Georges Ohne Die lichtscheue Dame – Zweiter Band 1902 Achtes Kapitel. Baudoin war eben mit Reinmachen in Marcels Laboratorium fertig geworden, als er seinen Namen rufen hörte. Er trat ans Fenster und erblickte den Pförtner der Fabrik, der mit der Mütze in der Hand respektvoll die Meldung machte: »Herr Baudoin, vor dem Thor ist ein Mann, der Sie sprechen möchte.« »Gut, ich komme gleich.« Es war drei Uhr nachmittags, Marcel war wieder dem Wald zugegangen und Baudoin Herr im Hause. Er brachte die Möbel vollends in Ordnung, legte seine Schürze ab und ging in den Hof. Am Eingang zur Fabrik angelangt, sah er vor dem Thor einen Mann mit ungepflegtem, rotem Kinnbart auf und ab gehen, der einen Arbeiterkittel und grobes Schuhwerk trug, und der Pförtner sagte ziemlich verächtlich: »Dort ist der Mensch, der nach Ihnen gefragt hat.« Im selben Augenblick hatte sich auch der Mann umgedreht und kam nun mit freundlicher Miene und ausgestreckter Hand auf Baudoin zu, der dem ihm gänzlich Unbekannten verwundert entgegensah, ohne sich irgendwie auf dieses Gesicht besinnen zu können. »Wer zum Kuckuck mag denn das sein?« überlegte er. »Der muß sich geirrt haben!« Aber schon sagte der Rotbart: »Guten Tag, Herr Baudoin!« und jetzt erkannte dieser seinen Freund Laforêt. Er faßte ihn unterm Arm und zog ihn längs der Fabrikmauer auf der Straße weiter, bis er sicher war, von niemand gehört zu werden. »Endlich! Da wären Sie ja!« sagte Baudoin vergnügt. »Aber wie Sie sich hergerichtet haben! Ich habe Sie erst am Sprechen erkannt.« »Halten wir uns nicht in freier Luft auf. Es thut nicht gut, wenn wir zusammen gesehen werden. Gibt's hier nicht ein Wirtshaus, wo wir uns ungestört und allein sprechen könnten?« »Wir wollen in den ›Goldenen Löwen‹ gehen,« entschied Baudoin. »Der Wirt kennt mich und wird uns ein Stübchen anweisen, wo niemand hinein kommt. Er ist ein alter Soldat, auf den man sich verlassen kann.« »Gut! Gehen wir dahin.« Bei einer Flasche Bier begannen die beiden Männer ihre vertrauliche Erörterung. »Es war hohe Zeit, daß Sie kamen,« sagte Baudoin. »Hier geht etwas vor. Herr Marcel führt kein Einsiedlerleben mehr. Zwei Fremde, angeblich Bruder und Schwester, die unter sich italienisch reden, sind hier eingetroffen und haben gleich in der ersten Woche Mittel und Wege gefunden, mit meinem jungen Herrn anzubändeln.« »Was für eine Sorte von Frau?« »Wenn mich nicht alles täuscht, eine abgefeimte, ganz die Sorte, wie sie meinen armen General an der Nase herumgeführt hat.« »Und der Mann?« »Unbekannt. Eleganter Bengel, nennt sich Graf. Höchst wahrscheinlich ein Schwindler. Hübsches Kerlchen, habe ihn zwar nur von weitem gesehen.« »Und die Schwester?« »Wunderschön! Blond, Madonnenscheitel, man würde sie ohne Beichte zum Abendmahl lassen! Ganz in Krepp, tiefbetrübte Witwe ... was die nur hier vorhaben mag?« »Das werden wir hoffentlich bald herausbringen.« »Ja, sehen Sie, das kann ich eben nicht, weil man mich kennt. Sobald ich mich nur rühre, ist's, als ob man den Leuten sagte: ›Achtung! Man lauert euch auf‹ und dann kehren sie den Stiel um und alles ist aus. Schon meine Rekognoszierung ihres Hauses und der nächsten Umgebung war höchst gewagt und ein zweites Mal könnte ich nicht hinausgehen. Wenn mich Herr Marcel erwischen und zur Rede stellen sollte, was könnte ich ihm antworten? Wenn ich ihn warne und ihm die Augen öffne für das, was um ihn vorgeht, so heißt das der Sache ein verfrühtes Ende machen, denn nur wenn die Intrigue ihren Verlauf nimmt, können wir hoffen, die Banditen zu fassen. Und ihn nicht warnen, heißt ihn großer Gefahr preisgeben! Das alles geht mir seit ein paar Tagen im Kopf herum, und je mehr ich mich besinne, desto weniger weiß ich, was ich thun soll, deshalb konnte ich Ihre Ankunft kaum erwarten. Sie werden mir zu allererst einen Rat geben und dann Mittel ersinnen, um Herrn Marcel zu verteidigen, wenn er bedroht wird.« »Verfahren wir der Reihe nach. Wo liegt das Haus, das die Fremden bewohnen?« »Das ist leicht zu finden; es ist eine kleine Villa, Schweizerhaus nennt man sie hier, die halbwegs zwischen Ars und dem Wald auf der Höhe liegt. Man kann sie gar nicht verfehlen, denn es ist das einzige Haus in der Gegend.« »Gut, von morgen werde ich vor dem Thore postiert sein.« »Und in welcher Eigenschaft?« »Das lassen Sie meine Sorge sein. Sie sollen sehen, wie man Leute überwacht, ohne daß es den Anschein hat.« »Aber ringsum ist auf einen Kilometer Entfernung keine andere Wohnung!« »Das hindert mich nicht. Wie lebt denn die Dame?« »Sehr zurückgezogen. Sie geht nur im Wald spazieren, anfangs allein, dann mit ihrem Bruder, jetzt mit meinem Herrn.« »Es ist also schon angeheizt?« »Es brennt lichterloh!« »Gut!« »Und was meinen Sie, daß wegen Herrn Marcels geschehen soll?« »Nichts.« »Ich soll ihn nicht warnen?« »Auf keinen Fall! Wo ist denn Gefahr für ihn, wenn ich draußen und wenn Sie im Haus aufpassen? Ihm nach dem Leben zu trachten, hat ja niemand Grund. Wenn man, wie es höchst wahrscheinlich ist, die übliche List angewendet hat, ihn durch eine hübsche Frau zu ködern, so läuft er keine andere Gefahr, als die, sich in eine Dirne zu verlieben. Sollte ihm das zum erstenmal passieren? Das glauben Sie selbst nicht und ich noch viel weniger. Am Süßholzraspeln mit der traurigen Witwe stirbt er nicht und wir haben unterdessen Zeit, Schlingen zu legen, worin wir, will's Gott, das Gesindel fangen. Sie sind sicher, daß es nicht dasselbe Frauenzimmer ist, das in Vanves mitspielte?« »Sie hat weder die nämliche Stimme, noch die nämliche Aussprache, aber wie kann man bei derart geriebenen Gaunern irgend etwas gewiß wissen? Was den Mann betrifft, da kann ich mein Wort darauf geben, daß er's nicht ist, denn den in Vanves habe ich wirklich gesehen. Er war wenigstens einen Kopf größer als das italienische Gigerl und sprach ganz eigentümlich, ... Ach, den, der meinen General erschlagen hat, den würde ich auf der Stelle erkennen Wenn mir der je unter die Hände käme!« Baudoin rollte die Augen und fuchtelte mit geballten Fäusten umher. »Nicht so heftig,« mahnte Laforêt beschwichtigend. »In einer Sache, wie wir sie vorhaben, muß man sich beherrschen können, ruhiges Blut bewahren. Angenommen, der Mann stünde plötzlich vor Ihnen, was würden Sie thun?« »Ihm an die Gurgel springen! Er sollte mir nicht entwischen, das schwöre ich!« »Das wäre ein großer Unsinn! Sie dürften nicht verraten, daß Sie ihn kennen, müßten ihm folgen, seine Wohnung auskundschaften und ihn genau beobachten, um womöglich auch seine Mitschuldigen zu fassen. Ich muß Sie wirklich bitten, mein lieber Baudoin, sich das von vorne herein klarzumachen, denn wenn wir Gefühlsjustiz treiben, richten wir nichts aus.« Baudoin seufzte. »Ja, ja, Sie werden wohl recht haben, aber sauer würde mir's, dem Kerl nicht gleich das Fell über die Ohren zu ziehen! Aber Sie sind der Fachmann, ich muß mich unterordnen.« »Jetzt müssen wir ein Verkehrsmittel verabreden ... man darf uns von nun an nicht mehr beisammen sehen. Hören Sie mich an – wenn ich Sie sprechen muß, werde ich auf den linken Steinpfeiler des Fabrikthors mit Rotstift einen Tag und eine Stunde anschreiben, zum Beispiel: ›Dienstag 4.‹ Dann kommen Sie hierher und suchen mich auf. Wenn Sie mich brauchen, so schreiben Sie Ihre Bestellung ebenso auf, nur am rechten Pfeiler. Ich werde abends und morgens je einmal vorübergehen und nachsehen.« »Abgemacht.« »Jetzt verabschieden wir uns vorläufig. Außerhalb dieser Thüre kennen wir uns nicht mehr. Ich lasse Sie bezahlen und gehe zuerst. Glück auf und kaltes Blut!« »Das werde ich mir wohl kaufen müssen! Vorrätig hab' ich's nicht!« Um dieselbe Zeit ging Marcel mit Frau von Vignola im Wald spazieren. Der kleine Seidenpinscher trottelte in dem hohen Gras längs der Fußwege dahin, die so schmal waren, daß die beiden Spaziergänger sich dicht zu einander halten mußten, um nicht von den Zweigen gepeitscht zu werden, die ihr junges Grün saftstrotzend hinausleckten. Ein feuchtschwüler Hauch stieg von der Erde auf, die von der Frühlingssonne durchglüht wurde, und schweigend wandelte das junge Paar, vom Geheimnis des werdenden Lebens umwogt, von der lauen Luft umfächelt, voll inneren Genügens und träumerischer Mattigkeit den Berg hinan. Auf der Höhe des Bergrückens machten sie auf einem mit zartgrünen Eschen bestandenen Vorsprung Halt. Das ganze weite Thal lag vor ihren Blicken, unmittelbar unter ihnen das Städtchen am Ufer des Flusses, der sich in trägem Lauf zwischen den junggrünen Wiesen durchschlängelte, an deren sammetartiger Unterlage die werdenden Kühe weiße und gelbliche Flecke bildeten. Das Ziegeldach der Fabrik, der hohe Schornstein mit seinem Helmbusch von schwarzem Rauch, die umzäunten Trockenräume, die Kirche und die willkürlich gruppierten Häuser, alles wirkte zusammen, ein anmutiges, friedliches, lachendes Bild zu geben. Die junge Frau ließ sich, mit der Spitze ihres Sonnenschirms auf die verschiedenen Punkte deutend, die Namen der Dörfer, Hügel und einzelnen Gebäude nennen, sie ergriff gleichsam unter Marcels Oberhoheit Besitz von der Gegend. »Sie unterrichten sich so genau,« bemerkte er lächelnd, »als ob Sie sich hier anzusiedeln gedächten!« »Das ist eine Gewohnheit von mir, ich weiß gern, wo ich bin, und will mich auskennen in meiner Umgebung,« versetzte sie. »Für mich gewinnen die Dinge erst dann Interesse und Bedeutung, wenn ich Namen und Zweck kenne. Das Eisenbahngeleise an sich ist mir vollständig gleichgültig, wenn Sie mir aber sagen, das ist die Linie, die von Troyes über Belfort zur Grenze führt, so fängt mein Geist sofort zu arbeiten an, und die genaue Vorstellung, die sich an das Geschaute knüpft, fesselt mich an die Sache selbst. Das ist allerdings gar nicht Poetenart und ich bin auch keine poetische Natur.« »Sie scheinen mir eine hervorragende Intelligenz zu haben ...« »Was für eine Frau vom Übel ist, gestehen Sie es nur!« »Daß Sie für eine Frau allerdings überraschend wenig oberflächlich sind, ist doch ein Vorzug?« »Aber kein Reiz, das werden Sie zugeben?« »Deren haben Sie so viele!« »Ich wollte keine Schmeichelei herauslocken.« »Da sie einmal ausgesprochen ist, bitte ich, sie in Gnaden anzunehmen.« Sie sah ihn mit beinah kindlicher, jedenfalls ehrlicher Befriedigung an und sagte: »Sie sind unvernünftig und halten sich nicht an unseren Vertrag. Es war ja verabredet, daß Sie mich als guten Kameraden ansehen: nur unter dieser Voraussetzung habe ich Ihnen gestattet, mich auf meinen Spaziergängen zu begleiten und in meinem Haus aus und ein zu gehen ... doch Sie sind eben ein Franzose, und die können im Verkehr mit Frauen das Hofmachen nicht lassen!« »Hätte es ein Italiener etwa fertig gebracht, so lang in Ihrer Nähe zu sein, ohne Ihnen zu sagen, daß er Sie bewundert?« »Ja, er würde es nicht sagen, wenn ich's ihm verboten hätte, um so mehr würde er es aber denken.« »Wie können Sie das beurteilen?« rief Marcel feurig. »Halten Sie mich etwa für temperamentlos, weil ich Ihnen allzu gehorsam bin und mir höchstens eine sehr bescheidene, kühle Artigkeit gestatte? Schließen Sie aus meinen Worten nicht auf meine Gefühle ... die sind grundverschieden voneinander ...« »Sie kennen mich erst seit acht Tagen ...« »Genügt das nicht, um für immer zu lieben?« »Für immer! Das heißt eine große Verpflichtung rasch auf sich nehmen.« »Eine Verpflichtung, die so leicht zu halten ist, kann ohne Bedenken auf sich nehmen, wer Sie gesehen und kennengelernt hat.« »Namentlich, da sie keine Folgen haben wird, denn ich muß bald abreisen, weit fort ...« »Und wer zwingt Sie, Entschlüsse auszuführen, die in den ersten Stunden der Trauer und Vereinsamung gefaßt wurden? Ist es weise, in einer augenblicklichen Stimmung über sein Leben zu entscheiden ... in Ihrem Alter, wenn die Zukunft so viele Entschädigungen in Bereitschaft hält? Mit siebenundzwanzig Jahren alles verloren glauben, weil das Schicksal Ihnen einen Gatten geraubt hat, der Ihr Vater hätte sein können? Ihr Leben hat noch kaum angefangen und Sie denken schon daran, nicht mehr zu leben!« »Alles, was Sie mir da sagen, hat mir mein Bruder auch wieder und wieder vorgehalten! Es scheint ja der bräuchliche Verlauf der Dinge zu sein, daß auf eine verdorrte Liebe eine neue folgt! Aber wie erbärmlich ist es nicht, sich diesem gesellschaftlichen Uebereinkommen zu fügen und sich vom Schicksal willenlos hin und her werfen zu lassen! Ein Herz läßt sich denn doch nicht ausfegen wie eine Wohnung, um neue Mieter aufzunehmen; wer es bewohnt hat, läßt darin Erinnerungen zurück, die sich nicht so schnell verwischen! Und ist es für eine feinfühlende Seele nicht eine gewisse Entweihung, etwas Neues in sich eindringen zu lassen, wenn sie für immer abgeschlossen zu haben glaubte?« »Ich halte Ihnen Ihre eigenen Worte von vorhin entgegen: »Für immer! Das heißt eine große Verpflichtung rasch auf sich nehmen ...« Sind Sie so sicher, ihr nachkommen zu können? Lassen Sie dem Leben sein Recht. Die Zeit schreitet fort, bewegt und modelt um, ohne sich um unsere Vorsätze zu kümmern. Sie gibt nicht Rechenschaft über ihre unwiderstehliche Einwirkung und wird Ihnen beweisen, daß auf dieser Welt nichts unveränderlich ist, auch nicht der echteste Schmerz.« Frau von Vignola verharrte eine gute Weile gesenkten Hauptes in Schweigen, wodurch ihr Begleiter Muße gewann, sie nach Herzenslust zu betrachten. Er bewunderte die anmutigen Linien ihrer biegsamen Gestalt, die reizende Wölbung der Schultern unter dem enganliegenden einfachen schwarzen Kleid, die jugendliche Reinheit des entzückenden Gesichts mit dem Ausdruck leisen Staunens. Man hätte der Frau wirklich nicht mehr als zwanzig Jahre zugetraut. Ein feiner Flaum bedeckte sammetig die Wangen, wie bei einer reifen, saftigen Frucht, die verlockend schimmert. »Und wenn ich Ihnen Gehör schenkte,« begann sie endlich, tief aufatmend, »mich von Ihren lebhaften Beteuerungen bestimmen ließe, wie viel Schmerzen würde ich mir dann erst für die Zukunft bereiten? Sie gehören nicht sich allein an, sind nicht unabhängig wie ich, die ich nur noch einen Bruder habe, der die Nachsicht und Gefügigkeit selbst ist. Sie haben eine Familie, die Sie zurückrufen wird; Sie werden diese Gegend verlassen und wohin gehen Sie dann?« »Ich werde nach Paris zurückkehren, wo ich in der Regel meine Zeit vertrödle, und was hindert Sie, auch dort zu leben? Sie haben Güter, Geschäfte in Italien? Die wird Ihnen der Bruder abnehmen, dann ist Ihre einzige Aufgabe die, glücklich zu sein!« »Paris ängstigt mich: sein unruhiges Getriebe hat für mich etwas Beklemmendes, wie die Brandung des Meeres. Ein ruhiges Leben kann ich mir dort nicht vorstellen.« »Wie Sie sich täuschen! Die Unruhe von Paris ist nur Schein; nur an der Oberfläche ist das Leben bewegt. Gerade wie beim Meer, das Sie als Bild anführen, herrschen unter der Oberfläche Stille und Ruhe, die Stürme, die den Meeresspiegel trüben, dringen nicht hinunter. Es gibt in der Riesenstadt stille Winkelchen, in Grün versteckt, voll Sonnenschein und Blumen, wo die Zeit langsam und friedlich verstreicht. So eines würde man mit zärtlicher Sorgfalt für Sie ausfindig machen, und Sie würden darin Tage ohne Traurigkeit und ohne Hast kennen lernen. Fern vom Lärm und doch der Anregung nah brauchten Sie nur einen Schritt zu machen, um teil zu haben an allen höchsten Genüssen des Geschmacks und Geistes, und Sie würden kennen lernen, was das Köstlichste im Leben ist, ein durch zarte, echte Liebe verschöntes stilles Heim.« »Das ist ein sehr verlockendes Bild und Sie scheinen mir ein geschickter Regisseur zu sein – sind Sie auch einigermaßen Hexenmeister? Besitzen Sie einen Zauberstab, um derart Schicksale gestalten zu können? Sie verwenden Kulissen und lassen Personen auftreten, wie es Ihnen beliebt, aber könnten Sie Ihr Programm auch verwirklichen, wenn man Ihnen Gehör schenken wollte? Sind Sie frei? Sie scheinen mir nicht mit der Wirklichkeit zu rechnen ... was würde Ihre Familie, was würden Ihre Freunde ...« »Die würden ohne Zweifel damit einverstanden sein! Wenn Sie wüßten, wie lieb mich die Meinigen haben, wie sie alles mit Freude begrüßen würden, was ihnen den Beweis lieferte, daß ich mich gefaßt habe und vernünftig geworden bin! Mein Vater ist trotz einer etwas rauhen Außenseite der gütigste Mensch von der Welt, nur aus Liebe zu mir, aus Angst um meine Zukunft kann er über meine dummen Streiche aufbrausen. Auch an den Tagen der Mißverständnisse ist nie ein selbstsüchtiges Wort über seine Lippen gekommen. Er opfert seine eigenen Wünsche, ja selbst seine Ruhe dem Vorteil des Sohnes, und nur wenn er sah, daß ein Leichtsinn, den er für schädlich hielt, eine Abschweifung vom guten Weg, mir selbst zum Unheil gedeihen könnte, ist er aufgebraust gegen mich. Er liebt mich ausschließlich, und wenn er mein Glück unter ehrenhaften Bedingungen gesichert wüßte, würde er ohne Zögern das seinige opfern. Was meine Mutter betrifft, so 'ist sie Pflichtgefühl, Tugend, Güte in Person ...« Frau von Vignola verzog den Mund und sagte mit plötzlicher Herbheit, als ob diese Lobpreisungen ihr zu viel geworden wären: »Bewundernswerte Gefühle! Sie müssen wirklich kein guter Sohn sein, um mit solchen Eltern auch nur vorübergehend in Widerspruch zu geraten!« »Ein schlechter Sohn bin ich nicht,« versetzte Marcel lächelnd, »aber ein vernünftiger Mensch war ich bisher nicht immer.« »Und woran gebrach es Ihnen dazu?« »An einer echten, ernsten Liebe.« Sie drohte ihm lächelnd mit dem Finger und sagte: »Ich fürchte, Sie bieten mir einen lockeren Vogel an!« »Beurteilen Sie mich nicht falsch, weil ich unverblümt über mich spreche, das wäre weder wohlwollend, noch gerecht. Sie würden sich da wirklich einen falschen Begriff von mir machen, das darf ich ehrlich sagen.« »Also gut, Sie sind ein verkappter Tugendspiegel,« sagte sie leichthin. »Jetzt spotten Sie! Welch einen beweglichen Geist Sie haben, und wie soll man da hoffen, Sie ernstlich von etwas zu überzeugen?« »Ja, mein lieber junger Freund, haben Sie denn wirklich geglaubt, man könne mich so mir nichts dir nichts mit ein paar schönen Worten umstimmen? Die biegsame Natur, wofür Sie mich zu halten scheinen, bin ich eben nicht! Oder haben Sie vielleicht angenommen, daß die Frühlingslüfte, die reizende Landschaft, meine unbeschäftigte Einsamkeit, die stillen langen Abende vereint mit dem Zauber Ihrer Persönlichkeit mich Ihnen widerstandslos ausliefern würden? Sie haben's ein wenig eilig ... doch meine Trauer läßt sich nicht so geschwind verscheuchen. Nun, Sie brauchen deshalb noch kein so verzweifeltes Gesicht zu machen, ich rede ja wahrhaftig sehr gelind mit Ihnen und brauche keine Strenge. Ich könnte ganz wohl die Beleidigte spielen, denn schließlich bieten Sie mir Ihr Herz ja mit gänzlicher Abwesenheit von Vorsichtsmaßregeln ... nicht wahr, in dieser weltverlorenen Einsamkeit fühlt man sich der Natur näher? Es liegt einem nahe, auf ursprüngliche Sitten zurückzukommen und die Dinge beim Namen zu nennen, ohne sich mit Formen und Bräuchen aufzuhalten. Erschrecken Sie nur nicht ... Sie sind schon begnadigt, ehe Sie darum bitten, aber unter der Bedingung, daß Sie nicht weiter sündigen!« Verblüfft lauschte Marcel der spöttischen Zungenfertigkeit der jungen Frau. – War das die schmachtende traurige Witwe, die mit von Schluchzen erstickter Stimme zärtliche Lieder sang? Jetzt sprühte Bosheit um ihre Mundwinkel und verlangende Blicke straften die abwehrenden Worte Lügen. Es lag eine so aufreizende Mischung von Wohlanständigkeit und kecker Schelmerei, von Sittsamkeit und Sinnlichkeit in ihrem ganzen Gebahren, daß Marcel nicht mehr wußte, was er denken sollte. Er hörte den roten Mund strenge Worte sprechen, und dabei tauchten sich die Augen mit immer geneigterem Blick in die seinigen: er fürchtete sie zu erzürnen, wenn er ihr ferner von Liebe sprach, und doch trieb ihn eine geheime Ahnung, sie in die Arme zu nehmen und diese allzu verständigen Lippen mit Küssen zu verschließen. Die Kirchenglocken von Ars, die das Angelus läuteten, unterbrachen und veränderten seinen Gedankengang. »Schon sechs Uhr!« rief die junge Frau erschrocken, »Wie die Zeit vergeht! Daheim wird man ja nicht wissen, was aus mir geworden ist.« »Sie sind ja allein!« »Rechnen Sie meine Dienerin für nichts?« »Ach, die merkwürdige schwarze Hexe, die Sie Milo nennen?« »Sagen Sie nichts gegen das Mädchen! Sie gefallen ihr!« »Eine hohe Gunst!« »Die durchaus nicht jedem zu teil wird, auch wenn er danach trachtet. So oft Sie kommen, lächelt sie, gerade wie mein Hündchen, das Sie immer leckt ... es ist durchaus nicht so liebenswürdig gegen andere Besuche.« »Ich bezaubere also die Jungfer und den Hund, nur die Herrin verschmäht mich!« »O ... die Herrin gibt den Ton an, die anderen gehorchen nur.« »Gut, ich werde also auch gehorchen.« Sie lächelte ihm mit reizender Anmut zu, pfiff dem Hündchen, das sich ein wenig verlaufen hatte, und trat an Marcels Seite den Rückweg zur Villa an. Als sie am Gartenthor anlangten, bemerkten sie einen Mann, der auf der Landstraße Steine schichtete, die schon am Morgen auf Schiebkarren hergeschafft worden waren. Unter einem kleinen strohgeflochtenen Schutzdach sah man seine Jacke, seinen Steinschläger und eine Gesichtsmaske aus Drahtgeflecht liegen. Der Mann zog höflich die Mütze und fuhr dann, ohne sich um die Spaziergänger zu bekümmern, in seiner Arbeit fort. Frau von Vignola schien nicht erbaut zu sein von dieser Nachbarschaft: sie sah den Mann forschend an und sagte, sobald sie in den Garten getreten waren: »Was hat denn der Mensch hier vor?« »Höchst wahrscheinlich Steine zu klopfen,« erwiderte Marcel. »Jedenfalls ein Akkordarbeiter, der einige Zeit an der Straße beschäftigt sein wird.« »Wie lang wird er wohl vor meiner Thüre zu thun haben?« »Vermutlich ein paar Tage.« »Sein Gesicht gefällt mir gar nicht.... Hat man nichts zu fürchten von Leuten dieser Art?« »Nicht das geringste bis auf den Lärm, den sie machen. Sie werden aber im Haus schwerlich etwas davon hören,« Frau von Vignola schien noch nicht beruhigt zu sein; sie sah entschieden verstimmt aus. »Wenn Ihnen der arme Teufel so ungelegen kommt,« bemerkte Marcel, »will ich mich an das Straßenbauamt wenden, daß ihm eine andere Arbeitsstelle angewiesen wird. Er kann ja hundert Meter weiter oben oder unten seine Steine klopfen; eine derartige Gefälligkeit schlage ich schon heraus.« »Lassen Sie sich ja nicht einfallen, einen solchen Schritt zu thun! Ich werde mich schon an seine Nähe gewöhnen. Wozu den Mann stören? ... Er wird ja wohl sein Brot verdienen müssen.« Damit bot sie Marcel lächelnd die Hand, die er eine Weile zwischen den seinigen behielt. »Sie sind mir nicht böse?« fragte er. »Nein.« »Ich darf morgen wiederkommen?« »Ich freue mich darauf.« »Und darf ich Ihnen auch wieder sagen, daß ich Sie liebe?« »Wenn Ihnen das so viel Freude macht ...« Sie verstummten beide. Die Dämmerung war angebrochen, die Gebüsche im Garten lagen schon in weichem nächtlichen Schatten. Und doch waren die beiden hier viel weniger allein, als oben im Wald, und gerade das machte sie vielleicht kühner. Marcel zog die junge Frau an der Hand, die er zärtlich drückte, zu sich heran, und sie leistete keinen Widerstand. Das Gewebe des schwarzen Kleides streifte seine Schulter, er fühlte die Wärme ihres Körpers. Jetzt hob Marcel den Blick von ihrer Gestalt zu ihrem Gesicht auf und sah, daß sie sehr blaß war und daß ihre Augen sehnsüchtig schimmerten. Ein Fieber packte ihn; sein linker Arm umschlang die schlanke Gestalt, die sich willig hingab, ein bebender Mund, dem sich ein Seufzer entrang, war dicht an seinen Lippen, er fühlte, wie sie sich an ihn lehnte, und verlor eine einzige verzehrende Sekunde lang die Vorstellung von Dingen und Menschen. Ein Schmerzenslaut und eine widerstrebende Bewegung brachten ihn wieder zum Bewußtsein seiner selbst. Er schlug die Augen auf, die er in seliger Verzückung geschlossen gehabt hatte, und sah Anetta ins Haus entfliehen. Auf der Schwelle blieb sie stehen und sah ihn an, wie nach dem rechten Wort suchend, das sie ihm sagen wollte. Er that einen Schritt auf sie zu, aber eine flehende Gebärde hieß ihn innehalten. Die Finger an den Mund pressend, warf er der Frau, die sein ganzes Wesen beherrschte, noch einen Kuß zu und ging. Bei seiner Rückkehr in die Fabrik harrte seiner eine unliebsame Ueberraschung. Die sonst immer offenstehenden Gitterthore waren geschlossen, auf der Straße standen Gruppen geschäftiger, eifrig schwatzender Leute, die vor ihm zur Seite wichen, um sich, wenn er vorüber war, wieder in feindseliger Weise zusammenzurotten. Jetzt erst kam ihm wieder in Sinn, was Cardez neulich von der üblen Stimmung unter den Arbeitern gesagt hatte; in seinem heißen Drang, den Widerstand in der Liebe zu überwinden, hatte er die Schwierigkeiten im Geschäft ganz vergessen, nun wurde er jählings vom Himmel auf die Erde zurückversetzt. »Was geht denn hier vor?« fragte er, beim Pförtner eintretend. »Weshalb hat man die Thore geschlossen und was sollen diese Beratungen auf der Straße?« »Ach, Herr Marcel, das kommt alles von dem Verdruß mit den Arbeitern. Sie haben heute um drei Uhr die Arbeit eingestellt und sind mit den Streikern von den Fabriken in Troyes in die Wirtshäuser gezogen. Die hetzen sie natürlich auf ...« »Es ist doch nicht zu Tätlichkeiten gekommen?« »Nein, Herr Marcel, aber der Herr Direktor hat schon etlichemal nach Ihnen gefragt.« »Ich suche ihn gleich auf.« Er ging auf das Verwaltungsgebäude zu. Durch die geschlossenen Fensterläden drang ein Lichtstrahl, der ihm anzeigte, daß Cardez noch in seinem Arbeitszimmer war. Marcel trat ein und fand ihn schreibend. Beim Eintritt seines jungen Herrn erhob er sich rasch und begann, ohne eine Frage abzuwarten: »Nun, was habe ich Ihnen gesagt, Herr Baradier? Wir stehen im vollständigen Aufruhr und ohne den geringsten stichhaltigen Grund! Nur um's den Kameraden gleich zu thun, streiken sie! Was habe ich nicht an die Leute hingeredet, ihnen den Kopf zurechtsetzen wollen, ihnen ordentlich den Hof gemacht, alles vergebens. Sie sind selbst Maschinen! Die Führer heizen sie an, setzen sie in Bewegung und dann geht's drauf los! Ach, die Arbeiter! Sie haben ja solch ein warmes Herz für die Leute ... jetzt werden Sie Ihre Erfahrungen mit ihnen machen!« »Was für Maßregeln haben Sie getroffen?« »Ich habe die Thüren schließen lassen, daß keiner ohne unsere Erlaubnis oder ohne Gefahr, in Strafe zu verfallen, herein kann. Jetzt warte ich das Weitere ab. Ein Arbeiterausschuß ist mir angemeldet.« »Und unter welchem Vorwand wurde die Arbeit eingestellt?« »Sie verlangen Abschaffung des Kehrens, Feueranzündens, billigere Lieferung der Nadeln ...« »Ist das berechtigt?« »Es ist neu.« »Aber ist es berechtigt?« »Mein Gott! Man könnte ihnen ja unstreitig in diesen Kleinigkeiten den Willen thun, aber was werden sie dann morgen verlangen? Ihre Forderungen bilden einen ganzen Rosenkranz, den sie uns gern bis zum Ende nachbeten ließen. Wir sind jetzt am Anfang – wäre es klug, sogleich und vollständig nachzugeben?« »Warum ihnen nicht guten Willen zeigen? Man würde uns den hoch anrechnen ...« »Oder ihn für Schwäche ansehen!« »Also in Troyes ist der Streik erklärt,« fragte Marcel nach einigem Nachdenken, »und die dortigen Weber wollen unsere Leute nachziehen?« »Ja, gestern sind sie nach Sainte-Savine gekommen, heute nach Ars. Und Spektakel haben sie gemacht! Sie müssen sehr beschäftigt gewesen sein, um den Lärm zu überhören.« »Ich war nicht zu Hause,« sagte Marcel etwas verlegen. »Nun, Ihre Anwesenheit würde auch nichts geändert haben an der Sache, die Kugel ist nun einmal im Rollen. Höchstens würde man Sie beschimpft haben, wie mich auch.« »Beschimpft?« rief Marcel. »Jawohl ... hören Sie nur hin!« Man hörte in der That ein Gejohle aus rauhen Kehlen und durch die Stille der Nacht erklang eine Art von Arbeitermarseillaise. »Die verfluchten Schweinehunde, Die von unsrem Schweiß sich mästen! Bald schlägt ihre letzte Stunde Und sie baumeln an den Aesten, Wenn's ans Teufelholen geht Und ihr um Erbarmen fleht, Haben wir nur Hohn und Spott, Bald geht's los, du lieber Gott! Dann heißt's siegen oder sterben. Um die Freiheit zu erwerben.« Ein schriller Schrei von Weiber- und Kinderstimmen folgte auf den drohenden Kehrreim, dann ein wüstes Geheul: »Nieder mit Cardez! Nieder mit dem Direktor! An den Galgen mit ihm!« »Hören Sie?« sagte Cardez. »An den Galgen! Ganz einfach an den Galgen! Und was habe ich den Leuten zuleide gethan? Auf der weiten Welt nichts, als daß ich Gewissenhaftigkeit in der Arbeit, Achtung vor der Ordnung verlangte. An den Galgen! Wenn sie sich einbilden, mich ins Bockshorn jagen zu können, so täuschen sie sich. Ein alter Soldat wie ich läßt sich nicht so leicht einschüchtern. Ueberdies verstehen sie sich besser aufs Schreien, als aufs Handeln, sie sind Großmäuler.« »Haben Sie meinen Vater und meinen Onkel benachrichtigt?« »Ich habe den Herren telephoniert. Sie sollten sich eigentlich mit der Kreisregierung in Verbindung setzen, um den gesetzlichen Schutz für die Werkstatt und die Freiheit der Arbeit zu fordern, dazu würde man aber das Militär brauchen und bei unserer hiesigen Bevölkerung könnte man nicht wissen, was dann entstünde. Wir haben tüchtige Schutzleute in Ars, allgemein bekannte und angesehene Männer, ich meine, damit sollten wir auskommen!« »Fürchten Sie denn eigentliche Gewaltthätigkeiten?« »Ich fürchte nichts, aber ich muß auf alles gefaßt sein. Unsere Leute hier sind, wie ich Ihnen schon sagte, mehr lärmend als bösartig, aber die Fremden, die Rädelsführer reißen sie eben mit fort.« »Der Aufruhr ist blind und taub. Hundert Menschen zumal lassen sich nicht eines Besseren belehren, und wie soll man sich ihnen verständlich machen, wenn alle zusammen schreien?« »Das ist's ja, worauf die Streikunternehmer rechnen! Der Tumult, die Gewaltthätigkeit. Indessen werde ich ja morgen den Arbeiterausschuß empfangen und ich hoffe immer noch, daß es möglich sein wird, ein vernünftiges Wort zu reden.« »Ich werde Ihnen beistehen.« »Wie Sie wollen.« »Ist heute abend noch eine feindliche Kundgebung zu erwarten?« »Nein, vor morgen nicht.« »Dann will ich jetzt zu Tisch gehen. Gute Nacht!« Baudoin erwartete seinen Herrn. Der treue Diener, dem Marcel eine gewisse Vertraulichkeit gern gestattete, ging nicht wie sonst zwischen den Gängen in die Küche, sondern machte sich immer etwas am Tisch zu schaffen. Er beobachtete seinen Herrn scharf und schien auf seinem Gesicht herausbuchstabieren zu wollen, was ihn innerlich beschäftige. Das war indes seit ein paar Tagen eine harte Arbeit, denn nie war Marcel so wenig mitteilsam gewesen wie jetzt. Sobald er allein war, lebte er in der Erinnerung die bei der schönen Italienerin verbrachten Stunden abermals durch, und so war für ihn keine unausgefüllte Minute denkbar. Er saß dann schweigsam da, aber sein Gesicht strahlte von innerer Freudigkeit und in seinem Herzen loderte ein Freudenfeuer. So geistesabwesend er auch heute war, schließlich fiel ihm der wie ein Fragezeichen aufgepflanzte Baudoin doch auf; er sah ihn einen Augenblick verwundert an und sagte dann: »Was ist denn heute abend mit Ihnen los, Baudoin? Sie scheinen ja ganz aus dem Häuschen zu sein?« »Wäre auch kein Wunder! Herr Marcel wissen doch, daß die Arbeiter herumziehen und damit drohen, in der Fabrik werde alles kurz und klein geschlagen?« »Nun, und da fürchten Sie sich, Baudoin?« »Das wahrlich nicht, Herr Marcel! Wenigstens um mich ist mir's nicht angst.« »Und um wen sonst?« »Um den Herrn! Als ich von Paris wegging, band mir's Herr Baradier auf die Seele, gut für Herrn Marcel zu sorgen ... wenn Ihnen etwas zustieße, könnte ich mich nicht mehr vor Herrn Baradier sehen lassen. Das ist's, was mich, wie der Herr sagte, aus dem Häuschen bringt.« »Da kann man gar nichts thun, als abwarten, Baudoin.« »Ich bitte den Herrn um Entschuldigung, aber es gäbe etwas viel Besseres, und das wäre, sich auf die Eisenbahn zu setzen ...« »Um meines Vaters Fabrik den Arbeitern preiszugeben?« »Die Fabrik des Herrn Baradier ist gewiß wertvoll, aber der Sohn des Herrn Baradier ist es noch bedeutend mehr.« »Sei nur ruhig, Baudoin, man wird weder mir noch der Fabrik etwas anhaben. Wir haben denn doch noch Gesetze, und die Arbeiter von Ars sind auch keine Wilden.« »Herr Marcel, die Leute in Troyes und in Sainte-Savine sind auch keine Wilden, und trotzdem haben sie heute früh bei Herrn Tirot und Walapeyre alles kurz und klein geschlagen.« »Dann sind diese Herren schlechte Prinzipale.« »Es gibt keine guten und schlechten Prinzipale, es gibt eben Prinzipale! Die Gegenwart des Herrn Marcel ist hier nicht unentbehrlich und Herr Marcel sollte auf acht Tage nach Paris gehen.« »Damit sie sagen könnten, ich hatte mich geflüchtet? Und damit der Papa Cardez, der mir so wie so nicht grün ist, sagen kann, Spielereien zu machen im Laboratorium sei ich wohl im stande, wenn sich's aber drum handle, die Fabrik zu verteidigen, sei ich nicht mehr zu sehen! Nein, nein! Der Zufall will's, daß ich gerade hier bin, und diesem Zufall füge ich mich, ja ich will sogar suchen, ihn zum allgemeinen Besten zu verwerten.« »Dann werden Sie auch an die nötigen Vorsichtsmaßregeln denken?« »Was für Vorsichtsmaßregeln?« »In erster Linie immer einen guten Revolver bei sich zu tragen?« »Das ist eine Idee! Ja, wozu sollte mir denn der nützen, mein guter Baudoin? Einer Volksmenge gegenüber könnte ich mich doch nicht verteidigen, und mit einem einzelnen oder auch zweien nehme ich's auch ohne Revolver auf!« »Wenigstens sollten wertvolle Sachen ... falls Herr Marcel sie hier hat ... in Sicherheit gebracht werden.« Herr und Diener sahen einander an. Marcel hatte begriffen, was des Generals Diener ihm damit sagen wollte, und diese Mahnung stimmte ihn ernst. »Sie spielen auf das Pulver an, Baudoin?« »Ja, Herr Marcel. Ich weiß, daß Sie die Rezepte besitzen, ich weiß ja, daß Sie in meines Generals Laboratorium gearbeitet haben. Ist hier nichts zu finden, was einen verwegenen Einbrecher in ihren Besitz setzen könnte?« »Doch, Baudoin, man kann die Pulverproben, man kann sogar die Rezepte stehlen, aber das Geheimnis hat man damit immer noch nicht. Ein einziger Handgriff bei der Herstellung, den der General mir geoffenbart hat, entscheidet erst über den wirklichen Wert der Entdeckung. Das Pulver, so wie es vorhanden ist, die Rezepte, wie sie sich in meinem Schreibtisch befinden, sind keinen Einbruch wert ...« »Und doch ist mein Herr ihretwegen ermordet worden!« »Nein, Baudoin, man hat ihn erschlagen, weil er nicht sagen wollte, in welchen Dosen er die Bestandteile mischte. Die Wut über diese Enttäuschung hat den Arm des Mörders geführt, er hat sich eingebildet, selbst den Erfinder spielen und die richtige Mischung herausbringen zu können. Er wollte das Geheimnis erzwingen, die Wissenschaft vergewaltigen und dabei ist er selbst getroffen worden.« »Kann er den Versuch nicht erneuern wollen?« »Wissen wir denn, ob er noch lebt? Aber sagen Sie mir nur, Baudoin, setzen Sie denn irgend einen noch so entfernten Zusammenhang zwischen den Unruhen, die bei uns jetzt das Oberste zu unterst kehren, und dieser Pulvergeschichte voraus?« »Ich weiß nichts, ich setze nichts voraus, aber alles, was nicht ganz klar aussieht, flößt mir Mißtrauen ein. Es sind Ausländer unter den Arbeitern, und diese führen den Streik an ... ein Ausländer war auch an der Pulvergeschichte beteiligt ... mein Gott! Herr Marcel, ich bin vielleicht ein Narr ... aber ich gäbe viel darum, Herrn Marcel in Paris zu wissen!« »Sie sind ein Phantast, Baudoin, Sie sehen Gespenster!« »Nun, ich sehe ja, daß Herr Marcel nicht geneigt ist, meine Warnungen zu beachten, aber wenigstens möchte ich bitten, mir den Schlüssel zum Laboratorium anzuvertrauen. Ich werde es den Tag über bewachen, bei Nacht dort schlafen ... das wäre mir eine große Beruhigung ...« »Wenn dem so ist, thun Sie es, Baudoin! Holen Sie sich selbst den Schlüssel; er liegt in meinem Schlafzimmer auf dem Kaminsims. Die Beruhigung kann Ihnen werden!« »Ich bin die Sorge darum noch lange nicht los, aber ich freue mich, daß Sie es erlauben.« Darüber war die Mahlzeit beendigt, und Marcel ging in den Garten, um noch ein Weilchen am Fluß auf und ab zu spazieren. Der Abend war frisch; keine Wolke, kein Dunst verhüllte die blitzenden Sterne. Von Zeit zu Zeit drang Lärm aus den verschiedenen Kneipen herüber, wo die Arbeiter den Streik feierten und reichlich mit Alkohol begossen. Eine dumpfe Traurigkeit überkam Marcel, wenn er der Frauen und Kinder gedachte, die daheim in ihren armseligen Wohnungen den Vater zum Nachtessen erwarteten, während er sich, eingeschüchtert vom Hohn der Witzbolde und den Drohungen der Rädelsführer am Wirtstisch aufhielt und vom Tabaksqualm und Schnaps berauscht in den Lärm einstimmte. Was für ein Elend würde die unausbleibliche Folge dieser Arbeitseinstellung werden! Die kleinen Ersparnisse der sorglichen Hausväter mußten draufgehen, die Schulden der Unbesonnenen anwachsen. Und aus all dem Lärm und der Aufregung, die heuchlerische Volksfreunde angestiftet hatten, konnte nichts als Bitterkeit und Enttäuschung entstehen. Indes bald schweiften seine Gedanken wieder ab von den Leiden, wofür er keine Heilung wußte, und wanderten zu der einsamen Villa am Bergabhang. Dort ging Anetta jetzt wohl auch im Garten auf und ab; er sah sie einsam und nachdenklich die schmalen Pfade durchwandeln. Ob sie wohl an ihn dachte, dem das Herz so voll war von ihr? Hatten sich ihre Seelen nicht gefunden und war der süße Kuß, den sie nicht nur geduldet, sondern zurückgegeben hatte, kein Beweis, daß sie sich ihm schenkte, wie er ihr eigen war? Es überlief ihn wonnig in der schweigenden kühlen Nacht; dann ging ihm durch den Sinn, jetzt zu ihr zu eilen, jetzt, wo sie ihn nicht erwartete. Aber was würde sie von einer solchen Hast denken? Die unerlaubte Stunde, die schutzlose Einsamkeit, worin sie sich befand, konnten ihr diesen Überfall als Beleidigung erscheinen lassen. Je schutzloser sie war, desto mehr Rücksicht und Achtung war er ihr ja schuldig. O, sie liebte ihn, er fühlte es wohl, und eine Übereilung konnte das süße Glück in Frage stellen, das ihm die Zukunft verhieß. So wollte Marcel in aufrichtiger Liebe die Frau schonen, die ihm die verhängnisvolle Schlinge gelegt hatte, worin er schon rettungslos gefangen war! Wenn er ungesehen in das Schweizerhaus hätte eindringen und in der Tarnkappe ihr Wohnzimmer hätte betreten können, würde er überraschende Dinge gehört haben! Sophia und ihre dalmatinische Dienerin tauschten ihre Gedanken aus, während der unheimliche Hans, mit der Pfeife im Mund rittlings auf einem Stuhl sitzend, dem Gespräch höhnisch zuhörte. »Und was werden Sie mit dem armen Jungen anfangen, wenn Sie herausgebracht haben, was Sie von ihm wissen wollen?« »Sei ganz ruhig; der wird mir keine Ungelegenheiten bereiten! Er ist ein guter, sanfter Mensch, der meine Abreise still beweinen wird. Übrigens ist er noch nicht auf dem Punkt, wo ich ihn haben will.« »Noch nicht auf dem Punkt der Weißglühhitze, wie wir Chemiker sagen würden,« fiel Hans mit rohem Lachen ein. »Wir wissen ungefähr, was das bei Ihrer Behandlungsweise heißen will, Sophia! Das war für den jungen Zypiatin der Moment, wo er toll genug war, den Plan für den Aufmarsch der Truppen an der afghanischen Grenze auszuliefern, für den armen Steinheim die Stunde, wo er im Kriegsministerium den Plan für die Verteidigung der Herzegowina stahl, für unseren schönen Freund Cesare Agostini...« »Sprechen Sie nicht über Cesare,« unterbrach die junge Frau stirnrunzelnd. »Und warum denn nicht? Der Streich, den er ausgeführt hat, gehört zum schönsten, was man machen kann, und wenn er je auf den Einfall käme, wieder über die italienische Grenze zu gehen, so stehe ich dafür gut, daß er in der unbekanntesten, unzugänglichsten und düstersten Festung Sardiniens verfaulen dürfte, denn ihn vor Gericht zu stellen, würde man nicht riskieren, auch nicht bei verschlossenen Thüren ... er weiß ein wenig zu viel! Der kleine blonde Lothringer, den Sie sich jetzt zurichten, ist allerdings ein Osterlamm im Vergleich zu den Gesellen, die Sie bisher, ohne mit der Wimper zu zucken, ans Messer lieferten, aber nehmen Sie sich nur in acht dabei, Sophia! Ich kenne Sie genau und finde, daß Sie gegenwärtig nicht in der richtigen Verfassung sind ... ich bemerke Anwandlungen von Schweigsamkeit, Träumerei, Zerstreutheit, und das weissagt mir nichts Gutes. Sollten Sie etwa im Begriff stehen, eine Dummheit zu machen, Sophia?« Sophia fuhr zusammen. Sie heftete den klaren, scharfen Blick auf Hans und sagte barsch: »Was wollen Sie damit behaupten?« »Aha! Die Bemerkung ärgert Sie ... nimmt mich nicht wunder. Sie sind eine viel zu gescheite Person, um über sich selbst lang im unklaren zu sein, und Sie müssen sich ja Rechenschaft darüber geben, daß Ihr Gemütszustand nicht normal ist. Neulich haben Sie mir erklärt, daß dem jungen Baradier kein Haar gekrümmt werden dürfe, und zwar auf eine Art und Weise, die mir zu denken gab, und als ich Sie diesen Abend nach Haus kommen sah, waren Sie in einer schmachtenden Stimmung, die an einer praktischen Frau wie Sie einfach unnatürlich ist. Gewöhnlich, wenn Sie eine Rolle spielen, nehmen Sie, sobald Sie von der Bühne abtreten, Ihre eigenen Gedanken, Ihren wahren Gesichtsausdruck, Ihre ursprüngliche Redeweise sofort wieder auf, es ist immer, als ob Sie eine Maske ablegten und zu sich selbst zurückkehrten, diesmal aber vergessen Sie das, Sie bleiben in der Rolle, Sie unterliegen fremdem Einfluß, kurz und gut, Sie scheinen mir auf dem besten Weg, sich in den jungen Menschen zu verlieben!« »Ich!« rief Sophia zornig. »Ja, Sie, Sophia, Baronin Grodsko, sogenannte Frau von Vignola, und Sie werden mir zugeben, daß diese Verliebtheit eine große Dummheit wäre!« »Sie sind verrückt, Hans!« »Wäre mir sehr lieb, wenn ich mich täuschte, aber ich habe eine verflucht feine Nase! Hören Sie mich ruhig an, Sophia! Seine kleinen Schwächen hat ja jeder Mensch, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn Ihnen das Bürschlein gefiele. Wenn Sie aber den Gedanken hätten, ihn an sich zu ketten, da würde ich mich sehr verwundern, denn ich könnte mir nichts Gefährlicheres vorstellen, sowohl für ihn, als auch für uns und namentlich für Sie selbst. Wenn Sie ein Gelüste nach ihm haben, nun wohl, der Augenblick ist günstig, die Villa abgelegen und mir wäre es gar nicht unlieb, wenn Sie den jungen Mann möglichst von der Fabrik fernhielten ... aber nur keine Leidenschaft, nicht wahr? Eine Liebschaft ... gerade so lang, als wir Zeit zur Ausführung unserer Pläne brauchen, gerade lang genug, um sein Vertrauen zu erschleichen und sich selbst eine gute Stunde zu bereiten, und dann ... kehrt! So sehe ich wenigstens die Sache an!« »Und genau so sehe ich sie auch an,« versetzte Sophia kalt und abweisend. »Dann ist ja alles gut! Wenn Sie vernünftig sind, haben wir nichts zu fürchten und alles zu hoffen. Hast du wohl zugehört, Milo? Wenn deine Herrin einmal wieder Anwandlungen von Sentimentalität zeigen sollte, so ist's an dir, sie an ihre Pflichten zu mahnen!« »An mir ist es, ihr zu gehorchen,« versetzte Milona mit finsterem Blick, »und nicht ihr zu befehlen. Was Sie betrifft, so unterstehen Sie sich nicht, mir je einen Befehl zu geben!« »Und warum nicht, junge Wildkatze?« »Weil ein Mädchen wie ich wohl seine Freiheit aufgibt, um jemand zu folgen, den sie liebt, aber niemals dem dienstbar wird, den sie verabscheut.« »Das heißt ungefähr, daß wir beide nicht gut Freund seien?« spottete Hans hämisch lachend. »Das kannst du halten, wie du willst, Kleine. Ich will mir deine Neigung nicht erzwingen!« Milona zuckte die Achseln, maß den Mann von oben bis unten mit einem verächtlichen Blick, brummte ein paar Worte in einer fremden, rauhklingenden Sprache vor sich hin und ging hinaus. »Was hat sie denn gesagt in ihrem verdammten Neugriechisch?« »Sie sagte: ›Möge dich das Fieber verzehren, Sohn der Wölfin, und du daran verbrennen, ohne daß man dir einen Trunk Wasser reicht.‹« »Schönen Dank für den frommen Wunsch. Mein Stock wird noch einmal auf deinem Rücken tanzen, du holdes Kind!« »Lassen Sie sich so etwas nicht einfallen! Milo würde mit Dolchstichen antworten.« »Eine angenehme Gewohnheit! Aber Sie wissen ja, daß ich mich so leicht nicht fürchte, und wenn diese Wildkatze bissig wird, will ich sie schon zahm machen. Doch reden wir von ernsteren Dingen! Haben Sie Nachricht von Cesare?« »Er ist von London zurück und schreibt mir, daß die Geldgeschäfte gut stünden. Unsere englischen Freunde sind bekanntlich praktische Leute. Sie haben ein Kapital von fünfzig Millionen aufgebracht und verlangen nun mindestens eine Welt für ihr Geld. Und sie werden sie erhalten, und wenn sie hunderttausend Menschen darum erwürgen müßten!« »Gewiß, wenn man seine Berechnungen auf die Dummheit und Leichtgläubigkeit der Menschen stützt, geht man nie fehl. Das ist's, was Finanzgeschäfte im ganzen so langweilig macht.« »Ihnen flößt im Grund nur die Gewalt Achtung ein! Sie haben ganz die Natur zu einem Condottiere aus dem sechzehnten Jahrhundert und haben sich nur verirrt in unsere schwächliche, elende Gesellschaft. Sie müssen in unserer engbrüstigen Natur beinahe ersticken! Sagen Sie einmal, Hans, da wir heute am Plaudern sind und uns den Anschein der Ehrlichkeit geben, wer sind Sie eigentlich und wo kommen Sie her? Seit fünf Jahren treffe ich immer wieder mit Ihnen zusammen und kenne Sie doch nicht besser als am ersten Tag, unsere Interessen gehen Hand in Hand, aber Ihre Person entzieht sich mir. Man nennt Sie in der Regel Hans, zuweilen Fichter, Sie scheinen ein Deutscher zu sein, sprechen aber überraschend gut spanisch und russisch. Ich habe Sie die größten Schändlichkeiten verüben sehen, und doch sind Sie nicht ohne Not grausam. Sie versuchen, mir große Summen zuzuwenden, und sind selbst ein Mensch von wenig Bedürfnissen – wohin fließen Ihre Einnahmen? Was für ein Ziel verfolgen Sie? Was für eine geheimnisvolle, unterirdische Arbeit vollbringen Sie? Was Sie für uns leisten, ist ja nur ein Teil Ihrer Thätigkeit; Sie haben Vertraute, die in keinem Zusammenhang mit uns stehen; Sie verschwinden, um Aufgaben zu erfüllen, von denen wir nichts wissen. Mitunter habe ich den Eindruck, daß wir, wir anderen, nur Werkzeuge in Ihrer Hand seien und, ohne es zu wissen, mitarbeiten an der Ausführung eines großen Planes, der die ganze Menschheit umspannt. Ich habe mich schon gefragt, ob Sie nicht das sichtbare Oberhaupt einer ungeheuren, furchtbaren, internationalen Verschwörung seien, die auf ein gegebenes Zeichen an allen Orten zumal die Revolution entfachen wird.