Joseph von Lauff O du mein Niederrhein 1930 Erstes Kapitel Wie schön ist die Erde! Alles grünt und blüht um mich, und drüben im Vorgehölz hinter der großen Weidenkoppel läßt der Vogel Bülow seine Wunderstimme vernehmen. Ich bin schon längst in das ›biblische Alter‹ getreten. Das sechsundsiebenzigste Jahr winkt mir aus nicht allzu großer Ferne herüber, und ich freue mich, just um diese Zeit im Land, wo ich meine Jugend durchlebte, weilen zu können. O du mein Niederrhein! Ich stehe auf dem Leedeich, der sich von Kalkar über Till und Huisberden bis zum Emmericher Eiland hinzieht. Rings um mich her, in dem unermeßlichen Grasland, bestickte der Herr die Weiten mit Salbei, Vergißmeinnicht, Wiesenschaumkraut und Kuckucksblumen. Es ist wie ein Zauber, diesen bunten Teppich aus den tausend Nächten und der einen Nacht vor sich ausgespreitet zu sehen. Just auf der nämlichen Stelle habe ich oft als kleiner Junge mit meinen Kameraden gestanden, und wenn hoch über uns ein Storch langsamen Fluges vorübersegelte, riefen wir sehnsüchtig in den blauen Himmel hinein: »Euwer, Euwer, pillepoot, breng ons Moeder en Kindje!« Alle Ortschaften, die um mich liegen, weiß ich mit Namen zu nennen. Ich kenne ihre Kirchtürme, ihre Garten und verträumten Katstellen, ihre stolzen Gehöfte und alle die Menschen, die diese stolzen Gehöfte und verträumten Katstellen bewohnen. Hier weint es, dort lacht es, hier wird eine sanfte Geige angestrichen, die anmutet, als zöge eine herzinnige Freude über die Gegend, und drüben ... eine Sterbeglocke schlägt an, um irgendeinem guten Bekannten das letzte Lied in die Grube zu singen. O du mein Niederrhein! Einer gesellt sich mir. »Was – Kapitän Hemskerk?!« »Tag, Jupp, bin ich noch immer.« Wir schütteln uns die Hände und bleiben mehrere Tage zusammen. Er hat vieles auf dem Herzen. Bei einer Tonpfeife und einem Glase Bordeaux beginnt er leise zu sprechen. Was er mir sagte, habe ich niedergeschrieben. Es war einmal... und dennoch ist es erst in den jüngst verflossenen Jahren geschehen. So hört denn. * Ein Hahn krähte. Es war ein prächtiger, opulenter, federflunkeriger, wenn auch etwas abgemergelter Cochinchinahahn, der mit heller und herausfordernder Stimme in einen sonnigen niederrheinischen Herbstmorgen hineinjubilierte. Das Prächtige und Federflunkerige verdankte er seiner äußeren Aufmachung, seinem inneren Gehalt, das Abgemergelte seinen zahlreichen Frauen und Nebenfrauen, die mit ihren Reizen nicht haushielten und allzeit in hellen Scharen um ihn herumkakelten. Von einem Torpfosten der Einfahrt aus, die in die Behausung des jungen Revierförsters Reiner Auwater führte, besang er seinen vielköpfigen Harem, die mit Herbstzeitlosen bestickten Wiesen und Triften, die stillen Altwasser, die weite Niederung ohne Anfang und Ende. Die Welt stand in Gold. Der Klever Reichswald brannte aus weiter Ferne wie eine feuerfalbe Lohe herüber. Die Türme von Emmerich grüßten von jenseits des Rheines, und um die Ziegeldächer des benachbarten Huisberden schaukelten sich die überständigen Blätter der kanadischen Pappeln wie Feuerfliegen in laulichen Sommernächten. Der opulente Hahn krähte zum andern. Er war nicht allein. Außer seiner weiblichen Gefolgschaft bewunderte ihn ein rundliches, appetitliches Wesen, die noch immer anmutige Frau des Küsters und Kantors des nahegelegenen Kirchspiels, die just dabei war, der betagten Mutter Auwater im Försterhause eine Stippvisite zu machen. Besagtes Forsthaus lag in einem Vortrupp von Gehölzen und Heiden, von immensen Salweidendistrikten umgeben, die sich bis an den Rhein und das Emmericher Eiland erstreckten. Dem strebte die Küstersfrau zu. Der Hahn hielt sie auf. Mit runden Augen, die weißen Hände um ihr molliges Fürtuch gelegt, betrachtete sie den herzhaften Kräher, diesen Ritter mit den goldenen Sporen. Auch die herumschweifenden Hennen nahmen ihr ganzes Interesse in Anspruch. Nein, waren die glücklich zu preisen! und ihre Gedanken wanderten ab, bewegten sich in selige Gefilde und suchten die Zeit aus, während welcher sie als Zweitmädchen bei dem Knollen- und Rübenlakalier Baron Gisbert Kreuzwendedich von Riswyk auf Haus Borghees bei Emmerich in Stellung gewesen. Gott, diese Zeiten, dieses gefühlvolle Hindämmern zwischen süßem Nichtstun und den niedlichen Aufmerksamkeiten eines alleinstehenden Junggesellen! – Aufmerksamkeiten, die beinahe vor Traualtar und Standesamt geführt hatten, wäre da nicht so ein verflixter weitläuftiger Onkel mit braunrotem Pontakgesicht und Einglas dazwischengetreten, um in kraft seiner Amtsgewalt und herrischen Einwendungen die preziös eingefädelte Angelegenheit wieder auseinanderzuzwirnen. Leider, leider! Denn was hatte sie jetzt? Sie, die unter dem Namen die ›Semmelfüchsin‹ die Umwelt in Aufruhr versetzt und den Mannsleuten der gesamten Flurkarte die Köpfe verdreht hatte, womit konnte sie in der heutigen Stunde noch aufwarten? Lediglich mit dem Küster und Kantor von Huisberden, 'nem Sack voll lärmender Kinder und 'nem Anwesen, in dem die Dickwurze auch nicht mastiger gediehen als die in andermanns Gärten. Alles, nichts weiter! Gewißlich, ihr Gatte, Herr Severin Stappers, war als solcher, als gewissenhafter und kirchentreuer Beamter höchlichst zu preisen, sein Lebenswandel konnte vor Gott und den Menschen bestehen, sein Gehabe war das eines gerechten und aufrechten Mannes, aber bei Licht besehen: gegen den Knollen- und Rübenkavalier Gisbert Kreuzwendedich von Riswyk auf Haus Borghees bei Emmerich, gegen diesen jovialen und splendiden Schwerenöter mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe konnte Severin Stappers nicht aufkommen, selbst dann nicht, wären ihm die Schätze von Golkonda und die des Maharadscha von Lahore zu eigen gewesen. Früher und jetzt! Immer wieder mußte sie an Gisbert Kreuzwendedich denken, immer wieder traten ihr die traulichen Begebenheiten der längst dahingegangenen Tage vor die erregte Seele, vornehmlich jetzt, wo der stolzliche Hahn so herausfordernd krähte und die Hennen ihn anblinzelten, als hätten sie in ihm das Ideal aller Ideale gefunden. »Ach Gisbert ...!« Frau Engelke Stappers wandte sich ab. Sie wollte nichts mehr sehen und hören. Traurigkeit wandelte sie an. Sie beneidete Hahn und Hennen und alles, was berufen war, dem niedlichen Gott Amor ein Kränzlein zu flechten. Also fort damit! und energischen Fußes durchschritt sie die Torfahrt, um auf kiesbestreuten Wegen das kleine Haus zu gewinnen, woselbst der junge Revierförster Reiner Auwater mit seiner betagten Mutter ein einsames Dasein führte, in diesen unfrohen Zeitläuften der Heimsuchung der Schmach und der Schande gedachten, die darauf ausgingen, alles Hohe und Überkommene unter die Füße zu treten. Frau Engelke Stappers ging durch leuchtende Herbstblumen. Alle Rabatten des Anwesens strotzten davon: Astern, Kapuzinerkressen und Zinnien ... und als gedächten die mastigen und buntscheckigen Dahlien der üppigen Frau eine solenne Ovation zu bereiten, hatten sie sich zu beiden Seiten des Pfades in Paradestellung aufgepflanzt, wie Gardefüsiliere im Gliede, straff und farbenprächtig, die schwefelköpfigen auf den äußersten Flügeln. Nein, dieses Paradieren und Blühen! – und dabei krähte der Cochinchinapascha seine prächtigste Note, ließen die herumschweifenden Hennen ihr zärtlichstes Gackern vernehmen, schaukelten die überständigen Blätter so glitzernd und reichhaltig von den Bäumen herunter, als gälte es, die pummelige, adrette und sehnsuchtshungrige Frau Engelke Stappers mit lauterem Gold zu umkleiden. Alles und jedes atmete Liebe und Hingebung. Die sterbende Natur suchte noch einmal ihren köstlichsten Glanz zu entfalten, noch einmal unter heißen Küssen sich und die Welt zu umarmen. In Schönheit wollte sie hingehen, in reicher Anmut ihren letzten Seufzer dahingeben. Just um diese Stunde war Mutter Auwater, eine weiße, zutunliche Frau mit einem frischen Paradiesapfelgesichtchen, eifrigst dabei, den Tisch zu spreiten und für das zweite Frühstück herzurichten. Sie erwartete Reiner, der auf einem Reviergang begriffen, bald zurückkehren mußte. In das sonore Tacken der alten Standuhr, deren Perpendikel behaglich in dem weitbauchigen Kasten rumorte, mischte sich das subtile Klimpern von Tassen und Unterschälchen. Sie ordnete jegliches mit Umsicht. Leicht ging ihr alles vonstatten. Achtsam und freundlich verstand sie es, den schlichten Gedecken eine ansprechende Aufmachung zu geben, mit dem Reiz des Anheimelnden die blauweiß gewürfelte Spreite zu schmücken. Ein lustiger Strauß von Herbstblumen zierte die Mitte. Außer der Bunzlauer Kaffeekanne, die noch auf dem Küchenherd des Aufgusses harrte, mutete die sorgliche Herrichtung so feierlich an, als wäre sie aus einer preziösen Glasservante mit Spiegelscheiben genommen. So, nun konnte ihr Reiner erscheinen, nun durfte sie mit ihrem Ältesten, der ihr überaus lieb und teuer war und ihren Lebensabend mit einer Goldfolie abgrenzte, ein kleines Plauderstündchen verleben ... und so saß sie denn, die Hände ineinandergeschlagen, still und verträumt, und harrte des Sohnes, als heimelig und zaghaft angeklopft wurde. Mutter Auwater erhob sich. »Kommt benne!« Leise seufzte die Tür in den Angeln. Mutter Auwater machte kreisrunde Augen. »Herr Jeses! Meine liebe Frau Stappers, was verschafft mir die Ehre?« »Je ja!« sagte diese, während ihr spitzes Züngelchen wie das einer seidenfadigen Miezekatze die roten Lippen umschleckerte, »man muß gute Nachbarschaft halten, denn ohne diese ist das heutige Leben kaum noch als Leben anzusprechen. Alles geht seinen konträrigen Weg, die Liebe zur Menschheit powert so allmählich aus, und wenn man in diesen hundsföttischen Zeiten, in welchen die besten Eingebungen wie Treibholz abstrudeln, die freundschaftlichen Beziehungen nicht hochhalten täte, man verkäme ja bei lebendigem Leibe, ohne noch einmal nach Atem schnappen zu dürfen.« »Das ist weise gesprochen. Darunter kann ich mein allerheiligstes Amen nur setzen.« »Meine ich auch, denn ohne dieses erfröre einem direkt das Vaterunser im Munde zusammen. Werktätige Liebe, die tut es. Ich mache gleich auf Emmerich zu, und da möchte ich fragen, ob ich nicht der Barmherzigkeit wegen eine Bestellung mitnehmen könnte. So wäre für Sie doch eine Reise erspart, und was mich anbetrifft: es ist gerne gegeben.« »Zu gütig, meine liebe Frau Stappers. Ja, ich habe 'ne Bestellung zu machen. Mit Freuden nehme ich an. Aber alles mit 'ner gewissen Andacht. Vielleicht erst ein Schälchen mit Kaffee gefällig?« »Warum nicht? So was ist immer bekömmlich, und wenn ich so hier die mollige Stube betrachte ...« »Na, schön denn,« und während Mutter Auwater sich in der Küche beschäftigte, um die Bunzlauer Kaffeekanne zu richten, das brodelnde Wasser auf den Ansatz zu gießen, machte sich's die hübsche Semmelfüchsin bequem, nahm den kommodesten Sessel am Tisch ein und ließ ihre viven Augen von einem Mobiliar zum andern pilgern. Nein, hatten die Auwaters 'ne genügliche Wohnung! Das blinkte und blenkerte man so, zumal die liebe Morgensonne auch das Unauffälligste in den frischesten Couleuren erscheinen ließ. Sie liebkoste alles und jedes, spiegelte sich in den blanken Läufen der Büchsen und Flinten wider, die sich schnurgerade ausgerichtet im Gewehrschrank befanden, umschmeichelte die Geweihe der kapitalen Brunfthirsche und flocht ein güldenes Kränzlein um das Bildnis des wackeren Hegemeisters Heinrich Auwater, den eine hinterlistige Spartakistenkugel allzufrüh in die ewigen Jagdgründe verwiesen hatte. Dicht nebenan dämmerte ein Rotkehlchen seine anspruchslose Waldstrophe in die Stube hinein, glitzerklar, duftig wie Thymian und Waldmeister, gleichsam aus bunten, nadelfeinen Glasfäden gesponnen, die sich verwirrten und wieder entwirrten, um letzten Endes wie eine stille und hoffnungslose Sehnsucht zu sterben. Engelke Stappers wurde gerührt. Die Tränen wollten ihr kommen. Sie dachte an längst dahingegangene, verwunschene Tage... und in dieses Sinnen hinein... »So, meine Liebe ...« und während Mutter Auwater die Bunzlauer Kanne zubrachte, einschenkte, Sahnenäpfchen und Zuckerdose anpräsentierte und sich schließlich neben die Semmelfüchsin placierte, meinte sie freundlich: »Bei Ihnen zu Hause ist wohl alles in bester Verfassung.« »Ich danke der Nachfrage. Es geht ja so ziemlich, aber bei Licht besehen, ist doch viel Talmi dazwischen geraten.« »Das wäre denn doch! Wie kommen Sie bloß auf Talmi? Sie und Ihre Angehörigen leben wie Turteltauben zusammen. Ehe und Haushalt sind mustergültig, und wenn man dem Kirchspiel Glauben schenken darf, haben Sie die große Nummer gezogen.« »Ja, das sagen Sie so, meine liebe Frau Auwater, aber alles in allem genommen kann ich diesem nicht meine volle Estimierung erweisen. Gewißlich: mein kleines Pröhlzeug ist außer Wettbewerb, kann seine Lex wie am Schnürchen, ist auch gut in der Christenlehre. Die Säuglinge natürlich machen noch Umstände, aber das tut nichts. Auch über Severin kann ich nicht klagen. Er stellt seinen Mann und hat seine großen Verdienste, denn wenn er sich mit dem Herrn Pastor auf den Versehgängen befindet, die Messinglaterne vorträgt, um Jesu Christi willen mit dem silbernen Schellchen daherbimmelt, dann wird es den Sterbenden leicht, die ewige Ruhe zu finden, sich gewissermaßen auf die weißen Strümpfe ins Himmelreich zu begeben. Indessen, da sind noch andere Dinge, die einem das Dasein weniger erfreulich gestalten, Dinge ...« und ihre Stimme wurde zu einem wehen und heimlichen Flüstern: »Zärtliche Dinge, die kaum das Licht des Tages vertragen und sich glücklich fühlen, wenn sie das Düster einer Speck- und Räucherkammer um sich wissen, denn nur so können sie alter Zeiten gedenken, ihre Freude und ihr zugemessenes Leid beziehen.« Sie sah bedrückt vor sich hin, nahm ihr Kaffeelöffelchen und begann fahrig in der duftigen Brühe zu rühren. Mutter Auwater legte ihr begütigend die Hand auf die Linke. »Darf man nicht wissen, meine liebe Frau Stappers...?« »Man darf, man darf!« flötete die Semmelfüchsin, machte verliebte Nasenlöcher und legte das Kaffeelöffelchen behutsam auf seiten. »Um es mit einem Worte zu sagen: Ich kann nicht vergessen. Es ist wie 'ne alte und ganz absonderliche Wundergeschichte, und die hakt mit dem Blut des heiligen Januarius mächtig zusammen. Selbiges nun, wie 'ne schöne Legende verkündet, befindet sich für gewöhnliche Zeitläufte in 'nem eingetrockneten Zustand. Wenn man aber das Fläschchen mit unschuldsvollen Händen berührt, dazu dreimal hintereinander das Vaterunser von rückwärts herbetet, beginnt es zu fließen und aufzukochen, als säße ein überirdisches Feuer dahinter.« »Nicht möglich!« »Aber es ist so. Davon läßt sich kein Tiftelchen abdividieren, denn ich hab's mit eigenen Augen in 'nem ehrwürdigen Geschichtenbuche gelesen... und wie das mit dem getrockneten Blut des heiligen Januarius bestellt ist, so ist das just so mit meinem eigenen Herzen bestellt, denn wenn ich es mit irgendeiner angenehmen Erinnerung betippe, beginnt es aufzukochen und heimlich ins Fließen zu kommen.« »Ach, Sie...!« »Meine liebe Frau Auwater, ich kann es nicht ändern, und wenn Sie verstatten, ich bin gerne erbötig...« »Ich bitte darum.« Frau Engelke Stappers legte bewegt ihre runden Hände um die Fülle ihrer schnacken Weste, ließ die Augendeckel herunter und sagte: »Das ist nu wohl so vor zehn Jahren gewesen. Da befand ich mich auf dem Hause Borghees bei Emmerich in 'ner gehobenen Stellung. Dort war alles vom obersten Ende. Ich konnte nicht klagen. Meine Tage schaukelten sich dahin wie Schmetterlinge über Butterblumen und Maisütchen, kurz, ich brauchte nur mit dem linken Auge zu plinkern, gleich war der junge Baron Gisbert Kreuzwendedich von Riswyk dabei, mir den geheimsten Wunsch zu verstatten, mir die schönsten Erfüllungen für die Zukunft in Aussicht zu stellen. Aber da eines Tages...« Ihre Stimme zerbrach. Eine einsame Träne begann leise zu fließen. Kaffeeschälchen, Zuckerdose, das delikate Weißbrot und die spendierte westfälische Mettwurst, alle diese einladenden Genüsse hatten der erregten Frau nichts mehr zu sagen. Sie weinte. Mutter Auwater sprach ihr begütigend zu. Allein nichts wollte verfangen, bis sie schließlich in die Worte ausbrach: »Aber wie kommen Sie jetzt auf diese alte Geschichte? In diesem Momang, wo Sie doch Ihren Severin und Ihre schuldlosen unmündigen Kinder besitzen?« »Ach, Gott – ja...!« und die Semmelfüchsin wisperte benaut vor sich hin: »Das eingetrocknete Blut des heiligen Januarius... es wurde berührt, denn ich hörte doch Ihren prächtigen Cochinchinahahn krähen.« »Christus! was hat denn mein Hahn mit dem heiligen Januarius und Ihrem Herzen zu schaffen?« »Meine liebe Frau Auwater, das ist es ja eben. Ich muß dabei immer an Gisbert Kreuzwendedich denken, denn er war auch so einer mit 'nem vollen Aweck und 'ner ausbündigen Lebhaftigkeit, immer kavaliermäßig, immer mit 'ner großen und aufmerksamen Liebe behaftet – bald mit 'nem Spitzenhäubchen als Sonntagspräsent, bald mit 'nem wohlwollenden Zutun und 'nem Champagnergläschen mit Pritzelwasser. Aber alles in Reinheit, alles in aloisianischer Schuldlosigkeit. Dann und wann kam zwar so 'ne kleine Amorettengeschichte dazwischen. Aber das tat nichts, denn ich konnte mich rühmen, in meinen Verhältnissen allzeit den Finger Gottes zu sehen, nicht um Haaresbreite auf die verkehrte Seite zu schielen. Das lohnte sich mächtig, denn vor meiner Eingebung war ich bereits so halber 'ne gnädige Frau Baronin geworden, zumal Gisbert schon die schwergoldenen Ringe in Bestellung gegeben hatte, eifrigst dabei, die nötigen Papiere zu's Aufgebot in Ordnung bringen zu lassen.« Mutter Auwater schlug die Hände zusammen. »Mein Gott, diese Aussichten!« »Und was für welche!« hieb die Semmelfüchsin blitzsauber nach. »Aussichten mit 'nem veritablen Grund und Boden unter den Füßen, bis letzten und furchtbaren Endes der Erb- und Monokelonkel erschien und wie 'n aufgeblasener Bronzeputer daherkollerte: Gisbert, entweder die Mamsell und die Liebe, oder Haus Borghees mit allen Zutaten und meine sonstigen Besitztitel werden anderweitig vergeben. Eins von beiden, denn das Ganze paßt nicht zusammen. Ach, du mein Göttchen! wollen Sie's glauben, meine liebe Frau Auwater: ich habe Gisbert Kreuzwendedich aufgeben müssen, nur aus dem Grunde heraus, ihn nicht außer Erbfall zu stellen. Ich tat es um Jesu Christi willen und der ewigen Barmherzigkeit wegen.« Ihre Stimme versackte in einem wehen Stammeln und Dahindämmern. »Aber Sie taten's, um den braven Herrn Stappers zu nehmen.« »Gewißlich, meine liebe Frau Auwater. Auf Borghees war meines Bleibens nicht länger. Die Verhältnisse spitzten sich zu, ich mußte mich sonstwo umsehen, um noch den nötigen Anschluß zu finden, und so bin ich denn auf Severin Stappers verfallen, bereu' es auch bis zur jetzigen Stunde nicht, denn wie schon oben bemerkt: er ist nicht von heute und gestern, riecht allzeit lecker nach Mannsleut', hält sich toujours proper im Zeug, und wenn er sich bei's Kerzenziehen befindet, kommt einem immer so 'n angenehmes Odol unter die Nase, aber Hand aufs Herz,« und ihre Rechte legte sich breit auf die Chiffonbluse, »dessentwegen brauche ich meine verjährte Liebe nicht in den Schornstein zu schreiben, denn ich bin bis zur jetzigen Stunde völlig kumpabel, als ehemalige baronliche Braut aller Welt offenkundig in die Augen zu sehen. Indessen, wenn mich eins bedrückt, so ist es der Umstand, daß Gisbert noch immer einhäusig ist, schwer daran trägt, sich ohne zweckdienliche Lebensgefährtin einrichten zu müssen. Da werden ihm die Tage zu lang und die Nächte zu Nächten, die in ihren riemigen Hirtzensprüngen kein Ende finden können.« Mutter Auwater nickte ihr zu: »Kann es mir denken... und wie geht es ihm sonst, ich meine...?« »Wie ich höre, ausnehmend gut. Er befindet sich in adretter und schuldenfreier Verfassung, denn nach dem Ableben des Onkels mit dem fatalen ›Entweder oder‹ ist dessen ganzer Besitzstand, mit Einschluß von Borghees und Liegenschaften, als erb- und eigentümlich an Gisbert übergegangen. Ich aber... wenn ich mich jetzt in den erhofften Umständen befände, könnte ich auf stund's im Auto oder mit sonstigen Kommoditäten ins Hochamt fahren, auch mich anderweitig honorig erweisen. Das ist es.« Ihre Partnerin winkte ab: »Lassen wir das, meine liebe Frau Stappers. Seien wir zufrieden mit dem, was wir haben, und seien Sie überzeugt: ich bin keine von denen, die den ersten besten Stein von der Landstraße heben, um ihn auf Ihre junge Liebe zu werfen. Das steht mir nicht an, dafür habe ich zuviel Estimierung Ihrer Person gegenüber, aber besser ist besser ... und Sie als nunmehrige Gattin und Mutter sollten ein Ende finden, dem Verlorenen nicht nachtrauern, eifrigst bemüht sein, den letzten Rest davon aus Ihrem Herzen zu reißen, denn ein solches Erinnern und eine solche aussichtslose Liebe haben bloß Leid im Gefolge.« Die Semmelfüchsin flocht die Hände zusammen. »Allerdings richtig,« sagte sie mit weher Betonung. »Leid in Masse, aber ein auserwähltes und heiliges Leid, das große Leid wie am Kalvarienberg, denn ein solches Leid findet Einlaß im Himmel, man kann wohl behaupten: wird besonders von der heiligen Jungfrau Maria in Schutz und Achtung genommen, wie überhaupt jegliche Liebe schmerzhafte Zutaten aufweist und gut daran tut, sich mehr oder weniger auf traurige Zeiten vorzubereiten.« Mutter Auwater fuhr erregt in die Höhe. »Das ist aber eine kühne Auslegung.« »Leider, so ist das. Ich habe sie auch bloß im Namen Gottes und im Namen meiner eigenen Seelenruhe verkündigt, weil sich daraus für meine Person bedeutsame Milderungsgründe ergeben, wenn ich auch nicht abstreiten will, daß manche Liebe weniger Leid besitzt, sogar triumphierend einhergeht, wie zum Beispiel ...« »Nein, meine gute Frau Stappers, ich kann nicht mehr folgen. Ihre Ausführungen sind bitter wie Wermut. Ich danke meinem Herrgott im hohen Himmel da droben, daß wir im hiesigen Forsthaus von der Liebe bis zur jetzigen Stunde noch kein Tiftelchen verspüren, und wenn sie erscheint, dann darf sie nur im Namen Gottes, durch mein mütterliches Zutun und meinen mütterlichen Segen erscheinen.« Die Semmelfüchsin erhob sich. Um ihre rosigen Lippen kringelte es sich mit dem feinen Kringeln eines Eidechsenschwänzleins. »Aber ich sage Ihnen: sie steht vor der Türe. Bloß abwarten. Sie werden noch Ihr blaues Wunder erleben.« »Und ich für meine Person bestätige nochmals: mein Reiner freit nicht und heiratet nicht, bevor nicht mein zweiter, der Klemens, die priesterlichen Weihen hinter sich hat, sich als seligmachender Kaplan in Amt und Würden befindet.« Die junge Frau legte ihr lächelnd die Hand auf die Schulter. »Warten wir ab. Der göttliche Amor läßt sich nicht abweisen. Der stört sich nicht an priesterliche Weihen und Würden. Der hat mit Ihrem Klemens gar nichts zu schaffen, überhaupt keine Gemeinschaft, läßt sich von ihm überhaupt nicht imponieren. Der greift sich einfach den andern und schießt mitten ins Schwarze.« »Und das ohne mein Zutun?« »Ja, ohne Ihr Zutun!« »Frau Stappers,« und in den grauen Augen der Alten begann es mit erregten Fünkchen zu spielen, »was Sie auch aufstellen – gegen mein Wissen und Wollen wird sich Reiner niemals verloben, niemals, so wahr ich hier stehe.« Die Semmelfüchsin blieb die verkörperte Ruhe. »Dann lassen Sie sich sagen, meine liebe Frau Auwater, er hat's schon.« »Wa ...was ...?!« »Vollständig fertig, und das in Ehren und mit heiliger Inbrunst.« »Christus, wer ist's denn?« »Um es mit einem Wörtchen zu sagen: dem Kaptän Pitt Hemskerk die seine.« »Was – Jakobine ...?!« »Ja, Jakobine, die schöne Jakobine, Jakobine Hemskerk aus Grieth, nach der sich alle die Finger belecken.« »Himmel, seit wann denn?« »Seit gestern. Grieth und Huisberden liegen dicht zusammen.« »Also wirklich versprochen, ohne mir davon auch nur ein einziges Sterbenswörtchen zu sagen!« »Er wird seine Gründe wohl haben.« »Mein Gott und mein Heiland!« Mutter Auwater verfärbte sich, sank auf ihren Sessel zurück und sah verworren ins Leere. Durch ihr wehes Gesichtsfeld zogen graue und verwaschene Fäden. In diesem grauen und verwaschenen Gespinst verlor sich alles und jedes, was sie jemals an Vertrauen und Zuversicht, an Freude und Hoffnung in ihrem Herzen getragen hatte. Wie harte Kiesel fiel es ihr von den Lippen herunter: »Und so was muß ich an meinem Sohne Reiner erleben?! O du grundgütiger Himmel, o du Mutter der Schmerzen und der Barmherzigkeiten!« Die Semmelfüchsin fiel ihr energisch ins Wort: »Was, Sie wollen noch hier lamentieren, wo ich annehmen mußte, Sie hätten sich in dreifachen Seligkeiten befunden? Sie wollen hier die Miesmacherin spielen, wo die Erkorene aufwarten kann, Schwung und Freiheit ins Haus bringt, alle Spiegel ihr zurufen: Du bist die Schönste im Land und heilig berufen, 'nem Prinzen die Federposen anzuwärmen, ohne darüber erröten zu müssen? Sie sollten sich schämen, so den göttlichen Amor von ihrer Haustür zu weisen. Nein, so was ist auf Erden noch nicht jung geworden, seitdem ich vom lieben Herrgott meinen Atem beziehe.« »Alles schon richtig. Nur – ich kann es nicht fassen, meine liebe Frau Stappers.« »Das müssen Sie aber, wo Sie mit Reiner 'ne leuchtende Brautschaft betreten. Ich kenn' mich in Grieth und Nachbarschaft aus, denn wenn ich mir den Kapitän Hemskerk mit seinen majestätischen Rheinkähnen besehe, wenn ich mir seine Weidenkoppeln betrachte, die an vierhundert Morgen ergeben, dann kann ich nur sagen: Sie und Ihr Reiner haben in dreiundfünfzig nebeneinanderstehende Fettnäpfchen gegriffen, beziehen neben diesem grandiosen Profit noch 'ne extraordinäre Schönheit auf Lager, und wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie sagen: Frau Stappers hat ehrlich gesprochen. So – nu muß ich wohl gehen und hab' nur noch wegen des Auftrages zu fragen ...« »Ach ja!« kam es schluchzend zurück. »Wenn Sie so gütig sein wollen, möchte ich um 'ne Flasche ›Ruhrperlen‹ bitten. Reiner kann sie auf seinen Reviergängen gebrauchen.« »Wird in Bestellung genommen. Bei Michel Virgilis Tappert am Krantor sind die besten zu haben. Adjüs denn!« »Adjüs denn!« Mutter Auwater sah ihr mit toten Augen nach. Aber diese Augen wandelten sich. In ihnen stand plötzlich eine glänzende Helle. Ergeben legte sie die arbeitsfrohen Hände zusammen und hörte auf das märchensüße Singen des Rotkehlchens, dessen gesponnene Weisen immer zärtlicher und zutunlicher wurden. Zweites Kapitel Ach, dieses Liebeseelchen, dieses Sängerlein mit dem ziegelroten Brüstchen! Kein Schlaggärnchen hatte es in freier Wildbahn betört, kein verschlagener Vogelsteller es eingekäfigt. Aus freien Stücken war es erschienen, aus freien Stücken harrte es aus, um nunmehr seit Jahren seine anspruchslose Strophe im verschwiegenen Försterhause zu singen. So auch heute. Wie aus einem zarten Nebel heraus ließ es sein Stimmchen vernehmen. Leidvolles und Schmerzliches, Freudenreiches und Schönes, Vergangenes und Zukünftiges wirrte es bunt durcheinander. Es war wie das Klimpern von Rosenkranzperlen, wie das Weinen und Beten in einer Gnadenkapelle, um dann wieder wie das heimelige Läuten von Glockenblumen, das Rieseln eines Wiesenbächleins unter Salbei und Unserer Lieben Frauen Bettstroh zu werden. Unter diesem Singen und Sagen blühte das niederrheinische Land, schwebte die Mutter Gottes im blauen Gewand durch die Heide von Kevelaer, wurden Tränen gesammelt und Ringe gewechselt, wandelten Tage und Stunden, die voller Glorie waren, auch solche, die in ihren eigenen Tränen erstickten. Ach, dieses Liebeseelchen, dieses Sängerlein mit dem ziegelroten Brüstchen! Es ähnelte einem Märchenerzähler, einem Bringer der Freude, einem Träger der Unruhe. Sein Psalmodieren verstärkte sich, und Mutter Auwater hörte darauf, als klängen Engelszungen ihr zu, als redeten Geisterstimmen aus jenen Tagen heraus, die ihr nichts mehr zu sagen hatten ... und dennoch hatten sie ihr vieles zu sagen. Ihre Hände schlossen sich fester zusammen, ihr Kopf sank nach vorne. »Ave Maria!« Mit diesem Gruß auf den Lippen pilgerte ihre Seele in verflossene Zeiten hinein, während alle Geräusche im Hause verstummten, die sonst schon verschwiegenen Räume noch stiller und vereinsamter wurden. Die Erinnerung nahm sie beiseite, führte sie in den Garten der Anschauung und den der Betrachtungen. Spiegelbilder und Spiegelungen zogen an ihrem Geiste vorüber, deuteten hierhin und dorthin, hatten ihr vieles zu zeigen, wisperten ihr zu: »So warst du, so bist du geworden, so wirst du einst werden. Der Herr war dein Stab. Er schützte dich, er leitete dich, er führte dich nicht in Versuchung. Der Herr wird bei dir sein, wenn deine Hand erlahmt und dein Fuß zu schwer wird. Er wird dir den Schweiß vom Antlitz nehmen, wenn deine Tage gezählt sind und du dich danach sehnest, der Anschauung Gottes teilhaftig zu werden. Dein Leben war Liebe und Mühe, und dein Sterben wird köstlich sein.« Sie sah sich als kleines Mädchen zwischen Maßliebchen und Tausendgüldenkraut stehen, über sich den ewigen Himmel, zu ihren Füßen die unermeßlichen Wiesen, die sich bis nach Holland erstreckten. Sie sah sich als Jungfrau, feingegliedert, mit den köstlichen Reizen des erwachenden Weibes ausgestattet. Um Mannesliebe brauchte sie keine Sorgen zu tragen. Sie kam daher mit dem Schmeicheln des Sommerwindes, mit dem Brausen des Sturmes in laulichen Frühlingsnächten. Willig und gern gab sie ihr ein und ihr alles, ihre Mädchenblüte, dahin, um die Frucht zu empfangen. Und als sie empfangen hatte, nahm ihr Mann sie zwischen seine mächtigen Arme, drückte ihr einen innigen Kuß auf die Lippen und fragte mit heißer Stimme: »Bist du glücklich, Johanna?« »Ja, ich bin glücklich geworden,« gab sie lächelnd zurück, »glücklich durch deine stolze Liebe und dich.« Das beseligte ihn, und sein Bart legte sich um sie her wie ein fließendes Segel. Und sie gebar einen Sohn, den nannten sie Reiner. Solches geschah in dem Hause, das sie noch heute bewohnte. Die Zeit wanderte ab. Die Standuhr tat ihren ruhigen Gang. Nichts trübte den zarten Hauch der Ereignisse, die sich mit arbeitsamen und feiertägigen Augen aneinanderreihten wie die Spiele schuldloser Kinderherzen. Dann wieder gab Frau Johanna die Blüte des Weibes hin, um die Frucht zu empfangen. Und als sie empfangen hatte, nahm ihr Mann sie zwischen seine mächtigen Arme, drückte ihr einen innigen Kuß auf die Lippen und fragte zum andern: »Bist du glücklich, Johanna?« »Ja, ich bin glücklich geworden,« gab sie lächelnd zurück, »glücklich durch deine stolze Liebe und dich.« Das beseligte ihn, und sein Bart legte sich um sie her wie ein fließendes Segel. Und nochmals gebar sie einen Sohn, den nannten sie Klemens und gelobten zu Gott, ihn dem geistlichen Stande zu weihen. Solches geschah in dem Hause, das sie noch heute bewohnte. Die Zeit wanderte ab. Die Standuhr tat ihren ruhigen Gang, die Levkojenrabatten blühten in dem kleinen Kraut- und Gewürzgärtchen wie einst und ehedem, ohne Schaden zu leiden, ohne die Arten zu wechseln. Die Rohrdrosseln riefen ihr »Kärrekiek« so inbrünstiglich durch die weite Gegend, wie sie es immer getan hatten, von morgens bis in den späten Abend hinein, bis die Sterne an dem blauen Kattun des Himmels aufgeisterten und von der Allmacht Gottes erzählten. Die Kleinen wuchsen heran, freuten sich ihres ungebundenen Lebens, wurden zu Jünglingen, die das Herz der Eltern froh machten und Hohes verhießen. Heinrich Auwater, nunmehr zum königlichen Hegemeister ernannt, schaffte für viere. Seine Kulturen florierten, die ihm unterstellten forstlichen Reviere standen außer Wettbewerb, und wenn er spät abends kein Büchsenlicht mehr hatte, wie er zu sagen pflegte, trat er den Heimweg an, um bei Weib und Kindern die geruhsame Nacht zu erwarten. Dann aber, beim Zubettegehen, wenn das trauliche Rübsenöllicht im Schlafzimmer aufflämmerte und zitterige Kringel gegen die niedrige Decke zeichnete, nahm er seine Herzenskönigin zwischen die mächtigen Arme, küßte sie heiß, indem er ihr zuflüsterte: »Johanna, ich glaube, wir sind glücklich geworden.« »Ja,« gab sie mit dem Lächeln eines Weibes zurück, das sich beseligt fühlte, dem nichts mehr auf dieser Erde zu wünschen übrig blieb. Dabei legte sein Bart sich um sie her wie ein fließendes Segel. Das ging so fort und immer so weiter, ohne daß sich der zarte Hauch der Dinge und der Ereignisse trübte, bis sich eines Tages der Kaiser und sein Volk genötigt sahen, das Recht und die Ehre und das Heil des bedrängten und umzingelten Vaterlandes auf die Spitze des Schwertes zu stellen. »Mutter, es geht um alles, um Ehre, Leben und Sterben,« und eine schwere Faust rumpelte auf den Tisch, eine wehe Stimme sprach in den schwülen und dunstigen Sommerabend hinein: »Gott sei mit uns in seiner Kraft und Herrlichkeit ... und stütze das Volk in seiner Not und seinen Wirrnissen ... und mache das Gewürm und Geziefer zuschanden, das schon seit Jahren dabei ist, Deutschland, die breitschattige Eiche, zu ringeln, seinem Wurzelstock die Wohltat der Mutter Erde zu nehmen. Ich trage Sorge um vieles. Nicht um den Glanz unserer Waffen und ihrer strahlenden Führer. Aber schon der herrlichste Deutsche mußte einst fallen. Siegfried fiel. Leider Gottes sei es geklagt: er fiel durch die eigene Landsmannschaft, durch die Hinterhältigkeit und den Verrat eines Abwegigen ... und über die Gaue hin krächzten die Geier und Aasvögel, steht über dem Odenwald ein blutiger Schatten, ein Zeichen dafür: hier blutet die Schande für ewiglich, denn an dieser Stätte wurde der edelste Deutsche, wurde Siegfried erschlagen. Gott helfe uns allen und erbarme sich unser!« Ernst sah der Hegemeister in den Abend hinaus, über den Klever Reichswald hin, über dessen düsteren Massen sich das erste Sternenlicht zeigte, trüb und vernebelt, um bald wie ein armseliges Totenlämpchen zu verlöschen. »Amen,« sagte er leise. Die Wetterwolke brach los, warf seine züngelnde Lohe. Da marschierte Deutschland, marschierte mit aufgestülptem Visier, im blanken Eisen seiner gerechten und ehrlichen Sache. Auch Reiner zog mit, strahlend und leuchtend, als junger Forstbeflissener, den ersten Flaum auf den Lippen, während Klemens noch das Gymnasium in Kleve besuchte. Herr, stehe uns bei! Aber der Herr hatte kein Einsehen. Herrliche Massensiege! um letzten Endes im Sumpf zu ersticken. Statt glorreicher Friedenskränze das Grauen, an Stelle von werktätiger Arbeit und Freiheit die Verelendung eines ringenden Volkes auf Jahre hinaus, auf Menschenalter hinaus, unzählig wie die häßlichen Scharen der Prozessionsraupen bei ihren gefräßigen Pilgerzügen, bei ihrem Ziehen ohne Anfang und Absehen. »Die Hände unserer Feinde mögen verdorren ...« Der alte Hegemeister, jetzt weiß vor Entsetzen geworden, stand wie eine Säule im Reichswald, der im heißen Brand des Abends blutete, als wäre ihm eine tiefe, nie mehr heilende Wunde geschlagen. »Ja, die Hände mögen verdorren, die die Feder ansetzten, um uns das Diktat von Versailles aufzuzwingen. Aber ich diene, sonst geht in absehbarer Zeit mein Letztes und Heiligstes, geht der mir anvertraute Wald vor die Hunde. Ich diene – diene wie die Aufrechten dienen, um das Los ungeborener Generationen leichter zu machen, diene im heißen Gedanken an eine mögliche Stunde, die aus Schatten und Tränen die gepanzerte Faust stößt, willens, in Kraft eigener Machtbefugnis der Willkür ein Ziel zu setzen, dem Niedergang ein ›Bis hierher und nicht weiter‹ zwischen die Schläfen zu hämmern. Ich diene ...« und er diente mit zerrissener Seele und fliegendem Atem. Er kämpfte gegen die Schänder des Forstes, gegen das feige Gesindel, das unter der schmutzigen Flagge der Sonderbündler marschierte und Menschen und Vieh zu Tode hetzte. Er kämpfte gegen die ausposaunte Freiheit, den schreienden Hirsch wahllos auf die Decke zu schroten, gegen alles, was die Schneisen und Gestelle seines sakrosankten Waldes entweihte. »Ich diene ...!« und er diente im Sinne eines Starken in Israel, einer von den Stillen, aber auch einer von der alten Garde im Lande. Er diente bis zum letzten Atemzuge, bis zum letzten eigenen Abkämpfen. Seine Falkenlichter feierten nicht. Sie waren rings und überall, bei Tages- und Nachtzeit, in Finsternis und Sternenfeuer, und diese Falkenlichter machten ihm Feinde ... und da eines Abends ... In der Heideläufergemarkung, bei dem Wildgatter, wo die drei verkrüppelten Birken standen, fiel ein Schuß. Er bellte und kläffte. Die im Försterhause mußten ihn hören. »Mein Gott und mein Heiland, das ist nicht Vaters Büchse gewesen!« Und wieder ein Schuß, ein dritter, ein vierter. »Nein, das ist nicht Vaters Büchse gewesen! Gott gnade uns allen!« und Mutter Auwater warf ihre Arme zur Decke, um wie eine Sterbende niederzubrechen. Sie sah ein weißes Gesicht, und dieses Gesicht schaute sie an mit unendlicher Liebe. Nur drei Herzschläge hindurch. Dann senkten sich die Lider über die gebrochenen Augen. Sie fühlte sich mit heißem Blut übertropft, und dieses Blut war das Blut ihres Mannes. Sie spürte einen warmen Hauch auf den Lippen, wie sie ihn oftmals verspürte, und dieser Hauch war sein letzter Gruß aus dem Walde. Als man ihn brachte, ebbten ihre Tränen zurück wie die Flut nach einem schweren Seegang. Sie sah in friedliche Züge, die das Leid nicht mehr kannten. Ihre weiße Hand legte sich sacht über die Stirne des Toten. Ihre Lippen stammelten: »Nun hast du mir den ersten Schmerz getan. Er wird bei mir sein, bis wir uns wiederfinden in dem heiligen Licht, das wir auf Erden nicht haben. Das Höchste ist dir Pflicht und Erbe geblieben: Du dientest, und Gott ist barmherzig gewesen. Er nahm dir das Bitterste: den Untergang deines Volkes zu sehen ...« und als man ihn aufbahrte, das Frührot des neuen Tages durch die Scheiben fingerte, ließ sie das Fenster öffnen, um den laulichen Hauch des welkenden Laubes und den Duft der Mutter Erde ins Zimmer zu lassen, und siehe: ein Rotkehlchen saß auf dem Sims, regte die Schwingen, um sich bei der brennenden Kerze am Kopfende des Hingestreckten ein trauliches Plätzchen zu suchen. Es fand, was es suchte. Bald darauf hub es an, seinen freien Waldgesang, sein Zwitschern und Hindämmern durch die Stube zu zwirnen – ein Märchen in der Totenkammer, eine freundliche Note im Hause der Trauer und der Verstörung. »Ich bin die Auferstehung und das Leben,« so sang es. »Deine Taten wurden gewogen und nicht zu leicht befunden. Im ewigen Jerusalem wohnt die Vergeltung. Umkleidet wirst du mit dem weißen Kleide der Reinheit, denn wer die Treue bewahrte, nicht eid- und sichelbrüchig wurde, wird eines solchen Kleides teilhaftig für ewiglich, im leuchtenden Angesicht des Herrn ...« und während des Singens psalmodierten die Eichen aus der Ferne herüber, wölkten die alten Tannen, die ehrwürdigen Leviten des Reichswaldes, ihren Weihrauch um das stille Gewese, war es so, als begänne um die eingekerbten Lippen des Verstorbenen ein Lächeln zu spielen, das nicht von dieser Welt war, aber sich freute, den köstlichen Gruß von Forst und Heide bei sich zu wissen. Frau Johanna sah dieses Lächeln. Reiner stand ihr zur Rechten, Klemens zur Linken. Ihre Hände verflochten sich, ihre Herzen drängten enger zusammen. Eine unsichtbare Fessel umschlang sie wie mit einer eisernen Kette. Sie aber nahm ein Tüchlein und spreitete es über das Antlitz des Toten: »Lieber Mann, gehe in Frieden,« und sah Reiner an und ihren Jüngsten. Leise fiel es von ihren bleichen Lippen herunter: »Nun habe ich euch noch, sonst nichts mehr.« »Mutter ...! Mutter ...!« Nie wohl wurde das gebenedeite Wort Mutter so heilig gerufen, nie wohl war es von einem solchen Schmerze durchzittert, nie wohl von einem so stolzen Gelöbnis durchwoben. Aus dem Munde des Erlösers ist es nicht schöner und reiner gekommen, als sich die Stunde nahte, in der er das Haupt neigen und sterben mußte. »Mutter ...! Mutter ...!« und treu ihrem Schmerz, treu ihrem Gelöbnis, treu ihrem gebenedeiten Wort, das nicht heiliger und feierlicher von Golgatha über den Berg des Ärgernisses hinzog, trugen sie ihre Mutter auf Händen, ehrten sie sie, wie keine Söhne die Mutter noch ehrten, schafften für sie im Sinne des Verstorbenen und machten ihren Lebensabend zu einem köstlichen Abend. Nichts änderte sich in dem traulichen Forsthaus, keine Schilderei wurde verrückt, kein Möbelstück auf eine andere Seite geschoben. Waffen und Trophäen des Vaters standen auf Reihe wie einst und ehedem. Ein frischer Tannenbruch zierte täglich sein Bild, und wenn der Tag des heiligen Hubertus heraufgraute, die Nächte schon lange Hirtzensprünge machten und die Kapitalen zu röhren begannen, schmückte ein Eichkranz den Sessel, in dem er willig und gern die Sorgen der grünen Farben verschmerzt und sich ihrer stolzen Freuden erinnert hatte ... in nomine Sancti Huberti », im Namen aller, die es gut meinen mit Wald und Wild, die blühende Heide als eine hehre und keusche Frau ansprechen, die sich nur denen hingab und ihre märchenhaften Reize und Wunder offenbarte, die ihre heiße und große Liebe verdienten – in nomine Sancti Huberti und seiner erlauchten Gefolgschaft. Reiner wurde Folger im Amt. Mit heiligem Eifer befolgte er die Zuwachslehre und die Lehre vom Umtrieb. Überkommene historische Bäume waren sakrosankt für ihn und die Axt. Er stöberte die Wilderer auf, ließ jedem raren Pflänzchen sein Wachstum, um an ihm seine Freude, sein Genießen zu haben. Der Buchfink schmetterte ihm tagtäglich seinen ›Reiterhinzu‹, das Bächlein plätscherte daher, als gälte es, ihm den Morgengruß und den Morgensegen zu bieten. Als Heger und Pfleger – mit Siegfriedsaugen durchschritt er die Wildbahn, die Schneisen und Gestelle, die ihm überkommenen Reviere. Jedes Lebewesen fühlte und spürte: in ihm ist der alte Hegemeister aufs neue erstanden, wandelt sein Geist wie in den Tagen, da sie noch raunten und flüsterten: »O Deutschland, hoch in Ehren, o Deutschland, gebenedeit unter den Völkern der Erde!« Sein scharfgemeißeltes Gesicht, über dessen Nasenwurzel sich eine tiefe Rune aufstellte, schien wie aus Bronze gehauen. Gleich seinem Vater, so diente auch er, gleich ihm den wilden Schmerz um das Verlorene, Unwiederbringliche zwischen den Rippen. Wie Sankt Michael vor dem Paradiese, hielt er die Fahnenwacht in Forst und Flur, auf endloser Heide. Sein Arm reichte weit, seine Liebe noch weiter. Dem jüngeren Bruder gegenüber blieb er ein treuer Wardein und Sachwalter, verstattete ihm das Studium auf dem Seminar in Münster, die Anwartschaft auf ein keusches und gottwohlgefälliges Priestertum, auf daß er einst sprechen möge: »Ich bin ein guter Hirte und weide meine Schafe. Ich tränke sie morgens am Bronnen der Erkenntnis und führe sie auf den Anger der Duldsamkeit und den des Verzeihens. Ich lehre sie, dem Herrn zu geben, was des Herrn, dem Kaiser, was des Kaisers, auf daß sie nicht in Unrast geraten in diesem Tale der Tränen und dem der Anfechtungen.« Ja, sein Arm reichte weit, aber seine Liebe noch weiter. So vergingen ihm und den Seinen die Tage, die Monde und Jahre, und während all dieser Zeit, bis zur heutigen Stunde – das kleine Sängerlein mit dem ziegelroten Brüstchen, das nämliche Sängerlein, das dem hingestreckten Hegemeister an seinem Totenbette das freie Waldlied gesungen hatte, lieblich wie Himmelschlüsselchen, duftig wie der Ruch der Veilchen unter Bocksdornhecken, war im Försterhause heimisch geblieben, teils im Freiflug, teils in seinem mit Tannengrün umgitterten Bauer. Heute hatte es Freiflug. Wie aus einem zarten Nebel heraus ließ es bei jeder Tageszeit seine glitzerfeine Stimme vernehmen. Leidvolles und Schmerzliches, Freudenreiches und Schönes, Vergangenes und Zukünftiges wirrte es bunt durcheinander. Es war wie das Klimpern von Rosenkranzperlen, wie das Weinen und Beten in einer Gnadenkapelle. Es war ein Sängerlein auf Selfkantpantoffeln und dann wieder ein solches mit klingenden Silberschellchen. Es ähnelte einem Märchenerzähler, einem Bringer der Freude, einem Träger der Unruhe, und Mutter Auwater hörte darauf, als tönten ihr Engelszungen zu, als redeten Geisterstimmen aus jenen Tagen heraus, die ihr nichts mehr zu sagen hatten ... und dennoch hatten sie ihr vieles zu sagen. Ihre Hände schlossen sich fester zusammen, ihr Kopf sank nach vorne. So ruhte sie lange. Längst schon befand sich Frau Engelke Stappers auf der Chaussee, die in ihrem buntesten Herbstschmuck an den Rhein und nach Emmerich führte, als ein junger, riemiger Mann in grüner Farbe, die blauweißen Deckfederchen des Hähers am niedrigen Filz, dessen schmale Krempe die linke Ohrmuschel berührte, den Heckenweg heraufmarschierte, der von den Salweidenplantagen direkt auf die Landstraße führte. Wäre Frau Engelke seines Kommens sicher gewesen, zweifelsohne hätte sie an der Kreuzung ein Viertelstündchen zugegeben, um auch ihm ihre wärmste Teilnahme mit allen nur möglichen Wünschen für die kommenden Tage ans warme Jägerherz zu betten. Dem jungen Mann konnte es gleich sein. Die Büchse geachselt, federnden Schrittes, scharfnasig, mit Augen, die an die eines Falken erinnerten, rollte er den Weg unter sich auf, als wären seine Schuhe beflügelt. Dabei pfiff er den ›Jäger aus Kurpfalz‹ mit dem herzhaften Ton einer preußischen Pickelpfeife, um das ›Halli, hallo! gar lustig ist die Jägerei‹ frohstimmig in Gottes weite Landschaft zu singen. Wenn einem heute die Welt in Gold stand – ihm stand sie in Gold, zudem noch in leuchtender Maienblüte ... und mit dieser Welt in Gold und dieser leuchtenden Maienblüte unter dem Wams ging er seinem Heim und dem Försterhause entgegen. Als er sein wohlgepflegtes Gärtchen mit all seinen ergötzlichen Herbstblumen erreichte, das verschwiegene Gärtchen mit den gefiederten Astern, den hohen Goldruten, den buntscheckigen Georginen, ließ die Pickelpfeife noch einmal so munter die letzte Strophe ertönen: »Nun sind wir in Kurpfalz. Wer aber gibt uns Mittagsbrot, Wer schenkt die Gläser voll Dem Jäger aus Kurpfalz? Halli, hallo ...« Im Hausflur, woselbst allerlei seltsame Trophäen, wie zackige Geweihe von kapitalen Eigenbrötlern, Vogelbälge, Raritäten aus Wald und Flur, Auer- und Birkhähne mit ausgebreiteten Fächern, die weißgekalkte Wand schmückten, legte er Filz und Büchse ab. Die eigenartige Stille des Hauses befremdete ihn. »Nanu!« Auf Zehenspitzen betrat er das Wohnzimmer. Da sah er ... Seine Mutter ruhte friedlich im Sessel, den Kopf vornübergebeugt, die arbeitsamen Hände gefaltet. Das Rotkehlchen saß ihr auf der Rückenlehne zu Häupten. Allerlei Bilder und Erinnerungen zwitscherte es in ihre Träume hinein. Es war ein Sängerlein auf Selfkantpantoffeln und dann wieder ein solches mit klingenden Silberschellchen. Es ähnelte einem Märchenerzähler, einem Bringer der Freude, einem Träger der Unruhe. Leidvolles und Schmerzvolles, Vergangenes und Zukünftiges, Schönes und Freudenreiches wirrte es bunt durcheinander. Reiner trat naher heran und drückte ihr einen Kuß auf die Stirne. »Mütterchen ...!« »Ach Reiner ...!« und sie wischte sich ihren Schlaf aus den Augen. »All die Zeit, wo ich so eine kleine halbe Stunde hindurch abwesend war, habe ich mich mit dir und deinen Tagen beschäftigt.« Sie glitt sich mit der Hand über die Stirne. »Ich weiß es nicht, Reiner, wie es so kommt, aber ich muß immer an die Predigt vom letzten Sonntag denken, worin unser Herr Pastor so schön sagte: Ich möchte dir jegliches antun, um das Mutterherz und das des Sohnes mit einem dauernden Kettlein zu verschweißen, auf daß sie nebeneinandergehen wie aus der Hand Gottes gekommen. Ich möchte dir meine Liebe in goldenen Schalen reichen, aber viele unter euch wollen von der Liebe und den goldenen Schalen nichts wissen.« Er sah sie betroffen an, nahm einen Stuhl und setzte sich dicht an ihre Seite. »Wie meinst du das, Mutter?« »Ach Gott, Reiner, wie soll ich das meinen? Mir geht so viel durch den Kopf, Liebes und Gutes, Freundliches und Unfreundliches, besonders in der jetzigen Stunde. Auch du hast deine Sorgen und Verdrießlichkeiten, deine Reviergänge und so ...« »Der heutige ist prächtig verlaufen. Die Salweidenströpper haben das Mausen vergessen. Auch bin ich nicht auf Schlingen und sonstigen Unfug gestoßen.« »Das ist ja recht erfreulich zu hören. Aber das mit der Liebe in goldenen Schalen! Alles um mich verschwindet. Ich sehe nur dich und Klemens. Aber dich sehe ich zu allen Stunden ... und da möchte ich fragen ...« Sie nahm seine Hände. »Reiner, du bist gestern da drüben gewesen, in Grieth, ohne mir darüber ein Wörtchen zu sagen.« »Ja, Mutter, ich bin drüben gewesen.« »Und hast auch Jakobine Hemskerk gesehen?« »Das weißt du ...?« In seinem Herzen begann es stärker zu pochen. »Ja, Reiner, das weiß ich, und die es mir sagte, fügte erklärend hinzu: Grieth und Huisberden liegen nicht weit auseinander.« »Nein, das liegen sie nicht.« »Und hast auch mit dem alten Hemskerk geredet?« »Mit Hemskerk – nein. Er war nach Duisburg-Ruhrort, um dort Ladung zu nehmen.« »So?!« und ihre Hände drückten fester und inniger. »Aber mit Jakobine bist du versprochen?« »Mutter ...!« Sie hob ganz sachte die Hand und legte sie wieder auf die ihres Sohnes. Ihre Augen umschleierten sich, standen in einem hellen Wasser, das langsam niedersickerte. »Ja, mit Jakobine bist du versprochen, so ganz aus heiterem Himmel herunter, obgleich ich mir immerzu dachte: bei so was hat auch eine Mutter ein kleines Wörtchen zu sagen. Das ist doch allzeit so Mode gewesen. Eine Mutter hat auch ihre Rechte.« »Ja,« lächelte Reiner, »hat sie auch und soll sie auch haben.« »Dann verstehe ich nicht. Die Welt ist anders geworden, und die Menschen sind gleichfalls anders geworden, obwohl ich mir einbildete, in unserem Hause wäre so was bis auf das letzte Tiftelchen beim alten geblieben; es ginge alles seinen richtigen Gang, ohne viel Komplimente und ähnliches aufzustellen, genau so wie es Vater in seiner aufrechten und geraden Weise besorgte, und nun muß ich sehen ... und bin doch immer des Glaubens gewesen, ohne mein Wollen und Wissen, ohne meine Zustimmung einzuholen, wird Reiner einen so ernsten Schritt nicht unternehmen, obgleich ich weiß, er wird dir niemals eine Unwürdige zuführen. Und dann noch ... Das Herz einer Mutter ist wie ein Buch mit stillen Geschichten und schönen Bildern. Man braucht nur die Blätter einzeln auf die andere Seite zu legen, um sich davon überzeugen zu lassen, denn aus diesen stillen Geschichten und schönen Bildern kann sich einer manches entnehmen. Ich denke dabei an so vieles. Besonders an die Liebe in goldenen Schalen. Sie versäumt nichts. Sie gibt keine Rätsel auf und ergeht sich nicht in Spitzfindigkeiten. Sie ist immer auf Wache. Schon mit dem jungen Morgen erhebt sie sich, um erst mit den späten Sternen schlafen zu gehen. Ihre Wesenseinheit ist Güte, ihre Sorge hat keine Zeit, müde zu sein. Sie kann Berge versetzen und Ströme ableiten. Das ist die Mutterliebe in goldenen Schalen. Das weißt du alles, und da du es weißt, hättest du zu mir kommen müssen, um mit mir dein Leid und deine heimliche Freude ehrlich zu teilen, bevor andere Leute ... Reiner, das hättest du sollen, denn man kann immer nicht wissen ...« »Ja, Mutter, das hätte ich sollen. Aber nun höre mal zu,« und er legte seine starken Arme um sie her, zog sie an sich und begann leise zu sprechen: »Mutter, du kennst Jakobine und kennst auch den Alten, und da du ihn kennst, wirst du mir beipflichten: der Kapitän Hemskerk ist nicht von heute und gestern. Er hat nur ein einziges Kind zu vergeben. Das ist ihm wie der Apfel im Auge. Sich von diesem zu trennen, geht ihm so nahe, als würde ihm geboten, sich auf den Altenteil zu setzen und sein Steuer in andermanns Hände zu legen. Alle estimieren ihn. Sein Name wird bewertet von Mannheim bis tief ins Holländische hinein. Er und seine Schiffe haben 'nen ordentlichen Schritt unter Sohlen und Eichenplanken. Wo sie in Sicht kommen, da heißt es: Respekt vor Kapitän Hemskerk und seiner Navigation. Das sind Kerle mit Ärmel. Dabei hat er Rosinen im Sack, die er in ihrer Größe höher eintaxiert als Mirabellen und Eierpflaumen ... und wenn er den Tod noch nicht haben will, schickt er ihm 'nen Doktor mit langsamen Füßen entgegen. Das alles hat man in Rechnung zu ziehen ...« und nun erzählte er, wie die Zuneigung so allmählich gekommen, wie es um ihn und Jakobine stände, wie er ihr Jawort erhalten, sie sich unverbrüchliche Treue gelobt hätten bis zu ihrem gottwohlgefälligen Ableben. So habe er sich denn gestern kurzerhand entschlossen, den Schritt zu wagen und den herben und selbstherrlichen Kapitän um die Hand seiner Tochter zu bitten. Mit dem frühesten sei er denn auch nach Grieth aufgebrochen, um sich sein Glück zu erkämpfen, leider, ohne Hemskerk anzutreffen. Der befände sich zurzeit in Duisburg-Ruhrort, damit beschäftigt, schwere Zuckerladungen zu verfrachten, sie rheinabwärts bis nach Rotterdam zu führen. Jakobine ginge morgen oder übermorgen dorthin, willens, mit ihrem Vater 'ne vierzehntägige Reise nach Holland zu unternehmen. Dabei würde sie Gelegenheit finden, alles bestens vorzubereiten und seiner Bewerbung die Wege zu ebnen, denn er, der Vater, besäße schon 'ne gehörige Portion Nucken und Raupen unter den Ankerknöpfen ... »und nun,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, indem er die Mutter inniger umarmte, »wirst du verstehen, warum ich dir gegenüber nicht anders handeln konnte und durfte, weshalb ich erst später ...« »Ach Reiner ...!« »Ja – du ...!« gab er beseligt zurück, »die Mutterliebe ist schon eine Liebe in goldenen Schalen, und diese Mutterliebe wollte ich wahrhaft beglücken, aber erst dann wollte ich kommen, erst dann dir die Botschaft ans Herz legen, wenn ich mit gutem Gewissen sagen durfte: Ich habe nicht nur Jakobine, sondern auch ihren Vater gefunden.« »Ach Reiner, Reiner! und das kann in vierzehn Tagen geschehen?« Ihre Augen flackerten. »Mutter, ich hoffe zu Gott: der Tag bricht früher herein.« »Und glaubst du, daß Hemskerk ...?« »Mutter ...!« Er hob sie empor, als wenn die stille Frau ein Federspiel wäre, stellte sie neben sich und fuhr ihr sacht über den weißen Scheitel. »Ja, Mutter. Ich habe was vom Vater geerbt. Hier sitzt das ... und Vater und Hemskerk bogen nicht aus, hielten sich wechselseitig die Stange. Also – auch ich halte Hemskerk die Stange, biege nicht aus, selbst dann nicht, wenn alles gegen mich aufstünde, und es wäre noch schöner, wenn ich nicht sagen könnte ... Ach was!« und er bäumte sich auf in seiner Kraft und Zuversicht: »Mögen alle Stolzen in den Grafschaften nach Jakobine schreien, sie begehren, sie an sich zu reißen versuchen – das Ererbte vom Vater ist mächtig und stark genug, sie abzudrücken und zum Kapitän zu sprechen: Gib Gott, was Gottes, aber auch deiner Tochter, was deiner Tochter ...« »Und das bist du!« rief sie aus, und die nunmehr beseligte Frau legte ihre schmalen Arme um den Hals ihres Sohnes. »Reiner, mein Reiner!« Das Liebeseelchen begann wieder zu singen, innig und zärtlich, mit der Feinheit eines gesponnenen Seidenfadens, und war wie ein Singen von Geistern, jenseits eines fernen Waldes in Gold, wo die Ewigen wohnen. Drittes Kapitel Anno Domini ... und um die Wende des 17. Jahrhunderts tragierte und agierte in der ehrenwerten Stadt Emmerich eine kuriose Geschichte. Das ist schon lange her; ja, die kuriose Geschichte hätte sich kaum bis in unsere Tage hineingewachsen, sich nach dem Gesetz vom Hinfälligen aller irdischen Dinge und Geschehnisse langsam in sich selber aufgezehrt, wären nicht die Kamele gekommen, um die Grasnarbe von dieser heißen und längst eingesargten Aventüre zu fressen. Aber die Kamele erschienen, glotzten dumpf und schwer in die Gegend, trampelten hierhin und dorthin, bis sie letzten Endes die Stätte aufschnupperten, woselbst die schöne Katharina Rickers, die ehelich erzeugte Tochter des jovialen Schenkwirts am Krantor, gelebt und geliebt hatte, erhöht und erhoben wurde ... und begannen zu fressen. Die Familie Rickers ist lange dahin, ihr Glück sowohl wie ihre Glorie hatten keinen Bestand, waren wie mit Goldpunkten gesprenkelte buntfarbige Schmetterlinge, die auf Blumen und Gräsern spielten und schließlich in Moder zerfielen. Alles zerging, wie von Maden heimgesucht, nahm den Weg jeglichen Fleisches, nur die Schenke mit ihren Schnapsphiolen und Geneverbouteillen, mit ihrem gestaffelten Klinkergiebel und den wohlig ausgekachelten Stuben erhielt sich bis zur jetzigen Stunde ... und der nunmehrige Inhaber, Herr Michel Virgilis Tappert, ein Mann, der den Grundsatz vertrat: » Vivo ut bibam, non bibo ut vivam ,« setzte sich mit seinen zweihundertdreiunddreißig Pfund klevischen Gewichtes, seinem wolligen Castorhut und der graumelierten Keilerschwarte so gesinnungstüchtig in den Binsensessel hinein, als gälte es, in die Fußstapfen des alten Rickers zu treten, die Erinnerung des Hauses hochzuhalten, der schönen, weiß- und straffbusigen Katharina, der späteren Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg, ein ewiges Immortellenkränzlein zu flechten. »Prosit!!« Herr Michel Virgilis Tappert trank sich selber 'nen steifen und handfesten Grog zu, denn er saß allein in seinem hinteren Honoratiorenstübchen, streckte die Beine, ergötzte sich an den Schildereien, die an den getäfelten Wänden hingen und sah auf den Rhein hinaus, dessen schaumige und lehmige Wasser gemächlich nach Holland schwaderten, woselbst die Herren mit den Polkahaaren und den Kabeljaugesichtern gut Regiment hielten, aber schon seit Olims Zeiten fischgrätig und schiefmäulig nach Deutschland hineinvigilierten. Mynheer Tappert war köstlich. Die Nachwehen des entsetzlichen Krieges hatten ihn und seine Verfassung nicht aus dem Senkel gehoben, waren vielmehr spurlos an ihm und seinen Vermögenstiteln vorübergegangen. Sein Geschäft blühte, als Junggeselle hatte er keine weiteren Familiensorgen, die Spaziergänge im Irrgärtlein der alles verzeihenden und gütigen Liebe verstattete ihm seine Mamsell, ein Weibsbild aus dem benachbarten Dornick, blank und sauber wie aus einer Delfter Porzellanmanufaktur genommen, auch an Wildbret so reichhaltig versehen, als befände sie sich in immerwährender Feistzeit ... und wenn irgendeiner Michel Virgilis Tappert und sein Duweke Brinkmann betrachtete, glaubte er eine fidele Szene von dem lustigen Jan Steen oder dem noch lustigeren Adrian Brouwer vor sich zu haben, wobei eine Tonpfeife brannte, ein Zinndeckel klapperte, ein Miezekätzchen miaute, eine verstimmte Geige aus irgendeiner verlorenen Ecke herausscharmuzierte. So war es auch heute. Aus dem Nebenraum miaute ein Kätzchen, klapperte ein Zinndeckel, hantierte Düweke Brinkmann, auch das ›Goldkorn‹ geheißen, mit allerhand Wirtschaftsgeräten, während er selber aus einer langen Gaudaer Tonpfeife schmauchte, bläuliche Kringel gegen die Decke wölkte, mit stillem und sinnigem Behagen den Rhein und die Schildereien betrachtete, die überreich vor ihm aufgingen. Leider zu überreichlich. Das war es ja eben! Die eingeknallten Äugelchen des Zapfers, die blankgeputzten Rehposten ähnelten, nahmen einen überirdischen Glanz an, blenkerten auf wie die tiefen Altwasser des Rheines, wenn das Abendleuchten über sie hingeht, so daß sie wie vergoldet erscheinen. Sie standen in heller Verzückung, in einem Rausch der Heißblütigkeit, betrachteten sie doch ein Bild, aus dessen vergilbtem Rahmen weibliche Reize und weibliche Anfechtungen hervorsahen, die nicht zu den gewöhnlichen zählten und ihm von der graumelierten Keilerschwarte bis in die Zehenspitzen hineinkribbelten. Das taten sie immer, aber vornehmlich in der jetzigen Stunde, die ihn so anheimelte wie das knisternde Kaminfeuer einen Hühnerhund mit hängenden Lefzen. Nur einmal in der Woche, am gottwohlgefälligen Sonnabend zwischen viere und achte, an welchem Tage es an Gästen mangelte und das Leben am Krantor zurückebbte, gönnte er sich diese heimliche Schau, dieses Sichversenken in jene Zeiten hinein, die die ›galanten‹ heißen, reich an zärtlichen und schuldlosen Aufmerksamkeiten, in malam partem aber auch reich an lockeren Sitten und neckischen Schäferspielen, die sich seltsamerweise nur im Schatten von Oleander- und Taxushecken ausleben wollten. In nomine patris ... Letzteres pflegte Michel Virgilis Tappen von sich zu weisen, aber er liebte es, auf das seidene Frou-Frou der Krinolinen zu hören, den Zauber von Schönpflästerchen und die Haube der Marie Angelique, Herzogin von Fontages, zu estimieren und, last not least , die pritzelnden Weisen eines Menuetts auf sich wirken zu lassen, denn Michel Virgilis hielt sich für einen bedeutsamen Künstler, für einen, den die Muse geküßt, selbigen auch so'n bißchen am Knebelbart gezupft und in die mittleren Rippen gekitzelt hatte. Von Rechts wegen, denn feiertägigen Sinnes, vollgepfropft mit krausen, wenn auch widerborstigen Idealen, suchte er die Malerakademie in Düsseldorf auf, nachdem er als strammer und feister Untersekundaner den hochmögenden Regens des Emmericher Gymnasiums, einer ihm verabfolgten Kopfnuß halber, kurzerhand in den Papierkorb spediert hatte ... wäre auch zweifelsohne des erträumten Glückes teilhaftig geworben, hätte ihm nicht sein betagter, abständiger Erzeuger kategorisch kund und zu wissen gegeben: »Michel Virgilis! Ich sehe nicht ein, warum Du immer an Ölen und Terpentinen herumzapfest, wo wir doch am Krantor dahier reichlichen Vorrat an Seydlitzlikör, Genever und Ruhrperlen besitzen. Selbige zu verabfolgen, den Wirt abzugeben und 'nen steifen Punsch und Grog zu brauen, ernährt auch seinen Mann, besser vielleicht, als Leinwand und Pappdeckel mit einem Rausch von Farben zu überkleistern, zumal mein Anwesen seine gediegene Kundschaft besitzt, aufwarten kann, sich dazu auf 'nem Grund und Boden befindet, den wir als ›historisch‹ ansprechen dürfen. Außerdem: meine Tage sind gezählt. Ich will einen Folger im Amte. Also – retour, aber etwas plötzlich, ohne lange Fisimatenten aufzustellen. Im Namen Gottes. Dein treusorgender Vater Jan Tappert.« Was blieb ihm da übrig? Nicht vieles. Erst ein dumpfes Verzweifeln und Hinbrüten, ein hochfliegendes Aufbegehren: » Anch' io sono pittore! « dann ein Hinübergleiten in ein stilleres und geruhsameres Fahrwasser, das ihm verstattete, die Autorität des väterlichen Piloten mehr oder weniger anzuerkennen. Michel Virgilis wurde nachdenklich, fast klein wider besseres Wissen. Seine Rehpostenäugelchen krochen dem oben begonnenen Kohlenriß zu, aus dem ein pompöses Gemälde gleich dem Phönix aus der Asche erstehen sollte, hierauf den steilen Schriftzügen des kurz zuvor eingelaufenen Briefes. Gewißlich, Aufriß und Anlage redeten die Sprache des Quattrocento, aber die des Schreibens war auch nicht so ohne. Drüben ein herrisches Schwelgen in utopischen Dingen und Hoffnungen, hier ein gemessenes Schreiten über fruchtbare Ackerkrumen mit 'ner gehörigen Portion Mist an den Füßen. Da kam es über ihn mit den leuchtenden Zungen um Pfingsten. »Heureka!« und Michel Virgilis stieß mit Kopf und Kragen durch Leinwand und Staffelei, schnürte sein Bündel, um erhobenen Geistes und klaren Kopfes von Düsseldorf in das Haus seiner Väter überzuwechseln. Er kam rechtzeitig genug, seinem heimgegangenen Vater das letzte Honneur zu geben. Er tat es mit Würde, in Samtjacke und Castorhut, denn ohne dieses erschien ihm das spätere Leben nicht lebenswert, kaum dazu angetan, sich 'nen spiegelklaren Genever mit einigem Anstand hinter die Weste zu gießen, ergriff alsdann das verwaiste Zepter im Sinne des Verstorbenen, führte es Jahrzehnte mit Umsicht, so daß sein Name und der der historischen Kneipe am Krantor in Emmerich bis weit ins Klevische und in die Grafschaften hinein vollauf und in allen Ehren bestehen konnte ... und so saß er denn heute am gottwohlgefälligen Sonnabend dickbäuchig, mit sich selber zufrieden in seinem hinteren Honoratiorenstübchen, schmauchte sein Pfeifchen Oldenkott Rippchentabak, wölkte bläuliche Klingel gegen die tiefhängende Decke, völlig eingefangen von den Anregungen und Hoffärtigkeiten der schönen Frau in der seidenen Wespentaille, die, wie es schien, ihm aus dem vergilbten Rokokorahmen entgegenlächelte und seine Seele mit dem Klimpern eines stöckelbeinigen Spinetts umschmeichelte. »Göttliches Weib!« sagte er tonlos. Die Lippen feuchteten sich, die schweren Lider fielen langsam herunter. Eine linde Hand streichelte ihn. Ein Puderquästchen glitt über ihn fort, so daß seine Gedanken sich in die seligen Gefilde versetzt glaubten, die wir die eleusinischen heißen, so wohlig kraute es ihm plötzlich hinter den Ohren, so totensicher wähnte er Stimmen zu hören, die ihm eine prickelnde Geschichte erzählten und seine ausschweifende Phantasie auf Rosenwölkchen dahintrugen. Draußen schaukelte sich der Rhein gemächlich nach Holland. Schwerfällige Steamer prusteten an dem alten Weichbild vorüber, schleppten ihre braunen Rauchfahnen hinter sich her, ließen von Zeit zu Zeit ihre langatmigen Sirenen ertönen. Ein feiner Dunst stand über den Wassern. Das gegenseitige Ufer mit dem Emmericher Eiland, aus dem einige Salweidenplantagen aufragten, war mit leichter Gaze umsponnen. Die letzten Lichter des Abends vergoldeten diese Musselinschleier mit dem Glitzern von Filigrannetzen. Von Sankt Aldegondis setzte das Glockenspiel ein. Mit der eingerosteten Stimme eines fuselseligen Kalkanten sang es stoßweise über die Stadt hin: »Alles meinem Gott zu Ehren, in der Arbeit, in der Ruh'.« Einzelne Kickser liefen mit unter. Hierauf folgten verschiedene Knarzer, die eigentlich nicht mehr zur Melodie und Weise gehörten. Dann vereinzelte Schläge, gesinnungstüchtig und volltönig. »Fünf Uhr,« sagte Michel Virgilis, zog seine Weste drei Finger breit tiefer und horchte auf ein Geräusch, das sich plötzlich im Nebenzimmer vernehmbar machte. Eine Tür seufzte in ihren Angeln zurück. Herrische Schritte gingen über die Dielen. Ein heimliches Kichern, dann eine frohe Begrüßung, die an Herzhaftigkeit nichts zu wünschen übrig ließ: »Ist Mynheer benne, mein Goldkorn?« »Hier neben. Bitte angtree,« kam es freundlich retour. Und wieder das verstohlene und heimliche Kichern, als würde einem appetitlichen und roggenstrohhaarigen Niederungskind in die Wange gekniffen. »Also benne! Dann bitte: 'nen Grog, aber einen mit 'nem doppelten Schuß und 'ner dreifachen Verdiebelung.« »So und nicht anders.« »Höhö!« Michel Virgilis stöberte hoch. »Gott straf' mich. Der Knollen- und Rübenbaron!« Er riß sich zusammen. Den Castorhut, dessen er sich nur bei hohem Besuch, in der Kirche und beim Zubettegehen entäußerte, legte er ab. Das war heute der Fall: hoher Besuch. Also herunter mit ihm und über den Holzpflock damit. Also geschah es, während sich eine straffe Faust auf die Türklinke legte und eine Stimme laut wurde: »Mein Liebster, ein preußischer Reiter, Bläst morgens Reveille um vier ...« »Brav so, aber immer 'rein nur!« » Bon soir! « und Gisbert Kreuzwendedich von Riswyk, Herr auf Haus Borghees bei Emmerich, ein Kavalier vom Scheitel bis zur Stiefelspitze herunter, schnittig wie 'ne Stahlgerte und mit Augen in dem scharfgemeißelten Gesicht, deren Feuer eine Strohmiete hätte anzünden können, gab sich die Ehre. Er streckte die Hand aus. Mynheer winkte ab. Er lächelte nur, wie die Kundigen lächeln, die eine derartige Visite einzuschätzen wissen, stellte zwei Finger empor und warf sie salutierend an die Schläfe. »Herr Baron, meine schlichte Hütte ist zu minderwertig, solch hohen Besuch in Kost und Logis zu nehmen.« »Nachtwächter!« »Höhö!« lachte Virgilis. »Also noch immer derselbigte?« »Bester aller Kneipwirte und Schenkenbesitzer, oberster Gönner auf dem Gebiete der illusteren Schnapsmischerei ...« und joviale, stahlgraue Lichter funkten ihn an: »Mensch – Ihr, wo denkt Ihr denn hin? Ein Gisbert Kreuzwendedich Riswyk ist immer derselbe.« »Na denn, 'ran an die Ramme. Aber potztausend noch mal!« und die eingeknallten Rehposten musterten den eingewechselten Gast von oben bis unten: »Wohl so 'n bißchen knicke-knacke gemacht? Tiro, tiro! mein Bester?!« »Richtig gepfiffen.« »Auf dem Emmericher Eiland?« »Auch dieses. Zwei Doubletten beim ersten Debouchieren. Dann aber ... das Teufelsgeflügel war auf und davon, als wäre es mit Kopf und Kragen in Mistus und Morastus versunken. Leider, nichts mehr zu machen, und nun bin ich hier ...« » Capisco , um sich die Nase mit meinem delikaten Grog zu begießen. Dran soll es nicht fehlen, denn ich – ich, Michel Virgilis Tappert am hiesigen Krantor, kann mich rühmen, den besten auf Lager zu haben. Süperbe!« und Daumen und Zeigefinger stellten sich subtil und schleckersüchtig gegeneinander. »Äußerst süperbe! Meine Spezialität, Herr Baron.« »Renommiste, infamer!« »Geb's respektvoll zurück, Herr Baron,« und eilfertig befreite ihn Michel Virgilis von Rucksack und Flinte, stülpte den verschweißten Filz über den Riegel, brachte die Jagdtasche mit den Entvögeln an den seidenen Galgen so würdig und zart auf die Seite, als hätte er als weichfüßiger Synagogendiener die Sefer-Thora in eine verschwiegene Ecke zu tragen. Dann wandte er sich. Seine Äugelchen strahlten wie bengalische Blinkfeuer. Der Besuch machte ihm Freude, denn mit Gisbert Kreuzwendedich Riswyk war allzeit gut Kirschenessen gewesen. Mit dem Mann ließ sich auskommen. »Salve!« rief er ihn an und deutete auf den bequemsten Sessel hinter dem Honoratiorentisch, der höchstens dem Landrat des Kreises oder Seiner Hochwürden dem Ehrendomherrn und Pastor von Sankt Aldegondis zustand, falls sich einer dieser Herren bewogen fühlte, ein Dämmerschöppchen in der historischen Schenke zu sich zu nehmen. »Ich bitte Euer Hoch- und Wohlgeboren sich gefälligst placieren zu wollen.« Mitdem brachte Düweke Brinkmann den Grog zu, wiegte sich wie die Lieblingsfrau eines Hererohäuptlings in den saftigen Hüften und flötete mit verhaltener Stimme: »Wohl bekomm's, Herr Baron von und zu Riswyk.« »Danke, mein Goldkorn!« Seine ringgeschmückte Hand fuhr ihr sacht und sanft über den molligen Ärmel. »Hahn in Ruh!« lachte Michel Virgilis, wobei er den nächsten Sessel beehrte. »Ich bitte mir aus: meine Jagdgründe sind nicht für andermanns Flinten.« Ein Blick flog ihm zu, der sein breites Lachen hinwegnahm. »Michel, benimm dir,« und das prächtige Goldkorn drehte bei, gab alle Segel her, wobei die preziösesten Waden blank wurden, geeignet, einen andalusischen Steinesel ins Wiehern zu bringen. »Gottverdorie, so'n Weibsbild!« Mynheer schien krötig zu werden. »Aber warte, mein Hühnchen. Es ist noch nicht aller Tage Abend geworden. Einen so zu blamieren! Anch' io sono pittore! Das wird auf dein Konto geschrieben, und wenn's geschieht, dann mit allen Schikanen.« »Recht so.« »Wieso denn?« Der Baron blieb die verkörperte Ruhe. Er streckte die Beine, zündete sich eine Virginia an und tippte die gepflegten Fingerspitzen scharf gegeneinander. Die Nasenflügel kräuselten sich. Um die feinen Mundecken des nicht uninteressanten Gesichtes spielte es mit den anregenden Nichtsnutzigkeiten eines Kavaliers vor einem Glase Sherry-Cobbler. Schmunzelnd fiel es ihm von den Lippen herunter: »Euer Liebden, darf ich mir erlauben, dem geschätzten Michel Virgilis Tappert, meinem großgünstigen Freunde, Gönner und Schnapslieferanten, eine weitere Belehrung zu unterbreiten?« »Warum nicht?! Euerer Hoch- und Wohlgeboren halte ich mich allzeit in Gnaden empfohlen.« Mynheer kniff ihm ein Äugelchen zu. »Ich ersterbe in Ehrfurcht.« »Alter Gauner!« »Meine Spezialität, Herr Baron.« »Also hören wir zu,« und der Knollen- und Rübenkavalier von Haus Borghees knipste den ersten Aschenkegel von dem landfremden Stengel herunter. »Ich möchte von dem menschlichen Wesen erzählen, das die Zoologen und Schriftgelehrten unter dem vielbezeichnenden Namen ›Weib‹ registrieren. Es ähnelt im großen und ganzen einem Geschöpf von unserer Fakultät, ist vielfach seidenfadig und biegsam, dazu mit einem zärtlichen Miauen behaftet, dem wir eine gewisse seelische und körperliche Anregung nicht absprechen können. Wir verspüren dieses zusprechende Miauen und Miezen gleichsam mit dem heiteren Pritzeln des süßen Schaumes von Epernay, ohne dabei unseren Verstand in Rechnung zu ziehen und die weiteren Folgen ängstlich abzuwägen... und diese Folgen sind vielfach unangenehmer Natur, fast heikel zu nennen.« »Hm, hm!« machte Mynheer. Er dachte an Düweke Brinkmann, die nebenan lauter und herausfordernder mit ihren Kasserollen und Zinntellern hantierte. »So ist das, Maestro.