Ossip Schubin (Aloysia Kirschner) Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre Roman Erstes Buch Der Ritter von Strachinsky lag in seinem Rauchzimmer auf einer Chaiselongue und ruhte aus von der jüngsten pekuniären Kalamität, die er an den Haaren herbeigezogen hatte. Er hatte nämlich eine Zuckerfabrik gebaut in einer Gegend, wo noch nie eine Rübe gewachsen war außer einer gelben im Mistbeet, und dieses Unternehmen hatte die natürlichen Folgen gehabt. Er ertrug sein Unglück mit Geistesstärke und vertrieb sich die Zeit mit einem Roman, auf dessen Umschlag eine händeringende Frau neben einem Champagner trinkenden Offizier abgebildet war. Manchmal weinte er über diese Dichtung, zu anderen Malen schlief er darüber ein und kümmerte sich weiter um nichts. Er nannte das sich mit Würde in die geheimnisvollen Beschlüsse des Schicksals fügen und feierte sich selbst als Märtyrer. Seine Frau befand sich nicht zu Hause. Während er sich auf dem Ruhebette in wehmütiger Selbstverherrlichung erging, widmete sie sich der demütigenden Beschäftigung, von einem ihrer reichen Verwandten zum anderen zu reisen und das zum Weiterbestand des aussichtsreichen Unternehmens ihres Gatten nötige Kapital zusammenzubetteln. »Es ist sehr traurig – aber... das bringen die Verhältnisse mit sich,« seufzte der Ritter, wenn seine Gedanken von seiner Lektüre zu seiner Gattin hinüberschweiften, und dabei steckte er den Finger ins Auge. Es war Ende August, und die Astern fingen an zu blühen. Fröhliche Geschäftigkeit herrschte ringsum im Dorfe. Der Ritter beklagte sich zwar über eine Mißernte – aber so nannte er jede Ernte, deren Erträgnis nicht genügte, die hohen Zinsen seiner zahlreichen Schulden zu decken –, die Bauern, die ihre Ansprüche an die Ergiebigkeit ihrer Felder nicht so hoch spannten wie er, waren sehr zufrieden, und aus den Stoppeln ragte bereits eine stattliche Anzahl von Schobern empor. Im Garten draußen spielte ein kleines Mädchen in einem verwaschenen und ausgewachsenen Kleid Begräbnis – sie bestattete ihren Kanarienvogel, den sie heute früh tot in seinem Käfig gefunden. Sie war sehr traurig; der Kanarienvogel war ihr bester Freund gewesen. Kein Mensch kümmerte sich um sie. Die Mutter war verreist, und die Engländerin, der es eigentlich oblag, ihre Erziehung zu leiten, beschäftigte sich soeben damit, in Gesellschaft des Verwalters, eines strebsamen jungen Mannes, der durch den Verkehr mit ihr seine Sprachkenntnisse erweiterte – die Evolutionen einer neuen Mähmaschine zu beobachten. Die Kleine war sich selbst überlassen. Von Zeit zu Zeit blickte sie durch den weit offen stehenden Haupteingang des Schlosses in den großen kahlen Flur, dessen Boden mit roten Ziegeln gepflastert und dessen hochgewölbte Wände weiß getüncht und mit zahlreichen großen Hirsch- und kleinen Rehgeweihen verziert waren. Ein Aufwaschweib mit einem verschwitzten, roten, stumpfen Gesicht und dünnem, ruppigem Zopf auf dem Hinterkopf, von welchem ihr das gelbe Kattuntuch in den Nacken herabgeglitten war, rutschte in hochgeschürztem blauem Zwilchrock und bis an die Waden bloßen roten Beinen auf Händen und Knien über das von vielen Fußspuren beschmutzte Ziegelpflaster des Flures, das sie sich bemühte, mit einem Strohwisch reinzureiben. Ein Dunst von heißem Wasser und Seifenschaum drang aus einem Holzkübel neben ihr. Die Kleine draußen pflanzte soeben ein Regiment von rosa Astern auf den Grabhügel, den sie mit einem rostigen Blechlöffel ausgehöhlt und wieder eingefüllt hatte, als das Kratzen mit dem Strohwisch plötzlich aufhörte. Ein junger Mensch stand in dem Flur, sehr jung, kaum sechzehn Jahre alt, und mit einer Mappe unter dem Arm. Sein Anzug war der eines wandernden Handwerksburschen, seine Haltung hatte jedoch etwas Besonderes, und sein Gesicht war auffallend hübsch geschnitten, schmal, sehr bleich, die großen dunklen Augen fast schwarz, mit grünlichem Licht darin, das braune Haar leicht gelockt. Ähnlichen Gesichtern begegnet man häufig bei den neapolitanischen Knaben, die in Rom auf dem Spanischen Platz Orangen verkaufen – Augen, wie sie der junge Mensch hatte, sieht man im Leben selbst im bevorzugtesten Falle kaum zwei- bis dreimal. Die Kleine im Garten betrachtete den Burschen wohlgefällig. Offenbar mußte er durch die rückwärtige Tür in das Schloß gedrungen sein – den Eingang für das Gesinde und die Bettler. Die Aufwaschfrau wischte sich die nassen roten Hände an ihrer Schürze ab und klopfte an einer der gelbgestrichenen Türen, die in den Flur mündeten. Sie war neu im Hause und wußte noch nicht, daß man den Ritter von Strachinsky keines geringfügigen Anlasses halber stören dürfe. Sie pochte mehrmals. Endlich kam's schlaftrunken, übellaunig: »Was gibt's?« »Euer Gnaden, ein junger Herr ... möcht mit Euer Gnaden sprechen.« Die Augen noch halb zugepappt, das Muster des gestickten Polsters, auf dem er geschlafen, an der rechten Wange abgedrückt, trat der Ritter von Strachinsky auf den Flur. Er war mittelgroß, mit einem hübsch gewesenen Gesicht, das von zu gutem Leben rot und aufgedunsen war, fing an, kahl zu werden, und hatte einen am Kinn ausrasierten, starken braunen Backenbart. In seinem Anzug verriet sich ein mit großer Schlampigkeit gepaarter Hang zur Stutzerei. Er trug rote türkische Schnabelschuhe, die an den Fersen niedergetreten waren, graue Beinkleider und ein fleckiges Smokingjackett, dunkelblau, mit roten Knöpfen und Aufschlägen. »Was wollt Ihr?« fuhr er den Fremden an, wütend darüber, solch unbedeutender Ursache halber gestört worden zu sein. Der Bursche zuckte zusammen. Dann murmelte er mit der heiseren, dünnen Stimme eines sehr jungen Menschen, der schnell wächst und schlecht genährt ist: »Ich bin auf dem Weg nach Hause.« »Was geht mich das an!« donnerte nicht ohne Berechtigung der Ritter von Strachinsky. Der Bursche wurde blutrot. Linkisch und schüchtern reichte er dem verschlafenen Gutsbesitzer seine Mappe. Offenbar enthielt dieselbe Zeichnungen, die er gern verkauft hätte und nicht den Mut finden konnte anzubieten. »Gebt ihm ein Almosen!« rief der Ritter von Strachinsky der Köchin zu, die über den Lärm herbeigelaufen kam; dann sich zu dem Aufwaschweib wendend, das, den zahnlosen Mund weit aufgerissen, verlegen neben dem dampfenden Wasserkübel stand, brüllte er: »Wenn du dich noch einmal unterstehst, mich eines lumpigen vazierenden Zimmermalergesellen wegen um die wenigen Augenblicke der Ruhe zu bringen, deren ich bei meiner geplagten und angestrengten Existenz so dringend bedarf, so jag' ich dich auf der Stelle aus dem Dienst.« Hiermit kehrte er in sein Gemach zurück und schlug die Tür hinter sich zu. Die Köchin reichte dem Burschen zwei Kreuzer. Seine Hand zitterte, eine lange, schmale Knabenhand war's, fast durchsichtig mager. Er berührte das Geld widerwillig, schleuderte es auf die Erde und ging. Die Kleine im Garten hatte die Szene aufmerksam beobachtet; ihr zartes Körperchen zitterte vor Entrüstung. Sie war aufgesprungen und heftete jetzt, die kleinen Fäuste geballt, die Arme straff niedergestreckt mit etwas dramatischer Pose die Augen auf die Tür, hinter welcher der Ritter verschwunden war. Sie hatte sehr helle Augen für ein Kind von neun Jahren und einen sehr durchdringenden Blick darin – einen Blick, der dem Ritter nicht hold war. Nachdem sie so ein Weilchen seine Tür angestarrt, stemmte sie die Hände in die Seiten, zog das Stirnchen in Falten und dachte nach. Es dauerte nicht lange, dann zuckte sie mit einer komisch-altklugen Gebärde die Achseln, ließ ihren soeben begrabenen Kanarienvogel im Stich und eilte ins Haus auf die Vorratskammer zu. Die Tür war offen. Suchend sah sie sich um. Dem strengen Befehl des Ritters gemäß wurden in Abwesenheit der Hausfrau alle Speisereste mißgünstig und pedantisch aufbewahrt, freilich nur sehr selten verwendet. Infolge dieser unwirtschaftlichen Knauserigkeit fand die Kleine einen großen Vorrat von fettigen Schüsseln mit abgelüfteten und verschimmelten Fleischüberbleibseln, trockenen Semmeln und in Gärung übergegangenen Aprikosenkompottes. Es dauerte eine längere Weile, ehe sie etwas entdecke, das ihrem Zweck entsprach – ein gebratenes Rebhuhn und ein paar Stückchen appetitlichen Mandelkuchens. Sie packte alles eilig in einen Korb, zugleich mit einer angebrochenen Flasche Wein, einem Glas, einem Besteck und einem niedlichen Teeserviettchen. Dann putzte sie den Korb mit rosa Astern auf und huschte mit ihrer Beute davon, beim Bettlereingang hinaus, sehr eilig und völlig aufgehend in der Rolle einer beglückenden Fee. Tief in ihrem Herzen versteckt, trug sie einen dringenden Hang zur Romantik, der mit dem scharfen Verstand, welcher aus ihren bereits damals unheimlich hellen Kinderaugen hervorblickte, in seltsamstem Widerspruch stand. Sie hatte sich ganz außer Atem gelaufen und spähte noch immer vergeblich nach ihrem hübschen Landstreicher aus. Sollte sie vielleicht jemand fragen, ob er nicht einen jungen Menschen gesehen habe mit einer Mappe unterm Arm? Ihr Herz klopfte, sie genierte sich ein wenig. Von fern trug ihr die kaum bewegte Sommerluft ein keck hingepfiffenes Liedchen zu, eine fremdländische Melodie, die ihr auffiel. Sie lenkte ihre kleinen hüpfenden Schritte nach der Richtung, von wo es herklang. Ach dort! – ja in der Tat ... Neben der Straße floß ein Bächlein – so schmal, daß ein zwölfjähriger Schuljunge bequem hätte hinüberhüpfen können. Nichtsdestoweniger hatte der Ritter von Strachinsky es für nötig erachtet, dasselbe mit einer großartigen steinernen Brücke zu überwölben. Im Schatten dieses Monuments, für dessen Errichtung der betriebsame Gutsbesitzer vergeblich einen Orden zu erhalten gehofft, kauerte der junge Mensch. Er war jetzt noch bleicher als früher und die Tränen hingen ihm an den Wangen, dabei aber pfiff er so recht herausfordernd gleichgültig vor sich hin, mit angestrengtem Leichtsinn, wie man pfeift, wenn man nichts zu essen hat und vergessen will, daß man hungrig ist. Der Kleinen wurde ganz weinerlich zumut. Da blickte er auf und ihr gerade in die Augen. Plötzlich eingeschüchtert, stand sie wie angewurzelt. Nach einem Weilchen machte sie eine unbeholfene Bewegung mit dem Korbe: »Willst du?« stotterte sie. Als er nichts antwortete, stellte sie den Korb einfach vor ihn auf die Erde hin und schickte sich an, jeglichen weiteren Auseinandersetzungen ausweichend, beschämt und aufgeregt davonzulaufen. Eine warme junge Hand hielt sie am Arm zurück, fest und einschmeichelnd zugleich. »Du kommst von dort her?« rief der Bursche, nach dem Schloß deutend. »In wessen Auftrag?« Seine Stimme war angenehm, seine Art zu sprechen die eines jungen Menschen aus gutem Hause. »Es weiß niemand, daß ich hier bin,« erwiderte sie verlegen, und wie er dazu unzufrieden die Stirn runzelte, setzte sie, sich eifrig entschuldigend, hinzu: »Aber wenn Mama zu Hause gewesen wäre, so hätte sie mich gewiß geschickt; die läßt keinen Bettler vom Hause fort, ohne ihm etwas zu essen zu geben.« Bei dem Worte Bettler wendete er sich ab; sie aber fing plötzlich an zu heulen. Sie heulte so laut, daß er darüber lachen mußte. »Ja, warum weinst du denn eigentlich?« frug er, und sie erwiderte in heller Verzweiflung: »Ich weine, weil du nichts essen willst.« »So... ist das dein ganzer Kummer?« »Ja... iß doch... iß!« stieß sie immer noch schluchzend heraus. »Nun, wenn dir ein gar so großer Gefallen damit geschieht,« neckte er sie, »aber dann setz' dich neben mich und hilf mir.« Er blickte ihr mit seinem einschmeichelnden Taugenichtslächeln voll in die Augen, dann nahm er ihre kleine, schmale Hand in die seine und drückte seine Lippen darauf recht voll und warm, zweimal. Sie freute sich über diese ritterliche Huldigung, vielleicht auch über die Liebkosung, denn Liebkosungen wurden ihr selten zuteil. Daß der junge Mensch kein Handwerksbursch, sondern irgendein verkappter Prinz sein müsse, hatte sie längst mit sich ausgemacht, und in diesem erhebenden Bewußtsein setzte sie sich neben ihn in das Gras und kramte ihre Schätze vor ihm aus. Wie gut es ihm schmeckte, und mit was für weißen Zähnen er anbiß! Dabei legte er allerart wohlerzogene Gewohnheiten an den Tag, einen Widerwillen dagegen, sich die Finger schmutzig zu machen, der auch einem älteren, lebensreiferen Beobachter als der kleinen Schwärmerin betreffs seiner eigentlichen Lebensstellung zu denken gegeben hätte. Seine Mappe lag neben ihm. Sie steckte den zarten Zeigefinger zwischen die mit grünen baumwollenen Bändchen zusammengeknüpften braunen Pappendeckel und flüsterte ernsthaft: »Darf ich da hineinschauen?« »Wenn's dir Spaß macht?« erwiderte er. Mit wichtigtuerischer Umständlichkeit, als handle es sich um die Enthüllung eines Heiligtums, knüpfte sie die Bänder auf und schlug die Deckel auseinander. Ihre Augen wurden sehr groß, und ein »Oh!« der Begeisterung entfuhr ihren Lippen. Ein so hochgradiges Entzücken wie bei dem noch nicht zehnjährigen kleinen Mädchen hätten die Zeichnungen bei einem kritischeren Beschauer kaum erweckt. Sie waren teilweise recht steif und linkisch. Achtlos an ihnen vorübergehen hätte jedoch kein wahrhaft Kunstverständiger können, dazu verrieten sie zu deutlich ein großes Talent. Die Hand folgte noch nicht, aber die Augen des Burschen sahen gut. Die Kleine war ganz aufgeregt vor Bewunderung. Nach einer Weile blickte sie feierlich zu ihrem neuen Freunde auf, ihr Mitleid hatte sich in Ehrfurcht verwandelt. »Jetzt weiß ich, was du bist – ein Künstler!« »Meinst du?« erwiderte der Bursche, dem die Andacht, womit sie das Wort aussprach, schmeichelte; er hatte indessen das Rebhuhn verzehrt und sah jetzt bedeutend weniger bleich aus als früher. »Kannst du alles malen, was du siehst?« fragte sie nach einer kleinen Pause. »Ich kann gar nichts,« antwortete er mit einem lustigen Mutwillen, der, kaum daß er sich von seiner verhungerten Mattigkeit etwas erholt, an allen Ecken und Enden seines Wesens hervorguckte. »Gar nichts kann ich malen,« wiederholte er, ihr komisch zunickend, »aber ich versuche alles zu malen, was mir gefällt.« Sie sahen einander in die Augen, er mit verhaltenem Lachen, sie beklommen. Endlich brachte sie's heraus: »Gefall' ich dir denn gar nicht?« »Soll ich dich malen?« Sie nickte. »Was gibst du mir dafür?« Sie griff in ihre Tasche und zog ein sehr abgeschundenes Portemonnaie daraus hervor, ein pensioniertes Möbel des Ritters von Strachinsky, das ihr dieser in einem großmütigen Moment geschenkt hatte und in dem sich fünf blanke Silbergulden breitmachten. »Ist das genug?« fragte sie ihn. »Geld will ich nicht,« erwiderte er. Schon wieder hatte sie eine Dummheit gesagt. Sie fühlte es, das Bewußtsein war ihr bitter. Um sich zu rehabilitieren, wurde sie plötzlich sehr weise. »Was bist du für ein komischer Künstler,« predigte sie ihn an, »der sich seine Bilder nicht bezahlen läßt? Kein Wunder, daß du dann beinahe verhungerst.« Er nahm noch einmal ihre Hand samt den verschmähten fünf Silbergulden in die seine und küßte sie zwei-, dreimal. »Ich will schon Geld nehmen für meine Malerei,« versicherte er, »nur von dir nicht, aber dein Bild will ich dir machen, und von Herzen gern.« »Umsonst?« »Nein – einen Kuß mußt du mir geben dafür, willst du?« Er beobachtete sie, ohne sie anzusehen. Wieder huschte ihm das einschmeichelnde Taugenichtslächeln um die Lippen – das hübsche, weiche Lächeln, das er irgendwo von einer gutherzigen und leichtsinnigen Frau geerbt haben mußte. Völlig überzeugt von der Richtigkeit ihres Vorgehens war sie nicht, ihr Herz hämmerte ihr sogar ziemlich unruhig in der Brust, fast als ob sie im Begriffe gewesen wäre, einen kleinen Teufelspakt einzugehen, aber schließlich... »Wenn du's nicht anders tust,« sagte sie seufzend und zerrte an ihren sehr hübschen, wenn auch verwahrlosten Händen. Er nickte lustig: »Schon gut.« Damit mußte sie sich vor ihn ins Gras hinsetzen. Er packte seinen kleinen blechernen Aquarellkasten aus, nagelte ein Stück rauhen, grauen Papiers auf den Deckel der Mappe, und die Sache war eingefädelt. So saß sie ganz ernsthaft, die Füße gerade vor sich hingestreckt und sich mit beiden Händen festhaltend, im Gras. Ringsum leichte Augustluft; alles sommerlich hell, glitzernder Sonnenschein auf den seichten, durchsichtigen Wassern des schmalen Bächleins, über das sich die steinerne Brücke mit unnützer Wichtigtuerei hinüberwölbte und dessen Ufer mit blauen Vergißmeinnicht und gelben Wasserlilien umkränzt waren, daneben Weidenstämme zerrissen, weit aufklaffend mit aus ihren Wunden herauswachsenden Wiesenblumen und sich grau und weich gegen das Grün der sanft ansteigenden Hutweide abhebendem silberigem Laub an gerade aufstarrenden glatten rötlichen Ästen, dazu das träumerische Murmeln des Bachs und aus der Ferne herüberdröhnend das rhythmische Auf- und Niederhageln der Dreschflegel. Die Dampfdreschmaschinen waren damals noch nicht allgemein. Sie waren beide stumm – er vor jugendlichem Künstlereifer und sie vor Erwartung. Plötzlich klang eine schrille, zänkische Glockenstimme mitten in das Schweigen der beiden hinein. »Das ist die Tischglocke!« rief das kleine Mädchen, verzweifelt mit den Achseln zuckend, und sprang auf. Sie wußte, daß es nun mit ihrer Freude und Freiheit vorbei war, daß man sie vermissen, suchen und finden würde. »Ich muß nach Haus!« rief sie, »bist du fertig?« »So ziemlich, ja!« Sie lief auf ihn zu und blickte ihm über die Schulter. Ihr blieb der Atem aus vor Überraschung über das, was sie auf dem grauen Papierbogen sah – ein kleines Mädchen in einem verwaschenen, sehr kurzen Kleid und mit langen, ebenfalls verwaschenen roten Strümpfen, ein sehr schlankes, gestrecktes Figürchen und ein kleines, rundes Gesicht, ein schmales Stumpfnäschen, zwei ernst und erstaunt ins Leben blickende helle, dunkel umsäumte Augen, eine kurze Oberlippe, ein rundes Kinn, eine sehr weiße Haut und leuchtendes rotbraunes Haar, das lang und seidig um die schmalen Kinderschultern herabhing und am Hinterkopf mit einem schwarzen Band zusammengeknüpft war. Er hatte die Skizze von dem Mappendeckel heruntergenommen, und sie hielt sich dieselbe mit beiden Händen in entsprechender Sehweite vor die Augen und betrachtete sie prüfend. »Ist das Bild ähnlich?« fragte sie, und dann, an sich niedersehend, setzte sie hinzu: »Das Kleid ist ähnlich und die Strümpfe sind ähnlich, aber das Gesicht – ist das ähnlich?« Sie blickte gespannt zu ihm auf. »Ich kann's nicht besser,« entgegnete er ihr etwas abweisend. »Aber du darfst doch nicht gleich so böse sein,« ereiferte sie sich, »ich wollte nur wissen – ob – so etwas weiß man nicht selbst – ob – nun – es kommt mir zu hübsch vor, dein Bild.« Er sah sie komisch von der Seite an. »Ein wenig schmeicheln muß jeder Maler, der bei den Damen Erfolg haben will!« gab er ihr zur Antwort. »Du schenkst mir das Bild?« fragte sie nach einer kleinen Pause beklommen. »Du hast dir's ja bestellt,« erwiderte er. »Da – da – anke!« stotterte sie zitternd, damit wendete sie sich um und wollte forteilen. Er aber schien nicht gesonnen, sie so kurzweg davonzulassen. »Und mein Honorar?« rief er, indem er sie fest um den schlanken Leib packte, so fest, daß er ihre kleinen Füße aus dem von Gänseblümchen durchwucherten Gras heraushob. »Wortbrüchige!« setzte er vorwurfsvoll hinzu. Sie wurde sehr rot, obgleich sie erst neun Jahre alt war, aber sie schlang den Arm um seinen Hals und küßte ihn gerade auf den Mund. Er hatte selber noch Lippen wie ein Mädchen. – Dann ging sie, kam aber nicht recht vom Fleck, ihre Füße waren schwer und hafteten am Boden; ihr war's, als ob sie etwas am Kleid zurückzöge zu ihm. Sie blieb stehen und sah sich um. Er beschäftigte sich damit, seine kleinen Habseligkeiten zusammenzupacken – alle Heiterkeit war aus seinem Gesicht geschwunden, er sah wieder sehr blaß aus und traurig. Ein schreckliches Mitleid riß ihr am Herzen, sie lief auf ihn zu. »Du hast deinen Korb vergessen,« meinte er gutmütig, indem er ihr denselben reichte. »Nein, das ist es nicht,« erwiderte sie kopfschüttelnd, damit legte sie ihr Bild auf einen großen Weidenstumpf und schlich sich ganz nah an ihn heran. Etwas überrascht lächelte er zu ihr nieder. »Noch ein Wunsch, meine kleine Prinzessin?« »Nein... das heißt ja...« Sie zupfte ihn am Ärmel. »Siehst du,« begann sie verlegen und zutunlich, »sei nur nicht böse – aber – es ist mir nur so eingefallen – wie schlimm das wäre, wenn du, eh du zu Hause ankommst, dich ein zweites Mal von jemand anfahren lassen müßtest, wie von dem dort« – sie deutete nach dem Schlosse – »und da... und da... ach, ich weiß es am besten, wie schrecklich das ist, kein Geld zu haben. Ich... ich bitte dich, nimm die Gulden mit – wenn du ein großer Künstler geworden bist, bringst du mir sie!«... Und ehe er sich's versah, hatte sie ihm das Portemonnaie in die Rocktasche gesteckt. Ihm standen die Augen voll Tränen; er hielt sie fest im Arm und sah sie an, als wollte er ihr Gesichtchen auswendig lernen. »Es ist möglich,« murmelte er, »vielleicht bringst du mir Glück – und es wird noch etwas aus mir, und wenn du dann noch so lieb und hübsch bist wie jetzt...« Er küßte sie auf beide Augen. »Rika!« kreischte es aus der Ferne. »Heißt du so?« fragte er. »Ja.« »Und wie heißt du mit dem Zunamen?« »Mein Stiefvater heißt Strachinsky, und wie ich heiße, weiß ich nicht.« »Rika!« hörte man's noch einmal von etwas näher kreischen. »Und wie heißt du?« fragte sie ihn. Doch ehe er noch geantwortet, zeigte sich die bis in alle Kleiderfalten hinein zitternde Gestalt der Engländerin, die, plötzlich zum Bewußtsein ihrer Gouvernantenpflichten erwacht, ihren Schützling auf der Landstraße suchte. Hastig griff die Kleine nach ihrem Bilde und floh. Ins Haus zurückgekehrt, sprang sie noch eilig die Treppe hinauf, um ihr Konterfei in Sicherheit zu bringen und sich von der äußerst erregten Engländerin, die übrigens Fräulein Sophy Lange hieß und die Tochter ehrlicher deutscher Eltern aus Hamburg war, eine frische Schürze umbinden zu lassen, worauf sie sehr kaltblütig, als ob sie sich nicht des mindesten Fehlers schuldig fühle, das Speisezimmer betrat. Ihr Stiefvater empfing sie mit den heftigsten Vorwürfen und erkundigte sich sofort, wo sie denn eigentlich gewesen war. Sie erwiderte kurz: »Im Dorf!« worauf er ihr eine erschütternde Predigt hielt wegen unbefugter Landstreicherei, und auch gegen die Engländerin aus Hamburg ein paar vernichtende Worte fallen ließ. Er hatte seine buntscheckige Morgentracht mit einer hellfarbigen Sommertoilette vertauscht, in welcher er sich etwas besser ausnahm. Seiner Stieftochter gefiel er übrigens in hellem Havannabraun ebenso schlecht wie in Grellblau mit roten Aufschlägen. Sie machte sich aus allen seinen Reden nichts und aß ruhig weiter. Miß Sophy vergoß indessen Tränen. Der Ritter von Strachinsky imponierte ihr ungemein, ja mehr als das, sie verehrte ihn geradezu wie ein höheres Wesen. Er hatte überhaupt Glück bei Frauen, von den niedrigsten bis in die höchsten Regionen hinauf. Aus welchem Grund? – das ist schwer zu sagen. Er besaß das magnetische Fluidum; nur auf seine Stieftochter wirkte dasselbe nicht. Sie vertrugen sich auffallend schlecht miteinander, der Ritter von Strachinsky und sein helläugiges Stieftöchterchen. Was sie an ihm ärgerte, war so heikler und verwickelter Natur, daß es sich schwer in Worte kleiden läßt. Ihn ärgerte an ihr hauptsächlich der Umstand, daß sie ihn trotz ihrer zarten Jahre durchschaute, daß sie sich mit einem Worte keine Illusionen machte über ihn. Es erhöht stets unsere Zuneigung für unseren Nächsten, wenn dieser uns mit verschönernden Augen anblickt. Ein paar Illusionen verlangen wir von unserer Umgebung, sie sind unbedingt nötig zur Annehmlichkeit des täglichen Verkehrs. Aber die Forderungen des Ritters überstiegen in dieser Richtung jedes Maß, während die Leistungsfähigkeit seiner Tochter ganz ungewöhnlich gering war. Das Mittagessen hatte seinen Lauf genommen. Der Strachinsky hatte sich predigend, Miß Sophy Tränen vergießend, die kleine Rika stillschweigend bis zum Nachtisch durchgegessen. Da erkundigte sich der Ritter, für den das Essen immer eine der wichtigsten Beschäftigungen des Lebens ausmachte, nach dem Mandelkuchen, von dem, wie er den Diener auf das bestimmteste versicherte, bei der Frühmahlzeit noch fünf Stück übriggeblieben waren..., ja, fünf Stück und ein kleines, er habe sie gezählt. Der Diener lief in die Küche zurück, um Erkundigungen einzuholen; die Köchin vermochte nichts anderes auszusagen, als daß sie den Mandelkuchen am Vormittag selber in der Speisekammer aufbewahrt habe, von wo er inzwischen spurlos verschwunden sei. Herr von Strachinsky war empört, er ließ den ganzen Haushalt zusammentrommeln, verdächtigte jeden einzelnen des Diebstahls und sprach von neuen Gitterfenstern. Die kleine Rika ließ ihn ein Weilchen wüten, sie weidete sich an seiner Aufregung; endlich bemerkte sie gleichmütig: »Zu was von Gitterfenstern reden, da jeder durch die Tür hineinkann, sie ist ja nie verschlossen.« »Schweig, was weißt du davon!« donnerte der Ritter. »Und ob ich davon weiß!« sagte die Kleine ruhig, »ich weiß auch, wo der Kuchen hingekommen ist.« »Wohin?« brüllte der Ritter. »Ich hab' ihn weggenommen. Ich hab' ihn dem Maler nachgetragen, den du hinausgejagt hast.« Die Augenbrauen des Gutsbesitzers fuhren ihm bei diesem Geständnis seiner Stieftochter bis in die Stirn hinauf. »Du – bist – dem – Lackierergesellen auf die Straße nachgelaufen?« rief er atemlos und indem er jedes Wort einzeln hervorstieß, aus. »Ja,« erwiderte die Kleine gelassen; »und er war auch gar kein Lackierergeselle, sondern ein junger Künstler, aber wenn's auch nur ein Lackierergeselle gewesen wäre, ich wär' ihm doch nachgelaufen!« »So, und warum?« fragte er schneidend. Sie blickte ihm voll in die Augen. »Warum? weil du ihn so schlecht behandelt hast und er mir leid tat!« Einen Moment lang blieb er sprachlos, dann stand er auf, packte die Kleine beim Arm und schob sie zur Tür hinaus. Während sie, ohne sich zu wehren, gleichmütig vor sich hinsingend die Treppe hinaufhüpfte, deren Biegung einen rechten Winkel beschrieb und deren flache ausgetretene Holzstufen einen Geruch von feuchtem Moder ausströmten, wendete sich der Strachinsky zu der Engländerin aus Hamburg und stöhnte: »Meine Stieftochter ist eine Geißel für mich, ich bin überzeugt, daß sie für die Galeeren bestimmt ist.« Die Galeeren lagen etwas weitab von den gewöhnlichen österreichischen Verhältnissen, der Ritter von Strachinsky aber hatte eine Vorliebe für alles Exotische und kürzlich einen Roman gelesen, in dem die Galeeren eine Rolle spielten. Die kleine Erika begab sich indessen aus dem Speisezimmer in den Salon, einen sehr großen, aber nichts weniger als prunkhaften Raum, dessen Einrichtung hauptsächlich aus Bücherschränken und einem Klavier bestand. An dieses Klavier setzte sie sich und vertiefte sich sofort in das Studium einer Sonate von Mozart, die sie sich vorgenommen, zur Feier der Rückkehr ihrer Mutter einzuüben. Sie war musikalisch ungewöhnlich begabt, ihre zierlichen Fingerchen bewegten sich mit unglaublich weicher Geschmeidigkeit über die Tasten hin, und ihre sonst ziemlich blassen Wangen glühten vor Eifer; es ging sehr gut, sie streckte das Füßchen aus, um das Pedal zu treten, was ihrer Ansicht nach ihrer musikalischen Leistung erst die höchste Weihe verlieh, als ihr plötzlich eine große Bewegung auffiel, die das ganze Haus zu erfüllen schien. Hunde bellten, Dienstboten liefen durcheinander, ein Wagen fuhr über den Kies und hielt vor dem Haupteingang des Schlosses. Frau von Strachinsky war unerwartet zurückgekehrt. Die Kleine eilte die Treppe hinab – sie kam gerade dazu, wie der Ritter seine Gattin aus dem Wagen hob. Sie küßten sich wie Brautleute, was der Kleinen einen ärgerlichen Eindruck zu machen schien; es fiel ihr auch ein, daß sie ja gar nicht wisse, ob sie sich unter den obwaltenden Umständen weiter vorwagen dürfe. Da hörte sie ihre Mutter fragen: »Und wo ist denn Rika?« Ohne die Antwort des Ritters abzuwarten, stürzte sie vor und der Mutter in die Arme. »Nun, aussehen tust du prächtig, meine Alte,« rief die Mutter, indem sie ihrem Töchterchen die Wange streichelte, »warst du auch recht brav?« Rika schwieg. Das Gesicht Frau von Strachinskys nahm einen betrübten und bekümmerten Ausdruck an, der Ritter zog die Brauen zusammen und machte seine hochmütigen Nasenflügel. Seine Frau blickte von ihm zu dem Kinde hinüber, das jetzt ihre Hand ergriffen hatte und küssen wollte. »Was hat sie denn schon wieder getan?« rief sie, sich an ihren Gatten wendend. »Abgesehen von ihrem Benehmen gegen mich, das geradezu unqualifizierbar ist – ich sage unqualifizierbar,« rief Strachinsky, »abgesehen davon, hat sich das Mädchen in einer Weise vergessen ... nun, ich will dir's später mitteilen!« »Gleich jetzt!« stieß die Kleine heraus, »lieber gleich!« »Schweig, freches Ding!« herrschte der Ritter sie an; dann sich zu seiner Gattin wendend, fragte er: »Bringst du mir gute Nachrichten? Hat sich der Onkel bereit erklärt?« Frau von Strachinsky schüttelte betrübt mit dem Kopfe. »Leider nicht – nicht ganz,« murmelte sie ängstlich; »aber er war sehr lieb, er war entzückt von Bubi.« Bubi war das Stiefbrüderchen Rikas, das die arme Frau auf ihrer peinlichen Reise mitgenommen hatte, vielleicht um sich eine Haltung zu geben, oder auch, um die Herzen der Verwandten weicher zu stimmen. Dazu schien er freilich nie geschaffen, denn er war ein allerliebster kleiner Kerl mit dem herzigsten braunumlockten Milch- und Blutgesichtchen und gar so lieben dicken bloßen Ärmchen. Die Hände hatte er voll Spielsachen, mit denen er auf seine Schwester zukam, um dieselbe zu trösten, da er sofort gemerkt, daß es ihr wieder einmal schlecht ging. »Das begreife ich nicht,« murmelte Strachinsky, »von Onkel Nicki hätte ich ein chevalereskeres Benehmen erwartet,« und er blickte seine Frau so streng an, als ob sie für den Mangel an Erfolg ihrer Mission verantwortlich wäre. Sie legte ihm sanft die Hand auf den Arm und sagte: »Du bist eben ein unverbesserlicher Idealist, mein armer Jello, du beurteilst alle Menschen nach dir!« Und der Strachinsky fuhr sich mit dem Zeigefinger in die Augen und hauchte sentimental: »Ja, ich bin nun einmal ein Idealist, ein unverbesserlicher Idealist – der reinste Don Quichotte.« Den Rest des Nachmittags verbrachten die beiden Eheleute damit, in dem großen Salon beisammenzusitzen und zu versuchen, sich den Stand der Geschäftsverhältnisse des Ritters klarzumachen, was sich als schwierig herausstellte. Sie hielt den Bleistift in der Hand und rechnete. Er ging auf und ab und rauchte Zigaretten dazu. Von Zeit zu Zeit stieß er eine effektvolle Phrase hervor, wie: »Ich passe nicht in diese Welt!« oder: »Freilich, so ein Marquis Posa wie ich!« Sie saß indes ruhig vor dem sich immer dichter mit Ziffern füllenden Bogen Papier. Ihr Gesicht hatte sich verdüstert, das des Ritters sich im Gegenteil aufgehellt. Da es ihm glücklich gelungen, alle seine Sorgen auf ihre Schultern abzuwälzen, fühlte er sich fast vergnügt. »Von diesen zehntausend Gulden, die du da schuldest, hatte ich keine Ahnung!« rief mit plötzlich aufflammender Heftigkeit die gequälte Frau. »Nicht?« fragte unbefangen der Ritter, »ich muß dir doch davon geschrieben haben, oder hätte ich diese Kleinigkeit vergessen? ... Ja, jetzt erinnere ich mich. Du warst damals mit den Kindern in Johannisbad. Der Löwy kam und redete in mich hinein, daß die Vermögen in der Luft hingen – daß es Gewissenssache wäre, die Gelegenheit nicht beim Schopf zu packen; so kaufte ich denn hundert Stück Schönfelder. Mein Gott! was verstehe ich von Geschäften, so etwas kann man von einem Kavalier nicht verlangen. Bei der Armee lernt man dergleichen auch nicht – unsereins ist darauf angewiesen, seinen Ratgebern zu vertrauen. Ich vertraue zu leicht, du hast mir's immer gesagt, es ist in der Großmütigkeit meiner Natur begründet. Ich mache es mir zum Vorwurf. Der ganze Egmont bin ich! Ja, armer Egmont! Es bleibt mir nichts weiter übrig, als auch meinerseits zu seufzen: Oranien! Oranien!« Durch dieses mit unglaublich elegischer Betonung ausgesprochene Geständnis glaubte der Ritter seine mißglückte Spekulation vollständig gesühnt zu haben. Zu seiner Überraschung verfehlte er jedoch die beabsichtigte Wirkung. Frau von Strachinsky schob ihr dichtes, glatt um die Stirn gescheiteltes dunkles Haar von den Schläfen zurück und rief: »Ich begreife dich nicht, du hattest mir doch so fest versprochen, nicht mehr an der Börse zu spekulieren!« »Aber liebe Emma, das Geschäft schien so glänzend, daß ich mir wie ein Elender vorgekommen wäre, wenn ich nicht wenigstens versucht hätte ...« »Du siehst, was daraus geworden ist!« »Wenn ein Mensch etwas nach bestem Wissen und Gewissen tut, darf man es ihm nicht zum Vorwurf machen, selbst wenn sein Unternehmen mißglückt,« predigte er, »nein, liebe Emma, nicht ein Wort, rede jetzt nichts, es würde dir nachträglich nur leid tun...« Aber Emma von Strachinsky ließ sich diesmal nicht so mir nichts, dir nichts die Rede abschneiden, sie war überreizt und verzweifelt. »Du hast immer alles mit dem besten Willen getan,« schrie sie, heiser vor Erregung, »und das schöne Ende von deinem guten Willen wird sein, daß meine Kinder eines Tages betteln gehen können! Willst du mir's vielleicht verübeln, wenn ich meine letzten Heller verteidige, um den Kindern eine Existenz zu sichern?« Jagello von Strachinsky maß sie vom Kopf bis zu den Füßen. » Deine paar Heller ...!« sprach er streng, vernichtend, »du bist von einer Unzartheit! ... Nun, ich werde mich danach richten, tue von nun an, was du willst, ich habe nichts mehr zu sagen!« Dann den Kopf hochmütig zurückwerfend, jeder Zoll Märtyrer und Kavalier, verließ er das Zimmer. Sie blickte ihm nach. Sie war zu weit gegangen, ihre Heftigkeit hatte ihr wieder einmal einen Streich gespielt. Ihr Herz klopfte, sie war ganz wund vor Aufregung, Beschämung und Reue. Als die kleine Erika gegen Abend mit ihrem Brüderchen im Garten draußen Verstecken spielte, sah sie ihre Mutter und den Stiefvater einträchtig die von Fliederbüschen besetzten Sandwege entlang wandeln, er bereits etwas kahl, schlaff, mit vollem Backenbart und schmachtendem Blick, noch immer hübsch, aber mit verwischten, aufgedunsenen Zügen; sie kräftig, schlank und stramm, mit großen dunklen Augen in einem edlen, blassen, aber nicht schönen Gesicht. Sie gingen eng aneinandergeschmiegt, für einen oberflächlichen Beobachter gaben sie das Bild eines zärtlichen und glücklichen Ehepaares ab. Und doch, wenn man näher zusah ... Er hatte den Arm um ihre Schulter geschlungen und lehnte auf ihr, anstatt daß sie sich auf ihn gestützt hätte. Das Sichgehenlassen seines schweren Körpers, der süß hinduselnde, schläfrige Ausdruck seines Gesichts – alles sprach selbstzufriedene, seichte, weichliche Bequemlichkeitsliebe aus, während sie... In ihren Augen war ein Schatten, eine Unruhe, eine Sorge, und ihre Gestalt machte den Eindruck, als würde sie langsam zu Boden gedrückt von einer Last, die sie abzuschütteln nicht gewagt oder nicht vermocht hätte. Mit geduldig regelmäßigem Schritt ging die Frau unter ihrer schwer auf ihr lastenden Bürde einher. Plötzlich schien sie unruhig zu werden – ein Schauder durchlief sie. »Was hast du, mein Herz?« fragte der Strachinsky, sich enger an sie schmiegend. »Nichts,« murmelte sie, »nichts,« und ging weiter. Sie waren an den Verstecken spielender Geschwister vorübergekommen. Durch das glanzlose Zwielicht hatte sie der Blick von ein Paar hellen, dunkel umsäumten Kinderaugen getroffen, der zu fragen schien: »Wie kann sie den lieben?« Es waren unheimliche Kinderaugen! Die Abneigung des Kindes datierte weit zurück, war im Grunde eine der ersten deutlich ausgesprochenen Empfindungen seines kleinen Herzens gewesen. In den ersten Jahren ihrer zweiten Ehe hatte die Mutter es ihrer Tochter aus zärtlicher Überspanntheit möglichst lange verschwiegen, daß Strachinsky nicht ihr Vater sei, ein Zufall hatte die Kleine darüber aufgeklärt. Als diese sofort herbeisprang, die Mutter um Bestätigung des von anderen Mitgeteilten anzusprechen, zog die Ärmste die Kleine an ihre Brust und küßte und streichelte sie, als ob sie ihr einen großen Schmerz wegliebkosen wolle. Sie bat die Kleine, sich keine traurigen Gedanken zu machen, versicherte ihr, daß »der Papa« ein viel zu edler Mensch sei, um je einen Unterschied zu machen zwischen ihr und seinen eigenen Kindern, daß er sie sehr lieb habe usw. Die Liebkosungen der Mutter waren der Kleinen immer teuer, um so mehr, als dieselben verhältnismäßig selten waren. Damals aber entrang sie sich ihnen. Sie konnte es nicht über sich gewinnen, sich für etwas bemitleiden zu lassen, was sie als eine ungeheure Erleichterung empfand. Die Mutter hätte es gemerkt und dem Kinde gezürnt, zugleich aber hatte die offen, wenngleich schweigend kundgegebene Empfindung des Kindes einen großen Eindruck auf sie gemacht. Vielleicht hatte der Anblick dieses unbefangen zur Schau getragenen, beinahe verächtlichen Kindesgefühls Anlaß gegeben zu der ersten Erschütterung jener verhängnisvollen Wahnliebe, der die ganze Existenz der begabten Frau zum Opfer gefallen war. Frau von Strachinsky pflegte jeden Abend in dem großen luftigen Zimmer, wo die beiden Kinder schliefen, nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Mit ihrem lautlosen Schritt schwebte sie von einem der kleinen Betten zum anderem, zeichnete den Kindern ein Kreuz auf die Stirn – eine altmodische Gewohnheit, der sie treu geblieben war, trotzdem sie sich längst einer sehr philosophischen Weltauffassung ergeben. Den Abend nach ihrer Rückkehr erschien sie um die gewohnte Stunde in der Kinderstube, doch hielt sie sich nur bei dem bereits fest schlafenden kleinen Jungen auf, an dem Bett ihrer Tochter ging sie mit abgewendetem Gesicht vorüber. Rika setzte sich auf und blickte ihr nach. Die Mutter hatte die Tür erreicht, nicht ein einziges Mal hatte sie sich umgesehen. Das hielt die Kleine nicht aus. Sie sprang aus ihrem Bettchen, eilte auf die Mutter zu und packte sie beim Kleid. »Mutter! Mutter!« rief sie außer sich, »du willst doch nicht fort, ohne mir gute Nacht gesagt zu haben?« »Laß mich!« rief Frau von Strachinsky mit scharfer, von einer peinlichen inneren Aufregung entstellter Stimme. »Aber was habe ich denn getan, Mutter?« rief das Kind, sich leidenschaftlich an sie anklammernd. »Du fragst noch?« entgegnete ihr die Mutter streng. »Wie soll ich nicht fragen – was weiß ich denn davon, was er dir gesagt, ich war ja nicht zugegen, als er mich angeklagt hat.« »Erika! Ist das die Art, von deinem Vater zu reden?« verwies ihr die Mutter heftig. Die Kleine runzelte die Brauen. »Er ist nicht mein Vater,« entgegnete sie trotzig. Frau von Strachinsky atmete mühsam. »Du bist von einer empörenden Undankbarkeit,« rief sie aus, dann, sich mühsam mäßigend, setzte sie hinzu: »Nun laß es gut sein, darum wirst du dich nicht ändern, du bist ein unnatürliches, kaltherziges, hartes Kind. Dein Herz kann ich nicht weich machen, aber ich kann darauf bestehen, daß du dich anständig benimmst, und ich verbiete dir ein für allemal, einem Vagabunden auf der Straße nachzulaufen. Und jetzt geh zu Bett!« »Ich geh' nicht zu Bett, eh du mir gute Nacht gesagt hast!« rief die Kleine. Sie stand noch immer vor ihrer Mutter mit nackten, schmalen Füßchen und in ihrem weißen Nachtkleid, um das ihr leuchtendes, rotbraunes Haar lang herunterhing. »Und ich war auch gar nicht so schlimm, wie du's denkst, du solltest mich nicht verurteilen, ohne mir Zeit zu gönnen, mich zu verteidigen!« Sie war so verblüffend vernünftig, die Kleine – die Mutter konnte ihr nicht unrecht geben, so sehr sie momentan mit Groll gegen sie erfüllt war. Ihr Fuß haftete am Boden. Ein Gedanke durchzuckte die Kleine. »Wart nur einen Augenblick, warte!« rief sie. Damit flog sie über das Zimmer hinüber auf eine alte Lade zu, in der sie ihre Spielsachen aufzubewahren pflegte; das Aquarell ihres Schützlings in den Händen, kehrte sie zurück und hielt es triumphierend der Mutter vor. »Sieh dir das an!« rief sie. Unwillkürlich heftete Emma den Blick darauf. »Wo hast du das her?« rief sie leicht erregbar, wie sie war, ihren Verdruß vergessend und von einem plötzlich geweckten Interesse belebt. »Erkennst du's?« fragte Erika und streckte ihren langen, schmalen Hals aus der gestickten Krause ihres Nachthemdchens heraus. »Nun freilich, es ist dein Bild; es ist reizend. Wer hat das gemacht?« »Der Vagabund, dem ich nachgelaufen bin, der Lackierergesell!« erwiderte Erika beißend; »nun siehst du wenigstens, daß er kein Lackierergesell, sondern ein junger Künstler war.« Die Mutter schwieg. »Ach, wenn du nur zu Hause gewesen wärst!« ereiferte sich die Kleine – ihre bloßen Füße wurden immer kälter und ihre Wangen immer heißer vor Aufregung – »da hättest du gerade dasselbe getan wie ich. Wenn du ihn nur gesehen hättest! Hübsch war er und so blaß und mager und so matt vor Hunger – ich hätte ihn umwerfen können – und er hat ja nicht einmal gebettelt, dazu war er zu stolz, nur dem Papa die Mappe hingereicht mit seinen Bildchen, und dabei hat ihm die Hand gezittert – « Plötzlich schnürte sich der Kleinen, die eine große Erregbarkeit von ihrer Mutter geerbt hatte, die Kehle zu, sie fing an zu schluchzen, daß ihr ganzes schmales Körperchen davon zuckte: »Und der Papa hat ihn hinausgejagt ... und hat ihm zwei ... zwei Kreuzer geben lassen von der Köchin ... die hat er weggeworfen – und da ... da bin ich ihm nachgelaufen!« Frau von Strachinsky war totenblaß geworden; die stürmische Erzählung der Kleinen hatte Eindruck auf sie gemacht; dennoch trachtete sie ihre strenge Miene beizubehalten. »Dafür gibt es keine Entschuldigung,« rief sie, »man läuft einem fremden Menschen nicht auf die Straße nach, du bist zu alt dazu.« Die Kleine senkte das Köpfchen beschämt und nachdenklich. »Aber ich hätte es gewiß nicht getan, wenn ihn der Papa nicht so abscheulich gedemütigt hätte,« fuhr sie fort, sich zu entschuldigen, »nur aus Mitleid hab ich's getan!« »Das Mitleid ist ein schlechter Ratgeber!« Diese Worte sprach die Mutter mit einer Betonung, die Erika nie vergaß und die ihr noch um Jahre später in der Seele nachklingen sollte. Damit verließ sie, das Kind von sich abschüttelnd, das Zimmer und schloß die Tür hinter sich zu. Aber wenige Minuten später öffnete sie die Tür von neuem – die kleine Erika stand noch immer auf demselben Fleck. »Geh zu Bett,« sagte die Mutter, sich zu ihr niederbeugend, in merklich sanfterem Ton, »und ein andermal sei vernünftig!« Da sprang ihr das Kind an den Hals und umschlang sie mit seinen dünnen Armen, daß ihr fast der Atem verging. »O Mutter, Mutter, hast du mich doch noch lieb?« Die blasse Frau gab keine Antwort auf die Frage, sie küßte die Kleine, wartete, bis diese sich in ihr Bettchen verkrochen, zog die Decke um ihre Achseln hinauf, dann nahm sie den Handleuchter, den sie indessen niedergestellt hatte, und ging. Ein sonderbares Gemisch von verschiedenen Gefühlen durchzuckte die altkluge Erika. Sie hatte einen großen Sieg über ihren Stiefvater errungen, das merkte sie, zugleich aber hatte sie ihre Mutter tief gekränkt. Mit einemmal fuhr eine heftige Reue über ihren heutigen Geniestreich mitten zwischen ihre anderen Gefühle hinein. Solange ihr die Mutter streng begegnet, war sie fest davon überzeugt gewesen, im Recht zu sein. Jetzt schwankte plötzlich alles in ihr. »Es schickt sich nicht, einem fremden Menschen auf die Straße nachzulaufen, du bist schon zu alt dazu,« wiederholte sie sich kleinlaut, dann wurde ihr ganz heiß. »Und wenn die Mutter erst wüßte, daß ich ihn geküßt hab'!« Mitten in ihre Unruhe hinein fühlte sie eine große Müdigkeit, die ihr die Augenlider schwer machte, worauf sie, ihr kleines Gebet noch auf den Lippen, sich ausstreckte und einschlief. Emma von Strachinsky schlief nicht; sie saß in dem kahlen Zimmer, das an die Schlafstube der Kinder stieß und in dem sie Erika Unterricht zu erteilen pflegte. Sie hatte soeben zwei sehr unangenehme Briefe an Gläubiger ihres Mannes geschrieben, jetzt nähte sie an einem Kleidchen für ihre Tochter. Sie war stolz auf die Schönheit der Kleinen, wie nur eine Mutter stolz darauf sein kann, die ihr Leben lang das demütigende Gefühl gehabt, die Schönheit entbehren zu müssen. Sie liebte das Kind abgöttisch, das Kind, gegen das sie streng war, fast bis zur Ungerechtigkeit, und dem sie oft tagelang aus dem Wege ging, weil der Blick seiner hellen, unheimlichen Augen ihr wehe tat. Die Fenster des Zimmers gingen auf die Landstraße hinaus. Sie standen offen. Von draußen drang der nach reifem Getreide duftende Hauch der von ihrer Fruchtbarkeit ausruhenden, von Sonnenschein gesättigten Augusterde. Ein Lied klang in die schweigende Nacht hinein. Die Schnitter arbeiteten im Mondlicht, das leise Murmeln des Baches musizierte eine Begleitung dazu, schwach, aber vernehmlich hörte man von Zeit zu Zeit das Aufrauschen des neben dem Sensenschnitt hinsinkenden Getreides. Eine Grille zirpte. Emmas Hände ruhten in ihrem Schoß; sie sah starr vor sich hin. Plötzlich fuhr sie zusammen – ein Schritt näherte sich der Tür. Mit einem süß-duseligen Lächeln trat Strachinsky ein. »Emma,« sagte er zärtlich, auf sie zugehend, »hast du bereits an Frank und Ziegler geschrieben?« »Ja,« erwiderte sie, und ihre Stimme klang heiser, »da liegen die Briefe, lies sie durch, damit du siehst, ob sie dir recht sind.« »Fällt mir nicht ein,« rief der Ritter spaßhaft, »ich setze das unbedingteste Vertrauen in deinen Takt. Hm! hm! Dergleichen Briefe zu lesen, ist eine traurige Unterhaltung!« »Glaubst du, daß es ein Vergnügen war, sie zu schreiben?« rief Emma etwas bitter. Der Ritter nahm sofort eine verletzte Miene an. »Du bist schon wieder aufgeregt – man kann wirklich nicht den geringsten Scherz machen. Und glaubst du denn, daß es mir angenehm ist, dich auffordern zu müssen, die Briefe zu schreiben? Mein Gott, es ist ja sehr traurig, aber – das bringen die Verhältnisse mit sich.« Er seufzte tief und streichelte würdevoll seinen Backenbart. Sie blieb stumm. Er beobachtete sie ein Weilchen, dann sagte er: »Das ewige Gestocher ist dir ungesund, komm schlafen!« »Ich kann nicht, ich bin nicht schläfrig,« erwiderte sie und zog den Faden rascher; »übrigens muß ich das Kleid fertigmachen – laß mich nur!« Und sie beugte sich über ihre Arbeit mit der Miene einer Frau, die sich fest vorgenommen hat, eine Aufgabe zu vollenden. Der Ritter blieb noch ein Weilchen neben ihr stehen, weichlich und unschlüssig – er tastete nach allem, was auf dem Tische lag, hob es auf und legte es wieder nieder wie ein Mensch, der nicht weiß, was er mit sich anfangen soll, dann seufzte er tief, gähnte, seufzte noch einmal und verließ, ohne ein Wort weiter zu sagen, mit schweren, trägen Schritten das Zimmer. Als er gegangen war, legte sie die Arbeit nieder und trat an das offene Fenster, um die frische Luft zu atmen. Der Mondschein lag bläulich grell auf den weißgetünchten Wänden der Bauernhütten, über denen die Strohdächer schwarz und schwerfällig emporragten, in der Ferne sah man das blinkende Geschlängel des schmalen, quer durch das Dorf plätschernden Baches, an dessen Ufer sich die kurios verstutzten Weiden wie lauernde Kobolde ausnahmen und über den sich die große unnütze Brücke spannte. Die Brücke, die Weiden und die Hütten – alles warf scharfe, abgegrenzte Schatten in den grellen Glanz der Mondnacht hinein. Hinter dem Dorf streckten sich die Stoppel- und Getreidefelder endlos lang wie mattes Gold. Das ferne Lied ertönte noch immer in die Nachtstille. Endlich verklang's. Kurz darauf hörte man schwere, regelmäßige Schritte die Landstraße entlang gehen. Die Schnitter kamen von der Arbeit heim. Sie gingen an Emmas Fenstern vorüber, eine kleine geschlossene Gruppe von Männern, farblos grau, über der Schulter die Sensen, die weißlich im Mondschein flimmerten, dann ein paar Weiber, die eine Hand in die Seite gestemmt, den Kopf vorgebeugt, matt, schwer, fast im Gehen einschlafend, endlich die Nachzügler – ein Bursche, der ein junges Mädchen an der Hand hielt. Wie er sich zu ihr niederbeugte! Ein leises, weiches Flüstern schwebte durch die trockene, von der Nacht kaum gekühlte Augustluft zu Emma. Sie wendete sich ab, runzelte die Brauen. »Wie glücklich die beiden aussehen! Und wegen was?« murmelte sie vor sich hin. Plötzlich zuckte ein unsäglich bitteres Lächeln um ihren Mund. Sie spottete jetzt über die anderen – hatte sie denn das Recht dazu? ... sie ... wenn eine an die Liebe geglaubt, wenn eine Frau ihren Mann aus Liebe geheiratet, so war sie's gewesen. Und wen hatte sie geliebt – einen lauen Schwächling, der nie wert war, ihr die Schuhriemen zu lösen! Nicht nur die altkluge Erika, nein, alle vernünftigen Menschen, die je mit dem Ehepaar zusammengekommen waren, fragten sich's – wie war das möglich? Und doch war es eine so einfache Geschichte, eine einfache, alltägliche Geschichte! Die Geschichte einer begabten, schwungvollen, aber häßlichen Frau, einer romantischen, begeisterungs- und verblendungsfähigen Natur, die sich in ihrem Sehnen nach Liebe vergriffen hatte. Ihre Eltern gehörten zum ältesten, wenn auch nicht zum vornehmsten, landangesessenen Adel Böhmens; er war von zweifelhafter Herkunft. Sie war von Haus aus reich; er besaß nichts als seinen spekulativen Kopf und seine ihn über alle Unannehmlichkeiten des Lebens siegreich hinweghebende Selbstgefälligkeit. Ganz unbegabt war er nicht, hatte gut gelernt und war überhaupt vor seiner Verbindung mit Emma Lenzdorff weder schlaff noch faul, sondern mit einer sich auch außerhalb seiner Studien an das Licht drängenden Bildungsbetriebsamkeit behaftet gewesen, deren Triebfedern freilich aus einem dringenden sozialen Ehrgeiz bestanden. Achtzehnjährig trat er in die Armee; da er für die Kavallerie zu arm, für die einfache Infanterie zu hochmütig war, diente er bei den Jägern. Er hatte sich bereits bis zum Hauptmann hinaufgedient, als er im schleswig-holsteinischen Krieg bei der Schlacht von Oversee verwundet wurde. Seine Frau lernte er kennen in einem Privatlazarett in Berlin, das diese in ihrer eigenen Wohnung für die Märtyrer des schleswig-holsteinischen Feldzuges eingerichtet hatte. Sie war sehr jung, sehr feurig und Witwe – Witwe eines kalten, ungeliebten norddeutschen Mannes, der sie noch als traumbefangenes Kind geheiratet, nachdem er sie bei Verwandten in Nordböhmen kennengelernt. – Die Erinnerung an ihre kalte, formelle Ehe flößte ihr noch nachträglich Grauen ein. Ehe sie Strachinsky kennengelernt, hatte sie dem ihr innewohnenden Bedürfnis nach Romantik durch allerhand überspannte Wohltätigkeitsveranstaltungen, durch einen fanatischen Kultus für Kunst und Poesie Rechnung getragen. Daß ihr Durst nach Liebe unbefriedigt bleiben würde, davon war sie überzeugt. Niemand hatte ihr je Huldigungen dargebracht, in denen sich leidenschaftliche Gefühle verraten hätten; nicht schön, wie sie war, hatte sie sich traurig hineingefunden, die Zahl jener Frauen zu vermehren, die man wohl aus Vernunft heiratet, aber die niemand einfallen würde, der Vernunft zum Trotz zu lieben. Der Pole hatte sehr leichtes Spiel. Ein hübscher Mann war er, das mußten ihm seine Feinde lassen. Auch verstand er etwas aus sich zu machen Um ein Jahrhundert früher hätte man ihn für einen Poniatowsky gehalten mit direkter Anwartschaft auf den Thron von Polen. Seine Flausen standen ihm damals gut, und ein Verwundeter ist leicht interessant. Sobald er die Schwäche der jungen Witwe erraten, warb er um sie mit Gedichten, mit heißen, überschwenglichen Liebesworten. Arme Emma! Die ganze gewitterschwüle Unruhe eines lange zurückgehaltenen, plötzlich erwachten Frühlingsblühens durchzog ihr durstiges Herz! Ihre Eltern, die sie allenfalls vor dem verhängnisvollen Schritte hätten warnen können, waren tot; auf ihre Schwiegermutter, die sich ihrer Heirat leidenschaftlich widersetzte, horchte sie nicht. Als ihr Emma mit glühender Wange und bis in jede Fingerspitze hinein vor Aufregung fiebernd die von den poetischsten Umständen begleitete, in die überschwenglichsten Liebesworte gekleidete Werbung des Polen wiederholte, erwiderte die ältere Frau kalt: »Und du glaubst den Firlefanz?« Die Worte trafen Emma wie ein Peitschenhieb. »Und warum sollte ich nicht an seine Neigung glauben?« fragte sie scharf; »vielleicht weil ... deiner Ansicht nach überhaupt kein Mann mich lieben kann!« »Unsinn!« hatte die vernünftige Schwiegermutter darauf geantwortet; »jeder tüchtige Mann, der ein Herz im Leibe hat, sollte dich lieben können, aber dieser schale Pole, dieser Stutzer zweiter Kategorie, der kann es nicht.« »Hältst du ihn für einen Abenteurer, der sich meines Vermögens halber um mich bewirbt?« rief Emma auffahrend. »Nein, ich halte ihn für einen oberflächlichen Menschen, dem es schmeichelt, einer großen Dame einen Eindruck gemacht zu haben, und der einen Versuch anstellt, seine Lage zu verbessern. Abenteurer! – Unsinn! Er hat gar nicht das Zeug dazu. Der Haupttreffer bietet sich ihm, und er steckt ihn ein. Voilà tout . Ihm ist dabei nichts zu verübeln; deiner aber ist diese Neigung nicht wert, und die Verbindung mit ihm wäre für dich ein Unglück – ganz abgesehen davon, daß du deine Familie dadurch diskreditierst.« Wenn man einen Kranken dazu bringen will, eine Medizin zu nehmen, darf man sie ihm nicht in abschreckender Form bieten. Die Vorstellungen der alten Frau waren richtig, aber sie waren demütigend. Emma wandte sich eigensinnig davon ab. Einen Monat später heiratete sie den Strachinsky – und schied von ihrer Schwiegermutter auf ewig. Erst waren ein paar Monate verflossen, in denen Emma ganz aufging in dem Gefühl, zu lieben und geliebt zu werden, und dann – nun, die Zärtlichkeit spann sich weiter, aber ein ganz kleiner Schatten hatte sich daraufgesenkt, verdunkelnd, erkältend, ein nörgelndes Mißbehagen, aus dem plötzlich die Erinnerung an die schonungslosen Prophezeiungen der allzu vernünftigen Schwiegermutter deutlich emporgestiegen waren. Mit seiner Heirat war die ehemalige Strebsamkeit Strachinskys in sich zusammengefallen; diese Heirat hatte ihn mit einem Schlage so hoch über alle ursprünglichen Ziele seines Ehrgeizes hinausgehoben, daß er nach gar nichts mehr trachtete als danach, sein Leben in möglichst vornehmer Gesellschaft zu genießen. Von der Mitgift seiner Frau kaufte er sich eine Herrschaft in dem unfruchtbarsten Teil von Böhmen, aber sehr groß im Ausmaß, was sich vortrefflich ausnahm in der Landtafel, und entfaltete nun eine glänzende Gastfreundschaft; alle Gutsbesitzer der Umgegend und besonders die Kavallerieoffiziere aus der nächsten Garnison gingen in Luzan – so hieß die Herrschaft – aus und ein. Die Selbstherrlichkeit des Ritters wuchs mit der unermüdlichen Verwöhnung seiner Frau – seine Rücksicht für sie nahm ab. Sie war da, um für seine Bequemlichkeit zu sorgen – zu nichts anderem. Das ganze Haus mußte auf den Kopf gestellt werden, wenn sich die Gäste des Ritters ansagten oder auch wenn sie unangemeldet erschienen. Strachinsky bewirtete sie mit exquisiten Soupers, bei denen der Champagner in Strömen floß. Nach dem Souper wurde gespielt. Oft war es vier Uhr früh, ehe man die Herren vom Schlosse hinwegtraben hörte, zu anderen Malen blieben die Herren über Nacht. Eines schönen Tages standen auf des Schlosses Hauptwand mit Kohle die Worte geschrieben: »Gasthof zum polnischen Fex!« Um weniges später hörte Luzan auf, eine Filiale des Offizierkasinos von K. zu sein. Das Leben gestaltete sich mit einemmal sehr still, und aus dieser Stille tauchten deutlich verschiedene Unannehmlichkeiten hervor, über die man während des polternden Strudels im unklaren verblieben war. Damals sah's die kleine Erika zum erstenmal, wie ihre Mutter, den Bleistift in der Hand, geduldig die Schulden ihres Mannes zusammenzählte, während der Ritter, die Hände auf dem Rücken, eine Zigarette zwischen den Zähnen, auf und nieder wandernd ihr die Summen diktierte. Abgesehen von dem, was er im Spiel verloren und in unfruchtbare Spekulationen hineingesteckt, hatte er in schwungvoller Großmut seinen Namen unter mehr als einen Wechsel seiner vornehmen Freunde gesetzt. Emma verzog damals nicht das Gesicht, sondern strengte sich nach allen Seiten an, verkaufte ihren Schmuck, ihr Silber, ja fast jedes irgendwie wertvolle Möbelstück, damit ihr Mann seinen Verpflichtungen gerecht werden möchte, und behandelte ihn zugleich mit der in solchen Fällen bei musterhaften Gattinnen traditionellen Zartheit und Güte, um ihn das Drückende seiner Lage nicht empfinden zu lassen. Ob er es je empfand?... Nun, wenn es der Fall war, gelang es ihm unbedingt, seine traurigen Gefühle zu verbergen. Den Tag nach der peinlichen Abwicklung seiner Geschäfte tänzelte er mit besonders vergnügter Miene in das Speisezimmer hinein, wo die Familie bereits um das Frühstück versammelt saß, forderte alle Anwesenden auf, zu sparen und besonders die Butter nicht zu stark aufs Brot zu streichen, und machte sehr viele Witze über das Thema »Armut und Edelsinn«. Um ihm seine Lage zu erleichtern, ja vielleicht um seine Gewissenlosigkeiten vor ihrem eigenen Herzen zu beschönigen, redete Emma ihm ein, daß seine Handlungsweise einzig und allein der warmherzigen Unvorsichtigkeit eines überstürzten edlen Menschen entsprungen sei. Dieser Auffassung der Sachlage bemächtigte sich seine Eitelkeit gierig. Von da ab hüllte er sich mit Leidenschaft in seinen Märtyrernimbus ein und nannte sich selbstgefällig seufzend einen Don Quichotte! Im Grunde aber war nichts der idealistischen und selbstlosen Verrücktheit Don Quichottes unähnlicher als sein von ein wenig weichlicher Sentimentalität dürftig verschleierter Egoismus. Und was nun das Märtyrertum anlangte, so sah es damit schon gar windig aus. Den Kern seines Lebens sollten die verschiedenen gewaltsam von ihm herbeigeführten Schicksalsschläge nie angreifen. Er befaß eine Art schlauen Nebenverstandes, der mit all seiner konfusen Gebarung parallel lief und ihm inmitten des ihn umgebenden Ruins seine persönlichen Bequemlichkeiten und Lebensbedürfnisse sicherte. Aber wie hätte es Emma aushalten sollen, wenn sie ihn schon damals gesehen hätte, wie er wirklich war. Sie griff nach Entschuldigungen für ihn, wo sie konnte, sie flickte ihre bereits arg mitgenommenen Illusionen zusammen, wie es ging, sie nahm sich vor, ihn zu stützen, zu halten, das wirklich Edle in ihm zur Blüte zu bringen. Mit einer Art ehrgeiziger Eifersucht wollte sie ihn nun ganz an sein Heim fesseln, es ihm darin so behaglich machen, daß er nach keiner außerhalb seiner Familie liegenden Zerstreuung streben sollte. Sie berücksichtigte seine Liebhabereien im Essen, kochte selber, weil sie der Einschränkung ihrer Verhältnisse halber keine seinem Geschmack entsprechende Köchin halten konnte, störte ihn nie in seinen Gewohnheiten, bemühte sich auch, ihre geistigen Interessen den seinen zu nähern, alles, alles – um das Band zwischen sich und ihm recht fest zu knüpfen. Es gelang ihr vollständig; sie knüpfte das Band so fest – daß der Knoten nicht mehr zu lösen war. Sie hatte sich bemüht, ihn jedem auswärtigen Einfluß zu entfremden, ihn ganz zurückzuerobern für sich. Es war ihr gelungen. Ihre Nähe, ihre Zärtlichkeit war ihm dringendes Lebensbedürfnis geworden – in den Flitterwochen hatte er ihr nicht dermaßen gehuldigt. Mein Gott! Alles in der Welt hätte sie nun darum gegeben, die Kluft zwischen sich und ihm von neuem aufzureißen – ja, zu erweitern, so daß keine Brücke mehr darüberreichte. Es war zu spät – sie mußte die Last, die sie auf sich genommen hatte, weiterschleppen – es war ihre Pflicht – sie wollte nicht zusammenbrechen, sie hatte kein Recht dazu. Aber so sehr sie sich dagegen wehrte, ihre Nerven hielten nicht mehr stand. Ihre Gereiztheit machte sich öfter und immer öfter Luft. Bisweilen grämte sie sich über die Veränderung, die sich an ihm vollzogen hatte; zu anderen Malen kam ihr der Gedanke, daß diese Veränderung rein äußerlich war, daß er im Grunde genommen nie anders gewesen war als jetzt. Dann kroch's ihr kalt durch alle Glieder, sie hätte aufschreien mögen! – Nein, nein, sie wollte nicht sehen! Es gibt nichts Traurigeres auf der Welt als das qualvolle, pflichtgetreue Hinleben einer Frau neben einem Manne, den sie aufgehört hat zu lieben. Volle vier Jahre waren verstrichen, seitdem die kleine Erika den jungen Maler geküßt hatte. Sie gedachte des anmutigen Abenteuers, welches, von einer reichen Phantasie immer neu belebt, die großartigsten Dimensionen angenommen hatte, noch immer mit heimlicher Freude und etwas unklarer Beschämung. Emma schleppte indessen weiter an ihrem Kreuz, geduldig und trostlos. Aber ihre Kraft war erschöpft, sie brach zusammen beinah bei jedem Schritt. Immer öfter machte sich die durch ihre innere Wundheit bedingte Irritation Luft. Ihre Heftigkeit artete jetzt häufig bis ins Unschöne aus, so daß ihr nichts übrigblieb, als sie zu bereuen und abzubüßen. Auch das Verhältnis zu ihrer Tochter, die jetzt ein hochaufgeschossenes, schlankes, ungewöhnlich fähiges Mädchen von vierzehn Jahren war, wurde durch die in ihr gärende Aufregung mitunter getrübt. Noch immer liebte sie das Kind zärtlich – aber noch mehr als früher taten ihr die hellen, beobachtenden Augen des Mädchens weh. Sie waren auch noch so viel heller und durchblickender geworden mit den Jahren. Etwas Schweres, Drückendes lastete damals auf Luzan, etwas wie die Ahnung einer herannahenden Katastrophe. Der einzige Sonnenstrahl in dem verdüsterten Leben der unglücklichen Frau war ihr kleiner Sohn. Von mehreren Kindern aus der zweiten Ehe war er allein ihr übriggeblieben. Recht frisch und kräftig wuchs er heran, der Liebling von allen, der Abgott seiner Schwester. Da – er hatte kaum sein siebentes Jahr überschritten, starb auch er. So kam's. An einem Feiertag war's im Herbst, an Allerheiligen – die beiden Kinder hatten soeben ihr Lieblingsspiel in Szene gesetzt – Eisenbahnunglück. Alle Möbel des Schulzimmers standen auf dem Kopf, als Bubi plötzlich schweigsam wurde und anfing, sich von einem Sessel auf den anderen zu legen. Die gutgemeinten Zerstreuungsversuche seiner jetzt fast vierzehnjährigen Schwester verfingen nicht mehr. Sie drang in ihn mit Fragen, ob ihm etwas fehle; er erwiderte zwar nein, aber in einem verdrießlichen, abwehrenden Ton, den niemand an ihm kannte. Miß Sophy schlug vor, ihm den Robinson vorlesen zu wollen. Er nickte gleichgültig und setzte sich neben sein Schwesterchen auf das Sofa, während die Engländerin aus Hamburg zu lesen begann. Aber er hörte nicht recht zu. Sie hatte kaum eine Seite umgeblättert, so legte er dem Schwesterchen seinen Kopf in den Schoß und schlief ein. Sie verhielten sich still, Miß Sophy und Erika, um ihn nicht zu stören. Die Dämmerung schlich braun, grau, farbenverwischend durch das kahle Zimmer. Das Mädchen – Diener gab es keinen mehr in Luzan – brachte eine Petroleumlampe, deren grüner Papierschirm oben von der Hitze des Zylinders braun abgefressen war, dann brachte sie eine Schüssel rotbackiger Apfel als Vesperbrot für die Kinder. Der Kleine öffnete die Augen, sie waren trüb und verschwommen. Mit einem ungeduldigen Wimmern schloß er sie wieder und wendete sein Köpfchen vom Licht ab. Da trat Emma in das Zimmer. Nur einen Blick warf sie auf das Kind, merkte, daß nicht alles in Ordnung war, und brachte es zu Bett. Den Abend erschien sie nicht beim Essen, und als Erika, welche die Schlafstube des Knaben schon seit längerem nicht mehr teilte, dem Brüderchen gute Nacht sagen wollte, ließ man sie nicht zu ihm. Den nächsten Morgen kam der Doktor. Erika nahm soeben ihre englische Lektion bei Miß Sophy wie alle Tage. Jede wirkliche Besorgnis lag ihr fern. Während sie noch ihre tägliche Portion Shakespeare auswendig lernte, steckte plötzlich die Mutter den Kopf zur Tür herein und rief: »Diphtheritis!« Der Ton ihrer Stimme, der Ausdruck ihres Gesichts war hart, wie erstarrt von Entsetzen. Als Erika, vor Schreck zitternd, auf sie zueilen wollte, machte sie eine abwehrende Bewegung mit beiden Händen und verschwand. Miß Sophy, nach welcher der Kleine noch in den ersten Stadien seines Leidens verlangt hatte, half im Krankenzimmer bei der Pflege. Erika ließ man nicht hinein. Müßig, unbewacht und angstvoll umschlich sie stundenlang die Tür, hinter der sich das Gräßliche vollzog und die auf einen langen öden Gang voll grauen, nüchternen Herbstlichtes mündete. Wenn jemand sie sah, wurde sie fortgeschickt, bald aber hatte niemand im Hause mehr Kopf genug, um ihrer zu achten. Es mochte etwa elf Uhr vormittags sein, am fünften Tage nach Ausbruch der Krankheit. Wieder stand Erika vor der Tür des Krankenzimmers, spähend und horchend. Etwas Besonderes ging da drinnen vor; sie spürte es in allen Gliedern, ohne daß sie zu sagen gewußt hätte, woran. Mit einemmal öffnete sich die Tür, die Mutter trat heraus in schlotternden Kleidern, denen man es ansah, daß sie dieselben seit mehr als einer Nacht nicht mehr vom Leibe getan, und die einen durchdringenden Geruch nach Essig und Äther ausströmten. Ihr Mund war verzerrt und breitgezogen, durch ihre Wangen zogen sich tiefe Furchen. Sie schleppte sich kaum und brach bei jedem Schritt in die Knie. Die ehemalige Kinderfrau Bubis, eine treue, schlichte Person, hielt sie bei einem Ellenbogen aufrecht, hinter ihr schritt Strachinsky, sein Taschentuch an den Augen. Entsetzt blickte Erika der Mutter nach, die an ihr vorübergegangen war, ja, sie mit dem Kleide gestreift hatte, ohne sie zu bemerken. Dann trat sie in das Zimmer, das die verzweifelnde Frau soeben verlassen. Das Bettchen war mit einem weißen Laken zugedeckt, unter dem sich ein kleiner Körper deutlich abzeichnete. Das Herz klopfte dem Mädchen bis zum Zerspringen. Sie hob den Zipfel des Lakens empor – da lag der tote Bruder so weiß, so süß mit seinem lieben kleinen Gesicht, das die Krankheit kaum Zeit gefunden hatte zu entstellen. Nur das arme Mündchen, aus dem kein Hauch mehr hervordrang, war vom Fieber gesprungen, der reine Umriß desselben etwas verwischt. – es hatte die bläulichrosa Farbe einer vom Frost verdorbenen Rosenknospe. Die abgemagerten Händchen ruhten halboffen auf der Decke, schwach und machtlos, so wie ihnen das Leben entglitten war. Über der ganzen Leiche schwebte unbefangene Todesanmut. Der Blick der Schwester heftete sich darauf starr und staunend, erschüttert, aber tränenlos. Sie konnte nicht weinen, sie fühlte keinen ausgesprochenen Schmerz, nur eine gräßliche Schwere in den Gliedern, und auf der Brust eine Last, die ihren Atem hemmte. Sie beugte sich vor, um die Leiche zu küssen, da stürzte Miß Sophy in das Zimmer; außer sich vor Schrecken nahm sie das Mädchen beim Arm und schob es zur Tür hinaus. Natürlich war das erste, wonach Erika jetzt suchte, ihre Mutter. Sie fand dieselbe in dem Wohnzimmer, wo sie, blaß und stumm, in einem großen Lehnstuhl saß. Minna, so hieß die ehemalige Kinderfrau, beugte sich über sie und befeuchtete ihre Stirn mit Essig, ohne daß sie es zu merken schien. Sie hielt die gefalteten Hände im Schoß und blickte vor sich hin. Erika fand nicht den Mut, sich ihr zu nähern. Der Ritter von Strachinsky ging indessen mit großen Schritten auf und ab, er hatte bereits aufgehört zu weinen; von Zeit zu Zeit hielt er in seiner Wanderung inne und seufzte. Anfänglich merkte Emma nichts davon. Plötzlich aber erwachte sie aus ihrer Starrheit, und sich mit einem unheimlichen, schwach-wimmernden Laut über die Stirn fahrend, rief sie: »Um Gottes willen, Jello!« Er blieb stehen, räusperte sich ein paarmal, zog ein englisches Federmesser aus der Tasche und fing an, seine Nägel damit zu putzen, dann ging er auf seine Frau zu und streichelte ihr die Wangen. Mit einer scheuen Gebärde wehrte sie ihn von sich ab. Er ächzte gefühlvoll, trat von ihr zurück und stellte sich an ein Fenster; mit der einen Hand streichelte er seinen Backenbart, mit der anderen klimperte er in seiner Rocktasche mit seinen Schlüsseln. Nach einem Weilchen begann er halblaut vor sich hinzureden, erzählte, vielleicht in der blödsinnigen Absicht, die Verzweifelte zu zerstreuen, was draußen vorging, alles in einem süßlich wehmütigen Tonfall, der gesunde Nerven hätte krank machen müssen: »Ei, ei! Sieh da ein Spätzlein, es trägt einen großen Strohhalm im Schnabel, tapeziert sich sein Winternest aus.« Das Röcheln, mit dem die Unglückliche von Zeit zu Zeit die Last, die ihr auf der Brust lag, von sich zu wälzen versucht hatte, war verstummt. Sie saß sehr gerade, nur den Kopf etwas vorgebeugt, und starrte nach dem Manne am Fenster. Plötzlich stieß sie einen kurzen, schrillen Schrei aus und stürzte, sich die Schläfen mit beiden Händen haltend, hinaus. Als sie verschwunden war, zuckte der Ritter die Achseln, seufzte, als ob ihm ein großes Unrecht geschehen sei, worauf er sich in sein Zimmer verfügte, um sich die Namen aller Bekannten aufzunotieren, denen er die Trauerbotschaft mitzuteilen für nötig erachtete. Am dritten Tage nach dem Tode wurde die Leiche beerdigt. Sie setzten sich den Tag zu Tisch wie an jedem anderen Tage. Die arme Mutter aß nichts, und Erika konnte ebenfalls keinen Bissen hinunterschlingen. Die Tränen, die sie anfänglich nicht hatte finden können, flossen ihr jetzt um so reichlicher aus den Augen, eine nach der anderen, schneller, immer schneller fielen sie auf ihr neues schwarzes Kleid herab. Der Ritter aß. Nach kurzer Zeit schob auch er seinen Teller von sich. Zum erstenmal in ihrem Leben empfand seine Stieftochter ihm gegenüber eine herzliche und mitleidige Regung. Sie dachte, der Kummer habe ihm den Hals zugeschnürt – da... Er räusperte sich, dann... »Das ist unerträglich!« wimmerte er. »Ich habe ja ohnehin keinen Appetit und nun noch Tomatensoße! Du weißt doch, daß ich keine Tomatensoße esse!« Seine Frau erwiderte nichts, sie sah ihn nur an mit ihren neuen, unheimlichen Augen – Augen, von denen der letzte Schleier gefallen war, und denen das Licht wehe tat. Es überlief einen kalt beim Anblick dieser Augen. Die Uhr am Schloßturm schlug eine Viertelstunde hinter der anderen, immer näher rückte der Zeitpunkt der Einsegnung. Die kleine Leiche ruhte bereits im Sarg, der Sargdeckel lehnte gegen die Wand. Eine rasende Unruhe – die gespannte Erwartung eines Zeitpunktes, der die Kulmination einer unerträglichen Lage ausmachen soll, hatte Erika befallen, sie konnte es nicht auf dem Fleck aushalten und nicht auf jenem, endlich lief sie ihrer Mutter nach, die in den Garten hinausgegangen war. Es war kalt und stürmisch. Der Herbst war spät und plötzlich gekommen. An einigen Büschen hing noch reichliches Laub, aber schwärzlich grün und verschrumpft, an anderen nur hier und da eine Handvoll roter oder gelber Blätter, die im Winde zitterten. Im Gegensatz zu dem Buschwerk waren die Bäume fast gänzlich kahl. Dunkelgrau oder violettbraun zeichnete sich das nackte Astwerk ab gegen den schiefergrauen Himmel – nur an den Birken schimmerten die Blättchen noch goldgelb. Auf den feuchten Sandwegen und dem aufgeweichten giftgrünen Herbstrasen lag das Laub naß und braun zugleich mit noch frisch aussehenden, erst kürzlich abgefallenen Blättern. Vom ersten Reif geknickt, ließen die Astern und Georginen ihre Köpfe hängen, und zwischen dem öden Herbststerben schlich die trostlose Mutter einher und suchte ein paar frische Blumen, um sie ihrem toten Kinde mitzugeben ins Grab. Mit versagenden Schritten, immer wieder über ihr Kleid stolpernd, wankte sie von einem zerstörten Blumenbeet zum anderen. Der scharfe Herbstwind trieb ihr die Kleider gegen die abgemagerten Glieder. Von ihren Lippen floß ein schwaches Wimmern, in das sich Liebkosungsworte mischten. Sie küßte die paar armseligen vom Frost geschwärzten Blumen, die sie in der Hand hielt. Erika ging knapp hinter ihr. Einmal, zweimal streckte sie die Hand nach dem Kleide der Mutter; doch ohne es berührt zu haben, erschrocken, als habe sie Angst, ihr auch mit der zärtlichsten Berührung weh zu tun, zog sie dieselbe wieder zurück. Zehn Minuten später tönten scharfe Hammerschläge durch das Schloß, die unglückliche Frau kauerte im äußersten Winkel ihres Zimmers und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Die Nacht nach dem Begräbnis schreckte ein leiser Wehlaut Erika aus dem Schlaf. Sie fuhr auf. Im verschwommenen Licht des ersten Morgengrauens, das die Fenstervierecke bereits weißlich in das Dunkel malte, sah sie etwas Schwarzes neben ihrem Bette auf dem Boden liegen. Sie schrie laut auf vor Schrecken. Da regte sich's. Es war ihre Mutter, die neben ihr auf der harten Diele lag. Sie mußte lange da gelegen haben, denn als Erika sie berührte, war alles an ihr eiskalt. Erika streckte die Arme nach ihr aus und zog sie zu sich in ihr warmes, weiches Bettchen. Sie sprachen beide kein Wort, aber ihre Herzen schlugen aneinander – der letzte Mißklang zwischen den beiden war ausgelöscht. Sie hatte ihr Kreuz von sich geworfen, sie atmete auf, sie wollte sich aufrichten. Da merkte sie, daß sie eine Last schwerer als je zu Boden zog, daß ein neues Band sie an den Mann knüpfte, den sie jetzt, die letzte beschönigende Täuschung fallen lassend, verabscheute. Das Bewußtsein ihres Unglücks kam ihr langsam, sie wollte erst nicht daran glauben, und als sie daran glauben mußte, da war ihr's, als sollte sie wahnsinnig werden. Erika merkte sehr bald, daß es nicht allein der Schmerz um den toten Knaben war, der ihr Unglück ausmachte. Nein, der Schmerz stimmte sie mild und weich. Ein anderer Druck lastete auf ihr, etwas, gegen das sich ihr Innerstes zornig aufbäumte, etwas, unter dessen Einfluß ihr Wesen sich verfinsterte und eine krankhafte Härte und Feindseligkeit annahm, unter der ihre Tochter allein nie zu leiden hatte. Dieser bezeigte sie seit dem Tode ihres Söhnchens eine unsagbare Zärtlichkeit, und das heranwachsende, liebebedürftige Mädchen wurde es nicht satt, sich an sie zu schmiegen, sich von ihr liebkosen zu lassen, mit tiefer Dankbarkeit, fast mit Andacht. Manchmal lächelte ihr die Mutter zu, mitten aus ihrer Trauer heraus, strich ihr die leuchtenden Haare aus dem blassen, großäugigen Gesichtchen. »Sie sehen es alle nicht,« murmelte sie, »aber ich seh's, wie hübsch du wirst. Arme Erika! Du hast eine traurige Jugend gehabt, aber das Leben wird dir's einbringen, wenn ich nicht mehr bin!« »Sag nur das nicht,« rief das Mädchen und umschlang die Mutter mit ihren langen, schlanken Armen, »als ob ich das Leben aushalten könnte ohne dich! Mutter! Mutter...!« »Du ahnst nicht, was man alles aushält!« sagte die Mutter bitter. »Man fügt sich – lern' dich fügen, lern's so bald als möglich. Verlang' nicht zuviel vom Leben, kein ganzes, in sich abgeschlossenes Glück – das ist Verblendung. Du wirst freilich einmal berechtigt sein, andere Ansprüche zu machen als eine arme, häßliche Frau, wie's deine Mutter war, mein schönes, begabtes Kind!« Sie sprach die Worte fast feierlich. Etwas von der Romantik, die sie quer durch alle Stadien ihrer prosaischen und erniedrigenden Existenz schleppen sollte bis ans Ende, brach sich jetzt Bahn in dem Kultus, den sie mit ihrer Tochter trieb. Sie vor allen anderen impfte der jungen Erika die Überzeugung ein, daß sie ein Ausnahmegeschöpf sei, und obgleich sie dem Mädchen von früh bis Abend predigte, daß es nichts vom Leben verlangen solle, gab sie ihr doch zugleich zu verstehen, daß das Leben eigentlich verpflichtet sei, ihr etwas durchaus Besonderes zu bieten. Im ganzen hätte sich damals Erika, trotz des Schmerzes, den ihr der Tod des kleinen Bruders bereitet hatte, glücklich gefühlt wie noch nie, hätte sie nicht eine täglich wachsende Besorgnis um die Mutter gequält. Die Gesundheit derselben wurde mit einemmal sehr schlecht. Ihre Tatkraft war gänzlich gebrochen. Sie, die sonst vom frühen Morgen an bis spät in die Nacht hinein geschafft, die Zügel, die der Ritter lässig aus seiner Hand hatte gleiten lassen, so sicher und energisch geführt, die auf dem Gut und im Hauswesen überall gleich tätig aufmunternd und fördernd die Arbeit von fünf anderen geleistet, kümmerte sich um nichts mehr. Erikas bemächtigte sich ein Angstgefühl, das um so quälender war, als das junge Mädchen sich nicht klar darüber wurde, auf was es sich eigentlich bezog. Gegen ihren Gatten legte Emma eine peinliche, mit jedem Tage wachsende Reizbarkeit an den Tag. Er ließ sich dadurch in seinem Gleichmut nicht stören. Dank seiner in selbstbeschönigender Richtung sehr ergiebigen Phantasie, wußte er für das feindselige Wesen seiner Frau tausend Gründe herbeizuschaffen, die seine bedrohte Selbstgefälligkeit vor jeder Verletzung schützten. Dies alles, so teilte er seiner Vertrauten, Miß Sophy, mit, erkläre sich hinlänglich aus ihrem Zustand! Hierauf ließ er sich von Miß Sophy bewundern und bedauern, was übrigens schon seit längerer Zeit seine Lieblingsbeschäftigung geworden war. Emma wohnte jetzt allein in einem großen Zimmer, in dem sich außer ihrem Bett und Waschkasten nichts als ein paar Bücherschränke befanden, ein paar steiflehnige Roßhaarstühle und ein runder Kachelofen, um den sich ein in rohem Basrelief ausgeführter Zug irrsinniger Bacchantinnen herumschlang, während sein plattes Dach mit einer großen Graburne geziert war. Die Dielen des Zimmers lagen bloß. In einer der ungewöhnlich tiefen Fensternischen stand ein Lehnstuhl. In diesem saß die Verzweifelnde täglich stundenlang, stumm, gerade, die Ellenbogen auf den Armlehnen des Stuhls, die Hände gefaltet, und blickte teilnahmlos vor sich hin. Ringsum lag der Schnee ellenhoch auf dem Garten, in den man aus dem Fenster hinaussah, auf der Wiese, die sich vom Garten aus sanft talabwärts bis zu dem breiten, gefrorenen Fluß hinzog, auf der Eiskruste des Flusses lag er so dick, daß man den Fluß von der Wiese nicht mehr unterschied, auf den schwarzen Fichtenwäldern, die den Horizont umsäumten, auf allem lag er kalt und drückend. Alles kalt – alles weiß! Große Hügel und Mulden von Schnee, keine Straße kenntlich, nirgend ein Vogel, der sang, nirgend ein Blatt, das sich regte – alles kalt, alles weiß! alles still, ohne Pulsschlag, ohne Hauch – tot – die ganze Erde eine schöne, starre Leiche. Und auf dieser weißen Eintönigkeit ruhten die Augen der Gepeinigten. Der Frühling kam! Die erhabene Ruhe des Todes löste sich auf in die fiebernde Qual, in den zwischen Schönheit und Häßlichkeit, zwischen Feinheit und Schmutz herumirrenden Wechsel des Lebens. Die Erde verschlang den Schnee – nur an wenigen Stellen, besonders in den Hohlwegen waren noch ein paar große weiße Fetzen hängengeblieben, die sich langsam in Schlamm auflösten. Emma saß noch immer alle Tage stundenlang in ihrem Zimmer, die Hände im Schoß, aber sie blickte nicht mehr teilnahmlos vor sich hin, ihre starren Augen hatten ein Ziel. Dort zwischen dem fahlen Grün der kürzlich schneebefreiten Wiese zog sich der Fluß – dunkel, hoch angeschwollen. Wie laut und unbändig er dahinjauchzte, froh, von dem drückenden Eisjoch erlöst zu sein. »Freiheit!« schrie es aus seinen Wellen, »Freiheit!« Auf diesen Fluß richteten sich ihre Augen. Tage vergingen – Wochen; das Wetter wurde lau, das Fenster, an dem sie zu sitzen pflegte, stand jetzt offen, so daß die laute Stimme des Stromes deutlich zu ihr drang. Eines Nachmittags war's, Ende April. Die Pflüge knarrten über die Straße, ein Geruch von frisch aufgewühlter Erde schwängerte die Luft, und ein weißlicher Schimmer zog sich über die Äste der Obstbäume hin. Die Sonne war untergegangen, das Licht glanzlos, im Westen hing die Mondsichel schmal und blaß. Erika stand an der niedrigen Gartenmauer und blickte auf die Wiese hinab. Ihr junges Gemüt war wie erdrückt von der großen Angst, die auf nichts Bestimmtes hindeutete, dem sie ausweichen hätte können, sondern sie mit verbundenen Augen vorwärts zu schleppen schien in etwas, das unentwirrbar war. Ihre Mutter war heute besonders zärtlich mit ihr gewesen, dabei aber so traurig wie noch nie. Sie hatte von sonderbaren Sachen gesprochen, so als ob der Tod ihr nahe stünde. Dann hatte sie lange Zeit damit verbracht, Briefe zu schreiben. Plötzlich erblickte Erika etwas Dunkles sich rasch hinbewegen durch die taufeuchte, blasse Abendluft, eine hohe Gestalt in einem schwarzen Kleide, das der Südwind enger um ihre Glieder hüllte. Sie erkannte ihre Mutter. Wie rasch sie dahinschritt über das jetzt schon lange und üppige Wiesengras, das im Winde zitterte! Wie seltsam ihr Gang war! Erika hatte noch nie jemanden so gehen sehen, mit großen Schritten, hastig und doch unbeholfen; sie ging, als ob sie Eile hätte und zugleich eine Zentnerlast mit sich schleppe – gerade auf das trübe, schnell fließende Wasser zu. Mit einemmal erriet Erika, was sie vorhatte. Sie wollte schreien. Im ersten Augenblick versagte ihr die Stimme, im zweiten blieb sie stumm aus Geistesgegenwart – jener Hellseherei des Schreckens. Sie schwang sich über die niedrige Mauer des Gartens und flog der Mutter nach. Ihre Füße berührten den Boden kaum, ihr Atem versagte, die Brust schmerzte sie. Die dunkle Gestalt hatte das Ufer des Stromes erreicht – sie war am Ziel ... neigte sich vor ... Da gruben sich zwei schmale, aber starke Mädchenhände in die schwarzen Falten ihres Kleides ... »Mutter!« schrie Erika außer sich. Sie wandte sich um. »Was willst du?« fuhr sie die Tochter an, hart, fast grausam. Dann ... ein Zittern durchlief ihre Glieder und sie brach in krampfhaftes, wimmerndes Schluchzen aus – ein Schluchzen, das kein Ende nehmen wollte. Die Tochter legte den Arm um sie, schmiegte sich an sie und küßte ihr die Tränen von den Wangen. »Mutter,« rief sie zärtlich, »Mütterchen!« Weiter sprach sie kein Wort, sondern wendete die Unglückliche nur sanft von dem Wasser ab. Die Mutter ließ es geschehen, sie war todesmatt und stützte sich schwer auf den schlanken, unfertigen Körper des vierzehnjährigen Mädchens. Langsam wanderten sie nach Hause. Ein weißlich durchsichtiger Abendnebel zog feucht an der Erde hin, und mit schwerfälligem, sich tief senkendem und nur matt emporhebendem Flügelschlag zog eine Schar häßlich krächzender Raben an ihnen vorbei.   In der Nacht darauf fuhr Erika plötzlich aus dem Schlafe, ohne daß es ihr zum Bewußtsein kam, was sie eigentlich geweckt habe. Sie rieb sich die Augen, schloß sie wieder und wollte sich von neuem zum Schlafen zurechtlegen. Da hörte sie draußen vor ihrer Tür »Jesus, Maria und Joseph!« schreien. Sie sprang aus dem Bett und eilte bloßfüßig und im Nachtkleid hinaus. Sie erblickte die Köchin, die durch den Korridor der Richtung zujagte, wo sich das Zimmer der Mutter befand. »Was gibt's?« schrie das junge Mädchen. Die Köchin sah sich um, zuckte die Achseln und eilte weiter. Erika merkte jetzt erst, daß die Füße der Köchin nackt in den Pantoffeln staken, und daß sie im Laufen ihren Rock zusammenknüpfte. Sie mußte plötzlich aus dem Bett aufgeschreckt worden sein. Erika wollte ihr nach. Da kam Strachinsky aus der Biegung des Ganges, in der die Köchin verschwunden war. Sein Gesicht war verschlafen, er trug einen saloppen Schlafrock und hielt einen niedrigen Leuchter in der Hand. Neben ihm ging Minna totenbleich. Strachinsky stellte den Leuchter auf einen langen, niedrigen, mit mehreren Lampen und anderem Gerät beladenen Schrank. »Lassen Sie sofort einspannen,« befahl er, »man soll den Verwalter nach K ... schicken um den Arzt.« »Möchten der Herr Baron nicht selber fahren? Man kann sich nicht immer verlassen auf die Leute,« bemerkte Minna mit einem sonderbaren und bezeichnenden Seitenblick auf den Ritter. »Ach nein, der Verwalter wird das ganz gut besorgen, und dann – Sie begreifen, daß ich mich in dieser Stunde nicht trennen möchte von meiner Frau, sie wird mich brauchen, wird nach mir verlangen.« – Und da die Augen Minnas sich mit immer sonderbarerem Ausdruck auf ihn richteten, setzte er mit seiner überschnappenden, kindisch klingenden Stimme wütend hinzu: »Und dann – dann – geht Sie das alles nichts an – dumme Gans!« Damit kehrte er ihr den Rücken.« Minna zuckte mit den Achseln und wendete sich gegen die Treppe, offenbar um in den Hof hinunterzueilen, die nötigen Befehle zu geben. Weder sie noch der Ritter hatten Erika bemerkt. Diese aber lief der Wärterin nach und zupfte sie beim Ärmel. »Minna, was gibt's?« fragte sie beklommen, »die Mutter ist krank?« »Ja!« »Was fehlt ihr denn, sag's mir doch, Minna, so sag's!« Immer heftiger drang sie in Minna hinein. Diese aber schüttelte das junge Mädchen von sich ab. »Laß mich, Kind, weiß Gott, daß ich Eile habe,« murmelte sie. Erika machte ein paar Schritte vorwärts, so wie sie war, dann wendete sie sich in ihr Zimmer zurück. Dort stand Miß Sophy, sehr bekümmert, den Kopf voller Papilloten, die sie alle Abende aus der »Neuen freien Presse« schnitt und mit denen sie halb wie eine Medusa und halb wie ein Stachelschwein aussah. »Wo wollen Sie hin?« fragte sie, da sie bemerkte, wie Erika sich hastig anzukleiden begann. »Zu meiner Mutter,« erwiderte Erika, »sie ist krank.« Miß Sophy hielt sie sanft zurück. »Gehen Sie nicht,« sagte sie leise, »man würde Sie nicht hineinlassen, Sie würden nur stören – warten Sie ein wenig – Ihre Mama kann Sie nicht brauchen dort – «, und sie wiegte ihren stacheligen Kopf schwermütig hin und her, dann leise und feierlich setzte sie hinzu: »Ich glaube – ich meine, Sie werden ein Brüderchen bekommen, oder vielleicht eine Schwester.« Erika sah sie groß an. Also das war's! Unter all dem vielen Traurigen, das Erika zu erleben bestimmt war, sollte es nichts geben, das der Unruhe und dumpfen Aufregung, der Todesangst, gemischt mit etwas Unheimlichem, unaussprechlichem, gleichgekommen wäre, das sie in jenen Stunden bewegte. Sie fuhr fort sich anzukleiden, ohne jede Sorgfalt, nur um bereit zu sein – wie man sich ankleidet, wenn es im Nebenhause brennt. Dann setzte sie sich Miß Sophy gegenüber an einen wackligen runden Tisch, auf dem eine Kerze mit einem großen Räuber stand, von der das Stearin alles nach einer Seite hinfloß. Eine Weile war es still, dann hörte sie Lärm draußen. Sie sprang auf – eilte hinaus, sah eine ältere Person mit einer großen schwarzen Haube, sehr dick, mit dem phlegmatischen aufgedunsenen Gesicht eines Mönchs, auf das Zimmer der Mutter zuschreiten. Erika kannte sie längst als die unbemittelte Witwe eines Steinmetzen, die im ganzen Dorf an Mensch und Vieh herumquacksalberte. Sie hieß Frau Jelinek. Eine Küchenmagd war hinter ihr drein. Rasch und geschäftig gingen sie vorüber an Erika, die ihnen, vor Angst und Spannung außer sich, nachblickte. Zwei Stunden verflossen. Miß Sophy war eingeschlafen, Erika wachte noch immer. Ein leichter Regen hatte angefangen zu fallen, die Tropfen brachen sich klirrend an den Scheiben. Noch einmal stand Erika auf und schlich in den Korridor hinaus. Langsam, an allen Gliedern zitternd, kam sie bis an die Tür des Zimmers vor der Schlafstube ihrer Mutter. Sie war halb offen. Durch den Spalt drang Licht. Sie blickte hinein. Der Ritter saß vor einem Tisch und spielte mit drei Strohmännern Whist. Das war seit einiger Zeit seine Lieblingsbeschäftigung. Die Köchin stand in einem Winkel und legte Weißzeug zusammen. Erika wollte eben das Wort an sie richten, als die Frau Jelinek schwerfällig und phlegmatisch, die schwarze Ledertasche noch immer über dem Arm, aus der Schlafstube der Mutter heraustrat. »Darf ich denn nicht zu Mama hinein – nur einen Augenblick?« rief das junge Mädchen aufgeregt. Da öffnete sich wiederum die Tür der Schlafstube. »Bist du's?« fragte Minna. »Ja,« antwortete Erika ängstlich. »Störe deine Mutter nicht. Bleib in deinem Zimmer, bis man dich ruft,« gebot sie. Und aus dem Zimmer tönte die Stimme der Mutter matt und sanft: »Leg' dich nieder, meine Alte, mach' dir nicht unnütz den Kopf schwer, leg' dich zu Bett, mein Kind.« Eine Weile blieb Erika still stehen, dann küßte sie das harte kalte Holz der Tür, die sich ihr nicht öffnen wollte, und kehrte in ihr Zimmer zurück. Sie legte sich auf das Bett, so wie sie war – diesmal schlief sie ein. Mit einemmal fuhr sie auf – die Kerze brannte noch immer auf dem Tisch. Bei ihrem Licht sah sie, daß Miß Sophy, die sich auf das Sofa gelegt hatte, nun ebenfalls aufsaß und mit erschrockenem Gesichtsausdruck horchte. Erika eilte hinaus. Auf dem Korridor begegnete ihr Minna – im selben Moment rollte der Wagen in den Hof. »Der Doktor!« schrie Minna, »gottlob!« Da kam der Verwalter die Treppe hinauf. »Wo ist der Doktor?« »Er war nicht zu Hause,« meldete der Verwalter. »Haben Sie nicht gefragt, wo er ist?« drängte die sehr erregte Minna in ihn, »sind Sie ihm nicht nachgefahren?« »Nein,« entgegnete der Verwalter, seinen struppigen Lodenhut zwischen den Händen drehend, »aber ich hab' zurückgelassen, er möge kommen, sobald er nach Hause zurückkehrt.« »Trottel!« fuhr ihn Strachinsky an, der jetzt ebenfalls in den Korridor hinausgetreten war, und drohte dem Verwalter mit der Faust. »Sie sind entlassen,« setzte er großartig hinzu; dann sich an Minna wendend, sagte er: »Mein Gott, wenn ich ein Pferd hätte, könnte ich nach K... reiten!« Ohne auf ihn zu achten, eilte Minna die Treppe hinab. Um weniges später rollte von neuem ein Wagen aus dem Schloßhof hinaus.   Minna war selbst nach dem Doktor gefahren. Ehe sie gegangen, hatte sie Erika beschworen, sich ruhig zu verhalten, sich nicht zu ihrer Mutter heranzudrängen. Man würde sie rufen, sobald es anginge. Damit solle sie sich zufriedengeben. Erika gehorchte. Ruhig und starr saß sie in ihrem Zimmer. Alles in ihr Schmerz und Todesangst um ihre Mutter! Daran, sich auszustrecken, dachte sie nicht mehr. Gerade aufrecht saß sie an dem Tisch inmitten des Zimmers, auf dem die Kerze tiefer und tiefer niederbrannte. Anfangs hatte sie, um sich die Zeit etwas zu kürzen, versucht zu stricken. Aber die Nadeln glitten ihr in den Schoß. Miß Sophy saß ihr gegenüber, die Ellenbogen auf dem Tisch, den Kopf zwischen den Händen, und horchte. Wagenrollen tönte aus der Ferne. Es kam näher und näher bis in den Schloßhof hinein – Gott sei Dank! ... Minna war's, die den Doktor brachte. Ein irres Hin- und Herrennen – dann alles still – still – totenstill! Die Morgendämmerung schlich durch die Fenster. Die Flamme der Kerze, bei der Erika wachte, wurde rot und glanzlos. Der Regen hatte aufgehört, durch die von der Feuchtigkeit verschwommenen Scheiben sah man triefende weiße Blütenbäume und hinter ihnen einen blaßblauen, fast grünlichen Morgenhimmel, in dem langsam die letzten Sterne verlöschten. Da öffnete sich die Tür. Minna trat ein. »Komm, Erika,« sagte sie kurz mit heiserer Stimme. Erika erhob sich eilig, »Habe ich wirklich ein Brüderchen?« fragte sie beklommen. Minna schüttelte den Kopf. »Es ist tot!« murmelte sie. »Und die Mutter?« »Ach, komm schnell ...« Sie zog das Mädchen mit sich fort durch den langen, weißen Korridor. In dem Gemach vor dem Zimmer der Sterbenden stand Strachinsky neben dem Arzt. Der Arzt hielt den Kopf tief gesenkt, der Ritter weinte. Erika trat an das Bett ihrer Mutter. Die Haare der Sterbenden waren von den Schläfen zurückgestrichen, die Schläfen waren gelb, die Lippen bläulich. Erika kniete neben ihr nieder und versteckte ihr Gesicht in den Bettrand. Die Mutter legte die Hand auf den Kopf des Mädchens und streichelte ihn – ach, wie matt! Aber es tat doch wohl. In einer Ecke kniete die alte Minna und betete. Draußen wurde es heller und heller, ein goldener Glanz verbreitete sich über die Erde. Die Vögel zwitscherten, erst vereinzelt, dann laut, schrill, rücksichtslos. Ein Blütenzweig pochte ans Fenster. Die Sterbende erhob sich etwas aus den Kissen – noch einmal hörte Erika die liebe Stimme der Mutter. »Mein Kind, mein armes liebes Kind – ich habe schlecht für dich gesorgt – « »Aber Mütterchen ...!« »Mein Tod wird alles ins Geleise bringen – schreibe an...« In diesem Moment klopfte Strachinsky an die Tür. »Emma!« flüsterte er. Ein unaussprechliches Grauen schüttelte die sterbende Frau. »Laß ihn nicht herein!« rief sie. Erika flog auf die Tür zu und drehte den Schlüssel um – als sie sich wieder neben das Bett hinkniete, rang die Mutter nach Atem. Offenbar qualvoll bemüht, ihrer Tochter eine letzte Mitteilung zu machen, fand sie keine Worte dazu. Noch einmal fuhr sie Erika über den Kopf, ein letztes Mal – dann... Die Hand auf dem Scheitel des jungen Mädchens wurde schwer und kalt; – es war keine Liebkosung mehr, sondern eine Last. Erika entzog sich derselben – blickte auf. Die Tränen blieben ihr in den Augen stehen, so wundersam war das Gesicht ihrer Mutter. Der Kampf war vorbei! Der Schmerz des Lebens, der süße Schmerz höchsten Entzückens, der uns zu dem Himmel emportreibt, den wir nicht erreichen können – ebenso wie jener andere bittere Schmerz, der uns in das Grab hinunterzieht, vor dem uns schaudert, beides gleichermaßen für sie ausgelöscht!   Erika warf sich über den Leichnam und bedeckte ihn mit Küssen. Mit Gewalt mußte man sie von der Toten losreißen. Man schleppte sie hinaus. Sobald sich die Tür des Sterbezimmers hinter ihr geschlossen, wurde sie sanft und fügsam. Sie begriff nicht mehr; mit kleinen, ängstlichen Schritten, den Kopf tief gesenkt, ging sie neben Minna. Einmal noch sah sie sich um. Ein dünner, wehmütiger Schall drang durch die stille Morgenluft. Es war die Stimme des Sterbeglöckchens, das sich unruhig in dem kleinen Schloßturm hin und her warf. Noch um Jahre später konnte sie sich nicht überwinden, der gräßlichen Tage, die nun folgten, zu gedenken – der atembeklemmenden Last, die sie mit sich schleppte von früh bis in die Nacht, des Einschlafens aus purer Ermattung, des langsamen Hinübergleitens zu alten Tagesgewohnheiten im Traum, des Erwachens mit ausgeruhten Nerven und mit in Vergessenheit gesundeter Seele, dann des sich plötzlich der Sachlage Bewußtwerdens, der Empfindung allgemeinen Wundseins – einer Empfindung, die durch jede Bewegung, jedes um sie oder vor ihr gesprochene Wort gesteigert wurde, der Unruhe, die sie so lange hin und her trieb, bis sie sich endlich in einem dunklen Winkel zusammenkauerte und weinte, weinte so lange, bis sie keine Tränen mehr fand und ihr die brennenden Augen zufielen und sie von neuem in bleiernen Schlaf versank, um dann beim Erwachen von neuem – allmählich sich in das Bewußtsein hineinzuschaudern, was eigentlich geschehen war. Sie fühlte den dringenden Wunsch, ihrer Mutter noch irgend etwas Liebes zu tun, sich um ihre Leiche zu beschäftigen. Aber kaum einen Augenblick ließ man sie mit ihr allein. Fremde Weiber wuschen sie und legten ihr das Totenkleid an. Der Kutscher und der Gärtner hoben sie in den Sarg. Kurz vor dem Schließen des Sarges erinnerte sich Strachinsky, daß seine Frau dereinst gewünscht hatte, man möge ihr das Kleid und die Blumen, die sie bei der Trauung mit ihm getragen, in das Grab legen. Aber man fand weder das Kleid noch die trockenen Blumen. Der Schrein, in dem sie ihre Reliquien aufzubewahren pflegte, war verödet – nur die Härchen ihres verstorbenen Kindes fand man vor, die legte man ihr unter den Kopf. Der Ritter machte sich keinerlei Gedanken darüber. Er betrauerte die Tote aufrichtig, weinte viel, verlor für zwei Tage den Appetit, lebte sich aber, je näher der Moment der Bestattung heranrückte, in eine gehobene Stimmung hinein, die sich in feierlicher Wichtigtuerei kundgab. Er hatte einen Leichenwagen verschrieben aus der Stadt. Erika stand an einem der Fenster des Korridors, als der schwarze Galawagen in den Schloßhof hineinrasselte. Dann trugen die Männer den Sarg über die Treppe – Erika hörte sie straucheln unter der schweren Last – hörte, wie der Sarg bei einer scharfen Biegung der Stiege an die Wand anprallte... Sie geleitete die Tote bis an das Grab. Der erste Mai war's, an dem man sie bestattete. Zu Fuß schritten sie hinter dem Leichenwagen einher, dessen schäbiger Pomp so schlecht in die ländliche Einsamkeit paßte. Obzwar die vornehmen Herrschaften aus der Umgegend, mit Luzan längst außer allen Verkehr gekommen, waren trotzdem die meisten erschienen, um der armen Frau die letzte Ehre zu erweisen, doch machten sie nur ein verschwindend kleines Häuflein aus in dem endlosen Leichenzug. Hinter den paar schwarzen Röcken, die in einer geschlossenen Gruppe dem Leichenwagen folgten, wimmelte es bunt und dicht. Alle Bauern, Tagelöhner und Bettler aus Luzan und den umliegenden Ortschaften gaben der zur ewigen Ruhe eingegangenen Märtyrerin das Ehrengeleite – sie war gegen alle gut gewesen. Ein grüner Hauch schimmerte über den Feldern, und in den alten Apfelbäumen glänzte es rosa von halb erblühten Knospen. Aus den roten Flammen der Fackeln drang ein schwarzer Qualm zum Himmel, und in den Blütenzweigen der Bäume und an den frischgrünenden Feldern hin schwebte es leise seufzend, zugleich wonnig und schmerzlich – der Atem des neu erwachenden Frühlingslebens. Mitten durch das neue Leben schritt der Tod. Ohne Sang und Klang gingen sie einher. Erika bewegte sich fast mechanisch, sah sich weder nach rechts noch links um, sondern ging – ging immerfort. Mit einemmal blieben ihre Augen auf etwas haften. Auf dem erhöhten Straßensaum stand zwischen den Apfelbäumen eine junge Bäuerin mit einem Kinde auf dem Arm, einem Kinde, das aus großen, erstaunten Augen das Leichenbegängnis betrachtete. Am Tage nach dem Begräbnis schlich der Ritter von Strachinsky gefühlvoll in dem Zimmer umher, in dem seine Frau gestorben war. Er seufzte häufig. Von Zeit zu Zeit stellte er sich ans Fenster und besah sich den Frühling. Dann wendete er sich von neuem in das Zimmer zurück. Zufällig hefteten sich seine Augen auf ein Löschblatt, das auf dem Schreibtisch der Verstorbenen liegengeblieben war. Sie hatte eine sehr große Schrift gehabt, und das Wort, das er natürlich verkehrt darauf abgedruckt sah, gab ihm zu denken. Er hob das Löschblatt an seine Augen, mit wenig Mühe entzifferte er: »Mein letzter Wille.« Er runzelte die Stirn. Also hatte sie doch ein neues Testament gemacht, sagte er sich. Daß es nicht zu seinen Gunsten lauten würde, daran konnte für ihn trotz seiner großen Selbsttäuschungsfähigkeit kein Zweifel bestehen. Das Blut stieg ihm zu Kopf. Wo war das Testament? fragte er sich. Wahrscheinlich in ihrem Schreibtisch. Aber wo waren die Schlüssel dazu? Die Schlauheit, die mitten aus seinem erschlafften Denkvermögen immer noch zutage trat, sobald er sich in seinen Bequemlichkeiten bedroht fühlte, kam ihm zu Hilfe. Er erinnerte sich, daß seine Frau ihre Schlüssel stets in einem kleinen Schiebfach ihres Nachttisches aufzubewahren pflegte. Es war nicht anzunehmen, daß während des traurigen, konfusen Durcheinanderrennens, das auf ihren Tod gefolgt war, irgend jemand daran gedacht hätte, diese Schlüssel zu entfernen. In der Tat fanden sie sich vor. Er öffnete das Mittelfach des Schreibtisches. Da lag ein großer, versiegelter Briefumschlag mit der Aufschrift: »Mein letzter Wille.« Der Ritter ließ das Dokument in seine Tasche gleiten und legte die Schlüssel an ihre alte Stelle zurück. Im selben Moment öffnete sich die Tür und Erika trat ein. Sie sah jammervoll aus, nicht zum Erkennen abgemagert, blaß, mit zersprungenen Lippen und dunklen Streifen unter den stumpf blickenden Augen. Sie trug ein Trauerkleid, welches ihr die Mutter für das Begräbnis des Brüderchens eilig zusammengeflickt, und das ihr im Laufe des Winters zu klein geworden war. Trotzdem die Sonne hell schien, machte sie den Eindruck zu frieren, auch verriet sich in jeder ihrer Bewegungen das scheue, geängstigte Wesen eines Hundes, der seinen Herrn verloren hat und sich beständig irgendwo verkriechen möchte. Die Strammheit, die sie sonst ihrem Stiefvater gegenüber an den Tag zu legen pflegte, war gänzlich verschwunden. Alles in ihr, Herz, Geist und Seele, war gebrochen. »Was wolltest du hier?« fragte der Ritter mißtrauisch. Sie sah ihn groß, fast erstaunt an, während zugleich alles in ihr vor Schmerz zusammenzuckte. »Was soll ich wollen?« murmelte sie mit schwach klingender, heiser geweinter Stimme, »zur Mutter möcht' ich!« Sie sagte es für sich, nicht für ihn. Sie schien seine Anwesenheit vergessen zu haben. Ihr Kinn fing an zu zittern, ihr Mund verzerrte sich, die Tränen stürzten ihr aus den Augen. – Nein, dieses erbarmungswürdige Geschöpf war nicht gekommen, um nach einem Testament zu suchen! Der allezeit zur Sentimentalität geneigte Ritter seufzte erleichtert auf, steckte den Finger in die Augen und verließ das Zimmer. Kaum war er fort, so wendete sich Erika mit unsicheren, wie im Dunkeln tappenden Bewegungen um. Ihr Blick fiel auf das leere, von jeglichem Bettzeug entblößte Lager. Wie ein seit Jahren unbenutztes Bett in einer Rumpelkammer sah es aus. Schaudernd kehrte sie sich ab. Sie legte die Hand an die Stirn – ja, was hatte sie denn eigentlich hier gewollt? Jetzt fragte sie sich's selbst. Mit einemmal hefteten sich ihre Augen auf einen schwarzen, an seinem Saume mit Lehm beschmutzten Rock auf dem Kleiderrechen neben der Tür. Das war dasselbe Kleid, in welchem sie ihre Mutter hatte über die Wiese eilen sehen am Tage vor deren Tode. Sie griff danach wie nach etwas Lebendem und schmiegte sich wimmernd in die dunklen Falten, in denen der Duft der Mutter hängengeblieben war. Strachinsky hatte sich indes in sein Zimmer eingeschlossen, das verhängnisvolle Testament war noch in seiner Tasche, er hatte es bis dahin nicht erbrochen. Nachdenklich ging er auf und ab. Gültig konnte in seinen Augen nur das Testament sein, in dem seine Frau ihn vor elf Jahren, kurz nach seiner Verheiratung mit ihr, zu ihrem Universalerben und zum Vormund ihrer Tochter aus erster Ehe eingesetzt. Irgendeine spätere letztwillige Verfügung konnte er nur als den Beweis einer Geistesstörung betrachten, die, lange vorbereitet, in den letzten Monaten ihres Lebens deutlich zutage getreten war. Erst als er über diesen Umstand ganz mit sich einig geworden war, erbrach er das Testament. Er war ein durch und durch weichlicher Mensch bis in seine Schlechtigkeit hinein. Er hätte nie etwas Böses getan, wenn er sich nicht, dank irgendeines geschickten Manövers, dabei schön hätte vorkommen können. Während er das Schriftstück durchlas, wechselte er mehrmals die Farbe. Dann seufzte er dreimal hintereinander: »Arme Emma!«, durchmaß mit nachdenklichen Schritten das Zimmer und sagte: »Sie wäre ja selbst entsetzt, wenn dieses, in Anbetracht ihres geistigen Zustandes wertlose Dokument, das ein so falsches Licht auf unsere Ehe wirft, veröffentlicht würde. Sie – der unser eheliches Verhältnis immer so heilig war!« Ein Strom von Beweisen für die nur momentan unterbrochene hingebende Liebe seiner Frau zu ihm durchflutete die Seele des Ritters. Er zündete Licht an und verbrannte den letzten Willen seiner Frau. Hierauf legte er sich, ohne die geringste Beunruhigung seines Gewissens zu verspüren, auf sein geliebtes Ruhebett. Er hatte das Gefühl, etwas geradezu Erhabenes vollbracht zu haben. »Daß ich dein Kind nicht darben lassen werde, liebe Emma,« sprach er, an das Porträt seiner Gattin gewendet, welches seiner Chaiselongue gegenüber hing, »das versteht sich von selbst. Aber dazu brauchte es wahrlich keiner offiziellen testamentarischen Verfügungen. Arme Emma!« Und in Erinnerung an die längst vergessene Periode seines Lebens, in welcher er sich mit geistiger Vornehmtuerei befaßt (weil jede andere Vornehmtuerei ihm damals unerreichbar war) und Exzerptenbücher angelegt hatte, stöhnte er elegisch: » Oh what a noble mind was there o'erthrown! «   Wochen verflossen – Monate; im Hause ging alles, wie es gehen konnte – irgendwie. Der Ritter lag auf dem Sofa, meistens Romane lesend von früh bis Abend. In den Zwischenakten dieser erbaulichen Beschäftigung raffte er sich mitunter zu einer unheimlichen Tätigkeit auf, das heißt, er schimpfte das ganze Dienstpersonal herunter, ohne besondere Gründe für seine Unzufriedenheit anzugeben. Kein Mensch machte sich etwas daraus, man wußte, daß er nach einem solchen Anfall sich ruhig von neuem auf sein Schlafsofa zurückziehen und in sentimentaler Romanlektüre untertauchen würde. Auch in bezug auf die Erziehung seiner Stieftochter hatte er derartige Anfälle. So kam er plötzlich in das Schulzimmer herein, sah ihre Hefte an, fragte sie nach einem historischen Datum, das er selber vergessen hatte, und ließ sich schließlich etwas auf dem Klavier von ihr vorspielen. Während ihres Vortrags ging er mit sorgenschwerer Miene im Zimmer auf und ab. Anfangs gab sie sich vor ihm Mühe. Da sie aber bemerkte, daß er es ausschließlich auf das Tadeln abgesehen hatte, rumpelte sie bald, wenn es hieß, ihm vorspielen, aus purem Widerspruchsgeist und Eigensinn auf den Tasten ihres alternden Bösendorfers herum wie ein aufgereizter junger Teufel. Kaum hatte sie geendigt, so ging die Strafpredigt los. »Ich sehe keinen Fortschritt, nein, nicht den geringsten Fortschritt sehe ich! Wenn ich bedenke, was für deine Erziehung getan wird! Ich arbeite mir das Fleisch von den Knochen, um dich wie eine Prinzessin erziehen zu lassen, und du – du machst nichts!