam und uns in dieser Tonart mit einem Sprühregen von Kathederblüten überspritzte. Zahllose Gallettische Sentenzen erlebten wir im Moment ihrer Entstehung, und hätte einer ständig nachstenographiert, so wäre das Material für einen unvergänglichen Witzband bereitgestellt worden. Aber bei vielen genügte schon die mündliche Überlieferung, und noch heute zitiert man Worte von Helbigscher Herkunft. Mit nachdrücklich erläuternder Mimik piepste der Professor: »Cicero beginnt seine gewaltige erste Rede gegen Catilina mit den weltberühmten Worten –: Ruhe dahinten, machen Sie mich nicht böse, betragen Sie sich wie anständige Gymnasiasten!« – »Kaiser Vespasian wurde in Abwesenheit seiner Eltern geboren«; – »Die Basken sind ein gebirgiges Hirtenvolk, das sich von den Abhängen der Pyrenäen bis tief ins siebente Jahrhundert erstreckt«. Unsere Heiterkeit bei solchen Impromptus blieb ihm rätselhaft, und in besondere Verdutztheit verfiel er, wenn seine weltfremden Kommentare klassischer Dichtungen uns zu Explosionen entzündeten. Wir lasen bei ihm Lessings Minna von Barnhelm, und eine Verschmitztheit des städtischen Zufalls fügte es, daß zur selben Zeit der Name »Minna« mit einem obszönen Oberton erklang; sintemalen und alldieweil eine gewisse Minna an der Elbe ein übel berufenes Haus offen hielt. Der liebliche Vorname hatte sich für Dresdner Ohren zu einem unzweideutig frivolen Begriff umgebildet, und diese zynische Sprachwandlung war natürlich sämtlichen Bewohnern der Klasse vollkommen mundgeläufig; – nur einer hatte keine Ahnung davon, unser Professor Heibig, der nicht müde wurde zu erklären: »Also Tellheim geht jetzt zur Minna!« und er mußte uns wohl für eine rettungslos verwahrloste Rotte halten, da wir bei der jedesmaligen Wiederholung dieser Phrase in ein kannibalisches Lachgebrüll ausbrachen. Die Schuldisziplin wurde in Sachsen nicht bis zu drakonischer Strenge gespannt, und dementsprechend gingen manche Schülerrepliken straflos aus, die an anderen Schulen scharf gepönt worden wären. Einmal verhandelten wir die verzwickten Formen des Optativs und des Duals, und ein Schüler wurde aufgerufen zur Übersetzung eines jener monströsen Satzgebilde, wie sie nur in Schulstuben vorkommen, sonst aber nirgends in der Welt. Das grammatische Scheusal hieß ungefähr: »O daß sie beide gestülpt worden sein mögen!« Der Aufgerufene, ein junger Türke aus der Dresdner Fremdenkolonie, stockte mit der Antwort, und des Professors Götz auf dem Katheder – im Jargon Giehtz benannt – bemächtigte sich eine begreifliche Aufregung ob solcher klassenwidrigen Ignoranz in optativdualen Angelegenheiten: »Savalan, Savalan! Wie stellen Sie sich überhaupt Ihre Zukunft vor! Wenn Sie vor dieser einfachen Aufgabe versagen, wovon wollen Sie später einmal existieren?!« Der studierende Türke erklärte sachlich: »Von den Zinsen meines Vermögens, das vier Millionen beträgt!« Da klappte Giehtz zusammen, ein Bild des Jammers; oben der Magister, wehrlos in der Armut seines Standes, unten der Zögling in trotziger und protziger Überlegenheit, – o daß sie beide in der denkwürdigen Gruppe gefilmt worden sein mögen! Wie anders wirkt auf mich das Zeichen von Sankt Elisabeth an der hochgetürmten Kirche, wo weit gestrengere Herren die Knabenschritte nach Regeln der Klosterzucht gelenkt hatten. Und da bin ich schon wieder bei einem Kuriosum: Heinrich Mann hat in einem der Neuzeit zugehörigen humoristischen Roman die groteske Figur eines Kathederpedanten entworfen, in der ich Zug für Zug das Bild eines mir vorgesetzten Ordinarius erkenne. Was der Dichter mit phantastischer Verwegenheit gestaltete, entspricht haarscharf einem Original, das er niemals erblickt haben kann, das mir aber in grausiger Spukhaftigkeit noch heute nachgrinst. Und um die seltsame Parallele zu vervollständigen: bei Mann heißt die bizarre Gestalt »Professor Unrat« – mein Gestrenger hieß Oberlehrer Rat und wurde von uns Tertianern »Doktor Unrat« genannt. Bei ihm habe ich üble Stunden verlebt. Ich sehe das schriftliche Extemporale noch vor mir, wo ich den Akkusativ von »nomen« zu »nominem« verfehlt hatte, was mir einen roten Verdammungsstrich über drei Seiten eintrug und darunter die Zensur »Pfui!« Ich kam bei ihm aus Strafarbeit, Arrest und Schimpf überhaupt nicht heraus und hätte jahrelang in der Klasse sitzen bleiben können ohne einen gütigen Ratschluß des Himmels: Unrat erkrankte kurz vor der Osterwende – gesegnet sei sein Typhus! – der große Fickert übernahm die Klassenleitung, und wie mit einem Zauberschlage konstruierte ich richtiges Latein, bekam statt Backpfeifen Lobsprüche und wurde versetzt cum »Praemio pro studio et virtute«! Um viele Jahrzehnte später, in Weltkriegszeit, stand ich als Tourist vor dem Portal, und während ich meine eigene schülerliche Prähistorie überflog, geriet ich in den Bann eines abenteuerlichen Wunsches: Für mich, den strammen Sechziger, sollten plötzlich alle Zwischenstufen verklungener Dezennien ausgelöscht werden, ich wollte wieder einmal als Schüler unter Schülern sitzen, auf niederer Pennalbank, graubärtig zwischen flachsköpfigen Buben, mitten im Stundenplan, wie einst im alten Gemäuer. Und das habe ich wirklich durchgesetzt, mit Zeit- und Raumverschiebung, denn die Lehranstalt war längst ein Prachtbau in anderer Stadtgegend geworden. Ich meldete mich beim derzeitigen Direktor Professor Wiedemann , offenbarte ihm meinen faustisch an die Hexenküche anklingenden Wunsch und wurde erhört, nach einem Intervall des Erstaunens, das mir dieser vortreffliche Archont nicht verhehlte. Er führte mich in die Unterprima, in der soeben eine Lektion mit Experimentalphysik begonnen hatte, stellte mich dem amtierenden Oberlehrer vor und erläuterte den Vorgang mit Rücksicht auf eine sehr schrullige Pietät, die aber so stürmisch hervorbräche, daß man ihr unbedingt willfahren müßte. Und so habe ich als Herr in höchsten Semestern tatsächlich noch einmal Schulstunde gehabt und das biogenetische Grundgesetz der Wiederholung uralter Abläufe abermals an mir erprobt. Abgesehen davon habe ich in dieser Lektion einen tüchtigen Posten Physik mit größtem Genuß repetiert, beinahe möchte ich sagen: frisch gelernt; denn das zeitwidrige Erlebnis leistete ganze Arbeit bei mir, und was hier der junge Oberlehrer von Newton, Galilei und Torricelli mit experimentaler Veranschaulichung vortrug, traf mich mit der nämlichen Gewalt, wie die ersten naturkundlichen Ansagen, die ich einst mit ehrfürchtiger Verblüffung empfangen hatte. Schade, daß es nur eine Stunde war; hätte die Phantasie ein Semester lang gewährt, ich glaube wahrhaftig, mir wäre wieder das fabelhafte Quantum des Wissens zugeflogen, das man in Preußen nötig hat, um nach Oberprima versetzt zu werden! Ich wanderte zurück nach dem Stadtinnern, und abermals überfiel mich traumhaft das Alte. In den baulichen Anlagen und Schauläden hatte sich freilich manches verändert, modernisiert, aber die Menschen trugen das liebe Spezifikum von damals im Antlitz und sahen in Mehrzahl noch immer so aus, als wenn sie Guttentag, Hainauer, Immerwahr, Gradenwitz, Sackur, Littauer und Henschel hießen. Dort in der Schweidnitzer Straße, nahe der Promenade, stand dasselbe Wachthäusel mit demselben schulternden Posten daneben. Ich kannte ihn ganz gut von 1865 her und berechnete, daß der Mann ununterbrochen einundfünfzig Jahre dort im Wachtdienst gestanden haben müßte. Es hätte auch der Enkel jenes Soldaten sein können, aber das machte mir nichts aus, da die Zeit als Wahrnehmungsform ausschied und die Erscheinungen über alle Jahrschründe hinweg ineinanderflossen. Ich ging spätabends in das uralte Kießlingsche Bierhaus auf der Junkerstraße, wo das nämliche dunkle Kulmbacher schäumte und die nämlichen Würstel mit Bratkartoffeln gekaut wurden wie Anno Olim. Das schloß sich einfach an wie Mittwoch an Dienstag im Wochenverlauf, Zunge und Gaumen spürten nur die schmackhafte Fortsetzung von gestern. Ich forschte am Büffet, gelangte an einen richtigen Kießling, fragte, ob er mir vielleicht unsere alte Wohnung im zweiten Stock zur Besichtigung öffnen möchte. Der Mann bezeigte mir ein Vertrauen, das ich an seiner Stelle kaum entwickelt hätte: ein wildfremder Mensch, der zur Nachtzeit in Behausungen schnüffelt, kann doch eigentlich nur ein Spion sein, ein »Baldowerer« für Einbruchsgelegenheit. Allein dieser Verdacht blieb mir erspart, ich durfte hinein, man erleuchtete mir die ganze Etage, mein Kindheitstraum wurde lebendig. Die Veränderungen in Möbeln und Tapeten drangen mir gar nicht ins Bewußtsein, nur die Räume selbst, geometrisch genommen, sprachen zu mir. In diesem Zimmer war mein Bruder, der Komponist, zur Welt gekommen; hier nebenan hatten wir unter dem Flügel auf der Diele gestrampelt, wenn Mama die Pathétique übte. An diesem Fenster stand mein wackliges Holztischchen mit dem Wachstaftbezug, daneben der Käfig mit den Weddeles, links davon mein Spielgerät, Puppentheater, Experimentierkasten; ich hörte Anrufe wie von amo amavi, von Nachtigall, Lerche und Gésell, von Petkas lachendem Kinderstimmchen, von detonierendem Knallgas und von Papas handgreiflichen Korrekturen. Aus der Küche witterten mir leise Düfte polnischer Wirtschaft entgegen, und mir war es, als tauchte ich in schnurrige Gepflogenheiten; denn es war oftmals vorgekommen, daß bei uns mitten in der Nacht Speisegelüste ausbrachen, wonach Mutter aufstand, frisch kochte und die Bettlieger mit Zrazy und saftig getunkter »Haidekasche« (Buchweizen) azte. Jetzt roch es so ähnlich, und wenn auch das imaginäre Gedüft durchaus subjektiv meine Nase betraf, so unterlag ich doch dem Zeitenspuk, in dem das Sonst alles galt und das Jetzt nichts. Ich kam in die parkettierte Vorderstube, die ihre saalartigen Dimensionen aufgegeben hatte und erstaunlich eng geworden war. Am Pfeilerspiegel stand in graziöser Haltung die vielbetrauerte Primaballerina Behnisch, nur im Bruchteil einer Sekunde erkennbar, dann zerfloß sie gespenstisch. Da war die Fensterbrüstung, ganz niedrig, vormals ein hohes Bollwerk, auf das man mich hinaufgehoben hatte, wenn es draußen etwas Besonderes zu sehen gab, wie den fürchterlichen Schweifstern, der sich in meiner Tanzzeit vom Blücherplatz quer über die ganze Junkerstraße spannte. Jetzt stand ich am offenen Fenster, blickte hinauf zum Sternengewimmel und wunderte mich, daß der Komet von 1858 nicht dazwischen hing. Das war allerdings nicht zu verlangen, denn er läßt sich bis zur Wiederkehr ein paar Jahrhunderte Zeit, und man schrieb erst 1916. Ich dankte dem Hausvater für seine gütige Erlaubnis, stieg die knarrende Treppe hinunter, begab mich in meinen Gasthof und weinte mich in den Schlaf. Höhenrausch Für die ersten Seiten dieser Darstellung schwebt mir noch ein besonderer Titel vor: »Die redenden Steine« oder noch feierlicher, im Anklang an die schöne Legende: »Saxa loquntur«. Es wird hier im Anfang, wenn auch nicht legendenhaft, so doch ein bißchen visionär hergehen, und dem Schreiber ist zumute, als dürfte er zu manchen Einzelheiten seines Erinnerungsvortrags aus fernem Felsgeröll ein stilles, nur ihm selbst vernehmliches »Amen!« erwarten. Gegenständlich nahe sind mir von diesen Steinen nur wenige, und diese betragen sich, ohne Verstiegenheit angesehen, ganz real, wie es im Alltag braven Mineralen zukommt. Sie befinden sich seit Jahrzehnten auf und in meinem Schreibtisch, sie lassen sich nach Gutdünken umherschieben, und einer von ihnen versieht ganz brauchbar das Amt eines Briefbeschwerers. Er ist roh und ungeschliffen, zeigt grobkörniges, grauweißliches, kristallinisches Gefüge und könnte von überall her sein, wo Granit oder Gneis vorkommt. Er ist aber kein gleichgültiger Wald- und Wiesenstein, sondern war einmal mit einem vielgepriesenen Gegenstande der romantischen Natur innig verbunden; und ich selbst habe ihn einst aus den Eingeweiden des Eiger im Berner Alpengebiet herausgeholt, während der Tunnelbohrungen, die durch den Riesen Eiger als Querstrecken der Jungfraubahn geschlagen wurden. Als ich ihn in jenem Wunderschacht auflas, glitzerte er bei elektrischem Grubenlicht hell aus unberührten blanken Kristallfacetten. Längst hat er das Blinken aufgegeben, aber unter der angegrauten Oberschicht bewahrt er für mich eine stille Beredsamkeit. Ja, er hat mir heute, in der Ära der Reiseerschwerung, mehr zu erzählen, als etwa vor fünfzehn Jahren, da die herrliche Trias Eiger-Mönch-Jungfrau noch zu den leichterfüllbaren Programmen gehörte. War er vordem nur ein Mitbringsel, allenfalls Kuriosum, so ist er mir heut Zeuge vergangener, nie mehr zu wiederholender Alpenfahrten, ein Verbindungsglied im materiellen und transzendenten Sinne, und es vergeht kein Tag, ohne daß der kleine Granitklotz mir etwas zuflüstert von Erlebnissen und Erscheinungen im Finsteraarhornmassiv und darüber hinaus. Kann ich eigentlich behaupten, daß ich ein Stück vom Eiger besitze? Daß jene Kolossalgruppe in zwei ungleiche Teile zerfällt, von denen sich der größere in der Schweiz, der kleinere auf meinem Schreibtisch aufhält? In der Beantwortung dieser Frage ist die spielerische Phantasie schwer auszuschalten. Der Engländer Coxwell besaß in seinem Park bei London eine Sammlung von Alpengipfeln, abgeschlagene Steilspitzen mehrerer Berge, deren vormalige Unersteiglichkeit er in eigener Aszension überwunden hatte. Und nun fand er seinen Privatsport darin, sich auf diese versprengten Spitzen zu postieren, mit dem stolzen Bewußtsein, daß kein Alpinist der Welt imstande wäre, ihm diese Hochtouristik nachzumachen, da er ja die Häupter der Berge, die nur ihm erreichbaren Felszacken unter strengem Gartenverschluß hielt. Das war geometrisch relativ richtig, topologisch falsch, wie es auch topologisch falsch ist, sich vor einem Goethe-Autogramm einzureden: hier hat Goethes Hand geruht. Aber ein idealer Konnex bleibt sicher vorhanden, und wie die Handschrift direkt von Goethes Leiblichkeit berichtet, so erzählt das Granitstück direkt von seinen Zusammenhängen mit einer Zauberwelt, die im Eiger- und Jungfraufirn ihre Bekrönung findet. »Wer auf die höchsten Berge steigt, der lacht über alle Trauerspiele und Trauerernste«, so lehrt Zarathustra, und in diesem Wort klingt das Pathos der Distanz. Es wäre zu fragen, ob das Pathos bestehen bleibt, wenn man die höchsten Berge anstatt sie zu ersteigen, mit der Eisenbahn befährt. Nein! Es geht verloren! So raunt der Stein vor mir, und ich selbst, der Losgesprengte, trage in mir den mechanischen Beweis für die Vernichtung des Distanzgefühls. Unzählige Millionen solcher Trümmer mußten herausgebrochen werden, um die Tunnelbahn zu ermöglichen, und diese ungeheure Arbeit hat die ganze romantische Angelegenheit in eine Maschinenleistung verwandelt. Zarathustras Wort begreift nur den Menschen, der da steigt, nicht den, der sich in die gepolsterte Kupee-Ecke gelehnt hinaufschleppen läßt. Der wird keine Anwandlung des heiligen Lachens verspüren, höchstens die Befriedigung des spießbürgerlichen Touristen darüber, daß der Ingenieur ihm die Kletterei ersparte, und daß er seine Schuhsohlen nicht zu strapazieren brauchte, kraft einer Fahrkarte, die 50 Schweizer Franken kostet. Und dennoch! Ein Rest der lachenden Romantik bleibt bestehen, aber er gründet sich nicht mehr auf die überwundene Schwierigkeit, auf das Gefühl eigenen Muskelsieges, sondern auf eine tief in uns eingelagerte Raumempfindung. Denn unsere eigene Körperlichkeit, das Dreidimensionale in uns, verlangt nach der Befreiung aus dem Kerker der zweidimensionalen Ebene, aus der bedrückenden Planimetrie des Daseins; wenn wir uns erheben, sei es auch nur durch das Gestänge einer Bergbahn, so spüren wir den Bruch mit dem peinlich zu tragenden Erdenrest als eine Wohltat. Du Stein in meiner Linken! Ich war dabei, als sie dich in betäubenden Explosionen losbrachen, und wiederum war ich dabei, als man zuerst durch deine heimatliche Höhle hindurch bei einem vordem ganz unzugänglichen Punkte landete. »Station Eigerwand.« Ein strömender Regen hatte mich begleitet, von Berlin angefangen über Flachland, Urkantone und Gletscher hinweg, und hier, plötzlich, am Durchbruch der immensen Felswand, leuchtete helle Sonne in unfaßbare Weiten und Tiefen. War hier der optische Eindruck entscheidend, war mir die Aussicht das Wesentliche? Keineswegs; »Aussichtspunkt« ist ein Bädekerbegriff, der stärkeren Emotionen gegenüber nicht standhält. Jeder Ort auf der Landstraße, der den Blick auf den gestirnten Himmel freigibt, gilt mir als Aussichtspunkt, und kein Alpenpanorama beeinflußt mich nachdrücklicher als der Prospekt auf Orion und Kassiopeia. Nein, hier an der Eigerwand gab der Lichtstrahl seinen Segen zu einem rein raumhaften Glück, zu der gefühlten Höhe, und meine Distanz bezog sich nicht auf Trauerspiele und Trauerernste, sondern auf die Geometrie der Ebene, die mich nun endlich einmal losgelassen hatte. Infolgedessen war mir auch gar nicht nach zarathustrischem Lachen zumute, im Gegenteil, meine Spannung löste sich in einem tüchtigen Tränenerguß, zur großen Verwunderung der anderen Touristen, die sich befriedigt die Aussicht erklärten und frischgeschälte harte Eier dazu aßen. Ich habe mich übrigens auch als Kletterfex ganz wacker in dem nämlichen Gebiet getummelt, zu entlegener Zeit, als mein Briefbeschwerer noch fest eingesperrt im Massiv lag. Und ich durfte dabei Besonderheiten erhaschen, die nicht auf der Ergebnisliste jedes Bergwanderers verzeichnet stehen. Einmal, bei Besteigung des Tschingelgrats, geriet ich am Seil hängend in eine so dichte Plantage von Edelweiß, daß ich für meinen Bedarf auf Lebenszeit hätte räubern können. Eine phänomenale Fülle, die noch das weitere Phänomen erzeugte, daß der sonst so lüsterne Edelweißhunger in mir plötzlich verschwand. Gerade die Überfülle der weißfilzigen Sternchen hatte meine Gier vollständig betäubt, ich verließ das abundante Gewirr, ohne mir auch nur ein einziges Blütenköpfchen anzueignen; das botanische Juwel war für mich in dieser Minute Unkraut geworden. Dagegen erlebte ich eine nachhaltige Sensation bei einem gelegentlichen Abstecher aufs Lauberhorn. Die Wolkenschicht reichte fast bis zur Spitze und verbreitete sich ringsum zu einem grenzenlosen grauen Nebelozean, aus dem nur die gewaltigen Eisgipfel gegenüber wie isolierte schneeweiße Inseln herausragten. Keinerlei Zusammenhänge durch Joche und Sättel blieben erkennbar: Jungfrau, Mönch, Eiger, Schreckhorn und die weiteren Trabanten zeigten sich als getrennte sonnenfunkelnde Einzelgebilde über einem unabsehbaren Meeresgewoge. Was ich da zu sehen bekam, war mir außerplanetarisch, überweltlich, und selten genug mag die Erscheinung wohl aufkommen, sonst hätten sich wohl die Landschafter von der Gilde Kalckreuth-Segantini diesen Spezialzauber kaum entgehen lassen; vorausgesetzt, daß eine bildliche Wiedergabe überhaupt glaubhaft erscheinen könnte, weil sie mehr an polares Treibeis als an eine alpine Gestaltung erinnern würde. Eine Erstaunlichkeit nicht geringeren Grades, optisch vielleicht mit jenem lose verwandt, erlebte ich auf dem Pilatus: hier wurden zwei unendliche Nebelschichten wirksam, durch die ein Sonnenstrahlbündel Löcher gebohrt hatte, mit dem Effekt, daß sich der Vierwaldstätter See in der Tiefe kartographisch ganz genau in der Figur des geknickten Kreuzes am Himmel abbildete; in richtigem Kartenblau auf Wolkenweiß und so exakt in der Umrandung, daß man die Lage aller Ortschaften von Luzern bis Flüelen darauf hätte bestimmen können. Ein Kursus in Erdgeographie am Firmament, eine umgekehrte Welt, in der die faustische Frage variiert erscheint: »und ob es auch in jenen Sphären ein Oben oder Unten gibt«. Diese Umkehrung freilich ist meinem Granit fremd, er schweigt eine Weile, meldet sich aber bald, um der Erinnerung nachzuhelfen, da ihm als Bestandstück des Jungfraupalastes ein anderes Unten-Oben vertraut ist. Weißt du noch, redet er zu mir, wie du dort hinaufkamst in die Wildnis des Eismeeres, und daß die Bergkönigin selbst dich heraufgeholt hat zu ihrem flimmernden Wolkenthron? Ja, so war es: die Ewigverschleierte sendet ihre Gletscherstürze in Kaskaden zur Trümmletschlucht, zur Lütschine, die Sturzwasser verwandeln sich nahe Lauterbrunnen in elektrische Energie, und so gelangen die Gäste zur Jungfrau empor mit deren eigenen Kräften, die sie von sich abspaltet, um das Menschengewürm da unten auf ihre Schultern zu befördern. Die Jungfrau selbst ist die eigentliche Technikerin und Direktrice der Jungfraubahn! Die Eloquenz meiner granitnen Reliquie reicht noch viel weiter; sie befindet sich zudem in Gesellschaft anderer Steinfragmente, die mich ebenfalls mit Reminiszenzen heimsuchen. Sie mögen ein andermal zu Worte kommen, als kleine Inventarstücke meines häuslichen, äußerlich höchst unscheinbaren Museums. Wenn man nur hinhört, beginnen diese Substanzen auf meinem Schreibtisch in ihrer Weise zu reden, ja, ich glaube, daß solche gesprächige Anorganismen sich überall in Studierstuben umhertreiben; nur daß die meisten, denen sie täglich in die Finger kommen, gar nicht wissen, welches Museum sie besitzen und welche Chroniken sich in ihnen verbergen. * Wenn wir uns in Bergbetrachtungen vertiefen und an Bergerlebnisse anknüpfen, so wird die geometrische Erklärung des Höhenrausches das Primäre bleiben, ohne jedoch den ganzen Komplex der Gefühlserscheinungen aufzudecken. Die Kulturgeschichte hat ihnen nur geringe Aufmerksamkeit zugewandt, sie nimmt sie, wenn sie sich überhaupt mit ihnen beschäftigt, als romantische, wesentlich vom Zufall abhängige Stimmungen. Es wäre aber zu erforschen, welchen Wandlungen die Bergempfindung in einzelnen Epochen unterlag, wie sie sich in einzelnen bedeutenden Menschennaturen äußerte, ja, ob man überhaupt berechtigt ist, ihr innerhalb der Geistesentwicklung einen besonderen Wert zuzusprechen. Verständigen wir uns über den Grundbegriff. Wir wollen ihn ganz allgemein das Bergbewußtsein nennen und einstweilen daran festhalten, daß es etwas Triebhaftes ausdrückt, etwas Sehnsüchtiges, das imstande ist, bei Erfüllung des Dranges ein Glücksgefühl auszulösen, uns mit glückhaften Ahnungen zu erfüllen, die aus der Harmonie der Sphären auf uns überfließen. Wir nehmen an, daß dieses Bewußtsein im gebildeten, geistig hochentwickelten Menschen besonders stark ausgebildet ist, und zweifeln wohl kaum daran, daß hier etwas Elementares, Selbstverständliches zugrunde liegt, eine natürliche Gegebenheit mit kausalem Zwange. Allein wir übersehen dabei mancherlei. Bei unzähligen Kulturmenschen reicht das Bergbewußtsein nicht über ein primitives Behagen hinaus, die hohe Bergnatur wirkt auf sie nur als eine Annehmlichkeit, nicht als Transzendenz, und sie befinden sich ihr gegenüber in der Lage eines Genießers, der aus einer musikalischen Offenbarung nur den wohligen Klangreiz erfaßt, nicht aber den letzten Sinn der Komposition. Ihre tiefste Tiefe wird nicht getroffen und aufgeregt, sie empfinden die ländlich und ferienhaft betonte Lust als erfreulichen Gegensatz zum städtischen Werktag, um mit Berlioz zu reden: sie amüsieren sich, ohne das Fieber zu kriegen. Aber auf das Fieber kommt es an, auf die erschütternde Ekstase, die das eigentliche Wesen des Bergbewußtseins ausmacht. Und ich hege den Verdacht, daß diese Ekstase nur vereinzelt auftritt, als zuverlässiges Wertmaß für die Kulturhöhe des Menschen nicht gebraucht werden kann. Wenn ich zum Vergleich heranziehe, wie sich in den großen Vollbringern der Menschheit die Liebe, die Religion, der Erkenntnisdrang, das ästhetische Gefühl zu bekennender Gestaltung umgesetzt hat, so bleibt für Rechnung ihres Bergbewußtseins nur ein geringfügiger Rest. Von einem hochragenden Beispiel abgesehen könnte man aus der poetischen Literatur alle Bergekstasen herausstreichen, ohne daß sich der Bestand des Schrifttums sehr wesentlich verändern würde. Es ist schon bezeichnend, daß der große Ausnahmefall unfehlbar auftaucht, wo nur das Thema erörtert wird, zur ewigen Verblüffung aller, die in Schillers Teil noch mehr erblicken als ein volkstümliches Drama. Der Einzige, der alle literarische Weihe über das Motiv ausgoß, hat völlig intuitiv gestaltet, ganz von innen heraus, mit geistigen Augen, da seine körperlichen Augen die alpine Hochwelt nie erblickten. Bei seinem Anreger Goethe, der ihm 1797 den Stoff der Tellsage mitbrachte, suchen wir vergebens diesen Höhenschwung, seine Schweizer Berichte bleiben notizenhaft und verraten nichts von den Erregungen eines eigentlichen Bergbewußtseins. Aber Goethe besaß doch wie kein zweiter die unmittelbare Einfühlung in die Natur, warum versagte sie gerade vor den Bildern, die sich in Zacken, Firnen und Eisstürzen vor uns aufbauen, warum haftete er an einem Vokabular, das in der Ebene bleibt gegenüber dem Wolkensturm, der uns bei Schiller aus der Surennen furchtbarem Gebirg entgegenbraust? Oder sollte gar Schillers Höhenpathos die niedere Stufe sein, Goethes Einfachheit die höhere, einer kosmischen Betrachtung angenäherte? Wer wollte sich getrauen, das bis in die Empfindungsatome hindurch zu analysieren! Ich am allerwenigsten, der ich, ehrlich gesagt, ganz in der Höhenromantik befangen bin, deren zeitliche Grenzen mir doch bekannt sind. Ich verspüre da eine seelische Antinomie: ich empfinde etwas als elementar, also als ewig, was sich am Gange der Geistesentwicklung gemessen wahrscheinlich als eine Episode herausstellen wird. Dem Altertum war unser Bergbewußtsein nahezu fremd. Es hätte sich in anderen dichterischen Spuren niedergeschlagen, wenn der antike Nerv auf Höhe und Bergszenerie reagiert hätte. Keine poetischen Schwingen regen sich, nur das Auge wird als grob farbempfindliches Instrument angerufen, demnächst noch der Temperatursinn, der dem Dichter Unwirtliches ansagt. Vides ut alta stat nive candidum Soracte, – so besingt Horaz den im Winterschnee starrenden Berg Soracte, der doch seinem Gemüt aus der Niederung einen gewissen Auftrieb erteilen könnte. Aber schon in der nächsten Zeile ist er beim Frost, bei der Holzheizung, bei einer flüsternden Lagergenossin, möglichst weit fort von der frostigen Bergerinnerung. Besaß Horaz gar keine Naturromantik? Ja, er hatte sie schon, aber wo sie auftritt, wendet sie sich mit Abscheu von der klimatischen Herbheit, die wir mit gutem Grund in die dritte Dimension hineinlegen. Seine vierte Ode beginnt mit einem gutlyrischen Auftakt, worin er Wagners »Winterstürme wichen dem Wonnemond« fast wörtlich vorwegnimmt. »Fröste des Winters vertaun vor des Lenzes und Zephyrs holdem Wechsel«, und wiederum löst er sich sofort vom Natureindruck, vom »Silberreif der Matten«, um erotisch zu tändeln; aus der sanfttemperierten Lyrik der Ebene findet er nicht hinaus. Es wäre eine Aufgabe für sich – der ich mich nicht gewachsen fühle – das altklassische Schrifttum darauf zu prüfen, ob sich überhaupt Spuren unseres Höhenbewußtseins darin befinden. In asiatischen Kulturkreisen finden sich legendäre Spuren, so bei chinesischen Chronisten, die den großen Kaiser Taitsund aus dem siebenten Jahrhundert als passionierten Bergsteiger nennen. Auf hellenischem Boden müßten die mythologischen Ansätze vorhanden sein in Prometheischen Schwüngen von Aeschylos Gnaden. Allein die Gesamtausbeute bliebe vermutlich sehr gering. Denn diesem Bewußtsein liegt ein Bewegungsphänomen zugrunde, und der Bewegungsantrieb zur Höhe ist neueren Datums. Der erste Mensch, der ihm aus innerem Drange folgte, ohne Nebenabsicht, war Petrarca, der vor sechshundert Jahren den hohen Alpenberg Mont Ventoux nahe bei Avignon erstieg. Und auch diese Aszension blieb vereinzelt bis zu den Zeiten des Albrecht von Haller und Rousseau, denen wir gewöhnlich die erste Anregung zum Höhentrieb zuschreiben. Den Bewohnern von Genf lag das Montblanc-Massiv vor Augen, ohne daß bis vor zweihundert Jahren irgendwer die magnetische Anziehung der weißen Herrlichkeit mit lebendiger Auswirkung verspürte. Dort wiederum, in den Talsenkungen des glitzernden Mysteriums, hausten bäuerische Ureinwohner, die es gar nicht verstanden, weshalb nun schließlich die Städter herankamen, um sich mit Kletterei zu strapazieren; wie es die Mehrzahl ihrer Nachkommen eigentlich noch heute nicht recht begreift, obschon Anpassung, Vererbung und Profitgier zusammengewirkt haben, um ihnen das Verständnis zu erleichtern. Hier zuerst überwand der Forscherwille die abergläubische Bergscheu, und als Saussure den Montblanc eroberte (1787), konnte er sich bereits auf den Beistand einer Karawane stützen. Aber noch um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden in Zermatt die ersten Eindringlinge wie Irrsinnige betrachtet, und das Matterhorn-Projekt Whympers erschien den Ortsansässigen nicht nur unmöglich, sondern in sich als stupid. Der Flachländer weiß, was ihn da oben erwartet; je näher der Szenerie einer aufwächst, desto ferner bleibt er ihrer Magie. Die Autochthonen von Ecuador und Mexiko vermuten noch jetzt in dem Fremdling, der etwa auf den Chimborasso oder den Popokatepetl hinaufwill, eine merkwürdige Art von Besessenheit. Am raschesten zugänglich mag sich die Landesstimmung im Berner Oberland der Bergidee gezeigt haben, und hier fand sie auch auffallend früh literarischen Wiederhall. Unfiltriert gelangte die Bergluft in den Manfred, den Lord Byron auf der Wengernalp empfing, und wenn Bewunderer in dieser Dichtung die allergewaltigste Darstellung der Hochalpenlandschaft erblicken, so will ich nicht widersprechen, nur hinzufügen, daß man hier zwischen Darstellung, Beschreibung und poetischer Ausdeutung einen Unterschied machen soll. In Schillers Tell erlebe ich die Landschaft unmittelbar, sie gehört zu allen Figuren und Szenerien, sie ist nicht nur der Hintergrund, sondern der schwingende Nerv der Begebnisse. Sie erstreckt sich zu mir und ruft mich an. Im Manfred wird sie angerufen, mit großer Rhetorik zitiert und heranbeschworen. Ich erlebe sie im Echo, in Evokationen eines Apokalyptikers, in abgeleiteten Bildern und mystischen Gleichnissen. Die Einzelheiten liefert Byron richtiger als Schiller, bei dem die Wirklichkeitsprobe gar nicht durchhält. Der wirkliche Rütli liegt beinahe im Niveau des Seespiegels, ihm gegenüber erhebt sich die Sonne nicht über sichtbarem Eisgebirge, und tief darunter leben keine Völker, die »schwer atmend wohnen in dem Qualm der Städte«. Aber die Ahnung der Rütligenossen ist wahrer als die spukhafte Wirklichkeit im Manfred, worin faustische Exklamationen die einfache Sprache der Natur übertönen. Diese Sprache ist naiv und will nicht deklamieren, will nur hindurchklingen durch alle Schwebungen des Kunstwerks, mag dieses auch mit gestaltentreibenden Mitteln die Natur visionär bevölkern. So tönt das Riesengebirge in Gerhart Hauptmanns Versunkener Glocke, mit schlichtem Ausdruck und doch mit transzendenter Wirkung, weil der Gestaltenbildner selbst naiv arbeitete wie die Volkspoesie, die einen Rübezahl erfand und in Felsgruppen Gesichter, Figuren und Geschehnisse hineindichtete. Wenig kommt hierbei darauf an, ob ein Künstler dramatisiert, erzählt oder sich in Betrachtungen ergeht; ob er die dritte Dimension noch durch eine weitere mystisch erhöht, oder ob er sie streckenweis ganz vergessen läßt; wenn nur die Stimme der Natur vernehmlich wird. Die höre ich in Vischers »Auch Einer«, in Kellers »Grünem Heinrich«, im »Weißen Tod« von Stratz, in Ibsens »Brand« und »Peer Gynt«, und im »Zarathustra«, obschon bei Nietzsche nur das Bergbewußtsein zu Worte kommt, ohne Beziehung auf eine gegenständliche Szenerie. Das eigentlich Wertvolle ist die Höhenstimmung, die für das gedanklich Erhabene ein räumlich Erhabenes voraussetzt und hiermit von jeher aller modernen Romantik vorauseilte. Der Olymp, der Parnaß, der Helikon, der Sinai-Horeb und der namenlose Berg der Bergpredigt sind die vorbildlichen Wahrzeichen für die Höhe des Zarathustra. Mit ganz besonderem Nachdruck nenne ich aber auch die einfachen Beschreiber, die Höhenerkämpfer, die soviele Steilwege erschlossen haben, ohne für sich selbst den Weg zur Literaturgeschichte zu finden. In den amtlichen Registern des schönen Schrifttums stehen sie nicht verzeichnet, und doch haben sie eine Literatur für sich begründet, der ich das Prädikat der Schönheit zuerkenne. Ich meine die Mitglieder der Gilde, die den Spuren von Tschudi und Studer, von Tyndall und Whymper folgend, ihre wagemutigen Fahrten in den Zeitschriften der Alpenvereine beschrieben haben. Was kann schon an solchen Berichten Großartiges sein? Nun denn, es steckt Großes darin, Stilhöhe, Leidenschaft und ein wirklicher Reflex der Hochnatur, wie er in solchem Farbreichtum nur in wenigen Kunstwerken angetroffen wird. Unter diesen Berichterstattern befindet sich neben Meister Güßfeld eine ganze Kohorte von Sprachkünstlern; sie wollen gar keine Dichter sein, aber sie sind es, und völlig frei von den Prätensionen der skandierten Rede werden sie Epiker und Dramatiker. Die Eroberung der Höhendimension ist ihr Thema, und während bei einem Grabbe das Zauberschloß auf dem Montblanc als eine geschwollene Übergeschnapptheit dasteht, bilden sich in ihren Schriften zahllose eisige Zauberschlösser, denen der Leser mit dem Erklimmer sehnsuchtsvoll entgegenfliegt. Sie widerlegen zugleich das Dogma der Literaturgelehrsamkeit, wonach nur Religion, Kultus, Liebe und metaphysischer Drang imstande wären, in den Künsten das Bewußtsein höherer Gesetze reifen zu lassen. Ihr stilles Verdienst ist es, gezeigt zu haben, daß auch die beschreibende Darstellung, wenn sie der Hochnatur die Resonanzen abfängt, zu einem Hymnus werden kann. Ehedem war das alles nur schreckhaft, und die beschreibenden Vorgänger konnten den Griffel gar nicht ansetzen, ohne die Natur als den Feind zu malen. Bis an die Entsetzlichkeiten der Schreckhörner und Wildstrubel, der Giganten im Montblanc-Bereich, im Wallis und im Dolomitengebiet getrauten sie sich kaum in Gedanken. Eine harmlose Gestaltung wie der Gemmipaß erpreßten ihnen schon Angstrufe: »grawsame Felsen, die bis zum Himmel steigen und seind erschrockenlich anzusehen«. Diese Probe aus Sebastian Münster von 1550 bleibt kennzeichnend für die Gesamtstimmung der Menschen, denen die Planimetrie des Daseins als einzig mögliche Existenzform galt. Wie neu ist dagegen der Höhenrausch, den wir aus kurzer romantischer Vergangenheit als eine Lustform geerbt haben. Eine junge Erscheinung des Bewußtseins, die uns die Frage nahelegt, ob sie wohl hoch zu Jahren kommen wird. Mancherlei Anzeichen sprechen dagegen, ja ich glaube, daß schon heute von einer Abschwächung dieses Lustgefühls geredet werden muß. Weil nämlich fremde Elemente dahineingekommen sind, zumal die Sportbetätigung, welche die dritte Dimension aus einer seelischen Angelegenheit in eine mechanische verwandelt und sie für Zwecke dynamischer Leistung in Anspruch nimmt. Ich möchte nicht zugeben, daß die Agassiz, Saussure, Güßfeld, Purtscheller, Leslie Steffen, kurz die Höhenbezwinger aus der Frühblüte des Alpinismus, Sportmatadore in diesem Sinne gewesen sind. Sie trainierten sich, bewältigten Schwierigkeiten mit gymnastischen Mitteln, aber ihr Objekt blieb die Höhe an sich, nicht der konkurrierende Mitmensch, und sie gingen der Natur mit ihrer Körperlichkeit zu Leibe, nicht mit künstlichen Mechanismen, bei denen das Sausen talwärts eine größere Rolle spielt als der mystische Drang »Excelsior«. Die Zweimännerlinie am Seil war ihr anschauliches Symbol, die Eisaxt gehörte zu ihrer Muskulatur, bei allen Gefahrspannungen im Felskamin, auf schmalem Steilhang, im prasselnden Steinschlag blieb das Prinzip lebendig: dieses Problem wird vom Berg gestellt, nicht von einer Jury, und es läuft auf keinen Tempo-Rekord nach Sekunden, nicht auf einen Weitsprung nach Metern hinaus, am wenigsten auf eine Quote im Wettbureau. Der ganzmoderne Bergsportler wird kaum noch vom Höhenbewußtsein getragen. Für ihn ist das Niveau im Großen längst überwunden durch die Gebirgsbahn und das Flugzeug. Der Begriff Matterhorn schrumpft für ihn zu einem Matterhörnchen zusammen, nachdem Spelterini und andere das Monterosamassiv überflogen haben. Die Luftdurchquerungen haben Vogelperspektiven geschaffen, Kondorperspektiven, die von den »grawsamen Felsen« nichts mehr übrig lassen und sie allesamt zu gleichgültigen Bagatellen niederdrücken. Die erste Aszension irgendwelchen Piks hat ihren Sinn verloren, denn die Bergspitzen sind unterschiedlos geworden wie die Einzelwellen auf bewegter Meeresflut, und keine gilt mehr als Individualität in dem großen Nivellement, mit dem die Technik über diese Welt dahinfuhr. Jetzt handelt es sich nur darum, den Menschen selbst herauszustellen mit aparten Bravourleistungen, denen ein Terrain wie das Engadin sich als große Varietebühne öffnet; und der Effekt dieser Leistungen braucht sich nicht mehr in bekenntnisfreudigen Schriften zu äußern, wenn er nur sensationelle Filmstreifen hergibt. Aber nicht nur diese Sportbetätigung, sondern die Mannigfaltigkeit des Sports im Allgemeinen unterhöhlt das Höhenbewußtsein. Der gesamte Sportbetrieb beschlagnahmt so viele Spannkräfte, daß für diejenigen Energien, die sich im Hochland romantisch ausleben wollen, nur noch ein Bruchteil des vormaligen Bestandes übrig bleibt. Gewiß, die Menschen werden immer ins Gebirge reisen und sich dort hübsch in Sommer- und Winterfrischen einrichten; sie werden auch fortfahren, für Prospekte zu schwärmen und Gedichte darüber zu machen, dithyrambische oder dadaistische. Ja, ich halte es sogar für möglich, daß für dieses Leben eine neue Scheinblüte heraufkommt, wenn erst mit Veränderung der weltwirtschaftlichen Verhältnisse die Touristik sich von ihren ärgsten Fesseln befreit. Aber zugleich wird man erfahren, daß sich ein phantastisches Gefühl nicht unverdünnt durch die Jahrhunderte durchhalten läßt; und den meisten Teilnehmern wird zumute sein, als zwängten sie sich künstlich in eine Mode zurück, die ihre bemessene Zeit gehabt hat, wie die Biedermeierei, die Wertherstimmung, die Blaublümelein- und Gelbveigleinromantik. Gern möchte ich diese Betrachtung zyklisch vollenden über Aeonen hinweg in eine Fernzeit, da sich der Höhenrausch wieder melden wird als ein elementares Bedürfnis. Könnten sich nicht die versprengten Energien wieder sammeln, die latenten Höhentriebe wieder wirksam werden? Ich greife da in eine weite Zukunft, in der das Aufwärtsreisen wieder ein symphonisches Erlebnis werden könnte, unter voller Mitwirkung des Ohres, in dem sich Raumvorstellung zu Klängen und kosmisches Rauschen zur Raumerfassung umbildet. Ein neues Zendavesta-Gefühl könnte heraufkommen mit der Befähigung, das himmlische Konzert zu erlauschen, das auf einem mit den drei Dimensionen bespannten Instrument gespielt wird. Alles was die Menschheit in früherem Erleben nur als Flächenbild wahrnahm, empfängt Relief, wird körperhaft, alles Schattenhafte gedeiht zu räumlicher Tiefe und Höhe. Es fragt sich bloß, ob die Natur selbst den Menschen Zeit lassen wird, diesen Aufschwung zu erleben. Der Geologe hält eine trübe Auskunft in Bereitschaft. Phantast, ruft er mir zu, du rechnest mit Aeonen, mit Zeitstrecken, die das Gebirge gar nicht aushält. Zu viele Mächte sind verschworen, um der ganzen Höhenherrlichkeit ein Ende zu bereiten. Die Auswaschung durch Wildbäche, die Verwitterung und Frostsprengung in den Felsadern haben in der neuen Geologie Partner gewonnen, die noch weit radikaler wirtschaften. Langsam aber sicher vollzieht sich eine Wanderung der Kontinente in Polflucht nach dem Äquator, während gleichzeitig die Gebirge, die nichts anderes sind als aufgestaute Wellen, sich aus der Erstarrung loslösen und einsinken. Das Ziel ist die wirkliche Kugelgestalt der Erde in korrekter Geometrie, ohne Abplattung und ohne die Höcker und Runzeln, die uns die Motive zum alpinen Rausch liefern. Sollten dann noch Menschen existieren, so werden sie andere Sorgen haben, als die Überwindung der Ebene, denn alles wird eingeebnet sein, und für den Begriff des Hochlandes wird sich weder in ihrem Lexikon noch in ihrer Vorstellung ein Platz finden. Aber vielleicht wird dann ein später Schriftweiser aus alten Urkunden enträtseln, wie es ehedem herging auf dem Planeten, bevor er ganz kugelrund geschliffen und blankpoliert war. Und der mag dann eine gelehrte Abhandlung schreiben über eine verschollene Freude der Vorfahren, die sich Anno Olim an gewissen Beulen, Falten, Runzeln und Geschwüren der Erde begeisterten. Und diese Abhandlung wird genau so berechtigt sein wie tausend andere Traktate, die von der Rückständigkeit früherer und dem Fortschritt späterer Epochen zu berichten wissen. * Bei mir wird es schon in einem hingehen, wenn ich auch bei diesem Anlaß meine laudatio temporis acti nicht verstecke. Ich könnte die Gereiftheit meiner Jahre mit ihrer vermaledeiten Abgeklärtheit gar nicht ertragen, ohne die unablässige Versenkung in die Jugendzeit, da das Glück mich von allen Gipfeln grüßte, aus allen Felsschluchten anflüsterte, aus allen Wasserstürzen mir entgegenbrauste. Und, das war ein Glück in höchster Potenz, ein selbsterarbeitetes, wenigstens im Bereich der Alpen, wo ich mir jede Wegstrecke und jede Herberge pfennigweise bezahlte. Aus Helmholtz's Mund hatte ich einmal die gelegentliche Mahnung vernommen: die erste Schweizer Tour, die erste Pariser Reise und die erste goldene Taschenuhr muß sich ein junger Mensch aus selbstverdientem Gelde beschaffen. Betreffs der Uhr ließ sich dies Programm bei mir nicht verwirklichen; sie flog mir von Vaters Seite am Tage meines Abiturs in die Westentasche. Aber in den zwei andern Punkten habe ich Helmholtz's Weisung pünktlich innegehalten, so zwar, daß ich einen Bruchteil der ersten eigenhändig erarbeiteten Moneten augenblicklich in Schweizer Genußscheinen anlegte, unbildlich gesagt, in Bahnkupons, die zusammen die Strecke Berlin– Luzern und zurück darstellten. Ganze tausend Mark hatte mir der Verleger Th. Barth für ein Buchmanuskript gezahlt, und der schriftstellernde Springinsfeld erging sich in der angenehmen Kopfrechnung, wie und wann dieser Krösusreichtum überhaupt erschöpft werden könnte. Jedenfalls nicht auf einer Schweizer-Reise, auch dann nicht, wenn sie wochenlang dauerte und wenn der vierundzwanzigjährige Großverdiener sich den Luxus leistete, den Vater einzuladen. Mir ist die Schlußbilanz noch gegenwärtig: pro Kopf verschlang die Expedition bis aufs Tipfelchen genau 59 Reichstaler, sämtliche Aufenthaltskosten im Gebirge einbegriffen, ein Betrag, der in Papier gedacht, in der Inflationszeit etwa ausreichte, um sich einen Fidibus davon zu drehen. Aber damals maß ich's anders: ich kam heim, von so vielen Naturwundern ganz überwältigt, und gestand mir: dritthalb Wochen gelebt im Paradies sind nicht zu teuer mit solcher Riesensumme bezahlt! Ganz begriffsleer war ich nicht hingekommen. Aus noch früherer Zeit kannte ich das Riesengebirge, ein Stück von Oberbayern, und ich wußte sonach ungefähr, wie ein Berg auszusehen hatte. Allein da spukten noch Vorstellungen aus der Kindheit hinein, aus der Schulstunde mit ganz grotesken, lächerlichen Bildern, die ich vorerst nicht loswerden konnte. Ein Gymnasialpauker hatte es unternommen, uns Jungens die Konfiguration der Berner Alpen beizubringen mit dem Erfolg, daß wir uns die höchsten Kolosse Mönch, Eiger, Jungfrau als drei parallele Kegel vorstellten, die wie Zuckerhüte nebeneinander standen; und der Beschauer hätte sich den Hals auszurecken, wenn er davor stand und zu den Gipfeln aufschauen wollte. Wie kam es nur, daß die wirkliche Optik so ganz anders ausfiel, daß die erlebte Gewalt des Eindrucks sich gar nicht nach der Steilheit des Gesichtswinkels richtete? Auf der Wengernalp hat man die Jungfrauspitze in nächster Nähe vor sich, scheinbar auf Steinwurfweite nahegerückt, aber wenn man sich den Elevationswinkel ausrechnet, so findet man einen ganz bescheidenen Betrag, noch lange nicht den vierten Teil eines rechten Winkels. Wer von Visp herkommend nahe bei Randa zum ersten Male das Matterhorn erblickt, prallt zurück vor Entsetzen und gelangt gar nicht zu der Überlegung, daß er ganz gemütliche Kuppen im Mittelgebirge schon unter weit stärkerer Elevation gesehen hat. Das Auge als äußeres Sehorgan muß die Hochlandschaft erst sehen lernen und braucht lange Übung, bevor es sich von der Falschtaxierung in Abstand und Erhebung befreit; das innere Auge läßt sich nicht trigonometrisch beirren und empfängt die untrüglichste Offenbarung. So sind auch seine Farbeindrücke nicht durch physikalische Gegebenheiten bedingt: der ewige Schnee in der Ferne erscheint ihm nicht als ein weißer Überwurf, sondern als ein unmittelbar eindringliches Symbol der Erhabenheit. Und während das äußere Auge, durch Erfahrung geschärft, bestenfalls der Realität nahe kommt, schwingt sich das innere weit darüber hinaus in ein überweltliches Reich. Wollt ihr am sichersten merken, welche Menschen diesen Blick besitzen und welche nicht, dann beobachtet sie nur auf den Aussichtsplätzen: die Orientierungslüsternen scheiden zuerst aus, die Gäste, welche sich um die Fernrohre drängen, Kartenpläne zu Rate ziehen, Notizen machen und Alpenstöcke mit eingebrannten Erinnerungsmarken schwingen. Bemerkt ihr aber einen abseits, der sich ganz beziehungslos dem Eindruck hingibt, in dessen Auge ein Reflex beseligter Dankbarkeit kenntlich wird, so spricht hohe Wahrscheinlichkeit dafür, daß er die Landschaft mit dem inneren Blick aufnimmt. – * Für mich konzentrierte sich der erste Eindruck im Anblick des Vierwaldstätter Sees von der Luzerner Reußbrücke und vom Schweizerhofquai gesehen, und ich war natürlich weit entfernt davon, in mir zwischen Sehens- und Fühlenswürdigkeit sonderliche Unterscheidungen zu treffen. Vielmehr überfiel mich das Panorama mit einer Wucht, die alles auslöschte, was meine jugendliche Einbildungskraft zuvor bildlich entworfen hatte; es warf mich in einen Tumult, aus dem ich so recht niemals hinausgefunden habe, auch noch nicht bei zwanzigfacher Wiederholung dieser Reise. Möglich, daß ich mir Mühe gab, aus dem ganzen Erlebnis Teileindrücke herauszufischen und sie mit allerhand poetischen Floskeln zu umbrämen: ein flüssiger Smaragd in der Tiefe, in der weiten Geschmeide-Umfassung der blauenden und silbernden Berge vom Rigi und Pilatus zum Tödi und Titlis; ein magistraler Akkord, erzeugt in einem Organon mundi für ein Chorwerk, wie es nur die Natur selbst zu komponieren vermochte. Man kann es auch drastischer ausdrücken, etwas blasphemischer, aber doch ganz einleuchtend: ein Knalleffekt der Natur, der noch knalliger dadurch wird, das hier auch das Menschenwerk mithilft, ziemlich stilgerecht und im Sinne der Natur. Will mir einer sagen, daß die glänzende Palastreihe am Quai da nicht hineinpaßt? Daß die abendlich blinkenden Fensterlichter von Rigikulm und Bürgenstock den feierlichen Eindruck stören? Der Verfolg solcher Ansicht würde in eine Troglodyten-Ästhetik hineinführen, in eine urweltliche Schönheitslehre, die im Bereich der Gletscher gelten mag, nicht aber an den Luzerner und Alpnachter Buchten, wo die Natur ganz und gar nicht dem schmückenden Menschenwerk widerspricht. Am Abend meiner Ankunft wurden ringsum auf allen Höhen aus irgendeinem eidgenössischen Anlaß Freudenfeuer entzündet; und bei anderer Gelegenheit sah ich den ganzen Pilatus in Flammen, in einem Riesenfeuerwerk aus brennenden Pechfässern, die vom Kulm in die Felsschluchten rollten und den Leuten im Tale den vesuvischen Anblick glühendflüssiger Lava vortäuschten. Mit der Wiederspiegelung im Wasser wirkte das grandios, und nur ein starrer Pedant hätte sich zu der Bemerkung verstiegen, daß durch solches Gaukelspiel die ruhige Natur profaniert würde. Mir selbst ist ein originaler Mondstrahl lieber als alle pyrotechnischen Effekte, und mir erscheint es nicht gerade als ein Erlebnisgewinn, wenn die Kaskaden des Gießbachs am Brienzer See bengalisch beleuchtet werden. Aber angesichts des flammenden Pilatus ging doch in der Phantasie des Beschauers etwas Magisches vor, wie eine Entzündung der hergebrachten Vorstellungen an den Feuerlinien, die sich vom Tomlishorn vulkanisch in die Tiefe ergossen. Und diese Erregung war so stark, daß man darüber sogar das Entstehungsmotiv der Veranstaltung vergaß; im Grunde war das Schauspiel doch wohl eine Reklame für das Bergwirtshaus dort oben. Denn die Berge der Urkantone leben miteinander in hartem Daseinskampf, und besonders der Pilatus hat sich scharf zu wehren gegen das Stanser Horn und gegen den kleineren Bruder Rigi, der schon durch die dichte Bepflanzung mit Hotels seine wirtschaftliche Überlegenheit zu erkennen gibt. Es ist natürlich nicht angebracht, betreffs der Aussichten Reiz gegen Reiz zu wägen; erwiesen ist nur, daß der Rigi als anziehendes Objekt ein Kraftfeld mit stärkerem Potential aussendet als sonst ein Berg in Europa. Zunächst wäre einmal festzustellen, daß sämtliche Berge der Vierwaldstätter Umrandung ihre eindrucksvollsten Fassaden nach der Luzerner Seite kehren. Ich bin wohl der erste gewesen, der auf die Besonderheit dieses nirgends wiederholten Naturschauspiels hingewiesen hat. Nicht nur beim Rigi selbst, sondern auch beim Pilatus, Bürgenstock, Buochser Horn, bei sämtlichen Hochfiguren geht ein Teil des Linienreizes verloren, sobald man den Standort der Betrachtung verschiebt und andere Profile aufnimmt. Am deutlichsten wird dies beim Pilatus, dessen berühmte Zackenpyramide sofort ins Nichtpyramidale verflaut, wenn der Point de vue die Luzerner Einstellung verläßt. Wäre es denkbar, den Linienreiz analytisch zu erfassen – und ich glaube, daß dies innerhalb der ästhetischen Möglichkeit liegt – so könnte man sozusagen mathematisch beweisen, daß ein Bergakkord von solcher Klangkraft und Reinheit nur einmal aufzutreten vermochte; denn der kosmogonische Zufall, der in einen Horizont ausschließlich gute Fassaden hineingebaut hat, ist so absonderlich, daß er sich mit dieser einen Leistung völlig erschöpft hat. Man vergleiche damit etwa den Interlakener Prospekt, der den Blick unabänderlich auf die Jungfrau kommandiert, auf die kolossale Primadonna, die den ganzen Chor ringsumher in Grund und Boden singt; oder den Schauplatz von Chamonix, wo der Montblanc als der gegebene Höhepunkt überhaupt seine Rolle verfehlt und mit seinem gleichgültigen Buckel eigentlich nur als ein Architekturfehler auffällt. – Vergleicht man aber Berg mit Berg als Standort für Rundsicht, so zeigt der Rigi noch eine besondere Überlegenheit; durch eine Mannigfaltigkeit der Schauobjekte, in der alle Grade der Größe und der Stimmung vereinigt sind, vom eisigen Terror bis zum freundlichen Idyll. Er ist zudem so reich gegliedert in sich selbst, bietet schon in den Naheprospekten ein so wunderbares Spiel der Linien und Flächen, daß man getrost behaupten kann: der Rigi wäre auch dann ein Aussichtspunkt ersten Ranges, wenn man auf ihm nichts anderes zu sehen bekäme, als den Rigi. Man verliert auf ihm die Vorstellung der Zinne und gewinnt die einer Persönlichkeit, die den Kontakt mit der Seele sucht und um Liebe wirbt. Es gibt keinen zweiten Alpenberg, der sich der Menschheit so einladend anträgt, – allerdings auch keinen, der sich dabei so stark banalisiert hat, der in diesem Maße mons vulgatus geworden ist. War er doch der erste, an dem die Möglichkeit erprobt wurde, einen hohen Gipfel in eine Bahnstation zu verwandeln, mit garantiertem Anschluß an die internationalen Linien. Kein Mensch findet seit Jahrzehnten etwas Besonderes bei dem Touristenplan, in Frankfurt am Main zu frühstücken und auf Rigikulm das Diner zu nehmen. Und längst hat man vergessen, daß die Konstruktion des Bergbahnsystems ursprünglich als ein Werk contra naturam auftrat; als eine Utopie, deren Urheber, Werkmeister Riggenbach aus Olten, als verrückt erklärt wurde, sowie vor ihm Salomon de Caus, Papin, Fulton, Stephenson und andere Pioniere der Mechanik. Ich selbst entsinne mich noch gewisser Abhandlungen, um 1870, in denen Riggenbachs Unterfangen als eine lächerliche Verleugnung des »gesunden Menschenverstandes« verhöhnt wurde. Und wie rasch hat sich dies vermeintlich Unmögliche zum selbstverständlichen Omnibus degradiert! Als ich wenige Jahre nach Eröffnung des Betriebes die Steilbahn kennen lernte, erschien sie kaum noch als ein Triumph der Technik. Sie war längst Allerweltssache geworden, und man blickte vom Wagen auf die vereinzelten Steiger, wie auf wandernde Handwerksburschen und Fechtbrüder. Mir war die Fahrt insofern willkommen, als ich, wie schon erwähnt, mit meinem Vater reiste, der sich sonst bei seiner schweren Statur den Kulm wohl hätte versagen müssen. Ich persönlich spürte nichtsdestoweniger schon damals ein Gegengefühl gegen die technische Errungenschaft, als den leisen Protest des Romantikers gegen die Abtragung und Einebnung der Höhenunterschiede. Ich beschloß, mich wenigstens talabwärts von der Maschine zu befreien, und nebenbei wollte ich es in jugendlichem Ungestüm auf eine Konkurrenzprobe ankommen lassen. Mein Vater sollte auf den Schienen nach Vitznau gleiten, während ich selbst zur nämlichen Zeit, ohne dem Zuge einen Vorsprung zu lassen, am Seeufer als Bergläufer landen wollte. Ich mußte sonach das Tempo eines normalen Wanderers verdoppeln bis verdreifachen, um doch den ganzen Rigi unter die Sohlen zu bekommen; und dieses Vorhaben ist mir auch auf die Minute geglückt, – bis auf eine fatale Begleiterscheinung. Der forcierte Abstieg hinterließ mir ein Andenken in Form einer Knieschwellung, die man klinisch hätte als Elephantiasis bezeichnen dürfen. Nach solchem Befund verordnet ein sorgsamer Arzt wahrscheinlich mehrwöchige Bettruhe in Rückenlage mit Umschlägen. Das paßte nun gar nicht in mein Programm, das unabänderlich vor mir aufgerichtet stand. Ich habe mit meinem Schwellfuß – so heißt ja auch der tragische »Oedi-pus« auf Deutsch! – schwer gelitten in den folgenden Wochen, und ich mußte die Zähne fest aufeinanderbeißen, um mich im Gotthardgebiet, im Userntal, am Rhonegletscher entlang, über die Maienwand nach der Grimsel aufrecht zu halten. Wie stark müssen die Eindrücke gewesen sein, die solcher Qual nicht nur das Gegengewicht hielten, sondern sogar noch einen Überschuß aufwiesen, einen Überschuß reiner, tiefer Beglücktheit! Und wie schrumpft dagegen in der Erinnerung das Martyrium zusammen bis zu einem schwachen Echo des Wortes vom Meister Eckhart: die Wollust der Kreaturen ist gemenget mit Bitternis! * Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte, wenn mir einmal vom Schicksal ein längerer zusammenhängender Aufenthalt auf den Höhen bestimmt worden wäre. Zähle ich für meine ungefähr dreißig Alpenfahrten die Zeiten zusammen, dann mögen wohl mindestens zwei Jahre herauskommen; allein im einzelnen blieb ich doch immer auf karge Wochen angewiesen, und das war mir zu wenig, als daß ich zum Augenblick hätte sagen dürfen: verweile doch, du bist so schön. Ich war durchweg mit landschaftlichem Heißhunger geladen, und wenn mich auch das innere Bekenntnis zur Weihe, zum kontemplativen Genuß anhielt, so unterlag ich doch allemal dem Impulse: nur vorwärts, nur möglichst viel erschreiten, erstürmen, erklettern. Ich war ein Paradigma dafür, daß die menschliche Perzeption sich kinematographisch abrollt, bis zu dem Grade, daß mir die Häufigkeit der Bildeindrücke am besten gewährleistet erschien, wenn ich mir die Natur in ein unendliches Wandelpanorama, in einen unabsehbaren Film verwandelte. Oft streifte ich rastlos allein, noch öfter mit irgendeinem Kumpan, und es ereignete sich nicht selten, daß mein Wandergenosse unterwegs das Rennen aufgab, weil er meiner Pace nicht gewachsen war. Ja, es kam sogar vor, daß der gemietete Führer, also der Berufsmann, der von Amtes und Patentes wegen dem Reisenden überlegen sein muß, als über Gebühr angestrengt mir Streikdrohung ansagte. Ich kannte einfach kein Müdewerden, und wenn ich auch auf schwierigen, Gymnastik beanspruchenden Gängen nur Stümperhaftes leistete, so bewährte ich mich doch auf leidlich gangbaren Strecken als ein Perpetuum mobile. Ich strapazierte mich um der Strapaze willen, erquickte mich an Unbequemlichkeiten und genoß dabei den Höhenrausch um so intensiver, als ich ihn wie ein Erkämpftes, meiner eigenen Natur Abgetrotztes empfand. Mir war das Bedürfnis gegenwärtig, der Wonne gegenüber einen fühlbaren Einsatz zu bieten, mich selbst auszuspielen im Wettbewerb des Willens gegen die flauen Gewohnheiten des Leibes. Ich ging darin so weit, daß ich sogar noch den klassischen Merkspruch des Philander von Sittewald übertrumpfte. Das »Steh' auf am frühen Morgen« genügte mir nicht; wer sich auf einen guten Nachtmarsch einrichtet, der spart das Aufstehen überhaupt, der Schlaf läßt sich im Flachland nachholen, und solch ein durchwandertes Nokturn im Hochgebirge liefert Emotionen, die nicht von dieser Welt sind. Der einzige, der lange mit mir im Tempo durchhielt, war ein Jugendfreund, der mir aus anderem Berufskreise angeflogen kam. Er hieß Wilhelm Sachs, war Angestellter im Goldbergerschen Bankhaus, stand immer auf dem Punkte vermögend zu werden, kam aber nie über die Niederungen der Pfennigwirtschaft hinaus. In unseren Wesenheiten gab es Divergenzen, die später zum Bruch führten, aber sie erschienen damals nur als leise Dissonanzen, kaum wahrnehmbar in unserer gemeinsamen alpinen Leidenschaft, die sich zwischen Ortler und Montblanc austobte, so weit die mageren Börsen reichen wollten. Viel jungfräuliches Terrain bot sich unseren Dauerläufen in Gebieten, die sich später zu Boulevards für die Touristenherde entwickelten. Dinge wie Brünig-, Albula-, Simplon-, Visp-, Zermatt-, Wengernbahn spukten höchstens als Projekte in der Luft. Bemerkten wir irgendwo, etwa zwischen Altdorf und Göschenen Anfänge einer Schienenanlage, so gingen wir ihnen in weitem Bogen aus dem Wege, um uns über Geröll und Heidekraut Privatwege zu erschließen. Wir gerieten an die ersten Bohrmaschinen, die mit betäubendem Gekrach Sprenglöcher in die Felsen stießen, und ohne rechte Ahnung von der weltwirtschaftlichen Bedeutung dieser Arbeiten wunderten wir uns über die perverse Laune der Ingenieure, die darauf ausgingen, Berge entzweizumachen. Wenn die sich nur nicht verkalkulierten! Draußen die freie Aussicht, in den Löchern die Finsternis, – welcher Zukunftsreisende wird die Lust haben, den lichten Gotthardblick zu opfern, um dafür einen Maulwurfsgang einzutauschen? Warum dann nicht lieber gleich ein unterirdisches Loch von Basel bis Mailand? Nein, diese Gotthardgeschichte mit ihren Vandalismen war sicher eine ganz verfehlte Spekulation! Das war damals die Taxe jugendlicher Springinsfelde, denen die Wanderlust mehr galt als das Prinzip der kürzesten Linie. Mit den gaulbespannten Alpenposten standen wir auf freundschaftlicherem Fuße. Wir benutzten sie zwar nur äußerst selten, aber sie schienen uns nicht ganz stilwidrig, und man konnte sogar seine Freude an ihnen haben, wenn man sie überholte. Das gelang zum Beispiel, wenn man von Andermatt zur Furka alle Serpentinen durchquerte und den langgedehnten Spaziergang in eine scharfe Kletterei verwandelte. Wo blieb da die eidgenössische Post mit gepferchten Frühgästen, die auf den Kehren noch lange zu rumpeln hatten, während wir schon auf hohem Joch unsere Seelen mit den Prospekten auf die Walliser Fiescherhörner und die Schreckhörner vollpumpten! Und hier die erste Annäherung an die wirkliche Eisregion, an die blaue Zauberwelt des riesigen Rhonegletschers. War das möglich? Die Schrecken eisiger, arktischer Zerklüftung mit den sanften Hängen eines Blumenparadieses in einem Blick? So weit hatte unsere Einbildungskraft doch noch nicht vorgearbeitet, und nun erlebten wir an den letzten Abstürzen des Gletschers den märchenhaften Kontrast, den man mit den Sinnen wahrnimmt, ohne ihn zu begreifen. Eine Paradoxie der Natur, die sich vorgesetzt hat, hier die Dekoration einer Zauberoper zu schaffen. Was die Alpenflora nur hergibt, hier ist es verwoben in eine blütenreiche Lehne, die eine glitzernde Eiskaskade umfängt. Für mich haftet an dieser Szenerie ein Tropfen Blut. Hundert Begleiterscheinungen sind mir entschwunden, aber eine peinliche Bagatelle hat sich erhalten und stört mir den Rückblick. Im Gehöft des Gasthauses »Gletsch« sah ich, als wir eben eintraten, die Hinrichtung einiger Gänse, sah ich entsetzt die Vögel noch nach ihrer Enthauptung kurze Zeit flügelschlagend umhertaumeln. Lohnt es, sich bei einer solchen sentimentalen Lächerlichkeit aufzuhalten, und verweise ich mich nicht in eine Tiefschicht empfindsamer Kleingeister, wenn ich sie auch nur erwähne? Aber ich nenne sie auch nur als einen Beleg für etwas Größeres; nämlich dafür, daß unsere gesamte Landschaftsentzückung sich über Greueln aufbaut, die wir gewaltsam ignorieren. Jener Blumenteppich am Eise, durch den ich lustgeschwellt watete, dieser Wald im Haslital, der mir bevorstand, jede Bergzinne, die sich majestätisch, und jeder Herdrauch aus einer Ortschaft, der sich lieblich dem Bilde einfügt, sie sind unablässig erfüllt von der Not der Kreaturen, vom unerbittlichen Daseinskampf, der immer nur die Form ändert, aber nie und nirgends das Wesen; denn die Bäume im Gehölz, die Pflänzchen auf der Wiese mit ihrem Gewürm und alle Anorganismen der gewaltigen Felsketten kämpfen unter sich um den Platz im Raume, um den Sonnenstrahl, um den Bestand der Zellen und Moleküle. Diese plätschernde junge Rhone, die aus der letzten Eiszunge hervorbricht, schwemmt den Lebenssaft der Dammagruppe dahin, ihre sogenannte Gletschermilch ist nichts anderes als das mineralische Blut Berner Alpen, deren Triften, Weiden und sammetartige Matten in Wirklichkeit nur Vorhöfe für Schlachtbänke darstellen. Aber wir besitzen die Kunst, unser Mitleidsauge zu verschließen, das, wenn es offen bliebe, in der Einheitlichkeit des Landschaftsbildes eine Unendlichkeit von Brutalitäten erblicken würde. Auch diese so sorgsam gepflegte Kunst der Abstraktion gehört zum Daseinskampf, dient uns als Abwehrwaffe gegen die Unleidlichkeit der Existenz, da sie die Not in einen unsichtbaren Hintergrund schiebt, um den Vordergrund für die Phantasmagorie des schönen Eindrucks frei zu halten. Bis dann ein zufälliger Einblick in die wahre Verfassung der Natur die Vorstellung korrigiert und uns daran erinnert, daß wir die Landschaftsmelodie zu einem Text hinzudichten, der in der Hauptsache vom Fressen und Gefressenwerden handelt. Wir hatten übrigens im »Gletsch« zur Abendtafel sehr guten Gänsebraten, und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß ich mich von der Mahlzeit nicht ausschloß. Aber noch heute ist es mir unmöglich, an den Rhonegletscher zu denken, ohne das schauderhafte Komplementärbild jenes Totentanzes mitzuerblicken. Ich fühle, daß ich mich in eine Antinomie begebe, und daß sich das Werkzeug meines Bergpsalmes merklich verstimmt. Aber ich will ja nicht bloß über Tatsachen berichten, sondern auch von huschenden Stimmungen erzählen, die ja für sich auch Tatsachen sind. Der malende Landschafter ist auf die Einheit des Objekts festgelegt, der schreibende darf die Luken zwischen den Stimmungen öffnen, und er wird schon wieder in den Höhenrausch zurückfinden, auch wenn er die fatalen Zwischenzustände des Katzenjammers nicht verschweigt. Auf den Bergen ist Freiheit – für wen? Die Lösung der Frage hängt doch an der Vorbedingung, daß der Mensch dort nicht hinkommt mit seiner Qual. Das ergibt schon einen fehlerhaften Zirkel, denn er kann seine Qual nicht zurücklassen, wenn er aufsteigt, er nimmt sich selbst als ethische Persönlichkeit mit, und das Gewissen leidet noch stärker an der Bergkrankheit als die Beingelenke. Zuerst ermahnt ihn das Gewissen: was berechtigt dich zu dieser Ausnahmestellung frei von aller Quälerei, während anderthalb Milliarden deiner Brüder in der Tiefe mit Qual behaftet bleiben? Bist du würdiger als sie, weil du im Niveau ein klein wenig anders stehst? Wirst du befreit von der Welttragödie, weil du sie auf deinem bevorzugten Punkte nicht merkst? Aber nein, du siehst ja hier weiter als die anderen, warum wirst du also engsichtig, warum hängst du deine Betrachtung nur an deinen eigenen Vorteil? Nehmen wir einmal an, ein bestimmter Mensch findet diese Freiheit auf dem Gipfel des Montblanc, der ihm eine Rundsicht über 200 000 Quadratkilometer öffnet. Er überblickt da ein Areal, in dem tausendmal mehr Elend nistet, als im optischen Umkreise eines Hügels. Er wird einwenden: aber auch tausendmal mehr Freude! Leider stimmt die Rechnung nicht, denn der Optimist übersieht, oder er weiß nichts davon, daß jede Hemmung mechanisch und psychisch jede ihr numerisch gleiche Förderung im Ergebnis übertrifft, daß jedes Motiv seine Wirkung verstärkt, sobald es aus dem freundlichen zum feindseligen Sinn umschlägt. Wäre es möglich, Freude und Leid nach Stärkegraden zu messen, so müßte man feststellen: ein Pfund Unlust wiegt viel schwerer als ein Zentner Lust. Tröste sich einer mit dem Wohlgefühl seines ganzen Körpers, wenn ihm auch nur ein einziger Nerv weh tut! Kein Akkord befriedigt, wo auch nur eine Stimme störend dissoniert, und hundert Akte der Treue entschädigen nicht für eine Sekunde der Untreue. Wäre es also möglich, im erweiterten Blick nicht nur die Landschaft, sondern auch die Vorgänge zu umfassen, so würde er um so niederdrückender werden, je mehr man sich erhöbe; weil in der Wirkungssumme des Erblickten das Leid immer stärker hervorträte. Die Freiheit auf den Bergen ist das Bewußtsein des Menschen, der sich egozentrisch auslebt; besäße er ein wirkliches Organ für das Mitleid, so würde er den Hauch der Grüfte schon wahrnehmen. Weltenfern lagen so abwegige Betrachtungen den beiden Wanderern, die im Sturm von Lust zu Lust gar nicht dazu gelangten, Empfindungen zu analysieren. Allenfalls durchhuschte uns manchmal das Bedauern darüber, daß wir nicht auf die allerhöchsten Spitzen hinaufkonnten, auf die Renommierpunkte, denn das waren Angelegenheiten mit besonderen Führern zu unerschwinglichen Taxen. Wir hegten eine grenzenlose Verehrung für diese Typen, Genies in ihrer Art, die einen animalischen Instinkt zur Wegefindung besitzen, wechselnde Eigentümlichkeiten in verschiebbarem Eisrevier auf Stunden im voraus erraten und gelegentlich das Unmögliche möglich machen. Man sprach damals von einer Tour auf die Jungfrau, die sich ein behäbiger Börsianer aus Berlin infolge einer hohen Wette vorgesetzt hatte. Dieser schwerfällige Erdenbürger wäre normalerweise noch nicht einmal bis auf den Kynast bei Warmbrunn hinaufgelangt. Aber Herr L. fuhr nach Grindelwald, stellte dort zwölf Führer per cassa vor das Problem und siegte nach dem Prinzip »wenn ich sechs Hengste zahlen kann, sind ihre Kräfte nicht die meinen?