« Ein zweiter Aschenkegel löste sich von der schlanken Zigarre. »Selbiges Weib nun,« mit diesen Worten spann der selbstgefällige Rübenkavalier des Weiteren aus, »ist nach den Ansichten vieler lieblich anzuschauen, die Trägerin eines wohlgeordneten Hausstandes, die Hüterin des Herdfeuers, gleichsam berufen, bei Mann und Junggeselle die Liebesgeige mit einem zarten Pizzikato zu spielen. Ja, manche behaupten, ihm, dem Weibe, sei ein aromatischer Duft zu eigen, schwer wie der Ruch nach jungen Fichtennadeln, die Sinne betörend wie das Arom nach dem frischen Grün von schlanklinigen Heidebirken. Zugegeben, Maestro. Aber die Kehrseite der Medaille zeigt eine andere Note. Das zusprechende Miauen und Miezen, das genüßliche Düfteln nach jungen Fichtennadeln und frischem Birkengrün wird vielfach von der werktätigen Arbeit scharfer Krällchen begleitet, fähig, einem das Dasein zu einer immerwährenden Bitternis zu machen, und schließlich: wo wir einzuheimsen gedenken, sind vielfach schon kundige Thebaner bei der Hand, die sorgfältig vorbereitete Ernte in die eigenen Scheuern zu tragen – alles Dinge und Erwägungen, die man jedem Junggesellen mit auf den dornenvollen Weg geben sollte, falls er sich genötigt sieht, diese werktätigen Krällchen ertragen zu müssen.« Der dritte Aschenkegel stiebte zu Boden. »Ein jedes Weib, cum grano salis natürlich, ist wie eine schlanke Fichte in der hellen Christnacht, frisch aus dem schneeblauen Winterwald. Aber, was nützt mir der schönste Weihnachtsbaum, wenn seine Lichter für andermanns Herzen und Augen brennen? Hiermit schließe ich meine Belehrung mit der Bitte, sie wohlwollend in Erwägung zu ziehen.« »So!« fiel ihm sein Partner ins Wort und deutete fidel mit seinem breiten Daumen über die Schulter. »Das wäre also, um es mit kurzen Worten zu sagen, auf mich und die Mamsell gemünzt?« Der Baron winkte ab. »Ich münze niemals, mein Lieber. Ich gebe nur Anweisungen, aber solche mit einer tiefen Begründung.« »Dann eine Frage.« »Genehmigt, mit meinem Petschaft darunter.« »Hier ist sie. Sind Euer Hoch- und Wohlgeboren niemals in dieser Beziehung belastet gewesen?« »Komisches Ansinnen. Daß ich nicht wüßte! Nie sollte ich auch? Haus Borghees und meine Rübenkampagnen sind so hasenrein wie die Liegenschaften hinter dreifachen Klostermauern.« »Mann Gottes, daß ich das heulende Elend nicht kriege!« und eine Lachsalve knallte ihm zu, fähig, ihm, dem Baron, das Hören und Sehen abzusprechen. »Hätten Euer Hoch- und Wohlgeboren nicht ventre à terre bei den Deutzer Kürassieren geritten, nicht wie ein Großer und Aufrechter bei den Schleusen von Ypern auf Posten gestanden, nicht in Damengesellschaft und bei knallenden Schampagnerproppen den unwiderstehlichen und galanten Schwerenöter abgegeben – halten zu Gnaden, man könnte vor diesen angezogenen Klostermauern Estimierung besitzen. Aber so...! Nee, mein Bester, das gesamte Rheinwasser mit seinen Woijen und Kolken wäscht Euerer Hoch- und Wohlgeboren gewisse kleine Exkursionen nicht aus dem sonst so properen Kittel. Wäre es anders, ich müßte ein Ragout von Mäusen verzehren.« Der Borgheeser lächelte bittersüß und hielt ihm die geöffnete Handfläche zu. »Euer Liebden, lassen wir das?« »Im Gegenteil. Seien wir fröhlich im Herrn, gestehen wir freudig von der Leber herunter: Ich armer sündiger Mensch bekenne vor Gott und den Menschen ... und da ich in meiner Person zu den sogenannten Menschen gehöre ...« Er schnappte ab, um dann mit einem pfiffigen Blinzeln seinem Freund und Gönner etwas näher auf die schuldlose Pelle zu rücken. »Herr Baron, ich möchte geziemend darauf hinweisen: vor einigen Tagen, sagen wir einfach anfangs der Woche, ist Engelke bei mir gewesen, um sich 'ne Bouteille mit delikaten Ruhrperlen einzuhandeln. Ruhrperlen! Meine Spezialität, Herr Baron.« »Ruhrperlen und Engelke?! Was sollen mir diese?« Gisbert Kreuzwendedich Riswyk tat wie aus allen Wolken gefallen. »Engelke, Engelke ...!« wiederholte er mit gerunzelten Brauen. »Aber gewiß doch. Engelke – nunmehrige verehelichte Stappers, dem langstieligen Küster und Kantor Stappers die seine, ein rassiges Ding mit frischen Kulören, einst ansässig auf Borghees, bis zum heutigen Tage noch immer so semmelknusperig, als wäre sie direktemang vom Bäckermeister Dores van de Linde bezogen.« »Ach – die ...!« »Na also! Gut Ding, was sich bessert.« »Verjährte Geschichte!« und der Überführte pfiff sacht und leise vor sich hin: »Ich habe sie nur auf die Schulter geküßt. Die ganze Affäre, 'ne Liebelei, ohne die geringste Bodenständigkeit unter den Füßen, sozusagen 'ne Eintagsfliege von heute auf morgen. Nichts weiter.« »Nehmen wir an. Aber nu macht Engelke 'nen Sums um diese Eintagsfliege, als sei ihr das gebrannteste Herzeleid angetan worden, ja, als sei sie vollauf berechtigt, von Euerer Hoch- und Wohlgeboren in 'nem glanzvollen Mercedeswagen in die Kirche von Sankt Aldegondis gefahren zu werden.« »Als Herrin von Borghees?« »So ähnlich.« »Und ich ihr Chauffeur?« »Auch dieses.« »Schluß!« rief der Baron und lachte ein übermütiges Lachen. »Da habt Ihr's! Der beste Beweis für meine aufgestellte Prämisse. Meine hemmungslosen Aperçus sind gar nicht so ohne, besser als die Sprüche und Verse von Bonifazius Kiesewetter.« »Höhö!« »Abwarten, Michel!« und in dem glattrasierten Gesicht des Barons spielte es mit neckischen Lichtern. »Schweigt mir von Rom, dito von Engelke Stappers, denn das sind Puffbohnen mit durchräuchertem Speck. So was gibt bloß niederträchtige Winde. Bleibt mir mit solchen Weibern vom Halse. Dagegen, ich für meine Person drehe den Spieß um und behaupte: eines Tages wird das Goldkorn beim üblichen Lever mit der selbstverständlichen Frage erscheinen: Mein lieber Freund und Kupferstecher, wann dürfte ich mich als die rechtliche Frau Düweke Tappert betrachten, als solche meine grünen Plüschpantoffeln unter die gemeinsame Bettstelle placieren? Das liegt näher als Engelke mit ihrem erträumten Mercedeswagen, um als Frau Baronin Gisbert Kreuzwendedich Riswyk auf Borghees in die Kirche von Sankt Aldegondis zu tuten. Verstanden?« » Capisco !« und der prachtvolle Mynheer mit der Keilerschwarte und seinen zweihundertunddreiunddreißig Pfund klevischen Gewichtes sah seine feinsten Kalkulationen wie die Felle eines verstörten Lohgerbers auf und davon schwimmen. »Herr Jeses noch mal! Mir geht eine Talgleuchte auf!« und sein Dulderhaupt senkte sich betrüblich nach vorne. Draußen war das Wetter weniger diesig geworden. Über dem Rhein stand ein feiertägiges Leuchten, das den Strom und die gegenüberliegende Niederung weithin verklärte. Die letzten Reflexe des sterbenden Tages sahen ins Fenster hinein, spiegelten sich in den Gläsern und Ofenkacheln, um mit einem allbarmherzigen Schmunzeln auf Michel Virgilis Tappert haften zu bleiben. Das beseligte ihn. »Herr Baron,« fuhr er auf, »was sollen die Miesepetereien hier frommen? Fort damit. Anch' io sono pittore !« und er rührte die Klingel. Das Goldkorn erschien mit wehenden Röcken. Michel schenkte ihm nicht die mindeste Achtung. Verächtlich rief er über die Schulter: »Per sofort – zwei neue Grogs. Verstanden – du Ziege?« »Aber Mynheer ...!« »Ruhe!« gebot er. »Zwei Grogs von Jamaikarum!« um sich dann an Gisbert zu wenden: »Meine Spezialität, Herr Baron.« »Weiß es zu schätzen, aber nicht so heftig, mein Gönner. Man darf nicht à tout prix aus dem Röllchen fallen.« »Strafe muß sein, denn ohne diese ist das Weibsvolk nicht an der Kandare zu halten,« und als das Goldkorn wiederum antrat, das Verlangte mit gerümpftem Näschen zubrachte, sich schnippisch entfernte, erhob Michel Virgilis sein Glas, schwenkte es der üppigen Dame im verblichenen Goldrahmen zu und sagte aus tiefster Weste heraus: »Katharina Rickers, Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg, es gilt. Nun bist du allein meine einzige Liebe geblieben.« »Gar nicht so ohne,« konstatierte der Knollen- und Rübenbaron, »wäre sie nicht bereits seit Anno Tobak bei ihren Vätern versammelt. Aber das tut nichts. Sonnen wir uns im Licht und in der Liebe dieser einzigen Dame ... und sollte mir heutigentages eine ähnliche kommen ...« »Pst!« machte Michel Virgilis und sah auf die Seite, aber die dampfenden Gläser klingelten auf das Wohl der schönen Katharina hell und fröhlich zusammen. Viertes Kapitel Ungefähr um die nächtliche Stunde, während welcher Michel Virgilis Tappert seinem ersten Punschglase zusprach, trieb das vollbemastete Rheinschiff ›Gott mit uns‹ in Höhe von Griether-Ort gemächlich stromabwärts. Endstation: Rotterdam. Ladung: Zucker aus den Fabriken Duisburg-Ruhrort und den benachbarten Raffinerien. Alle Segel standen hoch. Sie schlappten in dem diesigen, lauwarmen Wetter, in dem eine herzhafte Brise so recht nicht aufkommen wollte. Eine niederrheinische Feierstunde lief über Bord. Lediglich der Steuermann war in Tätigkeit. Er stand dicht beim Hintersteven und ließ die Pinne spielen. Die Navigation machte keine Schwierigkeiten mehr. Die Landschaft zog an beiden Ufern in stumpfen Rissen vorüber: endlose Wiesen, vereinzelte Gehöfte, kanadische Pappeln, die auf dem dünnfadigen Nebel zu schwimmen schienen. Alles gab sich grau in grau, nur im tiefen Westen lag ein silberiges Glänzen und Aufbegehren, das sich mit jeder Minute verstärkte, als sei es gesonnen, noch einen lichterklaren Abend zu bringen. »Drinke mer noch e Dröppche, Drinke mer noch e Dröppche ...« Vom Vorderdeck her ließ eine Ziehharmonika ihre wimmernden Töne vernehmen. Der sie spielte, lag flach auf dem Rücken, den Kopf gegen einen Taukranz gelehnt, das linke Bein in Kniestellung, das rechte darüber geflegelt. Ein saftgrüner Plüschpantoffel, der an graublauen Lammfellsocken klebte, pendelte hoch in der Luft, eifrigst bemüht, sich der klassischen Weise in Takt und Rhythmus anzupassen. Lambert, der Obermatrose, ein richtiger Malefizkerl mit Kräften wie ein Sackträger, hatte seine musikalischen Wehen. Sein Unterkollege, Welm Driesen, hörte andächtig zu. Er saß in Reichweite, kaute sein Priemchen und vergnügte sich damit, von Zeit zu Zeit in das schaumige Wasser zu spucken. Immer dasselbe, immer dasselbe: »Drinke mer noch e Dröppche, Drinke mer noch e Dröppche Aus dem kleinen Henkelsdöppche. A ... a ... a ... ach, Susanna, Wie ist das Leben doch so schön, A ... a ... ach, Susanna, Wie ist das Leben schön. Aus!« Die Harmonika verstummte. »Piekfein!« sagte Welm. »Indessen jedoch ... Lambert, du spielst heute so sehr melankonisch.« »Tu' ich auch, Welm, denn ich kann den Quetschbeutel auf das forscheste antreiben – immer wieder kommt die ausklamüsierteste Forschheit ins Lahmen.« »Aber warum denn?« Der Künstler nahm Sitzstellung ein. Seine Hummeraugen stielten sich vor, schwammen ins Leere fort. Dann nahmen sie Ziel und Richtung an, revierten zur Achterkajüte. »Junge, die Liebe, die unaussprechliche Liebe! Gegen so was kann unsereins nicht anlaufen. Das hält einen fest, geht mächtig ins Blut, ohne sich rekommandieren zu können, und dann kommen die dümmsten Gedanken, die einem das Leben verbiestern.« Welm griemelte. »Rotterdam ist nicht weit. Unter die Boompjes bei die leckeren Meisjes wird alles behoben.« »Mensch, meine Liebe ist heilig, gewissermaßen übernatürlich.« »Wie lange denn schon?« »Ausgerechnet seit gestern, oder sagen wir besser: seit Mittwoch.« »Kann's nicht rund kriegen.« »Welm, aber ich, denn warum bringt uns der Kaptein so 'n rassiges Weibsbild an Deck, daß einem das Wasser im Mundwerk zusammenläuft, wenn man's bloß von ferne betrachtet? Wie 'ne Segelfregatte – schlankweg und mit allen Zutaten.« »Dumm Zeug.« »Ich sage dir, Welm ... und wenn ich sie sehe, dann will ich toujours nach Indien machen.« »Gottverdomie, auch das noch?« »Per sofort und direktemang auf Indien zu, in die Dattelplantagen hinein, wo die Kakadus und Popageien man so herum fliegen wie bei uns die Ringeltauben und es so heiß ist, daß einem selbst die kommodesten Kleider scharnieren.« »Und das so ganz soloalleine?« »Mensch, du bist wohl von heute und gestern! Natürlich – mit ihr, sonst will ich mich nicht Lambert Sponhövel, Obermatrose aufs Rheinschiff ›Gott mit uns‹, benennen.« »Und sie?« fragte Welm. »Ja so! Das ist doch ganz einfach zu sagen. So klar wie 'n Klöntje. Von wegen die barbarische Hitze und die schuldlosen Popageien und Kakadus, da müßte sie natürlich ihre diesbezügliche Bequemlichkeit haben.« »Und denn?« »Mensch, mit deinem verfluchten ›Und denn‹!« »Man möchte doch wissen...« »Natürlich, man möchte gern wissen! Aber hat sich was, Welm. Ich kann dir bloß flüstern: Wenn du in Indien mang die heißen Dattelplantagen 'ne delikate, feinschalige Pellkartoffel hättest, 'ne Industrie oder 'ne ähnliche Sorte, was tätest du aufstellen?« »Na – und ...?« »Abpellen tätest du sie, um eines paradiesischen Anblicks teilhaftig zu werden. Dreimal heilig. Verstanden?!« und der vollblütige Brandfuchs sank wieder auf seinen Taukranz zurück, schlug die Beine übereinander und hub aufs neue an, mit seinem saftgrünen Plüschpantoffel auf und nieder zu pendeln. Dabei zog er die Harmonika lang und sang mit lüsternen Stielaugen: »Es war einmal ein treuer Husar, Der liebt' ein Mädchen ein ganzes Jahr, Ein ganzes Jahr und noch viel mehr, Die Liebe fand kein Ende mehr ...« Welm stimmte mit ein ... das Wasser gurgelte stärker an den Planken vorüber ... die schlappen Segel steiften sich aus ... das ganze Takelwerk kam in eine helle Bewegung. Bald darauf klärte sich das Wetter, heiterte auf, verhieß ein seliges Hinsterben in den laulichen Abend hinein. Der Bug des Schiffes bohrte sich tiefer in die schaumigen Wellen, spritzte Gischt und Blasen empor, als prickelten Champagnerperlen aus einer unermeßlichen Glasbouteille. Rasche Möwen flogen ab und zu, glitten über die Ufer hin, um das helle Glänzen des hingehenden Tages auf ihren silbernen Schwingen weiter ins Land zu tragen. Hoch von den Masten kam ein Knattern und Singen. Die Topps wehten im Wind, schlugen lustige Volten. Der Brandfuchs gab sein Bestes her, was er aufbringen konnte: »... ein ganzes Jahr und noch viel mehr, Die Liebe fand kein Ende mehr.« Mitdem hob sich ein pontakrotes Gesicht aus der Achterkajüte, dem ein Stiernacken folgte, wert und würdig, prämiiert zu werden. Gleich darauf stand der ganze Mann auf Deck, stellte sich breitbeinig hin, aber so, daß jedereins wußte: hier wird Order pariert und nicht lange gefackelt. Sein Arm ist der eines Starken, seine Sprache die eines Gewaltigen. Seine Visage, wie er sein scharfmarkiertes Antlitz selber betitelt, verschnürt eine Bratfräse, die sich graumeliert von einem Ohrläppchen zum anderen hinzieht. Seine Augen leuchten wie Schmaltebläue. Er kennt seine Kunden, und seine Kunden kennen ihn. Bei den Gebrüdern Schwengels, Zucker en gros, nebst den ihnen angegliederten Fabrikanten, steht er hoch in Bewertung. Ebenso bei den Kohlenbaronen und Zechen, als da sind: ›Alter Hase‹ und ›Grube Konstantin‹. Er weiß, was er fährt, und hält auf Ladung und Fracht, als wenn sie sein Eigentum wären. Schiff und Konnossemente sind unter seiner Führung allzeit in bester Verfassung. Gutmütig vom Halszäpfchen bis in die Herzgrube hinein, schluckt er manches hinter die Binde, wird's ihm aber zu viel, bricht bei ihm der pfeifende Boreas los, als wäre in den Stengen und Wanten seiner seelischen Takelage der leibhaftige Satan lebendig geworden. »Fixfeuer auf die dreckigen Köppe!« Dieser Mann nun stand breitbeinig auf Deck, sichtete ins Wetter, räusperte sich und sah, wie sein braves Rheinschiff fröhliche Fahrt und gute Navigation hatte. Gleich darauf brachte er seine lederfarbige Pranke ans Mundwerk. »Hoiho!« Eine rauhe, angekratzte, verrostete Stimme rollte über die Planken. »Lambert, hoiho!« »Kaptein!« Der Brandfuchs paddelte hoch, noch den ›treuen Husaren‹ zwischen den Zähnen. Wie ein Bauklötzchen stand er alsbald vor seinem Herrn und Meister. Der musterte ihn von dem roten Schopf bis zu den grünen Plüschpantoffeln herunter. »Alles im Lot?« »Alles, Kaptein.« »Nur das niederträchtige Harmonikaziehen ...« »Mein Gusto, Kaptein.« »Wird auch verstattet, wenn's auch einem öfters die Haare versetzt. Bloß, wenn Emmerich in Sicht, ersuche um Meldung. Ich habe Orders zu geben.« »Wird in Bestellung genommen.« »Abtreten! Aber wird nochmals der Jammersack in die Länge gezogen – ich bitte mir aus: das Lied von der schönen Kapteinstochter und dem verflixten Hundsfott, der eigentlich gar nicht so ohne war, trotzdem als Galgenstrick an den zuständigen Galgen gehörte. Verdammich!« Er spuckte scharf auf die Seite. »Oller Halunke.« Lambert zog Leine, froh, aus dem Wirkungsbereich seines Vorgesetzten zu kommen. Gemächlich wiewackte er wieder dem Vorderdeck und seinem Kollegen zu. »Junge, der Alte hat Speck und Schwarte gerochen. Die verfluchten Popageien mang die heißen Dattelplantagen ...! Aber man zu!« Er fingerte aufs neue die Harmonika lang, und siehe: der Rhein und seine ganze Umgebung waren ein Herz und eine Seele, als es feierlich herübertönte: »Es war 'ne kapteinische Tochter, Ein wunderschönes Weib. Die ging des Abends spazieren, Um sich zu delektieren An Lust und Zeitvertreib. Es war mal ein munterer Knabe, So recht ein rassiges Blut. Dem war zu jeder Stunde Und tief aus Herzensgrunde Die kapteinische Tochter so gut ...« »Man weiter.« Der gewaltige Kapitän und Schiffsinhaber Pitt Hemskerk, beheimatet in Grieth, nunmehr auf Talfahrt Duisburg-Rotterdam, mit sechshundert Tonnen Ladung an Bord, teils binnenländische, teils überseeische Ware, hörte darauf, als hatte er über dieses niederrheinische Lied tiefgründig nachzudenken. Das Priemchen, das er in der linken Backentasche verbarg, praktizierte er auf die andere Seite. Dann tat er etliche knarzende Schritte über die öligen Riemen und blieb abermals stehen. Hinter ihm versanken Strom und Ufer im abendlichen Zwielicht, vor ihm schleierte der tiefe Westen seine Goldfolie aus, von der sich die Pappelkronen des Binnenlandes wie Scherenschnitte abhoben. Im Kielwasser spielte es mit glitzernden Funken. Die herbstliche Welt war wieder fröhlich geworden, jung und fröhlich in Übermut und heißer Erwartung. Auf den breit hingelagerten Weiden ließ sich der Ruf irgendeines Vogels vernehmen. Er verlor sich bald darauf im Unermeßlichen, als wäre er niemals lebendig gewesen. Himmel und Erde feierten. Über sie hin zog es mit den Schwingen einer gebefreudigen und allversöhnenden Liebe. Pitt Hemskerk, der alte Reeder und Rheinbär, stand wie angeschmiedet. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, schnupperte er der heraufkommenden Brise entgegen. Mit breitem Windfang sog er die Luft ein. »Fein – was?!« sprach er sich selber zu, »sich so vollzusaufen an der göttlichen Weltatmosphäre, fast ebensogut, als sich 'nen steifen Grog bei Michel Virgilis Tappert hinter die opulenten Ankerknöppe zu gießen. Gottverdammich! alles recht schön und annehmbar, wenn nur die verkorkste Pointe nicht wäre ... und das übrige nicht: die verstümmelte Karte von Deutschland, die wertlos gemachten mündelsicheren Papiere, das Allewerden von Millionen und Milliarden an Werten, das Verludern der Wirtschaft, das aufgetakelte Elend bis in den letzten Kramladen hinein ... Aber Kreuzkuckuck und kein seliges Ende! abgesehen von den schmutzigen vainqueurs – auch noch sonstige Kanaillen haben das alles übergeschluckt, mit sich geführt, sich damit die lebersüchtigen Bäuche wie die Viehkommissionäre gemästet ... und so was benennt sich ...« Der Alte spuckte spitz auf die Seite. »Herrgott, benennt sich ... Man sollte ja 'n Schiffstau oder 'ne feste Stahlrute nehmen, um dem totalen Brimborium eins über den Bregen zu striegeln. Benennt sich ... benennt sich ... Fixfeuer auf die dreckigen Köppe!« Er holte tief Atem. »Aber das nicht allein. Da ist noch die andere verkorkste Pointe. Indessen bloß Ruhe. Das Hemd ist einem immer näher als die nobelste Düffelmontierung. Solches muß man in Beobachtung halten,« und er zählte an den Knöpfen herunter: »Edelmann, Bedelmann, Küster, Pastor, Förster ...« Er schnappte plötzlich ab. Weiter ging's nicht. Nicht ums Verrecken. Die blankgeputzten Ankerknöpfe seines Jacketts waren alle geworden. »Also Förster ... obgleich ich mir ausspekulierte, so 'n richtiggehender Edelmann wäre auch nicht so ohne gewesen. Kann's auch beanspruchen. Gottverdammich, das kann ich, ohne Besien, ohne um dessentwegen dem kleinen Finger Molesten zu machen, denn ich und das Weibsbild und alles, was drum und dran hängt – wir haben schon 'ne gehörige Portion Respekt zu verausgaben, ohne in Anschlag zu bringen, daß ich mich mit Pitt Hemskerk unterfertige und schlankweg erkläre: Mein Wort placiere ich immer an die oberste Stelle. Fertig! Aber was so 'n prächtiges Frauenzimmer bedeutet ... Den Deubel nochmal! gegen so was hat man allzeit konträren Wind, wird einem die munterste Brise aus Segel und Takelwerk genommen, sieht man sich schließlich genötigt, die Ruderpinne auf die andere Seite zu werfen. Daran läßt sich nichts abdividieren, nicht so viel, als ich Schwarzes unter meinem Nagel besitze, Hab' ich einfach als 'nen anpräsentierten Maifisch hinterzuschlucken – einfach hinterzuschlucten, als wäre so 'n grätiges Wasservieh 'ne aufgelegte Delikatesse aus der Estaminet von Doortje Kalwerdick in Rotterdam. Aber prosit die Mahlzeit! Wollen mal zusehen, und somit: 'ran an den Kompaß.« Breitbeinig und langsamen Schrittes ging er der Achterkajüte zu. Hier angekommen, nahm er noch eine gehörige Handvoll Luft in die Nase, um dann gemächlich unterzutauchen. Auf acht bis zehn sauberen Stufen ging es in ein angenehmes Schummern hinein, in ein Schummern von Altgold. Und dieses Altgold ... Es fällt durch die aufgerafften Musselingardinchen, die die niedrigen und schräggestellten Fenster umkleiden. Tief unter den Dielen ist ein ewigwährendes Gurgeln und Gluckern. Es mahnt an Musik, an das neckische Hin und Her von übenden Stimmen, und diese Stimmen werden voller und reiner. Es ist ein Spielen und Singen von anmutigen Lebewesen, ein heiteres Tänzeln ins Unendliche hinein. Das Kielwasser spielt. Es spielt ein Rondo Scherzoso von Konradin Kreutzer. »Jakobine ...!« Zwei graue Augen, die ins Grünliche übergingen und an den wechselnden Glanz von Florentiner Steinen erinnerten, standen in der Dämmerhelle der Achterkajüte. Sie waren fest auf den Alten gerichtet. »Jakobine, also 'ran an den Kompaß.« Ein frohes Lachen schlug ihm entgegen. »Ich sehe, du hast dich besonnen.« »Besonnen, besonnen?! Was heißt das: ›Du hast dich besonnen‹? So ohne weiteres läßt sich das nicht feststellen, mein Döchting. Ich bin bloß man 'n bißchen auf Deck gewesen, um meine Gedanken so peu à peu auf den richtigen Drehpunkt abzustimmen. Da ist von 'ner Besinnung überhaupt keine Rede gewesen. Die besitze ich immer. Vielmehr ist mir die Frage gekommen: hat's denn überhaupt mit der Freierei so 'ne barbarische Eile?« »Das weniger, Vater, aber ich glaubte, dir eine unerwartete Freude zu machen.« Über das braunrote Pontakgesicht des Alten kräuselte sich ein munteres Grinsen. »Da kiek einer mal an! So 'ne appetitliche Range. Also – du mir? Du hattest vor, mir ein so extraordinäres Pläsierchen unter die honorige Kaptänsmontierung zu fummeln, um hinterher sagen zu können: Ich habe den Alten 'rumgekriegt und über den Löffel balbiert, daß man die Fetzen so abtrudelten. Hurra die Enten!« »So ähnlich,« lächelte sie still vor sich hin. »Sieht dir auch ähnlich, mein Döchting, denn von jeher bist du so 'n auserwähltes Stück von Frauenzimmer gewesen. Nee, dieses Weibsbild! Rückt einfach an ... weiß Duisburg-Ruhrort schlankweg zu finden ... belegt meine beste Achterkajüte ... hängt mir den Kopf voll dämlicher Liebesgeschichten, und das just im Momang, wo ich nicht Hände genug habe, meine Konnossemente ins reine zu bringen, mich mit den Gebrüdern Schwengels, Zucker en gros, ins Einvernehmen zu setzen, die mir überantwortete Fracht hinter die Bordwand zu verstauen – um dann zu erklären: Als Passagierin von ›Gott mit uns‹ hab' ich dir 'n Geständnis zu machen.« Ihre Augen leuchteten. »Vater, das ist auch bestens geschehen.« »Ganz richtig. Bestens geschehen. Aber nu höre mal zu,« und der brave Pitt Hemskerk, der gesuchteste Kapitän von Mannheim bis zu den überseeischen Häfen hinunter, warf sich schwer in einen nahen Binsenstuhl, schlug die Beine übereinander und ließ den einen Daumen um den anderen spielen. Sein gutmütiges, aber eindringliches Auge bohrte sich tief in das seiner Tochter. Sie sitzt ihm hoch gegenüber. Ihre schlanke, feste und doch weiche Gestalt ist mit Glanz überschüttet, völlig mit einem Goldglanz umgeben, der sich durch die schmalen Musselingardinen spinnt und sich nicht genug darin tun kann, Abendsonnen- und Rheinperlen durch ihr straffgescheiteltes, im Nacken zu einem mächtigen Knoten verflochtenes nachtdunkles Haar zu sticken, dem ein Metallschimmer anhaftet, wie ihn nur Rabenfittiche haben. Ihr schmales Medaillengesicht steht weiß in der Dämmerhelle, in einer Dämmerhelle, durch die sich die letzten Abendlichter wie goldene Fliegen bewegen. Was für ein Antlitz ...?! Ja, was für ein Antlitz hat diese Jakobine Hemskerk! Es ist so, als hätte ein großer Künstler es in seiner besten Geberlaune gebildet, ihm alles gegeben, was dem Niederrhein anhaftet, was ihn groß und heilig macht vor Gott und den Menschenkindern. In diesem Antlitz wohnt die Größe und Strenge der unermeßlichen Ebene, das Verführerische ihrer verschwiegenen Altwasser, die Reinheit und die Barmherzigkeiten der Mutter Gottes von Kevelaer ... und beim Ansehen dieses Gesichtes blühen die Zentifolien noch einmal so heiß und duftend in schwülen Sommernächten, pilgern die Wegemüden zur Gnadenkapelle, heben sich ihre Arme zur Mittlerin und Fürsprecherin, stammeln die Lippen: »Jungfrau der Gnaden und der Verheißungen, o du Unsere liebe Frau der Wunder und Zeichen, der Hoffnung und der Auferstehung, lege mir die Hände auf, auf daß ich genese, denn deine Hände sind weiß und kühl wie die weißen und kühlen Hände der schönen Jakobine Hemskerk, die durch die Tage geht wie ein menschgewordenes Mirakel des Herrn, ohne es selber zu wissen, die ihre Jungfräulichkeit trägt und in sich birgt, wie die Lilien am See von Genezareth ihre Jungfräulichkeit tragen, und sich nur dem erschließt, den sie begehrt mit der ganzen Sehnsucht und Inbrunst eines liebenden Weibes, auf daß geschehe, was der Mund des Engels verkündet: Du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes ...« und wo sie erschien, füllte sich die Umwelt mit dem köstlichen Duft ihres Leibes, nahm sie die Sinne gefangen, wurde der Schrei nach dem Weibe lebendig ... und war nur ein schlichtes Weib unter den schlichten Weibern der Niederung, wenn auch eine Königin an Anmut und Schönheit, reich daran wie der junge Tag auf den Bergen, verschwenderisch damit wie die schwülen Nächte mit ihrem Sternenfeuer und ihren Geheimnissen. »Ja, nu höre mal zu,« und der landeingesessene Mann mit dem Kindergemüt, der Mann mit dem hitzigen Aufbegehren unter den blanken Ankerknöpfen, noch immer damit beschäftigt, den einen Daumen um den anderen zu drehen, begann ruhig und gemessen zu sprechen: »Bevor ich mir den diesbezüglichen Kasus näher betrachte, muß ich des längeren ausholen, denn was ich zu beantworten habe, ist nicht so ohne weiteres mit 'nem einfachen und glatten ›Ja‹ zu erledigen. Wie schon gesagt: von 'ner totalen Einstellung meinerseits ist bei mir noch gar keine Rede. Die vertrackten und unhonorigen Zeitläufte, unter denen wir hindrusseln, die wie auf den Sand geschmissene Spiegelkarpfen nach Luft schnappen, machen mich wirbelsinnig, über die Maßen ungeeignet, den richtigen Turnus aufzustellen. Das ist so, und damit haben wir beide zu rechnen.« Er senkte die Stimme: »Deine Mutter ist tot. Mit ihrem Hinscheiden wurde mir und dir das beste Stück aus unserem Leben genommen, ein Schlag, der mir bis zur heutigen Stunde so erbärmlich die Luft abdrehte, als müßte ich tagtäglich im Wind stehen, um mir die gehörige Portion Atem einzuholen. Das tu' ich auch redlich, aber die Verhältnisse sind doch in dieser Beziehung äußerst miserabel geblieben. Mutter fehlt uns an allen Ecken und Enden, und so bist du eigenwillig deines Weges gegangen, selbst in der ›Benehme‹, wo sie dich zurechtmachten, um dir 'ne seine Tournüre mit nach Hause zu geben. Na, das geschah auch, aber das mit der Eigenwilligkeit ... Ich kann mir nicht helfen – diese Eigenwilligkeit ist bei dir haken geblieben, sonst wärest du nicht ...« Sie warf hart den Kopf in den Nacken. »Ich bitte dich, Vater ...!« »Bleibt so. Kein Wort mehr, Herzensmamsell, denn ich habe weiter zu sprechen,« und aufs neue zwirnte er ein Wort neben das andere. »Jakobine, ich habe was prestiert in der Welt, sowohl als Kaptän wie als solcher. Meine Finanzen stehn gut, obgleich mir die Zöllner und Drahtzieher zwei Drittel des totalen Besitzes abgeknöppt haben, ganze zwei Drittel, mir aber bis dato noch so vieles beließen, um damit 'nem verkrachten Edelmann wieder auf die maroden Strümpfe helfen zu können. Für meintswegen darf ich mich tagtäglich auf den Altenteil setzen, ins Rheinwasser spucken, mich der Ruhe erfreuen und an warmen Sommerabenden von meinem Fenster aus meine Levkojenrabatten besehen. Aber ich tu's nicht,« und seine Faust rumpelte auf den Tisch, »ich tu's nicht, unter keiner Bedingung, nicht ums Kinderkriegen, denn wenn ich mir unsere gefallenen Helden, unsere noch lebendigen Kriegsteilnehmer betrachte, dabei zusehen muß, wie ihnen heutigestages mit falschen Wagen und falschen Gewichten zugewogen wird, wie die Opferbringer zum Deubel gehen und die Opfernehmer wie die Säue von Gerasa dahinschmarotzieren, dann frag' ich mich immer, ist denn kein Gotteszorn da, kein Gottesgericht, diesem Geziefer und dieser Saubeutelei Fixfeuer auf die grindigen Köppe zu pfeffern?! Herr, in des Satans Namen noch mal, wo bist du denn eigentlich?!« Und wiederum krachte die Faust auf. »Es heißt wohl,« fuhr er gemäßigter fort, »vor des Herrn Angesicht sind tausend Jahre wie ein Tag. Er steht immer auf Nachtwache. Sie kommt allen Völkerschaften zugut. Seine Gerechtigkeit ist ohne Beginn und ohne Ende. Alles schon richtig. Aber ich sehe und höre keinen Herrgott und gar nichts... bloß die französische Faust, die uns immerzu am Kittel sitzt, bloß das französische Maulwerk, das immerzu schreit: Weh' den Besiegten! und sehe 'ne Masse von Kostgängern, die jede Arbeit als 'ne schwere Sünde verschleißen... und da sollte ich mich auf den Altenteil setzen, mich ins Sofa hineinfläzen und zusehen, wie Deutschland immer mehr als Armenhäusler sich herausmustert? Niemals! Lieber mit dem Kopp durch die Bordwände, denn hier diese Fäuste...« und er streckte sie aus und besah sich die braunroten, zerrissenen Pratzen. »Ja, hier diese zwei Fäuste, die bleiben am Ruder, schon aus dem alleinigen Grunde heraus, der Faulenzerei und der Luderwirtschaft dafür ein leuchtendes Exempel hinzustellen, und sie werden ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit tun, bis der große Kaptän erscheint, den Sturmriemen unter- und den Ölmantel übergezogen, um mir auf die Schulter zu tippen und heimlich zu sagen: Pitt Hemskerk, nu lasse man gut sein. Deine Navigation ist zwar alle, aber dein Logbuch wurde als richtig befunden. Da droben ist dir 'ne extraordinäre Paradekajüte bereitet... und in dieser Paradekajüte ist auch Mutter einquartiert und erwartet dich lange.« Er fuhr sich über die Schläfen. »Ja,« sagte er ruhig und mit leisem Kopfnicken, »erwartet dich lange... erwartet dich lange...« Jakobine erhob sich. Sie trat dicht vor den Alten. Ihre junge Brust stürmte und senkte sich in tiefer Erregung. Sie legte ihm die weißen Hände auf, die weißen Hände, die vieles hinwegnehmen konnten, und meinte: »Ich verstehe dich, Vater. Wir finden uns beide in dem nämlichen Gedanken. Das Leid, das du um Deutschland trägst, trage auch ich. Und das mit Mutter...« Ihre Stimme schluchzte auf: »Ach, meine Mutter! Mutter, Mutter...! und du... Eigenwilligkeit wirfst du mir vor und hast mir doch immer gesagt: 'ne Kapitänstochter soll ihren eigenen Willen besitzen, soll nicht mit der Masse dahinlaufen, sich vielmehr als das freie Kind eines freien Mannes betrachten.« »Hab' ich gesagt, ist auch jetzt meine Ansicht, und wenn du das anders hinnimmst, so ist das nicht auf dem richtigen Boden gewachsen, denn du bist mir immer 'ne zutunliche und brave Tochter gewesen.« In ihrem Medaillengesicht zuckte es auf. »Vater, dann begreife ich nicht...« »Kind, Herzensmamsell...!« und der alte Rheinbär stöberte hoch. »Du meinst von wegen...« Es hing ihm etwas an den Wimpern, das er fortwischen mußte. »Kind, versteh' mich doch richtig. Ich will ja nur dein Bestes, dein Allerhöchstes. Aber jegliches muß mit Verstand angefaßt werden. Ich meine: du bist gar nicht so ohne. Die Mannsleute machen breite Naslöcher um dich. Du kannst dich sehen lassen.« »Aber Vater!« »Natürlich. Ich bin stolz auf dich, und das kann mir keiner verübeln.« Er schlug sich auf die Brust. »Ich, Kaptän Hemskerk, ich hätte gewünscht... Ja so! Warum kann nicht 'n honoriger Kavalier oder einer aus der sogenannten Gesellschaft mich beehren und sagen: Herr Kaptän, ich bitte um die Hand Ihrer Mamsell Tochter? Warum nicht?! Das wäre so mein Gusto gewesen, denn ich kann solche Art von Leute bedienen... und nu kommt einer von der grünen Farbe daher, mit 'nem Birkhahnspiel am Filz, um so Hals über Kopp... und da soll ich so ohne weiteres mein Ja und Amen dransetzen...« »Das kannst du,« hielt sie ihm flammend entgegen. »Bloß Ruhe, Mamsell. Das sagst du so aus dem Ärmel heraus. Aber das hab' ich schon 'rausspekuliert: es soll kein Edelmann oder so was ähnliches für dich munter werden. Du hältst's mit der grünen Farbe und dem Birkhahnspiel. Auch gut. Du stellst deine Bedingung. Ich dito die meinige, denn ich kann nur einen gebrauchen, der das Überkommene hochhält, die Treue bewahrt, in der Pestilenz der Zeit sich nicht seine Überzeugung abledern läßt, um Karriere zu machen. Kommt vor, mein Döchting, kann immerzu vorkommen, denn in dieser Welt der Unrast werden viele Mannskerle verschlickt und versandet, und solche kann ich nicht in meinem Hausstand gebrauchen.« Er zog einen Strich durch die Luft. »Niemals, meine Herzensmamsell.« »Vater...!« und ihre Stimme flackerte auf: »Reiner ist nicht verschlickt und versandet.« »So, so! Also nicht verschlickt und versandet? Auch nicht in seiner Förstermontierung?« »Nein!« »Und das weißt du gewiß?« »Ja, das weiß ich gewiß.« »Und daß er nicht umfällt, sei's, wo es sei?« »Ja, so wahr ich hier stehe.« »Und daß er seine Überzeugung, sein eigenes Ich nicht verleugnet, selbst dann nicht, wenn er sich in schwerer Seenot befindet? Menschen, die so was betreiben, gehören für mich mit 'nem Strick an die oberste Stenge.« »Vater, sein Herz ist wie 'ne leuchtende Flamme.« »Himmel Herrgott noch mal! das geht an die Nieren. Also deine Liebe kann ich als echt ansprechen? 'ne fadengerade und prächtige Antwort,« und der Alte sah stur und steif auf die Dielen. Ihm ging vieles durch den Sinn. Er nickte: »Gut so, brav so! Nu bin ich ein gut Teil weitergekommen. Also der Reiner – er steht, wie du sagst, auf Tagwacht und Nachtwacht. Soll mir angenehm sein, und wenn er über diese Tagwacht und Nachtwacht stolpern sollte – mir völlig egal, denn in meiner Reederei ist Raum und Arbeit genug, 'nen properen Menschen von der grünen Kulör, der eher verblutet als unhonorig zu werden, Auskommen und Stellung zu geben. Jakobine...! Mein Döchting, mein Döchting...!« Zwei gewaltige Teerjackenarme breiteten sich aus wie die Arme des Ewigen, Allmächtigen und Allgütigen: »Herzensmamsellchen, wenn du denn willst, mit dem Kopp durch die Wand und unter jeder Bedingung – ich für meine Person ...« und er schnappte ab, als hätte sich ihm eine harte Faust um den Hals geschlichen. »Ach – du...!« schrie sie auf. Schluchzend bettete sie ihr Haupt an die Brust des Erschütterten, ausgelöst in der Fülle des Glückes und des hohen Erlebens. Schwer und heiß tropfte es auf ihren Scheitel hernieder. Das waren Tränen ... und Tränen, die ein Vater um seines Kindes willen dahingibt, sind kostbarer als alle Perlen des Meeres. Das fühlte sie in dieser einzigen Stunde. Die Achterkajüte auf dem braven Rheinschiff 'Gott mit uns' hatte bei ihrer zwanzigjährigen Tal- und Bergfahrt schon vieles erlebt, Frohes und Leidvolles, Heiteres und Schmerzliches, Arbeitsames und Zugreifendes, aber eine solche Vater- und Kindesliebe, ein solches Verstehen und Ineinanderfließen des Blutes war ihr bis zu dieser hochheiligen Stunde niemals begegnet. Und Stimmen ringsum, ein verhaltenes Gurgeln und Gluckern, das sich allmählich zu einem innigen Klingen herausschälte. Es war wie ein Geigen und Musizieren von anmutigen Lebewesen. Das Kielwasser spielte. Es spielte ein Rondo Scherzoso von Konradin Kreutzer. Mitdem heulte es laut über Deck hin: »Emmerich in Sicht!« »Hoiho!« gab der Alte zurück und löste sich sacht aus dem Arm seiner Tochter. »Mein Herzensmamsellchen, bis gleich denn.« Er begab sich nach oben. »Lambert, hoiho!« »Zur Stelle, Kaptein.« »Wenn Anker gefallen, sofort hier dieses mit 'ner schönen Rekommandation an Mynheer Tappert am Krantor.« »Wird in Auftrag genommen.« Der Brandfuchs grinste und senkelte den übergebenen Brief in die Seitentasche. »Was sonst noch, Kaptein? Ich meine von wegen die morgige Löschung.« »Ja so! Achtzig Sack an Jakob Terheiden am Oberen Burgwall, hundertfünfzig dito desgleichen an Herzlieb, in Firma Sally Herzlieb und Söhne, siebenzig für Jettchen Pottlot in der Kalvarinerstraße.« »Nichts weiter?« »Nichts weiter!« »Und wann wird morgen gefahren? Ich denke bloß so, denn Mynheer Tappert hat 'n verteufeltes Sitzfleisch mang die Hosen.« »Meine Affäre, du roter Halunke.« » Merci , Kaptein.« »Abtreten und Orders befolgt.« »Wird gemacht.« Der Alte wandte sich auf die andere Seite. Da sah er: die scharf umrissene Gestalt seiner Tochter ragte hoch und einsam beim Vorsteven auf, wuchs gleichsam in die Goldfolie des Firmamentes hinein. Emmerich rückte näher und näher. Der westliche Himmel lag in einem tiefen Verbluten. Strom und Land hüllten sich in eine düstere Lohe. Strahlenbündel züngelten hoch, und Strahlenbündel zerfielen in dem raschen Wechsel des ewigen Geschehens. Weiter zur Linken, dem eingedunkelten Binnenland zu, dehnten sich die violblauen und weiten Konturen des Reichswaldes. Nicht weit seines Bannes wohnte Reiner ... und der war im Geiste bei ihr und gab ihr seine heiße Liebe zu kosten. Sie erschauerte unter seinen verzehrenden Küssen, breitete ihm ihre stolzen und weißen Arme entgegen, die fast fraulichen Arme, in deren Fesseln man die Umwelt vergaß und das Leben sich glücklicher lebte. Der Abend senkte sich schneller. Florig kam es von den Höhen herunter. Die ersten Lichter gespensterten in Emmerich auf. Von Hafen und Werft riefen vereinzelte Sirenen durch das Schimmern und Verdämmern des Tages. Der Vater trat hinter sie. Seine Hand legte sich ihr fest auf die Schulter. »Bei meinem Freund Tappert,« sagte er ruhig, »wirst du deine Prüfung bestehen und dein erstes Wunder erleben.« Fünftes Kapitel »Anch' io sono pittore...!« Michel Virgilis Tappert liebte die Dämmerhelle für sein historisches Zimmer. Ohne diese konnte er sich ein zufriedenes und wohlgeordnetes Dasein nicht vorstellen. Sie war ihm Lebensbedingung, das Alpha und Omega für die Genüßlichkeit eines anheimelnden Dahinvegetierens. Er haßte die Glühbirnen. Sie waren ihm das, was für den strenggläubigen Samen Abrahams, Isaaks und Jakobs die Frankfurter Saucischen bedeuten. Er wies sie ab im Hinblick auf seine künstlerische Veranlagung, das Empfindsame für abgetönte Farben, die zarten Schwingungen eines feinen Verstehens. Ja, das Honoratiorenzimmer... Keine elektrische Birne wagte es hier, sich mausig zu machen, auch nur den kleinsten grellen Lichtreflex über die Tafel zu spreiten. Der Raum, den einst die schöne Katharina Rickers bewohnt und mit dem Duft ihres Haares erfüllt hatte, in dem sie erhöht und erhoben wurde, um schließlich als Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg alle befreundeten Boudoirs und verschwiegenen Taxuslauben mit ihrem Liebesgezwitscher zu beseligen – diese, durch Tradition und Geschichte ausgezeichnete Stätte durfte unter keiner Bedingung durch das profane Licht, berechnet nach Kilowattstunden, entweiht werden. Es wäre Schändung gewesen, grobe Vergewaltigung des geschichtlichen und legendären Gedankens, ein brutaler Faustschlag in das Pudergesichtlein eines kichernden, tänzelnden und galanten Zeitalters. Glühbirnen anzuknipsen – pfui Teufel noch mal! Nur Wachskerzen wurden geduldet, porzellanbleiche, knisternde Wachskerzen, die geheimnisvoll abtropften, dabei neckisch plauderten, ohne bei diesem Geplauder die Contenance zu verlieren oder irgendeiner delikaten Angelegenheit den allbarmherzigen Musselinschleier völlig zu nehmen. Michel Virgilis Tappert verstand es schon, Stimmung zu machen und diese von ihm gewollte Stimmung sinnig vorzubereiten. So auch am heutigen Abend. Fünf Lichter flämmerten von einem schmiedeeisernen Leuchter. Drei weitere standen auf einem schweren Stollenschrank, in welchem Mynheer die von dem emeritierten Rektor und Schulmagister Sebastian Wesendonk verfaßte und edierte Historie von der schönen Katharina Rickers, seligen Angedenkens, sorglich aufbewahrte. Er hegte selbige wie seinen Augapfel, wie das Glück von Edenhall, ohne jemals auf den unseligen Gedanken zu verfallen, mit dem jungen schottischen Lord diese Kostbarkeit unwirtlichen Gesellen preiszugeben. Nur guten und lieben Menschen ließ er die Wohltat der anregenden Historie zukommen, und wenn er es tat, nur mit äußerster Vorsicht, klugem Eindringen in die Materie bei brennenden Wachskerzen. »Ein angenehmes Pröstchen Euerer Hoch- und Wohlgeboren,« sagte er, nachdem er sich eine frische Kalkpfeife vom Eckbrett gelangt und sie feinsäuberlichst vollgestopft hatte. »Über das Bild geht doch nichts,« fuhr er mit eingekniffenen Äugelchen fort. »In ihm verkörpert sich ein ganzes Jahrhundert, eine Zeit, die einem so mollig mit ihren seidenen Reifröcken und sonstigen Zutaten um die Naslöcher herumfingert, daß man miauen möchte wie ein gestriegeltes Miezekätzchen.« Er machte eine pompöse Bewegung. »Dieser Ansatz des Halses ... dieses Sichversenken in die feinsten Umbratöne und Schattenpartien des weiblichen Fleisches...« »Lassen wir's gut sein,« winkte Gisbert Kreuzwendedich ab. »Ja, lassen wir's gut sein. Es schadet dem Kappes zwar nicht, wenn man alles mit seinem richtigen Namen benennt, indessen jedoch, man soll kein Ärgernis geben, nicht in seiner Beseligung den letzten Schampagnerkorken verknallen lassen. Aber es bleibt dabei: das ist Katharina Rickers, wie sie leibte und lebte, mit all ihren göttlichen Niedlichkeiten und Anfechtungen, und ich will 'nen eingesalzenen Hering, frisch aus der Lake heraus, ohne Murren verzehren, wenn ich das Bild nicht für das beste erkläre, was jemals von ihr hingestellt wurde.« Der Baron streckte die Rechte. »Man sachte, mein Lieber.« »Warum?« fragte Michel Virgilis. »Ich brauche nur den Namen Balthasar Denner zu nennen.« »Denner ist gut, aber immer bloß hü mit die bockigen Trakehnerhengste.« »Mumpitz!« »Abwarten, Freundchen. Nicht immer mit dem Kopf durch die Wolken. Schließlich stößt man doch an so 'nen verfluchten Schwanzstern, daß der zertöpperte Brummschädel meint, in ihm würden ›alle Neune‹ geschoben. Balthasar Denner kann in der Farben- und Pinselwelt mit allen Ehren bestehen, ja, sogar magna cum Iaude bestehen, aber den Zauber, den dämonischen Inhalt dieser Katharina Rickers, dieser Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg ad oculos zu demonstrieren, ihn völlig auszuschöpfen, das ist ihm leider versagt geblieben.« Er zuckte die Schultern. »Leider – ich kann es nicht ändern.« »Potz Element noch mal, wo alle Welt dieses Bildnis bewundert!« »Soll's auch bewundern, denn es ist gar nicht so ohne. Aber wie ich schon sagte: der stolzen Madam wurde nicht hinreichend Rechnung getragen, ihr nicht das gegeben, was ihr von Rechts wegen zukam und was sie beanspruchen konnte. Es mußte ein Großer heran, so ein gerissener und verflixter Franzose, ein Kerl, der mit allen Masern und Fasern im galanten Zeitalter drinstand, um die Sinnenwelt dieser einzigartigen Frau, ihre seelischen und körperlichen Reize, das Girrende, Lockende, Vibrierende an ihr und die kaum wiederzugebende Tönung ihres Fleisches auf die Leinwand zu bringen. Schon ihre Hände gaben Rätsel zu lösen, künstlerische, fast übernatürliche Rätsel... und dieser Mann wurde gefunden.« »Was – wurde gefunden?« »Wurde gefunden.« Michel Virgilis setzte ein schiefes Gesicht auf. Mit spitzen Lippen stieß er drei scharfe Kringel zur Decke. Dann sagte er pfiffig: »Euer Hoch- und Wohlgeboren belieben zu scherzen.« »Zuweilen, Maestro, nicht immer. Euch wird noch heute der Tag von Damaskus erstehen.« »Da bin ich begierig.« »Wird erstehen, um Euere krumme Ansicht über den Haufen purzeln zu lassen.« »Also losgeschossen. Ich höre.« Der Baron legte sich in seinen Lehnstuhl zurück. Umständlich brachte er eine schmale Zigarrenkapsel zum Vorschein, langte sich eine Virginia heraus, zündete sie in aller Gemächlichkeit an, betrachtete den sich bildenden Aschenkegel mit regem Interesse, führte das Etui wieder an Ort und meinte nach einigem Nachdenken: »Lieber Freund und Kupferstecher, oberster Gauner auf dem Gebiete aller gebrannten Getränke, ich hause auf Borghees.« »Ist mir bekannt, Herr Baron.« »Daß es mir erb- und eigentümlich zufiel, und zwar in Kraft letzter Willensverfügung meines gestrengen Ohms Gideon Hans Salvator von Riswyk – auch dieses dürfte Euerer Liebden nicht verborgen geblieben sein?« »Ist mir präsent.« »Selbiges Chateau nun wurde von der Gräfin gebaut, ausmöbliert und in ein Buono retiro verwandelt, als ihre Berliner Verhältnisse sich zuspitzten, ihre höfischen und politischen Ambitionen in ein gelindes Wackeln gerieten.« »Leider, leider und höchst zu bedauern.« Riswyk hob mit Bedeutung den Zeigefinger. »In Parenthese bemerkt: sie verdiente es reichlich, denn ihr übermütiges Pochen auf Gunst und Gnade, auf Macht und Reichtum, auf die Unwiderstehlichkeit des Weibes in ihr, überstieg jegliche Norm des gesunden Menschenverstandes. Aber fahren wir fort. Von hier aus geruhte sie, neckische Eskapaden zu machen, nach London zu reisen, Scheveningen aufzusuchen, um sich hier am Strande der Muscheln und Nuditäten als Schaumgeborene, als Venus Anadyomene bewundern zu lassen. Dann nach Paris. Hier sah sie der König... und Ludwig XIV. war ein einziger König. Ludwig le Grand. L'Etat c'est moi! Dem zeigte sie Miniaturen von drei Monarchen, alle in Gold und Brillanten gefaßt... drei Monarchen, die sich um ihre Gunst und ihre Liebe bewarben, sich ihr mit Leib und Seele verschrieben...« »Potztausend noch mal!« »Will ich meinen, Mynheer,« und der schnittige Kavalier stellte Daumen und Zeigefinger der rechten Hand preziös gegeneinander. »Dreimal ›Potztausend noch mal‹! denn von drei Monarchen und dem französischen Sonnenkönig angefeiert zu werden – dieses phänomenale Begebnis ist nicht auf fünfzehn präparierte Rindviehhäute niederzuschreiben, ist kaum auszudenken, läßt sich nicht mit wenigen hingehauenen Silben bis in seinen tiefsten Tiefen ausschöpfen... aber das Beste, Mynheer: sie wurde in dem Sündenbabel gemalt, gemalt von dem einzig möglichen Illuminierer, der die Fähigkeit aufbringen konnte, Gottes Wunder mit göttlichem Können und göttlicher Inspiration auf die nackte Leinwand zu setzen. Achtung, Mynheer!« und der kundige Thebaner münzte jedes gesprochene Wort zu einer vollkarätigen Goldkrone aus, indem er in der delikatesten Weise ausführte: »Wurde gemalt ohne Schönpflästerchen und Korsage, mein Bester... ohne Krinoline und Fontagne, Maestro... ganz Weib, ganz Hingebung... ohne Brabanter Spitzen und Bänder, mit einem Wort: ohne störende Zutaten... sonder Stöckelschühchen, Mynheer... Hingegen dafür: dem schaumigen Wasser entstiegen... am Strande von Scheveningen... in Schleiern und Nebeln... in ambrosischer Schönheit... selbst das kleinste betonend... mit Rosenknospen, wie nicht mehr unter den irdischen zu finden. Und was die Hauptsache ist: kein höfischer Zwang... keine Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg... vielmehr das niederrheinische Weib, vollsaftig in seiner Größe und Herbe, seiner schmerzhaften Keuschheit bis zum letzten Hinsterben. Und der sie malte, nannte sich Rigaud.« »Was, Rigaud aus Perpignan?« »Derselbige Rigaud, Hyacinthe Rigaud.« »Kreuzgewitter noch mal! und wo ist dieses Bildnis aufzutreiben?« Gisbert Kreuzwendedich Riswyk voltigierte seinen landfremden Stengel von der einen Mundecke in die andere, tippte die Fingerspitzen fein gegeneinander und meinte mit sichtlichem Wohlbehagen: »Euerer Liebden zu melden: Home, sweet home ! Nicht weit von hier. Achter de moije Kastanjeboomjes. Aus Borghees, Gestrenger. Da war's alle mit Michel Virgilis Tappert. Er schnellte auf, als wäre ihm ein pyrotechnisches Sprühteufelchen unter sein derbes Sitzfleisch geraten. »Herr Baron, und das von Hyacinthe Rigaud ...?! Kapazität ...!« und seine Stimme schlug um: »Dann allerdings – dann allerdings muß ich das Pater peccavi herbeten.« »Ich konstatiere somit,« legte sich der Borgheeser ins Mittel, »Euerer Liebden ist der Tag von Damaskus gekommen.« »Herr Baron, sonder Besien. Sonder Rosinne en Pöntjes. Jawoll ja, mir ist der Tag von Damaskus erschienen. Ha! das Bild muß ich sehen ... per sofort ... noch in jetziger Stunde und bei Kerzenbeleuchtung. Meine Spezialität, Herr Baron. Nicht lange gefackelt. Zeit ist Geld. Wir können gleich fortmachen. Auf nach Borghees. Avanti !« Schon war er dabei, seinen Castorhut vom Holzpflock zu langen, ihn grandios über die graumelierte Keilerschwarte zu stülpen. Seine Äugelchen brannten wie bengalische Feuerchen auf dem alljährlichen Schützenfest der Sebastiansbrüder in Emmerich. » Avanti !« Der Baron verhinderte es, drückte ihn sacht auf die Binsen zurück, versetzte mit stillem Behagen: »Warum das? Weshalb diese jüdische Eile? Ein Kavalier meidet diese israelitischen Gepflogenheiten, gibt das Heft nicht aus der Hand, läßt die Leine nicht schießen, nicht am Boden schleifen. Warten wir ab. Hyacinthe Rigaud und sein Meisterwerk bleiben, wo sie sich seit Anno Tobak befinden: auf Borghees, in meinem Privatkabinett, ohne die Ambition aufzubringen, auf Hasenläufen in die Kappes- und Rübenfelder abzuwandern. Immer bloß stetig. Später vielleicht. Zu einer geeigneten Stunde. Dann bin ich gerne erbötig ...« »Na denn,« sagte Mynheer, »warten wir ab, aber ich kann mir nicht helfen: dies Weibsbild, diese Katharina Rickers, sieht in meine Träume hinein, als säße sie auf einem rosinfarbigen Tier, ganz in todschwarzem Samt, 'nen Strahlenkranz von sieben silbernen Sternen um die milchweißen Schläfen, ganz kapitale Hingebung. Herr Jeses noch mal ...!« und er stierte in die zuckenden Kerzenflämmchen, als müßte sich in dem zarten Flimmern und Scheinen ein Wesen inkarnieren, geeignet, ihn zu beunruhigen, ihm die Reizungen einer königlichen Madame en titre näherzubringen. »O du Traum meiner Nächte!« »Halt!« fiel der Herr von Borghees ein. »Seien wir weise. Keine utopischen Anwandlungen auf diesem Gebiet. Hüten wir uns vor dem Wahnsinn herostratischer Selbstvernichtung. Solches könnte Euerer Liebden übel bekommen. Was lange dahin ist, läßt sich nicht wieder verkörpern. Spiegelbilder sind immer nur Spiegelbilder, erträumte Gestalten bleiben eben erträumte Lebewesen. Nichts weiter. Und daher: seien wir achtsam und geruhen wir ernstlich, aus den vorgetäuschten in die wirklichen und greifbaren Jagdgründe überzuwechseln, ein beschauliches Dasein zu führen und sich mit dem zu begnügen, was einem eine gütige Vorsehung auf den Präsentierteller legte. Offen und ehrlich gesprochen: ich denke dabei ein wenig an Düweke Brinkmann.« Ein Aschenkegel pritzelte zu Boden. Michel Virgilis stöberte hoch. Er warf den Kopf in den Nacken und musterte seinen Gast herausfordernd von oben bis unten. »Niemals. Ich denke nicht dran. Euer Hoch- und Wohlgeboren haben doch selber ...« Eine schmale, aristokratische Hand wurde sichtbar. Richterlich stand sie zwischen Mynheer und dem Sprecher. »Hab' ich, aber mit Einschränkung, denn ich schütte nie den Säugling mit dem Badewasser in den Rinnstein hinein. Das könnte nur Irrungen und Wirrungen schaffen. Meine aufgestellte Prämisse nebst Schlußfolgerungen bleibt bestehen, dient als Warnung, schließt aber keineswegs aus, sich mit dem Goldkorn in ein sachliches, gediegenes und liebevolles Einvernehmen zu setzen – wie rechtens. Selbstverständlich: alle Bestrebungen, die darauf zielen, mit Standesamt und Kopulation in nähere Verbindung zu treten, sind von der Hand zu weisen – kühl und mit aller Reserve, denn es bleibt noch hinreichend übrig, sich des Goldkorns erfreuen zu können. Ohne Düweke würde die Estaminet am Krantor viel an Inhalt verlieren. Der Geist dieser Jungfrau waltet mit Umsicht, kratzt die zur Zeit in Kurs gebrachten Similitaler löblich zusammen und versteht es, den Gang des Geschäftes pläsierlich und dennoch äußerst nobel über Wasser zu halten. Also – machen wir Frieden, denn ohnediesen ist kein Heil zu erwarten. Friede ernährt, Unfriede verzehrt. Das möchte ich ergebenst anheimstellen.« » Capisco! « »Also soll ich...?!« lachte Riswyk, bereits die Hand an der Klingel. Michel Virgilis ließ sich wieder in den Korbsessel fallen. »Euer Hoch- und Wohlgeboren sind doch ein verteufelter Aaskerl, so 'n richtiger Ratten- und Schermausfänger. Immer heidi und in allen Hecken und Hägen. Jawoll ja. In Gottes Namen – los denn dafür!« und die Glocke ertönte. Hell und amüsant gellte sie in die Nebenstube hinein, in die Mäuseöhrchen der bedienenden Mamsell. Gleich darauf erschien Düweke Brinkmann aus Dornick. An der Tür blieb sie stehen, die Arme energisch eingestemmt, den Blick fragend auf ihren Herrn und den Borgheeser gerichtete. Sie machte Figur, noch immer einen gewissen Trotz um die gefälteten Mundecken. »Was soll ich?« »Näher treten, mein Goldkorn.« Der Baron schnickte mit Daumen und Mittelfinger, animierte sie weiter: »Allons, immer näher heran. So! und nun möchte ich wissen: was ist der liebwerten Hausgenossin denn eigentlich in die Krone gefahren?« »Daß ich nicht wüßte.« »Keine Ausflüchte, Mädel. Hier heißt es: Butter bei die Fisch', oder bin ich vielleicht der sündige Hammel gewesen?« »Im Gegenteil und gar nicht auszudenken – die Sache. Beim Herrn Baron befindet sich unsereins immer in 'ner guten Gesellschaft.« » Merci für die prächtige Auskunft.« Er wandte sich an Michel Virgilis: »Ich bitte Euerer Liebden, solches registrieren zu wollen. Evatöchter aus Dornick sprechen die Wahrheit. Das muß man sich merken,« und wieder zu Düweke: »Also wer war's denn?« »Um es mit einem Worte zu sagen: Herr Tappert.« »Aber Kreuzkuckuck noch mal...!« »Ruhe, Mynheer! Laut Abkommen habe ich den Vorsitz zu führen und die Friedenspräliminarien in die Wege zu leiten. Also, Düweke, darf man nicht wissen? Immer klaren Wein in die Buddel.« »Na denn, wenn's nicht anders zu machen ist...« und ihr getragener Busen erging sich in einer erregten Dünung der fernen Südsee: »Herr Baron, ich kann solche Redensarten, die sich Mynheer Tappert genehmigte, nicht leiden.« »Was für Redensarten?« »Die mit dem Flintenhahn und die sonstigen Anzüglichkeiten.« »So so?! Dann paß mal auf. Du kennst mich doch, Düweke?« »Allemal, Herr Baron.« »Und weißt auch, ich will nur deinen Vorteil?« »Auch dieses.« »Na denn...« er nahm ihre Hände, zog das rundliche Weibsbild, so wie es leibte und lebte, zwischen die Knie und sagte: »Alles im Leben bemüht sich um wechselseitiges Verstehen und Nachgeben, sollen gute Früchte gezeitigt werden. Besonders am Krantor. Hier ist heiliger Boden, historischer Boden. Hier lebst du in guter Obhut, ohne Sorgen und Bedrängnisse. Deine Stellung ist eine gehobene Stellung, dein Amt ein ehrenwertes Amt... oder bin ich fälschlich berichtet?« »Meine Stellung kann ich bloß als 'ne opulente bezeichnen.« »Schön! und wie hat mein Freund und Gönner sich dir gegenüber im allgemeinen benommen?« »Ich kann nicht klagen, Herr Baron.« »Also nicht klagen! Bleiben somit nur noch der Flintenhahn und die sonstigen Anzüglichkeiten. Dieses, mein Kind, fällt nicht schwer in die Wagschale, hat nichts weiter zu sagen, sind lediglich jagdliche Ausdrücke, die das Herz erfreuen und so billig zu haben sind wie die Brombeeren auf dem Emmericher Eiland. Mich hat er selber gefragt: Wohl so 'n bißchen knickeknacke gemacht? Tiro, tiro! mein Bester?! Also fort mit dem Flintenhahn und den sonstigen Anzüglichkeiten... und wenn man sie richtig betrachtet, kann man sie mit gutem Gewissen als Liebe, Vertrauen und Zuneigung ansprechen.« Düweke machte Augen wie holländische Teetassen. »Wenn Sie denn meinen...?« »Ich meine immer, mein Goldkorn, und sehe somit: du bist also gesonnen, Reue und Leid zu erwecken?« »Ach Sie, wenn Herr Tappert denn will...« »Er will,« sagte dieser. »Dann vorwärts, mein Herzblatt.« Der Baron striegelte ihr einen Klaps über die ausladende Backbordseite, daß es so knallte. » Actum ut supra . Der Friede am Krantor ist fix und fertig geworden!« »Höhö!« lachte Mynheer. Er fühlte zwei weibliche Arme, die ihn innig umschlangen. »Ach Michel! wie konntest du nur, wie konntest du mir dieses gebrannte Elend nur antun?! Ich bin ja sonst nicht so und kann mich beherrschen. Aber dieses Mal...« und sie klebte ihm einen saftigen Kuß auf, der nicht zu den schlechtesten zählte, und dieser Kuß hätte noch diverse Nachkommenschaft gezeitigt, wäre die Hausglocke nicht mit hellem Bellen in dieses versöhnliche Walten des Schicksals hineingefahren. »Um Gott nicht – die Schelle!« Das Goldkorn flitzte ab, wie aus der Pistole geschossen, um gleich darauf den Kopf wieder durch den Türspalt zu schieben. »Mynheer, Nachricht vom Rheinschiff ›Gott mit uns‹. Es ist eben vor Anker gegangen.« »Angtree!« Der Brandfuchs erschien und straffte sich hoch, den ihm übergebenen Brief zwischen den Fingern. »'ne schöne Rekommandation vom Kaptein, und ich soll hier das übermitteln.« »Her damit, und laßt Euch von Düweke 'nen doppelten Korn und 'ne Zigarre anpräsentieren.« » Merci , Mynheer.« Die Tür schnappte ein und wisperte nach wie ein gefangenes Mäuschen. Die Kerzen, die durch den Luftzug aufbegehrt hatten, begannen wieder besonnener und geruhsamer zu brennen. Das Honoratiorenzimmer lag aufs neue in vornehmer und stiller Beleuchtung, durch die sich bläuliche Rauchfäden kringelten. »Exküsiert, Herr Baron,« und Michel Virgilis Tappert erbrach das übermittelte Schreiben. Dann las er mit schwerer Betonung, gleichsam aus einer leeren Gießkanne heraus: »Hoiho! großgünstiger Schwalbenfänger und Geneverpötter. Mit Gottes Hilfe und Barmherzigkeiten bin ich hier vor Anker gegangen. Zwei Jahre haben 'nen verdeubelten Atem, denn so lange wird's her sein, daß wir uns gegenseitig nicht mit unseren Flossen beglückten. Es war nicht zu machen. Das kommt vor unter Freunden, wird aber heute abgestellt, denn ich bugsiere mich gleich ans Krantor heran, um den inneren und äußeren Menschenkadaver so 'n bißchen auszukalfatern. Führe auch 'ne adrette und schmuck aufgetakelte Fregatte im Schlepptau. Wirst Dich wundern, oller Punsch- und Grogbrauer. Zehnjährig war sie, als Du ihr zuletzt die Hand auf den Kopp legtest, und zwar in dem Momang, als meine Frau selig sich in schwerer Seenot befand, dazu nicht mehr den richtigen Kurs aufbringen konnte. Aber lassen wir das. Es ist nichts dran zu ändern. Morgen geht's weiter. Auf Rotterdam zu. Also bis gleich denn. Keine besondere Ehrung. Nur bitt' ich mir aus: Alle Mann auf Deck, Topps hoch und Segel in Wind. Gleichzeitig 'ne propere Salve von Leeseite her. Darüber würde sich freuen, der sich freundlichst unterfertigt als Pitt Hemskerk, Kaptän vom Rheinschiff ›Gott mit uns‹, zur Zeit vor Anker im Emmericher Hafen. All right !« Mynheer legte den Schriftsatz ab. »Potztausend, der Hemskerk!« und mit Stentorstimme rief er über die Schulter: »Mamsell!« und als diese erschien, gab er folgende Orders: »Der Zappes mit der Haus- und Bundesfahne postiert sich am Eingang. Karline und du, ihr verseht euch mit Zinndeckeln und ähnlichem Werkzeug, und wenn Hemskerk eintriumphiert, dann die Bundesfahne geschwenkt und geschwunken. Gleichzeitig los mit die Janitscharenmusik, daß alle Kakerlaken ins Rheinwasser übersiedeln.« »Mynheer, die haben wir nicht.« »Um so besser, mein Liebling. Desungeachtet: Musik wird gemacht und die Fahne geschwunken, auf daß wir 'ne noble Einführung haben.« » Well! « lachte das Goldkorn, drehte bei und verschwand in der Anrichte, während Michel Virgilis die Dielen nach Länge und Breite durchmaß, mit Armen und Beinen gestikulierte, den Kapitän über den grünen Luzernerklee lobte, ihn als den Ausbund aller rheinbefahrenen Menschen hinstellte, sein Licht leuchten ließ wie eine schöne, heilbringende, geruhsame Laterne von der höchsten Stenge des Fockmastes und sich dann an der geöffneten Türe des Honoratiorenzimmers wie einer der wilden Männer im Wappen der preußischen Könige aufpflanzte – Hacken zusammen und mit geschulterter Kalkpfeife. So stand er, so wartete er, ganz Gravität und atemlose Hingebung ... und keine fünf Minuten vergingen: der Zappes schwenkte, was das Zeug halten wollte, die Zinndeckel topfdeckelten los, lärmten und krachten, als spektakelten Jan Steen und der Höllen-Breughel aus ihren Schildereien heraus, als wäre der leibhaftige Gottseibeiuns lebendig geworden. »Gottverdomie – der Hemskerk...!« »Bin ich – und wenn's erlaubt ist, mit 'nem propern Weibsbild.« »Angtree, angtree!« und Hand in Hand standen die beiden, Auge in Auge und Stirne gegen Stirne, sich des Wiedersehens erfreuend und die Stunde genießend, während der Lärm verstummte und Jakobine sich an der Seite des Vaters hielt, ganz benebelt von den Eindrücken, die so ganz eigenartig und wider Erwarten auf sie losstürmten. »Kaptän, meine Achtung, denn so was ist noch nicht jung geworden auf Erden.« Mynheers Rehposten brannten wie Lichter, als er des schönen Weibes ansichtig wurde. Riswyk erhob sich. »Meine Zeit ist gekommen,« sagte er schlicht vor sich hin. Michel Virgilis wandte sich jählings. »Was ›Zeit ist gekommen‹?« »Ich störe bloß hier.« »Unsinn – verfluchter! Wo so 'n Vater und so 'ne opulente Fasanenhenne von Weibsbild meine Honoratiorenstube beehren... Das ist doch nicht alle Tage zu haben,« und er stellte vor: »Gisbert Kreuzwendedich von Riswyk, Herr und Besitzer von Borghees.« »Auch der Knollen- und Rübenbaron im Volksmund geheißen,« kam es zurück. Hemskerk trat vor. Seine Hand streckte sich aus. »Wird akzeptiert, Herr Baron. Im übrigen – ich glaube, wir sollten uns kennen. Blexem, das war ja...« »Natürlich, Kapitän...« Riswyk schlug ein. Stählern klammerte sich Rechte um Rechte. Die Blicke begegneten sich. »Und überhaupt so. Wer hätte nicht schon vom Kapitän Hemskerk gehört?! Weiß der Geier, von Mannheim bis Duisburg-Ruhrort... selbst in Rotterdam ... na, und so weiter... Aber ich freue mich herzlich.« »Weiß es zu schätzen.« »Kinder, das paßt ja! Hurra die Enten!« und der köstliche Tappert dekretierte an den Fingern herunter: »Düweke, Achtung! Lokal reservieren! Gläser heran und echten Burgunder! Platz genommen! Die Bundeslade ist fertig, und wenn ihr wollt, ich lasse mir 'n Harfenspiel bringen, um wie David 'nen ›Lirum-larum Löffelstiel‹ mit acht Saiten Begleitung durch mein historisches Kabinett zu tanzen. Alles meinem lieben Hemskerk und seinem prächtigen Anhängsel zu Ehren. Kinder, die Freude!« Seine Stimme schwoll an: »Also placiert euch! Burgunder heran... Romanée – St.-Vivant... feinster Ausbruch und von der allerobersten Sorte! Meine Spezialität und nur am Krantor zu haben.« »Glorioser Musjö!« lachte Hemskerk. »Alter Rheinbär, bin ich noch immer. Darf ich bitten, Mamsell...« und mit dem solennen Gehabe eines Hofmarschalls mit 'nem properen Stammbaum geleitete Michel Virgilis das schöne Kapitänskind an Ort und Stelle, erklärte sie als Maienkönigin der auserwählten Tafelrunde, um kichernd zu sagen: »Gloria, Viktoria, wir können beginnen!« Sechstes Kapitel Die hochkelchigen Burgundergläser standen auf Reihe. Der Herr des Hauses gab sich in seinem Samtjackett wie ein spendender Hoherpriester, dem es oblag, der trauten Versammlung das allbelebende Chrisam zu übermitteln. Er tat es mit Umsicht, mit glücklichen Seufzern, den sinngemäßen Einflechtungen über die außer Wettbewerb stehende Spezialität seines Anwesens. Düweke brachte die ersten, mit Spinneweben und Franzosenmoos umkrusteten Bouteillen und stellte sie ihrem Herrn und Meister handgerecht hin. » Merci , mein Liebling. Es sind doch die von der hintersten Etage im Keller?« »Ganz richtig, Mynheer.« »Dann danke ich vielmals und bitte darum, jede Störung von uns abzuhalten. Wir sind für keinen zu sprechen. Selbst für den Herrn Pastor von Sankt Aldegondis nicht, falls es ihm beikommen sollte, das Honoratiorenzimmer und mich beehren zu wollen.« Er machte eine unnachahmliche Geste. »Goldkorn, tritt ab. Wenn angefordert – wird die Klingel ertönen. Hoheit und Feier muß sein, wenn Friedlands Sterne strahlen.« »Herr Jeses!« schmunzelte Hemskerk, »du bist ja der reinste Komödienspieler.« »Tragöde wolltest du sagen – Tragöde! denn in dieser hehren, fast sakrosankten Stunde wüßte ich keine bessere Bezeichnung für mich und die hohen Gefühle, die mich beseligen, aufzubringen. Goldkorn, tritt ab!« Das tat denn auch Düweke, und Michel Virgilis sprach weiter: »Selbstverständlich – unter 'nem Tragöden verstehe ich einen, der sich nicht miesepeterig gibt, sondern einen, der den Wert des Augenblickes erfaßt, dem es obliegt, alles das an den Mann zu bringen, was der Glanz seines Hauses gebietet und die hochwohllöbliche Tafelrunde beanspruchen kann, sich im Schatten des Titanen behaglich zu fühlen... und der Titane bin ich.« »Euerer Liebden verstehen es, den richtigen Drehpunkt zu finden, kurz den i-Punkt auf den i-Strich zu setzen. Jedenfalls trefflich geredet.« » Merci für den getätigten Zuspruch. Aber Euerer Hoch- und Wohlgeboren werden in dieser Beziehung noch ganz andere Dinge erleben, denn wenn Michel Virgilis Tappert das Wort führt, ist es wie der Marschschritt von altpreußischen Grenadieren bei Schellenbaum, Bombardon und sonstigen Ingredienzen.« Er musterte die Anwesenden, die ihm mit fröhlichen Augen begegneten: »Hemskerk, Mamsell, Herr Baron von und zu Borghees, meinen Gruß zuvor. Dazu meinen herzlichsten Willekumm bis auf den öbersten Söller. Die Zeiten sind elend; die mageren Zehrpfennige, die wir nach diesem unseligen Krieg noch aufbringen konnten, werden so peu à peu bis auf den schäbigsten Unterhosenknopf in Anspruch genommen. Es hält schwer, sich mit einer derartigen Finanzregulierung ins Einvernehmen zu setzen. Apage satana ! Die trockene Enteignung rückt immer näher, gibt sich wie die ägyptischen Plagen oder, sagen wir besser: wie die apokalyptischen Kavalleristen. Bevor sie uns nun die letzten Reserven abhalftern – und Gott sei Dank, ich habe noch welche – wollen wir uns wenigstens Mühe geben, den poweren Rest in die zuständigen Abflußröhren zu leiten.« Seine Hand fiel auf den Tisch. »Wie die Gäste, so die Behandlung, wie ihre Herzen, so die Getränke,« und er umschmeichelte mit seinen eingeknallten Rehpostenäugelchen die Burgunder Bouteillen, als wären es die auf der Hochzeit von Kana spendierten Flaschen unseres Herrn und Seligmachers gewesen. Dann schenkte er ein. Gleich böhmischen Granaten begannen die Kelche zu leuchten. »Gott's den Donner noch mal!« rief Hemskerk in dieses Feuerspielen hinein. »Weiß der Kuckuck, Michel, du läßt dich nicht lumpen!« »I, wo werde ich denn?!« hielt ihm Mynheer flammend entgegen. »Romanée – St.-Vivant! Das Äußerste vom Alleräußersten! denn wenn Pitt Hemskerk mit so einer blanken Fregatte vor Anker geht... na, ich sage bloß, was ich eben schon sagte: Wie die Gäste, so die Behandlung, wie ihre Herzen, so die Getränke ... und somit...« Feierlich hob sich sein Kelchglas. »Der Schenke am Krantor ist Heil widerfahren. Stoßen wir an, auf daß es uns wohlergehe und wir noch lange leben auf Erden,« und wie ein feines Läuten, weit fort, jenseits von einer blühenden und verträumten Heide, die weder Anfang noch Ende hatte, so mit weltfremden Stimmen ließen sich die Kristalle vernehmen, erdenfern, mit hingebender Verzückung. Es mutete an, als zöge der ›Engel des Herrn‹ auf weichen Socken vorüber. »Na nu!« sagte der Sprecher. Er wandte sich plötzlich, sah jeden einzeln an: »Was los denn? Das klingt ja so komisch!« »Das macht der Burgunder,« entgegnete Hemskerk, »denn bei so 'nem vornehmen Herrn verhalten die Gläser den Atem und erlauben sich nur, ganz dusemang gegeneinander zu klingen.« »Schon möglich!« lachte Michel Virgilis. »So 'n Weinchen hat's in sich. Erst wie 'n zimperliches Frauenzimmer, das sich, mit den ›Perlen christkatholischer Andacht‹ zwischen den Fingern, auf den Kirchgang begibt, den lieben Herrgott vom Marterholz herunterbetet, um dann zu 'ner drallen Mamsell zu werden... so ums Abendschummern herum... in den Kirmestenten... bei der Ziehharmonika... heidi und mit fliegenden Beiderwandröcken. Dann aber klingeln alle Schellen, werden alle Herzen so puppenmunter wie das des Leutnants Violla von den Windischgrätzer Dragonern, als er sich von der schwarzen Kathi aus der Hintergassen, beiläufig gesagt, sein Verhältnis, abwandte, um sich in die Gunst Ihrer k. k. Hoheit der Erzherzogin Maria Joseffa Immaculata einzuschmeicheln. Kinder, ist das eine Geschichte! Funkelnagelneu und mit vergoldeten Manschetten. Achtung!« und mit eingekniffenen Mundecken streute der Pfiffikus und Freudenspendierer von Schenkwirt die amüsante Anekdote des Leutnants Violla, der schwarzen Kathi aus der Hintergassen und Ihrer k. k. Hoheit der Erzherzogin Maria Joseffa Immaculata so kunstgerecht und brockenweise über die Tafel, daß selbst das Goldkorn sein Mauseöhrchen an die Türfüllung legte, um besser dieser launigen Erzählung folgen zu können. Sie war ihm nichts Neues, hatte sie öfters gehört, spekulierte aber immer frische Gesichtspunkte und unvorhergesehene Pointen heraus und kicherte dazu wie ein Lachtäubchen um die erste jungfräuliche Maienblüte. Riswyk geruhte zu schmunzeln, war nicht ganz bei der Sache, blinzelte vielmehr in die ruhigen Kerzenflämmchen und gefiel sich darin, allerlei krause Gedankenfädchen durcheinander zu spinnen, während der Kapitän ganz Ohr schien, sich's in seinem Sessel bequem machte und bei jeder überraschenden Wendung ein Murksen von sich gab, das an das Murksen eines aufgebaumten Eichkaters erinnerte. Die Geschichte ging weiter, nur unterbrochen von dem Turteln Düwekes hinter der Türe, dem genüglichen Beifall des Alten, der nicht müde wurde, immer neue Mannakörner von dem ewiglustigen Munde dieses stets die Butterseite des Lebens erfassenden Rhapsoden zu picken und jedes aufgenommene Korn freundwilligst zu quittieren. »Grandios! über alles Erwarten!« »Noch lange nicht aus.« »Aber ich bitte dich, mache bald Schluß. Es ist ja, um auf die Akazienbäume zu klettern.« Aber Michel Virgilis erzählte: »Und da eines Tages. Ein prachtvoller Morgen ging über das Manöverfeld. Im blanken Frühlicht: die Windischgrätzer Dragoner in Wichs... Parade... Standarte hoch... alles in heißer Stimmung... aufgesessen wie die schnittigsten Zuckerpuppen. 'ne ärarisch-militärische Angelegenheit, denn die Chefeuse besagter Windischgrätzer Dragoner, Ihre k. k. Hoheit die Erzherzogin Maria Joseffa Immaculata, wurden erwartet... wurden gesichtet... Galopp und Rapport: ›Euerer k. k. Hoheit Windischgrätzer Dragoner zur Stelle.‹ ›I bitt' schön, Herr Oberst,‹ und die samtbraunen Augen der hohen Dame überliefen die Glieder, erfreuten sich der jungen Kerle, der frohen Monturen. Bei den Leutnants blieben sie haften. Maria Joseffa Immaculata kannte sich aus: Hofburg... Kristallüster... einschmeichelnde, prickelnde Klänge... ungarische Geigen... die ›Rosen aus dem Süden‹ und so. Ihr zierliches Füßchen begann im Silberbügel zu wippen. Dann ein unwilliges Aufbegehren um die rosigen Mundecken: ›Aber i bitt' schön, Herr Oberst ... ich sehe ihn nicht ... ich sehe den Leutnant Violla nicht ... der Leutnant Violla ist überhaupt nicht zur Stelle.‹ Euerer k. k. Hoheit alleruntertänigst zu melden ... zu melden ... zu melden ...« ›I bitt' schön, Herr Oberst, warum diese Eile? Nur die Ruhe, die macht es.‹ ›Euerer k. k. Hoheit alleruntertänigst zu melden: der Leutnant Violla sein...‹ ›Woas...?‹« und die Stimme Mynheers wurde zu einem bedeutsamen Flüstern, zu einem Ferkelgequieks, das ansteckte wie Röteln und Masern und den braven, ausgepichten Kapitän in die übermütigste Laune versetzte. »... Woas ...?! »Ihre k. k. Hoheit die Erzherzogin Maria Joseffa Immaculata hatten Blut vor den Augen. Sie sah ihre Windischgrätzer Dragoner nicht mehr, nicht den Obersten mehr. Nur der abwesende Leutnant Violla stand ihr visionär in greifbarer Nähe. ›Nun muß i aber dringlichst ersuchen. Wie ist das mit dem Leutnant Violla?‹ ›Euerer k. k. Hoheit alleruntertänigst zu melden ...