« Dann folgte noch eine lange melodramatische Aufzählung der für sie gebrachten Opfer. Er sprach immer zu ihr wie ein Vater zu einer mißratenen Tochter im Volksstück, und zum Schluß kam die Frage: »Was wird denn aus dir werden – aber sag's doch – was?« Dann trommelte er mit beiden Fäusten auf dem Klavierdeckel, um das Grauen, das ihm ihre Zukunft einflößte, genauer zu betonen, schüttelte ein letztes Mal den Kopf und verließ mit großen, emphatischen Schritten das Zimmer. Sie wurde, wie früher, sich selbst überlassen. Etwa ein halbes Jahr nach ihrer Mutter Tode mußte sogar Miß Sophy weggegeben werden, und zwar aus folgendem Grunde. Sie war ein durch und durch brauchbares Frauenzimmer, ihrer Schülerin persönlich sehr anhänglich, im Haushalt praktisch und verläßlich, aber ... in jeden Mann verliebt, der sie zweimal angesehen, hingegen in jeder Frau eine Rivalin oder Feindin witternd, die sich nicht zur Vertrauten ihrer verschrobenen und krankhaften Sentimentalitäten hergab. Zu Lebzeiten Emmas verstand sie es noch, die meisten ihrer Verkehrtheiten zu verstecken. Später wurde sie darin ganz unerträglich – vielleicht, weil niemand da war, sie zu zügeln oder einzuschüchtern. Sehr häßlich, breit, plump, mit einem grobgeschnittenen, affenartigen Gesicht, mit wulstigen, blassen Lippen und großen, wasserblauen Augen, war sie von der gierigsten Eitelkeit besessen und beständig bestrebt, bald durch ihren Anzug, bald durch ihre Grimassen die männliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Vormittags gab sie Erika Stunden, nachmittags flickte sie ihre Kleider und am Abend beschäftigte sie sich mit Musik. Sie sang. Ihr Repertoire war sehr klein, es bestand eigentlich nur aus der ersten Stimme von Mendelssohns Duett: »Ich wollt, meine Liebe ergösse sich all in ein einzig Wort« ... das sie selbstzufrieden als Solo ins Leere krächzte, und aus Schumanns: »Ich grolle nicht.« Der Vortrag dieses Liedes entlockte ihr jedesmal Tränen. Mit einemmal artete ihre Putzlust sowie die Musikpassion über alle Gebühr aus. Sie schnitt sich die Haare ab, frisierte sich à la Titus und schaffte sich zwei seidene Kleider an durch Intervention der Frau Jelinek auf Ratenzahlung. Außerdem kaufte sie sich eine Elegiezither, ein altmodisches Jammerbrett, das ein pensionierter Offizier aus der nächsten Kreisstadt seit zehn Jahren vergeblich getrachtet hatte los zu werden. Hoch auffrisiert und von Seide umraschelt, begab sie sich alle Abend mit ihrer Zither in den Salon, in dem der Strachinsky nach dem Abendessen zur Abrundung seiner nützlichen Tätigkeit Patience legte. Ihre Manie, sich aufzuputzen, und die Blicke, die sie über ihr Instrument zu ihm hinüberwarf, ließen keinen Zweifel übrig, auf was sie es abgesehen hatte. Anfangs merkte der Ritter nicht, was die Komödie bedeutete. Das Zitherspiel machte ihm sogar Vergnügen. Die gedehnten Klagelaute dieses überaus gefühlvollen Instrumentes schmeichelten gewissen elegischen Neigungen seiner sich im übrigen immer derber vergröbernden Natur. Eines Abends forderte er Miß Sophy auf, ihm »den Tiroler und sein Kind« vorzuspielen, und bat sie, ihm »das Mailüsterl« zu wiederholen. Von da ab bemächtigte sich der phantastischen Engländerin aus Hamburg eine Art Triumph und liebewitternder Taumel. Sie versuchte es, den Reiz ihres Zitherspiels durch Gesang zu erhöhen. Sie krächzte mit unbeschreiblich verliebten Blicken und unter oberösterreichischen Affektationen immer wieder hervorbrechendem steifem hannoverschem Akzent das bekannte Liedchen vor sich hin: Ich tua wohl, i tua wohl, Als ob mir nichts wär – Doch drin in mein Herzla Is mir allwal so schwer, I s mir allwal so schwer. La – la la – laaah – Den nächsten Morgen ließ der Ritter seine Stieftochter zu sich bitten. Immer im Schlafrock auf seiner Chaiselongue ausgestreckt, aber mit dem ganzen romantischen Hochmut, den er aus seinem Lieblingsromane »Pelham« gelernt, in Gesten und Betonung, ließ er sie vor sich stehen und fragte: »Das Gebaren der Engländerin muß dir doch aufgefallen sein?« Sie nickte. Er strich sich nachdenklich über die Stirn. Sie schwieg, und er fuhr fort, selbstgefällig den englischen Lord zu spielen. Er ließ die linke Hand, die einen französischen Roman hielt, lässig über die Seitenlehne seiner Chaiselongue hängen und sagte, mit der Rechten eine abwehrende Geste machend: »Mir ist natürlich sehr leid um das arme Geschöpf, aber sie wird mir lästig. Schaff' mir die Närrin vom Leib – schaff' mir die Närrin vom Leib!« Dann machte er eine Bewegung mit dem Kopf gegen die Tür zu und vertiefte sich von neuem in seinen Roman. Von da an verbrachte Erika die Abende nicht mehr mit Miß Sophy im Salon, sondern zog sich nach dem Abendessen sofort in ihr altes Schulzimmer zurück, was ihr im Grunde genommen lieber war. Miß Sophy witterte natürlich hinter dem veränderten Wesen des Ritters eine erfolgreiche Kabale Erikas und verlor nunmehr völlig ihr kümmerliches Restchen Verstand. Sie verbrachte ihre Zeit damit, Briefe an ihren Heros zu schreiben, und bestach das Küchenmädchen, damit sie ihm dieselben auf den Nachttisch legen möge. Strachinsky beklagte sich darüber bei seiner Stieftochter, natürlich mit Pelham-Attitüden. Er tat sehr ärgerlich und kam sich wichtig vor. Das wäre alles einfach komisch gewesen, wenn die Geschichte nicht schließlich eine recht fatale Wendung genommen hätte. Eines Morgens blieb Miß Sophy beim Frühstück aus; als Minna nach ihr sah, fand sie die Arme sich unter rasenden Schmerzen im Bette windend. Aus Verzweiflung über die ablehnenden Schroffheiten Strachinskys hatte sie sich mittels eines Päckchens abgekochter Schwefelhölzer vergiftet. Der herbeigeholte Arzt rettete ihr mit Mühe das Leben, doch mußte sie selbstverständlich nach ihrer Genesung Luzan verlassen. Dem Strachinsky schmeichelte es immerhin, daß ein armes Frauenzimmer aus unglücklicher Liebe zu ihm toll geworden war; er ergab sich anläßlich ihrer Persönlichkeit einem höchst erbaulichen retrospektiven Idealismus, nannte sie eine begabte Natur und dichtete ihr auch allerhand interessante und anmutige äußerliche Eigenschaften an.   Nun blieb die heranwachsende Erika allein. Ihr Stiefvater entschied, daß ein Mädchen ihres Alters der Aufsicht nicht mehr benötige, und daß die Tochter eines armen Gutsbesitzers auf einen »Hofstaat« keinen Anspruch habe. Wenn er von sich allein sprach, war er immer ein »verarmter Kavalier«, sobald es sich um ihren Vater handelte, sank er zum simplen armen Gutsbesitzer herab. Einen Sommer blieb sie allein, einen langen traurigen Winter blieb sie allein, ganz allein, und noch einen Sommer und noch einen Winter. Eine andere an ihrer Stelle hätte sich's angewöhnt, bloß um die Zeit auszufüllen, mit den Dienstboten zu klatschen, noch eine andere hätte aus Langerweile den Verwalter geheiratet – jedenfalls wäre jede andere verdummt und verwildert. Nichts von all dem trat bei ihr ein. Sie hatte Beschäftigung genug. Sie lernte Verse von Goethe und Shakespeare auswendig und deklamierte sie, in phantastische Lappen drapiert, vor einem halb erblindeten Spiegel, sie spielte täglich stundenlang Klavier und machte trotz gewisser, bei dem gänzlichen Mangel an Leitung unausbleiblicher schlechten Gewohnheiten entschiedene Fortschritte. Sie machte endlose Spaziergänge und flickte ihre Garderobe zurecht. Als nun aber volle drei Jahre seit dem Tode ihrer Mutter verflossen waren, ohne daß sich in ihren Verhältnissen das mindeste geändert hatte, fing das arme verlassene Ding an ungeduldig zu werden und immer heftiger nach einem Ausweg zu suchen, der sie aus ihrer einengenden Dürftigkeit hinausführen sollte. Sie wollte Künstlerin werden, Schauspielerin, Sängerin oder Klaviervirtuosin. An einem kalten Frühlingsmorgen Ende April setzte sie sich an den großen Tisch ihres ehemaligen Schulzimmers und verfaßte einen Brief an den damaligen Direktor des Burgtheaters – ein Dokument, in welchem sie ihm ihre Lage einigermaßen klarmachte und ihn aufforderte, ihr dramatisches Talent, auf das sie seit einiger Zeit alle ihre Hoffnungen setzte, zu prüfen. Sie erklärte sich bereit, nach Wien zu reisen, falls er ihr eine Audienz zusichern wolle. Eben hatte sie das herrliche und kühne Schreiben vollendet, als sie bei der Unterschrift stockte. Rika Lenzdorff unterschrieb sie sich endlich. »Lenzdorff,« wiederholte sie nachdenklich – »Lenzdorff.« Was wandelte sie an, einen wildfremden Theaterdirektor mit ihren Angelegenheiten zu behelligen; wäre es nicht viel besser, sich einmal nach den Verwandten ihres Vaters zu erkundigen? Sie wußte freilich nichts von ihnen, nicht einmal ihre Adresse. Die aber, so schien es ihr, hätte doch zu ermitteln sein sollen. Ihre Mutter hatte nie von ihnen gesprochen, ja jedesmal das Gespräch schroff abgebrochen, wenn Erika auf ihren Vater und dessen Angehörige zu reden kam. Warum? Von Emmas Eltern war oft zwischen ihr und dem Ritter die Rede gewesen, von denen ihres ersten Mannes nie, oder wenn – so in kalt abwehrender Weise. »Lenzdorff« – sie zeichnete den Namen vor sich hin aufs Papier, er nahm sich schön und vornehm aus – vielleicht waren es reiche Menschen, die allenfalls etwas für sie tun konnten – aber ... Daß sie Lenzdorff hieß, hatte Emma ihrer Tochter mitgeteilt, als diese sie den Tag nach ihrer Begegnung mit dem kleinen Maler, dem sie damals noch nicht einmal ihren Familiennamen zu nennen gewußt, danach gefragt hatte. Als sie aber altklug zu ihrer Frage hinzugesetzt »von Lenzdorff«, da hatte die Mutter sie barsch abgewiesen und ihr zur Antwort gegeben: »Was interessiert dich das. Es ist ganz gleichgültig!« Erika fing an zu grübeln. Die Eltern ihrer Mutter waren schon lange tot, sollten die Eltern ihres Vaters ebenfalls verstorben sein? Wenn sie noch lebten, so war es nicht gut zu denken, weshalb Strachinsky nicht die Last ihrer Ernährung von sich auf sie abgeschüttelt hätte. Aber dafür gab es schließlich auch noch Gründe. Die geschäftlichen Auseinandersetzungen mit den Angehörigen ihres Vaters mußten ihm sehr peinlich sein, und war es daher kein Wunder, daß er ihnen auswich, besonders da Erikas Aufenthalt ihn so gut wie nichts kostete. Ihre Grübeleien hatten soeben diesen Punkt erreicht, als Minna zu ihr trat und sie aufforderte, sofort in den Salon zu kommen, wo sie Besuch erwarte. Besuch auf Luzan! Ein solches Ereignis brachte alles aus dem Geleise. Etwas beunruhigt sah Erika an ihrer verwahrlosten Toilette herab, die aus einem alten Schlafrock ihrer Mutter, schwarz mit einem türkischen Besatz, bestand. Ihr linker Ärmel war am Ellenbogen zerrissen. »Was für ein Herr ist's, Minna?« fragte sie verdrießlich, einen Geschäftsfreund Strachinskys vermutend. »Ein Herr aus dem Ausland.« »Alt oder jung?« »Ein älterer Herr.« »Nun, wenn's ein älterer Herr ist und keine Dame,« murmelte sie, »dann kann ich mich zeigen, wie ich bin.« Daß Damen kritischer sind, wußte sie aus den Büchern, aus denen sie bisher all ihr bißchen altkluge Lebensweisheit geschöpft. Wo hätte sie dieselbe auch sonst herbeziehen sollen! »Was in aller Welt kann er von mir wollen?« Damit trat sie vor den Spiegel, kämmte ihr Haar glatt, zog das Loch in ihrem Ärmel mit einem schwarzen Faden zusammen und eilte in den Salon. Der Raum, welcher alter Gewohnheit gemäß noch immer diesen Namen führte, lag im ersten Stockwerk, war so groß wie eine Reitschule und beinahe so leer. Außer dem Klavier befanden sich in demselben noch zwei mächtige Bücherschränke, ein hinter einem wackligen Tisch verschanztes Kanapee und ein runder Klavierstuhl. Der Rest des Mobiliars war verschwunden. Einzelne Stühle waren als zerbrochen ausgemerzt worden, die besseren Möbel aber hatte man so Woche um Woche an den Juden des Ortes verkauft. Mehrmals hatte Strachinsky versucht, dem Juden die Bücher anzuhängen, für die hatte Salomon Bondy keinen Käufer gehabt. Einmal hatte der Ritter das Klavier verkaufen wollen. Da aber hatte Salomon schroff abgelehnt, einen Käufer zu suchen. Er wußte, daß mit dem Klavier dem armen, vereinsamt in dem Schloß vegetierenden Mädchen die letzte Freude genommen würde. Der Jude war barmherziger gewesen als der Christ! Und dann – er hatte die Verstorbene liebgehabt wie alle ringsum. Strachinsky hatte sie auch liebgehabt, aber seiner Bequemlichkeit stand seine Liebe nie im Wege. Infolge des vollständigen Möbelmangels saß, als Erika eintrat, der Hausherr mit dem Fremden auf dem Kanapee, was sich komisch ausnahm. Der Fremde, ein Mann in mittleren Jahren, groß, breitschultrig und mit strammer Haltung, stand auf, um sie zu begrüßen. »Darf ich Sie bitten, mich der Komtesse vorzustellen?« bemerkte er, sich nach Strachinsky umsehend. Komtesse! ... Es durchfuhr sie. Hatte sie nicht falsch gehört? »Herr Doktor Herbegg – meine Tochter,« mit einer runden Geste. »Ihre Pflegetochter,« verbesserte der Fremde mit sachlicher und auffallend kühler Betonung. »Ich habe zwischen ihr und meinen eigenen früh verstorbenen Kindern nie einen Unterschied gemacht,« behauptete Strachinsky, und das war richtig, denn er hatte sich um seine eigenen Kinder auch nie bekümmert. »Nicht wahr, meine Kleine,« setzte er in einem süßlichen Tone hinzu, der wie ein Echo seiner an seine Frau gewendeten Liebesworte zu seiner Stieftochter herüberklang und ihr unangenehm war; zugleich wollte er ihr die Hand tätscheln. Nicht ohne Hast entzog sie sich seiner lauen und schlaffen Berührung. Da kein anderer Stuhl bei der Hand war, wendete sie sich zu dem Flügel, um den Klaviersessel herbeizuholen. Doktor Herbegg erhob sich und nahm ihr das Möbel aus der Hand. Nun aber schnellte auch Strachinsky, und zwar mit unerhörter Hast, empor. Es entspann sich ein förmliches Ringen um den Sessel – ein gegenseitiges: »Bitte, bitte, Herr Baron – Herr Doktor!« Ruhig sah Erika dem sonderbaren Treiben zu. War sie denn plötzlich so wichtig geworden, daß man darum kämpfte, ihr eine Artigkeit zu erweisen? Durch ihre kindische Seele schwirrte von neuem aufreizend, entzückend das Wort »Komtesse!« Strachinsky trug schließlich den Sieg davon – er stellte den runden Klaviersessel neben seine Stieftochter hin, wobei er stöhnte. So wenig war er die geringste Anstrengung gewohnt. Sie setzte sich auf den Klavierstuhl, obgleich ihr beide Herren einen Platz auf dem Kanapee aufnötigen wollten, nahm eine vornehme Haltung an, oder wenigstens das, was sie dafür hielt, und beobachtete ruhig die Sachlage und den Fremden. Etwas sagte ihr, daß sein Besuch für sie wichtig sei und einen Wendepunkt in ihrem Leben bedeute. Sie irrte sich nicht. Doktor Herbegg war der Rechtsfreund ihrer Großmutter. Er knüpfte sofort ein Gespräch über gleichgültige Dinge mit ihr an, wobei er sie aufmerksam beobachtete. Ihr Stiefvater, dem die Gewohnheit, Fremde zu empfangen, gänzlich abhanden gekommen war, rutschte indessen auf seinem Platze herum, als ob ihn eine Tarantel gestochen hätte. Er war von jeher unruhig in seinen Manieren gewesen, wenn er nicht bocksteif war, aber früher hatte ihm sein hübsches Äußere über diesen Erziehungsfehler hinübergeholfen. Das war nun dahin, die Schlamperei und Trägheit, der er sich von dem Augenblick an, wo die äußeren Berührungspunkte mit der Welt aufgehört, ergeben, hatte das ihrige zu diesem Verfall beigetragen. »Eine Flasche Wein! Hol' eine Flasche Wein!« herrschte er das junge Mädchen an, indem er aus dem süßlichen Tone, zu dem er sich bis dahin hinaufgeschraubt, in seinen gewöhnlichen zurückfiel. »Bemühen Sie die Komtesse doch nicht um meinetwillen,« entgegnete ihm Doktor Herbegg, »ich werde nichts nehmen. Meine Zeit ist gemessen, da ich ohnehin den nächsten Zug werde benützen müssen, um nach Berlin zurückzukehren.« »Aber, Herr Doktor, ein Gläschen Tokaier werden Sie doch nehmen,« eiferte Strachinsky, und da er merkte, daß der befehlende Ton, den er soeben gegen seine Stieftochter angeschlagen, den Anwalt verdrossen, ging er in seiner Liebenswürdigkeit so weit, sie zu versichern: »Bemühe dich nicht weiter, Riekchen, ich werde selbst alles besorgen.« Dabei stand er auf, und im Hinausgehen nach dem Fremden deutend, setzte er hinzu: »Der Herr Doktor wird dich indessen über die in deinem Schicksal eingetretene Veränderung orientieren.« Der Anwalt machte keine Miene, ihn zurückzuhalten. Um das Glas Tokaier schien ihm wenig zu tun, um eine Unterredung mit dem jungen Mädchen viel. Als sich der Ritter entfernt, rückte er etwas näher an Erika heran. In kurzer Zeit hatte er ihr die Situation erklärt. Der Titel »Komtesse«, den ihre Mutter ihr verschwiegen, offenbar, weil er der Tochter in den Verhältnissen, in denen sie dieselbe vorläufig zu erziehen gezwungen war, eher schaden als nützen konnte, kam ihr in der Tat zu. Ihre Mutter war in erster Ehe an den einzigen Sohn zweiter Ehe des Grafen Lenzdorff verheiratet gewesen, welcher zwei Jahre nach seiner Verheiratung fast plötzlich infolge eines Eisenbahnunfalls verschieden war. Ihrer zweiten Heirat halber hatte sich Frau von Strachinsky mit ihrer Schwiegermutter verfeindet. Unterdessen waren jedoch noch zwei Söhne aus der ersten Ehe Lenzdorffs kinderlos gestorben und schließlich der Graf selbst sehr alt – so alt, daß er sich eingeredet, der Tod sei für ihn ein überwundener Standpunkt, weshalb er sich nie bemüßigt gefühlt hatte, ein Testament zu machen. Infolgedessen fiel sein ganzes Vermögen an seine Enkelin. Der Anwalt hatte dieser letzteren soeben die diesbezügliche Mitteilung gemacht, als Strachinsky in den Salon trat, sehr außer Atem, sehr erregt und gefolgt von Minna, die groß, mager, mit der Haltung eines Grenadiers und dem finsteren Gesichtsausdruck einer energischen, gegen das ganze männliche Geschlecht auf der Defensive stehenden alten Jungfer, hinter ihm herschreitend ein Präsentierbrett trug, das sie auf den Tisch vor dem Kanapee stellte. »Ein Gläschen, Herr Doktor, nur ein Gläschen!« rief Strachinsky. Der Doktor verbeugte sich dankend und hielt das Glas mißtrauisch an seine Lippen. »Der Tokaier ist vortrefflich,« bemerkte er, indem er ganz erstaunt schien, irgend etwas »Echtes« bei dem Strachinsky zu finden. »Ja, ja,« erklärte dieser, »'s kann nicht ein jeder Ihnen einen solchen Tropfen vorsetzen, Herr Doktor. Ich hab' ihn durch einen intimen Freund, den Fürsten Liskat, aus Ungarn bezogen – les restes des grandeurs passées , lieber Doktor!« Nach dem Genuß des ersten Gläschens wurde der Ritter herablassend. Er klopfte dem Anwalt auf die Schulter. »Aber genieren Sie sich gar nicht, mein lieber Herbegg, ich bitte Sie, einen solchen Tokaier dürften Sie ein zweites Mal nicht so leicht finden!« Erika merkte, daß Doktor Herbegg sich in die Lippen biß und daß er das zweite Glas Wein stehen ließ. Er zog seine Uhr, dann sagte er: »Leider habe ich nur wenig Zeit übrig, Komtesse; über gewisse Punkte möchte ich mich, dem Wunsche Ihrer Frau Großmutter gemäß, aber doch mit Ihnen verständigen. Wo und bei wem haben Sie Unterricht genossen?« »Zu Hause und bei meiner Mutter.« »Ausschließlich bei Ihrer Frau Mutter?« »Ja, auch den Unterricht im Französischen und im Klavier.« Sie brannte darauf, ihre Mutter vor ihm herauszustreichen. »Meine Frau war eine vorzügliche Pianistin, eine Künstlerin, Schülerin von Liszt,« flunkerte jetzt Strachinsky. – »Spiel' dem Doktor etwas vor, schnell!« befahl er, immer wieder aus seiner Rolle eines zärtlich ritterlichen Vaters fallend, großartig. Sein schroffes Kommando verdroß Erika über die Maßen. Am liebsten wäre sie zum Zimmer hinausgeflogen und hätte die Tür hinter sich zugeworfen, aber sie überwand sich um ihrer Mutter willen und – auch aus Eitelkeit. Sie schlug den Klavierdeckel zurück und spielte den letzten Satz der Mondscheinsonate von Beethoven, den sie noch mit ihrer Mutter studiert hatte. Ihr Spiel war roh und unausgeglichen, wie das eines jungen, feurigen Menschen, dessen musikalische Triebe noch nie durch die Kultur zugestutzt worden sind, aber ein ungewöhnliches Talent verriet sich in jedem Takt. »Prachtvoll, Komtesse!« rief der Anwalt, indem er sich, als sie das Klavier verließ, erhob und ihr entgegenging. »Recht gut, aber zuletzt hast du zweimal danebengegriffen,« machte der Ritter sich wichtig. Doktor Herbegg achtete nicht auf ihn. »Jetzt muß ich leider scheiden,« fuhr er zu dem jungen Mädchen gewendet fort, »aber lächeln Sie nicht, Komtesse, über den sonderbaren Ausspruch, ich gehe mit leichterem Herzen, als ich gekommen bin. Ihre Frau Großmutter hatte mich hergesendet, um zu rekognoszieren; ich finde eine hochbegabte junge Dame, wo ich fürchten mußte, ein ungebildetes Dorfmädchen anzutreffen!« Da gaben mit einemmal Erikas überreizte Nerven nach: »Meine Großmutter hatte kein Recht, Sie so etwas fürchten zu lassen. Niemand, der meine Mutter gekannt, hätte so etwas vermuten dürfen!« Er sah sie noch einmal voll an – tiefer, prüfender als bisher. Seine kalten, klaren Augen erwärmten sich. »Verzeihen Sie mir,« sprach er; dabei küßte er ihr die Hand und wollte sich mit einer Verbeugung gegen Strachinsky zurückziehen. Der aber mußte sich noch rasch einer geistreichen Bemerkung entledigen. »Sie werden zu erzählen haben in Berlin, nicht wahr?« rief er. »Wenigstens haben Sie gesehen, wie es bei einem böhmischen Kavalier zugeht. Kein Fauteuil im Salon – aber Tokaier im Keller. Originell, nicht wahr?« »In der Tat sehr originell!« bestätigte der Anwalt. An der Schwelle der Tür blieb er stehen. »Noch eine Frage, Herr Baron,« begann er, den herabgekommenen Gutsbesitzer mit eigentümlicher Schärfe fixierend. »Hat die verstorbene Frau von Strachinsky gar keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen, in denen sie das Los ihrer Tochter zu sichern versuchte?« Eine kaum merkbare Verlegenheit hatte sich bei dieser an ihn gerichteten Frage des Ritters bemächtigt. »Nicht daß ich wüßte,« sagte er, sich von einem Fuß auf den andern schaukelnd. Erika erinnerte sich plötzlich, wie sie die Mutter wenige Tage vor deren Tode hatte häufig schreiben sehen. Indessen fuhr der Ritter, seiner Kontenance völlig Herr geworden, fort: »Übrigens wäre in diesem Fall ein Testament gänzlich überflüssig gewesen. Meine Frau war fest davon überzeugt, daß ich im Falle ihres Todes für ihre Tochter sorgen würde, als ob sie die meine gewesen wäre.« »Hm!« machte der Doktor. »Und hat Frau von Strachinsky nie zu Ihnen von ihren Berliner Verwandten gesprochen, Komtesse?« »Nein,« entgegnete Erika nachdenklich. »Die letzten Wochen vor ihrem Tode war sie sehr unruhig und erklärte mir öfters, daß sie, sobald wir einmal völlig ungestört sein würden, mir eine wichtige Mitteilung zu machen hätte. Es kam nie dazu. Sterbend machte sie einen Versuch – der Tod schloß ihr die Lippen. Sie konnte nicht mehr!« Der Doktor schwieg einen Augenblick nachdenklich, dann sagte er: »Mich wundert ein wenig, daß Sie , Herr von Strachinsky, der alten Gräfin Lenzdorff nicht den Tod Ihrer Frau Gemahlin mitgeteilt haben.« Der Ritter nahm einen empfindlichen Gesichtsausdruck an. »Erlauben Sie mir, Herr Doktor,« fragte er diesen mit einem vernichtenden Blick, »zu was hätte ich wohl der Gräfin Lenzdorff den Tod meiner heißgeliebten Frau mitteilen sollen? Die Gräfin Lenzdorff war meine bitterste Feindin. Sie hat sich der Verbindung meiner Frau mit mir nicht nur offen, sondern durch allerhand teuflisch ausgeklügelte heimliche Intrigen widersetzt, und als es ihr nicht gelungen war, unseren Herzensbund auseinanderzureißen, hat sie meine Frau und deren Tochter ziehen lassen, ohne ihr ein letztes freundliches Wort zu geben. Sie hat sich nie mehr um meine Frau bekümmert, so lange sie noch lebte, wie konnte ich annehmen, daß sie der Tod meiner unvergeßlichen Emma interessieren könnte!« »Aber die Meldung dieses Todes hätte doch das Schicksal Ihrer Stieftochter einigermaßen beeinflussen können!« bemerkte Doktor Herbegg. »Meine Frau hatte mich zum Vormund ihres Kindes eingesetzt!« rief Strachinsky mit Pathos. »Ein anderer als ich hätte sich dieser mit Opfern jeder Art verbundenen Last entledigt. Ich bin nicht wie die anderen. Meine Frau wähnte offenbar, ihr Kind würde bei mir am zärtlichsten und liebevollsten geborgen sein, ich war weit davon entfernt, ihr Vertrauen zu täuschen. Sie machen große Augen, Doktor. Ja, die Sache kommt Ihnen wunderlich vor, wenn heutzutage ein Mensch noch den Mut hat, an seiner Ritterlichkeit und Uneigennützigkeit zugrunde zu gehen? Das war mein Los! Ich bin ein Marquis Posa, ein Don Quichotte, ein Egmont...« »Verzeihen Sie, Herr Baron, ich versäume den Zug,« bemerkte Doktor Herbegg, und sich noch einmal tief vor Erika verbeugend, verließ er das Zimmer. Strachinsky lief ihm mit für ihn erstaunlicher Flinkheit nach, um ihm noch in aller Eile etwas von seiner Uneigennützigkeit und Ritterlichkeit zu erzählen. Kurz danach hörte man einen Wagen davonrollen, worauf Strachinsky in den kahlgeplünderten Salon zurückkehrte, wo seine Stieftochter noch verblieben war. Sein Gesicht strahlte vor Befriedigung, und sich die Hände reibend, rief er: »Jetzt hat die Not ein Ende!« Dann, sich zu Erika wendend, setzte er hinzu: »Ich werde sehr genau zusehen müssen, daß deine Verwandten im Auslande nicht dein Vermögen ausbeuten. Dieser Rechtsanwalt scheint mir ein feiner Vogel, ein Intrigant. Aber ich werde mein möglichstes tun, die Verwaltung deines Hab und Gutes zu überwachen. Eigentlich fällt mir als deinem Vormund diese Verwaltung zu. Übrigens ... in drei Jahren kannst du mündig gesprochen werden, und dann verwenden wir vor allem dein Geld darauf, die Schuldenlast von Luzan zu vermindern.«   Er hatte es bei sich ausgemacht, daß er den Haupttreffer gezogen, seine Stieftochter war in dieser Angelegenheit eine Nebenperson, höchstens ein Mittel zum Zweck. Da gestalteten sich die Verhältnisse in einer wenig von ihm gewünschten oder erwarteten Weise. Von Gräfin Lenzdorff kam an Erika ein kurzer, etwas förmlicher Brief, in dem die alte Dame Erika aufforderte, sich zu ihr nach Berlin zu begeben, sich aber auf keinen Fall von Strachinsky begleiten zu lassen; die Gräfin sprach den Wunsch aus, in keinerlei persönlichen Verkehr mit ihm treten zu müssen. Zu gleicher Zeit war an den Ritter seitens des Doktor Herbegg ein Schreiben gelangt. In diesem wurde Strachinsky formell angegangen, seine Vormundschaft freiwillig niederzulegen. Sollte er sich diesem Ansuchen fügen, wollte die Gräfin gänzlich davon abstehen, seine Verwaltung des Vermögens ihrer Schwiegertochter und Enkelin näher zu prüfen. Der Nutzgenuß Luzans sollte ihm nach wie vor verbleiben. Sollte er jedoch den geringsten Versuch machen, sich in die Verwaltung des ausländischen Vermögens seiner Stieftochter zu mischen, so würde sie als von ihrem Gatten eingesetzte Vormünderin sich dagegen wehren, ja sogar vor einem Prozeß gegen ihn nicht zurückscheuen. Wenn der Ritter ein gänzlich reines Gewissen gehabt, so hätte er sich aller Wahrscheinlichkeit nach diesem Ansuchen widersetzt. So begnügte er sich damit, zwei Tage lang zu knirschen und zu toben und besonders in wenig gewählten Ausdrücken auf die alte Gräfin Lenzdorff zu schimpfen – dann machte er einen letzten zärtlichen Versuch, sich bei Erika einzuschmeicheln und sie zu bewegen, für ihn gegen die Großmutter Partei zu nehmen. Als ihm dies nicht gelang, fügte er sich grollend und natürlich nicht, ohne sich auch bei dieser Gelegenheit in seinen stark mitgenommenen Märtyrermantel zu hüllen. Abgestumpft wie er war, fand er sich mit seiner Enttäuschung ziemlich leicht ab. Anfänglich trug er zwar seiner Stieftochter gegenüber einen großartigen Paradegroll zur Schau – späterhin floß er über von guten Ratschlägen, ging ihr auf Schritt und Tritt nach und ächzte jedesmal für sie, wenn sie eine Last aufhob oder sich bückte. Erika befand sich indessen in einem Zustand maßloser Aufregung. Am Morgen ihrer Abreise, als ihr Koffer bereits gepackt war, machte sie noch einen Spaziergang. Erst besuchte sie ein letztes Mal das Grab ihrer Mutter, dann ging sie in den Garten. Bei allen ihren Lieblingsplätzen hielt sie sich auf, wobei sie schaudernd vermied, nach der Stelle an der niedrigen Gartenmauer zu blicken, von der aus sie ihre Mutter hatte über die Wiese dem Strome zueilen sehen. Aber wie sie sich auch abwandte, sie fühlte den Strom hinter sich, sie hörte seine Stimme, von zerflossenem Winterschnee angeschwollen, mächtig und klagend. Ein weicher Föhn glitt über die Erde hin und mischte seine Seufzer mit der ernsten Stimme des Wassers. Alles zitterte und bebte, in jedem Baum, in jeder neuentsprossenen Pflanze pochte es – über die ganze Natur breitete sich's wie eine süße Qual – das Fieber des Frühlings! Und mit einemmal fühlte sie sich mitgerissen von der sie umgebenden Erregung; eine Sehnsucht, die keinen Namen hatte, die ihr Ziel nicht sah, sie zum Himmel emportrieb, erfüllte sie, und zugleich hielt sie eine schwüle Mattigkeit, die sie nie früher empfunden, auf der Erde gefangen. Und wieder stieg die Erinnerung an den jungen Künstler aus ihrer Seele empor, der halb verhungert dort neben dem schmalen, träumerisch dem Strom zuplätschernden Bach ihr Bild gezeichnet hatte. Sie sah ihn deutlich vor sich – ihr Herz fing plötzlich an, heftig zu schlagen. Sie eilte in das Dorf an die Stelle, wo er sie gemalt. Der noch vom geschmolzenen Schnee angeschwollene Bach sprudelte wasserreicher als zu jener heißen Hochsommerzeit munter über Stock und Stein, um das rötliche Geäst der Weiden schimmerte es silbergrau von frisch aufgesprungenen Kätzchen, und an den Ufern glänzte etwas Blaues – die ersten Vergißmeinnicht. Sie bückte sich danach. In demselben Augenblick hörte sie die Stimme Minnas rufen: »Rika, wo stecken Sie?« Sie schrak zusammen – dabei strauchelte sie auf dem nassen, glitscherigen Boden. Bei einem Haar wäre sie in den Bach hineingerutscht – aber nein, sie hielt sich aufrecht. Die Vergißmeinnicht hatte sie nicht erobert – sie wuchsen zu tief drinnen im Schlamm – sehnsüchtig blickte sie ihnen nach – und ging ihren Weg. Als sie ins Haus zurückkam, stand der Wagen bereits im Hofe – ein großer, grüner Glaswagen, der bei der geringsten heftigen Bewegung auseinanderfiel und inwendig mit hell- und dunkelbraun gestreiftem Zwillich ausgeschlagen war – das schäbigste Gehäuse, das sich je auf vier Rädern weiterbewegt hat. Zugleich mit dem Wagen stand in dem Hofe ein schwerfälliger Karren, auf den das Gepäck verladen wurde. Der Ritter von Strachinsky kommandierte laut mit den Knechten herum, welche die Kisten auf das Stroh hinaufschoben. Im Hause war alles drunter und drüber. Ein hastig hingestelltes, wenig einladendes Frühstück befand sich auf dem Tische des Speisezimmers. Erika konnte nichts essen. Eilig schlüpfte sie in ihre Stube und setzte ihren Hut auf. »Schnell, schnell!« rief Minna von unten. Sie lief hinab. Jetzt war sie über die Schwelle getreten. Ein leiser Regen zitterte durch die laue, leicht bewegte Luft. Der Ritter von Strachinsky half ihr mit steifer Grandezza einsteigen. »Ich begleite dich nicht zur Bahn,« bemerkte er, »ich fahre nicht gern im geschlossenen Wagen. Adieu!« Zärtlicheres hatte er ihr nicht zu sagen. Klirrend flog die Wagentür zu – die Pferde zogen an. So rasselte Erika zum Tore hinaus, neben ihr Minna, abgehetzt, mit einem sehr roten Gesicht und einer Handtasche auf den Knien, vor ihr eine Pappschachtel und zwei Schalpakete. Der Wagen muffig, nach Moder riechend und nach altem Leder. Sie öffnete eines der Fenster. Dieselbe Straße fuhren sie entlang, in der sich damals das Begräbnis ihrer Mutter weiterbewegt hatte. Die Wagenräder knirschten. Dort hinter den Feldern ragte die Kirchhofsmauer. Sie steckte den Kopf hinaus – der Kutscher peitschte in die Pferde, sie griffen aus – der Kirchhof verschwand. Erika war's, als risse man ihr das Herz aus dem Leibe. Zweites Buch In einem großen geschmackvollen, aber im Gegensatz zu der alles verdüsternden Moderichtung sehr hell gehaltenen Wohnzimmer, das auf ein kleines Vorgärtchen in der Bellevuestraße hinaussah, ging am Abend desselben Tages eine alte Frau auf und ab mit leicht gerunzelten Brauen und der Unruhe, mit der man dem Abschluß eines bestimmten Lebensabschnittes entgegensieht. Es war, wie man es auf den ersten Blick entnehmen konnte, eine ungewöhnliche alte Frau, sehr groß, gerade wie eine Tanne. Ihre Haltung charakterisierte die Würde einer Person, welche ihren Stolz hat nie beugen, der Gesellschaft nie die Steuer der geringfügigsten Heuchelei hat entrichten, nie die Augen hat niederschlagen müssen, weder vor einem Menschen noch vor einer Erinnerung, zugleich aber die unbewußte, hinter dem Worte Unabhängigkeitsliebe versteckte Selbstsucht eines Menschenkindes, dem nie etwas zwischen seine Bequemlichkeiten gefahren ist. Auf den breiten, ihre Lebensüberzeugungen würdig und kräftig tragenden Schultern der alten Dame saß ein Kopf von erstaunlicher Schönheit – der Kopf einer alten Frau, die nie den geringsten Versuch gemacht hat, um einen Tag jünger auszusehen, als sie ist, aber edel in jeder Linie. Seltsamerweise leuchteten aus diesem antiken Statuenantlitz ein Paar große moderne Augen, Philosophenaugen, die den Menschen in die heimlichsten Falten ihres Seelenlebens hineindrangen – Augen, denen nichts entging, denen wenig heilig war und nichts unverzeihlich, weil sie die menschliche Natur hinnahmen, wie sie eben ist, ohne Unmögliches von ihr zu verlangen. Das war Erikas Großmutter, die Gräfin Anna Lenzdorff. Nachdem sie eine lange Weile also auf und nieder geschritten, ließ sie sich mit einem kurzen, ungeduldigen Seufzer in einen Lehnstuhl nieder, der einladend neben einem mit Büchern und einer Leselampe besetzten Tischchen stand. Sie griff nach etwas leichter Lektüre; aber eine peinliche innere Unruhe, ein Gefühl, das ihr um so unerträglicher erschien, als sie es nicht im mindesten gewohnt war, quälte sie, und sie legte den Band weg. Verdrießlich irrten ihre hellen Augen über ihre Umgebung und hefteten sich endlich auf ein großes längliches Bild, das inmitten der Hauptwand des Zimmers hing. Die Lichtung in einem Laubwald stellte es vor, taufrisch und von sattem, tief einfallendem Sonnenlicht durchdrungen, mitten in dem Goldglanz eine sonderbare Gruppe, zwei Nymphen, die mit einem zottigen, braunen Faun schäkern. Das Bild war von Böcklin, und der Wald, der Faun sowie die weißen Leiber der Nymphen mit unvergleichlicher Meisterschaft gemalt, aber eine gewisse Verfänglichkeit konnte man dem Vorwurf nicht absprechen. Der Gräfin Lenzdorff war es noch nie eingefallen, sich über das Bild Gedanken zu machen, sie hatte es gekauft, weil sie es schön fand, und weil schließlich eine alte Frau das Recht hatte, an ihre Wände zu hängen, was ihr gefiel, solange es ein Kunstwerk war. Heute begann sie plötzlich allerhand Betrachtungen an das Bild zu knüpfen. Indem trat ein alter Kammerdiener mit reglementsmäßig glattrasierter Oberlippe und kurzem, borstigem Backenbart ein und meldete: »Herr von Sydow.« »Sehr angenehm,« erwiderte die alte Dame, offenbar aufrichtig erfreut, worauf ein sehr großer, reckenhaft aussehender Dragoneroffizier mit kurzgestutztem blondem Haar und schönem, fest geschnittenem Gesicht eintrat. »Sie kommen mir wie gerufen, Goswyn!« rief sie ihm herzlich entgegen, und dabei reichte sie ihm ihre noch immer sehr zarte Hand. Er streifte dieselbe mit den Lippen, worauf er, einer einladenden Bewegung ihrerseits Folge leistend, ihr gegenüber in dem Lichtkreis der Leselampe Platz nahm. »Womit kann ich Ihnen dienen, Gräfin?« frug er. »Sie kennen meine kleine Galerie,« hub sie an, wobei sie sich nicht ohne Stolz in dem duftigen hellen Raume umsah. »Ich habe mich oft an Ihren Kunstschätzen erfreut,« erwiderte der junge Offizier. Die Worte waren ein wenig schwerfällig – er war überhaupt schwerfällig, aber es lag so viel Warmherziges hinter seiner kalten, norddeutschen Steifheit, daß man ihm seine kleinen, rein äußerlichen Pedanterien leicht verzieh, ja dieselben bei näherer Bekanntschaft geradezu liebgewann. »Wieder ein wenig Zopfstil,« gab ihm die alte Frau gutmütig zur Antwort. »Meine kleine Sammlung dankt Ihnen für die freundliche Anerkennung, aber darum handelt sich's momentan nicht. Sie kennen meinen Böcklin?« »Ja, Gräfin.« »Was halten Sie davon?« Er heftete die Augen darauf. »Was soll ich davon halten – ein Meisterwerk.« »Hm, darüber ist die Welt einig,« brummte die alte Frau verdrießlich, als nähme sie ihm den Mangel an Originalität des Ausspruchs übel; »aber ist es ein Bild, das man an der Hauptwand seines Boudoirs hängen läßt, wenn man im Begriff steht, eine siebzehnjährige Enkelin ins Haus zu nehmen? Ich bitte Sie, Goswyn, geben Sie Ihre Meinung ab.« Von neuem heftete Goswyn von Sydow seine Augen auf das Bild. »Das kommt sehr auf die Beschaffenheit der Enkelin an,« sagte er, die Brauen ein wenig runzelnd; »wenn es sich um ein junges Mädchen handelt, das mitten in der Welt und von Jugend auf mit künstlerischen Dingen vertraut, aufgewachsen ist, würde ich sagen: ja. Wenn es sich um ein junges Mädchen handelt, das sehr einsam in einem Kloster oder auf dem Lande erzogen worden ist, so sage ich: nein!« Die alte Frau seufzte humoristisch. »Ich hab's ja gewußt, mein Böcklin muß fort, ach ...!« Sie rang in komischer Verzweiflung die Hände. »Ich bitte Sie, Goswyn« – sie behandelte den jungen Offizier mit der herzlichen Vertraulichkeit, die eine alte Frau einem jungen Mann entgegenbringt, den sie von Kindesbeinen an neben sich hat aufwachsen sehen –, »drücken Sie auf den Knopf dort.« Der junge Offizier, der gut im Hause bekannt zu sein schien, streckte seinen sehr langen Arm aus und drückte auf den Knopf. Sofort erschien der Kammerdiener. »Lüdecke, rufen Sie den Friedrich und nehmen Sie mit ihm das Bild herunter von der Wand.« »Der Friedrich ist auf die Bahn gefahren, Exzellenz,« erlaubte sich Lüdecke zu bemerken. »Ja, richtig – es steht ja alles auf dem Kopfe, nichts im alten Geleise! Coming events cast their shadows before. Es wird jetzt immer so sein!« klagte die Gräfin. »Ich will Ihnen helfen das Bild herunterheben, Lüdecke,« sagte Herr von Sydow ruhig, indem er aufstand und auf den Böcklin zuging. Ehe die Gräfin Lenzdorff es sich versah, war anstatt des Böcklin nichts an der Wand als ein kahles Stück helle Cretonne mit zwei Haken darin. Lüdeckes Kräfte genügten, das Bild aus dem Zimmer zu schaffen. »Bringen Sie den Tee!« rief ihm die Gräfin nach. »Sie nehmen doch eine Tasse Tee mit mir, Goswyn?« »Erwarten Sie nicht Ihre Enkelin?« fragte etwas schüchtern Sydow. »Ach, die kommt nicht vor Mitternacht – ich weiß nicht, warum der Friedrich jetzt schon auf die Bahn hinausgerast ist, er hat vielleicht eine Liebschaft mit der Dame vom Büfett, sonst kann ich mir seine Eile nicht erklären. Übrigens danke ich Ihnen für die mir erteilte Rüge.« »Aber, gnädigste Gräfin!« rief der junge Mann. »Ersparen Sie sich die Entschuldigungen,« schnitt sie ihm die Rede ab; »ich nehme Ihnen nichts übel und werde Ihnen nie etwas übelnehmen, mit Ausnahme dessen, daß Sie sich's nun einmal nicht eingerichtet haben, als mein Sohn auf die Welt gekommen zu sein. Nebenbei wäre es mir ernstlich unangenehm, Ihre gute Meinung einzubüßen. Verurteilen Sie mich wirklich dafür, daß ich meiner Enkelin nicht auf den Anhalter Bahnhof entgegengefahren bin, um dort vor sämtlichen Packern und Lohnbediensteten eine effektvolle Rührszene aufzuführen? Bedenken Sie, daß das mein letzter gemütlicher Abend ist.« »Ihr letzter gemütlicher Abend ...!« wiederholte nachdenklich Goswyn von Sydow. »Jetzt sind Sie schon wieder unzufrieden mit mir,« klagte spöttelnd die alte Frau. »Unzufrieden!« wiederholte er mit einem mißglückten Versuch, über das Wort zu lachen; »aufrichtig gesagt, wenn ich nicht wüßte, wie gutherzig Sie eigentlich sind, Gräfin, so wäre mir um Ihre Enkelin leid.« Er räusperte sich ein paarmal nach diesen Worten, er wurde immer ein wenig heiser, wenn er etwas sagte, was ihm aus dem Herzen kam. »Gutherzig – gutherzig,« murmelte die alte Frau verdrießlich; »speisen Sie mich nur nicht mit Komplimenten ab. Was ist das für ein Wort, gutherzig? Man hat schwache Nerven, wie man hohle Zähne hat, und räumt ihnen, so viel man kann, jede Gelegenheit aus dem Wege, weh zu tun. Das kleine Elend, das man sieht, lindert man, wenn es irgend angeht – natürlich, es ist einem zu unangenehm, es nicht zu lindern, aber das große Elend, von dem die Welt voll ist, das vergißt man und befindet sich wohl dabei. Sie wissen, es ist nicht meine Art, mich Illusionen betreffs der Schönheit meines Charakters hinzugeben. Ihnen ist leid um meine Enkelin ...« Er wollte einspringen, um sie zu erinnern, daß er im Konditional gesprochen, sie aber kam ihm zuvor. »Ja, Ihnen ist leid um meine Enkelin,« entschied sie, »aber ist Ihnen denn gar nicht leid um mich?« »Darüber müssen Sie mir erlauben mich auszusprechen, wenn ich die junge Dame kennengelernt habe.« »Ach, das macht nicht viel dabei aus,« entgegnete ihm Gräfin Lenzdorff; »nehmen wir an, daß sie reizend ist – Doktor Herbegg sagt, sie sei reizend, ein Edelstein reinsten Wassers, braucht nichts als ein wenig Schliff, behauptet der Doktor – unter uns gesagt, glaub' ich ihm nicht recht. Er übertreibt die anziehenden Eigenschaften meiner Enkelin ein wenig, damit es mir nicht allzu schwer fallen möchte, sie zu mir zu nehmen. Er ist ein guter Mensch, aber wie zwei Drittel der Menschen, die etwas taugen« – mit einem humoristischen Seitenblick auf Sydow –, »ein wenig Pedant. Nehmen wir an, daß meine Enkelin wirklich der Phönix ist, als welchen er sie beschreibt, deswegen muß ich doch auf meine alten Tage mein angenehmes Leben umstoßen und mir die laufend läppischen Unbequemlichkeiten gefallen lassen, welche die Anwesenheit eines jungen Mädchens in meinem Hause mit sich bringen wird. Wissen Sie, wie mir zumute war, als mein unentbehrliches altes Schaf« – so pflegte die Gräfin Lenzdorff ihren Kammerdiener Lüdecke mit Vorliebe zu nennen – »den Böcklin hinausschleppte?« – sie heftete die Augen schwermütig auf die kahle Stelle an der Wand – »mir war zumute, als ob er mit dem Böcklin alle meine bequemen Lebensgewohnheiten hinaustrüge! ... Ah, der Tee ist da!« »Schon seit einiger Zeit,« erklärte Sydow lächelnd; »ich wollte mir soeben erlauben, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß der Kessel überläuft.« Sie bereitete den Tee mit großer Präzision. Es sah hübsch aus, wie die schöne alte Frau mit dem reizenden Silberkessel und der Teekanne aus der Rokokozeit herummanipulierte. Sie trug für diesen Abend keine Trauerschnebbe, sondern ein weißes Tüllhäubchen, unter dem Kinn zusammengeknüpft, und eine schwarze Spitzenschärpe darübergeschlungen. Welch feine Epikuräernatur verriet sich in jeder ihrer Bewegungen, in der leichten Art, wie sie die durchsichtigen chinesischen Tassen berührte, den Tee aus der mit einem silbernen Deckel versehenen geschliffenen Glasbüchse in die Kannen löffelte, wie sie leise den Duft dieses ganz besonderen Tees einatmete. »So,« sagte sie, als sie dem jungen Offizier eine Tasse reichte, »mit meinen Lebensanschauungen mögen Sie nicht einverstanden sein, aber meinen Tee müssen Sie mir loben, er ist eigentlich viel zu gut für Sie, der Sie an der deutschen Unart leiden, ihn mit Zucker zu verderben!« Sie hatte ihm selbst den Zucker hineingetan, wobei sie sich das genaue Quantum, das er liebte, gemerkt; sie schob ihm einen Teller mit von ihm bevorzugtem Teegebäck hin; – sie war außerordentlich liebenswürdig zu ihm, und er schätzte sie, fühlte entschieden eine herzliche Anhänglichkeit zu ihr; sie war die älteste Freundin seiner Mutter gewesen, sie hatte ihn von Jugend an verwöhnt und, wie sie es nannte, »Stücke auf ihn gehalten«, was jeden Menschen freut; er kannte ihre phrasenlose Gutmütigkeit und Wohltätigkeit genau, so daß ihn die Selbstsucht, die sie zur Schau trug und aus der sie sich eine Lebensregel gemacht, bis dahin nicht anders angemutet hatte als eine amüsante Pose. Heute aber verletzte ihn die Haltung, die sie der Ankunft ihrer Enkelin gegenüber annahm. Nicht, daß er sich von der Enkelin selbst irgendeine besondere romantische Vorstellung gemacht hätte. Er war kein unpraktischer Träumer und auch nicht das, was man sonst einen Idealisten zu nennen pflegt und was auf deutsch eigentlich nichts weiter bedeutet als einen Menschen, der es für unanständig hält, sich über irgend etwas klar zu werden oder irgendeiner Wahrheit mutig ins Auge zu schauen. Er hatte im Gegenteil eine sehr ruhige und vernünftige Art, die Dinge zu betrachten. Infolgedessen fand er es wahrscheinlich, daß das arme vernachlässigte, seit drei Jahren der zärtlichen Fürsorge eines verbauerten Stiefvaters überlassene junge Mädchen linkisch, schwerfällig und täppisch, wie es den Umständen nach ausgefallen sein mußte, nicht gut in den Hausstand der Gräfin Lenzdorff passen konnte; aber, mein Gott, das Mädchen gehörte immerhin zum Fleisch und Blut der alten Frau, ein armes Ding war's, das vor drei Jahren seine Mutter verloren und das seit der Zeit von niemand ein freundliches Wort bekommen hatte, und wenn die arme Närrin vernachlässigt und unerzogen war, wer trug denn die Schuld daran? Daß die alte Frau nichts als die Unbequemlichkeit der Situation empfand, daß nicht eine Regung des Mitleids in ihr auflebte, das überstieg sein Fassungsvermögen. Vielleicht erriet sie, was in ihm vorging – gewöhnlich blickte sie sehr tief in die Menschen hinein, aber ihr kam es nicht darauf an, das Entsetzen derselben zu erregen. Im Gegenteil hatte gerade das einen großen Reiz für sie. Da er eines der Bücher in die Hand genommen, die auf ihrem Lesetischchen lagen, sagte sie: »Keine Komtessenlektüre, Goswyn, aber ein gescheites, witziges Buch. Sagen Sie mir, werde ich vielleicht gezwungen sein, meiner Enkelin zu Ehren alle meine gescheiten Bücher einzuschließen und mich auf die »Kinderlaube« zu abonnieren?« »Wollen wir annehmen, daß Ihre Enkelin nicht an der traurigen Gewohnheit leiden wird, ihr Näschen in jedes herumliegende Buch zu stecken,« bemerkte Goswyn. »Hoffen wir,« lachte phlegmatisch die Gräfin; »übrigens, wer weiß, vielleicht mache ich mir den Kopf voll. Drei Jahre lang war sie ohne Aufsicht, da hat sie wohl bereits die ganze Bibliothek ihres gebenedeiten Stiefvaters verschlungen!« »Aber Gräfin!« »Was wollen Sie – solche Sachen kommen vor – denken Sie an Ihre Schwägerin Dorothee. Die erzählte mir mit der größten Selbstgefälligkeit, sie habe bereits vor ihrer Verheiratung den ganzen Zola gelesen,« warf sie hin. »Sie hat mir dasselbe Geständnis gemacht, gleich als sie mit meinem Bruder von der Hochzeitsreise zurückkehrte, sie schien es sehr witzig zu finden,« sagte Goswyn heiser. »Hm, hm! Die böse Fee behauptet noch immer, daß Sie in Ihre Schwägerin verliebt waren,« rief die alte Frau lustig, und sie drohte ihm mit dem Finger. »So, ich möchte nur wissen, auf was meine Tante Brock diese Behauptung stützt,« erwiderte der junge Mann kalt. »Nun, auf die große Abneigung, die Sie Ihrer hübschen Schwägerin gegenüber zur Schau tragen,« lachte Gräfin Lenzdorff. »Ich trage sie durchaus nicht zur Schau,« verteidigte sich der junge Offizier. »Aber Sie fühlen sie,« neckte ihn die alte Frau. Goswyn von Sydow hatte sich erhoben. »Es ist schon sehr spät,« bemerkte er und griff nach seiner Mütze. »Ich hab' Sie doch nicht verscheucht mit meinen schlechten Witzen?« rief die alte Frau. »Nein,« erwiderte er, »wenigstens nicht auf lange; »wenn Sie erlauben, so spreche ich nächsten Herbst wieder bei Ihnen vor, gnädigste Gräfin.« »Und bis dahin ...?« »Werd' ich leider nicht das Vergnügen haben, ich reise morgen zu einem Vetter nach Ostpreußen zur Auerhahnjagd, bin heute nur zu Ihnen gekommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen. Bei meiner Rückkehr dürften Sie sich kaum mehr in Berlin aufhalten.« »So! Das tut mir leid,« sagte die alte Frau; »erstens seh' ich Sie wirklich gern von Zeit zu Zeit, obgleich Sie vorweltliche Lebensanschauungen haben und immer mit mir unzufrieden sind, und zweitens hatte ich auch gehofft, Sie würden mir ein wenig helfen, meine Enkelin zu erziehen. Freilich, wenn Sie den ganzen Zola bereits gelesen haben sollte – « »Das wäre Ihnen ja sehr bequem, Gräfin,« neckte er die alte Frau, »dann könnten Sie ... hm! Ihren Böcklin wieder hinhängen, von wo Sie ihn soeben fortschaffen ließen.« »Was Sie sich alles herausnehmen,« rief die Gräfin, ihm mit dem Finger drohend; »übrigens irren Sie sich – ich wäre unglücklich, wenn meine Enkelin bereits die sämtlichen Werke Zolas gelesen hätte.« »So?« »Natürlich – schon weil dann alle Hoffnung geschwunden wäre, daß Sie mich von dem Kind befreien.« Er zog die Brauen in die Stirn. »Haben Sie mich verstanden?« fragte die alte Frau munter. »So halb und halb.« »Leider scheinen Sie sehr wenig Heiratslust zu besitzen.« »Ich muß gestehen, daß sie mir augenblicklich ausgegangen ist.« »Hoffen wir, daß diese geheimnisvolle Erika nett genug sein wird, um – « Sie stockte und wendete den Kopf – ein Wagen rollte durch die der vorgerückten Jahreszeit halber um diese Stunde bereits still gewordene Bellevuestraße – er hielt vor dem Hause. Die alte Frau zuckte zusammen, sie wurde sichtlich blaß, drückte die Lippen aufeinander. Das Tor ging auf, die Bedienten rannten die Treppe hinab. »Gute Nacht, Gräfin!« Dabei berührte Goswyn die Hand der alten Dame mit seinen Lippen und eilte fort. Auf der Treppe begegnete er einem hochaufgeschossenen Mädchen in dem unkleidsamsten Traueranzug, den er je an einem Menschenkind gesehen hatte, und mit zu kurzen Handschuhen, die ein Paar leicht gerötete Handgelenke bloß ließen. Er legte die Hand an die Mütze und grüßte tief. Als er auf die Straße hinaustrat, trug er den Eindruck von etwas Blassem, Magerem, Unfertigem, Rührendem mit sich im Herzen fort, in dem der Keim einer großen Schönheit geborgen war. Er konnte die Angst in den hellen, eigentümlichen Augen nicht vergessen, die aus dem schmalen, weißen Gesicht an ihm vorübergeblickt. Dann gedachte er der kaltspöttelnden, jedes Gefühl von sich abwehrenden alten Frau da oben. Er wußte, daß die roten Handgelenke und das entstellende Trauerkleid bei ihr Anstoß erregen würden. Armes Ding! dachte er bei sich. In nachdenklicher Stimmung ging er am Rand des Tiergartens entlang. Es war überall still. Das süße Ungestüm des Frühlings duftete aus dem Boden, aus den Bäumen, aus jedem zarten, weichen, noch nicht entfalteten Blatt. Im milden Glanz zahlloser blitzender Sterne schimmerte das dünne junge Laub gespenstisch blaß, hier und da malte eine Laterne in die Dämmerung einen gelben Lichtfleck, der das Gras und die Blätter arsenikgrün färbte. Vernünftigen Menschen begegnete man nicht, nur Liebespaaren, die sich in den lauen Schatten der Frühlingsnacht versteckten. Der herausfordernde Rhythmus einer Tingeltangelmusik klang mitten zwischen die sehnsüchtigen Frühlingslieder hinein, die das blasse, halbfertige Laub durchrauschten. Der grelle Lärm verstimmte ihn, erinnerte ihn unangenehm an den Zynismus, mit dem sich die armen Teufel dort über die Bitterkeiten ihrer Existenz hinübertobten. Er war jetzt weitab von seinem eigentlichen Weg, mitten im Tiergarten drin. Immer noch Liebespaare, noch eins und noch eins. Im übrigen alles menschenleer, alles still, hoch oben am Himmel die flimmernden Sterne und auf der Erde unten die mächtigen Bäume voll sehnsüchtig ans Licht drängenden Lebens, ein Duft von neuem Keimen und Blühen überall und dazwischen der Geruch des vom Vorjahr übriggebliebenen, langsam verfaulenden Herbstlaubes, leise Wonneschauer in den Blättern, und in der Ferne immer noch das Schmettern und Dröhnen des häßlichen, rhythmischen Tanzlärms. Er hätte nicht zu sagen gewußt, woran es lag, aber er fühlte die große Dissonanz, die seit Jahrtausenden vergeblich nach Auflösung ringend, die Schöpfung durchdringt, heute stärker als sonst. Da, mitten aus seinem Mißbehagen heraus, tauchte die Erinnerung an die großen ängstlichen Augen des jungen Mädchens auf. Eine warme, dringende Teilnahme mit dem armen, schäbigen Geschöpfchen, auf das sich niemand freute, übermannte ihn. Er hätte Lust gehabt, die Kleine in seine Arme zu nehmen, um ihr die quälende Ängstlichkeit wegzustreicheln wie einem aus dem Nest gefallenen Vögelchen. Die Gräfin Lenzdorff war ihrer Enkelin bis in das Vestibül entgegengegangen, welches mit großen japanischen Krepons behängt und von roten venezianischen Laternen in seltsam verschnörkelter Eisenfassung durchleuchtet war. Daß der glänzenden Beschreibung, die Doktor Herbegg von ihrer Nichte geliefert, nicht recht zu trauen sei, davon war sie von Anfang an fest überzeugt gewesen, sie hatte dementsprechend ihre Erwartungen ziemlich tief gestimmt, dennoch erschrak sie über das, was in die Tür des Vorzimmers trat, die der dienstfertig auf die Treppe eilende Kammerdiener Lüdecke geflissentlich offen gelassen. Anfangs dachte sie, daß das große magere Mädchen in dem schlecht gemachten Kleid die Begleiterin der Erwarteten sei; als aber hinter dem eckigen Ding, an dem alles schief saß, ein breitschulteriger weiblicher Grenadier auftauchte mit einem gestrickten Wolltuch auf dem Kopf und einer Pappschachtel in den Händen, zweifelte sie nicht mehr, daß sie ihre Enkelin vor sich habe. – Es war wirklich nicht nötig, daß Doktor Herbegg ihr das Mädchen mit den Worten zuführte: »Da bring' ich Ihnen die Komtesse, Exzellenz!« Sie machte einen Schritt vorwärts und berührte die Stirn des Mädchens mit ihren Lippen. »Willkommen in Berlin, liebes Kind!« sagte sie kalt. Also das war ihre Enkelin. Dieses eckige Geschöpf mit den roten Handgelenken und einem Dienstmädchen, das ein gestricktes Tuch auf dem Kopfe und eine Pappschachtel in der Hand trug – eine vorweltliche Pappschachtel mit blaugeblümtem weißem Löschpapier überklebt. Die Gräfin schauderte. »Nehmen Sie eine Tasse Tee, lieber Doktor?« wendete sie sich an ihren Anwalt, nur um ein gewisses Leben in die Situation zu bringen, und da er sie etwas befremdet ansah, mit derselben Befremdung, die sich auf Goswyn von Sydows Zügen ausgemalt, als sie sich ihm gegenüber beklagt, daß sie heute ihren letzten gemütlichen Abend verlebe, setzte sie, sich rasch verbessernd, hinzu: »Sie wollen nicht – nein – eigentlich haben Sie recht, es ist schon spät, machen Sie mir die Freude ein andermal, lieber Herbegg – ich ... ich hätte heute ohnehin keine rechte Muße, mich Ihnen zu widmen, ich bin zu ... zu begierig, die nähere Bekanntschaft meiner Enkelin zu machen.« Die letzten Worte kamen etwas holperig heraus, fast als ob sich die Gräfin einen Ruck hätte geben müssen, ehe sie dieselben über die Lippen brachte. Der Doktor hatte sich mit höflichem Zeremoniell verabschiedet, Minna war samt ihrer vorweltlichen Pappschachtel, die sie ein »Kartandl« nannte und sich von keinem Menschen aus der Hand winden lassen wollte, unwillig dem Diener in das Gesindezimmer gefolgt; die Gräfin Lenzdorff hatte sie bedeutet, daß ihre eigene Jungfer vorläufig die Bedienung der Komtesse übernehmen würde, und Erika ging, der rasch und rüstig voranschreitenden Großmutter folgend, durch mehrere hell erleuchtete Zimmer, deren Einrichtung ihr einen geradezu feenhaften Eindruck machte, bis an ein luftiges kleines Gemach, das an die Schlafstube der alten Frau stieß. »So, das ist dein Logis,« sagte Gräfin Lenzdorff, »ich habe dein Bett vorläufig in mein Ankleidekabinett stellen lassen, es teilt sich am besten so ein ... und ... und ich – – es ist mir auch lieber, weil ich dich so am nächsten bei der Hand habe. Es ist natürlich alles nur provisorisch. Ich weiß ja noch gar nicht, was eigentlich mit dir geschieht – ob ... ob du definitiv bei mir bleibst – oder erst in eine Pension gehst. Nun ... vorläufig trachte dich behaglich zu fühlen bei mir!« Behaglich! Es war viel verlangt, daß sich Erika behaglich fühlen sollte unter den Umständen! Sie wollte etwas sagen, es widerstrebte ihr, die Rolle einer dummen, stummen Gans zu spielen, ihr armer junger Stolz bäumte sich dagegen auf – aber sie brachte nichts heraus, mußte ohnehin ihre ganze Kraft daransetzen, die Tränen herunterzuwürgen, die sich ihr durchaus in die Augen drängen wollten. Mit dem langsamen, unbeweglichen Blick eines Menschen, der nicht weinen will, sah sie sich in ihrer neuen Umgebung um. Wie luftig und duftig, wie leuchtend sauber und einladend bequem das alles war! Sie aber stand inmitten dieses Paradieses vor Mattigkeit zitternd, wund an Leib und Seele, verletzt und verschüchtert, und fühlte nur den einen Wunsch, sich irgendwohin ins Dunkle verkriechen zu dürfen. Die Großmutter merkte etwas von der peinlichen Empfindung des jungen Mädchens, vermochte jedoch ihr eigenes Unbehagen nicht zu überwinden. »Willst du erst etwas Toilette machen oder gleich soupieren?« frug sie, indem sie sich offenbar bemühte, freundlich zu sein. Dabei forschten ihre hellen Augen beständig an Erika herum. Arme Erika! Sie fühlte es so gut, daß die Großmutter von ihr enttäuscht war, daß ihre Persönlichkeit in nichts den Wünschen der alten Frau entsprach. »Ein wenig vom Staube reinigen möcht' ich mich,« stotterte sie demütig. Ihre Stimme hatte einen ungemein angenehmen, weichen Klang, und ihre Aussprache erinnerte an die österreichische Mundart, die bekanntlich in Berlin besonders bewundert wird. Zum erstenmal regte sich etwas zugunsten des jungen Geschöpfes im Herzen der Gräfin, eine Saite in ihrem Inneren fühlte sich angenehm berührt. »Gut, mein Kind, mach' dir's nur bequem,« fügte sie etwas wärmer, dabei griff sie an den obersten Knopf der häßlichen schwarzen Schabracke, die ihre Enkelin entstellte, um ihr zu helfen, sich derselben zu entledigen. Mit einer scheuen Gebärde hob Erika ihre Hände und hielt ihr dürftiges Kleidchen krampfhaft über der Brust zusammen. Es lag etwas in dieser Bewegung, das die alte Frau rührte. »Laß uns allein,« wendete sie sich an die Jungfer, die indessen damit beschäftigt war, die Reisetasche Erikas auszupacken, »ich werde nach dir schellen, wenn wir dich brauchen. Sie duzte alle ihre weiblichen Dienstboten nach der alten, feudalen Manier. »Ich will dich selber auskleiden,« sagte sie zu Erika. Dieser wurde unsagbar zumute. Abgesehen davon, daß es ihr infolge der herben, abwehrenden Verschämtheit ihrer einsam aufgewachsenen starken und keuschen Natur schrecklich war, vor irgendeiner fremden Person ihr Kleid abzustreifen, kam's ihr jetzt plötzlich (anfänglich hatte sie daran nicht gedacht) hart an, die Dürftigkeit ihres Unterzeugs dem alles durchforschenden Blick der Großmutter preiszugeben. Sie zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, während die Großmutter ihr das Jäckchen von den Schultern zog. Aber seltsam ... es war fast, als ob mit der häßlichen Hülle irgendeine hemmende Scheidewand zwischen ihr und der Großmutter gefallen wäre. Die hellen Augen der alten Frau trübten sich mit einer gewissen Rührung, als sie das derbe, arg geflickte und sehr weiße Leinwandhemdchen gewahrte, das kaum ein wenig von den jungen, schmalen, erst halb entwickelten Schultern herabsank. »Armes Ding!« murmelte sie, zum erstenmal warm aus dem Herzen heraus, dann dem jungen Mädchen über die langen, dünnen, edelgeformten Arme fahrend, sagte sie: »Wie weiß du bist, jetzt ahnt man erst, wie du aussiehst« – dann hob sie Erika das schwere, leuchtende Haar aus dem Nacken empor, worauf sie in einem jener Anfälle von Zerstreutheit, für welche sie in der Berliner großen Welt berühmt war, ausrief: » Mais elle est magnifique! – in drei Jahren wird sie eine Schönheit sein! – dreh' den Kopf ein wenig nach links.« Die großen, sie betroffen anstarrenden Augen ihrer Enkelin brachten sie zur Besinnung. – Was würde Goswyn sagen? dachte sie bei sich, wenn er mich hörte! Und bei dem Gedanken lächelte sie. Erika hatte sich nur gerade Gesicht und Hände flüchtig abgewaschen und war in einen langen weißen Schlafrock der Großmutter hineingeschlüpft, als die Jungfer ein Teebrett mit Erfrischungen brachte. Trotz ihres noch immer andauernden Mißbehagens forderte die Jugend ihr Recht. Sie empfand entschiedenen Hunger, auch hatte sie schon lange nichts so Einladendes gesehen als dieses mit Aspik belegte kalte Fleisch und das duftende Aprikosenkompott. Sie legte sich sehr bescheiden vor und fing an zu essen. Noch immer beobachtete die alte Frau sie genau, aber sie bemerkte nichts, was sie irgendwie abgestoßen hätte, keine Bewegung – die Art zu essen, zu trinken, ein Glas oder Messer und Gabel zu halten, alles war, wie es sein sollte. Die Sache wurde der Gräfin Lenzdorff sonderbar. Sie freute sich an allem, was sonderbar war. Um das junge Mädchen nicht beim Essen zu stören, sah sie von demselben weg, ihr Blick glitt über die paar Sächelchen hin, welche die Jungfer aus der abgeschundenen alten Reisetasche herausgepackt hatte. Wie armselig war das alles! Es stand in fast lächerlichem – nein, in geradezu rührendem Widerspruch zu dem jungen Geschöpf, das, trotz aller hemmenden Linkischheit, etwas Königliches an sich hatte. Mais elle est superbe – wo hab' ich denn meine Augen gehabt, dachte die Gräfin bei sich, dabei legte sie zufällig die Hand auf ein Buch, das auch zu Erikas Habseligkeiten gehörte. Es war ein Band Plutarch. Komisch, dachte die Gräfin, da bekomm ich ja einen kleinen Blaustrumpf ins Haus. Als sie etwas zerstreut in dem Buche blätterte, merkte sie, daß hier und da eine Stelle dick mit Bleistift eingefaßt und durchstrichen war, manchmal eine ganze Seite, oft nur ein paar Zeilen. »Was bedeutet das?« fragte sie. »Die Mutter pflegte immer in den Büchern die Stellen zu bezeichnen, die ich nicht lesen sollte,« sagte Erika einfach. Die Augen der alten Frau blitzten auf – war das eine Art, einem Kinde ein Buch in die Hand zu geben und seine Aufmerksamkeit auf die verfänglichen Stellen zu lenken – oder ... oder sollten die Mädchen, die auf dem Lande unter dem ausschließlichen Einfluß ihrer Mutter aufwuchsen, etwa anders geraten sein als die Mädchen in der Stadt und in Pensionaten? »Und hast du die Stellen wirklich nicht gelesen?« fragte sie halb lächelnd. Da wurde das Gesicht des Mädchens böse. »Wie sollte ich!« fuhr sie auf. »Bravo!« rief die Großmutter, ihrer Enkelin auf die Achsel klopfend. »Du bist ein ehrentüchtiges kleines Frauenzimmer, das heißt eine große Seltenheit. Wir werden uns verstehen!« Aber weit davon entfernt, ihre Freude über diese unumwundene Anerkennung kundzugeben, behielt Erika ihren finsteren Gesichtsausdruck bei.   Erika lag bereits zu Bett. Gräfin Lenzdorff hatte es nicht über sich gewinnen können, sich niederzulegen. Unermüdlich schritt sie in ihrer Schlafstube auf und ab. Sie hatte die volle Bedeutung des Eintritts ihrer Enkelin in ihr Haus erfaßt, sie war keine seichte, keine herzlose Frau, aber sie war, was ihr seelisches Empfinden anbelangte, eine wehleidige alte Frau, die jede starke Erschütterung ihrer Nerven von sich abwehrte. Diesmal konnte sie derselben nicht Herr werden, ihr Gefühlsleben regte sich wie aus einem sehr langen Schlafe heraus, sie fühlte es anfangs nur wie ein unbestimmtes Mißbehagen, wie etwas Befremdliches, das sie sich als eine Nervosität auslegte, mit der sie fertig werden wollte, dann als einen erst leisen, aber immer stärker anwachsenden Herzensdurst. Die Unzufriedenheit mit sich, die sie zu quälen begonnen, seitdem sie in Erfahrung gebracht, daß Erika nach dem Tode ihrer Mutter drei Jahre völlig vernachlässigt, ohne jegliche Anregung oder Aufsicht, allein mit dem Stiefvater verbracht habe, hatte sich jetzt in ihr verzehnfacht. Sie trachtete freilich sich einzureden, es sei einzig die Schuld des Polen gewesen, der ihr den Tod seiner Gattin nicht angezeigt hatte. Diese Ausrede beschwichtigte sie jedoch nicht. Was hatte sie ihn anzuklagen, was hatte er anderes getan als sie! Er hatte selbstsüchtig seine Bequemlichkeit gehütet. Die Härte, die sie ihrer Schwiegertochter gezeigt, peinigte sie jetzt mehr noch als die lieblose Vernachlässigung ihres Enkelchens. Hatte sie das Recht, diese Schwiegertochter ob ihrer Schwäche zu verachten und zu verstoßen? Mein Gott, sie war ein seltenes Geschöpf trotz allem, an der Erziehung des Kindes hatte sie's bewiesen. Was mußte sie in das Mädchen hineingelegt haben, daß es imstande war, diese schrecklichen drei Jahre zu überleben, ohne zu sinken! Arme Emma! Ihr Herz wurde sehr schwer, wenn sie ihrer gedachte. Ihr Unrecht gegen die Arme datierte weit zurück. Sie leugnete es nicht. Sie hatte sich von Anfang an nicht gut mit ihrer Schwiegertochter vertragen. Sie waren beide zu gründlich verschieden gewesen voneinander, Anna Lenzdorff mit ihrem scharfen, nüchtern beobachtenden Geist, selbstsüchtig bis in ihre sehr strenge Sittlichkeit hinein, die sie hochmütig als ein moralisches Reinlichkeits- und Unabhängigkeitsbedürfnis bezeichnete, etwas, das sie sich nicht als das geringste Verdienst anrechnete, da sie demselben nur zu ihrem Privatvergnügen frönte; gutmütig, aber ohne Begeisterung; grenzenlos, aber lieblos nachsichtig gegen die Menschheit, und mit der Ansicht behaftet, daß das Leben nichts sei als eine Posse mit einem tragischen Schluß – etwas, aus welchem man am ehesten Vorteil zog, wenn man es von einem recht guten, bequemen Platz aus beobachtete, ohne je den Versuch zu machen, sich handelnd hineinzumischen, fest überzeugt davon, daß die beste Führung des Lebens darin besteht, sich in seine schreienden Widersprüche und nicht auszufüllenden Risse hineinzufinden, sich mit Palliativen zu behelfen, wie es eben geht, und das große Defizit, das schließlich doch bei jeder Menschenexistenz herausschaut, so lange hinauszuschieben als möglich. Und dagegen Emma – Emma, der die Lebensphilosophie, welche ihre Schwiegermutter gleichmütig als »meine lachende Verzweiflung« zu bezeichnen pflegte, Entsetzen einflößte, Emma, die an alles mögliche glaubte, an Gott und die Menschen, ja, wie ihre Schwiegermutter behauptete, an die Heilbarkeit des Aussatzes und die Uneigennützigkeit der englischen Politik – Emma, der ein Leben, in das sie nicht handelnd eingreifen konnte, als jeden Interesses bar erschien, und ein Leben ohne Liebe ärger als der Tod – Emma, die selbstlos war bis zur Raserei, bis zur momentanen Gewissensblindheit, wo sie dem einen gab, was sie nicht das Recht hatte dem anderen zu entziehen – Emma, der die Begriffe des Maßes und der Schranke fremd waren, die, alle Palliative und alle lauwarmen Surrogate, mit denen man sich in der Welt behilft, verschmähend, vom Schicksal ein ganzes, ein volles Glück forderte, und sich dabei kopflos in einen Abgrund stürzte, der sich hinter einer Illusion verbarg. Ach, wenn's doch wenigstens ein Abgrund gewesen wäre! Aber nein, nicht einmal – nur ein Sumpf war's, und darüber hatte Anna Lenzdorff nicht hinausgekonnt. Es war eigentlich seltsam; sie, die für jeden Verbrecher, von dem sie in der Zeitung las, eine Entschuldigung fand, hatte es ihrer Schwiegertochter nicht zu verzeihen vermocht, daß sich dieselbe, dank ihrem angeborenen Bedürfnis nach Romantik, so weit vergessen konnte, sich für diese polnische Nullität zu begeistern. Wie konnte eine vernünftige Frau überhaupt nach Romantik fahnden! Als Anna von Rhödern mit zweiundzwanzig Jahren den Grafen Ernst Lenzdorff geheiratet hatte, besaß sie bereits, wenn auch erst in flüchtigem Maße angedeutet, dieselbe nüchterne Lebensauffassung, die sie jetzt in so hohem Grade vervollkommnet hatte. Sie war kurländischer Abstammung und die Tochter eines hervorragenden Diplomaten in russischen Diensten. Im Gegensatze zu ihrer Schwiegertochter eine gefeierte Schönheit, hatte sie dennoch mit zweiundzwanzig Jahren, allen gefühlvollen Dingen, auf die sie durch den großen Reiz ihrer Persönlichkeit ein Anrecht gehabt hätte, den Rücken kehrend, ihre Hand dem Grafen Lenzdorff gereicht, von dem sie später die Rolle, die er in ihrem Leben gespielt, dahin zusammenfaßte, daß er sie wirklich »sehr wenig geniert« habe. Für einen Ehemann wäre das sehr viel, behauptete sie. Als sie ihn kennenlernte, war er preußischer Legationssekretär in Petersburg gewesen, dort heiratete sie ihn; nach längerer diplomatischer Laufbahn im Auslande übersiedelte er dauernd nach Berlin, wo er einen bedeutenden Posten im Ministerium des Äußeren einnahm. Sie pflegte ihn in den Momenten verwegener Aufrichtigkeit, für die sie bekannt war, als einen Automaten zu schildern, zu dem der jeweilige Minister des Äußeren den Schlüssel besäße. Wenn er einmal aufgezogen war, so funktionierte er recht gut die paar Stunden hindurch, die er im Amte verbrachte – war seine Zeit einmal abgelaufen, dann war er eine leblose Holzfigur, weiter nichts. Eine Holzfigur, die man mitten in sein Leben hineinschleppt, trägt wenig zur allgemeinen Behaglichkeit bei, besonders eine Holzfigur in den Dimensionen des Grafen Ernst Lenzdorff. Das merkte seine Gattin sehr bald. Sie drängte ihn mit großer Geschicklichkeit so rasch als möglich aus ihrem Leben hinaus, stellte ihn irgendwo in den Hintergrund auf ein würdiges Piedestal, was ja die beste Verwendung für Holzfiguren ist und wo sie sich sehr effektvoll ausnehmen. Der einzige Sohn der Gräfin war das genaue Ebenbild seines Vaters, und ganz ebenso imposant hölzern. Wenn Emma, dem Beispiel der Schwiegermutter folgend, ihn auch mit höflichem Anstand in irgendeinem Winkel auf ein Piedestal gestellt hätte, nun, da hätte sie mit ihm ein sehr annehmbares Leben führen können. Das Unglück war, daß sie Versuche anstellte, ihn glücklich zu machen. Die Ergebnisse waren unerquicklicher Natur – aus einer zufrieden gleichgültigen wurde eine sehr ungemütliche Ehe. Dennoch war es für Emma ein großes Unglück, als Edmund Lenzdorff zwei Jahre nach ihrer Vermählung plötzlich, und zwar bei einem Eisenbahnunfall, ums Leben kam. Neben ihm hatte sich ihr Dasein wenigstens ruhig abgesponnen – sie hätte mit der Zeit auf ihre übel angewandten Beglückungsversuche verzichtet und ihren Lebenszweck in der Erziehung ihres Kindes gefunden, während so – kaum war er tot, so kam ihr ganzes Wesen ins Schwanken wie ein Schiff, von dem man den nötigen Ballast entfernt hat. Erst erkrankte sie, wie ihre Schwiegermutter es nannte, an akuter Philanthropie. Bis in die verrufensten Winkel von Berlin hinein suchte sie, wo es irgendein Elend zu lindern gab. Dabei gestattete sie es nie, daß sie ein Diener begleitete, das könnte ihre Armen demütigen, behauptete sie. Einmal riß man ihr bei ihren Exkursionen die Uhr vom Leib, ein anderes Mal brachte sie den Flecktyphus nach Haus. Das war der Gräfin Anna unangenehm, aber sie verzieh es ihr, pflegte sie sogar selbst mit anerkennenswertem Mut über die schreckliche Krankheit hinüber. Sechs Monate später heiratete sie den Ritter von Strachinsky – das verzieh ihr die Schwiegermutter nicht. Viele Jahre waren vergangen seit der Zeit, Jahre, während derer sie sich nicht mehr um die arme Emma bekümmert, kaum mehr etwas von ihr gehört hatte. Jetzt tat's ihr leid. Immer wieder kam Gräfin Anna auf die Erziehung zurück, die dem jungen Mädchen zuteil geworden, das im Nebenzimmer schlief. Eine Frau, die ihrem Kinde eine solche Erziehung zu geben vermocht, die imstande war, es noch über das Grab auf Jahre hinaus zu beeinflussen, die war nicht die erste beste! Freilich hatte sich ihr ein herrliches Material geboten. In Gräfin Anna meldete sich mit einemmal ihrer Enkelin gegenüber etwas, das sie für ihren Sohn nie empfunden, der Stolz auf ihr Fleisch und Blut. »Ein herrliches Geschöpf,« murmelte sie ein um das andere Mal vor sich hin, und sich selber ausspottend fügte sie hinzu: »Zu denken, daß sie mir häßlich vorgekommen ist im ersten Augenblick, armer Narr ... wem sie nur ähnlich sieht – ihrer Mutter sieht sie nicht ähnlich, meinem Sohn auch nicht!« Nachdenklich unterbrach sie sich in ihrer eintönigen Wanderung – blieb stehen. Etwas ganz Eigentümliches durchfuhr sie. Sie wendete sich zu einem altväterischen Boulesekretär mit sehr vielen Fächern. In einem dieser Fächer, einem sogenannten heimlichen Fach, das lange nicht geöffnet worden, begann sie zu kramen. Endlich fand sie, was sie suchte, eine Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, dekolletiert und mit den breiten Ärmeln, die in den vierziger Jahren Mode gewesen waren, – Gräfin Lenzdorff, als sie noch Anna von Rhödern hieß. Das kleine graue Bild zitterte in der Hand der alten Frau; es wirkte wie ein Zauber auf sie, trug sie in eine Zeit zurück, die sie längst vergessen hatte – eine Zeit, in der ihr das Leben noch etwas anderes gewesen war als eine tragisch endende Posse. Ihr wurde plötzlich weh zumut beim Anblick des reizenden, ernsten, stolzen jungen Gesichts, es erinnerte sie an etwas, das sehr schön angefangen und in unsäglicher Bitterkeit geendet, an etwas, bei dem das Beste, Wärmste in ihr abgestorben oder zum wenigsten gelähmt worden war. – Da ... was war das? – ein leiser, unterdrückter Schmerzenslaut – noch einmal. Aus dem Nebenzimmer heraus klang es an ihr Ohr ... Sie ließ das kleine graue Blatt fallen, und einen Leuchter in die Hand nehmend, trat sie an das Bett ihrer Enkelin. Als sie die Großmutter kommen hörte, hatte Erika die Augen geschlossen und sich schlafend gestellt, aber die Tränen von ihren Wangen zu wischen, hatte sie nicht die Zeit gehabt. Die Großmutter stellte die Kerze auf den Nachttisch, dann sich über das Mädchen beugend, flüsterte sie leise: »Erika!« Erika regte sich nicht. Wie rührend sie aussah, blaß, mager, und doch alles an ihr so edel und reizend trotz der Tränenspuren auf ihrem Gesicht. Die Gräfin setzte sich auf den Bettrand und streichelte dem Kind die nassen Wangen. »Erika, mein Herzchen, was ist dir, hast du Heimweh?« Da öffnete Erika ihre großen Augen und blickte die Großmutter finster an. Aber sie erwiderte kein Wort, sondern preßte die Lippen fest aufeinander. Wie konnte die Großmutter sie fragen, ob sie Heimweh habe, sie, der auf der Welt nichts mehr nahestand als ein Grab! Die alte Frau zögerte – dann das widerstrebende junge Geschöpf aus den Kissen hebend, hielt sie es an ihre Brust. Sie drückte ihre Lippen auf den goldenen Scheitel des Mädchens und murmelte leise: »Verzeih mir, mein Kind, verzeih!« Einen Moment noch hielt die widerstrebende Starrheit Erikas an, dann begann sie wie wahnsinnig zu schluchzen – und dann – dann fühlte die Großmutter, wie sich der schlanke Körper fröstelnd wohlig in ihren Arm schmiegte und wie der müde junge Kopf auf ihre Schulter sank. Und eine Empfindung süßer junger Wärme drang der alten Frau bis ans Herz, das plötzlich von Zärtlichkeit ganz schwer geworden war. Kurz darauf war Erika fest eingeschlafen. Die Großmutter verspürte keine Lust, sich niederzulegen. »Ich will einen Brief an Goswyn schreiben,« sagte sie sich, »ich muß ihm doch sagen, daß sie reizend ist – und daß sie es gut haben wird bei mir!« Ein halbes Jahr war vergangen seit Erikas Ankunft in Berlin. Sie war während dieses halben Jahres vielfach mit der Großmutter gereist, hatte die Zeit teilweise in Schlangenbad, Gastein und an der Riviera zugebracht. Den Gedanken, ihre Enkelin in ein Pensionat zu stecken, hatte die Gräfin bald aufgegeben. »Was solltest du denn in einem Pensionat anfangen?« hatte sie nach achttägiger Bekanntschaft der Kleinen gesagt. »Deine Ecken abschleifen? Meiner Ansicht nach wäre es schade um deine Ecken – und was nun deine Bildung anbelangt, da hast du freilich ein bißchen zuviel im Kopf für ein Mädchen von deinem Alter – aber ändern läßt sich daran nichts mehr, damit muß man rechnen!« Und dabei klopfte sie Erika auf die Wange und sah sie an mit einem Blick voll leuchtenden Stolzes. Erika war für sie von einem Augenblick zum anderen der Mittelpunkt ihres Lebens, ihr Abgott geworden, das amüsanteste Spielzeug, das sie je in Händen gehabt, der kostbarste Edelstein, mit dem sie sich je geschmückt. Nebenbei war sie die spät erwachte Poesie ihres Lebens, die verklärte Auferstehung ihrer eigenen Jugend. – Das war ja alles ganz in der Ordnung, sie war ja nicht die erste Großmutter, die in ihrer Enkelin ein Phänomen sah, und an und für sich hätte das weiter nichts auf sich gehabt, wenn sie es nicht für nötig gefunden hätte, ihre Enkelin in die große Meinung, welche sie von ihr hegte, einzuweihen. Was sie tun konnte, um dem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen, das tat sie – aus purer Zerstreutheit und Geschwätzigkeit, weil sie es ihr Lebtag nicht vermocht, irgend etwas für sich zu behalten. Denn im Grunde genommen war sie so unklug, als sie geistreich war. Ihr Geist war ein Luxusartikel, etwas, mit dem sie sich und andere unterhielt, mit dem sie die verwickeltsten Situationen theoretisch subtil beleuchtete, der ihr aber durch die einfachste Störung ihres Lebenssystems nie hindurchhalf. Sie war vollkommen unpraktisch, was sie wußte, ohne recht zu begreifen, woher es kam. Da sie es nicht ändern konnte – sie versuchte es übrigens gar nicht –, so ging sie jedem schwierigen Lebensproblem mit jener epikuräischen Selbstsucht, welche die einzige ausdauernde Richtschnur ihrer Existenz bildete, aus dem Weg. Ihre Liebe zu Erika machte jetzt einen Teil ihres Egoismus aus. Sie wurde nicht satt, sich über die Schönheit, die glänzenden Fähigkeiten des Mädchens zu freuen, sie fühlte jede Unannehmlichkeit, die ihre Enkelin traf, wie einen eigenen Schmerz, jeden Triumph, den sie feierte, als eine persönliche Huldigung; – aber niemals dachte sie daran, welche Verpflichtungen sie dieser jungen, sich so herrlich und üppig entfaltenden Blüte gegenüber auf sich genommen. Sie war überzeugt davon, daß sich in Erikas Leben alles von selbst machen würde, wie sich in ihrem eigenen Leben stets alles von selbst gemacht hatte, und in dieser Überzeugung nahm sie nicht den geringsten Anstand, Erika von früh bis Abend zu verwöhnen und sie förmlich hineinzuzwingen, sich als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten. Mit fast gleicher Ungeduld erwarteten Großmutter und Enkelin den Moment, wo Erika zum erstenmal die Berliner Gesellschaft bezaubern sollte. Und jetzt war's Anfang Februar, ein Mittwoch und der erste Nachmittagsempfang bei der Gräfin Anna Lenzdorff, nach deren Rückkehr aus Italien. Sie, deren soziale Faulheit längst sprichwörtlich geworden war, hatte in den letzten Tagen Karten abgegeben und von vielen Menschen Notiz genommen, die sich längst von ihr vergessen glaubten, und dies, obgleich sie nicht die Absicht hegte, ihre Enkelin bereits in diesem Jahre in die Welt zu führen. Aber ein wenig zeigen wollte sie sie doch. Ihr Empfangstag war infolge ihrer der Berliner Gesellschaft gegenüber plötzlich entfalteten Liebenswürdigkeit sehr besucht gewesen – Erika hatte den Tee serviert, sehr schön, in einer Toilette von ausgekünstelter Schlichtheit und mit einem königlichen Selbstbewußtsein, das sie der Begeisterung dankte, welche die Großmutter für ihre verschiedentlichen Vorzüge an den Tag legte. Sie klapperte nicht ungeschickt mit den Teetassen, sie warf die Rahmkanne nicht um, sie drängte niemand Biskuite auf, der keine wollte – kurz, sie ließ sich keine von den Ungeschicklichkeiten zuschulden kommen, welche sonst gesellschaftliche Novizinnen aus purer Schüchternheit begehen, und war, wie ihre Großmutter sich ausdrückte, einfach »merkwürdig«. – Wenigstens vierzigmal hatte die Großmutter heute bereits immer mit derselben stolzen Betonung gesagt »meine Enkelin« und dann jedesmal den Eindruck geprüft, den die ungewöhnliche Erscheinung des jungen Mädchens auf den Gast machte – es war zumeist ein überraschender Eindruck –, worauf Gräfin Lenzdorff, die lustig über alles hinwitzelnde Gräfin Lenzdorff, die sonst nichts schärfer zu verspotten pflegte als den in Deutschland üblichen Familienidealismus, sofort in einem sehr lauten Flüsterton, von dem Erika kein Wort entging, anfing, die ungewöhnlichen Eigenschaften ihrer Enkelin aufzuzählen: »Was sagen Sie zu dieser Enkelin, die mir da ins Haus geschneit kommt, um mir meine alten Tage zu verschönern? Ich habe Glück, wie immer, nicht wahr? Eine reizende Erscheinung, und diese Haltung! Sehen Sie doch einmal das Profil an, und die Linie von Hals und Wange – so, jetzt ... Und wenn man bedenkt, daß ich mich gegen den Gedanken, das Kind bei mir aufnehmen zu müssen, gewehrt habe mit Händen und Füßen! Schändlich habe ich mich benommen gegen die Kleine – jetzt hole ich das Versäumte nach. Ich verwöhne sie ein wenig, aber wie sollte ich auch nicht! Ich dachte mir, es würde eine fürchterliche Unbequemlichkeit sein, ein junges Mädchen im Hause zu haben – aber im Gegenteil, ich werde jung neben ihr. Man braucht sich gar nicht geistig neben ihr zu bücken, für alles interessiert sie sich. Ein junges Mädchen, das auf dem Lande aufgewachsen ist – wild! Anfangs wollte ich sie in eine Pension geben. Hm! Es steckt mehr in ihrem goldenen Kopf drin als hinter den blauen Brillen von allen Pensionatsvorsteherinnen in Deutschland. Das ist nicht das Interessanteste an ihr. Das Interessanteste ist ein gewisser herber edler Zug in ihrer Natur, der mir imponiert. Sie ist ganz eigentümlich.« Darin hatte Gräfin Lenzdorff recht, Erika war eigentümlich – unrecht aber hatte sie darin, ihre Enkelin vor ihren Bekannten so weitläufig herauszustreichen; erstens langweilte es ihre Bekannten – wann hat es jemanden unterhalten, einen ihm nicht nahestehenden Menschen loben zu hören! – und zweitens erregte sie durch das massenhafte Lob, welches sie über die Enkelin ausschüttete, die Opposition ihrer Zuhörer. An jenem ersten Empfangstage legte sie den Grund zu der großen Unpopularität Erikas, von welcher diese noch lange nachher schwer zu leiden haben sollte. Der Nachmittag neigte seinem Ende, die Lampen waren bereits angezündet, nur drei oder vier Damen, alle in schwarz, einer über die Gesellschaft verhängten Hoftrauer halber, saßen noch in der intimsten Ecke des Salons; knapp neben dem Kamin eine winzige alte Dame, Frau von Norbin, geborene Prinzessin Frenz, mit einem von langen silbergrauen Scheiteln eingerahmten, fein geschnittenen Gesichtchen, welches die Farbe eines welken Rosenblattes hatte, und mit einem dünnen hellen Stimmchen, das wie eine uralte Spieluhr klang und von weit herzukommen schien. Sie mochte fast um zehn Jahre älter sein als Gräfin Anna, gehörte jedoch von Jugend an zu ihrem intimsten Umgang und stammte gleich ihr aus einer kurländischen Familie, die dem Wiener Kongreß viel zu tun gegeben hatte. Sie hatte Talleyrand in ihrer Jugend gekannt und mit Chateaubriand korrespondiert, und Gräfin Lenzdorff besaß von ihr ein Aquarell, das sie als junges Mädchen darstellte, mit einer Weinlaubkrone auf einer Bacchantenfrisur und mit sehr bloßen Armen ein Tamburin in die Luft haltend. Die verjährte Romantik des verblaßten Aquarells stand in sonderbarem Widerspruch zu der würdevollen Hinfälligkeit und dem poetisch gedämpften Zauber der alten Frau. Ihr gegenüber, sehr darum beflissen, sich ihre Gunst zu erwerben, saß eine gewisse Frau von Geroldstein, Gattin eines reichen Geschäftsmannes, der sich in einem der kleinen deutschen Fürstentümer ein Adelspatent gekauft – ohne dadurch, wie er zu spät einsehen gelernt, die Hoffähigkeit für seine Frau zu erwerben; empört über die Kleinlichkeit der deutschen Duodez-Souveräne, war er nach Berlin übergesiedelt, wo seine Frau für die Entfaltung ihrer sozialen Bestrebungen einen günstigen Spielraum zu finden hoffte. Nachdem sie drei Jahre in Berlin verbracht hatte, ohne aristokratischen Anschluß finden zu können, hatte sie sich aus Verzweiflung auf Zelebritäten, auf Künstler, Professoren und Politiker (selbst Demokraten) geworfen, um ihrem Salon Glanz zu verleihen. Nachdem sie endlich den gesuchten aristokratischen Anhaltspunkt gefunden, in einem Badeort in Form von einer Generalin mit Schulden und einer vierzigjährigen Tochter, die sie für vierundzwanzig ausgab, waren ihre alten Bekannten ihr im Weg. Es war die Aufgabe ihres Lebens, die Verzeihung der Gesellschaft dafür zu erwirken, daß sie einmal Eugen Richter empfangen hatte. Die Gesellschaft verzeiht nie; aber sie vergißt manchmal, besonders, wenn's ihr bequem ist. Es fing an, ihr bequem zu werden, allerhand an Frau von Geroldstein zu vergessen, ihre politischen Bekanntschaften, und daß ihr Mann sein Vermögen durch Armeelieferungen von zweifelhafter Qualität erworben hatte. Frau von Geroldstein war so brauchbar und zeigte sich nebenbei zu allen Konzessionen bereit, die man nur irgendwie von ihr verlangte. Sie warf Eugen Richter über Bord und legte eine rührende Schwärmerei für den Hofprediger Dryander an den Tag. Sie bombardierte die ganze Welt mit Gefälligkeiten und Einladungen zu Diners, die vortrefflich waren und bei denen man keinen unliebsamen Persönlichkeiten mehr begegnete. Sie machte überall unermüdlich Besuche und besaß im vollsten Maße jenen Artikel, der zu der glänzenden Laufbahn einer Streberin am unentbehrlichsten ist – eine sehr dicke Haut. Sie war eine Frau von etwa fünfunddreißig Jahren, mit einer von Natur aus dünnen Taille, die sie künstlich bis zum Unerträglichen einzwickte, mit großen, beständig manieriert vor sich hin schmachtenden Gazellenaugen und mit einem Gesicht, das hübsch gewesen wäre, wenn es nicht, wie alles an ihr, irgendwie falsch und verzeichnet ausgesehen hätte. Natürlich trug sie der Hoftrauer zu Ehren dreimal mehr Krepp an sich als alle anderen anwesenden Damen, und schien sich heute als Aufgabe gestellt zu haben, die Gunst der kleinen Frau von Norbin zu erobern. Aber Frau von Norbin verhielt sich ablehnend – bis die Geroldstein endlich aus ihrem Gespräch mit Gräfin Lenzdorff entnahm, daß das Hauptinteresse der alten Frau in einem Kinderspital bestand, dessen Leitung sie beaufsichtigte. Die Geroldstein erklärte ihr sofort, daß die Verbesserung der Hygiene für arme Kinder das eigentliche Ziel ihres Lebens bilde – wann könne sie das Kinderspital besuchen? Gräfin Lenzdorff lächelte ein wenig boshaft, während Frau von Norbin, auf diesem wohltätigen Vogelleim gefangen, sich mit der Geroldstein sofort in ein Gespräch über die praktischste Art der Kinderpflege vertiefte. Die Gräfin Lenzdorff unterhielt sich indessen köstlich mit einer jungen Hofdame, deren Sinn für feinen Humor triumphierend den abschwächenden Einfluß der Hofluft überdauert hatte und die jetzt die jüngsten Miseren einer gewissen Gräfin Ida von Brock zum besten gab. Diese Gräfin Brock war eine in der Berliner Gesellschaft wohlbekannte Persönlichkeit. Man nannte sie gewöhnlich die böse Fee. Man unterließ es nämlich häufig, sie bei irgendeinem sozialen »Hochamt« – das Wort stammte von Anna Lenzdorff – einzuladen, und dann erschien sie ungebeten und stiftete nachträglich durch Klatschereien Unheil an. Sie suchte jeden Winter neue Löwen für ihre Menagerie, wie man ihren Salon im familiären Gespräch zu titulieren pflegte, Künstler, die salonfähig genug waren, um sich mit Weltmenschen anständig zu vertragen, und Weltmenschen, die geistreich genug sein sollten, um die Künstler zu würdigen. Da sie, dank ihrer zahlreichen Wunderlichkeiten und Indiskretionen, mit den verschiedentlichsten Leuten entzweit war, mußte sie immer ein paar einflußreiche Freundinnen bitten, anthropologische Merkwürdigkeiten für sie zu requirieren. Unlängst hatte sie Gräfin Lenzdorff darum angegangen, ihr »zwölf geistreiche Grafen« zu besorgen – eine Bestellung, welche Gräfin Lenzdorff als unausführbar wegen momentaner Erschöpfung des Vorrats bezeichnet hatte. In der Absicht, ihre Donnerstagsabende auch in diesem Jahre zu beleben, hatte die Gräfin Brock sich's ausgedacht, an jedem derselben irgendein von ihr besonders beliebtes modernes dramatisches Meisterwerk vorlesen zu lassen, und hatte auch bereits einen jungen schönen Schauspieler mit breiter Brust und kräftiger Stimme angeworben, um die Dichtungen möglichst glänzend zur Geltung zu bringen. In der vorigen Woche hatten die Vorlesungen begonnen, und zwar mit einer deutschen Übersetzung von Dumas' » Femme de Claude «. Die junge Hofdame hatte dem Abend beigewohnt – »es sei,« wie sie behauptete, »zum ›Sticken‹ komisch gewesen.« Unter den Zuhörerinnen hatten sich mehrere junge Mädchen befunden. Kaum hatte sich der junge schöne Schauspieler mit der kräftigen Stimme effektvoll und begeistert bis in die Mitte des zweiten Aktes hineingelesen, so rauschte etwas auf. Es war eine Mutter, die ihre Tochter hinausführte. So ging es den ganzen Abend. Während der Schauspieler unbeirrt weiterdeklamierte, waren fast nach jeder Szene irgendein paar zartfühlende Wesen hinausgelaufen, bis die Dame des Hauses sich mit dem jungen schönen Schauspieler und einigen Herren so ziemlich allein befand. »Ich hab's ausgehalten neben ihr,« erklärte die Hofdame, »aber ich versichere Ihnen ...« Im selben Augenblick meldete der Diener: »Frau Gräfin Brock!« Sie war eine mittelgroße Frau in einem mächtigen, hochschulterigen Biberpelz, was eigentlich gegen die Hoftrauer verstieß, dafür aber mit einem sehr langen Kreppschleier auf ihrem malerischen Maria-Stuart-Hut, einem wahren Muster von einem Schleier, der ihr wie eine loyale Trauerdemonstration drei Ellen lang über den etwas gewölbten Rücken herabhing. Ihre bereits stark ergrauten Haare waren oberhalb ihrer Stirn in einem malerischen Toupet aufgekräuselt und ihr früher sehr schön gewesenes Gesicht durch allerhand manierierte Grimassen entstellt, die bald süßlich, bald giftig, am öftesten aber beides zusammen waren. Die Gräfin Lenzdorff führte ihr sofort ihre Enkelin vor, worauf die böse Fee nicht achtete, und Erika machte ihr einen anmutigen Knicks, was sie nicht sah. Sie lieferte übrigens auch außerdem noch die merkwürdigsten Beweise von Kurzsichtigkeit, indem sie sich auf Frau von Norbin setzen wollte und Frau von Geroldstein für die siebzigjährige Doyenne der deutschen Romanliteratur hielt. Frau von Norbin lächelte gutmütig, Frau von Geroldstein fand die Verwechslung goldig. »Hm! hm! Aber was hat man denn so laut gelacht, als ich eintrat?« fragte die böse Fee, sich neben Gräfin Lenzdorff niederlassend, süßlich. Und da sowohl die Hofdame als auch die Hausfrau etwas betroffen schwiegen, so setzte sie seufzend hinzu: »Gewiß über mein Mißgeschick. Ja, ja, ich weiß, Klara« – zu der Hofdame – »Sie erzählen das Désastre in ganz Berlin. Es war schrecklich – o ich danke, danke« – dies, verbindlich grinsend zu Erika, die ihr eine Tasse Tee präsentierte – »dieser gräßliche Schauspieler!« wimmerte sie, indem sie mit einer Gebärde, die ihr besonders eigen war und den Höhepunkt ihrer Verzweiflung ausdrücken sollte, ihre beiden dürren, schwarzbehandschuhten Hände, die Flächen herauskehrend, emporhob; »ich hab' ihn auch schon bei unserem Intendanten angeschwärzt, und an das Berliner Hoftheater kommt er in diesem Leben nicht mehr. Mir meine Gäste so unverschämt aus meinem Salon herauszulesen und mich noch in den Ruf zu bringen, daß ich bedenkliche Literatur liebe!« »Hatte er dir das Stück vorgeschlagen?« fragte Gräfin Lenzdorff. »Nein, ich hatte es gewählt. Aber mein Gott, das Stück war Nebensache – die Art des Vortrages war alles. Er brauchte ja nur über die bedenklichen Stellen hinüberzuhüpfen, anstatt dessen brüllte er sie meinen Gästen immer am allerlautesten in die Ohren.« »Offenbar gefielen ihm die am besten,« meinte die Hofdame lachend. »Selbstredend,« entrüstete sich die böse Fee, »diese Leute haben ja weder Takt noch Anstandsgefühl; nun, ich habe dem jungen Mann natürlich ein für allemal mein Haus verwiesen.« »Das Ärgste ist, daß mir momentan für meine Donnerstage nichts in Aussicht steht,« fuhr sie klagend fort. »Wie ich in der Nationalzeitung las, werden bei Kroll nächstens ein paar Almeen auftreten, die sich auf der Durchreise zwischen Paris und Petersburg befinden,« bemerkte Gräfin Lenzdorff boshaft, »die könntest du dir ja für einen Abend ausborgen.« »Die Aufführung der Almeen ist untersagt worden,« mischte sich die Geroldstein, die immer alles wußte und keinen Sinn für Humor hatte, ins Gespräch. Die Gräfin Brock, welche erklärt hatte, die »Großherzogin«, wie sie sie nannte, unter keinen Umständen empfangen zu wollen, tat, als höre sie nicht; Frau von Norbin erkundigte sich danach, was eine Almee sei – Gräfin Lenzdorff lachte und machte eben, halblaut aus Rücksicht für ihre Enkelin, eine drastische Beschreibung der Tanzweise dieser orientalischen Spezialität, als Herr von Sydow gemeldet wurde. »Goswyn!« rief Gräfin Lenzdorff aufrichtig erfreut. »Schön von Ihnen, daß Sie endlich auftauchen – nicht schön war's, daß Sie so lange auf sich warten ließen!« »Ich bin gekommen, sobald ich erfahren habe, daß Sie zurückgekehrt seien,« entgegnete Sydow. »Hm! Und wie gewöhnlich erscheinen Sie so spät als möglich,« sagte die Gräfin in ihrer wundervollen Zerstreutheit, »in der Hoffnung, mich allein zu finden.« »Das nenn' ich eine Art, die Menschen hinauszuwerfen,« rief heiter vorwurfsvoll Frau von Norbin – Frau von Geroldstein fand irgend etwas, man wußte nicht genau, was, »goldig« und behauptete, »sie habe nichts übelgenommen«. Sie nahm nie etwas übel. Trotz des lachenden Protestes der Hausfrau, daß sie für ihren Teil es durchaus nicht auf eine Tête-a-tête mit dem jungen Offizier abgesehen habe, erhob sich Frau von Norbin, noch immer gutmütig neckend, und zog sich zurück. Auch die junge Hofdame entfernte sich. Frau von Geroldstein blieb noch – sie blieb immer bis zuletzt, »um Bekanntschaften anzuknüpfen«, heute aber hatte sie noch einen speziellen Grund. Sie ahnte nämlich mit dem erstaunlichen Spürsinn, der ihr bei ihrem Strebertum so großen Vorschub leistete, daß endlich, dank der jammervollen Donnerstagsverlegenheiten, mit der Gräfin Brock »etwas zu machen sein würde«. Da sie auf diesen günstigen Moment seit einem Jahre vergeblich gewartet hatte, ist es wohl nicht zu verwundern, daß sie ihn nicht ungenützt entschweben ließ. Während Erika mit der bescheidenen und ungezwungenen Verbindlichkeit, welche sie sich so rasch anzueignen gewußt hatte, Frau von Norbin und die Hofdame in das Vestibül hinausgeleitete, wo von der großen Menge Diener, die es heute bevölkert hatten, nur noch drei sehr lange Exemplare mit dicken Pelzkragen übriggeblieben waren, heftete Goswyn seinen Blick auf die Wand und erblickte zu seinem großen Erstaunen dort denselben Böcklin, der während seines letzten Besuchs der Gräfin der unerwünschten Ankunft ihrer Enkelin halber entfernt worden war. »Also haben Sie Ihre Enkelin doch in ein Pensionat geschickt?« bemerkte er. »Ich!« rief Gräfin Lenzdorff ganz entrüstet über die Zumutung, »was fällt Ihnen ein, ich bin viel zu alt, als daß ich das Vergnügen, mit dem Kind beisammen zu sein, hinausschieben könnte.« – Als sie merkte, wie die Augen des jungen Mannes nachdenklich auf ihrem Lieblingsbild haften blieben, fiel ihr sofort die Unterredung ein, welche sie in diesem Frühjahr mit ihm gehabt. »Ja, richtig, Sie erinnern sich auch noch, wie schwer es mir fiel, die Kleine bei mir aufzunehmen. Ich lache, wenn ich daran denke. Und was das Bild anbelangt, unnütze Mühe, das vor ihr zu verstecken; als sie zu mir kam, hatte sie bereits den ganzen Vatikan im Kopf – sie kannte alle Meisterwerke der Welt durch Photographien. Sie sieht sich alles an und – sieht an allem vorüber! Ich brenne darauf, sie mit Ihnen bekannt zu machen – haben Sie das Kind nicht bemerkt – freilich in diesem Februarzwielicht – den Augenblick ist sie hinaus, um Fanny Norbin zu eskortieren.« »Das war Ihre Enkelin – ?« sagte Sydow überrascht, »ich dachte, es sei Ihre Nichte Odette.« »Wo haben Sie denn Ihre Augen gehabt?« rief Gräfin Lenzdorff etwas verdrießlich aus. »Odette ist ja recht hübsch, aber eine Grisette – eine reine Grisette im Vergleich zu Erika. Erika ist um eine Hand höher, und dann, mein Lieber – un port de reine – absolument – un port de reine! Ah, da ist sie! Erika, Herr von Sydow wünscht dir vorgestellt zu werden; du weißt, wer's ist, ein großer Liebling von mir und der netteste junge Mensch in Berlin.« Erika neigte mit einer verbindlichen kleinen Bewegung das Haupt, und während der junge Mann zu dem übertriebenen Lob der alten Frau ärgerlich errötete, sagte sie mit vollendeter Selbstbeherrschung: »Für mich hat die Großmutter natürlich schon früher Reklame gemacht; wir können, glaube ich, beide zufrieden sein, Herr von Sydow!« Er verbeugte sich nun sehr tief, worauf er auf eine einladende Handbewegung der Dame des Hauses Platz nahm. Er wußte, daß Gräfin Lenzdorff von ihm erwartete, er solle ihrer Enkelin etwas sagen. Aber er konnte nicht, er war dumm vor Überraschung. Gräfin Lenzdorff hatte ihm freilich damals gleich nach der Ankunft des jungen Mädchens geschrieben, daß dasselbe reizend sei, aber er hatte diese briefliche Versicherung als einen Beweis von Reue aufgefaßt – er wußte, daß die Reue die Menschen zur Übertreibung geneigt macht, besonders gutherzige und egoistische Persönlichkeiten, für die die Erinnerung an ein begangenes Unrecht zu den größten Peinlichkeiten ihrer Existenz gehört, weshalb sie dasselbe mit einer wahren Überschwenglichkeit gutmachen möchten, nur um nicht mehr daran denken zu müssen. Er hatte ja das junge Mädchen erblickt, ängstlich, blaß, scheu, er konnte sich den Eindruck, den es damals auf ihn gemacht, nicht zusammenreimen mit dieser bildschönen und bereits weltvertrauten jungen Dame, die so durchaus geschaffen schien, der epikureischen Selbstsucht der Großmutter ein ausgesuchtes Labsal zu bieten. Er wußte nicht warum, aber es ärgerte ihn fast, daß Erika so schön war, er kam sich in dem Gefühl zärtlichen und besorgten Mitleids, das sie ihm eingeflößt hatte, lächerlich vor. Das Wort, das er vergeblich suchte, um ein Gespräch zwischen ihr und ihm anzuknüpfen, fand sie. »Seltsam, daß Sie mich nicht erkannt haben, nicht einmal im Salon meiner Großmutter, wo Sie mich doch erwarten mußten,« begann sie munter; »ich hätte Sie in Afrika erkannt.« »Wo habt ihr einander denn schon gesehen?« frug Gräfin Lenzdorff neugierig. »Auf der Treppe, am Abend meiner Ankunft,« erklärte Erika. »Sie entsinnen sich dessen offenbar nicht, Herr von Sydow, ich hätte Ihnen gar nicht eingestehen sollen, daß ich mich Ihrer so genau erinnere.« »Oh, ich erinnere mich sehr gut,« versicherte Sydow und stockte plötzlich mit einem schwachen, zögernden Lächeln, das ihm eigen war und hinter dem empfindliche Seelen mitunter eine verhaltene Bosheit witterten, während sich eigentlich nichts dahinter barg als eine gewisse Erregung, Verlegenheit, ein momentanes Nichtzurechtlegen der Umstände. Er war nicht sehr rasch, außer in Momenten großer Gefahr, wo er plötzlich eine merkwürdige Geistesgegenwart entwickelte. »Nun, eigentlich ist es kein Wunder, daß Sie mir mehr Eindruck gemacht haben als ich Ihnen,« fuhr Erika einfach und unbefangen fort, »erstens waren Sie der erste preußische Offizier, dem ich je begegnet war – in Österreich hatte ich nie etwas so Hohes und Breites gesehen; – und zweitens haben Sie mich so respektvoll gegrüßt. Sie wissen nicht, wie wohl mir das damals getan hat, ich war halbtot vor Angst – Sie sahen aus, als ob Sie mich bedauerten!« »Ich bedauerte Sie auch, Gräfin,« gestand er ehrlich. Der Klang ihrer Stimme, der das Herz der Großmutter zuerst gewonnen, tat auch ihm wohl. Übrigens erschien sie ihm doch noch sehr kindisch, seitdem sie sprach. Der Eindruck selbstbewußter Weltlichkeit, den ihre vornehme Erscheinung auf ihn gemacht, hatte sich bereits verwischt. »Sie wußten, daß sich meine Großmutter nicht auf mich freute?« fragte sie. »Ja, ich hatte es ihm gesagt, und er hat mich dafür ausgezankt,« erklärte Gräfin Lenzdorff und nickte humoristisch. »Aber gnädigste Gräfin!« wehrte sich Sydow halb lachend. »Ach, ich sage immer die Wahrheit,« rief die Gräfin – »immer, das heißt, so oft als möglich und manchmal öfter, es ist die einzige Tugend, auf die ich mir etwas zugute tue. – Und Sie hatten recht damals, Goswyn. Aber wissen Sie, wie Sie jetzt aussehen? – als ob Sie sich Ihres Mitleids wegen schämten. Hm! ich hab' schon wieder einen Nagel auf den Kopf getroffen, und einen empfindlichen Nagel. Aber die Menschen sind nun einmal so gemacht. Eine Verschwendung gibt es, die sich die Großmütigsten nicht verzeihen, hinausgeworfenes Mitleid. Und schließlich müssen Sie einsehen, daß die Kleine dieses Artikels nicht mehr bedarf!« Goswyn schwieg. Wenn die Gräfin auch in der Tat anfänglich den Nagel auf den Kopf getroffen, so war er doch von der Nichtigkeit ihres letzten Satzes nicht überzeugt. Etwas in dem Benehmen der alten Frau gegen ihre Enkelin ging ihm gegen den Strich – unter anderem, daß sie, während sie mit ihm sprach, plötzlich ihm zuzwinkernd Erika beim Kinn nahm und ihr Gesicht leise so drehte, daß er die besonders schöne Linie ihrer Wange bemerken möge. Gräfin Brock hatte sich indessen übellaunig gegen die verheerende Liebenswürdigkeit der Großherzogin gewehrt und mit denselben unzufriedenen Grimassen die verschiedentlichsten Anerbietungen abgelehnt, unter anderem die eines Wundermittels gegen Gesichtsschmerzen, an denen die arme Brock litt, was teilweise die beständigen unheimlichen Zuckungen ihrer Züge erklärte. Sich endlich mit Heroismus und Grobheit diesen unermüdlichen Zudringlichkeiten entwindend, hatte sich die böse Fee an den jungen Offizier herangeschoben, der merkwürdigerweise ihr Neffe war. Merkwürdigerweise! – denn Familienähnlichkeit bestand zwischen ihnen nicht die mindeste, und war die Verwandtschaft zwischen seiner ernsten Natürlichkeit und ihrer unruhigen Affektation wirklich schwer zu erklären. »Goswynchen!« sagte sie, sich neben ihm niederlassend, sehr süß. »Tante.« »Du hast mich so fremd gegrüßt, hast dich kaum bei mir angemeldet,« flötete sie einschmeichelnd, vorwurfsvoll. »Du schienst mir so sehr beschäftigt.« »Beschäftigt – ja, wahrlich beschäftigt – seit einer Viertelstunde zapple ich wie eine Fliege im Netz,« schnaubte die Gräfin Brock, »du kommst mir ja wie gerufen; Goswynchen!« Und sie tippte mit dem Zeigefinger zärtlich an seinen Aufschlägen herum. »Hm! Soll ich deine letzte Abrechnung mit deinem Bankier prüfen?« fragte er trocken – seine Sympathien für sie waren matter Natur. »Gott bewahre,« entsetzte sich die böse Fee, indem sie ihrer Gewohnheit entsprechend ihre schwarzen Hände in die Höhe streckte. »Um etwas so Prosaisches handelt sich's diesmal nicht. Es handelt sich nur um...« »Ja, um deine Donnerstage,« fiel ihr Goswyn etwas schroff ins Wort. »Du hast es erraten, Goswynchen, ich brauche einen neuen Stern und du könntest mir ein wenig helfen. Kennst du Perfection?« »Den Pianisten meinst du?« »Ja, denselben.« »Ich habe ein paarmal mit ihm musiziert.« Goswyn spielte nämlich in verlorenen Stunden Geige, eine kleine Schwäche, die er nicht offiziell eingestand und von der er nicht gern reden hörte. »Siehst du – dacht ich's doch!« rief die Brock, wobei ihr aus Begeisterung das rechte Auge zufiel. »Du mußt ihn bei mir einführen.« »Bitte mich zu entschuldigen,« wehrte sich energisch der junge Mann; »ich bahne keine Bekanntschaften an zwischen Künstlern und dir. Ich weiß, was daraus entsteht, erst quetschst du so einen Künstler aus wie eine Zitrone, und dann weisest du ihm die Tür unter dem Vorwand, daß er dein ästhetisches Gefühl verletzt, daß seine Manieren nicht deinen Wünschen entsprechen. Darüber hattest du dir vielleicht vor der Ausnützung seines Talents auch schon klar werden können; daß ein Künstler manchmal schlechte Manieren hat, weiß man.« »Ach ja!« seufzte Frau von Geroldstein, die ihren Sessel wieder ganz nahe an den Rest der Gesellschaft herangeschoben hatte. »Alle Künstler haben schlechte Manieren,« behauptete mit ihrer lustigen Insolenz Gräfin Lenzdorff. »Auch die ganz großen?« fragte Erika etwas beklommen. Sie dachte dabei an den jungen Maler, den sie damals neben dem zwecklosen Brückenunding getroffen, und wußte nicht recht, ob sie der Großmutter ihren Hochmut verübeln sollte oder sich schämen für den kindischen Kultus, den sie so viele Jahre lang mit dem Andenken des hübschen Vagabunden getrieben, der nichts mehr von sich hatte hören lassen. Während Frau von Geroldstein seufzte: »Die ganz großen – ach freilich, die ganz großen!« – rief Gräfin Anna lustig dazwischen: »Die erst recht! Künstlerische Mittelmäßigkeiten eignen sich den gewissen oberflächlichen Salonschliff doch noch eher an als die in ihre Gedankenwelt versunkenen großen Genies. Was wollt ihr, die landläufigen guten Manieren sind Dutzendkleider, nur für den Durchschnittsmenschen gemacht, sie sitzen nun einmal denjenigen, die über das gewöhnliche Maß hinausgeraten sind, schlecht. Mir ist das gleichgültig. Genialität mit Zoten garniert liebe ich nicht, ein wenig naive Unbeholfenheit aber mißfällt mir keineswegs, im Gegenteil, um mir sympathisch zu sein, muß ein Künstler immer ein Stück Urwaldbären in sich haben – aus den geleckten, geschniegelten Kunststutzern, den Gentlemen artists , die sich für den Schnitt ihrer Lackschuhe mehr interessieren als für ihre Kunst, mache ich mir gar nichts!« »Ach ja!« seufzte Frau von Geroldstein, »ich auch nicht.« »Hm! deine Vorträge sind immer sehr belehrend,« versicherte süßlich giftig die böse Fee, »aber aus meiner Verlegenheit helfen sie mir nicht.