« Hier stimmte es sogar mit der Zahl der vierundzwanzig Beine, die Goethe ausdrücklich für den Bewegungsvorgang ansetzt. Man transportierte also den Herrn wie einen Koffer, lange bevor Guy-Zeller das Projekt der Jungfraubahn gefaßt hatte, aber ungefähr mit dem nämlichen Aszensionseffekt der späteren Maschinerie. Aber auch abgesehen von solch groteskem Ausnahmefall bleibt im Führerwesen eine seltsame Anomalie bestehen: Man bezahlt einen Mietling und wird dessen untergebenes Objekt. Der Führer von Ruf, als der Chef der Expedition, hat das alleinige Kommando, er verfügt mit stummen Winken, und der Tourist gehorcht um so williger, je stärker ihm der Mietling imponiert. Ich habe diese Beziehung später kennen gelernt, als ich einmal mit zwei Wallisern über böses Eis ging. Von früh bis abends wurde kaum ein Wort gesprochen, ich fand mich bald darein, mir Anrede und Frage zu verbeißen und wurde willenlos in der Hand der Berufsmänner. Zu Dutzendmalen stand ich vor breiten, bläulichen Schrunden. Jetzt setzte der Vordermann (der Meister hieß Inderbienen), mit einem unbegreiflichen Salto über den Spalt, und ich, an den Hüften angeseilt, flog nach in einer riesigen Schwunglinie, zu der man nur gelangen kann, wenn man vollständig zur Sache wird, zum Ball für jonglierende Überwesen. Nichtsdestoweniger empfand ich den vollen Reiz der Hochtour und ich fing an, die noch sublimeren Reize in den Gefahrzonen zu wittern, in die man sich nur mit den Matadoren der Zunft begeben durfte. Da mußte ich freilich Zaungast bleiben, und ich war schon froh, als sich mir einmal, ganz zufällig, auf harmlosem Wege, der berühmteste der ganzen Gilde zu kurzer Fühlung anschloß. Das war der Meiringer Melchior Anderegg, der als Knecht auf der Furka begann, und dessen Name sich später der Landschaft selbst eingeprägt hat in dem steinernen Wahrzeichen des nach ihm benannten »Anderegg-Jochs«. Er stand im Brennpunkt der Umwerbung, in der Regel war er schon von Januar her bis in den Herbst festgelegt, und es galt als Ziel Londoner Ehrgeizes, sich seines Oberbefehls zu versichern. Es kam aber auch vor, daß die Rollen sich umkehrten und daß die Gefährten eine Heldenpartie übernahmen. Im Oberwallis lernte ich zwei junge Offiziere aus Aachen kennen, die in kurzer Zeit für ihre Unternehmungen bereits an zehntausend Mark für Führerlöhne verausgabt hatten, ohne sich in Hörigkeit zu begeben. Ihre letzte Tour verlief abenteuerlich. Aus irgendeinem Grunde trennten sie sich beim Matterhorn-Abstieg vom Führer, sie befanden sich bereits in Talnähe, als sie plötzlich aus weitentlegener Höhe Hilferufe vernahmen. Nicht einen Augenblick besannen sich die jungen Leute. Eben hatten sie den schlimmen Berg bewältigt, und nun klommen sie abermals bis in die Gefahrzone, aus der die Schreie über die Wildnis hinweg herabgedrungen waren. Dort fanden sie den Führer hilflos und arg beschädigt, da er sich bei vehementer Gymnastik einen Arm ausgerissen hatte. Und ganz auf eigene Kräfte angewiesen, schafften sie den Verunglückten in vielstündigem, mühseligem Transport hinab. Kurz darauf erschienen sie an der Abendtafel des Hotels ohne die geringste Erkennungsspur der ungeheuerlichen Strapaze, wie nach einer Gartenpromenade, in militärischer Eleganz, mit durchgezogenem Scheitel; und ich verglich mit ihrer Gepflegtheit den verwilderten Zustand, in den ich regelmäßig geriet, wenn ich mich auch nur stundenweise den Einflüssen des Gletscherbrandes aussetzte. Bei mir half keine Prophylaxe, und keine nachträgliche Kosmetik, weder Schneebrille, noch bunter Schleier, noch Einreibung mit fettigen Salben. Die Höhensonne mit ihren unheimlichen Reflexen von Milliarden glitzernder Kristalle ließ meine Augen aufschwellen und verwandelte meine Hautfläche in einen Blätterteig. Ich konnte in meinem Gesicht blättern wie in einem Buche, und es mag nicht immer zur Erquickung meiner Tischnachbarn ausgefallen sein, wenn sich mir von Nase und Stirn und Backen die Streifen ablösten. In solcher Verfassung setzte ich mich gewöhnlich lieber in die »Schwemme«, zum Landvolk, zu Führern und Trägern, wo mich zudem der besondere Geruch der primitiven Stuben erdwüchsig anmutete. Soziale Trennung machte sich hier bemerkbar, insofern sich diese niederen Leute eigentlich doch als naturgewollte Oberschicht vorkamen – im Gegensatz zu den hereingewehten fremden Städtern, die das Land als Gesellschaftssalon, Sanatorium oder Turnhalle betrachteten. Aber das waren die Geldimporteure, die schon damals Jahr für Jahr dreihundert Millionen Franken hereinschaufelten, wonach sich nach bäuerischer Arithmetik das Exempel ergab, wann wohl aller Weltreichtum zwischen den Bergen abgeladen sein würde. Um dieser Aussicht willen durfte man sich schon der Touristenlaune fügen, wiewohl man daneben die Kritik bereit hielt: im Wallis und in Graubünden klettern die Ziegen bis zu zweitausend Metern, die Ochsen bis dreitausend, höher hinauf nur die Fremden. Wenn die Eingeborenen mitkletterten, so geschah es zuerst aus Geschäftsinstinkt, dann aber auch, weil sie merkten, daß dem Führerstande eine Gefühlsverkleidung gut anstehen würde. Es entwickelte sich ein Honneur du drapeau nicht nur in Ansehung der selbstverständlichen absoluten Zuverlässigkeit und Pflichttreue, sondern auch gewisser Empfindungen, die auf die Ausländer des Eindrucks sicher waren. Man zeigte mir den steinalten Grindelwalder Führer Balmer, der mit seiner Frau oben auf dem Wetterhorn goldene Hochzeit gefeiert hatte. Daraus hätte man doch eine Romanze machen können. Und jener dort, das war Roth, denkwürdig durch eine Episode am Rottalsattel, wo ein höchst schwieriger scharfkantiger Eisgrat sich nur rittlings überwinden läßt. Ihm war es so, als brauchte der zuzweit reitende Herr seine Handhilfe, und so schlug er in der Sekunde mit übereinandergeschleuderten Beinen die »Grätsche«, um den gefährdeten Hintermann sofort auffangen zu können. Ein Turnerstück auf Tod und Leben mit apokalyptischem Einschlag. Legendenhaftes ging um über die Leute aus der Führersippe der Croz und Taugwalder, die an der verhängnisvollen Whymper-Expedition beteiligt waren; manches erschien wie eine Ergänzung zur stummen Chronik des Zermatter Kirchhofs, dessen Grabsteine soviel Wagemut bedecken, Berichte wurden vernehmlich, die an Volksepik anklangen. Und was in den Schwemmen auch nicht zu verachten war: ich paßte in meiner Verstrolchtheit besser zum Milieu, brauchte mich nicht von geschniegelten Kellnern begönnern zu lassen, und eine rechtschaffene Portion Käse reichte hier weiter, als ein ganzes Menu vorgeschnittener Gerichte in den Salons der großen Hotels. – Wir, Freund Sachs und ich, gerieten gelegentlich an Auswirkungen von Elementargewalten, zu denen man selbst in unmittelbarer Nähe des Ereignisses niemals die rechte Distanz gewinnt. Zwischen Ursache und Wirkung klafft Unbegreifliches. So wenigstens stellte sich uns der Effekt einer Lawine dar, die kurz vor unserem Eintreffen im Grimselgrund einen Anbau des Hospizes glatt abrasiert und fortgefegt hatte. Nun ließe sich ja eine stürzende Masse vorstellen, die Mauern oder sogar ganze Häuserkomplexe verschluckt, ein Geschiebe von solcher Massigkeit, daß ein Haus in ihm verschwindet, wie eine Nadel im Fuder Heu. Aber diese Vorstellung stößt auf eine Unstimmigkeit, sobald man der Lawinen wirklich ansichtig wird. Wir sahen solche in reicher Anzahl wenige Tage später von der kleinen Scheidegg aus, und konnten uns in keiner Weise begreiflich machen, daß dieses winzige weiße Gerinnsel irgendwelche Gewalt auszuüben vermöchte. Wegen der allzugroßen Entfernung? aber das waren doch nur wenige Kilometer, und der dröhnende Donner dieser Schneekaskaden rückte die Erscheinung der Wahrnehmung sehr nahe. Die beiden Eindrücke, der akustische und der optische, widersprachen einander vollständig. Diese Lawinen, die das Jungfraumassiv wie Schaustücke für die Fremden präsentiert, sind geradezu Schulbeispiele dafür, daß das Auge als Urteilsorgan sich unter gewissen Bedingungen vom Ohr weitaus übertreffen läßt, daß das Ein-Sehen versagt, wo das Ein-Hören noch zuverlässig bleibt. In anderen Fällen freilich tritt das Auge als Korrektor auf gegenüber uralten Vorstellungen. In einer Schlucht des Pflerschtals sah ich einen Wald, den die Lawine entzweigebrochen hatte, an der einen Tallehne von oben nach unten, an der anderen von unten nach oben, wie die Lage der geknickten Stämme ganz unzweideutig erwies. Hier war also die Lawine an der Talsohle rikoschetiert wie ein Strahl am Spiegel oder ein Billardball an der Bande, und hatte rückprallend eine Verwüstung angerichtet, deren Befund unwahrscheinlich erschien bis hart an die Grenze der Unmöglichkeit. Zählt doch zum eisernen Bestand alter Witze, jener Ausspruch eines Jobbers: an der Börse geht es mit den Kursen wie mit einer Lawine: einmal herunter, einmal herauf; die Pointe gründet sich darauf, daß die Vorstellung einer heraufgehenden Lawine schlechterdings unsinnig sein soll. Und dennoch, hier ward es erlebt, die Natur verwirklicht Phänomene, die der gesunde Menschenverstand als contra naturam erachtet. Mir schaffte sie auf meinen Fahrten rechte Seltsamkeiten, sie hatte immer etwas in Bereitschaft, das nicht in der Linie der gewohnten Vorgänge lag. Auf dem Albulapaß zeigte sie mir, wie sie Schnee macht, in einem Bilde, wie es dem geschulten Meteorologen schwerlich vorschwebt. Es erinnerte eher an die primitiven Illustrationen eines Märchenbuches, das den Kindern die Frau Holle mit ihren Federbetten vorführt. Die Wolken nämlich wälzten sich über die Wegscheide tatsächlich wie Säcke, sie kugelten aus der Schluchtentiefe zur Rechten emporquellend links über den Abhang, und dicht vor mir zerrissen sie im Frostwinde und schütteten im Zerplatzen Schnee aus; als ob der schon vorher darin gesteckt hätte, wie die Federn im Bett. Die Erscheinung verlief örtlich so scharf abgegrenzt, daß die Realität des Vorgangs gar keinen Zweifel zuließ. Man konnte sich vorstellen, die Natur veranstalte einen Experimentierkursus und wähle deutlich umschriebene Nebelhaufen, um die Entstehung der Flocken bis zur Handgreiflichkeit zu veranschaulichen. Ein andermal wiederum stand ich im Tauferer-Gebiet auf blauüberwölbter Spitze und tief darunter wütete ein Gewitter mit aufwärts zuckenden Blitzen. Ein unterweltliches Schauspiel, dessen Reize die Nerven geradezu folternd angreift. Mein damaliger Begleiter, der Schriftsteller Norton, lag bei den fulminantesten Schlägen halbtot am Boden, überwältigt von der evidenten Tatsache, daß die Welt ihren Untergang ankündigte: Jupiter tonans in der Tiefe, der den Himmel bestürmte! Als das verkehrt gelagerte Gewitter sich verzog, erhob sich eine neue Erscheinung. Im Osten hatte sich eine Nebelwand geballt, und die absteigende Sonne malte auf ihr große farbige Ringe als Rahmen für menschliche Figuren, in denen wir unsere gigantischen Doppelgänger erkannten. Es war das Brockengespenst in Tiroler Ausgabe, der ungeheure Schattenwurf, der auf Abbildungen in naturkundlichen Büchern fast durchweg falsch dargestellt wird; denn wenn es auch richtig ist, daß sich innerhalb der bunten Kreise mehrere Schattenfiguren vereinigen können, so sieht doch in freier Natur jeder einzelne Betrachter immer nur sich allein mit Ausschluß jeder Begleitung. Das ist ein riesiges Symbol unserer egozentrischen Verfassung, die den Nebenmenschen verschwinden läßt, wenn wir uns als kosmisch erhöht wahrnehmen. Wir projizieren uns in den Weltraum, erweitern uns ins Kolossale und finden uns von einer Aureole umstrahlt, die nur der eigenen Person zu gelten hat. Dort auf weiter Wolke malt sich in gespenstischem Schatten die Illustration zum Stirnerschen Text von der Mittelpunktstellung des Einzelnen, des Einzigen. * Aus der Menge der Wanderungen treten weitere Besonderheiten hervor, die den Zurückschauenden beseligen. Wir hatten uns nicht ohne Mühsal in dreiwöchiger Tour bis nach Savoyen durchgerackert und genossen in kurzer Nachtruhe schon die Vorfreuden des kommenden Tages. Als wir aufbrachen, um vier Uhr früh, standen die Wetterauspizien schlecht, die Welt hatte sich in grauen Dunst gehüllt, und der Barometer verhieß Trübseligkeiten von Dauer. Mit meinem Kumpan Wilhelm stellte ich mich auf Verzicht. Schluß der Reise, Abbruch des Programms, wehmütiger Abschied von Herrlichkeiten, die sich restlos im Nebel verkrochen. Kaum daß wir auf der Landstraße zurück fanden, zwei Stunden weit von Chamonix, nach Argentière in einem Medium zwischen Wässerigkeit und Watte, das nicht den geringsten Durchblick freigab und die Existenz einer Montblanc-Gruppe nicht einmal ahnen ließ. Und wenn wir die Ortschaft auch erreichten, was dann? In einem Wagen bis zur Eisenbahn im Rhonetal? Man hatte uns gesagt, unter hundert Franken wäre ein Vehikel nicht zu haben, und es blieb fraglich, ob unsere entkräfteten Börsen solcher Extravaganz noch gewachsen waren. In wortloser Verdrossenheit schlichen wir dahin, ein scharfer Gewittersturz mit Platzregen wäre uns lieber gewesen, als dieses matt versickernde Finale. Hier fehlte jedes Pathos, die ganze Wandererphantasie mit ihrem Reichtum Schubertscher Stimmungen verklang am Ende in langweiliger Verlegenheit. Da gab es wenige Schritte vor Argentière einen völligen Szenenwechsel, mit einer Rapidität, als ob die Dunstschleier nur Gardinen und Requisiten gewesen wären, die auf ein Bühnensignal harrten. Sie flogen hinauf in die atmosphärischen Soffitten, um sich in einem Blau aufzulösen, das an Glanz mit dem Schneeweiß der plötzlich enthüllten Gipfellinie wetteiferte. Wiederum liegt ein musikalischer Vergleich nahe: es war wie der fulminante C-dur-Akkord, auf den sich das Orchester in Beethovens Fünfter stürzt nach den alpdrückenden Beklemmungen, die vorangehen, um den fabelhaften Kontrast vorzubereiten. Ja, das war das erwartete Finale, und es wurde für uns ein Triumphmarsch, in dem wir binnen vierundzwanzig Stunden das ausgewachsene Pensum dreier Tage bewältigten. Zurück nach Les Praz, zum Aufmarsch nach Mauvais Pas, Chapeau, über das Eismeer und seine Moränen, und wieder zu Tal, das Herz zum Zerspringen voll von den Einblicken in das Naturtheater auf dem Gletscher mit seinen eisigen Kulissen von den Vordergründen bis zu den Grandes Jorasses, die den Prospekt gewaltig abschließen. Was Touristen unseres Schlages unterwegs so nachdrücklich beschäftigt, das Verweilen bei den Mahlzeiten, wurde für uns an diesem Tage eine Unvermeidlichkeit, die wir auf ein Minimum hinabdrückten. Noch am selben Nachmittag empor zur Flégère, wo sich neue Bildwerke vor uns aufbauten, über die Talsenkung hinweg zu den Aiguillen, die in verwirrendem Geflimmer mit den Strahlen der sinkenden Sonne spielten und sich aus ihnen farbige Geschmeide woben. Und hieran erst schloß sich der eigentliche Triumph der Leistung, der aus gewaltsam gespanntem Willen herausbrach, um der Natur alles abzugewinnen, was sie irgend für uns aufgespeichert haben mochte. Zum drittenmal in eines Tages Rundlauf wollten wir von unten auf die Hochregion erstreben mit einem forcierten Nachtmarsch über den Col de Balme und die Tête noire. Das war ein phantastisches Unternehmen, und als wir uns in Argentière wegen eines Führers umtaten, gerieten wir an Schwierigkeiten. Zuerst holten wir uns Körbe: bei Tage auf irgendeine verschriene Spitze – gewiß, dazu wäre man in Beruf und Dienst, aber in dunkler Nacht über hohe Pässe, das hieße die bösen Geister geradezu herausfordern. Schließlich fanden wir einen wegekundigen Burschen, der das Geleit wagen wollte. In der Hauptsache könne man sich auf den Vollmondschein verlassen, und wo der nicht hinleuchtete, müßte man sich eben mit einer mitgenommenen Handlaterne durchfinden. Tatsächlich bezwangen wir die Strecke nach Martigny bis zum Vormittag, und diese Nachtwanderung gehört zu den stärksten Offenbarungen meines Lebens. Es gab keine Abenteuer in gewöhnlichem Sinne, keine akute Fährlichkeit mit Einsatz von Kopf und Kragen; aber das Ganze wurde eine lückenlose Kette gespenstischer Abenteuer für den inneren alpinen Sinn, der seine eigene Resonanz besitzt für das große Schweigen der Nacht. Ganz gewiß, im Tageslicht hätten wir diese letzte Anstrengung nicht mehr ausgehalten; allein hier kam ein somnambules Erlebnis über uns mit Schwüngen, die uns wie entmaterialisierte Wesen dahintrugen durch eine Geisterwelt. In einem Folgejahr verlockte mich das Walliser Breithorn, und hier hatte ich besonders auf dem Gornergletscher Gelegenheit, die Architektur eines in sich abgeschlossenen Kristallsystems kennenzulernen. Man verliert ganz den Blick ins Weite und sieht sich von zahllosen eisigen Wänden, Wällen und Türmen umringt, an denen sich die Axt der Hilfsmannschaft mit rastlosem Stufenschlagen zu erproben hat. An einer Stelle geschah es mir beim Einblick in einen märchenhaften blauen Schrund, daß ich meine Ergriffenheit nicht zu beherrschen vermochte und mich in Tränen erleichterte. Ich bat um ein kurzes Verweilen an diesem Punkte, wurde indes von den Führern, die nur der Zeittaxe gehorchten, am Seil weitergezogen. Denn wir waren bereits im Stundenverlust durch die Schuld der Leute, die sich zum Anfang der Wanderung am Riffelhaus verspätet bei mir eingefunden hatten; angeblich festgehalten durch die Frühmesse im Tale, während sich meine eigene Andacht über den ganzen Tag erstreckte und vermutlich tiefer ging als ihr von der Dorfglocke metromisiertes Seelenbedürfnis. Touristisch genommen verlief bis zum Matterjoch alles nach dem vorgezeichneten Programm. Ich hatte gute Vorräte mitgenommen und auf einer wilden Felsenschicht mit dem wenig anheimelnden Namen »die Leichenbretter« hielten wir eine ausgiebige Mahlzeit. Beim weiteren Anstieg fühlte ich mit Behagen, daß mir an diesem Tage die Bergkrankheit weniger anhatte, als sonst in den Höhen über 3000 Metern. Aber am Breithorn rächte sich die Zeitversäumnis, und wir mußten vor Erreichung des Gipfels umkehren, um nicht auf den weiteren Eisfeldern, die uns noch bevorstanden, bei heraufziehender Dunkelheit in Unmöglichkeiten zu geraten. Ich habe sonach dieses Ziel des Ehrgeizes, mich einmal über Höhe von Jungfrauspitz zu erheben, nicht erzwungen, und so gleichgültig mir das auch in der Folge wurde, so scharf nagte der Verdruß an mir in der kritischen Stunde des Verzichtes. Auch die Körperlust beim Hinabsausen über hängende Schneefelder, mit bremsend eingestellter Picke, unter der es in weißen Wolken umherstob, half mir darüber nicht hinweg. Aber ganz ins Transzendente glitt ich wiederum auf der seltsamen Einöde des schrägen Theodul-Gletschers, über den der Wind, mit feinsten Kristallen wirbelnd, vor mir herfegte. Mich umfing ein kosmisches Getön mit außerweltlichen Flageoletten und Arpeggien, und deren Vereinigung rührte an einen der vielen unbekannten Nerven, die nur bei außerordentlichen Anrufen der Natur zu vibrieren beginnen. Wird solcher Nerv im Künstler erregt, so mag er dem Drang gehorchen, das Empfundene aus dem Reservat der Elementargeister abzulösen und in lyrische instrumentale Gestaltung hinüberzunehmen. Victor Hugo hat es genannt »Ce qu' on entend sur la montagne«, und in der ersten symphonischen Dichtung von Franz Liszt bleibt es als Klangvision. Aber es strömt nicht aus originaler Quelle, nicht aus dem reinen Atem der Natur; die Reflexion gewinnt darin Herrschaft, die Stimmen der Menschheit machen sich in fragenden Dissonanzen vernehmlich, und es bedarf eines religiös betonten Aufschwunges, um die Widersprüche zu beruhigen. Vielleicht war Richard Strauß mit seiner Alpensymphonie der einzige, der dem Problem nahe kam, die kosmischen Vorgänge der Höhe orchestral zu malen. Sicherlich holte Strauß seine Motive aus anderen Berggebieten, aber den fegenden Wind über weitem schrägen Eisfeld muß er erlebt haben; als ich viele, viele Jahre später das noch junge Werk hörte, stieg aus längst verschüttet geglaubter Erinnerung dieser mystische Klang wieder empor, und aus menschlich bearbeiteten Instrumenten flog es mir entgegen: das ist der Theodul-Gletscher! – Vom Morgen bis zur sinkenden Nacht war das grausige Matterhorn meinem Auge als Wahrzeichen geblieben, der trotzige Zacken, der sich mit einer Katastrophe bezahlt gemacht hat, als er sich zuerst den Menschenfüßen beugte. Unter den tragischen Seitenbildern dieses Ereignisses befindet sich eines, dessen Hauptfigur mir vertraut und befreundet war: meines Wandergefährten Wilhelm jüngerer Bruder, Doktor Carl Sachs , ein genial veranlagter Naturforscher, der kurz zuvor unter Dubois-Reymond summa cum laude promoviert hatte und dessen Arbeiten in der Gelehrtenwelt Aufsehen erregten. Sein Spezialfeld war die tierische Elektrizität, zumal die Kunde von den Organen der Torpedo-Schlammfische, zu deren experimenteller Beobachtung er von der Akademie an den Orinoko entsandt worden war. Ich erfreute mich des Umgangs des bescheidenen jungen Gelehrten, in dem vielleicht ein zweiter Faraday steckte, und es traf mich wie ein Donnerschlag, als mich die Kunde seines jähen Todes ereilte. Ich befand mich zur Zeit des Geschehnisses gar nicht sehr weit von dem Verhängnispunkte, und es geschah wohl am nämlichen Tage, daß ich wohlgemut über das Hochjoch schritt, während der jugendliche Forscher Carl Sachs mit einer ganzen Karawane im Ortlergebiet am Monte Cevedale abstürzte. Mangelhafte Ausrüstung, unzureichende Trainierung und ein Akt unbegreiflichen Leichtsinnes wirkten ineinander, um an dem keineswegs für gefährlich taxierten Cevedale jene Matterhorn-Katastrophe zu wiederholen. Zwei Expeditionen waren gleichzeitig unterwegs, die eine mit dem Bestande robuster, erfahrener Steiger, deren tüchtigster, ein Berliner Dr. H., mir später den anschaulichen Bericht überbrachte. Naturgemäß hätte die robuste Gruppe steilan den Vortritt haben müssen, weil dann die nachfolgende sich die Schwierigkeit des Stufenschlagens ersparen konnte. Allein auf Drängen des Dr. Carl Sachs wurde ihm und seinem Troß der Voranstieg überlassen, mit der Folge, daß seine an den Firnterrassen mit der Wegbereitung beschäftigten Führer die Aufsicht über ihn verloren und nicht einmal für gehörige Spannung des Seiles sorgen konnten. Carl Sachs glitt ab, riß die mit ihm Verknoteten über mehrere hundert Meter in die Tiefe und versank rettungslos in einen Schrund, während etliche Teilnehmer durch glückliche Fügung vor dem äußersten bewahrt blieben. Jener Dr. H., der Zeuge des Schreckens, leistete unter dem Ansturm seiner Familie den Eid, nie wieder im Leben einen Eisberg zu besteigen. Meines Wissens hat er diesen Schwur auch getreu innegehalten, wenn auch mit feindialektischer Unterscheidung, insofern er seitdem nicht mehr auf die eigentlichen Eisgipfel, sondern nur noch auf die schwierigsten Dolomiten kletterte. Die neueste Generation hat für die vorzeitlichen Expeditionen nicht mehr viel übrig. Aus Darstellungen meiner jugendlichen Bekannten entnehme ich, daß all das, was mir aus eigener Anschauung wie aus alpinen Berichten als verwegenes Abenteuer vorschwebt, allenfalls nur noch als bescheidene Vorübung zur wirklichen Alpenkunst gelten darf. Diese Ganzmodernen lehnen zunächst das Geführtwerden bedingungslos ab, mit der Begründung: eine richtige Hochtour muß so beschaffen sein, daß kein Führer sich an sie herangetraut; sie muß Probleme stellen, die hoch über aller Sachkunde und Technik jedes Führers liegen. Sie, die vormaligen Meister, sind als erledigt und störend erkannt, sie haben in der Alpinistik so wenig zu suchen, wie die Wetterpropheten vom Dorf in der Meteorologie. Die selbständigen Jungmeister von heute konstruieren Probleme, die außerhalb der erprobten Möglichkeit liegen; sie verpflanzen kombinatorisch Schwierigkeiten in die Alpen, die unsereiner kaum im Himalaja, in den Kordilleren oder auf den Kratern der Mondgebirge vermutet. Und sie lachen hell auf, wenn man das Gespräch auf die Männer bringen will, die vor dreißig, vierzig Jahren als Pfadfinder, Eroberer und Bergmatadore galten. Um das Wunder zu vollenden: diese nämlichen Jungmannen betreiben das Fach durchaus nicht mit der Einseitigkeit des Sports, der notwendig den Gefühlskern abdrängen müßte. Nein, sie besitzen das Höhenbewußtsein, den Tiefenblick in die Landschaft, das elementare Einfühlen in die Natur, nur daß sich bei ihnen diese Qualitäten in leidenschaftliche Taten umsetzen, für deren Sinn der Durchschnittsempfinder nicht das Organ besitzt. Sie haben für sich eine heroische Schwärmerei erfunden, um deren Besitz ich sie wahrscheinlich beneiden würde, wenn ich selbst mich um dreißig, vierzig Jahre zurückschrauben könnte. * Ich habe nichts dagegen, wenn das folgende Erlebnis gänzlich auf Rechnung eines seltsamen Zufalls gesetzt wird; ebensowenig gegen die Annahme eines telepathischen Einschlags. Daß eine geradlinig angelegte Deutung nicht ausreicht, um die Zusammenhänge aufzuhellen, das wird sich ergeben. Ich befand mich in meinen frühen Mannesjahren auf einer Streife im Berner Oberland mit lose angeflogener Gesellschaft: ein früherer Kamerad aus meiner Militärzeit in Wittenberg, dazu ein Schwede und ein Ostpreuße, die sich für etliche Tage zu flüchtiger Weggemeinschaft angeschlossen hatten. Leidlich nette Dutzendmenschen, von denen nur der Preuße eine kleine Besonderheit aufwies; er reiste nach des Bias Rezept »omnia mea mecum porto« gänzlich ohne Gepäck, verließ sich auf sein gutgespicktes Portemonnaie und hatte von Königsberg aus für eine mehrwöchentliche Alpentour noch nicht einmal so viel Ballast mitgenommen, wie irgendein Handwerksbursche. Vielleicht barg er in einem Taschenversteck seiner Joppe die Elemente der Toilettenkultur, ein paar Lodenkragen oder die Ansätze von Nachtzeug und kosmetische Werkzeuge – wahrzunehmen war nicht das Mindeste, er spazierte frei und unbeschwert von den Sorgen der Eleganz. In alpinem Betracht war er ein blutiger Neuling, von der Topographie des Geländes hatte er nicht die leiseste Ahnung, was ihn nicht verhinderte, sich auf die Gewagtesten Seitensprünge einzulassen. Im Grimselhospiz beim Kaffeefrühstück hatte ich seine Neugier rege gemacht durch die Beschreibung der »Strahlegg«, des glitzernd-schaurigen Gletscherpasses in der Finsteraarhorn-Gruppe, zu dessen Bewältigung das Training eines Eislöwen und ein umständlicher Ausrüstungs-Apparat gehört. Der Ostpreuße stürzte nur noch die letzte Kaffeetasse in den Schlund, sprang auf, engagierte im Umsehen einen Führer, der sich zufällig in der Gaststube aufhielt, und verschwand nach fünf Minuten zu der Exkursion, die ich ihm als ein Abenteuer ganz jenseits unserer touristischen Möglichkeiten angedeutet hatte. Und tatsächlich, er hat die mit Eis- und Felsschwierigkeiten gepanzerte Strahlegg glänzend absolviert, sogar mit dem Rekord von zwölf Stunden, während Baedeker dafür vierzehn Stunden verordnet. Als wir uns in Grindelwald wieder vereinigten, war er frischer als wir anderen, die den Weg dahin auf den üblichen Bummelpfaden zurückgelegt hatten. Wir strolchten vergnügt zu Tale, und es fügte sich weiterhin, daß unser Wandergespräch auf berühmte Männer geriet. Man überließ mir dabei die führende Stimme, da ich wirklich aus eigener Wahrnehmung von einem Hochberühmten zu erzählen wusste: von Adolf von Menzel, den ich wiederholt im Hause des mir befreundeten Kunstmäzens Thiem gesehen hatte, vor seinen eigenen Meisterwerken in der Thiemschen Galerie. Dieser beneidenswert begüterte Kunstfreund besaß an der Oberspree einen Landsitz, zu dem man wie zu einem Wallfahrtsort pilgerte, hauptsächlich um Menzels »Ballsouper« zu sehen und vor diesem Gemälde in gnadenreiche Verzückung zu fallen. Natürlich hatte die körperlich zwergenhafte, geistig so überragende Exzellenz von mir niemals die leiseste Notiz genommen. Der gefeierte Maler war ja überhaupt als ein knurriges, bissiges Original verschrien, als unzugänglich bis zum Exzess, und gerade hieraus ergaben sich anekdotische Reminiszenzen, die ich hier nicht zu wiederholen brauche. Jedenfalls blieben wir längere Zeit an dem Thema haften; ich versuchte dabei, den Gefährten die künstlerische Persönlichkeit des Mannes zu erläutern, und so sehr uns auch die touristischen Einzelheiten der Wanderung beschäftigten, – das Gesprächsmotiv kehrte immer wieder und behauptete sich mehrere Tage im Vordergrunde. Wir waren, mir selbst auffällig, auf die eine Persönlichkeit polarisiert, die uns doch im Grunde recht fern lag, und wie es sonst in Literaturkreisen hieß »Goethe und kein Ende«, – »Shakespeare und kein Ende«, so blieb es für uns ohne zwingenden Anlaß bestehen »Menzel und kein Ende«. An einem der nächsten Abende löste sich unsere Müdigkeit frohlaunig beim Bierkrug in einer Gartenwirtschaft in Interlaken. Das Lokal, mit einem bescheidenen Gasthof verbunden, liegt nach der Brienzer Seite der Ortschaft und mag vielleicht noch heute den Namen »Inder-Mühle« führen. Der dichte Baumbestand verschlang beinah das spärliche Licht der Gartenlaternen, desto greller erschien es, als am obersten Stockwerk der Herberge ein Fenster hell wurde mit einem markanten Kopf in der Lichtöffnung. Die Kontur dieses wie kubisch behauenen Schädels mit der schütter umrandenden Bartfräse kannte man in ganz Europa. Ein Zweifel konnte gar nicht aufkommen: Das war Adolf Menzel! Sollte man's für möglich halten? Da trat wie aufs Stichwort das lebendige Original vor uns, in unmittelbarem Anschluß an die Unterhaltung, die so lange den Namen umkreist hatte, bis sie dessen leibhaftigen Träger im Mittelpunkt auffing. Immerhin schon der Anfang eines Mirakels, das zu vervollständigen nur dem Übermut gelingen konnte. Ich entwarf mit raschen Bleistiftstrichen eine Botschaft an den hohen Gast. Der Text lautete ungefähr: »Vier fidele Wanderer senden dem Meister Menzel ehrfurchtsvolle Grüße; wir wären beglückt, wenn Sie uns gestatteten, Ihnen unsern Respekt auch mündlich auszusprechen.« Wirklich, wir jämmerlichen Dachse unterschrieben dies an den Löwen gerichtete Billett und schickten es ihm durch die Schenkmamsell in seine erleuchtete Höhle. Das war eine Frechheit ersten Ranges, und nach normalem Verlauf der Dinge hätte der Mann, um nur im Geringsten er selbst zu bleiben, den Zettel zerknüllen und ostentativ aus dem Fenster schmeißen müssen. Aber die Sache verlief ganz abnorm. Menzel kehrte eine Seite seines Wesens hervor, die er wohl noch nie und nirgends offenbart hatte. Er fiel ganz aus der Charakterrolle, schickte uns kein Zitat aus Berlichingen, sondern erwiderte unsern Gruß mit einem Zuge, der noch von keinem Zeitgenossen an ihm erlebt war: mit Liebenswürdigkeit. Mit dem Zettel in der Hand kam er über den Kies gewackelt, ließ sich von der Bierjungfer den verwegenen Hümpel bezeichnen, spendierte jedem einen derben Händedruck und gab sofort seine Absicht zu erkennen, sich unserer Kneiptafel für den Abend anzugliedern. Im Nu verschwand das vulgäre Gesöff von der Fläche, und schäumender Heidsieck besetzte das Feld. Menzel selbst, weit entfernt, sich nötigen zu lassen, ging mit pokulierendem Beispiel voran, und wir Jungmannen fühlten uns durch den Knalleffekt des Schicksals so beschwingt, daß sich die erste Sektflasche bald zu einer Batterie auswuchs. Noch nicht genug an dem: der Meister hielt uns einen Kunstvortrag. Er hatte es bald heraus, daß in uns neben höchst laienhaften Vorstellungen doch der Drang nach Erkenntnis waltete, der umso stärker nach Befriedigung verlangte, als die Besonderheit des Erlebnisses uns an das mächtigste Orakel der Welt gebracht hatte. Dieses Kolloquium, wussten wir, war unwiederholbar. Wir durften fragen, und er antwortete, mit erhobenem Zeigefinger unablässig Figuren in die Luft zeichnend; mit dieser Anschauungshilfe, die zwar nicht viel bewies, aber doch den Vortrag magisch stützte, erläuterte er die inneren Vorgänge eines Künstlers im Angesicht der Hochnatur; gar nicht akademisch, in keiner Weise eloquent, aber eindringlich, so wie es immer eindringlich wird, wenn man merkt, der Sprecher analysiert sein eigenes Empfinden im Hinblick auf die Möglichkeit, für die erlebten Eindrücke eine sinnfällige Gestaltung zu gewinnen. Es wurde ein Seitenstück zu der vorerwähnten Dichtung, eine Bergpredigt über den Text: Was man auf den Bergen sieht. Im Lebenswerke Menzels spielt diese Gestaltung nach alpinen Vorbildern keine Rolle, von seinen berühmten Bildern ist kein einziges aus solchem Motiv gewonnen. Ich glaube auch, daß er die Gipfel wesentlich von unten herauf angesehen hat, ohne sich in die Mühseligkeit der Betrachtung von oben nach unten zu bringen. Aber das, was er hier vor uns ausführte, ließ doch darauf schließen, daß in seiner Kunst unter der Schwelle der Erscheinung das Berghafte in Linien- und Farbeffekt mitgewirkt haben muß. Mit dem Finger malte er spitze und wellige Gebilde in die Luft, er schraffierte sie quer, schlug Kreisbögen herum, tippte auf bestimmte Stellen, als ob er von dorther eigentümliche Reflexe herausstechen wollte, und aus dem Zusammenhang mit den Worten wurde kenntlich, daß er vor uns eine Abart der Landschafterei betrieb; eine Art, die sich der Verwirklichung auf der Staffelei entzieht, die nur Anschauung bleiben will, um schließlich ihre Lichter für ein Kunstwerk ganz anderer Gattung herzugeben. So wie – vergleichsweise – Beethoven aus einem Singvogelschlag die Naturlaute herausnahm, die der Hörer gar nicht mehr ahnt, da er nur das symphonische Pochen des Menschenschicksals zu vernehmen glaubt. Als sicher bewahrt mir das Gedächtnis erstlich, daß Menzel einer gewissen Ergriffenheit fähig war, daß er Augenerlebnisse in sich trug, von denen zu reden ihm eine andächtige Freude bereitete. Vielleicht war sein sonstiges lebenslängliches Geknurr nur etwas Angedrilltes, eine Gewohnheitsmaske, die er fallen ließ vor den Unzünftigen, die ihm der Zufall in den Weg warf. Außerdem möchte ich hervorheben, daß in dem Vokabular des Meisters nicht ein einziger »...ismus« vorkam. Weil die Kunst sich damals noch schlicht und einfältig von Können herleitete und noch nichts von den Herrlichkeiten ahnte, die sich den Späteren durch die Zauberkraft der »...ismen« erschließen sollte. Gegen den Maler, den Dichter, den Tonkünstler, ja sogar gegen den einfachen Beschreiber hat der Philosoph in unserem Betracht einen schweren Stand. Auch der Künstler vermag nur anzudeuten, aber in seinen Andeutungen weht erkennbare Höhenluft. Der Philosoph gewahrt zuerst, daß das Vokabular der Verstandessprache hier nicht ausreicht. Alles, was mit dem Höhenrausch zusammenhängt, gründet sich auf einen außersinnlichen Sinn, der im Menschen sicher vorhanden ist, sich aber der physiologischen Bestimmung entzieht, und hieran scheitert die Bemühung, hinter den Erscheinungen das Ding an sich zu entdecken. Ich habe versucht, dem Geheimnis dadurch näher zu kommen, daß ich eine geometrische Not annahm, den planimetrischen Zwang, aus dem die Erhebung zur Höhe die Befreiung bringt. Wer mir das nachdenkt und nachfühlt, der bemerkt wohl eine neue Verstandeskomponente, die sich vielleicht mit anderen noch unbekannten dereinst zu einer brauchbaren, in die Gefühlsgründe hinabreichenden Resultante verbinden wird. Meine Annahme steht im schärfsten Widerspruch zur überkommenen Schulästhetik, und das eine wenigstens möchte ich mit Sicherheit ansagen: diese muß überwunden werden, bevor der Philosoph den Anspruch erheben darf, als Naturkünder aufzutreten. Bis dahin bleibt ihm jeder Wandervogel überlegen, der schlicht die Eindrücke aufnimmt, und wenn er auch für seine Erlebnisse zwischen Aussicht, Quellengemurmel, Wasserfall und Echoruf keinen andern Ausdruck findet, als ein gedankenloses Juhu oder Holdrio, so steht er mit seiner Empfindung dem Weltgeist näher als der analysierende Ästhetiker. Denn dieser steckt im Bann der von Kant geprägten Grundformeln, die zur Analyse des Schönen in Natur und Kunst dienen sollen. An deren Spitze steht der verhängnisvolle Satz: »Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurteil bestimmt, ist ohne alles Interesse .« Während umgekehrt eine Analyse erst möglich wird, wenn man ein ganz vitales Interesse voraussetzt, ein Lebensinteresse höchster Ordnung, nämlich eben jene geometrische Not, die Quelle des Erlösungswunsches, die ungeheure Triebfeder, deren Spannung geradezu identisch ist mit dem Drang zur Bergeshöhe. Alle anderen Symptome des Höhenrausches sind Teilerscheinungen, deren Vereinigung besagt, daß hier kein Abstraktum von Schönheit vorliegt, kein beziehungsloses Wohlgefallen, sondern eine Notwendigkeit, die sich zugunsten einer Beglückung durchsetzen will. Diese Schönheiten sind allesamt Nützlichkeiten in Ansehung eines Triebes, der unter der Schwelle des Bewußtseins nicht minder stark arbeitet, wie über ihr die sinnlich definierbaren des Hungers, der Liebe, des Willens überhaupt. Nur derjenige wird hier das Walten des Interesses leugnen, der noch nichts von der Existenz außersinnlicher Triebe ahnt. Ich nehme es in der Bewunderung Kants mit jedem auf, zumal mit denen, die ihn nur verehren, ohne ihn in ganzem Umfang studiert und begriffen zu haben. Aber gerade weil ich ihn begreife, erkenne ich seine Grenzen und in ihnen die Unhaltbarkeit jener oberen These, die ihm und seinen Nachfahren die Ergründung des Naturgefühls vereiteln. Daß Kant selbst, der fast niemals aus Königsberg herausfand, allzu wenig Landschaftsszenerie in seine Erfahrung aufnahm, das konnte er wohl durch intuitives Erfassen des nie erlebten verdecken. Entscheidend ist hier vielmehr die doktrinäre Aufstellung des Generalgrundsatzes von der Interesselosigkeit, der wie ein Dogma auftritt, wie ein apriorischer Befehl an die Ästhetik. Aber nachdem das Dogma einmal erlassen war, konnte die unerbittliche Konsequenz des großen Systematikers gar nichts anderes ergeben, als falsche Schlüsse aus falschem Postulat. Wanderer, kommst du zur Hochnatur, so prüfen an deinen Erregungen folgende Sätze Kant Erhaben ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt«, – »Wer wollte auch ungestalte Gebirgsmassen, in wilder Unordnung übereinander getürmt, mit ihren Eispyramiden, oder die düstere tobende See usw. erhaben nennen?« Und diese eindeutige Frage stellt der Philosoph, nachdem er wenige Zeilen zuvor festgestellt hat, die wahre Erhabenheit müsse im Gemüt des Urteilenden, nicht in dem Naturobjekte ... gesucht werden. Wie wird dieses Gemüt vergewaltigt! Erst wird es genötigt, alles Interesse abzustreifen, um schönheitsempfänglich zu werden, dann soll es wiederum das Interesse heranbringen, um es durch die Erhabenheit niederschlagen zu lassen. Wie eine Ironie klingt es, wenn sich Kant auf Herrn von Saussure beruft in Verbindung mit einem »guten, übrigens verständigen savoyischen Bauern«, der alle Liebhaber der Eisgebirge Narren nannte. Dieser verständige Bauer vertrat in seinem schlichten Savoyisch gar nichts anderes als die Ästhetik des Kant; lässt doch der Philosoph sogar ganz treuherzig die Möglichkeit offen, der Savoyarde könnte nicht ganz Unrecht gehabt haben, wenn Saussure seine Aszension aus anderen denn aus wissenschaftlichen Gründen gewagt hätte. Also nur das Motiv, den Menschen eine Belehrung zu verschaffen, hebt Saussure über das Narrenniveau. Nicht etwa auch die »Liebhaberei«, die Kant so nebenher mit verächtlicher Betonung einfließen lässt, um von Saussure solchen Verdacht abzuwehren? Ach, Wanderer, du spürst es ohne Analyse, daß in dieser »Liebhaberei« die eigentlichen Motive liegen, daß sie nur das profane Wort ist für den primären kosmischen Drang, der sich zur Höhe beschwingt. Schiller lässt sich in seinen Betrachtungen des Erhabenen ersichtlich von Kant beeinflussen, folgt seinen Spuren, trennt sich indes auch von ihnen und erreicht dann erweiterte Horizonte. Und wo er vom kalten Scheine der professoral definierten Schönheit abkommt, da erkennen wir den Sänger des Tell. Eine mythologische Vorstellung – der Berg Atlas, der das Firmament trägt – wird ihm zum allgemeinen Symbol, der hohe Berg zur Sprosse, die aus dem Flachgetriebe zum Himmel führt; es ist nicht der Himmel, der durch seine Höhe die Berge niedrig macht, sondern »die Berge sind es, die durch ihre Größe die Höhe des Himmels zeigen.« Hieraus lässt sich weiter entwickeln: der Drang zur Bergeshöhe ist Himmelssehnsucht, die Momente des Erhabenen sind Wegezeichen für die Seele und bildhafte Ansprachen, die uns die Möglichkeit einer Annäherung an das Überirdische als illusionäre Botschaft übermitteln. Der beste Gebirgsästhetiker ist der Traum. Er besucht mich noch jetzt in kurzen Abständen und erneuert mir frei von Mühsal die herrlichsten Eindrücke meiner eigenen Vorzeit. Das Register seiner Panoramen ist nicht sehr reichhaltig, er spezialisiert nicht und verwirklicht keine Einzelheiten, die genau der Erfahrung entsprächen. Er entwirft vielmehr fast immer ein Idealbild in Vereinigung vieler weit zurückliegender Motive. Grüne, wellige Matten herrschen vor, die sich in ein dämmerndes Weiß verlieren, mit Übergängen, die mich wie Nachbilder einer verlorenen Heimat höchst vertraut ansprechen, obschon sie in solcher Flächengestaltung gewiß nirgends vorkommen. Niemals gibt mir der Traum einen Begleiter, niemals erinnert er mich an materielle Zutat, an irgendwelche Ausrüstung mit Ranzen, Nagelschuh, Schneebrille, Eisaxt, ich sehe keinen Menschen, kein Haus, keine Hütte, kein Weidevieh, aber beständig bin ich im Steigen mit jener lustbetonten Sensation, die sich aus Anstrengung und Belohnung zusammensetzt. Es ist, als überschritte die Seele ihre eigene Elastizitätsgrenze, als könnte sie gar nicht standhalten vor der unmittelbar erfüllten und noch weiter erwarteten Höhenfreude. Solcher Traum braucht keine Deutung, er erklärt sich von selbst als die Wiederholung der innersten außersinnlichen Erlebnisse, die schon damals Mysterium waren, als sie sich noch im Rahmen der Wirklichkeit ereigneten. Im Dienst des Lachens. Wo anfangen und wo aufhören? Seit undenklichen Zeiten schleppe ich an diesem Karren, der abgesehen von seinen Berufsannalen mit einer dicken Fracht an persönlichem Gedenkstoff bepackt ist; mit einer für mich selbst seit langem unübersehbaren Ladung. Um wenigstens den Anschein einer ordnenden Einteilung zu gewinnen, klammre ich mich an die gute Weisung »il faut commencer par le commencement«. Also versuche ich es, mich in meine Lehrjahre zu versetzen, die immerhin ein volles Jahrzehnt umfassen. Da lauten die Stichworte: »Die Berliner Wespen« und »Julius Stettenheim« , ihr Begründer, dessen Name nun schon ins Legendäre zu verschwimmen beginnt, etwa wie der des wortspielerischen Humoristen Saphir. Ursprünglich war Stettenheim dessen verjüngte Hamburger Ausgabe, und als er später seinen Wirkungskreis in Berlin erweiterte, setzte er schlagkräftig eine Tradition fort, für die damals in der Empfänglichkeit des Publikums alle Vorbedingungen vorhanden waren. Seine Veranlagung drängte ihn und in seinem Gefolge die Leserschaft auf das akute, eruptive Lachen, wie es sich aus unvermuteter, aber leicht in die Ohren fallender Pointe entzündet. Er feuerte unablässig mit einzelnen, der Zahl nach massenhaften Funken, unbekümmert darum, ob sich aus solchem Funkenspiel irgendwelche nachhaltige Leuchtwirkung ergeben könnte. Nicht auf das Kontinuum kam es an, sondern darauf, daß die nächste Minute eine neue Zündung brachte. Und alle Tagesereignisse schienen nur darauf zu warten, daß mein Lehrmeister Stettenheim aus ihnen kurzweilige Blendeffekte herauspickte. Das Urteil von heute verweist diese Technik in das Gebiet der Kabarettkünste und verstattet sie nur noch dem Variétékomiker. Damals gehörte sie zur heiteren Literatur, zur besseren Journalistik, und Stettenheim war, selbst wenn man zum Vergleich David Kalisch vom »Kladderadatsch«, Glassbrenner, Schmidt-Cabanis, Siegmund Haber heranzieht, ihr glänzendster Vertreter. Er hatte mich in einem Berliner Salon aufgestöbert bei Gelegenheit eines von mir in burschikosem Übermut hingeschmierten Festspiels, worin Wagners Tristan parodistisch vertingelt wurde. Und da sich Stettenheim in seiner Zeitschrift »Wespen« ein wenig entlasten wollte, so zog er mich als grasgrünen Gehilfen heran mit der Aufgabe »Witze zu machen«, kalauernde Scherze in Prosa und Versen, auf der Grundlage eines nicht besonders umfangreichen, aber sehr geduldigen Druckpapiers. Der Betrieb war der denkbar einfachste, nicht entfernt zu vergleichen mit den umständlichen Weitläufigkeiten eines modernen Witzblattapparates von der Art der »Lustigen Blätter«. Ein richtiges Redaktionslokal war gar nicht vorhanden. Dessen Stelle vertrat ein zur Druckerei gehöriges Kämmerchen, ein Verschlag vom Format einer Schiffskajüte, mit dürftigster Schreibgelegenheit in Form eines doppelten Stehpultes, das von einer offenen, schwelenden Gasflamme illuminiert wurde. Weitere Mitarbeiterschaft, Manuskriptsichtung, Illustrationseinlauf, drucktechnische Vorbereitungen – das alles existierte nicht. Eigentlich entwickelte sich die ganze Wespenwirtschaft aus dem Geplauder und aus dem fröhlichen Vorsatz »seien wir lustig!« Wenn das Blatt Freitag früh erschien, so war oft genug am Mittwoch zuvor noch keine Textzeile, kein Bilderstrich vorhanden. Irgendwo in der Ritterstraße hauste unser einziger Zeichner, der alte Gustav Heil , und wartete auf einige flüchtig angedeutete Bildideen. Wir behalfen uns mit losen Zetteln, die den Mann locker anspielend auf die Fährte einer bildlichen Schnurre setzten, und überließen die Gestaltung seinem bierseligen Ingenium. Und er traf's immer famos, hieb seine Konturen wie mit der Axt, und wenige Stunden darauf wanderte schon der leidlich brauchbare Holzschnitt an unsere zweiköpfige Schriftleitung. Wir hatten inzwischen einen Posten Manuskripte hingeschleudert, mit riesigem Amüsement für uns selber, am Donnerstagabend lasen wir im Vorgeschmack der Wirkung die Korrekturen, und am Freitag früh konnte das Blatt verkauft werden. Tatsächlich, es gab Käufer und auch Abonnenten, wenngleich sich das Organ in der Hauptsache darauf verließ, daß es einer größeren Zeitung als Gratisbeilage angeheftet wurde. Das war die im Britischen Verlag erscheinende alte »Tribüne«, eine Tageszeitung, die viermal in der Woche Ferien machte; das heißt, sie kam nur an drei Tagen heraus, besaß aber eine nach damaligen Begriffen phantastisch hohe Auflage, und ihre Exemplarzahl war natürlich auch die unsrige. Wir allerdings sahen die Sache anders an und behaupteten unentwegt: die Wespen sind die kleine Lokomotive, die den schweren Lastzug Tribüne zu schleppen hat! Und für uns beide stand es fest: das Beiblatt »Wespen« war nicht nur in diesem Betriebe, sondern im ganzen Reich das Hauptblatt, soweit die deutsche Zunge klingt. Das war sehr egozentrisch aufgefaßt, denn die Wespen enthielten eine Menge von politischen und lokalen Schnurrpfeifereien, die wegen ihrer grundberlinischen Färbung nur am Strande der Panke Geltung hatten, schon in Magdeburg nicht recht verstanden wurden und vollends einem schwäbischen Ohr wie chaldäisch klangen. Die stehenden Figuren und schablonisierten Formenrahmen spielten eine umfängliche Rolle. In ihren Anfängen gehen sie auf englische Typen zurück und auf die längstvergessenen Gestalten »Eisele und Beisele« in den ersten Jahrgängen der Münchner Fliegenden Blätter. In Norddeutschland hatte der uns befreundete Kladderadatsch langlebige Vorbilder gestiftet in Schultze und Müller (nach Londoner Muster und Bildklischee), Zwickauer, Karlchen Miesnick, Strudelwitz und Prudelwitz, und die Liste war zum Eigengebrauch der Wespen sehr erweitert worden. Wenn es nicht gerade der Aktualität widersprach, begann jede Nummer mit einem Parlaments-Feuilleton, worin Minister und Volksboten mit fürchterlicher Travestie ihrer eigenen Parlamentsreden angeprangert wurden. Fest schabloniert waren auch der »Europäische Polizeibericht« (Darstellung der Wochenbegebnisse im Schutzmannsstil), der spießbürgerlich-schnoddrige »Muckenich« (Vater der Figur »Lattenfritze«, die ich noch heute bisweilen in den Lustigen Blättern gastspielen lasse), der Kriegsberichterstatter »Wippchen«, der penetrante »Interviewer«, der alle jeweils prominenten Persönlichkeiten bis aufs Hemd ausfragte, die offiziöse, halb tierische Figur »Dr. Reptilius«, und schließlich auch die Form des Rebus, die allwöchentlich eine derbe, hieroglyphisch vermummte Anzüglichkeit aufsteckte. Die Figur Wippchen besaß literarischen Anstrich und hätte gültig bleiben können, wäre sie nicht von Stettenheim zu Tode gehetzt worden. Er hatte ihn erfunden als den Typus eines journalistischen Schmocks, der über alle Kriegskonflikte und Katzbalgereien der Welt als angeblicher Augenzeuge berichtet, ohne sich jemals aus dem Städtchen Bernau nächst Berlin herauszurühren. Er war zudem das Muster stilistischer Entgleisungen und glänzte in der Travestie der falschen Begriffsbilder, Schwülste und Bombast, mit denen damals ein großer Teil der Presse von Reportern und Leitartiklern verschmiert wurde. Diese stilistische Gräuel zu ersinnen und zu formen war hauptsächlich meine Angelegenheit, zu hunderten habe ich sie eingestreut in jene Berichte, die von allen Lesern restlos der Autorschaft Stettenheims zugewiesen wurden. Im Grunde beruhte ja die Popularität der Figur – sie hat es bis zur Stellung im Bachmann gebracht – weit weniger auf der Lügenhaftigkeit der Kriegsmeldungen, als auf der Masse der verdrehten Zitate und verrenkten Mythologismen: Die »Qual des Tantals, in den hängenden Gärten der Eumeniden« – »Wo ist der Ariadnefaden, der uns aus dem Augiasstall dieser Scylla und Charybdis hinausleitet?« – »Der eingefleischte Vegetarianer« – »Die verhärtete Gehirnerweichung« – »De mortuis nil admirari« – solche Blüten, damals neu, schockweise zu ganzen Girlanden der Unsinnigkeit verflochten, könnten vielleicht heute noch zur Paraphrase einer gewissen Schriftstellerei dienen, wie wir sie in Romanen und Feuilletons erleben. Der Bernauer Wippchen ist tot; im weiten Schrifttum sind die Wippchen noch am Werke, und sie geben uns wenigstens die Beruhigung, daß der unfreiwillige Humor alle Widrigkeiten der humorlosen Zeit überdauert. – Die Verulkung hoch stehender, mächtiger Personen, die damals massenhaft in der Zeitgeschichte wimmelten, erschien uns jederzeit sehr lohnend, und wir zogen die Schutzbarrieren nur in Ansehung des Herrscherhauses, wobei unsere patriotischen Gefühle von der Kenntnis des Strafgesetzes unverkennbar gestützt wurden. Allein trotz aller Vorsicht gerieten die Wespen einmal in einen Majestätskonflikt, der tragikomisch begann, um in ein Abenteuer von unbedingter Drolligkeit auszulaufen. In einem Rebus nämlich erschien als wortersetzendes Bild, das hingestrichelte Porträt des Landesvaters Wilhelm I. Da dies nach gültiger Pressordonnanz verboten war, ließ der damalige Polizeipräsident von Madai – übrigens sonst ein durchaus unbezopfter Herr – die ganze Auflage konfiszieren und ins vergitterte Verließ des Polizeihauses am Molkenmarkt sperren. Unsere Wespen veranstalteten sofort eine improvisierte Neuausgabe mit einen neuen Rebus über den folgenden, vorläufig streng verschwiegenen Worttext: »Es lebt des Kaisers Wilhelm Bild – fest eingeprägt in seinem Volke – doch sieht's die Polizei, so wird sie wild – und lässt es bringen nach dem Markt der Molke. – Das, Herr Madai, wird schwer an dir gerochen, denn in ein Wespen-Nest hast du gestochen!« Man muß sich vorstellen, wie die Polizeimandarinen und ihr Troß mit glühenden Köpfen über diesem langen Bilderrätsel brüteten und grübelten, um dessen Sinn zu ergründen. Denn selbstverständlich vermuteten hier alle ein neues strafwürdiges Delikt, gegen das man sofort strengstens einschreiten musste, wenn man nur überhaupt gewußt hätte, was eigentlich vorlag. Aber die schlimmste Druckschrift kann nicht verfolgt werden, wenn sie in unlesbaren Runen abgefaßt ist und von einem Komplex von Rätselzeichen wie von einem Schutzschild gedeckt wird. Jedenfalls wurde das Verfahren eingestellt, wahrscheinlich infolge eines Machtspruchs des Polizeichefs, der wohl merkte, daß jede weitere Minute den Chor der schadenfrohen Lacher auf der Gegenseite verstärkte. Den prinzipiellen Kampf bezüglich der Kaiser- und Prinzenbilder habe ich viel später ganz allein zu Ende geführt. Es kam zu einer weitschichtigen Konferenz, in der ich dem Polizeipräsidenten auf Grund des Preßgesetzes und anderer Rechtsmotive bewies, ein Witzblatt dürfe für die Reproduktion fürstlicher Personen nicht schlechter gestellt werden, als irgendeine sonstige illustrierte Zeitung; selbst wenn eine Karikatur aufträte, so müsste in jedem Fall geprüft werden, ob eine Verhöhnung beabsichtigt wäre, oder nur eine humoristische Stilisierung bekannter Porträtzüge. Den besten Trumpf aber lieferte der Kaiser selbst, der aus dem nämlichen Anlaß die von dem Pariser Grand-Carteret herausgegebene Karikaturensammlung »Luis« mit beifälligem Lächeln begrüßte. Damit fiel der Zensur- und Strafbann vollkommen, und wir durften fortan bildlich glossieren, was wir wollten, ohne an einer Hoheitsgrenze Halt zu machen. Unsere Corona hätte auch weiterhin das zweite wilhelminische Zeitalter nicht überstehen können, wenn die Hauptfigur der Ära, »Luis«, uns entrückt geblieben wäre. Wir merkten auch bald, daß der Hof selbst unsere illustrativen Verwegenheiten nicht nur duldete, sondern direkt begünstigte. Unsere anzüglichen Bilder hingen gerahmt in Prinzlichen Kabinetten, und der Kronprinz bestellte ein Neujahr bei einem unserer Zeichner Gratulationskarten höfisch-satirischen Inhalts. Der Illustrator übernahm mit dem Auftrag die ausgesprochene Bedingung, die bewußten Köpfe mit dem nämlichen Sarkasmus zu bearbeiten, wie in der Zeitschrift selbst. Damit bin ich schon mehrere Etappen über die Wespen hinaus, und ich habe hier einzuschalten, was mir bei diesen den Aufenthalt schließlich verleidete. Da gab es zuerst verwickelte materielle Beziehungen mit Abhängigkeit von Faktoren, die mir umso unbequemer wurden, je weniger ich ihren Einfluß begriff. So wurde ich eines Tages zu den berühmten Volkstribunen Eugen Richter beordert, der mich wegen der Haltung unseres launigen Blättchens in kulturkämpferischen Dingen nach allen Dimensionen rüffelte. Er gab mir zu verstehen, daß ich als Wespenmensch in einem gewissen Hörigkeitsverhältnis zu seiner »Freisinnigen Zeitung« stünde und gefälligst so zu tanzen habe, wie die Partei pfiffe. Mein Einwand, daß ich von solchem Geheimtraktat gar nichts wusste und keinem andern verpflichtet wäre, als Stettenheim, prallte ab. Eugen Richter betrachtete uns beide als untrennbares Duett, und da Meister Julius gerade eine längere Vortragsreise weit von Berlin absolvierte, hatte ich das Donnerwetter ganz allein auszuhalten. Zweifellos befand sich unser kleines Organ in Schwierigkeiten, die sich um die Mitte der achtziger Jahre immer mehr verwickelten und mit allerlei Fallstricken verfilzten. Eine Zeitlang übte der Verlag des Kladderadatschs gewisse Rechte über uns, und ich hatte mit ihm einen Sondervertrag zu unterschreiben, der wiederum an den Berliner Börsenkurier zediert wurde. Als Ernst Dom starb, der Chefredakteur den Kladderadatsch, hätte ich dort unter ausgezeichneten Bedingungen einrücken können; allein Robert Davidsohn (der nachmalige Historiker von Florenz, damals noch Verlagsherr vom Börsenkurier) widersetzte sich diesem Übergang und berief sich auf eine Klausel jenes Sondervertrages. Fazit: der Kladderadatsch durfte mich nicht engagieren infolge einer Klausel, die der Kladderadatsch selbst mir diktiert hatte. Ich blieb also an den Wespen kleben, mit einem Minimalgehalt, das nur wenig durch meine Beteiligung an der »Tribüne« aufgebessert war. Dort paßte ich aber nicht recht hinein, denn als ich in der alten Tribüne mit Tinte und Feder zu schreiben anfing, entlud sich über mich das größte Mißfallen der anderen Kollegen, die ausschließlich mit Schere und Klebestoff hantierten, und mein skripelndes Benehmen als einen Einbruch in die Tradition des Blattes empfanden. Ich verhehle auch nicht, daß im Innern des Witzblattes sich Züge bemerklich machten, die mir das Dort sein, ja das Dasein versäuerten. Gewiss, ich hegte Verehrung für ihn, den ich Meister nannte, und war ihm als Anfänger für die Einführung in die Journalistik dankbar. Allein ich kam doch nun in die Jahre, wo man anfängt etwas gelten zu wollen, und ich fand mich bedrückt. Sieben Jahre lang hatte ich in Anonymität geschrieben, und alle Versuche, aus der Rolle des obskuren Gehilfen herauszutreten, schlugen mir fehl. Inzwischen waren viele Scherzartikel von mir hinaus gedrungen, sie machten die Runde, gerieten sogar in die ausländische Presse, fanden aus dem Pariser Figaro zurückübersetzt erhöhte Resonanz, ohne daß mir dadurch das Geringste zuwuchs; denn alles ging auf den Namen meines Chefs, und Stettenheim weigerte sich aufs Äußerste, meine Autorschaft zu melden. Wogegen er oft mit kleinlicher Eifersucht die Verteidigung seiner eigenen Erfindungen betrieb. Ein Berliner Theater hatte gelegentlich mit einer flüchtigen Stettenheimschen Pointe seinen Schwankdialog aufgeputzt. Daraufhin eröffnete er einen Streitfall mit dieser Bühne und verlangte urhebertrotzig wegen eines Wortes von zwei Sekunden Dauer den affichierten Druck seines Namens auf den Theaterzetteln und Anschlagsäulen. Dieses absonderliche zweierlei Maß blieb bestehen bis ins achte Jahr meiner Fron, wo ich mich zum ersten Mal im Titel des Blattes als Mitredakteur gedruckt sah, nachdem ich schon lange zuvor ganze Nummern in Abwesenheit des Meisters solo solissimo verfaßt hatte. Wiederum ein Jahr später streckte Stettenheim in Witterung bevorstehender Krisen seine Fühler nach Hamburg, um sich mit einem noch unbekannten, aber verheißungstüchtigen Unternehmer auf neue Journalmöglichkeiten umzustellen. Ich erfuhr davon nur das eine, daß ich als ein ganz brauchbarer junger Mann, als Langbewährter Kommis für halb umsonst mitgebracht werden sollte. Jetzt entschloß ich mich zu einem selbständigen Akt: ich packte sämtliche Jahrgänge der Wespen von 1877 bis 1886 in meinen Koffer, lud sie bei dem homo novus in Hamburg ab mit dem sachlichen Hinweis: »blättern Sie diese Konvolute durch – alles Blauangestrichene ist von mir!« Am nächsten Vormittag wurde ein Abkommen perfekt, der Auftakt einer verlegerischen und freundschaftlichen Beziehung, die bis zum Augenblick dieser Niederschrift in Kraft geblieben ist. * Die siebenunddreißig stattlichen Bände, die mich beständig aus meiner Bücherei zum Wochenwerk grüßen, sind für den oberflächlichen Blick eine geheftete Blattfolge; im Sinne einer treuen Lesergemeinde bedeuten sie eine bunte Chronik langer Zeitläufe mit welthistorischen Niederschlägen; für mich sind sie ein lebendiger Organismus, von meiner Eigenperson gänzlich unabtrennbar. In ihnen steckt die Hälfte meiner Arbeitsvergangenheit, und manches, was in mir längst erstarb, kann ich durch sie traumhaft heraufbeschwören. Als ein Riese – dem Format nach – sind die » Lustigen Blätter « zuerst am Ufer der Alster in Erscheinung getreten. Dem Begründer Dr. Otto Eysler aus Wien hatte ursprünglich der Plan vorgeschwebt, dem österreichischen Typus in Norddeutschland eine Heimstätte zu bereiten, und so gerieten denn in der Tat die ersten Nummern wie die Blätter einer Wiener Caféhausplantage, in den Illustrationen jenen Organen überraschend ähnlich, die durch lange Jahre als »Floh«, »Bombe«, »Karikaturen« usw. das Entzücken der Zahlkellner an der Donau bildete. Ein gewisser »Schmiß« war darin von Anfang an erkennbar. Wiener Künstler, unter denen Th. Zajaskowski und Fischer Käustrand zu nennen sind, warfen in leichter Bohème-Laune billige Phantasien aufs Papier, die Texte in Prosa und Versen gingen flott auf die Aktualität los, und so konnte bereits nach einem Vierteljahr die Übersiedlung von Hamburg nach Berlin in Begleitung einer kleinen Schar von Abonnenten vonstatten gehen. Hier übernahmen Paul von Schönthan und ich das redaktionelle Kommando. Österreich blieb in unseren Konventikeln noch geraume Zeit Trumpf, da sich zu genannten Meistern noch andere Cisleithaner, Zasche, Graetz, Stur, hinzufinden, in deren Mitte ich als einziger unverstandener Berliner bisweilen einen schweren Stand hatte. Zwischen den Ansprüchen der Redaktion, die über den Caféhausstil hinausstrebte, und den Tendenzen der Zeichner, die ihre Heimatsgepflogenheiten verteidigen, wurde das Ziel der schlagkräftigen Wirksamkeit damals nicht selten verfehlt; die Zeichner skizzierten während der Sitzung hin und her, einer pfropfte seine Konturen auf die des andern, bis das Nebensächliche auf Kosten der Grundidee glücklich herausgearbeitet war und eine ersichtliche Unstimmigkeit zwischen Bild und Text von den artistischen Geburtswehen Zeugnis ablegte. Immerhin kam ein gewisser eigener Stil des Blattes schon um die Wende der neunziger Jahre zum Durchbruch. Der anfängliche Irisdruck war dem vierfarbigen Buntdruck gewichen, und in der Kombination der Farbmöglichkeit vervollkommnete sich rasch eine Technik, die zum ersten Male in einem deutschen Blatt breite und eindringliche Effekte auf weite Distanz zuwege brachte. In der Fernwirkung, besonders der Titelseite, vom Auslagefenster des Buchhändlers oder vom Stand des Straßenverkäufers aus gesehen, lag ein Agitationsmittel, wie es bisher im Kreise dieser Spezialliteratur hierzulande noch gar nicht erprobt worden war. Allmählich verflüchtigte sich im Felde der politischen Glosse die Mehrheit der Österreicher, und an die Stelle der weichen Phäakenzeichnerei trat eine energischere, vorwiegend reichsdeutsche Illustrationskunst. Franz Jüttner, Wellner , der früh verstorbene Feodor Czabran, Lyonel Feininger – später Erfinder eines eigenen kristallinischen »...ismus« –, Heilmann, Caspari, Marcus, Koch-Gotha, von Bayros , der konstruktiv-originelle Ernst Stern , der zwischen Rokoko und Barock schwebende, schon modernen Giften zugängliche Christophe , der prachtvoll veranlagte Gino von Finetti wurden unsere berufenen Griffelführer. Zahlreiche Franzosen und pariserisch geschulte Exotiker ( Léandre, Caran d'Ache, Roubille, Galanis, Doës ), Italiener, Skandinavier vervollständigten den Zeichnerstab, während sich die Konstruktion gewisser gemeinverständlicher Zeichenspäße zwischen heimischen und externen Künstlern ( Kozian, Horina ) verteilte. Als unerschöpflich in der Erfindung erwiesen sich Schaberschul, Simmel und Meister Zille , dessen Typen von der Straße für die Physiognomie Berlins dokumentarischen Wert beanspruchen. Unser Blatt bewahrt auch die Spuren hervorragender Zeichner, an deren Genie sich später der Ruhm des »Simplicissimus« entzündete. Hier leuchten Thöny und Th. Th. Heine hervor, wie denn überhaupt die Galerie der »Lustigen Blätter« manches Künstlerblatt aufzeigt, dessen Urheber erst in der Folgezeit zur vollen Berühmtheit aufwuchs. So befindet sich in unseren alten Jahrgängen ein launiger Beitrag Ludwig Manzels , dem damals noch kein Prophet seinen glänzenden Aufstieg ansagen konnte: er figuriert seit 1900 in der Siegesallee und gelangte als Nachfolger von Reinhold Begas zum höchsten Amt der Berliner Akademie. * Das Vizepräsidium der Redaktion erhielten nach von Schönthans Austritt: Maximilian Krämer, Gottwald, Dr. Leo Wulff (der mit karnevalistischem Esprit auch die ihrerzeit sehr berühmten Lustigen-Blätter-Bälle als Höhepunkte der Berliner Wintersaison organisierte) und die dichterisch feinsinnige Betty Korytowska . Auf zwei Instrumenten zugleich spielte Max Brinkmann , der uns je nach Bedarf launige Texte, Illustrationsideen und fertige Bilder lieferte. Engste Kollegialität verband und verbindet mich mit Dr. Rudolf Presber, Gustav Hochstetter und Georg Mühlen-Schulte . Man muß mit dieser Trias in persönlichem Kontakt zusammengewirkt haben, um die ganze Fülle ihrer aus unversieglicher Fruchtbarkeit entströmenden Leistungen zu ermessen. Keiner bindet sich an bestimmte Fächer; alles was im Geistesleben, in der Politik, im öffentlichen Treiben die Aufmerksamkeit beansprucht, findet in ihnen formell virtuose Bearbeiter, deren Witz auf Anschlag hervorleuchtet wie der Funke aus dem Feuerstein. Bei Mühlen-Schulte bleibe es unentschieden, ob in ihm der Trieb zur satirischen Zeichnungsbildnerei impulsiver vorwaltet oder zu einer Textgestaltung, in der er wie kein zweiter den elementaren Volkston erfaßt, als Spezialist auf allen Gebieten et in quibusdam aliis. In Hochstetters Dichtungen perlt die Freude, sein Musenquell mischt sich moussierend mit den Gewässern vom paphisch-aphrodisischen Gestade. Er empfängt seine Anregungen zugleich von den spottlustigen Satyrn und von den leichtgeschürzten Nymphen, die zu deren Hofstaat gehören. Meinem Freunde Rudolf Presber habe ich in langer Gemeinschaft so viele Oden gesungen, daß mir hier kaum noch etwas zu singen übrig bleibt. Vielleicht war ich der erste, der in dem jugendlichen Rheinischen Poeten, als er eben anfing den Parnaß zu ersteigen, den zukünftigen Pindar erkannte. Von der Innigkeit unserer Beziehungen zeugt eine Porträtwidmung, mit der mich Presber ansprach: »Weht des Lebens Herbst mir kühler, herzlich bleibt, was mich Dir eint, der in vielem ich Dein Schüler und in allem ward Dein Freund.« Blicke ich zurück, so tritt mir noch ein anderer lieber Kollege bedeutsam hervor: Dr. Paul Kraemer , der in unserem Kreise lange Zeit als Geschmacksbildner und Gestaltungsfinder richtunggebend wirkte. Er hat weiterhin sein bedeutendes Organisationstalent der im selben Verlag erscheinenden »Eleganten Welt« zugewandt. Wir hausen seitdem in getrennten Räumen, aber im nämlichen Hausgeschoß und grüßen uns telepathisch durch die Verbindungstür. – Das politische Bild, durch die Jahrzehnte die pièce de résistance unseres Organs, fand vordem in Jüttner seinen stärksten Vertreter. Die Reihe seiner Schöpfungen ergibt eine Galerie, die vom Blatte losgelöst eine Chronik des Wilhelminischen Zeitalters darstellt und bei aller Komik einen über das Genre hinausragenden historischen Zug aufzeigt. Der Zeichner W. A. Wellner ist der geborene Humorist im Bereich der exotischen Parodien, der kleinbürgerlichen Typen und der tierischen Grotesken. Das Leben der oberen Zehntausend und der genießerischen Weltlichkeit der ganzobersten Fünfhundert bildeten die Domäne des Meisters Heilemann , an den als Erfinder markanter Typen des high life vielleicht nur Thöny und im Punkte der Eleganz nur Reznicek heranreichte. In der Fortsetzung der Linie finden wir Wennerberg und Heiligenstaedt , wegen der Lebensechtheit ihres gefälligen Genres von vielen Betrachtern der Lustigen Blätter als große Nummern geschätzt. Lutz Ehrenberger bereitet dem femininen Reiz eine unendliche Kette von Apotheosen mit Kunstmitteln, bei denen man an die Phantasien aus tausendundeiner Nacht und an die Linienführung des Quattrocento denken darf. In der koloristischen Eindringlichkeit prima facie erscheint Walter Trier kaum überbietbar. Jede seiner Schöpfungen wird zu allererst als ein überraschender Farbkomplex aufgenommen, der schon besticht, bevor man noch den begrifflichen Kern des Bildes wahrnimmt. In seinem Vortrag gibt es Reflexe von Bosch, Breughel, Daumier, Oberländer und Wilhelm Busch, von primitiver Volkskunst, Bauernmalerei, Kinderspielzeug, koboldiger Gnomenwelt und gelegentliche Ausblicke in die Abseitigkeiten einer Humoristik, wo sich die Lustigkeit mit grimmiger Düsternis berührt. Keiner unserer Künstler ist von den Einflüssen der »Moderne« unberührt geblieben, und es hat Zeiten gegeben, in denen die sezessionistische Willkür hoch aufschäumte. Hier haben die natürlichen Lebensbedürfnisse von innen heraus die notwendige Korrektur bewirkt. Eine große Menge von Bildthemen verlangt, wenn die Satire überhaupt verstanden werden soll, eine deutliche Gegenständlichkeit der Ausführung, die mit symbolistischen und futuristischen Mitteln gar nicht erzielt werden kann. Auf mittlerer Linie läßt sich der Gourmandise verfeinerter Leser Rechnung tragen und dabei doch im thematischen Grunde klare Farbe bekennen. Vielfach wird nach redaktionellen Vorschlägen, Entwürfen oder Skizzen gearbeitet, die dem Zeichner zwar einen Zwang auferlegen, ihn aber zumeist auch vor Entgleisung bewahren. Weitaus seltener sind die Fälle, in denen der ausführende Künstler die Ereignisse intuitiv aus dem Gesichtswinkel des bildlichen Humors erfaßt. Dazwischen gibt es eine Gattung von Bildern, die lediglich den Typ, die Situation aufgreifen, unterschriftlos in die Redaktion flattern und auf Textierung warten. Meisterstücke darunter, denen bevorzugte Stellen angewiesen werden müssen, vorausgesetzt, daß es gelingt, ihnen die humoristische Legitimation als textlichen Geleitsbrief auszuschreiben. Da sind denn oft für die Schriftleitung harte Nüsse zu knacken. Denn nur ausnahmsweise darf die Bildseite verraten, daß der Text als zweitgeborenes entstanden ist. Aus meiner persönlichen Erfahrung möchte ich behaupten, daß ich mit geringerer Mühe eine Druckseite Manuskript in freier Gestaltung schreibe als die zwei Zeilen, die so ein Bild als Passierschein verlangt. Hier eine gewisse Weite des Witzes zu finden, die das Großformat einer anspruchsvollen Vollseite mit den wenigen Zeilen der Unterschrift aequilibriert, gehört zu den knifflichsten und nicht immer restlos lösbaren Problemen. Das freieste Feld für Eigenproduktion finden die Künstler in den Sondernummern, die wir von jeher mit besonderer Sorgfalt pflegen und deren gedrängte Folge manchem Jahrgang geradezu die Signatur verliehen hat. Voraussetzung der Spezialnummer ist entweder ein plötzlicher, die Öffentlichkeit durchrauschender Interessenstrom, oder ein allgemeines Motiv, das im natürlichen Zeitlauf weite Kreise beschäftigt. Für diese nach bestimmten Zielen orientierten Nummern mit den Schlagworten: Balkan – Buren – Lex Heinze – Bayreuth – Carneval – Sport – Sommerreise – Variété – Kino – Reichstagswahl usw., (wobei die Hunderte von Kriegsnummern ganz außer Betracht bleiben) wird in der Regel von der Redaktion nur das Gerüst aufgestellt, darauf die Bunt- und Schwarzweißkünstler ihre Blätter aufzuhängen und die Vertreter der Witzakrobatik zu turnen haben. Bisweilen haben wir es auch unternommen, ganze Nummern auf eine dichterische Parole abzustimmen, »dichterisch« in weitestem Sinne genommen. Die Busch-Nummer und die Don-Quichotte-Nummer bezeichnen hier die äußersten Pole. In den Zeiten, da man die Tempel des fröhlich schweifenden Pan noch bacchanalisch bekränzte, ließen wir April-Nummern vom Stapel, worin alle Bande frommer Scheu vor Logik und Möglichkeit gesprengt und der kobolzenden Komik ohne Kontrolle des Verstandes Einlaß gewährt wurde. Je höher die Auflageziffer schwoll, als der im Sinne des Verlags gültige Exponent für den Wert des Organs, desto schwieriger wurde die Bewältigung der eigentlichen Aktualität. Zahllose Tagesereignisse, die im ersten Moment als ungeheuer wichtig, packend, wie geschaffen zur sarkastischen Behandlung erschienen, werden von nachdrängenden Begebenheiten verdunkelt, überschrieen, verschüttet und tauchen so tief unter, daß sie für ein Blatt mit umständlicher Herstellung gar nicht in Betracht kommen. Weit ist der Weg von der ersten Ausgabe eines Buntbildes an den Zeichner bis zur illustrativen Lösung der Aufgabe, der farbigen Aquarellierung auf dem Abzug, der Anfertigung der Farbplatten, im Druckverfahren bis zur Korrektur und Revision einschließlich einer verwickelten Maschinenarbeit, die für jede Farbe eine besondere Prozedur beansprucht. Da drängt sich unvermeidlich zwischen Plan und Erscheinen ein Zeitraum, der dem Urheber des Entwurfes wie eine fatale Unendlichkeit vorkommt. Ein ander Gesicht zeigt die Tatsache vorher und nachher. Bei Begebenheiten, an denen man durchaus nicht vorüber kann, versucht man den Ausweg durch ein redaktionelles Hasard zu erzwingen: man wirft den Mantel des Propheten um und gestaltet die Bilder so, daß sie sich in mehreren Wochen mit der a priori errechneten Wirklichkeit decken werden. Manchmal mißlingt es, und dann steht der Prophet vor dem klugen Leser in fürchterlicher Blamage, aber im großen ganzen haben wir mit diesen Wagnissen Glück gehabt, Glück im wehleidigen Sinne, denn in der Regel wurde das Richtige getroffen, wenn schwärzliches angesagt worden war. In diesem Betracht habe ich mit meinen eigenen Prognosen das Menschenerdenkliche geleistet; vielfach zitierten andere Blätter längstverwehte Artikel von mir, Verse und Prosa der Vorkriegszeit, die der später erlebten Wirklichkeit – leider!! – sehr nahe kamen. Frohlaunigkeit ist überhaupt nicht die sichtbare Begleiterin des Berufes. Es gibt Naive, die sich eine humoristische Redaktion wie eine Karnevalsgesellschaft vorstellen mit Pappnasen und derlei lustigen Attributen. Bisweilen melden sich auch schreiblüsterne Gesellen mit dem Antrag, ein bißchen mitwirken zu dürfen, und als Befähigungsnachweis bringen sie die Versicherung, daß ihnen »sehr lustig« zu Mute sei. Sie ahnen nichts davon, daß sich das spezifische Talent weit öfter durch melancholische Züge verrät als durch sanguinische. Noch weniger ahnt Naivus, wie der Trübselige unter körperlichen Qualen, mit Neuralgie, Zahnweh oder sonstiger Tortur, Heiterkeiten hervorbringen könne. Den Fachleuten sind solche Zustände in Verquickung mit ganz tüchtiger Produktion bekannt. Mir kommt ein Bild in Erinnerung aus einem irrsinnig heißen Sommer, in dem ich als einziger Nichtbeurlaubter übrig geblieben war. Halbnackt saß ich im Redaktionsraum und halb wahnsinnig vor Glut. Als Hilfsgerät hatte ich einen Eimer neben mir und einen Wasserkübel, aus dem ich mir fortgesetzt Ladungen über den Kopf goß. In den spärlichen Zwischenpausen half mir die Zigarette über die ärgste Not. Und die Schmerzensnummer ist ganz gut geraten, kein Leser hat ihr die Spuren der Unlust, der Höllenpein angemerkt. * Als Chefredakteur des Blattes habe ich nie so recht an Segnungen der Zukunft geglaubt, weder an die herrlichen Zeiten, die uns der Imperator verhieß, noch auch überhaupt an die Heilswirkungen irgendwelcher Programme. Am allerwenigsten huldigte ich einer Tendenz, die sich, invariabel – »voll, ganz und unentwegt« – auf ein schabloniertes Schlagwort festlegen läßt. Gewiß, die Lustigen Blätter sind nach der Quersumme ihres Inhalts gemessen, entschieden fortschrittlich, national, höchst freigeistig, und wie die schönen Klischees alle heißen mögen; sie sind es aber nicht ausschließlich und mit Versteifung auf das Dogma einer Partei. Eher möchte ich schon das Wort des schwedischen Staatsmannes »Nescis, quantilla sapientia regitur mundus« als Leitmotiv obenan schreiben. Diese Insipientia, gleichviel, wo sie zutage tritt – und der Himmel sorgt für ihre Unverfügbarkeit – bildet den Nährboden für die Pflanzen, die im Gehege des Blattes wachsen. Vom subjektiven Empfinden kommen wir dabei natürlich ebensowenig los, wie die Vertreter der ernstesten und »zielbewußtesten« Zeitschriften. Nur daß wir mit einem geringeren Gepäck an übernommenen Verpflichtungen belastet, doch eher einmal in die Lage kommen, zu erproben, wie die Dinge von einem anderen Standort aus gesehen sich ausnehmen. So haben wir mit unserem Hohl- und Zerrspiegel oft genug Personen und Gruppen aufgenommen, die Satire an Erscheinungen und Überzeugungen gewetzt, die manchem parteifesten Leser als sakrosankt erscheinen mögen. Denn für ein Organ, das die Parole »Lustig« auf seine Fahne geschrieben hat, kann es nur ein oberstes Prinzip, nur eine durchgreifende Tendenz geben: nicht einseitig und nicht langweilig sein. Was in hunderten von Fällen für die Empfänger ein verum gaudium geworden ist, war für die Teilnehmer der Beratungen überwiegend eine res severa, die allerdings mit ihrer Überfülle von Nervositäten auch komische Erlebnismomente erzeugte. Bestimmend für Ton und Haltung der Gemeinschaft war und blieb unser Dr. Otto Eysler , im Betriebswerk die Unruhe, der nimmermüde Ansporner, dem kein Optimum und Maximum der Leistung genügt, weil darüber immer noch ein unvorstellbares Mehr und Besser vorhanden sein könnte. Der alte Irrglaube, daß nur der aktive Fachmann, hier also der Dichter und Maler, zur letzten Kritik berufen sei, wird durch ihn aufs gründlichste widerlegt. Er selbst übt keine Kunst aus, er besitzt aber kraft hochgradiger Geisteskultur eine tiefbohrende Urteilskraft, die ihm kritische Befugnisse weit über die Kompetenz der allermeisten Verleger zuweist. Die Blüte unseres Blattes erreichte ihre Farbigkeit nicht im reinen Sonnenschein, sondern in Gewitterluft und unter dem Einfluß elektrischer Entladungen. Als wir einmal ein Jubiläum rüsteten, schoben sich unsere aufgeregten Interna von selbst in den Brennpunkt ironischer Betrachtung; und dabei entstand ein Scherzbild der Redaktion, das bei immenser Übertreibung doch die Wesenszüge des Betriebes nicht verfälschte. Im Mittelpunkt meines Allegro furioso stand Freund Eysler, der in Hochspannung der Nervosität die abenteuerlichsten Stimmungs-Galoppaden veranstaltete. Zahlreiche Lustspielschreiber haben seit Gustav Freytag versucht, die Journalistik auf die Bühne zu setzen; allein die wirksamsten Szenen haben niemals die Rampe erreicht. Diese sind nur in unseren Chroniken zu finden, wo wir uns mit ausgelassener Selbstverspottung in ein chaotisches Gewirr verstrickt darstellen, als Moleküle eines Mostes, der sich ganz absurd gebärdet. Unsere eigenen Hervorbringungen spielten hierin die Rolle erlebnisreicher Schwankfiguren. Beispielsweis: ein Bild wird ausgegeben zu einem vorbestimmten wortspielerischen Text. In dem Bilde, das ein balkanisches Ereignis behandelt, wird ein gegenständliches Detail derart verfehlt, daß es zur Unterschrift nicht mehr paßt. Der Verleger erläßt die Ordre de moufti: der Text soll wörtlich bleiben, das Tableau muß geändert werden. Das beansprucht eine Woche, und als die umgeformte Illustration wieder auf dem Sitzungstisch paradiert, ist jenes Ereignis längst überholt, von der Aktualitätsfläche vertilgt. Der Verleger: »Damit lockt man heute keinen Hund vom Ofen, das Bild muß 'gedreht' werden, auf einen aktuellen innerpolitischen Vorgang: hinaus mit den blöden balkanischen Köpfen, dafür ein paar interessante preußische Ministerköpfe hinein!« Die Bildfiguren werden enthauptet, neue Physiognomien oben aufgesetzt. Jetzt aber ist der Text komplett unsinnig geworden, der blanke Nonsens, er kommt seinerseits auf die Drehbank und geht aus der Prozedur mit einer neuen verblüffenden Pointe hervor; nur daß diese frischangedrechselte Spitze noch weit frappanter wirken würde, wenn oben statt der langstieligen Minister eine mondäne Gruppe zu sehen wäre. Der Verleger verlangt hierzu ein elegantes Hochzeitspaar im Luxuszug oder im Flugzeug. Der Auftrag geht an einen Zeichner nach München, der aus eigenem Ingenium eine Variante beisteuert: er verlegt die Szene in den Engadiner Schnee und setzt das elegante Paar auf einen Sportschlitten. Der Verleger will aus der Haut fahren: »Jetzt mitten im Sommer sollen wir Bilder vom Wintersport bringen! Die Seite ruiniert uns!« Damit ist der bildlich-textliche Mummenschanz vorläufig zu Ende. Das Blatt verschwindet als buntmaskierte Leiche in die Grabkammer einer riesigen blauen Mappe und wird dort mumifiziert. Dieses Archiv wird nach alter Gepflogenheit von einer Sekretärin betreut. Zahlreiche anstellige Damen haben das Amt verwaltet, bis es einer besonders beanlagten gelang, aus den Niederungen des Hilfsdienstes bis zum kurulischen Sessel einer wirklichen Redakteurin aufzusteigen. Mögen wir Literaten und Maler auch die Solistenrollen innehaben, der Halt und die konsonierende Abstimmung unseres Zusammenspiels wird nur dadurch gewonnen, daß die Fäden in der Hand unserer Kollegin Käthe Mehlitz sich vereinigen. Ich bezweifle noch heute den Beruf der Frau zur Gesetzgeberin, Strafrichterin, auch zur Komponistin und allgemein zu den Fächern einer großgeistigen Forschung. Aber ich muß zugeben, daß unsere Regisseurin den Kreis der Berufsmöglichkeiten durch eine Erstaunlichkeit erweitert hat. Setzt eine Colonna, eine Staël, eine Angelica Kauffmann an ihren Platz, und sie wird sich verloren fühlen inmitten eines so komplizierten Werkes, das um im Gange zu bleiben ein hohes Maß von Technik und disponierender Strategie voraussetzt. Lasse ich die Erinnerung weit zurückstreichen, so tritt mir noch eine andere Eigenheit unserer Redaktionsfee entgegen. Wir haben oft unseren Ferienurlaub zu gemeinsamen Reisen nach Tirol, Italien, nach der Schweiz und der Riviera verwendet, mit selbstverständlicher Hinwegsetzung über alle spießbürgerlichen Bedenken, die in unserer Kameradschaft so wenig Sinn gehabt hätten wie eine Gouvernantenmoral in unserer Fachbetätigung überhaupt. In unserem Reiseprogramm bildeten das Anschauen und Begreifen der Natur die Dominante. Sie lernte zuerst mit meinen Augen sehen und offenbarte bald einen hohen Intellekt im Erfassen aller Zauber zwischen Eis, Fels, Matte und Palmengelände. Mir war die Wanderkollegin eine Maskotte, eine Verhüterin jedes Reiseverdrusses, was sie nur planen mochte glückte touristisch, meteorologisch, in ihrer Gegenwart gab es keine atmosphärischen Unbilden in Nässe, Sonnenbrand und Staub. Wenn nur immer unsere Gedanken das Schweifen nach den heimischen Penaten unterlassen hätten! Aber das konnten sie sich nicht abgewöhnen, und auf dem Vierwaldstätter See, an der Wengernalp und am monegassischen Strand senkte sich plötzlich ein Nebel über die Szenerie, dünne Schwaden, vom Beruf herübergeweht. Nur minutenlang währte der Spuk, dann wurden wir wieder Ferienmenschen und vergaßen, daß wir eben erst auf dem Dampfer, dicht am Gletscher oder bei den Agaven in der Redaktion gesessen hatten. – Unsereinem ist es nicht gegeben, in seiner Werkpflicht irgendwann Schluß zu machen, man entlastet sich immer nur nach Graden, ohne sich je völlig zu befreien. Wir beide zumal, Dr. Eysler und ich, sind unserem Naturell tributär und nehmen oft die kommende Stunde schwerer als die gegenwärtige es vertragen kann. Seit der Umwandlung des großen Verlagsunternehmens in eine Aktiengesellschaft (1922) haben sich mit der wachsenden Not des Schrifttums Last und Sorge noch verschärft; theoretisch im Dienste des Lachens, standen wir praktisch nicht selten im Zwange des Heulens, und der Titel meines Buches »Fröhlicher Jammer« wurde zugleich das Kennzeichen unserer Verfassung. Daß wir ihn aller Zeitbedrängnis zum Trotz fröhlich aufzuputzen vermochten, das kommt zum Teil auf Rechnung eines neuen Mannes, der auf Deck erschien, eines flotten Lotsen, nach Statut mit Leitungskompetenzen ausgerüstet, deren Ausübung uns Mitarbeitern recht erfrischend vorkam. Der jugendliche Dr. Hammerbacher ist in unserem Kreise der Vertreter des zuversichtlichen Spruches von Anzengruber »es kann dir nix g'schehn!