Douglas Jerrold Madame Kaudel's Gardinenpredigten Bearbeitet von Friedrich Gerstäcker   Mit Illustrationen von Ludwig Loeffler. Achte Auflage. Leipzig Verlag von Otto Wiegand 1879. Vorwort Eine Vorrede zu diesem Buch ist unnöthig; jeder verheiratete Mann weiß, was Gardinenpredigten sind – oder sollte es wenigstens wissen. Wie aber dies kleine Werk daheim in's Volk gedrungen, davon zeugt eine einfache Behauptung des Punch – in dem die Gardinenpredigten zuerst erschienen – daß man nämlich unfehlbar erfahren könne, ob man eine gute, geduldige und liebevolle Frau habe, wenn man sie nur einmal Madame Kaudel nenne, und sie nicht böse darüber würde. Das Experiment bleibt aber immer gefährlich, und jedenfalls wäre große Vorsicht dabei anzurathen. Der Uebersetzer. Einleitung Kaudel , der arme Balthasar Kaudel war Einer von den Männern, welche Mutter Natur, in ihrer gewöhnlichen Vorliebe für das weibliche Geschlecht, nur auf die Erde gesetzt hatte um zu hören. Er schien in der That »ganz Ohr«, und diese Gehörwerkzeuge nahm denn auch Madame Kaudel (sein ihm angetrautes eheliches Gemahl, wie sie nicht verfehlte ihn dann und wann wissen zu lassen, da sie keineswegs zu den Frauen gehörte, die ihre Ketten tragen, ohne sie zu schütteln) ganz und gar für sich in Anspruch. Sie waren ihr alleiniges Eigenthum und scheinbar nur deshalb angefertigt, um ihre (Madame Kaudels) ausströmende Weisheit dem Gehirne ihres Ehegemahls so schnell und vollständig als möglich zuzuführen, und zwar auf dieselbe Art etwa, wie sie im Herbst ihren Obstwein durch den blechernen Trichter in die dazu bestimmten Flaschen füllte. Zwischen dem Wein und der Weisheit blieb nur noch der Unterschied, daß der erstere um ihn zu mildern versüßt wurde, die zweite dagegen nie. Scharf und bitter kam sie von den Lippen der Madame Kaudel, die sich dann auf die Sanftmuth ihres eheherrlichen Gemüths verließ, durch Vermischung des »Strengen mit dem Zarten« die gehörige und nöthige Harmonie hervorzubringen. Philosophen haben schon oft darüber gestritten, welche Zeit, ob Morgen oder Abend, am geeignetsten für moralische Eindrücke wäre; der griechische Weise hat sogar gestanden, seine Arbeiten röchen nach der Lampe. Wenn das aber der Fall war, so roch Madame Kaudels Weisheit ohne Zweifel nach dem Nachtlicht. Sie wußte recht gut, daß ihr Gatte den Tag über durch sein Geschäft als Puppen- und Spielwaarenhändler zu viel in Anspruch genommen wurde, um in dieser Zeit ihre Lehren ordentlich und gehörig würdigen zu können; überdies war er ihr dann auch nicht gewiß, denn er konnte in jedem Augenblicke in den Laden hinaus gerufen werden. Nachts aber, von Abends eilf bis Morgens um sieben Uhr, gab es für ihn keinen Rückzug mehr, er mußte, einige verzweifelte Fälle ausgenommen, ruhig liegen bleiben und zuhören. Manchem könnte es nun freilich scheinen, als ob Madame Kaudel hierin nicht ganz großmüthig gehandelt hätte; im Krieg aber wie in der Ehe ist jeder Vortheil, den man dem Feinde abgewinnen kann, erlaubt. Ueberdies folgte auch Madame Kaudel dabei sehr klassischen Autoritäten; der Vogel der Minerva, das klügste Geschöpf in Federn – schweigt den ganzen Tag; eben so machte es Madame Kaudel, – sie schrie blos Nachts. Herr Kaudel besaß übrigens eine ausgezeichnete Constitution, wie diese einzige Thatsache vollkommen beweisen wird: daß er nämlich dreißig volle Jahre als Gatte seiner Frau bestand, und sie sogar noch überlebte. Ja! dreißig lange Jahre sprach und disputirte Madame Kaudel über Freuden, Leiden, Sorgen, Pflichten und Wechsel, die alle in dem anscheinend kleinen Zirkel, dem Trauring, vereinigt sind. Ich sage anscheinend kleinen Zirkel, denn das Ding, mit den gewöhnlichen blinden Maulwurfsaugen des flüchtigen Beschauers betrachtet, ist weiter Nichts als ein dünner Goldreif, gemacht, um an dem vierten Finger der rechten Hand getragen zu werden. Aber, wie der Ring des Saturn, umschließt er, in Gutem und Bösem, eine ganze Welt; oder, um ein weniger kolossales Bild zu nehmen, doch zum mindesten einen ungemein großen Landstrich, der aber freilich Arabia felix oder Arabia petraea sein kann. Ein sauertöpfischer Cyniker könnte auch vielleicht den Trauring noch mit einem Circus vergleichen, wie sie früher Sitte waren und in welchem sich wilde Thiere, zum Vergnügen und zur Unterhaltung der umhersitzenden Zuschauer, zerkratzten und zerrissen; aber fort mit solchen Bildern. Nein, da mag er lieber einem Zauberring ähnlich sein, in welchem tanzende Elfen die rosigsten Ketten um die schwachen, lieben Menschenkinder schlingen. Wenn es nun aber auch keinem weitern Zweifel unterliegt, daß Ringe auf diesem, unserem wunderlichen Erdball, zu sehr verschiedenen, oft mit einander gar nichts gemein habenden Zwecken verwendet werden, so sind wir dadurch keineswegs berechtigt, Schlüsse von dem einen auf den anderen zu ziehen; auch hat dies mit dem uns hier vorliegenden Fall gar nichts zu thun. Uns genügt es, wenn wir wissen, Herr Kaudel war verheirathet und wurde deshalb als Niederlage für die Weisheit seiner theueren Ehehälfte verwendet. Madame Kaudel pickte, wie weiland Mahomets Taube, fortwährend an den Ohren ihres guten Mannes; aber wir haben durch seine Hinterlassenschaft wenigstens die Beruhigung gewonnen, das er ihre Worte nicht allein hörte, sondern auch bewahrte, und in dem heiteren Abend seines Lebens das niederschrieb, was jetzt, durch ewige Druckerschwärze, unsterblich gemacht werden soll. Als Balthasar Kaudel in dieser dornenvollen, schicksalsharten Welt von seiner treuen Gattin allein zurückgelassen wurde, als er allen – allen ihren nächtlichen Ermahnungen entrückt, ach! für immer entrückt war, befand er sich gerade in der vollsten Blüthe seines siebenundfünfzigsten Jahres. Jede Nacht aber, und zwar drei volle Stunden lang, nachdem er sich niedergelegt hatte (denn solche Sclaven der Gewohnheit sind wir), konnte er kein Auge zuthun, und ein ruhiges Einschlafen schien zu den Unmöglichkeiten zu gehören. Seine Frau sprach noch an seiner Seite. Freilich konnte es nicht geleugnet werden, daß sie todt und anständig begraben war, sein Geist – ( der Gedanke beruhigte ihn ungemein) – vermochte nicht sich in dieser Hinsicht zu irren; dennoch aber war sie bei ihm und das Gespenst ihrer Zunge sprach zu ihm wie in lieben, vergangenen Zeiten. Balthasar Kaudel konnte es ordentlich hören und verstehen, und so laut, so lebhaft waren manchmal die Klänge, daß er häufig mit einem kalten Schauder daran zweifelte, Wittwer zu sein, und sich dann erst vorsichtig, durch Ausstrecken eines Armes oder Beines überzeugte, ob er wirklich in seinem Ehebette allein liege und nicht blos so schön geträumt habe. Trotzdem hörte aber die Stimme nicht auf, und es wurde ihm mit jedem Abend unheimlicher und bänglicher zu Muthe, wenn er fortwährend die spukenden Ermahnungen und Warnungen auf sich einströmen hörte, ohne die Haube seiner Frau zu sehen, aus der sie sonst hervorzuquellen pflegten. Jetzt sprach die Stimme aus den Gardinen, jetzt vom Kleiderschrank, nun vom Waschtisch und dann gar von dem eigenen Kissen aus, auf dem er lag. »Es ist entsetzlich, daß ihre Zunge noch so herum gehen sollte,« sagte Balthasar zu sich selber, und dann dachte er an Exorcismus oder wenigstens sehr ernste Unterhaltung mit dem Prediger. Endlich, ob aus eigenem Antriebe oder von außen angeregt, beschloß er, an jedem Abend eine Gardinenpredigt seines seligen Weibes niederzuschreiben, das vertrieb vielleicht den Geist, der ihn plagte, denn ihre theuere Zunge rief nach Gerechtigkeit und gab sich, wenn befriedigt, möglicher Weise zur Ruhe, obgleich Kaudel bei dem Gedanken manchmal hoffnungslos den Kopf schüttelte. Dennoch machte er den Versuch, und siehe da, es half. Treulich brachte er alle ihre früheren Predigten zu Papier und der Geist störte ihn nicht länger. Balthasar schlief in Frieden. Nach Balthasar Kaudels Tode fand man unter seinen Papieren ein folgendermaßen überschriebenes Packet: Gardinen-Predigten von Margarethe Kaudel gehalten, und von Balthasar, ihrem Gatten, geduldig angehört. Daß übrigens Herr Kaudel schon damals an den späteren Druck dieser Schriften dachte, geht aus den Überschriften hervor, die er hie und da, seine tägliche Aufführung betreffend, niederschrieb und wonach sich dann die nächtliche Predigt richtete. Einen Theil seiner dreißigjährigen Erfahrungen (um nicht zu sagen, des dreißigjährigen Krieges) mag also hier der Leser, der weibliche zur Belehrung, der männliche zur Warnung hinnehmen, und wir wollen hoffen, daß er (der Theil der Predigten nämlich) in beiden Fällen seinen Zweck erfüllt. Madame Kaudel's Gardinenpredigten. Erste Predigt. Kaudel ist mit einem Freunde im Wirthshaus gewesen. O ja – o ja wohl – das ist ein vortreffliches Leben für einen verheiratheten Mann – eine wahre Musterwirthschaft; und das müssen sich die Frauen, die armen, schwachen, zarten Wesen, Alles gefallen lassen. Wenn sie's aber nur wüßten, wenn sie nur die Hälfte von dem wüßten was ich weiß, sie würden sich vorsehen, ehe sie sich für ihr ganzes Leben an einen Mann bänden. Eine Frau muß zu Hause bleiben, muß sich placken und quälen und der Mann geht indessen hin wohin es ihm beliebt; – ja wohl – das ist, seiner Meinung nach, ganz in der Ordnung. Ein wahres Aschenbrödel sollte die Frau sein, während der Mann in Schenken und Bierstuben herum trinkt und singt. Du singst nicht? woher soll ich das wissen, sagen kannst Du's wohl, wer Dich aber nur hören könnte; dort bist Du sicherlich, wie gewöhnlich, immer unter den Schlimmsten. Jetzt wird's nun wohl jede Nacht in's Wirthshaus gehen; wenn Du aber glaubst daß ich aufbleibe und warte bis Du zu Hause kommst, Kaudel , dann irrst Du Dich doch gewaltig. – Nein wahrhaftig – und ich stehe auch nicht aus meinem warmen Bett auf um Dich hereinzulassen, und Susanne darf noch viel weniger unten bleiben. Ich könnte die Thüre offen lassen? Ja – weiter fehlte gar Nein, der Ruß macht mich nicht glücklich, Kaudel, und er verlängert auch mein Vergnügen nicht; was aber mehr ist – Du bist ein gefühlloser Mann, daß Du mir so etwas sagen kannst. Du bist schlimm genug daß sich eine Frau in ihr Grab wünschen möchte – es ist wahrhaftig wahr. Und was Du dabei Deinen Söhnen für ein herrlich Beispiel giebst. Weil wir heute ein Bischen waschen und gerade kein heißes Mittagsessen haben (denn wer giebt den Wäscherinnen heißes Essen?) und weil Dir nicht Alles so ganz nach der gewohnten Bequemlichkeit war, da mußt Du gleich wie besessen im Hause herumfahren und das kalte Hammelfleisch verfluchen. – Du weißt wohl gar nicht was das Pfund Hammelfleisch jetzt kostet, oder Du würdest nicht die herrliche Gottesgabe verfluchen als ob Du ein Lord wärest. Was? Du hättest nicht geflucht? Das kannst Du jetzt recht gut behaupten, ich weiß aber wohl wann Du fluchst und manchmal thust Du es, ohne daß Du es selber merkst. Aber nein, da muß der Herr fluchen, seinen Hut aufstülpen, wie wahnsinnig aus dem Hause stürzen und in ein Wirthshaus rennen um da zu essen. Einen schönen Begriff müssen die Leute von Deiner Frau bekommen, wenn sie sehen daß Du außer dem Hause ißt – eine schöne Idee von unserer Wirtschaft. Was, Kaudel? Du willst das jedesmal thun, wenn ich wasche? Gut, Kaudel – sehr gut. Wir wollen aber doch sehen, wer das zuerst müde werden wird, denn das sag' ich Dir, eher wasche ich alle Tage und wenn's nur jedesmal ein Strumpf wäre. Das sieht Dir aber ganz ähnlich – unter die Füße möchtest Du alle die treten, die anderer Meinung sind als Du. Höre, Kaudel , Du brauchst nicht zu schreien als ob das Haus brennte, oder ich stehe auf. Es ist wahrhaftig schrecklich daß ich kein Wort sagen darf, ohne daß Du einen solchen fürchterlichen Lärm machst. Du hast nicht geschrieen? dann möcht' ich wissen was Du schreien nennst; die Leute müssen Dich im Nachbarhause gehört haben. Nein, Kaudel , das hilft Dir Nichts – gute Worte nützen Dir gar Nichts, ich bin nicht die Närrin mehr, die ich in früheren Zeiten war; jetzt weiß ich's besser. Am Tag willst Du mich auf jede abscheuliche Art behandeln, und Abends soll ich dann noch nicht einmal ein einziges Wort reden dürfen, weil Du thust als ob Du müde wärest. Schämst Du Dich nicht, Kaudel? Warum ich nicht außer dem Hause waschen lasse? Das hast Du mich jetzt schon wenigstens tausend Mal gefragt – aber es hilft Dir Nichts, Kaudel , also gieb Dir keine Mühe weiter. Was sagst Du? Madame Betsenberger hätte gesagt, es wäre ebenso billig? Bitte – was geht mich denn Madame Betsenberger an? ich denke doch, Kaudel , daß ich auch ohne Madame Betsenbergers Rath für meine Familie sorgen kann. Madame Betsenberger – ja wohl – weiter gar Nichts. Ich wollte nur, sie besuchte mich einmal, daß ich ihr das so recht selbst sagen könnte, wie ich's für sie auf dem Herzen habe. Ja wohl, Madame Betsenberger. O ja wohl – sie muß das viel besser verstehen wie ich – o viel besser. – Nein, Kaudel. Ich will aber nicht den Mund halten. Ich sollte wenigstens denken, daß ich Herrin meiner eigenen Wäsche sein könnte; und nachdem ich Dir so lange Jahre eine solche Frau gewesen bin, ist es mehr als grausam, ist es abscheulich von Dir daß Du mich auf eine solche Art behandelst. Außer dem Hause waschen – weiter fehlte mir Nichts, und ich sage Dir auch: es ist nicht so billig, ob Du's nun bei'm Dutzend oder einzelnen Stück waschen läßt. Ich habe Alles versucht und berechnet, und ich spare jede Woche wenigstens zehn Silbergroschen. – Was sagst Du? Lumpige zehn Groschen? O, Kaudel , ich hoffe zu Gott, daß Du nie Noth leiden solltest, da Du auf solche Art und Weise von Groschen sprichst. Nun thue mir nur den Gefallen und rede mir nicht in einem fort von Deiner Bequemlichkeit und ärgere mich nicht noch mehr mit solchen Fragen, als ob Deine Zufriedenheit und Ruhe keine zehn Groschen werth wäre; das hat gar Nichts hiermit zu thun; so machst Du's aber immer; wenn ich von einer Sache rede, so fängst Du von einer anderen an – ihr Männer seid Euch alle gleich. Uebrigens bitte ich den gestrengen Herrn zu bedenken, daß zehn Groschen in der Woche im Jahr siebzehn Thaler und acht Groschen macht und nimm die Summe für – meinetwegen dreißig Jahr und – Nun Du brauchst nicht zu stöhnen, Kaudel , ich glaube schwerlich daß es so lange dauern wird; o nein; lange vorher ehe die Zeit kommt, wirst Du wohl schon Jemanden anders haben, der für Dich wäscht. Wär's nicht der armen Kinder wegen, so sollt' es mir auch ganz einerlei sein, wie bald das geschähe. Du kennst mich aber, Kaudel , und so – für diesmal gute Nacht. »Ihr im Stillen herzlich für ihr Schweigen dankend,« sagt Kaudel , »wollte ich eben einschlafen, als sie mich noch einmal mit dem Ellbogen in die Seiten stieß und sagte: Das will ich Dir übrigens jetzt bemerkt haben, daß es morgen wieder dasselbe kalte Hammelfleisch giebt. Nicht eher etwas Warmes, bis das verzehrt ist. Und dann war dies auch nur ein kurzer Waschtag – am Mittwoch waschen wir wieder.