« Sie erhob sich mit einem traurigen Seufzer – dabei glitt ihre Pelzboa ihr von den Schultern auf die Erde. Erika bückte sich danach und reichte sie ihr höflich. Die böse Fee fixierte das junge Mädchen durch ihr Lorgnon – eine langsam aufdämmernde Überraschung malte sich auf ihren durch Tick und Affektationen verzerrten Zügen. »Sie sind wohl die Enkelin aus Böhmen?« sagte sie, immer noch das Lorgnon an den Augen. »Ja, Frau Gräfin.« »Ach, verzeihen Sie, ich hatte Sie die ganze Zeit für die Gesellschafterin meiner lieben Anna gehalten. Jetzt erinnere ich mich, daß die Gesellschafterin bereits im vorigen Jahr gestorben ist. Ich habe ja selbst einen Kranz zu ihrem Begräbnis geschickt. Die arme Gute, sie war zum Sterben langweilig, aber ein vortreffliches Mädchen, du erinnerst dich ihrer doch, Goswynchen. Aber wie habe ich mich nur so irren können! Ich bin freilich sehr kurzsichtig und sehr zerstreut« – dabei legte sie Erika den Finger unter das Kinn und lächelte ein unbeschreibliches Lächeln, das sich zwischen ihrem vorspringenden Kinn und ihrer spitzen Nase herumkrümmte wie ein von Krämpfen befallener Regenwurm. »Sie sind ja sehr hübsch, mein liebes Kind! Wie heißen Sie?« »Erika!« »Erika – Heideblume! Und Sie kommen aus Böhmen – wie poetisch, wie poetisch! Sie ist wirklich reizend, deine Enkelin, Anna! Findest du nicht, Goswynchen?« Sydow wurde feuerrot, runzelte die Stirn und schwieg. »Ich eile fort – mir scheint, ich fange an, Dummheiten zu sagen,« witzelte die Gräfin Brock, dann mit entsetztem Blick auf das Fenster: »Herr des Himmels, es gießt! Willst du mir eine Droschke kommen lassen, Anna?« »Erika! drück' auf die Klingel,« sagte Gräfin Lenzdorff. Ehe Erika den Befehl hatte ausführen können, war ihr Frau von Geroldstein in den Arm gefallen. »Aber, liebe Komtesse Erika,« rief sie eifrig, »zu was eine Droschke kommen lassen, es wird mir ja das größte Vergnügen sein, Gräfin Brock nach Hause zu fahren, mein Wagen wartet unten. Nicht wahr, gnädigste Gräfin« – dies zu der bösen Fee – »Sie machen mir das Vergnügen?« »Ich kann Ihnen das nicht zumuten, ich kenne Sie viel zu wenig, um Ihnen zur Last zu fallen,« erwiderte sehr verdrießlich die Brock. »Aber wie können Sie von einer Last reden, es ist mir eine Freude.« »Es ist gar keine Freude, mit mir zu fahren, ich muß immer beide Fenster geschlossen haben wegen meiner Gesichtsschmerzen,« brummte die Fee. Während dieser lebhaften Auseinandersetzung stand Erika, die Hand nach der elektrischen Schelle ausgestreckt, und harrte auf nähere Weisung, als die Sache plötzlich eine den Wünschen der Frau von Geroldstein entsprechende Wendung nahm. Herr Reichert wurde gemeldet – ohne ein weiteres Wort zu entgegnen, verschwand die Gräfin Brock mit der Geroldstein. Ihr überstürzter Rückzug hatte seine geheimen Gründe. Reichert, ein besonderer Günstling Anna Lenzdorffs, ein Tiermaler mit einem Gesicht wie ein Löwe und einem unverwüstlichen Vorrat von drastischen Anekdoten, gehörte zu den » remords « der bösen Fee. Ihre » remords « nannte sie die bereits erwähnten Künstler, die sie nach gehöriger Ausnutzung ihres Talents und ihrer Gefälligkeit rücksichtslos von sich abgeschüttelt hatte. Kurze Zeit darauf war auch der Tiermaler verschwunden, und von den vielen Besuchern der Gräfin war nur Sydow, und zwar auf einen ausdrücklichen Wunsch der alten Dame, geblieben. »So, jetzt hab' ich's gerade genug,« rief sie, da sich die Tür hinter ihrem geliebten Tiermaler geschlossen. »Sie bleiben doch zu Tisch, Goswyn, wir essen heute sehr früh, um sechs, und Sie können uns dann in die Singakademie begleiten, Joachim spielt und ich habe ein Konzertbillett zuviel.« Es ist um vierundzwanzig Stunden später – Gräfin Lenzdorff ist mit ihrer Enkelin von einer durch kleinere Besorgungen und ein paar Besuche unterbrochenen Spazierfahrt in einer luftdicht verschlossenen Kutsche heimgekehrt. Sie hat Besuche gemacht, um ihre Enkelin zu zeigen, und Besorgungen, um dieselbe zu schmücken. Jetzt sitzt sie neben dem Kamin, eine Teetasse in der Hand, und sagt: »Sehr viel ausgehen darfst du diesen Winter noch nicht, besonders da du erst nächsten Winter vorgestellt werden sollst – aber im kleineren Kreise kannst du dich immerhin ein wenig amüsieren. Mir war infolgedessen darum zu tun, daß ich dir dein Kleid bei Petrus zur rechten Zeit bestelle, die Leute sollen doch ordentlich die Augen aufreißen, wenn sie dich zum erstenmal sehen!« Erika hat sich soeben ihres Sealskinpelzes entledigt; sie sitzt der Großmutter gegenüber und denkt an den Putz, der heute für sie bestellt worden ist – ein weißes Kleid – ganz einfach! – »Es soll kein Mensch an dein Kleid denken, wenn er dich sieht,« hat die Großmutter gesagt – aber dennoch ein Prachtstück von einem Kleid. Mit welchen vornehmen Kunstgriffen ist diese Einfachheit hergestellt, wie »stilgerecht« ist alles! »Das erstemal, wo du in die Welt trittst, muß alles an dir ›stilgerecht‹ sein,« erklärt jetzt die Großmutter – »die Leute dürfen nicht von vornherein etwas an dir zu kritteln finden, dann später werden wir uns einige Exzentrizitäten erlauben. Ich hab' ein paar Kleidchen für dich im Kopf, die dir Marianne entzückend zurechtschneidern wird – aber von Anfang an müssen wir erst beweisen, daß du, wenn du willst, aussehen kannst, wie irgend jemand ... nur ein klein wenig hübscher. Ich passe eine Gelegenheit ab ... ich möchte dich das erstemal nicht ohne einen gewissen Effekt produzieren. Gib mir noch eine Tasse Tee, Kleine.« Erika reicht ihr die Tasse, die alte Frau fährt ihr liebkosend über den Arm. »Petrus ist stolz, dich zu deinen Debüts herrichten zu dürfen. Anfangs hatte ich die Absicht, dir ein Kleid von Paris kommen zu lassen ...« sagt sie noch, dann stockt das Gespräch. Die alte Frau hat sich in ihren bequemen Sessel zurückgelehnt und ist eingenickt. Sie legt sich des Tags über nie zum Schlafen nieder, aber manchmal »duselt« sie, wie sie es nennt, um diese Stunde sitzend ein. Die Dämmerung fällt – fällt ungewöhnlich bald heute und rasch, der Winter, von dem man sich endgültig befreit glaubte, hat Berlin von neuem heimgesucht, tückisch und grausam. Der Regen, der gestern die Gräfin Brock in die Arme und die Kutsche der Geroldstein getrieben, hat sich heute in Schnee verwandelt – fußhoch liegt er draußen in den Gärtchen vor den Luxushäusern in der Bellevuestraße, fällt so schnell, daß er keine Zeit hat schwarz zu werden – auf den Bäumen im Tiergarten liegt er, jedes Zweiglein trägt seine Schneelast, und an einer Seite jedes Stammes entlang zieht sich ein breiter Streifen – blauweiß, wie nur der frisch fallende, der sich von Sekunde zu Sekunde erneuernde Schnee in der alles beschmutzenden Atmosphäre der Großstadt sich zeigt; auf den Dächern liegt er, auf den Gittern vor den schmalen Stadtgärtchen, ja selbst auf den Telegraphendrähten, die sich oberhalb der weißen Stadt in zahllosen schwarzen Linien durch den violettgrauen Himmel ziehen. Ein Weilchen hat Erika dem lautlosen Hinsinken der Flocken zugesehen. Noch aus dem Schleier der Dämmerung leuchtet der Schnee. Erika denkt jetzt nicht mehr an ihren Putz. Ihre Gedanken tragen sie weit zurück, nach Luzan. An den vorigen Winter denkt sie, wie kalt und lang er war – Schnee, Schnee, noch viel mehr Schnee als hier – die ganze Welt ausgelöscht von Schnee, nichts zu sehen als ein endloses Schneefeld, unter einem düsteren Himmel, das arme kleine Bauerndorf, der gefrorene Bach, der Strom, die Bäume, alles erdrückt von Schnee. Die Straßen waren verweht. Man hatte Mühe gehabt, sich die Lebensmittel zu beschaffen. Die Kälte war so groß, daß das Brennmaterial, wie der Ritter sich ausdrückte, »ein Vermögen« kostete. Erika durfte das Schulzimmer, in dem sie sich sonst aufzuhalten pflegte, nicht heizen, ebensowenig wie den ehemaligen Salon, wo ihr Klavier stand. Den größten Teil des Tages mußte sie in dem von Tabakdampf durchräucherten Wohnzimmer verbleiben, wo sich der Ritter von Strachinsky aufhielt, seine Mahlzeiten nahm, seine Patiencen legte und über seinen Romanen auf seinem Diwan einschlief. – Welche Atmosphäre! Der Ritter lüftete nie, der Geruch von kaltem Zigarrendampf, von faulem Kohlendunst, die Nachwehen eines fetten, nachlässig gekochten Mittagessens überall. Einmal hatte Erika heimlich aus Verzweiflung eine Fensterscheibe eingeschlagen, um etwas frische Luft hereinzulassen. Und dann, was hatte es genützt? Da man momentan eines Glasers nicht habhaft werden konnte, hatte man das Loch im Fenster mit Fetzen und einem Strohwisch verstopft. Das war das Ärgste gewesen – der letzte Winter. Eines Tages hatte sie die Verzweiflung gepackt, sie war herumgewandert, wie von bösen Geistern verfolgt, tief in den Wald hinein. Rings um sie herum das große tote Schweigen, nichts als Schnee, Schnee, überall Schnee, nur mit Männerstiefeln konnte sie durch, alles weiß, nur bisweilen aus dem Weiß herausstarrend wie ein schwarzer Finger der Ausläufer eines Fichtenastes. Nichts Lebendes, das sich regte, kein Vogel, der sang, kein Laut als das Krachen eines Astes, der unter seiner Schneelast zusammenbrach, oder das leise Schaudern eines anderen, der seine Schneelast abgeschüttelt hatte, und dann der dumpfe Klang des fallenden Schneeklumpens. Am Heimweg war ihr eine Schwäche gekommen und zugleich eine vollständige Mutlosigkeit. Zu was die Marter weiter aushalten; wer konnte wissen, wie lange es noch dauern würde, dieselbe widerliche Qual, eine täglich nörgelnde, erniedrigende Pein, ein Martyrium ohne Glauben, ohne Zweck! Und da, es war gerade am Waldessaum gewesen, knapp vor der Heide, die sich neben dem Wald auf der Hochebene ausbreitete wie ein großes Leichentuch, dort hatte sie sich niedergelegt mitten in den Schnee hinein, um ein Ende zu machen; die Kälte würde ihr Befreiung bringen, dachte sie. Wie lange sie so gelegen, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber sie fühlte die Mattigkeit bereits herannahen, die der Vorbote sein sollte vom Ende. Am flachen Horizonte dort hinter der Heide sah sie zwischen den Bäumen den Vollmond ausgehen, groß, dunstig, blutrot. Ein rötlicher Schimmer fiel über den Schnee. Die Welt wurde mit einemmal sehr schön. Ihr war's, als rüttle sie jemand an den Schultern und riefe ihr zu: »Steh auf, das Leben ist nicht abgeschlossen für dich – wer weiß, was die Zukunft dir bietet!« Eine Hoffnung, eine Neugierde, vielleicht nur der unabweisbare Lebenstrieb ihrer gesunden Jugend, der sich hinter diesen beiden Empfindungen barg, riß sie empor. Sie zwang sich aufzustehen, ganz steif und elend kroch sie nach Haus. Mein Gott, kaum ein Jahr ist das her, und ... jetzt! Von den großen Spiegelscheiben, hinter denen man das Gewirbel der einzelnen Flocken nicht mehr sieht, sondern nur einen undeutlichen, allgemeinen blauweißen Schimmer, blickt sie in das Innere des Zimmers. Wie wohnlich, wie traulich! Das Zwielicht verlischt in der Dämmerung, die Farben sind schon verblaßt, die Umrisse der Möbel verwischt. Was die Bilder an der Wand vorstellen, ist nicht mehr zu erkennen, aber die goldenen Rahmen schimmern noch durch den über alles hinschwebenden, alles verhüllenden bräunlichen Schleier. Aus dem Kamin glüht ein dumpfes Rot, das teilweise von der ebenfalls im Umriß etwas verwischten Gestalt der alten Gräfin verdeckt wird – die Luft ist rein und leicht, kaum merklich geschwängert von dem Duft eines feinen Rauchwerks und dem angenehmen herben Geruch brennenden Holzes. Von unten dringt der Schall des Wagenverkehrs schneegehemmt und schneegedämpft bis herauf, von Zeit zu Zeit hört man das letzte Aufsprühen eines verglimmenden Holzscheites im Kamin. Erika schmiegt sich mit der bewußten Freude, die nur ein in traurigen Verhältnissen aufgewachsener Mensch kennt, in diesen Komfort hinein, wie man sich in die Falten eines weichen, warmen Kleidungsstücks hineinschmiegt. Plötzlich umfängt sie ein undeutliches Mißbehagen, eine drückende Traurigkeit, ein Schmerz – die Erinnerung an ihre Mutter, die willkürlich diesem angenehmen, leicht hinfließenden Leben entsagt hatte – für was? – Es rüttelt ihr an den Nerven. Indem bringt Lüdecke zwei Lampen herein, die infolge ihrer sehr großen farbigen Schirme nicht genügen, die Schatten aus den Ecken des hübschen Gemachs wegzuleuchten, überhaupt nur eine malerischere Dämmerung verbreiten statt Licht. Noch stand der würdevolle Kammerdiener im Begriff, etwas an den Lampen zu richten, als er den Kopf horchend nach einem aufgeregten Zwiegespräch hindrehte, das sich in raschem Tempo der Portiere näherte, welche das Boudoir der Gräfin von den weniger intimen Empfangsräumen trennte. Offenbar verteidigte Friedrich, der junge, noch wenig geschulte Adjutant Lüdeckes, die Tür seiner Herrin gegen irgendeinen besonders unternehmenden Eindringling. »Aber ich bitte, Frau Gräfin, Ihre Exzellenz ist nicht zu Hause,« rief Friedrich zum drittenmal, worauf eine gereizte weibliche Stimme ihm zur Antwort gab: »Ich weiß, daß die Gräfin zu Hause ist – und wenn sie nicht zu Hause ist, werde ich auf sie warten.« »Die Fee,« meinte Gräfin Lenzdorff. »Armer Friedrich – er strengt sich an – aber da ist nichts zu machen als gute Miene zum bösen Spiel.« Und sich erhebend, ging sie der soeben mit empörtem Gesichtsausdruck durch die Portiere hereinstrebenden Gräfin Brock ein paar Schritte entgegen. »Dieser Unmensch!« entsetzte sich die böse Fee, »ich glaubte schon, er würde mich mit Tätlichkeiten zurückhalten« – und gänzlich erschöpft ließ sie sich auf einen Sessel niedergleiten. »Da ich ihm den Auftrag gegeben hatte, mich zu verleugnen, so hat er nur seine Pflicht getan – freilich in der ungeschlachten Manier eines beschränkten Menschen, der keine Nuancen kennt und sich den Umständen nicht anzupassen weiß,« sagte Gräfin Lenzdorff. »Er hätte doch ahnen sollen, daß ich eine Ausnähme bin,« rief die Fee immer noch empört. »Ja, das hätte er ahnen sollen – und jetzt ... sag' mir einmal, was du auf dem Herzen hast, denn daß du nicht ohne speziellen Grund dich in einen Zweikampf mit Friedrich, dem Simpel, eingelassen, das seh' ich dir an deinem schiefsitzenden Stuarthut an.« »Ach ja!« ächzte Gräfin Brock, »ich habe in der Tat einen Wunsch, einen vermessenen Wunsch – aber du darfst mir ihn nicht abschlagen!« »Wir wollen sehen – fünfzig Ellen roten Flanell für deinen Verein zur Unterstützung rheumatischer alter Weiber?« »Ach, wenn's nur das wäre, da hätte ich keinen Zweifel an deiner Gewährung meiner Bitte, deine Großmut kennt man – aber du hast Schrullen!« Die böse Fee lächelte mit der angesäuerten Süßlichkeit, mit der sie jedes ihrer Gefühle zu verdünnen pflegte, sei's Freude, Entsetzen oder Verzweiflung. »Ich hatte bereits Goswyn darum angegangen, dir meine Bitte vorzutragen. Ich weiß, daß du viel auf ihn hältst und ihm nicht leicht etwas abschlagen würdest – er aber hat abgelehnt. Er ist immer so kurios gegen mich.« »Ich bitte dich, keine weiteren Vorbereitungen – ich bin begierig auf dieses Anliegen von dir, in das sich Goswyn nicht mischen wollte.« »Es handelt sich um meinen nächsten Donnerstag – nein, nicht den nächsten, den lass' ich einfach fallen, aber um den übernächsten, der sich unter Umständen überaus glänzend gestalten könnte. Ich will nämlich Tableaus stellen lassen, zwei der größten Schönheiten von Berlin haben mir ihre Mitwirkung bereits zugesagt – Dorothee Sydow und Konstanze Mühlberg,« erzählte noch immer atemlos Gräfin Brock. »Hm! das ist ja großartig,« warf Gräfin Lenzdorff ein. »Nun ja – aber man kennt die Damen schon auswendig, und ich will den Berlinern etwas Neues bieten. Mit einem Wort, ich bin mit mir darüber einig geworden, daß niemand anders die great attraction meines nächsten Empfangsabends bilden soll als deine entzückende Enkelin!« erklärte die Fee, wobei sie sich mit allerhand begeisterten Kontorsionen aus ihrem Biberpelz herauswand. Erika, die sich indessen bescheiden im Hintergrund mit einer Handarbeit beschäftigte, hielt neugierig die Nadel in die Luft. »Meine Enkelin?« rief indessen die Großmutter einigermaßen überrascht aus. »Ja, ja,« wimmerte die böse Fee, ihre schwarzbehandschuhten Hände zusammenlegend, »ich habe mich verliebt in deine Enkelin, geradezu verliebt. Sie hat so viel natürliche Distinktion mit einem leicht barbarischen Beigeschmack. Gerade das gefällt mir, es ist im höchsten Maße aristokratisch, es erinnert mich an irgendein edles Wild, die Aristokratie erinnert mich immer an edles Wild und die Bourgeoisie an schön gemästetes Hühnerhofgeflügel, der Unterschied ist nur, daß erstere nicht gejagt und letztere nicht abgeschlachtet wird. Übrigens, wer kann wissen par le temps qui court! Mais je me perds . Es handelt sich gar nicht um den Sozialismus und andere uns drohende Scheußlichkeiten – sondern um meine Tableaus. Es sollen im ganzen nur drei gestellt werden: Senta, dem fliegenden Holländer nachträumend – die Mühlberg, Thee Sydow als Salome, und endlich deine Enkelin ganz einfach als Heideblume. Sie wird den Vogel abschießen, die anderen können sich nicht halten neben ihr.« Gräfin Lenzdorff blickte zu Erika hinüber und lächelte gutmütig, während sich das junge Mädchen eifrig über ihre Handarbeit beugte und drauflosnähte, als habe es gar nichts gehört. Daß es vielleicht nicht ganz in der Ordnung sei, dieser jungen Person ruhig Gelegenheit zu gönnen, ihre Schönheit derart anpreisen zu hören, fiel ihr nicht ein. »Nicht wahr, du gestattest, daß mir die Kleine diesen Dienst erweist,« drang die Brock von neuem in Gräfin Anna. »Es ist alles vortrefflich eingeleitet, Riedel soll den Regisseur machen – du weißt, der kleine Maler mit den guten Manieren, der sich immer seine Hemden in Paris waschen läßt.« »Ach, der Farbenverderber!« warf Gräfin Lenzdorff verächtlich hin. Die Fee zuckte ungeduldig mit ihren etwas hohen Schultern. »Ach was, Farbenverderber hin oder her, er ist einer der wenigen Künstler, die im Verkehr bequem sind – « »Ja, ja, und ein paar Bilder zu stellen wird ihm jedenfalls leichter gelingen, als sie zu malen,« erklärte Gräfin Lenzdorff. »Also du schlägst ein – ich kann auf deine Enkelin zählen?« fragte die Brock. »Ich muß mir die Sache doch noch genau überlegen,« warf Gräfin Lenzdorff hin, in einem Ton freilich, dem man es anmerkte, daß sie nicht ungeneigt war, den Wunsch ihrer verdrehten Jugendfreundin zu erfüllen. »Ich sehe, die Sachen stehen für mich günstig,« hauchte die Brock – »dem Himmel sei Dank, ich hätte mich umgebracht, wenn ich ein Refüs bekommen hätte. Wieviel Uhr ist es denn?« »Sechs Uhr – etwas darüber – wo willst du hin?« »Ich speise bei der Geroldstein – wir sollen nachher in das Lessingtheater zu der Premiere von Hauptmann, zu der bereits seit zehn Tagen keine Karten zu bekommen sind.« »Du – speisest bei der Geroldstein?« Die Gräfin Lenzdorff schlug die Hände zusammen in unhöflich aufrichtigem Erstaunen. »Ja, ich speise bei der Geroldstein,« wiederholte mit gereizter Betonung die böse Fee – »was ist denn da für ein Geschrei darüber zu machen? Du empfängst sie schon seit einem Jahr ...« »Ich kenne keine sozialen Prüderien – übrigens empfange ich sie nicht; ich weise ihr nur nicht die Tür,« erklärte Anna Lenzdorff hochmütig. »Nun, sie paßt mir gerade,« erwiderte die Brock mit Gesichtszuckungen, bei denen sie alle ihre Zähne zeigte und auch das Gold, in welches sie gefaßt waren. »Ich sehne mich seit zwei Monaten, dieser Premiere beizuwohnen, ohne daß ich imstande bin, mir einen Sitz zu verschaffen – sie bietet mir den besten Platz in einer Loge an – nein, sie bietet mir ihn nicht an, sie fleht mich an, ihn zu nehmen, wie um eine Gnade. Und dann, wie hab' ich doch gestern Goswyn gebeten, mich mit Perfection bekannt zu machen! – Nein – durchaus nicht! – Sie wird das für mich besorgen. Sie ist die gefälligste Frau in ganz Deutschland, und – heute früh habe ich sie mit Hedwig Norbin durch den Tiergarten fahren sehen. Eine Frau, mit der Hedwig Norbin durch den Tiergarten fährt, die darf jeder kennen!« Eine Minute später ist die Brock fort, nicht ohne noch im Davoneilen mit aufgehobenen Händen ihre Bitte wiederholt zu haben. »Du läßt mich morgen deine Entscheidung wissen, nicht wahr, Anna?« Mit diesen Worten ist sie verschwunden. Die Gräfin Lenzdorff hat ihr kopfschüttelnd nachgeblickt – kopfschüttelnd und lächelnd. Sie lächelt noch immer, während sie nachdenklich im Zimmer auf und ab geht. Was überlegt sie? – Ob es denn in der Ordnung sei, die Aufmerksamkeit der Welt in dieser unverblümten Weise auf die Schönheit eines jungen Mädchens zu lenken. – Goswyn hat es offenbar nicht richtig gefunden, aber Goswyn ist ein Pedant. Was ist denn weiter dabei! Das Zartgefühl der Gräfin sträubt sich nicht. Ein anderes Bedenken kommt ihr – wird ihre Enkelin den Vergleich aushalten mit den anerkannten Schönheiten, die sich mit ihr in die Ehren des Abends teilen sollen? – Sie heftet den Blick auf Erika. Die verdrehte Elise hat recht. Ob sie sich halten wird neben ihnen! Die anderen können sich nicht halten neben ihr. »Was meinst du, Kind,« fragt sie, auf Erika zugehend, »hättest du Lust zu stehen?« »Ja,« sagt Erika aufrichtig. »Ganz ohne wäre es nicht,« meint die Großmutter, die im Grunde bereits völlig mit sich einig geworden ist; »viel ausgehen kannst du ja, wie schon gesagt, dieses Jahr noch nicht, aber es hätte immerhin etwas für sich, einmal zu erscheinen, Aufsehen zu erregen und dann für den Rest der Saison in den Hintergrund zu treten. Die Neugier wäre gereizt, und nächstes Jahr wäre ein schönes Eroberungsfeld für dich vorbereitet.« Den nächsten Morgen erhielt Gräfin Brock von Anna Lenzdorff ein Billett mit zusagender Antwort. Zehn Tage später präsentierte sich Erika einem aus den exklusivsten Kreisen Berlins gewählten Publikum als Heideblume in einem abgesetzten Röckchen und mit bis an die Knie herabwallendem Haar. Es war eine seltsame Soiree, bei der die junge Schönheit zum erstenmal in der Welt auftauchte. Gräfin Brock als kinderlose Witwe eines ungewöhnlich reichen Mannes, der sein Familienprestige der Gattin um ein bedeutendes vorgezogen, hatte von dem Verstorbenen die Nutznießung einer sehr großen Wohnung in seinem Palais zu einem Einkommen geerbt, dessen Schmalheit mit dem Umfang der Wohnung in schreiendstem Widerspruch stand. Die Folge davon war knickernde Schäbigkeit zwischen glänzenden Kulissen. Die Tableaus wurden in einem mit Weiß und Gold dekorierten Tanzsaal gestellt, an dessen einem Ende eine kleine Bühne aufgeschlagen worden war. Die Kulissen dieser Bühne wurden immer von strebsamen Künstlern umsonst gemalt. Der Vorhang bestand aus zusammengenähten beschmutzten alten gelben Damastportieren, über welche die böse Fee, um deren Schäden zu decken, eigenhändig phantastische Blumen gepinselt hatte. Wie man auch sonst über ihre Donnerstage spötteln mochte, diesmal waren ihre Veranstaltungen mit Erfolg gekrönt. Nicht wenig trugen zur Wirkung des Ganzen die musikalischen Hintergründe bei, die Perfection, von der unermüdlichen Geroldstein für Gräfin Brock angeworben, den Tasten eines Bechsteins entlockte. Für einmal hatte sich dieser überaus geschickte, aber nüchterne junge Virtuose über sich selbst hinausgehoben und bot seinen Zuhörern in seinem Spiel etwas anderes als eine Musterkarte von glänzend überwundenen technischen Schwierigkeiten. War's Laune seinerseits, war's, daß ihm Erika einen besonderen Eindruck gemacht, war's der verwegene Wunsch, zu ihrem Erfolg das möglichste beizutragen und durch ihren Sieg die beiden bereits anerkannten Schönheiten zu ärgern – jedenfalls spielte er alle seine musikalischen Trümpfe bei der Begleitung der Heideblume aus. Die alte Gräfin Lenzdorff, die sein scharf klares Spiel immer an einen spießbürgerlich kostbar möblierten Salon mit zu viel Beleuchtung – und noch obendrein Gas! – zu vergleichen pflegte, traute ihren Ohren kaum, als mit singender Klage, das dritte Bild einleitend, eine Paraphrase des abgedroschenen, aber immer noch schönen Schäfferschen Liedes: »Wär ich geblieben in meiner Heide!« durch den mit geputzten vornehmen Menschen dicht gefüllten Salon tönte. Wie war das so süß, schwermütig in die Saiten hineingehaucht, daß man Tasten und Hämmer darüber vergaß, und es einem fast wie ein Echo der Zaubergeige Boris Lenskys durch die Seele schwebte! Der Vorhang rauschte auf. Eine öde, traurige Heidelandschaft, von dem gefälligen Riedel ziemlich konventionell hingeschmiert, als Hintergrund, und davor eine einzige Gestalt, hoch, schlank, in abgesetztem Röckchen und mit derbem, grauweißem Leinenhemdchen, das den überaus edel geformten Hals und die langen, noch etwas dünnen Arme frei ließ, dazu ein blasses Gesicht, von schwerem, leuchtendem Haar umflossen, schmal mit eigentümlich feinen und dennoch charakteristischen Zügen und unbeschreiblichen Augen. Der Maler Riedel hatte der Heideblume die Pose von Ary Scheffers Mignon aufzwingen wollen. Anscheinend hatte sie sich ihm gefügt, im letzten Moment aber sich doch nach ihrem Willen hingestellt, mit etwas vorgeneigtem Kopf und fast gerade niederhängenden Armen. Die einfache Kühnheit ihrer Pose verblüffte die Zuseher, und alle diese eleganten, von matten Gefühlsverfälschungen in Kunst und Poesie ermüdeten Weltmenschen waren irgendwie erschüttert, aus dem gleichgültigen Einerlei ihrer Existenzen herausgedrängt beim Anblick der starren herben Verzweiflung, die sich in diesem jungen Geschöpf verkörperte. Es war, als empfänden sie neben sich die Wirkung einer geheimnisvollen Naturkraft. Der Vorhang blieb länger offen als sonst – das junge Mädchen behauptete ihre Stellung merkwürdig mit der Willenskraft der Eitelkeit – die klagende singende Musik tönte noch immer. Der Vorhang schloß sich. Das Publikum raste, dreimal mußte der Vorhang auseinandergezogen werden – als das Publikum noch ein viertes Mal das eigentümliche und rührende Bild zu sehen verlangte, blieb er geschlossen. Mit eigensinniger Koketterie hatte Erika sich zurückgezogen. »O die Hexe,« murmelte die Gräfin Lenzdorff zu Hedwig Norbin, die neben ihr saß. Die dümmste, naivste Großmutter vom Lande hätte sich an dem Erfolg ihrer Enkelin nicht mehr und nicht unbefangener gefreut als die geistvolle Gräfin Lenzdorff. Man konnte ihr das Kind gar nicht genug loben, sie forderte immer noch mehr Komplimente heraus. Als Erika nach den Tableaus verwandelt und noch verschönt in ihrem weißen von Petrus angefertigten Kleid unter die Gäste trat und mit freundlicher Bescheidenheit und vollständiger Selbstbeherrschung den ihr gezollten Beifall entgegennahm, erregte sie nicht nur die Bewunderung der sämtlichen anwesenden Männer, sondern gewann sich das Wohlwollen aller alten Damen. Der Neid der jungen Frauen blieb freilich nicht aus, ebenso wie der Neid aller Mütter, die Töchter auf den Markt gebracht hatten. Mit einem Wort – es fehlte nichts zu einem durchschlagenden Erfolg. Die Großmutter wurde nicht müde, sie nach rechts und links vorzustellen und ihren Bekannten allerhand Einzelheiten über die Eigentümlichkeiten und die besondere Begabung des jungen Mädchens zuzuflüstern. Von jeder anderen Großmutter hätte man gesagt, sie mache sich lächerlich – aber von Anna Lenzdorff sagte man so etwas nicht leicht, man ärgerte sich nur über das Mädchen, das ganz unschuldig dazu kam, und dem man aus Widerspruchsgeist allerhand böse Eigenschaften andichtete. Die jungen Frauen erklärten, sie sei sehr von sich eingenommen und durch und durch berechnet. Sie war beides bis zu einem gewissen Punkt, aber in einer kindischen altklugen Weise, die vorläufig noch weit eher etwas Possierliches als etwas Abschreckendes hatte. Die Gräfin Mühlberg, Frau eines materiellen Genüssen übermäßig zugeneigten Gardeoffiziers, der sie nicht zu schätzen wußte und mit dem sie sehr unglücklich war, hatte nur aus Gutmütigkeit die Senta dargestellt und mischte sich jetzt nicht in diesen neidischen Reigen, im Gegenteil erwies sie der Debütantin alle erdenkliche Freundlichkeit – die Mißgunst Dorothees von Sydow hingegen durchbrach geradezu jeden Anstand. Sie war eine zugleich seltsam faszinierende und fast abstoßende Persönlichkeit, von Geburt aus sehr arm, aus sehr guter, ja reichsunmittelbarer Familie, ein Prinzeßchen, dem es aber recht elend ergangen war, so elend, daß es sich gefreut hatte, als ihm eines Tages ein simpler Junker sein Herz und sein freilich sehr großes Vermögen zu Füßen gelegt hatte. Die Familie der Prinzessin hatte zwar anfänglich sehr laut geschrien gegen die Mesalliance, dann schließlich sich mit dem tröstenden Gedanken zufrieden gegeben, daß sich die junge Dame gut versorgt habe. Einige ihrer Standesgenossinnen fingen sogar nach einem Weilchen an, sie zu beneiden, denn darin kamen alle überein, daß es auf der Welt keinen zweiten Ehemann gab, der seine Frau so verwöhnte und vergötterte und ihr so geduldig alles durchgehen ließ wie Otto von Sydow Prinzeß Dorothee. Er war der ältere Bruder Goswyns und Majoratsherr, weshalb zwischen seinem Vermögen und Goswyns verhältnismäßig schmalen Renten ein großer Unterschied bestand. Im übrigen waren die Vorteile alle auf Goswyns Seite. Otto sah ihm zwar ähnlich, doch fehlte seinem Blick der forschende Ernst, der Goswyns Auge belebte, seine Züge waren runder, schwerfälliger, seine Schultern breiter, Hände und Füße größer, das Gesicht stark gefärbt. Die böse Fee behauptete von ihm, daß in seinem Habitus das Blut seiner bürgerlichen Mutter durchschlage. Die Gräfin Lenzdorff, welche mit der verstorbenen Frau von Sydow eng befreundet gewesen war, stellte zwar jede Verschlechterung der Sydowschen Rasse durch die Mutter der beiden Brüder in Abrede und versicherte stets, daß im Gegenteil diese Mutter, eine schöne Frau und starke, genial angelegte Natur, den Sydowschen Familienstamm nicht nur durch ihr Geld, sondern durch ihr kräftig pulsierendes rotes Blut von neuem zum Blühen gebracht habe, und daß, wenn einer der beiden Brüder ihr besonders gleiche, es Goswyn sei. Otto war ein Sydow durch und durch. Sein fast bäuerischer Typ, aus dessen Schwerfälligkeit immerhin eine markige Zeichnung der Züge, ein sogenanntes Familiengesicht heraussah, gehört übrigens bei dem preußischen Landadel nicht zu den Seltenheiten. Er war einer von denen, die sich auf dem Lande und im Freien am besten ausnehmen, und denen in der Stadt alles zu eng ist, besonders im Salon, sei's auch der größte. Er sah immer aus, als verliere er in einem so glänzenden Menschengedränge den Atem. Mit der etwas verschüchterten Haltung, die den Männern von übermäßig gefeierten Frauen eigen ist, drückte er sich gegen die Wände, bediente, wenn die Zeit dazu gekommen war, geduldig die Damen beim Büfett und sprach nie ein Wort, außer wenn er einem Menschenkind begegnete, das sich in der großen Welt noch fremder fühlte als er selbst. Dabei verschlang er unaufhörlich seine Frau mit den Blicken und konnte sich offenbar nicht satt freuen an ihrer seltsamen Anmut. Viele Leute fanden sie nicht schön, nur eigentümlich und vornehm, beides aber war sie im auffälligsten Maße. Man vermochte sich überhaupt kaum eine vornehmere Erscheinung zu denken, keine, die bis in die Fingerspitzen hinein mehr Rasse verraten hätte. Hoch aufgeschossen, fast bis zur Magerkeit, mit langen schmalen Händen und Füßen, kleinem, meist stolz zurückgeworfenem Köpfchen und etwas scharfen Zügen, dabei mit einer unnachahmlichen Haltung und leicht hinschwebendem Gang, zog sie, wo sie erschien, die Aufmerksamkeit auf sich, ohne daß man eigentlich gewußt hätte, wodurch. Sie trug ihr volles, aschblondes Haar kurz geschnitten und eng um den kleinen Kopf gekraust, was damals eine verwegene Neuheit war, sprach rasch mit einer hohen, etwas dünnen Stimme und einem leichten Zungenanstoß, der, ein charakteristisches Merkmal der fürstlichen Familie, welcher sie entsprossen, viele Menschen nervös machte, von den zahllosen Anbetern der jungen Frau aber entzückend gefunden wurde. Schön oder nicht – jedenfalls war sie seit zwei Jahren eine der tonangebenden Frauen von Berlin. Etwas, das ihre Herrschaft bedrohte, duldete sie nicht. Die Soiree hatte ihren Fortgang genommen, die Diener hatten die Türen des Speisesaals geöffnet, die Damen setzten sich an kleine Tische, die Herren versammelten sich um das Büfett (ein sehr mageres Büfett) und trachteten für ihre Damen irgend etwas zu erobern, ehe sie daran denken konnten, selber zuzulangen. Einige entledigten sich dieses Geschäfts mit dem Geschick eines Kellners von Profession, andere klapperten unsinnig zwischen den Gläsern und Tellern herum und ließen beständig etwas fallen. Erika, blasser als gewöhnlich, mit sehr glänzenden Augen und roten Lippen, saß an demselben Tischchen mit einem frischen, reizenden jungen Mädchen, das ihr im Alter gleichstand, in seiner geistigen Ausbildung aber um zehn Jahre zurück war. Dennoch konnte man seine Entwicklung, so wie es einmal war, als beinahe abgeschlossen betrachten, während die Erikas kaum ihre ersten Stadien durchgemacht hatte. Erika hatte aufrichtig versucht, mit der anmutigen Altersgenossin zu plaudern, sie hatte es nicht fertiggebracht; auch den jungen Herren, die, von dem fesselnden Reiz ihrer Erscheinung angezogen, sie massenhaft umdrängten und ihr allerhand anboten, hatte sie nicht viel zu sagen. Die Reaktion war eingetreten, die Freude an ihrem Erfolg hatte einer seltsamen inneren Unruhe Platz gemacht. Dorothee von Sydow saß mit noch einer jungen Frau, die zu der höchsten Berliner Gesellschaft gehörte, nicht weit von ihr, am selben Tisch mit einem russischen Diplomaten, einem Gardekürassieroffizier und einem ihrer österreichischen Vettern, Prinz Helmy Nimbsch. Alle fünf aßen mit großem Appetit und plauderten über die Maßen heiter durcheinander. Goswyn saß – eine Auszeichnung, die ihm übrigens häufig zuteil wurde – bei der alten Garde. Er schnitt ein sehr ernstes, besorgtes Gesicht, und Gräfin Lenzdorff, die ihn mit gewohnter Despotie für ihre kleine Tischgesellschaft angeworben, machte ihm Vorwürfe darüber, daß er langweilig und verdrießlich sei. Von Zeit zu Zeit blickte er zu Erika hinüber, von der er nur den schlanken Hals und den schweren Knoten golddurchschimmerten braunen Haares im Nacken sah, manchmal ein kleines rosiges Ohr und die länglich ausgerundete Linie ihrer glatten weißen Wange. Ja, sie war entzückend, das ließ sich nicht leugnen, aber sie mußte unausstehlich werden, das ließ sich nicht umgehen. Welche Idee, ein kaum achtzehnjähriges Mädchen der großen Welt als Schaustück auf dem Präsentierteller vorzusetzen! Es war geschmacklos, es war geradezu unsittlich, es war ein Verbrechen, welches die alte Frau in ihrer unvernünftigen Eitelkeit an dem Kind beging. Manchmal überkam es ihn wie eine Wut, wie etwas, das ihm die Kehle zuschnürte und ihm rot vor den Augen flimmerte, so daß er die alte Frau, der er fast wie ein Sohn ergeben war, und die ihn von Jugend an mehr als ihren eigenen Sohn verwöhnt, bei beiden Schultern hätte packen und ihr zurufen mögen: So nehmen Sie doch Vernunft an! Dann schielte er zu Erika hinüber. Dann wieder irrten seine nachdenklichen Augen zu dem runden Tischchen, wo seine Schwägerin saß. Sie sah besonders gut aus in einem Kleid von weißem Sammet, und mit einem alten spanischen Smaragdenschmuck um den schlanken Hals. Es war alles sehr hübsch, aber ihr kurzes Haar paßte nicht dazu. Als Goswyn zu ihr hinüberschaute, lachte sie ihrem Vetter Nimbsch über das flache Champagnerglas, das sie in der Hand hielt, zu. Die Augen waren das Schönste an ihr – große grüngelbliche Augen, aber es sprach keine Seele aus ihrem Blick, nicht einmal eine schlechte. Ihre ganze Anmut war rein äußerlich, nichtsdestoweniger war diese Anmut sehr groß. Schade, daß sie sich in so schlechten Manieren gefiel. Dieses ewige eintönige Kichern, das beständig durch ihr Geplauder hindurchklang, griff Goswyn an. Er stand ziemlich vereinzelt in seiner Antipathie. Die meisten Männer lagen vor ihr auf den Knien. Er sah von ihr weg. Wo war denn sein Bruder? – Dort in einer Ecke saß er an einem kleinen Tisch ohne Dame mit einem anderen Herrn. Er hatte glücklicherweise einen Menschen gefunden, der sich in dieser glänzenden Versammlung noch um ein bedeutendes unbehaglicher fühlte als er selbst; und das war Herr Geroldstein, Gatte der berühmten Streberin, ein kleiner, blasser Mann mit großer Glatze, etwas spitziger Nase und runden, kurzgehaltenen schwarzen Koteletten, der den Eindruck machte, als hätte er sein Leben damit verbracht, das Neueste in Seide oder Wolle bei Gerson zuzumessen, im übrigen ein anständiger Mensch, der sich immer wegen etwas zu schämen schien und für sich keinen Gebrauch von dem Freiherrntitel machte, den er einmal als sehr kostspieligen Luxusartikel seiner Frau zum Geburtstag geschenkt. Er redete leise und aß und trank fast nichts, während Otto von Sydow im Begriff war, eine sehr große Portion kalten Rehbraten mit Cumberlandsoße zu vertilgen, Sherry aus Bordeauxgläsern trank und gewichtige Äußerungen über die beste Weinfirma in Reims vernehmen ließ. Sein Gesicht war noch röter als gewöhnlich. Er machte einen fast brutal übergesunden Eindruck neben dem blassen, im Kontordienst verkümmerten Geschäftsmann. Es ließ sich nicht leugnen, Goswyn konnte sich selbst keinen Zweifel darüber gönnen, daß mit Ausnahme des Herrn von Geroldstein im ganzen Zimmer kein Mann schlechter zu der schlanken Prinzessin Dorothee paßte als sein Bruder Otto. Nach dem Souper wurde noch ein wenig musiziert. Da Goswyn seines Hofdienstes bei Gräfin Lenzdorff entlassen war, so wollte er sich unbemerkt entfernen; doch hätte er zum Abschied noch gern einen Blick auf Gräfin Erika werfen, sie im Gedächtnis behalten mögen, so wie sie heute war. »Binnen kurzem ist der Tau doch hin,« sagte er sich und setzte hinzu: »schade!« – Er konnte sie nirgends entdecken. »Mein Gott, sie ist gewiß irgendwo hinter einem Wall von unausstehlichen Verehrern verschanzt,« sagte er sich und wendete sich zum Gehen. Warum er es bei sich ausgemacht hatte, daß alle ihre Verehrer gerade unausstehlich sein mußten, wollen wir nicht näher untersuchen. Das vierte in der Flucht von Zimmern, welche die Empfangsräume der bösen Fee bildeten, schien leer und war schlecht beleuchtet. Mit einemmal war's ihm, als höre er leises, mühsam verhaltenes Schluchzen. Er trat vor. Ein roter Reflex spielte über die Falten eines weißen Kleides, das er hinter einer großen effektvollen Palme aufschimmern sah. Dort saß Erika, die junge Schönheitskönigin, von der er gewähnt, daß sie vollauf damit beschäftigt sein würde, die Huldigungen ihrer Vasallen entgegenzunehmen, eng zusammengekauert in einem Lehnstuhl, das Taschentuch an den Augen, und weinte wie ein krankes Kind. Er, der in ruhiger Gemütsstimmung langsam und pedantisch im Überlegen seiner Entschlüsse war, ging im Gegenteil, sobald etwas ihn in Aufregung gebracht hatte, sehr rasch ins Zeug. Er zögerte nicht, weder aus Zartgefühl noch aus irgendeinem anderen Grunde. »Gräfin Erika, um Gottes willen!« rief er, sich über das junge Mädchen beugend, »was ist Ihnen, es kann Sie doch niemand verletzt haben?« Seine Stimme klang ganz heiser vor Zorn bei der bloßen Vermutung. »Ach nein – nein!« schluchzte sie. »Soll ich Ihre Großmutter holen?« fragte er. »Nein – nein!« Er stockte einen Augenblick. Endlich leise und sehr gutmütig fragte er: »Störe ich Sie, möchten Sie lieber allein sein, soll ich gehen?« Da ließ sie ihr Taschentuch in den Schoß heruntergleiten und versicherte treuherzig: »Nein, gewiß nicht; es freut mich, wenn Sie bei mir bleiben wollen,« und etwas schüchtern setzte sie hinzu: »Setzen Sie sich doch!« Von der selbstbewußten jungen Dame war nichts übrig als ein in Tränen aufgelöstes kleines Mädchen, das Angst hatte, gegen einen guten Freund ihrer Großmutter unhöflich zu sein. Wie sie mich als alten Herrn behandelt, dachte der junge Rittmeister bei sich; es rührte ihn und verdroß ihn zugleich, nichtsdestoweniger folgte er ihrer Einladung und nahm neben ihr Platz. »Es wird gleich vorüber sein,« tröstete sie ihn, indem sie die Tränen zu trocknen versuchte. Aber die Tränen wollten sich nicht trocknen lassen, sie brachen immer von neuem hervor – offenbar war sie über der Aufregung ihres gesellschaftlichen Debüts zusammengebrochen und von einer Nervenkrisis überfallen worden. Armes Ding! »Ach Gott...« rief sie, sich gewaltsam zusammennehmend, »ich muß das doch überwinden; wie demütigend, wenn mich jemand von den Leuten da drinnen so sähe!« Offenbar zog sie eine sehr tiefe Kluft zwischen Goswyn und »den Leuten da drinnen«. Es freute ihn. Ein Weilchen blieb er teilnahmvoll stumm, dann sagte er gutmütig: »Gräfin Erika, wollen Sie Ihren Kummer lieber für sich behalten, oder wollen Sie mir ihn anvertrauen?« Seine bloße Nähe hatte beruhigend auf sie gewirkt, das Schluchzen hatte aufgehört, nur ein leiser Schauder durchzog ab und zu ihren schlanken Oberkörper. »Ach, es war ja gar kein Kummer,« erklärte sie ihm, »nur so ein Mißbehagen; fast so wie den ersten Abend, da ich in Berlin angekommen war, packte mich's. Heimweh war's nicht, denn nach was sollte ich Heimweh haben! Aber plötzlich fühlte ich mich zwischen den vielen Menschen, die mich alle so neugierig ansahen und von denen doch keiner ein Herz für mich hatte, fremd, alles tat mir weh, es war wie eine große Kälte, die ich rings um mich empfand – ihre Art, zu sprechen, ihre Art, auf alles herabzusehen, was nicht so vornehm und hochmütig war wie sie, ging mir durch Mark und Bein. – Sie ... Sie können sich nicht da hineinfinden, da Sie ja doch mitten zwischen dem allen aufgewachsen sind und von Jugend an nur diese Luft geatmet haben.« »Ich glaube, Sie tun mir unrecht, Gräfin Erika,« warf er ein, »ich kann Ihnen sehr genau nachempfinden, obgleich ich zwischen dem allen aufgewachsen bin.« »Es kam mir ein Haß auf die Leute,« rief sie, und ihre großen, tragisch geschnittenen Augen funkelten zornig, »und dann – nun dann, mitten aus dieser Vornehmheit und dem Hochmut heraus« – sie sprach von beiden Eigenschaften ganz unbefangen als von fremden, ihrer Existenz spät zugeführten Elementen – »mußte ich an das Elend denken, in dem ich aufgewachsen bin, und ... und an die kleinen Freuden und Überraschungen, die mir meine Mutter mitten aus all der Dürftigkeit heraus zu bereiten pflegte – ach, so armselige kleine Freuden! – die da drinnen würden alle lachen darüber, daß man sich an so etwas erfreuen könne – aber mir waren sie wichtig damals. Ach, wenn Sie wüßten, mit was für einem Blick mich meine Mutter ansehen konnte, wenn sie mir ein neues Kleid aus alten Lappen zusammengeschneidert hatte – kein Mensch wird mich mehr so ansehen ... Und da kam's ...!« Sie ballte die Faust krampfhaft um ihr tränendurchweichtes Taschentuch herum. »Daran zu denken, daß meine Mutter eigentlich hineingehörte in dieses helle, heitere Leben, und sich zu erinnern, wie sie gestorben ist, in welcher sorgenvollen Kümmerlichkeit – und daß es vorüber ist – und daß ich ihr nichts geben kann von allem, was ich habe ... mir war's, als risse mir etwas das Herz mitten entzwei...« Sie stockte außer Atem. »Arme Gräfin Erika!« murmelte er sehr warm, »es ist auch das Schrecklichste im Leben, sich seiner Toten zu erinnern und ihnen nichts Liebes mehr tun zu können. Das einzige, was uns übrigbleibt, ist, den Lebenden so viel Liebe zuzuwenden, als wir irgend vermögen!« »Aber an wen soll ich denn meine Liebe verschwenden,« rief Erika mit einer naiven Vehemenz, über die er mitten in seiner Rührung Mühe hatte, ein Lächeln zu unterdrücken; »meiner Großmutter kann ich doch nicht kommen damit, die wüßte ja gar nicht, was ich will, sie hielte mich einfach für krank.« »Nun, schließlich«, sagte er, aufrichtig belustigt, »werden Sie nicht darauf angewiesen sein, Ihr ganzes Leben nur Ihre Großmutter zu lieben!« »Sie meinen, daß ...« Sie sah ihn plötzlich sehr betroffen, fast erschrocken an. »Ich meine, daß ... daß ...« Da klang bis zu den beiden herüber ein nüchtern auf dem Klavier gehämmertes Ritornell – dann eine dünne, hell und herzlos klingende Sopranstimme. Was war das? Er kannte diese Couplets – hatte er sie nicht einmal in einem sehr ordinären Tingeltangel gehört? Es war seine Schwägerin, die sang. Er horchte atemlos. Da trat Gräfin Lenzdorff zugleich mit Frau von Norbin in das Zimmer. »Ach, da bist du, Erika!« rief sie aus. »Nun, das nenn' ich eine Aufführung! Ich suche dich wie eine Stecknadel – hm! So seinen Anbetern davonzulaufen und sich still vertraut von einem jungen Herrn den Hof machen zu lassen, was sagst du dazu, Hedwig?« Dies zu Frau von Norbin. »Es war ja Goswyn,« sagte die alte Frau mit ihrem feinen Spieluhrstimmchen. »Ja, das ist ein mildernder Umstand,« gestand Gräfin Anna zu. »Und er hat mir auch gar nicht den Hof gemacht,« versicherte Erika. »So, das nehm' ich ihm eigentlich übel,« lachte Gräfin Lenzdorff. Indessen fuhr Erika treuherzig fort: »Ich fühlte mich ein wenig fremd und traurig – so ganz plötzlich, und er war sehr, sehr lieb mit mir!« Sie schlug die Augen dankbar auf zu ihm. »Hm! ... Aber jetzt komm, Kind, wir gehen nach Hause, der Abend hat mir gerade lange genug gedauert. Adieu, Goswyn!« »Die Damen erlauben mir vielleicht, sie hinauszubegleiten,« bemerkte Goswyn, worauf ihm die Gräfin erwiderte: »Eigentlich täten Sie viel klüger daran, dort hineinzugehen und dem Unfug zu steuern, der sich, wenn ich nicht irre, heute bedenklich ausbreiten wird.« Dies mit einem Blick nach dem Salon. »Ich bin machtlos,« erwiderte Goswyn trocken. Er geleitete die Damen in die Vorhalle, in welcher bereits ein ganzes Regiment von Lakaien harrte. Nachdem er die alten Damen bedient, hatte er das Vergnügen, auch Erika ihren Umwurf umtun zu dürfen. Ihm wurde seltsam zumute, als er ihr die weiche, weiße Hülle um die schlanken, jungen Schultern legte. Das weiße Pelzwerk, mit welchem der Mantel verbrämt war, stand ihr vortrefflich zu Gesicht. »Die Heideblume im Schnee,« sagte die eitle Großmutter, zu ihm hinüberschielend; dabei entdeckte sie, daß sie es wirklich nicht mehr nötig hatte, ihn auf den Liebreiz ihrer Enkelin aufmerksam zu machen. Diese Entdeckung freute sie. Sie sagte ihm mit besonderer Herzlichkeit gute Nacht, und während sie mit Erika die hell erleuchtete, teppichbelegte Treppe hinabschritt, lächelte sie vergnügt vor sich hin. Goswyn war indessen in den Salon zurückgekehrt. Seine Schwägerin stand noch immer am Klavier und sang. Perfection begleitete sie mit seiner bekannten gutmütigen Bereitwilligkeit, jede musikalische Missetat auf sein Gewissen zu nehmen, die seiner Umgebung Vergnügen machen konnte – einer Bereitwilligkeit, die teilweise auf der ihm eigenen nüchternen Auffassung seines Handwerks, wie er die Musik nannte, beruhte. Eine ganze Reihe von Damen war bereits hinausgerauscht. Gräfin Brock fing an, aufgeregt zu werden. Die Wirkung des Vortrags der Prinzessin erinnerte im höchsten Maße an die Wirkung, welche die Vorlesung des schönen jungen Schauspielers auf ihre Gesellschaft geübt. Goswyn schielte zu seinem Bruder hinüber. Otto von Sydow war ein Bild des Jammers, er sah aus, als ob ihn der Schlag treffen sollte, dabei ballte er von Zeit zu Zeit die Fäuste und machte sie wieder auf, warf unruhige Blicke nach den Männern hin, die er lachen – nach den Frauen, die er davoneilen hörte; er stützte sich von einem Fuß auf den andern ... aber ... er ließ seine Frau singen. Die erste der von ihr gewählten Coupletreihenfolge war einfach derb. Damit tröstete sich Goswyn; die letzten wird sie vielleicht doch nicht singen, sagte er sich. Er hatte die Verwegenheit seiner Schwägerin unterschätzt. Jetzt fing sie an ... ihm verging Hören und Sehen. Da, mit einemmal wütender Applaus. Ein paar der anwesenden Herren hatten sich des unglücklichen Ehemannes erbarmt und die Anstößigkeiten des letzten Verses durch eine verfrühte Beifallssalve erdrückt. Prinzeß Dorothee sah sich um – sah in einen Salon voll diskret lächelnder Männer und davoneilender Damen. Sie wurde sehr blaß, ein harter, herausfordernder Zug trat auf ihr Gesicht. Sie griff nach einem zweiten Notenheft. Da trat die Hausfrau an sie heran. »Reizend,« rief die Gräfin Brock, »reizend, Theechen – aber du solltest dich heute doch nicht mehr anstrengen – du bist ein wenig heiser!« Das war deutlich – Prinzeß Dorothee verstand. Ihre künstlich hinaufgeschraubte Heiterkeit brach sich jetzt in einer anderen Richtung Bahn. »Ich fühle mich plötzlich tanzlustig,« rief sie aus. »Perfection, spielen Sie einen Walzer – wir wollen einen Ball extemporieren.« Perfection spielte mit viel Feuer den Zitronenwalzer von Strauß – da erhob ein grauhaariger, alter General seine Stimme – eine dünne, scharfe Stimme, und sagte: »Einen Ball zu organisieren, würde doch ein wenig schwer sein – denn mit Ausnahme unserer verehrten Wirtin sind Sie die einzige noch anwesende Dame, Durchlaucht.« Dorothee wurde totenblaß, richtete sich noch ein wenig gerader auf als sonst, warf den Kopf zurück und lächelte. So wie jetzt, totenblaß, hart, gerade aufgerichtet und lächelnd, sollte sie Goswyn noch einmal im Leben sehen – um ein paar Jahre später, als die ganze Welt mit Fingern auf sie wies. »Du erlaubst, daß ich Helmy nach Hause fahre, Otto,« bat Dorothee in der Vorhalle, wo sie, eine gelbliche Spitzenschärpe über dem kurzen Haar, vom Kopf bis zu den Füßen eingehüllt in einen schwarzen Sammetmantel mit breit zurückgeschlagenem Zobelkragen und umgeben von einer Unmenge Verehrer – noch ein klein wenig Hof hielt. »Helmy ist so verschnupft, und er findet gewiß um diese Stunde keine Droschke mehr.« Unwillkürlich horchte Goswyn, der im Begriff stand, sich seinen Säbel umzuschnallen, dieser in sehr zärtlichem Ton dem Gatten vorgebrachten kleinen Rede seiner verführerischen Schwägerin. Daß seinem Bruder von seiten Prinz Helmys Gefahr drohe, glaubte er nicht, vorläufig war es Dorothee nur darum zu tun, eine etwaige Ermahnung ihres Mannes hinauszuschieben. Wenn Otto nicht gleich zankte, zankte er überhaupt nicht mehr. Nein, gerade sehr Schlimmes war nicht dabei, daß sie mit ihrem Vetter allein nach Hause fuhr, aber schließlich ... Sie legte dem Gatten die eine ihrer schmalen Hände auf die Brust, während sie sprach – die umstehenden Herren sahen sich an. Ohne die Antwort des Bruders abzuwarten, eilte Goswyn die Treppe hinab. Er hatte kaum ein paar Schritte in die Straße hinein gemacht, als ihm jemand nachkam. Es war Otto. »Hast du Feuer?« fragte er Goswyn in einer etwas unsicheren Stimme. Dieser zog sein Feuerzeug aus der Tasche und strich dem Bruder ein Streichholz an. Schweigend sah er zu, während Otto, die Luft mit übermäßiger Gewalt einsaugend, seine Zigarre in Brand steckte. »Es ist mir eigentlich sehr angenehm, daß ich zu Fuß gehen kann,« sagte er, als er sich neben dem Bruder in Bewegung gesetzt hatte. »Thee kann's nicht leiden, wenn ich in dem kleinen Wagen rauche.« Goswyn schwieg. »Hm! Ich kenne die Thee durch und durch,« fuhr Otto fort, »sie ist unschuldig wie ein Kind, aber ein wenig unvorsichtig. Alle diese steifleinenen Berlinerinnen nehmen ihr's übel, daß sie origineller und bestrickender ist als sie. Was war denn so Schlimmes dabei, daß sie diese Lieder sang, man merkte ihr ja gleich an, daß sie nicht verstand, was sie sang ... zum wenigsten nicht daran dachte. Die reinsten Frauen sind immer die unvorsichtigsten. Diese Berliner verstehen sie nun einmal gar nicht. Sie bewundern sie – ein jeder muß sie bewundern, aber sie würdigen sie nicht. Als sie gemerkt, daß sie diese Philister chokiert hatte, sang sie einfach weiter aus Trotz ... hm! ... es war vielleicht nicht klug, die öffentliche Meinung herauszufordern ...« So oft Otto von Sydow den Faden seiner Rede unterbrochen, um Goswyn Zeit zu gönnen, ihm in seiner Auffassung der Situation beizustimmen, so oft war er enttäuscht worden. Goswyn schwieg beharrlich. Otto trat stärker auf und atmete schwer. Goswyn, der ihn genau kannte, wußte, daß er mit einem heftigen Anfall von Zorn kämpfte. Ein Weilchen schwieg auch er, um es dem Bruder gleichzutun, dann, plötzlich stehenbleibend, fuhr er Goswyn an: »Findest du es etwa unpassend, daß ich meine Frau mit einem Vetter, der unwohl ist, dem ich vielleicht eine Krankheit erspare, und mit dem sie wie mit einem Bruder aufgewachsen ist, allein nach Hause fahren lasse?« Goswyn zuckte die Achseln. »Wenn du mich fragst, so muß ich dir die Wahrheit sagen,« erwiderte er. »Gerade heute hätte ich es klüger gefunden, wenn du deine Frau nicht im Tête-a-tête mit dem jungen Nimbsch hättest fahren lassen.« Die Atemzüge Ottos wurden noch lauter, dann stampfte er wütend mit dem Fuße, und ehe sich's Goswyn versehen, war er mit einem übellaunigen »Gute Nacht!« in eine Nebenstraße abgebogen. Er war zu bedauern – er war sehr unruhig; er hatte gehofft, daß Goswyn ihn beruhigen würde, aber Goswyn hatte ihn nicht beruhigt. »Er hat sie nie verstanden und darum nie gemocht, « knirschte er in sich hinein. »Er ist der ärgste Philister von ihnen allen!« Und dann erinnerte er sich der energischen Einwendungen, die Goswyn seinerzeit gegen seine Verbindung mit Prinzeß Dorothee erhoben, wie leidenschaftlich er – denn der stille Goswyn konnte mitunter leidenschaftlich sein – den Bruder gebeten hatte, von dieser Verbindung abzustehen. »Ihr paßt nicht zueinander, ein Blinder könnte es sehen, daß ihr nicht zueinander paßt – ihr werdet euch gegenseitig zugrunde richten!« hatte er gesagt. Die Worte klangen ihm mit unausstehlicher Deutlichkeit durch den Kopf. Es mochte gegen zwei Uhr früh sein, die Straßen waren wie ausgestorben, öde, halbdunkel – die Lücken zwischen den Laternen groß. So beiläufig alle hundert Schritte weit spiegelte eine ihr rötliches Licht in dem schwarzbraunen Schlamm, der sich über den Asphalt zog. Schwere Tropfen klatschten von den Dächern herab in die dunkle Schlüpfrigkeit. Von Zeit zu Zeit schoß ein Wagen, zwei lange blau-weiße Lichtstreifen vor sich hinwerfend, unnatürlich laut rasselnd, durch das dumpfe Schweigen an Otto vorbei. Die Fenster in den Häusern waren alle dunkel und still – nur aus einem Gebäude tönte verschleiert wie durch dicken Filz hindurch eine leichtsinnig hüpfende Musik. Es war ein Vergnügungslokal billigster Sorte. Unwillkürlich horchte Sydow, etwas an der halbverwischten Melodie ärgerte ihn und zwang ihm Aufmerksamkeit ab. Den unlängst bekannt gewordenen Gassenhauer, den seine Frau heute gesungen, den spielte man da drinnen. Ihm wurde unerträglich zumute. Eine schwere Mattigkeit lag ihm in den Gliedern. »Bah – es ist dieses verdammte Tauwetter,« sagte er sich. Aus ferner Erinnerung klang's: »Zwei Menschen können nicht schlechter zueinander passen als sie und du ...« Ob Goswyn am Ende doch recht gehabt hätte! Warum hatte ihn das Schicksal gerade mit dieser Frau zusammengeführt! Drittes Buch In Florenz hatten Otto von Sydow und Prinzeß Dorothee einander kennengelernt. Die beiden Brüder hatten eine Reise durch Italien gemacht, gleich nach Ottos Antritt des Majorats. Sie reisten insofern miteinander, als ihr Reiseziel dasselbe war – im übrigen hielt ein jeder sich auf, wo es ihm gefiel, und es dauerte manchmal ziemlich lange, ehe einer sich mit dem anderen zusammenfand. Während Goswyn eine unbequeme Tour durch allerhand kleine interessante oberitalienische Städte machte, hatte sich Otto, der beim Reisen ein gutes Hotel nicht entbehren konnte, direkt von Venedig nach Florenz begeben. Schon seit fünf Tagen befand er sich dort. Er langweilte sich fürchterlich – Goswyn ging ihm ab. Obwohl Otto der ältere von beiden Brüdern war, hatte er von Jugend an die Gewohnheit angenommen, Goswyn für sich denken zu lassen. Die alte Gräfin Lenzdorff behauptete, daß sie ihn als Kind öfters habe fragen gehört: »Goswyn, ist mir kalt? – Goswyn, hab' ich Hunger?« Eine gewisse Unselbständigkeit war durchs ganze Leben hindurch an ihm haften geblieben. Noch immer pflegte er sich bei jeder Unbequemlichkeit an den jüngeren Bruder zu wenden, sich in jeder unbehaglichen Lebenslage nach ihm zu sehnen, sich auf ihn zu stützen. Er hatte keine Bekannten in Florenz, die Kost schmeckte ihm nicht, die Weine waren verfälscht, die Betten, in denen vor ihm Hunderte von Menschen geschlafen, ekelten ihn an, die Theater fand er unerquicklich, Opern machten ihm kein Vergnügen, er war geradezu merkwürdig unmusikalisch für einen Deutschen – und im Schauspiel verstand er nichts. Infolgedessen fand er die Abende unerträglich lang; sein Italienisch existierte nicht und sein Französisch war nicht weit her. Da zufällig in seinem Hotel keine Deutschen vorhanden waren, außer solchen, die er sich trotz seines Heimwehs vom Leibe zu halten für angezeigt hielt, so führte er eine sehr einsame Existenz, und da ihm die Kunst geringes Interesse einflößte, so ist es kein Wunder, daß er am fünften Tage seines florentinischen Aufenthaltes »so eine italienische Bildungskur« als die »ärgste Vergnügungsschinderei« bezeichnete, die ein preußischer Landedelmann willkürlich auf sich nehmen kann. Das Komische für ihn war, daß Goswyn seine italienische Reise so gründlich zu genießen schien. – Er schrieb vergnügte Postkarten aus allerhand kleinen Nestern, von denen Otto den Namen nie gehört, nicht einmal in der Geographiestunde, und zeigte sich mitten aus humoristisch erwähnten Übelständen in bezug auf seine Nachtlager heraus, ganz begeistert von dem »Kunstkrempel« – wie sich Otto ausdrückte. Schon stand Otto im Begriff, Italiens überdrüssig, nach Hause zu reisen, als die Dinge plötzlich eine ganz besondere Wendung nahmen. Im Dome war's! Mit entmutigender Langerweile war er in der stimmungsvollen katholischen Kirchendämmerung von einem Monument zum anderen gewandert, als er plötzlich einen Seufzer hörte. Er sah sich um – erblickte ein junges Mädchen in einem großen van-Dyck-Hut und einem mit silbernen Borten besetzten dunklen Tuchkleid, das sich eben in einen Kirchenstuhl niedersetzte und einen gelbbroschierten Roman aufschlug. Alles an der Kleinen, der Hut, das Kleid, ihre eigene fesselnde Erscheinung, machte den Eindruck, daß sie von sehr vornehmer Herkunft sei, aber alles sah gleichermaßen ein wenig herabgekommen aus. Dabei war sie sehr jung und schien doch durch ihre Verlassenheit nicht im geringsten beeindruckt. – Es dauerte nicht lange, so merkte sie es, daß er sich mit ihr beschäftige, und blickte ihn über ihren Roman hinüber mit ein Paar wunderschönen, grünlichschimmernden Augen spöttisch an. Er wurde sehr rot, sehr ärgerlich, und wendete sich von ihr ab. Da hörte er durch die dämmerige Stille der großen, an jenem Tage gänzlich verlassenen Kirche ein feines, einschmeichelndes Stimmchen rufen: »Feistmantelchen!« Unwillkürlich sah er sich um; das schlanke Mädchen in dem Kirchenstuhl war's, das gerufen hatte. Er bemerkte, wie ein kurzbeiniges Frauenzimmer mit einem praktischen, grau und schwarz karierten Regenmantel und umgeschnallten Operngucker – ein Wesen, das er schon früher bemerkt, wie es neugierig um die Merkwürdigkeiten des Doms herumschnüffelte, nie im Traum aber in irgendeine Verbindung mit dem anziehenden Mädchen in dem Kirchenstuhl gebracht hätte, jetzt auf dasselbe lossteuerte. »Feistmantelchen!« »Prinzeß!« »Ich bin so hungrig – haben Sie sich denn noch nicht satt gesehen an den dummen alten Scherben?« Und das junge Mädchen gähnte, seufzte und rieb sich die Augen. »Aber ich bitte Sie, Prinzeß!« Damit gingen beide Damen auf das Ausgangsportal zu, wo sie plötzlich sehr entmutigt stehenblieben. Es regnete in Strömen – regnete mit jener eigensinnigen, regelmäßig hintropfenden Eintönigkeit, die kein baldiges Aufhören verspricht. »Das ist unerträglich!« rief das junge Mädchen mit ihrem einschmeichelnden, jetzt weinerlich klingenden Stimmchen und mit einem leichten Zungenfehler, der sich als etwas ganz Unvergeßliches, Reizendes für immer dem Gedächtnis des täppischen, gutherzigen Sydow einprägte. »Unerträglich! – Wir können doch unsere Unterröcke nicht über den Kopf schlagen wie die Wallfahrerinnen!« »Meine Damen, wollen Sie mir erlauben, Ihnen eine Droschke zu verschaffen?« Mit diesen Worten trat der junge Preuße an sie heran – und dann, da ihn das junge Mädchen hochmütig und belustigt zugleich vom Kopf bis zu seinen sehr großen Füßen herab anstarrte, setzte er erklärend und sich verneigend hinzu: »von Sydow!« Die Damen nickten, ohne es für nötig zu erachten, ihm ihre Namen zu nennen, dann sagte die jüngere immer mit ihrer hastigen Artikulation und ihrem entzückenden Zungenfehler: »Sie werden uns sehr verbinden – wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen.« Mühe genug war's in der Tat. Sich der Zudringlichkeit italienischer Droschkenkutscher zu erwehren bei schönem Wetter, wenn man es vorzieht, zu Fuß zu gehen, ist schwer, aber einer Droschke habhaft zu werden bei schlechtem Wetter, wenn man dringend fahren will, das ist noch schwerer. Als es ihm endlich gelungen war, fürchtete er, die Damen würden ihm, des Wartens müde, davongelaufen sein – aber nein, da standen sie noch beide – die Begleiterin im schwarzgrauen Regenmantel, mit vom häufigen Kopfvorstrecken regenübergossenem Gesicht, um das die fettigen Haarsträhnchen halb wie Blutegel, halb wie Medusaschlangen herumbaumelten – das Mädchen tausendmal verführerischer als früher, leicht gerötet von dem frischen, nassen Wind, der ihr entgegenblies, und offenbar in etwas gehobener Stimmung, geschmeichelt von ihrer Eroberung. Sie war plötzlich gnädig gestimmt und lächelte ihm den verbindlichsten Dank zu. Ein Paar reizendere Füßchen als die, welche unter ihrem Kleid hervorguckten, während sie mit großer Ungeniertheit hochgeschürzt dem Wagen zuschritt, hatte Otto von Sydow in seinem Leben noch nicht gesehen. »Wohin soll ich den Kutscher dirigieren?« fragte er, nachdem er sorgfältig das Schutzleder um die Damen herum eingehakt hatte. »Hotel Washington!«   Er trug keinen Regenschirm, er war naß wie eine Ratte, und der Tag war kalt. Das tat nichts zur Sache, Otto von Sydow hatte sich nicht so warm gefühlt, seit er sich in Italien befand. Er übersiedelte sofort aus dem Hotel de la Paix ins Hotel Washington. Da der ganze erste Stock von einem Wiener Bankier in Beschlag genommen und das Hotel auch sonst ziemlich überfüllt war, erwies sich das Zimmer, das man ihm zur Verfügung stellte, als keineswegs besonderer Gattung – aber ihn focht das nicht an. Noch denselben Abend vor der Table d'hote fand er seine »Schönheit«. Sie saß im Lesezimmer und las Paris Caprice. Er erfuhr, wer sie war: Prinzeß Dorothee zu Ilm.   Sie war elternlos, Tochter eines nachgeborenen Sohnes und arm. Die Familie trotz ihrer ursprünglichen Vornehmheit herabgekommen, hauptsächlich durch das liederliche Leben der beiden Brüder des Prinzeßchens, insbesondere aber durch die Heirat des ältesten dieser beiden mit einer französischen Kunstreiterin. Seitdem die Koryphäe in Schloß Egerstein eingezogen, war Prinzeß Dorothee heimatlos und reiste mit einer sehr mageren Apanage und einer Begleiterin, die den Doppelposten einer Kammerzofe und Gesellschafterin bei ihr versah, in der Welt umher. Diese Begleiterin, welche Fürst Ilm in aller Eile durch die Zeitung für die Schwester verschafft, hieß Anna Feistmantel, stammte aus Wien, wo sie jenen ästhetisch angehauchten Kreisen angehörte, die sich für Künstler interessieren und hauptsächlich fürs Theater. Sie war seit zehn Jahren unglücklich in Sonnenthal verliebt und schwärmte daneben überhaupt für breitschultrige Männer, Wagnersche Musik und Romane, in denen man »die heilige Stimme der Natur« zu Worte kommen läßt. Unter dem Schutze dieses Frauenzimmers hatte Prinzeß Dorothee seit drei Jahren abwechselnd in Wien, Rom und Paris ihre Bildung vervollkommnet. Die Prinzessin weihte ihren Verehrer mit dem größten Freimut in ihre Verhältnisse ein, erzählte ihm, daß sich ihr Bruder schändlich gegen sie benommen habe – aber daran sei allein die Kunstreiterin schuld, die ihn jetzt völlig am Bändchen halte, man müßte sich hineinfinden, und darum sei Willi doch der entzückendste Mensch, den man sich denken könne – wie ein Spanier sähe er aus. – Sydow erinnerte sich seiner, er hatte im selben Regiment mit ihm sein Freiwilligenjahr abgedient. Ebenso ehrlich erzählte Prinzeß Dorothee davon, daß sie sich manchmal in Geldverlegenheiten befände; einmal war's ihr so knapp gegangen, daß sie ihren Hund an einen Engländer habe verkaufen müssen. Dreihundert Franken habe sie für ihn bekommen; es sei ihr sehr nahe gegangen, den Hund weggeben zu müssen, sie habe nie einen Menschen so gern gehabt wie diesen Hund, aber sie habe ein neues Ballkleid gebraucht damals in Rom für ein Fest auf der Deutschen Botschaft. Ihre Tante, Prinzeß Nimbsch, hatte sie chaperoniert, denn manchmal ginge sie in die Welt und manchmal nicht, das hinge davon ab, wie die Verhältnisse gerade lägen. Eigentlich mache sie sich nicht viel daraus, in die Welt zu gehen, man sei dadurch an so vielem gehindert, man könne sich gar nicht mehr ungeniert unterhalten und nicht einmal die kleinen Theater besuchen, wo die lustigsten Stücke gegeben würden. Drum sei sie am liebsten in Paris gewesen, wo sie kein Mensch kannte, da sei sie mit der Feistmantel – manchmal nannte sie ihre Begleiterin »die Feistmantel« und manchmal »die Alma« – »überall« hingegangen. Die Feistmantel hatte die Prinzessin im Laufe ihrer Geständnisse durch Fußstöße zurückzuhalten versucht, die sie ihrem Schützling unter dem Tische verabfolgte und von denen einer zufällig Sydow ganz empfindlich ins Schienbein traf. Da aber Prinzeß Dorothee gar nicht darauf Rücksicht nahm, so fiel ihr die Wienerin jetzt heftig ins Wort mit: »Nein, was die Prinzeß heute zusammenplauscht – ich bitt' Sie, Baron Sydow, schlagen's nur gleich fünfzig Prozent Agio ab von dem Gered'! Sie werden doch nicht glauben, daß ich ein mir anvertrautes junges Mädchen an einen unpassenden Ort hinführen werd'!« »Ach, was weiß ich, was unpassend ist und was nicht – ich kümmere mich nur um das, was amüsant ist und was langweilig,« lachte das Prinzeßchen, »und wir sind überall gewesen – die Feistmantel posiert nur ein wenig für den durchlauchtigsten Familienanstand, Herr von Sydow, aber glauben Sie ihr nicht, wir haben Ma Camarade gesehen und Niniche, und einmal waren wir sogar im Café des ambassadeurs ! – Etsch ...!« Und sie schabte ihrer aufgeregten Duenna ein Rübchen. »Aber, Baron Sydow, lassen S' sich doch so was nicht weismachen,« rief die Feistmantel außer sich, » im Café des ambassadeurs – das ist ja ein Café chantant – sie flunkert ja nur so ins Blaue hinaus, 's ist ja kein Wort wahr!« »Nicht wahr? ... Ja, gerade ...« entgegnete unbeirrt das Prinzeßchen, »freilich war's ein Café chantant , und die Sängerin hat Estelle où est ta flanelle gesungen – es war zum Ersticken komisch, aber ich kann's geradeso wie sie, noch denselben Abend hab' ich mir's einstudiert – ich muß es Ihnen nächstens vorsingen, Herr von Sydow, das heißt, wenn wir uns besser kennenlernen. Ach, gibt's denn kein Café chantant in Florenz, wo Sie uns hinführen könnten?« »Aber Prinzeß ...!« rief hier die Feistmantel. »Als ob uns ins Café des ambassadeurs nicht auch ein Herr geführt hätte, den wir im Hotel kennengelernt hatten!« rief Dorothee. »Ein Amerikaner war's, Mr. Higgs hieß er und war ein reichgewordener Käsehändler aus Connecticut. Er war sehr nett, er schickte uns immer Logenbillette – später wollte er mich heiraten; er gefiel mir gut, ich hätte ihn gleich genommen, meine Verwandten aber meinten, es sei keine Partie für mich. Nun, den Kopf habe ich mir nicht abgerissen deshalb, weil ich ihn nicht haben konnte, aber genommen hätt' ich ihn. Wir Prinzessinnen Ilm haben zwar das Recht, gekrönte Häupter zu heiraten, aber ich werde nie davon Gebrauch machen. Wenn ich Kaiserin wäre, würde ich immer inkognito reisen – sobald ich großjährig bin, heirate ich einen Kaminfeger – wenn er Millionär ist, oder wenn ich mich in ihn verliebe!« »Es ist beides so überaus wahrscheinlich!« lachte Sydow. Das war die einzige Bemerkung, die er sich im Laufe dieses Gesprächs erlaubte – eines Gesprächs, das am ersten Abend seiner Anwesenheit im Washington in dem großen, niedrigen Lesezimmer dieses Hotels stattfand. Nachdem die Prinzessin mit ihren Geständnissen fertig war, trat sie an das Fenster und blickte auf den Arno hinaus. Ein Weilchen blieb sie ganz still, als aber Anna Feistmantel anfing, sich von ihrer Schreckensstarrheit erholend, Sydow eindringlich etwas Erbauliches vorzulügen, da wendete sich die Prinzeß ruhig um und sagte: »Herr von Sydow, wollen Sie einen Spaziergang mit uns machen? Florenz ist so wunderschön bei Nacht.« Den nächsten Tag fuhr er mit den Damen nach Fiesole. Er saß erbärmlich schlecht auf dem Vorderbänkchen einer florentinischen Droschke und fühlte sich wie ein König glücklich. Es war in der Mitte April, und ein steil aufrechtstehender Kamm von weißen und violetten Iris krönte die weißen Mauern, welche die sich nach dem altberühmten kleinen Städtchen hinaufkrümmende Straße umsäumten, Rosenbüsche wuchsen dazwischen und senkten ihre blühenden Äste bis in den Staub hinab. Barfüßige italienische Kinder mit zerzaustem Haar und leuchtenden Augen warfen Rosensträuße in die Droschke und verfolgten Sydow und die beiden Damen mit geflochtenen Strohwaren. Wie viele Liri- und Fünfzig - Centesimi-Stücke warf er an jenem wunderschönen Frühlingstage in den Staub! Je mehr er seiner Großmut die Zügel schießen ließ, um so länger wurde der Zug seiner Verfolger. Ein ganzes Heer von Kindern lief hinter dem Wagen drein, lachend und gestikulierend, schreiend, alle hübsch, mit Licht in den Augen und Blumen in den Händen, wie eine Schar zerlumpter Frühlingsgenien nahmen sie sich aus. Mit einemmal schrie der Kutscher irgend jemand an, der nicht ausgewichen war. Sydow sprang auf und sah sich um. Die staubige Straße entlang kroch ein erbärmliches Bettlerpaar – alt, verkrümmt, mit wunden, von schnöden Lappen umwickelten Füßen. Es schnitt ihm in die Seele, etwas so Elendes zu sehen mitten in der leuchtenden Frühlingspracht. Und was konnte er schließlich tun, als ihnen eine Münze zuwerfen! Die Feistmantel, die als jahrelanges Mitglied des Vereins gegen Bettelei seine leichtsinnigen Almosenspenden als »unsittlich« bezeichnete, schalt ihn dafür aus – und das Prinzeßchen lachte über die Bettler, deren sich aneinanderschmiegendes Elend sie komisch fand und denen sie ein spöttisches »Philemon und Baucis!« nachrief. Im ersten Moment erschrak er über sie; dann sah sie ihn freundlich an, und er sagte sich: »Ach, sie ist eben ein Kind!« Er hatte nicht die Fähigkeit, ihr etwas übelzunehmen. Den nächsten Morgen kam der deutsche Sekretär des Hotels auf ihn zu und fragte ihn nach einigen Umschweifen, ob er denn näher und schon längere Zeit mit der Prinzessin bekannt sei. Sehr verlegen, ohne eine Ahnung, auf was der Sekretär hinzielte, erklärte er, seine Bekanntschaft sei von der oberflächlichsten Art. Der Sekretär verbiß ein Lächeln hinter seinem dunkelblonden Vollbart – Sydow hatte die größte Lust, ihm eine Ohrfeige zu versetzen, nur die Angst, dem Ruf der Prinzessin durch ein derartiges Vorgehen zu schaden, hielt ihn davon ab. Es stellte sich heraus, daß der Sekretär sich durchaus keine verfängliche Neugier hatte zuschulden kommen lassen. In was für Beziehungen der junge Preuße zu der hübschen Prinzessin stand, war ihm gleichgültig, er wollte nur wissen, ob Sydow etwas von ihrer Familie wisse – ob sie eine wirkliche Prinzessin und ob ihre Familie vermögend sei. Sie reise ohne Kammerjungfer und habe seit einem Monat die Rechnung nicht bezahlt, teilte er Otto mit. Daraufhin schnauzte Sydow den Sekretär gehörig an und erklärte ihm, er brauche sich keine Sorgen zu machen, die Ilms gehörten zu den Vornehmsten in Deutschland. Die Prinzessin habe gewiß einfach vergessen zu zahlen, weil es ihr unwichtig vorgekommen sei, sich damit zu beeilen. Der Sekretär überstürzte sich in Entschuldigungen. Drei Stunden verbrachte Sydow damit, darüber zu klügeln, wie er der Prinzessin seine Hilfe anbieten könne. Endlich – es regnete draußen schauerlich, und die Damen waren zu Hause – klopfte er bei ihnen an. »Wer ist's?« fragte das grobe Organ der Feistmantel. »Sydow.« »Herein, bitte, bitte,« kicherte das hohe Stimmchen der Prinzessin. Er trat ein. Ein kleines Zimmer war's, das sie bewohnten im dritten Stock. Die Feistmantel saß beim Fenster und flickte irgend etwas, die Prinzeß saß auf ihrem Bett und las Autour du mariage von Gyp. Die Prinzeß rührte sich nicht weiter von ihrem Sitz, reichte ihm nur mit einem einschmeichelnden Lächeln die Hand; die Feistmantel räumte in aller Eile einen Lehnstuhl ab und bot ihm denselben an. »Ach, was für ein schauerlicher Tag! Ich freu' mich so, daß Sie gekommen sind, wir langweilen uns tot!« sagte Prinzeß Dorothee und rieb sich die Augen, dann schlug sie beide Füße unter sich, daß sie wie eine Türkin auf der Bettdecke kauerte, und sagte: »Können Sie mir eine Zigarette geben – meine sind mir ausgegangen!« Die Feistmantel sagte irgend etwas Entsetztes über das Rauchen der Damen, und Dorothee bemerkte gelassen: »Ach, hören Sie nicht zu, die posiert schon wieder für den durchlauchtigsten Familienanstand, aber es geht ihr nicht von Herzen, das Rauchen hab' ich von ihr gelernt! Ach, welch eine entsetzliche Welt – who but ducks and pumps can keep out of the dumps in a world, that never is dry! Ach, ich langweile mich – wie ich mich langweile!« Sie reckte sich ein wenig. »Ich wollte wenigstens zu Doney gehen. Gefrorenes essen, aber wir können nicht, wir haben kein Geld!« Jetzt platzte Sydow heraus, plump und verlegen, mit der kleinen Rede, die er sich mühsam ausspekuliert, ebenso mühsam auswendig gelernt, und in der er nun doch dreimal steckenblieb. Er hatte gehört, daß die Damen einen Geldbrief vergeblich erwarteten – es sei gewiß eine Konfusion daran schuld – wollten Sie ihm erlauben, ehe die Sache ins reine gebracht – ehe sie eine Antwort aus Deutschland erhalten hätten – ihnen – aus ... auszuhelfen? Ganz beschämt hielt er inne. Würden sie ihn zum Zimmer hinausjagen? Nein! Die Prinzessin breitete ganz einfach die Arme aus und schrie: »Sie sind ein Engel, ich hätte Lust, Ihnen um den Hals zu fallen!« Was sie natürlich nicht tat, aber im Grunde wär's ihr nicht darauf angekommen. Noch denselben Abend war die Rechnung der Prinzessin beglichen. Zwei Tage später kam Goswyn nach Florenz. Er überraschte seinen Bruder beim Diner, das dieser mit Prinzessin Dorothee und der Feistmantel an einem besonderen Tischchen, am äußersten Ende des langen, schmalen, luftlosen Speisezimmers, knapp neben einem Fenster, das auf den Arno hinaussah, einnahm. Die Prinzessin kicherte und scherzte mit ihrem hohen, hellen Stimmchen, daß man es bis vor die Tür des Speisesaales hörte; sie trug ein weißes Kleid und ließ einen Brillantring in der Sonne blitzen. Anfangs lächelte Goswyn nur in sich hinein über die artige Reisebekanntschaft seines Bruders; als er aber näher zusah, wurde ihm die Sache bedenklich. Natürlich mußte er sich zu den dreien an den kleinen Tisch setzen. Die Prinzeß fing sofort an, mit ihm zu kokettieren. Erst konstatierte sie, daß sie nun eine Partie carrée bildeten, das sei sehr lustig – bis dahin habe Herr von Sydow zwischen seinen zwei Damen den Eindruck eines Grafen von Gleichen gemacht, aber jetzt würde man sie gewiß für zwei hochzeitsreisende Ehepaare halten. Dann pflanzte sie beide Ellenbogen auf den Tisch, und sich zu Goswyn hinüberbeugend, fragte sie: »Welcher von den beiden Herren nimmt sich die Feistmantel?« »In diesem Fall entscheidet die Damenwahl,« erwiderte Goswyn lachend. »Dann fällt Ihnen mein Schutzgeist zu,« lachte Prinzeß Dorothee, »ich halt's mit Ihrem Bruder – ich hab's Ihnen nämlich gleich an der Nasenspitze angesehen, daß Sie ein sehr unbequemer Gesell find, Herr Goswyn von Sydow« – sie sprach den Namen mit komischem Pathos aus –, »ja, ein gründlich unbequemer Gesell – nicht drei Tage könnte ich's mit Ihnen aushalten, während mit Ihrem Bruder – das ganze Leben könnte ich mich mit dem vertragen. Das ist so ein treuer, täppischer Bär. Ich habe immer eine Vorliebe für Bären gehabt. Da, sehen Sie, diesen Ring hat er mir zum Vielliebchen geschenkt; ist er nicht hübsch?« Otto von Sydow erinnerte sich noch heute des sonderbaren Blicks, mit dem sein Bruder den Ring betrachtete. Noch denselben Abend hatten die Brüder eine heftige Auseinandersetzung. Goswyn gab zu, daß die Prinzessin allerliebst sei, trotz ihrer schlechten Erziehung und ihres unmöglichen Tons. Für eine flüchtige Reisebekanntschaft konnte man sich eigentlich nichts Reizenderes denken. Nur sei sie ja doch aus sehr gutem Hause und, so merkwürdig sie sich in der Konversation auch gehen lassen mochte, im Innersten rein. Infolgedessen sei es Gewissenssache, sie so gründlich zu kompromittieren, wie es Otto tue – und ... an eine Heirat – selbst wenn sich die trotz ihrer Armut sehr hochmütigen Ilms zu dieser Mesalliance verstünden – war nicht zu denken. Das Resultat dieser Unterredung war, daß Otto mit gesenktem Kopf seinem klügeren, willensstärkeren Bruder recht gab, daß er versprach, den nächsten Morgen mit ihm abzureisen, daß, als der Wagen bereits mit den Koffern vor der Tür stand, er Prinzeß Dorothee auf der Treppe begegnete – daß er nicht abreiste und sich mit der Prinzessin verlobte. Man täte unrecht, zu glauben, sie habe ihn nur seines Geldes wegen genommen. Nein, die fast unheimlich zarte Prinzessin hatte wirklich eine Vorliebe für »Bären«; soweit sie irgend jemand liebhaben konnte, hatte sie ihren schwerfälligen, täppischen Mann lieb, gerade wie sie schwarzes Brot und saure Milch allen Delikatessen der Welt vorzog. Während der Flitterwochen, die sie mit Otto auf seiner Herrschaft Kößnitz in Schlesien verbrachte, entwickelte sie sogar eine erstaunliche Zärtlichkeit; aber sie konnte eben auf die Länge der Zeit gar nichts lieben. Dann ... sie war eine geregelte Existenz ungewohnt, bald langweilte sie sich drin zum Sterben. Es hatte sie anfangs gefreut, in dem Reichtum ihres Gatten zu wühlen, sich ein Kleid nach dem anderen machen zu lassen, sich mit Geschmeide zu behängen – im Grunde genommen war ihr das bald alles lästig, eintönig. Ach, irgendein kleines Zimmerchen im dritten Stock in einem Pariser Hotel mit der Feistmantel, Nahrungssorgen, Freiheit und alle Tage eine neue Eroberung. Wie sie sich danach zurücksehnte! Anfangs hatte sie ihrem Manne zu Ehren in Berlin die konventionelle Haltung einer großen Dame angenommen – aber das war ihr bald das Langweiligste in ihrem neuen Leben, bei dem ihr eigentlich alles langweilig war. So viel Böses man bereits von ihr sprach, war sie damals noch wirklich durchaus unschuldig. Es war nicht nur eine Täuschung ihres Mannes. »Sie hat ja kein Temperament, sie hat ja absolut kein Temperament,« sagte er sich, während er durch das schlammige Tauwetter nach Hause stapfte. An diesem melancholischen Trost mußte er sich genügen lassen. Aber so plump er war, wußte er doch, daß Frauen, die gegen die Versuchung unempfindlich sind, häufig die Scheu vor dem Fehltritt nur in sehr geringem Maße fühlen. Die Sache ist ihnen einfach nicht wichtig – weder so noch so. Die Leidenschaft würde Prinzeß Dorothee nie zu Fall bringen, aber die Langeweile, die manchmal in vernichtende Melancholie ausartete, konnte es tun. Otto von Sydow schauderte bis ins Mark hinein. Dann brannten ihm plötzlich die Wangen. Er hätte sich ohrfeigen mögen dafür, daß er seiner Frau gegenüber solche Bedenken aufkommen ließ. Wenige Tage nach dem gelungensten Donnerstage der bösen Fee verbreiteten sich zwei neue Gerüchte in Berlin: erstens, daß Goswyn von Sydow »schon wieder« ein Duell wegen seiner Schwägerin gehabt, und zweitens, daß Gräfin Lenzdorff dem Modemaler Riedel gestattet habe, das Porträt ihrer Enkelin als Heideblume zu malen. Was an dem Duellgerücht Wahres war, konnte man nie ganz entdecken. Goswyn von Sydow wurde wohl in der nächsten Zeit mit dem Arm in der Binde gesehen, aber da er gegen alle seine Bekannten behauptete, er sei vom Pferde gestürzt und habe sich dabei die Hand verstaucht, so mußte man sich an dieser Erklärung genügen lassen. Wenn besonders scharfsinnige Menschen hinzusetzten, in gewissen Fällen sei das Lügen für einen anständigen Menschen Pflicht, mochte er auch sonst noch so wahrheitsliebend sein, so war das ihre Sache. Was nun das Porträt betraf, so hatte es damit allerdings seine Richtigkeit. Gräfin Lenzdorff hatte Riedel die Bitte gewährt, daß ihm Erika als Heideblume stehen möge, natürlich nicht in dem Atelier des Künstlers, sondern im Salon der alten Gräfin, wo Riedel eine Woche hindurch täglich drei Stunden mit seinen Aquarellfarben vor einem sehr großen Bogen Papier saß und an Erika herumpinselte. Das Resultat seiner wohlgemeinten Anstrengungen war ein Mittelding zwischen der Mignon von Ary Scheffer und dem Gretchen am Brocken von Gabriel Max. Natürlich war Gräfin Lenzdorff mit dieser Leistung keineswegs einverstanden, hatte jedoch, die Kunstfertigkeit des in Rede stehenden Künstlers kennend, nicht viel Besseres erwartet. »Ein echter Schönheitsmaler, dieser Riedel,« sagte sie von ihm, »so ein Allerweltsschmeichler, der sich gegen Runzeln, Narben und andere störende Unregelmäßigkeiten blind stellt. In der großen Welt, wo die Wahrheit noch heute zu den Nichtaufgenommenen zählt, machen solche Schmeichler Glück. Sie stören sie nicht in ihren Illusionen, und darauf kommt es der »Welt«, der sogenannten »großen Welt« mehr als auf alles andere an!« Sie hütete sich nicht im mindesten davor, die große Welt in ihren Illusionen zu stören – im Gegenteil, sie störte sie mit besonderer Vorliebe und spottete coram publico über die weiße Beschönigungssalbe, welche die mustergültigsten Mitglieder der Gesellschaft ebenso wie die bei ihr besonders beliebten Künstler und Literaten quer über alle Eigentümlichkeiten der Menschheit schmieren, und die im Leben ein »wohlwollendes Urteil«, in der Kunst eine »ideale Auffassung« heißt, sie verbrachte sozusagen ihr Leben damit, ihren Bekannten die rosa Gardinen von den Fenstern herunterzureißen. Das war ihren Bekannten natürlich sehr unbequem. Die Bekannten liebten ihre rosa Gardinen, die, das häßliche, schonungslos nüchterne Tageslicht vor ihnen absperrend, nur eine beschönigende Dämmerung hereinließen, unter deren einschmeichelnden Schleiern alle schroffen Ecken und dunklen Flecken des Lebens verschwanden. Sie nannten die Helligkeitswut der Gräfin Lenzdorff grausam. Die Gräfin wiederum nannte die dringenden Dämmerungsbedürfnisse ihrer Freunde feig, und wenn sie von der großen Welt sprach, so bezeichnete sie dieselbe gewöhnlich kurzweg als »Kapillawastu«. Erika fragte die Großmutter, was das Wort bedeute. Die alte Frau erwiderte: »Kapillawastu ist der Name der Stadt, in der Buddha groß geworden ist – der Stadt, in welcher ihm seine Eltern die Tatsache, daß es auf der Welt Alter, Tod und Krankheit gibt, für immer vorenthalten zu können wähnten!« Und dabei lachte sie vor sich hin und fügte, die Achseln zuckend, hinzu: »Oh, diese große Welt! Die große Kinderstube, in der die Kinder sich nie zu Vollmenschen entwickeln!« Sie spöttelte ihr ganzes Leben lang über die »große Welt« – was nicht verhinderte, daß es ihr unbequem gewesen wäre, irgend etwas anderes zu sein als »eine sehr große Dame«. Sobald Riedel das Heideblumenbild zu seiner eigenen Befriedigung vollendet und, mit seiner wertvollen Signatur versehen, der Gräfin Lenzdorff als Tribut seiner Verehrung zu Füßen gelegt hatte, erbat er sich die Erlaubnis, das Meisterwerk auszustellen, und zwar bei Schulte unter den Linden. Die Erlaubnis wurde ihm gewährt, natürlich nur unter der Bedingung, daß der Name des Modells verschwiegen bliebe. Mochte das Bild nun die »süßliche Pfuscherei« sein, als welche es die Gräfin Anna bezeichnete, oder das »herrliche Kunstwerk«, als welches die vielen Verehrer Riedels es ausschrien, jedenfalls machte es großartiges Aufsehen – so großes Aufsehen, daß eines Tages Gräfin Lenzdorff von dem Wunsch befallen wurde, die Wirkung, welche es auf das Publikum übte, mit eigenen Augen zu prüfen. An einem schönen, leuchtenden Tag Anfang März ging sie mit Erika, den Wagen langsam nachfahren lassend, zu Fuß den Tiergarten entlang. Es machte ihr Vergnügen, die unbefangene Bewunderung zu beobachten, die ihre Enkelin allenthalben hervorrief. »Alle Leute sehen dich an, der Kaiserin könnte man nicht mehr nachstarren,« sagte die Großmutter und lachte. Indem erblickte sie einen jungen Dragoneroffizier, der, seine Hand an der Mütze – wie sich die alte Gräfin ausdrückte –, die Enkelin ansah und die Großmutter grüßte. »Goswyn! das ist nett,« rief sie, ihn ansprechend. »Wir sind eben im Begriff, zu Schulte zu gehen, um uns Erikas Porträt anzuschauen. Wollen Sie mitkommen?« »Wenn Sie mich mitnehmen! Das Porträt werden Sie übrigens nicht sehen,« erklärte er lächelnd, »nur eine große Menschenmenge, die sich davor drängt; so zum wenigsten fand ich den Stand der Dinge, als ich das letztemal bei Schulte war.« »Also Sie waren schon bei Schulte?« sagte die alte Gräfin, ihn lustig anblinzelnd; »nun dann lockt es Sie gewiß nicht, ein zweites Mal hinzugehen.« »Wegen des Bildes allerdings nicht,« erklärte Goswyn, »aber Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß Sie mich jetzt noch loswerden, Gräfin.« Etwas vor ihnen stand im Schatten der alten Linden ein sehr kleiner verkrüppelter Knabe mit einem sehr großen Höcker und spielte Harmonika. Der dünne Ton des Bettelinstruments klang recht jämmerlich in den Glanz des Tiergartens hinein. Eine Dame, die an dem Kinde vorüberging, kehrte sich schaudernd ab. Dem Knaben flossen die Tränen über das blasse, kluge Gesicht. Er drückte sich tiefer in den Schatten. Goswyn reichte dem Krüppel, ohne sich im Gespräch mit der alten Frau zu unterbrechen, ein Almosen. Mit einemmal merkte Gräfin Lenzdorff, daß Erika ihren Blicken entschwunden war. »Wo ist denn das Kind?« rief sie – sie sah sich um. Erika war zurückgeblieben, um dem kleinen Krüppel die bleiche Wange zu streicheln. Als sie merkte, daß man sie ertappt, riß sie sich eiligst von dem kleinen Märtyrer los. Sie war feuerrot und hatte nasse Augen. »Aber Erika!« rief die Großmutter entsetzt, »was fällt dir ein?« »Ich hab's nicht aushalten können,« rief das junge Mädchen, »es war so gräßlich von der dicken protzigen Frau, dem Kinde zu zeigen, daß sie sich vor ihm ekle.« Erika hielt mit Mühe die Tränen zurück. »Aber Erika!« Die Großmutter legte ihrer Enkelin die Hand auf den Arm und sprach sehr sanft: »Du kannst dir eine Krankheit holen!« »Und wenn,« murmelte Erika noch immer ganz außer sich, »da werd' ich doch noch nicht so elend sein wie der Kleine. Warum soll ich alles haben und er nichts!« Dagegen war nichts einzuwenden, selbst die allezeit schlagfertige Philosophie der Großmutter verstummte. Schweigend gingen die drei nebeneinander. Wehleidig, wie die im Grunde sehr gutherzige alte Gräfin war, trachtete sie den traurigen Eindruck von sich abzuschütteln, aber es ging nicht recht. Sie schielte nach Goswyn hin. So ernst und so gerührt hatte sie ihn noch nie gesehen; und plötzlich erlosch ihr Anlauf von Verzweiflung über die Ungerechtigkeiten der Weltordnung und ging in stolze Freude über. Kurz darauf hatten sie die Kunsthandlung erreicht.   Die Heideblume hing im zweiten Zimmer und war in der Tat von einem ansehnlichen Menschenschwarm umdrängt. Dennoch war der alten Gräfin das Gewimmel eigentlich nicht dicht genug. Vielleicht hatte sie erwartet, daß die Leute einander über die Schultern kriechen würden. Jedenfalls hätte sie nichts dagegen einzuwenden gehabt. Indessen lieh sie ihrer Enttäuschung keineswegs Worte, sondern spöttelte lustig über das, was es an Gaffern gab. Auf dem sehr effektvollen Rahmen des Bildes war das Wort »Heideblume« eingeschnitzt und an der linken Ecke desselben eine Grafenkrone angebracht. »Ein Bettelmädchen und eine Grafenkrone! – etwas Rührenderes gibt es für den Spießbürger nicht,« rief die alte Philosophin; dann flüsterte sie Erika ins Ohr: »Gott sei Lob und Dank, daß man dich nach diesem Gepinsel nicht erkennt, sonst würde sich der ganze Troß um dich versammeln. Wie finden Sie das Bild, Goswyn?« wendete sie sich an den jungen Offizier. »Schlecht,« erwiderte Goswyn stirnrunzelnd; »unter uns gesagt, begreife ich nicht, daß Sie dem Pfuscher gestatteten, es auszustellen.« »Was wollen Sie,« gab die Gräfin achselzuckend zurück, »er versprach sich eine große Wirkung davon – auf die Gemüter der Kommerzienrätinnen, und in der Tat scheint er sich nicht geirrt zu haben. Die Großherzogin von Geroldstein hat bereits ihr Bild bei ihm bestellt. Ich für meinen Teil begreife das Pläsier nicht. Für mich ist der Riedel eine Null. Sobald sich ihm ein Modell präsentiert, das der Mühe wert ist, versagt ihm selbst die Kunst der Schmeichelei, auf die doch seine ganze Karriere basiert ist. Die Erika ist ja zehnmal hübscher als auf dem Bilde!« Dies war entschieden auch Goswyns Ansicht – dennoch machte er ein ernstes Gesicht und blieb stumm. Heimlich fragte er sich, ob die zerstreute alte Frau vielleicht wieder einmal die Anwesenheit ihrer Enkelin völlig vergessen habe? Dies war nicht der Fall. Es fiel ihr einfach nie ein, Erikas Schönheit als ein Geheimnis zu behandeln, von dem die ganze Welt wissen durfte, nur nicht Erika selbst. Es wäre ihr ebenso unnütz vorgekommen, Erika zu verschweigen, daß sie auf soundso viel tausend Mark jährliches Einkommen zu rechnen habe. »Ich möchte Sie doch auf ein Bild aufmerksam machen, das mein Herz erobert hat,« bemerkte er nach einer Pause, um das Gespräch auf andere Bahnen zu lenken, und dabei deutete er auf ein Gemälde, bei dessen Anblick die alte Dame einen kräftigen Ausruf der Bewunderung ausstieß, während Erika bleich und stumm in starres Schauen versank. Das Bild hieß »Die Seherin« und stellte ein Bauernmädchen dar, bleich, mit großen, in eine Vision verlorenen Augen und dünnen, tastend vorgestreckten Händen. Aus der sich flach hindehnenden Landschaft ragten rechts von dem Mädchen ein paar Weiden hervor, mit zerrissenen Stämmen, aus denen Wiesenblumen wuchsen, im Hintergrund zogen sich über einen ärmlich hinsickernden Bach wuchtig steinerne Brückenbogen, zwischen denen man die Konturen eines elenden Dorfes hinter leicht verwischendem Nebel aufdämmern sah. Das Berliner Publikum war damals noch zu sehr verwöhnt von billigen malerischen Euphemismen, als daß es der Herrlichkeit dieses Kunstwerks irgendeinen Geschmack hätte abgewinnen können. Ein paar Kunstjünger gingen kopfschüttelnd daran vorüber und bezeichneten es als »unreifes Obst«. Gräfin Lenzdorff fing das Wort auf. »Unreifes Obst – ganz richtig,« wiederholte sie, da sich diese scharf aburteilenden Kritiker zurückzogen, »aber ein sehr edles Obst, ich wünsche nur, daß es unter günstigen Bedingungen ausreifen möge. Das Ding ist voll Talent. »Eine Seherin«! offenbar eine Jeanne d'Arc.« »Wahrscheinlich,« meinte Goswyn, »es ist eigentümlich in der Auffassung – nichts Hergebrachtes dabei. Sehen Sie nur, welche Begeisterung in dem blassen Gesichtchen und welche Keuschheit in dem edlen, aber fast dürftigen Körper! Es ist ein fesselndes Ding!« »Das Seltsame dabei ist, daß diese Seherin der Erika im Grunde genommen mehr gleicht als die Riedelsche Heideblume!« rief Gräfin Lenzdorff. »Das Bild muß ich haben!« »Sie kommen zu spät, Gräfin,« erwiderte Goswyn. »Es ist schon verkauft? Um welchen Preis?« »Es war sehr billig – ein Anfängerpreis,« gestand Goswyn, der ein wenig rot geworden war. Die alte Gräfin lachte – sie hatte nichts dagegen, daß Goswyn von seinen schmalen Renten ein Bild kaufte, nur weil es ihrer Enkelin ähnlich sah. Erika zitterte indes heimlich an allen Gliedern. Daß er es war, der das Bild gemalt, daran konnte sie nicht zweifeln, wer sonst hätte Luzan gekannt – Luzan und sie. Sie fühlte sich stolz auf ihren Schützling. »Lozoncyi« las sie in der Ecke des Bildes. Sie freute sich darüber, daß er einen hübschen, fremdklingenden Namen hatte. »Sie sollen's für mich auskundschaften, wo sich der junge Mann aufhält,« rief jetzt Gräfin Lenzdorff eifrig – »er muß mir die Erika malen, solang er noch billig ist!« Goswyn räusperte sich. »So sehr ich das Talent dieses Unbekannten auch schätze,« bemerkte er, »Gräfin Erika würde ich an Ihrer Stelle doch nicht von ihm malen lassen!« »Warum nicht?« »Weil er zu gleicher Zeit mit der Seherin ein zweites Bild hier ausgestellt hat, für das man noch speziell Entree zahlen muß.« »So!« rief Gräfin Lenzdorff, »ist es gar zu schrecklich?« »Das Schreckliche daran ist der Vorhang, der das Bild vor den Blicken des Publikums absperrt – und die Mark extra, die man dafür zahlt, es zu sehen,« erwiderte Goswyn halb lachend; – »'s ist immerhin ein gewaltiges Ding – später gemalt als die Seherin und unter einem anderen Einfluß. Wenn Sie sich's ansehen wollen, so gönnen Sie mir vielleicht die Ehre, Gräfin Erika so lange zu beschirmen, bis Sie zurückkommen; man tritt von der Hintertür ein.« Entgehen ließ sich Gräfin Lenzdorff etwas Derartiges nicht. Sie war eine alte Frau, niemand konnte etwas dagegen einzuwenden haben, daß sie sich das Bild ansah, nicht einmal der skrupulöse Goswyn. So ging sie denn lustig und neugierig ihrer Wege. Erika war inzwischen totenblaß geworden, ihr war's, als sei ein liebes altes Kinderspielzeug, an das sich rührende Erinnerungen knüpften, in eine Pfütze gefallen! – Es war vorüber. Mochte es dort liegenbleiben – sich danach bücken, um es aufzuheben und daran herumzuputzen, wollte sie nicht. Goswyn, der sie genau beobachtete, konnte die Veränderung, die sich plötzlich mit ihr zugetragen hatte, nicht verstehen. Die große Sensibilität ihres sittlichen Organismus hatte er zwar schon öfters zu beobachten Gelegenheit gehabt, diesmal fehlte ihm jedoch zu dem Rätsel ihres Empfindens der Schlüssel. Was lag ihr schließlich daran, ob ein ihr gänzlich unbekannter Maler ein unanständiges Bild gemalt hatte oder nicht. Er trachtete ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, hatte es aber noch nicht recht zustande gebracht, als Gräfin Lenzdorff bereits zurückkehrte, und zwar mit einem sehr stolzen Gang und hochgehobenem Kopf, was bei ihr den höchsten Grad von Entrüstung ausdrückte. »Sie scheinen entsetzter, als ich erwartete, Gräfin!« rief ihr Goswyn entgegen. »Ach was,« entgegnete ihm die alte Frau ungeduldig, »für Backfische und Gymnasiasten ist das Bild nicht – aber schließlich ... Dem Bild gilt meine Entrüstung nicht ... wissen Sie, wen ich dort hinter dem Vorhang getroffen habe, mit dem Prinzen Nimbsch und noch zwei oder drei jungen Herren? ... Ihre Schwägerin Dorothee! – Ein Bild, zu dem man durch eine Hintertür hineingeht, braucht eine so junge Frau überhaupt nicht anzusehen – aber daß sie sich zu einem derartigen Pagenstreich noch ein Gefolge von jungen Herren mitnimmt, das geht über den Spaß! Wenn man auch keine Grundsätze hat – mein Gott, es ist schwer, Grundsätze zu behalten in dieser philosophischen Zeit, in der man nicht mehr recht weiß, auf was man dieselben stützen soll – ein wenig sittliches Schönheitsgefühl behält man doch!« Seit einiger Zeit hatten die Bummler in der Bellevuestraße jeden Morgen sehr viel zu gaffen. Vor dem Palais, dessen erstes Stockwerk die Gräfin Anna Lenzdorff bewohnte, standen täglich gegen acht Uhr früh drei schöne, ungeduldig scharrende Pferde, von denen eines einen Damensattel trug. Ein Stalljunge in einer drabfarbenen Velvetjacke hielt zwei von den Pferden, während ein Groom in Zylinder und weißer Lederhose das dritte Pferd, das mit dem Damensattel, andächtig bewachte. Der Groom hatte Säbelbeine und ein rotes, stumpfes, aber außerordentlich englisch aussehendes Gesicht. Er war das Ideal von einem Groom. Es dauerte jedesmal nur eine kurze Weile, dann traten aus dem eisenverschnörkelten Tor des Palais erst eine junge Dame in einem knapp anliegenden, dunkelblauen Reitkleide und Männerhut, unter dem ihr leuchtendes Haar, in einem dicken Knoten fest zusammengeflochten, trotz aller bändigenden Anstrengungen etwas zu üppig hervorquoll, und dicht hinter ihr ein blonder Dragoneroffizier. Erst streichelte sie die Tiere ein wenig und reichte ihnen Zucker, dann legte sie die rechte Hand auf die Gabel des Damensattels und die linke auf die Schulter des sich neben ihr zusammenknickenden Offiziers, der, ihr Füßchen in die Hand nehmend, sie mit einem Ruck aufs Pferd hob. – Was für ein Füßchen es doch war! – das kleinste, das sich je in einem lackledernen Reiterstiefel versteckt hatte, so schmal, so edel geformt und so zart hilflos! Es verschwand beinah gänzlich in der großen, gesundkräftigen Hand des jungen Offiziers – dann noch ein kleines Hin- und Herrücken im Sattel – »Alles in Ordnung, Gräfin Erika?« »Ja, Herr von Sydow.« Worauf der Offizier und sein Groom in einer Sekunde aufsaßen und sich die kleine Kavalkade im vorsichtigen Schritt mit laut klappernden Hufen dem sehr nahen Tiergarten zu bewegte. Von der kleinen, die Aufmerksamkeit der Gassenjugend so sehr in Anspruch nehmenden Gruppe blieb nichts übrig als der Stalljunge Max, der sich sehr wichtig vorkam, sobald die Herrschaft nicht dabei war, und dem Publikum eine scharfe Strafpredigt über unbefugte Zudringlichkeit hielt, im schönsten Berliner Dialekt und mit Gesten, die seine Gefühle drastisch illustrierten. Zu Ende des Winters hatte Gräfin Lenzdorff gefunden, daß ihre Enkelin schlecht aussehe und ihr eine tüchtige Bewegung not tue. Erst hatte es geheißen, daß sie den sehr langen Reitkurs im königlichen Marstall durchmachen sollte. Da sie das langweilig fand, bettelte sie sich davon los. Goswyn wurde mit der Mission betraut, ihr ein Reitpferd auszusuchen. Hierauf überwachte er ihren Unterricht in einer naheliegenden Reitbahn, worauf sie bald genug wußte, um mit ihm ins Freie hinauszutraben – das heißt gerade genug, um sich im Sattel zu halten auf einer ausgezeichnet zugerittenen Fuchsstute und neben einem sehr vorsichtig beobachtenden Begleiter, der ebenso gut alle Eigentümlichkeiten des Pferdes wie die Grenzen der Reitkunst der jungen Amazone kannte. Übrigens machte sie rasch die erstaunlichsten Fortschritte – und dann – sie sah so allerliebst aus im Sattel. Als sie angefangen hatte, mit Goswyn auszureiten, war der Tiergarten noch braun und kahl – es war Ende März gewesen damals. Dann kam der Frühling erst langsam, dann immer schneller. An den hohen alten Bäumen hing das Laub so jung, weich von Sonnenschein durchtränkt, dort grüngoldig, fast gelb, dort glänzend braun und korallenrosa, dann wieder fast weißlich in allen zartlaunigen Farbenabstufungen des ersten Frühlings; und mitten aus dieser harmonischen Buntheit ragten mit altklugem Ernst ein paar Koniferen empor, denen das Jahr noch keine grünen Kerzlein auf die schwarzen Äste gesteckt. Zwischen, den Bäumen streckten sich große Teiche aus, glasig glatt, mit jeder Einzelheit und nur wenig nachgedunkelter Färbung das Bild der sie umgebenden Frühlingsschönheit zurückstrahlend. Über den grünen Rasen zogen sich die Morgenschatten dunkel, lang gedehnt, schwarze Streifen hinzeichnend, zwischen dem goldigen Sonnengeflimmer, das in den Grashalmen hängengeblieben war. – Die Luft war herb und duftete nach nachtgekühlter Erde und jungem Laub, und mitten durch diese erquickende Herbheit zog sich oft plötzlich etwas Ermattendes, Berauschendes – unendlich süß, aber mit etwas Unlauterem darin, und wenn die Reiter die Köpfe erhoben, da erblickten sie zwischen dem grünen Frühlingsgewirr, bis in das feinste Ästlein mit weißen Blüten bedeckt – den Faulbaum. Erika zog's mit wahrer Leidenschaft zu dessen berückendem Duft, Goswyn empfand eine ausgesprochene Abneigung dagegen, fast einen Ekel. Alle Tage ritten sie also nebeneinander die sämtlichen Alleen des Tiergartens ab und kannten bald jeden Teich, jede Statue, ja jeden Reiter. Häufig begegneten sie ein paar Kavallerieoffizieren, die entweder nur im Vorbeieilen grüßten oder auch ein paar Worte mit ihnen wechselten, sich ihnen für eine Strecke anschlossen; dann wieder Infanterieoffizieren, die sie zumeist nicht kannten, vielgeplagte Krieger, mit kurzen, breiten Taillen und geräuschvoller Atemlosigkeit, denen von all ihren schweren Dienstübungen das Reiten als die beschwerlichste erschien – Herren vom Handel, die zum erstenmal ihre frisch erlernten Reitkünste auf einem Mietgaul probierten und vor Schrecken die Zunge heraussteckten, wenn sie die Bügel verloren. Eskadronen von jungen Damen, die unter Führung eines Reitlehrers über den weichen, braungrauen Sand dahinsprengten, einige frisch und biegsam, froh, ihren jungen Lebensübermut irgendwie austoben zu können, andere offenbar einer ärztlichen Vorschrift gemäß mithumpelnd, mühsam und krumm, immer außer Atem, immer schlechter Laune und immer räsonierend über irgend etwas, ihr Pferd, ihren Sattel, das Terrain, die Bäume, die Luft – einige dünn wie die Bleistifte, andere mit aus dem Sattel herausquellenden Hüften. Von Zeit zu Zeit wendete sich Erika zu ihrem Begleiter und teilte ihm ihre kleinen Beobachtungen mit, fast unheimlich treffend, nie boshaft. Nie ließ sie sich zu jenen Henkerstreichen des Hochmuts verleiten, der nach rechts und links bescheidenen Freunden den Kopf abschlägt, bloß aus dem rastlosen Trieb, sich zu äußern, einem Trieb, der jedem Hochmut um so stärker innewohnt, je kleinlicher er ist. Sie war trotz all ihrer Urteilsschärfe, vielleicht infolge derselben, wohlwollend und hätte es für ein Verbrechen angesehen, einen Gassenjungen, an dem sie vorübergaloppierte, erraten zu lassen, wie sehr ihr heimlich vor dem sirupbestrichenen Kommißbrot schauderte, in das er gerade mit gesunden Zähnen hineinbiß. – Statt dessen lachte sie manchmal den Gassenjungen samt seinem Schwarzbrot so freundlich aufmunternd an, daß er ihr erst verduzt nachschaute, dann einen Ausdruck dermaßen kräftiger Begeisterung nachrief, daß Goswyn nicht wußte, ob er den kecken Burschen dafür an den Ohren zausen sollte oder nicht. Natürlich hatte Gräfin Lenzdorff Goswyn nur gebeten, für die allererste Zeit das Reiten ihrer Enkelin zu überwachen; daß er täglich ein bis zwei Stunden opfern solle, um mit der Kleinen im Tiergarten herumzutraben – davon konnte nicht die Rede sein. Aber die Wochen schlossen sich an die Wochen, und noch immer ritt er jeden Morgen mit Erika aus. Durch seine Adjutantenstellung gehörte er zu den Bevorzugten, welche sich um diese Zeit frei machen können. An und für sich war es ja ein zahmes Vergnügen, so alle Tage im Tiergarten herumzusprengen – längere Ausflüge durfte er mit Erika und einem Reitknecht der Schicklichkeit halber nicht unternehmen, aber diese zwei Morgenstunden blieben doch immer die schönsten des ganzen Tages für ihn. Sie paßte so gut zu dieser herben Duftigkeit, zu dieser unentweihten, taubesiegelten Morgenstimmung. Sie war noch ein Kind; aber gerade so, wie sie war mit ihrer unabgestumpften Gemütszartheit, mit ihrem schönen Herzensernst, hätte er sie in seine Arme schließen mögen, um das Recht zu haben, alles, was noch unbewußt in ihr schlummerte, zu hegen und zu pflegen und zur herrlichsten Entfaltung zu bringen, ehe sie sich an den tausend Klippen des Lebens wundgestoßen hatte. Daß ihr Gefühl für ihn in nichts dem, welches er für sie hegte, vergleichbar war, wußte er, das war ja auch gar nicht nötig. Eine zu starke Leidenschaftlichkeit hätte ihm nicht einmal an ihr gefallen – und daß sie ihn, jeden Vergleich ausschließend, allen jungen Männern ihrer Umgebung vorzog, gestand sie ihm mit dem größten Freimut zu. Die alte Gräfin tat alles, was sie konnte, um seine Werbung zu begünstigen – wenn er nicht sehr verliebt gewesen wäre, hätte er gefunden, sie tue zuviel. – Aber er war nun einmal sehr verliebt. Es war im Mai. Die Blätter hatten ihre erste weich zusammenfallende Haltlosigkeit bereits verloren, sie breiteten sich in ihrem ganzen Umfang aus, glatt und stark. Der Faulbaum hatte längst seine weißen Blüten verstreut, und in den Linden schimmerte es grünlichgelb. – In einem der schmalen Reitwege war's, in einem der Wege, in denen an verschiedenen Stellen ein großer Baum stehen geblieben ist, der an die ursprüngliche Beschaffenheit des Tiergartens erinnert und den derjenige, der die Reitwege in dieses Gehege hineintrassiert hat, nicht über sich bringen konnte, zum Tode zu verurteilen. Munter waren sie vorwärts getrabt; wie alle Anfängerinnen liebte Erika ein schwindelndes Tempo, wogegen Goswyn bisweilen Einsprache tat. Mit einemmal machte ihr Pferd einen Satz. Es war vor einem Wegelagerer erschrocken, der sich zwischen einem Baum und dem am Wegsaum aufragenden Gestrüpp in dem Schatten ausgestreckt hatte und dort eingeschlafen war. Sehr kaltblültig, vielleicht weil sie noch nie von dem Gedanken einer möglichen Gefahr gestreift worden war, vermochte sich Erika nicht nur im Sattel zu behaupten, sondern auch sehr bald ihr Pferd zu beruhigen. Um so mehr war Goswyn erschrocken. Nachdem er sich überzeugt, daß Erika ihn nicht mehr brauche, war er auf den offenbar betrunkenen Wegelagerer losgefahren und hatte seinen Zorn sehr kräftig an ihm ausgelassen. Dann, etwas beschämt über seinen Wutanfall, kam er auf Erika zu, die ihn lächelnd und verblüfft zugleich betrachtete. Er runzelte die Stirn, das Blut war ihm in die Wangen gestiegen. »Verzeihen Sie, Gräfin, es tut mir leid, ich hätte nicht so laut brüllen sollen ...