‹« und abermals versandete die amüsante Geschichte in einem Gemurmel, das wie ein kaum wahrnehmbares Bächlein dahinplätscherte. Riswyk saß mit gerunzelten Brauen. Ab und zu sprach er dem roten Burgunder zu, der ihn mit heißen Küssen durchrieselte. Seine in sich gekehrten Blicke wanderten ab, suchten irgend etwas, ohne es finden zu können. Auf seinem schmalen Gesicht lag es mit dem Unerforschlichen eines Götzenbildes. Jedes gesprochene Wort berührte ihn mit Spitzen von glühenden Nadeln. Am liebsten hätte er Ruhe geboten, um dieser gepfefferten Pikanterie ein seliges Ziel und Ende zu setzen, denn etwas bewegte ihn, dem er sich nicht mehr zu entziehen vermochte. Sonst kein Spielverderber, fühlte er jetzt das Stilwidrige in der ärarisch-militärischen Harlekinade. Aber Michel Virgilis ließ sich nicht stören. Nur ab und zu ein verhaltenes Grunzeln. Dann lief die endlose Anekdote weiter mit der regelmäßigen und totensicheren Arbeitsleistung einer tibetanischen Gebetsmühle. »Wollen Euer Liebden nicht endlich geruhen, 'nen Knoten in den langwierigen Faden zu schlagen?« »Nee,« kam es übermütig zurück. »Ich kann 'nen angekratzten Hasen nicht so ohne weiteres abtun. Wenigstens nicht im Handumdrehen. Dazu muß ich ihn erst bei den Hinterläufen haben. Einen Momang noch. Die Sache wird fein. Meine Spezialität, Herr Baron,« und die tibetanische Gebetsmühle haspelte weiter. Jakobine verstand keine Sterbenssilbe davon. Sie hatte nicht einmal zugehört, geschweige denn ein Tiftelchen der reichlich ausgestreuten Paprikakörner in sich aufgenommen. Kein Stäubchen haftete ihr an. Sie ging durch Reinheit und verharrte in Reinheit. Nur erschien ihr alles so seltsam, so mit golddurchsponnenen Garnen verhangen. Ihr Vater hatte ihr ein Wunder versprochen, irgendein Zeichen, ein großes Mirakel. Sie wartete darauf wie eine Blinde darauf wartet, zu genesen und des Wunders eines weithin leuchtenden Mohnfeldes teilhaftig zu werden. Ihre weißen Hände verschränkten sich. Sie fühlte sich einer wildfremden Welt gegenüber. Eine jähe Erregung durchfieberte sie. Ihre Augenlider senkten sich tiefer. Durch sie hindurch geisterte eine flüchtige Helle, fast übernatürlich, brennend und schmal wie ein grünlicher Seidenfaden. In dieser schmalen Helle verdoppelten sich die Kerzenflammchen, die sich fast regungslos auf ihren Leuchtern erhoben. Ein goldiger Dunstkreis umschleierte sie. Jakobine kam von diesem Dunstkreis nicht los. In seinem Flimmern und Glänzen bildete sich etwas Gegenständliches aus. Das verheißene Wunder war im Werden begriffen. Ihre Lider schlossen sich völlig. Die flüchtige Helle des grünlichen Seidenfadens löste sich auf. »Reiner ...!« sagte sie mit heimlichen Schauern. Das flammende Mohnfeld erschien, dieses heilige Mirakel in Herzform ... Mein Gott! Sie hätte aufschreien mögen. Das war sein Herz, Reiners Herz, das Herz des Geliebten. Sie nahm es, drückte es an ihr warmes eigenes Herz, um es nicht mehr zu lassen ... und ein Licht leuchtete ihr zu, ein heiliges, unermeßliches Licht von einem Berge herunter, der mit seinem Gipfel die ewigen Sterne berührte. Die Kerzen tränten, zergingen. Düweke Brinkmann sprach vor, um neue auf die Leuchter zu schieben, und wieder begann, nachdem sich das Goldkorn entfernt hatte, das trauliche Glänzen und Scheinen, das anheimelnde Tropfen und Sickern, das beseligte Aneinanderschmiegen von zwei getrennten Herzen ... als plötzlich Michel Virgilis laut wurde und den Schluß seiner Geschichte brachte: » ›I bitt' schön, Herr Oberst, aber ich muß nun endlich Ihren Regimentsrapport ... Warum ist der Leutnant Violla überhaupt nicht zur Stelle?‹ Da endlich: ›Euerer k. k. Hoheit alleruntertänigst zu melden: der Leutnant Violla sein tott. Mausetott für Euere k. k. Hoheit Windischgrätzer Dragoner, denn er und die schwarze Kathi sein fahnenflüchtig geworden.‹ ›Woas ...?!‹ und Ihrer k. k. Hoheit der Erzherzogin Maria Joseffa Immaculata wurde es schwarz vor den Augen ... und diese Augen waren wie die samtbraunen Flügel eines Nachtfalters mit eingesprenkelten Glimmerpünktchen. – Aus!« »Höhö!« lachte Hemskerk. Jede Runzel in seinem braunroten Pontakgesicht zeigte eine fröhliche Note. »Das ist ja wie in 'nem Affentheater. Da kann einer lange herumsuchen, um so 'ne k. k. Hoheit mit ihrem Leutnant Violla auf die Beine zu stellen.« »Meine Spezialität, um es alleruntertänigst zu sagen.« »Prachtvoll, ganz prachtvoll!« und nochmals das helle Gewieher: »Mensch, hast du noch solch' ähnliche Brumshagen von Lausogeschichten auf Lager?« »Hemskerk zu dienen. Zehne statt einer. Zum Beispiel die von Phöns, Hendrintje und Doortje.« Michel Virgilis streckte die Deine. »Du mußt nämlich wissen: ich hab' so kleine Jagdgelegenheit bei Huisberden herum. Fünf- bis sechshundert Morgen, prima Boden für Kappes- und Rübenkulturen. Wildbestand gut. Hasen über jedes Bemessen, bis die Hundsfötter von Belgier einmarodierten, um mir die Krummen schwadrons- und kompagnieweise in unverantwortlicher Aasjägerei abzuknallen. Na, wie die Belgier so sind. Kerle, um jedem einzelnen tagtäglich 'nen Tritt in den Hinteren zu geben. Aber was half das?! Meine Hasen waren fort und heidi. Nur drei blieben übrig – und das auf meinen fünf- bis sechshundert Morgen! Eben die besagten drei Krummen: Phöns, Hendrintje und Doortje. Auf Hendrintje war hinsichtlich eines erfreulichen Nachwuchses kaum noch zu rechnen. Als abgewirtschaftete Tante kam sie nicht mehr in Anschlag, während Phöns und Doortje sich in erfreulicher Liebe befanden. Ja, ich kann wohl behaupten: Pour le moment Doortje était sacrée, elle était mère , um es schicklicherweise auf französisch zu sagen. Kurz, Hoffnung war da, auch Aussicht auf reiche Vermehrung, denn Doortje und Phöns waren in dieser Hinsicht voll heiliger Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit... bis da eines frühen Morgens...« Mynheer kam nicht weiter... »Wollen Euer Liebden nicht endlich geruhen, ein anderes Thema anzuschlagen, den Leutnant Violla nebst Phöns und Doortje in die Versenkung fallen zu lassen?« »Na nu!« Mynheer wandte sich jählings. »Eine Frage zuvor und Euerer Hoch- und Wohlgeboren zur Antwort: Habe ich das als Ernst oder Spaß zu taxieren?« »Michel Virgilis, als Ernst.« »Was...?! Wo ich hier bei meinen Burgunderbouteillen und exquisiten Geschichten...« »Gott's den Donner noch mal! Was denn los, Herr Baron?« legte sich auch Hemskerk ins Mittel. Die klaren Augen brannten lichterloh in seinem Quäkerkopf, begehrten auf und waren scharf auf Riswyk gerichtet. »Wir wollen doch hier den genüglichen Abend nicht stören; sonst wäre das gerade, um 'ner pläsierlichen Miezekatze den Schwanz in 'nem Türspalt festzuklemmen. Bloß keinen Spermang, Herr Baron.« Riswyk stand wie angepfählt. Dann winkte er ab. Der Mann imponierte. Der joviale Rüben- und Knollenbaron fiel ihm wie Bettlergelumpe vom Leibe herunter. Der Kavalier nicht. Der blieb ihm vom Scheitel bis zum letzten Gamaschenknopf, ließ das glattrasierte Gesicht fast stählern erscheinen. Ausgemeißelt stand es in der Dämmerhelle des Raumes. Eine steile Rune kerbte die Stirne. Die Knöchel auf dem Tisch, sehnig und kräftig, wie eine Wettertanne gewachsen, ragte er auf. Kein Zweifel mehr: Gisbert Kreuzwendedich Riswyk, Herr und Besitzer auf Borghees, hatte etwas zu sagen. Der verstörte Mynheer und Hemskerk sahen ihn an. Auch Jakobine. Alles Träumen und Sinnen war ihr genommen. Kalt legte es sich über sie hin. Ihre Augen waren wie Sterne, die in der Winternacht frösteln. Ihre Blicke begegneten sich. Nur einige Herzschläge hindurch, nur für eine Augenblicksspanne, aber sie fühlte: er suchte das niederrheinische Weib in ihr, in seiner Abweisung, in seiner Fülle und Schönheit, entkleidete es, bewunderte es, legte ihm ein Bündelchen Myrrhen und Asphodill zwischen die jungen Brüste, als gedachte er, den niederrheinischen Frauenreizen ein Opfer darzubringen. Sie wehrte ihn ab, verschloß sich gegen seine Gedanken, gegen sein herrisches und aufdringliches Wollen, ohne die Kraft zu betätigen, ihn völlig aus ihrem Bannkreis zu weisen. Ein wechselseitiges Od büschelte aus, glitt über sie fort mit dem empfindlichen Rieseln von Eiskristallen. Um ihre Mundecken spielte ein Lächeln, aber das Lächeln nahm das einer Sterbenden an. Sie lebte in einem Zwiespalt der Empfindungen, den sie nicht mehr loswerden konnte. Aber eins blieb ihr treu: die Hoheit des Weibes in ihr, die weder rechts noch links ihren Pfad suchte, sondern geradeaus, auf dem gerechten Wog einer keuschen und alleinseligmachenden Liebe. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als müßte sie etwas Stumpfes fortwischen, als verstünde sie nicht, was so plötzlich die geheimsten Schwingungen ihres Seelenlebens bewegte. Ihre Blicke erschlossen sich weit. Sie wähnte den Herrn zu sehen, der auf der Tenne stand, die Wurfschaufel in der Rechten führend, um die Spreuicht vom Weizen zu sondern. Das war es. Riswyk bewegte sich nicht. Kein Wort war bisher von seinen Lippen gefallen. »Aber Baron ...!« Michel Virgilis strudelte hoch. »Kreuzkuckuck noch mal! Darf ich Euer Hoch- und Wohlgeboren ersuchen ...« »Schweigt, Michel Virgilis.« Jedes Wort war wie auf dem Prägstock gestempelt. Sie lasteten schwer auf der ganzen Umgebung. Selbst die Kerzen schienen düsterer und floriger zu brennen. »Michel Virgilis ...« Eine schmale und doch nervige Kavalierhand streckte sich aus, um gleich darauf wieder auf den Tisch zu knöcheln. »Was soll's denn, Baron?!« »Euerer Liebden zu melden: Der Kammerhusar Seiner Majestät des Todes steht draußen.« Tappert verfärbte sich, fiel in den Sessel zurück. »Mensch,« rief er ihn an, »das ist ja, um die Kränke zu beziehen. Ihr wollt mir doch keine Totenhand über die Dielen krabbeln lassen? Was ist das mit dem Kammerhusaren?« »Steht draußen ... klopft an ... tritt ein, um das Vornehme und Prächtige in Euerem Honoratiorenzimmer abzuwürgen.« Mynheer sperrte Mund und Nase auf. »Wieso das?« »Michel Virgilis, hier ist Euer ureigenster Tempel. Er ist proper und urgesund bis in die obersten Dachsparren. Das soll er auch bleiben, solange ich die Ehre habe, die Füße unter diese Tempellade zu strecken. Gewiß, er hat schon vieles gehört, über sich ergehen lassen: Jagdgeschichten und andere Geschichten, ernste Darlegungen und solche, die mit den amüsanten Ferkeln aus dem Evangelium auf du und du standen. Aber alles mit Auswahl. Bei Gott, ich bin keiner von denen, die sich vor Scheinheiligkeit dreimal überkugeln, wenn etwelche übermütige Anekdotenrammler über die Stoppeln flitzen. Im Gegenteil: solche Löffelmänner bring' ich selber zur Strecke, und das mit Horrido und Weidmannsheil. Aber, wie schon gesagt: alles mit Reserve und Auswahl. Euer Tempel muß rein sein. Vornehmlich in der jetzigen Stunde. Sonst bleibt mir nichts übrig, als Seiner Majestät Kammerhusaren in die Stube zu beordern.« Seine Stimme erhob sich: »Ich bitte mir Respekt aus. Hahn in Ruh und nicht weiter gefeuert. Es schadet dem Frieden und der Heiligkeit des Weibes. Respekt vor Demoiselle, die wir die Ehre und die Freude haben, hier begrüßen zu dürfen.« Die Gesichter klärten sich auf. ›Moi Wetter in Sicht,‹ wie die vom Niederrhein sagen. »Läßt sich hören. Hier wird proper geweidwerkt. Ganz richtig, Tempel und Bundeslade sind außer Wettbewerb. Meine Spezialität, obgleich ich das mit dem dämlichen Kammerhusaren ...« »Michel, laß gut sein,« lenkte Hemskerk ein. »Wir haben uns 'n bißchen weit auf den Sturzacker begeben.« Hierauf reichte er seine Hand über den Tisch: »Herr Baron, meine Achtung. So was geht 'ner alten Teerjacke sacht und mollig über den Magen.« » Merci , Kapitän.« »Nichts zu danken, Baron, denn ich unterfertige das ›Respekt vor den Damen‹.« »Ich dito desgleichen.« Der wieder auf die Beine gefallene Tappert schlug sich so überzeugungstreu auf sein Samtjackett, daß es knallte. »Ganz meine Ansicht. Indessen, ich sehe nicht ein ... Was haben denn Doortje, Hendrintje und Phöns so Schlimmes aufgestellt? 'ne muntere Nachwuchsbestätigung meines total auf den Hund gekommenen Wildbestandes verstößt doch nicht gegen irgendeinen Sittlichkeitsparagraphen? Auch das mit Ihrer k. k. Hoheit der Erzherzogin Maria Joseffa Immaculata ... Nee Kinder, wir sind doch hier in keiner Benehme mit Mandolinenbegleitung oder sonstwo ...?!« »Das nicht, aber wir sind hier in Damengesellschaft, und nochmals gesagt: Respekt vor Demoiselle. Ihre Gegenwart adelt. Dem ist Rechnung zu tragen.« Er atmete tief. Die Nähe des schönen Weibes bewegte ihn sichtlich. Jakobine nickte ihm zu. Ihr Blick suchte den seinen und fand ihn mit einem heißen Verstehen. Es war wie ein Dank. »Michel Virgilis ...« und Riswyk holte zum anderen aus. Seine Worte gaben sich blank und geschliffen. »Es ist schon besser, wir führen hier ein Gespräch unter Männern, bei voller Berücksichtigung bei obwaltenden Umstände. Das Ewig-Weibliche ist wie ein Gazeschleier. In seiner Gegenwart wird kein Pfälzerkraut geraucht; höchstens eine deliziöse Import. Drehen wir die Medaille herum. Betrachten wir uns die andere Seite. Sie hat uns vieles zu sagen. Jeder Winkel dieses Gemaches redet von vergangenen Tagen, und was mein Freund und Gönner an Rarem und Exquisitem anzupräsentieren hat, mit dem soll er nicht hinter dem Berge halten, sondern hat es seinen illusteren Gästen feinsäuberlichst auf den Tisch des Hauses zu legen. Sie müssen nämlich wissen, Mademoiselle Hemskerk, wir befinden uns hier auf einem Grund und Boden, der ein Wesen zeitigte, das von sich sprechen machte. Unser Niederrhein ist überreich an eigenartigen Frauen und Mädchen. In Katharina Rickers jedoch, der schlichten Wirtstochter am Krantor, erstand eine mirakelhafte Schönheit, die, wenn sie auch letzten Endes bei ihren Perlen und sonstigen Kostbarkeiten elend verblutete, es dennoch verstand, sich und die gesamte Umwelt mehr oder weniger in Atem zu halten ... und wenn es Sie interessiert, Demoiselle...« Vielsagend deutete er auf das Porträt der Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg. In dem abgedämpften Lüster der Wachskerzen schien es zu atmen. Der Geist der seltsamen Frau trat unter sie, wurde zu Fleisch und Bein wie in den Tagen, als sie das Leben noch hatte. Jakobinens Augen weiteten sich, opalisierten, nahmen einen Glanz an, wie aus einer heiligen Helle genommen. »Die ...?!« fragte sie tonlos. »Allerdings – ja, und wenn Sie gestatten ...« »Dann möchte ich bitten ...« »Michel Virgilis ...« und Riswyk machte es sich wieder bequem, lehnte sich in den Sessel zurück und dekretierte: »Dann ergeht an Euer Liebden die Aufforderung, uns die Lebens-, Leidens- und Liebesgeschichte dieser außerordentlichen Dame, dieses niederrheinischen Kindes von allergrößtem Ausmaß, nicht länger vorzuenthalten. Solches ziemt sich besser für diese historische Stätte, als sich mit Doortje und Phöns zu befassen, Ihrer k. k. Hoheit der Erzherzogin Maria Joseffa Immaculata ein Tugendkränzlein mit auf den Weg zu geben.« »Bravo!« rief Hemskerk. »Michel, laß dich nicht lumpen.« »Erst frische Bouteillen, sonst kann ich den richtigen Drehpunkt nicht finden,« und als diese zugebracht waren, die Kelche aufs neue wie böhmische Granaten aufglühten, warf sich Tappert forsch in die rotgepunktete Weste, striegelte seinen Knebel aufwärts und meinte mit listigem Blinzeln: »Ja, meine Herrschaften, wenn der Kavalier denn absolut will ... Gegen so 'nen vornehmen Wind kann unsereins nicht anbellen. So geschehe es denn in seinem Namen.« Dem Stollenschrank entnahm er das Kleinod des Hauses, legte es wie eine Opferschale vor sich hin, streichelte über den mageren Drucksatz in Folio und setzte sich wieder. Dann las und predigte er mit der Verve eines ber Jünglinge im feurigen Kalkofen: »Leben, Meinungen und Taten der nunmehr in Gott ruhenden Katharina Rickers, der ehelich erzeugten Tochter des Herrn Jodokus Kasimir Rickers, Schenkwirts am Krantor dahier, und seiner Frau Gemahlin Sabine Gudula, geborene Spring über den Heuvel, verfaßt und niedergelegt von Sebastian Wesendonk, emeritiertem Rektor und Schulmagister im Kirchspiel von Sankt Aldegondis.« Er räusperte sich: »Großartig – was?!« um dann weiter zu lesen: »Im Jahre, da man zahlte nach der Geburt unseres Herrn 1609, erlosch die Stammfolge der Herzöge hiesiger Grafschaften. Kleve ging an das Haus Brandenburg über. Johann Sigismund, Georg Wilhelm und der Große Kurfürst hielten gut Regiment dahier. Auch ihr Folger im Amt, Friedrich I., der nachmalige König, gefiel sich darin, des öfteren im Schlosse zu Kleve hofzuhalten, zu bankettieren und die Jagd im dasigen Reichswald anblasen zu lassen. Dieser Grandseigneur wußte zu leben, gerecht und weise, wenn auch vielfach mit den Absonderlichkeiten eines äußerst sublimen Herrn. In seinem Schatten weilte und wirkte Herr Biedekamp, ein Kammerdiener, der die Flöhe husten hörte, ein nicht unebener Mann, aber wie Harpagon darauf erpicht, Speziestaler um Speziestaler seiner unergründlichen Kammerdienertasche einzuverleiben. – In selbiger Zeit nun stand obengemeldeter Herr Jodokus Kasimir Rickers hinter seiner Theke am Krantor, immer beschäftigt, immer überlaufen von seiner weitverzweigten Kundschaft, denn sein Genever und seine Ruhrperlen erinnerten an das heutige Destillat, das Herr Underberg-Albrecht eigenhändig ansetzt und unter dem gefeierten Namen ›Bonekamp of Magenbitter‹ dem Weltmarkt zugute kommen läßt. Rickers konnte sich sehen lassen. Sein Betrieb war der eines Gerechten. Er lebte in Gott; seine Linke wußte nicht, was die Rechte verausgabte.« Michel Virgilis, dieser ausgetragene Schwerenöter, blinzelte spitz auf die Seite. »Ungefähr so wie ich,« sagte er leise. »Wollen Euer Liebden bitte geruhen, das Renommieren zu lassen.« »Bloß Selbsterkenntnis, Baron, denn ich liebe es nicht, meine Laterne unter die Futterschwinge zu setzen.« »Michel, hast recht,« nickte ihm Hemskerk zu. »Aber immer nur weiter im Text.« »Schön, fahren wir fort. – Also Herr Jodokus Kasimir Rickers war vollauf beschäftigt. Auch wußte er nicht, daß in seinem schlichten Anwesen sich eine Menschenblüte entfaltete, wie sie bis dato in sämtlichen Grafschaften des Niederrheins zu den Raritäten gehörte. Aber die Umwelt wußte es, alle die Menschen, die bei Rickers vorsprachen, die Matrosen auf den Rheinschiffen, die im Hafen von Emmerich vor Anker gingen, selbst die Salmoniden, die silberigen Schuppenträger der blauen Tiefen, streckten ihre Glotzköpfe aus dem Wasser heraus, wenn Katharina Rickers sich am Ufer erging, um sich eine angenehme Brise um das Näschen spielen zu lassen. Sapienti sat ! Genug für den Einsichtigen. Der gesamte Niederrhein mit Einschluß der Kreise Geldern, Kleve und Mörs stellte sich auf den Kopf. In der Wirtstochter am Krantor hatte die Güte des allbarmherzigen Gottes ein Weib geschaffen, das in die Träume der Männer hineinsah wie die schöne Lilith, die Königin aller Empusen und Herzensbrecherinnen.« »Wohl zu bemerken,« flocht Mynheer sachgemäß ein, um dann weiter zu lesen: »Hellhörig und weitsichtig, wie er nun einmal war, erkannte das auch Herr Biedekamp, verließ eines Morgens spazierenderweise die Klevische Hofhaltung, schnürte sich in besagte Schenke hinein, willens, seinen hübschen Ersparnissen noch einen besonderen Glanz zu verleihen. Er warb um Katharina. ›Warum nicht?!‹ meinte Herr Rickers. ›So 'n kurfürstlicher Kammerdiener ist gar nicht so ohne. Ihm haftet was Gräfliches an‹, schlug ein ... und nie wohl hatte die Kirche von Sankt Aldegondis eine derartige solenne Hochzeitsfeier gesehen. Die junge Frau wußte ihre Tage zu nutzen. Sie dachte höher von sich als ihr braver Erzeuger, hielt Biedekamp in gemessener Entfernung, lebte in einer sogenannten Josephsehe dahin, stets darauf bedacht, ihre übermenschliche Anmut zweckdienlicher an den Mann zu bringen. Nicht Kammerdienerhände hatten ihr den Gürtel zu lösen, nur solche, die den Galanteriedegen führten und neben ihrem Solitär die freiherrliche oder gräfliche Krone zeigten. Anderen Falles gelobte sie, wie ein Nönnchen von der ewigen Anbetung und somit als Jungfrau zu sterben.« »Das war groß von der Dame,« unterbrach sich Mynheer. »Nur ein Weib mit niederrheinischem Blut in den Adern vermag sich zu einer solchen Weltanschauung aufzuraffen. Also höchste Bewertung der eigenen Person. Hut ab vor der nunmehrigen Madam Biedekamp, die wir die Ehre haben in ihrem Werdegange weiter zu verfolgen.« Mit einer gewissen selbstherrlichen Wichtigkeit legte er das Blatt auf die andere Seite. »Biedekamp ging mit seinen angehäufelten Speziestalern, wenn auch arm an Liebe, den Weg allen Fleisches. Für Madam war der erhoffte Stern im Aufstieg begriffen. Berlin stand in heller Begeisterung. In der kurfürstlichen Residenz brannten alle Lüster, knisterten Krinolinen, blitzten Ordenskreuze, reihten sich die Damen des Hofes wie Perlenschnüre nebeneinander. ›Was – Madam Biedekamp hier?! Nicht möglich!‹ Aber Fanfaren klangen ihr zu. Neidische Blicke, verzückte Blicke, erstaunte Blicke folgten ihren zierlichen Stöckelschuhen. Jetzt nicht Madam Biedekamp mehr. Erhöht und erhoben, führte der kurbrandenburgische Premiergewaltige Kolbe von Wartenberg sein junges Weib zur Defiliercour, erfreute sich ihrer Schönheit und seines stolzen Besitzes... und wenn auch die weise und philosophische Sophie Charlotte ihre Nase rümpfte und sagte: ›Madam, das hiesige Parkett ist ein glattes Parkett. Euer Liebden werden einst stolpern‹, was tat es? Als Reichsgräfin paradierte sie weiter, entflammte die Herzen, sah gekrönte Häupter zu ihren Füßen.« »Donner und Doria!« rief Hemskerk. Jakobinens Augen begannen zu glänzen. »Herzensmamsell, und sowas stammt vom Niederrhein ... aus unserer Gegend ... von unserer Art und Beschaffenheit ...!« Er schüttelte den Kopf und schliff mit Zeige- und Mittelfinger zwischen Kragen und Bartfräse hindurch: »Nicht zu glauben – die Sache.« »Hemskerk, nun kommt es, denn der Chroniste tut kund und zu wissen: Mit diesem Tage setzte ihr Triumphzug ein. Perlen, Kleinodien, Güter, Liegenschaften, herrschaftliche Besitzungen fielen ihr zu, als wenn diese nur einen Spatzendreck gegolten hätten. Der große Schlüter bildete ihre junonischen Formen aus karrarischem Marmor. Denner und andere Größen malten sie. Um ihretwillen rannten sich die Kavaliere ihre Degen wechselseitig durch den Leib. Der Herr von der Lietzburg trank ihr Wohlergehen aus ihrem goldenen Pantoffel. Lord Fenimore Stanhope verfiel in einen ewigen Spleen, weil er sich fünf Jahre damit beschäftigte, das Seelenleben und das sonstige Leben dieser Frau zu ergründen, ohne damit fertig zu werden. In Schönheit lebte sie, in Schönheit liebte sie, in Schönheit sah sie das Gestirn ihres Glückes über sich stehen ... und leider: ihr Stolz verstieg sich ins Ungemessene, verlor sich in utopischen Formen, denn als wieder die Fanfaren zur Cour riefen, die Gemahlin des holländischen Gesandten van Lintlo vor ihr den Staatsrang verlangte und nicht Raum geben wollte, setzte sie dieser eine wohlassortierte niederrheinische Ohrfeige mit den heroischen Worten in das erstaunte Schellfischgesicht: ›Eine Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg hat immer den Vortritt‹, um dann weiter zu rauschen. Und das war ihr Ende,« seufzte Michel Virgilis, »denn nunmehr geschah es...« »Halt und Vorhang herunter!« »Was, wo ich jetzt den Kaviar auftischen will ...?!« »Euerer Liebden zur Kenntnis: wir wissen genug. Alles das, was die Demoiselle interessieren konnte, wurde erledigt. In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Seien wir barmherzig. Was nun folgt, lassen wir unberücksichtigt. Kolbe von Wartenberg fiel in Ungnade, segnete bald darauf das Zeitliche. Schwarzumflorten Immortellenkränzen soll man nicht nachgehen. Der kalten und herzlosen Welt und ihren Verleumdungen stehen wir skeptisch gegenüber. Den letzten Gottesheller, den sogenannten denier à Dieu , wollen wir ihr gnädigst erlassen. Sie hat viel geliebt, und ihr muß viel vergeben werden. Ihre späteren Lebensjahre waren ein ewiges Hasardieren: rouge oder noir , pair oder impair , passe oder manque – rien ne va plus . Denken wir menschlich über das Menschliche. Ziehen wir den Schleier des Vergessens darüber. Die Kristallkronen dunkeln ein, die Nelken in den hohen Stengelgläsern welken, leben nur noch einer schmerzlichen Erinnerung. So auch die gefeierte Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg. Lassen wir sie in Anmut sterben, dahingehen wie ein königlicher Falter unter Akelei und sonstigen Wiesenblumen.« Seine Stimme ging auf leisen Sohlen und sagte: »Hätte man das Weib in ihr besser geleitet, dem schönen Gefäß wäre ein ebenso schöner Inhalt verblieben. Es sollte nicht sein. Haus Borghees, auf dem sie ihre letzten Jahre verbrachte, liegt still und vereinsamt. Ihr Geschlecht ist erloschen. Die Riswyks hausen nun dort. Ihr Bild von Hyacinthe Rigaud ist in meinem Besitz. Ich betrachte es oft in weihevollen Stunden – und falte die Hände.« Ein tiefes Schweigen folgte. Jakobine saß wie entgeistert. Ihre junge Brust stürmte. Die weißen Hände flochten sich scharf ineinander. Sie hob langsam die Augen, die Augen, die wie Florentiner Steine erschienen. Da sah sie... Ihr Vater wuchtete sich ernst an der Tafel hoch, legte Riswyk die Hand auf die Schulter und sagte mit der Würde und der gesinnungstüchtigen Ambition eines Lord-Oberrichters: »Herr Baron, das ehrt Sie. Das ist wie Öl auf 'nen schweren Seegang. Blexem und Donnder! Diese Noblesse. Das war interessant und christlich gesprochen, sozusagen von 'nem kavaliermäßigen Standpunkt herunter. Allerhand Achtung. Nur geht es mir wider den Strich, so ein schönes Menschenleben verbluten zu sehen.« Er legte den Kopf auf die Seite und machte eine ernste Bewegung: »So glanzvoll begonnen und so miserabel geendet. Mit vollen Segeln Kurs geradeaus und dann alle Ratten von Bord... Schiffbruch...« »Herr Kapitän...!« Riswyk stand wie ein eingerammter Schleusenpfahl. Seine Blicke umgriffen das einzige Weib, das die Tafelrunde beehrte. »Herr Kapitän! Die Gestirne wechseln. Das eine geht unter, das andere erhebt sich in strahlender Helle. Ein neues Gestirn ist im Aufstieg begriffen. Was tot ist, mag ruhen. Es lebe das Leben, denn ich habe nicht lange zu suchen, um einem heißen und blühenden Leben meine Huldigung zu Füßen zu legen.« Alles verstummte. Jakobine rang sich empor. Ihr Medaillengesicht war wie ein Sterbelaken geworden. »Herr Baron, das sagen Sie mir?!« »Ihnen Demoiselle, denn Schönheit verpflichtet... und wenn Sie wollen: auf Borghees – ich trete Beweis an; nur – in Ihrem stolzen Gefäß ist eine reinere Seele gebunden. Es läßt sich nicht ändern. Der Niederrhein ist um ein Mirakel reicher geworden. Die Gestirne wechseln... ein neues erhebt sich. Diesem glanzvollen Stern meine Grüße.« Sein Spitzglas stand hoch im Raum. Der Burgunder leuchtete wie Blut, wie das Blut im heiligen Gral. »Der Demoiselle! Es lebe das Leben!« »Bravo!« rief Michel Virgilis. Sein Gesicht war eine grunzelnde Wonneseligkeit... und in das Klingeln der Gläser hinein – die Stimme des Kapitäns: »Mynheers, ich ersuche darum... bei diesem steifen Seegang... Kinder, bringt meine Herzensmamsell nicht in 'ne schwere Predullig.« »Ach was – in Predullig!« Tappert war Feuer und Flamme. Er brannte los: »Hat sich was mit deiner Predullig. Kurz und bündig und wie auf dem Wetzstein geschliffen: hier deine Tochter wird nicht in 'nen Bauerngarten verpflanzt... nicht ums Verrecken... gehört aufs Parkett... Lakaien und so ... in den Lichtschein von perlenden Lampen... in Spitzen und Kanten... in ein Häubchen à la Maintenon, wenn die Kammerjungfer meldet: Madam...« »Michel, hör' auf.« »Nee, ich höre nicht auf.« »Schluß!« donnerte Hemskerk. »Mein Herz trägt schon schwer genug. Es ist um die Kränke zu kriegen.« Seine Rechte fuhr scharf durch die Luft. »Nichts mehr aufzustellen. Vor zwei bis drei Stunden vielleicht ... aber jetzt ist's zu spät ... leider zu spät.« »Was ist zu spät?« »Blexem und Donnder!« Jakobine hatte sich an ihn geworfen. »Mein Döchting ...! Mein Döchting ...!« Die Decke senkte sich tiefer. Die Dielen schwankten unter ihren Füßen. Noch einmal tauchte das Gesicht von Riswyk in ihrem wehen Gesichtsfeld auf. Dann versackte alles um sie her. Sie sah durch einen blutroten Nebel. Alle Geräusche verstummten oder kamen für sie aus gespenstischer Weite herüber. Nur hörte sie noch: es wurde von Reiner gesprochen ... von einem baldigen Wiedersehen auf Borghees ... Sonst nichts mehr. Dämmerungen hüllten ihre Sinne ein. Willenlos ließ sie sich führen. Eine frische Brise wehte sie an. Sie atmete Rheinluft. Der breite, majestätische Strom zog still seines Weges. Hoch über ihm brannten die Sterne auf dem blauen Atlas des Himmels in unendlicher Klarheit. Ruhig lag das brave Schiff ›Gott mit uns‹ vor Anker. Lässig gurgelten die Wellen an den dunklen Planken vorüber. Vom Fockmast grüßte die rote Laterne. Es war das heilige Licht, das sie suchte. Unter seinem Schutz wohnten die Herzenseinfalt und der Friede in Gott. Siebentes Kapitel Die Gestirne wechseln. Sterne zogen herauf und Sterne sanken dem tiefen Horizont zu. Ein ewiges Kommen und Gehen, ein geheimnisvolles Werden und Geschehen ohne Anfang und Ende. Am Himmel war rege Bewegung. Die Herbstnacht spielte mit ihrem Feuerzeug, gab sich als Zeidelmeister und ließ ihre goldenen Bienen in unermeßlichen Schwärmen dahinfahren. Einige Topps sangen im Wind. Geruhsam schwaderten die Wellen des heiligen Stromes an den Kaimauern vorüber, gurgelten zeitweilig auf, verfingen sich mit feinem Gezisch an den Ankertrossen. Es war spät unter dem Monde geworden. Als Vater und Tochter an Bord gingen, trat ihnen der Obermatrose entgegen. »Na, Lambert ...?« » All right, Kaptein .« » Merci ! und marsch in die Koje. Ich wache.« Der Brandfuchs sockte ab. Hemskerk sah Jakobine an, legte seinen Arm um sie her und redete ihr zu: »Herzensmamsell, laß gut sein. Ich für meine Person nehme noch 'ne Portion Luft in den Windfang. Du aber geh schlafen. Du kannst es gebrauchen. Alles will wiedererlebt sein, oder Gottes Wort ist gelogen. Wir sprechen morgen darüber. Aber bloß keine Bange. Riswyk ist gut, und Reiner ist auch gut. Wie's der Herr bestimmt, so mag es geschehen. Ich stelle keinen Widerpart auf. Man soll dem Geschick nicht in die Parade hineinhauen. Mit Gott denn,« und er führte sein Kind in die Achterkajüte, gab ihm einen langen Kuß auf die Stirne und kehrte den Jovialen heraus: »Also bis morgen und 'n angenehmes Träumen unter Harmonikaspielen.« Er begab sich wieder auf Deck. Rechts von ihm lag Emmerich mit nur noch wenigen Lichtern, links der dunkle Schattenriß des gegenüberliegenden Ufers. Trotz seiner Ruhe – ihm war das Herz zum Zerspringen. Wie ein eingekäfigtes Tier maß er die Planken. Hart ging sein Schritt über die schmalen Riemen. Er gehörte zur Rasse der Kaltblüter. In der jetzigen Stunde nicht mehr. Es war eine Spannung in ihm, die er nicht zu erklären vermochte. Sie saß ihm an der Kehle, zwischen den Schläfen. Sie belästigte ihn mit der immer schwerer werdenden Last eines kalten Steines. Er sah Augen vor sich. Phosphorisch leuchteten sie aus der Ferne herüber. Was – die Lichter eines herumschweifenden Wolfes? »Unsinn! Auch die Lichter gutmütiger und freundwilliger Geschöpfe glänzen im Dunkeln.« Er lachte über seine dummen Gedanken, wies sie von sich und hielt seinen lauten Schuh an. Er wußte kaum, wo er anwurzelte. Jetzt sah er: er stand in Höhe des Vorderstevens. Auch hier die große Stille, die ihn schon lange bedrängte. Nur das Stromwasser gluckerte stärker. Über ihm ging plötzlich ein Klingen hoch durch die Luft, mit einzelnen hellen Rufen dazwischen. Das Klingen ebbte zurück, das Trompeten verstärkte sich. »Schneegänse!« mahlte er zwischen den Kinnbacken. »Hoiho! sie prophezeien 'nen frühzeitigen Winter mit weißen Nächten und ausgiebigem Sternenfeuer, und so 'ne dämliche Schneegans ...« Er dachte nach. »Blexem und Donnder! Wo die Besinnung nur hernehmen?! Da soll sich einer auskennen und sachgemäß anlaufen! Ich nicht, Verdammich, ich nicht. Im Rheinwasser – ja, aber das sacktiefe Innere von 'nem Frauenzimmer auszuklamüsieren ...« Er verschluckte den Rest seiner Epistel und wurde weich wider Willen. »Ach Gott, so 'ne Herzensmamsell!« Er drückte die Nase steif in den Wind, um seiner Rührung Herr zu werden. »Nerven, bloß Nerven!« Gott sei gedankt, mit diesen Dingen konnte er aufwarten. Wenn Jan und Allemann sie verloren – ihm waren sie noch niemals koppheister gegangen, ihm nicht – ihm, dem Kapitän von dem braven Rheinschiff ›Gott mit uns‹, dem Vater Jakobinens, deren Schönheit noch die einer Katharina Rickers übertrumpfte und in den kühlen Schatten stellte, konnte so was niemals passieren. »Kopf hoch!« Und Pitt Hemskerk warf den Kopf in den Nacken. Rechts von ihm: die Lichter von Emmerich wurden spärlicher, schrumpfelten zusammen, erloschen – eins nach dem anderen. Auch am Krantor dunkelten die Fenster ein. Die historische Kneipe machte die Läden zu, nahm eine Portion Schlaf in die Augen. Also – mit den Burgunderbouteillen hatten sie Schluß gemacht. Riswyk war fort und Michel Virgilis in die Heija gegangen. Und Düweke Brinkmann ...? »Gute Nacht, Michel! Eigentlich bist du 'n dreimal durchdestillierter Supsack. Wie konntest du bloß so 'nem harmlosen Weibsbild die Ohren vollhängen, ihm mit allerhand ausgefallenen Delikatessen begegnen, ihm sagen: Du wirst nicht in 'nen Bauerngarten verpflanzt ... nicht ums Verrecken ... gehörst aufs Parkett ... Lakaien und so ... in den Lichtschein von perlenden Lampen ... und wenn dann die Kammerjungfer meldet: Madam ... Hoiho! Michel, ich höre dir pfeifen. Soll wohl heißen: der Kavaliergemahl gibt sich die Ehre. Blexem! Hab's auch mal so ausspekuliert, von wegen ihrer barbarischen Weiblichkeit, denn sie kann Ansprüche machen; ich dito desgleichen. Aber dann wieder: hab's übergeschluckt ... 'runtergefressen ... dazu Ja und Amen gesagt. Gottverdorie! Und nu will die Karte sich auf die andere Seite legen, setzt Kegel und murkst wie 'n verliebtes Karnickel. Was soll das?« Seine klaren, blitzblauen Lichter hafteten auf der öden und grauen Schenke am Rheinufer. Alles tot und eingesargt. Nirgends mehr eine erleuchtete Fensterluke. »Michel, geh schlafen. Du bist zwar ein guter Kerl, aber kein Kirchenlicht. Hast wohl gefaselt. Gott geb's,« und wieder nahm er seinen knarzenden Schritt auf, vom Klüverbaum bis zum Steuerkasten, dann wieder retour, mit dem ruckweisen Stoßen einer Dreschmaschine. Die Schritte verstärkten sich, als wenn sie den Unwillen ihres Herrn in sich trügen, den Ärger über die krausen Gedanken, denen er nicht zu entrinnen vermochte. Ihr Widerhall drang gedämpft bis in die Achterkajüte. Jakobine ruhte mit offenen Augen zwischen den Kissen, und diese offenen Augen waren trocken und starr auf den fahlen Schein gerichtet, der durch die schmale Musselingardine gespensterte, ohne weiter zu rücken. Durch ihre Sinne rieselte es mit dem monotonen Rieseln des feinen Sandes in einem Stundenglase. Ihr Blut rauschte. In diesem Rauschen des eigenen Blutes wechselten Gestalten und Gesichte wie die bunten Scherben in einem Kaleidoskop. Immer neue Gesichte, immer neue Gestalten! Sie hört mit Ohren und sieht mit Augen, die sich feinfühliger geben als die von gewöhnlichen Menschen. Die einzelnen Glassplitterchen des Kaleidoskopes setzen sich haarscharf nebeneinander, bilden und formen mit der Hand eines Künstlers. Sie steht mitten in einer blendenden Helle. Ein Stutzührchen klingelt. Silberdrähtig tinkt es von einer Porzellankonsole herunter. Zwölf einzelne Schläge. Dann ein Flüstern und Wispern: bittersüße Liebesgeschichten ... verhaltene Seufzer ... hingehauchte Beteuerungen, einschmeichelnd wie die zarten Herbstzeitlosen, wenn auch mit einem feinen Gift zwischen den Kelchblättern. Irgendwoher die preziöse Weise eines Orlando di Lasso. Dahinein ein neckisches Aufbegehren ... ein Trippeln von Stöckelschuhen ... ein Geknister von seidenen Krinolinen und lichtweißen Puderfrisuren. Gleich darauf, mit zwei Vierteln Auftakt beginnend, die pritzelnden Noten des gefeierten Lully. › Mesdames et Messieurs : die Gavotte des Königs!‹... und sie mitten dazwischen ... an der Hand eines Kavaliers in reichem Kleid und Spitzenjabot ... mit Kreuzen und Sternen. Der flüstert ihr zu: bittersüße Liebesgeschichten ... verhaltene Seufzer ... hingehauchte Beteuerungen, einschmeichelnd wie die zarten Herbstzeitlosen, wenn auch mit einem feinen Gift zwischen den Kelchblättern. Sie kann von seinen zwingenden Augen nicht los, sich nicht seinen schmeichelnden Händen entziehen. ›Lassen Sie mich. Ich will es nicht hören.‹ Und dennoch hört sie darauf: ›Katharina Rickers, sie wurde erhöht und erhoben... mit Steinen und Perlen umkrustet... von der Hofgunst umworben ... und dennoch: Du bist tausendmal schöner als sie... tausendmal schöner...‹ Wiederum tinkt es von der Porzellankonsole herunter. Zwölf einzelne Schläge. Ihr Blut rauschte noch immer. »Wo bin ich?« Es war dunkel um sie. Nur der fahle Schein zwischen der gerafften Musselingardine haftete an der nämlichen Stelle. Sie vernahm nichts mehr: kein Trippeln mehr, kein Knistern von seidenen Reifröcken und weißen Puderfrisuren. Auch die Gavotte des Königs verstummte. Sie hielt's nicht mehr aus... erhob sich ... zündete eine Kerze an und trat vor den Spiegel. Ihre Augen waren maßlos geweitet. »Bin ich noch Jakobine Hemskerk, oder bin ich es nicht mehr?!« Sie umgriff ihre Schläfen. Der Haarknoten, der ihr schwer im Nacken lastete, zerteilte sich, löste sich auf, fiel ihr um den schlanken Leib wie ein todschwarzes Segel. Sie sah sich in der blanken Scheibe. Sie sprach ihr eigenes Bild an: »Es steckt ein tiefes Leid im Begehren. Wer es in sich trägt, ist gezeichnet vom Herrn. Er findet kaum noch eine ruhige Stunde. Und ich? Sieht so eine aus, die begehrt?« Sie glitt mit ihren weißen Händen über den Nacken, als hätte sie etwas Seidiges, Kostbares, nicht zu ihr Gehöriges von sich abzustreifen. »Nein – ich will nicht begehren.« Das matte Kerzenlicht wurde zu einer heiligen Flamme. Strahlend stand sie im Spiegel – diese heilige Flamme, strahlend legte sie sich um die geschmeidigen Glieder, um die jungfräulichen Blößen. Diese heilige Flamme umschmeichelte die bläulichen Flugschatten der weichen Schultergelenke, den schroffen und doch berückenden Ansatz der jungen Brüste. Die fast durchsichtigen Nasenflügel öffneten sich über der geschwungenen Linie des Mundes. Im Namen des Herrn – sie war der Wirklichkeit und ihrem Geschehen wiedergegeben. Ein angstvolles Atmen erschütterte sie. Die Stunden, die sie bei Michel Virgilis am Krantor durchlebt und durchlitten hatte, sollten des Todes sterben, ausgetilgt werden wie die Aasgeier, die noch immer über Deutschland dahinruderten. »Reiner, mein Reiner!« Sie fühlte sich bei ihm, ganz nahe bei ihm. Sie spürte die Allgegenwart des geliebten Mannes, die Kraft, die von ihm ausbüschelte. Sie hatte ihm vieles zu geben, ihr ganzes Hab und Gut, alles, was sie besaß: die Schönheit des Körpers und die Reinheit der Seele. Heller und frohwilliger brannte die heilige Flamme. Jakobine blühte auf in diesem seligen Leuchten. Mit ihrem ganzen bodenständigen und breitspurigen Stolz musterte sie sich. Alles war sein, alles und jedes: dieser Leib, der wie Marmor aus der Spiegelscheibe herauswuchs, diese Arme, berufen, sich fraulich um seinen Nacken zu legen, ihm die arbeitsreichen Tage zur Freude und die Nächte zu köstlichen zu machen. Das niederrheinische Weib und der niederrheinische Mann, desselben Stammes, ein und demselben Boden entsprungen. Kinder des Volkes, nichts mehr und nichts weniger: Brust an Brust und Mund auf Mund, so wollten sie ihre Tage verbringen – bereit zu leben, um wechselseitig zu leben, bereit zu sterben, um wechselseitig zu sterben – ein Wohlgefallen vor Gott und seinen himmlischen Heerscharen, vor seinen Machten und Thronen, vor Cherubim und Seraphim, vor seinen Engeln und Erzengeln. »Reiner, mein Reiner!« Sie streckte ihm ihre vollen und weißen Arme entgegen ... sie liebte ihn ... sie begehrte ihn ... aber plötzlich wieder: mit zwei Vierteln Auftakt beginnend, die pritzelnden Noten des gefeierten Lully. » Mesdames et Messieurs : die Gavotte des Königs!« »Ach – du ...!« Die heilige Flamme brannte tiefer und düsterer, züngelte matt auf die Seite, war dem Verlöschen nahe. In diesem ersterbenden Licht sah sie die Zukunft und ihre Umwelt mit anderen Augen an. Die Gavotte des Königs zerfiel in Staub und Moder. Das Stutzührchen tinkte nicht mehr. Dafür fielen dumpfe Schläge von Sankt Aldegondis herunter, hoben sich auf, um wie dunkle Krähenvögel über die weite Niederung hinzuschaukeln. Eine rauhe Faust packte zu, versetzte sie in ein ödes Heideland, auf dem nur Zikaden und Bläulinge ihr Wesen trieben. Keine stolzen Klänge, kein Schreiten durch eine hohe und lachende Freude. Nur das monotone Rauschen von elenden Kiefern ... das trostlose Hindämmern ihres eigenen Ichs ... das Sichgenügen mit den bescheidensten Dingen ... das einförmige Schaffen im Täglich-Alltäglichen, wenn auch mit traulicher Liebe gepaart. Aber der Glanz und die Sterne, die Anwartschaft auf den Höhen und durch eine Fülle des Lichtes zu wandeln ... und die Kerze erlosch. Mit einem hellen Schrei warf sie sich auf die Kissen zurück: »Reiner, vergib mir! Halte mich fest! Lasse mich nicht! Sonst – ich geh über Bord. Reiner, mein Reiner!« Bleiern fiel es über sie hin. Ihre wachen Augen umschatteten sich. Ihr Gesicht legte sich still auf die Seite. Sie war wunschlos geworden. So ruhte sie lange. Dann glaubte sie eine Stimme zu hören, die Stimme von gestern: »Es war einmal ein treuer Husar, Der liebt' ein Mädchen ein ganzes Jahr, Ein ganzes Jahr und noch viel mehr, Die Liebe fand kein Ende mehr ...« Über den Rhein hin flatterten die ersten Lichter des jungen Tages. * Der Alte stand straff und kurzbeinig auf Deck, den Riemen untergezogen, die breiten Pratzen in den Hosentaschen. Nur eine kleine halbe Stunde hatte er's sich bequem gemacht, so 'n bißchen genuckert, sich dann wieder nach oben begeben. Die Brise war über Nacht stärker geworden, hatte sich einen tieferen und ergiebigeren Atem zugelegt und blies steif über die Topps hin. Der Kapitän feuchtete den Zeigefinger der rechten Hand an und hob ihn strack in die Höhe. »Gut so. Kann ich gebrauchen, wenigstens bis nach Nymwegen zu. Holla, Lambert!« »Kaptein!« »Wie weit ist gelöscht?« »Die achtzig Sack an Jakob Terheiden erledigt. Jetzt kommt Jettchen Pottlot in der Kalvarinerstraße dran. Dann die jüdische Firma. Giepere nicht drauf, denn Sally Herzlieb und Söhne geben man 'n poweres Trinkgeld.« »Um so besser bedient Ihr Abrahams Samen von wegen der eigenen Honorigkeit. Im übrigen: präzise um elfe wird weitergefahren.« » Well , Kaptein.« »Ab denn nach Kassel.« Der Morgen stieg höher. Der Auftakt im Emmericher Hafen setzte ein, nachdem die auf dem Rheinschiff ›Gott mit uns‹ längst in Tätigkeit waren. Die ersten Boote machten Dampf auf, die erste Sirene tutete langatmig über das grüne lehmige Wasser, andere folgten: Tierstimmen, die heulend ihren Weg durch den ziehenden Nebel suchten. Der holländische Steamer ›Jan Herkenrath‹ stampfte langsam von der Ankerstelle, drehte inmitten des Stromes bei, prustete mit braunroter Straußenfeder gemächlich bergaufwärts. Ketten ratterten, Trossen gischten durch das schaumige Wasser, scharfe Signale kamen von den benachbarten Schiffen herüber. Zwischen Bordwand und Kaimauer lagen noch diesige Schwaden. Hemskerk warf plötzlich den Schädel herum. Auf den Planken, die Deck und Ufer verbanden, nahten sich Schritte, die nicht zu seiner Mannschaft gehörten, Schritte mit hellem Klirr und Klang und mit einer anständigen Portion Selbstbewußtsein unter den Sohlen. »Blexem!« Zwei scharfe Falkenlichter berührten die seinen. »Morgen, Kapitän!« »Nu wird's Tag!« rief der Alte. »Reiner Auwater in voller Montur und das zu 'ner Zeit, wo die Dachscheißer noch dabei sind, sich ihre Traumwelt aus den Federn zu plustern! Im übrigen« – und er hielt ihm die Rechte hin – »willkommen dahier.« » Merci , Kapitän!« »Ja, aber und um es mit einem Worte zu sagen: warum schon so früh aus dem Bau?« In dem scharfen Gesicht des jungen Mannes zuckte es auf. Die Lippen kniffen sich ein, als wenn es ihnen schwer fiele, die passenden Worte an die richtige Stelle zu setzen. »Nichts für ungut,« sagte er endlich. »Ich möchte nur in aller Ehrfurcht und Offenherzigkeit ... obgleich ich erst nach der holländischen Reise ... Aber wie die Dinge so liegen ... Vierzehn Tage sind 'ne Ewigkeit, haben Pech an den Schuhen, und da unsereins Kopf oben behalten muß, um mit Amt und Pflicht nicht in Widerpart zu geraten, andererseits aber so 'n gebundener Zustand einem mehr oder weniger die freie Besinnung abspricht, da hat man, offen gestanden, den heiligsten Wunsch und die verdammte Schuldigkeit, sich mit 'nem präzisen Ja oder Nein in Verbindung zu setzen.« »Kann das verstehen, junger Mann. Bloß weiter im Texte.« »Und da möchte ich wissen ...« Reiner stoppte ab. Seine Blicke irrten zur Seite, als wenn sie etwas zu suchen hätten. Der Alte griemelte vergnügt vor sich hin, tat einen nachdenklichen Zungenschlag und legte seinem Besuch die Hand auf die Schulter. »Junger Mann, Sie sehen sich wohl nach 'ner Hilfsaktion um, ob die Ihnen nicht so 'n bißchen beispringen könnte? Gar nicht so ohne, denn 'ne Doppelflinte hat mehr Chancen aufzuweisen als 'ne einläufige Donnerbüchse. Selbstverständlich nur bildlich gesprochen. Indessen jedoch: besagte Hilfsaktion ist noch nicht klar für's Deck, befindet sich noch in der Achterkajüte, um ihre Reserven wieder in Ordnung zu kriegen. Sie müssen nämlich wissen: wir hatten gestern abend 'ne ziemlich schwere Campagne am Krantor bei Michel Virgilis, als da waren: Jakobine und meine Wenigkeit, Düweke Brinkmann, Michel natürlich, der schließlich das heulende Elend bekam und immerzu gröhlen mußte: Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd; In Emmerich ist das umgekehrt ... und dann noch ... ja so ... da war noch Baron Riswyk von Haus Borghees vorhanden. Ich kenn' ihn weniger, hab' aber 'n gewisses Interesse daran, mich mit ihm ins Reine zu setzen, denn er war äußerst zutunlich, und da möchte man wissen: 'n gediegenes Bauwerk oder bloß 'ne schöne Fassade?« »Riswyk ist als Kavalier zu taxieren.« »Also doch!« »Wie ›also doch‹?« »Gott, ich meine nur so. Mit den Edelmännern weiß man so recht nicht Bescheid. Die haben meistenteils 'nen fixbeinigen Kurs, fünfundzwanzig Knoten und so, an der Logleine gemessen. Da kann unsereins so richtig nicht nachkommen. Nur dann und wann wollte mit ihm der Deubelskerl durch die Lappen brennen, und da dachte ich mir: mußt dich mal umhören. Vielleicht ist der ganze Mann, wie schon oben bemerkt, bloß 'ne schöne Fassade.« »Gewiß, er hat schon seine absonderlichen Tourengänge. Schlägt auch dann und wann über Stränge und Latierbaum. Aber die Art, wie er mit Wald und Feld einig geht, im Wild nicht das Objekt, sondern den Freund sieht – in dieser Beziehung sitzt ihm schon der Herzmuskel an der richtigen Stelle. Außerdem: bei Ypern habe ich mit ihm in Tuch- und Ärmelfühlung gestanden – ich, der Oberjäger, er, der Deutzer Kürassieroffizier ... den abgebrühtesten Tommys gegenüber ... im Schützengraben ... Tage um Tage ... Nächte um Nächte ... im wildesten Trommelfeuer ... und als es dann hieß: der Abschnittskommandeur hängt zwischen den Stacheldrähten, kann nicht unter die Erde – da Riswyk, ohne sich umzusehen, in die Hölle hinein ... und kam zurück, den Toten zwischen den Armen ... und legte ihn ab ... und sagte bloß so nebenher: Es ist ja völlig egal, ob zwischen den Drähten oder unter der Erde. Irgendwo muß der Mensch seinen letzten Zerfall, seine Auflösung finden. Ich tat's um seiner braven Helene willen. Die Frau barmte mich, denn nun weiß sie doch, wo sie ihren Friedrich Wilhelm von Bischopink bei den Schleusen zu suchen hat. Adel verpflichtet. So der Baron, um aufs neue nach seinem Karabiner zu greifen und 'nen vorwitzigen englischen Stabsoffizier von seinem Beobachtungsposten herunterzuflitzen. Das ist der Baron Riswyk auf Borghees, und sowas hat schon seine besondere Note, vergißt man nicht wieder.« Hemskerk legte seinen Kopf luv und lee, räusperte sich und sagte mit stiller Ergriffenheit: »Nee, tut man nicht wieder. Großartig das. Will's in meinem Tabular vermerken. So bezeichne ich nämlich meinen Gehirnkasten, wo alles bestens verbucht steht. Und nun, junger Mann, wie war's denn? Wir sind doch nicht wegen des Barons auf Visite erschienen, wenn ich auch zugeben will: es wäre besser um Deutschland bestellt, hätten im Binnen- und Feindesland nur solche Mordskerle wie Riswyk auf Posten gestanden. Ich denke, wir können uns nu vom Kriegerischen aufs Geschäftliche legen, denn auch hier muß sich alles so blank an Rippen und Planken ergeben wie in der Kombüse eines Ostindienfahrers.« »Wie Sie befinden, Kapitän.« » All right !« und die Stimme des Alten rollte über Deck: »Zwei Stühle am Steuerkasten!« um sich dann wieder an Reiner zu wenden: »Alles bloß von wegen 'ner herzlichen und bekömmlichen Ansprache. Einverstanden?« »Einverstanden.« Alsbald saßen sich die beiden beim Steuerkasten dicht gegenüber. Das Wetter klärte sich auf, das Morgenlicht schlug Funken, legte sich mit tausend und abertausend Gold- und Silbersplitterchen über das langsam und großartig dahinziehende Wasser. Stolze Bilder kamen in Sicht, flossen ineinander über wie zu einem einzigen Akkord, der Nähe und Weite überzitterte: das alte Emmerich mit seinen hochstöckigen Giebelfronten, die ernsten Schattenrisse von Sankt Aldegondis, das bunte Gewirr von Segeln und Masten, das werktätige Schaffen des gewaltigen Riesen, der auf den Namen ›Arbeit‹ hörte, die breite Masse des mächtigen Stromes mit seinen niedrigen Ufern, brennend in Gold und Purpur, überflogen von silberigen Möwen, die es eilig hatten, den hellen Tag auf ihren Schwingen weiter zu tragen. »So, junger Mann,« sagte Hemskerk, »jetzt säßen wir hier. Ich hab' das kommen sehen, bloß nicht so plötzlich. Wie Sie selber sagten, sollte sich das alles erst nach der holländischen Reise begeben, in Grieth, zwischen meinen vier Pfählen, wo sich für solche Geschichten kommodere Stunden finden lassen. Da Sie sich aber frühzeitiger einstellten – na, gut denn. Schießen Sie los und verstauen Sie mal, was Sie bei mir abladen wollen. Hier ist Bordfreiheit, und Bordfreiheit habe ich allzeit in Estimierung gehalten.« Er pfiff sein Priemchen über die Reling. »Ich warte.« Reiner sah ernst vor sich hin. Was wollte der Alte? War die Angelegenheit noch nicht spruchreif geworden? Heiß stieg es in ihm auf. Er sagte denn auch mit eingekniffenen Lippen: »Kapitän, warum diese Umstände? Ich dächte, Sie wären im Bilde, Jakobine hätte Ihnen alles gesagt und es läge nur bei Ihnen ...« »Blexem! Läge bei mir, und sie hätte mir alles gesagt? Ganz richtig. Jawoll, hat sie getan, denn meine Herzensmamsell weiß, was sie tut und ist nicht auf ihr weibliches Mundwerk gefallen. Die nicht, beim wahrhaftigen Gott nicht. Kann das beschwören. Ist auch auf mich losgegangen wie der olle Blücher auf die verfluchtigen Reichsbedränger von Franzosen. Das will ich festgelegt wissen, hat mir auch ausnehmend an Jakobine gefallen. Kann ich wohl sagen.« Reiner atmete auf. »Und Ihre Ansicht, Kapitän?« »Ist nicht so einfach niederzulegen. Nur bin ich der Ansicht: Takelage und Schiff müssen zusammenpassen wie 'n irdener Pott zum irdenen Deckel. Ich meine ... Was ich jetzt sage, das hab' ich bereits mit Jakobine besprochen. Aber doppelt hält besser, vornehmlich dann, wenn zwei Mannsleute sich Stirn gegen Stirn gegenübersitzen, um wechselseitig klaren Rotspon in die Buddel zu kriegen. Sehen Sie mal an, junger Mann,« und er deutete mit seinem Daumen breit über die Schulter, »da drüben, scharf Süd-Süd-Ost, ist Grieth auf der Navigationskarte zu finden. Da liegt auch mein properes Anwesen. Abgesehen von 'nem rentablen Wohnhaus nebst Garten und sonstigen Kommoditäten, kann ich da so präter und prätorius über vierhundert Morgen Wiesenland und kapitale Knollenfelder verfügen. Ich sage das bloß wegen der richtigen Feststellung. Aber da ist noch was anderes ... da ist noch ein Kirchhof, und auf diesem Kirchhof liegt meine brave und herzensgute Frau schon seit Jahren beerdigt. Daran zu denken wird schwer,« und seine Stimme knitterte allmählich zusammen, »wird äußerst schwer, junger Mann, denn unser lieber Herr Jesus Christus hat im Ölgärtlein von Gethsemane nicht heißer gebetet und Blut geschwitzt, als ich gebetet und Blut geschwitzt habe, als sie bei ihrem Hingehen noch sagte: Gräme dich nicht und sorge dich nicht. Der Herr hat gerufen, und ich folge dem Herrn. Sein Name sei gepriesen in alle Ewigkeiten. Ich gehe nicht fort. Ich lebe weiter ... in Jakobine lebe ich weiter. Hemskerk, du mußt den Kopf oben behalten, und dann sah sie mich noch einmal an, so recht lange und tief aus ihren gütigen Augen heraus ... und dann war's alle mit Mutter ... alle.« Er schwieg und stierte ins Wasser. »Aber Jakobine, die habt Ihr,« wagte Reiner das große Schweigen zu brechen, »die ist Euch geblieben.« Der Alte fuhr auf. »Jawoll, die hab' ich ... ist mir geblieben ... als meine einzige Hoffart, mein Stolz, meine totale Beseligung, und wenn ich den ganzen Rhein absuche, von Düsseldorf bis nach Emmerich herunter: so'n auserwähltes Stück von Weibsbild ist nicht mehr auf die Beine zu stellen. Kurz, sie hat Milieu von oben bis unten. Ob's weh tut oder nicht, das muß mal gesagt sein. Die ist wie 'ne Linie, geht wie auf Draht, und da darf ich mir wohl 'ne Frage erlauben, und die Frage ist diese: Unter Berücksichtigung meines aufgeschlagenen Kontobuches, was haben Sie in Gegenrechnung zu stellen? Halt, noch ein Wort. Ich habe Ihren seligen Vater gekannt. Hut ab vor so 'nem geraden Streiter und Schildträger in Christo. Aber es ist hier nicht von Ihrem seligen Vater, sondern von Ihnen die Rede. Da steht mir die Frage zu: Junger Mann, was haben Sie selber zu bieten?« »Hier dieses...!« und Reiner erhob sich. Die ganze Gestalt war eine stählerne Gerte, das Gesicht ein glanzvoller Psalm, aus der Bibel genommen. »Hier dieses, Kapitän: hier diese Fäuste, die grüne Farbe, mein Amt und die Zeit, die ich als Oberjäger im Felde verlebte.« »Verdammich! Viel und doch nicht viel, junger Mann. Damit kann einer knappemang 'ne Wasserratze aus 'nem Kielraum herauspfeifen. Bloß äußerlich. Aber ich lege Wert darauf, die innere Fakultät, die sogenannte Herz- und Nierenangelegenheit zu erfassen ... und da möchte ich wissen...« »Kapitän, was soll ich da sagen?« Reiner trat vor. Die Unrast seines Blutes verstärkte sich wieder. »Ich führe mein Inneres nicht mit der Zunge herum,« sagte er heiser. »Überhaupt, Kapitän – man soll sich selber nicht anpräsentieren. Aber ich fühle heraus, Jakobinens Vater will mein Glaubensbekenntnis. Also gut denn, wenn's einem auch schwer fällt und direkt gegen den Strich geht. Wie Peitschenhiebe hör' ich's noch knallen, und das sind die Peitschenhiebe, die mir mein braver Vater durch die Seele striemte: Treue um Treue, achte Ordnung und Gesetz, bleibe allzeit im Deutschtum, diene und lasse dich durch die Jetztzeit nicht unterkriegen. Kapitän, so hab' ich's gehalten: Stirn geradeaus, Ellbogen in die Seiten gestemmt, so durch die Welt gegangen und das Leben erfaßt. Der Engländer sagt: Right or wrong – my country, und der Engländer hat recht, denn er ist ein eiserner Rechner; der Deutsche vielfach hingegen: Fiat justitia, pereat patria . Pfui Deibel noch mal! Fort mit diesem Gelumpe...« »Und Fixfeuer auf die verluderten Köppe!« rief Hemskerk dazwischen. Seine Augen flackerten. »Und das mit dem König... und das mit dem Dienen...?!« »Ich heiße Reiner, Kapitän, und reiner kann ich die Sache nicht vorbringen.« »Bravo, mein Jung! Gut deutsch allerwege!« Und die Pratze des Alten griff zu, packte die Rechte des Jungen. Auge brannte in Auge. »Blexem! Vorn, mittschiffs und achtern – alles in bester Verfassung, obgleich ich mir, und das offen gestanden, die kommenden Tage meiner Herzensmamsell etwas anders vorgestellt habe. Ich dachte mir so: mein Döchting ist nu mal von 'ner ganz exquisiten Sorte und Aufmachung. Viel zu gut für die Welt, überhaupt viel zu gut für die Mannskerle. Höchstens, daß einer käme, einer von der oberen Sorte, so ins Große und Opulente hinein, der meine Mamsell auffordern täte, sich mit ihrem schönen und auserwählten Hinterkastell auf sein plüschseidenes Sofa zu setzen... als Prinzessin und so... selbstverständlich mit 'nem vaterländischen Einschlag, denn ohne diesen konnte ich mir den Auserwählten und die Brautschaft nicht denken.« Reiner prallte zurück. »Wie ist das zu verstehen, Kapitän?« fragte er schartig. »Wie's paßt,« lachte Hemskerk und sah dem Bewerber steif in die Augen. »Na, so was!« Dieser faßte den Unterton nicht, der wie ein fideles Schnäpschen durch die Stimme des Alten hindurchgluckerte. »Also wie's paßt?! Auch 'ne Antwort. Da kann ich wohl gehen.« »Was gehen...?!« Ein helles, kraftfrohes, wieherndes Lachen schlug ihm entgegen. Fester schnürte ihm Hemskerk die Rechte. »Oller Nachtwächter, hörst du denn die pläsierlichen Spatzen nicht pfeifen? Hiergeblieben, mein Jung. Ein Kaptänswitz hat auch seine Freiheit an Bord. Hab's ja schon eben vermerkt: die innere Fakultät – vorn, mittschiffs und achtern, alles in bester Verfassung. Also – warum nicht? Und wenn die Herzensmamsell immer noch will, wie sie gestern gewollt hat – ich, der Kaptän vom Rheinschiff ›Gott mit uns,‹ ich habe gar nichts dagegen.« »Kapitän...! Kapitän ...!« und Reiner tat einen Atemzug, so recht aus tiefster Seele heraus, als wollte er mit diesem Atemzug sein Glück, seine Liebe und die ganze schöne Welt, eine Welt in Gold, in sich hineintrinken. »Nein, Reiner, gar nichts dagegen. Das mit der äußeren und inneren Fakultät ist in Ordnung. Das hat mir mein Döchting schon gestern abend bis auf den letzten Gamaschenknopf auseinandergepellt und mir zu kosten gegeben. Ich für meine Person wollte bloß noch von der anderen Seite die Bestätigung einholen, um so die Konnossemente für 'ne propere eheliche Schiffahrt perfekt zu machen. Also – mit Gott denn! Seid wie die Karnickel am Sandloch: immer fidel, Kopp oben und allweil besorgt für 'nen regulären Nachwuchs. Und somit: los denn dafür. Begeben wir uns zur Achterkajüte. Blexem! Wird die Augen machen, mein Döchting, meine Herzensmamsell!« Und sie gingen Hand in Hand über Deck, im blinkenden Sonnenlicht, über sich knatternde Topps und das Musizieren im Takelwerk, um sich 'ne Welt in Gold und das Morgengeläut aller Kirchenglocken. »Fein das, mein Junge!« Welm, der Zweitmatrose, sah ihnen nach. »Da wird was jung unter Deck,« griemelte er still vor sich hin. Dann stieß er seinen Oberkollegen, der just von der Löschung wieder an Bord kam, in die unteren Rippen und grielachte: »Lambert, nu wird gleich einer die Harmonika ziehen.« »Dämlack!« »Du aber nicht.« »Na – wer denn?« »Der andere, der in der grünen Montur. Der spielt sich per sofort und direktemang auf Indien zu, in die Dattelplantagen hinein, wo die Kakadus und die Popageien mitsamt den übrigen Biesters man so herumfliegen wie bei uns die Ringeltauben und es so heiß ist, daß einem selbst die kommodesten Kleider scharnieren. Lambert, vastehste?« Da äugelte Lambert steif auf die Seite und begab sich nach achtern. Achtes Kapitel »Hoiho, Jakobine ...!« Die Achterkajüte spiegelte sich in ihrer eigenen Helle, tiefrot und purpurn, als sähe der brennende Herbst durch die niedrigen Fenster. Das machten die schmucken Geranienstöcke, die hinter den schmalen Gardinen standen, das tat das warme Sonnenlicht, das mit diesen blühenden Stöcken spielte, mit ihrem satten Glanz die weißlackierten Wände austapezierte, tiefrot und purpurn, und in dieses Leuchten hinein musizierte es mit dem munteren Vortrag einer Schlegelpfeife. Der schwefelgelbe Kanarier war es, der aus der Nebenkabine seine Stimme vernehmen ließ, frisch und ungebunden, wie's sich für den Begleiter eines Rheinkapitäns ziemte. Jedereins mit feinfühligen Ohren konnte sich daraus einen Vers vom Jungfernkranz und veilchenblauer Seide zusammenreimen. »Hoiho, Jakobine! Mein Herzensdöchting, ich hab' was ganz Besonderes übergeholt. Wenn's erlaubt ist, möcht' ich's in der Achterkajüte verstauen. Also – wie wär's damit?« »Reiner ...!« Wie ein Schrei kam es hoch. Da legte Hemskerk seinen Arm in den des Angerufenen und sagte: »Soweit wären wir jetzt. Wir zwei beide sind einig geworden. All right! Durch dick und dünn bis zum letzten. Auch Edelmänner – und Adel verpflichtet, wie Riswyk behauptet. Hier endet mein Lotsenamt. Das deine beginnt. Drum 'rin in die Koje und fröhliche Talfahrt.« Hierauf wandte er sich, ging straff über die Riemen. Dann blieb er stehen. Über ihm holte es aus. Hoch und dumpf kam es von einem grauen Turme herunter. Er zählte die einzelnen Schläge. »Neun Uhr,« sagte er schließlich. »Noch zwei Stunden, dann heißt das: Loswerfen! Abfahren! Adjüs Emmerich! Bonus! Möge bis dahin alles gerichtet sein. Auch für mich. Kein pro und contra mehr. Alles im Lot. Damit auch für mich 'ne fröhliche Talfahrt,« und er sah den Möwen nach, die immer zutunlicher wurden... und stellte sich sein Döchting vor... und sang mit verhaltener Stimme über Deck hin, nicht schön, aber er brummelte doch: »Es war 'ne kapteinische Tochter, Ein wunderschönes Weib. Die ging des Abends spazieren, Um sich zu delektieren An Lust und Zeitvertreib ... Hoiho!« und die kapteinische Tochter stand inmitten der Achterkajüte, noch den Namen ›Reiner‹ auf den blutleeren Lippen, die Augen starr auf die kleine Treppe gerichtet, die schnirkelartig deckabwärts führte. Nach heißem Ringen und Kämpfen, nach all den Anfechtungen, die sie während der grauen Nachtstunden heimgesucht hatten, erhob sich Jakobine siegreich zwischen Dielen und Decke, gefestet in sich, von der Hoheit und Heiligkeit des eigenen Wertes durchdrungen. Keine Zweifel mehr, kein Begehren mehr nach Dingen, die nach Sünde schmeckten. Ihr Blut rauschte ganz anders, reiner und frohwilliger. Sie fühlte sich als Herrin und Königin über ihr pochendes Herz, über die verzehrenden Wahngebilde der verflossenen Heimsuchungen. »Reiner ...!« und als sie seine Schritte vernahm, da war es ihr, als wäre der Reichswald vor ihr ausgetan, als käme er in seiner ganzen Herrlichkeit und flammenden Herbstpracht in die schlichte Behausung, als dehnte sich der beschränkte Raum ins Unermeßliche, um alle diese goldenen Kronen und Wipfel aufzunehmen, diesen geheiligten Odem, dieses geheimnisvolle Wehen und Brausen. Und die Stimmen des Waldes verstärkten sich, nahmen zu an Fülle und Wohllaut, wurden zu einer gewaltigen Domorgel, sangen das liebe und gütige und doch herzzerreißende: »So nimm denn meine Hände ...« »Ja – so nimm denn meine Hände ...« und das Rauschen des marschierenden Waldes fiel über sie her, hüllte sie ein, preßte Brust gegen Brust, drückte sie in seine Arme hinein, ließ sie die Worte stammeln: »Ach du! Ich fühle dein Blut, und dieses Blut ist ein rasches und stürmisches Blut.« »Das glaubst du, weil ich nicht abwarten konnte?« Sie erstickte unter seinen verzehrenden Küssen. »Ach – Reiner ...!« »Oder hätte ich abwarten sollen?« »Wie meinst du?« »Abwarten sollen, bis es hieß: ›Gott mit uns‹ von Rotterdam wohlbehalten zurück ... liegt im Hafen vor Grieth ... an Bord alles in bester Verfassung ... Vater und Tochter sind herzenseinig geworden?« »Hör' auf, du!« hauchte sie glücklich. »Abwarten sollen, bis Nachricht eingetroffen wäre: ich habe 'ne glückliche Stunde gefunden ... Papa Hemskerk lieh mir ein geneigtes Ohr ... Verlobung genehmigt ... komm' sofort ... wir erwarten dich sehnlichst, um das Brautfest zu begehen?« »Reiner, so war es gedacht.« »War es, Geliebte, aber wir, die wir es so festlegten, zogen mein heißes und stürmisches Blut nicht in Rechnung. Gott sei gedankt, nicht. Ich hielt's nicht mehr aus, marschierte in den frohen Morgen hinein.« Er stieß einen Schrei aus. »Jakobine, was soll ich noch sagen? Was Gott zusammenfügt ...« und sein Mund lag heiß auf dem ihren, »und dieses: Ich lasse dich nicht, es sei denn, der Herr riefe mich ab, um von seinen ewigen Tischen zu essen ... und dann noch: auch an den ewigen Tischen ...« Er vollendete nicht, was ihm die Seele bewegte. Mit rascher Hand brachte er ein schmales, silbernes Kettlein zum Vorschein, an dem ein roter böhmischer Kristall hing. Er ähnelte einem Blutstropfen. Das bot er ihr dar. »Von meiner Mutter,« sagte er hastig. »Das sollst du tragen, ihr zuliebe tragen. Sie schickt es dir mit heißen Segenswünschen. O, meine Mutter!« »Reiner, wie du das sagst!« und ihre Hände tasteten nach den seinen, hielten das Kettlein ... hoben es auf ... spielten damit ... »Wie gut muß sie sein, diese Mutter!« Sie trat einen Schritt zurück. Der bleiche Mund zuckte auf. Ihr Gesicht wurde schmal, nahm einen traurigen Zug an, um schließlich starr und wie aus Stein gemeißelt zu werden. Alles Blut drängte sich dem Herzen zu. Ein körperlicher Schmerz ging über sie hin, berührte sie mit Eisnadeln. »Reiner,« sagte sie nach einiger Weile, mit der Ruhe einer Gezeichneten, »hier dieses Kettlein – bevor ich es anlege, bevor ich sagen kann: Ich bin seiner wert und würdig ... Nein, Reiner, unterbrich mich nicht, lasse mich aussprechen. Du darfst mir diese Stunde nicht nehmen, mich nicht hindern wollen, dir das zu sagen, was Eingebung und Gewissen mir vorschreiben. Du magst dann entscheiden. Ohne Groll im Herzen, ohne mich irremachen zu lassen, ich füge mich deinem Willen, und mögen darüber Tage erscheinen, die bitterlich weinen und Blut auf den Lippen haben.« Sie winkte ihm zu. »Ich sehe, du lächelst. Möglich, es verdient nur ein Lächeln. Aber was hilft mir das alles? Dein Lächeln nimmt meine Unruhe nicht fort, ängstigt sie nur und bringt mir das nicht zurück, was ich flehentlich herbeisehne: den eigenen Frieden. Kurz, ich habe dir ein Geständnis zu machen.« Er glaubte, nicht richtig gehört zu haben. »Du – mir: ein Geständnis?« »Ja – dir: ein Geständnis.« Ihre Worte ließen sich nicht abweisen, waren fest und bestimmt. Mit schmalen Händen nestelte sie ihr Busentüchlein zusammen. Dann sprach sie weiter: »Es ist nur, um Klarheit zu schaffen, die kleinste Zelle meines Fühlens und Denkens dir restlos darzubringen. In den verflossenen Stunden war alles so seltsam um mich. Schließlich hatte ich das Vertrauen zu mir selber verloren. Durch meine Liebe hindurch wandelte plötzlich ein anderes Bild. Nicht mehr das ruhige Bild von einst und ehedem. Eine glänzende Helle blendete mich. Ich ging durch sie hindurch, als wäre jenseits von ihr eine schönere Welt ausgetan, schöner und verheißungsvoller als meine schlichte jetzige Umwelt, obgleich eine innere Stimme mir sagte: Du sollst nicht begehren.« »Und du hast dennoch begehrt?« »Ich tat es.« »Und du begehrtest leuchtende Sterne, und waren auch Kronen dazwischen?« Sie sah ihn entsetzt an. »Reiner, das weißt du?« »Und du begehrtest dich fort von der eigenen Scholle, in etwas dir Wesensfremdes hinein, umgeben von Glorie und Nichtigkeiten, an der Seite eines Mannes in gehobener Lebensstellung? Jakobine, auch dieses?« »Ja, Reiner, auch dieses.« »Und glaubtest durch Sünde zu gehen?« »Wenn es Sünde ist, wenn man in bangen, zerquälten Stunden also begehrt, dann bin ich durch Sünde gegangen.« »Und das ist dein ganzes Geständnis?« »Reiner, mein ganzes.« Da durchschnitt seine Hand die Luft wie eine pfeifende Gerte: »Gespenster!« Mit herrischer Gewalt riß er sie an sich, bettete ihr Haupt an seine Brust, schmeichelte über Haar und Stirn hin und begann heimlich zu sprechen: »Jakobine, mir ist so wie vor vielen Jahren, als die Bratäpfel in der Ofenröhre plauderten und Großmutter erzählte: Es war einmal ... Ja, es war einmal ein allerliebstes Dirnchen ... und wohnte in Grieth bei den Weiden ... und spielte mit den Rheinkieseln ... und wurde größer und größer. Und als es in die Jahre hineinwuchs, immer schöner und eigenwilliger wurde und in den Spiegel hineinsah, da war ihm so, als stände eine Prinzessin von Hochburgund in dem vergoldeten Rahmen. Die Rheinschiffe aber, die vorbeifuhren, legten ihren besten Flaggenschmuck an, ließen ihre Sirenen spielen und ihre Katzenköpfe über Deck böllern, daß es eine Lust war zuzuhören. Dazu riefen die Matrosen, vom ersten bis zum letzten herunter: Hurra und Vivat! Die Prinzessin von Hochburgund soll leben, soll leben! Aber kein Hochmut wandelte sie an. Sie blieb was sie war: das selbstbewußte, klardenkende Weib aus der Niederung, das sich seiner schlichten Seele erfreute, straffen Wuchses über die Deiche schritt, die jungen Brüste den scharfen Ostwinden bot, ohne zu frösteln, ohne unter diesen jungen Brüsten das Verlangen zu tragen, das Weib der Niederung abzutun und die Arme nach Wesensfremdem und den Lockungen eines genußsüchtigen Lebens auszustrecken. Und dennoch: der Spiegel trog nicht. Wie eine Prinzessin von Hochburgund stand sie in dem vergoldeten Rahmen.« Sie erschauerte in seinen Armen. »Ich dachte mir, du wolltest mir ein Märchen erzählen,« hauchte sie atemlos. »Warte nur ab. Und da eines Tages ... Die Prinzessin von Hochburgund erging sich am Rheinufer, eine große und reine Liebe im Herzen. In diese Liebe hinein flüsterten Wiesenblumen, duftete der Weihrauch von Edelfichten, sangen die Vögel des Waldes – und dieser Liebe genügte ein eigener Rauch über dem Herdfeuer, die Zutunlichkeit der Herzen, das trauliche Licht in der einfachen Hochzeitskammer. Da kam es plötzlich herauf. Mit vergoldetem Bug und vollen Sturmsegeln kam es herauf ... und warf Anker vor Grieth ... und führte die stolze Flagge eines nordischen Königs. Und hoch an Bord stand der nordische Königssohn. Der jauchzte ihr zu: Mein Vater ist Valdemar Atterdag, der Herrscher der Herrscher. Der strählte seinen Bart und schlug Funken und Sterne heraus und sagte: Führe mir die Feinste und Reinste aus den Grafschaften in meine nordische Hochburg. Dort soll Schildschlag sein und Harfenspielen, denn ich will sie segnen. So König Atterdag... und der schöne und blonde Königssohn lockte und winkte. Da vergaß sie in einer einzigen Stunde alles das, was die Heimat und die Liebe ihr darbrachten: ein stilles Heim mit einem eigenen Rauch... die weite blühende Heide... den deutschen Wald mit seinem gewaltigen Orgelspiel... ein treues Herz, das um ihretwillen verblutete. Und sie stieg an Bord und freute sich des bunten Scheines und des jungen Königssohnes... und freute sich seines heißen Blutes und seiner gleißenden Sterne... und sah nicht, wie sich jegliches düster umschleierte, häßliche Gesichter sie angrinsten, scheußliche Hände nach ihrem Leibe gespensterten, denn ihre Sinne wurden verstört und ihre Gedanken abwegig. Sie wandelte sich zu einem königlichen Weib in todschwarzem Samt und ähnelte dem schönen Weib, von dem die Offenbarung Johannis vermeldet. Auch trug sie eine siebenzinkige, geperlte Krone, die wie Nordlicht aufgeisterte. Da aber: eine mächtige Stimme dröhnte einher. Die war gebieterischer als die des Königs Valdemar Atterdag, zwingender als die seines Sohnes... und die Stimme gebot: Köpfe herunter! Und siehe: eine bleiche, blanke und blitzende Klinge schnitt durch die Luft und säbelte die häßlichen Gesichter und die scheußlichen Hände von den widerwärtigen Leibern. Die Sonne aber schlug Funken, vergoldete die Achterkajüte. Sonne, Leben, greifbare Wirklichkeit! Und hoch, keusch und heilig, gesundet von ihren wehen Gedanken breitete das niederrheinische Weib seine Arme der niederrheinischen Heimat entgegen und horchte hinaus. Irgendwo in weiter Ferne rauschte das Schiff auf seiner Talfahrt dahin. Sie träumte nicht mehr, sie bangte und begehrte nicht mehr. Aus dem häßlichen Traumbild schälte sich der junge Tag mit leuchtenden Farben, kleidete sich in Brokat und Purpur, und in diesem Brokat und Purpur steht einer...« »Und das bist du!« schrie sie auf. »Auch ein Königssohn,« lachte er glücklich, »wenn auch nur in grüner Watt, sonder Orden und Auszeichnungen.« »Reiner, mein Reiner! Nun schmücke mich mit dem Geschenk deiner Mutter. Ich bin dessen wert und würdig geworden. Ein stählerner Ring springt mir von der Seele herunter.« »Um sich um uns beide zu legen, als ein köstliches Ringlein, ein Zeichen dafür: nun sind wir für alle Tage verbunden, eins und herzenseinig für immer,« und er schmückte sie mit dem Kettlein, von dem ein böhmischer Stein wie ein Blutstropfen sickerte. Ihr Mund zuckte auf, brannte auf seinem wie eine verzehrende Flamme. »O du – wie schön war dein Märchen!« und ihre stolzen Arme umschlangen ihn, ihre Lippen stammelten: »Trinke dich satt, trinke dich satt an dem heißen Quell meiner Liebe!