« Es will scheinen, als hätte er zu den vorhandenen Fröhlichkeits-Antithesen eine neue aufgestellt, »die fröhliche Algebra«, nämlich die Kunst, über alle Schrecken der Ziffern wagemutig und frohlaunig hinwegzurechnen. Das war eine Wohltat inmitten der abscheulichen Nullen-Polonäsen, die uns im Etat wie eine danse macabre umtollten. Ich möchte noch ein anderes Gleichnis heranziehen: die modernste Pathologie versteigt sich zu der Annahme, daß es neben den grassierenden Krankheiten auch »grassierende Gesundheiten« gäbe, ausstrahlend von gewissen Immunitätsbezirken. Offen gesagt, wir waren alle von der Angstsucht infiziert, bis jener Herr bei uns auftauchte als ein Gesundheitsherd, der uns suggestiv zur Gesundung anregte. Und ich selbst gebe mich diesem Effekt hin in der Stunde dieser Niederschrift, die sich andernfalls niemals in Druckschrift verwandeln könnte. – Die großen Ziffern, mit denen wir lange operieren mußten, hatten ehedem einen anderen, weit erfreulicheren Sinn. Sie waren keine Indices für papierne Markwische, sondern bezeichneten Auflagenhöhen und Wegestrecken, in denen sich das Unternehmen wie die Leistung phantastisch veranschaulichten. Für unsere Jubelnummer im Beginn von 1910 verarbeiteten die Maschinen einen Papierstreifen, der, gradlinig erstreckt, von Berlin bis Gibraltar gereicht hätte. Kollege Hochstetter hat mich selbst einmal bei festlichem Anlaß zum Objekt eines hübschen Mengenkalküls genommen. Er legte die ungefähre Anzahl meiner Beiträge, nach Zeilen geschätzt, zugrunde, multiplizierte mit der Auflage und gelangte zu Zahlen, wie sie sonst nur in populären astronomischen Handbüchern angetroffen werden. Es wäre nicht ganz richtig, dies lediglich als Ausdruck der Quantität gelten zu lassen. Denn wenn nach pythagoreischer Auffassung die Zahl das Wesen aller Dinge ist, so möchte ich sie ganz bescheiden auch für das Wesen der Qualität in Anspruch nehmen. Nicht für die Güte an sich, die unbestimmbar bleibt und gar nicht unter das Urteil des Urhebers fällt, sondern für den Grad der Wirkung. Was der Schriftsteller der Masse nach für einen Verlag hergibt, kann doch schließlich nur der Anzeiger sein für das, was der Verlag und in weiterer Instanz das Publikum von ihm verlangt. Unser Leserkreis erstreckte sich bis an den Polarkreis und Äquator, Tropenreisende haben unsere Scherzbilder als Hüttenschmuck in Niggersiedlungen gesehen. Man darf getrost von vielen Millionen Einzellesungen sprechen, die sich über die Jahrzehnte verteilten, und man braucht durchaus nicht anzunehmen, daß die Gesichter aller Leser beim Anblick unserer Produkte toternst geblieben sind. Ganz im Gegenteil muß sich auf ihnen recht oft ein schmunzelndes Wohlbehagen gemalt haben, da eine Weitwirkung in solchem Ausmaße ohne mitströmendes fluidum jucundum unmöglich wäre. Und dies führt zu einer psychischen Rechnung, wie ich sie am liebsten anstelle, obschon der Zahlbegriff hier vollständig versagt: ich denke mir die Akte des Lächelns als eine Folge von Differentialen, von Minimalgrößen, und stelle mir vor, man könnte sie alle über Zeiten und Räume hinweg zur Einheit fassen. Das ergäbe ein wunderbares Integral weithin schallenden Lachens; eine lautschwingende Begleitmusik der Freude, an deren Instrumentierung ich meinen Anteil habe. Mag sie verflogen sein, sie hat doch gedröhnt, und auch heute noch bleibt ihr Echo in Reflexen aus neuesten Erzeugnissen wahrnehmbar. An meine Mitwirkung bewahre ich ein köstliches Andenken in Form einer Kunstmappe, die mir die Corona stiftete, als ich die Schwelle des Sechzigsten überschritt; wo man bekanntlich anfängt, »rüstig« zu werden. Dieses Angebinde ist eigentlich ein ganzes Museum von malerisch-dichterischen Originalwerken, die sich mit reicher Erfindung und blendender Technik um meine Tätigkeit gruppieren. Ich werde darin mit liebenswürdigem Humor verulkt und mit loderndem Überschwang so gefeiert, daß ich mein Museum nur vor ganz Vertrauten öffnen darf, vor Kennern der Gattung, die auch die übertriebene Huldigung als Witz zu nehmen verstehen. Dieser Kunstschatz mit so vielen auf einen Konvergenzpunkt hinleuchtenden Juwelen ist ein Unikum, und ich glaube, daß kein Fachverwandter etwas Ähnliches besitzt. Die meisten Blätter der Kunstspende parodierten Parodistisches aus dem Blatt und dem Buchverlag, der ja die Mehrzahl meiner Satiren in eigener Regie herausgegeben hatte, nicht alle; denn bei meinen ersten Debüts in der humoristischen Arena (1875) besaß ich noch gar keine Beziehungen zum Buchmarkt und mußte umhervagieren, um irgendwo Unterkunft zu finden. Mit meinem Erstling » Anton Notenquetscher « strolchte ich umher wie ein Hausierer, über Hintertreppen, und die meisten Firmen schlugen mir die Tür vor der Nase zu, ohne mich auch nur eines Bescheides zu würdigen. Ich hatte mir die Figur des Notenquetscher erdacht als den frechen Ausdruck eines musikalischen Jungburschentums, in dem es gegen akademische Verzopftheit revoltierte. Die Form war episch, reimspielerisch, und der Inhalt lustig genug. Schließlich erbarmte sich ein Außenseiter des lockeren Manuskriptes, ein geigender Bohémien meines Bummelkreises, der vom Buchhandel soviel verstand wie ein Klippschüler vom Sanskrit. Er trieb irgendwo ein paar Moneten auf und brachte das »Epos« in Leipzig zum Druck. Die Lesewelt nahm davon nicht die geringste Notiz, abgesehen von einigen Musikzeitungen, die mein opusculum als eine lästerliche Schmieralie kurzweg abmurksten. Nach Monaten und Semestern erschienen aber zwei aufsehenerregende Artikel über mich und Anton Notenquetscher, geschrieben von Paul Lindau , in der »Gegenwart«, und Eduard Hanslick in der »Neuen Freien Presse«; und mir ging es, Großes mit Winzigem verglichen, wie dem Lord Byron: »Ich wachte eines Tages auf und fand mich berühmt.« Zum mindesten fand ich mich auf dem Wege der Popularität, ich erhielt Kunde von einem Massensturm kauflustiger Leser, von einem Gewaltbetrieb der Druckerei, die kaum soviel Exemplare liefern konnte, als verlangt wurden. Niemals habe ich eine Abrechnung über die Zahl der Leipziger Auflagen erhalten, niemals einen Groschen Honorar. Erst viel später, als das Ding in den Besitz einer Berliner Musikfirma gelangte, wurde mir ein Erträgnis, alles in allem ein Lumpengeld von wenigen hundert Mark. Aber die Figur des Anton heckte in anderer Weise; unter ihrem Decknamen erschienen in anderen Verlagen meine »Neuen Humoresken«, »Heitere Dichtungen«, »Lustige Fahrten«, und aus diesen befinden sich noch heute einzelne Nummern auf der Vortragswalze reisender Sprechhumoristen. In den Lustigen Blättern gab der notenquetschende Spottvogel vielfache Gastrollen, mit seiner bizarr gestrichelten Vignette, die noch von meinem lieben Kameraden Philipp Scharwenka herstammt. Viel tonkünstlerische Patenschaft! Ein vortrefflicher Komponist hat ihn gezeichnet, ein Geiger zuerst verlegt, und er darf sich zudem auf einen ganz Großen berufen, der ihm seine Neigung schenkte: das war, wie ich viel, viel später erfuhr, Johannes Brahms . Ob er so hoher Gunst wert war, das bleibe unentschieden, ich möchte ihm indes das Zeugnis ausstellen, daß er sich mit wachsendem Alter sittlich und literarisch merklich veredelt hat; er gedieh in das Niveau der Sentenzen, der gefeilten Epigramme, versuchte sorgfältig zu formen und liebäugelte bisweilen mit lukianischen Musterbildern. Unaufzählbar ist die Reihe meiner sonstigen humoristischen Bücher, es liegt auch nichts daran, sie vollständig zu nennen. Schlage ich heute gelegentlich so einen Band auf – selten kommt's vor – so überfliegt mich wohl eine elegische Empfindung, während der Verstand gleichgültig bleibt bei vielen Druckblättern, die sich meinem eigenen Interesse entrückten, die mich vergreist und fremd anstarren. Ein Teil dieser Bändchen trug sehr knallige Namen: »Pariser Bummel«, »Stuß im Jus«, »Da lachen die Hühner«, »Meine verstimmte Flöte«, »Der dümmste Kerl«, »Das Überbüch'l«, »Flatterminen« usw., und manche Stücke darin mögen frisch und brauchbar geblieben sein, warten vielleicht nur auf die Gießkanne des Verlegers, um die Staubschicht loszuwerden, die sie verwelkt erscheinen läßt. Unser rühriger und umsichtiger Verlagsdirektor Alfred Metzner hat mir wiederholt zugeredet, die unverwesten Nummern herauszupflücken und zu einem neuen Bande zu vereinigen. Ich glaube aber kaum, daß ich mich hierzu noch entschließe, da ich im Punkte der Zeitverwendung ein Geizkragen erster Sorte geworden bin. Ich rechne beständig mit der Minute, die sehr viel wertvoller ist, wenn man sie neuer Skriptur widmet, als die Stunde, die man sich abzwackt, um Altes zu renovieren. Ich denke dabei vornehmlich an die Vervollständigung meiner literarisch ernsten, unter wissenschaftlichen Impulsen entstandenen Werke »Der Sprung über den Schatten«, »Das Geheimnis der Sprache«, »Einstein«, »Die Inseln der Weisheit«, »Der Venuspark« usw. und kalkuliere mit Entsetzen, wieviel ich wohl brauchen würde, um meine in Skizzen verwahrten, noch unfertigen Bücher dieses Kalibers druckreif zu gestalten; so ungefähr hundert Jahre – eine trostlose Perspektive für einen, der erst so recht anfangen möchte, wenn ihm der Lebenskalender das Finale anzeigt. Einstweilen suche ich mich zwischen den Anforderungen des Ernstes und Scherzes durchzujonglieren, teilweise mit Verschmelzung beider Komponenten zu gemeinsamer Resultante. In meiner Sammlung »Die unsterbliche Kiste« (100 Auflagen sind wenigstens kein Widerspruch zum Titel) beschränkt sich meine Autorschaft auf das Geleitswort, auf das Sichten und stilistische Redigieren eines großen Witzmaterials. Aber in deren Fortsetzung »Der jüdische Witz und seine Philosophie« zeigen sich Spuren eines Problems, das mich zu eigener Bearbeitung veranlaßte. Hier wie durchweg vertrat ich den Standpunkt, daß der wirksame, dauerhafte Witz schon um seiner Seltenheit willen als eine Köstlichkeit angesprochen werden muß, und ich arbeitete einer künftigen Sprachkritik vor, die zu untersuchen haben wird, unter welchen besonderen Glückszufällen der witzige Schlager zustande kommt. Im Verfolg meiner Voraussetzung wies ich nach, daß auch im Kleingeistigen das potenziert Witzige in Elementen der Großgeistigkeit wurzelt, anders gesagt, daß zwischen »Witz« und »Wissen« noch ein weit innigerer Zusammenhang besteht, als die Sprachkunde annimmt, die zwischen beiden nur eine Ähnlichkeit, eine Verwandtschaft, nicht aber die Identität feststellt. An vielen Beispielen erprobte ich, daß man imstande ist, den Witz eigenartig zu beleuchten, mit einem scharfen, nur auf Sekunden eingestellten Röntgenstrahl, der im Witzkern noch einen zweiten, philosophischen Kern sichtbar macht. Und es fand sich, daß kaum ein philosophischer Denkmodus vorhanden ist, von der Aristotelischen Lehre bis zur modernsten Erkenntnisdisziplin, von dem nicht auch unbewußte traumhaft huschende Rückstände in den Geweben des Witzes erkennbar wären. Ich spezialisierte besonders auf jüdisch-mundartliche Proben, die Betrachtung läßt sich indeß ohne Schwierigkeit ins Allgemeine erweitern. Wesentlich war hier nur das aufgedeckte Grundmotiv, daß im Humor und in spekulativer Philosophie für die Gehirnvorgänge die nämlichen mechanischen Prinzipien gelten. Der Witz als sprachliches Abstraktum des Wissens – althochdeutsch ein Femininum »die wizzi« – enthält die Fähigkeit, verschiedene Gegebenheiten des Wissens kombinatorisch zu behandeln. Der Unterschied besteht nur darin, daß der Witz die Kontraste aufspürt, um Zündeffekte zu erzielen, während die spekulative Philosophie die Analogien verfolgt, um zu Leuchtwirkungen zu gelangen. So wäre es nicht abwegig, die Dialoge des Plato und sehr vieles aus Bacon, Spinoza, Montaigne, Schopenhauer und Nietzsche als direkte Ausflüsse des Witzes zu betrachten, wie denn der Titel eines lachenden Philosophen keineswegs bloß dem Demokrit zukommt. Wenn die Welt trotzdem zwischen Witz und Wissenserweiterung so scharf unterscheidet, so liegt dies wesentlich daran, daß die meisten Magister es für unter ihrem Range halten, den Witz zu pflegen und ihm beim Vergleich mit denkerischer Arbeit die Äquivalenz zuzuerkennen. Aber der Witz, der seinen Anspruch auf Klassizität niemals aufzugeben braucht, ist durch zahllose Fühlfäden dem Magistralen verbunden, er greift intuitiv heraus, was dem Humor dienlich zu werden verspricht, und seinen Griffen bleibt nichts unerreichbar. Daß der Witz ganz allgemein als stärkste Talentprobe anzusprechen ist, zeigt die Wissenschaft selbst. Vor etwa sechs Jahrzehnten erging sich die Biologie in anatomischen Untersuchungen, um zu ermitteln, ob gewisse Sichtbarkeiten der Gehirnstruktur in nachweisbarer Beziehung zur Geistespotenz stünden. Die Forscher einigten sich auf bestimmte Merkzeichen der Hirn-Furchen und -Windungen als auf die Anzeiger besonderen Scharfsinns; und es ergab sich ein nachweisbares Maximum nicht bei Gehirnen aus Gelehrtenschädeln, sondern bei Organen ganz anderer Fakultät: den Vorrang behielten nämlich einige Komödienschreiber, die Autoren vielbelachter, kombinationstechnisch ausgezeichneter Stücke. Die Untersuchungsreihe war natürlich eng begrenzt; sie erstreckte sich nach meiner Erinnerung an eine mündliche Mitteilung von Dubois-Reymond nur auf eine Anzahl Pariser Köpfe. Allein ich besinne mich, daß Dubois selbst das Ergebnis für ausreichend schlüssig hielt und für gut übereinstimmend mit der Erwartung. Denn, so erklärte er in der Berliner Universität, man müsse von vornherein die deutlichste Prägung im Organ dort vermuten, wo das Gehirn die glänzendsten Scharfsinnsproben geleistet habe. Mit einem Wort: der Geist kulminiere in den Darbietungen des Humors. * Es war sehr nötig, daß ich als Diener am Witz solche Fanfare wieder anblies. Denn wären die landläufigen Deutungen der Humoristik durchgreifend, dann hätten wir alle in unserer heiteren Arena nur Zirkusspäße getrieben, und ich besonders könnte vor mir selbst meine berufliche Zweiteilung nicht verantworten. In Wahrheit ist eine Spaltung gar nicht vorhanden, die zwei Teile gehören vielmehr zueinander wie das Konkav und Konvex einer Kurve. Ich greife mir die berühmteste jener Deutungen heraus und sehe zu, wie ein anerkannter Denkmeister die Humoristik analysiert. Ich spreche von Henri Bergson , den ich als Forscher auf abstrakten Gebieten hoch verehre. Um so unbegreiflicher ist es mir, daß er mit seiner Analyse viertelwegs stecken blieb. Denn er wollte das Wesen des Lachens ergründen, und was er herausbrachte war ein Feuilleton in Buchformat; eine sehr feine, literarisch ungemein ansprechende Feuilletonarbeit, aber doch nur ein Getast an der Oberfläche, ein Herumspüren an Teilerscheinungen des Humors. In das Mysterium des Lachens ist er nicht hinabgestiegen. Das sitzt bei den »Müttern«, und wer zu diesen dringen will, muß sich faustisch waffnen. Der polierte Schlüssel des Akademikers öffnet keine unterirdischen, seit Jahrtausenden verriegelten Pforten. Denn diese Elementarerscheinung, die Erschütterung des Gelächters, führt zu urzeitlichen Grundmotiven der Menschheit. Und wie weit geht Bergson zurück? Bis zu Molière, mit Zwischenblicken auf Labiche und Regnard. Weiter getraut er sich nicht. Aus Fäden und Fasern der Komödie, in der sich für ihn das Wesen des Humors erschöpft, will er ableiten, warum der Mensch lacht. Er sitzt behaglich in der Loge des Théâtre Français und fühlt sich zu Aperçus angeregt. Die geraten ihm ganz reizend, noch weitaus besser als vordem einem Sainte-Beuve, Jules Janin oder dem foyerplaudernden Onkel Sarcey. Man erfährt nur nicht, weshalb er seinem umfangreichen Essai den pretentiösen Allgemeintitel »Le Rire« gibt. Er rückt nicht das universale Gelächter in das Feld der Einsichten, sondern gibt Auskunft über sein eigenes feingeistiges Lächeln aus Anlaß gewisser Charaktere und Szenen, die im Ozean des Welthumors soviel bedeuten wie das Schaumgekräusel einzelner Wellen am Strande. Es ist so, als wollte einer das Wesen der Elektrizität darstellen und bliebe bei den Korkpüppchen stehen, die unter einer geladenen Metallplatte tanzen. Und wie könnte er zu den Wurzeln der Erkenntnis vordringen mit diesem Bündelchen spärlicher Einzelproben! Die weitesten Gebiete des Welthumors, die ungeheuren Witzplantagen des Orients, des Germanentums sind ihm terra incognita; er findet kaum ein Beweisstück aus der Fabel, aus dem Volksschwank, aus der Stegreifkomödie, geschweige aus Aristophanes, Plautus, Rabelais, Wieland, Lichtenberg, Boz, Thackeray, Börne, Heine, Reuter, Gottfried Keller, Vischer, Oscar Wilde, Anzengruber, Fulda; aus dem unendlichen Horizont schneidet er ein winziges Streifchen heraus, und sein Blick polarisiert sich mit Pariser Chineserei auf Monsieur Jourdain und seine Mitspieler im Repertoire des einen Molière. Ganz gelegentlich besinnt er sich auf eine fremdländische Figur, etwa auf Mark Twain, der neben vielem Gelungenen etliche ultrablöde Langweiligkeiten produziert hat. Und richtig greift er aus dem ganzen Twain die allerfaulste Stupidität als Exempel heraus. Mir ist es erwiesen: Henri Bergson, den ich als Metaphysiker bewundere, als Ästhetiker nicht missen möchte, besitzt auf seiner Fähigkeitstafel einen blinden Punkt: das eigentliche Organ für die Materie des Lachens ist ihm versagt. Und wenn gerade er mit seinem »Rire« soviele Vor- und Nebenläufer verdunkelt hat – Philbert, Heeker, Mélinard u. a. – so bleibt nichts übrig als der fatale Glaube, daß die rein ästhetisch-philosophische Betrachtung für die Bewältigung dieses Themas überhaupt nicht ausreicht. Hier kann nur die Naturforschung Hilfe bringen, erprobt von einem Geiste, der den Welthumor kennt, den Witz kommandiert, und der nicht davon abläßt, das Lachen als eine durchaus organische Funktion begreifen zu wollen. Denn das Lachen ist eine körperliche Erschütterung, und es heißt das Pferd beim Schwanze aufzäumen, wenn man nicht zu allererst nachweist, wie die Bedürfnisse des Körpers die Eruptionen des Lachens forderten, bevor noch das Lächerliche auf der Welt war. Die Komik; das lustige Erlebnis, die Ironie, die Lust an der gesprochenen und gelesenen Pointe, die Erregung am humoristischen Text und Bild, sie alle stehen am Ende der Tatsachenreihe: am Anfang steht der rohe Mensch der Urzeit, der aus ganz anderen Motiven das Lachen lernte, aus einem Lebenszwange, der ihn genau so stark beherrschte wie Hunger, Durst und Geschlechtsgier. Wie dieser Zwang wirkte, und wie diese Wirkung nach Jahrtausenden in etwas Geistiges, Seelisch-Freudiges übergriff, das zu ermitteln ist Aufgabe einer Physiologie, die bis ins menschliche Primordium hinabsteigt. In den Bann dieses Problems geriet ich selbst, wenn ich Humoristika erdachte oder auch vergeblich beabsichtigte, in den Wehen der Produktion, und besonders in der Erklärungsnot darüber, warum ich denn mit Schrift und Vortrag justament auf das Zwerchfell wirken wollte, auf ein Organ, das doch an sich, anatomisch, um nichts geistiger vorgestellt wird als Niere, Galle oder Harnblase. Sollte da am Ende eine Nützlichkeitswurzel vorhanden sein, ein geheimer Zusammenhang mit Daseins- und Gattungserhaltung? Frühzeitig hatte ich angefangen, den Spuren der Evolutionisten, zumal Herbert Spencers nachzugehen, und ich glaube auf diesem Wege Ergebnisse gefunden zu haben in der Zurückführung künstlerischer Emotionen auf vitale Notwendigkeiten. Als Vorstufe der Erkenntnis erschien mir das Verlangen, die Qualität in eine Quantität aufzulösen, die sich dem Maß und der Zahl unterordnet, also das sinnlich Erfreuliche in Beziehung zu setzen zu meßbaren Kräften und Rhythmen, die in der originalen Natur walten. Leibniz hat die Musik definiert als Exercitium arithemeticae occultum nescientis se numerare animi; geheime arithmetische Übung der Seele, welche zählt, ohne es zu wissen. Ich gelangte auf weiten Umwegen zu der Ergänzung: die bildhafte Schönheit – in Betrachtung und Ausübung aller, körperlichen Kunst – ist eine Übung der Seele, welche analytische Geometrie treibt, ohne es zu wissen. Und ich zweifelte nicht daran, daß es möglich sein müsse, die Freude selbst, abgetrennt von Klang und Strahl, auf eine uralte in der Natur waltende Rhythmik zurückzuführen. So eine Rhythmik liegt im Atmen, wonach die Freude, zumal die Heiterkeit, die das Lachventil sucht, ein pneumatischer Vorgang wäre. Eine sprachlich-begriffliche Kette führt vom ersten Ausdruck des Atmens, dem ebräischen »Ruach« (das Hauchen, Wehen) zum »Pneuma« der Kirchenschriftsteller, zum Spiritus bis zum Esprit. Durchweg dominiert die Bedeutung des Beseelten, Geistigen. In dem lateinischen Wortspiel »dum spiro spero« – solange ich atme, hoffe ich – wird die Lebensfreude direkt auf den pneumatischen Vorgang bezogen. Auch der Stolz und die Eitelkeit finden sich nachweisbar in den Deutungen jenes Hauchbegriffs, wie denn auch in den meisten Freudenäußerungen Substanzen der wirklichen oder eingebildeten Überlegenheit stecken und mit ihnen die Schadenfreude. In aller Humorlust ist das ganz unverkennbar, selbst auf der Stufe hoher Geistigkeit; das überhebliche Atmen verkündet: Ich bin dem eigentlichen Objekte des Humors überlegen, ich freue mich am mangelnden Spiritus der Zurückbleibenden, deren Atem nicht zur Erreichung dieser Geisteshöhe ausreicht. Das ergäbe schon eine Verbindung mit dem wichtigen Atmungsmuskel Zwerchfell, dessen Rhythmik man zu ergründen hätte, wenn man das Geheimnis der Lachfreude aus dem Okkulten herausheben will. Setzen wir zum Übergang in der Untersuchung die Behauptung: das Lachen ist die verborgene Übung der Seele, welche prähistorische Studien treibt, ohne es zu wissen. Halten wir daneben, daß alles Launige, vom feinsten klassischen Humor bis zum derbsten Rüpelspaß und bis zur unflätigen Zote, im Kontrast wurzelt, und man hat die Elemente zum Verständnis in der Hand. Ich erlasse es mir, den Kontrastsatz zu begründen. Jeder prüfe selbst, hole Stichproben aus den milliardenfachen Möglichkeiten der eleganten Satire wie des grobkörnigen Gassenulkes; es gibt keine Ausnahme; ein Humor- und ein Lachmotiv außerhalb des Kontrastes ist undenkbar. Und jetzt gälte es aufzuzeigen, daß der Kontrast, wie ihn der Urmensch spürte, viele Jahrtausende vor Existenz irgendwelcher Lebenskomödie, seine Atmung schon genau so impulsiv bearbeiten mußte, wie er die unsrige anstößt, wenn das Lachen über uns kommen soll. Nur einem Physiologen konnte diese Ausfolgerung glücken. Andra moi ennepe, Musa! Sie antwortet: Carl Ludwig Schleich und verweist damit auf einen Mann, der mir im Leben als Pfadsucher nahe stand. Unsere Gemeinsamkeit war die Arbeit auf Grenzgebieten, unsere Methoden zeigten verwandtschaftliche Züge, hin und wieder beinahe Parallelitäten. Aber auf diesem Grenzstreifen, der das Lachproblem einschließt, mußte der Fachhumorist dem Naturforscher unbedingt den Vortritt lassen. Sein Wort gilt mir als entscheidend und wird jeden als Lösung ansprechen, der auch nur von einer sehr abkürzenden Paraphrase Kenntnis erhält. Wir stellen uns einen Urmenschen vor, der von einer unmittelbaren Gefahr, durch Feind, Raubtier, Python, Lawine schärfstens bedroht wird. Über ihm schwebt der Kontrast in einer Lebensbejahung, die sein ganzes animalisches Leben ausmacht, und in der Lebensverneinung, die ihm das Verhängnis der nächsten Minute bringen kann. Er will sich retten, sich wehren, und im ersten Affekt reißt er den Mund weit auf zur Einpumpung von Luft, die jede starke Muskelspannung elementar begleitet; weil die Muskelaktion auf massenhaften Verbrauch von Sauerstoff angewiesen ist. Aber in dem Verhängnis soll ein Knick auftreten; irgend ein plötzlicher Zufall verändert die Lage; der Feind, der fauchende Rachen, die entsetzliche Gefahr verschwindet; die schreckliche Kontrastspannung löst sich, um einem ebenso intensiven, freudigen Gefühlskontrast Platz zu machen. Schon vom Tode umklammert, fühlt er sich wieder frei, er wird leben, und im stürmischen Aufprall dieses frischen Affektes entlädt er seinen nun überflüssig aufgespeicherten Sauerstoff in stoßweisen Expirationen. Dieser biologische Vorgang eruptiver Atmung ist mechanisch betrachtet mit dem Lachen identisch. Er zeigt sich in dem angenommenen Falle als der urzeitliche Vorläufer alles Lachens und gründet sich auf dasselbe Motiv: den Kontrast. Nichts anderes wird für ihn vorausgesetzt als eine Spannung mit freudig empfundener Lösung. Ursprünglich ging es um Tod und Leben, wonach die plötzliche Überlegenheit den Atmungsprozeß antrieb. Auf den eingeschleiften Nervenbahnen der Seelenkultur haben sich andere Überlegenheiten herausgestellt, darunter die trotzige Freude in Wahrnehmung eines Gedankenkontrastes, den der Geist selbstherrlich überwindet. Aber der Mensch knüpft immer noch an den Urlaut an, an die Stoßatmung des wilden Troglodyten; und bei den wohltätigen Kontrastspannungen, mit denen aller Humor und Witz operiert, fallen wir automatisch in die vorzeitlichen Gepflogenheiten, als ginge es auch hier um Sein und Nichtsein. Das Lachen gehört somit zu den rudimentären Erscheinungen, die uns so vielfach in biologischen Abläufen auffallen. Ein Mensch zuckt flüchtig zusammen beim kleinen Schreck, beim Malheur des Alltags, wenn ihm eine Mücke ins Auge fliegt, wenn er die Teetasse fallen läßt oder sich schmerzhaft auf die Zunge beißt. Was sagt dieses Zucken an? Eine rudimentäre Erinnerung. Auf der Urstufe war es die gewaltsame Aktion der Muskeln bei der Flucht aus Lebensgefahr; davon haben die Muskeln einen minimalen Rest aufbewahrt im leisen Zucken bei belangloser Gelegenheit, die den Gefahrbegriff nur noch in unendlicher Verdünnung enthält. Die leise Bewegung der Nasenflügel, die im Liebesgeplänkel der Freundin so reizend stehen kann, war ursprünglich ein Erkundungsvorgang, eine Witterung der Nüstern dem Unbekannten gegenüber, in Zeiten, da noch die Nase Indianerspürkraft besaß. Die Assoziationen haben sich verändert, aber im atavistischen Rückfall zeigt sich immer noch die Spur des alten Mechanismus. Durchweg gewahrt man bei den Atavismen eine Beziehung zum Rhythmus vorsintflutlichen Muskelspiels. Und besonders deutlich bei den rhythmischen Zwerchfellstößen, welche die drangvollsten Momente aus schwierigstem Daseinskampf des Urahnen so lustig repetieren. Bis ins Extrem verändert, verfeinert, haben sich die Motive, die heut durch die Kontrastmittel des Humors Heiterkeiten beflügeln, aber der Taktmeister des Rhythmus ist derselbe geblieben: der temperamentvolle Lebensdrang, der vordem nur einen rohen Bläser kommandierte, während er heute auf reichgegliedertem Orchester sprudelnde Scherzi spielt. Und nun vergegenwärtige ich mir wieder die Phasen meiner eigenen Tätigkeit, soweit sie im humoristischen Felde beinahe ein halbes Jahrhundert füllte. An irgend einem Pulte jenes Orchesters habe auch ich gesessen, habe ich meine Töne einfließen lassen in die große Heiterkeitssymphonie, die wie wir sahen, im seelischen Haushalt doch etwas mehr bedeutet als eine bloße Zerstreuung. Sie beansprucht den Rang einer vitalen Notwendigkeit, wie die Luft selbst, wie der Sauerstoff, mit dem sich die Lunge tiefschöpfend sättigt, wenn der lachende Atem anzeigt: hier ist Lebenshöhe! Das kommt dem Schreiber nicht auf jeder Teilstrecke seines Wochenpensums zum Bewußtsein; er redigiert im Witzblatt, baut Verssatiren und Prosahumoresken, entwirft dazwischen Lustspielszenen, animiert zu launigen Bildern, trägt vor und wird vorgetragen, und dann ereignet es sich wohl auch, daß ein lautinstrumentiertes Lachen ihm den Erfolg bezeugt. Aber den nimmt er noch nicht als Gewähr dafür, daß er am Menschheitswohl wirkt. Erst wenn er erwägt, daß die launigen Winzigkeiten seiner Einzelerlebnisse Bestandteile einer Weltfreude sind, die sich vom Gefahrschreck des Urmenschen bis zum Beifall eines Leserkreises, eines Auditoriums erstreckt, darf er sich sagen, daß er als Mitträger einer Sendung auftritt, die an Wichtigkeit kaum von irgendeiner anderen übertroffen wird. Und wenn er nebenbei noch als Philosoph arbeitet, so wird sich in ihm der Vorsatz verdichten, das Grundelement seiner Heilmission, den Humor, auch in seiner Philosophie nicht zu verleugnen. Ohne ihn wäre das Leben nicht lebenswert, und im Lachen bekennen wir, daß ein humorloses Dasein für uns überhaupt nicht aushaltbar wäre. Sicherlich trifft Max Nordau das Richtige, wenn er die letzten Stunden unserer eiszeitlichen Nachfahren ausmalt in einer Prognose, die auch noch für die letzten fernsten Daseinsreste alle Möglichkeiten der Frohlaune offen hält. Diese Menschen der Eiszeit »werden noch die kreuzlustigen Kumpane sein. Sie werden in Eskimotracht Fastnachtsvereine bilden, sich die Kälte durch unermüdlichen Tanz aus den Gliedern treiben und ihren Tran in Begleitung jauchzender Trinklieder genießen. Wenn endlich der letzte Mensch erfrieren wird, so wird er wahrscheinlich ein breites Lachen auf den Lippen und die letzte Nummer des Kladderadatsch der Epoche in den erstarrten Händen haben.« Ob Kladderadatsch oder Lustige Blätter oder sonst ein Witzorgan, das bis ins Glaciale durchhält, ist in diesem Zusammenhange gleichgültig. Wer im Dienste des Lachens arbeitet, am heilkräftigen, heiligen Lachen sich als Ministrant fühlt, der durchtränkt sich auch mit der Weisheit des Voltaire und Beaumarchais. Er erlernt und betätigt die Kunst, viele Miseren so zu vereinigen, daß sie zusammen einen ganz erträglichen Zustand ergeben. Tritt ihm der Sittenrichter mit der Forderung entgegen, nur dem Ethos die Regentschaft zu lassen, da der Spaß als entbehrlich keinen Anspruch auf Lebensbestimmung erheben dürfe, so wird er ihm mit Voltaire antworten, daß es auf der Welt nichts Notwendigeres gäbe als das Überflüssige; und mit Beaumarchais, daß man über die Welt zu lachen habe, aus Angst, andernfalls unaufhörlich über sie weinen zu müssen. Schließlich stehen alle Seelenfunktionen in Verbundenheit: »Lachen, Weinen, Lust und Schmerz sind Geschwisterkinder«; auch in dieser Geschwisterschaft steckt der Kontrast, den das Geschick oft genug tragisch färbt, den aber noch häufiger das Temperament ins Komische umschlagen läßt. Das empfindet der tätige Humorist schon in den Wehen seiner Arbeit, besonders in vorgerückten Jahren bei der bedrohlichen Frage: lohnt es noch, frisch anzufangen, kann das noch glücken? Und da steht wieder der Urmensch zum Vergleichsbild bereit. Wer hat denn überhaupt zuerst gelacht? Nach biblischem Zeugnis Abrahams Weib, als sie sich ihre interessanten Umstände vorstellte. Ein fröhliches Präludium zur späten Herausgabe eines Werkes. Zwischen Betagtheit und Produktion liegt auch ein Kontrast, der oft genug zu tragischer Lösung führt. Helfe mir das Lachen zu freudvoller Überwindung! Zwischen Sumpf und Himmel Diese Flegeljahre erstrecken sich reichlich über ein Dezennium, wenn auch nicht in lückenloser Folge. Längere unverflegelte Zeiträume liegen dazwischen, Intervalle, in denen ich mich auf mich selbst besann und in strammer Berliner Arbeit einem löblichen Philisterium oblag. Aber wie der Quartalstrinker der periodischen Versuchung unterliegt, so packte es mich in längst verflossener Jugend alle Jahre ein paarmal mit der unbezwinglichen Gewalt, die man sonst nur dem Heimweh zuschreibt. Ein Teil meines Selbst, – heut muß ich wohl bekennen: der schlechtere Teil – wurzelte in der Pariser Bohème, und es war die Stimme des Zigeunerblutes, die mich immer wieder in jenen romantischen, grotesken Kreis zurückrief. Dagegen war ich wehrlos, und offen gesagt, ich strengte mich auch nicht sonderlich an, um mich gegen die Verführung zu waffnen. Oft hockte ich noch am Spätnachmittag an meinem Berliner Schreibtisch, bastelte an irgend einem kunsttheoretischen Aufsatz, in der sicheren Umfriedung der Penaten, unverlockt von Plänen, die auch nur über die nächste Straßenecke hinausgegriffen hätten, – und zwei Stunden später saß ich mit hastig gepacktem Ranzen im Nachtschnellzug, beglückt vom Eisenbahnrhythmus, aus dessen Synkopen es mich schon wie eine Vorahnung aller »Cris de Paris« anflog. Niemals hatte ich dabei die Vorstellung eines extravaganten Entschlusses, kaum eines leichten Impromptus. Man fuhr eben nach Paris, weil der Trieb der Minute sich meldete. Ein Ausflug nach Potsdam erfordert heut mehr Vorbereitung, Umständlichkeit, Kassensorge, als damals eine Reise, an deren Zielpunkt eine andere Welt sich aufbaute; das seltsame Zauberreich der Murger und Dumas, bevölkert von Kunstjüngern, Studenten und Halbdirnen, die in Not und Bedürftigkeit ein Elysium erleben; Figuren eines Dramas, in dem die Motive der Tragödie mit denen des ausgelassenen Schwankes bunt durcheinander wirbeln. Das ist die Vie de Bohème, die lange bestand, bevor sie entdeckt wurde, und die länger bestehen wird als die nach ihnen geformten Opern von Leoncavallo und Puccini. Regentin dieses Lebens ist die Fee Illusion; sie hatte vordem ihr Lager auf dem linken Seineufer, und ich war dabei, als sie nach dem hügeligen Gelände des Montmartre übersiedelte, mit ihren Requisiten und magischen Laternen, aus denen sie die Blendeffekte einer Fata Morgana entwickelte. Wenig oder nichts von diesem bekam der Fremdling zu spüren, der sich bei einem Pariser Aufenthalt lediglich nach den Gesichtspunkten der Sehenswürdigkeit oder der großen Sensation einrichtete. Man mußte erst mit dem Allerwelts-Paris fertig sein, mit den Museen und Theatern, mit der Historie und den Monumenten, bevor man in den Hintergrund vordrang, der dem Betrachter so gar nichts an äußerlichem Reiz entgegenstellte. Ja, genau genommen, gab es da durch Jahrzehnte überhaupt nichts zu sehen, sondern nur zu erfühlen, denn diese Boheme war eine Bühne ohne Parkett, und wer nicht mitzigeunerte auf der Szene, der fand nicht einmal einen Platz zum Beobachten. Wie ich selbst da hineingeriet? Jedenfalls nach keinem vorüberlegten Plane, ohne Vorsatz. Der Zufall hatte eine siebenköpfige Schar von Jungmannen und Jungmänninnen zusammengeführt, einige von französischem Geblüt, die anderen von österreichischer Herkunft und etliche Reichsdeutsche. Entscheidend war der Genius loci in unserem Quartier der Rue Baudin, nördlich der Rue Lafayette, der Geist des Hauses selbst, der keinen Unterschied nach Nationalitäten machte, sondern jeden Bewohner dieser ziemlich spelunkenhaften Wirtschaft mit seinen Essenzen beträufelte. Damals war der Roman Pot-bouille von Zola noch gar nicht geschrieben; als ich ihn später las, erkannte ich in ihm viele Züge unseres eigenen undisziplinierten Hausrats von der Rue Baudin. Und als ich noch später die vorerwähnten Bohème-Opern sah, kamen sie mir wie Verschlechterungen der Wirklichkeit vor. Denn die wirkliche Bohème ist gar nicht dramatisch, sondern sie spinnt sich ziellos als eine von zahllosen Humorlichtern übersprühte Lyrik. Wir beide, ich und mein Bruder, der Komponist, wir standen nach Gesinnung und Lebensvergangenheit anfänglich noch über der Sache und ließen uns das direktionslose Bummeltreiben eben nur gefallen, ohne ihm flegelhafte Impulse zu erteilen. Allein der liederliche Hausgeist verwirbelte uns schnell genug in das Lebensgesudel der Genossen, und nach kurzer Zeit schwammen wir mit aller Virtuosität in dem trüben Gewässer, das an der Oberfläche so hübsch irisierte. Nichts ging hier nach Richtschnur und Gepflogenheit bürgerlicher Regel, höchstens waren Spuren eines geselligen Komments vorhanden, der sehr viele Erlaubnisse enthielt und auf der Gegenseite nur das Verbot, sich korrekt zu benehmen. Man verabscheute alle Gradlinigkeit und schwärmte für Lebenskurven mit recht vielen Unstetigkeitspunkten. Alles was man dachte, kam aphoristisch, paradox, unlogisch zum Vorschein. Schließlich wollten diese jungen Leute doch auch einmal Karriere machen, aber sie haßten die Karrieremacher, die Gesicherten, »Arrivierten« und sie glaubten, daß sie den Erfolg schon einholen würden, auch wenn sie gar keine Anstrengung machten, um sich ihm zu nähern. Es war eben Sache des Erfolges, die Befähigten herauszufinden und sie später einmal für die Ausdauer zu krönen, mit der sie am einstündigen oder keinstündigen Arbeitstag festgehalten hatten. Es herrschte ein weitgehender Kommunismus, der sich bis auf Kleidungsstücke, Räume, ja bis auf Temperaturen erstreckte: hatte einer im Winter mittels primitiver Heizvorrichtung im Zimmer einen erträglichen Zustand erzielt, so lagen ihm die übrigen auf dem Halse, die ihre Anwesenheit durch vielfaches Gespaße rechtfertigten, Wärmegrade nassauerten und den Berechtigten bei jedem Anlauf zur Tätigkeit erfolgreich störten. Denn es kam allerdings vor, daß einzelne Arbeit markierten und sogar Geld verdienten, das dann gewöhnlich durch die im Hause verzweigten Pumpröhren rasch genug abfloß. Man war, ganz wie bei Murger, mit einem 20-Franc-Stück »le capitaliste«, und wenn sie Glück hatten, wußten sich die Kapitalisten tagelang im stolzen Besitz zu behaupten; so mein Bruder und der Wiener Liederkomponist Richard Prandl, die im Konzertleben bereits eine ansehnliche Stellung erreicht hatten. Natürlich wurde die Minderheit der Erwerber bei den gemeinsamen Mahlzeiten unserer Bohème mit besonders kräftigen Kontributionen herangezogen. Diese Gelage im Zimmer, auf defektem Geschirr und mit dem Komfort prähistorischer Bestecke, waren nach dem Prinzip Picknick organisiert. Wir kauften an den Viktualienständen was uns gerade in den Wurf kam und schwangen uns bisweilen bis zu grünbärtigen Austern empor, einer Sorte von Arcachons, die nach eingeseiftem Hering schmeckte und die man beim Straßenhändler häufelweise erstand; zu 60 Centimes eine hohe Tüte voll. Jeder hatte zu den Picknicks seinen Beitrag zu steuern an Weißbrot, Käsescheiben, Wurstfragmenten, Obst, bis zu gewissen Extravaganzen vom Geflügelmarkt, und es gehörte mit zum Programm, daß ein bemerkenswertes Mitglied unseres Siebengestirns, der Schriftsteller Philipp, durchweg den größten Appetit mitbrachte. Darüber hinaus verstieg er sich lediglich bis zum Pfefferdeputat. Niemals gelang es uns, ihn zu einer stärkeren Leistung zu begeistern: das Register seiner Lieferungen begann und endigte beim Pfeffer. Aber Philipp hegte Pläne, sehr weit ausgreifende Pläne, und diese entwickelte er uns gewöhnlich während der gemeinsamen Schlemmerei in der Stube des mir brüderlich nahestehenden Pianisten. Dieser war der einzige unter uns, der ein leidlich präsentables Zimmer bewohnte und darin Spuren einer bürgerlichen Ordnung aufrecht hielt. Er besaß nicht nur einen Stutzflügel mit beinahe vollzähliger Saitenbespannung, sondern auch einen Dauerbrandofen vom Format eines Herrenzylinderhutes und obendrein einen geräumigen Wandschrank, der gleichzeitig als Musikbibliothek, Kleiderspind, Wäschekommode und Vorratskammer diente. In diesem beträchtlichen Spinde herrschte Regel und Übersichtlichkeit wie in einer vortrefflichen Registratur: so befanden sich in einem Fache lediglich Klavierwerke von Chopin und Strümpfe; in einem anderen Beethoven und Schlipse, im dritten Robert Schumann und Dauerwurst, darunter Richard Wagner und Rasierzeug, und so fort mit Ausschluß jeder Willkür. Alles war auf leichte Orientierung angelegt, und in der Behandlung dieser Schätze zeigte sich sogar eine gewisse Pedanterie. So litt es der Tonkünstler niemals, daß die Bedienerin seinen Universalschrank mit unzweckmäßigen Werkzeugen bearbeitete, er erläuterte ihr vielmehr: es schickt sich nicht, dieses Möbel mit dem Feuerhaken zu öffnen; in einem anständigen Hauswesen benutzt man hierzu den Pfropfenzieher! Derartige Kleinlichkeiten lagen nicht im Horizonte unseres Schriftstellers Philipp. Unter ihm verschwand der Alltag der Rue Baudin, ja die Gegenwart überhaupt, da er unausgesetzt in hoffnungsfrohen Zukunftsträumen schwelgte. Er hielt sich für den Träger einer kosmopolitischen Idee, antizipierte gleichsam den späteren Romain Rolland, wenn auch nicht nach Ausmaß seiner geschriebenen Werke. Denn er zog mit federleichtem literarischen Gepäck durch die Welt, spürte aber darunter die Adlerschwingen, und glaubte, um so höher fliegen zu können, je weniger er sich befrachtete. Beharrlich entwickelte er uns seine Absicht, das geistige Frankreich mit dem geistigen Deutschland zu verschmelzen und eine Vereinigung der führenden Köpfe beider Nationen in die Wege zu leiten. Ein Universalsalon nach dem Muster des Hotel Rambouillet müsse geschaffen werden, mit Anklängen an Perikles, Plato und Aspasia, ein Brennpunkt des Wissens und des Esprits, der seine Strahlen weit hinaussenden sollte in alle Lande; nur mit dem Unterschied, daß bei der Marquise von Rambouillet Leute wie Balzac, Malherbe, die Scudéry, also lauter Franzosen, tonangebend gewesen wären, während im Kultursalon Philipp ein neuer Geist, der franko-germanische, unumschränkt regieren sollte. Diese wunderbare Synthese, sein Lebenswerk, würde man ihm dereinst höher anrechnen, als wenn er Dutzende von Romanen im Umfang der Balzacschen verfaßte. Es war völlig belanglos, daß er in diesem Zusammenhange die zwei Balzacs miteinander verwechselte und vermengte. Nur auf das künftige Universalwerk kam es an, und dieses trug er einmal besonders lichtvoll vor, als er auf ein von mir gestiftetes, von ihm mit Pfeffer gewürztes Schweinskotelett einhieb. Ich warf die Frage auf, ob er denn seinen phänomenalen Kultursalon im fünften Stockwerk einer Burschenbude auf dem Montmartre einzurichten gedächte. Aber mit dieser Ironie drang ich nicht durch. Der Reformator erklärte es als völlig verfehlt, seine Idee vom Standpunkte eines finanzprotzigen Luxus zu betrachten: »Einfach und gediegen soll es hergehen auf dem Neutralboden meiner Völkerverbrüderung, und zur Bereitung dieser Geisterarena bedarf es keines Palastes in den Champs Elysees, sondern nur einer Persönlichkeit, die imstande ist, ein Pantheon der Lebenden gleichviel wo zu errichten; das steht übrigens schon in meinem Feuilleton, das ich vor sechs Jahren im »Literarischen Magazin« veröffentlicht habe.« »Ohne Ihnen nahetreten zu wollen,« warf ich ein, »mit welchem Rechte halten Sie sich für diese Persönlichkeit?« Philipp begründete dies mit einer Kette von Argumenten. Er wäre im geistigen Paris kein Unbekannter. Emile Zola, Daudet und Maupassant besäßen Briefe von ihm mit Anregungen, die sich in den Schöpfungen dieser Meister merklich ausgewirkt hätten. Sarah Bernhardt habe die Lady Macbeth gespielt, unmittelbar nachdem er, Philipp, ihr schriftlich geraten hätte, sich mit Shakespeare zu beschäftigen: »das sind gewiß nur Einzelheiten, allein sie summieren sich doch zu einem Schwergewicht in der literarischen Welt. Jetzt warte ich nur noch, bis Paul Heyse einmal nach Paris kommt, dann nehme ich mit ihm die Sache in Angriff.« Die Frage, ob Paul Heyse mit ihm in Kompanie gehen würde, beunruhigte ihn nicht weiter. Er berief sich darauf, daß er Heyse in seinem Feuilleton vor sechs Jahren lobend erwähnt hätte und für diese Gönnerschaft eine Gegenleistung erwarten dürfe. »Und selbst wenn Heyse sich spröde verhalten sollte, so bleibt mir noch Paul Lindau, den ich in dem nämlichen Feuilleton mit Sardou verglich.« Mit diesem gedruckten Feuilleton hatte es seine Richtigkeit; es bildete auf der Lebensliste unseres Gefährten ein Unikum, ohne Vorläufer und Nachfolge. Seit Jahren hantierte er schriftstellernd überhaupt nur noch mit einer Schere und einem Taschenbleistift. Er schnitt aus allerhand Zeitschriften kleine Gedichtchen aus und registrierte sie auf Zigarettenpapier, um sie später einmal anthologisch zu verwerten. Hierfür bestand indes wenig Aussicht, da er diese Papierchen immer wieder mit Caporaltabak zusammendrehte und aufrauchte. Nicht viel besser erging es einem Dutzend Gedankensplitter, die Philipp ursprünglich auf seine Manschetten notiert hatte, denn die Hemdröllchen hatten sich längst im Wege aller Chlorwäsche zerfasert und verkrümelt. Kam dann die Rede auf positive literarische Leistungen, so nannte er als Vorbilder Sokrates und Diogenes, die doch überhaupt nichts geschrieben hätten und trotzdem von aller Welt als geistige Größen anerkannt wären. Die Parallele mit dem besitzlosen Diogenes brachte die Finanzfrage wieder ins Rollen. Es wurde festgestellt, daß die Kapitalverhältnisse des Reformators unbeschadet ihrer späteren Blüte einer sofortigen Besserung bedurften; denn er saß nicht nur bei uns in der Kreide, sondern auch bei der Bedienerin und hatte sogar unlängst versucht, einen Gerichtsvollzieher auf der Treppe anzupumpen. In der Debatte tauchte das Wort »Conférence« auf. Ja, das war die erlösende Parole. Philipp mußte in einem großen Pariser Saale einen Vortrag halten als Prolog seiner deutsch-französischen »Geistesamalgamierung«, da war auf die Teilnahme der deutschen Kolonie bestimmt zu rechnen, und bei einem Eintrittspreis von zehn Francs für den Sitz blieb unserem Kumpan ein stattliches Erträgnis so gut wie sicher. Tags darauf erschien der Literat sehr aufgeregt in meinem Zimmer zu besonderer Rücksprache wegen der Fassung des Programms. Als Thema hatte er vorläufig gewählt: »Die deutsch-französische Literatur seit dem neunten Jahrhundert bis auf die Gegenwart«. Hierzu aber müsse er sich noch einige Quellenwerke verschaffen, und ob ich ihm zu diesem Zweck eine Summe vorstrecken wolle. Ich bewies ihm, daß das Thema in dieser Allgemeinheit uferlos und an einem Abend nicht zu bewältigen wäre, wir limitierten daher die Ausgangspunkte auf Goethe und Voltaire. Damit war der Spezialisierungstrieb in ihm rege geworden; am Nachmittag hieß das Thema nur noch: »Von Rousseau bis Heine«, und als das Programm druckfertig gemacht werden sollte, erschien die definitive Fassung: »Über einige Merkmale in den Schriften Paul Lindaus«. Die Saalmiete machte Schwierigkeiten. Der »Trocadero« mit seiner Sitzgelegenheit für 6000 Personen empfahl sich zwar durch Größe, sollte aber ein Heidengeld kosten, die Aula der Akademie war schon anderweitig besetzt, und so nahmen wir schließlich einen kleinen Saal am Boulevard Clichy, der eigentlich nur die Dependance eines beliebten Tanzlokals bildete. Mit dem Kartenverkauf haperte es merklich. Bei uns Hausfreunden fanden zwar die ersten acht Billets zu Vorzugspreisen von je zwei Francs reißenden Absatz, allein eine neunte Karte wollte sich absolut nicht verkaufen lassen. Der Versuch, den deutschen Botschafter Hohenlohe zu einer Propaganda zu veranlassen, schlug gänzlich fehl, und nur ein großes Boulevardblatt erklärte sich bereit, zwanzig Karten abzunehmen und eine freundliche Besprechung in seinen Spalten zu liefern gegen Vorauszahlung von 2000 Francs an die Kasse des Zeitungsverlags. Unser Freund arbeitete inzwischen krampfhaft an seinem Vortrage und vertilgte hierzu bei den Mahlzeiten unerhörte Quantitäten, um seiner Denkmaschine die nötigen Kalorien zuzuführen. Seit einigen Tagen besaß er Tinte, Federhalter und große weiße Papierbogen, mit welchen Utensilien er nicht nur die Behausung, sondern auch unser Stamm-Cafe unsicher machte; die Kellner bestaunten diesen Gast, der anstatt vor sich hinzuträumen, wie es einem poète allemand gezieme, offenbar in Graphomanie verfallen war. Daneben beanspruchte ihn die Neuordnung seiner Toilette, die allerdings noch weit reformbedürftiger erschien als das franko-germanische Geistesleben. Denn mit seinem eigenen, bereits viermal gewendeten Anzug hätte er nicht wagen dürfen, ein Pariser Parkett anzusprechen. Zum Glück befand sich in dem großen Wandspind meines Bruders ein Fach für Johann Sebastian Bach, Frack und Plätthemd, und es gelang, diesen Grundstock durch anderweitige Besitztümer des Kreises mosaikartig zu ergänzen. Und in dieser Galatracht, von der ihm nicht Faden noch Knopf gehörte, betrat unser Philipp tatsächlich an einem denkwürdigen Winterabende das Podium, um sich seine Conférence von der Seele zu reden. Eine unserer Hausflammen, Alice Bijou, die Spezialfreundin des Liederkomponisten Prandl, hatte noch drei Damen aus dubiöser Gesellschaftsschicht mitgebracht. Sonst Besucherinnen der amüsanten Kneipe »Rat mort« bekundeten sie, wie manche ihrer Art, feinschmeckerische Instinkte für das Schöngeistige, und obschon sie kein Wort Deutsch verstanden, heischten sie den Beginn des Vortrags, den Philipp von einer Viertelstunde zur andern hinauszögerte, weil ihm doch unsere spärliche bunte Reihe nur als ein sehr verblaßter Abglanz des literarischen Frankreichs zu erscheinen vermochte. Das Verlangen der Weiblichkeit nach der Leistung des poète allemand äußerte sich schließlich so stürmisch, daß dem Frackträger nichts übrig blieb, als seine Conférence steigen zu lassen. Aber es war gar keine Conférence. Er zog vielmehr sein mehrfach beöftertes Feuilleton von anno Olim aus der Tasche, und las dessen verjährten Text einfach ab. Hiergegen erhoben wir Freunde natürlich berechtigten Einspruch, der Wiener rief dazwischen, diese Wiederkäuerei wäre doch zu fad, es stünde ja übrigens ein Klavier in der Ecke, darauf sollte man lieber Musik machen, das könne weit lustiger werden als so ein literarisches Geplärr. Im Nu saß der Pianist an der Tastatur, die Klänge einer Contredance brausten durch den Saal, und wie auf Kommando räumten wir die Stühle beiseite, um Platz für eine flotte Quadrille zu schaffen. Das wirkte wie ein befreiender Zauber, die Veranstaltung löste sich in einen wirbelnden Cahut auf, und in cancanierenden Rhythmen gestaltete sich der Abend zu einem höchst genußreichen für alle Teilnehmer. * Ich nannte soeben eine unserer Hausfreundinnen, und ihr besonders möchte ich hier ein verspätetes Requiem singen; denn sie steht vor mir als die Vertreterin einer vermutlich ausgestorbenen Gattung, deren Spuren man in den Chroniken und Literaturdokumenten kaum noch auffinden wird. Die Mentalität unserer Alice Bijou ist schwer zu beschreiben. Sie war Trägerin eines Persönlichkeitswertes, dem ich ohne weiteres sittliche Größe zuspreche, obschon man sie, nach üblicher Taxe messend, dem Kokottentum zugeordnet hätte. Also etwa eine Traviata, eine Kameliendame, jenseits der Geschlechtsmoral, gutherzig, anhänglich dem jeweiligen kurzfristigen Verhältnis? Nein, darauf will ich nicht hinaus. Solche Figuren hat es vielfach gegeben, sie passen in ein allgemeines dichterisches Schema, und ihr Typus wird sich wiederholen. Aber diese Alice besaß einen Gemütstresor von besonderer Tiefe und darin eingelagert ein seelisches Kleinod, dessengleichen ich bei keiner ihrer Geschlechtsschwestern angetroffen habe. Sie hegte abseits ihrer sinnlichen Bedürfnisse ein ganz reines Freundschaftsgefühl für ihre Umgangsgenossen, und wenn sie einem bestimmten zeitweis körperlich treu war, so umfaßte sie doch uns alle mit geradezu leidenschaftlichen, übersinnlichen Empfindungen. Für sie war die Hausgemeinschaft an sich ein Motiv zur Berauschung. Weder für meinen Bruder noch für mich kam sie auch nur sekundenlang über das Kameradschaftliche hinaus in Frage. Aber ebenso zweifellos bestand es, daß sie ihren letzten Sou und ihren letzten Bissen geopfert hätte, um bei Gefahr einer Trennung das Zusammensein mit uns eine Stunde zu verlängern. Ihre Wildlingsnatur setzte sich über alle Rücksicht hinweg und beobachtete nicht einmal die Schranken, die sonst auch die Gamine anerkennt. Auf der Straße verfiel sie nicht selten aus dem Trottoirgang in einen graziösen Tanzschritt, und plötzlich zum Erstaunen aller Passanten, schoß diese schöne, schlank gewachsene und gut angezogene Person mitten auf dem Boulevard Kobolz, oder sie voltigierte bei hellem Tage radschlagend quer über den Fahrdamm. In der nächsten Minute stand sie vor der Auslage eines Bildes, einer Skulpturenhandlung, und äußerte Kunsturteile, so treffsicher, so feinfühlig wie eine diplomierte Kunstschülerin, rein aus der Intuition heraus, ohne jemals irgendein Kunstfach in Lehre oder Übung berührt zu haben. Sie konnte in Benehmen und in Sprechweise Gassenmädel sein, Zigeunerin und Dame, wie es der Moment ihr eingab, und alles stand ihr gleich gut. Aus der ruppigsten Tonart bog sie unvermutet in einen romantischen Gedankengang, und wenn sie dabei in Tonfall und Haltung die elegante Redeform anwandte, so war sie bei ihr in diesem Augenblick Original, niemals Kopie. Nach Jahren, längst nachdem unser Junggesellenzirkel aufgeflogen war und wir Herren in gesitteten Ehen Unterkunft gefunden hatten, äußerte eine zu meinem Familienkreise gehörige Dame den Wunsch, jenes Geschöpf kennen zu lernen, das in unseren Reminiszenzen einen so bevorzugten Platz einnahm. Alicens Spur war verlorengegangen, und es bedurfte des Zusammenwirkens seltsamer Zufälle, um mich auf die Fährte zu leiten. In Paris ein verschollenes Wesen aufzustöbern, das setzt eine Expedition voraus von der Art Stanleys, als er auszog, um Livingstone zu finden. Endlich fand ich die versprengte Genossin, weit entfernt vom ursprünglichen Schauplatz, im Pariser Osten vereinsamt. Als ich unvermutet ihr Zimmer betrat, erlebte ich an ihr einen Gefühlsüberschwang, der für eine hochdramatische Opernszene ausgereicht hätte. Und als sie vollends von mir erfuhr, daß auch mein Bruder demnächst wieder in Paris sichtbar werden würde, erlag sie fast einem Paroxysmus, so daß ich selbst vor dieser schluchzenden, von Tränen überströmten Person ganz fassungslos wurde. Gewiß, ich hatte das freudige Aufleben einer alten Kameraderie erwartet, aber nicht einen Tumult, dessen Heftigkeit doch irgendwelche erotischen Beziehungen vorausgesetzt hätte. Alice besaß, wie gesagt, Nerven, die auf Freundschaft noch stürmischer reagierten als auf Liebe, und was bei ihr zum Durchbruch kam, war ein langverhaltener Trieb, in dem das Heimweh nach der versunkenen Gemeinschaft unserer Bohèmewirtschaft jäh emporloderte. Tags darauf rüstete ich in meiner damaligen Wohnung, Rue Grammont, einen behaglichen Fünf-Uhr-Tee, um die beiden Damen aus der Halbwelt und der Ganzwelt zusammenzuführen. Hier war auf beiden Seiten Gelegenheit zur Erprobung des Taktes gegeben, und beiderseitig wurde die Aufgabe in gesellschaftlichem Sinne so vorzüglich gelöst, daß die getreue Wiedergabe dieser Begegnung in einem Pariser Sittendrama der Wirkung sicher gewesen wäre. Alice hatte für ihre Erscheinung einen leisen Anflug von Eleganz aufgeboten, nur so viel als nötig war, um der Feiertagsstimmung gerecht zu werden; denn sie spürte die Auszeichnung und war weit entfernt davon, mit Kurtisanenhochmut Klasse gegen Klasse auszuspielen. Anderseits indes gab sie sich ganz freimütig und ohne Verschleierung ihrer libidinösen Vergangenheit, um der fremden Dame keine Maskerade vorzumachen. Sie verleugnete weder ihre Sphäre, noch unterstrich sie deren Merkmale, und ich selbst empfand eine gewisse Genugtuung darüber, daß die von mir so oft gerühmte Alice als Studienobjekt vom Montmartre wie als Eigenperson hier so trefflich bestand. Meine Verwandte war ganz bezaubert von ihr, und wenn mich die Erinnerung nicht trügt, so kam es zwischen beiden Teilnehmerinnen der Teestunde zu offener Freundschaftserklärung. Die Episode fand ihren Abschluß in einem prächtigen Geschenk, das die rangierte Dame der nun fast ausrangierten zustellte. Eine melancholische Begleitempfindung sagte mir, daß Alice wurzellos dahintrieb und bald verwelken würde. Die Fähigkeit, sich anderen Gemütsbedingungen anzupassen, sich etwa in die Ordnung einer kleinbürgerlichen Existenz hineinzufinden, war ihr versagt. Sie konnte nur im Jugendlenz vegetieren, umgeben von der grundlosen Fröhlichkeit einer Kumpanei, die sich aus Nichtigkeiten eine Schlaraffenwelt gebaut hatte. Ich habe sie nicht wiedergesehen. Als ich nach einiger Zeit abermals nach ihr forschte, verliefen sich ihre Spuren ins unentdeckte Land, von dessen Bezirk kein Wanderer wiederkehrt. * Hätte ich mir vorgenommen die Pariser Irrgänge meiner Jugend genau zu registrieren, so würde sich das schriftliche Ergebnis keinesfalls zu einem Erbauungsbuch eignen. Aber auch wenn ich von mir zeitweilig absehe, um die Schilderung eines Milieus in den Vordergrund zu stellen, sehe ich mich genötigt, gewisse Retuschen anzuwenden und einzelne Erscheinungen nur wie durch einen Schleier zu zeigen. Ich möchte hier weder als Anwalt gewesener Lüsternheiten auftreten, noch sie kapuzinerhaft anschwärzen, versuche vielmehr aus den Gegebenheiten eine für diese Darstellung brauchbare Resultante zu ziehen. Wenn man das Wort Seine-Babel ausspricht, so glaubt man immer zu übertreiben und verläßt sich darauf, daß der Vergleich nicht kontrolliert werden kann. Trotzdem wäre zu bezweifeln, ob in Altbabylon die voluptuösen Exzesse so beharrlich und so weitgedehnt betrieben wurden, wie im Babel an der Seine zur Zeit des ausgehenden Jahrhunderts und darüber hinaus, als man noch im Nachhall des Prädikates fin de siècle lebte. Denn nicht im Abstand vom Mythologischen zum Gegenständlichen lag das Wesentliche, sondern darin, daß die uralte Libido im Dienste einer Mylitta und Astarte staatlich-priesterlich gerechtfertigt war, während man in Paris alles darauf anlegte, behördliche Verbote zuerst zu erzwingen und nachher zu verhöhnen. Es regnete Verordnungen über Verfügungen, diese verdichteten sich zu Gesetzen, kulminierten in der »Loi Bérenger«, benannt nach einem sittenstrengen Senator, der dafür jahrelang durch die Kotpfützen der Revuen und Spektakelstücke geschleift wurde. Der deutsche Tumult um die »Lex Heinze« bot nur ein schwaches Abbild dieser französischen Rebellion, die das Geschlechtstier im Menschen in voller Nacktheit herausstellte. Im Hintergrund entfaltete sich Rousseaus Banner mit dem Programm »Zurück zur Natur«, im Vordergrund tobte ein Exhibitionismus, der vom mänadischem Bacchantentum die Wildheit und von den Atelierkünsten der Modernsten das Raffinement entlehnt hatte. Und man mußte in ganz Paris schon sehr vorsichtig in der Wahl der Schaustätten sein, um nicht allabendlich auf Szenen zu stoßen, die mit Kleidung und Entkleidung, mit Sichausziehen und Ausgezogenwerden ein paradiesisch-satanisches Spiel trieben. Die Künstlergilde vom Montmartre ging hier voran mit den Sensationsveranstaltungen des »Bal des quatre-z-arts« und des »Bal du Courrier«, die sich in den weiten Räumen des Moulin rouge austobten. Diese Bälle standen unter der Diktatur einer strengstens durchgeführten Kostümvorschrift, mit den wechselnden Forderungen Altgriechisch, oder Orientalisch, oder Renaissance usw., und man hatte eine Kette von Instanzen zu passieren, die mit geschärfter Sachkennerschaft jede Tracht prüften und jede nicht absolut stilechte aussperrten, mochte auch deren Inhaber durch Konnexionen und Zahlungskraft noch so sehr legitimiert erscheinen. Bis zur Mitternacht vollzog sich die Lustbarkeit als eine historisch getönte Augenweide in allen Formen der Dezenz, und durch keine Geste, noch Anspielung verriet sich die eigentliche Tendenz des Balles. Dann erschien plötzlich, von Lichtflut übergossen, eine vereinzelte Frauengestalt auf der Empore, die von der Festleitung vorbestimmte Signalgeberin, deren Kostüm so eingerichtet war, daß es mit einem bänderlösenden Griff abgeworfen werden konnte. Restlos, ohne Rückstand irgendwelcher Dessous. Und in der nächsten Minute flog von aller Weiblichkeit ringsum bis zur entlegensten Nische jede Verhüllung. Wie es möglich war bei solch allgemeinem Kostümabwurf die Eigentumsrechte an den Gewändern für die spätere Auslese zu sondern, das entzieht sich meiner Kenntnis. Genug, daß von diesem Moment die Tracht nichts mehr galt und die Fleischlichkeit alles. Bis auf die Begriffsspur war die Scham ausgetilgt, und der Chronist sieht sich genötigt, vor dem Prospekt der anschließenden Massenszenen den Vorhang zu ziehen. Die Strafprozesse auf Grund des Code pénal und des Gesetzes Bérenger nahmen kein Ende, und die Gefängnisse füllten sich mit den Freundinnen und Modellen der Künstler. Denn der Einwand der »geschlossenen Gesellschaft« fiel gegenüber der erwiesenen Öffentlichkeit zu Boden, war auch von den Beschuldigten nicht ernst gemeint. Im Gegenteil, es gehörte zu den Standespflichten, eingesperrt zu werden, und diese Damen trugen ihre Strafregister mit dem nämlichen Stolz, wie die Genossinnen der Pentesilea ihre Kriegsnarben. Zählten sie doch überhaupt zu einer abgehärteten Rasse, die gewohnt war, den Gefahren und Wunden zu trotzen. In einem ihrer Hauptquartiere, in der steilen Rue Lepic, gab es Nacht für Nacht Messer- und Revolveraffären, und ein bedeutender Künstler hat mir versichert, er habe seit Jahren keinen heilen Frauenkörper zu Gesicht bekommen; kein Modell ohne wenigstens zehn Dolchstiche am Leibe. Die Nuditätswelle überschwemmte ganz Paris. Mit Ausnahme der alten Elitetheater, die in ihrem gefestigten Repertoire einen natürlichen Deich fanden, widerstand keine Bühne der wilden Flut, und wie die Pilze schossen neue Schaustätten herauf, in denen das Thema der Nacktheit stupide oder witzig variiert wurde. Auf dem Theater Horloge, Champs Elysées, erschienen Prévost »Demi-Vierges« in travestierten Gesellschaftsszenen. Die jungen Damen des Stückes waren en façe ganz korrekt bekleidet, zeigten indes an der Kehrseite einen breiten Kleiderspalt vom Hals bis zu den Waden, so daß jede Halbjungfer, je nach Stellung und Wendung, als elegante Salondame oder als Venus Kallipygos wirkte. Das Olympia-Theater auf den großen Boulevards gab ein pantomimisches Drama, das alle Phasen einer Hochzeitsnacht mit peinlicher Genauigkeit darstellte. Als man späterhin versuchte, einzelne Teile dieses Stückes in kinematographischer Wiedergabe nach Berlin zu verpflanzen, verfiel schon der erste Ansatz der staatsanwaltlichen Guillotine, während es in Paris gegenüber einer Wiedergabe durch lebendige Schauspieler gar nicht mehr verlohnte, Zensur und Polizei zu mobilisieren. In der »Cigale«, einem reizenden Vorstadttempel der leichtgeschürzten Muse, wogte die Nacktheit über die Rampe hinweg bis in den Zuschauerraum. Nachdem es auf der Bühne nichts mehr zu enthüllen gab, warfen Kapellmeister und Orchestermusiker alles Entbehrliche ab, und bald beteiligte sich das Publikum an der Orgie des Blößenwahns. Auch der Widerstand wurde drollig markiert durch Mitglieder des Personals, die im Räume verteilt den Unfug vervollständigten. Da erhob eine scheinbar anständige Dame von ihrem Parkettplatz aus entrüsteten Protest; mit der Folge, daß zwei Polizisten über sie herfielen, um ihr die Kleider vom Leibe zu reißen und ihr die allgemeine Hausordnung des Déshabillé aufzuzwingen. In vielen Etablissements der Pigallegegend nahm die Splitternacktheit allegorische Formen an; man zeigte die Kardinaltugenden oder die sieben Todsünden als bewegte lebende Bilder, ohne Trikot-Ausflüchte, und man überspitzte die Effekte durch optische Hilfsmittel, besonders durch Spiegelreflexe, dergestalt, daß noch immer etwas Unbestimmtes zu erraten blieb, wenn auch schon alles blank vor den Augen lag. War es doch das Lustprinzip der sogenannten »Voyeurs« möglichst viel zu sehen, im Versteck, durchs Schlüsselloch, mit der Illusion eines Restes von Heimlichkeit; daß in den Schaustätten die Schlüssellöcher so breit waren wie die Bühnen, gab nur Anlaß zu gelegentlichen verschmitzten Tricks, welche die erdrosselte Illusion hin und wieder zu galvanisieren trachteten. Im großen und ganzen war es wie eine Rückwärtsrevidierung des Bewußtseins bis zum zweiten Kapitel der Genesis: und sie waren beide nackt, der Mann und das Weib, und sie schämten sich nicht. Es gab eine in Flugschriften verbreitete Sendung der zielbewußten Exhibitionisten, die den biblischen Sündenfall rückgängig machen wollten, und diese neue Erlösung trieb die abenteuerlichsten Blüten, förderte Kuriosa an allen Ecken und Enden in dem ungeheuren Gebiete vom nordisch primitiven Moulin de la Galette bis zu den Spelunken des Montparnasseviertels. Ein Journalist meines Kreises wurde von einem frisch zugereisten Wiener Strizzi bestürmt, ihn in das Lokal zu führen: »wo die nackten Madeln Billard spielen«. Mein sehr ortskundiger Kollege lachte den Herrn aus, weil selbstverständlich für eine so hirnverbrannte Spezialität auch in Neubabel keine Möglichkeit bestünde. Aber das Gelächter war verfehlt, denn der forschungslüsterne Fremdling begab sich führerlos auf die Suche und entdeckte auf eigene Faust tatsächlich eine Taverne, in der nackte Mädchen Billard spielten. Derlei Kuriosa bildeten nur vereinzelte Kotspritzer auf dem riesigen Gewebe, das von den Adamiten der Stadt übergeworfen war und sich durch Jahre als unzerreißbar behauptete. Die ganze Erscheinung war viel zu ausgedehnt und zu zählebig, als daß man sie nur wie eine extravagante Schrulle hätte abtun können, sie trug vielmehr die Züge einer Revolte, mit der sich ein aus der Zeitverschüttung aufsteigendes Urmenschentum ankündigte. Was der Chronist davon festhält, sind nur Episoden, nicht das Ding an sich, nicht der atavistische Trieb, der ins Große steigerte, was sich vordem zu Napoleonischer Zeit nur in vereinzelten Eskapaden herausgewagt hatte. Damals war es schon ein Ereignis, daß die Operettendiva Hortense Schneider, die erste Gerolsteiner Grande-Duchesse von Offenbachs Gnaden, bei hellem Tage eine Nacktpromenade vom Grand Hôtel bis zur Madeleine unternahm. Aber das war ein spaßiges Impromptu infolge einer Wette, weit entfernt von einer programmatischen Ansage, und dem Vorgang lag nichts anderes zugrunde als die Laune einer gefeierten Frau, die für ein paar Minuten mit ihrer Schönheit über alle Barrieren der Bürgerlichkeit und Polizei hinwegsetzen wollte. Ein vergleichsweise harmloses Abenteuer, mit den späteren Massenexzessen ebensowenig in Parallele zu bringen, wie der Ritt der Lady Godiva. * Was der erwähnte Senator Bérenger mit der Hand auf der Klinke der Gesetzgebung praktisch durchsetzte, war eine fühlbare Verteuerung aller Eintrittspreise; denn die Bühnenleiter und sonstigen Unternehmer kalkulierten die Strafgefahr in ihren Etat hinein, wälzten sie finanziell aufs zahlende Publikum, und die ehrbaren Theater durften nicht zurückbleiben, weil sonst die Snobs geurteilt hätten: Aha, billiger, also weniger lohnend. – Für mich freilich und meine Genossen im Montmartre wurde die Steuer niemals drückend, denn wir verstanden uns auf die Leitsätze der »Combinaisons«, die damals mit den Kniffen einer Kamorra die Eingeweihten geheimbündlerisch versorgte. Wer bei gewissen Traiteuren speiste, durfte billig baden, wer zehnmal billig gebadet hatte, erhielt einen Erleichterungsbon für bestimmte Friseure und Ärzte, und so erstreckten sich die Kombinationen weiter, bis man in den großen Gemeindeteich der »droits d'auteurs« geriet, aus dem sich ganz unbegreifliche Vergünstigungen für abendliche Kunstgenüsse herausfischen ließen. Die Hauptsache blieb, daß man die richtigen Restaurants herausschnüffelte jenseits von Meyer und Baedeker. Ich entsinne mich eines Wirtes wundermild, unter dessen Händen sich die gemeine Kneipenarithmetik seraphisch verklärte. Er war Spezialist in Gemüsen, und in seiner Garküche duftete es wie in den Fruchtgärten von Schiras, in denen ja neben anderen Dolden auch der Knoblauch gedeiht. Das war in der Rue La Grange-Batelière, und der Wirt mit dem famosen Hexeneinmaleins seines Tarifes hieß Labiche. Für drei Francs gab es fünf schmackhafte Gänge mit Wein, Kaffee, Likör und obendrein ein Theater-Freibillett, wobei wir durchschnittlich unter acht Schaustätten die Auswahl hatten, angefangen von den ernsten Tempeln des Gymnase und Odéon bis zu den lasziven Variétés, in denen man Unglaublichkeiten vom Genre des »Petomane« zu hören bekam. Ich will diese Spezialität nicht näher erklären, verweise vielmehr auf das Sprachlexikon, und überlasse es der Phantasie des Lesers, sich den Zusammenhang dieser Kunst mit dem Vortrag ganzer Arien auszumalen. Ich erwähne dabei als Kuriosum, daß es bei einem Gastspiel dieses Künstlers zu einem Bombenskandal kam: der Bürgermeister von Bordeaux wollte das Auftreten verbieten und erzielte damit, daß er selbst, das Stadthaupt, unter dem Entrüstungssturm der Bevölkerung um die Ecke ging und von dem Petomanen aus Amt und Würden geblasen wurde. Wie denn überhaupt der Auspuff ungebändigter Leidenschaften überall stärker war als das Gesetz, die Strafdrohung und die Predigten aller zeitgenössischen Savonarolas zusammengenommen. * Wenn ich Abscheulichkeiten registriere, so darf ich dabei nicht vergessen, daß sie allesamt Äußerungen eines turgor vitalis waren, der die Schablone des Daseins durchbrechen wollte mit jedem Mittel, das sich überhaupt als Sturmbock gegen die herkömmliche Kultur gebrauchen ließ. Mit so vielen Greueln auch die Erscheinungen durchsetzt waren, sie zeigten doch hie und da Züge, die nicht ganz einseitig aus dem Prinzip des Kannibalismus erklärt werden konnten. An der Ursprungsstätte, im Montmartre, blieben hinter der monströsen Außenseite karikaturistische Eigenheiten kenntlich, bei deren Entstehung, wie schon erwähnt, doch auch eine aufspürbare künstlerische Erfindung mitgewirkt hatte. Ich gehörte wohl zu den ersten, die den Besonderheiten der grotesken Zerrbilder im Zusammenhange mit verwandten Erscheinungen auf heimatlichem Boden nachgingen, und noch heute erkenne ich in gewissen Giftblüten der dekadenten Kunst die längst verschwundene Vorzeit. Was sich damals mit huschenden Irrlichtern über Sumpfboden als Neukunst ankündigte, war im Grunde dieselbe trotzige Verneinung des Gültigen und Logischen, wie unsere burleske Lebenshaltung in den vier Pfählen; und obschon ich genau wußte, daß es sich nur um karnevalistische Exzesse handelte, wurde ich nicht müde, die Artistenspelunken zu durchstreifen, um alle Verdrehtheiten einer auf den Kopf gestellten Kunst kennen zu lernen. Was wogen mir daneben die Abende in der Großen Oper und in der Comédie? Neun Zehntel der ernsthaften Erlebnisse sind für mich in die Versenkung gefallen und durch keine Tagebuchnotiz wieder hervorzuholen; aber der okkulte Fratzenspuk blieb mir so lebendig wie damals, als ich meine ersten grusligen Ansagen als verräterische Signale aufsteckte. Denn ursprünglich war das alles Geheimnis. Die Türen der obskuren Lokale standen zwar offen, aber man spürte unsichtbare Gitter, die ein orphisches Geheimnis abschlossen. Der weitaus größte Teil der Pariser Bevölkerung kannte nicht das Schibboleth, und die Menschen südlich der Trinitékirche hätten das Argot dieser Dichter, Deklamatoren, Coupletsänger gar nicht verstanden, geschweige denn die ätzenden Anspielungen, die sich hinter ihrem Rotwelsch verbargen. Wir aber, die in manche Lebensformen des Edelgesindels bereits hineingewachsen waren, wir begriffen den Montmartre als eine Welt kontrastierender Erscheinungen, in der ewiger Fasching und ewiges Elend, Tollheit, Scharfsinn und Dichterphantasie, olympischer Übermut und tiefste Melancholie ineinander flossen. Aus dem Chaos lösen sich im Rückblick Figuren und Gruppen: dekadente Jünglinge mit Knabenaugen und Prophetenbärten, deren altmodische, ghettoartigen Röcke und Hüte auf die Vergangenheit, deren Strebungen auf eine utopische Zukunft wiesen; beinschlenkernde Umstürzler mit den Gebärden bacchantischer Amokläufer; holdselig-wahnsinnig lächelnde Mädchen in präraphaelitischer Tracht, mit Botticelli-Frisuren, mit Lilienstengeln zwischen transparenten Fingern, wie aus den Quattrocento entsprungen; Poeten, die abwechselnd aus dem kastalischen Quell und aus der Pfütze schöpften; Volkssänger, die mit Fetzen urgenialischen Witzes und rüpelhaftester Gemeinheit sinnverwirrend jonglierten. Als meine Kollegen von der Journalistik um die Jahrhundertwende anfingen, die Spuren der interessanten Höllenbrut zu wittern, zeigte der Lenzrausch dieses Lebensfestes längst die Symptome vielfältiger Katzenjämmerlichkeit; ja, man kann behaupten, daß der unverfälscht orgiastische Zustand nur existierte, solange man – das heißt die Welt jenseits des Montmartre – keine Notiz von ihm nahm. Nur bis dahin verlohnte es sich, die Kessel der Batignolle- und Clichygegend, die Schlupfhöhlen der Rue Pigalle abzusuchen, um die Normalstimmung der inneren Boulevards für eine Weile loszuwerden und sich von dem Odem eines parnassischen Wahnsinns anfächeln zu lassen. In diesen primären Ur-Kabaretts und schofel improvisierten Theatern hörte und sah man wirklich, was man sonst in der ganzen Kulturwelt nirgends zu hören und zu sehen bekommen konnte: dunkle Vers-Schmiede ohne Namen und ohne Patent, die mit der Unflätigkeit eines Thersites paradierten und sich in einer unvermuteten Strophe als von apollinischen Weihen begnadet darstellten; erotische und politische Frechheiten, die förmlich nach dem Rotstift der Polizei schrien und deren witzstrotzende Unverschämtheit nicht mehr möglich war, als die Zensoren anfingen, die montmartrische Sprache zu verstehen, jenes Vokabular »ruisselant d'inouisme et de jemenfoutisme« triefend von Unerhörtheit und (milde übersetzt) von Wurstigkeit. Aber der meisten Darbietungen gemeinsames Kennzeichen war trotzdem die Naivität, die Selbstverständlichkeit im Exzentrischen, die Abwesenheit der Routine und des Raffinements selbst im Gewagtesten; denn das Publikum stand auf der Stimmungsebene der Darsteller, und diese hatten nicht nötig, zur Pose ihre Zuflucht zu nehmen. Ja, im Grunde genommen war alles, was vom Podium ertönte und quarrte, nur das Echo der umgebenden Gedanken, der Niederschlag des seelischen Lebens im Montmartre selbst. So hatte es im Chat noir begonnen, wo Rudolf Salis, le Seigneur de Chatnoirville, seine Kunstrichtung: L'école vibrante ou iriso-subversive in Szene setzte, so in den Dielen von Bruant und Genossen, und durch Jahre bewahrte es seine Urwüchsigkeit im »tréteau de Tabarin«, im »Grand Guignol«, in der »Roulotte«, in denen auch die tragische Muse bei aller Verlumptheit erkennbar genial vorüberhuschte. In der Nähe öffneten sich zahlreiche, gänzlich auf Radau angelegte, kaschemmenartige Löcher, wo neben manchen unmöglich zu beschreibenden Schaustellungen das Kneipenleben selbst den abenteuerlichsten Anstrich gewann. In dem einen gab es Zechgelage in Särgen, bei denen Totengräber und Scharfrichter als Mundschenke auftraten, in einem anderen exzedierte man kirchenschänderisch mit Kanzelpredigten unter Mitwirkung imitierter Satansgestalten und blasphemisch angeputzter Trikot-Engel, während nebenan die französischen Könige, von den Kapetingern aufwärts, in historischen Trachten als Kellner servierten und sich von temperamentvollen Gästen anflegeln ließen. Aber Paris begann eines Tages auf den Montmartre aufmerksam zu werden. Die Gardenias und weißen Nelken nebst ihren Damen brachten es allmählich heraus, daß da oben im Norden etwas los sei, und daß dieses Etwas weit amüsanter und viel aparter wäre, als die Mehrzahl der Theatervergnügungen zwischen Vaudeville und Renaissance. Es wurde Modesache, sich abends die Späße der Dekadenten vormachen zu lassen, und während sich in plötzlich gesteigerten Einnahmen eine scheinbare Blüte ankündigte, begann die Wurzel der Montmartrepoesie zu verfaulen; zum Leidwesen auch der echten Bohèmeleute, die aus dem Gleichgewicht kamen, als sie zu Begaffungsobjekten für die mondänen Außenseiter wurden. Denn nun galt es, in den Lokalen die feinen Herrschaften zu verblüffen und den billigen Blödsinn auf die Höhe des fünf Francs-Entrees zu schrauben. Die Natürlichkeit schlug in berechnete Absicht um, die Grimasse eroberte tagtäglich weiteres Terrain, und wenn auch einzelne vortragende Künstler wie Ferny und Furcy in ihren kleinen »boîtes« ihr großes Talent gegen den Ansturm des innerstädtischen Beifalls zu verteidigen wußten, so ging doch die Gesamtheit in der Berührung mit der parfümierten Welt zugrunde. Der Variétékörper des Stadtteils vertrug nicht die Röntgendurchleuchtung, er bedeckte sich mit Brandgeschwüren, und das naive Dekadententum erlebte an sich selbst eine Dekadenz, seitdem es erfahren, wie außerordentlich interessant es den Leuten da draußen vorkam. Ich habe diesen Auflösungsprozeß im Zeitraum zwischen zwei Weltausstellungen verfolgt und ich erblicke in ihren Daten die Wendepunkte für das Völkchen in der Vorstadt. 