« sagte er, »ich dachte an gar nichts, als daß Sie hätten vom Pferd stürzen können ... gegen den Baum ...! Wenn Sie den Mut verloren hätten ...« Er schauderte. »Ach,« sie zuckte leicht mit den Achseln, »selbst wenn ich den Mut verloren hätte – Sie waren ja da!« Bei diesen Worten hellte sein finsteres Gesicht sich auf. »Hegen Sie wirklich so großes Vertrauen zu mir?« frug er. »Ich?« sagte sie, ihn groß ansehend. Weshalb fragte er nach etwas so Selbstverständlichem? Sein ernstes männliches Gesicht nahm einen fast kindisch verlegenen Ausdruck an. Mit einemmal merkte sie, was in ihm vorging – jetzt erst! Sie bemühte sich krampfhaft, etwas zu finden, was sein Geständnis verhindern, ihm eine Demütigung und ihr einen peinlichen Eindruck hätte ersparen können. Es fiel ihr nichts ein. Vergebens suchte sie auch nur ein kleines, vernünftig ablenkendes Sätzlein, und endlich murmelte sie: »Die Bäume find schon sehr grün. Finden Sie nicht?« Er lächelte mitten in seine Aufregung und Verlegenheit hinein, dann sagte er: »Gräfin Erika! Über einen gewissen Punkt hinaus kann man die Dämmerung nicht festhalten, so schön sie auch ist – es verlangt einem nach Licht...!« Er hielt inne, er war etwas heiser geworden, wie immer, wenn er etwas sagte, das sehr tief aus seinem Herzen herauskam; er sah sie an und räusperte sich. »Sie müssen es ja doch schon längst wissen, wie es um mich steht!« Da aber unterbrach sie ihn heftig. »Nein!« rief sie, »nein, nein – nichts hab' ich gewußt – gewiß, ich hab' gar nichts gewußt!« Sie zitterte am ganzen Leibe und ritt im Schritt gerade in der Mitte des Reitwegs, als ob die Welt ihr gehörte. Indem sprengte eine Kavalkade ihr entgegen. Eine schlanke Reiterin und mehrere Herren – Prinzeß Dorothee mit ihrem Troß. »Nach rechts ausbiegen!« rief Goswyn – dann war die Kavalkade vorbei. Der Staub von den Vorüberreitenden spielte den Pferden noch um die Köpfe wie eine kleine Dunstwolke. Erika hüstelte ein wenig. Mein Gott, vielleicht hat er bereits bemerkt... vielleicht erläßt er mir die Antwort... dachte sie. Aber nein, er erließ ihr die Antwort nicht. »Nun, Gräfin Erika?« begann er nach kurzer Pause von neuem, sanft, aber sehr fest. »Wa ... was?« stotterte sie verwirrt. »Wollen Sie meine Frau werden?« Der Atem versagte ihr – nie im Leben hätte sie gedacht, daß es ihr so schwer fallen sollte, jemandem einen Korb zu geben. Und annehmen ... nein, dagegen sträubte sich etwas in ihr. Sie konnte nicht. »N ... nein – es tut mir sehr leid ...« stotterte sie, dabei raste ihr der Puls. Ihr war gräßlich zumute. Scheu sah sie ihn von der Seite an. Kein Muskel seines Gesichtes zuckte. »Eigentlich war ich darauf gefaßt,« murmelte er. Gott sei Dank, es geht ihm nicht sehr nahe! dachte sie aufatmend – in der nächsten Minute ... nun, in der nächsten Minute ärgerte sie sich darüber, daß es ihm »nicht sehr nahe ging«. Sie befanden sich gerade vor der Eisenbahnbrücke, unter der sie in die große Galoppallee einzubiegen pflegten. Einen Augenblick dachte sie daran, ihrem abgewiesenen Freier diesen Galopp, welcher den Höhepunkt des zahmen Tiergartenritts auszumachen pflegte, zu opfern. Sie parierte ihr Pferd. »Kein Galopp?« fragte er, als ob es gar nichts zwischen ihnen gegeben hätte, nur mit einer gewissen Heiserkeit in der Stimme. »Ach ... wenn Sie wollen ... ich dachte nur ...« stotterte sie. Er aber antwortete mit derselben ruhigen Ritterlichkeit, die ihn stets im Verkehr mit ihr charakterisierte. »Ich stehe gänzlich zu Ihrer Verfügung.« Noch einen Augenblick zögerte sie, dann ein leichter Schlag auf die rechte Schulter des Pferdes – vorwärts... »Ach, wie herrlich!« rief sie, da sie kurz vor dem Pflaster parieren mußte, »aber noch einmal, nicht wahr?« So ritten sie denn die große Allee an jenem Morgen zweimal auf und nieder. Die Luft war leicht und hell, in den Duft der jungen Blätter mischte sich der Geruch von frisch gehobeltem Holz, der den Baracken entströmte, die neben der Allee für eine Pferdeausstellung zusammengezimmert wurden. Nie hat sich Erika noch um Jahre später jenes Rittes und ihrer unerhörten Grausamkeit erinnern können, ohne daß jener eigentümliche Geruch ihr Gedächtnis durchschwebt hätte. Dem jungen Manne war übel genug zumut. Was er auch sagen mochte, er hatte das nicht erwartet. Er hatte die letzten Tage in einem Zustand ahnungsbeklommener, gerührter Glückseligkeit verbracht, in dem er, trotzdem er sich manchmal bemüht, seine Zuversicht mit Zweifeln zu quälen, es nicht recht vermocht hatte. Er war von einer sehr großen Höhe herabgefallen und spürte es tüchtig. Trotz all seiner Selbstüberwindung fing man an, es ihm anzusehen. Erika wurde immer trübseliger zumute. Beständig sah sie ihn mitleidig von der Seite an. Jetzt wäre ihr's wieder viel lieber gewesen, er hätte sich's nicht so zu Herzen genommen. Offenbar wußte sie selbst nicht recht, was sie wollte. Stumm trabten sie nebeneinander – da, am Anfang der Bellevuestraße, hörte er's leise ängstlich: »Herr von Sydow ... ich möchte nicht gern ... daß Sie glauben, daß ... daß ... ich ... ich hab' mir's vorgenommen, Ihnen das zu sagen. Ich freue mich sehr über Ihre Freundschaft – es wäre mir sehr traurig, wenn Sie mir die entziehen wollten und ... und ...« Sie bog den Kopf etwas zurück, und ihm unter dem geraden Rand ihres Reithutes in die Augen sehend, setzte sie mit einem ängstlich einschmeichelnden Lächeln hinzu: »Nicht wahr, es wird alles beim alten bleiben zwischen uns?« »Wie Sie befehlen, Gräfin Erika,« erwiderte er. Diese Art, mit einem abgewiesenen Freier umzugehen, lockte ihm doch ein Lächeln ab. Als er sie kurze Zeit darauf vom Pferd hob, streifte er ihren grauen Reithandschuh andächtig mit seinen Lippen – sie sah ihn freundlich dabei an; ja, während er ihr im Hausflur unten nachblickte, wie sie die Treppe hinauflief, drehte sie sich noch einmal nach ihm um, ihm zuzunicken.   Sein Herz war ihm wieder leicht geworden – allzu ernst nehmen durfte er den ihm zuteil gewordenen Korb nicht. Er bedeutete nicht viel, damit wollte er noch fertig werden. »Schließlich – sie ist ja im Grunde, trotz ihrem bißchen frühreifer Weisheit, doch noch ein reizender kleiner Dummkopf, und das ist ja das Entzückende an ihr!« sagte er sich. Eigentlich war er bereit, alles an ihr entzückend zu finden. Der Sonnenschein glänzte flimmernd auf den Eisengittern der Vorgärtchen in der Bellevuestraße, auf den Blättern der Bäume, auf einer Reihe von feuerrot lackierten und mit weißen Nummern bezeichneten Wasserspritzen, die sich in verkleinernder Perspektive bis in die Bellevuestraße zogen. Die Morgenhitze brannte bereits ziemlich schwer auf Berlin. Aber Goswyn war nicht weichlich und weder gegen Hitze noch Kälte empfindlich. Den Ritt mit dem jungen Mädchen hatte er kaum gespürt, ihm war darum zu tun, sich einmal ordentlich die starken Glieder durchzurütteln, er gedachte den Weg ins Freie hinaus zu nehmen. Da, in der Charlottenburger Allee, kam er mit derselben Kavalkade zusammen, der er kurz zuvor im Tiergarten begegnet war, mitten in seiner Auseinandersetzung mit Gräfin Erika. Erika hatte, dank ihrer großen momentanen Verlegenheit und Benommenheit, niemanden erkannt, er aber hatte Zeit gehabt, seine Schwägerin und ihre Trabanten zu grüßen. Sie winkte ihm jetzt von weitem zu und rief: »Goswyn!« Sie war um ein bedeutendes dünner als Gräfin Erika und länger im Leib; wenn sie vom Pferde herabstieg, wirkte ihre übertriebene Schlankheit im Reitkleid fast abschreckend. Im Sattel machte sie sich gut. Ihre grünen Augen schillerten unter der Krempe ihres Zylinders mutwillig neckend. »Goswyn,« rief sie, wie immer rasch redend mit ihrer kichernden, durchdringenden Stimme, die man weithin hörte, und ihrem berühmten Zungenfehler, »du bist heute der Gegenstand einer Wette geworden!« »Aber Thee,« unterbrach Prinz Nimbsch seine Kusine empört, »keiner von uns ist auf deine unsinnige Wette eingegangen.« »Um was handelt sich's?« fragte Goswyn, dem die Ahnung von einer ihm drohenden empfindlichen Unannehmlichkeit kalt über den Rücken schlich. Die drei Männer um Dorothee herum starrten einander an, Dorothee kicherte. Endlich sagte Nimbsch: »Meine Kusine wollte wetten, daß die Hand Gräfin Erikas noch in diesem Frühling vergeben sein wird.« »Oho!« fiel ihm Prinzeß Dorothee ins Wort, »das war ganz anders. Ich habe gewettet, daß du heute früh im Tiergarten einen Korb von Erika bekommen hättest, Gos – Helmy wollt's mir nicht glauben, aber ich ... ich seh' so etwas gleich.« Sie sagte das noch immer kichernd, schäkernd, mutwillig, nicht einmal bewußt grausam, sondern nur völlig kopf- und herzlos, wie ein schlecht erzogenes Kind, das zu seinem Zeitvertreib einem Maikäfer die Beine aus dem Leib reißt. »Hab' ich recht?« drang sie in ihn hinein. Die Männer wendeten sich ab, wie sich ein anständiger Mensch von einer Hinrichtung abwendet. Goswyn war's schwarz und blau vor den Augen geworden, äußerlich aber behauptete er seine Ruhe. »Ja, Dorothee – ich hab' einen Korb bekommen,« sagte er, und die Worte klangen seltsam deutlich und gelassen in die kleine Insel starren Schweigens hinein, die sich um die Gruppe herum mitten in dem von allen Seiten hereinrasselnden Lärm der Großstadt gebildet hatte. »Dürfte ich dich fragen, inwiefern dich das interessiert?« »Ach!« Sie kicherte noch leichtsinniger, wie immer bereit, ihre Unarten zu übertreiben, wenn sie hart daran war, sich derselben zu schämen. »Ach, ich wollte nur recht haben. Helmy widersprach mir so eigensinnig, er behauptete, ein Mensch wie du holt sich keinen Korb, der weiß vorher, wie er daran ist – etsch, etsch, Helmy! Na, die anderen Berliner Herren werden sich freuen!« »Inwiefern?« fragte Goswyn mit dem unseligen Hang starker Menschen, eine unerträgliche Lage weiter auszudehnen, nur um ihren Mangel an moralischer Wehleidigkeit zu beweisen. »Inwiefern? ... Du bist ein gefährlicher Konkurrent, Goswyn,« rief Dorothee, »und glaubst du etwa, daß du der einzige bist, der die Hand nach dem Goldfischchen ausgestreckt hat?« In dem Augenblick war's Goswyn, als habe man ihm eine brennende Fackel ins Gesicht geschlagen. Zugleich drehte sich alles um ihn. Aber noch immer behauptete er sich. »Dorothee, es ist unter Umständen sehr bequem, eine Dame zu sein,« sagte er ruhig, dann grüßte er die drei Männer und sprengte in anderer Richtung davon. Dorothee kicherte noch immer, aber sie war blaß geworden – ihre Begleiter waren im Gegenteil alle dunkelrot. »Reite du nach Haus, mit wem du willst, ich schäme mich neben dir tot!« rief Prinz Nimbsch heftig – damit eilte er Sydow nach. Als er ihn erreicht hatte, sahen sich die beiden Männer an und blieben stumm. Endlich begann Nimbsch: »Ich wollte Ihnen nur sagen ...« Goswyn unterbrach ihn: »Es ist nichts zu sagen,« murmelte er mit einer heiseren, schlecht artikulierenden Stimme, die dem jungen Österreicher weh tat, »ich weiß, daß Sie ein anständiger Mensch sind, Prinz, und daß Sie mich auch dafür halten ... aber zu sagen ist nichts!« Ehe sich's Prinz Nimbsch versah, war Goswyn seinen Blicken entschwunden. Noch um zwei Stunden später konnte man ihn auf einem schaumbedeckten Pferde über die unebenen, sandigen Felder in der Umgebung von Berlin herumsprengen sehen. Er hatte nie an den Reichtum Erikas gedacht, aber er fühlte es, daß er von jetzt ab diesen Reichtum nie mehr vergessen würde. Seine Unbefangenheit ihr gegenüber war ihm benommen. Es war vorbei. Wenn Erika etwas von dem abscheulichen, widerlichen Auftritt in der Charlottenburger Allee erfahren hätte, so hätte ihre Empörung darüber sofort den schlummernden Keim zu dem warmen und starken Gefühl entwickelt, das sie im Grunde ihres Herzens unbewußt für Goswyn hegte. Sie hätte irgend etwas Kopfloses, Überstürztes, Unberechenbares getan, das Goswyns plötzlich gereizten Stolz über den Haufen geworfen und alles wieder in Ordnung gebracht hätte. Einen Schmerz, eine Demütigung, die jemand anders ihm zugefügt als sie selbst, die hätte sie nie ruhig hingenommen. Die unangenehme Verwicklung hätte in einer gewaltigen Rührszene ihren Höhepunkt gefunden, und schließlich hätten die beiden im Grunde füreinander geschaffenen Menschen auf dem kleinen Sofa unter der Fächerpalme in dem Boudoir der alten Gräfin Lenzdorff gesessen – Hand in Hand, leise plaudernd, und Erika wäre zu der angenehmen und vernünftigen Überzeugung gekommen, daß es auf der Welt nichts Besseres gibt, als liebend und emporsehend seinen Teil nehmen zu dürfen an dem Leben eines edlen und starken Menschen und ihm seine ganze Existenz blind anzuvertrauen. Das Lebensproblem Erikas hätte seine Lösung gefunden, und die gefährlichen Verirrungen und schweren Prüfungen, welche die Zukunft ihr noch bieten sollte, wären ihr erspart geblieben. Aber die häßliche Geschichte drang nicht bis zu ihr. Die drei Männer, welche der Grausamkeit Dorothees beigewohnt, hätten es als ein Ehrenverbrechen erachtet, sie weiterzuerzählen, und Prinzeß Dorothee selbst berichtete nur kichernd allen Leuten, die es anhören wollten, daß ihr Schwager Goswyn einen Korb von Erika Lenzdorff erhalten habe, ohne hinzuzufügen, wie sie von der Sache Kenntnis erlangt. So verbrachte denn Erika den Rest des Tages mit einem etwas wunden, mitleidigen Gefühl ums Herz, aber in dem festen Glauben, daß sie den nächsten Morgen mit Goswyn ausreiten würde wie jeden Tag, und mit dem Vorsatz, besonders nett gegen ihn zu sein. Es würde schon alles in Ordnung kommen, sagte sie sich. Aber noch denselben Abend, als sie mit ihrer Großmutter beim Diner saß, präsentierte der alte Lüdecke seiner Herrin einen Brief, den diese mit einem Ausdruck wachsender Befremdung durchlas, dann stumm neben ihren Teller legte. Sie aß den Rest der Abendmahlzeit über nichts mehr und sprach kein Wort. Als sie merkte, daß Erika, durch ihr Schweigen eingeschüchtert, ebenfalls aufgehört hatte zu essen, wobei sie die Großmutter beständig beklommen von der Seite betrachtete, fragte sie: »Bist du fertig, Erika?« Ihre Stimme klang um ein bedeutendes härter als sonst. – Erika erschrak. »Ja,« stotterte sie und folgte der Großmutter, am ganzen Leibe zitternd, zum Speisesaal hinaus in das wohnliche helle Boudoir der Gräfin. Dort fing die alte Frau sofort an, gedankenvoll auf und ab zu gehen. Sie sah sehr einschüchternd aus. Erika hatte sie noch nie so gesehen mit diesem ungeduldig kurz auftretenden Gang, diesen gerunzelten Brauen und diesem wie aus Stein gemeißelten harten Statuengesicht. Ihr fing an unheimlich zu werden. Eben wollte sie sich unbemerkt davonschleichen, als ihr die Großmutter den Weg vertrat und ziemlich kurz angebunden sagte: »Bleib hier, ich habe mit dir zu reden, Erika!« »Ja, Großmutter.« »Setz' dich!« Sie setzte sich. Das Zimmer machte einen unendlich wohnlichen Eindruck mit seinen hellen Möbeln, über die das Licht der farbig verhangenen Lampen liebkosend dämmerig hinschlich. Ein Fenster stand offen, ein schwaches Blätterrauschen drang herein durch den herabgelassenen Rollvorhang von erbsengrüner Seide, zugleich mit dem lauen ermattenden Duft der Frühlingsnacht. Eine Motte umkreiste unruhig eine der Lampen. Die Großmutter hatte sich in ihrem Lieblingssessel niedergelassen, neben ihrem mit Büchern beladenen Lesetisch, Erika ihr gegenüber auf einem sehr gebrechlich aussehenden Stühlchen. Sie hielt sich sehr gerade, die Hände im Schoß, ängstlich und kindisch. »Der Brief ist von Goswyn!« sagte die alte Frau, auf das Schriftstück klopfend, das sie auf den Knien hielt. »Ja, Großmutter,« murmelte Erika. »Du hattest's erraten?« fragte die alte Frau immer in dem unnatürlichen harten Ton und mit der kurzen strengen Artikulation, die ihrer Enkelin fremd waren. »Ich kenne ja seine Schrift,« stotterte Erika. »Hm! Du weißt, was in dem Brief steht?« »Wie sollt' ich!« Die blasse Erika wurde mit einemmal blutrot. »Wie solltest du? Nun, ich muß doch sagen ...« die alte Frau glättete verdrießlich den feinen schwarzen Stoff auf ihren Knien – »daß du ihm heute einen Korb gegeben hast, steht drinnen. Ich glaube, das solltest du wissen, so etwas tut man nicht im Schlaf.« »Nun ja, das weiß ich,« murmelte Erika ihrerseits etwas gereizt; »aber wie konnte mir einfallen, daß er dir das schreiben würde? Ich sehe nicht ein, wozu er's tut.« »Wozu? – Er kündigt mir an, daß er eine Zeit lang den Verkehr mit uns aufgeben muß, daß er einen Urlaub genommen hat und Berlin verläßt.« »Aber warum denn, um Gottes willen?« rief Erika, »das hat alles keinen Sinn, es war ausgemacht, daß wir morgen wieder zusammen ausreiten wie alle Tage.« »So – nachdem du seine Hand abgewiesen – das hast du ihm zugemutet?« rief die alte Frau. »Er war einverstanden damit,« verteidigte sich Erika eifrig, »wir sind als die besten Freunde geschieden. Heiraten will ich ihn nicht, aber – ich halte ungeheuer viel auf seine Freundschaft. Das hab' ich ihm ehrlich gesagt, es muß auch in seinem Brief drin stehen. Er ist nicht ungerecht. Er wird dir's gewiß geschrieben haben, daß ich nett gegen ihn war. Wie hätte ich auch anders sein sollen, er dauerte mich ja so sehr!« Die Stimme des jungen Dings zitterte, während sie sprach. »Du hast den Brief nur schlecht gelesen – gewiß wirst du ihn schlecht gelesen haben,« behauptete sie. Die Großmutter entfaltete das Dokument von neuem, las halblaut, dann deutlich: »Ja, hier steht's – – »Reizender und liebenswürdiger ist noch keinem Mann seine Werbung abgeschlagen worden, als mir von Gräfin Erika – aber genützt hat mir das nichts! Ich fand sie nur noch entzückender als früher in ihrer Zartheit und Güte – ja bis in alle ihre kindischen, ungeschickten, lieben Versuche hinein, ins Gleichgewicht bringen zu wollen, was sich unter den Umständen nicht ins Gleichgewicht bringen läßt. Eine Zeitlang wird mir natürlich recht miserabel zumute sein. Aber Sie kennen mich genügend, um zu wissen, daß ich keiner bin, der den Kopf unnütz hängen läßt, ebensowenig als ich damit gegen die Wand zu stoßen versuche. Hoffentlich wird es mir noch einmal gegönnt sein, mich Ihnen, meine verehrteste Freundin, und ihr irgendwie nützlich zu erweisen – vorläufig bin ich zu nichts zu brauchen. Es ist besser, ich trete in den Hintergrund zurück. In wenigen Tagen verlasse ich Berlin. Verzeihen Sie, daß ich es nicht über mich gewinnen kann, mich noch persönlich von Ihnen zu verabschieden, und glauben Sie an die unbegrenzte Ergebenheit Ihres G. Sydow.«« Nachdem die alte Dame die Lektüre dieses Briefes nicht ohne ein gewisses vorwurfsvolles Pathos beendet, sah sie auf. Erikas Gesicht war überströmt von Tränen. Die alte Frau betrachtete sie befremdet. Nach einer Weile begann sie von neuem, aber in völlig verändertem weichem Ton: »Mir ist die Sache sehr unangenehm, Erika.« Erika nickte. »Schließlich – « die Großmutter legte dem jungen Mädchen die Hand auf den Arm, »du bist sehr unerfahren in solchen Dingen, nur – ein andermal darfst du es nicht so weit kommen lassen. Es ist immerhin eine Demütigung, die man einem Ehrenmann lieber erspart. Dein Benehmen hätte den Bescheidensten berechtigt, an deine Neigung für ihn zu glauben. Mich selbst hast du gänzlich irregeführt.« »Irregeführt – Neigung – « wiederholte Erika, mit den feinen Fußspitzen auf dem roten Teppich herumschiebend; »aber ich hab' ihn ja sehr lieb.« Die Großmutter lächelte fast. »Höre, Kind, ich kann mich nicht in dich hineinfinden. Überleg' dir's! Soll ich dem Goswyn schreiben, daß du ein bißchen dämlich warst, und daß dir leid ist – 's ist keine Schande, das einzugestehen – und – weiß Gott, ich schreib' den Brief gern!« Sie stand auf, um auf ihren Schreibtisch zuzugehen, da hielt sie Erika krampfhaft mit beiden Händen am Kleid zurück. »Nein! nein! – O nein, Großmutter!« schrie sie fast, »ich hab' ihn ja gern, ich weiß, daß er ein prachtvoller Mensch ist, aber ich will ihn nicht heiraten, ich bin ja noch so jung – zwing mich nicht dazu!« Sie war totenblaß und faltete flehend die Hände. Die Großmutter betrachtete sie kopfschüttelnd, ernst. »Wie du wünschest,« sagte sie nicht mehr streng, aber bekümmert, gedrückt, eine Stimmung, die ihr sonst unter allen die fremdeste war, »und jetzt geh in dein Zimmer, dir wird die Ruhe guttun – und ich möchte ein wenig allein sein.« Noch bis spät in die Nacht hinein schritt die alte Frau rastlos in ihrem Boudoir auf und ab, mitten zwischen all den hübschen, anmutigen und künstlerischen Dingen, die sie mit so viel Behagen um sich herum aufgestapelt hatte und die sie heute nicht sah. Endlich setzte sie sich doch an ihren Schreibtisch. Ehe Goswyn abreiste, erhielt er folgenden Brief: Mein liebes Kind! Die Geschichte ist mir sehr nah gegangen, mehr als Sie glauben werden. Ich war meiner Sache so sicher. Anfangs wollte ich die Kleine streng ins Gebet nehmen – es stellte sich heraus, daß keine Veranlassung dazu war. Von einer geschmacklosen Gefallsucht oder auch nur gedankenlosen Herzlosigkeit nicht die Spur. Alles, was sie Ihnen gesagt hat, ist wahr, sie hält sehr viel auf Sie, nur ... Ich wollte ihr den Kopf zurechtsetzen, es ging nicht! Momentan ist mit ihr nichts anzufangen. Im Laufe meiner Unterredung mit ihr sah ich ein, daß ich dem Kind nichts zur Last legen darf, und daß die ganze Schuld mich trifft. Verzeihen Sie mir? Das ist übrigens Phrase. Ich weiß, daß es Ihnen nicht einfällt, mir etwas nachzutragen. Ich finde meine Worte heute nicht so leicht wie sonst und fühle mich überhaupt recht unbehaglich. Ich schreibe Ihnen auch nicht bloß, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich Sie bedaure, sondern, um mir im Plaudern mit Ihnen meine Sorgen ein wenig zurechtzulegen. Ich habe die Überzeugung gewonnen, daß meine Enkelin, die ich mir so lang gewissenlos – ich schreibe das Wort, wie es ist – vom Leibe gehalten, und an der ich jetzt hänge, wie ich im Laufe meines Lebens noch nie an irgend etwas gehangen habe, mir noch sehr schwere Stunden bereiten wird. Ihre traurige Jugend hat einen Schatten in ihrer Seele zurückgelassen und ihre angeborene peinliche Feinfühligkeit noch überreizt. Es gibt Tiefen in ihrem Charakter, die ich nicht ergründen kann. Dabei ist sie gut, zartfühlend, edel und ungewöhnlich begabt. Aber es ist ein gefährlicher Überschuß bei all dem, der mich erschreckt. Ich ahne heute, daß meine träger Selbstsucht entsprungene Vernachlässigung des Kindes sich noch bitter an mir rächen wird. Wenn ich sie von Jugend an beobachtet hätte, müßte ich sie jetzt genau kennen, aber jetzt ... so rasend lieb ich sie habe, fühle ich doch, daß ich sie nicht verstehe, und der Altersunterschied zwischen mir und ihr ist zu groß, als daß wir uns je völlig finden könnten. Ich bin überhaupt trotz meinem bißchen Klugheit, das ich stets nur zu meiner eigenen Kurzweil und nie zum Nutzen von irgend jemand an mir gepflegt habe, eine unpraktische Person und werde noch viele Dummheiten machen in der Behandlung der Kleinen. Und es ist schade, denn Sie überschätzen sie nicht, sie ist entzückend! Bei all dem kann ich den Gedanken nicht loswerden, daß Sie auch nicht so recht klug vorgegangen sind, wie ich's von Ihnen erwartet hätte, daß Sie mit ein bißchen herzlicher Entschlossenheit von ihr erreicht hätten, was ich durch mein Zureden nicht erreichen konnte. Besonders ist mir Ihre überstürzte Flucht ein vollständiges Rätsel. Ein wenig mehr Ausdauer hätte ich doch von Ihnen erwartet. Nun, das ist Ihre Sache. Daß ich Sie vor Ihrer Abreise nicht mehr sehen werde, tut mir sehr leid. Vielleicht überlegen Sie sich's und kommen doch noch zu mir. Es würde mich freuen. Sie werden mir unendlich fehlen, liebes Kind, ich war so gewöhnt, mich in allen meinen kleinen Schwierigkeiten an Sie zu wenden und auf Sie zu verlassen. Indem ich mir die Hoffnung nicht verwehren kann, daß früher oder später noch alles gut werden wird zwischen der Erika und Ihnen, bleibe ich von Herzen Ihre alte Freundin Anna Lenzdorff. So elend und innerlich zerschunden er sich auch momentan fühlte, tat Goswyn dieser Brief doch wohl. Als er ihn durchgelesen, murmelte er: »Wenn sie einem manchmal so ein Stück ihrer Seele preisgibt, dann weiß man erst, warum man trotz ihrer großen Verkehrtheiten so innig an der alten Frau hängt!« Aber in der Bellevuestraße erschien er vor seiner Abreise nicht mehr.   Etwas in dem Leben Erikas hatte mit dieser Episode seinen Abschluß gefunden. Die plötzliche, abschiedslose Trennung von Goswyn blieb für sie stets etwas unendlich Trauriges, und noch lange, nachdem er Berlin verlassen, zitterte bei der bloßen Nennung seines Namens eine schmerzliche Unruhe in ihren Adern, eine nervöse Unzufriedenheit mit sich selbst, mit der Welt, mit ihm, eine Ahnung davon, daß sich da irgendein Rechnungsfehler eingeschlichen und die Geschichte eigentlich ganz anders hätte ausgehen sollen. Im Grunde ihres Herzens empfand sie es als eine große Enttäuschung, als sie, nach einem ziemlich bewegten Sommer und Herbst nach Berlin zurückkehrend, hörte, daß Sydow nach Breslau versetzt worden sei. Bald freilich fehlte es ihr an Zeit, sich noch weiter mit dem Gedanken an ihren braven lieben Freund und unerwünschten Freier zu beschäftigen. Ihr Leben entwickelte sich äußerst glänzend und der Weihrauch der großen Welt stieg ihr zu Kopf und betäubte sie – wie er zeitweilig alle, auch die Klügsten, Ernstesten betäubt, die seiner Wirkung ausgesetzt sind. Sie wurde bei Hofe vorgestellt, wo sie den erwünschtesten Eindruck machte und von den allerhöchsten Herrschaften in neiderregendster Weise ausgezeichnet wurde. Sie ging sehr viel aus, so viel, daß die Großmutter, die von jeher eine berühmte soziale Trägheit entwickelt hatte, es schließlich müde wurde, sie in die Welt zu begleiten und sie, wo es irgend anging, dem Schutze ihrer ältesten Freundin, Frau von Norbin, anvertraute. Jedesmal aber, wenn Erika von einem Fest zurückkehrte, mußte sie noch an das Bett der Großmutter treten und derselben erzählen, wie sehr sie gefeiert worden war. Die alte Frau blickte sie dann prüfend an wie ein Kunstwerk, und einmal sagte sie: »Ja, du bist ein seltenes Geschöpfchen, das läßt sich nicht leugnen, du bist noch schöner nach dem Ball als vorher. Wie dir das Leben in allen Gliedern zuckt! – Aber klug werd' ich nicht aus dir. Deinen Geist kenn' ich, und deine Nerven – deinem Herzen hab ich bis jetzt nicht auf den Grund sehen können.« Dann schüttelte sie den Kopf, seufzte, küßte die junge Schönheit auf die Augen und schickte sie schlafen. Ja, gefeiert wurde sie, man erinnerte sich kaum eines jungen Mädchens, das derart gefeiert worden wäre wie Erika Lenzdorff in den ersten zwei Jahren, nachdem sie vorgestellt worden war – es regnete Freier und wimmelte von Verehrern. Dann ... nicht etwa, daß man ihre Schönheit als im Verblühen bezeichnet hätte – nein, sie war nie schöner gewesen, ihr Äußeres hatte sich noch herrlicher entfaltet – aber ihre Triumphe nahmen ab. Ihre Verehrer wurden unbeständig, sie erneuerten sich zwar immer wieder, zogen sich aber immer schneller von ihr zurück, und Freier ... Freier meldeten sich gar keine mehr. Einen Umstand konnte selbst die in sie verliebte Großmutter nicht in Abrede stellen. Den landläufigen jungen Männern gegenüber war Erika im Grunde genommen dümmer als das erste beste, rundliche, rot und weiße Backfischchen, dem die Evatochter im Blut steckt, so daß es sich halb unbewußt an die Schwächen der Herren der Schöpfung heranschmeichelt und sich trotz allerhand kleiner, neckischer Herausforderungen und Auflehnungen recht andächtig ihrer Überlegenheit unterordnet. Sie wußte nicht recht was anzufangen mit ihren Verehrern, und ihre Verehrer wußten nicht was anzufangen mit ihr. Ja, sie war den Männern geradezu unheimlich. Sie galt für einen Blaustrumpf, weil sie ernste Bücher las, und für überspannt, weil sie sich allerhand Gedanken machte über Dinge, die sonst junge Mädchen ungestört links liegen lassen. Da sie neben all ihrem für kleine weibliche Verhältnisse wirklich recht annehmbaren Verstand von irgendeiner findigen Weltklugheit auch nicht die Spur besaß, so schleppte sie in der naiven Überzeugung, ein jeder müsse gerade so tief ins Leben hineinschauen als sie, die Probleme, die sie gerade beschäftigten, kühn in ein Gespräch mit dem oberflächlichsten Kotillontänzer hinein. Da stieß sie manchmal gegen eine recht harte Klippe, aber noch viel öfter fuhr sie auf eine Sandbank auf. Ihre Großmutter sagte ihr einmal: »Du verscheuchst alle deine Courmacher damit, daß du versuchst, sie fliegen zu lehren. Die Männer haben gar keine Lust, fliegen zu lernen; wenn du sie lehren wolltest, auf allen vieren zu kriechen, hättest du viel mehr Erfolg. Dazu haben die meisten Männer eine ausgesprochene Neigung, und die Frau, die ihnen zulieb dafür einen Vorwand erfindet – für das Aufallenvierenkriechen, meine ich –, die es ihnen recht bequem und plausibel macht, ohne dabei ihrer Würde nahezutreten, die ist ihnen die liebste!« Auf so einen Ausspruch hin sah Erika die alte Frau stets so »rührend dumm« an, daß diese sie dafür jedesmal an sich zog und küßte. »'s ist ewig schade, daß du den Goswyn nicht gewollt hast!« schloß sie zumeist mit einem Seufzer, »du bist einmal Kaviar für das Volk, und Goswyn war der einzige, der dich zu würdigen gewußt hätte. Ich begreife dich nicht, Erika! Goswyn wäre das Ideal von einem Ehemann, warmherzig, tapfer und treu, er hat einen so festen Arm, auf den man sich stützen kann, und so breite Schultern, denen man die Lasten aufbürden kann, die einem selber zu schleppen zu schwer fallen. Er ist ja kein Genie, aber er hat so viel edle Vernunft im Kopf – du begreifst, edle Vernunft... fassest du den Unterschied zwischen der edlen und der niedrigen?« Aber wenn sie so weit gekommen war in ihren Anpreisungen Goswyns, stand Erika zumeist bereits an der Tür, die Klinke in der Hand, und stotterte: »Ja ... ja, Großmutter – aber ich ... ich habe einen Brief zu schreiben.« Den Gesprächen über Goswyn wich sie aus; eine ganz kleine, traurige Unruhe, eine Unruhe, die, immer am selben Platz herumirrend, sich nie in eine starke vorwärtstreibende Sehnsucht auswuchs, schmerzte sie noch immer im Herzen, wenn auf ihn die Rede kam. Rings um sie heirateten die Mädchen, die mit ihr debütiert hatten, nach rechts und links; ganz bescheidene Mädchen, die sie ehemals herablassend protegiert hatte, heirateten Erikas alte Verehrer – um sie bewarb man sich gar nicht mehr. Anfangs lachte sie über die wichtigen Mienen, welche diese jungen Frauen ihr gegenüber annahmen; aber als es mit der nächsten Saison schlimmer wurde, verdroß es sie. Ein neuer Schönheitsflor war erblüht, man drängte sich um Erscheinungen, deren einzige Überlegenheit darin bestand, daß man sie noch nicht so oft gesehen hatte wie die Gräfin Erika. Im Grunde des Herzens hatte sie noch immer keine Lust zum Heiraten. Das Heiraten war für sie einfach eine in der Organisation unseres sozialen Lebens begründete schwerfällige Unbequemlichkeit, der sich zu fügen sie so lange als irgend möglich hinausschob. Sich einen Mann in Liebe unterzuordnen, war etwas, wogegen sich ihr innerstes Wesen sträubte, aber es ärgerte sie doch, daß die Freier ausblieben. Da, als die tonangebenden Damen von Berlin bereits begonnen hatten, die Köpfe über sie zu schütteln und sie als einen »kritischen Fall« zu bezeichnen, verblüffte sie plötzlich die Welt durch die Ankündigung ihrer Verlobung mit einem der reichsten englischen Peers, Percy Marquis of Langley. In Karlsbad, wo ihre Großmutter eine leichte Kur gebrauchte, lernte sie ihn kennen. Schon mehrere Tage hindurch hatte sie gemerkt, daß sie ein ältlicher, vornehm aussehender Herr, wo sie sich auch zeigen mochte, beständig mit den Blicken verfolgte. Endlich, eines Morgens, kam er auf die alte Gräfin Lenzdorff zu und fragte halb lächelnd, ob sie sich seiner wirklich nicht erinnere, oder ob es eine wohlerwogene Absicht ihrerseits sei, ihn so ausdauernd zu schneiden. Sie reichte ihm hierauf freundlich die Hand und erwiderte: »Lord Langley, am Kontinent ist es Sache der Herren, die Damen zu grüßen, übrigens, selbst wenn ich auf Ihre Nationalgewohnheiten eingegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht gewußt, ob ich von Ihnen Notiz nehmen soll, ob nicht.« Er lachte, die Augen halb zuzwinkernd, behauptete aber sofort, ihre Anspielung passe nur auf eine bei ihm längst vergangene Lebensperiode, jetzt sei er ein alter Mann usw. » I have sown my wild oats, « erklärte er und setzte hinzu: » I've taken a long time to sow them, haven't I? But it's all over now! « Hierauf bat er die Gräfin, ihn ihrer Begleiterin vorzustellen. Von da an widmete er beiden Damen die ritterlichste Aufmerksamkeit. Erika fühlte sich stolz auf seine diskret kundgegebene Bewunderung und plauderte ungewöhnlich gern mit ihm. Eigentlich hatte sie sich überhaupt noch nie so gut mit einem Mann unterhalten. Er hatte ehemals der Diplomatie angehört und alle Leute gekannt, deren Lord Malmesbury in seinen Memoiren, und alle, deren der Graf d'Alton Shee in seinen Aufzeichnungen erwähnt, kurz, alles was in den letzten vierzig Jahren nennenswert berühmt oder berüchtigt war, vom Kaiser Nikolai angefangen, von dem er schwärmte, bis zur Cora Pearl, über die er der alten Gräfin Anekdoten ins Ohr flüsterte und deren Erfolge ihm, wie er achselzuckend behauptete, rätselhaft waren. Er war einer der subtilsten Lebenskünstler und geistvollsten Plauderer, die man sich denken konnte, dabei von vornehmem Äußeren, mit strammer Haltung, korrektem Anzug, gutgeschnittenem, wenn auch etwas fleischigem und stark gefärbtem Gesicht, der vollendete Typ jener Engländer, welche, dem britischen National-Cant den Rücken drehend, im Auslande ein lustiges Leben führen, ohne Glauben, ohne sittliches Ideal und ganz durchdrungen von einem bis aufs äußerste verfeinerten, aber durchaus nüchternen Epikureismus, den er im Verkehr mit Damen zu mildern wußte, wenn er es auch nie der Mühe wert hielt, ihn gänzlich wegzuheucheln. Vierzehn Tage nachdem er sich der Gräfin Lenzdorff ins Gedächtnis zurückgerufen, hielt er bei ihr um die Hand ihrer Enkelin an, und zwar brieflich. Nicht ohne Verlegenheit teilte die alte Frau dem jungen Mädchen seinen Heiratsantrag mit. »Es ist immerhin fatal,« begann sie. »Ich begreife gar nicht, wie es ihm einfallen konnte, an dich zu denken; ein junges, blühendes Geschöpf wie du – und seine sechzig Jahre! ... Was soll ich ihm antworten?« Erika blieb einen Moment sprachlos, der Antrag des alten Engländers kam ihr völlig überraschend, aber merkwürdigerweise übte er auf sie durchaus nicht dieselbe abschreckende Wirkung wie auf die Großmutter. Sie hatte sich immer gewünscht, in der englischen Gesellschaft zu leben. Sehr wohlhabend, wie sie war, wußte sie doch, daß ihr Einkommen zu den Reichtümern Lord Langleys in keinem Verhältnis stand. Und dann, die Stellung einer englischen großen Dame war doch etwas ganz anderes als die der Gattin irgendeines preußischen Edelmanns. Die fatale Krankheit der Romantik, die ihr im Blut steckte, äußerte sich bei ihr ohnehin in letzter Zeit in einem gewissen sozialen Größenwahn. Welch ein Spielraum breitete sich vor ihr aus! Sie sah sich gefeiert, umschwärmt, von Bittschriften belagert, eine der politischen » Influences « von Europa. »Nun?« fragte Gräfin Lenzdorff, die sich indessen an ihren Schreibtisch gesetzt hatte. »Nun?« wiederholte Erika etwas verlegen. »Was soll ich schreiben – daß du ihn nicht willst, natürlich. Aber wie soll ich's ihm denn höflich beibringen?« Erika schwieg. Die Großmutter hatte indes angefangen zu schreiben. Da hörte sie hinter sich eine leise, etwas verschämte Stimme sagen: »Großmutter!« Sie wendete sich um. »Was willst du, Kind?« »Siehst du ... wenn ich schon überhaupt heiraten muß...« Die Großmutter blieb starr. Dann rief sie scharf: »Du könntest dich entschließen ...?« Erika nickte. Die alte Frau fuhr gerade wie ein Pfeil aus ihrem Sessel empor, zerriß den begonnenen Brief, warf die beiden Stücke heftig auf den Boden und verließ das Zimmer. Nachdem sie die Tür bereits geschlossen, öffnete sie dieselbe neuerdings und rief über ihre Schulter hinüber: »Schreib ihm selbst« – – – – – – – – – – Zwei Tage nach seiner Verlobung verließ Lord Langley Karlsbad, um für den Empfang seiner jungen Gattin die nötigen Vorbereitungen in Eyre Castle zu treffen, wohin er sie Ende August heimzuführen gedachte. Tränen vergossen die Brautleute beide nicht beim Abschied, und ihr Austausch von Zärtlichkeiten belief sich darauf, daß der Bräutigam seiner Braut mit großer Ehrerbietung die Hand küßte. Diese nüchterne Auffassung der Situation erschien Erika überaus befriedigend.   Nachdem Gräfin Lenzdorff die Karlsbader Kur beendet, verfügte sie sich mit Erika nach Franzensbad zur Nachkur. Die Festspiele in Baireuth machten damals viel von sich reden; in dem schläfrig hinduselnden Franzensbader Traumleben hörte man überhaupt kaum etwas Interessantes, das nicht mit dem Parsifal zusammengehangen hätte. Doch wies die alte Gräfin ihre Enkelin anfangs schroff ab, als ihr dieselbe ihren dringenden Wunsch, nach Baireuth zu reisen, gestand. Überhaupt war die alte Frau seit der Verlobung schlecht gelaunt, und ihre Zärtlichkeit hatte sich Erika gegenüber merklich abgekühlt. Sie widersprach ihr häufig, zeigte sich reizbar und erwiderte oft auf die unschuldigsten Vorschläge Erikas: »Warte, bis du verheiratet bist!« Von Baireuth wollte sie schon gar nichts wissen und behauptete, an den Bruchstücken des Parsifal, die ihr vierhändig aus allen Fenstern von Franzensbad entgegentönten, übergenug zu haben und gar keine Lust zu verspüren, das Spektakel an seinem Urquell aufzusuchen, sie leide ohnedies an Kopfweh ... seit Erikas Verlobung. Diesen Widerstand verlängerte sie eine gute Weile, bis endlich zuletzt ihre Neugier den Sieg davontrug und sie sich bereit erklärte, ihrer Enkelin als gequältes Opferlamm nach Baireuth zu folgen. Lord Langleys letzter Brief datierte aus München, wo eine seiner Töchter – denn er war Witwer, aber ohne Sohn – an einen jungen englischen Diplomaten verheiratet war; Großmutter und Enkelin sollten dort mit ihm zusammentreffen, um sich mit ihm gemeinschaftlich nach Schloß Wetterstein in Westfalen, dem Sitz des Lenzdorffschen Majoratsherrn, eines Großonkels Erikas, zu verfügen, wo die Trauung vollzogen werden sollte. Sehr vergnügt über die endlich durchgesetzte Nachgiebigkeit der Großmutter, schrieb Erika einen Brief an Lord Langley, in dem sie ihn bat, ihr nach Baireuth entgegenzukommen, anstatt in München auf sie zu warten – übrigens möge er ganz nach Belieben verfahren ... setzte sie hinzu. Lüdecke wurde voraus nach Baireuth geschickt, um Billette und Wohnung zu besorgen, wenn Billette und Wohnung überhaupt noch zu haben seien. Beides mußte schwerer halten, als es anfangs wahrscheinlich erschien, denn zwei Tage vergingen, ohne daß Lüdecke etwas von sich hören ließ. Endlich, am Vormittag des dritten Tages, flog den Damen ein Telegramm auf ihrer täglichen Brunnenpromenade nach. Es enthielt die Worte: »Alles bereit – Brief folgt. Lüdecke.« und veranlaßte die alte Gräfin zu dem Ausruf: »Schafskopf!« Um wenige Stunden nach dem Telegramm erschien der angekündigte Brief: »Euer Exzellenz! Vor allem mögen Euer Exzellenz die Komtesse beruhigen, es ist alles in Ordnung – Besorgnisse waren jedoch nicht unbegründet, denn es waren anfangs durchaus keine Billette zu beschaffen – d. h. besonders nicht für Parsifal, auf den es die Komtesse ja hauptsächlich abgesehen hatten. Ich hatte bereits Schritte eingeleitet, um eine Audienz bei der hier allmächtigen Frau Wagner zu erlangen. Da ereignete sich ein glücklicher Zufall. Die Mutter eines Wiener Bankiers starb plötzlich am Schlagfuß, wodurch zwei Plätze frei wurden für eine ganze Serie, und habe ich mich sofort derselben versichert; auch in betreff der Wohnung mein möglichstes getan, doch war es allerdings etwas spät und jedes Plätzchen in den Hotels – wo selbst in den Korridoren Betten für durchreisende Baireuthpilger aufgeschlagen – besetzt, auch die vornehmen Privatwohnungen bereits vergriffen, weshalb ich für Eure Exzellenz nur zwischen zwei Logis die Wahl hatte, und zwar eines derselben bei einem Rittmeister von Adel, aber mit Masern bei zwei Kindern, von denen das jüngste gestorben, aber nicht an Masern, sondern an Diphtheritis, weshalb ich, obgleich die Infektionsstoffe durch Reinigung mit Chlor und Karbol – von welchem ein sehr übler Geruch noch zu verspüren – beseitigt, doch vorgezogen habe, für Euer Exzellenz das zweite Logis bei einem Bäckermeister zu nehmen, welcher zwar nicht von Adel, aber sich samt seiner Familie einer vortrefflichen Gesundheit erfreut – und die Zimmer sind größer. Anbei ein Zettel mit Instruktionen, welchen ich Euer Exzellenz bitte der Marianne zu übergeben, damit selbe genau weiß, in welcher Weise sie während meiner Abwesenheit Euer Exzellenz versorgen, und was die unentbehrlichsten Reiseeffekten sind, insbesondere der kleine silberne Teekessel samt Kanne. Indem ich Euer Exzellenz bitte, mich per Drahtpost zu benachrichtigen, mit welchem Zug Euer Exzellenz in Bayreuth einzutreffen geruhen, bleibe ich Euer Exzellenz gehorsamer und untertäniger Diener Karl Lüdecke. 1. P.S. Ich an der Stelle Euer Exzellenz würde den Frühzug benutzen, die Luft in der Eisenbahn schmeckt früh viel besser, und ist auch das Ankommen erheiternder als am Abend in einer kleinen Stadt mit schlechter Beleuchtung, insbesondere, als die Reise nicht anstrengend – dauert nur vier Stunden. 2. S.P. Kann Euer Exzellenz versichern, daß Euer Exzellenz die Pilgerfahrt nach Baireuth nicht bereuen werden. Habe bereits gestern eine Vorstellung mitgemacht, dank der Protektion eines Feuerwehrmanns, welchen ich als einen alten Kameraden begrüßte, indem derselbe mit mir zugleich bei den A ... Füsilieren gestanden, hinter der Bühne, und sind die Aufführungen in der Tat hochinteressant, wenn auch die Musik nicht eigentlich wie Musik klingt, sondern wie etwas ganz anderes, daß es einem dabei kalt durch die Gebeine fährt, was, wie mich mein alter Kamerad versichert, die beabsichtigte Wirkung ist – auch macht sich der während der Aufführung ganz dunkle Zuschauerraum sehr effektvoll. Entschuldigen Exzellenz meine übermäßige Schwatzhaftigkeit, ich schreibe das nur so von wegen der Komtesse und zeichne mich noch einmal usw. ...« Den nächsten Tag verlassen sie Franzensbad – Franzensbad mit seinen weißschimmernden Birken, mit seinem guten Gebäck und schwachen Kaffee, mit seinen Symphonie-Konzerten und seinem ins Leere schmachtenden, bleichsüchtigen Schönheitsflor. Dem praktischen Rat Lüdeckes folgend, benutzen sie den Morgenzug. Der Tau liegt noch auf allen Gartenanlagen, da sie in einem offenen Wägelchen auf den Bahnhof hinausfahren. Ehe sie das Kupee besteigen, hat Gräfin Lenzdorff bereits sechsmal Gelegenheit gehabt, sich über von Marianne angerichtete Konfusionen zu ärgern und sich mit lang gedehnten Seufzern nach »ihrem unentbehrlichen Schaf, dem Lüdecke,« zu sehnen. Im letzten Moment wird Marianne noch zurückgeschickt, um einen Band »Oper und Drama« und zwei Broschüren über »die innerste Beschaffenheit der Kundry« zu holen, welche sie auf dem Toilettentisch ihrer Herrin vergessen hat – zur großen Entrüstung der letzteren. »Vom musikalischen Standpunkt kann Baireuth für mich kein Interesse haben,« so entscheidet diese, »höchstens vom kulturhistorischen, da will ich über das Gebotene orientiert sein.« Ganz atemlos, die Bücher ans Herz drückend, kommt Marianne in einer Droschke zurückgefahren nach dem dritten Läuten, ja gerade in dem Augenblick, in dem der Stationschef, der nur aus Rücksicht für die »hohen Herrschaften« den Zug hat warten lassen, das Zeichen zur Abfahrt geben will. Der Schaffner schiebt das gehetzte und aufgeregte Frauenzimmer noch in aller Eile in das Kupee zu den Damen hinein, sie drückt sich demütig in eine Ecke, die Gräfin setzt ihre Brille auf und versenkt sich in das Studium von »Oper und Drama«, und Erika blickt hinaus in die stille, ebene Landschaft, auf die frisch abgeräumten Stoppelfelder, über die sich die Schatten der Telegraphenstangen endlos lang ausdehnen, mitten zwischen das goldene Geflimmer des Morgenlichts. Auf dem Bahnhof in Baireuth erwartet natürlich Lüdecke seine Herrschaft strahlend vor untertäniger Freude über das Wiedersehen, vor Mitteilungsdrang berstend und mit einem Operntextbuch in jeder Tasche seines dunkelgrauen Rockes. Er geleitet die Damen zu dem Wagen, den er für sie bestellt hat, besteigt einen zweiten mit Marianne und dem Gepäck und dirigiert beide zu dem gemieteten Logis in der Maximilianstraße beim Bäckermeister Strümpfel. Sie halten vor einer dunklen, mit ungleichen spitzigen Steinen gepflasterten Durchfahrt, deren düstere Schlupfwinkel-Physiognomie sie eigentlich befremden könnte, wenn ihnen nicht bei ihrem Eintritt die Frau Bäckermeisterin, blond, frisch, von Bewillkommnungseifer glänzend, entgegengestürzt käme mit dem Ausruf: »Grüß Gott, Frau Gräfin!« Ein solcher unverwüstlicher Vorrat freundlichen guten Willens spricht aus diesem Ausruf, daß es unmöglich wäre, ihr danach noch ihren Hauseingang zu verübeln, über eine sehr hohl klingende und dumpfig riechende Holztreppe folgen sie ihr hinauf auf einen mit Ziegeln gepflasterten Hausflur, von wo aus sie ihre Wohnung betreten – einen großen, niedrigen Salon mit einer ganz kleinen Teppichinsel vor dem Sofa, in einem Meer von grellgelb lackierter Diele, mit einer Möbelgarnitur von roter Peluche, zwei Gummibäumen, einem Kanarienvogel in weiß gestrichenem Vogelkäfig und einem Glasschrank; rechts und links von dem Salon zwei Schlafzimmer, alles gemütlich, sauber, vorweltlich. Beim Frühstück stellt sich's heraus, daß sie sich irgendwie verrechnet haben und um vierundzwanzig Stunden zu früh eingetroffen sind. Aber da sich Gräfin Lenzdorff in guter Laune befindet, und zwar zum erstenmal seit Erikas Verlobung, lacht sie nur zu diesem Mißgeschick. Sobald sie sich des Eisenbahnstaubes entledigt und etwas zurechtgemacht haben, fahren sie in die Ermitage, und zwar in einem schwerfälligen, blau ausgeschlagenen Viersitzer mit einem Paar feierlich schweren Braunen bespannt, denen ein buntbetroddeltes Fliegennetz um die Ohren hängt; durch das heute von phantastischem fremdem Leben fiebernde Städtchen, in dem sich die mit moderner Stuckatur beklecksten neuen Bauten recht wunderlich ausnehmen zwischen den altdeutschen Giebeldächern, fahren sie hinaus ins freie Land, zwischen frisch abgeräumten Feldern und saftigen, von gelbem und blaßlila Blumenschimmer verklärten Wiesen, durch die schönen, schattigen Alleen – Alleen, wie sie nur zu fürstlichen Lustschlössern führen –, in den stillen verlassenen Park, in dem sich außer ihnen nur noch sehr wenige Fremde zwischen den herrlichen Laubgängen und den dazwischen hervorlugenden verwitterten Statuen herum bewegen. Gegen ein Uhr kehren sie in das Städtlein zurück und essen zu Mittag in der »Sonne« am selben Tisch mit österreichischen Aristokraten und Berliner Kommerzienräten und vielen anderen Baireuthpilgern aus bekannten und unbekannten Ländern, dann bummeln sie noch ein wenig in dem lieben alten Städtchen mit seiner zwischen altväterischer Giebelarchitektur hineinspielenden markgräflichen Rokokoresidenz-Vornehmheit. Sie sehen sich das Grab des Meisters an und das alte Theater und geben Karten ab in der Villa Wahnfried. Die alte Frau verliert sich in geistreiche Betrachtungen darüber, was sich wohl die Markgräfin zu dem großen deutschen Spektakel denken würde, der jetzt jedes oder wenigstens jedes zweite Jahr Leben in das verschlafene und verschollene Residenzstädtlein bringt, und Erika zeigt ihr lachend die »Parsifalpantoffeln« und »Nibelungenbonbons« in den Auslagen der kleinen, unansehnlichen Läden. Die Sonne steht bereits tief, und die Schatten der hochgiebeligen Häuser dehnen sich über die ganzen breiten Plätze aus und kriechen in den schmalen Straßen an den Wänden der ihnen gegenüberstehenden Häuser empor, als die alte Gräfin, eine gelinde Müdigkeit verspürend, nach Hause zurückkehrt, um sich mit einer Tasse Tee zu erfrischen. Erika geleitet sie bis in die Durchfahrt, dort bemerkt sie: »Ich möchte mich umsehen, ob ich irgendwo einen Band Tauchnitz auftreiben könnte; darf ich die paar Schritte allein gehen? Wir sind ja auf dem Dorfe.« »Meinetwegen,« ruft die alte Frau, indem sie bereits die Treppe emporklimmt. Nichts Übles gewärtig, biegt Erika um die nächste Straßenecke. Sie geht sehr langsam, die Augen über das altväterische Bauwerk, die hohen Giebel der Häuser gleiten lassend. Da hört sie hinter sich eine Stimme »Rika! Rika« rufen. Sie wendet sich um, zuckt zusammen, als ob ein Blitz vor ihr niedergefahren wäre und einen Baum versplittert hätte. Vor ihr steht mit weit von den Wangen aufgekämmtem Backenbart, etwas kupfriger als früher, aber elegant zusammengekrempelt, in einem stutzerhaften karierten Anzug, ein Monokel im Auge, der Ritter von Strachinsky. »Rika! Meine liebe kleine Rika!« ruft er, ihr seine Hand entgegenstreckend, aus, »welche Überraschung und welche Freude, dich hier zu sehen und ohne den Zerberus, der sich immer störend zwischen uns stellt. Das Schicksal wird ihr's noch einmal heimzahlen, der alten Hexe!« Erika zitterte vor Entrüstung, aber die Zunge klebte ihr am Gaumen. Beim besten Willen hätte sie nichts zu erwidern vermocht. Eine gräßliche, dumme, kindische Panik hatte sie überkommen, fast, als ob dieser Mensch noch irgendeine Macht über sie gehabt hätte, als ob er sie aus ihren jetzigen angenehmen Verhältnissen heraus zurückzuzerren vermocht in die alte Traurigkeit von Luzan. »Du bist ja ganz sprachlos,« fuhr er fort. Er hatte sich indessen einer ihrer zitternden Hände bemächtigt und führte sie an seine Lippen: »Kein Wunder, wir haben uns schon sehr lange nicht gesehen. Dieser eifersüchtige Drach ...« »Ich möchte dich bitten, nicht in diesem Ton von meiner Großmutter zu sprechen,« rief sie. Sie redete ihn mit »du« an, aber wie seltsam war es ihr, daß sie zu diesem Menschen »du« sagen mußte, so völlig losgerissen war sie von ihrer Vergangenheit. Eine kalte, unheimliche Pein zuckte ihr in allen Nerven, sie dachte an ihre Mutter, die Erinnerung an deren schreckliches, durch diesen Menschen erniedrigtes Leben wurde in ihr wach. »Du bist beeinflußt von der Alten,« erklärte der Strachinsky; »nun, das war ja zu erwarten, aber jetzt wird das alles anders werden; wenn du einmal verheiratet bist, werden wieder herzlichere Beziehungen zwischen uns herrschen. Ich trage nie etwas nach, ich verzeihe alles – ich war von jeher zu gut, das war mein einziger Fehler – ein Idealist war ich, ein Don Quichotte – meine arme Frau hat es mir immer gesagt – meine arme, heißgeliebte Emma – ich habe sie heute noch nicht vergessen,« und er fuhr sich ins Auge. »Ich muß nach Hause,« murmelte Erika, »die Großmutter erwartet mich.« »Nun, ich glaube, du könntest dich schließlich immer ein paar Minuten lang deinem alten Vater widmen, wenn es auch nur aus Pietät für deine Mutter wäre,« bemerkte der Ritter, indem er seinen erhabensten Gesichtsausdruck annahm. Aus Pietät für ihre Mutter ...! Nun, hungern oder in irgendeiner Richtung Not leiden hätte sie ihn nicht lassen wollen. »Brauchst du etwas?« murmelte sie. »Nein!« erwiderte er kurz mit abweisender Empfindlichkeit. Dann folgte eine Pause. Sie sah sich um. Während dieser unerquicklichen Unterhaltung hatte sie einen Fuß vor den anderen gesetzt, ohne sich über die Richtung, die sie einschlug, auch nur im mindesten Rechenschaft zu geben. »Willst du mir den Weg zeigen in die Maximilianstraße?« frug sie ihn. »Hier links,« antwortete er lakonisch; dann die Brauen in die Stirn ziehend, erklärte er: »Ein unpraktischer Idealist, wie ich es bin, hatte ich über die schreiende Undankbarkeit, die du mir in diesen letzten Jahren, ja eigentlich von jeher bewiesen hast, einen Strich ziehen wollen. Ja, ich hatte sogar die Absicht, deinen Bräutigam zuerst aufzusuchen, obgleich das eigentlich die verkehrte Weltordnung gewesen wäre! Aber ... ich sehe, daß du gar nicht mehr aus noch ein weißt vor Hochmut. Meinetwegen! Mögest du nicht zu schwer dafür büßen!« Bei diesen Worten grüßte er mit grotesker Grandezza. Ehe sie sich dessen versehen, war er verschwunden. Ein paar blaugraue Wolken waren indessen den Himmel hinaufgezogen, ein kurzatmiger zorniger Wind zauste an den schweren Straußfedern auf Erikas Hut, vereinzelte Regentropfen fielen. Erika war dermaßen aufgeregt, daß sie kaum damit fertig werden konnte, ihren Schirm aufzuspannen; ehe sie die Maximilianstraße erreicht hatte, verirrte sie sich zehnmal und stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als sie endlich den dunklen Torweg erblickte. Schon auf der Treppe hörte sie durch die Tür des Salons die Stimme ihrer Großmutter, und zwar hatte dieselbe den warmen herzlichen Klang, den sie nur annahm, wenn sie sich mit einem der wenigen Menschen unterhielt, die ihr auf der Welt wirklich sympathisch waren. Sie mußte Besuch bekommen haben. Nicht danach gestimmt, mit fremden Menschen zu plaudern, verwünschte Erika die Einteilung ihres Logis, die es ihr unmöglich machte, ihr Schlafzimmer aufzusuchen, ohne den Salon zu betreten. Verdrießlich öffnete sie die Tür. Der altväterische silberne Miniaturteekessel, den nicht zu vergessen Lüdecke der Marianne so energisch ans Herz gelegt, stand auf dem runden Sofatisch und nahm sich wunderlich genug aus inmitten der schwerfälligen »besten Teetassen« der freundlichen Wirtin. Die Gräfin saß auf dem Sofa, neben ihr in einem Lehnsessel, den Rücken gegen die kleinscheibigen Provinzstädtchenfenster, ein Mann in Zivil. Er richtete sich auf, so hoch, daß es Erika anfangs war, als müsse er mit dem Kopf gegen die Decke des niedrigen Zimmers anstoßen. Seine Züge vermochte sie nicht zu erkennen, da er, wie schon gesagt, gegen das Licht stand, aber ehe er ihr noch einen Schritt entgegengetan, schrie sie fast: »Goswyn!« und stürzte mit ausgestreckten Händen auf ihn zu. Dann, als er mit etwas förmlicher Ritterlichkeit eine dieser beiden nach ihm wie nach einem Rettungsanker langenden Hände küßte und sie ohne besonders herzlichen Druck aus der seinen gleiten ließ, bemächtigte sich ihrer eine große Verlegenheit; sie erinnerte sich, daß sie ihn eigentlich Herr von Sydow hätte nennen sollen und es sich überhaupt für sie geschickt hätte, der Freude darüber, ihren abgewiesenen Freier wiederzusehen, einen gemesseneren und würdevolleren Ausdruck zu geben. Ein derartiger Ausbruch von Begeisterung, wie der, dessen sie sich soeben schuldig gemacht, lag ihren jetzigen Gewohnheiten eigentlich sehr fern. Sie war eben heute wie aus den Angeln gehoben. Der Schrecken, den ihr der unerwartete Zusammenprall mit dem Stiefvater verursacht, hatte ihre Nerven erschüttert; der Starrkrampf, der in letzter Zeit ihr Empfinden gefangengehalten, fing an von ihr zu weichen, ihr junges Herz pochte wieder fast so laut wie damals, als sie zum erstenmal die teppichbelegte Treppe in der Bellevuestraße ihrem neuen Leben entgegengegangen war – so stark wie damals bei jenem Glanzdonnerstag der Gräfin Brock, wo sie plötzlich, von der Erinnerung an ihre unglückliche Mutter überwältigt, ihren sämtlichen Anbetern davongelaufen war, um sich in irgendeinem Winkel auszuweinen. Von der weltklugen, kalt-sicheren Braut Lord Langleys war plötzlich nichts übriggeblieben als eine beschämte, gerührte und zugleich von einem nicht deutlich ausgesprochenen Mißbehagen gedrückte junge Person, die ihre überherzliche Begrüßung des jungen Mannes vor sich selber als eine Zudringlichkeit verurteilte und sich nun so weit als möglich von ihm in einen der mit rotem Sammet bespannten Lehnstuhle setzte. »Wie lange sind Sie schon in Baireuth, Herr von Sydow?« fragte sie mit einer kleinen, bescheidenen Stimme, die dem jungen Offizier wie ein Echo aus alten Zeiten eigentümlich zu Herzen ging. Erika, die sich jetzt an den Schatten, der seine Züge verdeckte, gewöhnt hatte, merkte, daß er lächelte – sein altes gutes Lächeln. Seine Züge waren jetzt schärfer herausgemeißelt als früher, er war stark abgemagert und hatte auch das letzte Restchen seiner ehemaligen übergesunden Schwerfälligkeit verloren. »Ich bin schon vor mehreren Tagen gekommen, ich habe meine musikalischen Genüsse bereits hinter mir,« erwiderte er. »So! – und was machen Sie denn dann noch in Baireuth?« fragte Erika und sah ihn aus großen Augen staunend an. Er lachte gezwungen, wie man aus Verlegenheit mit zusammengeschnürtem Halse lacht, und wurde seiner schönen alten Gewohnheit gemäß sehr rot; dann sagte er ruhig: »Ich erfuhr durch Ihren Quartiermacher Lüdecke, dem ich vorgestern hier begegnete, daß Sie kommen sollten, und da entschloß ich mich, Ihre Ankunft abzuwarten.« Sie wollte ihm etwas darauf erwidern, etwas Liebes, Freundliches, aber sie brachte nichts über die Lippen. Statt ihrer nahm die Großmutter das Wort: »Es war sehr schön, daß Sie in dem langweiligen Nest ausgeharrt haben, nur um uns zu begrüßen, ich rechne es Ihnen hoch an,« versicherte sie ihm, und Erika fügte kleinlaut hinzu: »Ich auch!« Dann folgte eine Pause; schließlich sagte Goswyn: »Ich muß Ihnen zu Ihrer Verlobung gratulieren, Gräfin Erika.« Er brachte die Worte sehr tapfer heraus. Erika aber vermochte nichts auf seinen Glückwunsch zu erwidern. Sie hatte mit einemmal das Gefühl, als ob sie sich für irgend etwas schäme, ohne daß sie recht gewußt hätte, für was. »Kennen Sie Lord Langley, Goswyn?« fragte die alte Gräfin mit der eiskalten Betonung, die sie stets anzunehmen pflegte, wenn die Verlobung ihrer Enkelin zur Sprache kam. »Nein! – Sie können begreifen, daß ich sehr begierig wäre, etwas Näheres über ihn zu erfahren.« »Er ist der amüsanteste Engländer, dem ich je begegnet bin. Ein sehr geistreicher Kopf,« erklärte die Gräfin mit liebloser Objektivität. »Es war nicht anzunehmen, daß Gräfin Erika ihre Freiheit einem gewöhnlichen Manne opfert,« sagte Goswyn, mit großer Selbstbeherrschung einen leichteren Ton anschlagend. Statt aller Antwort beugte sich Gräfin Lenzdorff über die großmächtige und schwerfällige Teetasse, die vor ihr stand, und hob dieselbe an ihren Mund. Das Gefühl innerer Beschämung war mit jedem Worte dieses kleinen Gesprächs in Erika gewachsen. Zugleich fühlte sie das dringende Bedürfnis, Goswyn gegenüber aufrichtig zu sein und ihn von allen Illusionen, die er ihrer Verlobung entgegenbringen mochte, zu befreien. »Lord Langley ist kein junger Mann mehr,« erklärte sie hastig, »ich will Ihnen seine Photographie holen.« Damit verfügte sie sich in die anstoßende Stube, aus der sie alsbald mit einem dunkelblauen Sammetetui zurückkehrte, das die Photographie ihres Verlobten enthielt. Sie öffnete es und reichte es Sydow. Er sah erst das Bild, dann sie, dann noch einmal das Bild an. Seine breiten Schultern zuckten; dann, ohne ein Wort zu sagen, klappte er das Etui zusammen und stellte es vor Erika, die ihren Platz wieder eingenommen, auf den Tisch. Ein peinliches Schweigen folgte. Der Kanarienvogel in seinem weiß angestrichenen Käfig schmetterte laut, von unten tönte das Räderrollen der Wagen herauf, die mit Baireuthpilgern beladen von der Ermitage oder Fantasie in das Städtchen zurückkehrten. Einer der Wagen hielt vor dem schwarzen Torwege unten. Bald darauf hörte man die hohlklingende Holztreppe unter den Füßen einer schwerfällig emporklimmenden Person knirschen. Lüdecke, der sich indessen auf dem Flur draußen mit der Lektüre von »Tristan und Isolde« beschäftigt, öffnete die niedrige graue Tür der altväterischen Putzstube und meldete: »Frau Gräfin Brock.« Der bösen Fee passierte in diesem Moment etwas, das ihr schon lange nicht widerfahren war – sie kam jemandem gelegen. Wie gewöhnlich nickte und grüßte sie ringsherum auf das verbindlichste, ohne irgend jemand zu erkennen. Sie konnte wieder einmal ihr Lorgnon nicht finden, weshalb ihr verzuckertes Lächeln einen Gummibaum traf, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit mit einem ihrem Herzen besonders nahestehenden Kammerherrn verwechselte. Erst als Goswyn das verlegte optische Instrument an seinem dünnen Schnürchen, mitten zwischen ihren Kreppfalten und Jetfransen hängend, erblickte und es ihr menschenfreundlich in die Hand drückte, erkannte sie ihren Irrtum. Goswyn wollte sich sofort nach dem ihr geleisteten Liebesdienst zurückziehen, sie aber klopfte ihm vorwurfsvoll auf die Schulter – sie behandelte ihn immer, als ob er vier Jahre zähle, und winselte ihm zu: »Goswynchen, Goswynchen, du läufst doch nicht am Ende vor deiner alten Tante davon! Bleib doch noch ein Augenblickchen.« Ob diese Worte einen bestimmenden Eindruck auf den jungen Offizier gemacht hätten, wollen wir dahingestellt lassen, als aber Gräfin Lenzdorff, sich der Bitte ihrer Jugendfreundin anschließend, in ihrem freundschaftlich befehlenden Ton sagte: »Bleiben Sie doch, Goswyn; was werden Sie heute noch viel Interessantes vorhaben in Baireuth, und mir machen Sie ein Vergnügen, wenn Sie bleiben, das wissen Sie!«, da setzte er sich, nicht ohne sich für die Liebenswürdigkeit der alten Dame durch eine Verbeugung bedankt zu haben, wieder nieder, immer mit der etwas steifen, unbeholfenen Haltung eines Offiziers in Zivil, der im Laufe des Gesprächs unwillkürlich nach der Waffe greift, die er nicht finden kann. Die böse Fee hatte indessen hinter dem runden Tisch auf dem Sofa neben Gräfin Anna Platz genommen und lieh sich von Erika eine Tasse Tee einschenken, aus der sie mit gezierten Schlückchen zu trinken begann. Sie war wie gewöhnlich in lang nachschleppende schwarze Trauergewänder gehüllt, obgleich niemand zu sagen gewußt hätte, für wen sie momentan trauerte, und die erste Frage, welche Gräfin Lenzdorff an sie richtete, lautete: »Genierst du dich denn nicht, in Baireuth als Königin der Nacht herumzuwandeln?« »Ganz im Gegenteil,« erwiderte die böse Fee, sich die Hände reibend, »das ist ja pikant. Neulich versicherte mir ein Herr, ich ginge in Baireuth um wie das trauernde Gespenst der totgeschlagenen klassischen Musik. Das ist doch reizend – nur paßt es nicht auf mich – gar nicht, denn ich bin ganz begeistert für Wagner!« Sie hob beide Hände, die Flächen herauskehrend, in die Höhe und begann das Triolenmotiv aus der Blumenmädchenszene im Parsifal vor sich hin zu summen: »Tri – dididi ... dididi ... trididi!« »Was sagen Sie denn zu dem Parsifal?« wendete sich die Gräfin Lenzdorff an Goswyn. »Einer der größten Schwindel dieses Jahrhunderts, was? Sie heulen wie vom bösen Geist getrieben und nennen's Freude, nennen's Gesang!« »Auf die Gefahr hin, sehr tief in Ihrer Achtung zu sinken, muß ich gestehen, daß der Parsifal einen gewaltigen Eindruck auf mich geübt hat, Gräfin,« erwiderte Goswyn. » Et tu Brute !« rief die Gräfin Lenzdorff in komischer Entrüstung. »Nun, ganz einverstanden bin ich nicht, dies zu Ihrem Trost,« beruhigte er sie. »Ach, es geht nichts über Wagner, es gibt nur Gott – und Wagner! ... Tridididi – dididi!« Die Fee schloß die Augen und fuchtelte geziert und begeistert mit den Händen in der Luft herum. »Die Szene, auf die sich dein Gesang bezieht, gehört nicht gerade zu meinen Lieblingen,« bemerkte Goswyn. »Oh, die hat uns am wärmsten begeistert, Dorothee und mich!« erzählte die Fee. »Diese flatterhaften kleinen Verführerinnen, wie neckisch – und der keusche Parsifal mittendrin! Hi! hi! hi!« Sie faltete vor Entzücken die Hände. »Neulich abends bei Frau Wagner haben wir den van Dyck kennengelernt. Etwas kräftig ist er mitunter in seiner Ausdrucksweise – Dorothee hat sich zwar prächtig mit ihm unterhalten, aber nachher hat sie ihn shocking gefunden.« »Hm! deine Nichte hat seit einiger Zeit eine Manie, alles shocking zu finden!« bemerkte Gräfin Anna trocken, »sie singt auch gar keine Couplets mehr und schlägt die Augen nieder, wenn sie einen französischen Roman in einer Buchhändlerausgabe erblickt. Das bedeutet einen Umschwung der Dinge, der mir bedenklich scheint. Ach, verzeihen Sie, Goswyn, ich vergesse immer, daß die Dorothee Ihre Schwägerin ist!« »Bitte, genieren Sie sich gar nicht – solang wir unter uns sind,« entgegnete Goswyn; » coram publico würde ich Sie allenfalls bitten, sich einen gelinden Zwang aufzuerlegen meinem armen Bruder zuliebe.« »Er kann die Thee nicht leiden,« lachte die Brock, indem sie schelmisch mit dem Zeigefinger nach Sydow hindeutete; »aber ich weiß, woher das kommt. Sieh nur, wie rot er wird!« Goswyn war in der Tat dunkelrot geworden. »Er war verliebt in sie damals in Florenz – sie hat mir's erzählt, hi! hi! hi!« »Bildet sie sich das wirklich ein, oder hat sie es nur zu ihrer Kurzweil erfunden?« murmelte Goswyn, wie zu sich selber sprechend, nachdenklich. Die Fee hörte indessen nicht auf zu kichern, wobei sie sich in ihrer Sofaecke hin und her wand. »Du mußt sehr lange mit der Dorothee beisammen gewesen sein,« erwähnte die Gräfin Anna etwas wegwerfend, »du hast dir alle ihre Grimassen angewöhnt. Befindet sich die in Rede stehende Persönlichkeit noch in Baireuth?« »Nein, heute früh ist sie fort. Sie ist auf einige Tage nach Berlin, um Kommissionen zu besorgen, ehe sie sich nach Heiligendamm begibt. Aber wir waren in der Tat längere Zeit hindurch beisammen. Sechs Wochen waren wir in Schlangenbad. Ich hab' sie chaperoniert – ach, wir haben uns prächtig unterhalten! Allerhand Bekanntschaften haben wir angeknüpft, auch mit Leuten, die man zu Hause natürlich nicht kennen dürfte, aber auf Reisen ... hm! Ich bin ja eines besonderen Zweckes halber zu dir gekommen, Anna! Wenn ich nur wüßte ...« Sie zog ihr Taschentuch hervor und versenkte sich nachdenklich in den Anblick von zwei Knoten, die sie hineingeknüpft hatte – »einen Zweck – zwei Zwecke ...« murmelte sie – »der eine Zweck ist Hedwig Norbin, das heißt ihr siebzigster Geburtstag, und der zweite ... ja, richtig, der zweite« – das Taschentuch schlüpfte in die Tasche zurück – »rate, wen ich in Schlangenbad kennengelernt habe?« frug sie, den Kopf etwas zurücklegend und die Arme über der Brust kreuzend, wie jemand, der sich mit Genuß darauf vorbereitet, seinem Nächsten etwas besonders Unangenehmes zu sagen. »Wie sollt' ich!« »Den Stiefvater deiner Enkelin – ja ... hm!« Sie nickte bekräftigend. Erika fuhr zusammen. Gräfin Lenzdorff sagte indessen ruhig: »So – dafür bedaure ich dich von Herzen; aber ... da ich das Unglück nicht auf dem Gewissen habe, bin ich dir gegenüber vielleicht zu keiner weiteren Entschuldigung verpflichtet.« »Hm! Brauchst mich gar nicht zu bedauern.« Die böse Fee klopfte mit der Fußspitze herausfordernd auf der unter dem Sofatisch ausgebreiteten kleinen Teppichinsel herum. »Seine Bekanntschaft hat mich interessiert. Hm! Ihr habt es euch recht bequem gemacht, deine Enkelin und du, habt ihn einfach aus eurem Weg fortgefegt. Was aber die Leute dazu sagen, das wißt ihr nicht.« »Interessiert mich auch nicht im mindesten,« fuhr Gräfin Anna auf. »Das Urteil der Welt mag euch gleichgültig sein – aber mit seinem Gewissen steht man doch immer gern auf gutem Fuß – das sagte mir Dorothee noch kürzlich.« »So, das sagte sie dir?« murmelte die Gräfin Anna halblaut. »Ja! Und sie war empört über die Art, in welcher ihr den armen Menschen behandelt habt.« »Geht sie das irgend etwas an?« frug Gräfin Lenzdorff scharf. »Oh, sie hat ganz recht; ich bin durchaus auf ihrer Seite!« ereiferte sich die Fee; dann sich direkt Erika zuwendend: »Ich kann Ihnen die kleine Reprimande nicht ersparen. Es war immerhin ein Mensch, der bis zu Ihrem siebzehnten Jahre wie ein Vater für Sie gesorgt hat – ein Mensch, der von Ihrer Mutter leidenschaftlich geliebt worden ist.« Erika saß da wie versteinert, jedes Wort der Alten traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Der Zorn sprühte Gräfin Lenzdorff aus den Augen. »Misch' dich nicht in die Dinge, von denen du keine rechte Ahnung hast, Elise!« rief sie. »Mit der Leidenschaft meiner Schwiegertochter für diesen verweichlichten Dummkopf war's so eine Sache. Auf der einen Seite Mitleid mit einem Manne, den sie auf dem Krankenlager kennengelernt, anderseits Widerspruch gegen mich – ich habe sie gereizt, das läßt sich nicht leugnen, die Heirat wäre nie zustande gekommen, wenn ich mich der Verlobung Emmas mit dem Polen nicht in sehr taktloser Weise widersetzt hätte. Die zweite Ehe Emmas war eine Tragödie, die aus Eigensinn entstanden ist, nicht aus Liebe.« »Meine teuerste Anna, das ist deine Auffassung,« lispelte die Brock, »man weiß, daß du von Herzensschwächen nichts verstehst, weil du selber ein in Eisen gepanzertes Herz hast, aber die Leidenschaft deiner Schwiegertochter für den Polen wirst du mir nicht wegbeweisen. Erstens ist diese Leidenschaft die einzige halbwegs verständliche Begründung für diese Ehe, wie wäre es denn deiner Schwiegertochter sonst eingefallen ... pah, Unsinn! – und zweitens – nun, zweitens hat mir der Strachinsky Briefe vorgelesen – Briefe, die sie als junge Frau an ihn geschrieben hat. Er trägt diese Briefe immer bei sich, seine Anhänglichkeit an die Verstorbene ist rührend. – Armer Mann! Er weinte, wenn er uns die Briefe vorlas – wir weinten mit. Ich hatte eine kleine Gesellschaft zusammengeladen, als er zuerst der Briefe erwähnte. Zwei Abende hintereinander las er sie vor. Als er geendigt, küßte er dieselben und seufzte: »Das ist das einzige, was mir von meiner armen, heißgeliebten Emma bleibt!« Und dann erzählte er uns von den zärtlichen Beziehungen, die immer zwischen ihm und seiner Stieftochter bestanden hätten, und davon – nun, ich kann es nicht verschweigen, wie seine Stieftochter ihn wie »einen alten Schuhfetzen« – so drückte er sich aus – von sich gestoßen habe, seitdem sie in die große Welt eingeführt worden sei und seiner Stütze entraten konnte. Ich sage ja nicht, daß ich mir eine solche Konnexion gerade wünschen möchte, aber – on choisit ses amis, on subit ses parents ! Dieser Art von Verpflichtungen kann man sich nicht entziehen, und, meine liebe Erika, ich mein's gut mit Ihnen, eine andere wäre nicht so aufrichtig wie ich, aber ich kann Ihnen nur raten, sich mit dem Strachinsky zu versöhnen, denn eine gewisse Pietät sind Sie dem Menschen schuldig. Er ist hier in Baireuth, er hat mich gebeten, eine Versöhnung zwischen dir und ihm zu vermitteln, Anna. – Sie müssen mir helfen, Erika.« Erika erwiderte nichts. Sie saß da, gerade und mit schwerem Atem, sprachlos. Die Fee faselte weiter. »Die Leute reden davon – von eurer ungerechtfertigten Haltung ihm gegenüber, Anna,« sagte sie; »aber das läßt sich ja alles wieder in Ordnung bringen. Darf ich ihn wissen lassen, daß du bereit bist, ihn zu empfangen, Anna?« Da aber erhob sich Gräfin Lenzdorff kerzengerade. »So!« rief sie mit blitzenden Augen, »einen Menschen, der, um Mitleid zu erwecken, die Briefe seiner unglücklichen Frau vor geladenem Publikum liest, den soll ich empfangen? Das mutest du mir zu? ... Hinauswerfen lass' ich ihn, wenn er sich bei mir zeigt! Und jetzt hab' ich keine Zeit mehr, deinem Redefluß zuzuhören, Elise! Ich muß heute noch einen Besuch machen, und zwar bei Hedwig Norbin. Willst du mitkommen?« »Mit dem größten Vergnügen!« ruft eingeschüchtert die böse Fee. »Hole mir meinen Hut und meine Handschuhe aus dem Nebenzimmer, Kleine,« wendete sich die Großmutter an Erika, und als diese damit zurückkehrte, zog sie dieselbe an sich und küßte sie auf die Wange. Goswyn war aufgestanden, um sich mit den beiden Damen zu entfernen. Erika blickte ihm nach, stumpf, ohne an irgend etwas zu denken. Schon hatte er sich, und zwar sehr förmlich, von ihr verabschiedet – die beiden alten Damen hatten das Zimmer bereits verlassen –, da legte Erika die Hand auf seinen Arm. »Goswyn!« murmelte sie – »nur einen Augenblick ... bleiben Sie!« Er blieb. Die Tür hatte sich hinter den alten Damen geschlossen, er war mit ihr allein. Was wollte sie eigentlich von ihm? Er wußte es nicht – sie wußte es selber nicht. Er sollte Rat schaffen, irgendwie sie von der brennenden Last befreien, die sich ihr aufs Herz gewälzt hatte; die alte Gewohnheit, sich auf ihn zu stützen, sich bei allen vor ihr auftauchenden Schwierigkeiten nach ihm umzusehen, war wieder lebendig geworden in ihr, aber sie konnte die Worte nicht finden, um ihm das alles zu sagen. Ein Weilchen saß sie da, weiß und still, fast ohne die Miene zu verziehen, und zupfte an einem Fältchen ihres schwarzen Spitzenkleides. Dann fuhr sie sich ein paarmal mit der Hand über Stirn und Schläfe, worauf sie endlich in einer gezwungenen flachen Stimme anhob: »Sie wissen, daß ich meine Mutter vergöttert habe – ich habe mit Ihnen von ihr gesprochen. Sie erinnern sich vielleicht ...« »Ich glaube nicht, daß mir je etwas von dem verlorengegangen ist, was Sie mir gesagt haben,« erwiderte er. Die Worte waren gut, aber etwas in dem Ton seiner Stimme tat ihr weh, beunruhigte sie. Es lag etwas zwischen ihnen. Noch vor einer Stunde hätte er nicht in diesem Ton zu ihr gesprochen. Es war ihr so natürlich erschienen, ihn zurückzuhalten, sie hatte auf seine Teilnahme wie auf etwas Selbstverständliches gerechnet, und jetzt fühlte sie sich mit einemmal eingeschüchtert. Was ging sie ihn schließlich an? »Verzeihen Sie,« murmelte sie, »es war mir plötzlich der Drang gekommen, mir einmal das Herz auszuschütten – ich kann mit niemand darüber reden, und ich leide so! – Ach, Sie können sich's nicht ausdenken, was ich gelitten habe in dieser letzten Viertelstunde. Die Ehe meiner armen Mutter war eine Tragödie, da hat die Großmutter recht; was sie gelitten hat jahrelang, weiß niemand, der's nicht miterlebt hat wie ich. Das letzte, um was sie mich gebeten bat, als sie im Sterben lag, war, ihn nicht zu ihr zu lassen, Und jetzt geht dieser Elende bei fremden Menschen herum und prahlt mit – Ach, es ist ja nicht zum Aushalten ...!« Sie legte beide Hände an die Schläfen. »Begreifen Sie, was das für mich ist – begreifen Sie?« Die Frage war überflüssig. Sie wußte, daß er begriffen hatte, aber sie wiederholte die Worte mechanisch immer und immer wieder. Warum saß er denn da, so gerade, so stumm? Sie schüttete ihr ganzes Herz aus vor ihm, das Heiligste, das Schmerzlichste darin, das, was sie vor allen anderen verbarg, zeigte sie ihm, und er ... fand kein teilnehmendes Wort für sie. Eine Art Zorn überkam sie. Mit aller Selbstbeherrschung, die sie auftreiben konnte, zwang sie sich eine ruhigere Haltung ab und sagte: »Ich weiß, daß ich eigentlich nicht das Recht habe, Sie mit meinem Elend zu behelligen ...« »Gräfin Erika!« rief er heftig. Mit einer unbewußten Handbewegung stieß er dabei gegen das blaue Etui, welches die Photographie Lord Langleys enthielt. Es fiel polternd auf den Boden. Goswyn bückte sich danach, hob es auf und stellte es auf den Tisch, verächtlich und hastig. Zugleich nahm sein Gesicht einen geradezu harten Ausdruck an. Ein bleiernes Schweigen folgte; er war der erste, der es brach. »Dieser Strachinsky hält sich gegenwärtig hier auf?« begann er. »Ja, ich bin ihm heute begegnet.« »Seine Adresse wissen Sie nicht?« »Nein, warum fragen Sie?« »Ich ... nun, das ist doch das Natürlichste von der Welt – ich möchte Ihnen die Briefe Ihrer Mutter verschaffen,« sagte er. »Die Briefe ...!« rief sie aus. »Oh, wenn das möglich wäre! Aber unter welchem Vorwande könnte man die Briefe von ihm fordern, sie gehören ihm ja, wir haben kein Recht darauf.« »Einem solchen Kerl gegenüber gilt auch heute noch das Faustrecht,« entschied Goswyn; damit stand er auf. Sie reichte ihm die Hand, er berührte sie höflich mit der seinen, aber der herzliche Druck von ehedem fehlte. Ehe sie sich's versah, war er verschwunden. Ein Weilchen blickte sie auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen, wie gebannt – sie begriff nicht. Er war derselbe, aber sie war in seinen Augen eine andere geworden. Plötzlich sagte sie sich's. Ihr zu helfen, war er immer noch bereit – aber die verhätschelnde, zärtlich erwärmende Teilnahme von ehemals fehlte – und auch die Andacht, mit der er, der starke Mann, sonst zu ihrer kindischen Schwäche aufgeblickt, fehlte. Sie war ihm nicht mehr so lieb wie sonst, und nicht mehr so heilig. Mitten in den Schmerz, den die giftigen und unzarten Reden der bösen Fee in ihr aufgewühlt, mischte sich etwas peinigend, lähmend: das Bewußtsein, das sie in den Augen des Menschen, den sie auf dieser Welt am höchsten schätzte, gesunken war. Als die Gräfin Lenzdorff um eine Stunde später nach Hause kam, fand sie ihre Enkelin noch immer auf demselben Fleck sitzend. Ehe die Großmutter sie angesprochen, entwischte sie in ihr Zimmer. Den nächsten Vormittag wanderte Erika rastlos in der großen, niedrigen Putzstube auf und ab, über die gelblackierte Diele, von dem Glasschrank, in dessen Fächern zeitgeschwärzte, zuckerne Osterlämmer mit den silbernen Eßbestecken der Frau Bäckermeister Strümpfel einträchtig beisammen hausten, bis zu dem Gummibaum, welchen noch kürzlich die böse Fee als ihren Lieblingskammerherrn angegrinst hatte. Sie war allein zu Hause. Lord Langley hatte seinen Besuch für den Vormittag angekündigt, und die Gräfin Lenzdorff war ausgegangen, um dem Wiedersehen des Brautpaares nicht beiwohnen zu müssen. Jede Fingerspitze des jungen Mädchens pochte, und die Augen brannten ihr aus dem Kopfe heraus, ihr Körper war schwer und wund, als ob sie von einer großen Höhe herabgestürzt wäre. Mit atemloser Spannung horchte sie hinaus, seit einer Stunde schon. Würde Goswyn kommen, ehe Lord Langley eintraf? Würde sie einen Augenblick finden, sich mit ihm auszusprechen? Ach, wie ihr danach verlangte! Sie wollte ihm klarmachen ... Endlich schallte ein Schritt über die Treppe – am Ende war's Lord Langley. Nein – nein! Lord Langley ging weder so schnell und leicht, noch auch ächzte die Treppe so schwer unter seiner Last. Das war Goswyn – sie hörte, wie er draußen mit Lüdecke ein paar Worte wechselte. Lüdecke weihte ihn mit seiner wichtigtuerischen Redseligkeit, über die Erika sonst so oft gelacht und für die sie ihn heute hätte erwürgen mögen, in die Situation ein, teilte ihm mit, daß Ihre Exzellenz ausgegangen, die Komtesse aber zu Hause verblieben sei, um den Besuch Lord Langleys zu erwarten. Erika horchte an der Tür, hörte Goswyns eiskalte, fremde Stimme sagen: »In dem Fall will ich nicht stören, melden Sie der Komtesse ...« Da aber hielt sie's nicht länger aus, sie riß die Tür auf und rief: »Goswyn!« »Gräfin!« Er verbeugte sich sehr förmlich. »Kommen Sie doch einen Augenblick zu mir herein, ich bitte Sie!« flehte sie, indem sie dabei unwillkürlich die Hände faltete. Darauf blieb ihm natürlich nichts übrig, als einzutreten. Nun standen sie einander gegenüber, er und sie – sie an allen Gliedern zitternd, er steif und starr, wie sie ihn noch nie gesehen. Er hielt ein kleines Päckchen in der Hand. »Da, Gräfin,« sagte er, »ich bin davon überzeugt, daß das alle Briefe sind, welche dieser Herr von Strachinsky von Ihrer Frau Mutter je empfangen hat – einige der Episteln, die er zur Auferbauung meiner liebenswürdigen Tante coram publico vorgelesen, waren freie Kompositionen aus seiner eigenen Feder. Doch können Sie beruhigt sein. Solange ich auf dieser Welt bin, wird er in gleicher Richtung keine Indiskretion mehr begehen.« Bei diesen Worten trat ein solcher Ausdruck heftiger Entschlossenheit auf sein Gesicht, daß Erika es erriet, welche Mittel er angewendet haben mußte, um den Strachinsky einzuschüchtern. Ein Gefühl warmer, überwältigender Dankbarkeit überkam sie, aber es war etwas so Abweisendes in seiner Haltung, daß sie, weit davon, sich irgendeiner Überschwenglichkeit schuldig zu machen, zitternd vor ihm stand und nicht einmal den gewöhnlichen Dank über die Lippen brachte. Statt dessen drehte sie das Päckchen, das er ihr übergeben, verlegen zwischen den Händen – ein kleines, schmächtiges Päckchen, das in einem Bogen Papier eingeschlagen und mit einem großmächtigen Wappen versiegelt war. Aus Verlegenheit hefteten sich ihre Augen auf dieses Wappen. »Das Wappen des Herrn von Strachinsky,« erklärte ihr Goswyn; »bitte, bemerken Sie die Zartheit – dieselben Briefe, die er zur Auferbauung von ich weiß nicht wieviel schwatz- und klatschsüchtigen alten Damen vorgetragen, hat er mir nur versiegelt übergeben, aus Angst, ich könnte einen davon lesen.« Erika lächelte schwach. »Es ist nicht zu verlangen, daß der Strachinsky Sie begreifen könnte,« murmelte sie. »Die Menschen beurteilen immer alles von ihrem Standpunkt aus. Sie haben mich auch nach sich beurteilt und haben mich infolgedessen höher gestellt als gut war. Setzen Sie sich doch einen Augenblick – ich bitte Sie.« »Ich will nicht stören,« erwiderte er schroff, fast unhöflich. »Wie sollten Sie mich denn stören, Sie stören mich nie.« »Auch nicht, wenn Sie Ihren Verlobten erwarten?« Er blickte ihr gerade ins Gesicht. Sie wurde feuerrot; das dringende Bedürfnis, seine Achtung wiederzuerringen, quälte sie. »Sie fassen die Situation falsch auf,« rief sie, »es handelt sich ja nicht um eine sentimentale Backfischverlobung! Ich... ich ...« und dabei stieß sie eine kurze, nervöse Lache aus, vor der sie selbst erschrak – »ich heirate ja Lord Langley nicht aus Liebe.« Eine Pause folgte – Goswyn hielt den Kopf gesenkt; dann, ihn plötzlich hebend und Erika in einer geraden, kein Wegblicken zulassenden Weise in die Augen schauend, die ihr sehr unbequem war, sagte er: »Das erriet ich – aber weshalb heiraten Sie ihn denn? Sie, ein junges, hochbegabtes reines Mädchen einen alten Mann, der eine Vergangenheit hinter sich hat wie Lord Langley? Ich weiß, daß kein Mann eines Mädchens wie Sie würdig ist – aber mein Gott, es gibt ja doch noch einen Unterschied! Warum heiraten Sie ihn – warum gerade den?« »Warum ... warum ...?« Sie suchte sich zu sammeln und ihm eine wahrheitsgetreue Antwort zu geben – »ich heirate ihn, weil mir seine Stellung paßt, weil man verurteilt ist, in einem gewissen Alter zu heiraten, wenn man nicht seiner Umgebung zum Gespött dienen will – ich heirate ihn, weil er ein alter Mann ist, der kein wärmeres Gefühl von mir fordern wird, und weil ich mir fest vorgenommen habe, ohne Romantik in die Ehe zu gehen. Ach!« – mit einem Blick auf das arme, dünne Päckchen in ihrer Hand – »nach dem, was Sie von meinen trüben Erfahrungen wissen, sollten Sie doch begreifen, warum gerade ich nicht aus Liebe heiraten will!« Eine lange Pause folgte – er sah sie an, wie er sie noch nie angesehen hatte, forschend, fragend. Plötzlich wurde sein Blick weicher – ein grenzenloses Mitleid sprach daraus. »Ich begreife, daß Sie von der Liebe und der Ehe reden wie der Blinde von der Farbe,« sagte er langsam, »ich begreife, daß Sie im Begriff sind, ahnungslos ein Verbrechen an sich zu begehen, an dem man Sie verhindern sollte!« Plötzlich brach er ab, grub die Zähne in die Lippen. Aus dem Flur tönte eine eigentümliche runde Stimme, die spezifische Stimme eines auf dem Kontinent perfektionierten alten englischen Lebemannes: »Ist die Komtesse zu Hause?« »Was tu' ich länger hier!« rief Goswyn. Dann, ohne nur die Hand, die sie ihm entgegengestreckt, in die seine genommen zu haben, drehte er sich um und ging. Draußen stand ein alter Herr mit grauem Zylinder und dunkelblauer, weißgetupfter Krawatte. Einen einzigen neugierigen, wütenden Blick schoß Goswyn an dem korrekten, etwas stark geröteten Profil und weißen Backenbart vorbei, dann eilte er wie besessen die Treppe hinab. Er hatte sich nicht geirrt. Das war derselbe Engländer, den er in Monaco getroffen. Damals reiste er unter einem anderen Namen, als Mr. Steyne – natürlich mit Begleitung. Sein englisches Anstandsgefühl verbot ihm, bei solchen Anlässen seinen Titel und seine soziale Würde zu profanieren. Das Blut tobte Goswyn in den Adern. Im Torweg begegnete er der alten Gräfin Lenzdorff. »Goswyn!" rief sie ihm entgegen, »welch unerwartetes Vergnügen! Waren Sie bei der Erika? Kehren Sie doch mit mir um! Wir pilgern dann mitsammen in die Sonne zum Mittagessen!« »Ich danke ... bin leider verhindert!« grollte Goswyn. »Welcher Ton und welches Gesicht! Liebes Kind« – die alte Frau legte ihm die Hand auf den Arm – »haben Sie die Absicht, jemand umzubringen? In diesem Falle würde ich Ihnen raten, wenigstens etwas mehr äußere Beherrschung an den Tag zu legen. Sie kommen sonst zu bald mit der Polizei in Konflikt.« »Wenn ich einmal Lust haben sollte, einen Menschen umzubringen, so wird mir die Polizei dabei sehr gleichgültig sein,« schnaubte Goswyn. »Hm! Sie sind Lord Langley begegnet!« bemerkte die alte Frau. Er zögerte einen Augenblick, dann gestand er: »Ja«, und da ihn die alte Dame eigentümlich prüfend musterte, setzte er eilig hinzu: »Denken Sie nicht, daß mich die alte Geschichte etwa noch beeinflußt« – zornig die Stirn runzelnd – ; »mein Gott, ewig kann so etwas nicht währen, und ich habe meine Vermessenheit längst bedauert... das heißt, ich habe. eingesehen, daß ich keine Partie für Gräfin Erika bin! Ich stelle mich der Verlobung Ihrer Enkelin ganz objektiv entgegen. Aber ... ich ... ich begreife nicht, wie Sie diese Heirat zugeben können!« »Ich begreife nicht, wie sich Erika dazu entschließen konnte,« entgegnete sehr ernst die alte Frau. »Erika,« rief der junge Mann heftig, »Gräfin Erika! Die weiß ja nicht, was sie tut! Gott gnade ihr!« Die alte Gräfin lächelte unwillkürlich. »Nun ja,« sagte sie, »ich sehe schon, das ganze Odium der Sache fällt auf mich. Erika ist ganz unschuldig – ganz!« Als sie aber zu dem jungen Manne aufblickte, war sein Gesicht so bitter, so anklagend ernst, daß sie erschrak. Um weniges später stieg sie in tiefes Nachdenken versunken die Treppe hinauf. Als sie den Salon betrat, saß Lord Langley, kupferiger als gewöhnlich und mit etwas blödem, verdutztem Gesichtsausdruck, in einem Lehnstuhl; Erika blaß, mit aufgeregt glänzenden Augen, sehr roten Lippen und offenbar an allen Nerven vibrierend, in einem anderen; zwischen beiden auf dem Tisch lag ein Etui mit kostbar funkelndem Geschmeide. Die Gräfin merkte, daß es etwas zwischen den beiden gegeben habe, und fragte, kaum daß sie Lord Langley begrüßt, was es gewesen sei. » Oh, nothing to speak of! « erklärte Lord Langley rasch. »Meine Königin war nur ein wenig ungnädig – auch das hat seinen Reiz. Eine zu zahme Frau ist ebenso langweilig wie ein zu frommes Pferd – beides freut einen nicht, wenn man nicht ein paar Kaprizen dabei zu überwinden hat.« Erikas Großmutter blickte erst ihn, dann ihre Enkelin an, scharf blinzelnd, aufmerksam beobachtend, dann sagte sie trocken: »Wenn wir noch etwas zu essen bekommen wollen, müssen wir uns wohl entschließen, zur Sonne zu gehen.«   Aus der verschlafenen Nachmittagsstille des Städtchens regt sich hastiges, drängendes Leben. Es ist Zeit, an das Theater zu denken. In demselben schwerfälligen, blau ausgeschlagenen Viersitzer, der sie gestern in die Ermitage befördert hat, treten die Lenzdorffs ihre Wallfahrt an; quer durch das Städtchen, wo die Käufer sich so eng aneinanderdrängen, hinüber über einen schmalen, matt hinmurmelnden Fluß. Welche endlose Reihe von Wagen! Allerhand Wagen – vom besten Hotelwagen, der die Saison lang in Baireuth gastiert, bis zur elendesten einheimischen Droschke, deren Kutscher, sobald es bergauf geht, absteigt und mit schweißbeperltem Antlitz neben seinem Gefährt hinmarschiert. Wie viele Koryphäen unter den Pilgern! Immer wieder macht Lord Langley, der den beiden Damen gegenübersitzt, dieselben auf einen von dem oder jenem Standpunkt aus interessanten Fremden aufmerksam, auf ein gekröntes Haupt, einen berühmten Künstler oder eine weltbekannte Schönheit; um diese Hervorragenden herum wimmelt's von ganz gewöhnlichen Menschen – Menschen aus aller Herren Ländern: elegante Amerikanerinnen in kleidsam exzentrischen Toiletten und mit irgendeinem männlichen Begleiter, der den Schick der allgemeinen Erscheinung stört und die Dienste eines Lohndieners besorgt; andere bescheidene Amerikaner, die mit kleinen Ersparnissen von einer entlegenen Farm » abroad « gereist sind, um die Merkwürdigkeiten der Alten Welt zu bestaunen; Engländer und Franzosen jeder sozialen Schattierung, kleine, halb verhungert aussehende ausländische Musiker, Gruppen von alten Jungfern zu zweien und dreien, die sich zusammengetan haben, um sich einmal im Leben Baireuth zu gönnen; sehr viele Neugierige, sehr viele Enthusiasten, alle wie von einer Magnetnadel angezogen, alle demselben Punkt zustreben. Bergauf krümmt sich jetzt der Zug eine sich abwechselnd zwischen Wiesen und Gestrüpp schlängelnde Straße empor, rechts und links von dem Fahrweg ein Fußpfad, ebenfalls mit Menschen besät, viele davon nur müßige Bummler, die aus der Stadt herausgezogen sind, um die Fremden anzugaffen – und dort gegen den schwärzlichen Hintergrund der Fichtenwälder, aus einer sehr grünen Wiese emporragend, etwas Rotes, häßliches, etwas, das wie ein Gasometer mit einem rätselhaften Auswuchs aussieht – der Tempel der neuen Kunst! Die Lenzdorffs gehören zu den letzten Ankömmlingen; was nach ihnen erscheint, ist bereits gehetzt und verängstigt; denn Unpünktlichkeit duldet man in Baireuth nicht. Trompetenfanfaren rufen das Publikum ins Theater. Über eine steile, kurze Treppe treten sie in einen großen, kahlen, schmucklosen, spärlich erleuchteten Raum. Auf ein gegebenes Zeichen nehmen alle Damen die Hüte ab. Es wird plötzlich finster – so finster, daß es eine Weile dauert, ehe man, sich an das Dunkel gewöhnend, irgend etwas unterscheidet. Dann aus dem alles verwischenden Tiefgrau taucht eine Reihe überlebensgroß aussehender Menschenköpfe vor ihnen auf, dann in rasch verkleinernder Perspektive andere Menschenköpfe, kleiner und kleiner werdend, ganz winzig in der Ferne verschwimmend, ein Meer von Menschenköpfen aus einer grauschwarzen Wolke ragend – das ist der Zuschauerraum im Wagnertheater zu Baireuth. Toilettenglanz und dürftige Armseligkeit gleichermaßen verschleiert, jeglicher das Publikum von dem gebotenen Kunstgenuß ablenkenden Neugier und Zerstreutheit die Handhabe benommen. Aufgeregt, wie Erika es ohnehin war, und dadurch zu besonderer Empfänglichkeit gestimmt, ging ihr schon bei dem ersten Motiv ein seltsames Zittern durch alle Nerven, und ehe der letzte Ton des Parsifal-Vorspiels verklungen war, hatte sie ein derartiger Zustand von hart an Schmerz grenzender Ekstase erfaßt, daß sie mit Mühe die Tränen zurückzuhalten vermochte. Das ganze Leid der sündigen Menschheit klagt aus diesen Tönen – das Leid der Menschheit, deren Sehnsucht nach dem Unendlichen, Überirdischen sich immer wieder an den ihr gesteckten Grenzen wundstößt. An der Stelle, wo die Musik am schmerzlichsten ausschrie, bei dem Motiv sündiger Weltlust, fuhr sie plötzlich zusammen; aus der Reihe vor ihr wendete sich jemand um – ein schöner, südländisch aussehender Mensch mit scharfgeschnittenen Zügen, kurzgestutztem Haar und spitz zulaufendem dunklem Vollbart; durch das graue Halblicht traf sie sein Blick, ein sonderbarer Blick, der, sozusagen an ihrem Gesicht festgewachsen, aufgeregt darin etwas zu suchen schien – ein Blick, der auf sie fast dieselbe Wirkung übte wie die Wagnersche Musik. Mit einemmal wendete eine große blonde Frau neben ihm ebenfalls den Kopf: » Voyons qu'est ce qu'il-y-a « fragte sie unzufrieden. – » Ce n'est rien – une ressemblance qui me frappe, « erwiderte er verdrießlich. Ein paar junge italienische Musiker, die sich indessen mit großem Heroismus in dem Halbdunkel blind studierten an einer klein gedruckten Partitur, riefen ärgerlich: »St!« Und der Fremde richtete seine Augen auf die Bühne, wo der Vorhang soeben auseinander- ging. In Erika aber erschauerte etwas schmerzlich, fast sehnsüchtig, als habe man plötzlich eine geheime Saite in ihrer Seele berührt – eine Saite, von der sie selber nie etwas geahnt bis heute. Woher kannte sie denn diese dunklen, forschenden Augen? Das Musikdrama nahm seinen Fortgang. Anfänglich war's fast, als ob Erikas durch das Vorspiel heraufbeschworene Begeisterung sich völlig abkühlen solle. Die Kulissen waren wie alle anderen Kulissen, sie hatte zu viel von ihnen gehört, um nicht enttäuscht zu sein; die Musik klang ihren unwissenden Ohren an vielen Stellen unzusammenhängend und verworren, ein Dickicht von schrill durcheinandertönenden Dissonanzen, aus denen freilich immer wieder musikalische Sentenzen von edler und poetischer Schönheit auftauchten. Mit dem Eindruck, welchen das Vorspiel auf sie geübt, war die Wirkung nicht zu vergleichen. Bis endlich die Gralsszene kam. Wie großartig war das, wie edel, und mitten durch diesen heiligen Ernst hindurchklingend immer wieder derselbe seufzende, schaudernde, lockende Wehruf, und dann endlich, als die Nerven, auf das äußerste angespannt, die Intensivität der ihnen abgerungenen Empfindung kaum mehr auszuhalten vermochten, von oben niederschwebend wie kühlender Tau auf vom Sonnenbrand verdorrte Blumen, Erlösung und Läuterung versprechend, die mystische Reinheit des Knabenchors: Durch Mitleid wissend Der reine Tor – »Ein zweites Mal bringt mich kein Mensch hinein – ich habe das Wundfieber in allen Nerven – man hat nicht das Recht, einen unter dem Vorwand der Kunst derartig auf die Folter zu spannen! Und dann, der Parsifal ist viel zu dick; einen Parsifal, der seiner Idee gerecht würde, hätte sich Wagner von Donatello aushauen lassen müssen!« ruft die alte Gräfin Lenzdorff, als sie nach dem Schluß des ersten Aktes das Theater verläßt. »Mir ist die Handlung nicht recht verständlich,« gesteht Lord Langley, »die leitende Idee scheint mir unpraktisch. I must say I feel rather confused .« Dann bezeichnet er die Kundry als » a very unpleasant young woman « und fragt Erika; ob sie seiner Meinung ist – aber Erika zuckt nur mit den Achseln und antwortet nicht. »Sie ist heute sehr ungnädig,« bemerkte Lord Langley verlegen lachend. »Soll ich ihr das übelnehmen, Gräfin? Dies zu der Großmutter. »Nein, sie ist zu schön, als daß man ihr irgend etwas übelnehmen könnte! Sehen Sie nur – why she is creating quite a sensation – die Leute starren sich blind nach Ihnen, Erika!« Das Theater ist leer, alles eilt über den vertretenen Rasenplatz dem Restaurant zu, um sich von den überstandenen Strapazen zu erholen. Knapp hinter den Lenzdorffs geht die russische Fürstin B..., die einen ganzen Trakt in einem Hotel für jede Saison mietet und jede Vorstellung am Arme ihres Arztes besucht. Sie ist in gestickten weißen Musselin gekleidet mit Schmachtlocken über den Schultern, von der breiten Krempe ihres weißen Strohhutes weht ein Brüsseler Spitzenschleier über ihrem schön gewesenen Gesicht. Sie begrüßt die Gräfin mit der Frage: Êtes- vous touchée de la grâce, ma chère Anna ?« Die alte Gräfin schüttelt energisch den Kopf. »Nein,« sagt sie, »die Musik war mir zu sehr gewürzt und gepfeffert. Ich bin ganz durstig davon, ich sehne mich nach einem Trunk prosaischen Bieres und einer Portion Mozart.« Die Russin lächelt und beginnt sofort zu erzählen, wie sie den Mut gehabt habe, Gounod zurechtzuweisen, als er es einmal gewagt, etwas Abfälliges über Wagner zu äußern. Wagnerschwärmerinnen zählen einander gegenseitig vor, der wievielten Aufführung von Parsifal eine jede von ihnen heute beiwohnt, dann tauschen sie ihre gegenseitigen Meinungen aus über den Grundgedanken der Dichtung, jede fest davon überzeugt, daß sie allein die innersten Absichten des Tondichters erfaßt hat. Die Engländerinnen mit den Matrosenhüten und zerknitterten weißen Kalikokleidern sagen: » Interesting – ver !« – und die Franzosen machen ihrer merkwürdigerweise ehrlichen, wenn auch im Dunkeln tappenden Begeisterung mit dem Worte Luft, das bei ihnen den höchsten Grad künstlerischen Entzückens kennzeichnet: » Mais c'est une révélation !« Und zugleich drängt alles nach der Erfrischungshalle wie eine frisch losgebundene Viehherde zur Weide. Die Lenzdorffs und Lord Langley setzen sich an einen Tisch in der luftigen Galerie des Restaurants, um Tee zu trinken. Tisch und Tee sind, dank Lüdeckes Vorsicht, im voraus reserviert worden, weshalb sie weiter keine Schwierigkeiten haben, einen Platz zum Ausruhen zu finden. Den minder Vorsichtigen geht es in dieser Richtung schlimm – kaum einen Stuhl, kaum ein Glas Limonade, das nicht von vornherein bestellt wäre, können sie auftreiben. Unheimlich aufgeregt und mit durch die Erschütterung ihrer Nerven merkwürdig gesteigerter Eßhast sieht man sie im Inneren des Restaurants auf das Büfett zustürzen, um ein Glas Bier und ein Schinkenbrot wie die Wilden ringen. Erika ißt nichts. Lord Langley beklagt sich über die schlechte Kost, und die alte Gräfin Lenzdorff beklagt sich über die schrille Musik. Indem segelt ein großes, auffallendes Frauenzimmer auf den Tisch zu, an dem die drei sitzen und ein vierter Stuhl leersteht. » Vous pardonnez !« ruft sie aus, » je tombe de fatigue !« Erika heftet die Augen auf sie, es ist die Begleiterin des brünetten Mannes, der sie während des Vorspiels so eigentümlich gemustert hat. Ein kaum erklärlicher Ekel bemächtigt sich ihrer, eine Aufregung, als ob etwas Unreines, Widerliches sich ihr genähert hätte, und doch wüßte sie, grenzenlos lebensunkundig wie sie ist, nicht zu sagen, was sich in ihr gegen die Fremde sträubt. Diese ist unbedingt eine schöne Erscheinung, wundervoll gewachsen und mit einem regelmäßig geschnittenen, von sorgfältig gepflegtem blondem Haar umrahmten Gesicht, das unter ihrem großen Florentiner Hut vom Nacken hinaufgedreht ist. Ein blutroter Schleier ist quer über das Gesicht gebunden. Unerfahrene Menschenkinder würden ihr kaum dreißig Jahre geben – man muß sehr vertraut mit Pariser Toilettenkünsten sein, um zu bemerken, daß ihr Gesicht bemalt ist und daß sie wenigstens vierzig zählt. Alles an ihr ist peinlich sauber, und ihre ganze Persönlichkeit strömt den spezifischen Duft jener Frauenzimmer aus, bei denen die Pflege ihres Körpers die Hauptbeschäftigung ihres Lebens bildet. Ihre Haltung ist anständig und etwas geziert. Schon will Lord Langley ihr deutlich machen, daß ihm ihre ungebetene Annäherung im höchsten Maße mißliebig ist, als ihr Begleiter auf sie zukommt und, ihr etwas zuflüsternd, sie veranlaßt, ihren Platz zu verlassen. Sie tut es widerwillig, ärgerlich. Höflich den Hut ziehend, verlegen und mit einem rasch hingeworfenen »Sie entschuldigen!« tritt der junge Mann zurück. Man hört, wie sie ihn im Weggehen mit keifenden, häßlichen Vorwürfen überhäuft. » Disgusting !« murmelt Lord Langley. »Wissen Sie, wer's war?« fragt er, sich an die Gräfin wendend. »Die Geliebte Lozoncyis, des jungen Malers, der seit ein paar Jahren so immenses Aufsehen macht. Ich erinnere mich ihrer aus Rom...« Obgleich er die Worte Erikas halber leise gesprochen, hat sie dieselben doch vernommen; das Blut steigt ihr ins Gesicht.   Jetzt ist der Parsifal vorüber; der zweite Akt mit seiner über den ernsten Grundzug der Dichtung anmutig hingaukelnden Blumenmädchenszene, seinen grellen, unharmonischen Dekorationen und seinem wundervoll dramatischen Schluß, vorüber der letzte gefräßigste Zwischenakt und auch der dritte Aufzug mit seiner traurigsüßen Sonnenaufgangmelodie, seinem sich in hehre Sphärenmusik auflösenden Karfreitagszauber. Die Seele noch durchklungen von leise verschwebenden Harfenarpeggien, fahren sie in das Städtchen zurück. Erika, ihre Großmutter und ihr Bräutigam, hinter ihnen das Rauschen des Waldes, rings um sie Räderrollen, Peitschenknall und der Schall unregelmäßiger Schritte von Hunderten von Fußgängern. Über ihnen der Mond in dem weiten, stummen, unerreichbaren Himmel, die tauschweren Wiesen wundervoll versilbernd. Bis an die platte Heerstraße reicht sein Zauber nicht. Grell flimmernde Laternen leuchten hier den Mondschein hinweg, werfen arsenikgrüne Lichtflecke über den kurzen, struppigen Rasen und in die Baumkronen hinein. Das Leben pocht in Erikas Adern heißer als sonst – ein undeutliches Ahnen von Empfindungen, die sie nie gekannt, erfüllt sie. Ihr ist, als stünde sie vor der Lösung eines großen Geheimnisses, neben dem sie ihr Leben lang gedankenlos hingewandert ist, und um das sich die Welt dreht. An der Haustür hatte Lord Langley sich von den Damen verabschiedet – mit verliebter Zärtlichkeit den Handschuh von der Rechten seiner Braut herunterzerrend, hatte er sie mit seinen heißen, durstigen Lippen zweimal auf das Handgelenk geküßt und ihr zugeflüstert: »Ich hoffe, daß meine entzückende Erika morgen gnädiger gegen mich gestimmt sein wird.« Die unangenehme Empfindung seines ihre Wange streifenden heißen Atems war an ihr haftengeblieben, sie konnte sich davon nicht befreien. Während sie sich, die Dienste der Kammerjungfer ablehnend, allein auskleidete, kam ihr das Päckchen Briefe in die Hände, welches Goswyn ihr heute übergeben. Sie hatte es den ganzen Tag über bei sich getragen, ohne einen Augenblick finden zu können, die Papiere zu vernichten. Jetzt löste sie den äußeren Umschlag des Päckchens – nur um festzustellen, daß es wirklich die Briefe ihrer Mutter waren, die sie in Händen hielt. Sie erkannte die Schrift – nicht die kräftige, fast männlich feste Schrift ihrer Mutter in deren letzter Lebensperiode – nein, langgestreckte, etwas unausgeglichene Schriftzüge, wie sie Erika in alten, bis in die Backfischzeit der Verstorbenen zurückdatierenden Exzerptenbüchern gefunden. Nichts in der Welt hätte Erika dazu bewegen können, einen dieser Briefe zu lesen; sie küßte die vergilbten Blätter ein-, zweimal traurig und andächtig, dann verbrannte sie dieselben an dem Licht einer Kerze. Ihr Herz war sehr schwer. Ein ungeheurer Durst nach Zärtlichkeit, nach Teilnahme hatte sie überkommen, zugleich fühlte sie sich wund und mutlos. Das schaudernd lockende Motiv sündiger Weltlust war ihr in der Seele hängengeblieben, und der Blick des fremden Mannes, der ihr nicht fremd war. Es schnürte ihr die Kehle zu, wenn sie des blonden Frauenzimmers gedachte; noch nie hatte etwas Derartiges ihre Existenz gestreift. Sie legte sich nieder, aber der Schlaf blieb ihr fern. Wie schwül es war, zum Ersticken! Zwar hatte sie das Fenster der kleinen Stube offen gelassen, aber die Luft, die von draußen zu ihr drang, war schal, unerfrischend – eine beschmutzte Luft, die mit dem Geruch von dumpfigem feuchtem Holz und der Ausdünstung irgendeines säuerlichen Gärstoffs geschwängert war. Der Schritt eines verspäteten Nachtwandlers tönte über die Straße, aus einer Kneipe schallte Gelächter und Gesang. Da öffnete sich die Tür, die alte Gräfin trat ein, hoch und gerade wie immer, in weißem Schlafrock und spitzenumsäumtem Nachthäubchen. Sie trug einen niedrigen Leuchter in der Hand. Nachdem sie denselben auf den Nachttisch gestellt, setzte sie sich auf den Rand des Bettes, neben das junge Mädchen, das sie aus klaren, leuchtenden Augen zu mustern begann. »Drückt dich etwas, mein Kind?« fragte sie nach einem Weilchen. Erika wollte nein sagen, brachte aber das Wort nicht über ihre Lippen. Statt aller Antwort kehrte sie ihr Gesicht gegen die Wand. »Was hat sich denn heute abgespielt zwischen dir und Lord Langley?« fragte die Großmutter weiter. Erika blieb stumm. »Sag' mir ruhig die Wahrheit,« drang die alte Frau in sie. Wegen was habt ihr euch heute vormittag gezankt?« »Ach, es war nichts,« erwiderte Erika ungeduldig – »nur – er wollte anfangen, zärtlich mit mir zu tun, und das fand ich unnötig – für einen Mann in seinen Jahren schicken sich solche läppischen Albernheiten nicht, und dann, ich kann dergleichen nun einmal nicht ausstehen!« Ein seltsamer Ausdruck trat auf das Gesicht der alten Frau – derselbe Ausdruck, mit dem Goswyn das junge Mädchen angesehen, ganz zuletzt, als sein Groll gegen dasselbe sich plötzlich in kopfschüttelnde Teilnahme verwandelt hatte. Sie räusperte sich ein-, zweimal, dann bemerkte sie trocken: »Wie denkst du dir eigentlich dein Zusammenleben mit Lord Langley?« Betroffen starrte Erika sie an. »Mein Gott, ich habe mir überhaupt nicht viel Gedanken darüber gemacht! Du weißt es ja längst, daß ich nicht aus Liebe heiraten will. Deswegen habe ich einen alten Mann gewählt anstatt eines jungen, weil ich hoffte, daß er mich mit all den lästigen Zärtlichkeiten unbehelligt lassen würde. Du sagst ja immer, daß du den Großvater geheiratet hast ohne Liebe und daß es ganz gut ausgefallen ist!« Die Großmutter schwieg. »Das war etwas anderes,« sagte sie nach einer langen Pause. »Erstens möchte ich dir so, wie du bist, immerhin einen poetischeren Lebensgefährten wünschen, als es dein Großvater war, aber item – mit den Qualen, denen du dich bei dem übertriebenen Zartgefühl, das dir nun einmal anhaftet, aussetzest, wenn du Lord Langley heiratest, mit denen sind die nüchternen Lästigkeiten meiner Ehe nicht zu vergleichen. Wenn ich für ihn nichts als eine sehr kalte Dosis Achtung empfand, so verzehrte er sich seinerseits nicht vor Liebe zu mir, was mir natürlich unbequem gewesen wäre. Bei Lord Langley ist das anders. Er ist in dich verliebt wie ein alter Narr, bei dem die Leidenschaft um so heller brennt, da er weiß, daß ihm nicht viel Zeit mehr bleibt, ihr zu frönen.