« Hans lächelte, beifällig nickend. »Wahrhaftig,« sagte er dann in seinem spöttischen Ton, »es geht doch nichts über die Frauen! An Takt und Spürsinn nimmt's kein Mann mit ihnen auf. Sie haben also darüber nachgedacht, wer und was ich in Wirklichkeit sei, Sophia? Ja, meine Liebe, Sie haben etwas mehr Wißbegierde als ein Lichtenbach oder ein Agostini, von den übrigen gar nicht zu reden, denn keiner von beiden hat je versucht, weiter sehen zu wollen, als mir zu zeigen beliebte. Das freut mich von Ihnen, Sophia, das macht Sie mir interessant! Sie sind ein denkendes Geschöpf.« Damit stand er auf, umfaßte die hübsche Frau, zog sie an sich und drückte einen freundschaftlichen Kuß auf ihre Stirne. Dann sagte er, sie aus nächster Nähe ansehend, als ob er damit seinen Worten den Eingang in ihr Gehirn erleichtern wollte: »Strengen Sie sich aber nicht weiter an mit psychologischen Studien über mich, es wäre verlorene Liebesmühe. Für Sie bin ich Hans Fichter und werde es immer bleiben, aber Sie dürfen überzeugt sein, daß ich nicht nur Hans Fichter bin. Sie haben mit ergötzlichem Scharfsinn über meine Persönlichkeit nachgedacht, aber Sie werden nie mehr darüber herausbringen, als Sie schon wissen, und das zu Ihrem Glück, denn Sie würden Ihre Entdeckung nicht eine Minute überleben. Ja, ja, mein Kind. Es hängen zu viel Leute an mir, für die es von Wert ist, daß ich die Hände frei habe, als daß einer leben durfte, der sich einfallen ließe, mir nachzuspüren. Aber bilden Sie sich nun nicht etwa ein, daß ich eine Art von bösem Geist, ein Herrscher über empörte Seelen, ein Schiedsrichter über kommende soziale Wandlungen sei, damit kämen Sie auf eine falsche Fährte. ... Meine Macht ist groß, aber unbeschränkt ist sie nicht, ich bin nur einer von den vielen Soldaten einer Sache, die siegen wird, mit welchen Mitteln es auch sei, und ich anerkenne nichts über mir, als eben diese Sache.« »Hans!« rief Sophia. »Sie reden ja genau wie die Nihilisten meiner Heimat! Ich habe einen jungen Studenten gekannt, Semenikoff hieß er, der in Moskau unter den Muschiks Propaganda machte und fast dieselben Worte gebrauchte, wie Sie ... eines schönen Tages war er verschwunden.« »Ja, meine Liebe, gerade wie Sie verschwinden würden, wollten Sie auch nur ein einziges Wort von den im übrigen ja ganz harmlosen Sachen wiederholen, die ich Ihnen eben gesagt habe. Wissen Sie denn, was Ihr Semenikoff war, den ich zwar nie gesehen habe, den ich mir aber sehr genau denken kann? Ein von der Polizei bestellter Lockspitzel, der abgeschafft wurde. Das kommt alle Tage vor. Seien Sie deshalb vorsichtig, Sophia! Ich habe Sie sehr gern und es thäte mir sehr leid, wenn Ihnen Unheil zustieße, aber ändern könnte ich's nicht. Damit gute Nacht!« »Sie gehen zu Bett?« »Nein, ich gehe aus. Ich habe eine Verabredung mit meinen Leuten in Ars. Haben Sie denn nicht das Geplärr gehört, heute den ganzen Tag? Ach, diese Arbeiter! Eine Viehherde! Ob die sich träumen lassen, daß sie nur streiken und brüllen und drohen, weil es mir beliebt, weil es mir nützlich ist?« »Seien Sie selbst nur vorsichtig!« »Ach, was ich hier betreibe, ist Kinderspiel.« Er steckte sich eine Cigarre an und ging. Im Garten war es sehr dunkel; lautlos wie ein Schatten durchschritt er ihn, denn er ging nicht auf den Kieswegen, sondern seitwärts auf dem Rasen. Am Thor angelangt, schloß er auf, ohne daß irgend ein Knirschen hörbar gewesen wäre, drehte sich dann wie ein Clown, um beim Zuschließen mit der ganzen Breite ans Holz gedrückt zu stehen und auf der Straße nicht gesehen zu werden. Einen Augenblick blieb er, von den beiden Steinpfeilern gedeckt, unbeweglich stehen, dann streckte er den Kopf vor und sah sich um, als ob seine Augen die Dunkelheit durchdringen könnten. Nach ein paar Sekunden trat er bis in die Mitte der Straße und schlug die Richtung nach Ars ein. Kein hinter ihm Kommender würde vermutet haben, daß er aus der Villa getreten war. Als er etliche hundert Meter entfernt war, teilten sich die Zweige eines Gebüschs an der anderen Seite der Straße ebenfalls lautlos, und ein Mann sprang über den Graben. Es war der Steinklopfer der seit ein paar Tagen in der Nähe der Villa arbeitete. Seinen Schritt genau nach dem des Vorgängers regelnd, folgte er ihm nach der Stadt hin. Neuntes Kapitel. Nachdem Baudoin das Recht zur Überwachung des Laboratoriums bei seinem Herrn herausgeschlagen und diesen verlassen hatte, war er auf die Straße gegangen. Es war dunkle Nacht. Er stopfte sich seine Pfeife und strich sich an dem Pfeiler, der zum brieflichen Verkehr mit Laforêt diente, ein Zündholz an, wobei er die mit Rotstift hingekritzelten Worte: »Heute abend, neun,« glücklich entdeckte. Er setzte seine Pfeife in Brand, sah nach der Uhr und fand, daß es gerade Zeit sei, dem Ruf zu folgen. Als er an den ›Goldenen Löwen‹ kam, fand er das Haus nicht so still und dunkel wie sonst. Durch die vergitterten Glasscheiben an der Hausthüre fiel helles Licht, und aus der Tiefe des seitwärts liegenden Saals drang Stimmengewirr. Baudoin trat an eines der Fenster im Erdgeschoß, deren Läden geschlossen waren, und horchte hin. Eine Stimme drang heraus, bald anschwellend, bald gedämpft, wie die eines Predigers, und von Zeit zu Zeit unterbrachen Zurufe und Beifall die Rede. Einen Augenblick wurde die Stimme heller, leidenschaftlicher, und dann entstand ein Donnergepolter im Saal, als ob sämtliche Tische zugleich von derben Fäusten bearbeitet würden. »Für jemand von der Direktion wär's kein gesunder Aufenthalt hier, wie mir scheint,« brummte Baudoin vor sich hin, »Die Herren Streiker scheinen heute einen von ihren Phrasendrechslern mit besonderer Wollust anzuhören.« Er ging ums Haus herum zum Hofthor und suchte den Weg nach der Küche, wo er den Wirt, seinen Freund, zu treffen hoffte. Mit einemmal legte sich eine Hand auf seine Schulter und er erkannte Laforêt, der leise hinter ihm hergekommen war. »Ich habe Sie abgepaßt ... das ganze Haus wimmelt von Leuten, und ich dachte mir, daß Sie durch den Hof herein kommen würden. Doch bleiben wir hier nicht stehen! es sind gar zu viele Augen offen heute nacht.« »Wo können wir hingehen?« »In meine Stube hinauf.« An der Außenseite des Hauses führte eine Treppe zu einer hölzernen Altane, die rings ums erste Stockwerk lief, und von dort führte die Stiege bis zum Giebel weiter, Laforêt hatte sich eine Dachstube ausgesucht, die elendeste, die überhaupt im Hause war, wie sie sich eben für einen armen Akkordarbeiter ziemte. Er ging voran, machte die Thüre auf und bedeutete Baudoin, sich aufs Bett zu setzen, dann hob er das mit einer Klappe schließende einzige Dachfenster auf, das den Raum beleuchtete, um sich zu überzeugen, daß kein Späher auf dem Dach selbst war, und ließ das Fenster wieder herunter. »Sie müssen den Mund an mein Ohr rücken, wenn Sie sprechen,« flüsterte er Baudoin zu. »Rechts und links befinden sich Kammern, und die Wände sind so papierdünn, daß man jedes Wort hört. Rechts schläft die Köchin, die immer noch Besuch von anderen Dienstboten erhält, wobei die Herrschaft nett heruntergerissen wird.« Er lachte unhörbar in sich hinein. »Ja, ja, die wenigsten ahnen, wie viel man im Leben zu hören bekommen kann, wenn man nur ein wenig aufpaßt.« »Weshalb haben Sie mich hergerufen?« flüsterte Baudoin. »Weil's in der Villa Neuigkeiten gibt. Sie ist nicht mehr allein, ein Mann wohnt im Hause.« »Was für ein Mann? Ein hübscher junger Zierbengel, der italienisch spricht?« »Nein. Ein großer, breitschulteriger Mann mit blondem Vollbart: ausländische Betonung, deutsch, wie mir scheint.« Baudoins Augen funkelten durch die Dunkelheit, Er preßte Laforêts Hand heftig und fragte mit zitternder Stimme: »Sie haben den Mann genau gesehen?« »So genau, wie ich Sie sehe.« »Hat er seine beiden Arme?« »Ja, er hat zwei Arme.« Baudoin stieß einen Seufzer der Enttäuschung aus. »Dann ist er's nicht! Ich hatte schon gehofft ...« »Es sei der von Vanves? Würden Sie den mit Sicherheit wiedererkennen, wenn Sie ihn zu Gesicht bekämen?« »Vom Ansehen allein vielleicht nicht, denn es war ja damals sehr dunkel, aber wenn ich ihn hörte! Ja, unter Tausenden wollte ich ihn herausfinden!« »Nun gut! Die Gelegenheit hoffe ich Ihnen verschaffen zu können, der Mann ist hier.« »In diesem Wirtshaus?« »Ja im ersten Stock, mit drei anderen in einem besonderen Zimmer. Es sind die Führer, die man aus dem Saal holte, als er ankam, denn mit der öffentlichen Arbeiterversammlung will er nichts zu thun haben, er verkehrt nur mit dem Generalstab. Ich bin ihm von der Villa bis hierher nachgegangen, und er hat mir zu einem tüchtigen Spaziergang verholfen. Ein verschmitzter Kunde! Dreimal hat er die Richtung verändert und mich irreführen wollen. Man hätte denken sollen, er fühle mich auf seinen Fersen, und doch war ich so vorsichtig, daß er mich nicht bemerken konnte. Erst ging er ins ›Café zum Bahnhof‹, wo er ein Glas Bier trank und zur Dienerschaftsthüre hinausging, während er von vorne eingetreten war. Ich hatte mir so etwas gedacht und war auch ums Haus herumgegangen. Von da ging er zum Bahnhof selbst und begab sich durch den Wartesaal auf den Bahnsteig. Auf dem spazierte er im Dunkeln bis zum Güterschuppen hinunter; dort fand er einen Ausgang nach der Stadtseite offen und ging dann geradeswegs zum ›Goldenen Löwen‹. Gegenwärtig befindet er sich unmittelbar unter uns und berät sich mit seinen drei Spießgesellen.« »Und wie wollen Sie mir die Möglichkeit verschaffen, ihn sprechen zu hören?« »Das werden Sie gleich sehen. Aber erst möchte ich Sie fragen, was der Bursche in Ars zu schaffen haben mag?« »Ich bin überzeugt, daß er Herrn Marcels wegen hier ist. Ich spür's ordentlich, wie ringsum Gefahr lauert. Was soll der Aufruhr in der Werkstatt, während nie ein Schatten von Zwistigkeit zwischen den wohlwollenden Brotherren und ihren gut behandelten Arbeitern vorlag? Der Wind bläst aus ein und derselben Richtung, drum habe ich wohl gewußt, weshalb ich Sie rufen ließ! Die Italienerin ist Herrn Marcels halber hier, der neu Angekommene desgleichen und die ganze Geschichte ist von den nämlichen Banditen ins Werk gesetzt, die meinen General umgebracht haben.« »Schön, das wollen wir an den Tag bringen. Das ist ja mein Handwerk, und eine größere Freude könnte ich meinem Minister gar nicht machen, als wenn ich die Herrschaften zu fassen bekäme. Wenn Sie sich nicht täuschen, Baudoin, wenn die Geschichte hier wirklich nur eine Fortsetzung des Versuchs von Vanves ist, so haben wir's mit einer Bande zu thun, die nicht mehr in den Lehrjahren steht und uns schon viel zu schaffen gemacht hat. Aber jetzt fassen wir das Nächstliegende ins Auge. ... Sind Sie Turner?« »Gewesener Vorturner in der Unteroffiziersschule!« »Entschuldigen Sie die Frage! Da kann man von Ihnen lernen und braucht Ihnen nichts zu zeigen! Kommen Sie ...« Damit stieß er das Fenster wieder auf, rückte einen Stuhl darunter und kletterte von diesem aus aufs Dach. Baudoin folgte seinem Beispiel. Eine breite Dachrinne lief um das ganze Haus, und dieser folgten sie. Die Nacht war mondlos. Sie gelangten an die Hofseite und Laforêt wies seinem Begleiter ein kleines Zinkdach, das frei vorspringend etwa sechs Meter unter ihnen lag und zu einem kleinen Anbau gehörte, der zur Aufbewahrung von Sattelzeug diente. »Das ist die Gelegenheit. Unsere Leute befinden sich in dem Zimmer, dessen beleuchtetes Fenster unmittelbar über dem Vorbau liegt, es gilt also ungesehen und unhörbar auf dieses Dach zu kommen, von dem aus man die Stube überblicken und sicherlich auch hören kann, was drinnen gesprochen wird.« Baudoin beugte sich über den stockfinsteren Hof, um einen Weg zum Absteigen zu entdecken. »Aber wie hinunter kommen? Sechs Meter und ohne Leiter?« Laforêt zeigte ihm im Winkel der Mauer einen runden Wulst. »Da ist die Rinne, die zum Ablauf des Regenwassers dient ...« »Richtig , ... also denn vorwärts.« »Stecken Sie Ihre Schuhe in die Tasche!« Beide zogen die Schuhe aus, Laforêt aber schlug die Beine um die Rinne, faßte sie mit den Händen und ließ sich, die Kniee fest ans Mauerwerk drückend, um durch die Reibung ein zu schnelles Abgleiten zu verhindern, langsam und schweigend hinunter. In ängstlicher Spannung beobachtete Baudoin vom Dach aus die Reise. An Laforêts Kraft und Geschicklichkeit zweifelte er nicht, es fragte sich aber, ob die Rinne das Gewicht aushalten würde. Wenn eine der Klammern gebrochen wäre, hätte der Mann samt der Rinne mit großem Gepolter abstürzen und das ganze Haus in Aufruhr geraten müssen. Ein derartiger Unfall würde natürlich die verhängnisvollsten Folgen gehabt haben, aber Baudoin wurde bald von seiner Angst befreit. Laforêt faßte nach kurzer Zeit Fuß und legte sich platt ausgestreckt auf das Zinkdach. Baudoin setzte sich sogleich in Bewegung, ihm die Reise nachzuthun, und vollführte sie mit großer Gewandtheit. Nachdem er an Laforêts Seite auf dem Dach etwas zu Atem gekommen war, sah er diesen auf dem Zink weiterkriechen und beeilte sich, ihm in der gleichen Weise zu folgen. An der Unterseite des beleuchteten Fensters angelangt, hinter dem die Beratung stattfand, richtete sich Laforêt auf den Knieen auf, aber nur so weit, daß seine Stirne ungefähr in gleiche Linie mit dem Fenstersims kam, und sah hinein. Ein Mullvorhang ließ die Gestalten nur in etwas verschwommenem Umriß sichtbar werden, ungefähr wie Figuren aus einer nicht ganz richtig beleuchteten Zauberlaterne. Je nachdem sie mehr oder weniger entfernt von der Lampe waren, erschienen die drei Männer riesenhaft vergrößert oder verkleinert. Der eine war aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab, und je nachdem er sich dem Fenster näherte oder wieder davon entfernte, drang die Stimme mehr oder minder vernehmlich an Laforêts Ohr. Ohne sich umzudrehen, zog dieser Baudoin dicht zu sich heran und flüsterte, den Mund an dessen Wange drückend: »Man sieht nicht viel, aber hören kann man. Versuchen Sie's.« Baudoin rutschte bis in die Mitte der Fensterbrüstung und spähte, das Kinn auf dem Gesims ruhen lassend, mit Anspannung all seiner Sinne in den Raum hinein, worin er zu finden hoffte, was er mit so heißer Begierde suchte. Es war nicht die Stimme des Auf- und Abgehenden, die sich vernehmen ließ, der Sprecher saß vielmehr am Tisch und schien in Papieren zu blättern. Es war anfangs schwierig, den Sinn seiner Worte zu verstehen, nach und nach aber drangen sie vollständiger heraus. »... Gewaltthat wäre zwecklos ... kein Erfolg davon zu erwarten ... die Arbeiter könnten stutzig werden und abfallen ... man würde die Aufmerksamkeit der Behörden erregen ...« Soviel war leicht zu begreifen, daß er dem Auf- und Abgehenden widersprach, und daß dieser den Widerspruch schwer ertrug, wenn er auch schweigend und ohne Gebärden mit gesenktem Kopf einherging, wohl um seiner Erregung Herr zu werden. Jetzt blieb er mit einemmal stehen und sagte mit dumpfer Stimme: »Ich will's aber!« Der andere hielt seinen Widerstand aufrecht, aber der Lauscher konnte nur abgerissene Worte davon verstehen. »... das Interesse der Allgemeinheit ... unrichtige Anlage des Plans ...« Wieder ging der Gegner wie ein wildes Tier im Käfig auf und ab, ließ aber den anderen ungestört reden. Jetzt blieb er zum andern Mal stehen und sagte lauter als zuvor: »Ich will's aber!« »Ist er es? Erkennen Sie die Stimme?« tuschelte Laforêt. »Nein. Ich erkenne sie nicht,« flüsterte Baudoin beklommen. Der Sitzende faltete seine Papiere zusammen, steckte sie in die Brusttasche und erklärte: »Dann haben wir nur zu gehorchen!« Jetzt trat der Befehlshaber zu ihm hin, klopfte dem überwundenen Widersacher auf die Schulter und rief in gutmütigem Ton: »So laß ich mir's gefallen! Das hat aber Mühe gekostet! Schreiten wir zur That! Niemand wird es bereuen!« Und er brach in ein herzhaftes Gelächter aus. In diesem Augenblick gruben sich Baudoins Finger förmlich in Laforêts Arm, und eine vor Aufregung heisere Stimme raunte ihm zu: »Er ist's! Jawohl, er ist's! Das war sein Lachen!« Baudoin machte eine Bewegung, als ob er aufspringen wollte, Laforêt aber hielt ihn mit Gewalt neben sich fest. »Hören Sie noch einmal hin! Vergewissern Sie sich, daß es keine Täuschung sein kann.« »Er ist's! Eine Täuschung ist gar nicht möglich! Sein Lachen! Dieses Lachen, gerade wie ich's damals gehört habe, am Abend des Verbrechens, als er aus dem Wagen stieg.« »Dann bleiben wir nicht länger hier. Wir dürfen uns nicht unnütz der Gefahr einer Entdeckung aussetzen.« Sie rutschten bis zum Rand des Zinkdachs, das sich kaum drei Meter überm Boden befand und an dessen einer Seite der Pferdemist aufgetürmt war. Beide Männer zogen ihre Schuhe wieder an, sprangen schweigend auf die weiche Unterlage und dann in den Hof hinab. Das Hofthor war mittlerweile geschlossen worden, aber Laforêt wußte jedes Schloß zur Nachgiebigkeit zu zwingen, und so standen die beiden Verschwörer bald nachher auf der Straße. »Was werden Sie jetzt unternehmen?« fragte Baudoin. »Die Polizeiwache ist nur zwei Schritte von hier! Sie werden sich doch nicht besinnen, den Strauchdieb einsperren zu lassen?« »Gut!« sagte Laforêt. »Das wäre eine Lösung. Und dann?« »Wie und dann?« »Ja. Dann haben wir ihn! Nichts ist einfacher als ihn zu kriegen. Die Schutzleute umstellen das Haus, warten bis er herauskommt, und führen ihn zum Polizeikommissar. Und dann?« »Dann bezichtigt man ihn des Verbrechens in Vanves, übergibt ihn dem Untersuchungsrichter, er wird überführt, verurteilt ...« »Wirklich? Er wird überführt? Das glauben Sie? Ein Mann wie der, mit dem wir's hier zu thun haben? Den wird man überrumpeln können? Der wird kein Alibi bereit haben, um unumstößlich zu beweisen, daß er am Abend des Verbrechens zweihundert Meilen von Vanves entfernt saß? Und durch was für Zeugen wollen Sie ihn denn überführen? Sie sind der einzige, und vor fünf Minuten war es Ihnen selbst noch fraglich, ob er's sei! Und während wir diesen sauberen Vogel unter Schloß und Riegel hätten, möglicherweise nur, um ihn wieder fliegen lassen zu müssen, würden die anderen auf und davon sein. Ein nettes Stück Arbeit, das müßte man sagen!« »Man kann aber doch nicht eine Faust im Sack machen und den Schurken da frei laufen lassen?« »Der Schurke da ist im Begriff, uns hier etwas vorzuspielen, und im Augenblick, wo er auf die Bühne tritt, dürfen wir ihn ja nicht stören. Und die schöne Dame vom Schweizerhaus mit dem angeblichen Bruder? Und all diese Lümmel, die das Geschäft von Baradier \& Graff zu Grund richten wollen? Haben Sie gar kein Interesse mehr für diese Gesellschaft? Es lohnt doch wohl der Mühe, sie zu beobachten. Und wir selbst sollten ihnen das Zeichen geben, daß ihr Geheimnis verraten ist? Das werden Sie doch wahrhaftig nicht wollen!« »Also unthätiger Zuschauer bleiben bei dem Satansspuk?« »Zuschauer, ja – vorläufig, aber unthätig gewiß nicht! Ich bin doch nicht nach Ars gekommen, einzig um Steine zu klopfen. Mein Handwerk ist ein etwas feineres, und ich will's ausüben.« »Aber kann ich nicht wenigstens Herrn Marcel warnen?« »Unter keinen Umständen! Das erste, was er thäte, wäre seiner Schönen eine Scene zu machen, und damit wäre alles verloren. Nur um Gottes willen nicht Verliebte ins Vertrauen ziehen! Von ihnen hat man sich nur der größten Dummheiten zu versehen!« »Aber wenn Herr Marcel in irgend eine Schlinge rennt?« »Seien Sie doch nicht immer in Todesangst um den jungen Herrn. Als ob der so übel dran wäre! Einem hübschen Weib den Hof machen, das ihm zuliebe thut, was er haben will, und vielleicht noch etwas darüber, wenn er's geschickt angreift.« »Ach, der ist nicht ungeschickt! Die Weiber hat er ausstudiert.« »Um so besser, dann verschlingt ihn keine bei lebendigem Leib! Ich behalte indessen den Herrn da oben im Auge und lasse ihn nicht los, bis ich alles beisammen habe, um ihn dem Herrn Richter in Paris auszuliefern, der vor Ungeduld schier überschnappt. Einverstanden?« »Wohl oder übel muß ich's sein.« »Dann gehen Sie Ihren Geschäften nach, während ich mich an die meinigen mache.« Sie schüttelten sich die Hände und gingen in der Dunkelheit auseinander. Das abgeschlossene, aber noch immer hell erleuchtete Gasthaus hallte wider von Geschrei und Gesang und dem Klappern der Bierseidel auf den hölzernen Tischen, Still und dunkel ragte die Fabrik in den Sternenhimmel hinein. Als Baudoin an der Pförtnerwohnung vorübergehen wollte, kam der Pförtner heraus und rief ihm vergnügt zu: »Herr Graff ist angekommen!« Die telephonischen Mitteilungen des Direktors hatten den Onkel so beunruhigt, daß er Baradier mitten in hochwichtigen Börsenverhandlungen über die Aktien der Sprengstoffgesellschaft im Stich gelassen und sich auf die Bahn gesetzt hatte, um nach Ars zu fahren. Als Marcel noch mit seiner Cigarre am Fluß entlang gegangen war, hatte er den trefflichen Mann plötzlich zwischen den Blumenbeeten im Garten auftauchen sehen und sich ihm mit einem Jubelruf an den Hals geworfen. »Du, du bist's, Onkel Graff?« »Jawohl, mein Junge! Ich wollte einmal nachsehen, was eigentlich hier vorgeht, und habe schon mit Cardez gesprochen. Was die Fabrik betrifft, weiß ich jetzt, woran ich bin, aber was treibst denn du, mein Junge? Mit Nachrichten überschüttest du uns gerade nicht ... weißt du, was deine Mutter gestern gesagt hat: ›Der Junge hat keinen Gedanken für uns! Er hat uns nicht lieb!‹ Ja, ja, sie war seht unzufrieden mit dir.« »Ja, wie kommt sie denn nur dazu?« rief Marcel. »Was fällt ihr nur ein?« »Ich frage dich eher, wie die gute Frau sich noch Täuschungen hingeben sollte über deine Gefühle? Du verwöhnst uns wahrlich nicht! Ach, die Kinder, die Kinder! Ich weiß es ja, sie leben nicht um der Eltern willen, sondern für sich selbst, aber so ein bißchen etwas könnten sie doch von Zeit zu Zeit thun für die, die sie großgezogen, gepflegt, verhätschelt haben.« »Onkel, du thust mir wirklich sehr weh,« fiel ihm Marcel heftig bewegt ins Wort. »So habt ihr mein Stillschweigen gedeutet, diesen Eindruck konnte es machen? Aus Gehorsam gegen den Vater verbanne ich mich auf Wochen nach Ars, ich glaube ihm damit meinen guten Willen zu zeigen, nachdem ich vorher ein paar allerdings große Dummheiten gemacht ...« »Ja, dreihunderttausend Franken Schulden, mein Söhnchen, das was ich dir hinterm Rücken deiner Eltern gegeben habe ungerechnet, und in wie viel Zeit, hm?« »Ach Onkel! Wozu darauf zurückkommen?« »Du hattest es wohl schon ganz vergessen, nicht?« Marcel lächelte. »Du bist ja nachsichtig mit der Jugend, Onkel, du verstehst sie.« »Ohne je jung gewesen zu sein! Ach Marcel, Lust dazu hätte ich schon gehabt. Du kannst mir's glauben, daß Vergnügen, Luxus, Weiber, für mich ebensoviel Anziehungskraft gehabt hätten, wie für andere junge Leute, nur daß ich dabei immer wie ein Leichenbitter aussah und man mich einfach verspottet haben würde. Ja, ja, den jugendlichen Liebhaber zu spielen ist nicht jeder geschaffen, und Komiker mochte ich nicht werden ...« »Und so hast du dich mit Ruhm den Finanzen gewidmet, guter Onkel, und jetzt darfst du die dummen Streiche bezahlen, die dein Grünschnabel von Neffe macht, aber wie lieb hat er dich auch!« Er hatte den Arm auf des Onkels Schultern gelegt und drückte ihn an sich, und der alte Mann sah mit feuchten Augen in die lachenden des jungen. Er schüttelte den Kopf, räusperte sich ein wenig, um seine Rührung zu verbergen, und sagte dann: »Ja, ja, ich weiß schon, irgend ein Winkelchen habe ich in deinem Herzen! Willst du mir denn auch wirklich eine Freude machen? Nun, so schreibe deiner Mutter ein nettes Briefchen.« »Gewiß, Onkel, gleich morgen früh und dem Vater obendrein auch.« »Bist doch ein guter Kerl, so ist's recht. ... Und nun sag einmal, die Sache hier geht schief? Die verdammten Streiker wollen uns die Arbeiter aufsässig machen?« »Es sieht so aus, aber Cardez greift's auch nicht geschickt an, er ist zu schroff. Im Grund ist er ja ein guter Mensch, aber äußerlich gibt er sich als Tyrann.« »Ich werde selbst in die Unterhandlungen eingreifen, gleich morgen will ich den Arbeiterausschuß sprechen. Und was treibst denn du? Fleißig gewesen?« »Jawohl! Ich habe das Blaßgrün und das Goldgelb, das ich suchte, herausgebracht. Ich werde dir die Proben vorlegen.« »Und ... und die andere Geschichte?« fragte Graff, unwillkürlich die Stimme dämpfend. »Das Pulver?« »Die Rezepte sind erprobt, der Erfolg gesichert.« »Hast du Versuche damit angestellt?« »Ja, Onkel, und sie sind furchtbar in ihrer Einfachheit! Ich füllte einen dünnen Schlauch mit der Sprengmasse, und legte ihn um den Fuß einer Jahrhunderte alten Eiche im Wald von Bossicant. Fast ohne Knall und Rauch hat die entzündete Masse den Baum hart am Boden durchschnitten, wie mit einer Riesenaxt, daß sich der mächtige Stamm ganz still ins Heidegras legte.« »Es hat dich doch niemand gesehen dabei?« »Niemand! Am andern Tag sagte mir der Forstschütze: ›Ach, Herr Marcel! Das ist ein rechtes Unglück! Heute nacht hat der Sturm die alte Eiche oben auf der Platte rein abgeknickt. Merkwürdig, wie solch alte Bäume brechen! Der Wind ist ein geschickter Holzhacker!‹ Doch alles Bisherige gibt wahrhaftig keinen Begriff von der Gewalt dieser Sprengmasse. Ich wollte eine weitere Probe damit anstellen, dieses Mal an Gestein, und so ging ich nach dem verlassenen Steinbruch hinter der Straße nach Sainte-Savine. Dort legte ich in eine Höhlung eine ansehnliche Petarde wie bei der alten Eiche. Es waren reichlich dreihundert Raummeter Erde und Gestein, was in die Luft springen sollte. Bei anbrechender Nacht zog ich mich, nachdem Feuer gelegt war, zurück. Daß vor Tag niemand in diese Gegend kommen würde, wußte ich gewiß, ein Unfall war also nicht zu befürchten. Der Knall war wieder äußerst schwach, ich konnte ihn auf einen Kilometer Entfernung kaum unterscheiden. Am folgenden Morgen ging ich hinaus, um nach der Wirkung zu sehen. – Erschreckend, sage ich dir. Der ganze ungeheure Würfel war gehoben worden und im Untergrund ein trichterförmiges Loch von sechs Meter Tiefe aufgewühlt. Ich getraue mir zu sagen, daß man mit einer entsprechenden Ladung einen ganzen Berg wegheben könnte. Wenn es den Spaniern einmal einfallen sollte, Gibraltar aus der Welt zu wünschen, mit dieser Sprengmasse könnten sie es beseitigen! Ein schönes Bild wär's – Felsen, Wälle, Geschütze, Kasematten, alles auf einmal ins blaue Meer fliegend!« »Hast du die Rezepte ausgearbeitet?« »Nein, bis jetzt noch nicht.« »Sei so gut, sie fertigzustellen und sie mir zu geben. Ich möchte sie mit nach Paris nehmen und dem Patentamt übergeben. Der Augenblick ist da, sich ihrer zu bedienen.« »Du kannst sie morgen früh haben, Onkel Graff, das ist eine Kleinigkeit.« »Siehst du, dein Vater und ich, wir arbeiten an der Ausführung eines folgenschweren Planes. Baradier, der sich ja einen hervorragenden geschäftlichen Spürsinns rühmen kann, hat Lichtenbachs unterirdische Wühlereien aufgedeckt. Der alte Spitzbube ließ die Aktien der Sprengstoffgesellschaft, die auf ein Minimum gesunken waren, massenhaft verkaufen, und wir zerbrachen uns lang die Köpfe darüber, warum die Entwertung immerfort zunahm, bis uns der Zufall den Beweis in die Hände spielte, daß Lichtenbach die Gesellschaft planmäßig zu Grund richtete, um zu seinem Vorteil eine neue zu gründen. Er arbeitete dabei durch sieben oder acht Winkelmakler, von denen einer unvorsichtige Äußerungen gethan hat, die uns plötzlich Klarheit gaben. Nun hat dein Vater, dem's bekanntlich nicht an Waghalsigkeit fehlt, auf der Stelle aufkaufen lassen, was Lichtenbach hergab, und die Entwertung hat sich im Nu in eine Preissteigerung verwandelt. Wir sind zur Zeit im Besitz von zweimalhunderttausend Aktien der Sprengstoffgesellschaft, die wir zu einem Schleuderpreis gekauft haben, und die morgen, sobald das Patent des neuen Sprengstoffs ausgestellt und von der Gesellschaft erworben ist, hoch über Pari stehen. Das ist ein furchtbarer Gegenzug. Gelingt er, so ist unser Vermögen verzehnfacht und wir haben Lichtenbach angethan, was er seinen Aktionären anthun wollte. Unser Gewinn ist sein Verlust. Dann werden wir, wie ich hoffe, mit ihm fertig sein.« »Nun denn, Onkel Graff, die Rezepte sollst du morgen haben und du kannst damit machen, was du willst,« »Was ich damit machen will? Ein Vermögen für Fräulein von Trémont in erster Linie und dann soll auch noch ein Zuwachs des unsrigen dabei abfallen.« »Ach! Seid ihr denn immer noch nicht reich genug?« »Doch, ich wenigstens wäre zufrieden, aber dein Vater hat Ehrgeiz. Er will in allem das Höchste erreichen und behauptet, nicht einzusehen, weshalb Franzosen nicht ebenso große Reichtümer ansammeln könnten wie Amerikaner.« »Aha! Die Vanderbilts und Astors lassen ihn nicht ruhen! Welche Schwachheit!« »Lieber Junge, du verstehst die Trunkenheit des Erfolgs noch nicht, die auch die klarsten und ruhigsten Geister ergreift! Du weißt, welch bedürfnisloser Mensch dein Vater ist ... im Geldverbrauch hast du es schon viel weiter gebracht! Hier handelt es sich nicht mehr um die Mittel zum Lebensgenuß, sondern um den Ehrgeiz der Zahlen!« »Ich weiß es wohl, und gerade das ist in meinen Augen das Schlimme. Es wäre besser, weniger reich zu sein und mehr auszugeben. Welch eine Waffe gebt ihr nicht den Sozialisten in die Hand, die uns in diesem Augenblick Fehde ankündigen! Wie wollt ihr vor ihnen eine derartige Anhäufung von Kapital rechtfertigen, worüber ein einzelner verfügt, indes die Masse sich abmüht, leidet und darbt? Sieh, Onkel Graff, das einzige, was Reichtum verzeihlich macht, ist viel auszugeben, damit der Überfluß sich in zahlreiche Kanäle ergieße. Wenn mein Vater nun einmal so viel Geld hat, wäre mir's lieb, er würfe es zum Fenster hinaus, denn da könnten's die auflesen, die draußen stehen, und ihr Elend wäre wenigstens für eine Weile gemildert. Ich wollte, daß er bei allen Bildhauern Statuen, bei allen Malern Bilder bestellte, nur damit der Reichtum ins Rollen käme, statt sich in Gewölben anzuhäufen. Welchen Anteil soll ich denn an den Aktien dieser oder jener Gesellschaft nehmen? Was kann ich mir denn bei diesem oder jenem Papier denken, wenn nicht die Arbeit einer Schar von Männern, die mit ihrem sauern Schweiß die Dividende verdienen, die den Aktionär zum reichen Mann macht? Siehst du, Onkel Graff, das ist weder sittlich, noch gerecht, noch menschlich, und ich glaube, daß ein Verschwender wie ich, vom sozialen Standpunkt aus, der richtige Ausgleich ist für einen Schätzesammler wie mein Vater.« »Aber Marcel, deines Vaters Arbeit bereichert nicht nur ihn, sondern auch das Land, seine Ersparnisse kräftigen die Nation. Die großen Vermögen sind die Hilfsquellen, die in der Stunde der Not die Thatkraft eines Volkes speisen, dein Vater nützt als Bürger durch seinen Reichtum, so gut wie der Erfinder durch sein Genie, der Feldherr durch sein Talent. Dein Vater wird dem Erfinder die Mittel zuwenden, um seine Gedanken zu verwirklichen, er wird die Geschütze, die vervollkommneten Waffen des Soldaten bezahlen. Jeder von uns hat im Leben wie in der Gesellschaft seine besondere Aufgabe zu erfüllen, und ich kann dir nur sagen, daß die deines Vaters nicht zu den unwichtigen oder gar verächtlichen gehört!« »Onkel Graff, ich spreche von Gefühlen und du antwortest mir mit Nationalökonomie, da können wir uns unmöglich verständigen! Ich habe recht, wie du recht hast, der Unterschied liegt nur darin, daß wir gar nicht von der nämlichen Sache sprechen!« »Und ferner darin, daß wir nicht der nämlichen Generation angehören. Die Ideen der Menschen wechseln mehrmals im Lauf eines Jahrhunderts, und die Väter urteilen nicht wie ihre Kinder. Dein Vater und ich, wir haben den großen Krieg, den Zusammenbruch erlebt und wir erinnern uns des Lösegelds, das Frankreich zu bezahlen hatte. Das hat uns vorsichtig oder, wie du meinst, knickerig gemacht für den Rest unserer Tage. Als du zur Welt kamst, war der Wohlstand schon wieder im Aufblühen, und aufgewachsen bist du unterm Einfluß der Republik, deshalb hast du von Grund aus andere Anschauungen als wir. Du willst die Gleichheit, wir, das sage ich dir aber nur ganz leise, wir wollen sie nicht. Auf mich hat mein Vater die Achtung vor den Gesellschaftsklassen übertragen, mir steht ein Fabrikant höher als ein Kaufmann, ich schätze einen Advokaten, einen Notar, einen Richter mehr, als einen Maler oder Schriftsteller. Darin wird mich niemand umstimmen, so denke ich nun einmal. Es entgeht mir nicht, daß um mich her andere Anschauungen entstehen, aber ich kann nicht mehr teil daran nehmen, ich werde als unbußfertiger Sünder sterben. Deine Generation hat viel weniger Ehrfurcht als die unsrige: du verkehrst mit einem alten, berühmten, mit Ehren überhäuften Mann auf gleichem Fuß, behandelst ihn kameradschaftlich, mir aber wäre das rein unmöglich. Ebensowenig ginge es mir ein, wenn der Werkführer in der Fabrik, mich als seinesgleichen behandeln, mir auf die Schulter klopfen wollte. Möglich, daß ihr recht habt, du und deine Altersgenossen, aber ehrlich gesagt, ich glaube es nicht. Nun, es wird sich ja zeigen, wie eure Kinder ausfallen, falls ihr welche bekommt, denn Ehe und Familie gehören ja auch zum überwundenen Standpunkt für euch, sie kommen aus der Mode.« »Was du einem für Sachen hinsagst, und dabei thust du, als ob du einem gar nicht zu nahe trätest. Mein Vater würde mich jetzt schon dreimal einen Esel genannt haben und mir doch alle Gründe schuldig geblieben sein. Du dagegen hast eine ganz andere Art, und wenn ich dich höre, wird mir's weit eher zweifelhaft, ob ich im Recht bin! Und dann bist du so gut, Onkel, daß ich gar nicht im stande bin, dir gegenüber auf meinem Kopf zu beharren.« »Kleiner Racker, du seifst mich ein, umschlingst mich mit Blumengewinden, bis ich nach deiner Pfeife tanze. Du bist im Grund ein rechter Schlaukopf, der uns, glaube ich, alle am Gängelband führt.« »Aber Onkel Graff!« »Hör einmal, so verbindlich bist du doch nicht für nichts und wieder nichts,« rief Graff lachend. »Willst du mir etwa wieder das Vergnügen machen, dich aus einer Patsche zu ziehen?« »Wahrhaftig nein, Onkel, ich sage dir ohne alle selbstsüchtigen Absichten meine Herzensmeinung!« »Ja, du bist im ganzen ein anständiger Junge, der seine bösen Augenblicke und guten Viertelstunden hat! Du bist also gegenwärtig vernünftig, hm?« »Es wäre schwierig, es hier nicht zu sein!« versetzte Marcel mit einem beteuernden Blick gen Himmel in aller Ruhe. »Aha, es fehlt an Gelegenheit! Ich hatte schon geglaubt, du würdest auch auf einer wüsten Insel die Möglichkeit entdecken, dich zu verlieben und Schulden zu machen!« »Freilich, aber wer würde sie bezahlen, wenn mein Onkel nicht auch dabei wäre?« »Ich glaube, du machst dich über mich lustig, Schlingel!« »Nein, Onkel, ich bin ganz ernsthaft und höchst vernünftig, verlasse mein Laboratorium höchstens, um im Wald spazieren zu gehen, und habe, seit ich hier bin, noch keine fünfundzwanzig Franken ausgegeben.« »Himmel! Müssen die Frauen häßlich sein in dieser Gegend!« »Schön sind sie allerdings nicht.« Ein wildes Geschrei, das aus der Richtung der Stadt hörbar wurde, schnitt das Gespräch ab. Es kam näher, und jetzt sah man auch Lichtschein. Dumpfes Getrappel wie von einer dahinziehenden Herde ertönte auf der Straße und nach kurzer Zeit konnte man unterscheiden, daß die von hundert Stimmen gebrüllte Arbeitermarseillaise abermals beleidigend von den Fabrikmauern widerhallte. Es waren die von ihren Frauen begleiteten Arbeiter, die, aus dem Wirtshaus kommend, die schlafende Stadt und ihre friedlichen Bürger mit Drohungen von Mord und Brand erschreckten. Marcel und Onkel Graff standen im Hintergrund des Gartens und ließen den kreischenden, heulenden Strom an sich vorüberziehen. Die Leute schwenkten rasch zusammengeraffte Kienfackeln, deren Rauch und Qualm ihnen ein Bild der Feuersbrunst war, worin die Zwingburg samt den Zwingherren untergehen sollte. »Hörst du?« sagte Onkel Graff zu seinem Neffen. »Alle Fabrikanten wollen sie aufknüpfen, und doch ist unter all diesen Leuten nicht einer, dem wir nicht beispringen würden, wenn Not und Krankheit über ihn kommt, der unserer Hilfe und Teilnahme nicht gewiß wäre! Wir haben ihnen Arbeiterhäuser gegründet, wo sie vortrefflich wohnen, Schulen für ihre Kinder, Pflegeanstalten für ihre Kranken, Konsumvereine, wo sie alles zum billigsten Preis bekommen ... nur das Wirtshaus ist nicht unsere Schöpfung, und dort kaufen sie sich den Haß gegen uns! Der Alkohol ist ihr Herr und dieser Gebieter kennt kein Erbarmen, er schenkt ihnen nichts!« Nun war das letzte Ende des Zugs vorüber. Sei es, daß man die beiden Männergestalten in dem dunkeln Garten doch bemerkt hatte, sei es, daß man nur aufs Geratewohl den Schrei des Aufruhrs und der Rache gegen das Haus schleudern wollte, genug, die Nachzügler, die am schwersten betrunken waren und wohl auch die geringsten und hilfsbedürftigsten unter den Arbeitern sein mochten, plärrten aus voller Kehle: »Nieder mit den Protzen! Nieder mit den Blutsaugern!« Dann verklang der Lärm allmählich, und Stille herrschte wieder. Traurig den Kopf schüttelnd, sagte Graff: »Komm, du Blutsauger! Wir wollen zu Bett gehen.« Am anderen Morgen war der Onkel Graff zeitig in Bewegung: er suchte Cardez auf, um sich mit ihm zu beraten. Auch Marcel kam früher als sonst ins Laboratorium, denn er hatte ja versprochen, die Rezepte lesbar zusammenzustellen. Er traf Baudoin noch an der Morgenarbeit und bewunderte die ungewohnte Sauberkeit, die in seinem Kapernaum und unter seinen Reagenzgläsern herrschte. »So reinlich hat es hier schon lange nicht mehr ausgesehen,« bemerkte er. »Der Staub wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht! Aber, Baudoin, ich bitte Sie nur, die Chemikalien nicht anzurühren, es sind höchst gefährliche darunter.« »O Herr Marcel, mich kennen sie schon! Ich habe ja zu Zeiten meines seligen Generals genug mit ihnen zu schaffen gehabt und habe mir immer gemerkt, was er mir einschärfte: ›Baudoin, ich sage dir ein für allemal, nichts vermischen!‹ Nach dem, was dann in Vanves vorgefallen ist, werde ich mich vollends hüten, die Schmieralien durcheinander zu manschen!« »Haben Sie wirklich hier geschlafen, Baudoin?« »Jawohl, Herr Marcel. Ich habe mir da oben auf dem kleinen Speicher ein Bett zurecht gemacht und befinde mich sehr wohl dabei, wenigstens bin ich ruhiger. Solange wir die bösen Gesellen im Ort haben, werde ich immer hier schlafen, aber nur mit einem Auge!« »Ich glaube, Baudoin, daß es den Leuten, die Sie im Sinn haben, viel mehr um die Fabrik zu thun ist, als um mein Laboratorium!« »Das weiß man doch nicht, Herr Marcel. Es ist eine wunderlich gemischte Gesellschaft, die uns seit ein paar Tagen die Ehre erweist ...« »Man könnte wirklich meinen, Sie hätten ganz merkwürdige Entdeckungen gemacht?« Baudoin ließ den Kopf hängen. Er bekam Angst, gegen Laforêts Geheiß zu viel gesagt zu haben. »Ach, Herr Marcel, dazu bin ich nicht der Mann,« sagte er einlenkend. »Dazu würde ein klügerer Kopf gehören, und darum bitte ich Sie, nur recht auf Ihrer Hut zu sein und niemand zu trauen, gar niemand.« Die Beharrlichkeit dieser Warnungen fiel Marcel auf. Was sollte der geheimnisvolle Rat bedeuten, den ihm sein Diener noch im Hinausgehen gegeben hatte? Wußte der Mann etwa mehr, als er sagen wollte? Wen meinte er mit diesem: »Trauen Sie gar niemand?« Unwillkürlich tauchte Frau von Vignolas berückende Gestalt vor ihm auf – war sie es, vor der er sich hüten sollte? Er sah sie vor sich in ihrer träumerischen Ruhe, wie sie ihre traurigen Gedanken durch den Wald von Bossicant trug. Was konnte er von ihr zu fürchten haben? Welche Gefahren konnte ihm die zarte Frau bereiten, außer der einer unerwiderten Liebe? Ach! Diese Gefahr war freilich ernsthaft genug! Die furchtbarste, die ihm für den Augenblick denkbar war, und eine, wogegen er sich ganz machtlos fühlte. Sie lieben und doch nicht dahin gelangen, ihr Herz zu erweichen? Was sollte aus ihm werden, wenn ein solches Mißgeschick seiner harrte? Er konnte nicht ohne wahre Verzweiflung an diese Möglichkeit denken, derart hatte sich die junge Frau schon seines Herzens und seines Geistes bemächtigt. Schwer bedrückt ging er gesenkten Hauptes im Laboratorium hin und her und kam erst wieder zur Besinnung, als die Thüre aufging und der Onkel Graff eintrat. »Du weißt doch, daß wir auf zehn Uhr die Zusammenkunft mit dem Arbeiterausschuß verabredet haben?« fragte er. »Gewiß, ich hab's nicht vergessen.« »Was ist dir denn, Marcel? Du bist nicht wie sonst ... hast du Verdruß gehabt?« »Durchaus nicht; mich nimmt nur unsere Lage in Anspruch. Du hast mit Cardez gesprochen? Worin bestehen denn eigentlich die Forderungen dieser Arbeiter?« »O, sie haben mancherlei Wünsche! Vor allen Dingen weniger Arbeit und mehr Lohn, ferner das Recht, die Werkführer selbst zu wählen, die Unterstützungs- und Krankenkasse selbst zu verwalten, für die Unfallversicherung keinen Abzug mehr zu erleiden. Mein Gott, über all diese Punkte kann man sich ja verständigen und ich bin gern bereit, Opfer zu bringen, dann kommt aber eine alles übersteigende Forderung, die möglicherweise jedes Übereinkommen verhindert.« »Und die wäre?« »Die Entlassung von Cardez, dem die Arbeiter alle Strenge zur Last legen, die indes unbedingt von der Arbeit selbst erfordert wird, soll ein so großes Geschäft im Gang erhalten werden ...« »Entlassung des Direktors! Dann werden sie morgen die unserige verlangen!« »Ja, mein Junge, und dann hast du ja nur die reine und einfache Erfüllung des kollektivistischen Ideals! Die Werkstatt gehört dem Arbeiter, der Boden dem Bauern, das heißt also, Grundbesitzer und Unternehmer sind entthront. Wir gehen jetzt kerzengerade darauf los.« »In diesen Punkten kann von Nachgeben natürlich nicht die Rede sein,« entgegnete Marcel kühl. »Jede Gewalt aus der Hand geben, nicht mehr Herr im eigenen Hause sein? Um keinen Preis, unter keinem Vorwand! Für seine Arbeiter sorgen, wohl und gut, aber sich von ihnen auf der Nase tanzen lassen, nie und nimmermehr!« »Oho, nur nicht so hitzig!« bemerkte der Onkel Graff lächelnd. »Du fällst von einem Extrem ins andere. Gestern Feuer und Flamme für den Umsturz, heute früh zu eisernem Widerstand entschlossen. So geht die Sache nicht: der goldene Mittelweg ist immer noch der ratsamste, und diesen gedenke ich zu beschreiten. Ich gebe vorderhand die Hoffnung noch nicht auf, die Leute wieder zur Besinnung und Vernunft zu bringen, von dir aber möchte ich eines verlangen ...« »Und das wäre?« »Daß du dich aus dem Staub machst und bei der Zusammenkunft nicht anwesend bist.« »Ist das eine Idee!« fuhr Marcel auf. »Die stammt nicht von dir, Onkel Graff! Die hat dir Cardez eingeblasen!« »Nun ja ... Cardez ist allerdings derselben Meinung. Er fürchtet dein Ungestüm, sieht voraus, du werdest dich nicht genügend beherrschen können. Deine ihm wohlbekannten Anschauungen ...« »Der Schafskopf! Er soll nur seine Anschauungen erst ins Lot bringen! Nachdem er uns durch ganz überflüssige Neuerungen die Arbeiter feindselig gestimmt hat, wagte er, auch noch den Wunsch auszusprechen, daß der Sohn des Hauses sich fernhalte von einem Kampf, der seine materiellen und idealen Interessen so nahe berührt? Und er bildet sich ein, daß ich mir diese Ausschließung gefallen lassen werde! Der Mann kennt mich schlecht!« »Wenn ich selbst aber auch besonderen Wert darauf legte, daß du der Sache fern bleibst?« »Und warum, Onkel Graff?« Der Onkel war etwas verlegen, zögerte eine Weile mit der Antwort, entschloß sich aber schließlich zu sprechen. »Ich hätte dir lieber nicht alle meine Gründe gesagt, aber freilich ... die Sache ist die, daß unsere heutige Zusammenkunft möglicherweise ernsthafte Unordnungen nach sich ziehen wird. Wir sind benachrichtigt worden, daß die Arbeiter sehr erregt sind, bis aufs Äußerste bei ihren Forderungen beharren werden, kurz, daß heftige Scenen, ja Gewaltthätigkeiten zu befürchten sind.« »Und wenn? Da ist doch um so mehr Grund vorhanden, daß ich anwesend bin.« »Wenn ich's zugebe, so lade ich deinem Vater gegenüber die schwerste Verantwortlichkeit auf mich.« »Aber was hast du denn eigentlich erwartet, daß ich thun werde?« »Daß du so vernünftig sein würdest, nach Paris zu fahren ...« »Und dich mit der wütenden Meute allein zu lassen? Du hast wirklich eine nette Meinung von deinem Neffen!« »Komm, komm, mein Junge, zanken wir uns nicht! Ich bin ein alter Mann, den die Leute hier nicht ungern sehen, und darf hoffen, leidlich mit ihnen fertig zu werden; wenn ich aber dich dabei zu überwachen habe, so wird die Aufgabe doppelt so schwierig, und ich muß dir ehrlich sagen, daß du mir gehörig im Weg wärest. Du hast keinerlei Amt hier, du bist hier nichts als ein Erfinder und bist einer ganzen Gruppe von Arbeitern mißliebig, gerade wegen deiner Erfindungen. Sie behaupten ja, du wollest sie um den Verdienst bringen, indem du Maschinenarbeit an Stelle der Handarbeit zu setzen suchest ... kurz, ich kann dir nur wiederholen, Marcel, daß ich triftige Gründe habe, dich zu entfernen, und daß es sehr vernünftig von dir wäre, dich meinen Wünschen zu fügen.« »Nun denn, daß Vernunft nicht meine starke Seite ist, weißt du ja schon lange: ich habe dies mehr als einmal bewiesen und werde es noch einmal beweisen, indem ich dir nicht gehorche. Mag sich darüber ärgern, wer Lust hat, mir ist's einerlei, ich werde leinen Zoll breit von deiner Seite weichen. Ich will mich aber ganz ruhig verhalten und dich ja nicht von deiner Aufgabe ablenken, nur dabei sein will ich. weil es mein gutes Recht und meine Pflicht ist, neben dir auf dem Posten zu stehen. Wer weiß, ob du, wenn ich dir gehorchen wollte, nicht selbst nach einiger Zeit denken würdest: ›Im Grund hat mir's der Junge recht leicht gemacht, ihn fortzuschicken; auf Gefahren scheint er minder erpicht zu sein, als aufs Vergnügen!‹« Der Onkel sah den jungen Mann aufmerksam von der Seite an, als er diese Worte sprach, und sein bekümmertes Gesicht heiterte sich mehr und mehr auf dabei. Marcels warme Beredsamkeit that ihm wohl: die Mißbilligung seines Ungehorsams wich mehr und mehr der Freude, den Neffen so mutig, hingebend und liebevoll zu finden. Ja, besonders Marcels Liebe that ihm wohl; das weiche Herz des alten Junggesellen fühlte sich köstlich erwärmt davon. Er hing ja an dem Neffen wie an einem leiblichen Sohn, und sich von ihm so geliebt zu sehen, verwischte alle Unzufriedenheit, rief ein seltenes, inniges Glücksgefühl wach. Natürlich konnte er ja nicht eingestehen, welch tiefe Befriedigung ihm der offene Widerstand gegen sein Geheiß bereitete, und so zog er die Stirne sehr kraus und sagte, obwohl die Augen dazu lachten, in verletztem, mürrischem Ton: »Schön! Zwingen kann ich dich ja nicht. Setze also deinen Kopf durch, aber wenn daraus Unheil entsteht, so trägst du die Verantwortung ...« »Onkel Graff, wir werden miteinander siegen oder sterben!« rief Marcel übermütig. »Welch schöneres Ende konnte ich mir wünschen, und wie prächtig werden wir uns in den Vermischten Nachrichten ausnehmen!« »Das ginge mir gerade ab!« »Und welche Vorsichtsmaßregeln wirst du denn treffen, um nicht von dem Löwen Volkswut aufgefressen zu werden?« »Gar keine! Ich bin überzeugt, daß mir durch Waffengewalt nicht weit kämen, und habe die Behörde dringend ersucht, ja keine Truppen aufzubieten ... sie wollten uns nämlich Dragoner schicken. Warum nicht gar Artillerie?