« Achtzehnte Predigt. Auf einem Spaziergang mit seiner Frau ist Kaudel von einem jungen und sogar hübschen Mädchen gegrüßt worden. Mad. Kaudel spricht sich darüber aus. Wenn ich nicht mehr mit Dir vor die Thür treten kann ohne beleidigt zu werden, so bleibe ich lieber ganz zu Hause, Kaudel. Was? rede mir nur Nichts davon, daß ich Dich soll eine Nacht schlafen lassen. Könnt' ich mich noch über irgend etwas auf der Welt verwundern, so wär' es über Deine Unverschämtheit. Nie kann ich mit Dir spazieren gehen (und Gott weiß es, es geschieht selten genug), ohne daß meine Gefühle von allen Arten von Leuten unter die Füße getreten werden. Eine Rotte kecker Dirnen – Was ich wieder zu toben habe? O Du weißt es gut genug, Kaudel , vollkommen gut genug. Ein schönes Frauenzimmer muß das sein, das einem Manne zunickt, wenn er mit seiner eigenen Frau spazieren geht. O sage nur nicht daß es bloß Fräulein Betsenberger war. Was kümmert mich Mamsell Betsenberger , und woher kennt sie Dich überhaupt? Du hast sie ein- oder zweimal bei ihrem Bruder gesehen? O ja, davon bin ich überzeugt – ganz gewiß. Ich habe mir doch immer gedacht, daß es in dem Haus noch irgend etwas Verführerisches geben müsse, was Dich in einem fort dorthin lockte – jetzt ist's also heraus. Nein, das hilft Dir gar nichts, Kaudel , das Lautreden und die Armeumherwerfen, als wenn Du so unschuldig wärest wie ein neugeborenes Kind. Durch solche Kunstgriffe lasse ich mich nicht mehr hintergehen. Nein, es gab einmal eine Zeit, wo ich eine solche Närrin war und Alles glaubte, aber, dem Himmel sei Dank, darüber bin ich hinaus. – Keckes Geschöpf das – Du glaubst wohl, ich hätte nicht gesehen wie sie auch noch lachte als sie nach Dir hinübernickte, die Mamsell die. Ja wohl – ich weiß recht gut für was sie mich dabei hielt; für eine arme, elende Kreatur; natürlich; das sah ich deutlich. Nein, Kaudel – sage das nicht – ich sehe keineswegs immer mehr als andere Leute, aber ich bin nicht blind, und will auch nicht blind gemacht werden, so angenehm Dir das auch sein möchte. Nein, ich gedenke den Gebrauch meiner Sinne zu behalten. Das weiß ich übrigens daß eine Frau, wenn sie nur auf irgend eine Art Aufmerksamkeiten von einem Mann erwiesen haben will, alles Andere eher sein darf, als seine eigene Frau. Es ist mir früher schon oft so vorgekommen, der heutige Tag hat es aber bewiesen – klar und deutlich bewiesen. Ein braves liebenswürdiges junges Mädchen ? O ja wohl – wahrscheinlich, sehr liebenswürdig. Ohne allen Zweifel hältst Du sie dafür. Du glaubst auch vielleicht, ich hätte nicht gesehen was sie für einen Hut aufhatte? Ja wohl – ein sehr braves Mädchen. – Und die kleinen englischen Pflästerchen im Gesicht – die hab' ich wohl auch nicht bemerkt? Du hast sie nicht gesehen ? Das glaub' ich – aber ich desto deutlicher. Sehr liebenswürdig, natürlich! was sagst Du? Sie wäre roth geworden über mein unhöfliches Benehmen ? Nun Gott sei Dank, die hätte ich mögen roth werden sehen. Sich durch alle die Schminke glücklich durchzuarbeiten, wäre mehr als gewöhnliche Scham könnte. Nein, Kaudel , ich hänge nicht jedem Menschen etwas an; gerade das Gegentheil, und Du magst auch drohen aufzustehen, das ist einerlei, ich will und muß jetzt reden. Ich weiß wohl was Teint und was Schminke ist – ich bin auch nicht gestern erst auf die Welt gekommen, und weiß, das war Schminke – Früher hatte ich ebenfalls einmal einen Teint, Kaudel , obgleich Du das jetzt natürlich schon lange vergessen hast. Früher hatte ich einen Teint, ehe ihn Dein Betragen zerstörte. Ehe ich Dich kannte, nannten mich die Leute gewöhnlich die Lilie und Rose, aber – nun was hast Du zu lachen? Ich sehe hier Nichts über das man lachen könnte. Wie ich aber schon gesagt habe – jede Andere gilt mehr bei Dir, als Deine eigene Frau. – Nicht vor die Thüre kann ich mit Dir gehen, ohne daß Dich jedes Frauenzimmer, was uns begegnete, grüßt. Es wäre nur Fräulein Betsenberger gewesen? Ich soll wohl wissen, wer Dir alles zunickt, wenn ich nicht dabei bin? Jede – natürlich, und wenn sie Dich nicht ansehen, nun so siehst Du sie an – versteht sich. Du thust es ja sogar wenn ich bei Dir bin, wie viel mehr wenn Du allein bist. Leugne es nur nicht, Kaudel – thu' mir nur den einzigen Gefallen und leugne es nicht. – Mamsell Betsenberger – ja wohl – weiter Nichts. Was sagst Du? Du willst nicht ruhig zuhören, wenn ich das brave junge Mädchen heruntermache? O natürlich mußt Du ihre Partei nehmen – versteht sich. Uebrigens ist sie aber auch noch nicht einmal so sehr zu tadeln, denn woher soll sie eigentlich wissen, daß Du verheirathet bist. Dich hat noch Niemand mit Deiner Frau spazieren gehen gesehen. – Niemals. Was wir heute draußen zusammen gemacht haben? Das hat hiermit gar Nichts zu thun, Kaudel , fange nur nicht immer gleich wieder von etwas anderem an – O nein – wohin Du gehst, gehst Du allein, und da müssen ja die Leute zuletzt wohl glauben, daß Du noch ein Junggeselle bist. Du weißt wohl, daß Du's nicht bist? Die Welt sollte das aber auch erfahren, und was müssen nur die Leute denken, wenn man uns nie zusammen ausgehen sieht. Andere Frauen gehen stets mit ihren Männern spazieren, ich weiß aber recht gut, daß ich auch nicht wie andere Frauen behandelt werde. Nun, weshalb rümpfst Du da die Nase, Kaudel? Woher ich weiß, daß Du die Nase gerümpft hast? Rede nur nicht – an Deinen ganzen Manieren sehe ich das, ich sollte doch denken ich kennte Dich wenigstens, wenn Dich auch die Welt nicht kennt. – Du forderst mich nie zum Spazierengehen auf – Das wäre meine eigene Schuld? Kaudel , wie kannst Du nur da ruhig in Deinem christlichen Bett liegen und so etwas sagen. Lauter leere Entschuldigungen, die bringst Du immer vor. Du wärst es müde mich zu fragen, weil ich immer einen anderen Einwand hätte? So? Natürlich kann ich nicht wie eine Vogelscheuche auf die Straße gehen; wenn Du mich aber einmal frägst, so weißt Du immer recht gut, daß mein Hut entweder nicht zurechtgemacht oder mein Rock nicht von der Näherin zurückgekommen ist, oder daß ich die Kinder nicht alleine lassen kann oder irgend andere Geschäfte habe; das weißt Du Alles recht gut, ehe Du mich frägst, und darum frägst Du mich auch nur. Gehe ich aber nachher wirklich einmal mit Dir aus, dann kann ich mich auch darauf verlassen, daß ich dafür büßen muß. Ja wohl – büßen muß , Du brauchst die Worte nicht zu wiederholen – Du glaubst aber, ich hätte kein Gefühl – Gott bewahre, Niemand anders hat Gefühl als Du selber – Ach so – ich hätt' es ja beinahe vergessen – nein – Fräulein Betsenberger auch noch – ja wohl, die hat auch noch Gefühle – o natürlich hat sie. – – Andere Leute müssen eine herrliche Idee von mir bekommen; für was sie mich wohl nur halten werden? aber das konnt' ich mir gleich denken, daß Du nicht Abend für Abend, bis eilf Uhr in die Nacht hinein da drüben bei Betsenbergers sitzen würdest, wenn Du nicht einen besonderen Grund dafür gehabt hättest. Jetzt weiß ich es also. Oh ich mache mir aus Deinem Fluchen Nichts, Kaudel , nicht so viel. Ich hätte aber Ursache dazu, ich bin's die fluchen sollte, wenn ich nur keine Frau wäre. Du bist aber gerade so wie die anderen Männer – die »Herren der Schöpfung« wie sie sich nennen. – Ja wohl Herren, denn ganz herrliche Sclaven macht Ihr aus den armen Kreaturen, die einmal für ihr ganzes Leben lang in Euere Hände gegeben werden. Ich will aber von Dir geschieden sein, Kaudel , ich will wahrhaftig geschieden sein, und dann soll die Welt erfahren, wie Du mich behandelt hast. Dann soll sie es erfahren, Kaudel , darauf kannst Du Dich verlassen. Was sagst Du? Ich soll das Schlimmste reden? – oh reize Du eine Frau dazu, und sieh was daraus entsteht – versuch' es nur einmal und laß das eine Frau thun. Ich möchte nicht für alles Das stehen, was ich sagte. Fräulein Betsenberger – ja wohl – und – ah – jetzt geht mir ein Licht auf – nun wird mir Alles klar. Jetzt weiß ich auch, weshalb ich sie mit Herrn und Madame Betsenberger zum Thee einladen sollte, und ich, wie eine blinde Närrin, hätte es auch beinahe gethan. Aber jetzt seh' ich's – jetzt sind mir die Augen aufgegangen. Und Du hättest Dich unterstanden, und sie unter mein eigenes Dach gebracht – so? Nein, Kaudel , das Umherwälzen hilft Dir Nichts, – Du hättest sie in dasselbe Haus gebracht, wo – »Länger,« schreibt Kaudel , »konnte ich es nicht aushalten, sprang also aus dem Bette und brachte mich noch bei den Kindern unter.« Neunzehnte Predigt. Madame Kaudel glaubt, »daß es sich wohl schicken würde ihren Hochzeitstag zu feiern«. Kaudel – lieber Kaudel – weißt Du wohl, was am nächsten Sonntag für ein Tag ist? Nein? Du weißt es nicht? hat es denn je auf der Welt einen solchen wunderlichen Mann gegeben? Kannst Du's nicht errathen, Kaudelchen? – Am nächsten Sonntag, guter Balthasar? Was? denk' doch einmal einen Augenblick nach, lieber Mann – Nun? – Was? Du weißt es noch immer nicht? Siehst Du nun? Was sollte wohl aus uns werden, wenn ich kein besseres Gedächtniß hätte als Du! Nun dann, mein Schatz, dann will ich Dir's sagen was es ist – Unser Hochzeitstag ist am nächsten Sonntag – Kaudelchen! Nun? was stöhnst Du denn? da ist doch Nichts zu stöhnen. Höre, Kaudel , wenn hier Einer von uns zu stöhnen hätte, so weiß ich ganz gewiß, daß Du das nicht bist, das wäre auf jeden Fall ich. Ja ja – das sind jetzt vierzehn Jahre her. Damals warst Du freilich ein ganz anderer Mann wie jetzt, Kaudel. Was sagst Du? Und ich war eine andere Frau? Nein wahrhaftig nicht, Kaudel , nicht im mindesten; ganz dieselbe. O Du brauchst den Kopf nicht so entsetzlich auf dem Kissen herumzustoßen, ich weiß daß ich dieselbe bin. Und wenn ich mich wirklich geändert hätte, wer wäre Schuld daran als Du? ich doch wahrhaftig nicht. Sage nur nicht, daß ich damals gar nicht hätte reden können, ich konnte so gut reden wie jetzt, hatte aber keine solche Ursache, und Du bist's gewesen, der mir die Zunge gelöst hat. Das thut Dir sehr leid? – Kaudel , Du beleidigst mich wirklich, sobald Du den Mund aufthust. Ja – vor vierzehn Jahren – da warst Du die gutmüthigste, liebenswürdigste Seele auf der Welt. Damals hättest Du Alles für mich gethan; so geht es aber, wenn eine Frau das immer so haben wollte, so sollte sie nicht heirathen – der Zauber ist vorbei, sobald sie aus der Kirche kommt. Wir sind lauter Engel wenn Ihr uns noch den Hof macht, kaum heißt es aber Frau , so reißt Ihr uns selber die Flügel aus. Nein, Kaudel , ich rede keinen Unsinn, wenn Du's aber wissen willst, so hörst Du keinen anderen Menschen gern reden, als nur immer Dich selbst. Höre, Kaudel , das Umherwerfen und unruhige Hin- und Herfahren hilft Dir gar nichts. Was sagst Du? Du willst aufstehen? Nein, Kaudel, das wirst Du sicher nicht. Einen solchen Streich spielst Du mir nicht zum zweiten Mal, denn ich habe die Thür verschlossen und den Schlüssel versteckt. – Am Tag kann man Deiner nie habhaft werden, hier aber sollst Du mir wenigstens nicht fort. Nun komm, Kaudelchen , laß uns ein recht vernünftig Wort mit einander reden. Sieh – wenn man's so recht bedenkt, so giebt es doch eigentlich auf der Welt eine ganze Menge Eheleute, die nicht halb so gut miteinander auskommen, wie wir – Sie dauern Dich? Sieh, Kaudel , ich kann den Mund nicht aufthun, so versuchst Du mir die Rede abzuschneiden, – was sagt' ich doch gleich, ja, Kaudel , nicht wahr, wenn man's so recht genau nimmt, so führen wir eigentlich ein recht glückliches Leben mit einander – Was seufzest Du denn so erschrecklich? Du hast nicht geseufzt? – Nun sieh, wir haben Beide unsere kleinen Fehler und Schwächen, und wenn Du auch manchmal eine Laune hast, die wirklich kaum zu ertragen ist – doch wir wollen jetzt davon schweigen, ich will heute nicht mit Dir zanken. Nein, Kaudelchen , wir wollen vom nächsten Sonntag reden, und – nicht wahr, lieber Balthasar – wir haben unseren Hochzeitstag noch nie gefeiert, das wäre also eine prächtige Gelegenheit, einmal ein paar Freunde zu uns zu bitten. Was sagst Du? Sie werden uns für Heuchler halten? Nein, Kaudel , dabei ist keine Heuchelei; ich versuche so viel in meinen Kräften steht, mich wohl und behaglich zu fühlen, und wenn je ein Mann Ursache hatte glücklich zu sein, so weiß ich gewiß, daß Du das bist Kaudel . Nein, Kaudel , es ist kein Unsinn, Hochzeitstage zu feiern, auch keine Täuschung der Nachbarn, und wenn es wäre, thun es nicht fast alle andern Leute? Es ist nur eine Pflicht, die ein Mann seiner Frau schuldet. – Da sind die Winkels – geben die nicht jedes Jahr ein Fest an dem Tag? Wenn sie dann auch in den dazwischen liegenden Monaten manchmal ein Bischen in Hader und Streit liegen, was hat das damit zu thun? Sie feiern ihren Hochzeitstag und das Uebrige geht die Welt nichts an. Ja, Kaudel , eine solche Feier ist eine der Frau schuldige Höflichkeit. Es sagt den Leuten offen und frei in's Gesicht: »Seht – wenn ich noch einmal zu heirathen hätte, so ist meine liebe, gute Frau die einzige in der ganzen Welt, die ich nehmen würde«. Nun, Kaudel , ich sehe hierbei gar Nichts zu stöhnen und ächzen; nein, auch Nichts zu seufzen, ich weiß aber, was Du damit meinst, Kaudel , o ich weiß es. Und was wäre aus Dir geworden wenn Du nicht eine solche Heirath gethan hättest? Du wärst verloren gewesen, rein verloren, und – wenn es mir auch leid thut das zu sagen, so muß es doch heraus – und wenig mehr als ein richtiger Vagabond geworden. In schöne Verlegenheiten wärst Du gekommen, hätt' ich nicht über Dich gesorgt und gewacht. Der Herr allein kennt auch nur all' die Mühe und Noth, die ich mit Dir gehabt habe, und was ist jetzt mein Dank? Ich wünsche nur weiter Nichts, als daß Du manch eine von den anderen Frauen geheirathet hättest. – Wir wollen uns aber nicht zanken, Kaudelchen , nein, ich weiß wohl, Du meinst es nicht so schlimm, und – nicht wahr? wir halten das kleine Mittagessen? wie? – Nur ein paar Freunde? Nein, Kaudel , sage nicht, es wäre Dir einerlei ; so muß man nicht mit einer Frau sprechen, und noch dazu mit einer solchen Frau wie ich Dir gewesen bin. Also Du bist mit dem Essen einverstanden? wie? O Kaudel , brumme mir nicht so, sag' es klar und deutlich heraus. Du willst also den Hochzeitstag feiern? Was? Wenn ich Dich schlafen lasse ? O das ist unmännlich, Kaudel – kannst Du nicht »ja« sagen, ohne noch andere Klauseln und Vorbehalte? wie, lieber Balthasar ? hm? Ja? Nun sieh, jetzt bist du ein braves Männchen, ich wußte es wohl, daß Du Dein Unrecht einsehen würdest. Aber nun, Kaudel , was sollen wir denn da kochen? – Nein, wir wollen das nicht bis morgen lassen, das muß jetzt abgemacht