« Aber von weither rauschte noch einmal das nordische Schiff mit seinem schaumigen Kielwasser herauf, um immerzu talwärts zu fahren, dem grauen Nebelland zu, wo der König Valdemar Atterdag in das Licht des ewigen Pols schaute und des ausgesandten Königssohnes harrte. Der aber war am Rhein geblieben und freute sich seines niederrheinischen Weibes, das im Spiegel erschien wie eine Prinzessin von Hochburgund, herrlich anzuschauen, beseligt durch sich und verklärt durch starke Mannesliebe. Sie aber betrachtete das Geschenk der Mutter mit heiliger Inbrunst, führte es an die Lippen und küßte es innig. * »Herr Zollinspektor, oder Verzeihung – muß ich Sie Generaloberzollinspektor betitulieren? Man kann immer nicht wissen, denn in den jetzigen Zeitläuften will sich jedereins wie ein Pfingstkönig herausmustern.« »Lassen wir das, Herr Kapitän. Wir stiegen im Rang. Generaloberzollinspektor – zu dienen.« »Dann, Herr Generaloberzollinspektor, die Frage: Haben Sie alles in Schick und Richte gefunden?« »Ich kann wohl sagen – so ziemlich.« »Und weiter nichts zu verzollen?« »Nichts weiter.« »Wundert mich sehr.« »Warum wundert Sie das?« »Weil vielfach die Steuern den Wert der Ladung überbieten.« »Der Beamte tut seine Pflicht. Nichts weiter.« »Bis der letzte Hosenknopp übergeschluckt ist und der Bürger alle Not hat, mit dem fallenden Hosenboden seine Scham zu verbergen. Im übrigen: ich halt' mich empfohlen,« und damit drehte Hemskerk ab und ließ den verdutzten Generaloberzöllner ohne Geleit wieder an Land gehen. »Fort mit Schaden,« sagte der Alte. »Wenden wir uns Besserem zu. Da drunten scheint's ja zu flecken. In 'ner Stunde wird weiter gefahren. Aber Blexem und Donnder! Was los denn?« Seine blitzblauen Lichter perlmutterten. Sie stielten sich teleskopartig vor, ähnlich denen eines Helgoländer Hummers. Nahmen hierauf die Schenke am Krantor aufs Korn. Dort blieben die Leute stehen, drängten zusammen und besahen sich den altmodischen Klinkergiebel, aus dessen Bodenluke sich eine majestätische Fahne vordrängelte. Gleich darauf entfaltete sie sich und ließ die alten glorreichen Farben im Sonnenlicht dahinflattern. Mit dem öffnete sich auch die Haustür über der Schnirkeltreppe. Etwas Buntknalliges, Kugelartiges, Aufgestutztes, das mit einem Monstrum von Blumenstrauß eine gewisse Ähnlichkeit hatte, erschien auf der Schwelle, marschierte auf die Straße hinaus, um Richtung auf die Anlegestelle des braven Rheinschiffes ›Gott mit uns‹ zu nehmen. Hätte Hemskerk Shakespeare gekannt und seinen Macbeth gelesen, zweifelsohne wären ihm die Verse gekommen, die da lauten: »Fürchte nichts, Bis Birnams Wald auf Dunsinan heranrückt ...« denn tatsächlich schob sich so etwas Beschaffenes näher heran. Ein Riesenbukett von strotzenden Dahlien und Georginen, ein blendender Rausch von schwefelgelben, violetten, knallroten, geflammten und sonstigen Couleuren wandelte stumm seines Wegs, und wäre nicht die Spitze eines Castorhutes hinter dieser Blumenrabatte zum Vorschein gekommen, man hätte des Glaubens sein können, dieser pflanzliche Monumentalbau käme in Kraft eigenen Wollens und eigener Machtbefugnis dahergegangen. Dem aber war nicht so. Wer genauer zusah, konnte bald den Träger entdecken, und der Träger dieses blühenden Wunders nannte sich Michel Virgilis. Sein Gehabe war Würde, sein Schreiten das eines Hohenpriesters im grünen Gewand und mit klingenden Silberschellchen, wenn die Schaufaren zum Synedrion riefen. Neben ihm trippelte die Schöne aus dem benachbarten Dornick, blank und weiß, in ihrer immerwährenden Feistheit, trippelte Düweke Brinkmann, im Arm ein rechtschaffenes Körbchen, das diverse auserwählte, langproppige Burgunderbouteillen mit den zugehörigen Kristallgläsern eingeschluckt hatte. Der Aufzug machte den Hafen mobil. Was Beine hatte, lief zu, bildete eine via triumphalis . Durch sie schritten Michel Virgilis und Düweke Brinkmann. Vivatrufe wurden laut, Hüte wurden geschwenkt. Das Goldkorn strahlte von ihrem Weizenschopf bis zu den stattlichen Waden herunter. Sie fühlte sich wie eine begehrte Dorkinghenne, wobei sie so gesinnungstüchtig mit ihrem wohlhabenden Hinterkastell schlenkerte, als gälte es, den vielgelenkigen, ewigjungen Huris in Mohammeds Paradies den Rang abzulaufen. Auch auf Deck kam Bewegung. Steuermann, Schiffsjungen, Ober- und Untermatrosen streckten die Köpfe. Hemskerk stand wie eine angewurzelte Säule, als er sehen mußte: eine ganze Dahlien- und Georginenpflanzung gab sich die Ehre, marschierte über die geworfene Planke, unter sich das gluckernde Rheinwasser, über sich den ehernen Himmel, spazierte an Bord, um ihm, dem Alten, Reverenz zu erweisen, denn aus den mastigen Blütenköpfen und Blättern rollte eine feierliche Stimme: »Hemskerk, zur Stelle.« »Michel, Mensch, Herzensjung, du willst doch hier keine Komödie spielen?!« »Was Komödie spielen ...?!« Kopf und Castorhut machten sich lang, kamen zum Vorschein, überragten das Riesenbukett mit der getragenen Großartigkeit eines neuzeitlichen Beamten in gehobener Stellung. »Nein du – nichts von Komödiantentum, nichts von Bühne und Rampenlichtern, Anch' io sono... Weihe umweht uns, Wonne haucht uns an. Wir hörten. Gestern nur schwächlich, denn die Weingeister verstörten die Sinne. Heute schon besser. Wir haben erfahren. Wir sind wissend geworden. Was in der verflossenen Nacht uns nur wie eine magere Hausschelle in die Ohren klingelte, fällt nunmehr als sonore Glockentöne von der hohen Domkirche herunter. Hier soll was passiert sein, so 'ne Art Verlobung und so ... und daher haben wir uns die Ehre gegeben – der Blumenstrauß, Düweke Brinkmann, diverse Bouteillen und ich – dem jungen Brautpaar einen duftenden, klingenden und mundlichen Willkomm zu bringen. Ich sage dem Brautpaar, denn wie ich höre, soll sich der Bräutigam gleichfalls hier unter deiner glorreichen Flagge befinden.« »Michel, ganz richtig. Ist aber noch in der Achterkajüte beschäftigt, um dem getätigten Pakt das letzte Salböl zu geben. Aber ich denke: er ist fertig damit. Zeit hatte er in Masse dazu, denn so propter und prätorius 'ne gute und vollbemessene Stunde bemüht er sich mit dieser angenehmen Obliegenheit. Wollen mal hören,« und seine Stimme tutete wie eine Synodalposaune über die Planken: »Reiner, Herzensmamsell! 'ne löbliche Deputation ist auf Deck, gute Freunde und liebe Bekannte. Sie wollen euch und eurer Brautschaft die Ehre erweisen, und somit: zum ersten – zum zweiten – und letzten: erscheinet und laßt uns nicht warten!« Michel Virgilis nickte ihm zu. »Hemskerk, deine Beschwörung war gut. Meine ganze Spezialität – so 'ne schneidige und pyramidale Kürze,« und mit einem prächtigen »Ah!« auf den Lippen sah er bald darauf die also Zitierten ihrem vergoldeten Paradiese entsteigen, Hand in Hand, von der Gloriole dieser Stunde und des Friedens umleuchtet. Der Himmel tat sich auf, und Michel Virgilis warf einen scharfen Blick auf die Seite, wobei er gebot: »Düweke, stelle den Kellerkorb hin und begib dich wieder in unsere Arche Noäh zurück. Dir ist Heil widerfahren. Du hast das erlauchte Brautpaar gesehen, und das dürfte vorderhand genügen.« »Nee,« sagte Hemskerk, »das dürfte wohl nicht so ohne weiteres genügen, denn wer soll die Bouteillen entproppen und die Gläser anpräsentieren?« »Auch gut. Hemskerk, du denkst doch an alles ... und Düweke – du: du bleibst und machst die Honnörs, auf daß wir uns in die richtige Stimmung begeben können.« So Michel Virgilis, um sich dann in seiner ganzen Feier und Aufmachung an das Brautpaar zu wenden: »Liebwerte und gefeierte Tochter meines Jugendfreundes, edler Jüngling von der grünen Farbe, zudem mein Gefährte beim edlen Weidwerk,« also begann er, wobei er die Dahlien- und Georginenpflanzen zweimal senkte und wieder emporhob. »Des besseren Verständnisses halber sage ich nochmals: Weihe umweht uns, Wonne haucht uns an. Wir hörten. Gestern nur schwächlich, denn die Weingeister verstörten in meiner historischen Stube die Sinne des sachlichen Begreifens. Heute geht's besser. Wir haben erfahren. Wir sind wissend geworden. Was in der vergangenen Nacht nur wie eine magere Hausschelle uns in die Ohren klingelte, fällt nunmehr in sonoren Glockentönen von der hohen Domkirche herunter, wandelt zu Gott und den Menschen und jubelt wie die Umwelt in den Tagen der Pfingsten: Wir haben ein Brautpaar an Bord, ein glückliches Brautpaar! und daher: die stolze und bedeutsame Pflicht liegt uns ob, selbiges zu feiern, ihm unsere heißesten Glück- und Segenswünsche zu unterbreiten. Zuerst dem Bräutchen ...« und der tönende Rhapsode trat vor und beeilte sich, sein opulentes Mitbringsel an flammenden Kelchen, an Spelzen und Sporen, an Blättern und Blüten, kurz, das immense Dahlien- und Georginengebäude in die Arme Jakobinens zu legen, welche Pause Welm und Lambert dazu benutzten, die Köpfe zusammenzustecken und sich heimlicherweise auf die Seite zu schleichen, um unter Beihilfe des Kajütenjungen die drei Schiffsböller gefechtsmäßig herzurichten und das Takelwerk unter Beflaggung zu setzen. »Hochedle Jungfrau ...!« und Michel Virgilis reckte sich in seinem krachneuen Samtjackett so gesinnungstüchtig auf, daß davon die Nähte in ein gelindes Knistern und Knastern gerieten. »Du bist ein Licht in der Finsternis, ein kühlender Schatten während der hitzigen Zeiten, die wir zu den Hundstagen rechnen, eine wahre Labsal für den, dem es vergönnt ist, in deinen Armen das ewige Jerusalem zu finden. Hochedle Jungfrau, dich noch weiter mit Lobpreis zu überschütten, halte ich für überflüssig, denn deine Tugenden sind so reichlich vorhanden wie die Spatzen an den Futterkrippen von 'ner Fuhrmannsausspannung in Kevelaer. Ihre Zahl ist Legion, unermeßlich, nicht auszudenken,« und er wandte sich jählings: »Düweke, nu 'raus mit die Proppen!« um gleich darauf, während es neben ihm keuchte und schnalzte, ein Kork nach dem anderen Hals geben mußte, gediegen und in getragener Weise seine Rede weiter zu spinnen: »Ich brauche nicht mehr vieles zu sagen, und wenn ich gestern abend in meinen etwas übermäßigen Sinnen behauptete: so 'ne Rarität von 'ner kapteinischen Tochter wird nicht in 'nen Bauerngarten verpflanzt ... nicht ums Verrecken ... gehört aufs Parkett ... Lakaien und so ... in den Lichtschein von perlenden Lampen ... in Spitzen und Kanten – ja, meine Lieben, von diesem anpräsentierten Rodongkuchen beißt die Maus auch heute noch nicht den kleinsten Korinthenkrümel herunter, aber wenn ich mir jetzt diesen Jüngling besehe – in diesem Falle kann ich nur sagen: sie gehört in 'nen Förstergarten hinein, in ein schlichtes Haus voller Bravheit und Reinheit, denn in Reiner Auwater verkörpert sich die grüne Farbe in höchster Potenz, der Glaube an ein Wiedererwachen des Reiches, die Macht und der Wille, allen Schmutzfinken und Landverderbern, allen Heuchlern und pazifistischen Dustermännern die Faust unter die Naslöcher zu halten ... und das wertet in unseren schandbaren Tagen mehr als Wappen und Zeichen, als abstrapazierte Hoheitsrechte und die Lichtscheine von perlenden Lampen. Selbstverständlich: den Kavalier von Geburt in Ehren, denn er hat seinem Vaterland im Krieg und Frieden das Höchste gegeben, gegeben bis zur äußersten Blutleere, um in letzter Stunde noch die Fahne um seinen sterbenden Körper zu wickeln ... aber ich bitte mir aus: Hut ab auch für den Kavalier ohne Adel. Ein solcher steht vor uns, und weil er noch die Courage aufbringen konnte ...« Und wiederum eine jähe Bewegung. »Düweke, nu eingeschunken und anpräsentiert. Ja, meine Herrschaften,« fuhr er mit erhobener, fast trompetender Stimme fort, »weil er noch die Courage aufbringen konnte, dem gewaltigen Kaptän und Rheinbären Hemskerk seine beste Ladung zu kapern und auf sein eigenes Schiff überzuleichtern, dafür wird er von uns dreifach und vierfach bewundert.« »Bravo!« rief Hemskerk. »Düweke, fertig?« fragte der Redner. »Dann, meine Herrschaften ...« und Michel Virgilis stand wie ein Zinshahn, hob das ihm dargereichte Spitzglas mit purpurtrunkenem Burgunder: »Weihe umweht uns, Wonne haucht uns an. Wir alle stehen unter dem Zauberbann des großen Geschehens. Haus Borghees schickte die stolzlichen Blumen, ich die Bouteillen. Meine Spezialität, das Beste vom Besten. Beim Farbenrausch dieses Buketts, auf dem Rheinschiff ›Gott mit uns‹, im Angesicht des erhabenen Rheinstroms – ich spreche die Worte: Reiner, es ist ein Hohes und Schönes, ein stolzes Weib zu gewinnen. Jakobine, dito ein Gleiches um einen treuen und klugen Haushalter. Umschichtig habt ihr solches gefunden. Und daher: Hurra und Vivat, es lebe das Brautpaar!« Da – bums! Düweke Brinkmann knallte mit ihrem Hinterkastell auf die Riemen – vor Schreck, vor eitel Entsetzen, denn die drei Katzenköpfe rumpelten so mächtig über Deck, spektakelten so überraschend in das feurige Hoch hinein, daß selbst der Kapitän für einen Augenblick die Contenance verlor, dann aber loslegte: »Blexem und Donnder! Michel, meine besondere Hochachtung. Der schönste Tag meines Lebens. Fixfeuer auf alle, die da willens sein könnten, mir diesen Tag zu verbiestern. Selbstverständlich, meine Herzensmamsell, aus der holländischen Reise kann für dich nun nichts mehr werden. Da drüben in Huisberden wartet eine auf dich, wartet eine Mutter auf dich. Kinder, mit Gott denn.« Er wische sich 'ne schwere Träne von der Backe herunter. Dann wandte er sich: »Michel – und du ...« Die beiden Alten sahen sich tief in die Augen. »Ich danke dir, Michel. Deine Rede ging mir warm und mollig über die Weste.« »Die Spezialität meines Hauses,« sagte Mynheer und äugte scharf Nordost gegen Ost. Auch er mußte seine Erregung verbergen. Eine kleine halbe Stunde später lichtete ›Gott mit uns‹ die Anker. Mit vollen Segeln, im Schmuck seiner Flaggen und Topps glitt das Schiff feierlich aus dem Emmericher Hafen. Kurs Rotterdam. Jakobine und Reiner, Mynheer und das Goldkorn standen dicht an der Kaimauer und winkten hinüber. Auf Achterdeck erhob sich der Brandfuchs und ließ seine Harmonika spielen. Dazu sang er mit tönender Stimme: »Es war 'ne kapteinische Tochter, Ein wunderschönes Weib. Die ging des Abends spazieren, Um sich zu delektieren An Lust und Zeitvertreib. Es war mal ein munterer Knabe, So recht ein rassiges Blut. Dem war zu jeder Stunde Und tief aus Herzensgrunde Die kapteinische Tochter so gut ...« »Hoiho!« »Hoiho!« kam als Antwort zurück. Da legte Michel Virgilis dem jungen Brautpaar die Hände auf und sagte mit flehenden Augen: »Bevor ihr nach Huisberden macht, trinken wir noch 'ne genügliche Bouteille zusammen.« »Jawohl ...« und sie schritten dem Krantor zu. Neuntes Kapitel Dem seligen Morgen des seligen Tages war auch eine selige Vesperstunde beschieden, denn in diese Vesperstunde hinein wisperten die Rispen und Grannen im Krautgärtlein des Forsthauses, zwirnte das Rotkehlchen dicht neben dem Bildnis des dahingegangenen Hegemeisters sein Abendliedchen zusammen; legte Mutter Auwater ihre Arme um ein junges Weib, das ihr Reiner zugeführt hatte, und sagte in tiefer Bewegung: »Es ist ein banges Schaffen und Sorgen auf Erden. Nicht, daß ich klage gegen die Vorsehung und ihre ewigen Werke. Solches wäre gesündigt vor Gott und seinen himmlischen Heerscharen, denn durch meine Sorgen und Leiden hindurch klingelten auch die silbernen Glöckchen irdischer Freuden und schuldloser Hoffärtigkeiten. Alles zu seiner Zeit und nach der Fügung meines Herrn und Seligmachers ... und am heutigen Tage ... ach! da ist es mir so, als wären die silbernen Glöckchen zu goldenen Glöckchen geworden, als kämen sie aus dem Paradiese herunter, als würden sie zu hohen und heiligen Glocken, um das Wohlergehen meiner Kinder einzuläuten. Ach – Jakobine!« und ihre ruhige und beruhigende Hand glitt still über den Scheitel der Zugeführten, »es ist anders gekommen, als ich mir vorgestellt hatte. Erst dachte ich mir, ich selber, ich müßte Umschau halten unter den Töchtern des Landes, müßte hingehen und sagen: Ihr Herzensjungfrauen umher, ich habe einen lieben Sohn zu vergeben... und fühlte mich lieblich verstört... und sah in meiner lieblichen Verstörung nicht, wie die Vorsehung über mich fortging, mich sachte zur Seite drängte und gütig mir zuflüsterte: Unter den hochgemuten Jungfrauen des Landes gibt es nur eine, die ein wundes Herz zu heilen vermag, nur eine, die da sprechen könnte: Meine Liebe ist stark wie der Tod und ein Siegel für immer... und diese hat sich gefunden, denn siehe: Jakobine Hemskerk ist über meine Schwelle getreten.« »Mutter, um deine Tochter zu werden.« »Nur werden...? Bist du schon lange, mein Kind, denn mit dem Tage, wo Reiner mir sagte: sie ist still wie Büchsenlicht und ihre Seele rein und lauter wie der keusche Odem des Waldes, seit dem Tage liebte ich dich, bist du meine Tochter geworden. So...!« und sie atmete auf: »Jakobine, du, Reiner und ich, wir sind nicht allein in der Stube. Einer ist noch unter uns, den wir allzufrüh hingeben mußten. Vater ist von uns gegangen für ewiglich, aber sein Geist ist lebendig geblieben. Seine Freude war allzeit meine Freude, sein Leid das meine. Das ist seit seinem Tode nicht anders geworden. Wir teilen noch immer: die allerhellste und innigste Freude, das gleiche Leid, das man am besten unter vier Augen zu ertragen sucht. So komm' denn, mein Kind,« und sie führte Jakobine zu dem Bild mit dem schlichten Fichtenbruch, in dessen Nähe das Rotkehlchen seine glitzernden Perlen verstreute. »Vater, du weißt es, ich habe vor vielen Jahren den lieben Gott herzlichst angefleht, uns noch eine Zeitlang denselben Weg wandern zu lassen, auf daß wir uns noch gemeinsam unserer Kinder erfreuen möchten. Der Herr aber hatte es anders beschlossen. Ich mußte mein Trauerkleid anziehen und habe es bis zum heutigen Tage um dich und deiner großen Liebe willen getragen. Mit der heutigen Stunde ist das anders geworden. Du bist einverstanden damit. Ich sehe dich lächeln, und das sagt mir genug, denn ich fühle es: statt der weißen Rosen wollen mir jetzt rote Rosen erblühen, Rosen der Freude, und da solche mir erblühen, so bist auch du dieser roten Rosen teilhaftig geworden, denn meine Freude ist immer deine Freude gewesen. Ach, lieber Mann ...« und ihre sanfte Stimme begann unruhig zu werden und leise zu zittern. Die Arme Jakobinens hatten sich sacht und lind um ihren Nacken geschlungen. »Ach, lieber Mann, nun freue dich doch. Vater, hier diese ... ich bringe sie dir ... unser Reiner hat sie gewählt ... und sie hat dazu Ja und Amen gesagt. Sie will sein Weib werden im Namen der allerseligsten Jungfrau, in deinem und meinem Namen. Das ist doch etwas Großes und Heiliges nach all dem Elend, nach all den Tränen, die über uns kamen, als damals in der Heideläufergemarkung, am Wildgatter, bei den verkrüppelten Birken, die Schüsse gefallen waren. Sieh hier, deine Tochter! Nun freue dich doch! Vater, nun freue dich doch!« Sie kam nicht weiter. Die Arme Jakobinens umschlangen sie inniger. Der Mund des jungen Weibes legte sich fest auf den der beseligten Frau, die in ihrer Herzensgüte und tiefen Erregung nicht wußte, was sie anfangen sollte. »Vater, nach all den Tränen, die über uns kamen: nun freue dich doch! Vater, nun freue dich doch!« »Mutter, er tut es,« und ein weicher Mund schloß ihr die Lippen noch fester. »Ach du, vernimmst du denn nichts? Der Wald rauscht herein. Im Rauschen des Waldes glaube ich seine Stimme zu hören. Ja, ich höre sie deutlich. Er segnet uns alle. Auch das Rotkehlchen singt. Es bringt seine Grüße im Namen der allerseligsten Jungfrau, in deinem und seinem Namen ...« und das Rotkehlchen zwitscherte weiter und weiter. Unter seinem Gezwitscher und freundlichen Spintisieren vergingen die Stunden, die Tage, die Wochen. – Die letzten Blätter drehten sich von den kahlen Bäumen herunter. Unter den Buchenbeständen des Reichswaldes spreitete sich ein purpurner Teppich, bestickt mit Christwurz und jungen Tannenschonungen, in denen die Weihnachtsstimmen schon geheimnisvoll zu wispern begannen. Dichte Nebel legten sich um die Altwasser des Rheines, verhäkelten sich mit den Deichen und Schleusenwerten, ließen allabends die erleuchteten Fenster in einem matten Dunstkreis ersterben. Der Stern von Bethlehem glitzerte durch die Himmelsgardine, drängte sich vor, und während er die Weltenräume durchlichterte, brauste und rauschte es durch die Herzen der Christenheit: »Stille Nacht, heilige Nacht,« zogen die Drei Könige aus Mohrland herauf, klingelten die Silvestergläser gegeneinander, um das vergangene schlimme Jahr gegen vielleicht ein noch schlimmeres einzutauschen, denn die Schande Deutschlands blutete weiter dahin, genau so wie die Wolke über dem Odenwald weiter blutete, rot von dem vergossenen Blute Siegfrieds, des Helden ... und dennoch: was lag dem großen Gestalter und Werkmeister an Deutschland und seinen Geschicken. Er hatte nur ein mitleidiges Achselzucken und Lächeln dafür, spielte mit seinen Weltenbällen wie einst und ehedem, zupfte die Gräschen aus dem lockeren Erdreich, betupfte den Seidelbast mit rosigen Flöckchen, ließ die Wässerchen emsiger gluckern, brachte die Vögel mit den langen Gesichtern ins Land und schaffte im kleinen wie im großen mit der gleichen Allmacht und Liebe, als werte für ihn das kreisende Gestirn genau so viel wie die Wassertropfen am Eimer, wie die Blumen an den Flanken der Deiche ... und siehe: die ersten Lerchen warfen ihre Lieder durch das Himmelreich, und die Ufer der Altwasser waren blau von Veilchen geworden. Um diese Zeit geschah es ... * Von den smaragdgrünen Syringen tropfte der junge Maienregen, tropfte und tropfte, perlte und glitzerte in den Farben des Regenbogens, der weithin über der Niederung stand, und legte die Blüten des violettblauen und weißen Flieders sacht auseinander. Bald darauf sprühte wieder das helle und blankgeputzte Sonnenlicht über die Landschaft. Mutter Auwater stand um diese Zeit am geöffneten Fenster und sah auf ihren Blumen- und Krautgarten hinaus, der sich mit sichtlichem Wohlbehagen des erquickenden Maienregens erfreut hatte. Feierliche Schritte bewegten sich den schmalen Kiesweg herauf. Nur ein pedantischer und umständlicher Mann konnte sich mit solchen vorbedachten und abgemessenen Schritten befassen, denn jedes Heben und Niedersetzen des Fußes schien nach streng logischen Gesetzen und Erwägungen vor sich zu gehen, folgte sich so selbstverständlich wie Ansatz und Lösung einer algebraischen Gleichung. Ein schmächtiger und doch untersetzter Mann, dessen Oberkörper eine gewisse Verwandtschaft mit einer Pastorenbirne aufwies, war es, der durch die Frühlingsrabatten dem Forsthause zustrebte. Korkzieherartige Beinkleider, aus denen derbe Schuhe herauswuchsen, zierten den unteren Menschen, während ein schmalgesichtiger Kopf auf den eingezogenen Schultern saß, ein Kopf mit glanz- und schattenlosen Augen, über dessen rostfarbigem Haarschopf sich ein ungepflegter Zylinder in schräger Richtung emporsteilte. Ganz in Schwarz gekleidet, die Hände wechselseitig in den Ärmelstauchen geborgen, kam er seines Weges gegangen – die verkörperte Ruhe, der unter Petschaft und Siegellack genommene Friede, die hingeschmalzte Seelenreinheit eines Gerechten in Israel. Der einschmeichelnde Frühlingsgeruch nach Primeln, Veilchen und Ehrenpreis wagte sich nicht an ihn heran. Dafür streute er verschwenderisch sein eigenes Arom aus, ein herausforderndes Duftgemengsel nach Weihrauch und Myrrhen, tropfendem Wachs und sacht dahinschwelenden Dochten von Sterbekerzen. In dieser levantischen Wolke rückte er näher heran, als ihn Frau Auwater von ihrem Fenster aus bemerkte. »Mein Gott,« rief sie aus, »der Herr Stappers! Nein, diese Freude! Und wenn es nicht unbescheiden erscheint, möchte ich fragen: Gilt der Besuch mir oder dem Reiner?« Da löste Herr Severin Stappers seine Arme, die wie Waschhölzer erschienen, aus den Ärmelstauchen, hob die Rechte feierlichst aufwärts und grüßte mit seinem Zylinder. » Propter reverentiam – Ihnen, Madam.« »Dann lasse ich bitten,« und alsbald saßen sich Mutter Auwater und der Küster und Kantor dicht gegenüber, erstere gespannt und mit kregelen Äugelchen, letzterer in seinem dunstigen Mantel von Weihrauch und Myrrhen, nachsinnend und die kleine und gütige Frau mit seinen schattenlosen Blicken umschleichend. Aber dieses Umschleichen, wenn es auch auf Katzenpfötchen geschah, es war reich an Freundlichkeit und von dem Wunsche beseelt, nur Gutes und Ansprechendes dem stillen Anwesen zu übermitteln. Das schmale, glattrasierte, an den Wangen bläulich überlaufene Gesicht stand wächsern und eigenartig im Raum. Es hätte das Schweigen verkörpert, wären nicht nach einiger Zeit die vorgestoßenen Kinnladen langsam auseinander gegangen und die Worte verlautbar geworden: »Madam, bin ich vielleicht ungelegen gekommen? Wenn ich störe oder den Haushalt inkommodiere, dann bitte ich freundlichst um eine andere Stunde.« Dabei stellte er seinen struppigen Zylinder auf die spitzigen Knie und striegelte darüber hin, als gälte es, irgendeinem Fetisch aus gegerbtem Hasenfell eine gediegene, wenn auch stumme Ovation zu erweisen. »Sie stören keineswegs, sind mir vielmehr herzlichst willkommen, zumal ich annehmen will: Sie bringen mir irgend etwas Schönes, Herr Stappers.« »Teils, teils,« sagte dieser und striegelte weiter. »Im Brunnen sinken die Eimer und steigen die Eimer, leere und solche mit köstlichem Wasser. Wie es kommt, meine verehrte Frau Auwater. Dem einen singt die Klarinette am Kirmestag: ›Freut euch des Lebens‹, dem anderen wird um dieselbe Stunde das betrübsame ›Es ist bestimmt in Gottes Rat‹ über die Grube geblasen. Das läßt sich nicht ändern, Madam. Für unsereins, der heute tauft, morgen 'ne Hochzeiterei mitmacht, um übermorgen mit der letzten Wegzehrung 'ner armen Seele über 'nen unbequemen Zaunpfahl zu helfen, ist Derartiges 'ne gewöhnliche und alltägliche Sache, obgleich ich zugeben will, daß es etwas Angenehmes an sich hat, wenn Leid- und Freudvolles sich in 'ner gewissen Wechselwirkung befinden.« »Ganz richtig, Herr Stappers, und wenn ich nicht fehl gehe, haben wir es hier mit letzterem zu tun, also mit 'nem Gemisch von Leid- und Freudvollem.« »Zu dienen, Madam, und die Frage ist die: wie beginnen? Ich meine, was kommt zuerst an die Reihe: der freudenreiche oder der schmerzhafte Rosenkranz?« »Das steht in Ihrem Ermessen.« » Propter reverentiam – steht in meinem Ermessen. Zu gütig.« Er begann stärker zu duften. Dieses Mal ausschließlich nach tropfendem Wachs und sacht dahinschwelenden Dochten von Sterbekerzen. »Also beginnen wir mit dem Leidvollen, von dem wir nicht wissen, wie soll es enden, mit welchen Folgerungen hat dieses Ungewisse Ende zu rechnen. In dieser Beziehung treten wir in das Reich der düsteren Schatten und Fragezeichen.« Seine Stirne verfinsterte sich. Die Augenbrauen rückten näher zusammen. Die wimperlosen Augen versenkten sich wie Grubenlichter in die Tiefe der Zylinderröhre, als hätten sie von dort aus die Beweisstücke des Leidvollen an das Licht des Tages zu heben. Jetzt schienen die Grubenlichter gefunden zu haben, was sie suchten. Herr Severin Stappers zupfte seine weiße Binde zurecht und räusperte sich. Seine glanzlosen, fast bleiernen, nur matt opalisierenden Augen waren starr auf Mutter Auwater gerichtet. »Ja,« meinte er endlich, »in dieser Beziehung treten wir zweifelsohne in das bereits angeführte Reich der düsteren Schatten und Fragezeichen, denn Pater noster , unser hochwürdigster Herr Jacobus Joannes Aegidius Hommersum ex Uedemerbruch, Pastor hujus loci, aetatis suae ....« »Aber mein Lieber, wollen Sie mir nicht in einer allgemein verständlichen Sprache das Weitere auseinandersetzen. Ich wäre dann in der Lage, besser folgen zu können.« »Ach Gott, ich verstehe! Das muß mir immer passieren, aber wenn man so im Lateinischen drin steckt... Ich meine natürlich und Sie wissen ja selber: unser allbeliebter und hochwürdigster Herr Jakobus Johannes Aegidius Hommersum, gebürtig aus Uedemerbruch, zeitiger Pfarrer hiesigen Kirchspiels und im 78. Lebensjahre stehend, hat sich allzeit als eifriger Seelsorger, als getreuer und bedachtsamer Führer der ihm anvertrauten Herde erwiesen.« »Das kann ich bestätigen.« »Sein Leben war vorbildlich.« »Auch dieses ist richtig.« »Seine Rechte wußte nicht, was die Linke verausgabte.« »Ich weiß es, Herr Stappers.« »Dann wissen Sie auch: er war immer bestrebt, Gott zu geben, was Gottes, der katholischen Kirche die ewige Lampe selbstlos vorzutragen, ihr nach bestem Ermessen zu dienen.« »Und tut es noch heute,« bestätigte Frau Auwater so herzensfroh, daß davon die Bänder ihrer geklöppelten Spitzenhaube unruhig wurden. »Sie irren,« versetzte Herr Stappers mit dem Gleichmut eines Leviten am Brandaltare des Herrn, wobei er seinen Zylinder emporhob und ihn wieder auf die eckigen Knie placierte. »Er tat es. In ihm gipfelte die katholische Kirche, lebte sie, schaffte sie, sprach sie im Namen des dreieinigen Gottes. Aber leider, leider: unser Pater noster , unser hochwürdigster Herr Jacobus Joannes Aegidius Hommersum, Pastor hujus loci, aetatis suae... wollte sagen: unser ehrwürdiger Pastor und Seelsorger Herr Jakobus Johannes Aegidius Hommersum, bis vor kurzem ein seraphischer Kanzelredner, ein Tröster der Betrübten und Aufheber der Strauchelnden, ein Kasuist von lauterstem Wasser, als Katechet scharf und geschliffen wie eine Rasierklinge – ach! dieser sanftmütige und verehrungswürdige Herr ist nicht mehr imstande, die stolze und erhabene Bürde seines hohen Amtes allein auf eigenen Schultern weiterzutragen.« Mutter Auwater lief alles Blut zum Herzen zurück. »Christus, was Sie nicht sagen!« »So ist es.« Herr Stappers hob feierlich die Rechte und ließ sie gleich darauf wieder feierlich sinken. Seine Stimme erhob sich: » Exeunt omnes! ! Wir müssen alle daran glauben. Friede und ewige Ruhe unseren Aschenkrügen. Es ist etwas Schönes um das Säuseln von Trauerweiden. Auch er muß daran glauben. Auch ihn werden die Trauerweiden umflüstern. Noch sind ihm Stunden, Tage, Wochen und Monate gegeben. Wir wissen nicht, wann der Herr ihn abruft. Aber das wissen wir: er ist mit Sankt Urbans Pein und Plage vielfach geschlagen. Besonders die letzten Wochen haben's ihm angetan, und da ging das nicht anders: in einer langen und trefflichen Epistel, verfaßt unter meiner Beihilfe, wurde er am hohen apostolischen Bischofsstuhl in Münster gewissenhaft und propter reverentiam vorstellig, um mit Rücksicht auf sotane Beschwerden und Gebresten unverschuldeten Ursprunges mehr oder weniger entlastet zu werden. Auf diess Schreiben nun fand sich das Episkopat in hohen Gnaden und mit allem Verständnis für die vorliegenden Gründe gerne erbötig... Aber – mein Himmel...!« Herr Severin Stappers verlor Fassung und Atem. Eine Art von Mundsperre bedrängte ihn. Der Kopf drehte sich langsam herum, und der Träger dieses Kopfes mit dem rostigen Haarschopf verstummte. Er verstummte, wie der Predigeramtskandidat Emil Eduard Wundermann bei seiner Präsentationspredigt auf der Kanzel in Schmalkastenhausen verstummte, als ihm so aus heiterem Himmel herunter die Nachricht wurde: Deinem Hause ist Heil widerfahren, denn dein dir rechtlich angetrautes Eheweib Euphrosine Desideria geborene Kurzgürtel wurde soeben durch Gottes Zutun und Beihilfe von drei gesunden Knaben entbunden. Alles wohl. Mutter und Kinder befinden sich in bester Verfassung. Die Mundsperre löste sich wieder, und wie hingehaucht ließ sich ein schöner Name vernehmen. »Angelika – du?« sagte er leise. »Ja,« kam es energisch zurück, denn das adrette, appetitliche, wenn auch erregte Gesicht Frau Engelkes stand im geöffneten Fensterrahmen, musterte den Gatten von oben bis unten. »Ich bitte darum,« rief ihr Mutter Auwater zu, »mich freundlichst beehren zu wollen.« Das tat auch Frau Stappers, um gleich darauf sich wie der Mann mit der eisernen Maske aufzupflanzen, ihrem Herrn und Haushalter die Worte entgegenzuschleudern: »Wie kannst du es wagen, mich so lange im Ungewissen zu lassen, wo du doch weißt, welch großes Interesse ich an den Auwaters nehme, wie ich mich ihnen verpflichtet fühle? Seit einer vollen geschlagenen Stunde warte ich darauf, wie man hier die große Botschaft aufnehmen würde. Und nun muß ich sehen...« Ihre Arme stemmten sich ein. »Ich ersuche um Antwort.« »Angelika,« und abermals schickte Herr Stappers seine schattenlosen Grubenlichter in die Tiefe der Zylinderröhre, »ein wohltuender Maienregen ist dazwischen gekommen.« »Wie – ›ist dazwischen gekommen‹?« »Weil ich mich meines neuen Gehrockes wegen genötigt sah, unterzutreten.« »Wo bist du untergetreten?« »Angelika, im ›Goldenen Anker‹.« »Ohne irgendetwas zu nehmen?« »Ich habe mir ein Gläschen Dünnbier geleistet.« »Schön, und als der wohltuende Maienregen vorbei war...?« »Angelika, da dachte ich mir: Severin, besieh dir deine Tabakpflanzungen. Vielleicht ist dieser wohltuende Maienregen den zurückgebliebenen Blättern, besonders dem Sand- und Mittelgut, äußerst bekömmlich gewesen, denn wir können eine gute Ernte gebrauchen, haben sie sogar bitter nötig... und, Angelika, ich kann dir versichern: es war so, als wäre der liebe Herrgott in höchsteigener Person durch unsere Felder gegangen.« »Severin, das sind müßige Experten, wie man solche Ausflüchte bezeichnet. Hauptsache ist, du hast dich in den ›Goldenen Anker‹ begeben, um deiner Genußsucht und deinem sogenannten Lebenswandel zu frönen.« Die schattenlosen Grubenlichter hoben sich wieder aus der gähnenden Tiefe. Die eine Hand legte er feierlich auf den Zylinder, die andere hielt er ihr flach und mit gespreizten Fingern entgegen. »Keine Unterstellung, Angelika. Propter reverentiam – ich bitte ernstlich darum. Lediglich das mit der Besichtigung der Tabakpflanzungen hätte ich hinhalten können. Der wohltuende Maienregen mit dem ›Goldenen Anker‹ jedoch war nicht zu umgehen. Die kleine Verspätung bietet doch keine Veranlassung, mir in diesem forstlichen Anwesen eine häusliche Szene zu machen... und daher: ich muß dringend ersuchen, dich mir gegenüber mäßigen zu wollen.« Er schien krötig geworden. Seine sonst mit Salböl getränkte Stimme nahm einen härteren Ton an, indem er fortfuhr: »In meiner amtlichen Stellung als Küster und Kantor von Huisberden darf ich mir solches nicht bieten lassen, niemals, selbst nicht bei unseren vertrautesten Freunden und Bekannten. Hinsichtlich meiner Pflichterfüllung habe ich mir nicht das geringste vorzuwerfen. Ich versäume kein Iota, habe niemals etwas versäumt. Meine Tätigkeit im aufreibenden Kirchendienst ist vorbildlich. Ich arbeite, um es in einem Atem zu sagen, von morgens bis abends, um dich, deine häuslichen Anforderungen und unseren reichlichen Nachwuchs mit knapper Not den Daseinsmöglichkeiten anzupassen.« »Na, so was!« und Engelkes Augen huben an, bengalisch zu leuchten. »Wer trägt denn die Schuld an diesem reichlichen Nachwuchs? Bin ich etwa der alleinschuldige Teil? Bin ich diejenige welche? Oder sagst du nicht allzeit: Viele Kinder, viele Brotschnitten, aber auch viele Vaterunser? Nach dieser Legende richteten wir uns ein, denn kaum fällt mir ein Kleines von der Brust herunter, gleich darauf setzt ein anderes mit seiner saugenden Tätigkeit ein, um kaum nach Jahresfrist einem neuen Sprößling die nämliche Stelle zu überlassen, und da sollte ich annehmen... Nein, mein Bester, obgleich du geruhst, dich als Jammerorganist aufzuspielen – nicht du, sondern ich habe von diesem reichlichen Nachwuchs das meiste zu tragen. Du aber scheinst vergessen zu haben, was ich aus freien Stücken alles dahingehen mußte, lediglich aus dem Grunde heraus, mich Engelke Stappers benennen zu dürfen. Weißt du denn nicht... Ach! ich mag gar nicht daran denken, aber es fehlte nicht viel, ich wäre zweifelsohne Frau Baronin Angelika Riswyk auf Haus Borghees geworden, berechtigt, allsonntags in 'nem Mercedeswagen nach Sankt Aldegondis zu fahren. Das solltest du doch immer bedenken.« Der also Belehrte fingerte verlegen durch seinen rostigen Haarschopf, dem die Farbe eines altbackenen Pfefferkuchens anhaftete. »Angelika, tu' ich auch allzeit. Indessen, ich kann absolut nicht kleinkriegen, warum gerade dieser wohltuende und bekömmliche Maienregen herhalten muß, einen solchen unerquicklichen Auftritt heraufzubeschwören, zumal es sich lediglich um eine Zeitspanne handelt, während welcher ich mich gezwungen sah, mich im ›Goldenen Anker‹ aufzuhalten, um dann eine kleine, wohl zu billigende Exkursion in meine Pflanzung zu machen.« »Hast du denn wenigstens deine dir aufgetragene Mission restlos erfüllt?« »Angelika, propter reverentiam – ich bin noch dabei.« »Ja, meine liebe Frau Stappers,« fiel Mutter Auwater ein, »bis jetzt ist er mit dem Leidvollen so ziemlich zu Rande gekommen.« »Was – und mit dem Freudvollen nicht?!« Engelke Stappers versteinte, wie das Weib Lots versteinte, als der Herr es für zweckmäßig hielt, selbiges mit einer gehörigen Portion Bittersalz zu überkrusten. Sieben lange und bange Herzschläge hindurch währte diese Versalzung. Dann löste sich die Versinterung auf. Das Leben kehrte zurück, das Blut begann wieder zu kreisen. Sie sackte auf einen benachbarten Sessel, umgriff ihre stattliche Büste, sah bald ihren Mann, bald Mutter Auwater an, um dann mit einem tiefen Seufzer zu sagen: »Was, bis zum Freudvollen, zum eigentlichen Zweck seiner Sendung ist er bis jetzt nicht gekommen?! Herr Jeses noch mal, da muß man dem Schaf ja seine eigene Wolle nachtragen. Aber ich werde...« und Engelke Stappers richtete sich zwischen den Lehnen straff und strack in die Höhe. Ihre kregelen Äugelchen blitzten. Die runden Hände verschränkten sich. Ihre üppige Büste drohte die Frühlingsbluse nebst allen Nesteln und Zutaten auseinanderzerren zu wollen. »Meine liebe Frau Auwater, so werde ich selber. Mein Mann hat's nicht gekonnt, um so mehr freue ich mich, Ihnen als schlichte und einfache Frau, die allerdings einstmals berufen schien, als Edeldame auf Haus Borghees zu sitzen, eine überaus wichtige Freudenbotschaft über die Schwelle tragen zu dürfen.« Ihre Blicke nahmen einen überirdischen Glanz an, schienen mit Engelshaar und Lametta durchgeistert zu sein. »Ja, meine liebe Frau Auwater, ich möchte fast sagen: Ein Engel ist hineingetreten ...« »Halt!« rief Herr Stappers. »Diese Satzbildung ist grammatikalisch nicht zu rechtfertigen. In was denn hineingetreten? Angelika, du denkst wohl an das schöne Gedicht ›Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen‹ und wolltest den Anfang der zweiten Strophe zitieren, der da lautet: Zwei Engel sind hereingetreten. Also: sie sind herein- und nicht hineingetreten, und das ist nicht nur grammatikalisch, sondern auch ästhetisch vorzuziehen, sonst könnte man vielleicht an einen Kuhfladen denken.« Frau Engelke verfärbte sich. »Herr, bleiben Sie mir mit Ihrem Kuhfladen vom Leibe. Hier sieht man die Kinderstube eines Proletariers. Ich danke meinem Herrn und Erlöser, daß Gisbert Kreuzwendedich Riswyk nicht Zeuge dieses Ausdrucks gewesen ist. Ich, als seine beinahige Braut, müßte mich ja in Grund und Boden scharnieren.« Herr Stappers bügelte verschämt seinen Zylinder. »Verzeih mir, Angelika. Es sollte ja nur ein Witzchen bedeuten.« »Wenn auch,« kam es grantig zurück. »In Gegenwart der ehrenwerten Frau Auwater dulde ich solche leschären Auslassungen nicht. Man könnte dabei ja in Teufels Speck- und Räucherkammer geraten. Im übrigen...« und ihr erregtes Gesicht legte sich wieder in ruhigere Falten, klärte sich auf und zeigte schließlich einen schönen Regenbogen, der das ganze Antlitz umspiegelte. »Im übrigen ist es völlig egal, ob ich sage: Ein Engel ist hinein- oder hereingetreten. Hauptsache ist, daß er sich in dieser Stube befindet. Ja, er befindet sich hier, und zwar in meiner Person, die sich gehorsamst als Engelke Stappers unterfertigt... und da der Abgesandte sich zu lange bei dem Leidvollen aushielt, will ich per sofort mit dem Freudenreichen beginnen.« Und nun legte sie los. Engelke Stappers bewies, daß sie unter ihrer adretten Stupsnase noch immer einen guten Infanteristen abgeben konnte. Ihr Mundwerk marschierte. Sie sagte denn auch: »Das mit dem Herrn Pastor ist nicht so ängstlich zu nehmen. Er ist aber in die Jahre gekommen, und wenn die Semester so anheben, du lieber Gott noch einmal! dann hat man schon mit allerhand Gebrechen und Miesepetereien zu rechnen. Gewiß, mit seinen achtundsiebenzig Jahren kann er nicht mehr wie 'n Landbrieftrager von einem Kirchspiel ins andere überwechseln, aber er ist immer noch kräftig genug, seine Bouteille Wein zu trinken, das Hochamt zu lesen, auch dann und wann zu 'ner pläsierlichen Hochzeit seinen apostolischen Segen zu geben.« »Dem pflichte ich bei,« versicherte Mutter Auwater. »Meinen gehorsamsten Dank für getätigten Ausdruck,« gab Engelke zurück, um dann in gehobener Stimmung weiterzusprechen. »Also das Leidvolle ist somit nicht auf die große Wage zu legen. Es läßt sich ertragen. Auch der Herr Pastor Hommersum kann es gleichfalls ertragen. Bloß die auswärtigen Gänge, so bei Schnee- und Graupelwetter, bei glühendem Sonnenbrand und lelken Hochwasserzeiten – die, meine liebe Frau Auwater, sind von ihm nicht mehr so richtig auf dem laufenden zu halten, weil ich die Ansicht vertrete, reißmatische Beine und die hierzu benötigten Selfkantpantoffeln können Ruhe gebrauchen, sind der äußersten Schonung bedürftig. Das hat unser hochwürdigster Herr Pastor auch eingesehen, sich dieserhalb an den bischöflichen Hochstuhl in Münster gewandt und mit Rücksicht auf seinen jetzigen Zustand um 'ne jugendliche Hilfskraft gebeten. Das ist so rund herum vor gut drei Wochen geschehen.« Sie wandte sich um und sah ihren Mann an. »Stimmt das oder bin ich irrig im Datum?« »Nein, es stimmt,« sagte dieser, froh, von seiner besseren Hälfte wieder gewürdigt und in Anspruch genommen zu werden, »denn ich habe sotanes Schreiben, gerichtet an den Vicarius generalis, eigenhändig, unter Befolgung aller Vorsichtsmaßregeln auf das Postamt getragen. Auf dieses gewichtige Schriftstück nun kam heute morgen mit der ersten Bestellung...« »Severin, das ist meine Angelegenheit. Du hast bis jetzt nur Talmi geredet, ich aber komme mit veritablen Goldplomben zwischen den Zähnen,« und die vive, pummelige, noch immer begehrenswerte Angelika Stappers trudelte hoch, schritt energisch auf Mutter Auwater zu und bekam sie mit beiden Händen zu fassen. Mit leuchtenden Augen, die aussahen, als wären jubilierende Ostern und farbenfreudige Pfingsten auf ein und denselben Sonntag gefallen, gackerte sie über sie hin: »Ich halt's nicht mehr aus, ich muß Rapportierung erstatten. Denken Sie nur, meine herzensgute Frau Auwater: Gott ist gerecht, und seine Wege sind unmögliche Wege!« »Sind sie,« nickte Herr Stappers. Hierauf legte er sich in seiner ganzen Länge und äußerst zufrieden in den Sessel zurück, nunmehr der felsenfesten Überzeugung, die Angelegenheit ist spruchreif geworden. Er könne sich sonder Bedenken auf seinen Altenteil zurückziehen. »Ja, meine liebe Frau Auwater, ganz unmögliche Wege! Denn in aller Kürze dargelegt: Herr Hommersum hat beim heiligen Generalvikariat um eine junge Hilfskraft gebeten, die just die letzten Weihen empfängt – und ist bei diesem Bittgesuch auf Herrn Klemens verfallen.« »Auf meinen Klemens, Frau Stappers?« »Ja, auf Ihren Klemens, und was die Hauptsache ist...« und eine schwere Stimme rollte dazwischen, die Stimme des Küsters und Kantors: »Das Bittgesuch wurde genehmigt. Herr Klemens wird in aller Kürze als wohlbestallter Kaplan für das hiesige Kirchspiel verpflichtet und eingeholt werden.« »Und seine Primiz...?« »Wird er in hiesiger Pfarre begehen.« »Mein Gott und mein Heiland!« und die kleine und gütige Frau stand wie auf Tabor, so verklärt wurde sie, eine solche hohe und stolze Gloriole war um sie und um alle gebreitet. »Ihr Lieben, ihr Guten! Ihr seid zur Primiz alle geladen – Sie, meine liebe Frau Engelke, und Sie, mein lieber Herr Stappers.« »Machen wir,« sagte der Küster, groß und getragen, und schwenkte dabei seinen struppigen Zylinder gesinnungstüchtig aufwärts und abwärts, stets wiederholend: »Machen wir, meine liebe Frau Auwater,« um dann geheimnisvoll wie ein Rotkehlchen zu pfeifen: » Lauda Sion Salvatorem ...« Draußen begann es wieder leise zu träufeln. Ein warmer, wohltuender und gesegneter Maienregen rieselte nieder. Er befruchtete alles und jegliches: die Mutter Erde und die Herzen der Menschen. Zehntes Kapitel In Huisberden läuteten die Glocken. Dann verstummten sie wieder, um sich für den Abgesang vorzubereiten. Ihre Stimmen waren nicht besonders sonore Stimmen, kamen nicht aus gesättigtem Magen heraus. Wie ganz anders die Glocken in den Nachbargemeinden! Bei diesen ging es dröhnender, nachhaltiger, selbstgefälliger zu, denn schon ein altes Sprichwort besagt: Je fetter und mastiger die Äcker, je breiter die hingeklatschten Kuhfladen, um so fetter und breiter das Läuten, und da diese Kirchspiele mit solchen opulenten Dingen aufwarten konnten, ließen sich auch die Glocken nicht lumpen, taten mit, was das Zeug halten wollte. Vornehmlich an Sonn- und Feiertagen. Dann stolzierten sie als wohlbeleibte Matronen über Land, in ehernen Reifröcken, reichlich ausgestattet mit Emblemen und sonstigen Zeichen, wackelten und schwenkten mit ihren däftigen Krinolinen wie die Bäuerinnen mit ihren Brokatröcken in den Kirmestenten und sangen dabei mit dem Behagen angemästeter Domschweizer, als gälte es, ihren Bauernstolz und ihre Wohlhabenheit bis weit in die benachbarten Kreise und Grafschaften hineinzutragen: » Dominus vobiscum et cum spiritu tuo! « Ach, und die Glocken von Huisberden! Die Gegend war nicht so reichlich bestellt. Nur Heideland und Waldbestände, aber köstlich in seiner Anmut und Eigenart. So auch die Glocken – schlichte, beschauliche, herzinnige Glocken! Und wenn auch von Zeit zu Zeit ein mageres ›Äppel-päppel‹ mit unterlief – siehe: man wähnte dennoch, in das ewige Licht des Paradieses zu schreiten. Tore und Pforten öffnen sich. Golden rieselt es von den Stufen des neuen Jerusalems. Ein purpurner Vorhang scheitelt sich sacht auseinander, Posaunen ertönen, und Gott, der Herr, der mit Dornen Gekrönte, der ans Kreuz Geschlagene, der Unerforschliche und Allbarmherzige, der Erlöser der Menschheit, thront in der unermeßlichen Halle, umgeben von seinen Cherubim und Seraphim, dreitausend zur Rechten, dreitausend zur Linken... und sein Anblick ist Vergebung der Sünden, sein Lächeln Glückseligkeiten und himmlische Wonnen für ewige Jahre. Und alles dieses durch das schlichte, beschauliche, wenn auch etwas dürftige Lauten der Glocken von Huisberden. Besonders heute. O, wie sie sangen! Fromm und einfach, herzensfroh und innig und doch jubilierend, aus gütigen Engelchören heraus, daß man den Herrn durch die Felder schreiten sah, die Saaten segnend, die Ähren streichelnd, den Lerchen zusprechend und dem die Pfade bereitend, der heute kommen sollte, um im hiesigen Kirchspiel seine Jungfernmesse zu halten, seine Jungfernpredigt von der Kanzel zu sprechen, am geweihten Tische das erste Opfer zu bringen, auf daß das Wort sich erfülle: » Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum .« Er kam nicht wie Nikodemus bei der Nacht, sondern bei vollem Maienlicht, in heller Tagwacht, im hehren Geleucht von Myriaden Blüten und Blumen, die alle Wiesen und Dämme mit bunten Farben umkleideten. So kam er: ein gerechter Hirte, ein Mehrer der Liebe und Arbeit, ein unentwegter Wardein für Wahrheit und Treue, einer der nicht mit grauer Maske herumging, sondern leuchtenden Hauptes, der kein neues Morgenrot mit irren Lichtern suchte, sondern das alte, gute, treuherzige Morgenrot, das einst über Deutschland gestanden. Benedicite, qui venit in nomine Domini! Seit einigen Tagen hate Klemens Auwater das Sakrament der Priesterweihe empfangen. In dem wundersamen Dome zu Münster, vor dessen Portal unter den Linden der Wiedertäuferkönig vor vielen Jahren das Zepter führte, leider aber auf den absonderlichen Einfall geriet, seinem königlichen Gemahl, der schönen Elisabeth Wandscherer, höchsteigenhändig den Kopf vor die Füße zu legen, nachdem er sie zuvor höflichst ersucht hatte, aus dem linken Pantoffel zu tanzen, war ihm das heilige Salböl geflossen, hatte ihn das › Accipe spiritum sanctum ‹ würdig gemacht, das Wort zu lehren, das große unerfaßliche Geheimnis der Eucharistie den Menschenherzen zu übermitteln. O, daß ich tausend Zungen hätte...! Die hohe Feier ging vor sich. Die Orgel brauste herauf, wie wenn im Reichswald die alten Eichen zu rauschen begännen, als würde in laulicher Frühlingsnacht ein uraltes, gewaltiges Gebet über die Erde getragen: »Lobet und preiset den Allmächtigen und dienet der Wahrhaftigkeit,« und es nahm seinen Weg ... und zog über die westfälische Heide ... und jubelte dem Rhein zu ... und ging bei Dornick und Emmerich über den Strom ... ins Binnenland hinein und immer so fort. Und da begannen in Huisberden die schlichten, beschaulichen und herzinnigen Glocken zu läuten. O, daß ich tausend Zungen hätte ...! Schon in aller Herrgottsfrühe war in der ganzen Umgebung rege Bewegung. Huisberden prangte im Festschmuck. Geschlagene Maien bekränzten die Straßen. Kalmus und Buchsbaum waren zu Teppichen ausgestreut. Das ganze Dorf feierte mit. Von allen Giebeln wehten die Fahnentücher in kirchlichen, päpstlichen und den alten glorreichen Farben. Ein erquickender Weihrauch kam von den Feldern herüber. Faulbaum und Heckenrosen blühten, der Roggen dampfte, Salbei und Unserer Lieben Frauen Bettstroh boten alles auf, die köstlichsten Narden und Spezereien über die weite Gegend auszuspreiten. Das ganze Dorf war auf den Beinen. Jedereins strebte dem Försterhause zu, von wo der junge Kleriker eingeholt werden sollte, sein hohes Amt zu betätigen. Hier hatten sich bereits die Freunde des Primizianten und alle, die dem Hause Auwater verwandt und zugetan waren, eingefunden, von nah und fern, von diesseits und jenseits des Rheines, denn einer Primiz beizuwohnen ist Gottestun, erleichtert Herz und Nieren und bringt irdischen und überirdischen Segen. Selbstverständlich waren Kapitän Hemskerk und Jakobine erschienen. Ersterer in voller Montur, mit granatrotem Pontakgesicht und in gehobener Feststimmung, letztere, als hätte der Schöpfer sie in seiner besten Geberlaune hingestellt, sie als Maienkönigin über den Niederrhein und seine unermeßlichen Wunder zu setzen. Auch Michel Virgilis Tappert war da, als Künstler, mit Castorhut und funkelnagelneuem Samtjackett, in dessen Knopfloch eine frühzeitige Noisetterose pmngte, an deren zarten Blütenblättern noch drei morgenfrische Tautröpfchen funkelten. Die ›Noisetterose‹ gab er nicht zu. Er behauptete, sie wäre aus Pästum in seinen Garten übergeführt und dort weitergezüchtet worden, denn Künstler und ähnliche Leute könnten sich nur mit Rosen aus Pästum befassen. »Meine Spezialität. Nicht anders zu machen,« und so war er denn mit dieser einzigartigen Rose erschienen, aufgemacht wie der Wurzelkönig Daucus carota , von dem E. T. A. Hoffmann, der Gespenster-Hoffmann, gar verwunderliche Dinge erzählt, und somit geeignet, ganz Huisberden durch seine grandiose Erscheinung auf den Kopf zu stellen. Aber die Rose tat es allein nicht. Sie mußte noch eine Begleiterin haben, ein schmückendes Etwas. Dieses besorgte Düweke Brinkmann. Auch sie war in aller Form geladen, denn ohne Düweke wäre Michel Virgilis Tappert niemals aus seinem Dachsbau gekrochen. Ihre für gewöhnlich krallen und herausfordernden Äugelchen erinnerten an die Augen der sanften Turteltauben, die das Hohelied Salomonis so anziehend machen, ihr Benehmen an das schlichte Auftreten einer barmherzigen Schwester. So verstand sie es, sich würdig der Primizfeier anzupassen, als hätte sie zeit ihres Lebens die Lilien in einem Klostergärtchen behütet, wobei sie noch Gelegenheit fand, mit ihrem Züngelchen wie ein Miezekätzchen zu schleckern, allen ein angenehmes Wörtchen zu sagen. Selbst von Haus Borghees war einer erschienen. Nicht Gisbert Kreuzwendedich selber. Der joviale Rüben- und Knollenbaron hatte zu seinem größten Leidwesen ein Geschäft in Holland abzuschließen, das ihn alljährlich um diese Zeit nach Nymwegen führte. Aber sein Vertreter war da. Auf Geheiß des gnädigen Herrn überreichte er dem jungen Kleriker die Symbole von Glaube, Hoffnung und Liebe in einem sinnigen Arrangement von seltenen und köstlichen Gardenien. Das schlug ein wie eine doppelt und dreifach geladene Pulverpetarde. Nein, dieser Baron! Alle erstaunten sich. Michel Virgilis riß seine eingeknallten Rehposten auf, als sähe er in eine Zauberlaterne. »Tiro, tiro!« lachte er über die duftige Spende hin, »nicht bloß anbacken kann er, nicht nur zwei Doubletten beim ersten Debouchieren auf sein Konto buchen ... auch das noch! Christus noch mal! Auch so 'ne heilige Aufmachung wird auf Borghees lebendig?! Allerhand Achtung. Ich für meine Person wäre nicht auf solchen ingeniösen Einfall gekommen. Niemals, jamais ! Euer Hoch- und Wohlgeboren haben sich selbst übertroffen. Bravo, und hoch soll er leben!« »Jawoll,« hieb Hemskerk in die nämliche Kerbe, »hoch soll er leben.« Die Stimmung im Försterhause belebte sich. Nur noch wenige Minuten – und dem Aufbruch zur Kirche stand nichts mehr im Wege. Alle warteten noch auf das Zeichen von Severin Stappers, der an der Gartenpforte des hochwürdigen Herrn Jakobus Johannes Aegidius Hommersum harrte, dem es oblag, den jungen Primizianten unter solennem Geleit an den Altar des Herrn zu führen. Er hielt wie ein Abgesandter des Himmelreiches seinen Posten inne, im Bratenrock, den rostigen Zylinder auf dem rostigen Haarschopf, die schattenlosen Augen bald auf die Dorfstraße und das Forsthaus, bald auf die nahegelegene Kirche gerichtet. Er verkörperte die lästerliche Würde, den Medaillenstab in der Linken, seinen Erlöser und Heiland als Leitstern vor Augen. Nichts mangelte. Unter dem Schirm und Schutz dieses Mannes blieb die Kirche im Dorf, schlichen sich Knechte und Mägde nicht strumpfig auf den Heuboden, wurde die Weihnachtssau regelrichtig und ohne zu mogeln ausgekegelt, kam die Orgel niemals ins Stammeln, stand der alleinseligmachende Glaube so fest und stramm auf den Beinen wie der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz auf dem Marktplatz seiner benachbarten Vaterstadt. Sein Weizen blühte. Er hatte ordentlich Schwung unter der Weste. Die ganze liebe Gotteswelt lachte ihm in ihrer letzten Maienpracht zu. Von seinem rostigen Zylinder büschelte das Licht wie die feurigen Zungen in den Pfingsttagen, wo die heiligen Apostel hellhörig und sprachgewaltig wie Salomo wurden. O gesegneter Tag der Primiz und der Weihe! Seit ungezählten Jahren war Huisberden dessen nicht mehr kundig geworden. Das altehrwürdige, packende und erschütternde › Accipe spiritum sanctum ‹ strömte wie Manna hernieder, erfüllte Himmel und Erde, betaute Gerechte und Ungerechte, pflanzte Wunder neben Wunder, als wären sie so billig wie die Blumen des Feldes ... und als die Glocken zum zweitenmal zu läuten anhuben, das › Accipe spiritum sanctum ‹ über die Gläubigen hinschauerte, tat Mutter Auwater einen tiefen Seufzer und sah ihren Sohn an, der mit dem heutigen Tage gesonnen war, die Welt und ihre Anfechtungen hinter sich zu lassen, lediglich seinem Heiland die Ehre zu geben, als streitbarer Soldat Christi mit seiner Kirche zu leben, mit seiner Kirche zu fallen, genau nach den Worten: »Die Barmherzigkeit mit der Seele ist die Seele der Barmherzigkeiten.« Erhobenen Hauptes, im weißen Chorhemd, die golddurchwirkte Stola umgelegt, das Birett zwischen den Händen, die bleifarbige Tonsur auf dem Hinterkopf, so stand er inmitten des bekränzten Zimmers. Ein grünes Myrtenzweiglein umzirkte die Schläfen. Etwas Herbes und doch Hoheitsvolles und Gütiges ging von ihm aus. Er erinnerte an seinen Bruder, nur nicht so streng in der Linienführung. Sein Antlitz war wie das eines Streiters, sein Herz wie das eines Samariters. Er und der Nazarener waren eins. Er spürte seine zwingende Nähe. Sein Odem war bei ihm, stärkte ihn, machte ihn froh und freudig in Gott, und seine Seele war die eines glücklichen Kindes. Accipe spiritum sanctum ...! »Klemens, mein Klemens!« und die weiße, zutunliche Frau mit dem Paradiesapfelgesichtchen spreitete die Arme und legte sie glückselig um den Hals ihres Sohnes. »Klemens, mein Liebling, nun ist endlich deine Stunde gekommen. Dein Wunsch ist erfüllt. Die goldenen Tore wollen sich für dich öffnen. Wache, arbeite und diene. Auch dein Vater wachte, arbeitete und diente. Er diente seinem überirdischen und irdischen König. Er ließ sich dabei nicht unterkriegen, denn er fand darin die Aufgabe seines Daseins, die Anwartschaft auf reichliche Freuden nach seinem Hinscheiden. Gehe hin und tue ein Gleiches, und noch über das Grab hinaus wird deine Mutter dich segnen.« Die kleine Frau weinte still an der Brust des Gesalbten. Kein Auge war trocken geblieben. »Donnerkiel noch mal!« sagte Michel Virgilis, »daraufhin möchte ich eine Bouteille Langkork verzehren,« und er hätte auch Düweke Brinkmann beordert, das Verlangte nebst Glas und Pfropfenzieher herbeizuschaffen, hätte in diesem Augenblick nicht Herr Severin Stappers mit seinem Medaillenstab ein bedeutsames Zeichen gegeben. »Sie kommen, sie kommen!« rief er über den blühenden Garten, nahm Paradestellung ein, um den ehrwürdigen und hochbejahrten Pastor und Ehrendomherrn Jakobus Johannes Aegidius Hommersum, der in einem Bausch von weißgekleideten Jungfern erschien, dem Försterhause zuzuführen. Gleich darauf erhoben sich selige und glückverheißende Stimmen, nur solche von Frauen und Mädchen. Sie sangen: »Maria, Maienkönigin, Dich will der Mai begrüßen. O segne ihn mit holdem Sinn Und uns zu deinen Füßen. Maria, dir befehlen wir, Was grünt und blüht auf Erden. O laß es eine Himmelszier In Gottes Garten werden.« Die Männer setzten ein. Das Lied zog dahin wie von den Schwingen Gabriels getragen, des Erzengels unter den Engeln, die da Wache halten zur Rechten des Herrn... und ließ vergessen, was das deutsche Volk alles durchlitten, erhob sich aber zu einer dringlichen Mahnung, sich auf sich selbst zu besinnen, das Unkraut vom Weizen zu säubern, der glorreichen alten Zeit und dem unbekannten Soldaten die Ehre zu geben. Himmel und Erde feierten. Eine weiße Taube schwebte hernieder. Severin Stappers begab sich mit seinem rostigen Schopf und seinem rostigen Zylinder an die Spitze des Zuges, ganz Würde und Selbstverleugnung, lediglich der Träger eines hohen und heiligen Gedankens. Nichts Weltliches bedrängte ihn. Um ihn bewegte es sich nur noch in seraphischen Bildern. Seine schattenlosen Augen nahmen einen seltsamen Glanz an. Mit dem Medaillenstab schlug er eine getragene Volte. Da blühte die große silberne Medaille im Morgenlicht auf, als wäre die Muttergottes mit ihrer Hand darüber hingeglitten. Ave Maria! und siehe: unter Absingung der weiteren Strophen setzte sich der Zug in Bewegung, triumphierte über geschnittenen Buchsbaum und Kalmus, durch Maien- und Ehrenpforten dem reichgeschmückten Kirchlein entgegen. Nicht weit vom Portal stand Engelke Stappers. Aber wie?! In großer Aufmachung, eine leichte Mantille um die Schultern geschlagen. Sie hegte keine anderen Ambitionen, als den Zug passieren zu lassen, jeden einzelnen zu begutachten, um genügenden Unterhaltungsstoff für die nächsten Wochen zu sammeln. Engelke konnte sich sehen lassen, denn sie gehörte zu den rassigen Frauenzimmern, von denen die Kenner behaupten: knappig wie 'ne Weichselkirsche, zählt sie zu den saftigsten Steinfrüchten, denn ihr Busen ist noch immer härtlich genug, auf ihm einem übermütigen Floh das Urteil zu sprechen und es sofort zu vollstrecken. Jedenfalls machte Engelke Stappers Figur. Sie strahlte, und sie hätte noch weiter gestrahlt, wären nicht straßauf und straßab die Rufe erklungen: »Sie kommen, sie kommen!« Und wirklich, sie kamen. Da erstarrte ihr Strahlen. Der weihevollen Handlung gemäß nahm sie sofort Haltung und Form an: kirchlich-würdig, aber mit einer kleinen Portion Kritik dazwischen. »Maria, Maienkönigin...« Die Glocken begannen lauter zu rufen, die Kirchenfahnen stärker zu schaukeln. »Sie kommen, sie kommen!« Als erster Severin Stappers. Engelke nahm ihn sofort auf die Kimme, aber sie mußte sich sagen: »Gar nicht so ohne,« denn er gab sich alle Mühe, ihr als Mann Freude und Ehre zu machen, hatte sogar den herostratischen Mut, sich vermittelst seines Medaillenstabes mit einem Spontonträger des großen Königs in Parallele zu setzen. Dazu stach er mit seinen etwas mißratenen Beinen so gesinnungstüchtig daher wie ein Gefreiter des ersten Garderegiments zu Fuß auf der Potsdamer Heide. »Brav so!« Sie wurde ordentlich stolz unter der Bluse. Ja, sie mußte geradezu an den opulenten, federflunkerigen, wenn auch etwas abgemergelten Cochinchinahahn denken, der sie seiner Zeit an der Einfahrt des Försterhauses mit schallendem Krähen begrüßt hatte. Ihm folgte die Kegelgesellschaft ›Gut Holz‹ mit Emblemen und fliegender Fahne. Sie nickte. Brave Leute und gute Gesinnung; nur mangelte ihnen noch das stramme Marschieren, die kavaliermäßige Wesenseinheit. Im übrigen machten alle einen trefflichen Eindruck. ›Gut Holz‹ konnte vor ihren Augen bestehen. Der greise Pastor und Domherr Jakobus Johannes Aegidius Hommersum schloß sich an, ehrwürdig und am Stabe gebeugt, ihm zur Seite der Primiziant in kirchenstiller Aufmachung, von einer Wolke weißgekleideter Jungfrauen und Mädchen umgeben, die anmuteten wie schuldlose Blumen, die nur am See von Genezareth blühen. Silentium sanctissimum. Der Pastor loci und sein neuer Adlatus! »Großartig – was!?« und Engelke Stappers erschauerte vor tiefster Ehrfurcht, und erschauerte nochmals beim Anblick Reiners und Jakobinens, die Mutter Auwater in ihrer Mitte führten, so wie es einem treusorgenden Sohn und einer liebefrohen Schwiegertochter geziemte. Sie mußte ihr Taschentüchelchen gegen die Augen führen, um ihre Tränen nicht offenkundig zu machen. Dann aber wieder: ihr Herz ging auf, als sie den Kapitän Hemskerk in voller Montur und mit vergoldeten Ankerknöpfen gewahrte, als Michel Virgilis daherkam, sich Düweke Brinkmann in ihrer ganzen schlichten Einfachheit sonnte, mit ihrem Züngelchen über die Lippen schmeichelte wie ein Miezekätzchen bei der Genußlichkeit eines Milchnäpfchens. Das waren noch Leute, rank und bodenständig gewachsen, so recht dazu angetan, in Huisberden Parade zu machen. Allerhand Achtung! Mit dem Kapitän, Michel Virgilis und Düweke Brinkmann ließ sich doch Staat machen. Die Menschen hatten etwas zu sagen, prästierten was in der Welt und waren somit völlig berechtigt, der bevorstehenden Primiz den richtigen Schwung und die nötige Schwänke zu verleihen. Um Gott nicht! Ein drittes Erschauern, denn die aloisischen Jünglinge erschienen mit der Aloisiusfahne. Feierlich wehte sie dahin in der laulichen Maienbrise, und in ihrem Schatten... O du mein Himmel und Heiland! in ihrem geweihten und keuschen Schatten wurde das sinnige Blumenarrangement von Glaube, Hoffnung und Liebe getragen. Engelke Stappers glaubte in den Boden versinken zu müssen. Sie sah auf die makellose Darbringung, als sähe sie eine besternte Himmelswiese mit ihren Wundern und Segnungen. Doch was sie am meisten bewegte: sie kannte den Träger. Das war ja... O du mein gütiges Christkindchen von Bentheim! Das war ja der alte Gärtner Christ Spiridon von Borghees. Beim Anblick dieses betagten Herrn begann es aufs neue in ihrem Innern zu bohren. Obgleich sie sich eine glückliche Frau nennen durfte, auch in den angenehmsten Verhältnissen lebte – wie des Marco Polo Wundernadel dem arktischen Pol zustrebt, zog es sie wieder in die Gefilde hinein, die für sie ewig verloren waren. »Ach Gisbert!« Nein, tanzte dieser scharmante Knollen- und Rübenbaron eine saubere Sohle! und dabei seine neckischen Aufmerksamkeiten, die beinahe vor Traualtar und Standesamt geführt hätten, wäre nicht so 'n verflixter weitläuftiger Onkel mit seinem Einglas dazwischen getreten... ach, du mein Göttchen! und das alles mußte sich jetzt auf eine mit Nachwuchs überreichlich gesegnete Küsterwohnung einstellen, ohne jemals wieder... »Zerscherbeltes Pottgut. Nichts weiter. Ach Gisbert...!« Sie hätte bei dem kostbaren Angebinde von Glaube, Hoffnung und Liebe aufschreien mögen. Aber dazu war keine Zeit mehr vorhanden. Hosiannarufe ertönten. Die Aloisiusfahne schaukelte weiter. Die aloisischen Jünglinge stimmten das Lied an: »Lauda, Sion, Salvatorem, Lauda Ducem et Pastorem In hymnis et canticis. Quantum potes, tantum aude; Quia major omni laude Nec laudare sufficis!« Mit klingendem Gefieder stieg es auf. Unter dem Kreuzgewölbe begann es zu rauschen, zu brausen. Der Kalkant befand sich bereits auf der Orgeltribüne und hub an, die Bälge zu treten. Herr Severin Stappers saß im hohen Gestühl, zog die Register und begleitete das ›Lauda, Sion, Salvatorem‹ mit jubelnden Tönen. Alle Pfeifen gaben ihr Bestes her. Die ›vox humana‹ übernahm die führende Stimme. Severin hatte seine glücklichste Stunde. Denn wenn er vor Pedal und Tastatur saß, erinnerte er an Girolamo Frescobaldi oder an Dietrich Buxtehude. Jede einzelne Note gab sich, als würde sie von Engelszungen vorgetragen. Die Orgel war nicht wieder zu kennen. Ein himmlischer Organist mußte sie meistern, so schmeichelte sie sich in die Herzen hinein, so sprach und redete sie, wie der Herr auf Sinai sprach, als er unter dem majestätischen Brausen des Windes die Tafeln des Gesetzes dem auserwählten Volke übermittelte. »Genitori, Genitoque Laus et jubilatio...« Unter ihrem geweihten Singen und Sagen betrat Klemens den Tisch des Herrn, assistiert von Klerikern der benachbarten Gemeinden. »Der neue Kaplan! Der neue Kaplan!« Alle Zehen streckten sich, alle Hälse machten sich länger. Jeder wollte ihn sehen, jedereins von ihm das Heil und den Segen empfangen. Neben dem Altar erhob sich eine mächtige, mit jungem Myrtengrün ausgezierte Wachskerze, die von ihrem hohen Messingleuchter herunter die ganze Kirche beherrschte. Alle bewunderten sie, diese heilige Kerze, denn alle in der Gemeinde hatten ihr Scherflein dazu beigetragen, sie durch Severin Stappers aus edelstem Bienenwachs ziehen zu lassen, versinnbildlichte sie doch die Braut des jungen Geistlichen, die ihm leuchten sollte von nun an, über alle Tage seines Lebens hinaus, bis zur bitteren Stunde des Todes. »Genitori, Genitoque...« Die heilige Handlung ging vor sich. Er brach das Brot des Lebens und führte den Kelch mit dem Blute des Herrn an die bebenden Lippen... und wiederum schwebte eine weiße Taube hernieder. Mutter Auwater kniete bei Reiner und Jakobine im Chorgestühl. »O Herr,« stammelte sie, »diese Brust hat ihn gesäugt, dieser Leib ihn getragen. Herr, mache mich seiner würdig. Ja,« sprach sie laut vor sich hin, »ich bin seiner würdig, denn ich bin seine Mutter, und neben mir steht einer, der hat ihn gezeugt in heißer Liebe, ist sein Meister und Lehrer gewesen...« und sie streckte die Hand aus: »Vater, komm' näher, denn wir wollen dicht beieinander sein, wo unser Klemens die Hostie konsekriert, um damit seine reine Seele zu speisen. Herr, sei gepriesen, daß wir das noch erleben dürfen, ihn so erhöht und erhoben zu wissen. Vater, mir ist so, als führen wir in einem goldenen Schlitten durch ein unermeßliches Schneefeld. Wir fahren direkt zu Gott, in eine Welt von Sternen und Glückseligkeiten.« Ihre Hände falteten sich. Ihr Kopf senkte sich tiefer. Eine Schelle schlug an, durchgeisterte die Kirche, und als Mutter Auwater die Augen öffnete, ein verhaltenes Räuspern laut wurde, schien Klemens zwischen Himmel und Erde zu schweben. Was war das nur?! Ein einfallender Sonnenstrahl hüllte ihn ein. Er stand darin wie in einer überirdischen Glorie. Seine weißen Hände lagen fest auf dem Holzsims. Das sonst so stille Gesicht hatte sich völlig geändert. Das Seraphische verlor sich. Ein tiefer Ernst schnitt sich in seine Züge hinein, schweißte sie um, machte sie ehern, und sie blieben doch milde und allverzeihend bei aller Strenge und Entschlossenheit. Es war fast so, als hätte ein junger Feldgrauer die Kanzel bestiegen. »Geliebte in Christo!« Stoßweise und stammelnd begann er zu sprechen. Dann gab er sich freier. Seine Gedanken sammelten sich, reihten sich dicht nebeneinander, wappneten sich mit stahlblauem Eisen, waren wie der verlorene Haufe im Kampf, berufen, die Blutfahne und den endgültigen Sieg über die heißumstrittene Walstatt zu tragen. »Ich diene dem König der Könige, seinen Thronen und Herrschaften, seinen Erzengeln und Engeln, dem Geringsten unter uns, der da kommt, seinen Herrn zu ehren und in Reue zu stammeln: Ich armer, sündiger Mensch, ich bekenne vor Gott und den Menschen... Ich diene!« und seine Stimme flügelte wie ein Falke über sommergrüne Wiesen und Triften, über Wälder, schwer von dem Odem und dem duftigen Hauche des Sommers, der ihre Kronen durchwühlte, um schließlich immer höher und freier in den atlasfarbigen Himmel zu schrauben. Das engbrüstige Kirchlein von Huisberden hatte noch nie eine solche Sprache vernommen. Der greise Pastor und Ehrendomherr Jakobus Johannes Aegidius Hommersum beugte sich in seinen Stuhlwangen vor, um besser hören zu können. »Nein, dieser Kaplan!« sagte er leise. »Es gibt solche und solche, aber diese rhetorische Leuchte... Non omnia possumus omnes , indessen dieser junge Kanzelredner und Sprecher...« und er verfolgte den stolzen Falken bis zu den Sternen. Von dessen Schwingen träufte Manna hernieder. Es fiel auf die Erde. Die Körner schlugen Wurzeln bei Wurzeln, beblümten sich, bedeckten als Himmelschlüsselchen und Anemonen eine unabsehbare Niederung. Darüber hin schwebte die Muttergottes im Abendwind... und segnete alle... und trug ihren Duft zu den Menschen, auf daß sie wieder träumen konnten von besseren Tagen. Und dann kam er auf die jetzigen Zeiten zu sprechen, auf das Versagen der Treue, auf das Straucheln in Glaubenswahrheiten, auf die Sucht der falschen Propheten, kostbare Kandelaber brennen zu lassen, wo es besser wäre, mit dem Sparlämpchen herumzugehen und Pfennig bei Pfennig zu sammeln. »O diese Zeiten! Der Fleißige darbt, und der Arbeitsfaule sielt sich in Hanf und üppigem Rübsen. Wir leben in einem großen Tiefstand. Scham und Schande sind uns Schwester und Bruder geworden. Wilde Not und ungezügelte Sehnsucht zerreißen unsere Herzen, führen uns in Versuchung. Ihr seid Bauern, brecht die Scholle mit müden Knochen, mit zermarterten Fäusten, die kaum noch imstande sind, das Pflugmesser auf die andere Seite zu werfen, und dennoch kommen viele, euch die sauer hereingebrachte Ernte aus den Fingern zu spielen. Gewiß, es steht auch geschrieben: Du sollst dein tägliches Brot im Schweiße deines Angesichtes verdienen. Also geschehe es, denn es ist der Satzung und der Ordnung gemäß, aber nicht steht geschrieben: Du sollst dein an und für sich schon darbendes Leben noch darbender machen, denn solches ist schlimmer zu rechnen als die Sünde des Fleisches. Betet um Hilfe! sonst kommt die schwarze Fahne über euch, wie sie schon herumzieht in den Provinzen, die bereits im fernen Osten den Glanz des Sowjetsterns verspüren. Dort weht die schwarze Fahne im Preußenwind. Die ausgehungerten Bauern singen in ihrem Schatten, singen in Schritt und Tritt und mit verrosteten Kehlen: Schwarz ist die Sorge und schwarz unser Brot, Und schwarz ist die Fahne der Bauernnot. Schwarz ist die Erde wohl unter dem Pflug, Und schwarz geht der Bauer im Trauerzug. Hört, hört hört! Wir pflügen und säen und schaffen ohn' Ruh', Wir ernten – und wissen doch nicht wozu. Denn was wir erringen mit unserer Kraft, Das wird uns genommen und fortgerafft. Hört, hört, hört! Die Sorge geht um. Jetzt sind wir am Ende; wir wollen nicht mehr! Wir sind ein verzweifeltes Bauernheer; Denn schwarz ist die Sorge und schwarz unser Brot, Und schwarz ist die Fahne der Bauernnot! Hört, hört, hört! und solches zu hören ist schlimmer denn alles, was über Deutschland gekommen, schlimmer als die ägyptischen Plagen. Wir wollen doch nicht getilgt werden, ausgelöscht werden aus der Geschichte der Völker!« Und seine Stimme kroch in sich zurück wie eine Schnirkelschnecke in ihr stilles Gehäuse, erzählte von der entsetzlichen Qual bei einst begüterten Menschen, von Tränen, die nicht mehr zu fließen vermochten, von Sparlämpchen, die nahe daran waren, ihr letztes Öl zu verlieren. »O, ihr Geliebten in Christo! Haltet Ordnung und folgt den Gesetzen. Arbeitet, wachet und betet, auf daß wir bestehen mögen vor Gott und unseren eigenen Taten, auf daß wir wieder Kinder der Pflichten und des Lichtes werden und nicht in den Tobel geraten, der wie ein unersättlicher Moloch immer näher heranstrudelt.