« »Und wer sind denn die Abgesandten, mit denen wir verhandeln müssen?« »Es sind ihrer acht; Anführer und Sprecher ist der berühmte Balestrier.« »Ein aufgeweckter Bursche, nur hat er mehr Bücher gelesen, als er verdauen konnte. Nationalökonomie vom Biertisch,« Die anderen sind schlichte Leute, denen die Genossen von Troyes die Köpfe verdreht haben und die, wie ich fürchte, um so rüpelhafter auftreten werden, als sie eigentlich von Natur friedlich sind. Man stürzt sich dann in eine Rolle und trägt um so stärker auf ...« »Nun, wir werden ja sehen, wie sie sich anstellen!« Marcel zog den Onkel zum Tisch in seinem Laboratorium und wies auf eine bauchige Glasflasche von mäßiger Größe. »Siehst du die Flasche dort, Onkel Graff? Mit einem brennenden Streichholz und ihrem Inhalt könnte ich die Aufwiegler in einer Sekunde in die Luft sprengen!« »Das ist also das berühmte Pulver?« »Ja. das ist's!« »Zeig mir's doch.« Marcel nahm das Glas, entkorkte es und ließ die kleinen braunen Körner, die es enthielt, in seine Hand rinnen. Ein starker Kampfergeruch verbreitete sich im Zimmer. »Das ist das Schießpulver für Kriegszwecke, Es ist hier lamellengeformt, kann aber auch in Täfelchen hergestellt werden, die dann ungefähr aussehen wie Hosenknöpfe ohne Loch. Diese längliche Form ist besser für das Laden größerer Geschosse, die Täfelchen dagegen eignen sich mehr für die Füllung von Patronen. In nicht gepreßtem Zustand brennt es ab wie armenisches Papier ohne Rauch und mit einem Geruch nach Sandelholz. Soll ich dir's zeigen?« »Nein, nein!« rief der Onkel Graff mit Überzeugung. »Es ist mir überhaupt gar nicht wohl dabei, wenn du das Zeug so in die Hand nimmst, man weiß ja nie ... es kann losgehen, wenn man's am wenigsten erwartet.« »Das ist rein unmöglich! Du kannst es in die Rocktasche stecken ... der Kampfergeruch würde im Sommer vor den Motten schützen, dafür ließe sich's auch verwerten,« versicherte Marcel lachend, aber der Onkel ließ sich nicht vollständig beruhigen und bat ihn, sein Pulver wieder ins Glas und dieses an seinen Platz zu thun. »Und die Sprengmasse für industrielle Zwecke?« »Davon habe ich gegenwärtig keine Probe vorrätig, aber das Rezept liegt fix und fertig dort in der Schublade meines Schreibtischs ...« »Und damit läßt sich Trémonts Entdeckung verwerten?« »Ja, vorausgesetzt, daß man weiß, wie man's anzugreifen hat. Die Herstellungsweise ist mein Geheimnis, das ich nicht preisgeben werde, ehe man thatsächlich an die Fabrikation geht. Die dazu nötigen Materialien und das Verhältnis der Zusammensetzung sind aber genau angegeben.« Marcel zog die Schublade auf und entnahm ihr ein Blatt Papier, das die Aufschrift: Formel des Pulvers Nummer 1 trug, darunter mehrere Linien abgekürzter Wörter und Zahlen. Er bot dem Onkel das Blatt hin, dieser nahm es aber nicht. »Laß es in dieser Schublade,« sagte er. »Augenblicklich kann ich nichts damit machen, gib mir's lieber heute abend nach der Verhandlung. Ich werde dann deinem Vater schreiben und ihm das Blatt zuschicken.« »Wie du willst.« Marcel legte das Blatt an seinen vorigen Platz und verschloß die Schublade. »Ich gehe jetzt zu Cardez,« sagte Graff. »Wenn du mir etwas zu sagen haben solltest, triffst du mich dort.« Als Marcel allein war, ging er ein paarmal im Zimmer auf und ab und trat dann ans offene Fenster, um auf den unmittelbar darunter liegenden Fluß zu blicken. Ein Fischer hatte sein Boot mitten in der Strömung festgelegt und streute ringsum weichgekochte Getreidekörner ins Wasser. Ein großer Strohhut bedeckte den Kopf des Mannes, der seinen grauen Rock über den Rücken gehängt hatte. Er schien Marcel nicht einmal zu bemerken, stopfte sich seine Pfeife, steckte sie an, setzte sich ins Hinterteil seines flachen Nachens und fing an, die Angel auszuwerfen, woran er ein paar Würmer befestigt hatte. Nach ganz kurze Zeit schon fühlte er einen Ruck an der Schnur, worauf er sie rasch hereinzog und ein stattlicher Weißfisch mit silberglitzerndem Bauch ins Boot fiel. Marcel fand Gefallen am Zusehen und setzte sich auf den Fenstersims, wo er eine gute Viertelstunde lang den überaus ergiebigen Fischfang beobachtete. Dann ging die Thüre auf und Baudoin trat mit sehr verstimmtem Gesicht herein. »Beim Pförtner ist jemand, der Sie sprechen will, Herr Marcel,« meldete er in einem Ton und mit einer Miene, als ob er seinen Auftrag bedeutend lieber nicht ausgerichtet haben würde. »Wer denn?« Baudoin schnitt ein Gesicht. »Ein Frauenzimmer. Wird eine Kammerjungfer sein.« Marcel sprang auf; sein erster Gedanke war, es werde Milona sein und Frau von Vignola sei am Ende etwas zugestoßen. Verdrießlich sah Baudoin dem eilends Hinausstürmenden nach. »Wie er rennt! Ja, die hat ihn fest im Bann, diese Person! Und diese Jungfer! Die helle Zigeunerin! Eine faule Bande!« Marcel traf vor der Pförtnerwohnung richtig Milona. Sie hastig beiseite ziehend, fragte er: »Ihrer Dame ist doch nichts zugestoßen?« »Nein, sonst wäre ich nicht hier,« versetzte Milona ruhig lächelnd. »Aber meine Herrin ist in Sorge um Sie. Heute nacht hat sie wüstes, drohendes Geschrei gehört und Fackelschein gesehen. Sie weiß aus Erfahrung, was solche Dinge bedeuten und was verrückt gewordenes Volk anrichten kann. Sie will Sie sprechen, von Ihnen selbst hören, was diese Unruhen zu bedeuten haben. Sie müssen Sie beruhigen ...« »Darf ich Sie jetzt besuchen, Milona?« »Sie werden erwartet.« Marcel beherrschte seine Freude kaum. »Gehen Sie rasch voran! Ich kann nicht wohl mit Ihnen durch den Ort wandern. In ein paar Minuten komme ich nach. Melden Sie mich bei Ihrer Herrin,« Milona verbeugte sich mit einer gewissen stolzen Unterwürfigkeit und setzte mit einem beinahe zärtlichen Blick auf den jungen Mann hinzu: »Zögern Sie nicht lange! Sie ist nur heiter, wenn Sie da sind!« »O Milona!« flüsterte Marcel freudebebend, »Was hat sie Ihnen anvertraut?« »Nichts! Und wenn sie mir etwas anvertraut hätte, würde ich's nicht verraten. Aber ich sehe sie ja, sehe sie allein und sehe sie mit Ihnen ... ganz verwandelt ist sie dann! Kommen Sie bald! Sie hat geweint heute früh.« Ihm zunickend, preßte Milona den Finger an die Lippen und entfernte sich rasch. Mit wild pochendem Herzen sah ihr Marcel nach. Vor seinen Augen tanzten Feuerfunken; Streik, Arbeiter, der Onkel und seine schönen Vorsätze, alles war vergessen. Nur die blonde Frau, die in der Villa seiner wartete, stand vor seiner Seele und mit allen Kräften der Jugend und Liebe drängte es ihn zu ihr. Zehntes Kapitel. In der grünen Dämmerung des Wohnzimmers im Schweizerhause saßen Marcel und Frau von Vignola am offenen Fenster plaudernd dicht beisammen. Es war zehn Uhr vormittags. An dem lichtblauen Himmel stand die Sonne schon hoch, aber ihr heißer Strahl konnte, von den tief herabhängenden Zweigen vor dem Fenster gedämpft, nur lind und schmeichelnd bis zu den beiden Liebenden dringen. »Also selbst in diesem weltfernen Winkel,« sagte Frau von Vignola mit ihrer tiefen, ernsten Stimme, »so fern der Stadt, so von Wäldern umschlossen, keine Ruhe, kein Frieden!« »Sie haben es gerade heuer unglücklich getroffen, sonst sind die Bewohner von Ars ein harmloses, friedliches Völkchen, das noch nie Hang zu solchen Ausschreitungen gezeigt hat,« erwiderte Marcel. »Wenn unsere Leute bisher Anforderungen stellten, geschah es immer in aller Zucht und Ordnung, konnten sie ja doch der Gewährung berechtigter Wünsche im voraus sicher sein. Man kann sich gar nicht erklären, was für ein böser Geist plötzlich in die Leute gefahren ist.« Frau von Vignola lächelte leise. »Vermutlich haben sie schlechtem Rat Gehör geschenkt. Aber was kümmert mich das jetzt! Das Wesentliche ist für mich nur, daß Sie sich dem tollen Haufen nicht aussetzen ... als ich gestern abend ihr Geschrei hörte, ihre Drohungen gegen ihre Brotherren, bin ich in tiefster Seele erschrocken.« »Sie nehmen also ein wenig Anteil an mir?« »Wie können Sie nur fragen?« Er griff leidenschaftlich nach ihrer Hand, die ihm nicht entzogen wurde. »Ach, Anetta! Ich begreife nicht mehr, wie ich nur die geringste Freude am Leben haben konnte, ehe ich Sie kannte ... mir ist's, als hätte ich erst vor drei Wochen zu leben angefangen!« Sie drohte ihm schelmisch mit dem Finger. »Und dabei hat der junge Herr schon recht viele Abenteuer gehabt! Bilden Sie sich nur nicht ein, mich täuschen zu können, wie alle anderen, denen Sie von Ihrer Liebe sprachen!« »Von Liebe? Ich habe nie geliebt, das weiß ich jetzt.« »Marcel, haben Sie die Barmherzigkeit, ehrlich zu sein und mich nicht zu belügen. Ich habe viel gelitten bis hierher, aber gelitten, weil ich ein leeres, gleichgültiges Herz hatte ... jetzt bangt mir vor dem, was ich leiden soll, weil ich lieben werde ...« »O, haben Sie doch nur Vertrauen zu mir! Sie werden durch mich vergessen, was Sie gelitten haben ... Sie sind so jung und die Zukunft kann so schön sein. ... Ich will Sie ganz für mich haben. Ihre Trauer wird ja auch zu Ende gehen, dann werden Sie wieder Herrin Ihres Schicksals ... Anetta, geben Sie mir das Recht, mit Ihrem Bruder zu sprechen?« »Mit Cesare?« lief die junge Frau sichtlich erschrocken. »Sie wollen ihm sagen ... o nein, nein, hüten Sie sich davor! Sie kennen ihn nicht! Von dem Augenblick an wäre er Ihr Todfeind!« »Und weshalb?« »Ach, das ist traurig ... traurig zu wissen, noch trauriger zu sagen. Cesare ist mittellos, ich aber bin durch das Erbe von meinem Mann reich ... wenn ich mich von ihm trennte, wenn ich nicht mehr frei sein würde, wären seine Einnahmen versiegt ... ein bescheidenes Leben, Einschränkungen, das wäre ihm rein unerträglich! Er leidet ja so darunter, seiner Geburt nicht Ehre machen zu können. Wir sind aus fürstlichem Geschlecht; die Briviesca waren die Herren von Mantua, ein Agostini Tyrann von Parma, aber dann kam der Niedergang, und Graf Cesare ist auf seine Gage als Rittmeister angewiesen, was für einen Mann, wie er, bittere Armut bedeutet! Seit ich Witwe bin, hat er die Verwaltung meines Vermögens in die Hand genommen ... wie ich glaube, zu seinem Vorteil ... ich habe nichts dagegen, ja es freut mich für ihn, denn er ist gut und ich habe ihn sehr lieb ...« »Wenn dem so ist, geben Sie ihm doch, was Sie besitzen. Habe ich denn Ihr Vermögen nötig? Ich will von Ihnen nichts, als eben Sie; lassen Sie dem Grafen, was Sie haben, geben Sie mir, was Sie sind! Ich werde ja auch reich werden, ja, wenn ich wollte, könnte ich Ihnen morgen mehr ersetzen, als was Sie mir geopfert haben würden ...« Dieses Wort schien ihr wunderlich vorzukommen. »Und bitte, sagen Sie mir, wie das zuginge?« fragte sie mit lachenden Augen, halb ungläubig, halb belustigt. Marcel sah diese Augen, sah den süßen fragenden Mund und war aufs neue bezaubert; kein Mißtrauen regte sich in ihm. »Ich bin im Besitz eines Fabrikationsgeheimnisses, dessen Ausbeutung die finanzielle Lage des Bergbaus vollständig umgestalten kann. Der sichere Ertrag wird nicht ausschließlich, aber doch zu einem Teil mir zufallen, und dieser Teil schon bedeutet ungeheuren Reichtum. Ohne mich kann nichts geschehen, man braucht mich, denn ich allein bin im stande, die Herstellung zu leiten.... Eine Aktiengesellschaft wird das Patent dieser Erfindung erwerben und ausnützen, und das bedeutet, hören Sie wohl, Anetta, nichts anderes als baldigen, ungeheuren, ja unerhörten Reichtum.« »O, erzählen Sie mir das! Erklären Sie mir's, lieber Freund ...« »Sie sind der erste und einzige Mensch, dem ich auch nur so viel darüber gesagt habe, aber kann ich Ihnen denn etwas vorenthalten? Und wenn Sie mir meine Ehre abverlangten, ich würde sie Ihnen geben ... was hätte ich auch zu fürchten von Ihnen, der reinen, arglosen, selbstlosen Frau? Ja, in meiner Hand liegt ein Geheimnis, das Ruhm und Macht verleiht. Der Ruhm gebührt dem Erfinder und ich schätze mich glücklich, ihn auf seinen Namen zu häufen, die Macht, eine unberechenbar große finanzielle Macht wird denen zufallen, die seine Gedanken in That umsetzen, verwerten ...« »Aber wenn Ihnen nun irgend etwas zustieße, mein Freund« fiel ihm Frau von Vignola erregt ins Wort, »wenn Sie von der Welt verschwänden, wenn jene Rasenden, die Sie anfeinden, Ihnen ein Leid anthäten, was würde dann aus Ihrem Werk? Sie Unbesonnener! Gewiß haben Sie ebensowenig daran gedacht, Ihr kostbares Geheimnis zu schützen, als wie Ihr teures Leben!« Mit diesen Worten schmiegte sie sich wie in qualvoller Angst an Marcel: ihr Hauch versengte ihn, wie ihre Blicke ihn berauschten; die Hände, die sie auf seine Schultern gestützt hatte, berührten ihn mit heißer Liebkosung. »So unbesonnen bin ich denn doch nicht,« erwiderte er. »Beruhigen Sie sich! Heute früh habe ich vorsichtshalber die Formeln dieser wunderbaren Entdeckung, das Rezept dazu, niedergeschrieben, genau festgestellt ...« »Und das tragen Sie bei sich?« fragte sie, als ob sie über dieser Möglichkeit erschrecke. »Nein, Geliebte, keine Sorge! Es liegt wohlverwahrt in meinem Laboratorium. Die Erfindung kann jetzt von niemand mehr zerstört werden. Wenn mir ein Unglück zustieße, wüßte mein Onkel Graff genau, wo das Blatt zu finden ist und wie er sich in seinen Besitz setzen kann, aber wie sollte mir Unheil drohen, jetzt, da ich Sie liebe? Sieg, Triumph ist mir gewiß, wenn Sie mich lieben!« »Zweifeln Sie noch daran, nach allem, was ich Ihnen gesagt habe?« rief sie in freudiger Hingebung. »Und wie sollte ich's denn angreifen, Sie nicht zu lieben, solch einen Schwärmer, wie Sie sind – Ihre junge Thorheit hat mir's angethan! Sie sind so anders, als die Menschen, mit denen ich früher gelebt habe. Bedenken Sie nur, wie mein Leben bisher verlaufen ist! Zuerst zwischen strengen, ernsthaften alten Eltern in einem düsteren, frostigen Palast Mailands. Dann mein Gatte ... so gut er war, so vieles er mir zuliebe thun wollte, er konnte doch meine zwanzig Jahre nicht mit seiner kühlen Altersweisheit verschmelzen. Ich habe im Leben nur Trauer und Langeweile kennengelernt, heute erst erwache ich und werde lebendig. Mir ist's, als ob ich bisher geschlafen hätte wie Dornröschen im Märchen ... Sie kamen zu mir und haben meine Augen aufgethan für die Schönheit des Lichts, Sie haben mein Ohr erschlossen für süße Liebesworte, mit unaussprechlichem Entzücken lebe, atme ich dem Glück entgegen ...« Die grüßte Künstlerin der Welt hätte diese lockenden, in Marcels Arm geflüsterten Worte nicht weicher und feiner abzutönen vermocht. Die junge Frau hielt das Gesicht dabei abgewendet, als hätte sie die Röte der Scham zu verbergen, ihr schlanker Leib aber schien vor Liebeswonne zu beben. Trunken von diesem Geständnis, in glühendem Verlangen, das die furchtbare Verführerin so klug zu schüren wußte, preßte Marcel den Kopf gegen Anettas Schulter. Ein betäubend starker, wollüstiger Duft, der von dem zarten und doch so kräftigen Körper ausströmte, brachte ihn vollends um die Besinnung. »Ich bete dich an,« stammelte er fassungslos. Jetzt wandte sie ihr Gesicht, wohl um ihn anzusehen, vielleicht um ihm zu antworten, ihre Lippen begegneten und fanden sich in einem verzehrenden Kuß. Rings um sie her herrschte tiefe Stille, das Zimmer war von grünem Dämmerlicht matt durchflutet, die Zeit zog dahin, ohne daß sie eines anderen Gedankens fähig gewesen wären, als der Gewißheit ihrer Liebe, des Dankes, den jedes dem anderen dafür wußte. Daß über das Meer von jungem Grün, das ihr verstecktes Liebesnest umgab, seltsame Laute hinschwebten, mehr und mehr anschwellend, daß der Klang der Sturmglocke von Ars weit hinausdrang über Feld und Wald, kam Marcel nur verworren, undeutlich zum Bewußtsein, ohne daß er die Kraft gehabt hätte, den Zauberbann abzuschütteln, der seine trunkenen Sinne umfing. Anetta war es, die zuerst, aus seinem Arm auffahrend, die Frage aussprach: »Was ist das?« Nun kehrte auch ihm die Besinnung zurück und er sagte, hinauslauschend: »Es kommt aus der Richtung der Stadt ... es klingt wie Geschrei, Rufen ...« Er beugte sich zum Fenster hinaus und jetzt packte ihn die Angst. »Das ist ja die Sturmglocke! Sollte ein Brand ausgebrochen sein ... mein Gott! Was geht vor? Wie konnte ich alles, alles vergessen ...« »Bereust du es?« sagte Anetta mit schmachtendem Blick. »Als ob ich diese Stunde nicht freudig mit meinem Leben bezahlen würde!« sagte er, sie wieder in die Arme schließend. »Aber du weißt ja, welche Gefahren uns in Ars bedrohen, und jetzt fürchte ich, daß in meiner Abwesenheit Ereignisse eingetreten sein könnten ...« Frau von Vignola eilte zur Thüre und rief nach Milo. Ohne ihre Frage abzuwarten, begann die rasch herbeigeeilte Dienerin: »Gnädige Frau, in Ars geht etwas vor. Man hört Rufen und Geschrei, die Glocken läuten und über dem Wald steigt schwarzer Rauch auf ... vielleicht, daß man vom Dach aus ...« »Ich gehe hinauf!« rief Marcel. »Milo, begleite ihn ... ich komme nach ...« Aber statt nachzukommen, trat die junge Frau an ihren Schreibtisch und warf hastig ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier. Schon ertönten Schritte auf der Treppe, mit verstörter Miene kam Marcel zurück. »Das Feuer muß in der Fabrik sein ... o Anetta, ich habe alles, alles vergessen um dich ... jetzt muß ich fort ...« »Marcel, bedenke, daß dein Leben mir gehört ...« Sie hatte die Arme um ihn geschlungen und wollte ihn festhalten. »Liebste, ich muß fort ... was würde man von mir denken? Du siehst mich heute abend wieder, jetzt laß mich gehen, es muß sein ...« »Es sei ... aber Milona muß dir aus der Ferne folgen, um mir Nachricht von dir zu bringen! Gib mir dein Wort, daß du vorsichtig sein willst ... mir zuliebe!« Ein letzter Kuß und schon eilte Marcel durch den Garten. Anetta drehte sich um und gab Milona den Zettel, den sie vorhin geschrieben hatte. »Laufe in die Stadt ... du wirst Hans als Bauer verkleidet in einem Fischerboot auf dem Fluß finden, gib ihm das, Milo, und komm gleich zurück ... Geh schnell, Milo, ... dieses Mal wird es gelingen!« »Und der junge Mann, Herrin? Was machen Sie mit ihm?« »Noch weiß ich's nicht,« versetzte Anetta mit einem Ausdruck von Trauer auf dem schönen Gesicht. »Milo, ich glaube, ich liebe ihn!« »Der arme Junge!« sagte die Dienerin mit einem matten Lächeln. »Er ist gut.« Damit trennten sich die beiden. Marcel stürmte der Stadt zu; bei der ersten Biegung der Straße konnte er Ars und die einzelnen Gebäude überblicken. Aus den Magazinen der Fabrik stieg qualmender Rauch auf, schon züngelten Flammen aus dem Dachstuhl. »Die Elenden!« schrie er auf, »Sie haben Feuer gelegt. Und der Onkel? Wenn er verunglückt wäre ...« Er flog in rasendem Lauf weiter, Jugend und Kraft, von Angst und Zorn gespornt, leisteten das Höchste. Von Schutzleuten zurückgedrängt, stauten sich die Schaulustigen in der Straße. Marcel bahnte sich mit den Fäusten eine Gasse, gelangte ans Thor, stieß den Wache haltenden Feuerwehrmann beiseite und gelangte atemlos, schweißtriefend in den Hof. Die Arbeiter bildeten eine Kette, um der städtischen Feuerspritze das Wasser in Eimern zuzureichen, während die eigene Spritze der Fabrik aus dem Wasserbecken für die Dampfmaschinen gespeist wurde. Als sie den Sohn des Hauses heranstürmen sahen, riefen sie ihm entgegen: »Ach, Herr Marcel! Endlich sind Sie da!« »Wie ist das Feuer entstanden?« fragte er keuchend. Tiefes Schweigen. Schrecklich anzusehen, fuhr Marcel auf die Arbeiter los, er, der einzelne, und ihrer waren es zweihundert. »Ihr seid's, Elende, ihr habt das Feuer gelegt! Ihr wollt das Haus, das euch ernährt hat, in Schutt und Asche legen!« »Nein, Herr Marcel!« schrie es durcheinander. »Nicht wir! Wir haben's nicht gewollt! Wenn man auch Forderungen stellt, ist man doch noch kein Lump! Wir sind keine Verbrecher! Es sind Fremde hier ... wir waren's nicht!« Er wurde ruhiger angesichts dieser abbittenden Haltung der Leute. »Wo ist mein Onkel Graff?« Ein Werkführer trat mit betroffener Miene vor. »Ach, Herr Marcel, wir können nichts dafür ... er ließ sich nicht abhalten ...« »Wo ist er?« »Im Comptoir mit Herrn Cardez und Ihrem Diener. Sie wollten die Bücher holen und die Kasse ...« »Aber das Haus brennt ja lichterloh!« schrie Marcel verzweifelt auf. »Wenn ihr sie nicht abhalten konntet, weshalb ist keiner mitgegangen?« Ein Donnergetöse in dem brennenden Gebäude schnitt ihm das Wort ab. Ein Funkenregen sprühte aus der Glut und schwarzer Rauch verhüllte den Himmel; ein Teil des Dachstuhls war eingestürzt. »Ja. wie soll man jetzt noch hineindringen?« fragte der Werkführer beklommen, »Das Comptoir liegt im Mittelbau, eingeklemmt zwischen der Weberei und den Magazinen, alles flammt ...« »Uebers Dach der Werkstatt?« »Wer wird's wagen?« sagte der Arbeiter, mutlos den Kopf schüttelnd. »Ich« »Aber es ist der sichere Tod!« »Gut, also auf die Gefahr hin.« »Wir lassen Sie nicht gehen. Was würde Ihr Herr Vater uns sagen?« »Und was würde er sagen, wenn ich nicht ginge?« Marcel griff nach einer Axt und stürzte sich in das Fabrikgebäude. Sengende Hitze und Brandgeruch schnürten ihm die Kehle zu, aber er drang weiter vor und stieg die Treppe hinauf, die zum Comptoir führte. Eine Wand von Flammen schnitt ihm den Weg ab. Rasch ging er zurück, kletterte aufs Dach des niedereren Flügels und gelangte, der Dachrinne folgend, wenn auch dem Ersticken nahe, bis auf den über den Comptoirräumen gelegenen Teil des Daches, den das Feuer noch nicht erreicht hatte. Hier blieb er stehen. Wenn Cardez und sein Onkel nach im Kassenzimmer waren, so hatten die Flammen sie jetzt vollkommen eingeschlossen, ein Entkommen war nur noch nach oben oder unten möglich. Ohne Zögern begann er mit mächtigen Axthieben den Fußboden zu zerschmettern. Vom Dach her hörte er Zurufe, und ohne mit der Arbeit inne zu halten, antwortete er: »Hierher! Im Speicher!« Es waren der Werkführer und drei wackere Arbeiter, die ihm mit Beilen und Brechstangen nachgekommen waren. Sie machten sich sofort ans Werk. Marcel allein schien Kraft für zehne zu haben, die Planken brachen unter seinen Axthieben wie dünnes Rohr, die Vergipsung zersplitterte, die Backsteine wichen und fielen polternd zu Boden. Jetzt war ein ansehnliches Loch im Fußboden entstanden, worauf Marcel sich platt auf den Bauch legte und mit Aufwand all seiner Kraft hinunterrief: »Onkel Graff, Cardez, Baudoin, seid ihr da?« Eine erstickte Stimme drang schwer verständlich herauf. »Du bist's. Kind? ... Ja. wir sind da ... Eile thut not... wir können nicht mehr ... der Rauch erstickt uns ...« »Nehmt euch in acht!« Vermittels der Brechstange erweiterte Marcel das Loch im Fußboden und alsbald quoll der Rauch herauf, wie durch einen Kamin. Als er sich ein wenig verzogen hatte, sah Marcel die drei Männer, die, ohne ihre Bücher und Mappen loszulassen, ergebungsvoll dem Tod oder der Befreiung entgegensahen. Die Rettung nahte, ein Strick kam durch das Loch herunter. »Baudoin! Meinen Onkel unter den Armen fest anbinden!« befahl Marcel. »Haben Sie's? Fertig?« »Ja!« »Anziehen!« Die vier Männer auf dem Speicher zogen gleichmäßig an, die Last wurde gehoben, und von Ruß geschwärzt, mit weißem Gips bestaubt, wurde der halb erstickte, an allen Gliedern zitternde Graff heraufgewunden und von Marcels starken Armen umfangen. Keiner sprach, aber Onkel und Neffe hielten sich schluchzend umfangen. Cardez wurde auf dieselbe Weise heraufbefördert, Baudoin aber schlang sich selbst das Seil um und arbeitete sich daran empor. »Habt ihr alles bei euch, was im Bureau zu retten war?« fragte Marcel. »Ich kann mich hinunterlassen, wenn es nötig ist.« »Nein!« rief Onkel Graff, die Sprache wiederfindend. »Wir haben die Bücher und Berechnungen, das genügt. Die Gebäude sind versichert, laßt sie brennen!« »Dann treten wir den Rückzug an ... die Luft wird hier auch dicker.« Schon rollte schwerer, schwarzer Rauch herein und hie und da züngelte eine Flamme auf. Marcel umfaßte den Onkel und stützte ihn auf dem Weg übers Dach. Als man die beiden Männer vom Hofflur erblickte, erschallte ein Jubelruf, der das Krachen und Heulen des Feuers übertönte. Die Spritzen wurden derart gerichtet, daß ihr Rückweg gesichert war, und Retter wie Gerettete gelangten über die eine noch unversehrte Treppe in den Hof, wo Graff indes einer Ohnmacht nahe auf einem Wollsack zusammenbrach. »Ein Glas Wasser!« rief Marcel. Im Nu hatte er eine Karaffe in der Hand; was er auch verlangt haben würde, man hätte das Unmögliche möglich gemacht, um ihm zu gehorchen. Man umdrängte ihn mit Ehrfurcht, sah ihn mit stolzer Zärtlichkeit an: die nämlichen Leute, die gestern abend gebrüllt hatten: »Nieder mit den Fabrikanten!« riefen jetzt aus Herzensgrund: »Hoch unser junger Herr!« Weil er vollbracht hatte, was sie sich nicht zugetraut haben würden, weil sie beschämt anerkennen mußten, daß er tapferer war, besser als sie, beugten sie sich ihm. »Cardez, nehmen Sie all die Bücher und Papiere zu sich in Ihre Wohnung,« sagte Marcel, »und du, Onkel, kommst mit mir in mein Laboratorium, daß du dich erholst.« »Nein, nein, ist nicht nötig ... ich kann jetzt wieder atmen ... es geht mir schon ganz gut. Aber zu rechter Zeit bist du gekommen, mein guter Junge! Eine Viertelstunde später, und du hättest keinen von uns dreien mehr am Leben getroffen ...« »Ach Onkel! Unglück genug, daß ich nicht von Anfang an dabei war!« »Wenn du dabei gewesen wärest, wären wir alle miteinander zu Grund gegangen... gerade deine Abwesenheit war die Rettung! So nur hast du uns retten können, du allein ...« »Aber sag mir nur, wie alles gekommen ist.« »Wir sind ja selbst ganz im Unklaren darüber! Schon eine Stunde lang war ich bei Cardez mit dem Arbeiterausschuß zusammen, und zwar hatten wir uns eingeschlossen. Die Anträge wurden Punkt für Punkt besprochen und ich muß sagen, daß ein friedliches Übereinkommen mit den verhetzten, übelwollenden Leuten mir sehr zweifelhaft erschien, als mir plötzlich durch den Ruf: »Feuer!« unterbrochen wurden. Die Arbeiter, die, im Hof stehend, auf ihre Vertrauensmänner warteten, hatten zuerst den dicken Rauch bemerkt, der aus dem Wollmagazin hervorbrach. Daß die Leute feindselig gestimmt waren, ist sicher. Als ich vorher mit Cardez an ihnen vorüber ins Verwaltungszimmer gegangen war, hatte uns ein hämisches Schweigen begrüßt: nicht einer hatte die Mütze gelüpft; wir hatten uns auf eigenem Grund und Boden in Feindesland fühlen müssen. Jetzt kam der Brand und im Nu waren die Arbeiter wie ausgetauscht. Als sie die Fabrik in Flammen stehen sahen, erfaßte sie die reinste Verzweiflung, denn sie sind ja im Grund gutmütig und anhänglich. Nach allen Seiten stoben sie auseinander mit dem Ruf: »An die Spritzen!«, dann holten sie die Eimer herbei und reihten sich mit Eifer in die Kette, und als ich mit Cardez heraustrat, rief man uns zu: »Herr Graff, wir sind's nicht! So wahr uns unsere Weiber und Kinder lieb sind, wir haben's nicht gethan!« Als man einen Luxemburger, Namens Verstraet, einen von den Fremden, die seit acht Tagen hier sind, in der Nähe des brennenden Flügels antraf, wurde er von unseren Leuten stürmisch der Brandstiftung bezichtigt, und wären wir nicht eingeschritten, sie hätten ihn totgeschlagen.« Marcel hörte diesen Bericht mit finsterer Miene an. Für ihn war ein Zusammenhang vorhanden zwischen dem Brand und der wunderlichen Angst um das Laboratorium, die Baudoin wiederholt an den Tag gelegt hatte. »Solange wir die schlimmen Gesellen hier haben,« hörte er seinen Getreuen sagen, und die Arbeiter riefen ja auch: »Diese Fremden!« Ein geheimnisvoller Nebel lag über all diesen Vorgängen und Marcel fühlte sich von einem Dorngestrüpp von Haß und Drohungen umgeben. War es denn wirklich so, daß die Erfindung des Generals jedem, der daran teil hatte, verhängnisvoll werden sollte? Sein Blick suchte Baudoin, doch dieser war nicht mehr zu sehen, vermutlich war er im Laboratorium, wohin Marcel sich auch wandte. Das Feuer ließ jetzt nach. Man hatte Ströme von Wasser ins Magazin gepumpt und es war gelungen, das Feuer unter Wollballen zu ersticken. Das eigentliche Fabrikgebäude schien nicht einmal schwer beschädigt zu sein, nachdem der Verlust sich nun einigermaßen überblicken ließ. Der Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr von Ars, seines Zeichens ein Klempner, kam auf einen Augenblick mit rotem Kopf, den Helm in der Hand, zu den Herren her. »Es läuft besser ab, als wir geglaubt hatten, meine Herren,« sagte er. »Die Fabrik ist jetzt zu mehr als zwei Dritteilen gesichert und man kann sich ein wenig verschnaufen, aber in der ersten Stunde ging's heiß her!« »Ja, ohne Herrn Marcel würden wir nicht hier stehen und mit Ihnen sprechen, Herr Prévost,« bemerkte Cardez. »Großartig, ganz großartig, was der junge Herr geleistet hat,« gab der Hauptmann zu. »Weder ich, noch meine Leute, niemand ist auf den Gedanken gekommen. Am Mut hätte es nicht gefehlt, nur daß eben niemand drauf kam, die Decke durchzuschlagen. Er allein hat den Kopf nicht verloren und darauf kommt's an!« In diesem Augenblick ertönte ein angstvoller Ruf und Marcel erschien bleich und verstört vor dem Laboratorium. »Onkel Graff! ... Komm rasch!« »Was gibt es denn?« fragte Cardez. »Bleiben Sie!« rief ihm Marcel zu. »Mein Onkel allein soll kommen!« So rasch ihn die Füße trugen, eilte Graff auf den Neffen zu. Auf der Schwelle des Laboratoriums hielt Baudoin Wache, um jeden Unberufenen zurückzuweisen. »Komm herein, mein Gott, ... komm nur!« rief Marcel, Graff vor sich herschiebend. »Baudoin schließen Sie die Thüre von innen ab ... mit dem Schlüssel ...« »Mein Gott, du machst mir solche Angst,« stöhnte Graff. »Was kann denn noch geschehen sein?« »Sieh her!« Von Entsetzen gefesselt standen die drei Männer an der Thüre des inneren Zimmers. Die Spuren eines wilden Kampfes boten sich ihren Blicken dar; der große Lederstuhl lag umgestürzt am Boden, von der gebrochenen Vorhangstange flatterte ein zerrissener Fetzen über dem offen stehenden Fenster nach dem Fluß. Glasflaschen, Retorten, Glasröhren lagen zerschmettert, zertreten am Boden, auf dem Tisch war eine Blutlache, als ob ein Sterbender dort hingestürzt gewesen wäre, alle Papiere, die im Zimmer zerstreut lagen, waren mit Blut bespritzt, die Schublade des Schreibtisches hing heraus. »Was ist nur vorgefallen?« fragte Graff leise, als ob ihm Angst die Kehle zuschnürte. »Greife in die Schublade, Onkel ... suche das Rezept, das ich vor deinen Augen hineingelegt habe!« »Ja, und ...?« »Es ist fort! Geraubt! Sieh dich nach der Flasche um, worin ich die Schießpulverprobe verwahrt hatte und die dort auf dem Tisch stand! Verschwunden!« »Gestohlen? Von wem?« »Wer hat die Fabrik in Brand gesteckt? Wessen ist das Blut, das Tisch und Fußboden rötet? Welche verbrecherische Hand hat es vergossen? Onkel Graff, wir haben furchtbaren Haß auf uns geladen, du siehst, was sich an Trémonts Entdeckungen knüpft ... eine ganze Verbrecherbande ist seit Monaten am Werk, um das Geheimnis an sich zu reißen, koste es, was es wolle; nichts schreckt sie, nichts hält sie auf. Wie richtig hat mein Vater gefühlt, als er's nicht dulden wollte, daß ich mich mit der Entdeckung beschäftige, und auch Baudoin wußte, was er that, als er im Laboratorium Wache halten wollte. Nur die Feuersbrunst hat ihn veranlaßt, seinen Posten zu verlassen; wäre er hier geblieben, sein Blut färbte jetzt den Boden, aber wer, wer hat das seinige hier vergossen?« »Ich bitte dich, Kind, werde ruhiger,« mahnte Graff, von Marcels furchtbarer Aufregung erschreckt. »Baudoin, sprechen Sie, erklären Sie uns, was Sie wissen ...« »Herr Graff, ich weiß, wer hier erschlagen wurde, und weiß, wer den betreffenden erschlagen hat. Das Opfer ist ein Mann, der unserer Sache mit Hingebung gedient hat, der einzige, der von der ersten Stunde an die Schuldigen gewittert hatte. Und doch hat er den Diebstahl nicht verhindern können! Um ihn zu verhindern, den Dieb zu fassen, wurde er gemordet.« »Und der Mörder?« »O der,« sagte der alte Soldat finster, »der versteht sein Handwerk. Ein Bandit, der vor nichts zurückschreckt. Alle Unruhen, die diese Gegend durchstürmen, sind sein Werk. Er hat den Brand gelegt in der Fabrik, er hat den General von Trémont erschlagen, es ist mit einem Wort der Mann von Vanves – Hans.« »Und woher wissen Sie das?« »Weil ich ihn gesehen habe, Laforêt, der Agent vom Kriegsministerium, den ich hierher berufen hatte, um mir verdächtige Leute zu überwachen, und der ohne Zweifel seinen Diensteifer mit dem Leben bezahlt hat, führte mich gestern abend an einen Ort, wo ich ihn sehen und beobachten konnte. Wir haben seiner Beratung mit den Anführern des Streiks im ›Goldenen Löwen‹ zum Teil beigewohnt, wir haben mit angehört, wie er den Leuten Anweisungen, Befehle erteilte. Ihm haben die unglücklichen, durch die Phrasen ihrer Anführer irregeleiteten Arbeiter Gehorsam geleistet, freilich ohne es zu wissen. Er, dieser Straßenräuber, hat von sicherem Versteck aus den Aufruhr, die Brandstiftung und Plünderung geleitet.« »Aber wie konnte er wissen, daß die erst heute früh angefertigte Reinschrift des Rezepts in dieser Schublade lag? Wie konnte er hier hereinkommen?« »Hereingekommen ist er, weil ich beim Feuerlärm von meinem Posten wich, und was das übrige betrifft ... er hat eben sehr genaue, sehr zuverlässige Winke erhalten ...« Baudoin brach mit einem angstvoll fragenden Blick auf seinen jungen Herrn ab. »Ach, Herr Marcel, soll ich's Ihnen sagen? Werden Sie mir je verzeihen ...« Marcel wurde leichenblaß, aber er sagte in festem Tone: »Reden Sie! Ich befehle es!« »Der Mann hat seit acht Tagen in der Villa am Wald, im Schweizerhaus gewohnt ...« »Unmöglich!« schrie Marcel auf. »Hans! Der Bandit?« »Herr Marcel,« sagte Baudoin mit völliger Sicherheit, aber in unsäglich schmerzlichem Ton, »ich selbst habe ihn dort gesehen, und Laforêt hat ihn eine ganze Woche beobachtet. Er bewohnte eine Giebelstube und ging nur bei Nacht aus.« »Und ich habe nichts gemerkt, nichts geahnt!« rief der junge Mann in schmerzlicher Betroffenheit. »Und was ist's mit der Frau, die sich seit drei Wochen dort aufhält? Welch furchtbares Spiel müßte sie mit mir getrieben haben?« »Ach!« sagte der Onkel Graff leise vor sich hin. »Eine Frau, abermals! Unverbesserliches Kind!« Marcel war auf eine Fußbank neben dem Tisch gesunken und suchte, den Kopf in die Hände gestützt, seine Gedanken zu sammeln. Aus dem wonnigsten Traum seines Lebens war er jäh versetzt in eine Wirklichkeit von Blut, Verbrechen und Schande. »Aber es kann ja nicht sein,« sagte Marcel mit bebender Stimme wie im Selbstgespräch. »Wie ... warum ... sollte sie mich so grausam, so herzlos getäuscht haben? War es denn nötig, mich toll zu machen vor Leidenschaft? Aber ich kann sie nicht für schuldig halten! Nicht eines von ihren Worten war je unwahr, wie offen und ehrlich ihr Blick! Nein, nein, Baudoin, Sie täuschen sich! Und selbst wenn die äußeren Umstände sich so verhalten, selbst wenn sie den Schurken beherbergt hat, braucht sie deshalb seine Mitschuldige zu sein, kann sie nicht ebenso sein Opfer sein, wie wir? Wenn man versucht hat, mir Übles anzuthun, kann sie sich dem nicht widersetzt haben, ohnmächtig gewesen sein, es zu verhindern ... wenn sie es weiß, so weint sie vielleicht in diesem Augenblick mit mir.« Ein Schluchzen erstickte diesen verzweifelten Versuch, sich Trost einzusprechen, und Marcel legte bitterlich weinend den Kopf auf die blutgetränkte Tischplatte. Sein Schmerz forderte Achtung, und Graff zog Baudoin in die Fensternische, um dort leise weiterzuberaten mit ihm. »Wie denken Sie sich die Vorgänge im Laboratorium während Ihrer Abwesenheit?« »Laforêt, der unseren Mann nie aus den Augen ließ, ist ihm offenbar bis hierher gefolgt. Hans wird unterm Schutz der allgemeinen Verwirrung durch den Brand in den Hof eingedrungen sein und von dort aus in diesen Pavillon. Laforêt mag ihn beim Durchsuchen der Schublade ertappt haben und dann muß ein furchtbarer Kampf entstanden sein, denn Hans ist ein Riese und Laforêt war sehr kräftig und gelenkig. Ohne Zweifel hat sich Hans einer Waffe bedient. .. betäubt oder erschlagen wird Laforêt auf den Tisch gestürzt sein, Hans wird ihn gepackt und ans Fenster geschleppt haben, wo Laforêt sich noch an die Vorhangstange geklammert hat ... das Gewicht muß schwer gewesen sein, sie ist mitten entzwei...« »Und dann?« fragte Graff beklommen. »Dann hat Hans ohne allen Zweifel den unglücklichen Laforêt zum Fenster hinausgestürzt. Der Fluß hat wie immer im Frühjahr viel Wasser, die Strömung trug ihn fort ... möglich, daß man den Körper an der Schleuse der Mühle von Sainte-Savine auffinden wird.« »Und jene Frau, Baudoin?« fragte Graff mit einem zur Vorsicht mahnenden Blick auf Marcel. »Ach, diese Frau, Herr Graff! Ob es dieselbe ist, die in Vanves mitgespielt hat, wie soll ich das wissen? Die Stimme ist anders und das Parfüm auch, aber Stimmen kann man verstellen, Wohlgerüche wechseln, was sich gleich bleibt, ist die Abgefeimtheit und Geschicklichkeit, und diese hat alle Eigenschaften, um einen Mann verrückt zu machen, Schönheit, vornehmes Wesen, Anmut ... sehen Sie ihn doch nur weinen! Nicht das Verbrechen, nicht seine Anstrengungen von vorhin versetzen ihn in diesen Zustand, nur der Schmerz, an seiner Angebeteten zweifeln zu müssen, die Angst, sie nicht mehr lieben zu können, machen ihn so unglücklich.« »Armer Junge! Er hat solche Bitternis nicht verdient! Wie tapfer er sich gehalten hat ... ohne ihn stünden wir beide nicht mehr hier, Baudoin!« »Ja, aber ohne sie wäre die ganze Sache nicht geschehen! Die weiß, was sie thut, und an wen sie sich halten kann! Gewiß wäre ihr nicht eingefallen, Sie verführen und verderben zu wollen, denn das hätte sie gleich gesehen, daß bei Ihrem klaren Verstand nichts auszurichten ist, aber bei meinem General und bei Herrn Marcel ... Männer, die dem Weibe anhängen, Herr Graff ... o, die vergreift sich nicht! Wenn sie sich Zeit gelassen oder recht gewollt hätte, der Alte wie der Junge würden ihr freiwillig das Geheimnis ausgeliefert haben.« Grass sah den Burschen mit Interesse an; so viel psychologischer Scharfblick war bei einem Manne seines Standes merkwürdig. »Sie wundern sich wohl, daß ich so rede, Herr Graff?« fragte Baudoin. »Ich hab's auch nicht aus mir, was ich Ihnen da sage, mein General selbst hat mir in seinen vernünftigen Zeiten derlei Dinge gesagt. Ach, er wußte wohl, daß ihn die Weiber am Gängelband führen konnten, und hat sich nachher geschämt und sich die größten Vorwürfe gemacht. ›Ach, Baudoin,‹ konnte er sagen, ›ich weiß es ja, der Fahne und der Schürze bin ich meiner Lebtage blindlings nachgelaufen!‹« »Und zwar bis in den Tod! Preisen wir uns glücklich, daß unser Marcel wenigstens nicht so hart dran glauben mußte. Wohl ist er jetzt sehr unglücklich und leidet schwer, aber er ist fünfundzwanzig Jahre alt, und da überwindet man noch alles, während ... ach! wenn uns die Bande ihn getötet hatte! Gott, Gott! Sein Vater schien ordentlich ein Vorgefühl zu haben von der Gefahr, worin sich der Kleine befand, und doch glaubte er ihn am sichersten in Ars, inmitten unserer Arbeiter, und nun mußte es so kommen.« »Ja diese Jagdhündin hat die Fährte bald herausgeschnuppert gehabt, und natürlich war ihre Macht gerade in der Einsamkeit und Langeweile nur um so größer.« »Was sie wohl jetzt thun wird?« »Verschwinden, mitsamt ihrem Anhang.« »Sind es denn mehrere?« »Ein sogenannter Bruder, ein hübscher Mensch, die Jungfer, die heute früh hereinkam, um Herrn Marcel zu holen, und dann dieser Hans ... natürlich können ihrer ja noch viele sein, von denen wir nichts wissen, denn eine ganze Gaunerbande ist's, darauf können Sie sich verlassen, Herr Graff! Und im ganzen Land geschieht keine Schlechtigkeit, kein Verrat, ohne daß dieses Gesindel die Hand im Spiel hätte. Ich weiß es von Laforêt. ›Frankreich‹, hat er mir gesagt, ›wird von Fremden ausgebeutet. Die Regierung erweist Unbekannten Gefälligkeiten, die sie jedem Landeskind abschlagen würde. Wenn einer nur das Französische radebrecht und ein vielfarbiges Bändchen im Knopfloch hat, springen alle Geheimfächer und Aktenschränke vor ihm auf!‹ Schafsköpfe sind wir und halten uns doch für so gescheit!«. Marcel war aufgestanden und trat zu den beiden. In den wenigen Minuten hatten sich Schmerzenslinien in sein Gesicht gegraben, rote Tupfen fleckten seine Wangen und aus den Augen sprach ein namenloses Weh. »Onkel Grass,« sagte er, »es ist jetzt nicht an der Zeit, sich Gefühlen hinzugeben, wir müssen handeln. Vielleicht, daß es noch gelingt, den verwegenen Schurken einzuholen, der hier eindrang, um zu rauben und zu morden. Man sollte auf den Bahnhöfen sein Signalement abgeben, die Polizei in Bewegung setzen ... ich, ich gehe jetzt in die Villa, um Klarheit zu erhalten.« »Mein Sohn,« versetzte Graff, traurig den Kopf schüttelnd, »wenn du annimmst, sie hätten auch nur eine Sekunde unbenutzt gelassen, um sich in Sicherheit zu bringen, kennst du die Leute schlecht, mit denen wir's zu thun haben.« »Wie können sie ahnen, daß man Verdacht auf sie hat?« »Ach! Die That ist vollbracht, da macht man sich aus dem Staub.« Marcel wollte etwas entgegnen, aber der Onkel fuhr milde fort: »Jawohl, du sagst dir, weshalb sollte sie abgereist sein? Würde sie mich ohne Abschied verlassen? Armer Junge, du gibst dich immer noch Täuschungen hin! Du begreifst nicht, daß alle Gefühle, die man dir gezeigt hat, wohl berechnet waren, daß du geködert, eingefangen wurdest ... und da meinst du noch, deine Schöne warte auf dich! Nun denn, mein Sohn, gehe hin, aber wir beide werden dich begleiten. Dann wird sich herausstellen, was die Beteuerungen wert waren, woran du geglaubt hast. Darin hast du recht, wir müssen die Behörden anrufen, aber, glaube mir, es ist richtiger, von dem Pulver zu schweigen und nur den Mord zur Anzeige zu bringen. Wenn der Mann gefaßt werden kann, woran ich stark zweifle, wird er's ebensogut als Mörder, und wir geben unser Geheimnis nicht preis. Ach, den Leuten, mit denen wir's hier zu thun haben, sind wir nicht gewachsen! Mach dir deshalb nur keine Vorwürfe; das war zu fein ausgeklügelt, so oder anders mußtest du in ihre Schlinge geraten, und, Gott sei Dank, ist wenigstens dein Leben gerettet!« »Ich danke dir, Onkel ... du willst mich trösten, aber wenn sich alles verhält, wie du denkst, werde ich mir's nie verzeihen. Komm jetzt mit mir.« Sie traten in den Hof hinaus. Das Feuer war bewältigt, die Kette aufgelöst, weil die städtische Spritze keiner Wasserzufuhr mehr bedurfte. Die eigene Spritze der Werkstatt genügte, um den glostenden Schutt zu begießen. Als Graff und Marcel näher kamen, entstand eine tiefe Stille unter den Leuten, alle Häupter entblößten sich. Das Unglück hatte die Anhänglichkeit an den Brotherrn neu belebt, Marcels Heldenthat hatte Achtung eingeflößt. »Herr Graff,« sagte Cardez, den Herren entgegenkommend, »die Arbeiter bitten um ein Wort aus Ihrem Mund. Sie möchten nicht länger einen Verdacht auf sich ruhen fühlen ...« »Meine Freunde,« sprach Graff, ernst und schlicht unter die Leute tretend, »ich kenne euch zu gut, um euch das Verbrechen zuzutrauen, das hier begangen wurde. Ich weiß, daß ihr wohl Hitzköpfe seid, aber dabei anständige Menschen, überdies hätte dies thörichte Zerstörungswerk ja nur dazu dienen können, euch um euer Brot zu bringen! In dem Augenblick, als das Feuer ausbrach, waren eure Vertrauensmänner und wir nahe daran, uns zu verständigen. Nachdem ihr euren guten Willen und eure ehrliche Gesinnung durch freiwillige Hilfe beim Löschen gezeigt habt, halte ich nur noch einen Ausgang unseres Kampfes für möglich und zwar den für euch günstigsten. Ich sage euch Gewährung eurer Forderungen zu ...« Ein Freudenschrei der Dankbarkeit und Erleichterung vereint, ertönte aus fünfhundert Kehlen, die Mützen sausten nur so durch die Luft. Graff hob die Hand auf, um Stillschweigen zu gebieten, das auch sofort eintrat. »Ich bitte, zu glauben und nie zu vergessen, daß ihr dieses Zugeständnis ebenso gut eurem Direktor, als mir verdankt. Wenn er streng auf Ordnung hält, so geschieht das einzig und allein zum Heil der Arbeit, die ohne sie nicht gedeiht, aber niemand sorgt treuer für euer Wohlergehen, als dieser vortreffliche Mann ...« »Herr Cardez lebe hoch! Hoch! Hoch!« Graff lächelte wehmütig. »Ihr seid doch rechte Kinder! Gestern wolltet ihr ihn aufhängen, mich übrigens auch, und heute bringt ihr ein Hoch auf ihn aus! Eure heutige Meinung ist aber die richtige und ich bitte euch, der heutigen Erlebnisse eingedenk zu bleiben! Wenn ihr irgend etwas von uns verlangen wollt, so bedrohet uns nicht vorher mit Tod und Galgen! Jetzt geht ruhig nach Hause und morgen früh – an die Arbeit.« Unter achtungsvollem Schweigen verlief sich die Menge, mit gewohnter Unbeständigkeit den segnend, den sie gestern verflucht hatte. Rein ihren Instinkten gehorchend, die gut und großmütig waren, wenn man sie sich frei entwickeln ließ, priesen sich die Leute glücklich, daß alles »so gut abgelaufen« sei, und waren seelenvergnügt, die Arbeit wieder aufnehmen zu dürfen, die sie gestern als »menschenunwürdig« geschmäht hatten. Elftes Kapitel. Während Milona dem Befehl ihrer Herrin gemäß mit Windeseile nach Ars lief, kehrte diese selbst friedlich ins Wohnzimmer zurück, wo sie Marcel eine so wonnige Stunde geschenkt hatte. Sie setzte sich aufs Sofa, schmiegte den Kopf in die Kissen und versenkte sich in träumerischen Nachgenuß dieser Morgenstunden, wo die reine und doch kühne Liebe des jungen Mannes sie erfrischt und beinah geläutert hatte. Wenn sie ihn und seine Liebe in Gedanken mit Agostini verglich, stieg ein Widerwille gegen den Italiener in ihr auf. Auf der einen Seite dieser gefällige Liebhaber, der gern die Augen zudrückte, wenn es seinen persönlichen Vorteil oder die geheimnisvollen Interessen galt, die sie beide verfolgten, und auf der anderen dieser zärtliche, ehrliche, feurige Jüngling, der nur sie sah, nur nach ihr verlangte, sich mit ganzer Seele hingab. Ihr abenteuerliches Leben hatte sie noch kein so echtes, so reines Glück kennen gelehrt. Jetzt kamen ihr die höhnischen Warnungen von Hans in den Sinn. Hatte er denn in ihrer Seele gelesen, dieser unheimliche Gefährte, der die Menschheit mit Füßen trat, der das Glück und die Liebe so wenig achtete, als der Hagel die reifende Saat? Und wenn sie nun verliebt wäre, wie er es geahnt hatte? Wer durfte ihr das Recht bestreiten, auch ein Herz zu haben? War sie denn mit Sklavenketten angeschmiedet an die düsteren, furchtbaren Abenteurer, die durch die ganze Welt ihrer verhängnisvollen, verderblichen Aufgabe nachzogen? Stand sie ihnen nicht völlig gleich an Erfolg, teilte sie nicht all ihre Gefahren, warum sollte sie nicht auch ihren freien Willen haben? Wer würde sie zwingen können zu dem, was ihr mißfiel, wer vor allen Dingen würde den Mut haben, sie zwingen zu wollen? Sie war sich bewußt, nicht minder gefährlich zu sein, als der Gefährlichste unter ihnen, und die Genossen kannten ihre Kraft und ihre Verwegenheit wohl. Wenn's sein müßte, daß sie ihre Krallen mit denen der anderen maß, war der Ausgang denn doch sehr fraglich! Sie lächelte bei dieser Vorstellung, und dieses Lächeln verklärte ihr Gesicht mit unsäglichem Reiz. Wer würde in dieser jungen Frau mit den zarten, reinen Zügen und den schlichten blonden Scheiteln, die sie so jungfräulich kleideten, die hochmütige, spöttische, cynische Sophia Grodsko erkannt haben? Was würde Lichtenbach sagen, wenn er sie in dieser Stimmung sehen könnte, was alle die, die sie als lasterhaft, unbeständig kennengelernt und erfahren hatten, wie verhängnisvoll ihre Liebe war, die zum Untergang, zur Ehrlosigkeit, zum Tod führte. Ein junger Mensch, vielleicht der Unbedeutendste, der je in ihre Kreise getreten war, hatte es dahin gebracht, daß sie in verträumter Sehnsucht seiner gedachte und sich um ihn ängstigte. Immer wieder fragte sie sich, ob es nicht besser gewesen wäre, ihn bei sich festzuhalten, als ihn nach seiner bedrohten Fabrik und vor allem dahin gehen zu lassen, wo Hans auf der Lauer lag, was schlimmer war, als alle anderen Plagen der Menschheit zusammen. Sie stand auf, und schon bereute sie so sehr, nicht entschiedener aufgetreten zu sein, daß sie ernstlich erwog, ob sie selbst nicht auch nach Ars gehen sollte und sich mit eigenen Augen überzeugen, was dort geschah. Die gewohnte Vorsicht hielt sie zurück, aber sie ging wenigstens in den zweiten Stock der Villa hinauf, wo man von einer Altane aus über die Bäume hinweg ins Thal sehen konnte. Sie ward bald inne, daß die Gefahr, wenn sie überhaupt vorhanden gewesen, im Abnehmen begriffen war. Der Rauch lichtete sich, keine Flamme schlug mehr auf, das Rufen und Schreien ließ nach, die Kirchenglocken stellten ihren Hilferuf ein und das Hornsignal der Feuerwehr tönte nicht mehr herüber. Schon war sie im Begriff, ihren Ausguck zu verlassen, als sie Milona das Gartenthor öffnen sah. Das Mädchen ging mit hastigen Schritten durch die Allee, als ob sie von jemand verfolgt würde, und Sophia hatte das Vorgefühl einer unangenehmen Nachricht. Sie pfiff der Dienerin und Milo kam atemlos die Treppe heraufgeflogen. »Ich hab's bestellt,« berichtete sie. »Ich habe Hans gefunden und ihm den Zettel gegeben. Nachdem er ihn gelesen hatte, gab er ihn mir zurück. Hier ist er.