werden, damit es mir nicht die ganze Nacht im Kopf herum geht. Sieh, Kaudel , ich möchte gern so etwas recht Besonderes haben; so etwas Außergewöhnliches, daß die Leute doch sähen, wir hielten etwas auf den Tag. Ich möchte gern – Du schläfst doch nicht, Kaudel ? Was ich will? Aber Du weißt doch, daß ich das mit dem Essen in Ordnung bringen wollte – Ich soll kochen was ich will? Nein, Kaudel , da Du den Tag gerne feiern willst, so ist es auch nicht mehr wie recht und billig, daß ich Dir dabei zu Gefallen thue was in meinen Kräften steht. Sieh, Kaudel , das ist etwas, was wir noch nicht gehabt haben, wie würde Dir ein Rehrücken behagen? Unsinn? Hammelbraten wäre gerade so gut? Das beweist, was Du auf Deine Frau hältst. Wenn es nur für einen von Deinen Klub-Freunden, für eine Deiner Wirthshausbekanntschaften sein sollte, so wäre Rehrücken sicherlich kaum gut genug. Also Rehrücken denn? Gut – das wäre abgemacht – wie ist es nun mit dem Fisch – sage einmal, Kaudel , wie wär's, wenn wir trefflichen Aal – Karpfen ist gut genug? nein, wenn ich nicht Aal haben kann, so will ich gar keinen Fisch. O du lieber Himmel, was Ihr Männer doch für eigennützige, knickerige Kreaturen seid! wenn mir – Also Aal denn? gut, Kaudel. Aber nun die Suppe. O fluche nicht so entsetzlich auf die Suppe, Kaudel , es graust Einem ja ordentlich zuzuhören. Du weißt doch, wir müssen Suppe haben. Ja sieh, Kaudel , da es doch einmal was Gutes sein soll, und um unseren Freunden zu zeigen wie glücklich wir zusammengelebt haben, so wollen wir diesmal wirkliche Turtlesuppe essen – Du willst nicht – nichts als Mock? Dann, Kaudel , kannst Du Dich alleine an den Tisch setzen. Mock turtle an einem Hochzeitstag; hat man schon je so etwas gehört? Das wäre eine Beleidigung, Kaudel , eine wirkliche Beleidigung. Was sagst Du? Also Turtle-Suppe denn, dies eine Mal? Ja, Kaudel – wie ich schon gesagt habe; vor vierzehn Jahren warst Du ein ganz anderer Mann. Aber nicht wahr, Kaudel , Du besorgst den Rehrücken? wie? ich weiß einen Platz in der Stadt wo man Wildpret ganz ausgezeichnet bekommt – nicht wahr, Du besorgst das? Ja? nun das ist recht. Wen sollen wir also nun einladen? Wen ich will? Sei doch nicht so sonderbar, Kaudel , Du weißt doch recht gut daß ich nur die will, die Dir recht sind. Herr Betsenberger wird da also wohl auch kommen sollen. Aber höre, Kaudel , die Mamsell Betsenberger betritt mein Haus nicht – das sag' ich Dir vorher, ich will nicht meinen Seelenfrieden in meinen eigenen vier Wänden untergraben haben. Kommt sie, so erscheine ich nicht bei Tische. Gut denn? Nun, das wäre also abgemacht. Aber, Kaudel , nicht wahr, Du vergißt den Rehrücken nicht – den Rücken, weißt Du, einen recht guten, fetten Rücken. Nicht wahr, Du vergißt das nicht? »Dreimal schlief ich ein,« sagt Kaudel , »und dreimal weckte mich meine Frau wieder mit ihrem Ellenbogen und sagte: »Nicht wahr, Du vergißt den Rehrücken nicht, Kaudel?« Endlich fiel ich in einen tiefen Schlaf, und träumte, ich wäre ein Topf voll Eingemachtes.« Zwanzigste Predigt. Bruder Kaudel ist bei einem Freimaurer- und wohlthätigen Zweck-Essen gewesen und Mad. Kaudel hat des »Bruders« Brieftasche versteckt. – Weiter sag' ich Nichts, als ich wollte nur, ich wäre ein Mann. – Du wolltest es auch? Höre, Kaudel , ich habe nicht im Sinne hier ruhig in meinem Bette zu liegen und mich beleidigen zu lassen. Ja, Du hast mich beleidigen wollen. Ich weiß wohl was Du meinst; Du meinst, wenn ich ein Mann wäre, dann hättest Du mich nie zu heirathen gebraucht. Schöne Gefühle das, und nachdem ich Dir eine solche Frau gewesen bin. – Jetzt wirst Du nun wahrscheinlich alle Tage zu einem anderen öffentlichen Mittagsessen gehen. Sage mir nicht, daß Du erst bei einem gewesen bist, das hat hiermit gar nichts zu thun – nicht das Mindeste. Aber natürlich wirst Du jetzt jede Nacht draußen herumliegen. Ob ich es denn auch nicht vorher gewußt habe, wie sie Dich nur damals zum Freimaurer machten. Als Du ein »Bruder« wurdest, da wußte ich, wo der Gatte und Vater hinkäme. Es schmerzt mich, daß ich es als Deine eigene Frau sagen muß, Kaudel , aber Du hast so wenig Gefühl, daß Du es wahrhaftig nicht auch noch an Leute außer dem Hause zu verschwenden brauchtest. Das ist aber so mit allen Männern. Nein, Kaudel , ich bin keine selbstsüchtige Frau – gerade das Gegentheil. Was aber würdest Du wohl sagen wenn ich jetzt hinginge und ließe mich zu einer Schwester machen? Das Haus wäre nachher nicht mehr groß genug für Dich, so viel weiß ich. Wo Deine Uhr ist? Woher soll ich wissen wo Deine Uhr ist? Das ist Deine Sache; aber natürlich, Leute, die öffentliche Diners besuchen, wissen nie Etwas, wenn sie zu Hause kommen. Wahrscheinlich hast Du sie verloren und das geschähe Dir vollkommen recht. Wenn sie aber fort ist, soll es mich nur wundern ob Einer Deiner Brüder Dir eine andere giebt. Du mußt Deine Uhr suchen? Unsinn, Kaudel , bleib nur liegen, Deine Uhr liegt auf dem Kaminsims. Ist es nicht gut, daß Du Jemanden hast der für Dich sorgt? Was sagst Du? Ich wäre eine herzige Seele? Du hältst mich wohl für sehr herzig – das kann ich mir denken, heute Abend weißt Du aber gar nicht was Du redest, Kaudel , und ich bin eine Närrin, daß ich nur noch ein Wort an Dich verschwende. Wo Deine Uhr ist? Hab' ich es Dir denn nicht gesagt? auf dem Kaminsims. Sehr gut? ja – schön, sehr gut – prächtige Aufführung das für einen Ehemann! Sei nur ruhig und schlafe, das ist das Beste was Du heute Abend thun kannst. Morgen wirst Du hoffentlich wieder genug Verstand haben, vernünftige Vorstellungen anzuhören; jetzt wären sie doch an Dich weggeworfen. Wo Deine Brieftasche ist? Sorge nicht um die, die ist gut aufgehoben. Was ich für ein Recht hatte sie Dir aus der Tasche zu nehmen? Jedes in der Welt vor Gott und den Menschen. Ich bin blos Deine Frau, ich kann es nicht hindern wenn Du zu solchen öffentlichen Mahlzeiten gehen willst , aber ich weiß was für Narren die Männer bei solchen Gelegenheiten sind, und erfahre ich es vorher, so sei versichert, daß Du Deine Brieftasche nie wieder mit bekommst, das ist sicher. Hab' ich es etwa nicht im vorigen Jahre mit meinen eigenen Augen sehen müssen, wie Dein Name mit funfzig Thalern unterschrieben stand? »Balthasar Kaudel – 50 Thlr. –« Natürlich machte sich das in den Zeitungen ganz vorzüglich, und Du hieltest Dich schon für Jemanden, ich wollte aber nur, ich wäre damals dort gewesen – ich wollte nur, ich hätte dabei sein können; und wenn ich nicht eine Kleinigkeit dagegen einzuwenden gehabt hätte, so will ich nicht Margareth heißen. Funfzig Thaler – es ist himmelschreiend; und die Welt soll nachher Wunder was von Dir halten. Ich wollte nur, ich könnte die Welt hierher bringen und ihr zeigen, was zu Hause fehlt; ich glaube, die Welt würde nachher eine etwas andere Meinung von Dir bekommen. Wahrscheinlich. Was sagst Du? Eine Frau hat kein Recht ihres Mannes Taschen zu visitiren? Ein schöner Mann bist Du, daß Du solche Reden führst. Du kannst aber wenigstens nicht darauf klagen, oder Du thätest es, das bin ich fest überzeugt. – Ja wohl – Männer giebt's auf der Welt, die zu Allem fähig sind. Was? Du hast Kopfschmerzen? Das hoff ich, und richtige Kopfschmerzen dazu; die gehören Dir. Du bist am rechten Orte gewesen, um sie verdient zu haben. Nein! ich will nicht ruhig sein. Ihr könnt schon hingehen und essen und trinken und hurrahen und Gesundheiten ausbringen und sogar – es wundert mich daß Ihr Euch nicht in die Seele hinein schämt, – sogar unsere gesegnete Königin mit allen Ehrenbezeigungen leben lassen – schöne Ehrenbezeigungen die Ihr dem Geschlecht erweist. Ich sage: es wundert mich, daß Ihr Euch nicht schämt den Namen der hohen Frau in den Mund zu nehmen, wo Ihr nur daran zu denken habt, wie Ihr Euere eigenen Frauen zu Hause behandelt. Aber solche Heuchler wie die Männer sind – oh! – Wo Deine Uhr ist? Hab' ich es Dir nicht schon gesagt, sie liegt unter Deinem Kopfkissen? Du brauchst nicht eine halbe Stunde danach herumzufühlen – ich sage Dir, sie liegt unter Deinem Kopfkissen. Sehr gut? Ja – Du hast jetzt wohl einen besonders klaren Begriff von dem, was sehr gut ist. Ich wäre ein liebes, herziges Weibchen? Höre, Kaudel , ich kann Dir sagen, daß mir Dein Betragen anfängt widerlich zu werden. Ich habe es satt und mache mir Nichts daraus wie bald es ein Ende nimmt. Warum ich Dir Deine Brieftasche weggenommen habe? Um Dich vom Verderben zu retten, Kaudel – das hab' ich Dir schon einmal gesagt. Du wärest nicht verdorben? Kaudel, ich weiß wie es bei so wohlthätigen Zweckessen hergeht. Wohlthätig – ja, schöne Wohlthätigkeit. Wohlthätigkeit ist zuerst im eigenen Hause. Ich weiß wie es hergeht, die ganze Geschichte ist blos ein Schattenspiel. Nein, Kaudel, ich habe kein steinhartes Herz und Du solltest Dich schämen das Deiner Frau und der Mutter Deiner Kinder nachzusagen; Du wirst mich aber heute Abend doch nicht zum Weinen bringen, so viel kann ich Dich versichern. Aber was wollt' ich doch gleich sagen. Ach, Du ärgerst und quälst mich auf eine so entsetzliche Art, daß ich ganz vergessen habe, was ich sagen wollt'. Gott sei Dank? wofür? Ich sehe hier Nichts wofür Du Gott zu danken hättest. Ach ja – ich wollte von dem Schattenspiele eines solchen wohlthätigen Essens reden, und wie pfiffig sie's dabei anfangen. Erst kriegen sie einen Lord oder gar einen Herzog, wenn sie ihn erwischen können, damit es nachher heißt, sie haben »mit Edelleuten gespeist«, und davon muß einer von denen, vielleicht gar Einer mit einem Stern vorne am Rock, den Vorsitz halten und Präsidenten spielen. Nachher schwatzt der allerlei süßen Unsinn über Wohlthätigkeit und Spenden an die Armen und dergleichen und macht die dummstolzen Männer, die um ihn herumsitzen und die Köpfe voll Wein haben, halb toll, bis sie endlich glauben, ihr Geld könne gar nicht mehr alle werden und nun die Augen zumachen und blindlings unvernünftig große Zahlen auf's Papier setzen. An ihre eigenen Frauen denken sie dabei nicht – nein, mit Köpfen so roth wie eben so viele Vollmonde sitzen sie da und glauben gar nicht, daß noch einmal der Tag kommen wird, wo sie selber Nichts haben und Noth leiden müssen. Nachher ziehen sie ihre Brieftaschen heraus – ich habe aber Deine Brieftasche, Kaudel , und ein zweites Mal sollst Du es mir nicht wieder so machen. Was hast Du jetzt zu lachen? Nichts? Schon gut; ich werde es schon morgen in der Zeitung lesen, denn hast Du wirklich etwas gezeichnet, so wärst Du der Letzte, der das heimlich thäte. Deine Wohlthätigkeit kenn' ich. Wo Deine Uhr ist? Hab' ich es Dir denn nicht schon funfzig Mal gesagt wo sie ist? In dem Uhrhalter ist sie, über Deinem Kopfe – wo sie hingehört. – Kannst Du sie denn nicht ticken hören? Nein natürlich, heute Abend hörst Du gar nichts mehr. – Uebrigens, Kaudel , möcht' ich auch noch wissen, wessen Hut Du eigentlich nach Hause gebracht hast. Mit einem Biber der fünf Thaler gekostet, und den Du erst zum zweiten Male auf Deinem Kopfe trugst, gingst Du, und mit einem Deckel kamst Du zurück, für den kein vernünftiger Jude vier Groschen geben würde. Nicht einen Nelkentopf könnt' ich dafür bekommen und Du weißt, daß ich sonst immer Deine alten Hüte gegen Blumenstöcke umtausche. Es giebt aber Leute die blos darum außer dem Hause essen, um ihre Hüte umzutauschen. Wo Deine Uhr ist? Kaudel , Du bringst mich noch in mein frühes Grab. Wir hoffen, daß Kaudel seine Aufführung bereute; ja diese Predigt liefert sogar den Beweis dazu, denn es ist die einzige, unter die er keine Bemerkung geschrieben. Sein Gewissen ließ es nicht zu. Einundzwanzigste Predigt Kaudel hat sich nicht wie ein Ehemann bei der Feier des Hochzeitsfestes betragen Es ist wahr, solche Wünsche helfen zu Nichts, aber ich wünsche doch, daß gestern vor vierzehn Jahren zurückkommen könnte. Damals, Kaudel , damals als Du mich als Dein Dir angetrautes Weib aus der Kirche führtest, damals hatte ich keine Ahnung daß ich mein Hochzeitsfeiermahl auf eine solche Art feiern würde, wie es heute geschehen ist. – Vor vierzehn Jahren – ich sehe Dich noch in dem blauen Frack mit den blanken Knöpfen, der weiß atlasnen Weste und mit einer Moosrose im Knopfloch, die, wie Du sagtest – mir ähnlich wäre. Was? Du hast noch nie solchen Unsinn geredet? Sieh, Kaudel – Du weißt gar nicht mehr was Du Alles an dem Tag gesprochen hast, aber ich weiß es. Ja wohl weiß ich es. Und nachher saßest Du bei Tische als ob Dein ganzes Gesicht, man kann wohl sagen mit Glückseligkeit überzuckert gewesen wäre und – Was? Nein, Kaudel , sage das nicht – ich habe den Zucker nicht abgeklopft – ich wahrhaftig nicht; wenn aber irgend ein Mann auf der Welt Ursache hat sich glücklich zu fühlen, so solltest Du der sein; der Himmel ist da mein Zeuge. Ja, Kaudel – ich will von der Vergangenheit sprechen. Damals saßest Du neben mir und suchtest für mich die delikatesten Bissen heraus; Perlen und Diamanten würdest Du mir zu essen gegeben haben, wenn ich sie hätte verschlucken können. Ja damals saßest Du neben mir und – Von was redest Du jetzt? Du hättest heute nicht neben mir sitzen können? das hat hiermit gar Nichts zu thun, aber natürlich, Du machst es so wie gewöhnlich; ich kann von Nichts zu reden anfangen, so beginnst Du an einem ganz anderen Ende. – – Und wie die Gesundheit des jungen Paares getrunken wurde, was konntest Du da für eine Rede halten – es war herrlich. Alles weinte und schluchzte, als ob ihnen das Herz brechen wollte, und ich weiß es noch, als wenn es gestern gewesen wäre, wie dem guten Vater die Thränen an der Nase herunterliefen und die gute Mutter beinahe eine Ohnmacht bekommen hätte. Ach Du lieber Gott! sie ahneten ja nicht, wie Du mich noch trotz all den schönen Reden behandeln würdest. Wie Du mich behandelt hast? Oh, Kaudel , wie kannst Du nur eine solche Frage thun! Es ist ein Glück für Dich daß ich nicht sehen kann, wie Du selbst darüber erröthest. Wie Du mich behandelt hast! Und daß ein und dieselbe Zunge damals eine solche Rede halten und heute so sprechen konnte. Wie Du gesprochen hast? Schmachvoll – schändlich. Was hast Du von unserer häuslichen Glückseligkeit gesagt? Gar Nichts. Was über Deine Frau? Schlimmer als gar Nichts; als ob sie eine Waare wäre, deren Einkauf Dir leid thäte, zu der Du aber doch jetzt das beste Gesicht schneiden müßtest. Was sagst Du? Und das beste wär' schlecht? Wenn Du das noch einmal sagst, Kaudel , so steh' ich aus meinem Bett auf. Du hast es nicht gesagt? Was denn? es klang wenigstens ganz eben so. Ja, – eine kostbare Danksagungsrede für einen Ehemann war das. Man sah es Dir ordentlich an, wie Du Dir nicht einen Stecknadelkopf aus mir machtest. Darum hast Du aber die Gesellschaft nur eingeladen, Du wolltest mich vor ihren Augen herabsetzen – Was? Ich sei