1889 begann die Invasion der Neugierigen, und im Sommer 1900 lag der Ruin vor aller Augen. Denn bei der letzten Weltausstellung prostituierte der Montmartre seine Reize freiwillig, er stieg hinunter zum Seinequai und verschacherte sich dem internationalen Amüsierpöbel, der seine poetischen Intimitäten genau so betrachtete und bezahlte, wie irgendwelche exotischen Bauchtänze. Die Sache war einfach Geschäft im Umherziehen geworden, anreißerisch feilgeboten mit Animierzetteln, eine transportable Irrenhaus-G. m. b. H. Die Originalität war dahin, die weltstädtische Tünche verschlang die Grundfarbe, und nur noch auf ganz verlorenen Seitenpfaden im Hügelgelände konnte man Reste der verblichenen Freigeistigkeit auffinden. In einigen obskuren Lokalen hielten ein paar Aufrechte zusammen und sie fuhren fort Lieder zu singen, in denen der Montmartre nicht nur im Gegensatz zu London, Rom und Berlin, sondern ganz ausdrücklich im Gegensatz zu Paris als die Hauptstadt der Welt gepriesen wurde. * Weit früher als diese Hymnen wenigstens noch einen parodistischen Sinn hatten, also vor länger als einem Menschenalter, beschäftigte mich zeitweilig die Parallelfrage, ob nicht auch bei uns in Berlin, abseits der großen Lebensflut, ungekannt von den Vertretern der etikettierten Kunstformen, eine Art von Montmartre existiere oder existieren könnte. Was ich an Prognosen aufbrachte, reichte offen gesagt nicht bis in die modernen Dielen und sonstigen Betäubungsstätten, wie sie später am Kurfürstendamm und in der Motzstraße emporwucherten. Ich hielt mich vielmehr an die Gegebenheiten und versuchte, aus ihnen Analogien herauszulesen. Wir besitzen ja von je ein lateinisches Viertel, unsere Modernen von damals bemühten sich andauernd, in dem »kleinen Berliner Mädchen« im »Puppchen« das Gegenstück der Musset'schen und Murgers'chen Grisette darzustellen, und jener Wildling, der unter den Kunstbegriff des Montmartre fällt, der hätte fehlen sollen? Ich nahm die beiden Stadtpläne zur Hand, suchte für Place Pigalle und Place Blanche äquivalente nördliche Werte und gelangte durch Zirkelmessung auf die Elsasser Straße als den wahrscheinlichen Breitengrad des Montmartre an der Spree. Eine vorläufige Streife durch das fragliche Gebiet verschaffte jener Vermutung neue Beweisstücke. Da gab es in der Tat eine ganze Reihe grell illuminierter Bumse mit den herausfordernden Titeln »Eldorado«, »Variétés du Nord«, »Variétés du Boulevard«, »Kristallpalast«, »Junggesellenheim«, und allerhand launige Aufschriften an den Schauseiten öffneten meinem Entdeckertrieb fröhliche Aussichten. Nach dem Vorbild anderer Nordlandfahrer suchte ich natürlich wackere Gefährten für meine Expedition. Aber damit fand ich in meinem Freundeskreis keine Gegenliebe. »Dahin geht man nicht!« hieß es allgemein, und besonders vorsorgliche Gemüter streiften sogar die Frage nach der persönlichen Sicherheit in jenen unerschlossenen Gegenden. So blieb mir nichts übrig, als die Rundtouren auf eigene Faust und Gefahr zu unternehmen. Die ersten Eindrücke waren leidlich ermunternd im Sinne meiner Parallele. Entree wurde nicht gezahlt, ganz wie in der Blüte des echten Montmartre; man nahm einfach eine spottbillige Consommation, wie in Paris, und was das Bier betrifft, so entsann ich mich, genau ebensolches im »Café des quatre-z-arts« zwar nicht getrunken, aber doch schaudernd versucht zu haben. Nirgends wurden die Schrauben zum Weinzwang, und nur vereinzelt zum Lachzwang angesetzt. In einigen Lokalen gab es auch phantastische Wandverkleidungen in Pappkonstruktion, improvisierte Grotten und Felsgänge, die das Walten geheimnisvoller Elementargeister verkünden und die Nähe der bürgerlichen Spießigkeit vergessen machen sollten. So weit stimmte also die Analogie. Aber leider versagte sie gerade im entscheidenden Punkte, nämlich in den Vorträgen, bei denen der vergnüglichste Wille nichts ausrichtet, wenn es mit einer Kleinigkeit hapert: mit dem Talent. Ich hatte irgendein Revoluzeln gegen das Herkömmliche erwartet, die Betonung eines Sonderbewußtseins, und wäre es auch nur ein schwaches Echo der wilden Montmartre-Symphonie. Aber nichts von alledem: eine Rotte singender Mädchen, die sich »Chansonetten« nannten, – der Titel ist geblieben mit dem nämlichen Sprachrecht, mit dem eine Klavierspielerin »Fräulein Etüde« heißen würde –, brachte Couplets von kristallklarer Gemeinplätzigkeit, Strophenlieder, deren Kehrreime in den unantastbaren Wahrheiten gipfelten, daß »So ein Kuß ein Hochgenuß« ist, und daß »das zweite Garderegiment so stramm marschiert«. Das Talent der dichtenden Lumpazis, der deklassierten und schiffbrüchigen Poeten, der von Bühne und Presse Zurückgewiesenen, hatte offenbar den schmalen Ausweg zur Öffentlichkeit noch nicht gefunden. Daß dieses Talent in Berlin vorhanden war und mit starker Spannung im Verborgenen arbeitete, galt mir trotzdem als erwiesen; die Geheimfächer in den Archiven der Possentheater, die Papierkörbe der humoristischen Zeitschriften, die Bierzeitungen zahlloser Vereine verkündeten sein Dasein zur Genüge. Aber während es sich in Paris längst ein Ventil aufgesperrt hatte, durch das es mit Prasseln und Zischen zur Oberfläche drängte, verdunstete es bei uns farb- und geruchlos. Die Köpfe, die in Berlin den vierten Stand der Literatur ausmachen, hatten sich noch nicht erkannt, nicht gezählt und kein Leitmotiv ihres Standes aufgestellt. Und als etliche Jahre später die Überbrettl aufkamen, die bunten Bühnen vom Schallundrauch-Typus, da trat wohl sehr viel neuer Witz an die Rampe, allein das Experiment war verspätet. Auf der Szene wurde mit genialen Anflügen montmartert, aber im Parkett saßen überwiegend die Blasierten aus den Kreisen der »Intellektuelle«, die im Grunde einen guten Börsenwitz doch noch höher einschätzten als den Humor des Kabaretts. Meine eigenen verjährten Sünden fallen mir bei; ich selbst habe dazumal manche Überbrettelei verübt in flegelhaften Szenen und Strophen für öffentliche und private Aufführung; aber niemals mehr in der echten Grundstimmung, und stets mit dem Gefühl, daß ich mich auf Abwege verlor und konstruktiv Späße erkünstelte für eine kitschige Kirmes ohne Volkstümlichkeit. Das jokose Geschmetter, das ich und meine Berufskollegen losließen, zeigte fatale Ähnlichkeit mit den Juhus und Holdrios schuhplattelnder Snobs auf den Alpenbällen der Großstadt. Nach meiner Erinnerung hat dem Berliner Guignol und seiner Vetternschaft von Anfang an die richtige Fühlung mit der sozialen Tiefschicht gefehlt; wir kopierten und überboten die Ausläufer, aber aus dem ursprünglichen Nährboden dieser Kunst wuchs nichts hinzu. Man vergaß, daß auch jene eigenartige und differenzierte Abart, wie sie uns beispielsweise in den Sprechgesängen der Yvette Guilbert bekannt wurde, nur auf einem Untergrund sich entwickeln konnte, den die wenig appetitlichen Dungstoffe der Bohème gesättigt hatten. Für diese Vorbedingung waren bei uns im Beginn der Brettlära wenig schriftstellerische Keime vorhanden, vielleicht etwas mehr musikalische. Hin und wieder schlug in den erwähnten Lokalitäten von Nordberlin eine melodische Wendung, eine harmonische Überraschung ans Ohr, die das gassenhauerische Einerlei auffallend unterbrach. Auch heute mögen noch, selten genug, derartige tingeltangelnde Rhythmen entstehen, die den sumpfigen Ursprung verraten und sich trotzdem mit geistreichen Wendungen über den Leierkasten erheben. In Betracht kommen hierfür vereinzelte entgleiste Konservatoristen, die nicht den Punkt erreichen, wo man anfängt, schlechte Fugen zu schreiben, denen aber gelegentlich eine ganz witzige Coupletmusik einfällt. Spuren solcher Talente sind mir, wie gesagt, in den Heimstätten der Euterpe vulgivaga begegnet. Wenn sie es nicht über aphoristische Ansätze hinausbrachten, so lag das an den textschmierenden Mitbrüdern, die ihnen keine Anregung zuführten. Sie vermochten nicht einen Stil zu finden, der die Prägung, den Eigenwert und den Stolz der deklassierten Musik aufgezeigt hätte. Desto eifriger verbissen sich ihre Polkaschwestern am verstimmten Pianino in den Stolz, mit üblem Verständnis, da sie häufig aus der Ruppigkeit heraus und in die »höhere Richtung« hineinwollten. Da waren überall piepsende Mamsells, die der Sembrich ins Handwerk pfuschten, um den Befähigungsnachweis für die akademische Koloratur zu erbringen. Unter ihnen grassierten der »Parla«-Walzer und etliche ebenso schwierige Opernarien als Kehlkopfkrämpfe, bei denen der Hörer den Vorsatz, Arditi und Bellini vorzutragen, allenfalls erraten konnte. Dieselben Gesangsspenden, in derb-parodistischer Absicht gegeben und mit bewußt komischen Akzenten gewürzt, hätte vielleicht an gewisse Montmartre-Leistungen vom Genre der Bloch und Paquerette erinnert. »Es liegt manchmal an einer Kleinigkeit«, sang man ebenda in einem vielbeklatschten Refrain; die meckernden und krähenden Stimmen waren reichlich vorhanden, fehlte nur die Begabung, sie zweckentsprechend zu verwerten. Die Analogie blieb also, von allen Seiten gesehen, recht unvollkommen, und als ich in den Folgejahren die Pariser Ursprungsstätte wieder aufsuchte, entging mir die Vergleichsmöglichkeit schon aus einem anderen subjektiven Grunde. Auch das Original gefiel mir nicht mehr und konnte mir nicht gefallen, da ich inzwischen alle Distanz zu dieser Umwelt verloren hatte. Ja, es wirbelte und brodelte immer noch in dem Quartier, und man trillerte in den alten Tonarten des Bataclan. Aber die Absicht und Profitgier lag dick aufgetragen obenauf, man spielte Montmartre für die Presse und für die Fremden. Und das schlimmste: ich selbst war ein gesetzter Herr geworden, der da nicht mehr hineinpaßte und kommendes Unheil bereits vorauswitterte. Das trügerische Jugendgefühl, die Phantasmagorie des internationalen gastfreundlichen Bodens in Paris waren mir längst entschwunden, und durch die fröhlichen Cris de Paris hörte ich die Untertöne kassandrischer Rufe. Heute vollends hätte ich mich zu fragen: gehören diese Erinnerungen, um mit Jean Paul zu sprechen, zu dem Paradiese, dem einzigen, aus dem wir nicht vertrieben werden können? Gewährt es mir ein Vergnügen, mich in diese Bohèmezeit zurückzuträumen? Die Antwort steht bei Dante: kein größeres Leid als in Betrübnis sich der Glückszeit zu erinnern. Zwischen beiden Meinungen findet die Lehre von der ewigen Wiederkunft Platz: dereinst in unabsehbarer Ferne muß und wird das alles neu erstehen, auch die mythische Insel der Bohème mit ihrer flegelhaften, zauberischen, weisheitstollen Jugendeselei. Und wenn die Ewigkeit bis dahin ein bißchen länglich geraten sollte, so hätte ich doch immerhin schon vierzig Jahre der Wartezeit glücklich überwunden. Zauber des Südens Ja wirklich, es gab eine Zeit, da man eine Reise nach der französischen Riviera als kalendarisch feststehende Tatsache betrachtete und da man in West und Südwest gute französische Freunde besaß. Man kannte die Strecke der Nordbahn und des PLM (Paris–Lyon–Méditerranée) so genau wie die Linie der Anhalter Bahn, man stieg vom verräucherten Schuppen der Pariser Empfangshalle zur Rue Lafayette mit der nämlichen Selbstverständlichkeit wie vom Bahnhof Friedrichstraße zur Kranzlerecke, man lebte in Nizza wie Gott in Frankreich, man war da zuhause. Manche Unbequemlichkeit von unterwegs mußte freilich in den Kauf genommen werden. Dem deutschen Reisenden kam es oft genug zum Bewußtsein, daß das französische Staatswesen eigentlich eine Republik für Millionäre bedeute, mit dem Reklameschild der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und einer sehr wesentlich anders gearteten Wirklichkeit. Wer sich nicht durch die sehr teuren Luxuszüge zu einem gewissen Grad der »Freiheit« aufschwingen konnte, dem blieb durchweg nur der »gleiche und brüderliche« Pferch vorsintflutlicher Waggons, wo man provenzalische Lüfte »in vollen Zügen« atmete; und der Zwang des »Supplément« (der Zuschlagkarte), der einen unablässig verfolgte. Jeder Ruck zu einer höheren Stufe der Menschenrechte kostete ein »Supplément«, bis man sich schließlich durch all die republikanischen Zuschläge ein Maß der Bewegungsfreiheit ersteigerte wie etwa in der zweiten Wagenklasse eines deutschen Eilzuges. Aber destomehr freute man sich auf das Aussteigen: Paradies nach dem Fegefeuer. Es war anders als in Deutschland; nicht besser in modernem Sinne, aber eben anders. Man spürte durch alle Rückständigkeiten der Gegenwart hindurch die Ausstrahlungen und die fortwirkenden Reste des großen französischen 18. Jahrhunderts. Auf dieses zurück wiesen zahllose Erscheinungen der Geistigkeit, des Verkehrs, der Lebensgestaltung, die wir zwar im einzelnen technisch, organisatorisch längst überholt hatten, die aber in Frankreich eine historisch wertvolle Note bewahrte. Über dem Egoismus des einzelnen wie der Gesamtheit schien eine Patina gelagert, eine Deckschicht der Liebenswürdigkeit. Ja, das war's! Das Gefällige war es, das uns bestach. Der Fremde hatte weder Zeit noch Veranlassung, jene Patina mit ätzenden Methoden anzugreifen. Er empfand nur zweierlei: das Geheimnis der alten Kultivierung unter der Decke und die Annehmlichkeit des gegenwärtigen Augenblicks. Und wie mühelos war die Blüten- und Palmenwelt am Südgestade zu erreichen! Wer im Winterfrost vom Brenner oder Gotthard herabkam, flog in den Sommer hinein, konnte im Zeitlauf eines Tages fünfzig Grad Temperaturdifferenz erleben. Alles war auf überraschende Kontrastwirkung gestellt; Kontrast des Klimas, der Farbe, der äußeren Naturwirkung, des inneren Erlebens, und noch innerhalb des Gegensatzes waltete der Kontrast: im exotischen Gelände, das uns weltenfern, so afrikanisch, so indisch ansprach, mittendrein ein Stück versprengtes Paris, Nizza genannt, und daneben die monegassische Enklave, die Amüsierhölle zwischen andächtigen Felshäuptern. Kein Wunder, daß die vereinigten Zauber auch nach menschlichem Exponenten strebten; sie fanden ihn in einer beispiellosen Internationalität, in einer Auslöschung der politischen Sonderheiten, die auf engem Raume ein vollendetes Weltbürgertum vortäuschte. Durch Jahrzehnte konnten wir diese Täuschung für Wirklichkeit hinnehmen, als eine Form ausgleichender Gerechtigkeit, die einzig nach dem Grundsatz: »Leben und leben lassen« orientiert war. Genau fünfundzwanzigmal habe ich dort mein Touristenzelt aufgeschlagen, und von rechtswegen durften mir die Ortsansässigen im März 1914 ein Jubiläum rüsten, als Äquivalent für meine ausdauernde Anhänglichkeit. Denn wenn ich mir nachträglich eine Kilometerrechnung aufmache, so hätte ich für den nämlichen Aufwand an Reisestrecke und Kosten den ganzen Erdglobus befahren können. Aber ich lebte im Gefühlsbanne wie ein Zugvogel, in dessen Bewußtsein keine touristischen Vielfältigkeiten regieren, sondern nur der Zwang einer bestimmten Linie. Ja ich glaube, daß ich selbst diese Kreatur in der beharrlichen Konsequenz der Richtung noch übertroffen habe. Einmal war mein Aufenthalt an der Riviera zu Ende, und ich befand mich auf der Rückfahrt über den Brenner, den heimischen Penaten entgegen, die mich aber seltsamerweise gar nicht heimatlich ansprechen wollten. Ich kam mir vor wie ein Gepäckstück, das nach Norden spediert wird; dann aber brach der gewaltige Wille hervor, und von Meile zu Meile steigerte sich die rebellische Empfindung: Wie! Das soll nun wirklich beendet sein, unwiderruflich abgeschlossen, und ein volles Jahr soll sich abwälzen bis zur Erneuerung? Von Süden tönten mir Wellenstimmen in dem leisen unbeschreiblichen Tonfall, mit dem das Ligurische Gewässer in stillen Nächten über die Kiesel hinsingt, so monoton und doch so eindringlich. Da gibt es kein melodiöses Gefüge, keinen Reiz der Akkorde, aber in dieser Einförmigkeit lebt etwas Magnetisches, wie der fern verhallende Ruf einer geliebten Frau. Welche Treulosigkeit, die Ursprungsstätte dieses Fluidums zu verlassen, mit dem dürftigen Motiv des abgelaufenen Rückbilletts! Ein Jahr warten – aber das ist ja ein Jahrhundert für den mächtig angeschlagenen Sehnsuchtsnerv! Also wirklich, ich unterlag dem Richtungszwange vollkommen; kaum in Berlin gelandet, kehrte ich wieder um; und es erschien mir durchaus gerechtfertigt, daß ich zweiundsiebzig Eisenbahnstunden verbraucht hatte, um von Nizza nach Nizza zu gelangen. – Der landschaftliche Reiz ist hier nicht das Wesentliche. Der verträgt bis zu gewissem Grade eine Analyse, er läßt sich auf Bekanntes zurückführen, mit anderem Landschaftlichen vergleichen; und ein Globetrotter dürfte mir leicht beweisen, daß der Rivierareiz, nach malerischen und pflanzlichen Momenten beurteilt, keine besondere Vorrangstellung in der Welt zu beanspruchen hat. Aber die sichtbare Landschaft ist hier nicht die Grundursache, sondern nur eine begleitende Bedingung des Effektes, deren wahre Ursächlichkeit gänzlich unerforschlich bleibt. Das Kantische »Ding an sich« findet sein Gegenstück in einem »Zauber an sich«, der als das Letzte und Wesentliche sich hinter den Erscheinungen verbirgt und sich nur erahnen läßt, wenn man von diesen alles sinnlich Erfaßbare fortdenkt. Der Wald- und Wiesentourist weiß hiervon nichts, der Baedekermensch, der sich auf Prospekte und Szenerie einstellt, und er braucht es nicht zu wissen, da bei der großen Mehrheit der Landschaften ohnehin das sinnlich Bedeutsame die kausale Wurzel des Eindrucks bildet. So spielt im Alpinen die geometrische Linie, der Prestige-Gipfel, die Farbe, das elementare Dröhnen der Natur die Hauptrolle. Aber hier, im ligurischen Gelände, nistet noch etwas Besonderes abseits der Erscheinung im mystischen Dunkel der Erinnerung, und was Wirkung werden soll, braucht nicht erst durch die Pforte des Auges einzuziehen. Sie wendet sich an innere Fühlfäden des Bewußtseins, und wer diese besitzt, der spürt die Landschaft durch die Mauern hindurch, in einer düsteren Gasse der Stadt, im Zimmer und nachts im Bettlager. Im Engadin kam auch Nietzsche nicht von der Gewalt der Eislinie los, die eine gedankenschwere Sprache spricht und für deren Verkündung eine weite Szene aufbaut. Als er aber in Mentone und Nizza den Zarathustra vollendete, spann er aus der Erinnerung; in engen vier Wänden, am Schreibtisch, stand er unter dem Diktat der Riviera. Man wird mich nicht der Überhebung beschuldigen, wenn ich bekenne, daß auch ich diesem letzten Zauber mich nahe fühlte, daß auch mir Astralfäden wuchsen zur Aufnahme geheimer Zusammenhänge von Natur und Mensch; denn ich rede hier nur von Empfindungen, nicht von dem Talent, aus gefühlten Erlebnissen Werke zu schöpfen. – Allerdings brauchte ich beträchtliche Zeit, ehe solche Einfühlung in mir perfekt wurde, denn als ich zum erstenmal dort Posto faßte, reagierte ich gegen alle äußeren Anreizungen nur mit höchst verkümmerten Organen. Mir war die Reviera verordnet worden als Medizin gegen ein quälendes Leiden, das mich mit allen Symptomen hochgradiger Neurasthenie heimsuchte. Mitten in den Erfreulichkeiten eines langgedehnten Theatererfolgs hatte mich das befallen, und nun befand ich mich auf einmal in der Lage eines Menschen, der von Sekunde zu Sekunde irgend einem unerklärlichen Schrecknis entgegen starrt. Nichts ist dabei physiologisch nachweisbar, kein Befund, keine Untersuchung gibt Aufschluß; die Chemie und Mechanik des Körpers zeigt nicht die geringste Veränderung, und die ärztliche Fachkunde behilft sich dabei mit dem nämlichen Mittel, zu dem jede Wissenschaft greift, wenn sie gegen unlösbare Probleme anrennt. Sie nimmt ihre Zuflucht zu dem Asylum Ignorantiae, zum Wortfetisch »Neurasthenie«, ein uferloser Ausdruck, der durch nichts definiert wird und der selbst nichts anderes definiert als einen Komplex von Fragezeichen. Denn wenn der gelehrte Äskulap ergänzt: hier liegt keine organische Störung vor, nur eine »funktionelle«, so umschreibt er damit lediglich den fatalen Vorgang von Wirkung ohne Ursache. Er will also durch seine Heilversuche Zustände beseitigen, deren Hintergründe er nicht kennt, und die ihm schon darum verborgen bleiben, weil sie gar nicht existieren. Aber die Vordergründe sind offenbar, und der Patient erlebt Fürchterliches in ihnen. Es ist, als hätte er jeden Zusammenhang in sich selbst verloren, und er erschöpft sich in schmerzvollen Anstrengungen, in seinem Bewußtsein einen festen Bezugspunkt aufzufinden. Er fühlt sich in peinlicher Relativität zur Außenwelt, die Koordinaten seines Daseins schwingen molluskenhaft, jede Minute bestürmt ihn mit paradoxen Erlebnissen. Und der oft gehörte Zuspruch »eigentlich fehlt Ihnen ja gar nichts« wird ihm zum Hohn, denn die Tortur läßt ihn nicht los, und ein gänzlich unlogischer Dämon schwingt die Folterzange. Freilich ergeben sich Ruhepausen, stundenlang; man ist dann ganz in Ordnung, ohne Schwindel, Beklemmung, ohne Sterbensangst und Platzfurcht, aber man weiß, das wird wiederkommen. Diese Zwischenzustände sind nur Erholungspausen für den neurasthenischen Dämon, der in ihnen über neue Tücken nachdenkt. Man fühlt sich plötzlich ganz gesund und wird im Unterbewußtsein von dem Verdacht gepeinigt, in die Welt der Gesunden nicht hineinzupassen. Die Erleichterung zählt nach Stunden, und der Verdacht behält Recht, über Jahre hinweg. Ich nehme an, daß manche Leidensgenossen diese Darstellung lesen und sich in ihr wiedererkennen werden. Ihnen zum Trost bemerke ich: es gibt auf diesem Gebiet nur einen Fachmann, nämlich den Kranken, und nur eine Kur: das Vorbild eines geheilten Leidenden, vorausgesetzt, daß dieser imstande ist, am Faden eindringlicher Selbstanalyse zu berichten, das heißt, sich gleichzeitig als Subjekt wie als Objekt der Ausführung hinzustellen. Jeder Neurastheniker wird von dem Drange heimgesucht, mit sich zu experimentieren. Der Arzt verbietet es ihm nach medizinischem Schema F, denn der unmittelbare Effekt pflegt sehr ungünstig auszufallen. Allein die Selbstanalyse führt zu einem andern Ergebnis: in der Summierung dieser Effekte liegt der erste Anlauf zur Gesundung. Das mag pervers klingen, aber man kann einem unlogischen Zustand nicht mit logischen Mitteln beikommen. Ich experimentierte mit meinem Schwindelgefühl, das mich unleidlich drangsalierte. Die Objekte tanzten vor meinen Augen quer durcheinander und schienen mich in ihren Wirbel hineinzureißen, selbst im Bett mußte ich mich zeitweis zu beiden Seiten an den Pfosten festklammern, um nicht – wie mir die Halluzination vortäuschte – hinausgeschleudert zu werden. Und nun stand ich wiederum am hellen Mittag auf dem Gelände von Monaco vor einer tiefen Schlucht, über die eine schmale Steinbrücke führte. Da kam die Experimentierwut über mich. Ich stellte mir vor, es müßte gelingen, den Abgrund zu überschreiten, nicht etwa auf dem gesicherten Brückenboden, sondern oben auf dem kaum halbfußbreiten Granitgeländer. Ein halsbrecherischer Gedanke, der wohl manchen äquilibristisch geschulten Turner zurückgeschreckt hätte. Die Landschaft interessierte mich nicht im geringsten, für ihre Schönheit hatte ich keinen Blick, nur diese gefährliche Balustrade war für mich vorhanden und der aus der Tiefe aufsteigende Befehl: das mußt du versuchen! Kein Arzt der Welt würde mir das erlaubt haben. Und das Verbot sämtlicher Ärzte hätte nicht ausgereicht, um mich von meinem waghalsigen Vorhaben abzutreiben. Mit nachtwandlerischer Geschicklichkeit vollzog ich das Kunststück auf dem schmalen Grat, um heil jenseits der Schlucht zu landen. Sonach konnte das Schwindelgefühl nicht nur auf Sekunden aussetzen, sondern unter dem Zwang des Experimentierwillens einer ganz neuen, für mich unerhörten Koordination platzmachen. Noch am nämlichen Nachmittag, auf ganz ebenem Parkwege, überfielen mich abermals die unerträglichen Zustände, und aus den Palmen und Agaven grinste mir wieder das Gespenst der Raumstörung entgegen. Aber in dem fortgesetzten Rhythmus von Angst und Erleichterung gewann ich doch das Verständnis dafür, daß in diesem unheimlichen Ablauf der Erscheinungen der Wille zur Gesundung entscheidend bleiben müsse, und daß ich nicht nachlassen dürfte, diese Energien durch wiederholte Versuche zu schärfen. Mehr und mehr gelangte ich dazu, mein Selbst in subjektiven und objektiven Bestandteil zu spalten, und ich erwarb ein sozusagen wissenschaftliches Interesse am Ersinnen der Probiermethoden, die das erkennende Subjekt dem gequälten Objekt entgegenstellten. Was sehr viel später der mir befreundete Forscher Carl Ludwig Schleich zum Range einer wissenschaftlichen These erhob, war mir damals schon instinktmäßig bewußt: die eine Hälfte des Gehirns kann tatsächlich die andere in jedem Moment beobachten und in allen Phasen der Arbeit begleiten. Der Mensch ist imstande, sich selbst unter die Lupe zu nehmen, und hierbei verschafft ihm das Leiden nicht selten sogar einen verstärkten Grad der Hellsichtigkeit. Sehr sonderbar gestaltete sich mein Verhalten allen geschlossenen Räumen gegenüber, und hier entwickelten sich Anomalien, die mit allen Aussprüchen der Logik schreiend dissonierten. Während sich die Anfälle der Platzfurcht im Freien gleichmäßig verteilten und keinen Unterschied machten zwischen Berg und Tal, zwischen Allee, Meeresstrand oder irgendwelcher Straße von Genua bis Cannes, geriet ich an die abenteuerlichsten Differenzen, sobald es sich darum handelte, eine geschlossene Lokalität zu betreten oder darin zu verweilen. Nichts hinderte mich am Aufenthalt in den Spielsälen von Monte Carlo, aber die Wandelhalle des Atriums in dem nämlichen Kasino stieß mich zurück. Von zwei benachbarten Restaurants war mir das eine ganz anheimelnd und einladend, das andere überfiel mich mit Schrecken bis zu dem Grade, daß ich außerstande war, den Fuß über die Schwelle zu setzen. Ähnlich erging es mir mit Hotels und Geschäftsläden, die ganz gleichartig sein mochten, von denen mich aber etliche mit offener Repulsion zurückwarfen. Aber die Theater und Konzertsäle schlossen sich zu einer Kategorie zusammen, und jede Vergnügungsstätte mit Rängen, Logen und Sitzreihen ward mir zur Schreckenskammer. Die bloße Vorstellung eines aufgezogenen Vorhangs, einer gespielten Szene erfüllte mich mit drohenden Ahnungen eines bevorstehenden Kollapses. Bis ich auch hier experimentell vorging, von einem Instinkt getrieben, der mir sagte: Versuche es, mit geschlossenen Augen bis zu einem Eckplatz im Parkett zu dringen; verharre so, nur hörend, nicht sehend, eine Viertelstunde während des Bühnenspiels; dann öffne die Augen, und du wirst entdecken, daß du den kritischen Gefahrpunkt überwunden hast. Auch dieses Experiment führte zum Erfolg, und ich fand mich ganz allmählich, über viele Rückfälle hinweg, in die Verfassung eines gewöhnlichen Zuschauers. Aber es war ein Erfolg mit verzweifelten Mitteln, und ich spielte dabei die Rolle eines Versuchstiers unter den Werkzeugen des Vivisektors. Das waren die funktionellen Begleiterscheinungen meines ersten Aufenthaltes an der italienisch-französischen Riviera. Ich behielt wohl in lichten Stunden die Empfänglichkeit für die gröberen Reize der Szenerie, hatte aber im wesentlichen die Empfindung eines Ausgeworfenen, der schuldlos ins Exil verschickt war, und zu Zeiten kam ich mir vor wie auf einem fernen, unwirtlichen Planeten, ohne Aussicht auf Rückkehr. Andere Bedrohlichkeiten traten hinzu, um die Misere zu steigern: man befand sich in dem Influenza-Jahr, das vor einem Menschenalter ganz Europa vergiftete und besonders an diesem Küstenstrich pandemisch wütete. Ich fürchtete nicht eigentlich die Grippe, aber ich verfluchte die Konversationen, die sich um nichts anderes drehten, als um klinische Dinge, Begräbnisse und Trauer. Mein Reisegefährte, Dr. Richard Norton, mir befreundet durch gemeinsame literarische Arbeit und in Italien beinahe bodenständig, hatte mich in mehrere Genueser Familien eingeführt, und in diesen Kreisen bildete die Seuche das gesprächliche Leitmotiv. So eine Mittagsmahlzeit im italienischen Zirkel hätte für sich ausgereicht, um einen Gesunden krank zu machen. Wo war das versprochene Klima, wo verbarg sich der große Arzt aus dem Süden, Helios, der sonst, wie die Legende ging, das Land mit Milliarden von Kalorieen überschwemmte? Das Thermometer stand am Gefrierpunkt, die Gäste saßen mit hochgeklappten Mänteln um den Dinertisch, und eine winzige Porzellanvase mit angebrannten Holzkohlen sollte den fehlenden Ofen ersetzen. Solches Heulen und Zähneklappen regierte zu Genua in der Behausung des vormals sehr gefeierten Schauspielers Gardses, der sich mit der Bewirtung besonders anstrengte, um die Ungemütlichkeit des Aufenthalts durch kulinarische Genüsse zu übertäuben. Es gab eine Spezialität ersten Ranges vom Zenith der Feinschmeckerei, das Teuerste vom Teuren: weiße Trüffeln, eine Köstlichkeit, die das ganze schlemmerische Gastmahl des Trimalchio in sich kondensierte, – so erklärte man mir und erwartete vom beglückten Gaste Ausbrüche des Entzückens. Mir rochen die weißen Trüffeln nach ungelüfteter Anatomie, und ich wußte nicht wohin vor Entsetzen. Aber das Ärgste beim Symposion blieben die Gespräche, in denen keine poetische Silbe anklang, nichts Mystisches aus Zypressenwäldern, Pinienkronen, Azurbögen von Himmel und Golf, nur immer wieder Erörterungen über Gurgeln und Inhalieren, über Medikamente auf –in, –ol und –an, über Kondolenzbesuche und Geschäftsläden, in denen man preiswerte Kränze mit silberbedruckten Trauerschleifen kaufen konnte. Dazu hatte man mir im preußischen Norden die Böcklinstimmung in den »Gefilden der Seligen« vorgegaukelt. Hier war von den »Seligen« im Reiche der Schatten die Rede, und unter der Wärme des Südens verstand man die Glut im Krematorium. Der Zufall wollte es, daß damals einer der berühmtesten deutschen Neuropathologen in Monte-Carlo weilte. Er durfte freilich nach dem eifersüchtig gehandhabten Landesgesetz als Ausländer keine eigentliche Behandlung übernehmen, allein mein Fall interessierte ihn, und so lud er mich zu einer geheimen Audienz. Ich durfte annehmen, daß ich von dem Breslauer Professor Wernicke, der ersten Autorität in neurasthenischen Angelegenheiten, Entscheidendes hören würde. Ich vernahm aber nur das längst bekannte im engen Ausmaß schulweisheitlicher Routine. Er prüfte die Pupillenreaktion, den Kniescheibenreflex, die Balancierfähigkeit und bestätigte die Ansicht meiner früheren Berater: also kein organischer Defekt, sondern nur Funktionsstörung, wahrscheinlich als Folge einer chronischen Nikotinvergiftung. Auch das war mir als passioniertem Zigarettenraucher nichts Neues, und ich gestand reuevoll meine Sünden, mit dem Gelöbnis, den süßen Frevel auf ein Minimum einzuschränken. Damit kam ich indes nicht durch. Der Professor verbiß sich in die Generalformel tutto o niente und vertrat den extremen Standpunkt: so ein verderblicher Hang müsse wie ein Krebsgeschwür mit der Wurzel ausgeschnitten werden. Da gab es kein Feilschen, er zog alle Register der schauerlichsten Prognosen und betäubte mich damit dermaßen, daß ich ihn mit der Versicherung an Eidesstatt verließ: Nie wieder. Er hatte mir nicht einmal das feierliche Brandopfer einer letzten Abschiedszigarette gestattet! Aber in der Natur ist nichts auf ein starres Entweder-Oder eingestellt, und sie läßt sich keine Schroffheiten abzwingen. Sie hält Balsam und Hoffnung für eine Rauchervergiftung bereit, aber sie läßt Furien auf den los, der mit dem Beil des Entschlusses eine organisierte Gewohnheit entzweihackt. Wäre ich konsequent schwurtreu geblieben, so hätte ich auf keinen Influenzaanfall zu warten brauchen, um für den silberbedruckten Trauerkranz reif zu werden. Wirklich, es gibt kein schärferes Gift, als die plötzliche, absolute Abstinenz; in den wenigen Wochen, während deren ich mich ihr hingab, erstarben mir die Glieder von oben herunter, und ich konnte die progressive Paralyse zollweise an mir beobachten. Da widerfuhr mir das homöopatische Wunder: »Similia similibus«; als Retter erstand mir Sanctus Nicotinus, und aus seinen aromatischen Gaben sog ich mir ein neues Leben. – Mein Kumpan Norton führte mich im Wagen über die Route de la Corniche, deren Knalleffekt mir zwar noch lange nicht das Verständnis des Südens erschloß, aber wenigstens touristische Hellblicke öffnete. Diese Corniche-Straße, die das ganze Gebiet von Nizza bis Savona überspannt, bald durch die vegetative Üppigkeit der Niederungen zieht, bald in feierlichen Linien zu alpinen Höhen dringt, bietet zumal über Villafranca und Beaulieu eine Fülle von Panoramen, vor denen die verwegenste Phantasie kapituliert. Selbst in meinen Dämmerungszuständen verspürte ich zeitweilig die magischen Ausstrahlungen der Landschaft, und während mir noch kurz zuvor aus Fels und Baum ein feindseliger Hauch entgegenblies, vernahm ich nun wie im Traum freundliches Geflüster; ja auf Augenblicke konnte ich in Exaltation geraten, so als ich an Palmen vorüberkam, die von der Wurzel bis zu den wedelnden Kronen mit roten wilden Rosen übersponnen waren. Aber ich halte daran fest, daß diese Sensationen nicht das wahre Wesen des Zaubers erschöpfen. Sie treten auf wie wollüstige Klänge, deren Sensualreiz man wahrnehmen kann, ohne den Sinn der Symphonie zu erraten, die mit materiellen Schwingungen Überirdisches verkündet. Die vollendete Einfühlung in die Transzendenz des Südens erlangte ich erst nach Jahren, und ich hätte diesen Punkt nie erreicht, ohne einen weiteren Verstoß gegen landläufige Verordnung. Die Fakultätsweisheit fordert bei neurotischen Zuständen Ruhe, Abkehr von der Arbeit, und der Patient fügt sich dieser Enthaltsamkeit um so williger, als er sich in den Anfangsstadien der Krankheit eine wirkliche Geistesarbeit gar nicht vorzustellen vermag. Aber Nerven und Muskeln sind zweierlei, und den sensorischen Nerven Stillstand anbefehlen heißt soviel, als ihnen den Rückweg zur Normalfunktion versperren. Es ist so, als wollte man einen Schlafkranken mit einschläfernden Opiaten heilen, während alles darauf ankommt, ihn aus den Klammern der Lethargie zu befreien. Das Spiel der Nerven ist aufs innigste mit den Bewegungen des Denkapparats verflochten, und wenn dieser, wie wahrscheinlich, ein perpetuum mobile darstellt, so ist es widersinnig, den einen Teil festzuhalten, während der andere fortrollt. Man kann bei einem Gliederbruch das Gesunden im Dämmer erwarten, bei einem Nervenzusammenbruch muß die Heilung erkämpft, geistig erarbeitet werden. Ich habe diese Dinge seinerzeit mit meinem Leidensbruder Josef Kainz verhandelt, dem letzten Bühnengenie von parnassischer Herkunft und Geltung. In unseren Nativitäten müssen gemeinsame Zeichen gewaltet haben: wir begegneten einander in der Erotik vor derselben Frauenfigur, in der Neurotik vor den nämlichen Symptomen und ärztlichen Verdikten zur gleichen Zeit. Und wie man mich vom Schreibtisch absperrte, so ihn von der Bühne des Berliner Theaters, an dem er damals unter Ludwig Barnay's ruhmvollem Szepter die Glockenwunder seiner Stimme offenbarte. Eines Tages meuterten auch in ihm die Nerven, und sie wurden immer aufsässiger, je energischer das medizinische Kommando sie zur Ruhe befahl. Seine und meine Erscheinungen verliefen zeitlich und sachlich genau parallel, und so fand er den Weg zur Rettung erst, als er plötzlich in heroischer Verzweiflung den Teufel durch Beelzebub austrieb. Er stürzte sich kopfüber in den Strudel der Theaterproben, und es war ihm zum Heile, es riß ihn nach oben: er genas am Wiederklingen seines eigenen Organs. Es ist eigentlich merkwürdig, daß in den Kreisen des Theaters die Neurasthenie weit minder grassiert als in den anderen geistigen Berufen, deren Nervenarbeit auf strengere und korrektere Gangart eingestellt ist. Sieht man von dem Ausnahmefall Kainz ab, so scheinen gerade die hervorragendsten Darsteller mit eisernen, innerlich verfestigten Nerven ausgerüstet, im Widerspruch zu der Tatsache, daß ihr Fach den lockersten, auf alle Willkür ansprechenden Zusammenhang der Hirnzentren geradezu verlangt. Denn der Mime reagiert auf zahllose Impulse von außen, er gestaltet fremde Lebenszustände als seine eigenen, befindet sich psychisch dauernd in labilem Gleichgewicht, und wäre sonach der geborene Neurastheniker. Aber diese Analyse hält vor der Erfahrung nicht stand und führt ins Absurde; wie man erkennt, wenn man die Gedankenwege ihrer Hauptvertreter weiter verfolgt; Max Nordau, der zugleich als Arzt, als Psychologe und Kunstforscher alle Autorität beansprucht, erklärte jene Veranlagung als krankhaft und kommt folgerecht zu dem Schluß: Gerade die ausgezeichnetsten, wahrsten und wirkungsvollsten Menschendarsteller müssen untergeordnete Geister sein, ein leeres Bewußtsein und eine verkümmerte Persönlichkeit haben! Aber wie denn? Müßte nicht die nämliche Analyse für den schaffenden Künstler, zumal für den Dichter gelten? Wer sich in den Hamlet, den Faust, den Tristan hineinspielt, wiederholt doch nur auf niederem Niveau die Seelenzustände dessen, der sie erschuf, und der sie bei normaler Nervenverfassung gar nicht hätte hervorbringen können. Die göttliche Raserei der hellenischen Poeten, der im Oberon gepriesene holde Wahnsinn, sie tragen neurasthenische Züge, und wohnen doch nicht in verkümmerten, sondern in erleuchteten Menschen. – Man mag dieses Thema anschneiden wo man will, überall ergeben sich paradoxe Seitensprünge, und wenn ich mir heute auf erhöhter Wissensstufe meine vormaligen Stationen vergegenwärtige, so gelange ich an das Urteil, daß sich in der Nervenarbeit jedes Menschen, auch des allergesündesten, neurasthenische Vorgänge abspielen. Denn diese beruhen im Grunde auf wahrgenommenen Störungen im Raume, und diese könnten nicht stattfinden, wenn der geometrische Raum mit dem sinnlich erfaßbaren identisch wäre. Wir wissen indes aus den Untersuchungen von Henri Poincaré, von Mach und anderen Forschern, daß hier große Unterschiede obwalten, und daß die menschlichen Sinne, zumal das Auge, niemals imstande sind, den wirklichen Raum abzubilden. Besäße irgend eine Person ein vollkommen korrektes Nervenspiel, so würde dieser Mensch durchweg die mathematischen Beziehungen des Raumes unmittelbar genau erfassen, jede Orientierung nach Oben-Unten, Links-Rechts wäre ihm gleich geläufig, zwischen Vertikal- und Horizontalsymmetrie bestünde für ihn keine sinnestäuschende Differenz, und nur unter dieser Voraussetzung wäre er frei von jenen Raumstörungen, welche als die Vorläufer aller Schwindelgefühle und Platzängste auftreten. Ein so kenntnisreicher Raumüberwinder wie der Gipfeleroberer Güßfeld hat gesagt: es gibt auf der Welt keinen schwindelfreien Menschen, und es ist ein Glück für uns alle, daß wir am Hinterkopf keine Augen besitzen. In dem angenehmen Grusel, den uns ein Turmseilläufer, ein Equilibrist und Jongleur abnötigt, steckt das Pathos der Distanz, die bewundernde Anerkennung, daß dieser Mensch uns überlegen ist, weil sein Organismus geometrisch fehlerfreier arbeitet als der unsrige. Sonach wären die Vollmenschen, die nicht verkümmerten Persönlichkeiten, eher unter den Sportmatadoren und Variétégrößen zu suchen als unter den großen Kunstgestaltern, deren Phantasie den Mangel an innerem Gleichgewicht verrät. Ihre leuchtenden Werke sind nichts anderes als Zeichen der Störung, dem physikalischen Lichte, dem Sternenlicht verwandt, das von der neuesten Wissenschaft gleichfalls als Phänomen einer (elektromagnetischen) Störung begriffen wird. * Derartige Betrachtungen freilich pflegen den Ärzten fernzuliegen, welche die Riviera verordnen, wie man Baldriantropfen und Brausebäder verschreibt. Ihr Patient soll innerlich »in Ordnung« kommen, und diese Regulierung, so meinen sie, werden die Natureindrücke und das Klima schon besorgen. Er leidet, also versetze man ihn in Entzückungen, in die Magie des südlichen Himmels. Aber diese Rechnung will nicht glatt aufgehen, denn mit der klimatischen Lust ist es, wie mit den geschlechtlichen Freuden, und Meister Eckhart behält Recht: die Wollust der Kreaturen ist gemenget mit Bitternis! Jene Magie ist sicher vorhanden, und in ihr wurzelt der orientalische Sonnenmythus der alten Völker. Nur wäre es verfehlt, ihre Äußerungen durchweg auf das Konto der Erfreulichkeiten zu setzen. Wir alle reagieren zwar mit allen Stärkegraden des Organismus auf die Temperatur, allein zum Erlebnis werden uns nur die Temperaturdifferenzen. Der Nordländer empfindet zunächst überrascht und erquickt den afrikanischen Hauch, der mit Meeresdunst geschwängert von den Kalkmauern der Alpen wie von Brennspiegeln zurückgeworfen wird und große Strecken der Riviera zu offenen Treibhäusern gestaltet. Winterstürme wichen dem Wonnemond, – dieser sich sonst in trägen Monaten abrollende Vorgang wird ihm zum Wunder einer Ausstattungsfeerie, die mit den Zeiten beliebig spielt, und bei der das Aufziehen eines Nebelvorhangs genügt, um froststarrende Regionen in die durchglühten Gärten von Ispahan zu verwandeln. Oft genug hat mich dieser Aladin-Zauber überfallen; der Kalender zeigte den sechsten Januar, und die eben eingetroffenen heimischen Zeitungen sprachen von der Eisernte auf dem Müggelsee, während ich oberhalb Cannes in der Baumblüte spazierte, umgeben von Granatbäumen, die ihre weißen Sternchen ausgesteckt hatten als Zeitsignale einer ganz anderen Ernte. In der Luft wogte es von Düften aus Rosen, Veilchen und Heliotropen, rings streckten sich die Orangen-, Jasmin- und Resedagärten der Parfümeriestadt Grasse, die in Blumenfelder eingebettet deren Seele mit Apparatur einfängt, um sie über die Toilettentische von ganz Europa wieder auszuhauchen. Aus der nordischen Balldame, die auf dem Winterfest ihre Anbeter duftig berauscht, strömen die Effluvien dieser Atmung. Und welche Verschwendung, welche Betriebsamkeit wird der Natur hier zugemutet! Die Sonne muß um Weihnacht mit ihrer Siedearbeit beginnen, um das herauszubringen, was sich in unserer Vorstellung als das Produkt glühenden Sommers darstellt. In die endlosen Fabriken von Grasse wandern sie täglich zu tausenden von Zentnern, die Orange- und Rosenblüten, von denen zwölftausend Kilogramm eben ausreichen, um einen Liter Essenz zu gewinnen. Aber es bedarf keiner Zahl, um uns die Ungeheuerlichkeit dieser Pracht zu erläutern; das Auge, das dort staunt, ohne zu rechnen, empfindet es unmittelbar, daß in diesem Blumenozean eine Grenze nicht abzusehen ist. Schnell genug wechselt die Sonne die Methode ihrer Magie. Sie geht zur Rüste, schwimmt unter dem Horizont hinweg zum Aufgangspunkte und besinnt sich unterwegs auf gewisse winterliche Gepflogenheiten. Am nächsten Morgen erwartet uns auf dem Jardin public ein eigentümliches Bild: der Blumenkranz steht unversehrt, aber die Fontäne in der Mitte ist fest gefroren. Flora trägt nach wie vor den bunten Blütensaum, allein sie hat sich ein Bukett von Eiskristallen vor den Busen gesteckt. So dicht auch der alpine Mauergürtel die Szenerie abschließt, die Tramontana findet schon ihren Weg und sie bringt uns mitten in den Feuerzauber des Südens die frostigen Grüße der märkischen Gewässer, auf denen die Eisernte begonnen hat. Immerhin, das kann Episode sein, klimatisches Kuriosum, und wirklich, das Thermometer verfolgt einen Kletterweg mit rapider Beharrlichkeit, und wenn man frühmorgens unter dem Eishauch erschauerte, kann man sich zur Mittagsstunde an den Metallteilen der Bänke auf der Promenade des Anglais die Finger verbrennen. Aber gar nicht selten verändert sich das Bild radikal, und die magische Laterne am Firmament beleuchtet nur noch Szenen einer geographisch verschobenen Antarktis. Da mögen uns Aloes, Bambusstauden und Kakteen mit brennend grellen Auswüchsen erzählen, was sie wollen, im Bewußtsein des Pilgers befestigt sich der Glaube: man friert nirgends so stark wie im Süden. Das ist das Extrem dieser Magie, von der uns ja auch Livingstone, Stanley, Casati und Emin Pascha erzählen: in deren Berichten verschwindet zu Zeiten die äquatorische Glut vor den Nachtschaudern der Kältestationen, die sie in Afrika durchmaßen. So ist auch meine persönliche Erinnerung von Kontrasten durchsetzt. Als ich in erster Annäherung von Novi in der Lombardei herkam und über Serravalle den Appenin hinab fuhr, erlebte ich etliche Minuten einer überirdischen Beglücktheit. Der Frost war in den Bergen unser Begleiter gewesen, wir saßen zusammengekrümmt im ungeheizten Kupee, da öffnete dicht vor der Genueser Vorstadt Sampierdarena mein Reisekumpan das eisbeschlagene Fenster; – und eine volle sommerliche Brise flog in den Wagen. Das war bis auf die Sekunde und bis auf den Meter genau abgepaßt, denn der erste Durchblick auf das Meeresblau und der atmosphärische Sprung vom Dezember in den Juni fielen in der Taxe des Fahrgastes auf denselben Augenblick. Ich hatte mir den Überraschungspunkt genau gemerkt, und als ich im Folgejahr mit meiner Frau die nämliche Strecke befuhr, versuchte ich auf sie den nämlichen Effekt loszulassen; denn jetzt war ich ja der Eingeweihte, während sie als Novize die Möglichkeit solchen klimatischen Abenteuers noch nicht zu ahnen vermochte. Über den Appenin hinweg ging alles programmrichtig, mit der nämlichen Unbehaglichkeit im Wagen und der nämlichen Eiskruste am Aussichtsfenster. Nur als ich es im berechneten Moment öffnete, fiel mir die Gattin in den Arm mit dem Schreckensruf: Um Gottes willen, Alex, mach bloß schnell zu, da kommt ja eine sibirische Kälte herein! Und diese Ansage bewährte sich durch Wochen. Wir beide haben uns redlich durch die Saison hindurchgefroren, und was den Wallfahrern als ein Mekka und Medina vorschwebte, erschien uns in Wirklichkeit als ein Gelände, dessen Vegetation von den Tropen fabelte, während die Luft uns mit kamtschadalischer Verbissenheit anblies. – Trotzdem bleibt es unter allen Umständen zulässig, von Monte Carlo als von einem »Brennpunkt« der Azurküste zu sprechen. Denn diese Enklave besitzt ein Klima für sich und bedarf kaum der Konvergenz der Sonnenstrahlen, da es von den Hochöfen der Leidenschaft angeheizt wird. Über diese Brunst ist viel geschrieben worden, aus zahllosen Schilderungen, Erzählungen, Romanen, Dramen und Filmtexten hat sich eine weitschichtige Literatur entwickelt. Aber dieses Schrifttum geht in seinem ganzen Inhalt an der Hauptsache vorbei, da keiner der Herren Verfasser bis zum Kern der Erscheinungen vorzudringen vermochte. Sie sahen alle dasselbe, sahen die tanzenden Lichter der Oberfläche und ahnten nicht, daß sich darunter die größten Probleme verbergen. Das Buch von Monte Carlo ist noch nicht geschrieben worden, oder vielmehr, es existiert zwar als der Komplex der dort versammelten Tatsachen, ist aber in dieser Form vorläufig ein Buch mit sieben Siegeln. Ich werde versuchen, einige davon aufzulockern, und man wird erkennen, daß sich eine Welt aus ihm herauslesen läßt. Es ist im Grunde ein wissenschaftliches Epos, abgefaßt in Runen, deren Text nur einem geschärften Verstande aufgeht, nicht aber dem spielerischen Sinn des Feuilletonisten und Romanschreibers. Diese noch ungeschriebene Schrift gehört in die größere Bücherei der Natur, von der Galilei gesagt hat, daß sie in mathematischen Figuren und Zeichen abgefaßt ist. In dem Bande »Monte Carlo« stoßen wir auf kombinatorische Zeichen, die in ihrer Gesamtheit geradezu kosmische Bedeutung beanspruchen. Der Beweis hierfür wird dadurch erschwert, daß man sich vorerst durch ein Gestrüpp von Anschauungen hindurchzuwinden hat, deren redensartliche Wucherung alle Aussicht versperrt. Für den Herrn Jedermann ist das Terrain eine privilegierte Lasterstätte, ein vergnüglicher Exzeß der Unmoral, die Verwirklichung eines Wüstlingstraumes wie auf Makarts Pest von Florenz, voll reizender Pikanterie, aber im Wesen doch eine Pest mit allen Schwären einer Lustseuche. Und jedermann hat die Argumente der Kapuzinerpredigt am Schnürchen: ein paradiesischer Blumenteppich, unter dem die Schlange der Versuchung züngelt; ihr Stich infiziert die Menschen mit der verzehrenden Brunst nach gleißendem Golde, wie von einem Opiumrausch umnebelt stürzen sie sich in das Herdfeuer der Lasterhöhle, um ihre Habe, Würde, Persönlichkeit aufzuopfern, um ihren Wohlstand und das Erbe ihrer Kinder einem Moloch in den Rachen zu werfen. Die Litanei gründet also das Wesen des Lasters darauf, daß die Verderbten schnurstracks gegen ihr eigenes Interesse wüten; wonach wiederum die Tugend auf möglichste Wahrung des Vorteils abzielen müßte. Eine sonderliche Ethik, die sich zur Sittenlehre Kants in schärfsten Widerspruch setzt. Denn wenn jene Kapuzinade Recht behielte, dann wäre die Bank der Inbegriff aller Tugend, insofern sie nicht einen Augenblick ihren Vorteil vergißt. Sie verfolgt mit logischer Beharrlichkeit das Interesse ihrer Kasse, ihrer Aktionäre und des ganzen Gemeinwesens. Sie schafft einen Staat, in dem Armut und Fron unbekannt sind, einen Idealstaat ohne Steuerdruck, ohne Wehr- und Blutpflicht, und sie umsäumt ihn mit allen Wundern der tropischen Pflanzennatur. Hier stehen Zweck und Mittel auf gleicher Höhe, denn wer dürfte ein Institut bemakeln, das dem Laster seine Finanzquellen abzapft? Eher verdiente es einen Ehrenkranz wie der Heilige Crispinus, unter dessen Händen der Raub zur Tugend wurde. Zu den großen Suggestionen, die in der Welt grassieren, gehört die Vorstellung, das Hasard sei ein Übel, das unter allen Umständen bekämpft werden muß... Und der nämliche Staat, dessen Gesetzgeber Strafparagraphen zur Ausrottung des Hasards schmieden, wirtschaftet mit Lotterieen und Prämienanleihen, er organisiert Wettrennen, deren Totalisatoren für neun Zehntel des Publikums nichts anderes sind als Glücksmaschinen, er beteiligt sich als Steuererheber an den Gewinnsten der Geschäftsspieler, die gar nicht erst ein Kasino zu besuchen brauchen, um zu hasardieren. Der große Kulturstaat übt die Praktiken von Monaco, ohne sich ehrlich zu ihnen zu bekennen. Er wahrt das Gesicht mit der Verordnung, daß jedes gegen die »guten Sitten« verstoßende Rechtsgeschäft ungültig sein soll. Aber er selbst verlangt, daß Wucherer wie Hure ihre Douceurs als Einkommen aus gewinnbringender Beschäftigung richtig erkläre und dem Fiskus verzinse, – natürlich zum Besten der Allgemeinheit, also unter derselben Formel, die auch in Monte Carlo regiert. Er verbrämt sich mit dem Catonischen Mantel und läßt tugendboldig in die Manteltasche die Beträge gleiten, die er als contra bonos mores erflossen verfemt. Voltaire hat gesagt: »Sa sacré Majesté le hasard décide de tout«, und er stand damit im Begriff, alle wohlgefügte Kausalität über den Haufen zu rennen. Die Schulphilosophie bemüht sich noch immer, den Zufall der Notwendigkeit unterzuordnen, allein die vorgeschrittensten Forscher der exakten Wissenschaften sind heute tatsächlich dabei, die Kausalitätstafel zu zerbrechen, die gesetzliche Notwendigkeit als Herrscherin im Weltgeschehen abzusetzen und den Zufall oder ein ihm verwandtes unergründliches Prinzip zu inthronisieren. Die Frage, ob sa Majesté le hasard von Gottes oder von Teufels Gnaden ist, kommt hier nicht in Betracht; genug daß alles, was uns in unserem Wahrnehmungskreise als Plan, Absicht, Strebung, Erfolg und Mißerfolg erscheint, letzten Endes von einer Summe von Zufällen abhängt, deren Verwickelung bis in die Unendlichkeit reicht, und aus der keine Menschenweisheit jemals ein begreifliches Gesetz herauslesen wird. Woraus auch ersichtlich, daß alle Weltgeschichte bei ungeheurem Reichtum an Material bettelarm an Erkenntnissen bleiben muß. Die Spieltafel einer Roulette bietet nur einen besonderen, relativ übersichtlichen und darum instruktiven Fall in verkleinertem Abbilde der großen Geschehnisse. Hier hängt das Geschick des einzelnen Teilnehmers nur an dem Lauf einer einzigen Kugel, die das Auge verfolgen kann, während da draußen als Bestimmer der Erlebnisse Myriaden von Roulettekugeln umhersausen, atomklein oder ganz substanzlos, ohne daß man irgend eine zu sehen bekommt. Spielst du an der Nummerntafel, so wirst du auf Zeit in ein ganz verengtes Tatsachenfeld gestellt, das aber trotz oder wegen seiner Engnis eine hochgradige Klarheit gewährt. Der Zufall tritt dir hier mit offenem Visier gegenüber, bemäntelt sich nicht mit einer Draperie trügerischer Notwendigkeiten. Du bestehst mit ihm einen ehrlichen Zweikampf, wie Mann gegen Mann, aber er zielt nicht gegen dich aus zahllosen Rohren hinter meilenfernen Nebeln. Wenn du auf eine Nummer setzt, so weißt du nach dem Fall der Kugel wenigstens in der Sekunde genau, ob du dich zu freuen oder zu ärgern hast, und selbst im Verdruß verspürst du noch den Kitzel des Amüsements. Während du in der Außenwelt, auch ohne bewußt zu spielen, an allen erdenklichen Hasardspielen beteiligt bist, die dich gar nichts angehen, und deren Ergebnisse dich in der Regel zur ungelegensten Zeit überfallen. Die Hand des Croupiers unterliegt Innervationen, die du nicht analysieren kannst, aber es ist doch nur einer, seine Kugel wird sich bestimmt in der beschränkten Anzahl der 37 Fächer ihren Platz aussuchen. Aber als Weltbürger hängst du an einer Legion von Croupiers, an einem Gewimmel von Kugeln, denen Millionen von Fächern offenstehen, und in diesem Zufallsgetriebe stehst du allein als Objekt der Notwendigkeit: du wirst gezwungen mitzuspielen, ohne die leiseste Kenntnis einer Spielregel, mit Einsätzen ohne Limitum, und man zieht dir die Werte aus der Tasche, ohne daß du dich erinnern kannst, pointiert zu haben. Alles in allem: in dem ungeheuren Gebiet, das seine Majestät der Zufall beherrscht, ist der Spielsaal mit einer stets solventen Bank die einzige Provinz, die mit leidlicher Ordnung, Aufrichtigkeit und Solidität verwaltet wird. Im weiteren Bezirk des Fürstentums – wenn man den Ausdruck der Weite überhaupt für dieses Duodezgebilde anwenden darf – war natürlich von Solidität, bürgerlich genommen, nicht viel zu bemerken. Man suchte sie nicht, man fand sie nicht, dafür aber ein anderes Moment, das zum Vergleich mit der gegenwärtigen Weltgestaltung sehr stark herausfordert. Das Monte Carlo der Vorkriegszeit war in wesentlicher Hinsicht ein zeitlich voranlaufendes Paradigma der Zukunft, die uns alle in Empfang nehmen sollte, allerdings ein Paradigma mit entgegengesetztem Vorzeichen. Geldentwertung und Sachteuerung gaben dem Leben das Gepräge, und wenn man nur Preise an Preisen messen wollte, so könnte man für manche Phantasieziffern von 1922 die Gegenstücke aus dem Monaco des vorigen Jahrhunderts nennen. Aber damals waren die Preisanomalien nicht durch die Papierflut herangeschwemmt worden, sondern durch den immensen Goldstrom, der das Ländchen überspülte, und die Schraube ohne Ende war kein Ausdruck der Not, sondern des Überflusses. Galt doch als Währungseinheit in den Luxusstätten die sogenannte »Plaque«, das einzige geprägte Zeichen der dortigen Münzsouveränität, die legendäre Scheibe von hundert Goldfranken, und auch die Plaques verrieselten den Genießern rapid zwischen den Fingern. Zwischen Nachfrage und Angebot drängte sich ein üppiger Verteuerungsfaktor, der nicht wie der uns bekannte unselige Index eine Bedrohung ansagte, sondern als Lustbeförderer auftrat. Überall spürte man die Emanation der grünen Tische, und wie der Gast des Lucullus in den gekochten Nachtigallenzungen die Melodie der Singvögel schmeckte, so wollte man hier bei schlemmerischen Mahlzeiten das Rauschen des Goldes mit der Zunge schlürfen. Es war etwas Allegorisches dabei, und mythologische Fäden aus den Fabeln von Midas, Danae, Sesam, Ophir verspannen sich in dieses mondäne Getriebe, das vor allen Lebensgebilden Europas eine besondere, sehr frivole, aber höchst glänzende Note voraus hatte. Das Geld spielte eine ganz andere Rolle als sonstwo, im Begehren und Hinwerfen; es bildete die metallene Achse alles Wollens und verflog zugleich wie Spreu im Winde, es verbreitete um sich den Schimmer eines goldenen Zeitalters, worin Lieblichkeit und Verruchtheit zusammenflossen. Wer den Reiz der Polyphonie im Menschenkonzert zu schätzen weiß, der hätte den monegassischen Sonderklang nicht missen mögen; der Satan hatte ihn instrumentiert mit prickelnder Technik, aber sein lasterhaftes Scherzo klang doch genialer als viele Tugendchoräle der bürgerlichen Welt. Es wäre zu fragen, wie eine Person meines Formates dort zu existieren vermochte; denn mir klimperte es nicht in der Tasche, ich habe die »Plaque« immer nur mit den Blicken gehätschelt, nie eine besessen, und von den spendablen Launen der Spielmaschine hatte ich nichts zu erwarten. Aber die Bank ist tolerant; sie verhält sich nicht liebedienerisch gegen die Nabobs, sie heißt ebenso denjenigen willkommen, der auch nur ein Fünffrankstück zu riskieren vermag. Ihr nivellierender Geist durchdringt die ganze Ortschaft und schafft eine Wohlfahrtsfürsorge, die auch dem wirtschaftlich Schwachen eine erträgliche Unterkunft sichert. In der Talmulde zwischen den Felsen, Condamine genannt, gibt es Herbergen, die den Gast für einen Bruchteil des Betrags vollständig verpflegen, den man in den vornehmen Hotels dem in ministerieller Haltung einherschreitenden Oberkellner als Trinkgeld anbieten dürfte. Und in einem solchen Häuschen flogen mir die ersten Notizen zu über die Geheimnisse des Hasard, dessen Bedeutung weit hinausragt über den Umkreis des gierigen Treibens an Ort und Stelle bis zu den mysteriösen Pforten einer noch unerforschten Wissenschaft. Die Condamine verhielt sich zum eigentlichen Monte Carlo in sozialer Lebenshaltung etwa wie eine Laubenkolonie zum Kurfürstendamm. In meiner kleinen Hotelpension verlief manches nach patriarchalischem Zuschnitt, bei den Mahlzeiten gab es viel Knoblauch und wenig Umstände. An der gemeinsamen Tafel führte ein langer Russe das große Wort, anscheinend ein ausrangierter, verkrachter General, der sich hier durch langjährigen Aufenthalt präsidiale Rechte erworben hatte. Er orakelte und spektakelte unausgesetzt in einem mit slawischen Härten durchsetzten französischen Jargon und gefiel sich in der Rolle einer lebendigen Chronik. Die »dürre Exzellenz« – so nannten wir ihn – kannte die Fremdenliste auswendig, verstand sich auf die chronique scandaleuse der auffallenden, Persönlichkeiten und wußte den Spielern wie der Bank eine Fülle von Besonderheiten nachzurechnen. In seinen endlosen, energisch herausgeschleuderten Sätzen dominierte die Zahl, er schwelgte in der Manie, seine Hörer in ein Gewebe unentwirrbarer Ziffern einzuwickeln. Das gehörte zur Hausordnung, die Konversation riß nie ab, wenn wir andern auch zumeist Statisterie bildeten, die zum Gespräch staunende Zwischenrufe beisteuerten. Die dürre Exzellenz verfuhr sprunghaft-konfus, fand aber in allen Quersprüngen feste Haltepunkte in Ziffern und Größenangaben. Begann er mit der berühmten Kokotte X., so war er im selben Atem bei ihrem Diamant- und Rubinschmuck, deren Wert er wie ein geprüfter Taxator bis auf Karat und Franken aufzuzählen wußte. Ihr Freund, der Vicomte von Y. – so erfuhren wir im Moment – ist Erbe eines Gutes in der Touraine von soundsoviel Hektar Wiesen-, Wald- und Rebenbestand; er dividierte die Weinernte des Gutes in die des Departements, um sofort festzustellen, daß die ganze Touraine eine Bagatelle sei nach russischem Maß beurteilt; denn das eine Gubernium Witebsk sei siebeneinhalbmal so groß, und das Gebiet Jakutsk könne ganz Frankreich achtmal einschlucken. Übrigens habe jener Vicomte gestern die Bank zu sprengen versucht, aber mit sehr negativem Erfolge, denn er hätte sich auf Intermittenzen festgeritten, während der betreffende Spieltisch fast nur Serien produzierte; der Spaß sei dem pechösen Joueur auf 162 500 Franken zu stehen gekommen, und er habe heute beim Credit Lyonais sein letztes Depot abgehoben. Es gelang mir an diesem Tage, in den Redeschwall der dürren Exzellenz mit einigen Gegenbemerkungen einzubrechen. »Sie verfügen doch über so detaillierte Fachkenntnisse,« sagte ich, »und werden mir vielleicht über einen bestimmten Punkt Auskunft geben können. Ihr Vicomte interessiert mich persönlich nur sehr wenig, wohl aber der Umstand, daß er auf eine Reihe von Serien stieß. Sagen Sie doch, General, halten Sie das Auftreten einer solchen Reihe für eine Anomalie?« »Selbstverständlich!« meinte der Kenner, und in seinem Gesichte malte sich die Kritik: welche Borniertheit, so etwas zu fragen! Er ergänzte: »Ich spiele hier seit zweiundzwanzig Jahren und habe viele Tabellen im Kopfe. Allein der hundertste Teil meiner Praxis müßte ausreichen, um Ihre nicht sehr originelle Interpellation zu erledigen. Jeder, der in die Blanc'schen Säle auch nur hineingerochen hat, wird Ihnen bestätigen: die gehäufte und die lange Farbenserie sind Seltenheiten.« »Und ich werde trotzdem den Verdacht nicht los, daß die gesamte Praxis aller Spieler in Irrgänge ausläuft, besser gesagt: irrig gedeutet wird. Ist aber dieser Verdacht begründet, so müßten sich unabsehbare Folgerungen daraus ergeben.« Der Russe war gar nicht imstande, den eigentlichen Sinn der Frage zu erfassen. Und ich selbst fühlte mich damals noch zu sehr als Neuling, um gegen die dogmatisch verhärtete Allerweltsmeinung mit Erfolg anzurennen. Ich wurde vielmehr überrannt durch eine Phalanx von Zahlen, die aus vieljähriger Erfahrung stammten. Wenn ich heute, nach Dezennien, dazu übergehe, einige dieser Erfahrungen zu zergliedern und das Spielerdogma zu entlarven, so wird man erkennen, daß Glücksspiel und Philosophie nur durch eine fließende Grenze voneinander geschieden werden. Ich scheue den Umweg nicht, denn mein Buch beschreibt nicht Lebenszufälle, damit eine Geschichtsklitterung entstehe, sondern es will aus Erlebtem Einsichten entwickeln. Das Erlebnis, hier auf Monte Carlo bezogen, bietet des Überraschenden schon genug. Allein die Theorie hat daran noch nicht teilgenommen; sie begnügt sich mit den dürren Formeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich werde versuchen, auch im Theoretischen die Überraschung aufzuzeigen. Die nachfolgenden Betrachtungen gründen sich auf Lektionen, die mir der Spieldämon als Magister der Universität Monte Carlo erteilt hat. Beginnen wir mit einem alltäglichen Vorgang, bei dem ich die einfachsten Elemente des Spiels als bekannt voraussetze. Die Chancen Rouge und Noir, Pair und Impair (gerade und ungrade Zahlen), Manque und Passe (die Zahlen 1 bis 18 und 19 bis 36) sind von Natur aus völlig gleichwertig, und man empfindet es als durchaus natürlich, wenn sie einander in der Reihenfolge ihres Erscheinens mit einer gewissen Regelmäßigkeit ablösen. Ebenso müßte man meinen, daß die Erwartung des Spielers genau so frei und beweglich wäre wie das Spiel aller vorhandenen Möglichkeiten. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr hängt die Erwartung an der Summe früherer Erfahrungen, und diese Summe übt einen tyrannischen Einfluß. Es erhebt sich etwas Freiheitswidriges, Zwangläufiges, oder wie der eminente Gelehrte Poincaré es ausdrückt: alle Spieler kennen das objektive Gesetz, und trotzdem verfallen sie immer wieder in einen seltsamen, wie es scheint unausrottbaren Irrtum. Wenn zum Beispiel Rot sechsmal hintereinander auftritt, so setzen die allermeisten auf Schwarz und glauben damit dem Erfolg entgegenzukommen, weil es, wie sie behaupten, sehr selten ist, daß Rot siebenmal hintereinander herauskommt. Selbst der Serienspieler, der die Rouge-Reihe weiter verfolgt, emanzipiert sich nicht etwa vom Denkzwang; er unterscheidet sich von den Gegenspielern nur dadurch, daß der Systemzwang ihn noch stärker beherrscht als die Abwägung der unmittelbaren Chance. Tatsächlich bleibt ihre Wahrscheinlichkeit auf Gewinn genau dieselbe, nämlich ½, das heißt, sie haben unter den bevorstehenden gleichwertigen Möglichkeiten mit einem günstigen und einem ungünstigen Fall zu rechnen. Denn die Beobachtung beweist zwar, daß die Serien von siebenmal Rot hintereinander sehr selten sind, aber: die Serien von sechsmal Rot hintereinander, worauf dann Schwarz folgt, sind ebenso selten !! Noch allgemeiner gesagt: jede beliebige vorausgefaßte Farbenfolge, Chancenfolge überhaupt, ist genau so selten, genau so häufig, wie jede andere vorweg bezeichnete Folge, mag sie die Form einer Serie zeigen oder nicht. Wie entsteht die Täuschung hierüber? Die Spieler haben die Seltenheit von siebenmal Rot in lückenloser Folge bemerkt, und das hat sich ihnen als klares, übersichtliches Bild eingeprägt. Aber sie haben nicht die Seltenheit der Reihen von sechsmal Rot mit drauf folgendem Schwarz bemerkt, weil derartige Erscheinungen in weit geringerem Grade die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Diese Behauptungen klingen sehr auffällig und werden bei vielen Spielern auf starken Unglauben stoßen. Das instinktive Chancengefühl will sich hier durchaus von der Augenblicksrechnung losmachen, und der auf lückenhafte Erfahrung gestützte Instinkt beharrt eben dabei, daß die Farbserie zu 6 weit häufiger auftreten muß als die zu 7. Ich habe die Probe auf das Exempel angestellt auf Grund einer ziemlich umfangreichen Tabelle, die mir die tatsächlichen Ergebnisse von Monte Carlo mitteilte. Sie erschien damals als halböffentliche Anzeige der sogenannten »Permanences« und bot zugleich das Mittel, um den Sinn oder Unsinn der »Systeme« ohne Kostenaufwand zu überprüfen. Für die zukünftige Wahrscheinlichkeitsrechnung, die anders aussehen wird als der Klippschulkalkül von heute, bilden diese Tabellen eine wertvolle urkundliche Unterlage. Ich verfuhr nach einer vereinfachten statistischen Methode und wählte, um möglichst viel Betrachtungsglieder zu erlangen, statt der Serien von 6 und 7 solche zu 3 und 4. Da ergab sich, daß die Serie 3 mal Rouge mit folgendem Noir doch häufiger erscheint als das 4 malige Rouge, und zwar mit einem Übergewicht von etwa 30 Prozent. Die Wirklichkeit schien also zwischen dem Irrglauben der Spielerhorde und der strengen mathematischen Einsicht noch einen Durchschlupf zu finden. Freilich kann meine Statistik, da sie nur ein Wochenpensum umfaßte, nicht als erschöpfend gelten; es bleibt sonach die Möglichkeit bestehen, daß eine Prüfung über sehr lange Zeiträume hinweg jene Regel der Gleichhäufigkeit praktisch beweisen könnte. Und dann hätte man Grund zu einer Verblüffung, die sich noch gewaltig steigern müßte, sobald man die längeren Serien ins Auge faßt. Bei den Überraschungsserien nämlich, die an den Spieltischen die großen Sensationen liefern, bei den Ungeheuerlichkeiten der Chroniken und Spielerromane fällt die Erfahrung aus einem Widerspruch in den anderen. Stellt man sich auf den Boden meiner vorigen Betrachtung, so muß man doch annehmen, daß eine Farbserie überhaupt niemals abzureißen braucht, daß sie sich bis ins Unendliche verlängern könnte; weil sie ja nach dem Prinzip der Gleichhäufigkeit in jedem Punkte ihrer Entwickelung von ihren eigenen bereits ausgespielten Gliedern gar keine Notiz nimmt. Worauf gründet sich also die Sensation? Warum wird die sehr lange Serie wie ein Wunder angestaunt? Aus den Spielannalen wissen wir, daß die längste jemals beobachtete Farbserie – in Rot – 32 Glieder enthielt. Hätte man bei Begründung der Bank von Monte Carlo gefragt: »Wie lange werden wir spielen müssen, um solche 32-Serie zu erleben?« so wäre die Antwort nicht zweifelhaft gewesen. Denn man hat die ausreichenden Unterlagen zur Hand: die Spielbank, 1859 unter dem Pächter Blanc konstituiert, ist seit 1865 statistisch übersehbar; sie operiert mit 14 bis 16 Roulettetafeln, an denen täglich je 350 bis 500 Spiele absolviert werden; hier hätte die übliche Wahrscheinlichkeitsrechnung ursprünglich angesagt: man muß annähernd vier Milliarden Einzelspiele erledigen, und wir werden rund 8000 Jahre zu spielen haben, ehe eine 32-Serie erwartet werden darf; was ja, bürgerlich verstanden, nur eine Umschreibung für »niemals!« gewesen wäre. Aber die Wirklichkeit hat diese Berechnung über den Haufen gerannt, denn die 32-Farbserie erschien zum erstenmal schon nach fünfundzwanzig Jahren, und ich selbst war dort anwesend, als sie die Gemüter erhitzte. Wobei noch folgendes zu erwägen: das Jeu im Kasino wird abends mit dem elften Glockenschlag abgebrochen. Beginnt nun kurz vor 11 Uhr eine Rouge-Serie, die sich am nächsten Vormittag am nämlichen Tisch fortsetzt, so bleiben diese beiden Folgen, obschon sie als Begebenheiten eng zusammenhängen, gänzlich außer aller rechnerischer Verbindung, weil der Tagesrapport willkürlich und falsch mit dem neuen Tage ein frisches Konto eröffnet und die zusammenhängende Serie zerreißt. Ebenso wäre jeder Spieler, der mitten in einer Rouge-Serie den Tisch wechselt und an einer anderen Tafel fortsetzend die Verlängerung seiner Serie erlebt, subjektiv berechtigt, beide Ereignisse zusammenzufassen, mithin gelegentlich lange Serien zu konstatieren, die in den Annalen gar nicht zu finden sind. Es wäre also sehr wohl denkbar, daß sich die zuvor erwähnten 25 Jahre noch weiter verkürzten, wenn man imstande wäre, vom Standpunkt des einzelnen Spielers aus allen Farbereignissen auf die Spur zu kommen. Jedenfalls öffnet sich hier zwischen der Wirklichkeit und der Erwartung des Äonenwertes von 8000 Jahren eine ungeheure Kluft. Noch Erstaunlicheres ergibt sich bei Aufeinanderfolgen ein und derselben Nummer. Bevor eine bestimmte Roulettenummer dreimal ohne Pause herauskommt, wären regulär rund 50 000 Spiele abzuwarten, und der jeweilige Spieler hätte sich, um ein solches Resultat zu erzwingen, mit äußerster Geduld zu waffnen. Allein die Praxis erleichtert ihm sehr oft, bis zur Alltäglichkeit oft, dieses Verfahren. In meiner Sünden Maienblüte sah ich zu Baden-Baden in der Ära Dupressoir einen Hasardeur, der die Nummer 14 mit sämtlichen zulässigen Maximalsätzen forcierte, und dem dieses im Erfolg höchst beneidenswerte Kunststück beim ersten Anlauf glückte. Nach dem dritten Coup schnappte der Mann, um seinen immensen Raub in Sicherheit zu bringen, während Fortuna wie zum Hohn die 14 noch weitere zwei Male, im ganzen mit einer Serie von 5 produzierte. Allein vollends über das bloß Erstaunliche hinaus bis an die Grenze der Unmöglichkeit führt ein Mirakel von Monte Carlo, wo im Jahre 1898 die Roulettenummer 33 siebenmal aufeinander zum Vorschein kam. Die Wahrscheinlichkeit lehnt sich dagegen auf mit der Proportion von 1 zu 100 Milliarden, und nach menschlicher Vorausberechnung hätte dieses Ereignis bis in alle von den fernsten Enkeln erlebbare Ewigkeit nicht eintreten dürfen. Schon gegen die 6-Serie einer Vollnummer erhebt sich die Wahrscheinlichkeit mit milliardenfachem Widerstand; was nicht hindert, daß diese Sechslinge in Monte Carlo wiederholt auftreten; rechnungsmäßig sind sie mit dem Index »niemals« behaftet, und doch kommen sie vor, wenn auch als sensationelle Seltenheiten. Mit einem Seitenstück melden sich die Klassenlotterien. Kann es sich ereignen, daß der Haupttreffer auf die Schlußprämie fällt? Die Rechnung besagt: wenn jemand eine Nummer fünf Milliarden Jahre durchspielt, so kann ihm voraussichtlich dieses Doppelglück blühen. Dieser jemand soll also noch geboren werden, – so hätte die mathematisch geschulte Vernunft anzusagen; er ist schon geboren worden, – so erzählt die Chronik. Das Ereignis ist tatsächlich schon eingetreten, wenn auch nicht bei uns in Preußen, so doch nahebei: einmal in Ungarn (1912) und einmal in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in der Hamburger Staatslotterie. In der Wirklichkeit steckt sonach ein okkulter, hasardfreundlicher Faktor, der die Wartezeiten ungeheuerlich abkürzt und die Ereignisse rapid beschleunigt. Ich setze den Ausdruck »okkult« mit allem Bedacht, ungeachtet möglicher Mißdeutung. Auch die Fernkraft der Gravitation war einmal okkult, hat sich weiterhin zum Range einer Evidenz erhoben und versinkt allmählich wieder ins geisternde Dunkel. Und die gesamte jüngstphysikalische Wissenschaft zeigt die Tendenz, Bestandteile in sich aufzunehmen, die noch vor einem Jahrzehnt als verdächtig-okkult gegolten hätten. Die Natur kümmert sich nicht im geringsten um errechnete Zeitschwierigkeiten; fast durchweg tritt sie mit Überrumpelungen auf, mit grotesker Häufung der Unwahrscheinlichkeit, als ob sie es darauf anlegte, die Menschen zum Hasard zu verlocken. * Läßt sich das Hasardspiel überhaupt definieren? Die Justiz hat es versucht, ohne jemals zu einer einheitlichen Auslegung zu gelangen. Man hilft sich also entweder mit der lückenhaften Definition: Hasard ist – außer Roulette, Würfel-, Münzwurf usw. – jedes Kartenspiel, bei dem kein Atout gemacht wird, oder man bezeichnet die Spiele von Fall zu Fall. Danach fallen in die Hasardrubrik: Trente et Quarante, Baccarat, Tempeln, Kümmelblatt, Vingt et un, Kartenlotto, Poker usw., während Ecarté und viele andere Trumpfspiele nicht als eigentliche Glücksspiele angesehen werden dürfen. Aber diese Einteilungen sind von der Verlegenheit eingegeben und haben vor einer eindringlichen Betrachtung keinen Bestand. Ich habe mich länger als mir dienlich war in Klubräumen aufgehalten und mir dort von ausgesprochenen Kennern sagen lassen, daß beim Ecarté die vom Zufall gelieferte Kartengüte zu neun Zehntel, die Spielintelligenz nur zu einem Zehntel entscheidet. Spielen zwei Stümper gegeneinander, so findet der Zufall obendrein in den 10 Prozent der Intelligenz noch ein weiteres Feld der Betätigung. Wogegen sich bei zwei Meistern die 90 Prozent der Kartengüte im Lauf längerer Zeit gegenseitig kompensieren und die reine Intelligenz den Ausschlag gibt. Bei diesen wird sonach das Spiel beinahe zu einer Verstandesprobe, wie etwa das Schach. Gerät vollends ein Stümper an einen Meister, so verflüchtigt sich das Hasard vollständig, und der Pfuscher ist bei längerer Spieldauer unbedingt geliefert. Es hat also keinen rechten Sinn, ein derartiges Spiel nach Hasard oder Nicht-Hasard zu definieren, da es ja nach der Qualität der Teilnehmer so oder so erscheinen kann. Ist doch sogar ein anscheinend absoluter Verstandeskampf wie das Schach nicht ganz befreit von Zufallsmomenten, die sich in der jeweiligen Disposition, in der Abhängigkeit von klimatischen Bedingungen ausdrücken; bei aller Festigkeit der Spielregeln bleibt die Geistesschärfe der Kämpfer gewissen Äußerlichkeiten unterworfen, die in ein unkontrollierbares von Gunst und Tücke des Fatums beeinflußtes Gebiet fallen. – Auf einem Seitenpfad der einschlägigen Probleme finden wir ein sittliches Merkzeichen aufgerichtet. Es gab und gibt wohl keinen Monacogast, der die unbedingte Ehrlichkeit der Bank jemals bezweifelt hätte. Konstruieren wir indeß einmal einen abenteuerlichen Fall: sämtliche Spieler an einer Tafel versteifen sich mit hohen Beträgen auf Rouge–Pair–Manque und verlieren eine halbe Stunde lang unausgesetzt, da konsequent Noir–Impair–Passe herauskommt. Dann würde das Erstaunen unausbleiblich in Entrüstung umschlagen, und bei der Mehrzahl hieße es gewiß: das geht nicht mit richtigen Dingen zu; obschon der Fall an sich gar nicht besonders phantastisch ausgeheckt erscheint, nur als höchst schmerzhaft für die Korona. Dieser Schmerz würde die Erwartung in die Bahn eines Verdachts lenken. Der Fall läßt sich aus der Komplikation herausheben und so isolieren, daß er einer Berechnung zugänglich wird. Man hat alsdann Veranlassung, den Chancenkalkül umzukehren , das heißt von einer gegebenen Wirkung aus, rückwärts , auf die Wahrscheinlichkeit der Ursache zu schließen. Beim Ecarté zum Beispiel handelt es sich darum, fünf Points anzulegen, um das Spiel zu gewinnen; und diese Points hängen von verschiedenen Bedingungen ab, u. a. davon, daß der Kartengeber den König umdreht (tourniert). Da 4 mal 8 Karten vorhanden sind, so ist die jedesmalige Wahrscheinlichkeit hierfür gleich ⅛. Hieran knüpfen sich sehr seltsame, aber im Zuge der Vorausberechnung und des Rückblicks unausweichliche Fragen: Ich spiele mit einem mir bis vor wenigen Minuten unbekannten Gegner und gerate an die Tatsache, daß dieser Herr zehnmal hintereinander den König tourniert. Darf da in mir ein Verdacht aufsteigen? Und weiter: welche Wahrscheinlichkeit spricht für diese peinliche Vermutung? Die Rechnung ergibt einen sehr hohen Betrag: es ist allerdings höchst wahrscheinlich, daß der Herr mich begaunert. Aber schon beim ersten Kartengeben wäre der Verdacht mathematisch gerechtfertigt gewesen. Denn bereits beim allerersten Tournieren des Königs müßte die nämliche Ursachenerwägung zu der Folgerung führen: dieser Herr ist mit der Wahrscheinlichkeit 8 : 9 ein Falschspieler. Acht Vermutungen sprechen für seine Schuftigkeit gegen nur eine Vermutung, er könne möglicherweise ein anständiger Kerl sein. Und gegen solche Folgerung empören wir uns mit Recht. Wir spüren einen Riß in der Chancenrechnung, und die Ursache dieses Risses ist nicht schwer zu entdecken. Sie wurzelt in der gleichmacherischen Tendenz aller Wahrscheinlichkeitsformeln, welche von Grund auf darauf angewiesen sind, die Wirklichkeit zu fälschen; welche rücksichtslos alle Gefühlswahrnehmung und gesellschaftliche Erfahrung verleugnend einen Spielsaal, ein Kaffeehaus und eine Verbrecherspelunke über denselben Kamm schert. Hier basiert nämlich die Formel auf der Voraussetzung, es wäre mir im Grunde recht egal, mit was für Leuten ich verkehrte, und ich engagierte mich zum Spiel, ohne mir vorher irgendwelche Ansicht von der Honorigkeit meiner Partner gebildet zu haben. Das ist eine stupide Hypothese, denn die selbstverständliche Voraussetzung für das Spiel überhaupt ist mein guter Glaube. Selbst wenn der Herr den König zehnmal tournierte, würde ich mich eher zu dem Ausruf entschließen: »Donnerwetter, was für ein Dusel!