« Und seine Worte ergingen sich wie Sturmgefieder: »Arbeitet, wachet und betet! Sonst ist die Stunde nicht fern, wo ihr euch zusammenschart, die Altäre schwarz umkleidet, die Hände ballt und in den trostlosen Himmel hineinschreit: Jetzt sind wir am Ende; wir wollen nicht mehr! Wir sind ein verzweifeltes Bauernheer; Denn schwarz ist die Sorge und schwarz ist das Brot, Und schwarz ist die Fahne der Bauernnot. Deutsch wollen wir bleiben, frei von Schande und Scham, unbelastet von dem Hohn und der Drangsal der Nationen, die sich die Siegerstaaten benennen – ein Volk hoch in Ansehen und Ehren, Dei gratia! Den Führer und Hirten erfleht, der im Gottesgnadentum steht, im Verantwortungsgefühl gegen Gott, in Gottgebundenheit. Von Gott berufen und damit an ihn gebunden. So nur wird der Schwache gestärkt, Recht und Wahrheit gesprochen, der Friede gesichert, dem Reiche wieder Atem und Freiheit gegeben. Dei gratia! – von Gottes Gnaden ist ein jeder von uns an seiner ihm zugewiesenen Stelle: der Werkler, der Bauer, der Arbeiter – wir alle. So wird jeder geadelt. Auf die Knie! Augen und Herzen empor! Auf zu Gott! Im Strom und Drängen des Lebens ragt sein Kreuz wie das gewaltige Signal: Halt! Nicht weiter so! – Sucht nach Vergebung der Sünden. Lasset euch versöhnen mit Gott durch mich, denn ohne mich könnt ihr nichts tun, auch nicht in den Himmel kommen. Amen!« – und eine Stille ging um, wie die Stille auf dem Kalvarienberg, als der Herr und Erlöser sein Haupt neigte, um den letzten Hauch in die Hände des himmlischen Vaters zu legen... und dann geschah etwas, was sonst niemals passierte: noch einmal hub der junge Kleriker an und sagte: »Der hochwürdigste Herr Pfarrer unserer Gemeinde, Ehrendomherr an der Kathedrale zu Münster, Herr Jakobus Johannes Aegidius Hommersum, läßt es geschehen, und so ersuche ich denn die ehrsame Jungfrau Jakobine Hemskerk aus Grieth und Reiner, meinen geliebten Bruder, aus dem Forsthaus dahier, mich an den Stufen des Altars zu erwarten, auf daß sich erfülle das Wort: Eine aufgelegte Priesterhand kann Berge versetzen, eine dürre Heide in einen fruchtbaren Garten wandeln, die ewigen Gestirne aus ihren Bahnen verrücken... und wohl dem, den eine Priesterhand berühret und segnet, denn Gotteshand berühret und segnet ihn und gibt ihm das Heil des Paradieses und die ewige Weihe...« und keine drei Minuten vergingen... Jakobine und Reiner knieten auf den schlichten Stufen, die zum Allerheiligsten führten. Klemens war bei ihnen; seine Hände legten sich auf, und seine Lippen sprachen, als käme ein zartes Säuseln und Wispern vom Reichswald herüber: »Wohl der, der es beschieden ist, von einer treuen und starken Hand geleitet zu werden, denn ihr Herdfeuer brennt wie eine heilige Flamme und ihr Leib wird benediciert ... und wohl dem Manne, dem ein keusches Weib sich ergibt, denn seine Arbeit geht ihm gut von statten und er lebet eins noch so lange. Hoffet und harret, denn wenn die Herbstfrucht herein ist, eure Herzen sich ewiglich binden, Reiner, ich werde bei dir sein in der Stunde des Glückes,« und er küßte seinen Bruder mit dem Kusse der Liebe ... »Jakobine, ich werde deine Hand in die seine legen, auf daß er dir die Treue halte, dich achte und hochhalte unter den Frauen des Landes, bis Gott ihm gebietet: Bette dein Haupt in die Kissen ...« und er drückte seinen Mund auf den Scheitel des schönen Weibes, das unter dem Hauch dieses Grußes bis in die tiefsten Nieren erschauerte. »Jakobine und Reiner, ich segne euch beide!« und seine Arme hoben sich auf, als wollten sie das einfallende Himmelslicht einholen. »Amen, Amen!« und die Orgel brauste herüber, als wären die zarten Hände der heiligen Cäcilia in die des Herrn Stappers gefahren. Die Menge stand in Anschauung der ewigen Freuden. Besonders Hemskerk und Michel Virgilis. Letzterer war bewegt vom obersten Knopf des Samtjacketts bis in den Hosenboden hinein. Im Überschwang seiner Gefühle sah er sich genötigt, Düweke Brinkmann einen saftigen Kuß auf die Wange zu kleben, vergriff sich aber und bekam Engelke Stappers zu fassen. »Tut nichts,« sagte diese, »es ist gerne genommen.« »Und gerne verabfolgt,« gab Michel strahlend zurück und schob seinen Arm in den ihren. »So! und nun gehen wir alle zusammen und alle miteinander in den ›Goldenen Anker‹, um der getätigten Primiz erst den würdigen Zweck und den diesbezüglichen Abschluß zu geben.« Also geschah es, und die Orgel verstummte. Elftes Kapitel Nunmehr ging alles seinen geregelten Gang und seine vorschriftsmäßige Ordnung. Das Nebensächliche fügte sich dem Nebensächlichen ein, das Große dem Größeren, und so kam ein harmonisches Ganze ins Tönen, das mit Abendfeierglockenklang über Huisberden dahinläutete, als gälte es, die vielfach mißachtete Stimme des Herrn wieder zu höherem Glanz und Ansehen zu verhelfen. Mit der dahingegangenen Primiz hatte das Alltägliche mehr an Alltäglichem verloren. Die Wässerchen gluckerten fröhlicher durch die Wiesen, die Lerchen kletterten heiterer in das Himmelreich, selbst die Sterne zogen herauf, als hätten sie ihr rätselhaftes Leuchten zu verdreifachen. Der ehrwürdige Pastor und Domherr Herr Jakobus Johannes Aegidius Hommersum atmete sichtlich auf. Es wurde ihm licht und warm um die Seele. Er flocht seine gichtischen Hände zusammen und versuchte zu singen: » Laudate Dominum, omnes gentes, laudate Dominum, omnes populi « und siehe, es gelang ihm so ziemlich, denn der alte Herr hatte wieder Stab und Stecken gefunden. Der junge Kaplan stand neben ihm, als wäre ihm der Drachentöter oder gar der beste Streiter Gottes, Sankt Michael, an die Seite getreten – als Harnischer, mit gezüngeltem Schwert und dem ehernen Gesicht eines Jünglings, dessen Augen in Flammenzeichen erzählten, so wie die des Papstes Klemens erzahlten: »Ich glaube, o Herr, laß mich fester glauben; ich hoffe, o Herr, laß mich zuversichtlicher hoffen; ich liebe, o Herr, laß mich inniger lieben ...« und als er eines Abends im Pastorat verweilte, da ergriff Jakobus Johannes Aegidius Hommersum die Hand seines Kaplans und blickte ihn an, wie man in die Evangelien hineinsieht, um was Großes und Heiliges herauszulesen, und dann sagte er ruhig: »Ich denke, wir zwei, wir sind nicht nur an Fleisch und Gebein, sondern auch an der Seele aus dem nämlichen Holze geschnipselt. Nur mein Holz ist im Laufe der Jahre brüchig geworden. Der Geist blieb zwar willig, aber Fleisch und Gebein sind minderwertige Knechte und Handlanger geworden. Bei Ihnen ist das anders, mein Lieber. Ihr Holz steht noch in Bast und Borke, kann dem Winter trotzen und dem Frühling gebieten: Lasse deine Säfte kreisen und deine Stürme brausen, denn ich will erstarken vom Wurzelstock bis in den Gipfel hinein, will blühen und Früchte tragen, um meinem Volke und meinem Herrn zu dienen. Es soll wieder Friede werden unter den Menschen, denn sie leben in Zwietracht und Uneinigkeit. Sie verstehen sich nicht und wollen sich nicht verstehen. Ich bin zusammengebrochen unter meinem morschen Fleisch und Gebein und nicht mehr imstande, das Heil zu erbringen, dazu frisches Öl auf die heilige Lampe zu gießen, die dem Verlöschen nahe ist. Aber Sie, Herr Kaplan ... ich glaube im stillen: Sie haben den Unterton von dem, was ich sagte, verstanden.« »Völlig, Hochwürden,« und Klemens glaubte in eine feurige Garbe zu schauen, die ihn mit tausend und abertausend überirdischen Strahlen umbüschelte. »Ja, ich verstehe, Hochwürden. Dem Namen nach sind wir Gottessucher und Gläubige in Christo, aber keine heldischen Deutschen mehr, keine mehr, die mit christlichen Sinnen und christlicher Opferfreudigkeit ihren Heiland suchen und gesonnen sind, ihr Siechtum von sich zu werfen. Wir sind einer großen Entweihung verfallen, stecken in unseren Unterlassungssünden wie vom Wege gekommene Ackergäule in einer gefährlichen Torf- und Moorgrube. Ja, viele unter uns sind mißfarbige und schattenhafte Larven geworden. O, ich verstehe. Hochwürden, um was Sie bangen und sorgen. So wie wir jetzt leben, schaffen und den geistigen und weltlichen Acker bebauen, das hat nicht seine richtige Art. Immer mehr entfernen wir uns von unserem göttlichen Dulder, immer weiter gehen wir in die Irre hinein, verleugnen das, was uns groß machte vor Gott und den Völkern.« »So ist das,« nickte der Alte. »Der Herr muß kommen. Seine Wurfschaufel muß die Tenne regieren, auf daß sich die Spreu von dem Weizen fondere.« Seine Augen brannten. »Also geschehe es,« fiel der junge Kleriker ein, »sonst sind wir der Finsternis und ihren bösen Geistern verfallen. Aber die ersehnte Stunde wird kommen, muß kommen, sonst zerbricht uns der Kelch zwischen den Händen, erstarrt uns das Wort Gottes zwischen den Lippen. Wir können nicht anders. Wir müssen. Wir alle, wir müssen mit Kleinem beginnen ... in den Familien ... den Bauernschaften ... den geringsten Gemeinden. Von hier aus sind die Bausteine weiter zu tragen. Vom Kirchspiel in die Stadtpfarreien, von diesen in die Diözesen hinein. Von den Diözesen heraus in alle christlichen Stämme und Völkerschaften, die deutschen Odem besitzen und Deutschland umfassen. Segen und Sälde für alle! und meines Amtes ist es, Hochwürden, unter Ihrer Betreuung und im hiesigen Kirchspiel den Mörtel unter die Kelle zu nehmen, ein schlichter Geselle unter den schlichten Gesellen des Landes.« »Mensch –Sie ...!« Und der alte Herr hatte sich, so gut es seine Kräfte erlaubten, aus seinem Sessel erhoben und aufs neue die Hände seines Gehilfen ergriffen. »Sie lieber Mann – Sie! Sie tapferer und unerschrockener Kaplan, wenn alle so redeten, so mit Engelszungen, mit dem Wagemut des heiligen Paulus, des schlichten Teppichwebers aus Tarsus, wir wären nicht das geknechtete Volk, die entrechteten Menschen, die nunmehr verdammt sind, ihr einstiges Heldengesicht mit der eigenen Schmach zu verhüllen. Ja, mein junger Kaplan, wenn alle so redeten, so mit Engelszungen und dem Wagemut des großen Bekenners ...« Er schluchzte auf. Sein Samtkäppchen rückte er tiefer zurück und fuhr sich sacht über die Augen. »Ich danke meinem Herrn und Heiland, daß Sie, Herr Kaplan ...« Seine Hand versuchte fester zu schnüren. Auch gedachte er nochmals zu sprechen. Aber von der benachbarten Kirche schlug die Angelusglocke an, und Jakobus Johannes Aegidius Hommersum begann leise zu beten: » Angelus Domini nuntiavit Mariae, et concepit de Spiritu sancto .« Klemens antwortete mit gefalteten Händen: » Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus .« Und wieder der Alte: » Ecce ancilla Domini, fiat mihi secundum verbum tuum .« Und nochmals die Antwort: » Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus .« Und zum Letzten der Alte: » Et verbum caro factum est et habitavit in nobis .« Da jubelte die Stimme des Kaplans auf: » Salve Regina, mater misericordiae. Ave, ave Maria! « und die Angelusglocke läutete weiter und weiter und erfüllte die ganze Umwelt mit unendlichem Wohllaut. – Ja, nunmehr ging alles seinen geregelten Gang und seine vorschriftsmäßige Ordnung. Das Nebensächliche fügte sich dem Nebensächlichen ein, das Große dem Großen und Größeren, und so kam ein harmonisches Ganze ins Tönen, das mit Abendfeierglockenklang über Huisberden dahinläutete, als wäre mit dem Einzug des jungen Kaplans der Engel des Lichtes unter die Menschen getreten. In der Nähe des Pastorats hatte er eine traute Wohnung gefunden, groß genug, ihn und später seine Mutter zu bergen, die sich innigst drauf freute, ihrem Jüngsten den Herd zu errichten und den eigenen Rauch zu betreuen, denn mit der Heirat Reiners wäre sie doch mehr oder weniger entbehrlich im Forsthaus geworden. Das sollte so nach der diesjährigen Ernte geschehen, wenn die Mieten eingebracht waren, die Kartoffelfeuer über die Äcker hinschwelten, die ersten Schneegänse hoch mit den Winden zogen und in den kühlen Lüften dahertrompeteten. Bis dahin fand Klemens Verpflegung im Pastorat, und Engelke Stappers hatte nicht Hände und Arbeit genug, ihm seine Wohnung so behaglich wie nur möglich und gleichsam zu einem priesterlichen Schmuckkästlein erster Ordnung auszugestalten. Nichts fehlte. Das ewige Lämpchen neben der Madonna von dem Nazarener Franz Ittenbach war allzeit gesättigt, der gipsene Korpus des Herrn über der Kirschholzkommode stets mit einem geweihten Buchsbaumzweiglein versehen, die Gardinen blinkten mit jedem Morgen so freundlich auf die Straße hinaus, als wären sie auch mit jedem neuen Morgen frisch von der Bleiche und direkt vom Bügelbrett her an die Fensterrahmen gezaubert. Zu dieser Werktätigkeit fühlte sie sich heilig verpflichtet, denn als Gattin des Küsters und Kantors, als mit der Mutter Auwater befreundet, hatte sie das herzinnige Gefühl, so handeln zu müssen, zumal Klemens zu den jungen, aparten und sieghaften Naturen gehörte, die sie allzeit mit einer gewissen Zuvorkommenheit respektierte. So war nun einmal Engelke Stappers. Als eine noch immer annehmbare und zutunliche Frau liebte sie es, der Jugend beizustehen und den frischen Männern etwas von ihrem übervollen Herzen abzugeben, ihnen die dornenvollen Pfade zu ebnen, besonders ... Ja so! es ließ sich nicht abweisen: der neue Kaplan erinnerte sie in seinem Aussehen, in seinem ganzen Tun und Gehabe an Gisbert Kreuzwendedich Riswyk, wenn er auch jünger war, jünger, viel jünger, im übrigen aber: dasselbe Gesicht mit der heroischen Nase, das Stille und Insichgekehrte, das nämliche Draufgängertum, wenn es die Stunde erheischte, kurz, Gisbert und Klemens gingen für sie ineinander über wie zwei Lebewesen, die sie kaum noch zu unterscheiden vermochte, so bodenständig kamen sie ihr vor, so mit allen Zweigen und Masern verwachsen, daß sie selber darüber erstaunte, wenn sie sich mit diesen beiden Männern beschäftigte. Was sie bei Severin vermißte, mußten ihr diese ersetzen, aber im lautersten Sinne, gewissermaßen mit den Segnungen des Agnus Dei behaftet. Sie konnte dabei getrosten Herzens die lauretanische Litanei herbeten, ohne in die Anfechtungen des Fleisches und in die der Versuchung zu fallen. Engelke Stappers war rein in Gedanken, in Worten und Werken, nur stolz darauf, dem jungen Geistlichen die heimatlichen Gefilde eröffnet zu haben. Ja, wäre sie mit der rauhen Kamelschur umkleidet gewesen, hätte sie den Stab in der Rechten geführt, sich lediglich mit Heuschrecken und wildem Honig gesättigt, sie hätte sich für den Rufer in der Wüste und an den Gestaden des Jordans gehalten, bestellt und gesetzt, der Welt das Heil zu verkünden; denn ohne ihre Fürsprache und ihr gediegenes Zutun wäre Herr Jakobus Johannes Aegidius Hommersum nicht so ohne weiteres auf Klemens verfallen, hätte das Generalvikariat in Münster nicht seinem Ansinnen Folge geben können, wäre der Primiziant schwerlich in der Lage gewesen, seine Primiz im hiesigen Kirchspiel abzuhalten. Also sie, Engelke Stappers, war vollauf berechtigt, den Kopf höher zu tragen, sich straffer in die volle Bluse zu legen und sich zu beglückwünschen, ihrer engeren Heimat einen tapferen, deutschgesinnten und unerschrockenen Seelenhirten geliefert zu haben. Heilo! sie wußte: nun steht ein Glaubensstarker auf weiter Flur, um die in die verbotenen Lupinenfelder abgeirrten Schafe wieder auf die regelrechte Weide zu führen ... nun predigt einer von der Kanzel herunter: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen ... nun geht einer über die Äcker, um die geworfenen Schollen mit heiligem Salböl zu salben ... nun ist einer gekommen, der nicht mit den Umstürzlern in dieselbe Kerbe hineinhaut. Heilo! ein geradliniger und straffer Mann ist erschienen, der auch im Geiste das Ehrenkleid eines Aufrechten trägt, ein Kämpfer und Streiter. Heilo! denn unser Herr und Erlöser ist auch so ein kämpfender Recke und Streiter gewesen. Er trat in die entweihten Hallen des gewaltigen Tempels und regierte die Geißel. Heilo! und wußte sie mächtig zu schwingen. Er striemte sie über die Pharisäer und Zöllner, über die Nichtstuer und Lauen und all das Ungeziefer, das nichts weiter zu tun hatte, als sich an den letzten Überbleibseln des ausgehungerten Volkes fett und rundlich zu fressen. Heilo und Hosianna dem, der gekommen ist im Namen dessen, der da aus der Wetterwolke spricht, mit den Gläsern säuselt, von dem Schmelz und der unermeßlichen Wunderpracht eines Schmetterlingsflügels verkündet!... und so ging Klemens durch sein neues Kirchspiel und waltete vorbildlich seines heiligen Amtes und erfreute sich innig seiner engeren Heimat. Ja, es ging alles seinen geregelten Gang und seine vorschriftsmäßige Ordnung, das Nebensächliche fügte sich dem Nebensächlichen ein, das Große dem Großen und Größeren, und so kam ein harmonisches Ganze ins Tönen, das das weite Land und die unabsehbare Heide bis über den stillen Reichswald hinaus mit seinem anheimelnden Singen und Sagen erfüllte. Über das Försterhaus kamen selige Tage. Mutter Auwater war wunschlos geworden. Ihr Glücksgefühl verstieg sich bis in die höchsten Noten hinein. Schon jetzt wähnte sie sich im Himmelreich, unter dem geheimnisvollen Wuchteln von Engelsfittichen ihre Zeit zu verbringen, und wenn sie Sonntags nach dem Hochamt auf Engelke Stappers stieß, dann ging sie allzeit getragenen Herzens und erhobenen Hauptes nach Hause, denn diese wußte ihr immer etwas Hohes und Liebes über ihren Jüngsten zu sagen. »Nein, meine liebe Frau Auwater, dieser göttliche Jüngling! So in seiner ganzen Weihe und herkulanischen Forsche die heilige Messe zu lesen, von der Kanzel herunter das Wort Gottes zu predigen – das ist doch über alles Erwarten: Männlichkeit und Priestertum in einem Atem zusammengenommen. Die weiblichen Anzüglichkeiten können nicht besser bedient werden. Wenn ich ihn anhöre, muß ich immer des Wortes gedenken: Heb' die Augen, das Gemüte – Sünder, zu der Kanzel hin, denn sein Gebet ist werktätige Arbeit... und in der werktätigen Arbeit wohnt Gott... und Gott verkörpert die heiligste Dreifaltigkeit bis zum äußersten Hinnehmen ... und das ist doch die Menschenmöglichkeit selber.« So wurde durch Engelke Stappers eine Mandorla gesponnen, die ihn mit tausend und abertausend Strahlen und Strählchen umzüngelte, ihn verklärte, geachtet machte in seinem Kirchensprengel und weit darüber hinaus, und wahrlich, Klemens verdiente es reichlich, durch eine solche Mandorla zu schreiten, sich von ihren Perlenreihen schmücken zu lassen. Aber er tat es mit Einfalt, im Hinblick auf seine ihm übertragene Mission, die ihm auferlegte, Verpflichtungen leichter zu tragen, der Hinterhältigkeit und Treulosigkeit den derben, aber gerechten Priesterschuh in den Nacken zu setzen. So gedachte er, den Schutzpatron des Ortes zu ehren, seiner Fürbitte gewiß zu sein und im Interesse des Ganzen ein gedeihliches Leben in der Gemeinde anzubahnen, ausgefüllt durch Gebet, Arbeit und Heldenverehrung. »Das unterfertige ich mit meinem Kirchensiegel,« sagte Jakobus Johannes Aegidius Hommersum. Dazu machte er das Zeichen des heiligen Kreuzes: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.« Jakobine kam häufig herüber. Ihr Erscheinen war jedesmal ein Fest und eine hohe Freude in dem friedlichen Anwesen. Ihr Kommen bereitete ein stilles Genießen, verstattete dem lieben Sonnenlicht, selbst in den verschwiegensten Winkel zu dringen. Sogar das Heimchen hinter dem Herd wagte sich auf die äußerste Holzbeige hinauf und geigte auf seinem Violinchen ihr das hochgestrichene C in die allerliebsten Mäuseöhrchen. Mit Klemens ging sie einig bis zum letzten Faden, wobei er nicht Worte genug fand, sie im stillen und vor den Menschen zu preisen. Er erkannte in ihr die Auserwählte, von der die Sprüche erzählen: »Wohl dem Manne, der eine solche gefunden. In ihrem Schatten ist gut wandeln. Sie tut ihm Liebes, dahingegen kein Leides sein Leben lang. Sie streckt die Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie macht ihm die langen Werkeltage kurz, die Sonntage hingegen zu hochheiligen und ausgereiften Sonntagen. Holdseliges Weib, du! Dein Mann wird berühmt in den Toren durch dich, wenn er sitzt im Rat unter den Ältesten des Landes...« und in weihevollen Stunden geschah es, daß er ihr sagte, was er ihr bereits bei der Primiz ans Herz gelegt hatte. Vornehmlich dann, wenn das Rotkehlchen anhub, seine stille und weltenferne Weise auszuspinnen. Dann erhob er sich im Beisein der Mutter, im Beisein des Bruders in seiner ganzen apostolischen Würde und Reinheit und sagte: »Jakobine, hoffe und harre und sei getröstet im Herrn, denn wenn die Herbstfrucht herein ist, eure Herzen sich ewiglich binden – ich werde deine Hand in die seine legen, auf daß er dir die Treue halte, dich achte und ehre, dich hochhalte unter den Frauen des Landes, bis der Herr ihm gebietet: Bette dein Haupt in die Kissen. Deine Zeit ist erfüllet.« »Ach – Klemens ...!« und Mutter Auwater weinte still vor sich hin. Reiner aber ergriff seine Hand und drückte sie, wie man die Büchse angreift, sie anbackt, um Korn und Kimme auf ein edles Ziel zu richten: »So soll es geschehen. Ich danke dir, Bruder.« Das Forsthaus aber lag unter dem goldenen Schein eines leuchtenden Tages. – Um diese Zeit hatten die Heckenröschen ihre rosinfarbigen Tellerchen völlig aufgedeckt. Selbst die letzten Knospen legten sich still auseinander. Am schönsten blühten sie an den Ränften des Reichswaldes, in den Salweidenbeständen bei Huisberden, auf dem Emmericher Eiland. In diese Idylle hinein bellte ein Schuß. Bald darauf ein zweiter – und schließlich ein dritter. Sie fielen kurz und scharf hintereinander, nicht weit von Huisberden, an der Kuratengrenze und in der Gemarkung, woselbst sich die von Michel Virgilis seinerzeit erzählte amüsante Geschichte von Phöns, Hendrintje und Doortje abgespielt hatte. Aber zum Kuckuck nach mal! Der Jagdherr, Michel Virgilis, hatte zweimal gefehlt, ganz hundsmiserabel gefehlt, und dabei »Gottverdammich!« gerufen. Reiner war wegen mangelnden Gesichtsfeldes nicht einmal zum Anbacken gekommen. Gisbert Kreuzwendedich Riswyk jedoch... mit einem Schnappschuß hatte er einen guten Sechser weidgerecht in den grünen Hafer geworfen. »Hallo, horrido!« Der Fichtenbruch steckte ihm bald darauf am verschweißten Filzhut. Im Herrgottswinkel des ›Goldenen Ankers‹ wurde das gezeitigte Resultat gebührend begossen, wobei der Jagdherr nicht umhin konnte, dem Rüben- und Knollenbaron die dicksten Kartoffeln unter die Nase zu halten, hingegen sein eigenes Pech unter den größten Jauchekübel zu setzen. »Jawoll, Euer Hoch- und Wohlgeboren, ich mit meiner ausgeknobelten Pechspezialität und Ihr mit den immer fetten Baronskartoffeln, das ist schon dazu angetan, um mit 'nem gewissen Doktor in Kleve rund um den Narrenturm zu fliegen und den ausgesuchtesten und dämlichsten Mistus in die Welt hinauszutrompeten,« was den Borgheeser aber veranlaßte, ihm auf die Schulter zu klopfen und geziemend zu sagen: »Bravo, mein Junge! Vom Goldkorn versteht Ihr schon was, auch 'ne Punschbowle richtig herzurichten, sie sachlich auf den Tisch des Hauses zu stellen – auch diese Fähigkeit wird Euch in allen Ehren zugebilligt, aber von der edlen Jägerei habt Ihr 'ne Ahnung wie besagter klevianischer Doktor von der löblichen Schreibkunst. Seine Elaborate sind Hofgang- und Hüskenprodukte.« » Capisco ! Hab' ich auch schon gesagt,« und Michel Virgilis lachte, daß sich ihm die Schwarte abledern wollte. »Euer Hoch- und Wohlgeboren treffen doch immer das Köpfchen von 'nem fünfzölligen Zimmermannsnagel.« » Merci , und wohl bemerkt, denn ich sehe: Euer Liebden goutieren ein kleines Späßchen. Gott lohn's Euch. Im übrigen schadet es dem Kappes nicht, wenn der Jagdherr auf seinem eigenen Grund und Boden nicht immer alle Neune herunterkegelt. Aber, aber... unser Neidgenosse von der grünen Farbe, mein Kamerad und Kampfgenosse im äußersten Westen, der, Seite an Seite mit mir, sich stündlich darauf gefaßt machen mußte, für Kaiser und Reich in den grauen Sand oder in das graue Wasser zu beißen, dem hätte ich zu gerne den heutigen Fichtenbruch vergönnt, schon um der Kameradschaft willen bei den Schleusen von Ypern.« »Herr Baron...!« »Warten wir ab,« und Gisbert Kreuzwendedich Riswyk hielt ihm sein Glas hin. »Auf Borghees, nicht weit von der holländischen Grenze, steht ein Kapitaler zwischen den Schilfkaupen, ein Schwarzer, ein ungerader Achter, ein ausgemachter Urian. Der wartet auf Sie. Außerdem hofft die Gräfin Kolbe von Wartenberg baldigst auf gütigen Zuspruch. Also, meine Herrschaften, wenn die Heckenrosen dahin sind und die Gartenrosen sich in voller Blüte befinden...« »Herzensbaron,« fiel ihm Michel Virgilis ins Wort, »wir lassen uns nicht lang invitieren. Sonder Rosinne en Pöntjes, wir warten auf Order. Weiß der Kuckuck noch mal! der Rüben- und Knollenbaron hat doch seine verdammten Meriten. Hallo, horrido!« und zum guten Beschluß des heutigen Tages ließ er sich einen Semper idem , einen Bonekamp of Magenbitter, anpräsentieren, um ihn sanft und selig hinter die Binde zu gießen. * Die Heckenröschen hatten ihre köstlichen Tellerchen verstreut, ihre vornehmen Schwestern hingegen sich in voller Blüte ausgetan. Auf Borghees stand das Rosarium in einem märchenhaften Rausch von wollüstigen Kelchen, als hätte eine gütige Fee die Gärten von Schiras in diesen verlorenen Erdenwinkel übergeleitet. Auch in Grieth flankierten zwei mächtige Rosenbüsche den Eingang, der zum Anwesen des Kapitäns Hemskerk führte, zwei kapitale Bauernsträuße, mit pausbackigen Zentifolien überschüttet, die in bester Laune die sogenannte ›Gute Stube‹ durch die blankgeputzten Scheiben beäugelten. Hier gab's was zu sehen. Alles blitzte man so: der große Spiegel mit den beigesteckten Pfauenfedern, die Musselingardinen und Schildereien, die Glasservante mit den Porzellanraritäten aus Delft, die hochlehnigen Binsenstühle, der Dreimaster unter der niedrigen Balkendecke, ein Meisterstück Hemskerks, an dem er drei lange Winter hindurch herumgebosselt hatte, auch sonstige Dinge, die von seinen weiten Reisen erzählten ... und die neugierigen Zentifolien sahen: der Alte war zu Hause, um sich für eine längere Tal- und Bergfahrt vorzubereiten. Mit seiner Tochter und Reiner saß er beim Kaffee, schon dabei, sich 'ne Tonpfeife anzubrennen. Letzterer hatte es sich nicht nehmen lassen, den freien Sonntagnachmittag bei seiner Braut zu verbringen. Eine köstliche Sommerbrise schmeichelte sich in das Zimmer. Der Rhein blaute herauf, weiße Wolken, leuchtend wie geputzte Zinnkasserollen, übersegelten den Strom und die weiten Liegenschaften, die die hauptsächlichen Besitztitel des Hausherrn ausmachten, reichlich besetzt mit smaragdgrünen Teppichen und mastigen Runkelrübenfeldern. Er selber schmunzelte, freute sich seiner einzigen Tochter und seines schmucken Besitzes, als schwere, majestätische Schritte die Rheinstraße heraufkamen und über die Schwelle in den Hausflur rumpelten. Dann wurde angeklopft. »Engtree!« und Michel Virgilis Tappert, der bis dato den Grundsatz vertrat: » Vivo ut bibam, non bibo ut vivam ,« schob seine zweihundert und dreiunddreißig Pfund klevischen Gewichtes in die Stube hinein, rückte näher heran und pflanzte sich bei dem wohlausgespreiteten Tafeltuch auf. Mynheer Tappert imponierte. Im Samtjackett, den mächtigen Castorhut, von dessen Rand sich eine pielgerade Fasanenfeder aufsteilte, über die graue Keilerschwarte gezogen, so stand er, machte Reverenz, warf den rechten Zeigefinger an die Krempe und sagte, indem er einen stattlichen Brief mit einem freiheitlichen Petschaft in seiner Linken auf- und niederbewegte: » Salve! Anch' io sono pittore . Daneben auch Schankwirt am Krantor in Emmerich. Dieses heute nur in Parenthese gesprochen, denn ich komme als Sendling, gewissermaßen im Auftrage meines Freundes und Gönners, dessen Kavalierscheitel Gottes Sonne bescheinen möge für immer und ewiglich.« »Bravo!« rief Hemskerk. » Merci ,« entgegnete Tappert. Er ließ den Zeigefinger wieder fallen und sagte: »Bevor ich mich selbst invitiere oder invitieren lasse, mich an den trefflich assortierten Kaffeetisch zu setzen, wohlbestellt mit Korinthenwecken, Spekulatiusmännchen, Janhagel und Nymwegener Moppen, habe ich an die Präsenz des hochwohllöblichen Hauses Hemskerk 'ne angenehme und bekömmliche Botschaft zu richten. In nomine des Herrn Barons Gisbert Kreuzwendedich Riswyk – sie lautet: Gegeben Haus Borghees. Viellieber Zapfer, Pünschler und Trautgeselle in Sancto Huberto! Ich wende mich in vorliegender und dringlicher Sache an Euer Liebden, weil ich mich des Glaubens hingebe, in Euch den besten Fürsprecher und Interpreten gefunden zu haben.« »So ist das,« unterbrach sich Mynheer in selbstgefälliger Weise, um dann weiter zu lesen. »Ihr wißt doch, Maestro: aus Euern wenig ergiebigen Jagdgründen, gelegen im Kirchspiel von Huisberden, genau auf dem Acker, der sich rühmen durfte, die Geschichte mit Phöns, Hendrintje und Doortje erlebt zu haben, wo Ihr den guten Sechser verfehltet, dann hinterher im dasigen ›Goldenen Anker‹, woselbst Ihr nicht umhin konntet, Euch einen Semper idem zu genehmigen, haben wir bereits die fragliche Angelegenheit im großen und ganzen besprochen und umrissen. Heute nun komme ich darauf zurück und möchte Euch, dem Herrn Kapitän, seiner hochgemuten Tochter und meinem Kriegsgefährten an den verheerenden Schleusen vor Ypern und Dixmuiden folgendes unterbreiten. Dem Herrn von der grünen Farbe zur Kenntnis: seine Birsch ist höchlichst erwünscht. Auf Borghees platzt jetzt der Kapitale, der ungerade Achter, zwischen den Schilfkaupen, als wäre er vom leibhaftigen Gottseibeiuns besessen. Ihm die weidgerechte Kugel aufs Blatt zu setzen, ist Angelegenheit meines Kriegskameraden. Weidmannsheil und herzlich willkommen! Der Kapitän soll sich meiner Bouteillen annehmen. Sie harren des Pfropfenziehers, einer ausgepichten und ergiebigen Kehle. Profiziat und auf ein fröhliches Trinken! Auf Demoiselle Jakobine warten die Rosen. Alle Rosen auf Borghees, alle in Lauben und Hecken, auf Rabatten und Rainen – alle freuen sich darauf, der Herrin des Niederrheins mit ihren köstlichsten Düften zu huldigen. Außerdem: die schöne Gräfin Kolbe Wartenberg läßt grüßen. Sie ist gerne bereit, den Preis mit Demoiselle zu teilen, und somit: im Namen aller Damaszenerrosen und der sonstigen Rosen – auf Borghees nächsten Mittwoch herzlichst willkommen. Es sollen richtige Sonnenscheinstunden werden. Also, alter Junge, besorgt mir den Auftrag. Immer zu Dank und Gegenleistung verpflichtet. Riswyk.« Michel Virgilis ließ den Schriftsatz herunter. Triumphierend sah er über den Tisch hin. Er salutierte: »Hört, hört! So 'n Kavalier weiß seine Freunde nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden. Die Finger des Staates greifen unverfroren in jedermanns Taschen, poweren sie ratzekahl aus, die des Barons hingegen wissen zu geben, und nicht nur zu geben, sondern dies Geben auch mit 'ner beachtenswerten Noblesse zu vereinigen. Kurzum, in der Spiegelscheibe der Geschichte wird sich eine solche selbstlose Invitation widerspiegeln müssen. Ich habe gesprochen.« Erst Mäuschenstille. Hierauf wandte er sich an die grüne Farbe: »Was, Reiner, so 'n Kapitaler, so 'n ausgetragener Urian, ohne Verletzung des Kurzwildbrets, also einer mit mächtigen Stangen und sonder Perücken, ist nicht alle Tage vor Korn und Kimme zu kriegen... und solche Bouteillen, Kaptän... und solche Rosen, Mamsell...! Also, meine Herrschaften,« und er setzte sich schwer an den Tisch hin, direkt neben Jakobine, »sonder Besien en sonder Rosinne en Pöntjes, was soll ich für 'ne Meldung überbringen?« Jakobine verfärbte sich, wollte Einwendungen machen, wandte sich an den Geliebten und fragte ihn heimlich: »Wie denkst du darüber?« »Ich...?!« fragte dieser. Der ungerade Achter stieg ihm heiß in die Kehle. Sein Weidmannsherz pochte und hämmerte. »Blexem und Donnder!« fiel der Alte mächtig dazwischen. Dabei stieß er einen Pfiff aus wie der Klabautermann zwischen der Takelage. »Natürlich, Reiner denkt so wie ich, wie du und Michel. Wir sind doch keine Pottfische. Selbstverständlich: gemeinsame Fahrt und gemeinsame Pläsierlichkeiten. Sonst Fixfeuer auf unsere dämlichen Köppe. Wir müssen doch dem Baron, dem Kapitalen in den Schilfkaupen, seiner Honorigkeit und den prächtigen Rosen die Ehre erweisen. Nicht, Jakobine?!« Jakobine sah verloren ins Leere. Aber sie nickte, wenn auch mit einem schmerzlichen Lächeln. »Dann befände sich alles in bester Butter,« triumphierte Michel Virgilis, langte zu und genehmigte sich ein delikates Schälchen. »Meine Spezialitat, diese Angelegenheit geleistet zu haben,« dachte er glücklich und tauchte ein Nymwegener Möppchen mit geberischer Spendierlaune in die duftige Kaffee- und Milchbrühe. Zwölftes Kapitel Ein blaugoldener, fast überirdischer Sommertag, so schön wie aus dem schönsten Kapitel der Apostelgeschichte genommen, legte sich über die Niederung. Hätte sich diese blaugoldene Kuppel über Almenrausch und Edelweiß hingespreitet, man hätte sie eine enzianblaue Himmelskuppel geheißen... und unter dieser enzianblauen Himmelskuppel lag Borghees, das graue, von schattigen Lauben und düsteren Kastanien umgebene Haus Borghees, aber Borghees in Rosen. Schon von weitem flackerte und flammte einem ein Farbiges und Bewegliches entgegen. Rosen, überall Rosen! Sie kletterten an den Wänden empor, paradierten auf zirkelrunden Rabatten, gliederten sich in langen Reihen nebeneinander, verloren sich ins Unermeßliche, wohin das Auge nicht mehr folgen konnte. Über das alles hauchte ein Duft von köstlichen Essenzen und Narden, als hätten sich die Rosengefilde von Saron auf Haus Borghees, das einst die gefeierte Gräfin Kolbe von Wartenberg bewohnt hatte, ein Stelldichein gegeben. »Hoidoho!« Zur angegebenen Zeit trafen die geladenen Gäste dort ein. Michel Virgilis konnte es nicht unterlassen, gleich beim Einreiten, wie er sagte, einen kräftigen niederrheinischen Jauchzer über Borghees und seine märchenhaften Rosenwunder zu jodeln. »Hoidoho! Seid mir gegrüßt, ihr gesegneten Hallen, sei mir doppelt und dreifach gegrüßt, du gastlicher Knollen- und Rübenbaron, dem es vergönnt wird, so erlauchte Gäste in seinem sweet home , auf seinem erlauchten Edelsitz bewirten zu dürfen. Euer Hoch- und Wohlgeboren, wir melden uns zur Stelle, als da sind: Kaptän Hemskerk und Tochter, Reiner und ich, honette Leute, die beanspruchen können, als solche empfangen und behandelt zu werden. Hoidoho! Hoidoho!« und er schwenkte seinen Castorhut, als müsse er, gleich einem Taschenspieler und Schwarzkünstler, aus dieser stolzen Kopfbedeckung, wenn auch keine Kaninchen, endlose Seidenbänder und singende Kanarienvögel, so doch seine helle Freude über die duftigen Rabatten, Laubengänge, Wiesen und Schilfkaupen hinzaubern. Unter diesem ›Hoidoho‹ gingen sie durch die breite Kastanienallee dem alten Herrenhaus zu, nachdem sie den kurzen Spaziergang von Emmerich bis dorthin frohen Herzens und in getragener Stimmung zurückgelegt hatten. Michel Virgilis, der bereits mehrere Male seinen Fuß auf diesen historischen Grund und Boden setzen durfte, ohne bis ins Allerheiligste vorgedrungen zu sein, gab den Führer ab und erklärte mit merkwürdiger Sachkenntnis den Werdegang dieses eigenartigen Sitzes, die seltsamen Geschehnisse, die sich in seinen Räumen abgespielt hatten. Er hielt ihn und seine Umgebung für einen orbis pictus , durchflötet von Singdrosseln und Pfingstvögeln. Dann kam er auf den eigentlichen Zweck des Tages und die Ausnutzung der gegebenen Stunden zu sprechen und sagte: »Es geht jetzt auf sechse. Kühlung setzt ein. Zeit und Stunde sind da, frohen Gemütes genießen zu dürfen. Wie ich meinen Freund und Gönner eintaxiere, wurde von ihm folgender Schlachtenplan entworfen: Der junge Herr in grüner Watt,« und er klopfte Reiner vertraut auf die Schulter, »wird sich sofort unter Führung unseres geneigten Freundes auf den Ansitz begeben, um sich des zugesprochenen Kapitalen zu vergewissern. Währenddessen werden wir ablegen, das Engere und Weitere in Augenschein nehmen, hierauf unter sachlicher Anweisung des inzwischen zurückgekehrten Herrn die ehrwürdigen Räume besichtigen, der Gräfin von Kolbe, ein Meisterwerk von Hyacinthe Rigaud, einen Besuch abstatten, und dann ... Ja, dann fällt ein Schuß, weit drüben bei den einsamen Birken ... und last not least , meine Herrschaften, kommt der Clou des Abends: wird das Schüsseltreiben beginnen. Sonst ein schlichter und einfacher Kavalier, in dieser Beziehung hat Gisbert Kreuzwendedich Riswyk seine eigenen Ansichten.« Er stellte Daumen und Zeigefinger preziös gegeneinander: »Nicht nur prima, sondern alles primissima Klasse. Was weiter geschieht, wie wir schließlich nach Hause gelangen, wollen wir getrost dem lieben Herrgott, dem Gastherrn, den Rosen, der Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg, dem Schüsseltreiben und den beigegebenen Weinen überlassen. Hoidoho! Hoidoho!« und wieder schlug der filzige Castorhut eine majestätische Volte. » Avanti !« An dem weiten Portal, aus bereits abgebröckeltem Sandstein und holländischen Klinkern gefügt, dessen Bekrönung sich als Wappen der einst gefeierten Reichsgräfin auswies, erhob sich die Gestalt eines korrekten und schwarzgekleideten Herrn, dessen tadellos sitzender Frack in stilvoll gearbeiteten Eskarpins und ebenso stilvoll gearbeiteten Schnallenschuhen seinen Abschluß fand. In dem glattrasierten Gesicht lagen die undurchdringlichen Augen wie Eislichter, wagte es nicht ein einziges Fältchen, sich auch nur in etwa zu rühren. Es erinnerte an das eines englischen Diplomaten, dem es oblag, sein Land zu vertreten und die Interessen der übrigen mit der bewunderungswürdigen Ruhe eines Stoikers gelassen und als völlig belanglos unter den Tisch des Hauses fallen zu lassen. Der Mann imponierte. Michel Virgilis verständigte seine Begleitung. »Alphons!«flüsterte er mit heimlichem Augenzwinkern, »ein wertvolles Überbleibsel des seligen Erbonkels mit dem Monocle und den strengen Grundsätzen. Der Baron und Rübenkavalier macht es nobel. Er tut es nicht anders,besonders jetzt nicht, wo Mademoiselle Jakobine ... Pst!« und zu dem tadellosen und korrekten Mynheer am Eingang gewendet: »Na, Alphons, wo bleibt denn sein Herrchen?« »Der Herr Baron,« erwiderte dieser mit einer kaum wahrnehmbaren Neigung des Kopfes, um die ihn der erste Kammerherr in der Hofhaltung von ›ons Wilhelmintje‹ beneidet hätte, auch hätte beneiden können, »der Herr Baron lassen sagen, er befände sich bereits beim Ansitz, um den zugesprochenen Bock zu bestätigen. Der Gärtner Spiridon wird den Herrn in der grünen Farbe an Ort und Stelle begleiten. Waffe, Munition und Glas sind vorhanden. Nichts mangelt. Ich selber,« und wieder die kaum wahrnehmbare und korrekte Neigung des Kopfes, »habe bis zur Rückkehr des Herrn Barons die Ehre, die übrigen Herrschaften mit der nächsten Umgebung, den verschwiegenen Partien, den Rosarien und den sonstigen Anlagen des Parkes bekannt zu machen. Die letzte Führung bis zum Souper möchte der Herr Baron unter allen Umständen selber übernehmen. Wenn ich also bitten dürfte ...« und sein schmaler Mund klappte zu wie die stählernen Bügel eines geizigen Portemonnaies, von nun an gesonnen, nur noch das Allernötigste zu verausgaben, beziehungsweise in Zahlung zu nehmen. Im allgemeinen schien für ihn Zurückhaltung, Interessenlosigkeit und absolutes Schweigen geboten. »Wie ich sagte,« bestätigte Michel Virgilis, »bis auf den letzten Schnirkelschnörkel ganz mein dargelegtes Programm. Also los denn dafür. Legen wir ab. Reiner, avanti ! und wir zu den Gärten und verschwiegenen Laubengängen. Aber die Rosen werden sich wundern, denn eine Rose wie Jakobine Hemskerk, die Rose der Rosen ...« »Michel, verdreh' mir meiner Herzensmamsell nicht den Kopp,« lachte Hemskerk und legte seinen Arm in den seines Freundes. Hierauf traten sie ein in das verwunschene Haus, das einst die berückende Gräfin Kolbe von Wartenberg bewohnt und durchliebt hatte. Unter dem Wappen stand das vielsagende Wort ›Salve‹ gemeißelt. * Ein leichtes Glühen stahl sich bereits durch die schweren Sommerkronen der Bäume, als Gisbert Kreuzwendedich Riswyk Alphons ablöste und nunmehr seine Gaste bat, vor Beginn des Soupers noch ein Gläschen Madeira auf der Veranda einzunehmen. »Na endlich,« freute sich Michel Virgilis, »denn jetzt wird sich zeigen, wo Barthel seinen Most holt, bei mir oder bei meinem Grog- und Punschkollegen, dem gebietenden Herrn auf Borghees.« Er dachte dabei an die Bilder, an seins und an das, was Gisbert über den grünen Klee gepriesen und als ein Meisterwerk aus dem Sündenbabel von Hyacinthe Rigaud hingestellt hatte. Er zupfte Riswyk heimlich am Ärmel. »Wollen Euer Hoch- und Wohlgeboren nicht gütigst geruhen, uns nunmehr mit der Reichsgräfin bekannt zu machen, so lange uns der Herr über Helle und Finsternis noch so viel Tageslicht verstattet, ihre Schönheiten geziemend in Augenschein zu nehmen?« »Aber keine Neidhammelei,« kam es schmunzelnd zurück, »wenn sich Balthasar Denner eingestehen muß: Gegen diesen Hyacinthe Rigaud bin ich als Waisenknabe anzusprechen. Mein Pinsel ist gut, aber der von meinem Kollegen ist tausendmal höher zu bewerten.« »Wird sich ergeben.« »Jawohl, wird sich ergeben, denn ich sagte Euch schon: Nicht lange mehr, und Euch wird in dieser Hinsicht der Tag von Damaskus erstehen. Ihr werdet an die Brust schlagen und Reue und Leid erwecken.« »Immer man sachte. Erst sehen, dann ist es noch immer Zeit genug, sich in ein Mauseloch zu verkriechen.« Der Gutsherr machte eine einladende Handbewegung, den Blick auf Jakobine gerichtet: »Demoiselle, darf ich bitten ...« und dann zu Hemskerk gewendet: »Herr Kapitän, ich glaube, Sie haben auch ein gewisses Interesse?« »Aber natürlich! Warum nicht? Soll mir angenehm sein, denn unsereins war niemals Kostverächter, ist niemals in 'ner schmalzigen Frömmelei über Bord gegangen. Dafür bin ich zu oft in die Korte Hoogstraat en onder de Boompjes van Rotterdam gewesen.« Und wieder die sanfte Bewegung von Seiten Riswyks. Zur Linken Jakobinens machte er den Führer, trat von der Veranda in die teils heiteren, teils düsteren Gemächer, die von Urvaterhausrat erzählten, angefüllt mit Raritäten und Absonderlichkeiten, die der Erbonkel Gideon Riswyk, der zugeknöpfte und sittenstrenge Herr mit dem Einglas, dem Angestammten aus verklungenen Tagen hinzugebracht hatte. Der Odem der Reichsgräfin wehte durch die Räume, berührte die Anwesenden mit dem feinen Duft nach Puder und Lavendelwasser. Sie fühlten ihre Nähe, das Knistern des Reifrockes, das kaum wahrnehmbare Schreiten ihrer Stöckelschühchen. »Jetzt!« sagte Michel Virgilis. Er fuhr sich durch seinen angegrauten Knebel mit der heiteren und dennoch würdigen Gelassenheit eines vorderindischen Gottes. Unbeweglich wie ein spanischer Grande in Schwarz aus dem herzoglichen Geschlecht der Medina-Celi, dem allein das Recht zustand, die heilige Fahne des Großinquisitors zu tragen, stand einer seitlich der Türe, deren Schwelle mit einem dunklen Teppich belegt war. Riswyk hob kaum merklich die Hand. »Alphons!« sagte er leise. Da öffnete dieser lautlos die Flügel, trat seitwärts, um ebenso lautlos, gleich einem düsteren Schemen, in das Nichts zu zerfließen. Eine große Stille breitete sich aus. Ein intimer Raum, wenn auch vergilbt und mit dem Zeichen eines leichten Verfalles umsponnen, wies dennoch den ganzen Reiz auf, der dem galanten Zeitalter anhaftete, gehoben durch die zartgewobene Helle des Abends, die mit geheimnisvollen silberigen Lichtern durch die hohen Fenster spielte. Draußen stand der Tag im letzten Scheinen und Glänzen und zeichnete seine Schlagschatten in die Baumpartien hinein, die Borghees in weitem Kreise umzingelten. »Mein Gott, wie schön...!« Jakobine stand wie angewurzelt. Ein Kälteschauer rieselte über sie hin. Riswyk war dicht an ihre Seite getreten. Dann umriß er das Bildnis mit seiner schlanken und doch stählernen Rechten. Er erklärte mit eindringlichen Worten, was er bereits Michel Virgilis in der Torschenke dargelegt hatte. Nur seiner und mit dem plaudernden Ton eines kundigen Interpreten: »Die Reichsgräfin und doch nicht die Gräfin... Vielmehr ... aber das später... Ich bitte darum, den Einzelheiten begegnen zu wollen: ganz Weib, ganz Hingebung. Keine Krinoline, kein Kopfputz à la Marie Angélique de Scoraille de Rousille, Herzogin von Fontanges... ohne Brabanter Spitzen und Bänder... mit einem Wort: frei von allen störenden Zutaten. Hingegen dafür: dem schaumigen Wasser entstiegen... am Strande von Scheveningen ... inmitten von Muscheln und Tritonen... in Schleiern und Nebelschwaden... in ambrosischer Schönheit, selbst das Kleinste betonend... mit Rosenknospen, wie sie nunmehr auf Borghees jung werden. Und dann noch: kein höfischer Zwang ... nichts Angequältes ... kaum noch die gefeierte Dame à la Crébillon, die zu denen gehörte, die das Messerchen Meister Samsons heraufbeschworen und scharf machten. Vielmehr die schlichte Wirtstochter aus Emmerich... das niederrheinische Weib, eigenwillig und voller Gnaden... schön in seiner Größe und Herbe, seiner schmerzhaften Keuschheit: Katharina Rickers... und der sie malte, nannte sich Hyacinthe Rigaud.« Er ließ die Rechte herunter. Ein tiefes Aufatmen war neben ihm. Jakobine fühlte sich abermals von Schauern durchrüttelt. Riswyk wandte sich. »Na, Michel Virgilis...?« »Allerdings, allerdings! Erst heute geht mir 'ne heilige Wachskerze auf. Capisco ! Der Eindruck überwältigt mich. Ich kann es nicht leugnen. Allerhand Achtung. Mynheer, ich geruhe, meinen Hut zu ziehen.« »Also doch. Und Sie, Kapitän...?« Hemskerk kam nicht mehr zu Wort. Ein praller Schuß kläffte von den Schilfkaupen herüber. Alle lauschten. Kein zweiter fiel. »Das war Reiners Geschoß,« konstatierte Michel Virgilis. »Weidmannsheil! Alles in bester Butter, der ungerade Achter liegt auf der Decke, denn ohne denselbigen... Na, wollen mal sehen.« Er trat ans Fenster. Riswyk und Hemskerk folgten. Der Abend sah ernst durch die Scheiben. Die Alleen da draußen standen im letzten Scheinen des Tages, dunkelten ein. Ein mattes Dämmern faserte sich matt durch das Zimmer. Alles Gegenständliche ging sacht ineinander über, ohne die Form zu verlieren. Etwas Hohes und Insichgekehrtes tat sich zwischen den Wänden aus. Die Herren am Fenster unterhielten sich über die Geschichte und die Vergangenheit des Hauses, beobachteten dieses und jenes und verfolgten den Weg, der nach den Schilfkaupen führte, woselbst die einsamen Birken aufragten. Bald mußte er kommen. Jakobine konnte sich noch immer nicht von der Reichsgräfin losreißen, obgleich die Konturen verschwammen und unsicher wurden. Da – wie auf ein stummes Geheiß... Wahrscheinlich hatte Alphons Order empfangen, denn dicht über dem Rahmen des Bildes blitzte eine elektrische Birne hinter einer dunklen Kapsel auf. Ein magisches Licht perlte nieder, zerstreute sich nicht, verklärte ausschließlich das Meisterwerk von Hyacinthe Rigaud. Jakobine zuckte zusammen. »Mein Gott, wie schön!« sagte sie nochmals. Wie in Anbetung stand sie versunken. Die Farben gewannen an Leben. Die Grafin inkarnierte sich. Eine feine Linie lief von den Schultern bis zu den Hüften herunter. Das Fleisch badete sich in dem Gold der untergehenden Sonne, die fern auf dem Meer ruhte. Nebel und zartgesponnene Schleier milderten die Nacktheit dieses schaumgeborenen Weibes, dieser Flutentstiegenen, umrieselt von dem schwarzblauen Vlies ihrer Haare. »Mein Gott, mein Gott!« Jakobine verfärbte sich. Ihr war es, als ob sie Bekanntes erschaute. Wie mit dem Saitenspiel des Hohen Liedes klang es ihr zu: »Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal. Ich bin schön wie Thirza, lieblich wie Jerusalem, schrecklich wie Lanzenspitzen. Meine Brüste sind wie silberne Türme, die der junge Morgen erblühen läßt. Ich will zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel, auf daß du mich schauest. Ich bin wie eine, die das heiße Leben einsaugt, um tausendfältiges Leben wiederzugeben. Meine Lippen sind wie blutende Wunden, die sich deinen Küssen erschließen. Umarme mich, auf daß ich dich habe für ewiglich.« Ihr Blut rauschte ihr zu, sang in den Ohren. Sie konnte nicht irren: in dieser Katharina Rickers, in dieser Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg, in diesem Weib aus der Niederung... Sie spann den Gedanken nicht weiter, wollte ihn nicht weiter spinnen. Aber ihre Augen begannen zu leuchten. Die Herren am Fenster sprachen leise zusammen, beobachteten sie in ihrer stillen Verzückung. Was sie nur hatte?! Die Baumgruppen nahmen eine violblaue Färbung an, die Dämmerung senkte sich tiefer. Riswyk glaubte Schritte zu hören. Dann trat er vor. »Weidmannsheil!« klang es durch die Stille des Raumes. »Weidmannsdank!« kam es als Antwort zurück, während Jakobine sich an die Seite Reiners flüchtete, um ihre Erregung niederzukämpfen. »Bravo!« rief Hemskerk. »Navigieren ist das Höchste auf Erden, aber 'ne flotte Jägerei hat auch ihre Bonitäten.« »Und ob!« warf der Zapfer ein, willens, so 'ne kleine Feld-, Wald-, Wiesen- und Weidmannsrede an den Mann zu bringen, gespickt mit makkaronischem Latein und sonstigen saftigen Zutaten, kam aber damit nicht zustande, denn die Tür des Salons bewegte sich wie unter der Beschwörung von Geisterhänden. Alphons erhob sich auf der Schwelle, gleichsam aus dem Nichts gezaubert, und verständigte seinen Herrn auf eine diskrete Weise, daß alles bereit sei. »Darf ich bitten, meine Herrschaften...« Als Hausherr nahm er sich das Recht, Demoiselle Jakobine zu führen. »Bitte über den Flur hin... die erste Tür zur Linken...« Hier angekommen, legten sich schwere Portieren streng zur Seite. Eine sanfte Helle empfing sie. Wie Michel Virgilis keine Birnen im Honoratiorenstübchen duldete, ebensowenig ließ Riswyk diese aufdringlichen Beleuchtungskörper in seinem Speisezimmer gelten, streng nach der Weisung des seligen Erblassers mit dem Einglas, der sie für Totschläger trimalchischer Feinheiten, für Sarkophage entblößter Schultern erklärte... und so züngelten nur Wachslichter durch die vornehme Aufmachung des mittelgroßen Raumes. Ein schwerer silberner Leuchter erhob sich inmitten der mit rarem Porzellan und glitzernden Kristallen gedeckten runden Tafel. Sieben Flämmchen standen auf den gelblichen Schäften, ruhig am Docht zehrend, verstärkt durch zwei Gueridons, die sich seitwärts erhoben und eine satte und silbrige Helle verstreuten. Hemskerk geriet außer sich. »Blexem!« mahlte er zwischen den Zähnen, »mit 'nem braven Gottvertrauen und 'ner richtigen Kaltblütigkeit kann man sich schon in so 'ne Noblesse hineinversetzen, ohne koppscheu und taperig zu werden. Jakobine, was meinst du dazu?« Sie lächelte. »Ja, es ist schön hier,« sagte sie in ihrer ruhigen Sicherheit. »Meine ich auch,« versetzte der Alte, und seine blauen Lichter erfreuten sich der wohltuenden Dämmerhelle. Als er aber die kleinen rotgepunkteten Salmoniden gewahrte, die auf silbernen Assietten angereicht wurden, legte er feierlich seine Kapitänspranken ineinander, um sie gleich darauf wieder griffig und segeltüchtig herzurichten. »Forellen blau mit geschlagener Butter auf holländische Art,« wisperte es ihm zu. In den Gläsern perlte ein delikates Weinchen, den Alphons so hingehaucht anpräsentierte, als wäre der Name ›Bernkasteler Doktor‹ aus den Kellereien der Witwe Thanisch mit Jordanwasser aus der heiligen Taufe gehoben worden. Dabei umkreiste dieser bleiche und zugeknöpfte Mynheer die Tafel mit der Würde und Gemessenheit eines Buddhistenpriesters des Dalai-Lamas, dem es oblag, die Gebetmühlen seines Bezirkes behutsam in Bewegung zu setzen. Riswyk erhob sein Kelchglas. »Herzlichst willkommen!« sagte er mit umflorter Stimme, wobei sein Blick kaum merklich das Antlitz Jakobinens streifte. »Möge dieser Abend ein froher und ersprießlicher werden, der den hochverehrten Gästen nahelegt, bald wieder Einkehr auf Borghees zu halten.« »Bravo! Wollen wir hoffen!« Die Gläser taten ihm Bescheid, die Herzen schlugen höher, während Reiner dankbar den Fichtenbruch, den ihm der Hausherr neben sein Gedeck hatte hinlegen lassen, betrachtete, alsdann in seiner bedachtsamen Art von dem interessanten Ansitz erzählte, dem langsamen Hingehen des Abends, dem feinen Verbluten des niederrheinischen Abends... wie er dann den Hochkapitalen herangeblattet... dieser von der Haferparzelle in das stille Kleestück und in die Schilfkaupen eingewechselt... gleich darauf herübergeäugt, mit einigen Rupfern Schafgarbe im Äser... Achtung! Langsam hob sich das Korn... faßte das Blatt... der Schuß bellte los, und horrido! der Bock stieg hoch, um nach einem halben Dutzend Fluchten niederzubrechen. »Famos!« freute sich Michel Virgilis. »Dusel muß der junge Mann haben, denn es gehört mal dazu, sonst kann er sein Leben lang Pellkartoffeln verzehren. Während unsereins... Immerzu Pech. Meine Spezialität, wohingegen mein Herr Nachbar von der grünen Farbe bloß in die Welt hineinkiekt und siehe... Ja so! Es heißt ja wohl: Glück in der Liebe, Malör bei den Böcken und Löffelmännern. Alte Geschichte. In diesem Falle jedoch...« und er wollte gerade Jakobine und Reiner ein verständnisinniges Äugelchen zuwerfen, als er durch ein überzartes Düfteln abgelenkt wurde. Seine Nüstern verbreiterten sich. Der Windfang schnupperte. Seine Lauscher fingen die salbungsvoll hingeschmalzten Worte auf: »Perlhuhn à la Maréchal mit Scheibchen von Stopflebern!« Alphons gab sich dabei wie ein Majordomus, dem es heute nicht darauf ankam, die eigenartigsten lukullischen Finessen eines sonst zurückhaltenden Gastronomen zu verausgaben, ohne auch nur mit dem zartesten Härchen einer Wimper zu zucken, um bald darauf Chambertin und Léoville abwechselnd in hohen Kristallen zu reichen. Der Wein animierte. Viertelstunde reihte sich an Viertelstunde. Jakobine gedachte noch immer der Rosenwunder da draußen, des bestrickenden Zaubers, der von dem Bilde Meister Rigauds ausströmte und sie nicht freigeben wollte. Sie stellte Vergleiche an. Unsichtbare Fäden berührten sich wechselseitig. Der Unterhaltung, die mit jeder verrinnenden Minute anregender und lauter wurde, folgte sie nur mit halben Ohren, hörte nur wenig, hatte aber doch das unbestimmte Bewußtsein: einer spricht in Gedanken mit dir, möchte dich bei der Hand nehmen, um mit dir die Stätte aufzusuchen, wo die Welt den Atem anhält, jegliches um dich versinkt und eine Geige anhebt, fern im Nebel hinter einem verlorenen Walde zu singen. Mit halbgeschlossenen Lidern träumte sie in das weiche Licht der Kerzen hinein. Ein heißes Klopfen war bei ihr: das ihres eigenen Herzens und das eines anderen. »Nein, aber so was! Euer Liebden verstehen es schon, Feste zu geben. Prosit, Barönchen!« und Michel Virgilis sah mit seinen verzückten Rehpostenäugelchen dem Erscheinen einer Trüffelpastete entgegen, deren Geschick es nun einmal war, verspeist und mit köstlichem Pritzelwasser begossen zu werden. Der Herr in den schwarzseidenen Eskarpins blieb die verkörperte Ruhe, der man jedoch ein gewisses herausforderndes und abweisendes Lächeln nicht absprechen konnte. Er dachte sich manches,schwieg aber wie die eingesalbten Könige schweigen,die schon seit Jahrtausenden in den Pyramiden von Giseh die Auferstehung herbeisehnen. Den biederen Herrn aus der Torschenke in Emmerich genierte das nicht weiter. Als die Reihe an ihn kam, langte er mit Heiterkeit zu, um sich dann an Riswyk zu wenden: »Sonder Rosinne en Pöntjes – wir haben dieselben Geschmäcker. Außerdem: dieses Speiselokal und mein Honoratiorenzimmer decken sich völlig, und drum nochmals gesagt: ein angenehmes Pröstchen, Mynheer.« »Gott segne Euch, alter Genevermagister,« hielt ihm Riswyk fröhlich entgegen. »Ich bin anderer Ansicht. Borghees kann sich gegen Euren Tempel einmachen lassen, 'ne saure Gurke gegen eine saftige Netzmelone.« »Wie's beliebt,« freute sich Michel Virgilis. »Kompliment ist Kompliment. Man kann so was immer gebrauchen. Hurra, Barönchen! Wir zwei beide ... So was gibt's nicht mehr in den Grafschaften. Wollen wir uns den Bruderkuß geben, oder stoßen wir bloß an?!« »Stoßen wir an!« »Auch gut, genügt mir,« und die Gläser tinkten hell gegeneinander, unter dem frohen Lachen der anderen Gäste. Selbst Alphons geruhte, aus seiner Reserve zu treten, ganz diskret und unauffällig zu schmunzeln. Dem Nachtisch folgten diverse Liköre, dazu Mokka in chinesischen Täßchen, die so fein und durchsichtig wie Schmetterlingsflügel aussahen. Auserwählte Havannas reihten sich an. Hemskerk und Michel Virgilis langten zu, auch Reiner, der Kapitän aber nur, um eine Henry Clay neben seine Schale zu legen und sich ein neues Priemchen hinter die linke Backe zu schieben. So war er glücklich und konnte den weiteren Abend getrosten Mutes abwarten. »Und Sie, Barönchen, keine Havanna?! Ach, nee! Sie rauchen ja Ihre Extraspezialität,« und der Emmericher sah zu, wie Riswyk sich mit allem Raffinement die landfremde Virginia anbrannte und dem gekrümmten, bräunlichen Rattenschwanz aromatische Wölkchen entlockte. Das trauliche Speisezimmer hüllte sich in Myrrhen- und Weihrauch, schleierte ein, umgab sich mit mystischen Nebelspiralen, als gälte es, seltsame Bilder um die erregten Sinne zu spinnen. Jakobine fühlte wiederum heiße Blicke auf sich gerichtet. Ein eigenartiges Hämmern und Klopfen schreckte sie auf: das ihres eigenen Herzens und das eines anderen. Eine nicht abzuweisende Kraft berührte sie mit magnetischen Nadeln, führte sie aufs neue in den Bann der Wellenschaumgeborenen am Strande von Scheveningen, dieser Flutentstiegenen, umrieselt von dem schwarzblauen Vlies ihrer Haare ... und doch nur sie selber: das hohe Weib aus der niederrheinischen Tiefebene. Sie atmete hastig und schwer. Das Gespräch der Männer, das sich abermals mit dem ungeraden Achter beschäftigte, hatte ihr nichts mehr zu sagen. Aber das Bildnis da drüben ... Nur ein einziges Mal noch, aber allein und völlig ungestört, wollte sie es mit heiliger Inbrunst genießen, mit völliger Hingabe in sich aufnehmen. Während der Hochkapitale zum andern aus der Haferparzelle in die Schilfkaupen überwechselte, gleich darauf scharf herüberäugte, mit ewigen Rupfern Schafgarbe im Äser, und Alphons wie ein unnahbarer Ölgötze auf Geheiß des Gastherrn die Gläser nochmals mit dem süffigen Chambertin begnadete, entglitt sie unauffällig dem Zimmer, als wäre sie in den schaukelnden Rauch- und Nebelspiralen zergangen, wenn sie auch noch hörte, wie Riswyk mit vor Erregung zitternder Stimme erklärte: »Der Chambertin will gar nichts besagen. Aber was ich noch im Keller besitze ... etwas Rares ... nie Dagewesenes ...« um dann dem Maestro etwas ins Ohr zu flüstern. Der erstarrte wie auf einem Gletscherfeld, taute aber wieder auf und sagte in tiefster Bewegung: »Das Herz Euerer Liebden ist einzigartig in den Kreisen Kleve und Geldern.« » Merci ,« lächelte Riswyk, gab Alphons ein Zeichen, den Keller aufzusuchen, mit dem Hinweis, er würde bald folgen, denn was er anzupräsentieren habe ... Er legte Daumen und Mittelfinger spitz gegeneinander. Sein scharfgeschnittenes Gesicht war wie das eines Gezeichneten. Seine Augen standen darin mit einem verhaltenen Feuer, in dessen Tiefen eigenartige Goldpünktchen glitzerten. Bald darauf ... Michel Virgilis schnalzte dreimal hintereinander. »Kinder, ich sage euch nur ...« und geheimnisvoll kringelte er ein Wölkchen aus seiner delikaten Zigarre zur Decke. Hemskerk winkte ihm zu. »Ganz richtig. Ich bin bloß noch 'n abgetakelter Schlot von 'nem braven Rheinkaptän, der eigentlich, den heutigen Zeitläuften entsprechend, als Wirklicher Obergeheimkaptän mit drei Teerquasten am Nabel betituliert werden müßte, aber wenn ich dran denke ... an sie ... an das Weibsbild in Scheveningen, das so stramm seine Paradiesäpfel gegen den Wind setzt, da muß einer schon sagen: Borghees hat 'ne Geschichte, die ich als 'ne ganz aparte taxiere. Man kann drüber wirbelsinnig werden.« »Ach was!« lachte sein Partner und hielt ihm sein Glas hin. Dreizehntes Kapitel Ihre Brust hob sich unter tiefen und schmerzhaften Atemzügen. Hochaufatmend stand sie vor dem Meisterwerk Rigauds. Also doch! Sie war nicht fehlgegangen und hatte gefunden. Ein leichter Schauer rieselte über sie hin. Sie fröstelte, obgleich es laulich und weich durch die geöffneten Fenster wehte. Ein bläuliches Mondlicht gesellte sich dem silbernen Leuchten der Glühbirne. Jakobine horchte auf. Um ihre blaßroten Lippen legte sich ein mattes Zucken. Sie warf einen raschen Blick in den Park, wo die Baumgruppen wie Inseln auf dem zarten Nebel zu schwimmen schienen. Gleich darauf gab sie sich wieder der Betrachtung des schönen Weibes am Strande von Scheveningen hin. Die Atemzüge von zwei auserwählten Menschenkindern begegneten sich. Sie hatte Empfindungen, die sie nicht zu enträtseln vermochte. Nichts rührte sich um sie her. Nur die Stimmen des späten Abends kamen geheimnisvoll ihres Weges gegangen: das leise Rauschen der Bäume, das Flüstern der Zentifolien, das kaum wahrnehmbare Wuchteln irgendeines nächtlichen Vogels. Nur einige Minuten wollte sie bleiben, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Die Gräfin ließ sie nicht los. Ihre Lippen schienen zu sprechen: »Hier auf Borghees ist gut hausen gewesen; hier fühlte ich zu jeder Stunde: du bist ein Kind der Niederung, und wie schön und heilig ist die niederrheinische Erde. Hier konnte ich wieder zum Kinde werden, von meinen Sünden genesen, wäre ich der mahnenden Stimme gefolgt, die mir zuredete, alles Vergangene von meiner Seele zu streifen. Aber ich folgte nicht der warnenden Stimme.« Jakobine sah ihr starr in die Augen. »Warum nicht?« Sie erhielt keine Antwort. Ihr Frösteln wanderte ab. Immer laulicher und weicher wehte es durch die geöffneten Fenster. Das Rauschen der Bäume ließ nach. Es war wohlig und warm um sie her. Sie glaubte in einem Treibhause zu sein, durchsetzt von keimenden Sporen und Blütenkelchen, die die Sinne mit den Schwingungen der Befruchtung und der Liebe durchschauerten. Ein feiner Staub, schillernd und farbig wie von Schmetterlingsflügeln, legte sich um das milchweiße Licht der elektrischen Birne. Dieser Blütenstaub von keimenden Sporen und Spelzen hüllte ihre Sinne ein. Die Unrast ihres Blutes ebbte zurück. Sie wurde matt und schwer wider Willen. Der Atem stockte ihr. Sie kam sich vor, als befände sie sich in einer Totenkammer, umgeistert von unzähligen Öllämpchen, die nur ein düsteres Schwelen hatten. Das Bild der Gräfin trat aus dem Rahmen heraus, in aphrodisischer Schönheit, getragen von den schaumigen Wellen, die den Strand von Scheveningen anliefen. Ihre Augen weiteten sich, begegneten denen ihres Ebenbildes. Kein Zweifel: sie und die Gräfin flossen ineinander über, waren nicht mehr auseinander zu halten. Sie sah leuchtende Fliegen, Funken und Sterne. Ihre Mattigkeit verstärkte sich, durchrieselte ihren Leib mit der Annehmlichkeit des Wohlbefindens und des Hinsterbens. Mit dem Instinkt des Weibes fühlte sie plötzlich: jemand ist dir nahe getreten, dir und deiner Ruhe gefährlich, ohne die Kraft aufzubringen, sich dem bedrohlichen Kreis zu entziehen. »Mein Gott, Herr Baron...!« Ein Gesicht stand über dem ihren, starr und mit verzehrendem Lächeln. »Jakobine!« Heiß kam es von den zusammengekniffenen Lippen: »Es ist nicht gut, mit der Gräfin Kolbe von Wartenberg Freundschaft zu schließen.« »Ach –Sie...!« »Es ist so, denn wenn sie eine Schönere findet ...« »Lassen wir das. Gehen wir zu den anderen.« »Nein, bleiben wir noch. Ich habe Sie vor der eifersüchtigen Gräfin zu schützen. Ich muß ihr zusprechen, sonst: sie würde uns folgen, sie würde den heutigen Abend zu einem Abend der Trauer machen,« und er drängte sich an sie. Stählern legte sich eine Fessel um ihren geschmeidigen Körper. Seine Hand packte zu. Umgriff ihre Brüste mit der Wut eines Irrsinnigen. »Jakobine...!« Und nochmals: »Jakobine!« Mit dem Schrei eines weidwunden Raubvogels kam es aus steiler Höhe herunter. Sie sah nicht mehr, sie hörte nicht mehr. Nur das noch: »Du bist gebenedeit unter den Weibern.« Ein Mund senkte sich tiefer, legte sich fest auf den ihren. »Eine heiße Lohe verzehrt mich. Ich sterbe vor Liebe.« »Entsetzlich!« Bleich wie die Wand in einer Sterbekapelle riß sie sich los, stieß sie ihn von sich. »Wo bin ich?!« Sie glaubte einen flüchtigen Schatten zu sehen... da draußen... im Flur... nur für eine Augenblicksspanne, um dann vor Schande und Scham zu erstarren, von einem finsteren Grauen umhüllt zu werden. »Herr, nehmen Sie Haltung an,« sagte sie heiser. »Hüten Sie sich. In Ihrem Interesse: wir wollen vergessen, nur an eine plötzliche Abwesenheit des Geistes denken – sonst, Herr Baron: Ihnen klopft der Tod auf die Schulter.« »Jakobine...!« »Kein Wort mehr, wenn Sie nicht wollen... Sie könnten mich zwingen, zu sprechen. Nur aus Schonung für Sie – ich will nichts erlebt haben, nicht annehmen, auch nur für einige Herzschläge hindurch Ihr Spielzeug gewesen zu sein. Also lassen Sie mich – und Sie... suchen Sie mit Ihrem Gewissen und Ihren Nerven fertig zu werden. Es gibt Dinge, die berührt man nicht mit Handschuhen, selbst nicht in Gedanken, aus Furcht, es könnte etwas Ungeheuerliches geschehen – etwas Ungeheuerliches für Sie und Ihr Haus.« Jakobine war wieder Herrin über sich selber geworden. Keine Anfechtungen mehr, kein Stäubchen mehr, das den Spiegel ihrer keuschen Seele trübte. Nur war es ihr so, als wäre ein moderiger Flecken auf ihrem schleierlichten Kleide haften geblieben. Mit der Hand suchte sie ihn von sich zu wischen. Hoheit umgab sie. Ihre Lippen waren schmal. Weißen Gesichtes sagte sie ihm: »Keine Gemeinschaft, Herr Riswyk. Aber um unserer beiderseitigen Ruhe willen, wir wollen hier und wo es nur sein mag die üblichen Formen bewahren. Unter dieser Bedingung, ich störe den heutigen Abend nicht und will ihn nicht stören.« Ihre Stimme war zuversichtlich und fest. »Ah!« sagte er aufatmend. Seine Augen kehrten sich ab. Er beugte sich nieder. Sein bleicher Mund berührte ihre Fingerspitzen. »Ich bitte darum...« Sie zuckte auf. Ihre Brauen rückten näher zusammen. »Nichts mehr. Also gehen wir. Wir haben uns nichts mehr zu sagen. Überhaupt im Leben nicht mehr. Darüber liegt eine starre Hand.« Sie trennten sich. Fröstelnd wehte es durch den intimen Salon der Reichsgräfin. »Hallo!« Aus dem Speisezimmer kam helles Lachen und das Klingeln von Gläsern. Aber nur das Lachen von Hemskerk und Michel Virgilis. Die Kerzen brannten jetzt mit senkrechten Flammen. Alphons hatte sie zu neuem Leben erweckt, nachdem er irgend etwas Hohes und Altehrwürdiges zugebracht und in eine Ecke abgesetzt hatte. Reiner stierte dumpf vor sich hin; es brauste in seinen Ohren wie der dumpfe Gleichschritt einer marschierenden Truppe, wahrend der geschäftige und undurchdringliche Herr in Livree die damastene Decke säuberte, jedes einzelne Brotkrümelchen einfing, für die Unterhaltung nicht das geringste Interesse verriet, sich in dem Gehabe eines Totenansagers gefiel, der sich nur mit sakralen Dingen beschäftigte, dann aber die neuen Kelche so prahlerisch und doch so selbstverständlich hinstellte, als sollten sie die Gefäße für den Wein aller Weine, kurz, für das Elixier einer paradiesischen Daseinsstunde abgeben. Michel Virgilis wußte davon, ahnte, was kommen würde, denn der Knollen- und Rübenbaron hatte es ihm kurz vorher in die Löffel geflüstert: »Chateau Yquem, die höchste Qualität, aber auch meine letzte Reserve,« und war dann gegangen, um das Nötige zu besorgen. Das Antlitz des ehrenfesten Emmerichers verklärte sich in Vorfreude. Er sagte denn auch: » Proficiat , Kaptän.« »Prost, Michel.« Die beiden sahen die aufgepflanzten Kristalle stieläugig an, der Dinge gewärtig, die da kommen sollten. »Michel, also wirklich die letzte Reserve?« »Jawoll! Periculum in mora ! Nee, keine Gefahr im Verzuge, aber trotzdem: res ad triarios venit , es geht um den Rest, wenn auch um den besten Kellerabzug,« und er begann damit, feinsäuberlich gegen eins der aufgestellten Spitzgläser zu klimpern. »Na, Reiner, und Ihr? So miesepeterig? Ist Euch was über die propere Weidmannsleber gekrochen? oder aber: Ihr wartet wohl auf die letzte Reserve?! Chateau Yquem und so?!« »Tu' ich,« und ein heiseres Lachen beunruhigte die Flämmchen auf dem siebenarmigen Leuchter. »Recht so! Immer aufs Ganze. Kling, Klang und Gloria! Auf Haus Borghees läßt Seine Hoch- und Wohlgeboren schon seine nobelsten Puppen tanzen. Großartig – was?!« »Darf ich wohl sagen,« gab Hemskerk retour, streckte die Beine und bemerkte es nicht, wie Jakobine zurückkehrte, sich unauffällig wieder der Tafelrunde gesellte. Im Gegenteil, er erlustierte sich damit, eine gewagte Geschichte zu erzählen, die in Amsterdam mit Schnäbeln und Turteln begann, um an der düsteren See bei Kopenhagen mit Trauerfloren und dumpfen Trommelschlägen ein betrübsames Ende zu nehmen. »Wohnte da Anno Tobak an der Ziegelgracht in Amsterdam ein Weibsbild von ausnehmender Schönheit, das sich Düweke Willums benannte. Selbige nun...« und seine Stimme rollte über den Tisch hin... Er wurde abgelenkt. Der geschäftige und undurchdringliche Herr in Livree, der die einzelnen Brotkrümelchen von der damastenen Decke eingefangen und die neuen Kelche so prahlerisch und doch so selbstverständlich hingestellt hatte, als sollten sie die Gefäße für das Elixier einer paradiesischen Daseinsstunde abgeben, begann ernstlich damit, den zugebrachten Bouteillen den Pfropfenzieher in die Hälse zu drehen und die Korken mit munterem Schmatzen und Schnalzen aus der Tiefe zu heben. » Proficiat !« rief Hemskerk dazwischen, um dann weiter zu sprechen: »Besagtes Weibsbild nun, ich meine Düweke Willums – natürlich hatte diese gar keine Gemeinschaft mit Düweke Brinkmann, es sei denn, daß selbige mit den nämlichen weiblichen Anregungen aufwarten konnte – kurz, Düweke Willums kam in Aufnahme bei König Christian, wurde nach Kopenhagen übergeholt, himmlisch verpflegt und alljährlich bei ihrem hohen Geburtstag mit dreimal fünfundzwanzig Kanonenschüssen gefeiert. Dabei wurde sie immer schöner und anregender, ja, man kann wohl behaupten, sie wurde höher bewertet als die Königin selber, liebte Divertissementchen und sonstige Angelegenheiten mit Schampagnerbegleitung, führte ihren Auserwählten als Tanzbär herum und gab ihm ihren weißen Leib und ihre große Liebe zu kosten. Das wäre auch wie am Schnürchen gegangen, hätte Mutter Sigbrit Willums nicht ihre Nase in politische Sachen gestochen, die die Großen des Landes nicht so einfach hinnehmen konnten. Und so geschah es denn auch ...« Der Kapitän unterbrach sich. Alphons geruhte die Löffel zu spitzen, den letzten Stöpsel aus der letzten Flasche zu drehen und dabei dreimal zu schmunzeln. »Und so geschah es denn auch,« erzählte Hemskerk weiter, hörte dabei aber sehr interessiert auf das weiche, harmonische und verheißende Schmalzen des Korken, um dann tiefsinnig und fast bekümmert zu sagen: »Eines Tages wurde Düweke Willums gefunden, bei grauendem Morgen und brennenden Lichtern. Ruhig und friedlich lag sie zwischen den Kissen. Das graue, ewige Meer stierte mit seinen grauen, ewigen Augen ins Zimmer, und der graue Wind kam über Bornholm und Malmö gefahren, streichelte über eine junge Brust und strahlende Haare und löschte die Flämmchen auf den tropfenden Wachsstöcken. Da flog eine silberweiße Möwe über die tiefen Wasser – langsam und geruhsamen Fluges, so daß man kaum die Bewegungen ihrer Schwingen gewahrte. Düweke Willums aber ...« In diesem Augenblick straffte sich Alphons hoch, das Hieroglyphengesicht starr auf die Türe gerichtet, die sich rasch, aber geräuschlos in ihren Angeln bewegte. »Alphons ...!« »Herr Baron ...!« Riswyk trat ein, mit hochrotem Kopf und fliegenden Pulsen. Die kurzen, vor dem Bilde der Reichsgräfin durchkosteten und durchquälten Minuten rauschten ihm noch in den Ohren nach, durchpflügten sein Blut, ließen ihm einen kurzen und sondierenden Blick über die Tafel und Jakobine werfen. Die saß mit ihrer ebenmäßigen Ruhe, als wäre gar nichts geschehen. Keine Erregung. Nur ab und zu glitt ihre weiße Hand über die Decke, als müßte sie dort etwas fortwischen, was ihre Seele beunruhigte. Sie nahm die Berührung des fremden Auges hin, ohne Vorwürfe und Qual zu empfinden. Sie wich ihm nicht aus, begegnete ihm vielmehr mit einem freundlichen Lächeln, wenngleich ihre bleichen Lippen noch immer die Worte zu sprechen schienen: »Hüten Sie sich. In Ihrem Interesse: wir wollen vergessen, nur an eine plötzliche Abwesenheit des Geistes denken – sonst, Herr Baron: Ihnen klopft der Tod auf die Schulter.« Riswyk hatte seine äußere Haltung wiedergefunden. Er trat näher heran, schnipste mit Daumen und Mittelfinger und schlug Alphons jovial auf die Schulter: »Du hast mich verstanden?« Der schattenhafte Herr geruhte zweimal das Haupt zu neigen. »Zu dienen. Flaschen und Gläser zur Stelle. Die Weine von der letzten Etage.« »Gut so!« Michel Virgilis war munter geworden. » Capisco ! Jawoll ja, alles im Lot. Wie immer auf Borghees. Chateau Yquem von der allerobersten Sorte. Wenn auch die letzte Reserve.« »Ja, meine Herren, die letzte Reserve. Aber der Tafelrunde zu Ehren, En avant !« und er machte eine unnachahmliche Handbewegung, die den seriösen und scheinbar interessenlosen Mynheer in Livree veranlaßte, die Kelche so würdig aus den bejahrten Flaschen zu speisen, als gälte es, konsekrierten Wein aus geweihten Bechern zu reichen. Ein Düfteln stieg auf wie das Duften in schwülen Sommernächten. Goldene Kringel zitterten über das Tafeltuch hin. Die Kelche waren gefüllt, aller Augen auf den Herrn des Hauses gerichtet. »Abtreten – du!