« »Gut, aber das ist nicht alles. Was gibt's?« »Agostini kommt hinter mir. Er ist vorhin in Ars ausgestiegen ...« Sophia runzelte die Stirne, eine leise Röte stieg ihr in die Wangen. Sie nahm aus einem silbernen Taschenfeuerzeug ein Streichholz, zündete es an und hielt den Zettel, den ihr Milona zurückgebracht hatte, an die Flamme. Nachdenklich sah sie zu, wie er in Asche zerfiel und diese in alle Winde flog. »Wie kommt er her?« fragte sie dann. »Zu Wagen, man hört die Glöckchen der Pferde schon im Hohlweg ...« Der Wagen hielt vor dem Garten und Cesare stieg aus, der Wagen blieb aber stehen. Langsam kam Sophia die Treppe herunter und war im Vorplatz, als der schöne Italiener mit leuchtenden Augen und lächelndem Mund eintrat. Sie streckte ihm gleichgültig und nachlässig die Hand hin. »So empfängst du mich nach vierzehntägiger Trennung, Cara?« rief er. »Schweige mir von solchen Albernheiten!« sagte Sophia streng. »Dazu ist jetzt nicht die Zeit. In diesem Augenblick setzt Hans sein Leben aufs Spiel, um sich des Pulvers zu bemächtigen.« »So ist dir der Gimpel ins Netz gegangen?« »Wie du siehst und wie du noch deutlicher merken wirst.« »Diavolo!« Er sah sich nach Milona um, die sich zurückgezogen hatte, und rief: »Milo! Sagen Sie dem Kutscher, daß er warten soll!« »Wer weiß, ob es uns nicht gelegen kommt, einen Wagen da zu haben,« bemerkte Agostini. »Ich habe im Vorüberfahren bemerkt, daß die Stadt in Aufruhr ist. Es brennt in der Spinnerei unserer lieben Freunde. Ist dieses Feuerwerk etwa von uns veranstaltet?« »Ich glaube, daß Hans die Geschichte gemacht hat.« »Nur immer munter! Er liebt reiche Inscenierung ... übrigens würde ich recht gern frühstücken, ich bin Hals über Kopf von Paris abgereist.« »Milona wird dafür sorgen.« Sie gingen ins Eßzimmer, wo der Tisch noch gedeckt war, und Cesare setzte sich. »Leiste mir Gesellschaft, Sophia,« bat er, »Die Zeit ist mir lang geworden ohne dich, vergebens habe ich versucht, mich zu zerstreuen.« »Womit?« »Du liebe Zeit, mit dem ehrlichen Bestreben, etwas Geld zu gewinnen im Spiel, aber das Glück ist mein Gegner. Das reine Verhängnis, ich darf nur eine Karte anrühren, so verliere ich!« »Viel?« »Zu viel! Immer zu viel! Ich rege mich, wie du weißt, sehr leicht auf, und nichts ist so unheilvoll wie die Leidenschaft, wenn sie nicht einer Frau gilt, nämlich!« »Nun denn, wieviel brauchst du?« fragte Sophia ungeduldig. »Aber gar nichts, Cara,« versetzte der schöne Italiener lächelnd. »Ich hatte ja Geld!« »Wer hat dir's gegeben?« »Lichtenbach. Es war ganz gut, daß er sich ein wenig an meine kleinen Bedürfnisse gewöhnte ... bin ich erst sein Schwiegersohn, so werde ich ihn ja häufig in Anspruch nehmen.« »Nimm dich in acht! Er könnte es auch einmal müde werden.« »Das wird man ihm nicht zulassen!« »Und seine Kasse ist auch nicht unerschöpflich.« »Das kannst du nicht im Ernst glauben! Er füllt sie immer wieder, und ich kenne auch die Quelle, woraus er schöpft!« »Wirklich? Wer hat dich darüber belehrt?« »Mein Verwandter, der hochwürdige Monsignore Boldi, den ich dieser Tage in Paris gesehen habe. Lichtenbach ist, ganz abgesehen von seinen anderen Geschäften, Fideikommissar der Brüderschaften, und seit ich das weiß, wundere ich mich nicht mehr über seine Macht. Er verfügt demnach über ungeheure Summen und unbegrenzten Einfluß, und dabei fehlt ihm doch alle und jede Schneid, der Mann zittert ja immer! Du hättest nur sein Entsetzen sehen sollen, als ich eine Anspielung auf seine Würde als Bankier der Orden machte ... du würdest dich halb zu Tode gelacht haben! Helle Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, und doch wüßte ich nicht, was er zu fürchten hätte,« »Von Seite seiner Auftraggeber nichts, von der deinigen alles. Das hat er ohne Zweifel eingesehen.« »Ach, das war ein Aufhebens um das bißchen Geld, eine Kleinigkeit von vierzigtausend Franken! Verfluchtes Baccarat! Freilich, Lichtenbach spielt eben nicht, außer an der Börse, und da gewinnt er immer.« »Das weiß man nicht so gewiß,« »Wie? Sollte er auch Pech haben?« »Wir sind ja eben daran, ihn für immer davon frei zu machen!« »Durch das Pulver? »Ja ... aber höre doch nur ...« Sophia lauschte mit ängstlichem Ausdruck auf ein Geräusch von außen. Sie holte aus einer Truhe einen kleinen Revolver und schob ihn in ihre Tasche. »Bist du bewaffnet?« fragte sie. »Stets, aber was fürchtest du denn?« »Warte ... stille ...« Ein leiser, eigentümlich modulierter Pfiff ließ sich vernehmen. »Ach, es ist Hans!« sagte Sophia erleichtert. Jetzt hörte man rasche Schritte im Garten, die Thüre des Wohnzimmers ging auf und Milona führte den Riesen herein. Er trug noch den Bauernanzug, den er zum Fischfang benützt hatte, warf aber, ohne sich um Sophias Anwesenheit zu kümmern, Kittel, Drillichhose sowie die plumpen Schuhe ab und rief: »Milo, meine Kleider!« Dabei stellte er eine Flasche auf den Tisch, legte ein Blatt Papier daneben und bemerkte mit grausamem Lächeln: »Das wäre die Geschichte!« »Sie haben's erreicht?« Sophia wie Cesare gerieten in Aufregung. Sie traten mit einer gewissen Ehrfurcht an den Tisch und betrachteten durch das Glas die bräunlichen kleinen Lamellen, die schon so viel Blut gekostet hatten. »Ja, das ist's! Der Wisch Papier und das Fläschchen da bedeuten abermals ein Menschenleben.« »Sie sind überrascht worden?« »Ja, es hat ihn das Leben gekostet.« »Wen?« rief Sophia, die kreideweiß geworden war. »Beruhigen Sie sich, meine Schönste, nicht Ihren Tauber!« Hans verständigte sich mit dem Italiener durch einen Blick, der diesen bedenklich machte. Sein liebenswürdiger Leichtsinn war verflogen, das Gesicht wurde hart und kalt. »Ein unbequemer Geselle war's, den ich längst auf dem Strich hatte,« fuhr Hans fort. »Eine Spürnase aus dem Ministerium, die mir nicht zum erstenmal in die Quere kam. Vor drei Jahren bei der Geschichte mit dem Feldwebel hätte er mich in Lyon um ein Haar gefaßt. Er hatte viel auf dem Kerbholz bei mir, nun ist's bezahlt.« »Wird man das aber nicht entdecken?« »Was schadet's? Wir haben die Geschichte ja im Sack und brauchen nur das Weite zu suchen. Um einen Geheimpolizisten schlägt man, wie Sie wissen, nie Lärm. Der kann mit seiner eingeschlagenen Schläfe im Fluß mariniert werden, bis man ihn herausfischt. Bis dahin sind wir längst über die Grenze.« Jetzt erschien Milona mit einem vollständigen eleganten Herrenanzug samt grauem Filzhut und gelben Schuhen, und Hans kleidete sich mit größter Unbefangenheit um. »Hat Sie der Kutscher, der am Gartenthor hält, hereintreten sehen?« fragte Sophia. »So dumm war ich nicht, mich dem Kerl zu zeigen. Ich bin am unteren Ende des Gartens über die Mauer gestiegen, die dort sehr nieder ist, und werde auf demselben, recht bequemen Weg abgehen. Euch rate ich auch zu einer Luftveränderung, Kinder. Ihr wißt, daß wir nach Venedig berufen sind, wer zuerst hinkommt, wartet auf die anderen. Ich heiße da unten im Süden wieder Major Fraser.« Er packte unterm Sprechen das Glas und Papierblatt sorglich in eine Ledertasche, schüttelte Agostini die Hand, nickte der Baronin lächelnd zu und verschwand, wie er gekommen war. »Milo, das alles muß verschwinden.« sagte der Italiener, mit der Fußspitze auf den am Boden liegen gebliebenen Bauernanzug deutend. »Wird in der Küche verbrannt,« erwiderte die Dalmatinerin gelassen. »Und du, Sophia, was hast du vor? Du hast gehört, was unser edler Freund uns empfahl ... ich glaube auch, daß wir am besten thäten, abzureisen.« Die junge Frau gab keine Antwort. Mit schleppendem Schritt, als ob sie ganz in Anspruch genommen wäre vom Nachdenken über die Form, worin sie ihren Entschluß kleiden sollte, ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich vor den Kamin und steckte eine Cigarette an. »Ich glaube, daß du sehr wohl daran thun wirst, sofort abzureisen,« sagte sie, zu dem schönen Italiener aufblickend, der erwartungsvoll vor ihr stand. »Du hast gar keine Veranlassung, hier zu bleiben. Was mich betrifft, so könnte ein plötzliches Verschwinden nur Verdacht erregen und wäre die größte Ungeschicklichkeit.« »Aber hat man nicht schon Verdacht? Wird man dich nicht belästigen; wenn du bleibst?« »Verdacht? Wieso? Wer? Habe ich irgend etwas gethan, was nur einen Schatten von Mißtrauen erregen könnte? Marcel Baradier ist der einzige Mensch, der mich kennt, der mein Haus betreten hat.« »Und ohne Zweifel hat er dir und zwar dir allein den Aufschluß gegeben, der Hans in die Lage setzte, sein Unternehmen auszuführen?« »Ja, das hat er gethan, vor zwei Stunden! Die Ausführung fand fast gleichzeitig mit der Enthüllung statt, und durch welch ein Wunder sollte ich, ohne mein Zimmer zu verlassen, den Mann in Kenntnis gesetzt haben, der das Laboratorium geplündert und dessen Wächter ermordet hat. ... Der wird nicht mehr plaudern, denn er ist tot! Man wird den Raub entdecken ... gut, aber war denn nicht heute Unruhe und Wirrsal genug in der Fabrik, wobei sich zahllose Strolche einschleichen konnten? Wie sollte man darauf verfallen, mir einen Streich zuzuschreiben, der mit solcher Wahrscheinlichkeit auf deren Rechnung gehört? Mein Verschwinden aber, das könnte Verdacht erwecken, da müßte man mißtrauisch werden! Was ist aus mir geworden? Und was bin ich und wer? Das sind Fragen, die sich unwillkürlich aufdrängen und die sehr ungünstig wirken würden. Wenn ich aber ganz ruhig mit meiner Jungfer hier bleibe, wenn der junge Marcel bei seinem nächsten Besuch mich harmlos heiter antrifft, dann ist er irregeführt und alles gerettet. Das ist doch richtig ausgedacht?« »Sehr richtig, gar zu fein sogar,« sagte Cesare mit spöttischem Lächeln. »Was soll das heißen?« fragte Sophia gereizt. Er machte sich noch näher an sie heran, geschmeidig und verbindlich wie eine Katze, die erst die Samtpfötchen zeigt. »Wohin ist dein Vertrauen zu mir gekommen, Cara? Warum machst du den Versuch, mich zu täuschen?« »Und womit, wenn ich bitten darf?« »Du sagst mir die Wahrheit nicht, zum erstenmal nicht, seit wir uns lieben, Sophia!« Sie preßte die Lippen aufeinander und erblaßte ein wenig. »Mein lieber Cesare, sei nicht so furchtbar gründlich. Thue, was ich dich heiße, wie du es bisher immer gethan hast. Du hast dich ja nicht schlecht befunden dabei, oder? Nun gut, so sei auch fortan gehorsam.« »Nein.« Dieses Nein klang hart und trocken wie ein Schlag. »Ach! Und darf man nach den Gründen dieser Weigerung fragen?« »Es sind die nämlichen, die deine Handlungsweise bestimmen. Du willst nicht abreisen wegen Marcel Baradiers, aber gerade seinetwegen will ich, daß du mit mir gehst.« »Eifersucht?« »Ja.« »Das ist mir ganz neu und höchst überraschend.« »Daß wir verschiedene Gefühle kennenlernen, gibt dem Leben seinen Reiz.« »Du glaubst also ...« »Daß dir der blonde Jüngling besser gefällt, als in unserem Programm vorgesehen war, und wenn ich auch nichts dagegen hatte, daß du zum besten unserer Sache mit ihm kokettiertest, so bin ich doch keineswegs geneigt, eine Liebschaft um der Liebe willen zu dulden. Das Stück ist aus, der Vorhang ist gefallen, hinter den Coulissen braucht man die Liebesscene nicht weiter zu spielen.« »Du bist ein sehr praktischer Liebhaber, Cesare.« »Erfährst du das heute erst?« »Und ich war eine sehr großmütige Geliebte.« »Wofür ich dir Dank weiß.« »Aber ich wahre mir das Recht meines freien Willens und bin heute nicht in der Stimmung, dir zu gehorchen.« Ihre Blicke kreuzten sich wie die zweier Kämpfer, die zum Streich ausholen. Cesares Augen funkelten vor Zorn, die zuckenden Lippen stülpten sich um, daß die weißen Zähne blitzten, Sophia war äußerlich ruhig, nur senkte sie jetzt die Lider, als ob sie ihrem Blick mißtraue. Mit größter Selbstüberwindung zwang sich der Italiener eine freundlichere Miene ab und sagte mit gemacht gutmütigem Ton: »Komm, Cara, reden wir als Freunde und zanken wir uns nicht! Wir haben ja alle Ursache, gegenseitig Nachsicht zu üben, wir kennen einander zu genau. Sag mir, was du beschlossen hast, ich überwinde mich gern, um dir einen Gefallen zu thun. Willst du eine Woche Freiheit haben? Versprichst du mir, nach diesen acht Tagen in Venedig mit mir zusammen zu treffen? Mein Gott, wir können einander ja wohl etwas zuliebe thun. Ich kenne die menschliche Natur und ihre Schwachheit ... ich werde mir eine Weile einreden, nur Frau von Vignolas Bruder zu sein, und wenn ich meine Sophia wieder habe, werde ich ihr die Thorheit nicht nachtragen. Bist du's zufrieden?« »Ich, weiß nicht recht,« sagte sie, die schönen Arme streckend. »Ich muß es aber wissen!« »Wo hast du eigentlich dein bißchen Verstand gelassen, Cesare, daß du mit der Baronin Grodsko unterhandeln zu können glaubst, wie mit der nächsten besten Bürgersfrau? Du scheinst vergessen zu haben, wie es ist, wenn sie ihrer Laune die Zügel schießen läßt. Du thust mir leid, mein Freund! Der Umgang mit Lichtenbach schadet dir, du wirst ihn aufgeben müssen, sonst wirst du noch ein altmodischer Erzphilister!« »Du machst dich über mich lustig!« »Durchaus nicht.« »Du gibst mir also nicht dein Wort, wieder mit mir zusammenzutreffen?« »Was habe ich denn mit Zypiatin für Umstände gemacht, nachdem ich ihn deinetwegen verlassen hatte?« »Du gibst also zu, daß du mich verlassen willst?« knirschte der Italiener, kreideweiß vor Wut. »Das wirst du später erfahren, mein Lieber. Für den Augenblick habe ich nur ein unmäßiges Verlangen, dich nicht mehr sehen zu müssen.« »Aha! Das ist wenigstens offen! Aber du scheinst zu vergessen, daß wir sehr unbehagliche Geheimnisse miteinander haben?« »Das vergesse ich ebenso wenig, als ich dich auffordere, daran zu denken.« »Das heißt?« Sophias Augendeckel hoben sich und ein Blick schoß darunter hervor, der Agostini blendete. »Das heißt, daß wenn meine persönliche Sicherheit dein Verschwinden wünschenswert machen sollte, ich wenig mehr um dein teures Leben gäbe.« »Du bedrohst mich mit dem Tod?« »Schafskopf! Du weißt sehr genau, daß, wenn dir zum Unglück ein Wort entschlüpfte, das Licht über unsere Unternehmungen verbreiten könnte, mindestens fünf Personen im Nu bereit wären, dich niederzustoßen.« »Aber die Angelegenheiten des Bundes sind nicht deine Privatangelegenheiten, und du weißt, daß ich diese so genau kenne wie die anderen!« »Höre mich an, Cesare! Leute wie wir, die bei jedem Schritt Gefahr laufen, müssen Hand in Hand gehen. Eine Uneinigkeit liefert sie den Gegnern aus. Wir müssen einander mit vollständiger Selbstverleugnung dienen; jede selbstsüchtige Forderung zerstört das Zusammenwirken der Kräfte, das allein zum Ziel führt.« »Ach! Du wirst doch Menschen, die hundertfach mehr Lebenskraft verzehren als die übrige Herde, nicht Leidenschaftslosigkeit zumuten wollen? Du vergißt, daß ich dich liebe und dich besitzen will, Sophia, ungeteilt, ohne Nebenbuhler.« »Und darf ich bitten, mir zu sagen, wie du es angreifen willst, mich dazu zu zwingen?« »Dafür gibt's ein sehr einfaches Mittel. Ich werde Marcel Baradier erzählen, was du getrieben hast, ehe du dich dem internationalen Spionendienst und der diplomatischen Wißbegierde zur Verfügung stelltest. Dann wollen wir sehen, ob seine Zärtlichkeit standhält angesichts einiger Anekdötchen, wie zum Beispiel der Geschichte von Segovia.« Sophia wurde so blaß, daß Cesare selbst erschrak über die Wirkung seiner Worte. Sie knirschte mit den Zähnen, trippelte mit den Füßen wie ein umzingeltes Tier, zog blitzschnell den Revolver heraus, den sie bei Hansens Ankunft zu sich gesteckt hatte und legte auf den Italiener an. »Du wirst niemand mehr verraten, Kanaille!« Aber Agostini warf sich mit außerordentlicher Gelenkigkeit über sie her, riß ihren Arm in die Höhe, daß der Schuß ihm nichts hätte anhaben können, und entwand ihr ohne jede Rücksicht auf das verführerische zarte Handgelenk die Waffe, die er gelassen in seine eigene Tasche steckte. »Wollen wir nicht zum Dolch übergehen, da wir einmal so weit sind?« fragte er, sie fest ansehend. Sophia sank auf einen Stuhl. »Hund! Du hast es gewagt, Hand anzulegen an mich! Das wirst du büßen müssen.« »Gut, das soll gelten. Ich unterwerfe mich zum voraus dieser Strafe, aber verlieren wir jetzt nicht länger die Zeit mit Abgeschmacktheiten. War denn je anzunehmen, daß der Mann, den eine Baronin Grodsko ihr Leben teilen ließ, sich in die Ecke stellen lassen würde wie ein kleiner Junge? Ich bin der Mann, Sophia, vergiß das nicht. Du magst mich hassen, aber mich zu verachten, verbiete ich dir. Wir haben heute zum erstenmal unsere Kräfte gemessen, und du wirst zugeben, daß meine Klauen härter sind als die deinigen. Nimm den Kampf nicht noch einmal auf, ich führe ihn ohne Ritterlichkeit.« Sie schüttelte den Kopf, betrachtete ihr gerötetes, gequetschtes Handgelenk und sagte etwas weniger rebellisch: »Du hast mir wehgethan, Cesare!« »Wessen Schuld ist es? Ich glaube wahrhaftig, du warst einen Augenblick unzurechnungsfähig! Dieses Muttersöhnchens wegen bietest du mir Trotz! Weißt du, daß ich ihn töten werde?« »Ich verbiete es dir!« rief sie laut. »Entzückt, dir zu gehorchen,« versetzte er artig, »Ich habe ja nur einen Wunsch im Leben, den, dir dienstbar zu sein. Zwischen uns zweien ist ein großer Unterschied; ich bin voll Rücksicht, behandle dich wie eine Fürstin, während du mich durch dein ganzes Benehmen, Haltung, Ton, Sprache, auf dieselbe Stufe stellst mit einem Bedienten. Ziemt sich das?« Sie gab keine Antwort. Er ging durchs Zimmer und trat dann wieder zu ihr, um beschwichtigend, fast mitleidig zu sagen: »Derart verrannt habe ich dich noch gar nie gesehen, Sophia, Was zum Teufel hat dir denn der Junge beigebracht? Ich muß dir ja in Zukunft aufpassen, ich, der ich dir bisher blindlings vertraut habe! Es ist ja nicht zu glauben ... vorhin hättest du mich beinah niedergeschossen! Was würdest du denn dann mit meiner Leiche gemacht haben? Dein blonder Liebster wäre gekommen und hätte dein Zimmer blutbespritzt, und mitten darin einen Toten gefunden? Was hättest du ihm dann weisgemacht? Du siehst, Sophia, das war entschieden ein Anfall von Wahnsinn und aus welcher Veranlassung und um wen? Da muß man sich ja schämen! Wäge doch die kleinen Liebesfreuden, wovon du träumst, gegen die ungeheuren Interessen ab, die deiner bedürfen, und du wirst nicht im Ernst behaupten wollen, daß erstere schwerer ins Gewicht fallen! Wahrlich, die Frauen müssen hie und da vom Teufel besessen sein, daß ein so erlesenes Geschöpf wie du in derartige Übertreibungen verfallen konnte!« Er blinzelte von Zeit zu Zeit zu ihr hinüber, während er diese Beredsamkeit entwickelte, doch das Gesicht, das sie dabei zeigte, befriedigte ihn immer noch nicht ganz. »Unsere Kraft und unsere Leistungen,« fuhr er fort, »beruhen darauf, daß einer dem anderen aushilft. Ich bediene mich deiner Schönheit, du kannst dich auf meine Gewandtheit und meinen Mut verlassen. Wo wir auch Hand anlegen, ist es deine Aufgabe, Menschen zu verführen, die meinige, dich dabei zu beschützen. Habe ich mich je dieser Pflicht entzogen? Als voriges Jahr in Wien jener Oberst von Bredmann Äußerungen über dich fallen ließ, die nicht am Platz waren, habe ich mich da einen Augenblick besonnen, ihn zu fordern und ihm im Prater ein paar Zoll Eisen in den Hals zu stoßen? Ich gebe gern zu, daß du deinerseits meinem Mißgeschick im Spiel immer mit entzückender Großmut abgeholfen hast. Eine Hand wäscht die andere; du gabst mir Geld, ich verschaffte dir Achtung, so konnte eines das andere brauchen, und dabei erledigten wir unsere Obliegenheiten, daß es eine Art hatte. Und mit welchem Erfolg! Du erinnerst dich doch? War das etwa nicht vernünftiger, als wenn wir uns entzweien? Komm, komm, Sophia, nicht diese starren Augen! Ich weiß, daß du mir grollst, aber du hast wahrlich nicht mehr Grund dazu als ich, Diavolo! Wach auf! Sprich! Gib mir Antwort!« Sie schien eine gewisse Betäubung abzuschütteln, warf noch einen Blick auf ihre gerötete Hand und lachte bitter. »Nun denn, so befiehl doch, du bist ja der Herr!« Er schnalzte ärgerlich mit den Lippen. »Diesen Ton liebe ich gar nicht! Du spielst jetzt das Opferlamm, und das paßt mir nicht. Du mußt dich freiwillig entschließen. Ich glaube dir gezeigt zu haben, daß du vom rechten Weg abkommst und daß es an der Zeit wäre, umzukehren. ... Sag selbst, ob ich nicht recht habe?«! ^ »Der Stärkere hat nie recht!« »Echte Weiberphilosophie! Nun denn, Sophia, es thut mir leid, aber ich will dir nicht den Vorteil einräumen, dich zu einem Entschluß gezwungen zu haben. Ich lasse dir volle Freiheit, bleibe hier, reise ab, ganz wie du willst. Du weißt, was in beiden Fällen auf dem Spiel steht. Gib einen erprobten Freund auf für einen fraglichen Liebhaber. Ganz nach Belieben. Ich, ich reise ab, denn ich habe keine Lust, mich in diesem Haus fangen zu lassen, wie der Fuchs im Hühnerstall. Zehn Minuten hast du noch Zeit, dich zu besinnen und zu packen. Ich rauche indes im Garten meine Cigarette. Entscheide du selbst über deine Zukunft.« Damit ging der Italiener hinaus. Ein Blick voll leidenschaftlichen Hasses folgte ihm, dann stand Sophia mit einem schmerzlichen Seufzer auf. »Er hat recht,« sagte sie vor sich hin. Sie rief nach Milona. »Den Koffer, sofort! Wir reisen,« befahl sie kurz. »Gut, Herrin!« Einen Augenblick sah sich Sophia im Zimmer um, dann eilte sie an den Schreibtisch und schrieb: »Mein Geliebter! Du wirst kommen und wirst mich nicht mehr finden. Mein Bruder, dem irgend jemand – wer, weiß ich nicht – unsere Liebe verraten haben muß, ist wie ein Rasender hergeeilt und schleppt mich fort, weg, weit weg von Dir. Mache keinen Versuch, mich je wiederzusehen, aber bewahre das Gedächtnis meiner Küsse in Deinem Herzen. Die deinen brennen noch wonnig auf meinen Lippen und gehen mit mir. Leb wohl, Geliebter eines Tages, lebenslang Vermißter – Anetta.« Sie versiegelte den Umschlag, legte ihn so auf den Mitteltisch, daß er einem Eintretenden in die Augen fallen mußte, sah sich noch einmal um und ging dann entschlossenen Schrittes in den Garten hinaus. Cesare schritt in dem äußeren Weg, wo sie an jenem ersten Abend mit Marcel gewandelt war, auf und ab. Ein Seufzer schwellte ihre Brust bei dieser Erinnerung, aber sie hatte sich entschieden und sie war nicht die Frau, Entschlüsse zurückzunehmen. »Nun?« fragte der Italiener. »Du hast mich überzeugt. Ich reise mit dir.« »Laß dir's gut sein! Nun erkenne ich dich wieder. Es war nur eine vorübergehende Verfinsterung, wie sie ja selbst bei der Sonne vorkommt.« »Ja, ich war wirklich ein wenig verrückt,« gestand sie in spöttischem Ton. »Begreifst du, daß ich mich in diesen kleinen Baradier vergafft hatte?« »Ich finde es sehr begreiflich,« gab Cesare gnädig zu. »Er ist ein reizender Mensch, aber jedes Ding hat seine Zeit, und da diese Liebelei ihren Zweck erfüllt hat, das von Hans so gierig verfolgte Ziel erreicht ist, haben wir nichts mehr zu thun, als zu verduften. Das thust du sonst immer aufs Vernünftigste ... ich gestehe, daß mich dein Widerstand vorhin außerordentlich befremdet hat, – sentimental habe ich dich noch nie gesehen! Hang zu Schäferspielen war mir bei dir höchst unverständlich. Kannst du mir vielleicht jetzt erklären, was in dich gefahren war?« »Das ist sehr einfach! Der junge Mensch hat mir eine ehrliche, reine und uneigennützige Liebe entgegengebracht, die mich wunderbar erfrischte. Mir war's, als ob ich nach langem Wandern über staubige, verdorrte Heide an eine frische Quelle gekommen wäre, aus der niemand vor mir getrunken hatte; ich verweilte bei ihr und beugte mich tief über den klaren Spiegel, und das Bild, das er von mir zurückstrahlte, war so anders, als ich, daß ich verwundert und beglückt war. Ich habe mir gedacht, hier könnte ich vielleicht Ruhe und köstliche Neubelebung finden, für eine Spanne Zeit aufhören, die Sophia zu sein, die so viele Männer gekannt, so viele Abenteuer durchgemacht hat, um in den Augen eines glühend liebenden Knaben ein einfaches Weib ohne Falsch und Absicht zu werden. Wenn mein Mund das Lügen, meine Augen das Täuschen verlernt haben würden! Welch schöner Traum, und der Verwirklichung so nah! Welch unverhofftes Glück, das deine Rückkehr in einem Augenblick in Trümmer schlug! Ach, ich habe dich verwünscht, Cesare, wie ich Hans verwünscht habe! Aber was war zu thun, wie mich losreißen von meinem Schicksal? Es war ja Wahnsinn, zu glauben, daß in meinem Herzen eine ehrliche Liebe gedeihen könnte – im Sumpf wächst keine duftige Wiesenblume. Denken wir nicht mehr daran. Vorwärts an unsere Arbeit und wehe der Gesellschaft! Sie wird meine Enttäuschung zu büßen haben!« »Das heiße ich ein gutes Wort! Das ist meine Sophia! Alles, was du mir vorher vorschwatztest, waren trostlos abgedroschene Romanphrasen! ›Seine Liebe hat mir die Jungfräulichkeit wiedergegeben‹ darauf habe ich nur noch gewartet! Und daß du in ein Dorf ziehen willst, um von frischen Eiern zu leben, wie die Kameliendame mit Armand Duval! Das wäre wenigstens lustig! Halt ... da bringt dir ja Milo Hut und Mantel ...« »Der Kutscher soll das Gepäck aufladen!« Sophia sah scheinbar unbewegt zu, wie Koffer und Reisetaschen aufgeladen wurden und das friedliche Haus alles zurückgab, was ihm den Stempel ihrer Persönlichkeit aufgedrückt hatte. Als Cesare vom Gartenthor her nach ihr rief, sah sie sich ein letztes Mal um, drückte die Finger auf die Lippen und warf allem, was sie an die mit Marcel verlebten Stunden erinnerte, den frischgrünen Büschen, dem jungen Rasen, den verschwiegenen Mauern, den Bänken, worauf sie gesessen, den Vögeln, die in ihren eigenen Liebesliedern ihre Liebe gefeiert hatten, und dem Himmel, der ihrem Glück geblaut hatte, einen raschen, heimlichen Abschiedskuß zu. »Fertig?« rief der Italiener ungeduldig. »Ja, hier bin ich.« »Wir fahren nicht vom Bahnhof in Ars ab, es ist zu viel Getümmel in der Stadt. Der wackere Kutscher wird uns nach Sainte-Savine führen, dort treffen wir den Schnellzug nach Paris.« »Wie, Sie wünschen.« »Bitte, steigen Sie rasch ein.« Sophia setzte sich in den Wagen, Milona stieg zum Kutscher auf den Bock. Ein Peitschenknall, Glöckchengebimmel, und bei der nächsten Biegung der Straße lag die Anetta-Idylle hinter der Baronin Grodsko. Es war vier Uhr, als Graff, nachdem er der Polizei die nötigen Mitteilungen über den im Laboratorium verübten Mord gemacht und die Befehle zur Instandsetzung der Werkstätten erteilt, kurz alles unbedingt Dringliche erledigt hatte, seinen Neffen abholte, um mit ihm nach der Villa zu gehen. Baudoin schritt, mit einem guten Revolver bewaffnet, zur Rekognoszierung voraus, und die beiden Herren folgten ihm in einem Abstand von etwa hundert Schlitten. Die Aufregung des Kampfes, der Gefahr hatte nachgelassen, sie fingen an, die Lage der Dinge kühl ins Auge zu fassen. Sehr vielversprechend war sie just nicht. Die Frechheit und Gewaltthätigkeit ihrer Gegner hatten sich zu unverhohlen geoffenbart, als daß nicht weiteres von ihnen zu fürchten gewesen wäre, wenn der Kampf andauerte. Im Augenblick konnten jene ja triumphieren. Sie hatten den wissenschaftlichen Schatz an sich gerissen, dessen praktische Verwertung unendlichen Reichtum verhieß. Jetzt mochten sie triumphieren, aber ihre Freude mußte einer großen Enttäuschung weichen, sobald es an den Versuch ging, das geraubte Rezept zu benützen! Marcel hatte es ja den Seinigen erklärt: um den Sprengstoff in seiner ganzen Vortrefflichkeit und in seiner vollen Kraft zu erzeugen, war ein Vorteil nötig, den Trémont erfunden hatte, und den nur sein junger Freund kannte. Man konnte ja das Rezept ausführen, aber wenn man nicht wußte, auf welche Weise die Bestandteile gemengt werden mußten, würde der Erfolg den gehegten Erwartungen keineswegs entsprechen. Der Dieb und Mörder, der ins Laboratorium gedrungen war, hielt das kostbare Blatt wohl in Händen, aber gleich den Goldstücken, die sich im Märchen in dürres Laub verwandeln, mußte es für ihn unverwendbar bleiben. Diesen Gedanken hing Graff nach, während er an Marcels Seite dahinschritt, aber er sprach nicht davon. Wozu auch? Der junge Mann kannte ja diese Thatsachen selbst am genauesten. Nichtsdestoweniger stand es fest, daß die ihr Diebsgelüste so heftig verfolgenden Gauner schon zwei Menschenleben geopfert und die Fabrik angezündet hatten, um ihr Ziel zu erreichen. Wenn sie zur Erkenntnis kamen, daß ihre That auch jetzt nur halb gelungen war, würden sie nicht abermals den Kampf beginnen, koste es, was es wolle? Unter diesen Umständen durfte man nicht nachlassen, man mußte alles daransetzen, um einem neuen Angriff vorzubeugen, durfte sich nicht scheuen, die schöne Unbekannte, falls sie mitschuldig war an den begangenen Verbrechen, im Auge zu behalten, zu verhören, nötigenfalls sie den Gerichten auszuliefern, um Klarheit in diese unheimliche Geschichte zu bringen. Sie hatten jetzt den Wald erreicht und waren nur noch etwa hundert Meter von der Villa selbst entfernt, als Baudoin sie herankommen lieh, um zu sagen, er wolle den Garten umgehen und sich im Wald in den Hinterhalt legen, damit er einem etwa Entfliehenden den Weg abschneiden könnte. »Nein,« sagte Marcel, den Vorschlag ablehnend. »Bleiben mir beisammen.« In diesem Augenblick trat ein altes Mütterchen mit einem Bündel Holz aus dem Wald auf die Straße, wo sie keuchend stillstand und, die Herren mit dem zahnlosen Mund anlächelnd, zu Marcel sagte: »Sie wollen gewiß zu der jungen Dame im Schweizerhaus? Ja, die ...« »Nun, was ist's mit ihr?« »Die, die ist nicht mehr da. Eine Stunde mag's her sein, ich ging gerade ins Holz, als sie mit Sack und Pack fortfuhr nach Sainte-Savine. ... Es war der Kutscher vom ›Goldenen Löwen‹, der Cacheu ...« »Abgereist!« rief Marcel, aufs tiefste betroffen. »Das war anzunehmen,« bemerkte Graff. »Die Sache war ja erledigt.« »Unmöglich! Sie! Sie!« »Armer junger Mensch! Thut ihm leid um die Spaziergänge mit der schönen Dame,« brummte die Alte. Kopfschüttelnd nahm sie ihr Bündel auf, bedankte sich für den halben Franken, den ihr Graff in die Hand schob, und schleppte ihre Last in der Richtung eines nahen Dorfes weiter. Marcel war schon in den Garten getreten. Was er sah, schnürte ihm das Herz zusammen. Die Hausthüre stand weit offen, als ob man sich in der Eile der Flucht nicht Zeit genommen hätte, sie zu schließen, und namentlich, als ob sie nichts mehr zu behüten oder zurückzuhalten hätte. Er ging hinein und rief in der Halle: »Milona! ... Anetta!« ... Keine Antwort. Alles still, öde, leer. Er trat ins Wohnzimmer und dort auf dem Tisch lag wenigstens ein Brief, den er hastig aufriß. Er überflog die Zeilen, setzte sich dann, um den Inhalt ruhiger zu lesen und wieder zu lesen, und als er den Sinn endlich völlig begriffen hatte, blieb er gesenkten Hauptes mit pochenden Schläfen auf seinem Platz, wie angesichts eines großen Unglücks. So fand ihn Graff, der schon durchs Haus gegangen war und sich von dessen Verlassenheit überzeugt hatte. Die Blässe, Seelenqual und innere Zerrüttung des geliebten Neffen ging ihm zu Herzen, liebevoll legte er ihm die Hand auf den Kopf, strich ihm zärtlich über die Haare und fragte, den Brief bemerkend, den Marcel in starren Fingern festhielt: »Sie hat dir geschrieben?« Bei diesen einfachen Worten, die doch fast die Ehre der Entflohenen wieder herstellten, indem sie das Zutrauen aussprachen, daß sie ihre Liebe nicht vergessen habe, brach Marcel in Schluchzen aus und reichte, sein Gesicht in die Hände vergrabend, dem Onkel stillschweigend das Blatt. Graff trat damit ans Fenster, setzte seinen Kneifer auf und las, dann blickte er nachdenklich vor sich hin. Marcel raffte sich auf, um die Geliebte zu verteidigen, und fragte in flehendem Ton: »Onkel, sag mir, schreibt eine Lügnerin so? Fühlst du nicht, daß ihre Liebe aufrichtig ist? Kann sie die Mitschuldige von Verbrechern sein? Behauptest du noch, daß sie mich mißbraucht habe, mich verhöhne? Ist sie nicht vielmehr auch ein Opfer, das unter der furchtbaren Tyrannei derer, die uns bedrohen, ächzt? Dieser Brief, Onkel ... fühlst du nicht, wie aus jedem Wort die Verzweiflung schreit und die Liebe spricht?« »Dieser Brief macht auch mir den Eindruck der Aufrichtigkeit,« erwiderte Graff überlegend. »Ich leugne nicht, daß wahrer Schmerz darin durchbricht und daß, die ihn geschrieben, bitter ungern dieses Haus verlassen hat. Das ist mir ein Beweis, daß sie dich liebt, sich mit Schmerzen von dir losriß, aber wie sollte es ein Beweis sein, daß sie nicht schuldig, nicht an dem Verbrechen beteiligt ist?« »Ach, Onkel Graff, hältst du es denn für möglich?« »Ich halte es für möglich, ja ich fürchte, daß es Thatsache ist, mein guter Junge, und das wäre schlimmer als alles andere, denn wenn sie dich liebt – und wie sollte sie dich nicht lieben, da sie dich kennt, mein gutes teures Kind? ... ja, wenn sie dich liebt, bin ich in noch größerer Sorge als je vorher, denn dann wird sie suchen, dich wiederzusehen.« »Du glaubst?« fragte Marcel mit einem von Hoffnung verklärten Gesicht. »Ach, wenn das möglich wäre! Wenn du recht hättest!« »Grund zur Sorge habe ich freilich, mein lieber Junge, wenn du schon beim Gedanken der bloßen Möglichkeit eines Wiedersehens mit dieser Frau so aufleuchtest! Und doch ist sie ohne Zweifel eine durchtriebene Intrigantin ... o, reizend, das bestreite ich gar nicht, sonst hättest du dich nicht derart verliebt, aber nur um so gefährlicher, denn ... Marcel, wenn es die Frau von Vanves ist ...« »Unmöglich!« »Sag das nicht, denn du weißt nichts davon. Diese Art von Frauen sind furchtbar! In Fällen wie der unserige ist meist eine Art von weiblichem Proteus im Spiel, die verschiedensten und verwirrendsten Gestalten annehmend, um jedes Auge zu täuschen und jeden Verdacht abzulenken. Es sind kosmopolitische Abenteurerinnen, die von der menschlichen Thorheit leben, weibliche Spione, die auf Staatsgeheimnisse fahnden, Verführerinnen, die jedes Gewissen klein hacken. Du wirst doch vernünftig sein, Marcel, und dir nicht Sand in die Augen streuen lassen? Warum hat der Mann von Vanves bei ihr seinen Unterschlupf gehabt? Warum wurde das Haus hier leer, sobald das Pulver aus dem Laboratorium verschwunden war? Denn das ist doch keine Abreise, das ist eine Flucht! Wie plötzlich dieser Entschluß entstanden, wie jählings er ausgeführt worden ist! Heute früh noch kein Gedanke daran, oder sie müßte dich getäuscht haben, denn sie wollte dich doch heute abend erwarten. In all diesen Einzelnheiten verrät sich die Schuld, die Doppelzüngigkeit ... mit süßen Worten hat man dich gekirrt, und während sie gesprochen wurden, haben die Genossen Mord und Diebstahl verübt ...« »Das müßte mir erst bewiesen werden,« rief Marcel heftig. »Und was würdest du dann thun?« fragte Graff, ihn fest ansehend. »Mich rächen, das schwöre ich dir! Meine ganze Liebe würde sich in Haß verwandeln. Wenn die Worte, die mein Herz gefesselt haben, Lügen waren, so würde ich mir dieses Herz lieber aus der Brust reißen, als das Gift dieser Liebe mit mir herumzutragen. Wenn diese Frau kein Opfer wäre, müßte sie ein Ungeheuer sein, und bei allem, was mir heilig ist, sie dürfte nicht ungestraft ausgehen!« »So viel verlangt man gar nicht von dir,« sagte Graff, über den Zorn des Jünglings sehr befriedigt. »Vergiß sie nur und nimm dir vor allem fest vor, nicht wieder in ihre Netze zu gehen, falls sie dir noch einmal in den Weg kommt.« In diesem Augenblick ging die Thüre auf und Baudoin trat mit einem Buch in der Hand ein. »Es ist doch gut, wenn man genau nachsucht,« sagte er, geheimnisvoll lächelnd, indem er seinen Fund hochhielt. »Wenn ich mich mit einem Blick ins Zimmer der Dame zufrieden gegeben hätte, würde mir diese Entdeckung entgangen sein.« »Was ist es denn?« fragte Graff. »Ein Buch, nur ein Buch.« Marcel hatte schon danach gegriffen; es war ein Roman, den er in den letzten Tagen in Anettas Hand gesehen hatte. »Das Buch hat an sich nichts zu sagen,« fuhr Baudoin fort. »Es ist ein Roman in einer fremden Sprache und war zwischen Wand und Bett eingeklemmt. Natürlich hat man's bei der hastigen Abreise vergessen, aber es war noch etwas darin...« Mit pfiffiger Miene hielt der Bursche den Herren einen schmalen Papierstreifen hin. »Ein in der Mitte durchgerissener Briefumschlag war als Buchzeichen hineingelegt ... der Brief wird ja schwerlich an jemand anders gerichtet gewesen sein, als an die Dame, die sich des Umschlags in der Weise bediente. Nun, und da steht eine Adresse darauf ...« »Eine Adresse?« »Sehen Sie selbst.« Er reichte Marcel den gefältelten Papierstreifen, den dieser glättete, um dann laut zu lesen: »Frau Baronin Grodsko.« Der untere Teil des Umschlags mit Orts- und Wohnungsangabe war abgerissen, der Poststempel des Abgangsortes aber erhalten; er lautete: »Wien ... April 18..« Die übrige Zahl war verwischt. »Baronin Grodsko?« wiederholte Marcel. »Ja, sie hieß doch Anetta Vignola.« »Mein Gott, solche Damen wechseln die Namen so oft wie die Kleider,« rief Graff. »Welch unglaubliche Unvorsichtigkeit von ihr, diese Adresse nicht zu vernichten! Wie aber konnte der vor vierzehn Tagen in Wien abgesandte Brief überhaupt hierher gelangen, wo sie doch einen anderen Namen führte? Wahrscheinlich wurden all ihre Briefe von irgend jemand in einem zweiten Umschlag unter ihrem jeweiligen Namen weiterbefördert.« »Ich erlaube mir zu bemerken,« sagte Baudoin mit Nachdruck, »daß mein verstorbener General die Dame, die am Abend des Verbrechens zu ihm kam, ›Baronin‹ nannte,« Marcel erschrak sichtlich. »Das ist richtig,« murmelte er vor sich hin, »aber welch ein Zusammenhang sollte zwischen Anetta Vignola und der Baronin Grodsko bestehen?« »Das müssen wir eben herausbringen, denn das ist möglicherweise der Faden, der uns aus diesem Irrgarten fuhren kann. Mut, Mut, mein Sohn! Wenn die Frau, die du beweinst, die ist, die wir vermuten, wenn sie so viel Schlechtigkeiten begangen oder daran mitgearbeitet hat ...« »Ach, Onkel, dann ist sie der Abschaum der Menschheit, und ich werde kein Erbarmen mit ihr haben.« »Gut!« sagte Graff, dem Neffen die Hand drückend. »Und nun haben wir hier nichts mehr zu thun. Einen Anhaltspunkt hat uns dieses Haus gegeben, das übrige müssen wir anderswo suchen.« Nachdem sie sorgfältig alle Thüren verschlossen hatten, kehrten sie nach Ars zurück. Zwölftes Kapitel. In seinem großen, ernsthaften Arbeitszimmer saß Lichtenbach am Kamin und hörte an, was ihm der junge Vertot, sein Wechselmakler, mit großer Redseligkeit vortrug. »Baradier \& Graff werden ihr Engagement in Sprengstoffaktien nicht mehr lange behaupten können,« sagte Vertot. »An der Börse wundert man sich schon, daß sie nicht losschlagen. Die bevorstehende Liquidation wird entscheidend sein. Wenn Baradier \& Graff eigensinnig an den Werten festhalten, kann es sie werfen, wenn sie die Geschichte aber im letzten Moment fahren lassen, gibt's einen gehörigen Rummel.« Um die Lippen des Bankiers spielte ein Lächeln. »Das warte ich mit Spannung ab.« »Mein Gott, Herr Lichtenbach, ich will Ihnen nicht verhehlen, daß man in der Geschäftswelt von einem Zweikampf zwischen den Firmen Baradier-Graff und Lichtenbach spricht. Eine von beiden soll dabei auf dem Platz bleiben ...« »Ich weiß es, aber ich bin ohne Sorge!« »Da ich in dieser Finanzoperation für Sie gearbeitet habe, kenne ich ja Ihr Verfahren, das bis hierher geradezu bewunderungswürdig ist ... Kurz gesagt, alles, was jene gekauft, haben Sie verkauft.« »Ja, ich habe ihr Geld, sie meine Papiere. Nun passen Sie gut auf, was geschehen wird, Vertot. Die Sprengstoffaktien, die ihren höchsten Kurs erreicht haben, werden sehr bald stark fallen ...« »Sind Sie dessen sicher?« »Unbedingt sicher.« »Aber wieso?« »Weil eine neue Gesellschaft in der Bildung begriffen ist, eine Gesellschaft, die ein Patent besitzt auf ein Produkt, das in kurzer Zeit alle bisher gebrauchten Sprengmittel ersetzen und das um die Hälfte billiger in den Handel kommen wird. Was sagen Sie dazu?« »Das ist ja ... das wäre ja ein Knalleffekt!« »Ein sehr passend gewählter Ausdruck! Lesen Sie heute abend meine Zeitung; Sie werden darin den ersten einer ganzen Reihe von Artikeln finden, die der Welt die neue Entdeckung verkündigen sollen. Infolge davon wird die gut geschmierte und begossene Presse überall einfallen und vorwärts geht's mit Pauken und Trompeten! Das wird das Zeichen zum Sinken der alten ›Sprengstoff‹ sein ... von heute an in zwei Monaten will ich Baradier \& Graff am Boden liegen sehen!« »O, die sind nicht so leicht unterzukriegen.« »Wird sich zeigen.« »Sie geben mir also Auftrag, die ›Sprengstoff‹ auf meine Rechnung zu verkaufen?« »Von morgen an schlagen Sie los, was Sie können. Es sind fünfhundert Mark pro Stück zu verdienen! Sie werden sehen, wie die Bewegung in Gang kommt ... meine Aufträge werden alle an auswärtigen Plätzen vergeben, machen Sie sich die Gelegenheit zu nutze!« »Werde nicht verfehlen ...« »Jetzt machen Sie, daß Sie fortkommen, Vertot, ich habe Dienst ... meine Tochter erwartet mich.« »Empfehle mich gehorsamst und großen Dank.« Der Wechselmakler ging, ohne daß Lichtenbach aufgestanden wäre, um ihn zu verabschieden. Nachdenklich lehnte er sich im Lehnstuhl zurück. Ein Brief aus Venedig stimmte ihn einerseits sehr zuversichtlich, und versetzte ihn doch in einige Unruhe. Sophia Grodsko schrieb ihm: »Das Schießpulver ist ein Triumph. Die Versuche, die man in Triest und La Spezzia mit Marinegeschützen angestellt hat, sind geradezu großartig ausgefallen. Panzerplatten von Stahl Siemens 0,30 Stärke wurden durchlöchert wie Papier. Wir haben zwei Millionen erhoben, der Rest wird folgen. Die Sache wird weittragende Folgen haben. Nicht ganz so gut steht es mit dem Sprengstoff für industrielle Zwecke. Hans arbeitet seit vierzehn Tagen daran in Schwalbach mit Prünier aus Zürich, ist aber bis jetzt sehr enttäuscht. Alle Versuche sind unbefriedigend ausgefallen; die beiden haben die Materialien auf verschiedene Weise behandelt, aber immer ohne genügendes Ergebnis. Der Sprengstoff leistet keineswegs mehr als das Dynamit, allerdings ist er billiger, bleibt aber weit hinter unseren Erwartungen zurück. Das muß anders werden, denn offenbar beruht die Herstellung auf irgend einem Geheimnis, das wir nicht kennen, das Hans aber sucht. Er gibt die Hoffnung noch nicht auf, aber bis hierher ist's ein Fiasko! Lassen Sie den Mut nicht sinken, und anerkennen Sie, daß ich Ihnen die ganze Wahrheit sage, Agostini empfiehlt sich Ihnen aufs ergebenste und läßt Ihren sagen, daß der Freiherrntitel nicht lange mehr ausbleiben wird ...« »Baron!« brummte Lichtenbach vor sich hin. »Was mach' ich damit, wenn die Geschichte schief geht!« Er stand auf und reckte sich trotzig. »Sie wird aber nicht schief gehen. Hans versteht sich auf Chemie und wird's schon herausbringen. ... Im Notfall mache ich kehrt, man wird mich nicht leicht überrumpeln ...« Er lächelte ... seine Tochter war eingetreten. Sie war jetzt nicht mehr die Klosterschülerin in der schlichten Uniform, sondern eine elegante anmutige Pariserin. »Du bist schon fertig?« sagte Lichtenbach, sie mit Wohlgefallen betrachtend. »Freilich, Papa, wir hatten doch vier Uhr verabredet.« »Richtig. Und wohin führst du mich eigentlich?« »Zum Wohlthätigkeitsbazar für die elsaß-lothringischen Waisen, wobei du sicher nicht fehlen darfst.« »Ich hätte ja mein Scherflein schicken können.« »Ich muß persönlich erscheinen. Die Mutter Sainte Alix hat eine Verkaufsbude, woran meine früheren Mitschülerinnen beschäftigt sind, und ich habe bestimmt versprochen zu kommen.« »Gut, also gehen wir.« Im Saal der französischen Gartenbaugesellschaft fand der Verkauf statt. Schon auf der Treppe vernahm man Stimmengewirr und sah die Menge lebhaft auf und ab wogen. Am Eingang des Saals stand in einer Gruppe grüner Blattpflanzen eine Marmorbüste der Alsatia mit schwarzem Trauerflor über die Brust, rechts und links von Fahnentrophäen flankiert. Die Frau des Geheimratspräsidenten und Abgeordneten der Vogesen empfing, von einem Stab von Beamtenfrauen umgeben, die Gäste, junge Leute eilten als Flügeladjutanten geschäftig hin und her, um Personen von Rang und Bedeutung an die einzelnen Verkaufsstände zu führen. Auf einem Rundsofa in der Mitte des Saals zwischen den beiden Reihen von Buden waren die bekanntesten Familien des Elsaß wie Lothringens vertreten durch weißhaarige Großmütter, unversöhnliche Gegnerinnen des Feindes, der sie aus der Heimat vertrieben hatte, während die eleganten jungen Damen lachend und sorglos Politik Politik sein ließen und das Leben auch in »der Verbannung«, wo sie geboren und erzogen worden waren, sehr erträglich zu finden schienen. Lichtenbach und seine Tochter, die mit großer Auszeichnung empfangen wurden, verweilten eine Zeitlang im Kreis der Vorstandsdamen. Das Ansehen des reichen Bankiers und einflußreichen Zeitungsbesitzers wurde hier ohne Widerspruch anerkannt. Man begrüßte ihn mit der größten Verbindlichkeit, und je eifriger republikanisch gesinnt man sich wußte, desto schmeichlerischer umgab man den Reaktionär, der er war. Marianne teilte etwas unsicher lächelnd diese Ehren, und ihre Augen durchflogen den Saal, um die Mutter Sainte Alix zu suchen. Eines von den jungen Komitee-Mitgliedern, das nach der Ehre geizte, eine so reiche junge Erbin zu führen, stellte Marianne seine Dienste zur Verfügung und lotste sie zwischen plaudernden, lachenden Käuferinnen und Verkäuferinnen hindurch bis zu dem Stand, wo ihre Schulgefährtinnen um die Klosterschwester geschart, Kleidungsstücke für arme Leute zum Verkauf ausboten und für ein Jäckchen, das kaum einen wert war, mit Leichtigkeit fünf Franken erlösten. Genoveva von Trémont, noch in tiefer Trauer, hatte die Abteilung für Strumpfwaren unter sich. »Bist du allein da?