« als zu der Vermutung, er beschummle. In jener Folgerung steckt mithin, auf meine subjektive Überzeugung bezogen, eine Absurdität, – freilich nur eine relative, keine absolute. Denn wenn mein Gegner gar zum 15. oder zum 20. Male den König umdrehte, so flöge meine Überzeugung trotz alledem unter den Tisch; die Formel griffe nach mir mit allen Krallen, um mir die Gewißheit einzuhämmern: hier wird betrogen! Wo ist die Grenze zu setzen? Nirgends! Alle Wahrscheinlichkeit arbeitet in der Tiefe mit versteckten, undurchsichtigen Elementen, und niemals läßt sich präzis der Punkt bestimmen, an dem sich der Zweifel zur Gewißheit befestigt. Napoleons Wort »le calcul vainquera le hasard« unterliegt, und Voltaires Gegenruf behält Recht. Wenn wir von einem Naturprinzip sprechen, von einem »Gesetz der großen Zahl«, so unterliegen wir einer Täuschung. Und gerade das Chancenspiel kann uns darüber aufklären, daß es auch im wissenschaftlichen Gesetz fließende Grenzen gibt. Die absolute Gültigkeit liegt jenseits, und nur die Illusion fliegt hinüber. Die Abenteuer des Kartentisches, der Roulettetafel, der Lotterie wiederholen sich in der Wissenschaft, die Wahrscheinlichkeit auf Wahrscheinlichkeit türmt, um solche hypothetischen Turmbauten schließlich als »Gesetz« zu proklamieren. * Ein bis ins Extrem scharfsichtiger, mit höchster Kombinatorik ausgerüsteter Spieler müßte in allem Zufall die Notwendigkeit herauswittern, und bis zu einem gewissen, allerdings bescheidenen Grade ist dies auch in Einzelfällen an der Roulette gelungen. Jedes arithmetische System läuft sich über kurz oder lang tot, dagegen gibt es ein physiologisches System, das eine kleine Aussicht ermöglicht über den blanken Zufall hinweg; und den gerissensten Stammgästen von Monte Carlo ist diese Physiologie nicht fremd. Diese Matadore existieren nur in den Hasardtempeln mit vieljähriger Tradition, können also nur in Monte Carlo angetroffen werden und sie neigen keinesfalls zu Vertraulichkeiten. Indes machten mir einige Hasardathleten, die in meinen Gesichtskreis traten, gewisse Andeutungen, aus denen sich ein methodischer Kern herausschälen ließ: In fast allen Croupiers nämlich bildet sich ein Zwangslauf der Bewegungen, eine nachweisbare Coordination, und dieser Automatismus steigert sich besonders bei älteren Individuen und überhaupt mit längerem ununterbrochenem Dienst an der nämlichen Maschine. Denn von sovielen unberechenbaren Faktoren auch der Kugellauf abhängt, so stark auch jedes maschinelle Minimum auf ein Maximum des Nummernunterschiedes hinwirkt, so wenig darf verkannt werden, daß bei nahezu gleicher Anfangsstellung und Anfangsgeschwindigkeit die Kugel gewissen uniformierenden Einflüssen unterliegt. Und hierin macht sich der Automatismus des Croupiers tatsächlich bemerkbar. Seine Handgriffe beim Ergreifen des Hebels, beim Impuls zur Rotierung, beim Ergreifen und Abschnellen der Kugel egalisieren sich derart, daß man vor einem neuen Coup nicht mehr behaupten kann: alle 37 Nummern der Tafel besitzen absolut dieselbe Wahrscheinlichkeit des Herauskommens. Die nächstfolgende Nummer ist vielmehr funktionell mit ihrer Vorgängerin verbunden. Und wer diese immer noch recht verwickelte Funktion ergründet, überschaut und ausnützt, der wird einen merklichen Chancenvorteil erzielen und sich um einen Grad über das bedingungslose, blinde Hasard erheben. Er darf natürlich nicht am Nummerntableau hängen bleiben, sondern wird seinen Scharfblick auf die Maschine selbst konzentrieren müssen, in deren Zylinder die Nummern ja ganz anders angeordnet sind wie auf der Tafel. Denn während hier die natürliche Zahlenreihe auftritt, bietet sich im Zylinder die scheinbar regellose, aber sinnreich erdachte Folge: Zero, 32, 16, 19, 4, 21, 2 usw., die das Gedächtnis des Spielers nach Gruppen, das heißt nach Sektoren der Drehscheibe zu ordnen vermag. Teilt er beispielsweise 6 Sektoren ab, die ich A, B, C, D, E, F, nennen will, so kann sich folgendes begeben: der zum Automatismus neigende Croupier bringt bei der ersten Drehung die Nummer 4 (aus Sektor A), bei der zweiten Drehung die Nummer 30 (aus Sektor C); dann besteht für die dritte Drehung eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für den Nummernkomplex 14, 31, 9, 22, 18, 29, der zusammen das Sektorfeld E ausmacht; und ein Spieler, der dies beachtet, würde einen geringen Vorsprung über die sonstige Zahlenchance gewinnen. Man könnte die subtile Frage aufwerfen, ob es denn ganz honorig wäre, dieses Übergewicht zu fruktifizieren. Ich glaube aber nicht, daß ein Spieler sich bei solchen Gewissensbedenken aufhalten wird; er urteilt vielmehr: wenn die Bank mir gegenüber den Vorteil des Zero im Roulette und des »Refait« im Trente et Quarante ausnützt, so bin ich berechtigt, mit einem Vorteil zu operieren, der mir durch meine scharfe Beobachtung zufließt. In vereinzelten Fällen drängt sich diese Beobachtung sogar dem ungeübten Spieler auf; ja es kommt vor, daß ein Croupier bei der Drehung eine Zahl leise vor sich hinmurmelt, und daß dann diese oder eine in der Maschine benachbarte wirklich zum Vorschein kommt. Es entging mir nicht, daß die Monte Carlo-Bank solche Zusammenhänge mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt, und daß die Chefs de partie bisweilen korrigierend eingreifen. Sobald der Automatismus eines Croupiers erkennbar hervortritt und dem Spiel eine merkliche Richtung gibt, wird er abgelöst, zumal wenn damit eine Häufung starker Einsätze auf bestimmte Nummerngruppen parallel geht. Ohne diese Vorsorge würde sich in gewissen Fällen ein Übergewicht der Bank kaum aufrecht erhalten lassen. Hieran wurde ich sehr viel später durch eine imponierende Persönlichkeit erinnert, die mir lange nach Abschluß meiner Südfahrten ihren Besuch in Berlin machte. Ohne den Namen zu verraten – denn hierzu wurde ich von dem Besucher nicht autorisiert – bezeichne ich ihn als eine europäische Berühmtheit im Felde der geographischen Forschung und als einen von denen, die ehedem in fernen Gebieten als Mehrer des Reiches tätig waren. Er hatte einige meiner früheren Wahrscheinlichkeitsuntersuchungen gelesen, und es lag ihm daran, sie durch einige Erfahrungsergebnisse zu ergänzen, da er im Nebenberuf durch langen Aufenthalt in Monte Carlo experimenteller Spezialist im Gebiet der Chancen geworden war; übrigens ohne Goldhunger, lediglich aus theoretischem Interesse, als ein sehr vermögender Herr, der seine Lust darin fand, dem Spieldämon in tiefsten Verließen Geheimnisse abzujagen. Und nach der Probe, die er vor mir ablegte, scheint ihm dies auch gelungen zu sein. Er entwickelte mir ein System, das von all den küstenläufigen, mir natürlich längst bekannten und als trügerisch verworfenen Systemen grundverschieden war. Es zeigte einen psychologischen Einschlag, stellte an Fassungskraft und Gedächtnis scharfe Anforderungen und operierte mit einem zahlenbegrifflich ziemlich undurchsichtigen, okkulten Faktor, so daß ich, wie ich offen bekenne, den Ausführungen des Erfinders nur teilweise zu folgen vermochte. Allein wir machten, wie gesagt, die Probe auf sein Exempel und zwar mit Hilfe der in meinem Besitz befindlichen »Permanences«. Ich ließ ihn auf dem Papier pointieren, also selbstverständlich ohne Geldrisiko, sozusagen in die Luft hinein, und nannte nach jedem Coup die Nummern, wie sie sich vor Jahren in wirklicher Folge an einem Tisch von Monte Carlo ergeben hatten. Jener konnte von dieser Folge nichts wissen, während ich mit der nur meinen Blicken zugänglichen Tabelle die Bank markierte. Der Versuch wurde solange fortgesetzt, bis ein nach meinem Urteil ziemlich sicheres Resultat feststand. Auf eine gelegentliche Glückssträhne war ich vorbereitet und ich hätte dann gesagt: ein System mehr mit einem jener Zufallserfolge, wie sie auch andere Systeme streckenweis begleiten. Allein hier hatte ich doch den Eindruck des Besonderen: etwas eigentlich Systematisches, in Worten und Ziffern Angebbares, trat gar nicht zu Tage, eher ein Einfühlen in den Gang eines Mechanismus. Ich bemerkte mit Erstaunen, wie die Sätze des Mannes sich mehr und mehr den Schwankungen der Tabelle näherten, um schließlich ein offenes Übergewicht des Spielers zu verbürgen. Meine Taxe des Vorgangs gelangte an einen kritischen Punkt. Ich mußte mich zu der Annahme verstehen: in jeder Nummernfolge, wie sie eine wirkliche Roulette aufzeigt, müssen die Elemente irgendwelchen Automatismus vorhanden sein, wenn auch noch so tief versteckt; und dieser tiefgründige Analytiker an meinem Tisch besitzt die Methode, um die Zwangsläufigkeit der Bewegung auch dort noch herauszuspüren, wo Unsereiner nichts anderes wahrnimmt, als das Auf und Ab eines ganz direktionslosen Zufalls. Während der Drucklegung dieses Buches geriet ich bei weiterer Prüfung der »Permanences« an eine symmetrische, höchst auffällige, aber zahlenmäßig angebbare Periodizität von dreiteiligem Rhythmus. Der Automatismus bleibt hiernach bestehen, allein seine Auswirkung erfolgt mit einer Komplikation, die bei der obigen Sektor-Betrachtung noch nicht in Rechnung gestellt wurde. Ich erkenne hier nur den ziffernhaften, nicht aber den physiologischen Zusammenhang und finde für diese Periodizität vorläufig keine ausreichende Erklärung. Freilich auf die unausweichliche Frage: warum begnügte sich der Forscher damit, mir seine Experimente zu zeigen, anstatt die Aktiengesellschaft von Monaco um Millionen zu erleichtern? weiß ich keinen durchgreifenden Bescheid. Er selbst deutete an, daß ihm der Besitz der theoretischen Wünschelrute wertvoller wäre, als die Schätze, die man durch sie gewinnen könnte. Ihn interessierte anscheinend an erster Stelle das Problem selbst, und vielleicht gibt es noch Idealisten, denen mehr daran liegt, eine Gedankenbarriere als eine Bank zu sprengen. * Ein Seitenstück zur Mechanisierung des Croupiers bildet der Automatismus des leblosen Körpers. Hier öffnet sich ein Gebiet, das die Analyse der Zukunft noch sehr ausgiebig beschäftigen wird. Es handelt sich tatsächlich um den Spielkörper selbst, um die Roulettekugel, um die Münze, mit der Kopf oder Schrift geworfen wird, oder um den Spielwürfel. Diese Objekte werden als Träger gewisser »Eigenschaften« vorgestellt, die in ihnen schlummern und auf den Impuls des Glücksspiels warten, um zur Sichtbarkeit zu erwachen. Mir wurde vor einiger Zeit eine neue sehr interessante Abhandlung vorgelegt, über das sogenannte Petersburger Problem und über die Opposition d'Alemberts gegen die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich habe mich bis jetzt vergeblich bemüht, für diese Studie einen Weg in die Öffentlichkeit zu finden. Inzwischen hat der Urheber, der Berliner Forscher R. Haymont, sie noch weiter fortgebaut in Ausführungen, die ich nicht kenne. Denkbar wäre es, daß er darin den Kern dieser Probleme bloßgelegt hat. Das »Petersburger Problem« blickt auf eine mehr als zweihundertjährige Vergangenheit zurück. Es wurde 1713 von Nicolaus Bernoulli aufgestellt und treibt sich seitdem als bösartiger Kobold im Lager der Gelehrten umher. Ich beschreibe es in Kürze als eine höchst einfache Angelegenheit, um darauf hinzudeuten: wenn solch simples Ding schon soviel Kopfzerbrechen verursacht hat, welche Ungeheuer von Schwierigkeiten mögen in dem unendlich erwickelteren Problemen von Monte Carlo nisten! Also zwei Kumpane verabreden sich zu einem Hasard. Peter wirft eine Münze in die Höhe und zwar so lange, bis sie nach dem Niederfallen die Kopfseite oben zeigt. Geschieht dies nach dem ersten Wurf, so soll er dem Paul 1 Dukaten zahlen; wenn aber erst nach dem zweiten: 2, nach dem dritten 4, nach dem vierten 8, und so fort in der Weise, daß mit jedem Wurfe die Anzahl der Dukaten verdoppelt wird. Da diese Progression rapid ansteigt, so hat Paul die Möglichkeit Millionär, Milliardär, ja sogar unendlich reich zu werden, falls der Kopfwurf entsprechend lange auf sich warten läßt. Man fragt: Welchen Wert hat diese Gewinnhoffnung für Paul? Welchen Einsatz dürfte er vernünftigerweise leisten, bevor das Spiel beginnt? So einfach, so kinderspielerisch dieses Problem sich anhört, so viele Fallstricke spannt es vor dem Berechner aus. Selbst eine so hochragende und für die Wahrscheinlichkeitsberechnung geradezu klassische Autorität wie Laplace vermochte nicht, zu einer klaren Antwort durchzudringen. Eine ganze Literatur hat sich aus Peter und Paul entwickelt, eine Literatur ohne Abschluß bis heute, angefangen von Daniel Bernoulli (1731) bis zu dem großen Münchener Funktionentheoretiker Alfred Pringsheim. Und durch alle Seiten dieses Schrifttums klingt es elegisch: macht der Mathematik als solcher keine Vorwürfe, Schuld an den Fehlschlägen ihrer Spekulation tragen nur die einzelnen Mathematiker, die es nicht verstanden haben, die Rechnung mit den Erfordernissen der Praxis ins Gleichgewicht zu setzen. Man kann heute von einer Hasardwissenschaft sprechen, von einer Roulettewissenschaft, und diese würde vielleicht zur Vollendung gedeihen, wenn erst die bösen Buben aus Petersburg, Peter und Paul, zur Ruhe gebracht würden. Aber bis heute sind sie die Schreckenskinder der Mathematiker geblieben, weil diese von den Wirkungsgesetzen, die in allen Glücksspielen auftreten, nur unzureichende Kenntnis besitzen. Dieser Widerspruch zwischen Theorie und Praxis hat im Kreise der Gelehrten selbst Explosionen bewirkt. Der gewaltige d'Alembert genierte sich nicht, im Kampf gegen die Wahrscheinlichkeitsapostel recht grobes Geschütz aufzufahren und gewisse Methoden, die den Gelehrten sublim erschienen, als »skandalös« zu bezeichnen. Die letzten Schwierigkeiten liegen vielleicht im Automatismus der Personen und der leblosen Körper verankert. Man hat angefangen, die Roulettekugel und die Metallmünze als Wesenheiten zu behandeln, in denen eine »Verbundenheit der Fälle« steckt, ein Nachwirken voraufgehender Ereignisse, eine Spannung, die zum Ausgleich drängt, um die Wahrscheinlichkeit durchzusetzen. Danach wäre es durchaus nicht gleichgültig, ob Peter und Paul ihr Hasard mit ein und derselben Münze durchführen, oder ob zwischendurch mit einer anderen Münze geworfen wird. Nur die Anfangsmünze besitzt sozusagen den Trieb und den Willen, »Kopf« nach oben zu bringen, nachdem sie wiederholt »Schrift« gezeigt hat. Eine neue Münze, die plötzlich an ihre Stelle tritt, weiß nichts von dieser voraufgehenden Spannung und Speicherung, sie verhält sich gegen den nächsten Wurf völlig indifferent, sie steht am Beginn einer ganz neuen Reihe und übernimmt von der Vorgängerin keine Erbschaft für die Progression. Ich persönlich vermag mich zu dieser animistischen Vorstellung nicht zu entschließen. Läßt man sie aber gelten, so gelangt man meines Erachtens zu der Folgerung, daß man um die Idee des Hasards ganz rein zu gewährleisten mit den Subjekten wie mit den Objekten fortwährend wechseln müßte. Der Automatismus der Person und der Spielkugel wirken zwar nach verschiedenen Richtungen, allein sie gleichen sich nicht aus. Hiernach wäre es nötig, um an der Roulette alle Verbundenheit der Fälle auszuschalten, für jeden Coup einen neuen Croupier zu beordern, eine frische, parteilose Kugel laufen zu lassen, ja – ins Extrem befolgt – sogar eine neue Drehmaschine einzusetzen. * Wenn sehr viele Spieler abergläubisch sind, wenn viele es werden, die es zuvor nicht waren, so steckt im Grunde ihres Aberglaubens der Widerstreit zwischen der Rechnungstheorie und der Spielpraxis. Es ist nebensächlich, daß dieser Glaube bei Narren bis zur Groteske ausartet: irgendwer manövriert mit einer Kreuzspinne, die ihm an einem Proberoulette die demnächst bevorzugten Nummern bekriecht; ein anderer trägt eine Münze bei sich, die er heimlich am Rücken eines Buckligen rieb, und viele andere vertrauen den kabbalistischen Spielereien, die unter dem Namen »Gagnante«, »Martingale«, »Garcia-Marche«, »System Fitzroy« usw. im Schwange sind. Aber abseits von der Horde der Blödlinge stehen die Intelligenten, und auch diese erscheinen wahnbefangen. Mir ist unter den Dauerspielern nicht ein einziger begegnet, der vom Aberglauben frei geblieben wäre. Als Typus nenne ich meinen verblichenen Kollegen Oskar Blumenthal, den Dramatiker und Epigrammpräger. Er war stets bereit, jeden Aberglauben mit den Kübeln seines Spottes zu übergießen, und saß doch als beharrlicher und meist erfolgreicher Pointeur tief im Aberglauben. Ich galt ihm (mit Recht) als Pechhengst, und er umgab sich mit Sicherungen, um der ansteckenden Wirkung zu entgehen. Geriet ich zufällig auf seine Spielseite, so unterbrach er sofort das Jeu, wogegen er seine Einsätze verschärfte, wenn ich mich als Zuschauer auf die Gegenseite des Tableaus verfügte; und stets hielt er im Kreise ringsum genaue Augurenumschau mit Witterung für Mascotte und Jettatura. Worin liegt das Unbesiegliche dieses Wahnes? Darin vielleicht, daß so viele neue Erkenntnisse die Bestätigung verjährter Aberglauben gebracht haben, in Verbindung mit der Unstimmigkeit zwischen Rechnungslogik und Praxis. Dieser sicher vorhandene Widerspruch arbeitet im Unterbewußtsein, man kommt von den Unerklärlichkeiten nicht los und verstrickt sich in sie um so tiefer, je mehr sich der Kreis der Erfahrungen erweitert. Ein Beispiel statt vieler. Vor vielen Jahren war in Monte Carlo für die kräftigsten und entschlossensten Spieler in den oberen Räumen des Palastes ein besonderer Saal bereitgestellt, mit einer Spieltafel, an der ausschließlich Maximumsätze gehalten wurden, das heißt 12 000 Franken auf jede Einzelchance des Trente-et-Quarante. Dort tagte ein für sich geschlossener Cercle im Cercle, gebildet aus allbekannten Persönlichkeiten, Finanzmagnaten vom Kaliber der Pariser Ephrussi, der Gould und Astor, Kraftnaturen wie Sierstorpff, russischen Großfürsten und sonstigen Matadoren, die sich auf ein metallisches Statut vereinigt hatten: man jeute nur mit blanken Plaques, und einer der Mitarbeiter, ein Krösus aus Transvaal, der Ingenieur Dr. Maggin, versicherte mir, daß in dieser Besetzung die metaphorische Redensart »der Tisch bog sich unterm Golde« Wahrheit geworden wäre. Die Maximumsätze lagen so dicht, daß die Verrechnung und Auszahlung einzelner Coups nicht selten zwanzig Minuten und länger in Anspruch nahm. Nach menschlicher Voraussicht hätte hier der Bank, die doch mit der Überlegenheit der Chance arbeitet, eine enorme Ernte zufallen müssen. Das Gegenteil trat ein. Nach der ersten Spielsaison sah sich die Bank genötigt, diese goldstrotzende Separattafel zu beseitigen aus dem einfachen Grunde, weil sie unter dem maximalen Ansturm mit Verlust abgeschnitten hatte. Ich habe nicht den leisesten Grund, diese Angabe meines Gewährsmannes zu bezweifeln, aber auch nicht die leiseste Aussicht zur Erklärung der Rätselhaftigkeit. Ich muß mich dabei bescheiden, sie den andern Unstimmigkeiten des Hasardgetriebes beizuordnen und mich mit der Tatsache abfinden, daß weder Voraussicht noch Rückblick ausreichen, um den Spieldämon in seiner wahren Gestalt zu erkennen. Seine Gunstbezeigungen wie seine Tücken verlieren sich ins Okkulte, in ein Gewirr von Dingen, von denen sich keine Schulweisheit etwas träumen läßt. * Vor meinen Augen entsteht wieder das Getriebe, wie ich es dort hundertmal sah, jener Mikrokosmos, in dem sich das Weltgeschehen am getreuesten abspiegelt. All diese Figuren, die dort ihr Glück probieren, gedankenlos daraufloswirtschaften mit Übersprung von Kolonnen auf Transversalen und Karrees, oder sich mit Systemen Konsequenz einreden, die Gewinn einheimsen oder trübselig der fortschaufelnden Harke nachstarren, die sich amüsieren oder innerlich fluchen, – sie alle sind Versuchskaninchen in der Hand eines Demiurgen, der an ihnen seine feinsten Gesetze ausprobt. Sind es denn Gesetze? Unverbrüchliche Normen des Geschehens? Auch hiergegen reckt sich schon der Zweifel. Selbst das Gesetz »der großen Zahl«, zuoberst inthronisiert von allen Mathematikern, ist vielleicht von unbekannten Bedingungen abhängig, nur näherungsweise gültig; und während es als unumschränkter Despot in allen Wahrscheinlichkeiten ausgerufen wird, kann es selbst nur der Ausdruck einer gewissen Wahrscheinlichkeit sein, eine Approximation an etwas, wofür wir weder Begriff noch Namen besitzen. Wir behelfen uns mit einem dunkeln Gefühl, das zugleich als Zeuge für die Unmöglichkeit auftritt, die Wahrscheinlichkeit überhaupt zu definieren. Weder der Monte Carlo-Gast, der sie auf Gedeih und Verderb herausfordert, noch der Astrophysiker, der mit ihren Methoden den Sternenhimmel durchmustert, vermag auszusagen: was ist, was bedeutet Wahrscheinlichkeit? Man verstäubt nur einen Wortnebel, wenn man definiert: »Die Wahrscheinlichkeit ist das Verhältnis der einer bestimmten Erwartung günstigen Fälle zur Anzahl aller möglichen Fälle, vorausgesetzt, daß alle Fälle gleich möglich sind.« Aber das ist entweder Täuschung oder Selbstbetrug, zum mindesten ein vollendeter Drehzirkel, denn in den Ausdrücken »Erwartung« und »möglich« steckt schon ein Wahrscheinlichkeitsfaktor; man setzt als bereits erläutert voraus, was man zu erläutern verspricht. Kommt uns der Definierende mit der Ausrede, jeder Mensch wisse doch von vornherein, was eine Erwartung sei und was sie ihm ansage, so verweisen wir ihn auf die zuvor erwähnten Beispiele der Farbserien, wonach jedermann unausgesetzt zwei ganz verschiedenen, ja konträren Erwartungen ausgeliefert wird. Die Gefühlserwartung und die mathematische Erwartung laufen auf entgegengesetzten Strängen. Jene Definition – und wir haben keine bessere – wirtschaftet also mit zwei ursächlichen Erklärungsgründen, die einander aufheben und in ihrer Vereinigung gar nichts anderes hervorbringen können als eine Schaumschlägerei in Worten. Die Wahrscheinlichkeit als ein Begriff, den zu erklären man sich bemüht, ist eine Seifenblase, die bei erster Berührung zerplatzt. Trotzdem existiert sie in einem mysteriösen Dasein, und wir spüren unausgesetzt die unheimlichen Griffe ihrer Antennen. Ja wir spüren noch mehr. Wir bemerken in ihrem Getriebe zwei Pole, deren einer im Hasardspiel mündet, während der andere sich als das statistische Element aller Wissenschaft kundgibt. Dieser zweite Pol äußert seine Wirksamkeit in dem spukhaften Kampf zwischen Determination und freien Willen. Er gehört zum Weltbild im Großen, und die Bildung einer Weltanschauung hängt von ihm ab. Denn was man ehedem geschichtlich, soziologisch, moralisch als Folgen des regellosen Zufalls oder des freien Menschenwillens betrachtete, rückt mehr und mehr ins Gebiet der Statistik, der Wahrscheinlichkeit, und unterscheidet sich von den mechanisch bedingten Vorgängen in der Physik nur durch einen Prozentsatz. Vergleichen wir zum Beispiel die Voraussagen der Astronomen mit denen eines Kriminalisten. Der Astronom verkündet Mondfinsternisse und Sternbedeckungen mit (nahezu) 100% Gewißheit; aber auch der Kriminalist, der Totschlag, Brandstiftung, Notzucht und Selbstmord untersucht, ist bei dem hohen Satz von 90–95% angelangt, mit dem er den Eintritt gewisser Gruppenhandlungen als unausbleiblich ansagt. Hier hat also der anscheinend freie Wille das Feld schon zu mehr als neun Zehntel der Notwendigkeit abgetreten, und es nicht ausgeschlossen, daß auch der Rest von 5–10% der mechanischen Begreiflichkeit dereinst erschlossen wird. Die Unbegreiflichkeiten, die in diesem Reste nisten, gehören zur Kategorie derselben Rätsel, mit denen sich heute noch die Hasardwissenschaft herumschlägt. Je mehr sich diese lichten, desto weiter wird der Erkenntnisblick dringen in die vorläufig noch chaotische Welt der freiwilligen Entschlüsse und Handlungen. Freilich wird vorher die landläufige Wahrscheinlichkeitsrechnung überwunden werden müssen durch eine andere, die sich alle Errungenschaften der mathematischen Mengenlehre und der Psychophysik aneignet. Daniel Bernoulli, der Glänzendste der Bernoulli-Dynastie, von der Pariser Akademie zehnmal preisgekrönt, war der erste, der die Klippschulberechnung fortwarf und einen Überkalkül ausbaute, gegründet auf eine prozentual eingeteilte Spielervernunft. Er ging bewußt vom Spieltisch aus, von Peter-Paul und Genossen und gelangte zu einer Lehre, deren Ausläufer sich bis zur Theorie vom Güterwert, Tauschwert, Mehrwert und damit bis ins Herz der Volkswirtschaft und Sozialpolitik fortsetzen lassen. Sein Hasardkalkül ist viel zu schwierig, als daß ich ihn hier erörtern dürfte. Ich lasse es daher bei dem historischen Hinweis bewenden zur Beglaubigung der Tatsache, daß ein Spielsaal für die ernstesten Kämpfe menschlicher Interessen als Exerzierfeld dienen kann. Ich verhehle aber nicht, daß auch die geniale Bernoulli-Lehre von 1730 zu bedenklichen Paradoxien führt, und daß wohl noch weitere Jahrhunderte verstreichen werden, bevor der Spieltisch mit sicherem Erfolg für die Forschung nutzbar gemacht werden kann. Ob dann noch ein Monte Carlo existieren wird? In meinem Horoskop finde ich dafür keine zuverlässigen Zeichen. Es ist denkbar, daß die Spießermoral den Lusttempel vom Felsen herunterfegt; und ebenso, daß jeder Kulturstaat seine eigenen Monte-Carlo besitzen wird. Eine andere Frage wäre, ob ein Monte Carlo sich innerhalb einer mathematisch geschulten Menschheit halten könnte. Bernoulli und Ampère haben diese Frage gestreift, und ihre Antworten lauten nicht tröstlich. Selbst bei Gleichheit aller Chancen, so beweisen sie, geht der Einzelspieler immer und unbedingt seinem Ruin entgegen. Ich selbst wäre vermutlich eine Stütze des Beweises geworden, wenn ich es jemals auf einen wirklichen Kampf zwischen meiner Barschaft und der Kugel oder Karte angelegt hätte. Denn das Spielglück hängt als Eigenschaft am Menschen und ist mit seiner Wesenheit verbunden. Vielleicht liegt hier eine andere Wahrscheinlichkeit zugrunde, die auf eine Konstanz der Erlebnisse hinauswill und die Mannigfaltigkeit der Zufälle ausgleicht. Mir hat das Fatum außerhalb des Spielsaals so oft seine sonnige Seite zugekehrt – unberufen; füge ich hinzu, um es mit seiner Huld nicht zu verderben –, daß für mein Glück am grünen Tisch unmöglich etwas übrigbleiben konnte. Und so bin ich mit meinen bescheidenen Einsätzen ein Monstrum geblieben als Vollbringer wahrer Wunderwerke von Pechserien. Mir war es eine Bewußtseinsform geworden: wo du hinsetzt, entsteht ein Vakuum, und ich habe das Gefühl des Gewinnenkönnens überhaupt niemals kennen gelernt, nicht einmal auf Minuten. Einmal engagierte ich mich in privatem Kreise auf die Nummer 36 mit kleinen, aber konsequent fortgesetzten Beträgen, ohne daß sie den ganzen Abend nur ein einziges Mal erschienen wäre. Der Bankhalter bewilligte nach Schluß noch die sogenannten trois coups de grâce, an denen ich mich in aussichtsloser Müdigkeit nicht mehr beteiligte. Das Finale entsprach sinnig dem Vorspiel und dem Mittelsatz, die Gnadenschläge lieferten pünktlich dreimal 36, und ich hatte Ursache, vom Schubertschen Wandersmann den klassischen Begleittext zu übernehmen: dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück! Unter den mit hohen Sätzen losfeuernden Draufgängern sind die Pechmonstra meiner Art relativ selten. Und wenn Ampère herausrechnet: alle müssen sich ruinieren, so bringt die Erfahrung den verbessernden Zusatz: nur sehr wenige! Denn der ungeheuren Bankkraft gegenüber besitzt auch der Spieler eine gewisse Überlegenheit. Die Bank kämpft nicht nur mit dem Übergewicht ihrer 40 Goldmillionen, sie haftet auch damit, sie bietet sie jederzeit als Einsatz, während der Spieler nur an ein Limitum gebunden bleibt, das er so niedrig halten kann als er will, – vorausgesetzt, daß er nicht die Besinnung verliert. Tatsächlich läßt sich die Philistermoral hier in höherem Grade von der Legende bedienen als von der Wirklichkeit. Im ganzen weiten Kreise meiner Bekannten befanden sich nur zwei Personen, die als Hasardeure Vermögen und Leben verloren, und diese beiden fielen nicht als Opfer der Rivieralust, sondern wurden vielmehr durch Extravaganzen in Klubs überwältigt, in denen weit gefährlichere Bedingungen lauern als in Monte. An der Riviera kommen doch auch die Existenzen vor, die durch Gewinn vom Ruin errettet werden, während der Klub vom Verlierer wie vom Gewinner zehrt. Aber ich höre: Wie viele haben sich doch schon im Park von Monte Carlo erschossen! Das kann nachgeprüft werden, mit dem Resultat: diese Schüsse gehören bis auf geringe Ausnahmen zur Theaterfeuerwerkerei sensationshungriger Journalisten. Gewiß, es gibt auf dem Boden von Monaco einen Selbstmörderfriedhof, sehr schwer auffindbar, denn durchweg erhält man auf die Frage nach dem Ort die Antwort »ça n'existe pas«. Ich habe ihn in langwieriger Suche auf steilem lehmigem Wege ermittelt und zugleich festgestellt, daß sämtliche Selbstmörder, soweit sie nicht von Angehörigen im Ausland reklamiert werden, dort ihre letzte Unterkunft finden. Sechs oder sieben Grabhügelchen mit verwitterten Gedenkzeichen liefern das ganze Register. Dieser Totentanz ist also weit dünner instrumentiert als die geräuschvollen danses macabres, die seit so vielen Jahrzehnten von den Zeitungen aufgespielt werden. * Ich mißtraue auch anderen Legenden, so denen, die mit erotischer Betonung vorgetragen werden. Wer sich das Land als ein Cythere-Gestade vorstellt, in dem die Macht des Weibes hochaufgerichtet dasteht, als eine große Cour d'amour mit romanhaftem Gewirre von Kurtisanen und Troubadouren, der trägt eine phantastische Deutung in ein materiell angelegtes Treiben. Das Wesentliche liegt hier nicht darin, daß die Geschlechtsliebe in dieser Landschaft einen vorwiegend metallischen Beigeschmack hat; nein, die Substanz selbst, das Edelmetall wird durch die Interessen des Hasard so stark in Anspruch genommen, daß der Tempel der Venus nur von einem Nebenstrom des flutenden Goldes bespült wird. Sehr viele Kavaliere, und gerade die lebetüchtigsten, sind einfach um die Fors-Fortuna so eifrig beschäftigt, daß ihnen zum Umgang mit anderen Gottheiten die Zeit und die Möglichkeit fehlt. Ja mir hat es mehr als einer vertraut, daß sich in der Bannmeile der grands et petits jeux sogar das elementare Verlangen abstumpft. Jener Ironiker traf wohl das Rechte mit seiner Glosse: Wir Lebemänner haben hier am Trente et quarante bei den abgezogenen Kartentaillen so reichlich zu tun, daß wir gar nicht dazu kommen, anderswo »Taillen« abziehen zu sehen. Diese Bonvivants werden zumeist vorsichtig mit dem Gelde, sobald es sich um ces dames handelt. Weil sie sich auf ihren kalkulierenden Scharfsinn so viel einbilden und weil sich an der Bank auch nicht um einen Pfennig feilschen läßt, verlegen sie die Kunst des Abhandelns auf den Liebesmarkt und finden ihre Genugtuung an den Ersparnissen in Venere. Nirgends in der Welt werden die Preise so weit vorgeschlagen und so tief gedrückt; das Markten ist zum Sport geworden, die Spannung zwischen Angebot und Begehr trägt in die frivolen Händel die Usancen des Börsenspiels; das Erotische wird noch unteranimalisch, man liebt mit der Uhr in der Hand, wägt Kosten gegen Kitzel der Renommage und – das Unmoralische versteht sich immer von selbst. So ähnlich sagt es wohl auch Vischer, nur dem Sinne nach entgegengesetzt und deshalb grundfalsch. Vom Laster ist zu verlangen, daß es sich zu dem bekenne, was es vorstellt, und daß es nicht gänzlich verleugne, was es unter Umständen sein kann: interessant. Es würde dadurch nicht moralisch im Bürgersinne, aber es könnte wenigstens eine Fassade mit romantischen Lichtern bewahren. Nur ganz vereinzelt habe ich dergleichen in dem Treiben der kokottösen Kolonie bemerkt. Ich bediente mich zuvor des Ausdrucks Chronique scandaleuse als eines Begriffs, der überall verstanden wird. Allein der Skandal dieser Chronik besitzt nicht einmal den pikanten Auftrieb; keinen Schwung, keine Schärfe, keine Dynamik, er macht nicht einmal Spektakel. Er schleppt sich nur so hin, er humpelt, und die in ihn verwickelten Figuren sind die langweiligsten auf der ganzen von der Natur so verschwenderisch dekorierten Bühne. Jeder Kellner im Hotel, der Liftboy und die Aufräumefrau sind dem Erleben näher, als das parfümierte mondäne Gesindel mit seinem halbweltlerischen Getue, das an der Amüsitis krankt, ohne das mindeste Talent zum Amüsement; Schattenexistenzen, die schleimig am Boden kriechen und sich dabei ein flatterndes Schmetterlingsdasein einreden. Die Scheuerfrau und der Boy, der durch Schlüssellöcher guckt, leisten sich doch manchmal einen vergnügten Tratsch und Klatsch, beleben ihre Korridorgespräche durch knallige Wendungen, schwingen Satire; aber die Fifines und Gastons in den Zimmern plärren wie die Sprechautomaten und repetieren immer nur die bis zum Ekel abgedrehte Walze, immer nur die tausendmal vor- und wiedergekäuten Blödsinnsphrasen. Von den Grandes Cocottes geht das Küstengerede, aber es ist keine vorhanden; keine einzige, die den Ehrgeiz hätte, einen Machtbereich aufzurichten, eine Imperia oder Tullia d'Aragona zu werden. Ja die ganze Klasse hat nicht einmal eine Ahnung davon, daß es unter ihnen einen Edelstand geben könnte mit einem Nachglanz der großen Kurtisanen aus der Renaissance. Sie betreibt nur ein fades Metier mit einem unveränderlichen Vorrat handwerklicher Kniffe. Eine Dirne des Berliner Scheunenviertels, eine Karreeläuferin zwischen Zuhälter und Polizei, zwischen Messerstich und Klinik, umhergejagt von Plünderungsgier und Trieben der Anhänglichkeit, kann immer noch eher an ein erotisches Abenteuer gelangen, als die in Seide und Pelz rauschende Verdienerin an der Azurküste. Diese Damen – bleiben wir bei der Bezeichnung Fifine – sind ihrer Gastons wert. In irgend einem Kloakenblatt hat gestanden, daß man sich momentan für diese Fifine, in der Fremdenliste als Baronne de X. verzeichnet, zu interessieren hat; folglich bemüht sich Gaston um sie, wenn auch nicht entfernt so eifrig wie um den Preis im Taubenschießen. Dort in dem entsetzlichen Halbrondell nahe dem Kasino, wo man täglich schockweise Tauben aus dunklen Verschlägen aufflattern läßt, um sie beim ersten Flügelschlag im Sonnenlicht dem Gemetzel preiszugeben, dort ist sein Lieblingsstand; für diese Mordfexerei reicht sein Verständnis, und wenn er gerade diesem stupiden Knallsport obliegt, vergißt er das verabredete Schäferstündchen. Eine Stunde darauf begegnet er auf dem Parkwege einer anderen Fifine. Auch diese ist »en évidence«, auf ihrer Karte steht Esmeralda; so hieß sie schon vor zehn Jahren als glänzende Zirkuskünstlerin, und heute führt sie die Reste ihrer Schönheit in Monte spazieren. Man verhandelt in freier Natur mit ungedämpfter Stimme über den Preis. Von ihren stolz gewölbten Lippen kommt es: 3000 (was nicht übertrieben ist, da schon in weit billigeren Zeitläuften Lais von Demosthenes 10 000 Drachmen gefordert hat). Er kalkuliert vorhandene Frauenvaleur plus Renommage und bietet als Gegenofferte 500. Sie weist tiefentrüstet ab und nennt als unerschütterliches Limitum 2000. Daran scheitert die Sache, und Gaston ist im Grunde entzückt darüber, daß der Handel im Sande verläuft. Zwei Abende darauf findet er sie am Spieltisch in tiefster Zerschmetterung. Wie so viele solcher Damen ist sie besinnungslos in die déveine getaumelt; der Augenschein zeigt bereits das Fehlen ihrer Juwelen – (vom Roulettetisch zum Versatzamt sind dort nur einige Schritte) – und Esmeralda weiß nicht mehr, wovon sie ihr Diner bezahlen soll. Das ist der psychologische Moment, den Gaston erhofft hat. Sie erwartet in dieser Lage keinen Seladon, keinen spendablen Lüstling, sondern nur noch einen Herrn, der ihr etwas zu essen gibt. Und die Amoretten der Venus Vulgivaga stimmen einen Chor an über das Leitmotiv: 100 Franken, – ab dafür! * Zu jener Zeit erschienen in einem Pariser Spektakelblatt, ich glaube im »Gil-Blas«, große Lebensbeschreibungen und Monographieen zur Charakteristik der Demimondaines, für die man sich in der Welt der Nichtstuer zu begeistern hatte. Diese Schriften wurden bald zu einem Prachtwerk mit Portraitschmuck vereinigt, und es gehörte zum guten Ton, es zu besitzen und studiert zu haben. Selbstverständlich verbrachte ein großer Teil der also abgeschilderten und glorifizierten Huldinnen die Karneval-Zeit im Süden, und wenn man Glück hatte, so konnte man sie persönlich kennen lernen. Ich hatte dieses Glück. Denn es fügte sich, daß einer meiner Bekannten, der praktische Arzt Professor Felsing, gerade in diesen Kreisen eine ausgebreitete Kundschaft pflegte. Er besaß, als in Paris ausgebildet und graduiert, die Behandlungslizenz und galt als Docteur à la mode besonders in der Kolonie der Kokotten. Man denke dabei nicht gleich an schlimme Fälle mit Quecksilber und Salvarsan-Medikamenten. Nein, diese Damen waren in puncto Veneris ganz gesund; sie kokettierten nur gern mit gewissen nervösen Leiden und legten Wert darauf, einen beliebten und weltgewandten Arzt zu beschäftigen; zumal dieser junge Äskulap nicht nur behorchte, beklopfte und Tropfen verschrieb, sondern auch kleine Konvivien in niedlichen Restaurantnischen veranstaltete. Und bei solchen Gelegenheiten hatte ich, wie angedeutet, den Vorzug, als Gesprächspartner eingeladen zu werden und die lebenden Urbilder jenes Pariser Prachtwerks in Augenschein zu nehmen. Das waren sie also, die Lancierten, die in großer Karriere Dahinrauschenden, die Freundinnen der Kavaliere vom Jockeiclub. Allzugroße Illusionen hatte ich mir ja nicht vorgegaukelt, allein hier schwand auch der letzte Rest einer Beziehungsmöglichkeit zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Diese eine, »Madame de Roubence«, wurde gegenwärtig von einem amerikanischen Zeitungskrösus vergöttert, der an der Azurküste seine Luxusyacht schwimmen ließ. Sie selbst gab in ihren Salons Empfänge, die in den Journalen vom Littoral beschrieben wurden mit dem Begleitmotiv: Wohl dem, der sich auch nur an ihrem Anblick berauschen, eine Luft mit ihr atmen darf! Daß sie in Person unschön war, hätte mir ihren Nimbus noch nicht zerstört, denn es gibt ja weibliche Exemplare, auf die das Kennwort paßt: c'est sa laideur qui fait sa beauté. Aber diese Madame war nicht einmal interessant, nur eben grazienverlassen, Inhaberin von Zügen, bei deren Herstellung die Natur gestümpert hatte; dazu eine diphtheritische Sprechstimme, die so klang, als würde sie über ein Reibeisen gezogen. Und für so etwas, redete die Legende den galanten Crétins ein, hatte man sich zu ruinieren! Auch unter den andern war nicht viel los, keinesfalls befand sich unter ihnen eine, die ihre Reklame, die journalistischen Paukenschläge, ja auch nur ihren Lagertarif gerechtfertigt hätte; höchstens etliche mit leidlichen Gesichtern, die ihren konversationellen Blödsinn vergnüglich abschnurrten und mit jenen »petits cris« würzten, die auf der Bühne des Palais Royal die Höhepunkte des Reizes darstellten. Was man während des Karnevals auf den Redouten und in den Blumenschlachten des Corso erblickte, erhob sich bisweilen über dies Niveau, allein auch hier war fast durchweg zu beobachten: je berühmter im Sinne des Tamtams, desto schlechtere Klasse. Sehr en vogue war Emilienne d'Alençon, die es bis zum Range einer Sehenswürdigkeit gebracht hatte und unausgesetzt im Kreuzfeuer snobistischer Huldigungen stand. Ihr Andenken ist dadurch gesichert, daß sie in den nachgelassenen Schriften des Oscar Wilde vorkommt, der sie schon als Berühmtheit gekannt hat, ohne sich übrigens für sie zu begeistern. Jedenfalls konnte man damals in der guten Gesellschaft ohne Kenntnisse in Wissenschaft und Literatur ganz gut bestehen, während der Makel der Unbildung einem anhaftete, der Emilienne d'Alençon nicht kannte. Sie war Trägerin unzähliger Schönheitspreise, und keinem fiel es ein zu prüfen, ob sie diese Auszeichnungen verdiente; das war gar nicht Angelegenheit der Ästhetik, sondern der Tradition; wer Preisrichter wurde, übernahm damit die Verpflichtung, die Emilienne d'Alençon zu krönen. In Wirklichkeit war sie eine ganz gleichgültige Erscheinung von dürftiger Figur, salopp in der Haltung, mit einem Dutzendgesicht, nicht verlohnend, daß man auch nur den Kopf danach wendete; Musterbeispiel der Massensuggestion, die den Leuten einen Effekt, als Wirkung ohne Ursache aufredete. Davon verstehe ich nichts? Schon möglich. Aber ebenso möglich, daß die anderen ebensowenig davon verstanden, und ganz gewiß, daß der Begriff des Verständnisses hier gänzlich illusorisch wird. So profan das Beispiel ist, die Frage des Pilatus »Was ist Wahrheit?« bleibt bestehen, ohne Beantwortung, denn aller Weibesschönheit liegt ein imaginäres Wertmaß zugrunde, das nur dann den Anschein einer Objektivität gewinnt, wenn viele Beurteiler übereinstimmen. Wir übertragen einfach das Prinzip der Mehrheit wie eine parlamentarische Abstimmung auf alles Künstlerische, Sexuelle und nehmen das Ergebnis der großen Zahl als gültige Schönheitsnorm. Und nur in vereinzelten Augenblicken der Erkenntnis dringt es uns ins Bewußtsein: Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn! – ohne daß wir mit Sapieha hinzufügen dürften: Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen. Nein, auch nicht bei den wenigen, überhaupt bei gar keinen, denn der Schönheitsverstand ist nichts als eine fiktive Formel, mit der wir uns aus dem Relativen in ein nicht vorhandenes Absolutum hineinzuschwindeln trachten. Die Instanz, vor der eine schöne Frau – ebenso wie ein Klanggebilde – als schön besteht, empfängt ihre Kompetenz vom Raum und von der Zeit, wird mit deren Wechsel hinfällig, und es hat keinen Sinn, die nächstfolgende Instanz als die weisere, übergeordnete zu betrachten, denn im raumzeitlichen Geschehen sind die Punkte gleichwertig, und es läuft nur auf einen Wortunterschied hinaus, ob man von einem progressus oder von einem regressus in infinitum spricht. Ich habe sonach nicht zu begründen, weshalb mir die oder jene gefällt oder mißfällt, sondern ich darf mich auf den Allerweltsstandpunkt zurückziehen, der zwar ästhetisch bedeutungslos, aber durch keinen besseren zu ersetzen ist. Und weiß ganz gut, daß ich ebenso leicht der Suggestion verfallen kann wie irgendein Jedermann. Um bei der Kategorie zu bleiben: jene Lina Cavalieri, die damals allgemein als Schönheit gepriesen wurde, und deren Bilder in mehr als zehn Millionen Exemplaren Verbreitung fanden, erschien auch mir als bewundernswert; besonders in der Struktur des Oberkörpers, worin sie das Modell eines sehr zarten und sehr tief gelagerten Busens verwirklichte. Im Widerspruch mit dem griechischen Ideal und der Norm des Rokoko; eine Hebe, Aglaia, Danae oder Ninon mit ähnlicher Brustanlage wären nicht denkbar gewesen. Allein die Suggestion hatte eben diese Linie als die lieblichste von allen jedem Urteil aufgeredet, und ich fand das durch Jahre selbstverständlich, ohne mir darüber geometrische Bedenken zu machen. Eine andere Dame hätte eigentlich die Berühmtheit mit der Cavalieri teilen müssen: Miß Chapman, vormals Favoritin eines südeuropäischen Monarchen, der bei irgendwelcher interessanten Revolte an einem Tage die Krone und die Geliebte verloren hatte. Jetzt wandelte sie durch die Kasinosäle als eine leibhaftige Venus, blieb aber trotzdem im Dunkeln, da sich die skandalmachenden Chroniqueure zufällig mit ihr nicht sonderlich beschäftigten. Denen leuchtete eine Otéro stärker ein, die unwiderruflich als »la belle Otéro« herumlief, ein Gegenstück zum Beinamen Lucifer, der dem Fürsten der Finsternis anhaftet, und zum etymologischen Wortspiel lucus a non lucendo. Um viele Grade höher stand eine gefällige Priesterin Mme de Sorel, die sich in Monaco eine Saison lang als prima omnium behauptete. Von ihrer Namensschwester Agnes her klingt ihr Titel »Dame de Beauté«, der aber nicht überschwenglich gemeint war, denn die Maitresse Karls des Siebenten hieß also nach dem Schloß an der Marne »Beauté«, das der König ihr geschenkt hatte. Der modernen Sorel gegenüber griffen die Chronisten ziemlich tief in die Psaltersaiten. Sie hatten damals ein neues Schlagwort in Umlauf gesetzt: »La Parisine«, womit sie ein unkörperliches Fluidum bezeichneten, eine geistige Essenz, gleichsam den Extrakt der pariserischen Eleganz und Anmut; und es galt als ausgemacht, daß von der Sorel solche elysische ätherdünne Parisine wahrnehmbar ausströme. Diese Herrlichkeit bekam allerdings einen leisen Knacks, als sich einwandfrei herausstellte, daß die Sorel eigentlich Sorauer hieß und nicht aus Paris, sondern aus Krotoschin stammte. Betreffs einer anderen Figur lag der Irrtum lediglich bei mir. Ich sah sie zuerst im Sporting-Klub, wo sie mit mäßigen Louisdorsätzen herumspielte, in elastischer Bewegung zwischen den Tischen wandelnd. Sie sah verjährt aus, allein die schönen Reste ihrer Körperlichkeit konnten noch imponieren, und aus gewissen Symptomen in Blick und Haltung glaubte ich schließen zu dürfen: ein vormaliges Mitglied der cytherischen Garde, zu stolz und zu einsichtig, um noch mit den Tändelkniffen der Jugend zu operieren, aber doch noch weit von der Resignation entfernt. Meine Mutmaßung betreffs der sozialen Schicht, der ich sie zuwies, ging gänzlich fehl: diese Dame war Anastasia, ihres Zeichens Großfürstin und nahe Anverwandte der Hohenzollern. Sie hätte übrigens nicht weit zu wandern brauchen, um viele Personen von gleichem Geburtsniveau anzutreffen. Dicht neben Monte Carlo, auf dem Cap Martin, hauste Eugenie von Montijo-Teba, die einstmalige Kaiserin der Franzosen, damals schon steinalt und in verlöschende Erinnerung an ihren Gatten Napoleon, ihren Sohn Lulu und an ihre »petite guerre« von 1870 versenkt. Und noch einige Schritte weiter befand sich in einer ganz abenteuerlichen Gesteins- und Waldungszenerie, kaum noch unserem Planeten zugehörig, das Grand Hotel von Cap Martin, einst Wintersitz der Kaiserin Elisabeth von Österreich, zu meiner Zeit eine Karawanserei für alle erdenklichen Kronenträger und exilierte Monarchen. Ich versuchte einmal dort hineinzuschnüffeln und erzwang es wohl auch, daß mir ein Schälchen Mokka serviert wurde. Allein, ich saß unter den vernichtenden Blicken eines hellseherischen Personals, das meine Herkunft als nicht von Gottes Gnaden gründlich durchschaute und mir folgerichtig den Trank mit Verachtung würzte; und ich glaube, daß ein simpler Baron oder Graf dort auch noch schnell genug zum Bewußtsein der eigenen Minderwertigkeit gelangt wäre. Wie es heute dort hergeht, weiß ich nicht. Die geburtsaristokratische Tönung wird wohl etwas nachgelassen, die plutokratische entsprechend zugenommen haben. So oder so, der kosmopolitische Wanderer hat in solchem Grand Hotel (lies: Hotel für die Granden) nichts zu suchen, und wenn er sich darauf versteift, dort Herberge zu finden, so gerät er zwischen die zermalmenden Puffer des Ranges und des Reichtums. Nichtsdestoweniger blieb in dem ganzen Gelände der kosmopolitische Zug spürbar, wenigstens insofern, als man nur selten an nationalistische Stacheln geriet. An der italienischen Riviera, in San Remo und Bordighera, in Nervi, Pegli, Rapallo, Portofino fühlte sich der Deutsche geradezu von milder Freundschaft umspült, und an der französischen gaben sich die Leute Mühe, eine wohltemperierte, neutrale Stimmung aufrecht zu halten. Viele Einrichtungen und Veranstaltungen trugen internationales Gepräge, und wer nicht mißtrauisch tiefer forschte, der konnte sich mit seinem Deutschtum ganz behaglich in diesem Internationalismus eingebettet glauben. Daß der Germane eine geringere Rolle spielte als der Brite, lag in der Natur der Dinge, die sich doch zuerst und zuletzt nach metallischen Gesichtspunkten bestimmten. Die ganze splendite Vorstadt Cimiez von Nizza mit ihren üppigen Gastburgen Alhambra, Regina, Riviera-Palace, Majestic, ebenso die Stadtteile Carabacel, Montboron und die Umgebung des Jardin public standen unter der Herrschaft des Sterlings. Hätte sich auch die deutsche Kolonie verdreifacht, verzehnfacht, so wäre es doch für die glanzvolle Strandlinie bei dem Namen »Promenade des Anglais« verblieben, und niemals tauchte ein Antrag auf, sie in Promenade des Allemands umzutaufen, obschon in den Bauten sehr viel deutsches, zumal Frankfurter Geld investiert war. Mit solchen Gegebenheiten hat man sich zudem überall abgefunden, sogar in Deutschland selbst: Bristol ist nach Weltgeltung ein Provinznest gegen Hamburg, aber unser mitbürgerlicher Hotelbesitzer schreibt doch noch lieber Bristol an seine Fassade, als Stadt Hamburg. Im sprachlichen Tohuwabohu behauptete sich das Deutsche mit ansehnlicher Stärke; ein Teil der industriösen Bevölkerung hatte sich hierauf eingestellt, und an manchem Schaufenster der südfranzösischen Läden sah man ermunternde Hinweise. Mit der teutonischen Rechtschreibung freilich wurde es nicht genau genommen, die Einladung lautete in der Regel: »Man spritch Deutch«; und wie zur Beruhigung des nationalen Gewissens versicherte ein Plakat daneben: »On parle français.« Neidlos öffnete sich der Kunstbereich des musikalischen Parnaß der deutschen Hegemonie, und das fiel bei der weiten Ausdehnung dieser Betriebe immerhin ins Gewicht. Zu drei Vierteln boten die Programme der »Klassischen Konzerte« unsere Meister von Bach bis Richard Wagner, während der Rest mit Franzosen, Russen, Italienern und Skandinaviern für den internationalen Einschlag zu sorgen hatte. Hier hatte Albion nichts zu sagen, und der übrige nichtdeutsche Komplex immer noch weniger als etwa in den philharmonischen Veranstaltungen der Reichshauptstadt. In all den Riviera-Konzerten war die Absicht kenntlich, dem deutschen Genius Ovationen zu bereiten und seine via triumphalis täglich neu zu beflaggen. Die Literatur nahm natürlich an diesen Huldigungen nur den bescheidensten, die Wissenschaft gar keinen Anteil. Denn diese besitzt keine gesellschaftlichen Talente und steht außerhalb der Möglichkeit, in das öffentliche Leben hineinzustrahlen. Nichts erinnerte daran, daß Nietzsche dort gelebt und geschrieben, daß einer unserer größten Naturkünder dort geforscht hatte. Aber da sich die Riviera-Chroniken darüber ausschweigen, so möge hier eine der verwehten Spuren aufgedeckt werden: Vor langen Jahren geriet ich an einen verwahrlosten Palastbau mit kirchenartigen Giebelfenstern, der den felsigen Ausläufer des Kap Antibes nahe bei Nizza bekrönte. Von Wildpflanzen umsponnen, lag er in märchenhafter Stille wie ein verwunschenes Schloß, und erst nach langem Umhersuchen entdeckte ich im benachbarten Busch eine menschliche Seele, die mir Auskunft gab. Es war der Verwalter des Anwesens, das sich demnächst – welchem romantischen Herrensitz bliebe das erspart? – in ein Grand Hotel umwandeln sollte. Es hätten sich auch bereits Fremde angemeldet, Gäste aus Deutschland – und er wies mir zwei Zettel, die deren Namen aufzeigten: Hermann Helmholtz und Werner Siemens ; vermutlich zwei exzentrische Herren, die auf spukhafte Abenteuer in einer vereinsamten Burg ausgingen. Mit dem Spuk hatte es seine Richtigkeit: es galt, den Wind- und Wassergespenstern Geheimnisse abzufangen, für deren Entschleierung diese Steilküste mit ihrem weiten Überblick über tiefe Wogenzüge die günstigsten Bedingungen bot – vorausgesetzt, daß ein menschlicher Genieblick diese Geheimnisse durchdrang. Wenige Monate später legte Helmholtz, als Präsident der Physikalischen Reichsanstalt, der Berliner Akademie seine Ergebnisse vor unter dem Titel »Die Energie der Wogen und des Windes«. Diese Arbeit bildete den Abschluß seiner Untersuchungen über atmosphärische Bewegungen und bedeutet in wunderbarem Einklang von Theorie und Erfahrung einen Triumph der meteorologischen Wissenschaft. Vordem unerklärliche Zusammenhänge von Wind und Meer wurden als Probleme der Variationsrechnung behandelt, und was dem gewöhnlichen Sterblichen im Schäumen und Branden der Wogenkämme als ein liebliches oder imposantes Spiel erscheint, fand nunmehr seinen Ausdruck in mathematisch begründeten Gesetzen. Das lag jenseits des Horizontes aller Rivieraschwärmer, die selbstverständlich von einem Helmholtz nicht die geringste Notiz nahmen. Wenn sie sich überhaupt jemals um etwas Wissenschaftliches bekümmerten, so kam für sie nur die Heilkunde in Betracht. Denn die Riviera ist zwar das Sanatorium Gottes, aber zugleich ein diabolisches Institut für Anzüchtung der Katarrhe. Die Tuberkulösen werden dort oft genug gesund, die Gesunden lernen dafür das Husten, und es ist des Behandelns kein Ende. Die Landesbehörden wußten sehr wohl, weshalb sie mit der Verteilung der Lizenzen so rigoros verfuhren: der deutsche Arzt stand sehr hoch im Kurse, und Fremde wie Einheimische bezeigten ihre Reverenz einer Wissenschaft, als deren Vertreter der deutsche Äskulap mit Vorliebe aufgesucht wurde. Einer meiner Freunde, Dr. Leo Bardach, ursprünglich in Nizza, später in Monte ansässig, hatte es bis zur offiziellen Anerkennung gebracht, bis zum dirigierenden Arzt einer großen Pflegeanstalt, seine erfolgreiche Praxis erstreckte sich über weites Küstengebiet. In seinem Hause, von ihm und seiner Gattin betreut, habe ich Stunden verbracht, die mir noch heute als irdische Höhepunkte erscheinen. Von der internationalen Atmosphäre der Außenwelt drang ein spürbarer Hauch in die Bardachschen Räume, wahre Schmuckfächer, in denen Behaglichkeit und Eleganz nisteten, mit offnem Prospekt über die Palmenkronen des Parkes hinweg bis zum Zusammenfluß der beiden Azurbogen, wo Himmel und Meeresflut ununterscheidbar werden. Die Gastlichkeit des Paares stand ursprünglich mir gegenüber vor harten Aufgaben. Sie hatten mich in der Blüte meines neurasthenischen Leidens übernommen, ich war zweifellos das Musterbild aller Unausstehlichkeit; und in einer Zeit, da ich selbst es schroff abgelehnt hätte, mit so einem Subjekt umzugehen, widmeten sie sich dem Unhold, er mit beruhigendem Phlegma, sie mit einem Temperament, das mich nicht selten aus dem Elend der Minute gewaltsam herausschleuderte. Frau Elia war – und ist noch heute – die Weltgewandtheit in Person, jeder Situation gewachsen, mit divinatorischem Verständnis begabt, Meisterin aller Verkehrskünste. Hier wollte ich in einen Park, der nach irgend einer Verfügung geschlossen und fürs Publikum unzugänglich war. Im Moment erfand sie eine Sesam-Formel, und das verschlossene Gehege sprang auf. Hier spürte ich ein unstillbares Gelüst nach einer kulinarischen Unmöglichkeit, von der ich nicht einmal den Namen wußte. Sie erriet, was ich meinte, und in der nächsten Stunde stand das Ersehnte, Undefinierte, auf einem Tischleindeckdich. Man hatte für ein Bahnziel den letzten Zug versäumt und geriet dadurch in Verlegenheit. Wenn Frau Ella ihre Kombinatorik spielen ließ, offenbarte sich plötzlich eine Verbindung durch einen überletzten Zug, der gegen alle Ansage der Fahrpläne auftauchte. Es gab für sie keine Sprachschwierigkeit, sie verstand das Unverständliche, und ich glaube, sie hätte erforderlichenfalls Hindostanisch gesprochen. Ein Kuriosum: Wir hatten uns sehr gebildet unterhalten und waren an einem Zitat von verschleierter Herkunft hängen geblieben. Die Frage: von wem mag das sein? chikanierte uns, allein es war ersichtlich, daß wir für dieses hirnbohrende Exempel keine Lösung finden konnten; selbst wenn ein Büchmann unter uns geweilt hätte. Bald darauf brachte Frau Ella die Aufklärung: jene Verszeilen stammten aus der »verhängnisvollen Gabel« des Grafen Platen. Das hatte sie ermittelt durch einen Eilbrief an den damaligen Reichskanzler, zu dem sie sonst nicht die geringste Beziehung besaß. Sie wußte nur, daß der Fürst Bülow sich auf den Zitatensport verstand, und dies genügte ihr, um den höchsten Reichsbeamten vor ihren Fragekasten zu spannen. Und der Fürst drückte ihr eigenhändig und postwendend Platens Gabel in die Hand. Frau Ella paßte in die Landschaft, und sie war die einzige mir bekannte Person, deren innere Schwingungsfäden auf das rein Intelligible dieser Welt reagierte. Sie vernahm wie ich das Transzendentale. Dort drüben, hoch auf dem Schloßfelsen der Grimaldi, wiegte sich eine einsame Palme wie verloren, in abgetrennter Silhouette. Kein Fremder hat sie beachtet, und der Eingeborene erst recht nicht, denn unten auf Promenaden und in Parken gab es ja viele Hunderte von der Sorte. Aber uns beiden wurde sie ein elegisches Sinnbild, und sie flüsterte uns Geheimnisse zu: von einer atavistischen Beziehung der Empfindungen zur Vorwelt im Orient. Sie sang uns eine leise Arie über das Motiv: Heimweh nach Mesopotamien, nach dem Garten von Eden. Ein singuläres Lied, wie der Einzeltraum des Fichtenbaums im Norden von der Palme, die einsam und schweigend trauert auf brennender Felsenwand. Von ihr wird der Sehnsuchtstraum aufgenommen und fortgesponnen über unvordenkliche Zeiten hinweg, und unser eigenes Sehnen regt sich beim Winken der Pflanze. Aber eines Tages blickten wir vergebens nach der Palme auf dem Felsen, sie war und blieb verschwunden. Ob sie von einer vandalischen Axt gefällt wurde, ob sie an Heimatsweh starb, wir haben es nicht erfahren. Ich glaube schon erwähnt zu haben, daß ich es in Monte Carlo niemals sehr lange aushielt; das wäre mir wie beständiges Atmen in reinem Sauerstoff gewesen, allzu lustvoll und gefährlich. Aber auch in meinem gewöhnlichen Domizil, in Nizza, hielt ich durch viele Jahre an der Gepflogenheit fest, die klimatischen und gesellschaftlichen Erregungen durch regelmäßige Berufsarbeit zu kompensieren. Ich begann damit alltäglich am frühesten Morgen in meinem schmucklosen Zimmer, das nur auf öde Häuserrückwände Aussicht bot – und auf die Südsonne, die es selten versäumte, mir den Vormittag zu vergolden und mich beim Hervortauchen über den Hausfirsten in eine Chantecler-Stimmung zu versetzen. »Oh, monsieur est tres-matinal!« rief meine Wirtin regelmäßig, wenn ich um sieben Uhr das Frühstück verlangte, ganz im Widerspruch zur Hausordnung, deren Langschläferei ich allein durchbrach, der einzige Deutsche in dem kleinen stockfranzösischen Gasthof. Aber nie und nirgends bin ich besser bedient und eifriger versorgt worden als bei jener vortrefflichen Hotelmama, die dem schreibseligen Herrn mit dem unaussprechlichen Namen alle Wünsche von den Augen ablas. Ich stammte, ihrer Vorstellung nach, aus einer Stadt hoch im unwirtlichen Norden, oh, noch viel nördlicher als Grenoble, so etwa zwischen Lappland und Kamtschatka, und da war eine froststarrende Stadt Berlin, für deren Zeitungen ich Artikel verfaßte. Was wohl darin stünde, wollte sie gelegentlich erfahren. Ich erläuterte ihr den Sinn der Riviera-Berichte; meinen Landesgenossen mache es Freude, Gedrucktes über ein so glückseliges Land zu lesen, in dem auch ein Deutscher, mancher früheren Spannung ungeachtet, eine Art von Heimat finden könne; und ich selbst verlöre nie den Gesichtspunkt außer Augen, so viel ich als homme de lettres vermöchte, alles recht lieblich auszumalen zugunsten wachsender Freundlichkeit zwischen den Ländern, die bei aller Verschiedenheit des Klimas geistig und moralisch zusammengehörten. Aber etliche Jahre darauf hätte ich bei solcher Erklärung an den Worten und Silben würgen müssen. Ich spürte den Umschwung, spürte ihn deutlicher als Hunderte von Leitartiklern und Dutzende von diplomatischen Zünftlern, die auf Gesandtschaft und Konsulaten die Vogelstrauß-Methode übten und mit dem Kopf in den Akten sich vor der Wirklichkeit verschlossen. Gar nicht zu reden von den Allerweltsfahrern, den Baedekermenschen, die immer nur den internationalen Regenbogen vor sich sahen, nicht die Gewitterwolken dahinter, immer nur den anmutigen Tanz auf einem Boden, der ihnen je nachdem als Parkett oder Wiesenflur erschien, ohne zu ahnen, daß sie auf Lava standen, unter der es vulkanisch zu sieden begann. Meine zahlreichen deutschen Freunde da unten, Passanten wie angesiedelte, schwammen nach wie vor im sanften kosmopolitischen Fahrwasser; nicht ein einziger, wörtlich zu verstehen, wurde gewahr, daß da etwas vorging. Von den Warnzeichen der Außenwelt drang ja keines bis in das ligurische Idyll, wo man ungestraft unter Palmen wandelte. Lasen die Freunde keine Zeitungen? O ja, sie blätterten täglich im Eclaireur, im Petit Niçois, auch im deutschen »Riviera-Tageblatt« und lasen von rauschenden Festen, mondänen Empfängen, Redouten in allen Farben, Konfettigestöber, aber sie lasen nicht, was zwischen den Zeilen der französischen Blätter, zwischen den Spalten stand, und wenn sie es lasen, so verstanden sie nicht die Geheimsprache, die hier angeschlagen wurde. In den pomphaften Karnevals-Umzügen tobte sich der Witz der Bevölkerung aus, satirische Feuerwerke entzündeten sich, aber nicht eine Rakete zischte gegen irgend etwas Deutsches. Alles Lokale, alles Französische, bis hinauf zu den Landesspitzen in Paris wurde durchgehechelt, mit sarkastischer Laune bespritzt, aber niemals wagte sich ein Spott gegen das Deutschtum auf die lachende Straße. War das nicht beweiskräftig? Während der Blumenschlachten zogen französische Flieger durch die Lüfte, warfen auf die Menge Büsche von Veilchen und Rosen, die wie Freundesgrüße aus den Wolken anmuteten, und frohgelaunt erhaschten die Deutschen diese duftenden Spenden, die ja auch ihnen galten, unterschiedslos, wie flatternde Symbole weltbürgerlicher Gleichheit und Brüderlichkeit. Nein, es wäre überflüssige Anstrengung gewesen, auch nur eine Sekunde an mißtrauische Gedanken zu verschwenden. Da blitzte mancherlei auf, was auf einen anderen Karneval deutete: lauernde Augen hinter Masken, unheimlich metallisches Funkeln unter Dominogewändern; griff man aber nach den kleinen obskuren Radaublättern, die an der Küste erschienen, so stieß man auf deutlichere Zeichen der Stimmung in der Tiefe. Dem Durchschnittsfremden fallen diese dunklen Organe selten in die Hände, er würde sich auch in ihren provinziellen Anspielungen nicht zurechtfinden. Der Ortskundige aber – und zu diesen durfte ich mich zählen – konnte nicht daran vorbei, daß hier geheime Signale ausgesteckt wurden. Sie beunruhigten mich auf Minuten, in denen der Schatten Déroulèdes an uns vorbeihuschte, bis mich der zauberische Frühling ringsum und all das fröhliche Treiben der allgemeinen Stimmung wieder zurückgaben. Von fernher kamen einem Notizen zwischen die Finger über eine erhöhte Tätigkeit fachmilitärischer Federn vom Schlage der Civrieux, Driant, Regarney, Boucher. Man las von der »Schlacht auf dem Birkenfelde«, von ähnlichen phantastischen Voraussagen französischer Siege im konstruierten Zukunftskrieg. Und wenn man auf Sekunden hellblickend ward, konnte es der Aufmerksamkeit nicht entgehen, daß auch der Südfranzose mit dieser Zukunft liebäugelte, der nämliche Nizzarde, der anscheinend kein höheres Interesse kannte, als den Deutschen und Österreichern, seinen Geldimporteuren, das Leben so angenehm wie nur möglich zu machen; wie mir einmal ein confrère von der Zunft, und noch dazu ein recht gebildeter, ganz harmlos bekannte: »Que voulez-vous, nous vivons ici des étrangers, des élections et de nos femmes«; mit Voranstellung der Etrangers, die ja tatsächlich Stern und Kern des ganzen lebensfrohen Betriebes am lachenden Gestade bedeuten. Erschrak man dann plötzlich über einen unvermuteten Blitz aus heiterem Himmel, so fiel es nicht allzu schwer, sich in das Gefühl des sonnigen Rivierafriedens zurückzuversetzen. Man brauchte bloß eine der zahlreichen Wirtschaften der Avenue de la Gare zu betreten, um Mutterlaute in der Landessprache zu vernehmen: – un boc – un hareng saur – un bittèr – un kummél – un knickebein – des brezèls (Brezeln) – le tringuelte dans la kneipe – das waren schließlich Gegenständlichkeiten, die im Augenblick drastischer wirkten als irgendwelche gelegentliche Chauvinismen, die man ebensogut bemerken wie ignorieren konnte. Blicke ich zurück, so erscheinen mir gewisse über das azurblaue Gelände dahinzüngelnde Schwefelflämmchen greller als vordem; aber auch damals deuteten sie mir auf Möglichkeiten einer Zukunft, die inzwischen grelle Gegenwart geworden ist. Die Notizen hierüber besitzen natürlich keinen offiziellen Wert und würden in kein diplomatisches Buntbuch hineinpassen. Sie vereinigen sich indes zum privaten Graubuch eines Wanderers, dessen Blätter im Lichte der späteren Ereignisse Bedeutung gewinnen. Auf einem dieser Blätter steht ein Ausflug, auf dem ich französischen Rekruten begegnete, anno 1912, Kindern des Landes, die gewiß so wenig an baldigen Krieg dachten wie alle Welt um sie herum. Aber auf den Militärwagen hatten mutwillige Hände allerhand Kreidestriche gezogen, und zwischen harmlosen Blüten der Rekrutenlaune las der Wanderer: »à bas l'Allemagne!« Ja, diese Kritzeleien verstiegen sich an versteckter Stelle bis zu dem blutrünstigen »Mort aux Allemands!« Woher war diesen jungen Leuten dieser lauernde Haß gekommen? Von den Eltern her? die den Deutschen kaum je anders als in der Gestalt des geldstreuenden Landesbefruchters gesehen hatten? Einen leisen Hinweis finde ich auf Seite 2 meines Graubuches. Ich hatte in französischen Leitfäden geblättert, die zum ersten Schulunterricht dienen, und fand darin eine merkwürdige Geographielehre: nämlich Grenzlinien, die den Frankfurter Frieden ablehnten; Elsaß-Lothringen in französischen Umrißfarben mit einer Schraffierung, die den Schulkindern erläuterte: Okkupationsgebiet in zeitweis deutscher Verwaltung. Also ein pädagogisches Seitenstück zur Statue der Stadt Straßburg auf dem Pariser Konkordienplatz mit ihren beständig zur Revanche aufrufenden Trauerfloren. Aber in die Wahrnehmungskreise der Normalfremden drangen solche Dissonanzen niemals ein. Über der Schwelle ihres Bewußtseins lagerten noch immer die Freundlichkeiten; gab es doch sogar in den Theaterrevuen Figuren, die man bei gutem Willen als germanophile Merkbilder auslegen konnte. Bis plötzlich in jenem Jahre 1912 ein Drama hereinplatzte, das bei Sonne und Windstille einen nahen Wettersturz ankündigte. Auf Seite 3 meines Graubuches steht, der Titel dieses merkwürdigen Stückes: »Coeur de Française«. Eine Wandertruppe hatte es mitgebracht, und wer sich um die Provinzpresse kümmerte, konnte erfahren, daß viele solcher Truppen unterwegs waren, um Schauspiele gleicher Tendenz in Hunderten von Vorstellungen hinauszutragen. »Coeur de Française« war ein äußerst geschickt auf die Instinkte der Masse berechnetes Revanchestück wie »Alsace« aus dem Repertoire der Réjane, wie ähnliche Giftblüten, die damals auf dem Boden des Nachbarlandes wucherten; umso gefährlicher, als die Revanche-Idee darin nicht nackt vorgetragen wurde, sondern unter der szenischen Decke eines freiheitlich aufgedonnerten Patriotismus brütete. Zahlreiche preußische Uniformen belebten die Bühne, und in einer Kriegsgerichtsszene war sogar dem Bilde Wilhelms II. die Rolle einer herausfordernden Karikatur zuerteilt. Ich stellte mir den unmöglichen Fall einer reziproken Begebenheit vor: ein auf deutschem Boden dargestelltes Theaterstück mit ähnlicher Verunglimpfung des französischen Staatsoberhaupts; das wäre unfehlbar schon in den ersten Szenen vom Publikum gelyncht worden! Und hier? Mir stockte der Puls, als ich die Stimme der Hörerschaft vernahm, das berechnete und pünktlich hervorbrechende Echo der dramatischen Absicht. Und als ich nach Mitternacht hinaustrat, um mir den brennenden Kopf in der Meeresbrise zu kühlen, da wußte ich deutlicher, als ich es nach der aufgeregtesten Kammerdebatte im Palais Bourbon gewußt hätte, wohin der Weg ging. Andere Deutsche außer mir werden sich wohl kaum bei jener Vorstellung im Parkett befunden haben; ich füge hinzu, auch keine Engländer, keine Russen; man hatte das Gefühl: die Leute in dieser Theaterspelunke waren unter sich. Die nämlichen Menschen, die tagsüber als lächelnde Verkörperungen der friedlichsten Neutralität umherliefen, zeigten einander abends ihre Erkennungszeichen, murmelten ihre Verschwörungsformeln. Ich wandte mich mit meinen Wahrnehmungen an unsere Behörden und stieß auf gewolltes Nichtwissen. Was mir denn einfiele?! Die Politik und die Weltgeschichte würde in den Kanzleien gemacht, nicht in den Amüsierlokalen. Bloß nicht zufällige Theaterstimmungen in die Akten hineintragen, bloß nicht die offizielle Melodie verderben und den amtlichen Text: ein Herz und eine Seele! Die weiteren Seiten meines Graubuches sind leer. Es hatte keinen Zweck mehr, Symptome einzuzeichnen, da die Wirklichkeit bereits an die Schicksalspforte zu pochen begann und die Schatten der apokalyptischen Reiter über die Erde fegten. Noch waren die anderen, meine Freunde und Kollegen, in glückseliger Taubheit befangen, und sie verlachten im Trubel der Festivitäten meine Kassandrarufe während der Galgenfristen bis 1914. Aber im Zuge dieser Betrachtungen öffnet sich die Frage: wird für den Deutschen die holde internationale Täuschung der Riviera in irgendwelcher Zeit wiederkehren? Wird ein Wanderer nach fernen Jahren ein neues Buntbuch anfangen können, ein in Azurfarbe gehaltenes Blaubuch? Mit Vignetten von schaukelnden Agaven und klingendem Silberschaum an Küstenpunkten, zwischen denen Hapagschiffe den Verkehr vermitteln? Ich habe in meinem Dasein sehr viel richtig prophezeit und könnte hier die Prognose umso leichter wagen, als mich eine Widerlegung bei Lebzeiten nicht mehr betreffen wird. Aber ich unterdrücke sie, da die Voraussage so oder so in keinem Fall einen rechten Sinn hätte. Die Vorfrage müßte lauten: wird in dereinstigen Zeiten die Verfassung der Menschennatur überhaupt noch fähig sein, Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten, wie sie uns als beglückend im verlorenen Paradies gegenwärtig waren? Der Optimismus soll das Wort haben. Also in zehn oder zwanzig Jahren soll sich die reizende Szene wiederholen mit den Fliegern, die aus den Wolken auf den Rivierakorso Veilchen und Rosen streuen. Aber dazu wird die geschichtliche Erinnerung ihren Begleitkommentar liefern mit einer andern Art von Wurfgeschossen und Zielen. Und dabei wird man sich auch entsinnen, daß in der Fliegeridee von Urbeginn nichts anderes gelegen hat als Mord und Verwüstung. Denn kaum hatten die Montgolfiers ihre ersten Proben aufsteigen lassen, als die weisen Prognostiker der Welt ansagten, das wahre Wesen und die Zukunft aller Fliegertechnik läge in kriegerischer Zerstörung. Das hatte man in vergangenen Korsos nur vergessen, das Exempel war ja noch nicht bewahrheitet; die Zukunft indeß wird solchem scharmanten Luftspiel ein anderes Bewußtsein entgegenstellen mit dem Bekenntnis: oblivisci nequeo! Aber der Optimismus kapituliert nicht so leicht. Er läßt alle Lichter vom ewigen Frieden und vom Völkerbund spielen, mit Berufung auf Kant, der für die Möglichkeit, ja Gewißheit dieser Dinge die allgemeine Überzeugung in Anspruch nimmt; denn ohne die Voraussetzung dieser Denkform als einer allgemeinen wäre die Kantische Konstruktion gar nicht möglich. Aber zu Kants Zeiten lebte ein Ketzer, der diese Allgemeinheit ganz anders, nämlich genau entgegengesetzt beurteilte und hierfür den rücksichtslosen Ausdruck fand: »... daß der philosophische Chiliasmus, der auf den Zustand eines ewigen auf einen Völkerbund als Weltrepublik gegründeten Friedens hofft, ebenso wie der theologische, der auf des ganzen Menschengeschlechts vollendete moralische Besserung harrt, als Schwärmerei allgemein verlacht wird.