« Alphons räusperte sich und zerging wie ein Schatten. Selbst die Türe wagte es nicht, in ihren Angeln zu seufzen. Sie und der Stumme waren wie ein Spiel von Lemuren. Dafür aber hatte sich Riswyk wieder an die Tafel begeben, seinen früheren Platz eingenommen, sein Kelchglas umgriffen, sich strack in die Höhe gewuchtet. Mit zusammengeschlagenen Hacken, schnittig und in militärischer Straffheit suchte er seine vorherige Abfuhr beiseite zu schieben. Geschehenes war ungeschehen zu machen, eine Entgleisung aus dem Wege zu räumen, einem gekränkten Weibe wieder den Glauben an sich selber zu geben. Trotz der Verstörung in ihm – auch jetzt noch war sie für ihn das gebenedeite Weib unter den Weibern geblieben. Ihre Augen sagten es ihm, ihre Lippen sprachen es aus: »Ich trage nicht nach, mein Herz denkt nicht an Vergeltung und Rache. Der verbleibende Rest des Abends in deinem Hause ist heilig geworden, denn dir wurde vergeben.« Also ... Er fühlte sich sicher. Schlank und sehnig wuchs sein geschmeidiger Körper hinter der Tafel empor. Nochmals schlug er die Hacken zusammen. Seine Stimme schnitt durch das Zimmer. »Meine Verehrten. Der Tag ging zur Neige. Die Stunden auf Borghees ziehen in den späten Abend hinein und wollen ihre letzte Betätigung haben. Nur die würdigsten und köstlichsten Tropfen aus meinem Keller sind eben noch gut genug, diesen Stunden ein zusprechendes Geleit und bekömmliches Vademecum zu geben. So ist es Sitte auf Borghees, dessen ist Michel Virgilis mein Zeuge, und wenn ich meine Triarier anrücken lasse, meine letzte Reserve, wenn die mit Spinnweben umsponnenen Yquembouteillen mobil gemacht werden, so heißt das, Gäste zu ehren, die zu den erlauchtesten zählen. Des ist gleichfalls Michel Virgilis mein Zeuge, und Michel Virgilis nimmt auf der Zeugenbank nur einen gottwohlgefälligen Schwur auf die Gabel. Achtung, die Herrschaften ...« und seine Stimme nahm einen frohen und klingenden Ton an, »es gilt, meine werten Freunde zu ehren ... ihnen zu danken...« »Was – danken?!« und zwei glasige Augen, die plötzlich wieder licht und unbefangen erschienen, flackerten auf, um lange und seltsam an den Blicken des Redners haften zu bleiben. Reiner stand hoch an der Tafel. Jakobine erbleichte, und plötzlich fiel ein Schweigen über die Menschen, wie das Schweigen einsetzt, wenn sich die Sonne verfinstert, die eingedunkelten Blätter es nicht mehr wagen, sich von der einen auf die andere Seite zu legen. Es war nichts geschehen und doch vieles geschehen. »Was – danken?!« »Ich muß aber bitten ...« »Herr Baron, hier ist gar nichts zu bitten. Nicht Sie stehen in unserer Schuld und Verpflichtung, sondern wir in der Ihren. Nicht Sie, sondern wir haben zu danken, und um das zu beweisen ...« Er fuhr sich leicht über die Stirne, als hätte er etwas Unliebsames aus seinem Gesichtsfeld zu wischen. Seine Worte hatten alle Schärfe verloren, ergingen sich im Plauderten, als wenn er etwas Alltägliches und dabei etwas Verbindliches vorzubringen gedächte: etwas Hingeworfenes aus Wald und Heide, leicht gewürzt mit dem attischen Salz aus dem Schrotbeutel eines listigen Weidgesellen, um dann so ganz allmählich von Feld und Flur überzuwechseln und auf die Meriten des Gastgebers und die des heutigen Tages zu kommen. »Na denn ...« Riswyk warf sich in seinen Lehnstuhl zurück. Jakobine atmete auf. Der Abend schien sich still zu verbluten, während eine Geige anhub, jenseits eines fernen und eingedunkelten Waldes eine verlorene Weise zu spielen. »Nein, Herr Baron, hier haben nur wir zu danken, und ich hoffte schon lange darauf, daß einer der anwesenden Herren ... Aber der Kapitän, der als Senior die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit hatte, einige Worte unserm Gastherrn zu widmen, ist stumm wie ein opulenter Spiegelkarpfen geblieben, ohne auch nur eine Ruderflosse in Bewegung zu setzen.« »Höhö!« lachte Hemskerk. »Reiner, du mußt mich doch kennen. Navigieren – ja, aber 'ne Rede halten ...« und mit freundlichem Kopfnicken praktizierte er sein delikatsauciertes Priemchen in die andere Backentasche. »Auch Herr Tappert versagte vollkommen, und ist doch sonst immer dabei, eine Zungenvolte über die andere zu schlagen.« »Ganz richtig,« lachte der Gemaßregelte, »aber nur, wenn ich mich in der Torschenke und bei meinen Kumpanen befinde. Dann allerdings, dann bin ich zu haben. Meine ganz besondere Spezialität, junger Mann, denn ich gehöre nicht zu denen, die mit den Hühnern in die Heija pilgern, um mit den Regierungsräten aufzustehen, aber in so einer erlauchten Gesellschaft ... auf Haus Borghees ... bei perlendem Yquem und der letzten Reserve ...« Er zuckte die Achseln. »Kinder, unmöglich.« »Dann muß ich selber ...« und Reiner reckte sich hoch wie ein Prediger in der Wüste, dem es oblag, die toten Steine aufzuwecken, aus den unfruchtbaren Felsbrocken den Quell des Lebens zu schlagen. Seine Augen brannten, seine Rechte kroch über das Tischtuch, und allen war es so, als begannen die Lichter dunkler zu brennen, als traten die Wände zurück, als bewegten sich einsame Schatten durch die Tiefe des Zimmers. »Herr Baron, so bekenne ich denn im Namen aller: die Stunden auf Borghees sind köstliche Stunden gewesen. Sie ließen sich an, als wäre ein Engel vom Himmel gestiegen, einer von den höchsten Herrschaften und Thronen, um uns in seiner schlichten Art und Weise die stumme Pracht und trauliche Verschwiegenheit des Hauses zu zeigen. Nichts fehlte. Er war ortsgewandt und sprachekundig wie der Besten einer. Seine Zunge begeisterte, und seine Augen blendeten.« »Aber mein Hochverehrter,« suchte Riswyk abzulenken, »Sie belieben es, in der launigen und hyperbolischen Form der grünen Farbe zu reden.« Über Reiners Nasenwurzel stellte sich eine bedrohliche Rune. »Ich denke nicht dran, Herr Baron. Meine Worte sind lauter. Sie gehen schnurgerade aus wie die Schneisen in meinen Gestellen. Mein Geschmack ist nicht abwegig. Im Hause Riswyk wird nicht gegeizt und geknausert. Seine Umgebung ist wirtschaftlich und in forstlicher Hinsicht mustergültig gehalten. Mir wurde Gelegenheit geboten, einen kapitalen Bock auf die Decke zu legen, und das kescherte mein Jägerherz auf. Wir haben Ihre Gastlichkeit in Anspruch genommen – und wurden begeistert. Wir haben Ihre Weine gekostet – und so viel ich davon verstehe: es waren köstliche Weine. Wir sahen Ihre Damaszenerrosen – und solche Damaszenerrosen können nur auf Borghees gedeihen. Nein, bei Ihnen wird nicht mit Apothekergewichten gewogen. Die Hand greift ins Volle hinein und gibt aus dem Vollen. Also nicht Sie, Herr Baron, aber wir haben zu danken.« »Bravo!« rief Hemskerk. Michel Virgilis hieb nach und übertrumpfte das ›Bravo‹ durch festes Getrampel mit derben Schuhen. Die Stimmung hob sich wieder. Nur Jakobine ängstigte sich. Es wurde ihr kalt bis ins Herz hinein. Sie wußte so recht nicht, was sie mit der seltsamen Rede anfangen sollte. Ihre Augen schärften sich, begannen in den Blicken des Geliebten zu suchen. Sie fand nichts, was sie verstören konnte, obgleich sie herausfühlte, seine Gedanken gehen an einer grauenhaften Tiefe vorüber, und so saß sie denn da mit einem Lächeln auf den Lippen, wie es geschminkte Masken an sich haben. »Ja, wir danken für die hier verlebten Stunden,« fuhr Reiner unbeirrt fort, »denn solche Stunden gehören zu denen, von denen viele behaupten: es sind unwiederbringliche Stunden. Sie kommen nicht wieder. Mag es so sein. Was man in voller Schönheit und Reinheit genießt, soll man nur einmal genießen. Nur einmal blüht uns die alleinseligmachende Liebe, nur einmal wird uns das große und stolze Te Deum gesungen. Aber Dank um Dank und Einsatz um Einsatz! So wollen es Sitten und Bräuche, und wäre ich berufen, mit vollen Händen geben zu können, ich hätte nicht Hände genug, wie der reiche Prasser zu spenden. So aber ... meine Mittel sind klein, doch was ich zu geben vermag, ich gebe es mit meinem Herzblut, und so bitte ich denn: kommen Sie bald in meine Reviere, in den königlichen Reichswald, den sie jetzt den roten Dämmerwald heißen.« Seine Stimme wurde stählern: »In diesem Reichswald rauschen noch die Eichen aus glorreichen Tagen, wähnt man beim Sturm das Klingen der Schwerter zu hören, die wir nötig haben, uns auf's neue die deutsche Freiheit, das deutsche Recht und das deutsche Licht zu erkämpfen. Leider, die meisten von uns liegen im Fieber, im Fieber der Indolenz und Großmannssucht. Sie nehmen sich das Recht, Feierabend zu machen. Unsinn, verfluchter! Wir haben kein Recht mehr, Feierabend zu machen, sondern nur die verdammte Pflicht zu sparen, zu arbeiten, Waffen zu schmieden. Das rauschen die Eichen ... und wer Ohren zu hören hat, der hört es, muß es hören, denn wir haben nichts mehr; nur Gott und die alten Fahnen noch, die uns gebieten, uns auf uns selbst zu besinnen und Deutschland wieder den Deutschen zu geben.« »Mir aus der Seele gesprochen!« rief Hemskerk. »Mir dito desgleichen!« sekundierte Michel Virgilis. Reiner fuhr fort: »Da hat's noch seinen richtigen Puls. In diesem Reichswald wohnt noch die alte Sitte und Treue von früher, wird ein lahmgeschossener Glaube wieder in die Höhe gepäppelt, kann man gesunden, wird noch die bewährte weidgerechte Büchse geführt... und ich würde es lebhaft begrüßen, auch Ihre Büchse dort einmal kennen zu lernen. Dürfen auch zwei sein, Herr Baron. Ihre Büchse und meine. Noch besser: a tempo müßten sie losbellen oder wenigstens dicht hintereinander. Das wär' so mein Gusto, um es brav und ehrlich zu sagen, denn ich habe mich niemals gescheut, das Kind bei seinem richtigen Namen anzurufen.« Sein Blick irrte ab. Seine Augen und die Jakobinens trafen sich jählings. »Zwei Büchsen gleichzeitig,« klirrte es scharf über die Tafel. »Sonst tu' ich es nicht. Unter keiner Bedingung, denn in meinem Revier ist das Auge Gottes lebendig. Es sieht bei Frühlings- und Sommertagen, bei bitteren Schneewehen. Es prüft die Nieren der Menschen. Auch die Stimme des Herrn ist allgegenwärtig, und wenn sie anhebt, dann ist es so, als würde das Herz aus seinen Bändern gerissen, denn diese Stimme gebietet: Du sollst nicht begehren.« Sein Gesicht war bleich wie das Antlitz des Tafeltuches geworden. »Nein, du sollst nicht begehren.« Seine Faust rumpelte nieder: »Denn wer in Gedanken nach dem Weib eines andern begehrt, der hat schon in Gedanken den andern beleidigt. Und Sie, Herr Baron...« Die Qual einer dunklen Stunde wurde übermächtig in ihm. »Herr Baron, ich ersuche Sie, mir ins Auge zu sehen.« Riswyk erhob sich: »Was fällt Ihnen ein? Wir sind doch nicht in dem grauen Hause, wo die Irrsinnigen durch die schwedischen Gardinen lachen.« Die beiden standen Stirn gegen Stirn. »Nehmen Sie an, was Sie wollen. Ich bin nur willens, mir die Qual einer dunklen Stunde vom Leibe zu schütteln.« »Reiner, ich bitte dich. Reiner!« »Jakobine, nicht du, sondern ich habe zu sprechen.« Wie mit Sterbelaken sank es von der Decke herunter. Der Kapitän stierte ihn an. »Gottverdammich! Was willst du? Was ist denn passiert?« »Gerade genug, Kapitän, um mir den Kopf in den Nacken zu drehen. Auf Borghees sah ich Wunder bei Wunder, die herrliche Gräfin in verlockendem Fleisch, Rosen bei Rosen, trank ich die feurigsten Weine, aber ich fand auch... Auf Haus Borghees lauert ein entsetzliches Tier unter Blumen und Blüten, und diesem giftigen Reptil habe ich den Kopf zu zertreten.« »Mein Gott und mein Heiland!« Jakobine war bei ihm. »Reiner, was hast du?« Ihr sonst so kirchenstilles Gesicht entstellte sich. »Weib, was ich habe?! Ich prangere an,« und seine Stimme pfiff und sirrte wie eine Hetzpeitsche über den Tisch. »Mir ist ein ekler Spitalgeruch in die Nase gekommen, und so ein Spitalgeruch geht auf die Nerven. Gewisse Situationen bringen das mit sich. Da frommen keine Latwergen und Spezereien, sich diesen Spitalgeruch aus den Kleidern zu räuchern.« Jakobine schrie auf: »Reiner, wo soll das hinaus?« Sie suchte sich an ihn zu drängen. »Nein – du, keine Latwergen und Spezereien. Die gehören nicht zur Tagesordnung. Aber Pulver und Blei muß einem unter den Windfang kommen. So nur gesundet man an Leib und Seele. Im übrigen – laß mich.« Seine Hand drängte sie ab, ballte sich zur Faust, fiel auf die Tafel. »Wenn ich ein Weib besitze, will ich es auch mit Leib und Seele besitzen, will es ganz und völlig besitzen, bis zur letzten Maser und Faser besitzen. Ich teile mit keinem. Darin bin ich Egoist bis zum äußersten. Keine faulen Kompromisse und sonst nichts. Den ersten Schnitt will ich haben. So recht aus der jungen Maienblüte heraus. Nicht Nachschnitt und Grummet. Das Weib soll sein wie eine herrliche Palme. Geheiligt, geweiht und gesegnet ... und wer es wagt, seinen Mund zu berühren, seine stolze Form zu betasten, der zerbricht das Behältnis einer konsekrierten Hostie ... und Sie wagten es – Sie ...« Sein starres Gesicht war aus Bronze gehauen. Seine Stimme rollte. »Und Sie wagten es, Herr, diese stolze Form zu betasten. Carne vaIe! Achtung, Baron! Wir sind zwar im Sommer. Aber es besteht immer die Menschenmöglichkeit: hier auf Borghees kann sich noch 'ne fröhliche Fastnacht begeben. Ich ersuche um Antwort. Sie sind doch im Bilde?« »Völlig,« kam es abgerissen zurück. »Zwischen Kavalieren ist der gerade Weg immer der nächste.« »Also – ich habe nichts weiter zu sagen?« »Nichts.« »Dann möchte ich bitten.« Wie angepfählt sah der Baron auf Portiere und Eingang. In dem harten Gesicht zuckte keine Fiber. Dann warf er den Kopf herum. Reiner nickte ihm zu. »Ja, ich verstehe.« Wie zwei gute Freunde verließen sie gemeinsam das Zimmer, und die Tür schloß sich wieder, als wäre sie auf Geisterschuhen gegangen. »Reiner ...!« Jakobine stierte hinter den beiden her. Der Schrei zerging ihr zwischen den Zähnen. Es war ihr, als hätte sie Blut auf der Zunge. »Das geht um mich,« sagte sie tonlos. Ihre Knie versagten den Dienst. Der Kapitän fing sie auf. Er hatte einen Fluch hinder der Binde. »Gottverdammich, sind wir hier denn alle des Satans geworden? Blexem und Donnder!« Seine Stimme lärmte wie eine rauhe Sirene: »Jakobine, was haben die beiden? Was soll das? Mir ist so, als stellte sich die Welt auf den Kopp. Hallo! Michel, mir ist so, als kröche mir ein scheußliches Biest über die Weste. Fort mit dem Vieh, denn ich habe stets 'ne propere Weste besessen. Blexem! Oder Jakobine – du ... bist du vielleicht ...?!« »Ja und nein!« schrie sie auf. »Die Gräfin ... so eben ... ich kann es selber nicht sagen ... unter ihrem Bilde ... er wagte es...« Sie drohte zu stürzen. »So 'ne Hundekanaille! Halte mich fest, ober ich schlage den Kerl mit 'ner Bouteille aus seinem eigenen Keller über den Bregen.« »Vater ...!« »Ja, so 'ne Hundekanaille! Oder aber ...?!« »Hemskerk, ich ersuche dich hiermit ...« Michel Virgilis hielt ihn zurück. »Willst du wohl deine kapiteinische Ruhe bewahren. Besonders jetzt. Wir sind plötzlich in Seenot geraten. Warten wir ab. Es wird sich alles schon geben. Das Wasser verliert sich. Im übrigen: man böllert nicht mit Kanonen auf Spatzen. Immer bloß kapiteinische Seßhaftigkeit. Nur keine Bange. Die beiden werden die dumme Sache wohl unter sich selbst abmachen können. Ohne Molesten. Also setzen wir uns. Wir müssen die Kontenance bewahren. Auf alle Fälle. Da kommt wer.« Hemskerk riß seinen inneren und äußeren Menschen zusammen. Mit Mittel- und Zeigefinger strammte er zwischen Quäkerbart und Kragen hindurch. »Gut denn. Also setzen wir uns,« und er stierte auf die Türe, die sich geräuschlos bewegte. Der Herr mit den seidenen Eskarpins trat wieder ein, um nach dem Rechten zu sehen. Immer derselbe, immer die ägyptische Sphinx, die nämliche Teilnahmlosigkeit der engeren und weiteren Umwelt gegenüber, und hätte er sich unter halbentblößten Haremsdamen bewegt, seine ebenmäßige Ruhe wäre wie die eines Verschnittenen nicht aus ihrer Reserve getreten. Mit der Exaktheit einer Präzisionsmaschine umschritt er lautlos die Tafel, zupfte das Tischtuch zurecht, weckte er schwelende Kerzen zu neuem Leben, musterte er den Pegelstand der hohen Kristalle, begab er sich zur Türe, um dort, abermals zum Schatten geworden, wieder als Schatten zu schwinden. Michel Vivgilis lachte hinter ihm her. »Kaptän, weißt du was? Den Kerl sollte man sich auf 'nen Pfeifenkopf malen lassen.« »Der ...?!« wieherte Hemskerk, und sein Kopf war wie mit Blut übergossen. »Ich denke anders darüber. Solche Musjös geben zu denken, sind wie Rasiermesser, die den verkehrten Weg gehen. Aus solchen Menschen werden Leichenbitter geschnipselt. Die sagen den Tod an.« Mynheer Tappert sprang auf. »Hemskerk, du willst doch nicht sagen ...?« »Nichts will ich sagen ... Hallo!« Ein Schuß krachte aus dumpfer Ferne herüber. Ein zweiter folgte. Dann Stille wie im Haus der Aussätzigen. Jakobine saß wie mit Schnee übergossen. Die halbgeöffneten Lippen starrten vor Weiße. So saß sie wie eine schöne Tote im Reiche des Todes. Hemskerk und Michel Virgilis wollten was sagen, schwiegen aber vor dem Ernst des furchtbaren Augenblickes. Haus Borghees wurde lebendig. Türen wurden geöffnet und zugeschlagen. Auf den Gängen irrten eilige Schritte ... und wiederum seufzte die Tür in ihren geräuschlosen Angeln. Der undurchdringliche Herr in Livree erstattete Meldung, still und geruhsam, als hätte er irgendeinen wildfremden Zettel herunterzubeten: »Auf Haus Borghees ist ein kleines Unglück geschehen. Die Herrschaften werden entschuldigen, wenn ich Notiz davon gebe. Der Herr Baron waren gesonnen, seinem verehrten Gast seine neuen Scheibenpistolen zu zeigen. Dabei löste sich leider ein Schuß. Aus noch nicht aufgeklärten Gründen folgte ein zweiter, der den Herrn Baron nicht unbedenklich verletzte. Der fremde Herr erbot sich sofort, Hilfe herbeizuführen. Er ist bereits auf Emmerich zu, um den Arzt zu verständigen. Das Weitere müssen die nächsten Tage und Wochen erbringen.« Er schwieg und zerging in seinem eigenen Schweigen. Der Kapitän raffte sich auf. Sein Pontakgesicht brannte, als wäre eine gehörige Portion voll des grimmigsten Nordlichtes darüber gefallen. Dann griff er mit seiner Pratze zur Seite. Die packte zu und legte sich schwer um den Arm seiner Tochter. »Jakobine, das haben wir dir zu verdanken.« Sie sah ihm fest in die Augen. »Wie du meinst,« sagte sie ruhig. »Die Stunde spricht gegen mich. Mag sie es tun. Vor meinem Gott und meinem Gewissen kann ich bestehen.« »Gut,« gab der Alte eisig zurück, »genau so wie der zugeknöppte Mensch eben sagte, genau so sag' ich es auch: Jakobine, das werden die nächsten Tage und Wochen erbringen. Basta! Warten wir ab. Wir werden ja hören ...« und er rief Michel Virgilis an: »Auf nach Valencia! Wir haben hier nichts mehr zu suchen, mein Junge.« Vierzehntes Kapitel Roggen- und Weizenschläge wellten sich schwer mit ihren vollgesättigten Ähren und Grannen gegen den tiefen Horizont an. Die Fernen opalisierten. Der Rhein gab sich bleiern, gemächlich und träge, sein Gesicht so muffig wie das einer langsam dahinziehenden Treckschuit im benachbarten Holland. Dafür machten die Georginen, die sich in allen Gärten und Gärtchen angepflanzt hatten, die pläsierlichsten Augen, waren die muntersten Kostgänger unter Gottes weitem Himmelreich. Sie klatschten mit ihren bunten Farben in die Landschaft hinein, als wäre der ganze Niederrhein eine einzige, allesumfassende Bauernhochzeit gewesen. Blau, gelb und rot, geflammt und gefiedert, so blühten sie in üppigster Schönheit und erfüllten die unermeßliche Gegend mit ihrem bunten Scheinen und Leuchten... aber die Zeit der Zentifolien und Rosen war lange vorüber. Dem Hohen und Edlen ist nur eine kurze Dauer beschieden. Nach ihren ihnen zugedachten Tagen legen sich die Königinnen nieder, um unauffällig zu sterben, und ihr Sterben ist ein Sterben in Schönheit. – Seit dem unheilvollen Geschehen auf Borghees hatten sich drei lange Wochen dahingeschlichen. Man hörte wenig davon. Es war versickert, wie eine Kelle voll Wasser zwischen Dünensand und Strandhafer versickert, als wäre der eigenwillige und undurchdringliche Herr in Livree mit den seidenen Eskarpins durch die Gegend gegangen und hätte Schweigen geboten. Silentium sanctissimum ... mit einem Trauerflörchen zwischen den einzelnen Buchstaben. Nur war davon die Rede gewesen, Gisbert Kreuzwendedich Riswyk habe sich bald darauf nach Utrecht begeben und Hause daselbst, endlich gesonnen, sich von einem gerühmten Arzt eines hingehaltenen Leidens wegen behandeln zu lassen. Alles ... und hätte man den düsteren Herrn in Livree köpflings auf die Mütze gestellt, er wäre trotzdem der große Schweiger in einer trostlosen und steinigen Thebais geblieben. Nichts mehr. Nur der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Also drei lange und bange Wochen dahin! Während dieser Zeit hatte Kapitän Hemskerk viermal Bergfahrt und Talfahrt gemacht, von Rotterdam bis Mannheim hinzu, immer vollauf beschäftigt, kaum imstande, sich ein Priemchen zu genehmigen, und lag nun mit seinem Dreimaster im stillen und verlorenen Griether Hafen vor Anker. Das brave Schiff konnte Ruhe gebrauchen. Von grundauf war es wieder rhein- und segeltüchtig zu machen. Die längeren Fahrten hatten es mehr oder weniger aus der Balance geworfen, ihm die schmucke und adrette Erscheinung genommen. Die schadhaften Stellen waren zu kalfatern, Deck und Planken zu teeren, die Kajüten zu streichen. Auch in der Takelage mankierte dieses und jenes, kurz, eine neue Aufmontierung konnte nicht schaden, und so lag denn ›Gott mit uns‹ für einige Wochen fest, um die alte zersplissene Jacke abzulegen und sich eine neue über den alten, aber noch immer kernigen Adam zu streifen. Alle Mann auf Deck und 'ran an die Rammen! Welm Driesen leitete die Arbeit, während Lambert, sein Oberkollege, ein Reserveschiff nach Nymwegen führte, um wenigstens den dringlichsten Geschäften Rechnung zu tragen. Hemskerk gab sich der verdienten Retraite hin und hatte Muße genug, sich mit den vergangenen Dingen und den unliebsamen Geschehnissen auf Haus Borghees auseinander zu setzen. »Blexem! Das fehlte mir gerade, ausgerechnet diese verfluchte Geschichte. Den Deubel auch! 'ne Portion davon hat die Fahrt über Bord geholt, aber 'n gut Stück ist im Fuchseisen hängen geblieben. Wie hieß das doch? Ja, so: Das werden die nächsten Tage und Wochen erbringen. Hat sich was mit den nächsten Tagen und Wochen!« Der Kapitän spuckte aus. Seit jenem verhängnisvollen Abend wurden ihm die Stunden vergällt und die Nächte zu Nächten, die er am liebsten den räudigsten Hunden vor Zähne und Lefzen geworfen hätte. Seine besten Kappesplantagen waren verhagelt, seine schönsten Zukunftspläne in die Wicken gegangen. Wie konnte es nur die Menschenmöglichkeit sein, auf solche Zicken zu kommen, die Fundamente für ein sauber aufzurichtendes Menschenleben über den Hausen zu werfen! Herr Jeses nochmal! Und Reiner erst ... von Jakobine gar nicht zu sprechen! Beide stumm wie die Binsen im morastigen Sumpfwasser. Selbst Michel Virgilis hatte beim nächsten Begegnen die Schultern gezuckt und langatmig dargetan: »Meine Spezialität, solche fiesen Überraschungen auf den Proppen zu setzen. In diesem Kasus jedoch – da ist vorderhand gar nichts aufzustellen. Höchstens abwarten und 'ne Bouteille Schwart Water verzehren.« » Merci für die gütige Belehrung. Aber um das zu kapieren, brauche ich nicht in Emmerich am Krantor vorzusprechen. Doch nichts für ungut, Michel,« und mit hochrotem Kopf war Hemskerk an Bord gegangen, um sich und seinem verärgerten Zustand drei Wochen hintereinander die frischen Rheinbisen um die Ohren spielen zu lassen, drei Wochen hindurch ... und saß nun in seinem Anwesen am Fenster, in seinem properen Hause zu Grieth, wo alles so blitzte und blinkte wie in seiner besten Achterkajüte, Streusand auf dem Riemenboden und Schildereien an den Wänden, die von Adam und Eva und den Freuden des Paradieses erzählten. Hemdärmelig, in Velvethose und Velvetweste, eine Kalkpfeife zwischen den Zähnen, sah er auf den Rhein hinaus, der breitfüßig vorüberschwaderte. Stundenlang konnte der Alte diesem langsamen Marschieren in seinen Mußestunden nachgehen. Aber heute nicht so wie an anderen Ruhetagen. Ihm fehlte die Beschaulichkeit, die Kommodität einer ausgleichenden und durchgeistigten Sammlung. Nach seiner Rückkehr erinnerte er sich aufs neue des schönen Gleichnisses von dem Kamel und der Grasnarbe, und mußte nun sehen: dieses ausverschämte Biest von Kamel hatte die propere Decke ratzekahl übergefressen. Nichts mehr, reineweg nichts mehr! Und dieses Gleichnis saugte sich bei ihm fest mit den halbkreisförmigen Muskelfasern eines unersättlichen Pferdeegels. »Sackerment noch mal! Da soll einer noch die bekömmliche Retraite aufbringen können! Gottverdammich, ich nicht. Die verfahrene Pläsiertour nach Borghees kommt mir immer dazwischen ... und der süffige Yquem ... und der unheimliche und schmachtleibige Kerl mit der Totenvisage. – Holla, Hemskerk, was soll's denn?!« Er rief sich selber an, um festzustellen: bist du noch auf Fahrt begriffen, oder aber ankerst du auf stunds wieder in Grieth, sitzt auf deinem eigenen Grund und Boden am Fenster und bläst 'ne gehörige Portion Oldenkott Rippchentabak-Feinschnitt über den Tabakkasten? Es stimmte schon. Aber das mit dem Tabakkasten ... Er dachte nicht dran. Mit grimmiger Forschheit stieß er vielmehr ein Wölkchen nach dem andern gegen die Scheiben, willens das Glas zu durchbrechen, um so den prächtigen Spätsommermorgen zu vergasen und diesig zu machen. Nichts wollte er sehen, kein Spierchen, nicht soviel wie das Schwarze unter seinem Daumennagel. Es gelang ihm nur schlecht. Der Rhein, wenn auch stumpfsinnig, schob sich mit hellen Reflexen unaufhaltsam seines Weges dahin. Breitkastige Steamer prusteten zu Berg und zu Tal. Von drüben, jenseits des Stromes, stakelte eine Windmühle mit ihren Flügeln und Segeln herüber, salutierten kanadische Pappeln, stieg ein silbergrauer Reiher auf, der sich schaukelnden Fluges den unermeßlichen Wiesen des Binnenlandes zuwandte. »Blexem!« Der Kapitän sammelte sich. Hierauf drehte er den Kopf auf die Seite, die hellen Lichter scharf auf die Türe gerichtet. »Na, endlich!« Jakobine war ins Zimmer getreten, bot ihrem Vater die Tageszeit, legte ihr geklöppeltes Spitzenhäubchen ab und ihr Gebetbuch daneben. »Mein Frühstück habe ich soloalleine genossen,« klang es ihr unwillig zu, »und du weißt doch: wenn ich die Planken und die Konnossemente hinter mir habe, will ich mich in meiner totalen Bequemlichkeit fühlen. Ich laß mir gefallen: saure Wochen da draußen, die gehören zu 'ner richtigen Kaptänsmontierung, aber hier binnen ... ohne 'n gewisses Assortimang kann ich mich auf die Dauer nicht wohl befinden.« »Vater,« erklärte sie ruhig, »heute ist Mutters Sterbetag. Da bin ich bei ihr gewesen ... in der Seelenmesse.« »Ja, aber mein Kind ...« und Hemskerk legte seine Pfeife beiseite. Groß und starr waren seine Augen auf Jakobine gerichtet. »Dann allerdings. Das exküsiert. Nimm's nicht verübel. Aber die letzten Wochen machten mich dösig, und wären nicht die munteren West- und Ostbrisen gewesen, das Kielwasser hätte mich übergeschluckt, um mir das Vergessen zu bringen. Aber lassen wir das. Bleiben wir in 'ner nüchternen und kalten Verfassung, wie sie die jetzigen Dinge erfordern. Ganz richtig. Heute ist der Sterbetag deiner seligen Mutter, mein Döchting. Ich bete nicht gerne, nur in äußersten Notfällen, aber wenn ich an Mutter denke, dann ist es mir so, als müßte ich sie ans Herz nehmen und immerzu hersagen: Vater unser, der du bist in den Himmeln. Noch jetzt lege ich ihr allzeit die Hand unter die Füße, um ihr die Arbeit leichter zu machen, noch jeden Abend betaste ich das Kissen nebenan, ob ihr liebes Gesicht noch da ist, und dann schieb' ich ihr ganz sacht und so ganz heimlicherweise den Mund auf die Lippen, um ihr 'ne angenehme und gesegnete Ruhe zu wünschen. Das ist zwischen Mutter und mir immer so Mode gewesen, gewissermaßen ein Überkömmnis aus seligen Zeiten heraus, und sie hat's hingenommen wie 'n Kommunionskind sein Myrtenkränzchen am Weißen Sonntag. Aber fort damit,« und er nahm wieder seine Gaudaer Pfeife auf, »olle Kaptäns und ausrangierte Taukränze sollen sich nicht mit der Wehleidigkeit befassen. Das gibt bloß unnösele Kerle, die nicht mehr kumpabel sind, 'nem richtigen Weibsbild die Wahrheit zu sagen. Also Schluß! Und ich möchte nur fragen ...« Er warf einen langen Blick auf das Zifferblatt der Kastenuhr. »Es geht schon auf Zehne.« »Ich weiß,« gab sie lächelnd zurück, »und weiß auch, was du sagen willst. Nach der Messe bin ich am Hafen gewesen, um mich so 'n bißchen umzusehen.« »So, und wie geht denn die Arbeit?« »Welm ist bei vollem Betrieb und meinte, binnen zwei bis drei Wochen könnte das Steuer umgelegt werden.« »Kann ich gebrauchen, denn in spätestens drei Wochen muß ich nach Mannheim und wieder retour.« »Sagte mir Welm schon, und bei dieser Gelegenheit ... kurz, ich habe mir die Kurasch genommen, über und unter den Planken bis in die Kielräume hinein meine Kenntnisse aufzufrischen... die Wanten und das sonstige Takelwerk zu betrachten... den Steuerkasten zu mustern. Dabei hab' ich lang in Überlegung gestanden und mir schließlich die Frage vorgelegt: Warum bist denn du nicht ebensogut wie die Mannsleute befähigt, an Bord zu befehligen und ein Schiff von Mannheim über Duisburg-Ruhrort noch Rotterdam zu führen?« »Was – du ?!« »Selbstverständlich – ja ich.« »Nanu!« rief der Alte und dachte für sich: »Da steckt irgendeine Falle zwischen den Holzbeigen, oder sollte wahrhaftig...« Er rückte die straffen Brauen zusammen, spionierte an seiner Tochter herum, als müsse er sie bis auf die Nieren durchleuchten, um schließlich lauthalsig auszubrechen: »Du in 'ner Teerjacke und den Südwester übergezogen? 'n Frauenzimmer in kommandierender Stellung auf Deck, mit richtiggehenden Ankerknöppen an den Ärmelstauchen? So 'ne Rarität möchte ich sehen. Ja, möchte ich sehen. Da könnte unsereins letzten Endes 'n Kutschpferd am Schwanz aufschirren. Indessen warum nicht? Denn wenn man so alles in Überlegung nimmt: wir können Arbeit gebrauchen, und jeden, der will, der nicht mit dem Maulwerk, sondern aus dem richtigen Handgelenk heraus sich zur Arbeit erbietet, soll man nicht in den Narrenkasten unterbringen. Hallo!« und seine kratzige Stimme schwoll an, »wir und Deutschland sind nicht mehr der reiche Schlemmer aus dem Evangelienbuch, sondern der arme Mann im Lande Uz, zu dem nur noch die räudigen Hunde kamen, um ihm die Schwären vom armseligen Kadaver abzulecken. All right ! Mit den Schüssen von Serajewo hat's angefangen. Diese Schüsse knallten in die letzten Kapitel hinein: Vae victis ! Wir müssen wieder Sonne haben, warme, werktätige Sonne, Estimierung vor uns selbst und Heldenverehrung. So nur geht's weiter. Wir haben handfeste Mannskerle und tüchtige Weiber so nötig wie die täglichen Brotschnitten, denn mit der heutigen Gesellschaft ist verflucht wenig Staat zu machen. Die denkt höchstens an Zigaretten, lange Seidenstrümpfe und sich die Faulheit prämieren zu lassen. Äh was!« Er sah scharf auf die Seite. Eine stramme Rauchwolke rannte gegen die Fensterscheiben. »Ja, man kann immer nicht wissen. Also warum nicht? Du bist willig und schaffig genug und mußt dereinstmals dein eigenes Erbe in Verwaltung nehmen. Jeder ist sich selber der nächste. Also mein Döchting – dein Anerbieten, wollen's man im Auge behalten; auf stunds jedoch...« und über sein wetterhartes Gesicht riffelten sich Schrammen und Runzeln. »Jakobine, ich habe mit dir eine ernstes Wörtchen zu reden, denn 'ne Kegelkugel, die man in der Hand hat, soll man nicht erst am nächsten Morgen auf die Rollerbahn setzen.« »Mit anderen Worten,« versetzte sie ruhig, »ich habe mich auf eine kleine Auseinandersetzung gefaßt zu machen.« »Wenn du so meinst: allerdings – ja, und ich bitte dich hiermit, dir's kommod zu machen.« Mit seiner Pfeife deutete er auf einen Sessel. »Nicht nötig,« winkte sie ab, »ich liebe es, ernsten Gesprächen auch ernst zu begegnen, und das kann für mich nicht im Sitzen geschehen.« »Wie du willst,« gab er knarzig zurück, indem er die Beine übereinander schlug und interessiert seine Schuhe betrachtete. »Jakobine,« also begann er, »an gewisse Dinge rührt man nicht gerne, wie man 'nen guten Rheinkahn, der seinen ordentlichen Gang hat, von wegen kleiner Mankemangs nicht groß belästigt. Man steckt sie halt ein und nimmt's dem Schiffbaumeister nicht weiter verübel. Aber verstehe mich richtig: natürlich alles mit Ausmaß, denn wenn die Äppel überreif werden oder gar den Wurm ansetzen, dann allerdings, dann müssen sie vom Appelbaume herunter.« Sie zuckte die Schultern und hielt ihm ein kaum wahrnehmbares Lächeln entgegen. »Weshalb dieses Lachen?« fragte er unwillig. »Weil ich nicht weiß, wo das alles hinaus soll.« »Da hat's doch kein langes Fragen vonnöten.« »Warum nicht?« »Wir sind noch in Gegenrechnung, Mamsell. Daran läßt sich nicht schüttern. Das langanstehende Konto wird heute beglichen. Bisher mankierten Zeit und Gelegenheit. Jetzt liegen sie mir auf dem flachen Handteller.« Ihr Stolz kam wieder zum Vorschein. Um die Mundecken zuckte es auf. In den Tiefen ihrer grundlosen Augensterne zog es bitter herauf. »Ich hoffe zu Gott, du willst doch die Geschehnisse auf Borghees nicht wieder heranziehen.« »Lasse mich ausreden – du. Wo ich hinaus will, das mußt du schon mir überlassen. Die Affäre ist diese,« und er nahm eine Portion Luft in den Windfang, um dann weiter zu sprechen. »Ungefähr drei lange und geschlagene Wochen habe ich auf dem Wasser gelegen. Erbärmliche und lelke Tage für mich! denn ich hatte die infamsten Gedanken an Bord, du weißt ja: solche, die einem die Luft abdrehen. Verdammich! Diese Biester gingen mich an wie hungrige Ratzen den ausgelassenen Talg angehen... und jetzt, wo ich retour bin, spitzt du so pläsierlich das Mundwerk, als würden dahier nur die angenehmsten Flötentöne gepfiffen. Alles geht seinen regulären Gang, kein Hahn federt seine Hennen, kein Huhn spektakelt auf den beschmissenen Sitzstangen, kein Kalb macht umsonst den Hals lang, weil der Jud Mutter und Euter abführte, und ich müßte doch annehmen... Nee, hier ist alles schon in der zuständigen Balance, drückt sich in 'ne angenehme Ecke hinein und läßt Gottes Wasser über Gottes Ackerwirtschaft dahinlaufen. Christus!« und er schlug auf das Fenstersims: »Mach' deine Sach', hau' zu, wenn auch etwelche Späne dabei herumkarriolen. Das ist allzeit mein Honnör und meine Devise gewesen. Immer schlank geradeaus, und drum sollte ich meinen: Wie steht's nun um dich? Ich denke dabei natürlich an Reiner. Da muß sich doch irgendwo 'ne Bussole oder 'n Kompaß herauspellen lassen, um wieder richtiges Wasser unter die Schiffsplanken zu kriegen. Also wie ist es damit?« Sie zuckte die Achseln. Ihr Antlitz war wie das einer Toten. »Vater, ich weiß nichts.« »So so! Also du weißt nichts? Es gibt Frauengesichter, die sind wie Schwalbennester vermauert. Die geben nichts her und wenn sie ins Gras beißen sollten. Da muß ich wohl deutlicher werden. Nochmals gesagt: ich spreche von Reiner.« »Vater, ich weiß nichts von ihm.« »Hat also auch gar nicht geschrieben?« »Keine Sterbenssilbe.« »Und du...?« »Ich schreiben? Wozu denn? Was soll ich denn ändern? Ich kann nicht Reiners Seele durchleuchten, und wenn ich es könnte, ich wäre zu stolz, auch nur einen brennenden Span zu erheben. Überhaupt: ich bin nicht gesonnen, mir darüber Gedanken zu machen.« »Aber ich mache mir welche.« Hemskerks Worte fielen wie harte Kieselsteine zu Boden. »Ja, ich mache mir welche, denn was da alles jung wurde... da drüben... bei brennenden Kerzen... so Mann gegen Mann... um deinetwillen auf Leben und Sterben... Ich höre die Schüsse noch, als wären sie auf mein eigenes Fleisch und Blut, auf meine Tochter gerichtet. Verdammich!« und ein scharfes Räuchlein stellte sich aufwärts, »über so was, sollte ich meinen, kann sich einer schon den Schädel zerbrechen, denn bei Licht besehen: Reiner ist stumm, der Knollen- und Rübenbaron hat sich nach Holland verzogen und wir – wir sitzen in Grieth wie die leibhaftigen Ölgötzen und lassen das Garnknäuel über den Boden laufen, um damit wie die Miezekatzen herumzuspielen.« Er lachte auf. Seine Kehle wurde ihm trocken. Mit Mittel- und Zeigefinger schliff er um Kragen und Bartfräse. »Wir befinden uns schon in 'ner amüsanten Komödie, mein Herzensdöchting. Die geht mir nachgerade bis ans Halszäpfchen, und wenn bis dato der unheimliche Markör mit der Leichenbittervisage auch verpaßte, Laut zu geben, alles im brackigen Wasser verquiemte – wir müssen uns selber gegenüber als honorig erweisen, denn zwischen Reiner und uns muß sich doch eine gewisse Klarheit ergeben. Den Kavalier laß ich ganz außer Betracht, denn er hat mir gar nichts zu sagen, aber das mit Reiner ist in Ordnung zu bringen. Ich will doch wissen, wer die Stirn aufbrachte, mir die beste Kalfaterung aus den besten Planken herauszupolken. Entweder so oder so – einer von euch, entweder du oder Reiner, muß doch Farbe bekennen, sonst kommt man sich vor wie 'n Lellbeck, dem sie 'nen brennenden Zigarrenstummel verkehrt ins Maulwerk praktizieren. Um das zu erleben, dafür brauche ich mich nicht als Kaptän Hemskerk zu bezeichnen. Schiff und Papiere sind bei mir allzeit in Ordnung. Genau so wird diese Sache geregelt. Also wie ist das? Meine Zeit ist bemessen, und die Hinhalterei ist mir so allmählich über geworden.« »Vater...!« Mit beiden Händen scheitelte Jakobine ihr schwarzblaues Haar auf die Seite. Ein leichter Schauer rüttelte an ihren Schultern, pflanzte sich fort und verstarb an den festen Linien ihrer jungen Brüste. Dann sagte sie ruhig: »Ich bitte dich... das Schweigen um mich münzte ich aus zu einem versöhnlichen Schweigen der Vorsehung. Und nun kommst du, dieses Schweigen auseinanderzureißen. Ich habe meine Gründe dafür, mich still zu verhalten. Ich vergebe mich nicht und habe mich niemals vergeben. Es steht mir nicht an, das Gold, das ich unter meiner grauen Bluse trage, feilzubieten. Wer es haben will, hat mich aufzusuchen. Nicht umgekehrt. Ist er entgegengesetzter Meinung – ich kann es nicht ändern. Es ist mir gleich, was die Leute über mich sagen. Meine Wege sind meine Wege, meine Taten die meinen. Ich bin keinem Rechenschaft schuldig. Alle Kraft, die mir innewohnt, will ich für die schlimmste Stunde aufsparen, und ich spare sie auf, so wahr ich in diesem Augenblick meiner seligen Mutter gedenke. Dieserhalb: ich rühre keinen Finger um Reiner.« »Also – du rührst keinen Finger um Reiner? Auch eine Antwort, und weiter: du bist keinem Rechenschaft schuldig, auch mir nicht, und hast dich niemals vergeben? Gut, nehmen wir an, obgleich ich so in meinem Unterbewußtsein empfinde: es hat auf Borghees 'ne Stunde gegeben... Aber nehmen wir an, denn 'ner Tochter vom Kaptän Hemskerk und ihrem Wort hat man Rechnung zu tragen, und so denke ich denn...« und seine Stimme wurde herb und grantig: »Du bist 'ne Art von Königin... 'ne Königin Himmels und der Erden... und du stehst auf 'ner Frühlingswiese voller Himmelschlüsselchen... und deine Hände sind rein, und deine Taten sind ebenfalls rein und deine Gedanken so lauter wie die besagten Himmelschlüsselchen auf der Frühlingswiese...« »Vater, hör' auf!« rief sie heftig. Sie trat einen Schritt zurück und warf ihren Kopf in den Nacken. Hoheit umgab sie. In der Raschheit ihrer Bewegung hatte sich ihre schwere Flechtenkrone gelöst. Sie rieselte nieder. In dem dunklen Vlies erschien ihr bleiches Gesicht wie eine weiße Medaille. »Vater, lasse solches beiwege. Ich denke nicht dran. Deine Worte stoßen mich nur in eine immer tiefere Wirrnis hinein. Ich stehe nicht auf einer Frühlingswiese mit Himmelschlüsselchen. Was soll das mit der Königin Himmels und der Erden? Ich bin keine solche, sondern ein sterbliches Weib, genau so wie die anderen sterblichen Weiber. Ich habe deren Gebresten und Hoffärtigkeiten. Wenigstens die Neigung dazu. Aber ich besitze doch immer die Kraft und den Willen, meine Hände rein, meine Taten unbefleckt und meine Gedanken lauter zu halten, denn ich bin eine Hemskerk und damit gesonnen, als eine geborene Hemskerk zu leben und als eine geborene Hemskerk zu sterben.« »Gottverdammich, dann kapiere ich nicht...« Der Kapitän knickte zusammen. Gleich darauf stand er wieder breitbeinig vor Jakobine, die Pfeife in der Linken, den mit Feuer überlaufenen Kopf fest und eisern auf den Schultern. »Nee, Jakobine, dann kapiere ich nicht... Bist du wirklich 'ne Hemskerk von so kapitalen Darbietungen, wie du dich anofferierst, dann muß ich sagen...« und er hob sich schwer in den Schuhen, »wo nimmt Reiner denn die Kurasch her, sich so als den Ausverschämten und Hinterhältigen hinzustellen und sich so großartig aufzuspielen?! Oder aber ... an jenem dreimal verfluchtigen Abend, damals, als die Geschichte passierte... Ich meine um deinetwegen und mit Rücksicht auf deine ewige Seligkeit... da – Jakobine...« Er packte ihre Hand und schraubte sie wie in einem eisernen Schraubstock. Dabei sah er ihr starr in die Augen. »Du – bist du da nicht so 'n bißchen aus der Navigation geraten, soll heißen, war im Momang, als der andere die freche Attacke vollführte, dein Sinnenwerk ganz soloalleine auf Reiner und seiner alleinseligmachenden Liebe eingestellt? Oder mein Döchting...« Sie tat einen Schrei, als wäre sie in den tiefsten Kern ihres Lebens getroffen. »Vater, du setzt mir die Pistole aufs Herz.« »Mamsell, ich kann's nicht mehr ändern,« und der Schraubstock begann fester zu schrauben. »Hier gilt nur noch: kannst du Gottes Auge betrachten, oder kannst du es nicht mehr betrachten? Möglich,« und er holte tief Atem, »daß ich meiner kapiteinischen Tochter mal kavaliermäßige Flöhe in die Ohrmuscheln praktizierte. Immer schon möglich. Das kann ich noch heute verantworten und als voll estimieren, denn es stand mir zu, Staat und Parade mit dir in den Grafschaften zu machen. Indessen jedoch, wo du deinem eigenen Gusto nachgingst, ich dazu schließlich Ja und Amen gesagt hab' – natürlich, da war dieses Ja und Amen für mich so gut wie in der Kirche gesprochen. Und somit: ich will Klarheit besitzen, soll heißen: war die Attacke dir so gänzlich zuwider, oder lief da so 'ne kleine Neigung mit unter? Jakobine, ich warte.« Der Schraubstock löste sich langsam. »Du – die Attacke des andern... vor dem nackten Bilde der Gräfin...« Der ganze Mann erstarrte. Seine Stimme kam ins Flackern. »Jakobine, ich warte.« »Worauf wartest du, Vater?!« »Lief da 'ne kleine Neigung mit unter, oder lief keine mit unter? Das ist es. Gib Antwort.« Sie trat wieder vor. Ihr Gesicht war wie das der Gottesmutter am Fuße des Kreuzes geworden. Ein solches Gesicht weist zum Kalvarienberg. »Vater, ich stehe vor Gott und meinem Gewissen. Du fragst mich, und du bist für mich Richter und Anwalt in einer Person. Ich habe dir Antwort zu geben und tu' es mit freier Stirn und offenen Sinnen. Ich will nichts verheimlichen und habe nichts zu verheimlichen. Dafür ist Gott mein Zeuge. Er ist bei mir, wo ich dir sage: Ja, Vater, für zwei Herzschläge hindurch wurde ich aus dem Senkel geworfen.« Er prallte zurück. Er mußte sich am Fensterkreuz halten. »Was – aus dem Senkel geworfen?!« »Ja,« versetzte sie wie im Angesicht des Ewigen, »zwei Herzschläge hindurch war mir wirbelsinnig zu Kopf... dachte ich Ungereimtes... war Reiner gelöscht in meinem Gedächtnis, um dann wieder mein und mein Alles zu werden.« Mit ihrer schmalen Hand machte sie eine kurze Bewegung und ließ diese schmale Hand wieder unauffällig sinken. Ihr halbgeöffneter Mund erinnerte an eine kleine blutende Wunde. »Vater, das mußte ich sagen. Auch in seiner höchsten und heiligsten Liebe – auch da hat die Vorsehung dem Weibe eine schwache Stunde zugesprochen, wenn auch nur eine Stunde, kaum nach Sekunden zu zählen und dünn wie ein Seidenfaden.« Der Alte stierte vor sich hin. »Halt – du. Kein Wort mehr.« Seine Stimme kroch näher: »Also doch! Bloß zwei kurze Herzschläge hindurch, kaum nach Sekunden zu zählen und dünn wie ein Seidenfaden... und nicht in Worten und Taten, sondern bloß in Gedanken. Das klingt so, als wäre ein allbarmherziges Bluttüchlein über die dumme Sache gefallen, so 'n allbarmherziges Bluttüchlein, das alles hinwegnimmt. Aber es bleibt doch 'ne Wunde zurück, die beiden Herzschläge bleiben zurück, und weiß Gott, Jakobine, ich bin kein Mann der Ausnahmen und der Absonderlichkeiten – aber Gottverdammich noch mal! wenn ich diese Herzschläge auf die Wage lege und das Gewicht ablese, dann bist du nach menschlicher Berechnung, wenn auch bloß in Gedanken, abwegig gewesen und durch Sünde gegangen.« Sie lächelte nur. Aber es war ein eisiges Lächeln. Ihre Brust zeigte kaum eine Bewegung. Unser Herr und Erlöser auf dem kalten Stein konnte sich nicht ruhiger geben. »Gut,« sagte sie tonlos, »so bin ich denn durch Sünde gegangen, um dann zu bereuen und wieder ein Kind des Lichtes zu werden.« Der Alte glaubte, nicht richtig gehört zu haben. »Blexem! Das klingt ja so wie 'ne Botschaft vom Erzengel Gabriel mit 'nem richtig gehenden Lilienstengel,« und über sein Gesicht lief eine bleierne Färbung: »Ich will dir was sagen.« Er trat vor sie hin, starrte in ein bleiches Gesicht, spuckte scharf auf die Seite, um dreimal hintereinander die Dielen nach Länge und Breite zu durchmessen. Hierauf nahm er den Ofen an, klopfte auf den blanken Messingschlängelchen, die den Aufsatz umzirkten, seine Tonpfeife aus und begab sich wieder ans Fenster. Von hier aus sah er über den trägen Rhein fort. Langsame Schiffe zogen stumm auf Emmerich zu. Lichte Sonneninselchen spielten auf dem gescheuerten und mit Sand bestreuten Boden. Mit dem Summen von Bienenflügeln hummelte es durch das totenstille Zimmer. Dann erhob sich ein Klingen wie das monotone Klingen im Schatten eines Brunnenbeckens. Plötzlich verstummte es. Der Kapitän hatte sacht gegen die Scheiben getrommelt. Dann wandte er sich. Die ihm angeborene Heftigkeit brach durch, schüttete über. »Ja, Jakobine, ich will dir was sagen,« und sein Gesicht schob sich dicht vor das ihre. »Also bloß zwei Herzschläge hindurch und nur in Gedanken... Ah du...!« und er brach seine Tonpfeife mitten entzwei und schleuderte die Stücke in eine Ecke des Zimmers. »Wir Kaptäns, wir lieben saubere Kajüten und 'nen sauberen Schiffsgang. Das ist alleweil so unter uns niederrheinischen Kaptäns die ausklamüsierte Tagesordnung gewesen, und niederrheinische Kaptäns haben toujours 'ne exakte Spurweite binnen. Und drum sage ich dir schlank- und freiweg vor die Stirne: Ich, Kaptän Hemskerk – wäre ich damals auf Borghees und vor dem Bilde der nackigen Gräfin so 'n unfreiwilliger Zeuge gewesen und hätte um diese Herzschläge gewußt – hier mit meinen zwei Fäusten, mein Döchting, ich hätte dich gewürgt und wie 'n Stück Vieh in Grund und Boden geschlagen. Verdammich, das wär' ich dir und mir gegenüber schuldig gewesen... schuldig gewesen ... schuldig gewesen.« »Du...?!« sagte sie ruhig. »Ja – ich,« gab er keuchend zurück. Sie rührte sich nicht. Nur ihr Haupt senkte sich rücklings. Der Widerschein des Fensters umgab sie mit dem warmen Glänzen des Tages. Ein hehres und doch verheerendes Lächeln umspielte die Mundwinkel, die keine Farbe mehr hatten. Sie nahm ihr gelöstes Haar auf und schürzte es zu einem mächtigen Knoten zusammen. »Wie du meinst,« sagte sie endlich. »Was du zu tun gedachtest, ist hart und spricht dir vieles ab. Die Mutter hatte mich verstanden. Die fehlt mir, und so muß ich mich mit deinem Richteramt abfinden. Was bleibt mir sonst übrig? Aber mit einem solchen ist es ein böses Hausen zusammen. Gut denn, in deinem Sinne: ich bin schuldig geworden, obgleich ich dir nochmals entgegenstelle: ich selber fühle mich so schuldlos wie ein Kind, das eben geboren wurde. Ich stehe vor Gott und meinem Gewissen wie im Angesichte der letzten Stunde. Und die letzte Stunde legt einem nichts Falsches auf die Zunge. Eine solche Stunde, die einem das Leben abspricht, um die Seele in ein neues zu geleiten, lügt nicht und hat niemals gelogen.« »Jakobine...!« Der alte Kapitän wurzelte an. Er wollte die Arme strecken, fand aber die Kraft nicht, sie von seinem starren Leibe zu heben. »Und Reiner...?!« fragte er mit aufgerissenen Lichtern, die wie Signale bei schwerem Seegang umherirrten. »Was er zu tun gedenkt, hat er mit sich selber auszumachen. Möge er den Pfad der Selbsterkenntnis finden. Für mich hat die Erinnerung an das Geschehen auf Borghees kein Erschrecken mehr, und wenn ich sündigte – eine solche Sünde hat sein Martyrium und seine Heiligkeit. Lassen wir das; denn müßte ich mit dieser Sünde in die Ewigkeit gehen, ich glaube, die Himmelstür täte sich auf, ohne auf mein Klopfen zu warten.« Sie winkte ab. »Nein, Vater, das mit Reiner ist seine eigene Sache. Er ist Mannes genug, sich und sein abwegiges Herz zu befragen. Ich rufe ihn nicht, suche seine Hand nicht, denn täte ich es, ich schämte mich im Spiegel vor meinem eigenen Angesicht, denn ich bin eine Hemskerk. Wenn Reiner was will – ich warte und bin immer zu finden, wenn es auch schwer wird, die alten Saiten wieder in ein harmonisches Klingen zu bringen. Das ist es, und ich habe nichts mehr zu sagen.« Sie fuhr sich schwer über die Augen. »Herzensmamsellchen, mein Döchting!« Der Alte taumelte vor, als wäre ihm eine Überfahrung gekommen. Aber er strammte sich wieder wie ein Großer und Starker zwischen den Stacheldrähten, wo die Großen und Starken zu Hausen pflegten, und stieß die Arme zur Decke. »Herr, du mein Gott! Ich danke dir. Ich danke dir, wie nur ein alter Rheinbär die Fassong hat, seinem lieben Herrgott zu danken. Mein Verstand steht wieder in Räson. Der wollte sich auf- und davonmachen. Hiergeblieben, du Lump. Und du... her, her – du meine kapiteinische Tochter!« und er nahm sie in seine mächtigen Arme. »Ach du, ach du...! Herzensmamsellchen!« und er riß sie an sich, als sollten sich Seelen und Körper miteinander verschweißen. »Jakobine, das da von eben...« und seine Stimme schrie auf: »Ich bin ja reineweg des Satans gewesen. Zwei Herzschläge hindurch wider Wollen und Willen und bloß in Gedanken in Sünde gestanden zu haben – das ist keine Sünde. Nee, das ist keine Sünde! Nie und niemals ist das Sünde gewesen! Und das von 'nem Vater in seiner größten Herzensbedrängnis niedergelegt und mit Blut unterfertigt, das gilt ebensoviel und wertet genau dieselbige Nummer, als hätte es der Herr Pastor in seinem Beichtstuhl von sich gegeben. Ja, Herzensmamsell, nicht du, sondern er hat zu kommen,« und sein Mund ruhte fest auf dem ihren, »und wenn's an der Zeit ist...« und er ließ von ihr ab, um ihr mit straffer Herzlichkeit und in allen Treuen zu sagen: »Mein Schiff wird sich freuen, mal unter deinem Kommando zu stehen, denn wahrhaftig in Gott: du bist eine Hemskerk. Allemann auf Deck, es lebe die kapiteinische Tochter. Hurra und Vivat!« und es war so, als käme vom Hafen her ein fröhliches Knattern von Flaggen und Segeln, ein Rufen von begeisterten Menschen herüber. Fünfzehntes Kapitel Jawohl, der zugeknöpfte und undurchdringliche Herr in Livree blieb die Verschwiegenheit selber. Keine schleimige Ackerschnecke hätte sich heimlicher bewegen, keine graue Maskenlarve sich verborgener hinstrecken können. Seine Zunge war tot, so tot wie die dumpfe, lauliche Luft im Beerdigungsinstitut ›Caritas‹ in Firma Aloisius Joseph Anderheiden \& Söhne, noch toter wie die blanken Zinnbeschläge auf dem Deckel eines frischgefirnißten Sarges. Er ging eben durch Schatten, war selber ein Schatten, wollte nichts anderes vorstellen, und Schatten können nicht reden. So standen die Dinge hüben und drüben, und dennoch begann es in Huisberden hier und da und an einzelnen Stellen zu sickern. Wie in dem Rinnsal eines Wiesenbächleins wahrend der ersten Frühlingsschmelze ließ sich zeitweilig ein verhaltenes, dann ein immer emsiger werdendes Gluckern vernehmen. Es mochte ungefähr um die nämliche Stunde sein, als Hemskerk und Jakobine die große Auseinandersetzung hatten, sich ritterlich bekämpften, sich wieder näherten und der alte, schnurgerade Kapitän in die Worte ausbrach: »Mein Schiff wird sich freuen, mal unter deinem Kommando zu stehen, denn wahrhaftig in Gott: du bist eine Hemskerk,« etwa um diese Stunde geschah es, daß sich das Gluckern des Wiesenbächleins in Huisberden fast in einen kleinen, aber heftigen Tobel verwandelte und Anstalten machte, über seine Ufer zu treten. Herr Severin Stappers war rein aus dem Häuschen, sein ganzes Benehmen wie das eines Übersinnigen, ja, eines Verstörten. Arme und Hände unter die langen Schöße seines Rockes geschoben, den birnförmigen Oberkörper mit dem schmalgesichtigen Kopf vornübergebeugt, durchmaß er die Küsterstube mit seinen steifledernen Ständern, als gälte es, einen Dauerlauf von hier bis weit ins Gelbrische hinein zu markieren. Bald darauf klebte er unvermittelt am Boden, als wäre er mit Reißzwecken festgelegt worden. Dann drehte er sich um seine eigene Achse, begann leise zu seufzen und seine tiefliegenden Grubenlichter auf seine bessere Hälfte zu richten. Die saß seelenruhig, wenn auch etwas geröteten Angesichtes am Fenster, ein Körbchen neben sich, ein munteres Sonnenschirmchen zwischen den Beinen, denn sie war erst vor einer kleinen Viertelstunde von Emmerich zurückgekehrt, woselbst sie Einkäufe gemacht und schwerwiegende Neuigkeiten eingeholt hatte. Mit blanken Augen begegnete sie den düster schwelenden Grubenlichtern ihres Herrn und Gebieters. Ein vielsagendes, wenn auch trauriges Lächeln umkräuselte ihre niedlichen Mundecken. »Na – und...?« fragte sie, ohne mit einer Wimper zu zucken. Severin überstrudelte sich. »Angelika, ich verstehe dich nicht und werde dich niemals verstehen, denn deine Mitteilungen überspringen den Pferch meines Horizontes.« »Das sieht dir ähnlich,« versetzte sie mit der abgeklärten Resignation eines Nönnchens von der ewigen Anbetung. »Angelika, ich ersuche dich im Namen des Herrn, halte den Mund, sei verschwiegen wie der Maulwurf, den sie auf lateinisch Talpa europaea benennen, denn jedes unvorsichtige Wörtchen könnte es bewerkstelligen, uns in die Tinte zu reiten, ja, den Strafrichter veranlassen, uns vor sein Forum zu beordern.« »Severin, hab' dich nicht so.« »Angelika, was bezweckst du damit, mich mit diesem ›Hab' dich nicht so‹ kränken zu wollen? Ich strebe dein Bestes an, will nur das Ansehen und die Ehre unseres Hauses behütet wissen.« Er hob beschwörend die Arme, um sie wieder fassungslos aus der Höhe herunterzuholen. Dabei duftete er stärker nach tropfendem Wachs, nach sacht dahinschwelenden Dochten von Sterbekerzen. »Ich beschwöre dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes... propter reverentiam : deine Lippen seien wie eine versiegelte Quelle.« »Halt!« sagte sie geradeheraus und stieß dabei etliche Male mit ihrem Sonnenschirmchen auf den Velourteppich. »Nicht weiter. Willst du ein Mann sein, oder hast du deine Mannbarkeit bereits auf den Kirchhof gefahren, um ihr dortselbst ein › De profundis ‹ in die Pierekull nachzusingen?« »Angelika, was meinst du damit?« Sein rostfarbiger Schopf sträubte sich aufwärts. »Denke doch an unsere noch unmündigen Kinder, an den eigenen Frieden, wenn du es auch nicht unterlassen kannst, mich in die Grube zu quälen, und solches geschieht, wenn du deine vorgebrachten Verdächte und Unterstellungen weiter anbringen solltest.« »Was Verdächte und Unterstellungen...?! Herr Severin Stappers, ich bitte mir aus, meine Respektierlichkeit nicht bezweifeln zu wollen, wo ich seinerzeit nahe daran war, in 'nem baronlichen Mercedeswagen ins Hochamt von Sankt Aldegondis fahren zu können – und da kommst du mir in die Parade gefahren, als wäre ich von heute und gestern und direkt aus dem Spülstein gezogen.« »Aber Angelika, da muß ich doch ernstlich ersuchen...« »Was ich weiß, kann ich auch anpräsentieren.« »Nicht immer.« »Aber wenn die Wahrheit ihren regelrechten Trumpf aufspielt – was dann?« »Auch dann ist Vorsicht geboten. Außerdem bezweifle ich die ganze Hiobsbotschaft.« »Mann Gottes!« und Engelke Stappers stellte ihr Sonnenschirmchen beiseite und schlug entsetzt ihre Hände zusammen. »Ich sehe, das Geschlecht der ungläubigen Thomasse haust noch immer auf Erden und sagt, wenn es sich bei hellichtem Tage vor 'ner Erbsenrabatte befindet: Das sind keine Erbsen, sind es auch niemals gewesen, sondern vielmehr Lauch oder schöne Industriekartoffeln. Das behaupten die ungläubigen Thomasse.« »Angelika,« versetzte er nach einiger Weile, und zwar um vieles ruhiger geworden, »ich gedenke des Spruches: Vermutung und Nachrede gehen oftmals in häßlicher Brautschaft zusammen, und glaube mir, eine solche Brautschaft führt niemals zu einer ersprießlichen und förderlichen Ehe.« »Herr,« fuhr sie auf, »was du nicht sagst! Ich werfe deine Vermutung und Nachrede, deine Brautschaft und Ehe über meine linke Schulter, so wie die Juden es in der Gewohnheit besitzen. Fort damit, denn so was ist bei mir noch niemals jung geworden. Dafür jedoch...« Ein Ruck ging durch die appetitliche, dralle und rassige Frau. Eine kurzstielige Sonnenblume, mit rundem und frischem Gesichtchen, den heroischen Busen wie die Buckeln einer Schildjungfrau tragend, erhob sie sich, die Blicke eindringlich auf den erstaunten Gatten gerichtet. »Mann Gottes, ich habe dir eine Frage zu stellen.« »Angelika, ich bitte darum. Propter reverentiam, ich bleibe dir die Antwort nicht schuldig.« Er warf sich forsch in die Weste, als er das sagte. »Ich warte darauf, wie ich mich so oft genötigt sah, um deinetwillen zu warten.« Es kam ordentlich patzig heraus, mit welcher Verve er dieses erklärte. »Dann bitte, gib Antwort: Hast du Augen im Gesicht und Lauscher am Koppe, oder bist du dieser himmlischen Güter nicht teilhaftig geworden?« Diese Unterstellung verdutzte ihn sichtlich. Seine erzwungene Herzhaftigkeit kam ins Wanken. »Was verstehst du unter Augen im Gesicht, unter Lauschern am Kopfe?« fragte er mit einer Stimme, die nicht mehr zu den kernigen Stimmen gehörte. »Was soll es mit ihnen?« »Ich meine: ist dir vielleicht das Gleichnis von dem seligen Tobias passiert, dem 'ne Schwalbe das Sehen verschweinigelte, und hast du mehr oder weniger auf deinen Ohren gesessen, um dir die Geräusche des Tages vom Leibe zu halten?« »Nein, Angelika, nein. Ich höre und sehe noch immer wie die Kinder Israels hören und sehen, denn diese sind nicht von heute und gestern.« »Mynheer, dann muß ich mich wundern; denn wärst du bei leibhaftigen Sinnen, dann könnte dir nicht entgangen sein, was mir schon seit einigen Wochen in den Gliedmaßen drinsteckte. Nein, Mynheer, bei offenen Sinnen hattest du wahrnehmen müssen, wie hier in Huisberden und drüben in Grieth manches sich nicht auf den richtigen Spulen befindet, sich komische Leergänge herausgestellt haben... wie der junge Förster herumgeht, als wären ihm die besten Ringeltauben fliegen gegangen... wie Jakobine nicht mehr im hiesigen Kirchspiel erscheint, wenigstens tut, als läge Huisberden ad minimum hundert Stunden hinter den Vereinigten Staaten von Amerika... wie Mutter Auwater meine Anwesenheit hintergeht, dabei allzeit im Kirchenstuhl herumsitzt, als wäre das gebrannteste Herzeleid über ihren Hausstand und ihre Verwandtschaft gekommen... und so was kann einem schon so 'n bißchen den Glauben an die Vorsehung beheben, denn unsereins hat mit dieser lieben Familie doch allzeit in 'nem angenehmen Verhältnis gestanden.« Sie setzte sich wieder und sah auf die Straße hinaus, wo eine einzelne Krähe mit ihrem grindigen Schnabel auf- und niederstolzierte. »Die paßt gerade dazu,« sagte sie grantig. »Diese Unglücksvögel sind immer zu haben, wo's etwas zu beschreien gibt, denn ich kann mir nicht helfen: zwischen Grieth und Huisberden wollen die goldenen Ringe so recht nicht mehr zusammenhalten.« »Du, berufe die Sache doch nicht. So was darf man nicht machen. Ich denke dabei auch an die Bedrängnisse des Herrn Kaplans.« »Meinst du ich nicht?« »Angelika, ich glaube noch immer: deine Sorge treibt dich zu weit.« »Sie kann nicht weit genug treiben,« und ihre üppige Bluse kam wieder ins Stürmen. »Meine Anhaltspünkter stehen auf breiten Absätzen, und leider Gottes sei es gesagt...« Ihr Atem folgte nicht mehr. Severin wagte es, ihr die Hand aufzulegen. »Angelika, es werden lediglich Vermutungen sein, die dir Veranlassung gaben, Dinge zu sehen, die sich bei näherer Betrachtung als illusorisch erweisen.« »Vermutungen – ja, aber bloß bis vor einigen Stunden. Indessen – jetzt, wo ich von Emmerich komme, woselbst sich Leute befinden, die zu schweigen verstehen, aber mit diesem Schweigen alles zu sagen wissen, da sind diese Vermutungen und Verdächte als lautere Wahrhaftigkeiten siegreich hervorgegangen. Severin,« und sie stelzte sich wieder strack und stramm in die Höhe, »ich brauche dir nur den Namen Düweke Brinkmann zu nennen.« »Was – Düweke Brinkmann?!« »Ja, Düweke Brinkmann, obgleich ich die Ansicht vertrete, sie hat's nicht aus sich, sondern anderweitig in Rapportierung bezogen... und ich kann mich nur Stein und Bein drüber wundern, daß sich im hiesigen Kirchspiel noch keine offenkundigen Mäuler befinden...« Dem braven Küster lief es kalt über den Rücken. »Ich bitte dich endlich auf den Kern der Sache zu kommen. Im Angesicht des ewigen Gottes, was ist denn eigentlich geschehen?!« »Das, was ich in Emmerich als wissenschaftlich einholen konnte. Kurz, es handelt sich um Jakobine Hemskerk und Reiner, und wenn nicht übernatürliche Hilfe...« Severin fuhr sich erregt durch die Tolle. »Aber Angelika, das wäre doch furchtbar!« »Wäre es auch. Man könnte darüber Tränen vergießen.« Herr Stappers verschraubte die langen Fingergelenke, um sie wieder auseinander zu haspeln. »Mein Gott und mein Heiland – diese stolzen und aufrechten Menschen! Wie ist das nur möglich gewesen? Da müssen doch Dinge passiert sein...!« »Sind auch passiert. Ganz entsetzliche Dinge! Aber man weiß nichts genaues. Bloß dieses. Auf Borghees hat das Malör begonnen. Erst in allen Ehren und mit Rosenbuketts. Dann in verfänglicher Weise, 'n hochbeiniger Rehbock mit langen Hörnern, wie Düweke Brinkmann behauptet, diverse Bouteillen und 'ne wunderschöne Gräfin mit 'nem komischen Namen spielen 'ne gewisse Rolle dazwischen. Lustigkeiten über Lustigkeiten. Dann hat's eigenartige Knälle gegeben, die Gisbert von Riswyk veranlaßten, sich an 'nen berühmten Doktor in Utrecht zu wenden. Es soll so schlimm ja nicht sein, ist aber doch immer von 'ner gewissen Bedeutung. Allerdings muß ich sagen: Gisbert und Reiner haben sich dabei als Edelmänner herausgemustert. Aber die Knälle sind nicht abzustreiten, und das ist das Fatale in der ganzen Begebenheit, denn von diesem Momang an sind die Schiffe zwischen Grieth und Huisberden sozusagen abgebrannt worden; jedenfalls: von stunds an ist Jakobine nicht mehr im Forsthaus gewesen, geht Reiner nicht mehr so pläsierlich seines Weges daher, sucht Mutter Auwater den gestrigen Tag, ohne den gestrigen Tag finden zu können. Das kann ich beschwören, denn auch ohne Düweke Brinkmann habe ich diesen traurigen Ausgang schon lange vorher kommen sehen, und das ist vielleicht der betrübsame Schluß einer mit Lust und Wonneseligkeit angefangenen Liebe.« »Und der Herr Klemens ...? Sollte dieser so gänzlich im Dunkeln herumtasten?« »Ich kann es nicht sagen.« »Da muß man doch aufklärend eingreifen, um etwaigen falschen Gerüchten und Falsifikaten mannhaft und propter reverentiam entgegenzutreten.« »Tu's man. Es kann ja nicht schaden. Aber ich glaube, das mit den falschen Gerüchten und den Falsifikaten läßt sich nicht mehr so auskurieren, daß einem wieder warm und wohlig ums Herz ist.« »Angelika,« sagte Severin aus tiefster Seele und echter Menschenliebe heraus, »ich will es versuchen. Vielleicht bringe ich eine angenehme Nachricht nach Hause, denn ich kann es nicht fassen, daß gerade diesen hervorragenden und edlen Menschen so etwas widerfahren sollte. Man muß ein übriges tun, seinen Mitbrüdern in ihren Nöten beistehen. Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. So der heilige Lukas im 5. Kapitel und im 31. Vers. Ich denke, Herr Klemens wird ein Arkanum besitzen.« Engelke nickte. »Dann geh' man mit Gott. Ich für meine Person kann deine brave Art nur herzlich bewundern. Möglich, der Herr Kaplan wird nicht ermangeln, opferfreudig zu geben. 'ne geistliche Kraft hat von jeher 'ne größere Einsicht als unsereins besessen.« Sie drückte ihr Schnupftüchlein gegen die Augen: »Severin, also mit Gott denn ...« und als die Dämmerung kam, die blanken Sterne heraufzogen und die holde Frau Venus mit ihrem hellen Liebeslaternchen die weite Landschaft absuchte, trat Severin Stappers über die geistliche Schwelle. Während des Anmarsches hielt er den Hut zwischen den Händen, als wenn er zu einem hochheiligen Orgelspiel ginge. Eine geschlagene halbe Stunde gab er Herrn Klemens die Ehre. Wieder zu Hause angekommen, stülpte er seinen etwas angefressenen Zylinder mit einer schmerzlichen Geste über den Riegel, fuhr sich bedenklich über den rostigen Haarschopf, um mit einem schweren Seufzer das Gemach zu betreten, wo nebenan sein reichlicher Nachwuchs, die stolze Kraft seiner Lenden, einen Höllenspektakel vollführte. »Wollt ihr wohl still sein,« rief Engelke in das Nebenzimmer hinein, »euer Pappa hat 'ne Rapportierung zu übermitteln,« um geräuschvoll die offene Tür zu schließen und sich an ihren Gatten zu wenden: »Na, Severin, was sagte Herr Klemens?« »Angelika, das ist nicht mit einem Worte niederzulegen. Der geistliche Herr war wie immer freundlich und gütig. Er hörte mich an, nickte zu verschiedenen Malen, teils ernsthaft, teils mit einem erzwungenen Lächeln. Als ich zu Ende war, antwortete er mir in gediegenen Worten. Vielfach in Sentenzen, meist den Sprüchen Salomonis und denen des Jesus Sirach entnommen. Dann kreiste er mich mit Spiegelungen und Spiegelbildern ein und gab der Hoffnung Raum, mit Gottes Hilfe und dem ausgleichenden Wandel der Tage würde sich vieles einrenken lassen. In nomine Patris ... Als ich aber über Borghees berichtete, zuckte es um seine schmalen Lippen. Mit einer kurzen Handbewegung winkte er ab. Lassen wir das, sagte er heftig, wenn auch gelassen. Es berührt mich mit leblosen Fingern. Im übrigen: ich danke Ihnen, mein werter Herr Stappers, auch Ihrer Gattin. Er grüßte verbindlich, gab mir auch noch recht freundlich die Hand, und dann bin ich nach Hause gegangen.« »Und nu bist du hier,« versetzte sie ernsthaft, »und weißt jetzt, wie sich die Dinge verhalten.« »Ja, Angelika, so halber bin ich wissend geworden und weiß auch, wie wir uns der Welt gegenüber zu benehmen haben. Schweigen und abermals schweigen und zum dritten Mal schweigen. In nomine Patris ...« »Schon um der christlichen Nächstenliebe und der Barmherzigkeit wegen,« bestätigte Engelke aus edelster Gesinnung heraus und legte gottergeben ihre Hände zusammen. So geschah es denn auch. Die beiden hielten ihr Wort mit der Strenge von Trappistenmönchen. Just so wie der zugeknöpfte und undurchdringliche Herr in Livree. Keine schleimige Ackerschnecke hätte sich in dieser Beziehung heimlicher bewegen, keine graue Maskenlarve sich verborgener hinstrecken können. Sie hüllten sich in geheimnisvolle Schatten ... sie wurden selber zu Schatten ... und Schatten können nicht reden. * Auch in dem kleinen Garten des Forsthauses blühten die Georginen, sahen mit ihren bunten und lebensfrohen Augen in die Fenster hinein, ohne hier eine sonnige Gegenliebe und ein freundliches Entgegenkommen zu finden. Schon seit Wochen war die stille Beschaulichkeit dahin, tastete sich etwas Vergrämtes, Verweintes und Müdes von einem Zimmer in das andere hinein, und wäre nicht das Rotkehlchen gewesen, das Unwirtliche in diesen einst so frohen Räumen wäre noch unwirtlicher und bedrückter geworden. Und dennoch, wer genauer zuhörte, hatte das Unterbewußtsein, selbst in diesem anheimelnden Stimmchen tinkte es mit dem schmerzlichen Tinken eines Totenührchens, war der freie und muntere Waldgesang in einem langsamen Sterben begriffen. Mutter Auwater fühlte und hörte das alles. Sie hatte an Reiner und Jakobine geglaubt wie an die Auferstehung des Fleisches, an die Wonnen und Freuden eines paradiesischen Daseins nach einem gottwohlgefälligen Erdenleben. Deren Liebe war ihr vorbildlich erschienen, heilig wie der Tod, lauter wie das Lichtchen am Öldocht, das in der ewigen Lampe der Kirche von Huisberden flämmerte. Und nun war dieses gekommen, dieses Unabsehbare, dieses Ungewisse mit fragenden und häßlichen Blicken, das nicht von ihr ließ und sie selbst dann behelligte, wenn bei ihr die stille Hoffnung aufkeimen wollte: es kann alles noch werden. So auch heute. Sie saß in einer Fensternische des Wohnzimmers. Ihre Augen waren gerötet vom Weinen. Kaum schien es ihr möglich, den Faden durch das Nadelöhr zu zwingen, um ihre Weißstickerei weiter zu fördern. »Es geht nicht,« sprach sie verloren in sich hinein, das wehe Gesicht auf den Garten gerichtet, wo die Georginenstöcke sich alle Mühe gaben, eine heitere Note in die bekümmerte Seele dieser einsamen Frau zu tragen. »Nein, es geht nicht, und ist mir doch früher ein leichtes gewesen. Aber dieses ewige Denken zermürbt einen schon bis in die äußersten Fingerspitzen.« Hände und Weißzeug fielen ihr in den Schoß. Der Kopf senkte sich langsam, und langsam redete sie vor sich hin: »Wer ist der schuldige Teil? Sie oder Reiner? Ich mag nicht dran rühren. Ich darf nicht und will nicht. Etwas Rechtschaffenes kann dabei nicht herauskommen. Du sollst dich nicht überheblich zeigen, dich nicht zum Richter ausschellen, zudem keinen ans Marterholz heften, es sei denn, Gott hat es gewollt. Niemand soll sich des unterfangen. Auch du nicht, Reiner, obgleich du dabei bist, den ersten Stein von der Straße zu heben, gesonnen, ihn auf Jakobine zu werfen,« und ihr verhärmtes Gesicht senkte sich immer tiefer und tiefer. »Mutter, du hast richtig gesprochen. Man weiß nicht, was der andere Tag uns bringet. Die Nacht ist keines Menschen Freund. Der junge Morgen zeigt vielfach jegliches in anderen Farben. Du sollst nicht richten, auf daß du nicht gerichtet werdest, du sollst keinem das Marterholz auflegen, auf daß der Herr nicht Ärgernis nimmt und er sich in seinem Zorne genötigt sieht, dich selber mit diesem Marterholz zu belasten – es sei denn, wie du sagst: Gott hat es gewollt. Mutter ...!« und ein warmer Mund legte sich auf den Scheitel der Vereinsamten. »Klemens – du ...?« Sie richtete sich auf und begrüßte den jungen Geistlichen mit der Ehrerbietung, die sie ihm schuldig wähnte. »Klemens, schon lange möchte ich sprechen: Nennet mich nicht Noëmi, die Heitere, sondern Mara, die Bittere, denn täglich mehren sich die ernsten Gedanken, die mich angehen mit häßlichen Eingebungen.« »Mutter, warum das? Ich sagte dir schon: Der junge Morgen zeigt jegliches vielfach in anderen Farben, und in diesen Farben empfängt die Seele das Licht, das sie benötigt, um wieder aufzuatmen. In diesem Licht verliert sich das Frösteln, dem wir alle anheimfielen. Warten wir ab. Ich bin der Zuversicht, es wird die Stunde kommen, wo wir die Tränen vergessen, die wir geweint haben.« »Wenn du denn glaubst ...« »Ja, Mutter, ich glaube. Die Mißverständnisse werden sich klären, können nicht weiter so hingehen. Reiner wird zur Einsicht gelangen, denn ich kann mich von der Überzeugung nicht losreißen...« Er brach plötzlich ab, um unvermittelt zu fragen: »Ist Reiner zu Hause?« »Ja, Klemens. Vor einer kleinen Viertelstunde ist er von seinem Reviergang zurück, früher als sonst. Das gibt mir zu denken und macht mich unruhig.« »Wo ist er zu finden?« »In seiner Schreibstube. Gestern empfing er ein versiegeltes Schriftstück. Das erregte ihn sichtlich. Er scheint auswärtigen Besuch zu erwarten.« Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. »Zu welchem Zweck – ich weiß es nicht und kann es nicht sagen.« In dem Gesicht des jungen Klerikers zuckte es auf mit dem raschen Zucken eines fernen Wetterleuchtens. Er machte einige Schritte auf und nieder, blieb dann stehen und sagte entschlossen: »Mutter, ich habe mit Reiner zu sprechen.« Er wandte sich der hinteren Tür zu. »Klemens, wenn du so gut sein willst: noch auf ein Wort.« »Ja, Mutter.« »Du – würdest du mir wohl einen Gefallen erweisen, mir einen heißen Wunsch erfüllen?« »Aber Mutter, du weißt doch ... weshalb diese Frage?« »Ja, mein Junge, ich weiß. Drum laß mich mal sprechen,« und sie hob ihre Hand, die langsam in ihren Schoß zurückfiel. »Du, Klemens, wenn ich in früheren Zeiten in schwerer Herzensnot dahinlebte, mit meinen Gedanken nicht ein noch aus wußte, dann nahm ich Gebetbuch und Rosenkranz, schürzte meinen Rock auf und pilgerte auf Kevelaer oder Marienbaum zu. Auch wohl nach Dornick jenseits des Rheines. Ich habe dortselbst 'ne Wachskerze geopfert, den Herrn angerufen und siehe: es hat immer geholfen, denn die Gnadenorte sind Seelenapotheken, woselbst die gütige Vorsehung ihre heilsamen Kräuter und Arzeneien mit vollen Händen verausgabt. Das ist es. Die Sterne ziehen herauf, um wieder unterzugehen. Sie tun immer dasselbe. Weshalb soll ich mich anders einrichten, nicht das aufs neue aufnehmen, was ich früher in meinen Herzensängsten besorgte? Aber meine Füße wollen nicht mehr, die vielen Menschen verstören mich, und da möchte ich bitten: Klemens, wenn du statt meiner hingehen wolltest, statt meiner den Rosenkranz beten und 'ne Wachskerze opfern würdest – es wäre für mich ein Hohes und Schönes in meinen jetzigen Umständen, denn die Fürbitte eines geistlichen Sohnes ...