Adolf Gelber Kalmückische Märchen Wie der Chansohn zwölfmal den Siddhi-Kür holte Illustriert von Amadeus Dier   Rikola Verlag Wien Berlin Leipzig München   Alle Rechte vorbehalten Copyright 1921 by Rikola Verlag A.G. Wien Gedruckt bei R. Kiesel zu Salzburg       * Du siegreich vollendeter Nagarguna, dem zur Erklärung beigegeben wurde der Name Garbha, du, der du das auswendig und inwendig reine Gefäß der Buddhalehre in seiner Wesenheit erschlossen und das Verständnis der Mittellehre, des wahren Sinnes uns erleuchtet hast, du unser zweiter Lehrer, vor dir verneige und verbeuge ich mich. Eben deine erstaunliche und wundersame Geschichte, o Nagarguna, und diejenige des auf dem guten und glücklichen Pfade wandelnden Chans, erzähle ich hier im Märchengewande, damit man, wenn man ihren Hauptinhalt in sein Herz aufgenommen, durch Vortragen, Hören und Lesen die höchste Vollendung erlange. * Warum der Chansohn den Leichnam holte Wisse, der du dies hörst, daß in Indiens Mittelreich einst sieben Brüder, sieben Zauberer lebten: und in der Entfernung einer Meile von ihnen wohnten zwei Brüder, die Söhne eines Chans. Von diesen machte sich eines Tages der ältere auf, um von den Zauberern die Zauberkunst zu lernen; allein, obgleich sie ihn sieben Jahre lang bei sich hielten, lehrten sie ihn den Schlüssel zur Zauberei in Wirklichkeit doch nicht. Immer schickte ihm während dieser sieben Jahre der jüngere Bruder, der zu Hause geblieben war, durch einen Boten oder eine Botin die Nahrung, deren er täglich zum Leben bedurfte. Aber wie sich der jüngere einmal aufmachte, um ihm selbst die Lebensmittel zu bringen, geschah es, daß sein Blick auf eine verschlossene Tür fiel; und als er durch eine in der Tür befindliche Ritze blickte, stand ihm das Herz schier still, denn was er darin gewahrte, war der Schlüssel zur Zauberei. Nun kam ihm der ältere Bruder entgegen und wollte ihm nach der Begrüßung die mitgebrachten Lebensmittel abnehmen; allein er gab sie ihm nicht, sondern sagte: »Komm, ich habe dir etwas mitzuteilen,« und als sie abseits traten, flüsterte er: »Hinweg von den Zauberern, sie haben dir, was du von ihnen lernen wolltest, vorenthalten, ich habe den Schlüssel zur Zauberei.« Darauf kehrten sie in die Burg ihres Vaters zurück, und es war eine Königsburg, denn ihr Vater, der Chan, war ja ein König; und da sagte der jüngere: »Ich fürchte, daß die Zauberer nun erkennen werden, daß wir die Zauberkunst erlernt haben. Darum höre! In unserem Stall befindet sich ein vortreffliches Pferd, das ist hineingekommen, während du nicht da warst. Nimm es, hüte dich aber wohl, es zu besteigen, weil du es nur am Zügel führen darfst. Wende dich aber, wenn du mit ihm ausgezogen bist, ja nicht in der Richtung nach den sieben Zauberern, sondern begib dich in eine andere Gegend.« »Und was soll ich damit dort tun?« fragte der ältere. »Das wirst du schon sehen,« sagte der andere Chansohn. »Kann ich es verkaufen?« »Ja, das kannst du, aber du mußt den Erlös zurückbringen.« Sagte der ältere: »Gut.« Nun müßt ihr wissen, daß der jüngere darauf in den Stall vorauseilte und sich selbst in jenes Pferd verwandelte; denn er sah voraus, daß die sieben Zauberer vermöge ihrer Kunst es schon herausgebracht haben dürften, von wem so ohne ihr Vorwissen der Schlüssel zu ihrem Geheimnis gefunden worden war. Darum verwandelte er sich, um von ihnen unerkannt zu bleiben, in die Gestalt dieses Pferdes und wollte, daß sein Bruder mit ihm auf die Art, wie ich es gesagt habe, weitweg von ihnen fliehe. Im Herzen des älteren fraß aber der Unmut, so daß er sich sagte: »Obgleich ich mich sieben Jahre lang mit dem Lernen der Zauberkunst abgeplagt habe, habe ich sie doch nicht erlernt, während mein jüngerer Bruder sie gleich weghatte. Und nun er noch dazu ein so vortreffliches Pferd gefunden hat, soll ich es nicht besteigen, sondern am Zügel soll ich es führen und zu Fuße gehen?« So bestieg er das Tier. Es war aber, obzwar es der jüngere Prinz selbst war, ein Zauber über dem Tiere; nur am Zügel geführt konnte es sich von den Zauberern entfernen. Wenn es aber der Reiter bestieg, wie man bei gewöhnlichen Pferden es tut, die man mit dem Sporn antreibt und peitscht, da geriet es wieder unter der Zauberer Macht und der Reiter bemühte sich vergebens, es nach der entgegengesetzten Richtung hinzulenken. So trug es den älteren vor die Behausung der Zauberer zurück; und ob er sich jetzt davon machen wollte, es ging nicht, und richtig hatten ihn auch schon die Zauberer erspäht. »Du da,« fragten sie, »was willst du hier mit dem Pferd?« Da dachte er sich: »Nun, es ist schon alles eins, so werde ich es grade an diese verkaufen.« Und er sagte: »Wollt ihr es besichtigen?« »Sie aber hatten schon durch ihre Kunst erfahren, was es mit dem Tiere war und steckten die Köpfe zusammen und flüsterten: »Wenn auf diese Weise alle die Zauberkunst lernen wie dieser zweite Sohn des Chans, was wird es dann mit uns werden? Wir müssen ihn nehmen und töten.« Und zu diesem Zwecke erhandelten sie das Pferd. Wie sich nun der ältere Bruder mit dem erhaltenen Geld entfernte, führten die Zauberer den in das Pferd Verwandelten zunächst in einen dunklen Stall, wo sie ihn anbanden; und als die Zeit kam, da sie ihn zu töten beabsichtigten, banden sie ihn los und schleppten ihn, indem sie ihn an Kopf und Mähne, an den Vorderfüßen sowie am Hinterteil festhielten, sodaß er nicht zu entspringen vermochte, am Zügel einher. Da seufzte das Pferd während des Ganges und klagte: »Ach Bruder, Bruder! Jetzt gehe ich zum Lohne dafür, daß ich dich liebte, dem Tode entgegen. Und gibt es denn nichts, wodurch ich gerettet werden könnte?« Aber siehe, da besann er sich, daß er sich vermöge des Schlüssels zur Zauberei sofort in die Gestalt jedes anderen Tieres, dem er begegnete, verwandeln konnte, wenn er es unter Hersagung eines gewissen Zauberspruchs wünschte; und da ihn die Zauberer grade in ein breit dahinströmendes Wasser hineintrieben, gewahrte er einen Fisch im Wasser und sprach den Spruch und ward sofort zu einem Fisch. Nun verwandelten sich die sieben Zauberer ihrerseits in sieben Möwen, die schon nach ihm hackten; und als er darauf eine Taube am Himmel heranfliegen sah und sich in diese verwandelte, nahmen die sieben Bösen die Gestalt von sieben Habichten an; und als die Taube über Berg und Fluß floh und sie abermals nahe daran waren, sie zu fangen, flüchtete sie im Lande Bede südwärts auf einen strahlenden Berg zu und in das Innere einer Felsgrotte, die den Namen »Die Beruhigung Gewährende« führte. Und gerade die Grotte war's, in der der Meister Nagarguna, der siegreich Vollendete, verweilte und in dessen Schoß sie nun niederglitt. Da dachte Nagarguna: »Was mag wohl der Grund sein, daß die sieben Habichte diese Taube verfolgen?« Und er fragte: »Du, Taube, was ist der Grund und warum fürchtest und ängstigst du dich noch?« Und er zog sie an sein Herz und lächelte und streichelte sie sanft. Auf die Frage erzählte ihm die Taube alles und sagte: »Jetzt wird der Meister gleich sehen, wie sie sich in sieben Männer verwandeln; und gleich werden sie vor dem Meister erscheinen und ihn um den Rosenkranz bitten, den er in den Händen hält.« Und die Taube bat: »O, Meister, siegreich Vollendeter, wenn du mich retten willst, dann werde ich mich in eines der Kügelchen an deinem Rosenkranze verwandeln, und wenn die Männer dich um ihn bitten, so geruhe, dieses Kügelchen in der Hand zu behalten, so daß sie es nicht gewahren, indes du die übrigen Kügelchen ihrem Willen gemäß von der Rosenkranzschnur vor ihnen herabstreust.« Und richtig erschienen gleich die sieben Männer und sahen wie fromme Männer aus, waren in weiße Kleider gekleidet. Fromm sahen sie den Meister an und hielten um seinen Rosenkranz an, und er behielt das eine Kügelchen in der Hand und streute die anderen vor sie hin. Da verwandelten sich die ausgestreuten jedes gleich in einen Wurm, worauf aber die Männer zu sieben Hühnern wurden, die die Würmer pickend auffraßen; und als jetzt der Meister das Hauptkügelchen aus der Hand fallen ließ, entstand daraus ein Mensch mit einem Stab in der Hand, mit dem er die sieben Hühner tötete. Da aber erschrak der Meister, denn siehe, auf einmal wurden daraus sieben Menschenleichen; und Nagarguna, der darob in seinem Herzen traurig wurde, sagte: »Während ich einzig dein Leben geschützt habe, habe ich dazu beigetragen, das Leben dieser sieben zu vernichten. Ist das nicht schlimm? Denn waren sie auch schlecht, so waren sie doch Menschen.« Da beugte der Chansohn sein Haupt und sagte: »Ich bin ein Königssohn, dem diese Männer nach dem Leben gestrebt haben. Aber wenn der Meister, einzig und allein um mir das Leben zu retten, zum Tode dieser anderen beigetragen hat, so will ich, um diese Sünde zu tilgen, jedweden Auftrag vom Meister freudig entgegennehmen.« »Und wirst du ihn auch genau ausführen?« fragte Nagarguna. »Versuche es der Meister,« antwortete der Chansohn, »alles, was du befiehlst, will ich pünktlich befolgen.« »Nun, wenn das der Fall ist,« sagte der Meister, »so wisse, daß auf der Citavana, der Leichenstätte, im kühlen Hain, der mit übernatürlicher Macht bedachte Tote ist, der Siddhi-Kür heißt. Erhaben sieht er aus. Unten ist er von Smaragd, von der Körpermitte aufwärts ist er von Gold und das Haupt, das mit einer Kopfbinde versehen ist, ist von Perlmutter: also ist er beschaffen. Diesen sollst du mir holen, das wird deine Buße sein. Wenn du das auszuführen imstande bist, dann soll sie vollendet sein; o, daß es dir gelänge! Wohl magst du durch Zauberei Gold zuwegebringen, wie es auch diese sieben Zauberer zuwegebrachten und andere zuwegebringen. Aber brächtest du mir diesen mit übernatürlicher Macht begabten Toten, dann könnten die Menschen von Gambudvipa ein tausendjähriges Lebensalter erreichen und zur höchsten und wunderbarsten Vollendung könnten sie gelangen. Willst du es wirklich auf dich nehmen?« Sagte der Königssohn ja, und erkundigte sich dann weiter: »Den Weg, den ich einzuschlagen, und die Art und Weise, wie ich vorzugehen habe, sowie alles, was ich tun soll und was dazu sonst noch nötig ist, geruhe der Meister mir anzugeben.« Sagte der Meister: »Nun denn, wenn du etwa ein Meile weit von hier gehst, so wirst du in der Nähe eines Bergstroms an einen finstern Engpaß, der sich durch einen Wald hinzieht, gelangen. Dort wirst du rechts und links dunkle Höhlen und darin eine Menge von sehr großen Toten sehen, die werden sich bei deinem Nahen insgesamt erheben und auf dich zukommen. Diesen ruf zu: »Ihr großen Toten alle, ruhet in Frieden!« und streue ihnen diese unter magischen Worten geweihten Gerstenkörner hin, die ich dir gebe. Von da weiter befinden sich an einem Flusse kleine Tote in Menge. Diesen ruf: »Ihr kleinen Toten, ihr habet den Frieden!« und bring ihnen gleichfalls ein Streuopfer dar. Nochmals von da weiter befindet sich eine Schar von Toten in Kindergestalt. Diesen ruf: »Ihr Toten in Kindergestalt, wie wohl ist euch, daß ihr von nichts wußtet!« und streu ihnen auch etwas von den magischen Gerstenkörnern aus. Wenn du das aber getan hast, wird es dir scheinen, als ob sich aus ihrer Mitte eine Gestalt erhöbe und sich vor dir, weil du ein Menschenkind bist, auf einen Mangobaum flüchte, und das wird Siddhi-Kür sein. Aber dann geh hin zu dem Baum, befiehl Siddhi-Kür herunterzusteigen und erschrick nicht vor seiner drohenden Miene. Nimm diese Axt hier, die ›weißer Mond‹ benannt ist und sag, daß er gehorchen muß, weil du sonst den Baum umhauen müßtest. Darauf wird er herabgestiegen kommen und du steck ihn dann in diesen bunten Sack, in dem für hundert Geister Platz ist, schnür den Sack zu mit diesem bunten Seil, das aus hundert Drähten gemacht ist und genieß von diesem, trotz der Zehrung nie ausgehenden Brote, das aus hundert Körnern bereitet ist. Dann nimm den Toten auf den Rücken und wandle mit ihm dahin, bis zu mir; doch wisse, daß du dir dabei auch nicht ein einziges Wort entschlüpfen lassen darfst, was immer es wäre. Wirst du darauf achten?« »Ja, Meister, ich werde darauf achten.« »Dann sei es so! Und komm mit dem Leichnam hieher zurück, auf daß die Menschen von Gambuvipda, die Menschen unseres teuren Indien, ein tausendjähriges Lebensalter und die höchste und wunderbarste Vollendung erreichen könnten. Und weil du zu dieser Beruhigung gewährenden Felsengrotte gelangt bist und zu ihr zurückkehren willst mit dem mit übernatürlicher Macht begabten Toten, so sollst du fürder, der du ein Chansohn bist, ›der auf dem guten und glücklichen Pfade wandelnde Chan‹ heißen.« Nachdem er ihm denn diesen Namen beigelegt hatte, ließ er ihn, den Weg anzeigend und angebend, die Wanderung antreten. Wie nun der Prinz die Schrecknisse des ihm vom Meister gewiesenen Weges glücklich überwunden hatte und an Ort und Stelle gelangt, aus der Mitte der Toten in Kindergestalt Siddhi-Kür aufsteigen sah, der vor ihm auf den Mangobaum hinauffloh, trat er an den Fuß des Baumes und sprach, eingedenk des Wortes, daß er vor nichts erschrecken dürfe, die lautschallenden Worte: »Mein Meister ist Nagarguna Garbha! Meine Axt ist ›weißer Mond‹ benannt. Mein Behälter ist dieser bunte Sack, in dem hundert Geister Platz haben. Mein Seil ist dieses bunte Seil aus hundert Drähten geflochten. Mein Brot ist dieses Brot, aus hundert Körnern gemahlen. Ich selbst bin der auf dem guten und glücklichen Pfade wandelnde Chan. Toter, du kommst herabgestiegen, wo nicht, so hau ich deinen Baum mit der Axt um.« Da versetzte der Tote flehentlich: »Ich steige herab, hau den Baum nicht um.« Und als er nun herabgestiegen kam, tat ihn der Prinz in den Sack, schnürte denselben mit dem Seil fest zu, nahm von dem Brote, ohne daß es kleiner wurde, lud sich den Toten auf den Rücken und wandelte so mit ihm, immer schweigend, viele Tage lang dahin. Und auch der Tote schwieg in dem Sack, bis er einmal, da der Prinz gegen Sonnenuntergang an einer Stelle Rast machte, aus dem Sack heraus sprach: »Öffne mir für eine Weile, ich entweiche dir nicht. Tote kennen keine Lügenworte.« Da glaubte ihm der Prinz und öffnete den Sack und der Tote sprach, indes das Gold und der Smaragd, aus dem sein Leib bestand, und auch das perlmutterne Haupt, um das die weiße Binde gewunden war, im Mondenschein flimmerte: »Lang sind die Tage, langweilig dieses Dahinwandern. Habe Mitleid, läßt du mich kein Wörtchen hören?« Der Chansohn schwieg. »Höre,« begann Siddhi-Kür wieder, »willst du nicht eine Geschichte erzählen; oder willst du, daß ich erzähle?« Wieder schwieg der Prinz. Und Siddhi-Kür begann von neuem: »Wenn du nicht erzählen willst, so kann ich nichts dagegen haben; wenn du aber willst, daß ich erzähle, so könntest du es mir, ohne ein Wort zu sprechen, durch ein Nicken mit dem Kopfe zu verstehen geben.« Da gab der Prinz mit seinem Haupte das Zeichen und Siddhi-Kür begann: In der Welt nicht zu bleiben ist gut »Früh vor Zeiten waren einmal in einem großen Reiche eines reichen Mannes Sohn, eines Arztes Sohn, eines Malers Sohn, eines Rechenmeisters Sohn, eines Holzkünstlers Sohn und eines Schmiedes Sohn; und wiewohl nur der eine von ihnen reiche Eltern hatte, waren sie Freunde, und er war ihnen von Herzen treu. Eines Tages sprachen sie untereinander: ›Wir wollen in ein anderes Land wandern,‹ und machten sich, von ihren Eltern mit Reisekosten versehen, auf den Weg. Den verfolgten sie, bis sie zu einer Stelle gelangten, wo die Mündungen mehrerer Flüsse sich vereinigten. Dort pflanzten sie für sich jeglicher einen Lebensbaum und indem jeder, seinen Unterhalt zu suchen, von hier aus an einem anderen Flußarm hinaufzog, bestimmten sie diesen Punkt als das Ziel, wo sie sich dereinst wieder zusammenfinden wollten. ›Sollte dann,‹ so sprachen sie, ›einer von uns nicht zurückkehren, sein Lebensbaum verwelkt, oder sonst durch ein Zeichen uns kund sein, daß ihm ein Unheil zugestoßen, so wollen wir in der Richtung, in der er gegangen, nach ihm suchen. ›Lebet wohl, Freunde!‹ Nach diesen Worten trennten sie sich. Nachdem nun des reichen Mannes Sohn an seinem Flusse aufwärts gewandert war, traf er am Ursprung desselben auf eine kleine Hütte. Hier lebte ein betagter Mann mit seiner Frau, sie hatte auch schon weiße Haare, und die beiden fragten: ›Jüngling, woher bist du gekommen und wohin willst du gehen?‹ Er versetzte: ›Aus weiter Ferne bin ich gekommen und meinen Unterhalt suchen will ich.‹ Darauf luden sie ihn ein, im Schatten des Baumes, der vor der Hütte stand, Platz zu nehmen und sich eine Weile zu gedulden, bis sie ihm einen Imbiß vorsetzen würden und in der Hütte sprachen sie zueinander: ›Wie wohlgestaltet ist dieser Jüngling und seine Rede ist sanft. Sieht er nicht auch aus, als ob er das Kind wohlhabender Eltern wäre? Ach, hätten wir ihn zum Schwiegersohn.‹ Denn sie hatten eine Tochter, eine gar reizende und wunderschöne, von edler Gestalt und lieblichem Wesen; und als sie gerade heraustrat und bei dem Fremden stand, sagten ihre Eltern: ›Sieh, wie sie zueinander passen und wie gut wäre es, wenn er unser Sohn würde.‹ Aber auch der Jüngling dachte bei sich, kaum daß er der Jungfrau ansichtig geworden: ›Wie gut ist es, daß ich Vater und Mutter verlassen habe und hiehergekommen bin. Ist doch dieses Mädchen weit wundervoller und reizender als aller Himmelsgötter Töchter. Wie gerne wollte ich sie nehmen, wenn sie mich liebte und hier bleiben und in diesem stillen Frieden mit ihr leben.‹ Und nachdem sie sich alle, der Jüngling, das Mädchen und die Eltern des Mädchens, zusammengesetzt und mancherlei gesprochen und sich erzählt hatten, fanden die Eltern an ihm immer größeren Gefallen; und als er fragte, ob sie ihm die Tochter geben wollten, sagten sie ja; und wie er sich nun freute, daß er hiehergekommen, sprach auch das Mädchen: ›Ja, ich bin so glücklich, daß du gekommen bist, mein Teurer.‹ Und sie wurden Mann und Weib und lebten in Frieden. Nun wußten sie aber auch schon, daß der Jüngling reiche Eltern hatte und so übergab er seiner jungen Frau auch einen mit Edelsteinen reich besetzten Ring. Als sich dann die Diener eines in der Gegend herrschenden gewaltigen Chans einst zur Frühlingszeit an das Wasser begaben, die einen, um darin unterzutauchen, und die anderen, um am Ufer ihre Spiele zu treiben, fanden sie im Wasser nahe dem Ufer den Ring und überbrachten ihn, da er so wundervoll war, dem Chan. Dieser sprach, ihn anstaunend, zu seinen Dienern: ›Offenbar wohnt am Ursprung dieses Flusses eine Frau, welche diesen Ring verloren. Bringt sie mir her.‹ Daraus machten sich die Diener auf den Weg und als sie die junge Frau erblickten, sprachen sie: ›Sie ist wahrlich so schön, daß man sich an ihr nicht sattsehen kann.‹ Zu der Frau aber, die ob des Verlustes ihres Ringes sehr traurig war, sagten sie: ›Wenn du die Eigentümerin des Ringes bist, so freue dich, denn der Chan läßt dich zu sich rufen und wird ihn dir sicherlich zurückgeben.‹ Und sie nahmen sie und hörten nicht auf den Jüngling, der ihnen zurief, daß es seine Frau sei und ihnen den Weg bis zum Chanschlosse folgte; und als sie sie vor den Chan führten, sprach dieser: ›Das ist wahrlich eine Göttertochter: welche meiner anderen Gemahlinnen ist ihr vergleichbar?‹ So sprach er und gab ihr vor allen anderen den Vorzug. Sie aber dachte in ihrem Herzen einzig an ihren Gatten, den Jüngling und fluchte der Gewalttätigkeit des Chans und horchte auf die Weherufe des Jünglings, der draußen vor dem Schlosse stand, bis der Chan in Erbitterung hierüber den Dienern zurief: ›Räumt mir doch den Gesellen aus dem Weg.‹ Da lockten die Diener den Jüngling unter dem trügerischen Vorwande, daß sie ihn insgeheim zu seiner Gattin führen wollten, an sich: er folgte ihnen an eine Stelle hinter dem Schlosse, wo der Wald angrenzte und von dort in eine Gegend am Rande des Flusses; da warfen sie sich über ihn. Und sie schaufelten ein Grab, in das sie ihn hinabstießen, dann schütteten sie Erde auf und deckten darüber einen gewaltigen Fels. Nachdem nun zur bestimmten Zeit seine Gefährten, von allen Richtungen her kommend, an der Stelle, wo die als gemeinschaftliches Ziel bezeichneten Lebensbäume standen, sich zusammengefunden hatten, fehlte von allen nur der Jüngling und zugleich sahen sie seinen Lebensbaum verwelkt. Da suchten sie ihn längs des Flusses, an dem er hinaufgezogen war, fanden ihn aber nicht. Aber da sieh, indem des Rechenmeisters Sohn sich umsah, rechnete er heraus, daß der Unglückliche in der und der Entfernung, von dem großen Felsen bedeckt, tot dalag, konnten aber den Felsen, nachdem sie ihn gefunden, nicht heben, weil ihre Kräfte dazu nicht ausreichten. So nahm der Sohn des Schmiedes den Hammer und wie er nun den Fels zertrümmerte und sie nachgruben, entsetzten sie sich, weil sie auf den Toten stießen und wußten nicht, wie da noch zu helfen wäre. Aber des Arztes Sohn lachte und mischte einen Trank, den er dem Toten in den Mund flößte: und o Wunder! gleich war der Jüngling wieder lebend und gesund. Als er ihnen nun aber erzählte, infolge welches Umstandes es so mit ihm gekommen war, sprachen sie: ›Wenn es solch eine Frau ist, daß der Chan ihretwegen die Untat beging, o wie reizend muß sie sein und durch welches Mittel entreißen wir sie dem Chan?‹ Da war die Reihe an des Holzkünstlers Sohn. Er verfertigte einen Garhuda aus Holz, das war ein hölzerner Vogel. Wenn man in sein Inneres stieg und oben anschlug, so stieg er in die Höhe; wenn man unten anschlug, so ging er abwärts; und er wendete sich rechts oder links, je nachdem man seitwärts schlug. Solch einen Wundervogel verfertigte er. Des Malers Sohn aber sagte: ›Glaubt ihr denn, daß das alles genug ist?‹ und bestrich den Vogel mit allerlei Farben, so daß man nicht mehr sah, daß er aus purem Holz war, sondern daß er ein wundervolles Aussehen bekam. Und nun stieg der Jüngling hinein und erhob sich in die Luft und flog dahin, bis er zur fürstlichen Residenz kam, über welcher er, sie rings umkreisend, schwebend verweilte. Als nun der Chan samt dem Gefolge ihn erblickte, sprachen sie staunend untereinander: ›Solch einen Vogel haben wir nie gesehen, noch je von ihm gehört.‹ Und der Fürstin es meldend, sprach der Chan: ›Steig auf des Palastes oberes Stockwerk hinauf und nimm Futter mit, damit sich der Vogel zu dir herabläßt.‹ Da kam der Vogel wirklich zu ihr herabgestiegen; aber wie sie die Hand nach ihm ausstreckte, öffnete sich in dem Vogelgestelle die Türe und die Frau erkannte in Wonneschauern, wer darin war und in ihrem Herzen jauchzend, flüsterte sie: ›Du Teurer, ist mir doch nicht einmal in den Sinn gekommen, daß du mir je wieder zurückgegeben werden könntest. Aber nun sage, auf welche Weise hast du diesen Vogel in trügerischem Gewande zusammengebracht?« Da erzählte er ihr alles und sagte: ›Jetzt lebst du in unermeßlichem Reichtum als des Chanes Gemahlin. Ist aber die alte Treue in dir und du willst, daß wir beide uns wieder als Mann und Frau in Liebe einen, so folge mir, auf daß wir durch die Lüfte davonfliegen: willst du es? Sprich.