« Wer war dieser freventlich unkende Ketzer, dieser grimmige Verneiner des messianischen Reiches? Er hieß Immanuel Kant , und er war identisch mit dem Verfasser der philosophischen Bibel vom ewigen Frieden. Zu meiner Zeit, etwa um die Jahrhundertwende, als uns der Südstrand noch als das Land der Verheißung anlächelte, wurde einmal die Gesellschaft durch eine sardanapalische Szene alarmiert. Ein trotz seiner Jugend in allen Lebenskünsten erfahrener Nabob veranstaltete in Monte Carlo eine Orgie größten Stiles mit zahlreichen Eingeladenen, die ihn als das Muster eines freigebigen Hedonikers verehrten. Um Mitternacht, als die Festwogen hochgingen, hielt er eine Ansprache an die Genossenschaft: er wäre glücklich, schon mit seinen zweiundzwanzig Jahren alles ausgekostet zu haben, was das Dasein an Genüssen zu bieten vermöchte, und er halte den gegenwärtigen Moment, als den Gipfelpunkt aller denkbaren Wonne für so wertvoll, daß er gesonnen sei, sich gegen jede mögliche Abschwächung der Sensation sicherzustellen. Dabei zog er aus der Brusttasche einen Revolver und erschoß sich mitten im Bacchanal. Derartige sittenverderbte Exentrics werden in der Zukunfts-Riviera nicht mehr vorkommen. Deren Insassen werden sich mehr und mehr dem Weltnivellement angleichen, sich mit sozialer Heilslehre durchdringen und besonders auch einen gesunden Haß gegen luxuriöse Extravaganz nähren. Sehr zu beneiden sind die Chronisten der Fernzeit mit ihren gegen ehedem sehr vereinfachten Aufgaben, besonders meine Heimatskollegen von anno dereinst. Für sie fällt die Plage der Landschaftsbeschreibung fort, da die ganze Palmenküste ohnedies jedermann so bekannt sein wird wie die Gegend von Schierke, Elend und Sorge, – vorausgesetzt, daß der Optimismus Recht behält mit seiner Prognose der friedlichen Gastlichkeit in aller Welt. Meine Fernkollegen brauchen auch ihre Entrüstung gegen die Luxusstätten nicht zu mobilisieren, denn diese werden bis dahin vom Fortschritt der Gewissenskultur längst ausgemerzt sein. Eine Hauptsache nicht zu vergessen: schnurgrade Verbindung ab Berlin bis Nizza in drei Stunden, wodurch der lästige Ausguck auf Gotthard- und Apennin-Szenerie vermieden wird; und dieses einzig menschenwürdige Tempo wird unsere Enkel außerordentlich glücklich machen! Meine Circenses Wer mich von Ansehn und Statur kennt, dürfte mit Recht zweifeln, ob er mir solche Extravaganz zutrauen soll. Und ich selbst würde meiner Eignung zu wilden Ritten oder zur Akrobatik aufs äußerste mißtrauen. Freilich hat man ja auf diesem Gebiete schon Überraschungen erlebt. In Berlin, Wien, Paris taten sich ehedem bei besonderen Anlässen die Unzünftigen zusammen, Pressemenschen, bildende Künstler, Schauspieler, um den gelenkigen Leuten der Zirkusmanege ins Handwerk zu pfuschen. Sie improvisierten Vorstellungen in der Arena, wagten sich persönlich an halsbrecherische Leistungen und erzielten damit Sensationen, die zu wohltätigem Zweck sehr viel Geld einbrachten. Einer der Unsrigen, der gefeierte Schauspieler Bassermann, dürfte noch heute imstande sein, mit den unglaublichen Fertigkeiten seines Körpers manchen Springkünstler vom Zirkusberuf auszustechen. Aber ich habe die gelegentlich ins Stadion hineindilettierenden Geistesbrüder doch noch übertroffen. Zwar kam es mir niemals in den Sinn, ins Muskelfach zu wechseln, und meine kümmerliche Beweglichkeit an Galoppvoltigen, Drahtseil- oder Trapezevolutionen zu erproben. Ich gehe dem zahmsten Gaul in respektvollem Bogen aus dem Wege, und was meine Balance betrifft, so bin ich froh, wenn ich mit heilen Knochen quer übern Straßendamm komme. Also mit dieser Qualifikation wäre es nichts bei mir. Und trotzdem spielen die Circenses in meiner praktischen Betätigung eine Rolle. Viele Monate lang war ich der Arena verschrieben und über eine ganze Spielsaison hinweg habe ich dem größten Zirkus geradezu die Signatur gegeben. Das war vor mehr als zwanzig Jahren. Einer meiner Freunde, der bekannte Berliner Rechtsanwalt Rosenstock – beiläufig bemerkt: Gatte der entzückenden Sängerin Lolo Barnay und Vater des schönen Filmstars Margit Barnay, beide von Ludwig Barnays Deszendenz – hatte mich mit dem Zirkusmonarchen Albert Schumann zusammengeführt. Als Syndikus seines Unternehmens begünstigte der Anwalt gewisse Reformabsichten des Direktors, und beide waren auf die schrullige Idee verfallen, die Verwirklichung dieser Reformen einem Schriftsteller anzuvertrauen. Es handelte sich um die Schaffung einer neuen großen Pantomime, eines Ausstattungsstückes, das den circensischen Möglichkeiten mit Sprengung der alten erstarrten Schablone einen erweiterten Rahmen geben sollte. Denn mit der Zugkraft des vormaligen Genres war es vorbei. Man behalf sich mit den verblichenen Resten aus der Ära des weiland Zirkus Renz, mit den immer wieder auflackierten »Lustigen Heidelbergern« und ähnlichen Schmarren, die einst durch die komische Kraft eines Godlewsky zu Vaters Zeiten Jubel erregt hatten, jetzt aber zu versagen begannen. Zugleich war es Dogma der Direktion, daß alle equestrischen und athletischen Darbietungen nicht imstande wären, die Lauheit des Publikums auf die vormalige Siedeglut zu bringen, wenn nicht eine pompöse Schlußnummer den entscheidenden Trumpf herausbrächte. Also an der Pantomime hing Wohl und Wehe, hier galt es, an die Überlieferung der starken Wirksamkeit anzuknüpfen und zugleich die Tradition der überlebten Langeweile zu durchbrechen. Gewisse Versuche, mit untauglichen Mitteln verübt, sind bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts verfolgbar. Damals waren zwei Zirkusdirektionen gleichzeitig auf die Idee verfallen, ihr Repertoire klassisch aufzumuntern, indem sie beide den Julius Cäsar in ihren Spielplan verpflanzten. Ich mischte mich ganz ungebeten in diese Angelegenheit und entwarf ad usum der reformlüsternen Herrschaften eine Druckschrift, in der ich nachwies, daß sich der Faust noch weit effektvoller für die Arena ausschlachten ließe, als der Cäsar. Mein öffentlich bekanntgegebenes Programm enthielt einige im Sinn jener Experimente ganz stilgemäße Nummern: Faust als Athlet zieht seine sämtlichen Schüler mit steifem Arm dreimal durch die Manege an der Nase herum; der dressierte Pudel in seinen fabelhaften Leistungen auf Saat und Stoppel; der Karneval auf den vom Eise befreiten Strömen und Bächen; Geschwister Undene und Sylphe in ihren unvergleichlichen Windungen und Verschwindungen; Parforcejagd der Frau Marthe auf Mephistopheles; Kraftproben des Schülers mit dem Mühlrad; Quadrille, geritten von acht Hexen auf ungesattelten Besen; Faust fährt mit der Czikospost zur Hölle. Von diesem respektlosen Programm bis zu meinem ersten ernsthaften Angebot war ein weiter Schritt. Anderthalb Jahrzehnte waren verstrichen, und jetzt lag mir nichts mehr daran, das Institut zu ironisieren, ich wollte vielmehr beweisen, daß auf dem Schreibtisch eines Pressemenschen etwas zustande kommen konnte, was der ausgeleierten Stallroutine unerreichbar blieb. Aber als ich den Zirkusherren und ihrem Anhang von »Sachverständigen« meinen Plan entwickelte, stieß ich zunächst auf starke Widerstände; denn ich entwarf ihnen eine szenische Gestaltung von unübersehbarem, abenteuerlichem Ausmaß: »Babel und Bibel« sollte meine Zirkuspantomime heißen. Und zudem verlangte ich für Dialog und getragene Deklamation die Mitwirkung wirklicher Schauspieler. Ein Horror neben dem andern! »Aber was Sie da ausarbeiten, wird ja kein Zirkusstück, sondern eine Oper!« »Was? Unserem Publikum wollen Sie biblisch kommen? Die Leute sind an Clownspäße gewöhnt, nicht aber zur Andacht aufgelegt. Mieten Sie sich doch eine Kirche, wenn Sie Bibel predigen wollen.« »Und wie soll denn eine Deklamation durchdringen in diesem Zirkusbau, der mehr Plätze faßt als die fünf größten Theater Berlins zusammengenommen!« – Hätte man ahnen können, daß etliche Jahre später der nämliche Raum sich für Sophokles und Sheakespeare öffnen würde? Daß die Tierzwinger verschwinden müßten, um Reinhardts Großem Schauspielhaus Platz zu machen? Meminisse juvabit! Meine eigenen dichterisch wertlosen, pathetisch geschwollenen Strophen waren hier für Pionierarbeit vorbestimmt; als die ersten Sprechproben, die über die akustischen Hindernisse der ungeheuren Halle hinwegsetzten. Der Zirkusdirektor Albert Schumann, der eine feine Witterung für kommende Effekte besaß, sprach allen Einwendungen zum Trotz die Entscheidung: diese Pantomime wird gemacht! Riesige Ausstattungsmaschinerien wurden aufgeboten, unter anderen ein babylonischer Turmbau, der in der Aufführung wie von Geisterhänden heraufgezaubert aus der Manege emporwachsen sollte. Und in endlosen Nachtproben wurde eine Massenarbeit gefördert, für die ich das Grundmotiv in einer professoralen Studie gefunden hatte; denn mein Text umschrieb in sehr freier, alle Chronologie niedertrampelnder Paraphrase die berühmte Babelschrift des Universitätsprofessors Delitzsch, der in der Ära Hammurabi, um ein Jahrtausend vor Moses, die Grundlagen der vorbiblischen Kultur nachgewiesen hat. Weit kühner als irgendein Assyriologe der Welt jonglierte ich selbst hier mit den Jahrtausenden. Was nur aus orientalischer Vorzeit sich der Absicht fügte, quirlte ich in einem Zeitbrei zusammen, um nur Vorwände für Schaugepränge und Versgedröhn zu erwischen; ich verkuppelte in szenischen Gewaltsprüngen die Semiramis mit dem Sardanapal, die hängenden Gärten mit dem glühenden Moloch, die Schlange im Paradiese mit dem schwarzen Walfisch zu Askalon. Auf einer hohen Estrade im Zirkus hatte ich eine »Weltenuhr« aufbauen lassen mit hammerschwingenden Riesen, die klirrend den Ablauf der Jahrhunderte rückwärts und vorwärts genau so schlugen, wie es gerade für die freche Mythologie des Textbuches erforderlich war. Und zwischen den legendären Figuren, den Herrschern, Kriegern, zu Massenballetts zusammengetrommelten Bacchantinnen, bewegten sich, jeden Rest von Vernünftigkeit zerstampfend, clownartige Gestalten, die in den assyrischen Bottich haarsträubende Berliner Witze hineinsprudelten. Aber dies sträfliche Gemengsel gefiel, die Presse antwortete mit lobendem Echo, – das Publikum quittierte die Unverzeihlichkeit mit stürmischem Andrang den ganzen Winter hindurch, und im Kassenbüro des Unternehmens galt es als ausgemacht: das war die Pantomime auf höchster Leistungsstufe, das war die große Reform, von der man im Zirkus so lange geträumt hatte! Aber die reinste Freude in dieser Angelegenheit erfloß mir von der königlich preußischen Zensurbehörde, die ja, wie begreiflich, bei solcher Reform ein Wörtchen mitzureden hatte. »Bibel« im Zirkus – Blasphemie! Davor mußte der Staat geschützt werden. Es gab Konferenzen im Polizeipräsidium, bei denen ich schließlich ein Kompromiß durchsetzte: ein einzigesmal, bei der Erstaufführung durfte der volle Titel auf Anschlagsäulen und Programmen erscheinen, dann entschwand die Bibel in die behördliche Versenkung, und »Babel« allein blieb übrig. Ein Hilfszensor, Sohn des berühmten Schauspielers Ernst von Possart, hatte zwischendurch noch angeregt, das phonetische Bild des Titels aufrecht zu erhalten, nur mit einer winzigen Veränderung im Gefüge der Konsonanten: ich sollte statt »Babel und Bibel« drucken lassen »Fabel und Fibel«, das klingt vorzüglich und würde im Plakat geradezu faszinierend wirken. Und Herr von Possart war sehr erstaunt, als ich das ablehnte und mich an den ursprünglichen Konsonanten festklammerte. Allein vom Kultusministerium her reckte sich eine noch weit schwierigere Klippe entgegen: in dem Stück befand sich ja eine paradiesische Szene mit Adam, Eva, Schlange, Obst und Zubehör, und auch dieses Aufgebot verstieß nach Strafparagraphen soundso gegen das Seelenheil der Bevölkerung. Ich kämpfte wie ein Löwe für die Aufrechterhaltung dieser Nummer und erzielte ein groteskes Zugeständnis: wir ließen drei Adams, drei Evas, drei Schlangen auftreten, und da das Alte Testament von dieser Multiplikation mit drei nichts weiß, so durfte die Szene herauskommen, und das Gewissen der Dame Zensur blieb beruhigt. Im übrigen verfuhren die Vollstrecker des Gesetzes sehr gemütlich: die Oberzensoren ließen sich die Szenen in der Verballhornung einmal vorspielen, erklärten das Staatswohl als gerettet und behelligten uns nicht weiter, als wir in den nächsten Aufführungen Adam und Eva wieder in den Urzustand des Singularis zurückwandelten. Ich hatte im Zirkus für den Fall eines Erfolges für mich als den Autor ausbedungen: freibleibend von allen Ovationen. Allein ich konnte es nicht verhüten, daß mich am Ende der Premiere ein Lorbeerkranz von fabelhaften Dimensionen ereilte, ein Ruhmesgemüse, dessen Menge ausgereicht hätte, um alle Kostgänger der Schiller-Stiftung zu sättigen. Die Direktion hatte diesen Gigantenkranz gestiftet, ein vielköpfiges Publikum applaudierte dazu wie besessen, und an jenem Abend von 11 Uhr 30 Minuten bis 11 Uhr 35 war ich ein berühmter Mann. * Es galt als unverbrüchliches Gesetz, daß jedes große Zirkusstück mit einer Wasserpantomime schließen mußte, so wie ehedem jede Lokalposse in einen Leuchtspringbrunnen auslief, den man auch Fontaine lumineuse oder auf urberlinisch-spreeathenisch »Kalospinthechromokrene« nannte. Die Sehnsucht des Schaupublikums nach den bunten Wassereffekten blieb unstillbar, und wo die kostspielige Einrichtung erst einmal installiert war, da zog man allabendlich die Schleusen und ließ brausen, was die Reservoire hergeben wollten. Im Zirkus spielten noch zahlreiche Maschinentricks und Ausstattungswunder hinein, um jede irdische Angelegenheit in eine neptunische zu verwandeln und um dem Pindarschen Wort Ariston men hydor, das Beste ist das Wasser, Geltung zu verschaffen. Ich werde hier nicht entwickeln, wie ich mein Babelprogramm mit diesen hydraulischen Anforderungen vereinigte, und ich kann mich auch nicht mehr in eine Geistesverfassung zurückversetzen, die eine so unwahrscheinliche Synthese ermöglichte. Es ist mir aber so, als hätte ich damals die Wasserfläche (im Durchmesser der Manege gleich zwölf Meter) als einen Weltozean aufgefaßt mit Kultur-Inseln und dem Ausblick auf ein zukünftiges Friedensparadies, wodurch ich szenisch und deklamatorisch einen vortrefflichen Gegensatz zur blutwütigen menschlichen Vorzeit erreichte. Die Wasserpantomime war also vom prophetischen Geist der Völkerharmonie erfüllt, und ich brauchte mir deswegen keinen Vorwurf zu machen, denn ich folgte ja nur den Spuren Kants und habe mich mit meiner Wasserprognose nicht stärker blamiert, als er mit seinem Traktat vom ewigen Frieden. Ich muß ferner bekennen, daß die gesamte Reform in den Folgejahren nicht so ersprießlich durchgriff, wie es nach den Verheißungen der Babel-Ära zu erwarten war. Die weiteren Pantomimen verfolgten wieder die Überlieferung des alten Schlendrian, und meine Mitwirkung an ihnen hielt sich in bescheidenen Grenzen. Es kam nun nicht mehr auf eine originelle Idee an, sondern auf Spektakel-Entfaltung, auf Schauwunder, so in einem Radaustück »Femina«, das mit Aufgebot großer Ausstattung ein voltigiertes, ins Circensische übersetztes »Bonheur des Dames« darstellte. Ich versuchte hier, wenigstens einige Züge der sozialpolitischen Frauenemanzipation hineinzubringen und hielt mich dabei ein bißchen an das Rezept des Kollegen Aristophanes, der ja in seinen »Ekklesiazusen« den satirischen Nachfahren so hübsch vorgearbeitet hat. Meine Zutaten wurden auch aufgenommen und gelangten zur Aufführung, ich muß indeß feststellen, daß in den betreffenden Szenen außer mir selbst kein Mensch etwas von dem Aristophanischen Geist bemerkt hat. Eine andere ganz lustige Pantomime, die gänzlich auf meinem Acker gewachsen war, blieb aus nicht ganz erforschlichen Gründen ungespielt, obschon sie der Direktor frisch vom Manuskript mit Vertrag und Honorar erworben hatte. Sie gab die Manege in der Manege und bot die Karikatur einer Zirkusschmiere mit aller Drastik eines »Serenissimus«, der von der Loge aus die grobklötzigen Vorgänge der Arena mit seinen Stupiditäten begleitete. An der humoristischen Wirkung dieser Anlage mit ihrem Doppelspiel der Clownerie in der Tiefe und in der Loge zweifelte niemand. Wenn der Zirkus schließlich auf diesen knalligen Effekt verzichtete, so lagen vielleicht uneingestandene höfische Rücksichten zugrunde. Denn ein Institut, das die vertaperte Hoheit eines Serenissimus mit Eclat herausstellte, konnte allerdings beim aristokratischen Teil der Besucher in den Verdacht subversiver Tendenzen verfallen. Und seitdem der Zirkusvater Renz für seine Ankündigungen die Formel gefunden hatte »An den hohen Adel der Residenz« mochte es wohl als ausgemacht gelten, daß man es auf einen Adelsboykott nicht ankommen lassen durfte. * Über das menschliche Milieu des Zirkus, wie es in Beziehung von Person zu Person wahrnehmbar wird, herrschen in weiten Kreisen recht falsche Anschauungen. Vielfach überträgt man den Begriff der Kraftmeierei von der Leistung auf den Verkehrston, und in mancher Vorstellung spukt der .mythologische Nachhall an die Brutalität der Zentauren, deren artistische Abkömmlinge man in den Parforcereitern der Manege wiedererkennt. Als Gegenbild der Rohheit erscheint die Zirkusdame, von Stallduft umwittert, in Frivolität verstrickt, von Natur und Beruf darauf angelegt, Sinnlichkeit zu wecken und sich in sinnlichen Abenteuern auszuleben. Diese Vorstellungen beruhen fast durchweg auf Gedankenkonstruktionen, die kritiklos aus älteren Romanen und Witzblättern übernommen und um so leichter geglaubt werden, als die Folgerung mit der Prämisse anscheinend recht gut harmoniert. Aber in Wirklichkeit sieht die Sache anders aus, und auf Grund meiner ausgedehnten Erfahrungen möchte ich mich zu der Behauptung versteigen, daß das Zirkusvolk, sobald der Berufsflitter abgestreift wird, eher zum bürgerlichen Philisterium neigt als zum Kraftprotzentum oder zur Leichtfertigkeit. Nichts berechtigt zu der Annahme, ich könnte da nur ein verabredetes Maskenspiel beobachtet haben. Denn dazu lag nicht die mindeste Veranlassung vor, einem Mitarbeiter gegenüber, der in langen und angestrengten Proben ganz zum Bau gehörte; und dann hätten die Leute auch bei vorgefaßter Absicht ihre Rollen etwas interessanter gestaltet, nicht so schwerblütig, deutlicher gesagt: nicht so langweilig. Losgelöst vom farbigen Glanz der abendlichen Vorstellung waren sie trockene, der Pflicht unterjochte Figuren, einige von ihnen etwas sensitiv angehaucht, die meisten in ihrem Benehmen weltenfern von der Romantik ihres Standes und von irgendwelcher Extravaganz. Soweit ich urteilen kann, geht es hinter den Kulissen jeder Oper, jedes Sprechtheaters, ja jeder Kinobude verwegener her, bunter und dramatischer auch im Betracht des Klatsches und der Intrigue, für die in der klösterlich abgesteckten Ordnung des Zirkus gar kein Spielraum übrig blieb. Will man den Bildvergleich mit den Zentauren festhalten, so läßt sich die Parallele verlängern, da schon die Mythologie vom veredelten Hengstmenschen zu erzählen weiß. Ursprünglich zottige Wildnaturen, umgeben sie sich später mit Eroten und Nymphen, sie kultivieren sich in Berührung mit musischer Kunst und finden schließlich in dem Zentauren Cheiron, einem Musterbild von Gerechtigkeit und Weisheit, den vorzüglichsten Ausdruck ihrer Rasse. Ich behaupte nun nicht etwa, daß mir in den Zirkusräumen ein Cheiron begegnet sei, aber doch so mancher von sanftem, ja elegisch gestimmtem Wesen, das eine gewisse Scheu vor der eigenen Kraft verriet. Angefangen vom Direktor Albert Schumann, der mir als eine gütige Natur erschien, mit altruistischen, auf seiner tiefen Verbundenheit mit der tierischen Kreatur beruhenden Kennzeichen. Ich habe ihn wiederholt bei seinen Pferdedressuren beobachtet, und es machte Eindruck auf mich, daß der nämliche Mann, der abends mit diktatorischer Gewalt über die Tiere auftrat, in den Vorübungen am Tage mit den Quadrupeden verhandelte wie ein väterlicher Präzeptor. Niemals habe ich dabei die Anwendung eines Gewaltmittels, eines schmerzhaften Zwanges bemerkt, vielmehr gewahrte ich durchweg die Methode einer Verständigung, als ob es darauf ankäme, die Absicht des Herrn suggestiv auf das Tier überfließen zu lassen. Und das Verständigungsmittel war: die Sprache . Er hatte dabei einen gedämpften Tonfall mit Nuancen der Stimme, wie sie außerhalb dieser Studien niemals vorkamen; also eine psychologische Einfühlung in die Mentalität der Pferde. Es erinnerte etwa an das zärtliche Glucksen, das der Hahn bisweilen hören läßt, wenn er mit den Küken redet. Kein Zweifel: in dem besonderen Timbre dieses Organs lag etwas, das die Tiere nicht nur zur Aufmerksamkeit anhielt, sondern auch ihren Willen in der Linie des Gehorsams erregte, ein Überredungszwang, der aus der Wirklichkeit hinausführte in ein Fabelreich, wo die zoologischen Grenzen nicht mehr gelten. Wenn man hier wahrnahm, wie die Pferde auf das leise, sonderbar getönte Stimmsignal lauschten, zu verstehen suchten, errieten, probierten und schließlich das Verlangte auszuführen begannen, so veränderte sich der Begriff der Dressur: sie hing nicht mehr von bloß mechanischen Eingriffen ab, von Reizen zwischen Schmerz und Verlockung, sondern von sprachlich mitgeteilten Motiven. Und ich glaube, daß aus solchen Vorgängen Einsichten erfließen, die für die Beurteilung der tierischen Intelligenz wertvoll werden können. Ich erinnere an die staunenswerten Leistungen der ausdrucksbegabten, rechnenden »Elberfelder Pferde«, die ihrerzeit mit dem bequemen Schlagwort »Dressur« abgetan wurden, obschon Leuchten der Wissenschaft wie Professor Wilhelm Ostwald in den Elberfelder Phänomenen neue Erkenntnisquellen der geistigen Biologie erblickt hatten. Die Berufung auf den Sprachfetisch »Dressur« hatte damals das Rätsel nicht gelöst, sondern nur auf ein anderes Geleise verschoben; denn die Höhe eines Tierintellekts, die für solche Dressuren vorausgesetzt werden müßte, würde gegenüber der landläufigen Auffassung vom beschränkten Tierverstand nur ein neues und noch schwierigeres Rätsel hinstellen. Es darf nicht verschwiegen werden, daß ein Sachkenner wie Albert Schumann die Elberfelder Rivalen seiner eigenen Zöglinge recht abfällig beurteilte; und ich erkläre das dadurch, daß sich seine Kennerschaft einseitig auf die Leistungen innerhalb seiner Arena konzentrierte, die ja den Intellekt der Geschöpfe mit ganz anderen Aufgaben in Anspruch nahm. Er selbst mag sich auch in naiver Auffassung der Dinge als Dresseur gefühlt haben, ohne sich über die theoretische Bedeutung seines sprachlichen Fluidums klar zu werden. Er präparierte einfach die Nummer, den equestrischen Akt, ohne zu wissen, daß er mit seiner Abrichtung an Geheimpforten der Naturerkenntnis pochte. Er staunte über die Magie seines Zuspruches so wenig, wie ein geschickter Mechaniker staunt, wenn er eine Schallplatte mit Akkordfolgen, Obertönen und Klangfarben herstellt. Die hundertfache Erfahrung, der Zwangslauf der Wirkung betäubt das Mysterium, allein man braucht sich nur einen Augenblick jenseits der eingeübten Routine zu stellen, um zu spüren: hier ist ein Wunder, glaubet nur! – * Das Sanftmütige im Kontrast zur Energie der Betätigung vor dem Publikum blieb für mich ein Hauptmerkmal meiner Bekanntschaften. Ich stellte mir eine antike Palaestra vor mit ihren Rennern, Diskuswerfern und Gladiatoren, und vergegenwärtigte mir die Grundnatur solcher Menschen: rauhe Gesellen, die sich gewiß nicht für ihr Kraftwerk geeignet hätten, ohne die brutale Energie ihres Wesens überhaupt. Das scheinen Untrennbarkeiten zu sein, der Athlet, der Kämpfer gibt sich unmittelbar zu erkennen, und ob er spricht oder schweigt, vor ihm her geht die renommistische Ansage: Mut in der Brust, siegesbewußt. Die Natur, so sollte man meinen, versteckt sich nicht, am wenigsten im Gebiet der Ausübungen, in denen die Körperlichkeit eine Rolle spielt. Der Schauspieler, der auf der Bühne seinen Achill, Macbeth oder Berlichingen hinlegt, wird im Leben nicht als ein ätherischer Amoroso erscheinen, man wird ihm aus Haltung, Geberde und Akzent das Fach ungefähr ablesen können. Mir ist da aus anno olim ein Merkbild erinnerlich, dessen Figuren einprägsam genug waren: Bogumil Dawison und Emil Devrient , die berühmtesten Schauspieler ihrer Zeit, die ich in Dresden oft auf gemeinsamen Spaziergängen und an Gartentischen gesehen habe. Wie scharf hoben sie sich gegeneinander ab, auch hier, fern von der Szene, wie verbunden mit ihrem Rollenfach. Devrient, der Idealsprecher, in wechselnder Folge ganz Tasso, ganz Marquis Posa, ganz Egmont in Nähe Clärchens; – Dawison mit rollenden, intriganten Augen, mit Anflügen eines Schlagadodro, die Faust auf den Tisch schmetternd, bis zu den Exaltationen des Othello im fünften Akt. Diesem Paradigma mag der Leser aus seiner Erfahrung viele andere Beispiele zuordnen, denn es handelt sich um eine Regel, die nur spärliche Ausnahmen erleidet, und auf der schließlich die literarische Psychologie beruht: der Darsteller repetiert im Leben die Rolle, wie diese den Berufsmenschen repetiert; wir stellen uns in beiden Fällen auf eine bestimmte Erwartung ein und werden nur selten getäuscht. Aber im Bereich des offenkundigen Muskelberufes versagt die Analogie, und wir erkennen im Leben den Menschen oft nicht wieder, der uns im Beruf als Kraftnatur entgegentritt. Seine Dynamik verwandelt sich in Statik, so wenigstens erschien es mir im Umkreis meiner Bekanntschaften, die allerdings nur ein enges und zeitlich entlegenes Feld umfassen. Da war ein Reitkünstler, er hieß Hodgini, der auf sausendem Pferd stehend und agierend Unbegreiflichkeiten verrichtete, als ein verkörpertes, eruptiv geladenes Kraftfeld, sonst aber als gepflegter Elegant auftrat, blütenzart, ein Sinnbild ätherischer Feinheit. Der auffälligste aber war für mich Herr Seeth , der herkulisch gebaute König aller Dompteure, der den ganzen Innenzirkus als einen Zwinger vergitterte, um darin mit seinen fünfundzwanzig abessinischen Löwen zu exerzieren. Soviel ich weiß, war er weder in seiner Kleidung unterpanzert, noch stützte er sich auf den Rückhalt eines Waffengerätes, sondern er verließ sich auf seine persönliche Überlegenheit, und besaß allen Grund dazu. Man hatte eigentlich weniger Ursache, den Seeth anzustaunen, weil er sich unter die Löwen wagte, als die Löwen, weil sie allabendlich ihr Abenteuer mit Seeth bestanden. Die von ihm ausgeschleuderten Energien wirkten phänomenal, zyklopisch; ein klatschender Schlag seiner hohlen Hand genügte, um eine ausgewachsene Bestie über ein paar Meter durch die Luft zu werfen. Und der nämliche Goliath war im persönlichen Umgang ein ganz sanfter Herr, zurückhaltend in der Bewegung, und bei der Begrüßung mit Händedruck hatte ich das angenehme Gefühl wie von einer Damenhand. * In meinem Interesse für zirzensische Dinge steckt ein Stück Familienerbschaft. Mein Vater schwärmte für derlei Schaustellungen, und bei aller Bescheidenheit unseres Hausstandes in meiner Breslauer Knabenzeit verschaffte er sich wie der Familie an Dutzenden von Abenden den Eintritt zu diesen Herrlichkeiten mit einem Kostenaufwand, der im Hausbudget eine erhebliche Rolle spielte. Meine Erinnerungen in diesem Betracht reichen bis in unvordenkliche Tage zurück, aus denen sich sonst nichts auf der Gedächtnistafel gerettet hat; und mir ist einzelnes in Namen, inneren Bildern und Klängen gegenwärtig, was selbst den in Zirkussachen bewanderten alten Herren antidiluvianisch vorkommen muß. Zirkus Carré – Zirkus Wollschläger – Zirkus Hinné – wer weiß noch etwas davon? Zählen doch sogar Zirkus Renz, Ciniselli, Suhr-Hüttemann zu den verschollenen Exemplaren ihrer Gattung, und nur sehr wenige Überlebende können es aus eigenem Vergleich beurteilen, daß besonders in der Arena Renz die equestrischen und äquilibristischen Muster, gültig bis heute und teilweis unübertroffen, aufgestellt worden sind. Vor mir stehen sie, gerufen oder ungerufen – sobald ich nur überhaupt versuche, mir irgend etwas aus meiner persönlichen Urzeit heraufzuholen, erscheinen sie als begleitende Schatten. Unverklungen ist auch ein leises Nebenvibrieren, das mir ansagt, wie schrecklich verliebt ich in die Damen war, die da im Ballonrock und glitzernden Pailletten durch die Luft schwebten und pirouettierten. Manches lateinische Exerzitium mag ich verpatzt haben, weil mir die Renzischen Primadonnen im Kopfe herumspukten, und manche gymnasiale Strafarbeit trug ich leichter, wenn mir der Abend den Anblick der göttlichen Springerinnen verhieß. War sie nicht einzig, die Amanda Ducos, die auf dem Nudelbrett des trabenden Schimmels Spitzentänze ausführte, leichter und virtuoser als die Balletteusen im Theater? O, ich konnte vergleichen, denn ich hatte dergleichen auf den Brettern der Breslauer Bühnen mehrfach gesehen, man hatte mich sogar zum Gastspiel der Weltberühmtheit Pepita de Oliva mitgenommen. Aber diese Exotin mit ihren Madrilenas und Seguedillas, in dem schwarzflatternden Mantel ihrer Haare war mir zu wild und deckte sich nicht mit der blonden Phantasie, die ich mir längst von einer olympischen Charitin entworfen hatte. Allerdings, die mythologischen Charitinnen sprangen nicht über Bänder und durch Reifen, und das war eben das einzige, was ihnen zur Vollkommenheit fehlte. Aber noch idealer als die Grazie Ducos erschien mir die Alleskönnerin Agnes Bridges, die der gestrenge Monarch Renz selbst als ein Phänomen betrachtete, und deren Schönheit so überwältigend war, daß sich eine Tertianerliebe da gar nicht herangetrauen durfte. Ihre Nummer war eine Feierlichkeit, ein Kultus. Stets wurde sie durch das Spalier der Stallmeister vom Direktor persönlich geführt mit einem Aufgebot von Devotion, die sie allabendlich aufs neue als Nonplusultra anzeigte. Sie war Schul-, Parforce- und Balancereiterin, Drahtseil- und Spannseilkünstlerin, Äquilibristin und Jongleuse, Amazone an Kraft und Wagemut, Sylphide an Grazie, unfehlbar in aller Bewegung, sie verschmolz das Monumentale mit dem Filigranhaften, und jede ihrer Stellungen rief nach Verewigung in Plastik. Schade, daß man damals von den optischen Möglichkeiten des Films noch nichts ahnte. Die neuzeitlichen Bewegungs-Ästhetiker, in ihrer Unkenntnis der klassischen Urbilder, hätten allerlei zu lernen, wenn man ihnen die Rhythmen der Bridges, die Tänze Fanny Elßlers oder der Marie Taglioni vor die Augen stellen könnte. Unter den Männern kam ihr an Leistungsstärke ein Ungar am nächsten, Slezak, der erste, der den freien Hochsprung vom Manegeboden aufs ungesattelte Galopp-Pferd fast ohne Anlauf ausführte und damit alles überbot, was bis dahin an kosakischen Leistungen verblüfft hatte. Dieser Jockei-Salto hat seitdem Schule gemacht und gehört wohl noch heute zum eisernen Bestand der Zirkusprogramme. Allein es verblieb ein Unterschied wie zwischen Kopie und Original. Unwiederholbar erschien Slezaks federnder Elan, der jeden Zufall ausschloß und den rhodesischen Sprung als ein kinderleichtes Hüpfen darstellte. Sicherlich hat der spätere sportliche Training der Körpertechnik neue Impulse erteilt, und an Bewegungswundern mag die Gegenwart reicher sein als die Renzische Vorzeit. Nur darf man dabei nicht übersehen, daß die schrankenlose Verallgemeinerung des Sports die Einzelleistung immer mehr als den Gegenstand eines Wettkampfes herausstellt, worin der Sieg nicht der Schönheit, sondern der Ausdauer und der überlegenen Brutalität zufällt. Der Maßstab wird vom Sechstagerennen, vom Ring- und Boxkampf hergeholt, jedes Kind kennt die Helden vom Knockout und operiert in Gedanken mit den Tausenden von Kilometern strampelnder Spitzenmannschaften. Und vielleicht erklärt es sich aus dieser Einstellung des Interesses auf Lungenmord, Rippenbruch und Blutorgie, daß das Höchstmaß der Ausbildung nicht mehr dort angetroffen wird, wo die schöne Linie, die Elastizität und die Eleganz der Persönlichkeit den Wert der Übung bestimmt. Diese Umbildung der Leibesübungen vom Gefälligen zum Wilden zeigt ein zyklisches Geschehen, und ich möchte darauf hinweisen, daß schon im Altertum derartige Betrachtungen aus ähnlichen Motiven am Platze waren. Gehen wir rückwärts vom modernen Sportpalast und Stadion zum antiken Zirkus, zur Palaestra und zu den Kampfspielen von Delphi, Olympia, Nemea und Korinth, so bemerken wir die Wiederkehr des Gleichen, und was ich hier als meine Laienansicht vortrage, gewinnt historische Stütze in den Berichten Aristipps, der ja bei Wieland nur wiederholt, was den Lebensästhetikern seiner Zeit im Gefühl lag. Denn schon damals, bei den Olympischen Spielen, wurde der Umschwung zur Roheit beklagt, die Verpöblung der Gymnastik, die Übertreibung des Dynamischen bis auf den Punkt, wo nur noch das Herkulische das Feld beherrscht und das Apollinische verschwindet. Ich zitiere sinngetreu einige Sätze des Hedonikers, die gar nicht viel anders klingen könnten, wenn der Anlaß aus den neunziger Olympiaden in unsere sportliche Neuzeit überpflanzt würde: »Das grausenhafte Schauspiel, das uns die kaltblütige Wut der Faustkämpfer gab, und der furchtbare Handschuh, womit einige Paare neuer Eryxen und Herkulessen einander zermalmten, erfüllte mich anfangs mit einer seltsamen Art von schauerlichem tragischem Vergnügen; versetzte mich in die alte Heldenzeit, schien mir die dichterischen Erzählungen von den unglaublichsten Taten der Göttersöhne wahr zu machen. Ich wähnte eine Art unzerstörbarer titanischer Naturen zu sehen, die nur spielweise so grimmig aufeinander losfuhren, und deren Wunden sich ebensoschnell und narbenlos wieder schließen würden, als die Luft, die durch ihre gewaltigen Streiche zerrissen wurde. Aber die Täuschung war von kurzer Dauer. Als ich nach einem kaum viertelstündigen Kampf einen der Athleten – einen Paris an Schönheit, der einer Bildsäule des Apollo zum Modell hätte dienen können – für tot aus den Schranken tragen sah, so furchtbar zugerichtet, daß keine Spur seiner vorigen Bildung in seinem zertrümmerten Gesicht und an seinem ganzen, zu einem unförmlichen Klumpen zusammengehauenen Leibe zu erkennen war, da überwältigte mich der gräßliche Anblick dermaßen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, meinem Abscheu durch laute Ausrufe Luft zu machen ... Was für Fortschritte in der Kultur kann man von einem Volke erwarten, das sich aus so wilden, lebensgefährlichen Übungen ein Spiel macht, das die Wut der Kämpfer, die sich zuvor nie gesehen, geschweige beleidigt haben, durch ungestüme Zurufe bis zum Weißglühen anbläst, und an einem so barbarischen Schauspiel die angenehmste Augenweide findet? Mit welcher Stirn können wir auf unsere wirklichen und vermeintlichen Vorzüge so stolzen Griechen alle übrigen Erdenbewohner Barbaren heißen, so lange es für uns eine Glückseligkeit ist, uns alle vier Jahr zu gemeinsamer Belustigung in die Zeiten zurückzuversetzen, da unsere eigenen Vorfahren rohe Waldmenschen und Räuber waren und an Humanität weit hinter den meisten asiatischen Völkern zurückstanden?« Tatsächlich ist der Turnus der Rückfälle auch heute noch nicht abgeschlossen, und aus der Vernachlässigung der Schönheitskultur, wie aus dem Überhandnehmen der athletischen Barbarismen ergeben sich düstere Prospekte. Und das schlimmste daran ist der consensus omnium, gegen die sich die Stimme der Entsetzten kaum noch aufzubäumen wagt. Ich rede hier nicht von der Stimme der Moral und der Geistigkeit, die in diesen Betrachtungen ganz aus dem Spiele bleibt, sondern nur von dem Widerstand, den das apollinische Bewußtsein des Körpermenschen den scheusäligen Exzessen entgegensetzen müßte. Der klassische Sport, der im alten Zirkus noch Pflege fand, besaß eine Kantilene, der heutige erschöpft sich in Akzenten des Röchelns. Und es ist mir sehr fraglich, ob er überhaupt zu jener Überlieferung zurückfinden wird, die ihre Antriebe von künstlerisch betonten Schwüngen, vom Choreographischen und Melodiösen empfing. * Der Begriff Circenses steht im Begriff, sich mit einem neuen Sinn zu erfüllen, auch in sprachkritischer Hinsicht; es sind nicht mehr die Künste des Zirkus, sondern der Circe, welche die Menschen in Schweine verwandelt. Im alten Begriff steckte nichts Bestialisches, wenngleich in der Arena auch Bestien auftraten, und es läßt sich ohne Paradoxie vertreten, daß er ästhetische Spuren mit gewissen Merkmalen der Erhabenheit aufwies. Denn alle Äußerungen überlegener Kraft, sobald sie mit dem Takt verschwistert, vom Rhythmus gebändigt erscheinen, streben in die erhabene Kunstsphäre. Keine gültige Definition steht dieser Auffassung entgegen: Friedrich Vischer unterscheidet zwei Momente, den ersten, wo wir uns als Beschauer mit den auftretenden Gewalten messen und im Vergleich von den Gefühlen der eigenen Ohnmacht befallen werden; den zweiten, wo wir uns an der Leistung aufrichten, da sich auch in uns das Bewußtsein persönlicher Naturkraft geltend macht. So schlagen wir uns hinüber zum Gegenstand, zum Schauspiel gewaltiger Kräfte; unsere Phantasie jagt mit diesen Wellen davon, und die Unlust weicht dem Behagen. Auch die Ansagen Kants über das »Dynamisch-Erhabene« (in seiner Kritik des ästhetischen Urteils) lassen sich hiermit wohl vereinigen, so daß die Zirkusspiele in ihrer Grundsubstanz jenes Prädikat verdienen, trotz aller skurrilen Beimischung, die wir in ihnen antreffen. Denn diese bizarren Zutaten können als wirksam nur existieren auf der Folie des Großartigen, ja sie stehen zu ihm in dem nämlichen Verhältnis wie das Satyrspiel zur Tragödie; das Gebahren des Bajazzo ist die unmittelbare Parodie der zweckvollen Kraft und Gewandtheit, er wiederholt den antiken Mimus, er kontrastiert gegen das Bedeutende ringsum wie Thersites gegen den Odysseus, und seine komischen Effekte zeigen in dieser Analyse Züge homerischer Herkunft. Nur dadurch, daß sie sich von der Dynamik des Hintergrundes abheben, äußern sie selbst Wirkung, in direkter Abhängigkeit von der Eindringlichkeit der Vorlage, deren Travestie sie darstellen. Die Narretei kann parodistische Weisheit werden, wenn sie in einem Triboulet oder Rigoletto zum Ausdruck kommt im Gegensatz zum glanzvollen Hofstaat, oder im Shakespeareschen Narren, dessen Pointen die Shakespearesche Umgebung voraussetzen. An sich hat das »Lache Bajazzo« keinen rechten Sinn, sein Gelächter zerflattert ohne Echo, wenn ein deutlich bemerkbares Bezugssystem nicht vorhanden ist. Im alten Zirkus Renz war es vorhanden, vielleicht zum letztenmal in der Entwickelung derartiger Schaustätten; und wenn der Chronist heute die Tabelle aufmacht, so nennt er auch auf den Groteskblättern ganz überwiegend Figuren von altem Datum, die in meine frühen Erinnerungen fallen. Manchem Pedanten mag es ja gegen den Strich gehen, wenn man wie von klassischer Dichtung und von klassischer Mechanik auch vom klassischen Ballett und klassischen Zirkus redet. Begreift man aber den Sinn des Prädikates, so verfährt man nur logisch, wenn man am Gegenpol der Darbietungen auch eine klassische Clownerie annimmt. Sie war verkörpert in Figuren von einer eminent komischen Begabung, die ja nicht in zerebral vertrottelter Spaßmacherei, sondern allemal in Nachdenklichkeit wurzelt. Sie waren eben Parodisten, die die formalen Eigenschaften des Originals nachzubilden verstanden, menschliche Zerrspiegel, menschliche Präzisionsinstrumente. Hier sehe ich sie vor mir, die Renzischen Komiker Sestac und Gontard, die das wagemutige Athletentum persiflierten in Leistungen, die nicht nur äußerste Körpertechnik voraussetzten, sondern einen geistigen Einschlag und das Gebärdenspiel genialer, auf Falstaffrollen eingeschulter Schauspieler. In den Artisten-Annalen, wie sie von Flögel, Saltarino, Max Bauer festgehalten werden, stehen die Bajazzi Grimaldi, Louis Auriol, Qualitz, Little Wheal und Widdicombe als Berühmtheiten an der Spitze. Der letzte gilt als der Urtypus der »Aujust«-Figur, und dessen Nachfolger bei Renz, Tom Belling, ragt noch in meinen Gesichtskreis. Deutlicher allerdings der Meister des Sarkasmus, Price, der die Äquilibristik, die Eleganz und den Rhythmus gleichzeitig zu parodieren wußte, mit ausgezeichneten Violinvorträgen auf der obersten Sprosse einer freistehenden, vibrierenden Leiter, bei denen es darauf ankam, die Tücke des Objekts mit den Allüren eines eitlen Virtuosen klangbildnerisch zu illustrieren. An ihm, wie an manchem seiner Kollegen fiel mir schon damals der Widerstreit zwischen Beruf und Person auf. Price verkehrte als Kunde in einem Bankgeschäft am Breslauer Ring, und nach Mitteilung meines Vaters, der ihn dort kennen lernte, besorgte er seine Geschäfte mit der trockenen Umsicht eines erfahrenen Börsianers. Im Gespräch vermied er jede Anspielung auf sein groteskes Fach, er gab sich vielmehr in Haltung und Rede als ausgesprochenen Melancholiker. Das paßt nicht gut zum üblichen Vorstellungs-Schema, denn wenn wir auch in Bild und Dichtung manchen tragischen Bajazzo erlebt haben, so halten wir doch in der Praxis an dem Begriff des fidelen Tölpels fest, der sein Rüpelamt gar nicht auszufüllen vermöchte, wenn er persönlich etwas anderes wäre als ein Extrem von Rüpelei und Dummheit. Allein die Wirklichkeit erzählt nicht nur vom elegischen Clown, sondern vom gebildeten. Welchen Maßstab wollen wir anlegen? Ich schlage vor, ihn aus der Lehre Karls des Fünften zu entnehmen: soviel Sprachen einer spricht, so oft ist er ein Mensch (» quot linguas quis callet, tot homines valet «). Wenn das gelten soll, dann rückt der komische Aujust aus dem Untermenschentum hoch empor in eine geistige Selekta: Tom Belling beherrschte elf Sprachen, und James Wheal, gleichfalls Clown bei Renz, war sogar mit klassischer Bildung gesättigt; er schrieb Briefe in fließendem Latein und betrieb in seinen Mußestunden eifervoll das Studium der altrömischen wie der altgriechischen Literatur. * Die spätere Chronik meldet wenig von solchen Bildungswundern, ohne daß daraus zu schließen wäre, mit der Senkung des Geistesniveaus hätte sich auch die Körpertechnik ermäßigt. Im Gegenteil, die mechanischen Wunder vervielfältigten sich, und ein erheblicher Teil mußte vom Originalboden abgetrennt werden. Das Variété nährte sich von dem, was der Zirkus zuviel hatte. Beiden Instituten gemeinsam blieb die Überwindung der Hemmnisse im natürlichen Gebrauch der Glieder, die Einstellung des Menschen auf einen Kampf mit dem Objekt, in dem die schablonierten Regeln des Daseins keine Geltung besitzen. Dieser Kampf mit seinen stupenden Siegen des Willens, des Mutes und der Geschicklichkeit gehört zur intelligibeln Welt, die mit dem Theater als moralische Anstalt betrachtet und den sonstigen Geisteskünsten durchaus nicht abgeschlossen ist. Wenn die Ästhetik von diesem Nebenreich der intelligibeln Welt nur widerwillig oder gar nicht Notiz nimmt, so liegt das nicht an der Sache, sondern am Kurzblick der Betrachter, der durch die groteske Kruste nicht bis zum Kern vordringt. Mit hartnäckigem Vorurteil unterscheiden sie ein für allemal zwischen Kunststücken und Kunst, und sie lassen sich von der Plakatseite anwidern, deren schriller Radau sie von weiteren Untersuchungen abschreckt. Mir war seit langem eine andere Betrachtung geläufig, und wenn ich mich nach dem Grunde des Vergnügens im Zirkus und Variété befragte, so geriet ich immer wieder an mechanische Probleme; mit dem Ausblick, daß hier die störrische Ursächlichkeit räumlicher Hindernisse in ähnlicher Art überwunden wird wie die gemeine Kausalität der Alltagsmotive im romantischen Epos und Schauspiel. Helmholtz rühmte von seiner eigenen Konstitution, daß er alle Züge und Drücke der umgebenden Natur in sich selbst sinnlich und gedanklich verspürte. Allein man braucht kein Helmholtz zu sein, um zu solcher Wahrnehmung zu gelangen. Wer sich zu aufmerksamer Selbstbetrachtung trainiert, dem kommen jene Züge und Drücke schmerzlich genug zum Bewußtsein, die in jeder Sekunde ihre Fatalitäten ausüben, feindselig gegen das eingebildete Bewußtsein irgendwelcher mechanischer Freiheit. In dieser Wahrnehmung wird schon jeder Spaziergang, jede frohlaunige Wanderung, wird schon das einfache Gehen zu einer verwickelten, schwierig zu vollziehenden Gymnastik. In der organischen, scheinbar so selbstverständlichen Gehbewegung liegt die Entwickelungsgeschichte aus Jahrmillionen, und immer noch vollzieht sich das Gehen als eine unübersehbare Kette von Korrekturen an Momenten des Falles, der in Schwerpunktsverschiebung immer wieder bewirkt und zugleich verhütet wird. Die anatomische Darstellung des Vorgangs durch die Brüder Weber, die kinematographische durch den Schnellphotographen gibt die Analyse dieser Bewegung, deren Berechnung von Moment zu Moment keinem Galilei möglich wäre. Jetzt aber entwickelt sich das Gehen zum rhythmischen Tanz und damit zu einer Stufe, auf der sich eine Fülle neuer Möglichkeiten erschließt. Mit dem beständigen, stetig gewollten und stetig aufgehaltenen Fall verbinden sich Rotationen und Zentrifugalkräfte, veränderte Zeitgliederungen, eine arithmetisch betonte Gymnastik, und wir sehen uns veranlaßt, zur Beurteilung des Vorgangs den ästhetischen Sinn anzurufen. Warum reden wir da von Kunst? Weil hier die Musik mitspielt? Aber die ist ja selbst nur eine Abstraktion der Bewegung, tönend bewegte Form, nur das klingende Abbild der Bewegung an sich. Die Kunstvorstellung kommt woanders her: Wir versetzen uns als Beschauer in die Körperlichkeit des Tanzkünstlers, wir verspüren seine Züge und Drücke mit Helmholtzischer Einfühlung in uns selbst, als ob es uns möglich wäre, diese Bewegungen, zu denen unser wirkliches Können nicht ausreicht, wenigstens virtuell in uns nachzubilden. Hierin steckt etwas Visionäres, Träumerisches, und eben in dieser traumhaften Einbeziehung einer Überlegenheit auf unsere Person ist das Wesen der Kunst begründet. Es liegt gar kein Grund vor, den Bezug eines räumlich abgetrennten Vorgangs auf unser Sensorium mit Wichtigtuerei auf das rein Gedankliche oder Ethische einzuschränken, ja die Musik als Begleiterscheinung des Gymnastischen müßte uns schon von dieser Einschränkung abhalten. Entscheidend ist vielmehr das Traumhafte der Einstellung, die Vision, die den Beschauer von der Grämlichkeit seiner eigenen Leibesmechanik befreit. Diese Vision ist unausbleiblich bei der Beschaffenheit unseres Sensoriums, weil unsere Koordinationszentren still mitarbeiten, sobald das Gehirn koordinierte Tätigkeiten wahrnimmt. Und wo sie auftritt, da ist intelligible Welt, da ist ein Reich der Kunst. Es wäre natürlich ein grobes Mißverständnis, wenn man mir unterschöbe, ich wollte sämtliche Kunstfächer über einen mechanischen Leisten schlagen. Die Visionswelt, die sich beim Durchbrechen der gemeinen Kausalität öffnet, enthält viele Provinzen von sehr verschiedener Ergiebigkeit; nur soll man sich nicht darauf versteifen, einer Provinz den Kunstwert zu versagen, weil sie mit mechanischen Zeichen bedeckt ist, mit Signalen, die auf Statik und Dynamik, auf Zahl und Geometrie hinweisen. Daß sich von diesem Bezirk aus neue Zugänge der Begreiflichkeit zur Musik, zur bildenden Kunst, zur Schönheitslehre überhaupt gewinnen lassen, habe ich in meinem Buch »Der Venuspark« anzudeuten versucht. Und hier halte ich daran fest, daß jene Exerzitien, die nur der vulgären Schaulust zu dienen scheinen, ästhetische Werte umschließen, nicht obschon, sondern weil sie mit mechanischen Mitteln die Phantasie zum Mitschwung anregen. Am Beispiel wird das erkennbar. Heut wäre sehr wohl eine Programmsymphonie möglich, eine neue Eroica, die den Eroberer der Luft zum Helden wählte; etwa in moderner Abänderung des »Phaeton« von Saint-Saëns, der ja in seiner Flugmusik mit chromatischen Wendungen den Propeller schon vorweggenommen hat. Wenn aber der Hörer sich in solches Programm einfühlt, so empfängt er einen Bericht, kein eigenes Erlebnis, weil weder der Phaeton noch der Flieger der Neuzeit wirklich fliegt. Sie sind in eine maschinelle Wirkung eingespannt, die ihre Leibesmechanik gänzlich ausschaltet, und sie verhalten sich zu einem wirklichen Flugmenschen wie ein Reisender im Blitzzug zum Schubertschen Wanderer. Der eigentliche Flieger nämlich kommt nur in der Arena vor, und wenn er auch nichts Mythologisches erlebt und nur bescheidene Strecken bewältigt, so ist er doch der einzige, der in freier Muskulatur die erste Annäherung an den Vogel vorstellt. Lang ist es her, seit ich zum erstenmal dieses Bild wahrnahm, im alten Zirkus Renz, wo die Gruppe Bragazzi-Proserpi zwischen schwingenden Trapezen flog. Wenn mir der Anblick gegenwärtig blieb, so war es nicht das Schauwunder an sich, das mir den Eindruck lebendig erhielt, sondern das Fliegegefühl, das mich mit ergriff und mich auf Sekunden von der eigenen Erdenschwere ablöste. Diese virtuell gespürte Möglichkeit des Fliegenkönnens, dieses Phantasma im Raume gab mir Spannungen und Emotionen, die ich als grundverwandt den künstlerischen erkenne, zumal den musikalischen; wie es ja gar keine nähere Beziehung gibt, als die zwischen Raumfühlung und Hörfunktion, wofür zudem die physiologischen Beweise von Mach, Cyon und Kreidl experimentell erbracht worden sind. Soweit Menschen in Betracht kommen, wäre vielleicht der Trapezflieger dem Telemarkschwinger auf Schneeschuhen zu vergleichen. Ich bezweifle indeß auf Grund der mir bekannten Filmaufnahmen, daß mich der Telemarker zu ähnlichen Visionen anregen könnte; weil seinen Bewegungen das Rhythmisch-Tänzerische fehlt, das die Schwünge des Zirkusfliegers von vornherein graziös veredelt. Es versteht sich hiernach von selbst, daß auch in den Leistungen der Jongleure die Beziehung auf das Koordinatensystem des Betrachters als das eigentlich Wirkungsvolle auftritt. Der Begleitgedanke: wieviel muß er geübt, wieviel Fehlgriffe überwunden haben, bevor er solche Vollendung erreichte, bleibt nebensächlich; primär dagegen ist das Bewußtsein unseres eigenen bodenlosen Ungeschicks, wenn wir unsere klobigen Hantierungen an den eleganten Griffen und Würfen der Artisten abmessen. Und diese Beziehung ist unausweichlich, denn genau genommen ist nicht dieser Cinquevalli, Kara, Spadoni, Sylvester Schäffer das Wunder, sondern wir sind das Wunder, freilich auf der Kehrseite der Welt; wir, denen die Natur Koordinationszentren eingepflanzt hat, ohne die Fähigkeit, irgend etwas zu koordinieren, das über das zufällig Allerleichteste hinausgeht. Alles was uns im Lehrbuch der Physik und am Experiment als Gravitation, Reibung, Adhäsion, Hebelkraft, Schwingung, Druck und Stoß begegnet, vereinigt sich zu dem aussichtslosen Kampf mit dem Objekt, in dem die Dämonen der Kleinwelt unsere Schätze an Arbeitsenergie und Nervensubstanz ausplündern, und dieser Raub ermöglicht sich allein dadurch, daß die einzige Abwehr, die Koordination, nur in rudimentären Spuren vorhanden ist. Im ganzen Tierreich gibt es kein Exemplar, in dem zwischen mechanischer Grundanlage und beweglicher Ausübung ein so schauriger Zwiespalt aufträte. Aber unter der Schwelle des Bewußtseins bleibt Platz für die Ahnung einer Welt mit sozusagen besserer Physik, in der sich die Sachen nicht hart im Raume stoßen, sondern leicht beieinander wohnen wie die Gedanken; für eine Weltmechanik, in der das Gleichgewicht nicht als ein schwankender Ausnahmefall unter Millionen von Störungen erzwungen und erschlichen wird, sondern sich durchweg von selbst einstellt. Und diese Phantasie wird aufgerufen beim Anblick des perfekten Jongleurs, da er den Kampf mit dem Objekt in Mustern aufstellt, die auf unsere Welt bezogen schwierig wären bis zur trostlosen Unmöglichkeit, während sie sich in der freundlichen Physik seiner Welt kaum als Probleme zu erkennen geben. Hier ist nichts labil, nichts ungestützt, nichts von gehässigen, absichtswidrigen Drücken bedroht; unsichtbare Fundamente durchziehen den Luftraum; und indem wir uns dieser Magie hingeben, erleichtert sich in uns das schauerliche Gefühlsintegral, das sich sonst aus unzähligem infinitesimalen Gestümper und Gestolper aufsummiert. Der Blick in die Jongleurwelt verschafft uns, ins Spielerische übersetzt, Illusionen, die wir im Ernstfall etwa dem gotischen Baustil zuweisen: hier wie dort das Aufstrebende, Entlastende, als ob die Schwerkraft von unten nach oben flösse, als ob die vermaledeite Naturkonstante aus der Welt wäre, die uns selbst an den Boden fesselt und bei jedem Griff nach der Substanz ein Verhängnis bereit hält; hier wie dort die Magie einer Befreiung vom Zwangsläufigen, die Illusion einer Existenzmöglichkeit abseits einer Mechanik, deren Formeln nur theoretisch die Welt ansagen, während sie in der Praxis eine unzerreißbare Kette von Verdrießlichkeiten darstellt. Unsere Abstraktion Oben – Unten, mit der Lustbetonung des Oben, ist der klare Ausdruck dafür, daß die erlebte Mechanik mit ihrer störrischen Tendenz nach unten unseren Wünschen dauernd entgegenarbeitet. Wenn man es als eine Aufgabe des Schauspiels bezeichnet, den wirklichen Menschen nachzubilden und ihn zugleich idealisierend zu erhöhen, so wird man unter den Meistern solcher Synthese den großen Jongleur nicht vergessen dürfen. Er vereinigt beide Werktätigkeiten in sich mit einer Schlagkraft, wie sie außerhalb seines Faches gar nicht angetroffen wird. Der ungeheure, durch viele Jahre anhaltende Erfolg der »Baggesen« war durch dieses meisterliche Doppelspiel gerechtfertigt. Ihr bis ins Extrem getriebener Kampf mit der Materie hielt dem Beschauer dessen eigenes Wirklichkeitsbild vor: Tat twam asi ! Das bist du selbst, der grauenvolle mit allem Pech der Mechanik besudelte Tölpel, der Bewegungskrüppel, der sich nicht rühren kann, ohne ein Malheur anzurichten! War es Karikatur? Formal freilich, aber das Großartige dieser Verzerrung lag eben darin, daß sie die unwesentlichen Züge unterdrückte, die wesentlichen heraushob und vergrößerte. Hier war Spiegel und Mikroskop in einem Apparat; und das unbändige Gelächter, das Baggesen entzündete, enthielt die dröhnende Paraphrase der Anerkennung: Ja, so sind wir wirklich, und der Artist repetiert nur in Minuten unsere Stolpriangeschichte von Tagen und Jahren! Aber gleichzeitig erblickte man das Konträrbild auf ein und derselben Darstellungsplatte. Denn wiederum gehörte doch ein Extrem von Technik dazu, um so viele Knalleffekte der Unbeholfenheit in einen einzigen Akt pausenlos zu vereinigen. Das konnte nur ein Koordinationsgenie zuwege bringen, das damit jenes Problem löste, die fatale Wirklichkeit abzubilden durch Mittel, die uns transzendent erscheinen, weil sie in unserer Erfahrung nicht enthalten sind. Derartige Darbietungen werden in ihrem Range schon durch die Seltenheit bestimmt; und es ist bezeichnend, daß sie auf die Intellektuellen, auf die Gehirnmenschen noch stärker wirken als auf die Besucher der obersten Galerie. Einer meiner Freunde, weltberühmter Dramatiker, war Stammgast bei diesen Vorstellungen, und er hätte sich eher die Lektüre eines neuen literarischen Humorwerks versagt, als den immer wiederholten Genuß der Baggesen-Exzentrizitäten. In ihm lebte die Resonanz für das Transzendente dieses Artistentums, und er wußte wohl auch: das kommt nicht wieder. Ein Seitenstück mag zuvor der Zirkusclown Louis Auriol geboten haben, der unerreichte Groteske der Franconischen und Renzischen Manege. Auch dieser verstand sich auf eine meisterliche Heraushebung menschlicher Tölpelei mit sinnfälligem Kontrast zu seiner persönlichen Behendigkeit, kraft deren er im Doppelsalto über zwölf berittene Stallmeister oder auch über vierundzwanzig Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten hinwegsetzte. Er war also ebenfalls Träger eines Koordinationssystems, das zu verschiedenen Einstellungen befähigt im jähen Wechsel zwischen verhaltener und explodierender Energie das Allzumenschliche mit dem Übermenschlichen verschmelzen ließ. Nur so kann man zum Ansatz einer Analyse der besten Artistenleistungen gelangen, und wer hier nur von Virtuosität redet, erhebt sich nicht sonderlich über einen Beurteiler, der in einem Paganini oder Tausig lediglich den Hexenmeister erblickt. Die Bravour ist in beiden Fällen nur die Außenseite, während sich der Kern der Sache an die Organe wendet, in denen sich auf noch unerforschte Art das Quantitative ins Qualitative umsetzt; an das Raumorgan Ohr und an das allgemeine Sensorium, worin unsere mechanischen Erfahrungen aufgespeichert liegen. In ihm liegen auch noch weitere Elemente, die über Raum und Zeit hinwegragen. Die Mechanik, auf die das Sensorium reagiert, weiß nichts von politischen Grenzstrichen, sie ist universal wie die Gravitationskonstante. Im Umkreis der Artistik herrscht sonach eine Internationalität, zu der sich andere Berufsstände, auch die künstlerischen, nicht aufzuschwingen vermögen. Selbst in der Musikgilde mit ihrer kosmopolitischen Tonsprache gibt es nationale Betonungen, die oft genug fremdfeindliche Akzente werden; der Komponist und sein Interpret gehört noch zur Scholle, und nur der Bewegungsartist vom Zirkus und Variété ist frei von jeder Nebenäußerung der Seßhaftigkeit, er vagabundiert unbedingt, und seine Leistungen bleiben in aller Welt gültig; weil sie sich aus Elementen der Dynamik und Statik entwickeln, die einer Färbung nach Land, Klima und geschichtlicher Erinnerung gar nicht zugänglich sind. Der einzelne Artist mag nach persönlichem Ausweis Deutscher sein, oder Engländer, Italiener, Ungar, in seiner Betätigung ist er es so wenig, wie Ikarus ein Grieche war, das Individuelle tritt in ihm zurück, die Gattung hervor, in einem mythologischen Urmenschentum. So schwebte er mir auch vor, als ich selbst für die Arena tätig war, und ich hatte es im Gefühl, daß man die Vorgänge eines Zirkusstücks aus der Zeit herausheben müßte in eine Zeitlosigkeit, welche die Aufstellung urmenschlicher Typen ermöglicht. Banal sind die Melodieen der Circenses und der Variétéwelt, wenn man sie ablöst von den mechanischen Leistungen, und die Darsteller pflegen bei der Auslese ihrer Begleitmusiken nicht sehr wählerisch vorzugehen. Aber sie können nicht verhindern, daß im Empfangsorgan etwas Elementares mitklingt, aus Unter- und Übertönen, die der Körperrhythmik selbst angehören. Während ich hier einzelne Namen aufs Papier setze aus längst verschollener circensischer Vorzeit, höre ich ganz deutlich zugeordnete Orchesterklänge, die ungerufen aus der Zeitverschüttung aufsteigen. Und ich wüßte nicht zu sagen, was eigentlich dabei in mir das Primäre ist, die klangliche oder die gegenständliche Reminiszenz. Jedenfalls sind beide für mich aufs engste assoziativ verbunden, und ein halbes Jahrhundert vermochte den Zusammenhang nicht im geringsten zu lockern. Er ist so zählebig organisiert, daß er mir am Schluß dieser Betrachtungen bis in den begrifflichen Ausdruck fühlbar wird mit rhythmischem Einfluß auf Hand und Feder. Und so greife ich selber auf meine alten Tage nach einem jambisch-dithyrambischen Schwingtrapez: Das ist die Welt der schwankenden Gestalten, die uns der Urwelt buntes Abbild zeigt, wo aus phantastisch aufgeschloßnen Spalten ein Zauberdasein übersinnlich steigt; was uns die Kunst verspricht, hier wird's gehalten in wirrem Treiben, holdem Wahn geneigt, es mahnt an Zeiten, welche längst vergangen, Mysterien sind es, die uns hier umfangen. Artistenwelt! Du gibst dem innern Sehnen, das Widerspruch begehrt im Lebensspiel, das zum Kontraste drängt mit starkem Dehnen, du gibst dem Drang ein offenes Ventil: hier darf es seiner Fesseln sich entwöhnen, hier strömt es aus mit freiem Lustgefühl; wie träumend wird es andern Daseins inne, in einem regellosen Kult der Sinne. Hier wird die starre Schranke hochgewunden, die uns bei jedem Schritt in Banden hält; »Unmöglichkeit« – der Zwang ist ganz verschwunden, die Logik selbst wird auf den Kopf gestellt; vom kettenden Gesetz ist losgebunden zu unserm Staunen die Artistenwelt; hier wohnt der Mensch, der nirgends sonst entdeckte, der Sieger bleibt im Kampf mit dem Objekte. Das ist der Sieg, den wir mit Lachen grüßen, wir andern, die umklammert vom Objekt, die wir das frohe Wunder mitgenießen, das im Geschick geübter Muskeln steckt. Aus starken Leibern kann Humor entsprießen, mit unfehlbarem, stürmischem Effekt; das ist der Zauber der Artistensphäre, der uns befreit vom Rest der Erdenschwere! Das Paradies von Weimar Ein Paradies ohne vorgelagertes Fegefeuer, ohne Leidensstationen auf dem Hinweg, ohne Reue bei der Abkehr. Ein fröhliches Wunder, dem zur vollen Wirksamkeit auch das Lustgefühl satanischen Kitzels nicht fehlte. » Forsan et haec meminisse juvabit « – auch dieses wird dereinst zur Erinnerungsfreude. Und wer einmal das Gehege durchschritt, der bedauert die Nachfahren, die nur darum nicht Lober der Vergangenheit werden, weil ihnen jede Vergleichsmöglichkeit fehlt. Dieses Paradies kann und wird sich nicht wiederholen. Das war also im Frühjahr von achtzehnhundertachtund... Die genaue Zahl will mir nicht aus der Feder. Soll ich wirklich nochmals berichten, wie weit ich mit meinen Erinnerungen zurücktauche? Auf ein Jahrzehnt mehr oder weniger käme es ja nicht an. Aber zu einem Geständnis von solchem Ausmaß gehört doch ein Entschluß, und der wird mir in diesem Falle besonders sauer. Denn in der Lebensoptik verschieben sich die Dimensionen gar seltsam, und für meine Zeitempfindung liegen die Tage von Weimar entlegener als manches Ereignis der Kindheit. Sie sind traumhafter gefärbt, vielleicht weil sie schon als sie Gegenwart waren, Züge grotesker Unwahrscheinlichkeit aufwiesen. Ich helfe mir, um die Chronologie nicht ganz zu verleugnen, mit einer Umschreibung: Im ersten Bayreuther Festspieljahr hatte ich, wie auch an anderer Stelle erwähnt, Franz Liszt persönlich kennengelernt, und zwei Jahre später brach ich bei ihm in Weimar ein. Ganz ohne Legitimation und Studienbeflissenheit. Ich gehörte nicht zur Musikantengilde und hatte meine Berechtigung, in seine Gefolgschaft einzudringen, durch nichts erwiesen. Meine schriftstellerischen Versuche aus jener Zeit waren spärlich, anfängerhaft leichtgewogen, und es gehörte die ganze Duldsamkeit des Meisters dazu, um sie überhaupt als vorhanden zu erachten. Aber mein Bruder, der Tonsetzer und Pianist, zählte trotz seiner Jugend zu den Bevorzugten im Weimaraner Kreis, und durch ihn gedeckt durfte ich es schon wagen, von der großen Weimaraner Musiktafel ein bißchen mitzunaschen. Um diese Tafel gruppierten sich Szenen, die uns damals als musikgeschichtlich vorkamen, vor allem Schlachten, die auf den Tastenflächen vieler Klaviere ausgekämpft wurden. Da machte ich also mit, horchend, begutachtend, parteinehmend, als Außenseiter oder sozusagen als Schlachtenbummler. Mir war durch einen Zufall die erlesenste Wohnung der Stadt zugefallen; eine Aussichtswarte erster Ordnung mit unmittelbarem Nahblick in Liszt's Allerheiligstes. Nahe dem Parke stehen oder standen dort Zwillingshäuser, gelbgetünchte Kleinbauten mit dem Sammelnamen »Hofgärtnerei«; äußerlich unscheinbar, aber von Ruhm umwittert. Dort drüben die schmucklose Villa war das Pilgerziel derer, die auf tonkünstlerischem Felde den Segen des Franziskus erwarteten, das Goethehaus ins Musikalische übersetzt. Heut mag der Vergleich übertrieben erscheinen; aber für die Weimaraner von damals galt er als selbstverständlich. Liszt's gewaltige Persönlichkeit hatte doch die zweite Klassikerära von Weimar begründet, und manche ließen sich vom Liszt-Nimbus so stark umnebeln, daß ihnen alle Schätzung der Wirklichkeit entschwand: Goethe mochte wohl die klassische Verheißung bedeuten – in Liszt erblickten sie die Erfüllung. Ich hatte nicht lange nötig, auf Ausbrüche dieses verzückten Kultus zu warten. Gerade war ich als Fremdling in die Wohnung eingezogen und überlieferte mich der in solchen Fällen üblichen, durch vorangehende Eisenbahnfahrt gerechtfertigten Tätigkeit. Das heißt, ich enthüllte mich mit aller Ungezwungenheit eines Touristen und improvisierte mir am Waschtisch ein Halbbad – als die Tür aufgerissen wurde und zwei fanatische Jungfrauen in meine Klause stürzten. Daß da an der Rückwand ein halbnackter Jüngling wasserplanschte, genierte sie nicht im geringsten; sie schwangen sich ans Fenster, sprengten es auf und riefen in Raserei, wie von einer Vision hingerissen: »Dort – dort! – o Gott, da ist er – Er – Er! Liszt – Liszt!!« Einige Minuten tobten sie derart am Fenster; dann entfernten sie sich mit den Spuren der Weihe auf den holden Antlitzen. Auf mich fiel nur ein kurzer Seitenblick, aber in diesem lag eine Welt von Verachtung: Was wollte der Kerl da, dieser bespritzte Eindringling? Hatte er am Ende gar die Frechheit, hier zu wohnen? Mir blieb der Sinn dieser Überrumpelung zunächst ganz unverständlich. Denn erstlich: man dringt nicht mit Türbruch in fremde Gemächer; dann aber und hauptsächlichst: das waren doch offenbar ortskundige Lisztianerinnen, die als solche hundertfach Gelegenheit hatten, den Meister aus allernächster Nähe anzuschwärmen und also gar nicht darauf angewiesen waren, quer über die Straße ihre verhimmelnden Übungen anzustellen. Das ergab eine schwierige Psychologie, der ich vorerst noch nicht gewachsen war. Erst allmählich ging mir die Erklärung auf, die sich in die allgemeine Formel bringen ließ: in Weimar war das Unwahrscheinliche die Regel, und man durfte sich überhaupt über nichts wundern! Ich erfuhr natürlich die Namen der beiden Huldinnen und möchte erwähnen, daß die eine von Wolzogen in seinem berühmten Roman »Der Kraftmayr« unter der Marke »Fräulein Schönfließ« verewigt worden ist. Als ich sie später in ihrer Eigenschaft als Klavierspielerinnen hörte, war der Eindruck nicht mehr so überraschend als bei ihrer Gastrolle in meiner Stube. Zwei Künstlerinnen unter Durchschnitt, ohne Sturm und Leidenschaft, und nicht einmal mit dem äußeren Anflug walkürenhafter Draufgängerei. Nichtsdestoweniger, sie gehörten zum Bilde und wußten damals als Lärmpriesterinnen eine Rolle zu spielen. Da ich selbst gar nicht für's Klavier in Betracht kam, so versuchte ich zunächst mir eine abseitige Brücke zum Herzen des Meisters zu bahnen. Liszt's Neigung für das Geheimnisvolle, Unerforschliche kam mir entgegen, denn ich hatte mir durch das Studium umfangreicher Physikwerke von Zöllner gewisse Sonderkenntnisse im spiritistischen Felde erworben und wußte ihm unbekannte Dinge zu erzählen, die den Kernpunkt seines Interesses trafen. Damit hatte ich gewonnenes Spiel. Noch heute möchte ich daran festhalten, daß die längst vergessenen Zöllner'schen Experimente seinerzeit von der ernsten Wissenschaft doch nicht ganz genügend beachtet worden sind, und daß eine vielleicht nicht ferne Zukunft an die Notwendigkeit geraten wird, sie wieder aus der Versenkung hervorzuholen. Ich will mich hier nicht in's Okkulte verbreiten, sondern nur den großen Eindruck jener vierdimensionalen Abenteuer auf Liszt feststellen. Ihm schien nichts unmöglich, und als er nun gar erfuhr, daß neben Zöllner Autoritäten der höchsten Forschung wie Weber, Wallace, Crookes in der Linie derselben Wunder arbeiteten, da ergab er sich in offensichtlicher Freude allen mysteriösen Wellen, die ihn aus meinen Berichten überströmten. Das entsprach seiner Natur, und ebenso entsprach es meiner verzeihlichen Absicht, etwaige Zweifel nicht allzu stark zu unterstreichen. Jedenfalls wurde das in wagemutigem Leichtsinn gesteckte Ziel vollkommen erreicht. Auf kurze Zeitspannen gehörte das Ohr des Meisters mir, und sogar in stärkerem Grade als manchem der dort umherwimmelnden Tastendrescher. Und mit Wonne denke ich daran zurück, daß er mich wiederholt in seine Arme schloß. Dazu war er allerdings oft genug aufgelegt, und man durfte die Bedeutung der Liszt-Küsse nicht überschätzen. Er kargte nicht mit dieser Auszeichnung, besonders jüngeren hübschen Damen gegenüber. Aber man zählte sie genau, und sie bildeten den Urgrund unendlicher Eifersüchteleien. Die Herren bekamen gelegentlich noch eine andere Liebesgabe zu kosten, in Form unheimlich starker Schweizer Zigarren, zu deren Genuß Todesverachtung gehörte. In besonderen Fällen verschärfte sich die Gunst dadurch, daß Liszt den Vevey-Stengel mit eigenen Lippen anrauchte und die pneumatische Fortsetzung dem Beschenkten überließ. Der tat so »als ob« und verwahrte den Rest als Angedenken. Wo sind sie alle hin, diese historischen Tabakstummel, die an so glückliche Zeiten gemahnten! * Der Frage, was Franz Liszt damals, dem 70. Lebensjahre nahe, mit seiner eigenen Leistung als Klaviermeister bedeutete, wird nicht auszuweichen sein. Aus dem Weimarer Treiben heraus hätte ich ihn nicht beurteilen können; allein bald darauf weilte er, gänzlich unerkannt, auf dem Boden der Reichshauptstadt wo er im allerengsten Kreise musizierte, von der kunstbegabten Gräfin Schleinitz am zweiten Klavier unterstützt. Und nur zwei Hörer waren zugegen, der Musikschriftsteller Otto Leßman und ich. Liszt hatte sich wirklich meiner erinnert und bot mir durch diese Einladung die ausgiebigste Gegenleistung für mein vierdimensionales Geplauder. Darf ich bekennen, daß er mich am Instrument in gewisser Weise enttäuschte? Daß er nicht ganz dem Bilde des Jupiter tonans entsprach, das meinen Sinnen vorschwebte? Gewiß, es war nicht leicht, zu seiner Leistung den richtigen Abstand zu gewinnen und im Eindruck loszulösen, was mit magischer Kraft von der zauberhaften Persönlichkeit und was vom gegenwärtigen Können ausging. Trotzdem versuchte ich zu unterscheiden, mit dem Ergebnis, daß noch sehr viel Bewundernswertes übrig blieb, aber nicht allzuviel, was auf Rechnung der unmittelbar fortreißenden Gewalt zu setzen war. Das Magistrale überwog derart, daß man beinahe von einem Klavierspiel mit professoralem Anstrich hätte reden können; alles Technische war als Selbstverständliches vorhanden, in zweifelloser Vollendung, aber nicht mit höchster Glanzwirkung. Und was den poetischen Gehalt der Darbietung betraf, so konnte man nur sagen, daß er es weniger auf tönende Beseelung in Anschlag, Phrasierung und Klangschattierung abgesehen hatte, als auf sinngemäße, objektive Darstellung. Man erfuhr also genau, wie es gemeint war, eine Berufung über die gegenwärtige Instanz war nicht gut denkbar, denn Liszt spielte ausschließlich Stücke eigener Schöpfung. Aber ich kam von dem Eindruck nicht los, daß dieser Mann nicht mehr der Herrscher war, der eine staunende Welt zu seinen Füßen gesehen hatte. Von dem vorzeitlichen Merkverse Liszt fährt drein in Sturmeswüten, Dreyschock säuselt glockenrein, Henselt spielt mit Frühlingsblüten, Thalberg schnitzt in Elfenbein war nun auch die erste Zeile hinfällig geworden. Das Sturmeswüten blieb aus, hätte auch zur Figur nicht mehr gepaßt. Als elementarer Klavierdonnerer herrschte in jenen Tagen Anton Rubinstein, dessen titanische Offenbarungen jeden Vergleich ausschlossen. Und dennoch! Man war ja nicht in den Palast der Schleinitz gekommen, um sachlich Kritik zu üben, sondern um sich von einem Ereignis bemeistern zu lassen. Man tauchte zurück in die Urzeiten, von denen die Väter erzählt hatten. Man vergegenwärtige sich, daß schon Heinrich Heine den Abstand des »abgeklärten« vom tosenden Liszt festgestellt hatte, in der unvordenklichen Pariser Vergangenheit von 1841! »Wenn er damals,« – also wann wohl? – »auf dem Pianoforte ein Gewitter spielte, sahen wir die Blitze über sein eigenes Gesicht dahinzucken, wie vom Sturmwind schlotterten seine Glieder, und seine langen Haarzöpfe träuften gleichsam vom Platzregen. Wenn er jetzt auch das stärkste Donnerwetter spielt, so ragt er doch selbst darüber empor; die Wolken lagern tief unter ihm, die Blitze ringeln wie Schlangen zu seinen Füßen, das Haupt erhebt er lächelnd in den reinen Äther.« Und hier saßen wir in der Wilhelmstraße, nahe den Linden, um mehr als ein Menschenalter getrennt von Heines Bericht, und sahen das nämliche in den Äther erhobene Haupt lächeln; sahen die schlanken Finger gleiten, mit denen sich Liszt schon vor vierzig Jahren in die Unsterblichkeit hineingespielt hatte; ein Wunder, daß uns noch die Besinnung blieb, um in dieser geisterhaft heraufbeschworenen Vergangenheit die tönende Gegenwart wahrzunehmen und als ein wirkliches Konzert zu beurteilen. – * Es läge nahe, den professoralen Zug in Liszt's Altersspiel mit seiner Lehrtätigkeit in Verbindung zu bringen. Denn er war doch Lehrer mit Liebe und Leidenschaft, und er hatte sein ganzes Dasein darauf eingestellt, daß eine Zöglingsschaar ihn unablässig umwogte. Ich glaube indes nicht, daß jener Zug auf den Betrieb in der Hofgärtnerei zu Weimar übergegriffen hat. Hier herrschte wohl in reichlichstem Maße akademische Freiheit, aber keineswegs ein starres Programm akademischer Schulung. Von der strengen Methodik eines Leschetitzky, eines Theodor Kullak blieb Liszt weit entfernt, ja man könnte überhaupt erörtern, ob denn in Weimar so recht eigentlich gelehrt und gelernt wurde im Sinne schulgerechter Lektionen. Ich kann hier als beglaubigter Ohrenzeuge nur unter Vorbehalt mitreden, wiewohl ich ja nur meine Stubenfenster zu öffnen brauchte, um allerlei Tongeflatter zu erhorchen. Aber man wußte doch in Weimar allgemein, wie es bei diesen lehrhaft gemeinten Zusammenkünften zuging, nämlich nichts weniger als doktrinär. Kein Professor trat da herein und zeigte, es müßte so sein, und so oder so müsse man es machen, um den Lorbeer der Konzertsäle zu erreichen. Das verbot sich schon durch die Eigenart der Zöglinge selbst, von denen nicht wenige konzertflügge waren, ja als diplomierte und erfolggekrönte Künstler auf Bedeutung Anspruch machten. Zu den Bevorzugten der zeitlich benachbarten Altersklasse gehörten der Amerikaner Pinner, der Russischpole Jules de Zarembski, dessen schönere Ehehälfte, die goldhaarige Johanna Wenzel, und in weiterem Abstand Konrad Ansorge, der später eine eigene Hofhaltung in Weimar errichtete. Aber auch die virtuos Perfekten hatten ihre Fertigkeiten nicht in eigentlichen Lektionen gewonnen. Es war vielmehr in der Hauptsache ein Musizieren mit und vor dem Meister, dessen Geist über den Wogen schwebte; man wollte in den Liszt'schen Dunstkreis eingehen und in naher Berührung Keime Liszt'scher Genialität auf sich überfließen lassen. Manchem ist es geglückt, unter der Vorbedingung, daß er hier nichts anderes erwartete, als die letzte Weihe. Den andern aber, denen noch die Schalen des Konservatoriums anklebten, konnte nicht geholfen werden. Sie waren froh in der Erlaubnis, ihren Kursus durchzuschmarotzen, und gingen wie sie gekommen waren, um sich im Kunstproletariat zu verlieren. Im eigentlich technischen Studium war nicht viel zu gewinnen; Liszt stand viel zu hoch über den Einzelheiten der Mechanik, als daß man von ihm hätte sonderliche Auskünfte verlangen dürfen. Das mußte man eben können, und wenn man es nicht konnte, so blieb es dem Strebenden immer noch unbenommen, sich späterhin Lisztschüler zu nennen. Zu Legionen schwollen sie an, die Lieblingsschüler, und nun gar die Lieblingsschülerinnen, die allesamt bereit waren, eine gelegentliche Freundlichkeit des Altmeisters in ein für alle Welt gültiges Zeugnis umzudeuten. Die große Mehrzahl dieser Liszt-Schülerinnen vereinigte sich vom Standpunkt der Kritik nach Jahren und Jahrzehnten unter dem Kennzeichen: Der Meister war ihr wohlgewogen Und unterstützte sie beim Üben, Das Liszt'sche ist nun längst verflogen, Das Schülerhafte ist geblieben! Und zu dieser Größenklasse gehörten wohl auch die meisten aus dem Jahrgange, bei dem ich den mitschwärmenden Beobachter spielte. Freilich fehlte es auch nicht an Talenten im wirbelnden Kreise. Da blitzten als Sterne zweiter Größe Vera Timanoff durchs Gewimmel, der sehr begabte Pianist Reuß und ein Dreigestirn unter der Firma Schwarz-Weiß-Rot, tatsächlich drei Künstler, die späterhin ihre Eigennamen Schwarz, Weiß und Rot in den Musiksälen Deutschlands zu Ehren brachten. Man munkelte von Hans von Bülow. Der gab bisweilen Gastrollen in der Stadt als ein Liszt Nummer zwei, mit der Sendung, den Vielzuvielen heilsamen Schreck einzujagen. Gewitterschwüle lag um ihn, und manches reinigende Donnerwetter fuhr von ihm aus, wenn es gar zu arg um Liszt herging. Denn auch ein Gott kann sich bedrängt fühlen im Übermaß des Kultus, und hier gab es in Scharen Priester, die sich wie die heulenden und tanzenden Derwische benahmen. Unpoetischer gesprochen: Bülow trat auf wie der Gewaltige aus Nubierland und warf die künstlerisch nicht Zahlungsfähigen vor die Tür. Fragte sich bloß, auf wie lange, und ob die vorn hinausgeworfenen nicht wieder durch ein Hinterpförtchen hineinschlüpften. Wir besitzen darüber ein Zeugnis in einer Fußnote zu Bülow's Briefen, die uns erzählt: Er war entsetzt, bei Liszt eine Menge Menschen zu treffen, die diese Räume nie hätten betreten dürfen und Liszt's Gastfreundheit weder als Menschen noch als Künstler verdienten. Einmal gab er an Stelle Liszt's, der sich nicht wohl fühlte, eine Stunde und erzählte sogleich einer Dame, daß er soeben eine Anzahl dieser Unwürdigen an die Luft gesetzt. Liszt habe nichts dagegen gesagt, und er hoffe, daß er nun die Hofgärtnerei von der »Bande« gesäubert habe. »Ich habe Liszt dieselbe Wohltat erwiesen wie meinem Pudel, wenn ich ihn von den Flöhen befreie!