« Etwas in dem zu Tode erschreckten Gesichtsausdruck des jungen, unerfahrenen Geschöpfes mußte das Mitleid der alten Frau vermehren. »Mein armes Kind! Ja, ich hatte keine Ahnung, wie naiv du bist. Ich hatte nie Betrachtungen darüber angestellt. Man lebt von einem Tag in den anderen neben so einem jungen Geschöpf wie du...« Noch einmal blickte sie ihr voll ins Gesicht, dann küßte sie Erika auf beide Augen und löschte das Licht aus – und dann ... dann sagte sie ihr noch etwas ... Als sie das Zimmer verließ, lag Erika in Tränen aufgelöst, ihr glühendes Gesicht in das Kissen vergraben, ein Bild untröstlichen Jammers da. Ihr war's, als ob man etwas in ihr totgeschlagen hätte. Den nächsten Tag brach sie die Verlobung mit Lord Langley ab. Viertes Buch Wenn die Verlobung Erikas mit Lord Langley Sensation erregt hatte, so war sie doch von der großen Welt im allgemeinen als etwas durchaus Vernünftiges betrachtet worden. Eigentlich hatte man die junge Schönheit beneidet und sich geäußert, daß sie, ehrgeizig wie sie war, keine glänzendere Partie hätte finden können als den reichen englischen Peer. Man hatte manch böses, mißgünstiges Wort darüber verloren, daß ihr Hochmut schließlich doch sein Ziel erreicht. Als sich nun die Kunde von dem plötzlichen Rückgang dieser Verlobung verbreitete, steckte man, wie die Phrase geht, die Köpfe zusammen und gönnte es ihr. Den wirklichen Grund des Bruchs zwischen Erika und dem Engländer wußte niemand, und wenn man ihn der Welt mitgeteilt, so hätte ihn keiner geglaubt. Immer mehr gewann die Behauptung Glauben, daß nicht Erika, sondern Lord Langley zurückgetreten war, und dies unter dem Vorwand, daß ihn erstens Erikas unangenehme Verwandtschaft erschreckt, zweitens aber ihre äußerst herzlose Art, diese von sich fernzuhalten, tief verletzt habe. Die Gräfin Brock lieferte das Thema zu dieser Begründung der Sachlage – Prinzeß Dorothee stattete es mit schönen Variationen aus – und Erika war in den Augen der Berliner Gesellschaft nichts mehr als eine Stümperin des Ehrgeizes, die eine Schlappe erlitten hatte. Es war herrlich, Prinzeß Dorothee über diese Sache reden zu hören. »Wie schrecklich, nicht wahr? – Ein so alter Mann, es ist gar nicht zu begreifen, das Gefühl sträubt sich dagegen – und jetzt läßt er sie auch noch sitzen. Jetzt bekommt sie keinen mehr. Ein Mädchen, das sich einem Greis an den Kopf geworfen hat und von ihm – man muß es ja sagen, wie es war – verschmäht worden ist! Ach, wie schrecklich! – Um Erika ist mir nicht leid, sie war mir von jeher unsympathisch – aber diese arme alte Lenzdorff! ... Sie ist eine Jugendfreundin meiner Tante Brock.« Und nun erzählte Prinzeß Dorothee noch ein langes und breites von dem Strachinsky – »armer Mann!« – und von der unerhört hochmütigen Herzlosigkeit, die ihm seine Stieftochter bewiesen, von den elenden Verhältnissen, in denen Erika aufgewachsen war, und was dergleichen mehr. »Es ist ja alles keine Schande,« setzte sie hinzu, »aber nur wenn man bedenkt, wie hochmütig diese Erika in die Welt hineingesegelt ist!« – Und sie seufzte. Eine gründliche Veränderung hatte sich mit Prinzeß Dorothee zugetragen seit dem Tage, wo sie in der Charlottenburger Allee Goswyn von Sydow sozusagen öffentlich ins Gesicht geschlagen hatte. Die Geschichte hatte ihr damals geschadet. Nicht nur, daß ihr Vetter Prinz Helmy seine Beziehungen zu ihr gänzlich abgebrochen – nein, auch die anderen Herren, die dem von ihr geführten Henkerstreich beigewohnt, hatten sich von ihr zurückgezogen. Sie hatte sich in der unangenehmen Lage gesehen, einen ganz neuen Kreis von Verehrern anlegen zu müssen, und das auf Kosten des letzten Restes guten Geschmacks, der ihr verblieben war. Eine Zeitlang hatte sie es dann, wie die Welt sich ausdrückt, sehr toll getrieben – aber seit einem Jahre etwa war das ganz anders geworden. Die Zahl der Verehrer hatte sich vermindert. Eigentlich beschränkte sich dieselbe jetzt auf einen einzigen, den Fürsten Orbanow, der nun ihr Schatten geworden war. Sie prahlte, wo sie hinkam, mit ihren wohlanständigen Gesinnungen, ging jeden Sonntag mit einem sehr dicken Gebetbuch zur Kirche, entsetzte sich über Damen, die französische Romane lasen, und legte überhaupt die anerkennenswerteste Prüderie an den Tag. Wie die meisten, welche sich diese Eigenschaft, ohne früher etwas davon geahnt zu haben, erst spät im Leben anzueignen trachten, kannte sie darin kein Maß und zeigte sich unnötig empört über Dinge, welche die anständigsten Damen mit einem lustigen Lächeln abfertigen. Die Zeit, wo sie vor zwanzig jungen Herren nichtsnutzige Couplets zu singen pflegte, war vorüber. Dennoch vermochte sie, trotz der massenhaften Konzessionen, die sie der guten Gesellschaft machte, das Mißtrauen, das ihr diese bewies, nicht gänzlich auszurotten. Die Welt verhielt sich ihr gegenüber auffällig kalt und glaubte ihr nicht viel von ihrer zur Schau getragenen Tugend, fragte sich im Gegenteil kopfschüttelnd, auf welche Ursache die plötzliche Scheinheiligkeit der sonst so verwegenen Prinzeß zurückzuführen sei. Aber wenn die Prinzessin Erika lästerte, glaubte ihr die Welt doch – zum wenigsten die Welt neidischer junger Schönheiten, mit denen sie jeden Freitag bei der bösen Fee zusammentraf, um Armenkleider zu nähen. Als die Lenzdorffs, fest davon überzeugt, daß der kleine Zwischenfall, so unangenehm er auch Erika persönlich berührt haben mochte, von der Gesellschaft als ziemlich uninteressant bereits zu den Akten gelegt worden sei, nach Berlin zurückkehrten, begegnete man ihnen allgemein mit hämischer Teilnahme. Erika, tief verstimmt, wie sie war, ließ das alles recht gleichgültig auf sich beruhen, zog sich nur, soviel sie konnte, zurück; die alte Gräfin hingegen kochte geradezu über vor Zorn und vermochte nicht zu begreifen, daß nicht alle Menschen diese verdrießliche Angelegenheit von demselben Standpunkt betrachteten wie sie selbst. Ihrer Ansicht nach hatte Erika durch ihr Betragen während dieser Verlobungsgeschichte nur einen Beweis mehr für das, was die Großmutter »ihre interessante Eigenart« nannte, geliefert. Die eigensinnige und nicht immer wohlangebrachte Schwatzhaftigkeit, mit welcher sie ihre Enkelin verteidigte, trug das ihrige dazu bei, Erikas Stellung zu erschweren. Teilweise mochten die vielen Übereilungen und Indiskretionen, welche die alte Gräfin bei dieser Gelegenheit lieferte, ihrer von jeher zu derlei neigenden Natur zuzuschreiben sein – teilweise wohl auch ihren Jahren. Das Alter warf seinen ersten unabweisbaren Schatten über ihren hellen Geist. Sehr ärgerlich war es ihr, daß Goswyn nichts mehr von sich hören ließ. Auf den Brief, in dem sie ihm nicht ohne triumphierenden Nachdruck die Lösung der Verlobung mitteilte, hatte er höflich, aber mit außerordentlicher Zurückhaltung geantwortet. Das war in der Ordnung. Als aber auf einen zweiten Brief, den sie um vieles später sandte, die Antwort ebenso zurückhaltend lautete, wurde sie unruhig. Erika, die gerade zugegen gewesen war, als das Schriftstück eintraf, gab sich nicht früher zufrieden, als bis ihr die Großmutter gestattet hatte, es mit eigenen Augen zu lesen. Es zitterte ihr zwischen den Händen; ohne ein Wort darüber zu sagen, legte sie es auf einen Tisch und verließ das Zimmer totenbleich. Der alten Frau, mürbe, wie sie durch die spät in ihr Herz eingedrungene Zärtlichkeit geworden, war der Anblick irgendeiner Verstimmung ihrer Enkelin unerträglich. Nach einem Weilchen suchte sie dieselbe in ihrem Zimmer auf. Erika saß an einem Fenster, gerade und blaß, und hielt ein Buch in der Hand, wie die alte Frau sofort merkte, verkehrt. »Erika!« sagte sie, ihr die Hand auf die Achsel legend, weich, »ich wollte dir nur sagen ...« Erika hatte sich erhoben, höflich und kalt. »Was wolltest du mir sagen?« fragte sie, indem sie ihr Buch weglegte. »Nur ... nur ...« Der trockene Ton des stolzen Mädchens hatte die alte Frau aus der Fassung gebracht, erst nach einer Pause fuhr sie fort: »Ich wollte dir nur sagen, daß du dir keine Spinnen in den Kopf setzen mögest wegen Goswyn.« »Spinnen ... inwiefern?« fragte Erika sehr ruhig und indem sie sich in den Anblick ihrer tadellosen, mandelförmigen Nägel versenkte. »Nun, du tätest ihm sehr unrecht, wenn du dächtest, daß seine Verehrung für dich auch nur im mindesten abgenommen hat!« »So! Täte ich ihm unrecht?« fragte Erika immer mit derselben unnatürlichen Ruhe. »Ich denke nicht. Ich bin nicht gewohnt, mir ein X für ein U vorzumachen. Ich weiß ganz genau, daß ich in ... in Goswyns Achtung gesunken bin; es ist mir unangenehm ... ich gesteh' dir's ein – aber nun wär's mir, aufrichtig gesprochen, lieber, wenn du dieses anregende Gesprächsthema nicht mehr berühren wolltest.« »Aber Erika, wenn du dir sagen ließest – « ereiferte sich die alte Frau. »Er betet dich ja an; sein Stolz allein verbietet ihm, sich dir zu nähern; aus einer Bemerkung, die er in Baireuth darüber fallen ließ, schließe ich das. Du bist zu reich, zu glänzend in der Welt situiert...« Erika wehrte diese Beleuchtung der Sachlage mit einer heftigen Handbewegung von sich ab. »Laß es gut sein,« rief sie, »ich weiß, was ich weiß! Übrigens verschwende nicht gar zu viel Mitleid an mich – es ist meine Eitelkeit, die leidet, und nicht mein Herz. Ich schätze Goswyn sehr hoch, und es kränkt mich, daß er mich nicht mehr so bewundert wie früher, aber ... im übrigen – ihn zu heiraten, verspüre ich auch jetzt noch nicht die geringste Lust. Ich hätte ihn genau so abgewiesen wie das erstemal. Dies bitte ich dich zur Kenntnis zu nehmen, es wird dich wenigstens verhindern, mich ihm – hinter meinem Rücken ein zweites Mal an den Kopf zu werfen!« Bei den letzten Worten nahm Erikas Stimme einen eigentümlich metallisch vibrierenden Klang an, ihre großen Augen flammten zornig aus ihrem totenblassen Gesicht heraus, und die Arme gerade an den Seiten niederstreckend, hielt sie die Fäuste geballt. Mit tief gesenktem Kopf verließ die alte Frau das Gemach. Kaum war ihr Schritt draußen verhallt, so schloß Erika die Tür hinter ihr zu und warf sich, das Gesicht in die Kissen vergrabend, krampfhaft schluchzend auf ihr Bett. Ein Teil von dem, was sie zu ihrer Großmutter gesprochen, war richtig – sie selbst war fest davon überzeugt, daß alles richtig gewesen war. Durch und durch von sittlichem Hochmut durchdrungen, wie sie es war, litt sie keine Gemeinheit an sich, infolgedessen erlaubte sie sich keine Lüge. Sie hatte wirklich keine Lust zu heiraten und hatte auch noch immer nicht die Spur eines leidenschaftlichen Gefühls für Goswyn, aber sie war wund und müde, sie sehnte sich nach der zärtlichen Teilnahme, die er ihr ehemals bewiesen hatte; manchmal kam ihr's wie ein dringender Wunsch, sich von der verletzenden Kälte der Welt hinweg in seine Arme zu flüchten, ihr Gesicht an seiner Brust zu verstecken. Nachdem sie sich tüchtig ausgeweint, wurde sie sich ganz klar darüber. Sich halb auf ihrem Bette aufsetzend und ihr tränendurchnäßtes Taschentuch in der Hand zerknitternd, sagte sie sich's geradeheraus: »Ich habe ja die Großmutter angelogen – ich hätte ihn genommen, wenn er jetzt gekommen wäre – mein Gott, ohne ihn zu lieben, hätte ich ihn genommen – aber schließlich ... es wär' schlecht gewesen von mir, man hat nicht das Recht, einen Menschen wie Goswyn zu heiraten nur aus Verzweiflung, weil man nicht weiß, nach welcher Seite hin man sein Leben wegwerfen soll. Übrigens wozu mir den Kopf warm machen! Er will mich ja nicht mehr – und er ist keiner, der sich bei den Haaren in die Kirche schleppen läßt. Oh, warum hat die Großmutter mir das angetan – ich kann es nicht ertragen!« Um wenige Tage später reisten die Lenzdorffs von Berlin ab. Sie verbrachten den Winter in Rom, wo Erika, von ihrer Großmutter dazu gezwungen, ausging, ohne jedoch irgendein Vergnügen daran zu finden. Ihre Unzufriedenheit trat immer deutlicher an den Tag – sie wurde unliebenswürdig, und die Großmutter, der sie gänzlich über den Kopf gewachsen war, und die es nicht über sich gewinnen konnte, sie einmal tüchtig auszuzanken und aufzurütteln, wußte sich keinen Rat. Vergeblich machte sie Vorschläge zu ihrer Zerstreuung – Erika ließ alles mit derselben unlustigen Gleichgültigkeit über sich ergehen. Ihr früher so sicher und selbstzufrieden einhersegelndes Lebensschifflein hatte seine Richtung verloren – sie sah kein Ziel vor sich, das sie gelockt hätte, ihre Kräfte anzuspannen, um es zu erreichen. Alles in ihr erschlaffte in haltloser Schwermut. Dabei entfaltete sich ihre Schönheit immer üppiger, und ohne daß sie es ahnte, pochte das Leben in ihr und forderte sein Recht. Die alte Frau, die sich in den Zustand des jungen Mädchens nicht finden konnte und ihn nicht begriff, hielt ihn für eine krankhafte Krisis und hatte keine Ahnung davon, wie gefährlich für Erika sich diese Krisis gestalten sollte. Sie ging in der Beurteilung der Verstimmung Erikas durchaus fehl, vielleicht weil sie ihre Enkelin aus großmütterlicher Eitelkeit überschätzte, sie für eine Ausnahme halten wollte – vielleicht auch ging sie fehl, weil sie zu alt war, um das langsam schleichende Fieber, welches das ganze stolze Sein des jungen Geschöpfes zu untergraben und zu schwächen begann, nachempfinden zu können. Gegen Ende Februar, kurz nach Schluß des Karnevals, erklärte Erika ihrer Großmutter verdrießlich, sie habe Rom satt und wolle Italien von einem anderen Standpunkt aus kennenlernen. Nach langem Überlegen wählte die Großmutter Venedig zu ihrem nächsten Aufenthalt. Da die Jahreszeit schon vorgeschritten war, so mieteten die Lenzdorffs nicht wie so viele Fremde einen Palazzo, was immerhin umständlich gewesen wäre, sondern ließen sich im Hotel Britannia nieder, das gegen die anderen venezianischen Gasthöfe außer seiner schönen Lage noch eine große allgemeine Behaglichkeit voraushat. Die alte Gräfin fühlte sich bei dieser Anordnung der Dinge so wohl, daß sie nicht müde wurde, ihrer Enkelin zu versichern, in einem Hotel zu leben, sich nicht über die Dienerschaft ärgern, sich um nichts kümmern zu müssen, bedeute für sie den Höhepunkt menschenmöglicher Annehmlichkeit. Sie bewohnten vier geräumige Stuben im ersten Stock, die vor ihnen ein gekröntes Haupt innegehabt, und von denen zwei auf die Kirche Santa Maria della Salute hinaussahen, während die anderen zwei die Aussicht auf den kleinen Hotelgarten und über die niedrige Brustwehr desselben ebenfalls auf den Canal Grande hatten. Natürlich hielten sie eine Gondel zu ihrem Privatgebrauch, doch benutzte Erika dieselbe verhältnismäßig selten. Die eintönige schaukelnde Bewegung auf dem Wasser stimmte ihre ohnehin kranken Nerven noch mehr herab. Zu ihrer ausgesprochenen Vorliebe gehörte es, lange Fußtouren zu machen. Stundenlang wanderte sie aus einem der malerischen Gäßchen oder Campi in das andere. Anfangs hatte sie, sich dem Wunsche ihrer Großmutter fügend, Marianne mitgenommen; bald aber wurde ihr die wenig kunstsinnige Begleitung der Zofe lästig. Sie nahm die Gewohnheit an, allein zu gehen, emanzipierte sich überhaupt nach verschiedentlichen Richtungen, wobei sie sich mit Vorliebe auf ihre Mündigkeit berief. Bald kannte sie nicht nur alle großen, sondern sehr viel kleine Altertumströdler, hielt sich oft lange in ihren niedrigen und verräucherten Höhlen auf und freute sich, träge mit den Augen genießend, an dem malerischen Farbenakzent, den der gelbe Glanz einer altväterischen römischen Messinglampe, die satte Pracht eines Lappens golddurchwirkter Kirchenstickerei in die braune Eintönigkeit des Ladenwirrwarrs hineinzeichnete. Sie machte die wunderbarsten »Funde«, entdeckte zwischen dem künstlich altgemachten Plunder, den lächerlichen Scherben, die den Hauptbestandteil solcher Warenlager bilden, oft eine Kunstreliquie von wirklichem Wert, die sie selbstverständlich an sich brachte – natürlich rasend billig (sie redete es sich zum wenigsten ein), um damit die Ausschmückung ihres kleines Salons zu vervollständigen, der sich nach und nach nicht nur zu einem Raritätenkabinett ausgestaltete, sondern auch zu einem wirklich stimmungsvollen Nest. Zwischen dem düsteren Raritätenkram war alles bunt oder saftig grün von Topfpflanzen und geschnittenen Blumen, die sie täglich erneuern ließ, auch hatte sie einen Flügel hineinstellen lassen, aus dessen Tasten sie in den Pausen ihrer Spaziergänge alles herausspielte, was es in der Musik Schönes und Schmerzliches gibt. Die alte Gräfin ließ den verschiedentlichen Liebhabereien ihrer Enkelin ruhig ihren Lauf und ging indessen ihre eigenen, sie in durchaus andere Regionen führenden Wege. Trotz ihrer originellen und selbständigen Lebensauffassung sowie ihres nicht zu beirrenden persönlichen Urteilsmutes, den sie ebensogut jedem Kunstwerk wie auch dem verwickeltsten Sittenproblem gegenüber betätigte, liebte sie » les chemins battus «. »Warum,« pflegte sie zu sagen, »anstatt einen bequemen Weg zu gehen, den ich fix und fertig finde, mir einen unbequemen im Schweiße meines Angesichts selber aushauen, um aller Wahrscheinlichkeit nach schließlich doch einzusehen, daß er genau zu demselben Ziel führt wie der andere?« So ging sie denn gleichmütig die ausgefahrenen Gleise entlang im Gefolge der Menge von einer interessanten Merkwürdigkeit zur anderen, ohne jegliche Müdigkeit, mit immer gleich regem Interesse. »Ich muß mich beeilen, ich habe nicht viel Zeit vor mir. Das Leben war für mich immer nur ein großes Bilderbuch, ich muß noch ein paar Blätter aufschlagen, eh' ich scheide!« pflegte sie zu sagen. Häufig erblickte Erika sie bei ihren Pilgerschaften bequem hinstapfend in ihrem großen Zobelpelz und mit ihrer Pariser Kapotte, um welche sie, wenn es kalt war, eine dicke schwarze Spitzenschärpe zu knüpfen pflegte. Wo sie irgendein interessantes Monument aufragen sah, blieb sie stehen, schlug im Gsell-Fels nach, orientierte sich genau und hob schließlich ihr kurzstieliges, goldgefaßtes Lorgnon an die Augen, um sich mit geradezu bewunderungswürdiger Aufmerksamkeit in die Betrachtung jedes fein ausgehauenen Ornaments zu vertiefen. Und doch – trotzdem ihre Gesundheit so robust erschien als je, sie mehr Strapazen aushielt als ihre Enkelin und ihr Appetit nichts zu wünschen übrigließ, hatte sich eine Veränderung an ihr vollzogen. Ihr ausgezeichnetes Gedächtnis wurde lückenhaft, und ihre sonst ausschließlich auf die höchsten und ernstesten Dinge gerichteten Interessen wendeten sich jetzt mitunter den kleinlichsten Dingen zu. Sie hatte Vergnügen am Klatsch, ließ sich von Marianne die ganze venezianische Chronique scandaleuse berichten, wie dieselbe an der Kuriertafel zur Sprache kam, und – traurigstes sowie untrüglichstes Zeichen des Verfalls – die feineren Schattierungen des Anstandsgefühls waren ihr verlorengegangen. Sie erzählte jetzt Erika mit unbeschreiblichem Gleichmut die haarsträubendsten Dinge, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie sehr derartige Enthüllungen der menschlichen Schwäche oder Lasterhaftigkeit das junge Mädchen, überreizt, wie es damals war, quälen mußten. Ihr graute vor nichts mehr. Menschenhaß und Menschenliebe waren bei ihr gleichermaßen abgestumpft unter dem Einfluß einer die ganze Menschheit erniedrigenden Nachsicht, die sie ihre philosophische Weltanschauung nannte. Daß Erika die Wangen brannten, wenn sie ihr plötzlich die vor der Welt oberflächlich versteckte heimliche Sünde einer Frau aufdeckte, mit der sie den Tag zuvor in Gesellschaft beisammen gewesen war; daß Erika, während sie ihr ruhig eine Reihe von Entschuldigungsgründen für den Fehltritt der jungen Frau aufzählte, das Fieber schüttelte, merkte sie einfach nicht, begriff überhaupt nicht, daß ihre Berichte dem jungen Mädchen unangenehm sein könnten. Aber Erika ließ sich ihre Plaudereien nicht immer ruhig gefallen und schnitt ihr bisweilen schroff die Rede ab, behauptete, dem, was sie ihr mitgeteilt hatte, keinen Glauben zu schenken. Hierauf aber erwiderte die alte Frau ganz unbefangen: »Ich begreife wahrlich nicht, warum du dich so ereiferst. Bereitest du dich auch vor, das Kapilawastusystem der großen Welt durchzuführen und die Wahrheit vor die Tür zu sperren? Die Menschen sind einmal so – du wirst sie nicht anders machen dadurch, daß du zu ihren Fehlern die Augen schließest.« Hierauf Erika mit düster verzogenen Brauen und vernichtender Betonung: »Und wenn sie wirklich so sind, dann begreife ich nicht, wie du so viel und gern mit einer Menschheit verkehrst, die du so namenlos verachtest!« »Verachtest ...! erwiderte die alte Frau, den Kopf schüttelnd. »Ich verachte niemanden. Wer das von seiner tierischen Natur so stark belastete Wesen der Menschheit genau kennt, der wird sich darüber nicht verwundern, daß sie oft unter der Bürde zusammensinkt – nein, staunen wird er darüber, wie oft sich die Menschheit aus dem Schlamm von neuem aufrafft, und staunend wird er sie achten trotz allem!« Erika wiederholte nur zornig das Wort: »Achten ... achten!« Es wollte sie bedünken, als ob ihrer Großmutter Art, die Menschheit zu achten, eine sehr eigentümliche sei.   Neben den Lenzdorffs gab es noch verschiedentliche Leute, die sich's bequem machten und gleich ihnen den Winter im Hotel verlebten. Eine österreichische Familie: Vater, Mutter und Tochter. Der Vater ein zurückgetretener Diplomat, schwer krankend an einem Verbesserungsplan der österreichischen Politik, den er seit zwanzig Jahren in sich trug und nicht hatte anbringen können – alle drei sehr bigott und sich etwas fernhaltend von Erika und ihrer Großmutter; dann ein Graf Hans Treurenberg, ebenfalls ein österreichischer Kavalier, aber von ganz anderer Eigenart als der bigotte und verbitterte Graf Rhödern, vornehm, leichtsinnig, selbstsüchtig und voll heiterer Liebenswürdigkeit; dazu ein brustkranker Pole, der hoch spielte, und ein Wiener Bankier mit aristokratischen Velleitäten, der nach Venedig übergesiedelt war, weil die erste Gesellschaft dort für zugänglicher gilt als anderen Orts; schließlich noch verschiedentliche Lungensüchtige, die sich von einem unermüdlich hoffnungsreichen Arzt Heilung versprechen ließen. Mit sehr vielen der Fremden standen die Lenzdorffs auf dem Grüßfuß, in direktem Verkehr standen sie nur mit dem alten Grafen Treurenberg, den die Gräfin Lenzdorff vielleicht nur deshalb sofort innig ins Herz geschlossen hatte, weil er ihr geistreiche Randglossen machen half zu den ihr von Marianne gelieferten skandalösen Mitteilungen. Später machten sie noch eine Bekanntschaft im Hotel. Da es ihnen zu umständlich war, sich auf ihrem Zimmer servieren zu lassen, so speisten sie zumeist nach der Table d'hote in dem großen Speisesaal an einem kleinen Tisch. Lange Zeit waren sie um die Stunde die einzigen in dem öden Raum. Eines Abends aber merkten sie, daß ein zweiter Tisch unweit des ihren gedeckt worden war. Sie hatten kaum die Suppe genossen, als ein ziemlich auffälliges Ehepaar eintrat: ein kahlköpfiger, kurzer, breiter Mann mit einer sehr roten Nase, dicken, glattrasierten Lippen zwischen einem rötlich grauen Vollbart – neben ihm eine Frau, blond, blaß, schlank wie eine Lilie und mit etwas schwermütig Anziehendem in ihrem schmalen, zartgeschnittenen Gesichtchen. Sie erweckte bei Erika das lebhafteste Interesse. Nach Verlauf des Diners trat sie sofort neugierig an den Kasten, der, in dem Vorsaal hängend, das Namenverzeichnis der Hotelgäste enthielt. Zwischen verschiedenen anderen neuen Kärtchen erblickte sie eines mit den Namen Graf und Gräfin Rheinsberg. Den nächsten Tag, als Großmutter und Enkelin, jede aus einer anderen Richtung, von ihren Spaziergängen nach Hause kamen, erzählte Erika mit einer erfreuten Lebhaftigkeit, die jetzt recht selten an ihr zu bemerken war, daß sie soeben die Bekanntschaft der Gräfin Rheinsberg gemacht. »Sie will uns heute ihren Besuch abstatten,« fügte sie hinzu; »ich freue mich sehr, mir ist's, als ob ich eine Freundin an ihr gewinnen sollte.« Die alte Gräfin sah ihr bei diesen Worten aufmerksam ins Gesicht und blieb ein Weilchen stumm; endlich bemerkte sie: »Ich glaube kaum, daß das ein Verkehr für dich wäre.« »Warum?« Die Großmutter zuckte die Achseln, dann setzte sie hinzu: »Ich traue dem Landfrieden nicht.« Wütend biß sich Erika in die Lippen und kehrte sich von der Großmutter ab. Die Gräfin Rheinsberg hatte ihren Besuch gemacht, die Lenzdorffs hatten ihn erwidert, aber das große Vergnügen, das sich Erika von dieser Bekanntschaft versprochen hatte, war im Keime erstickt worden. Am vierten Tag lag ein drittes Kuvert auf dem Tisch der Rheinsbergs. Ein junger Mann trat mit ihnen ein, groß, etwas engbrüstig, mit weichen, hübschen Zügen und sehr glänzenden dunklen Augen. Rheinsberg stellte ihn den Lenzdorffs vor: »Baron Gladnjk, ein Vetter meiner Frau.« Den Tag wendete sich Rheinsberg mehrmals zu Erika und ihrer Großmutter herüber, die Gräfin nicht. Sie war besser gefärbt als sonst, sah ungemein belebt aus, redete schnell, wobei es schien, als ob ihre Stimme zugleich weicher und voller geworden sei. Was sie sagte, war nicht von besonderer oder gar bedenklicher Art, dennoch beschlich Erika ein Gefühl unabweisbaren Mißbehagens. Im Laufe des nächsten Tages, während Großmutter und Enkelin, ihren Nachmittagstee trinkend, jede ein Buch auf den Knien, in ihrem Salon saßen, erzählte die alte Frau: »Treurenberg war heute bei mir, während du bei deinen Antiquaren herumstöbertest. Er hat mich über die Situation der Rheinsbergs aufgeklärt. Die arme Frau hat den alten Rheinsberg dringender Familienrücksichten halber, natürlich ohne alle Neigung, geheiratet. Anfangs soll sie sich sehr tapfer gehalten haben trotz der berüchtigten Brutalität ihres Herrn Gemahls – aber sie ist doch ein schwacher Charakter mit einem ausgesprochenen Anschmiegungsbedürfnis. Jetzt hat sie ein Verhältnis mit dem jungen Gladnjk, in den sie schon vor ihrer Ehe verliebt gewesen sein soll.« Die Worte waren kaum aus ihrem Munde, als Lüdecke eintrat mit der Meldung: »Frau Gräfin Rheinsberg läßt fragen, ob Exzellenz empfängt?« »Ich lasse bitten,« erwiderte die Großmutter. Erika biß sich in die Lippen und staunte, als sie bemerkte, wie ihre Großmutter die junge Frau genau mit derselben Freundlichkeit behandelte wie immer, während sie selber sich verdrießlich im Hintergrund hielt, und zwar so auffällig, daß Gräfin Rheinsberg sich offenbar durch ihr Benehmen veranlaßt sah, ihren Besuch abzukürzen. Als sie sich entfernt, rief die alte Gräfin, nicht ohne Verdruß zu verraten: »Ja, erkläre mir doch, Erika, was dir eingefallen ist, so bocksteif gegen die arme Person zu sein – so etwas ist doch wirklich nicht erlaubt. Ich begreife dich nicht.« »Und ich begreife nicht, wie du eine Frau mit Freundlichkeiten überschütten kannst, nachdem du zuvor von ihr gesagt hast, was du weißt ...« »Ach, ich bitte dich – eine Messalina ist sie darum noch lange nicht!« rief die alte Frau. »Ich kann nicht sagen, daß die Kenntnis ihrer falschen Lage meine Achtung für sie gerade erhöht, aber du lieber Gott – was geht mich das alles an, solange es ihrem Manne recht ist!« »Nun freilich, wenn du die Moral für nichts zählst!« rief Erika sehr erregt. »Moral...!« gab die alte Frau ungeduldig werdend zurück. »Laß mich zufrieden mit den großen Worten – es gibt keine absolute Moral; es gibt nur ein Recht des Stärkeren: das Recht der Gesellschaft!« »So!« murmelte das junge Mädchen bitter; »so!« »Nun freilich,« fuhr die alte Gräfin gleichmütig zu philosophieren fort, »selbst die Natur ist der Gesellschaft gegenüber nur eine tributpflichtige Vasallin – zahlt sie ihren Tribut, so ist alles in der Ordnung, die Gesellschaft drückt ein Auge zu; – besteht die Natur der Gesellschaft gegenüber auf ihrem Recht, ohne den Tribut zu zahlen, nun, dann sagt die Gesellschaft: Geh in die Wildnis und genieße deine selbstgeschaffenen Freuden, ich habe ja schließlich nichts dagegen, aber zu tun haben will ich mit dir nichts mehr! Gräfin Rheinsberg hat keine Lust, in die Wildnis zu gehen. Sie heuchelt ein wenig, damit wir uns the benefits of the doubts gönnen können, d. h. sie zahlt ihren Tribut, mehr kann man eigentlich nicht verlangen.« »Nun, jedenfalls beweist du mir, daß ein Fehltritt weiter keine Bedeutung hat, solang man sich nicht ertappen läßt!« schrie Erika fast. »Für die Gesellschaft allerdings nicht, für das Individuum unter Umständen eine sehr große,« erklärte die Großmutter. »Ich für meinen Teil hätte es nie ertragen, darauf angewiesen zu sein, die Achtung meines Nächsten zu stehlen; etwas in meiner Erinnerung zu haben, das ich nicht öffentlich eingestehen könnte, wäre mir vorgekommen, als ob ich unter einem schönen Kleide unsaubere Wäsche trüge. Brr!« Sie schüttelte sich mit einer kleinen Gebärde des Ekels. »Aber mein Gott, das ist mir angeboren, Verdienst ist keines dabei, man ist tugendhaft zu seinem Privatpläsier, sonst ist man immer betrogen.« »Verdienst ist keines bei der Tugend,« wiederholte Erika langsam. »Nein,« entschied die alte Gräfin, »es ist auch kein Verdienst dabei, sehr schön zu sein oder Genie zu haben – aber hübsch ist's, nur zu viel einbilden soll man sich nicht darauf, sondern die Gnade, die einem zuteil geworden ist, dankbar hinnehmen. Die Tugend ist der vornehmste sittliche Luxus, der einen wie jeder andere Luxus um so besser kleidet, je weniger man seinen Wert betont.« »Das ist ja alles recht schön,« murmelte Erika, »aber so, wie du mir die Tugend darstellst, ist sie in vielen Fällen nichts als eine Art Quintessenz der Selbstsucht – etwas, das sich zwischen uns und die höchste, hingebendste Nächstenliebe stellt!« »Ach, laß mich zufrieden mit deiner höchsten hingebenden Nächstenliebe!« rief die alte Gräfin. »Das ist nur ein Wort, hinter dem sich gewöhnlich Schmutz oder Verrücktheit versteckt. Du bist heute in einem so aufgeregten Zustand, daß man dir gar nichts begreiflich machen kann. Wenn du ein bißchen vernünftig wärst, so würdest du einsehen, daß – Moral hin oder her – wir vor allem anderen uns in die unserer Existenz gesteckten Grenzen fügen müssen. Die menschliche Gesellschaft ist wie ein Uhrwerk, sie geht jetzt so ziemlich gut – sie könnte gewiß besser gehen, aber endlich – sie geht. Ein Rädchen muß sich dem anderen unterordnen. Will es seine eigenen Wege einschlagen, so bringt es das ganze Uhrwerk in Unordnung. So abscheulich es klingt, wird doch die kleinliche Sünderin, die ihre Fehler vor der Welt einfach verbirgt, weniger Unheil anrichten als die heroische Sünderin, die »irgendeinem hyperidealen Zweck zu Ehren« ihre Tugend preisgibt und ihren Fehltritt vor aller Welt bekennt. Man kann einmal nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen! Ich glaube, ich sollte dir endlich die Sache klargemacht haben!« »Ja,« murmelte Erika, »du hast mir bewiesen, daß die Tugend manches Mal kleidsam und häufig praktisch ist; aber« – mit steigendem Affekt – »daß sie heilig ist, edel, wirklich bewunderungswürdig – das hast du mir entschieden wegbewiesen!« »Dummheiten!« rief jetzt die Großmutter und verlor völlig die Geduld. »Laß mich zufrieden! Kremple dir die Welt um, wenn du's zustande bringst und sie dir so, wie sie ist, nicht recht ist. Ich kann's nicht für dich besorgen. Du bist seit einiger Zeit unausstehlich. Ach, wenn du nur mit Goswyn verheiratet wärst, da würdest du dir gar keine solche Spinnen in den Kopf setzen!« Bald nachher stand Erika auf und verließ das Zimmer. Als sich die Großmutter etwas später an die Tür des Schlafstübchens ihrer Enkelin heranschlich, war ihr's, als höre sie dieselbe schluchzen. Die Prinzessin Dorothee ging mit kurzen, ungeduldigen Schritten in ihrem Salon auf und ab. Von Zeit zu Zeit blickte sie zum Fenster hinaus in das unfreundliche Berliner Märzwetter, auf große Haufen rechts und links von der Moltkestraße zusammengeschaufelten, sehr schmutzigen Schnees, in den rasch fallende Regentropfen, wie sich die Prinzessin ausdrückte, Blatternarben hineinbohrten. Eine ganz kleine Unannehmlichkeit war Dorothee widerfahren. Sie war von Hof aus bei einer Galagelegenheit übersehen worden. Sonst hätte sie dergleichen sehr kalt gelassen; sie hätte die Sache naturgemäß auf ein Versehen des Obersthofmeisteramts zurückgeführt. Noch obendrein machte sie sich aus dergleichen nichts, ja, fand es geradezu lästig, bei solchen feierlichen Veranstaltungen mitzutun. Heute aber beunruhigte sie die Sache. Anstatt ein Versehen des Obersthofmeisteramts in dieser Angelegenheit zu erblicken, witterte sie dahinter eine absichtliche Verletzung. Warum war man denn so schauderhaft moralisch in Berlin? fragte sie sich verdrießlich; so aggressiv moralisch, tugendprotzig war der rechte Ausdruck. Überall anders ließ man doch die Leute auf ihre Manier selig werden, solange nur der äußere Anstand gewahrt blieb. Was hatte sie denn Schlimmes getan? Die Feistmantel hatte ihr's schon damals in Florenz auseinandergesetzt, daß die Ehe, wie sie die Zivilisation eingeführt hat, etwas durchaus Unnatürliches sei. Damals in Florenz hatte die ausgelassene und inmitten der sie umgebenden Verderbtheit doch noch rein verbliebene Prinzessin laut über diese philosophische Weltanschauung ihrer Erzieherin gelacht. Später, um Jahre später, hatte sie diese Theorie aus irgendeinem Winkel ihres Gedächtnisses hervorgezogen, um sich vor sich selbst damit zu rechtfertigen – und kürzlich, erst gestern war's gewesen, als die Feistmantel, die sich nun in Berlin etabliert hatte, wo sie in den besten Kreisen Klavierstunden gab, bei dem Frühstück, zu dem Prinzeß Thee sie eingeladen, dieselben Theorien vorgebracht, da hatte die Prinzessin ihr heftig widersprochen, ja, ihr diese Theorien bitter verübelt – sie war grob geworden gegen die Feistmantel, hatte sie beinahe hinausgeworfen und sich im letzten Moment doch wieder hastig und fast demütig mit ihr versöhnt und sie schließlich mit einem ganz unmotivierten, sehr reichen Geschenk entlassen. Es war bereits krankhaft. Alles bezog sie jetzt auf dieselbe Angelegenheit. Hinter dem philosophischen Vortrag der Feistmantel hatte sie einen niedrigen Versuch gewittert, sich bei ihr einzuschmeicheln. »Als ob die Feistmantel ahnen könnte ... Kein Mensch kann etwas ahnen ...!« wiederholte sie sich einmal um das andere – »kein Mensch!« Sie hielt ihr feines Batiktuch an den Mund und fing an, es mit den Zähnen zu zerreißen. »Was habe ich im Grunde so Schreckliches getan?« fragte sie sich noch einmal. »Es gibt kaum eine wirklich hübsche, gefeierte Frau, die nicht mehr verbrochen hätte als ich!« Mit einemmal breitete sie ihre langen, schmalen Hände vor ihr Gesicht, und einen halb unterdrückten Wutschrei ausstoßend, rief sie: »Mein Gott, wenn es allen Frauen so viel Vergnügen macht wie mir?« Mitten in ihrer Hohlheit und sittlichen Haltlosigkeit war ihr früher doch immer ein Hang zur Offenheit verblieben, dem sie rücksichtslos oft bis zur Geschmacklosigkeit, manchmal bis zur Grausamkeit gefrönt und der ihrem Wesen eine würzige Eigenart aufgeprägt hatte. Aber jetzt war's aus damit, die lustige Unverschämtheit, die » crânerie «, mit der sie sich sonst noch in den unmöglichsten Situationen zu behaupten vermocht, war verschwunden – sie krümmte und bückte sich unter dem Mantel der Heuchelei, der so schwer auf ihr lastete. Und warum das alles? So allmählich war's gekommen aus Langerweile. Ein Mann, der brutaler war als die anderen, hatte ihr den Hof gemacht mit grobem Geschütz, das ihrer Eitelkeit schmeichelte. Er brachte Abwechslung in ihr Leben; seine Großmut war verblüffend. Einmal, da er eine Wette an sie verloren, brachte er ihr eine Brillantriviere in einem Osterei. Sie wußte, daß sich das nicht schickte, aber sie war es als Mädchen gewöhnt gewesen, Geschenke von Herren anzunehmen. Nebenbei hatte sie eine Vorliebe für Brillanten – und was das für Steine waren! Eine Kette von Tautropfen, in denen die Morgensonne glänzt! Auch hatte er eine so übermütige Art, ihr das kostbare Ding in den Schoß zu werfen, als ob es rein nichts wäre. Sie konnte nicht widerstehen – einmal zum wenigsten wollte sie das Halsband antun. Auf dem nächsten Hofball trug sie's. Ihrem Gatten, der von dergleichen nichts verstand, erklärte sie, sie habe es um einen Pappenstiel aus dem Nachlaß eines Juweliers erstanden. Sie hatte sich vorgenommen, es zurückzugeben – aber sie gab's nicht zurück. Von dem Augenblick hatte er sie in seiner Gewalt. Er lockte sie an sich, wie eine Katze einen Vogel an sich lockt, kleine, harmlose Konzessionen gewann er ihr ab, eine nach der anderen – und dann ... eines Tages – – Ach Gott, wenn sie das jetzt ungeschehen hätte machen können! Wenn man etwa die Qualen, die sie von da ab durchs Leben schleppte, mit dem Ausdruck Gewissensbisse bezeichnet hätte, so hätte man sich einer arg idealistischen Auffassung schuldig gemacht. Nein, Gewissensbisse empfand sie keine, ihr sittliches Gefühl war vollständig stumpf, nur einen großen Ärger über sich selbst, Wut darüber, irgend jemandem Macht über sich eingeräumt zu haben, gedemütigten Stolz und neben dem allen eine maßlose Angst, ertappt zu werden. Sie war bis ins Innerste feig. Was hätte sie nicht darum gegeben, wieder loszukommen! Im Grunde genommen waren ihr ihre Beziehungen zu ihrem Liebhaber ungemein lästig. Zehnmal hätte sie bereits gebrochen, wenn sie sich nicht vor ihrem Liebhaber fast mehr gefürchtet hätte als vor ihrem Manne. Ein Russe war's, fabelhaft reich, und bekannt in den Kreisen der Pariser Halbwelt, welche jahrelang seinen ganzen Umgang ausgemacht hatte. Orbanow hieß er und wurde im Ausland allgemein mit einem Fürstentitel ausgezeichnet, der ihm eigentlich nicht zukam. Ein Mensch ohne jeglichen sittlichen Halt, von einer Brutalität, die, wenn er sich erhitzte, jede Grenze überstieg, dabei mit einer naiven Unkenntnis der westeuropäischen Schattierungen des point d'honneur , aber mit einem geradezu verblüffenden persönlichen Mut ausgestattet, der seine schwankende Stellung immer wieder ins Gleichgewicht brachte. Prinzeß Dorothee war davon überzeugt, daß er etwas Rücksichtsloses, ganz Unmögliches tun würde, falls sie sich von ihm zurückzöge. Ach, wenn er sie freigäbe! Sie begann Luftschlösser zu bauen. Nie – nie wieder würde sie sich in ein derartiges Abenteuer einlassen. Es war ja alles erlogen, was in den Romanen stand – es gab nichts Häßlicheres auf der Welt als das. Sie hatte in ihrem ganzen Leben ein einziges Mal ein tieferes Gefühl gehabt, und das war in Wut und Haß erstickt; im übrigen war ihr eigener täppischer, beschränkter, durch und durch ehrenhafter und grenzenlos gutmütiger Gatte von allen Männern ihr immer noch lieber als alle anderen. Er war vorläufig noch auf seiner Herrschaft in Schlesien verblieben, wo er sich bedeutend wohler fühlte als inmitten des großstädtischen Gesellschaftstreibens. Prinzeß Dorothee hatte es ihm anfangs absichtlich in Berlin so ungemütlich zu machen gewußt, daß er sich stets so lange als möglich in Schlesien aufhielt. Heute sehnte sie sich nach ihm. Sie sehnte sich danach, daß er sie auf seine Knie nehmen sollte und in seinen starken Armen einlullen möchte wie ein müdes Kind – und danach, sich wieder einmal von ihm die Treppe hinauftragen zu lassen, die breite, flachgestufte Treppe seines alten Schlosses in Kößnitz, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe. Ja, gerade danach sehnte sie sich, seine beschützende Kraft zu fühlen. Ach, wenn sie frei wäre! Sie würde Berlin den Rücken kehren, augenblicklich mit ihm nach Kößnitz ziehen. Es überfiel sie ein wahrer Hunger nach Kößnitz – nach dem Kalk- und Steingeruch der weiten Gänge, nach den luftigen, fast kahlen Zimmern, nach dem Wirtschaftshof mit seinen ungeheuren Misthaufen und den ihn rings umstehenden braunen Fachbauten. Wie malerisch das alles aussehen mußte jetzt im Schnee, denn dort in Schlesien lag der Schnee noch hoch. Sie wollte Schlitten fahren – schwindelnd schnell – den ganzen zarten Körper warm eingepelzt und nur auf dem Gesicht den kalten frischen Winterhauch, vor ihr herschwirrend verwegenes Schellengeklingel und die lustig schnaubenden Rappen mit wehenden Mähnen und weit ausgreifenden flinken, vornehm gebogenen Füßen – ringsherum der verschneite Wald, die Bäume wie versilbert, von seinen Kristallen umstarrt, und über dem bläulichen Schnee sich hinziehend hellgraue Schatten. Ach, sie freute sich auf das Nachhausekommen, auf das Vesperbrot! Denn das hatte sie sich fest vorgenommen, die vornehme Tageseinteilung gänzlich über den Haufen zu werfen: ein tüchtiges Mittagsmahl um eins, Vesper um fünf, und um acht Uhr ein Abendbrot mit Wurst und heißen Kartoffeln – ja, heiße Kartoffeln in der Schale; seit ihrer Kindheit hatte sie die nie mehr bekommen, und dann auch saure Milch mit Schwarzbrot – wie sie sich auf die saure Milch freute! Eine Hoffnung erfüllte sie. War das nicht Orbanow, den sie gestern in der Loge einer jungen Schauspielerin gesehen, im Hintergrund versteckt? Es war sonst nicht seine Gewohnheit, sich bei solchen Gelegenheiten zu verstecken; offenbar tat er es um ihretwillen. Eine Eingebung kam ihr plötzlich. Welche Gelegenheit, sich loszumachen! Sie brauchte ja nur eine leidenschaftliche Eifersucht zu heucheln, und dann konnte sie zurücktreten, ohne die Eitelkeit dieses gefährlichen und gewissenlosen Menschen aufzureizen. Sie fühlte sich plötzlich ganz leicht und heiter, ganz mit Hoffnungsseligkeit erfüllt. Die Uhr schlug fünf. Die Stunde, wo sie sich zu dem vereinbarten Stelldichein verfügen sollte, war gekommen. Ohne ihrer Kammerjungfer zu klingeln, kleidete sie sich an; über einen sehr einfachen, dunkelgrauen Regenmantel, den sie sich für diese Gelegenheiten angeschafft und den sie immer selbst einschloß, warf sie einen leichten Pelz, dann setzte sie einen unansehnlichen kleinen Hut auf und verfügte sich auf die Straße. Nachdem sie ein Weilchen zu Fuß gegangen war, bestieg sie einen Wagen und dirigierte ihn in ein Geschäft in der Potsdamer Straße. Kaum hatte sich das Gefährt in Bewegung gesetzt, so entledigte sie sich hastig ihres Pelzes, schnallte ihn mit unglaublicher Schnelligkeit in einem Lederriemen zusammen und band sich einen dichten Schleier doppelt ums Gesicht. Bei dem genannten Geschäft stieg sie aus, bezahlte den Wagen, kaufte eine Kleinigkeit, verließ den Laden, um wieder ein paar Schritte zu Fuß zu gehen, worauf sie von neuem einen Wagen bestieg. Die Umständlichkeit, mit der sie die Sache anpackte, bewies bereits, wie außerordentlich ungeeignet sie für derlei am Abgrund hinwandelnde Vergnügungen war. Die Schwindelfreiheit, die zu solchen Unternehmungen nötig ist, fehlte ihr. Etwa um acht Uhr desselben Tages verließ Goswyn von Sydow eines der traurigen verräucherten grauen Häuser der Lützowstraße in der Nähe des Potsdamer Bahndammes. Seit kurzem wieder nach Berlin versetzt, hatte er einem kleinen Familienfest beigewohnt, das ein alter Freund von ihm zur Feier der Taufe seines ersten Sohnes – mit einem Töchterchen war er bereits gesegnet – veranstaltet hatte. Der Freund war der Sohn eines Beamten des alten Freiherrn von Sydow, ein begabter junger Mensch, der mit Goswyn, ehe sich ihre Lebenswege trennten, auf derselben Schulbank gesessen und seither stets im Verkehr mit ihm geblieben war. Selber fast gänzlich mittellos, hatte er ein armes Mädchen geheiratet, was ein dummer Streich war, den er unverantwortlicherweise nicht bereute. Die Familienfeier hatte sich den Umständen angemessen gestaltet. Außer dem Pastor, den Eltern und dem Täufling waren kaum sechs Personen anwesend gewesen, aber selbst die hatten Mühe gehabt, sich in den kleinen Räumen unterzubringen. Die Temperatur war sehr hoch, die Luft leicht mit Kohlendunst geschwängert und mit einem Speisenduft, der aus der nahen Küche drang. Die Hausfrau war etwas unruhig und verschwand vor dem Nachmittagskaffee mit Backwerk mehrmals, um mit dem Mädchen zu sprechen; die mit Sydow zusammen geladenen Gäste – nahe Familienmitglieder – lebten in Gesellschaftskreisen, die allen seinen Gewohnheiten fernlagen. Unter den Umständen war es schwer, als Respekt einflößender Ehrengast nicht eine gewisse Unbehaglichkeit über seine Umgebung zu verbreiten, und war es geradezu ein Kunststück, sich wohl zu fühlen. Goswyn hatte beides zustande gebracht. Er besaß eine echte Soldatennatur, die sich in den unbequemsten Verhältnissen zurechtfindet. Nicht einmal seine Schwerfälligkeit stand ihm im Wege. Anfangs war er sich zwar etwas zu groß vorgekommen; er wußte nicht, wie er seine langen Glieder rühren sollte, ohne etwas umzuwerfen und ohne eine verletzende Behutsamkeit an den Tag zu legen. Aber er hatte sich hineingefunden. Als nun, nachdem sich die anderen Gäste zurückgezogen, der Freund, ihm beide Hände auf die Achseln legend, gesagt hatte: »Bleib noch ein Weilchen, man sieht dich ohnehin wenig,« war er geblieben, und als der Rechtsanwalt – diese Stellung nahm der Freund jetzt ein – ihm einfach erklärt: »Ich versteh' mich nicht recht auf feines Kraut und hab' infolgedessen dem Versuch entsagt, dir welches zu besorgen; aber wenn du deine eigenen Zigarren rauchen willst, so macht mir's nur Freude,« da war es schließlich sehr gemütlich geworden. Sie hatten zusammen in dem Arbeitszimmer des Rechtsanwalts gesessen, in kräftig duftende himmelblaue Wolken eingehüllt, und hatten politisiert und besonders sehr viel über die inneren Zustände, den drohenden Sozialismus und die destruktive Tendenz der modernen Literatur gesprochen. Der idealistische Rechtsanwalt, welcher gänzlich außer der Welt lebte und seine Existenz damit verbrachte, der Unschuld oder dem, was er dafür hielt, womöglich unentgeltlich zum Sieg zu verhelfen, äußerte mit Begeisterung allerhand Theorien, die man seiner Ansicht nach nur praktisch zu verwerten brauchte, um auf die leichtmöglichste Art den Schäden der Gesellschaft beizukommen. Goswyn, der trotz seines ausgiebigen sittlichen Idealismus ein sehr praktischer Kopf war und von einem etwas schärferen Gesichtspunkt aus in die Welt hineinsah, fühlte zu den von seinem Freund in Vorschlag gebrachten Mitteln zur Behebung verschiedentlicher Weltschäden kein unbedingtes Vertrauen, freute sich aber an der anregenden Lebendigkeit des alten Jugendfreundes und an seiner anständigen Auffassung der Dinge. Als echte Deutsche tranken sie sehr viele Gläser Bier mitten zwischen ihre gegenseitig kundgegebenen Weltbeglückungstheorien hinein, sie schrien auch ein bißchen laut, besonders der Rechtsanwalt, bis ihm Goswyn die Hand auf den Arm legte und, sich nach der Tür des Nebenzimmers umsehend, ein leises Pst! zuflüsterte. Durch die Tür hörte man bescheiden und weich, ohne besondere Klangfarbe, aber voll anheimelnder Zärtlichkeit ein Liedchen summen. Es war die junge Mutter, die den Säugling in den Schlaf schmeichelte. Dann verstummte das Lied. Bald darauf trat die junge Frau herein, hübsch, frisch und mit der innigen Anmut, die jungen Müttern eigen ist, ihr zweijähriges kleines Mädchen auf dem Arm. »Der Junge schläft schon,« erzählte sie, »aber Winny kommt sich noch empfehlen.« Offenbar hatte sie Winny – sie war Sydows Patenkind und nach ihm Goswyna getauft worden – nur hereingebracht zum Bewundern, weil sie sie hübsch fand. Und Winny war auch entzückend in ihrem weißen Nachtkleidchen, aus dem ihre dicken, weißen Ärmchen und zarten, rosabesohlten Füßchen hervorguckten, und mit ihrem zerzausten rotblonden Krauskopf. Als Goswyn sie, auf seine Patenschaft pochend, auf den Arm nahm, schmiegte sie sich mit der ganzen Zutunlichkeit eines verschlafenen kleinen Mädchens an ihn, und von der Mutter aufgefordert, ihm den Grad ihrer Zuneigung zu beweisen, klopfte sie mit ihren winzigen warmen weichen Händchen zutraulich auf seinen breiten Schultern und glattrasierten Wangen herum, worauf sie ihn schließlich umhalste und mit mehreren zärtlichen Küssen beglückte, die ihm darum nicht weniger schmeckten, weil sie ein wenig feucht waren. Dann rieb sie sich, schlaftrunken blinzelnd, die großen blauen Augen, die anfingen ganz klein zu werden, und seufzte bekümmert – er fuhr ihr ein letztes Mal liebkosend über ihr zartes Gesichtchen und legte sie behutsam in die Arme der Mutter zurück. Als er kurz darauf, nachdem er sich mit einem ritterlichen Handkuß von der jungen Frau verabschiedet, in die Straße hinaustrat, fühlte er etwas von dem sehnsüchtigen Mißbehagen, das auch den angenehmst situierten Junggesellen befällt, wenn er aus der warmen Atmosphäre eines völlig frischen, unentweihten jungen Eheglücks in seine nüchterne Einsamkeit zurückkehrt. Der Duft des Kindes war an ihm hängengeblieben, beständig fühlte er die dicken kleinen Arme um seinen Hals. Wie lieb das doch gewesen war! Er hatte sich eine frische Zigarre angezündet und hielt sie jetzt nachdenklich in der Hand, ohne sie zu rauchen. Es war doch etwas Schönes um so ein Heim! Er dachte sich freilich das Zusammenleben mit seiner Frau anders. Seine Frau sollte etwas mehr für ihn sein als ein liebliches, stilles Hausgeistchen, das mit schlichter Anmut für seine leiblichen Bedürfnisse sorgte, allenfalls wußte, wohin er ein gescheites Buch verlegt hatte, und es ihm finden half, ohne es je selber aufzuschlagen, und das, nachdem es die Kinder zu Bett gebracht, mit einer Handarbeit in einem Winkel saß, während der Gatte mit einem Freund (etwas platonisch) das Weltall zurechtrückte. Hm! ... freilich den Ansprüchen, welche er an seine künftige Frau stellte, hätte so leicht keine entsprochen ... er kannte eine einzige, und die – Konnte er nicht mit seinem Stolze fertig werden und noch einmal sein Glück versuchen ... Es schnürte ihm die Kehle zu. Nein, unter den Umständen konnte er nicht daran denken. Er würde es doch nie vergessen, daß man ihm einmal das Geld Erikas vorgerieben hatte. Selbst wenn er imstande wäre, sich ihr Herz zu erobern, würde die Ehe doch mit einem Mißklang anfangen. Wenn sie arm würde ... Das Blut zuckte ihm plötzlich in allen Fingerspitzen, eine Art Jubel überkam ihn bei dem Gedanken, wenn irgendein Unglück, eine Demütigung sie träfe, welches Entzücken, sie dann in seine Arme schließen, sie aufrichten, sie durch seine Liebe von neuem stolz und reich machen zu können! Sein Herz klopfte laut. Er blieb stehen, als ob er über etwas gestolpert wäre, dann ballte er die Faust. War er denn wirklich imstande gewesen, Erika aus alberner Selbstsucht ein Unglück zu wünschen? Wie aus einer Betäubung erwacht, blickte er um sich. Da sah er knapp neben sich aus einem großen Hause mit mehreren Toren ein Frauenzimmer huschen. Erst achtete er kaum darauf; mit einemmal schöpfte er tief Atem. Wie sonderbar, woher kam denn der eigentümliche Duft – das war ja das Parfüm seiner Schwägerin Dorothee. Er hätte geschworen, daß Dorothee in der Nähe gewesen sein müsse! Er sah sich nach allen Seiten um – es war niemand in der Straße als das Mädchen, das soeben an ihm vorbeigeschlüpft war – ein dürftig gekleidetes Mädchen mit einem Paket in der Hand. Wie sie an ihm vorübergeschossen, war ihm nichts Besonderes an ihr aufgefallen, jetzt aber – von der Ferne glich die Person seiner Schwägerin – er hätte schwören können, sie sei es. Schon dachte er daran, ihr nachzueilen, um sich zu überzeugen. Dann ärgerte er sich über sich selbst; ob sie's gewesen oder nicht, was ging's ihn an, er war doch nicht auf der Welt, um ihr nachzuspionieren. Er wendete sich ab und schlug seinen Weg in entgegengesetzter Richtung ein, um ihre Spur zu verlieren. Indem rannte er beinahe einen großen, bis an die Nasenspitze eingepelzten Mann um, der aus demselben Torbogen getreten war wie die rätselhafte Frauengestalt. Die beiden Männer blickten einander in die Augen – Goswyn erkannte Orbanow. Einen Moment blieben sie beide, von Befangenheit gelähmt, stumm. Der Russe war der erste, der sich zurechtfand. » Mais bon soir, « rief er mit großer Kordialität, » je ne vous remettais pas! « Goswyn legte die Hand an die Mütze und ging an ihm vorbei. Er hatte keinen Zweifel mehr. Den nächsten Morgen erwachte Dorothee von Sydow nach einem festen, erquickenden Schlaf mit sehr leichtem Herzen. Sie war frei! Es war alles prachtvoll abgegangen, sie hatte Orbanow erst eine Eifersuchtsszene gemacht, um seine Eitelkeit zu schonen, dann hatten sie sich fast lachend zu einer Trennung à l'amiable entschlossen, und dann, nachdem alles in Ordnung war zwischen ihnen, da war Prinzeß Dorothee von einer großen Lustigkeit befallen worden; sie hatte sich entschlossen, ihrer Liebe ein lachendes Begräbnis zu bereiten, und hatte sich ruhig zu dem für sie vorbereiteten Souper niedergesetzt, hatte ihre Austern, ihr paté de griesv und ihren Champagner genossen, sich von Orbanow stark gewürzte Anekdoten erzählen lassen, hatte sich mit ihm verplaudert und war mit der Versicherung von ihm geschieden, daß sie sich bei keiner ihrer Zusammenkünfte so gut unterhalten habe wie bei dieser letzten. Sie hatten das beide fin de siècle gefunden und einander lächelnd den Rücken gekehrt. Jetzt saß sie in ihrem Ankleidekabinett neben dem Kamin, oder wenigstens neben einem Ofen mit einer sehr großen Öffnung, in der man das Feuer sah – ein Möbel, wie es in Berlin den Kamin ersetzt. Sie kauerte behaglich in einem Lehnstuhl, war vom Kopf bis zu den Füßen in einen grauen, mit Silberborden und Pelz besetzten Schlafrock gehüllt, sah zum Verlieben hübsch aus und trank mit großem Appetit Schokolade aus einer mit Blumen bemalten Tasse von Berliner Porzellan. »Gott sei Dank, daß es vorüber ist!« sagte sie sich einmal um das andere. Dann setzte sie die Tasse nieder, streckte und dehnte sich, rieb sich die Augen und schwelgte in dem Gefühl, eine drückende und beängstigende Last glücklich losgeworden zu sein. Nach und nach stellte sich die Reaktion bei ihr ein. Eine ganz kleine Verstimmung schlich sich in ihre Freude. So oberflächlich sie war, kam sie doch zu der Überzeugung, daß ihre nun abgeschlossenen Beziehungen zu Orbanow etwas mehr bedeuteten als einen bösen Traum. Reue fühlte sie keine, aber nörgelnden Ärger. Sie hätte einen sehr hohen Preis dafür gezahlt, ungeschehen machen zu können, was nun doch geschehen war. Je nun. Sie seufzte – dann gähnte sie. Die Sehnsucht nach ihrem Mann und Kößnitz war ihr geblieben; daß sie Berlin so bald als möglich den Rücken kehren wollte, stand bei ihr fest – heute abend, morgen spätestens wollte sie fort nach Schlesien und unangemeldet ihren Mann überraschen. Was er für ein erstauntes Gesicht machen, wie sehr er sich freuen würde! Sie klatschte in die Hände wie ein Kind. Plötzlich – nein, das war unerträglich; da kam das dumme, beklemmende Mißbehagen schon wieder! Würde sie denn nie vergessen können! Es war ja nicht zum Aushalten. Und das alles wegen einer Torheit, die ihr nie Freude gemacht hatte. Sie biß sich in die Lippen, dann nahm sie ein feines japanesisches Papiermesser zur Hand und bog es so lange, bis es brach. Mit einemmal griff sie sich mit beiden Händen in ihre lockigen kurzen Haare und fing an, laut zu schluchzen, eigentümlich hoch und dünn, daß es fast wie ein Kichern klang. Es ist merkwürdig, wie verwandt im Ton zumeist das Weinen und Lachen der Menschen ist! – Da ... die Tür des Gemachs hatte sich geöffnet ... ein großer, breitschulteriger Mann mit einem gutmütigen, schwerfälligen roten Gesicht trat ein. Sie sah auf, schrak zusammen, als ob plötzlich ein Blitz neben ihr niedergefahren wäre. Der Eintretende heftete den Blick seiner kleinen, grauen Augen besorgt auf ihr feines verweintes Gesicht, dann rasch auf sie zuschreitend, rief er: »Meine liebe kleine Thee – was um Gottes willen ist dir?« Sie schlang ihre beiden Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn, wie sie sich nie an ihn geschmiegt hatte. Er drückte seine Lippen auf ihren Mund.   Goswyn saß an seinem Schreibtisch, einem geräumigen Möbel, auf dem es etwas kunterbunt aussah, ein Buch in der Hand. Es handelte sich darin um den Feldzug von 1814, denjenigen unter allen Feldzügen Napoleons, der ihn am meisten interessierte. Dennoch blätterte er die Seiten sehr langsam um, ja hörte endlich ganz damit auf. Die Sache mit Dorothee war ihm widerwärtig – die Sydows hatten von jeher ebenso streng auf die Sitten ihrer Frauen als auf die Ehre ihrer Männer gehalten. Etwas wie das, worüber er nicht mehr im Zweifel sein konnte, war in ihrer Familie nie vorgekommen. Man hatte sich vielleicht bisweilen unter ihnen gelangweilt, aber die Augen hatte man vor niemand niederzuschlagen gebraucht. Schon lange hatte er eine Ahnung von dem Stand der Dinge gehabt; seit gestern war er seiner Sache sicher. Mußte er denn wirklich zusehen? Was sollte er anderes tun? Seinen Bruder aus allen seinen Himmeln zu reißen, wäre ihm peinlich gewesen – den Angeber zu machen, unmöglich. Nun ja, freilich, ruhig zusehen mußte er. Er stampfte auf den Fußboden und ballte die Faust. Im selben Moment hörte er draußen eine bekannte, rauhe, herzhafte Stimme bei seinem Diener nach ihm fragen. »Otto! Was macht der in Berlin?« fragte er sich; »noch obendrein scheint er vergnügt.« Er sprang auf. Da öffnete sich die Tür, Otto stürzte herein, derb, vierschrötig, vor Glück strahlend. Er legte seine kurze, fleischige, leicht behaarte Hand auf die Schulter des Bruders und rief: »Na, wie geht's, oller Junge – siehst verteufelt verkatert aus, verträgst doch etwas. Wo fehlt's?« »Nirgends,« erklärte Goswyn, indem er sich bemühte, sofort ein heiteres Gesicht zu machen. »Alles in Ordnung?« »Alles!« »Na, um so besser! Bist wohl gewiß erstaunt, mich so plötzlich zu dir hereingeschneit zu sehen?« »Allerdings!« »Na – das ist ne janze Geschichte.« Wenn Otto ins Feuer kam, sich irgendwie besonders gehen ließ, verfiel er leicht in den preußischen Jargon, der Goswyn hingegen gänzlich fremd war. Dabei ging er mit großen Schritten in dem nach militärischer Junggesellenart halb als Rauchzimmer, halb als Schreibstube eingerichteten Gemach auf und ab. »Es ist behaglich bei dir, Gos!« rief er, seine kalten roten Hände ineinanderschlagend, um sie zu erwärmen; »aber der Teufel, man kann nicht sagen, daß du dir's allzu bequem machst, unnötigen Luxus gibt's nicht; und ... welches Maß in der Dekoration! Keine einzige hübsche Dame an der Wand. Hm! hm! Bei mir hat's anders ausgesehen in meinen Junggesellentagen! Hm! hm!« Er blinzelte verfänglich mit seinen kleinen grauen Maulwurfsaugen. »Übrigens erinnere ich mich, daß man früher auch etwas anderes bei dir zu sehen bekommen hat als Rennpferde und Jagdszenen ... he, he! Was hast du denn mit deiner Schönheitsgalerie angefangen, Gos?« »Habe alle meine Jugendsünden im Dutzend meinem Vetter Brock vermacht, der vor sechs Wochen Leutnant geworden ist,« erklärte Goswyn, den das törichte Geplapper seines Bruders verdroß. »Ja so – hm! – du hast recht – ist nicht mehr zeitgemäß – bist auch schon ein alter Hase – kannst an vernünftigere Sachen denken!« Damit beugte sich Otto über den Schreibtisch des Bruders und versenkte sich in den Anblick von ein paar Photographien, die ihn schmückten. »Famoses Bild der alten Lenzdorff!« rief er, »ganz famos!« – Dann: »Hier ist ja unser Vater als junger Mann, dem seh' ich ähnlich ... und da ist Onkel Goswyn, der sagenhafte Familienheld, der im Duell gefallen ist. Die alte Lenzdorff soll als Mädchen in ihn verliebt gewesen sein. Daß die überhaupt je verliebt gewesen sein kann! Und du sollst ihm ähnlich sehen – die Mutter sagte es immer. – Oh, das ist die Mutter!« Er nahm das bereits verblichene, in einen altmodischen Rahmen gefaßte Bild auf und trat damit an ein Fenster, um es näher zu betrachten. »Das ist das beste Bild, das von ihr existiert,« sagte er, »es stand immer in Vaters Schreibzimmer. – Zu denken, daß du das je gewesen bist, der hübsche kleine Knirps im gestickten weißen Kleidchen, den sie auf dem Schoß hält, und ich der Junge in der kurzen Hose daneben – komisch ... aber es ist doch lieb, so eine junge Mutter mit ihren Kindern. Wie sie dich im Arm hält! Sie hat dich immer vorgezogen ... Hm! Wo hast du das Bild her?« »Ich habe es von der Mutter geschenkt bekommen als junger Offizier. Sie hat's mir gebracht, als sie mich besuchte in meiner ersten Garnison.« »Ja, damals warst du verwundet, nach einem Duell,« sagte Otto. »Ja, sie kam, mich zu pflegen.« »Ja, ja – wie viele dumme Streiche du auf dem Gewissen hast! Eigentlich warst du viel ärger als ich, man sieht dir's gar nicht mehr an – hm« – mit einem Blick auf den Knirps im gestickten weißen Kleid – »ich gäb' was drum, wenn ich so einen Jungen hätte! Das ist das einzige, was ich der Thee ernstlich verübele, daß sie mir keine Kinder geschenkt hat. Na, es ist ja noch nicht aller Tage Abend.« Damit stellte er das Bild wieder an seinen alten Platz, und zwar mit einer zärtlichen Behutsamkeit, die ihm sonst nicht eigen war und die Goswyn rührte. Was konnte Otto denn eigentlich dafür, daß er ein wenig schwach im Kopf war, ein prächtiger Kerl war er doch – schade um ihn! Mit der Tappigkeit, die zu Ottos hervorragendsten Eigenschaften gehörte, tat dieser übrigens sofort sein möglichstes, um die günstige Stimmung des Bruders zu verscheuchen. »Und von der jungen Lenzdorff hast du kein Bild?« fragte er, sich auf dem Schreibtisch umsehend. »Ich werde wohl irgendwo eins haben,« erwiderte Goswyn ausweichend. Freilich hatte er eins von ihr, ein reizendes Bild, das sie in ihrer holdesten Frühlingsblüte darstellte; aber das bewahrte er hinter Schloß und Riegel wie einen Schatz, damit kein profanes Auge dasselbe streife. »Wie du das sagst!« entgegnete Otto. »Es war doch ehemals eine Flamme von dir, ein famoses Mädel, nur zu viel Raupen im Kopf. Mir war sie immer ein wenig »zu hoch«, für dich hätte sie gepaßt. Ich begreife nicht recht, warum du nicht zugegriffen hast –!« »Das geht mir denn doch ein wenig gegen den Strich!« fuhr Goswyn auf. »Tu nur nicht so, als ob du nicht wüßtest, daß ich von Erika Lenzdorff einen Korb bekommen habe!« »Du!« rief Otto etwas verblüfft, die Stirn in horizontalen Runzeln klein ziehend. »Ja, richtig, ich habe einmal so etwas gehört, aber das war ja vor hundert Jahren. Verzeih mir, Gos, den Korb eines achtzehnjährigen Mädchens, den braucht man nicht ernst zu nehmen, besonders nicht eines Mädchens, das dich stets mit so zärtlichen Augen angeblickt hat wie die junge Lenzdorff. Ich bitte dich! Sie ist ja heute noch zu haben! Der Teufel, warum versuchst du's denn nicht ein zweites Mal! Geniert dich vielleicht das Intermezzo mit dem alten Engländer? Dummheiten! – ihr seid ja wie füreinander geschaffen – ein schönes Vermögen hat sie auch – « »Otto, um Gottes willen, du bringst mich außer Rand und Band!« schrie jetzt Goswyn. »Könntest du dich nicht vielleicht vernünftig niedersetzen, anstatt auf und nieder zu stapfen wie ein Löwe im Käfig, oder auf meinem Schreibtisch in dem alten Krimskrams herumzustöbern, den du schon auswendig kennen mußt? Erzähl' mir doch lieber, wie du da plötzlich in Berlin auftauchst, wo dich kein Mensch erwartet hat? Willst du nicht rauchen?« Otto steckte sich eine Zigarre an und setzte sich folgsam, wie er sich, eine wichtige Gelegenheit ausgenommen, seinem Bruder gegenüber immer gezeigt hatte, in einen Lehnsessel. »Ja, wie ich herkomme?« begann er genau so wie vor einer Viertelstunde. »Das ist ne janze Geschichte – « »Das hast du mir schon einmal gesagt,« grollte der heute außerordentlich gereizte Goswyn. »Je nun, so sei doch nicht so ungeduldig, ich bin einmal ein bißchen weitschweifig,« gestand Otto. »Na, du weißt, es war die letzte Zeit nicht so alles in Ordnung zwischen mir und der Thee! Hm, hm! – Es sind immer beide im Fehler, wenn sich zwei Eheleute nicht vertragen. In der Stadt ging's schon gar nicht zusammen – was willst du, ich bin nun einmal fürs Landleben gemacht – dieses Herumstehen in den Stuben, in denen man immer jemandem auf die Schleppe tritt und nichts Ordentliches zu essen bekommt und nicht recht atmen kann, ist mir gräßlich – unterhalten kann ich mich mit niemandem, ich sage immer nur Dummheiten; der Thee war das zuwider, und schließlich sind wir überein gekommen, daß es das beste sei, ich bleibe zu Hause, während sie sich in der Stadt ein wenig zerstreut. Sie kam mir dann immer frischer und zufriedener zurück. Ich weiß, daß viele mein System verurteilt haben; jedem seine Ansicht – aber ich habe meine Erfahrungen. Ein nervöses Pferd darf man nicht reizen – Luft lassen ist die Hauptsache. Na, aber heuer dauerte mir die Geschichte doch ein wenig zu lange – sie schrieb so selten – und dann, es war so etwas Zerfahrenes in den Briefen – kurz« – er fing plötzlich an verlegen zu lachen – »ich hatte mir Spinnen in den Kopf gesetzt – und da, ganz unangemeldet erschien ich diesen Morgen in Berlin – und weißt du, wie ich sie finde, die arme Thee? – ganz sittsam beim Kamin sitzend, in Tränen. Denke dir, Gos. Ich erschrecke natürlich und – und tröste sie, wie ich kann – dann, wie ich sie ein wenig beruhigt habe, frage ich sie, was ihr fehlt. Heimweh, Gos! – denke nur, Sehnsucht – na, Sehnsucht nach dem Nest, nach dem plumpen Bären, der ihr endlich doch näher steht als alles andere auf der Welt. – Sie machte mir Vorwürfe, daß ich sie vernachlässigt hätte in der letzten Zeit, daß ich nicht einmal in meinen Briefen den Wunsch geäußert, sie wiederzusehen. Sie sei fast im Begriff gewesen, mich ungebeten in Kößnitz zu überraschen, aber dann ... geniert man sich schließlich doch, sich einem Mann an den Kopf zu werfen, der gar nichts von einem wissen will. Eifersüchtig ist sie auch gewesen, armer Narr! Kurz, es war ein kolossales gegenseitiges Mißverständnis, und das Ende war, daß sie mich gebeten hat, aber wirklich wie ein Kind gebettelt, ich möge sie mitnehmen nach Kößnitz, sie wolle gerade jetzt mit mir ein paar Wochen janz einfach auf dem Lande verbringen. Ach, wie sie sich darauf freut, wie sie mir unser zukünftiges Leben beschrieb! – Und süß sah sie dabei aus! Ich schlug ihr vor, daß ich ein paar Tage vorausreisen wolle, um alles für sie vorzubereiten. Davon aber wollte sie durchaus nichts hören, sie klammerte sich an mich, rein als ob sie erst acht Tage verheiratet gewesen wäre. Was hast du denn, Gos?«; denn Goswyn war an ein Fenster getreten, wo er, dem Bruder den Rücken kehrend, seine etwas scharf gebogene Nase gegen die kalten Scheiben drückte. »Ja, was soll ich haben?« fragte Goswyn nach einer unerquicklichen Pause gezwungen. »Zu was stehst du denn dort am Fenster und rührst dich nicht, als ob dich das rein gar nichts anjinge, was ich dir hier erzähle ...« »Verzeih, ich sah nur gerade hinaus ... ein Straßenauflauf – ein Droschkengaul, der gestürzt ist,« murmelte Goswyn. »Ja, wenn dich jedes Mistvieh auf der Straße unten mehr interessiert als das, was mir am nächsten zu Herzen geht, dann habe ich mir freilich den Mund verjeblich trocken jeredet. Aber ich weiß, was es ist. Du warst immer ungerecht gegen Thee, hast sie nie verstanden – was man nicht heben kann, muß man liegenlassen. Adieu!« Damit hatte Otto nach seinem Hut gegriffen und segelte auf die Tür zu. Goswyn überwand sich; was ging's ihn schließlich an, ob sein armer Bruder in einer Täuschung sein Glück fand. Wie die Sachen lagen, mußte sein erstes Bestreben sein, ihn nicht in dieser Täuschung zu stören. Er legte ihm die Hand auf den Arm und rief gutmütig: »Otto, mach' doch keine Dummheiten! Willst du's wirklich einem vertrockneten Junggesellen übelnehmen, wenn er an ... deinem Glück nicht so innigen Anteil nimmt, wie er eigentlich sollte? Unsereins steht dem allem so fern ...« Ottos Stirn glättete sich. »Ich war töricht,« gestand er. »Nun freilich, armer Gos – ich hätte dich eigentlich gar nicht mit meinem ausführlichen Bericht quälen sollen. Siehst du, ich gäbe was drum, wenn du auch schon dein Ziel erreicht hättest. Na, du brauchst nicht die Stirn zu runzeln, ich rede mit niemandem darüber – aber 's ist doch das Schönste auf der Welt!« »Ja, ja, Otto – nun, und wann wollt ihr fort?« »Morgen – ein paar Wochen bleiben wir in Kößnitz, und dann machen wir zusammen irgendeine Reise. Ich bin zu dir gekommen, ob du nicht heute mit uns Tee trinken wolltest – um fünf, damit wir doch noch ein wenig gemütlich beisammen sein können. Verteufelt kalt hast du's hier – läßt du immer so wenig heizen? Dorothee läßt dich ganz speziell bitten.« »So – Dorothee läßt mich bitten?« »Gos!« »Ich bin für acht zum Diner geladen, aber ich will mich bei euch einfinden im Laufe des Nachmittags – auf Wiedersehen!« So trennten sie sich. Es war um wenige Stunden später. Goswyn hatte sich richtig eingefunden und tapfer sein möglichstes getan, die Stimmung nicht zu verderben. Sie saßen miteinander vor dem kaminartigen Ofenloch in dem kleinen Salon, in dem sie den Tee genommen hatten, Goswyn und sein Bruder. Das Licht fing an glanzlos zu werden, ohne daß die Dämmerung noch irgend etwas verschleiert hätte. Der Tee stand auf einem kleinen niedrigen türkischen Tisch zugleich mit einer halbgeleerten Flasche Rum. Dorothee war soeben ausgegangen, um ihre Tante Brock von ihrer unvorhergesehenen Abreise zu benachrichtigen und sie zu bitten, ein paar Abschiedsvisiten für sie zu machen. Sie war Goswyn mit so heiterer Unbefangenheit entgegengekommen, daß er erst nicht begriff, dann sich schließlich einzureden trachtete, daß er sich geirrt und die Person, die er für Dorothee Sydow gehalten, doch eine ganz andere gewesen sein müsse. Noch nie hatte er Dorothee so schlicht, so wirklich liebenswürdig gefunden. Sie streckte ihm ohne Umschweife die Hand zur Versöhnung hin, machte nicht ohne Bitterkeit Anspielungen auf ihre sehr schlechte Erziehung, erzählte ein paar Anekdoten mit großer Anmut und einer gerührten Weichheit in der Stimme, die Goswyn früher nie an ihr wahrgenommen, und schmiegte sich an Otto wie ein krankes Kind. »Wir werden von vorn anfangen, ganz von vorn,« sagte sie immer wieder; dann setzte sie hinzu: »Und wenn Gos endlich vergessen hat, daß ich früher ein boshaftes Scheusal war und daß er mich nicht leiden konnte, dann besucht er uns in Kößnitz – nicht wahr, Gos? Du sollst sehen, wie ich dir's dort behaglich mache. Du hast mich ordentlich gehaßt, oder war ich dir's nicht einmal wert, war ich dir nur einfach zuwider, wie einem Raupen und Spinnen zuwider sind? Es hat mir fast den Anschein. Ich hab' dich gehaßt, das sag' ich ehrlich. Ich hatte nämlich immer das Gefühl, als ob ich mich vor dir schämen müßte, und das ist sehr unbequem.« Dann kam wieder dasselbe kichernde, silberne Lachen mit etwas Gerührtem drin, und dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und verschwand aus dem Zimmer, um bald darauf, zu dem geplanten Besuch ihrer Tante ausgerüstet, frisch und reizend in einem Kapotthütchen und einer Boa aus leichtem durchsichtigem Pelz zurückzukehren. Sie küßte ihren Mann zum Abschied zweimal hintereinander sehr zärtlich und reichte Goswyn die Hand. »Find' ich dich noch, wenn ich zurückkehre, Gos?« fragte sie ihn und huschte davon. »Sie ist doch einzig,« murmelte Otto vor sich hin. »Hm! – und zu denken, daß ich manchmal als Junggeselle mir einbilden konnte, das Leben zu genießen! Es ist doch etwas ganz anderes – so ganz anderes!« Die Tränen standen ihm in den Augen, er wischte sie mit dem Rücken seiner kurzen, tatzenartigen Hand ab. Kurz darauf hörte man an der Tür draußen schellen. »Ein Besuch – der Teufel!« brummte Otto. Goswyn sah sich nach seinem Säbel um, den er in eine Ecke gestellt hatte. Aber es war kein Besuch. Die Jungfer Dorothees trat ein. »Es ist eine eingeschriebene Sendung an Ihre Durchlaucht gekommen,« meldete sie, » vielleicht unterschreibt der gnädige Herr den Empfangschein.« »Geben Sie her, Jenny.« Sydow unterschrieb, und dann sagte er: »Geben Sie mir das Paket, damit ich's für meine Frau aufhebe!« Die Jungfer übergab es ihm; es befand sich in einem dicken, versiegelten Briefumschlag. Ein jäher Schrecken durchfuhr Goswyn beim Anblick desselben – sofort hatte er erraten, um was es sich handelte. Wenn es seinem Bruder einfallen sollte, das Paket zu öffnen! Es hatte nicht den Anschein, Otto legte es einfach auf den Schreibtisch der jungen Frau, ein kleines, zierliches, unpraktisches Möbel, mit verbogenen Füßen und einer Meißener Porzellangarnitur, dunkelblau mit Blumenmedaillons. Goswyn atmete auf. Er wurde plötzlich sehr gesprächig, er redete von der neuesten politischen Verwicklung, erzählte die letzte Anekdote, welche der »Fürst« unlängst zu Hause bei sich zwischen zwei Gläsern Bier zum besten gegeben, von der großen Frömmigkeit der Gräfin Waldersee, von den vier prachtvollen Pferden, die der Sultan vor kurzem an den Kaiser geschickt. Otto saß mit dem Rücken gegen das verhängnisvolle Päckchen. Es entging Goswyn nicht, daß er immer einsilbiger wurde und seinen gutgemeinten Zerstreuungsversuchen nicht mehr folgte. Wenn sie nur schon zurück wäre, dachte Goswyn bei sich. Die Sache lag klar vor ihm. Daß das soeben angelangte Päckchen Dorothees Briefe an Orbanow enthielt, stand bei ihm fest. Er hatte sich am gestrigen Abend nicht geirrt. Es war Dorothee gewesen, die an ihm vorübergestreift – aber offenbar von einer letzten Zusammenkunft nach Hause zurückgekehrt war. Die Sache, so häßlich sie gewesen, war vorüber, Dorothee war froh, daß sie vorüber war, da sie sich für aufregende und mit einer gewissen Gefahr verbundene Heimlichkeiten nicht geschaffen fühlte. Da fing Otto an in kurzen Zügen zu atmen, als wittere er etwas Bedenkliches in der Luft. »Sonderbar!« sagte er, »was ist denn das für ein komischer Geruch? Wenn's nicht zu dumm klänge, würde ich sagen, es riecht nach Dorothee.« »Das wäre kein Wunder,« erklärte Goswyn, »da sie vor kaum einer halben Stunde das Zimmer verlassen hat.« »Hm! Aber ich hatte es doch früher nicht bemerkt,« erklärte in plötzlich gereiztem Ton Otto, und sich mit einer jähen Bewegung dem Schreibtisch zuwendend, sagte er: »Es ist das verdammte Paket!« »Wahrscheinlich enthält's irgendeine Kleinigkeit, die Dorothee bei einer Freundin vergessen hat.« Aber Otto hatte bereits nach dem Päckchen gelangt. Er drehte es nach allen Seiten um. »Das Siegel kenne ich! Ein Würfel mit der Devise va banque – das ist das Siegel Orbanows!« Sein Atem kam schwer. »Was kann ihr denn Orbanow zu schicken haben?« »Irgendeine politische Broschüre – ich begreife eigentlich nicht recht, wie dich das interessiert,« murmelte Goswyn. Noch einmal drehte Otto das Paket zwischen den Händen. Schon wollte er es auf den Schreibtisch zurücklegen – dann plötzlich nahm er es an sich, und ehe sich's Goswyn versah, hatte er es mit einer raschen Bewegung aufgerissen. Etwa ein Dutzend Briefchen, lauter kurze Billette in der kindlichen Handschrift Dorothees, glitten daraus hervor, zu oberst lag ein Billett Orbanows. Ottos Augen hefteten sich darauf, starr, glasig – er hatte bereits jedes Wort darin gelesen und begriff noch immer nicht. Dann plötzlich mit einem Schrei reichte er den Brief Orbanows dem Bruder, während er sich mit seiner anderen Hand das Gesicht bedeckte. Eine dumpfe, brütende Stille folgte. Goswyn behielt das Blatt in seiner Rechten, ohne es anzusehen. Was brauchte er zu wissen, was drin stand! Ihm war's nicht darum zu tun, neugierig in dem Schmerz und der Schmach seines Bruders zu wühlen. Nach einer Weile hob Otto, der indes, den Ellenbogen auf dem Knie, die Hand vor dem Gesicht, regungslos dagesessen hatte, den Kopf. »Nun, was sagst du?« rief er schneidend. »Einen solchen Tölpel wie mich findest du in der Welt nicht mehr, was? So sag's doch! ... Ach, du hast das Billett nicht gelesen, Goswyn? ... Was machst du für ein Gesicht, Goswyn? ... Du hattest's gewußt... O mein Gott – mein Gott!« und der starke Mann schlug sich jetzt beide Hände vors Gesicht und schluchzte röchelnd, heiser. Goswyn wurde unheimlich zumut, er hatte den Bruder seit dessen Kinderjahren nie mehr weinen sehen. Wenn er getobt hätte, so wäre es Goswyn lieber gewesen. Aber nein, er weinte – unbeholfen mühsam, krampfhaft, wie ein Mensch, der das Weinen längst verlernt hat, er empfand die ihm angetane Schande nur als einen zermalmenden Schmerz. Es dauerte nicht lange, dann nahm er sich zusammen, beschämt ob seiner Schwäche. Er wendete sich ab, um sich die Augen zu trocknen. Als er Goswyn von neuem sein Gesicht zukehrte, war dasselbe auffallend ruhig. »Du hast es gewußt – seit wann hast du's gewußt?« Er knüllte sein weißes, rot umrändertes Taschentuch krampfhaft in seiner Faust zusammen. »Ich hab' nichts gewußt,« erwiderte Goswyn. »Nein, gewußt hast du's nicht! Du lieber Himmel, wer weiß denn je etwas in solchen Fällen!« rief Otto. »Aber vermutet hast du's – nicht wahr?« Goswyn schwieg. »Und du hast gewußt, daß es hundert andere ›vermuten‹, Goswyn?« rief Otto heiser, fast brüllend, »und du hättest mich durchs Leben gehen lassen, wohlwollend herumgrinsend, mit einem Makel am Leib, nach dem die Leute heimlich mit den Fingern gezeigt hätten, und hättest mich auf diesen Makel nicht aufmerksam gemacht? ... Goswyn!« Er war aufgesprungen, auch Goswyn hatte sich erhoben. Die Brüder standen einander gegenüber vor dem Kamin, in dem die rote Glut langsam in grauer Asche erstarb. »Otto! ... den Angeber macht kein anständiger Mensch in solchen Fällen!« sagte Goswyn langsam. »Das ist wahr!« stieß Otto bitter hervor, »lieber gibt er uns dem Spott preis, der Schmach – selbst der eigene Bruder. Ja, jetzt erinnere ich mich, daß das Sitte ist. Ich kann mich eben noch nicht zurechtfinden – die Situation ist mir neu. In unserer Familie ist so etwas noch nicht vorgekommen. O mein Gott!« – er schlug sich beide Fäuste vor die Stirn – »zu denken, daß mir das passiert ist, dasselbe, wofür ich so viele andere ausgelacht habe! Ich begreif's noch immer nicht, es will mir nicht in den Kopf ... nicht in den Kopf. Ich war wohl manchmal eifersüchtig, aber daß ich nur einen Augenblick geglaubt hätte ...« Er stieß einen kurzen schnaubenden Laut aus und schwieg erschöpft. Er zitterte an allen Gliedern und griff nach der Lehne eines Stuhles, um sich zu stützen. Eine lange Pause folgte, dann begann Goswyn: »Mir ist gräßlich leid um dich, Otto, mehr als ich sagen kann. Aber, da du die Sache jetzt schließlich doch weißt, so mußt du deiner Lage klar ins Auge sehen. Hast du die Absicht, dich scheiden zu lassen, oder genügt dir eine gewöhnliche Trennung?« »Scheidung ... Trennung ...« murmelte Otto vor sich hin. Der Ausdruck seines Gesichts veränderte sich. Sein kurzer, schwerfälliger Verstand begriff jetzt erst, was sein Unglück mit sich brachte: nicht nur den Spott der Menge, den Verlust seiner Ehre, nein, das Ende von allem, von jeder Freude, jeder Gewohnheit, die ihm im Leben lieb gewesen war. »Du mußt mit dir einig werden darüber, was du eigentlich willst!« drang Goswyn in ihn. »Darüber ... was ich eigentlich will ...« wiederholte Otto mechanisch. »Oder« – Goswyn faßte ihn scharf ins Auge – »könntest du's über dich gewinnen, zu verzeihen?« Seine Stimme klang plötzlich kalt. »Es steht bei dir, Otto,« setzte er hinzu. »Wenn du es über dich gewinnen kannst, so verzeih ... nur – man mischt sich nicht gern in derlei Angelegenheiten; aber wenn du verzeihst, so verzeih nicht wie ein Bauer, der seiner Frau erst eine Szene macht und dann doch wieder alle fünf gerade sein läßt. Wenn du verzeihst, wenn du überhaupt mit ihr weiterleben willst, so wirf diese Briefe ins Feuer; aus dem Billett Orbanows ist zu ersehen, daß Dorothee die Briefe nicht erwartet. Sie darf nie erfahren, daß du sie erhalten hast.« Otto stand regungslos, er nahm diese Worte hin wie ein Mensch, der so gänzlich zerschlagen ist, daß er einen Peitschenhieb nicht mehr fühlt. Kaum hatte Goswyn sie jedoch gesprochen, so schämte er sich dafür. Wie konnte er von einem Menschen in Ottos Lage verlangen, er solle sich von einem Moment zum anderen zurechtfinden! Das war einfach dumm – und ihn dann noch mit solchen Ratschlägen zu verhöhnen, wie er sie ihm eben erteilt, war grausam, widerlich. Goswyn hätte sich jetzt prügeln mögen dafür. Er trat auf Otto zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Otto entwand sich seiner Berührung. »Laß mich, Gos!« stieß er hervor; »und ich bitte dich, geh'!« Da schlug die Pendule auf Dorothees Schreibtisch fein und schwirrend, es klang fast wie Dorothees Stimme. Goswyn sah sich um – sieben Uhr. Für acht war er zum Diner bei einer hohen Persönlichkeit befohlen. Die Möglichkeit einer Absage war nicht vorhanden. Es war hohe Zeit, nach Hause zurückzukehren, um seinen Anzug der Gelegenheit entsprechend zu wechseln. Aber es widerstrebte ihm auf das höchste, den Bruder jetzt allein zu lassen. Zudem hielt er es für besser, derselbe möge momentan mit Dorothee nicht zusammentreffen. »Komm mit mir hinaus, Otto,« schlug er vor; »ich bitte dich, nimm dich zusammen, die frische Luft wird dir guttun, du wirst dich draußen eher wiederfinden.« »Zu was soll ich mich finden?« sagte Otto matt und mit unsäglicher Bitterkeit. »Damit ich noch klarer sehe als jetzt? Ich sehe genug – mehr als du sehe ich – du würdest dich wundern, wie weit ich sehe! Aber geh', ich bitte dich! Weißt du ... sie muß zurückkommen, in wenigen Minuten muß sie hier sein. Geh! Es wäre mir schrecklich, sie wiedersehen zu müssen vor dir. Du brauchst gar nichts mehr zu sagen; ich weiß, daß du zu mir stehen wirst durch dick und dünn! So – gib mir die Hand – ich werde nichts tun, was unser unwürdig wäre, ich verspreche dir's – und jetzt geh!« Goswyn war fort. Otto saß jetzt allein neben dem Kamin, in dem das Feuer verglommen war. Er konnte es noch immer nicht begreifen, was ihn betroffen hatte. Eine fürchterliche Last lag auf ihm, die er hätte abstreifen mögen. Er suchte einen Ausweg, irgendeine Lösung, und konnte keine finden. »Verzeihen!« Das Wort klang ihm im Ohr, und die Wangen brannten ihm. Wie hatte Goswyn es gewagt, ihm so etwas zuzumuten! Nein, das war unmöglich! – »Scheiden lassen!« ... damit ihr Name durch die Gosse geschleift wird, damit es in allen Zeitungen steht, daß ich »ein Esel war«, murmelte er. Er stampfte mit seinem wuchtigen Fuß auf die Erde. »Nein – nein!« Also? Was sonst? Er konnte Orbanow fordern und Dorothee mit einer Apanage in die Welt hinausjagen als ungeschiedene, von ihrem Manne getrennt lebende Frau; das wäre das Korrekteste, das, was die Welt von ihm in diesem Fall erwartete. Es schüttelte ihn plötzlich wie im Fieberfrost. Sie hinausjagen in die weite Welt, ohne Schutz, ohne Stütze, ohne inneren Halt; bildschön, wie sie war, den Insulten der Frauen, den Huldigungen der Männer preisgegeben, auf daß sie von Stufe zu Stufe sinken mußte, tiefer, immer tiefer, ohne eigentliche Freude an der Schlechtigkeit, nur aus Langerweile, aus Verzweiflung! – Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das wäre das Korrekteste – nur... Die Last auf seiner Brust wurde immer schwerer. Mit einemmal wurde er sehr müde, eine Anwandlung von Schläfrigkeit überkam ihn. Da, was war das – das Rauschen eines weichen Gewandes. Die Tür öffnete sich. Im Rahmen der Portiere, von der sinkenden Dämmerung halb verwischt, zeigte sich die hohe biegsame Gestalt Dorothees. Sie war da, und er hatte noch nichts beschlossen – nichts! Er regte sich nicht. »Gos nicht mehr hier?« fragte sie unbefangen mit ihrem feinen zwitschernden Stimmchen. Er wollte den Zorn in sich wachrufen gegen sie – er sagte sich, daß er sie schlagen solle – umbringen. Aber er war wie gelähmt, er konnte sich nicht rühren. Er zitterte an allen Gliedern. Sie merkte es nicht, und die Dämmerung verwischte seine Züge. »Um so besser,« rief sie, »ich freue mich auf einen recht gemütlichen Abend mit dir! Willst du nett sein, Otto? Komm ins Theater mit mir, und dann soupieren wir zusammen bei Uhl. Willst du?« Sie kam auf ihn zu. E hatte sich aufgerichtet. Ein Hauch von Jugend und süßer, frischer Weiblichkeit schlug ihm ins Gesicht. Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern und schmiegte sich an ihn. »Willst du?« murmelte sie noch einmal – »willst du?« Da legte er die Arme um sie und küßte sie ein-, zweimal lang brennend, wie er sie noch nie geküßt. Im selben Augenblick fiel's ihm ein, was er getan hatte – er stieß sie von sich. »Mach' dich fertig!« rief er heiser. »Was ist dir?« fragte Dorothee erbleichend. »Nichts – nichts!« murmelte er dumpf, und zugleich wischte er sich mit dem Rücken seiner Hand den Schweiß von der Stirn. »Mach' dich fertig ... mach' dich fertig,« wiederholte er fast schreiend und stampfte mit dem Fuß auf die Erde. Er wollte sie aus dem Zimmer haben um jeden Preis, er konnte es gar nicht erwarten, bis sie fort war. Sie sah ihn unruhig und forschend an und zog sich dann, ohne ihm ein Wort zu erwidern, zurück. Er stand da wie festgewurzelt, regungslos. Er war feig gewesen ihr gegenüber, er war unterlegen. Er hatte mit ihr brechen sollen auf der Stelle, schroff, hart, würdig und unversöhnlich; und statt dessen hatte ihn nach ihren roten Lippen verlangt, und er hatte sie in die Arme genommen und geküßt. Ja, er war feig gewesen – er war unterlegen. Er heftete den Blick auf die Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wollte sich zwingen, jetzt noch zu ihr hineinzustürzen, ihr die Briefe ins Gesicht zu schleudern. Da hörte er hinter der Tür Kästen aufschließen, mit seidenen Stoffen rascheln. »Mein graues Kleid, Jenny!« rief die Stimme Dorothees. Ihm war's, als bliese ihm plötzlich eine scharfe Zugluft ins Gesicht. Und da endlich kam's – die Verachtung, der Zorn auf die Frau, die sein Leben gebrochen, seine Ehre in den Kot getreten hatte. Er hatte keine Lust mehr, die Frau zu küssen. Er hätte auf sie losstürzen, sie schlagen, ihr die Knochen zerbrechen mögen. Er machte einen Schritt vorwärts, dann... eine schreckliche Übelkeit übermannte ihn, ein Schwindel. »Es ist nicht der Mühe wert,« murmelte er zwischen den Zähnen. Goswyn befand sich in einem unbeschreiblichen Zustand. In aller Eile wechselte er die Uniform und machte sich zurecht. Sein Mund war trocken, alle Nerven in ihm sträubten sich. Er wußte nicht, was er fürchtete. Sobald er fertig war, lieh er, was sonst seinen spartanischen Gewohnheiten durchaus fern lag, sich einen Wagen kommen, um die Zeit zu gewinnen, den Umweg durch die Moltkestraße zu machen und noch einmal nachzusehen, wie dort die Sachen standen. Die gleichmäßig rüttelnde Bewegung des Wagens beruhigte einigermaßen seine Nerven, seine Gedanken fingen an abzuschweifen. Mit einemmal verlangsamte sich das Tempo der Droschke, zugleich schlug ein eigentümlich grollender Lärm wie von brandenden Wogen eines aufgeregten Menschenmeeres an sein Ohr. Er sah zum Wagenfenster hinaus – vor ihm drängte sich Kopf an Kopf. Der Wagen blieb stehen. Er sprang heraus. Dort vor dem Hause, das seine Schwägerin bewohnte, war es. Schulter an Schulter standen sie, drängten sich vorwärts. Ein unruhiges, aber gedämpftes Murmeln ging durch die Reihen – von Zeit zu Zeit hörte man mitten dazwischen ein zynisches Witzwort, ein kurzes Lachen, das ohne Echo verstummte – das Fluchen von Kutschern, die sich keinen Weg mehr bahnen konnten, das Scharren und Prusten aufgeregter Pferde – alles in dem fahlen Märzzwielicht, in das die Laternen gelb und trüb hineinbrannten. Er selbst konnte anfangs nicht vorwärtsbringen, dann machte man seiner Offiziersuniform Platz. Er läutete scharf. Es dauerte längere Zeit, ehe man ihm aufmachte; er mußte seinen Namen nennen, ehe man ihn hineinließ. Man hatte offenbar Maßregeln getroffen, um das Haus gegen die drängende Neugier der Menge zu schützen. Die Tür der Wohnung hingegen stand offen. Er eilte vorwärts. Er fand niemand, der ihn aufgehalten, und niemand, der ihm Auskunft gegeben hätte. Da, inmitten des jetzt grell beleuchteten, traulichen Zimmers, in dem er mit seinem Bruder vor dem Kamin gesessen, stand Dorothee, in einem grauen Kleid und einem Theaterhut aus blaßroten Rosen – weiß mit starren, harten Zügen und einem unheimlichen, unnatürlichen Lächeln um den Mund. »Was ist geschehen?« rief Goswyn. Sie versuchte zu antworten, aber sie brachte kein Wort heraus. Das Lächeln trat stärker auf ihrem Gesicht hervor, und ihre Augen brannten. Ihr Gesicht erinnerte ihn an etwas – an den Abend bei der Brock, wo sie nach dem Vortrag ihrer Couplets neben dem Klavier gestanden und plötzlich gemerkt hatte, daß sie unter allen anwesenden Männern als einzige Frau zurückgeblieben war. Ein paar Menschen hatten sich bis in die Stube hereingedrängt. Goswyn wies dieselben mit einer herrischen Gebärde hinaus. »Wo ist er?« fragte er heiser. Stumm deutete sie auf eine Tür. Er trat ein. Ihr Schlafzimmer war's, duftig, hell, weichlich – und dort am Fußende des Bettes lag eine dunkle Gestalt, das Gesicht gegen den Boden, die Arme weit ausgestreckt. Zwei obrigkeitliche Personen, von denen die eine damit beschäftigt war, etwas in einem Buche niederzukritzeln, befanden sich in dem Zimmer. Ganz unerwartet war es geschehen! Die Kammerjungfer erzählte es ihm. Wie Ihre Durchlaucht nach Hause gekommen, hatte sie erst ein paar Worte mit dem Herrn Baron gewechselt, dann sich zurückgezogen, um sich für das Theater zurechtzumachen. Der Herr Baron sei in sein Zimmer gegangen, um ein paar Worte zu schreiben, und dann... während Ihre Durchlaucht im Salon stand und ihre Handschuhe anstreifte, hatte man's gehört – einen dumpfen Schlag. Ihre Durchlaucht war die erste gewesen, die den Toten gefunden.   Auf seinem Schreibtisch lagen zwei Briefe, einer an Goswyn, der andere an Dorothee. Was in dem Briefe an Dorothee stand, erfuhr Goswyn nie – in dem Brief an ihn stand nichts als »Lieber Gos! Ich habe verziehen! Otto.« Ja, er hatte verziehen ... aber er hatte mit seinem Leben dafür gezahlt. Die Nachricht von dem plötzlichen tragischen Ende Ottos von Sydow machte einen ungewöhnlich tiefen, ja geradezu erschütternden Eindruck auf die alte Gräfin Lenzdorff. Sie schrieb sofort einen langen Brief an Goswyn, acht Seiten voll Herzlichkeit und Teilnahme. Erika äußerte sich in dieser Angelegenheit wenig, harrte jedoch nicht ohne Aufregung der Antwort Goswyns entgegen. Die Antwort war dürr, fast steif. Es war die Antwort eines völlig zerschlagenen Menschen, der nicht gewohnt ist, viel Wesens über seine Gefühle zu machen, ja sich geradezu scheut, sich ausführlich darüber zu äußern. So faßte Gräfin Lenzdorff das Schriftstück auf. Ihr Mitleid für den jungen Offizier wuchs noch. Erika hingegen legte, nachdem sie die Epistel, die ihr die Großmutter mit einem traurigen Seufzer gereicht, rasch durchflogen, eine unglaubliche Gereiztheit an den Tag. »Etwas Wärmeres hätte er dir immerhin schreiben können!« rief sie. »So ein Brief, wie er ihn dir schickt, bedeutet gar nichts! Er stellt dir eine Quittung aus für deine Teilnahme – das ist alles.« Die Großmutter schüttelte den Kopf und versuchte diese Anschauungsweise zu widerlegen. Aber Erika hörte kaum zu. Sie hatte sich sehr verändert in der letzten Zeit, ihr Gemütszustand gestaltete sich immer peinlicher. Sie aß und schlief nicht mehr. Ihr Empfinden suchte einen neuen Anhaltspunkt, ihr Leben ein Ziel. Um jeden Preis hätte sie sich aus der glänzenden und geistreichen Nüchternheit, welche die Lebensauffassung ihrer Großmutter charakterisierte, in eine warme Herzensbegeisterung hinein flüchten, vielleicht verirren wollen. Religion hatte man ihr keine gelassen, und auch der heilige Nimbus der Moral war wegräsoniert worden vor ihr. Als man ihr ihren Gott totgeschlagen, da hatte sie anfänglich geweint, heiß und bitterlich, aber sie hatte sich doch wieder aufgerafft, ihr Glaube war in einer verklärten Gestaltung von neuem lebendig geworden in ihr; es war nicht mehr der alte, sich in verjährten Formeln hinschleppende Werkeltagsglaube, mit dem sich die Menge über die Unverständlichkeit der Schöpfung hinüberhilft, sondern eine verschleierte Ahnung von ihrem engen Begriffsvermögen unenträtselbaren Dingen, die sie über das Tierische, am Erdenschmutz Festklebende ihrer Existenz hinaushob – eine Empfindung, die im Grunde wenig Tröstendes, aber doch etwas Erhebendes hatte. Als die Großmutter aber das »Von-Gottes-Gnaden-Prestige« der Moral zum erstenmal erbarmungslos vor ihr angegriffen und ihr's kalt und deutlich bewiesen hatte, die sogenannte Moral gipfele in einer Summe von keineswegs in der Natur begründeten, ja, ihr sogar mitunter recht unlogisch aufgepfropften Gesetzen, die von der Gesellschaft zur Befestigung ihrer Bequemlichkeit erfunden worden sind, da weinte sie nicht, aber ihr ganzes Sein wurde von einem Mißbehagen vergiftet, das sie nicht mehr zu überwinden vermochte. Wenn die Großmutter eine Ahnung davon gehabt, was sie durch ihr nüchternes Räsonnement in dem Mädchen heraufbeschworen, sie hätte ihre Aphorismen, die sie nicht ohne Stolz als kleine, fein zubereitete Leckerbissen so selbstzufrieden herumreichte, für sich behalten. Aber sie hatte eben keine Ahnung davon. Sie war eine durch und durch gesunde, etwas kühle Natur, der nie nach übermäßigen Aufregungen verlangt hatte und die insbesondere völlig frei war von dem verzehrenden Schmerzensdurst, der damals die Seele Erikas durchglühte. Wie hätte sie das junge Geschöpf verstehen, es vor sich selbst schützen sollen!   So wenig die alte Gräfin sich einerseits aus den Menschen machte, ebenso wenig vermochte sie anderseits dieselben zu entbehren. Obgleich sie Erika fest versprochen hatte, daß sie sich hüten würde, in Venedig in die Welt zu gehen, tat sie es doch und setzte alles daran, Erika zu vermögen, sich ihr anzuschließen. Aber alle ihre Bemühungen scheiterten an Erikas menschenfeindlicher und unliebenswürdiger Stimmung, und so erlebte man denn das seltene Schauspiel, eine mehr als siebzigjährige Matrone mit rüstiger Genußsucht von einem Nachmittagstee zum anderen wandern zu sehen, während ihre Enkelin zu Hause weilte, um sich das bißchen Verstand, das ihr allenfalls noch übriggeblieben war, vollends durch das Studium metaphysischer Werke zu verdrehen, wenn sie nicht ausging, um Armenbesuche zu machen. Dies war nämlich seit kurzem ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie hatte eine Reihe von Schützlingen, deren sie sich mit einem wahren Feuereifer annahm und von denen sie die meisten durch den immerwährend im Hotel Britannia herumschnuppernden Doktor kennengelernt hatte. An einem wolkenumflorten Nachmittag Ende März, nachdem die Großmutter sich mit einem Seufzer innigsten Bedauerns von ihr getrennt, um sich in den Schoß der venezianischen Fashion zu begeben, machte sie sich ihrerseits auf den Weg zu einer armen Klavierlehrerin. Die bescheidene Pension, in welcher Fräulein Horst ihre Zelte aufgeschlagen, befand sich sehr weit draußen an einem Kanal unweit des Giardino publico. Erika ging ihrer Gewohnheit treu zu Fuß und allein durch die Calle San Moïse auf den Markusplatz und von dort über die Piazetta, die Riva degli Schiavoni entlang, den breiten Kai mit buntem Jahrmarktsgewimmel, wo, zwischen Kesselflickern, Obstverkäufern und ihre Gabe sortierenden Lumpensammlern, mit großen, bunten Anschlagzetteln bemalte Buden das Publikum einladen, sich das Schauspiel eines Marionettentheaters oder eines Ungetüms zu gönnen – links eine mit flachen Dächern gekrönte, von schmalen, finsteren Gäßchen unterbrochene Häuserreihe, rechts die Lagune, sich weit ausdehnend gegen den Lido zu und auf ihren Wellen leise schaukelnd große Schiffe – Schiffe mit breiten, von frischem Teer klebrig glänzenden Leibern, ein dunkles Dickicht von Mastbäumen, ein Gewirr von Stricken, die in zahllosen, schräg oder gerade nebeneinander herlaufenden oder einander durchkreuzenden Linien sich scharf gegen die helle Luft abhoben, daneben braune, grüne und rote Schifferbarken, stark aufgewölbt – Barken mit grauen oder roten Segeln. Und dort weit hinter ihnen gegen den Horizont zu der grüne Streifen des Lido. Ein schmales Gäßchen führte Erika von der belebten Riva auf die stille Piazza San Zacharie, wo das Gras zwischen den Steinen wuchs. Von da an wurde der Weg schwierig, sie mußte genau Achtung geben, um sich in dem Labyrinth von außerordentlich engen Gassen zurechtzufinden, und empfand schließlich einen gewissen Stolz, als sie die auf ein gottverlassenes Campo hinaussehende Pension Weber erreicht hatte, ohne ihren Weg erfragen zu müssen. Sie fand ihre Schutzbefohlene im Bett liegend. Ein grüner Windschirm, welcher vor das schlecht schließende Fenster gestellt worden war, trug das seinige dazu bei, das auf den Kanal hinausblickende Fenster noch gänzlich zu verfinstern. Eine stark ausgefranste und vertretene Bettvorlage, auf der die Umrisse eines zähnefletschenden Löwen nur blaß und. undeutlich zu erkennen waren, bedeckte allein den kalten Fußboden von kleingeflecktem Mosaik; ein Tisch, der mit Schreibzeug besetzt war, ein Nachttischchen, auf dem mehrere Medizinflaschen mit langen Papierstreifen am Halse standen, ein Kleiderkasten und ein Strohsessel machten die ganze Einrichtung aus. Inmitten dieses Elends lag die Klavierlehrerin und las »Consuelo« und war glücklich. Ein ungestümes Mitleid – ein Mitleid, das ihr fast die Tränen in die Augen trieb, überkam Erika; sie beugte sich über die Kranke und küßte sie freundlich auf ihre vom Fieber pulsierende Schläfe. Dann mit der gutmütigen Anmut, die ihr Wesen erwärmte, sobald sie mit irgend etwas in Berührung kam, das krank oder elend war, begann sie das Zimmerchen mit den Blumen auszuschmücken, die sie mitgebracht, ließ Tee heraufbringen, räumte das Nachttischchen ab, stellte ein paar ebenfalls von ihr mitgebrachte Leckerbissen darauf zurecht und plauderte, gänzlich ihrer eigenen Melancholie vergessend, die Kranke in eine so heitere Stimmung hinein als nur möglich. Die arme Klavierlehrerin folgte jeder ihrer Bewegungen mit entzücktem Lächeln. Endlich die Hand des jungen Mädchens an ihre fieberzersprungenen Lippen ziehend, rief sie: »Wenn ich gedacht hätte, daß die schöne Komtesse Lenzdorff, die ich manchmal in Konzertsälen oder im Theater aus der Ferne anschwärmte, je als lieber trauter Gast zu mir kommen und mit mir Tee trinken würde! Man weiß gar nicht, wie einem so etwas, nach dem man sich gar nicht zu sehnen gewagt, in den Schoß sinkt. Mir ist's noch immer wie ein Traum, daß Sie hier sind, Komtesse. Seit Sie sich meiner angenommen haben, geht es mir so viel besser, das Leben kommt mir wieder lebenswert vor, ich sehe etwas vor mir. Ach, wie war mir so einsam und elend zumute! Die Allerärmste war ich in der ganzen Pension, niemand gab mir ein gutes Wort, man schob mich aus einem Stübchen in das andere, immer unter dem Vorwand, daß man mich zuviel husten höre – und jetzt, seitdem Sie mich besucht haben, Komtesse, da sollten Sie mal sehen, wie höflich man mit mir ist – wie ausgewechselt. Was für eine angenehme Existenz ich habe!« »Das freut mich von Herzen,« erwiderte Erika, die Hand der Kranken streichelnd. »Jetzt werd' ich noch viel öfter kommen, wenn ich weiß, daß Sie mich wirklich gern mögen.« »Man soll eben nie am Leben verzweifeln,« meinte die Kranke, ihren Kopf bequemer in den Kissen zurechtrückend. »Da hab' ich soeben einen Brief erhalten von einer alten Pensionsfreundin Sophie Lange. Die hat sich als ganz armes Mädchen sterblich in einen Kavalier verliebt. Die Verbindung war unmöglich – jetzt nach langen, langen Jahren schreibt sie mir: Ich habe das Ziel meiner Sehnsucht erreicht, ich bin verheiratet – seine Gattin. Es ist kaum auszudenken, kaum nachzufühlen, es ist zum Verrücktwerden vor Glück!« »Sophie Lange!« rief Erika eigentümlich berührt. »So hieß ja unsere Erzieherin; die muß an die vierzig Jahre alt sein!« »So etwas,« meinte die Klavierlehrerin und lächelte vor sich hin. »Ein wirklich liebendes Herz bleibt jung bis über die vierzig hinaus.« »Und wie heißt der Gatte?« fragte Erika, von einer eigentümlichen Ahnung ergriffen. »Baron Strachinsky,« erzählte Fräulein Horst. »Alter polnischer Adel, nicht sehr vermögend, aber daraus braucht die gute Sophie nicht zu sehen, da sie kürzlich einen reichen alten Herrn beerbt hat, dessen Krankenpflegerin sie jahrelang gewesen ist.« »Und sie ist glücklich?« fragte Erika fast erschrocken. »Aber wie!« versicherte die Kranke. »Ach, ich freu' mich, ich freu' mich so – es tut so unendlich wohl, ein bißchen echte Romantik in unserer prosaischen Zeit! Auf dem Rigi haben sich die beiden wiedergefunden beim Sonnenaufgang, denken Sie nur, Komtesse, und sie ist ja gar nicht hübsch, die Sophie, nur sehr lieb und gut. Jetzt befindet sie sich in Neapel, aber sie stellt es mir in Aussicht, daß sie vielleicht im Laufe des Frühjahrs mit ihrem Manne nach Venedig kommen wird. Sie hat's schwer gehabt im Leben – und jetzt endlich ... So etwas stimmt einen ganz heiter, nicht wahr?« An diesem Punkt schnitt ihr ein heftiger Hustenanfall das Wort ab. Wie sie hustete! Es klang gräßlich! Das Taschentuch an ihren Lippen färbte sich rot. Erika stand ihr bei, so gut sie konnte, stützte sie in ihren Armen auf und sprach ihr Mut zu. Als die Kranke sich beruhigt, verabschiedete sie sich von ihr mit der freundlichen Versicherung, daß sie morgen wiederkommen würde, nach ihr zu sehen. »Gott behüte Sie, Komtesse!« murmelte die Sterbende zum Abschied. – Es war spät geworden. Ehe sie das Haus verließ, hielt sich Erika bei der Pensionsvorsteherin auf, um Fräulein Horst ihrer besonderen Sorgfalt zu empfehlen. Sie erlegte eine kleine Summe mit der heiß errötend vorgebrachten Bitte, die Kost der Lungenkranken durch allerhand stärkende Leckerbissen zu verbessern. Dann freundlich nickend entfernte sie sich. Ihr war leichter ums Herz als seit langem. Erst als sich die Haustür hinter ihr geschlossen und sie sich nun allein draußen befand, merkte sie, daß die langsam sinkende Märzdämmerung bereits die Luft zu trüben begann. Fast wollte sie umkehren, um sich eine Gondel holen zu lassen, dann wieder war es ihr nicht der Mühe wert, sie konnte den Sumpfgeruch der Lagunen nicht ausstehen. Und gerade hier war die Luft heute so süß; aus dem grasdurchwachsenen Gequader des gottverlassenen Campo schwebte Frühlingsduft. Ein leiser Föhn glitt wie ein zärtlicher Seufzer knapp über die Erde hin. Wie seltsam die Menschen sind! dachte Erika. Das ist Liebe – Gräfin Ada auf der einen, die arme Sophie auf der anderen Seite; hier Sünde, dort Lächerlichkeit. Mein Gott! Immer noch derselbe süße, narkotisierende Frühlingshauch, von ferne Glockengeschwirr und Wellengeplätscher, und über allem etwas wie eine schwüle Ahnung, ein sehnsüchtiges Erwarten und eine große Müdigkeit. Durch Erikas Seele glitt ganz plötzlich, schaudernd und lockend das Motiv sündiger Weltlust aus dem Parsifal. Mit einemmal erwachte sie aus ihrer Zerstreutheit, sah sich um und bemerkte, daß sie sich im Wege geirrt. Sie ging bis zur nächsten Ecke, um sich zu orientieren – umsonst, sie fand sich nicht zurecht. Nicht ohne eine gewisse Beängstigung entschloß sie sich, geradeaus zu gehen – irgendwo mußte der Weg auf einen Platz oder einen Kanal herausmünden, den sie kannte. Sie ging rasch, unruhig. Der Frühlingsduft war verweht – in einer schmalen, erbärmlichen Calle befand sie sich, einem schluchtartigen Gäßchen, rechts und links mit hohen, übelaussehenden Gebäuden besetzt, in denen die Fenster tief und schwarz wie eingeschlagene Augen saßen. Oben zwischen den Dächern zog sich ein Stück grauer Wolkendunst, und an den Mauern, von denen der Mörtel fast gänzlich weggefressen war, schlich sich die Feuchtigkeit in dicken Tropfen über die von grünen Flechten überwucherten Ziegel hin. Sie hatte Mühe, sich von der sie rings umgebenden faulen, schleimigen Schlüpfrigkeit rein zu halten. Ging sie in der Mitte, so trat sie in die einen Rest von ekelhaften Überbleibseln träg hinschleppende Gosse – drückte sie sich gegen die Seiten, so blieb der grüne Schleim der Wände an ihren Kleidern hängen. Langsam verhüllend sank die Dämmerung auf das Elend herab. Inmitten dieser unheimlichen Einsamkeit drang aus einer Spelunke roher Lärm, das Gebrüll von Männern, die mit unreinen Kehlen im Chor ein Lied sangen, dazwischen die spitzigen Stimmen von kreischenden und lachenden Weibern. Erika beeilte ihre Schritte. Im selben Moment stolperte ein Matrose aus der Spelunke auf die Straße heraus. Ein junger, kräftiger Mensch war's, vom Wein erhitzt. Er lächelte zynisch, und ehe sie sich dessen versah, hatte er den Arm nach ihr ausgestreckt. Außer sich vor Angst und Ekel, versuchte sie ihn abzuschütteln und schrie. Da, wie aus der Erde herausgewachsen, stand ein fremder Mann vor ihr, packte den Matrosen am Kragen und schleuderte ihn gegen die Wand. Sie zitterte am ganzen Leibe. Der Fremde sah sie mitleidig an. Den Schnitt seiner Züge konnte sie nicht deutlich erkennen, da die Dämmerung alle Konturen verwischte, nur seine Augen sah sie, lange, dunkle Augen. Wo hatte sie denn diese Augen bereits gesehen? Ehe sie sich darüber klar geworden war, sagte er, den Hut lüftend: »Sie haben sich offenbar verirrt; wollen Sie mir sagen, wo Sie wohnen, damit ich Ihnen aus diesem Labyrinth heraushelfen kann?« Er sprach sie englisch an, aber mit einem leichten fremden Akzent, offenbar war er kein Engländer, hielt sie aber für eine Engländerin. Ehe sie noch etwas herausgebracht, setzte er hinzu: »Ich weiß, daß es Ihnen unangenehm sein muß, sich die Begleitung eines Fremden gefallen zu lassen; unter den gegebenen Umständen ist es das einzig Vernünftige. Ich kann Sie in dieser Gegend nicht ohne Schutz lassen; das sind keine Straßen für Damen.