‹ Da folgte sie ihm, der Vogel erhob sich und sie enteilten, während der Chan, der es sah, sich zur Erde warf und hin und her sich wälzend sich der Trauer überließ. Als nun der Jüngling während des Fluges seine Gefährten auf der Erde wieder gewahrte, schlug er an die Springfeder des hölzernen Vogels nach abwärts, öffnete die Türe und trat allein heraus. Die Gefährten sprachen: ›Ist alles gut gegangen?‹ Er erwiderte freudig: ›Ja.‹ ›Und hast du die Geliebte wieder gefunden?‹ ›Ja, ich habe sie wieder gefunden‹ und zugleich rief er: ›Komm heraus, Geliebte, sieh meiner treuen Freunde Schar!‹ Darauf trat sie heraus. Doch als sie sie gewahrten, erglühten ihre Herzen, da sie so schön war: doch schwiegen sie, worauf der Jüngling fortfuhr: ›Warum schweiget ihr, freuet ihr euch nicht mit mir? Ihr habet mir Beistand geleistet, ihr mir, dem Toten, das Leben zurückgegeben, ihr mir das Mittel ersonnen, durch das ich wieder zu meiner Gemahlin gelangte; und jetzt schweiget ihr? O beraubet mich ihrer nicht.‹ Aber wie er so sprach, erhob sich des Rechenmeisters Sohn und sprach: ›Glaubst du, daß sie dir gehört? Da man nicht wußte, ob du noch am Leben, hat man erst auf Grund meiner Wissenschaft die Stelle gefunden, wo du im Grabe lagst, wodurch dann alles weitere möglich geworden. Infolgedessen gehört sie mir.‹ Allein dagegen schrie des Schmiedes Sohn: ›Was war deine Wissenschaft wert, wenn man ihn nicht hinter dem gewaltigen Felsen hervorzog? Dadurch, daß ich mit meiner Kraft den Fels zertrümmerte, ist alles weitere sowie die Befreiung der Frau möglich geworden. Darum gehört sie mir.‹ Da sagte des Arztes Sohn: ›Schweig still, du mit dem zertrümmerten Fels! Als du den darunter tot Daliegenden hervorzogst, konntest du damit auch schon die Gemahlin holen? Ich, durch meine Kunde, habe dem Toten das Leben zurückgegeben und dadurch erst konnte er sie wiedererhalten, und mir, du wunderschöne Frau, gehörst du, einzig mir!‹ Des Holzkünstlers Sohn sprach: ›Ihr Übermütigen, du mit der Wissenschaft, du mit der Kraft und du mit deiner Kunde, wo wäre sie heute noch, ohne den hölzernen Vogel, den ich ersann? Wolltet ihr gegen den Chan Krieg führen, oder durch welches Mittel sonst in das Innere des dichtbewachten Palastes dringen? Auch schon was, daß der die Stelle des Grabes berechnete und der mit dem Hammer auf den Felsen schlug und der den Trank für die Wiederbelebung des Toten braute! Mit alledem hättet ihr die Frau nicht geholt; nur durch meine Kunst, die den Wundervogel schuf, ist sie zurückgewonnen worden. Mir gehört sie, mir!‹ Da lachte des Malers Sohn voller Verachtung und sagte: ›Deinem aus getrocknetem Holz verfertigten Garhuda Futter zu reichen wäre die Chanin nimmer gekommen. Pfui, wie rauh und häßlich war dieses Stück Holz! Nur weil ich ihm durch das Auftragen meiner verschiedenen Farben soviel Schönheit gegeben, ist sie zu ihm hingelockt worden. Die Frau zu erhalten gebührt mir!‹« Siddhi-Kür machte eine Pause. Dann erzählte er weiter: »So stritten die Gefährten und konnten nicht eins werden, sondern standen bald mit den Messern in den Händen gegeneinander und wollten einander totschlagen. Und wieder begannen sie den Streit und gelangten zu keinem Ziel. ›Nun denn,‹ sprachen sie endlich, ›wenn dem so ist, so wollen wir jeder ein Stück von ihr nehmen.‹ Und unter dem Rufe: ›Hau zu! hau zu!‹ und mit den Messern Stücke sich von ihr abschneidend, töteten sie die Frau.« Bei diesen Worten der Erzählung rief der Chan: »Ach, die Arme, die Bedauerungswürdige!« Da versetzte Siddhi-Kür: »Das wahre Glück sich verscherzend, hat der Chansohn sich Worte entschlüpfen lassen« und schwebte empor in die Luft und enteilte im Fluge mit dem Rufe, der durch die vom täuschenden Mondlicht erfüllte Nacht hallte: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« Der Lerchenmann Der Prinz erschrak. »Worin habe ich gesündigt?« fragte er, »verdiente die Frau, verdiente ihr Gatte nicht Mitleid?« Da erinnerte er sich des ihm von Nagarguna, dem siegreich Vollendeten, auferlegten Schweigegebotes und begab sich, um den Leichnam Siddhi-Kürs wieder zu holen, zurück nach dem kühlen Totenhain. Und es war wie das erste Mal: aus der Mitte der Kinder in Totengestalt entschwebte der Leichnam, unten von Smaragd und oben von Gold, mit dem perlmutternen Kopfe, hinauf auf den Mangobaum, worauf der Prinz rief: »Toter, ich haue deinen Baum um, oder du kommst herabgestiegen.« Dann steckte er den Leichnam in den Sack, band diesen mit dem Seil zu, nahm von dem Wunderbrote, lud den Sack auf den Rücken und trat neuerlich die Wanderung an. Und in einer Nacht, da er wieder Rast machte und der Mond am Himmel stand, sagte Siddhi-Kür abermals: »Erzähle du, oder wenn du willst, erzähle ich eine Geschichte.« Worauf der Chan, ohne darauf mit Worten zu erwidern, mit seinem Haupte nickte; und da begann Siddhi-Kür wie folgt: »Früh, vor Zeiten, herrschte in einem großen weitentlegenen Lande ein mächtiger Chan; da kam großes Unglück über das Reich. Dasselbe war von einem gewaltigen Flusse durchzogen, der sich alle Jahre zu gewissen Monaten über die Äcker ergoß und mit dem Schlamm, den er, wenn er wieder sank, zurückließ, den Feldern den Segen der Fruchtbarkeit brachte. Aber da brachen jäh zwei furchtbare Drachen in den Fluß ein und legten sich vor seinen Ursprung hin, so daß sie das Dahinströmen des Wassers aufhielten, worauf das Unheil der Dürre über das Land kam. Der Chan berief seine Zauberer und diese brachten es heraus, was man tun mußte, um die Drachen zu besänftigen. Alljährlich mußte man ihnen einen Menschen zur Speisung übergeben und zwar abwechselnd hohe und in Niedrigkeit Geborene. Hatte man ihnen das Opfer in den Fluß geworfen, dann gaben sie dem Wasser den Lauf aus der Ursprungsquelle wieder frei und es ergoß sich wieder nahrungbringend über das Land. Abwechselnd hohe und in Niedrigkeit Geborene mußten so das Leben lassen und nimmer ließen die Drachen es zu, daß darin etwas geändert ward. Wenn die Reihe an die Hohen kam, so mußten sie losen, wen diesmal das Unglück treffen sollte und im Jahre darauf kam das Losenmüssen an die Leute aus dem niederen Volk. Einmal nun geschah es, daß das Los den Chan selbst traf, denn er war aus dem Unglück nicht ausgenommen worden und da war die Trauer in seinem Palaste wie auch in dem ganzen Lande groß, denn er war ein guter Chan. Man redete ihm zu, nicht zu gehen, aber er sagte, weil die Sache für das ganze Volk so wichtig war, nicht gehen sei unmöglich. Als es nun aber gehen hieß, so quälten er und der einzige Sohn, den er hatte, sich untereinander mit der Frage ab, wer von ihnen beiden gehen sollte; denn außer ihnen beiden war niemand von ihrem Geschlechte da. Der Vater sprach: ›Ich bin schon alt, es ist kein Schade um mich, ich werde gehen und laß du, mein Sohn, unser Reich in der Lehre des Mitleids und der Opferbereitschaft sich ausbreiten.‹ Dagegen versetzte der Sohn: ›O, mein Gott, wie? Daß du, mein Chan und Vater, der du sorgsam mich auferzogen und deinem Volke ein solches Beispiel von Mitleid und Güte gegeben, gehen solltest, das wäre doch schrecklich. Wenn der Chan und seine Gemahlin am Leben sind, so kann ihnen nach Wunsch wieder ein Sohn beschieden werden. Zur Nahrung für die Drachen werde ich gehen.‹ Als er es dann durchsetzte und die Stadt verließ, gab ihm das gesamte Volk trauernd das Geleite und kehrte dann zurück. Nun hatte er von klein auf eines armen Mannes Sohn zum Freunde gehabt. Zu diesem begab er sich und sprach: ›Wandle du nach den Worten von Vater und Mutter und lebe wohl und glücklich. Um das kostbare fürstliche Reich zu erhalten und des Chans Befehl, daß jährlich einer zur Rettung aller geopfert werden soll, nicht zu verletzen, gehe ich in den Tod.‹ Weinend sprach der Sohn des armen Mannes: ›Mich, o Chansohn, hast du von klein auf mit Wohlwollen und Güte behandelt. Statt deiner will ich gehen.‹ Doch der Prinz schenkte ihm kein Gehör. Da gingen beide, da der Freund ihn nicht allein lassen wollte, zusammen des Weges und kamen bis zur Stelle, wohin die Menschen, seitdem die Drachen hereingebrochen waren, sich an des Flusses Ufer noch trauten, dann standen der Prinz und sein Freund noch eine Weile still, bis der Prinz sagte, ›es muß sein'‹ und seinen Fuß weiter setzte; worauf der Freund mit dem Kopfe nickte und mit dem Worte, ›ja es muß sein‹ dem Chansohn in das verzauberte Revier folgte. Und wie sie nun leise, Fuß vor Fuß setzend dahinschritten, erblickten sie, von einem hohen Weidengebüsch verdeckt, die beiden Untiere, die am Ufer in der Sonne lagen und da sie nicht merkten, daß sie jemand behorchte, sich untereinander besprachen. Sie schillerten in vielen Farben und glitzerten in der Sonne schier schön, wenn man nicht auf ihre Köpfe sah und wenn sich ihr Inneres nicht auftat. Und der eine Drache, der jüngere, sagte: ›Schwester, du bist schön.‹ Der ältere antwortete, denn beide waren sie weibliche Drachen: ›Du bist auch schön, Schwester.‹ Dann fragte die jüngere: ›Kommt der Chansohn?‹ Antwortete die andere: ›Er kommt.‹ ›Und muß er sterben?‹ ›Er muß. Alle, die vor ihm kamen, sind auch gestorben.‹ Und sie fügte hinzu, daß alle, die hieherkämen, ihrer beider Opfer sein müßten; und nur, wenn einer sich in den nahen Wald begäbe und von einem gewissen Baum sich einen Zauberstab abschnitte, könnte es anders werden. Denn wenn er mit diesem Stab in der Hand zurückkehrte und furchtlos an sie beide heranträte und mit der Spitze nur leicht an ihre Stirnen rührte, o, was würde sich dann begeben! Fragte die jüngere: ›Sag, was würde sich dann begeben?‹ Lachte die andere: ›O, allerlei! Gleich würdest du dann sehen, wie wir in die Luft zerstieben und was an unserer Statt hier, wo wir jetzt sind, zurückbliebe. Aus wäre es mit dem Glitzern. Zwei Frösche lägen da, der eine an Farbe wie von Gold und der andere wie Smaragd und wir beide würden, wie zu perlmutterner Luft geworden und ohnmächtig, dem Chansohn noch ein Leid anzutun, von oben zwischen den Zweigen zusehn.‹ Der Chansohn aber verstand vermöge des Zaubers, der über dem Orte waltete, auf einmal alles, was die beiden untereinander gesprochen hatten; und wie er horchte, sagte die ältere der Schwester weiter, daß er und sein Freund, wenn sie die Frösche getötet haben würden, in den Besitz noch manch anderen Zaubers kämen. Eine Mütze würden sie finden, die einen, wenn er sie sich auf den Kopf setzt, unsichtbar macht vor Göttern, Dämonen und Menschen. Ferner dann würden sie einem Haufen von Dämonen, in dessen Mitte sie hineingeraten würden, zwei Zauberstiefel entreißen und wenn man diese Stiefel anziehe, könne man gleich an jeden Ort gelangen, den man sich denkt. ›Und so könnten sie,‹ fragte die jüngere, ›also auch gleich zum Vater des Chansohns, der in so großer Trauer um seinen Sohn ist, zurückgelangen?‹ ›Gewiß, könnten sie das, aber es wäre nicht gut, wenn der Prinz es so täte, denn es ist seine Bestimmung, noch weiter zu wandern.‹ ›Zu welchem Zweck?‹ ›Um noch mancherlei zu erleben.‹ Darauf schwiegen sie still. Der Chansohn und sein Freund machten sich nun fort hinter dem Weidengebüsch und gingen in den Wald und holten sich dort den Zauberstab von dem gewissen Baum, den sie dort fanden. Dann kehrten sie zurück und traten an die beiden Drachen heran, denen sie gleich die Stirnen leicht mit der Spitze des Stabes berührten. Da zerstoben die beiden Leiber und es war im Augenblick, als wären sie wirklich zu einer perlmutternen Luft geworden. Auf dem Boden aber lagen die beiden Frösche, der goldfarbene und der von Smaragd; und gleich verstanden der Prinz und des armen Mannes Sohn die Vogelsprache und sahen, daß sie imstande waren, aus ihren Taschen, wenn sie daran nur rührten, immerfort Gold und Edelsteine auszustreuen. Aber dessen dachten sie nicht einmal, sondern freuten sich, daß aus den befreiten Quellen wieder mit Macht das Wasser hervorrauschte und in das Bett des Flusses sich ergoß und glücklich anschwellend hoch über die Ufer stieg und die schon verschmachtenden Felder überströmte. Da weinte der Prinz und sagte: ›Wie gut ist das! Nur wird mein Vater mich jetzt für tot halten.‹ Aber der Worte der beiden Drachen eingedenk, machte er sich auf, um weiter zu ziehen und fand richtig bald mitten in einem Palmengehölz die Zaubermütze und dann einen Tag oder mehrere Tage später mitten in einem Haufen von Dämonen das Zauberstiefelpaar. Und wie er und sein Freund jeder einen Stiefel anzog und der Chansohn sich erinnerte, daß er doch ein Königsohn sei und sich an einen Ort wünschte, wo man gerade einen König brauchen würde, siehe, da war es, als erhöbe sie eine unsichtbare Macht in die Luft und führte sie über Länder und Meere dahin, vor die Tore einer Stadt, wo sie sich auf einem weiten Plan plötzlich im Innern eines hohlen Baumes fanden. Wie erstaunt waren sie da! Aber der Prinz, der jetzt die Vogelsprache verstand, hörte auf einmal zwei Vögel, die auf einem der Äste des Baumes saßen, und das, was sie zwitscherten, war ein zwischen ihnen geführtes Gespräch. Der eine Vogel sagte, wenn der Chansohn und sein Freund morgen um die und die Stunde hier in das Innere des Baumes zurückkehren würden, würde er König sein; aber wenn er sich heute noch für eine kurze Weile in die Stadt hineinbegeben würde, würde er auch etwas erleben. Da tat er denn so und gleich, wie sie durch die Stadtmauer gekommen waren, gelangten sie zur Behausung zweier reizend schöner Frauen, Mutter und Tochter, und die sagten: ›Meine Herren, ihr seid fremd hier?‹ Antworteten sie: ›Ja, wir sind Fremde.‹ ›Und seid ihr hungrig und möchtet was essen und trinken? Sprecht, möchtet ihr Branntwein oder Wein trinken?‹ Fragte der Prinz: ›Habt ihr denn Wein zu verkaufen?‹ Neigte die jüngere den Kopf zur Seite, so daß sie listig lachend zu ihm empor sah und fragte: ›Könnt ihr denn bezahlen?‹ Und sie sah, wie seine Tasche gleich, als er an sie rührte, von selbst Gold herausspie und auch einiges Edelgestein. Da tummelte sie sich und ihre Mutter auch, und sie setzten sich zu den beiden Fremden und gaben ihnen zu essen und zu trinken; und dann taten der Chansohn und sein Freund, als wären sie von der Wanderung und auch von dem Trunke müde geworden und stellten sich schlafend. Wie sie denn so mit geschlossenen Augen dalagen, merkten sie, daß sich Mutter und Tochter an sie leise heranschlichen und ihnen alles Gold und Edelgestein herausnahmen, das sie gerade in den Taschen hatten. Und da sie den Zaubergriff nicht kannten, mit dem man an die Taschen rühren mußte, wenn man wollte, daß sie sich aufs neue füllten, so glaubten Mutter und Tochter, daß sie bereits alles an sich genommen hätten, was die Habe der beiden Fremden ausmachte. Und nun flüsterten sie miteinander, ergriffen die beiden Gäste, die sie trunken glaubten und warfen sie auf die Gasse hinaus. Der Chansohn und sein Freund erhoben sich und kehrten, da es Nacht geworden war, durch das Stadttor zurück auf den Plan, auf den sie ihre Zauberstiefel gebracht hatten und krochen wieder in den hohlen Baum. Nun muß man wissen, daß hier ein Volk ohne Chan war, denn der frühere war ohne Hinterlassung eines Sohnes gestorben und jetzt gerade sollte auf dem Plane, der die Wahlstätte dieses Landes war, die Thronbesetzung vor sich gehen, aus welchem Grund schon früh morgens eine Unmenge Volkes sich da versammelte. Und allerlei Bewerber traten auf, von denen jedoch keiner dem Volke recht war, sodaß Streit begann, der immer wilder tobte. Da stellten die Leute die Wahl unter des Himmels Entscheidung und sagten: ›Wir wollen, daß unsere Priester von einem der hohen Bäume herab, die hier in der Runde stehen, eine den Göttern geweihte Figur herabwerfen und wessen Haupt die Figur, die bei uns Balling heißt, trifft, der soll unser Chan werden.‹ Da drängten sich die Leute, um in die Nähe des Baumes, auf den der Priester gestiegen war, zu gelangen, denn viele wollten König werden. Aber wie der Balling seiner Hand entfiel, erhob sich ein Wind, der die Figur wie durch ein Wunder in weitem Bogen zum hohlen Baum hintrug und dort fallen ließ. Da riefen alle: ›Was ist das, aus einem Baum soll ein Herrscherthron über Menschen entstehen?‹ Einige aber sagten: ›Was in dem Baum sich findet, das kann man nicht wissen; lasset uns zusehen.‹ Da kamen der Chansohn und sein Gefährte zum Vorschein und da man kein Vertrauen zu ihnen hatte, weil sie wie Bettler aussahen, dann aber das Gold und die Edelsteine, die sie aus ihren Taschen hervorholten, gewahrte, wurde der Chansohn König und des armen Mannes Sohn Minister dieses Reichs. Nun hatte der frühere Chan eine reizende Tochter hinterlassen und die setzte der Chansohn jetzt zu seiner Gemahlin ein, worüber sich das Volk freute; und gleich nach der Hochzeit begann er die Regierung. Er rief seinen Minister und sagte: ›Sollen wir vergessen, was uns bei unserer Ankunft von den beiden Frauen in der Nähe des Stadttores angetan ward?‹ Und er gab dem Minister einen Befehl, worauf dieser gleich nach der Zaubermütze griff, die ihn unsichtbar machte und sich zu den beiden Frauen, Mutter und Tochter, begab; und wie er, ohne gesehen zu werden, bei ihnen eintrat, sah er, wie die Tochter, den Kopf zur Seite neigend, mit listigem Lachen bei einem anderen Wanderer saß und ihn fragte, ob er fremd und hungrig sei und ob ihn nach etwas Wein oder Branntwein gelüste? Da kehrte er zum König zurück und nun machten sie sich beide wieder zu den Frauen auf und der König setzte sich hin und sagte: ›So seid ihr? Wisset ihr denn nicht, daß immer jemand kommt, der eine Handlung lohnt?‹ Sie sanken in die Knie: aber er hatte beschlossen, ein guter König zu sein; und wie er nun vermöge der Zauberkraft, die seit jenem Drachentag in seine Hände gegeben war, sie mit der Spitze seiner Finger, unter Beschwörungsworten an der Stirne berührte, wurden sie in zwei Maultiere verwandelt und er sagte: ›Zum Tragen von Stein und von Erde seid ihr gut.‹ Da trieb man sie in den königlichen Stall und niemand durfte auf ihnen reiten; die Tränen rannen ihnen aus den Augen, aber sie trugen nur Erde und Stein. Der Chan aber lebte glücklich und waltete seines Amtes. Nur wenn er des Vaters gedachte, bebte es von Schmerz in seinem Herzen. Aber wenn er sich aufmachen wollte, um ihn wiederzusehen oder ihm ein Lebenszeichen von sich zu geben, hörte er immer eine leise Stimme, die ihm sagte: ›Jetzt noch nicht.‹ Und wie er nun einmal wieder an den Vater dachte und nach seiner Gattin, der Fürstin, des verstorbenen Chans Tochter, fragte, antwortete ihm die Dienerin der Fürstin, die Herrin sei nicht da. Tags darauf, wie er wieder nach ihr fragte, erhielt er die gleiche Antwort, und so auch alle Tage nachher zu der gleichen Stunde, bis es ihn betroffen machte. Wie er denn einmal um diese Stunde in Gram versunken dasaß, trat sein Freund, der Minister ein und sah sein stummes Sinnen und ging stumm wieder weg. Zu Hause angekommen, nahm er die Zaubermütze, die ihm der junge Chan in Verwahrung gegeben und trat ungesehen in die Gemächer der Fürstin, die grade heimkehrte. Da hörte er, wie die Dienerin sagte: ›Was ist dir, worum bist du so traurig, Fürstin?‹ Aber die Fürstin seufzte und schwieg. Darauf fragte die Dienerin weiter: ›Ist er denn heute nicht gekommen, Fürstin? Und kommt er denn nicht alle Tage? Da du die Gattin des Königs bist, mußt du dich schon damit bescheiden.‹ Darauf entfernte sich der Minister. Aber am anderen Tage war er wieder da, mit der Zaubermütze auf dem Haupte und sah, wie sich die Fürstin in einen Palast begab, der in der Nähe der fürstlichen Residenz erbaut war und wie sie dort zu einem das Dach überragenden Turmgemach emporstieg; und immer die Mütze auf dem Kopfe folgte er ihr nach. Da waren nun in dem Gemach hohe seidene Polster, die zum Sitzen einluden, ausgebreitet. Teppiche waren da, herrliche Gewebe an den Wänden, Speisen und Getränke standen bereit. Die Fürstin aber zündete, nachdem sie ihr gewöhnliches Gewand und die übrigen Gegenstände gewechselt und sich nach Waschungen und Einreiben von Wohlgerüchen in Seide gehüllt hatte, Sandelholz und anderes Räucherwerk an. Und da sah der Minister, wie nach einer Weile ein wundervoller Vogel rauschend aus den Lüften herniedergeflogen kam. Stärker wogte der Rauch des Räucherwerks auf; die Fürstin eilte dem Vogel entgegen; mit einem Geräusch, daß es klang wie ›tock, tock‹, ließ er sich auf dem steinernen Gesimse unterhalb des Turmfensters nieder und aus der Vogelbehausung kam der Geist Cuklaketu hervorgetreten, ein Geist von einer Schönheit, die über den Bereich menschlicher Vorstellung hinausging. Nach gegenseitiger Umarmung ließ er sich auf den weichen Polstern nieder, worauf sie ihn mit köstlichen Speisen bewirtete. Da sprach Cuklaketu: ›Jetzt hast du einen Gemahl. Sie sagen, daß er dir vom Himmel bestimmt ist. Was sagst du dazu?‹ Sie erwiderte: ›Jung ist er und daß er mich liebt, sagt er. Aber darnach frage ich nicht‹ ›Aber was für Eigenschaften hat er, was für Fehler?‹ ›Auch danach frage ich nicht und will davon keine Kunde erhalten. Dich liebe ich.‹ Nachdem sie lange beisammen geblieben waren, trennten sie sich für diesen Tag; die Fürstin zog wieder ihre früheren Gewänder an und begab sich zum Chan zurück. Der fragte sie in heißer Umarmung: ›Liebst du mich, Gemahlin?‹ Sie antwortete: ›Ja.‹ Aber des anderen Tages begab sie sich wieder in das Turmgemach und empfing den wiederkehrenden Vogel, ohne zu ahnen, daß der treue Minister kraft der unsichtbar machenden Mütze sie abermals belauschte; und sie lachte, als Cuklaketu sie nach ihrem Gemahl fragte und rief, an seine Brust gelehnt: ›Ach, könntest du doch immer bei mir sein!‹ Da fragte er sie: ›Wie sieht dein Gemahl aus?‹ Und als sie es ihm nicht sagen wollte, sagte er: ›Morgen früh will ich mich selber davon überzeugen, ich werde in Gestalt einer Lerche zu euch ins Haus kommen.‹ Die Fürstin versetzte, in die Hände klatschend: ›Oh, das wird hübsch sein!‹ Als der Minister dann seinem Freunde, dem jungen Chan, alles erzählte, rief dieser empört: ›Das kann ich dir nicht glauben, du bist ein Verleumder!‹ und setzte ihm das Schwert an die Brust. Da weinte der Minister, weil er doch den jungen Chan liebte und sagte: ›Wohl sträubt sich dein Herz dagegen, mir zu glauben, da du doch so rein bist in deinem Wesen und nicht verstehen kannst, zu welchem Ende Menschen Verrat üben und die Treue nicht halten.‹ ›So ist es,‹ versetzte der Chan, ›habe ich sie denn gezwungen?‹ Des andern Tages in der Frühe, als der Chan, der sich selbst nun überzeugen wollte, mit seiner Gemahlin beisammen saß, kam ihr Geliebter in Gestalt eines kleinen bunten Lerchenvogels in das Gemach geschwebt und ließ sich vor ihm nieder, worauf die Fürstin lachend ausrief: ›Sieh da, den kleinen Vogel! Komm, Lerche, komm, an meine Brust!‹ Worauf sie nach ihm griff und ihm den roten Mund zum Kusse hinhielt. Da griff eine unsichtbare Hand nach ihm, die des Ministers, der mit der Zaubermütze auf dem Haupte ebenfalls da war, und er ergriff die Lerche an den Flügeln und hielt den Vogel über das Feuer. ›Ach, der Arme!