selbst die Ursache daß sie gekommen wäre? Oh Kaudel, wie Du es verstehst Einen zu ärgern. Als ob Du's studirt hättest. Nächstens wirst Du nun wohl auch sagen, ich hätte Dich gequält Mamsell Betsenberger einzuladen – wie? denn daß sie ihr Bruder ohne Dein Wissen mitgebracht hätte, wirst Du mir doch nicht weiß machen wollen. Ob ich es nicht gehört habe, wie er es sagte? Gewiß hab' ich es gehört, Du mußt mich aber für einen gewaltigen Narren halten, wenn Du glaubst, ich durchschaute es nicht wie das schon Alles vorher unter Euch abgemacht war. Das muß auch ein schönes Frauenzimmer sein, das sich in ein anderes Haus uneingeladen eindrängt. Ich weiß aber schon weßhalb sie kam – sie wollte sich nur einmal umsehen. Was ich damit meine? Nun ich sollte denken, das läge doch klar genug auf der Hand. Sie kam, um zu sehen wie ihr die Zimmer gefielen und mein Sitz am Kamine. Wie ihr – wenn das nicht genug ist das Herz einer Mutter zu brechen – wie ihr die theueren Kinder behagten und – Kaudel , das Umherspringen hilft Dir gar Nichts; aber natürlich, ich darf Mamsell Betsenberger nicht mehr in den Mund nehmen, so fährst Du wie besessen im Bett herum. So ist es aber; wenn Du Dir Nichts aus ihr machtest, so würdest Du Dich nicht so anstellen; das kann ein Blinder sehen. Glaubst Du etwa, ich hätte es nicht bemerkt, wie sie die Buchstaben auf den Löffeln untersuchte, als ob sie schon in Gedanken ihre eigenen Namenszüge darauf sähe? Nein, Kaudel , ich werde Dich nicht wahnsinnig machen, wirst Du's aber, so ist das Deine eigene Schuld. Kein braver Mann könnte das Weib seines Herzens so – was sagst Du? Du hättest eben so gut einen Igel heirathen können? Nun Gott sei Dank – das ist ein herrlicher Name für eine Frau. Also dahin ist es gekommen? so war es aber bis jetzt jedes Mal – sobald Du die Mamsell Betsenberger gesehen hattest, dann konnte ich mich auch darauf verlassen, daß ich beleidigt und gekränkt wurde. Ein Igel – Gott steh mir bei – und glaubst Du, Kaudel , ich bleibe hier ruhig im Bette liegen und lasse mich einen Igel nennen? Ich hoffe nur, daß es Mamsell Betsenberger geschmeckt hat – weiter Nichts. Mir war Alles wie Galle im Mund. Ich hatte auch nichts zu essen, denn das Einzige, was mir an einem Truthahn das Liebste ist, der Brustknochen, den bekam natürlich Mamsell Betsenberger . Oh, ich sah Dich lachen, wie Du ihn ihr auf den Teller legtest, und Du glaubst doch wohl nicht, daß ich nach einer solchen Beleidigung noch irgend etwas Anderes angerührt hätte? Nein, wahrhaftig – dazu hab' ich zuviel Ehrgefühl. – Und dann hast Du vier Mal mit ihr angestoßen. Blos zweimal? Das weißt Du gar nicht mehr, Kaudel , Du warst ganz weg, ganz bezaubert. Ja, Kaudel, bezaubert , daß Du nicht einmal mehr wußtest, was Du thatest. Uebrigens sollt' ich doch denken, daß ich wenigstens, so lange ich noch am Leben wäre, an meinem eigenen Tische mit Achtung behandelt werden müßte. So lange ich noch am Leben bin, sage ich, denn das kann überhaupt nicht mehr lange dauern; nachher mag Mamsell Betsenberger hier einziehen und Alles nehmen. Mit jedem Tage werde ich magerer; wenn ich aber auch Nichts darüber rede, die Wahrheit bleibt doch nicht verborgen. In jeder Woche muß ich meine Kleider einnähen. Nun den Hochzeitstag werde ich in meinem Leben nicht vergessen, und die Danksagungsrede, die Du hieltest. Nein, Kaudel , und wenn ich noch hundert Jahre lebte – Du brauchst nicht so zu stöhnen, als ob Du ersticken wolltest, ich werde Dir nicht mehr die Hälfte der Zeit im Wege sein – und wenn ich noch hundert Jahre lebte, die Rede vergäße ich nie – nie. Ja nicht einmal ein's von den Kindern hast Du mit darin erwähnt – nicht ein einziges, und was haben Dir die armen Würmchen gethan? Nein, Kaudel, ich werde Dich nicht verrückt machen , aber Du wirst mich noch um den Verstand bringen. Jeder sagt das. Und Du glaubst wohl auch, ich hätte nicht gemerkt wie Ihr das anstelltet, daß diese Mamsell Betsenberger beim Whist immer Dein Aide wurde – was? Wie es angestellt war? klar genug; natürlich mischtest Du die Karten und konntest abheben wie Du wolltest. Das hattet Ihr schon so untereinander ausgemacht. Und wenn sie einen Stich genommen und nun wieder ausspielte, anstatt dann einen Trumpf zu bringen – das wäre meine Whistspielerin – was sagtest Du da zu ihr, wie sie merkte, sie hätte einen Fehler gemacht? nun? Es wäre unmöglich daß ihr Herz fehlen könne. Und das, Kaudel , vor all den Menschen und mit Deiner eigenen Frau im Zimmer. Und Mamsell Betsenberger – ich will aber den Mund nicht halten – ich will von ihr reden. Wer ist sie denn eigentlich, daß ich nicht einmal von ihr reden dürfte? – sie denkt wohl auch, daß sie singt? Was sagst Du? Sie sänge wie eine Meerjungfer? Ja wohl, wie eine Meerjungfer, denn sie singt nie, ohne daß sie sich Blößen giebt. Und das Lied, was sie sang, »Ich liebe Jemand«, als ob ich nicht wüßte, wer bei dem Jemand gemeint ist. Das ganze Zimmer wußt' es, darum war es aber auch nur geschehen. Natürlich – wegen weiter Nichts. – Uebrigens, Kaudel , da ich mich jetzt zu dem entschlossen habe, was ich zu thun für nöthig finde, so will ich heute Abend nichts weiter darüber sagen und versuchen einzuschlafen. »Und zu meinem freudigen Erstaunen,« schreibt Kaudel , »hielt sie wirklich Wort.« Zweiundzwanzigste Predigt. Kaudel ist Abends nach Hause gekommen wie seine Frau gerade einen Augenblick fortgegangen war. Als sie um zehn Uhr wieder zurückkehrte, hatte er einige Worte darüber geäußert. Du hättest Dir eine Sclavin kaufen und keine solche Frau heirathen sollen wie ich bin, Kaudel! Nein da möchte man doch gleich lieber zu einem Neger werden, oder wahrhaftig noch lieber – Was wieder los ist? Jetzt höre Einer um Gotteswillen den Mann an, jetzt frägt er mich: »was wieder los ist?« Ich kann nicht aus dem Hause gehen um mir nur eine Elle Band zu kaufen und Du tobst gleich, als ob Du das Dach herunter haben wolltest. Du hast nicht getobt, blos gesprochen? Sprechen, ja wohl, – das war ein schönes Sprechen. Nein, Kaudel , ich habe nicht solche superfeine Nerven und ich schreie auch nicht eh' ich getroffen bin. Du hättest Dir aber eine steinerne Frau heirathen sollen, denn Du machst Dir aus Niemanden was; heißt das, aus Niemanden in Deinem eigenen Haus. Ich wollte nur, Du könntest von Deinen gepriesenen Gefühlen einmal etwas bei den Deinigen sehen lassen, wenn es auch noch so wenig wäre. Was sagst Du? Wo meine Gefühle waren, wenn ich so spät Abends einkaufen ginge? Und wann sollt' ich gehen – he? Etwa in der glühenden Sonne, daß ich ein Gesicht kriegte wie ein Zigeuner. Ich sehe hier gar Nichts zu lachen, Kaudel , nicht das Mindeste; Du hältst aber von jedem andern Gesicht mehr als von dem Deiner Frau; das ist eine allbekannte Sache, die ganze Welt weiß es. – Wenn es übrigens nur Mamsell Betsenbergers Gesicht gewesen wäre, so – nun nu, Kaudel – was wirfst Du Dich denn auf einmal so entsetzlich im Bett herum, ich denke doch, Mamsell Betsenberger wäre keine so wundervolle Person, daß man nicht einmal ihren Namen nennen dürfte. Sie wird wohl auch weiter Nichts an sich haben, als Fleisch und Blut. Was? Du weißt es nicht? Ja, das kannst Du jetzt wohl sagen. Wie, Kaudel ? Was? Du willst in einem andern Zimmer schlafen? Du hast es satt auf solche Art gequält zu werden? Nein, Kaudel , das thust Du nicht, wenigstens nicht so lange ich lebe, darauf geb' ich Dir mein Wort. Ein anderes Zimmer – und Du nennst Dich einen Christen. Ich möchte Dir rathen, das Gebetbuch einmal vorzunehmen, und das Kapitel von den »ehelichen Pflichten« durchzulesen. – Ein anderes Zimmer – nun weiter fehlte gar Nichts. Kaudel , Du wirst ja schlimmer wie ein Heide. Ein anderes Zimmer. Daß die Dienstboten die Köpfe zusammenstecken und darüber reden? Nein wahrhaftig nicht, – kein Mann, nicht der beste, der da gelebt hat, sollte mich in meinen eigenen Augen so verächtlich machen können. Ich will aber nicht schlafen, und Du solltest mich überhaupt besser kennen als daß Du glauben könntest, ich wäre ruhig, wenn Du sagst, ich solle den Mund halten. Weil Du gerade nach Hause kommst wie ich eben einen Augenblick fortgegangen bin, glaubst Du, Du könntest wie eine Furie herumwüthen? Ich möchte wissen, wie viele Stunden ich schon aufgesessen bin und auf Dich gewartet habe. Es hätte mich noch keiner darum gebeten ? Da haben wir's – das ist die Dankbarkeit der Männer, so sind sie alle, aber eine arme Frau darf das Haus nicht verlassen ohne daß – Warum ich nicht zu rechter Zeit gehe ? Rechte Zeit? Was ist denn acht Uhr Abends – eh? Ging ich um elf oder zwölf Uhr aus, wenn Du manchmal nach Hause kommst, dann hättest Du vielleicht Ursache von rechter Zeit zu reden, aber acht Uhr Abends – das ist die schönste Zeit vom ganzen Tag – kühl und angenehm und wie dazu gemacht um ein paar Wege zu besorgen und Kleinigkeiten einzukaufen. O ja, Kaudel , ich habe Mitleiden mit den Leuten die so spät in den Läden aufbleiben müssen – gerade so viel wie Du, das hat übrigens hiermit gar Nichts zu thun. Ich weiß aber was Du willst, Du möchtest gern, daß die jungen Leute alle mit einander noch bei früher Tageszeit frei würden – das möchtest Du. Um »ihren Geist zu bilden«, »ihre electuellen Begriffe« – wie Du es nennst, glaub' ich. Schöne Ansichten bekommst Du in Deinen Klubs – herrliche Ansichten – Ansichten wie ein Freigeist und nicht wie ein Christ. Als ich noch ein Mädchen war, da sprach Niemand von solchem Unsinn. Das sind lauter neumodische Ideen, und je eher die wieder abgeschafft werden, desto besser. Rede nur nicht – wozu sind Kaufläden da, wenn sie nicht früh und spät aufhaben sollen? Und wozu haben wir Kaufleute, wenn sie nicht auf ihre Kunden passen wollen? Wer was kaufen will, bezahlt auch dafür, und ich hoffe doch nicht daß ihnen die Kaufleute werden die Zeit anzugeben haben, in der sie ihr gutes Geld bringen sollen? Gott sei Dank, wenn ein Laden zu ist, so hält doch wenigstens noch ein anderer feil und ich halte es für eine schuldige Pflicht stets in den Laden zu gehen der am längsten Licht hat. Das ist die einzige Art wie man die faulen Kaufleute bestrafen kann, die sich noch ein Verdienst zu erwerben glauben, wenn sie ihre Bude früh zuschließen. Ueberdies giebt es Sachen, die ich am liebsten bei Licht kaufe. Oh rede mir nur nicht von Menschlichkeit – Menschlichkeit – ja die wäre auch für eine solche Bande junger kräftiger Leute angewandt, von denen manche groß genug sind, daß man sie für Riesen auf der Messe zeigen könnte. Und was haben sie überhaupt zu thun? Nichts auf der Gotteswelt, als hinter dem Ladentisch zu stehn und schöne Reden zu halten. Ich kenne aber Deine Ansichten. Du glaubst, jeder Mensch arbeitet zu viel und Du hättest es gern wenn die ganze Welt den halben Tag weiter Nichts zu thun hätte, als die Daumen um einander zu drehen oder in den Gärten und Gemäldegallerieen, Museen und andern solchen unsinnigen Plätzen spazieren zu gehen. Sehr schön das, aber Gott sei Dank, so verderbt ist die Welt denn doch noch nicht. Ich wäre eine Närrin und könnte nicht über meine eigene Nase hinaussehen ? O ja, Kaudel , ich sehe eben so weit wie Du, und auch wohl noch ein Bischen weiter. Ich darf aber keinen Augenblick mit meiner guten Freundin, der Madame Wittels – nun, was hast Du wieder zu lachen? – Oh! wissen sie's nicht? wissen die Frauen nicht, was Freundschaft ist? Wahrhaftig, Kaudel , Du hast eine herrliche Meinung von uns; aber wir wissen es wohl – wir können auch über unsere eigene Nase hinaussehen, und wenn wir es nicht könnten, so wäre das so viel besser für unsere Kinder und Familien. Gut wär's wenn die Männer auch nicht weiter sehen könnten; ein Glück wär's. Manches geschähe nicht, was jetzt Unfrieden und Streit in die Wirthschaft bringt und manche Fünf-Thaler-Note hättest Du mehr in der Tasche, die Du jetzt – Du Herr der Schöpfung, wie Ihr Euch immer nennt –, zum Fenster herauswirfst. Hast Du überhaupt schon je gehört, daß eine Frau fünf Thaler verborgt hat? Schwerlich. Nein, Kaudel , wir wollen die Sache nun einmal nicht bis morgen ruhen lassen, Du sollst mich nicht, wenn ich Abends nach Hause komme, auf jede Art kränken und beleidigen, und dann auch noch glauben können, ich würde kein Wort dazu sagen. Du hast mir vorgeworfen, ich besäße kein Gefühl für meine Mitmenschen – hast mich – ich weiß selbst nicht mehr was Du mich nicht genannt hast und das Alles blos darum, weil ich ein – Nein, Du sollst jetzt auch nicht einmal wissen was ich gekauft habe, den Gefallen will ich Dir wenigstens nicht thun, denn es ist unmenschlich, Kaudel , seine Frau, die nur einmal ausgegangen ist, und um zehn Uhr wieder pünktlich nach Hause kommt, auf solche Art und Weise zu behandeln. Viel Mitgefühl hast Du – außerordentlich viel Mitgefühl, so viel weiß ich; der junge Mann, der mir heut Abend die Sachen verkaufte, war stark genug einen Ochsen nieder zu schlagen – ja – ein Haus umzuwerfen, aber nein, Du bedauerst ihn, Du hast Mitleiden mit ihm, Mitleiden mit der ganzen Welt, aber nur nicht mit Deiner eigenen Dir angetrauten Frau. O Kaudel , was Du für ein entsetzlicher Heuchler bist. Ich wollte nur, die Welt wüßte wie Du Deine arme Frau behandelst. Was sagst Du? Ich soll Dich um aller Barmherzigkeit willen schlafen lassen? Barmherzigkeit? so? ich wollte nur, Du hättest auch ein Bischen mit anderen Leuten. O ja – ich weiß wohl was Barmherzigkeit ist , das hat aber Nichts damit zu thun, wann ich einkaufen gehe, und ich denke mich auch nicht im Mindesten daran zu kehren. Nein, Du hast mir das immer wieder und wieder vorgepredigt; hast nicht geruht bis ich sogar in Kirchen ging, um Alles das zu hören, darum aber sehe ich nicht ein, warum wir Frauen nicht so spät können einkaufen gehen wie wir wollen. Du sagst es ja selber, wir Frauen hätten es in unserer eigenen Gewalt, die Läden früher oder später schließen zu lassen, und das wollen wir auch behalten – ich wenigstens. Du wirst mich von jetzt an nie anders gehen sehen, als immer spät Abends und natürlich kaufe ich dann nur in den Läden, die bis zu allerletzt aufhaben. Das ist den jungen Leuten ganz gesund auf ihr Geschäft Acht zu haben. – Ihren Geist ausbilden – ja, – ich möchte wissen wozu sie ihren Geist ausbilden sollten. Laß sie um sieben Uhr nach Hause gehen, und sie bilden Nichts aus als ihr Billardspiel. Wollen sie sich aber wirklich bilden, wie Du's nennst, dann seh' ich nicht ein, warum sie bei diesem schönen Wetter nicht um drei Uhr Morgens aufstehen könnten. Wo einmal der Wille ist, da geht Alles, Kaudel. »Ich glaubte jetzt,« schreibt Kaudel , »sie schliefe, und fing in dieser angenehmen Hoffnung ebenfalls an einzunicken, als sie mich plötzlich wieder in die Seite stieß und noch einmal anfing: Höre, Kaudel – Du brauchst Nachtmützen – pass' aber einmal auf, ob ich die nicht nach neun Uhr Abends einkaufe.