« fragte sie, die Freundin umarmend. »O nein! Mein Vater spricht nur noch mit den Damen am Eingang ...« »Er wird dich doch eine Weile bei uns lassen?« »Ich weiß es nicht. Mich später abzuholen, wäre ihm vielleicht unbequem.« Marianne wandte sich an die Klosterschwester. »Sind Sie zufrieden mit dem Geschäft, Mutter? Ist die Einnahme gut?« »Wir haben seit Mittag dreitausend Franken eingenommen, mein Kind. Aber jetzt ist's bald fünf Uhr, der Verkauf dauert nur noch eine Stunde und wir haben noch ein Drittteil unserer Waren.« »Was übrig bleibt, Mutter, schicken Sie nur mir! Ich werde es Ihnen abnehmen,« sagte das junge Mädchen einfach. »O mein liebes Kind, wie bin ich Ihnen dankbar! Aber was wird Ihr Herr Vater dazu sagen?« »Mein Vater?« versetzte Marianne lächelnd. »Der ist mit allem einverstanden. Ueberdies habe ich auch eigenes Geld.« Und sie hielt ein gehäkeltes Beutelchen, das von blanken Goldstücken strotzte, in die Höhe. »Und wenn's nicht reicht, wird er mir Vorschuß geben!« »Sieh einmal dort hinüber.« sagte Genoveva von Trémont. »Gerade gegenüber von uns. Dort ist Frau Baradiers und Amaliens Stand.« Marianne wurde rot. Was ihr der Vater von den Feindseligkeiten zwischen ihm und dieser Familie erzählt hatte, stand ihr vor der Seele. Zwischen ihr und jenen konnten ja keine Beziehungen angeknüpft werden, und mit einemmal mußte sie an den blonden freundlichen Sohn des Hauses Baradier denken. Aber die Feindseligkeit der Eltern schien sich doch nicht auf die Kinder zu übertragen, wie hätte er sonst Lichtenbachs Tochter so liebenswürdig behandeln können, als sie in die Provencerstraße gekommen war? Jetzt erst wagte sie, Genovevas Aufforderung zu gehorchen und hinüberzusehen, und siehe da, der, an den sie eben gedacht hatte, stand vorn an die hölzerne Schranke des Vorverkaufsstands gelehnt, wo seine Mutter und Schwester ihren Handel trieben. Er plauderte lachend mit einem älteren Herrn, der eben eine Porzellanvase von ungewöhnlicher Häßlichkeit erstanden hatte, und nahm ihm jetzt das Ungeheuer ab, um es wieder in die Auslage zu stellen. »Das ist schon das dritte Mal, Onkel Graff,« hörte ihn Marianne lachend sagen, »daß man uns dieses kleine Scheusal bezahlt und dagelassen hat! Man entschließt sich, Geld herzugeben, aber so aufopfernd ist niemand, daß er die Vase mitnähme.« Der Herr steckte seine Börse in die Tasche und sagte: »Wo ist nun Fräulein von Trémonts Stand?« »Dahin begleite ich dich! Das ist ja genau, was du brauchen kannst: Kinderlätzchen und Windeln! Unentbehrlich für einen Junggesellen!« »Galgenstrick!« Sie gingen hinüber und mit einemmal war Marcels Uebermut verflogen; er hatte Marianne Lichtenbach erkannt. Auch sie sah ihn kommen und stand zitternd und verlegen, ohne daß sie ihn anzusehen gewagt hätte. »Nun, Fräulein Genoveva,« sagte Onkel Graff mit gewohnter Freundlichkeit; »was gibt's denn bei Ihnen? Kapuzen und Röckchen für die ganz Kleinen? Was kostet das Dutzend?« »Sechzig Franken, Freundschaftspreis für Sie, Herr Graff, und obendrein dürfen Sie uns die Sachen lassen!« »Um so besser, denn ich wäre wirklich in einiger Verlegenheit, was ich damit machen sollte.« »Und wir gar nicht, wir übergeben Ihren Einkauf dem Haus der Heiligen-Kindheit, und was uns nachher noch übrig bleibt, übernimmt eine liebe Freundin von uns unbesehen.« »Wer ist die junge Dame?« fragte Graff. »Fräulein Marianne Lichtenbach.« Graff überlief's: er konnte seine Züge nicht ganz beherrschen. »Die Tochter ...« murmelte er, unwillkürlich einen Schritt zurückweichend, als eine unendlich sanfte Stimme sagte: »Auf dem Gebiet der Wohltätigkeit gibt es keine Gegnerschaft, mein Herr, höchstens streitet man sich, wer am meisten Gutes thue.« »Sie haben vollständig recht, mein gnädiges Fräulein,« sagte Graff, sich verbeugend, »und ich werde Ihren Rat unverzüglich verwerten.« Er beugte sich zu der Klosterschwester hinüber und fragte: »Was kostet Ihr ganzer Warenvorrat?« »Aber mein Herr ...« stammelte Mutter Sainte Alix in ihrer Ueberraschung. »Sind zweitausend Franken hinreichend?« »Nein! Das ist ja kein Preis!« warf eine singende Stimme dazwischen. »Ich gebe viertausend!« Und lächelnd, elegant, mit hochgedrehtem Schnurrbart schob sich der Graf Cesare Agostini an Fräulein Lichtenbachs Seite. »Ich bin der Abgesandte Ihres Herrn Vaters, gnädiges Fräulein,« erklärte er mit einer Verbeugung, »der mir auf dem Fuß folgen wird und es sicher nicht geduldet hätte, daß man Sie um ein so Billiges um den Ruhm Ihrer Großmut bringt.« Er sah sich im Kreis der Umstehenden um und legte die freudigste Ueberraschung an den Tag, als er Marcel erkannte. »Ah, Herr Baradier! Wie mich dieses Zusammentreffen freut! Seit ich nicht mehr das Vergnügen hatte, Sie zu sehen, haben Sie viel Verdruß gehabt? Ich hörte flüchtig davon, als ich meine Schwester abholte. Wir haben sehr bedauert, Ihnen nicht persönlich unsere Teilnahme aussprechen zu können, nachdem Sie uns so viel Freundlichkeit erwiesen hatten in Ihrem reizenden Ars.« Er sprudelte die Worte in seinem singenden Ton ohne die leiseste Spur von Befangenheit heraus, eine Frechheit, die Marcel geradezu verblüffte. Er starrte Agostini an und fragte sich, ob er denn nicht träume, ob denn dieser selbstgewisse Geck, der ihn mitten in Paris, in einem Wohlthätigkeitsbazar so unbefangen anredete und keineswegs Miene machte, sich aus dem Staube zu machen, thatsächlich der Mann sein könne, den er im Verdacht hatte, ihn in Ars hinters Licht geführt zu haben und der Mitschuldige von Mördern und Brandstiftern zu sein, jedenfalls der Genosse von allen Ränken der rätselhaften Frau, deren Gedächtnis sein Herz immer noch erfüllte. Die Verblüffung gewaltsam abschüttelnd, fragte er: »Und Ihre liebenswürdige Schwester, Frau von Vignola ...?« »Ach, die arme Anetta!« unterbrach ihn Cesare. »Die muß jetzt langweiliger Familiengeschichten halber in Venedig sitzen, wird aber wahrscheinlich diesen Sommer nach Paris kommen, um meiner Hochzeit beizuwohnen.« »Ei, Sie verheiraten sich, Herr Graf?« »Ja. Herr Lichtenbach hat meine Werbung gütigst angenommen.« Die Ankündigung dieser Verbindung zwischen Lichtenbach und Agostini wirkte wie ein elektrischer Schlag auf Marcel, und gab ihm all seine Geistesschärfe zurück. Den Italiener mit spöttischem Blick von oben bis unten messend, sagte er: »Sie werden in Herrn Lichtenbachs Familie eintreten? Das ist ganz in der Ordnung, es wäre schade gewesen, wenn es anders gekommen wäre!« »Ich verstehe nicht recht ...« »Ach, Sie verstehen mich recht gut, Herr Graf, und sollten Sie dazu weiterer Aufklärung bedürfen, so wenden Sie sich nur an Ihre Frau Schwester.« »Aber, mein Herr,« sagte der Italiener herausfordernd, »ich muß sagen, daß Ihre Worte mir überaus seltsam vorkommen.« »Jeder nach seinen Gaben; seltsame Handlungen bringt nun einmal nicht jeder fertig.« Agostini wollte antworten, und die beiden jungen Männer sahen sich drohend in die Augen, als eine Hand sich auf den Arm des Italieners legte und Fräulein Lichtenbachs sanfte Stimme sagte: »Ich bitte, kommen Sie, Herr Graf ... mein Vater sucht Sie.« Cesare warf Marcel noch einen drohenden Blick zu und sagte dann mit schmeichlerischer Unterwürfigkeit: »Ihr Wunsch ist für mich Befehl, gnädiges Fräulein, und Ihnen zu gehorchen meine höchste Freude ... aber ich werde diesen Herrn wieder treffen ...« Marianne runzelte die Stirn und sagte mit klarem, entschlossenem Blick: »Das verbiete ich Ihnen!« »Gut ... Sie haben unbeschränkte Gewalt über mich.« Jetzt trat Lichtenbach zu der Gruppe, an Graff vorübergehend, scheinbar ohne ihn zu sehen. »Was höre ich, Graf?« wandte er sich zu Agostini. »Sie steigern den Preis dieser Auslage und zwar bis zu viertausend Franken? Eine elende Summe! Sie müssen es mit armseligen Mitbewerbern zu thun gehabt haben.« Mit einem verächtlichen Blick auf Graff und Marcel setzte er hinzu: »Ich habe widerstandsfähigere Gegner gekannt ... die Geldschlacht scheint sie mürbe gemacht zu haben.« Damit zog er sein Checkbuch heraus, schrieb einige Zahlen hin und reichte der Nonne ein Blatt. »Hier, liebe Schwester! Dafür erhalten Sie bei jeder Bank zehntausend Franken.« »Ach, wie kann ich Ihnen dafür danken!« fragte die Schwester betroffen. »Schließen Sie mich in Ihr Gebet ein,« sagte Elias voll Demut. Ein kleiner Menschenauflauf hatte sich gebildet, man lauschte und staunte und ein Murmeln der Bewunderung kitzelte Lichtenbachs Ohr aufs angenehmste. »Eine fürstliche Gabe!« rief Agostini begeistert. »Komm, mein Kind, gehen wir jetzt,« sagte Elias. Gesenkten Blickes, um Marcel nicht ansehen zu müssen, umarmte Marianne die Freundin, dann folgte sie mit Agostini dem Vater. Als sie an Graff vorüberging, hörte sie ihn murmeln: »Um zehntausend Franken Gebete! Zwanzig Sous per Gemeinheit, dann macht er immer noch ein gutes Geschäft!« »Nicht so laut, Onkel!« unterbrach Marcel diesen Ausbruch der Gereiztheit. »Seine Tochter könnte dich hören. Das arme Kind! Ihre Schuld ist's ja nicht.« Mariannes Herz krampfte sich schmerzlich zusammen. Sie empfand die Rücksicht, die der Neffe auf sie nahm, noch demütigender, als die Verachtung des Vaters, die der Onkel so unumwunden äußerte. Diesen Schmerz mußte sie mit sich forttragen. Seit seiner Rückkehr nach Paris hatte Marcel mit dem Vater Frieden geschlossen. Graffs Schilderung des Brandes und des Rettungswerkes, das der Neffe vollbracht hatte, war dem alten Lothringer sehr zu Herzen gegangen. Die Gefahr, worin sein Schwager, Cardez und Baudoin geschwebt hatten, war ihm nachträglich noch ein furchtbarer Schreck gewesen, und das Eingreifen des Sohnes in der letzten entscheidenden Minute, nachdem allen anderen der Mut versagt hatte, erfüllte ihn mit Begeisterung. Er hatte Marcel in die Arme geschlossen und zu der weinenden Mutter und Schwester gesagt: »Ihr macht ja ganz verblüffte Gesichter? Habt ihr etwa je daran gezweifelt, daß dieser leichtsinnige Schlingel im Grunde doch ein wackerer, braver Bursche sei? Ich nie, ich hab's wohl gewußt, daß er, wenn's gilt, das Herz auf dem rechten Fleck hat! Gerade weil ich wußte, was in ihm steckt, habe ich die Zügel scharf angezogen, wenn er mir vom rechten Weg abschweifen wollte. Zum Kuckuck auch, es ist ja ein Baradier!« Dann folgte noch eine Umarmung, und als sie am Abend allein waren, sagte Baradier zu seiner Frau: »Ich habe wahrlich meine Herzensfreude an unserem Marcel! Graff hat mir ein paar Geschichtchen erzählt, die mich wahrhaft gerührt haben, und ich fange an zu hoffen, daß er ein ganz hervorragender Mann wird, wenn Jugend und Leichtsinn sich ausgetobt haben. Das einzige, woran's fehlt, ist die Ordnung, aber das wird sich schon machen. Er hat einen klaren Kopf und hat Gemüt ... am besten wär's, man würde ihn verheiraten!« »Er ist erst fünfundzwanzig Jahre alt ...« »Gerade das richtige Alter! Jung heiraten, wie ich, und eine gute Frau, das gibt dem Leben Halt.... Wie steht er denn eigentlich mit Genoveva?« »Ganz brüderlich.« »Gar kein bißchen Verliebtheit dabei?« »Von ihrer Seite wäre es nicht unmöglich, aber er ist ganz und gar unbefangen dabei.« »Klopfe doch bei Amalie ein wenig auf den Busch!« »Das werde ich gelegentlich thun.« Marcel hatte natürlich von diesen väterlichen Gedanken keine Ahnung, ihm wäre alles eher in den Sinn gekommen, als eine Heirat. Die Rückkehr in die Familie hatte ihm wohlgethan. Er hing ja zärtlich an den Eltern und hatte selbst in den Zeiten der tollsten Jugendstreiche nie aufgehört, im Vaterhaus zu wohnen, sich nie glücklich gefühlt, wenn er nicht in Paris oder Ars um den Vater sein konnte. Als Sohn einer aus der angestammten Heimat vertriebenen Familie hatte er vielleicht ein stärkeres Gefühl für das Elternhaus als andere. Er hatte so häufig den Vater wie den Onkel um das alte Haus in Metz, die Freunde dort, die Landschaft, die Lebensgewohnheiten klagen hören, daß er sich um so inniger an das väterliche Dach angeschlossen hatte und daß ihm fern von den Seinigen stets eine wesentliche Glücksbedingung fehlte. Ihn verlangte dann sowohl nach dem liebevollen Zank des Vaters, als nach dem tröstlichen Lächeln der Mutter. Seit seiner Rückkehr war er selten auf dem Comptoir, ging auch des Abends wenig aus, sondern widmete sich einer Arbeit, deren einziger Vertrauter sein Onkel Graff war. Baradier war etwas erregt über die Wendung, die das Geschäft mit den Sprengstoffaktien nahm, ließ aber nur dem Schwager und Teilhaber gegenüber seine Besorgnis laut werden. »Die Augen müssen wir offen halten,« sagte dann Graff mit gewohnter Ruhe und Zuversicht, »dürfen aber die Gefahr auch nicht übertreiben. Ich habe die bestimmte Hoffnung, daß alles gut ablaufen wird,« »So? Du rechnest wohl auf ein Wunder?« grollte Baradier. »Die ›Sprengstoff‹ fallen und fallen, trotz all unserer Anstrengungen, den Kurs zu halten. Gestern war an der Börse das Gerücht verbreitet, daß ein Engländer Namens Dalgetty in England, Frankreich und Deutschland ein Patent angemeldet habe für ein Verfahren, wovon man sich Wunder verspricht und das dem Dynamit den Garaus machen werde. Man behauptete sogar, dieses neue Produkt sei trotz seiner fabelhaften Brisanz so leicht zu behandeln und so harmlos, daß man daran denke, es als treibende Kraft für Maschinen zu verwenden, es wäre demnach ein Ersatz für Dampf, Gas, Petroleum, Benzin bei den Motoren, geradezu eine Umwälzung! Wenn nur der vierte Teil dieser Behauptungen sich bestätigt, so sind wir verloren! Ganz ohne Zweifel ist von nichts anderem die Rede, als von Trémonts Erfindung, und Dalgetty ist ein Strohmann, den die Räuber aufgestellt haben.« »Kann wohl sein,« gab Graff mit Seelenruhe zu. »Das ist das Gescheiteste, was du zu sagen weißt?« schrie ihn Baradier wütend an. »Man bestiehlt uns, man vernichtet uns, und du sagst: ›Kann wohl sein!‹« »Ich warte ab, wie sich das Dalgettysche Produkt im Gebrauch bewähren wird. Es kann ja in der That Trémonts Sprengstoff sein, aber möglicherweise auch nicht. Und wenn es nicht Trémonts Erfindung ist, so taugt es sicher gar nichts.« »Wenn wir aber zu Grund gehen, während du abwartest?« »Dann werden wir nachher um so höher steigen.« »Aber dieser Bandit, dieser Lichtenbach, führt ja den ganzen Feldzug gegen uns. Man schreibt es mir aus Brüssel, aus London.« »So laß ihn doch. Je weiter er sich vorwagt, desto gründlicher seine Niederlage.« »Ich möchte nur wissen, woher du diese Zuversicht nimmst?« »Die beziehe ich von Marcel, von deinem Sohn! Dieser junge Mann ist ganz allein stärker als Trémont, als du und ich und die anderen zusammengerechnet. Du wirst schon sehen!« »Könntest du mir nicht wenigstens sagen ...« »Nichts kann ich dir sagen, als daß die Aktien fallen. Laß diesen Dalgetty machen und vor allen Dingen, verkaufe nicht! Behalte die Aktien, was auch geredet werden mag. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.« Die Ruhe und Sicherheit seines Schwagers machten auf Baradier Eindruck, aber nur vorübergehend. Wenn er wieder allein war in seinem Arbeitszimmer und die Post durchsah, die ihm nichts als schlimme Nachrichten brachte, stellten sich die schwarzen Gedanken alsbald wieder ein und gewannen die Oberhand. Er wußte, daß Marcel arbeitete, er sah ihn ins Laboratorium der Gewerbeschule gehen, woran einer seiner früheren Lehrer jetzt Professor war. Aber was mochte er dort treiben? Ohne Zweifel beschäftigte er sich mit irgend einer Vervollkommnung von Trémonts Erfindung, vielleicht auch nur mit der genauen Abwägung der einzelnen Bestandteile, denn wer konnte wissen, daß er die Zusammensetzung kannte, die Trémonts eigenste Schöpfung war? Und Baradier, dem das Blut so leicht zu Kopf stieg, setzte seinen Hut auf und ging ins Freie, um sich Erleichterung zu schaffen. Abends zur Essensstunde traf er dann den Sohn bei Mutter und Schwester oder am Klavier, mit Genoveva von Trémont vierhändig spielend. Er war ja durch und durch musikalisch, dieser Sohn, dem die Natur ihre Gaben so verschwenderisch verliehen hatte. Der Onkel Graff, ein leidenschaftlicher Musikfreund, saß dann wohlig zurückgelehnt in einem tiefen Armsessel, wiegte mit verzückter Miene sein Haupt zu irgend einem Schubertschen Lied oder Schumannschen Klavierstück und machte den auf den Zehenspitzen hereintretenden Baradier auf das anmutige Bild des jungen Paares aufmerksam, das mit vollem Eifer bei der Sache war und gewissenhaft seine Pausen zählte. »Wie füreinander geschaffen,« murmelte er dann vor sich hin. »Sie braun, er blond, die beste Kreuzung! Und als Mitgift das Trémontsche Pulver.« »Man könnte auch sagen Rauch,« brummte Baradier. »Nein! Denn es ist rauchloses Pulver,« entgegnete Graff leise, mit sorglosem Lächeln. In dieser Zuversicht des sonst in Geschäftssachen überbedenklichen Teilhabers lag ein gewisser Leichtsinn, der Baradier geradezu verblüffte. Offenbar braute Marcel etwas ganz Außerordentliches zusammen, wovon sein Onkel Kenntnis hatte und worein er die größten Hoffnungen setzte. Aber was konnte es sein und wie konnte man mit solcher Sicherheit auf irgend etwas bauen, während jene Banditen die Welt durchzogen, um neue Missethaten zu unternehmen, wozu die Regierung die Augen zudrückte? Und dann tobte Baradier wieder, was gar nicht so übel war, denn es beschäftigte ihn wenigstens. Baudoin war mittlerweile sehr thätig gewesen. Sein erster Besuch hatte dem Oberst Vallenot gegolten, den er auf dem Kriegsministerium angetroffen hatte, wenn auch stark in Anspruch genommen von einer Interpellation, die dem Minister in der Kammer bevorstand. Ein sozialistischer Abgeordneter erhob Klage, daß man den anarchistischen Zeitungen den Eingang in die Kaserne verwehre, denn wie solle das Volk je reif werden, wenn man dem Soldaten nicht zeigen dürfe, weshalb er seine Vorgesetzten verachten müsse? Der gute Oberst war infolgedessen heute die reine Kratzbürste. Seit vierundzwanzig Stunden hatte der sehr aufgeregte Minister ihn schlecht behandelt, und seine üble Laune redlich an dem Bureauchef ausgelassen. Vallenot hatte sie dann seinem ersten Kanzleivorstand auch nicht vorenthalten, und so hatte sich der Ärger des Ministers von Grad zu Grad fortgepflanzt, bis zum Pförtner hinunter. Dieser gab wenigstens noch seinem Hund eine Tracht Prügel, deren Veranlassung sich das gute Tier nicht erklären konnte, und darin bestand der einzige Unterschied zwischen Haustier und Beamten. »Was wollen Sie?« fuhr der Oberst Baudoin an, der in tadelloser soldatischer Haltung vor ihm stand. »Den Minister sprechen? Da treffen Sie's nett! Hineingehen können Sie, ob Sie aber wieder herauskommen, dafür kann ich nicht gutstehen! Und was wollen Sie ihm auch noch melden? Daß der Agent, den er Ihnen zur Verfügung stellte, verschwunden ist? Denn wir wenigstens sind seit drei Wochen ohne jede Nachricht von ihm,« »Die bringe ich eben.« »So? Und was ist denn aus ihm geworden?« »Tot ist er.« »Donnerwetter! Und wie ging das zu?« »Er wurde ermordet.« »Von wem, wo?« »Von denselben Leuten, die den Herrn General von Trémont ermordet haben.« »In welcher Absicht?« »In der nämlichen ... um General von Trémonts Geheimnis zu stehlen.« »Und ist ihnen das gelungen?« »Ja.« »Also haben sie jetzt das Pulver?« »Sie haben es.« »Eine saubere Geschichte! Es schwante uns so etwas. Wir sind benachrichtigt worden, daß im Ausland Versuche gemacht würden mit einem rauchlosen Pulver von außerordentlicher Kraft.« »Das ist meines Generals Pulver.« Der Oberst dachte nicht mehr an die Interpellation in der Kammer. Wütend an seinem Schnurrbart zerrend, fragte er: »Und wann ist der arme Laforêt ermordet worden?« »Es sind schon vierzehn Tage her, aber den Beweis seines Todes konnten wir erst viel später liefern. Er ist in den Fluß gestürzt worden und die Strömung hat den Körper fortgetragen bis zum Wassergang einer Mühle, wo er lange an einem Pfosten hängen blieb und zwar in beträchtlicher Tiefe. Erst vor kurzem kam die Leiche an die Oberfläche, man hat sie herausgezogen, die Persönlichkeit festgestellt und mit allen Ehren begraben, die einem einstigen Soldaten und braven Menschen zukommen. Jetzt liegt Laforêt auf dem Kirchhof von Ars friedlich unterm grünen Rasen.« »Und seine Mörder?« »Deretwegen will ich ja mit dem Minister sprechen. Ich kenne sie, die Halunken!« Vallenot sprang auf. »Diese Spione? Sie wissen, wer sie sind?« »Und Sie kennen sie wahrscheinlich auch, Herr Oberst, denn es sind keine Anfänger, und das Ministerium muß schon viel Schererei mit ihnen gehabt haben. Es sind gewerbsmäßige Verräter.« »Zum Teufel!« rief der Oberst, dessen Gesicht sich ganz verändert hatte. »Das ist ja eine Ablenkung für unsere Excellenz, der sie nicht widerstehen wird! Da wage ich mich schon ungerufen zu ihm hinein, denn das wird einen Wetterumschlag herbeiführen! Warten Sie hier auf mich, Baudoin ...« Vallenot ging zu einer Seitenthüre hinaus. Baudoin, der in der Nähe des Kamins stehen blieb, hörte im anstoßenden Zimmer sprechen, dann wurde die Thüre hastig aufgerissen und eine Kommandostimme rief: »Baudoin!« Der alte Soldat trat in dienstlicher Haltung auf die Schwelle und sah, daß der Minister noch röter im Gesicht war als sonst und mit gefurchter Stirn auf und ab ging. »Eintreten!« befahl der Gewaltige. Baudoin that, wie ihm geheißen war. Der Minister, der Zivil trug, machte noch ein paar Schritte, Vallenot stand zuwartend in der Fensternische. »Wie mir der Herr Oberst gemeldet hat, haben Sie mir wichtige Nachrichten sowohl über den Tod des Generals von Trémont als über den meines Agenten mitzuteilen?« »Zu Befehl, Excellenz.« »Sie glauben die Schurken zu kennen, die beide Thaten ausgeführt haben?« »Zu Befehl, Excellenz.« »Erzählen Sie mir, was Sie wissen.« »Zu Befehl, Excellenz. Ich bitte aber zu gestatten, daß ich mit Excellenz allein spreche. Das Geheimnis berührt das Leben von Personen, die mir zu wert sind, als daß ich es außer Excellenz jemand anvertrauen könnte.« »Vor dem Herrn Oberst können Sie doch reden?« »Excellenz, ein Geheimnis, das mehrere wissen, ist keines mehr,« versetzte Baudoin kühl. »Ich werde es entweder Excellenz, oder dem Herrn Oberst anvertrauen.« »Da haben Sie nicht unrecht ... bitte, ziehen Sie sich zurück, Herr Oberst. Die Vorsicht des wackeren Burschen ist nur zu loben und kann niemand kränken,« Vallenot grüßte lächelnd und ging. Er wäre sichtlich gerne geblieben, aber der Befehl litt keine Einsprache. So kehrte er denn in sein Arbeitszimmer zurück und zwar in sehr erleichterter Stimmung, denn der Sturm hatte sich ja wirklich gelegt. Nach Verlauf einer Viertelstunde klingelte es am Haustelephon. »Bringen Sie mir das Aktenfascikel Z, Nummer drei im Geheimschrank.« Vallenot öffnete einen sehr starken feuerfesten Schrank, griff ins dritte Fach und suchte ein gelb eingeschlagenes Aktenbündel heraus, womit er ins Zimmer des Ministers ging. Baudoin stand vor dem Schreibtisch, während der Minister mit aufgestützten Ellbogen und dem Ausdruck gespannter Erwartung an seinem gewohnten Platz saß. Wieder verging eine Viertelstunde, dann klingelte es abermals. »Schicken Sie mir den Hauptmann Rimbert, der im Fall Valence Berichterstatter war,« lautete der neue Befehl, den Vallenot durch seinen Aufwärter ausführen ließ. Jetzt verstrich eine halbe Stunde, dann ging die Thüre auf, und der Minister in Person begleitete Baudoin heraus. Er schien außerordentlich befriedigt zu sein. »Also, Baudoin, das wäre abgemacht?« sagte er. »Zu Befehl, Excellenz.« »Sie werden Herrn Marcel Baradier bestellen, daß ich um seinen Besuch bitte?« »Zu Befehl. Excellenz.« »Und benachrichtigen Sie mich sofort, wenn Sie auch nur das Geringste erfahren.« »Zu Befehl, Excellenz.« »Auf Wiedersehen, Baudoin ... kommen Sie zu mir herein, Vallenot.« Baudoin ging und die beiden Herren begaben sich ins Privatzimmer des Ministers, wo der junge Hauptmann Rimbert noch stand. »Oberst Vallenot, ich bitte, daß Sie mir selbst einen kurzen Auszug aus den Akten Espurzheim und Vicomte de Fontenailles zusammenstellen. ... Ich glaube, daß wir der Schelmin auf der Spur sind, die meinen Vorgänger so genarrt und auch mich vor zwei Jahren mystifiziert hat ... wenn ich sie unter die Hände kriege, werde ich mein Mütchen an ihr kühlen!« »Das wäre also wohl die Person, die nacheinander verschiedene Namen trug, die Frau Ferranti im Fall Espurzheim ...« »Und die Gräfin Vervelde im Fall des armen Fontenailles,« schaltete Rimbert ein. »Kurz, die berühmte Lichtscheue,« sagte der Minister. »Die hat uns Mühe, Zeit und Geld genug gekostet, und ist uns doch immer entschlüpft,« rief Vallenot. »Nun, meine Herren, wir wollen sehen, ob wir sie dieses Mal nicht zu fassen kriegen! Machen Sie mir die Notizen zurecht, Vallenot, wie ich sagte, und Sie, Herr Hauptmann, halten reinen Mund.« Der Oberst und Rimbert traten ab, der ganz aufgeheiterte Minister aber rieb sich, im stillen frohlockend, die Hände. Baudoin ging mittlerweile am Quai entlang und stand Schlag vier Uhr im Justizpalast, wo er unverzüglich in den zweiten Stock ging und vor Mayeurs Reich Halt machte. Er hatte im Vorzimmer des Untersuchungsrichters so manche Stunde in Gesellschaft des Kanzleidieners und des Polizeiwachtmeisters verbringen müssen, daß er hier wie ein alter Kamerad aufs freundlichste begrüßt wurde. »Sie, Herr Baudoin?« rief der Kanzleidiener. »Sind Sie jetzt in einer anderen Sache auch Zeuge?« »Gott bewahre, ich möchte ganz einfach mit dem Herrn Untersuchungsrichter sprechen ... ist er beschäftigt?« »Stets! Gegenwärtig hat er die Bande der Bilderdiebe, wissen Sie, die das Haus eines Marquis auf den Elyseeischen Feldern ausgeräumt hat, und dann noch das übrige.« »Kann man ihn vielleicht sprechen?« »Sobald er klingelt, melde ich Sie an, aber er ist höllisch übler Laune. Ich weiß nicht, was los ist mit dem Staatsanwalt, aber die beiden sagen sich gegenwärtig keine Artigkeiten.« Ein Glockenzeichen ertönte, die Thüre ging auf und von Schutzleuten geführt traten drei Männer mit richtigen Galgenphysiognomieen, bartlose, freche, vom Absinth heruntergekommene Pariser Pflastertreter schleppenden Schritts und spähenden Blicks heraus. Doch leider waren hier weder Thüren noch Fenster zu entdecken, durch die man hätte entspringen können, und so mußten sie sich bequemen, die Treppe wieder hinunterzusteigen, die zu ihrer Mausefalle führte. »Wollen Sie die Güte haben, einzutreten,« meldete der Kanzleidiener jetzt im Amtston. »Der Herr Untersuchungsrichter erwartet Sie.« Baudoin trat ein; der Gerichtsschreiber warf ihm einen neugierigen, forschenden Blick zu, Mayeur deutete mit einem etwas unsicheren Lächeln auf einen Stuhl, schob seine Papiere zusammen und herrschte den Schreiber an: »Sie können gehen. Bringen Sie die Aktenfascikel an ihren Platz. Ich brauche Sie heute nicht mehr.« Der Schreiber schnitt ein Gesicht, von dem schwer zu sagen gewesen wäre, ob es Unterwürfigkeit oder Unverschämtheit ausdrücken sollte, und verschwand, Mayeur, der offenbar an diesem Tag des Fragenstellens schon müde geworden war, begnügte sich damit, Baudoin durch einen Blick zum Reden aufzufordern. »Herr Richter,« begann der ehemalige Offiziersbursche, »als Sie mich das letzte Mal vorließen, gab ich mein Wort, Sie von allem zu unterrichten, was in der Suche von Vanves etwa noch ermittelt würde. Dieses Wort will ich heute einlösen,« »Hat sich denn etwas ereignet, was uns Klarheit brächte?« »Es hat sich mehreres ereignet.« »Was denn?« »Eine Feuersbrunst, ein Diebstahl, ein Mord.« »Und wo wurden diese Verbrechen begangen?« »In Ars bei Troyes.« Der Freudenschimmer, der die Züge des Beamten verklärt hatte, erlosch jählings. »Bei Troyes? Dann geht es uns nichts an. Ist Sache des dortigen Landgerichts,« »Ich bitte um Verzeihung, es geht uns sehr an. Weil nämlich die Leute, die dort geraubt, gemordet und gesengt haben, dieselben sind, die das Verbrechen von Vanves begangen haben, und weil man sie der ersten That wegen, die nur die zweite nach sich gezogen hat, verfolgt.« »Ja, kennen Sie denn diese Leute jetzt?« rief der Richter. »Ich kenne sie.« »Und wissen, wo man sie verhaften kann?« »Nein! Aber ich werde Ihnen Mittel und Wege zeigen.« »Dann soll also die Untersuchung, die man vor zwei Monaten so kläglich stecken lassen mußte, wieder aufgenommen werden können? Und wir haben Aussicht auf Erfolg?« »Daran ist gar nicht zu zweifeln. Wenn Sie das Nötige thun, muß es dieses Mal zum Klappen kommen.« »Ich?« schrie Mayeur förmlich, dunkelrot vor Aufregung. »An mir soll's wahrhaftig nicht fehlen, nach all den Scherereien, die ich hatte, den Demütigungen, die ich mir gefallen lassen mußte ...« Er wurde plötzlich inne, daß er sich verraten hatte, und an Stelle des leidenschaftlich erregten Menschen trat wieder der frostige, gelassene Beamte. Er stieß einen Seufzer aus, hob die Hände einen Augenblick in die Höhe, wie um den Blutumlauf in ein ruhigeres Geleise zu bringen, griff nach einem Papiermesser, das ihm zur Ablenkung für die Nervenunruhe dienen konnte, und sagte mit festem Ton: »Erzählen Sie mir die Sache im einzelnen.« Baudoin schilderte getreulich und folgerichtig, was sich in Ars zugetragen hatte. Er verweilte bei der Persönlichkeit dieser Frau von Vignola, der fremdartigen Erscheinung Agostinis und erklärte dann das plötzliche Eingreifen des furchtbaren »Hans«. Der Richter hörte ihm unbewegt, aber mit größter Aufmerksamkeit zu und schrieb kurze Notizen nieder, um den Faden der Erzählung festzuhalten. Die Zeit verstrich, die Sonne sank tiefer und tiefer und ihr Schein färbte die Seine blutig rot. Dann trat die Dämmerung ein und jetzt erst ging Mayeur vom Zuhörer zum Frager über. »Dieser Cesare Agostini ist also in Paris?« »Ja! Herr Graff hat ihn gesehen und der junge Herr Baradier hat mit ihm gesprochen. Es scheint, daß er mit Fräulein Lichtenbach verlobt ist.« »Der Tochter des Bankiers? Wie kann ein Mann in Lichtenbachs Verhältnissen, bei seinen Beziehungen, sich von einem Abenteurer beschwindeln lassen? Ist das denkbar?« »Sie werden's ja sehen! Wenn Sie wissen wollen, wo Agostini sich aufhält, so lassen Sie Lichtenbach überwachen. Die sind Gevattern und Geschäftsteilhaber!« »Und die Frauensperson ... die Vignola?« »Agostini wird Sie auf ihre Spur leiten, und wenn Sie einmal die Vignola haben, dann erwischen Sie auch den Hans und die übrigen Mitschuldigen, falls ihrer noch mehr sind, was ich glaube. Es muß eine ganze Bande sein.« »Und was wird Herr Marcel Baradier vornehmen?« »Der wird schon thun, was an ihm ist, ich bitte aber, sich gar nicht mit ihm zu beschäftigen. Er möchte nicht als Zeuge erscheinen. Gewissensbedenken! Wenn man die Huld einer Frau genossen hat, mag man nicht gegen sie auftreten, so verworfen sie auch sein mag, das ist begreiflich,« »Wenn aber erneute Angriffe gegen ihn ins Werk gesetzt werden? Wäre es nicht wünschenswert, Maßregeln zu seinem Schutz zu treffen?« »Nein, er ist ja alt genug, um selbst auf sich acht zu geben, und dann bin ich auch noch da.« »Laforêt war auch da!« »Wohl, aber so ist nun einmal der Wille meines Herrn, Thun Sie nicht mehr, als von Ihnen verlangt wird. Ich meine, Sie könnten recht zufrieden sein mit dem Ergebnis, es hat uns genug gekostet! Aber wenn man damit herauskommt, wenn mein General und der arme Laforêt gerächt werden, kann man sich doch sagen: Quitt!« »Gut,« sagte der Richter. »Und wo finde ich Sie, falls ich Sie brauchen sollte, Baudoin?« »Bei meiner Herrschaft, Bankhaus Baradier \& Graff.« »Schön! Nachdem Sie so fleißig waren, kommt die Reihe jetzt an mich. Das Volk soll sich nicht ungestraft über die Justiz lustig gemacht haben!« »Ja, und zwar machen die sich schon recht lange lustig, wie ich aus manchem schließe, was ich auf dem Kriegsministerium gehört habe.« »Ich werde mich mit den Herren dort ins Benehmen setzen, und wir werden gemeinsam vorgehen. Glück auf, Baudoin! Wir gehen mit frischen Kräften ans Werk.« Der Richter begleitete Baudoin selbst bis zur Thüre, dieser aber schüttelte seinen Bekannten im Vorzimmer die Hand, und ging dann spornstreichs in die Provencerstraße zurück. Marcel bewohnte im Zwischenstück des elterlichen Hauses eine kleine, nach rückwärts gelegene Wohnung von drei Zimmern, die eine eigene Treppe unmittelbar nach dem Hof hatte. Er konnte also aus und ein gehen, ohne daß jemand außer dem Pförtner etwas von seinen Lebensgewohnheiten erfuhr. Baudoin suchte ihn jetzt in seinem Wohnzimmer auf, wo Marcel mit größter Aufmerksamkeit die Zeichnung einer Maschine studierte und Skizzen zu einer Verbesserung daran entwarf, Als Baudoin eintrat, schob er die Risse beiseite und fragte: »Sie haben's besorgt?« »Ja, Herr Marcel.« »Und den Minister selbst gesprochen?« »Jawohl, Herr Marcel. Er hat beim ersten Wort fast einen Luftsprung gemacht und will Sie durchaus selbst sprechen. Seiner Meinung nach muß die betreffende Dame eine Spionin gefährlichster Art sein, die der Polizei seit mindestens sechs Jahren ein Schnippchen ums andere schlägt. Diese Frau müsse eine ganze Menge von Schlechtigkeiten auf dem Gewissen haben ...« »Danach habe ich nicht gefragt,« schnitt ihm Marcel das Wort ab. »Was ich wissen möchte ist, ob man die nötigen Schritte thun wird, um Agostini und seine etwaigen Spießgesellen zu überwachen?« »Der Kriegsminister sagte, das sei Sache der Sicherheitsbehörde, und hat mir befohlen, den Untersuchungsrichter vom Fall Trémont aufzusuchen. Von dem komme ich jetzt, und das kann ich sagen, der wird sich nicht auf die faule Haut legen! Er hat sofort alle nötigen Maßregeln getroffen; die verfluchte Geschichte hat ihm so viele Nasen von seinen Vorgesetzten eingetragen, daß er ihre Urheber mit persönlichem Haß verfolgt,« »Gut.« Das Bimmeln einer Glocke im Hof unterbrach die Unterredung. Die Baradiers hatten von der Provinz her die patriarchalische Sitte beibehalten, die Hausgenossen auf diese Weise zu Tisch zu rufen, Marcel vertauschte den Arbeitsrock rasch mit einem Jackett und begab sich durch einen Privatgang ins Wohnzimmer, wo die ganze Familie nur auf ihn wartete, um ins Speisezimmer zu gehen. Es herrschte gediegener Luxus im Hause, kein aufdringlicher Prunk, Behagen, nicht Schaustellung. Zwei Diener warteten bei Tisch auf, die Speisen waren mit Sorgfalt zubereitet, in allem und jedem zeigte sich wohlhabendes, fest in sich beruhendes Bürgertum. Die Speisestunde diente in der Regel dazu, daß alle Hausgenossen über ihre persönlichen Erlebnisse des Tages berichteten, heute aber schien jeder mehr verschweigen als mitteilen zu wollen. Beim Braten entschloß sich Graff, wenigstens die Frage hinzuwerfen: »Die Börse war heute wohl besser?« »Hübsch besser!« brummte Baradier ärgerlich, und dann trat noch lastendere Stille ein als vorher. Aber der Onkel fuhr mit echt lothringischer Beharrlichkeit fort: »Cardez schreibt mir, daß man mit dem Neubau schon am zweiten Stockwerk ist. Die Versicherungssumme wurde ausbezahlt, so wird bald alles wieder im Lot sein.« »Sind die Arbeiter jetzt ruhig?« fragte Frau Baradier. »Die armen Tröpfe! Es reut sie ja bitterlich, so aufgetreten zu sein, und man kann sie auch nicht verantwortlich machen dafür! Die verfluchten Anstifter! Hol's der Teufel!« »Hat man den Platz für eine neu aufzustellende Dampfmaschine genau studiert?« fragte Baradier, dessen Verstimmung immer wich, wenn von der Fabrik die Rede war. »Vater, ich mochte dich bitten, mit der Ausführung dieses Planes noch zu warten,« sagte Marcel entschieden, »Es könnte sein, daß wir in Zukunft für die Fabrik eine ganz andere Betriebskraft verwenden ... ich bitte dich, noch etwas Geduld zu haben.« »Wieder Chimären und Hirngespinste, irgend ein Erfindertraum!« »Nein, keine Chimäre,« entgegnete Marcel mit Wärme. »Ein Erfindertraum freilich, und wenn er sich ausführen läßt ... meine liebe Genoveva, Ihrem Vater würde dann der Ruhm gebühren, denn er hat zuerst den Gedanken gehabt. Ich glaube an dessen Ausführbarkeit, und wenn die Sache gelingt, soll das Werk seinen Namen tragen.« »Das ist wohl die Sache, womit du dich gegenwärtig so eifrig beschäftigst?« fragte Baradier neugierig. »Nicht nur gegenwärtig, sondern schon seit zwei Jahren, Vater. Auch mit dem General selbst habe ich an der regulierbaren ... regulierbar, das ist des Pudels Kern! ... Anwendung des Sprengstoffs Trémont gearbeitet und wir waren nahe daran, die Lösung des Problems zu finden, als er verschwand. Doch war ich im Besitz aller Zeichnungen, Pläne und Berechnungen, so daß ich die Arbeit allein fortsetzen konnte,« »Und du glaubst am Ziel zu sein?« »Ich glaube es.« »Und dieses Ziel ist?« »Die Entbehrlichkeit von Kohle, Petroleum, Elektrizität zur Krafterzeugung. Verfolge den Gedanken nur weiter ... Kriegsschiffe, die keine Kohlen schleppen müssen, könnten viel mehr Geschütze und Bemannung führen, die Lokomotive wäre um den Tender erleichtert und die ganze Industrie konnte die Steinkohle den Schmelzöfen und Heizungszwecken überlassen.« »Oho! Oho! Und wodurch willst du den Dampf ersetzen?« »Das wirst du erfahren, lieber Vater, am Abend des Tages, an dem die Patente für die ganze Welt eingelaufen sein werden.« »Und wann meldest du die Patente an?« »Morgen, wenn du mir die vierzigtausend Franken vorstreckst, die dazu nötig sind.« »Die kannst du von mir haben,« rief der Onkel Graff feurig. »Ich habe Vertrauen in die Sache.« »Und wer sagt denn, daß dir meine Kasse nicht offen stehe?« fragte Baradier. »Schon um Trémonts Andenken zu ehren, stelle ich dir die Summe zur Verfügung.« »Und ich stehe dir gut dafür, Papa, daß du noch keine so glänzende Kapitalanlage gemacht hast in deinem Leben,« rief Marcel fröhlich. »Es ist eine Entdeckung, die unsere ganze Industrie umgestalten wird, und dabei so einfach!« »Wie alle wirklich fruchtbaren Erfindungen! Die Konstruktion der Maschine steht also im engsten Zusammenhang mit Trémonts Sprengmasse?« »Gewiß, Vater.« »Und die hat man uns gestohlen!« Marcel lächelte wehmütig. »Ja, Vater, das ist so, und was das Schießpulver anlangt, so ist es ein großes Unglück, denn der General wollte Frankreich mit diesem wunderbaren Erzeugnis beschenken, das uns auf mehrere Jahre ein Uebergewicht über die anderen europäischen Heere verliehen hätte. Natürlich nur auf Jahre, denn man weiß ja, wie das geht, die anderen Staaten würden gearbeitet, unser Geheimnis ausfindig gemacht oder gekauft haben, und dann stünde man sich wieder gleich. Jetzt wird dieser Vorsprung keinem Volk zu gute kommen, denn morgen werde ich dem Kriegsministerium das Trénontsche Schießpulver übergeben. Dann stehen sich die Mächte wieder gleich gewappnet gegenüber und in einem etwaigen Krieg müssen Tüchtigkeit und Intelligenz den Sieg entscheiden. Was den Sprengstoff für die Industrie betrifft, liegt die Sache ganz anders; man konnte mir die Formeln entreißen, man kann ihn auch zur Not danach herstellen, aber die Verwendung für den von mir geplanten Zweck wird niemand herausbringen, dafür stehe ich ein.« »Es ist ein Geheimnis dabei?« »Ja, Vater, und zwar habe ich es im Zusammenarbeiten mit Trémont rein zufällig entdeckt. Das Wunderbare an diesem Stoff ist, daß er unter gewöhnlichen Verhältnissen explosiv wie kein anderer, durch leichte Reibung entzündbar, kurz höchst gefährlich in der Behandlung, nach unserer Methode verwendet, sich völlig dem Geheiß fügt und seine dynamischen Wirkungen so regulierbar sind, daß ich ein kleines Uhrwerk damit treiben könnte, wenn mir's Spaß machte.« Die Tischgenossen hörten mit Spannung und bewegtem Herzen zu; die Bedeutung dieser Sache und das erbärmliche Schicksal ihres Urhebers standen in zu traurigem Gegensatz. »Du sollst morgen früh dein Geld haben,« brach Baradier das beinahe feierliche Schweigen, »und wenn deine Erfindung nur zum hundertsten Teil hält, was du von ihr erwartest, wird Genoveva ein reiches Mädchen und der arme Trémont noch im Grab weltberühmt.« »Und was die Aktiengesellschaft betrifft,« sagte Graff halblaut zu seinem Schwager, »so wird die Geschichte wohl abgethan sein! Wenn's einen Krach gibt, trifft er Lichtenbach!« Dreizehntes Kapitel. fünf Monate waren es her, daß sich Marcel seinem Vater gegenüber verpflichtet hatte, mit den Gefährten seines Leichtsinns zu brechen, keinen Fuß mehr in den Klub zu setzen, die Vergnügensexistenz aufzugeben und durch Fleiß seine Thorheiten in Vergessenheit zu bringen. Gewissenhaft Wort haltend, hatte er sich nach Ars zurückgezogen, war nur selten in Paris erschienen und hatte mit einer Hingebung gearbeitet, die unanfechtbare Erfolge lieferte. Der Kriegsminister hatte sich nach Marcels Besuch dem Vater gegenüber mit einer Wärme über den jungen Gelehrten geäußert, daß Baradier entwaffnet war. All die geduldig ertragenen Verbote wurden nunmehr aufgehoben und der hübsche Junge schwamm, was man seinen fünfundzwanzig Jahren nicht verargen konnte, wieder mit Genuß im Fahrwasser des Lebemannes. Bei seinem ersten Wiedererscheinen im Klub hatte man ihn mit offenen Armen aufgenommen und junge und alte Freunde hatten ihn mit Fragen bestürmt. »Ja, was ist denn aus Ihnen geworden? Sie waren ja eine ganze Ewigkeit lang unsichtbar? Hat die kleine Machin Ihnen die ganze Zeit Hausarrest gegeben? Haben Sie in der Stille und Einsamkeit Buße gethan? Sind Sie auf Reisen gewesen? Nur heraus mit der Sprache!« So schwirrte es von allen Seiten, und Marcel gab wohlgemut Bescheid, sagte, daß er allerdings verreist gewesen sei, aber ohne die kleine Machin, die ja ihre Vorzüge habe, im Grund aber doch mehr koste, als sie wert sei,« »Ist denn auch nur eine wert, was sie kostet?« bemerkte der dicke Stapoulo, bekanntermaßen der bestbetrogene unter den Pariser Lebemännern, weltschmerzlich. Marcel erklärte dann weiter, daß er auch über einiges nachgedacht habe, und zwar wesentlich über das Banklegen, und zu der Ueberzeugung gelangt sei, daß vom Baccara niemand etwas davontrage als die Spielkasse, und er daher entschlossen sei, sich nur noch an solchen Spielen zu beteiligen, wo man beim Verlieren wenigstens das tröstliche Bewußtsein habe, daß die Freunde dadurch reicher würden. »Wie oft ich diese Grundsätze schon aufstellen hörte!« bemerkte Baron Vergins, ein einstiger Kammerherr des Kaisers. »Und wenn Sie eine Viertelstunde vor dem Baccaratisch stehen, so spielen Sie doch wieder!« »Wollen Sie mich auf die Probe stellen? Gehen wir hin.« Sie gingen in den großen Saal, unter dessen gewölbter Stuckdecke der Tabaksrauch festhing wie ein dichter Nebel. Auf jeder Seite des weiten Raumes stand ein grüner Tisch, an dem sich die stummen Spieler drängten, während der Bankier mit gespannter Aufmerksamkeit sein Amt verwaltete. »Ach! Ihr habt jetzt zwei Baccaratische?« sagte Marcel überrascht. »Ja, das ist eine Neuerung. Am einen ist der Mindesteinsatz zwanzig, am anderen nur zehn Franken, so daß einer, der am großen Tisch gerupft worden ist, sich am kleinen erholen kann. Er kann ja dann immer wieder am großen Tisch verlieren, was er am kleinen gewonnen hat.« »Höchst sinnreich! Ein doppeltes Sieb, das sicher nichts durchläßt!« Marcel trat an den großen Tisch und sah auf einmal gespannt hin. Ihm gegenüber saß als Bankhalter kein anderer als Cesare Agostini. Eine Blume im Knopfloch, verbindlich lächelnd, teilte er mit zierlichen Bewegungen der wohlgepflegten Hand die Karten aus. Ohne Marcel zu bemerken, fragte er in seinem singenden Ton: »Karten?« Er gab, hob für sich selbst ab, verlor nach beiden Seiten und schleuderte die vielfarbigen Spielmarken mit taschenspielerartiger Geschicklichkeit nach links und nach rechts. »Wer ist der Bankier?« fragte Marcel die beiden Herren an seiner Seite. »Ein Graf Cesare Agostini.« »Neues Klubmitglied?« »Nur Gast. Ein netter Junge, gewandter und angenehmer Spieler.« »Glücklich?« »Im Gegenteil. Riesenpech! Im ganzen Klub verliert keiner wie er.« »Er ist doch gut eingeführt bei euch?« »Durch den Prinzen Cystriano und Beltrand, die ihn vorgestellt haben, höchst ansehnliche Taufpaten. Uebrigens sind die Agostini eine bekannte Familie, jüngere Söhne eines fürstlichen italienischen Hauses ... der Herzoge von Briviesca ...« »Warum nimmt man denn so viel Fremde in den Klub auf?« fragte Marcel mißbilligend. »Ja, mein Lieber, weil sie die einzigen sind, die kommen! Der Klub lebt sozusagen von ihnen, sie betrachten ihn wie ein Hotel, ich weiß es, und das ärgert uns auch immer, aber was will man machen? Der Haushalt kostet Geld.« »Weiß man, ob er Familie in Paris hat?« fragte Marcel weiter. »Frau oder Schwester?« »Nein, er ist Junggeselle, und mit einer Dame habe ich ihn noch nie gesehen.« Marcel brach das Gespräch ab, zog sich vom Spieltisch zurück, trennte sich unter einem Vorwand von den beiden Freunden und ging ins Schreibzimmer. Er griff nach dem Mitgliederverzeichnis und fand im Nachtrag, kürzlich erst eingeschrieben: »Graf Cesare Agostini, 7 Kolosseumstraße.« Jetzt hatte er seine Adresse und das war immerhin etwas, aber viel nützte es ihm nicht, denn im Grund verlangte ihn ja nur nach Aufklärung über die geheimnisvolle Frau, Anetta oder Sophia, Vignola oder Baronin Grodsko, falls sie nicht noch eine andere war. Was war dieser Agostini ihr, dem bezaubernden Geschöpf, das sich für Marcel plötzlich in ein Ungeheuer von gefährlichster Verderblichkeit verwandelt hatte? War er wirklich ihr Bruder? Ihr Mitschuldiger ja ohne Zweifel, aber Marcel wollte mehr, wollte alles wissen und war entschlossen, sich auf jede Gefahr hin Klarheit zu verschaffen. Er hatte sich in einen hochlehnigen Lederstuhl gesetzt, der mit der Rückseite gegen die Thüre stand und ihn fast unsichtbar machte. Zwei Klubmitglieder saßen eifrig schreibend am Tisch, das Schreibmaterial des Hauses für ihre Briefschaften benützend. Die Stille und Kühle des Raumes, das gleichmäßige Ticken der Standuhr wirkten einschläfernd auf Marcel. Nur wie im Traum hörte er Stimmen an sein Ohr dringen und so verblieb er eine Zeitlang in einem Halbschlaf, aus dem er aber plötzlich aufschreckte. Unter den Stimmen, die ihn eingewiegt hatten, war plötzlich die näselnde des Italieners erklungen, und sofort war Marcel hell wach und ganz Ohr. »Wieder viertausend Franken verloren ... gestern tausend, das wird recht hübsch ...« Agostini lachte hellauf. »Sie sollten ein paar Tage keine Karte anrühren, Agostini,« riet ihm einer von den Herren. »Mit Eigensinn zwingt man das Glück nicht.