‹ rief die Fürstin und wurde von einer sich bis zur Ohnmacht steigenden Angst ergriffen. Zugleich schlug sie nach der Stelle, wo die Hand des Ministers war, so daß er den Vogel loslassen mußte und so flog der Vogel davon. ›Nun, Fürst, glaubst du es jetzt?‹ sagte der Minister, als sie wieder allein waren. Der Fürst saß in langem Sinnen da, dann sagte er: ›Nein,‹ sagte er, ›genügt ein Vogelspiel und das Lachen eines roten Mundes, genügt ein Halm, der sich bewegt und ein Schmetterling, der mit ihm kost, zur Entscheidung über menschliche Dinge?‹ Und am folgenden Tage, als die Fürstin sich wieder in das Turmgemach begab und Decken ausbreitete und sich in Seide hüllte, folgte ihr der Gemahl selbst mit der Mütze auf dem Kopfe, die er dem Minister abgenommen hatte und die vor Göttern, Geistern und Menschen unsichtbar machte; und sah, wie seine Gemahlin unverwandten Blicks und zum Himmel emporschauend in heißer Angst dasaß, bis endlich der Vogel taumelnd herangeflogen kam und dann der Jüngling in Menschengestalt aus der Hülle hervortrat, mit verbranntem Arm, so daß sie bei seinem Anblick laut aufweinte und ausrief: ›Wer hat dir das getan?‹ ›Die Hand, die mich ergriff und mich über das Feuer hielt,‹ erwiderte er, ›hat mir den Flügel versengt und den Ann verbrannt. Und wisse, was wir tun, ist nicht gut. Vom Himmel ward dir dein Gemahl bestimmt, und wahrlich, jetzt, wo ich ihn gesehen habe, weiß ich: er ist von den Göttern mit hohen Gaben ausgerüstet.‹ Sie aber rief: ›Verflucht sei er, nur dich liebe ich.‹ Da nahm der Fürst die Kappe von seinem Haupte und sagte: ›Vogel, entflieh!‹ Dann rief er seinen Minister und sagte, indes die Fürstin zu seinen Füßen in ohnmächtiger Angst dalag: ›Was soll ich mit ihr tun?‹ Der Minister sagte es. Darauf erhob sie der Fürst und antwortete nach langem Schweigen, indem er das Gesicht in den Händen verbarg: ›Erinnerst du dich der Mutter und der Tochter, die uns trunken machten und die Edelsteine raubten und uns aus die Gasse hinauswarfen? Leben sie noch?‹ Dann verließ er das Turmgemach und kehrte, indes die Fürstin ihm nachgeführt wurde, in sein Chanhaus zurück. Dort fragte er nach den beiden verwandelten Frauen und ließ aus dem Stall die beiden Maultiere vor sich bringen. Sie hatten die Rücken wundgerieben, weil sie so lange Steine und Erde getragen hatten und troffen von faulem Wut und schmutzigem Eiter und die Tränen rannen ihnen aus den Augen; und der Chan sagte: ›Warum hab ich euch so hart bestraft? Was war ich euch und was war es, was ihr mir geraubt habt?‹ Darauf gab er ihnen die menschliche Gestalt zurück. Dann legte er die Chanmütze und das Chanschwert nieder und sagte auch zu seiner Frau: ›Lebe.‹« »Und kehrte zu seinem Vater zurück?« fragte der Chansohn leise. Da versetzte der Geist Siddhi-Kürs: »Das wahre Glück verscherzend, hat der Chansohn seinem Munde Worte entschlüpfen lassen.« Und entfloh durch die Lust im Fluge mit den Worten: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« Massang, der sein Gesicht sah Abermals ging der Chansohn zum Totenhain hin und nachdem er am Fuße des Baumes die lauttönenden Worte gesprochen, kam Siddhi-Kür herabgestiegen. Der Chansohn steckte ihn in seinen Sack, band diesen mit dem Seile zu und lud ihn auf den Rücken. Als Siddhi-Kür während des Weges ebenso wie früher gesprochen, gab der Chansohn mit dem Kopfe das Zeichen. Da begann Siddhi-Kür seine dritte Erzählung: »Früh vor Zeiten, als Churmusta, der Waldgeist, mit den bösen Geistern der Schumnu den harten Kampf führte und sie trotz aller Anstrengungen seiner Heere nicht zu besiegen vermochte, sagte er einmal, indem er düster vor sich hinblickte: ›Wenn es doch jemanden gäbe, der uns mit seiner Kraft zu Hilfe käme.‹ Siehe, als er so sprach, wurde auf der Erde unten einem armen Mann, der an Habe nichts als eine einzige Kuh hatte, ein Knabe geboren. Seine Mutter saß gerade beim Melken, als sie von den Wehen überkommen wurde und als sie in ihrem Schmerz die Euter losließ, wandte sich die Kuh um und sah ihr beim Gebären zu. Vielleicht war es eine Zauberkuh. Denn als der Vater herbeikam und das Kind aufhob, erschrak er, denn das Kind war gar nicht schön wie Menschen sind, sondern es hatte einen Kopf, bei dessen Anblick man lachen mußte. Beinahe wie ein Öchslein sah es aus, mit langem Unterkinn, breiten Lippen und einer breiten, breiten, kurzen Stirne. Kurz, ganz wie ein Ochs. Da erschrak also der Vater und sagte: ›Kerl, wo bist du denn hergekommen? Mir scheint, es ist am besten, wenn ich dich töte.‹ Da begann das Kind zu reden und seine Stimme war nicht mehr wie die eines eben geborenen Menschleins, welches be-be greint, und es sagte: ›Mein Vater, töte mich nicht. Ich werde es dir lohnen.‹ Worauf der Vater sagte: ›Frau, denk dir so was, der Kerl kann schon reden... Nein, fürchte dich nicht, Mutter, ich werde ihn nicht töten.‹ Dabei berührte er den Kleinen am Kopfe und sagte: ›Aber unter die Menschen gehörst du nicht, sondern in den Wald.‹ Und richtig, da sie nicht in einer Stadt wohnten, wuchs der Kleine im Wald auf. Sie nannten ihn Massang. Und eines Tages, als er schon ein tüchtiger Bursche war, sagte er: ›Holla, Vater, Mutter, ich geh in die Welt!‹ Und wie er so Tage und Tage dahinzog und einmal mit seinem Bogen im Walde eben einen Luchs vom Baume geschossen und mit einem Knüttel einen Bären vor die Stirne geschlagen hatte, gewahrte er am Fuße eines Baumes jemanden, der dort saß: es war ein schwarzfarbiger Mensch. Massang mit dem Rinderkopf sagte: ›Teufel, wer bist du?‹ ›Ich bin,‹ erwiderte jener, ›ein Mensch.‹ ›Ein vollkommen ausgewachsener?‹ ›Ja, freilich.‹ ›Wie kommst du denn daher?‹ ›Ich bin,‹ erwiderte der Schwarze, ›aus diesem Walde.‹ ›Und willst du hier bleiben?‹ ›Ich möchte schon weiter ziehen,‹ sagte der Schwarze. Darauf versetzte Massang: ›Das trifft sich gut, du bist schwarz und ich bin der Massang mit dem Rinderkopf da oben. Komm laß uns Gefährten sein.‹ Indem sie nun beide als Gefährten weiter wanderten, kamen sie an einen großen Rasenplatz und erblickten dort einen grünfarbigen Menschen. ›Wer bist du?‹ fragten sie ihn. ›Ich bin,‹ antwortete er, ›ein dem Rasen entstammender Mensch.‹ Worauf Massang lachte und sagte: ›Was tust denn du hier, Grüner? Ist's denn dir nicht langweilig, hier immer im Faulen zu grasen?‹ Worauf sie Gefährten wurden und nachdem sie sich Freundschaft geschworen, weiter durch die Welt zogen, wo sie zu einem Kristallhaufen gelangten. Wie sie vor demselben standen, gewahrten sie einen weißfarbigen Menschen; da staunten sie und Massang fragte: ›Kerl, wer bist denn du?‹ Sagte der Weiße: ›Vom Kristall bin ich geboren.‹ ›Hm,‹ erwiderte Massang und betupfte ihm mit dem Finger das Gesicht und sagte: ›Hm, wirklich, weiß ist deine Haut. Und was willst du denn auf deinem Kristallberge anfangen, Weißer? Möchtest du nicht lieber mit uns wandern?‹ Sagte der Kristallmensch: ›Ja.‹ Da sie nun alle vier als Gefährten dahinzogen, gewahrten sie auf der Randspitze eines Berges eine kleine Hütte und Massang sagte: ›Gehen wir hinauf.‹ Darauf meinten der Schwarzfarbige aus dem Walde, der Grünfarbige vom Rasen und der Kristallene vom Kristallberg, ob da nicht oben vielleicht ein Feind wäre. Aber Massang mit dem Rinderkopf sagte, ach, was, und richtig behielt er recht. Denn als sie hinauf gelangten, war niemand darin. Wohl aber fanden sie drinnen Essen und Trinken, eine Axt, sowie Pfeile und Bogen, dann Messer, daß sie genug hatten und Schuhe aus Leder, sowie vieles andere; und neben der Hütte war ein Hof mit Vieh und dergleichen andere Habe in Menge darin. ›Nun seht ihr,‹ sagte Massang und sie ergriffen davon Besitz und ließen sich nieder. Massang, wiewohl er der jüngste war, kommandierte, denn sie sahen, daß er gescheit war und alle Tage gingen nach seiner Anordnung je drei auf die Jagd und einer hütete das Haus und hatte das Fleisch zu kochen, die Kleider zu flicken und die Butter zu schlagen. Auf der Jagd aber war's spaßig. Entweder sie gingen alle zusammen oder jeder nach einer anderen Richtung; und wenn sie zusammen gingen und Rast hielten, sprachen sie über das und jenes, wenn sie aber jeder wo anders hingingen, war's auch nicht langweilig, besonders für Massang. Zum Beispiel, wie er einmal durch den Wald ging, vorsichtig, um das Wild nicht zu verscheuchen und so leise, daß nicht ein Zweig unter seinem Fuße knackte, sah er aus dem Dickicht einen Bären hervorkommen, der einen Augenblick die Nase hochhob und auf ihn zutappen wollte. Lachte Massang in sich hinein und sagte sich leise: ›Komm, komm. Oder willst, daß ich dich mit was anderem begrüße?‹ Und er traf mit dem Pfeil das Tier mitten in die Stirn. Dann streckte er sich neben einem Quell aus, fraß ein Stück Fleisch und anderthalb Brote und sang dann ein Lied. Er sang: ›Bärenklau, Vater! Geierbart, Vater! Wolfszähne, Vater!‹ Und so vaterte er noch lange und wie er sich dann, um zu trinken, zum Quell hinabbeugte und sein Bild darin erblickte, lachte er wieder und nickte und sagte: ›Schwarzgesicht, schön ist's, Grüngesicht, schön ist's, Weißgesicht, fein ist's, Und, Vater, ich bin ein Ochs!‹ Wenn sie aber zu dritt gingen – weil ja der vierte immer zu Hause blieb, wo er kochen mußte – da war's auch gut, besonders wenn sie sich zur Rast irgendwo hinsetzten und Massang plötzlich brüllte: ein Wolf ist da! Und die andern erschrocken auffuhren. Oder wenn von einem Baum herab plötzlich Trümmergestein auf sie herabsauste, oder ein Luchs, den er oben erwischt hatte, von seinen Händen zerrissen auf sie herunterfiel. An einem solchen Tage, wie er zu ihnen wieder von einem Baum herunterstieg und sich hinlagerte, sagte er plötzlich: ›Du, Schwarzer, eins weiß ich nicht, bist du wirklich aus der Erde hervorgekommen oder hast du einen Vater?‹ Der schwarze Waldmensch erwiderte: ›Ich habe einen Vater, der drehte sich einmal im Walde um und ließ mich allein.‹ ›Und wie ist es mit dir, Grüner?‹ fragte Massang, ›hat dich ganz so nur der grüne Rasen hervorgebracht oder hast du auch einen Vater?‹ Antwortete der Grüne: ›Ich habe einen. Der entfloh, als Wölfe kamen und ließ mich allein.‹ ›Hübsch,‹ sagte Massang und lachte. ›Von dem Kristallenen weiß ich es ohnehin. Der ist auch nicht von dem Kristall, aus dem der Kristallberg ist. Wie sein Vater einmal in der Ferne etwas gelb schimmern sah und meinte, daß es von Gold wäre, warf er den Kleinen auf den Kristallhaufen und sagte: nach dem anderen muß ich jagen. Und ich bin der Ochsenmensch und Bärenklau und Geierbart und viele schöne Dinge bringe ich einmal meinem Vater nach Hause.‹ So sprachen sie, wenn sie zu dritt waren, miteinander. Aber da ereignete sich eines Tages etwas; wie nämlich der Schwarze, Waldentsprossene, das Haus hütete – er hatte eben Butter geschlagen und das Fleisch zum Kochen über das Feuer angesetzt – hörte er, daß auf der Leiter draußen jemand heraufkam. Denn man muß wissen, daß man in die Stube nicht gleich unten durch eine Türe hineinkam wie es bei uns der Fall ist, sondern die Stube war oben und man gelangte über eine Leiter hinauf, so daß man nicht zu fürchten brauchte, es käme plötzlich durch die Türe herein was weiß ich, ein Bär oder ein Wolf. Also wunderte sich der Waldmensch, wie er das Geräusch hörte und nun denke man sein Staunen, als er eine kleine häßliche Alte mit einem Korb auf dem Rücken vor sich sah. Sie war aber eine Zauberin und sagte: ›Du, Fleischkochender, laß mich etwas kosten, etwas Milch und ein Stückchen Fleisch nur, weil ich so klein bin.‹ Und als er es tat, fühlte er eine Ohrfeige im Gesichte und die Alte war verschwunden, sowie das ganze Fleisch auf dem Herde und die ganze Milch auch. Da schämte er sich vor den Gefährten und als sie heimkehrten, erzählte er, daß viele Männer mit ihren Pferden gekommen seien und alles geraubt hätten. ›Und wovon ist deine Wange so rot?‹ fragte Massang. Der Schwarze erwiderte: ›Weil sie mich geohrfeigt haben.‹ ›Und warum ist die Erde um das Haus herum nicht zerstampft?‹ ›Weil sie die Pferde hübsch weit vom Hause zurückgelassen haben.‹ ›Und warum ist denn hier im Stalle nichts geschehen?‹ ›Weil sie ihn wahrscheinlich nicht gesehen haben.‹ Pfiff sich Massang eins und sagte: ›Du hast recht.‹ Den folgenden Tag, als der vom Rasen Kommende das Haus hütete, ging es ebenso. Die Alte kam, er gab ihr, was sie wollte, sie versetzte ihm die Ohrfeige und verschwand mit der Milch und dem Fleische und als seine Gefährten abends nach Hause kamen, erzählte er, hundert Männer mit Maultieren seien gekommen, die alles raubten. Und am dritten Tage, als der Kristallene zu Hause war und Massang mit den Gefährten abends heimkehrte und sich nichts vorfand, sagte er zum Weißgesichte: ›Du, weh dir, wenn jetzt Männer mit Rindern dagewesen sein sollten, über die Rinder laß ich nichts sagen, weil ich doch selber ein Rindergesicht habe. Na, ist schon gut!‹ Da überlegte er nun die Nacht über und wie er sich leise vor das Haus hinausschlich, weil ihm vorkam, daß er um den Stall draußen ein Geräusch hörte, da gewahrte er, wie hinter dem Gebüsch, das das Haus umstand, etwas dahinschwebte und hörte, wie jemand etwas auf den Boden stellte und selbst für eine Weile verschwand. Dies war aber die alte Zauberin; und erinnerst du dich, was ich dir gleich anfangs von Churmusta, dem Geist und seinem Kampfe mit den Schumnu erzählt habe? Nun, jetzt kann man es schon sagen, daß die Alte mit der Sache auch etwas zu tun hatte und eben entschwebte sie der Erde, weil sie irgendwohin berufen worden war. Wie sie nun durch die Luft dahinflog, gleich einem großen grauen Vogel und inzwischen ihren Korb auf der Erde zurückließ, kam Massang herangeschlichen und wie er den Korb öffnete, fand er darin das Fleisch und die Milch von heute mitsamt dem Geschirr, worin beides in der Küche gewesen und außerdem waren ein eiserner Hammer, eine eiserne Zange und ein aus gehörigen Schafsehnen gewundener Strick in dem Korbe. Da lachte Massang und dachte sich: ›Für wen hat sie das mitgenommen? Offenbar für das Rindergesicht, weil sie doch von diesen Dingen gegenüber meinen Gefährten gar keinen Gebrauch machte.‹ Und flugs nahm er die Zange, den Hammer und den Strick, tat statt dessen rasch einen morschen Strick in den Korb, sowie eine Zange aus Holz und einen hölzernen Hammer mit einem dünnen Griff, der sofort brechen mußte. Dann legte er sich weit weg auf die Lauer und sah richtig, wie nach einer Weile die Alte wieder herabgeschwebt kam. Dann ging er ins Haus und weil es inzwischen Tag geworden war und die Gefährten auf die Jagd gingen, blieb er allein. Richtig machte es auf einmal auf der Leiter ›Knirsch, knirsch‹ und die Alte kam herein und sagte: ›Bist du der Massang? Du gefällst mir so gut und wirst doch Mitleid haben und mir etwas zu essen geben, mein Söhnchen.‹ Sagte er, daß das Fleisch für sie nicht gut sei, da sie doch keine Zähne habe und die Milch, weil sie einen schlechten Magen habe und das Obst nicht, weil es noch sauer sei und sie nur Vergnügen an Süßigkeiten habe, worauf sie zornig wurde und sagte: ›Machst du dir einen Spaß aus mir, Ochsengesicht?‹ Antwortete er: ›Hexengesicht für Ochsengesicht! Ich kenne dich, Alte.‹ Und wie sie nun nach dem Hammer griff, brach der Stiel entzwei und die Zange war von Holz. Und er hielt sie mit der eisernen Zange fest, sodaß er sie niederwarf und ihre Hände und Füße mit dem Sehnenstrick zusammenschnürte. Dann schwang er den Hammer über ihrem Haupte, um sie zu erschlagen, wenn sie nicht sofort sagen würde, was sie mit ihm wollte. Sie sträubte sich; doch wie er es einmal und zweimal rief und sie zum drittenmal mit dem Hammer auf die Stirne schlug, daß ihr das Blut hervorschoß, flehte sie, daß er sie nicht töten möchte. ›Alles will ich dir sagen, Söhnchen,‹ flehte sie, ›Schumnu hat mich geschickt, damit ich dich gefesselt hinaufbringe, auf daß du ihm im Kampfe gegen Churmusta helfen möchtest. Und wenn du mich jetzt losläßt und dorthin und dorthin gehst, wo du zu einer furchtbaren Felsenspalte gelangst und in sie hinabblickst, wirst du drin Gold und Edelsteine sehen sowie viele Panzer und dergleichen kostbare Dinge, mit denen dir gelohnt sein soll, daß du mir das Leben geschenkt hast.‹ Lachte das Rindergesicht und sagte: ›Zu Schumnu geh ich nicht und deine Edelsteine mag ich nicht und dich zu töten brauch ich nicht. Fort mit dir, Hexengesicht, schau, daß du davon kommst!‹ Nun, wie die Gefährten heimkehrten, kann man sich denken, was sich zutrug. ›Kommt ihr endlich,‹ sagte er, ›gewiß werdet ihr hungrig sein und auf das Fleisch und die Milch warten.‹ Sahen sie ihn von der Seite scheu an. ›Also hier ist das Fleisch und hier ist die Milch,‹ fuhr er fort und setzte vor sie die Riesenschüsseln hin, mit einem halben Eimer Milch und einem ganzen Gebirge Fleisch für einen jeden, worauf er sagte: ›Fraget ihr nicht, ob jemand da war? Also seht ihr, ihr Lügner, dumm und feig waret ihr alle drei miteinander. Eine kleine Alte hat euch gefoppt, so groß wie eine Spanne, das waren eure Männer mit den hundert Maultieren, Pferden und Rindern.‹ Und er erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte. Da schämten sie sich. Aber wie er ihnen zuletzt das von dem Gold, sowie den Panzern und den Edelsteinen sagte, blickten sie auf und meinten, es wäre doch gut, zur Felsenspalte hinzugehen, so was finde man nicht alle Tage. Sagte er: ›Ha, ha, da seid ihr plötzlich klug und könnet wieder reden!‹ Und er wollte nicht, bis einer sagte: ›Wenn du es nicht brauchst, wird es aber vielleicht für deinen Vater gut sein, wenn du uns hinführst.‹ Antwortete er: ›Hm, hm, es gefällt mir nicht; aber meinetwegen. Ich möchte ihm schon etwas bringen.‹ Da machten sie sich auf und Massang führte sie den Weg, den die Alte genannt hatte, bis zur Felsspalte; und wie sie da hinabblickten, sahen sie richtig die Geschmeide, die Panzer und die anderen goldenen Dinge. Und da sprach Massang: ›Also, wer steigt hinab und bindet sie an ein Seil, daß wir sie heraufziehen? Wollt ihr hinunter oder soll ich's?‹ Sagten sie, er möchte es tun, worauf er sich an einem Seil hinunterließ und ihnen die Sachen nach oben reichte, bis nichts mehr unten übrig war. Und wie es nun so weit war, sprachen sie untereinander: ›Wozu brauchen wir ihn wieder herauf in die Welt, damit er uns einen Teil wegnimmt, wo es doch für uns besser ist, wenn wir zu dritt teilen.‹ Und so ließen sie ihn, ohne, ihn heraufzuziehen, in der Felsenhöhle zurück. Da dachte er in seinem Innern: ›O, du Schwarzer, Weißer und Grüner, wie habe ich das verdient. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben. Ein Stück Brot hätten sie mir doch lassen können!‹ Denn nichts zum Essen, keine Wurzel, kein Moos, kein Blatt war da, wie er auch den Abgrund durchsuchte. Da wandte er das Gesicht nach oben und rief: ›Churmusta, sieh!‹ Und wie er so rief, fand er drei Kirschenkerne. Es waren aber drei Zauberkerne und er legte sie, da er es nicht wußte, neben sich in die Erde, unten, die feucht war und sagte: ›Ist das alles? Also will ich mich hinlegen und schlafen und erst wieder erwachen, wenn aus diesen drei Kirschenkernen drei Kirschenbäume geworden sein mögen.‹ Nur um seinen Vater tat es ihm leid. Und er schlief ein und gedachte zu sterben. Aber es waren, wie gesagt, Zauberkerne und während er schlief, wuchsen sie und wuchsen; und durch den Zauber, der in ihnen war, geschah es, daß er nicht sterben mußte, sondern er blieb schlafend am Leben. Und es dauerte nicht einmal so lange, nur zehn oder zwölf Jahre, oder vielleicht noch weniger oder etwas länger, da erwachte er von einem Gesang; und wie er hinaufsah, war es ein Vogel, der auf einem der drei Bäume saß, die schon bis zur Öffnung der Felshöhle reichten. Und da dachte er: ›Schau, wie fein! Muß ein hübsch langer Schlaf gewesen sein‹ und stieg hinauf. Darauf schritt er der früheren Behausung zu, doch war niemand darin, nur sein eigener eiserner Bogen samt Pfeil war noch da. Er war zu schwer für sie, dachte er, nahm ihn und ging weiter. Von seinen früheren drei Gefährten hatte sich jeder ein Weib genommen, ein Haus sich gebaut und sich darin niedergelassen. Als er zu ihren Wohnungen gelangte, war keiner da, nur die Frauen. ›Wohin sind eure Männer gegangen?‹ fragte er. ›Auf die Jagd.‹ ›Und geht es ihnen gut?‹ ›Dem Himmel sei Dank,‹ sagten die Frauen, ›es geht ihnen recht gut.‹ ›Und wer sind die Kleinen da?‹ ›Das sind unsere Kinder.‹ Die Kinder begannen zu weinen, als sie sein Gesicht sahen. Er sagte: ›Weinet nicht‹ und nahm seinen Pfeil und Bogen, um in den Wald zu gehen und dort die drei zu erwarten. ›Hunde,‹ sagte er, ›undankbare, ich will Gericht halten über euch.‹ Und prüfte Pfeil und Bogen, ob sie gut im Stande wären, wenn er sie niederschießen wollte. Und richtig, wie sie mit Wildbret beladen zurückkehrten und er auf sie anlegte, sanken sie in die Knie und flehten: ›Schone uns, du bist im Recht, alles wollen wir dir abtreten, Haus und Vieh, weil es dir zugehört; aber um unserer Kinder willen habe Mitleid.‹ Da nickte er und sagte: ›Also gut, damit eure Kinder nicht weinen. Von Freunden war eure Tat nicht schön. Aber um eurer Kinder willen behaltet alles.‹ Und er machte sich weiter auf den Weg zum Lande, wo sein Vater war. Aber wie er so dahinging, erblickte er ein reizendes Mädchen, das auf eine Quelle zuschritt und sah, wie unter ihren Schritten eine Blume nach der andern hervorsproßte. An der Quelle hielt sie still und sah sich nach ihm um und bot ihm, als er herankam, das Wasser aus dem Krug zum Trunk. Und wie er wieder in den Quell hinabsah und sein Gesicht darin erblickte, sah er scheu zu dem Mädchen empor und sagte: ›Schön bist du, Göttin.‹ ›Woher weißt du,‹ fragte sie, ›daß ich eine Göttin bin?‹ ›Weil du so schön bist.‹ antwortete er, ›nicht wie ich und die Menschen es sind: und weil unter deinen Schritten die Blumen immer hervorsprießen. Wer bist du?‹ Sie antwortete, daß sie die Tochter Churmustas sei und daß er ihr folgen möge. ›Wohin?‹ ›In den Götterhimmel zu meinem Vater.‹ Er antwortete, er müsse aber zu seinem Vater gehen, um ihm seinen Dank abzustatten, er habe ihn so lange nicht gesehen. Darauf sagte das Mädchen, er möge ihr für eine Weile doch folgen, um den Kampf der Weißen und der Schwarzen mitanzusehen und dann wieder zurückkehren, wenn es ihn nicht zum Bleiben triebe und da ging er mit ihr zu Churmusta. Und wie er hinkam, war es mitten im wütendsten Kampf und er sah, wie eine Herde schwarzer Stiere gerade gegen die weißen Götter anrannte und Churmusta schrie: ›Sie überwältigen uns. Massang hilf!‹ Worauf Massang seinen eisernen Bogen spannte und einen Pfeil abschoß und den Befehlshaber der Schwarzen, der mitten auf der Stirne ein Strahlenauge hatte, in dieses Auge traf, sodaß er unter Geheul die Flucht ergriff und alle Schwarzen mit ihm und Churmusta voll Freude aufjauchzte. ›Wie danke ich dir,‹ sagte er, ›bleibe immer bei mir.‹ Aber Massang sagte, ob auch das Mädchen, die Göttertochter, ihn darum bat: ›Ich bleibe nicht, ich habe mein Gesicht gesehen. Ich gehe zu meinem Vater.