« Dermaßen betroffen und beschämt war sie, daß sie nicht ein höfliches Wort, überhaupt gar nichts herausbrachte als: »Hotel Britannia!« »Links,« bedeutete er ihr, indem er mit der Hand nach der angegebenen Richtung wies. Auch seine Stimme erschien ihr bekannt. Sie gingen nebeneinander durch das schmale Straßengewinkel, dann über die hochgewölbten Brücken, auf denen bereits eine rote Laterne brannte, und unter denen sich das träge Wasser traurig hin und her warf, ohne recht vorwärtszukommen. »An wen erinnert er mich nur, an wen?« fragte sich Erika. Ihr Herz gab einen starken Schlag: Baireuth – Lozoncyi! Mit der Erinnerung an ihn tauchte auch die Erinnerung an seine blonde Begleiterin in ihr auf. Indem waren sie auf einen großen, luftigen Platz hinausgetreten. »Piazza San Zacharie... ich finde mich zurecht,« sagte Erika auffallend kalt, indem sie sich verabschiedete. Er blieb stehen, blickte sie, offenbar von ihrem Ton verletzt, unter gerunzelten Brauen an und ließ sie ziehen. Ohne ihm gedankt zu haben, eilte sie vorwärts. Plötzlich hielt sie ein. Nichts in der Welt hätte sie verhindern können, sich nach ihm umzusehen! Er stand noch immer wie angewurzelt und blickte ihr nach. Ein heftiger Impuls erfaßte sie, umzukehren, ihm zu danken; dann kam ein lähmender Zorn. Was hatte sie einem Mann zu sagen, der ohne Scheu öffentlich mit ... Ohne weiter zu stocken, kehrte sie in das Hotel zurück. Sie schlief schlecht in dieser Nacht. Das Entsetzen über ihr Abenteuer schüttelte sie, daß ihr die Zähne davon aneinanderschlugen. Dann ... dann – so sehr sie's auch von sich abwehrte, kam ihr der Ärger, daß sie dem fremden Mann nichts Freundliches gesagt, er hatte es schließlich um sie verdient. Und was ging sie sein Privatleben an. Sie dachte an den hübschen, halbverhungerten Knaben, den sie gefüttert hatte neben dem leise murmelnden Bach. Eine unaussprechliche Sehnsucht, ihn wiederzusehen, übermannte sie. Im Halbschlummer schob sie den Kopf auf dem Kissen hin und her. Draußen plätscherte die Lagune. Mit einemmal tönte es aus der Ferne über das Wasser hinüber wie ein leiser zitternder Seufzer, und aus dem Seufzer wurde ein Lied. Näher und näher kam es einschmeichelnd süß – ein Lied von Tosti, das damals in die Mode gekommen war. Sie hörte nur den Kehrreim: Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie, Toi qui n'as pas d'amour! Sie sprang aus dem Bett und riß das Fenster auf. Über den Kanal Grande glitt, von bunten Lämpchen umflimmert, eine Sängerbarke. Heftig erregt beugte sie den Kopf vor. Ehe sie sich dessen versah, war das Fahrzeug verschwunden; noch einen Moment erblickte man es in der Ferne – nichts mehr als einen düsteren Schatten, den etwas Farbiges umglänzte, ohne ihn aufzuhellen, und die süße Melodie ... nur ein Seufzer, der langsam im Wellenschluchzen verklang. Noch immer stand sie am Fenster. Alles vorüber – alles still! Dort, wo die Barke über den Kanal geglitten, lag der Widerschein des Vollmonds in einem sich weit hindehnenden weißen Glanzlicht aus dem schwarzen Wasser, und über dem Sumpfgeruch der Lagune schwebte ein lieblich süßer Hauch – das erste Aufatmen des Frühlings. Sie schloß das Fenster. Alles vorüber – alles still! Auch das Wasserrauschen hörte sie nicht mehr – hörte nichts als das laute, rasche Klopfen ihres eigenen Herzens. Es war am nächsten Morgen nach dem Frühstück. Wieder stand Erika an ihrem Fenster und blickte hinaus auf das Gerage von mit bald ernster, bald launenhafter Schönheit bis zum Übermaß geschmückten Palästen am Großen Kanal, auf das dunkle, träg hinfließende Wasser. Es war, als suche sie darin die Stelle, wo gestern die Sängerbarke über die silberne Spiegelung des Mondes hingeglitten war. Das Ritornell des leise klagenden Liedes war ihr im Ohr hängengeblieben – in den Nerven, in der Seele. Ninon, Ninon, que sais-tu de la vie, Toi qui n'as pas d'amour! Da trat die Großmutter zu ihr, bereits zum Ausgang gerüstet, ein sehr kleines Opernglas in der Hand, und fragte: »Erika, willst du nicht mit mir ausgehen, dir die Ausstellung im Cirolo artistico besehen? Es hängt ein Bild dort, von dem ganz Venedig spricht, eine wahre merveille von einem Bilde scheint's.« »Von wem?« »Was?« »Das Bild!«. »Von Lozoncyi.« »Ah!« Erika wendete sich von ihrer Großmutter ab dem Fenster zu und blickte starr in das grelle südliche Vormittagslicht, so starr, bis ihr schwarze Flecken vor den Augen tanzten. »Welcher entrüstete Ausruf!« lachte die Großmutter. »Du sagst »Ah!« in einem Tone, als ob Lozoncyi dein Todfeind wäre. Verübelst du's ihm vielleicht, daß er in Baireuth – hm! ... mit Begleitung gereist ist? Bei einem Künstler darf man derlei nicht so genau nehmen; der Verkehr, zu dem diese Herren durch ihr Handwerk gezwungen sind, bringt es mit sich, daß sie sich stark abstumpfen. Im übrigen kam er von Paris, dort ist derlei allgemein – bei uns ist man etwas förmlicher in solchen Dingen. Es kommt auf eins heraus! Mir ist es natürlich durchaus gleichgültig, wie dieser Herr Lozoncyi sich sein Leben einrichtet. Auf der anderen Seite freut's mich, daß er sich wirklich zu einem großen Künstler herausgewachsen hat. Ich prophezeite ihm bereits vor einigen Jahren eine Zukunft, damals, als die hervorragendsten Berliner Kritiker seine Leistungen noch als grünes Obst verdammten. Es schmeichelt mir natürlich, daß ich recht behalten habe. Die Rechthaberei-Eitelkeit ist die letzte, welche dem Menschen wegstirbt. – Wie gesagt, es scheint ein geradezu epochemachendes Bild; darum dachte ich ... Aber wenn du durchaus nicht mitkommen willst, du verdrehtes kleines Frauenzimmer, so geh' ich allein. Adieu, Kleine!« Sie klopfte dem jungen Mädchen, das sich nun vom Fenster abgewendet hatte, auf die Wange und ging. Ehe sie noch die Tür erreicht hatte, rief Erika ihr nach: »Aber Großmutter, so beeile dich doch nicht so, ich ... ich möchte ja sehr gern einen kleinen Spaziergang mit dir machen, und wohin, gilt mir gleich!« »Gut, gut, ich warte!« Um weniges später schritten Großmutter und Enkelin über das kleine, dem kommenden Frühling zu Ehren bereits mit Topfpflanzen sowie Orangen- und Lorbeerbäumen in grünen Kübeln besetzte Campo hinter dem Hotel, worauf sie sich nach links der Piazza San Stefano zuwendeten. Der Tag war wunderschön – viele Fremde auf der Straße. Erika trug ein dunkelgrünes Tuchkleid, das ihr besonders gut saß. So wenig sie momentan sich um ihre Toilette bekümmerte, stieß alles Häßliche sie doch ab, und ohne daran zu denken, wie sie's machte, sah sie immer aus wie ein Bild, und heute wie ein ungewöhnlich schönes Bild. »Alle Leute wenden sich nach dir um,« flüsterte ihr die Großmutter wieder einmal zu, »und man muß sagen, ihre Zeit verlieren sie dabei nicht.« Das klang wie in alten Tagen. Das Kompliment glitt wirkungslos an Erika ab, aber die Zärtlichkeit, die aus dem Kompliment sprach, tat ihr wohl. Sie lächelte freundlich, drohte aber zugleich der alten Frau zurechtweisend mit dem Finger. »Ach, ich soll vielleicht Angst davor haben, dich zu verderben?« lachte die Gräfin. »Das nehme ich noch auf mich. Wenn dich geschmeichelte Eitelkeit verderben könnte, so wärst du's schon – verdorben nämlich. Du liebe Welt! Ich sähe es lieber, du wärst ein bißchen verdorben – ein ganz kleines bißchen, und glücklich ... anstatt, wie du's bist, ein Engel – manchmal ein unausstehlicher, aber immer ein Engel... ohne Sonnenschein im Herzen.« Sie blickte das junge Mädchen fast schüchtern von der Seite an, um zu sehen, ob dasselbe heute vielleicht ein klein wenig heiterer sei als sonst. – Nein, heiter sah Erika nicht aus – gerührt sah sie aus, heiter nicht. »Wenn ich nur wüßte, was dir fehlt?« seufzte die alte Frau halblaut. Erika rückte etwas näher an sie heran, so nah, daß ihr Arm den der Großmutter streifte. »Nichts fehlt mir. Es geht mir zu gut,« flüsterte sie, »du verwöhnst mich zu sehr.« »Wie soll ich denn nicht. Ich bin zweiundsiebzig Jahre, wieviel Zeit bleibt mir demnach noch, mich an dir zu erfreuen; von heute auf morgen kann's aus sein, und dann ...« Aber als sie von neuem zu Erika aufsah, liefen der die Tränen über die glatten, immer ein wenig blassen Wangen. »Dumme Liese!« rief die Großmutter. »»Gar so nahe bevorstehend ist ja aller Wahrscheinlichkeit nach mein Ende noch nicht, deine hübschen Augen brauchst du dir nicht trüb zu weinen – aber endlich, man muß doch auf alles gefaßt sein, und darum wär's mir natürlich lieber, ich sähe dich bald mit einem braven Menschen verheiratet.« Sie hatte ihre Hand in den Arm des jungen Mädchens gelegt, und bis dahin hatte Erika diese Hand mit einer gewissen kindlichen Zutunlichkeit, die ihr inmitten all ihrer Schroffheiten der Großmutter gegenüber geblieben war, an ihre Seite gedrückt. Bei diesen letzten Worten aber riß sie sich von der alten Frau los, ihr Mund zuckte. »Wen soll ich denn heiraten?« rief sie bitter. Dann schwiegen sie beide. Die Großmutter fühlte, daß sie eine Taktlosigkeit begangen, und war wütend über sich, was sie natürlich nicht im mindesten hindern würde, eine neue Taktlosigkeit zu begehen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot. Erika ging stolz und starr neben ihr her, ohne sie weiter anzusehen. Sie hatten die Piazza San Stefano erreicht, einen weiten, mit großen Quadern gepflasterten Platz, ringsherum Baracken und Palazzi, ganz gewöhnliche schmucklose, flach eingedeckte Häuser mitten zwischen Gebäuden von echt venezianischer Vornehmheit, mit stolzen Fassaden von maurisch-gotischer Steinspitzenarbeit und den obligaten, in Rosetten auslaufenden Bogen um Fenster und Türen – Baracken und Paläste, beide durch eine allgemeine malerische Zerschundenheit nah miteinander verwandt –, zwischen den Quadern grüne Grasränder und inmitten des Platzes ein grellweißes Standbild. Durch die leuchtende Frühlingsluft herüberwehend der Geruch nasser Wäsche, die, im Winde trocknend, gegen die Eisenschnörkel eines kunstvollen und baufälligen alten Balkons schlug, außer dem weißen Standbild auf dem ganzen Platz nichts zu sehen als ein Priester mit dreieckigem Hut und langer Soutane und eine Wasserträgerin mit einer Blume hinter dem Rand ihres Männerhuts und zwei kupfernen Eimern an einem bogenförmigen Holz über der Schulter. Die alte Gräfin wendete sich an den Priester mit der Bitte, ihr zu sagen, wo man von hier nach dem Circolo artistico käme, er aber sah sie nur mit seinen großen geduldigen Priesteraugen etwas verwirrt an und erwiderte ihr mit der Courtoisie seiner Nation: » Scusi, Senorina, sono straniero come lei « worauf sie sich an die Wasserträgerin wendete. Diese zeigte sofort zwei Reihen blendender Zähne, und mit allerhand einladenden Gesten voranschreitend, rief sie einmal über das andere den ihr folgenden Damen über ihre Schultern hinüber zu: » Mi favorisca Eccenllenza – mi favorisca! « Worauf sie schließlich einen sehr großen alten Palazzo in der Richtung des Canal Grande betraten. Die Frühlingsausstellung des Circolo war ziemlich stark beschickt, dafür um so schwächer besucht – die Fremden hatten keine Zeit für moderne Kunst in Venedig, und die Einheimischen gingen bei so schönem Wetter lieber spazieren. Infolgedessen hingen die verschiedentlichen Facciolo, Michetti, Laurenti, Nuono und Bezzy rein nur zu ihrem eigenen Vergnügen an der Wand. In den Genrebildern verriet sich mitten zwischen etwas derbem, grellfarbigem, aber echtem und lebensfähigem Naturalismus ein unüberwindlicher Hang zum Melodrama – die Landschaften von Vezzy hingegen erklärte die alte Gräfin für Meisterwerke, auch vertiefte sie sich derartig in den Anblick einer Schirokkostimmung – grauer Wolkendunst wie ein heißer Nebel über ein paar elenden, von sehr viel verdorrtem Röhricht und seichten Pfützen umgebenen Steinbaracken –, daß sie darüber ganz vergaß, was sie eigentlich hierhergebracht hatte. Es hatte jetzt fast den Anschein, als ob sich Erika mehr für das Werk Lozoncyis interessiere als die Großmutter. Sie sah sich nach allen Seiten um. Aus dem anstoßenden Gemach tönten Stimmen – gedämpfte Stimmen, laut widerhallend. Ihr Herz fing mit einemmal an zu klopfen, sie wendete ihre Schritte dorthin. Eine Gruppe von sechs oder sieben Männern stand vor einem großen Gemälde, das auf einer Wandfläche ganz allein hing, vielleicht weil sich kein anderes in seine Nachbarschaft gewagt, vielleicht weil die Künstler sich Lozoncyi gegenüber noch in jenem leider kurz andauernden Zustand schranken- und neidloser Bewunderung befanden, in welchem sie einen Kollegen, der ihnen von gestern auf heute über den Kopf gewachsen ist, nicht genug auszeichnen können. Die um das Bild Versammelten – Erika hielt sie ihren Bemerkungen nach für Leute vom Fach – sprachen alle leise wie von etwas Heiligem, was das Bild eigentlich nicht war – im Gegenteil; aber es war die großartige Offenbarung eines mächtigen Genies und als solches etwas Göttliches. »Francesca da Rimini« stand auf dem Rahmen – der alte Vorwurf war sonderbar aufgefaßt. Frühlingsbäume vom Rahmen quer entzweigeschnitten, so daß man nur ihre von wuchernden Blüten beladenen Kronen sah, und darüber hinschwebend gegen den Hintergrund einer trüben, schwülen Gewitterluft zwei engverschlungene Gestalten. Nie hatte Erika zwei Körper derartig aus einer Leinwand herausleben gesehen, und nie zwei Körper, die in jeder Muskelspannung, in jedem Glied zugleich eine solche Verzweiflung und Verzückung ausgedrückt hätten. Ihre erste Empfindung war eine unangenehme, fast eine zornige Auflehnung gegen den Künstler, der sie in seinem Bilde etwas begreifen gelehrt, gegen das sie lieber ihr Leben lang blind und stumpf verblieben wäre. »Was sagst du dazu?« rief jetzt etwas laut, wie es ihr mitunter passierte, die alte Gräfin. »Ein Meisterwerk, nicht wahr?« Erika wendete sich ab; sie war leichenblaß und zitterte am ganzen Leib. »Es ist wunderschön,« murmelte sie mit beklommener, halberstickter Stimme, »aber ... es ist unangenehm. Mir ist's, als ob es eine Sünde wäre, es anzusehen!« – – Als sie von neuem auf die Piazza San Stefano hinaustraten, war dieselbe nicht mehr leer. Zu Füßen der Statue Manins stand eine Gruppe von fünf Sängern, alle über fünfzig, zwei Männer und drei Frauen, die beiden Männer blind, eine der Frauen einäugig, die zweite bucklig, die dritte von so grotesker Korpulenz, daß es ebenfalls einer Difformität gleichkam. Diese fünf Ungeheuer psalmodierten, die Weiber mit Gitarren, die Männer mit Geigen bewaffnet, in langgezogenen Jammertönen, den Mund weit aufreißend, ein Liebeslied, über den ganzen Platz tönte in gedehnter musikalischer Periode das Ritornell: Tu m'hai bagnato il seno mio di lagrime, T'amo d'immenso amor – – Die Großmutter warf den singenden Ungeheuern lachend und mit der großen Damen-Ungeniertheit, in welcher sie Meisterin war, eine Münze zu – fast über den halben Platz hinüber. Erika runzelte die Stirn. Ein Fieber von Zorn, von nicht genau zu bezeichnender Aufregung pochte in ihr. Mein Gott, drehte sich denn die ganze Welt nur um dasselbe und immer wieder um dasselbe! Mußte ihr's selbst aus dem Munde dieser elenden Krüppel entgegentönen! Sie nagte an ihrer Unterlippe; aus der Ferne herüber vernahm man es immer noch gedehnt und verjammert: T'amo d'immenso amor – – Fünftes Buch »Erika, schau dorthin!« Gräfin Lenzdorff flüstert ihrer Enkelin diese Worte ins Ohr und zupft sie zugleich beim Ärmel. In der Bibliothek des Klosters San Lazaro ist's – des Klosters, in dem Lord Byron in längst vergangenen Zeiten von langbärtigen Mönchen Armenisch gelernt und wohin sich die Lenzdorffs, das schöne Wetter benützend, am Nachmittag des Tages, an dem sie den Circolo artistico besucht, haben hinausrudern lassen. Ein Mönch mit majestätischer Haltung hat ihnen bereits den größten Teil der Sehenswürdigkeiten des Klosters gezeigt mit unermüdlicher Courtoisie und unwandelbarem Ernst: die Kirche, die Druckerei und das Refektorium, das ranzig riecht nach schlechtem Öl und abgesperrter Luft wie alle Refektorien. Jetzt hat er sie in die Bibliothek geführt, um ihnen die Unterschrift Lord Byrons vorzulegen – seine Unterschrift und sein Porträt, ein ganz kleines, glaubwürdiges, authentisches Porträt, und viele nicht authentische Konterfeie in jeder beliebigen Größe, von betriebsamen Künstlern angefertigt, in der Hoffnung, poetisch gestimmte Touristen möchten ihnen dieselben als Souvenirs de Venise interessantester Gattung abkaufen: Lord Byron mit wehenden Locken und weit offenem Hemdkragen, an einen Felsblock gelehnt, mit schwärmerischem Augenaufschlag und einem Gewitter im Hintergrund; Lord Byron im Carbonaro; Lord Byron in Hemdärmeln; Lord Byron Armenisch studierend inmitten eines Kreises über sein Sprachtalent staunender Mönche; und schließlich – last, not least – Lord Byron, wie er Gräfin Guiccioli den ersten Gesang seines Don Juan vorliest. Er sieht über ein mächtiges und malerisch zerblättertes Manuskript triumphierend zu ihr hinüber, sie macht eine abwehrende Geste. Zwei Herren stehen vor dem Bilde, lachen und machen Glossen. Auf diese zwei Herren hat die alte Gräfin Lenzdorff die Aufmerksamkeit ihrer Enkelin gelenkt. Der eine von ihnen steht momentan mit dem Rücken gegen sie – dennoch hegt Erika beim Anblick seines großkarierten, tadellos sitzenden englischen Überrocks, seiner weißen Gamaschen, seiner Art, sich etwas auf den leicht auseinandergespreizten Beinen zu wiegen, der Vornehmheit und grauhaarigen Nichtsnutzigkeit, die aus allen Ecken seiner Erscheinung herausguckt, keinen Zweifel, daß sie Graf Treurenberg vor sich hat. Der andere, der im Profil gegen die beiden Damen steht, ist ein Mensch von mittlerer Größe nach norddeutschem Begriff, das heißt für einen Österreicher groß, von sehr feinem Gliederbau, gut angezogen, wenn sich seine Kleider auch nicht mit dem englisch aristokratischen Schick der Kleider des Grafen Treurenberg messen können, und mit freier einnehmender Haltung, dazu mit einem sehr gut geschnittenen brünetten Gesicht. Alles in allem könnte man ihn für einen Weltmann halten, für irgendeinen viel jüngeren Verwandten des Grafen, wenn seine Augen nicht wären, die eigentümlichen, leuchtenden Augen, mit grünlichen Lichtern drin, die nach kurzer Musterung der Großmutter sich voll auf Erika heften. Kein Weltmann hat solche Augen. Indem sieht auch Graf Treurenberg sich um. »Küss' Ihnen die Hand, meine Damen!« ruft er in seiner brüsken Manier. »Sie haben gleich uns das schöne Wetter benützt zu einer Landpartie – konnten wirklich nichts Gescheiteres tun. Was sagen Sie zu dieser Entrüstung der Guiccioli? Ich hätte mir die Schöne gar nicht so prüde gedacht.« Die alte Gräfin will soeben etwas erwidern, als der Begleiter Treurenbergs diesem leise etwas zuflüstert. »Erlauben Sie, daß ich Ihnen Herrn von Lozoncyi vorstelle,« sagt der Graf, worauf die alte Gräfin Lozoncyi zuruft: »Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, ich gehöre zu Ihren ältesten Bewunderern. Bitte mich nicht mißzuverstehen, ich spreche natürlich nicht von meinem Alter, sondern von dem Alter meiner Bewunderung.« »Fühle mich unendlich geschmeichelt, Frau Gräfin,« erwiderte Lozoncyi mit seinem ungewöhnlich weichen, angenehmen Organ, dem Organ eines Wiener Kindes von gemischter Rasse und zweifelhafter Nationalität. »Dürfte ich fragen, wann ich zuerst das Glück hatte, Ihr Interesse zu erregen?« »Wie lange ist's her, Erika, vor fünf oder vor sechs Jahren?« plaudert die alte Frau; »du wirst's wissen.« »Vor sechs Jahren, glaube ich, war's, Großmutter,« erwidert Erika. »Also vor sechs Jahren,« erzählt die Gräfin weiter. »Es war in Berlin, Sie hatten damals zwei Bilder ausgestellt, eins vor einem Vorhang, das zweite hinter einem Vorhang. Ich habe beide gesehen; seit der Zeit habe ich auf Ihr Talent geschworen, was nicht verhindert, daß mich Ihr Gemälde im Circolo artistico überrascht hat.« »Sie sind sehr gütig. « »Nur eins möchte ich wissen – denken Sie sich die Hölle mit blühenden Bäumen?« »Ich, die Hölle?« fragte Lozoncyi, seine Brauen in die Stirne schiebend. »Soviel ich weiß, hab' ich mir die Hölle noch gar nicht gedacht, obgleich mir's mehr als einmal zumut gewesen ist, als ob ich drin gewesen wäre.« »Aber was haben Sie denn zu Ihrer Francesca da Rimini gemalt?« »Francesca da Rimini...?« Wieder mustert er sie befremdet. »Das Bild im Circolo!« ruft die alte Frau. »Oder,« plötzlich in merklich kühlerem Ton, »vielleicht irre ich mich, und es handelt sich um jemand ganz anderen.« »Nein, nein!« entgegnet er ihr lachend. »Das Bild, auf das Sie sich beziehen, ist allerdings von mir, Frau Gräfin, aber den Titel hat mein Kunsthändler dazu erfunden. Ich hatte nie einen Augenblick die Absicht, die sympathischste aller Ehebrecherinnen zu malen.« »Also was wollten Sie denn malen?« »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen – ich weiß es nicht.« Er sagt das mit einem eigentümlichen Lächeln, in das sich etwas von drückender Mißstimmung mischt. »Ich werde dieser Tage einen Zyklus von Bildern ausstellen unter dem Namen ›Schwere Träume‹, und das Ding im Circolo wäre Nummer eins davon. Wenn ich mich nicht gescheut hätte, den Vergleich mit dem alten Botticelli herauszufordern, was mir schließlich die Bescheidenheit verbot, so hätte ich das Bild den ›Frühling‹ genannt.« Während er spricht, haben seine Augen immer wieder den Weg zu Erika zurückgefunden – jetzt bleiben sie mit einer derartig unzivilisterten, unhöflichen Starrheit auf ihr haften, daß Erika sich schließlich unwillig abwendet, während Graf Treurenberg ihm lachend die Hand vors Gesicht hält und ihm zuruft: »Schonen Sie Ihre Augen, mein lieber Lozoncyi; was ist denn das für eine Art, so in die Sonne zu schauen!« »Ich muß Ihnen in der Tat den Eindruck eines Narren machen,« entschuldigt sich Lozoncyi. »Ich frage mich selbst, bin ich bei Verstand oder bin ich's nicht, aber ich kann den Gedanken nicht loswerden, daß – ich bereits früher einmal das Vergnügen hatte, die Komtesse kennenzulernen.« »In der Tat,« mischt sich jetzt Erika zum erstenmal in das Gespräch, wobei sie eine sehr gerade Haltung annimmt und einen auffallend kühlen Ton anschlägt, »Sie haben mir unlängst einen großen Dienst erwiesen, Herr von Lozoncyi.« Dann sich zu den beiden anderen wendend, fährt sie fort: »Ich hatte mich neulich etwas verspätet bei Fräulein Horst, und als ich in der Dämmerung nach Hause ging, lief mir ein Betrunkener nach. Herr von Lozoncyi war gütig genug, mich ... mich zu beschützen ...« »Erika!« ruft die Großmutter entsetzt, »ich sag' dir's ja immer, du sollst nicht so allein herumwandern; von heute an gehst du keinen Schritt mehr allein, außer über den Markusplatz.« Erika zuckt mit den Achseln. »Ach, Großmutter, ich bin mündig!« »Trotz dieses Umstandes würde ich Ihnen raten, sich in diesem Falle Ihrer Frau Großmutter unterzuordnen,« meint Lozoncyi, sich jetzt dem jungen Mädchen zuwendend. »Ich versichere Ihnen, mir war gar nicht heimelig zumut, als ich mir in der Nacht darauf das Bild zurückrief, wie ich Sie da so weltvergessen und gottverlassen durch dieses sehr übelbeleumundete Gewinkel wandeln sah!« »Ich hatte mich eben verirrt!« rief Erika heftig. »Das sah man Ihnen auf zweihundert Schritte an,« versichert der junge Maler gutmütig lachend, »aber man verirrt sich leider sehr leicht in Venedig, darum beugt man lieber vor. Die Situation war nicht heiter!« »Hm! Mir scheint, Sie malten gleich den Tag darauf einen neuen »Cauchemar«, höflicher gesagt schweren Traum,« wirft an diesem Punkte Graf Treurenberg ein. »Sie haben's erraten, Graf!« ruft Lozoncyi etwas herb. Dann sich von neuem dem jungen Mädchen zuwendend, sagt er in gänzlich verändertem Ton: »Um unser Zusammentreffen in der Calle San Giacomo handelt es sich für mich übrigens jetzt nicht. Wenn meine Vermutungen richtig sind – ich kann's freilich kaum annehmen, aber wenn ... so datiert unsere gegenseitige Bekanntschaft um sehr viel weiter zurück. Haben Sie etwa einen Stiefvater, der Strachinsky heißt?« »Ja, sie hat das Unglück,« seufzt die Großmutter. »Nun dann!« ruft er lebhaft aus, »dann ...« Plötzlich stockt er. »Aber wie töricht von mir! Sie haben ja gewiß längst vergessen, worauf ich mich beziehe?« »Nein, ich habe gar nichts vergessen,« entgegnet Erika, die Augen mit einem eigentümlichen, zugleich stolzen und vorwurfsvollen Ausdruck zu ihm aufschlagend. »Ich habe Sie sogar viel früher erkannt als Sie mich – aber an mir war's doch nicht, mich dazu zu melden!« »Gräfin! Sie erlauben, daß ich Ihnen zum Andenken an die liebe kleine Fee, die mir Glück gebracht hat, die Hand küsse.« »Was geht da vor?« ruft der neugierige Graf Treurenberg aufgeregt, und die alte Gräfin fällt mit einem ebenso neugierigen: »Wo habt ihr einander kennengelernt?« ein. Sie haben längst vergessen, daß sie sich in der Bibliothek des armenischen Klosters befinden, sie überlassen es jetzt anderen Touristen, sich andächtig die Unterschrift Lord Byrons zu besehen, die Unterschrift George Eliots und die des Grafen Wlcek. Zwei Engländerinnen stehen jetzt staunend und bewundernd vor dem Bild Lord Byrons und der Guiccioli – demselben Bild, das Treurenberg und Lozoncyi noch vor kurzem so unbarmherzig bespöttelt haben. »Wie war's, wo habt ihr einander kennengelernt?« dringt noch einmal die Großmutter in die beiden. Erika stockt – weiß, von einer ihr selber kaum erklärlichen Verlegenheit befangen, nicht, bei welchem Zipfel sie ihre Erzählung anfangen soll. Lozoncyi hilft ihr. Sein Bericht ist ein kleines Meisterwerk von Grazie, Rührung und Humor. Alles erzählt er: wie ihm der Ritter – er charakterisiert seine Persönlichkeit mit drei Worten – mit einem Almosen von zwei Kreuzern die Tür gewiesen hat, seine entrüstete Verzweiflung, seinen Hunger, die plötzliche Erscheinung des kleinen Mädchens; er beschreibt ihr süßes Gesichtchen, ihr verwaschenes Kleid, ihre langen, schlanken, in roten Strümpfen steckenden Beinchen, den mit roten Astern verzierten Viktualienkorb; er beschreibt die Landschaft, den kleinen Bach, der verschämt unter der großen Brücke weiterkriecht, die zu ihm paßt (so behauptet Lozoncyi) wie das Grabmal der Metella zu einem toten Hund; jedes Wort der kleinen Fee erzählt er, und auch, wie sie ihm zuletzt die fünf Silbergulden in die Tasche gesteckt und ihm dabei versichert habe, sie wisse, wie schrecklich es sei, kein Geld zu haben. Die alte Frau und Treurenberg lachen – Erika horcht gespannt, unruhig, gerührt. Etwas fehlt in dem Bericht. Ja, trotz aller genauen Aufzählung der Einzelheiten fehlt etwas. Behält er sich's für den Schluß, oder findet er es nötig, dieses Detail zu unterschlagen? In der Tat. Erika ist empört über seine Diskretion, darüber, daß er selbe für nötig hält! Als er geendet, sagt sie ruhig: »Eine Kleinigkeit haben Sie vergessen, Herr von Lozoncyi, Sie hatten sich ein Honorar ausbedungen ...« Sie stockt, rafft sich wieder auf, und sich im Kreise umsehend, fährt sie fort: »Ich mußte Herrn von Lozoncyi versprechen, ihm einen Kuß zu geben für mein Bild.« »Und darf man fragen, ob Sie Wort gehalten haben, Gräfin?« lacht Graf Treurenberg. »Ja!« sagt Erika schroff. »Das ist reizend!« ruft Graf Treurenberg, »und ... entre nous soit dit , ich hätt's Ihnen nicht zugetraut, Gräfin! Sie können sich was einbilden, Lozoncyi!« Erika ist sehr verlegen; fast hätte sie Lust, ihren Wahrheitstrieb – ihre Wahrheitsprotzigkeit nennt sie's jetzt – zu verwünschen. Da neigt sich Lozoncyi ein klein wenig zu ihr nieder. »Was für ein finsteres Gesicht!« sagt er mit einem sehr gutmütigen Lächeln. »Ach, Gräfin, sollte es Ihnen jetzt leid tun, daß Sie mir als neunjähriges Baby das liebe Almosen gespendet? Wenn sie wüßten, wie oft mich die Erinnerung an Ihre kindliche Zutunlichkeit ermutigt und gestärkt, Sie würden sich Ihrer nachträglichen geizigen Anwandlungen schämen!« Taktvoller und liebenswürdiger hat man die Sachlage nicht zurechtrücken können, und Erika fängt an zu lachen und gesteht, daß sie ein wenig töricht gewesen ist, was ihr die Großmutter, sie lustig auf die Wange klopfend, bestätigt. Die alte Frau ist entzückt von dem kleinen Geschichtchen; die Rolle, welche Strachinsky darin spielt, trägt dazu bei, es für sie zu würzen. Sie haben jetzt die etwas muffige und feucht riechende Bibliothek verlassen und sind hinausgetreten in den Säulengang, der sich um das wie ein Garten bepflanzte innere Höfchen des Klosters zieht. Ein Duft von frisch erblühten Rosen und feuchter Erde durchspielt die Luft, aus der Klosterküche strömt ein Geruch von gebranntem Kaffee. Graf Treurenberg freut sich der Gelegenheit, sein kahles Haupt mit seinem melonenförmigen grauen englischen Filzhut bedecken zu können, und macht eine unwirsche Bemerkung über die abendländische Unsitte, die es einem Herrn so oft vorschreibt, sich den Kopf erkälten zu müssen. Er geht mit der Großmutter voraus, Erika und Lozoncyi folgen. Die beiden alten Leute schwatzen unaufhörlich, die beiden jungen sagen lange kein Wort. Lozoncyi ist der erste, der endlich das Schweigen unterbricht. »Seltsam, daß uns der Zufall nun doch zusammengeführt hat,« bemerkt er. Sie räuspert sich, nimmt einen Anlauf zu reden und bleibt stumm. »Sie sagten, Gräfin ...?« fragt er lächelnd. »Ich sagte gar nichts!« »Dann dachten Sie etwas!« »In der Tat – ich – nun, ich dachte – seltsam sei eigentlich nur, daß Sie es dem Zufall überlassen haben, uns zusammenzuführen!« Die Worte könnten eigentlich sehr liebenswürdig klingen, aber sie klingen nicht liebenswürdig; eiskalt und etwas gezwungen fallen sie von Erikas Lippen. »Glauben Sie etwa, daß ich nie einen Versuch gemacht habe, Sie wiederzufinden, Gräfin?« fragt er. »Ich denke, wenn Sie ernstlich den Wunsch gehegt hätten, mich zu finden, hätte es Ihnen bei den Anhaltspunkten, die Ihnen zu Gebote standen, nicht schwerfallen sollen,« erwidert sie. Einen Augenblick schweigt er, dann beginnt er von neuem: »Sie haben recht und tun mir unrecht – beides. Als ich erfahren hatte, daß aus meinem lieben, dürftig gekleideten Prinzeßchen eine wirklich große Dame geworden war, da hab' ich freilich keinen Versuch mehr gemacht, mich ihr zu nähern. Früher aber – Interessiert Sie die Geschichte meiner mißglückten Pilgerfahrt?« »Gewiß - lebhaft!« »Ein paar Jahre waren seit unserem kindischen Zwiegespräch verstrichen. Ich hatte meine ersten eigenen paar hundert Mark in der Tasche, ich kaufte mir einen neuen Anzug – ja, lächeln Sie nur – einen neuen Anzug, der mir ausnehmend gefiel, und fuhr nach Böhmen. Ich fand das Dorf, den Bach und die Brücke – auch das Schloß fand ich; aber von denen, die darin gewohnt, war keiner übriggeblieben, nicht einmal der liebenswürdige Herr von Strachinsky, und von meiner kleinen Prinzessin wußte niemand etwas. Ich war sehr traurig, so traurig, wie sich's für einen Burschen von dreiundzwanzig Jahren gar nicht schickt.« Er schwieg. »Nun, und das war das Ende aller Ihrer Anstrengungen?« ruft jetzt die alte Gräfin, welche mit ihrem Luchsohr das Gespräch belauscht hat und sich lachend umwendet. »Da haben Sie sich keiner großen Zähigkeit zu berühmen.« »Als ich, von einem Regenguß überrascht, in der Pfarrei des nächsten Orts einen Unterschlupf suchte,« fuhr er fort, »fragte ich natürlich den Pfarrer, der mich sehr freundlich aufnahm, nach meiner entschwundenen kleinen Freundin. Der Pfarrer wußte etwas mehr, als die anderen gewußt hatten. Er teilte mir mit, daß eines schönen Tages jemand aus Berlin gekommen sei, um die kleine Rika zu holen; daß diese jetzt eine junge Dame geworden sei, die auf den Höhen des Lebens stehe ...« »Und dann ...?« drang die alte Frau in ihn. »Ich forschte nicht weiter,« sagte er, »die Brücke zwischen meiner Lebenssphäre und der meiner Prinzessin war abgebrochen – ich kehrte ruhig nach München zurück. Ich war sehr traurig – mir war's, als ob man plötzlich das schönste Ziel meines Strebens niedergerissen hätte.« »Oh!« ruft die alte Frau, »also sentimental können Sie auch sein? Sie sind in der Tat vielseitig!« »Es war meine erste Manier – ich habe sie seither verändert,« gibt er zurück. Dann verwickelt Graf Treurenberg die alte Gräfin in ein äußerst interessantes Gespräch über den neuesten venezianischen Skandal. »Sie begreifen nun, wie es kam, daß ich nichts mehr von mir hören ließ, Gräfin,« sagt Lozoncyi zu Erika. Diese aber schüttelt den Kopf. »Ich begreife gar nicht ...« erwidert sie ihm. »Ich finde es unglaublich töricht, daß Sie mich gerade aus diesem Grund nicht aufgesucht haben!« »Die Erika hat recht!« ruft die Großmutter wieder über ihre Schulter hinüber mitten aus einer hochinteressanten Anekdote über die jüngste Verlegenheit des Don Carlos heraus. »Ihr Wegbleiben beweist nur, daß Sie uns für sehr große Gänse gehalten haben müssen, die Erika und mich dazu, sonst hätten Sie ganz unbefangen auf eine freundliche Aufnahme gerechnet.« »Mein Wegbleiben beweist, daß ich damals ein vom Schicksal etwas verprügelter junger Hund war,« versichert Lozoncyi. »Jetzt zweifle ich nicht mehr daran, daß ich gewiß von beiden Damen gnädig empfangen worden wäre – aber geführt hätte es zu nicht viel. Sie wären meiner doch bald überdrüssig geworden. Ein sehr junger Künstler taugt nichts in einem Salon, er ist immer bocksteif oder burschikos – ein Kalb in einem Blumengarten: entweder bleibt's mit starren Beinen mitten in den Sandwegen stehen oder es zertrampelt die Blumenbeete. Ich war nicht besser als die anderen.« »Das fällt mir einigermaßen schwer zu glauben,« sagt die Großmutter gutmütig immer über ihre Schulter hinüber; dann sich zu Treurenberg wendend: »Aber erzählen Sie nur weiter, Graf. Also Don Carlos...« »Nichts erzähl' ich Ihnen mehr!« ruft Graf Treurenberg entrüstet. »Ich hab' es gerade genug. Immer an dem spannendsten Punkt meiner Geschichte wenden Sie sich um und horchen auf das, was Lozoncyi mit Ihrer schönen Enkelin verhandelt! Das ist zu arg!« »Gönnen Sie mir auch etwas,« entgegnet Lozoncyi mit seinem hübschen, einnehmenden Lächeln dem alten Herrn. » Every dog has his da – und ich versichere Ihnen, daß mein » da « kurz sein wird!« »Ach was, es ist immer dieselbe Geschichte! Wenn Lozoncyi einmal in der Nähe ist, so kann man der Aufmerksamkeit keiner Dame mehr habhaft werden!« ruft Treurenberg halb im Scherz, aber doch mit tatsächlichem Verdruß. »Graf Treurenberg hat eine sehr geschickte Art, mich meiner Umgebung unangenehm zu machen,« murmelt Lozoncyi mißmutig. »Ach was, ich höre nicht auf ihn – dergleichen ist mir ganz gleichgültig!« versichert die alte Gräfin. »Ich möchte lieber wissen, ob Sie die Erika sofort vergessen haben, als Sie in Erfahrung brachten, daß...« »Sie eine große Dame sei,« fällt ihr Lozoncyi ins Wort. »O nein! Daraufhin packte ich meine sieben Sachen zusammen und reiste nach Rom.« »Hm! ... und dort ... Dort vergaßen Sie endlich die kleine Erika.« »Dort erwischte mich das römische Fieber,« sagt er langsam, indem sein Gesicht einen gequälten und finsteren Ausdruck annimmt. Er hebt den Kopf, um nach Erika zu sehen, aber Erika befindet sich nicht mehr neben ihm. Sie ist hinter ihm zurückgeblieben, er sieht sie jetzt an der anderen Seite des rosendurchblühten Höfchens, in dem die Schmetterlinge sich tändelnd in einem langen goldenen Nachmittagssonnenstrahl, der von weiß Gott woher hereingebrochen ist, baden. Aus einer eifrigen Konversation mit einem hohen, stattlichen Mönch heraus ruft sie zu den anderen hinüber: »Hat niemand Lust, sich den Baum anzusehen, in dessen Schatten Lord Byron zu dichten pflegte?« Ob irgend jemand besondere Lust hat, mag dahingestellt bleiben, aber sie folgen ihr alle. Zwischen graugrünen Frühlingsbüschen, in deren Mitte eine Schar von Neophyten voll gärenden jungen Lebens schreiend und lachend ein Bienenhaus zusammenzimmert, wandeln sie einher bis an den äußersten Uferrand der Insel. Mit großem Stolz zeigt ihnen der alte Mönch den Tisch, auf dessen Platte, wie er behauptet, so oft die Dichterhand Lord Byrons geruht. Seine Gastfreundschaft gipfelt schließlich darin, daß er ihnen duftigen schwarzen Kaffee präsentieren läßt, worauf er sich entfernt. Sie sitzen dann alle vier gemütlich unter dem weltberühmten Baum, an dessen grauem Gezweig die ersten grünen Blätter aus den braunen und weißlichgelben Knospenhülsen herauskriechen, und trinken den dicken, undurchsichtigen Kaffee, der fast wie Schokolade schmeckt, an dem sehr primitiven Tisch, an welchem Lord Byron seine Meisterwerke geschrieben haben soll. Lozoncyi äußert seine bescheidenen Zweifel an der Identität des Tisches; Graf Treurenberg erzählt in aller Eile noch eine schlüpfrige Anekdote, und Erika runzelt die Stirn dazu und sieht zwischen dem graugrünen Geäst des Baumes stumm zu dem langsam verblassenden blauen Himmel empor. Der Mönch hat sich entfernt; in das nahe Wellengeplätscher hinein (der historische Tisch steht knapp am Uferrand der Insel) tönt das Jauchzen und Schreien der von Jugend und Frühlingsduft trunkenen Neophyten. Plötzlich hört man eine affektierte Frauenstimme ausrufen: » Enfin le voilà !« Sie blicken auf, sehen zwei Damen – die eine ist niemand anders als Frau von Geroldstein, geziert und nach guter Gesellschaft ausspähend wie gewöhnlich; die zweite auffallend gekleidet, geschminkt und sehr hübsch. Die Geroldstein begrüßt sofort enthusiastisch ihre lieben Bekannten aus Berlin und stellt ihnen ihre Begleiterin als Fürstin Gregoriewitsch vor.. Die alte Gräfin nimmt ihre zudringlichen Liebenswürdigkeiten sehr kühl entgegen. Sie hat sich erhoben. »Lassen Sie sich durchaus nicht abhalten,« wendet sie sich, einen etwas trockeneren Ton anschlagend, dem Künstler zu, »es ist schon spät, und wir verlassen ohnehin bereits die Insel. Adieu! Es wird mich sehr freuen, wenn Sie einmal Zeit finden, uns zu besuchen.« Von Graf Treurenberg begleitet, schreiten jetzt Großmutter und Enkelin auf ihre Gondel zu. Lozoncyi ist bei seinen beiden Verehrerinnen geblieben. Das Jauchzen der Neophyten ist verstummt, ein feierliches Glockenläuten durchschwirrt die Insel. Im Vorübergehen werfen sie einen Blick in die Kirche. Die Flämmchen der Kerzen auf dem Altar schimmern dumpfrot in das Halbdunkel des Gotteshauses hinein – mit gesenktem Haupt, lange Schatten werfend, knien die Mönche am Boden. »Wer war denn diese kuriose Fürstin?« fragt kurz, ehe sie ihre Gondel erreicht haben, in etwas wegwerfendem Ton die Gräfin Lenzdorff. »Ach, irgendeine von den zweitausend Verehrerinnen Lozoncyis – sie bewohnt ein großes Palais am Zattere und empfängt sehr viel,« erwidert Graf Treurenberg. »Schöne Person, aber dumm wie ein Bund Stroh. Lozoncyi kommt's nicht immer darauf an, er hängt jeden Tag an einem anderen Schürzenband.« Die Table d'hote ist längst vorüber, die Tafel schon vorbereitet für den nächsten Tag. Von durchsichtigen Schatten umdämmert, streckt sie sich durch den langen Saal, als sei für ein mitternächtiges Gespenstermahl gedeckt. Ein paar sperrige Topfpflanzen ragen zwischen den langen Reihen von Gläsern und Tellern, die dunkelvioletten Einbände der Weinkarten heben sich gegen die endlose weiße Tischfläche ab. Die Rheinsbergs sind seit ein paar Tagen verschwunden, das Trio befindet sich auf einem Ausflug durch verschiedene kleine Städte: Vicenza, Padua, Verona. Die Lenzdorffs dinieren wieder in der für sie erhellten Lichtinsel am Anfang des Saales allein in dem verödeten Speisesaal. Auf das inständige Bitten der alten Gräfin hat Erika sich schließlich bereit erklärt, heute abend in die Welt zu gehen, das heißt der Gräfin Mühlberg, die seit einiger Zeit von ihrem Manne gerichtlich geschieden, bescheiden und anständig in Venedig lebt und alle Mittwoch ein paar Menschen bei sich empfängt, einen Besuch zu machen. Die alte Gräfin ist ungewöhnlich heiter, Erika fast stumm. Der unvergleichliche Oberkellner Fritz hat ihnen zuliebe die in den Garten hinausführende Glastür des Speisesaals geöffnet. Ein lauer, feuchter Hauch spielt zu ihnen herein, bringt ihnen den Duft der vom Frühlingsfieber neu belebten Erde in dem Gärtlein draußen – dazu einen Geruch von Teer, nassen Steinen und den unlauteren Sumpfgeruch der Lagune, der wie ein häßliches Gespenst alle poetische Schönheit Venedigs durchzieht. Man hört das leise Lecken und Plätschern der Wellen um die Stufen der alten Paläste, das Knarren der an ihren Pfählen festgebundenen Gondeln, ein paar eintönige Ruderschläge und, aus weiter Ferne herüberklingend, wie ein geisterhaftes Echo das Lied der Nachtsänger von Venedig. Jetzt haben die beiden Damen ihre Mahlzeit beendet. Gräfin Lenzdorff, die zu träge ist, um sich in ihre Wohnung zu begeben, und die momentan keine Lust hat, den von Engländerinnen überfluteten Lesesalon zu betreten, hat ihren Freund Fritz dazu veranlaßt, ihr Tinte und Briefpapier zu bringen, damit sie in aller Eile einen soeben eingelaufenen Zettel beantworten kann. Erika ist indessen hinausgetreten in den Garten. Den Kopf bloß, einen pelzbesetzten weichen Umwurf nur lose um die Schultern gelegt, geht sie über die grobkörnigen Kieswege an den Monatsrosen vorbei, die den ganzen Winter hindurch nicht aufgehört haben zu blühen – und an den hohen Rosenbäumchen, in denen sich das langverhaltene Leben erst neuerdings zu regen beginnt. Von Zeit zu Zeit wendet sie den Kopf, dem fernen Lied lauschend, das nicht näher kommen will. Hoch über ihr wölbt sich der Himmel, nicht mehr blaß, wie sie ihn heute zwischen den grauen Zweigen des historischen Baumes gesehen hat, sondern tief dunkelblau, mit zahllosen Sternen besät. Zwei-, dreimal ist sie in dem Garten auf und nieder gegangen bis zu der Brustwehr des Gärtleins gegen den Großen Kanal zu. Als sie das viertemal zu der Tür zurückkehrt, hört sie im Speisesaal reden. Die Großmutter ist nicht mehr allein; neben ihr steht Graf Treurenberg. Er reibt seine mageren, von der Gicht bereits mitgenommenen Hände ineinander und spricht: »Schade um ihn, er ist ein so durch und durch anständiger Mensch mit Männern, aber die Weiber verderben ihn, und er ist momentan die Coqueluche von allen kunstsinnigen Damen in Venedig.« Erika zuckt zusammen, bleibt stehen, streckt den Kopf vor und horcht. »So – hm! – Wundern tut's mich nicht,« erwidert gleichmütig die Großmutter. Und Treurenberg fährt fort: »Ein Teufelskerl ist er; bei all seiner Empfindelei hat er noch gerade die Dosis Zynismus und ehrlicher Weiberverachtung in sich, die nötig ist, um einen Mann dem schwachen Geschlecht gegenüber ganz unwiderstehlich zu machen.« »Sie sind höflich, Graf!« ruft Erika etwas gereizt in den Speisesaal hinein. Er blickt auf; dort in der Tür steht sie in einem schwarzen Spitzenkleid, über weißer Seide, der pelzbesetzte Umwurf gleitet ihr halb von der Schulter herab, so daß man das fast grünliche Weiß ihres Nackens und ihrer Arme sieht; sie stützt sich mit der linken Hand an das Holz der Tür und dreht den Kopf nach rechts den beiden Plaudernden zu. Wie oft wird sie die Großmutter noch so vor sich sehen – den ganzen poetischen, jungfräulichen Liebreiz ihrer Gestalt gegen den schwülen Frühlingshintergrund! Der alte Treurenberg verzehrt das junge Mädchen mit einem bewundernden Blick, verbeugt sich und fragt schließlich: »Warum bin ich unhöflich? Selbst wenn ich vor Ihnen etwas Anzügliches über das schwache Geschlecht im allgemeinen sage! Das kann Sie doch nicht berühren. Wenn ich von dem schwachen Geschlecht im allgemeinen spreche, denke ich nie an Sie, Sie sind exzeptionell.« »Wir sind beide längst gründlich davon überzeugt – nicht wahr, Erika?« meint die Großmutter, ihrer Enkelin zulachend. »Aber warum diese Herrlichkeit, Gräfin Erika?« fragt Treurenberg, auf ein anderes Gesprächsthema übergehend. »Es ist das erstemal, daß ich das Vergnügen habe, Sie in großer Toilette zu sehen.« »Erika will mir zu Gefallen endlich anfangen, ein bißchen auszugehen,« erklärt die Großmutter. »Ich sagte ihr nämlich, dank ihrer Leidenschaft, sich vor der Welt zu verstecken, würde sich nächstens das Gerücht verbreiten, daß sie geisteskrank sei oder an einem Liebeskummer leide. Da ihr dies nicht wünschenswert erscheint, so hat sie sich herbeigelassen, mich zur Gräfin Mühlberg zu begleiten.« »Zu Konstanze Mühlberg wäre ich auf jeden Fall gegangen, nur hätte ich mir nicht gerade ihren Empfangstag ausgesucht,« erklärt Erika, indem sie jetzt neben ihrer Großmutter Platz nimmt, wobei sie ihre beiden weißen Ellenbogen auf den Tisch und ihr Kinn auf die gefalteten Hände stützt. Der alte Schönheitskenner kann sich heute nicht satt sehen an ihr. »Wenn man so für die Welt geschaffen ist wie Sie, Gräfin Erika, so hat man kein Recht, sich der Welt zu mißgönnen!« ruft er aus. Sie erwidert nichts, und die Großmutter fragt ihn: »Sieht man Sie bei der Mühlberg, Graf?« »Heute nicht – muß heute in das Rambouillet von Venedig.« »Ach, zu der Neerwinden!« »Ja, warum kommen Sie nie hin, meine Damen?« fragt der alte Herr. »Aufrichtig gesagt, hatte ich anfangs keine Ahnung, daß man hingehen könne,« erwidert lachend die Gräfin. »Weshalb? Wegen des Renommees der Hausfrau ...? Ich bitte Sie, in Venedig sind alle Ruinen in der Mode. Sie tun sehr unrecht, dem Salon Neerwinden fernzubleiben. Er ist eine kulturhistorische Merkwürdigkeit und mir für meinen Teil bedeutend interessanter als der Dogenpalast.« »Aber selbst wenn ich die Neerwinden aussuchte, die Kleine kann ich doch nicht mitnehmen!« ruft immer noch lachend die alte Dame. »Warum nicht? Ein solcher Pestherd von moralischen Infektionskrankheiten, wie Sie's anzunehmen scheinen, ist der Salon Neerwinden keineswegs. Und dann, Gräfin Erika wird durch nichts verdorben« – er schiebt die Achseln in die Höhe – »die ist gefeit!« In diesem Moment tritt ein vierschrötiges, graubärtiges Individuum in den Salon, geziert und plump und sehr damit beschäftigt, ein Monokel, das nicht sitzen will, in seine rechte Augenhöhle zu klemmen. Ein Wiener Bankier ist's, Schmidt – er schreibt sich Schmytt – von Werdenthal. Sich mit affektiertem sans gêne vor den Damen verbeugend, schiebt er sich an Treurenberg heran. »Störe ich, Hans?« fragt er. »Sie stören mich immer.« Der Bankier lächelt über den guten Witz. So schwerfällig er sonst sein mag, legt er doch eine merkwürdige Behendigkeit an den Tag, wenn es gilt, sich über eine Grobheit hinwegzusetzen. »Sie, Hans,« beginnt er von neuem mit jenem gedehnten Näseln, das nur ein in die Aristokratie verschlagener österreichischer Parvenu sich mit solcher Virtuosität anzueignen weiß, »wir wollten ja erst zur Gregoriewitsch, und wenn wir so lange trödeln, kommen wir zu spät.« »Hol' Sie der und jener!« murmelt Graf Treurenberg, erhebt sich übrigens dennoch, um Schmytt zu folgen. Zum Abschied küßt er noch beiden Damen die Fingerspitzen. »Gräfin Erika,« sagt er vielsagend und mit einem letzten bewundernden Blick auf das junge Mädchen, dann zu der Großmutter sich wendend: »Wenn ich um dreißig Jahr jünger wär' – hm! Hätte mir nicht viel genützt, meinen Sie, Gräfin – wer weiß! Ich bin gescheiter, als ich aussehe! Wenn mich nicht alles täuscht, ist's der Gräfin Erika sehr darum zu tun, alle Sünder zu bekehren – und ich hätte mich so schön bekehren lassen, dem herrlichen Lohn zuliebe! Aber tun Sie's mir zu Gefallen, geben Sie eine Karte ab bei der Neerwinden, Sie werden's nicht bereuen. Man amüsiert sich nirgends so gut wie bei ihr, und wenn Sie Lust haben, Lozoncyi in voller Glorie Süßholz raspeln zu sehen ...« »Aber Hans – die Fürstin wartet!« mahnt Schmytt. »Ich komm' schon!« Graf Treurenberg verschwindet – lächelnd blickt ihm die alte Gräfin nach. »Ich kann mir nicht helfen, ich hab' ein kleines Faible für den alten Sünder,« sagt sie. »Er ist so typisch, der echte österreichische Kavalier – fin de siècle , witzig ohne tiefen Verstand, gutmütig ohne Herz, mit Standeshochmut bis in die Fingerspitzen und ohne eine einzige unangekränkelte Standesüberzeugung. Wie du ihm heute in die Augen gestochen hast! Verübeln kann ich's ihm nicht. Was für ein herrliches Porträt Lozoncyi von dir malen würde! Hm! Weißt du, daß ich im Grunde genommen sehr große Lust hätte, die Neerwinden zu besuchen?« »Um das Vergnügen zu haben, Herrn von Lozoncyi Süßholz raspeln zu sehen?« fragt Erika.   Die Neugier siegte – den nächsten Tag gab die Gräfin Lenzdorff ihre Karte im Palazzo Lugani ab. Die Baronin Neerwinden beantwortete die Karten der beiden Damen sofort mit einem Besuch und einem Einladungsbillett, in welchem unter anderem die Worte standen: »Meine liebe Freundin Minona von Rattenfels wird uns mit der Vorlesung ihres letzten, noch unveröffentlichten Werkes erfreuen, und dürfte sich infolgedessen der Abend zu einem ziemlich genußreichen gestalten.« Zum großen Erstaunen der Großmutter zeigte sich Erika völlig bereit, sich einmal den Rummel bei der Baronin Neerwinden anzusehen. Konstanze Mühlberg hatte sich den Lenzdorffs angeschlossen. Lachend, erwartungsvoll, als handle es sich darum, einen Maskenball zu besuchen, verfügten sie sich an dem Abend der Vorlesung in den Palazzo Lugani. Das Gebotene blieb nicht hinter ihren Erwartungen zurück – die Großmutter und Konstanze Mühlberg unterhielten sich königlich. Und Erika ...? Nun ...? Sie hatten sich verhältnismäßig früh eingefunden, das heißt um zehn Uhr. Die drei immensen Säle, in denen die Neerwinden zu empfangen pflegte, waren noch ziemlich leer. Die Hausfrau saß bei ihrem Eintritt in dem letzten dieser drei Räume auf einem kleinen Diwan, unter einer Art Baldachin, und sehr effektvoll angetan in einem lose und großartig um sie drapierten Kleid von schwerem, silberdurchwirktem Brokat. Ihre noch immer schönen schwarzen Augen waren von langem, fast orientalischem Schnitt, ihre Züge nicht unedel, aber hart und reizlos. Sie begrüßte die Gräfin Lenzdorff, sofort an alte Jugenderinnerungen anknüpfend, mit betonter Herzlichkeit und die beiden jüngeren Damen sehr gnädig. Nach einigen nichtssagenden einleitenden Phrasen begann sie von einer schwebenden Tagesfrage zu reden, worauf sie, auf interessantere Dinge übergehend, in der überzeugendsten Art die Schicksale der Erdkugel und der umliegenden Gestirne zurechtzurücken begann. Soeben hatte sie ihren Zuhörerinnen anvertraut, daß sie sich heimlich mit der Verbesserung des elektrischen Leuchtsystems beschäftige und kürzlich mit der Ausarbeitung einer neuen Weltreligion fertig geworden sei, als ein plötzlicher starker Zustrom von Gästen und das immer mit diesem Ereignis zusammenhängende Geräusch das Ende ihrer Phrase verwischte, weshalb es den drei Damen nicht recht klar wurde, ob sie den Katechismus der Weltreligion zur Erleichterung der allgemeinen Verständlichkeit halber in Volapük verfaßt habe oder in Französisch, in welch letzterer Sprache sie sonst ihre geistigen Ergüsse aufzuzeichnen pflegte. Erika mußte ihren Platz neben der Hausfrau einer Würdigeren überlassen und sich in das bunte Gewühl, welches jetzt durch die drei Säle zu wogen begann, mischen. Sie fand wenig Bekannte und machte die nicht ganz angenehme Entdeckung, daß sie außer ein paar rätselhafterweise hierher verschlagenen plattbrüstigen Engländerinnen das einzige anwesende junge Mädchen war. Wenn nicht Graf Treurenberg am Horizont erschienen wäre und sich verpflichtet gefühlt hätte, ihr ein wenig den Fremdenführer zu machen, so wäre ihr das Treiben um sie herum gänzlich unverständlich gewesen. Mit seiner allezeit bereitwilligen Indiskretion lieferte er den Text zu dem Bild. Das männliche Kontingent war der Zahl nach stärker, das weibliche unvergleichlich vornehmer. Dieses bestand zumeist aus sehr schönen, interessanten Frauen aus der besten Gesellschaft, die aber fast alle durch einen fatalen Zufall ihre Hoffähigkeit eingebüßt hatten; die meisten von ihnen waren geschieden, ohne daß man über die eigentlichen Scheidungsgründe je ins klare gekommen wäre. Die streng orthodoxen venezianischen und österreichischen Familien mieden den Salon, aber nicht so sehr sittlicher Bedenken halber, als weil es ihnen unangenehm gewesen wäre, irgendeinem deklassierten Landsmann dort zu begegnen, und nebenbei, weil sie diesen Salon als einen Herd von politischen und moralischen Umsturzideen betrachteten. Darin hatten sie nicht völlig unrecht. Von dem sich fanatisch gegen jeden frischen Luftzug und die Erörterung unbequemer Dinge absperrenden Kapilawastusystem, über das sich die Gräfin Lenzdorff in der Berliner guten Gesellschaft beklagte, und das mehr oder minder die gute Gesellschaft der ganzen Welt charaktersiert, war hier nichts zu verspüren. Im Gegenteil blies es von allen Seiten recht frisch in die vornehme Ruine hinein, auch hatte jeder das Recht, noch so viele Fenster darin einzuschlagen, als ihm gerade gefiel. Es wurde über alles gesprochen, und in der heterogensten Weise. Infolgedessen war der Salon in seiner Art wirklich äußerst amüsant, und seine einzige langweilige Seite bestand darin, daß die Hausfrau, anstatt es den Gästen zu überlassen, sich auf beliebige Weise zu unterhalten, es für nötig fand, ihnen, wie Gräfin Brock in Berlin, jedesmal ein plat de resistance in Form irgendeines ausübenden Künstlers vorzusetzen, dessen Leistungen man herunterwürgen mußte, ob man Lust dazu hatte oder nicht. An jenem Abend hieß das plat de resistance Fräulein Minona von Rattenfels, eine Schriftstellerin, die auf spezielle Bitte der Dame des Hauses sich entschlossen hatte, ihr letztes noch ungedrucktes Werk aus dem Manuskript vorzulesen. Mitten in die schärfsten Witze Graf Treurenbergs hinein erging an die Gäste die Aufforderung, sich in den größten der drei Empfangsräume, den »Saal« par excellence , zu verfügen. Graf Treurenberg reichte Erika den Arm. »Ah!« machte er, indem er die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens mit einem komischen Seitenblick auf die Schriftstellerin lenkte. Diese saß bereits, das Manuskript vor sich ausgebreitet, hinter einem spindelfüßigen Empiretischchen verschanzt, das obligate Glas Wasser neben sich. Etwa fünfzig Jahre alt, war sie grobknochig, fett und sehr stark gefärbt, dabei angetan mit einem schwarz durchschimmerten roten Seidenkleid, in dem sie aussah wie ein nicht ganz gar gekochter Hummer, und mit sehr vielen Schnüren von falschen Goldmünzen im Haar und um den Hals. Ehe die Produktion begann, wurde das elektrische Licht herabgedreht, worauf ein paar rosa Wachskerzen auf dem Tisch der Vorleserin die ganze Beleuchtung ausmachten. Der literarische Vortrag wurde durch eine musikalische Einleitung geweiht, welche der gerade in Venedig weilende Pianist Harold Perfection übernommen hatte. Er spielte eine Paraphrase von Siegmund und Sieglindes Liebesduett, aus der er langsam in das Motiv von Isoldes Liebestod hinüberschmachtete, was natürlich die Empfänglichkeit des Publikums für den ihm bevorstehenden Genuß nicht wenig erhöhte. Der letzte Ton verklang – Minona von Rattenfels räusperte sich. »Gräber!« schrie sie mit dumpfer, sehr tiefer Stimme in das Publikum hinein. Das war nämlich der gemütliche Titel, unter welchem sie ihren neuesten Zyklus von Liebesliedern zusammenfaßte. Damit begann die Vorlesung. Der Zyklus zerfiel in zwei Abteilungen: Liebesleben und Liebestod. In der ersten war sehr viel von Tautropfen und Morgenlicht die Rede, in der zweiten ebensoviel von Würmern und welken Blüten – in beiden aber von so viel glühender Leidenschaft, daß man der Hausfrau dankbar sein mußte für ihr Baireuthsches Verdunklungssystem des Zuschauerraumes, sintemalen dasselbe das Erröten einiger zartfühlender Damen bemäntelte, ebenso wie die spöttischen Grimassen des ganzen übrigen Publikums. Natürlich war die Vortragsweise Minonas äußerst dramatisch. Sie schrie, bis ihr die Stimme versagte, verdrehte die Augen, bis sie dermaßen schielte, daß Graf Treurenberg allen Ernstes mit Erika wettete, ihr linkes Auge sei aus Glas. Sie wetteten um die gesamten Werke Minonas. In den meisten ihrer Gedichte haderte Minona mit dem Geliebten, der sich als kalt, stumpf oder treulos erwies. Von Zeit zu Zeit aber »vertaumelte« sie »in den seligen Oasen ihrer Liebeswüste« unvergeßliche Stunden. Dann wurde sie unsagbar grotesk – aus einem halbverständlichen Gemurmel klang nur immer noch das Wörtchen: Li – i – ie – be! Plötzlich hörte man mitten in dieses absonderliche Spektakel ein paar stählerne Stricknadeln flink und gemütlich vor sich hinklappern. Bald darauf war der Vortrag beendet. – – – – – – – – – – Neues Licht durchflutete den Saal. Lautloses Schweigen herrschte, nur die Stricknadeln trieben noch immer ihr emsig klapperndes Wesen. Erika sah sich um, wo das Geräusch herkäme, und erblickte eine ältere Dame mit anständig über die Schläfen gekämmten grauen Scheiteln, klugem, etwas viereckigem, fast männlichem Gesicht, sehr gerader Haltung und sympathisch altmodischem Anzug. Inmitten dieser überhitzten Atmosphäre machte sie den erfrischenden Eindruck eines reinlichen Eisblocks. »Wer ist denn das?« fragte Erika die kleine Gräfin Mühlberg, die sich ihr zugesellt hatte. »Fräulein Agathe von Horn,« antwortete die Mühwerg. »Soll ich Sie vorstellen?« Erika dankte bejahend. Die Gräfin führte sie zu der in Rede stehenden Dame, die mit drei sehr jungen, schüchternen Künstlern, noch immer eifrig strickend, auf einem Kanapee saß, auf das eine Fächerpalme ihren Schatten warf. Die kleine Gräfin stellte Erika vor, die Künstler erhoben sich, und die beiden Damen nahmen neben Fräulein von Horn Platz. Das Fräulein seufzte – und die Konversation war eingeleitet. »Wenn ich nicht irre, sind Sie eine gute Freundin der begabten Dame, welcher wir heute so große Genüsse verdanken,« sagte Konstanze Mühlberg. »Wir reisen miteinander, weil es billiger kommt,« erwiderte phlegmatisch Fräulein von Horn; »aber wie bei gewissen Ehepaaren ist alles bei uns getrennt außer der Kasse.« »So,« meinte die kleine Gräfin, »das ist mir sehr erfreulich, da können wir also ungeniert unsere Ansichten über die Dichterin austauschen.« »Ganz ungeniert,« versicherte Fräulein von Horn. Indem trat Graf Treurenberg zu den Damen, mit einem von lustiger Bosheit ganz schief gezogenen Gesicht, und teilte ihnen mit, er sei soeben bei der Minona gewesen, um ihr zu ihrem großartigen Erfolg zu gratulieren. »Was haben Sie ihr denn gesagt?« rief beinahe entrüstet das wahrheitsliebende Fräulein Agathe. »›Ich begrüße die moderne Sappho in Ihnen!‹ habe ich gesagt,« erklärte der Graf. »Und sie hat geantwortet?« frug Konstanze Mühlberg. Der Graf fächelte sich schmachtend mit seinem Claque und lispelte: »Ah oui Sappho – c'est bien Sappho, toujours la méme histoire nach mehr als zweitausend Jahren!« »Diese arme Minona! Wenn man bedenkt, daß sie das alles aus dem Stegreif erfindet,« bemerkte mit ironischem Mitleid Fräulein Agathe. »Wirkliche Erfahrung hat sie nicht mehr als ... nun, als ich!« »Still, nicht zu laut,« flüsterte lachend Konstanze, »sie würde es Ihnen nie verzeihen, daß Sie uns dies verraten haben.« »Ich kenne sie von klein auf,« fuhr Fräulein von Horn gelassen fort. »Sie unterhielt einmal ein Liebesverhältnis in Briefen mit dem Hauslehrer ihrer Brüder, und seither spielt sie die Partie mit dem Strohmann.« Die trockene Art, mit der sie das sagte, war an und für sich so unvergleichlich komisch, daß sowohl die beiden Damen als Graf Treurenberg in lautes Lachen ausbrachen. Dann erzählte der Graf etwas Humoristisches über die Fürstin Gregoriewitsch und etwas Erstaunliches über die Freundschaft der prüden Frau von Geroldstein mit dieser berüchtigten Schönheit und problematischen Fürstlichkeit. »Der Streberstein ist jede Fürstin recht,« sagte Gräfin Mühlberg. »Es ist merkwürdig, wie sich diese Art Damen trotz alles sozialen Ehrgeizes nie auf die feineren sozialen Schattierungen verstehen.« Da bemerkten sie, daß sich im entgegengesetzten Ende des Saales die Stimmung bedeutend belebt hatte. Inmitten eines großen Kreises von Zuhörern stand ein schwarzbärtiges Individuum mit einem Mephistophelesgesicht und auffallend prätentiösen Lackstiefeln und hielt einen Vortrag über irgend etwas. »Wer ist denn das?« fragte Konstanze Mühlberg. »Ja, ich kenn' den Kerl nicht,« rief Graf Treurenberg, » not in my line! « »Ein Schriftsteller aus Wien,« erklärte Fräulein von Horn. »Ist eingeladen worden, um einen Artikel über die Minona zu schreiben.« »Über was predigt er denn?« fragte der Graf. Gräfin Mühlberg streckte ihr feines Köpfchen vor: »Über die Liebe!« rief sie. »So!« – Graf Treurenberg sprang pfeilgerade aus seinem Sessel heraus – »über die Liebe – da muß ich dabei sein.« Und sich mutwillig mit der Zungenspitze über die Lippen fahrend, gesellte er sich zu der Gemeinde des schwarzbärtigen Propheten. Kurz darauf folgte Gräfin Mühlberg seinem Beispiel. Erika blieb mit Fräulein von Horn auf dem Kanapee unter der Palme allein. Bis zu ihr herüber tönte die Stimme des Propheten anspruchsvoll, gedehnt: »Liebe ist die instinktive Erkenntnis eines Wesens, daß es mit einem bestimmten Wesen anderen Geschlechts ein Paar bilden müsse!« Fräulein von Horn kraute sich mit einer ihrer langen Stricknadeln in den glatten grauen Scheiteln. »Ich kenne diese Definition der Liebe, sie stammt von Max Nordau,« sagte sie gleichmütig. Kurz darauf verließ sie ihren Platz neben Erika, um sich ihrer drei Schützlinge, der bereits erwähnten drei Künstler, anzunehmen. Heute von Fräulein Agathe in den Salon Neerwinden neu eingeführt, saßen sie alle drei wie die frierenden Spatzen in einer Dachrinne auf einer rotbezogenen Bank zusammengekauert, verlegen, hungrig und offenbar weidlich erstaunt über die Aussprüche, die aus der Ferne zu ihnen herüberschwirrten. Fräulein von Horn führte sie ans Büfett. Erika blieb unter der Palme gottverlassen allein. Ein zorniger Mißmut bemächtigte sich ihrer. Noch nie hatte man ihr, wo sie auch immer erschienen sein mochte, so wenig gehuldigt wie heute hier. In diesem Salon spielte sie keine größere Rolle als Fräulein Agathe, ja kaum eine so große. Zum erstenmal kam ihr der Gedanke, daß es unter Umständen doch recht unbequem ist, nicht verheiratet zu sein. Zugleich plagte sie uneingestandenermaßen eine große Enttäuschung; sie war nicht gekommen, um die Eigentümlichkeiten der Baronin Neerwinden zu studieren, und auch nicht, um sich an den grotesken Liebesklagen Minonas von Rattenfels zu ergötzen, sie war gekommen ... ja, weshalb war sie eigentlich gekommen? Am anderen Ende des Salons gestaltete sich die Stimmung animierter. Man hörte Ahs und Ohs, kleine Ausrufe des Beifalls, des Entsetzens. Dazwischen erklang's: » Qu'est-ce qu'il dit, expliquez-moi donc! « von Damen, die nicht Deutsch verstanden und sich die gewichtigen Aussprüche Rosenbergs verdolmetschen ließen. »Die einzige sittliche Verbindung ist die auf Wahlverwandtschaft gegründete,« predigte jetzt Rosenberg. »Sehr wahr!« rief Frau von Neerwinden. Eine kurze Pause trat ein. Konstanze Mühlberg hielt sich ihr Taschentuch vor den Mund. Die Gemeinde Rosenbergs hatte jetzt zum größten Teil in den Empiremöbeln, welche die Einrichtung des Palazzo Lugani ausmachten, Platz genommen, die Gondoliere des Hauses präsentierten Erfrischungen. Der schwarzbärtige Prophet stand noch immer, wobei er seinen Claque effektvoll gegen sein Bein stemmte. Ein französischer Schriftsteller, der gerade genug von dem Ganzen verstanden hatte, um auf das Interesse, welches sein deutscher Kollege erregte, eifersüchtig zu sein, begann seinerseits einen Vortrag zu halten: »L'amour est une illusion, qui ... que ...« Er blieb stecken. Da rief irgend jemand, den Erika nicht kannte: »Wo ist Lozoncyi? Der weiß mehr von der Sache als wir, er könnte uns helfen!« »Ich glaube, er verhält sich der Frage gegenüber mehr praktisch als theoretisch!« erwiderte Graf Treurenberg. Nicht lange nachher brachen ein paar Gäste auf, nicht aus Prüderie, sondern weil es bereits spät war. Der Kreis verringerte sich. Erika bemerkte auf einem Sofa, das früher ihrem Auge verdeckt gewesen, Lozoncyi. Er saß zwischen zwei Damen. Die Schleppe der einen lag quer über seinen Knien. Sie war eine prachtvolle Erscheinung in ihrer Art: groß, üppig, tief dekolletiert und mit langen, schmachtenden Augen. Lozoncyi neigte sich gerade zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Mit einer Regung unüberwindlichen Widerwillens erhob sich Erika und trat hinaus auf einen Balkon. Sie hatte kaum den Blick auf die nachtumschleierte Pracht der Paläste vor sich geheftet, als sich ihr jemand genähert hatte – Lozoncyi. »Guten Abend, Gräfin! Ich hatte keine Ahnung, daß Sie hier sind, soeben erst habe ich Sie erblickt!« rief er. Ärgerlich, wie sie war, reichte sie ihm nicht einmal die Hand. »Sie wundern sich, daß mich meine Großmutter hergeführt hat?« fragte sie. »Warum?« fragte er, die Achseln zuckend. »Wegen der Antezedenzien der Hausfrau? Die gehen längst niemand mehr etwas an, und es ist unbedingt der animierteste Salon von Venedig.« »Nun, an Animo hat die Stimmung heute allerdings nichts zu wünschen übrig gelassen,« bemerkte Erika herb. Sie hielt sich mit beiden Händen an die Brustwehr des Balkons und warf ihm, sich etwas zurückbeugend, die Worte über ihre Schulter hinüber zu. Was sie sprach, war ihm verhältnismäßig gleichgültig, aber ihr Anblick berauschte ihn. Immer stark von seiner Umgebung beeinflußt, waren es heute gerade die unedlen Seiten seiner Natur, die in den Vordergrund traten. Er konnte die Augen nicht von ihr wenden. Wie wundervoll war doch die Linie des von der Hüfte ein wenig zurückgebogenen Oberkörpers! »Rosenberg hat sich sehr um die Unterhaltung der versammelten Herrschaften bemüht,« sagte er leichthin. »Und seine Anstrengungen sind von großem Erfolg gekrönt gewesen,« erwiderte ihm Erika spöttisch; dann mit noch um eine Schattierung mehr Hochmut in Haltung und Stimme als früher warf sie hin: »Wird hier ... hm! ... immer so viel von Liebe gesprochen?« »Sehr häufig,« gab er ihr zur Antwort. »Was wollen Sie, es ist auch das Wichtigste auf der Welt!« Und etwas leiser, mit einem seiner indiskret deutlich bewundernden Malerblicke, setzte er hinzu: »Sie werden das auch an sich erfahren!« Sie runzelte die Stirn, wendete sich von ihm ab und trat in das Innere des Salons zurück. Er blieb draußen stehen – sein Kopf war plötzlich sehr heiß geworden. Er fühlte es, daß er sich ihr gegenüber einer Geschmacklosigkeit schuldig gemacht, aber er hatte keine Lust, sich die Schuld zu geben, er war es nicht gewohnt. Sie mußte schuld sein. »Schade, daß sie eine so launenhafte Person ist,« murmelte er zwischen den Zähnen in seiner Wiener Manier, »und dabei ein so bildhübsches Geschöpf – schade!« Aber trotzdem er die ganze Schuld des Mißklangs, der sein Gespräch mit ihr entzweigeschnitten, auf ihre Prüderie abwälzte, ärgerte er sich über sich selbst und war fest entschlossen, sollte ihm je wieder Gelegenheit geboten werden, sich ihr zu nähern, dieselbe besser und geschickter auszunützen als diesmal. Um weniges später verließ Gräfin Lenzdorff mit Erika und Gräfin Mühlberg die Gesellschaft. Sie befand sich in vortrefflicher Laune und wechselte mit Konstanze unermüdlich scherzhafte Aperçus über den Abend, den sie hinter sich hatten. »Und wie hast du dich unterhalten?« wendete sie sich an Erika, nachdem sie die kleine Gräfin heimgebracht und nun mit ihrer Enkelin allein dem Britannia zugondelte. »Ich?« fragte Erika und zog die Mundwinkel herunter. »Wie soll ich mich unterhalten in einer Gesellschaft, in der man von Anfang bis zu Ende von nichts zu reden gewußt hat als von ›der Liebe‹!« Die Großmutter lachte herzlich. »Ja, das war in der Tat ein etwas törichter Zeitvertreib,« gestand sie ihrer Enkelin zu. »Ich begreife auch gar nicht, wie man so viele Worte verlieren kann über etwas, was so auf der Hand liegt, was jeder, der die Augen aufmacht, sieht. Sie tappten alle da- und dorthin, und schließlich hat's keiner herausgebracht, was die Liebe ist. Liebe...« Sie schob das Kinn ein wenig in die Höhe, und ohne daß das gutmütige Spottlächeln von ihren Lippen gewichen wäre, sagte sie: »Liebe ist eine durch gewisse Naturbedingungen erzeugte Überreizung der Phantasie, die sich, solange sie währt, in der ausschließlichen Verherrlichung eines einzigen Wesens ausspricht und den von ihr Befallenen jeder Zurechnungsfähigkeit beraubt. Alles in allem sind die Menschen sehr glücklich zu preisen, die, wenn sie den Gegenstand ihrer Begeisterung wiedersehen, nachdem die Fackel der Leidenschaft verlöscht ist, die Erinnerung an ihre Liebe nicht als eine Erniedrigung empfinden.« Die Großmutter war sehr stolz auf ihre Definition und sah sich, als sie damit fertig geworden, unbefangen nach Erika um, als ob sie etwas ganz Selbstverständliches und recht Erheiterndes in treffende Worte gekleidet habe. Aber Erikas Gesicht hatte einen finsteren, gequälten Ausdruck angenommen. Die Worte der Großmutter hatten den alten Schmerz in ihr geweckt – den Schmerz um ihre Mutter, aus dem ihr ganzes Wesen herausgewachsen war. Es ließ sich nicht leugnen, in vielen Fällen war die Anschauung der Großmutter die richtige. Sollte sie immer die richtige sein? – Etwas in Erikas Wesen bäumte sich dagegen auf. Nein – tausendmal nein! »Das, von dem du sprichst, Großmutter, ist ja nur die falsche Liebe – der Wahn,« sagte sie mit verschleierter, leise zitternder Stimme; »aber es gibt ja doch noch eine andere, eine echte, heilige, eine veredelnde Liebe!« »Mag sein,« sagte die Großmutter, »das Traurige dabei ist nur, daß man die unedle von der edlen nicht früher unterscheiden lernt, als wenn sie vorüber ist.« Erika sagte nichts mehr. Die Luft war lind, ein süßer Rosenduft wehte über den faulen Ausdünstungen der Lagune, die lockende Gespenstermusik tönte aus der Ferne. Erika aber kroch ein eisiger Schauer durch die Glieder, und zu gleicher Zeit regte sich halb unbewußt in ihrem Herzen eine große, nagende Sehnsucht. Acht Tage, vierzehn Tage waren verstrichen, seitdem Minona von Rattenfels so effektvoll ihren ins Leere hinausschmachtenden Liebesschmerz zum besten gegeben hatte. An Erika hatte sich eine auffallende Veränderung vollzogen. Sie zeigte sich jetzt heiterer, oder wenigstens zugänglicher, schloß sich nicht mehr in ungesunder Menschenscheu von der Welt ab, sondern ging in Gesellschaft, sooft die Großmutter sie dazu aufforderte. Wo sie erschien, begegnete sie Lozoncyi – Lozoncyi, der sie kaum eine Minute aus den Augen ließ, zugleich aber keinen Versuch mehr machte, sich ihr in irgendeiner auffälligen Weise zu nähern. Seine Haltung ihr gegenüber war jetzt nicht nur musterhaft, sondern geradezu rührend. Immer zur Hand, wenn es hieß, ihr einen kleinen Dienst zu erweisen – sei es, ihr ein Eisschälchen oder eine Teetasse abzunehmen oder einen verlegten Fächer, ein Paar Handschuhe zu suchen –, trat er sofort wieder zurück, um ihren anderen Verehrern Platz zu machen, deren Zahl sich jetzt täglich mehrte. Unter diesen stand Prinz Helmy Nimbsch, der sich zeitweilig in Venedig aufhielt, in der ersten Reihe; die ganze internationale Gesellschaft von Venedig erwartete von einem Tag zum anderen eine Verlobung; und heute, das ließ sich nicht leugnen, bei einer Lawn-tennis-Partie bei Lady Stair, hatte der Prinz Erika sehr deutliche Beweise seiner Absichten gegeben. Sie war ein wenig erschrocken; während sie den jungen Mann nicht ohne Übereilung von seinen sentimentalen Gesprächsbahnen auf ein neutrales Gebiet gelenkt, waren ihre Augen zufällig dem Blick Lozoncyis begegnet. Um weniges später hatte sie sich von dem Prinzen losgemacht. Man hatte von neuem angefangen, Lawn-tennis zu spielen. Erika hatte bei diesem Sport eine Lebhaftigkeit, Anmut und Energie entwickelt wie nie zuvor. Als sie sich dann, ein Bild stolzen jungen Lebens, mit leuchtendem Haar und glänzenden Augen von dem Spielplatz zurückzog, trat Lozoncyi an sie heran, um ihr die Rakette abzunehmen. »Sie sehen, wie recht der arme Maler gehabt, als er es nicht mehr wagte, sich seiner kleinen Fee wieder zu nähern,« murmelte er. Bescheiden und liebkosend, zugleich Mitleid und Sympathie erregend, schwebten die Worte an ihrem Ohr vorüber. Ehe sie ihm noch etwas hatte erwidern können, war er verschwunden. Den Rest des Nachmittags näherte er sich ihr nicht mehr, doch merkte sie deutlich, wie seine Blicke abwechselnd von ihr zu Prinz Nimbsch hinüberschweiften – erst fragend, dann – erleichtert. Jetzt ist es um wenige Stunden später und nach dem Diner. Draußen glänzen die Lämpchen bereits rot den Canal Grande entlang, und ihr tausendfältig gebrochener Widerschein schaukelt sich in langgestreckten goldenen Streifen auf den kleinen Wellen der Lagune. Ein wenig elektrisches Licht beleuchtet allein das Wohnzimmer, in dem Erika an dem Flügel sitzt und Reminiszenzen aus Parsifal spielt – immer wieder gleitet ihr das Motiv sündiger Weltlust aus den Fingern. Da tritt die alte Gräfin ein. Ihrer gewöhnlichen, direkt auf ihr Ziel lossteuernden Art ganz entgegen, fängt sie an, planlos zwischen den von Erika in dem kleinen Gemach aufgestapelten Merkwürdigkeiten herumzuspazieren, bald dies, bald jenes zu betasten. Plötzlich bleibt sie neben dem jungen Mädchen stehen und bemerkt: »Prinz Nimbsch scheint dir sehr den Hof zu machen – man spricht bereits darüber!« »Unsinn!« erwidert Erika ausweichend und führt von neuem ihre Hände über die Tasten. »Zeitvertreib!« »Hm! ... hm! Er scheint mir die Sache doch etwas ernster aufzufassen,« murmelt die alte Frau, »auch ist nicht zu leugnen, daß es eine glänzende Partie wäre.« Erika läßt die Hände von den Tasten heruntergleiten. »Aber Großmutter!« ruft sie fast lachend, »was fällt dir denn ein – er ist ja ein Kind!« »Ein Kind? Er ist volle vier Jahre älter als du, und ich brauche dich wohl nicht daran zu erinnern, daß du kein Kind mehr bist!« Der Ton der alten Frau klingt etwas unruhig: »Jedenfalls mußt du dir's gut überlegen ...« »Ehe ich mich von neuem in eine Verlobung einlasse,« fällt ihr Erika ziemlich schroff ins Wort. »Ich verspreche es dir, ja, mehr als das, ich verspreche dir feierlich, daß ich mich nicht mit Prinz Nimbsch verloben werde!« »Eigentlich ... muß ich selbst sagen ... ich glaube nicht, daß er dir gewachsen wäre!« murmelt die alte Frau. Dann setzt sie etwas unsicher hinzu: »Freilich, die Stellung ist sehr lockend – sehr lockend!« »Aber Großmutter!« ruft Erika, und noch einmal gedehnt, vorwurfsvoll: »Aber Großmutter!« Dann, auf die alte Frau zugehend, legt sie ihr den Arm um die Schultern und küßt sie auf den noch immer vollen grauen Scheitel: »Kennst du mich wirklich so wenig?« Die Großmutter erwidert die Liebkosung des jungen Mädchens gerührt, worauf sie leise, wie zu sich selbst sprechend, murmelt: »Als ob du dich selber kenntest, mein armes, liebes Kind!« »So weit kenn' ich mich,« versichert Erika, »daß ich nämlich seit meinem ersten Verlobungsirrtum gründlich von allem weltlichen Ehrgeiz geheilt bin.« »Ach, das war etwas ganz anderes!« seufzt die Großmutter. »Deine Verbindung mit Lord Langley wäre etwas geradezu Unnatürliches gewesen – aber Helmy Nimbsch ist ein ritterlicher, hübscher junger Mensch.« »Es läuft auf eins hinaus,« spricht halblaut Erika. »Alt oder jung, ist er immerhin ein Mann, den ich nicht liebe und den ich nicht lieben könnte.« Die alte Frau schüttelt ungeduldig den Kopf. »Fängst auch du damit an? Liebe – ich hatte dich doch für zu vernünftig gehalten dazu – Liebe – Liebe! Gott beschütze dich vor der Krankheit! Die einzigen gesunden Grundbedingungen einer glücklichen Ehe sind unbegrenzte Achtung und warme Sympathie – alles, was darüber hinausgeht, ist vom Übel!« Erika bleibt stumm. Indessen fährt die alte Frau fort: »Die Leidenschaft taugt nichts für eine anständige Frau. Die Leidenschaft ist ein Rausch, und auf jeden Rausch folgt ein Katzenjammer. Daraus ergibt sich, daß sich für die anständige Frau, die sich den Rausch bekanntermaßen höchstens einmal gönnen darf, der Katzenjammer nach flüchtiger Wonnezeit über den ganzen Rest ihres Lebens hinzieht. Nur die pflichtlose Frau, die sich erlaubt, jeden Katzenjammer mit einem neuen Rausch zu kurieren, darf sich die Leidenschaft erlauben. Für unsereinen ist das alles dummes Zeug.« Um diese lange Rede zu halten, hat sich die Gräfin in einen Sessel niedergesetzt, auf den Knien hält sie einen Band Taine: Les Origines de la France, den sie in Erikas Wohnzimmer mitgebracht hat und auf den sie von Zeit zu Zeit, wie um ihre Aussprüche besonders zu betonen, energisch mit einem großen japanischen Papiermesser klopft. Erika steht unweit von ihr an den Klavierdeckel gelehnt, hoch und biegsam in ihrem langen weißen Kleid, in dem ihre schlanke Gestalt eine unnachahmliche Wellenlinie beschreibt. »Und was ergibt sich denn aus deiner schönen Predigt? Daß ich Helmy Nimbsch heiraten soll auch ohne Liebe?« fragt sie. »Helmy Nimbsch?« Das schwere schwarze Brokatkleid der alten Dame raschelt aufgeregt, was davon herrührt, daß sie bei diesem letzten Ausruf fast aus ihrem Lehnsessel, dessen beide Vorderecken sie energisch mit ihren Händen erfaßt hat, herausgesprungen wäre, »Helmy Nimbsch? Wer spricht von dem?« »Du, dachte ich, Großmutter,« meint etwas boshaft lächelnd Erika. »Wenn ich nicht irre, war er der Ausgangspunkt unseres Gesprächs.« »Ach was, Helmy Nimbsch – ce n'est pas sérieux !« Die alte Frau wischt sich mit ihrem weichen Batisttuch die Lippen. »Und von wem sprichst du denn sonst?« fragt Erika und sieht ihr gerade und etwas unzufrieden in die Augen. »Ach, von niemand, ich redete im allgemeinen!« erwidert etwas gereizt die alte Dame. Dann nach einer Pause seht sie noch gereizter hinzu: »Wenn du übrigens für den jungen Nimbsch unbegrenzte Achtung und warme Sympathie empfindest, so heirate ihn by all means .« Statt aller Antwort macht sich Erika mit den Noten aus dem Flügel zu schaffen. Eine lange Pause folgt – von unten tönt das Gemurmel, Gerumpel und Glockengeläute herauf, das in einem Hotel mit der Ankunft neuer Gäste verbunden ist. Das Herumschieben von Koffern, das Knarren schwerer Tritte – mehrere Stimmen tönen durcheinander. Gräfin Lenzdorff benutzt die Gelegenheit, sich über den Lärm zu beklagen und Erika zu erklären: »Eigentlich habe ich dieses Herumvagieren in der Fremde satt!« »Du, Großmutter? Aber du warst ja stets so entzückt davon! Noch gestern hast du mir dein venezianisches Leben als besonders »erholend« gepriesen!« »Ja – ja, aber es dauert mir zu lange. Während du mit Konstanze Mühlberg bei Stair Lawn-tennis gespielt hast, war ich bei Hedwig Norbin. Sie ist gestern angekommen und wohnt knapp neben uns im Europe. Nur auf der Durchreise hält sie sich hier auf. Schade!« »Hm! Und die hat dir eine so verlockende Beschreibung von Berlin gemacht, daß du infolgedessen Lust bekamst, sofort deine Zelte abzubrechen und nach der Bellevuestraße hinüberzufliegen?« fragt Erika kalt. »Jetzt, mitten aus diesem wundervollen südlichen Frühling heraus?« »Ach was, der Frühling ist überall schön! In Berlin ist er schöner als in Venedig – es gibt nichts Schöneres als den Tiergarten im Mai, und dann, ich finde dort meine alten Gewohnheiten wieder, meine alten Freunde.« »Ich habe eben keine Freunde in Berlin,« sagt Erika mit eigentümlicher Betonung, »und dies ist der Grund, weshalb ich dich bitte, mir zulieb noch eine Weile von Berlin fernzubleiben. Nächsten Herbst mach' mit mir, was du willst. Vorläufig hab' ein wenig Geduld mit mir!« »Geduld – Geduld!« Wieder klopft die alte Gräfin einen kleinen Marschrhythmus mit ihrem japanischen Papiermesser auf den grauen Umschlag von Taines Origines de la France . Nach einem Weilchen beginnt Erika: »Hat dir Frau von Norbin nichts Näheres über Dorothee von Sydow erzählt. Wie faßt die Welt ihre Lage auf?« »Wie die Welt ihre Lage auffaßt?« ruft die alte Gräfin. »Wie soll die Welt die kritische Lage einer Frau auffassen, die nie die geringste Rücksicht für irgend jemand gezeigt, nie jemand eine Wohltat, ja kaum eine Gefälligkeit erwiesen und nur ihrer eignen leichtfertigen Selbstsucht gelebt hat! Die Welt hält eine Persönlichkeit nur dann, wenn sie durch das Fallenlassen derselben etwas verliert. Wer verliert etwas dadurch, daß Dorothee von der Liste gestrichen wird? Ein paar junge Herren vielleicht, und die nicht, denn denen steht es frei, ihr außerhalb der Gesellschaft den Hof zu machen. Die Welt dreht ihr den Rücken; nach dem, was mir Hedwig erzählte, ist sie absolut gemieden!« »Und wie findet sie sich in ihr Schicksal?« fragt Erika. »So schlecht als möglich. Ein jeder hätte geglaubt, sie würde den Moment geeignet finden, Berlin zu verlassen. Ich für meinen Teil hätte niemals angenommen, daß ihr so viel an ihrer gesellschaftlichen Stellung liegt. Wie es scheint, klammert sie sich daran. »Wie angenehm für ... für den Bruder des Verstorbenen!« sagt Erika. Mehrere Monate sind verstrichen, seitdem ihre Lippen den Namen Goswyn zum letztenmal ausgesprochen haben – es scheint, als ob sie verlernt hätte, ihn zu sagen. »Für Goswyn!« ruft die alte Frau aufrichtig und herzlich bekümmert aus. »Gräßlich! Er soll aussehen nicht zum Erkennen, abgemagert, menschenscheu. Ich hätte gar nicht gedacht, daß er so an Otto hing. Freilich, die Umstände, die den Tod des Armen begleiteten, waren fürchterlich! Er hat zwar immer allerhand an mir auszusetzen, aber schließlich bin ich seit dem Tode seiner Mutter doch die Person, die ihm auf dieser Welt am nächsten steht. Ich weiß, daß er sich freuen würde, sich einmal ordentlich mit mir aussprechen zu können.« Erika holt tief Atem, ihre großen, hellen, dunkelumsäumten Augen blitzen. »So!« ruft sie aus, »also deswegen willst du nach Berlin, um Herrn Goswyn von Sydow zu trösten? Ich wußte immer, daß du ihn sehr lieb hast – daß du ihn lieber hast als mich, erfuhr ich erst jetzt!« »Erika! – Lieber als dich...!« Die alte Frau hat sich erhoben und fährt Erika zärtlich von der Schulter abwärts über den Arm. »Es tut mir nur manchmal leid, daß ich euch nicht beide zusammen liebhaben kann!« setzt sie halblaut und fast schüchtern hinzu. Aber Erika wehrt die ihr sonst so teure Liebkosung der Großmutter diesmal zornig von sich ab. »Ich begreife dich nicht!« ruft sie aus, »es ist ja eine reine Manie von dir! Immer wirfst du mir vor, daß ich Goswyn nicht geheiratet habe, oder machst Anspielung darauf, daß ich ihn noch heiraten sollte – einen Menschen, der sich seit Jahren nicht mehr um mich kümmert!« »Erika, wie kannst du nur so reden; denke an Baireuth!« ermahnt die Großmutter. »Und ob ich an Baireuth denke!« fährt Erika fort. »Nun ja, in Baireuth interessierte er sich noch für mich, das heißt, er hatte die Erinnerung an das junge Mädchen, mit dem er in den Tiergarten ausgeritten war, noch nach Baireuth mitgebracht; aber die Erinnerung paßte nicht mehr auf das, was er in Baireuth fand. Das war der Schluß von allem!« Ein paarmal schreitet sie stumm in dem Zimmer auf und ab, dann plötzlich vor der Großmutter stehenbleibend, ruft sie aus: »Es wurmt mich schon lange: jedesmal, wenn du von Goswyn sprichst und dich in die Betrachtung seines maßlosen Edelmuts vertiefst, sticht's mich ins Herz. Edelmut! ... mag sein – aber es ist ein kalter, unfruchtbarer Edelmut! Nun ja, er ist ein durch und durch rechtlicher Mensch, aber er ist ein Mensch, der keine Schwäche verzeiht, weil er selbst keine hat. Er... o ja ...!« Erikas Stimme wird heiser, sie schöpft tief Atem, dann fährt sie mit schwindelnder Geläufigkeit fort: »Ich zweifle nicht daran, daß er jeden Augenblick bereit wäre, ins Wasser zu springen, um mit Lebensgefahr den ersten besten Taugenichts herauszuziehen, aber sobald er ihn aufs Trockene gebracht hätte, würde er ihm den Rücken kehren und mit seiner unerträglich geraden Haltung und sehr großen Schritten davonstolzieren, ohne sich auch nur einmal nach dem Geretteten umzusehen, geschweige, denn ihm ein gutes Wort zu geben. Nimm sein Benehmen gegen mich! Ich komme ausdrücklich darauf zurück, damit wir mit dieser peinlichen und demütigenden Einbildung von dir ein für allemal aufräumen. Er hat mir, wie du weißt, damals in Baireuth einen Dienst geleistet, den mir so leicht kein anderer erwiesen hätte – zugegeben. Aber er hat mir's nie verziehen, daß ich sechs Wochen oder acht Wochen lang – was weiß ich! – die Braut von Lord Langley gewesen bin. Mein Gott, es war ein Mißgriff meinerseits, eine Dummheit, die ich aus Eitelkeit, aus Ehrgeiz begangen habe. Gut, aber mehr war's nicht – und doch war's genug für ... für Herrn von Sydow, mich ein für allemal aus seiner Gnade zu streichen. Da hast du deinen wundervollen Goswyn, so ist er und nicht anders. Mir ist das ja ganz gleichgültig – ich interessiere mich nicht im mindesten für ihn – Gott sei's gedankt! Wenn ich mich für ihn interessiert hätte, so hätte ich mich ja halb tot kränken können – so aber ... Ich ärgere mich höchstens darüber, daß ich ihn überschätzt habe – das ist alles!« Staunend hat ihr die Großmutter zugehört. Sie hat sie noch nie so aufgeregt gesehen, sie hat nicht gewußt, daß ihre Stimme solcher Modulationen fähig ist. Bisweilen ist es die Stimme eines trotzig zornigen Kindes, und dann wieder die eines leidenschaftlich erregten stolzen Weibes. »Aber Erika!« ruft sie jetzt, da das junge Mädchen innehält, »das ist ja alles Blödsinn – sehr scharfsinnig ausgeklügelter Blödsinn, der ärgste von allen! Nicht ein Wort ist wahr davon! Ich bin überzeugt, daß er dich noch geradeso verehrt wie früher!« »Du hast eine reiche Phantasie,« spöttelt Erika. »Merkwürdig, daß Goswyn die ganze Zeit über seine Verehrung nie kundgegeben hat!« »Liebes Kind,« entgegnet ihr die Großmutter, »das ist etwas anderes. In gewisser Beziehung ist Goswyn kleinlich – das habe ich dir selber gesagt. Ihm ist seine Armut viel zu wichtig gewesen und deine Wohlhabenheit auch. Das ist eine Kinderei, die ihn vielleicht um das Glück seines Lebens gebracht hat. Aber sag', was du willst, ich bin überzeugt, daß seine Armut allein ihn davon abgehalten hat, sich dir, nachdem du ihm den Korb gegeben hattest, wieder zu nähern.« »So!« Erika wirft trotzig den Kopf zurück. »Nun, mit der Armut ist's vorbei!« ruft sie aus. »Aber Erika! Zartfühlend, wie du's bist, solltest du doch begreifen, daß ein Mensch wie Goswyn es nicht schnell über sich gewinnen kann, Nutzen aus dem Tode seines Bruders zu ziehen, und noch obendrein aus einem Tode, der unter solchen Umständen erfolgt ist!« Erika schweigt einen Augenblick, ihr blasses Gesicht zuckt, dann sagt sie gedämpft: »Gewiß, Großmutter! Daß er jetzt schon um mich anhielte, wäre einfach häßlich – aber siehst du ... wenn mich ein so großes Unglück getroffen hätte wie ihn, so hätte ich die Empfindung, als wollte ich meinen Schmerz zu den Menschen tragen, die meinem Herzen am nächsten stehen. Du konntest daran denken, nach Berlin zurückzukehren um seinetwillen. Wenn irgend etwas von all dem, was du dir in den Kopf gesetzt hast, wahr wäre, so wäre er nach Venedig gekommen – einen Urlaub hätte er erreicht. Und nun haben wir uns darüber ausgesprochen ein für allemal. Zum Glück ist er mir ganz gleichgültig – vollständig gleichgültig. Ich habe dir dies alles nur gesagt, damit du mir nicht ein zweitesmal zumutest, Knall und Fall mit dir nach Berlin zurückzureisen, damit die ganze Welt, die mir so überaus wohlgesinnte Welt, sagt: Sie läuft Goswyn von Sydow nach, seitdem er Majoratsherr geworden ist!« Die Großmutter legt ihre beiden Hände auf Erikas Schultern, zieht dann ihren stolzen, jungen Kopf zu sich nieder und küßt sie auf die Stirn. Indem öffnet sich leise, behutsam die große, einflügelige Tür von rotbraunem Mahagoni. Der unentbehrliche Lüdecke tritt ein und präsentiert eine Visitenkarte. »Paul von Lozoncyi,« sagt Gräfin Lenzdorff, die Karte auf den Präsentierteller fallen lassend. »Bist du gelaunt, Fremde zu sehen?« »Ja, warum nicht?« fragt Erika. Kurz darauf trat Lozoncyi in das hübsche Boudoir Erikas. Erika empfing ihn mit auffallender Freundlichkeit, die alte Gräfin schien sich im Gegenteil offenbar vorgenommen zu haben, steif gegen ihn zu sein. Sie war es nicht gewöhnt, daß junge Männer, wenn sie selbe aufgefordert hatte, sie zu besuchen, es so lange aufschoben, ihre Aufwartung zu machen. Kaum aber war sie fünf Minuten mit Lozoncyi beisammengewesen, so schmolz ihr Mißmut wie Schnee in der Sonne. Ohne auch nur Miene zu machen, sich wegen seines langen Fernbleibens zu entschuldigen, befleißigte der Maler sich einfach, seinen liebenswürdigen Wirtinnen zu beweisen, wie außerordentlich wohl es ihm bei ihnen gefiel, nachdem er endlich den Weg zu ihnen gefunden hatte. »Wie reizend!« sagte er, sich umsehend, »man hat keine Ahnung davon, daß man in einem Hotel ist!« Und dabei rieb er sich in seiner fröstelnden Art die schlanken Hände. »Sie befinden sich in dem Sanktuarium meiner Enkelin,« erklärte ihm Gräfin Lenzdorff, »mein eigenes Empfangszimmer ist um einige Schattierungen kahler.« »So! Ich mache Ihnen mein Kompliment, Gräfin Erika! Ich weiß, daß es mir eigentlich nicht zukommt, das erstemal, daß ich die Ehre habe. Ihr Heiligtum zu betreten, mich nach allen Ihren Raritäten umzusehen, wie der geheime Agent eines Modeantiquars, aber unsereins freut sich immer, wenn sich ihm irgendeine Augenweide bietet. Merkwürdig, wie gut Sie sich den Rahmen zu Ihrer Persönlichkeit geschnitzt haben. Sehen Sie nur, Exzellenz, das Bild!« Er lenkte die Aufmerksamkeit der alten Frau auf die Erscheinung Erikas, die jetzt lässig in einem hochlehnigen Großvaterstuhl saß, gegen dessen mit goldenen Arabesken geschmückten Überzug von altem Leder sich ihr rotbraunes Haar eigentümlich abhob. »Es ist entzückend – die weiße Figur gegen das goldschimmernde Leder und daneben der Delftkrug mit den Jonquillen – ein Bild, wer's nur festhalten dürfte!« seufzte er, und dann setzte er hinzu: »Wenn Sie wüßten, welche Not ich oft habe, wenn es gilt, bei einer Dame, die ihr Porträt bei mir bestellt, eine Pose zu finden – bei Gräfin Erika würde einem die Wahl schwer. Sehen Sie doch, Exzellenz, diese Linie!« »Sie werden das Kind noch ganz befangen machen,« verwies ihm die im Grunde ihres Herzens geschmeichelte Großmutter. »Statt der Erika den Kopf zu verdrehen, sollten Sie mir lieber sagen, warum Sie so lange gebraucht haben, den Weg hierher zu finden?« Er zuckte ein wenig zusammen, schlug die Augen voll zu ihr auf, schlug sie dann wieder nieder – und endlich beide Hände auf seine Knie stützend, sagte er halblaut: »Fragen Sie mich lieber, warum ich überhaupt gekommen bin.« »Nein, ich frage ausdrücklich, warum Sie nicht früher gekommen sind?« lachte die alte Frau. »Warum?« Er stockte einen Augenblick, dann erwiderte er ruhig: »Weil ich nicht Lust hatte, unter allen Verehrern Gräfin Erikas der letzte zu sein, der an ihrem Triumphkarren zieht. So, da haben Sie's – so deutliche Fragen zwingen zu deutlichen Antworten.« Dabei sah er die alte Dame beobachtend an, ob er nicht zu weit gegangen sei. Aber nein! Er gehörte zu jenen bevorzugten Menschenkindern, denen man dreimal mehr verzeiht als allen anderen; irgend etwas in dem singenden Tonfall seiner weichen, ungemein warmen und aufrichtig klingenden Stimme, sein treuherziger und zugleich etwas schwermütiger Blick und besonders sein Lächeln, sein hübsches, einschmeichelndes Lächeln, nahmen sofort für ihn ein. Es war noch immer dasselbe Lächeln, mit dem er sich als halbwüchsiger Junge in der kleinen Erika weiches Kinderherz hineingeschlichen, das liebenswürdige, nichtsnutzige Lächeln, das er von einer gutmütigen und leichtsinnigen Mutter geerbt haben mochte. Die alte Frau lachte einfach zu dem Geständnis. Hierauf fragte sie etwas spöttisch: »Und jetzt zeigen Sie sich' bereit, geduldig als der allerletzte usw. usw?« Er schüttelte den Kopf. »Jetzt ist es mir eingefallen, daß ich Gräfin Erika vielleicht eine kleine Freude machen könnte, die ihr kein anderer unter ihren momentan um sie herumschmachtenden Verehrern zu bereiten vermöchte, und ich bin gekommen, sie zu fragen, ob sie mir dazu Gelegenheit bieten will?« Erika blieb stumm, die alte Gräfin hingegen schüttelte ihren schönen Kopf und sagte: »Herr von Lozoncyi, Sie sprechen in Rätseln.« Lozoncyi sah erst mit einem besonders zum Herzen sprechenden Blick von einer der Damen zur anderen; dann sich direkt an die jüngere wendend, sagte er: »Sie erinnern sich wohl noch dessen, daß ich in Ihrer Schuld stehe, Gräfin Erika?« »Ja, ich hab' Ihnen einmal fünf Gulden geborgt,« erwiderte diese. »Fünf Gulden ...!« wiederholte er. »Es ist nichts, nicht wahr – aber damals war's für mich viel. Ohne diese fünf Gulden hätte ich wahrscheinlich nie den Weg bis zu meiner Tante Illona in München gefunden, und vielleicht wär' ich in einem Straßengraben verhungert. Sie sehen, daß ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin; in Anerkennung dieses Faktums bin ich hergekommen, Sie zu fragen, ob Sie mir erlauben würden, Ihr Porträt zu malen?« Erika sah ihn starr an. »Um fünf Gulden?« rief die alte Gräfin mit einer urkomischen Betonung. Es war bekannt, wie schwer Lozoncyi dazu zu bringen war, die Ausführung irgendeines Porträts zu übernehmen, und welche fabelhaften Preise er sich dafür zahlen ließ. »Ich bitte Sie, geben Sie mir keinen Korb, Gräfin Erika!« flehte er, indem er die Hände wie ein kleines Kind zusammenlegte, das um Kuchen bettelt. »Ich würde dir raten, den Antrag anzunehmen;« meinte die Großmutter, »zweimal dürfte er dir kaum gemacht werden.« »Sie setzen sich nicht der geringsten Unannehmlichkeit aus,« drang er in Erika, »es sei denn der, sich ein paar Stunden zu langweilen. Ich weiß, daß Sie meine Malerei nicht mögen, und darum gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich das Bild verbrenne, wenn es Ihnen nicht gefällt, selbst wenn ich's für ein Meisterwerk halten sollte. Aber wenn es mir gelingt, Ihren Geschmack zu befriedigen, wird Sie das Bild vielleicht manchmal an einen armen Teufel erinnern, der ...« Seine Phrase wurde durch das Eintreffen eines Besuches unterbrochen. Mehrere Personen erschienen im Laufe des Abends. Es wurde viel geplaudert und gelacht. Lozoncyi blieb, bis alle anderen gegangen waren. »Und wann ist die erste Sitzung?« fragte er. »Wann's Ihnen beliebt,« gab ihm Erika zur Antwort. »Morgen?« »Morgen, wenn Sie wollen.« Seine Augen leuchteten auf. »Gegen elf!« rief er. Sie sagte zu. Den nächsten Vormittag trug Lüdecke mit seinem üblichen feierlichen Gesicht in die Gondel seiner Herrinnen einen kleinen Koffer, welcher die Toilette enthielt, in der Erika sich malen lassen sollte, dasselbe Kleid, in dem sie Lozoncyi bei Frau von Neerwinden gesehen und das verewigen zu dürfen sich der Maler erbeten hatte. Nachdem er den Koffer abgegeben, setzte der würdige Kammerdiener sich sofort wieder an sein Lieblingsplätzchen auf einer hinter einem geschnitzten Tisch verschanzten, ebenfalls geschnitzten Bank, knapp neben dem Lift gegenüber der Tür des Speisezimmers. Er verbrachte beinahe die ganze Zeit seines venezianischen Aufenthaltes auf dieser Bank, abwechselnd damit beschäftigt, etwas Belehrendes über die vergangene Größe Venedigs zu studieren, oder damit, sich von irgendeinem ebenfalls müßigen Kurier oder Kammerdiener in die Geheimnisse der verschiedenen Bewohner des Britannia einweihen zu lassen. Nur sehr selten begleitete er seine Herrschaft bei ihren Ausfahrten. Auch Marianne war nicht mitgenommen worden; Erika hatte ihrer Großmutter erklärt, daß sie beim Anlegen ihrer Porträttoilette keine Hilfe brauche. Der Himmel war wolkenlos, die Luft warm, ohne drückend zu sein. Die zwei Gondoliere ruderten lustig und rasch. Lozoncyi wohnte etwas hinter dem Rialto in einer der schmäleren Wasserstraßen links vom Canal Grande. Nach Verlauf einer Viertelstunde hielt die Gondel bereits vor einer blaßgrünen Tür mit einem eisernen Löwenkopf in der Mitte. Einer von den Gondolieren klopfte mit dem Ring, den der Löwe im Maul hielt. Lozoncyi selbst öffnete die Tür. Er trug einen verwaschenen Leinwandkittel und sah ungemein vergnügt aus. »Bis zum letzten Augenblick fürchtete ich eine Absage, und jetzt sind Sie doch gekommen, und – nota bene ! – Sie haben sich nur um eine Viertelstunde verspätet,« sagte er herzlich; dann dem den beiden Damen ins Haus folgenden Gondolier den Handkoffer abnehmend, rief er mit seiner frischen Stimme: »Lucrezia! – Lucrezia!« so laut, daß es nur so an den steinernen Wänden widerhallte. »Sie müssen schon entschuldigen, meine Damen,« wendete er sich an die beiden, »auf elektrische Schellen ist meine Behausung nicht eingerichtet.« Von einer in den Gang hinab mündenden, teppichlosen, grausteinernen Treppe herab kam eine alte Venezianerin mit großen Ringen in den Ohren und mit gewelltem grauem Haar, das sie über der Stirn gescheitelt und rückwärts in einen Knoten zusammengedreht trug. Diese antike Frisur paßte vortrefflich zu ihrem regelmäßigen Gesichtsschnitt. Sie lachte den Damen freundlich zu und zeigte ihnen dabei zwei Reihen blendend weißer Zähne, während ihr Lozoncyi mit schwindelnder italienischer Geläufigkeit auftrug, den Koffer in das Ankleidekabinett zu bringen und auszupacken. Aus dem schmalen Gang, der von dem Kanal quer durch das Haus führte, kam man in einen Garten, in dem alles durcheinander wuchs. Zartes grünes Laub bedeckte bereits die Büsche – hier und da zeigte sich zwischen den noch weichen und matt hängenden Blättchen eine grünlichgrau überhauchte Rispe weißen Flieders. Die ganze Fassade des Hinterhauses entlang, in dem sich das Atelier befand, zogen sich die dicken grauen Äste eines über und über mit blaßlila Blütentrauben bedeckten Glyzinenstrauches. Diese Glyzinen trieben übrigens ringsherum ihren Unfug, in die Äste eines noch fast kahlen, grauen Maulbeerbaumes krochen sie hinauf, zwischen den grün angestrichenen Stäben eines aus Latten zusammengezimmerten Laubenganges, an der inneren Seite der Gartenmauer, schlängelten sie sich, so daß ihre fast durchsichtigen, aus zartem Violett ins Gelbliche hinüberspielenden Blüten, von der Sonne durchleuchtet, sich in wunderbarer Pracht gegen den blauen Himmel abhoben. Ein moosdurchwuchertes Bassin nahm die Mitte des Gartens ein, unter einem Akazienbaum streckte ein stark zerschundener Faun lebenslustig die Arme in die Höhe, und ringsherum wucherte verwirrtes Rosengestrüpp. »Ach, wie reizend!« rief Erika aus. »Nicht wahr, es ist hübsch,« sagte der Maler. »Das Gärtlein mein' ich. Es ist des Gartens wegen, daß ich mich hier festgesiedelt habe. Man freut sich so an einem Fleckchen Erde in diesem wässerigen Venedig. Es ist das einzig Nette, was ich Ihnen zu zeigen habe, das Gärtchen.« »Vergessen Sie doch Ihre Lucrezia nicht, das ist eine Schönheit, die Ihrem Garten den Rang abläuft!« verbesserte ihn Gräfin Lenzdorff. »Mein altes Faktotum – ja, die hat ein hübsches Gesicht, prächtige Züge. Ich kann nichts Garstiges um mich leiden. Aber ... haben Sie gemerkt, wie kurz und dick sie ist?« fragte er die Gräfin, und zwar mit einem dermaßen bekümmerten und verdrießlichen Gesicht, daß sie darüber lachen mußte. »Nun, was weiter; ist es in Ihren Augen ein Verbrechen?« »Nein,« sagte er nachdenklich, »aber es macht sie zu malerischen Zwecken unbrauchbar. Ich wollte sie neulich stehen lassen – nicht möglich! – höchstens als humoristische Charge, als Wärterin der Julia, oder als moderne Kartenschlägerin, und das ist not my line . Es ist ein Jammer! Haufenweise finden Sie hübsche Gesichter unter diesen Venezianerinnen, auch noch Schultern – prachtvoll... alles weitere unmöglich! Zu lange Leiber, zu kurze Beine, keine Linie, keine großartige Bewegung, und findet man endlich ein Modell, das genügend lange Glieder hat, so ist's wieder wie ein Storch. In dieser Richtung habe ich überhaupt meine liebe Not. Als ich damals den Frühling malte, da war ich schon ganz verzweifelt, weil ich niemand auftreiben konnte für meine weibliche Figur. Da am Rialto sah ich eine Person, nicht mehr ganz jung, geschminkt, aber prachtvoll gewachsen – so groß wie Gräfin Erika, nur nicht...« Er brach ab und wurde sehr rot; gleich darauf hatte er jedoch seine Verlegenheit über einer neuen Begeisterung vergessen. Vor der Tür des Ateliers hatte Erika den Arm nach einer Glyzinentraube ausgestreckt. »Nur einen Augenblick, Gräfin, bleiben Sie so!« schrie er fast vor lauter Eile; dann in sein Atelier stürzend, kam er mit einem Skizzenbuch und einem Korbsessel heraus. Den Korbsessel stellte er irgendwo in den Schatten für die alte Gräfin, worauf er sofort sich eine Notiz aufzukritzeln begann. »Sehen Sie nur diese Biegung!« rief er der Großmutter zu. »Das ist Musik!« Die Art und Weise, wie er unablässig mit der Schönheit oder Häßlichkeit des menschlichen Körpers beschäftigt war, die genaue Analyse, welcher er denselben bei den verschiedensten Anlässen unterzog, was ja teilweise sein Beruf mit sich brachte, hatte eigentlich etwas Verletzendes. Aber keine der beiden Damen nahm Anstoß daran. Erika teilweise aus Unerfahrenheit, teilweise weil ihrer Eitelkeit zu sehr geschmeichelt war, als daß sie ein so unangenehmes Bedenken hätte aufkommen lassen – die alte Frau nicht, weil sie in dieser Richtung seit der letzten Zeit überhaupt abgestumpft war, und nebenbei auch, weil Lozoncyi Betrachtungen und Bemerkungen in obenerwähnter Richtung mit einer derartig frischen Unbefangenheit vorbrachte, daß es den Eindruck machte, als ob er höchstens gegen die guten Manieren sündige. Man mußte sehr tief in ihn hineinsehen, um zu entdecken, wie dieses ewige Beschäftigtsein mit der körperlichen Schönheit in seine innerste Natur hineingegriffen hatte. »Es ist fabelhaft, wie gut Sie sich zu kleiden wissen!« rief er, indem er fortfuhr, das junge Mädchen bald voll, bald blinzelnd zu betrachten. Sie trug ein sehr einfaches weißes Wollkleid und einen großen Hut aus gelbem Reisstroh mit ein wenig schwerer, altvenezianischer Spitze geputzt. »Ich hätte fast Lust, Sie so zu malen anstatt in der Abendtoilette,« murmelte er. »Nein, Ihr Porträt mach' ich Ihnen in Gala, wie's sein soll, in Lebensgröße. Aber ich bitte Sie, seien Sie einmal ganz großmütig – Ihr Bild fangen wir morgen an, und heute schenken Sie mir eine Stunde für mich, ich will mir ein Aquarell von Ihnen machen zur Erinnerung. Ermüdet Sie's nicht zu sehr, den Arm so auszustrecken?« »Eine Frau, die sich bewundert fühlt, ermüdet nichts,« erklärte die Großmutter. »Für mich aber ist die Situation etwas weniger kurzweilig. Haben Sie kein amüsantes Buch bei der Hand?«   Erika war endlich doch müde geworden, trotz der andauernden Bewunderung, die ihr Lozoncyi während seiner Malerei spendete. Man hatte die Pose unterbrochen. Unter dem glyzinenumwucherten Maulbeerbaum an einem kleinen, etwas wackeligen Tischchen hatte Lozoncyi seinen Gästen ein improvisiertes Frühstück vorsetzen lassen, vorzüglich bereitet und sehr einladend serviert, teilweise auf abgeschundenen Steinguttellern, teilweise auf schweren Vermeilschüsseln von wundervoller alter Arbeit. Er freute sich über den guten Appetit der beiden Damen, und Lucrezia, die eben abgeräumt und den Kaffee gebracht hatte, stand, die Hände auf beide Hüften gestützt, vor der alten Gräfin und nahm mit vergnügtem Lächeln alle Lobsprüche entgegen, welche diese ihrer Kochkunst spendete, als man an der Tür poltern hörte. »Der Teufel!« murmelte Lozoncyi, »doch nicht am Ende ein Besuch?« Aber es war kein Besuch, sondern nur ein Brief, den Lozoncyis Gondolier, ein hübscher brauner Bursche in mit roter Schärpe umgürtetem Matrosenkostüm, brachte. Unwillkürlich heftete Erika ihre Augen darauf. Die Schrift war offenbar die einer Frau, der Poststempel von Paris. Lozoncyi hatte beim Anblick der Schrift ungeduldig mit den Achseln gezuckt; dann den Brief ungelesen und unerbrochen in seine Tasche gleiten lassen. »Wollten die Damen nicht einen Blick in meine Werkstatt werfen?« fragte er. »Ich wollte Sie eben darum bitten, uns hineinzuführen, « sagte Gräfin Lenzdorff, »ich bin sehr neugierig auf Ihre »Schweren Träume«.« »Ja!« – er schüttelte sich wie im Fieberfrost – »schwere Träume – das ist das Wort!« Das Atelier, in das man durch eine Glastür aus dem Garten trat, war ein großer und hoher, aber sehr schlichter Raum, alles darin verstaubt und wirr durcheinandergeschoben – die Werkstatt eines sehr nervösen Künstlers, bei dem man nie aufräumen darf, weil er sich selbst von dem Kehricht seiner Kunst nicht trennen kann. Erikas Augen fielen sofort auf ein merkwürdiges und schauerliches Gemälde. Eine einzige Figur in einem sich eng um die Glieder schließenden Gewand von unbestimmter Farbe, den Kopf dürstend vorgeneigt, die Arme mit einer Gebärde qualvoller Sehnsucht tastend vorgestreckt, schritt auf einen Sumpf zu, aus dem ein Irrlicht flimmerte. Über ihr aus einem düsteren Nachthimmel strahlten reine, helle Sterne. Alles wundersam in Stimmung und Ausdruck: die traurige Harmonie der Farben, das sternendurchstrahlte Blaudüster des Nachthimmels, der fahle Sumpf und vor allem die weibliche Gestalt, an der jeder Gesichtszug, jede Fingerspitze, ja jedes Fältchen ihres Gewandes Sehnsucht ausdrückte. »Was dachten Sie sich dabei?« fragte die alte Gräfin. »Erraten Sie's nicht?« Nein, sie erriet es nicht, Erika aber sagte leise: »Blinde Liebe!