« »Und was sollte ich anfangen, wenn ich nicht spielte? Ich hab' ja sonst nichts!« »Und die schone Dame in der Oper, der Sie gestern abend den Oberst Derbaut vorgestellt haben?« Marcels Herz pochte wild. Sein Gefühl sagte ihm, daß die Frau, von der hier die Rede war, und der Agostini einen Offizier zugeführt hatte, dieselbe war, die ihn so leidenschaftlich beschäftigte. Er lauschte mit wahrer Anstrengung, um ja kein Wort des Gesprächs zu verlieren, aber Agostini antwortete mit so gedämpfter Stimme, daß keine Silbe davon zu ihm drang. »Nun, wenn Sie nur als Heimatgenosse in Beziehung zu der Dame stehen,« hörte er dagegen den anderen sagen, »so bitte ich auch um die Ehre, ihr vorgestellt zu werden. Sie sind mir's eigentlich schuldig, Graf.« Agostini lachte, ohne eine bestimmte Zusage zu geben, Marcel aber überlegte, daß Cesares Heimatgenossin notwendig eine Italienerin, die Italienerin aber Anetta sein müsse. Was sie wohl hier wieder im Schild führen mochte mit diesem Abenteurer? Den Oberst Derbaut hatte er ihr vorgestellt ... der war beim Generalstab, also galt es wieder militärischen Geheimnissen! Über diesen Gedanken hatte er das Gespräch in seinem Rücken außer acht gelassen, nun aber drang wieder ein Satz davon an sein Ohr und dieses Mal ein sehr wichtiger. »Also heute abend in der Oper?« sagte die Stimme von vorhin. »Bleibt dabei, Graf.« Jetzt wurde es still, die beiden Klubmitglieder, offenbar fleißiges Federvieh, kritzelten eifrig weiter, und Marcel stand auf. Die Gelegenheit, Agostinis Schwester wieder zu sehen, war ihm jetzt sicher. Sie war nicht in Italien, wie der Abenteurer im Wohlthätigkeitsbazar mit so frecher Stirn behauptet hatte, sondern in Paris, wo alle Fäden zusammenliefen, und, ohne der Vergangenheit zu gedenken, an der Arbeit, an neuer Übelthat, denn Gefahr, Ehrlosigkeit und Tod waren es ja, was ihren Weg bezeichnete. Und plötzlich stieg das lachende Bild der holdseligen Frau mit den blonden Madonnenscheiteln, dem berückenden Lächeln und dem kindlichen Blick greifbar deutlich vor Marcel auf ... konnte dieses süße rührende Gesichtchen das eines Ungeheuers sein? O dann war es ein furchtbares! Wer sollte dem sanften, stillen Liebreiz mißtrauen, der von der ganzen Persönlichkeit ausging? Und doch hatte sie ihn verraten! Sie und kein anderer Mensch hatte dem Raubmörder enthüllt, wo die Geheimnisse des Laboratoriums zu finden waren, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die an Taschenspielerei grenzte und eine Gewandtheit bewies, deren sich ehrliche Menschen von vorneherein nie rühmen können. Und waren denn nicht einmal ihre Küsse aufrichtig gewesen? Hatte sie sich nicht mit einer Glut hingegeben, die jede Täuschung ausschloß? Nein, das war keine Lüge gewesen, als sie sich jauchzend, liebestrunken in seine Arme geworfen hatte, in dieser Stunde, da er ihres Herzens wilden Schlag gefühlt hatte, wo ihre bebenden Lippen todeskalt geworden waren in zitternder Lust, da hatte sie nicht getäuscht, da hatte sie geliebt und sich in Wahrheit hingegeben. Wie aber diese Doppelzüngigkeit zusammenreimen mit dieser offenbaren Leidenschaft? Wie hatte sie ihn als Feind behandeln können in der Stunde selbst, wo sie ihn als Geliebten angebetet hatte? That sie etwa das Böse nur unterm Einfluß eines außer ihr stehenden verbrecherischen, verhängnisvollen Willens? Folgte sie dagegen dem eigenen Trieb, wenn sie nichts war als ein liebendes Weib? Wie gern hätte er sie reingewaschen von jedem Makel, von jedem Verdacht, den er selbst hegte. Aber wie war es möglich? Vom Klub ging er nach Hause, und zwar in die Geschäftsräume, wo er im Privatzimmer des Vaters seinen Onkel Graff traf, der die Abendzeitungen eifrig studierte. »Da sich einmal her, Kleiner!« rief er, dem Neffen ein Blatt hinstreckend. »Die Presse beschäftigt sich mit unserer Sache. Hier ist ein Referat über die Sitzung der Akademie der Wissenschaften, in der Professor Marigot seinen Bericht über das Trémontsche Pulver abgestattet hat.« Marcel nahm das Blatt gleichgültig und legte es, ohne auch nur einen Blick hineingeworfen zu haben, auf ein Pult. »Das ist deine ganze Teilnahme an diesem Vorgang?« rief Graff. »Du bist nicht einmal neugierig auf den Eindruck, den Marigots feierliche Mitteilungen gemacht haben? Nun denn, wenn du nicht lesen magst, werde ich dir's erzählen! Der ›Globus‹ widmet der Entdeckung einen ganzen Artikel, worin sie als sehr bedeutsam bezeichnet und binnen kurzem eine vollständige Umwälzung in der Erzeugung bewegender Kraft vorausgesagt wird. Der ›Weiße Helmbusch‹ Lichtenbachs Blatt, dagegen bringt sofort einen Entrüstungsausbruch gegen die Erfindung, die er als schamlose Fälschung hinstellt, andeutend, daß es ganz einfach das ›Pulver Dalgetty‹ sei, ohne auch nur eine Veränderung im Mischungsverhältnis der Materialien.« »Das ist wenigstens gründlich frech!« konnte sich Marcel nicht enthalten auszurufen. »Und nun kommt das beste. An der Börse hat sich das Gerücht verbreitet, daß die Sprengstoffaktiengesellschaft im Besitz des Patents Trémont sei, und infolgedessen beginnen die Aktien trotz aller Schachzüge unserer Gegner zu steigen ... wir sind demnach gerettet, während Lichtenbachs Lage höchst bedenklich wird.« »Du weißt, daß mich solche Geschichten sehr kühl lassen.« »Das weiß ich allerdings, aber ich weiß auch, daß dein Vater, der seit drei Monaten keinen ruhigen Schlaf mehr hatte, ganz munter und rosig aufgelegt ist. Er ist heute nach Aubervilliers gefahren, um ein Grundstück von drei Hektaren zu besichtigen, das uns angeboten wurde und zur Errichtung einer neuen Fabrik günstig gelegen wäre.« »Das wäre ja ganz etwas für ihn! Bauen ist seine Leidenschaft.« »Ja, er ist seelenvergnügt; was ihn aber so glücklich macht, ist vor allem das Bewußtsein, dieses glänzende Ergebnis dir zu verdanken. Er ist ja kein Freund von Gefühlsäußerungen, aber ein begeisterungsfähiger Feuergeist und voll Gemüt; die Bestätigung, daß du ein Mensch von großem Wert bist, thut ihm bis ins Innerste wohl und schmeichelt seiner Eigenliebe! Bis jetzt war ja nur von Trémont die Rede, wird aber bekannt, daß und wie du sein Werk vollendet hast, so wird auch dein Name viel genannt werden, darauf kannst du dich verlassen und du wirst sehen, wie deinem Vater dabei das Herz aufgeht.« Marcel gab nicht nur keine Antwort, sondern ging mit so geistesabwesendem Gesicht im Zimmer herum, daß Graff verwundert sagte: »Du bist doch ein merkwürdiger Bursche, Marcel! Was ich dir da vorschwatze, sollte dir doch Vergnügen machen, und du hörst mich kaum an ... was hast du nur?« Der junge Mann schüttelte den Kopf und zwang sich ein Lächeln ab. »Nichts, Onkel, aber ich wüßte nicht recht, was ich dir auf deine Verheißungen zur Antwort geben sollte.« »Nicht? Du hast eben auch keine Ahnung, was für Pläne man bei Baradier \& Graff für dich schmiedet! Dein Vater sagte heute früh zu mir: wir werden natürlich Marcel als Direktor an die Spitze der künftigen Fabrik stellen und gleichzeitig wird er Aufsichtsrat der ganz neu zu organisierenden Sprengstoffaktiengesellschaft. ... Begreifst du wohl, Kleiner, daß dies für deine sechsundzwanzig Jahre eine ungeheure Stellung bedeutet? Und weißt du wohl, was dein Vater noch gesagt hat? Wenn er heiraten wollte, dann wären all meine Wünsche erfüllt, dann würde er mich in jeder Hinsicht zufriedenstellen! Hm? Was sagst du dazu? Ich glaube, daß er im stillen an Genoveva von Trémont denkt. ... Weißt du mir darauf auch nichts zu antworten?« »Nein, wahrhaftig nicht, Onkel,« sagte Marcel gelassen. Nun stand Graff auf, faßte seinen Neffen an den Schultern und sah ihm forschend ins Gesicht. »Ja, Onkel, nein, Onkel, nichts, Onkel, das ist alles, was ich seit einer halben Stunde aus dir herausbringe ... du willst mich täuschen, du hast etwas erlebt, wovon du nicht sprechen willst ... Marcel, hast du die Person von Ars wiedergesehen?« »Nein, gesehen habe ich sie nicht,« rief der junge Mann, aus seiner Zurückhaltung heraustretend. »Aber ich weiß, daß sie in Paris ist, weiß, wo ich sie heute abend treffen werde, Onkel, und dann, dann werde ich die Lösung dieses wandelnden Rätsels finden!« »Ach, mein liebes Kind, die kostet mich kein Kopfzerbrechens, die heißt Schurkin! Ich kann dir nicht sagen, wie es mich beunruhigt, dich immer noch mit der Person beschäftigt zu sehen! Nimm dich doch in acht! Du weißt, wie gefährlich sie ist, sie und ihre Bande. Denke an den armen General, an den wackeren Beamten, der in Ars sein Leben lassen mußte! Der Teufel müßte dich reiten, wenn du dich noch einmal mit dieser Dirne einlassen wolltest! Wenn du um ihren Aufenthalt weißt, so mache der Polizei Anzeige davon, man wird sie verhaften, und die Sache ist abgethan.« »Wenn ich von ihrer Schuld so überzeugt wäre wie du, würde ich das vielleicht thun, obwohl es doch immerhin eine Sache ist, eine Frau preiszugeben ...« »Ritterlichkeit solchem Gesindel gegenüber!« »Ich habe eben meine Zweifel, ob sie zu diesem Gesindel gehört, Onkel, und kann es nicht über mich bringen, sie zu verurteilen. Erst muß ich jedenfalls hören, was sie selbst...« »Schnickschnack, du willst sie eben wiedersehen! Solch ein Esel bin ich denn doch nicht, mir da etwas weismachen zu lassen, soweit kenne ich mich aus in den Menschen. Dein Herz oder was sonst Frauenzimmer dieser Art im Mann erregen, verlangt nach ihr und du willst dich der Gefahr aussetzen, von irgend einem Meuchelmörder niedergestochen zu werden, nur um des Vergnügens willen, noch einmal von dieser Komödiantin genarrt zu werden!« »Onkel Graff, im Opernhaus wird man mich doch schwerlich ermorden, und dort werde ich sie heute abend sehen ...« »Ist das auch wahr?« »Hast du deinen Orchestersessel für heute schon vergeben?« »Nein!« »Dann sei so gut und überlasse ihn mir.« »Wenn du mir dein Wort gibst, keine Dummheiten zu machen, die Person nicht etwa irgendwohin zu begleiten, falls sie es wünscht,« »Nein, das kann ich dir nicht versprechen! Wenn sie mir nur ein Zeichen macht, so folge ich ihr, und wenn's zum Teufel ginge!« »Siehst du wohl? Was sag' ich denn?« »Aber darauf gebe ich dir mein Wort, daß ich nicht bei ihr bleiben werde. Ich bin auf meiner Hut, ein Agostini soll mich nicht fangen wie einen Gimpel.« »Nimm einen Revolver mit!« »Das ist selbstverständlich.« »Ach mein Gott!« rief Graff mit einem Seufzer. »Eben war ich so von Herzen beruhigt und heiter, und nun geht die Not abermals los! Wenn du wenigstens Baudoin mitnähmest?« »Unter keinen Umständen! Aber du kannst ganz ruhig sein; augenblicklich ist keine Gefahr für mich vorhanden und über das Weitere können wir später beraten.« Baradiers Rückkehr machte der Unterredung ein Ende, und Marcel ging in seine Behausung, um sich vor Tisch umzukleiden. Man gab an diesem Abend die Walküre im Opernhaus und Marcel kam erst, als der zweite Aufzug begann. Die ehelichen Streitigkeiten Wotans, des skandinavischen Jupiters, mit Frigga, der zur Juno nur der Pfau fehlt, fesselten den jungen Mann nicht sehr. Er kehrte bald der Bühne den Rücken zu und sah sich, das Kinn auf die Lehne seines Sitzes gestützt, im Haus um. Die Logen des ersten Ranges füllten sich äußerst langsam, gleichsam mit Widerstreben; man merkte, die Abonnenten kamen nur, weil sie die Sache im voraus so teuer bezahlt hatten. Der zweite und dritte Rang waren dicht besetzt; auf diese bescheideneren Plätze kam man, um zu hören und sich zu begeistern. Im Amphitheater des obersten Ranges war Kopf an Kopf gedrängt, alle Augen auf die Bühne geheftet, dort saßen die Kunstfreunde und Kenner. Aber nicht um Beobachtungen über das musikalische Verständnis der verschiedenartigen Hörer eines Meisterwerkes anzustellen, durchforschte Marcel das Haus; sein Blick suchte nur eine Frau, doch nirgends, weder im ersten, noch im zweiten Rang, in keiner Loge und nicht auf dem Amphitheater wollte Frau von Vignolas zartes Profil zum Vorschein kommen. Nur zwei Prosceniumslogen rechts von der Bühne waren noch unbesetzt, und Marcel kehrte das Gesicht wieder der Scene zu, um, seitwärts schielend, die leeren Vierecke, die in der reichen leuchtenden Vergoldung zwei schwarze Tupfen bildeten, scharf im Auge zu behalten. Gegen Schluß des Aktes hörte er eine Thüre gehen, ein Lichtstrahl fiel in den dunklen Hintergrund der Loge und eine Gestalt erschien in undeutlichem Umriß in der Samtumrahmung. Die Thüre schloß sich, der Raum war wieder dunkel, doch um so heller erschien die Gestalt einer Dame in weißem ausgeschnittenem Kleid mit herrlichen Perlen um den Hals, die nun an die Brüstung der Loge trat. Sie setzte sich, den Kopf der Bühne zugewandt, und Marcel konnte nur die verlorene Linie der Wange und den üppigen schimmernden Nacken, von dem ein wahrer Helm schwarzer Haare aufstieg, deutlich erkennen. Das Gesicht sah er nicht, aber ein Zusammenhang zwischen dieser kräftigen dunkelhaarigen Dame und der zarten blonden Anetta war ja undenkbar. Strotzende Lebensfülle an Stelle ätherischer Anmut! Nein, sie konnte es nicht sein! Verdrießlich wandte er sich ab, aber als jetzt der Vorhang fiel und wilder Beifallssturm die Sänger an die Rampe rief, wandte sich die Dame in Weiß den Zuschauern zu und Marcel erkannte mit wahrer Bestürzung den Blick der einst geliebten Frau. Alles andere hätte Täuschung sein können, aber dieser schmachtende Blick, der mit dem spöttischen Lächeln und der gebieterischen Stirn in so unendlich reizvollem Gegensatz stand, der war nur ihr eigen. Aufmerksam studierte er ihre Züge, ohne daß sie sich beobachtet gefühlt hätte, denn sie warf keinen Blick ins Parkett, und nach und nach erkannte er jeden einzelnen wieder, aber wie genau mußte man sie nicht kennen, um sich davon zu überzeugen, daß sie es war, und wie schmerzlich war dieses Wiederfinden! Schon die Thatsache dieser Wandlung war ja ein genügendes Geständnis! Wenn sie es nicht nötig gehabt hätte, ihre Spur zu verwischen. Bekannten auszuweichen, wie wäre sie darauf verfallen, ihr Haar zu färben, Frisur und Gesichtsausdruck so fabelhaft zu verändern? Was für eine Komödie spielte sie denn und wann spielte sie Komödie? War sie in Ars gefärbt, geschminkt, verkleidet gewesen, oder war sie es heute? Und wen wollte sie betrügen? Damals ihn, oder heute einen unbekannten Liebhaber, den sie erwartete, den man ihr zuführen wollte, daß sie ihn ebenso heiß umschlinge, wie sie Marcel in dem stillen Landhaus umschlungen hatte? Diese Vorstellung quälte ihn dermaßen, daß es unleidlich wurde. Er stand auf, indes die neben ihm Sitzenden hinaus gingen. Frau von Vignola war in den Hintergrund der Loge getreten, wo er jetzt undeutlich noch andere Gestalten sah. Vielleicht, daß Agostini ihr in diesem Augenblick den Bekannten vom Klub zuführte, der so dringend verlangt hatte, die schöne Italienerin kennen zu lernen. Marcel zählte die Logen von vorne ab, um sich nicht in der Thüre zu irren, trat auf den Gang hinaus und legte sich, durch eine Säule gedeckt, auf die Lauer, wobei ihm die Zeit endlos lang wurde. Jeder Vorübergehende ärgerte ihn; ein paarmal mußte er Grüße erwidern, sich verstecken, um nicht vom einen oder anderen angeredet zu werden, kurz es war ein qualvoller Zustand. Endlich, endlich ging die Logenthür auf und Agostini kam mit einem älteren Herrn von würdiger, vornehmer Erscheinung, der eine Rose im Knopfloch trug, heraus. Plaudernd gingen sie an Marcel vorüber nach der Haupttreppe, auf der sie bald außer Sicht waren, und nun eilte der junge Mann, der ihnen vorhin den Rücken zugekehrt hatte, vorwärts, machte der Beschließerin ein Zeichen und schob sich, kaum daß die Thüre geöffnet war, ins Innere der Loge. Die Dame in Weiß saß auf dem Sofa im Vorraum. Marcel drückte die Thüre hinter sich zu und trat rasch vor die Dame, Sie wandte den Kopf, sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken, und sagte ruhig: »Sie haben sich in der Loge getäuscht, mein Herr.« »Nein, gnädige Frau,« versetzte er ironisch, »ich bin am rechten Ort, falls ich hier Frau von Vignola gegenüberstehe, die möglicherweise auch die Baronin Grodsko sein könnte,« Diese Worte machten einen furchtbaren Eindruck auf die junge Frau. Mit erloschenem Blick und zuckenden Lippen fragte sie mühsam: »Was für einen Namen nennen Sie da?« »Offenbar einen der Ihrigen! Denn soviel ich sehe, verändern Sie Ihren Namen je nach Lage der Dinge, Ihr Gesicht je nach den Männern.« »Ich verstehe durchaus nicht, was Sie damit meinen und kann nur wiederholen, daß Sie sich irren ... ich bitte, daß Sie sich zurückziehen ...« »Nein, ich werde die Rückkehr des Grafen Agostini abwarten, der seine Persönlichkeit nicht ableugnen wird. In seiner Gegenwart können wir uns dann aussprechen; sie wird uns die Feststellung Ihrer Persönlichkeit erleichtern.« »Und er wird Sie töten,« rief sie, das Leugnen aufgebend. »Unglücklicher! Gehen Sie, verlieren Sie keinen Augenblick, zögern Sie nicht ... Sie haben keine Ahnung, in welcher Gefahr Sie schweben!« »Darüber bin ich mir vollkommen klar. Der General von Trémont ist tot, der Polizeiagent Laforêt ist tot und ohne Zweifel sind noch viele andere geopfert worden, die Ihrer Laune oder Ihren Unternehmungen Widerstand leisteten. Wenn ich das auch thue, so werden Sie ohne Zweifel versuchen, auch mich töten zu lassen, aber vorher will ich wissen, wer und was Sie sind!« Das Gesicht der jungen Frau wurde finster; mit tragischer Gebärde hob sie den schönen Arm. »Versuchen Sie nicht, das zu erfahren! Es würde Ihnen nicht gelingen!« »Und doch bin ich schon einigermaßen in dieser Kenntnis vorgedrungen,« sagte Marcel, zähneknirschend vor Wut. »Spionin, Diebin, Komödiantin ... ja Komödiantin, Lügnerin selbst in der Liebe!« Sie schien von den beschimpfenden Worten, die er ihr ins Gesicht schleuderte, nur das eine erfaßt zu haben: »Lügnerin selbst in der Liebe!« Mit flammendem Gesicht faßte sie Marcel am Arm und starrte ihn mit Augen an, die im Halbdunkel funkelten. »Nein! Ich habe nicht gelogen! Glaub' das nicht! Der Lüge in der Liebe bezichtige mich nicht. Ich habe dich geliebt! Wie kannst du dich darüber täuschen? Magst du sonst vor mir denken, was du willst, was liegt mir daran? Wir werden uns nicht wiedersehen. Hörst du wohl ... niemals werden wir uns wieder begegnen! Also glaube, was ich dir schwöre – ich habe dich geliebt und liebe dich noch! Keinen habe ich je geliebt wie dich, und weil ich dich liebe, will ich dich nicht wiedersehen. Versuche nicht zu begreifen, wie ich das meine, wolle nicht in meine Geheimnisse eindringen, sie würden dir Tod und Verderben bringen, wie du vorhin selbst und mit Recht sagtest. Begnüge dich mit dem, was ich dir gegeben habe, sei froh, daß du es nicht mit dem Leben bezahlen mußtest. Sei blind, wenn ich an dir vorübergehe, taub, wenn du von mir sprechen hörst, wolle nicht in die Finsternis dringen, die mich umgibt. O mein Marcel, der mir so lieb war, den ich so kurze Zeit so heiß geliebt habe! Geh! Geh! Aber denke nicht mehr, daß ich dich belogen habe. In deinen Armen, an deinen Lippen war ich ...« Sie brach ab; Thränen schimmerten in ihren Augen, ihre Lippen wurden weiß, ihre Arme umschlangen ihn. Marcel fühlte sich an eine bebende Brust gepreßt, ein versengender Blick blendete ihn, er zitterte unter der Berührung glühender Lippen, die sich an den seinigen festsaugten. Er hörte nur das unter tiefen Atemzügen hervorgestoßene Wort: »Leb wohl«, dann drängte ihn ein kräftiger Arm der Thüre zu, die Umschlingung löste sich. Betäubt, besinnungslos stand er wieder draußen in dem Gang; an ihm vorüber eilten die Zuschauer nach ihren Plätzen. Das Klingelzeichen ertönte, er aber griff halb bewußtlos nach seinem Überzieher und gehorchte schwankenden, taumelnden Schrittes dem Geheiß der geheimnisvollen Geliebten, er ging. Seine Zweifel waren weggewischt, er hatte ihn gehört, den echten Herzensschrei: »Ich liebe dich noch!« Nein, das war keine Lüge, in der Liebe hatte sie nicht gelogen, nicht damals, nicht heute. Wozu auch, da sie ihn ja doch von sich stieß mit der verzweifelten Angst eines Weibes, das um den Geliebten zittert? Es war also ein fremder, dem ihrigen überlegener Wille, der sie gezwungen hatte, ihn zu verführen, der sie jetzt antrieb, wieder irgend ein lichtscheues Werk zu verrichten? Er sah nicht klar darin und sollte auch nicht klar sehen. Marcel wurde ruhiger, als er auf dem Platz vor dem Opernhaus stand, die Luft that ihm wohl, aber das Gedächtnis der funkelnden Augen und der bebenden Stimme, der Glut, womit sie ihn umschlungen gehalten hatte, kam plötzlich derart über ihn, daß sein Herz sich mit körperlichem Schmerz zusammenzog. Ach, was für ein Weib! Auf welche Wonnen er verzichten mußte! Er hatte sie ja kaum besessen, denn ihre damalige Rolle hatte ihrem Temperament Fesseln angelegt, und doch überlief es ihn bei der bloßen Erinnerung. Und dabei war sie ein Ungeheuer und sie hatte sich nicht aufgelehnt gegen die Anklagen, die er ihr ins Gesicht geschleudert hatte. Zweifellos trug sie die Mitschuld an verschiedenen Mordthaten auf dem Gewissen, wenn sie die zarte weiße Hand nicht gar selbst in Blut getaucht hatte. Sie war die treibende Kraft in Unternehmungen, die das Licht scheuten, die Sendbotin politischer Feindseligkeiten, die Vermittlerin feilen Verrats. Ihre Schönheit, ihre Anmut, ihr Geist dienten als Vogelleim für die zu Betrügenden, ihr Leib war nur ein Mittel zum Zweck. Wie viele mochte sie nicht haben lieben müssen? Sie verschenkte sich, um zum Ziel zu gelangen, ihre Schönheit war ihr das Werkzeug, um Männer toll zu machen, ihren Einfluß für sich zu gewinnen, ihre Ehre, ihre Geheimnisse zu erschleichen. Nur in diesem Sinn war auch er in ihren Besitz gelangt, und das war's, was ihn am meisten schmerzte. In seinem Herzen erhob sich eine Stimme, die ihn laut und heftig der Feigheit anklagte. Er sagte sich, daß der Zauber dieses Weibes ihn um sein sittliches Gefühl bringe, daß es erbärmlich sei, zu begehren, was man verachtet. Und dabei hatte er sie kaum gekannt! Wohin hätte es vollends mit ihm kommen müssen, wenn sie ihn ihrer gefährlichen Fähigkeit, Menschen zu verderben, länger unterworfen hätte? Sie hatte ihn ja geliebt, darum hatte sie sich von ihm gewendet; sie hatte ihn nicht sittlich verderben wollen! Mit einem nervösen Auflachen brummte er in sich hinein: »Am Ende muß ich ihr ja noch dankbar sein, dem elenden, niederträchtigen Geschöpf! Das ist sie ja ... aber schön ...« Von so widersprechenden Gefühlen und Gedanken durchstürmt, ging Marcel nach Hause und sofort zu Bett. Als er am anderen Morgen erwachte, fand er zu seiner Überraschung den Onkel Graff an seinem Bett. Es war acht Uhr morgens. Während der junge Mann traumlos geschlafen hatte, war der Alte in höchster Unruhe gewesen, und schließlich hatte er dem Drang nicht mehr widerstehen können, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Marcel nichts zugestoßen sei. So war er denn mit Tagesanbruch hergekommen und hatte sich an sein Bett gesetzt, um diesen ungestörten Jugendschlaf zu beobachten. Als Marcel aufwachte, hoffte er von ihm zu hören, was er erlebt habe, fand ihn aber zugeknöpft und wenig mitteilsam, und so ging Graff schließlich zu Frau Baradier hinauf, um sich eine Tasse Kaffee auszubitten, da er noch nüchtern und sehr stärkungsbedürftig war. Am selben Vormittag hielten Agostini und Hans in Lichtenbachs Privatzimmer eine Beratung mit dem Bankier. Graf Cesare rauchte nachdenklich seine Cigarette und Hans hörte mit verschlossener Mine an, was ihm Lichtenbach mit noch dumpferer Stimme als sonst auseinandersetzte. »Die Lage ist für Sie allerdings ernsthaft,« sagte der Bankier, »für mich aber wird sie im höchsten Grade bedenklich. Auf Ihre Mitteilungen bauend, habe ich ein Baissemanöver ausgeführt, das die Sprengstoffgesellschaft in meine Hände liefern und mir ermöglichen sollte, die Aktien zu einem Schleuderpreis zurückzukaufen. Nun findet sich's, daß meine unmittelbaren Konkurrenten und erbittertsten Feinde, die Herren Baradier \& Graff, gegen mich arbeiten und daß all meine Anstrengungen, ihnen den Fang abzujagen, erfolglos sind. Längere Zeit konnte ich mir ihre Beharrlichkeit gar nicht erklären, nun kenne ich deren Gründe. Die in der Akademie der Wissenschaften gemachten Mitteilungen haben mich über ihre Berechnungsweise aufgeklärt. Sie sind im Besitz des Geheimnisses, das Sie nicht entdeckt haben, jene haben Mittel und Wege, das Trémontsche Pulver auszubeuten, und das Dalgettysche Patent ist einfach wertlos. Das ist das Ergebnis all Ihrer Schliche und Kniffe, und da brauchen Sie sich noch aufs hohe Pferd zu setzen!« »Wie teuer wird die Sache Sie zu stehen kommen?« fragte Agostini kaltblütig. »Was sie mich kostet, fragen Sie?« rief Lichtenbach wütend. »Nun, so ziemlich mein ganzes Vermögen! Sie nehmen die Sache mit philosophischer Gelassenheit, das muß ich sagen! Wenn man einen Mann zu Grunde gerichtet hat, ist es recht bequem, nur zu fragen: ›Wie teuer kommt Sie die Sache?‹ Ich kann nicht von meiner schönen Erscheinung zehren, wie Sie, meine Eleganz trägt mir keine Zinsen: wenn ich Geld haben will, muß ich arbeiten, und das thue ich seit vierzig Jahren!« »Nun, nun, Lichtenbach, nur keine Klagelieder!« mahnte Hans beschwichtigend. »Das ist ja richtig, daß Sie in der Patsche sitzen, wenn die Geschichte thatsächlich fehlschlägt, aber so ein kleiner Notpfennig bleibt Ihnen immer noch ... wenn Sie wollen, übernehme ich den Bodensatz Ihres Vermögens zu zehn Millionen!« »Dumme Spitzbuben, die ihr seid!« knirschte Elias, »als ob ihr auch nur eine Vorstellung davon hättet, was zehn Millionen sind! Ihr sprecht von solchen Summen, wie der Blinde von der Farbe! Die schmutzige Arbeit, die ihr tölpelhaft genug verrichtet habt, kostet mich die Hälfte meiner Lebensmühen und mehr als das, meinen Stolz! Denn ich, der ich Baradier \& Graff immer von oben herunter behandelt, immer meine Tatzen habe fühlen lassen, ich bin ihnen jetzt auf Gnade und Ungnade preisgegeben! Und zwar durch euere Pfuscherei! Die berühmte Sophia, von der ihr so viel Aufhebens macht, hat sich in diesem Fall von A bis Z blamiert! Eine Menschenfresserin, der keiner entschlüpft, eine Sumpfblüte, deren Duft man nur einzuatmen braucht, um von dem mit Fäulniskeimen geschwängerten Gifthauch betäubt zu werden! Und dann läßt man sie einen harmlosen jungen Menschen verführen, für sie ein Kinderspiel, und siehe da, sie rührt sich nicht, übt keine Macht aus, will oder kann nichts aus ihm herausbringen, das Geheimnis bleibt undurchdringlich, und ich darf mittlerweile mein Geld verlieren! Werdet ihr mir's ersetzen, blödsinnige Schurken, die ihr seid? Ich kenne auf der Welt nichts Verächtlicheres, als einen Gauner, der obendrein dumm ist! Und das seid ihr, einer wie der andere, und eure Sophia dazu hin!« Hans zuckte nicht mit der Wimper, Agostini aber wurde finster. »Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagen, Lichtenbach,« erwiderte er, seine Cigarette ärgerlich wegwerfend, »Darum will ich über Ihre Ungezogenheiten hinweggehen, die Sie mir sonst teuer bezahlen müßten ...« »Lassen Sie mich ungeschoren! Ihre Meinung ist mir höchst gleichgültig,« brummte Elias. »Das ist verfehlt,« warf der Italiener mit einem bösen Blick hin. »Ein Graf Cesare Agostini ist nicht dazu geboren, sich von einem Lichtenbach unentgeltlich beleidigen zu lassen.« »Unentgeltlich?« höhnte Lichtenbach, »Das glaube ich Ihnen! Es wäre das erste Mal, daß Sie etwas unentgeltlich thäten!« »Ruhe,« gebot Hans mit Überlegenheit, »Wir sind nicht hier, um Artigkeiten auszutauschen, sondern um eine Lösung der Schwierigkeit zu suchen. Daß die Baronin uns im Stich gelassen hat, ist sicher; wir wissen auch warum, nur haben wir's leider zu spät erkannt. Sie hat sich sinnlos in den jungen Menschen vergafft und darum ihren Auftrag nur zur Hälfte ausgeführt, sie hat sich gescheut, ihn auszupressen, aus Angst, er könnte sie hinterdrein verachten. Abgeschmackte Zimperlichkeit! Aber was nützt das Reden? Die Sache ist mißlungen und jetzt ist der Mensch auf seiner Hut und wird nichts mehr herauslassen, außer wenn ich's auf mich nähme, ihn in einer letzten Auseinandersetzung zu befragen. Das bleibt uns immer noch. Sparen wir uns diese Birne für den höchsten Durst! Für den Augenblick steht die Sache so: wir haben ein gutes Patent, denn unser Pulver ist, was die Zusammensetzung betrifft, das Trémontsche, aber es fehlt uns irgend ein Fabrikationsvorteil. Unser Pulver ist ein gewaltthätiger Sprengstoff, der Trémonts dagegen ein berechenbarer, lenkbarer, und gerade darin liegt seine Bedeutung. Unter diesen Umständen können wir Dalgetty sein Eigentumsrecht fordern lassen, und die Inhaber des Trémontschen Patents, das später eingereicht wurde, der Fälschung zeihen. Dann entsteht Lärm, Skandal, Prozeß, damit kann man einen Druck ausüben und schließlich einen Vergleich herbeiführen.« »Wie denken Sie sich das?« fragte Lichtenbach gespannt. »Schicken Sie Baradier \& Graff einen klug gewählten Vermittler und lassen Sie ihnen Frieden bieten.« »Den sie nicht annehmen werden!« »Wer weiß? Es kommt darauf an, ihnen den Vorschlag mundgerecht zu machen, ihnen finanzielle und moralische Vorteile einzuräumen und ihnen ein Zusammenwerfen beider Geschäfte wünschenswert erscheinen zu lassen.« »Das wäre Rettung, ja sogar Triumph!« rief Lichtenbach. »Wenn ich sie nur so weit hätte, daß sie mir den Finger böten, den ganzen Arm wollte ich dann schon packen!« »Aha! Da werden Sie ja wieder ganz lebendig, alter Heuchler!« »Wenn Sie wüßten, wie mich der Gedanke, von Baradier \& Graff über den Löffel barbiert zu werden, martert! Mein ganzes Dasein wäre zwecklos gewesen! Seit ich in Paris bin, verfolge ich nur das eine Ziel, ihnen zu schaden, und diesem Lebensgenuß soll ich entsagen? Das wäre zu hart! Aber wen könnte ich zu ihnen schicken?« »Einen Priester,« schlug Agostini vor. »Den Abbé von Escayrac ... falls er sich willig zeigt, mir diesen Dienst zu leisten? Ein herrlicher Gedanke! Er versteht es, die Gewissen zu lenken, die Geister zu bearbeiten. Aber was soll ich Baradier \& Graff anbieten lassen?« »Alles, wovon Sie wissen, daß es mit Anstand angenommen werden könnte! Auf die Kosten wird es Ihnen doch nicht ankommen? Sie machen sich ja später doch wieder bezahlt! ... Haben Sie übrigens nicht eine Tochter? Sie soll sehr wohl erzogen und liebenswürdig sein, habe ich mir sagen lassen ...« »Nun, und ..?« »Bieten Sie die dem kleinen Baradier an und eine unerhörte Mitgift dazu, ... Vielleicht ist die Sophia doch dafür zu haben, daß sie diese Sache bei dem jungen Mann einfädelt.« Nun aber lehnte sich Agostini auf. Heftig mit der flachen Hand auf den Tisch schlagend und die beiden Genossen mit mörderischen Blicken durchbohrend, fragte er: »Und ich? Wo bleibe ich bei dieser Vereinbarung? Vergessen Sie ganz, daß Fräulein Lichtenbach mir verlobt ist?« »Dann entlobt man sich eben,« warf Hans gleichmütig hin. »Maßen Sie sich etwa an, mich zu verspotten?« »Ich verspotte niemand unnötig.« »Also es ist Ihr Ernst? Sie wollen all meine Pläne über den Haufen werfen?« »Und was wird denn aus Ihren Plänen, wenn Lichtenbach Bankerott macht? Und haben Sie sich denn unseren Freund Elias noch so wenig angesehen, Sie Grünschnabel? Halten Sie ihn für den Mann, sich mit Ihnen zu belasten, wenn Sie ihm nicht mehr nützlich sind? Sie sind schon jetzt um etliche Prozente gesunken in seiner Achtung, machen Sie also keine Geschichten. Wenn man Sie abfinden muß, weiß ich schon, wo das Geld zu finden ist ...« Der schöne Italiener legte die Hand aufs Herz. »Aber welche Entschädigung wird mich über diesen Verlust trösten?« »O Blume der Ritterlichkeit!« höhnte Hans. »Wir wissen's ja, daß Ihre Seele ebenso zart als zärtlich ist!« Lichtenbach, der seit der Erwähnung seiner Tochter in Schweigen versunken war, nahm jetzt wieder das Wort. »Ein Baradier eine Lichtenbach heiraten? Sollte es möglich sein? Niemals werden Baradier \& Graff ihre Zustimmung geben ... und ich selbst, ich sollte mich mit aller Macht gegen einen solchen Plan auflehnen ...« Wieder verstummte er, in Erinnerungen aus weit entlegener Zeit versinkend, dann fuhr er langsam und überlegend fort: »Und doch würde meine Tochter die Familie nicht verunzieren. Sie sind rechtschaffene Menschen! Und sie ist ein stolzes, reizendes Kind ... wenn sie je einwilligten, so wäre ihr eine glückliche Zukunft gewiß. Sie könnte ein friedliches Leben in geachteter Stellung führen. Die Baradiers sind anständige Menschen! Wenn sie mein Kind als Tochter annähmen, würden sie ihr auch wie einer Tochter begegnen und sie fiele nicht einem Abenteurer zur Beute. Ich hasse diese Leute ja, ich will ihnen Übles, um all der Demütigungen willen, die sie mir bereitet haben ... aber wenn sie wollten ... wenn sie meine Tochter aufnähmen ...« Eine Thräne rollte über die Wange des harten Mannes, eine Thräne kostbarer als ein Diamant. Hans schnitt indes weitere Gefühlsergüsse ab, er war nicht der Mann für Rührscenen. »Sie nehmen also meinen Plan auf? Sie werden dem Gegner gegenüber versöhnende Schritte einzuleiten versuchen? Was Sie ihm anbieten wollen, ist Ihre Sache; wenn's gelingt, so verschmelzen wir die beiden Patente. Nur Sie treten dabei an die Bildfläche, aber unser Anteil am Gewinn bleibt uns selbstverständlich vorbehalten ... Sie sehen ja, daß Graf Cesare heißhungerig die Zähne bläckt. Also abgemacht?« »Ja, es ist abgemacht.« »Ihr Diener.« Hans und Agostini gingen. Lichtenbach saß noch eine Weile gedankenvoll da, dann stand er auf und begab sich, eine lange Flucht von Zimmern durchschreitend, zu seiner Tochter. Mit einer Handarbeit beschäftigt, saß Marianne an einem Fenster, das nach dem Garten ging. Als der Vater eintrat, ging sie ihm entgegen. In einem hellblauen Morgenkleid mit Spitzen, die blonden Haare schlicht gescheitelt, sah sie so lieblich und mädchenhaft aus, daß es des Vaters Herz mit Rührung ergriff. Er setzte sich, zog sie neben sich aufs Sofa und begann mit einer liebevollen Heiterkeit, die ihr fremd an ihm war, zu plaudern. »Es ist nun schon einige Zeit her, daß du dich bei mir eingerichtet hast, mein Kind ... wie bist du eigentlich damit zufrieden? Findest du es nach deinem Geschmack?« »Ich müßte fürchterlich undankbar sein, wenn ich nicht befriedigt wäre! Du läßt mich ja schalten und walten im Hause nach meinem Belieben. Es fragt sich viel eher, ob du damit zufrieden bist?« »So sehr, mein Kind, daß ich mir wünschen könnte, es möchte immer so bleiben! Aber das geht ja nicht, du weißt, daß wir uns trennen müssen.« Marianne wurde sehr ernst, ja ihr Lächeln hatte etwas Wehmütiges. »Eines Tages, Väterchen, aber möge der Tag noch sehr fern sein! Nichts drängt uns zur Eile ...« »Du wirst dich verheiraten! Lockt dich der Gedanke nicht?« »Das käme auf den Gatten an.« Eine Stille trat ein. Dieser Mann, der die Menschen so hart handhabte, war diesem Kind gegenüber, mit dem er doch rechnete wie mit anderen Werten, befangen. Er wagte es nicht, von Agostini zu sprechen, den er ihr doch gestern noch zugeführt und angepriesen hatte, sie aber hatte den Mut, die Lage klarzustellen. »Es beunruhigt mich ein wenig,« begann sie, »daß du den jungen Italiener, den Grafen Agostini, so freundlich aufnimmst, Vater, und deine Art, mir von ihm zu sprechen ...« »Aber, mein Kind ...« »Laß mich dir sagen, was ich auf dem Herzen habe, Vater! Nachher kannst du das Lob deines Bewerbers singen, aber gestatte mir, offen zu sein! Das ganze Gebaren deines Schützlings ist mir unheimlich. Es fehlt ihm an Ehrlichkeit, er ist mir zu schmeichlerisch, zu unterthänig. Dieser ewig lächelnde, ewig von Schmeicheleien überfließende Mund, erweckt mein Mißtrauen, seine Stimme tönt mir falsch ins Ohr, um so mehr, als sein kalter, boshafter Blick die Liebenswürdigkeit seines Ausdrucks und die Süßigkeit seiner Reden Lügen straft ... Und dann ist er ein Ausländer, Vater! Gibt es in Frankreich keine heiratsfähigen Männer mehr, daß du dir den Schwiegersohn jenseits der Grenze suchst? Er ist ein Graf, aber an solch einem Titel hängt mein Herz gar nicht. Er thut nichts, und ich möchte nur einen Mann haben, der die Arbeit liebt ... Papa, hängst du denn so sehr an deinem Grafen? Wenn du mir Freude machen und mich nach meinem Sinn verheiraten wolltest, würdest du mir einen anderen Bewerber aussuchen. ... Deine Tochter ist ja nicht die erste, beste ... das hast du mir so oft, so eindringlich gesagt, daß ich leicht hätte eingebildet werden können, aber ich bin zum Glück verständig. Gib mir keinen unbeschäftigten, ehrsüchtigen, bösartigen Mann zum Gatten! Wenn du mich von einer Sorge befreien willst, so heiße den schönen Italiener ziehen! Das ist nicht der Mann, den ich brauche!« Lichtenbach lächelte wohlwollend und fragte sie neckend: »Wie sieht denn der aus, den du brauchst?« Marianne senkte errötend die Augen; eine Antwort fand sie nicht. »Aha! Geheimnisse!« rief Lichtenbach. »Die muß man seinem Vater beichten! Solltest du schon einem begegnet sein, der dir gefiele, Töchterchen? Sag mir's nur, ganz ohne Scheu! Du weist ja, daß ich nie gegen deinen Willen handeln werde. Warum hast du mir nicht längst gesagt, daß dir der Graf mißfällt? Nun sag mir auch, wer dir gefällt ... nur heraus mit der Sprache.« »Nein, nein,« sagte sie, ohne die Augen aufzuschlagen. »Das ist überflüssig. Ich habe keinen anderen Wunsch, als immer bei dir zu bleiben, dabei bin ich am glücklichsten.« »Das ist nicht die ganze Wahrheit,« rief Lichtenbach erregt, »und ich will sie wissen. Fürchtest du denn Schwierigkeiten? Ja? An wen denkst du? Kenne ich den jungen Mann?« »Lassen wir das, Vater,« erklärte Marianne bestimmt. »Es war thöricht von mir, daran zu rühren ... es könnte nur peinlich sein für dich und mich ... du hast mich ja gewarnt, aber leider zu spät! Ich verspreche dir, nie mehr darauf zurückzukommen.« »Du führst ja Reden, als ob es sich um meinen Todfeind handelte ... sollte es möglich sein ...?« Er sprach den Namen Baradier nicht aus, aber Marianne fühlte, daß er ihn erraten hatte. Scheu hob sie den Blick, als ob sie dem Vater Abbitte leisten wolle für diesen halben Verrat, aber sie entdeckte auf seinen Zügen nichts von der Entrüstung, die sie erwartet hatte. Er blieb vollkommen ruhig und schien nachzudenken. »Es ist Marcel Baradier, mit dem wir uns beschäftigen, nicht wahr, mein Kind?« fragte er dann in gelassenem Ton. »Es war ein Mißgriff, eine Unbesonnenheit, dich in dieses Haus gehen zu lassen, aber was geschehen ist, ist geschehen. Es läßt sich nicht zurücknehmen, nun gilt es nur, die Sache richtig anzugreifen.« »Sie angreifen ... du wolltest ...« stammelte Marianne. »Ja, mein geliebtes Kind, ich will's versuchen. Ich bin ja kein Unmensch; wenn es sich um dein Glück handelt, kann ich alles überwinden.« »Du könntest deinen Groll vergessen?« »Ich werde alles aufbieten, daß sie den ihrigen vergessen.« »O mein Vater! Mein geliebter Vater!« Sie warf sich ihm in einem solchen Freudensturm an die Brust, daß Lichtenbach vor Scham erblaßte. Zum erstenmal im Leben empfand er deutlich, was Niederträchtigkeit ist, und zwar ohne Zweifel, weil in diesem Fall sein Kind die Betrogene war. Zu gleicher Zeit drängte sich ihm der Gedanke auf, daß alle während des ganzen Lebens begangenen Fehler ein Kapital von Schuld bilden, das man zu einer bestimmten Stunde mit Demütigungen und Leiden verzinsen muß. Sein Kind mit Wehmut ansehend, sagte er diesmal mit voller Aufrichtigkeit: »So ernsthaft ist's? Nun denn, Marianne, ich werde alles Menschenmögliche thun, daß du glücklich werden sollst.« Er küßte sie, ging in seine Geschäftsräume, gab dann Befehl einzuspannen und fuhr zum Abbé von Escayrac. Vierzehntes Kapitel. Frau Baradier war gegen fünf Uhr nach Hause gekommen und hatte sich eben mit einem Buch in ihr kleines Wohnzimmer gesetzt, wo Amalie und Genoveva fröhlich plaudernd an ihren Stickereien arbeiteten, als der Diener die Meldung machte: »Gnädige Frau, es ist ein Priester da, der gnädige Frau zu sprechen wünscht,« Als Vorstandsdame verschiedener Wohlthätigkeitsanstalten, ihrer Stellung gemäß wie aus persönlicher Neigung im Dienst der Nächstenliebe thätig, wurde Frau Baradier fortwährend in Anspruch genommen, wobei sie keinen Unterschied zwischen geistlichen und weltlichen Bittstellern machte, alle wurden mit gleichem Wohlwollen empfangen. Sie nahm also auch den Besuch dieses Priesters ohne Überraschung und in geneigter Stimmung an, bat den Eintretenden Platz zu nehmen und ihr sein Anliegen vorzutragen. Der erste Blick hatte sie ein vornehmes, geistig bedeutendes Gesicht mit einem ernsten, feinen Mund erkennen lassen, der Gesamteindruck war der eines weltgewandten Priesters, und seine Anrede bestätigte diesen Eindruck. »Gnädige Frau, ich darf mich Ihnen vorstellen?« begann er. »Abbé von Escayrac ... ich bin Sekretär der Heilanstalt von Issy, wo Unbemittelten chirurgische Hilfe zu teil wird und die unter dem hohen Schutz des heiligen Bischofs von Andropolis steht.« »Dem Superior der Absolutionisten, wenn ich mich nicht täusche?« »Ganz richtig, gnädige Frau!« »Und womit vermag ich Ihrem frommen Werk zu dienen?« »Ach, gnädige Frau, Sie können uns große Dienste leisten, in erster Linie aber ...« Der Abbé brach ab, um mit gedämpfter Stimme fortzufahren: »Ich habe Ihnen nämlich Mitteilungen von besonderer Art und Wichtigkeit zu machen, und würde, wenn gnädige Frau gestatten, gern unter vier Augen ...« »Ganz wie Sie wünschen, Herr Abbé.« Die beiden jungen Mädchen waren wohlerzogen genug, um sich auf einen bloßen Wink der Mutter mit ehrerbietiger Verbeugung vor dem Priester zurückzuziehen. »Jetzt bitte ich, offen zu sprechen, Herr Abbé.« »Ich weiß, wie sehr Sie von wahrhaft christlichem Eifer beseelt sind, gnädige Frau,« hob der Priester an, »und auf die Gewißheit, daß jedes apostolische Werk auf Ihre ernstliche Unterstützung rechnen darf, gründet sich mein heutiger Bittgang. Wir weihen, wie Sie wissen, unsere ganze Kraft dem Dienst der Unglücklichen; der Krankheit, dem Elend, ja selbst dem Laster widmen wir unsere ausschließliche Aufmerksamkeit und Teilnahme ... für uns ist der Verbrecher ein Bruder, den wir aufzurichten versuchen, gerade wie wir uns bemühen, dem Kranken Hilfe zu leisten. Viel Unglück, viel Schuld wird uns auf diese Weise kund ... wir sind die Vertrauten körperlicher wie seelischer Gebrechen, und allen leihen wir unseren Beistand. Sehr häufig werden wir auch zu Vermittlern zwischen solchen, die strafen können, und solchen, die um Schonung flehen, und wir verschließen unser Ohr keinem Reuigen, sondern suchen seine Zerknirschung für unseren heiligen Glauben nutzbar zu machen,« Der Abbé sprach mit ernster Salbung und einschmeichelnder Stimme, bemüht, Hindernisse wegzuräumen, sich zwischen Schwierigkeiten durchzuwinden, sich den Boden für seine Saat zuzubereiten und die Seele der Frau seiner Sache zu erobern, um in ihr einen Bundesgenossen gegen den Gatten zu gewinnen. Er ging vorsichtig zu Werk, ohne vorläufig seinen Zweck zu enthüllen, und Frau Baradier, die über diese hochtrabende Einleitung etwas erstaunt war, fragte sich mit dem praktischen Sinn der Lothringerin, was dieser junge und anziehende Religionslehrer wohl mit ihr im Sinn haben möge, und da sie gern klar sah, fragte sie: »Sie dürfen versichert sein, daß ich und die Meinigen von vorne herein Ihrem Werk sehr geneigt sind ... ist es eine finanzielle Unterstützung, die Sie brauchen?« »Unsere Väter werden Ihnen Dank wissen für alles, was Sie ihnen zuwenden wollen, gnädige Frau! Sie haben in Damaskus eine sehr nützliche, aber sehr kostspielige Anstalt, die ich Ihrer Großmut besonders empfehlen möchte, doch nicht dieser Zweck führt mich her. Wir haben in letzter Zeit in Var eine Anstalt gegründet, die wir, dem Beispiel mächtiger und verehrungswürdiger Brüderschaften folgend, mit einem industriellen Betrieb zu verbinden gedenken, und haben sehr hilfreiche und wertvolle Mitarbeiter gefunden, die uns darin unterstützen. ... Voll Dankbarkeit für solche, die uns wohlthun, ergreifen wir gern jede Gelegenheit, ihnen unsererseits Dienste zu leisten, und auf diese Weise bin ich ohne mein Verdienst dazu ausersehen worden, Ihnen versöhnende Worte eines Mannes zu übermitteln, der seit langen Jahren mit Ihrer Familie in Feindschaft lebt, aber den ernsten Vorsatz hat, sein Leben in Eintracht und Frieden zu beschließen.« Frau Baradier hatte während des letzten Teiles dieser Rede große Beunruhigung verraten. Das Gespräch nahm eine Wendung, die ihr entschieden nicht zusagte, und sie war eine kluge Frau, die genau wußte, was sie wollte. Sie unterbrach also die salbungsvolle Beredsamkeit mit der unumwundenen Frage: »Darf ich bitten, mir zu sagen, um wen es sich handelt, Herr Abbé? Ich glaube, daß der Name des Mannes mir die Sache unendlich deutlicher machen wird.« Mit dem Ausdruck eines christlichen Märtyrers in der Arena lächelte der junge Priester und erwiderte: »Ich bin ein Diener der christlichen Barmherzigkeit, der Milde und Vergebung, gnädige Frau ... es handelt sich um Herrn Lichtenbach.« »Das habe ich vermutet.« »Muß ich befürchten, daß seine Persönlichkeit jedes Einverständnis selbst zu Gunsten des Glaubens unmöglich macht?« »Darüber steht mir die Entscheidung nicht zu, Herr Abbé, und ich darf keinen Augenblick vergessen, daß in diesem Haus nur zwei Männer, mein Gatte und mein Bruder, auf eine derartige Frage Bescheid zu geben in der Lage sind. Gestatten Sie, daß ich sie von Ihrem Auftrag unterrichte und herbitte ...« »Ich bin Ihrem Willen preisgegeben, gnädige Frau!« »Nein, Herr Abbé, so dürfen Sie nicht sprechen. Wie auch die Antwort ausfallen möge, Sie dürfen überzeugt sein, daß wir alle den versöhnenden Schritt, den Sie übernommen haben, zu schätzen wissen ... wir werden ganz gewiß den Auftraggeber und den Abgesandten gebührend unterscheiden.« Und den Priester mit einer halben Kniebeugung grüßend, ging sie hinaus. Der Abbé blieb nachdenklich auf seinem Platz sitzen, ohne daß sein Gesichtsausdruck irgend welche innere Unruhe verraten hätte. Er vollzog einen Auftrag, der seinem Orden zweifach Nutzen bringen konnte; ihn berührte dabei nichts, was außerhalb seines priesterlichen Amtes gelegen hätte. Er wußte, was Elias wert war, aber der Geist des Evangeliums verbot ihm ja, die Rettung auch des verächtlichsten Menschen zu versäumen. Hatte Christus nicht den Kuß eines Judas geduldet? Mußte das Oberhaupt der Kirche nicht den verlorensten Bettlern die Füße waschen? Und was er that, geschah ja zum Nutzen der Kirche. Die Thüre ging wieder auf. Graff erschien allein und begrüßte den jungen Priester. »Meine Schwester, Frau Baradier, hat mich von Ihrer Anwesenheit unterrichtet, Herr Abbé. Mein Schwager Baradier ist augenblicklich sehr beschäftigt ... die Abrechnung des Fünfzehnten ... er bittet, ihn entschuldigen zu wollen und hat mir unbedingte Vollmacht erteilt. Darf ich bitten, mir zu erklären ...« »Hat Ihnen Frau Baradier nicht gesagt, was mich herführt?