‹ Da führte ihn das Mädchen den Weg zur Erde zurück; und sagte zum Abschied, indem sie zum Götterhimmel empor wies: ›Dort am Himmel werde ich immer als ein Stern stehen und nachts zu dir herableuchten. Und hier nimm noch sieben Körner in die Hand und trage sie immer bei dir und verliere sie nicht. Nur wenn dir etwas sehr weh tun wird, nimm sie und streu sie zum Himmel empor, dann werden wir uns wiedersehen.‹ Er schüttelte den Kopf und ging und kam zu seines Vaters Haus und freute sich sehr. Aber da der Vater heraustrat und ihn erblickte und etwas sagte, da griff es ihm ans Herz und er fiel um und ergriff mit der Hand die sieben Körner und warf sie zum Himmel empor. Da kam eine silberne Kette herab und trug Massang zum Himmel empor und auch die sieben Körner, die seitdem als die sieben Sterne am Himmel leuchten.« Der Chansohn weinte und sagte: »Welches war das schreckliche Wort, das ihm der Vater gesagt?« Da sprach Siddhi-Kür: »Das wahre Glück verkennend, hat sich der Chansohn ein Wort entschlüpfen lassen.« Und mit dem Ausruf: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« entschwand er. Der Schweinskopf-Zauberer Der Chansohn machte sich von neuem auf, Siddhi-Kür zu holen und lud ihn wie das vorige Mal auf den Rücken. Während des Wanderns wiederholte Siddhi-Kür die Worte wie früher und als ihm der Chansohn durch eine Bewegung des Hauptes die Erklärung gegeben, daß er nichts erzählen werde, da begann Siddhi-Kür seine vierte Erzählung: »Früh vor Zeiten,« so begann er, »lebten einmal in einem blühenden Reiche ein Mann und eine Frau. Der Mann hatte gar schlechte Eigenschaften. Wenn er aß und trank, war es, wie wenn unanständige Tiere essen und trinken. Mit den Lippen machte er immer: schmatz, schmatz und nicht genug daran, jappte und schwappte er mit der Zunge. Und erst beim Arbeiten! Schlafen, wenn andere sich plagten und müßig dasitzen, wenn sie sich mühten und sorgten, das war seine Arbeit. Seine Frau war darob steinunglücklich. ›Sitz doch nicht so müßig da!‹ schrie sie, ›in der Welt muß man sich rühren, wenn man es zu etwas bringen will und da liegt das Faultier grunzend da und frißt. Fühlst du nicht, was die Welt dazu sagen wird, wenn sie solch ein Schmarotzervieh sieht?‹ Worauf er sich schämte, aber doch wieder nichts tat. Infolgedessen hörte das Zetern und Schreien nicht auf und täglich wiederholte sie neu: ›Das von deinem Vater überkommene Vermögen ist weg, verfressen und vertan von solch einem Schweine. Schäm dich doch vor der Welt, rühr dich, zieh deine Kleider an und wenn ich an die Feldarbeit gehe, wird es dir, Stinktier, auch nicht schaden, wenn du dich ein wenig umsiehst.‹ Da sagte er sich endlich eines Tages: ›Vielleicht hat die Frau doch recht und wer weiß, vielleicht ist das Arbeiten und Verdienen gar nicht so schwer, als wie es mir scheint. Hm, die Frau sagt, daß man arbeiten muß und sie ist nicht dumm; und wenn sie also so dafür ist, dann geht es ja vielleicht auch, ohne daß man zuviel schwitzt.‹ Dann kratzte er sich am Kopfe und sann noch einmal darüber nach und die Leute, die vorübergingen, meinten schon wieder, daß er nur so faulenzend dahocke, weil sie nicht merkten, daß er nachdachte und was das für eine Arbeit ist. Denn ich bitte dich, es ist doch ein Unterschied, ob man Fliegen fängt oder nachdenkt. Also sagte er sich: ›Und überhaupt, das ewige Gezeter von der Frau ist mir schon zu dumm. Wobei es wahr ist: die Welt denkt sich was Schönes... Also die Welt soll mal was sehen.‹ Und so kann man sich vorstellen, wie die Frau erstaunt war, als sie keuchend und schwitzend vom Felde heimkam und den Mann nicht fand. Denn er hatte sich richtig Kleider angezogen und war aus dem Hause gegangen und niemand wußte wohin, ob in die Stadt hinein oder auf das Land. Aber er war gelassen schlendernd mit einem Stab in der Hand zum nahen Wald und durch denselben zu einem weiten Platz gegangen, den ein in der Umsiedlung begriffener herdenreicher Stamm eben verlassen hatte. Dort legte er sich ins Gras und sah in den Himmel hinauf, dann ließ er blinzelnd die Augen über den verlassenen Lagerplatz gleiten. ›Hm,‹ sagte er, indem er sich auf den Ellbogen stützte, ›die hier haben gearbeitet und dort sehe ich sie noch mit ihren Wagen und Herden in der Ferne nach einem andern Platz ziehen, was auch eine Arbeit ist, namentlich, wenn die Sonne so brennt. Und hier haben sie nichts zurückgelassen... Oder wer weiß, vielleicht doch etwas.‹ Darauf erhob er sich und ging, mit dem Stock vorsichtig allerlei Gerümpel durchstöbernd, den Platz ab, wobei er auf einmal etwas daliegen sah, das vielleicht von einem Wagen oder von einem Pferd heruntergefallen war; und wie er es aufhob, war es ein Schlauch ganz mit Butter gefüllt. ›Aha,‹ sagte er, ›meine Alte hat doch recht‹ und wie er nach Hause kam, sprach er: ›Du hast recht, sieh, was ich dir gebracht habe.‹ Da freute sich die Frau und da sie fragte, erwiderte er: ›Erarbeitet habe ich mir das, den Leuten habe ich beim Aufpacken geholfen.‹ Worauf sie: ›Na, siehst du, wie sich ein Mühen immerdar lohnt. Und wenn wir schon davon sprechen: wo in aller Welt geschieht es unter dem Männervolk, daß einer stets an einem Orte sitzt? Indem du einen Augenblick ganz in die Nähe ausgegangen bist, hast du schon soviel heimgebracht. Denk, wie es wäre, wenn du dich weiter aufmachtest.‹ Sagte er: ›Auch das ist wahr; also Frau lebe wohl.‹ Und er machte sich auf in die Weite. Er nahm ein Pferd, Kleider und andere gute Sachen mit und überall, wo man ihn nach dem Wie und Warum fragte, sagte er dies und das und daß er in das Land wolle, wo man tüchtig arbeiten kann. Und weil das Reiten müde macht, streckte er sich eines Tages auf einer Wiese unter einen Baum am Rande eines Baches zu kurzer Rast hin und sagte zu seinem Pferde: ›Du, Pferd, um dich anzubinden, müßte ich zwanzig Schritte hin zu jenem hübschen kleinen Baum, denn hier, wo ich liege, geht es nicht, weil seine Äste nicht bis auf die Erde herunterreichen. Auch ist der Stamm so dick, daß unser Leitseil nicht ausreicht, um es ringsherum zu schlingen. Wenn ich dir aber die Füße binden soll, so wird es dir erstens vielleicht nicht recht sein, weil du dann so herumhopsen mußt; und dann müßte ich erst wieder aufstehen und den Kleiderpack von deinem Rücken nehmen und darin herumkramen, ob ich den kurzen Strick finde, der zum Zusammenbinden deiner Füße paßt. Also weißt du ...‹ Und während er so philosophierte, schlief er ein wenig ein. Wie er aufwachte, war das Pferd mitsamt dem Sattelzeug, dem Kleiderpack und dem kurzen Strick, der sich darin befand, alles fort, worauf der Mann sehr den Kopf schüttelte. ›Das hat man davon,‹ sagte er, ›ich will arbeiten und da macht einem das Tier solche Geschichten und geht zu anderen Menschen hin, zu Dieben oder was weiß ich.‹ Und so mußte er denn zu Fuß weiter und kam in eine Stadt, in der war ein Palast, der ihm sehr gefiel und hinter dem Palaste waren Ställe, Magazine und Wirtschaftsgebäude, die gehörten alle zum Palast; und das ganze war Eigentum des Chans, der ein gewaltiger König war. Wie nun unser Mann in die Gebäude hineinblickte, gefiel ihm am besten ein Stall, in dem sich's bequem hineinschlüpfen ließ, weil grade niemand aufpaßte. Und außerdem muß man wissen, daß in einem Winkel dieses Stalls berghoch, bis an die Decke, Heu aufgeschüttet war, so daß der Mann sich dachte: ›Das ist ja ein vorzügliches Versteck. Erstens ist es so dunkel, daß ich ruhig im Heu daliegen kann, ohne daß man mich gleich sieht und vertreibt. Zweitens ist es hübsch kühl und drittens kann ich, wenn grade niemand aufpaßt hinausschlüpfen und sehen, ob ich mir etwas erarbeite und ruhig wieder zurückkehren.‹ So arbeitete er sich denn auf den Heuhaufen hinauf und wenn jemand in den Stall unten eintrat, zog er gleich ein Büschel Heu vor das Gesicht. Und wie er so dalag, man denke, kam die Tochter des Chans mit einigen Hofdamen unten eingetreten, um nach den Pferden ihres Vater zu sehen und tätschelte sie und gab ihnen süße Namen. Doch wie sie herumging, entfiel ihr etwas. Es war ein kostbarer Talisman und niemand bemerkte es; aber der Mann oben im Heu sah es und dachte sich, da ist ja schon etwas und wollte, als sie den Stall wieder verließen, wieder hinunterrutschen, um das Geschmeide an sich zu nehmen. Da trat aber eine Stallmagd mit dem großen Besen herein, die den ganzen Mist zusammenkehrte und ihn grade an der Stelle, wo der Talisman lag, zu einem Haufen zusammentat und mit dem Rücken einer Heugabel zusammenklopfte. Gleich darauf kam draußen ein Wagen vorgefahren, auf den die Magd den Haufen verlud und zwar mitsamt dem Talisman, der darin zusammengeklebt steckte. Da rutschte der Mann vom Heuschober herunter, schlich hinaus und folgte dem Wagen bis zu einem Gehöfte, wo der Mist wieder abgelagert wurde. Und richtig erging tags darauf eine Kundmachung in der Stadt, des Inhalts, daß die Tochter des Chans ihren Lebenstalisman verloren habe. Die große Gesetzverkündigungstrommel wurde gerührt, die Wahrsager und Zeichendeuter wurden berufen und sämtlichen Untertanen verkündigt, daß dem Reich ein großes Unglück bevorstünde, wenn der Stein sich nicht finden sollte. Und als der Mann, der sich dort in der Nähe des Haufens wieder in einen Heuschober auf die Lauer gelegt hatte, das Geschrei und den Trommelwirbel hörte, dachte er sich: Aha. Und als der Verwalter kam und ihn fragte: ›Was tust du da, gewiß bestiehlst du mich heute nachts.‹ Antwortete er: ›Ich, stehlen? Herr, ich bin ein ernster Mensch, ich bin ein Wahrsager.‹ Nun und natürlich erfuhr gleich der König, daß ein fremder Wahrsager da sei und da er erbittert war, weil die anderen Wahrsager ihm die Sache nicht hatten herausbringen können und er ihnen darum die Köpfe vor die Füße legen ließ, schrie er: ›Herbei mit dem Fremden! Wollen sehen, ob er auch einer von den Brüdern ist, die das Wahrsagen zu verstehen behaupten, wo sich dann herausstellt, daß ein Schaf mehr weiß als sie.‹ Gleich sendete er die Polizei ab, um den neuen Wahrsager zu holen. Der aber sagte, als er aus dem Heu hervorkroch und sie ihn in seinen Fetzen erblickten: ›Ich habe ein Gelübde getan, wenn es nicht anders sein muß, mich immer nur in Fetzen zu kleiden, aber so vor Leute hinzutreten ist nicht schön.‹ Und der König erklärte, als man ihm davon Mitteilung machte, das sei offenbar ein sehr anständiger Wahrsager und ließ ihm vor allem ein schönes, mit Pelz verbrämtes Obergewand senden, sowie ein hohe Mütze, die oben etwas unter der Spitze herum auch mit Pelz besetzt war, ein Marderschwanz war es. Und als er vor den König geführt wurde und dieser fragte, ob er zum Zaubern noch etwas brauche, sagte er: ›Ja, auch ganze Stiefel und ein reines Untergewand, vor allem aber einen großen Balling, das ist eine Zauberfigur und ein fünffarbiges Seidentuch. Dann ein Pferd, weil ich zum Wahrsagen darauf herumreiten muß, sowie einen Schweinskopf.‹ ›Was,‹ fragte der König, ›einen Schweinskopf?‹ ›Ja,‹ erwiderte der Mann, ›und ein recht großer muß es sein.‹ Schrie der König: ›Rasch einen Schweinskopf herbei! Wer weiß einen Schweinskopf.‹ Riefen die Höflinge, weil sie alle so vor dem König erzitterten: ›Großmächtiger Chan, erzürne dich nicht und schone uns. Wir haben ja Schweinsköpfe die Menge.‹ Worauf sich der König besänftigte und wirklich war bald ein hübscher, großer, fetter Schweinskopf mit aufgeworfenem Rüffel und abstehenden Ohren da. Da setzte ihn nun der Zauberer auf die Spitze eines Holzes, putzte ihn mit dem fünffarbigen Seidenstoff aus und steckte ihn in die große Ballingfigur, in die er fünf Löcher gebohrt hatte, sodaß aus jedem ein Zipfel von dem Seidenstoff herausflattern konnte. Dann saß er einen Tag und eine Nacht in ernstem Nachdenken da, worauf er den König fragte: ›Ist in dieser Stadt Mist?‹ Der König wandte sich an seine Minister, diese an die Unterminister, diese an ihre Polizeihauptleute und nachdem alle gehörig nachgeforscht hatten, antwortete der König dem Zauberer: ›Ja, in dieser Stadt ist Mist.‹ Der Zauberer nickte und sah wieder einen Tag und eine Nacht stumm da, nach welcher Zeit er den König wieder fragte: ›Pflegt es vorzukommen, daß die Leute den Mist wegkehren?‹ Worauf die Minister und die Unterminister und die Polizeihauptleute abermals eiligst nachforschten und der König dem Zauberer antwortete: ›Ja, es pflegt vorzukommen, aber nicht oft.‹ Ihr müßt aber wissen, daß der Kerl, als er bei seinem Hausherrn in das Heu geschlüpft war, diesen zu seinen Leuten sagen hörte, daß sie auf dem Platz vor seinem Stall erst nach vier Tagen reine machen sollten. Und wie er nun den dritten Tag und die dritte Nacht ernst nachdenkend dagesessen war und der König wieder bei ihm eintrat, sagte er: ›Jetzt brauche ich nur noch eine ganz kurze Zeit weiter nachzudenken, aber der Schweinskopf befiehlt mir, daß du, König, heute jedenfalls bei Gefahr der Todesstrafe das Mistwegführen verbieten sollst. Da erschauerten die Leute in der ganzen Stadt und alle, die vor ihren Häusern gerade die Schaufeln und Spaten angesetzt hatten, um reine zu machen, ließen es, als sie den Befehl hörten, in Entsetzen und Todesangst wieder bleiben, weil die Polizei durch die Straßen schritt und einen Mann, der grade zusammenkehren wollte, mit den Worten anherrschte: ›Du Hund, wagst du es, zusammenzukehren?‹ Und als es so weit war, bestieg der Zauberer das Pferd, ließ sich den Schweinskopf hinaufreichen und setzte sich in Bewegung. Hintennach aber folgten ihm der König mit allen Prinzen, sowie die Minister, die Unterminister und die Polizei-Hauptleute nebst einer großen Volksmenge zu dem in der Mitte der Stadt gelegenen Versammlungsplatze in großer Prozession. Dort richtete er sich in den Steigbügeln auf und ließ die Leute an sich vorbeidefilieren und sagte, nachdem er jedesmal beschwörend zum Schweinskopf hinaufgeblickt hatte: ›Bei dem ist der Talisman nicht, bei dem nicht, bei dem nicht.‹ Und so vielleicht hundertmal, so daß der König ein wenig ungeduldig wurde. Wogegen aber der Zauberer mit Grabesstimme sagte: ›Ungeduld? Glaubst du, die Götter lassen sich von wem immer und sei es selbst ein König, befehlen? Und glaubt du, mir sei es ein Vergnügen, hier aus dem Pferde sitzend immer fort zu schwitzen und zu den Göttern emporzublicken und sie nach einem Zeichen zu fragen? Aber du hast recht,‹ fuhr er mit milderer Stimme fort, ›es dauert etwas lange, bevor alle die vielen an mir vorbeigezogen sind. Wir können es auch anders machen.‹ Darauf ritt er Straß auf Straß ab durch mehrere Zeilen und hielt das Roß vor jedem Hause an, an dem er vorbeikam, während der Chan samt dem Gefolge immer unter feierlichem Gesange hinter ihm herzog und stach mit dem Schweinskopf an der Schwelle jedes Hauses in die Erde und sagte: ›In diesem Hause ist der Talisman nicht – in diesem nicht – in diesem nicht.‹ Bis sie dahin kamen, wo er die Nacht im Heuschober zugebracht hatte und wo er den Edelstein unter dem Misthaufen wußte. Da hob er den Schweinskopf zum Himmel empor, betete lange und stieß den Schweinskopf in die Erde. Dann rief er: ›O König, die Gunst der Götter ist über dir. Ich freue mich, es dir zu künden. Hier ist der Edelstein verborgen!‹ Darauf machten sich die Minister, die Unterminister und die Polizeihauptleute persönlich daran, den Mist mit den Kugeln, Kügelchen und Fladen, aus denen er bestand, vorsichtig auseinanderzunehmen und siehe da, wie alles abgetragen war, glänzte im Lichte der Sonne der kostbare Talisman. Da jauchzten alle und riefen: ›Das ist ein gewaltiger Zaubermeister,‹ und das Volk sagte: ›Wahrlich, einen eigenen Namen verdient er, da er doch so ganz anders ist, als die anderen Zauberer, die wir gesehen.‹ Und der König sagte zu seinen Ministern: ›Ihr meine Ratgeber, was für einen Namen soll ich ihm geben?‹ Und auf den Rat der Minister wurde er ›der Schweinskopfzauberer‹ genannt. Natürlich war das aber nicht alles. Der König fragte, was er sich wünsche. Er erwiderte: ›Ich bin so bescheiden, was braucht ein Mann meines Berufs? Höchstens ein Pferd und einen Sattel sowie Köcher und Bogen, dann, wenn du noch willst, eine Mütze und einen Regenmantel von Filz, für den Fall, daß es regnet.‹ ›Sonst erbittest du dir nichts?‹ erwiderte der König. Sagte der Zauberer: ›Was, König, brauche ich denn sonst? Höchstens einen Hund, daß er mich bewache, wenn ich im Freien schlafe.‹ ›Aber du hast doch eine Frau?‹ sagte der König. ›Ja, aber die ist wie ich. Höchstens, daß sie sich vielleicht doch eine Kleinigkeit wünscht.‹ ›Gut‹, sagte der König, ›dann soll sie mir schreiben.‹ Somit ritt der Zauberer heimwärts und alle kehrten, begeistert über seine Bescheidenheit, in die Stadt zurück. Das heißt, einige Sachen hatte er ja doch noch mitbekommen, nämlich ein Pferd, auf dem Verschiedenes eingepackt war, Kleider für seine Frau und Stiefel, die man brauchen konnte, wenn der Regen alle Wege in einen Morast verwandelte, und etwas Geräte für das Haus. Und wie er damit heimkam, freute sich seine Frau und sagte: ›Woher hast du denn das alles?‹ ›Erarbeitet.‹ Da freute sie sich noch mehr und sagte: ›Siehst du, wenn man als Mann gelten will, muß man arbeiten. Und wie hast du gearbeitet?‹ ›Ich habe Kranke heilen gelernt und hab einer kranken Königstochter die Gesundheit wiedergegeben.‹ Da riß sie die Augen weit auf und sprang aus dem Bett, weil sie sich eben zum Schlafen hingelegt hatte und schrie: ›Du Dummkopf, wenn man eine Königstochter geheilt hat, bittet man sich solch einen Lohn aus?‹ Gleich kehrst du zum König zurück und sagst ihm, daß das nicht genug ist. ›So ein Tier! Ein Pferd hat er mir mitgebracht und einen Köter! Hunde haben wir selbst genug, dafür brauchen wir nicht Königstöchter zu heilen!‹ Und am folgenden Tage schrieb sie – und er dachte sich dabei: was Frauen dumm sind und nicht wissen, daß ›anfangs klein bringt mehr herein‹ und daß ›zweimal mehr trägt als einmal‹ – also am folgenden Tage schrieb sie an den König einen Brief. ›Wisse, o König,‹ schrieb sie, ›daß mein Mann‹ – ›– Mein armer Mann –‹ unterbrach er. ›... so bescheiden ist –‹ ›– so ungeheuer bescheiden ist,‹ unterbrach er. ›Nie ...‹ ›Ganz richtig,‹ sagte er, als sie nachdachte, ›nie denkt er an sich, schreib's nur!‹ Und so half er beim Schreiben, bis der Brief lautete: ›Nie denkt er an sich. Und ich bin auch so bescheiden und brauchte ja förmlich gar nichts. Aber wir haben vier Kinder, die hungern und dann ist uns das Haus abgebrannt und grade vor einem Jahre, wie er bei der Arbeit war und ich auf dem Feld Kartoffeln gesetzt habe, ist uns von Dieben ein sehr schönes großes Fohlen gestohlen worden –‹ ›Sehr gut,‹ sagte er. ›Schreib noch dazu ein Schwein.‹ Sie schrieb: ›Noch dazu ein Schwein. Und vom Kranksein der Menschen, sodaß man sie als Zauberer besprechen und heilen muß – ...‹ ›Auch wahr,‹ sagte er. ›Könntest noch hinzufügen, oder davon, daß man verborgene Dinge findet –‹ ›– kann man nicht leben. Und so sind wir, großer König, sehr unglücklich, weil doch wirklich ein Pferd und ein Hund und was sonst dabei war, nicht genug ist zum Leben. Denn die Stiefel sind ja ganz gut und passen mir, aber kann man sie essen? Und mit dem bißchen Gewand hat ein Kind auch nicht genug, wenn man es füttern muß. Also meine ich, o König, du könntest noch etwas dazugeben. Besonders weil der König in unserem Lande, wie seine Tochter krank war, hat er dem Zauberer, der sie geheilt hat, auch mehr gegeben, zum Beispiel Marderschwänze und ein seidenes Gewand und Ringe und so indem, daß er gesagt hat, daß jeder, der sich etwas machen läßt, ein Gauch ist, wenn er dafür nichts hergibt. Indem aber besonders die Welt gleich sagt, wenn einer mit nichts heimkommt: ist es denn wahr, daß er überhaupt dort war, wo er war? Gleich sagt die Welt, es ist nicht wahr und daß er ein lügnerischer Hund ist, ein Schurke.‹ Und als sie diesen Brief dem Chan übersandte und der ihn las, sagte er: ›Das ist die vollkommene Wahrheit.‹ Und schickte dem Zauberer kostbare Geschenke in Menge und da sahen die Leute, daß er doch einer war. Aber meinst du, das war schon alles? Nicht weit davon in einem anderen Reiche lebte ein junger Chan, der erkrankte an einer Krankheit. Kein Arzt und kein Zauberer wußte sie zu heilen. An derselben Krankheit waren sieben Monde hintereinander sieben andere Herren aus adeligem Geblüt nach langem hartem Siechtum gestorben; und die Leute erschraken und sagten: ›Genau so wird es mit unserem König gehen, wenn kein Rat kommt, also holen wir den Schweinskopfzauberer aus dem nahen Lande. Sie sagen, daß er mit seinem Schweinskopf alles verstehe.‹ So stiegen vier Männer zu Pferde, die sich zu ihm begaben und ihm alles mitteilten, worauf er sich zum Nachdenken hinsetzte und sich dachte: ›Jetzt bin ich in der Patsche, aber ich muß mit ihnen gehen.‹ Darauf stieg er am andern Tag mit ihnen zu Pferde, hüllte sich in ein Obergewand, nahm einen großen Rosenkranz in die Linke, band ein fünffarbiges Seidentuch an die Rechte und ließ sich lieber gleich hier einen Schweinskopf reichen. ›Wozu?‹ fragte seine Frau, ›Schweinsköpfe werden sie auch dort haben.‹ ›Das verstehst du nicht,‹ erwiderte er mit strafendem Blick. Worauf sie ganz beklommen ward und demütig zu ihm aufsah. Dann ritt er mit den Männern davon. Die Frau aber brach in Tränen aus. ›Wie habe ich ihm Unrecht getan,‹ sprach sie. ›Geschimpft und gequält habe ich ihn das ganze Leben lang und ihn einen Taugenichts genannt. Er aber hat es ertragen mit Geduld und jetzt sehe ich, daß er wirklich anders ist, als ich gemeint habe. Wo gibt es in der Welt noch einen, der ihm an Tugenden gleich kommt?‹ Er aber ritt mit den Männern weiter, bis sie zum kranken Chan kamen und wie der Zauberer an der Schwelle des Krankengemachs stand, sprach es in ihm: ›o weh, wie wird's mir jetzt gehen.‹ Beim Eintreten kniete und murmelte er, wedelte mit dem Schweinskopf und tat noch andere Dinge. Dann befahl er allen, das Gemach zu verlassen und blieb mit dem Chan, der stöhnend dalag, allein. Nach einer Weile hörte das Stöhnen auf und der Chan röchelte, aber dann tat er auch das nicht mehr. ›Gut ist's,‹ sagte der Zauberer, ›vielleicht wird er von selbst wieder gesund.‹ Aber da schrie der Kranke, erhob das Haupt, fiel wieder zurück und lag da als eine Leiche. ›So, jetzt bin ich schön dran,‹ sagte nun der Mann und schlich sich, da es dunkel geworden war, aus dem Palaste. Wie er an der Schatzkammer vorbeikam, riefen die Leute, die sie bewachten: ›Wer da, wer da?‹ Und als er davoneilte, riefen sie: ›Ein Dieb, ein Dieb! Laßt uns den Hund totschlagen.'‹ Er auf und davon; und wie er auf der finstern Straße unten angelangt und immer von ihnen verfolgt, dahinstürmte, rannte er, um sich darin zu verstecken, in ein Haus hinein, in dem er ein Licht sah. Aber da kam er mit dem Fuß an einen ganzen Haufen von Geschirr an, das sich da befand, weil es eine Geschirrhandlung war, worauf die Angehörigen des Geschirrhändlers auch alle herausstürzten und riefen: »ein Dieb, ein Dieb!« Und gehetzt wie ein Tier, brach er endlich wieder in einem fremden Winkel, in den er sich hineingerettet hatte, zusammen und fluchte: »Hole der Teufel den Schweinskopf und den kranken König und die ganze Zauberei.