« Er sah sie schärfer an, als er sie noch je angesehen, dann fragte er: »Wie sind denn Sie darauf gekommen?« »Ich sehe ja, wie die Figur dem Irrlicht nachschleicht und die Sterne unbeachtet über sich strahlen läßt. Sieh doch, wie sie einsinkt in den Sumpf, Großmutter! Es ist gräßlich!« rief Erika. »Blinde Liebe!« wiederholte die Großmutter nachdenklich – der Gegenstand lag für sie sehr fern. »Ja,« sagte er, »die blinde Liebe, das Verhängnis der erniedrigenden Leidenschaft!« Mit einem bitteren Lachen setzte er hinzu: »Nun, das einzig Tröstliche dabei ist, daß man die Irrlichter manchmal erreicht und die Sterne doch nicht erreichen könnte!« »Nein,« rief Erika heftig, »das ist kein Trost! Tausendmal lieber die Hände vergeblich ausstrecken nach den Sternen, sich aufrichten und wachsen durch die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, als sich erniedrigen zu einem Glück, das nur im Sumpf zu finden ist!« Er beugte sich etwas zu ihr und sagte halblaut: »Das, was Sie gesagt haben, war sehr schön ... aber Sie haben doch nicht verstanden!« »Nun, dem armen Teufel hast du gründlich den Kopf verdreht,« meinte, gemütlich in den Polstern des schlanken Schiffleins zurückgelehnt, Gräfin Lenzdorff, während sie mit Erika nach Haufe gondelte. »Es schadet ihm weiter nichts.« Dann nach einer Weile setzte sie hinzu: »Von wem nur der Brief sein mochte, über den er sich so geärgert hat? Von der blonden Person etwa, mit der er in Baireuth war?« Erika antwortete nichts, stumm sah sie auf einen großen Strauß von Glyzinen, den er zum Abschied für sie gepflückt. Plötzlich fuhr sie zusammen. Eine dicke schwarze Raupe kroch schwerfällig zwischen den blassen, duftigen Blumen. Mit einem kleinen Schrei des Ekels warf Erika den Strauß ins Wasser. Zu gleicher Zeit stand Lozoncyi in seinem Atelier vor der Aquarellskizze, die er von Erika Lenzdorff entworfen. »Ein eigentümliches Geschöpf!« murmelte er vor sich hin. »Erinnere mich kaum, etwas Interessanterem je begegnet zu sein; und bei all ihrer Vornehmheit und trotz ihrer Blässe gesund, reich entwickelt, nichts Verrenktes, Verkrüppeltes an ihr! Hm! Wenn ich gut zähle, muß sie wenigstens vierundzwanzig Jahre alt sein. Wie kommt es, daß sie noch nicht verheiratet ist? Ob sie eine unglückliche Liebe hat? Sie scheint noch gänzlich unbefangen – fast als ob sie bisher ohne irgendeine Neigung durchs Leben gegangen wäre. Wie stolz sie den Kopf hält! Die Spezies war mir bisher unbekannt. Hm! Es gibt immer Frauenzimmer genug für die schmutzige Arbeit im Leben; ein paar müssen doch übrigbleiben, den heiligen Gral zu hüten.« Er wendete sich nach der Tür des Ateliers, die in den Garten hinausführte. Ein feuchter Dunst brütete jetzt über den Blüten, aus der Erde stieg es wie ein berauschender Dampf. Ein eigentümliches Lächeln trat auf seine Lippen. »Der Frühling kümmert sich einen blauen Kuckuck um den heiligen Gral; er geht seinen Weg,« murmelt er, »er geht seinen Weg!« Eigentlich hatte er Erika anfangs fast abgestoßen; aber gleich von Anfang hatte er ihre Phantasie beschäftigt, wie sie noch kein Mann beschäftigt hatte, trotzdem daß seine nur wenig verhüllte Lebensauffassung sie bis ins Marternde verdroß und sie erriet, daß es in seiner Seele schwüle Schatten gab, denen sie sich nicht nähern durfte, und daß, so vollendet und ritterlich er Frauen wie ihre Großmutter und sie als eine vornehme Abart des weiblichen Geschlechts zu respektieren verstand, sie beide für ihn doch nur eine Abart blieben – etwas Kurioses, das einen interessiert, weil man ihm selten begegnet, über dies alles grübelte sie sich in mancher Nacht die Seele wund, während sie im fiebrigen Halbschlaf ihren schönen Kopf über das Kissen schob. Und aus all der Unruhe tauchte endlich etwas Seltsames auf, etwas Ehrgeiziges, Rührendes, Törichtes. Sie stellte sich die Aufgabe, ihn zu edleren Lebensansichten zu bekehren; aber dabei gewöhnte sie sich, wenngleich widerwillig und entrüstet, doch mit Dingen zu beschäftigen, um die sich einfach nicht zu kümmern für sie das einzig Richtige gewesen wäre. Daß Erika unbefangen mit dem Feuer spielte, war an und für sich nichts Merkwürdiges; daß ihr die Großmutter mit lächelndem Gleichmut bei dieser Beschäftigung zusah, das war allerdings staunenswert. Anfangs war das Porträt unglaublich rüstig vorwärtsgeschritten; jetzt waren Wochen vergangen, und noch immer konnte Lozoncyi kein Ende finden. Er malte es lebensgroß, als Kniestück und, um Erika nicht zu ermüden, sitzend, mit einem großen Strauß von mattlila Glyzinen auf dem Schoß. Nicht die geringste Pose, keine Spur von Konvention! »Setzen Sie sich ruhig hin, so wie es Ihnen am bequemsten ist,« hatte er sie gebeten. »Jede Stellung, die Ihnen natürlich ist, muß schön sein, etwas häßliches könnten Sie sich höchstens mühsam ankünsteln.«   Die Tage folgten einander, die langen lauen Frühlingstage. Als die beiden Damen zum erstenmal bei Lozoncyi erschienen waren, hatte man noch überall den rauhen grauen Anwurf der das Gärtchen umschließenden Mauern hinter den dürftig belaubten Büschen schimmern sehen. Jetzt war das Grün überall üppig und dicht, die Rosen blühten und der Flieder hatte bereits begonnen zu welken. Die lila Glyzinentrauben waren längst verschwunden, und die beiden Akazienbäume, in deren Schatten der Faun frohlockend die dicken Arme in die Luft hielt, waren wie eingetaucht in grün durchschimmertes Weiß und strömten einen Duft von betäubender Süßigkeit aus. Auch das Atelier war anders geworden. Als sie es zum erstenmal besucht, war es kahl gewesen wie ein Schuppen – jetzt fanden sie es jedesmal, wenn sie erschienen – und das war drei- bis viermal die Woche –, mit den herrlichsten Blumen ausgeschmückt. Wenn die Sitzung vorüber war packte Lozoncyi davon zusammen, was von der sich jetzt stetig steigernden Hitze nicht gelitten hatte, und trug es in die wartende Gondel. Bisweilen fuhr die Gondel mit den Blumen und Gondolieren allein nach dem Britannia, Lozoncyi führte seine Gäste zu Fuß auf pittoresken Umwegen nach Hause. Es war ein großer Genuß, mit ihm spazierenzugehen. Kein Mensch wußte so wie er auf den Reiz eines an und für sich nichtigen Details aufmerksam zu machen, auf irgendeine Schönheit, die oft nur in einem malerischen Farbenfleck bestand, aus einem Geranium, das aus dem Fenster eines verödeten Hauses herausblühte. »Mein Gott!« bemerkte zuweilen die alte Gräfin, »in allen diesen Gäßchen bin ich hundertmal gewesen, und wenn ich mit Ihnen an diesen selben Häusern vorüberspaziere, so ist mir's, als sähe ich sie zum erstenmal! Sie haben ein eigenes Geschick dazu, einen zu lehren, das Leben schön zu finden!« »So? Hab' ich das?« murmelte er. »Nun, wie viele andere Menschen versteh' ich offenbar zu lehren, was ich selbst nicht kann!« Erika hatte sich bald dermaßen in seine Eigenart hineingelebt, daß sie sich gewöhnte, mit seinen Augen zu sehen, und gewährte es ihr eine besondere Freude, wenn sie einen malerischen Punkt früher als er entdeckt hatte und nun ihrerseits ihn darauf aufmerksam zu machen vermochte. Er würdigte ihre Entdeckungen stets großer Aufmerksamkeit, lobte ihre feine künstlerische Empfindung, versicherte ihr, daß er dieselbe in diesem Maße noch bei keiner zweiten Frau angetroffen habe, und dann endigte seine und ihre gegenseitige Freude über einen verfallenen Torbogen, in dessen Tiefe man eine zerzauste Venezianerin ein rotbraunes Segel flicken sah, in einer lachenden Neckerei. Dann fragte die Großmutter, wovon das Gespräch handle, und Lozoncyi antwortete: »Wir lehren einander gegenseitig das Leben schön finden, Gräfin Erika und ich.« Und einmal suchte er dabei den Blick des jungen Mädchens und sagte herb: »Schade, daß das alles so bald aufhören muß!« Alle seine schroff abbrechenden Redensarten, die, hart an eine Liebeserklärung streifend, sich dennoch nie ganz in eine solche ausgestalteten, deutete sie sich natürlich auf dieselbe Weise. Er liebt mich, aber er hat nicht den Mut, auf eine Gegenliebe meinerseits zu hoffen; er ist überzeugt davon, daß ich für ihn unerreichbar bin. Ihre Eitelkeit war bis zum äußersten geschmeichelt durch die Überzeugung, diesem ungewöhnlichen, großartig begabten Menschen ein so tiefes Gefühl eingeflößt zu haben. »Es ist doch etwas Fürchterliches und Ergreifendes, der armen gequälten Menschheit zuzusehen, wie sie nach Tausenden und Abertausenden von Jahren noch immer ihren Gott sucht, der sich ihr nicht zeigen will!« bemerkte Erika mit einem leichten Schauer zu Lozoncyi, durch das Portal einer Kirche blickend, in der sich die Gläubigen kniend um den Altar drängen, die Stirn gegen den kalten harten Stein gedrückt. »Was wollen Sie?« erwidert er ihr. »Der ganze Fortschritt der Menschheit, alles, was sie in der Kunst geleistet hat, in der Poesie, alles, was an ihren Leistungen überhaupt der Mühe wert ist genannt zu werden, basiert auf diesem Suchen, dem Sichdurchringenwollen zu der ewig unsichtbaren Gottheit. Sollten wir sie je von Angesicht zu Angesicht erschauen, so wär's ja mit all unseren armseligen kleinen Bestrebungen zu Ende, wir hätten kein Interesse mehr daran, und das ganze Kartenhaus unserer Errungenschaften fiele in sich zusammen!« »Und wenn sich die Menschheit eines Tages davon überzeugte, daß der Gott, den sie seit Jahrtausenden gesucht hat, gar nicht existiert?« sagt Erika leise. »Nun, dann wär's erst recht mit allem zu Ende,« erwidert er ihr. »Eine Zeitlang würden die Menschen das Kartenhaus ehrgeiziger stützen als je; aber schließlich würden sie's müde werden, sich aufrechtzuerhalten, um in den leeren Himmel hineinzuschauen – binnen kurzem würden sie auf allen vieren kriechen und Gras fressen!« »Ach, Kinder, erlaßt mir eure Metaphysik und freut euch lieber daran, daß die Welt heute so schön ist und daß ihr am Leben seid, um sie zu genießen!« Mit diesen Worten ruft die alte Gräfin die beiden jungen Leute aus den Höhen ihrer philosophischen Betrachtungen in die Wirklichkeit herab. Und sie lachen und geben ihr recht. Ein Sonntagnachmittag ist's und die Luft voll Glockengeschwirr und voll von dem Geruch des Weihrauchs und der Wachskerzen, den die heute ganz Venedig durchziehenden Prozessionen zurückgelassen haben. Zu dreien gehen sie in der einschläfernden Nachmittagshitze durch eine der breiteren Callen. Weiter gehen sie, immer weiter – über leicht gewölbte Brücken, unter denen das grüne Wasser sich langsam hinschleppt, über große öde Plätze, aus deren grasdurchwuchertem Pflaster ein bleiches Standbild ragt, immer weiter in die sich länger und länger hindehnenden Schatten hinein. Jetzt befinden sie sich auf einem der ärmeren Campi an der anderen Seite des Kanals hinter dem Rialto, an allen Seiten verwitterte Häuser mit grünlichen und himmelblauen Jalousien, von denen viele, lebensgefährlich an einer Angel hängend, knarren und wimmern. Unten auf dem breiten, unregelmäßigen, aus sehr großen, ausgetretenen Steinen bestehenden Pflaster welke Blüten und Rosenblätter, den Weg der vorübergehenden Prozessionen bezeichnend. Die Luft ist drückend heiß. Eine Schwermut voll schwüler Träume schwebt über allem. Erika und Lozoncyi sind beide stumm geworden. »An was denkt sie?« fragt er sich, indem er sie immer und immer wieder verstohlen ansieht. Ihr Gang ist etwas schleppender, träger als sonst, ihr Gesicht blasser, nur die Lippen darin tiefrot. »Der Frühling hat sie auf die Lippen geküßt,« sagt sich der Maler. Der Frühling wagt alles. Ihr Weg führt sie an einer halb verfallenen Gartenpforte vorbei, über die sich blütenbeladene Zweige von Rosen und Jasmin neigen. Wie tief sie sich niederbeugen zur Erde, wie von einem geheinmisvollen Magnetismus angezogen! Und zwischen dem wuchernden duftenden Frühlingsgewirr sitzt auf einer Stufe ein junges Paar, ein Matrose und ein Mädchen aus dem Volke; beide bildschön. Hand in Hand, Auge in Auge, leise redend, eng aneinandergeschmiegt, selig, weltvergessen. Die Großmutter betrachtet das hübsche Genrebild wohlwollend durch ihr Lorgnon. Etwas hinter der alten Frau zurückbleibend, flüstert Lozoncyi zu Erika: »Ich glaube, das sind auch zwei, die einander lehren, das Leben schön finden, Gräfin Erika – nur in einer anderen Tonart als wir!« Er sagt das herausfordernd scherzhaft; sein Blick sucht den des jungen Mädchens. Erika aber hält die Augen zu Boden gesenkt. Sie ist noch blässer als früher. Es ist, als ob eine mächtig niedergehaltene innere Unruhe sie quäle. »Erinnern Sie sich dessen noch, wie böse Sie mir waren, als ich mir erlaubte, Ihnen gegenüber zu behaupten, daß die Liebe das Wichtigste im Leben sei?« flüstert er. Eine Pause – sein Herz klopft stark. Er möchte die Worte lieber nicht gesagt haben. Wird sie ihm dieselben verübeln? Da hebt sie die schweren, müden Augenlider, und ihn voll ansehend, spricht sie langsam: »Ich war Ihnen böse, weil Sie es leichtfertig sagten.« Ist ein Blitz vor ihm in die Erde gefahren, oder hat der Frühling ihm plötzlich alle seine Blüten vor die Füße gestreut? Er atmet kaum mehr. Dann – wie findet er den Mut, es auszusprechen – leise schleppend murmelt er: »Und wenn ich mir erlauben wollte, es Ihnen ernsthaft zu sagen?« Er bemerkt, wie sie zusammenzuckt; dann hebt sie den Kopf, etwas Feierliches liegt in ihrem Gesichtsausdruck; sie will die süßen Lippen öffnen. Da wendet die Großmutter sich um. »Es ist unerträglich schwül heute,« ruft sie schärfer als sonst, fast ungeduldig; »ich komme nicht mehr weiter, wo ist der nächste Gondelstand, Lozoncyi?« »Wohin soll das führen?« Zum hundertstenmal seit den letzten zwei Stunden stellte sich Lozoncyi die Frage. »Wohin soll das führen?« Er stand in seinem Atelier vor dem unvollendeten Bilde Erikas. – Unvollendet! »In der nächsten Sitzung kann's fertig sein – es ist unnütz, sich ein X für ein U darüber zu machen – seit zehn Tagen halte ich sie doch nur mehr so hin von einem Mal zum anderen. Warum? Weil ich mir nicht ausdenken mag, wie mir zumut sein wird, wenn sie nicht mehr kommt., Wohin soll das führen...?« Er war sehr blaß, der Schweiß stand ihm auf der Stirn; er trachtete sich von dem Porträt abzuwenden, aber wie er sich bemühte, immer wieder zog ihn etwas vor das Bild. »Ein herrliches Geschöpf,« murmelte er vor sich hin, »einzig in ihrer Art; und so wunderschön. Es ist ein Unsinn für ein Wesen ihrer Art, so schön zu sein – ein Widerspruch der Natur, eine Verschwendung!« Er stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Es ärgerte ihn, daß sich ein unreiner Gedanke in seine Bewunderung Erikas hineingeschlichen. »Seltsames Geschöpf! Welche Augen! So hell, so tief, so durchdringend!« Er konnte nicht aufhören, sich mit ihr zu beschäftigen, die Leidenschaft rüttelte ihm an allen Nerven. Aber! ... Sie war ein junges Mädchen. Mochte er auch vor Sehnsucht nach ihr verschmachten, er hätte ebensogut daran gedacht, die silbernen Leuchter vom Hauptaltar der Markuskirche zu stehlen, als auch nur den leisesten Versuch zu machen, sich ihr in irgendeiner bedenklichen Weise zu nähern. So etwas hätte durchaus gegen den Kodex von Ritterlichkeit verstoßen, den er sehr hoch hielt. – Er tat, was er konnte, um seine Leidenschaft ... seine Begierde einzudämmen. Aber wie er sich auch mühte, konnte er seine alles verdeutlichende Malereinbildungskraft nicht losreißen von ihrer Schönheit. Er liebte sie – das wußte er schon lange. Aber bis jetzt war seine Liebe zu ihr ein zartes, edles Empfinden gewesen, etwas, dessen er sich selbst nicht fähig gehalten, das ihn vor sich selbst adelte. Er hatte das Gefühl einer Art Erleichterung und Erholung gehabt in ihrer Nähe, hatte sich durch den Verkehr mit ihr innerlich gehoben gewähnt. Damit war's vorbei. »Das Schöne an der Liebe ist der Traum, der ihr vorangeht,« murmelte er vor sich hin. Der Traum war ausgeträumt, was nun ...? Da kam ihm ein letzter wahnsinniger Gedanke. »Sie ist durchaus ungewöhnlich, es ist ein großmütiger, überspannter Zug in ihr, der sie über alle Kleinlichkeit hinüberträgt. Hätte sie sich vielleicht entschließen können, mich zu heiraten?« Es schüttelte ihn plötzlich wie im Fieber – er wehrte die lockende Vorstellung von sich ab wie eine folternde Qual. »Nein – nein – nein!« rief er heftig, »es ist eine Torheit, so etwas nur zu denken! Trotz all ihrer Begeisterungsfähigkeit, trotz all ihrer manchmal über das Ziel hinausschießenden Warmherzigkeit ist sie ja viel zu sehr Komtesse, um sich so etwas einfallen zu lassen!« Sein Mund war trocken, eine eiserne Hand würgte ihn an der Kehle. Er wendete dem Bild den Rücken zu und trat hinaus in den Garten. Graue Gewitterwolken bedeckten den Himmel. Die Blumen neigten die Köpfe erdenwärts – ferner, lang ausatmender Donner umgrollte den Horizont. »Und wenn es doch wäre!« murmelte er dumpf.   Erika saß an dem Fenster ihres Boudoirs, in den weißlichen Abend hinausschauend. Rings um sie herum war es bereits dunkel, zu dunkel, um zu lesen. Draußen war die Luft noch durchsichtig. Ihre Fenster blickten in das kleine Gärtchen des Hotels – das um diese Jahreszeit aussah wie ein einziges großes Rosenbeet mit einem schmalen Sandweg herum. Der süße Geruch der Rosen drang zu ihr empor und zugleich mit ihm, von ihm unzertrennlich, der faule, sumpfige Hauch der Lagune. Ein paar ferne Glocken schwirrten noch immer, und das Wasser schlug leise gegen den Fuß der alten Paläste an. In tiefe Gedanken versunken saß sie da. Die Lebensaufgabe, nach der sie sich so lange gesehnt, lag endlich vor ihr. Daß Lozoncyi sie liebte, darüber konnte selbst bei einer mißtrauischen Grüblerin, wie sie es war, kein Zweifel bestehen, und er liebte sie, wie sie geliebt werden wollte: mit Verehrung und Bewunderung, mit genauer Würdigung ihrer Eigenart. Die Zukunft tat sich vor ihr auf, hell, leuchtend. Es kam ihr vor, als ob sie es hätte von jeher ahnen sollen, daß sie für etwas ganz Besonderes auserkoren war. Warum er ihr bis jetzt noch nie ein direktes Geständnis seiner Gefühle abgelegt? Auf diese Frage wußte ihr Hochmut nur eine Antwort: Er wagt es nicht! Es war an ihr, ihm einen Schritt entgegenzutun. So weit war sie in ihren Gedanken gekommen, als Marianne eintrat. »Herr von Lozoncyi,« meldete sie. »Haben Sie ihm gesagt, daß ich zu Hause bin?« »Nein, ich habe gesagt, ich würde nachsehen. Wenn Exzellenz abwesend sind, sage ich nie etwas Bestimmtes,« erwiderte Marianne. Die alte Gräfin hatte sich vor kurzem entfernt, um einen Besuch in der Nachbarschaft zu machen. Einen Augenblick zögerte Erika, dann drehte sie das elektrische Licht auf und ließ Lozoncyi bitten, sich heraufzubemühen. Zwei Minuten später trat er ein. Freundlich machte sie ihm ein paar Schritte entgegen. Sie erschrak, als sie in sein Gesicht sah, so bleich und verfallen war es. »Sind Sie krank?« rief sie aus, »oder bringen Sie mir die Nachricht von einem Unglück, das Sie betroffen hat?« Ihre warmherzige Teilnahme vermehrte seine Unruhe. »Keines von beiden,« erwiderte er ihr, indem er versuchte, einen leichteren Ton anzuschlagen. »Ich bin nur gekommen, um ...« Er stockte. Weshalb war er eigentlich gekommen? Der Gedanke, daß sie ein stärkeres Gefühl für ihn empfinde – ein Gedanke, der heute zum erstenmal in ihm aufgetaucht war –, hatte sich nicht bannen lassen wollen. Seit einer Stunde schleppte er die lockende Folter durch die einsamsten Gäßchen Venedigs, ohne imstande zu sein, sie von sich abzuschütteln. Er mußte sie sehen – Gewißheit haben – und dann ... Ach, er konnte keinen klaren Schluß ziehen – nur sehnen konnte er sich nach ihr! Er hatte sich einen Vorwand ausgedacht zur Erklärung seines Besuches, aber er konnte ihn nicht finden; statt alles anderen sagte er: »Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie mich trotz der Abwesenheit Ihrer Großmutter empfangen, und ich will mich Ihrer Gnade auch würdig zeigen, indem ich Ihnen so kurz als möglich zur Last falle.« »Im Gegenteil,« erwiderte sie, »ich hoffe, daß Sie uns Ihren Abend schenken werden. Meine Großmutter muß in wenigen Minuten zurückkehren, und dann wollen wir's uns recht gemütlich machen.« »Ich – ich kann mich nicht lange aufhalten!« murmelte er zerfahren. Seine Unruhe steigerte sich bis zum Unerträglichen. Eigentlich wußte er bereits das, was er wissen wollte – wußte auch, daß es die höchste Zeit für ihn sei, zu gehen; aber wieder vermochte er nicht, es über sich zu bringen. Draußen plätscherte die Lagune, die Nachtsänger von Venedig machten ihre erste Runde. Man hörte sie von fern: » Io son felice – t'attendo in ciel! « »Bringen Sie mir morgen den Gesichtsausdruck ins Atelier mit,« rief er heiser aus, »ich will ihn festhalten, so gut ich kann, zur Erinnerung an das edelste Geschöpf, dem ich je begegnet bin! Sie kommen doch morgen?« frug er. »Gewiß! Das Porträt ist beinah fertig, nicht wahr?« »Ja, ich denke, morgen wird die letzte Sitzung sein,« erwiderte er tonlos, »und dann ...« »Und dann ...?« wiederholte sie. »Dann ist alles aus!« sagte er hart. Eine Pause – er wendet den Kopf ab. Da plötzlich – an sein Ohr, an sein Herz schlug's süß, leise: »Dann werden Sie nichts mehr von mir wissen wollen!« Er zuckte zusammen, wie von einem elektrischen Schlag gerührt – ihm schwindelte. Indem trat in die offen gebliebene Verbindungstür zwischen dem Salon der alten Gräfin Lenzdorff und Erikas Boudoir eine hohe, schlanke Frauengestalt – die Gräfin Rheinsberg. Sie sah sehr bleich aus, aber mit einem eigentümlichen, verklärten Glanz in den Augen, der sie ungemein verschönte. Was Erika an ihr auffiel, war, daß sie nicht wie gewöhnlich um diese Zeit im Gesellschaftsanzug erschienen war, sondern ein schlichtes dunkles Morgenkleid trug. »Marianne sagte mir, daß Sie empfingen,« bemerkte sie mit ihrer angenehmen, schwermütig klingenden Stimme. »Störe ich nicht?« Dabei ließ sie den Blick über Lozoncyi hingleiten. »Nicht im geringsten,« erwiderte Erika, ohne daß sie wußte wodurch, mitleidig gegen die Arme gestimmt. »O doch ... ein wenig,« sagte die junge Frau, aber ohne nörgelnde kleinliche Bosheit, sondern mit einem unendlichen Wohlwollen – in dem etwas Rührendes war. Lozoncyi wollte sich nun mit einer Verbeugung von den Damen verabschieden. Er dankte seinen Sternen für die unerwartete Unterbrechung. »Wollen Sie die Rückkehr der Großmutter nicht abwarten?« fragte ihn Erika. »Mir leider unmöglich!« »Also adieu – auf morgen elf Uhr!« rief sie ihm nach. Er antwortete nicht. »Der arme Lozoncyi hat mich verwünscht,« meinte die Gräfin Rheinsherg, »aber ich hab's ihm nicht übelgenommen. Ach, Gräfin Erika, ich freue mich so für Sie!« Sie sagte das so ehrlich und mit so großen, tränenglänzenden Augen, daß man ihr unmöglich böse sein konnte. Erika war ihr auch gar nicht böse, vielmehr freute sie sich darüber, daß jemand sie in ihrer edlen Großmut, auf die sich heimlich etwas zugute tat, verstanden und erraten hatte. Die junge Frau nahm die Hand des Mädchens in die ihre und murmelte: »Ich finde es wundervoll, daß Sie den Mut haben, Ihrer Neigung zu folgen. O Erika, machen Sie's ihm nicht zu schwer!« Da kehrte die alte Gräfin von einem Besuch aus der Nachbarschaft zurück. Gräfin Rheinsberg blieb nur noch einige Minuten. Als die Uhr halb zehn schlug, wendete sie plötzlich den Kopf. »Adieu!« rief sie, und der feierliche Ernst, den Erika gleich bei ihrem Erscheinen bemerkt hatte, trat von neuem und deutlicher als früher auf ihr Gesicht. »Ich kann nicht länger bleiben, ich wollte Sie beide noch sehen und Ihnen danken, daß Sie so lieb und gut gegen mich gewesen sind!« »Reisen Sie denn ab?« fragte die Großmutter. Darauf gab sie keine Antwort. Sie küßte der Gräfin die Hand, dann an Erika herantretend, flüsterte sie: »Darf ich Ihnen einen Kuß geben?« Erika nahm sie in ihre Arme und küßte sie. »Gott behüte Sie!« flüsterte ihr die junge Frau noch zu – dann war sie verschwunden. »Was sie nur gehabt haben mag?« murmelte die Großmutter, »sie war heute so eigentümlich!«   Die ganze Nacht hatte es geblitzt und gedonnert, doch war kaum ein Tropfen Regen gefallen; die Luft war am nächsten Morgen ebenso schwül als den Tag vorher. In Lozoncyis Gärtchen sah, als Erika sich pünktlich um elf Uhr mit ihrer Großmutter dort einfand, alles matt und welk aus. Lozoncyi selbst war blaß, seinen Bewegungen fehlte die ihnen sonst eigentümliche rasche Elastizität und seinem Gesicht jedes Lächeln. Als Gräfin Lenzdorff ihn frug, was er habe, beklagte er sich über den Schirokko. Erika merkte, daß keine neuen Blumen das Atelier schmückten; es war das erstemal, daß er es unterlassen hatte, seine Werkstatt festlich herzurichten. Etwas wie die Ahnung eines Unglücks umfing sie. »Ich werde Sie heute ein wenig anstrengen müssen, damit wir endlich mit dem Bild fertig werden,« sagte er, sehr rasch sprechend. »Nur das eine Mal müssen Sie noch Geduld haben, ich möchte Ihnen kein Bild geben, das nicht so gut ist, als ich es überhaupt machen kann.« »Sie haben der Erika ohnehin schon viel zu viel von Ihrer kostbaren Zeit geschenkt,« versicherte ihm die Großmutter herzlich. »So – meinen Sie?« murmelte er mit einer Bitterkeit, die sie nie früher an ihm wahrgenommen. »Finden Sie auch, daß es unsereinem nicht erlaubt ist, so viele Zeit auf sein Vergnügen zu verwenden?« Und ganz leise setzte er hinzu: »Freilich, es rächt sich!« Erika sah ihn groß und erschrocken an; die Worte waren ihr ganz unverständlich, aber der Ausdruck seines blassen Gesichts war ein derart gequälter, daß das jederzeit leicht erregbare Mitleid in ihrer Seele von Sekunde zu Sekunde wuchs. Wie gewöhnlich verfügte sie sich in das anstoßende Gemach, um mit Hilfe der bereits ihrer harrenden Lucrezia ihr Kleid zu wechseln. Als sie in das Atelier zurückkam, stand Lozoncyi, die Hände in den Taschen seines Jacketts, mit dem Rücken gegen den Kamin neben ihrer Großmutter, die in ihrem Lieblingssessel saß und soeben die Frage an ihn richtete: »Was haben Sie nur, Lozoncyi? Haben Sie an der Börse verloren?« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, indem er versuchte, auf ihren scherzhaften Ton einzugehen, mit gezwungener Ruhe. »Also, wo fehlt's? Vertrauen Sie sich mir an.« Er räusperte sich. »Hm!« begann er, »eigentlich sollte ich ...« Da erblickte er Erika. »Ah, schon fertig?« rief er aus. »Nun denn, malen wir!« Sie konnte die Pose nicht gleich finden, er mußte ihr den rechten Arm ein wenig richten. Seine Hand war heiß wie die eines Fiebernden. Kaum hatte er Erika berührt, so zog er die Hand hastig zurück. Dann trat er an die Staffelei, heftete den Blick auf sein Modell; lange musternd, blinzelnd, wendete sich wieder ab und begann zu malen. Sonst war des Plauderns zwischen ihm und Erika kein Ende gewesen, heute sprach er kein Wort; es war totenstill in dem Atelier; man hörte das Knistern der Seiten des Romans, den die Großmutter umblätterte, das Zwitschern der Vögel in dem Garten draußen und das kurze, feste Auffallen des Pinsels auf der Leinwand. – Eine Stunde war vergangen. Da trat er noch einmal von dem Bild zurück, heftete die Augen auf Erika, setzte noch ein paar Striche auf und betrachtete erst sie, dann das Bild. »Sehen Sie sich's an,« sagte er, jede Silbe hart hervorstoßend, »so gut ich's treffe, ist's fertig. Besser machen werde ich's nicht mehr!« Sie traten beide an das Bild heran. »Ob es mir ähnlich ist, weiß ich nicht,««sagte Erika, »jedenfalls ist es ein Meisterwerk!« »Herrlich ist's! rief die Großmutter. »Die Kleine ist Ihnen eine famose Kerze schuldig! Sie haben ihr ordentlich geschmeichelt, und – en homme d'esprit – mit feinstem Verständnis.« »Geschmeichelt!« rief er. »Was ist da geschmeichelt! Den Ausdruck hab' ich wiederzugeben getrachtet, den Ausdruck, den nicht jeder in dem Gesicht entdeckt! Das ist das einzige Verdienst meiner armseligen Leistung – im übrigen ... eine Stümperei! Ich bin mir nie so arm vorgekommen in meiner Kunst wie dem Bilde gegenüber.« Mit diesen Worten warf er das ganze Bündel Pinsel, welches er in der Hand hielt, in den Kamin. »Was fällt Ihnen ein?« fragte die alte Gräfin. »Sie sind ja heute schauderhaft aufgelegt.« »Ach, die Pinsel waren abgenützt,« murmelte er, »und ein anderes Bild hätte ich doch nicht mit ihnen gemalt!« Das Blut stieg Erika in die Wangen vor Freude. Sie hatte ihn verstanden. Seine große Aufregung und Traurigkeit beunruhigte sie nicht mehr. So fest überzeugt war sie, daß es ihr vergönnt sein würde, durch ein einziges Wort seine Trauer zu bannen. »Eine Zeit müssen Sie mir das Bild noch lassen. Wenn es trocken ist, werde ich's firnissen, und dann schicke ich's Ihnen. Ich bitte Sie nur, mir anzugeben, wohin,« sagte er jetzt. »Ich hoffe, daß wir im Verkehr bleiben werden, wenn nicht anders, so durch Korrespondenz,« sagte Gräfin Lenzdorff. »Ich versichere Ihnen, daß ich eine herzliche Freundschaft für Sie fühle. Die Besuche in Ihrem Atelier sind mir, obgleich ich eine sehr nebensächliche Rolle dabei gespielt habe, eine liebe Gewohnheit geworden, die abzubrechen mir schwerfallen wird. Melden Sie sich nur bei uns, wo Sie von uns hören, wir werden uns jederzeit freuen, Sie zu sehen.« Erika war indessen näher an Lozoncyi herangetreten. »Ich weiß kaum, wie ich Ihnen danken soll!« sagte sie. »Gar nicht!« erwiderte er, »es ist nichts zu danken. Aller Dank ist auf meiner Seite. Denken Sie manchmal an den armen Teufel, der sich an Ihnen blind geschaut hat – das ist alles, was ich mir von Ihnen erbitte. Das heißt, noch eins ... Sie erlauben mir doch, mir eine Kopie von dem Bilde zu machen für mich?« Die Großmutter rief: »Geh dich umkleiden!« Und Lozoncyi fragte: »Wollen Sie Ihre Sachen gleich mitnehmen, oder soll ich sie Ihnen schicken?« Sie trat in das Nebenzimmer. Hastig, ungeduldig entledigte sie sich des ausgeschnittenen Kleides und tat ihre Straßentoilette an. »Stopft das Zeug nur in den Koffer,« befahl sie, indem sie Lucrezia ein Goldstück in die Hand steckte. Ihr war seltsam zumut, das Herz klopfte ihr bis in den Hals hinauf. Werde ich noch einen Augenblick finden, um allein mit ihm zu sprechen?« fragte sie sich. »Schon fertig? – Das war schnell!« rief die alte Gräfin, als sie ins Atelier zurückkam. »Haben Sie nach der Gondel geschickt, Lozoncyi?« »Ja, Gräfin, ich wundere mich, daß sie noch nicht da ist. Indessen werde ich Ihnen die Rosen aus meinem Garten abschneiden; ich weiß ohnehin nicht, für wen sie noch blühen sollen, wenn Sie nicht mehr kommen.« Er trat in den Garten hinaus. Einen Moment zögerte sie, dann folgte sie ihm. Ein grauer Dunst bedeckte den Himmel, eine große Mattigkeit neigte alle Zweige erdenwärts. Alle Blüten, die Lozoncyi berührte, um sie für Erika abzuschneiden, zerfielen, ganze Haufen violettroter und braunweißer Blütenblätter lagen auf den Wegen. Lozoncyi wendete sich nicht nach Erika um, sondern schnitt mit einer dicken, kurzen Gartenschere unbarmherzig von den Rosenbüschen, was sich ihm irgend bot. Ehe er sich's versah, stand sie vor ihm. Er fuhr zusammen. Sie legte ihm leicht die Hand auf den Arm. »Es ist sehr vermessen von mir,« flüsterte sie leise, »aber mir will's nicht aus dem Kopf, daß ich ein Recht habe auf Ihre Sorgen. Drückt Sie etwas?« Er sah sie groß an und versuchte zu lächeln. »Der Abschied fällt mir schwer. Gräfin Erika ... das können Sie sich wohl denken,« sagte er hart. Das Mitleid in ihr wuchs und wuchs; aber zugleich kam noch etwas anderes über sie: eine plötzliche Unruhe, ein schamhaftes Zögern. Ihre Lippen blieben geschlossen und wollten sich nicht öffnen. Da schwirrten ihr die Worte der Gräfin Ada durch die Seele: »Machen Sie es ihm nicht zu schwer!« – Ja, sie wollte es ihm nicht schwer machen! Arme betörte Erika! Sie nahm sich zusammen – es mußte klar werden zwischen ihm und ihr. »Wenn Ihnen der Abschied wirklich schwerfällt, dann ... dann begreif' ich nicht ... wozu wir überhaupt Abschied voneinander nehmen müssen,« flüsterte sie. Die Tränen waren ihr in die Augen getreten – und er ... Sein Gesicht wurde aschfahl, die Rosen fielen ihm aus der Hand. Da hörte man draußen die Glocke ziehen; dann frug eine weibliche Stimme französisch mit starkem Pariser Akzent: »Wohnt hier der Maler Paul Lozoncyi?« Erika durchfuhr's ... In den welkenden Garten hinein trat eine hohe, üppige Frau, wundervoll gewachsen und mit einem regelmäßig geschnittenen Gesicht – blond, leicht geschminkt, in jedem Fältchen ihres Kleides, in jedem Löckchen ihres blonden Haares, ja selbst in dem Duft, den ihre ganze Persönlichkeit ausströmte, den Kultus verratend, den sie mit ihrem Körper trieb. Von ihrem weißen Hut herunter fiel ein blutroter Schleier über den oberen Teil ihres Gesichts, im übrigen war ihr Anzug einfach und kleidsam. Erika erkannte sie sofort und erriet alles. Einen Moment drehte sich der Garten mit ihr, ihr war's, als müsse sie umsinken. Indes rief die Pariserin, während sie dem Maler mit ihrer sehr wohlgeformten und gut behandschuhten Rechten auf den Arm klopfte: » Une surprise – hein, mon Bibi! Tu ne t'y attendais pas – dis? « »Nein,« erwiderte er scharf. Sie runzelte die Brauen, und Erika mit einem herausfordernden Blick musternd, sagte sie: »Habe doch die Güte, mich vorzustellen!« Er räusperte sich, dann ... wie ein Axthieb hart und scharf fiel's von seinen Lippen: »Meine Frau.« Erika behielt ihre Selbstbeherrschung. So weit war sie seit Baireuth in ihrer Weltkenntnis vorgedrungen, daß niemand – nicht einmal Frau Lozoncyi – von ihr erwarten konnte, daß sie ihr freundlich entgegenkommen solle. Sie begnügte sich, auf Lozoncyis Vorstellung mit einem kurzen Kopfnicken zu danken. Indem trat die alte Gräfin aus dem Atelier, um zu sehen, was es gab. Sie nahm sich gar nicht die Mühe, ihr Erstaunen zu verhehlen; wie ihr Lozoncyi die Fremde als seine Frau vorstellte, grüßte sie womöglich noch hochmütiger, als Erika es getan, und musterte die Pariserin durch ihr Lorgnon. Lozoncyis Diener meldete, daß die Gondel warte. Erika reichte Lozoncyi zum Abschied die Hand und fand den Mut, zu lächeln. Die alte Frau reichte ihm ebenfalls die Hand, lächelte aber nicht. Ihr Ton klang sehr kühl, während sie ihm sagte: »Ich danke Ihnen noch für alle Freundlichkeit, die Sie für uns gehabt haben. Ich hatte Sie bitten wollen, heute abend mit uns zu essen, aber Sie werden sich wohl den ersten Tag nicht trennen wollen von ... von Frau von Lozoncyi.« Die Gondel stieß ab. Das Wasser rauschte auf unter dem ersten Ruderschlag, und das Holz knarrte leise. Noch einen Augenblick stand er auf der Türschwelle und sah Erika nach, dann trat er in das Haus zurück. Die hellgrüne Tür schloß sich hinter ihm. Was Erika fühlte? Sie hatte keine Zeit, daran zu denken. Ihre ganze Kraft wendete sie daran, ihre Aufregung zu verbergen. Sie ordnete ihr Kleid und machte eine Bemerkung darüber, daß das Wasser heute besonders trübe sei. In der Tat hatte es eine stumpfe, undurchsichtige, blaßgrüne Malachitfarbe. Die alte Frau achtete nicht darauf. »Ich hatte keine Ahnung, daß er verheiratet ist!« rief sie. »So etwas muß dem Menschen doch gesagt werden! Ein Mann hat kein Recht, das zu verheimlichen!« Erika aber sagte in einem Ton, über dessen unbefangene Gleichgültigkeit sie sich selbst verwunderte: »Schließlich, Großmutter, hat er nicht annehmen können, daß der Umstand für uns von dem geringsten Interesse sein könne.« Sechstes Buch Neben vielen unbequemen und marternden Eigenschaften hatte die Vorsehung Erika eine verliehen, die ihr in jener Zeit sehr zustatten kam. Auf starke, nervenerschütternde Eindrücke pflegten bei ihr ein paar Stunden starrer innerer Kälte und Härte zu folgen, in denen sie mit trockenen Augen in die Welt gehen konnte, ohne daß der feinste Beobachter imstande gewesen wäre, ihr irgend etwas anderes anzumerken, als daß sie allenfalls häufiger und heller lachte als gewöhnlich. Angenehm war dieser Zustand nicht und gestaltete sich der darauf folgende Rückschlag sogar fürchterlich qualvoll, aber wenigstens wurde es Erika möglich, dank dieses moralischen Starrkrampfs, selbst in den kritischsten Momenten den Anstand zu bewahren. Der Tag, an welchem ihre ganze Lebensaufgabe in Trümmern um sie herumlag, war mit gesellschaftlichen Verpflichtungen aller Art besetzt. Sie arbeitete sie alle durch: einen Nachmittagstee mit Lawn-tennis , ein Diner und endlich einen Tee mit Musik beim österreichischen Konsul. Ja, als die alte Gräfin, die den Tag bei besonders guter Laune war, Erika auf dem Heimweg vom österreichischen Konsul vorschlug, ob sie sich nicht noch einen Augenblick bei Frau von Neerwinden aufhalten wolle, erklärte sie sich auch dazu bereit. Eigentlich weil sie heimlich hoffte, Lozoncyi zu treffen, denn sie sehnte sich danach, ihn zu sehen, nur um ihm beweisen zu können, wie gründlich er sich geirrt habe, wenn er wähnte ... Übrigens hatte sie sich verrechnet. Er befand sich nicht bei Frau von Neerwinden. Anstatt seiner gruppierten sich um die Hausfrau Minona mit verweinten Augen, Fräulein von Horn – diesmal ohne ihre drei Künstler –, Graf Treurenberg, ferner der Bankier Schmytt und Konstanze Mühlberg, letztere überquellend von Possen wie immer. Sie nahm Erika sofort beiseite und erzählte ihr, die Minona sei verweint, weil sie ihrer Freundin Frau von Neerwinden soeben ihre heimliche Verlobung mit einem jungen Gondolier gebeichtet und diese sich damit nicht einverstanden erklärt habe. Darüber sei die Minona sehr aufgebracht gewesen und habe der Neerwinden gesagt: »Von Ihnen hätte ich eine schwungvollere Auffassung der Situation erwartet«, was die Neerwinden ihrerseits der Dichterin verübelt habe. Um den Baldachin herum, wo die übrigen Gäste zusammen saßen, bewegte sich die Konversation indessen in den gewöhnlichen Klatschbahnen. Der Bankier erzählte etwas von einer Reliquie, die er unlängst seiner Sammlung eingefügt. Graf Treurenberg machte über den Knochensplitter die denkbar unehrerbietigsten Witze, versicherte dem Bankier im übrigen lebhaft, seine Reliquiensammlung könnte für seine soziale Position von großem Vorteil sein. In die gute Gesellschaft käme man durch drei Dinge: durch Sport, Liebe und Heiligkeit. »Für den Sport sind Sie zu feig, für die Liebe zu alt, es bleibt Ihnen also nichts anderes übrig als die Heiligkeit,« versicherte er ihm, »für den Fall, daß Sie wirklich in gute Gesellschaft dringen wollen.« »Aber Hans! Wo befinde ich mich denn jetzt?« näselte nicht ohne Schlagfertigkeit der Bankier, worauf Graf Treurenberg mit wunderbarem Gleichmut: »In Venedig, mein Lieber, in Venedig!« Alle Anwesenden wußten, daß dieses Wort auf die bekannte große Toleranz der venezianischen Gesellschaft gemünzt war, und alle lachten, der Bankier mit, zugleich aber hob er seinen dicken, runzligen Zeigefinger gegen Treurenberg auf und sagte schmunzelnd: »Hansi, Hansi!« Das war so seine Art. Für jede Grobheit des Grafen rächte er sich durch eine besondere Familiarität. In diesem Augenblick trat Frau von Geroldstein ein, und zwar mit einem wichtigen Gesichtsausdruck, der sofort verriet, daß sie eine Neuigkeit auf dem Herzen habe. Dies war ihr sogar dermaßen anzumerken, daß ihr drei der Gäste, Gräfin Lenzdorff, Fräulein Agathe und Graf Treurenberg, entgegenschrien: »Was ist's?« Froh, endlich einmal der Mittelpunkt irgendeines Interesses zu sein, setzte sie sich neben Frau von Neerwinden, nachdem sie derselben vorher devot die Hand geküßt, ordnete geziert die gelbseidenen Draperien ihres Kleides, faltete die Hände im Schoß, sah sich im Kreise um und blieb stumm. »Spannen Sie unsere Neugier nicht länger auf die Folter!« rief Gräfin Lenzdorff schroff. »Es ist schwer, davon zu reden,« entgegnete die Geroldstein geziert, indem sie mit ihrem Fächer zu klappern begann, »besonders in Gegenwart eines jungen Mädchens« – mit einem Blick nach Erika. »Geh auf den Balkon hinaus, Erika!« befahl die Großmutter. Sie folgte – ach, wie gern! Sie war froh, sich dem Licht entziehen zu dürfen, den Blicken, die sich immer forschender auf sie hefteten. Sie merkte wohl, daß ihr Gesicht anfing, etwas von ihrem verstörten Zustand zu verraten – merkte, daß es mit ihrer Kraft zu Ende ging. Wie viele Wochen war's her, daß sie mit Lozoncyi dagestanden auf diesem selben Balkon, über ihnen der Sternenhimmel, ringsum schattenhaft gespenstisch, nachtverschleiert, mondscheinverklärt die Pracht der alten Paläste, unter ihnen das schwarze Wasser, in dessen mattbewegte Fläche die Lämpchen ihren Widerschein tauchten. »So erzählen Sie doch endlich!« drängte Gräfin Lenzdorff in die affektierte Frau. Erika hörte jedes Wort, obgleich sie auf dem Balkon stand; aber man sah sie nicht dabei, dies war genug für den Anstand. »Ja, es ist so schwer! Wirklich! – Eine Person, mit der man so gut bekannt war, eine Person, der man du gesagt, mit der man noch vorgestern bei Tisch gesessen hat. Nein, wer hätte so etwas auch vermuten können!« »Beschleunigen Sie Ihr Tempo, ich bitte Sie!« rief Gräfin Lenzdorff, »ich verliere immer den Atem, wenn jemand nicht vom Fleck kommt!« »Die Gräfin Rheinsberg ...« Wieder stockte die Geroldstein. Erikas Herz klopfte fürchterlich – sie ahnte, was kommen würde. »Nun, was ist's mit der armen Ada – sie war mir immer so sympathisch,« sagte Fräulein von Horn, indem sie sich zugleich über ihre Strickerei bückte, um eine gefallene Masche aufzuheben. »Sie ist gestern durchgegangen mit dem Baron Gladnjk!« »Um Gottes willen!« rief Fräulein Agathe. »Unerhört!« meinte der Bankier. Die alte Gräfin Lenzdorff sagte: »Armer Narr!« »So ein Skandal! Knall und Fall. Man geniert sich, davon zu reden!« sagte Frau von Geroldstein. Gräfin Lenzdorff, deren Züge bis jetzt nichts als aufrichtiges Mitleid und jene allgemeine Beunruhigung ausgedrückt hatten, welche ihr die Nähe irgendeines Unglücks oder peinlichen Zustandes stets einflößte, faßte die oberflächlich plappernde Gans scharf in die Augen. »Nun, ich kann Ihr Entsetzen nicht teilen – durchaus nicht,« sagte sie ruhig von einer sehr großen Höhe herab zu der gezierten Frau. »Vom sittlichen Standpunkt flößt mir die Geschichte keine Bedenken ein – und weiß Gott, daß mir noch nie jemand unmoralischen Idealismus vorgeworfen hat. Ich habe nicht die Gewohnheit, mir unlautere Situationen zu verklären. So sehr mir alle diese scheinheiligen kleinen Heuchlerinnen zuwider sind, die ihren Liebhaber zur Hintertür hineinlassen und vor der Welt die Augen züchtig niederschlagen – die Lüge ist nun einmal das einzige, was ich nicht ertragen kann –, so sehr imponiert mir jemand, der den Mut hat, ein Fenster einzuschlagen und der Welt die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern!« Erika spitzte die Ohren und senkte die Mundwinkel. Dieser Ausspruch ihrer Großmutter stand doch in allzu großen Widerspruch zu deren üblichen Opportunitätstheorien. Frau von Neerwinden hingegen sah ihre ehemalige Jugendfreundin fast dankbar an. »Ich bin ganz deiner Meinung, Anna,« erklärte sie salbungsvoll. »Solange die Würde unserer Natur gewahrt bleibt, verzeihe ich alles. Ein öffentliches, heroisches Glaubensbekenntnis des Herzens zwingt mir Bewunderung ab.« Natürlich aber machte Gräfin Lenzdorff diese Dankbarkeit sehr bald wieder zuschanden, indem sie sofort weitläufig vor sich hin zu philosophieren, den vorliegenden Fall objektiv nach allen Seiten hin zu beleuchten begann, wie gewöhnlich, ohne sich im mindesten darum zu bekümmern, wer ihr gerade zuhörte. »Arme Ada! Eigentlich hatte sie recht,« murmelte sie, »unter den Umständen war es noch das Anständigste, zu tun, was sie getan hat, nur muß sie nachträglich beweisen, ob sie das Zeug in sich hat, die Sache durchzuführen, ob sie nicht eine der zahllosen Stümperinnen der Leidenschaft ist, die de gaieté de coeur einen Kampf aufnehmen, dem sie nicht gewachsen sind. Mitten in der zivilisierten Welt mit seinem Ideal abgeschlossen leben zu müssen, wie Robinson mit seinem Freitag auf seiner Insel, ist eine fatale Situation – schließlich schreit man doch nach einem Schiff, das einen in die Zivilisation zurückträgt. Es ist etwas Gräßliches um diese Himmelsstürmer, um diese ratés de la passion , die dann klein beigeben und, von der Märcheninsel zurückkehrend, an den Klippen der alten Küste zerschellen. Mitunter zerschellen sie gar nicht, sondern landen – aber was ist dann ihr Los? Aus ist's mit dem Stolz, dem Eigensinn, vor jeglichem Vorurteil beugen sie das Knie, selbst zu der kleinlichsten Heuchelei zeigen sie sich nachträglich bereit – sie, die noch vor kurzem mit ihrer kühnen Aufrichtigkeit der ganzen Welt ins Gesicht schlagen wollten, sie krümmen und winden sich, verleugnen, was nicht mehr zu verleugnen ist, betteln jämmerlich um ein bißchen Achtung, die sie zu fordern nicht mehr das Recht haben, irren von einem zu dem anderen, so lange ruhelos auf der Welt umher, bis ihre Vergangenheit aufgehört hat irgend jemand zu interessieren und sie als uralte Ruinen, denen man ihre Fehltritte nicht mehr nachrechnet und kaum mehr glaubt, irgendwie in ihre ehemalige Welt zurückkehren dürfen.« Gräfin Lenzdorff schüttelte sich. »Nein, réflexion faite hätte Ada die Sache bleiben lassen sollen,« entschied sie, »sie ist nicht danach angetan, sie durchzuführen.« »Auch diesmal pflichte ich dir bei,« sagte Frau von Neerwinden, die während dieser unter den Umständen geradezu unerhörten Improvisation alle Farben gespielt hatte. Ihre Stimme klang etwas kleinlaut, sie hatte einige Mühe, sich zu fassen. »Unsere arme beklagenswerte Ada ist nicht dazu gemacht, die Situation durchzuführen, sie ist ja doch nur eine kleine Natur. Es gehört eine gewaltige Individualität dazu, die Welt zu zwingen, einen Ausnahmezustand zu respektieren. Und dann schließlich hängt es doch ein wenig davon ab, für wen eine Frau den verhängnisvollen Schritt tut. Die begeisterte Leidenschaft einer Herzogin von Albany für Alfieri, einer Guiccioli für Lord Byron verdient eine andere Berücksichtigung als die verliebte Schwäche dieser hübschen kleinen Ada für den oberflächlichen Stutzer, mit dem sie durchgegangen ist.« Gräfin Lenzdorff erwachte plötzlich aus ihrer Zerstreutheit. Eine etwas unerquickliche Pause folgte. Graf Treurenberg war der erste, der den Faden des Gesprächs wieder aufnahm, und zwar indem er kaltblütig bemerkte: »Die Geschichte ist jedenfalls eine Dummheit, und um die arme Frau ist mir leid; dem Rheinsberg aber gönne ich den Skandal von Herzen, ich hab's ihm vorausgesagt, daß es so kommen würde – alter Trottel! Widerwärtig, geizig, langweilig und in der letzten Zeit noch zudringlich – das soll eine Frau mit Nerven im Leibe aushalten ...« »Warum hat sie denn nicht versucht, sich scheiden zu lassen? Ich weiß, es ist in einem katholischen Lande schwer, aber endlich, es wäre doch besser gewesen als das – das,« sagte Konstanze Mühlberg, der die Tränen über die Wangen liefen. »Kein Scheidungsgrund,« erwiderte Graf Treurenberg, die Achseln zuckend. »Die Ehen, bei denen sich die allgemeine Unbehaglichkeit ohne Scheidungsgründe einstellt, sind immer die traurigsten,« bemerkte trocken Gräfin Lenzdorff. »Gottlob!« stöhnte Konstanze Mühlberg, indem sie andächtig die Hände faltete, »wenigstens an Scheidungsgründen fehlte es mir nicht, dafür kann ich meinem Mann nie genug dankbar sein!« Das sagte sie, wenngleich mit tränenüberströmten Wangen, so überaus spaßig, daß die ganze Gesellschaft zu lachen anfing. Aber die Heiterkeit hielt nicht an. »Arme Frau,« murmelte Fräulein Agathe. »Arme Frau!« wiederholte die Gräfin Mühwerg, in Gedanken versunken, »arme Frau!« Dann plötzlich den Kopf zurückwerfend, rief sie aus: »Warum bedauern wir sie! In diesem Augenblick ist sie gewiß die Glücklichste von uns allen! Sie hatte wenigstens den Mut, glücklich zu sein, während wir ... Wir nagen alle geduldig an dem Hungertuch unserer Tugend, ohne daß irgend etwas dabei herausschaut als selbstzufriedene Langeweile, und wenn wir's doch wenigstens aus Überzeugung täten! Aber nein ... aus Faulheit, aus Stumpfheit, aus Feigheit, und weil wir nicht einmal das Zeug in uns haben, nach einem großen Glück zu verlangen. Ich bewundere Ada, wenigstens – beneide ich sie!« »Was ist denn heute in Sie hineingefahren?« rief Gräfin Lenzdorff, indem sie ihrer kleinen Freundin mit dem Finger drohte. »Ach, das ist nur so!« rief die kleine Gräfin mit einer humoristischen Verzweiflungsgeste. »So ... wie man allenfalls vom Selbstmord spricht ... ganz platonisch, das heißt soviel als: Es kommt doch nichts dabei heraus. Seitdem mir die große Gnade zuteil geworden ist, meinen Mann loszuwerden, find' ich's eigentlich unbescheiden, noch weitere Anforderungen an die Vorsehung zu stellen. Sie brauchen sich meinethalben keinen Besorgnissen hinzugeben, meine Damen, ich bin unheilbar anständig – es ist nicht mein Verdienst, es ist meine Natur, mein Schicksal, wie irgendein berühmter Mann vor soundso viel hundert Jahren einmal geäußert haben soll. Gott helfe mir, ich kann nicht anders!« Durch Erikas Nerven klang es noch immer: »Ich bewundere Ada – wenigstens, beneide ich sie!« Es war das einzige, wirklich warm aus dem Inneren einer Menschenseele hervordringende Wort, das während dieser langen Verhandlung gefallen war. Noch immer stand sie draußen auf dem Balkon. Unter ihr die Lagune, schaurig, geheimnisvoll, ganz bedeckt mit Gondeln, mehr und immer mehr, aus allen Seitenkanälen kamen sie heran, drängten alle demselben Punkt zu, der lichtumflimmerten Sängerbarke, aus der ein Liebeslied tönte – mehr, immer mehr, das ganze Wasser war von ihnen bedeckt, über die schwarzen Fluten glitten sie dahin – weiter, weiter, ein breiter Strom dunkler menschlicher Sehnsucht, wie von einer Magnetnadel angezogen, wie von einer Zauberstimme angelockt – näher und näher kam das Lied, jetzt glitt es knapp an Erika vorbei: Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie, Toi qui n'as pas d'amour! Und über ihr flimmerten die Sterne, Myriaden von Sternen, eine Unendlichkeit von fernen Weltkörpern, und funkelten und blitzten recht verächtlich herab auf die armseligen Menschen, die sich krümmen und winden und sich wichtig vorkommen in ihrem kleinwinzigen Tun und Lassen, als ob es so oder so darauf ankäme. Die ganze Nacht lag Erika wach, mit weit offenen, brennenden Augen. Dennoch erschien sie pünktlich beim Frühstück wie gewöhnlich; aber inmitten der zwanglosen, freundlichen kleinen Mahlzeit, die sie wie alle Tage in dem Wohnzimmer ihrer Großmutter einnahm, überfiel sie eine drückende Mattigkeit, eine Sehnsucht, sich einmal ordentlich auszuweinen irgendwo im Dunkeln, wo sie niemand dabei ertappen würde. Indessen zog sich die Mahlzeit endlos in die Länge. Die Großmutter, welche ihren Ärger über Lozoncyis verheimlichte Ehe längst vergessen und sich den Abend zuvor bei Aglaja von Neerwinden außerordentlich gut unterhalten hatte, war bei vortrefflicher Laune und konnte des Plauderns kein Ende finden. Sie war ganz besonders witzig, scharfsinnig und geistreich. Immer noch hielt sich Erika, brachte es über sich, munter zu erscheinen, zu lachen. Es war ihr dabei zumut, als ob sie mit schmerzenden Zähnen Nüsse knacke. Da, als sie gerade wähnte, es nicht mehr aushalten zu können, erschien Lüdecke und präsentierte ihr ein Billett. Es sei gestern gekommen, berichtete er, kurz ehe die Damen ausgefahren seien zum Diner. Er habe es vergessen, er bitte um Entschuldigung. »Altes Schaf!« murmelte die Großmutter; Erika aber öffnete mit zitternden Händen das Blättchen. Es war von Fräulein Horst, der Klavierlehrerin in der Pension Weber. Sie schrieb, daß sie sich seit ein paar Tagen unwohl fühle und infolgedessen nach Hause abzureisen gedenke. Mit rührender Dankbarkeit und Schwärmerei verabschiedete sie sich brieflich von Erika, da ihre erschöpften Kräfte es ihr nicht mehr erlaubten, die Komtesse aufzusuchen. Aufrichtig betrübt, nebenbei ein wenig beschämt durch das Bewußtsein, die harmlose Schwärmerin in letzterer Zeit vernachlässigt zu haben, ließ sich Erika eine Gondel rufen, in der sie sich sofort nach der Pension Weber begab. Als sie in dem Flur des Etablissements nach Fräulein Horst frug, malte sich eine große Bestürzung auf allen Gesichtern. Erika erriet, daß man ihr den bereits eingetretenen Tod der Armen verschweigen wollte – wenigstens momentan, um ein paar soeben von der Bahn eingetroffene Touristen nicht unangenehm zu berühren. Sie wartete ab, bis man diesen ihre Zimmer angewiesen hatte, worauf sie Attilio, den ihr durch ihre wiederholten Besuche bei Fräulein Horst bekannten Kellner, bat, sie zu der Leiche zu führen. Die schmalen, muffig riechenden Gänge der Pension entlang erzählte er ihr halblaut, man habe schon längere Zeit keine Hoffnung gehabt. Vorgestern habe sich auch noch die letzte Unruhe eingestellt: das Reisefieber, die Sehnsucht nach der Heimat, das sichere Zeichen nahender Auflösung; für heute abend sei die Abreise der Ärmsten beabsichtigt gewesen. Ach, man habe so gehofft, sie zur rechten Zeit fortzubekommen, und nun sei sie doch hier gestorben! Den Morgen habe man sie tot im Bett gefunden, die Kerzen neben ihr tief herabgebrannt, auf ihrer Bettdecke ein aufgeschlagenes Buch. Ach ja, es sei recht traurig, so fern von der Heimat zu sterben, aber es sei auch unangenehm für das Etablissement, die Exzellenz könne sich das gar nicht vorstellen. Welcher Schaden für die Pension! Der Signor Barone aus dem ersten Stock habe sofort erklärt, er brächte keine Nacht mehr dort zu. Indessen hatte Attilio den Schlüssel des Kämmerchens gebracht, in dem die Leiche verschlossen war. Er ließ Erika ein. Sie winkte ihm, sich zu entfernen. Das Zimmer war verdunkelt, nicht einmal ein paar Kerzen hatte man zu Häupten der Leiche hingestellt. Erika schob die Vorhänge etwas zurück; ein Kruzifix stand auf dem Nachttisch mitten zwischen den Medizinflaschen und Liebesgeschichten, die auch heute denselben bedeckten. Eins der Bücher war aufgeschlagen, wahrscheinlich an derselben Stelle, wo die Verstorbene aufgehört, es zu lesen. Eine deutsche Übersetzung von Romeo und Julia – an der Balkonszene war es offen: »Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche ...« Erika schlug das Laken zurück, das den Kopf der Leiche bedeckte; doch verschleierte sie, bis ins Innerste erschüttert, sofort wieder das arme tote Gesicht, dermaßen erschrak sie vor dem Ausdruck dürstender Sehnsucht in den starren, bleichen Zügen – einer Sehnsucht, die unbefriedigt in den Tod gegangen war. Sie kniete nieder neben der Verstorbenen, grub ihre Stirn in den Bettrand und weinte. Als Attilio kam, sie sanft zu mahnen, nicht zu lange zu verweilen, raffte sie sich auf und verließ mit tiefgesenktem Kopf das Zimmer. Während sie die Treppe hinunterging, hörte sie eine schnarrende Stimme mit leichtem polnischem Akzent rufen: »Sophy, Sophy, bist du bereit?« Dann aus der Tiefe des Korridors auftauchend, sah sie zwei Gestalten, eine breitschultrige kurze Amu, schwer beladen mit einem Schalpaket, einer Reisetasche und etlichen Parapluies, unter ihrem von blauem Schleier umflatterten Hut aufsehend zu einem Manne, der, die Hände in den Taschen seines karierten Jacketts, das Monokel im Auge, neben ihr herwanderte und sich offenbar mit großer Herablassung von ihr anbeten ließ: Strachinsky und seine junge Frau. Strachinskys Blick streifte Erika - er runzelte die Stirn und sah von ihr weg. Sie war dessen froh, in ihrer verzweifelten Stimmung hätte sie sich kaum überwinden können, mit dem Paar zu reden. Ihr ganzes Sein war von dem Gedanken erfüllt: Wo finde ich jetzt noch ein dunkles, stilles Plätzchen, um mir die Last vom Herzen zu weinen, die ich nicht mehr ertragen kann! Sie schickte die Gondel zurück, eilte durch die schmalen, schluchtartigen Gassen nach der Piazza San Zacharie und trat in die Kirche gleichen Namens. Die Kirche war leer, kein einziger Fremder anwesend, um sich an der Schönheit der berühmten Bellini zu erfreuen. Sie kauerte sich in dem finstersten Winkel auf dem harten Steinboden zusammen, und dort, den Kopf auf den Strohsitz eines Kirchenstuhles stützend, weinte sie noch heftiger, als sie neben der Leiche geweint. Mit einemmal fuhr sie empor; sie hatte das Gefühl, nicht mehr allein zu sein in der Kirche – neben ihr stand Lozoncyi. Sie erhob sich, tat, was sie konnte, ihren zerrissenen Stolz irgendwie zurechtzurücken. »Welch sonderbarer Zufall führt Sie hierher?« fragte sie ihn. »Kein Zufall,« gab er zur Antwort. »Ich sah Sie hier eintreten und bin Ihnen nachgekommen.« »Ah!« Mit unerhörter Überwindung zwang sie sich dazu, einen gleichgültigen Ton anzuschlagen. »Ich war in der Pension Weber, um von meiner armen Klavierlehrerin Abschied zu nehmen. Ich fand sie tot. – Sie begreifen ...« Er schüttelte seinen braunen Kopf. »Und Sie wollen mich glauben machen, daß die Tränen, die Sie eben vergossen haben, der armen Klavierlehrerin gelten?« sagte er herb. »Wahrlich, die Lüge ist Ihrer nicht wert! Gräfin Erika, ich bin Ihnen nachgekommen, um ein letztes Mal ungestört mit Ihnen zu reden, um Ihnen zu danken – und Sie um Vergebung zu bitten. Seien Sie doch aufrichtig mit mir, wie ich es mit Ihnen sein werde. Gönnen wir uns den Trost, daß wir einander bei unserem letzten Abschied auf den Grund unserer Herzen geschaut haben; 's ist ohnehin ein armseliger und schmerzlicher Trost!« Er sprach das alles mit einer jegliche Verstellung beiseiteschiebenden Bestimmtheit aus, gegen die Erikas Stolz machtlos blieb. Vergeblich suchte sie ein Wort der Erwiderung – sie fand keines. Sie sah ihm ins Gesicht und erschrak über sein verfallenes Aussehen. »Nicht wahr,« sagte er, ihr Zusammenzucken bemerkend, bitter, »in diesem Falle ist Ihrem verletzten Stolz bereits die nötige Genugtuung zuteil geworden. Sie können ihn ruhig beiseitelegen. Gegen die Pein, die ich seit vorgestern abend mit mir herumtrage, ist Ihre Qual ein Kinderschmerz! – Ach!« In etwas von seinem sonstigen ungeduldigen Ton verfallend, dem ungeduldigen Ton eines Menschen, der gewohnt ist, daß man ihm mit Freuden den Willen tut, rief er: »Setzen Sie sich doch einen Augenblick. Es ist ohnehin die letzte Gelegenheit, die sich uns bietet, uns auszusprechen. – Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Sie haben das Recht, mich zu fragen, wie ich dazu kam, Ihnen die Kenntnis meiner häuslichen Angelegenheiten vorzuenthalten. Nun, daraufhin vermag ich nur zu erwidern: ich spreche überhaupt nie von meiner Ehe. Ich bin nicht stolz auf meine Frau. Ich führe sie nie in die Welt. Die wenigsten Menschen in der Gesellschaft wissen, daß ich verheiratet bin, obgleich ich nicht absichtlich ein Geheimnis daraus mache. Ich reise häufig ohne sie, und diesen Herbst hatten sich die Verhältnisse zwischen uns, aus irgendeinem Grunde, der nicht weiter erörtert zu werden braucht – so unerquicklich gestaltet, daß wir überein kamen, uns zeitweilig zu trennen. Es war mir unangenehm, mich mit dem Gedanken an meine Frau zu beschäftigen. Nun, trotz allem hätte ich Ihnen meine Lage nicht verschweigen sollen. Ich hätte es auch nie getan, wenn ich geahnt... Sie zucken zusammen – aber es ist ja abgemacht zwischen uns, daß wir, alle läppisch verschleiernden Ausflüchte beiseiteschiebend, einander gegenseitig für einmal im Leben die Wahrheit sagen wollen. Sie hat in diesem Fall ohnehin nichts Verletzendes für Sie. – Ich hatte eine Schwärmerei für Sie gefaßt, als Sie noch ein ganz kleines Mädchen waren. Soll ich sagen, daß ich Sie liebte vom ersten Augenblick, da ich Sie wiedersah? – Nein! Sie interessierten mich, Sie erregten meine Neugierde, mein Staunen, ich konnte nicht aufhören, an Sie zu denken! Ich wollte nicht an Sie glauben. Manchmal nannte ich Sie überspannt, und manchmal sagte ich, Sie seien einfach eine kalte Natur. Sie wissen ja, wie ich Ihnen ausgewichen bin, als ich schon längst die Augen nicht mehr losreißen konnte von Ihnen – und dann, dann ... Sie haben keine Ahnung, mit welchem Herzklopfen ich die Treppe hinaufstieg zu Ihnen den Abend, wo ich Ihnen meine Bitte vorbrachte, Ihr Bild malen zu dürfen. Von da an war's aus mit dem Grübeln über Sie – ich freute mich einfach an Ihnen, Sie erschienen mir als der Schlüssel zu einem reinen, edlen Leben, das auf der Welt zu finden war, wenn ich auch bis dahin nichts davon geahnt hatte. Und ich fing an, mich nach diesem Leben zu sehnen; der große Ekel, den ich sonst der ganzen Welt zugewendet, kehrte sich jetzt gegen mich. Und dann war's auch mit dem zu Ende. Ich hatte gar keinen Gedanken mehr als Sie; mich auf die paar Stunden zu freuen, die ich mit Ihnen zubringen durfte, das füllte meine ganze Seele aus. Wenn Sie fort waren, dann blieb ich noch lange, lange in meinem Atelier sitzen, jedes Ihrer Worte, jeden Blick rief ich mir ins Gedächtnis zurück. Die knospenhafte Herbigkeit Ihres Wesens, die tiefe Begeisterungsfähigkeit, die in Ihnen brachlag, und dabei die stolze, von keinem Hauch verdunkelte Reinheit, die Ihr ganzes Sein durchdrang – ach Gott, wie schön war das alles! Aber Sie waren so fern von mir, das Weltall lag zwischen uns. Eine Sehnsucht, die jeglicher Hoffnung bar ist, kommt nie zur vollen Entfaltung, sondern verkümmert und stirbt, ohne nur einmal die Flügel geregt zu haben. Da, vorgestern abend, kam mir das erstemal der Gedanke – vielleicht – wenn es möglich gewesen wäre – im Laufe unseres Spazierganges kam er mir. Noch denselben Abend eilte ich zu Ihnen unter irgendeinem Vorwand, um mich zu überzeugen, ob ich mich geirrt. Ich hatte Ihnen kaum in die Augen gesehen, so wußte ich, daß ich mich nicht geirrt hatte. Und dann ... ich bin herumgelaufen in den Straßen wie toll. Als ich endlich heimkam, da schlich ich mich in das Atelier und fing an zu träumen. Ich erzählte mir's selbst, wie das alles so gewesen wäre, wenn ich das wundervolle Glück, das sich mir bot, in meine Arme hätte schließen dürfen. Mir war's, als fühlte ich Ihre Nähe. Rings um mich wurde es lebendig von süßen Visionen. Das, worüber ich mein ganzes Leben gespottet, ein engverbundenes edles Familienleben, erschien mir plötzlich als das lockendste Glück der Welt – neben Ihnen. Bis in jede Einzelheit dachte ich mir's aus, und wie ich selbst meine Kunst geläutert und veredelt hätte durch Ihren Einfluß – meine Kunst, die bis jetzt nichts war als der unreine Schmerzensschrei einer gequälten Seele. Mein ehemaliges Leben war weit. Wie ein schwüler Sumpf lag's hinter mir. Wie ich Sie anbetete, wie dankbar, andächtig und zärtlich! ... Da plötzlich wachte ich auf – das Bewußtsein kam mir, wie unmöglich das alles war; ich kroch hinaus aus dem Atelier in den Garten, wo alles im Frühmorgen so weißlich verwischt aussah wie mein sterbender Traum. Ich bemühte mich, zu denken, Schlüsse zu ziehen. Es tat mir weh, aber ich zwang mich dazu. Welchen Weg meine Gedanken auch einzuschlagen versuchten, immer führten sie zur Verzweiflung, zur Trennung von Ihnen. Die Überzeugung ließ sich nicht abweisen, daß ich verpflichtet sei, den Verkehr mit Ihnen so rasch als möglich abzubrechen. Wie es weiter kam ...? Das wissen Sie selbst. Was ich aber gestern gelitten habe, vom ersten Moment an, da Sie in mein Atelier getreten, bis zu dem, da Sie mir nachgekommen sind in das Gärtchen, dort zwischen die Rosen – beide Hände mir entgegengestreckt und die Augen voll Licht – das können Sie sich nicht denken! – Ihnen da nicht zu Füßen fallen, Sie nicht in die Arme schließen, Ihnen nicht sagen zu dürfen: Mein Himmel, meine Königin – dein mit Leib und Seele, dein mit jedem Wort, dein mit jedem Gedanken – mein ganzes Leben, meine ganze Kunst ein Dankgebet zu dir! Glücklos zu leben, wenn man keine Ahnung von dem Glück gehabt hat – das ist nichts, das nimmt man hin. Aber, wenn einem ein Engel die Pforten des Paradieses weit aufreißt und man sagen muß: Nein, ich darf nicht! – das ist schrecklich; man begreift gar nicht, daß man es überlebt!« Er schwieg. Mit tiefgesenktem Kopf hatte sie ihm zugehört. Zwar umschlich sie ein halbwaches Gefühl, daß es nicht in der Ordnung sei, sich von einem verheirateten Manne sagen zu lassen, was er ihr gesagt hatte, doch beschwichtigte sie ihre kaum aufkeimenden Bedenken mit der Entschuldigung: Es ist der Abschied! Seine Augen suchten die ihren; würde sie ihm etwas erwidern? Ihr Mund blieb geschlossen, aber auf ihren Lippen schwebte eine Frage, die sich nicht recht hinauswagte. Er beugte sich zu ihr nieder. »Sie haben etwas auf dem Herzen,« flüsterte er, »teilen Sie es mir mit.« »Ich ... ich« – endlich brachte sie's heraus – »ich begreife nicht recht, was Sie dazu bewogen haben kann, diese Frau zu heiraten!« Er zuckte mit den Achseln. »Ja ... heute begreife ich's selber nicht,« sagte er. »Aber was wollen Sie? Ich lebte außer allen Beziehungen mit Frauen, die mir hätten Respekt einflößen können – zwischen Kollegen ohne Familien, zwischen Weibern, von denen die meisten gerade so viel wert waren wie die, von der wir sprechen. Im Grunde war ich damals überzeugt, daß es keine anderen Frauen gäbe als solche, oder verkümmerte alte Jungfern wie meine Tante Illona. Um zehn Jahre älter als ich, bestimmte sie jeden meiner Gedanken, jede meiner Handlungen; ich konnte nicht mehr ohne sie sein und heiratete sie endlich von einem Tag zum anderen aus Eifersucht, aus Angst, daß ein Kollege sie mir wegnehmen könnte.« Er stockte. Erika holte einen langen, mühsamen Atemzug. »Kurze Zeit darauf kam der Ruhm,« begann er von neuem, »plötzlich über Nacht. Alle Pforten standen mir offen. Ich mache mich nicht besser vor Ihnen, als ich bin. Es ging nicht einmal schlecht zu Anfang. Ich fühlte die Last nicht, die ich mir aufgehalst hatte. Dutzende von Kollegen befanden sich im selben Fall wie ich. Sie sorgte für alle meine Bequemlichkeiten, sie räumte mir jeden Stein aus dem Weg, sie führte die Unterhandlungen mit meinen Kunsthändlern, sie war alles, was ich nicht war: praktisch, umsichtig, energisch. Ich ging in die Welt ohne sie, sie verlangte es nicht besser, und ich ließ mir von anderen Damen den Reiz des Lebens zuführen, der meinem Heim fehlte. Der eigentliche Ekel vor meiner bisherigen Gefühlsverwilderung kam mir auch da noch nicht. An idealem sittlichem Gehalt war die elegante Welt, in der ich jetzt verkehrte, nicht viel reicher als die niedrigen Sphären, in welchen ich mich früher bewegt. Ich bitte Sie, wer sind denn zumeist diejenigen, die einen jungen Künstler in die sogenannte gute Gesellschaft ziehen? Ein paar überspannte Weiber, die sich langweilen und mit denen es im übrigen schon längst nicht ganz richtig ist. Einen tiefen Blick in eine echte, reine Frauennatur zu tun, dazu haben wir armen Künstler in der großen Welt am allerwenigsten Gelegenheit, wenigstens in den Anfängen unserer gesellschaftlichen Karriere. Was mein Leben unter anderen Umständen hätte werden können, fiel mir gar nicht ein, fiel mir überhaupt nicht ein, bis ... O Erika, Erika, warum haben Sie einen anderen Menschen aus mir gemacht! Warum haben Sie mich aus dem Sumpf gezogen, der mein Lebenselement geworden war, wenn Sie mich jetzt verschmachten lassen!« Sie fuhr sich mit beiden Händen über die Schläfen. »Was kann ich tun?« murmelte sie heiser, »was kann ich tun?« Sie stand da, still, blaß, vor Teilnahme und Mitleid bebend, hilfsbeflissen und hilflos – schön, wie er sie noch nie gesehen, durch das Fieber in ihren Augen und auf ihrem roten Mund. Da mit einemmal tönte von der Festung San Giorgio der Kanonenschuß, der die Mittagsstunde verkündigt; zugleich begannen alle Glocken von Venedig ihre ehernen Zungen zu regen. Erika erwachte wie aus einem Traum. »Ich muß fort,« rief sie, »die Großmutter erwartet mich!« »Das ist der Abschied,« murmelte er – für immer!« Ein gräßlicher Schmerz zog ihr fast die Kehle zusammen. Er hielt den Kopf tief gesenkt; plötzlich wendete er ihn ab. Sie konnte es nicht aushalten, seinen Jammer mit anzusehen. Näher an ihn herantretend, legte sie ihm die Hand auf den Arm. »Sprechen Sie sich wirklich jeglicher Verpflichtung gegen Ihre Frau frei?« begann sie. »Ja,« erwiderte er schroff. Er begriff nicht, auf was die Frage hinzielte. »Nun, dann ... dann ...« stotterte sie, »könnten Sie vielleicht auf eine Scheidung dringen?« Er sah zu ihr empor. »Und Sie würden sich entschließen, meine Frau zu werden?« rief er, »Sie, die schöne, gefeierte Erika Lenzdorff, die Frau eines armen geschiedenen Malers?« »Ja!« sagte sie fest; damit reichte sie ihm die Hand. Noch einmal tauchte sie ihren Blick in seine Augen, dann verließ sie die Kirche. In einer Art begeisterten, opferwilligen Taumels überschritt sie den Platz, zwischen dessen unregelmäßigen Quadern das Gras welkte und über dem der graue Wolkendunst schwebte. – Das war die Liebe, das große, heilige Gefühl, das sie für Lozoncyi empfand. »Endlich ist sie gekommen – für mich und ihn,« sagte sie sich. Sie fühlte sich wie getragen von einem leidenschaftlichen Empfinden, das ihr ganzes Sein höher emporhob. Plötzlich schlich sich's wie ein Mißton in ihre Seele. Zu einer klimpernden Gitarrenbegleitung hörte sie in musikalischer Periode gesungen die Worte: Tu m'hai bagnalo il seno mio di lagrime, T'amo d'immenso amor – Aufsehend, erblickte sie dieselben singenden Ungeheuer, vor denen sie damals auf der Piazza San Stefano erschrocken war. Sie beschleunigte ihren Schritt; aber noch lange tönte es hinter ihr her: T'amo d'immenso amor! – Endlich nur mehr das Wort amor . Sie runzelte die Stirn. Eine Empörung regte sich in ihr, ein Zorn darüber, daß jemand es wagte, das wundervolle Wort zu entheiligen. Heiter lachte Erika die Zukunft nicht. Sie war sich dessen vollständig bewußt. Ohne Glückwunsch, ohne Segen würden sie in die Welt ziehen, er und sie! Ihr schauderte ... Und doch ... eigentlich machte ihr die unendliche Traurigkeit, welche ihre aufopfernde Liebe umgab, dieselbe doppelt teuer; der Schmerzensdurst, der seit einiger Zeit ihr überreiztes Nervensystem durchdrang, meldete sich auch diesmal in ihr. Sie suchte den Schmerz überall: in der Poesie, in der Musik, in der Kunst; er lockte sie auch in der Lebensaufgabe, die sie auf sich genommen. – Er lockte sie in der Liebe. Immer in demselben begeisterten Taumel lebte sie die Stunden hin. In der Nacht schlief sie besser als seit langem. Gegen elf Uhr ging die alte Gräfin aus, um ihren täglichen kleinen Vormittagsspaziergang zu machen. Bald nachdem sie sich entfernt hatte, meldete Lüdecke Herrn von Lozoncyi. Erika ließ ihn heraufbitten. Kaum hatte sie einen Blick auf sein Gesicht geworfen, wußte sie schon, daß die Möglichkeit einer Befreiung für ihn ausgeschlossen sei. Ohne ein Wort zu reden, reichte sie ihm die Hand; die seine war eiskalt und zitterte in der ihren, er sah elend aus, blaß, verfallen, mit großen heißen Augen. »Setzen Sie sich,« begann sie nach einer Pause linkisch. Die Verzweiflung schnürte ihr die Kehle zu. Zugleich ging ihr ganzes Wesen auf in qualvoll zärtlichem Mitleid. Er schüttelte den Kopf. »Es ist nicht der Mühe wert,« sagte er mit fast tonloser Stimme – der Stimme eines Menschen, der unter einer schweren Last zu Boden sinkt. »Seit einer Stunde warte ich den Augenblick ab, wo ich Sie allein sprechen kann, um Ihnen das, was ich Ihnen mitteilen muß, unter vier Augen sagen zu können. Es ist nicht viel. Ich habe mit ... meiner Frau gesprochen. Sie willigt in keine Scheidung, und ohne ihre Einwilligung ist eine Scheidung nicht zu erreichen. Scheidungsgründe – offizielle Scheidungsgründe – hat sie mir nie gegeben. Nein, nie – so seltsam es scheint von einer Frau wie sie. Gestern abend hab' ich mit ihr gesprochen, natürlich ohne Sie zu nennen, Gräfin Erika. Es hat eine Szene gegeben, eine widerliche Szene ... und jetzt ...« – seine Stimme klang immer schwächer – »jetzt ist alles zu Ende!« Er legte die Hand auf die Lehne eines Sessels, wie um sich auf etwas zu stützen. Einen Moment blieb er stumm, dann fuhr er fort: »Ich hätte Ihnen den Bescheid brieflich geben sollen, es wäre vernünftiger gewesen ... ja, vernünftiger – viel ...« Er tastete nach seinen Worten wie einer, der halb bewußtlos ist vor Schmerz. »Aber ich hab' mir's nicht versagen können, Sie noch einmal zu sehen – mich noch einmal so recht satt zu sehen an Ihnen. Leben Sie wohl – jetzt ist's genug, ich geh' – es ist besser, ich geh'.« Sie stand da wie angewurzelt, blaß, stumm; immer fieberhafter, unruhiger, hastiger suchte sie einen Trost für ihn, für sich. Was konnte sie ihm denn jetzt noch Liebes tun? Die Brücke war abgebrochen zwischen ihm und ihr, es lag eine Kluft zwischen ihnen wie zwischen Tod und Leben. Sie suchte einen Weg, der sie hinüberführen sollte zu ihm – sie konnte keinen finden, alles schwankte um sie herum. »Leben Sie wohl!« murmelte er. »Wenn man bestimmt ist, in einem zu niedrigen Raum zu leben, so ist es besser, daß man sich einfach hineinfügt, auf allen vieren zu kriechen. Es tut weh, sich aufrichten zu wollen, und seit ich Sie kennengelernt, seit ich Sie wiedergesehen, hatte ich das Bedürfnis, mich aufzurichten. Ich büße jetzt dafür. Aber es war doch schön! Haben Sie Dank für alles, für die Freude und den Schmerz, Sie Herrliche, Unvergeßliche!« Seine Stimme brach; er wendete sich ab und streckte ihr zugleich die Hand entgegen zum Abschied – eine blasse, schmale, zitternde Hand. Warum fiel ihr bei dem Anblick derselben die magere Hand des halbverhungerten jungen Malers ein, dem sie als kleines Mädchen nachgelaufen war, um sein Elend zu lindern? – Und jetzt konnte sie nichts für ihn tun – nichts! ... Wirklich nichts ...? Mit einemmal kam es ihr. Sie brauchte ja nur die Arme auszustrecken, gänzlich ihrer selbst zu vergessen, um seine Qual in Seligkeit umzuwandeln. Ihr schwindelte. Das Mitleid kam über sie wie eine Raserei, alles in ihr schwankte und brach – es war, als ob ein Erdbeben ihre Seele durchschüttert hätte. Was früher oben gewesen, war jetzt unten, und mitten aus dem wirren Chaos kam ein Gedanke, der sie allmählich überwältigte, erst formlos wie ein Traum, dann nach und nach schärfer, immer schärfer ausgeprägt wie ein Gebot. Sie hob den Kopf, stolz, entschlossen. »Haben Sie den Mut, mit allem zu brechen, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen?« fragte sie. »Ein neues Leben?« murmelte er; und blinzelnd, unsicher, als traue er seinen Sinnen nicht, als habe er Angst, etwas Ungeheuerlichem, Unmöglichem Worte geliehen zu haben, setzte er hinzu: »Mit Ihnen?« »Ja,« erwiderte sie. Er fuhr zusammen, trat einen Schritt zurück und sah ihr voll ins Gesicht, sprachlos, atemlos. Eine brennende Nöte stieg ihr in die Wangen. »Sie haben den Mut nicht,« sagte sie finster. »Nun denn – « Mit einer stolzen, herrischen Gebärde wendete sie sich ab. Er aber hielt sie zurück. »Ich den Mut nicht?« rief er, ihre Hand erfassend und sie an seine Lippen ziehend. »Fragen Sie einen Verdurstenden, dem Sie einen Becher frischen Wassers reichen, ob er den Mut nicht hat, zu trinken! Von mir ist nicht die Rede, aber von Ihnen. Haben Sie denn eine Ahnung davon, was Sie auf sich nehmen?« Sie schüttelte den Kopf. »Man hat mich gewöhnt, dem Leben gerade ins Gesicht zu sehen; ich weiß, was ich tue,« behauptete sie. »Ich weiß, was die Folgen meiner Handlung sein werden; ich weiß, daß ich auf den Verkehr mit keinem Menschen mehr rechnen kann außer auf den mit Ihnen, daß ich keine Zufluchtsstätte haben werde außer an Ihrer Seite; ich weiß, daß ich in den Augen der Welt eine Verlorene sein werde – und dennoch, wenn ich die Überzeugung hegen darf, Ihre gebrochene Existenz aufzuhellen, zu läutern und zu veredeln, bin ich bereit!« Ihre jederzeit weiche, ungemein zu Herzen dringende Stimme war leicht umflort und zitterte fast befangen; sie hielt die Hände gefaltet und gegen die Brust gedrückt, das Haupt hoch erhoben; ihre Augen schienen größer als gewöhnlich durch den ekstatischen Blick, der daraus sprach. »Erika!« jauchzte er, und der Ton erstickte fast in seiner Kehle; dann stürzte er auf sie zu, um sie in seine Arme zu schließen, den ersten Kuß von ihren Lippen zu trinken. Da aber wehrte sie ihn mit einer scheuen, verwirrten Bewegung von sich ab. Es war fast, als sei sie von einer plötzlichen Beklemmung und Beängstigung überkommen; und als er nun in schroffem, vorwurfsvollem und zugleich staunendem Ton wiederholte: »Erika!« – da legte sie die Hand an die Stirn und murmelte: »Mein ganzes Leben gehört Ihnen, gönnen Sie mir nur noch ein paar Stunden, um mich zu sammeln, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen!« Er lächelte zu ihrer Zurückhaltung und begnügte sich vorläufig damit, sie bei der Hand zu halten und diese ein paarmal hintereinander zärtlich an seine Lippen zu drücken. Dabei sagte er einschmeichelnd: »Vorbereitungen? – O mein süßes, entzückendes Mädchen! Kommen Sie heute um zehn Uhr auf den Bahnhof, und wir fahren nach Florenz. Alles andere ist meine Sache!« »Heute ist es unmöglich,« sagte sie nachdenklich, »es ist unser Empfangsabend; ich könnte mich nicht entfernen, ohne daß man mir nachforschen würde.« »Und morgen?« drang er in sie, immer mit derselben weich einschmeichelnden, drängenden Stimme, immer rascher artikulierend. Alles in ihm verriet die fiebernde Hast eines Menschen, in dem die bis dahin gewaltsam zurückgehaltene Leidenschaft plötzlich entfesselt, alles um sich herum niederreißend, auf ihr Ziel losstürzt. »Morgen ...« wiederholte sie beklommen, »morgen ...« »Zögern Sie nicht, Erika, wenn Sie wirklich entschlossen sind!« »Ja, morgen – wär's möglich!« Die Worte fielen Silbe für Silbe klanglos in einer Art Stakkato von ihren Lippen. »Erika!« Die Sonne ging auf in seinen Augen, alles an ihm war wie verklärt. »Ja,« fuhr sie fort, »Konstanze Mühlberg hat für morgen ein großes Abschiedsfest in Szene gesetzt, eine Partie de plaisir nach Chioggia in einem eigens zu diesem Zweck gemieteten Dampfer. Meine Großmutter soll die Schutzpatronin der Veranstaltung sein. Sie kann Konstanze nicht im Stich lassen, weil die Arme als geschiedene Frau ihrer Stütze bedarf. Ich werde im letzten Moment ablehnen, meine Großmutter zu begleiten. Dann bin ich frei. Wann soll ich kommen?« Dann besprachen sie noch einige andere Einzelheiten, die zu ordnen nötig waren, bestimmten die Stunde, um die sie sich auf dem Bahnhof treffen würden. Alle diese nüchternen Präliminarien verletzten Erika unsäglich, wie einen die geschäftlichen Abmachungen vor einem Begräbnis verletzen, überhaupt war ihr das Präzisieren der Angelegenheit, das Herabziehen ihres begeisterten Traumes in die grelle, deutliche Wirklichkeit unaussprechlich peinlich. Ihre Phantasie war an einer bestimmten Grenze der Situation stehen geblieben. Eine schreckliche Befangenheit lähmte sie; sie wurde sehr still, während er hastig die oder jene Bestimmung traf. »Ich kann an mein Glück nicht glauben,« murmelte er. »Wenn man Sie ansieht, wie Sie dasitzen in Ihrem weißen Kleide, so keusch und ernst und mit diesem heiligen Licht in den Augen, wie eine Märtyrerin, die sich zum Sterben vorbereitet, und nicht wie ein liebendes Weib, das alle Schranken durchbricht, um ...« Was war denn in diesen der Sachlage nach naturgemäßen Worten, das sie verletzte, so tief verletzte, daß sie mit einer gewissen Schroffheit ihm in die Rede fiel und ihn ermahnte: »Und jetzt, ich bitte Sie, gehen Sie!« Er sah sie betroffen an. Sie schlug die Augen nieder, und mit heiß errötenden Wangen stammelte sie: »Meine Großmutter wird sogleich nach Hause kommen, und ich möchte Sie nicht gern mit ihr beisammen sehen!« »Sie haben recht,« sagte er, die Farbe wechselnd. »Ihre Großmutter war immer so gut gegen mich, und jetzt...« »Gehen Sie!« »Und morgen im Laufe des Tages darf ich Sie nicht besuchen?« »Nein!« »Und – abends – um neun?« Sie schlug die Augen mit einer seltsam finsteren Entschlossenheit voll zu ihm auf: »Ich werde pünktlich sein!« Sie drängte ihn gegen die Tür. »Morgen um neun Uhr!« flüsterte er. »Morgen um neun Uhr!« wiederholte sie. Eine Minute später stand er allein auf dem sonnenbeschienenen Campo hinter dem Hotel. Er rieb sich die Augen – ihm war's, als erwache er langsam aus einem schönen, unwahrscheinlichen Traum.   Als er nach Zause zurückkehrte und das hübsche Gärtchen betrat, in dem er so oft für Erika die Rosen abgeschnitten hatte, erblickte er unter einem Maulbeerbaum, dessen weißlich-graue Äste gänzlich von blütenbeladenen Rosenranken umschlungen waren, eine üppige Frauengestalt, deren goldenes Haar in der Sonne glänzte. Sie saß in einem Lehnsessel von Korbgeflecht und beschäftigte sich mit einer leichten Häkelei. Wie flink und präzis war, während sie arbeitete, jede Bewegung ihrer etwas großen, aber tadellos geformten Hände! Sie war ein wenig stark; aber auch das hatte etwas für sich. Diese vollen runden Schultern erweckten die Vorstellung einer ungebrochenen Kraft. Er konnte nicht umhin, seine Blicke länger auf ihr verweilen zu lassen. Er staunte. Gestern – welche Aufregung, welcher Zorn, welches Geschrei; zerrissene Kleider, zerschlagenes Geschirr, zerbrochene Möbel – und heute – nach einer Szene, die jede andere Frau krank gemacht hätte – keine Spur von Ermattung, kein dunkler Schatten unter den stahlgrauen, dunkelblond bewimperten Augen, kein Fältchen um den etwas großen Mund. Welch ein Born von unverwüstlicher Lebenskraft in dieser Frau, welche unverbrauchbare, triumphierende Gesundheit! Nie eine Spur von Nervosität, von unnützer Aufregung, und keine Ahnung von Überspanntheit! Ach, sie hatte ihre guten Seiten, das ließ sich nicht leugnen. Er seufzte – er hörte sich seufzen – kam zum Bewußtsein der Richtung, welche seine Gedanken eingeschlagen, und erschrak vor sich. War es möglich, daß schon nach kaum zweitägigem gezwungenem Beisammensein, einem Beisammensein, das er, wenn er ihm nicht ausweichen konnte, dazu benutzte, ihr seinen Haß und seine Verachtung in die Zähne zu werfen, eine alte Gewohnheit ihr Recht verlangte? Immer noch häkelte sie. Die Sonne kroch zwischen den eng verschlungenen Ranken der blütenbeladenen Kletterrosen hindurch und glitzerte auf dem grauen Stahl der Häkelnadel. Jetzt schien sie ihr in die Augen; sie rückte ihren Stuhl zurecht, um dem blendenden Licht auszuweichen; dabei erblickte sie ihn. Anstatt wie gestern ihm finstere Blicke zuzuwerfen, nickte sie ihm zu, in der Sonne blinzelnd mit ihren eigentümlichen, katzenartigen Augen, und lächelte langsam phlegmatisch, wobei sie eine Reihe perlengleicher, sehr weißer Zähne zeigte. Ärgerlich, als ob sie sich ihm gegenüber eine ungerechtfertigte Freiheit herausgenommen habe, ging er an ihr vorbei in das Atelier. Er trachtete sich einzureden, daß ihm vor ihr schaudere, daß sie ihn anwidere – er suchte den großen Ekel, der sich zwischen ihn und sie gestellt, seit die Liebe zu Erika sein Herz erfüllte; aber er konnte den Ekel nicht finden. Er hielt sich diesmal flüchtiger als sonst vor dem Porträt Erikas auf, das den auffälligsten Platz im ganzen Atelier einnahm, und schritt auf seinen Schreibtisch zu. Mehrere Geschäftsbriefe lagen darauf; er öffnete sie und seufzte ungeduldig. Die meisten waren Ermahnungen zu Antworten, die bereits seit Wochen vergeblich erwartet worden waren. Seitdem er sich in Venedig aufhielt, war seine geschäftliche Korrespondenz, ja waren seine Geschäfte überhaupt in eine bedauernswürdige Unordnung geraten. Er öffnete noch einen Brief; ein Regiment von Zahlen sprang ihm entgegen. Es war die Abrechnung mit seinem Pariser Kunsthändler. Er schnalzte mit den Fingern, dann beugte er sich darüber, versuchte sich hineinzufinden. Unmöglich! – Die Zahlen tanzten vor seinen Augen – er legte die Feder weg. Unwillkürlich hob er den Kopf. Durch die Glaswand des Ateliers blickten ein Paar goldigbewimperte Augen zu ihm hinüber, gutmütig und spöttisch. Sein Herz fing an zu klopfen. Sie hatte sonst seine ganze Korrespondenz für ihn besorgt – wie flink, wie präzis! Bevor sie einer Liebschaft mit einem Maler zu Ehren Modell geworden, war sie Demoiselle de comptoir gewesen; sie verstand sich aufs Rechnen wie ein Bankbeamter. Er brauchte nur ein Wort zu sagen, und sie würde diese ganze verdrießliche Sache für ihn in Ordnung bringen. Aber er wollte keinen Dienst annehmen von ihr. Da öffnete sich die Tür des Ateliers, mit gemächlichen Schritten kam jemand auf ihn zu, eine warme kräftige Hand legte sich auf seine Schulter. Er trachtete sich einzureden, daß ihm die Berührung dieser Hand unangenehm sei. Aber sie war ihm nicht unangenehm, sie wirkte beruhigend auf seine kranken Nerven. Dennoch zwang er sich, sie abzuschütteln. Die Frau lachte, ein weiches, ziemlich tief klingendes Lachen – das Lachen einer gutmütigen Zynikerin. Dann zündete sie eine Zigarette an, reichte sie ihm und sagte: » pauvre bibi, tu n'y vois que du feu ; da versuche dich auszuruhen von deinen fruchtlosen Anstrengungen, ich bring' dir das in Ordnung im Handumdrehen, während du vor nächster Woche nicht fertig damit wirst.« Diesmal legte sie ihm die Hand nicht auf die Schulter, sondern strich ihm mit beiden Händen über Stirn und Kopf. » Voyons, Séraphine! « rief er ärgerlich, sich von ihr loswindend. Sie lachte immer gutmütig, gleichmütig und unbewußt zynisch. Ehe drei Minuten vorüber waren, saß sie statt seiner an dem Schreibtisch; er hielt die Zigarette, die sie ihm angezündet, zwischen den Lippen und stand in Gedanken versunken vor Erikas Porträt. Wie lange er so dagestanden haben mochte, hätte er nie zu sagen gewußt, aber mit einemmal hörte er eine volle Stimme neben sich sagen: » C'est rudement fort – tu sais! – Sapristi! Stellst du es aus?« »Ich weiß es noch nicht,« murmelte er zerstreut, und dann ärgerte er sich darüber, daß er ihr eine Antwort gegeben hatte. »Sie ist hübsch, das läßt sich nicht leugnen,« gestand Seraphine mit bewunderungswürdiger Objektivität. »Es tut mir eigentlich leid, daß ich dich in deiner Unterhaltung gestört habe, aber viel wär' doch nicht dabei herausgekommen. Wenn ich nicht irre, waret ihr, als ich erschien, gerade an den Grenzen des Möglichen angelangt. Sie ist eine von denen, die nichts umsonst geben und ihr Kapital immer nur auf sichere Hypothek placieren. Es tut mir sehr leid, daß ich ihr diese Hypothek nicht einräumen kann; je suis bon garçon moi – aber mon dieu, lorsqu'il y a un homme dans la question – sapristi, chaque femme pour elle! « Da öffnete Lucrezia die Tür und meldete, daß im Garten draußen das Frühstück serviert sei. Er hatte es sich fest vorgenommen, sich nicht mit seiner Frau zu der Mahlzeit niederzusetzen. Ehe er sich noch hatte äußern können, fing sie an: »Es wäre immerhin gut, wenn du einmal wieder ordentliches Aufsehen erregtest in Paris. – Wann bist du abgereist, diesen Herbst ...? Im Oktober. – Du hast keine Ahnung, welches Vergnügen du damit den meisten deiner Kollegen gemacht hast! Ils ont poussé un grand ouf. Den tollen Farbenkarneval im diesjährigen Salon hättest du dir ansehen sollen! Bouchard hat eine Nymphe ausgestellt mit einem Faun, ganz nach deinem Muster, nur ist deine aus Fleisch und die seine ist aus Dragant – ein armseliges Ding, aber von seiten der Kritik großes Geschrei und die Médaille d'honneur, voilá! On a beau dire , du hattest angefangen den Künstlern unbequem zu werden; man feiert die Stümper, um dich kleiner zu machen; man tut, was man kann, dir den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, damit du stolpern magst. Aber du brauchst dich nur zu zeigen, so eroberst du dir dein Terrain zurück. Neulich sagte mir Becard ... du weißt... er trachtet noch immer nach einer originellen Art, die Dinge anzusehen; er hat im Salon...« Also plaudernd hatte sie sich langsam der Tür genähert; jetzt war sie draußen. Ohne es zu wissen, war er ihr gefolgt. »Was hat Becard ausgestellt?« »Eine Frau auf dem Balkon nach dem Diner, zwischen zwei Beleuchtungen, auf der einen Seite Kerzenlicht aus der offenen Tür, auf der anderen Seite Mondlicht – die eine Hälfte von ihr schwefelgelb, die andere meergrün; c'est d'un drôle! « »Ich habe die Skizze zu dem Ungeheuer in seinem Atelier gesehen!« rief aufgeregt Lozoncyi. »Hat man ihm das passieren lassen?« Sie hatte sich jetzt an den appetitlich gedeckten Tisch niedergesetzt, auf dem eine goldgelbe Omelette dampfte; sie antwortete nicht gleich. »Hat man ihm das passieren lassen?« wiederholte Lozoncyi. »Passieren lassen ... Aber mein Lieber, man hat ihn aufs Schild gehoben, man feiert ihn comme le Messie! « Lozoncyi hatte sich jetzt ihr gegenüber gesetzt. Er schlug mit der Faust auf den Tisch: »Verflucht!« murmelte er zwischen den Zähnen. » Tu as tort de te fâcher, « meinte sie; »es ist ein guter Kerl und dein Freund. Er selbst sagte mir unlängst anläßlich seines succès: »Es ist der Neid gegen Lozoncyi, der mir zugute kommt.« Übrigens gibt es eine ganze Koterie unter deinen Kollegen. Darf ich dir vorlegen? Die Omelette wird kalt.« Er gestattete ihr, seinen Teller zu füllen.   Zwei Stunden später schritt er in seinem Atelier auf und ab, finster, den Schweiß auf der Stirn. Sein Frühstück hatte ihm geschmeckt und das Geplauder seiner Frau hatte ihn unterhalten. Mit kaum merklichen Gesprächswendungen hatte sie seine Phantasie hinübergelockt zu seinem alten, bequemen, ungenierten, gutmütig verliederten Künstlerleben in Paris. Immer neugieriger hatte er sie ausgeforscht nach dem Tun seiner Kollegen; dann hatte sie ihm Anekdoten erzählt, stark gewürzte, aber drastische, amüsante Anekdoten; sie hatte ihm seine Orangen geschält; dann, da die Sonne jetzt das ganze Tischchen, an dem sie saßen, zu überfluten begann, hatten sie den Kaffee in dem Atelier getrunken. Ein Gefühl großen Behagens hatte ihn überkommen; aber mittendrin empfand er noch eine lästige Unbequemlichkeit. Sie sah ihn an; lachend verschwand sie und kam mit einem Paar leichter Hausschuhe wieder. Es war heiß, die Stiefel drückten ihn; eilig entledigte er sich ihrer und schlüpfte in die bequemen Pantoffel hinein. Ihm war's, als ob er sich seit langer Zeit endlich wieder einmal eines einengenden Zwanges entledigt hätte. Er streckte und reckte sich. Plötzlich überschlich's ihn unangenehm kalt. Die Frage kam ihm, ob er es je über sich gewinnen werde, sich vor Erika so rücksichtslos gehen zu lassen. Er fuhr zusammen; die momentan hergestellte Harmonie zwischen ihm und seiner Frau war gestört. Mit den plötzlichen Stimmungswechseln, an die sie sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, wies er sie von sich ab, zeigte ihr förmlich die Tür, heftig, roh. Wieder hämmerte es ihm im ganzen Körper – es war zum Rasendwerden. Seine Erika gegenüber eingetretene Gefühlsermattung hüllte sich jetzt in ein neues Gewand. Es war abscheulich, es war gewissenlos, verbrecherisch, die Begeisterung dieses unerfahrenen jungen Wesens beim Wort zu nehmen, es vielleicht, nein gewiß, zu namenlosem Elend zu treiben, sagte er sich. Er trat an seinen Schreibtisch; er wollte ihr schreiben, daß es unmöglich sei, daß er zurücktrete ihr zuliebe. Aber kaum hatte er das erste Wort geschrieben, so fühlte er, wie sein Blut wallte, wie die Sehnsucht nach ihr ihn betäubte; er fühlte, daß er den Entschluß zu einer ehrlichen Entsagung ebensowenig fassen konnte als einen anderen. Was wollte er eigentlich? Er sprang auf, zerknitterte in rasender Heftigkeit den Briefbogen, den seine Feder kaum berührt, und warf ihn von sich. Noch einmal trat er vor das Porträt. Warum war sie auch so überspannt... Den Kopf tief gesenkt ging er in das Nebengemach. Ein paar von ihren Sächelchen waren dort noch liegengeblieben, ein spitzenumsäumtes Taschentuch, ein Paar Handschuhe. Er preßte sie heiß an seinen Mund.   »Erika! Erika!« ruft die alte Gräfin Lenzdorff in offenbar ungewöhnlich freudiger Erregung ihrer Enkelin über den ganzen Garten des Britannia hinüber zu. »Erika!« Die alte Frau sitzt an der Brustwehr des Gärtchens neben dem Canal Grande. Erika tritt soeben aus einer Seitentür des Hotels. Die Großmutter hatte sie wegen ihres Sonnenschirmes hinaufgeschickt. Wie seltsam sie aussieht, wie weiß ihre Wangen sind und ihre Lippen wie fieberhaft rot! Das aber ist Nebensache; – was einem jeden, der sie heute aufmerksam betrachtet, am auffälligsten sein muß, ist das verklärte Licht in ihren Augen – ein Licht, das durch einen Tränenschimmer hindurch leuchtet. »Komm schnell!« ruft die Großmutter, »ich habe eine Überraschung für dich. Erika! Erika!« Aber Erika kommt nicht schnell, ganz langsam geht sie durch den rosendurchblühten Garten auf die Großmutter zu, die einen offenen Brief in der Hand hält. Die Sonne scheint voll und grell in den kleinen Garten, der Himmel ist wolkenlos, die Lagune wie mit Demanten bestreut; auf den schwarzen Gondeln flimmern große weiße Glanzlichter, die entblößten, sehnigen braunen Hälse der Gondoliere glänzen wie Bronze. Ein Lärm von lustig kreischender Geschäftigkeit tönt bald lauter, bald schwächer hinein. Dazwischen hört man das matte Lecken und Plätschern der Lagunenwellen und träumerisch schwirrende Kirchenglocken. Der schwarze Pudel des Bankiers Schmytt – er ist genau nach dem Muster des Pudels eines kürzlich durchgereisten englischen Herzogs hergerichtet, mit drei Reifen schwarzgeringelten Pelzes über dem glattgeschorenen Bauch – liegt vor der Tür des Lesezimmers und reibt sich melancholisch die Schnauze. Ein sehr langer Engländer mit einem viel zu kleinen Kopf stolpert, die Hände tief in den Taschen seines kleinkarierten Touristenjacketts, immer und immer wieder im selben Kreis um den sonnenverbrannten Rasenplatz des Gärtchens. Es macht einen schwindlig, ihn anzusehen; dabei starrt er, mit seinen dickbesohlten Halbschuhen kleine Kiesel aufwirbelnd, mißmutig vor sich hin in den grobkörnigen Kies, als suche er die Lösung einer interessanten Frage, die allem Anschein nach finanzieller Natur ist. Seine Frau, eine rothaarige kleine Person mit sehr schönen Zähnen, sitzt indessen knapp vor dem Speisesaal an einem gelb lackierten Blechtischchen und kokettiert im Schatten ihres roten Sonnenschirms mit einem dunkelgelben Rumänen, dem sie sehr zu gefallen scheint und mit dem zusammen sie eine Flasche Brauselimonade leert. »Von wem ist der Brief?« fragt die Großmutter neckend. »Ich ... ich ahne nicht,« murmelt Erika, und ihre weißen Wangen werden noch weißer und ihre leuchtenden Augen werden starr. »Wirklich nicht? – Von wem kann wohl ein Brief sein, über den ich mich so freue!« Erika fährt zusammen. »Von Goswyn!« sagt die Großmutter. »Aber was für ein Gesicht du machst!« »Soll ich mich vielleicht ebenso freuen wie du, weil Goswyn endlich von der großen Teilnahme, die du ihm entgegenbringst, Notiz genommen hat?« sagt Erika. Aber ihre alte herbe Betonung fehlt und ihre Stimme klingt matt und klanglos. »Laß es gut sein,« entgegnet die Großmutter gutmütig triumphierend. »Lies erst den Brief, und dann sag' mir, ob du noch die geringste Lust hast, ihm böse zu bleiben. Magst du ... ihm nun besonders gewogen sein oder nicht – immerhin wird dich der Brief freuen. E fragt unter anderem an, ob wir Anfang nächster Woche noch in Venedig sind, und ob er uns nicht ungelegen käme.« Erika hält den Brief in den Händen; sie heftet ihre Augen darauf, aber die großen deutlichen Schriftzüge schwanken vor ihrem Blick. Von dem weißen glatten Briefbogen hinweg sieht sie in das helle Sonnengeflimmer auf der Lagune. Mitten zwischen den schwarzen Gondeln mit den weißen Glanzlichtern erblickt man jetzt Prinz Helmy in seinem gelben Kutter, der gewöhnlich vor dem Hotel Britannia vor Anker liegt. Die beiden Damen erspähend, klettert der Prinz über ein paar Gondeln bis zu ihnen heran. »Hätten die Damen keine Lust, sich mir anzuvertrauen? Ich könnte die Fahrt bis nach dem Lunch verschieben, und es würde vielleicht amüsanter sein, in meinem Kutter nach Chioggia zu fahren als in dem Dampfer.« »Gewiß wär's amüsanter,« erwidert die alte Gräfin mit einem freundlichen Wohlwollen, das Prinz Helmy an ihr nicht gewohnt ist. »Aber,« setzt sie hinzu, »leider kann ich mir das Vergnügen nicht gönnen. Ich tue diesmal hauptsächlich als Stütze der Gesellschaft mit, Konstanze Mühlberg zuliebe, und da kann ich sie auf ihrem Dampfer nicht allein lassen.« »Schade!« Indessen ruft eine lustige alte Stimme: »Leg' mich Ihnen zu Füßen, meine Damen!« Es ist Graf Treurenberg, der, völlig ausgerüstet zu der Partie nach Chioggia, im hellen Sommeranzug an sie herantritt. »Sie kommen doch auch nach Chioggia?« »Allerdings.« »Schade, daß Sie nicht mit uns fahren können!« »Ich bedauerte soeben,« bemerkte Prinz Helmy. »Wissen Sie nicht, ob Lozoncyi von der Partie sein wird?« fragt Treurenberg. »Habe keine Ahnung,« erwidert Gräfin Lenzdorff mit auffallend kühler Betonung. »Was sagen Sie denn zu der Frau, die ihm da plötzlich heruntergeschneit kommt? Eine Überraschung, was?« »Eine Überraschung, die mich sehr kühl läßt,« erwidert die Gräfin hochmütig. »Daran zweifle ich nicht,« entgegnet Treurenberg lachend. »Von einigen unserer venezianischen Schönheiten würde ich das Gegenteil behaupten. Komisch ist's immerhin, daß der Kerl seine ›unlöslichen Bande‹ verschweigt. Hm! Ich habe ihn einmal in Paris mit der in Rede stehenden Persönlichkeit gesehen, aber im Traume hätt' ich mir's nicht einfallen lassen, daß diese gelbhaarige Dame legitime Ansprüche auf ihn geltend machen könne. Eine Jugendeselei – offenbar!« »Ein Mühlstein, den er sich um den Hals gebunden hat,« meint der blauäugige Prinz Helmy sentimental, »eine Last, die ihn jetzt zu Boden drückt. Mir ist sehr leid um ihn.« »Hm!« meint Graf Treurenberg gedehnt, »mit dem Mitleid bin ich nicht so schnell bei der Hand. Solche Frauen machen mitunter den Künstlern das Leben sehr bequem, und dann im Grunde hat sie ihn bis jetzt wenig geniert.« Er reibt sich die Hände und zwinkert vielsagend. Eine Pause folgt – ringsherum nichts als Glockengeschwirr und der Lärm von geschäftig durcheinanderpolternden Menschen, die man nicht sieht. »Bist du bereit, Onkel Hans?« fragt Prinz Helmy. Treurenberg ist bereit, er empfiehlt sich den beiden Damen. Kurz darauf sieht man ihn in dem kleinen Kutter neben dem Prinzen, der sich mit seinen zwei Matrosen um die Wette bemüht, noch ein Segel auf sein kleinwinziges Fahrzeug aufzuhissen. Dann grüßen die beiden Herren noch einmal zu den Lenzdorffs hinüber, ernst ehrerbietig; der Kutter setzt sich in Bewegung, erst langsam zwischen den Gondeln hindurch, dann schneller, immer schneller, wie ein Vogel hinschwebend über die hellgraue Lagune, schneller, immer schneller nach der Richtung hin, wo die weißen Schaumköpfe des offenen Meeres in sich überstürzendem Ungestüm aus der Wasserfläche auftauchen. Es ist eine Kleinigkeit, aber die Last, die heute Erikas Herz bedrückt, ist schwerer geworden. Sie hat sich gesagt, daß von morgen an nie, nie mehr ein Mann sie so tief und mit so viel ritterlicher Hochachtung grüßen wird, wie die beiden in dem Kutter sie gegrüßt haben. Ihre Anwandlung von Feigheit ist kurz. Gleich darauf empfindet sie die schmerzgewürzte Genugtuung eines Fanatikers, der sich freut, noch eine Qual mehr leiden zu dürfen für seine Überzeugung. »Ich begreife nicht, daß uns das Lunch noch nicht gemeldet wird,« bemerkt Gräfin Lenzdorff, ihre an einer Chatelaine hängende Uhr zu Rate ziehend; dann sieht sie zu Erika auf. Sie erschrickt über das Aussehen des jungen Mädchens. »Was hast du nur?« fragt sie, und da Erika, anstatt zu antworten, die Farbe wechselt, kommt ihr zum erstenmal der Gedanke: Wäre es möglich, daß sie sich für den Maler interessiert – die Erika? Meine stolze Erika? Beobachtend heftet sie den Blick auf ihre Enkelin. Indem fängt ein Kind in einem Perambulator an zu schreien. Es ist das Kind der Engländerin, die mit dem Rumänen kognakgewürzte Limonade trinkt. Gleichgültig sieht sie sich nach dem armen Wurm um. Ohne die geringste Miene zu machen, dasselbe zu trösten, fährt sie fort, im Schatten ihres großen roten Sonnenschirms dem weizengelben jungen Manne ihre glänzenden weißen Zähne zu zeigen. Erika tut der kleine Verlassene leid. Sie hebt ihn aus den Kissen, nimmt ihn auf den Arm und streichelt ihn. Sie ist dem kleinen Kerl nicht unbekannt, da sie öfters, wenn sie ihm im Garten oder in der Cour d'honneur des Hotels begegnet ist, mit ihm getändelt hat. Er läßt sich ihre Liebkosungen nicht nur willig, sondern mit augenscheinlicher Genugtuung gefallen, reibt seine tränenfeuchte, etwas rauhe rote Wange an ihrem glatten weißen Gesicht und schluchzt nur noch ein bißchen aus Wichtigtuerei, oder weil sich die kleine Brust nicht so schnell beruhigen kann wie der aufgeregte kleine Geist. Was für eine reizende junge Mutter sie wäre! denkt die alte Gräfin, sie gerührt beobachtend. Wenn Goswyn sie so sehen könnte! Zugleich schleicht sich eine häßliche Unruhe um ihr sonst so regelmäßig schlagendes Herz. Was soll ich ihm antworten? Mein Gott, ich hatte keine Ahnung! Vielleicht bilde ich mir's nur ein. Aber wenn ... was hätte ich da wieder angerichtet! Und die Welt spricht von meiner Klugheit ... Armes Kind! Indem tritt Fritz in den Garten hinaus und meldet, daß das dem Ausflug nach Chioggia zu Ehren um eine Stunde vorgeschobene Dejeuner serviert ist.   Lozoncyi hatte begonnen, seine Reisevorbereitungen zu treffen. Nachdem er in einen Handkoffer aus gelbem Leder die nötigsten Dinge (oder solche, die er dafür hielt) ziemlich wirr durcheinandergeworfen hatte, setzte er sich an das wacklige vierfüßige Möbel, das ihm als Schreibtisch diente, um sich in das Kursbuch zu vertiefen. Von der ursprünglichen Absicht, direkt nach Wien oder Florenz zu reisen, abweichend, beabsichtigte er nun nach München mit Erika zu reisen, und zwar auf einem komplizierten Umweg, damit man dem entflohenen Paar nicht sofort auf die Spur kommen möge. – Da nun aber niemand auf der Welt unbeholfener im Entdecken und Feststellen von Anschlüssen war als Paul Lozoncyi, so erwies sich seine Beschäftigung als ebenso mühsam wie unfruchtbar. Sein Kopf war schon ganz wirr von Zeichen, die er nicht deuten konnte, und Ziffern, die er immer wieder vergaß, als er bemerkte, daß jemand neben ihn getreten war. »Du suchst?« fragte die tiefe, warme, einigermaßen männlich klingende Stimme seiner Frau. »Dürfte ich dich fragen, was dich das angeht?« rief er ungeduldig. »Oh, ich wollte dir nur ein wenig helfen! Wohin beabsichtigst du zu reisen?« »Wer sagt dir, daß ich überhaupt reisen will?« herrschte er sie an. »Das ist nicht schwer zu erraten,« konstatierte sie trocken. »Zu deinem Vergnügen hast du noch niemals in einem Kursbuch geblättert. Im übrigen,« lächelnd deutete sie auf den Handkoffer, der überfüllt, noch klaffend, »«zugeschnallt und unzugeschlossen auf einem Diwan lag. »Und was geht's dich an, wenn ich wirklich reisen will?« »Oh, das geht mich eine ganze Menge an,« entgegnete sie ihm und lachte dabei gutmütig und mechanisch, ein Lachen, das wie das Gurren eines dicken alten Taubers klang. »Du hast dich ja sonst nicht drum bekümmert, wo ich hinreise, ob ich reiste oder nicht,« murrte er. »Würde mich auch heute nicht darum bekümmern, wenn ich nicht so die Ahnung hätte – als ob mit dieser von dir geplanten Reise ein recht gefährliches Abenteuer verbunden wäre!« »Seraphine,« fuhr er sie an. Sie trug einen sehr romantischen Namen, wie fast alle Pariser Portierstöchter. »Hm! Und meinst du wirklich, ich hätte es nicht erraten, daß du mit dieser Mlle. Ste-N'y Tonche durchgehen willst?« »Seraphine! Was fällt dir ein? Ich verbiete dir solche absurde Vermutungen!« brüllte der Maler, indem er mit geballten Fäusten auf sie losging. Die Hand auf der Hüfte und sich von einem Fuß auf den andern wiegend, blieb sie gelassen vor ihm stehen. Sie kannte ihn gut und wußte, daß er zu jenen Männern gehört, die zwar manchesmal drohend die Faust heben, aber nie losschlagen gegen eine Frau. In der Tat ließ er nach einem letzten, kurzen Aufschnauben die Hand sinken, während sie sich phlegmatisch auf den Diwan setzte, gerade neben den klaffenden Handkoffer. »Herrgott, muß das eine Närrin sein, die sich in so ein Abenteuer einläßt,« murmelte sie vor sich hin, indem sie sich gemächlich eine Zigarette anzündete. »Eine Närrin!« schrie er entrüstet. »Ich verbiete dir, in diesem Ton von dem Geschöpf zu reden, das ich auf der ganzen Welt am höchsten verehre. Sie ist eine Heilige!« Er keuchte; er war blaß vor Zorn. »Eine Heilige, die sich entschlossen hat, mit einem verheirateten Mann durchzugehen! Sonderbare Heilige, fürwahr!« »Schweig!« herrschte er sie an. »Sie tut, was sie tut, von einem Standpunkt aus, den du einfach nicht begreifst. Was versteht eine Dirne wie du von dem Empfinden eines Engels wie sie!« Die Blonde hatte sich indessen die Polster an der Rücklehne des Diwans möglichst behaglich zurechtgeschoben, und den Kopf auf den hinter ihrem Nacken verschränkten Armen, blinzelte sie ihn zwischen ihren goldenen Augenwimpern schläfrig an. Anstatt seine Entrüstung mit gleicher Münze zu bezahlen, bemerkte sie nur phlegmatisch: »Du vergißt, scheint mir, daß die Dirne deine angetraute Gattin, und das sie dir ... hm! ... manchesmal sehr nützlich war!« Er hatte angefangen auf und ab zu gehen, wobei er kleine Gegenstände, die unordentlich auf dem Boden herumlagen, ungeduldig aus dem Wege stieß. Plötzlich vor ihr stehenbleibend, stampfte er mit dem Fuß. »Wenn ich's nur vergessen könnte!