« »Nur ganz flüchtig. Sie kommen in Lichtenbachs Auftrag? Das ist für uns kaum überraschend, denn er gehört nicht zu den heldenhaften Schelmen. So lange er der Stärkere war, hat er uns mit Füßen getreten, jetzt, wo er der Unterliegende ist, möchte er dem Spiel ein Ende machen. Bitte, was will er eigentlich?« Der Abbé lächelte. »Es verhandelt sich angenehm mit Ihnen, Herr Graff! Man weiß gleich, woran man ist.« »Nun, wenn Sie das wissen, so gehen Sie drauf los!« »Mein Herr, der Zufall will, daß Ihr Haus und das Haus Lichtenbach sich ins Gehege kommen gelegentlich der Verwertung eines Patents ...« »Zufall nennen Sie das? Sehr gut! Ins Gehege kommen ist richtig, denn um sich das Patent zu verschaffen, worauf Sie sich beziehen, hat man ein Haus in die Luft gesprengt – das Haus unseres Freundes – eine Fabrik in Brand gesteckt – unsere Fabrik – zwei Menschen ermordet und verschiedenen nach dem Leben getrachtet, das kann man entschieden als ›ins Gehege kommen‹ bezeichnen, Herr Abbé!« Der Priester kreuzte die Hände mit einem Ausdruck des Entsetzens. »Mein Herr, von den Vorgängen, die Sie da anführen, hatte ich keine Ahnung, und wenn Sie es nicht wären, der sich in dieser Weise äußert, würde ich an eine Geistesstörung denken. ... Es ist ja unmöglich, daß die, in deren Auftrag ich hier stehe, derartige verabscheuungswürdige Handlungen begangen haben.« »Verstehen wir uns recht,« fiel ihm Graff lebhaft ins Wort. »Ich klage Lichtenbach durchaus nicht an, persönlich Blut vergossen zu haben. Dessen ist er aus verschiedenen Gründen unfähig, worunter der triftigste der ist, daß er den Mut nicht hätte! Aber das Patent, wovon Sie sprechen, ist von unseren Gegnern thatsächlich durch die genannten Mittel »erworben« worden, und man hat Sie, Herr Abbé, mißbraucht, indem man Sie für die Vertretung einer schlechten Sache gewann. Sie haben es aber bei uns mit Menschen zu thun, die eine viel zu hohe Achtung vor der Religion haben, als daß Sie eine Verantwortlichkeit dafür zu fürchten hätten. Sie können sich rückhaltlos aussprechen, denn was hier geredet wird, bleibt unter uns. Und schließlich, wer weiß? Vielleicht hat diese Unterredung doch einen Wert!« »Das bezweifle ich gar nicht,« sagte der Abbé, der im Innersten erregt war, mit Wärme. »Es ist mir eine große Genugthuung, über die Interessen, die man mir anvertraut hat, mit einem so besonnenen und wohlwollenden Mann zu verkehren. Gelobt sei Gott dafür! Wenn es möglich ist, wollen wir eine Beschwichtigung der erregten Gemüter herbeiführen! Wenn Sie wüßten, welche Gefahren ich voraussehe! Und auf mein Gewissen kann ich Ihnen sagen, daß Lichtenbach für das Ihrer Aussage nach Vorgefallene nicht in dem Maß verantwortlich ist, als Sie voraussetzen. Er ist nicht ganz sein eigener Herr und hat mit Mächten zu rechnen, die ihre Waffen nicht ablegen werden und die, wie ich sehr fürchte, auch die verworfensten Mittel nicht scheuen, um über Sie zu triumphieren.« »Wir fürchten nichts!« »Es gibt vergiftete Waffen, die auch den Unverwundbarsten niederstrecken, ein Nadelstich genügt! Die Mittel, deren sich die Meute bedienen wird, die Ihnen auf den Fersen ist, sollten Sie doch fürchten ... ich spreche freimütig, in aufrichtiger Gesinnung. Was geschehen ist, war mir gänzlich unbekannt, aber mit Entsetzen haben mich die Möglichkeiten für die Zukunft erfüllt, die man mir zeigte ...« »Wer hat sie Ihnen gezeigt? Lichtenbach?« »Er war selbst darüber erschrocken ... er bat mich demütig, Sie aufzusuchen weil ich der einzige sei, dessen Charakter ihm Bürgschaft leiste für hinreichende Verschwiegenheit und Takt. Ich kann Ihnen bezeugen und beweisen, daß Sie in ihm fortan keinen Feind mehr haben ...« »Er führt Sie hinters Licht, Herr Abbé, Sie sind von ihm getäuscht. Weil er daniederliegt, zieht er die Krallen ein. Wir kennen ihn sehr genau! Aber schließlich ... Barmherzigkeit für jede Sünde ... sagen Sie mir, was er haben will.« »Einen Vergleich. Er bietet Ihnen die Verschmelzung beider Patente zum Zweck einheitlicher Verwertung an. Das Dalgettysche ist älter als das Trémontsche; man wird darauf verzichten, das Recht dieser Reihenfolge geltend zu machen. Die beiden einander so ähnlichen Erfindungen sollen als gleichwertig betrachtet werden.« »Wirklich rührend gut von Lichtenbach!« rief Graff. »Lassen Sie sich sagen, wie die Sache thatsächlich steht, Herr Abbé. Eines dieser Patente ist eine ernste Errungenschaft, das andere eine Posse, die eine Erfindung ist echt, die andere eine Fälschung. Das Trémontsche ist das Ergebnis von Wissen und Arbeit, das Dalgettysche von Betrug und Diebstahl ...« »Aber mein verehrter Herr,« rief der Abbé beunruhigt, »das Gesetz wird anders entscheiden! Thatsachen kann man nicht aus dem Weg räumen, und Dalgettys Erfindung wurde beim Patentamt durch eine englische Gesellschaft früher angemeldet, als die Trémontsche.« »Was uns gar nicht anficht, weil die Dalgettysche nichts taugt. Das wissen die Herren, die Sie herschicken, sehr genau, ohne diese Gewißheit würde man Sie nicht bemüht haben. Wir haben sie in der Hand, sage ich Ihnen, sie können nichts machen. Ihr Pulver ist das Geld nicht wert, das sie für das Patent ausgegeben haben, und darum wollen sie's mit dem unserigen ›verschmelzen‹. In der Aktiengeschichte führt Lichtenbach seit Monaten Krieg gegen uns und wir gegen ihn, nun sind wir, wie er sehr genau weiß, Sieger.« »Er bietet Ihnen an, die Baissebewegung einzustellen.« »Weil er sie nicht mehr fortsetzen kann.« »Er bietet Ihnen an, die Hälfte der Aktien, die Sie in Händen haben, gegen bar zurückzukaufen.« »Das glaube ich gern! Sie werden demnächst um zweihundert steigen!« »Er ist ferner bereit, Ihnen ein Unterpfand seiner von nun an unveränderlichen und ehrlichen Bundesgenossenschaft zu geben.« »Sieh mal an! Und was für ein Unterpfand?« »Wenn Sie eins seiner Angehörigen in Ihre Familie aufnähmen, wenn durch eine solche Verbindung eine Interessengemeinschaft entstünde, hätten Sie auch dann keine Bürgschaft dafür, daß er ehrlich und ernstlich abgerüstet hat?« Graff wurde bleich, aber er beherrschte sich, um den Plan des Gegners im vollen Umfang ergründen zu können. »Und um wen handelt es sich auf seiten Lichtenbachs?« »Um seine Tochter Marianne.« »Und auf der unsrigen?« »Um Ihren Neffen, Herrn Marcel Baradier.« »Jawohl. Man würde die jungen Leute verheiraten und Baradier, Graff und Lichtenbach würden fortan eine Familie bilden ...« »Ich weiß nicht, ob Sie Fräulein Lichtenbach kennen. Es ist ein sehr liebenswürdiges Mädchen, in den allerchristlichsten Gesinnungen aufgewachsen, ein Mädchen, das Ihrem Neffen zuverlässige Aussicht auf häusliches Glück bieten würde. Für uns wäre es eine wahre Freude, zur Versöhnung alter Gegner beizutragen, die jene Streitigkeiten, die sie bisher trennen, sicher leicht vergessen könnten angesichts dieses jungen Glücks. Statt der Feindseligkeiten Zusammenwirken, Eintracht, keine Drohungen, keine Gefahren mehr, ein gemeinsames Gedeihen und Wohlergehen! O mein verehrter Herr, sprechen Sie das erlösende Wort, überwinden Sie Ihren Stolz, geben Sie allen ein Beispiel christlicher Milde und Nächstenliebe!« Graff hatte die salbungsvollen Ermahnungen des Priesters schweigend angehört. Seine gesenkte Stirn, die halb geschlossenen Augen verleiteten den Abbé zu der Annahme, daß er einen tiefen, sieghaften Eindruck auf den Mann ihm gegenüber mache. Als er geendet hatte, herrschte eine Weile Schweigen, dann hob Graff den Kopf, und der andere sah in ein finsteres Gesicht mit traurigen Augen und eine feste, strenge Stimme entgegnete ihm! »Herr Abbé, auf dem Friedhof in Metz ruht manch ein Graff, der sich im Grab umdrehen würde, wenn einer seiner Nachkommen sich so tief erniedrigte, die Tochter eines Lichtenbach zu heiraten.« »Mein Herr!« rief der Abbé peinlich überrascht. »Sie wissen offenbar gar nicht, wer und was wir sind, und auch nicht, wer und was Lichtenbach ist, sonst konnten Sie uns diese Verbindung nicht vorschlagen. Zwischen Lothringen und Paris ist nicht ein Kilometer Boden, der nicht durch die Schuld dieses Elenden mit französischem Blut getränkt worden wäre! Als Spion, der den Feind zum Sieg geführt, der seine Truppen ernährt hat, während die unserigen Hungers starben, hat er sich während des Kriegs bereichert, vom Verrat ist er fett geworden! Seine eigenen französischen Brüder hat er verschachert, die Juden, die in unseren Reihen kämpften und sich tapfer schlugen, dieser doppelte Judas! Und als er die Silberlinge des Verräters eingeheimst hatte, ist er Christ geworden, um eine andere Religion durch seinen ekelhaften Apostatenfanatismus zu beschmutzen. Das ist Lichtenbach, Herr Abbé! Soll ich Ihnen jetzt auch sagen, was Baradier \& Graff sind?« »O das weiß ich! Ich weiß es, mein verehrter Herr! Es herrscht nur eine Stimme über die Rechtlichkeit und Vaterlandsliebe dieses Hauses! Aber großer Gott ... so viel Groll, solche Gereiztheit! Ist es Ihr Ernst, daß ich meinem Auftraggeber solche Botschaft bringen soll?« »Sagen Sie ihm, daß es ein freches Schurkenstück war, einen Mann wie Sie mit einer solchen Aufgabe zu betrauen. Machen Sie ihm begreiflich, daß unsere Verachtung für ihn seinem Haß gegen uns nicht nachsteht. Bezeugen Sei ihm, daß wir ihn in keiner Weise fürchten. Mag er uns verleumden, wir werden ihm antworten; wenn er einen Prozeß führen will, werden wir uns stellen, wenn er unser Leben bedroht, werden wir es zu verteidigen wissen ... wehe ihm, wenn er's wagt!« »Mein Herr, mein Herr!« rief der Abbé beschwörend, »Sie erfüllen mich mit Bangen! Überlegen Sie sich die Sache! Der Zorn ist ein übler Ratgeber.« »Herr Abbé, ich bin vollkommen ruhig. Sie kennen mich nicht, sonst wüßten Sie, daß ich nie heftig werde. Wenn ich's würde, wäre es furchtbar, aber dazu gehörte viel!« »Und so soll ich von Ihnen scheiden? Bedenken Sie, daß ich Sie den schlimmsten Gefahren ausgesetzt weiß ...« »Ich danke Ihnen für die Warnung: wir werden auf unserer Hut sein.« »Ist das Ihr letztes Wort?« »Nein, Herr Abbé. Nie ist ein Priester über unsere Schwelle getreten, ohne für seine Person und für seine guten Werke ein Zeugnis unserer Verehrung und unserer demütigen Frömmigkeit mit fortzunehmen.« Graff zog mit diesen Worten sein Checkbuch aus der Tasche, beschrieb ein Blatt und reichte es seinem Besucher. »Für Ihre Armen, Herr Abbé.« »O, das ist ja eine fürstliche Freigebigkeit.« »Haben Sie meiner Schwester nicht gesagt, daß Sie ein Haus in Damaskus hätten? Sie lehren dort ohne Zweifel mit unserer Sprache auch Liebe zu unserem Lande. ... Wir sind Lothringer, das heißt mit anderen Worten Verbannte, und haben darum ein besonderes Herz für alles, was Frankreichs Ruhm und Größe fördert.« Der Abbé verneigte sich ehrerbietig. »Ich werde Ihrer im Gebet gedenken, und zwar recht von Herzen.« »Dafür bin ich dankbar, Herr Abbé,« versetzte Graff lächelnd. »Schließen Sie namentlich Lichtenbach in Ihre Fürbitte ein.« Damit geleitete er den Abbé von Escayrac bis an die Treppe. Am Abend des nämlichen Tages stieg Lichtenbach gegen neun Uhr am Anfang des Boulevards Maillot aus seinem Wagen. Die Nacht war mondhell; silbern schimmernd ragten die Bäume des Boulogner Wäldchens zum klaren Himmel auf. Der Bankier schritt rasch aus, denn er fühlte sich in dieser einem nächtlichen Überfall günstigen Straße außerhalb des Weichbilds der Stadt nicht sehr behaglich. Nach ein paar hundert Schritten machte er vor dem epheuumsponnenen Eingang einer Villa Halt und klingelte. Kurze Zeit verging, dann drehte sich die kleine Pforte geräuschlos in den Angeln und ein weibliches Wesen blickte vorsichtig heraus. Es war Milona. Als sie den Bankier erkannt hatte, trat sie stumm zur Seite und ließ ihn in den Garten treten, in dessen Hintergrund das Haus lag. »Die Frau Baronin zu Hause?« fragte Elias. »Sie erwartet Sie,« versetzte die Dalmatinerin in ihrem dumpfen Kehlton. »Gut. Sind die Herren schon hier?« »Seit einer Stunde.« Sie gingen einem Blumenbeet entlang, das köstliche Düfte in die stille Nacht hauchte. Dann kam man an eine Terrasse, deren Stufen Lichtenbach, der Dienerin folgend, erstieg. Sie gelangten in ein dunkles Vorzimmer, wo Milona dem Bankier Hut und Überzieher abnahm. Dann öffnete sie eine Thüre, und Elias trat jählings aus der Finsternis in den strahlenden Lichtglanz eines Wohnraumes, dessen Läden, Fenster und Vorhänge hermetisch geschlossen waren. Grog trinkend, saßen Hans und Agostini bei einer Partie Pikett, während Sophia halb ausgestreckt in phantastischem weißen Hausgewand auf einem Diwan ruhte. Die beiden Männer drehten kaum den Kopf bei Lichtenbachs Eintritt, die Baronin aber erhob sich halbwegs, nickte ihm anmutig zu und sagte: »Setzen Sie sich zu mir. Die Partie geht bald zu Ende. Wie sind Sie denn hergekommen? Ich habe keinen Wagen gehört...« »Ich bin am Maillotthor ausgestiegen.« »So vorsichtig? Mißtrauen Sie Ihrem Kutscher?« »Ich mißtraue jedermann,« »Und wenn nun irgend ein Nachtvogel Ihnen den Schädel eingeschlagen hätte, um Sie über die Gefahren einsamer Spaziergänge in dieser Einöde zu belehren?« »So würde ich mich in seiner Sprache mit ihm unterhalten haben,« versetzte Elias, die Rockklappe zurückschlagend und einen Revolver vorweisend. »Ach, Sie gehen nicht ohne Dolmetscher aus!« »Mich für zwanzig Franken umbringen lassen, wäre mir denn doch zu dumm.« Das Gespräch erlitt eine Unterbrechung durch Cesare, der mit einem wilden Fluch die Karten hinwarf, daß sie über den Tisch flatterten. Hans lachte lautlos in sich hinein, während er auf einem Blatt Papier eine Rechnung zusammenstellte. »Siebenhundert Franken, mein Kleiner ... Sie verlieren vierzehnhundert Points.« »Man könnte wirklich an den bösen Blick glauben,« sagte der schöne Italiener zähneknirschend. »Seit dieser Marcel Baradier mich angesehen hat, kann ich keine Karte anrühren, was für ein Spiel es auch sei, ohne zu verlieren.« Mit einem heimtückischen Blick zu Sophia hinüber setzte er hinzu: »Nun, das wird ja ein Ende nehmen!« »Haltet Frieden, Kinder!« sagte Hans nachdrücklich. »Viel Lärm um nichts! Jetzt reden Sie, Kassenpapa! War Ihr Jesuit bei unseren Leuten?« »Ja.« »Und?« »Sie weisen unser Anerbieten rundweg ab.« »Was weisen sie ab? Erklären Sie sich deutlicher! Ihre Tochter oder das Geschäft?« Dem Bankier stieg das Blut ins Gesicht; unter den halbgeschlossenen Lidern funkelten seine Augen, seine Stimme aber verriet weder Zorn noch Sorge. »Sie weisen die Verbindung mit mir und Ihre Mitarbeiterschaft zurück, kurzum alles,« »Donnerwetter!« brummte Hans. »Sind die verrückt?« »O nein, die sind sehr vernünftig. Sie wissen genau, daß sie alles haben und ihr nichts habt, und beweisen euch das, indem sie euch zum Kuckuck jagen.« »Sie nehmen das sehr gelassen auf,« rief der Graf. »Sonst war Ergebung weniger Ihre Sache.« »Mich mit Windmühlen herumzuschlagen, ist nicht mein Geschmack. Ihr habt mich in eine abgeschmackte, gefahrvolle Geschichte verwickelt, und ich drehe ihr den Rücken, das ist alles.« »Aber nicht ohne Haare zu lassen.« »Wie Sie sagen, aber so wenige als möglich. Ich habe schon eine Schwenkung ausgeführt und spiele bereits in der Kontermine.« »Alter Halunke! Schließlich verdienen Sie noch, während wir alles verlieren!« schrie Agostini blaß vor Wut. »Wenn dem so wäre, so würde es nur beweisen, daß ich klüger bin als Leute, die nur auszugeben verstehen.« Hans lachte und hielt Agostini, der zornig aufspringen wollte, auf seinem Stuhl zurück. »Der Kassenpapa hat ganz recht, Kleiner, und hat Ihnen hübsch heimgeleuchtet. Wir wollen's aber nicht machen wie die Gäule, die miteinander raufen, wenn ihre Krippe leer ist. Betrachten wir uns die Lage der Dinge genau und überlegen wir, was sich noch daraus machen läßt, hören wir vor allen, was die Schönheit dazu sagt. Bis jetzt hat sie sich noch nicht vernehmen lassen und doch hat sie sicher eine Meinung, Möge sie sich zuerst äußern ... die Damen haben den Vortritt. Auf Ihre Gesundheit, Sophia!« Die Baronin schien erst wach werden zu müssen; sie blinzelte, als ob sie Traumgesichte verwischen müßte, zog die Brauen in die Höhe und sagte wegwerfend: »Ich pflege mich in ungeschickt eingefädelte Unternehmungen nicht zu verbeißen, denn ich weiß etwas Besseres zu thun, als Flickarbeit zu machen. Ihr wißt, was ich euch seit dem Abend von Vanves erklärt habe. Auf der Geschichte ruht ein Unstern, laßt sie stecken! Jetzt habt ihr wenigstens die Hälfte des Gewollten erreicht, das Schießpulver haben wir. Folgt also Lichtenbachs Beispiel, rennt eurem Gelde nicht nach, sondern schneidet euch den Arm ab und fangt etwas anderes an.« »Schneidet euch den Arm ab!« rief Hans. »Das ist gut sagen! Ich habe sowieso nur einen, der meinige ist abgeschnitten, hol's der Teufel! Wenn Sie einen Arm hatten dahinten lassen müssen, würden Sie das weniger leicht nehmen, Sophia! Ich werde eine Sache, die mich so viel gekostet hat, nicht stecken lassen! Mein Arm muß mir bezahlt werden, und den andern schneide ich mir gewiß nicht ab!« »Nun, und was ist denn Ihr Plan?« fragte Sophia ungeduldig. »O, der ist sehr einfach! Sie, meine Schöne, werden gütigst Ihre Beziehungen zu dem kleinen Marcel wieder anknüpfen ... er hat Ihre Gunst noch zu wenig gekostet, um nicht gern wieder anzubeißen. Man weiß ja, daß diese Speise den Appetit reizt. Dann bitten Sie den jungen Mann eines Abends hierher. Er kennt das Geheimnis der Herstellung des Sprengstoffs ... entweder teilt er es Ihnen gutwillig mit oder ich entreiße es ihm mit Gewalt.« Eine Stille trat ein; Lichtenbach bewegte unruhig die Hände, Agostini grinste in wilder Schadenfreude, nur Sophia schien völlig unberührt von allen Gefühlen zu bleiben. »Nun, was sagen Sie dazu?« fragte Hans wohlgelaunt. »Ein vielversprechendes Programm, leicht vorzubereiten, einfach auszuführen ... hm, Sophia?« »So leicht und so einfach wie der Streich von Vanves,« sagte Sophia kühl. »Diesmal aber bin ich vorbereitet und kann ihn verhindern. Sie werden uns kein zweites Mal durch zwecklose Roheiten bloßstellen, ich habe es satt, an Leute gekettet zu sein, die wie der Auswurf von Grenelle und Vaugirard wirtschaften. Mir ist die Gewalt verhaßt, besonders wenn sie nicht zum Ziel führt. Was mir gelungen ist, gelang immer durch List und ich werde meine Methode nicht ändern.« »Ja, und wer hindert Sie denn, durch List zu wirken? Locken Sie das Geheimnis, das wir haben müssen, heraus; wie Sie es fertig bringen, ist uns einerlei.« »Ich werde in dieser Sache überhaupt nichts mehr thun!« »Nimm dich in acht! Mich täuschest du nicht!« rief Agostini leidenschaftlich. »Ich weiß sehr genau, weshalb du dich weigerst, den jungen Baradier wieder ins Netz zu locken ... weil du Angst um ihn hast, das ist das Ganze!« »Und wenn dem so wäre?« »So verrechnest du dich! Denn ich gebe dir vor diesen Zeugen mein Wort, daß, wenn du nicht vorwärts machst, wie Hans will, ich binnen acht Tagen Händel mit dem Muttersöhnchen vom Zaun brechen und ihn dir spießen werde, wie ein Huhn.« »Das kannst du halten, wie du willst,« sagte Sophia gleichmütig. »Ich beschäftige mich gar nicht mehr mit Herrn Baradier, ich habe nicht im Sinn, ihn je wiederzusehen. Du riskierst also zwecklos einen Degenstich, den er ebenso gut dir beibringen kann, wie du ihm, und zwar nur weil du dich nicht entschließen kannst, einen verfahrenen Karren stecken zu lassen. Ich sage euch aber, mir müssen es thun, denn wir setzen uns für nichts und wieder nichts der Gefahr aus, daß uns schließlich die Polizei auf den Hals kommt, und ihr wißt, wie unwillkommen diplomatische Verwickelungen unseren Freunden sind. Befassen wir uns mit der Angelegenheit der englischen Armeeversorgung, dabei ist mit geringer Gefahr viel zu verdienen. Genaue Angaben, die einen Nachweis des Betrugs bei den Lieferungen ermöglichen, werden uns hier für lange Zeit wieder in Ansehen bringen. Laßt die Pulvergeschichte fallen, glaubt mir, es ist aus und vorbei damit!« Hans schwieg, scheinbar nachdenklich. Dann sagte er mit gutgespielter Gutmütigkeit: »Alles in allem haben Sie vielleicht recht, und jedenfalls vermögen wir ohne Sie rein nichts. Da Sie sich weigern, uns behilflich zu sein, bleibt uns gar nichts übrig, als Ihren Rat zu befolgen und den Fang fahren zu lassen.« Lichtenbach atmete erleichtert auf, verlieh aber seiner Befriedigung keinen Ausdruck, Es schwante ihm, daß Hans' Nachgiebigkeit eine Finte sein könnte, und um die Gedanken dieses unheimlichen Partners zu ergründen, hielt er es für ratsam, seine eigenen zu verbergen. »Abgemacht! Sprechen wir nicht mehr darüber! Ich werde schon wieder hereinbringen, was mich der Spaß gekostet hat. Aber schade ist's, daß wir den Kunstgriff der Herstellung nicht herausbringen konnten, es hätte sich ein schönes Stück Geld verdienen lassen dabei. Nun, Schwamm drüber!« Hans preßte die Lippen zusammen und gab keine Antwort auf diesen Stoßseufzer. Agostini wandte sich mit verbindlicher Miene an Lichtenbach. »Und meine Heirat, was soll aus der werden?« »Was aus der ganzen Geschichte geworden ist,« versetzte der Bankier barsch. »Ist das eine nichts, ist's mit dem anderen auch aus. Sie haben jetzt kein Beibringen mehr, mein schöner Herr ... mit dem Trémontschen Pulver hätte ich Sie in den Kauf genommen, für Ihre schönen Augen allein bedanke ich mich!« »So behandeln Sie mich! Das sollen Sie bereuen!« »Vergessen Sie nicht, daß ich Sie jeden Tag für immer über die französische Grenze schaffen lassen kann!« »Dieses verdammte Pulver hat wirklich eine unglaubliche Sprengkraft!« warf Hans beschwichtigend hin. »Es wirft Zwietracht unter uns und würde uns, wenn die Sache andauerte, noch ganz auseinandersprengen. Lassen wir sie ruhen! Da die Schönheit nicht mehr Hand in Hand gehen will mit der Kraft, müssen wir dem Pulver entsagen. Punktum.« »Brechen wir auf,« sagte Lichtenbach, »Es ist schon spät.« »Wir werden Sie bis an den Schlagbaum begleiten, Kassenpapa, damit man Ihnen nichts zu leid thut. Die Gegend ist bei Nacht etwas unsicher. ... Guten Abend, Sophia, ich komme dieser Tage wieder.« »Gute Nacht.« Sie streckte ihm lässig die weiße Hand hin, die Hans mit der eisernen, stets durch einen Handschuh verdeckten Faust schüttelte. »Du behältst mich nicht, Sophia?« fragte Agostini lächelnd; er würde gern Frieden geschlossen haben mit der nützlichen Freundin. »Nein, mein Verehrtester,« sagte die Baronin entschieden, »Du gehst mir zu sehr auf die Nerven ... gute Nacht,« Sie klingelte und Milona erschien. »Leuchte den Herren, Milo« Schweigend gingen die drei hinaus und folgte einer nach dem anderen dem Laternchen, womit die Dalmatinerin den gewundenen Gartenweg bis zur Ausgangspforte beleuchtete. Sie machte das Thor auf und verschwand. Die drei Männer gingen längs des Grabens, der das Gehölz von Boulogne einfaßt, den Boulevard Maillot entlang. Sie schwiegen, als ob jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt wäre, bis Hans plötzlich stehen blieb und mit gedämpfter Stimme sagte: »Sophia glaubt uns in die Tasche stecken zu können, es wird aber anders kommen, als sie sich einbildet. Ich habe ihr nur zum Schein nachgegeben, um sie irre zu führen. Wenn ihr mir beipflichtet, soll folgendes geschehen: Cesare schreibt mit verstellter Handschrift an den jungen Baradier und ladet ihn auf einen Abend gegen zehn Uhr in Sophias Villa ein. Ich werde mit sicheren Leuten zur Stelle sein und übernehme es, ihn in den Taubenschlag zu führen. Ist er einmal da, so muß Sophia ans Werk gehen, ob es ihr paßt oder nicht. Derselbe Plan, den ich ihr vorlegte, und den sie von sich gewiesen hat, nur daß ich ihre Erlaubnis zur Ausführung nicht mehr einhole ...« »Aber wenn Baradier nicht käme?« warf Cesare ein. »Nun, dann käme er eben nicht. Aber glauben Sie, der Sie die Baronin doch kennen, daß man ihre Aufforderung zu einer Schäferstunde so leicht ausschlägt? Er wird herbeifliegen, sage ich Ihnen, wie die Motte zum Licht, und haben wir ihn einmal ...« »Was werden Sie dann thun?« fragte Lichtenbach mit unsicherer Stimme. »Das ist unsere Sache, aber Sie können sich darauf verlassen, daß wir dem hübschen Burschen die Zunge lösen werden.« »Mit Gewalt?« »Mit unwiderstehlicher Überredungskunst!« »Und wenn er Sie nachher der Polizei anzeigt?« »Vorausgesetzt, daß er vorher mitteilsam ist, kann er nachher schwatzen, was er mag!« Lichtenbach schauderte. Er hatte jetzt die Gewißheit, daß Hans zu einem weiteren Mord entschlossen war, und zwar sowohl um das Geheimnis zu erlangen, als um seine Verstümmelung zu rächen. »Wie Sie wissen, habe ich nichts mehr mit der Sache zu thun,« sagte er. »Ich ziehe mich vollkommen davon zurück und lehne jeden Anteil an Ihren ferneren Handlungen aufs entschiedenste ab. Nicht einmal das Ergebnis Ihres neuen Planes will ich kennen lernen ... mir ist's, als ob Sie der Wahnsinn gepackt hätte ...« »Glauben Sie denn, daß wir je auf andere Unterstützung von Ihnen gerechnet hatten, als auf Vorschüsse?« fragte Cesare höhnisch. »Sie waren unsere Henne mit den goldenen Eiern; wenn sie nicht mehr legt, mag sie zum Teufel gehen!« »Wollen Sie doch uns gegenüber nicht den Schlaukopf spielen, Lichtenbach,« sagte Hans. »Sie wissen sehr wohl, was das Patent Dalgetty wert ist, wenn unser Plan gelingt, und da Sie dann nicht auf Ihren Anteil am Gewinn verzichten werden, so ist Ihr angebliches Auskneifen nichts als eine abermalige Heuchelei! Sie weisen die Verantwortlichkeit von sich, aber Sie behalten sich vor, den Nutzen zu teilen ... nun, alter Kamerad, man wird nicht knausern!« Sie waren bei Lichtenbachs Wagen angelangt, der immer noch an derselben Stelle hielt, und Graf Cesare riß mit verbindlicher Miene den Schlag auf. »Nichts für ungut, hoher Herr, und angenehme Träume!« Angenehme Gedanken hatte Lichtenbach vorläufig nicht. Während sein Wagen die Straße der Großen Armee entlang rollte, überlegte er: »In meiner Lage ist einfach alles gefährlich. Lasse ich Hans den Streich ausführen, so kann ich fürchterlich bloßgestellt werden, denn die Baradiers werden keinen Augenblick zögern, mich der Urheberschaft dieser That anzuklagen. Wenn ich den Mut fasse, Hans in den Arm zu fallen, so wird er mich anzeigen, das ist das mindeste, was ich von ihm zu erwarten habe. Verflucht sei der Tag, an dem ich mich mit diesen Leuten einließ! Aber wie hätte ich voraussehen sollen, daß sie zu so gefährlichen Mitteln greifen würden? Die Baronin hat mir das nie zu verstehen gegeben; sie war ja auch selbst dagegen! Ich bin unentrinnbar verwickelt in die Geschichte! Wenn ich die Baronin warnte? Aber dann bin ich wieder Hans gegenüber bloßgestellt, denn der wird sofort wittern, wer ihn verraten hat, und den Baradiers gegenüber deckt mich das auch nicht. ... Wie, wenn ich diesen eine Warnung zukommen ließe? Wenn ich ihnen den Dienst leistete, sie heimlich auf die Gefahr aufmerksam zu machen, worin ihr Erbe schwebt, da wären sie mir doch wirklich zur Dankbarkeit verpflichtet ... keinesfalls sind sie die Leute, mich zu verraten ... darin könnte vielleicht die Rettung liegen. Aber Hans und Agostini sind immer noch da ... welche Verantwortlichkeit ihnen gegenüber! Und sie sind zu allem fähig! Mein Gott, mein Gott, in was für ein Wespennest habe ich gestochen!« Er erreichte sein Haus, hatte aber das Problem noch nicht gelöst, wie man die Freunde von gestern verraten kann, ohne sich Feinde für morgen zu schaffen, und wie man mit Anstand die Karten hinlegen kann, wenn die Partie schlecht steht. – Mittlerweile war der Untersuchungsrichter Mayeur nicht unthätig gewesen. Auf Baudoins, durch den Oberst Vallenot vervollständigte Fingerzeige gestützt, hatte er das Möglichste gethan, denn es lag dem Mann der Erfolge ja alles daran, seinen Ruf der Unfehlbarkeit in den Augen seiner Vorgesetzten zurückzuerobern, und er setzte all seinen Ehrgeiz ein, diesen verwickelten Fall aufzuklären. Andere Untersuchungen hatte er inzwischen einfach beiseite gelegt; mochten die in Untersuchungshaft Befindlichen vor Angst und Unruhe vergehen, für ihn war nichts wichtig, als was die Baronin, Hans oder Agostini anging. Seit acht Tagen war er im Besitz ausführlicher Mitteilungen über die Person des Grafen Cesare. Er war wirklich aus vornehmer, berühmter Familie, hatte aber aus dem italienischen Heer verschwinden müssen, nachdem er in einem Ehrenhandel seinen Gegner sozusagen ermordet hatte. Ein kleiner Unfall, eine Pistole, die losgegangen war, ehe das Zeichen gegeben wurde! Die Zeugen aber hatten die Sache schief genommen, und Cesare hatte sich durch einige höchst überflüssige Herausforderungen das Vaterland verschlossen und lebte seither im Ausland. Ohne andere Hilfsquellen zu besitzen als seine hübsche Erscheinung, gab er im Jahr mindestes seine zweihunderttausend Franken aus. Was Hans betraf, der blieb rätselhaft und unauffindbar. Agostinis Wohnung konnte nachgewiesen werden, wo Hans hauste, war dagegen keinem Menschen bekannt. Man glaubte in einer anarchistischen Versammlung einen Mann bemerkt zu haben, auf den die Personalbeschreibung des Banditen gepaßt hätte, nur hatte jener eine ganz andere Aussprache, galt für einen Russen und bereitete ein Attentat auf den jungen König von Spanien vor. Beim Verlassen der Versammlung, in der übrigens jeder zweite Mann ein Polizeispitzel gewesen war, von einem Agenten verfolgt, hatte er sich plötzlich umgedreht und den unbequemen Begleiter mit einem Faustschlag bewußtlos niedergestreckt, dann war er verschwunden. Auf Agostinis Spur war die Baronin in ihrer Villa am Boulevard Maillot leicht aufzufinden gewesen. Das Haus wurde vollständig eingerichtet vermietet und sie führte darin unter dem Namen einer Frau von Frilas ein sehr zurückgezogenes Leben. Ein geschickter Agent, den Mayeux zum Baron Grodsko nach Nizza geschickt hatte, war mit sehr vollständigem Bericht über dessen Gemahlin zurückgekehrt. Die Lippen des Gatten waren übergeströmt von Haß und Verachtung für die Abenteurerin, und nachdem er getrunken hatte, war Grodsko auch bereit gewesen, alles zu erzählen, was er von ihrem Leben wußte, was aber wohl nur die Hälfte der Wahrheit war. Sogar in Rührung war er verfallen, als er dem Agenten, seinem Freund vom Spieltisch, von ihr sprach. »Sehen Sie, dieses Weib hätte den Tod hundertfach verdient! Sie machen sich keinen Begriff davon, wessen sie fähig ist Nachdem ihr mein Vermögen durch Schenkung gesichert war, machte sie verschiedene Versuche, mich umzubringen, um früher in seinen Besitz zu kommen, erst als ich auf den Einfall kam, ihr weiszumachen, ich sei dem Bankerott nah, war ich wieder meines Lebens sicher. Nun sie keinen Vorteil mehr darin sieht, mich aus der Welt zu schaffen, kann ich wenigstens hoffen, am Leben zu bleiben! Und dabei kein verführerischeres Weib unter Gottes Sonne; einen Heiligen könnte sie auf schlechte Wege bringen, wenn sie wollte! Ich glaube nicht, daß irgend ein Mann ihr widerstehen würde! In Österreich hat ihr der Untersuchungsrichter selbst die Kerkerthüren aufgeschlossen, während sie für eine Unterschlagungsgeschichte lebenslängliches Zuchthaus verdient hätte! Ein Engel und ein Scheusal in einer Person! Sie haben gehört, was ich von ihr sagte, wissen, wie ich über sie denke, und dabei würde ich, ich, der so zu Ihnen spricht, nicht den Mut haben, mich der Gefahr ihrer Gegenwart auszusetzen ... ich möchte nicht dafür einstehen, daß sie es nicht fertig brächte, mich noch einmal zu einer großen Dummheit zu verleiten! Hüten Sie sich vor ihr ... sie ist das gefährlichste Geschöpf, das auf Erden wandelt! Sie fragen, ob sie nacheinander den Namen einer Frau Ferranti, einer Gräfin Schlosser, einer Frau Gibson geführt habe. Davon weiß ich nichts, aber ich halte es für wahrscheinlich. Wenn mit diesen ehrlosen Mitteln eine Teufelei auszuführen war, hat sie es sicher gethan, denn sie schreckt vor nichts zurück und ist erfinderisch, wie nur je ein Verbrecher.« Mit diesen schriftlichen Aufzeichnungen des Agenten hatte sich Mayeux aufs Kriegsministerium begeben, um sie dem Oberst Vallenot mitzuteilen und von ihm zu hören, was er persönlich ermittelt habe. Man hatte ihn aber gleich zum Minister selbst geführt, wo er durch allerlei ergänzende Einzelheiten die Bestätigung dessen erhielt, was ihm sein Vertrauensmann geschrieben hatte. Je schärfer man die Darsteller dieses Intriguenstücks beleuchtete, desto mehr erkannte man die Tragweite und Bedeutung des Falls. Man hatte es hier ohne Zweifel mit einer internationalen Spionenbande zu thun, die seit mindestens zehn Jahren im Sold ausländischer Regierungen arbeitete und diese der Reihe nach ausbeutete, indem sie auch ihre Auftraggeber untereinander verriet. Es war möglich, daß die einflußreichsten Minister ganz Europas nach und nach von diesen gewandten Spitzbuben geprellt worden waren, und es war mit Sicherheit anzunehmen, daß ein Verfahren gegen Leute, die im Besitz wichtiger Geheimnisse, mit Urkunden ausgerüstet und durch genaue Kenntnis gewisser Unsauberkeiten der Regierungen gewappnet sein mußten, seltsame Dinge ans Licht bringen würde. Man hatte an höchster Stelle darüber berichtet und war sofort auf diplomatische Bedenklichkeiten gestoßen. Die Beziehungen zu allen europäischen Mächten seien ja die besten, ja es habe den Anschein, als ob sie sich immer freundschaftlicher gestalteten. Handelsverträge würden vorbereitet, die Ausstellung, die von allen Mächten als eine Zeit des Waffenstillstandes anerkannt sei, müsse die Angehörigen aller Völker einander näherbringen, da frage es sich denn doch, ob es angezeigt wäre, den Schleier über Vorgänge zu lüften, die an sich höchst beklagenswert, durch Veröffentlichung aber noch viel beklagenswerter würden. Das müsse reiflich bedacht werden. Reiflich bedenken, wenn es einem auf die Nägel brennt! Wenn die Schuldigen bei der geringsten falschen Bewegung Lunte riechen und verschwinden können! Mayeur wurde ganz blaß vor Wut über die ihm auferlegte Beschränkung und der geradsinnige, derbe Soldat, der an der Spitze des Ministeriums stand, fluchte darüber in seinen Bart hinein, aber wie sich dem Zwang so wichtiger politischen Rücksichten entziehen? »Es steht jetzt zweifellos fest, Excellenz,« sagte Vallenot, der zuerst den Mut fand, ein offenes Wort zu sprechen, »daß wir die ›Lichtscheue‹ wie unsere Agenten sie getauft haben, erreichen können, dieselbe Frau, von der ich Ihnen schon vor Monaten beim Beginn der Untersuchung sprach, dieselbe Person, die in den Fällen Cominges, Fontenailles und anderen eine so verhängnisvolle Rolle spielte. Wir brauchen nur die Hand auszustrecken, so haben wir die Übelthäterin, und wir sollen sie uns abermals entschlüpfen lassen? Halten Excellenz das für menschenmöglich?« »Diese verdammten Federfuchser, diese Formelkrämer mit ihrer Politik, die legen den Radschuh ein!« brummte der Vorgesetzte. »Wenn's auf mich ankäme, würde es wahrlich zum Klappen kommen! Aber diese Parlamentarier, diese Advokaten, diese Rechthaber, die sind mir unheimlich! Nur unter meinen Offizieren fühle ich mich sicher, bin ich wieder ich selbst! Was sagen denn Sie, Herr Richter?« »Ich, Excellenz, ich bin bereit, den Haftbefehl auszustellen und zu unterzeichnen und ihn selbst der Staatsanwaltschaft vorzulegen ...« »Bei der er dann verschimmeln kann! Wissen Sie, was das Richtige wäre, Vallenot? Eine geschickt vorbereitete Razzia auf das Haus am Boulevard Maillot ... die Banditen würden sich zur Wehr setzen und man könnte unseren Schutzleuten doch nicht zumuten, sich die Hälse umdrehen zu lassen wie die Krammetsvögel! In dem Getümmel könnte man alles niedermetzeln, das Weib zuerst, denn sie ist nicht anders anzusehen, als wie eine tolle Hündin!« Mayeur lächelte. »Ein wenig zu militärisch gedacht, Excellenz! Um einen Sturm auf das Haus kann sich's nicht wohl handeln, sondern um ein ordnungsmäßiges polizeiliches Vorgehen. Die Justiz kann sich so durchgreifender Mittel nicht wohl bedienen...« »Dann thun Sie, was Sie mögen, und fragen Sie mich nicht um Rat! Aber eines kann ich Ihnen voraussagen – mit allen Trümpfen in der Hand werden Sie das Spiel verlieren.« In diesem Augenblick ging die Thüre auf und der Kanzleidiener brachte dem Oberst eine Besuchskarte, die Vallenot sofort dem Minister hinstreckte. »Marcel Baradier!« rief dieser. »Der kommt ja wie gerufen, soll gleich eintreten.« Der junge Mann erschien, verbeugte sich vor dem Minister, der ihm die Hand drückte, nickte den anderen Herren zu und begann ohne Einleitung: »Excellenz, ich habe mich verpflichtet, Sie von allem, was mir zustoßen sollte, in Kenntnis zu erhalten, und komme nun, mein Wort einzulösen. Es ist mir sehr angenehm, den Herrn Untersuchungsrichter hier zu treffen.« »Nun denn, was haben Sie uns mitzuteilen?« »Diesen Brief habe ich heute früh erhalten, Excellenz.« Er legte ein Briefblatt auf den Tisch, das der Minister aufmerksam betrachtete. »Kein Monogramm, landläufige Größe, gewöhnliches Papier, sichtlich verstellte Handschrift, keine Unterschrift ...« sagte er vor sich hin. »Und nun den Inhalt: ›Wenn Sie den Wunsch haben, die bewußte Dame wiederzusehen, die Sie immer noch liebt, so kommen Sie heute abend um zehn Uhr auf den Sternplatz an die Ecke der Hochestraße. Dort wird ein Wagen stehen; der Kutscher bedarf keiner Anweisung. Steigen Sie ein, und er wird Sie an den Ort bringen, wo Sie erwartet werden ...‹ Ausgenommen, daß Ihnen die Augen nicht verbunden werden sollen, ist es das uralte Rezept! Was haben Sie beschlossen?« »Hinzugehen.« »So, so! Und ohne Befürchtungen?« »Das ist wieder etwas anderes, Excellenz, aber mit oder ohne Befürchtungen, ich werde hingehen. Ich will des Rätsels Lösung erlangen, und dort werde ich sie finden.« »Gestatten Sie mir den Einwurf,« sagte der Untersuchungsrichter, »daß dieser Vorsatz über die Maßen unvorsichtig ist! Die Aussicht, daß Sie in eine Falle gelockt werden, steht wie neunundneunzig gegen hundert. Ich weiß, wessen die Leute fähig sind, denen Sie sich anvertrauen wollen, und kann Ihnen nur aufs entschiedenste von der Ausführung Ihrer Absicht abraten. Wir haben seit Beginn dieses höllischen Prozesses schon Unglücksfälle genug zu beklagen gehabt, vermehren Sie die Zahl der Opfer nicht, indem Sie sich um ein unsicheres Ergebnis einer sicheren Gefahr aussetzen!« »Wenn sie es ist, die mich ruft, habe ich nichts zu fürchten.« »Donnerwetter! Sie sind Ihrer Sache aber sicher!« rief der Minister. »Exzellenz,« versetzte Marcel ruhig, »ich bestreite das Urteil nicht, das Sie sich auf Grund Ihrer Nachfragen über diese Frau gebildet haben mögen, ebensowenig kann ich aber den Klang der Aufrichtigkeit in ihren Worten vergessen. Eine Lügnerin gegen die anderen, ist sie mir gegenüber wahrhaftig gewesen; mag sie die ganze Welt verraten haben, was ich nicht bestreiten will, mir ist sie treu ergeben ...« »Man höre!« rief der Minister. »Er ist felsenfest überzeugt von dem, was er sagt! Alle Achtung vor dieser Komödiantin, die bringt jedem bei, daß sie's mit ihm ehrlich meine! Jeder glaubt ihr! Aber zum Henker, mein junger Freund, haben Sie mir denn nicht selbst erzählt, daß sie schamlos Komödie mit Ihnen gespielt habe, daß sie Ihnen Äußerungen über die Aufbewahrung Ihrer wichtigsten Papiere im Laboratorium entlockt und, während Sie in ihren Armen ruhten, ihren Spießgesellen davon unterrichtet habe, so daß er Sie mit aller Gemütsruhe berauben konnte? Die Geschichte ist doch nicht in meinem Kopf gewachsen. Sie, Sie selbst haben sie mir haarklein erzählt! Kindisch bin ich ja doch noch nicht geworden ... aber Sie, Sie sind von einer Vertrauensseligkeit, die an Narrheit grenzt!« »Excellenz, ich kann Ihnen nichts entgegenhalten, Sie haben ja recht. Aber trotz alledem verpfände ich mein Wort dafür, daß ich mich auf sie verlassen kann und daß, wenn sie es ist, die mich ruft, jede Gefahr für mich ausgeschlossen ist.« »Aber wenn die anderen Sie rufen? Wenn Sie in einen Hinterhalt gelockt werden? Wenn die Strolche, die das schöne Weib umgeben, Ihnen eine Falle gestellt haben? Wollen Sie sich dann in ihren schönen Augen spiegeln wie eine Lerche, und die Kumpane ziehen indes hinter Ihnen die Schlinge zu?« »Mit dieser Möglichkeit nehme ich's auf.« »Schneidig! Im Grund gefällt mir diese Verwegenheit!« rief der Minister, mit der flachen Hand auf die Tischplatte schlagend. »Ein prächtiger Junge, sag ich Ihnen, Vallenot! Der Teufel hole mich, aber in seinem Alter wäre ich um kein Haar vorsichtiger gewesen! Lassen wir's also dabei, Sie gehen hin! Unser gutes Recht aber ist's, Vorsichtsmaßregeln zu treffen, daß Sie im Notfall Schutz und Hilfe finden!« »Ach, Excellenz, ich bitte, sich gar nicht mit mir zu beschäftigen. Jede Einmischung würde alles verderben! Wenn ich zu einem Stelldichein gehe, brauche ich doch keine Schutzmannschaft, wenn es aber ein Hinterhalt ist, so können Sie sich darauf verlassen, daß die Fallensteller umsichtig genug sind, um die geringste von Ihren Vorsichtsmaßregeln zu merken. Sie würden somit die Gefahren für mich nur vermehren und dabei hätte ich von Ihrem Beistand nicht den geringsten Vorteil, Am meisten Aussicht, mit heiler Haut davon zu kommen, habe ich, wenn ich allein oder mit einem vertrauten Diener hingehe, aber Polizei kann ich nicht gebrauchen. Daß ich Waffen trage, ist selbstverständlich, und sehr leichtes Spiel würde man sicher nicht haben mit mir.« »Sie wissen, wo die Dame wohnt?« fragte der Richter neugierig. »Nein, wie Sie sehen, ist in dem Brief keine Adresse angegeben.« Mayeur verständigte den Minister und Vallenot durch einen Blick, daß sie schweigen sollten, und sagte dann in ruhig überlegendem Ton: »Ich kann mich Ihren Gründen nicht ganz verschließen, Herr Baradier. Es war meine Pflicht, Sie zur Vorsicht zu ermahnen, aber ich kann Sie natürlich nicht zwingen, meine Ratschläge zu beachten. Sie sind entschlossen, dieser Einladung zu folgen, thun Sie es also und fürchten Sie nicht, daß ich irgend welche Schritte thun werde, wodurch, wie Sie richtig sagen, die Gefahr nur vergrößert würde. Da man aber immer den praktischen Zweck seiner Handlungen ins Auge fassen sollte, erlaube ich mir die Frage, ob Sie dem Ruf dieser unheimlichen Person folgen, um sich wirklich Aufklärung zu verschaffen, oder weil das Liebesabenteuer Sie reizt.« »Mein Herr,« versetzte Marcel mit tiefem Ernst, »der General Trémont war mein väterlicher Freund, und noch ist sein Tod nicht gerächt. Man hat unsere Spinnerei in Brand gesteckt, wobei mein Onkel, der Direktor und ich selbst nahezu ums Leben gekommen wären. Einen wackeren Mann, der uns behilflich war, die Schuldigen zu suchen, hat man ermordet; er mußte seine Pflichttreue mit dem Leben büßen. Über all diese Thaten will ich mir mit Gefahr meines Lebens Klarheit verschaffen, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß, sobald ich Gewißheit habe, die Schuldigen ihrer Strafe nicht entgehen sollen, sei es, daß ich sie den Gerichten ausliefere, sei es, daß ich das Urteil selbst vollziehe. Ich und jene, wir sind Gegner auf Tod und Leben, wer Sieger bleiben wird, muß sich zeigen.« »Ich danke Ihnen, mein Herr, und kann Ihr Wagnis nur mit den besten Wünschen begleiten.« Marcel schüttelte den Herren die Hand und empfahl sich. Im Hinausgehen hörte er den Minister sagen: »Ein Baradier von echtem Schrot und Korn! Da steckt Rasse drin! Aber gewagt ist die Geschichte, mir ist gar nicht wohl dabei,« Sobald sich die Thüre hinter Marcel geschlossen hatte, kam Leben in den kühlen, gemessenen Untersuchungsrichter. »Nun, Excellenz!« rief er erregt, »Nun hätten wir sie ja, die von Ihnen ersehnte Gelegenheit, das Räubernest mit einem Schlag auszunehmen! Sie werden doch so wenig als ich im unklaren darüber sein, daß man Herrn Baradier nur in dieses Haus lockt, um in irgend einer Weise Gewalt gegen ihn auszuüben? Wie sagten Sie doch vorhin? ›Die Banditen würden sich zur Wehr setzen und dann könnte man sie niedermetzeln.‹ Ohne gerade so weit zu gehen, rechne ich jetzt auf eine Möglichkeit einer Überraschung, die unser Verfahren wesentlich erleichtern und beschleunigen wird.« »Aber Sie haben dem jungen Baradier doch versprochen, sich nicht einzumischen?« wandte der Oberst ein. »Das werde ich auch nicht thun. Ich lasse ihn nach Belieben handeln, man wird ihm nicht folgen, die Leute, die er aufsuchen will, sollen nicht beobachtet werden, damit sie ihre volle Sicherheit und folglich auch ihre ganze Frechheit behalten. Aber mich gar nicht für diesen Vorgang zu interessieren, wäre geradezu albern! Ritterlichkeit Verbrechern gegenüber mag der junge Baradier ausüben, ich nicht! Das Stelldichein ist auf zehn Uhr verabredet, bis dahin rühre ich mich nicht von der Stelle. Dann ist es auch Nacht ... Sie kennen doch das Boulevard Maillot? Die Straße grenzt unmittelbar an den Graben des Boulogner Wäldchens, der ein ausgezeichnetes Versteck für meine Schutzleute bildet, die von der Parkseite herkommen können, ohne daß man sie ihre Posten beziehen sieht. Ich habe einen Polizeiwachtmeister zur Verfügung, der ebenso verständig als kühn ist. Dem erteile ich genaue Vorschrift. Er legt sich mit seinen Leuten auf die Lauer und wartet ab, was sich ereignen wird. Handelt es sich, wie Herr Baradier annimmt, wirklich nur um ein Liebesabenteuer, nun, so haben die Leute eben eine Nacht in frischer Luft zugebracht! Verläuft die Sache aber anders, kommt er wirklich in Gefahr, so haben Sie ja aus seinem eigenen Munde gehört, daß er sich zur Wehr setzen wird. Zweifellos trägt er einen Revolver bei sich, und beim ersten Schutz stürmen meine Leute das Haus und bemächtigen sich der Insassen. Setzt man sich zur Wehr, so wenden sie Gewalt an, und die Sache muß ihren Lauf haben, ob es den Herren Diplomaten paßt oder nicht!« »Vor allen Dingen, lassen Sie Marcel nichts geschehen,« rief Vallenot. »Und daß Ihre Leute sich die Frau nicht entschlüpfen lassen!« »Was sagen Excellenz zu meinem Plan?« Der Minister sah den Untersuchungsrichter, dann seinen Oberst an und versetzte mit seiner offiziellsten Miene: »Sie werden mich doch nicht um Rat fragen? Alle diese juristischen Erwägungen entziehen sich ja meiner Beurteilung, ich habe Ihnen nichts vorzuschreiben. Wir haben uns einfach über den Fall unterhalten, mein lieber Herr Mayeur ... was Sie thun oder unterlassen werden, ist Ihre Sache.« »Ich verstehe,« sagte der Beamte, mit spöttischem Lächeln nach seinem Hut greifend. »Solang der Handstreich nicht ausgeführt ist, will niemand daran beteiligt sein, ist er gelungen, so werde ich der einzige sein, der nichts damit zu schaffen hatte! Aber darauf kommt es ja nicht an, ich erfülle meine Pflicht und zwar ohne Zögern. Ihr Diener, Excellenz.« Fünfzehntes Kapitel. Es war etwa halb zehn Uhr, als Onkel Graff, der wie gewöhnlich in der Provencerstraße gespeist hatte, sich zum Heimweg in seine Wohnung anschickte. Er wollte über die Geschäftstreppe noch einmal in sein Arbeitszimmer im ersten Stock gehen, um einige Schriftstücke mitzunehmen, die er zur Vollendung einer Berechnung nötig hatte, als ihm Baudoin mit geheimnisvoller Miene in den Weg trat. »Es sind zwei Damen hier,« sagte er leise, »wovon die eine Herrn Marcel sprechen möchte. Ich habe ihr schon gesagt, daß er auswärts gespeist hat. Das schien ihr sehr unangenehm zu sein, und nun will sie wissen, wo sie ihn treffen könnte ...