« Aber wie er so fluchte, blieb ihm plötzlich der Atem im Munde stehen. In dem Winkel wurde es licht und er befand sich wieder in einem Stall; und herein kam ein Tier, das so ähnlich aussah, wie ein Rind oder wie ein Büffel und der Büffel sah sich um und sagte: »Ist sie denn noch nicht da?« Worauf sich die Stalltüre wieder öffnete und eine junge Frau eintrat und sagte: »Bist du da, mein Geliebter?« Und der Büffel fragte zornig: »Warum kommst du so spät?« Antwortete sie, daß sie aus dem Palaste nicht früher habe wegkommen können, denn der König liege wie tot und sie habe unter ihren Frauen sitzen und mitweinen müssen; erst jetzt seien die Minister alle und die Unterminister und das Frauenvolk für eine Weile bis zum Sonnenaufgang zur Ruhe gegangen. Darauf fiel die Büffelgestalt zu Boden und ihr entschlüpfte ein fremder Geist, einer von denen, die die Mangusse heißen und es zeigte sich, daß auch die junge Königin ein weiblicher Mangus war, einer von denen, die in Frauengestalt auf die Erde kommen und welcher Jüngling sie sieht, der ist ihr verfallen. Sie saugt ihm das Blut aus und tut ihm Gift in das Mark. So hatte die scheinbare Königin, immer in veränderter Gestalt, den sieben Herren vor dem Chan, ihrem jetzigen Gemahl und nun auch diesem selbst das Blut aus dem Leibe gesogen. »Und ist er jetzt schon ganz tot?« fragte der männliche Mangus. »Noch nicht ganz,« erwiderte die Königin, »und heute ist ein neuer Zauberer gekommen, der könnte ihn retten, wenn er das richtige Mittel wüßte.« Und sie erzählte ihrem Gefährten, worin dieses Mittel bestand. Und wenn man es anwendete und einen gewissen schweren Zauber dazu sprach, sagte sie, dann würden sie, beide Mangusse, sofort von dem Spruch gebannt, sodaß sie sich nicht zu rühren vermöchten und ohne es hindern zu können, die Anwendung des Zaubers dulden müßten. »Und was würde dann mit uns geschehen?« fragte der männliche Mangus. »Oh,« sagte die Königin, »frage mich lieber nicht danach. Verloren wären wir beide.« Sie sprachen darüber noch weiter, worauf es Tag zu werden begann und sie, der männliche Mangus in die Büffelgestalt sich verwandelnd, entschwanden. Dies alles hatte der Zauberer, ohne daß sie seiner in seinem Verstecke gewahr geworden wären, gesehen und gehört; und nun kehrte er, nachdem es Tag geworden, in den Palast zurück, wo sie ihn mit den Wehklagen über den Tod des Königs und mit den Rufen, was es denn mit seiner Kunst sei, empfingen. Er aber sagte: ›Ihr Kleinmütigen, wo ich nachts war und warum ich habe den König sterben lassen? Wisset, er ist nicht tot.‹ Gleich ließ er sich die Mittel bringen, von denen der weibliche Mangus gesagt: etwas Schlangenhaut und einige Schweinsborsten in Bilsenkrautsaft gekocht, dann Milch von einer dreijährigen Stute, die einen weißen Fleck auf der Stirn hatte, versetzt mit etwas Kleesamen und eine gewisse Wunderblume. Das kochte er zusammen, nachdem er zuvor Auftrag gegeben, die Frauengemächer strenge zu bewachen und niemand herauszulassen, selbst wenn es die Königin wäre. Nachdem dann der Trank abgekocht war, rief er den Zauberspruch: Ihr großen Toten alle        hala, hala, svaha! Ihr kleinen Toten alle,        hulu, hulu, svaha! Ihr kleinsten Toten in Kindergestalt alle        rira phad, svaha! und gab dem König den Trank. Die Königin in dem Frauengemach, wo sie sich befand, fühlte sich plötzlich gebannt und der männliche Mangus auch, worauf sie beide auf des Zauberers Befehl herbeigeschleppt und getötet wurden. Hierauf erwachte der König wieder zum Leben und war so gesund wie nur jemals. Und die Frau des Zauberers war sehr glücklich, als sie davon erfuhr, denn der wiedergenesene König wollte ihn nicht mehr von seiner Seite lassen und schickte ihr Männer zu Pferde, sowie Frauen zur Bedienung, die sie zu ihrem Gatten abholen sollten. Und als sie ihr erzählten, was für ein wunderbarer Zauberer er sei und wie die ganze Welt ihm Verehrung entgegenbringe, flüsterte sie demütig: ›Ich habe ihn leichtfertig einen Faulenzer genannt und gar nicht gewußt, daß er nur so dasitzt – ‹ ... »weil er in Gedanken arbeitet,« sagte lachend der Chansohn. Da versetzte Siddhi-Kür: »Das wahre Glück verkennend, hat sich der Chansohn Worte entschlüpfen lassen!« Und mit dem Ausruf: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« entschwand er. Die Königin, die ein Herz essen mußte Darauf machte der Chansohn sich wieder auf den Weg, um Siddhi-Kür zu holen. Nachdem er die stolzlautenden Worte gesprochen, kam Siddhi-Kür herabgestiegen. Er nahm ihn auf den Rücken und wandelte so des Weges. Als Siddhi-Kür beim Rasten die gleichen Worte wie früher sprach und der Chansohn das Zeichen mit dem Haupte gab, begann Siddhi-Kür: »Früh vor Zeiten herrschte in einem Reiche Kungs-snang, der allerleuchtende, der große Chan. Dieser hatte eine Gemahlin genommen, von der ihm ein Sohn geboren wurde, den er Sonnenschein nannte und als er nach ihrem Tode eine andere nahm, beschenkte sie ihn mit einem Sohne, den nannte er Mondenschein. Der ältere war in dem Tigerjahr geboren, von dem du wohl wissen wirst, was es bedeutet. Kraus geht es dem Menschen, der in diesem Jahr hinausgeworfen wird in das Leben. Wie er heranwuchs, begann die Chanin scheel auf ihn zu sehen. ›Mein Sohn Mondenschein,‹ sagte sie, ›ist schön, warum muß er hinter ihm zurückstehn? Solange er am Leben bleibt, kann mein Mondenschein, weil er der jüngere ist, das Reich nimmer erhalten. Ach, wenn ich ein Mittel wüßte, Sonnenschein aus dem Wege zu räumen. Mein eigener Sohn würde dann König.‹ Sie wollte schon mit Jägern sprechen, ob sie nicht Sonnenschein auf der Jagd wie von ungefähr erschießen möchten, aber traute sich nicht und wurde vom ewigen Sinnen und Brüten ganz krank. Da jammerte sie mit lauter Stimme, wälzte sich auf dem Lager und verbrachte schlaflose Nächte. Der König, der sie liebte, eilte, seine Truppen, die sich mitten im Kriege gegen einen großen Feind befanden, im Stiche lassend, erschrocken zu ihr zurück. Sie war aber sehr schön und er sagte: ›Du Holde, von reizender Gestalt, wie schmerzt es mich, daß du so leidest.‹ Sie antwortete: ›Ach, wie wohl tut es mir, daß der König sogar den Krieg läßt, um nach mir zu sehen.‹ Er sagte: ›Was ist mir der Krieg, was mein Thron. Alles gäbe ich hin, wenn es sein müßte, für dich. Aber sprich, was ist das für eine Krankheit an der du leidest, ich habe dich nie zuvor kranksein gesehen‹ Darauf sagte sie, daß sie schon früher, bevor sie zu ihm in die Ehe gekommen, zuweilen von diesem Leiden heimgesucht worden sei, aber der jetzige Zustand sei mit dem früheren nicht zu vergleichen. Unerträglich seien jetzt die Schmerzen. ›Und gibt es denn kein Mittel dagegen?‹ fragte der König. ›Ich will neue Ärzte holen lassen, Wahrsager, Zauberer. Aus allen Ländern lasse ich sie holen.‹ Sie antwortete: ›Es ist vergebens, es gibt kein Mittel und keiner kann helfen und nichts bleibt mir übrig als zu sterben, da das einzige Mittel, das es gibt, unausführbar ist.‹ ›Wenn du stürbest,‹ rief der Chan, ›so wäre das, gleich als wollten mir die Götter das Herz durchbohren. Sprich, was ist es für ein Mittel. Ich will darnach greifen und selbst, wenn ich darum von meiner Herrschaft Abschied nehmen müßte, ich wollte es tragen.' Da sah die Königin, daß er sie wirklich liebte und sprach: ›Nur wenn ich ein Herz in einer gewissen Weise zubereitet verzehren könnte, würde ich Ruhe finden.‹ Darauf der König: ›Gleich lasse ich dir ein Herz holen. Ist es von einem Tier?‹ Sie antwortete: ›Nein, ein Menschenherz.‹ Er sagte: ›Gut! Gleich lasse ich dir ein Herz von einem meiner Untertanen holen.' Sie erwiderte: ›Laß König, denn auch ein Herz von einem deiner Untertanen kann mir nicht helfen. Es muß eines andern Menschen Herz sein.‹ ›Willst du mein eigenes Herz?‹ fragte der König. Sie weinte und sagte: ›Auch deines ist es nicht und glaubst du denn, daß ich es nähme? Aber du siehst, daß ich sterben muß, weil es ganz unausführbar ist.‹ Und sie schluchzte, indem sie den Kopf an seine Brust lehnte, bis sie ihm endlich, da er mit Bitten nicht nachließ, sagte, daß es das Herz eines seiner beiden Söhne sein müßte, gleichviel ob des einen oder des anderen. ›Und geht denn das?‹ fragte sie, ›daß du einwilligst, ach, einen der Knaben, die beide so jung und hold sind, zu töten? Für dich, o Chan, wäre es unmöglich, das Söhnchen, das dir deine erste Gemahlin hinterlassen hat, hinzugeben; und soll ich das Herz meines eigenen Knaben essen, der aus meinem Schoße hervorgegangen ist und zugeben, daß er für mich getötet werde? Wie ginge mir sein Fleisch durch die Kehle? Du siehst, daß es für mich keinen andern Ausweg gibt als den Tod.‹ Der Chan stürzte fort und raufte sich die Haare, dann kehrte er zurück und sagte, da er die Reden der Gemahlin nicht länger ertragen konnte: ›Zwar bedauere ich,‹ sagte er, ›meinen Sohn Sonnenschein unendlich, er ist ja mein erstgeborener. Mein Mitleid ist unermeßlich: aber wenn sonst dein Hinsterben gewiß ist, so werde ich Sonnenschein morgen dem Tode überliefern.‹ So sprach er und umarmte die Chanin unter heißen Tränen. Dies hatte Mondenschein belauscht und er eilte zum älteren Bruder und erzählte ihm weinend, was Mutter und Vater beide miteinander gesprochen. ›Daß man dich, mein Teurer, morgen umbringt, ist sicher,‹ sagte er. ›O Gott, wer hätte es für möglich gehalten?‹ Darauf versetzte Sonnenschein: ›Wenn das der Fall ist, so bleibe du, deine Eltern ehrend und hochhaltend, allein, gesund und glücklich zurück. Wer kann gegen das Schicksal streiten. Ich aber will fliehen.‹ Darauf versetzte aber Mondenschein voller Gram im Herzen: ›Wenn du, mein Bruder, nicht da bist, so kann auch ich hier nicht bleiben. Wohin du gehest, ich folge dir nach.‹ Darauf entflohen sie noch in derselben Nacht, als der Mond sein Licht verbreitete, aus dem Palaste und wanderten quer über Berg und Tal, Tage und Nächte, ohne Unterlaß, immer gegen Osten dahin. Nichts hatten sie auf den Weg mitgenommen, als etwas Nahrung, weil Sonnenschein, als sie den Palast verließen, gesagte hatte, nichts, was seines Vaters sei, wolle er mehr haben, kein Pferd aus dem Stalle, kein Gewand aus den Truhen, keinen Edelstein aus dem Schatz. Nur Pfeil und Bogen hatten sie mit, damit schossen sie, wenn es notwendig war, zur Nahrung einen Vogel aus der Luft oder ein Tier aus dem Walde. Aber da kamen sie am fünfzehnten Tage ihrer Wanderung in ein wüstes Gelände, in dem kein Tier zu sehen war und durch welches sich ein ausgetrocknetes Flußbett zog. Weil ihnen die Lebensmittel ausgegangen waren und weil auch kein Wasser da war, fiel Mondenschein verschmachtend nieder und konnte nicht mehr gehen. Der Ältere sprach und seine Stimme zitterte: ›Um meinetwillen leidest du so, Bruder. Ich will gehen, um Wasser zu suchen. O, du Standhafter, harre aus, ich will gehen Wasser zu suchen und du warte hier.‹ Er ging bis an den Fuß eines Berges, den er im Osten sich erheben sah, um Wasser zu suchen, fand aber keines und als ihn die Angst um den Jüngeren zurücktrieb, fand er denselben vor Durst ermattet, tot. Der Schmerz überwältigte ihn. ›Wahrlich, ich bin ein Sohn des Tigerjahrs,‹ sagte er, barg den Leichnam unter den Steinen und flehte um Vereinigung bei der künftigen Wiedergeburt. Dann wandte er sich zum Berg hin, überstieg ihn und kam dann noch über einen zweiten; und wie er auf der anderen Seite wieder hinunterschritt, erblickte er eine Öffnung in einer Felsenwand. Es war rotes Gestein, so rot, wie wenn die untergehende Sonne ihre Strahlen auf den Stein wirft und als er durch die Öffnung eingetreten war, saß ein uralter Einsiedler da. Der Einsiedler sprach: ›Woher bist du gekommen, o Jüngling? Scheinst du doch wie von einem tiefen Schmerze gerührt.‹ Und er betrachtete ihn mit einem Mitleid, daß Sonnenschein wieder zu weinen begann und ihm das Geschehene erzählte. Darauf der Einsiedler: ›Ich verstehe nicht ganz. Warum flohet ihr, beide Söhne eines Königs, was zwang euch dazu? Und wenn der Vater zürnte, hattet ihr denn nicht eine Mutter, die sich eurer annahm?‹ Und nun berichtete der Prinz auch, wie es damit war; von der Stiefmutter und ihrer Krankheit und wie der Vater ihn hatte töten lassen wollen, um sein Herz der Stiefmutter zu geben. ›Und dein toter Bruder?‹ fragte der Einsiedler. So erzählte Sonnenschein auch das letzte, worauf der Einsiedler sagte: ›Wahrlich, er hat die Vollendung erreicht.‹ Und mitleidig sprach er: ›Er soll nicht tot sein.‹ Und machte sich gleich mit Sonnenschein auf den Weg, rief den jüngeren Bruder ins Leben zurück und sagte, als sie einander in den Armen lagen: ›Werdet meine Söhne.‹ So blieben sie bei ihm. Es herrschte in dieser Gegend ein mächtiger Chan. Aber zur Zeit, wo die Ackersleute in seinem Lande das Wasser auf ihre Felder leiten sollten, begab es sich auch hier, daß in dem Fluß, der das Reich durchströmte, plötzlich zwei Drachenfürsten Wohnung nahmen, die das Wasser dämmten; und um es wieder frei zu machen, mußte man ihnen alljährlich zum Opfer einen Jüngling aus dem Tigerjahr vorwerfen. Dies hatte sich nun schon durch eine Reihe von Jahren wiederholt, aber als man jetzt neuerlich im Volke nach einem Jüngling aus dem Tigerjahr suchte, war keiner aufzutreiben. Da sprachen die Leute unter sich: ›Nahe dem Ursprung des Flusses in der Felsenhöhle auf dem Roten Berge lebt doch der alte Einsiedler, bei dem zwei Jünglinge sind; hat man sich auch nach ihnen umgesehen?‹ Und andere sagten: ›So ist es, als wir das Vieh auf jene Matten hinauftrieben, haben wir die beiden, von denen der eine ein Sohn aus dem Tigerjahr ist, gesehen.‹ So wurden im Auftrage des Chans Boten abgesendet, den Prinzen zu holen. Als die Boten hinaufkamen und an die Tür klopften, kam der Einsiedler heraus und fragte: ›Was gibt's?‹ Sie sprachen: ›Du hast einen Sohn aus dem Tigerjahr, er ist dem Reich sehr nötig.‹ Der Einsiedler erwiderte: ›Wie soll ein Einsiedler zu einem Sohn kommen?‹ Und er verschloß die Tür. Er ließ den Jüngling in ein großes Gefäß kriechen, dessen Öffnung er vermachte und das ganze verschmierte er mit Lehm, sodaß es wie ein tönerner Wasserbehälter aussah. Nun erbrachen die Boten die Tür, suchten herum und schlugen, da sie nichts fanden auf den alten Mann los, indem sie schrien: ›Du Hund von einem Einsiedler, gib ihn heraus. Oder meinst du, daß wir nicht wissen, daß du zwei Jünglinge hast, wovon einer aus dem Tigerjahr stammt?‹ Da hielt es Sonnenschein nicht länger aus, sondern rief: ›Schlaget meinen Vater nicht, ich bin hier.‹ Damit kam er heraus und als Mondenschein, der auf dem Berge oben gewesen war, gerade heimkehrte, sah er, wie sie den gefesselten Bruder fortführten. Als sie mit dem Jüngling in den Residenzpalast traten, erblickte ihn die Tochter des Chans und in ihrem Herzen entbrannte die Liebe zu ihm. Sie ließ sich in das Gemach führen, in welchem man ihn bis zum Opfertage gefangen hielt und schlang die Arme um seinen Hals, worüber ihr Vater, als man es ihm berichtete, in Zorn entbrannte. Sie warf sich ihm zu Füßen und flehte, daß er ihn nicht in das Wasser werfen möchte, worauf er schrie: ›Du vergissest auf deinen Rang!‹ Es half aber nichts und als der Tag des Opfers kam und sie wieder vor dem Vater im Staube lag und um das Leben des Geliebten bat, weil auch sie sonst sterben müßte, rief er: ›Wenn du denn lieber zugleich mit ihm in den Fluten umkommen willst, als so zu fühlen, wie es sich für meine Tochter ziemt, so nähet sie mit dem Jüngling in eine Haut zusammen und werft sie beide ins Wasser.‹ So führten die Diener sie weg, um sie mit Sonnenschein zusammenzubinden und bald lagen sie in einer Haut eingenäht auf dem Grunde des Stroms. Nun näherten sich die Drachenfürsten und da sagte einer zum andern: ›Still, was ist das, hörst du nicht zwei Stimmen, die drin in der Haut miteinander reden?‹ Und sie lauschten. ›Wahrlich,‹ sagte die eine Stimme, ›wenn man mich, weil ich aus dem Tigerjahr bin, in dieses Wasser geworfen hat, so mußte es geschehen. Aber du Gute, du Reizende, der so viel Glück bevorstand, mußt du auch, nur weil dein Herz voll Liebe zu mir ist, sterben?‹ Das Mädchen oder sagte: ›Sprich nicht so. Ein niedriges Wesen bin ich, ganz ohne Wert und es liegt nichts daran, daß man mich in das Wasser geworfen hat. Aber du, mein Teurer, wie konnten sie es über das Herz bringen, dich da hinein zu werfen?‹ Dies hörten die Drachen und einer sagte zum andern: ›Was sagst du, Bruder, hast du je ein so rührendes gegenseitiges Bemitleiden gesehen?‹ Und sie hoben die Haut, in die beide eingeschlossen waren und brachten sie ans Land und wie sie sie aufbanden und der Prinz und die Prinzessin sie erblickten und sich noch einmal in die Arme sanken, weil sie glaubten, der Augenblick des Todes sei schon da, sagten die Drachen: ›Nein, lebet!‹ Dann verschwanden die Drachen wieder im Strom und gleich setzten sich die Wasser in Bewegung und die Drachen sagten: ›Jetzt wollen wir fort von hier, denn ein Land, in dem es solch einen Jüngling und solch eine Jungfrau gibt, soll nicht mehr leiden.‹ Darauf kehrten die beiden zurück bis vor die Tore der Stadt. Dort sagte der Jüngling: ›Geh du jetzt heim in deinen Palast, damit dein Vater, der Chan, alles erfahre, während ich inzwischen meinen Vater, den Einsiedler, aufsuchen will, damit er um mich nicht bange. Dann kehre ich wieder, damit wir fürder als Mann und Frau in unzertrennlicher Liebe zusammen bleiben.‹ In der Residenz des Chans staunten nun alle, als sie das Mädchen wieder daherkommen sahen und riefen: ›Ein Wunder, ein Wunder! Die Drachen haben sie verschont.‹ Und der Chan rief, als sie vor ihn trat und sich ihm zu Füßen warf: ›Der Wille der Götter ist über dir; wie hätten dich sonst die Drachen verschont. Aber der Sohn des Tigerjahrs, ihn haben sie wohl verschlungen?‹ ›Nicht haben sie ihn verschlungen,‹ sagte sie, ›und nur infolge seiner Liebe ist es geschehen, daß auch ich nicht umgekommen bin. Seine Liebe hat sie besänftigt und ohne daß man je wieder einen Jüngling aus dem Tigerjahr ins Wasser werfen muß, werden die Wasser von nun an auf unsere Ackerfelder strömen.‹ Da sprach der Chan: ›Wahrlich, das ist schön!‹ und ließ den Einsiedler und beide Jünglinge holen und unter den höchsten Ehren sie in seinen Palast führen. ›Denn das war ein gewaltiges Wunder,‹ sagte er. ›Aber nein, dieser Jüngling selbst ist das Wunder,‹ sagte das Mädchen und der Prinz sagte: ›O, du Erhabene, du bist das Wunder.‹ Und der Einsiedler sprach: ›Als seine Stiefmutter, einen Unterschied machend zwischen ihm und ihrem eigenen Sohn, ihn zu töten beabsichtigte, da war es ein Wunder.‹ Der Chan gab nun auch dem Prinzen Mondenschein eine seiner Töchter zur Gemahlin, stattete beide Paare mit unermeßlichen Schätzen aus, gab ihnen zur Geleitmannschaft eine ganze Armee und sagte: ›Ich will, daß ihr jetzt in eure Heimat zurückkehret, damit euer Vater und eure Mutter wissen, was geschehen ist.‹ Als sie nun ihrer Heimatsburg nahe gekommen waren und ihr Vater von ihrer Rückkehr erfuhr, fiel er in Ohnmacht vor Freude; denn von Kummer überwältigt, hatte er nach ihrer Flucht viele Jahre in Trauer zugebracht und keinen Menschen mehr vor sich kommen lassen. Immer schlug er sich an die Brust und sagte weinend: ›Das ist der Götter Strafe, beide Söhne habe ich verloren.‹ Noch liebte er die Chanin, aber immerfort sagte er: ›Warum hast du das Herz meines Kindes von mir gefordert?‹ Sie wieder trauerte um ihren Sohn, aber umsomehr fluchte sie dem Andenken seines älteren Bruders. ›Er hat ihn mir geraubt,‹ sagte sie sich, ›o, hätte ich ihn hier, hundertmal wollte ich ihn jetzt mit eigener Hand töten.‹ Da hörte sie, als sie einmal wieder so sprach, die Freudenrufe auf der Straße und wie sie hinausblickte, sah sie den Heereszug, an dessen Spitze Sonnenschein an der Seite seines Vaters daherkam. Ihnen folgte Mondenschein mit seiner Gemahlin, aber sie sah ihn nicht, denn die Geister der beiden Drachenfürsten waren plötzlich in der Luft, die es durch ihren Zauber machten, daß sie ihren eigenen Sohn nicht gewahrte. Da schrie sie auf: ›Lebt er und mein eigener ist tot?‹ Und sie sank zurück und starb in demselben Augenblick.« »Sie wurde schwer bestraft,« flüsterte bei diesen Worten der Chansohn; und Siddhi-Kür versetzte: »Das wahre Glück verkennend, hat der Chansohn seinem Munde Worte entschlüpfen lassen.« Und mit dem Ausrufe: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« entschwand er. Der Rebell Wieder machte sich der Chansohn zum Mangobaum auf und vor seinen stolzlautenden Worten mußte Siddhi-Kür herabsteigen. Der Chansohn steckte ihn in seinen Sack, schnürte diesen mit dem Seile fest, wie es ihm Nagarguna befohlen hatte, nahm das mitgebrachte Mahl, hob den Toten auf den Rücken und trat mit ihm die Wanderung an. Siddhi-Kür sprach seine früheren Worte und als der Chansohn schweigend mit dem Haupt das Zeichen gab, begann der Leichnam folgendermaßen: »Früh vor Zeiten lebte in dem Lande Birschisch ein wilder, unbändiger Mann, der niemanden achtete und stets nur seinen Neigungen freien Lauf ließ. Hierüber ergrimmte der Chan des Landes und sprach: ›Du, Kerl, bist mir zu übermütig, ein Geselle deiner Art paßt mir nicht, du kannst hier nicht bleiben, mach daß du in ein anderes Land kommst.‹ Das sprach er und jagte ihn fort. Wie der Mann nun heimatlos dahinzog, gelangte er um die Mittagszeit einmal zu einer großen, mit Federgras bewachsenen Steppe, in deren Mitte ein großer Palmenbaum stand. Zu dessen Füßen lag ein verendender Hirsch: er gab ihm den Todesstoß, schnitt sich ein Stück Fleisch heraus und nahm ihm das Geweih. Dann rastete er und als es Nacht geworden, kletterte er auf den Palmenbaum hinauf, um oben zu schlafen. Die Steppe auf der er sich befand, war aber eine Geistersteppe, was er nicht wußte; und wie nun der Mond hinter den Wolken hervortrat, kamen von verschiedenen Seiten her die Dämonen. Von der unteren Seite der Steppe kamen Dämonen auf Rossen von Rinde, mit Mützen von Rinde und Kleidern von Rinde; und vom oberen Teil kamen solche auf Rossen von Papier, Mützen von Papier und Kleidern von Papier. Alle scharten sich um den Fuß des Palmenbaums und sie hatten Speisen und Getränke mit und jubilierten und pokulierten. Der Mann auf dem Gipfel des Baumes sah voller Entsetzen hinunter und zitterte davor, daß ihn die Geister gewahrten. Aber da riß das Geweih, das er sich um die Mitte des Leibes gebunden hatte und fiel mitten auf die Dämonen herab. Da erschraken sie, weil es ein Zaubergeweih war und stoben besinnungslos, alles, was sie mitgebracht hatten, zurücklassend, nach allen Richtungen auseinander. Des andern Morgens, als der Mann vom Baum herabstieg, fand er unten die Kessel und Gefäße der Dämonen voll Speis und Trank und mitten darunter einen goldenen Becher, der noch mit etwas Weißem gefüllt war. ›Was mag die Flüssigkeit sein?‹ dachte er, ›wer weiß, vielleicht bringt es den Tod, wenn ich daraus trinke. Aber nippen schadet ja wohl nicht.