« schrie er heiser. »Wenn ich nur könnte! Aber selbst wenn ein Blitz in dich hineinschlüge und du auf der Stelle tot bliebst, könnte er mich nicht von dir befreien. Denn du bist in mir, bist in mein Fleisch und Blut, in mein Denken und Fühlen übergegangen, mit all deiner moralischen Fäulnis. Und wenn mir vor dir graut, graut mir auch vor mir selbst. Ich weiß ja, daß ich nicht wert bin, ihr die Schuhriemen zu lösen, und daß nichts bei unserem armen, verzweifelten Experiment herauskommen wird als ein Moment der Ekstase und dann ... ein grenzenloser Jammer ... es sei denn ... Doch davor bewahr' mich Gott!« Er warf sich in einen Stuhl, lehnte seine beiden Ellenbogen auf den Tisch, barg das Gesicht in seinen Händen und begann zu schluchzen. »Es sei denn?« wiederholte sie gedehnt, lauernd, spöttisch. Er ließ die Hände fallen und schlug mit der Faust aus den Tisch. »Warum fragst du? Du weißt's so gut wie ich, was ich meine.« »Nun ... es sei denn,« noch gedehnter, noch lauernder, noch spöttischer. »Es sei denn,« er röchelte es heiser, nach Atem ringend, »es sei denn, daß es mir gelingt, sie zu lehren, sich in derselben Pfütze wohlzufühlen, in die du mich herabgezerrt«, – dumpf und halblaut: – »aus der sie mich retten will!« »Ach so, retten will sie dich! Das ist ja recht lobenswert,« murmelte immer mit ihrem phlegmatischen Spott die Blonde, und wieder lachte sie tief und weich und zynisch das gurrende Lachen eines alten Taubers, der so viel erlebt hat, als er erleben konnte, und sich nun behaglich von seinen vergangenen Anstrengungen ausruht. Lozoncyi saß, den Kopf in den Händen, stumm. Nach einer Weile begann die Blonde von neuem: »So wenig ich deiner Meinung nach imstande bin, die herrlichen Motive zu verstehen, die diese Heilige dazu bewegen, eine ... unsinnige Dummheit zu machen«, – sehr ironisch: – »so kenn' ich mich in der weiblichen Psychologie doch besser aus als du!« »So!« ebenfalls sehr ironisch. »Ja! – Wie du weißt...« sie griff nach einer neuen Zigarette und fing an, Ringe vor sich hinzublasen. »Wie du weißt, hab' ich so manches erlebt und erfahren, ehe ich deine gesetzlich angetraute Gattin geworden bin.« »Findest du es sehr geschmackvoll, mich daran zu erinnern?« »Die Erinnerung hat dich bisher nie sehr bedrückt,« erwiderte sie trocken. »Es wäre mir nie eingefallen, dir meine Vergangenheit zu verschweigen, und als du mir deinen Namen gabst, warst du noch viel zu vernünftig, um Wert auf die erkünstelte und verkümmernde Reinheit einer Frau von siebenundzwanzig Jahren zu legen; aber das gehört nicht hierher. Was ich dir mitteilen wollte, ist, daß ich eine Zeitlang Sekretärin von Charcot gewesen bin und bei dieser Gelegenheit die verschiedensten Fälle von weiblicher Überspanntheit kennengelernt habe. – Es ist aus meinen bei Charcot geschöpften Erfahrungen heraus, daß ich dir erkläre – sie wird sich nicht wohlfühlen in der Pfütze, in der du dich wohlgefühlt hast. Solche hysterischen Frauenzimmer, wie die, fühlen sich überhaupt nicht wohl, außer in einer Kinderstube mit möglichst vielen legitimen Babys drin, legitimen!, wohl verstanden! – Da ihr dieses Abkühlungsmittel durch den von euch beiden so genial geplanten Zeitvertreib wohl versagt bleiben dürfte – seh' ich keinen Ausweg aus den ihr bevorstehenden Verlegenheiten als... den Selbstmord oder ... die Salpetriere!« »Schweig!« schrie er, »willst du mich ganz zur Verzweiflung bringen?« »Nein! Nur dich dran verhindern, es selber zu besorgen!« Darauf erwiderte er nichts, aber immer mehr nahm sein Gesicht einen grübelnden, unruhigen Ausdruck an. Sie beobachtete ihn genau. » Tu sais c'est bien sale ce que tu es en train de faire, « stellte sie fest, »und die Welt wird dir's nicht leicht verzeihen, vor allem wirst du deine ganze vornehme Porträtklientel verlieren. Keine sogenannt anständige Frau wird mehr für dich sitzen wollen!« »Wer weiß? Vielleicht erst recht!« murmelte er vor sich hin. »Ja, vielleicht ... Sie sind allerdings manchmal recht komisch, deine sogenannt anständigen Frauen. Lassen wir deine Karriere beiseite, denken wir an dein Gewissen ... wenn du eins hast, und ein Mann mit einer so starken Phantasie und so schwachen Nerven wie du hat immer ein Gewissen oder, was auf dasselbe herauskommt, ein marterndes Gedächtnis ... und das ... siehst du, das könnte dir, wenn die Sache schief geht – und sie wird jämmerlich schief gehen –, ganz gehörig aufspielen! ... La lu auras des cauchemars! « Nun zündete er sich seinerseits eine Zigarette an, aber anstatt wie die Blonde gemächlich Rauchringe vor sich hinzublasen, dampfte er rasch in kurzen gierigen Zügen; plötzlich, die noch brennende Zigarette auf die Erde werfend, rief er: »Warum sagst du mir das alles, da du mir den einzigen befreienden Ausweg nicht gönnst!« »Den einzigen Ausweg,« wiederholte sie phlegmatisch neugierig, als wüßte sie gar nicht, um was es sich handle, und schob fragend die Brauen in die Stirn. »Den einzigen! – Unsere Scheidung!« »Oh!... und das sollte der einzige Ausweg sein?« »Der einzige,« ächzte, die Fäuste ballend, Lozoncyi. »Ah! So! Komisch, wieviel Naivität immer noch selbst im abgefeimtesten Don Juan steckt!« murmelte sie vor sich hin und versenkte sich zugleich in den Anblick eines Mückenstichs auf ihrem weißen, vollen Handgelenk. »Was willst du damit sagen?« zischte kaum hörbar der Maler. Deutlich merkte es die Blonde, wie ein leises Zittern seinen überreizten, nervösen Körper durchlief. »Nichts – gar nichts. Es ist sehr heiß, findest du nicht? Mit diesen Worten schlug sie den offenen Kragen ihres Morgenrocks noch mehr zurück, wobei ihr Nacken in seiner ganzen, an leicht vergilbten weißen Marmor erinnernden Pracht zum Vorschein trat. Zugleich ließ sie einen ihrer goldgestickten roten Saffianpantoffel von ihrem nackten Fuß fallen. Der Fuß war edel geformt wie der einer antiken Statue und gepflegt wie die Hand einer Kokotte. Lozoncyi ließ seinen alles enthüllenden Malerblick über ihre nur mit Batisthemd und langem durchsichtigem Morgenrock bekleidete Gestalt gleiten. Keine Linie entging ihm, und jede verborgene Schönheit ihres Körpers trat in sein Gedächtnis. Und mit einemmal sah er sie vor sich, wie sie ihm zum erstenmal gestanden, für sein Bild Venus und Äsop, das ihm die goldene Medaille im Salon eingebracht hatte. Dermaßen verblüfft und geblendet war er von ihrer Schönheit gewesen, daß ihm der Pinsel aus der Hand gefallen war. Bettelarm, hatte er sich damals von trockenem Brot genährt, um ihre kostspieligen Sitzungen bezahlen zu können; als aber trotz aller Entbehrungen seine Mittel nicht mehr gelangt, hatte sie ihm gutmütig angetragen, ihm umsonst zu stehen – ihm, dem unbekannten Maler, sie, eines der begehrtesten Modelle von Paris. Darüber war er krank geworden. Unterernährt, die letzte warme Decke im Versatzamt, kein Scheit Holz im Kamin, war er auf seinem armseligen Bett gelegen mit schmerzendem Hals und vor Kälte schlotternden Gliedern ... auch daran erinnerte er sich noch, wie er, aus einem fiebrigen Halbschlaf erwachend, prasselnde Holzscheite im Kamin brennen gesehen, während zugleich eine weiche Daunendecke sich wärmend und schmeichelnd um seine Glieder schmiegte und alles um ihn herum einen so wohlgeordneten sauberen Eindruck machte, daß er es kaum vermochte, sein armseliges, verwahrlostes Stübchen zu erkennen. Neben seinem Bett aber saß, von Sauberkeit und pünktlichster Körperpflege duftend, eine blonde Frau mit weißem Krägelchen und Manschetten an ihrem dunkelblauen Kleid, und ihm mit der Sachlichkeit einer Berufspflegerin den Puls fühlend bemerkte sie: »Ich denke, der Moment wäre gekommen für eine Tasse heißer Bouillon.« Ah! ... Das warme Behagen, das seine müden Glieder durchrieselte, während er die würzige, goldfarbene Brühe herunterschlang. Und dann das langsame Hinübergleiten in einen neuerlichen erquickenden Schlaf, immer mit dem Bewußtsein des prasselnden Feuers im Kamin und der blonden Vorsehung neben seinem Bett. Das Jahr darauf erhielt er die Médaille d'honneur für seine Pasiphae. Wieder hatte sie ihm dazu gestanden, und zwar in einer Ferme in der Normandie, und wieder sah er sie deutlich vor sich mit der Gedächtnistreue des Malers, der sich gewöhnt hat, Skizzen von Vorwürfen zu machen, die ihm seine Erinnerung übermittelt. In der von Hecken umfriedeten, umschirmten Wiese sah er sie stehen in einem herrlichen Morgenlicht ohne Grellheiten und voll goldener Schleier, sah ihren blühenden, reich und gesund entwickelten Körper sich in zartem Farbenschmelz abheben gegen einen schwarzen Stier, den sie geduldig und übermütig zu diesem Zweck gezähmt und mit dem sie so furchtlos umging wie ein Kind mit einem treuen bösen Hund, der alle anderen beißt, und dem das Kind unbefangen den Arm in den Rachen steckt. Er sah das schimmernde Sonnenlicht auf ihrem blonden Haar, er sah den funkelnden Tau auf dem Wiesengras um die rosigen Zehen ihrer weißen Füße. Mit der grausamen Selbstsucht eines ganz in seiner Aufgabe konzentrierten jungen Künstlers hatte er in seinen Ansprüchen an ihre Leistungsfähigkeit keine Grenzen gekannt. Sie aber hatte immer durchgehalten; nie hatte sie eine Anstrengung, die sie für ihn ertragen mußte, verdrossen. Und wie sie für ihn gesorgt hatte! Alle materiellen Schwierigkeiten seiner Existenz hatte sie geebnet. Mit angeborenem Kunstsinn und durch den mannigfachen Verkehr in Pariser Ateliers geschärftem Kunstverständnis seine kolossale Begabung rasch erkennend, hatte sie eine wahre Genialität darin entwickelt, derselben die günstigsten Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen. Ja, er verdankte ihr viel. Erst in dem Augenblick, wo er den Vorsatz gefaßt, sich von ihr endgültig zu trennen, erfaßte er es, wieviel! Daneben freilich ... Untreu (soviel er wußte) war sie ihm nie gewesen, aber ihre Lebensauffassung war die zynischste, der Verkehr, den sie um sich und ihn versammelt hatte, der liederlichste, den man sich denken konnte. Es war ihm früher nie eingefallen, Anstoß daran zu nehmen. Seine Mutter war eine Wiener Tingeltangelsängerin gewesen und nicht um ein Härchen keuscher und prüder als die blonde Seraphine. Nur der strenge Ordnungs- und pfiffige Geschäftssinn der Pariserin hatten ihr gefehlt. Und sein Vater? Der war ein ungarischer Edelmann, aber den hatte Paul Lozoncyi nie gekannt. Er hatte die Tingeltangeltänzerin zwei Monate vor Pauls Geburt auf dem Totenbett geheiratet, um seinem Kinde wenigstens einen ehrlichen Namen zu geben, da er ihm sonst nichts zu hinterlassen hatte. Die Mutter war gut gegen den Knaben und er seinerseits ihr sehr anhänglich gewesen. Daß verschiedene Freunde von ihr bei ihr ein und aus gegangen waren, hatte er als etwas Selbstverständliches hingenommen. Nach ihrem Tod (Paul war damals fünfzehn Jahre alt) hatte einer der Freunde die Sorge um seine Existenz übernommen. Er hatte ihn als Lehrling in einem Kolonialgeschäft untergebracht, wogegen sich der junge Paul, der durchaus Maler werden wollte, leidenschaftlich wehrte. Nach zweijährigem Martyrium war er aus dem Kolonialgeschäft durchgebrannt und hatte den Weg zu seiner Tante Illona gesucht, einer älteren Schwester seines Vaters, die, eine arme, verkümmerte alte Jungfer, sich in Dresden ihren Lebensunterhalt mit mühsam ausgetüpfelten Miniaturen erpinselte. Im Laufe seiner Wanderschaft hatte er Erika kennengelernt. Die Begegnung mit dem allerliebsten kleinen Mädchen hatte tatsächlich einen großen Eindruck auf ihn gemacht. Jahrelang hatte seine reiche Künstlerphantasie an dem Faden weitergesponnen, und er hatte tatsächlich eines Tages den Ort seiner Begegnung mit ihr aufgesucht, um sich davon zu überzeugen, was aus ihr geworden war. Das hatte er nicht erfunden, er hatte nur hinzuzufügen vergessen, daß es im Laufe einer Reise von München nach Prag geschehen und er einfach bei der entsprechenden Station ausgestiegen war und einen Zug überschlagen hatte, um seine kleine Landpartie auszuführen. Ein paar nüchterne Einzelheiten zu unterdrücken, um die Schilderung einer Tatsache hübsch und poetisch herzurichten, ist niemand verboten. Und er hatte vom ersten Augenblick an gleich damals in dem Klostergarten, als er ihr vorgestellt worden war, den dringenden Wunsch gefühlt, sich bei dem schönen und eigenartigen Mädchen einzuschmeicheln. Sie hatte ihm's angetan, hatte Saiten in seiner Seele erklingen lassen, von denen er bis dahin gar nicht geahnt hatte, daß er sie besaß. Er liebte sie. Sein ganzes Empfinden verzehrte sich momentan in einem flammenden Wunsch. Wieder zündete er sich eine Zigarette an und fing an auf und ab zu gehen, immer rascher, unruhiger, wie ein wildes Tier im Käfig. Die Blonde saß schweigsam, immer noch die Arme unter dem Kopf, die Knie übereinander, und wippte leise mit dem Fuß, an dem der goldgestickte Pantoffel hing. Sie betrachtete den Maler, aber ohne Aufdringlichkeit – so wie von ungefähr, leicht zwinkernd mit einem schmalen, überlegenen Blick. Wieder mußte er an seine Pasiphae denken, an den ungeheuren Triumph, den er damals am Vernissagetag erlebt hatte, an die Ovationen seiner Kollegen. Er blieb vor ihr stehen. »Ich kann nicht leugnen, daß du sehr gut gegen mich gewesen bist, daß ich dir viel verdanke,« sagte er heiser. »Wir waren tüchtig verliebt ineinander, wenn ich an die ersten Zeiten unserer Leidenschaft zurückdenke – Donnerwetter! Aber so etwas nimmt ein Ende. Gerade etwas so Heißes, wie's unsere Liebe war, das kann nicht ewig dauern. Seraphine, was hast du denn noch von einem Mann, der dich nicht mehr liebt?« Er kniete nieder vor ihr und legte seine gefalteten Hände auf ihren Schoß. »Du hast ganz recht. Diese heimliche Flucht mit einem jungen Mädchen wäre eine Abscheulichkeit. Da du meine Absichten erraten hast, kann ich ja offen mit dir darüber reden. Löse die Fessel, die uns aneinanderkettet. Ich will dich wie eine Prinzessin versorgen!« »Hm! ... Und wenn's mir nun einmal kein Vergnügen macht, mich wie eine Prinzessin versorgen zu lassen? Wenn ich lieber deine zerfallenden Hemden flicken möchte in einer Mansarde in Clichy?« Der heisere, halb zischende Klang ihrer Stimme verriet ihm, wieviel von der geradezu elementaren Leidenschaft, die er ursprünglich in ihr geweckt, noch in ihren Adern weiterschwoll. Er erschrak darüber, und doch rief ihm sein Schrecken viele Dinge ins Gedächtnis zurück, die ihm ehemals süß und begehrenswert erschienen waren. Nicht ohne Überwindung wehrte er den Anflug von Sentimentalität von sich ab und erwiderte trocken, fast bitter: »Es ist keine Rede von zerfallenden Hemden mehr!« »Leider!!! Manchmal verfluche ich die Geschicklichkeit, mit der ich dir den Weg zum Reichtum geebnet habe. Ohne mich wärst du ein armer Schlucker heute noch; du hast nicht so viel Geschäftssinn wie ein Kanarienvogel. So wie die Sachen jetzt stehen, schwimmst du auch ohne mich. In der Mansarde hättest du mich heute noch nötig!« »Ach, laß die Mansarde in Ruh',« murrte er. Dir ist ebensowenig darum zu tun wie mir, in die Mansarde zurückzukehren!« »Vielleicht, j'uis pas sûre ... « Sie schwieg erinnerungsversunken, dann sich zusammenrüttelnd: » Enfin! Vielleicht hast du recht; man kann die Vergangenheit nicht zurückzaubern, den überwältigenden Impuls, das heiße Blut, die wundervolle Tätigkeit der Phantasie, den Blick in die Zukunft. Die Mansarde war schön, weil die Jugend drin wohnte. Ohne Jugend und ohne Zukunft wäre sie einfach unbequem und entmutigend. Das reifere Alter braucht einen anderen Rahmen. Apropos. Daß unser Hotel in der Avenue de Villers unter Dach und Fach ist, weißt du doch?« Er fuhr zusammen. »Nein!« erwiderte er. »Ich hatte dir's doch geschrieben!« »Deine letzten Briefe habe ich nicht mehr gelesen.« »Hm! Das merkte ich. Drum bin ich hergekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Mon pauvre chéri , wie du mich dauerst! ... Diesmal schüttelt's dich ordentlich. Aber du wirst genesen – wenn du deinen unsinnigen Plan aufgibst, wirst du genesen. Zeus, dein Atelier ist herrlich – mit Lichteffekten, fabelhaft. Das schönste Atelier in Paris. Für den zwanzigsten hatte ich die Einweihung bestimmt – la pendaison de la crémaillére . Hatte sogar die Liste der Gäste aufgesetzt, alle unsere Freunde ... mit einigen Eliminationen – auf deiner Stufe der Zelebrität ist man sich eine Art Exklusivität schuldig. Die größten Künstler von Paris hatten mir schon versprochen, den Abend durch ihre Mitwirkung zu verschönen. Unsere neue Häuslichkeit wäre eine Woche lang Stadtgespräch gewesen!« »Unsere« klang's ihm im Ohr. Ja, ihr und sein Besitz waren gemeinschaftlich. Es würde schwerhalten, wo nicht ganz unmöglich sein, dieses gesetzlich betätigte Gefüge auseinanderzureißen. Und die ganze Geschäftsführung lag in ihren Händen. Was nun anfangen mit dem luxuriös angelegten, halbvollendeten Künstlerheim, das bereits eine Million verschlungen hatte. All das hatte seine nur auf ein Ziel gerichtete Sehnsucht vergessen. Zum Teufel damit! »Behalte den ganzen Krempel!« schrie er sie an und stampfte mit den Füßen. »Laß mich ungeschoren mit dem dummen Hotel in der Avenue de Villers – haus' du allein drin oder mit wem du willst, aber gib mich frei, gib mich frei!« Er rang die Hände, knirschte mit den Zähnen wie ein Besessener. Sie aber blieb ganz ruhig. »Dich freilassen? Nie!« erklärte sie. »Begreifst du denn nicht, wie grausam du bist?« »Grausam, ich? Gegen dich? Das ist köstlich! Als ob ich dir je ein Vergnügen mißgönnt, einen Seitensprung verübelt hätte. Ich bin ja auch heute noch bereit, mich mit allem abzufinden. Hm! ...« Sie machte eine lange Pause – dann die Augen fast zukneifend, mit ironisch abwärts gebogenen Mundwinkeln: »Bist du denn ganz sicher, daß alle diese Umständlichkeiten« – sie deutete auf das Kursbuch – »absolut nötig sind? Selbst die überspanntesten Frauenzimmer paktieren...« Mit einem abscheulichen Schimpfwort schnitt er ihr die Rede ab. Dann nahm er sie bei beiden Schultern und warf sie zur Tür hinaus. – Und doch! ... In Gedanken versunken blieb er stehen. Den langen, altmodischen Schal aus alter schwarzer Chantillyspitze um die rüstigen Schultern, die Cloche anglaise aus feinstem grauem Maisstroh auf dem Kopf, begibt sich Gräfin Lenzdorff in das Zimmer ihrer Enkelin, um die Säumige zu größerer Eile anzutreiben. »Trödelliese! Machst dich wohl sehr schön – da du noch immer nicht fertig bist!« ruft sie schon hinter der Tür. Als sie jedoch die Tür öffnet, findet sie Erika mit einem nassen Tuch über der Stirn in einem Lehnstuhl. »Kind, Kind, was ist dir?« ruft besorgt die alte Frau. »Nichts,« erwidert Erika mit niedergeschlagenen Augen, ohne sie anzusehen; »eine Migräne. Du siehst, ich hatte den besten Willen, aber – es geht nicht, es ist plötzlich gekommen, sehr stark, du mußt ohne mich zu Konstanze. Grüße sie recht herzlich von mir und sage, daß es mir sehr leid tut.« »Liebes Kind, es fällt mir gar nicht ein, unter Leute zu gehen, wenn du unwohl bist,« ruft die alte Frau aus, indem sie zugleich den rechten Handschuh von ihrer Hand herunterzieht. »Das kann kein Mensch von mir verlangen!« Erika fängt an, am ganzen Leibe zu zittern. »Aber Großmutter, es ist ja kein Unwohlsein, nur eine Migräne. Dabei kannst du mir nichts nützen, und du weißt es, daß ich's nicht ertragen kann, eine Störung zu verursachen,« ruft Erika aus. »Du kannst es ja Konstanze Mühlberg unmöglich antun, nicht zu kommen,« fährt sie fort. »Sie zählt auf dich; du weißt, daß sie deine Stütze braucht.« »Ja, das ist wahr!« gesteht die Gräfin. Im Laufe dieses Zwiegesprächs hat sie bemerkt, daß Erikas Augen von hastig weggewischten Tränen glänzen. Der Verdacht, der ihr da unten in dem Gärtchen plötzlich gekommen, verstärkt sich. Vielleicht ist es besser, sie gönnt dem armen Mädchen ein wenig Ruhe, sagt sie sich. Indem meldet Marianne, Gräfin Mühlberg sei unten in ihrer Gondel, um die Damen abzuholen. »Geh, Großmütterchen,« haucht Erika, »geh!« »Nun ja, ich gehe – aber leg' dich doch zu Bett.« Sie führt Erika selbst an ihr Bett. »Wie du zitterst; du hältst dich ja kaum auf den Füßen!« Dann zieht sie die Vorhänge vor die Fenster, streichelt Erika die Wange und küßt sie auf die Stirn. Sie steht schon an der Tür, da hört sie's leise hinter sich: »Großmutter!« Sie wendet sich um. Erika hat sich halb aufgerichtet und blickt ihr nach. »Was gibt's, Kind?« »Nichts – nur – es ist mir gerade eingefallen, daß ich in der letzten Zeit oft gegen dich war, wie ich's nicht hätte sein sollen. Verzeih mir, Großmutter!« Die alte Frau schließt das zitternde Mädchen in ihre Arme. »Dumme Liese!« ruft sie, »als ob das überhaupt in Betracht käme. Leg' dich ruhig schlafen, ruh' dich aus, damit ich dich mit hellen Augen wiederfinde. Wo ist mein Taschentuch? Ach, hier! Da hast du den Brief Goswyns; wenn du etwas wohler bist, kannst du ihn lesen. Du brauchst dich gar nicht zu fürchten, daß ich dir etwas zureden werde, bewahre! Die Zeiten sind vorbei! Aber ich denke, der Brief dürfte dich freuen; es ist doch etwas, einem durch und durch anständigen Menschen ein so tiefes und warmes Gefühl einzuflößen; und dann wirst du auch einsehen, daß du ihm manchmal unrecht getan hast. Adieu, mein Liebling, adieu!« Ein letztes Mal hat Erika die Hand der alten Frau an ihre Lippen gezogen – jetzt ist die Gräfin fort. Erika ist allein. Sie hat die Tür ihres Zimmers zugeschlossen und sitzt auf ihrem Bett. Der Brief Goswyns liegt aufgeschlagen vor ihr auf ihren Knien, und die Tränen stürzen ihr aus den Augen, rascher, immer rascher auf den vor ihr aufgeschlagenen Brief herab. Der Brief lautet: Meine hochverehrte Freundin! Sind Sie Anfang nächster Woche noch in Venedig und haben Sie nichts dagegen, daß ich mich dann dort einfinde? Ich will durchaus nicht von Ihnen wissen, wie meine Chancen stehen, ich komme in jedem Fall – wenn nämlich nicht jede Möglichkeit, endlich das Ziel meiner Wünsche zu erreichen, ausgeschlossen, das heißt, wenn die Hand Gräfin Erikas nicht bereits vergeben ist. So, das wäre deutlich, nicht wahr? Haben Sie es geahnt, oder haben Sie es nicht geahnt, daß in all diesen Jahren, seitdem ich meinen ersten Korb von Gräfin Erika nach Hause getragen, kein Tag vergangen ist, an dem ich ihrer nicht gedacht hätte? Mein Benehmen muß Ihnen Rätsel aufgegeben haben, vielleicht haben Sie mich lächerlicher Empfindlichkeit geziehen. Und lächerliche Empfindlichkeit war auch der eigentliche Grund meiner, wie ich jetzt einsehe, durchaus törichten, nicht zu rechtfertigenden Handlungsweise – aber nicht etwa die Empfindlichkeit eines abgewiesenen Freiers. Gott bewahre! Ich hätte Gräfin Erika den Korb, den sie mir gegeben, nie nachgetragen, nein, nie, selbst wenn sie mir ihn nicht in einer so liebenswürdigen Art erteilt hätte, daß man an und für sich vor ihr hätte niederknien und sie anbeten mögen dafür. Meine Empfindlichkeit hatte andere Ursachen. Jemand, den ich nicht näher bezeichnen will, hatte darauf Anspielungen gemacht, daß ich Gräfin Erikas Geld nachjage. Von da an war es mit meiner Unbefangenheit vorbei. Ich konnte mich nicht mehr entschließen, ihr einen Schritt entgegenzutun, weil ich, platt ausgedrückt, mir dessen bewußt geworden, daß ich keine genügende Partie für sie war. Sie finden das kleinlich. Ich finde mich selber kleinlich – so kleinlich, daß ich mir erbärmlich vorkomme und mich jetzt, wo das Hindernis weggeräumt ist, einfach frage: Bin ich etwa des herrlichen und ungewöhnlichen Mädchens würdiger, seit ich um ein paar Mark jährlich mehr zu verzehren habe? Mir ist unheimlich zumute, so, als ob ich für meinen läppischen Eigensinn gestraft werden sollte. Es war ja vielleicht nie die Möglichkeit, ihr Herz zu gewinnen, aber eines Versuchs war's wert, und sie hat das Recht, es mir zu verübeln, daß ich in diesen langen Jahren den Versuch nicht gemacht habe. Wenn Ihnen mein langes Trotzen unbegreiflich gewesen sein mag, so werden Sie es hingegen sehr wohl verstehen, warum ich nicht früher nach dem Gräßlichen, was mich betroffen, in dieser Angelegenheit an Sie schrieb. Es war zu schrecklich! Neben meiner aufrichtigen Trauer um den Verstorbenen quält mich noch die Reue, meinen Bruder nicht immer nach seinem wirklichen Wert, den er in den letzten Augenblicken seines Lebens bewiesen hat, geschätzt zu haben. Das fürchterliche Unglück zu meiner Freude auszubeuten, widerstrebte mir nun vollends. Ich hätte es nicht über mich bringen können, selbst wenn ich nicht in diesen letzten Wochen so völlig zerschmettert gewesen wäre, daß sich gar keine Lebenslust, kein Fünkchen von einem Wunsch mehr in mir regte. Gestern begegnete ich Frau von Norbin, die kürzlich von ihrer italienischen Reise zurückgekehrt ist. Sie teilte mir mit, daß Prinz Nimbsch sich in auffälliger Weise um Gräfin Erika bewirbt, vorläufig aber von dieser nicht mit großer Aufmunterung verwöhnt wird. Die Eifersucht weckte mich sofort aus meiner Betäubung. Und nun frage ich Sie noch einmal: darf ich nach Venedig kommen? Einen Urlaub auszuwirken, sollte mir, falls nicht gänzlich unvorhergesehene Umstände eintreffen, nicht schwer sein. Noch einmal wiederhole ich's: ich frage Sie nicht, ob ich Chancen habe, ich weiß, daß ich vorläufig keine haben kann, aber ich frage Sie nur: darf ich kommen? Ungeduldig Ihrer Antwort harrend, bleibe ich in treuer Verehrung G. Sydow. Sie hatte den Brief bis auf das letzte Wort durchgelesen. Immer rascher flossen ihre Tränen. Jetzt warf sie sich über das Bett und verbarg ihr Gesicht in den Kissen. Etwas Fürchterliches rüttelte ihr am Herzen, an jedem Nerv; alles in ihr, alles um sie herum schrie: Kehre um, kehre um! – Aber es war zu spät; sie wollte nicht mehr umkehren. Der Wahn, daß sie im Begriff stand, etwas Erhabenes, Großartiges zu tun, der Wahn, der sie ganz erfüllte, ließ es nicht zu. Es dauerte lange, ehe sie sich aufraffte, ein leises Klopfen an der Tür weckte sie. Marianne war's, die von Gräfin Lenzdorff die Weisung erhalten hatte, nach der Patientin zu sehen. Erika erhob sich und trat an die Tür. »Ich brauche nichts, Marianne,« rief sie »mir ist besser!« »Befehlen Komtesse nicht eine Tasse Tee?« »Nein! Vorläufig nicht – bis später!« Marianne entfernte sich. Wieder drehte Erika den Schlüssel um. Sie sah auf die Uhr. Fünf! Es war Zeit, ihre letzte Vorbereitung zu treffen. Sie suchte ihren Schmuck zusammen, ungewöhnlich schönen Schmuck für ein Mädchen; sie hatte eine Vorliebe dafür gehegt, und ihre Großmutter hatte ihr nie etwas abzuschlagen vermocht. Ohne auch nur einen sehnsüchtig rückblickenden Gedanken an das Geschmeide zu hängen, ließ sie die Perlen – fünf Schnüre wundervoller gleicher, erbsengroßer milchweißer Perlen mit rosa Schimmer – durch ihre Finger gleiten und schätzte beiläufig ihren Wert ab. Sie legte dazu, was allenfalls noch außerdem einen hohen Preis hatte, und wickelte alles in ein Paket zusammen, das sie zuschnürte, und auf das sie schrieb: Für die Armen. Dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch und begann ihren letzten Willen aufzusetzen. Sie benahm sich wie jemand, der sich zu einem Selbstmord vorbereitet. Nicht einen ihrer zahlreichen bescheidenen Schützlinge vergaß sie. Alle legte sie ihrer Großmutter ans Herz. Nachdem sie in dieser Richtung die nötigen oder ihr zum mindesten als nötig erscheinenden Bestimmungen getroffen, sagte sie sich, daß sie jetzt einen Abschiedsbrief an ihre Großmutter schreiben müsse. Das war gräßlich. Zuerst konnte sie keinen Anfang, dann kein Ende finden zu dem Briefe. Zwei, drei Bogen hatte sie bereits vollgeschrieben und immer kam noch etwas Zärtlicheres dazu. Jetzt erst wurde sie sich klar darüber, was die Großmutter in diesen letzten Jahren für sie gewesen war. Sie erinnerte sich dessen nicht mehr, wie oft die Weltauffassung der alten Philosophin sie verdrossen, wie oft sie sich bis zur Unart dagegen aufgelehnt. Sie schrieb und schrieb. Endlich schloß sie damit: »Alle anderen werden mit Fingern auf mich deuten – du wirst meine Handlungsweise beklagen, aber schlecht wirst du sie nicht finden, nur töricht. Arme liebe Großmutter! Und unglücklich wirst du sein über das Leid, das ich willkürlich auf mich genommen habe. Es ist mir schrecklich, daß ich die Lebensaufgabe, die so deutlich vor mir liegt, nicht erfüllen kann, ohne dir Schmerz zu bereiten. Aber ich darf nicht anders! Eines tröstet mich. Ich weiß, wie großdenkend du bist; du wirst zu wählen haben zwischen der Welt und mir, du wirst die Kraft haben, dich von der Welt zu trennen und dich mir zuzuwenden, und dann wird mir nichts mehr fehlen in meinem neuen Leben, mögen mich die Menschen lästern, wie sie wollen. Er ist meines Opfers wert. Er ist ein herrlicher Mensch, trotz der vielen Verirrungen, deren er sich schuldig gemacht hat.« – Dreimal hatte Erika den Brief geschlossen, immer wieder öffnete sie ihn, um noch etwas hinzuzufügen. Endlich mußte sie ihn doch als fertig gelten lassen. Sie steckte ihre genau ausgeführten Verfügungen über ihre zurückgebliebenen Habseligkeiten hinein und siegelte ihn zu. Sie fragte sich, wo sie den Brief niederlegen solle, damit ihn die Großmutter sofort finden möge. Erst wollte sie ihn in das Zimmer der alten Dame tragen, dann sagte sie sich: »Nein, wenn die Großmutter zurückkommt, tritt sie zuerst an mein Bett, um nach mir zu sehen.« Und wieder stürzten ihr die Tränen aus den Augen. »Arme Großmutter!« Dann küßte sie den Brief lange, zärtlich und legte ihn auf ihr Nachttischchen. Jetzt fuhr sie sich über die Schläfen. Alles, was geschehen mußte, war geschehen, sie brauchte sich nur anzukleiden und ... Aber eine drängende Unruhe befiel sie. Noch einmal setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb. Es ging diesmal langsamer, die Worte kamen nicht so rasch wie bei dem Brief an die Großmutter – nein, mühsam, beschwerlich kamen sie, ihr war's, als müsse sie jedes einzelne aus ihrem wunden Herzen herausreißen. »Mein lieber treuer Freund!« fing sie an. »Kommen Sie nicht nach Venedig. Wenn Sie diesen Brief in den Händen halten, bin ich aus der Welt, in der Sie leben, gestrichen. Mir wäre es unerträglich, daß Sie von Fremden erfahren sollten, was ich getan habe, und so schreibe ich Ihnen selbst. Ja, wenn Sie diesen Brief in Händen halten, so werde ich mit allem gebrochen haben, an dem ich sonst hing, und werde mit – einem verheirateten Manne geflohen sein. Wie weh Ihnen zumute sein muß. Während Sie das lesen! Alles in mir schreit vor Schmerz, wenn ich daran denke! Sie werden es nicht begreifen – »Erika Lenzdorff entflohen mit einem verheirateten Mann!« Es klingt unglaublich, nicht wahr? Sie wissen, daß ich nie leichtsinnig war und nie verdreht – und so dürfen Sie mir glauben, daß die Gründe, welche mich dazu bestimmt haben, diesen schweren Schritt zu tun, zwingender Natur sind. Es handelt sich darum, die Existenz eines begabten und edlen Menschen zu retten. Sein Seelenleben ist gänzlich zerrüttet, er leidet entsetzlich, und ich habe die Überzeugung gewonnen, daß er zugrunde gehen müßte ohne mich. Er hoffte eine Scheidung von seiner Frau zu erreichen. Es war nicht möglich. Ohne zu zögern, habe ich mich entschlossen, ihm frei zu folgen. Mitten durch die Qual, die mir das Brechen mit all meinen bisherigen Lebensgewohnheiten bereitet, zieht sich ein Gefühl freudiger Begeisterung. Es ist groß und schön, leiden zu dürfen für einen ungewöhnlichen, edlen und hochbegabten Menschen – schön, sich sagen zu dürfen, das Schicksal hat mich dazu ausersehen, seiner verdunkelten Seele neues Licht zuzuführen. Was ich für meine Person aufgebe, um meine Mission zu erfüllen, kommt bei mir gar nicht in Betracht – was mich aber zu Boden drückt, ist der Gedanke an das Leid, das ich meiner lieben Großmutter zufüge und Ihnen. Sie wird mir verzeihen, und Sie, mein armer Freund, Sie werden mich vergessen. Ich wollte mir vorlügen, daß das ein Trost ist – aber nein, es ist kein Trost. Von allen Dingen, auf die ich mit meinem alten Leben verzichten muß, ist Ihre Freundschaft dasjenige, von dem ich mich am schwersten trenne. Goswyn! Um Gottes willen beurteilen Sie mich nicht falsch und hart! Was ich tue, tue ich in der vollsten Überzeugung, das Rechte zu tun. Wenn einmal diese Überzeugung in mir zusammenbricht, dann – Aber so etwas kann ich mir gar nicht ausdenken. Es wäre zu schrecklich! Eine fürchterliche Anwandlung von Feigheit ist mir gekommen, während ich Ihnen schreibe, Goswyn, aber damit muß ich fertig werden. ... Es ist vorbei. Ich sehe meiner Aufgabe wieder mit der Fassung entgegen, die sie von mir erfordert. – Leben Sie wohl, lieber Freund. Nur noch eins. Ich sag's Ihnen zum Abschied. Wird's Ihnen süß oder bitter, ein Trost oder ein Schmerz mehr sein in dieser für uns beide schweren Stunde – ich weiß es nicht; aber ich muß es Ihnen sagen, ich spreche zu Ihnen wie eine Sterbende. Wenn Sie in diesem vergangenen Herbst mir nur ein gutes Wort gegeben hätten, so wäre ich jetzt Ihre Frau, und Sie hätten es nicht zu bereuen gehabt! Das ist vorbei. Offenbar hatte das Schicksal mich für etwas anderes ausersehen. Noch einmal adieu! Leben Sie wohl! Verzeihen Sie mir das Leid, das ich Ihnen zufüge, und denken Sie manchmal an Ihre arme Freundin Erika Lenzdorff.« So, jetzt war sie fertig. Sie streifte ihren Schlafrock ab und kleidete sich zur Reise an. Ein schlichtes dunkles Kleid wählte sie, das einfachste in ihrer ganzen Garderobe – das, in welchem sie sonst ihre Armenbesuche zu machen pflegte. Sie sah auf die Uhr – sieben! Noch eine halbe Stunde, dann mußte sie fort. Eine plötzliche Schwäche, ein Schwindel überkam sie. Die Unruhe der Selbstmörder vor dem letzten entscheidenden Akt überfiel sie. Sie griff nach dem und jenem, streichelte Sächelchen, die sie liebgehabt. Setzte sich und erhob sich wieder; dann, sehr langsam, schritt sie noch einmal durch die vier Zimmer, die sie mit ihrer Großmutter bewohnt – ein letztes Mal. Eine Uhr schlug. Sie steckte ein bißchen Wäsche in ein Ledertäschchen, setzte einen einfachen Strohhut auf und ging. Es war halb acht, die Domestiken bei der Kuriertafel beschäftigt. Ihr Gehen fiel niemandem auf, obgleich die Stunde ungewöhnlich war. Wie oft hatte man sie so ausgehen sehen in demselben schlichten dunklen Kleid, ihre Armen zu besuchen! Eine Strecke ging sie zu Fuß; sie warf den Brief an Goswyn in den ersten Postkasten, den sie fand. Ihr war's, als würfe sie ihr ganzes bisheriges Leben in einen dunklen Schlund, aus dem es nicht mehr zu retten war; dann suchte sie einen Gondelstand. Die Gondel stieß ab mit ihr. Eine offene Gondel war's; sie hatte keine gefunden mit einer Felze, obgleich sie eine gesucht, um sich darin zu verstecken. Sie war sehr müde; den Blick starr vor sich hin gerichtet, lehnte sie sich in die schwarzen Polster. Der tragische, vernichtende Sinn der Situation war ihr entglitten, sie faßte ihn nicht mehr. Sie wußte nur noch, daß sie eine Reise vor sich hatte. Eine Art Eisenbahnfieber plagte sie. Wenn's nur schon vorüber wäre! – Ssch – Ssch – rauschten die Ruderschläge durch das Wasser, leicht schaukelnd glitt die Gondel über die Wellen, rascher, immer rascher. Der grelle Tagesglanz war erloschen, mit unvergleichlich poetischer Schönheit schwebte der erste durchsichtige Schleier der Frühlingsdämmerung über Venedig nieder. Rechts und links ragten aus dem Wasser die alten Paläste, grau, fast schwarz, einige wuchtig ernst, die anderen von fast märchenhaft phantastischer Bauart; und zwischen diesen Palästen überall, wo sich nur eine Handbreit Platz fand, eine Fülle von üppig wuchernder Blütenpracht: Rosen – Rosen – überall Rosen und Jasmin – und über allem der erste Hauch von Welkheit. Weiter schwebte die Gondel. Der Kampf in Erika war ausgekämpft, still und blaß saß sie da mit großen, leuchtenden Augen in ein Brausen von feierlichen Kirchenglocken eingehüllt. Sie war stumpf gegen alles, was hinter ihr lag, und fühlte nichts mehr als die Begeisterung einer jungen Heldin, die bereit ist, für eine schöne, heilige Sache in den Tod zu gehen. Rings um sie der Duft des sterbenden Frühlings, unter ihr das Schluchzen und Schwanken der Wellen. Nachdem Lozoncyi sich hinausbegeben, hatte seine Gattin mit einem tiefen Seufzer ihre bis dahin hinter dem Nacken verschränkten Arme sinken lassen, als ob es ihr endlich vergönnt sei, nach einer harten Arbeit auszuruhen. – Aber die Erleichterung hielt bei ihr nicht vor. Die Überzeugung eines vollen Sieges fehlte ihr. – Und als sie nach einer Weile ihren Gatten suchen ging, ihn wie von einem Zauber befangen in seinem Atelier vor dem Porträt Erikas stehend fand, wurde sie sehr unruhig. Am liebsten hätte sie sich mit einem Messer auf das Bild gestürzt und, es vernichtet. Aber obzwar ihre Selbstbeherrschung nachzugeben anfing, behielt sie doch noch genügende Besonnenheit, um zu erkennen, daß sie durch Gewalttätigkeiten nichts erzielen konnte. – Sie hatte ihre Trümpfe ausgespielt, und wenn sie damit nichts erreicht hatte, dann war eben nichts mehr zu erreichen. Nachdem sie ein paar Minuten lang dem Gatten scheele Blicke in den Rücken gebohrt, zog sie sich, zornig an ihrer Unterlippe nagend, zurück. – Wenn er sich durchaus einen Stein um den Hals binden wollte, sollte er's nur tun. Er würde es ohnehin bald satt bekommen und als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren. Mit einemmal aber fing ihr Herz an ganz gewaltig zu klopfen. Würde er sein unsinniges Experiment wirklich satt bekommen – oder würde am Ende das überspannte Mädchen mit den leuchtenden Augen einen Einfluß auf ihn gewinnen, wie sie ihm im Lauf ihrer Beziehungen nie auf ihn ausgeübt hatte. So sehr sie sich auch mühte, konnte sie diesmal der Entwicklung seines Liebesabenteuers nicht gleichgültig entgegensehen. – Es stand zu viel auf dem Spiel. Daß Erika eine andre, zugleich stärkere und subtilere Anziehungskraft auf ihn ausübte als alle die zahllosen Frauen, denen zuliebe er bis dahin seiner angetrauten Gattin untreu geworden war, fühlte sie... Langsam verschleppte sich der Nachmittag. Die Dämmerung begann zu sinken, als die Blonde die Haustür gehen hörte. Sie eilte ans Fenster und erblickte die alte Lucrezia, die einen Handkoffer in eine Gondel legte. Gleich darauf stieg Lozoncyi ein. Die Gondel stieß ab. – Die Blonde hielt sich die Hand vor die Augen. Ihr war schwindlig geworden. Die dumpf in ihren Adern schwelende Leidenschaft schlug plötzlich Flammen. Hatte sie wirklich verspielt? Totenbleich stand sie am Fenster und starrte der Gondel nach. Da erblickte sie ein zweites Fahrzeug – eine offene Barke – und darinnen Erika Lenzdorff, eine Reisetasche neben sich. Eine teuflische Eingebung kam ihr. Sich weit über den niedrigen Balkon vorbeugend, der die Schutzwehr des Fensters bildete, stieß sie einen entsetzlichen Schrei aus und stürzte sich in den Kanal. Es mochte um anderthalb Stunden später sein. Die alte Gräfin, welche sich verpflichtet gefühlt hatte, Konstanze Mühlberg zuliebe bei dem Fest zu erscheinen, hatte nicht gefunden, daß ihre Pflicht so weit reichte, sie zu zwingen, demselben bis zu seinem seligen Ende beizuwohnen. Sie war sehr unruhig, konnte die Gedanken von Erika nicht losringen und hatte es endlich dankbar angenommen, als Prinz Nimbsch ihr anbot, sie auf seinem Kutter nach Hause zu befördern, ehe noch der Dampfer den Rest der Gäste Konstanze Mühlbergs nach Venedig zurückbrachte. Mit der Geschwindigkeit einer fliehenden Schwalbe schoß das kleine Fahrzeug über die Wellen. Prinz Nimbsch, welcher diesmal ausnahmsweise die Führung gänzlich seinen Matrosen überließ, lehnte neben der alten Frau in den grellroten Sammetpolstern seines noch sehr neuen Schiffleins, den rechten Fuß auf dem linken Knie, den Blick in die Ferne gerichtet oder nirgendhin, und machte gutmütige Versuche, sie zu unterhalten, die in den Sand verliefen. Die alte Frau war zerstreut, oder vielmehr konzentrierten sich ihre Gedanken um etwas, das der Prinz nicht erraten konnte: um das plötzlich veränderte Wesen Erikas. Armer Narr! dachte sie unaufhörlich. Ich war töricht, ich bin daran schuld; aber wie hätte ich das vermuten können? Sie schien so stark, so völlig unempfindlich für derlei. Es ist der Wahn – die Krankheit, die wir alle durchmachen, wenigstens einmal im Leben; selbst ich hab' sie durchgemacht, habe jetzt freilich Mühe, mich dessen zu erinnern. Es tut weh, sehr weh! Aber sie hat einen tüchtigen Charakter und einen hellen Kopf. Mir ist's doch leid; ich hätte es verhindern können ... wenn ich nur geahnt hätte. Meine arme, stolze Erika! Was soll ich Goswyn schreiben unter den Umständen? – Natürlich, daß er kommen soll. Ich glaube, sie wird sich freuen; im Grunde wird sie sich freuen; ich kann mir nicht denken, daß das sehr tief geht... aber mir ist doch leid ... Venedig lag bereits vor ihnen, grau und schattenhaft der Abglanz des blassen Sommerhimmels, in dem die Sonne längst untergegangen war und die Sterne sich noch nicht zeigten, blauweiß über den Fenstern der dunklen Paläste schimmernd. Jetzt legten sie an vor dem Hotel. Die Gräfin hob die Augen zu Erikas Zimmer. »Sie ist nicht im Salon,« sagte sie sich, »vielleicht schläft sie ein wenig.« Prinz Nimbsch geleitete die alte Dame höflich bis in die lange, niedrige Eintrittshalle, in der wie alle Abende müßige Touristen auf den zwischen Gummi- und Oleanderbäumen angebrachten Rohrmöbeln saßen und plauderten, gähnten und lachten. »Sagen Sie Gräfin Erika, wie ledern das Fest war,« bat der junge Österreicher die alte Frau noch zum Abschied, »und wie unendlich wir alle diese Migräne verwünscht haben, die uns ihrer Gesellschaft beraubt hat. Ich werde mir erlauben, morgen nachzufragen; hoffentlich ist die Gräfin dann bereits wohlauf.« Er küßte die Hand der alten Frau, sie nickte ihm freundlich zu. Der Lift schwebte eben zwischen Himmel und Erde; sie hatte nicht die Geduld, sein Herabsinken abzuwarten, sondern ging die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Leise trat sie an die Tür von Erikas Zimmer heran; sie drückte die Klinke nieder – auch das war dunkel. Hatte sich die Arme schlafen gelegt? Leise schlich sie sich an Erikas Bett – leise, um sie nicht zu stören. Sie beugte sich über die Kissen; kein Hauch, das Bett war leer. Die Ahnung von etwas Schrecklichem, Unsagbarem überkam sie sofort. Anfangs verlor sie vollständig den Kopf – ihr schwindelte. Sie wollte schreien, das Haus alarmieren, alle Leute fragen, kurz, gerade das tun, was sie einen Augenblick später am heftigsten bedauert hätte; aber die Stimme blieb ihr im Halse stecken. Sie griff mit den Händen nach irgendeinem Anhaltspunkt; dabei stieß sie zufälligerweise etwas von dem Nachttisch herab. Durch die graue Sommernacht sah sie etwas Weißes niederflattern auf die Erde, etwas Weißes, das knisterte. Sie bückte sich danach. Es war ein Brief. Sie schöpfte tief Atem; dann drehte sie das elektrische Licht auf und las den Brief. Nach den ersten Zeilen wollte sie ihn, fast blind vor Schmerz, weglegen, weil nichts drinnen stehen konnte, was sie nicht erraten hätte – und endlich las sie ihn doch, las jede Zeile bis zum Schluß, nährte ihren Schmerz mit jedem zärtlichen Abschiedswort der Unglücklichen, Verblendeten. Nichts von dem, was geschehen war, legte sie dem Mädchen zur Last – alles sich. Sie sagte sich, daß sie Erika ins Unglück hineingejagt, wie sie vor Jahren ihre Schwiegertochter in ihr Unglück hineingejagt. Von beiden hatte sie verlangt, sie möchten sich ruhig in die gänzliche Nüchternheit der Weltordnung hineinfinden – keiner von beiden hatte sich auch nur den Schatten einer idealistischen Lebensauffassung gegönnt. Sie hatte nicht begriffen, daß ihnen dergleichen zu ihrer Existenz nötig sein könne, daß sie, wenn man es ihnen mißgönnte, ihren Idealismus in einer annehmbaren Form zu befriedigen, sich in irgendeinen begeisterten und verderblichen Irrtum flüchten würden, um der abstoßenden Bequemlichkeit einer immer nur kalter Selbstsucht frönenden Existenz zu entfliehen. Das Unglück ihrer Schwiegertochter hatte sie verhältnismäßig wenig berührt – mit dem Glück ihrer Enkelin ging die Sonne für sie unter auf immer. Sie sah so klar; warum mußte sie auch jetzt noch so klar sehen, jetzt, wo es ihr so entsetzlich weh tat? Für ein Geschöpf wie Erika war es ebenso unmöglich, sich aus dem Kreise seiner sittlichen Anschauungen herauszuringen, als zu versuchen, mit seinen für die Erde konstruierten Lungen auf dem Monde zu atmen. Es gab ja Frauen, die, durch einen nicht zu beirrenden Eigendünkel gefeit, imstande waren, ruhig die Meinung der Welt herausfordernd, ihre eigenen Wege zu gehen – Frauen, für die der Pranger selbst sich in ein Piedestal verwandelte, sobald sie daraufstanden. Aber zu denen gehörte Erika nicht. Ehe die Sterne zum zweitenmal aus dem Himmel schauten, würde sie mit dem Kopf gegen die Wand schlagen; ihr würde die selbstbeschönigende Täuschung fehlen, die dazu gehört, das moralische Defizit zu decken, welches schließlich doch immer bei solchen Veranstaltungen herausschaut. »Ja, ehe die Sterne zum zweitenmal aus dem Himmel herausschauen, wird sie selbst für das begeisterte Opfer, das sie dem Elenden bringt, der sich bereit erklärt hat, es anzunehmen, keinen anderen Namen finden, als ihn die Welt seit Jahrhunderten für dasselbe Opfer findet, wenn es von wertlosen Frauen ohne Begeisterung einem Manne gebracht wird. In ihren eigenen Augen wird sie eine Gefallene sein.« Die alte Frau sprach's halblaut vor sich hin. Der Schweiß trat ihr auf die Stirn. »Meine Erika, meine stolze, herrliche Erika!« murmelte sie. Sie wußte sehr gut, daß die Gefährlichkeit des sittlichen Falles einer Frau nach der Höhe bemessen wird, von der sie fällt. Und Erika stand sehr hoch. Noch einmal schlug sie den Brief Erikas auf und las die Stelle nach, in der sie schrieb: »Du wirst zu wählen haben zwischen der Welt und mir. Ich weiß es, du wirst dich mir zuwenden.« – Wählen! Als ob da von irgendeiner Wahl die Rede hätte sein können! Natürlich war sie bereit, ihr die Arme entgegenzustrecken, für sie zu tun, was sie nur tun konnte – aber wieviel war das? Und plötzlich stieg ein Bild aus ihrer Seele auf – ein unscheinbares, schreckliches Bild. In der Abfahrtshalle eines Bahnhofs war's gewesen, da hatte sie mitten unter einer Gruppe von Auswanderern ein armes Weib gesehen mit einem Kind an der Hand, einem Knaben von etwa sechs oder sieben Jahren. Sein Gesicht war von widerlichen Narben entstellt. Alle, die an ihm vorbeigingen, sahen ihn an, einige stießen einander und flüsterten einander etwas ins Ohr; das Kind wurde erst feuerrot, dann zappelte es von einem Fuß auf den anderen, schließlich fing es fürchterlich an zu schluchzen. Da setzte sich die Mutter auf eine Bank und barg das entstellte Gesicht des Kindes in ihrem Schoß. Als die Gräfin um eine Viertelstunde später an derselben Stelle vorbeiging, war das Weib noch dort, das Gesicht des Kindes in ihrem Schoß. Starr, scheu und verängstigt saß sie da, aus feindseligen Augen die Menschen anstierend, deren höhnende Neugier ihr Kind gekränkt, mit ihrer rauhen Hand den kurzgeschorenen blonden Kopf des Knaben streichelnd. Der Anblick war der Gräfin durch Mark und Bein gegangen. »Immer wird sie doch nicht da sitzen können, um die Difformität ihres Kindes in ihrem Schoß zu bergen,« hatte sie sich gesagt, »früher oder später wird sie das unglückliche Geschöpf doch den Blicken der Menschen preisgeben müssen.« Ihr war's, als könne auch sie für Erika nichts mehr tun, als ihren Kopf in ihren Schoß verstecken, um sie vor der höhnenden Neugier der Welt zu schützen. So sehr hatten sich diese Gedanken ihrer Einbildungskraft bemächtigt, daß ihr's war, als fühle sie die warme Last des armen, gedemütigten Kopfes auf ihrem Knie; sie streckte die Hand aus, um ihn zu streicheln, da erwachte sie zusammenschaudernd wie aus einer Betäubung. »Nein, nicht einmal das wird mir vergönnt sein,« sagte sie sich. »Sobald Erika aus ihrem Wahn erwacht, wird sie das Leben von sich werfen. Ja, alles ist zu Ende – alles – alles!« Marianne kam, nach ihr zu sehen. Sie winkte sie mit der Hand ab, ohne ein Wort. Sie dachte nicht daran, einen Vorwand für Erikas Ausbleiben zu erfinden, sie saß da, starr, schweigend, und blickte in die Zukunft. Ihr war's, als ob ein ungeheurer Jammer die ganze Welt verschlungen habe und sie allein übriggeblieben sei, um diesen Jammer mit anzusehen – den Jammer, an dem sie sich schuldig sprach. Wenn die blonde Frau eine Ahnung davon gehabt hätte, welche starke Wirkung ihre spitzfindigen Auslassungen auf den schwankenden, charakterschwachen Künstler gemacht hatten, so hätte sie es gewiß nicht notwendig gefunden, sich ins Wasser zu stürzen. – Ein paar letzte kaltblütige Darlegungen der Situation hätten ihn dazu gebracht, sein Vorhaben aufzugeben. Aufgeregt, entmutigt, ganz und gar eingeschüchtert durch die Bedenklichkeiten und Schwierigkeiten der Situation, heimlich stark zurückdrängend nach den Ausgelassenheiten und willkürlichen Genugtuungen seines alten Lebens, von einer unbeschreiblichen nervösen Unruhe hin und her gezerrt, hatte er sich zu keinem festen Entschluß aufraffen können und war dann im letzten Moment auf die Bahn geeilt – weil die ihm zu Gebote stehende Zeit verstrichen, ehe es ihm gelungen war, einen anderen Ausweg aus der Situation herauszuklügeln. – Die ganze veredelnde Welt- und Lebensauffassung, die ihn in den letzten Wochen aus sich herausgehoben hatte, war in ihm erstorben, nichts übriggeblieben von seiner Liebe zu Erika als ein wahnsinnig quälender Durst. Kaum, daß er den Bahnhof erreicht und die Billette gelöst hatte, spähte er gierig nach ihr aus. – Seine Fingerspitzen brannten und die Nerven zitterten ihm in allen Gliedern. – Sie war nirgends zu erblicken. Fünf Minuten vergingen. Sie kam nicht. Das erste Läuten erschallte. Keine Erika. Tief verstimmt von ihrem Zögern, mit trockener Zunge und heißen Augen trat er auf die bereits in die Lagune hinausführende Vortreppe des Bahnhofs und sah über das trübe grüne Wasser hinüber. Von jeder näher schwebenden Gondel sagte er sich: »Ah! da ist sie!« Wenn eine verschleierte Frauengestalt ausstieg, stürzte er auf sie zu. Immer irrte er sich, nicht ohne sich ein- oder zweimal eine derbe Zurechtweisung zuzuziehen. Glücklicherweise begegnete er keinem einzigen Bekannten – überhaupt war der Zug dürftig besetzt. Das zweite Läuten schrillte durch die Halle. Die wenigen Passagiere hatten sich in die Kupees verfügt, die Träger schoben bereits das Handgepäck hinein. Die Schaffner schlossen die Kupees; die Abreisenden standen an den Fenstern der Wagen und reichten denen, die sie begleitet, ein letztes Mal die Hände oder winkten ihnen Abschiedsgrüße zu. Das dritte Läuten ... ein schriller Pfiff ... stöhnend und pustend dampfte der Zug ab. Sie war nicht gekommen! Eine maßlose Enttäuschung rüttelte an ihm – eine Enttäuschung, in die sich ein großer Zorn mischte und die sich bis zum nervös-physischen Schmerz steigerte. »Sie hat den Mut verloren, im letzten Moment hat sie den Mut verloren!« sagte er sich. Gleich darauf versuchte er sich zu trösten: »Vielleicht kommt sie mit dem nächsten Zug, es war ja anfangs zwischen uns die Rede von dem Halb-zehn-Uhr-Zug,« sagte er sich. Und er wartete. Aber irgend etwas sagte ihm, daß er vergeblich warte. Alle poetischen Erinnerungen an sie verblaßten. Er erinnerte sich nicht mehr, daß er selbst einen Augenblick gezögert hatte. Er konnte einfach nicht Worte genug finden, sie zu schmähen. Sie war allein an allem schuld. Ihre Begeisterung hatte alle Schranken niedergerissen zwischen ihr und ihm – und jetzt, jetzt war sie einfach feig. Wahrlich, es lohnte sich nicht, ein Stück so herrlich in Szene zu setzen, das doch nie zur Ausführung gelangen sollte! Wie dumm war er gewesen, nur einen Augenblick zu glauben, daß es möglich sein könnte, es aufzuführen; er hätte es doch wissen müssen, daß es im letzten Moment von der Zensur gestrichen werden würde! Der zweite Zug fuhr ab. Er verließ den Bahnhof. Es mochte gegen zehn Uhr sein, als er den Schlüssel in die malachitgrüne Tür zu seiner Wohnung steckte und quer durch den kalten Gang in das Gärtchen trat. Der Mond stand am Himmel, das Buschwerk des Gärtleins warf pechschwarze Schatten zwischen das bläulichweiße Licht, das die Wege und Rasenplätze überschimmerte. Die Luft war warm, die Wege waren mit abgefallenen Rosenblättern bestreut, der Frühling hatte sein Gewand abgestreift, eine durstige Müdigkeit lag über der ganzen Natur. Lozoncyis Mund war trocken, rote Punkte flimmerten ihm vor den Augen. Da hörte er hinter sich einen leisen Schritt. Er wendete sich um – wie festgerammelt im Boden blieb er stehen. »Erika!« Sie kam auf ihn zu, sehr blaß, mit großen, traurigen Augen; sie trug ein einfaches schwarzes Kleid, ihr Kopf war bloß, ihr goldenes Haar schimmerte im Mondschein. »Erika!« rief er heiser, ohne ihr einen Schritt entgegenzugehen. Er hielt sie für ein Wahnbild, das seine Sehnsucht in die Nacht gezaubert. Aber immer näher kam sie auf ihn zu; jetzt fühlte er die Wärme ihres jungen Lebens neben sich. »Also sind Sie's wirklich?« murmelte er. »Ich dachte, es sei ein Trugbild, das mich foppt. Was tun Sie hier?« »Kein Wunder, daß Sie fragen,« antwortete sie ihm leise wie beschämt. »Ich bin gekommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen.« »Abschied!« stieß er hervor. »Sie kommen zu mir mitten in der Nacht, um Abschied von mir zu nehmen...« Die Sprache versagte ihm. Alles drehte sich um ihn herum; sein Begriffsvermögen blieb einfach stehen. »Erika! meine Erika!« murmelte er. Er trat knapp an sie heran und streckte die Arme nach ihr aus; sie wich vor ihm zurück. »Es ist alles zu Ende zwischen uns,« sagte sie matt, »es kann nicht sein.« Er zuckte zusammen; sie merkte es, wie er aschfahl wurde in dem grellen Mondschein. »Zu Ende?« stieß er hervor. »Das ist nicht möglich, Erika! Was soll das? haben Sie mir nicht meine Selbstbeherrschung genommen und wollen mich nun im letzten Moment im Stich lassen? Ich kann's nicht von Ihnen glauben, Erika!« Es war ein leidenschaftliches Flehen in seiner Stimme. Die Nacht war lau und duftig. Wieder streckte er den Arm nach ihr aus. Sehr sanft, aber bestimmt wies sie ihn ab. »Lassen Sie mich,« bat sie. »Es ist etwas Schreckliches geschehen – ich muß es Ihnen sagen so schnell als möglich – aber ich halte mich nicht mehr auf den Füßen!« Zitternd vor Aufregung und Müdigkeit legte sie die Hand auf den Ast eines rosendurchwucherten Maulbeerbaumes, um sich zu stützen, und wie sie es tat, schauderte der Baum, und eine Wolke von weißen Rosenblättern sank zur Erde nieder. Alles um sie herum welkte! Wie schwül die Nacht war! Sie setzte sich auf die Bank unter dem Maulbeerbaum, über ihr der dunkle Nachthimmel, aus dem der Mond hemusleuchtete, zu ihren Füßen das welke Blütenkleid des Frühlings. »Ich war auf dem Wege zur Bahn,« begann sie. »Ich wäre pünktlich gewesen, wer weiß, vielleicht hätte ich mich früher eingefunden als Sie. Ich war überzeugt davon, daß ich recht täte. Der Weg zur Bahn führt an Ihrem Hause vorüber. Meine Gondel hatte die Brücke, die sich über diesen Kanal spannt, noch nicht erreicht, als ich das Wasser aufrauschen hörte. Eine Frau hatte sich aus einem Hause ins Wasser gestürzt. Ich war außer mir, Sie können sich das vorstellen. Augenblicklich schoß mir's durch den Kopf, daß es Ihre Frau gewesen sein könne. Ich flehte meinen Gondolier an, sie zu retten. Er rettete sie. – Es war wirklich Ihre Frau, und ich sagte mir, daß ich sie in den Tod gejagt. Sie lag da zu meinen Füßen in der Gondel, mit Schlamm und Algen bedeckt – schrecklich! Ich brachte sie nach Hause. Wir schleppten sie die Treppe hinauf und brachten sie zu Bett, dann riefen wir sie in das Leben zurück. Das gelang uns verhältnismäßig leicht; aber kaum hatte sie die Augen aufgeschlagen, so verzerrten sich ihre Züge, sie rang röchelnd nach Atem – Ich schickte Lucrezia nach dem Arzt, indes ich bei der Kranken blieb. Lucrezia kam lange nicht, und als sie kam, brachte sie keinen Arzt. Die Unglückliche war ruhiger geworden, aber ich konnte sie nicht zum Reden bringen. Mit geschlossenen Augen lag sie unbeweglich. Und auf einmal öffnete sie die Augen. Da hörte ich Ihren Schritt. Sie hatte ihn früher vernommen als ich. Ich verstand alles. Sie hat ein stärkeres Anrecht auf Sie als ich. – Ich hab' kein Recht, ihr zu nehmen, was ihr gehört. Verzeihen Sie mir – und leben Sie wohl!« Sie hatte sich von der Bank erhoben und streckte ihm die Hand entgegen; ihre Augen standen voll Tränen. Er nahm ihre Hand nicht. »Und das ist alles, und daraufhin wollen Sie sich von mir lossagen?« rief er heftig. »Aber das ist ja kein Grund, nicht der geringste; die Teufelin da oben hat Ihnen eine Komödie vorgespielt, nichts weiter! Merken Sie denn das nicht? Sie hatte unser Vorhaben erraten, sie hat Ihnen aufgelauert... sie hatte gar nicht die Absicht, sich das Leben zu nehmen!« »Ich weiß nicht« – Erika legte die Hand an die Stirn. »Der Kanal war tief an der Stelle, sie hätte immerhin mit dem Leben büßen können für ihren Versuch. Und wie hätt' ich dann weiter existieren sollen! Nein! Während ich dort oben neben ihrem Bett saß, fiel mir's plötzlich wie ein Schleier von den Augen – ein Schleier, der meine Handlungsweise verschönert hatte. Ich sah ein, daß ich beim besten Willen nur Schaden angerichtet hätte. Mein Leben zu geben für Sie, dazu war ich bereit – dazu bin ich noch immer bereit; aber das Leben anderer mitzuopfern, die mir und Ihnen nahestehen, das kann ich nicht – ich bring's nicht über das Herz – ich kann nicht, ich kann nicht! Ich hätte Sie nicht aus Ihrer Ruhe wecken, ich hätte Ihnen die Kraft der Entsagung nicht rauben sollen – ich weiß es. Wenn Sie wüßten, wie bitter ich mir's zum Vorwurf mache, wie gräßlich mir's ist. Sie leiden zu sehen! Mein armer Freund! Ich bitte Ihnen ja meine Torheit von ganzem Herzen ab!« Sie nahm seine Hand und drückte sie demütig an ihre Lippen. Die Nacht wurde immer schwüler und drückender, aus der Erde, aus den Pflanzen, aus den welken Blüten auf dem Boden, aus dem Leben, das sich ans Licht drängte, und aus dem, das der Verwesung entgegenschauerte, drang ein betäubender Duft. Bis dahin hatte Lozoncyi stumm dagestanden, den Kopf tief gesenkt. Als ihre Lippen seine Hand berührten, sah er auf. »Leben Sie wohl!« murmelte sie leise. Er wiederholte: »Leben Sie wohl!« – Dann plötzlich setzte er hinzu: »Wollen Sie nicht noch einen Blick in das Atelier werfen zum Abschied? – einen letzten Blick?« Es fiel ihr nicht ein, seine Aufforderung sonderbar zu finden. Er ging ihr voran, sie folgte ihm. Sie kannte sich nicht mehr vor Mitleid; ans Kreuz hätte sie sich schlagen lassen, um ihm seinen Schmerz abzunehmen – den Schmerz, den sie verschuldet hatte. Der Mondschein drang in das Atelier, ringsum flimmerte es magisch wie der leuchtende Schutt eines zerfallenen Luftschlosses, und mitten durch das magische Leuchten und Flimmern sah man die Gestalt der »blinden Liebe«, die mit durstendem Blick ihrem Ziele zustrebt – in den Sumpf. Aus dem Garten drang der betäubende Gewitterdunst, und von fern, fern schwebte es herüber nur wie ein Seufzer lockender Sehnsucht, das Lied der Nachtsänger von Venedig. Traurig sah Erika sich um. »Es war schön!« murmelte sie. »Ich danke Ihnen für alles! Adieu!« Sie streckte ihm ihre beiden Hände entgegen; fast hätte sie ihm ihre Lippen gereicht in ihrem verzweifelnden Mitleid, das immer wärmer wurde. Da nahm er ihre Hände in die seinen und beugte sich über sie. »Es ist vielleicht besser, daß es so gekommen ist,« murmelte er, und seine Stimme klang fieberhaft erregt und dabei einschmeichelnd zärtlich wie noch nie. »Das Opfer, das Sie mir bringen wollten, war zu groß, ich hätte es nie annehmen dürfen von Ihnen. Und Sie haben recht, wir müssen unsere Umgebung schonen, es geht nicht anders. Aber um des Himmels willen lassen Sie mich nicht ganz verschmachten, nicht zugrunde gehen!« Sie sah ihn aus ihren großen Augen an – sie begriff nicht. Er küßte ihre Hände eine nach der anderen; ohne daß sie es merkte, hatte er sie näher herangezogen an sich. Die Mattigkeit in ihren Gliedern wurde stärker. Sein Atem war kurz und heiß; dann sagte er leise, ganz leise: »Sie müssen heute noch zu Ihrer Großmutter zurückkehren, ich weiß es. Ihr Leben können Sie mir nicht widmen, aber – O Erika! Unsere ganze Existenz besteht aus ein paar aneinandergereihten Augenblicken! Gönnen Sie mir hier und da einen Augenblick des Glücks! Sie werden nicht ärmer werden dadurch, und mich ... mich werden Sie wie einen König reich machen! Die Welt soll nie etwas davon erfahren – kein Schatten wird auf Sie fallen – verlassen Sie sich ...« Endlich verstand sie. Sie riß ihre Hände aus den seinen, ein heiserer, kläglicher Wehlaut entfuhr ihren Lippen. Ohne ein Wort wendete sie sich von ihm ab und floh über die welken Blüten hinweg quer durch den schwülen Duft des Gärtleins, durch den langen kalten Gang des Hauses, ohne einmal Atem zu schöpfen, bis die grüne Haustür mit dem Löwenkopf hinter ihr ins Schloß gefallen war. Hinter sich hörte sie's heiser, verzweifelnd: »Erika! Erika!« Aber sie horchte nicht mehr, der Wahn war zerstört, ihr graute vor ihm. Einen Augenblick stand sie ratlos auf dem schmalen Uferdamm. Ihr Gondolier hatte sie im Stich gelassen. Es war spät, und sie war allein. Rings um sie das gespenstische Mondlicht und das dunkle, klagende Wasser. Sie fürchtete sich nicht – was hätte sie noch fürchten sollen, nachdem die Welt in Trümmer gegangen war für sie! Sie suchte den Weg nach Hause im Zickzack über Brücken an schmalen Uferdämmen entlang, durch schmale, entlegene Gassen. Immer weiter ging sie, den Kopf vorgeneigt. Daß sie jemand treffen könnte, so allein dahinwandelnd, mitten in der Nacht, mit bloßem Kopf – ihren Hut hatte sie in dem Zimmer der Kranken vergessen –, fiel ihr nicht ein. Sie ging und ging. Plötzlich durchklang's die Nacht: » Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie, toi qui n'as pas d'amour! Comment vis tu ... « In dem schmalen Kanal, über den eine Brücke führte, glitt die lichtumflackerte Sängerbarke auf sie zu. Von der Brücke herab sah sie dieselbe nah, ganz nah, die Sängerin eine fahle, hohlwangige alte Person, die Männer abgerissen, verliedert und schmutzig. Das war das leuchtende Phantom, das sie den ganzen Frühling hindurch an sich gelockt hatte? Die Kerzen brannten tief, eine von den grellen Papierhülsen fing Feuer. Die Barke glitt unter die Brücke. Als sie an der anderen Seite herauskam, waren die Lichter verlöscht und die Sänger verstummt. Traurig sah man sie hinziehen wie einen schwarzen, formlosen Fleck im Mondlicht. Kurz darauf fand Erika eine Gondel, die sie ins Hotel brachte. Infolge großen Zustroms neuer Gäste war das Hotel noch offen, und Erika konnte deshalb fast unbemerkt die Treppen hinaufgehen. »Vielleicht ist die Großmutter noch nicht nach Hause zurückgekehrt, vielleicht wird es mir gelingen, den Brief zu vernichten, ehe sie ihn gelesen hat,« sagte sie sich. Sie ging sofort auf ihr Schlafzimmer zu; durch die angelehnte Tür drang Licht. Es war zu spät. Sie riß die Tür auf ... dort neben dem Bett saß die Großmutter in einem Lehnstuhl, gerade und steif, mit weit offenen Augen in einem totenblassen Gesicht, in das der Schmerz dieser letzten Stunden tiefere Furchen gegraben hatte als alle anderen Erfahrungen ihres mehr denn siebzigjährigen Lebens. Als sie die ernste, traurige Erscheinung in dem Rahmen der Tür erblickte, entfuhr ein heiserer Laut ihren Lippen. Sich halb von ihrem Sitz erhebend, die Hände auf die Seiten des Lehnstuhls gestützt, starrte sie das Mädchen wie eine aus dem Grabe auferstandene Leiche an. Alles an ihr, jedes Fältchen ihres Kleides zitterte. »Erika!« stammelte sie halblaut. »E – ri – ka!« Elend, mühsam fiel der Name von ihren Lippen, fast als ob sie vom Schlage gelähmt gewesen wäre. Sie versuchte dem Mädchen entgegenzugehen und konnte nicht. Erika eilte zu ihr, so weit trugen sie ihre Kräfte; dann brach sie zu Füßen der alten Frau zusammen und legte ihren Kopf auf ihre Knie. Sie konnten zu Anfang beide nicht sprechen. Die alte Frau fuhr dem jungen Geschöpf nur leise über das Haar mit ihrer zarten Hand, die plötzlich wärmer geworden war als sonst. Das Mädchen schluchzte. Nach einem Weilchen beugte sich die Großmutter etwas nieder: »Erika,« murmelte sie, »nur das eine ... Was hat dich gerettet? Wo kommst du her?« Erika hob den Kopf; halblaut, mit heiserer, dünner Stimme erzählte sie der Großmutter alles bis zu dem Punkte, wo sie in den Garten hinabgestiegen war, um von Lozoncyi Abschied zu nehmen. Da stockte sie ... Die Großmutter wartete atemlos, ihr Herz schlug heftig; sie hatte nicht den Mut, Erika zum Weiterreden zu drängen. Endlich hob Erika von neuem an: »Ich hatte mich überhoben; ich hatte mehr tun wollen für ihn, als irgendeine andere je getan; ich wollte ihn emportragen zu den Sternen. Und er ... ihm war's zu mühsam – er hatte keine Lust dazu, er wollte mich nur herunterzerren in die Pfütze, aus der ich ihn retten zu können geglaubt hatte. Und ... als ich das endlich begriffen hatte ...« Ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren ganzen Körper, sie konnte nicht weiterreden. Die Großmutter hatte verstanden – alles! Sie sprach kein Wort, sondern streichelte nur leise den armen jungen Kopf in ihrem Schoß. Nach einem Weilchen redete sie Erika zu, sich niederzulegen, half ihr, sich auskleiden, und glättete das Kopfkissen, in welchem Erika nun ihr von Tränen überströmtes Gesicht verbarg. Sie saß neben Erikas Bett, bis diese vor Müdigkeit – der bleiernen Müdigkeit, die auf eine große Nervenerschütterung folgt – einschlief. Sie saß neben ihrem Bett die ganze Nacht, bis tief in den Morgen hinein, regungslos, den stolzen Kopf gesenkt, die breiten Schultern gebeugt. Es mochte etwa neun Uhr sein, da öffnete Marianne leise die Tür von Erikas Schlafzimmer. Erika schlug die Augen auf, sie hatte alles vergessen. Ihr Blick fiel auf eine kleine schwarze Reisetasche, die Marianne in der Hand hielt. »Ich bitte, Exzellenz, ein Gondolier hat die Tasche gebracht,« erklärte die Zofe. »Er sagt, die Komtesse habe sie in der Gondel vergessen gestern nach dem Unglück – nämlich nach dem Schrecken, wollte ich sagen; er hat mir erzählt ... Die arme Komtesse, daß sie gerade hat zu so etwas kommen müssen! Aber es war ja auch wieder ein Glück, weil dadurch die fremde Frau gerettet worden ist. Der Gondolier verlangt die hundert Lire, die ihm die Komtesse versprochen dafür, daß er die Frau aus dem Wasser gezogen hat!« Die Großmutter schöpfte tief Atem. »Ist die Komtesse krank?« fragte die treue Marianne mitleidig, indem sie die Augen besorgt auf das Gesicht des jungen Mädchens heftete, dem das Fieber auf den Wangen brannte. »Nur etwas angegriffen nach der Aufregung,« sagte Gräfin Lenzdorff, indem sie Marianne das Geld einhändigte. »Kein Wunder! Arme Komtesse!« murmelte die Zofe mitleidig und zog sich zurück. Matt und elend schloß Erika von neuem die Augen. Als sie sich nach einem Weilchen nach der Großmutter umsah, saß diese an ihrem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt und mit der Feder unschlüssig Linien in ein Löschblatt zeichnend, während das weiße Briefpapier vor ihr leer blieb. »An wen schreibst du, Großmutter?« fragte Erika. »Ich wollte an Goswyn schreiben,« erwiderte die alte Gräfin halblaut. »Ich kann ihn ja nicht ohne Antwort lassen, und ... ich weiß nicht recht ...« Sie stockte. Wie ein Blitz fuhr ihr eine Erinnerung an den Brief, den sie gestern an Goswyn abgeschickt, durch die Glieder. Sie hatte ihn gänzlich vergessen. »Ich muß ihm natürlich schreiben, daß er nicht kommen soll,« sagte die Großmutter. Erika schöpfte tief Atem – stockte. Mußte sie auch noch das der Großmutter antun! Endlich brachte sie's heraus: »Er wird nicht kommen!« stammelte sie kaum hörbar. »Er...« Von einer schrecklichen Ahnung ergriffen, sah sich die Großmutter um. Erika lag mit dem Kopf gegen die Wand. »Nun?« rief die Großmutter kurz. »Ich hab ihm gestern geschrieben,« erwiderte Erika, jedes Wort mühsam hervorstoßend, »was ich vorhatte. Ich sagte mir, daß er es ja doch erfahren würde, früher oder später, und ... da wollte ich, er möge es wenigstens auf die Art erfahren, die ihm am wenigsten weh tun würde!« »Erika!« stieß die alte Frau hervor, »Erika!« Aber Erika lag still, den Kopf gegen die Wand. Nach einem Weilchen murmelte sie kaum hörbar: »Großmutter – ich bitte dich – schreib ihm, daß ...« – sie barg das Gesicht in ihre Kissen – »daß, ... O Großmutter! ... schreib ihm ... daß er mich nicht zu verachten braucht!« Die Großmutter blieb stumm. Alles war still in dem Zimmer, totenstill. Plötzlich hörte Erika einen eigentümlichen, schwachen, wimmernden Laut. Sie sah sich um. Die Großmutter hielt sich beide Hände vors Gesicht und weinte. Es war das erstemal, seit Erika sie kannte, daß sie die alte Frau hatte weinen sehen. Als Goswyn Erikas armen, gequälten, überspannten und durch und durch rührenden Brief erhalten hatte, war er halb wahnsinnig geworden. Erikas Bekenntnis hatte nichts in ihm wachgerufen als irrsinniges Mitleid, das hastig drängend irgendeinen Ausweg suchte. Er hätte ihr nacheilen, sie einholen, sie um Gottes willen vor dem Schmerz bewahren wollen, den sie in ihrer Verblendung willkürlich auf sich nahm. Einholen konnte er sie nicht mehr, sagte er sich, dazu war es zu spät, aber nacheilen hätte er ihr doch mögen, sie an seine Brust schließen und in seinen Armen bergen vor den fürchterlichen Qualen, denen sie sich ausgesetzt. Er hätte seine Uniform, seinen Namen, alles preisgegeben; um sie zu schützen und zu trösten. Nicht einmal Eifersucht fühlte er momentan – nichts als Mitleid. Und plötzlich erinnerte er sich seines Bruders, erinnerte sich dessen, wie er dem armen, zerschlagenen Mann, der sich schmerzensblind, unsicher herumtappend, in seinem Unglück nicht zurechtfinden konnte, zugerufen hatte: »Verzeih!« – kalt, fast höhnend, von seiner durch nichts zu erschütternden sittlichen Überlegenheit herab. Beunruhigt hatte ihn diese Erinnerung oft; heute traf sie ihn wie ein Peitschenhieb. Wie hart, wie wenig teilnahmsvoll er damals gewesen war! Den Makel, welcher der Familienehre zugefügt worden, hatte er empfunden; den Schmerz, der den Bruder getroffen, fast nicht. »Verzeih, wenn du's imstande bist – verzeih!« Er hörte sich die Worte sprechen, ruhig, aufreizend, er hätte den Bruder aus dem Grabe reißen mögen, um sie ihm abzubitten! Mein Gott! Was hätte er Erika nicht verziehen! Natürlich regte sich in ihm sofort der Gedanke, daß es ein Unrecht an Erika sei, ihre Verirrung mit der Sünde Dorothees in einem Namen zu nennen. In seinen Augen war das etwas ganz anderes; in den Augen der Welt aber war es dasselbe, oder vielmehr wäre der Fall Erikas der Welt als der unverzeihlichere von beiden erschienen. Und Goswyn hatte bisher sehr viel auf die Meinung der Welt gegeben und sich an dem Bewußtsein gefreut, hoch in der Achtung seiner Mitmenschen zu stehen. Jetzt war ihm das alles gleichgültig – mochte die ganze Welt ihn auslachen, er würde ihr doch nachrennen, sobald sie seines Trostes bedürfte. Dann entfaltete er noch einmal das arme, in seiner heißen Hand zerknitterte Briefchen. Er hatte es bis dahin noch nicht einmal zu Ende, gelesen – jetzt las er es durch bis zum Schluß. »Wenn Sie in diesem vergangenen Herbst mir nur ein gutes Wort gegeben hätten ...« las er. Was ihn da überfiel!... eine Ohnmacht war es nicht. Menschen wie Goswyn von Sydow werden nicht ohnmächtig; aber es wurde plötzlich schwarz in seiner Seele und um ihn herum, seine Glieder wurden schwer und kalt, ihm war es, als ob seine innere Lebenstätigkeit erstarrt sei. Um vierundzwanzig Stunden später kam der Brief der alten Gräfin, und da ereignete sich, etwas Sonderbares. Natürlich empfand er beim Lesen desselben eine ungeheure Erleichterung, aber diese Erleichterung schwemmte das Mitleid, das er für Erika empfunden hatte, mit sich fort. Sie war gerettet, ja – er freute sich darüber, daß sie gerettet war, aber – sie war plötzlich klein geworden in seinen Augen. An diesem Resultat war leider zum großen Teil der Brief der armen und verängstigten Großmutter schuld, der, voll konfuser Beschönigungen und Entschuldigungen des Sachverhalts, sich allzusehr bemühte, den von Erika beabsichtigten verhängnisvollen Schritt als eine nicht ernst zu nehmende Kinderei hinzustellen, eine Torheit, die Erika zwar in einem Moment akuter Überspanntheit unternommen, auf keinen Fall aber durchgeführt hätte. Kann folgten noch mehrere Seiten Teilnahme an seiner Enttäuschung – Selbstanklagen, nochmalige Entschuldigungen und Beschönigungen, ja schließlich die verschämt geäußerte Hoffnung, es würde alles noch gut werden! Das war unter den Umständen eine starke Zumutung. Im höchsten Maße aufgeregt, wie er es war, bedachte er nicht, daß der Brief von einer völlig zu Boden geschmetterten, sehr alten Frau herrührte, die unter dem auf sie einstürmenden Eindruck den Kopf verloren hatte und infolgedessen Dummheiten schrieb. Wütend setzte er sich an seinen Schreibtisch, um ein paar höfliche Zeilen zu antworten, die vor allem anderen den Zweck haben sollten, irgend jemand recht weh zu tun und ihn am Weltall im allgemeinen für die Qualen der verflossenen vierundzwanzig Stunden zu rächen; dann errötete er vor sich selbst über seine Roheit, schämte sich, nahm sich vor, einfach freundschaftlich und zurückhaltend zu schreiben, tauchte die Feder ein und konnte keine Worte finden. Worauf er sich entschloß, die Sache schweigend zu den Akten zu legen. Was war da noch zu schreiben! An Erika war nicht mehr zu denken. Mochte sie hundertmal durch einen ihr freundlich gesinnten Zufall oder ihre eigene Schwäche vor dem Äußersten bewahrt worden sein – die Sache blieb sich gleich. Immerhin gehörte ihr Herz einem anderen, einem verheirateten Mann, für den sie bereit gewesen, etwas zu tun, was nicht zu entschuldigen war. Nachdem er sich dies deutlich bewiesen, hatte er sich vorgenommen, das Leben ruhig und vernünftig wieder aufzunehmen, als ob es auf der weiten Welt gar keine Erika Lenzdorff gäbe oder je gegeben habe. Aber die Resultate seiner Anstrengungen in dieser Richtung waren unerfreulich. Sich Erikas Bild immer wieder zu vergegenwärtigen, allerhand reizende Luftschlösser um sie herumzubauen, sich mit dem Rätsel ihrer ungewöhnlichen Individualität, die ihn trotz ihrer vielen Verkehrtheiten und Fehler, so wie sie nun einmal war, anzog, zu beschäftigen, das hatte seit Jahren den subtilsten Reiz seines Lebens ausgemacht, und sich das von einem Tag zum anderen abzugewöhnen, war nicht so leicht, wie es anfangs schien. Er schlug die Stunden tot, wie es eben ging, er hatte nichts mehr vor sich, auf das er sich hätte freuen können, seine Zukunft dehnte sich vor ihm aus in eintöniger Nüchternheit, wie ein naßkalter, grauer Nebel, durch den er sich Tag für Tag mühsam hindurcharbeiten mußte, ohne die geringste Hoffnung, am Schlüsse all dieser unfruchtbaren Quälereien noch einmal die Sonne zu sehen. Er war kein wimmernder Schwächling, der sich nach und nach mit einem gewissen Behagen in diesen desperaten Zustand hineinlebt und seine Melancholie mit Geschmack als einen ästhetischen Zeitvertreib vervollkommnet, um sich und die Welt damit zu ergötzen. Im Gegenteil schämte er sich recht empfindlich seiner unmännlichen Niedergeschlagenheit; er rüttelte sich zusammen, wie er konnte, sagte sich's, daß es sich für einen gesunden Menschen, der noch etwas nutz sein soll auf der Welt, wahrlich nicht schicke, seine Zeit trostlos zu verjammern, nur weil sein Lieblingswunsch ihm vom Schicksal in der freilich denkbar unangenehmsten Weise abgeschlagen worden ist. Er verdoppelte seinen Diensteifer, schraubte seinen Ehrgeiz, dem ein immer weiterer Spielraum von allerhöchster Seite eröffnet wurde, zu künstlicher Höhe empor. Es nützte alles nichts. Die ganze Behaglichkeit unserer Existenz beruht auf einer gewissen, mit unserer geistigen und körperlichen Gesundheit eng verbundenen vernünftigen Tätigkeit der Phantasie, die uns jenes Quantum von Illusionen zuführt, die zum Verhüllen und Beschönigen der unleugbaren Häßlichkeit des innersten Lebenskerns durchaus notwendig ist. Diese Tätigkeit der Phantasie war momentan bei Goswyn erlahmt. Seine Nerven hatten jenen Grad der Abspannung erreicht, in dem man nicht mehr imstande ist, das Leben wichtig zu finden. Die Tage folgten den Tagen, die Wochen den Wochen. Berlin wurde leer; Goswyn begegnete kaum mehr einer bekannten Dame auf der Straße. Die Luft war schwül, der Tiergarten von der Sonne verbrannt die ganze Stadt dumpfig und durstig, nach nassem oder gebranntem Asphalt riechend. Eines Tages schrieb Gräfin Brock ihrem Neffen, er möge sich doch zu ihr bemühen. Sie sei im Begriff, nach Homburg zu reisen, und würde sich freuen, wenn er vorher ihre halbjährige Abwicklung mit ihrem Bankier prüfen wolle. Da sie sehr mißtrauisch war und absolut nicht rechnen konnte, wendete sie sich immer mit ihren Geschäftsnöten an ihn, und so wenig er sie auch mochte, hatte er sich nie geweigert, ihr einen Dienst zu leisten. Letzterer Zeit freilich hatte ein gespanntes Verhältnis zwischen ihm und ihr geherrscht, und zwar hauptsächlich, weil Gräfin Brock Dorothee von Sydow seit dem Selbstmord Ottos nicht nur bei sich aufgenommen, sondern sich auch mit aggressiver Geschmacklosigkeit um die Befestigung der unhaltbar gewordenen gesellschaftlichen Stellung Dorothees bemüht hatte. Sie verbrachte seit dem Unglücksfall ihre Zeit damit, von einer Bekannten zur anderen zu rennen, Dorothees Tugendhaftigkeit zu beteuern und Selbstmordgründe für Otto zu erfinden. Der Ohrenkrebs und ein unheilbares Herzleiden spielten bei diesen Phantasien eine große Rolle. Als glänzenden Beweis der unveränderlichen Achtung des Verstorbenen für seine Frau führte sie an, daß dieser, obgleich er, kurz ehe er Hand an sich gelegt, ein Testament niedergeschrieben habe, in dem Dorothee so gut bedacht war, als es das Majorat zuließ. Das Resultat ihrer zudringlichen Anstrengungen gipfelte hauptsächlich darin, daß das Gerede über die fatale Katastrophe viel länger dauerte, als es unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre, und daß sie ... immer weniger ihrer intimsten Bekannten zu Hause antraf. Natürlich war dies alles Goswyn höchst widerlich und hatte er ihr über die Unsinnigkeit ihres Gebarens einmal die Leviten gelesen. Sie hatte ihm eine Szene gemacht, und er war schließlich unversöhnt von ihr geschieden. Infolge dessen verwunderte ihn der über alle unangenehmen Erinnerungen erhabene Gleichmut, mit dem sie ihn zu sich berief, nicht wenig. Aber von Tante Brock konnte man auf alles gefaßt sein. Da es ihm in seiner momentanen Stimmung gänzlich gleichgültig war, was er mit sich anfing, fand er sich pünktlich um die von ihr bestimmte Stunde bei ihr ein. Ihr Hausstand war bereits desorganisiert; anstatt des Dieners öffnete die Kammerjungfer dem jungen Offizier die Tür, eine schreckliche alte Person, welche von der bösen Fee hauptsächlich ihrer hervorragenden und unbedrohten christlichen Tugenden wegen gehalten wurde. Seit die Brock Dorothee unter ihre Fittiche genommen, widmete sie sich nämlich mit Fanatismus der Unterstützung von allerhand erbaulichen christlichen Vereinen – vielleicht, um der Gesellschaft gegenüber für der jungen Witwe Tadellosigkeit besser Kaution legen zu können. Die anmutige Jungfer hatte eine große blaue Schürze umgebunden und trug auch im übrigen die Spuren des Packens deutlich an sich. In den Zimmern, durch welche sie Goswyn führte, waren die Möbel bereits alle mit hellgelben Leinwandkappen überzogen, die Lüster hingen in langen weißen Säcken, die Nippsachen waren weggeräumt. Alles machte einen über die Maßen kahlen, ungemütlichen Eindruck. Da hörte er schon von weitem Dorothees kicherndes Lachen – es war noch heller geworden, noch gläserner als früher –, dazwischen eine fremde Stimme. »Ist Besuch da?« wendete er sich mit schroffer Ungeduld an die Jungfer, die an seiner Verstimmung ganz unschuldig war und, etwas unwillig zu ihm aufsehend, erwiderte: »Nur Frau von Geroldstein.« Schon wollte er umkehren und sagen: Da werde ich später wiederkommen, als er plötzlich deutlich den Namen »Erika« vernahm. Seine Schwägerin sprach ihn aus, mit welcher Betonung, mit welch triumphierend höhnischer Betonung: »Diese Erika – nein, diese Erika!« Und dann kicherte sie. Die Möglichkeit, daß irgend jemand etwas von Erikas unsinnigem Vorhaben erraten, daß ihr Ruf gelitten haben könne, war ihm auf den Brief der Großmutter hin gar nicht eingefallen. Ein jäher Schrecken durchfuhr ihn. Offenbar ahnte Dorothee etwas. Die Wut schnürte ihm die Kehle zu. Wollte die sich's vielleicht herausnehmen, Erika durchzuhecheln? Und das sollte er ruhig geschehen lassen? Nein! – Ohne sich's weiter zu überlegen, eilte er vorwärts. Das Boudoir, in welchem er empfangen wurde, sah noch um ein Bedeutendes unerquicklicher aus als die anderen Räume der Wohnung. Ein halbvollgepackter Handkoffer lag auf einem Kanapee, ein offenbar soeben von der Schneiderin gesandter eleganter Staubmantel auf einem anderen. Dorothee stand vor einem Spiegel und probierte einen neuen Hut. Anstatt der tiefen Krepptrauer, die sie vor kurzem noch geradezu übertrieben, trug sie jetzt ein schwarzes Spitzenkleid, das ihr allerdings vortrefflich ließ und dessen Pariser Herkunft deutlich auf jeder seiner überaus einfach gerafften Falten stand. Ihr ehemals aschblondes Haar hatte einen malerisch goldenen Schimmer bekommen, der entschieden künstlich hergestellt war, auch der Glanz ihrer großen grünschillernden Augen war durch feingepinselte Schatten künstlich erhöht. Sie hatte ihr Parfüm gewechselt, vielleicht um unangenehmen Erinnerungen auszuweichen, und der Duft, der jetzt, von ihren Effekten ausgehend, das Zimmer durchströmte, war betäubend. Auf Goswyn wirkte dieser Duft ebenso wie die ganze Persönlichkeit seiner Schwägerin widerlich. Er sagte sich, daß sie bereits den ersten Schritt getan hatte auf dem steil abwärts laufenden Wege, den ihr die Zukunft vorzeichnete. Frau von Geroldstein, die es offenbar noch nicht ahnte, wie scheel die Prinzessin bereits von der Gesellschaft angesehen wurde, stand hinter ihr und bewunderte, als Goswyn eintrat, den neuen Hut. »Nicht wahr, er kleidet gut,« sagte Dorothee, »aber das ewige Schwarz ist mir doch fatal, ich werde mir einen blauschillernden Vogel hineinsetzen lassen. In Berlin dürft' ich ihn nicht tragen, aber auf Reisen...« Da gewahrte sie Goswyn, der, in der Tür stehend, sie mit eigentümlich wegwerfendem Gesichtsausdruck betrachtete. Sie wechselte die Farbe, nahm den Hut, welchen sie indes mit beiden Händen festgehalten – sie hatte reizend ausgesehen mit dem feinen, leicht zurückgebogenen Oberkörper und den emporgehobenen Armen –, ab und legte ihn so hastig weg, daß er auf die Erde fiel. Frau von Geroldstein hob ihn auf. Wie immer übertrieben modisch gekleidet, mit unheimlich eingezwickter Taille und in Affektation ersterbend, blickte sie mit ihren schwarzen Gazellenaugen schmachtend zu Goswyn auf und lispelte, ihm die Fingerspitzen reichend: » Bon jour, baron! « Obgleich sie seit Jahren eigentlich viel mit der guten Gesellschaft verkehrte, kopierte sie in ihren Manieren noch immer die Gräfin aus dem Lustspiel oder aus dem Leihbibliothekroman. Dorothee fing sofort an zu kichern, ohne daß irgend jemand gewußt hätte, weswegen. Soeben wollte ihr Schwager ihr übellaunig den Grund ihrer unangenehmen und irritierenden Heiterkeit abfragen, als die böse Fee aus irgendeinem düsteren Winkel auf ihn zukam. Sie gab ein bezauberndes Bild ab in einem malerischen, mit Silberborten besetzten grauen Schlafrock, den sie von Dorothee geerbt und über den sie beständig stolperte, weil er ihr um eine Spanne zu lang war, weshalb sie ihn jetzt mit beiden Händen über dem Magen an sich hielt. »Schön, daß du kommst, Goswynchen,« rief sie, »aber du mußt entschuldigen, ich habe momentan keine Zeit für dich. Ich habe soeben einen Artikel vollendet über »Antonius und Kleopatra«, den ich zu einem wohltätigen Zweck, natürlich vom abschreckenden Beispiel aus, für den Verein christlicher Jungfrauen veröffentlichen wollte, und jetzt kann ich ihn nirgends finden. Meine Jungfer behauptet, sie habe ihn eingepackt, aber sie wisse nicht wo. Es ist zum Rasendwerden! Ich kann mich dir nicht widmen, eh ich das Manuskript wiederhabe. Nimm nur Platz indessen, das heißt, wenn du einen Stuhl findest, auf dem noch nicht schon etwas liegt. Hi, hi, hi!« Das war allerdings schwer. Nach einer Weile jedoch hatte der junge Mann einen Sitz entdeckt, und zwar neben einem Tisch, auf dem zwischen allerhand anderen Dingen drei Gläser Eiskaffee standen, und an dem sich auch Dorothee und die Geroldstein niedergelassen hatten. Die böse Fee fuhr indessen fort, unruhig herumzustolpern, alle Gegenstände umzudrehen, ihren Blick abwechselnd auf und unter die Möbel zu richten, bis sie sich endlich vor dem offenen Handkoffer auf dem Sofa niederkniete und nun mit leidenschaftlicher Hast den ganzen Inhalt daraus hervorzuzerren und um sich herum auf den Teppich zu streuen begann, einen Reise-Teeapparat, eine flanellene Nachtjacke, eine Flasche Eau de Cologne usw. »Du kommst gerade recht!« rief jetzt Dorothee ihrem Schwager zu; »Frau von Geroldstein erzählte mir soeben die interessantesten Dinge aus Venedig. Die Erika hat sich das ganze Frühjahr hindurch von einem verführerischen Maler die Cour machen lassen. Denk' dir, die spröde Erika! Es geht die Sage, sie habe sich ihm eines schönen Tages, alle Standesrücksichten großartig in die Tasche steckend, an den Kopf geworfen, und da – da ...« – Prinzeß Dorothee wollte sich totlachen –, »da hat es sich herausgestellt, daß er schon verheiratet ist, und zwar an irgendein Modell aus den Batignolles!« Plötzlich blieb ihr das Lachen in der Kehle stecken, etwas in Goswyns Blick erschreckte sie. Ein dumpfes Schweigen folgte. Mitten hinein ertönte die Stimme der bösen Fee, lieblich und zärtlich: »Goswynchen, du kannst meinen Eiskaffee austrinken; ich habe daran genippt, aber das geniert dich doch nicht!« Ohne auf diese einschmeichelnde Einladung irgend etwas zu erwidern, fragte jetzt Goswyn seine Schwägerin schroff: »Und du glaubst diese alberne Klatscherei?« »Mein Gott, etwas davon wird doch wahr sein! Übrigens hat die Geschichte noch eine Fortsetzung,« erwiderte giftig Dorothee. »Es heißt, daß die keusche Erika die Absicht hatte, mit dem Maler durchzugehen.« »Dorothee!« rief Sydow außer sich. Er fühlte, wie ihm das Blut in die Stirn stieg, er hätte dreinschlagen, Dorothee des Lügens zeihen wollen, und konnte doch nichts, als noch einmal mit halberstickter Stimme rufen: »Dorothee!« »Das war nur so ein Gerücht,« lispelte Frau von Geroldstein – »ein Gerücht, dem niemand weniger Glauben schenkt als ich. Es basiert darauf, daß man die Komtesse Lenzdorff zu etwas ungewöhnlicher Stunde nach der Richtung des Bahnhofs hat zugondeln sehen, wobei allerdings eine schwarze Reisetasche in der Gondel lag. Mir wäre es natürlich gar nicht eingefallen, irgend etwas – ha, ha, ha – Unpassendes daraus zu folgern – mir fällt überhaupt nie etwas Unpassendes ein –, aber es war sonderbar, daß sie sich zu dieser abendlichen Spazierfahrt gerade einen Tag aussuchte, an dem sie allein zu Hause geblieben und unter dem Vorwand einer Migräne es abgelehnt hatte, ein Fest zu besuchen, bei dem ganz Venedig anwesend war.« »Nur Sie nicht, liebe Geroldstein, scheint's,« grunzte vom anderen Ende des Zimmers herüber die böse Fee. Ihrer Protegé von Zeit zu Zeit einen Klaps zu erteilen, erschien ihr dringend notwendig. »Hm! Erst verlobt sie sich mit einem alten Engländer, der sie sitzen läßt, dann verliebt sie sich in einen jungen Maler, der verheiratet ist – ich möchte nur wissen, welcher Mann sich nach all den schönen Geschichten noch entschließen wird, die Erika zu heiraten,« sagte indessen Dorothee und blickte triumphierend den Schwager an. Einen Moment zögerte er, dann, sich zugleich erhebend, sagte er ruhig: »Jedenfalls ein Mann, der sich's nicht nur zum Glück, sondern zur Ehre anrechnen wird, wenn sie seine Hand annimmt.« »Da! ... Was sagt ihr dazu? Meine Schlafpantoffeln hat sie hineingepackt!« schrie jetzt die böse Fee, indem sie sich stöhnend von ihren Knien erhob und mit Entrüstung in der einen Hand einen braunen, mit einer Edelweißkokarde gezierten Filzpantoffel, in der anderen einen sehr langen zerknitterten Papierbogen über ihrem Haupte schwang. »Aber was hast du nur, Goswynchen, was machst du für ein Gesicht?« »Er denkt sich soeben mit leidenschaftlichem Schwung in die Rolle des Helden hinein, der sich in Zukunft um Erika Lenzdorffs Hand melden wird,« deklamiert Dorothee mit Pathos. »Wenn von solchen Dingen bei der guten Erika noch überhaupt die Rede sein dürfte;« murmelte die Fee, »nach dem, was mir Anna Lenzdorff kürzlich schrieb.« »Was schrieb sie dir?« frug Goswyn hastig. »Ach, nichts – nur daß Erika vor sechs Wochen an einem sehr tückischen Lagunenfieber erkrankt ist.« »Aus unglücklicher Liebe wahrscheinlich,« schaltete Dorothee ein. »Und daß es durchaus nicht besser werden will; der Arzt verliert die Hoffnung,« fuhr, ohne die Parenthese ihrer Nichte zu beachten, Gräfin Brock fort. »Mir ist sehr leid um Anna, sie hat ihr Herz an das Mädchen gehängt. An wen fällt denn das Vermögen der Erika, wenn sie stirbt, Goswyn? – Du gehst schon ...? Ich hätte dir so gern mein erstes Kapitel vorgelesen ...« »Vom abschreckenden Beispiel aus,« kicherte Dorothee. »Und meine Rechnung!« erinnerte sich die Brock. »Ich kann wirklich nicht länger bleiben,« erwiderte Goswyn, »ich besuche dich lieber ein andermal, wenn du allein bist ,« setzte er, die Worte betonend, hinzu, und ohne seine Schwägerin zu grüßen, verließ er das Zimmer. » Voilà que vous avez un ennemi de plus – dans votre position c'est bien utile! « rief jetzt aufgebracht die Gräfin Brock ihrer Nichte zu; dann, immer in ihrem zweifelhaften Französisch, fuhr sie fort: »Du bist von einer Unvorsichtigkeit! Par exemple – wie klug de ce mettre la-celle, dont nous parlons – à dos – mais Anna Lenzdorff – c'est une puissance sociale! « Offenbar hatte sie diese lange Rede französisch gehalten in der Idee, daß Frau von Geroldstein, die sie abwechselnd zu ihren Freundinnen und zu ihrem Dienstpersonal rechnete, dieses Idiom nicht verstehe, und sich zu derselben wendend, erklärte sie verbindlich lächelnd: »Nur ein paar Details, ein paar intime Details wegen unserer Reise.« Die Geroldstein biß sich die Lippen. Unwillkürlich hatte ihr die Brock einen Wink gegeben. Sie hatte begriffen, daß der Augenblick, Erikas guten Ruf dem Amusement Prinzeß Dorothees preiszugeben, noch nicht gekommen sei, und den Vorsatz gefaßt, danach zu handeln. Dorothee stand in der Mitte des Zimmers totenblaß und lächelnd – mit demselben Lächeln, das in allen kritischen Lebensmomenten auf ihre Lippen trat, den Blick auf die Portiere gerichtet, hinter der Goswyn verschwunden war. »Meinetwegen ist sie ein Engel, seine Erika,« »aber eine Gans war sie doch, sonst hätte sie nicht sechs Jahre lang verfließen lassen ...« Ohne ihren Satz zu Ende zu sprechen, blickte sie in den Spiegel und änderte etwas an ihrer Frisur. Indes durchschritt Goswyn in einer unbeschreiblichen Aufregung die lange Zimmerreihe, die das Boudoir von der Treppe trennte. Jetzt befand er sich in dem Saal, in dem sie damals als Heideblume zum erstenmal alle Augen auf sich gelenkt hatte. Welcher Erfolg damals! Man erinnerte sich keines jungen Mädchens, das so glänzend in der Gesellschaft debütiert hätte – und jetzt ... ihr Name im Munde der Leute... und... sie beinahe im Sterben! Es war nicht zum Ausdenken traurig. Alles drehte sich um ihn herum. Sein Mund war trocken; auf der Treppe mußte er, was ihm im Leben noch nicht widerfahren war, seine Hand auf das Geländer stützen, weil ihm schwindelte. Wie hold ihr das Leben gelächelt hatte ... und jetzt – alles in Trümmern! Er zweifelte nicht einen Augenblick an ihrer Reinheit; das aber hinderte nicht, daß Gänse wie die Geroldstein und Schlangen wie Dorothee über sie zischen durften, ohne daß er eigentlich berechtigt gewesen wäre, es ihnen übelzunehmen. Ach, was lag denn schließlich an der dummen Rederei! Mädchen wie Erika genießen eines solchen sittlichen Kredits, daß sie nicht wegen einer von giftigen Klatschbasen kaum halb erratenen Torheit den Bankrott ansagen müßten. Er kannte die Welt gut genug, um zu wissen, daß es einfach aus der Mode kommen würde, sie anzugreifen, sobald ein paar Menschen von Bedeutung für sie bürgten. Das war Nebensache; aber ihr Gesundheitszustand! – Warum brachte sie die alte Lenzdorff nicht aus dieser verpesteten venezianischen Sommerluft heraus? Dort konnte sie ja nicht gesund werden. Hatte die alte Gräfin denn vollständig den Kopf verloren? Sie war ja doch sonst eine kluge Frau. Klug? – Er lächelte bitter vor sich hin. Gescheit, geistreich, das war sie gewesen, aber klug ...! Sie hatte ihr Leben damit verbracht, ihren glänzenden Verstand zum Fenster hinauszuwerfen, ohne sich auch nur im mindesten darum zu kümmern, ob sie jemand damit totschlug oder nicht. Und wenn sie Erika nicht ganz totgeschlagen hatte, so war das nicht ihr Verdienst. Und wer sagte ihm denn, daß sie Erika nicht totgeschlagen hatte? Immer hastiger schritt er die sonnengedörrte Straße entlang. Ein schwarzer Nebel wälzte sich ihm vor den Augen. Die Luft war drückend, ringsherum ein Geruch von Staub und verdorrtem Sommerlaub, und durch die dumpfe, trockene Schwüle tönte aus weit offenen Fenstern das wahnsinnige Geklimper eines den Sommerprüfungen entgegenübenden Klavierinstituts. »Wie hold ihr das Leben gelächelt hatte! Und nun – ihr Name im Munde der Leute und sie fast sterbend!« Ihr liebes Bild tauchte in seiner Seele auf. Er sah sie in den Salons seiner Tante von Bewunderern umschwärmt, er sah sie, wie sie ihren Verehrern davongelaufen war und in einem einsamen Zimmer vor Verzweiflung schluchzte, weil sie sich plötzlich ihrer in Elend und Schmerz gestorbenen Mutter erinnert hatte, der sie nichts Liebes mehr tun konnte. Er sah sie an einem leuchtenden Märztag im Tiergarten, wie sie so frei und fröhlich einherschritt und den Kopf sehr hoch trug, während alle Leute ihr nachblickten; und plötzlich beugte sie den stolzen Kopf, um einen armseligen kleinen Krüppel zu küssen, vor dem alle anderen schauderten. Die quälende Feinfühligkeit, der gefährliche Barmherzigkeitsdrang ihrer Natur wurden ihm gegenwärtig. Das war ja alles wunderschön, das hätte man pflegen, aber man hätte sie davor behüten sollen, daß sie sich mit ihren edelsten Regungen etwas zuleide tat. Wenn die Äste eines jungen Baumes sich, überschwer beladen von Früchten, zur Erde senken, so stützt man die Äste, oder sie brechen, und die Früchte gehen ungereift zugrunde, und der ganze Baum stirbt ab. Niemand hatte Erika gestützt. Er fühlte einen wahren Haß gegen die Großmutter, die das alles auf dem Gewissen hatte. Da mit einemmal zuckte etwas in ihm auf. Was hatte er denn immer nur die Schuld in der Großmutter zu suchen? Konnte er sich nicht selbst beim Kopf nehmen; konnte er es verantworten, daß er sich diese ganzen Jahre lang nicht um sie bekümmert, daß er sie ruhig ihrem Schicksal preisgegeben hatte aus erbärmlichem, kleinlichem Trotz? Er nannte es jetzt nicht einmal mehr Stolz. Er war in einer Stimmung, in der es ihm eine Erleichterung bot, sich recht herunterzuschimpfen. »Wenn Sie mir diesen Herbst auch nur ein gutes Wort gegeben hätten, so wäre ich jetzt Ihre Frau,« stand in ihrem Brief. Er grub die Zähne in die Lippen. Mein Gott! Das war vorüber, ihr armes wundes Herz gehörte einem Manne, für den sie bereit gewesen war, das schrecklichste Martyrium zu erdulden, das ein Mädchen wie sie auf sich nehmen kann. Sein Glück hatte er verscherzt. Damit war's vorbei; aber wenigstens konnte er versuchen, ihr noch etwas zu nützen.   Es ist wieder in Venedig, Ende Juni, Peter und Paul. Vom Frühling ist längst nichts mehr übrig. Der Garten des Britannia hat sich in eine sonnverbrannte Wüste verwandelt, aus der die Rosenbäumchen blütenlos und mit versengten Blättern herausstarren. Nur die Monatsrosen blühen noch, entfalten jeden Morgen ihr kurzes Leben und streuen jeden Abend ihre Blütenblätter über den Sand. Aus dem hellgrauen Lagunenwasser steigt ein abscheulicher Dunst, alles sieht elend und erschlafft aus, die Vegetation wie die Menschen. Die Hotels sind leer, eine Typhusepidemie verheert die Stadt. Und in dieser Pestluft liegt Erika, elend hinsiechend, matt, zerschmettert, das erbarmungswürdigste Geschöpf, das je sein schönes, vielversprechendes Leben zugrunde gerichtet hat. Die eigentliche Krankheit ist vorüber; seit einigen Tagen hat der Arzt ihr nicht nur gestattet, sondern dringend geraten, das Bett zu verlassen. Jeden Vormittag gegen elf kleiden die Großmutter und Marianne sie an – wie behutsam und zärtlich! Dann schleicht sie ein paarmal, schwer auf den Arm der Großmutter gestützt, durch ihr Zimmer. Nach dem dritten Male hält sie sich schwankend an einem Möbel fest, sieht die Großmutter mit einem rührend hilflosen Blick an – sie kann nicht weiter. Gewöhnlich streckt sie sich dann sofort auf ihr Ruhebett aus und dreht den Kopf gegen die Wand. Dann hört die Großmutter plötzlich einen leisen, wimmernden, halb erstickten Laut – Erika weint. So bringt sie ihre Tage hin; anstatt sich zu kräftigen, wird sie von einem Tage zum anderen schwächer. Und so mutlos und kraftlos liegt sie auch heute auf ihrer Chaiselongue, von Kissen aufgestützt, von den weißen Falten ihres langen Morgenkleides umflossen. Es ist gegen sechs Uhr. Die große Tageshitze hat sich etwas abgekühlt, aber die Luft ist dumpf und schwer, und der graue Schirokkodunst liegt über allem. »Hast du's bequem, mein Herzchen? Soll ich dir nicht noch ein Kissen bringen?« fragt die Großmutter. Die alte Frau ist nicht zu erkennen. Ihr stolzer Kopf ist gebeugt. Ängstlich und demütig bedient sie das junge Mädchen mit sich nie schonender Unermüdlichkeit. Erika ist ihr dankbar, und wie dankbar! Aber sie schöpft weder Trost noch Kraft aus diesen Liebkosungen; im Gegenteil trägt die kleinmütige Zärtlichkeit der alten Frau noch dazu bei, sie gänzlich zu erschlaffen. »Nein, Großmütterchen, ich liege sehr gut,« haucht sie. Als ob ihr ein Kissen mehr oder weniger Erleichterung verschaffen könnte! »Soll ich dir etwas vorlesen, mein Kind?« »Ich bitte, Großmutter.« Aber als die Großmutter zu lesen anfängt, hört Erika nicht zu; die Großmutter läßt den Band, aus dem sie vorgelesen hat, in den Schoß sinken. Erika merkt es nicht. Nach einem Weilchen sagt die Großmutter: »Erika! In der Bellevuestraße steht alles für uns bereit, der Arzt sagt selbst, daß die Reise mit gewissen Vorsichtsmaßregeln dir nicht schlecht täte, und je früher man dich aus dieser ungesunden Luft herausbrächte, desto besser. Entschließ dich endlich, mein Liebling. Du hast mehr Komfort zu Hause, und ich möchte gern unseren alten Arzt konsultieren.« Erika hat am ganzen Körper angefangen zu zittern, ihre schmalen Wangen färben sich fiebrig rot. »Ich soll nach Berlin zurück? ... O Großmutter!« und sie dreht ihr Gesicht gegen die Wand. »Kind, Erika, du darfst dir das nicht dermaßen zu Herzen nehmen; es ist ja kein Grund dazu!« Die Großmutter beugt sich über das kranke Mädchen und legt ihm die Hand auf die Schulter. Was für eine arme, abgemagerte Schulter das ist! Die alte Frau hat Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten. »Erika, mein Kind, mein Liebling! Du darfst dich nicht so quälen, dich nicht willkürlich zugrunde richten – tun, als ob du nicht mehr das Recht hättest, den Kopf hoch zu halten. Die wenigsten Frauen sind ja wert, dir die Schuhriemen zu lösen trotz all deiner beabsichtigten Torheiten, von denen, Gott sei Dank, niemand etwas weiß.« »Niemand?« wiederholt Erika unsäglich bitter, die Hände vor dem Gesicht, den Kopf gegen die Wand gedreht. Endlich, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen, murmelt sie: »Großmutter! Hat er dir nie auf – auf deinen Brief geantwortet?« Einen Augenblick zögert die Großmutter, dann sagt sie sehr leise: »Nein.« Der abgemagerte Körper Erikas zuckt zusammen wie unter einem Peitschenhieb, ein kurzer, schwacher Wehlaut entfährt ihr. Die Großmutter beugt sich über sie. »Erika, sei doch nicht so unvernünftig! Erika, quäl' dich nicht!« Erika bleibt unbeweglich. Nach einer Weile murmelt sie nur: »Du bist sehr gut, Großmutter, engelsgut, und ich bin dir sehr, sehr dankbar; aber – nur ein Weilchen laß mich allein!« Die Großmutter seufzt tief, streicht ein letztes Mal die Falten um die Glieder des armen jungen Geschöpfes zurecht und verläßt dann leise das Zimmer. Sorgenvoll geht sie in dem anstoßenden Gemach auf und ab, die Hände vor sich gefaltet. Nach einem Weilchen sieht sie zu Erika hinein; sie hat sich beruhigt, sie schläft. Es ist immer so: erst quält sie sich, dann schläft sie aus Mattigkeit bei Tage ein, und in der Nacht schläft sie gar nicht. Leise zieht sich die alte Frau in das Nebenzimmer zurück, da öffnet Lüdecke die Tür; sie macht ihm ein Zeichen, sich still zu verhalten. Sein ausdrucksvolles Grinsen meldet ihr sofort, daß sich etwas Besonderes ereignet hat. »Die Komtesse schläft,« wirft sie ihm zu. »Exzellenz – Herr von Sydow!« flüstert er. »Herr von Sydow?« – Sie traut ihren Ohren kaum. »Ja, er läßt bitten, ob er zu Exzellenz heraufkommen darf oder ob ...« »Führen Sie ihn herauf – sofort, aber leise!« Um weniges später tritt er ein. »Mein liebes Kind, Sie hier?« ruft sie herzlich, indem sie ihm ein paar Schritte entgegengeht. Er küßt ihr die Hand; dann, ohne irgendeine einleitende Begrüßungsformel, sagt er: »Ich hab's erst vor drei Tagen erfahren, daß sie krank ist. Wie geht es ihr?« »Der Erika?« »Wem denn sonst?« »Die Krankheit ist vorüber, aber die Gesundheit will nicht kommen. Es ist ja kaum mehr etwas übrig von ihr! Sie werden sie nicht erkennen. Ach, ein Jammer ist's!« Sie sieht ihn ängstlich an, erwartet etwas, das nicht kommt. Wird er ihr denn heute wirklich keine Vorwürfe machen? Es scheint nicht. »Was sagt der Arzt?« fragt er hastig. »Der Arzt ist sehr unruhig; zu sagen ist nicht viel: gänzliche Abspannung des Nervensystems, Mangel an Lebenstätigkeit, Mangel an Lebenslust ...« »Mangel an Lebenslust? ... Unsinn! Man muß ihr das Leben wieder wünschenswert machen!« ruft er ungestüm. Die alte Frau richtet die Augen voll auf ihn. Mit einemmal wird er bis an die Haarwurzeln rot. Noch etwas näher an die Gräfin herantretend, legt er ihr die Hand auf den Arm und murmelt: »Liebt sie ihn noch immer? Ist's – ist's vielleicht das, was sie umbringt?« »Das? Was Ihnen einfällt!« entgegnet ihm die Großmutter. »Ich glaube nicht einmal, daß sie ihn je wirklich geliebt hat: das war ja alles nur ein Wahn. Es ist nichts übrig davon, gar nichts. Der Wahn ist vorüber, aber die Demütigung ist geblieben; sie schämt sich tot!« »Was hat sie sich zu schämen!« ruft Goswyn heftig. »Unedles war ja bei all dem nichts. Sie hatte mir einen Brief geschrieben. Sie wissen ... ich hab ihn noch einmal gelesen, jetzt vor meiner Abreise ... ich sage Ihnen, es ist das Rührendste, Ergreifendste ... ich muß ihn Ihnen zeigen, eh ich ihn verbrenne ... nur sagen sie mir aufrichtig, was hat sie im letzten Moment gerettet?« Da hört er das leise Aufrauschen eines Frauengewandes; zusammenfahrend sieht er sich um. Im Rahmen der Tür steht eine hohe, schmale Gestalt in langem weißem Morgenkleid, mit nachlässig aufgestecktem Haar. Was ist denn in dem abgemagerten Gesichtchen, in den großen, traurigen Augen, das ihn plötzlich an das unfertige, verängstigte Kind erinnert, dem er damals auf der Treppe in der Bellevuestraße begegnet ist am Abend von Erikas Ankunft in Berlin? Er eilt auf sie zu. Sie macht ihm einen Schritt entgegen; ihr schwacher Körper fängt an zu schwanken und sie klammert sich an seinen Arm. »Goswyn!« murmelt sie, »wollen Sie alles wissen, alles, was mich fast zugrunde gerichtet und was mich gerettet hat?« »Ja, Erika, alles!« sagt er ernst. Die Großmutter fährt ihr dazwischen, wohlmeinend und unnötig: »Reg' dich nicht auf, reg' ihn nicht auf – Zu was den ganzen Unsinn wiederkäuen!« Goswyn aber erwidert der alten Frau fast schroff: »Lassen Sie Erika reden. Wenn eine Wunde heilen soll, muß man vor allem den Stachel daraus entfernen, der drinnen steckt. Lassen Sie mich versuchen, den Stachel herauszuziehen. Lassen Sie mich mit ihr allein.« Als die Großmutter nach einer halben Stunde in das Zimmer hineinsieht, in das sich die beiden Menschen zurückgezogen haben, liegt Erika auf dem Ruhebett, die Wange an Goswyns Hand geschmiegt. Die Beichte ist vorüber, das Kapitel ihrer Torheiten geschlossen. »Du warst ja von jeher der unentbehrlichste Mensch auf der ganzen Welt für mich!« sagt sie. Und ganz leise fügt sie hinzu: »Weißt du, wie mir zumut ist?« »Nun – wie, mein Herz?« »Als ob ich nach einem langen, ermüdenden Irrweg endlich den Weg gefunden hätte in meine eigentliche Heimat!« Die Großmutter tritt zurück. In ihren Lieblingslehnstuhl sinkend, atmet sie auf – tief dankbar. Die Dämmerung sinkt. Die Kirchenglocken schwirren. Die alte Frau blickt weit, weit in ihre Vergangenheit zurück: sie sagt sich, daß die Liebe unter Umständen doch etwas Schönes sein kann. Und wenn sie schön ist ...