« »Was für eine Art von Dame ist's denn?« fragte Graff. »O Herr Graff, unbedingt eine anständige! Die andere scheint mir eine Gesellschafterin zu sein.« »Wo sind sie denn?« »Im Vorzimmer unten.« »Zünden Sie Licht in meinem Arbeitszimmer an und führen Sie die Damen dort hinein.« Baudoin verschwand. »Was wird denn das wieder sein?« brummte Graff, ihm langsam folgend, vor sich hin. »Immerzu Weibergeschichten bei diesem Schlingel! Irgend eine Geliebte, die ihm eine Scene machen will!« Er trat in sein Bureau, wo er eine dunkel gekleidete, jugendliche Gestalt mit verschleiertem Gesicht dicht an der Thür wartend vorfand. Sie war sichtlich erregt, aber der Eindruck war nicht ungünstig, und so bot er ihr einen Stuhl an und sagte wohlwollend: »Sie wollen meinen Neffen sprechen, gnädige Frau? Der ist leider ausgegangen. Müssen Sie ihn persönlich sprechen, oder kann ich vielleicht ...« »Mein Herr, es handelt sich um Leben und Tod,« unterbrach ihn die junge Dame mit flehend aufgehobenen Händen. »Für wen?« fragte Graff hastig. »Für Ihren Neffen!« »Wie kommen Sie dazu, das zu wissen? Wer sind Sie?« »Ich bin Marianne Lichtenbach,« versetzte sie ohne Zögern. »Herr Graff, ich vertraue mich Ihrem Zartgefühl an.« Sie hatte bei diesen Worten den Schleier abgenommen, und er sah die Tochter des Todfeindes vor sich. Sie war sehr bleich und zitterte, aber sie sah entschlossen und mutig aus. »Wer schickt Sie?« fragte Graff, beunruhigt auf das junge Mädchen zutretend. »Mein Vater,« erwiderte sie mit Bestimmtheit, und Graffs zweifelnden Blick auffangend, setzte sie hinzu: »Er wäre selbst gekommen, wenn er nicht gefürchtet hätte, abgewiesen zu werden. Die Sache duldet keinen Aufschub! Mein Herr, Ihr Neffe ist vielleicht in diesem Augenblick schon in höchster Lebensgefahr und mein Vater, der Kenntnis davon erhielt, hat mich beauftragt, Sie zu warnen.« »Aber auf welche Weise erhielt er denn Kenntnis davon?« fragte Graff argwöhnisch. »Ach, mein Herr, bieten Sie alles auf, Ihren Neffen zu retten!« rief Marianne erregt. »Nachher können Sie fragen, sich erkundigen ... er ist in äußerster Gefahr, sage ich Ihnen.« »Und woher droht ihm denn Gefahr?« »Von den nämlichen Leuten, die den General von Trémont ermordet haben. Das soll ich Ihnen sagen, das werde Sie hinreichend aufklären.... Mein Vater hat Kunde von ihren verbrecherischen Absichten erhalten, die ihn empören und die er Ihnen anzeigt.... Handeln Sie! Verlieren Sie keine Minute! Diese Nacht geht vielleicht nicht vorüber, ohne daß abermals ein Mord geschieht.« »Aber wohin soll ich gehen?« rief Graff, von der Angst des Mädchens mit fortgerissen. »Wie und wo soll ich den Schurken in den Arm fallen?« »Das werde ich Ihnen erklären ... daß ich mich nur genau besinne, was mir aufgetragen wurde ...« Sie strich sich mit der Hand über die Stirne, wie um einen Schmerz zu bezwingen. »Ja ... so war's ... eine Frau, die er in Ars gekannt hat ...« »Die Italienerin?« »Ja ... die wird es sein. Er hat sie geliebt, man weiß, daß er sie wiederzusehen wünscht,« brachte sie mühsam mit entfärbten Lippen heraus, als ob diese Mitteilung sie selbst peinigte, »und nun hat man ihm geschrieben, ihn zu einem Stelldichein geladen ... heute abend erwartet man ihn in einem abgelegenen Haus ... aber nicht sie erwartet ihn, die er zu finden hofft, sondern Schurken, die zu jeder Gewaltthat bereit sind, die ihn zwingen wollen, ihnen ein Geheimnis preiszugeben ... verstehen Sie jetzt?« »Gewiß, sehr gut, aber wo liegt das Haus?« »Hier,« sagte sie, ihm einen Zettel reichend, »mein Vater hat mir die Adresse aufgeschrieben.« »Boulevard Maillot 26,« las Graff, »Und wann sagten Sie, daß er dort erwartet wird?« »Um zehn Uhr.« Als ob sie nur auf dieses Wort gewartet hätte, that die Standuhr zehn Schläge. »Ach, mein Kind, warum sind Sie nicht früher gekommen? Wenn es zu spät wäre?« »Wir haben nicht eine Sekunde verloren. Es war ja nur der Zufall, der meinem Vater diese Pläne verriet ... man mißtraut ihm jetzt nicht minder als Ihnen, er stürzt sich selbst in größte Gefahr.« Graff klingelte, worauf Baudoin sofort erschien. »Einen Wagen, Baudoin, aber rasch. Sie begleiten mich. Haben Sie einen guten Revolver?« »Ja, Herr Graff.« »Den nehmen Sie mit! Nur rasch, und daß niemand ein Wort davon erfährt. Ich erwarte Sie und die Droschke im Hof. Schon zehn Uhr! ... Aber wir werden doch hinkommen, ... Und wenn sie dem Kind ein Leides angethan haben, dann wehe ihnen!« Baudoin war schon fort, Marianne sah regungslos zu, wie Graff seine Vorbereitungen traf, ein Bündel Banknoten zu sich steckte, seinen Revolver untersuchte, einen Stock mit schwerem Bleiknopf zur Hand nahm. Erst nach einer Weile schien er sich auf ihre Anwesenheit zu besinnen, er trat auf sie zu und sagte mit Wärme: »Mein Kind, ich danke Ihnen für den Dienst, den Sie uns erwiesen ... den uns Ihr Vater erwiesen hat ... dieser Dienst macht vieles gut! Sagen Sie ihm, daß er auf meine unbedingte Verschwiegenheit zählen könne, daß niemand erfahren wird, wer der Warner war.« »O retten Sie ihn!« rief Marianne mit überströmenden Augen. »Alles andere ist gleichgültig!« Graff faßte das junge Mädchen schärfer ins Auge, las die Todesangst auf ihren Zügen, sah die wie in flehentlichem Gebet gefalteten Hände. Der Antrag, den ihm der Abbé von Escoyrac übermittelt hatte, die Begegnung von Marcel und Marianne im Elsaß-Lothringischen Bazar, kamen ihm in den Sinn, und die Vermutung drängte sich ihm auf, daß Lichtenbachs Tochter von einem persönlicheren Gefühl als allgemeine Nächstenliebe erfüllt sein könnte. Er seufzte, sein altes rührsames, der Romantik geneigtes Herz war bewegt, und er fuhr mit einer respektvollen Weichheit fort: »Marcel aber wird erfahren, was Sie für ihn gewagt haben. ... Ich fühle, was dieser Schritt Sie gekostet hat ... Ihr Vater mußte Ihnen so manches erklären, Sie mußten verstehen lernen, was Sie nie zu wissen gebraucht hätten. Dank, noch einmal Dank, bis Marcel Ihnen selbst danken kann.« Marianne lächelte wehmütig. »Ich kehre morgen ins Kloster zurück, Herr Graff ... für immer. Das Leben ist entsetzlich und trostlos ... Ihr Neffe wird mich also nie wiedersehen!« Sie band ihren Schleier wieder vor, ging an Graff vorüber zur Thüre hinaus und schloß sich an die im Vorzimmer wartende Begleiterin an. Mit schweigendem Gruß verschwanden die beiden Mädchen. Graff folgte ihnen unmittelbar, und als das Lichtenbachsche Coupé abfuhr, war auch Baudoin schon mit seiner Droschke zur Stelle. »Zum Maillotthor,« sagte Graff im Einsteigen, »Baudoin, Sie setzen sich neben mich, ich habe Ihnen unterwegs viel zu sagen. Kutscher, wenn wir in zwanzig Minuten am Ziel sind, bekommen Sie zehn Franken Trinkgeld,« »Danke schön, ist der Mühe wert! Fort!« rief der Mann und der Wagen setzte sich rasselnd in Bewegung. – Marcel hatte sich nie ruhiger gefühlt, als auf dem Weg zum Sternplatz, wo er den Wagen treffen sollte, der ihn zu diesem Stelldichein führen würde. Er hatte im Klub gegessen, sich frei und heiter mit den Bekannten unterhalten, eine gute Cigarre geraucht und eine Weile dem Spiel im großen Saal zugesehen. Um halb zehn Uhr war er aufgebrochen, um mit dem Stock unterm Arm zu Fuß die Elysäischen Felder entlang zu gehen und die frische Nachtluft mit Genuß einzuatmen. Er ging mit federndem Schritt die stille Allee entlang, während auf dem Fahrdamm nach Paris zurückkehrende Wagen an ihm vorüberrollten, die Dunkelheit mit dem Schein ihrer Laternen durchlöchernd. Unter den Bäumen war er beinahe allein. Mit einer gewissen Neugier dachte er daran, wer und was ihn wohl erwarten möge! Ob am Ende doch Bösewichter, wie der Untersuchungsrichter so bestimmt anzunehmen schien? Oder, was ihm so viel wahrscheinlicher dünkte, die rätselhafte Frau, deren Niederträchtigkeit er ja halb und halb erkannt hatte, aber an deren Liebe er glaubte? Die dunkle prunkhafte Schönheit, als die er sie im Opernhause wiedergesehen hatte, verschmolz in seiner Erinnerung mit der blonden Frau, die er durch die Wälder von Bossicant geführt hatte. Aber ob diese oder jene deutlicher vor ihm stand, beide sah er vor Leidenschaft bebend, bei beiden fühlte er die echte vollständige Hingebung, die jene Anklage der Doppelzüngigkeit, die alle, ja sogar er selbst gegen sie erhoben, Lügen strafte. Und wieder fühlte er die wonnige Frische ihrer Lippen, die seinen Mund suchten, fühlte das heftige Pochen ihres Herzens, wie damals, als sie ihn im dunklen Hintergrund der Loge so wild an sich gepreßt hatte. All diese Gedanken und Vorstellungen stärkten die feste und kühle Entschlossenheit, womit er sich zu dem Stelldichein begab, das ihm endlich des Rätsels Lösung bringen sollte. Er war fünfundzwanzig Jahre alt, fühlte sich gesund und kräftig, wußte sich mutig und tapfer, und so durfte er sich wohl sagen, daß man im Fall eines verbrecherischen Anschlags nicht so leicht mit ihm fertig werden würde und sein fester Entschluß war, jeder Gefahr trotzig die Stirne zu bieten. Als er den Sternplatz erreicht hatte, sah er an der Ecke der Hochestraße richtig einen Wagen stehen, der sich beim Nähertreten als ein Coupé erwies, wie die Lohnkutscher es den Klubs stellen, ein Coupé ganz gewöhnlicher Art. Der Kutscher nickte halb eingeschlafen auf seinem Sitz. »Sie erwarten jemand?« rief ihn Marcel an. »Ja ... jawohl mein Herr!« »Nun, der Erwartete bin ich.« »Gut; steigen Sie nur ein.« Der Wagen rollte die breite Straße der Großen Armee entlang, bog dann in den Zugang zum Maillotthor ein, fuhr noch eine oder zwei Minuten weiter und hielt in der sehr dunklen Allee vor einer Gartenpforte. Marcel stieg aus, und der Wagen fuhr rasch davon. Eine von Epheu versteckte Gartenthüre ging auf und ein Diener in Livree erschien. Marcel folgte ihm durch den Garten nach dem Haus, das unbeleuchtet und schweigend vor ihm lag; nur aus einem Fenster im ersten Stock fiel ein schwacher Lichtschimmer. Er stieg die Stufen einer Terrasse hinauf und gelangte in eine Halle, die erleuchtet, aber durch Läden an der Hausthüre so abgeschlossen war, daß er von außen keinen Lichtschein hatte entdecken können. Der Diener ging ihm schweigend voran die Treppe hinauf und ließ ihn in ein mit hellem Stoff ausgeschlagenes Damenzimmer treten, das von einer elektrischen Stehlampe erleuchtet war. Dann verschwand der Diener lautlos und Marcel war allein. Er lauschte angestrengt, aber nichts rührte sich im Haus, keine Stimme, kein Schritt war zu vernehmen. Seinen Hut auf den Tisch legend, wartete er. Jetzt hörte er im Nebenzimmer einen gedämpften Aufschrei, ein rascher leichter Schritt kam näher, eine verhängte Thüre wurde hastig aufgerissen und in höchster Aufregung, mit verzerrten Zügen erschien Sophia auf der Schwelle. Sie sprach kein Wort, aber in ihren Augen lag ein namenloses Entsetzen. Marcel am Handgelenk fassend, zog sie ihn in das Zimmer, aus dem sie gekommen war, ein Schlafzimmer, drehte hastig den Schlüssel im Thürschloß, verriegelte eine andere, nach außen führende Thüre und fragte, Marcel umschlingend und den Mund an sein Ohr pressend: »Unglückseliger! Wie kommen Sie hierher?« Zu gleicher Zeit, offenbar einem unwiderstehlichen Impuls folgend, preßte sie die Lippen auf Marcels Hals und küßte ihn, von Angst und Lust halb besinnungslos, wild und heiß. Lächelnd, aber ohne ihre Zärtlichkeit zu erwidern, fragte dieser: »Ja, haben Sie mich denn nicht gerufen?« »Ich! Barmherziger Gott! Zehn Jahre meines Lebens, hören Sie wohl, zehn Jahre würde ich darum geben, daß Sie jetzt nicht hier, nicht in diesem Haus wären! Ach, die Elenden! Sie haben mich hintergangen! Sie haben ohne mich, gegen meinen Willen ihren Plan ausgeführt ... gegen meinen Willen!« »Und diese Elenden, wer sind sie?« fragte Marcel fest, indem er sich aus ihren Armen löste. »Fragen Sie mich nicht! Ich kann, ich darf nicht sprechen! Die Gefahr, worin Sie stehen, ist ohnedies furchtbar genug! Wenn sie mich im Verdacht hätten, Ihnen irgend etwas zu verraten, wäre jede Hoffnung, Sie zu retten, verloren.« »Sie scherzen wohl?« fragte Marcel höhnisch. »Glauben Sie, mir den Kopf mit Räubergeschichten verwirren zu können? Wir sind in Paris, nur ein paar Schritte abseits vom Getriebe der Stadt. In allen Straßen sind Schutzleute, und man ist also nicht so leicht ›furchtbarer‹ Gefahr ausgesetzt. Außerdem kann ich Ihnen zur Beruhigung sagen, daß ich vorzüglich bewaffnet bin, und daß ich den Leuten, von deren Seite Sie einen Überfall zu fürchten scheinen, nicht wehrlos gegenüberstehe.« »Armes Kind! Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu thun haben!« »Sollte Ihr Bruder etwa darunter sein, gnädige Frau?« Sie hielt ihm den Mund zu mit ihren schönen, weichen Händen, und er verstummte. Jetzt umschlang sie ihn wieder, preßte ihn voll Glut an sich und stammelte mit von Thränen erstickter, ganz veränderter Stimme: »O Marcel! Marcel!« Sie erblaßte dabei, hing sich krampfhaft an ihn, um nicht umzusinken, und ließ stockenden Atems das Köpfchen mit dem dunklen duftenden Haar auf die Schulter des Geliebten sinken. Ein scharfes Pochen an der Thür schreckte sie aus ihrem Taumel auf. »Horch ...« Sophia schlich zur Thüre und rief in einer für Marcel unverständlichen Sprache eine Frage hinaus, die rasch beantwortet wurde. Sichtlich beruhigt, öffnete sie, indem sie Marcel zuraunte: »Es ist Milo.« Milona schlüpfte herein, die Thüre ängstlich hinter sich schließend. »Sie schicken dich?« »Ja, Herrin.« »Was wollen Sie?« »Daß Sie herunterkommen und sich mit Ihnen verständigen.« »Ich komme nicht.« »Das denken sie sich ...« »Und dann?« »Sie haben mich beauftragt, Ihnen zu sagen, was sie von dem jungen Herrn haben wollen.« »Schweig! Er darf es nicht erfahren!« »Ist's Ihnen lieber, wenn sie heraufkommen und ihn umbringen?« Stille trat ein. Mit einem Aufstöhnen schmerzlichster Qual rang Sophia die Hände. Ohnmächtige Wut, höchste Verzweiflung entstellten die schönen Züge, Mit den Zähnen knirschend, schnellte sie auf den Kamin zu, ergriff einen kurzen scharfen Dolch, den sie mit erschreckender Gewandtheit schwang, und fragte: Du wirst mich nicht verlassen, Milo?« »Sie wissen es ja, Herrin, ich sterbe für Sie.« »Marcel ist bewaffnet, also sind wir zu Dreien! Ich werde ihn verteidigen mit dem letzten Blutstropfen!« »Gegen die?« fragte Milona. »Hoffen Sie das Unmögliche? Wer vermag, diesen Widerstand zu leisten? Zum Äußersten entschlossen, warten sie unten im Eßzimmer.« »O mein Gott! Ja, es ist Wahnsinn, noch zu hoffen! Ich kenne sie ja! O Marcel, Marcel, du Unbesonnener! Wie konntest du dich ihnen preisgeben?« Ermattet warf sie ihren Dolch weg und sank, das Gesicht mit den Händen bedeckend, schluchzend auf einen Stuhl. »Milona,« wandte sich Marcel mit größter Ruhe an die Dalmatinerin, »was wollen diese Leute eigentlich von mir?« Milona warf einen fragenden Blick auf die Herrin, und da Sophia ihr kein Zeichen machte, zu schweigen, erwiderte sie: »Das Geheimnis, das berühmte Geheimnis, wodurch das Ihnen gestohlene Pulver erst wertvoll wird.« Marcel lächelte. »Ach so! Das treibt sie um,« sagte er verächtlich. »Sehr angenehm, Gewißheit zu haben, daß sie nicht herausbringen konnten, was ihnen so wichtig ist ... Milona, bestellen Sie den Herren, daß sie es von mir nie erfahren werden!« »Das wird sich bald zeigen!« rief Agostinis wutbebende Stimme durch die Thüre herein. »Aha! Sie haben gehorcht, Kanaille!« rief Marcel hinaus. »Ganz erfreulich, denn es vereinfacht die Sache! Sagen Sie Ihren Spießgesellen, daß ich sie nicht fürchte. Ich trage eine gute Waffe bei mir, die mir für sechs Menschenleben haftet, ... Wenn's Ihnen recht ist, mache ich diese Thüre auf und der Tanz kann beginnen.« »Überlegen Sie sich das noch eine Weile,« versetzte eine andere Stimme in rauhen Kehllauten. »Zu einer Dummheit hat man immer noch Zeit.« »Was ist denn das für einer?« fragte Marcel. »Scheint weniger eselhaft zu sein als der andere.« »Sie scheinen uns ganz richtig zu beurteilen!« höhnte Hans. »Geduld! Wir geben Ihnen eine halbe Stunde Bedenkzeit, Wenn Sie uns nach Ablauf von dreißig Minuten nicht den Willen gethan haben, so werde ich Sie zum Reden bringen. ... Die Nacht ist feucht! wir haben unten ein Feuer, woran man sich wärmen kann!« Vorsicht war jetzt überflüssig geworden, und die Banditen gingen hörbar die Treppe hinunter. Milona verließ schweigend das Zimmer, Marcel und Sophia allein lassend. Die Uhr auf dem Kaminsims zeigte zehn Uhr zehn Minuten. »Sie haben gehört,« sagte Sophia. »Sie wissen jetzt, wozu man sich anschickt. Ihr Geheimnis will man haben ...« »Und ich habe ihnen gesagt, daß sie es nicht erfahren werden.« Er blickte die junge Frau an und sah sie erbeben unter seinem Blick. Auf sie zutretend, legte er ihr die Hand auf die Schulter. »Aber das Ihrige fordere ich!« »Das meinige?« rief sie mit einer Gebärde des Entsetzens. »Ja. Ich will wissen, wer und was Sie sind. Ich habe Sie geliebt und kenne doch nicht einmal Ihren Namen; heute abend wage ich um Ihretwillen mein Leben und weiß nicht, ob Sie die Schuldige oder das Opfer sind. Sind Sie Frau von Vignola, oder die Baronin Grodsko, oder beides, oder noch eine andere? Wenn ich glauben wollte, was man mir über Sie zuträgt, wären Sie eine Art von weiblichem Proteus, der Namen, Gesicht und Stimme wechselt, immer in verbrecherischer Absicht. ... Soll ich Sie beklagen, oder verabscheuen? Man sagt, Sie seien ein Ungeheuer ... ist Ihre Seele so häßlich, als Ihr Gesicht schön ist? Sie haben mich vorhin gefragt, weshalb ich gekommen sei? Ich bin gekommen um Antwort auf diese Fragen zu fordern. Ich will, verstehen Sie mich wohl, ich will wissen, was für eine Frau Sie sind.« »Ein trauriges Weib, Marcel,« versetzte sie mit bitterem Lächeln, »das dich liebt, das an dir zu Grunde geht,« »Leere Worte! In welchem Verhältnis stehen Sie zu den Banditen, die uns belagern? Welche Schändlichkeiten haben Sie gemeinsam mit diesen verübt? Ich will alles wissen, ich fordere Wahrheit, die ganze Wahrheit! Sie behaupten, mich zu lieben? Der einzige Beweis, den ich dafür verlange, ist Aufrichtigkeit.« »Niemals!« rief sie beinahe kreischend und die Hände vors Gesicht schlagend. »Dir würde vor mir grauen!« »Es ist also wahr, daß Sie ein verworfenes Geschöpf sind?« »O, beschimpfe du wenigstens mich nicht! Führe keine solchen Reden, lieber Marcel! Laß mich nicht beleidigende, drohende Worte von deinen süßen Lippen hören! Mögen andere so sprechen, was liegt mir daran? Aber du ... nein, nein! Wenn die ganze Welt mit Abscheu auf mich blickt, es ficht mich nicht an, solange in deinem Herzen ein Winkelchen ist, worein die Verachtung für mich nicht dringt!« »Sie verdienen also Verachtung?« Sophia schwieg. Marcel fühlte, wie der Zorn seine Nerven durchbebte, wie ihm das Blut in die Schläfen stieg, aber er verlor die Herrschaft über sich selbst nicht. »Sie wollen nicht sprechen? Dann werde ich jene fragen, die mich unten erwarten. Sie werden sich wahrscheinlich ein Vergnügen daraus machen, mich gründlich aufzuklären.« Er machte einen Schritt nach der Thüre, doch nun sprang sie auf, hielt ihn mit der Kraft einer Irrsinnigen fest, drückte ihn auf einen Stuhl nieder und sank neben ihm auf die Kniee. »Rasender! Du glaubst noch immer nicht an die Gefahr? Bleibe, bleibe bei mir, das ist die einzige Möglichkeit der Rettung.« Er blickte ihr tief in die Augen und fragte von neuem: »Wer sind Sie?« Statt aller Antwort schlang sie die Arme um seinen Hals, näherte lächelnd den Mund seinem Schnurrbart und berührte ihn in wollüstiger Liebkosung mit den süßen Lippen. Es überlief ihn heiß, aber er ließ sich nicht verwirren durch die Versuchung. »Wer sind Sie?« fragte er wieder. »Unbarmherziger!« stöhnte sie. »Was habe ich dir denn zuleide gethan?« »Du hast meine Liebe gestohlen!« Sie lachte – ein halb irrsinniges Lachen – und zeigte die blanken Zähne. »Und die kannst du mir nicht mehr nehmen! Du kannst mich hassen, wenn du willst, aber die Erinnerungen an die kleine Villa, an die Wälder von Bossicant, die kannst du mir nicht rauben, selbst im Tode würden sie mein Eigentum bleiben!« »Wenn du nicht sprichst, mir jede Auskunft verweigerst, so thust du es nur, weil du weißt, daß ich dich dermaßen verachten müßte, daß mir von diesem Glück der Vergangenheit nichts zurückbliebe, als höchster Ekel!« Sie richtete sich stolz auf. »Armer Marcel, wie du dich irrst – auch dann noch würdest du mich ja lieben! Und darunter würdest du so leiden, daß ich dir nicht Rede stehe, einzig und allein, um dir Schmerz zu ersparen. Verschmäht hat mich noch keiner. ... Du weißt es, welcher Art meine Liebe ist, und dich würde danach verlangen, auch dann noch, wenn ich dir gestanden hätte, daß ich eine Verworfene, eine Verbrecherin bin! Und das, mein Geliebter, mein Angebeteter, würde dich erniedrigen, beflecken. Du würdest mich immer noch lieben, aber du wärest nicht jener Marcel, den ich allen vorgezogen habe, für den ich mein Leben lassen würde; in deine Trunkenheit würde sich bittere Selbstverachtung mischen, du würdest in Liebe glühen und schlecht dabei werden, und das ertrüge ich nicht! Nein, nein! Gib deine Fragen auf ... wenn es mir so gefiele, könnte ja doch nichts dich von mir lösen! Ich kenne meine Macht. Wenn ich dir eine volle Beichte abgelegt hätte, du kämest doch wieder in meine Arme, aber du würdest dich deiner Schwäche schämen, in höchster Lust unglücklich sein, jede Wonne wäre dir vergiftet, und darum schweige ich. Statt mir's zum Vorwurf zu machen, solltest du mir dieses Schweigen danken. Zum erstenmal im Leben übe ich Großmut, dabei ist aber kein Verdienst, geschieht es doch für dich!« Sie sah ihm ins Auge bei diesen Worten, und Marcel fühlte, wie seine Entschlossenheit dahinschmolz unter der Liebkosung dieses Blickes, wie seine Willenskraft schwand, Trunkenheit ihn zu erfassen drohte. »Sie hat ja recht,« sagte er sich. »Ich bin weit unlöslicher mit ihr verknüpft, als ich wußte, ich wäre der Selbsterniedrigung fähig, die sie mir drohend vorhält. Jetzt kann ich ja nicht mehr zweifeln, daß sie alles begangen hat, was man ihr vorwirft, daß sie es nicht leugnet, ist Geständnis genug, Trémont ist durch sie gestorben, Laforêts Tod ihr Werk. Sie ist durch Blut gewatet, hat gesengt und gestohlen. Unter zwanzig verschiedenen Namen hat sie gelebt, gehandelt, betrogen und, wenn es ihren Zwecken dienlich war, Männer verführt. Sie ist eine Dirne, im Abgrund des Lasters gibt es kein verworfeneres Geschöpf als sie, und ich stoße sie nicht von mir, sie bezwingt mich, macht mich wahnsinnig ... Nein! Nein! Ich will nicht!« Er raffte sich auf, wollte die Verderberin abschütteln, aber sie schmiegte sich unauflöslich an ihn. Mit der Stimme, der keiner widerstand, hörte er sie flüstern: »Rings um uns ist Tod ... vergessen wir alles, was nicht unsere Liebe, unsere Lust ist ... denke nicht mehr, Geliebter, quäle dich nicht ... in einem Augenblick kann ich dich schadlos halten für alle Pein, dich aus Tod und Verderben in wonniges Traumland führen.« Noch wollte er Widerstand leisten, aber heiße Lippen erstickten seine Worte der Abwehr, und tief aufatmend gab er sich hin. Die Zeit verstrich; sie dachten nicht mehr an Gefahr. Tiefes seliges Schweigen umgab die Liebenden, als ein heftiges Getöse Marcel aus den Armen der Zauberin aufschreckte. Schritte erdröhnten im Haus, von unten erklangen Rufe, Befehle, plötzlich krachte eine Thüre, als ob sie aus den Angeln gerissen würde, dann knallte ein Schuß. Im selben Augenblick rief eine Marcel wohlbekannte Stimme mit aller Macht: »Zu mir, Baudoin, zu mir!« Abermals ein Schuß und wildes Fluchen. »Mein Onkel Graff!« schrie Marcel. »Sie morden ihn!« »Bleib! Geh nicht hinaus!« rief Sophia, ihn umklammernd. Wortlos schüttelte er sie ab. Er stürzte auf den Flur, fand die Treppe und erkannte von oben in der Halle des Erdgeschosses, trotz des Halbdunkels eine Gruppe von drei Männern, die mit Graff rangen, der umzingelt und beinahe erstickt, vergebliche Versuche machte, sich seines Revolvers zu bedienen. Unmittelbar an der Hausthüre waren Hans und Baudoin handgemein geworden, Über die Stirne des wackeren Burschen lief ein blutender Hieb, aber er hatte den furchtbaren Einarmigen um den Leib gefaßt und hielt ihn fest, wenn auch mit äußerster Anstrengung. Marcel faßte über das Geländer der Treppe hinweg sein Ziel ins Auge. Der Schuß ging los und einer von den drei Männern, die Graff festhielten, fiel. Im selben Augenblick ertönte in Marcels Rücken ein Knall und eine Kugel streifte sein Ohr. Blitzschnell drehte er sich und stand Aug in Auge mit Agostini, der eben wieder auf ihn zielte. Rasch schlug er ihm die Waffe weg, faßte den Italiener um den Leib und schleuderte ihn mit vor Wut verdoppelter Kraft wie einen Ballen in den Schlund des Treppenhauses hinunter. Der hübsche Cesare flog mit einem Schreckensgeheul hinunter, überschlug sich in der Luft und fiel auf das schmiedeiserne Geländer, um dann wie ein zerbrochener Hampelmann liegen zu bleiben, mit den Beinen gegen die Stufen schlagend, die sein Blut rötete. Bei diesem Anblick brüllte Hans laut auf vor Wut, aber er konnte sich nicht auf Marcel werfen, der jetzt, vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe heruntergestürmt kam, doch schüttelte er Baudoin mit solcher Gewalt, daß dieser ihn fahren lassen mußte. Sofort bekam er ihn unters Knie und holte eben mit dem eisernen Arm zum Schlag aus, als Marcel vorsprang und ihn durch einen Fußtritt auf den Bauch zu Fall brachte. Aber der Riese erhob sich sofort wieder, nahm in einer Ecke Deckung und rief, sobald er zu Atem gekommen war: »Alle her zu mir!« Aber die anderen waren jetzt zu sehr beschäftigt. Die Schutzleute waren auf das Geräusch aus ihrem Versteck geeilt und drangen ins Haus und Graff, der frei geworden war, eilte mit dem Revolver auf Hans zu, aber Baudoin schrie mit unkenntlich heiserer Stimme: »Den lassen Sie mir, Herr Graff, der gehört mir, der hat meinen General umgebracht!« Der Bursche riß, eine Feuerwaffe verschmähend, die den Kampf ungleich gemacht hatte, Graff seinen Stock mit dem Bleiknopf aus der Hand und warf sich, damit bewaffnet, auf Hans. Einen wilden Fluch ausstoßend, schlug der Bandit, der sich verloren fühlte, mit der stählernen Faust um sich, traf aber nur die leere Luft. Baudoin war zur Seite gesprungen, der Stock sauste und der schwere Knopf traf Hans auf die Schläfe. Wie ein erschlagener Ochse wälzte er sich am Boden. Nun war der Kampf entschieden. Die drei Männer, die sich noch zur Wehr gesetzt hatten, sprangen gleichzeitig durch die Fenster hinaus und verschwanden im dunklen Garten. Das Haus ist umstellt,« rief der Polizeiwachtmeister Graff zu. »Die werden draußen gefangen.« »Hebt die Verwundeten und Toten auf,« befahl er seiner Mannschaft. Graff wollte auf Marcel zueilen, ihn umarmen, ausfragen, sich überzeugen, daß er wirklich heil und ganz sei, aber er sah nur noch Baudoin, der sich mit dem Taschentuch Blut und Schweiß von der Stirn wischte. Marcel hatte, sobald er über den Ausgang des Kampfes beruhigt sein konnte, nur noch an Sophia gedacht; die Gefahr, der er entronnen war, drohte jetzt ihr, die zu seiner Rettung eingetroffene Polizei mußte ihr Verderben bringen. So rasch, wie er heruntergekommen war, flog er die Treppe wieder hinauf; sein Gefühl sagte ihm, daß die Zeit kurz bemessen sei. Er stürzte in das Zimmer, dessen Thüre offen geblieben war, und die er jetzt von innen verriegelte, um Sophia zu schützen, wie sie es vorher zu seinem Schutz gethan hatte. Nachdenklich stand sie da, den Arm auf den Kaminsims gestützt, wie unberührt von dem Lärm und Kampfgetöse unter ihr, und doch war Milona an ihrer Seite und hatte ihr sicher die Niederlage der Genossen gemeldet. »Die Polizei ist im Hause,« sagte Marcel, erschrocken auf sie zutretend. »Wissen Sie es nicht? Warum sind Sie noch hier?« »Ich habe auf dich gewartet,« versetzte Sophia ruhig. »Aber Sie richten sich zu Grunde!« »Was liegt dir daran?« »Ich dulde es aber nicht! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Sie leiden sollen, gequält werden, weil Sie mich verteidigt haben.« Über Sophias Gesicht ging ein Leuchten. »Willst du mich denn noch haben?« »Das ist unmöglich!« versetzte Marcel fest. »Sie wissen es wohl! Nach dem, was zwischen uns liegt, darf ich Sie nicht wiedersehen! Ich kann es nicht, es darf nicht sein ... um Ihrer selbst willen ...« »Dann überlaß mich meinem Schicksal,« sagte sie mit dem sorglosen Gleichmut von vorher. »Nein, das will ich auch nicht! Sie, um meinetwillen verloren, während ... Wollen Sie mein Gemüt mit dieser qualvollen Erinnerung belasten?« »O mein Marcel! Dir gefallen, dich lieben, dich besitzen möchte ich ... für dieses Glück wäre mir kein Preis zu hoch.« Sie lächelte ihm unter Thränen zu. So schön war sie, daß es ihn heiß überlief, aber er wandte sich ab. »Unglückselige! Was haben Sie vor?« Sie zeigte ihm einen Ring, der an Stelle des Steins eine Kapsel aus ziseliertem Gold enthielt. »Sieh diese Kapsel an: sie enthält die Freiheit und den Tod. Ihr Inhalt in einem Glas Wasser getrunken, und alles ist vorüber, ohne Schmerz und Qual ...« Sie streckte die Hand nach einem Brett aus, worauf Wasserflasche und Glas standen. »Ich verbiete es dir!« rief Marcel außer sich. Der Blick, womit sie ihn ansah, war furchtbar, und ein überirdischer Glanz strahlte von ihrem Gesicht. »Ohne dich, nichts ... mit dir, alles ... entscheide du!« »Es ist unmöglich!« schrie er auf. »Bedenke es noch!« sagte sie mit einem geisterhaften Lächeln. »Du weißt, was ich bin. Wenn du willst, lebe ich weiter, aber nur, um dein zu sein ... ich werde kommen, wenn du nach mir verlangst. Ich werde dich nicht belästigen, aber ich will dich haben ... alle Buße, alle Schmerzen, alle Opfer nehme ich auf mich, um dein zu sein!« Die Treppe erdröhnte von schweren Schritten. »Sie kommen!« rief Marcel mit Entsetzen. »Sie werden dich verhaften! Wenn es noch möglich ist, so sei barmherzig und rette dich!« »Laß sie kommen! Sie werden mich nur verhaften; wenn ich es will. ... Ich habe von keinem Menschen etwas zu fürchten, als von dir, von dir allein hange ich ab. Willst du, daß ich weiter lebe? Schwöre mir, daß du mich wiedersehen wirst.« In dieser Sekunde stiegen die blassen Totengesichter des Generals Trémont, des armen Laforêt, Agostinis tragikomische Gestalt, der sich im Blut wälzende Riese Hans vor Marcels innerem Auge auf, und ein namenloses Grauen schüttelte ihn. Wortlos senkte er den Kopf. Ein leises Klirren von Glas veranlaßte ihn, die Augen aufzuheben. Sophia trank. Er stürzte vor und riß ihr das Glas aus der Hand – es war geleert. »Zu spät!« sagte sie lächelnd. »Öffnen Sie! Öffnen Sie!« riefen laute Stimmen zur Thüre herein. »Öffne, Milona ... jetzt ...« befahl Sophia mit letzter Kraft. Die Dalmatinerin gehorchte. Sophias Augen umschleierten sich, ihr Gesicht wurde leichenblaß. Die entsetzte Dienerin konnte sie gerade noch in ihren Armen auffangen; mit einem tiefen Seufzer brach sie zusammen, und das gelöste dunkle Haar fiel über ihr Gesicht wie ein Trauerschleier. »Wo ist die Frau?« erklang von der Treppe her die Stimme des Untersuchungsrichters Mayeur, der atemlos, aber als Triumphator auf dem Schauplatz erschienen war. »Man hat sie doch hoffentlich nicht entwischen lassen?« Neben Graff erschien er auf der Schwelle und blieb wie versteinert stehen. »Hier ist sie!« sagte Marcel, auf die Sterbende deutend. Die »Lichtscheue«, die Unerreichbare, war wieder entflohen, dieses Mal in die ewige Nacht. Sechzehntes Kapitel. Das Blutbad am Boulevard Maillot wurde den Eifersuchtstragödien beigezählt. Eine Frau, die zwei Männer einander streitig gemacht und an deren Leiche einer den anderen getötet hatte, das wurde als Leitmotiv für die Zeitungen ausgegeben. Die Phantasie der Verfasser Vermischter Nachrichten durfte das übrige thun, und ganz Paris erhitzte sich zwölf Stunden lang über diese großartige Schlachterei, die um so eingehender beschrieben wurde, als niemand sie mit angesehen hatte. Niemand erhielt auch jetzt Zutritt zu dem Haus, das amtlich versiegelt wurde und in dessen Winkeln nur der traurig enttäuschte Mayeur herumstöbern konnte. Er entdeckte nichts, was ihn über die Persönlichkeit des »Hans« genannten Mannes aufgeklärt hätte. Weder die Sektion, noch die ältesten Polizeiakten lieferten irgend welchen Aufschluß, wer dieser unheimliche Schurke eigentlich gewesen war. Daß es derselbe war, der mit Sophia in Vanves erschienen und dort um einen Arm gekommen, stand ja fest. Aber wer war er ursprünglich? Die Polizei des Auslandes wußte es ebensowenig, oder wollte es nicht sagen. Sophias und Agostinis Persönlichkeiten waren ohne Schwierigkeiten festzustellen. Die Fürsten von Briviesca gaben der Behörde bereitwillig Auskunft über den Taugenichts, von dem man sie befreit hatte. Der Baron Grodsko konnte nicht mehr sagen, als er schon dem nach Nizza gesandten Agenten anvertraut hatte. Wütend, daß er keine größeren Überraschungen ans Licht bringen konnte, dachte Mayeur, daran, Lichtenbach zur Verantwortung zu ziehen. Er ließ ihn vorladen, verhörte ihn und versuchte dann, bei Baradier \& Graff Material zu einer Anklage zu erhalten, allein diese waren wider Erwarten nicht geneigt, als Belastungszeugen gegen den alten Feind aufzutreten. Man sprach von geschäftlichen Schikanen, Konkurrenzneid, aber nicht von strafbaren Handlungen. Mayeur hätte schon die Börse umstellen lassen und von Mittag bis drei Uhr alle verhören müssen, die schimpfend und stöhnend in dem Säulenumgang erschienen! Überdies hatte man sich höchsten Ortes sofort für Lichtenbach verwendet und dem Untersuchungsrichter zu verstehen gegeben, daß er auf dem Holzweg sei. Der Fall von Vanves blieb also für alle Zeiten ein unlösbares Rätsel. Wenn diese tragischen Vorgänge Lichtenbach auch äußerlich nicht zu Grund richteten, so hatten sie um so schwerere moralische Folgen für ihn. Acht Tage nach Sophias und Agostinis Tod trat seine einzige Tochter ins Kloster der Augustinerinnen in der St. Johannesstraße. Vater und Kind hatten eine zwei Stunden währende Auseinandersetzung gehabt; leichenbleich, aber festen Schrittes hatte Marianne das Arbeitszimmer des Bankiers verlassen. Gebeugt, zitternd, die Wangen von Thränen überströmt, war ihr Lichtenbach nachgeeilt, noch auf dem Treppenabsatz wollte er sie mit flehend erhobenen Händen aufhalten. »Mein Kind!« stammelte er. »Sei nicht unerbittlich!« Marianne senkte die Stirn. »Ich wollte es so gerne nicht sein, aber wie soll ich vergessen?« Ohne sich umzuwenden, stieg sie die steinerne Treppe hinab nach der Einfahrt, wo der Wagen wartete, um sie nach dem Kloster zu fahren. Stöhnend beugte sich Elias über das eiserne Geländer. Einen Augenblick sah es aus, als ob er sich hinabstürzen wolle, und mit herzzerreißender Stimme rief er: »Marianne! ... Marianne ...!« Sie hob unterm Hauseingang den Kopf. Schluchzend streckte er die Arme nach ihr aus. »Ich habe ja nur dich! Willst du deinen Vater vergessen?« Das junge Mädchen schüttelte traurig den Kopf, aber ihr Widerstand war nicht gebrochen. Welch entsetzliche Klarheit mußte ihr geworden sein? Was mußte Lichtenbach zugegeben haben, daß Marianne so unversöhnlich sein konnte? Sie machte das Zeichen des Kreuzes, gleich als wolle sie ihren Mut stärken, und noch bleicher als vorher, aber mit fester Stimme entgegnete sie: »Vergessen werde ich dich nicht, Vater. Ich werde für dich beten!« Dann stieg sie ein, der Wagen rollte dröhnend durch die gewölbte Einfahrt und Lichtenbach blieb allein zurück. Langsam schleppte er sich in sein Arbeitszimmer, wo er in Gedanken versunken vor sich hinstarrte. Er zog sich aber nicht vom Geschäft zurück, sondern betrieb es im Gegenteil mit erhöhter Thatkraft. Nach der schweren Niederlage, die ihm die Sprengstoffaktien eingetragen, kehrte sein Glück zurück. Er erholte sich vollständig durch eine glänzend verlaufende Spekulation in Goldminen und war als Geschäftsmann nie erfolgreicher und glücklicher gewesen als in den sechs Monaten nach der Abreise seiner Tochter. Freude aber schien er keine dabei zu empfinden, und körperlich verfiel er zusehends. Er mußte jetzt oft stillstehen und nach Luft ringen, wenn er die Treppe zum Börsensaal hinaufstieg: in Gesellschaft erschien er gar nicht mehr. »Was ist denn mit unserem lieben Elias?« fragte die kleine Herzogin von Bernay eines Tages. »Ich höre, er sei leidend. Sollte er den Kummer erleben müssen, sich zu verlieren?« Das leicht hingeworfene Wort war ein prophetisches. An einem Winterabend fand der eintretende Bediente seinen Herrn tief über den Schreibtisch gebeugt, dem Anschein nach eingeschlafen. Er sprach ihn an, erhielt aber keine Antwort. Aengstlich werdend, trat er näher und berührte ihn an der Schulter, aber der Bankier blieb regungslos. In der schlaff herabhängenden Hand hielt er einen Brief der Tochter, der noch feucht war von seinen Thränen. Er war tot. Das Schicksal hatte ihn an der einzigen Stelle getroffen, wo er verwundbar war, an seiner väterlichen Liebe. – Sechs Monate später saßen der Onkel Graff und Marcel zur Dämmerstunde beisammen. Die Abendpost war erledigt, Baradier schon hinaufgegangen. Die Dunkelheit sank mehr und mehr herein, die Gestalten von Onkel und Neffe, die sich schweigend in ihren Lehnstühlen gegenübersaßen, waren kaum mehr zu unterscheiden. Alle Angestellten waren fortgegangen, die Geschäftsräume verödet. »Schläfst du eigentlich, Onkel?« fragte Marcel mit einemmal. »Nein, mein Junge, ich hänge so meinen Gedanken nach.« »Und womit beschäftigen sich die?« »Mit allem, was wir im Lauf des verflossenen Jahres erlebt haben, und das ist viel.« »Allerdings. Und das Ergebnis deiner Gedanken?« »Daß wir verteufelt viel Glück hatten! Unsere Feinde waren uns ja hundertfach überlegen. Daß sie nicht über uns triumphierten, verdanken wir so recht eigentlich dem Schutz der Vorsehung!« »Sehr logisch denkst du gerade nicht, Onkel ... verteufeltes Glück und Schutz der Vorsehung, wie reimt sich das?« »Ach, du bist ein Skeptiker wie all deine Zeitgenossen. Ihr wollt an nichts mehr glauben.« »An den Zufall glaube ich allerdings nicht,« versetzte Marcel lächelnd, um dann mit plötzlichem Ernst fortzufahren, »aber an die menschliche Willenskraft glaube ich. Und wenn wir, wie du meinst, und wie es ja auch richtig ist, einen besonderen Schutz genossen, so danken wir das einem festen Willen ... ohne den ...« Wieder trat Stille ein; es war jetzt vollständig dunkel im Zimmer. »Einem festen Willen,« wiederholte Graff. »Du meinst doch nicht den jener Frau?« »Doch, Onkel. Jene Frau ist's, die den Plan ihrer Spießgesellen zum Scheitern gebracht und mich gerettet hat.« »Weil sie dich liebte?« »Weil sie mich liebte.« Der Onkel Graff stieß einen Seufzer aus, stopfte sich seine Pfeife und steckte sie an. »Es ist heute das erste Mal,« begann er, »daß wir auf sie zu sprechen kommen, das erste Mal seit jenem Tag ... es ist dir doch nicht peinlich?« »Nicht die Spur!« »Nun denn, so erkläre mir endlich, was zwischen dir und ihr vorgegangen ist.... Daß eine Person dieser Art sich für einen jungen Menschen, den sie an sich lockte, um ihn zu berauben, geopfert haben soll, ist doch ein bißchen merkwürdig. Du wirst doch wenigstens zugeben, daß sie mit solchen Absichten in deinen Gesichtskreis trat?« »Das gebe ich unbedingt zu.« »Es war eine durchtriebene Dirne, die so ziemlich alles im Leben kennen gelernt hatte und in der Liebe ungefähr so weit sein mochte, wie in ihrer Art die Trunkenbolde, deren ausgebrannte Kehlen nur noch Vitriol reizt! Und trotzdem ...« »Und trotzdem hat sie sich in einen harmlosen jungen Menschen wie mich verliebt! Vielleicht gerade weil ich jung und harmlos war, eine Abwechslung nach all ihren Schurken. Eine Tasse Milch für einen Trunkenbold, um bei deinem Bild zu bleiben ...« »Und sie hat sich vor deinen Augen um deinetwillen das Leben genommen?« »Ja, Onkel Graff, weil ich ihr gesagt hatte, daß ich sie nie wiedersehen wolle.« »Und doch hast du sie geliebt?« »Ich habe sie geliebt, doch mir graute zugleich vor ihr. Wenn ich sie wiedergesehen hätte, würde sie mich wieder erobert und an sich gerissen, mich zu einem verlorenen Menschen gemacht haben! Zu einem verlorenen Menschen, sage ich dir ... das ist mir aufgegangen in jenem entscheidenden Augenblick! Ich, der ich ein anständiger Kerl, der Sohn anständiger Leute bin, ich wäre unterm Einfluß dieses verabscheuungswürdigen und ach so wonnigen Weibes selbst ein Schurke geworden, und das wollte ich nicht.« Wieder trat Stille ein. »Sie muß sehr schön und sehr verführerisch gewesen sein,« bemerkte Graff nach einer Weile. »Die Schönheit, die Verlockung in Person! Herrliche Naturanlagen, ein Weib, das nur Königin oder Dirne sein konnte!« »Und glaubst du, daß sie noch hätte entfliehen können?« »Dessen bin ich gewiß. Du erinnerst dich doch, daß man bei der nachherigen Durchsuchung des Hauses im Keller auf die Thüre zu einem gewölbten unterirdischen Gang nach einem Haus in der Neuillystraße gestoßen ist, durch den sich auch die drei Gehilfen, die damals entkamen, gerettet haben müssen? Sie brauchte nur eine Wendeltreppe hinunter zu gehen, um sofort in Sicherheit zu sein. Die Polizei hat mehr als zwei Stunden gebraucht, um die Thüre im Keller einzudrücken.« »Hervorragend gut und umsichtig hat diese Bande ihr Handwerk betrieben. Welch ein Verlust sind solche Köpfe für die Gesellschaft, denn es hilft alles nichts, aber die braven Leute sind nun einmal in der Regel ein wenig beschränkt.« »Da sollte man also die öffentlichen Angelegenheiten in die Hände von Banditen legen, weil sie gewitzter sind!« »Und denkst du immer noch an diese Person?« fragte Graff mit einem Seufzer. »Unaufhörlich.« »Und betrauerst sie?« »Hat sie nicht ihr Leben für mich gelassen?« »Darum bist du also seit der Zeit so ernsthaft geworden?« »Ja, Onkel.« »Du warst immer traurig?« »Ich bin es noch.« »Nun, und dann warst du ja auch sehr beschäftigt mit all den Anlagen zur Sprengstofffabrikation ...« »Ja, das kam auch dazu.« »Weißt du, was du jetzt vernünftigerweise thun solltest?« »Ich weiß es, und der Vater hat auch gestern darüber gesprochen. Das ist dir gewiß nicht unbekannt, und weil ich seinen Vorschlag etwas kühl aufnahm, willst du heute bei mir anbohren!« »Allerdings, mein Kind. Du wirst zugeben, daß es sehr vernünftig wäre, jetzt zu heiraten, wo du gerade keine Liebschaft angebändelt hast und ein ernsthafter Mann bist!« »Und zwar Genoveva von Trémont?« »Die haben dir deine Eltern bestimmt. Es wäre eine große Freude für sie, wenn du ihnen diesen Wunsch erfülltest.« Marcel schwieg und saß unbeweglich in seinem Lehnstuhl. Des Onkels Pfeife glühte nicht mehr durch das Dunkel, sie war ausgegangen. Die beiden saßen in Nacht und Schweigen. Nach einer Weile begann Marcel bedächtig: »Onkel ... als Fräulein Lichtenbach damals herkam, um uns vor der mir drohenden Gefahr zu warnen, sagtest du doch, sie sei voll Angst gewesen ...« »Ganz außer sich ... fassungslos!« »Und du hattest den Eindruck, daß ihre Sorge um mich besonderem Interesse an meiner Person entspringe? Du sagtest doch so etwas?« »Gewiß, und ich hatte ihr auch versprochen, dir zu sagen, welchen Anteil sie an dir nehme. Das Mädchen hatte mir gefallen ... keine Alltagsnatur ... und was sie nachher that, hat meine gute Meinung von ihr ja nur bestätigen können.« »Du meinst ihren Eintritt ins Kloster?« »Ja, namentlich die Trennung von dem alten Scheusal von einem Vater.« »Er ist tot. Lassen wir ihn in Frieden ruhen, um so mehr, als die Verachtung und der Abscheu des eigenen Kindes ihm das Herz gebrochen haben.« »Du hast recht.« »Wenn man's recht überlegt, würde sie um meinetwillen aus der Welt scheiden. Das arme Kind hätte sein Gefühl für mich mit allem bezahlt, was das Leben liebenswert und freudig macht; sie würde arm, im grauen Wollkleid, mit geschorenem Haar, Kranke pflegend, leben und sterben ...« »Freilich, so ist's.« »Onkel, bist du der Ansicht, daß die Kinder für die Vergehen ihrer Eltern verantwortlich sind?« Graff gab keine Antwort; er rückte unruhig in seinem Stuhl hin und her und machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen, die er wieder in Brand steckte. »Du antwortest mir nicht? Hat dich meine Frage in Verlegenheit gesetzt, Onkel?« »Sogar sehr! In diesem Haus habe ich einmal einem Abgesandten Lichtenbachs zum Bescheid gegeben, daß alle Graffs sich im Grabe umdrehen würden, wenn ein Baradier eine Lichtenbach heiraten wollte.« »Was?« rief Marcel erregt. »Dieser Plan ist je aufgetaucht, und man hat Schritte gethan, ohne mir etwas zu sagen?« »Wozu? Du siehst ja, auf welchem Standpunkt wir damals standen, sonst hätte ich doch nicht diese prahlerische und, ehrlich gesagt, recht dumme Antwort gegeben! Und dein Vater erst! Ich will nicht sagen, daß er dich lieber tot, aber lieber ins Pfefferland gewünscht hätte, als mit Lichtenbach verwandt. Bedenke auch: damals war Trémont kaum tot, die Fabrik glostete noch – nein, nein, es war undenkbar!« »Und heute. Onkel Graff, heute?« »Ja, denkst du denn daran?« fragte der alte Schwärmer mit vor Bewegung zitternder Stimme. »So fest, daß wenn Fräulein Lichtenbach nicht einwilligt, meine Frau zu werden, ich gar nicht heiraten werde.« »Aber wie denn ... warum? Liebst du sie denn?« »Ich hege Gefühle höchster Achtung und Dankbarkeit für das junge Mädchen. Sie hat mir alles geopfert, was sie in Gegenwart und Zukunft opfern konnte, ich bin also ihr Schuldner. Und wenn ihr mich wirklich lieb habt, so steht auch ihr in dieses Mädchens Schuld. Die Firma Baradier \& Graff aber pflegt, so viel ich weiß, ihre Schulden zu bezahlen, selbst wenn ihre Eigenliebe darunter leidet.« Ein leichtes Geräusch ließ sich vernehmen: die Thüre war auf und zu gegangen. »Wer ist da?« fragte Grass erschrocken. »Beruhige dich, ich bin's,« versetzte Baradiers Stimme. »Du hast gehört ...« »Nur die letzten Worte, – ich komme eben. Wollt ihr in dieser Finsternis bleiben?« Er drehte das elektrische Licht auf und eine plötzliche Helle durchflutete das Zimmer, Die drei Männer sahen einander an; sie waren alle ernst, aber von einem freudigen Ernst. Baradier senkte nicht nach seiner sonstigen Gepflogenheit den Kopf, wie wenn er gegen ein Hindernis anrennen wollte, eine Bewegung, die Schwager und Sohn so genau an ihm kannten. Er sah ruhig, innerlich gesammelt aus, ging einmal durchs Zimmer, und setzte sich dann auf die Kante seines Schreibtisches. »Was wären wir denn, wenn wir nicht dankbar sein wollten?« sagte er. »Vor der Welt für ehrenhaft gelten, damit ist's nicht gethan, man muß in seinen eigenen Augen makellos sein.« Er blickte mit höchster Genugtuung auf den Sohn; das gerötete Gesicht verriet tiefe Erregung. »Dieser Junge hat gesprochen, wie ein Angehöriger des Hauses Baradier \& Graff sprechen soll. Was er will, muß geschehen.« Dieses schlichte Wort, das den Sohn für würdig seiner Vorfahren erklärte, durchzuckte die Hörer. In Graffs Augen schimmerten Thronen stolzer Freude: Marcel aber warf sich schweigend in des Vaters Arme. Ende.