« »Mutter ...!« Er hob sie sacht in die Höhe. Ihr Haupt ruhte still an seinem Herzen. Das Rotkehlchen begann ein glitzerklares Fädchen zu spinnen. In dieses Spinnen hinein redete Klemens mit Worten, die an das Versöhnende eines dahingehenden Tages erinnerten: »Mutter, wie gerne. Ich begreife dich vollkommen. Hier im Hause ist manches in ein unvorhergesehenes Wanken geraten; aber so weit ich es übersehen kann: es wurde noch nicht alles aus seinen Angeln gehoben. Bei einigem guten Willen läßt sich das Schlimmste abstellen und wieder gutmachen. Ja, Mutter, du befindest dich in tiefster Sorge um Reiner und Jakobine. Die Tage bedrängen dich, und die Nächte bringen dir des Leides genug. Eine Wolke Wüstenstaubes wandelt gegen dich an, als müßtest du in ihrem Wehen ersticken und den Geist aufgeben. Der Herr wird und muß diese Wolke staubigen Wüstensandes hinwegnehmen. Er wird uns allen Stab und Stecken sein. Sein Licht wird unsere Pfade erhellen, und sei gewiß: er tut es, und die Fürbitte der allerseligen Jungfrau führt aufs neue die getrennten Herzen zusammen. Sie werden erlöst von den Übeln der Mißverständnisse und denen der Zweifel ... was wir ersehnen.« Er glitt behutsam über das Haar seiner Mutter. »Also geschehe es. Dein Wille ist mir heilig. Die Opferkerze wird in Bestellung gegeben, und wenn die Stunde ruft, bin ich auf dem Wege nach Dornick. Die Zeit wirst du mir überlassen. Ich wache. Die Mittlerin und Fürsprecherin allda wird die Bitte einer Mutter nicht von der Hand weisen, denn eine solche Bitte ist scharf wie das Schwert des heiligen Michael, leuchtend wie seine Lanzenspitze. Sie fürchtet den Tod nicht, überschreitet die Meere und öffnet die goldenen Riegel zum ewigen Jerusalem.« »Klemens, du bist die Ruh',« sagte sie glücklich. Getröstet nahm sie ihr Weißzeug auf, während Klemens ... Bruder und Bruder standen sich alsbald gegenüber. Erst Schweigen. Dann aus diesem Schweigen heraus: »Reiner, ich habe diese Stunde schon lange herbeigesehnt, im Namen des Friedens, im Namen der Ruhe unseres Hauses, im Namen unserer armen Mutter, und ich frage dich: Willst du ihr das Leid nicht aus dem Herzen nehmen?« »Ich habe dir schon einmal gesagt...« »Das hilft mir nicht. Ich darf nicht mehr warten. Allmählich kann man darüber das Lachen verlernen.« »Das habe ich schon lange verlernt, denn wisse, Brüderlein, um mich liegt schon seit Wochen ein Land ohne Lachen. Die fruchtbare Erde, die ich aufraffe, wird mir zu Staub in den Händen, die saftigsten Äpfel, die ich breche, werden mir zu Sodomsäpfeln, die mir zwischen den Fingern zerfallen.« »Diesen Staub und diese Sodomsäpfel hast du dir selber zu danken.« »Ich?! Wie kommst du darauf?« Reiner wich einen Schritt zurück. Er sah seinem Bruder starr in die Augen. »Ich habe dich nicht gebeten, meine Angelegenheiten zu ordnen. Ich bin Mannes genug, sie selber zu begleichen und der Erledigung entgegen zu führen. Du solltest immer bedenken: ich bin der Ältere und habe deine Jugend behütet. Selbstverständlich steht es mir fern, mich dieserhalb hinaufzuschrauben, oder mich bedeutsamer hinzustellen, als es mir zusteht, aber meine Betreuung und meine Verdienste dir gegenüber ...« »Werden auch vollauf bewertet. Daran fehlt kein Tiftelchen. Gott ist mein Zeuge, daß ich mich dir gegenüber dankbar erweise, mich um dich und dein Wohlergehen verzehre. In meinem Gebete zu Gott, in meinem Flehen zu ihm gedenke ich deiner tagtäglich in unverbrüchlicher Liebe und Herzenseinfalt. Was ich dir schulde, ist mir zwischen die Schläfen gehämmert, unauslöschlich und ewiglich, und trotzdem ...« »Was, trotzdem?!« Der junge Kaplan streckte die weiße Hand aus, und diese Hand, so zart und weiß sie erschien, nur dazu da, zu segnen, die Hostie zu konsekrieren, die Blätter des Gebetbuches lautlos auf die andere Seite zu legen – sie lastete eisern auf dem Arm seines Bruders. »Reiner, siehst du denn nicht, fühlst du denn nicht, hörst du denn nicht? Glaube mir, Reiner, es werden in diesem Hause graue und unansehnliche Garne gehaspelt. Sie lassen das frohe Licht des Tages nicht mehr aufkommen. Etwas schleicht in diesen Räumen umher, das sich in irgendeine Ecke verkriechen möchte wie ein aufgescheuchtes Tier, das sich krank fühlt und sich danach sehnt, einsam zu sterben.« Reiner stieß einen abgehackten Fluch aus. »Verdammich! Wie kommst du mir vor?« »Diese Frage möchte ich an dich richten. Du brauchst nur zu wollen, das Gleichgewicht unter diesen Sparren wieder herzustellen – und die Tage können wieder zu heiteren, die Nächte wieder zu geruhsamen werden. Dazu bist du heilig verpflichtet, der Mutter gegenüber und dir gegenüber.« Und seine Stimme steigerte sich. »Das Trostlose des Karfreitags muß aus diesen Wänden heraus. Wir wollen nicht mehr das stumpfe Brüten dieses Tages, nicht mehr das unwillige Sprechen vom Berge des Ärgernisses. Es ist satt und genug mit den verflossenen Wochen. Wir wollen uns der Veilchen und Himmelschlüsselchen erinnern und den Glauben nicht aufgeben, daß auch für uns wieder die Osterglocken zu singen anheben: Christ ist erstanden!« In Reiners Augen erschien eine Flamme. »Und das soll ich euch alles besorgen?« »Ja – du.« »Und wie denkst du dir das?« Klemens gab den Arm seines Bruders frei. Dann sagte er ernst: »Nicht so, daß du mit erkünstelter Voreingenommenheit durch die pralle Sonne des Starrseins hindurch wandelst. In der prallen Sonne lassen sich keine Erwägungen fassen, keine vernünftigen und aufklärenden Gedanken großziehen. In deiner Verfassung sind dir die laulichen Schatten des Insichgehens vonnöten.« »Unsinn! Rede mir nicht von laulichen Schatten.« Reiner machte eine schroffe Bewegung. Ein trockener Husten schüttelte ihn. »In laulichen Schatten wird die Sünde geboren.« »Mensch –du!« Der junge Kleriker fuhr auf. »Wie kommst du dazu, mir so zu begegnen? Ich will nur dein Bestes. Ich will dich lediglich vor deinem jetzigen Ich und seinem widersinnigen Grübeln befreien. Gehe in dich, wende dich wieder deinem früheren besseren Ich zu. In dir ist ein Feuer, das deine Augen versengt, dein Hören abtötet, deine Seele verzehrt. Folge mir, ich führe dich einen sicheren Pfad. Es geschieht dir und der Mutter zuliebe. Du solltest mir Dank wissen.« »Ich – dir?« Über Reiners Stirn zogen sich grobe Runen. »Brüderlein, du denkst hoch von dir und stellst deine Leuchte nicht unter die Futterschwinge. Du erhebst deine Soutane über einen Königsmantel, deinen Priesterstecken über ein Fürstenszepter. So werdet ihr alle, wenn das Schermesser die Tonsur aus euerm Scheitel herauszirkelt. Aber ich bin nicht gesonnen, dich dieserhalb mit dem Weihrauchfaß zu benedizieren.« Klemens verfärbte sich. »Du solltest dich schämen,« sagte er tonlos. »Den Hohn, den du mir zudachtest, weise ich von mir. Um der christlichen Nächstenliebe halber – ich will nichts gehört haben. Ich verlange nichts Unbilliges, nur das, was uns wieder Ruhe verschafft, was die Mutter bedarf, um des sanften Hindämmerns ihres Lebensabends teilhaftig zu werden. Reiner ...« und es war so, als läge eine Beschwörung, ein Zauber in seinen hinreißenden Worten: »Reiner, prüfe dich selber. Lasse ab von deiner Voreingenommenheit. Eine Jakobine Hemskerk vergibt sich nicht, läßt ihr Magdtum nicht antasten, wirft sich keinem in die Arme hinein, um dafür ein Leben lang Reue und Leid zu erwecken. Nur ein unseliger Zufall...« »Riswyk...!« Reiner packte die Hand seines Bruders. »Du – ich habe doch Lichter zwischen den Schläfen.« Dem jungen Kleriker lief es kalt über den Rücken. »War es ihre Schuld?« fragte er eisig. »Hat sie gefehlt? Weißt du das so sicher? Erbringe Beweise dafür, sonst ist es ein Arges, über ein bis zur Stunde unbescholtenes Weib den Stab zu brechen, ihm auch nur um ein geringes an der Ehre zu schädigen. Ich jedoch: vor Jakobine – ich stelle mich hin, denn ich weiß, was ich tue. Du aber, Riswyk und du – ihr beide habt gegen Gottes Satzung gefrevelt.« »Was – du...?!« »Reiner, was ich schweigend erduldete, lange mit mir herumtrug, immer des Glaubens, es würde sich als trügerisch ausweisen – es hat sich nicht als trügerisch erwiesen. Im Gegenteil, mit Fleisch und Bein, in seiner ganzen scheußlichen Nacktheit hat es sich über mich und meine Seele geworfen.« Er wandte sich ab und befreite sich aus der Umschnürung. »Gestern bin ich wissend geworden. Selbstverständlich: ich schonte die Mutter um ihrer Ruhe willen. Dich kann ich nicht schonen. Wir sprechen später darüber. Zunächst liegt mir Jakobine am Herzen, und ich gebiete dir nochmals...« »Brüderlein,« und die Falten in Reiners Stirn gruben sich tiefer, »du hast wohl vor, mich kraft deines Amtes in die Knie zu zwingen?« »Mein Gott, mein Gott! Wolle mich doch richtig verstehen. Ich will ja nur eins. Ich komme mit der nämlichen Bitte: Bringe uns den Frühling herein, nur ein Stück des blauen Himmels, auf daß wir jubeln mögen: Christ ist erstanden!« Seine Stimme flehte. Reiner trat dicht vor ihn hin. »Und ich stelle dir nochmals die Frage: wie soll das geschehen?« »Gehe hin und mache deinen Frieden mit ihr.« »Wo sie es für nötig hält, sich mir gegenüber schweigend und tot zu verhalten?« »Das gebietet das Weib in ihr, die Ehre in ihr.« »Dann hätte wenigstens der Kapitän...« »Reiner, es ist ihr Vater, und sein Stolz kann verlangen, dich in seinem Hause zu sehen. Ja, Reiner, etwas Richterliches ist über mich gekommen. Ich will ein Gottesordal und bin gesonnen, für sie meine Hand ins Feuer zu legen. Mache endlich Schluß mit diesem Leid, das uns alle zermartert. Das Unheil lauert auf dich, denn was auf Borghees passierte, kann nicht vor dem Auge Gottes bestehen.« »Halt – du! Ich sehe, du wünschst eine Beichte. Hier ist sie. Aber diese Beichte hat dir wenig zu sagen. Lediglich das: Ich armer sündiger Mensch... und doch nicht sündig, denn was auf Borghees geschehen, das habe ich allein mit mir und meinem Gewissen abzumachen – auch Gott gegenüber.« »Nein – du! Des Herrn Gebote, die Moral und die menschlichen Gesetze geben dir Unrecht.« »Ich bin Manns genug, meine eigene Ansicht, meinen eigenen Willen und meinen eigenen Herrgott zu haben.« »Du – siehe dich vor! Dein wahrer Herrgott steht hinter dir, er spricht aus der Wolke, denn er und die Kirche verwerfen das, was du mit dir, deinem Gewissen und deinem Herrgott abzumachen gedenkst. Seine Hand hebt sich wider dich auf, sein Antlitz funkelt dich an, und in diesem Antlitz steht dein Urteil geschrieben.« »Nichts mehr! Bedenke, du bist hier in meiner Schreibstube und nicht auf der Kanzel.« »O du, wolle mich hören!« Klemens war bleich wie ein Hostientüchlein geworden. »Nicht der Priester – der Bruder spricht zu dir, dein jüngerer Bruder, aber ein Bruder, der dich liebt, der dir alles verdankt, der dich führen möchte in das Tal des Friedens, der willens ist, dein zerstörtes Glück wieder aufzubauen und die Tränen deiner Mutter wegzunehmen. O du, wolle mich hören! Meine Seele ist betrübt bis in den Tod, meine Gedanken gehen in Unrast dahin. Borghees steht wider dich auf. Was dort geschah, ist Versündigung gegen dich selbst, ein Frevel gegen die gesellschaftliche Ordnung, ein brutaler Eingriff in das höchste Majestätsrecht des ewigen Gottes.« Reiner machte eine herrische Bewegung. »Das zu beurteilen, nehme ich für mich in Anspruch, für mich und meine Ehre, denn es gibt Fälle im Leben, die beanspruchen ihre eigene Satzung und ihre eigene Lösung.« »Du irrst dich,« fiel ihm Klemens ins Wort, »der Herr verwirft jeglichen Zweikampf. Alles, was mit ihm zusammenhängt, weist er von sich. Er verflucht ihn in seinem gerechten Zorn, in seiner gerechten Erkenntnis. In diesem Falle: Gottes Gebote und der Menschen Gesetze gehen einig zusammen.« »Das hab' ich erfahren,« lächelte Reiner, und seine Hand streckte sich gewalttätig aus, deutete auf den Arbeitstisch und legte sie breit und schwer auf den eingegangenen Schriftsatz. »Das hier ... gestern empfangen ... nicht amtlich, aber es deckt sich mit deinen Anschauungen und denen des Staates. Aber das nicht allein: es will mir auch sonst an den Kragen.« Klemens sah ihn fassungslos an. »Warum das?« »Abwarten, Brüderlein. Wenn du mir noch länger die Ehre deiner Gegenwart schenkst, wirst du kundig werden wie der König in der Heiligen Schrift, der die Sprüche Salomonis verfaßte.« »Reiner ...!« und Klemens sah sprachlos den Bruder an. Der stand wie eine Eiche im kalten Winterwald. Sein Herz ging ruhig, sein Gesicht gefiel sich in einer eisernen Strenge. Seine Hand hob den Schriftsatz und zerknitterte ihn. »Der Schreiber dieses,« sagte er mit verächtlichem Beigeschmack, »wird mich noch in dieser Stunde beehren, heißt das, wenn ein gütiges Geschick ihm wohl will, ihm einen sicheren Weg anweist und ihn bis zum Frieden des Försterhauses keine Panne erleben läßt. Geschähe es – es sollte mir um seine Sendung leid tun, denn ich warte schon lange darauf, endlich aus meinen Zweifeln und Zwiespältigkeiten herauszukommen.« »Und das sagst du so ruhig?« »Brüderlein, ganz ruhig, ohne mir darüber Gedanken zu machen.« »Und bist also gefaßt darauf, deine jetzige Stelle ...« »Ja, wenn sich die Dinge nicht in meinem Sinne entwickeln. Ich kann es nicht leugnen.« »Mein Gott ...!« und Klemens sah trostlos ins Leere. Seine Stimme zerbrach in einzelne Stücke: »Reiner, nach all dem Erlebten – auch das soll noch über uns kommen, auch das noch?! Und das heißt brotlos werden.« »Für mich – allerdings, aber nur dann, wäre ich bei den falschen Propheten und Deutern in die Lehre gegangen. Indessen, ich bin mein eigener Prophet und mein eigener Deuter, denn wisse: einen lustigen Finken hörte ich im Walde schlagen. Der erzählte mir vieles. Brüderlein, fürchte dich nicht. Bloß keine Sorge. Ich brauche nur die Finger zu strecken, und die Herren von Moyland und Sonsfeld ... Die Welt steht mir offen.« »Ah – du.« »Und das in gehobener Stellung. Ein Reiner Auwater fällt nur, um höher zu steigen.« »Mein Gott und mein Heiland!« Draußen zerriß der Ton einer herausfordernden Hupe das Schweigen, den tiefen Atem der Niederung. »Brüderlein, hörst du?« »Reiner, lasse es nicht zum äußersten kommen.« »Klemens, ich diene. Das dürfte wohl alles umfassen.« Eine zage Hand klopfte an. »Herein!« Ein Holzknecht, der zeitweilig auf dem Hof beschäftigt war, steckte den grauen Kopf durch den Türspalt. »Herr Förster, jemand ist draußen, der will was von Ihnen.« »Ich warte.« »Mynheer, bitte angtree, der Herr Förster ist benne.« Sechzehntes Kapitel Es gibt Menschen auf diesem unseligen Stern, die einem beim ersten Begegnen augenblicklich Atem, Galle und Nieren versetzen. Nicht, daß sie etwas Molestierendes, Abweisendes, Unerquickliches und Absonderliches an sich hätten. Im Gegenteil, die Nase steht ihnen gerade im Gesicht, sie zeigen nichts Grindiges vor, ihre Art und Weise sich zu geben, erinnert an die gebräuchlichen Formen, sie schielen einem nicht mit dem linken Auge in die rechte Westentasche, packen einen nicht direkt mit der Selbstverständlichkeit eines keifenden, bissigen, räudigen Dorfamis an den Hosenboden ... und dennoch: begegnet man einem solchen Kostgänger des Herrn, erhebt sich ein Kribbeln im rechten Handgelenk. Dieses Kribbeln verstärkt sich, wird größer und drückt letzten Endes den sehnlichsten Wunsch aus, die rechte Hand zu straffen, sie unter Kraftentfaltung des Biceps langsam in die Höhe zu wuchten, um sie dann regelrecht mit Schwung und Schwänke besagtem Bewohner unseres unseligen Sternes auf seine unausstehliche Visage zu setzen. Ebenso widerwärtig sind die, die immer große Töne auf ihrer Zupfgeige haben, von einem Gegensatz in den anderen fallen, heute sich als frömmelnde Pazifisten hinstellen, dafür anderen Tages einen blanken Schleppsäbel über das Pflaster rattern lassen. Dann andere wieder ... Sie könnten es sich vergönnen, vierspännig einherzukutschieren, es dennoch aus irgendeinem Liebesstachel oder einem anderen Grunde heraus vorziehen, sich höchsteigenhändig vor einen Zigeuner- und Komödiantenwagen zu schirren, um im Schweiße ihres Angesichtes ihr selbstgewähltes Geschick mit dem Lächeln eines Anachoreten oder eines Simeon Stylites bis zum Beschluß ihres wenig ersprießlichen Lebens durch die ihnen noch verbliebenen Jahre zu tragen. Hic niger est, hunc tu, Romane, cavete! Als der Angemeldete eintrat, stand Klemens in einer Fensternische, machte sich Reiner mit seinen Papieren am Schreibtisch zu schaffen. Beide wandten sich dem eintretenden Herrn entgegen, und sie hatten gleich das Empfinden: besagter Ankömmling ließ sich in die Gattung von Menschen einrubrizieren, die beim ersten Erscheinen einem Atem, Galle und Nieren versetzen. Reiner dachte nicht dran. Er war dagegen gefeit, musterte vielmehr den Fremden vom Scheitel bis zu den tadellosen Stiefelspitzen. Selbiger war kräftig und stiernackig auf den Boden gestellt, glattrasiert, rötlichen, schon etwas entwaldeten Hauptes, mit schwerauslagernden Schultern, von denen die rechte die Gewohnheit angenommen hatte, sich etwas tiefer zu neigen. Man sah es ihm an, er gab sich alle Mühe, den gebildeten Mann und den Beamten in höherer Stellung herauszubeißen und den tadellosen Gehrock mit den gestreiften Beinkleidern in die richtige Beleuchtung zu stellen, obgleich man unter den breiten, straff übergezogenen rehbraunen Glacéhandschuhen etwas vermutete, das an irgendeine, im jugendlichen Drang angebrachte Tätowierung oder sonst etwas gemahnte. Unter der linken Achselhöhle trug er eine Aktentasche mit Schließe von tadellosem und handfestem Leder. Seine Kopfbedeckung hatte er in seiner Pullman-Limousine gelassen. Er räusperte sich, machte eine korrekte Verbeugung. Ein Aristokrat schien in die schlichte Försterwohnung getreten zu sein. Er wandte sich an Reiner. »Ich habe wohl die Ehre, den Herrn Förster begrüßen zu dürfen?« »Ganz richtig.« »Soll mir angenehm sein. Mein Name ist Genske, Kasimir Genske.« »Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Genske. Ich vermute, Sie haben mir etwas zu sagen.« »Zweifelsohne, Herr Förster.« »Und darf ich nicht wissen ...« »Ich komme im Auftrag der Gesellschaft für allgemeine Menschenrechte. Mein inzwischen eingetroffenes Schreiben dürfte Sie doch verständigt haben?« »Dann bitte ich höflichst: ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« »Ja, aber ...« Herr Kasimir Genske geruhte, einen vielsagenden Blick auf den jungen Priester zu werfen. »Mein Bruder, Herr Genske, Kaplan im hiesigen Kirchspiel.« »Herr Förster, ist sagte schon eben: ich komme im Auftrag der Gesellschaft für allgemeine Menschenrechte.« »Ich bin völlig im Bilde.« »Das heißt doch: in schwerwiegenden Angelegenheiten.« »Drum eben. Wenn es sich um solche handelt, liebe ich es, einen Zeugen bei mir zu haben.« Herr Kasimir Genske schüttelte den bereits obgemeldeten etwas entwaldeten Schädel, nahm den ihm angebotenen Stuhl ein und bemühte sich, die sich unter seiner linken Achselhöhle befindliche Ledermappe umständlich auf den Tisch der Schreibstube zu legen. Er versuchte zu schmunzeln. »Wenn Sie denn wollen: ich habe nichts dagegen, obgleich ich Ihnen offen gestehen muß: es wäre Ihnen dienlicher und mir lieber gewesen, diese unabweisliche Unterredung unter vier Augen zu führen.« Klemens machte Anstalten, sich still zu entfernen. »Gut denn, so will ich nicht stören.« Reiner trat ihm entgegen. »Du bleibst,« sagte er heftig. »Du kennst meine Gründe. Ich wünsche die Unterredung mit diesem Herrn in deiner Gegenwart zu erledigen.« Da blieb auch Klemens, und beide setzten sich Herrn Genske schräg gegenüber. Eine Pause entstand, die der Delegierte dazu benutzte, die Schließen seiner Aktentasche zu öffnen, in die Tiefe zu langen und etliche Schriftsätze vor sich auszubreiten. »Schön,« sagte er endlich, indem er die schadhaften Zähne mehr oder weniger zu verbergen suchte, »möge uns also der Herr Zeuge mit seiner Anwesenheit beehren, obgleich ich nicht einsehe, was damit großes geschaffen wird, zumal ich lediglich vorsprach, kleine Mißverständnisse aus der Welt zu schaffen, Unebenheiten zu glätten und, wenn angängig, unliebsame Geschehnisse soviel wie möglich unter den Tisch fallen zu lassen, zumal milde Auslegungen und Bewährungsfristen der heutigen Tagesordnung entsprechen.« »So?« fragte Reiner. »Jawohl,« gab der Herr Delegierte mit einem schiefen Blick auf die Seite zurück. Er begann wieder umständlich, dabei mit ungeschickten Händen, in seinem Aktenmaterial herumzukramen. »Wollen Sie Ihre Handschuhe nicht ausziehen?« fragte ihn Reiner. »Sie stören nur bei Ihrer dringlichen Arbeit.« »Nein, sie stören mich gar nicht. Im Gegenteil, sie sind mir gute Betreuer, dienen sie mir doch dazu, kleine Verletzungen abzudecken, entstanden durch so 'n bißchen Benzin und so weiter, aber was soll das? Kommen wir lieber auf unsere Angelegenheiten zu sprechen. Je schneller sich diese regeln lassen, um so angenehmer für beide Parteien. Na also ...« und Herr Kasimir Genske schlug sein rechtes Bein über das linke, flocht die straffbehandschuhten Finger fest ineinander, um dann in versteifter Haltung und mit einem Anflug von angeborenem Lispeln zu sagen: »Wir leben in einer Zeit der Geschehnisse und Tatsachen, die sich wechselseitig bekämpfen. Hier ist eine Einheitsfront unbedingt anzustreben, wenn wir den neuzeitlichen Ideen Rechnung tragen wollen. Vornehmlich: Wald und Bevölkerung sind in engere Fühlung zu bringen. Besonders in Ihren Revieren. Die Beschwerden, die in dieser Beziehung über Sie einlaufen, sind einzudämmen, Herr Förster.« »Ist das wirklich so nötig, Herr Genske?« »Zweifeln Sie etwa daran? Ich möchte bemerken: Sie als Beamter haben sich besserer Einsicht zu fügen, geschähe es auch nur in Ihrem Interesse, denn ich möchte unter allen Umständen jedes Verfängliche ausschalten.« »So unbedingt kann ich darunter mein Petschaft nicht setzen,« gab Reiner zurück. »Ich als Beamter und Fachmann beanspruche meine eigene Ansicht und meine eigene Verantwortung. So ist es früher Sitte und Mode gewesen, so gedenke ich es auch heute zu halten. Jedenfalls ist es mir noch nie in den Sinn gekommen, mich irgendeinem Geßlerhute zu beugen.« »Herr Förster, ich ersuche Sie dringlichst, auf Ihre Worte zu achten.« »Reiner,« sprach Klemens versöhnend dazwischen, »warum diese Debatte?« »Ganz richtig, Hochwürden. Warum eine solche Debatte? Zumal ich meinerseits alles aufbieten möchte, einen gemäßigten Ton anzuschlagen und unliebsame Steine aus dem Wege zu räumen. Ihr Herr Bruder scheint darüber anders zu denken. Jedenfalls empört es mich geradezu, bei ihm eine solche Sprache zu finden ... und daher nochmals gesagt ...« »Zuvor eine Frage, Herr Genske.« Der Delegierte verstummte. Er fühlte die hellen Lichter Reiners auf sich gerichtet wie die eines revierenden Sperbers. »Herr Genske, sind Sie überhaupt zuständig in forstlichen Angelegenheiten?« »Eigentlich – nein. In diesem Falle: ich bin privater Spezialdelegierter, lediglich Vertreter einer großen und heiligen Sache. Das Technische scheidet hier vollständig aus. Damit habe ich gar nichts zu schaffen. Diese Stunde steht unter einem anderen Zeichen, unter dem Zeichen des Reinmenschlichen, der Ertüchtigung des Volkes, worunter ich vornehmlich die heranwachsende Jugend verstehe.« »Da bin ich begierig. Aber Herr Genske, wenn ich nicht irre ... wir müssen uns kennen ...« und mit der Gelassenheit eines weidgerechten Jägers, der es versucht, Kimme und Korn bei schwachem Büchsenlicht in Einklang zu bringen, sagte Reiner frei und frank von der Leber: »So vor zehn Jahren herum: irgendwo sind wir uns schon mal im Leben begegnet.« »Daß ich nicht wüßte.« »So richtig. Jetzt hab' ich's. Handwerk hat einen goldenen Boden. Dann Parteisekretär ...« »Ich kann es nicht leugnen.« »Im Anschluß daran – wahrscheinlich höher hinauf, viel höher ...« »Auch dieses. Ich stelle mich vor als Präsident der Gemeinschaft für allgemeine Menschenrechte.« »Gratuliere. Dann, Herr Genske, sind Sie der ehemalige Kasimir Genske aus Kleve, beschäftigt allda bei der Firma Kallweit \& Söhne. Nur damals hießen Sie anders. Kasimir – ja. Aber der Zuname hatte eine polnische Färbung. Jedenfalls, Genske klingt besser, und Ihr Aufstieg ... Nochmals gesagt: man darf gratulieren.« »Darf man, denn mein ganzes Streben und das meiner weitverzweigten und alles umfassenden Gesellschaft geht darauf hinaus, dem Volk Brot, Licht, Luft und gute Gewohnheit zu geben. Vornehmlich Licht und gute Gewohnheit. Gewiß, wir sind in einem gewissen Fortschritt begriffen. Überall pulsendes Leben, der Riese der Arbeit streckt sich von Norden gen Süden, von Osten gen Westen, die an und für sich kränkelnde Landwirtschaft befindet sich besser, die Industrie regt wieder ihre Eisengelenke, scheffelt in Säcken, so daß wir getrosten Herzens die zu Gunsten der Siegermächte noch anstehenden Lasten und Gerechtsamen uns selbst und unseren Nachfahren überantworten können.« »Herr Genske, ich möchte bemerken ...« »Gleich, mein lieber Herr Förster, so Gott will, bald Hegemeister im hiesigen Reichswald und in den angrenzenden Liegenschaften. Bevor Sie Ihre Einwendungen machen, müssen Sie mir schon Gelegenheit geben, mich expektorieren zu dürfen. Selbst aus dem Volke hervorgegangen, ein Kind der Not und das der Entbehrung, gelang es mir, mich allmählich durch Fleiß und saure Arbeit weit über den Durchschnitt in die Höhe zu wuchten. So weiß ich genau, wo's fehlt und was wir nötig haben, uns und dem kommenden Geschlecht mit Erfolg unter die Arme zu greifen.« Herrn Kasimir Genskes breites und mit Sommersprossen reichlich austapeziertes Gesicht wurde bei diesen selbstgefälligen Auslassungen noch breiter und selbstgefälliger. Das rechte Augenlid; das scheinbar an Schwäche litt, sackte dabei etwas tiefer herunter. Er fuhr getragener fort: »Ich denke, wir wollen die dringliche Materie im großen und ganzen hinnehmen, nicht tifteln und deuteln, jede Schärfe vermeiden, vielmehr darauf hinarbeiten, die obwaltenden Gegensätze im Sinne einer weisen Fürsorge bestens zu erledigen.« »Soll also heißen,« versetzte Reiner scharf durch die Zähne, »es muffelt brandig hier in der Gegend, und Sie, Herr Präsident, haben die Absicht, mir etwas auf die Finger zu sehen. Das könnte ich rundweg ablehnen. Des lieben Friedens wegen aber will ich Sie hören. Nur möchte ich höflichst ersuchen, die scheinbar dringliche Angelegenheit nicht zu strecken, sondern mir rund heraus zu erklären, was für eine Verfehlung hinsichtlich der allgemeinen Menschenrechte gegen mich vorliegt.« Der Herr Präsident verlieh seinem rechten Augenlid wieder einige Schwungkraft. »Eigentlich gar keine. Ihre Konduite wetteifert mit der des leider allzufrüh dahingerafften Hegemeisters, Ihres seligen Herrn Vaters.« »Ich schaffe in seinem Sinne, soll heißen: ich diene.« »Ist mir bekannt. Nur möchte ich wünschen: zeigen Sie dem alten Regime mehr die kalte Schulter, befassen Sie sich rühriger mit der Psyche des Volkes. Wir sind völlig im Bilde. Gewissen Vereinen und Landsmannschaften verweigern Sie das Betreten Ihrer Reviere, während Sie anderen volle Freiheit belassen.« Reiner zuckte die Achseln. »Haben Sie noch sonstige Wünsche, Herr Genske?« »Was verstehen Sie unter sonstigen Wünschen?« »Ich meine, ob noch mehrere ausstehen?« »Nein, die vorgebrachten genügen. Ich verlange nichts mehr und nichts weniger als gleiche Rechte für die genannten Vereine und Landsmannschaften.« »Das kommt eben auf die Vereine und Landsmannschaften an. Es gibt solche und solche.« »Allerdings – ja. Aber die ich im Auge habe, dienen dem Ganzen und sind somit zu dulden.« »Ich bin anderer Ansicht. Wenn eine solche Gesellschaft die Reviere verläßt, hat Heide und Hag das Aussehen einer verregneten Kirmes, ist der Forst völlig verschandelt, hangen Zoten und herausfordernde Frechheiten zwischen den Bäumen, die einem die grüne Farbe, das Wild und den Wald und seine Heiligkeit für immer verleiden.« »Sie gehen zu weit. Wir leben heute in anderen Zeiten. Das Lehenswesen ist abgetan. Es gibt keine Fröner mehr. Der Wald gehört dem Volk, ist Allgemeingut geworden. Die Jugend will und muß ihre Stellung behaupten, und wie ich schon sagte: Ertüchtigung ist für sie anzustreben, selbst auf die Gefahr hin, daß das Wild vergrämt, die Heiligkeit des Ortes bedroht wird und die Flinten der Herren Jäger zu kurz kommen, denn ich als Vertreter für Menschenrechte ...« Reiner fiel ihm ins Wort. »Bitte, lassen Sie die Flinten beiseite.« »Und Sie die Heiligkeit Ihres Waldes. Den ganzen Heiligenschein schenke ich Ihnen.« »Merci! Wenn ich ihn für meinen Wald nicht schon lange besäße, ich würde mir alle Mühe geben, ihn zu erringen, da ich ihn aber schon lange besitze: ich halte ihn mit diesen zwei Fäusten, ich schütze ihn mit eben diesen zwei Fäusten ... und nur solche sollen meine Schneisen und Gestelle betreten, die würdig sind, dieses Heiligenscheines teilhaftig zu werden. Nein, Herr Genske, mit Ihren Argumenten wird mir nicht gedient und wird dem Wald nicht gedient. Ich bin sein Anwalt, sein Arzt und Seelsorger und habe für sein Wohlergehen und seine Unantastbarkeit Sorge zu tragen.« »Schön und poetisch gedacht. Aber ich sage Ihnen, Herr Förster: die Neuzeit ist auf andere Dinge eingestellt. Sie lebt nicht mehr von Idealen, sondern will Brot zwischen den Zähnen. Wir müssen hinauf, die steile Leiter erklimmen. Dem Wald, was des Waldes, der Jugend das, was der Jugend. Ein neuer Mensch ist im Werden begriffen. Er achtet die Nutzung des Forstes, und zwar im Interesse des Staates, beansprucht aber für sich und seine Lungen das Ozon seiner Bäume und Blößen, selbst auf die Gefahr hin, daß die von Ihnen herangezogenen Mißstände eintreten sollten. Freie Bahn und völlige Freiheit für jeden. Nur so dienen wir dem Großen und Ganzen, dem Wohle des Vaterlandes.« »Nicht so,« hielt ihm Reiner entgegen. »Der heilige Wald darf nicht vogelfrei werden. Durch seine Entweihung wird keinem geholfen ...« und seine geknöchelte Faust trumpfte auf: »Lediglich durch Arbeit und Sparen, durch Zusammenbeißen der Zähne, durch eiserne Ordnung, und letzten Endes, wenn alle Stricke nicht halten und helfen wollen ...« »Bitte, Herr Förster, wir wollen uns nicht auf politische Exkursionen begeben,« und Herr Kasimir Genske ließ die rechte Schulter tiefer herunter. »Bleiben wir sachlich. Ich stelle daher nochmals die Frage: Sind Sie geneigt, sich meinen Erörterungen anzuschließen, oder ziehen Sie es vor, bei Ihrer eigenen Ansicht zu bleiben?« »Herr Präsident, Sie sollten immer bedenken ...« »Hier ist nichts zu bedenken. Wir haben zu handeln. Das veranlaßte auch meine Gesellschaft für allgemeine Menschenrechte, mich in diesen gottverlassenen Winkel zu beordern, um hier in aller Güte und Milde Dinge, die wir nicht zu goutieren vermögen, abzustellen, dazu einen wohlbeleumdeten Beamten dem Staat zu erhalten. Ich rede nicht ins Blaue hinein. Glauben Sie mir, wir wissen mehr, als Sie vielleicht annehmen. Mißliches ist zu unseren Ohren gekommen. Was jenseits des Rheines vor einigen Wochen passierte, ist zwar zu den Akten gelegt, aber nicht völlig abgestorben. Der kleinste Hauch ist imstande, es wieder ins Leben zu rufen.« »Herr Präsident, ich ersuche darum ...« Reiner erhob sich, durchmaß etliche Male das Zimmer, um sich dann wieder ruhig und gefaßt niederzulassen. »Ja – Sie, ich weiche nicht aus und fühle mich Mannes genug, alle Folgen auf mich zu nehmen.« »Das ehrt Sie, aber meine Vergangenheit, meine ganze Weltanschauung ist nicht in der Lage, sich mit der Ihren zu decken. Indessen zur Sache. Was da drüben passierte ... wir wollen nichts wissen, nicht eingreifen, denn wenn wir es täten ... Griffen wir zu, wir hätten mit Ehrenstrafen zu rechnen, umsomehr, da jetzt schon die einsichtigen Parteien emsig dabei sind, selbst die harmlosesten Mensuren mit Gefängnis zu ahnden, schlimmsten Falles den Delinquenten rücksichtslos seiner Stellung zu entheben und dauernd brotlos zu machen.« Reiner pfiff scharf durch die Zähne. Klemens erhob sich. »Mäßige dich. Ich bitte dich ernstlich.« »Lasse mich – du. Ja, Herr Präsident, ich hörte davon, vertrete aber die Ansicht: es gibt Fälle in dem krausen Gewirr des irdischen Daseins, wo die Gesetze machtlos sind, nicht helfen können und wollen, jedenfalls außerstande sind, einem die ermordete Ehre wieder ins Leben zu rufen. Da bleibt einem honorigen Mann kein anderes Mittel übrig, als sich selber sein Recht zu verschaffen.« »Utopisch, utopisch!« Herr Kasimir Genske geruhte zu lachen. »Die heutige Gesellschaft denkt anders darüber.« »Als da sind,« fiel ihm Reiner ins Wort, »die Vertreter vom bajuvarischen Knüppel-Komment, die ehrenwerten und frömmelnden Herren vom baumwollenen S. C., und ferner ...« Herr Genske streckte die Hand aus. »Keine Anzüglichkeiten. Bleiben wir bei den Wünschen und berechtigten Anforderungen der Gesellschaft für Menschenrechte. Das soeben Dargelegte mag dem Vergessen anheimfallen.« Er sah nach der Uhr. »Meine Zeit ist bemessen, und die letzte Frage ergeht: Sind Sie von nun an gesinnt, den Gesetzen der Gleichheit und Billigkeit vollauf Rechnung zu tragen? Der Wald ist uns Mittel zum Zweck. Jünglinge und Jungfrauen sollen in seinen Hallen erstarken, um das zu werden, was wir erstreben: wir wollen Sonnenkinder, Kinder des Volkes. Also Herr Förster ...?« »Wird meinerseits vollauf berücksichtigt.« »Auch den Verbänden und Genossenschaften gegenüber, die sich darüber beklagen, hinsichtlich des Betretens Ihrer Reviere stiefmütterlich, ja – in schroffster Weise behandelt worden zu sein? Diese Anklagen wurden zu den Akten genommen.« »Herr Genske, es gibt Deutsche beider Konfessionen von verschiedenen Farben. Ehrliche und herzhafte Deutsche, aber auch solche, die die Kelle und den Aaronsschurz tragen, willens, ihre Untugenden und dunklen Geschäfte gegen das allgemeine Volkswohl zu führen. Gegen solche ist äußerste Strenge geboten. Ich diene, Herr Genske. Ich diene dem Staat und meinen Revieren und bin ihnen pflichtig bis zum letzten Büchsenlicht. In jedem Eichbaum sehe ich etwas Hohes und Hehres, in jedem Tier des Waldes ein Wesen der Hege und Pflege bedürftig, in jedem Wacholderstrauch und Heidegestrüpp die Allmacht des Schöpfers, vor dem ich knie und dessen Namen ich heilige.« »Brav so!« höhnte Herr Genske. »Der Gesellschaft für allgemeine Menschenrechte das was ihr zukommt,« fuhr Reiner unbeirrt fort, »aber meinem Gewissen das, was meines Gewissens. Ich irre nicht ab. Ich lasse mir meine alte Überzeugung nicht nehmen. Ich stehe in meiner grünen Farbe genau auf der Stelle, die mein seliger Vater einnahm, als ihn die Spartakistenkugel auf den Waldboden legte.« Genskes Nase wurde schmal, sein breites Gesicht von der Farbe einer kalkigen Maske. »Das genügt mir nicht,« sagte er heiser, indem er sein Aktenmaterial zusammenraffte, in die vornehme, handfeste Ledertasche verstaute. »Ich ersuche um eine klare und bündige Erledigung meiner dringlichen Frage. Sind Sie gesonnen, dem Volke zu geben, was ihm frommt, was es beanspruchen muß, um wieder zu ertüchtigen und ein menschenwürdiges Dasein führen zu können?« »Ja, Herr Genske,« entgegnete Reiner mit offener Stirn und leuchtenden Balduraugen, »ich will es aus ganzer Kraft und aus der tiefsten Tiefe meines zerrissenen Herzens. Was ihm frommt, will ich hiermit festgelegt haben. Dabei spielen verschandelte Holzungen und gemeinsames Lagern von Weiblein und Männlein in Wald und Flur nur eine zweite Rolle. Aber das spielt eine mächtige Rolle ...« und er schrotete sich auf in seiner ganzen ehernen Geradheit und streckte die Faust aus: »Fort mit dem kriechenden Gewürm, den Mollusken und Saugern mit klebrigen Leibern und all dem Getier, das sich mästet von dem Schweiße und der Arbeit der noch nicht abwegigen Deutschen. Jeder weiß, wo die eiternde Schwäre frißt und zersetzt, aber keiner wagt es, das erlösende Messer an die ekelhafte Wunde zu legen.« Er holte die Faust wieder ein und stemmte sie auf die Tischplatte. »Männer der Tat, heraus aus dem Sumpf, sperrt euch nicht länger. Wir wollen wieder Treue und Glauben, Mut und Entschlossenheit, freiwillige Arbeit, dazu unseren Feiertag haben, und darf ich euch helfen, ich ziehe zu Holz und schlage die beste Tanne im Winterwald ... und mit deutschen Händen stelle ich den Weihnachtsbaum auf den Tisch ... und mit deutschen Händen zünde ich die deutschen Weihnachtslerzen an in der heiligen Nacht ... alles in alter Glorie und so wie Vater und Mutter es taten. Dazu Schwerter zur Rechten und Bayonette zur Linken, weil unsere inneren und äußeren Feinde gewillt sind, uns diese Feier zu neiden, zu stören, über den Haufen zu werfen ... und zwei Engel sollen an den Weihnachtsbaum treten und beten: Ora et labora . Vater unser, der du bist in den Himmeln ... Und wenn's dann wieder Ostern wird: deutsche Hände sollen sich an den Glockenstrang legen, die Glocke bewegen, und die deutsche Glocke soll rufen: Christ ist erstanden! und so, wie Christ ist erstanden, so soll auch Deutschland wieder erstehen. Ehre sei Gott in der Höhe! und Ehre den Deutschen, die den Ruf der Osterglocken aufnehmen zum Heile des eigenen Volkes.« Reiner schwieg. Eine atemlose Stille folgte. Herr Genske erhob sich und ließ die Schließen an seiner handfesten Ledertasche fast lautlos einschnappen. »Redensarten!« konstatierte er ernstlich. »Mit solchen werden keine Gegensätze überbrückt. Sie hören von mir als Präsident der Gesellschaft für allgemeine Menschenrechte.« »Um welche Zeit?« fragte Reiner. »Bis Ende September dürfte sich die Sache entscheiden.« »Ich warte darauf, wie ein guter Sachwalter in Ruhe und Sorglosigkeit wartet, der sein Haus bestellte und seinen letzten Willen betätigte. Nur keine Unrast. Statt des erkalteten Eisens halte ich zehn andere im Feuer.« Bald darauf hörten die Zurückgebliebenen den Elitewagen durch Huisberden und die niederrheinische Landschaft tuten. »Äh!« sagte Reiner, »und so einem muß man Rechenschaft geben.« Er lachte: »'ne abenteuerliche Welt mit närrischen Zielen und traurigen Absonderlichkeiten. Aus ...!« Die Faust rumpelte auf. »Klemens, merkst du was?! Hier wird für mich der Kehraus getrommelt. Tut nichts. Anderwärts wird der Kopf um so stolzer und freier getragen.« Klemens war an seine Seite getreten. Unauffällig tastete er nach der Hand seines Bruders. Gleich darauf packte er zu. »Reiner,« sagte er mit zuckenden Lippen, »ich kann manches verstehen, wenn auch nicht alles. Aber das mit Jakobine ...« Seine Stimme ging auf Eiderdaunen, ohne an Eindringlichkeit, Schärfe und Glanz zu verlieren: »Ich glaube, um sie wirst du noch blutige Tränen vergießen.« * Zwei Tage spater lag Klemens in heftigem Fieber. Er sah Gestalten, Feuerfliegen, irre Sterne. Er sah glühende Hämmer, die ihn und seine Lieben zertrümmern wollten. Dann klangen ihm Harfen zu, und durch dieses Harfenklingen schritt Jakobine Hemskerk mit einem Reiflein von sieben goldenen Sternen um die Schläfen – so wie eine Heilige durch ein reifes Weizenfeld schreitet. Als die Blätter niederschaukelten, Nebel über die Altwasser schleierten, genas er, um bald darauf wieder gefestet an Leib und Seele zu werden. »Jetzt ist es so weit,« sagte er innig und machte sich fertig, seine Mission zu erfüllen. Siebzehntes Kapitel Jakobine stand auf Deck, rank und kräftig, das Antlitz gebräunt, im Ölmantel, den Südwester tief über den schwarzblauen Haarknoten gezogen. ›Gott mit uns‹ hatte keine günstige Talfahrt. Das Wetter war launig, der Wind stand konträr, und ab und zu kamen regenstramme Böen dazwischen. Der Rhein brandete schaumig gegen die Ufer, trieb kurze, bösartige Kämme stromaufwärts. Lambert führte das Beischiff. Es folgte im Kielwasser und klatschte unaufhörlich mit seinen halbeingerefften Segeln und Wanten. »Hoidoho!« Beide Schiffe befanden sich in Höhe von Bislich. Sie kamen von Duisburg-Ruhrort, waren vollauf befrachtet, so daß das ungemütliche Wasser fast die obere Bordwand berührte. Endziel wie immer Rotterdam. In Emmerich jedoch waren wenigstens drei Tage Station vorgesehen, der Schiffspapiere und der großen Löschung wegen. Von Rotterdam aus ging's nach acht Tagen wieder stromaufwärts bis nach Rees hinzu, aber dieses Mal mit überseeischem Tabak für Oldenkott, in Firma Hendrik Oldenkott senior \& Kompagnie, und zwar in Qualitäten und Quantitäten wie früher niemals gesehen. Lambert spitzte jetzt schon den Mund und dachte bei Ausschiffung an ein Extrapräsident vom Herrn des Tabakhauses: zwölf Oldenkott-Bruyère-Pfeifen, dazu 'ne Schubkarrenladung ›Kiepenkerl‹ primissima Feinschnitt. Selbstverständlich auch Welm Driesen sollte davon profitieren. Zwei Pfeifen wollte er abgeben, auch einige Päckchen von besagtem primissima Feinschnitt. Im großen und ganzen jedoch: der verbleibende Rest der totalen Dotation war auf sein Konto zu buchen, denn er hatte dem Seniorchef Hendrik Oldenkott, domiziliert im altehrwürdigen Rees, schon manchen Privatgefallen erwiesen. Also die weltberühmten Bruyère-Pfeifen nebst 'ner Schubkarrenladung ›Kiepenkerl‹ waren ihm sicher. Punktum. Streu' Sand drauf. Vergnüglich riffelte der rothaarige Malefizschlingel seine behaarten Hände gegeneinander, hielt gut Kielwasser und gefiel sich darin, gemächlich durch die Zähne zu pfeifen: »Drinke mer noch e Dröppche, Drinke mer noch e Dröppche Aus dem kleinen Henkelsdöppche. A ... a ... a ... ach, Susanne, Wie ist das Leben doch so schön, A ... a ... a ... ach, Susanne, Wie ist das Leben schön. Piekfein!« gestand er sich selber, aber seine Exkursionen in libidinöse Gefilde, direktemang nach Indien zu, in die Dattelpalmplantagen hinein, wo die Kakadus und Papageien man so herumfliegen wie bei uns die Ringeltauben und es so heiß ist, daß einem selbst die kommodesten Kleider ›scharnieren‹, hatte er aufgegeben. Desgleichen das Auspellen der delikaten Industriekartoffel von wegen der barbarischen Hitze. Das Herz hierzu war ihm in den Hosenboden gestolpert. Die Siegermiene fehlte ihm gänzlich. Mit den paradiesischen Umgangsformen wollte er nichts mehr zu tun haben. Er wagte es kaum noch, diesem hyperbolischen Gedanken nachzugehen. Jakobine Hemskerk schien ihm gefeit, unantastbar, einer Königin ähnlich, denn ihr Leib war noch geweihter als früher geworden, ihr Gesicht abweisender, ihre Tatkraft zupackender und Ehrfurcht gebietender, und wenn sie sich in ihrer ganzen Jungfräulichkeit streckte, ließ die göttliche Vorsehung ein Sternenkränzlein vom Himmel herunter, um ihr damit das Haupt zu umkleiden. Und dann überhaupt: Respekt vor dieser kapiteinischen Tochter! Was utopisch erschien, wie ein launiges Märchen anmutete, war hier Wirklichkeit und nackte Wahrheit geworden. Sie ließ sich nicht unterkriegen, nicht in die Tränenecke verweisen. Über eine niedergeworfene Liebe schritt sie dahin mit den herrischen Schritten eines seßhaften Niederungsbauern über ein verwüstetes Kornfeld, mit rührigen Händen, die Pflugschar regierend, neuen Samen streuend, frisches Grünen und Blühen und damit eine glückliche Ernte und eine frohe Zukunft erhoffend. Sie war nicht vergebens vor einigen Wochen über die Planken gegangen, hatte nicht umsonst Wanten und Takelage gemustert, den Steuerkasten und sein Triebwerk studiert und sich für nichts und gar nichts die Frage vorgelegt: warum bist du denn als Frauenzimmer nicht imstande, zu navigieren und ein Schiff von Rotterdam nach Mannheim zu führen? Warum nicht?! Sie war Weibes genug, sich ihr eigenes Leben zu zimmern, auf ein eingestürztes ein neues zu bauen, ihr angestammtes Erbe sich erst zu verdienen, um es so als ihr rechtmäßiges und wohlerworbenes Gut zu erklären. »Also 'ran an die Pinne und den Ölmantel übergezogen!« – und keine drei Wochen vergingen, da rissen Lambert und Welm Driesen ihre Kulpsaugen auf, als wären sie mit Streichhölzern abgesprießt worden, legte sich Kapitän Hemskerk schwer in die Jacke hinein, als sei er gewillt, Jacke und Ankerknöpfe zu sprengen, tat's aber nicht, sondern begnügte sich damit, eigenhändig eine Punschbowle mit delikaten Zitronenscheiben zu brauen, seine Mannschaft in die Achterkajüte zu laden, dann in Gegenwart Jakobinens sein Glas zu ergreifen, durch die Zähne zu sirren und wie ein oller, braver Rheinbär zu sagen: »Herzensmamsellchen! ein regelrechtes Frauenzimmer ist nicht allein dazu da, mit blankgescheuerten Kasserollen herumzuhantieren, den Mund zu spitzen, um nach Liebe und Kindern zu pfeifen. Blexem! ich habe Frauenzimmer gekannt, die konnten in der vollen weiblichen Pracht und Schönheit ihres Leibes die Mannskerle durch ihre Kurasch und Griffigkeit an die Wand drücken, ihnen schlankweg das Stauwasser abgraben. Nicht, daß ich solche über alles belobe. Zu mancherlei passen sie nicht. Was haben sie mit dem Wahlrecht zu schaffen? Sie besitzen zwar lange Redensarten, aber man bloß 'nen kurzen Instinktus. Auch will ich nicht, daß sie ihren höchsten Schmuck, den sie aufweisen können, zu Polkahaaren verschneiden, nicht das, was ihnen der liebe Herrgott stramm, mollig und fest unter die Blusen gesetzt hat, einfach fortmanövrieren, denn es ist ein Greuel vor dem Herrn, sich mit den weibischen Kreaturen von Mannsstücken und sogenannten Eintänzern auf die nämliche Hobel- und Bierbank herumzuflegeln. Aber das will ich: 'ne ordentliche Frauensperson muß sich auf sich selber verlassen, 'ner Liebe nicht nachtrauern und, wenn's not tut, auch sagen können: Vater, meine Kräfte wollen ihre gesunde Betätigung haben, sonst gehen einem Herz und Seele an manchen dummen Gedanken einfach koppheister. Das, mein Döchting, mußte mir von der Leber herunter, denn heute ist der Tag der Tage gekommen ... und daher, ich spreche vor der versammelten Mannschaft: Allerhand Achtung! Mein Schiff wird sich freuen, mal unter deinem Kommando zu stehen, denn wahrhaftig in Gott: du bist eine Hemskerk. Allemann auf Deck, es lebe die kapiteinische Tochter!« und alle waren gleichen Sinnes, stimmten ihrem Kapitän aus vollem Herzen zu und ließen die kapiteinische Tochter leben im Klingen der dampfenden Punschgläser und mit Hurra und Vivat. Mit diesem Tage, wie schon oben gesagt, gab Lambert den bei ihm festgekeilten Gedanken auf, in libidinöse Gefilde zu schweifen, direktemang nach Indien zu, in die Dattelpalmplantagen hinein, wo die Kakadus und Papageien man so herumfliegen wie bei uns die Ringeltauben und es so heiß ist, daß einem sogar die kommodesten Kleider ›scharnieren‹. Selbst die delikate Industriekartoffel gab er auf, auch das sündhafte Auspellen von wegen der barbarischen Hitze ... und so stand denn Jakobine Hemskerk unangefochten auf Deck, rank und kräftig, das Antlitz gebräunt, im Ölmantel und den Südwester tief über den schwarzblauen Haarknoten gezogen. Papa Hemskerk ließ ihr total freie Hand. Er saß mit gefalteten Händen und übergeschlagenen Beinen in der Achterkajüte, sah durch das schmale Fenster auf das widerborstige Wasser hinaus und voltigierte von Zeit zu Zeit sein sauciertes Priemchen auf die andere Seite. Mochte Jakobine nur machen. Ihm war es da droben zu steiffadig und zu ungemütlich unter dem bleigrauen Himmel geworden. Auch ohne sein Zutun konnte sie heute freiweg hantieren, sich mit ihrem Gesellenstück befassen, endgültig ihre letzte Prüfung ablegen. Also los denn dafür. Es wollte nicht aufklären. Nur ab und zu kam ein schmaler Fetzen blauen Himmelkattuns zum Vorschein, um bald darauf wieder von rußigen, regenschweren Wolken zugedeckt und überflogen zu werden. Die weißen, bösartigen Schaumköpfe nahmen an Störrigkeit zu. Die Schiffe hatten langsame Fahrt. Die beiderseitigen Ufer zogen gemachlich vorüber. Die kanadischen Pappeln allda verstreuten ihre überständigen, altgoldenen Blätter mit äußerster Verdrießlichkeit bis weit ins Wasser hinein. Der ganze Tag war mit Seifenschaum und naßkaltem Wind überzogen, so daß jedes menschliche Lebewesen so recht seines Daseins nicht froh werden konnte. Um die Mittagsstunde kam Emmerich in Sicht. Jakobine kehrte dem linksseitigen Ufer den Rücken, um die fernen Konturen des Reichswaldes nicht sehen zu müssen. Dabei aber hämmerte ihr starkes Herz unter der Wolljacke, als müßte es diese und den Ölmantel zerreißen. Es blieb immer die traurige und alte Geschichte, und dennoch mußte und wollte sie stark sein. Gegen zwei Uhr drehten die Schiffe bei, manövrierten im weiten Bogen herum und gingen regelrecht im Emmericher Hafen vor Anker. Hemskerk stand neben seiner Tochter, als sie ihre Kommandos ausrief und ihre Orders erteilte. Nichts mangelte. Es ging wie am Schnürchen, trotz des konträrigen Windes. Als die letzten Anker gefallen und Grund gefaßt hatten, die Stahltrossen übergelegt waren, sagte der Alte schwer und mit dem Gang einer korrekten Maschine: »Mein Döchting, Lehrjunge warst du, dito Gesell. Dein Steuermann- und Navigationsexamen hast du proper bestanden. Heute bist du glattweg und schlankgeradeaus mit der Kaptänsprüfung fertig geworden.« Er riffelte mit Mittel- und Zeigefinger zwischen Kragen und Bartfräse hindurch. »Also, Mamsell Kaptän, ich gratuliere, und zum guten Beschluß und zur Feier des Tages wollen wir so in 'ner guten Stunde herum den Meisterbrief mit 'ner noblen Buddel bei meinem Freund Michel Virgilis begießen.« »Vater,« sagte sie nach einigem Nachsinnen, »ich danke dir herzlichst, aber ich möchte nicht gerne.« »Warum nicht?« »Ich möchte vor der Hand diese Wände nicht sehen.« »Na, das wäre denn doch! Ich sollte doch annehmen, über so was wärest du langst aus der Kladde heraus und ins reine Hauptbuch gekommen?« »Bin ich auch, Vater, wenigstens so im großen und ganzen, wenn ich auch meine: es muß erst 'ne gehörige Portion Gras drüber wachsen.« Der Alte schabte sein Kinn. Seine klaren Lichter richteten sich fest auf die seiner Tochter. »Also noch immer? Hab's bis jetzt noch nicht ausklamüsiert, daß so was sich so barbarisch eingraben könnte. Muß wohl was dran sein, denn deine selige Mutter hat mir auch mal 'ne ähnliche Geschichte verkündet.« Er griff nach der Hand der Insichgekehrten, deren Blicke groß und verloren das Emmericher Ufer absuchten. »Aber Herzensmamsellchen, warten wir ab. Es ist noch nicht aller Tage Abend geworden. Sterne versinken und Sterne erscheinen aufs neue am Himmelreich, als hätten sie ewiglich also gestanden. Du kannst aufstellen, was du willst, 'n regelrecht gehender Kompaß will immer nach Norden. Das irdische Leben ist voller Mysteriums. Das deinige auch. Aber wie schon gesagt: es ist noch nicht aller Tage Abend geworden. Warten wir ab. Im übrigen, ich kann dich verstehen. Verhalte dich man ruhig an Bord. Wir bleiben drei Tage liegen. Das Löschen, dito das Verladen der Güter kann in aller Gemächlichkeit vor sich gehen, ohne jüdische Alertheit. Mankos sind nicht zu befürchten. Also du willst nicht, ich meine von wegen meines Freundes Michel Virgilis? Gut, dem wird Rechnung getragen. Indessen, ich für meine Person, ich habe doch 'ne gewisse Verpflichtung, und da sollte ich annehmen ...« Um Jakobinens Mundecken kringelten heitere Fältchen. »Ja, ich verstehe schon, Vater.« »Also – du bist einverstanden damit?« »Warum sollte ich dir die Freude nicht lassen? Du und er, ihr häkelt ja doch wie hie Kletten zusammen.« Sie lachte. » All right !« rief der Alte, »denn bei so 'nem Wetterglasstand von Duisburg-Ruhrort bis nach Emmerich zu kann's 'nem alten Lakel schon mollig über den Rücken laufen, sich den Kielraum so 'n bißchen manierlich von Michel Virgilis kalfatern zu lassen. Das bin ich mir schuldig ... und außerdem: Blexem und Donnder! ich habe diesen Matador lange nicht mehr unter die Nase bekommen.« »Schön, Herr Kapitän,« schmunzelte Jakobine in sich hinein, »dann laß dich kalfatern, aber nicht bis in den hellichten Morgen hinein.« Sie schob ihren Arm unter den ihres Vaters und ging mit ihm etliche Male über die Planken. * Von Sankt Aldegondis rief die vierte Nachmittagsstunde herüber. »Dum, ding, dong! Dum, ding, dong!« Dann setzte das Glockenspiel ein: »Alles meinem Gott zu Ehren, in der Arbeit, in der Ruh'.« Wie gewöhnlich liefen einzelne Kickser mit unter. Hierauf folgten verschiedene Schnalzer, die eigentlich nicht mehr zur Melodie und Weise gehörten. Dann wieder das sonore »Dum, ding, dong! Dum, ding, dong!« und das viermal hintereinander. Bald darauf hüllte sich der altersgraue Turm aufs neue in ein eigenwilliges Schweigen, in regnerische Wolkenfetzen, die nur zeitweilig aufhellten, in die Stille der großen Einsamkeiten. Dafür aber war Düweke Brinkmann rege und lebendig. Wie ein fettes, gefülltes, aber noch immer flügges Turteltäubchen mit frischem Gesicht, blanken Augen und klingenden Ohrgehängen stand sie hinter der Theke, eifrigst bemüht, jedem Ankömmling das Honoratiorenzimmer zu verwehren, ihn in die hintere Gaststube zu komplimentieren und dabei höflichst zu sagen: »Hier das hier ist nämlich besetzt. Mynheer Tappelt hat 'ne wichtige Unterredung mit Kaptän Hemskerk. Die dauert mindestens so ihre drei bis fünf Stunden, ohne Garantie zu übernehmen. Da darf man nicht stören, denn wenn Mynheer Tappert und Kaptän Hemskerk so richtig dabei sind, dann wollen sie auch ihre Genüge haben, ohne sich anderweitig inkommodieren zu lassen. So ist das,« und dann schwenkte sie ihr kurzes Röckchen so animierend zu den derben Schenkeln empor, bald leewärts, bald luvwärts, daß die zukommenden Gäste sich zufrieden gaben und dem gefüllten Düweke Brinkmann pläsierlich auf die Backbordseite klatschten, ihr auch sonst noch anderweitige Reverenzen erwiesen, die sie mit Gunst und Gnade und frohem Lachen begrüßte. Dann aber wieder: »Pst! stille. Mynheer Tappert und Kaptän Hemskerk sind vollauf beschäftigt.« Vor einer kleinen Viertelstunde hatte sie den beiden Mynheers im Honoratiorenzimmerchen eine Bouteille Chateau Mouton-Ausbruch nebst zwei weitbauchigen Spitzkelchen zugebracht und war dann wieder hinter ihre Anrichte geschwänzelt. »Ja, mein lieber und oller Kaptän,« sagte Michel Virgilis, indem er seine Rechte auf die seines Freundes legte, den Castorhut etwas zurückschob und ein blaues Wölkchen aus seiner Tonpfeife zur verräucherten Decke kräuselte, »darin muß ich die Jakobine bewundern. So 'n auserwähltes Stück von Draufgängertum gibt's nicht mehr zwischen den Grafschaften. Das geht über jedes Können und Wissen, ist in 'nem anständigen christkatholischen Kalender dreimal mit rot zu vermerken. Daran kann jeder Mannskerl sich ein Muster dran nehmen, sich bis in die innersten Nieren erforschen, um was ähnliches auf die Beine zu stellen. Ihretwegen müßte man den Pariser Einzugsmarsch spielen lassen. So ohne weiteres ein richtiges Vollschiff von Duisburg-Ruhrort mit Glanz und Gloribus bis nach Emmerich zu führen, das allerdings...« und er lüftete feierlich seinen Castorhut, um ihn ebenso feierlich wieder über seine graumelierte Keilerschwarte zu stülpen, »das allerdings ist hoch in Bewertung zu stellen, und wenn ich mich in der schönen Haut von deiner Tochter befände, ich würde ruhig behaupten: Anch' io sono pittore ! und darum und deshalb...« und Michel Virgilis geriet in ein Schnaufen und Kullern, als hätte er wie ein verärgerter Bronzeputer über einen verödeten Geflügelhof zu stelzen, »mir ist es nur rein unerfindlich ... ja, ich möchte sagen, was ich eben schon sagte...« »Stopp!« rief Hemskerk dazwischen. »Ach was! Hat sich was mit dem ›Stopp‹! Das mit Riswyk und Reiner kann ich nicht klein kriegen, selbst dann nicht, wenn ich 'ne Häckselmaschine ansetzen müßte. Auch das mit Jakobine und Reiner...« »Michel, wenn dir meine Freundschaft was gilt, wenn ich nach wie vor mein Schuhwerk unter deinen Tisch stellen soll, dann bitte: kein Wort mehr darüber. Die Geschichte steht mir bis hier, ist mir bis über die Zipfelmütze gestrudelt.« »Hemskerk, man kann doch sein Wort drüber reden, denn mehr oder weniger sind unsereins doch mit Haaren und Schwarte mit der ganzen Schose verwachsen.« »Nee, sind wir nicht.« »Aber ich bitte dich, Hemskerk! denn wenn ich mir so Jakobine besehe ...« »Besieh sie dir man von oben bis unten, von auswendig und inwendig. Soll mir egal sein, denn ich hab' gar nichts dagegen. Sie ist im reinen mit sich. Hat sich abgefunden mit vielem und denkt auf stunds nur daran, ein braves Schiff regelrecht und ohne besondere Schwuppers zu machen an Ort und Stelle zu bringen. Was sonst noch in Bänken steht, darüber müssen die Akten entscheiden. Insonsten: der Abend auf Borghees steckt mir bis jetzt noch wie 'ne reguläre Haifischgräte mang die Kiemen, und so was kann einer nicht leicht über die linke Schulter werfen. Drum nimm's mir nicht übel, aber nochmals gesagt ...« und der Alte zog einen langen und scharfen Strich durch die Luft, wie mit 'nem Lineal abgemessen: »Stopp und Schluß mit der Sache.« » Anch' io ...« Michel Virgilis rückte seinen Castorhut etwas schief auf die Seite. »Streng genommen, brauche ich mir das nicht gefallen zu lassen. Aber weil du's bist, da muß man schon drei und sieben als vierzehn taxieren. Hauptsache bleibt: hier wird nicht in die Klappe gegangen, wenn sich die Kesselfeuer noch unter Druck befinden. Was sonst noch in Bänken steht, und das mit Jakobine – darüber müssen die Akten entscheiden. Also warten wir ab. Meine Spezialitat, oller Rheinbär. Prosit!« und er hielt ihm sein Glas hin. Beide klingelten an. Dann betrachtete Michel Virgilis die Flasche. »Dunnerkiel, die Bouteille ist alle geworden.« Mit eingekniffenen Rehposten sah er auf Hemskerk. »Na du – wie war's denn, wenn wir uns mit 'ner neuen befaßten?« »Michel, wie ich immer so hörte, aus 'ner leeren kann man nicht einschenken. Außerdem: Chateau Mouton soll einem nicht schaden.« »Supsack!« schmunzelte Michel Virgilis und rührte die Klingel, aber keinem Düweke Brinkmann gefiel es, dem einladenden Rufe Folge zu geben. »Dunnerknispel und kein seliges Ende!« und nochmals ertönte die Lärmglocke. Düweke Brinkmann verhielt sich wie das auserwählte Volk, als es sein Ohr für die Gebote des Herrn mit Wolle verstopfte. »Da soll doch...!« Mynheer riß sich herum. Sein Antlitz glühte wie das eines Molochs nach einem dargebrachten Dank- und Opferfeste. »Goldkorn – infames!« Da tat sich die Tür auf, aber bloß so weit, um der Angeforderten Gelegenheit zu geben, ihren Kopf verstört durch die Spalte zu schieben. Sie winkte ihm zu. »Mynheer, darf ich bitten.« »Was soll's denn?« Michel Virgilis war fuchtig geworden. »Kann unsereins denn nicht mal mit 'nem Viertelstündchen Pausierung seinen abstrapazierten Hintern mit 'nem bißchen Ruhe erfreuen?« »Mynheer, jemand ist draußen.« »Dann 'rein mit dem Kerl.« »Mynheer, er möchte zuerst... er weiß nicht so recht... hat aber vorher mit Mynheer ein Wörtchen zu sprechen.« »Wer ist es denn, Goldkorn?« »Mynheer werden ja sehen, und ich glaube, es kann so 'ne kleine Überraschung draus werden.« Hierauf kicherte Düweke Brinkmann, um wieder mit ihrem Kopf aus dem Türspalt zu schwinden. Michel Virgilis erhob sich. »Denn geht das nicht anders: exküsiert mich, Hemskerk. Ich komme gleich wieder.« »Man zu. Geschäft ist Geschäft. Hab' Zeit, denn wo meine Herzensmamsell auf Posten steht,kann unsereins sich sein genügliches Stündchen vergönnen.« Er leerte den Rest seines Glases und vertrieb sich sein Alleinsein damit, daß er den ›Hohenfriedberger‹ auf die Platte des Tisches trommelte. Der Hausherr blieb lange. Also man weiter. Schon dreimal hatte er den ›Hohenfriedberger‹ erledigt, aber weder sein forsches Trommeln, noch sein Pfeifen hatten geholfen. »Dann immer man weiter.« Mit einem festen Auftakt nahm er den ›Düppeler Sturmmarsch‹ beim Kragen, um schließlich dem herzhaften ›Torgauer‹ Schwung und Rhythmus zu geben. Als er den letzteren zum zweiten Male ansetzen wollte, trat Michel Virgilis wieder ins Zimmer. Er sah stumm auf die Seite. »Na, Michel, was gibt's denn?« »Hemskerk, der Besuch hat für mich 'nen komischen Einschlag. Ich habe bloß den Vermittler zu spielen.« »Also mir gilt die Ehre?« »Hemskerk, ganz richtig.« »Wer will mich denn sprechen?« »Du – halte dich fest,« und Michel Virgilis stülpte seinen Castorhut mit tiefernstem Gesicht über den Holznagel. »Hemskerk, nimm's nicht verübel, denn es geht mir gegen den Strich, will mir extraschwer über die Zunge: Der von Borghees möchte dich sprechen. Er kommt so eben von Holland retour und hörte: dein Schiff läge im Hafen.« »Was – Riswyk?!« und die Faust des Kapitäns legte sich breit auf den Tisch. Ebenso breit wuchtete er sich mit todernstem Gesicht in die Höhe. Seine Lichter krochen langsam der Tür zu und blieben dort haften. »Michel, das mußt du mir noch einmal sagen, ganz deutlich, mit Unterstreichung jedes einzelnen Wortes, sonst kriege ich keinen Begriff von der Sache.« Tappert zuckte die Achseln. »Es ist nun mal so und nichts dran zu ändern. Der Knollen- und Rübenbaron läßt sich nicht abweisen und besteht darauf, dich unbedingt sprechen zu müssen.« »Von ›müssen‹ ist hier gar keine Rede.« »Habe ich auch schon gesagt, aber was soll einer da aufstellen?« »Nichts weiter als das. Du brauchst ihm nur unter den Windfang zu halten: für Borghees und seinen Besitzer ist der Kaptän Hemskerk nicht mehr zu haben.« »Das geht nicht. Der Baron ist doch nicht von heute und gestern ... und dann außerdem...« »Was ›außerdem‹?« »Hemskerk, man kann immer nicht wissen. Vielleicht hat er 'ne große Erklärung abzugeben, vielleicht auch ist er gesonnen, sich an die Brust zu schlagen und die Worte zu sprechen: Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa , wie einem das bei gewissen Nöten so heruntergeht, denn es steht schon geschrieben: 'nen reuigen Sünder soll man nicht von der Schwelle verweisen ... und dann noch: der Baron ist nun einmal hier, das Personal hat mit ihm gesprochen, dito das Goldkorn, und was sollen die Leute wohl denken, wenn's heißt: der Mann ist ausgeklinkt worden. Nee, Hemskerk, suum cuique ! Meine Spezialität und mein Grundsatz. Außerdem: weiß man denn richtig, auf wessen Seite die Schuldigkeit liegt, ob bei ihm oder bei Reiner? Und schließlich: der Reeder und Kaptän Hemskerk wird sich doch nicht vor 'nem simplen Kavalier in ein Mausloch verkriechen. Niemals! Jamais ! Das wäre noch schöner. Unter so was täte ich meinen Namen nicht setzen. Also ...?!« »Wenn du denn meinst?« »Und ob ich es meine.« Hemskerk riß sich zusammen und knöpfte sein Jackett bis auf den letzten vergoldeten Ankerknopf zu. » All right ! Dann lasse ich hiermit ersuchen. Aber auf deine Verantwortung, Michel. Angtree, Herr Baron,« und Hemskerk straffte sich hoch, starr und frostig wie ein vereister Basalt auf Island. Gleich darauf trat Gisbert Kreuzwendedich Riswyk ins Zimmer, den linken Arm in der Binde, die einst so herrischen stahlgrauen Augen zurückgedrängt und tief in den Höhlen. Hinter ihm lief die Türe ganz heimlich in ihren Angeln zurück. Die beiden Männer standen sich allein gegenüber, allein in dem fahlen Grau des vergrämelten Tages. Die Lippen schwiegen. Nur die Augen sprachen. Sie begegneten sich wie verschlagene Vögel, die nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. Nur in denen des Kapitäns hub es an, bedrohlich zu funken, entstanden Bilder und Spiegelungen, die sich mit dem herben Leid seiner Tochter und dem Heißdurchkämpften der letzten Wochen beschäftigten. »Herr, was führte Sie her?« fragte er endlich. »Aber machen Sie's kurz. So nur können wir uns böse Augenblicke ersparen.« Der Baron machte mit dem gesunden Arm eine kurze Bewegung, senkte den Kopf, um anzudeuten: »Ich will das schroffe ›Was führte Sie her‹ überhören.« Dann sagte er mit verhaltener Stimme: »Ich habe Ihnen zu danken, Kapitän.« Hemskerk runzelte die straffen Brauen gegeneinander. In seinem Hirn stieg es auf: ein dumpfes Brausen und Sausen, wie das Brausen in einem Schleusentobel. »Mir danken? Wofür denn?« Er stieß ein kurzes Lachen über die Lippen, das abbrach, wie mit einem Messer durchschnitten. »Herr, was fällt Ihnen ein? Wofür denn danken? Da bin ich begierig. Etwa dafür, daß ich zu Michel Virgilis gesagt hab': für Borghees und seinen Besitzer ist der Kapitän Hemskerk nicht mehr zu haben?!« Riswyk erbleichte. »Das sagen Sie so ganz offen heraus?« »Ganz offen, Baron.« Ein tiefes Aufatmen. »Verdammich!« Riswyk trat näher. »Und trotzdem: ich habe Ihnen zu danken.« »Mann – Sie, hören Sie auf. Ich verstehe immer dasselbe. Himmel und Seligkeit! Mensch – danken? Wofür denn?« »Daß Sie mich anhören wollen.« Der Alte prallte zurück, um gleich darauf die verkörperte Ruhe zu werden. »Gut, ich höre Sie an. Aber nur meinem Freunde Tappert zuliebe, nicht Ihretwillen, denn bei Nennung Ihres Namens habe ich 'nen faden Geschmack auf der Zunge, so wie ihn die Sterbenden haben, wenn ihnen die Zeit zu lang wird, von dieser miserablen Erde zu kommen.« Er trat näher heran. Seine Hand schob sich schwer auf Riswyks Schulter. »Baron, wissen Sie was?! Seit jenem Abend auf Borghees, wo die Rosen überall voll von Duft waren und ich mir sagen konnte: Alter Junge, trotz deiner grauen Jahre – auch für dich blühen noch immer die Rosen, hat das Leben noch immer ein gewisses Pläsier auf der Pfanne. Das muß man sich merken, denn Goldschiffe kommen nicht mehr nach Deutschland, ebensowenig gute Freunde und rechtschaffene Haushalter. Man muß sich begnügen. Sie versuchten's wenigstens, Herr Baron, 'nen guten Freund und 'nen annehmbaren Haushalter hinzustellen. Rosen und Weine! Hurra, Barönchen! Denn was wir bei Ihnen erlebten ... So was vergißt man nicht, selbst dann nicht, wenn man nicht mehr imstande ist, sich den letzten Priem hinter die Backe zu schieben. Blexem!« und seine Hand sackte von der Schulter herunter, um sich dumpf auf die eigene Herzgrube zu legen. »Hier sitzt das und will sich nicht geben. Auch die Rosen auf Borghees nicht und alles nicht, was unter diesen Rosen erstickte. Herr Baron, wissen Sie was? Herr,« und sein Gesicht wurde brandig, »gehen Sie direkt nach Hause. Es ist besser für beide Parteien. Richten wir 'ne dicke Bretterwand zwischen uns auf, so eine von geteerten Eichenbohlen. Noch probater, 'ne weiße Totenhand auf 'ner eisernen Stange, denn so 'ne Totenhand hat's in sich, fordert Respekt und kann die vermerkten Grenzen besser aufrecht erhalten.« Er winkte ab. »Also was wollen Sie noch? Ich lege keinen besonderen Wert mehr darauf, die Unterhaltung weiterzuführen. Nach all den erbärmlichen Geschichten, den Tränen und Bitternissen – ich ersehne nichts weiter als den wohlverdienten Altenteil. C'est tout . Ruhe, bloß Ruhe! Auch von Ihrer Seite, Herr Baron. Adjüs denn. Das ist doch deutlich gesprochen, sollte ich denken?« »Nichts fehlt dran, Kapitän. Aber ich bleibe.« Hemskerk prallte zurück. Er streckte die Hand zur Türe. Er drohte ... Riswyk schüttelte leise den Kopf. »Nichts zu machen, Kapitän. Ich gehe nicht fort und rühre kein Glied von der Stelle, es sei denn: ich werde entsündigt. Was geschehen ist, laßt sich nicht ändern. Aber den Satan in mir, den Lump in mir, ich kann sie demütigen und in die Knie zwingen, auf daß sie vor Ihrem Angesicht und dem Ihrer Tochter bekennen ... und sie sollen bekennen. Herr, du mein Gott – Kapitän ...!« Mit der gesunden Hand fuhr er sich schwer über die Augen. »Ich war nicht bei Sinnen – damals, hatte die nichtswürdige Roheit, das reine Weib im reinen Weibe zu kränken. Bald darauf saß mir die Kugel zwischen den Knochen, und ich kann nur sagen, es war eine wohlverdiente und ehrliche Kugel. Das wäre beglichen. Aber eine Rechnung ist nicht beglichen, Mynheer. Sie steht noch aus. Hören Sie zu. Ich will mich nicht einschleichen, nicht das Feuer Ihres Hauses entweihen. Aber bei diesem Herdfeuer will ich Verzeihung erbitten. Das will ich.« »Bei wem denn?« »Bei Demoiselle Hemskerk.« Der Alte umgriff eine Stuhllehne. Er mußte sich halten. »Auch das noch?!« sagte er scheinbar gefaßt. Sein Kopf hob sich langsam. Er suchte in den Augen seines Gegners zu lesen. Eine Pause entstand. Die Atemzüge der beiden Männer standen sich hart gegenüber. Jedes Herz hörte das des anderen klopfen. Sie waren in Siedehitze geraten. Endlich unterbrach Riswyk das marternde Schweigen. »Herr Kapitän, ich warte auf Antwort.« »Mensch –Sie!« Hemskerk stellte sich breitbeinig hin, so wie er es allzeit tat, wenn er bei lelkem und bedrohlichem Wasser sein Schiff gegen den Wind zu halten hatte. »Ich verstehe immer: büßen und Verzeihung erbitten. Ist es so richtig? Wenn ja...« Er pfiff durch die Zähne: »Nein, mein lieber Baron, so was wäre nicht auf 'ne Kuhhaut zu schreiben. Meine Tochter und ich stehen bis zur letzten Parole zusammen, und Mahnung ergeht: Lassen Sie mein Kind in Ruhe, treten Sie nicht in den Kreis, den die Ärmste um sich gezogen. Er ist von Gott gesetzt, also von Gott auch geheiligt. Ihr Schatten könnte ihn nur entweihen, und somit – ich verfüge klipp und klar und sonder Hintergedanken: die geteerten Eichenbohlen sind hiermit errichtet, und wenn nötig, wird auch 'ne Totenhand auf die eiserne Stange gehoben.« »So werde ich anderweitig Gelegenheit finden; denn ich bin meinem Gewissen und meiner Schuld gegenüber verpflichtet, mir ihre Achtung wiederzuholen, ihre Schuhe zu küssen.« »Und das wollen Sie aufstellen, erzwingen? Ausgerechnet Sie?!« Riswyk erblaßte bis tief über die Schläfen hinaus. »Warum so verächtlich, Kapitän?! Dafür ist die Stunde zu ernsthaft. Ja – ich, und dabei soll es auch bleiben.« Hemskerk hielt's nicht mehr aus. Er fühlte seine Kraft schwinden. Etwas bedrängte ihn, stürmte wider ihn an. Er glaubte Tränen zu sehen: Tränen in den Augen des Mannes... des Mannes... »Mein Gott!« schrie er auf. Es löste sich ihm was zwischen Bast und Borke. »Ein Letztes, Baron! Ich bitte darum: lassen Sie meine Tochter in Ruhe. Jetzt endlich hat sie ihren Frieden gefunden.« »Ich aber nicht. Ich suche noch immer. Wollen Sie mich doch endlich verstehen. Ich will nur das eine. Hier – meine Ehre...! Aus Borghees – ich bin ein Narr bei brennenden Kerzen gewesen. Aber in diesem Narrentum steckte doch ein sakraler Funke: ich liebte und liebe noch heute... und wäre sie frei gewesen: Haus Borghees hätte sie als Herrin gesehen, wie keine stolzere Herrin zu finden. Und jetzt, wo ich in Sünde stehe, wo ich's wagte, ihr ein Splitterchen aus ihrer jungfräulichen Krone zu brechen – geben Sie mir wenigstens Gelegenheit, mein Herz zu erleichtern.« Hemskerk stierte ihn an. »Baron, wollen Sie denn mit aller Gewalt... Was berechtigt Sie dazu, mir abermals mein Haus zu verstören, ihm mit vollem Bewußtsein den Atem zu versetzen, wo es gerade dabei ist, wieder sich so 'n bißchen auszukurieren und Gottes Luft zu empfangen, oder wissen Sie nicht, was inzwischen alles passierte?« »Ich weiß, Kapitän.« Über Riswyks Gesicht zog es mit dem verhaltenen Schmerz eines Gezeichneten. »Durch mich ist das alles geschehen, und Sie haben das Recht, mir die Faust gegen die Stirne zu setzen.« Er winkte ab. »Warum das alles noch einmal erzählen! Ich blase nicht in leere Eierschalen hinein. Das Geschick hat böse Arbeit getan, und ich bin ihm Helfer gewesen. Ich zerstörte ein Glück. Ein edles Frauenleben wurde durch mich aus seiner Bestimmung gedrängt, ihm das Freudenreiche und das Hoffnungsfrohe genommen. Bitte, lassen Sie mich ausreden, Kapitän. Ich will aus dem Sumpfland wieder in die Reinheit hinein ... und wer mir das geben kann ...« Unvermittelt brach es aus ihm heraus: »Kapitän, wo ist Demoiselle Hemskerk zu finden?« »Wo sie hingehört: auf dem Schiff und bei mir. Ja, bei mir, Herr Baron, und ich nur allein ...« »Dann ersuche ich höflichst ...« »Was haben Sie vor?« »Das zu tun, was das Herz mir gebietet, und zwar in sofortiger Stunde. Ich will ihre Verzeihung erbetteln, um später ...« Er verstummte jählings und griff mit der gesunden Hand an die seidene Binde. »Kapitän,« sagte er endlich, »und was ich mit dem ›später‹ bezwecke ...? Das ›später‹ geht auf heiligen Sohlen ... Also – ich bitte ...« Hemskerk vertrat ihm den Weg: »Unter keiner Bedingung. Ich lasse mir das mit den geteerten Eichenbohlen nicht nehmen. Aber eins soll geschehen,« und durch seine Worte hindurch sickerte ein gewisses Erbarmen. »Von unserm tête à tête soll sie wissen. Ich sperre mich nicht. Das wäre unhonorig gehandelt, und so was ist bei uns Rheinkaptäns noch niemals flott gewesen und ausgeschwenkt worden. Schon um meiner eigenen Ruhe willen, ich gehe an Bord. Sie mag selber entscheiden, was sie von einer Unterredung mit Ihnen erhofft. In 'ner kleinen Viertelstunde kann ich wieder zurück sein, und wenn Sie warten wollen, Baron ...?« »Ich warte.« »Dann ersuche ich darum, sich gedulden zu wollen. Trotz allem: 'nem Schiffbrüchigen hat man die Stange zu halten.« Barhaupt verließ Hemskerk das Zimmer, um draußen mit einer seltsamen Erregung und Hast zu sagen: »Michel, ich komme gleich wieder.