« Dreiundzwanzigste Predigt. Madame Kaudel wünscht blos zu wissen, ob sie in diesem Jahre noch einmal an die See kommen werden oder nicht. Heiß? nun ich denke, es ist heiß; man könnte gerade so gut in einem Backofen stecken, als zu solcher Jahreszeit in der Stadt wohnen. Du hast wohl ganz vergessen, daß es Juli ist, Kaudel. Ruhig hab' ich gewartet, kein Wort hab' ich gesagt, aber auch nicht einmal erwähnt hast Du die Seeküste. – Nicht etwa als ob ich es meinethalben zur Sprache brächte, nein wahrhaftig nicht, meine Gesundheit kommt überdies nie in Betracht, und es wäre für mich überhaupt besser, diese Welt je eher desto lieber zu verlassen. – O ja – das denkst Du auch – sicher bist Du derselben Meinung, Kaudel , sonst würdest Du nicht daliegen wie ein Stück Holz und kein Wort erwidern. Kaudel! Du könntest eine Heilige ärgern, aber nein; bei mir soll es Dir doch Nichts helfen, denn ich habe es mir einmal fest vorgenommen, ich will mir mein Leben nicht mehr verbittern lassen; ich sehe auch gar nicht ein weshalb. Uebrigens habe ich jetzt nur noch diese ganz einfache, simple Frage an Dich zu stellen: willst Du überhaupt dies Jahr an die Seeküste oder nicht? Ja? Du willst nach Gravesend? Dann magst Du allein gehen , das weiß ich – Gravesend. – Du könntest eben so gut eine Schiffsladung Salz in die Themse werfen und das dann die Seeküste nennen. Was? Es liegt bequem für Deine Geschäfte? Da haben wir's wieder, ich kann den Mund nicht aufthun und nur an irgend ein kleines Vergnügen denken, so hältst Du mir in einem fort Deine Geschäfte vor. So viel weiß ich, Geschäfte hindern Dich nie an Deinen eigenen Vergnügungen, Kaudel – nie im Leben, denn wenn das der Fall wäre, so käme es Deiner Familie wenigstens etwas zu gut. – Du weißt, daß Mathilde Seebäder nehmen muß – Du weißt es, oder solltest es wenigstens schon nach dem Aussehen des Kindes wissen, aber nein, den ganzen Sommer hättest Du kein Wort davon erwähnt, das bin ich fest überzeugt, und die schöne Zeit ruhig und unbenutzt vorübergehen lassen. Margate ist so theuer? Keinesweges und so viel weiß ich, am Ende und Alles gerechnet, kommt es doch noch billiger zu stehen; denn wenn wir gar nicht gehen, so werden wir Alle krank – das ist gewiß – Alle mit einander, sobald der Winter kommt. Nicht etwa als ob Du auf meine Gesundheit dabei irgend eine Rücksicht nehmen solltest – nein, darüber bin ich hinaus, das wäre auch das erste Mal. Du weißt aber, daß Margate der einzige Platz ist wo ich ein Beefsteak essen kann und doch redest Du in einem fort von Gravesend. Was kümmert Dich aber mein Essen – Dir wäre es recht, wenn ich nie äße, Du achtest auch nicht auf meinen Appetit wie es andere Ehemänner thun, sonst müßtest Du schon lange gemerkt haben, daß er ganz verschwunden ist. Wie viel es kosten wird? Da haben wir's – jetzt zeigst Du Dich wieder in Deinem ganzen schmutzigen Geiz, Kaudel. – Wie viel es kosten wird? Fragst Du Dich auch wie viel es kosten wird, wenn Du Dir selber ein Vergnügen machst? Du wärest der letzte. – Für Dich selbst kannst Du, was Delikatessen anbetrifft, das Geld thalerweis hinauswerfen, Deiner armen Familie mißgönnst Du aber das Geringste. Was? Du mißgönnst ihr Nichts? O ja, – da im Bette magst Du liegen und das sagen, aber – Was es kosten wird? Das ist jetzt einerlei, was es kosten wird – gar Nichts wird es kosten, denn wir gehen gar nicht. Nein, – wir bleiben zu Hause. Natürlich werden wir den Winter alle krank – Du ausgenommen, Du wirst nie krank, aber wir Andern können nachher dafür büßen, und dann freu' ich mich nur auf die Doktorrechnung – sie wird so lang sein wie eine Eisenbahn. Das schadet aber Nichts – es ist viel besser das Geld für ekelhafte bittere Arzeneien hinzugeben, als für frische Luft und gesundes Salzwasser. Nenne mich nicht »Frau« und frage mich nicht in einem fort, »was es kosten wird,« ich sage Dir, ich gehe jetzt nicht und wenn Du mir hier das Geld vor mich hin auf die Bettdecke legtest – unter keiner Bedingung. Nein, wir müssen erst Alle krank werden – das ist was Du willst. – – – So ist es recht, Kaudel , schlafe ein; oh, das sieht Deiner gefühllosen Natur ganz ähnlich. Ich rede davon, daß wir Alle bettlägerig und krank werden und Du, wie ein Stein, drehst Dich um und fängst an zu schlafen. Das ist nun wohl wieder keine Beleidigung für eine Frau? Wie Du schlafen kannst mit solch einem Splitter im Fleisch? Mit dem Splitter meinst Du mich also, und das noch, nachdem ich Dir eine solche Frau gewesen bin? aber nein, Kaudel , Du sollst Deinen Zweck nicht erreichen. Du sollst mich nicht zum Weinen bringen und wenn Du mich, Gott weiß was, nenntest. Nein, wahrhaftig – an einen solchen Menschen will ich meine Thränen nicht verschwenden. – Was? Ich soll es auch nicht? Das ist also Deine Dankbarkeit. Ihr Männer verdient es gar nicht, daß Ihr von irgend einer Frau geliebt werdet – die armen Weiber sehen das aber leider nur stets zu spät ein. Das ist schade, Kaudel? nein, schrecklich ist es und wenn Du nur so viel Gefühl hättest, so müßte es Dich in Deine Seele hinein jammern. Alle Welt geht nach der Seeküste, nur wir bleiben zu Hause. Oh, hätte ich nur Simmons geheirathet. Warum ich es nicht gethan habe? Das ist also jetzt mein Dank. Wer Simmons ist? Oh, Kaudel , Du weißt recht gut wer Simmons ist. Der würde mich übrigens etwas besser behandelt haben als Du, so viel weiß ich. Er war ein Gentleman im strengsten Sinne des Wortes. Du weißt nichts davon? Vielleicht nicht, aber ich weiß desto mehr davon. Bei solchem Wetter wie das hier in London zu zerschmelzen; und wenn nun erst die Maler kommen. Du willst die Maler jetzt nicht haben? So? da wollen wir doch sehen ob Du darum gefragt wirst. Nein, die kommen und das weiß ich, sind die erst einmal da, dann verläßt keiner von uns das Haus mehr. Im Juli malen lassen, und die Familie im Haus; natürlich müssen wir Alle vergiftet werden, was machst Du Dir aber daraus? Warum ich nicht sagen kann was es kosten wird? Wie kann ich oder irgend eine andere Frau genau sagen, was eine solche Tour kosten wird? Natürlich sind Familien-Logis – und besonders in Margate , etwas theurer als wenn Du hier in Deinem eigenen Hause wohntest. – Nun, und wenn Du das gewußt hast, Kaudel , so hoff' ich doch nicht, daß es ein Majestätsverbrechen ist, es nochmals erwähnt zu haben. Wenn Du aber da draußen eine Wohnung auf zwei Monate miethest, so bekommst Du sie immer billiger als wenn Du sie nur auf einen nimmst. Nein, Kaudel , ich werde es nicht schon in einem Monate satt haben – Und es ist auch nicht wahr, daß ich, wenn ich kaum draußen bin, immer gleich wieder nach Hause will. Natürlich langweilte ich mich vor drei Jahren in Margate , wie Du mich immer allein am Strande spazieren gehen ließest, um von allen Arten von Teleskopen angestarrt zu werden, aber das thust Du auch nicht wieder, Kaudel , darauf kannst Du Dich verlassen. Das geschieht mir nicht wieder. Was ich in Margate thun will ? Nun? kann man da nicht baden, und Muscheln suchen? und kommen die Dampfboote nicht in einem fort, und kann man da nicht die neuesten Novellen lesen; denn das ist der einzige Platz in der ganzen Welt, wo ich mit Genuß lesen kann. Nein, Kaudel , – nicht deßhalb weil ich Salz zum Lesen brauche. Das nennst Du wohl auch einen Witz? ich wollte aber, Du spartest Dir Deine Witze bis zur Tageszeit auf. Was wollte ich doch gleich sagen – keine drei Worte kann man hintereinander vorbringen, ohne daß Du dazwischen sprichst und Einen irre machst – ja – es kommt mir wenigstens immer so vor, als ob der Ocean auf eine – auf eine wunderbare Art fast, den Geist erwecke. Ich sehe hier gar nichts zu lachen, Kaudel , Du lachst aber jedesmal wenn ich ein Wort sage. – Manchmal an der Seeküste, besonders zur Zeit der Ebbe, fühl' ich mich so wohl, so glücklich, daß ich ordentlich weinen könnte. Wann ich die Sachen fertig haben kann ? für nächsten Sonntag etwa, sollt' ich denken. Was es kosten wird ? Ach rede nur gar nicht. Nein, wir bleiben in der Stadt und morgen schicke ich nach den Malern. Was? Ich soll mit den Kindern gehen und Du willst hierbleiben ? Nein, Kaudel , daraus wird Nichts. – Du gehst mit uns, oder ich rühre mich nicht von der Stelle. Ich will nicht wie eine Henne mit ihren Küchelchen hinausgejagt werden in die Welt und keinen Menschen haben der uns beschützte. Also am Montag wollen wir gehen. Wie? Was es kosten wird ? Was Du nur für ein Mann bist, Kaudel – nun sieh – ich habe es mir Alles so nachgerechnet und wenn ich jedes bedenke, und die vielen kleinen Nebenausgaben nicht vergesse, so glaub' ich nicht, daß wir die ganze Sache unter – unter zweihundertfunfzig Thalern machen können. Nein, Kaudel , ich kann die kleine Nebenausgaben nicht weglassen und mit zweihundert Thalern zufrieden sein, zweihundertundfunfzig sind's und nicht weniger. Natürlich ist alles das nachher, was wir davon nicht gebrauchen, reiner Verdienst. O Kaudel , was Du für ein Mann bist. Nun, sollen wir am Montag gehen? Was sagst Du? Du willst sehen ? Das ist recht, lieber Kaudel – also am Montag. »Was thut man nicht des Friedens wegen,« schreibt Kaudel, »und ich gab meine Einwilligung zu der Reise, weil ich bei einer Bettveränderung besser schlafen zu können meinte.« Vierundzwanzigste Predigt. Madame Kaudel spricht sich über Kaudels schändliche Vernachlässigung ihrer selbst, am Bord des »Red Rover« aus. Sie war so angegriffen von der Seefahrt, daß sie die Nacht im »Delphin« in Herne-Bay einkehren mußten. Kaudel – hast Du unter das Bett gesehen? Weshalb ? Aber, Kaudel, um Gotteswillen, wegen Dieben – natürlich, wegen Dieben. Du glaubst doch nicht, daß ich in einem fremden Bette schlafen werde, ohne daß Du darunter siehst? Nein, das ist kein Unsinn, Kaudel , denn ich könnte sonst kein Auge zuthun, die ganze Nacht. Das wäre Dir nun freilich wohl einerlei, daraus würdest Du Dir – pst – wahrhaftig – ich habe etwas gehört. Nein, Kaudel , es war keine Maus – nicht d'ran zu denken. Ja, das sieht Dir ähnlich – lachen; hier wäre Nichts zu lachen, wenn – Kaudel , um Gotteswillen, da ist wahrhaftig etwas – ich weiß es gewiß, ich habe es deutlich gehört – – – Ja, Kaudel , nun bin ich zufrieden, jeder andere Mann wäre aber schon von selbst aufgestanden und hätte sich überzeugt, besonders nach dem, was ich auf dem entsetzlichen Schiff ausgestanden habe. Aber an Dir soll einmal Einer die Entdeckung machen, daß Du Dich eher bewegtest, ehe Du eine halbe Stunde lang dazu überredet wärest; o nein, Du ließest mich hier liegen, und berauben, und todtschlagen, ehe Du einen Finger rührtest. Was? Du willst doch nicht etwa schon schlafen. Die fremde Luft? Du würdest in fremder Luft immer schläfrig? Das zeigt deutlich, was Du Dir aus mir machst, nachdem ich das Alles heut ertragen habe. Und ein solches Gähnen, auf so unanständige rohe Manier. Kaudel , Du hast nicht mehr Herz in Deiner Brust, wie die große hölzerne Figur in dem weißen Unterrocke, vorne am Schiff. Nein – ich konnte meine Laune nicht zu Hause lassen. So? also weil Du mich einmal – ja, Kaudel, einmal oder auch zwei-, vielleicht gar dreimal, also weil Du mich einmal an die frische Luft nimmst, so soll ich gleich zu einem Sclaven gemacht werden und kein Wort mehr sagen dürfen? Schönes Vergnügen würde ich dabei haben, wenn ich den Mund in einem fort halten müßte; das wäre meine Art, einer Frau ein Vergnügen zu bereiten. O Herr Jemine! ob das Bett nicht mit mir in einem fort herum und herum geht, so hab' ich das schändliche Schiff noch im Kopf. Nein, – ich werde mich nicht wieder wohl am nächsten Morgen befinden; aber Niemand anders soll je krank sein, wie Du, Kaudel. Du brauchst nicht so zu stöhnen, daß die Leute davon im nächsten Zimmer aufwachen. Es ist überhaupt eine Gnade Gottes, daß ich noch am Leben bin. Einmal hätt' ich wahrhaftig Alles in der Welt darum gegeben, nur über Bord geworfen zu werden. Nun, Kaudel , was schnalzest Du dazu mit der Zunge? ich weiß aber wohl, was Du meinst. Du hättest sie nicht daran verhindert, das ist sicher – Du nicht. Ueberhaupt mußtest Du das wissen, daß der Wind heute so heftig wehen würde, deshalb bist Du aber gerade gegangen. – Was ich nur in aller Welt hätte anfangen sollen, wäre der brave, herrliche Kapitain Bartsch nicht gewesen. Soviel weiß ich, alle Frauen, die nach Margate gehen, sollten für ihn beten – so aufmerksam bei der Seekrankheit, und ein solcher Gentleman. – Wie ich ohne ihn die Treppe hinunter gekommen wäre, als es mir zuerst im Kopfe an zu drehen fing, ist mir noch immer ein Räthsel. Sage nur nicht, daß ich gegen Dich mit keiner Sylbe geklagt hätte, Du mußtest sehen daß ich krank war, soviel ist gewiß. Und wie Jedermann an Bord anfing matt und elend auszusehen, wer konnte da herumgehen und seine schlechten Witze über die kleine Ankerboje machen, die in einem fort schaukelte und nie krank würde, und noch mehr solchen anderen gefühllosen Unsinn? heh? – Ja, Kaudel , wir sind jetzt manche lange Jahre mit einander verheirathet, wenn wir aber noch tausend Jahre zusammen leben sollten – Weswegen schlägst Du die Hände zusammen? tausend Jahre zusammen leben sollten, so werde ich Dein Betragen an diesem Tage nie vergessen. Du konntest an's andere Ende des Schiffes gehen und eine Cigarre rauchen, wo Du wußtest, daß ich unwohl werden mußte – ja, Du wußtest es, denn ich werde immer unwohl. Und die brutale Manier nachher, mit der Du den Brandy trankst. Du glaubst wohl, ich hätte Dich nicht gesehen? krank wie ich war und kaum im Stande den Kopf in die Höhe zu halten, ließ ich Dich doch keinen Augenblick außer Acht, Kaudel , nicht eine Secunde. Drei Gläser voll Brandy und Wasser, und die schlürftest Du hinunter und trankst die Gesundheit von anderen Menschen, an denen Dir nicht so viel liegen sollte, während Dich die Gesundheit Deines Dir angetrauten Weibes nicht einen Stecknadelkopf kümmerte. Drei Gläser Brandy, und ich stand indessen, ich kann wohl sagen, allein; aber Jeder rief auch »Pfui«, Kaudel – ja – wenn Du es auch nicht gehört hast – ich habe es. Was sagst Du? Ich wäre selbst Schuld daran? ich hätte zu viel zu Mittag gegessen? Und Du nennst Dich einen Mann? Wenn ich von der Gans – ein Ding kaum aus der Schale, mehr als die Brust und das Bein, mit einem klein wenig Gefüllten gegessen habe, so will ich eine schlechte Frau sein. Was sagst Du? Hummersalat? Gott, wie kannst Du nur davon reden, ein monataltes Kind hätte mehr gegessen – das weiß ich. Stachelbeerkuchen? Nun gut, wenn Du den rechnest, dann rechnest Du Alles. Zu viel gegessen – in der That; und Du glaubst wohl, ich will für mein Mittagessen bezahlen, und nachher Nichts essen. Nein, Kaudel , da ist es doch wenigstens ein Glück für