‹ Und wie er kostete, war es Branntwein. ›Hm,‹ sagte er sich, ›es ist guter Branntwein‹ und machte noch einen Schluck und als er sah, daß er davon noch nicht starb, schüttete er sich das ganze, das in dem Becher war, hinter die Binde. ›Schade, daß es aus ist,‹ sagte er nun, ›ist denn wirklich kein Tropfen mehr drin?‹ und kehrte den Becher ganz um, um zu sehen, ob wirklich nichts mehr darin war. Da, o Wunder, wie er ihn so umgekehrt hielt, fiel ein Braten und ein Butterkuchen und noch verschiedenes andre heraus. Wie er ihn wieder nach oben hielt, war das Becherchen wieder leer und wie er es nach unten richtete, entfielen ihm abermals die köstlichen Speisen in Menge. ›Ha,‹ sagte der Mann lachend, ›da habe ich also einen guten Fund gemacht. Die Geisternacht will ich mir loben!‹ Er nahm den Becher und ging weiter. Unterwegs traf er mit einem Manne zusammen, der einen Stab in der Hand hielt, den ließ der Mann nicht einen Augenblick los. ›Was hältst du ihn so,‹ fragte unser Mann, ›ist er denn so kostbar?‹ Der andere versetzte: ›Jawohl. Sein Name ist Kreisläufer. Wenn ich zu ihm sage: du, Kreisläufer, dieser Mensch hat mir meine Sachen genommen, geh hin und hole sie, so tut er es, tötet den Menschen und bringt die Sachen zurück.‹ Darauf sprach jener: ›Nun, dieser, mein goldener Becher ist ein Behälter, der alles, was man nur wünscht, herbeischafft. Nimmst du ihn für den Stab?‹ ›Gut,‹ sprach der andere und so tauschten sie. Gleich darauf befahl unser Mann: ›Kreisläufer, geh hin, töte diesen Menschen und hole mir den goldenen Becher.‹ Worauf der Stab durch die Luft flog und den anderen tötete. Da hatte denn der Mann den goldenen Becher wieder in seinem Sack. Auf seiner ferneren Wanderung traf er unterwegs mit einem Manne zusammen, der einen eisernen Hammer in der Hand hielt. ›Was kann man mit diesem Hammer machen?‹ fragte er. ›Wenn man,‹ antwortete jener, ›mit diesem Hammer dreimal auf die Erde schlägt, so entsteht ein drei Stock hohes Haus.‹ ›Und wenn man viermal schlägt?‹ ›Dann ist das Haus vier Stock hoch.‹ ›Und fünfmal?‹ ›Fünf Stock.‹ ›Und neunmal?‹ ›Dann entsteht eine neun Stock hohe eiserne Burg.‹ ›Nun, möchtest du nicht mit mir einen Tausch eingehen und den Hammer gegen diesen meinen goldenen Becher vertauschen?‹ ... Und nachdem der Tausch abgemacht war, befahl er seinem Stabe wieder, den goldenen Becher zu holen. In einem Augenblick war denn auch dieser Mann getötet und der Becher wieder bei dem wilden Mann, der nun noch mit einem zusammen traf, der einen ledernen Sack trug. ›Dieser Sack,‹ erzählte der Mann, ›ist gar wunderbar, wenn man ihn schüttelt, so kommt ein Regen und wenn man ihn tüchtig schüttelt, ist der Regen so stark, wie du es wünschen magst.‹ ›Wirklich?‹ fragte unser Mann. ›Ja, wirklich.‹ Und der andere zeigte ihm auch gerne, wie es erst sanft regnete und dann wie ein Wolkenbruch niederging, als er den Sack heftiger bewegte. ›Teufel,‹ sagte unser Mann, ›das gefällt mir. Aber was hast du von dem Regen? Möchtest du ihn nicht lieber gegen meinen goldenen Becher tauschen? Da hast du erstens das Gold und zweitens Essen und Trinken für alle Zeiten.‹ Das sah der Fremde ein und gab den Sack für den Becher hin. Aber gleich darauf kam der Stab über ihn, tötete ihn und brachte den Becher zurück. ›So,‹ sprach jetzt unser Mann, ›jetzt habe ich alles beisammen, was ich brauche, Stab, Becher und Sack und jetzt wollen wir an die Rache denken. Du warst stark, Chan und hast mich aus dem Lande gejagt und ich war schwach und hab es dulden müssen, ohne etwas wider dich tun zu können. Jetzt wollen wir Abrechnung halten.‹ Mit diesen Gedanken machte er sich auf den Rückweg und wie er der Residenzstadt wieder nahekam, sprach er: ›Wo, Chanlein, wollen wir dir die Überraschung bereiten, nahe von dir oder entfernter von dir? ... Aber es ist besser, wenn ich es ganz nahe tu, so daß du es gleich erfährst, wenn du die Augen aufschlägst.‹ Und wie es Mitternacht ward, schlich er sich ganz nahe an die Hintergebäude des fürstlichen Palastes heran, nahm den eisernen Hammer heraus und schlug damit auf die Erde, so daß es jedesmal tock-tock machte und neunmal machte er tock-tock. Davon erwachte der Chan in seinem Palast. ›Was ist das?‹ fragte er, ›etwas macht da draußen tock-tock.‹ Die Diener antworteten, daß es vielleicht ein Fensterflügel wäre, der so vom Winde bewegt, an die Mauer des Palastes geschlagen habe, denn was es wirklich war, ahnte keiner. Nun hatte aber der Hammer in der Tat seinen Zauber geübt und wie der Mann mit dem neunten Schlage fertig war, erhob sich eine neun Stock hohe gewaltige, eiserne Burg aus der Erde. Früh morgens, als der Chan erwachte, sagte er zur Chanin: ›Hast du es nicht gehört, wie es heute Nacht immerfort auf die Erde schlug, tock-tock und tock-tock. Ich bin wirklich neugierig, wer uns aus dem Schlafe gestört hat.‹ Da erhob sich die Chanin, um sich selber umzusehen und natürlich kam sie bald in großer Bestürzung zurückgeeilt und sagte: ›Eine neun Stock hohe Burg steht hinter unserem Palaste.‹ Und da lief der Chan hinaus und fand schon alle Einwohner der Stadt vor der Burg versammelt, die gleich ihm, voller Entsetzen hinaufschauten. Auf der höchsten Zinne der Burg stand aber unser Mann und schrie mit wildem Lachen hinunter zum Chan: ›Jetzt trau dich an mich heran, wenn du kannst, denn wir wollen Abrechnung halten.‹ Nun versammelte der Chan ein Heer, das er gegen die Burg anrennen ließ, aber es kam der Stock und tötete alle Mann, ohne daß sie ihm etwas anhaben konnten. Darauf versuchte der Chan ihn auszuhungern; aber er lachte, da er aus dem goldenen Becher soviel Essen und Trinken herausschüttete, als er für sich und die ganze Besatzung brauchte. Nun fragten ihn die Priester und die Minister, ob sie mit ihm sprechen könnten? Er sagte, ja, warum denn nicht? nur den König würde er töten, wenn er in die Burg käme. Sie sagten, als sie bei ihm eintraten, daß er doch nicht im Rechte sei, der König sei ein guter König und was solle ein solcher tun, wenn in seinem Lande ein wilder Geselle sei, der allen wehe tue und sich um Recht und Gesetz und das Ansehen des Königs, der doch für das Wohl aller verantwortlich sei, nicht kümmere. ›Kommt ihr, mir Predigten zu halten,‹ rief er, ›gleich könnte ich euch töten, wenn ich euch nicht das Gegenteil versprochen hätte‹ und damit warf er sie hinaus. So ließ denn der König, weil ihm nichts anderes übrig blieb, gewaltige Holzmengen um die Burg herum aufschichten in der Absicht, den Rebellen auszuräuchern und die Mutter desselben, die er mit sich in das Schloß genommen hatte, begann die Hände zu ringen, als man die Holzstöße unten anzündete und sie die stockhohen Flammen hinaufsteigen sah. ›Habe Mitleid,‹ flehte sie zu dem Sohn, ›wir verbrennen sonst alle. Hast du denn kein Herz in dir? Der König ist doch im Rechte.‹ Daraus erwiderte er hohnlachend: ›Schweig still mit deinem Altweibergeschwätz‹ und trat auf die Burgzinnen hinaus und schüttelte den Ledersack aus. Da kam zunächst ein Regen, vor dem das Feuer unten zum größten Teil erlosch. Daran nicht genug, machte aber der Mann einen Platzregen, der gar nicht aufhören wollte, sodaß eine Überschwemmung entstand und die rings um die Eisenburg aufgehäuften Hölzer und Kohlen, aber auch die Schmiedeleute, die zur Anfachung des Feuers mit ihren Blasebälgen heranbefohlen worden waren, von der Strömung fortgerissen wurden und ringsherum Rinnsale mit steilen, vom Wasser unterwühlten Ufern sich bildeten ...« Bei diesen Worten rief der Chansohn: »So behielt also der Rebell die Oberhand über den Chan jenes Reiches?« Da versetzte Siddhi-Kür: »Das wahre Glück verkennend, hat der Chansohn seinem Munde Worte entschlüpfen lassen.« Und mit dem Ausruf: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« riß er sich los und entschwand im Dunkel. Das Geheimnis des weißen Vogels Nun ging der Chansohn in gleicher Weise wie zuvor hin und als Siddhi-Kür auf die stolzlautenden Worte herabgestiegen kam, steckte er ihn in seinen Sack, band diesen mit dem Seile zu, lud ihn auf den Rücken und machte sich mit ihm auf den Weg zu Nagarguna, dem siegreich Vollendeten, dem der Name Garbha zur Erklärung beigegeben worden. Als sie abends rasteten, wiederholte Siddhi-Kür seine früheren Worte und der Chansohn gab schweigend mit dem Haupte das Zeichen. Da begann Siddhi-Kür wie folgt: »Früh vor Zeiten gab es ein Land, das führte den Namen ›der glänzende Blumengarten‹. Darin lebte ein Mann, der hatte drei Töchter. Täglich abwechselnd mußten sie hinausgehen, um die Tiere auf der Weide zu hüten und eines Tages, als die Reihe an der ältesten Schwester war, geschah es, daß sie einschlief und als sie wieder erwachte, sah sie, daß sich eines der Tiere, ein Büffel, verlaufen hatte. Sie machte sich auf, ihn zu suchen und gelangte an einen großen Hof, in dessen Mitte sich ein rotes Tor befand. Als sie es öffnete und weiter schritt, war ein goldenes Tor da, dann kam sie, nachdem sie eingetreten war, an ein Tor von Perlmutter und schließlich an ein Tor, das ganz von Smaragd war; und dahinter erblickte sie einen prachtvollen Palast, in dem sich eine Fülle von Gold und kostbaren Edelsteinen befand. Doch war niemand darin, bis sie zu einem Gemach kam, darin saß auf einer Säule mitten in einem kostbaren Wasserbecken ein großer weißer Vogel. Er war stumm, sie sah aber, daß er sie mit fragenden Augen ansah. Da faßte sie Mut und sagte: ›Ein Büffel ist mir verloren gegangen, ich habe ihn nicht gefunden. Sprich Vogel, ist er vielleicht hieher gekommen?‹ Darauf begann der Vogel zu sprechen und sagte: ›Ich zeige ihn dir und gebe ihn dir, wenn du Lust hast, meine Gemahlin zu werden. Sagst du aber nein, dann werde ich dir ihn weder zeigen noch geben.‹ Das Mädchen sagte: ›Das sind weltliche Dinge und um solche bekümmere ich mich nicht, überhaupt gehören ja aber die Vögel mit Verlaub zu sagen, nicht zum menschlichen, sondern zum Tiergeschlechte und darum werde ich nimmermehr deine Frau, selbst wenn ich meinen Büffel nicht wieder finden sollte.‹ Dabei lachte sie und entfernte sich mit diesen Worten. Am folgenden Tage als die mittlere Schwester das Vieh auf der Weide hütete, geschah dasselbe: sie schlief ein, ein Büffel verschwand, sie ging durch das rote, das goldene, das perlmutterne und das smaragdene Tor und lachte ebenfalls, als sie den großen weißen Vogel fand, der ihr für den Fall, daß sie seine Frau würde, den verlorenen Büffel zurückgeben wollte. ›Die Frau eines Vogels werden,‹ sagte sie. ›Nein, so was war noch gar nicht da auf Erden.‹ Nun kam der Tag, an dem die jüngste Tochter das Vieh zu hüten gegangen war und es wiederholte sich dasselbe wie die früheren Tage. Die beiden älteren Schwestern hatten über das, was ihnen begegnet war, geschwiegen, sodaß die jüngste sehr erstaunt war, als sie den Hof und die vier herrlichen Tore erblickte. Sie ging aber hinein, denn sie dachte sich, daß auch ihre Schwestern das alles gesehen haben müßten und nur ihr gegenüber davon geschwiegen hätten – vielleicht aus Neid, weil sie doch gewiß etwas Schönes aus dem Palast heimgebracht haben müßten und nun wünschten, daß sie als die Jüngste sich nicht auch hineinwage und etwas erhalte. Darum ging sie in den Palast hinein und war wohl ein wenig erschrocken, als sie Saal um Saal niemanden fand. Aber als sie in das Gemach trat, in dem der Vögel auf seinem kostbaren Tische saß, dachte sie sich: ›Aha, da ist doch etwas Lebendiges, sei es auch nur ein Vogel.‹ Darauf begrüßte sie ihn und sagte: ›Vogel, möchtest du mir nicht sagen, ob nicht gestern oder vorgestern eine meiner Schwestern bei dir war?‹ Er nickte einmal und noch ein zweites Mal mit dem Kopfe, worauf sie sprach: ›So, also alle beide sind sie dagewesen? Und bist du nicht neugierig, zu wissen, was mich hierher führt und wer ich bin?‹ Und sie erzählte ihm alles, sowie daß ihr ein Büffel verloren gegangen und ob sich das Tier nicht in den Palast hieher verirrt habe. Darauf wiederholte er also zum dritten Mal in diesen drei Tagen: ›Ich zeige ihn dir und ich gebe ihn dir, wenn du meine Frau wirst: willst du es aber nicht, dann werde ich ihn dir weder zeigen noch geben.‹ Da überlegte sie: ›Wenn er nur sein Wort hält. Aber gewiß wird er es tun; denn wenn auch meine Mutter immer das Gegenteil behauptet, so wiederholt doch der Vater immer und an jedem Tag, daß die Worte des Männergeschlechtes jederzeit wahr sind.‹ Also sprach sie zum Vogel: ›Wirst du auch halten, was du versprichst und werde ich den Büffel wirklich zurückbekommen? Du nickst nur mit dem Kopf, aber das Nicken ist doch auch so gut wie ein Wort. Also du versprichst mir meinen Büffel und ich verspreche dir meine Hand. Du wirst sehen, ich halte ein gegebenes Wort.‹ Und siehe, da war auf einmal der Büffel da und sie trieb ihn zu ihren Eltern. Dann packte sie ihr Bündel und sagte: ›Eltern, lebt wohl!‹ ›Ja wohin gehst du denn?‹ fragten die Eltern. Sie antwortete: ›Ich gehe heiraten.‹ Bald darauf sollte zu Ehren eines Götterbildes, das sich in einem nahen großen Klostertempel befand, eine dreizehntägige Andacht stattfinden und die Frau machte sich ebenfalls auf, den Tempel zu besuchen. Da fand es sich, daß gerade sie alle Weiber in der Menge überragte, denn sie war weit stattlicher als ihre Schwestern und von hervorragendem Wuchse. Unter den Männern aber tat sich ein Reiter hervor, der auf einem Blauschimmel angeritten kam. Dreimal ritt er auf seinem Rosse um die Versammelten herum und aller Augen hingen an seiner Erscheinung; und als er sich, noch bevor die Andacht zu Ende gegangen war, wieder entfernte hatte, sprachen die Leute: ›Schade, daß er nicht mehr da ist; unter den hier Versammelten ragte dieser am meisten hervor.‹ Als dann die Frau nach Hause gekommen war, sprach der weiße Vogel: ›Wer hat unter all den Frauen und Männern, die heute dort waren, die Probe bestanden?‹ Sie antwortete: ›Unter den Frauen bin ich es gewesen. Unter den versammelten Männern war es ein Reiter, der einen Blauschimmel ritt.‹ ›Wer war es?‹ fragte der Vogel. Sie sagte: ›Das weiß ich nicht, ich habe nicht darnach gefragt.‹ ›Wie,‹ sagte der Vogel, ›bist du denn nicht neugierig, wenn du einen Ritter von solcher Art siehst, nach ihm zu fragen?‹ Sie sah ihn groß an und erwiderte: ›Ich verstehe dich nicht. Eine Frau hat ein Wort.‹ ›Aber sie hat auch Augen,‹ sagte der Vogel. Sie sprach: ›Nicht, wenn sie sich einem zugeschworen.‹ Aber am zweiten und dritten und elften Tage ging sie wieder hin und als sie am zwölften die Versammlung besuchen kam, setzte sich eine Alte neben sie, die auch in den früheren Tagen ihre Sitznachbarin gewesen war. Die sagte, mit den Augen rund um sich blickend: ›Wer unter allen hier Versammelten heute wohl hervorragen wird? Wird es wieder der Reiter sein, welcher alle die Tage den Blauschimmel ritt?‹ Die Frau schwieg; die Alte aber fuhr fort: ›Warum schweigt Ihr denn? Ah, da ist er ja. – Seht, so hervorragend ist keiner. Unter den Frauen seid Ihr es und unter den Männern er. Wahrlich, wie würdet ihr für einander passen.‹ Da begann die Frau zu meinen, und die Alte sprach: ›Sie sagen, es habe hier in der Gegend oder ich weiß nicht wo, einmal eine Frau gegeben, die mußte sich einem Vogel, einem Wundervogel, versteht sich, verpflichten und sie war ihm treu. Aber als sie eines Tages einen andern sah, von großer, herrlicher Gestalt, da konnte sie das Sehnen in ihrem Herzen doch nicht unterdrücken, sondern sprach zu sich: ach, wenn mir doch ein solcher zum Gemahl beschieden wäre. So habe ich mir einen aus einem anderen Geschlechte zum Gatten genommen und mich ihm unterworfen.‹ Da erhob sich die Frau und sagte: ›Genug, sprecht nicht mehr mit mir,‹ und setzte sich abseits. Aber wieder weinte sie; und nun ging ihr die Alte nach und sprach: ›Kind, ahnst du denn die Wahrheit nicht? Unter den versammelten Frauen ist dein Vorrang unbestritten; der Reiter aber, der den Blauschimmel geritten, das ist doch dein eigener Mann!‹ Da schrie die Frau auf: ›Warum peinigt sie mich, das ist ja unmöglich‹ und sie wollte zornig wieder davon. Die Alte aber sagte: ›Du kannst dich doch morgens davon selbst überzeugen.‹ Und als die Frau flüsterte: ›Wie?‹ sagte die Alte: ›Morgen ist der dreizehnte, der letzte Versammlungstag und dein Mann wird dich wieder vorausgehen lassen, um sich dann, wenn du fort bist, in den Reiter zu verwandeln und dir zu folgen. Wenn du dann von ihm in dem Gemache, das ihr bewohnet, Abschied genommen hast, so tu wie alle Tage bisher und schreite bis an das perlmutterne Tor; aber dort geh nicht weiter, sondern verbirg dich hinter demselben. Dann wirst du sehen, wie er aus dem Palaste kommt und das smaragdene sowie das goldene Tor durchfliegt, bis er dir nahe gekommen sein wird. Dort ist eine verschlossene Türe, an die wird er mit seinem Fittich streifen, darauf tut sie sich auf und du wirst sehen, wie er aus seinem Vogelgewand heraustreten, sich auf den dort stehenden Blauschimmel schwingen und an dir vorbei hinausreiten wird, hierher zur Versammlung. Die Tür zum Gemach, in dem das Pferd gestanden, wird aber offen stehen und drin wird das Vogelgewand liegen, das er verlassen hat. Das nimm und wirf es ins Feuer; dann wirst du mit ihm immer in seiner wahren Gestalt zu leben vermögen.‹ Die Frau war wie berauscht und konnte den andern Tag kaum erwarten. Zur bestimmten Stunde nahm sie Abschied, ging und versteckte sich hinter dem Tor und es geschah alles, wie es die Alte gesagt hatte. Er kam herausgeflogen, öffnete die Tür, streifte sein Vogelgewand ab, dann bestieg er den Schimmel in herrlicher männlicher Gestalt. Und als er auf seinem Pferde herausgeritten und verschwunden war, schlich sie hinein und zündete das Vogelgewand an, bis es auf den letzten Rest verkohlte. Nun wollte sie in die Versammlung, aber ihre Fuße trugen sie nicht, so voll war sie vor Sehnsucht; und wartete den ganzen Tag seiner Heimkehr. Und zur Zeit, als die Sonne bereits rot glühend sich zum Untergange neigte, und sie ihn draußen zurückkehren sah, versteckte sie sich hinter einer Säule. Er kam, ritt durch das rote Tor und wollte schon weiter, da rief sie: ›Geliebter!‹ und eilte zu ihm hin. Da sah er denn freilich, was an Liebe in ihr war und daß sie nun wirklich sein Geheimnis wußte. ›Ah!‹ rief er, ›wie hast du es erfahren und wo ist mein Vogelgewand?‹ und als sie erzählte, daß sie es im Feuer verbrannt habe, sprach er: ›Du Unglückselige, wohl weiß ich, daß du immer treu warst und wohl sehe ich, daß du mich liebst, aber wisse, die Alte, die dir zu allem geraten, war die Botin von Göttern und Dämonen, die mich von dir losreißen wollte. Es war meine Seele, die du mit meinem Vogelgewande verbranntest.‹ Die Frau schluchzte und warf sich ihm zu Füßen. ›Was habe ich getan,‹ rief sie, ›und gibt es denn kein Mittel, es zu wenden?‹ Er sagte: ›Kein anderes Mittel gibt's, als daß du dich an dieses Tor von Perlmutter setzest und sieben Tage und Nächte, dich nicht einen Augenblick vergessend, mit diesem Zauberstab – und er gab ihr einen kleinen elfenbeinernen Stab – Zauberkreise in den Boden gräbst. Denn wisse, sieben Tage und Nächte lang muß ich nun mit den Göttern und Dämonen um meine Seele ringen und deine Zauberkreise werden mir Unterstützung bringen. Wenn du dich aber nur einen Augenblick unterbrichst, werde ich verloren sein, denn dann werden mich die Dämonen und Götter mit sich fortreißen.‹ Da nahm die Frau den Stab, setzte sich vor das Tor und grub mit ihm immerfort die Kreise in die Erde. Immer wieder hörte sie eine ferne Stimme aus dem Schlosse, die fragte, ob sie aushalte und sie rief zurück: ›Ich halte aus, mein Geliebter.‹ Manchmal hörte sie auch Weherufe aus der Burg, so als ob ihn die Kräfte in dem Ringen bereits verlassen wollten. Und dann rief sie weinend: ›Um meiner Unbedachtheit willen leidest du so. Aber werde nicht schwach, ich halte bei dir aus, mein Geliebter.‹ So ging es sechs Tage und Nächte lang. Aber am siebenten Tag, da sie vor Schwäche einen Augenblick eingenickt war, erwachte sie von einem Donnern und Brausen und sah, wie der ganze Palast zusammenstürzte und die Götter und Dämonen ihren Mann entführten. Dort, wo das Gemach gewesen war, in welchem er immer geweilt hatte, gewahrte sie aber jemanden mitten unter den Schutthaufen. Es war die alte Frau und die sagte, als sie sie fragte, warum sie so großes Unglück über sie gebracht: ›Wisse, der Götter Befehl kann man keinen Widerstand leisten, meine Tochter. Aber die Götter sind auch gnädig und lieben es, wenn sie ein Herz finden, in dem Liebe ist. Such' den Entschwundenen und wenn du ihn suchst, wirst du ihn auch wohl wiederfinden.‹ Da machte sich die Frau auf, ihn zu suchen und suchte ihn in Wäldern, auf Bergen und auf allen Feldern. Sie suchte ihn an dunklen Weihern und an strömenden Flüssen sowie in Wüsten, wo die Sonne auf sie herabbrannte. Da vernahm sie einmal seine Stimme, die wie von einem hohen Berg herabzukommen schien. Als sie hinaufkam, klang ihr die Stimme von tief unten entgegen und narrte sie immer wieder, bis sie zu einem zu Ehren der Götter aufgeworfenen Steinhügel kam. Und siehe, da war ihr Mann. Da rang sie die Hände, denn er sah so verfallen aus, die Schultern wund gerieben und blutig die Füße. ›Wovon sind deine Füße so blutig?‹ fragte sie. Und er sagte: ›Weil ich immerfort dienen muß und alle mich so herumjagen.‹ ›Und wovon sind deine Schultern so wund?‹ fragte sie ›Von den schweren Lasten, die ich immerdar trage.‹ ›Und welches sind diese Lasten?‹ ›Die Lasten des Wassers sind es,‹ antwortete er, ›die ich immerdar von der Erde zum Himmel hinauftrage. Da peitschen mich die Dämonen, wenn ich stille halte und schreien, daß ich ihr Knecht bin.‹ ›Und warum hassen sie dich so?‹ ›Weil ich ihnen meine Seele nicht verschrieben habe und sie auch nicht wegschenken wollte, als ich dich fand. Denn lieber warst du mir als alles, was sie mir geboten hatten.‹ ›Und gibt es denn keine Hilfe,‹ sagte sie, laut aufweinend. Aber nun kam plötzlich, ehe er antworten konnte, ein Heer von Dämonen daher, die riefen: ›Weg mit dir, fauler Knecht.‹ Und er entschwand ihr. Da, als sie sich umsah, war die Alte wieder da und sie schrie: ›Wo ist er? Du bist es, die mich verführt hat, daß ich seine Seele verbrannte.‹ Die Alte erwiderte: ›Du irrst. Dich zu prüfen war ich herniedergestiegen. Weißt du wo dein Mann jetzt ist? Wenn du ihm sein Vogelhaus neu baust, damit seine Seele sich wieder hineinfinden kann, wird er dir wiederkehren.‹ Da rief die Frau weinend, indem sie sich die Tücher von der Brust riß: ›Hier in meinem Herzen ist sein Haus für und für.‹ Da wurden lichte Hände sichtbar und hoben sie zum Himmel empor und sie fand ihn dort wieder, wo er seitdem von der Gewalt der Dämonen befreit, als das Sternbild des Wassermanns leuchtet.« »Das war ein herrliches Paar,« flüsterte bei diesen Worten der Chansohn. Siddhi-Kür aber rief: »Das wahre Glück verkennend, hat sich der Chansohn Worte entschlüpfen lassen.« Und mit dem Rufe: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« entschwand er. Die beiden Ananda Nachdem der Chansohn wieder zum Mangobaum gegangen war und seine Worte gesprochen hatte, kam der Tote herabgestiegen. Er steckte ihn in seinen Sack, band diesen mit dem Seile fest, verzehrte, wie es ihm Nagarguna befohlen hatte, sein Brot und während er, mit ihm auf dem Rücken, zu kurzer Rast an einem Baum lehnte, sprach Siddhi-Kür: »Willst du dich nicht setzen, du wirst müde sein.