« Bülow rannte dabei, sich vor Vergnügen die Hände reibend, im Zimmer herum. Jene Gewährsmännin prophezeite ihm, daß sein Strafgericht nicht lange helfen würde. Und so war es: »bei der nächsten Stunde waren alle wieder da!« Bülow nannte bisweilen seine Hand – natürlich in künstlerischem Sinne – eine »Leopardenpfote«, im Gegensatz zur »Löwenklaue«, die er dem Anton Rubinstein zuwies. Er selbst hätte die Löwenpranke besitzen müssen, um hier so dreinzuhauen, wie es sich seiner Überzeugung nach der Rasselbande gegenüber gehörte. Man hatte also Angst vor seinem Nahen, allein die Sünder wußten: dieser eiserne Besen fegte zwar rasch, aber nicht nachhaltig. Bülow mit seinem Rachezorn war eine vorübergehende Erscheinung – Liszt mit seiner seraphischen Milde blieb. * Und diese Milde betätigte sich nun auch auf dem Gebiet einer anderen Kunst, die an der Ilm fleißig und wie nicht zu leugnen mit ungeheurer Virtuosität geübt wurde. Ich meine die schon von Ovid gefeierte »Ars amandi«, deren rege Schutzgöttin sich in Weimar einen höchst beträchtlichen Liebeshof geschaffen hatte. Ja, bisweilen wollte es scheinen, als ob nicht Apollo und die Musen, sondern Frau Venus die Leitung der Geschehnisse in Händen hätte. Liszt's persönliche Rolle in diesen rasch wechselnden und verwickelten Angelegenheiten ist nicht leicht zu beschreiben. Man kann nicht sagen, daß er sichtbar eingegriffen hätte, mit priesterlicher Gewalt bindend und lösend. Aber seine priesterliche Stellung blieb doch unverkennbar, und aus seiner segnenden Haltung war Tröstliches herauszulesen. Vor allem die Tatsache, daß er genau Bescheid wußte über jeden Takt und Ton in dem niemals endenden Scherzo amoroso, das die Mannen und Weibsen da aufführten; und ferner, die Gewißheit, daß man nicht nötig hatte, sich um Erlangung besonderer Absolution anzustrengen. In Wolkenhöhe schwebte er als vergeistigte Instanz, die alles wußte, alles verzieh, ja rund heraus gesagt, alles begünstigte. Zweifellos hatte er sein geheimes Vergnügen an dem flirtenden Gewimmel. Auf der Alm da gibt's ka Sünd, und in Weimar gab es auch keine in diesem zweiten klassischen Zeitalter, das so viel von der Toleranz des ersten übernommen hatte. Und schließlich, die Kunst verklärte ja das Menschlich-Allzumenschliche, wie damals, als der Generalsuperintendent Herder den kleinen und großen Verfehlungen ein liebevolles Verständnis entgegenbrachte. Der Vergleich soll nur andeuten, nicht erschöpfen. Dem Abt Liszt standen ja persönlich die reichsten persönlichen Erfahrungen in der Erotik zur Seite, und was sich um ihn abspielte, waren keine lyrischen Schäferspiele, sondern Saturnalien. In deren Mitte stand er selbst als eine Sonderfigur ohnegleichen. Es ging über ihn das Wort um: er ist ein Mittelding zwischen Christus und Cagliostro; ja, ihm fehlte sogar nicht der mephistophelische Zug: »Nun, heute nacht? – Was geht's dich an? – Hab' ich doch meine Freude dran!« Es gab ja auch Tugendbolde und sittige Damen im Kreise, reinmusikalische Naturen, die unentwegt das Feld zwischen Bach'schen Fugen und Liszt'schen Etüden abgrasten und die Abhänge des Parnaß niemals verließen. Die andern wollten ihren Roman haben, und sie hatten ihn, die meisten im Plural, ohne sich dabei sonderlich nach platonischen Mustern zu richten oder die Beziehung von Petrarca zu Laura anzustreben. Ja nicht einmal die Berufung auf Ovid will ganz stimmen; denn der römische Dichter belehrt doch im dritten Buch seines Liebeswerks die freigeistigen Mädchen, wie sie sich in den libertinen Verhältnissen zu benehmen hätten, setzt also immer noch einen gewissen Grad von Unbelehrtheit voraus. Hier aber herrschte auf der ganzen Linie vollendete Sachkenntnis, und der Ehrgeiz der Beteiligten richtete sich nur darauf, alle Romanfäden bis ins Unentwirrbare zu verknoten und mit unsagbar komischen Einschlägen zu versehen. Die ganze Kunst eines Boccaccio würde nicht ausreichen, um die Ergebnisse dieser höchst erfolgreichen Bemühungen darzustellen. Gelänge es aber, so bliebe das Dekameron ein schmalleibiges Heftchen gegen den Liebes-Folianten, der die galanten Abenteuer im Bannkreise Liszt's zu schildern unternähme. Ich selbst werde mich hüten, auch nur ein Kapitel dieses Buches anzufangen. Nur so viel sei verraten, daß das Hin und Her dieser Angelegenheiten im Ton durchaus nicht auf Knigge abgestimmt war. Man duzte sich, ohne sich je gesiezt zu haben, und befleißigte sich der Ausdrucksformen einer mittelalterlichen, nicht für spröde Ohren berechneten, aber stark auf die Lachmuskeln wirkenden Derbheit. Dabei bestand eine besondere Technik, alle bürgerlichen Möglichkeiten so gründlich auf den Kopf zu stellen, daß man zwischen Liebes- und Wahnsinns-Motiven kaum noch zu unterscheiden vermochte; wie ja auch in den Bacchanalien der Vorzeit die Logik ausgeschaltet war. Alles verquickte sich zudem mit dem Liszt-Kultus selbst, der in keiner Minute aussetzte und in seiner Verstiegenheit ans Hysterische grenzte. Überall fand man lebende Illustrationsproben, die späterhin ganz ausgezeichnet in das grundlegende Werk des Dr. Placzek »Das Geschlechtsleben der Hysterischen« gepaßt hätten. Kurzum, man befand sich in einer aristophanischen Welt, die am besten durch den Ausspruch eines witzigen Lisztianers gekennzeichnet wird: halb Irrenhaus – halb Lustschänke. Man brauchte nicht mit besonderem Spioniertalent ausgerüstet zu sein, um die pikanten Einzelheiten zu erfahren. Denn die Leutchen standen auf dem Schein ihres guten Rechts, handelten und redeten nach dem Grundsatz: Diskretion Nebensache. Man hatte nichts zu verbergen und verfuhr mit derselben bekenntnisfreudigen Unbefangenheit, mit der die Troubadoure und die Dumas'schen Musketiere von ihren Abenteuern erzählten. Es gab also keinen flüsternden, in Geheimnissen lüstern wühlenden Klatsch, sondern durchweg eine öffentliche Chronik. Deren Fäden liefen in einem Weimarer Patrizierhause zusammen, in dem zwei würdige, liebenswürdige Damen, Schwestern eines vormals vielgenannten Geschichtsforschers, ihren Hof hielten. Wer mehr erfahren wollte, als ihm das Straßengerücht ohnehin zutrug, der brauchte sich bloß nach diesem Hauptquartier zu bemühen; es war schon vor Erfindung des Fernsprechers die Telephonzentrale, von der ein rastloser Funkspruch zur Hofgärtnerei führte. Da erfuhr Liszt die umlaufenden Dinge brühwarm und vollständig, der Magister wurde Famulus: »Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen!« * Im Brennpunkt der weiblichen Gunst stand ein Nichtmusiker, Fritz von Schennis, seines Zeichens bildender Künstler, Landschaft- und Porträtmaler, hier im Nebenberuf Matador der Arena, Liebhaber und Liebgehabter von allen Graden. Er galt als der Meistbegehrte in Weimar, und Liszt selbst bestrahlte ihn mit allen Zeichen seiner Gnade und Freundschaft. Viel Talente vereinigten sich in ihm, so daß er es nicht nötig hatte, außerdem noch ein Ausbund an Tugend zu sein. Er war ein Lebenskünstler, als solcher von Natur und Schicksal vorbestimmt durch eine außergewöhnliche Schönheit der Erscheinung, durch Geist, Wissen und eine besondere Art der Unterhaltung, in welcher Funken aus Liszt's persönlichem Wesen nachblitzten. Dazu kam seine gesellschaftliche Stellung mit dem Hintergrunde eines Millionenvermögens, das nach damaliger Taxe genommen etwa so wirkte wie heute ein Milliardenbesitz. In seiner mit Makartscher Üppigkeit ausgestatteten Kunstwerkstatt war der Großherzog kein seltener Gast, und es galt als eine Bevorzugung, von dem Maler eingeladen zu werden. Der blonde Antinous verteilte diesen Vorzug mit weiser Auswahl, und wenn ihn die junge weibliche Garde zu sehr bestürmte, verschwand er immer auf ein paar Wochen nach Paris, um seinen Nerven Erholung zu verschaffen. Mir brachte er von Anfang an Kameradschaft entgegen, und ich pflegte den Verkehr in Bewunderung für den Künstler, der mir damals sehr futuristisch vorkam. Überholte Zeiten! Eines seiner schönsten Gemälde, mit Motiv aus dem Park von Versailles, von der Berliner Nationalgalerie erworben, gilt heute, wie ich denke, als längst verjährte Akademikerarbeit, wenn nicht gar als Kitsch. Mir sind solche Wandlungen des ästhetischen Gewissens fremd geblieben. Während ich dies schreibe, fällt mein Blick auf einen Stich von Schennis' Hand, der die Wand meines Arbeitszimmers schmückt: »Logos« betitelt, mit einer grundgelehrten griechischen Unterschrift; und es will mir nicht in den Sinn, daß eine allegorische Kunst wie diese jemals Schimmel und Rost ansetzen könnte. Schennis selbst, der Bezauberer von Weimar, ist später auf schiefer Ebene in den Orkus geglitten. Seine Lebenskunst hatte seinen Leidenschaften nicht standgehalten. Er verfiel dem Geschick einer an beiden Enden angezündeten Kerze. Damals, als er noch in Weimar leuchtete, als er die Zügel einer Nebenregierung mit seiner unvergleichlich schönen Hand führte, suchte ich mir ihn oft genug zu analysieren. Ich fand in ihm Elemente von Epikur, von Montaigne, von Casanova und natürlich auch von Liszt selbst. Auch der Meister mochte sich in ihm wiedererkennen; oft genug hörten es die Nächsten aus jenem Jahrgang: Wo steckt er, der Bengel – er ist ein arger Wicht, aber ich kann ohne ihn nicht existieren! Und dann mußte er geholt werden, um an der Musikpartie teilzunehmen. Deren Spielregeln waren ihm zudem nicht fremd, denn in seinen vielfältigen Seitenfächern nistete auch die Tonkunst; und obschon sich das Maß seiner Fertigkeit am Flügel nicht über den Dilettantismus erhob, so verstand er doch mehr von der Sache als mancher Zünftige, vor dessen Oktavengedröhn die Mauern erzitterten. Auch er hat im Kraft-Mayr-Roman seine Stätte gefunden, soweit ich mich erinnere unter dem Decknamen »von Dötteren«. Zwischen der hier geschilderten Zeit und der Niederschrift Wolzogens liegen fast zwei Jahrzehnte, und man darf wohl annehmen, daß der Dichter jene Ära mehr durch intuitive Einfühlung als aus persönlichem Erlebnis literarisch gestaltet hat. Aber seine Romanfiguren gehen fast durchweg auf lebendige Vorbilder zurück, so der Titelheld selbst, der in Wirklichkeit Kellermann hieß, so die amüsante Ilona von Badasz, die auch einmal als Lieblingsschülerin über die Estraden sauste und insofern Rubinstein'sche Züge aufwies, als sie wie Meister Anton sehr viel falsche Noten griff. Aber bei aller Verehrung für Wolzogens prächtige Darstellung möchte ich doch behaupten: das von mir gesehene Original dieser Begebnisse war doch noch lustiger, verwegener und farbenreicher als die spätere Nachgestaltung. Oder scheint es mir nur so in der Rückerinnerung, die ihre vergoldenden Reflexe in die Vorzeit wirft? Genau genommen ist es ja ein Wagnis, wenn ich behaupte, damals als Außenseiter dabei gewesen zu sein. Denn der Mensch erneuert seinen Zellenbestand alle sieben Jahre von Grund aus, und seit Jahrzehnten trage ich kein Atom mehr in mir, das in jenem bummelnden Teilnehmer steckte. Darf man da noch auf Einheit des Bewußtseins zurückgreifen, auf eine Seelenwanderung im eigenen Körper? Ich hole mir Rat in einer Ode des großen Giordano Bruno: Wähnst du, des Knaben Blut und Fleisch und Knochen – im Jüngling Stäken sie noch? Ist dies nicht alles verändert im Manne? Merkst du denn nicht, wie die Glieder im Wechsel des Stoffs sich erneuernd Frühere Formen abwerfen? – indes inmitten des Herzens Immer die eine Natur fortwaltet und bildet, ein Wesen, Das du selber ja bist, stets Einer und immer derselbe! * Ja, inmitten des Herzens ist es auch mir gegenwärtig geblieben, und ich brauche kein Tagebuch aufzuschlagen, keine Beschwörungsformel zu murmeln, um in mir das Bild des Lebens aufsteigen zu lassen, dem Franz Liszt das Gepräge gab, und das sich lustvoll in Liszt spiegelte. Und wenn die Erinnerung ein Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können, um wieviel lebhafter muß sie schwingen, wenn sie mir Dinge heraufholt, die schon in den Tagen des unmittelbaren Erlebnisses paradiesisch wirkten! Lichter ringsum Als ich mir vornahm, einen Lebensbericht zu schreiben, zeigte sich mir in der Ferne ein lockendes Ziel. Ich wollte versuchen, die Entwickelung meiner eigenen Gedanken ins Licht zu setzen, nicht der Alltagsgedanken, die den Alltagserlebnissen entsprechen, sondern der besonderen Ideen, die mich als literarische Person kennzeichnen. Vor mir und in mir sah ich die Möglichkeit einer Darstellung, die den meisten Selbstbiographen fremd bleiben muß, da ihnen ihr Leben nur als eine Kette von Geschehnissen gegenwärtig ist, ohne daß sie imstande wären, von inneren Erlebnissen bis zum Entwerfen von Weltbildern vorzudringen. Wenn ich die Kühnheit bekenne, mir diese Möglichkeit zuzutrauen, so wende ich mich zunächst an diejenige Schar meiner Leser, die sich bereits mit meinen früheren Schriften vertraut gemacht und in ihnen das Besondere meiner Denkweise herausgefunden hat. Ihnen will ich andeutungsweise erzählen, wie diese Ideen mit meinem Werdegang zusammenhingen, mit dem also, was man gewöhnlich, ungenau genug, als die Tatsachen des Lebens bezeichnet. Und vielleicht gelingt es mir, über diese Schar von Lesern hinauszugreifen nach anderen, die ich mir durch eine persönliche Darstellung gewinnen könnte; etwa wenn ich ihnen von meinen Kontakten mit anerkannt bedeutenden Menschen berichte, mit Berühmtheiten, die mich anregten und nachher in geistige Wechselwirkung mit mir traten; die mir vielfach mit lebhaftem Echo zu erkennen gaben, daß sie von meiner Gedankenarbeit mit Genuß und Gewinn Kenntnis genommen haben. Zu diesem Zwecke wird es unausweichlich, mich mit dem Empfänger meiner Bekenntnisse über die Tonart des Berichts zu verständigen. Es würde auf ein Gerede ohne Beweiskraft hinauslaufen, wenn ich hier die Kokarde der Bescheidenheit aufsteckte. Wie könnte ich meine Probleme als Erlebnisse darstellen, wenn ich nicht auch von deren Eindruck auf andere berichtete, und wie könnte ich von solchen Eindrücken reden, wenn ich mir Gewalt antäte, um die Genugtuung darüber demütig zu vertuschen? Da würde zwischen den Zeilen die Unwahrhaftigkeit hervorgrinsen, und ich käme mir lächerlich vor in der Rolle eines Menschen, der sich künstlich auf den Ton der Gnadenarie stimmt, während er zu ganz anderen Tönen beglaubigte Veranlassung hat. Es muß schon etwas drinstecken in Gedankenarbeiten, die aus der Klausur eines Unzünftigen mit starken Wirkungen hinausdringen, und mir liegt es ob, diese Wirkungen in Evidenz zu setzen, nicht aber sie redensartig zu verschleiern. Rousseau beginnt seine Confessions mit der Verheißung, er werde sich selbst in der »ganzen Wahrheit seiner Natur« beschreiben, und er bezeichnet dies als ein Unternehmen, das nie vorher ein Beispiel gehabt hat, niemals später einen Nachahmer finden wird. Es mag sehr fraglich erscheinen, ob Rousseaus Programm überhaupt ausführbar sein könnte. Soll sein eigenes Werk als Experimentum crucis gelten, so wäre zu erklären, daß es vielfach das Gegenteil dessen beweist, was zu beweisen es vorgibt. Allein nicht auf die Durchführbarkeit kommt es an, sondern auf den Vorsatz, und dieser muß als unbedingt notwendig vorausgesetzt werden, wenn eine Eigenbiographie mehr werden soll als eine Geschichtsklitterung. Der Vorsatz findet in allen Tatsächlichkeiten des profanen Tages schon genug Hemmnisse. Aber er soll sich bewähren in der Hauptsache, wo die Geistesvorgänge als Momente des Lebens hingestellt werden. Wenn ich also die Überzeugung hege, daß in meinen Entwickelungen bedeutsame Momente enthalten sind, die mir allein gehören und sonst nirgends angetroffen werden, so habe ich diese Überzeugung mit allen mir erreichbaren Mitteln zu begründen, nicht aber sie durch Floskeln der Bescheidenheit zu verdunkeln. Eine Hauptsache nehme ich vorweg: ich habe mich nie damit begnügt, vorhandene Probleme, sofern sie aus fremder Werkstatt stammten, einfach »darzustellen«, sie dem Leser auf bestmögliche Art zu erläutern. Meine Feder hätte sich gewehrt, wäre ich nicht jedesmal beflissen gewesen, das Problem in ein Erlebnis umzuwandeln, den mir überlieferten Gedankenkristallen zur Erhöhung ihrer Leuchtkraft Facetten anzuschleifen. Das ist keine Äußerlichkeit und beruht nicht auf Vorzügen einer Schreibart oder auf methodisch gepflegter Stilkunst. Autoritäten ersten Ranges, wie der Begründer der Als-Ob-Philosophie Vaihinger, haben mir zu erkennen gegeben, daß ich wie kaum ein zweiter die Fähigkeit besitze, »schwierige Themen leichtfaßlich und elegant zu erörtern«; und als ich gelegentlich ein physikalisches Prinzip bis zu den Grenzen der Paradoxie verfolgte, hob eine andere Universitätsstimme hervor, daß »meine Darstellung sich so vorteilhaft von dem Ton unserer akademischen Philosophie unterscheidet«. Das könnte ich durch hundert andere schriftliche und gedruckte Belege ergänzen; immer mit dem Vorbehalt, daß die Besonderheit meines Vortrags gar nicht möglich wäre ohne die Eigenheit dessen, was ich zu sagen habe; was wiederum darauf zurückzuführen ist, daß mir ein Thema erst dann vortragsreif wird, wenn ich außerhalb seiner Grenzen einen Betrachtungspunkt finde, auf dem ich mich allein fühle. Für mich kehrt das Wort Buffons » le style c'est l'homme « wieder zu seiner Urbedeutung zurück. Es zielt nicht, wie vielfach angenommen, auf die Charakteranlage des Menschen, sondern auf die Summe seines Denkens und Wissens, die als Ergebnis des kombinierenden Scharfsinns kenntlich wird. Und so gewiß jeder, der etwas zu sagen hat, dafür den guten, einzig für ihn passenden Stil findet, so gewiß läßt sich in abstrakten Themen ein schöner eindringlicher Stil nur dann erreichen, wenn der Autor von seiner Warte aus weit über das Thema hinwegzublicken vermag. In der Kurve, die eine Denkarbeit beschreibt, gibt es kein Konkav und Konvex mit verschiedenen Qualitäten nach innen und außen, so daß etwa die äußere Ausdrucksseite glänzend sein könnte, und nur sie allein. Und ich müßte jedes Lob ablehnen, das darauf hinausliefe, mich lediglich als Stilisten, nicht aber als Erkenner gelten zu lassen. Die Frage »Wahr oder Falsch?«, die Worte im üblichen Sinne genommen, spielt in diesem Zusammenhange keine Rolle. Betrachte ich es doch als mein Lebenswerk, immer schärfer auf das Illusionäre dieser Begriffe hinzuarbeiten, alle Erkenntnis zu relativieren und deren unvermeidliches Zukunftsziel, die Philosophie des Verzichtes, vorauszunehmen. – * Der Mehrzahl meiner Leser ist es bekannt, und in anderem Abschnitt meiner Erinnerungen erzähle ich ausführlich, daß ich vom schöngeistigen Schrifttum herkam, speziell von der Humoristik und Kunstkritik, in deren Gefilden ich mich viele Jahre als Redakteur, Pointenfinder, Satiriker und Feuilletonschreiber getummelt hatte. Oft genug durchbrach ich die nahegesteckten Zaunpfähle der eigentlichen Berufsgehege zu Ausflügen in benachbarte Gebiete, und von der Zeit ab, als man von fin de siècle sprach, verging kaum eine Woche ohne dilettierende Seitensprünge. Meine Abschweifungen ins dramatische Fach will ich in diesem Zusammenhange ganz vernachlässigen, da sie für meine spätere Entwicklung minder erheblich waren als meine Versuche, in wissenschaftliche Gründe hinüberzuwechseln. In der Hauptsache entlud sich mein Drang wiederum in Arbeiten feuilletonistischer Gestalt, die aber unter dem Anschein amüsanter Plaudereien doch auf Tieferes losgingen, ja sogar teilweise sehr schwierige Probleme umspielten, vorwiegend solche, von deren bloßer Existenz meine damaligen Leser – von etlichen Gelehrten abgesehen – gar nichts wissen konnten. Meine Studierwut, kraft deren ich schon als Studio alles mir irgend Erreichbare durchstöbert hatte, kam mir zu Hilfe, und wo ich in Ausführungen, Entdeckungen, Hypothesen großer Forscher auf neue Dinge stieß, die sich mit dem gesunden Menschenverstand nicht bewältigen ließen, da ersah ich die Angriffspunkte für meine Bearbeitung in satirischem und doch auch erkenntniskritischem Sinne. Ich erfand Methoden, um den mir verdächtigen gemeinen Menschenverstand vor den Zerrspiegel zu rücken, der ihm die engen Grenzen seiner Kompetenz, wenn auch in karikierten Linien zurückwarf. Da waren zum Beispiel gewisse Ergebnisse des hervorragenden Wiener Forschers Ernst Mach, die mich mächtig zur Travestie verlockten. Sie lagen mir vor in Form grausamer Tierversuche mit der erstaunlichen Ansage: Hören und Raum-Empfinden sind verwandte Funktionen, gemeinsam eingelagert in den Labyrinthgängen des Ohres. Wie? das Abstraktum »Raum«, etwas so Metaphysisches, Transzendentes, nur als Vorstellungsform Zulässiges, sollte real mit einem Sinnesorgan erfaßbar sein? Und dies sollte erweisbar sein an chirurgischen Experimenten, mit kleinen blöden, künstlich verstümmelten Vierfüßlern? Sofort ergab sich mir ein frappantes Gegenbild: der Princeps Philosophorum , mit seiner Raum-Analyse ad absurdum geführt durch ein niedliches, auf der Folter befragtes Nagetier. Und ich entwarf eine ziemlich respektlose Skizze »Kant und das Meerschweinchen«, die den Zeitungslesern sehr komisch vorkam, wenn sie darin auch mehr Scherz und Ironie als tiefere Bedeutung wahrnahmen. Mach gegenüber war diese philosophische Schnurre recht bedenklich, und ich mußte erwarten, daß er meine Groteske entweder ignorieren oder mit magistralem Ordnungsruf bestrafen würde. Aber der gefeierte Mann nahm meinen wissenschaftlichen Schwank sehr gnädig auf, mit liebenswürdigem Dank, der freilich in eine für ihn charakteristische Verklausulierung ausklang. Sein Brief vom Jahre 1907 schloß: »Anfangs der fünften Spalte begegnete ich aber einer starken Überschätzung meiner Leistungen, die ich nicht ohne Gegenbemerkung lassen darf. Zwar habe ich zur Entwickelung der betreffenden Ansichten mein Teil beigetragen, dieselbe ist aber doch das Ergebnis der Arbeit einer ganzen Generation von Physiologen. Auch auf anderen Gebieten blieb der Erfolg meiner Arbeit hinter dem angestrebten und erreichbaren Ziel weit zurück. Mit nochmaligem Dank, in ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster Dr. Ernst Mach.« Dieses kurze Schreiben zeigt ihn wie so manche seiner Kundgebungen in der Abwehr eines Ruhmes, den die ganze Welt ihm darbringt. Ich hatte ihn in einer Studie wesentlich als Philosophen in Anspruch genommen, als den ragenden Exponenten einer Schule, deren biologische Taten in seinem Denkerkopf ihren höchsten Ausdruck finden. Allein Mach wollte um keinen Preis Philosoph sein, oder auch nur heißen, und er selbst bezeichnet sich in einem seiner grundlegenden Werke als »streifenden Sonntagsjäger« auf philosophischen Gründen. Vielleicht war ich der erste, der es ketzerisch unternahm, das Kennwort Mach gegen Kant und dessen A-priori-Begriffe auszuspielen. Wir sind heute weiter, in die Kategorientafel wird Spalt auf Spalt gerissen, und eine nicht mehr ferne Zukunft wird den Zusammenbruch des ganzen A-priori-Gebäudes erleben. Dann möge irgend ein Spürer auf meine schalkhafte Darstellung zurückgreifen, um als die Ahnung eines satirischen Außenseiters aufzuzeigen, was später zum Gemeingut des Wissens gehören wird: nämlich daß die Macht des »Alleszermalmers« Kant ihre Schranke findet am Geisteswerk des Ernst Mach. Nachhaltig beschäftigte mich in jenen Jahren die Frage nach der Denkbarkeit anderer Welten mit veränderter Physik und Mathematik, und da ich gar nicht anders konnte, so griff ich wieder nach den Mitteln der Humoristik, um dergleichen auszumalen; zum Jokus vieler Leser, denen ich zugleich ein Rätselspiel aufgab: ist das alles nur Bizarrerie eines auf gedankliche Abenteuer ausziehenden Journalisten, oder steckt dahinter die Ansage einer wissenschaftlichen Zukunft? Der Begriff einer vierdimensionalen Raumzeitwelt war damals noch so gut wie unbekannt, mir jedenfalls nicht begreiflich vordoziert, allein wenn ich mir heute meine gewagte Schnurre überlese, so sehe ich ihn doch darin auftauchen. Was mir vorlag, war eine kurze Andeutung von Henri Poincaré und ein flüchtiges Exzerpt aus Leonardo da Vinci, das sich mit der Geradlinigkeit des Lichtstrahls beschäftigte. Hieraus gestaltete sich ein launisch-lehrhaftes Abenteuer mit den Personen Faust und Mephisto. Und das Problem wurde mir derart zum Erlebnis, daß ich selbst zu begreifen anfing, während ich mich beim Drauflosschreiben mit Faust in eine perverse Satanswelt verbiesterte. Ich berauschte mich an einer Phantastik, die ich mir formal selbst aufgeschlossen hatte, und ich erlebte Entdeckerfreuden, wiewohl ich nur szenisch improvisierte. Meine theatralische Prämisse strotzte von Blasphemie: Verlohnt es (im Sinne Goethes), einen tiefgründigen Forscher wie Faust seinen Kummer wegen des Nichtwissens in die Welt hinausstöhnen zu lassen, ihm den scharfsinnigsten Teufel beizuordnen, um das auf Erkenntnisdrang angelegte Drama in eine Weibergeschichte auslaufen zu lassen? aus geistigem Ringen ein flirtendes Blättergezupf abzuleiten, eine Tändelei vor dem Spiegel, eine Animierkneipe im Garten, ein Saufgelage im Keller, während der problemdurstige Held im entscheidenden Moment des Blutpaktes gar nicht auf den Gedanken gerät, dem Höllenfürsten als Preis des Seelenopfers das letzte Wissen abzuverlangen? Aber der bornierte Scholar in der Schülerszene ist ja erkenntnisgieriger als der große Faust, er fragt doch wenigstens, während der Magier die einzige Gelegenheit, vom Transzendenten etwas zu erfahren ungenützt verstreichen läßt! Hier setzte meine Zauberszene ein, mit dem Globus in Faustens Studierzimmer. Mephisto, anstatt sich auf opernhafte Charlatanerien einzulassen, verwandelt sich und Fausten in zwei winzige flächliche Lebewesen, die auf diesem Globus und in seinem Bauche eine Promenade unternehmen, einen Spaziergang, der abenteuerlicher ausfällt als alle Weltumseglungen. Was leistet für die Erkenntnis der Flug auf dem Zaubermantel, auf dem Luftomnibus zwischen Wittenberg und Leipzig? Nichts. Hier aber, auf dem Studierglobus, ergibt sich in aller Kürze und mit zwingender Logik die Existenz einer Nicht-Euklidischen Welt, also das Fundament einer Einsicht, die für das Denken der Zukunft noch wichtiger wird, als die Kopernikanische Lehre. Faust, am Südpol stehend, wird vom Mephisto am Nordpol angerufen: schreite gradlinig zu mir! Seine organisierte Schulweisheit fesselt ihn an den Grundsatz: durch zwei Punkte kann man nur eine einzige Gerade gehen lassen. Aber hier erlebt er das mathematische Wunder. In seinem Bewußtsein hat sich die gerade Linie zum Kreisbogen transfiguriert; lediglich die Qualität der Kürze wird entscheidend, und so entdeckt er, daß ihm Mephistos Befehl auf unendlich vielen geradlinigen Wegen ausführbar wird. Im Innern des Globus herrscht eine neue, zunächst willkürlich postulierte, aber in sich widerspruchslose, also mögliche Physik. Im Zentrum der Kugel glüht eine höllische Hitze, die sich graduell abkühlt bis zum absoluten Kältepunkt an der Oberfläche. Die beiden Wanderer folgen in Ausdehnung ihrer Gliedmaßen genau und proportional dieser Temperaturschwankung. Ihre Schritte vom Mittelpunkt zur Peripherie werden kleiner und kleiner bis zu Null. Faust weiß von früher her, daß sein Globus sehr endlich ist, nur einen Fuß im Durchmesser hält, und nun erlebt er in derselben Kugel ein ungeheuerliches Ausmaß, da er die Peripherie niemals erreicht, selbst wenn er bis ins Unendliche fortwandert. Um ihn versinkt das Euklidische Universum, ihm öffnet sich ein neues Weltbild mit neuer Geometrie und neuer Erfahrung. Jetzt zum erstenmal wird er wirklich klüger als all die Doktoren, Magister und Pfaffen kraft eines satanischen Vorgangs, der ihm doch Höheres bietet als die hexenspielerischen Künste der Puppenkomödie und des klassischen Dramas. Jetzt entdeckt er auch auf den Spuren Leonardos eine neue Optik, ihm offenbart sich das Geheimnis des gekrümmten Lichtstrahls, sein Blutpakt mit dem Teufel empfängt endlich transzendenten Sinn. Als ich dies szenisch und dialogisch gestaltete und mich dabei intensiv in die gespenstische Rolle des Faust hineindachte, geriet ich in eine Geistesschwelgerei, die ihren Antrieb noch aus einer besonderen Wahrnehmung herausholte. Ich fühlte in mir lustvoll die Fähigkeit, die Darstellungsmittel farbig zu variieren, einen wissenschaftlichen Gegenstand aus der Region abstrakter Buchweisheit in eine Zone literarischer Gemeinverständlichkeit zu verpflanzen. Sie verloren dabei freilich die exakte Strenge, aber sie gewannen Leuchtkraft. Lichter ringsum! Die konnte man in Scheinwerfern auffangen, wenn man die Möglichkeit erspähte, den Erkenntnissen literarisch, phantastisch, dichterisch beizukommen. – Zu meinen Lieblingsproblemen gehörte schon damals die Aufdeckung der egozentrischen Ansicht in aller Weltbetrachtung. Ich erfand mir einen Tierkongreß, dessen Kreaturen bei Meister Aesop die Gabe des Redens, bei Pyrrhon die Skepsis und von Darwin und Nietzsche die Motive ihrer Debatte entlehnten. So erzielte ich die Methode des Beweises, der bei aller Scherzhaftigkeit der Form den Kern der Sache drastischer traf, als eine philosophische Erörterung des Themas von der Hinaufpflanzung der Arten bis zum Menschen, als der Krone der Schöpfung. Wir stecken mit der Auswirkung solcher Beweise auch jetzt noch in den primitivsten Anfängen, und Goethes Satz »der Mensch begreift niemals wie anthropomorphisch er ist« gilt noch heute so stark, wie nur jemals. Die moderne Zoologie und Anthropologie, ja sogar die exakten Wissenschaften strotzen von Anthropomorphismen, von falschen Vermenschlichungen, und dies erkenntnisfeindliche Gewimmel wird sich erst dann zum Verschwinden reif machen, wenn der Mensch die Schatzkammer seines Denkens, seine eigene Sprache, als die Gräberstätte unzähliger Begriffsleichen aufzufassen imstande ist. Wird es je gelingen, den archimedischen Punkt außerhalb der Anthropomorphismen zu erreichen? Das halte ich für ausgeschlossen, allein möglich bleibt die Annäherung an diesen Punkt, die Einstellung des Bewußtseins auf solche Möglichkeit. Unter den Näherungsmethoden mag die von mir probierte dialogisch-feuilletonistische an unterster Stelle stehen, aber sie bezeichnet bereits mit Deutlichkeit die Richtung. Und die Rangstufe meines launigen Versuchs kann mir ziemlich gleichgültig sein, wenn ich dagegen halte, auf wie spärliche Vorarbeit ich mich stützte, als ich ihn entwarf. Meine sprechenden Tiere also, mit dem Programm »Das Übervieh«, verfolgten scheinbar die Linien Darwin-Haeckels und Zarathustras, um ausfindig zu machen, wie sie sich vom niedern animalischen Typus zum höheren und höchsten emporzüchten könnten. Ihre Kongreßdebatte spitzte sich zu Aphorismen, die um so bissiger gegen das Allerweltsdogma von der Überordnung menschlicher Qualitäten losfuhren, je naiver sie klangen. So entfalteten sie auf ihre Weise Einsichten, die dem Menschenintellekt darum so schwer zugänglich werden, weil er sich auf ein faulig gärendes Begriffslexikon stützt. Natürlich war auch die von mir zurechtgestutzte Tiersprache eine menschliche, allein ich strengte mich doch wenigstens an, aus ihr das floskelhaft-dogmatische fernzuhalten und sie von der Betrachtungsart des menschlichen Hochmuts freizumachen. Und ich glaube, damit einen ganz brauchbaren Untersuchungsgang angeschlagen zu haben. Wenn Protagoras sagte, der Mensch ist das Maß aller Dinge, so forderte er damit keineswegs: er soll es sein. Im Gegenteil, er konstatiert damit nur eine durch Jahrtausende gültige, aber vielleicht überwindbare Denkgewohnheit. Für die Eule ist die Eule, für die Spinne ist die Spinne das Maß aller Dinge; und zum mindesten ist es erforderlich, das Maß aller Lebewesen anzulegen, um durch Vereinigung der Meßresultate zu einer zuverlässigeren Wertung »panton chrematon« zu gelangen. Das kann man nicht, wirft ein Akademiker ein? Dann soll er aber mit seiner Weisheit von Einheit des Kosmos einpacken. Denn diese Einheit wird zur schaurigsten Einseitigkeit, wenn er im Kosmos kein anderes Wertmaß findet, als sein eigenes, willkürliches, von seinen Zufallssinnen abhängiges, immer nur auf das Bezugsystem seines Ego passendes. Zugegeben, daß meine verjährte Studie mit den Versuchstieren Pferd, Löwe, Marabu, Krokodil, Biene, Amöbe nicht ausreichend war, um die Wurzelfäule der Majestätsbegriffe Mensch und Übermensch zu erweisen. Aber ich selbst fühlte mich gefördert, als ich von der breiten Heerstraße abkam in ein feuilletonistisches Gestrüpp, das mich schon deshalb verlockte, weil mir da nicht jeder nachkonnte, und weil es darin nicht langweilig herging. Wiederum gewahrte ich Lichter ringsum, wenn auch meistens schwach leuchtende, wie von Glühkäfern und Irrwischen. Und leicht hätte ich in Morast geraten können, wäre mir nicht ein helles Signal gegeben worden, das mich vor der ungemessenen Fortsetzung dieser planlosen Streifereien warnte. Planlos waren sie insofern, als sie sich in keiner Weise methodisch aneinanderschlossen. Ich fand Fäden, ließ sie wieder fallen, suchte neue, und begnügte mich im allgemeinen mit aphoristischen Ansätzen, mit philosophischen Splittern, die ich allenfalls so weit schliff, als meine bei den Humorblättern erworbene Technik reichte. Eigentlich war mir ganz wohl im Metier eines Vielschreibers, um den sich viele Zeitschriften bewarben und dem die Symptome zeigten, daß er gern gelesen wurde. Meine Skripturen gediehen ins Massenhafte, und nicht eine einzige – ich erwähne dies als ein Kuriosum – blieb mir ungedruckt liegen. Manchmal vereinigte ich eine Reihe zu einem schmalen Bändchen, und in der Regel fanden auch diese auf den Allerweltsgeschmack zugeschnittenen Sammlungen ganz guten Absatz. Eigentliche Verlagsschwierigkeiten blieben mir fern, ich verdiente mir einen bescheidenen Haushalt und dazu manche hübsche Ferienreise, konnte einen anregenden Kreis interessanter Menschen leidlich bewirten, kurzum, ich fand mein Dasein von einem ausreichenden Inhalt erfüllt. Aber ich fand neben mir ein Orakel, das anders urteilte. Meine Frau legte Maßstäbe an, denen das Vorhandene nicht gewachsen war, und sie war unablässig bemüht, mich zu stärkeren Anforderungen an mich selbst zu ermuntern. Sie erstrebte dabei keineswegs eine höhere Lebenshaltung durch gesteigertes Verdienen. Sie wußte genau, daß die Humoristik im unausgesetzten Dienst der Presse meine gute Versorgerin war, und sie drängte mich keineswegs zu den Lorbeeren und Tantiemen der Lustspieltheater. Aber sie hielt meine vielfachen Abstecher ins Leichtwissenschaftliche für wesentlich genug, um mir auf diesem Gebiete den Trieb nach Vertiefung einzugeben. Und während mir meine kleinen, erkenntniskritisch gefärbten Arbeiten genügten, betrachtete sie sie nur als vorläufige, tastende Studien zu erheblicheren Leistungen. So wie meine Artikel da herauskamen, selbst wenn sie bei Wissenschaftlern Beachtung fanden, erschienen sie ihr als leichtgewogene Produkte, engbrüstig und kurzatmig. Und sie wurde nicht müde, mir entferntere, höhere Ziele vorzuhalten, solche, die nicht zu erreichen waren, wenn man sich unterwegs verzettelte, die vielmehr konsequente Arbeit in erweitertem Rahmen voraussetzten. Meine festen Verbände mit den florierenden Blättern sollte ich nicht lösen; aber mir daneben ein Terrain schaffen, auf dem ich mich von den lässigen Gewohnheiten des penny-a-liners befreite. Jedenfalls hielt sie es nicht für erwünscht, Kunstkritik, Ästhetik und Philosophie in kurzen Brocken zu verhökern, wenn einer, wie sie meinte, das Zeug hätte, in literarischem Sinne »Auch-Einer« zu werden. Sie war zu ihrem Einspruch in mehrfachem Betracht legitimiert. Erstlich wäre ich überhaupt ohne sie niemals ein Problemaufsteller geworden. Ich bedurfte ihrer persönlichen Nähe, um in meinem Gedankenkreis Aufgaben höherer Ordnung zu wittern, und ich empfand die von ihr ausgehende Anregung wie die Wirkung eines Katalysators. Wie dieser auf Substanzen verändernd wirkt durch seine bloße Gegenwart, ohne eigentlich bei der Reaktion chemisch in Mitleidenschaft gezogen zu werden, so gibt es Menschennaturen, die bei anderen einen Geistesprozeß einleiten oder beschleunigen, ohne daß ihre Hilfe sich auf eine bestimmt angebbare Tätigkeit zurückführen ließe. Sie sind einfach da und verbreiten um sich ein Aktionsfeld. Ich las etwa die tiefgründige Abhandlung eines in Formeln festgefrorenen Professors und bemerkte auf der eisigen Kruste Spuren, die zum Verfolg der Sache auf meine Weise einluden: so hätte ich sie dennoch in vielen Fällen nicht verfolgt, ohne die Möglichkeit, das Thema mit meiner Gattin gesprächsweise anzuschlagen. Vielleicht eher monologisch als debattierend, nur meinem Drange nachgebend, etwas, das mir begreiflich zu werden anfing, auch ihr irgendwie nahezubringen. Gleichviel, ob mir dies gelang, ja sogar gleichviel, ob das Thema an sich sie sonderlich interessierte, ich selbst merkte, daß ich damit der Sache und meiner Absicht näher kam, und wenige Minuten der Ansprache an meine Frau brachten mich oft weiter, als eine Stunde in Klausur. Vollends spürte ich dies, wenn ich irgendwo auf Widerspruch stieß, oder auf Mißverstehen, denn dann lag mein erstes Problem schon darin, den Widerspruch zu besiegen, oder die Technik meiner Erklärung zu steigern. Und bei solchen halb mono-, halb dialogischen Erörterungen sprang mir oft genug zu meiner eigenen Überraschung die Methode auf, den Gegenstand neu zu beleuchten, die sich später für meine Zwecke als die allein brauchbare erwies. Zu diesem katalysatorischem Vorgang gesellte sich ferner ein direkter Einfluß. Sie übte Kritik mit intuitiver Einfühlung in den Gegenstand, und da sie gewöhnlich mein erstes Publikum war, so fand ich in ihrer Zustimmung oder Ablehnung oft genug einen zuverlässigeren Gradmesser als in meiner eigenen Taxe der gerade vorliegenden Arbeit. Es kam wohl vor, daß ich mich über ihren Einspruch hinwegsetzte, aber das geschah dann nicht mit gutem Gewissen, und jedenfalls war mir wohler, wenn mir das Manuskript im ersten Entwurf ihr Placet eingetragen hatte. Dazu kam, daß sie in vielen gelegentlichen Bemerkungen, selbst wenn diese den Stoff nur nebenher streiften, tatsächlich mit geistreichen, unmittelbar anregenden Einfällen debutierte. Ich kann mich über ihre Beanlagung unmöglich täuschen, und es liegt mir fern, ihr einen häuslichen Panegyrikus anzustimmen. Sie besitzt nicht das mindeste Talent zu irgendwelcher schriftstellerischer Betätigung, und sie wäre niemals imstande gewesen, auch nur die kleinste Erzählung, die winzigste Skizze druckreif zu gestalten. Von einer Erfindung aus eigenem Antrieb ist bei ihr nicht die Rede, und so viel sie auch gelesen, erfahren und im Gedächtnis aufgespeichert hat, spürte sie doch niemals den Wunsch, irgend eine Spur selbständig aufzunehmen. Unter den Frauen und Mädchen, die in unserem Lebenskreis auftauchten, befindet sich eine ganze Anzahl, die auf Anerkennung ihrer Kopfarbeit Anspruch machen darf, sei es in Produktion oder in beruflicher Verwertung ihrer Kenntnisse. Da ist eine, die Plato-Exegesen ausführt, eine Kunsthistorikerin, eine Chemikerin, eine ganze Reihe von Damen, die im Felde der Redaktion, des Theaters, des erzählenden Schrifttums ihre Erfolge fanden; ganz ungerechnet die große Schar der ausübenden Künstlerinnen, von denen etliche Weltruf erlangten. Also mit diesen verglichen, ist meine Frau ganz einfach talentlos, es sei denn, man ließe ein ganz besonderes, nirgends zu rubrizierendes Talent gelten, das sich als ein ganz beziehungsloser Scharfsinn kundgibt; eine geistige Fähigkeit, die sich nicht im Entferntesten zu einer Leistung auswirkt, aber immer präsent ist und immer überrascht. Sie entspricht einer Denkweise, die in lauter Unstetigkeiten verläuft, vergleichbar jenen rätselhaften Kurven ohne Tangente, deren Existenz unzweifelhaft ist, ohne daß es jemals gelingt, sie bildlich darzustellen; eben weil zwischen ihren Punkten kein Zusammenhang besteht. Für mich ist diese Denkweise sehr interessant, und ich würde sie, auf meine Lebensgefährtin bezogen, nicht gern mit einer anderen objektiv bessern tauschen wollen. Durch all die Jahre empfand ich in ihren epigrammatisch huschenden Ansätzen einen Spannungsreiz; und es ist nicht ganz paradox, wenn ich sage: gerade das, was ihr zum Talent fehlt in erkennbarer Gliederung und Verbundenheit des Denkens, galt und gilt mir hier als Probe einer wertvollen Eigenart, einer hervorragenden Intelligenz. Bezeichnend hierfür ist das Tempo, in dem meine Bertha Briefe hinschleudert. Während ich mit meiner genügend erprobten Schreibtechnik überlege, druckse, Federhalter kaue, saust sie mit einer huschenden, ganz undisziplinierten Handschrift übers Papier, ohne auch nur eine Sekunde zu stocken, und mitten in den Banalitäten ihrer Mitteilungen stieben Funken auf, die sie selbst gar nicht bemerkt, während sie den Empfänger verblüffen. Rede und Schreibe ergeben sich ihr aus dem Stegreif, sie improvisiert ohne Anlaß und Absicht, aber ich glaube, in der schönen Korona bedeutender Männer unseres Verkehrs waren immer etliche, die sich wesentlich durch ihre Improvisationen an unseren Gesprächstisch gebunden fühlten. Ich ergänze noch zur Kennzeichnung, daß sie bei recht mangelhafter Kenntnis fremder Sprachen, wenn es darauf ankommt, mit rapider Geläufigkeit englisch, französisch, italienisch spricht; sie setzt sich über alle Lücken des Vokabulars mit derselben Unbedenklichkeit hinweg wie über die ihrer Argumente, wenn sie mich auf gut deutsch bearbeitet. Letzten Endes behält sie, wenigstens mir gegenüber, als äußerstes Argument den Trumpf ihres Willens, der sich in der Debatte suggestiv durchsetzt. Ob sie dabei immer recht hat , erscheint mir sehr zweifelhaft; daß sie recht behält , ist sicher. Um auf die Hauptsache zurückzukommen: in der Frage, ob ich meine Produktion auf einen breiteren Boden stellen sollte, hatte sie mit mir nicht viel zu kämpfen. Vielmehr war ihre Katalyse in diesem Falle nur die Beschleunigung eines Prozesses, der sich ohne ihr Zureden vielleicht um einige Jahre verzögert hätte. Sie holte aus mir einen Vorsatz heraus, der wohl nur auf den Anruf gewartet hatte, um aus dem Unterbewußtsein hervorzukommen. Jedenfalls begann ich mich jetzt mit einem Problem zu beschäftigen, dessen Bearbeitung ein größeres Format beanspruchte. Ich griff die Aufgabe an, zu untersuchen, ob die Kunst ein ewiger Bestandteil der Kultur wäre, oder an zeitliche Grenzen gebunden. Und ich schrieb darüber im Zeitraum weniger Monate ein Buch: »Die Kunst in tausend Jahren«, das die ketzerische These vertrat: die Kunst ist eine Episode. Ich mußte mich auf Verlagsschwierigkeiten gefaßt machen, wie jeder sogenannte »freie Schriftsteller«, der zum erstenmal eine ernste Arbeit an den Mann bringen will. Denn an dieser Freiheit klirrt die Kette des Vorurteils, und durchschnittlich ist der durch feste Verträge gefesselte Autor viel unabhängiger als sein Kollege, der die Freiheit besitzt, zu schreiben, was er will, und dafür mit seinen Werken sitzen bleibt, der allerdings weniger gedrückt, aber auch weniger gedruckt wird. Hier nun hatte ich Ursache, dem Geschick dankbar zu sein, denn ich kam schon beim ersten Angebot vor die rechte Schmiede: die Leipziger Verlagshandlung Alfred Kröner übernahm mein Buch ohne weitere Umstände und brachte es sofort in ansehnlicher Ausstattung heraus. Das war eine famose Einführung, und ich fühlte mich im Selbstbewußtsein angenehm geschmeichelt, als ich mir im Kröner'schen Register die Namen überlas: David Strauß, Eduard von Hartmann, F.A. Lange, Spinoza, Seneca und so weiter – eine recht hübsche Verlagsnachbarschaft für einen Außenseiter. Mir kam zu Hilfe, daß der Titel »Die Kunst in tausend Jahren« sowie der immerhin abenteuerliche Text der Schrift an meine Arbeitsvergangenheit anzuknüpfen schien, wiewohl dieser Vorteil dicht neben dem Schaden auftrat. Denn vor der Lesewelt war ich unweigerlich als Humorist abgestempelt, diese Prägung haftete unabtrennbar am Namen, und die meisten Leser witterten nach Scherzen zwischen den Zeilen bitterernster Kapitel; sie vermuteten Maskerade, wenn der Urheber so vieler im Witzblatt beheimateter, in Vortragsälen und Kabaretts beklatschter Humoresken ihnen philosophisch kommen wollte. Ich habe weiterhin noch fast ein Jahrzehnt gebraucht, bis es mir gelang, mich in meiner Doppelrolle ausreichend zu stabilisieren; mit dem Ergebnis, daß eine gewisse, nicht nur auf die deutschen Grenzpfähle beschränkte Gemeinde in mir den Philosophen zu hören wünscht, den seine schöngeistig-launige Tätigkeit vor der Gefahr sichert, dogmatisch und langweilig zu werden. Mir schwebt in dieser Hinsicht ein Musterbild vor, ein einziges, unerreichbares. Man wird mir nicht die Geschmacklosigkeit zutrauen, mich irgendwie mit dem großen Gustav Theodor Fechner vergleichen zu wollen. Aber ich muß ihn hier nennen, als das unüberbietbare Paradigma der Verflechtung von Denktätigkeiten, die das gemeine Urteil sonst als weit auseinanderklaffend betrachtet. Die Wissenschaftsgeschichte spricht von ihm wesentlich als von dem Repräsentanten der Psychophysik, deren grundlegendes Gesetz er schuf, sie verweist auf seine hervorragenden physikalischen und naturphilosophischen Werke und läßt nur nebenher einfließen, daß er unter dem Decknamen Dr. Mises allerhand Gedichte und Schnurrpfeifereien vom Stapel gelassen hat. Aber die profunde Forschung und der lose Schwank waren in ihm eng verbunden, nicht nur durch die Einheit seiner obendrein mit Tragik geschlagenen Persönlichkeiten, sondern vornehmlich auch dadurch, daß sie sich in ihrer Wesenheit wechselseitig bedingten und ergänzten. In seinem genialen Werk »Zend-Avesta«, das ein grandioses Weltbild entwirft und streckenweis die Kennzeichen einer fast biblischen Weihe trägt, kommt mitten in kosmischen Betrachtungen von höchstem Schwunge neben Fechner der Dr. Mises zu Worte mit einer reizenden Pointe in Versen: Ein zweites Firmament wird angesungen, worin die Fledermaus als »Mäuse-Engel« einen ebenso drolligen wie treffenden Beitrag zum Kapitel vom Anthropomorphismus liefert. Fechner selbst hat in einer Selbstkritik bekannt, daß es ihn mehr zur Kunst als zur Wissenschaft zöge, und daß er sich größte Mühe gäbe, pikant und witzig zu schreiben. Und es ist wohl noch gar nicht ausgemacht, worauf er größeren Wert legte, ob auf seine Schrift über die Seelenfrage, oder auf seinen wissenschaftlich gefärbten Ulk »Warum wird die Wurst schief durchschnitten?« Jedenfalls bleibt Fechner unter den Professoren ein Unikum, und seine verflechtende Sonderart würde als eine Anomalie dastehen, wenn sie nicht eigentlich die natürlichste Sache von der Welt wäre. Für mich liegt die Nutzanwendung lediglich darin, daß beides sich gut miteinander verträgt. Wenn einer überhaupt die facultas philosophandi in sich spürt, so wird ihm die Gymnastik an den Kletterstangen des Witzes auch diejenigen Kräfte stählen, die er in reingeistiger Arena braucht. Die Seltenheit des Zusammentreffens bedingt freilich Schwierigkeiten, insofern das Publikum durch Jahre an den Ernst der Hauptübung nicht recht glauben will. Da heißt es denn, in Geduld durchhalten. So mochten denn auch viele Leser beim Erscheinen meines Erstlings mir nicht über den Weg trauen und in seiner Beweismethode bewußt angelegte, sophistische Fallstricke argwöhnen. Aber das Thema vom Verfall der Kunst interessierte an sich und erregte in der Presse lebhafte Kundgebungen für und gegen. Es war, als hätte es in der Luft gehangen und hätte nur auf eine Hand gewartet, die es herunterholte. Als symptomatisch erwähne ich, daß bald nach meiner Schrift andere herauskamen, deren Urheber mit modifizierten Beweisen genau auf dieselben Prognosen lossteuerten. Und noch weit später fand ich in Spengler's mit Recht berühmten Buche vom Untergang des Abendlandes Spuren gewisser Motive, die ich bereits in meinen Ausführungen ziemlich erkennbar angeschlagen hatte. Meines Erachtens stehen wir allesamt mit diesen Motiven erst im Anfang der Erörterung, und meine heutige Prognose geht dahin, daß das Gesamtthema erst in fünfzig oder hundert Jahren seine brennende Aktualität gewinnen wird. Was mir selbst in jenen entlegenen Tagen als Vorarbeit zu Gebote stand, war dürftig genug. Eigentlich konnte ich nur in der Linie eines Gedankens fortwandeln, der von Herbert Spencer aufgestellt ist aus Erwägungen Darwinscher Art in Übertragung auf die Künste. In der Urstufe der Erkenntnis liegt das Nützlich und Schädlich, woraus die Begriffe Schön und Häßlich als biologische Derivate erfließen. Ich konstruierte daraus die neue Vorstellung »Jenseits von Schön und Häßlich« als die Dominante meines Buches, die freilich mit den Lehren aller vorhandenen Ästhetiken scharf dissoniert. Es ist natürlich in einem abkürzenden Rückblick nicht angängig, den ganzen an dieser Voraussetzung hängenden Frageknäul aufzurollen. Ich möchte aber feststellen, daß sich gerade aus Künstlerkreisen im letzten Dezennium viele, sehr viele Stimmen vernehmlich machten, die mir wie ein Echo meiner Ansagen klingen. Die Wahrscheinlichkeit ihrer Bewährung wächst im Quadrat der Zeit. Und da mein Limitum »in tausend Jahren« ohnehin nur als Sprachformel zu nehmen ist für »dereinst«, so wird wohl der bösartige Satz »die Kunst ist eine Episode« in einer erlebbaren Zukunft seinen ketzerischen Charakter abstreifen. Die Betrachtungen über das Dereinst erforderten vielfache Umwege über die Gehege der Physik, Technik, Optophonie, Historie und Biologie. Es war aber auch unerläßlich, das Jetzt mit dem Früher in Parallele zu setzen. Und da blieb mir nichts übrig, als auf Grund subjektiver Werturteile einen Tribut zu bringen, den meine eigene Natur mir abverlangte. Wenn ich mich als Lober der Vergangenheit bekannte, so war das, theoretisch genommen, nicht ganz konsequent, und als laudator temporis acti muß ich diesen Vorwurf auf mir sitzen lassen, auch in Ansehung meiner späteren Bücher einschließlich der hier vorliegenden Lebenserinnerungen. Denn das Preisen irgendwelcher Zeit auf Kosten einer anderen verträgt sich schon nicht mit dem elementaren Jenseits von Gut und Böse. Man kann aber trotzdem die Behauptung vertreten: Die Summe der Kunstgenüsse war ehedem größer als heute, in der Renaissance schwerer als in der Folgezeit, und es ist sehr unwahrscheinlich, daß das Genuß-Integral des neunzehnten Jahrhunderts von dem des zwanzigsten an Mächtigkeit erreicht werden könnte. Der stillschweigende Vorbehalt lautet: wo wir ein Manko wahrnehmen, wird es anderweitig kompensiert, aber da diese Kompensationen im Unerkennbaren liegen, so halten wir uns an die deutlichen Gegebenheiten des Gefühls. Darüber hilft keine Philosophie der Welt hinweg. Es entsteht eine Antinomie zwischen Verstand und Empfindung, die wir nur durch eine sozusagen poetische Lizenz überwinden. Nietzsche schrieb das Jenseits von Gut und Böse und postulierte dennoch von der Zukunft den Übermenschen, also den »besseren« Zustand; Schiller, der an das Recht des Lebenden glaubte, klagte trotzdem »es gab schönere Zeiten« und ward mit dem Sehnsuchtsruf »da ihr noch die schöne Welt regieret« zum laudator temporis acti. Die Vorstellung vom goldenen Zeitalter, vorgebildet von Hesiod, Ovid und Vergil und dichterisch unbedingt der Vergangenheit zugewiesen, schlägt durch alle Hinaufpflanzungsideen hindurch, nur daß auf den Betrachter eine Gefahr lauert, falls er es nämlich wagt, die nämliche Vorstellung seiner Kunstbetrachtung nutzbar zu machen. Hier gerät er an den kritischen Punkt, wo ihm der Dämon Fortschritt entgegentritt und das Dogma »Hinauf!«. Nun schließt sich ein Trotzdem ans andere. Mit dem einseitigen Liebesblick in die Vergangenheit kann man nicht die Zukunft begreifen – das scheint einleuchtend. Und trotzdem behaupte ich, kann einzig dieser Blick erkennen, wohin die Reise geht. Versuch's, ruft mir das Dogma entgegen, und mit deinen Beweisen von der Ars moribunda wirst du vor den Augen aller Fachleute als ein Rückständiger dastehen. Ich hab's versucht, und von den Fachleuten haben mir Ganzmoderne, Pioniere der Zukunft zugestimmt; trotzdem! Schon der Titel meiner anschließenden Abhandlung »Ein verlorenes Paradies« zeigte an, daß ich, weit entfernt, ein Versteckspiel zu treiben, den Duktus meines Erstlings aufrecht erhielt und die Tonart sogar noch verschärfte. Dem umfangreichen Essay entnehme ich hier nur einige wenige Zeilen als notwendigen Auftakt zu den Erklärungen großer Meister, die sich ungeachtet ihrer Modernität dem »Rückwärtsler« vollkommen anschlossen. In einem Exkurs auf neuzeitliche Erlösungs-Symphonik hieß es beiläufig: Der Kernpunkt liegt offenbar darin, daß der Altklassiker mit greifbaren, plastischen Themen arbeitet, die ihm ungerufen zuströmen und sich unter seinen Händen zu klingenden Gebilden aufbauen; fast ohne sein Dazutun, wie angehaucht von einer komponierenden Naturmacht, die sich zur Verwirklichung ihrer platonischen Ideen eines beglückten Interpreten versicherten. Wo soll da eigentlich die rechte Verzweiflung der Heldenseele herkommen? Woher die prometheische Qual in der Fülle der Lustempfindungen, die solche nie aussetzende Inspiration gewährt? In dieser Hinsicht treten die Tausendkünstler von heute mit ganz anderen Beglaubigungen auf. Ihnen frißt wirklich etwas am Herzen, nämlich der Komponierdrang um jeden Preis, der unbefriedigte Trieb, die vergebliche Anrufung des heiligen Geistes. Dumpf unter der Schwelle des Bewußtseins wühlt ihnen das Leiden eines Widerstreites, das sie für »faustisch« nehmen, das aber in Wahrheit der Schmerz des Eunuchen ist: die Trostlosigkeit des Nichtvollbringenkönnens mit begehrenden Nerven und unzulänglichen Organen. Die Schärfe dieses Peinzustandes würde ausreichen, um eine Welt mit Weherufen zu erfüllen, sie befähigt nur leider gar nicht für eine Symphonie; am allerwenigsten für Beethoven's Zehnte, und wenn auch auf dem Gerüst zwanzigtausend Künstler sich anstrengten, die Qual des Künstlers in Schallwellen umzusetzen. Denn nicht darin liegt das Wesen dieses Kontrastes, daß der Tondichter einem hochgesteckten Ziel zufliegt, daß er dieses Ziel selbst mit den mächtigsten Flügelschlägen nie zu erreichen vermag, sondern darin, daß er kriecht und hinkt, während Flügel notwendig wären, um überhaupt die Richtlinie ahnen zu lassen. Mit der Größe des Wollens kontrastiert nicht die Kleinheit der Menschennatur, sondern die Kleinheit dieses Gehirns, dem nicht genug einfällt, um ein Lied oder eine Etüde zu bestreiten, und das sich an die symphonischen Möglichkeiten heranwagt mit der positiven Unmöglichkeit, ein ausgiebiges Motiv zu erfinden. Dieses Mißverhältnis ist traurig, aber nicht tragisch. Und die symphonischen Dramen, die sich hieraus entwickeln, genügen nur einseitig der Aristotelischen Regel der Furcht und des Mitleids, nämlich so wie es ein geistreicher Spötter verstand, daß sie Mitleid erregen mit dem, was der Autor bereits geschrieben hat und Furcht vor dem, was er noch schreiben wird ... In dem futuristischen Glaubensbekenntnis hat die Freude ausgespielt. Ich sehe eine Überfülle von Konzerten und Opern mit unzähligen Tausenden höchst aufmerksamer, bis zur Selbstqual geduldiger, lernbegieriger und interessierter Hörer; nur daß sich ihr Interesse ganz einseitig nach der Richtung des Begreifens verdichtet, nicht nach der des Genießens. Selbst wenn ich richtige Erfolge von einst und jetzt zugrunde lege – ich bin leider alt genug, um vergleichen zu können – so komme ich in keiner Sekunde davon los: es ist ein Unterschied zwischen dem Fluidum, das durch eine entzückte Hörerschaft von ehedem wogte und der Welle des gemeinsamen Einverständnisses von heute. In den Beifall ist Automatismus gekommen, und auf den Gesichtern lagert des Gedankens Blässe. Ich sehe mir so einen Beifallspender an und diagnostiziere: die Sache hat ihm nicht viel gebracht, aber er erklärt ein hohes Einkommen an Genuß, um den Kredit nicht zu verlieren. Er markiert Vorgeschrittenheit, letzte Kultur, strammes Mitgehen bis ins Extrem, aber es ist nicht eigentlich die Bürde der Begeisterung, deren er sich entlädt, sondern die Bürde des vier- oder fünfsätzigen symphonischen Ungeheuers, und wenn ich ganz scharf aufpasse, so entdecke ich im Applausgeräusch gewöhnlich ein Untermotiv: Gott sei Dank, daß der Bandwurm zu Ende ist! Im Grunde ist er ein eingeschüchterter, der es sich als moderner Mensch um keinen Preis ansehen lassen darf, wie schwer die Suggestion der Umwelt auf ihm lastet; infolgedessen benutzt er den einzig möglichen Ausweg, indem er die Haltung des Beherzten annimmt und sich mit seinem Evoe in die vorderste Reihe der Bacchanten schiebt. Die Probe auf's Exempel erhalte ich regelmäßig, wenn ich mir so einen Begeisterten privatim vornehme und ihn nach seinem positiven Gewinn befrage. Bitte, schlagen Sie mir auf dem Klavier eine Stelle an, die Ihnen besonders gefiel, ein Motiv, eine Modulation, ein Irgendetwas, das Sie gefangen nahm und Sie beschäftigt; Sie können nicht spielen? Gut, dann singen, summen, pfeifen Sie es, nur zum Zeichen, daß ein Niederschlag in ihnen haften blieb. Fast regelmäßig stoße ich auf ein Vakuum. Der Mann erklärt eidesstattlich seine Begeisterung, aber er hat nichts gegenwärtig, seinem Gedächtnis hat das Werk nichts gesagt. Und da im Denken wie im Fühlen das Gedächtnis den letzten Schluß und die eigentliche Kontrolle bildet, so erleben wir hier fast durchgängig jenes unheimliche Rätsel einer Folge ohne Grund, einer Wirkung ohne Ursache. Aber die nämliche Person ertappt sich unzähligemal auf Reminiszenzen aus Klassikern und Romantikern von Bach bis zu Schumann und herab bis zu Offenbach, ja sein ganzes musikalisches Bewußtsein, soweit es in ihm lebendig ist und nicht unter einer nebelhaften Doktrin begraben liegt, setzt sich aus solchen Reminiszenzen zusammen; wie ganz natürlich, da das Bewußtsein überhaupt mit der Erinnerung der organischen Mneme eine restlose Einheit darstellt. Demgegenüber flüchtet nun die Ausrede aller Befragten zu einer höchst verschmitzten Formel. Sie erklärt nämlich: In dieser Kunst verliert die Einzelheit ihren Sinn gegenüber dem Ganzen; was man vordem Melodie nannte, oder Thema, oder motivischen Kern, kurz alles fest Umrissene, gleichsam Gegenständliche, das sind olle Kamellen, die man in die Kinderstube verwiesen hat. Wir haben es nur noch mit Gesamtgebilden zu tun, mit Gehörerlebnissen , die symbolistisch, impressionistisch wirken sollen und in denen sich die Einzelheit naturgemäß verliert. Wir wollen nur noch Farben, aber keine Konturen. Wirklich wollt ihr? Da seid ihr ja recht bescheiden geworden! Ihr schraubt euch auf den Urzustand zurück, da die Kunst noch keine bildsame Kraft besaß und erst anfing zu kristallisieren. Habt ihr je eine steinalte Messe gehört, ein Stück aus der vorsintflutlichen Musica sacra, oder eine Komposition der Chinesen, Aschantis, Bantuneger? Da habt ihr das Zerfließende, Ungestützte, Gallertartige in den schönsten Typen; das Ideal der Nichtabgrenzung, das Verschwimmen der Tonalität; kurzum das rein akustische Erlebnis, das durch keine innere Formbestimmtheit gestört wird. Glaubt mir nur, meine Freunde, Impressionismus kommt her von imprimieren, das heißt so wie canis a non canendo , nämlich: was sich auf keine Weise dem Gedächtnis imprimiert, das ist eine Impression. Daher mag es ja auch kommen, daß die richtigen Jakobiner unter den Künstlern immer entschiedener den Anschluß an eine entlegene Vorzeit fordern. Ihr Ziel liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Diluvialzeit. Was sie in mehr oder minder deutlicher Lehre verkünden: Aufhebung der Tonart, Dritteltöne, Vierteltöne bis herab zu Infinitesimaltönen, das sind Anschlüsse an eine Molluskenzeit der Kunst, der alle Kennzeichen entwickelter Kultur fehlen, die Differenzierung, die Selbsttätigkeit getrennter Organe ... Solche kritische Leitmotive habe ich so weit ich nur konnte entwickelt, wie gesagt auf die Gefahr hin, in den üblen Ruf eines Reaktionärs zu gelangen; und immer in der felsenfesten Überzeugung, daß nur der aufzuklären vermag, der erkennt, wie stark im Gang der Geschichte die Richtungen ihren Sinn geändert haben, bis zur völligen Vertauschung des Sinnes. Tatsächlich lagen und liegen die Dinge so, daß die Strukturauflöser und Formtöter eine Rückwärtserei schlimmster Art betreiben, und daß der Fortschritt nur noch bei den sehr wenigen liegt, die sich dieser revisio in pejus widersetzen: bei den verschwindenden Melodikern und bei den ganz vereinzelten Ästhetikern, welche sich die Segnungen von Anno Tobak nicht aufzwingen lassen wollen; Segnungen, die zum Fluch werden müßten, wenn sie nur auf dem Umwege über kakophone Verstiegenheit und Stümperei zu erreichen wären. Diese Vereinzelten sind es, welche die zugehörige Schaffensart – auch im Farbengeschmiere und im Dadaismus – bis auf den Grund durchschauen; wo sie dann zwei Hauptelemente zu sehen bekommen: das Unvermögen zur Gestaltung und den Bluff. Beide stehen in engster Fühlung, denn wer wirken will, ohne die ursächlichen Vorbedingungen im Kopf und in der Hand zu haben, der muß eben bluffen. Freilich hat jede Verblüffung einmal ein Ende, allein ich fürchte – und ich gehörte zu den lautesten Rufern des » discite moniti !« –, daß die empfangende Kunstwelt an diesem Ende erst anlangen wird, wenn es zu spät ist; das heißt, wenn keine Baumeister mehr vorhanden sind, kräftig genug, um das wieder aufzurichten, was die pfuschenden Übermenschen eingerissen haben. Durfte ich mir von meinen Kassandrarufen Widerhall versprechen, ich, der Outsider, dem die organisierte Phalanx der Ganzmodernen gegenüberstand? Die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß ich in die blaue Luft orakelte, und wenn ich überhaupt beachtet wurde, so mußte ich mich darauf gefaßt machen, von den Zünftigen mit der Fußspitze beiseite gestoßen zu werden. Es kam jedoch ganz anders, und ich erlebte eine Wirkung, die man, bescheiden ausgedrückt, als eine im Kultursinne höchst interessante Tatsache bezeichnen darf. Ich nenne als spontane Äußerung Worte des Meisters Arthur Nikisch , eines Mannes, der auf den Höhen der Kunst wandelnd den weitesten Horizont überblickte, dessen Taktstab ein Symbol war für die Pflege des Alten wie für das Vorkämpfertum im Felde künstlerischen Neulandes. Zur Genauigkeit der Wiedergabe bemerke ich, daß hier wie durchweg die im Sperrdruck bezeichneten Worte auch in seinem Schreiben durch Unterstreichung hervorgehoben sind. »Leipzig, den 20. Dezember 1912. ... das »Verlorene Paradies« habe ich nun wiederholt mit aufrichtiger Begeisterung und mit unbedingter Zustimmung Ihrer Ansichten gelesen; ich unterschreibe jedes Wort. Und wie sagen Sie das alles! Wie scharfsinnig und geistvoll im Ausdruck, wie meisterhaft in der Form; ja der Stil ist geradezu klassisch! – Man sollte diesen Aufsatz in Millionen Exemplaren herstellen und jedem gebildeten Menschen als ästhetischen »Haussegen« zur Belehrung und Erbauung ans Herz legen! – Wir werden's ja kaum mehr erleben – aber die Zukunft wird Ihnen Recht geben. So kann's nicht weitergehen!!« – Der gefeierte Felix Weingartner , als Dirigent weltberühmt, als Komponist und Schriftsteller eine Percy-Natur und ganz gewiß keiner Rückwärtserei verdächtig, nahm fast gleichzeitig mit Nikisch Stellung zu den bewußten Schriften: »... Ich habe sie geradezu mit Begeisterung gelesen. An keiner Stelle habe ich die Schäden unserer modernen Kunstentwickelung so erschöpfend und wahrhaftig dargestellt empfunden, wie durch Sie. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen von Herzen die Hand drücke.« Auch im Kreise der kritischen Berufsgenossen regte es sich. Mancher empfand mir nach, was er geheim in sich trug, ohne es frei bekennen zu dürfen, denn mit der Unabhängigkeit vieler bestallter Vertreter öffentlicher Meinung ist es nicht weit her. Das beruht auf den Nachwirkungen eines Unglücksfalls, den der größte Teil der Kunstkritik vor langen Jahren erlebt hat, und von dem es sich bis heute noch nicht erholen konnte. Also man hatte eine der größten Erscheinungen der Weltgeschichte, nämlich das Richard Wagnersche Kunstwerk mißverstanden, den Umschlag der Entwickelung verfehlt, im Bunde mit führenden Musikern – Rubinstein, Brahms, Joachim, Raff usw. –, die für sich imstande gewesen wären, die öffentliche Meinung zu beherrschen. Aber der Volksgeist entschied gegen alle Autoritäten der komponierenden und rezensierenden Feder mit solcher Nachdrücklichkeit, daß die Gefiederten unter dem Strich umlernen mußten. Als Rückstand dieses weltgeschichtlichen Vorgangs ist ein Leitsatz lebendig geblieben: eine solche Blamage darf sich in aller Welt niemals wiederholen! Die Tragweite dieses kategorischen Imperativs: nie wieder! habe ich in meinen Studien ausführlich behandelt; die monotone Salzflut habe ich geschildert, von der wir eingeholt werden müssen, wenn die Kritik, jenem Imperativ verfallen, keine Deiche mehr errichtet. Und Schutzdämme errichten ist nur möglich im Widerspruch mit den journalistischen Hausregeln, die verordnen, unbesehen mit jedem zukünftelnden »...ismus« gemeinsame Sache zu machen, damit sich nur Gottbehüte jenes historische Wagner-Malheur nicht wiederhole. Die große Leserschaft verlangt es gar nicht, aber es wird ihr so lange als ihre eigene Forderung eingehämmert, bis sie es wirklich verlangt. Hier zeigt sich eine Parallele mit der Geschichtsmuse Klio, »die mit der Lüge so durch und durch infiziert ist, wie eine Gassenhure mit der Syphilis«; wobei man hinzufügen müßte, daß das Lügengift zwischen Geschichtsschreiber und Klio immer hin- und zurückwandert: die öffentliche Meinung in Kunstdingen ist ihre Schwester, und sie unterliegt der nämlichen Infektion. Viele Kritiker überhören ihr innerliches Stöhnen, manche empfinden eine Minute der Befreiung, wenn wenigstens ein anderer, ein Unzünftiger mit klarem Ausruf das bekennt, was innerhalb der Zunft nicht zum guten Ton gehört. Ein ganzes Jahr nach Erscheinen jener Kunstschrift schrieb mir ein hervorragender Obmann der Kritik, den ich hier aus begreiflichen Gründen nicht mit Namen bezeichne: »... Ich habe es eben gelesen und finde es scheußlich, – daß ich es nicht geschrieben habe. Alles, was ich mich gelegentlich bemüht habe, brockenweis zu stammeln, das finde ich hier wundervoll vereinigt, mit bezwingender Beredsamkeit und in geistvoller Sprache vorgetragen. Können Sie es mir verdenken, daß ich neidisch bin und das zu können wünschte, was Sie mühelos meistern?« Ich hätte ihm den Ausdruck des Neides zurückgeben mögen; besäße ich auch nur zum zehnten Teil sein Fachwissen und sein Ansehen in der Kunstwelt, so hätte ich zu einem richtunggebenden Werk gestalten können, was bei mir nur Studie blieb; ein Parergon, wie es Fritz Mauthner genannt hat, mit dem Beisatz, daß ihm »selten im Leben etwas eine so ernste Freude verschafft hat wie dieses«. Retrospektiv muß ich feststellen, daß eine weithallende Resonanz dem Parergon versagt blieb, wenn es auch Spuren der Nahewirkung auslöste, auch dort, wo es anfänglich gar nicht zu erwarten war. Als der Futurismus seine schrillsten Fanfaren blies, erschien ein Künstler auf dem Plan, der wie ich zuvor dem Prinzip des Atavismus nachging. Er verglich die angeblich so fortschrittlichen Neukünste der überkultivierten Maler mit den kindlichen Stammeleien der Naturvölker, bezeichnete die Bilder der Neger und Malayen, die Malereien auf indischen Zeltdächern als das Ideal in Form und Farbe für die Modernsten. Er führte Vergleiche durch mit den Zulukaffern und erhoffte, daß die frivole Nachahmung exotischer Barbarenkunst wieder in einem Winkel der Vergangenheit begraben liegen möge. Wer erließ wohl dieses Manifest, das sich in Tonart und Motiv so auffällig meinen früheren Betrachtungen über den Atavismus anschloß? Irgendein rückständiger Artist, ein provinzieller Hinterwäldler, den man als Vertreter altmodischer Biedermeierei anklatschen konnte? Ach nein, es war der hochgepriesene Lovis Corinth , der damals persönlich den Zukunftsreigen führte als Präsident der Sezession! Ich hatte von musikalischen Gesichtspunkten in den Soto-Negern das Modell hingestellt, der Verfasser des protestierenden Corinther-Briefes zog noch außerdem die Zulukaffern zu Vergleich heran, und als weitere Ideale empfehlen sich die Aschantis, Hereros, Buschmänner, Papuas und Hottentotten. Prognosen wie die meiner Kunst in 1000 Jahren haben leider nur den Wert der Bestimmung, nicht den der Abwehr, und eine Warnung kann keine Kraft äußern gegen ein Verhängnis, das als Naturgesetz auftritt. Auf dem Wege nach einer künstlerischen Unendlichkeit ergeht es uns wie dem Herrn Lumen, der immer geradeaus mit dem Lichtstrahl reist. Im gekrümmten Raum der vierdimensionalen Welt kehrt der Strahl trotz seiner Gradlinigkeit zum Ursprungspunkt zurück. Der Kreis ist nahe daran, sich zu schließen, und in seinem Verlauf erkenne ich eine Teilerscheinung des allgemeinen Menschheitsweges, der mit illusionären Fortschritts-Signalen besetzt ist. * Wenige Jahre nach Veröffentlichung jener Kunststudien begann ich eine andere Ketzerschrift. Ich muß sie wohl so bezeichnen, da sie gleichfalls gegen ein Dogma vorging, das zwar einen persönlichen Mittelpunkt umschließt, aber doch eine universale Bedeutung besitzt. Auch in diesem Buch ist die Außenseiterschaft unverkennbar, denn es behandelt den Sokrates und seine Lehre, also ein Thema, das zu seiner Bewältigung eigentlich eine Lebensarbeit voraussetzt, während ich ihm nur eine relativ karg bemessene Zeitspanne zu widmen vermochte. Hieraus wäre leicht ein Vorwurf herzuleiten, der mit gleicher Berechtigung eine Menge meiner Bücher treffen könnte. Also zugestanden, ich bin nicht einheitlich, und mir fehlt völlig die Eignung, mich in eine Aufgabe so zu vergründlichen, wie es der Fachmann, der Spezialist beansprucht. Unentschieden bleibe vorerst, wer in einem präzisierten Fall das bessere Werk zustande brächte, und zweifelhaft bliebe es im Allgemeinen, ob denn das bessere auch das lesenswertere wäre. In einem Betracht indes scheint die Frage gegenstandslos, da der Spezialist ein Werk, wie es mir vorschwebt, bevor ich noch die Feder ansetze, wahrscheinlich überhaupt nicht schreiben würde. Denn es liegt in seiner Natur und entspricht seinem Wesen, daß er das Vorhandene ausbaut, methodisch vervollständigt oder vertieft, während mich die Lust zum Schreiben erst anwandelt, wenn das Neue, das noch gar nicht Vorhandene oder stets Übersehene seine Lockung nach mir ausstreckt. Diese Verlockungen liegen fast durchweg an der Peripherie der Einsichten, an Punkten der Umgrenzung, die auf systematischen Wegen gar nicht bestimmt, geschweige denn erreicht werden können. Und wenn sich ein peripherisches Problem gestalten soll, das nach Buchformung ruft, so genügt es noch nicht einmal, solche Grenzpunkte zu sehen, auf ihnen Halt zu gewinnen, sondern man muß sich zunächst einem Hasardspiel des Denkens überlassen: wird es möglich sein, die verschleierten Punkte untereinander und mit den bekannten sinnvoll zu verbinden, zwischen ihnen Lichter aufzustecken, die sie sichtbar machen, so daß die Zusammenhänge auch dem Leser einleuchtend werden? Die Treffer in diesem Hasardspiel sind die lohnenden Probleme. Sie sind an sich wichtiger als ihre Lösungen, die immer nur Annäherung sein können und Vorstufen zu weiteren Aufgaben in progressiver Schwierigkeit. Ich rede hier durchaus von Problemen mit philosophischem Einschlag, nicht von solchen der Technik oder der exakten Wissenschaft, an die man ohne systematische Induktion gar nicht heran kann. Und es fällt mir gewiß nicht ein, mich etwa mit jenen Ergründern zu vergleichen, die in der experimentellen und theoretischen Physik die vorhandene Peripherie durchstießen, noch weniger mit den ganz seltenen, gottbegnadeten, die ein neues Prinzip aufstellten, von dem herab sich deduktiv Probleme in Fülle entwickeln lassen. Aber ich nehme für mich den Satz des Aristoteles in Anspruch »Der Mensch beginnt zu philosophieren, wo er das erstemal erstaunt«, und ich ergänze ihn dahin, daß es eine besondere Facultas des Staunens gibt, über deren Mangel bei sonst bedeutenden Lehrern und Denkern man sich beklagen darf. In meiner Beanlagung finde ich sie stark ausgeprägt. Ich komme aus dem Erstaunen gar nicht heraus, und zu allererst darüber, daß so wenig gestaunt wird. Das von mir behandelte Sokrates-Problem bietet hierfür eine Probe krassester Art. Wie! Durch zwei Jahrtausende schleppt sich eine Legende durch die Welt, durch alle Schulen und akademische Lehrsäle, durch Millionen gläubiger, in Nachbeterei erstarrter Gehirne, und noch keiner verfiel auf den Gedanken, hier die Sonde anzusetzen und in den Glaubenswust hineinzustechen? Nachzuspüren, ob denn die Zeit nicht endlich reif sei für eine Götzendämmerung, der jener Fetisch, der Obergötzen schlimmster, zum Opfer fallen müßte? Den schlimmsten nenne ich ihn, nicht weil seine Lehre Unheil gestiftet hat, sondern weil der ungeheure ihm gewidmete Kultus von einer ebenso ungeheuren Verblödung Kunde gibt, und weil alle Verachtung, die sich jemals gegen die Göttin Philosophie kehrte, in dieser Verblödung wurzelt. Wenn ich nun über mein Buch den blasphemischen Titel setzte »Sokrates, der Idiot«, so wußte ich genau, glaubte es wenigstens zu wissen, daß mir die bestallten Hüter der frommen Überlieferung grimmig die Leviten lesen würden. Die Schrift hat den Verlag mehrfach gewechselt. Sie erschien zuerst bei Dr. Eysler \& Co., wurde dann mit der »Kunst in 1000 Jahren« vom alten H. Heine-Verlag Hoffmann \& Campe unter dem gemeinsamen Titel »Entthronte Gottheiten« vereinigt und landete in dieser Form vor einigen Jahren beim Berliner Verlag F. Fontane \&. Co. Schaurig mußte es mir dabei ergehen, falls man nicht etwa meine Schrift auf Rechnung des »Humoristen« setzte und als eine übertriebene Burleske auffaßte, gegen die man nicht ernsthaft zu polemisieren hatte. Aber solche Annahme eines gepfefferten Ulkes verbot sich doch durch die ganze Tonart des Buches und durch die Schärfe des Beweises, der schon seit Plato in der Luft hing und nur einmal mit klaren Worten hingestellt zu werden brauchte, um restlos evident zu werden. Und die Abwehr hielt sich in engen Grenzen. Einige zeitgenössische Philosophen, so Fritz Mauthner und Professor Ludwig Stein wiesen mich nicht ganz sanft zur Ordnung, und bei manchen andern mag wohl das Prinzip bestanden haben, die Schrift zu ignorieren oder mit schweigender Verachtung zu strafen. Dagegen meldeten sich in der Presse vielfach Berufsstimmen, in denen jene Götzendämmerungs-Motive sehr kräftig nachschwangen. Und das geschah sogar in einem Teil der Fachpresse, wie in einer philologischen Zeitschrift, deren magisterlichen Mitarbeitern Sokrates bis dahin sicherlich als ganz unangreifbare Gottheit gegolten hatte. Der Bericht in der offiziösen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung war von einem Historiker verfaßt, der einen berühmten Namen vertritt und mit professoraler Gelehrsamkeit in die Platonischen und Xenophontischen Gründe zu leuchten versteht. Er hätte mich barbarisch annageln können, wären in meinen Beweisen Löcher zur Durchtreibung kritischer Nägel offen geblieben. Aber der gelehrte Offiziosus schritt nicht zu solcher Sühne, gab vielmehr deutlich zu verstehen, daß ich selbst den Nagel nicht übel durch die Fadenscheinigkeiten der Sokratischen Diskurse getrieben hätte: »Weil aber die Platonische Feinheit dazu führte, daß Aristophanes, der zeitgenössische Gegner des Weisen, gänzlich überstimmt, Sokrates gleichsam als Denker geheiligt worden ist, so nimmt Moszkowski, ohne Entlehnung übrigens , die Aristophanische Grobheit mutig von neuein auf. Solches muß die Philologen – ob auch die Philosophen? – baß verdreußen, zumal einige gefeierte Deipnosophismen (philosophische Gastmahl-Gespräche) dabei wirklich ins Gedränge kommen... Wer den Reiz der Verbindung von Forscherdrang mit attischem Salz zu würdigen weiß, oder wer gar selbst einmal der Verlockung zu umwertender Kritik erlag, der wird sein Vergnügen an dem Spiel des sprudelnden Wildwassers haben, das Moszkowski hier entfesselt.