Dich, daß ich den Werth des Geldes besser kenne. Aber natürlich, Du hattest angenehmere Sachen zu thun als Dich um mich zu bekümmern. Ein abgekarteter Plan das, natürlich. Du glaubst wohl, ich hätte nicht gesehen, wie Betsenberger in Gravesend an Bord kam und Dir den Brief in die Hand drückte? was? Es wäre kein Brief gewesen? nur eine Zeitung? So? wirklich? – nein, so krank wie ich war, meine Augen hatt' ich doch, Gott sei Dank, offen. Das wäre die kleinste Zeitung gewesen, die ich in meinem Leben gesehen hätte; aber natürlich – ein Brief von Mamsell Betsenberger – Höre, Kaudel , wenn Du so zu schreien anfängst, so steh' ich auf. Du denkst wohl, Du wärst in Deinem eigenen Haus, um einen solchen Spektakel zu machen. Jeden stören – der Wirth wird gleich kommen. O ja, Du konntest trinken und rauchen da vorne. Du durftest nirgends anders rauchen? Das hat hiermit gar Nichts zu thun – vorne – o wie schade, daß Mamsell Betsenberger nicht mit da vorne sein konnte; ich bin doch überzeugt – Nein, ich will aber nicht ruhig sein und brauche mich auch nicht zu schämen. Nun sehe nur Einer mit Gotteswillen den Mann an; als ob es Hochverrath wäre von Mamsell Betsenberger zu sprechen. Nach alle dem was ich heute erduldet habe, soll ich auch noch nicht einmal den Mund aufthun. Jetzt möcht' ich wissen, was nun noch folgen wird. Ein wahres Glück nur, daß keins der lieben Kinder in's Wasser fiel; nicht etwa als ob sich ihr Vater viel daraus gemacht hätte, nein, so lange der seine Cigarren und seinen Brandy haben konnte, war Alles gut. Peter wäre beinahe durch eins der Löcher – Es ist nicht wahr? So? Du weißt wie wißbegierig das Kind ist und wie gerne es zwischen Dampfmaschinen umhergeht? Nein, Kaudel , Du darfst noch nicht schlafen. Was Du für ein Mann bist. Was? Ich hätte das schon einmal gesagt? Und was thut das? wieder und wieder sag' ich's. – Schlafen – in der That – weiter Nichts, als ob man niemals im Leben ein vernünftiges Wort mit einander reden könnte. Nein, Kaudel , ich werde das Margate -Boot morgen früh nicht verschlafen: ich kann zu jeder Stunde in der Nacht aufwachen, und das wenigstens solltest Du doch nun einmal wissen. Für welch armes unglückliches Geschöpf sie mich nur in der Damenkajüte müssen gehalten haben, wie Niemand in der Welt herunter kam und sich nach mir erkundigte. Es war eine ordentliche Schande. Mehr wie zehnmal wärst Du dagewesen? Nein, Kaudel – damit kommst Du nicht los. Das weiß ich besser. Nicht ein mal hast Du nach mir gesehen; Gott bewahre. Cigarren und Brandy nahmen Deine Zeit viel zu sehr in Anspruch, als daß Du Dich hättest um Deine Frau bekümmern können; wo ich noch dazu so krank war, daß ich gar nicht mehr wußte, was um mich her vorging. Woher ich denn wüßte daß Du nicht unten gewesen? Kaudel , Du könntest einen Engel zur Verzweiflung bringen. Alle anderen Ehemänner kamen herunter und was waren meine Gefühle, als ich die und immer wieder die an die Thüre klopfen und leise fragen hörte, wie sich ihre »lieben Frauen« befänden, und ich da unten ganz mutterseelenallein und krank und elend lag. »Sehr wahrscheinlich,« schreibt Kaudel, »hat sie noch ein paar Stunden so fort gesprochen, glücklicher Weise aber fing der Wind an stark zu wehen, und die Wellen am Strand brausten so laut, daß ich durch das süße Geräusch (den Brandy des Delphin gar nicht zu erwähnen) endlich einschlief.« Fünfundzwanzigste Predigt. Madame Kaudel hat Margate wirklich satt bekommen und spricht den innigen Wunsch aus, Frankreich zu sehen. Aber sage mir einmal, Kaudel , wirst Du es denn gar nicht müde hier? Nein? Hab' ich je in meinem Leben einen solchen Mann gesehen – Nichts ermüdet ihn. Das ist mit Dir aber auch eine ganz andere Sache – Du kannst Deine Zeitungen lesen – Was? Das kann ich auch? und was würde nachher aus den Kindern werden, das möcht' ich nur wissen. Nein – es ist schlimm genug wenn ihr Vater seine schöne Zeit damit verliert über Politik und Bischöfe und Lords und einen Haufen Leute zu reden, die sich nicht so viel aus ihm machen, und wenn er kein Dach auf dem Hause hätte – vollkommen genug – aber die Mutter – Nein, Kaudel , ich will Dich nicht quälen, Du brauchst keine Angst zu haben; ich habe Dich überhaupt noch nie gequält, und es ist nicht wahrscheinlich, daß ich jetzt anfangen würde. So machst Du's aber immer – immer und ewig. Wir könnten das glücklichste Pärchen auf Gottes weiter Welt sein, wenn Du nicht immer ganz allein das Wort führen wolltest. Doch jetzt sind wir auf einer Vergnügungsreise und da lass' uns nicht mit miteinander zanken. Uebrigens muß ich das noch sagen, Kaudel , daß Du eine gewisse Manier an Dir hast, die Einen zu Tode ärgern kann. Was Du jetzt gethan hast? Nun sei nur ruhig, wir wollen nicht davon reden – Nein, laß uns lieber einschlafen, sonst möchten wir gar noch Streit zusammen bekommen, es geht manchmal so. Was Du gethan hast? ja – und das frägst Du auch noch. Nicht auf zwei Tage kann ich von zu Hause fortgehen, ohne auf das Bitterste gekränkt und beleidigt zu werden. Alle Menschen haben das heute auf dem Damm sehen können. Was sie hätten sehen können ? Wie kannst Du nur in Deinem Bett da so ruhig und unschuldig liegen und mich das fragen. Was sie hätten sehen können? in der That. Es war eine lang vorher abgekartete Sache, die ganze Geschichte, schon ehe Du die Stadt verließest. O ja. Deine Unschuld, die kauf' ich auch eben theuer. Ich wüßte nicht was ich redete ? leider weiß ich es. Schrecklich ist's, wenn es eine Frau von ihrem eigenen Mann sagen muß, aber leider Gottes wahr. – Kaudel , Du hast schlecht – ganz schlecht an mir gehandelt. O höre nur auf; all' Dein Umherwälzen und Aechzen macht das nicht wieder gut. Nein, Kaudel , damit fängst Du mich nicht – »liebe Seele«, ja wohl; das thut's noch lange nicht. Sehr lieb muß ich Dir in der That sein, wenn Du trotzdem Deine Mamsell Betsenberger mit hierher bringst. Nun schreie nur um Gottes willen nicht so, als ob Du am Spieße stäkest. Du weißt doch daß Du nicht in Deinem eigenen Hause bist. Was sollen denn nur die Leute von uns denken? Weshalb ich dann nicht auch ruhig bin ? O ja – Alles soll Dir zur Entschuldigung dienen. Wenn Du nur etwas findest, womit Du mir den Mund verbieten kannst. Mamsell Betsenberger soll Dir bis hierher nachreisen, und ich kein Wort darüber sagen dürfen. Ich weiß aber daß sie gefolgt ist, und wenn Du vor einen Richter gingst und dort einen körperlichen Eid ablegtest, ich glaubte Dir nicht das Gegentheil, Kaudel . Dir auch recht ? Nein, was Du für ein Herz haben mußt, wenn Du sagen kannst »mir auch recht« und noch dazu einer solchen Frau, wie ich Dir immer gewesen bin. Also aus meinem eigenen Hause werde ich bis an die Seeküste hergeschleppt, um mich nachher beleidigt und ausgelacht zu sehen. Rede nur nicht. Glaubst Du etwa, ich hätte es nicht bemerkt wie sie Dich ansah, wie sie ihre blauen dünnen Lippen zusammenzog, und – Was? Warum ich ihr denn einen Kuß gegeben hätte ? Was hat das damit zu thun? Der Schein ist eine Sache, Kaudel , und das Gefühl ist eine andere. Als ob sich Frauen nicht unter einander einen Kuß geben könnten, ohne etwas dabei zu meinen. Und Du – o ja, ich habe es wohl beobachtet – Du sahst so kalt und gleichgültig aus, als – nein, Kaudel , ich möchte nicht so ein Heuchler sein wie Du, nicht um die Welt. Schon gut – schon gut – die Geschichte habe ich schon einmal gehört; o ja wohl kam sie blos zu ihrem Bruder hierher, um den zu finden – Ha ha ha –wie sich das so glücklich treffen mußte – ha – ha – uhu! uhu! uhu! und den Husten den ich bekommen habe. Oh Kaudel , Du hast ein Herz wie ein Kiesel; das ist recht – das ist so ganz wie Deine immer gepriesene und im Munde herumgedrehte Humanität; ich kann mich nicht ein einziges Mal erkälten, ohne daß es meine eigene Schuld sein soll. Meine dünnen Schuhe ? Du hättest es wohl gern wenn ich in Schlammstiefeln ginge, nicht wahr? Dir wär' es auch einerlei was ich für einen Fuß darin bekäme. Ja, wenn es Mamsell Betsenbergers Fuß beträfe, dann hätte die Sache freilich eine andere Seite. Ich habe es mir übrigens gleich gedacht, wie Du mich von zu Hause wegtriebst. Eine Vergnügungsreise sollte das werden, aber mir geht das immer so, mir wird mein Leben stets verbittert und vergällt und je eher ich aus dieser Welt fortkomme, desto besser. Was sagst Du? Nichts ? Ich weiß aber was Du meinst, ja Kaudel , ich weiß das eben so gut, als ob Du jetzt eine Stunde gesprochen hättest. Ich will nur hoffen, daß Du später einmal eine bessere Frau bekömmst. Du wirst es nicht versuchen ? Nicht? o Kaudel , ich kenne Dich besser. In sechs Monaten wäre mein Platz wieder ausgefüllt, und fürchterlich würden nachher die armen Kinder darunter zu leiden haben, Kaudel , wenn Du so schreist, so werden uns die Wirthsleute morgen aufkündigen. Warum ich dann nicht ruhig sein kann ? Sieh', Kaudel , das ist einer von Deinen Kunstgriffen; Alles versuchst Du, um mich nur zum Schweigen zu bringen. Wir wollen uns aber nicht streiten. Das weiß ich, wenn es blos auf mich ankäme, so könnten wir so glücklich wie Turteltauben mit einander leben. Das ist wahr, Kaudel , und Du brauchtest deßhalb nicht so zu ächzen; aber gute Nacht, Kaudel . Was sagst Du? Gott segne mich ? Sieh, Kaudel , Du bist wirklich eine gute Seele, und wenn diese Mamsell Betsenberger nicht wäre. – Nein, Kaudel , ich quäle Dich nicht, ich weiß recht gut was ich thue und ich wollte Dich nicht um alle Schätze und Reichthümer der Welt quälen, aber Du kennst die Gefühle einer Frau nicht, Kaudel , – Du kennst die Gefühle nicht. Kaudel ! – Kaudel ! höre – nur noch ein Wort, lieber Kaudel . – Nun sieh nur wie Du gleich wieder auffährst: Du willst schlafen ? ich auch, Kaudel ; deßhalb brauchst Du mich aber doch nicht so anzufahren. Du weißt wohl noch, lieber Balthasar, wie Du mir schon früher versprochen hast, mich einmal mit nach Frankreich zu nehmen. Du erinnerst Dich nicht daran ? Ja, so machst Du's immer, die Sachen, die Du mir einmal versprochen hast, die vergißt Du gar so gern; aber ich nicht, Kaudel , ich nicht, ich habe ein besseres Gedächtniß dafür. Sieh, am Mittwoch geht ein Boot nach Boulogne und kommt am nächsten Tag wieder zurück. Und was weiter? I nun, auf eine so kurze Zeit konnten wir die Kinder schon unter der Aufsicht der Mädchen zurücklassen und recht bequem reisen. Unsinn? Natürlich, wenn ich etwas von Dir haben will, so ist es immer Unsinn. Andere Männer nehmen ihre Frauen mit durch die halbe Welt, Du aber hältst es für hinlänglich mich in dieses Loch von einem Platz herzuschleppen, wo ich jeden Kiesel am Strande wie meine eigenen Schuhe kenne, und wo man alle Tage weiter nichts Anderes wie dieselben Maschinen, dieselben Esel – denselben Damm und immer wieder dasselbe und nämliche sieht. Aber ja so, das hätt' ich fast vergessen, Margate hat einen Magnet hier, an den ich beinahe nicht gedacht hätte. Mamsell Betsenberger ist hier. Nein, Kaudel , – ich bin nicht tadelsüchtig und hätte auch nicht an einem Engel etwas auszusetzen, wenn er auf die Erde käme, die Art aber, wie das junge Mädchen zu allen Tageszeiten am Strand spazieren – Nu nu – sei nur ruhig – ich will ja still sein, die Lippen darf ich aber nicht mit des Mädchens Namen von einander bringen, ohne daß Du an zu rasen fängst. Du weißt daß ich schon so sehr lange einmal habe nach Frankreich gehen wollen, aber nein, hier an die See bringst Du mich her; gerade so weit daß ich die französischen Ufer sehen kann und dann nicht hinüber darf. Bloß um mich zu quälen hast Du das angestellt, wegen weiter gar Nichts. Wäre ich zu Hause geblieben und hätt' ich meinen Willen gehabt, so läge ich jetzt nicht hier im Bette – dann würd' ich auch gar nicht an Frankreich gedacht haben, so aber, wo es Einem den ganzen lieben, langen Tag in die Augen sticht, und dann nicht gehen zu dürfen, das ist grausam, ja Kaudel , das ist mehr als grausam, das ist schändlich. Andere Leute können ihre Frauen mit bis Paris nehmen, Du hältst mich aber immer zu Hause versteckt – und weswegen? damit ich nur Nichts von dem lerne ums in der Welt vorgeht; nur um mich herunter zu setzen, wegen weiter gar Nichts. Der Himmel segne die Frau? Ja, Kaudel , wohl hättest Du Ursache das zu sagen, denn das ist sicher, daß sie durch Dich sehr wenig gesegnet ist. Wie eine Gefangene hast Du sie ihr ganzes Leben gehalten – nie hat sie irgendwo hin gekonnt. O ja, jetzt kommst Du wieder mit Deiner alten Entschuldigung – fängst von den Kindern an; aber ich möchte gern nach Frankreich gehen, und da wünschte ich zu wissen, was die Kinder dabei zu thun haben. Es sind doch keine Säuglinge mehr, wie? Du wirfst mir aber immer die Kinder vor, Kaudel . Wenn Mamsell Betsenberger – Jemine – Siehst Du, was Du jetzt mit Deinem Schreien angestellt hast? die anderen Miethsleute klopfen da oben schon; und wer wird wohl morgen den Muth haben denen in's Gesicht zu sehen? Ich wahrhaftig nicht; der Leute Nachtruhe auf solche Art zu stören. Wahrhaftig, Kaudel , – ich glaube, der Tag bricht schon wieder an; nein, was Du für ein stöckischer Mann bist – nun sag' – sollen wir nach Frankreich gehen? »Ich habe vergessen,« schreibt Kaudel , »was ich gerade darauf antwortete, glaube aber, ihr eine sehr weite Erlaubniß gegeben zu haben zu Jemand Anderem zu gehen, worauf sie dann, heißt das nicht ohne bedeutendes Empörtsein wegen der Person, endlich einschlief.