« Er schüttelte das Haupt. Siddhi-Kür sprach: »Gut, also steh. Aber der Tag war lang und der Weg weit. Wird es dir nicht langweilig? Erzähle doch auch etwas.« Er blieb stumm. »Gut, wenn du nicht willst, so erzähle vielleicht ich. Oder fürchtest du dich vielleicht? Ein Chansohn soll sich nicht fürchten, sondern zeigen, ob er stark sein kann.« Darauf gab der Chansohn mit dem Kopfe das Zeichen und Siddhi-Kür begann wieder: »Früh vor Zeiten lebte In einem Reiche namens Kum-Smong ein Chan namens Aburlan und der hinterließ nach seinem Tode einen Sohn namens Chamuk Ssakitschi und in dessen Gebiete lebten zwei Männer, ein Maler und ein Holzkünstler. Sie hießen beide Ananda, waren aber einander spinnefeind und der Maler beschloß, dem Holzkünstler einen Possen zu spielen. Infolgedessen verschwand er für längere Zeit und so oft jemand fragte, ob er zu Hause sei, antwortete seine Frau und antworteten seine Dienstleute: ›Der Maler ist verreist und der Himmel weiß, wo er sich befindet.‹ Da denn ein solches Gefrage nach ihm herrschte, tauchte er eines Tages wieder auf und verlangte, da er eine wichtige Botschaft habe, vor Chamuk Ssakitschi, den Chan, geführt zu werden. Als er eintrat, fragte der Chan, der auf seinem Throne saß: ›Bist du der Ananda, der die Malerei betreibt?‹ ›Ja, großmächtiger Chan, ich bin es.‹ ›Du warst jetzt längere Zeit abwesend?‹ fragte der Chan, ›wo warst du?‹ ›Großmächtiger,‹ sagte der Maler, ›das eben ist es. Wisse, daß dein Vater im Götterreiche wiedergeboren wurde und da er mich dorthin berief, mußte ich mich dorthin begeben.‹ ›Ist es möglich,‹ sagte der Chan und staunte sehr. Der Maler aber sprach: ›Sein Glanz und seine Herrlichkeit ist unermeßlich und hier ist auch ein von deinem Vater übersendetes Schreiben.‹ Mit diesen Worten überreichte er ihm einen Brief, in welchem es also hieß: An meinen Sohn Chamuk Ssakitschi, den Großmächtigen! Als ich von dort scheidend mein Leben beschloß, bin ich im Götterreiche wiedergeboren worden. Hier lebe ich jetzt in Fülle und Überfluß an allem. Nur einen Holzkünstler, um einen Klostertempel hier zu errichten, habe ich nicht gefunden. Sende daher unseren Holzkünstler Ananda herauf. Die Art und Weise heraufzukommen, weiß Ananda, der Maler. Diesen Brief überreichte der Maler dem Chan und als dieser ihn gelesen, sprach er: ›Ist wirklich die Wiedergeburt meines Vaters im Götterreiche die Wahrheit, so ist das sehr gut; aber wer weiß, ob es wahr ist?‹ worauf er die Priester holen ließ. Die sagten, warum nicht? Solche Dinge, besonders wenn ein Chan gut und fromm war, seien schon oft dagewesen. Sofort ließ der Chan darum den Holzkünstler herbeirufen und sprach zu ihm: ›Ananda, mein Vater, der Chan, ist im Götterreiche wiedergeboren worden und da er dort einen Klostertempel errichten will und keinen Holzkünstler findet, so hat er mir mittels dieses Schreibens befohlen, dich zu ihm hinaufzusenden.‹ Mit diesen Worten zeigte er ihm das Schreiben. Der Holzkünstler erschrak, als er es gelesen und fragte: ›Wer hat es gebracht?‹ Sagte der Chan: ›Ananda, der Maler.‹ Da dachte sich der Holzkünstler, so etwas sei doch gegen alle gewöhnliche Ordnung, dahinter stecke sicherlich eine böse Absicht von Seite Anandas und er fragte: ›Wie soll ich denn in das Götterreich gelangen?‹ ›Darüber,‹ erwiderte der Chan, ›müssen wir den Maler befragen,‹ und dieser ließ sich, als er zum Chan hereingeführt wurde, vernehmen wie folgt: ›O, das ist ganz leicht. Vor allem muß Ananda, der ja dein treuer Knecht ist, alle zur Ausübung seiner Kunst nötigen Werkzeuge beisammen haben. Sodann errichtest du, o Chan, einen schönen Scheiterhaufen, dessen Holz ringsum und durch und durch mit Öl getränkt sein muß. Dieser soll dann unter Anstimmung feierlicher Gesänge auf allen Seiten auf einmal angezündet werden und auf der von demselben in Rossegestalt aussteigenden Rauchsäule reitet dann der Holzkünstler zum Himmel hinaus.‹ Darauf versetzte der Holzkünstler: ›Das sehe ich ein und will darnach tun. Nur möchte ich noch wissen, von welchem Platze aus die Auffahrt stattfinden muß?‹ und als der Maler sagte, das sei alles eins, erwiderte der andere Ananda: ›Zur Auffahrt eignet sich ein in der Nähe meiner Behausung befindliches Feld. Von diesem aus werde ich also emporsteigen. Und wann soll es vor sich gehen? Zur Beschaffung aller meiner Werkzeuge brauche ich doch sieben Tage Zeit.‹ Sagte der Maler, das sei gerade die richtige Zeit, worauf sie der Chan wieder entließ, zufrieden, daß der Wunsch seines wiedergeborenen Vaters so rasch in Erfüllung gehen konnte. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte der Holzkünstler seiner Frau die Sache und sie war sehr bestürzt, worauf er sprach: ›Verstehst du nicht den schurkischen Plan? Unser Chan ist ein Schafskopf und sitzt einem jeden Spitzbuben auf und seine Priester nicken dazu mit den Köpfen. Aber noch brauchst du nicht zu weinen, Weib, ich bin auch nicht dumm und du wirst schon sehen, wie ich heute über acht Tagen mein Versprechen erfülle und zum wiedergeborenen Chan auffahre.‹ Nun grub er vom Innern des Hauses aus unter der Erde einen Gang und führte ihn bis zur Mitte des Feldes; dort machte er eine Öffnung nach außen, die er jedoch mit einer Steinplatte verdeckte und darüber Erdreich schichtete, sodaß sie niemand wahrnehmen konnte. Als die sieben Tage abgelaufen waren, ließ ihn dann der Chan holen und fragte: ›Bist du bereit?‹ und als er ja sagte, freute sich der Herrscher, daß sich der Holzkünstler nun zu seinem Vater begeben sollte. Zugleich erging eine Kundmachung an das Volk, wonach jeder eine Tracht Brennholz und ein Maß geweihten Öls mitbringen sollte. Unter schönen Gesängen richteten sie dann auf dem Felde einen gewaltigen Scheiterhaufen auf. Ananda setzte sich darauf, das Feuer ward ringsherum angezündet und als es, während die Gesänge noch gewaltiger erschollen, unten zu rauchen und zu lodern begann, ließ sich Ananda durch den Spalt, der mitten durch den Scheiterhaufen ging, hinunter, entfernte die Steinplatte und begab sich in seine eigene Wohnung. So geschah das alles, ohne daß jemand aus dem Volke es sah und Freude im Herzen rief der Maler, indem er mit dem Finger hinaufwies: ›Dort auf der Rauchsäule ist Ananda jetzt hinaufgefahren.‹ ›Es fällt mir nur auf,‹ sagte der Chan, ›daß die Rauchsäule nicht ganz die Gestalt eines Rosses gehabt hat, während uns der Maler doch gesagt hat, daß sie Ananda in Rossesgestalt hinauftragen wird.‹ Aber die Priester beruhigten ihn darüber und sagten, es komme darauf nicht viel an und einige meinten sogar, daß sich der Chan geirrt haben möge, denn ihnen sei es vorgekommen, daß sie doch ganz einem Rosse ähnlich gewesen sei, mit dem Kopf, mit der Mähne, dem Schwanz und allen vier Füßen. Und im Volke sagten die Leute untereinander, als sie heimgingen, ebenfalls, der Chan habe sich geirrt, denn sie hätten es ganz deutlich gesehen, daß den Künstler ein prachtvolles graues und stellenweise dunkler gefärbtes Roß empor getragen habe. Während eines ganzen Monats verblieb nun der Holzkünstler zu Hause in tiefer Verborgenheit, ohne sich von jemanden sehen zu lassen. Nach Ablauf dieser Zeit kleidete er sich in ein weißes Gewand von durchsichtiger Seide und ließ dem Chan sagen, er sei wieder da. Gleich wurde er geholt und als er Chamuk-Ssakitschi erblickte, rief er: ›Ei, bist du aus dem Götterreiche wieder zurück? Befindet sich der Chan, mein Vater, wohl?‹ Worauf Ananda ihm ebenfalls einen Brief aus dem Götterreiche überreichte. In dem Briefe stand: An meinen Sohn Chamuk Ssakitschi, den Großmächtigen! Daß Du in Wohlstand und Glück Dein Reich unablässig in der Lehre unterweisest und demselben Deine Sorge widmest, das ist sehr gut. Und wisse, daß Dein Holzkünstler bei der Errichtung des Klostertempels seine Sache vorzüglich zu Ende geführt hat. Daher mußt Du ihn dort bei Euch mit Geschenken reichlich belohnen. Jetzt aber müssen wir an dem Klostertempel hier allerlei schöne Malereien ausführen, weswegen es dringend nötig ist, daß Du uns unverzüglich auch den Maler sendest. Was die Art und Weise des Heraufkommens betrifft, so sollt Ihr nur nach der vorigen Weise verfahren. Diesen Brief überreichte der Holzkünstler dem Chan. Und nachdem er ihm noch ausführlich berichtet hatte, wie er in das Götterreich gelangt und wie es ihm dort ergangen war, freute sich der Chan sehr und freuten sich die Priester, weil sie alles so richtig vorausgesagt und unter dem Rufe: ›Seht ihr also, daß es wahr ist.‹ überreichte man Ananda im Auftrage des Chans reichliche Geschenke zur Belohnung. ›Nun aber,‹ sprach der Chan, ›müssen wir an die Malereien, die für den Tempel meines Vaters nötig sind, denken‹ und ließ den Maler rufen und als dieser erschien und den Holzkünstler in das weiße Gewand von durchsichtiger Seide gehüllt und mit verschiedenen Kostbarkeiten geschmückt dasitzen sah, dachte er bei sich: ›Der ist also nicht gestorben? Das verstehe ich nicht.‹ Nun ihm aber der Chan den von seinem verstorbenen Vater empfangenen Brief zeigte und die Ursache kundgab, aus welcher er jetzt gehen müsse, sprach er in seinem Inneren: ›Es wird ja doch wohl so sein und offenbar werde ich während der Fahrt zum vollen Verständnis gelangen. Denn da ich den Holzkünstler hier mit eigenen Augen sehe und mit eigenen Händen anfasse, ist es doch wahr und er hat es ebenfalls überwunden. Das vorausgegangene Beispiel – dachte er sich weiter – ist ja der Pfad für das nachfolgende. Warum fürchte ich mich also?‹ Und indem er sich solchen Erwägungen überließ, gab er das Versprechen, nach Ablauf von sieben Tagen ebenfalls die Fahrt anzutreten. So brachten denn die Leute, nachdem die Fahrt wieder wie das vorigemal stattfinden sollte, nach Ablauf der sieben Tage abermals Brennholz und ganze Trachten Öls mit und errichteten in der Mitte des Feldes den Scheiterhaufen. Dann stieg der Maler mit seinen Malergeräten und den an den verstorbenen Chan zu überreichenden Geschenken samt einem Schreiben, das er ihm übergeben sollte, hinauf und als er schon oben saß und die Leute mit dem Anzünden noch zögerten, rief er: ›Was zögert ihr? Sputet euch‹ und konnte es gar nicht erwarten. Das gefiel dem Chan und er sagte: ›Da sieht man, wie eifrig er meinem toten Vater zu dienen sich sehnt‹ und ward ebenfalls ungehalten, weil das mit dem Anzünden noch dauerte. Aber nun waren sie endlich fertig und bereit, es wurde das Zeichen gegeben und unter vielfachem Jubel stand auf einmal, von allen Seiten gleichzeitig in Flammen gesetzt, der riesige Stoß in Brand; und als der Maler, weil es ihm plötzlich wehzutun begann, laut aufschrie und die Hände zum Himmel erhob, riefen sie unten: ›Seht, seht, wie er sich schon freut, daß er hinaufkommt.‹ Nun machte er einen Sprung, um vom Scheiterhaufen hinabzugelangen, stürzte aber wieder zurück und während der allgemeine Jubel noch fortdauerte, verschwand er in den Flammen, die ihn bis auf den letzten Rest verzehrten.« »Er hat sein Teil zurückerhalten,« rief bei diesen Worten der Erzählung der junge Chansohn. Indem ihm aber diese Worte unversehens entfahren waren, versetzte Siddhi-Kür: »Das wahre Gluck verkennend, hat der Chansohn sich Worte entschlüpfen lassen« und mit dem Ausruf: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut,« sich losmachend, entschwand er. Das schweigende Herz Als der Chansohn in der nämlichen Weise wie früher die drohenden Worte gesprochen, kam Siddhi-Kür wieder herabgestiegen. Er steckte ihn in seinen Sack, band diesen mit dem Seile fest, verzehrte sein Mahl und wanderte, den Toten auf dem Rücken, seines Weges dahin. Siddhi-Kür wiederholte die Worte wie früher und der Chansohn gab mit dem Haupte das Zeichen, worauf Siddhi-Kür abermals wie folgt anfing: »Früh vor Zeiten herrschte in einem großen Reiche ein Chan, der den Beinamen ›der Erleuchter‹ führte. Nach seinem Hinscheiden kam sein Sohn zur Regierung, ein holder Jüngling, der eine Königstochter der Südgegend zur Frau genommen hatte, die er aber nicht liebte. In einiger Entfernung von seinem Schlosse gewahrte er einmal, als er sich auf der Jagd befand, ein an Wuchs und Gestalt reizendes, vollendet schönes Mädchen. Er fragte, wer sie sei und erfuhr, daß ihre Eltern schlichte Leute wären, die in der Nähe ihren kleinen Acker bestellten, worauf er sich sagte, daß Liebreiz und Treue ein Geschenk der Götter sei, das unabhängig sei von Reichtum und allem Glanze. Er lernte sie kennen und faßte Liebe zu ihr und sie liebte ihn auch, ohne zu wissen, daß es der Chan sei und daß ihm eine Gemahlin zu Hause weinte. Aber da erkrankte er eines Tages schwer und schied aus dem Leben. Sie hatte auch davon keine Ahnung und da er durch einige Nächte wegblieb, sagte sie sich, daß ein Mann ja in der Welt viel zu tun habe, das ihn hindere zu tun wie er will und so wartete sie seiner. Da nachts, als es dunkel geworden war, klopfte es beim Strahle des Mondes an ihre Türe und als sie hinaussah, stand er draußen. Sie ging ihm zum Willkomm entgegen und führte ihn ins Haus. Dort fragte sie: ›Warum trägst du heute deine gewohnten Kleider nicht, mein Teurer?‹ Sie bat ihn, sich zu setzen, er tat es nicht und sie fragte: ›Warum setzest du dich nicht, mein Teurer?‹ Dann stellte sie Obst, Brot und Getränke vor ihn hin, doch er rührte nichts an und sie fragte: ›Warum issest du nichts, mein Teurer?‹ Darauf sagte er: ›Komm, Geliebte, komm heraus‹ und als sie ins Freie kamen, bat und lockte er: ›Komm weiter..., komm doch weiter.‹ So gelangten sie bis in die Nähe der Königsburg, aus deren Innern jetzt der laute Schall der Becken und Trompeten und Trauergesänge hervordrang. Sie fragte, was das zu bedeuten habe. Er antwortete: ›Weißt du das nicht?‹ Sie sagte: ›Sie veranstalten ein Totenopfer darin. Ist denn dem Chansohn etwas geschehen?‹ Er antwortete: ›Der Chansohn ist gestorben und der Chansohn bin ich. Es ist mein Totenopfer, das sie veranstalten‹ Sie stürzte zu Boden. Er sagte: ›Jetzt ist dazu nicht die Zeit. Du wirst in Kürze einen Sohn bekommen und ich will, daß du dann in dem Hause, wo meine heiligen Tiere sind, weilst. Dort ist ein Opfertisch, unter ihm liegt ein Edelstein, den ich dort verborgen habe. Laß meine Mutter holen und gib ihr den Stein zum Zeichen, daß alles wahr ist und sag ihr, daß ich sie bitte, den Stein meiner Frau zu geben. Man entlasse sie, wenn sie will, zurück in ihr Heimatland und wenn sie nicht will, nicht. Wenn sie aber wegzieht, dann falle der Thron an unser Kind und bis es herangewachsen, sollst zusammen mit meiner Mutter du die Regierung führen.‹ Nach diesen Worten verschwand er. Das Mädchen irrte, nachdem sie wieder zu sich gekommen war, mit dem Rufe: ›O Chan, mein Chan!‹ durch die Wälder. Als sie sich wieder beruhigt hatte, begab sie sich in das Haus, wo die heiligen Tiere waren, ließ sich nahe dem Opfertisch nieder und bekam in der Nacht einen Knaben. Keiner der Wärter war da, nur die Tiere sahen auf sie herab und waren voll Mitleid. Des Morgens, als die Wärter kamen, sagten sie: ›Wahrlich, daß hier bei den heiligen Tieren ein Kind zur Welt kam, das ist nicht in Ordnung und wird den Tieren nicht recht sein.‹ Aber diese sahen vorwurfsvoll zu ihnen auf und knieten neben die Mutter und das Kind hin, worauf die Wärter sprachen: ›Das haben wir ja noch nicht gesehen, das ist ein Wunder.‹ Und jetzt sahen sie nach der jungen Mutier, bis sie wieder zu sich kam und reichten ihr das Kind und sie sagte: ›Wo ist dein Vater und wer wird um dich sein, wenn ich ihm auch nachfolgen muß, du mein in Verlassenheit Geborener?‹ Aber nun erinnerte sie sich, was ihr der tote Chan gesagt hatte und bat die Wärter, hinzugehen und seine Mutter zu holen, worauf diese rasch herbeieilte und beim Anblick des Edelsteins erkannte, daß alles wahr war. Als die Schwiegertochter davon hörte, verbarg sie das Gesicht in den Händen und wollte den Stein, den die Mutter ihr schenken wollte, nicht nehmen. Aber die Mutter bat und so sagte sie, gut und erklärte, daß sie zu ihrem Vater heimzukehren wünsche. Aber zuvor ließ sie sich noch zu den heiligen Tieren führen. Dort im Hause der Tiere trat sie hinter den Opfertisch und blickte eine Weile lang ungesehen auf das junge Mädchen und ihr Kind, die dort noch auf dem Fußboden lagen. Dann wandte sie sich, bestieg den Wagen und kehrte in ihre Heimat zurück, während das Kind in den Palast gebracht wurde und seine Mutter zusammen mit der Großmutter die Regierung führte.« Hier unterbrach sich Siddhi-Kür und sprach: »Will der Chansohn nicht wissen, wie es weiter war? Sie erzählen die Geschichte bald so, bald so, aber wie es wirklich war, weiß niemand.« Der Chansohn schwieg. »Und gibt mir also der Chansohn,« sagte Siddhi-Kür, »nicht einmal mit dem Kopfe das Zeichen, daß er vernehmen will, wie es wirklich gewesen?« Darauf nickte der junge Chan und der Leichnam sprach weiter: »Also die Mutter und die Geliebte pflegten mit Liebe das Kind, bis die Großmutter starb und bald darauf geschah wieder etwas, was der Chansohn vielleicht nicht glauben wird. Als nämlich die Witwe des jungen Chans zu ihrem Vater heimgekehrt war, hatte sie sich in ihr Zimmer eingeschlossen und lange Zeit, bis auf die Dienerin, die um sie war, niemanden gesehen, so daß sich ihr Vater sehr kränkte. Er schickte ihr Geschenke und Edelsteine und sprach durch die Tür zu ihr, aber sie wollte nichts hören. Da, in einer Nacht, als alle schliefen und sie allein noch wach war, klopfte es am Fenster und wie sie es öffnete, stand da eine Gestalt im Mondenschein und sie konnte nicht sehen, wer die Gestalt war, weil sie ganz verhüllt war. In der folgenden Nacht und dann noch ein drittesmal kam die Gestalt wieder; und da nahm sie den Edelstein, den sie aus dem Lande ihres Gemahls mitgebracht hatte, aus der Truhe, aus der sie ihn seitdem nicht wieder hervorgezogen hatte und sagte, indem sie ihn vor sich hinlegte: ›Edelstein, Edelstein, wer ist die Gestalt?‹ Es war aber ein Stein, wenn man ihn ansah, zog sich das Herz zusammen und mußte an Vergangenes denken. So begab sie sich denn frühmorgens zu den heiligen Tieren, deren ihr Vater ebenfalls eine Anzahl in einem eigenen Hause hatte. Er freute sich als er hörte, daß sie doch einmal wieder ihr Gemach verlassen hatte und sagte, vielleicht sei es ein Zeichen, daß sie wieder gesund werden würde. Umsomehr betrübte es ihn aber, als er hörte, daß sie dort in dem Hause schweigend hinter dem Opfertisch gestanden sei und dann wieder in ihr Gemach zurückkehrte. Und neuerdings ließ sie niemand zu sich, bis die Nacht kam. Da erhob sie sich von ihrem Sitze, schritt über die Geschmeide, die ihr der Vater geschenkt hatte und die alle auf dem Boden lagen, hinweg und legte wieder den Stein, den sie aus dem Lande ihres Gemahls mitgebracht hatte, vor sich hin und sprach: ›Edelstein, Edelstein, was hast du mir zu sagen?‹ Da begann er zu leuchten und es sprach aus ihm heraus: ›Weißt du es nicht? Die Mutter des Kindes ist gestorben und jetzt ist es allein. Das habe ich dir zu sagen.‹ Sie rang die Hände und fragte, was tun? und wieder sprach es aus dem Edelstein: ›Das sagt dir kein Mund. Aber du bist vielleicht schwach. Nur ein Weib, das stark ist, kann etwas tun, damit das Kind nicht allein bleibt.‹ Da sagte die Prinzessin: ›Ich überwinde alles, sollten selbst mein Fleisch und meine Knochen darüber auseinander gehen,‹ worauf die Stimme sprach: ›Nun so geh künftigen Monat, am fünfzehnten, in der Nacht, wenn der Mond sein Licht verbreitet, eine Meile weit allein nach der Südgegend vom Palaste deines Vaters weg. Dann wirst du dort etwas finden, das dich zu einem magischen Zauberkreis führen wird, an dessen Rande lauter weinende Herzen stehen. Nimm mich, nimm mich, schreit jedes Herz und du mußt erraten, welches das richtige ist und es zurücktragen zum Kinde. Dann wird das Wesen wieder vom Tode erwachen, dem dies Herz gehört und von dem du wünschest, daß es beim Kinde bleibe.‹ Da sagte die Frau, gut und machte sich des künftigen Monats, am fünfzehnten in der Nacht, auf den Weg nach der Südgegend: und ging und ging, bis sie zu einer Stelle kam, da leuchtete etwas schwach. Und als sie sagte, daß sie die Prinzessin sei, ging ihr das Licht voran und geleitete sie zum Zauberkreise, an dessen Rande die weinenden Herzen alle standen. Da waren viele, die sie nicht kannte und andere, die sie kannte und alle riefen: nimm mich, nimm mich. Nur eines schwieg, weil es vor Weh kein Wort hervorbringen konnte. Da neigte sie sich hinab und erkannte, daß es das Herz des jungen Mädchens war, die dort ihr Kind in der Ferne allein hatte zurücklassen müssen und griff nach dem stummen Herzen und trug es zum Kinde zurück. Dann wandte sie sich und kehrte wieder zurück zu ihrem Vater.« »O, die liebte ihren Gemahl und er liebte sie nicht,« rief mit Tränen im Auge der Chansohn. »Wieder hat sich der Chansohn Worte entschlüpfen lassen,« rief der Geist und mit den Worten: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut,« entschwand er. Die Statue des Bodhisatva Darauf ging der Chansohn wie zuvor hin und nahm den Siddhi-Kür auf den Rücken. Während ihrer Wanderung erzählte Siddhi-Kür folgende Geschichte: »Früh vor Zeiten befand sich in der Mitte eines großen Reiches ein alter Klostertempel, in welchem man eine Statue des Buddha aufgestellt hatte. In der Nähe dieses Tempels wohnten in einer kleinen Hütte ein Alter und eine Alte mit ihrer einzigen Tochter. Da kam einmal in die Gegend ein Mann, der Waren zum Verkaufe herumtrug. Er übernachtete bei dem Klostertempel und als er tags darauf weiterging, gelangte er vor die Hütte der beiden Alten. Als er sich ihrer Türe näherte, hörte er, wie sie drinnen miteinander sprachen. Die Alte sagte: ›Wir sind beide alt; wenn wir diese, unsere einzige Tochter, verheiraten könnten, so wäre dies für uns eine Freude.‹ Der Alte erwiderte: ›Das ist wahr‹ und die Frau: ›Nur aber sind wir, ach, so arm,‹ worauf der Mann ihr erwiderte: ›Tröste dich Mutter, ich will dir etwas gestehen.‹ Und er erzählte ihr: ›Wisse, ich habe vor dem Standbild des Bodhi oft Opfer dargebracht und meine Huldigung und Verehrung vor ihm immer mehr erhöht und das hat er mir in seiner Güte belohnt, so daß ich ein Maß schöner Edelsteine zusammengebracht habe. Die habe ich in ein Versteck getan und unsere Tochter, die unser Glück ist, ist also nicht gar so arm. Darum wollen mir morgen ein Opfer vorbereiten und Bodhi befragen, wem wir unsere Tochter geben sollen.‹ Sagte die Mutter: ›Vielleicht will der Gott aber, daß sie den geistlichen Stand erwählt.‹ Der Mann dachte nach und sprach: ›Wir wollen ihn befragen, ob sie den geistlichen oder den weltlichen Stand erwählen soll.‹ So sprachen sie miteinander und der herumziehende Mann draußen, der es belauschte, dachte sich: ›Da habe ich meinen Weg zum Glück gefunden.