« – Aber warum verwehte denn die Spur der Aristophanischen Polemik? Warum nahmen sie nicht wenigstens Dühring und Nietzsche auf, die großen Zermalmer, die sich hier mit etlichen spottenden Zeilen begnügten, wo noch heute eine Armee von Beweisgründen zur Erstürmung des Götzentempels aufgeboten werden muß? Wirklich zum Staunen, da die wuchtigsten Argumente greifbar nahe hängen für jeden, der auch nur einmal die bewußten Dialoge mit unbenebeltem Kopfe durchzulesen vermag. Am meisten erfreuten mich Zurufe aus der studierenden Jugend, die der klassischen Eintrichterei müde, hier endlich einmal eine Stimme wie aus ihrem eigenen Unterbewußtsein vernahmen; eine kurzweilige Auseinandersetzung, die mit der Grundregel zwei mal zwei ist vier zwischen Philosophie und »Philosophatsch« zu unterscheiden wußte. Schon früher hatten sich zwischen meiner Arbeit und akademischen Jungmannen Fäden angesponnen: der Leipziger Studenten-Verein hatte mich zu einem ernsten Vortrag eingeladen, mit Empfang am Bahnhof und allerlei burschikosem Drumunddran, das mir im Gegensatz zu vielen anderen steifleinenen Vortragsveranstaltungen recht erquicklich schien. Wir schwammen in Ästhetik, Philosophie und Bier, aus dem Kolleg entwickelte sich nach zwei Stunden eine richtige Kneiptafel, die bis tief in die Nacht anhielt, und deren Präside beflissen war, mir nicht nur den leiblichen, sondern auch den Wissensdurst der Leipziger Burschen in allem Glanz zu zeigen. So flog mir auch diesmal manches Gaudeamus entgegen, und nicht bloß aus Kreisen der Alma Mater, sondern des Pennals; denn die Sokrates-Infektion beginnt ja schon in den Oberklassen der Lateinschule, und hier meldeten sich wirklich Primaner im ersten Grade der Ansteckung, um mir mitzuteilen, daß ihnen mein Gegengift vortrefflich geschmeckt habe. Ich hege die gegründete Vermutung, daß mein Einbruch in die geheiligte Tradition von den Gymnasiallehrern minder günstig beurteilt worden ist. Die unter Vorbehalten erteilte Zustimmung beschränkte sich auf den vereinzelten Fall eines Kathedermannes, den sein enormes Wissen in platonischen Dingen innerlich zwar gefestigt, aber nicht verknöchert hat. Kurze Zeit war es mir, als ob ich den Kampfplatz noch zu erweitern hätte, denn einige nicht zu überhörende Stimmen verwiesen mich ausdrücklich auf die Verlängerung meines kritischen Abenteuers. So wenigstens verstand ich mehrere Zuschriften des tief gelehrten Dr. Krug (Karl Niebuhr), der im weiteren ergänzte: »Die Schrift hat mich erbaut. Ich wünsche Ihrer tapferen Arbeit gute Fahrt. An Gegenstücken kenne ich nur ein paar Sätze, worin ein Byzantiner des 12. Jahrhunderts dem Hippokrates zu Leibe gegangen ist. Die könnten Sie ebenso gut geschrieben haben.« Da bin ich nun der Unwissende, denn jener Byzantiner ist mir ganz unbekannt und wird es vermutlich ewig bleiben. Aber mir genügte der Hinweis darauf, daß solche motivierten Vorstöße gegen klassische Dogmen doch recht selten auftreten. Oder lag das Problem, das mich wie ein Erlebnis überfallen hatte, etwa gerade in der Luft? Auch hierfür stellte sich ein Symptom ein. Als meine respektlose Studie eben fertiggedruckt war, erschien eine Schrift des bekannten Berliner Universitätsprofessors Josef Kohler »Der Tod des Sokrates«, dessen Duktus sich mit einem Kapitel meines Buches ganz auffällig berührte. Hier ging es wirklich um das Sanktissimum im Tempel, um das berühmte Vortodes-Gespräch zwischen Sokrates und Kriton, das ich blasphemisch als ein » Collegium idioticum « analysiert hatte, mit dem braven Kriton als Unteridioten. Aber auf die Tonart kam es ja nicht an, sondern auf die Beweisführung, und die war in wichtigen Punkten beim Professor Kohler und bei mir nahezu identisch. Ganz gewiß hatte er keine Ahnung von meiner Vorläuferschaft, die sich ja nur auf wenige Wochen erstreckte, ebensowenig wie ich ahnen konnte, daß ein bedeutender Jurist so bald den nämlichen Faden weiterspinnen würde, den ich aus dem fadenscheinigen Gewebe jenes Dialogs gelöst hatte. Jedenfalls konnte es scheinen, daß nun das Problem heraufgeholt wäre aus der Klausur einzelner Köpfe an die Oberfläche der breiten Öffentlichkeit. Aber ich habe keinen erheblichen Nachhall vernommen. Kurz gesagt, das Problem selbst, eines der hervorragendsten und folgeschwersten im Denkbetriebe der Menschheit, ist für die Allgemeinheit noch nicht reif. Und es wird in Unreife verharren, solange die Plato-Legende fortbesteht, deren phantasmagorischen Charakter zu erkennen allerdings nicht jedem gegeben ist, selbst wenn man ihm mit der Blendlaterne hineinleuchtet. Darin bestand das eigentliche Wesen meiner Arbeit, die neben dem aller Welt zugänglichen offenen Plato noch einen geheimen, ungeschriebenen aufgezeigt hat. Einen Plato, der in Rätsel-Kanons einen in der gesamten Literatur unerhörten Kontrapunkt ausarbeitet; mit der Ansage, zu deren Erfassung das Philologen-Ohr nicht ausreicht: »Ich, Plato, will einem von mir verehrten Menschen und Staatsbürger ein Denkmal setzen, aere perennius . Dieser Mensch, dessen sittliche Persönlichkeit mir hoch steht, trottelt als Denker. Trotzdem werde ich als sein preisender Herold auftreten, und um dies zu ermöglichen, erfinde ich mir eine Sophistik, deren Verschmitztheit durch Jahrtausende undurchdringlich bleiben soll. Ich, Plato, weiß, daß des Sokrates Philosophie ein langgesponnener Unsinn ist. Ich werde sie darstellen, so wie sie ist, ohne zu verheimlichen und zu beschönigen. Ich werde ihn tändeln und lallen lassen wie ein Kind, oder da er ein alter Herr ist, wie einen Idioten. Ich werde Schonung üben in allen begleitenden Umständen, aber doch das Bild selbst klar entwickeln. Nur mit einem Vorbehalt, den beachtet wohl! Ich mache einen Unterschied zwischen meinem Schrifttext und seinen Zwischenräumen: in den Zeilen steht meine Hymne, zwischen den Zeilen steht meine Kritik, die ihr herauszufinden habt! Löset, Nachfahren, mein ungeschriebenes Rätsel! Haben sie es getan? Haben sie auch nur den einen Spezialtrick durchschaut, womit der göttliche Plato als Deus ex machina dem geliebten Tapergreis aus den Sackgassen hinaushilft? Seine Sophisten-Gespräche sind wie Schachspiele, in denen Sokrates den gerissensten Leuten gegenübersitzt und sich verhaut; verhauen muß, da er kaum die Spielregeln kennt, unmögliche Züge probiert, während der Gegner vom offenen Brett Figuren im Rockärmel verschwinden läßt, ohne daß er es merkt. Diese Virtuosen, Protagoras – ein Tourniermeister ersten Ranges – Polos, Kallikles – der Herbergsvater des Gorgias-Disputes – spielen mit ihm, nicht er mit ihnen, und auf ihr Konto kommt die massenhafte Ironie, die in zahllosen Kommentaren dem Pseudoweisen zugewiesen wird. Und wenn die Partie für ihn gar zu schlecht steht – wie gegen Protagoras, der sein hilfloses Gegenüber glatt in die Tasche stecken kann –, dann setzt Plato mit seinem Spezialtrick ein, mit seiner fabelhaften Finte, über die alle olympischen Götter in lachendes Gewieher ausbrechen müßten: er dreht einfach mitten im Spiel das Brett um, er praktiziert den Sokrates auf die Gewinnseite, schanzt ihm das sichere Endspiel zu, das eben darum nicht verloren werden kann, weil es der gerissene Gegner unverlierbar machte. Eine Schiebung, ein Dreh, eine gedeichselte Sache, die dem Stümper den Endsieg verschafft! Hunderte von philologischen, platobenebelten Philologen haben solche dialektische Schachpartie verfolgt, analysiert, ohne die Gaukelei zu durchschauen, sie haben nicht einmal bemerkt, daß Sokrates sein Spiel solo zu Ende spielte, wie gegen einen unsichtbaren Kiebitz; da ja der wirkliche Gewinner, wenn er mit Schwarz anfing, sich selbstverständlich hütet, die verpfuschte Weiß-Seite zu übernehmen. Gleichviel, Sokrates triumphiert am drehbaren Schachbrett mit drehbaren Argumenten, indem er zum Schluß das genaue Gegenteil dessen vertritt und beweist, was er zu Beginn mit umständlichem Schwulst vorgetragen hatte. Das alles wird einmal klar am Tage liegen, und eine elegante Brücke wird von Plato zu Aristophanes führen. Glückliche Primaner und Studenten ferner Zukunft, denen diese klassische Humoreske das Studium zu verschönen hat im Umkreis einer geläuterten Philosophie, die sich erst dann von ihren Schildbürgereien und Schöppenstedtereien zu befreien vermag, wenn die » dementia demonstrativa « und die » rabies complicatoria « des Sokrates als die Quellen alles Philosophatsches erkannt sind. Und dann wird sich vielleicht irgendein Dozent meiner Studie erinnern, die respektlos umging mit der Überlieferung aus tiefem Respekt vor unserer Allmutter Philosophie. * Nicht der geringste Zusammenhang besteht inhaltlich zwischen jener auf ätzende Polemik eingerichteten Schrift und einem weit umfangreicheren Buch, das ich, mit einem lieben Kollegen vereinigt, im zweiten Kriegsjahr vom Stapel ließ. Selten mag sich eine Kompagnie-Arbeit so einheitlich vollzogen haben, so natürlich als das Produkt einer Willensnotwendigkeit, die zwei Menschen auf denselben Weg zu dem nämlichen Ziel drängte. Als wir uns im Jahre 1916 zum erstenmal über das Werk unterhielten, von dem noch keine Zeile existierte, stand es eigentlich schon fertig vor uns, wir brachten Vorarbeiten heran, die nur auf ein Zeichen gewartet hatten, um völlig zu verschmelzen. Auf dem Titel vom »Buch der 1000 Wunder« , Verlag von Albert Langen in München, stehen unsere beiden Namen mit der Konjunktion »und«; allein dies Bindewort hat nicht bloß eine additive, vielmehr eine multiplikative Bedeutung. Einer von uns allein hätte es nicht machen können, und beide zusammen auch nur dann, wenn ihnen einerlei Plan und Gestaltung von vornherein vorschwebte. Mein Kollege Artur Fürst hat in selbständigen Hervorbringungen so viel geleistet, daß ich ihn hier nicht besonders vorzustellen brauche. Mir kommt es hier wesentlich darauf an, festzustellen, daß er für den vorliegenden Zweck gerade alle Felder beherrschte, an die ich mich gar nicht hätte herangetrauen dürfen: das weite Feld der Technik und darüber hinaus eine Menge anderer Bereiche, die sich dem homo technicus am willigsten erschließen. Man muß ihn gesehen haben, wie er, der vormalige Leiter der populärwissenschaftlichen Anstalt »Urania« in großem Stile experimentiert und grandiose physikalische Schaustellungen wie im Stegreif leichtfaßlich erläutert, um seine Eignung für eine schriftstellerische Arbeit zu ermessen, das die Wunder der Welt als Leitmotiv und Motto voranstellt. Ich wiederum war mit symmetrischen Ergänzungen geladen, mit wissenschaftlichen, historischen, gedankenexperimentellen Dingen, die in die Wunderregion ragen. Und wie gesagt, schon bei der ersten Fühlung ergab sich, daß unsere Pläne wie prädisponiert zusammenpaßten. Man hätte sagen können: das Buch flog auf uns zu, mit fertig eingeteilten Rubriken, mit hunderten von Einzeldarstellungen, die allesamt bestimmt waren, des Lesers Sinn für das Außerordentliche zu schärfen, ihm die scheinbaren Realitäten des Daseins vorzuhalten als einen Kosmos der Unbegreiflichkeiten. Das Tempo, in dem wir arbeiteten, begünstigte noch weiter die Vereinheitlichung, oder richtiger: das Bewußtsein unserer ideellen Zusammenschweißung bewirkte eine motorische Erhitzung der Schreibenden. Wir hätten eine Abkühlung, ein Pausieren gar nicht vertragen, und so wuchs unser Manuskript in knapp fünf Monaten bis zu einem stattlichen Bande, ungeachtet aller journalistischen Tagesfron, aus deren Zeitlänge wir uns die Stunden und Minuten herausstahlen. Wenn ich heute das Buch vor mir aufschlage, kann ich in manchen Teilen die zwei Autorschaften kaum noch auseinanderhalten, und nur in denjenigen Abschnitten, die sich mir als meinen speziellen Studien verwandt besonders verraten, erkenne ich meine Feder. Unsere Arbeit enthält auf seinen Tafeln – Bauwunder, Wunder der Mensch- und Tierwelt – technische, astronomische, physikalische, mystische – Zahlenwunder usw. – viel Tatsächliches, das sich in anderen Büchern und Abhandlungen ausführlicher, sachgründiger, exakter vorfindet; aber schwerlich mit so interessanten, aufeinander reflektierenden Facetten versehen. Es geht zuweilen weit hinaus über den Bezirk der zum allgemeinen Wissensbestand gehörigen Wunder, über die man zur Not auch aus dem Konversationslexikon das Nötigste erfahren kann. Wir haben dem Buch ein Quellen-Index beigefügt, der sich über hunderte von Nummern erstreckt, darunter Dutzende, die für den Durchschnittsleser schwer oder überhaupt nicht erreichbar sind. Aber nicht nur die Anordnung, sondern der Inhalt, vor allem die Darstellung läßt erkennen, daß hier nicht etwa bloß gesammelt und kompiliert, vielmehr entwickelt wurde. Durchweg blieb das Programm maßgebend, möglichst den ganzen Wunderkreis abzuschreiten, bis an das Jenseits von Möglich und Unmöglich, und nur eine Schranke zu wahren: wir wollten uns nicht als Erklärer aufspielen. Wir steckten die Grenzen unseres Amtes so weit ab, als es die Beschreibung der Mirakel mit Einschluß gewisser, dem Leser zugänglichen Deutungsmöglichkeiten verlangte. Aber wir verirrten uns nicht in die labyrinthischen Gänge einer Transzendentalbetrachtung, die dem Wunder so lange zusetzen will, bis es die Maske abwirft. Denn uns beiden Verfassern war und bleibt es erwiesen: auch die Maske ist ein Wunder, und hinter jedem abgeworfenen Schleier lauert eine Schar neuer Unbegreiflichkeiten. Wir hüteten uns also vor dem regressus in infinitum , schon deshalb, weil der bloße Versuch eine Reihe dickwanstiger Wälzer erfordert hätte, mit der sicheren Aussicht, beim Mißerfolg zu enden. Trotzdem gab es auch hier Lichter ringsum, denn die von uns hingestellten Dinge lösten sich doch merklich von der Erfahrungs-Schablone des Alltags und entfalteten für sich einen eigentümlichen Glanz. Sie waren teilweis recht alt, aber doch dem großen Publikum unbekannt, und wie sie jetzt heraufkamen aus Tiefen unserer Registraturen, wirkten sie beinahe wie Neuheiten. Sie erforderten aber auch eine neue Vortragsart, für die wir uns die darstellerischen Möglichkeiten in Stil und Anschaulichkeit erst zu schaffen hatten. Als schwer zu vereinigende Bedingungen traten auf: Richtigkeit des Inhalts bei Vermeidung der Pedanterie, äußerste Kürze, Unterhaltsamkeit mit Momenten der Spannung, dazu Konstruktion von Gedankenleitern und Begriffsgeländern, mit deren Hilfe der Leser in Hochregionen gelangen konnte, ohne die Schwierigkeit des Aufstiegs zu spüren. Hier stand die Aufgabe, ihn bekannt zu machen mit den Wunderbarkeiten der höheren Mechanik, der vierdimensionalen Raumzeit, der Spektralanalyse, des periodischen Systems und der Prophezeiung der Elemente, der Entropie und vieler anderer Abgründigkeiten, die ihm, wenn auch nicht begreiflich, so doch im Laiensinne verständlich zu machen waren. Wir präparierten uns hierzu eine verwegene, fast abenteuerliche Technik, die außerhalb des hier gesteckten Wunderprogramms gewiß nicht empfehlenswert wäre. Einige wenige Proben möchte ich zur Kennzeichnung des Verfahrens herausgreifen: Ein lebender Elefant, frei beweglich im Weltenraum, also nicht durch eine planetarische Masse gestützt. Das Tier streckt seinen Rüssel vor, und in demselben Moment rückt sein Gesamtkörper automatisch in die entgegengesetzte Richtung. Der Elefant schreitet, und seine Beine bieten das Bild der Vorwärtsbewegung, aber er verharrt trotzdem an der nämlichen Raumstelle. Grund: das von Newton entwickelte physikalische Gesetz von der »Erhaltung des Schwerpunkts«. Dieser Punkt kann durch Wechselwirkung der Massen innerhalb eines Systems, wie auch die wirkenden Kräfte beschaffen sein mögen, nicht verschoben werden. Hieran anschließend: Wie platzt eine Bombe? Verfolgen die Sprengstücke nach der Explosion eigene Wege ohne Zusammenhalt? – Scheinbar paradoxes Ergebnis: die Flugbahn bleibt immer unzerstört, die Bombensplitter fliegen niemals regellos, sondern so, daß ihr gemeinsamer Schwerpunkt die ursprüngliche Schußlinie genau innehält. Die Bombe darf gar nicht platzen und auseinanderfliegen, lediglich nach den Sprengkräften, die den Metallmantel zerreißen. Auf dem Bilde eines Kriegsmalers wird der Vorgang stets falsch dargestellt; denn unter unendlich vielen Sprengmöglichkeiten verwirklicht sich nur die eine, die das Gesetz von der Erhaltung des Schwerpunkts vorschreibt. Hier wird an zwei Beispielen eine Wunderquelle in einem mechanischen Prinzip aufgezeigt, und die im Buche erteilte Erläuterung mag wohl nachdenkliche Leser zu weiteren Gedankenexperimenten veranlassen. Wo man ein Prinzip auf irgend einen Seitenweg verfolgt, stößt man auf Wunder, will sagen auf Tatbestände, die zu allererst den geläufigen Kausalitäten widerstreiten. Wie leicht läßt sich eine glattgeschliffene Kugel auf einem ganz ebenen, vollkommen horizontalen Marmortisch vorstellen bei etwaiger Bewegung ohne Reibung und Luftwiderstand. Die Kugel ruht irgendwo auf der Platte, nur nicht gerade in ihrem geometrischen Mittelpunkt, keinerlei Kraft wirkt auf sie ein, außer der Schwere, die aber ihre Lage nicht verändern kann, wegen der festen Unterlage. Bleibt die Kugel nun ruhig liegen? Nein, sie beginnt eine Wanderschaft, beschleunigt sich bis zum Mittelpunkt, überschreitet ihn, kehrt wieder um, sie pendelt hin und her in einem Turnus von je zweiundeinhalb Stunden, sie wird ein perpetuum mobile bis in alle Ewigkeit. Dem einfachen Menschenverstand leuchtet das nicht ein, und dessen Besitzer würde, wenn er diese Erscheinung sähe, vermutlich ein Wunder annehmen. Er wird sie freilich niemals zu sehen bekommen, denn eine Tischplatte, wie sie hier vorausgesetzt wird, existiert nicht. Die absolute Glätte ist unerfüllbar, und vor allem, was uns als eben-horizontal erscheint, ist tatsächlich Teil einer Kugelfläche von äußerst geringer Krümmung, entsprechend den Ausmaßen der kugelförmigen Erde. Wäre die Platte wirklich ebenhorizontal, so besäßen ihre Punkte verschiedene Abstände vom Erdzentrum, und dann würde die Gravitation allerdings auf die Kugel bewegend wirken in wechselnden Komponenten, die ihr eine Schwingung erteilen, die, einmal begonnen, niemals endet. Jetzt nehmen wir die Kugel vom Tisch und lassen sie in einen Schacht fallen, den wir uns gradlinig bis zum Erdmittelpunkt gebohrt denken und darüber hinaus bis zur Gegenseite des Globus. Auch hier soll jeder Luftwiderstand außer Betracht bleiben, ebenso die Temperatursteigerung bei wachsender Tiefe. Alsdann entsteht abermals ein perpetuum mobile. Die Kugel fällt mit Beschleunigung hinab, steigt dann verzögert aufwärts bis zum Tageslicht der Antipoden-Seite. Kehrt hierauf um und wird für alle Jahrmillionen, die der Erde noch vorbehalten sind, zum »Kanalpendel«. – Wir imaginieren eine sensationelle Eisenbahnfahrt. Der Zug soll eine Geschwindigkeit von 350 Sekundenmetern erreichen. Das ist bei heutiger Fahrtechnik noch nicht möglich, bei künftiger indes sehr gut denkbar; denn ein Sechstel dieses Tempos ist auf der Siemensbahn bereits geleistet worden. Für die Fahrt im ungedeckten Wagen (etwas zugig allerdings, aber vorstellbar) nehmen wir einen Solisten mit, sagen wir, einen Trompeter, der unterwegs konzertieren soll. Er bläst der Zugrichtung entgegen, und alsbald zeigen sich drei Effekte, von denen die ersten zwei nur als Seltsamkeiten auftreten, während der dritte für einen nicht auf physikalisches Denken eingeübten Fahrgast wunderbar genug ausfällt. Im Beginn des Konzerts und eine Zeitspanne nachher hören wir gar nichts, der Musikant ebensowenig. Ganz natürlich: unser Schnellzug überflügelt die Schallgeschwindigkeit, wir würden auch den ratternden Räderlärm nicht vernehmen, und könnten uns darüber nicht von Mund zu Ohr, sondern nur durch Zeichensprache unterhalten. Jetzt durchsausen wir einen Bahnhof. Die dort auf dem Steig versammelten Menschen hören die Melodie, aber in gewaltsamer Entstellung der Tonhöhen. Ebenfalls natürlich, denn diese Zuhörer werden Zeugen des bekannten »Doppler-Prinzips«, das zudem schon bei weit geringerer Geschwindigkeit des vorbeijagenden Zuges bemerklich würde. Jetzt aber nähern wir uns dem Reiseziel. Das Tempo verlangsamt sich, die Schallgeschwindigkeit gewinnt die Überlegenheit. Der Trompeter hat aufgehört zu blasen, er kann sich sogar vom Zuge entfernen – sein Konzert entgeht uns nicht mehr, sein ganzes Lied holt uns ein, aber mit entgegengesetztem Sinn. Es kehrt sich vollständig um, wie in einem verkehrt abgedrehten Phonographen; weil die letzten Töne, als die räumlich nächsten uns zuerst erreichen. Jede Tonfolge von Sopran zu Baß klettert jetzt vom Baß zum Sopran, und stieg sie im richtigen Lied, so äußert sie nun ein Gefälle. Die verminderte Tonstärke freilich könnte nur sehr hörscharfen Organen wahrnehmbar werden, aber in theoretischem Betracht gilt das gleich: das ganze Konzert ins Gegenteil verdreht, wird durch die Luft nachgeliefert. – Als Gegenstück dieses Trompeters erschien ein phänomenaler »Mondspringer«, dessen Gastrolle im Buch lebhafte Erörterungen veranlaßte und, wie ich nicht verhehle, von strengen Wissenschaftlern scharf angefochten wurde. Es handelt sich um einen Ausbund von Muskel- und Sinnesstärke, der von der Erde in einer halben Sekunde bis zum Mond springt und, dort landend, sein eigenes Sprungphänomen erblicken muß. Der Vorgang stellt sich indes seinen Augen so dar, als wäre er vom Mond zur Erde gesprungen, er sieht seine eigene Körperlichkeit in Ausübung der entgegengesetzten Leistung. Die Prämisse enthält einen Vorgang extra naturam , eine praktische Unmöglichkeit. Der moderne Physiker freilich spricht ihm auch die theoretische Möglichkeit ab, da die Relativitätstheorie die Lichtgeschwindigkeit, die hier vom Springer übertroffen wird, als das absolute Maximum aller Geschwindigkeit postuliert. Trotzdem darf ein Wunderbuch mit solcher Prämisse arbeiten, da sich gegen sie nur die Erfahrung, nicht aber die Logik sträubt. Es gibt keinen physikalischen Satz, der rein aus der Logik erfließt, keinen, der nicht auch mit Abänderung logisch möglich wäre, ja sogar in anderen Teilen des Universums gültig sein könnte. Daß sich die Überlichtgeschwindigkeit mit der Logik verträgt, kann direkt aufgezeigt werden: es läßt sich ein in sich widerspruchloses Weltsystem aufstellen mit ruhender Erde und bewegtem Firmament, dessen äußerste Gestirne alsdann an jenes Maximum nicht mehr gebunden wären. Jene Prämisse steht sonach nur extra naturam experientiae , nicht aber als contra naturam cogitandi . Und es muß erlaubt sein, einen solchen Ausgangspunkt zu wählen, wenn man von ihm aus ein Phänomen erreicht, das in erster Betrachtung den Verstand überrumpelt und alle Kausalität auf den Kopf zu stellen scheint. Gerade derartige Proben sind aber besonders geeignet, den Empfänger anzuregen und ihn hell zu machen für die Begriffe des Widerspruchs, der Antinomie und des wissenschaftlichen Paradoxons. Er merkt dabei, daß bisweilen die Brüskierung einer augenblicklichen Denkgewohnheit sehr förderlich sein kann, da sie den Verstand zwingt, die gefühlsmäßige Analogie zu überwinden und die Grenzen der Möglichkeit weit über das augenblicklich Erweisliche hinauszuspannen. Diese Anstöße haben sich lebhaft und in zahlreichen Kundgebungen ausgewirkt, zur Freude für die Autoren, wenn auch nicht zu deren Bequemlichkeit. Die Korrespondenz wuchs ins Ungeheure und wäre bei genauer Erledigung über unsere Kräfte gegangen. Der hier vorliegende Anlaß brachte u. a. eine nicht uninteressante Ausfolgerung des Abenteuers. Ein Breslauer Oberlehrer wollte errechnen, daß der Springer nicht nur seinen Zurücksprung, sondern auch sich selbst auf der irdischen Absprungstelle sehen müßte, so daß er zeitweise in drei Exemplaren vorhanden wäre; wenn man nämlich diejenigen Strahlen einrechnet, die seine Person vor dem Absprung in den Weltenraum sandte. Ich möchte es bei zwei Exemplaren bewenden lassen. Wir erfuhren übrigens bei dieser Gelegenheit, daß der Briefschreiber aus dem Buch der 1000 Wunder wiederholt in Prima doziert hat; und da uns Ähnliches aus anderen höheren Lehranstalten berichtet wurde, so erblickten wir darin eine Bestätigung der Ansage, daß unsere Schrift zwar nicht die Eignung zum Lehrbuch, aber doch zum Belehrbuch besäße: » tironem delectando « ... Denn wo es nur irgend anging, beschäftigten wir die Phantasie. Bei Betrachtung der technischen Wunderwerke genügte es uns nicht, die staunenswerten Einzelheiten aufzuzählen, wir versuchten vielmehr, die Zahlenwerte durch phantastische Hilfsmittel anschaulich zu gestalten. So nahmen wir ein Fahrzeug von der »Imperator«-Klasse in Arbeit und transformierten die 62 000 Pferdestärken eines solchen Meeresgiganten in ein lebendiges Geschöpf; wir vereinigten diese Kraftleistung in einem einzigen Pferd, das bei geeignetem Einspann denselben Koloß mit einer Geschwindigkeit von 24 Knoten durch die Fluten zu befördern vermöchte. Und nun wurden mit Heranziehung gewagter Hypothesen besonders frappante Leistungen dieses 62 000 PS-Riesen entwickelt. Unter anderem zeigte sich, daß das imaginäre Monstrepferd sich unter gewissen Voraussetzungen dem Zentralkörper Erde gegenüber in einen »Planeten« verwandeln würde. – Der Erfolg des Buches war im deutschen Sprachgebiet groß und unbestritten. Seine vielen an Jules-Verniaden erinnernden Züge hätten eigentlich ausreichend sein müssen, um ihm auch die Aufmerksamkeit fremder Länder zu sichern. Allein mit Ausnahme einer schönen holländischen, in Leiden gedruckten Ausgabe ist bis heute von einer Teilnahme der Fremdländer nichts zu spüren gewesen. Möglicherweise treiben sich irgendwo in der Welt ohne Willen und Wissen der deutschen Herausgeber Wildlinge von Übersetzungen herum. Habent sua fata libelli ! * Daß man sich bei einem Buch nicht zuverlässig auf Prognosen und Auspizien einrichten darf, erfuhren wir, Artur Fürst und ich, in anderer Weise bei unserer gemeinsamen Arbeit »Meister Robinson« . Im ersten Anhieb, kurz nach Erscheinen der Neuheit im Berliner Ullstein-Verlag, stellten sich alle Anzeichen auf einen offenkundigen buchhändlerischen Schlager. Ja, es erschien gar nicht illusionär, anzunehmen, daß wir damit in die Erfolgslinie der meistgelesenen Robinsonaden geraten würden. Allein die Progression wollte sich nicht einstellen, die Nachfrage ließ nach, und die Verfasser mußten schon nach einem Jahre wehleidig bemerken, daß ihr Werk nahe daran war, in den Schatten zu rücken. Meine Objektivität reicht nicht aus, um hierfür die Ursachen festzustellen, und ehrlich gesagt, ich wünsche mir gar nicht die objektive Gediegenheit, die mir bei allen Hervorbringungen nur ein Hemmschuh gewesen wäre. Ich vertrete vielmehr noch heute die subjektive Meinung, daß unser Robinson die meisten seiner Vorläufer im Niveau überragte – Daniel Defoe bleibt ausgenommen – und daß er sich zu Campe etwa verhielt, wie Campe zu Gottfried Schnabel mit seinem vierbändigen Wälzer von der Felsenburg. Gar nicht zu reden von den zahllosen Verschlimmbesserungen, die einst unter den Titeln »Der schweizerische – pfälzische – schlesische usw. Robinson« den Markt überschwemmten, von den verschmökerten Odysseen, mit denen unsere amüsantdidaktische Darstellung sicherlich keinen Wesenszug gemeinsam hat. Wenn der alte Robinson, einst in der Welt nächst der Bibel das meistgelesene Buch, allmählich in Vergessenheit gerät, so ließe sich sagen: seine Zeit ist um. Die alte Speise, die dem Lesehunger so trefflich diente, ist ranzig und abschmeckig geworden. Aber wie ging denn das zu? Warum fiel er der Zeit zum Opfer während so viele andere Abenteuergeschichten, die alten Heldensagen, die Grimmschen Märchen unverwelkt blühen? Das läßt sich begreifen: weil solch reine Märchen, Fabeln, Sagen in gar keiner Zeit spielen, und weil ihr Inhalt vor Hunderten von Jahren genau so gültig war, wie er in Hunderten, in Tausenden von Jahren gültig sein wird. Robinson aber ist ein auf eine einsame Insel verschlagener Mensch, den wir als unseresgleichen betrachten sollen; nicht nur nach allgemeinmenschlichen Wesenszügen, sondern in Abschätzung seiner Bedürfnisse, die unserer eigenen Kulturstufe entsprechen. Er gehört in die Neuzeit, und in seinen Erlebnissen stecken Modernitäten. Aber ist er denn noch unseresgleichen, wenn er die Welt so anschaut, wie die Leute aus der Pfahlbauepoche, wenn er aus neuzeitlichen Kulturelementen zurückfällt in widersprechende Gepflogenheiten mythologischer Vergangenheit? Schauen wir ihn heut an mit den Augen eines geweckten Kindes oder mit denen eines Gealterten, der seine Jugendeindrücke auffrischen möchte – gleichviel, in der Betrachtung wird es sich nicht verleugnen, daß wir dem technischen Zeitalter angehören, und wir werden versuchen, den Robinson ebendort unterzubringen. Es bleiben enttäuschende Versuche am untauglichen Objekt. Wenn er als Hamburger Kind ursprünglich einen Rock anhatte wie wir, sich christlicher Sprüche erinnerte und mit Schießpulver und Flinte Bescheid weiß, so gehört er zu uns und darf uns dann nicht in primordialen Geisteslagen vorgeführt werden, als gehöre er zur Steinzeit. Das Kind vollends abstrahiert nicht, versteht sich nicht auf künstliche Einfühlung in Zeiten und gerät mit seinem Warum und Weil an hundert Punkte, über die es nicht hinweg kann. Es begreift den Herkules mit seiner Keule und den Simson mit den Eselskinnbacken, aber es begreift heut nicht einen Robinson, der die Feuerwaffen, den Buchdruck und das Fernrohr nicht kennt, der auf der Bank einer Stadtschule gesessen hat und nichts von der Möglichkeit einer Schiene ahnt, einer Lokomotive, eines Luftschiffs, einer elektrischen Maschine. Zählt er aber zu uns, so dürfen sich seine Abenteuer nicht in dem engen Zirkel abrollen, deren Grundbedingungen in den rohen Notwendigkeiten der Selbsterhaltung ruhen. Dagegen darf er Abenteuer erleben, Spannungen durchmachen, die ihn aus der primitiven Stufe eines Troglodyten aufwärts treiben. Diese Spannungen neu zu erfinden und sie vorwiegend auf das Geistige zu richten, war eine unserer Hauptaufgaben. Die von uns erstrebte Geistigkeit mußte sich in ethischem Betracht von den steifleinen-pedantischen Erziehungskünsten des alten, ach, so sehr veralteten Campe grundsätzlich fernhalten. Campe's Moral ist Aufguß über mittelalterliche Theodizee, sie unterwirft Gott einer beständigen Zensur, sie erschöpft sich in salbadernden Predigten, bei denen kein Lob, sondern immer nur eine »Belobigung« Gottes herauskommt. Durchweg wird für ihn die Zensur » summa cum laude « herausgedrechselt, Drangsal und Rettung treten als erprobende Instrumente auf, mit denen die freundliche Absicht Gottes an zahllosen Nützlichkeits-Effekten demonstriert wird; angeblich zur Erbauung der zuhörenden Kinder, deren Frömmigkeit sich an nichts anderem orientieren kann, als an Motiven des Vorteils und der Selbstsucht. Im Gegensatz hierzu ließen wir Autoren in allen Ereignissen und Betrachtungen einen tiefen Grundton hindurchklingen: den großen weihevollen Orgelpunkt der Natur, der unendlichen Schöpfungssymphonie, deren Majestät den Empfängern um so deutlicher aufgeht, je anschaulicher ihnen die Erscheinungen und Zusammenhänge im Universum geschildert werden. Die Fragen unserer kindlichen Zuhörer werden nicht hervorgelockt durch die Künste eines Magisters, der erzieherisch-religiös an ihnen experimentiert; sie entstehen in Erwartung und Wißbegier, in den Vorhöfen zum Unbekannten, dessen Pforten sich rasch entriegeln zum Einblick in weite Bereiche der Naturkunde und der modernen Technik. Mit Neuauflackierung und Überpinselung alter Schäden in obsoleten Schriften war dabei nichts auszurichten. Hier hieß es, von Grund aus neu zimmern. Beibehalten durfte nur der Grundgedanke werden, nicht als Anekdote, sondern als begrifflicher Ausgangspunkt, der als solcher zu den bedeutsamsten der Weltliteratur gehört; Robinson als Abbild der gesamten Menschheit in einer räumlich winzigen, mit einem einzigen Blick umspannbaren, aber unendlich beziehungsreichen Projektion. Die Not als Bezwingerin, aber auch als Lebensgestalterin wird in ihrer Gewalt an einem Auswürfling aufgezeigt, der alle Stadien vom Nullpunkt des Daseins bis zur Kulturhöhe, aufzeigt. Dabei mußte jede Schulmeisterei ausgeschlossen, alles vielmehr auf Entwickelung, Spannung und Erlebnis gestellt werden, dergestalt, daß der Leser sich durchweg in die Lage des vereinsamten Helden versetzt fühlen konnte. Wir mußten uns das Arbeits-Paradigma eigens konstruieren. Wie findet man die Methode und die Tonart, die geeignet ist, Physikalisches, Astronomisches zu erklären, ohne in fibelhaftes Kindlichgetue zu verfallen, dabei aber doch die Jugendlichen zu unterhalten, die Erfahrenen nicht zu langweilen und den gesamten Belehrstoff wie aus der Fabel selbst hervorquellen zu lassen? Nur wer sich persönlich mit solchen Aufgaben herumgeschlagen hat, ermißt ihre Schwierigkeit; sie beansprucht eine Virtuosität, die sich selbst zum Verschwinden bringt, um in der Darstellung alle Schwierigkeit bis zu kinderleichter Selbstverständlichkeit aufzulösen. Mit den üblichen Handgriffen der Popularität ist da nichts zu erzielen. Wie im Aufbau der Fabel muß die Erfindung auch in allem Darstellerischen mitwirken, von Schritt zu Schritt sind im Didaktischen besondere, immer wieder frischzuersinnende methodische Spannfedern einzusetzen. So versetzen wir unsern Robinson in eine sehnsüchtige Träumerei. Er blickt nach einem Stern im Orion und stellt sich vor, daß seine Eltern in Hamburg, die ihn seit langen Jahren als verschollen oder gestorben betrauern, das nämliche Gestirn erblicken. Alle denkbaren Verbindungen zwischen ihm und dem Heimatshaus sind zerschnitten bis auf diese eine – die Augen bleiben verbunden durch einen Blickpunkt am Himmel. Und aus dieser Vorstellung heraus werden kosmographische Dinge entwickelt: die Einteilung nach Sternbildern, die Blicklinien, Richtungsunterschiede, Distanzmessungen durch Parallaxe, die Größenklassen der Sterne, ja, wir gelangen bis an astrophysische Betrachtungen über Lichtgeschwindigkeit, beinahe bis an die Schwelle der Relativitätstheorie, ohne daß die elegische Träumerei des Vereinsamten als Gefühlsmoment unwirksam wird. Und wir sorgten dafür, daß dem Abenteuer das leitmotivische Recht nicht verkürzt wurde, ja, wir brachten den europäischen Helden wie seinen malaiischen Gefährten in eine Reihe extremer Lagen, die eigentlich hätten die Film-Mannschaften herbeirufen müssen; wenn diese nicht grundsätzlich an den lohnenden Motiven vorbeihörten, um dafür zu Hunderten Szenen zu verfilmen, an denen nichts sensationell ist, als die Talentlosigkeit ihrer Urheber. Gelegentlich griffen wir auch vom menschlichen Abenteuer über in die Verwickelungen tierischer Romane. Robinson baut sich ein kleines Wasserbecken mit Belebung durch ozeanische Geschöpfe, eine Art von Aquarium, das für ihn zum Theater wird. Und ich glaube, daß nicht jeder Besucher großstädtischer Aquarien in den hinter Glas gezeigten Schaustücken soviel überraschend dramatisches Leben entdeckt haben wird, als unser Insulaner in seiner improvisierten Anlage. Sie ist sehr artenarm, die Fische spielen darin höchstens Statisterie, als Rollenträger lassen wir nur eine Qualle, einen Krebs, eine Seerose und einen Octopus auftreten, allein, dieses Quartett führt ein Stück auf, das an abenteuerlicher Wirkung alle Ausstattungs-Feerien übertrifft. Als Titel des Dramas wäre zu setzen: »Generationswechsel und Symbiose«. Wir hielten uns ganz genau an die Naturgeschichte, stellten nur animalische Wirklichkeiten vor, und dennoch entfaltete sich ein Wunder, das Wasserbecken entsprach der klassischen Ansage: »die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet«. Denn was hier im Verkehr von Seekrebs und Aktinie sich vollkommen naturgetreu offenbarte, das war auf Freundschaft, Pflichteifer, Vertragstreue gegründet, und der Beschauer konnte, ja er mußte den Gedankengang eines Zukunftsforschers vorwegnehmen, die in solchen Lebenszeichen der niederen Tierwelt die Anfänge einer Moral erkennen werden. Diese Zusammenhänge verdeutlichen sich freilich nur in der ausführlichen Behandlung des Buches, das wie keine Erzählung zuvor für die persönliche Beziehung der beiden Schicksalsgefährten im animalischen Spiegelbild das treffende Gleichnis auffand. Und es ist mir so, als würden dadurch dem Helden bessere ethische Werte zugeführt, als durch die Zufälle der alten Robinsonaden, die das Sittengesetz unaufhörlich mit dem Interesse des Augenblicks verkuppeln. Lichtenberg, der Physiker-Philosoph, hat gesagt, daß er zwei ganze Messiaden von Klopstock für ein einziges Kapitel aus Robinson hingeben würde. Damals standen beide Werke im Glanz, heut sind beide verblaßt, aber dem einen kann die verdämmernde Leuchtkraft erneuert werden. Soll da erst noch eine Rechtsfrage untersucht werden, wer oder was gerade uns, Artur Fürst und mich, legitimiert habe, als Erneuerer aufzutreten? Darauf wäre wörtlich mit Fichte zu antworten: »daß allerdings Jeder dasselbe Recht gehabt hätte wie wir, und daß wir gerade darum es tun, weil keiner unter ihnen es vor uns getan hat«; nämlich so getan, daß das neue Werk in die neue Zeit paßte. * Unsere Arbeitsgemeinschaft fand damit ein vorläufiges Ende, wenngleich wir fortfuhren, gewisse andere abenteuerliche Themen in besonderer Art zu entwickeln; wesentlich in Klausur, ohne sichtbares äußeres Ergebnis in der Öffentlichkeit. Ich persönlich war inzwischen in einen weiteren Konzern getreten, und in ihm wuchs mir die Anwartschaft auf ein Buch von universaler Gestaltung. Durfte ich es wagen, der Verfasser eines solchen Werkes zu werden? Nein, vorerst nur der Herausgeber und Erläuterer. Denn hier lud ich Hunderte von Autoren zum Stelldichein, darunter die berühmtesten der Weltliteratur, den klassischen Chor der Weltweisen und Dichterphilosophen, die großen Spötter Aristophanischen Geblütes. Abermals Lichter ringsum! Die gedachte ich nach einer neuen Methode aufzustellen, gleichsam mit Zuhilfenahme spiegelnder Vorrichtungen, und sie so in Beziehung zu setzen, daß sich aus den vereinigten Lichtstrahlen ein Feuerwerk ergäbe. Der Text war von jenen, das Arrangement von mir, und ich denke, viele Leser werden auch in der Anordnung eine originelle Idee und somit ein tüchtiges Stück Verfasserschaft verspürt haben. Die Tonart meiner Eigenkritik wäre verfehlt, wenn ich nichts anderes geplant und herausgebracht hätte, als eine neue Spruchsammlung, einen Zitatenschatz nach so vielen vorhandenen, die in Büchmanns Prachtleistung »Geflügelte Worte« ihre Bekrönung finden. Die Herstellung solcher Sentenzenspeicher ist ganz besonders Sache der Kompilatoren, die aus zwölf Büchern das dreizehnte, und aus neunundneunzig das hundertste zu machen verstehen. Wenn wir in Deutschland bis vor kurzem eine jährliche Schriftenproduktion von 32 000 Nummern zählten, so sind diese Vielzufleißigen mit einem starken Prozentsatz beteiligt. Mir war es nie darum zu tun, die Zahl der mit Druckerschwärze angeheizten Maschinenmenschen zu vermehren, und besonders hier, in Gegenwart der geistreichsten Menschen aller Zeiten, trug ich Sorge, daß auch nicht der leiseste maschinelle Antrieb in mir wirksam würde. Hierzu war wesentlich erforderlich, mir auf jeder Seite vorzuhalten, daß ich nur aus eigenem freien Erleben zu gestalten hatte, mich aber auf keine bibliothekarische Stöberarbeit einlassen durfte. Ich ging nicht auf Sammeljagd, um möglichst viel schöne Sentenzen heimzubringen, sondern ich blickte nach dem ausgesteckten Titelsignal »Die ewigen Worte« , das mir bedeutete: die Quintessenz der Geistigkeit, den Extrakt alles dessen, was mich selbst im Laufe eines nicht gedankenleeren Lebens als das Besondere, das Leuchtende, das abseitig-Blendende gepackt und angeblitzt hatte. Da ging es um Worte, die vielzusehr der allgemeinen Schönheitsregel, der Sentenzen-Norm, dem durchgreifend Gültigen widerstreiten, bis zur offenen Auflehnung gegen längst heiliggesprochene Gefühls- und Denkworte, und die schon wegen dieser Widersetzlichkeit gar keine Aussicht haben, zitierfähig und geflügelt zu werden. Blaise Pascal, der sich im Büchmann mit weniger als einer halben Zeile begnügt, da er nicht populär redet, erscheint in den »Ewigen Worten« mit siebzehn Aussprüchen, von denen einer ausreicht, um einen ganzen Ballen schönklingender Allerweltssentenzen in die Luft zu schnellen. Ich nenne weiter Seneca, Montaigne, Chamfort, Lichtenberg, Schopenhauer, Nietzsche, Richard Wagner – sie sind bis auf geringe Zeilenreste unbekannte Größen für die Mehrzahl der Zitatensammler, soweit sie nicht (wie etwa Frauenstädt) ihre Auslese einem einzigen Bevorzugten angedeihen lassen. Und selbst innerhalb jener Größenklasse wäre immer noch zu unterscheiden zwischen Worten, die Münzwert beanspruchen, und solchen, die wie die ganz großen Diamanten gar nicht kursieren können. Sie bleiben Glanzstücke eines Museums, Seltenheitsstücke, von denen jedes eigentlich in einer besonderen Vitrine aufgestellt werden müßte. Das ließ sich natürlich aus buchtechnischen Gründen nicht durchführen, und der Dr. Eysler'sche Verlag hätte sich mit Recht gegen solche Raumverschwendung gewehrt. Ich gliederte daher nach Rubriken, die eher umschließende Rahmen andeuten, als feste Programme aussprechen sollten: »Letzte und vorletzte Dinge – Jenseits von Richtig und Falsch – Fröhlicher Pessimismus – Unbewiesene Sätze – Satan auf der Lehrkanzel – Befreiendes Gelächter – Gottgesandter Wahnsinn – Ungemünzte Barren« usw.; weil es wenigstens das eine zu verbürgen schien: daß die einzelnen Kostbarkeiten nicht mit Stücken von ganz anderer Substanz allzusehr ins Gedränge gerieten. Eine schwere Gewissensfrage hatte ich von Anfang an mit mir abzumachen. Der Begriff der » Wörtlichkeit « gilt für die Wiedergabe geprägter Worte als so selbstverständlich, so unverletzlich, daß eine Verletzung dieser Bedingung zugunsten der Unwörtlichkeit auf den ersten Blick wie ein literarisches Verbrechen aussieht. Und hier kam ich in eine Zwangslage: wäre ich nämlich dem Dogma der Wörtlichkeit untertan geblieben, ohne den jähen Entschluß einer Revolte, dann hätte ich diese Ewigen Worte überhaupt nicht herausgeben können. Was wie eine Vervollständigung erschienen wäre, wurde von dem Schicksal bedroht, im Kern der Sache eine Verkrüppelung zu werden. Primitivster Fall: ich bewahre im Gedächtnis sinngetreu etwas Eindrucksvolles, Abseitiges, dessen Wort-Original ich überhaupt nicht festzustellen vermag. Vielleicht hat es sein berühmter Autor gar nicht in Schrift festgehalten, Freunde oder Schüler mögen es kolportiert haben, und ein gelehrter Antiquar, der etliche Jahre daran setzt, könnte möglicherweise in irgendwelcher schwerzugänglichen Bibliothek eine zuverlässige Urkunde darüber erforschen. Aber auf solche Arbeit kann sich nur ein Spezialist einlassen, ein Lexikograph und Genauigkeitsapostel, der ganz im » Esprit des Autres « aufgeht, ein Büchmann, der eine lange Lebensarbeit für ein einziges Werk aufbietet. Ich dagegen mit meinem unbesieglichen Hang, auf Grenzgebieten zu streifen, ganz beherrscht vom Reiz des Vielseitigen und Vielfältigen, ich hätte mein eigenes Naturell verleugnen müssen beim ersten Versuch, mich einer Wort-Feststellung zuliebe auf eine unabsehbare Spürarbeit nach einer Richtung festzunageln. In solchem Fall gab es für mich nur eine Instanz, die nächstliegende, in der Minute erreichbare: mein Gedächtnis, allenfalls noch der Griff in meine Registraturen. Und wenn mir ein Verzicht als unvermeidlich nahetrat, entschloß ich mich allemal unbedenklich, die Wörtlichkeit aufzugeben, um das Wort zu gewinnen. Zahlreich sind zudem die Fälle, wo das schöne Wort sich in grammatische Abhängigkeiten verkapselt, in Verkettung mit anderen Sätzen der Urschrift auftritt, die im Original wichtig sind, aber im Extrakt störender Ballast werden. Das Kristallwort sitzt eingeschraubt in umständlichen Verhüllungen, die dem Leser erst durch lange Kommentare erklärt werden müßten, bevor er nur merkt, auf welchen kristallischen Kern es hier ankommt. Rund herausgesagt: so wie ich das Ewige Wort hinstellte, ist es im Urzustand oft genug nicht gesagt, geschrieben und gedruckt worden. Und um die Beichte zu vervollständigen: ich erachtete nicht bloß den Wortlaut für antastbar; nachdem ich erst die grammatischen Bänder gelöst hatte, übersprang ich vielfach die Barrieren der Formgestaltung; und wo mir die Ursprungsform schleppend oder undurchsichtig erschien, setzte ich die freie Paraphrase an die Stelle der Kopie. Zumal bei Übersetzungen aus Fremdsprachlichem nahm ich volle Beweglichkeit in Anspruch, und mein Gewissen wirft es mir nicht vor, daß ich zum Beispiel Gedanken des Michelangelo in meiner Weise metrisch frei gestaltete. Auf deutschem Sprachgebiet bietet der Herrlichsten einer, Rückert, Proben für die Notwendigkeit der Abtrennung, ja der Umgestaltung; denn bei aller Sprachmeisterschaft leidet seine Brahmanenweisheit, wie oft beklagt wurde, an Unübersichtlichkeit und Verschachtelung, an dem Nichtaufhörenkönnen und an der Überfracht der Gedanken, die einander erdrücken. Eines seiner edelsten Stücke »Dämmerklarheit« kann schon darum niemals zitierbar werden, weil seine Anfangszeilen »Wie nur die Schleuder kann in rechter Ferne wirken, So muß der Sinne Kraft auch eine Grenz' umzirken« einen unbeabsichtigten und irreführenden Widersinn ergeben. Millionen von Menschen haben über den grammatischen und logischen Fehler hinweggelesen, wie es ja auch eines Jahrhunderts bedurfte, ehe man in Emilia Galotti die Monstrosität »nicht ohne Mißfallen« entdeckte. Hier bei Rückert ist das falsch gestellte »Nur« der Hauptübeltäter, da es sich einschränkend an das Werkzeug klammert, anstatt an die »Ferne«. Dürfte es stehen bleiben, wenn etwa Goethe versehentlich geschrieben hätte: »Was ich nur leide, weiß, wer die Sehnsucht kennt«? Das hätte der Volksmund längst korrigiert. Im vorliegenden Fall nahm ich die Vollmacht lediglich aus meiner sprachlogischen Überzeugung; ich veränderte die zwei Rückertschen Zeilen eigenmächtig in: Wie nur in rechter Ferne eine Schleuder wirkt, So wird der Sinne Kraft vom Grenzgebiet umzirkt ... und erst hierdurch wird mit sicherem Auftakt für die ganze weitere Sentenz klar herausgestellt, was Rückert wirklich gewollt hat. Mit der Forderung »Los vom Buchstabendienst!« wiederholte ich, was sich in jeder Intelligenz gegen den Lippendienst wehrt, gegen die Nachbeterei des Wortes, das seine Autorität einzig auf die Formel stützt, »es steht geschrieben«. Auch für diese Forderung gibt es gute sentenziöse Vorbilder, so bei Lord Byron (nach Horaz): »Halt nicht zu sklavisch fest an deinem Hort, und Sinn für Sinn taugt mehr, als Wort für Wort «. Und den Wenigen, die es für angezeigt hielten, mich ob meiner Neufassungen zu rüffeln, möchte ich das kleine Albumblatt frei nach Oscar Wilde zueignen: »Die Wörtlichkeit! Ein Element, um feine Wortkunst zu vernichten; wer einen Stiefel – Stiefel nennt, der sollte schustern, statt zu dichten!« – – Soll ich nun hier, wo ich von meiner eigenen Beziehung zu Ewigen Worten rede, einige der vorzüglichsten herausgreifen, vielleicht um sie zu erläutern? Ich empfinde die Gegenargumente, möchte mich aber doch der Lockung nicht ganz entziehen; und aus dem Dilemma soll mir wiederum die Paraphrase helfen. Ich gebe also einige Fragmente in nachträglicher versifizierter Umformung, mit dem Vorbehalt: die ursprüngliche Prosagestalt bleibt übergeordnet. Die nachstehenden Epigramme sind nur als ergänzende Arabesken gedacht, auch insofern, als einzelne Exemplare nicht einmal als Prosastellen in den Ewigen Worten Unterkunft gefunden haben: Nach Descartes: Ich habe in meinen Schriften gebucht: Wo sich die Forschungstriebe regen Wird meist die Wahrheit vergeblich gesucht, Der Irrtum lauert auf allen Wegen. Wenn dies der menschliche Geist ermißt, Erkennt er des großen Gesetzes Walten: Was lediglich wahrscheinlich ist, Ist höchstwahrscheinlich für falsch zu halten. Nach Kirchenvater Augustinus: Der Zeitbegriff, so hört man dozieren, Ist äußerst schwierig zu definieren. Was ist »die Zeit«? Wenn keiner mich fragt, Wenn niemand mich zur Erklärung verleitet, Wird's mir von innen angesagt, Ich weiß dann genau, was die Zeit bedeutet; Doch soll ich erklären: was ist die Zeit? Bekenne ich meine Unwissenheit. Nach Aristoteles: Betrachten wir doch zwei Eintagsfliegen: Die eine liegt in den letzten Zügen Frühmorgens um acht, Die hat es im Leben nicht weit gebracht, Ihr zeigte die Parze verderblichen Sinn, Sie starb in der Blüte der Jugend dahin. Die andre hat länger vegetiert, Ist nachmittag um fünf krepiert, Erst dann fiel sie nieder zur Wiesenfläche; Sie starb, so sagt man: an Altersschwäche. Nach Quintilian: Ein witz'ger Spott schafft dir wohl selbst Ergötzen, Doch deinen Nächsten kann er leicht verletzen. Ganz gleich, laß deinen Geist vibrieren, Dein Spaß sei scharf, dein Scherz sei spitz, Denn leichter trägt sich's, einen Freund verlieren. Als einen guten Witz! Nach Montaigne: Als Schöpferkräfte am Teilen waren Von Reichtum und Kräften und Gütern im Land, Da sind sie nur einmal gerecht verfahren, Gerecht verteilten sie: den Verstand. Denn voll des Neides mit ihrer Gabe Fand ich die Menschen in jeglichem Lande, Wogegen ich keinen gefunden habe, Der unzufrieden mit seinem Verstande . * Nach Pascal: Wir forschen, dieweil wir forschen müssen, Und weil es der zwingende Drang so begehrt; Eine Kugel ist das menschliche Wissen, Die ihren Umfang beständig vermehrt ; Doch niemals läßt sich das Dunkle erhellen: Die Kugel, die immer weiter sich spannt, Vermehrt nur ihre Berührungsstellen Mit dem unendlichen Unbekannt . * Nach Larochefoucauld: Kommt unsern Freunden Unglück in die Quere, Dann wird von Mitleid unsere Brust geschwellt; Und doch: wir finden in des Freund's Misere Stets etwas , das uns nicht mißfällt. * Nach Chamfort: Das sah ich in der Begebnisse Wandlung: Ein Schurke beging eine ehrbare Handlung. Der Hundsfott hatte wahrscheinlich gedacht Mit kaum verhaltenem Kichern: Möcht' wissen, ob's so viel Vergnügen macht, Wie die anständ'gen Leute versichern. * Nach Hegel: Die Weltgeschichte im großen und ganzen, Die Weltgeschichte in allen Instanzen, Mit Geisteskämpfen und Völkerschlachten Ist als ein Lehrstoff zu betrachten. Wird alles erwogen und alles verglichen, So lehrt die Geschichte im Nahen und Fernen, So lehrt die Geschichte im wesentlichen Das eine: daß Menschen aus ihr nichts lernen! * Zusatz im Sinne Schopenhauers: Hierfür hat Hegels persönliches Leben Den allerbesten Beweis gegeben, Da er im geschichtlichen Lernbetrieb Der allerignoranteste blieb. * Nach Romain Rolland: (ganz frei nach versprengten Prosa-Splittern) Sehr wichtige These: Der Intelligente Eilt immer voraus dem Zeitmomente, Indem er von dem, was der andre begründet, Durchaus das genaue Gegenteil kündet. Und wem erst die große Technik eignet, Daß er sich selber beständig verleugnet Mit unverbrüchlicher Konsequenz – Der steht auf dem Gipfel der Intelligenz. Du siehst ein Theater und hast die Erklärung: Theater sind Tempel für Künste-Verehrung. Doch wenn du dich dieser Deutung erfreust, So höre auch eine Gegenbegründung: Theater sind für die Künste zumeist, Was Freudenhäuser für Liebesempfindung. Es gab eine Zeit, ich entsinne mich, Die sich zu deutlichen Werten bekannte; Da interessierte die Mehrheit sich Ausschließlich für das Interessante. Heut herrscht ein völlig veränderter Geist, Und ob es talwärts oder bergan geht, Man interessiert sich für das zumeist – Was einen eigentlich gar nichts angeht. Die beste Staatsform aufzufinden, ein unerschöpflich Thema, Und dessen Tiefen zu ergründen, bleibt ewig ein Problema. Prognose stellt dem Völkerleben Ein kundiger Thebaner:     Es wird bald mehr Republiken geben     Als völlig echte Republikaner! In meiner Sammlung sind mehrere meiner Freunde mit stattlichen Reihen eigener Worte vertreten. Der größte aller freilich, Albert Einstein , fehlt darin, denn als ich das Buch plante, stand er mir noch fern, und als er mir nähertrat, fühlte ich mich seiner Totalität so hingegeben, daß ich gar nicht imstande gewesen wäre, Einzelworte von ihm abzulösen. Sie sind innig verwebt mit seiner ganzen Figur, seinem Werk und seiner Lehre, sie fügen sich, wo immer sie blitzend auftraten, wunderbar in sein Weltbild, und als ich daranging, es in einem besonderen Band leichtfaßlich darzustellen, flogen sie mir von selbst zu. Noch heute sogar würde mir die Möglichkeit fehlen, einzelne Bemerkungen Einsteins als aphoristische Paradestücke hinzustellen, ich müßte mir sagen: Hand weg von solchem Beginnen, das selbst, wenn es gelänge, an Frevel streift. Dagegen waren die Werke anderer bedeutender Freunde geradezu einladend, und wo ich nur in den Schriften Fritz Mauthners und Walther Rathenaus blätterte, winkten mir die Blüten zum anthologischen Kranz. Das Wort »blättern« ist hier nur ein Hilfsausdruck; die Schöpfungen beider gehören, das darf ich sagen, vollinhaltlich zu meinem geistigen Inventar, sie sind mir gegenwärtig sowohl im Duktus als in ihrer aphoristischen Fülle. Fritz Mauthner war mir nicht nur journalistischer, späterer literarischer Kollege, sondern auch Lehrmeister, ohne daß ich jemals eine Lektion bei ihm genommen hätte. Die bloße Tatsache, daß er in zwanzigjähriger Geheimarbeit sein sprachkritisches Monumentalwerk gebaut hatte, wurde mir ein erschütterndes und erhebendes Lebensereignis. Vom Zeitpunkt seines Erscheinens an (1901) versenkte ich mich darin mit einem Studier-Heißhunger, wie er mich zuvor noch bei keinem Geisteswerk befallen hatte, und ich brauchte beinahe zwei Jahre, ehe ich auch nur aus dem ersten furor philosophicus zu einer abgeklärteren Auffassung herausfand. Sprachkritik als tiefste Quelle der Erkenntnis! Alles, was ich bis dahin aus Plato, Kant, Schopenhauer erfahren hatte, verblaßte mir in den ersten Monaten, da ich tatsächlich die Weisung » nocturna versate manu « verwirklichte, bis tief in die Nächte hinein. Nur einmal, besann ich mich, hatte mich ein Ideensturm mit ähnlicher Vehemenz geschüttelt, im Primanerjahr, da mir zuerst die analytische Geometrie des Descartes ins Bewußtsein rückte. Aber das war ja damals für mich ein außerweltlicher Heros, während dieser neue Cartesius mit seiner Analysis des Denkens mir ganz nahe stand, als mein Freund Fritz, in täglicher Berührung, in gemeinsamer Tätigkeit journalistischen Berufs! Ja, das war niederdrückend. Die persönliche Beziehung entschwand mir bei der Vorstellung, daß dieser Mauthner, der Feuilletonist, Theaterkritiker, Romanschreiber vielleicht ein Phantom sei, ein Mahadö , der zeitweis unter uns wandelte, während er eigentlich auf der Spitze des Himalaya wohnte. Dann aber meldete sich wieder, zuerst schüchtern, dann zum Vorsatz wachsend die Hoffnung: wenn dieser sich so hoch zu schwingen vermochte, warum sollte nicht auch ein anderer aus der Niederung des Denkens zu selbstständiger hoher Forschung aufsteigen können? Eine Ermutigung trat auf: war erst einer soweit, Mauthners Probleme mitdenken zu können, so öffnete sich ihm eine Welt neuer Probleme, und die Stärke, mit der man von dieser Aussicht ergriffen wurde, war zugleich das Maß des Willens für die Bearbeitung noch fernerer Gebiete. Viel seelische Bedrängungen hatte man dabei zu bestehen, aber auch diese konnten ja nichts anderes sein als gärende Symptome künftiger Möglichkeiten. Es vollzog sich natürlich nicht so, daß man unter dem Antrieb des Sporns sofort lossprang in uferlose Werkprojekte; aber die Aussicht durfte nicht mehr verloren werden, einmal etwas zu erreichen, wovon vorläufig und auf Jahre hinaus kaum mehr vorhanden war als eine verschwimmende Ahnung. Ich unterscheide hier geflissentlich zwischen Eindruck, Beeinflussung und Auswirkung. Es ist mir Pflicht und Herzensbedürfnis, die sehr starke Beeinflussung obenan zu stellen, ich glaube es aber vertreten zu können, wenn ich erkläre, daß ich meinen Nachen nicht einfach an Mauthners großes Fahrzeug angebunden habe, um es im Kielwasser nachschleppen zu lassen. Gleichgültig wie schnell oder wie langsam ich vorwärts kam, ich fuhr doch immer mit eigenen Rudern, auf nicht vorgezeichneten Linien, nach Zielen, die mir selbst erst während der Fahrt kenntlich werden sollten. Was nicht ausschloß, daß ich mich in meinen Arbeiten vielfach auf ihn bezog und ihn fleißig zitierte; so besonders auch in dem vorgenannten Buch, dessen Existenz ja schon an ein Mauthnersches Postulat anknüpft. Nämlich genau genommen ist gar kein Büchmann Vorläufer jener Sammlung, sondern ein Mann aus dem dritten Jahrhundert, Diogenes von Laerte, der als Wort-Überlieferer für die Geschichte der Philosophie größte Wichtigkeit beansprucht. Diesem Grammatiker und Fürsten aller Kompilatoren galt die Vorliebe Mauthners, der eine besondere Zitierkunst anerkannte und ihr gern einen Rang auf dem Parnaß gesichert hätte. In seiner Sprachkritik befindet sich eine schroffe Äußerung, die uns beiden wiederholt als Thema für Unterhaltungen und Pläne diente: »Die älteste griechische Philosophie ist darum so reizvoll, weil wir nur Aperçus von ihr übrig haben, die persönlichen Ausgangspunkte. Von Plato bis Kant haben wir leider die Systeme vollständig konserviert; und die Geschichtsschreiber der Philosophie gießen noch Wasser ins Meer, indem sie sich bemühen, ein System in die Systeme zu bringen. Ein Diogenes Laertius tut uns not, der naiv die Aperçus sammelte.« Wenn ich mir nun zutraute, nicht etwa der neue Laertius zu werden, aber doch zu zeigen, daß er möglich wäre, so bot sich mir neben vielen anderen auch Mauthner selbst als ertragreiches Objekt für systemloses Excerpt. Im Büchmann von 1907 ist er, wie Pascal mit knapp einer halben Zeile bedacht, mit den drei Worten: »Nach berühmten Mustern«, die von seiner Wesenheit nicht das allergeringste bekunden. Ganz natürlich; denn seine Worte sind noch nicht auf den Markt geflogen, wohl aber treffen sie Anstalten, um in die Unsterblichkeit zu fliegen. Bei der Auswahl war darauf zu achten, nur solche aus der Fülle herauszuholen, die auf engstem Raum Frappantes aussprachen und einen wesentlichen Bestandteil seiner Lehren wie in äußerster Komprimierung darboten. Also Gedankensplitter, die von der Keule eines Herkules abgesplittert sind: »Begriffe und Worte sind die unfruchtbaren Eunuchen , welche den Harem der Natur für den Sultan der Natur, den Menschen, bewachen, die Odalisken waschen, schmücken und singen lehren, aufgedunsene quiekende Eunuchen, die es unter denkfaulen Fürsten zu den höchsten Ehren bringen können, aber unfruchtbar bleiben.« »Der Mensch versucht mit Hilfe der Sprache Gedanken zu jagen, wie er mit Hilfe des Hundes Hasen jagt. Nur daß es bei der Gedankenjagd wie beim Kinderspielzeug zugeht: Hase und Hund hintereinander befestigt, immer gleich nahe, immer gleich weit; ... so daß man auch sagen könnte: Der Hase ist hinter dem Hund her, der Gedanke hinter der Sprache .« Das sind nur Proben, allein ich entsinne mich sehr vieler ausführlicher Traktate über Mauthner, die mit dem Aufgebot aller Gründlichkeit den Kern einer sprachkritischen Untersuchung nicht so hell verdeutlichten, wie diese wenigen Worte von ihn selbst. Man könnte sagen, daß Walther Rathenau in noch stärkerem Grade Aphoristiker gewesen ist, wenn man als Wertmaß die Menge zugrunde legt und das bei solch er Fruchtbarkeit erreichbare Optimum. Gerade weil er nach Naturell und Entwicklung Nichtsystematiker war, verwegener Unzünftler, der die Umwege über bereits Vorgedachtes abkürzte, geriet er so schnell an die Peripherie des aktuellen Denkens, und wo andere getastet hätten, war ihm der aphoristische Sprung der natürliche Schritt ins Unerschlossene. Ein recht lesenswertes Buch hätte entstehen können, wenn es mir möglich gewesen wäre, in meinen zahlreichen Gesprächen mit Walther Rathenau aus der Rolle des Zuhörers und Debatters herauszutreten. Das habe ich in den Entzückungen dieser Gesprächsszenen verabsäumt, und es mag auch fraglich erscheinen, ob mein berühmter Freund sich mir so mitteilsam gezeigt hätte, wenn bei mir eine Fixierungsabsicht merkbar geworden wäre. Abseits freilich habe ich versucht, mir aus der Fülle seiner Sentenzen allerhand wieder hervorzurufen, und dies konnte mir um so eher gelingen, als manches spruchweise Wort aus seinen Werken mich wie Anklang aus früheren Konversationen berührte; der Zusammenhang der gedruckten Sentenz mit dem gesprochenen Momentgebilde war unverkennbar. Schon im Titel seines Buches »Zur Mechanik des Geistes« schwingt der Sprachfittich. Das Wort von der (geistigen) »Mechanisierung« – heute beinahe ein Allerweltsbegriff – ist von seiner Herkunft, und ich habe es schon von ihm gehört, bevor er es noch befähigte, die ganze Wirklichkeit zu durchfliegen. So blitzte auch seine Auffassung aller sozialisierenden Strebung als einer »vertikalen Völkerwanderung von unten nach oben« ursprünglich als ein Gesprächsfunke. Eine künftige Geschichtsbeschreibung wird das horizontale und vertikale Völkerwandern als funktionell verbunden behandeln, ohne sich zu erinnern, daß der erste Ausdruck dieser Verbundenheit als einer unter vielen Einfällen herauskam, als ein Aperçu, wie das Heraklitische »Alles fließt«! In seiner Schaffensart erschien mir Rathenau dem Friedrich Nietzsche verwandt, dessen Stolz gar nicht höher hinauf wollte, als bis zur vollendeten Ausgestaltung des isolierten Merkspruchs. Der Aphorismus, sagt der Autor der Götzendämmerung, die Sentenz, sind die Formen der Ewigkeit; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder andere in einem Buch sagt, was jeder andere in einem Buche nicht sagt. Diese Negation muß bei beiden Männern vorangestellt werden: denn der Hauptwert des Aphorismus, auch bei Rathenau, liegt nicht darin, daß er von einem anderen zu einem Buch könnte ausgewalzt werden, sondern daß er selbst im Konto des Geisteswesens als ein Kleinod zu Buche steht. In meiner Sammlung stehen Atome; hier will ich sie abermals atomisieren und in wenigen Zeilen einen Extrakt des Extraktes geben: »Sehen wir einen Menschen dauernd in schiefen Situationen ... so fehlt es an ihm, nicht am Schicksal ; ... denn jeder Moment bietet ein Lebenslos, und keine Wahrscheinlichkeit gewährt einer reinen Hand in steter Reihe das Recht auf tausend Nieten. « »Die Seele will nichts und verspricht nichts; sie sagt nicht: »du mußt, auf daß«, sie sagt nicht: »du sollst, weil«, sondern sie sagt: »du wirst, denn du kannst nicht anders.« »Dem kindlichen Geist des Intellektualmenschen ist die Erde ein Grundstück , die Wiese ein Futterplatz , der Wald eine Forstwirtschaft , das Wasser eine Verkehrsbahn , der Stein ein Brennmaterial , das Tier ein Wild , Vieh , Raubzeug oder Ungeziefer, die Sonne eine Kraftquelle und ein Beleuchtungsmittel, der Mensch ein Konkurrent. Abnehmer, Vorgesetzter, Angestellter oder Steuerzahler – die Gottheit eine Behörde .« – – Bei zwei Gelegenheiten habe ich Walther Rathenau meinen besonderen Verehrungstribut gebracht, in dieser Sammlung, wo ich ihn geflissentlich in die Nähe der anerkannten Größen rückte, und in einem späteren sprachkritischen Werke, »das Geheimnis der Sprache«, das ich ihm zueignete. Zum ersten Anlaß erläuterte er launig, ich hätte ihn »in den Olymp geschmuggelt«, beim zweiten wurde er ernster. Brauche ich es zu verhehlen, daß mir der Echoruf des Freundes Freude bereitet hat? Sicherlich war er im Alltag nicht auf redselige Überschwänglichkeit gestimmt, und in persönlicher Debatte ging es nicht selten hart an hart. Aber wenn er eine ehrliche Huldigung mit rascher Feder erwiderte, dann strömte die Empfindung über ihn hinaus. Der nachstehende, hier nur im Auszug wiedergegebene Brief vom Oktober 1920 möge dies bezeugen: »Wenn die Götter es mit einem ihrer Getreuen gut meinten, so packten sie ihn beim Schopf und schmissen ihn an ihr Himmelszelt, wo er denn, hilflos verewigt, vor den Augen ungezählter staunender Geschlechter als schwer zu entzifferndes aber unvergänglich leuchtendes Sternenbild hängen blieb. Das haben Sie nun, Lieber und Verehrter, in gewalttätiger Güte mit mir getan, und Ihre armen künftigen Monographisten und Philologen werden die seltsamsten Vermutungen in ihren Abhandlungen vorzubringen haben, wenn sie das Vorgeheimnis des Geheimnisses der Sprache, die Votivtafel der ersten Seite erforschen ... »... Ich fühle in herzlicher Dankbarkeit, was es bedeutet, daß Sie gerade dieses Werk mir leiblich und geistig schenkten; ... der Einblick hat mir gezeigt, welch große Schöpfung Sie mir zudachten ... »... Es ist das größte Beispiel, das Sie Land und Zeit geben: wie Not und Druck sich nur in schöpferischer Arbeit, allein in souveräner Freiheit Not und Druck überwindet ...« Um die Wahrheit zu gestehen: die Not, deren sich der Geistesarbeiter entbürden möchte, bleibt immer dieselbe; denn sie ist die Not der Probleme, und diese richtet sich nach Schwierigkeit gemessen nicht nach der politischen und wirtschaftlichen Konstellation, verharrt vielmehr bei ihrem Druck auch in den rosigsten Zeiten. Aber die Arbeit, die er als Nothelferin heranruft, stets fragevoll in ihren Ergebnissen, wird es fraglos nicht einmal bis zum Anschein einer Wirkung bringen, wenn sie sich nicht auf ein Bewußtsein stützt, das mehr und mehr zu verkümmern droht; ich meine den Respekt vor der Leistung anderer, das Prinzip der Verehrung an sich. Blick' ich umher im edlen Kreise meiner Freunde, der lebenden wie der Schatten, so fühle ich zumal in diesem Prinzip das Wesentliche unserer geistigen Gemeinschaft. Hätte es nicht schon Schopenhauer ausgesprochen, daß das Maß der Verehrung , das einer in sich aufbringt, zugleich das Maß seines Eigenwertes darstellt, so wäre das Wort fällig geworden in diesem Kreise, der die Niederbeugung jenes Prinzipes an so vielen Neuschaffenden in Nähe und Ferne schaudernd erlebt hat, zumal an den reformierenden Hundertschaften, die da Richtung mit Leistung verwechseln und sich für die neue Richtung wegetüchtig machen wollen durch Verachtung des historisch Gewordenen. Wo ihr solche Symptome bemerkt, in Programmen und Pronunciamentos, die der Zukunft alles verheißen, wenn man den Ballast der Vergangenheit über Bord wirft, glaubt nur: in diesen Köpfen rebelliert nicht die Fülle der Gedanken, sondern es ist die Kärglichkeit der Ideen, die gegen die Schädelwand lärmt. Der wahrhafte Neuerer, sogar der Stürmer, sofern er nicht nur Bresche schlägt, sondern Neuland erschließt, beginnt mit der Verehrung und ist gar nicht imstande, sie in irgend einem Punkte seines Schaffens außer Betracht zu setzen. Richard Wagners »ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven, ingleichen an ihre Jünger und Apostel« wird vorbildlich bleiben, und für diesen Glauben besteht zwischen Kunst und Wissenschaft kein Unterschied. Nur die Namen mögen wechseln, die persönlichen Exponenten des Bekenntnisses, die mit gleicher Gültigkeit Archimedes, Michelangelo, Locke, Goethe oder Gauss heißen könnten. Und auf die Stärke des Glaubens kommt es an, auf die Bewußtheit dieser Stärke in jedem Augenblick. Heut ist ein junger Künstler mit dem ganzen Mozart als einer belanglosen Nebenfigur fertig, ehe er noch recht anfängt, der Name Schiller entlockt spöttisches Grinsen, und mancher Vollbürger des zwanzigsten Jahrhunderts fertigt die gesamte Philosophie ab wie Schopenhauer den einen Hegel. Keiner kann über sich hinaus, und wenn einer nicht viel in sich hat, wird er auch nicht viel Verehrungswertes finden, das ihn zu beständigem, inbrünstigem Kultus anhält. Zwischen Gehirnarbeit und Verehrung besteht ein Verhältnis kalorischer Art: was sich unmittelbar zur Leistung umsetzt, wird Temperaturzufluß für die Verehrung. Es wäre denkbar, daß die Phrenologie späterer Zeit im Menschengehirn ein Verehrungszentrum nachweist, vielleicht benachbart der Andachtspartie in frommen Köpfen. Für diesen Fall wird die Annahme nicht fehlgehen, daß die stärkste Ausbildung dieses Zentrums bei denen anzutreffen ist, die auch sonst für ihren Intellekt die gültigsten Proben erbracht haben. Einen gewissen Gradmesser bietet der Tonfall, der garnicht etwa salbungsvoll zu sein braucht; aber es vibriert etwas vom Glücksgefühl des Sprechenden, wenn er das Objekt seines Kultus nennt; der Name wird lustvoll betont, und man berauscht sich an dem süßen Schauer einer Gemeinsamkeit, die oft über weite Zeitklüfte hinwegreicht. Wie sprach der kritisch-herbe Mauthner die Worte aus »Cartesius« – »Giordano Bruno« – »Spinoza« gleichsam als führte er sich ein Labsal zu, als wüchse er selbst, wenn er ihrer gedächte! So vernimmt man auch bei Albert Einstein den Klang der Apotheose, wenn er von Galilei redet, von Newton, Maxwell und Faraday. Nur banausischer Unverstand könnte vermuten, ein Großer vermöchte andere Große mit Herablassung zu nennen, weil er sie übertraf oder theoretisch überwand. Solche Banausen hörten etwas davon läuten, Einstein habe die alte Mechanik abgeschafft und besonders Newton in die Wüste geschickt. Könnten sie ihn nur sehen vor Newtons Bildnis in seiner Arbeitsstube, könnten sie nur seine Stimme vernehmen, wenn er den Namen der Gewaltigen ausspricht, mit einer Resonanz des Temperaments und der Herzenswärme, die ihn selbst bei jeder Wiederholung neu beglückt! Niemand kann über sich hinaus, aber ebensowenig unter sich hinunter: ein Bedeutender ist gar nicht imstande seine Tonart zu dämpfen, wenn er bedeutender Vorläufer gedenkt, er schwingt sich nicht künstlich auf, um das magistrale Register zu ziehen, da seine Brust für den Ausdruck des Moments gar kein andres Register beherbergt, als eben dieses. Banausisch wäre aber auch der Einwand, ich selbst hätte mich vom Verehrungsprinzip losgesagt, als ich beispielsweise meine antisokratische Ketzerschrift herausbrachte. Denn diese trägt ja an der Stirnseite deutlich genug die Tendenz, einen Götzenaltar nur deswegen abzuräumen, weil er soviele im Kultus der wahrhaften Gottheit Philosophie irre gemacht hat. Könnte ein Werk für das andere eintreten, so ließe ich hier mein allerletztes sprechen, das mir ganz und gar vom Respekt für das Vergangene eingegeben wurde und von dem Wunsch, mir selbst eine neue Renaissance zu bauen mit Stätten der Anbetung, in denen der wissenschaftliche Verstand Tempeldienste verrichtet. Allein ich bedenke den Spannrahmen dieses Kapitels und finde den schon reichlich ausgefüllt. Viel hätte ich noch zu erzählen von Plan und Gestaltung weiterer Schriften, zumal von der Verschmelzung phantastischer und realer, kritischer und romanhafter Bestandteile in ihnen, und eine besondere Aufgabe wäre es, zu entwickeln, wie sich die transzendent gestimmte Erwartung geistiger Zukunft mit der laudatio temporis acti verträgt. Vielleicht erlebe ich in einem noch ungeschriebenen, noch nicht einmal in der Skizze vorhandenen Kapitel hierfür die Gelegenheit. Aber schließlich bleibt alles skizzenhaft, was ein Autor über sich selbst aussagt, mag es auch nach Zeilen und Seiten sehr ausführlich herauskommen. Denn er möchte von inneren Erlebnissen berichten mit Mitteln der Sprache, deren grobe Zangen das Wesentlichste, Intimste der Vorgänge nicht erfassen. Wie soll man erlebten Verstandesdingen beikommen, wenn schon der Verstand an sich sich der wörtlichen Umklammerung entzieht? Im Griechischen heißt er Nous, Dianoia, Gnome, Gnosis, Episteme, Logos, wir erweitern die Liste noch durch Vernunft, Intellekt, Ideenbildung, Urteilskraft, geistige Findigkeit, Gehirnfunktion, kein Wort deckt sich mit dem andern, und die Vielfältigkeit aller zeigt uns die Unmöglichkeit, über den Verstand zu einer Verständigung zu gelangen. Es bleibt in der biographischen Mitteilung über Geschehnisse der Vernunft beim Vernünfteln, und wohl uns, wenn wir im Fluß der Darstellung das Rettungsseil der Metapher ergreifen. Sie hilft uns aus der Unzulänglichkeit der Sprache streckenweis heraus in das anschauliche Bild. Jean Paul hat jede Sprache als ein Wörterbuch abgeblaßter Metaphern erklärt. Es gibt aber genug helle Metaphern, die sich gar nicht ins Abstrakte verkriechen und sich ganz ehrlich als Bilder bekennen. Wenn sich in meinen Schriften lesenswerte Stellen befinden, so sind es zumeist die, welche sich um ein anschauliches Gleichnis bemühen. Also habe ich auch hier metaphorisch mich selbst als einen Arbeiter beschrieben, dessen Versuche an einigen Punkten Leuchtkraft empfingen durch die »Lichter ringsum«.