« Sechsundzwanzigste Predigt. Madame Kaudels erste Nacht in Frankreich. Schändliche Gleichgültigkeit Kaudels auf der Boulogner Douane. Du nennst Dich also auch noch einen Mann, Kaudel ? So? das weiß ich aber, daß solche Männer nie Frauen haben sollten, sie wenigstens nicht verdienten. Wenn ich es für möglich gehalten hätte, daß Du Dich je so betragen könntest, wie Du Dich betragen hast – und ich hätte das wissen können, wäre ich nicht eine so gutmüthige Kreatur, da Du nie wie andere Leute gewesen bist; hätte ich das für möglich halten können, Du würdest mich nie hier in fremde Länder geschleppt haben. Nie. Allerdings dachte ich bei mir: »nun, wenn er nach Frankreich geht, dann lernt er auch vielleicht ein Bißchen Artigkeit,« aber nein, Du hast als Kaudel angefangen und wirst als Kaudel aufhören. Ich aber, ich werde mein ganzes Leben hindurch vernachlässigt und mißachtet. Ich habe mich auch schon in mein Elend ergeben. Das freut Dich? Nein, Kaudel , Du mußt ja einen Granitblock, statt eines Herzens, in der Brust tragen, wenn Du so etwas sagen kannst. So viel weiß ich aber, wenn es nicht der theueren Kinder wegen, weit im lieben England wäre, nach dieser Rede führe ich nicht wieder mit Dir zurück – nein wahrhaftig nicht, Kaudel , ich verließe Dich hier auf diesem nämlichen Orte und ginge in ein Kloster. Eine Dame auf dem Schiffe hat mir gesagt, daß hier eine ganze Menge von ihnen wären. Ja – ich würde meine noch übrige Lebenszeit eine Nonne. Nun, Kaudel , ich weiß wahrhaftig nicht weshalb Du jetzt lachst, daß das ganze Bett schüttelt. Das machst Du aber immer so, anderer Leute Gefühle sind Dir stets lächerlich; aber das weiß ich, ich würde eine Nonne oder eine barmherzige Schwester. Das wäre unmöglich ? Oh Kaudel , Du weißt wahrhaftig nicht, was ich Alles werden kann wenn ich gereizt bin. Du hast den Wurm lange genug getreten, wirst es aber schon noch bereuen. Verschone mich nur mit Deinen profanen Reden; Du solltest der Letzte sein, den Himmel auf solche Art anzurufen. Das sage ich Dir übrigens, Dein Betragen im Zollhaus war schändlich, niederträchtig, und das noch dazu in einem fremden Lande. Darum hast Du mich auch nur hierher gebracht, daß ich beleidigt werden soll, eine andere Ursache kannst Du gar nicht gehabt haben mich von England fortzuschleppen. Laß mich aber nur erst einmal wieder zu Hause sein, Kaudel , nachher kannst Du Dir die Zunge ausschwatzen ehe Du mich wieder in eine von diesen ausländischen Ortschaften bringst. Was Du gethan hast ? Da haben wir's – auf die Art ärgerst Du eine arme Frau wie ich bin noch zu Tode; aber schlimmer wie ein Türke beträgst Du Dich, Kaudel , schlimmer wie ein Türke – Du wolltest, Du wärst ein Türke ? und ist Das ein Wunsch für einen ehrbaren Handelsmann, wenn er mit seiner eigenen, ihm angetrauten Frau im Bette liegt? Und Du noch dazu – Du wärst ein Mann für einen Türken. Das muß ich sagen. Was Du gethan hast ? Dein Glück ist's, daß ich Dich nicht sehen kann, denn roth mußt Du jetzt bis über beide Ohren sein, so viel weiß ich – gethan? was Du gethan hast? Hat mir nicht das Lumpenvolk im Zollhaus den Korb visitirt? Das geschieht allemal? So? und wenn Du das wußtest, Kaudel , weshalb schlepptest Du mich denn hierher, wie? Nein, ein Mann, der seine Frau nur so viel achtet, hätte das nicht gethan; Du aber, Du konntest ruhig dabei stehen und zusehen, wie der Mensch mit dem gräßlichen Schnurrbart meinen Korb durchwühlte meine Nachtmützen verzerrte – die ganzen Franzen daran verkrumpelte und – nein, wenn Du nur einen Tropfen Mannesblut in Dir gehabt hättest, so müßte es dabei getobt und gekocht haben. Aber nein – da standest Du und sahst so mild und sanft aus, als wenn Du Butter auf der Zunge hättest; der Mensch drückte meine Haube zusammen, als ob's ein Wischlappen gewesen wäre, und Du muckstest nicht. Ja, Kaudel , wenn es Mamsell Betsenbergers Nachthaube gewesen wäre – oh – Schade doch um Dein Stöhnen – ja, wenn es ihre Nachthaube oder ihre Haarbürste oder Papilloten gewesen wären, dann hätte ich einmal sehen mögen was Du dazu gesagt haben würdest. Nein, überhaupt jeder, der nur so viel männlichen Geist hat, würde über den unverschämten Menschen hergefallen sein, und wenn er tausend Schwerter an der Seite gehabt hätte. Das weiß ich aber, wäre ich die Frau eines Anderen, den ich jetzt nicht nennen will, geworden, der würde mich nicht so haben behandeln lassen, das ist sicher. Nein, Kaudel , hoffe nur nicht, daß ich Dich jetzt schlafen lasse, oder daß Du mich auf eine solche Art zum Schweigen bringst. Deine Künste kenne ich, bei mir schlagen sie aber nicht an. Und das war noch nicht einmal genügend, daß sie meinen Korb visitirten, nein, ehe ich nur einmal eine Ahnung davon hatte, spedirten sie mich in ein anderes Zimmer hinein. Was Du dagegen machen konntest ? wenn Du es nur versucht hättest etwas dagegen zu machen, aber nein, obgleich es in einem fremden Lande war und ich nicht französisch spreche – (wenigstens keinen solchen Summs davon mache, wenn ich auch mehr davon verstehe wie manche andere Leute) nein – trotz ihrem wüsten, ungenießbaren Geplapper ließest Du mich fortschleppen und machtest Dir nicht so viel daraus, wie ich Dich wiederfinden sollte – und noch dazu in einem fremden Lande. Das ist aber was Du wolltest, Kaudel – sieh, ich habe nicht den mindesten Zweifel mehr, das ist was Du wolltest; Du wärst froh gewesen wenn Du mich hättest auf eine so feige, erbärmliche Manier los werden können. Oh Kaudel , wenn ich jetzt nur Deine geheimsten Gedanken lesen könnte, das ist die einzige Ursache, weshalb Du mich hierher gebracht hast. Du wolltest mich gern verlieren; und nachdem ich Dir eine solche Frau gewesen war. Was rufst Du jetzt »Um aller Barmherzigkeit willen«? Du weißt auch etwas Rechtes von Barmherzigkeit, sonst hättest Du nie geduldet, daß sie mich in das Zimmer schleppten. – Um visitirt zu werden – ja wohl – als ob ich ein Verbrecher und ein Schmuggler wäre. Nein, Kaudel , wenn Du nur der Schatten eines Mannes wärest, so könntest Du nach dem, was ich heute erduldet habe, in den nächsten sechs Monaten kein Auge wieder zu thun. Gut, ich weiß es, es waren blos Frauen da, das bleibt sich aber vollkommen gleich, denn so viel ist gewiß, wenn ich als eine Taschendiebin eingefangen wäre, so hätten sie nicht schlimmer mit mir umgehen können. – So behandelt zu werden und noch dazu von dem eigenen Geschlecht. Was sagst Du? Ich hätte doch keine Männer dabei haben wollen ? Nein, Kaudel , das weißt Du recht gut, und es ist gemein von Dir, auch noch so eine Bemerkung zu machen. Was Du dabei thun konntest ? Und das ist Deine ganze Entschuldigung? Die Thüre aufbrechen – das konntest Du thun. Meine Stimme mußt Du doch auf jeden Fall gehört haben, wenn Du mir auch zehnmal das Gegentheil versicherst – die hast Du gehört. – Wann ich je alle die Bänder wieder annähen werde, die sie mir heute abgerissen haben, das weiß der liebe Gott, aber nicht selig will ich werden, wenn sie mir nicht die Lumpen herunter rissen, als ob ich ein Schiff im Sturme gewesen wäre. Und Du kannst dabei lachen, Kaudel ? Du hast nicht gelacht ? Rede nur nicht so – Du lachst manchmal, wenn Du selber nichts davon weißt – ich weiß es aber. Und übrigens hast Du mich hier an einen prächtigen Platz gebracht, in eine wundervoll anständige Gegend, wo die Frauen ohne Hauben und die Fischermädchen mit bloßen Beinen herumgehen; Du kommst mir aber mit Fisch, so lange ich hier bin. Warum nicht ? warum nicht? glaubst Du, ich soll auch noch solches Volk in seinen Untugenden, nein in seinen Lastern bestärken? weiter fehlte mir gar Nichts. Dein Gute Nacht sagen hilft Dir Nichts, Kaudel , nein, ich kann nicht einschlafen so bald ich die Nase auf's Kissen drücke, wie Du es immer machst, und noch dazu bei einer Thür an der ein solches Schloß sitzt. Wer weiß denn was Nachts herein kömmt. Wie? Alle Schlösser sind schlecht in Frankreich ? Um so größere Schande für Dich, daß Du mich an solche Orte geführt hast. Aber, wir wollen uns hier in dem barbarischen Lande nicht auch noch streiten, nein, Kaudel – das wollen wir nicht. Höre einmal, lieber Balthasar, was heißen denn »Spitzen« auf französisch? Was? Dentelles? So? Du sagst mir doch die Wahrheit? Du hättest mich noch nie belogen ? o Kaudel , sage das nicht; in dieser ganzen weiten Welt lebt kein einziger verheiratheter Mann, der mit gutem Gewissen seine Hand auf's Herz legen und das sagen könnte. Spitzen auf Französisch – bitte, sprich es noch einmal aus, Kaudelchen . Dentelles? Hm – Dentelles – nun gute Nacht, lieber Balthasar – Dentelles – Den-tel-les-s-s-s. »Später,« schreibt Kaudel, »erfuhr ich zu meinem Schaden, weswegen sie mich nach dem französischen Worte gefragt hatte, denn am nächsten Morgen ging sie mit unserer Wirthin aus und kaufte einen Schleier, den sie zu Hause für das halbe Geld bekommen hätte.« Siebenundzwanzigste Predigt. Madame Kaudel kehrt in ihr Geburtsland zurück. Kaudels unmännliches Benehmen, indem er sich geweigert hatte, für seine Frau einige Kleinigkeiten zu schmuggeln. Der Himmel weiß wie selten es geschieht, daß ich Dich um etwas bitte, Kaudel ; wenn ich es aber wirklich einmal thue, dann kann ich mich auch darauf verlassen, daß es mir verweigert wird. Natürlich – ich bin ja Deine Frau. – Jeder andere Mann auf dem Boot konnte sich wie ein wirklicher Ehemann betragen, ich aber mußte sehen wie ich allein durch kam. Doch eine Närrin bin ich, daß ich mich noch darüber wundre, das sollt' ich wenigstens jetzt gewohnt sein, das ist nichts Neues mehr. Jeder andere ordentliche Mann konnte für seine Frau ein paar Kleinigkeiten durchschmuggeln, ich möchte aber eben so gut allein in der Welt stehen, das wäre gerade dasselbe. Nicht einmal ein elendes halbes Dutzend seidener Strümpfe wolltest Du für mich in Deinen Hut nehmen, während alle Andern in Spitzen und Gott weiß was ordentlich eingewickelt waren. Was ich mit seidenen Strümpfen wollte ? Aha! also dahin ist es gekommen. Es gab einmal eine Zeit, Kaudel , wo etwas auf meinen Fuß gehalten wurde, ja, und auf den Knöchel auch; wenn aber eine Frau erst einmal verheirathet ist, dann fällt das natürlich Alles weg – o versteht sich von selbst. Nein, ich bin kein Cherub, Kaudel , sage das nur nicht, ich weiß recht gut, was ich bin. Wenn es aber nur Mamsell Betsenberger gewesen wäre, für die hättest Du schon geschmuggelt, o mit dem größten Vergnügen; ja – der stehen auch seidene Strümpfe ganz vortrefflich, aber – Du wolltest, Mamsell Betsenberger wäre im Mond ? Nein, Kaudel , das ist Verstellung – das wünschest Du Dir nicht, das sagst Du nur so, da guckt Deine Heuchelei wieder durch. Sie wäre mir übrigens eine Person für den Mond – gerade die rechte; glänzender würde er auch nicht durch sie, so viel weiß ich. – Und wie betrugst Du Dich als Du merktest, daß mich die Zollbeamten anstarrten als wenn sie mich mit ihren Blicken durchbohren wollten? schändlich – unverzeihlich! Du wurdest roth und drehtest und wandtest Dich und sprangst von einem Bein auf's andere, als ob ich wirklich ein Schmuggler gewesen wäre. Das war ich auch ! und wenn ich es gewesen wäre, Du hättest der Letzte sein sollen, der sich so betrug. Du konntest Nichts dafür ? Puh – und Du nennst Dich einen Mann – einen Mann der Charakter und Willensstärke hat. Einer der Herren der Schöpfung – konnte Nichts dafür – Gott steh' mir bei. Ich mag aber thun was ich will um zu sparen – das ist immer mein Lohn. Ja, Kaudel , ich werde auf diese Art sparen, aber wie viel ? erfährst Du nicht von mir, ich kenne Deinen schmutzigen Geiz, Du wärst im Stande es mir nachher wieder vom Hausstandsgelde abzuziehen. Das geht Dich auch nichts an, woher ich all' das Geld habe, um so viele Sachen zu kaufen. Das Geld gehörte mir, und es ist auch nicht an Puddingen gespart; aber die Frau, die ihr Bischen am meisten zusammenhält, von der wird auch immer am wenigsten gehalten; nur die großen Damen, die werden geachtet und auf Händen getragen. Wenn ich Dich zu Grunde richtete, Kaudel , ja dann würdest Du anfangen mich zu schätzen. – O ich kenne Euch Männer. Ich will aber nicht schlafen. Du hast gut reden, kaum liegst Du im Bett, so schläfst und schnarchst Du wie eine Ratte, so kann ich aber nicht schlafen – mein Geist hält mich munter. Und das noch dazu heute Abend, wo ich mich wirklich so glücklich, so vergnügt und zufrieden fühle, da soll ich meinem Herzen nicht einmal mit ein paar Worten Luft machen. Nein, Kaudel. – Ich kamt nicht im Stillen denken . Wenn es aber nur diese Mamsell Betsenberger wäre, der könntest Du schon zuhören. Oh rede was Du willst, ich spreche doch, und nun gerade. Es kam mir überhaupt etwas mehr als sonderbar vor, daß sie auch auf dem Damm war wie das Boot landete. Die hat sich nach Dir den ganzen Morgen mit einem Teleskop umgesehen, das ist sicher; keck genug wär' sie dazu. Und wie sie feixte und grinste als sie mich kommen sah, und konnte nachher auch noch sagen: »wie fett ich geworden wäre« – unverschämtes Ding das – O ja, der wär' es recht gewesen, wenn sie mich visitirt hätten – darum lachte sie auch nur so. – Ich wollte aber, ich hätte zwei von meinen kleinen, lieben Mädchen mitgenommen; denke Dir nur wie viel Sachen ich um die hätte herumnähen können. Nein , ich brauche mich deshalb nicht zu schämen, Kaudel , ans unschuldigen Kindern Schmuggler zu machen; je unschuldiger sie aussahen, desto besser und vortheilhafter war das. Da kommst Du aber schon wieder mit Deinen Grundsätzen angestolzt, Grundsätze – als ob das nicht schon im Menschen läge, schmuggeln zu wollen. Das wird uns sicherlich angeboren. – Hübsch angeführt hab' ich sie aber heute, das muß wahr sein – Spitzen und Sammet und seidene Strümpfe und andere Sachen, ohne die Gläser und Karaffen. Nein, Kaudel , ich sah nicht so aus als ob mir eine Adresse mit einem daraufgemalten Glas Noth gethan hätte, damit mich die Leute nicht zerbrächen. Das ist wieder einer von Deinen Witzen wie Du sie nennst, die solltest Du aber für die aufbewahren die sich etwas daraus machten. Ich schenke sie Dir. Was ich überhaupt verdient habe ? Nein, Kaudel , das erfährst Du nicht, Du nicht. O ja – ich weiß recht gut, wie viel Geld es Dich gekostet hätte, wenn ich visitirt wäre, das wußt' ich aber schon daß sie das nicht sollten. Und Du wolltest nicht schmuggeln – o nein, Du hieltest das nicht der Mühe werth – o Du hast das Pulver erfunden, Kaudel , ha – ha – ha! Was ich zu lachen habe? Oh, Du weißt das nicht? so ein pfiffiger, scharfsichtiger Mann und weiß' das nicht? ha – ha – ha. – Nun gut, ich will es Dir sagen. Sieh', ich wußte im Voraus, wie ungefällig und häßlich Du immer gegen Deine arme Frau bist, da hab' ich Dich denn schmuggeln lassen, Du mochtest wollen oder nicht. Wie ? Wie Kaudel ? ha – ha – ha – wie Du im Kaffeehaus warest, nahm ich Deinen großen Ueberrock, und wenn ich nicht zehn Ellen vom besten Sammt unter das Futter genäht habe, so will ich eine schlechte Frau sein. Du hättest Dich nur sehen sollen, Kaudel , wie unschuldig Du aussahest, als die Zollbeamten immer um Dich herumgingen, o, Kaudel , das war ein wirklicher Genuß – nur Dein Gesicht zu sehen. Ein schändlicher Streich wär' das? einer Frau unwerth? ich könnte mir nicht viel aus Dir machen ? Als ob ich Dir das nicht schon dadurch bewiesen hätte, daß ich Dir zehn Ellen Sammet anvertraute. Du kannst aber sagen, was Du willst, ich habe das Geld gespart und auf Dank ist bei Dir so nie zu rechnen. Alles habe ich gerettet, Alles mit einander, nur die eine schöne englische Novelle, die nahmen sie mir ans der Hand und schnitten sie in lauter kleine winzige Stückchen. Das geschah mir recht ? So? und Du weißt wie selten ich mir ein Buch kaufe. Wenn ich aber in Frankreich ein Buch für den zehnten Theil von dem kaufen kann, was sie hier unverschämt genug sind dafür zu fordern, so – Und wenn sie's stehlen , das geht mich Nichts an, das ist ihre Sache. Als ob überhaupt in einem Buch etwas wäre das man stehlen könnte. Wann gehn wir denn jetzt wieder nach Hause, Kaudel ? Unsere Zeit ist noch nicht um ? und was thäte das? Selbst wenn wir unsere Wohnung eine Woche länger bezahlen