‹ Nachts schlich er sich in den Tempel, machte an der Rückseite der Bodhistatue eine Öffnung, kroch in das Innere und blieb da sitzen. In der Frühe kamen die beiden Alten samt der Tochter und hielten das Opfer in Bereitschaft. Nachdem sie ihre Verbeugung gemacht hatten, sprach der Vater: ›Göttlicher Bodhi, was ist dem Wille und was ist für diese meine Tochter ersprießlicher: daß sie den geistlichen oder daß sie den weltlichen Stand wähle? Und wenn sie der Welt angehören soll, welchem Mann sollen wir sie geben. Entweder, wenn du es so willst, gib jetzt Antwort oder offenbare deinen Willen durch einen nächtlichen Traum.‹ Da rückte der Mann im Innern an die Nase der Statue heran und ließ den Bodhi also sprechen: ›Es ist für deine Tochter am ersprießlichsten, wenn sie den weltlichen Stand erwählt. Wer morgen früh zuerst vor der Tür deiner Hütte erscheint, dem gib sie.‹ Die beiden Alten riefen voll Freude: ›Bodhi hat gesprochen!‹ und nachdem sie unter vielfachen Verneigungen das Standbild umwandelt hatten, entfernten sie sich. Des Morgens in der Frühe stieg der freche Geselle aus dem Innern der Statue heraus, begab sich vor die Wohnung der Alten und klopfte an die Türe. Die Alte kam heraus und kaum hatte sie ihn erblickt, so trat sie wieder in das Zimmer zurück und sprach zu dem Alten: ›Nach Bodhis Wort ist der Mann erschienen:‹ Der Alte sagte: ›Das ist sehr gut! Laß ihn in das Haus eintreten‹ und nun bereiteten sie ihm allerlei Speisen und Getränke und sprachen über dies und das und schließlich, nachdem auch davon die Rede gewesen war, und er das Mädchen gesehen und um ihre Hand angehalten hatte, gaben sie ihm ihre Tochter. Der Alte holte auch gleich das Maß von Edelsteinen aus dem Versteck, in das er sie getan hatte, um es dem Schwiegersohn zu übergeben. Dann nahmen sie Abschied. Als er nun mit dem Mädchen weiter wanderte, dachte er bei sich: ›Was brauche ich sie? Ich habe schon ohnehin eine Frau und Kinder zu Hause. Was soll mir die neue Last? Ich werde sie erschlagen und einfach die Edelsteine behalten. Schon stand er auch an einer Stelle im Walde mit einem Knüttel hinter ihr, um sie niederzuschlagen, da fiel ihm aber wieder etwas ein. Wenn ich jetzt gleich mit den Edelsteinen heimkehre,‹ sagte er sich, ›wird man fragen, wie ich auf einmal so reich geworden bin und es kann herauskommen, daß ich den Mord begangen habe. Besser ist's, sie zu erschlagen und hier irgendwo gut verbergen und in das Grab, in das ich sie hineinlege, auch die Edelsteine zu tun. Kehre ich sodann nach Hause zurück, dann werde ich eine Zeit noch den armen Mann spielen, von Tempel zu Tempel ziehen, um milde Gaben flehend unter den Leuten herumgehen und so fromm tun, daß alle Leute sagen: Er verdient es, wenn er das zu raschem Reichtum verhelfende Gebet spricht, daß ihn Bodhi erhöre. Werde ich dann hierher zurückkehren und die Edelsteine aus dem Grab holen, wird es heißen, um meines Gebetes willen sei mir von Bodhi die Gnade zuteil geworden:‹ ›So ist's,‹ wiederholte er, ›und das ist klug:‹ Aber wie er jetzt losschlagen wollte, hielt ihn wieder etwas zurück. ›Hm,‹ sagte er sich, ›ich kann kein Blut sehen; auch ist Blut gefährlich. Wie leicht spritzt mir etwas davon auf mein Gewand.‹ Und wie sie nun im Walde lagen, sagte er: ›Hier auf der Erde ist's feucht; möchtest du dich nicht, meine Liebe, in den Warenkasten legen?‹ Denn der war, nachdem er alle Waren verkauft hatte, ganz leer. Kaum hatte sie sich aber hineingelegt, schlug er den Deckel zu und machte ihn mit Nägeln fest, worauf er den Kasten mit der jungen Frau und den Edelsteinen, die er auch noch hineingetan hatte, in ein Grab, das er ausschaufelte, hineinlegte. Dann schichtete er noch Erde darauf und klagte, in seine Heimat zurückgekehrt, über das Unglück, daß er von Räubern überfallen worden sei, die ihm alles genommen hätten, seine Waren und sein Geld und sogar den ganzen Warenkasten. Dann begann er bettelnd herumzuziehen und immerfort in den Tempeln vor Bodhi zu knien, so daß die Leute wirklich sagten: dem muß Bodhis Gnade werden, denn er ist ja ein ganzer Heiliger geworden. Nachdem er aber die Stätte, wo er den Mord begangen, verlassen hatte, geschah es, daß ein Chansohn und seine Gefährten aus einem fremden Lande mit Pfeil und Bogen vorüberzogen und der Chansohn gab einen Schuß ab, mit dem er einen Tiger, der dort eben aus dem Gebüsch hervorbrach, verwundete, sodaß er zusammenbrach. Hinzueilend sah aber der Chansohn, daß die Bestie noch nicht tot sei und er sagte lachend: ›Warte Geselle, wir wollen dich bestatten, wie wenn du ein Mensch wärest:‹ Mit den Schwerterspitzen begannen sie ihm ein Grab zu schaufeln und siehe, da war es grade dasselbe, in welches der Warenmann das junge Mädchen hineingetan hatte. Sie entdeckten den Kasten, öffneten ihn und ›was für ein Mädchen ist das?‹ riefen sie, ›sie ist so schön. Wie kam sie in den Kasten? Gewiß ist sie da von einem Dämon hineingetan worden.‹ ›Ja, ein Dämon war's,‹ sagte sie schluchzend, als sie wieder reden konnte. Aber der Prinz erlaubte nicht, da sie so fassungslos war, daß man sie jetzt weiter befrage und da er rasch wieder in sein Land zurückkehren mußte, nahm er sie mit auf sein Roß und ritt eiligst davon. Von seinen Gefährten waren einige noch zurückgeblieben; und als der Tiger sich wieder regte und die Zähne zu fletschen begann, sagten sie: ›Warte, warst du der Dämon, der das Mädchen in den Kasten hineintat?‹ Und statt ihrer warfen sie ihn in das Grab und schaufelten es zu. Nach einigen Tagen hatte der Mörder die rasch zu Reichtum verhelfenden frommen Übungen beendet und dachte bei sich: ›Jetzt will ich die Edelsteine holen.‹ In dieser Absicht machte er sich auf und zog den Kasten aus dem Grabe; da kamen Leute aus seiner Stadt vorbei, so daß er wieder seinen Plan ändern mußte. ›Ich habe die Räuber belauscht,‹ sagte er, ›die mich beraubt haben und erfahren, daß sie meinen Kasten hier versteckt haben. Jetzt habe ich ihn wieder geholt.‹ Dann nahm er ihn auf den Rücken, indem er bei sich dachte, daß er den Leichnam des Mädchens schon irgendwie beiseite schaffen werde und kehrte mit den andern in die Stadt zurück. Zu Hause angekommen, setzte er den Kasten in einem andern als dem gewöhnlichen Gemache nieder und sagte zu seiner Frau: ›Ich will heute nacht das rasch zu Reichtum verhelfende Gebet wiederholen und mich zu diesem Zwecke einschließen. Wenn es dabei einen Lärm und Geschrei oder ein Poltern geben sollte, komme doch nicht hinein.‹ Indem er aber fürchtete, daß er seine Gewänder beim Zerstückeln des Leichnams, das er vorhatte, mit Blut anspritzen könnte, entledigte er sich der Kleider und sprach, den Deckel vom Kasten abnehmend: ›Jetzt vorwärts. Tote, komm heraus.‹ Kaum hatte er aber die Worte gesprochen, als plötzlich der Tiger, der wieder atmen konnte und zum Leben erwacht war, aufsprang und sich auf ihn warf. Entsetzt schrie der Mörder: ›Ach, Bodhi, ach Bodhi! Frau, Kinder, kommt schnell!‹ Und immer furchtbarer schrie er: ›Ein Tiger ist da, rettet mich, Kinder,‹ worauf aber die Frau und die Kinder, die es hörten, zueinander sagten: ›Ach, wie mühevoll muß doch dieses rasch zu Reichtum verhelfende Gebet sein.‹ Als sie in der Frühe nachschauen gingen, fanden sie drin den buntgestreiften Tiger getötet, aber auch ihr Vater lag in Fetzen gerissen, als Leichnam da. Nun vergingen mehrere Jahre. Die aus dem Grabe Geholte war die Gattin des Chans geworden, er liebte sie und sie hatte ihm drei Kinder geboren. Im Volke aber begann man zu raunen: ›Dieser unser Chan ist auf unrechtem Wandel begriffen. Ein unter der Erde hervorgezogenes Mädchen hat er sich zur Gemahlin erkoren. Hat man je so etwas gehört?‹ Und andere sagten: unter den Leuten, die dabei waren, als er sie fand, gebe es welche, die es aus ihrem eigenen Munde hörten, daß ein Dämon sie in das Grab getan habe. Aber wer weiß, sagten die Menschen, vielleicht war der Dämon ihr eigener Vater und sie ist doch nur ein von einem Dämon stammendes dämonisches Weib. So sprachen sie und die Chanin, als sie es hörte, ward darob in ihrem Herzen sehr traurig. ›Wie schlecht,‹ sprach sie bei sich, ›sind doch die Leute. Aber vielleicht ist es die Strafe, weil ich so lange nach meinen bejahrten Eltern nicht gesehen habe. Die Schuld,‹ sagte sie bei sich weiter, ›will ich büßen, obgleich ich drei Söhne geboren habe‹ und am fünfzehnten in der Nacht, als der Mond sein Licht verbreitete, verließ sie heimlich die Königsburg und machte sich auf den Weg. Sie wanderte und wanderte und als sie endlich einmal zur Mittagszeit der Stätte ihrer Eltern nahegekommen war, traf sie an einer Stelle, wo früher nichts war, eine Schar Ackersleute, welche emsig mit der Bestellung der Felder beschäftigt waren. Bei ihnen befand sich ein schmucker Jüngling, der sprach freundlich: ›Frau, woher kommst du?‹ ›Ich bin,‹ versetzte sie, ›von weit hergekommen. Hinter diesem Berge wohnten meine Eltern. Ich habe gegen sie gesündigt. Um mich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen, habe ich so lange keine Zeit gefunden. Aber jetzt bin ich da.‹ ›Du bist also,‹ erwiderte jener, ›ihre Tochter?‹ ›So ist es,‹ sprach sie und jener versetzte: ›Dann bist du meine ältere Schwester. Nach deinem Verschwinden wurde ich geboren. Setz dich hierher und ruhe eine Weile. Dann wollen mir zu den Eltern gehen.‹ ›Und wie geht es ihnen,‹ fragte sie weinend, ›sind sie noch gesund? Sie müssen vom Alter gebeugt sein. Wie unrecht tat ich.‹ ›Denke nicht daran,‹ sprach er, ›sie werden sich freuen, daß du ihrer gedacht hast. Ganz wohl sind sie und werden getröstet sein, daß du ihrer doch noch gedacht hast.‹ Als sie ausgeruht hatte und an der Hand des schönen Jünglings weiterschritt, erblickte sie, da sie vom Berge hinabschaute, an der Stelle der früheren Hütte, in der sie mit ihren Eltern gewohnt hatte, eine Reihe von Palästen, jeder so prachtvoll wie eine fürstliche Residenz. Sie waren mit Fahnen und flatternden Seidenstoffen geschmückt und auch der nahe dabei befindliche Tempel des Bodhi war weit herrlicher als der frühere. Er war ausgestattet mit herabhängenden Seidenstoffen und weithin schallenden Glocken, mit unzähligem Edelgestein, goldenen Säulen und Diamanten. Indem sie die Pracht schaute, sagte sie: ›Unser früherer Tempel war so klein und aus Lehm.‹ ›Ja,‹ sagte der Jüngling, ›der ist schöner.‹ ›Und diese Paläste! Wem gehört denn das alles?‹ ›Alles das,‹ sprach der Jüngling, ›ist unser. Seit deiner Abwesenheit wurde es hergestellt. Bodhi hat sich unserer Eltern erbarmt und sie gesegnet. Warum staunst du? Bodhi ist groß und ist gütig.‹ Als sie denn einlangten und eintraten, da gab es eine Freude, die nicht zu schildern. Herrlich waren die Gemächer, überall funkelte es von Kostbarkeiten und die Eltern, die beide auf seidenen Polstern saßen, erhoben sich und sagten: ›Alter... Alte... habe ich es dir nicht gesagt, daß sie uns nicht vergessen haben wird. Etwas besonderes muß es gewesen sein, daß wir nichts von ihr hörten. Komm, Kind, daß du uns beide noch vor unserem Tode besucht hast, zeigt doch von deinem guten Herzen!‹ Kurz, es war eine große Freude und über alles, was inzwischen vorgefallen war, wurde beiderseits gefragt und geredet. Die alten Eltern meinten, als sie erzählte, wie der Mörder sie in ein Grab getan und wie sie gerettet worden. Aber wie wurde ihnen erst, als sie hörten, was das Volk im fremden Lande von ihrer Tochter gesprochen hatte: daß sie wohl das Kind eines Dämons sei und keine menschliche Verwandtschaft habe. Da schickten sie eine Gesandtschaft an den Chan, ihren Gemahl, und teilten ihm mit, daß sie sich jetzt bei ihnen befinde. Sie luden ihn ein, selbst mit Gefolge zu kommen, damit sie den Gemahl sähen, der ihr Kind zu sich auf den Thron erhoben und dachten sich, sein Volk solle sich jetzt überzeugen, daß ihre Tochter eine reine Frau sei und kein fremdes Wesen. Und richtig ritt nach einiger Zeit der Chan mit einem großen, prachtvollen Gefolge heran. Da waren sie denn alle glücklich, der Chan, weil er die Geliebte wieder sah, die Chanin, weil sie sich von seiner Treue überzeugte und die Leute im Gefolge sagten: ›Unser Gerede, daß die Chanin keine Verwandtschaft habe, war offenbar falsch und alle aus ihrem Hause stehen unter Bodhisatvas Schutz.‹ So kehrten sie denn, nachdem sie bei den Eltern der Chanin eine Reihe von Tagen in Lust und Wohlergehen verbracht hatten, wieder in ihr Land zurück. Die Chanin aber blieb, weil die Eltern ihren Gemahl darum gebeten hatten, noch einen Tag und eine Nacht, um ein Gelübde zu erfüllen, wie sie sagten. Denn sie hatten gelobt, wenn sie ihre Tochter wiederfänden, einmal mit ihr allein zur Statue des Bodhi zu pilgern und dem Gott zu danken, daß er es mit ihrem Kinde so gut gemeint habe. Da sprachen sie also mit ihr noch, nachdem die anderen weggeritten waren, bis in die Nacht hinein und in Erwartung des morgigen Pilgergangs schliefen sie alle in Frieden ein. Des andern Tages, früh, beim Ergilben der Morgenröte, als die Chanin erwachte, siehe, da traute sie ihren Augen nicht. Das Lager war hart und das Kopfkissen dünn. ›Was ist denn da geschehen?‹ fragte sie. ›Als ich mich nachts zur Ruhe legte, war das Kopfkissen mit Seidenstoffen bedeckt und mein Lager weich wie Flaum.‹ Sie stand auf und rief. Aber alles war still und als sie hinausschritt und sich umsah, da war kein Palast da, sondern sie sah die frühere kleine Hütte zerfallen vor sich, die Eltern waren tot, ihre Gebeine lagen ausgebleicht und vermodernd im Lichte. Nirgends war ein Polster und als Kopfkissen lag eine Steinplatte da. Da ward die junge Frau von Trauer ergriffen und als sie sich nach dem Klostertempel umschaute, da war er eingestürzt und das Standbild des Bodhisatva lag zertrümmert im Staube. Da schlug sie die Hände vor das Gesicht und rief: ›O Jüngling, der du mich oben auf dem Berge fandest, warum ward mir das?‹ Aber da war auf einmal der schöne Jüngling wieder an ihrer Seite und sagte: ›Durch eine göttliche Verwandlung ist deine Verwandtschaft wieder erstanden, damit du mit deinen Augen die toten Eltern wiedersähest und auch damit dir vor den Augen deines Gatten und seines Volkes deine menschliche Ehre wiedergegeben werde.‹ Damit erhob er sich in die Lüfte und als sie zu ihrem Gemahl und ihren Kindern zurückkehrte, sagten alle: ›Die von ihr geborenen Söhne sind edel.‹ Aber sie lachte in ihrem Leben nicht mehr.« Bei diesen Worten der Erzählung sprach der Chansohn: »Wohl hatte die Frau viel Leides im Herzen.« Siddhi-Kür versetzte: »Wieder hat der Chansohn seinem Munde Worte entschlüpfen lassen« und mit dem Rufe: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut«, wand er sich los und entschwebte. Die Legende vom Mitleid Hierauf ging der Chansohn wie die vorigen Male hin und lud sich den Toten auf den Rücken und während ihrer Wanderung erzählte Siddhi-Kür abermals eine Geschichte. »Früh vor Zeiten,« begann er, »lebte einmal in einem weit entlegenen Lande ein Brahmanensohn. Dieser verkaufte sein eigenes Vaterhaus um ein tüchtiges Stück Tuch, lud dasselbe auf einen Esel und zog in ein fremdes Land. Unterwegs begegnete er einer Schar Jungen, welche im Kreise herumsaßen und mit etwas spielten. Als er nähertrat und ihnen über die Schultern sah, gewahrte er, daß es eine kleine Maus war, mit welcher sie sich einen Spaß machten. Sie hatten ihr einen Strick um den Hals gebunden, steckten sie in einen Wassertümpel, der in der Mitte war und zerrten sie hin und her. ›Was tut ihr da,‹ rief er, aber sie hörten nicht auf ihn und da sie die Maus so quälten, konnte er es nicht länger mit ansehen. ›Ach ihr Jungen,‹ sagte er, ›habet ihr denn kein Mitleid. Die Sünde ist groß, lasset sie doch los!‹ Die Jungen lachten und sprachen: ›Seht da den Narren, mit einer Maus hat er Mitleid,‹ worauf er sagte: ›Aber was habet ihr denn davon? Was für einen Nutzen bringt es euch, ein Tier so zu quälen?‹ worauf sie antworteten: ›O je, was weißt du, was wir davon haben. Wir brauchen sie zu was besonderem und nur ein Narr kann es nicht verstehen, wozu wir sie brauchen.‹ Sagte er: ›Nun, wenn es nicht anders geht, was verlangt ihr dafür, daß ihr sie freilasset?‹ Darauf rief einer: ›Den dritten Teil von deinem Tuch, sonst werden wir sie nicht frei geben.‹ ›Gut denn,‹ antwortete er, ›nehmet den dritten Teil.‹ Worauf er ihnen denselben abmaß. Da ließen sie das Tier frei. Auf seinem weiteren Wege traf er abermals eine Schar Jungen, die einen jungen Affen festhielten und unter Faustschlägen zum Tanzen zwingen wollten. Da er jedoch, weil er nicht tanzen konnte, am ganzen Leibe zitterte und sie ihm mit dem Rufe: ›Wirst du gleich ordentlich tanzen,‹ immer wieder Faustschläge versetzten, ward der Brahmanensohn in seinem Herzen wieder tief bewegt. Da die Jungen jedoch trotz seiner Bitten, den Affen loszulassen, denselben nur weiter marterten, so gab er ihnen das zweite Drittel seines Tuches, nahm den Affen und ließ ihn in den Wald entlaufen. Als er von hier weiterging, traf er in der Nähe einer Stadt wieder eine Schar Jungen, die einen jungen Bären hatten, den sie wiederum, um mit ihm zu spielen, mit Stockhieben und Faustschlägen marterten. Er legte die Hand vor die Augen und sagte: ›Die Menschen haben gar kein Mitleid.‹ Dann gab er den Knaben um der Befreiung des Bären willen den letzten Rest von seinem Tuch und der Bär entschwand im Walde. Da er nun mit seinem Tuch zu Ende war, so dachte er, seinen Esel vor sich hertreibend, auf dem Wege: ›Um mein Tuch zu verhandeln bin ich hierhergekommen und jetzt, da meine Waren dahin sind, stehe ich blank da. Was bleibt mir? Soll ich zum Dieb werden? Nichts habe ich mehr auf der Welt.‹ So denkend band er, da er in die Nähe einer Stadt kam, seinen Esel in einem dunklen Wald an, der sich nahe derselben dehnte und begab sich in die Stadt, um zu sehen, ob sich dort nicht etwas erarbeiten ließe. Da traf er einen Mann, der sagte: ›Du bist ein junger strammer Geselle mit breiten Schultern. Bist du ein Lastträger?‹ Er sagte ja. Der Mann fragte weiter: ›Möchtest du mir nachts etwas aus meinem Hause heraustragen helfen?‹ Und als er wiederum bejahte, nahm ihn der Mann, der aber ein verwegener Dieb war, mit sich und führte ihn, da es Nacht geworden war, in den Palast des Chans. ›Das ist ein großes Haus,‹ sagte der Brahmanensohn, ›gehört es Euch? Da müßt Ihr hübsch reich sein.‹ ›Das bin ich auch,‹ erwiderte der Mann und führte ihn auf Umwegen in die Vorratskammer des Palastes, wo er ihm eine Last Seidenstoffe auflud. Aber wie sie wieder weg sollten, wurden sie von den Wachen erblickt, der Dieb enteilte und der Brahmanensohn wurde ergriffen. ›O, dieser Mensch hat aus dem Palaste gestohlen,‹ schrien sie und führten ihn gleich vor den Chan. Wie erbittert dieser war, kann man sich vorstellen. ›Hat man das schon gehört,‹ rief er, ›in meinem eigenen Palaste hat der Geselle gestohlen!‹ Und die Minister sagten: ›Ein Kerl, der sich, um zu stehlen, sogar in das Haus des Chans hineinwagt, verdient keine Gnade, und leugnen tut er auch noch! ... Natürlich ein Brahmanensohn ist er und ließe sich lieber die Hand abhacken, als daß er einen Diebstahl begehen sollte!‹ Darauf erklärten sie, daß gerade dieses Leugnen die allergrößte Frechheit sei und daß er darum doppelt schwer bestraft werden müßte. Demnach holte man einen großen Kasten, legte ihn hinein, vernagelte den Kasten mit eisernen Nägeln und warf ihn ins Wasser hinein. Der Wind aber trieb den Kasten an einen mitten im Wasser emporragenden Baum, an welchem er hängen blieb. Der Jüngling seufzte und war, weil das Atmen im verschlossenen Kasten so beengt war, fast schon dem Tode nahe. Da horch, begann etwas an der Außenseite des Kastens zu zerren und zu nagen; und als der Nagel ein wenig nachgegeben hatte, sodaß der Jüngling durchblicken konnte, war es die früher von ihm losgekaufte und freigelassene Maus. ›Du bist es, Maus?‹ sagte er, ›kommst du, um zu sehen, wie grausam die Menschen sein können?‹ Sie aber sagte: ›Warte nur, sei ruhig, ich will die andern zwei Gefährten rufen, gleich werden wir wieder da sein.‹ Damit eilte sie davon, zum Affen hin, um es ihm zu melden: und bald war auch der zur Stelle und erweiterte den Spalt im Kasten. Dann kam auch der Bär, der das Gehäuse vollends zertrümmerte und den Jüngling aus dem Wasser zog und zu einem geräumigen Werder im Flusse hintrug. Dann brachten sie ihm Obst und anderes. Auf einmal, wie er sich umsah, erblickte er einen Lichtschein: der rührte von einem Edelstein her, der war so groß, wie das Ei des Vogels Tomi und die Maus sagte: ›Willst du nicht hingehen, nach dem Edelstein zu sehen? Ein Edelstein ist ja das beste auf der Welt.‹ Worauf er sagte: ›Ach, meine Freunde, die ihr mich gerettet habt, Treue ist das beste.‹ Da sprachen sie: ›Du irrst dich in uns, wir sind nicht Bär, Affe und Maus. Und wisse, daß dieser Stein ein Talisman ist. Wer ihn hat, dem schafft er, wenn er es will, gleich eine ganze Stadt und darin eine Burg mit Pferden und Reisigen und allem Reichtum, den er sich wünscht. Tausend Menschen sind auf seinen Wink tot und wem er befiehlt, der muß gehorchen.‹ Da sagte der Brahmanensohn: ›Das wünsche ich mir nicht‹ und als sie ihn zum Talisman führten, sagte er, es möchten ringsherum Bäume allerlei Arten hervorsprossen und Quellen vom heiligen Wasser strömen. Sofort sproßten früchtebeladene Bäume verschiedener Art hervor. Mancherlei Vögel ließen ihre Stimmen ertönen. Von Blumen verschiedener Art war eine Fülle vorhanden und ebenso von Häuschen, an denen man sich nicht satt sehen konnte. In der Mitte erhob sich aber ein besonders schönes Haus, wohin die drei Freunde ihn führten, indem sie sagten: ›Hier sollst du wohnen.‹ Da sprach der Brahmanensohn: ›Wohl sehe ich, daß dies ein Wunderstein ist. Aber ach, wenn doch aus dem Reiche der Götter eine Brahmanentochter erschiene und meine Gemahlin würde, dann wäre ich glücklich!‹ Kaum hatte er den Wunsch ausgesprochen, da kam ein junges Mädchen in leichtem Kleide daher, sie hatte einen Stab in der Hand und sah aus, wie die Tochter armer Leute. ›Wer ist das?‹ fragte der Jüngling. ›So arm sieht sie aus!‹ Die Maus antwortete: ›Und ist doch eine Brahmanentochter, rein und gut!‹ Damit verschwanden die drei Freunde und der Brahmanensohn lebte lange und glücklich.« »Solch ein hochbeglückter Jüngling war das,« sagte der Chansohn und erschrak, weil er sich das Wort wieder hatte entschlüpfen lassen und fürchtete, daß ihm der Leichnam nun wieder davoneilen werde. Aber Siddhi-Kür versetzte: »So ist es, recht hast du! Ganz recht, mein Chan!« * Und siehe auf einmal war Nagarguna, der Meister, der siegreich Vollendete, da und sagte: »Noch ist es trüb auf der Welt, noch hast du das Glück der Gesamtheit der Bewohner auf Gambudvipa nicht befördert: und noch ist es wahr, daß in der Welt nicht sein, gut ist. Aber weil du in eigener Person so vielemale, um zu büßen, den Leichnam geholt, auf deinem Rücken ihn getragen und wieder ihn geholt hast und weil kund ist, daß du dich Eins weißt mit allem und dich schuldig fühlst, darum soll deine Buße angenommen sein und kein König, wer er auch sei, sich besser dünken als du, mein Chansohn.«