« Fast alle Helle war aus den Fenstern genommen. Von Sankt Aldegondis holte das Glockenspiel aus: »Alles meinem Gott zu Ehren, in der Arbeit, in der Ruh'.« Als der Alte zurückkehrte, erhob sich Riswyk bleich aus seinem Sessel. Mit seinem gesunden Arme machte er eine unbestimmte Bewegung. »Ich weiß, was Sie bringen,« sagte er mit erloschener Stimme. »Ihnen Gruß zuvor,« entgegnete Hemskerk. »Sie hat's gut aufgenommen, denn ich habe in ihrem Namen Absolution zu erteilen. Sie will vergessen und nicht mehr dran denken. Auch dankt sie herzlichst für die ihr zugedachte Bewertung. Aber auf Borghees sind ihr die Treppen zu steil und die Rosen zu schwül. Auch wäre sie nicht imstande, in irgendeinen Spiegel zu sehen. Ihr Spiegelbild würde sie bloß nur erschrecken. Das wäre wohl alles. Haben Sie sonst was zu sagen – ich will's gern übermitteln?« Er sah stur und steif in eine dunkle Ecke hinein, als er so fragte. »Nein, Kapitän, ich habe nichts mehr zu sagen. Nur dies noch. Leben Sie wohl, Sie und Demoiselle Jakobine. Ich bitte darum, mich nicht gänzlich vergessen zu wollen. Meine Tagwacht neigt sich dem Ende zu. Möge die Ihre sich heben und immer schöner und köstlicher werden.« Als sich der Alte wieder zurechtfand, hatte Riswyk bereits das Honoratiorenzimmer verlassen. Dafür stand Michel Virgilis hinter ihm, eine Flasche zwischen den Knien, eifrigst dabei, einen Pfropfenzieher in den langhalsigen Korken zu drehen. Als er mit einem fröhlichen Schnalzer den Stöpsel entfernt hatte, sah er seinem Freund und Bundesbruder tief in die Augen: »Kaptän, das wäre nun so. So tolle Baßviolen wurden lange nicht mehr in der geliebten Vaterstadt gestrichen. Man nimmt's hin, wie es kommt. Frohes und Unfrohes, Saures und Süßes – alles in dem nämlichen Pott ... aber in Anbetracht des bösen Wassers und des außer Wettbewerb stehenden Schlackerwetters wollen wir zwei beide die andere Bouteille Mouton-Rothschild verzehren.« »Die beste Parol,« sagte Hemskerk. Er setzte sich wieder, um mit verschleierter Stimme zu sagen: »Da soll einer klug daraus werden. Wie man's auch anfängt, immer schlägt die Medaille auf die unrechte Seite. Setzt du auf Kopp, purzelt sie auf Wappen, hoffst du auf Wappen, ist Kopp immer in Bänken. Abgesehen davon, geht's noch so leidlich. Drum prost, alter Junge. So 'nem französischen Hammel auf Alkohol gesetzt kann man schon die Ehre erweisen.« Achtzehntes Kapitel »Dum, ding, dong! Dum, ding, dong!« »Prost, Kaptän!« »Prost, Michel!« – – – Um dieselbe Stunde, als Düweke Brinkmann mit nackten Armen und blanken Augen das Honoratiorenstübchen bewachte, die übrigen Ankömmlinge aber geheimnisvoll in das hintere Gastzimmer komplimentierte, direkt mit dem Glockenschlag vier trat in Huisbergen Herr Severin Stappers etwas zerzaust und mit aufgestülptem Paletotkragen über die Schwelle seines Hauses. »Brrr!« sagte er fröstelnd und hing den Hut über den Holzpflock. Hierauf streifte er den Mantel von den klammen Gliedmaßen herunter, nachdem er zuvor etliche Herbstblätter, die noch auf dem feuchten Düffel hafteten, mit spitzen Fingern fortgeknipst hatte. Jetzt wieder an Ort und Stelle, freute er sich seiner molligen Stube, seines Harzers, der ihn mit einer feinen Klingelrolle begrüßte. Die lauten Stimmen seines Nachwuchses nebenan störten nicht weiter. Er überhörte sie einfach. Engelke trat ihm entgegen, entsetzte sich aber, als sie sein etwas verwehtes Aussehen, den durchnäßten rostfarbigen Haarschopf bemerkte. »Aber Severin, wo kommst du denn her?« Er rieb seine groben Hände nachdenklich zusammen, ein Zeichen dafür: jetzt hat Severin Stappers etwas Bedeutsames vorzubringen. »Angelika, ich komme von draußen,« versetzte er mit der Wichtigkeit einer sich feierlich in Bewegung setzenden Domglocke. »Das kann ich mir denken,« gab sie verärgert zurück. »Von draußen gewiß. Aber bei dieser Aufmachung – du mußt einen langen Weg hinter dir haben, denn wenn ich deine Schuhe besehe... und ich war des festen Glaubens, du seiest in der Kirche gewesen.« »War ich auch, unter jeder Bedingung.« »Dann begreife ich nicht ...« Mit einem tiefen Seufzer ließ sich die Semmelfüchsin am Fenster nieder, um von hier aus sondierend und mit eingekniffenen Äugelchen auf den Erzeuger ihrer zahlreichen Kinder zu sehen. »Nein, Severin, dann begreife ich nicht... Gewisse Neigungen und Exkursionen können auch regnerisches Wetter vertragen. Traue einer heutigen Tages den Weibsbildern. Sie sind Gefäße des Satans. Tänzerinnen der Unsittlichkeit und der Hoffart. Ihr Name ist Wollust. Selbst vor der geweihten Person eines Küsters haben sie jede Scham und Besinnung verloren. Machen ihm Augen wie Teetassen, und so was darf ich mir als christkatholische Hausfrau und Mutter nicht gefallen lassen, wenn es auch bemerkenswerte Ausnahmen gibt, zum Beispiel...« Sie verstummte vor dem Blick ihres Gatten. »Du willst also sagen...?« Er hob die Hand in die Höhe und fuhr sich mit der anderen beschwörend durch die zerzauste Tolle. »Angelika, ich ersuche dich im Namen des dreieinigen Gottes, solche Unterstellungen hintanzulassen. Es ist nicht gut, mit dem Handwerksgerät des Verdachtes sein Spiel zu treiben. Derartige Hinweise untergraben meine persönliche Ehre hinsichtlich der ehelichen Treue, zudem noch den hauslichen Frieden.« »Hat's denn so ausbündig in der Kirche geregnet?« »Geregnet?!« Seine Stimme versagte. Er mußte sich setzen, um wieder seinen inneren und äußeren Menschen zusammenzubringen. »Angelika, deine Unterstellungen werden immer aufdringlicher und anmaßender. Nein, in der Kirche hat es nie und niemals geregnet.« »Und trotzdem bist du in der Kirche gewesen?« »Jawohl, ich bin in der Kirche gewesen, wenn auch später auf einem langen Wege da draußen.« »Na, da haben wir's ja.« »Angelika, was haben wir denn?« »Das mit den Weibsbildern. Ich kenne genug von der Sorte, die selbst unter einem frommen Gesicht die Gegend hier unsicher machen. Besonders die in den Katstellen.« »Angelika ...!« Dem sonst so gutmütigen und unbefangenen Stappers schlug das Herz bis zum Bersten. »Ich sage dir nochmals, wenn auch voll des Ärgers und Eifers: Jawohl, ich bin in der Kirche gewesen, mit dem geistlichen Herrn in der Kirche gewesen, und zwar lange in der Kirche gewesen. Was dann folgte, war ein bitterer Gang, aber ein notwendiger Gang, der mit dem eines Samaritans eine große Ähnlichkeit hatte.« »So?!« versetzte sie nach einiger Weile. »Dann möchte ich bitten.« Der Klang ihrer Stimme war magerer, unsicherer, die Dünung ihrer majestätischen Bluse schwächer geworden. »Also ich höre.« »Eigentlich sollte ich nicht, sollte vielmehr den Beleidigten herauskehren und mich des Schweigens eines verrosteten Sargnagels befleißigen, denn deine Gedankengänge und Schlußfolgerungen gingen doch weit über das Maß eines gesunden Frauenverstandes hinaus, aber im Interesse des häuslichen Friedens ...« und er legte gottergeben und wie ein Mann, der stündlich bereit ist, alle Anfechtungen des Satans und die des quälenden Fleisches siegreich aus dem Felde zu schlagen, die Hände zusammen. »Angelika, vor ungefähr zwei Stunden ging ich zur Kirche, um neue Lichtstöcke auf die Leuchter zu stellen. Als ich just dabei war, selbige propter reverentiam ihrer Bestimmung zuzuführen, begegnete mir der Herr Kaplan am Altare der heiligen Anna und fragte mich nach der zehnpfündigen Wachskerze, die er mir in Bestellung gegeben. – Ist fertig, konnte ich ihm frohen Mutes begegnen. Hier neben ... in der Sakristei ... und wenn Hochwürden befehlen ... Des freute er sich und sagte mit leuchtenden Augen: Dann will ich noch in sofortiger Stunde nach Dornick hinzu, um im Namen der Mutter zu opfern, denn täglich und stündlich kann sie nicht fassen ...« Engelke unterbrach ihn mit einer heftigen Geste. »Nach Dornick hinzu ...? Und was kann sie nicht fassen ...?« Severin Stappers legte den Kopf auf die Seite. »Nach Dornick,« sagte er mit einer gewissen Betonung, »um die geweihte Kerze der dortigen Gottesmutter darzubringen und sie um ihre Fürbitte anzurufen.« »Um Himmelswillen, warum denn?« Die Semmelfüchsin spitzte die Ohren. »Du weißt doch: Jakobine und Reiner. Der klaffende Riß will noch immer nicht vernarben, nicht in Heilung übergehen, und da hat sich Mutter Auwater in den Kopf gesetzt, das Gebet ihres Klemens und die Wachskerze könnten Wunderdinge verrichten und Berge versetzen.« »Können sie auch, müssen sie auch, denn wenn es das nicht mal gäbe, wofür waren denn alle Gnaden- und Kerzenkapellen, alle die Beichtstühle mitsamt den übrigen christkatholischen Wunderstätten errichtet? Ja,« fuhr sie fort, und ihre Blicke glitten zutunlicher über den etwas angekränkelten Bratenrock ihres Gatten, »ich kann Mutter Auwater nur in allen Punkten beipflichten. Die Frau hat Auserwähltes zu tragen, und es ist schmerzlich für einen, sie allzeit mit dem großen Leid um Reiner und Jakobine betrachten zu müssen, und wenn wir noch immer so recht nicht herauskriegen können, was alles auf Borghees passiert ist – der liebe Gott und wir, wir haben die heilige Verpflichtung, ihr wieder das Leben erträglich zu machen, gewissermaßen mit einem Kränzlein von Abendsonnengold zu verschönen.« Severin atmete auf. » Propter reverentiam , solches wäre sehnlichst zu wünschen.« »Und um dessentwillen ist der Kaplan auf Dornick hinzu?« »Ist er.« »Aber warum denn gerade auf Dornick? Marienbaum und Kevelaer hätten die nämlichen Dienste geleistet.« »Angelika, hatten sie schon, denn alle Gnadenorte leisten die nämlichen Dienste, aber es geht die Legende, daß nach dem großen Kriege sich an dem Muttergottesbilde in Dornick ganz absonderliche Dinge begeben, und da hat Frau Auwater ihren hochwürdigsten Sohn gebeten, baldmöglichst dortselbst eine geweihte Kerze zu opfern und um Erbarmen zu flehen.« »Ja, wenn die Legende geht, dann allerdings ... dann allerdings kann ich Mutter Auwater verstehen, um endlich von wegen Jakobinens und Reiners aus ihrer Seelennot und Predullig zu kommen ... und du, so nehme ich an, du hast alles dazu beigetragen, das Opferwerk zu einem richtiggehenden Opfer zu machen.« »Angelika, hab' ich.« »Auch hinsichtlich der Qualität des verwendeten Wachses?« »Angelika, ich habe nur extraordinären, nur solchen von Linden- und Heidebienen genommen.« »Und was das Gewicht anbetrifft? Ich weiß, zehn Pfund sollten es sein, und da hast du nach bestem Willen und Wollen ...« »Angelika,« und in den Grubenlichtern Severins begann es zu leuchten wie mit dem heiligen Leuchten von ewigen Lampen, »ich habe nicht nur gewissenhaft und mit Apothekergewichten gewogen, sondern sogar ein übriges bewerkstelligt und nahezu 150 Gramm darüber gegeben, und falls ich nochmals nachprüfen sollte, ich bin dessen sicher, den zugegebenen 150 Gramm ließe sich noch ein Mehr von drei bis vier Gramm anreihen, ohne darüber erröten zu müssen.« »Das kann dich nur ehren,« sagte Engelke in gehobener Stimmung, »dich und alle, die dir befreundet, verwandt und zugetan sind, aber bei all deiner Opferfreudigkeit, ich verstehe immer noch nicht: warum mußtest du diesen bitteren Gang tun, der, wie du sagtest, mit dem eines Samaritans eine gewisse Ähnlichkeit hatte?« Severin Stappers schabte sein vorgestoßenes Kinn, fuhr sich durch seinen mittlerweile trocken gewordenen Haarschopf und sagte: »Angelika, das hat folgende Bewandtnis. Als der geistliche Herr die Wachskerze sah und den Willen dartat, sofort seinen Pilgergang nach Dornick anzutreten, nahm ich den zehnpfündigen Wachsstock mit rund 154 Gramm Gratisgewicht, wickelte ihn in propere Leinwand, die ich noch mit Wachstuch verschnürte. Herr Klemens freute sich innigst der Opfergabe, zahlte den ausgeworfenen Betrag und machte sich fertig, den sich gestalten Weg unter die Füße zu nehmen. – Und wer trägt Ihnen die Kerze, denn bis nach Dornick sind es, ohne das Übersetzen des Rheines zu berücksichtigen, immerhin fünfzig bis fünfundfünfzig Minuten? – Da lächelte er mit seinem zuvorkommenden und seinen Lächeln und sagte: Herr Stappers, die heiligen Apostel sind immer barfuß und mit ganz anderen Lasten befrachtet durch endlose Täler und steinichte Wüsten gegangen, warum sollte da nicht ein schlichtes niederrheinisches Kaplänchen seiner Mutter und seinem verstörten Bruder zuliebe mit dieser Opfergabe beschwert den Pfad zur Gnadenmutter aufnehmen? – Hochwürden, fiel ich ihm ins Wort, das dulde ich nicht, das lasse ich nicht zu, das geht unter keiner Bedingung. Ein Kleriker hat etwas anderes zu tun, als mit einem, wenn auch geweihten, so doch immerhin langstieligen Wachstuchpaket über Land zu ziehen: Propter reverentiam – dem Küster, was des Küsters, dem geistlichen Herrn, was des geistlichen Herrn. Geben Sie her, ich mache mir eine Ehre daraus. Bis zum diesseitigen Ufer werde ich es besorgen, dann setzen Sie über, und bis Dornick haben Sie dann höchstens noch zehn Minuten zu gehen ... und trotz seiner Widerrede und seines Sichsperrens – ich setzte meinen Willen durch, brachte ihn bis an den Rhein, ließ ihn übersetzen und machte retour, um kurz vor Huisberden noch in 'ne stramme Regenbise zu kommen. Und nun wünsche ich zu Gott: meine Wachskerze und die Darbringung durch den Herrn Kaplan mögen da droben Erhörung finden, Mutter Auwater trösten und die verstörten Herzen aufs neue zusammenbringen.« »In alle Ewigkeit, Amen.« Engelke Stappers hatte gesprochen, sich tränenden Auges erhoben und ihre gefüllte Bluse an das Schemisettchen ihres Gatten gedrängelt. Ihre prallen Lippen mummelten wie die eines Kaninchens. Hierauf hob sie sich auf in den warmen Selfkantpantoffeln und drückte ihm einen abbittenden, herzlichen Kuß auf die Wange. »Severin,« schluchzte sie durch ihre Tränen hindurch, »das war wahrhafte Nächstenliebe, ein grandioses Einherschreiten mit dem geistlichen Herrn im Beisein des ewigen Gottes. So was wird belohnt dahier und im Himmel. Solche Beispiele ehren die hochwürdigen Priester, ehren ihre Sachverwalter, also auch dich, und du sollst sehen: die Zeit wird kommen, wo selbst die Hinterlisten von Novemberlingen und ähnlichen Menschen an solchen Priestern und Sachverwaltern zuschanden werden. Ach Severin! um deinetwillen kann ich jetzt meine Jugendliebe auf Borghees völlig vergessen, lediglich noch der Gegenwart und den zukünftigen Tagen leben, denn ich sehe jetzt ein: du blühst im Verborgenen, deine Wege sind die eines Einfaltigen, die der Herr besonders preiset und hoch in Ehren stellet ... und gegen so was kann selbst nicht ein Riswyk ...« Ihre Bluse stürmte. »Du bist für mich groß in dieser Stunde geworden, und die Wachskerze hat dir zu dieser Stunde verholfen.« Ernst stand sie an der Seite des Gatten. Severin strahlte. Die Semmelfüchsin heiterte auf, schob den Arm in den seinen und flötete wie ein Kanarienvogel: »Jetzt komm' man, denn jetzt wollen wir die Kaffeestunde gemeinsam mit den Pfändern unserer Liebe begehen, noch besser gesagt, mit den Pfändern unserer Liebe begießen.« »Wollen wir,« sagte Herr Stappers und machte ein Gesicht wie das einer beseligten Spitzmaus. * Jenseits des Rheines klatschten harte Regentropfen gegen die bleigefaßten Scheiben der Kirche von Dornick. Der Ort war eine kleine Büchsenschußweite vom Strom gelegen. An sichtigen Tagen konnten sich die Türme von Huisberden und Dornick wechselseitig begrüßen, sich gegenseitig mit ihren Glocken anrufen, gemeinsam den Ewigen preisen und ihr Loblied in guter Kameradschaft über den Rhein und die unermeßliche Niederung dahintragen, und es wäre ein kleiner Spaziergang von einem Flecken zum anderen gewesen, hätte der breite, majestätische Strom sich nicht wie eine stolze Barriere dazwischengeschoben. Dornick war ehrwürdigen Alters, ebenso die Kirche allda mit ihren Stätten und Erinnerungen, ebenso die däftigen Bauerngehöfte, die den Ort in großem Bogen umlagerten. Schon der heilige Willibrord soll von Emmerich aus das Evangelium an diese Stätte getragen und dabei gewettert haben, daß davon die Bäume entwurzelten und die wilden Tiere des Waldes dahinflohen, als wäre der Höllenfürst gegen sie aufgebracht worden, wie solches nicht zu leugnen, da es die Bibliotheca rerum germanicarum also vermeldet. Jedenfalls, Dornick erhob sich auf geheiligter Erde, sein Kirchlein war ein gottwohlgefälliges Kirchlein und die Gottesmutter allda ein illuminierter Bildstock voll reicher Formen und Einzelheiten, mit dem die letzten Jahre und Monde wundersame Geschehnisse und Legenden verknüpften. Er heile die Bresthaften, so hieß es, er brächte die Unreumütigen wieder zur Reue zurück, so wurde behauptet, er ließe Zeichen und Wunder geschehen, so riefen es die Wissenden aus, er verbände zerrissene Herzen und ließe den Epheu des Vergessens über Geschehenes wachsen, so ging es von Mund zu Mund und verbreitete sich mit dem zarten Flüstern von Pappeln, die in einem gesegneten Wiesengrund geheimnisvoll ihre Zweige bewegten. Ein aufheiterndes Tageslicht fiel in die Kirche hinein, ohne die Kraft zu besitzen, die grauen Schatten aus dem sakralen Haus zu verweisen. Ein seltsames Dunkel durchgeisterte die Räume. Es ließ sich mit Händen greifen, an eine andere Stelle versetzen. Ein hingehauchtes ›Ave‹ schälte sich aus den ziehenden Floren heraus. Aber dort hinten auf der Kapitelseite des Hochaltares hob sich ein schmaler Schein zwischen Gewölbe und Estrich, ungefähr zehn Schuh über dem Boden. Das Scheinen verbreitete sich, nahm eine kreisrunde Form an, entsandte spitzige, glitzernde Strahlenbündel nach allen Seiten, die sich in einem matten Leuchten gefielen. Und da war es so, als begänne es auf der Kapitelseite heller zu werden, als zöge eine Gloriole ihren Lichtbogen weit um sich hei, als würden in diesem Lichtbogen Engelsköpfchen lebendig, als träte eine überirdische Jünglingsgestalt mit goldenen Schwingen aus der goldenen Fülle und spräche durch die menschenleere und lautlose Kirche ... und einer hörte den Jüngling mit den goldenen Flügeln reden und sprechen, und also redete er: »Wenn rings im Glitzergeschmeide Die Abendwolken gehn – Ich wähne auf endloser Heide Lächelnd, im schlichten Kleide, Die Mutter Gottes zu sehn. Maria, die schönste der Frauen, Maria im Abendwind! Mit ihren Augen, den blauen, Begrüßt sie die glücklichen Auen, Am Herzen das himmlische Kind. Die Fernen wispern leise: Gegrüßt seist du, Marie! Ein Fall auf seiner Reise, Er zieht in goldenem Kreise Den Glorienschein um sie. Schon flimmert auf bläulichem Grunde Der liebe Wunderstern, Und rings mit seligem Munde, Da flüstert die weite Runde Heimlich den ›Engel des Herrn‹.« Heiliger Gott! und der diese Stimme vernahm, berührte mit seiner Stirne den Estrich und küßte den geweihten und geheiligten Boden. Schon zweimal war der Küster erschienen, hatte sich aber wieder geräuschlos empfohlen, als er bemerkte, daß der junge Kleriker noch keine Anstalten machte, die Stätte, auf der er weilte, zu verlassen. Bald darauf streckte sich Klemens. Seine Blicke suchten die der Gnadenreichen und Gebenedeiten mit unsäglicher Inbrunst. Neben dem Bildstock erhob sich der bleiche Schaft der zugebrachten Kerze, deren überschüssiges Wachs mit monotonem Klingen und Singen auf den Teller des Messingleuchters tropfte – ohne aufzuhören, rhythmisch, ähnlich dem Ton eines Totenwurmes in einer überständigen Holzbekleidung. Hoch im Raum stand das Flämmchen am Docht – ein Armseelchen in der tiefen Einsamkeit, aber trotz seiner Winzigkeit büschelte es ein Licht aus, in dem die Engelsköpfchen erschienen, die überirdische Jünglingsgestalt mit den goldenen Schwingen sichtbar wurde, die mit ihrem Sprechen und paradiesischen Roden nochmals das ganze Kirchlein erfüllte: »Schon flimmert auf bläulichem Grunde Der liebe Wunderstern, Und rings mit seligem Munde, Da flüstert die weite Runde Heimlich den ›Engel des Herrn‹.« »Mutter der Gnaden und der Barmherzigkeiten!« und Klemens streckte die Arme, als wolle er damit die Knie und den Schoß der heiligen Jungfrau umfangen. »Jungfrau Maria, siehe mich an, höre mich an, habe Erbarmen mit mir, deinem unwürdigen Diener, denn wisse: eine Mutter sendete mich, spricht durch mich, legt durch mich dir und deiner Fürbitte ihr wundes Herz, ihre Schmerzen und Qualen demütiglich und mit tiefster Inbrunst zu Füßen.« Seine Stimme schwoll an, stieß gegen die bleigefaßten Scheiben, gegen das Gewölbe der todstillen Kirche. »Komm' uns zu Hilfe, Heiland der Macht und der Stärke. Erhebe dich, o Herr, uns deinen Beistand zu leihen. Errette uns vor den Seelenqualen und den Nöten der Liebe und denen des Lebens, die uns angehen wie gierige Tiere. Erbarme dich unser! Herr, meine Mutter ... mein Bruder ...!« Sein Ruf ging dahin wie ein Schrei in der Wüste, der weiter pilgerte, immer weiter und weiter, um letzten Endes an das Ohr des gerechten, verzeihenden und allbefreienden Gottes zu dringen. Das Blut rauschte ihm zu wie die Wasser in einem geöffneten Schleusenwerk. Und doch war sein Antlitz kalt geworden, wie mit Kalk überzogen. Aber sein Herz glutete, seine Blicke flackerten, seine gestreckten Arme drängten sich enger zusammen, umschlossen den Schoß und die Knie des Bildstockes wie mit eisernen Fesseln. »Ich lasse dich nicht, ich gehe nicht von hinnen, denn du lassest mich dahinziehen in Frieden und mit der Gewißheit im Herzen: die Gestirne wechseln, sie kommen und gehen, und jedem Menschen sind seine Gestirne gegeben. Die unsrigen wollen dem Niedergange zu. O du Gnadenreiche, hebe sie wieder. Ich lasse dich nicht, denn du lassest mich dahinziehen mit dieser Gewißheit im Herzen.« Dann noch ein Stammeln. Nichts mehr, nichts mehr! Die Stille ringsum war wie die tiefe Stille am Kalvarienberg geworden. Nur das Lichtlein mit seinem magischen Scheinen und Leuchten hoch über dem bleichen Kerzenschaft knisterte heimlich in das lautlose Beten und Bitten. Die Arme umschlangen stärker und flehender. Ein kalter Mund beugte sich nieder. Er küßte die Füße der Mittlerin, der Gebenedeiten mit dem Strahlenkränzlein von sieben Sternen um die Schläfen, mit dem silbernen Mond unter den Sohlen. Klemens dachte in Gott, lebte in Gott, fühlte die Nahe des lebendigen Gottes dicht an seiner Seite, des lebendigen Gottes, der ihn anhauchte und mit dem Saum seines überirdischen Kleides berührte. Er wollte es und flehte darum: das Herdfeuer sollte wieder friedlicher leuchten, die bedrängten Seelen wieder still ihres Weges dahinziehen und ruhiger atmen. »Heilige Jungfrau Maria, bitte für uns, lege unsere Not an das flammende Herz deines Sohnes. Meine Mutter, meine liebe und gütige Mutter ...! Ihre Augen sind blind vor Weinen geworden. Sie tastet durch Finsternis und sucht das Licht um meines Bruders willen, dieses Verstörten. O du Gnadenbringende, du Wundertätige, lege ihr die Hände auf, auf daß sie gesunde, sich wieder des Lichtes und ihres Sohnes erfreue ... im Namen des dreieinigen Gottes: des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – von nun an bis in alle Ewigkeit, Amen.« Und Klemens rang sich empor. Er fühlte sich freier, einer schweren Drangsal enthoben. Die Stimme seiner Mutter war bei ihm und sagte: »Ich danke dir, Klemens.« Ja, er hörte es deutlich: »Ich danke dir, Klemens.« Und siehe: um die Mundecken der Gottesmutter kräuselte sich ein liebliches Lächeln. Das Flämmchen hoch über dem Lichtstock stand nunmehr in heller Glorie, in der nochmals die Engelsköpfchen erschienen und die überirdische Jünglingsgestalt mit den goldenen Flügeln. Die Seligen feierten, jubilierten: »Schon flimmert auf bläulichem Grunde Der liebe Wunderstern, Und rings mit seligem Munde, Da flüstert die weite Runde Heimlich den ›Engel des Herrn‹.« »Im Namen des Vaters ...« Er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes. Seine Mission war erfüllt. Er konnte dran denken, sich wieder auf den Heimweg zu machen. Gemessenen Schrittes durchmaß er die Kirche. Am Portal stand der Küster. »Ich danke Euch, Peters, für Eure Mühewaltung.« »Gar nichts zu danken, Hochwürden.« »Nur möchte ich bitten: laßt die Kerze brennen bis zum letzten Verzehren – um meiner Mutter willen und um der Barmherzigkeit wegen.« »Es soll also geschehen.« »Dann, Herr Peters, lebt wohl und viele Grüße an die Frau und die Kinder.« »Sie werden sich freuen, Hochwürden.« »Gelobt sei Jesus Christus!« »In Ewigkeit, Amen.« Klemens wandte sich dem Rhein zu, um dort überzusetzen. Eine graue, kalte, dunstige Luft schlug ihm entgegen. Einzelne Stellen unter dem Himmelreich waren von Wolken entblößt. Dafür war der Südwest nach Norden umgeschlagen und nahm an Heftigkeit zu. Die Soutane wehte klatschend im Wind. Am Strom angekommen, fand er bereits den Fährknecht vor. Andere Passagiere warteten. Tief am Horizont, dem Untergehen nahe, stand die düstere Sonne wie eine kupferne Scheibe. Der Kirchturm von Huisberden winkte matt und dunstig aus der Ferne herüber. Neunzehntes Kapitel Überall stickige Luft. Dazwischen ein Stoßen von herzhaften Böen. Eine gute halbe Stunde stromabwärts und am diesseitigen Ufer sah man Emmerich liegen, aber nur in Dämmerungen, in dunstigen Umrissen. Die kupferne Sonnenscheibe war tiefer gesunken. Sie machte schon Anstalten, gemächlich hinter Huisberden unterzutauchen. Der Wind blies stärker aus Norden. Der Rhein zeigte bösartige Schaumkämme. Die halbkahlen Pappeln, die die Fährstelle umstanden, schwankten auf und nieder wie Totenbeterinnen. Ein eigenartiges Sausen kam aus der Höhe herunter. Verspätete Krähenvögel ruderten ab und flogen langsam dem tiefen Westen entgegen. Der düstere Strom zeigte wenig Betrieb. Nur ein holländischer Steamer schaufelte prustend zu Tal und spreitete seine rotbraune Rauchfahne mit holländischer Schwerfälligkeit über das Wasser. Sonst nichts. Weit und breit ließ sich weder Schiffsrumpf noch Segel erblicken. Der Fährmann machte sich an seinem Fahrzeug zu schaffen, legte die Riemen zurecht und suchte etwas überhastet die Kette vom Pfahlring zu lösen. »So 'n niederträchtiger Kloben! Verflüchtig!« »Nur Ruhe, Schepers,« sagte Klemens und sah in das Wetter hinaus, das immer ungemütlicher und diesiger wurde. Neben ihm harrten zwei Bäuerchen des Übersetzens. Etliche Marktfrauen aus Kleve gesellten sich ihnen. Sie hatten die reiche Gegend von Dornick nach Eiern und Mistkratzern abgesucht, sie in ihre Kiepen und Körbe verstaut, um sie anderen Tages mit gutem Profit unter die Leute zu bringen. Eine besonders kräftige, überbrüstige, mit der niederrheinischen Knippmütz bekleidete Dame war unter ihnen und zeigte ein reges Interesse für den geistlichen Herrn. Sie machte sich denn auch naher heran, betrachtete ihn und dann wieder den vierschrötigen Schiffer, um schließlich zu sagen: »Wenn Hochwürdon gestatten, wir sind sonst mit 'nem anderen Nachen übergefahren.« »Meine ich auch,« gab Klemens zurück. »Schepers, wie ist das?« »Ja, Herr Kaplan,« sagte dieser mit lurksiger und verrosteter Stimme, »vandag hat sich jedereins nach den Umständen zu richten. Mein Bruder hat den anderen genommen, um 'ne schwere Last Korbweiden nach Grietherorth zu führen. Man hat eben mit die Groschen zu rechnen. Mein Bruder genau so wie ich, und da müssen wir uns schon mit diesem behelfen.« »Was, mit diesem Seelenverkäufer?!« »Ganz wurschtig! Es kommt bloß darauf an, wer so 'nen Seelenverkäufer mang die Riemen bekömmt. Also, bitte, angtree!« und zu den Marktfrauen gewendet, rief er mit dem scharfen Kikeriki eines übermütigen ordinären Dorfhahnes: »'rin ins Vergnügen, ihr Mistkratzer- und Eierkarlinen!« Die besonders kräftige und überbrüstige Dame ereiferte sich. »Schepers, was soll das?!« fragte ihn Klemens. »Ihr habt es hier mit braven und anständigen Frauen zu tun, und ich muß mir verbitten ...« »Nichts für ungut, Herr Kaplan, aber was kann ich dafür, wenn ich solche Redensarten in der Gewohnheit besitze?« »Nein, Herr Kaplan,« warf die komplette Dame dazwischen, »das stimmt nicht, das hat er sonst nicht in der Gewohnheit. Aber er ist soeben erst aus dem ›Fröhlichen Landmann‹ gekommen, wo er sich seine vier bis fünf Schoppen genehmigte, und da ist er auf die Mistkratzer- und Eierkarlinen verfallen.« Indigniert drehte sie sich auf die andere Seite. Klemens runzelte die Brauen. Er sah über den Rhein hin. Dann wandte er sich wieder an Schepers. »Also doch! Im ›Fröhlichen Landmann‹ gewesen und dabei vier bis fünf Schoppen getrunken?« »Herr Kaplan, bei das lange Warten und das ungemütliche Wetter ...« »Und in diesem Zustand wollen Sie fahren?« »Ich?!« und Schepers warf sich lachend in den Brustkasten: »Kleinigkeiten! Nicht zum Ankieken. Für so was klemmen kouragierte Frauenzimmer nicht mal die Röcke zusammen. Nee, Herr Kaplan, da habe ich schon ganz andere Sachen geleistet, Sachen mit 'ner gehörigen Portion Nothelfer mang die Zähne. Aber sonder Besien: ich hab' sie einfach beim Kanthaken gekriegt und sie glattweg erledigt.« Er stammelte etwas, machte blanke Augen und schlug sich auf die Wolljacke, daß es knallte. »Glattweg erledigt. Ich ...!« »Na, denn mit Gott!« sagte Klemens. Bald darauf glitten die schmalen Planken vom Ufer. Klemens saß hoch am Steuer, Schepers führte die Riemen, die beiden Bäuerchen vom Emmericher Eiland und die Klever Marktfrauen hockten auf den Bänken herum wie verschüchterte Hühner, denn es ging nun hart gegen das störrische Wasser, das sich immer ungebärdiger zeigte und seine hämische Freude daran hatte, mit gelben Tatzen über die Bordwände zu stoßen. Dann und wann ein leises Seufzen und Stöhnen. Die Angst hatte sich mit eingebootet. Nur die Dame in der opulenten Klöppelhaube ließ sich nichts anmerken, obgleich sie dann und wann das jenseitige Ufer mit heißen Augen aufsuchte und dabei fieberhaft die noch zurückzulegende Strecke abtaxierte. Sie saß pielgerade aufrecht, heilig gewillt, den zwei Bauerchen und ihren Kolleginnen ein aufmunterndes Beispiel zu geben. Nur keine Angst. Jegliche Unruhe konnte bei so einer Überfahrt verhängnisvoll werden, besonders bei einem solchen Wetter und nach einer Einkehr im ›Fröhlichen Landmann‹ mit ihren vier bis fünf Schoppen. Sie wurde den aufdringlichen Gebanken, der sich mit dem Fährknecht und den vier bis fünf Schoppen beschäftigte, nicht los. Er bohrte sich in ihre Seele hinein wie der grindige Schnabel einer Saatkrähe in eine vermadete Ackerscholle. Herr Jeses noch mal! immer dieser ›Fröhliche Landmann‹, diese vier bis fünf Schoppen! Ihre stillen, braunen, aber scharfgeschliffenen Augen, die zielbewußt zwischen den breiten Schläfen standen, nahmen Schepers aufs Korn, beobachteten ihn wie ein braver Hühnerhund eine Feldhuhnkette bestätigt. Da merkte sie, sie kamen so recht nicht von der Stelle, näherten sich kaum dem anderen Ufer, das immer mehr ins Wesenlose versackte und sich kaum noch mit den Blicken umgreifen ließ. »Herr Schepers, Ihr müßt den linken Riemen mehr anziehen.« Schepers grinste sie an. »Frau Türlings, kümmert Euch gefälligst um Eure Eier und Hinkels, aber nicht um meine vier bis fünf Schoppen. Oder habt Ihr sie auf Eure Rechnung genommen? Ich würde merci zu sagen.« »Ach was! ich spreche jetzt von dem niederträchtigen Riemen.« »Meine Sorge, Frau Türlings.« Er lachte. »Jaja, Herr Kaplan, man hat schon seine Last mit diesen Eierkarlinen.« »Na, so was!« Frau Türlings stieß einen heiseren Schrei aus. »Das ist doch unerhört, einem so was immer unter die Nase zu halten.« »Schepers,« rief Klemens ihn unwillig an, »ich hab's Euch schon einmal gesagt: Laßt mir die Frauen in Ruhe. Denkt mehr an Eure Arbeit. Ich glaube, wir haben sie nötig.« »Herr Kaplan, nichts für ungut. Nee, nichts für ungut, Hochwürden. Für die katholische Kirche bin ich immer zu haben, denn ich taxiere sie für die einzig richtiggehende Kirche.« Dann begann er zu lallen, strammte die Schuhe gegen die Kielrippen und legte sich straff in die Sielen. »Nu fleckt die Geschichte, oder ich will mich nicht Dores Schepers benennen.« Die Riemen holten mächtig aus, durchschnitten das Wasser wie mit Rasierklingen, griffen schwer in die Tiefe ... und trotzalledem: das gegenüberliegende Ufer rückte nicht näher, hüllte sich in Schweigen und Dämmerungen. Die kupferne Scheibe war spurlos verschwunden. Die letzte Helle, die noch im tiefen Westen zwischen den ziehenden Dünsten aufgeisterte, verzehrte sich in sich selber wie das matte Blinken in den Augen eines Sterbenden. Die Marktfrauen schoben sich enger zusammen. Eine begann ein Stoßgebetlein zu sprechen – ganz verhutzelt, ganz aus Angst zusammengebettelt. »Unsinn!« rief Schepers. »Immer die langen Vaterunser und die mageren Trinkgelder. Stellt das Kind auf den Kopp und es kriegt 'ne andere Visage. Aber so! Das ewige Geseire – das stört bloß.« Klemens sprach erregt auf ihn ein: »Nein, das stört nicht. Den lieben Gott kann man immer gebrauchen, vornehmlich, wo wir uns in den Händen eines so pflichtvergessenen Fährmanns befinden.« »Herr ...!« murrte es von der Ruderbank her. »Halten Sie Ruhe, oder ich könnte mich als Priester vergessen!« »Meine ich auch,« versetzte die komplette und kräftige Dame. »Aber Christus, was ist das?! Meine Schuhe stehen im Wasser.« Ihre Stimme zerbrach in einer heftigen Bö, die plötzlich aufkam und den Rhein in langen Regenfäden überstriemte. »Ja, sie stehen im Wasser! Das kommt von dem Fahrzeug. Es ist miserabel kalfatert.« »Gut oder miserabel kalfatert,« lallte Schepers, »davon ist jetzt nicht die Rede. Laßt mich aus ihr – allmiteinander! Kinder, laßt mich in Ruhe! Die Feinheit beginnt erst. Also los denn dafür! Wir sind mitten im Strom und müssen die Trift hinter uns kriegen. Das hundsföttische Blasen ist doch nicht auf mein Konto zu setzen. Hoidoho!« Die Riemen packten fester und zugreifender an. Eine neue Bö sprang auf, warf das Fahrzeug aus seiner Richtung, drückte es seitwärts. Der Rhein nahm ein böses Gesicht an. »Christus, das Wasser steigt höher!« jammerte die stattliche Dame. »Tut nichts! Nur diese sträflichen Böen! Verdammich!« »Schepers, mehr mit dem linken Riemen heran, sonst kommen wir nicht aus der Strömung heraus. Außerdem: unterlaßt das Wettern und Fluchen. Das bringt uns nicht weiter. Wir treiben ja ab, statt landwärts zu kommen. Mensch – Sie, Sie haben hier Menschenleben zu fahren.« »Herr Kaplan, haben Sie oder ich hier zu reden? Sie mögen gut auf dem Predigtstuhl sein, auch dort wie 'n Wachslicht aufgehen, aber hier, Herr Kaplan ...« und er ließ den linken Ruderschaft fahren, um mit seinem Arm herrischer gestikulieren zu können, »aber hier, Herr Kaplan ... hier auf dem Wasser ... Wissen Sie was: schon fünfundzwanzig Jahre hindurch habe ich das meine geleistet und bin vandag noch immer kumpabel ... aber Himmel und Herrgott...!« Wild torkelte er auf. Er griff ins Leere hinein. »Verdammt! der linke Riemen zum Deubel! Aber das kommt von den weisen Ermahnungen und den vier bis fünf Schoppen, die mir die Mistkratzer- und Eierkarlinen anhängen wollen.« Ein einziger Aufschrei. Die Planken zitterten. Das Wasser röchelte. »Tut nichts!« brüllte Schepers dazwischen. »Auch egal, wo ich mein Logis beziehe, hier oder drüben. Fort mit Schaden! Wo der eine hinmachte, kann auch der andere hinmachen ...« und er packte den zweiten Riemen, um ihn mit gewaltigem Ausholen ... »So 'n Strundzeug ...!« Ein Schrei gellte auf, wie der Schrei in einem Narrenhause. Gottes Hand packte zu, und Gottes Hand packte Dores im Nacken. Noch ein ›Gottverdammich!‹ und ein trunkener Körper fühlte sich über den Bordrand geworfen. Bleiern, ohne nochmals aufzutauchen, versank er. Alles vereiste, stierte auf die entsetzliche Stelle. Klemens stand hoch beim Steuer. Mit eiserner Hand umgriff er die Pinne, um mit der anderen das Zeichen des heiligen Kreuzes gegen das gurgelnde Wasser zu machen. »Absolvo te!« rief er mit heißer Inbrunst, um sich gleich darauf an die verstörten Passagiere zu wenden: »Nur Andacht und Vertrauen in Gott! Wir befinden uns mitten in Trift und Strömung. Ich bleibe am Ruder. In Emmerich kann uns Hilfe werden. Also harren wir aus im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Lasset uns beten.« Das wirkte wie Salböl. Die verängstigten Menschen beruhigten sich. Aller Augen waren auf Klemens gerichtet, der hoch auf Posten stand und mit blanken Augen die Pinne regierte, obgleich er fühlte: das schlecht kalfaterte Fahrzeug ist im langsamen Sinken begriffen. Kein Halten und Dämmen mehr! Die morschen Planken rasten stromabwärts. Klemens stand aufrecht, die Blicke starr geradeaus wie die eines Sehers. Sein Schattenriß erhob sich steil über dem grauen Fahrzeug, das mit tobender Hast inmitten des Stromes dahingurgelte, unaufhaltsam, in einer wütenden Trift ohne Ende. Es war so, als hätte der Tod seine große Talfahrt gehalten. Kein Zweifel mehr: das Kielwasser stieg. Die Bordwände sanken immer tiefer und tiefer. Zur Rechten und Linken zogen die Ufer wie niedrige Kirchhofsmauern vorüber. Klemens rührte sich nicht. Die eisigen Windstöße, die plötzlich aufsprangen, zerschnitten ihm das Gesicht, lähmten ihm die Hand, die das Steuer gefaßt hielt. Seine Blicke durchstießen die graue Luft, ersehnten den rettenden Hafen mit dem Durst eines Verschmachtenden in der Wüste. Endlich! Er atmete auf. Ein verstörtes Bäuerchen, das sich direkt unter den Schirm und Schutz der tapferen Frau Türlings gestellt hatte, rief verklammt aus seiner Ecke heraus: »Herr Kaplan, ist es so weit? Müssen wir sterben?« Ein Wimmern folgte, das an das eines verschüchterten Kindes erinnerte. Noch hielt die straffe Haltung des jungen Klerikers Ordnung und Zucht zwischen den gefährdeten Planken. Aber die zurückgehaltene Angst begann langsam mit ihren stumpfen Tatzen über die Herzen zu kriechen. »Herr Kaplan, müssen wir sterben?« Klemens streckte die Hand aus. Er deutete stromabwärts, in Richtung, wo Emmerich liegen mochte. Einzelne Lichter hellten dort auf. Er wollte was sagen. Aber die behäbige Madam kam ihm zuvor. In ihren braunen Samtaugen, die zuversichtlich die Gestalt des Steuermannes umklammerten, leuchtete es auf mit dem Feuer des gottseligen Vertrauens und der Hingabe, das Berge versetzen konnte. Sie rief durch die Windstöße hindurch: »Und wenn auch der Tod zwischen uns sitzt, um uns mit sich zu nehmen – der Herr Kaplan ist auch vorhanden. Und der Herr Kaplan ist der Stellvertreter Gottes auf Erden. Also ist auch der liebe Herrgott zwischen uns und wird nicht ermangeln, sondern es schon so einrichten, wie er es für notwendig befindet. Nicht, Herr Kaplan? und wenn es nicht anders sein kann, dann im Namen des Herrn: sein Wille geschehe.« Sie flocht ihre Hände zusammen. »Herr Kaplan, für alle Fälle: wäre es nicht gut, uns auf ein würdiges Sterben vorzubereiten? Es braucht ja nicht sein, ich meine das Sterben, und ich denke, es wird auch nicht kommen, aber man kann immer nicht wissen ...« »Jesus Christus, sei mit uns!« »Herr, erbarme dich unser!« Die farblosen Lichter rückten immer näher und näher. Aber das Kielwasser stieg. Vom Himmel fiel es mit Floren herunter. Der sinkende Kahn raste in immer schnellerer Flucht stromabwärts. Noch hielt er Balance. Aber Spritzer flogen über ihn fort. Gierige Wasser stierten über die Bordwände, benagten die Planken, folgten ihnen wie eine Meute von grauen Wölfen. »Herr Kaplan, Herr Kaplan!« »Ja, ich will!« rief Klemens durch die Böen hindurch, und seine Stimme erschallte wie die Stimme des Herrn, wenn sie zu den Bedrängten und den Verzweifelten redet: »Herr, du mein Gott, wenn unsere kalten und bebenden Lippen deinen anbetungswürdigen Namen zum letzten Male suchen und aussprechen, dann, o barmherziger Jesu, erbarme dich unser!« »Herr, erbarme dich unser!« »Herr Kaplan,« rief es ihm zu, »immer man weiter, immer man weiter!« »Herr, wenn die letzten Seufzer der Herzen unseren Seelen gebieten, vom Leibe zu scheiden, dann nimm diese Seufzer als Wirkungen einer heiligen Ungeduld, zu dir zu gelangen und in den ewigen Tempel Gottes zu treten – und darum, o barmherziger Jesu, erbarme dich unser!« »Herr, erbarme dich unser!« Und nun ... bis an den Knien im Wasser stehend, das Steuer fest in der Rechten, die Augen unentwegt auf die näher rückenden Lichter im Emmericher Hafen gerichtet, flackerten seine Worte auf wie Signalfeuer, die gegen die goldenen Pforten des neuen Jerusalems anstießen, um dort mit heißen Zungen zu flehen und die Ankunft von erdemüden Seelen vorzubereiten. »Herr, höre mich an! Ich gebe den abgeschiedenen Seelen Geleit. So ziehet denn hin, ihr christlichen Seelen, aus der Welt im Namen Gottes, des allmächtigen Vaters, der euch erschaffen hat ...« und seine Stimme kletterte immer höher und höher, durchsetzte die Wolken, drang vor bis zu den goldenen Fenstern, hinter denen die ewigen Lampen brennen, träufelte wie Salböl in die Herzen der Menschen, die immer tiefer im Wasser versanken, tröstete sie, richtete sie auf und redete weiter: »Ja, ziehet dahin, ihr abgeschiedenen Seelen, im Namen der Engel und Erzengel; im Namen der Thronen und Herrschaften; im Namen der Fürstentümer und Mächte; im Namen der Cherubim und Seraphim; im Namen der Propheten und Patriarchen, der heiligen Apostel und Evangelisten, der heiligen Märtyrer und Bekenner. Heute schon werdet ihr im Paradiese sein und dem gefeierten Sion – durch Jesum Christum, unseren Herrn!« »In Ewigkeit, Amen. Herr, erbarme dich unser!« »Herr Kaplan,« schluchzte die tapfere Madam, »meine Seele ist ruhig,« obgleich sie fühlte, daß das Wasser bereits ihre Knie umspülte. »Ja, Herr Kaplan, meine Seele ist ruhig.« »Des freut sich der Ewige,« hielt ihr Klemens flammend entgegen, »und sollte der Herr in seinem unerforschlichen Willen einen von uns anfordern und sein Sterben verlangen – schon jetzt: ich breite die Hände und rufe über ihn aus: Absolvo te! Absolvo te! im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes,« und aufs neue lief das heiß gesprochene Vaterunser zwischen Himmel und Erde, lief mit dem rasenden Wasser und dem sinkenden Fahrzeug den immer größer werdenden Lichtern entgegen. »Vater unser, der du bist in den Himmeln ...!« » Absolvo te! Absolvo te !« Klemens streckte aufs neue den Arm aus. Seine Soutane war wie ein todschwarzes Segel. Genau um dieselbe Minute, als das Vaterunser anhub, über das Wasser zu rudern, hilfeflehend um Beistand zu rufen, wie ein Stoßvogel über das ziehende Grau hinaus in das Himmelreich zu schrauben, befand sich Jakobine Hemskerk mit Welm Driesen und Lambert auf Deck des Hauptschiffes, um nach dem Rechten zu sehen und ihre Orders für den anderen Morgen zu geben. Im Hafen war's still. Kein Lärmen, keine Geräusche. Das unfreundliche Wetter hatte jedermann in den Häusern und in den Kajüten gehalten. Das Dunkel nahm zu. Nur hin und wieder ... von hüben und drüben liefen rasche Blinkfeuer über den Rheinstrom. Jakobine vergewisserte sich der eingezogenen Segel, der richtig angebrachten Laternen, sah nach Tauen und Ankern, dann warf sie sich jählings herum und horchte ins Weite. Durch das Pfeifen der Wanten hindurch glaubte sie Stimmen, verzweifeltes Beten und Hilfeschreie zu hören. Gleich darauf ließ sie die Kapitänspfeife schrillen. »Welm! Lambert!« gebot sie, »das Achterboot flott und auf mein Kommando gehört, denn ich glaube ... Da seht nur! Da kommt was! Menschen in Not ...! Her mit dem Flieger ...!« und keine zwei Minuten vergingen, da schnitt das Hilfsboot durch die fauchende Strömung. Lambert und Welm führten die Riemen, Jakobine das Steuer. Von jenseits fiel ein neues Blinkfeuer quer über das Wasser ... und in seinem Lichtkegel ... Es war deutlich zu sehen: eine schwarze Gestalt in einem sinkenden Fahrzeug. Und dann eine Stimme: »Wenn unsere verdunkelten und gebrochenen Augen noch einmal zu dir ihre matten und sterbenden Blicke erheben – dann, o barmherziger Jesu, erbarme dich unser!« »Herr, erlöse uns und erbarme dich unser!« »Los, Kinder, los! Es gilt hier Menschenleben zu retten! Brav so, Welm! Richtig so, Lambert! Gott wird's euch lohnen!« Die Riemen schnitten durch wie stählerne Ruten. Das Boot schoß dahin, als säße Volldampf dahinter. Noch vierzig Ruderschläge, noch dreißig ... und wieder die tapfere und allgütige Stimme über den Wassern: »O Herr, wenn unsere kalten und bebenden Lippen deinen anbetungswürdigen Namen zum letzten Male suchen und aussprechen – dann, o barmherziger Jesu, sei bei uns in den Stunden des Todes und erbarme dich unser!« »Mein Gott!« schrie Jakobine, »das ist ja ...« und »Klemens! Klemens ...!« stieß es den Todgeweihten entgegen, die sich an den Bänken klammerten, um nicht in die Tiefe gerissen zu werden. Nur Klemens stand wie ein gigantischer Schatten am Ruder, wenn auch schon halb von den dunklen Fluten umbrandet. Kaum noch zwanzig Herzschläge hindurch war das wracke Fahrzeug über Wasser zu halten. Dann mußte es sinken. »So 'n infamer Seelenverkäufer!« rief Lambert. »Haltet bei!« kommandierte Jakobine dazwischen, und das Rettungsboot legte sich in rascher Bewegung längsseits gegen die verlorenen Planken. »Herr Kaplan! Herr Kaplan ...!« »Absolvo te! Absolvo te!« »Klemens ...!« »Erst die Frauen und Männer, dann ich! Herr, sei bei mir in der Stunde des Todes!« Welm und Lambert griffen zu. Alle wurden übergeholt ... nur Klemens ... »Herr, sei mir gnädig!« Die Bretter glitten unter ihm fort, strudelten ab, und unter wildem Gelächter – die Wasser kamen und nahmen ihn mit sich. Im Blinkfeuer – noch einmal tauchte er auf. »Herr Kaplan! Herr Kaplan ...!« Die Weiberstimmen kreischten gen Himmel. Jakobine zuckte auf wie unter dem Hieb einer Peitsche. Der Ölmantel fiel ihr vom Leibe. Über sie hin sprühte es mit Gotteskraft und Gotteserleuchtung. »Klemens ...!« Mit ihrem stolzen und heiligen Leib fährt sie in das Gischen und Gurgeln hinein. Ihre Arme ringen und rudern ... packen zu ... umklammern etwas Starres und Kaltes ... halten es fest ... lassen nicht nach, bis Welm und Lambert ... »Gerettet!« Der liebe Gott im Himmel mußte es hören. – Eine halbe Stunde spater lag Jakobine entkleidet in ihrer Achterkajüte. Mit wildem Herzen ruhte sie zwischen den Kissen. Ihre Pulse fieberten. Ihre Gedanken irrten wirr durcheinander. Der Rhein brauste um sie ... die Wasser suchten sie zu umarmen ... sie in die Tiefe, in ein furchtbares Sterben zu ziehen ... »Klemens, was willst du von mir?!« Sie flocht ihre Hände zusammen und betete und wußte nicht mal, warum der, den sie aus der Umschlingung des Todes gerettet, die Muttergottes in Dornick aufgesucht hatte. Sie schien von dieser Erde genommen. Nur war es ihr so, als würde ums Morgengrauen ein Lied im Hafen gesungen... ein Nachtwächterlied, gesungen von irgendeinem verspäteten Mitglied der Sozietät, einem braven, gediegenen, blütenweißen, alten Herrn, der voll des süßen Punsches, den Wahlspruch hochhielt: »Ich supe mich noch immer satt In der geliebten Vaterstadt.« Und also sang er: »Vier Üren sein vorbei, Wi wöns 'n üw guje Morgen. Die Nacht, die es vor mei, Den Dag mut gei nu sorgen. In Vorsputh en Verdriet, Vergeet üw Scheper niet – Klepp klepp, klepp klepp, klepp klepp! In Vorsputh en Verdriet, Vergeet üw Scheper niet. Klepp klepp!« Schluß Strom und Niederung nahmen sich wechselseitig ins Schlepp. Sie wollten nicht Ruhe geben. Das Wasser blieb schaumig. Die Ankertrossen rissen und zerrten. Sämtliche Segel waren gerefft, die Flaggen eingeholt worden. Dazu tastete sich ein faustdicker Nebel über den Rhein, stieß in die Kajütenfenster hinein und ließ die Laternen nicht aufkommen, so daß die Schiffe nicht wagten, Tal- oder Bergfahrt zu halten. Dicke Wattepfropfen stauten sich zwischen den Schiffsrümpfen, stiegen hoch, um sich wieder platt auf das Wasser zu legen. Vereinzelte Sirenen begannen zu rufen, erstickten aber in den wolligen Schwaden. Der Klabautermann drehte ihnen Luft und Atem ab. Das schöne und sonst so heitere Emmerich lag vertarnt, als hätte ihm der Wettergewaltige eine graue und riesenhafte Schlafmütze über die Ohren gezogen. Aber trotz dieser diesigen Tage und Nachte – die heroische Tat der schönen Jakobine, der Tochter des allgemein beliebten Kapitäns und Reeders Pitt Hemskerk aus Grieth, flog wie eine silberweiße Möwe dahin und wurde in allen Baronien und Grafschaften des Binnenlandes angestaunt und bewundert. Nein, diese Jakobine Hemskerk! Eine zweite Johanna Sebus war in ihr plötzlich erstanden, nur daß sie das Glück gehabt hatte, bei ihrem heldenhaften Vorgehen ihr eigenes Leben gerettet zu haben. Ernste und bedachtsame Männer und Frauen ließen es sich, ungeachtet der armseligen und bedrängten Zeiten, nicht nehmen, ihre letzte Weinbouteille anzustechen und ein begeistertes Hoch auf ihre kommenden Tage auszubringen – auf Jakobinens Glück und Gedeihen. Ja, die vom Niederrhein! Alle Gazetten führten es weiter. Sogar in den entlegensten Ortschaften war ein preisliches Loben und Darbieten, so fein und andächtig, wie das feine und löbliche Darbieten der Wachskerzen in den vielen niederrheinischen Gnadenkapellen. In den Gebeten der Priester wurde ihrer gedacht. Die Mütter hielten ihre Kinder an, abends ihre Händchen zu falten und den gefeierten Namen »Jakobine Hemskerk« zu Gott und seinen ewigen Sternen zu tragen. Auch Michel Virgilis war Feuer und Flamme. Er trat ans Fenster und horchte in den Abend hinaus, in den nebeligen, dunstigen, naßkalten Septemberabend, den ab und zu vereinzelte Sirenen mit ihren heiseren Stimmen durchrissen. Aber sie kamen nicht weit, denn der noch immer straffe Wind erstickte sie mit seinen baumwollenen Tüchern. Erst um die halbe Nacht flaute er ab, begann es sich aufzuklären, flinzelten einzelne Sternchen, schälte sich ein hoffnungsvolles Morgengrauen heraus, stand in aller Herrgottsfrühe eine strahlende Sonne unter dem Himmelreich ... und wiederum, vielleicht zum letzten Male in diesem Jahre, ruhte die Welt in Gold, dehnten sich Strom und Niederung in leuchtenden Farben. Halleluja, von den Toten erstanden! Jakobine erhob sich in ihrer Achterkajüte. Es war ihr so, als wäre sie von allen Fesseln befreit, als hätte sie ein Wundbett verlassen, auf dem sie nur mit knapper Not dem Tode entronnen. An eine Rückwand der Kajüte gelehnt, schien sie mit offenen Augen zu schlafen. Ihre immer noch erregten Sinne gingen ins Uferlose hinein. Erst allmählich brachte sie sie wieder auf die richtige Fährte. Sie holte sie ein und hielt die große Heerschau über die letzten Tage und Stunden. Sie dachte sachlicher, abgeklärter darüber. Sie freute sich ihres Rettungswerkes und ihrer hilfreichen Werktätigkeit. Jedenfalls, sie hatte nicht vergebens gelebt, sondern war vollauf berechtigt, für ein Quentchen Abwegigkeit ein großes und edles Gegengewicht in die Schale zu werfen. Aber die Erregung des Blutes hielt an. Sie sah und hörte noch immer. Alle Ereignisse traten ihr lebhaft vor Augen. Sie vernahm verworrene Stimmen, die die Ewigkeit aufsuchten, das Schäumen und Schüttern des Wassers, das Gurgeln aus der Tiefe heraus, das Bellen unter den verlorenen Planken, das Stammeln und Beten auf den umbrandeten Bänken: »Herr, du mein Jesus, erbarme dich unser!« Sie sah das graue Phantom des eilig dahinziehenden verlorenen Kahnes, dessen Bordwände sich immer tiefer neigten, sich immer unaufhaltsamer ins Bodenlose versenkten. Und Opfer bei Opfer. Nur wenige verstanden es noch, sich über Wasser zu halten. »Herr, erbarme dich unser!« Nur einer stand aufrecht – mit fliegendem Haar, in schwarzer Soutane – ein Priester, das Kruzifix in den Händen, ein Gottesstreiter, ein Kapitän seines Herrn und Erlösers – und dieser Priester war Klemens. »War Klemens,« stammelte sie dumpf vor sich hin, »und sein Bruder heißt Reiner ... und dieser Reiner hat mich vor Gott und den Menschen ...« Sie riß sich zusammen. Jeden Fetzen des stolzen Niederrheins raffte sie auf, umkleidete damit ihren reinen Körper, ihre keusche Seele, so daß jedermann sah: sie war wieder Jakobine Hemskerk geworden. Und Jakobine warf sich zurück in ihrer ganzen jungfräulichen Herbe und Schönheit. Nichts haftete ihr mehr an: keine Zweifel, keine Bedenken, keine Wehleidigkeiten. Sie hatte nur sich und ihr eigenes Leben zu leben. Das einfallende Spätsommerlicht machte sie heiter. Die Arbeit wartete auf sie, der Dienst, die strenge Zucht und Ordnung, die über und unter den geteerten Bohlen regierten. Sie hörte auf das Plaudern des Kielwassers, das friedlicher aus der Tiefe heraufgurgelte, auf das Knattern der Topps, das nicht mehr so herrisch und bösartig die Lüfte durchsetzte. Noch einmal kam es ihr starr von den Lippen: »Und dieser Priester, dieser Gottesstreiter und Kapitän seines Herrn und Erlösers war Klemens ... und sein Bruder heißt Reiner ... und dieser Reiner hat mich vor Gott und den Menschen ...« Mit einem harten Schrei brach sie ab. Gleich darauf sagte sie wieder in inniger Weise: »Mögen die Gnaden und Barmherzigkeiten des Herrn bei ihm sein und ihm seine Tage zu gesegneten machen.« Aufgerichtet stand sie vor der niedrigen Spiegelscheibe, wusch sich vom Scheitel bis zu den schmalen Füßen herunter, warf sich ein derbes, aber schneeweißes Linnenzeug über den unberührten Leib, nestelte ihr blauschwarzes Haar zu einer breiten Flechtenkrone zusammen und begann damit, sich mit Strümpfen und Schuhen und dem warmen Untergewand zu bekleiden. Aber alles mit tiefem Bedacht und beschaulicher Ruhe, als bekundete sie, was der Unantastbarkeit und Heiligkeit ihres jungfräulichen Körpers gebühre. Dann warf sie den kurzen, festen Rock über die Schultern, die elfenbeinfarbig über ihren aufrechten Brüsten emporwuchsen. Jetzt noch das Leibchen aus ungebleichter Wolle... und sie stand stark und morgenfrisch in der Achterkajüte wie der herzhafte Tag in der Jahreszeit steht, wenn die Haselsträucher ihre Blütenkätzchen verstäuben, um Hochzeit zu machen, und die zirkelrunden Dotterblumen wie goldene Sterne auf den Deichflanken liegen. Gleich darauf sprach ihr Vater vor, redete mit ihr und schloß sie fest in die Arme. Hierauf begab er sich wieder auf Deck, sichtete ins Wetter hinein, suchte den Horizont ab und führte den angefeuchtete Finger der rechten Hand straff und strack in die Höhe. »Gar nicht so übel,« sagte er nach einiger Weile, holte den Finger wieder ein und spuckte scharf über Bord hin. Dann rief er nach achtern: »Welm Driesen!« Welm Driesen kam wie aus einer Pistole geschossen. »Kaptein ...?!« »Alles proper an Bord?« »Allens, Kaptein.« »Und wie ist das mit der Ladung?« »Bis gegen vier können die letzten Ausstände eingeholt werden.« » All right ! und das mit dem Wetterglas?« »Steht so halb auf ›beständig‹.« »Denke ich auch. Dann wären wir endlich so weit. Von Michel Virgilis habe ich Abschied genommen. Meine Tochter, so scheint es, hat sich neuen Grund und Boden erobert ... und ich hoffe somit, wir können bald wieder fröhliches Kielwasser haben.« »Ganz meine Ansicht, Kaptein.« »Dann Order an Beischiff und Lambert: Sofortige Bereitschaft. Auf Anruf ist alles parat und in Ordnung.« »Wird in Bestellung genommen. Noch sonst was, Kaptein?« »Daß ich nicht wüßte.« »Na, gut denn,« und Welm sockte ab, um von Land aus an Bord des Beischiffs zu gehen. Hemskerk sah ihm nach und dachte an vieles. Das Geschick Jakobinens ging ihm nach wie ein gespenstischer Schatten, der von Zeit zu Zeit mit eisigem Frösteln über ihn herfiel. »Blexem! so 'ne herrliche Tat, wie nicht mehr zwischen Himmel und Erde zu finden, und so 'n stolzes und großmächtiges Frauenzimmer, wert und würdig, sich 'nen Hermelin um die weißen Schultern zu schlagen, als ehelich angetrautes Weib 'nem jungen Königssohn in den Armen zu liegen ... und so was wird einfach hingenommen wie 'ne schöne Predigt, oder 'ne gut assortierte Kartenpartie, oder wie 'ne amüsante alte Geschichte, um sie so hinterm Ofen an kalten Wintertagen unter die Leute zu bringen ... und so was zerreißt nicht die Himmelsgardine und schreit aus der Himmelstente herunter: Ein Königreich für Jakobine Hemskerk, dem alten Hemskerk seine einzige Tochter! und so was macht einen nicht kumpabel, dem Mannskerl da drüben so 'n bißchen unter die Stirne zu fahren?!« und sein Blick irrte ab, lief das gegenseitige Ufer an, bis weit ins Binnenland hinein, das der Reichswald mit schwachen Konturen abgrenzte. »Verdammich!« Groß Trauern kam ihn an. Dem alten Rheinbären lief eine schwere Träne herunter. Er wischte sie fort und sah wieder über das jetzt gemächlich dahinziehende Wasser und über die Achterkajüte. »Jakobine, mein Döchting,« sagte er mit verzogenen Mundecken. Hinter ihm ließen sich rasche Schritte vernehmen. Sie gingen über die breite Eichenplanke, die die schmale Gasse zwischen Kaimauer und Deck überbrückte. Gleich darauf waren sie bei ihm. Der Kapitän machte kehrt. »Potz Wetter, sehe ich richtig?! Der Klemens! oder aber ...« und über das harte Gesicht riffelten sich schmerzliche Fältchen, »nach all der Biesternis, nach all den Opfern, dem verkosteten Leid und dem niederziehenden Malör unter meinen eignen Dachsparren, nach all den Tränen und Bitternissen – ich weiß nicht: habe ich da noch Klemens oder Hochwürden zu sagen?« Der junge Kleriker schreckte zusammen. Seine weiße Hand streckte sich aus, um die des Kapitäns zu erfassen, scheute sich aber zuzugreifen und ließ sie wieder verstört am Leibe herunter. »Herr Kapitän, ich weiß nicht, wie ich das halten soll,« und seine Stimme war mit Tränen verhangen. »Ich habe hier nichts zu sagen, denn nach all der Not in Ihrem eigenen Hause, nach dem Wiederauferstehen meines eigenen Leibes, der nahe daran war, ausgelöscht zu werden wie ein Licht am Tag Allerseelen, und ohne Zutun eines von Gott gesegneten Weibes auch ausgelöscht worden wäre ...« »Herr Kaplan, lassen wir das.« »Herr Kapitän,« und die Augen des jungen Klerikers standen in einem herzzerreißenden Fieber, »nicht Sie haben zu bitten, sondern ich habe zu bitten, und wenn es Ihnen recht ist ... Ach, Herr Kapitän, ich weiß nur, daß ich bittere Wochen hindurch zwischen Toten wohnte, mir Flügel wünschte, aus dem Bereich dieser Toten zu kommen ... und so möchte ich bitten: ja, wenn es Ihnen recht ist, dann wollen wir es bei dem vertraulichen Ihr und bei Klemens belassen. Das gibt mir Mut und Zuversicht, ruhig zu sprechen und auch die Verstattung, den alten Kapitän Hemslerk in seiner Güte und Barmherzigkeit wieder vor mir zu sehen.« »Klemens, so richtig. Hier meine Hand,« und die Pranke des Alten griff zu und legte sich fest um die Rechte des anderen. »Zwischen uns beiden soll es denn beim alten verbleiben, denn jeder für sich und Gott für uns alle,« und er tat einen schweren Atemzug und fragte: »Wie geht's denn zu Hause, besonders der Mutter und sonstwie?« »Ich danke der Nachfrage. Sie lebt so dahin, wie die Menschen dahinleben, die nur noch an das Aufbügeln ihres letzten Hemdes denken. Von Reiner ...« und seine Stimme schrumpfelte ein, »darf ich hier wohl nicht sprechen.« »Von Reiner ...?« Dem Alten lief ein eisiger Frost über den Rücken. Er wollte was sagen. Aber Klemens kam ihm zuvor. Mit verhaltenem Atem begann er: »Es ist ein ewiges Ringen zwischen den Menschen, ein Sichnichtverstehen und Zerbrechen auf Erden. Mir ist so, als vernähme ich den lauten Schrei eines weidewunden Vogels über einer trostlosen Heide. Es ist alles so verschüttet um uns, so ohne Sonnenglanz und Sternenfeuer. Ich fühle es deutlich: es fällt ein grauer, feiner, immerwährender Aschenregen über uns her, und wir frösteln und frieren. Das geht nicht so weiter. Ich möchte wieder an Gottes Herdfeuer sitzen, in seinem Frieden, bei seinen stillen Geschichten und Legenden, um mir die kalte Seele und die kalten Hände zu warmen. Auch Mutter ... auch Reiner...« »Auch Reiner...?!« »Ja, auch Reiner. Denn er ist zumeist in die Irre gegangen. Sein Leben ist krank unter Bast und Borke. Seine Tage sind kalte Tage, und seine Nächte wollen nicht aufwärmen.« »Dann mein lieber Kaplan ... Klemens, wie ist das?« Der Alte sah ihm groß und still in die Augen. »Nein, Klemens, dann müßt Ihr schon deutlicher werden. Warum zündet Ihr Gottes Herdfeuer nicht an, um Euch die kalten Seelen und die kalten Hände zu wärmen? Ich sollte doch annehmen, einem geistlichen Herrn könnte es nicht schwer fallen, gutes und braves Holz auf die erloschene Asche zu tragen. Es kann ihm doch nicht an Holzbeigen fehlen. Das wäre das richtige, denn sein Wort brächte es wieder ins Leuchten. Blexem! so wäre Gottes Herdfeuer aufs neue ins Brennen gekommen.« »Das steht nicht bei uns, Kapitän.« »Bei wem steht es denn, Klemens?« »Bei den Hemskerks.« »Bei uns?!« »Nur bei euch,« und Klemens' Stimme geriet in ein seltsames Flackern. »Der Herr hat im Wetter gesprochen, und im Angesichte des Todes werden auch verstörte Herzen wieder zu einsichtigen Herzen. Kapitän,« und der junge Kleriker raffte sich hoch, als müßte ihm ein schwerer Stein von der Seele herunter. »Nein, mir fällt es nicht schwer, gutes und braves Holz auf das gefährdete Feuer zu tragen, und ich sorge dafür von morgens bis abends – aber im Namen des Herrn, des Mittlers und Allerbarmers, ich flehe Euch an, hat denn Jakobine in all dieser Zeit kein erlösendes Wörtchen gefunden, ist sie nicht willens, auch ihrerseits ein Fünkchen auf die erloschene Asche zu tragen, auf daß Gottes Herdfeuer wieder die kalten Seelen und die kalten Hände erwärme, die jetzt bitterlich frieren ... ich meine ... O, ich harre des Herrn! ich meine, hat Jakobine ... denn ohne dieses ist alles nichts, ist nur ein klingendes Erz und eine tönende Schelle.« Klemens verstummte, denn der Kapitän machte eine große und stille Bewegung. »Wo soll das hinaus?« fragte er bitter, und wieder begannen seine Augen in einem hellen Wasser zu schwimmen. »Klemens, es liegen Tage und Wochen hinter uns, die selbst nicht die ältesten Kaptäne in schwerster Rheinnot durchgemacht haben, und es befinden sich Fälle darunter, die es mit 'ner regulären Seenot aufnehmen können, und so was geht einem schlimmer herunter, als den Mynheer mit dem kahlen Schädel und dem Tonstummel zwischen den kranken Zähnen zu 'nem Partiechen Sechundsechzig invitieren zu müssen. Aber um wieder an Gottes Herdfeuer die kalten Seelen und die kalten Hände wärmen zu können ... ja, Klemens, um Euretwillen und Eurer Rechtlichkeit willen – sie hat schon ein erlösendes Wörtchen gefunden ... und das ist vor kurzem gewesen und liegt mir im Sinn und zwischen den Lippen, als hätte sie es vor einer Stunde gesprochen. Ja so ...« und er sah wieder über das blanke, ziehende Wasser dahin und über die Achterkajüte fort, in deren Fensterscheiben das Sonnenlicht sich wie in lieben und traulichen Spiegeln ergötzte, um dann verloren vor sich hin zu sprechen: »Da sagte sie in ihrer ungezwungenen und kirchenstillen Gelassenheit: Die Erinnerung an das Geschehen in Borghees hat kein Erschrecken für mich ... und wenn ich sündigte – eine solche Sünde kann auch sein Martyrium und seine Heiligkeit haben. Lassen wir das, denn müßte ich mit dieser Sünde in die Ewigkeit gehen, ich glaube, die Himmelstür täte sich auf, ohne auf mein Klopfen zu warten.« »Ah ...!« Mit stummer Gewalt und dem Antlitz eines Verdürstenden hatte Klemens die Hände des Alten ergriffen. »Und weiter, Kapitän,« rief er heiser. »Ich bitte darum, was sagte sie weiter?« »Klemens, nur dieses.« Langsam fuhr sich der alte Hemskerk mit seiner borkenrissigen Hand über die Stirne, um seine Gedanken zu sammeln, gewillt sich das Herz aus der Brust zu nehmen und es dem jungen Priester zu zeigen. »Klemens, sie sagte: Ich kann nicht Reiners Seele durchleuchten, und wenn ich es könnte, ich wäre zu stolz, auch nur einen brennenden Span zu erheben. Ich vergebe mich nicht und habe mich niemals vergeben. Was er zu tun gedenkt, hat er mit sich selber auszumachen. Ich rufe ihn nicht, suche auch nicht seine Hand. Täte ich es, ich schämte mich im Spiegel vor meinem eigenen Angesicht, denn ich bin eine Hemskerk. Wenn Reiner aber was will – ich warte, denn ich bin immer zu finden, wenn es auch schwer wird, die alten Saiten wieder in ein harmonisches Klingen zu bringen.« »Mein Gott und mein Heiland!« Der junge Kleriker streckte beide Arme gen Himmel. Das scharfgemeißelte Antlitz verklärte sich, leuchtete auf wie das eines Hohenpriesters am Rauchaltare des Herrn. »Kapitän,« und seine Seele jubelte auf, als würde sie von überirdischen Psaltern und Harfen getragen, »dann, Kapitän, habe ich eine hohe Mission zu erfüllen. Weist mich nicht ab, Kapitän. Eine heilige Flamme ist bei mir. Sie weist mir die Pfade. Ich komme mit hohem Geleit. Die Muttergottes von Dornick ist bei mir. Sie will Jakobine begrüßen.« »Klemens ...!« »Sie will.« Der Alte erschauerte vor der Hoheit des Priesters. Seine Rechte erhob sich. »Klemens, da drüben. In der Achterkajüte ist sie zu finden.« Mit einem dumpfen, zerbrochenen Laut brach er ab. Er wandte sich, und der wetterharte Rheinbär, der Mann, dem es schwer wurde, außer in seinem Kämmerlein und in der Kirche, das Vaterunser über die Lippen zu bringen, sank wie gemäht auf die Knie. Seine Hände falteten sich. »Mein Döchting, meine Herzensmamsell! Vater unser, der du bist in den Himmeln ...« Als er sich aufhob, hatte Klemens bereits die Achterkajüte betreten. Es war ihm so, als käme ein goldenes Scheinen vom Himmelreich und in diesem goldenen Scheinen schwebe eine silberne Möwe mit gebreiteten Schwingen – eine silberne Möwe, die anhub, weithin leuchtende Kreise über ihn und über den Strom und über die weite Gegend zu ziehen. – »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Was tot war, soll sich wieder dem Licht zuwenden und froh und fröhlich werden in Gott, auf daß ihm werde die Freude und die Andacht und die Seligkeiten, die ihm zugedacht waren vom himmlischen Vater.« »Klemens – du ... Klemens – Sie sind gekommen?!« Mit geschlossenen Augen, starr wie eine aus kaltem Stein gemeißelte Bildsäule, stand sie im Räume. »Jakobine ...!« Langsam öffneten sich ihre verhangenen Blicke. »Ja, ich bin wieder gekommen, einer, der schon gesonnen war, mit einem Fuß über die Schwelle der Ewigkeit zu treten ... und wärest du nicht gewesen ... Aber ich dankte dir schon, ich dankte dir beim heiligen Meßopfer und werde dir danken bei jedem Opfer, das Gott mir verstattet, in seinem geheiligten Namen darzubringen – und das ist das Höchste auf Erden. Nein, Jakobine ...« und seine Stimme wurde weich wider Willen, »ich bin der, der ich bin und berechtigt, in die Herzen der Menschen zu sehen, zu lösen, zu binden, wo Sünde ist, diese Sünde zu tilgen, und wo Verstörung sich findet, diese Verstörung hinwegzunehmen, als wäre sie niemals gewesen.« Sie stierte ihn an, als wäre einer gekommen, der sich berufen fühlte, in blankem Eisen zur rechten Hand Gottes zu stehen. »Was soll mir das, Klemens?« »Jakobine ...« Ein feines Lächeln spielte um die Mundecken des Klerikers. »Geschrieben steht,« sagte er nach einiger Weile, »lieblich und schön sein ist nichts, aber ein Weib, das den Herrn fürchtet, ist alles. Du bist lieblich und schön und fürchtest den Herrn ... und wohl dem Manne, dem es vergönnt ist, eines solchen Weibes teilhaftig zu werden.« Er war näher getreten, hatte ihre Hände ergriffen. »Und wenn es wahr ist, was dein Vater mir sagte ...« »Und was sagte mein Vater?« Sie stieß es hervor, als wollte ein Sturm ihre jungen Brüste zersprengen. »Er sagte: Ich kann nicht Reiners Seele durchleuchten, und wenn ich es könnte, ich wäre zu stolz, auch nur einen brennenden Span zu erheben. Ich rufe ihn nicht, suche auch nicht seine Hand. Täte ich es, ich schämte mich im Spiegel vor meiner eigenen Seele, denn ich bin eine Hemskerk. Wenn Reiner aber was will – ich warte, denn ich bin immer zu finden, wenn es auch schwer wird, die alten Saiten wieder in ein harmonisches Klingen zu bringen.« »Das sagte mein Vater – dir ...?!« Ihre Blicke öffneten sich maßlos, gingen in ein goldenes Leuchten hinein. »Ja, das sagte dein Vater.« »Und meine Sünde ... wenn auch nur eine Sünde, kaum zu umspannen und nur in Gedanken ...? Was soll mit einer solchen Sünde geschehen?« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Wenn du mit einer solchen Sünde in die Ewigkeit gingest, ich glaube, die Himmelstür täte sich auf, ohne erst auf dein Klopfen zu warten.« »Und Reiner ...?!« Sie schrie es, beide Hände an den pochenden Schläfen. »Ja, Reiner ...« Mit stummer Gewalt zog er sie an sich. »Gebet den Wein der Verzeihung denen, die nach ihm dürsten,« sagte er mit sicheren Worten und heiliger Inbrunst, »daß sie ihn trinken und ihres Elendes vergessen, zudem ihres Unglückes nicht mehr gedenken. So melden die Sprüche des Königs. Und sie melden zum andern: Tue den Mund auf für die Stummen im Lande und für die Sache aller, die verlassen einhergehen. So will es der Herr, so gebietet es die Liebe in ihrem Verzeihen und in ihrem Erbarmen. Und so wahr mir Gott helfe – ich tue den Mund auf ... denn Reiner ist bei mir ...« »Reiner ...!« Sie taumelte rücklings. Sie mußte sich an einer Tischkante halten. Ihre Augen waren wie mit Licht übergössen. »Ja, Jakobine, ich rufe. Meine Stimme hat keine weite Reise zu machen. Sie braucht nur an das nahe Ufer zu pilgern. Dort wird sie ihn finden ...« und hohen Mutes verließ er den Raum, der erfüllt war von seiner Mission und seinen versöhnenden Worten. Und siehe: keine drei Minuten vergingen ... und in der Achterkajüte standen zwei Menschen, die eine böse Stunde auseinandergerissen, die ein gütiges Geschick wieder vereinigte zeit ihres Lebens. Dann ein Schrei, der die Planken durchstieß und sich mit dem Knattern der Topps und Wanten vereinigte. »Reiner – ach, du!« »Jakobine, vergib mir!« Er kniete vor ihr, wie die Reuigen knien. Er umschlang ihre Knie, drückte sein bleiches Gesicht in die Falten ihres jungfräulichen Schoßes. Dann hob er den Kopf. Er lechzte nach ihrem Munde. Da beugte das hochgemute niederrheinische Weib ihr Haupt tiefer und tiefer, und ihr Mund küßte ihn wie nur ein reiner und stolzer Mund zu küssen vermochte. Unter ihnen aber rauschte das Kielwasser seine ewige, uralte Weise, als hätte es ihnen das Brautlied gesungen. Zwei Stunden später bekränzte sich die Schanktür am Krantor mit herbstlichem Laubgewind, schob sich eine Fahne mit den alten glorreichen Farben aus der Bodenluke des hochgegürteten Giebels. Alle hatte die umsichtige Hand des wackeren Mynheers um den runden Tisch im Honoratiorenstübchen vereinigt. Inmitten der Tafel erhoben sich zwei weiße, spiegelblanke Poularden. Daneben stand auf einem Kanzleibogen geschrieben: »Von Frau Türlings. Die eine für die kapiteinische Tochter, von wegen Errettung aus Rheinnot. Die andere dem hochwürdigen Herrn aus Huisberden, von wegen Beistand in tiefsten Seelenängsten und der bekömmlichen Sterbegebete. Selbige sind aufzusetzen in Dill, Petersilie und Pimpernell. Abzustammen ist nötig. Andere Zutaten können wegen der Herrichtung nicht schaden. Mögen sie schmecken und einige angenehme Stunden bereiten.« Mynheer hatte auch das kleinste geregelt. Nichts war ihm durch die Wicken gegangen. Auch Mutter Auwater hatte er zu holen gewußt, und nun saß sie an der Seite Hemskerks, der nichts Besseres zu tun hatte, als ihr seinen Kapitänsarm um die Taille zu legen und ihr einen Kuß auf die weinenden Augen zu drücken. »Das auf Anzahlung,« sagte er munter, »die Rest- und Hauptsumme wird völlig erledigt, wenn das Kirchenbuch zuklappt und Hochzeit gemacht wird. Du aber, Michel Virgilis, gib mir die Hand, denn du weißt alles immer mit 'nem stolzen Aweck zu umkleiden. Dazu kann ich nur Blexem und Donnder zu sagen. Auch vergelt 's Gott noch. Und nun, Reiner, zu dir. Was nu einmal geschehen ist, das ist nu einmal geschehen. Gras soll drüber wachsen, ordentliches und duftiges Raigras, und kein Kamel soll erscheinen, um sich diese barmherzige Grasnarbe in den Magen zu fressen. Das übrige, Reiner – das war nicht besser zu machen. Ich meine das mit deiner Abschiedsgeschichte. Bravo! Ich diene, hat der große König gesagt. So richtig, denn jeder muß dienen, aber nur dem, der wert und würdig ist, seinen Dienst zu empfangen. Daß du den jetzigen Zeitläuften aufsagtest, ist gut. Das habe ich auch nicht anders von dem Sohn des alten Hegemeisters erwartet. Es gibt andere Herren genug ... als da sind die von Sonsfeld und Steengracht. Nimm an, wenn du willst, denn du wirst dort hoch und brav in Bewertung genommen. Aber noch besser ... Diene weiter deinem angestammten Herrn und König, deinem zukünftigen Weib und dem, was sie in die Ehe mit einbringt. Die Reederei wartet auf dich, und vierhundert Morgen prima Wiesen- und Salweidenland wollen bewirtschaftet werden.« Und er hob sein Glas in die Höhe. »So mag es geschehen, so und nicht anders. Sonst Fixfeuer auf die verdammelten Köppe. Und wenn ihr, du und dein Weib, so ums Abendschummern ins weite Land hineinseht, dann werdet ihr sagen: O du mein Niederrhein! Wir leben in dir, wir schaffen in dir, wir sterben in dir, und wenn die letzte Stunde uns kommt, dann bitte, siehe uns noch einmal ins Auge. Amen.« Und die Gläser klangen zusammen, ganz leise, ganz heimlich, als wenn ferne, unendlich ferne Glocken ins Land klangen. Dann wurde es stille. Die Menschen aber, die um den runden Tisch im Honoratiorenstübchen am Krantor saßen, sahen sich an und gaben sich stumm und versonnen die Hände. O du mein Niederrhein!