müßten, was noch nicht einmal nöthig ist, könnten wir das indessen im eigenen Hause leicht wieder ersparen. Du bist aber ein so sonderbarer, eigenwilliger Mann, und Dein Haus ist der letzte Ort, an den Du denkst. Ich werde aber kein Auge mehr zuthun können; die Furcht daß unterdessen etwas daheim vorfällt, wird mich wach halten. In der letzten Woche sind allein drei Feuer gewesen und die hätten eben so gut bei uns sein können. Soviel ist ausgemacht, den Platz hier hätt' ich gerade satt genug, es ist auch kaum mehr möglich, Dich aus alle den Spielhäusern zu halten, Kaudel ; das wird ordentlich Leidenschaft bei Dir. Was für ein schönes Beispiel giebst Du nur dabei Deinen Kindern! Und wenn Du dann noch wenigstens etwas gewönnest, aber nein – im Leben nichts. – O doch – ja wohl – beinah' hätt' ich das ja vergessen – eine Nadelbüchse hast Du einmal gewonnen, die Du gleich an Ort und Stelle und vor meiner Nase dieser Mamsell Betsenberger schenktest. Schöne Aufführung das, für einen verheiratheten Mann, jungen Mädchen Geschenke zu machen, und solchen Mädchen noch dazu. Nadelbüchsen – als ob sie je eine Nadel in die Hand nähme. Wenn ich noch länger hier bleibe, so werde ich vor lauter Angst krank, so viel ist sicher. Kein Mensch im Hause daheim wie die Frau Henkel , und Gott weiß es, was das für ein Geschöpf im Wirthschaftführen ist. Erst in der letzten Nacht hat mir geträumt, ich sähe unsere Katze, die mager wie ein Gerippe herumginge, und der Kanarienvogel läge starr und steif im Bauer auf dem Rücken und streckte die kleinen Beinchen gerade hinaus. Nein, Kaudel , Du weißt daß ich mich nie wohler fühle als wenn ich zu Hause bin, und dennoch bist Du von hier nicht wegzubringen. Der eigene Herd, das ist mein Platz, und wenn es auf mich ankäme, nicht eine Stunde verließ' ich den. Wenn jetzt Diebe bei uns einbrächen, was könnte die Henkeln gegen sie machen? Also, nicht wahr, Kaudel , am nächsten Sonnabend fahren wir wieder nach Hause – nicht wahr? o wenn ich nur erst dort wäre! nicht wahr, am Sonnabend, Kaudel ? »Was ich geantwortet habe, weiß ich nicht mehr,« schreibt Kaudel , »am nächsten Sonnabend waren wir aber wieder an Bord des »Red Rover«. Achtundzwanzigste Predigt. Madame Kaudel ist wieder glücklich zu Hause eingetroffen; dort findet sie aber natürlich Alles in der »fürchterlichsten Unordnung« – »nicht zum Ansehen« – und Kaudel greift, in bloßer Selbstvertheidigung, zu einem Buch. Es ist doch schön, Kaudel , wenn man endlich einmal wieder in seinem eigenen Bette liegen kann. Heute Abend werd' ich herrlich schlafen. Gott sei Dank ! sagst Du? so? siehst Du, Kaudel , das war wieder eine von Deinen malitiösen Bemerkungen – ich weiß wohl was Du meinst. Aber natürlich darf ich nicht daran denken, mir es einmal bequem und angenehm zu machen, Gott bewahre, Du mußt gleich wieder dazwischen fahren und mit Deinen beleidigenden Reden umherwerfen. Wenn Du Dir etwas aus dem Hause machtest, so wärst Du nicht gleich wieder hinaus gelaufen als Du kaum erst den Fuß über die Schwelle gesetzt hattest. Sage nur ja nicht daß ich Dich wieder hinausgetrieben hätte, sobald wir drinnen gewesen wären; ich sprach nur von dem Schmutz und Staub, Du aber, Du würdest Dich in einem Ferkelstall wohl befinden – Reinlichkeit kommt bei Dir gar nicht in Betracht. Wie wir fortgingen, hätte ich wahrhaftig geglaubt dieser Henkeln ungezähltes Gold anvertrauen zu können, und jetzt sieh nur einmal den Teppich an. Ehe wir abreisten, war ein Tiger drinnen, aber Den möcht' ich kennen, der da noch einen Tiger herausfände. O ja – Du kannst im Bette liegen und den Tiger verwünschen, das stellt den Teppich aber nicht wieder her, sonst könntest Du meinetwegen fluchen bis morgen früh. Du konntest in aller Bequemlichkeit ausgehen und Deinen Klub besuchen, Du weißt aber nicht wie viel Fenster zerbrochen sind. Wie viel glaubst Du wohl? Nein, ich werd' es Dir nicht erst morgen früh sagen, heute – jetzt gleich sollst Du es wissen. Nach Margate gehen um seine Gesundheit herzustellen – ja, das glaub' ich wohl – aber meine ganze Gesundheit war in dem Augenblick fort, wo ich zum ersten Mal wieder in die Küche trat. Meiner guten Mutter Porzellankrug ist an zwei Stellen geborsten. Hinsetzen hätt' ich mich können und weinen wie ein Kind, als ich es sah. Den Krug hab' ich gekannt so lang ich denken kann. Ich hätte ihn einschließen sollen ? So – das ist Deine Theilnahme für Alles was mich angeht; ich wollte nur, es wäre Deine Punschbowle gewesen, aber Gott sei Dank, ich glaube, die hat auch einen Knacks bekommen. Und die Fenster – rathe einmal wie viel. Es ist Dir einerlei ? So? wenn sich Niemand weiter erkältete als Du, wäre auch kein großer Verlust bei der Sache; aber denke Dir nur, sechs Scheiben sind rein heraus und drei geborsten. Das weiß ich daß Du Nichts dafür kannst , aber bin ich etwa Schuld daran? Ei da möchte man ja sein Haus lieber nie im Leben wieder verlassen – und das will ich auch – ich will auch zu Hause bleiben und dann kannst Du allein an die Seeküste reisen und dort mit Mamsell Betsenberger herumspazieren. Höre, Kaudel , wenn Du das Kopfkissen auf eine so rohe, brutale Weise mit der Faust schlägst, so stehe ich auf. Es ist wahrhaftig höchst sonderbar daß ich den Namen der Person gar nicht mehr aussprechen darf, ohne daß Du mit dem Kopfkissen Streit anfängst. Es muß doch etwas au der Sache sein, sonst würdest Du nicht so herum fahren, ein schuldiges Gewissen braucht – nun Du weißt schon was ich sagen will. – Noch eine ganze Woche wollte sie draußen bleiben und auf einmal bekam sie einen Brief – o ja – wahrscheinlich bekam sie den Brief; natürlich. Und dann meinte sie, es würde ihr lieber sein in unserer Gesellschaft zu reisen als allein. Ja wohl – das verstand sich ja von selber – das paßte Alles so prächtig. Ich weiß aber was sie dachte, sie meinte, ich würde wieder krank, und unten in der Kajüte sein, doch trotz aller ihrer Schlauheit hatte sie sich dabei verrechnet, – so klug bin ich auch noch wie die. Ich war übrigens krank, recht krank, wenn Du es auch nicht bemerken wolltest, Kaudel ; o Du hast manchmal ein Herz so hart wie ein Holzapfel. Was sagst Du? Gute Nacht, Liebchen ? ja wohl – Du kannst sehr zärtlich sein – sehr; wie alle Männer, wenn es ihren Zwecken zusagt. Wie kann ich aber schlafen, wenn ich den ganzen Kopf voll Haussorgen habe? Die Kaminvorsetzer erholen sich im Leben nicht wieder. Die Messer habe ich noch nicht gezählt, aber daß die Hälfte fehlt, darauf bin ich vorbereitet. Nein, Kaudel , ich glaube nicht immer das Schlimmste und quäle mich auch nicht stets vor der Zeit mit unnützen Sorgen, das ist aber mein Dank daß ich mich um das Deinige bekümmere und mir die Sache zu Herzen nehme. Eine schlechte Frau will ich sein wenn in den Gardinen nicht Spinnen sitzen wie die Muskatnüsse groß. Keinen Besen hat der ganze Platz gesehen seit ich fort bin. Ob ich aber im Haus nicht Alles oberst zu unterst kehre, wenn ich morgen früh aufstehe, das wollen wir einmal erleben. Nach meinem Eingemachten zu sehen hab' ich noch nicht einmal das Herz gehabt, denn wenn die Thür auch verschlossen war, so bin ich doch fest überzeugt daß sie mir darüber gewesen sind. Ja wohl, Du kannst jetzt in Deinem Bette das Eingemachte und die Gurken verwünschen und vermaledeien, sonst aber macht kein Mensch größeren Spektakel darum, sobald sie nur einmal auf dem Tische fehlen. – Ich hoffe übrigens zu Gott daß sie auch im Weinkeller gewesen sind, damit Du doch wenigstens erfährst wie mir zu Muthe ist. Und die arme Katze – Was? Du hassest Katzen? Ja wohl – natürlich, weil es mein Liebling ist, darum hassest Du sie. Wenn die Katze nur reden könnte. Das ist gar nicht nöthig? Nöthig? was meinst Du damit, Kaudel ? – Wenn die Katze nur reden könnte, sag' ich, die würde es erzählen wie sie betrogen ist. – Das arme Ding das. Ich weiß freilich wo all' das Geld hingekommen ist, das ich für ihre Milch zurückgelassen habe; ich weiß es. Was hast Du denn da, Kaudel ? ein Buch? was? Wenn ich Dich nicht schlafen lasse, willst Du wenigstens lesen? Nun das ist noch schöner, wenn das nicht eine Frau aus den Tod beleidigen heißt – Bücher mit in's Bett zu nehmen. Da möcht' ich denn doch wissen was die Ehe eigentlich ist – Aber Du darfst nicht lesen, Kaudel , darauf kannst Du Dich verlassen – nicht so lange ich die Kräfte habe aufzustehen und das Licht auszublasen. So behandelst Du also Deine Frau? o ja, um das was in Büchern steht, darum kümmerst Du Dich, für das aber, was um Dich herum vorgeht und Dich interessiren sollte, da hast Du ein Herz wie ein Stein. Ich möchte nur wissen was es für ein Buch ist. Was? Milton's verlorenes Paradies? Das hab' ich mir doch gedacht, daß es irgend so ein Wisch wäre den Du vorgesucht hast, um mich zu kränken und zu beleidigen. Ein schönes Buch um im Bett darin zu lesen; und ein recht respektabler Mann war der auch, der es geschrieben hat. Was ich von dem weiß? Mehr als Du glaubst. Ein prächtiger Mensch das, o ja, mit seinen sechs Weibern. Er hatte keine sechse, nur drei ? Nun, und ist da ein Unterschied? Aber natürlich mußt Du ja seine Partei nehmen. Die armen Frauen mögen es schrecklich genug bei ihm gehabt haben. Uebrigens, Kaudel , scheint es mir fast, als ob Du seinem Beispiel folgen wolltest, sonst würdest Du doch nicht seine Schriften – Drei Weiber – um Gottes willen ? Nun höre, Kaudel , wenn da Jemand »um Gotteswillen« zu sagen hätte, so wären es immer erst noch die Frauen. Du solltest mir aber kommen und mich so behandeln, wie der die behandelt hat. Du solltest mir kommen. – Dichter – ja wohl – ein Gesetz sollte gegeben werden, daß keine von denen andere Frauen haben dürften, als auf dem Papier. Der liebe Gott sei den armen Kreaturen gnädig, die sich ihr ganzes Lebenlang an solche Gesellen binden. Es geht ihnen wie den Motten mit einem Licht – Apropos – bei den Lichtern fällt mir ein, daß die Lampe im Vorsaal total ruinirt ist. Aber das – Hörst Du mich, Kaudel ? Kaudel ! willst Du nicht antworten? Und weißt Du denn wo Du bist, Kaudel? Was? Im Garten von Eden ? Bist Du? so? bann will ich Dir nur sagen daß Du dort zu solcher Zeit, in der Nacht, gar Nichts zu suchen hast. »Und damit,« schreibt Kaudel , »kletterte sie ans dem Bett und löschte mein Licht aus.« Neunundzwanzigste Predigt. Madame Kaudel glaubt daß es an der Zeit sei, sich, wie »andere Leute« ein eigenes Landhäuschen anzuschaffen. Du hättest Dich heute Abend eigentlich ein Bischen pflegen sollen, Kaudel – Du bist nicht recht wohl, ich habe es Dir gleich angesehen. – Wie, Kaudelchen ? Ja, so seid Ihr Männer – trotzig und starrköpfig. – Nie soll ihnen was fehlen – ich sehe das aber gleich, Kaudel , ich habe ein merkwürdig scharfes Auge für so etwas. Eine Frau die etwas auf ihren Mann hält, muß das auch haben, es ist ihre Schuldigkeit. Wie Talg hast Du die ganze Woche lang ausgesehen, und was noch schlimmer ist, Du ißt gar Nichts – Du hast keinen Appetit mehr. – Ordentlich melancholisch macht es mich, wenn ich Dich vor dem Fleische sitzen sehe. Bei Tisch, wenn die Kinder dabei sind, sage ich natürlich Nichts, aber glaube ja nicht, daß ich deßhalb weniger fühle. Nein, Kaudel , Du bist nicht recht wohl – O – versündige Dich nicht, Balthasar . Du wärst so gesund wie ein Fisch ? betrüge Dich nur nicht selber, Kaudel . Die Krankheiten, die man nicht selbst erkennt, sind ja gerade die gefährlichsten. Nein – Du ißt auch nicht so viel wie früher und wenn Du es wirklich thätest, so geschieht es nicht mit dem früheren Behagen, mit dem früheren Appetit – darin kann ich mich nicht täuschen. Ich weiß aber was Dich so ungesund macht; das eingeschlossene Leben im Hause hier, die ungesunde Luft die Du athmest, das ist es – der Stadtrauch und Staub, das ist's, was Dir am Körper frißt. Es frißt Nichts an Deinem Körper ? O, Kaudel , Du weißt recht gut, wie ich es meine – ich kenne aber Deine alte Entschuldigung – die Luft wäre Dir noch nie schlecht vorgekommen. Nein, bis jetzt vielleicht nicht, das geb' ich zu; wenn Leute aber älter werden und wenn ihr Handel und Gewerbe gut geht – – und ich dächte doch, Kaudel , Du hättest Dich da über Nichts zu beklagen, – so ist ihnen die Stadtluft nie mehr so zuträglich wie früher. Empfänglichkeit für Krankheiten kommt mit dem Geld. Gott, was für ein rothes Gesicht Du hattest, als Dir kein Pfennig in der Tasche klimperte, und sieh Dich jetzt an, bleich wie eine Wachspuppe siehst Du aus. Dreißig Jahre würde es Dir aber am Leben nützen, und denke nur welch ein Segen das für mich sein müßte; – nicht etwa als ob ich den dritten Theil erleben sollte, nein wahrhaftig. Dreißig Jahre, Kaudel , – wenn Du Dir so eilt kleines niedliches Häuschen bei Brixton – Du hassest Brixton ? Ja, Kaudel , das sieht Dir ganz ähnlich – einen wirklich nobeln Platz kannst Du nicht ausstehen. Aber Brixton und Balaam-Hill haben für mich etwas unaussprechlich Anziehendes – so etwas Auserwähltes. Dort besucht kein Mensch den Andern, ausgenommen er wäre auch wirklich etwas. Die schönen Kirchsitze gar nicht zu erwähnen, die einem Gotteshaus ein so anständiges Aussehen geben. Uebrigens mache das wie Du willst. Wenn Du Brixton nicht leiden magst, was hältst Du dann von Clapham-Common ? wie? – Oh – das ist wieder eine von Deinen Fabeln, sage nur nicht, daß Du dort wie ein Robinson Crusoe mit Weib und Kindern allein gelassen würdest, weil Du Detailhändler wärest. Was? Die Engroshändler besuchen da draußen nie die Detailhändler ? da guckt Dein alter Menschenhaß wieder durch, Kaudel , ich glaube kein Wort davon. Aber wenn es auch wäre, so sehe ich darin immer noch nichts so Erschreckliches. Es ist nothwendig, daß man etwas aus seinen Stand hält, wozu existirte denn diese Welt sonst eigentlich; und wenn sich ein Seifenhändler höher hält als ein Lichterzieher, so finde ich das ganz natürlich; es ist nur der selbstgefühlte Werth. Was sagst Du? Die Aristokratie des Fettes wäre es ? Ach, Kaudel , Du hast immer Deine boshaften Bemerkungen; aber wenn Du von Clapham-Common nichts wissen willst, was sagst Du denn da zu Hornsey ? Zu hoch ? Was Du für ein Mann bist. Nun – zu Battersea ? Zu flach ? Du könntest eine Heilige ärgern, das mußt Du doch wenigstens eingestehen, Kaudel. Hampstead denn – Zu kalt ? Unsinn, Deine Nerven würden wieder gesund und straff wie eine Trommel werden, und das fehlt Dir gerade. Du verdienst aber gar nicht, daß sich noch Jemand um Deine Gesundheit bekümmert und ebensowenig um Deine Bequemlichkeit. Bei Fulham soll es wunderhübsche Plätze geben. – Nein, Kaudel , nicht ein Wort laß ich Dich gegen Fulham sagen. Das muß ein herrlicher Fleck und trocken, gesund und angenehm sein, sonst würde gewiß kein Bischof dort wohnen. Komm' mir jetzt nicht mit Deinen heidnischen Grundsätzen, Kaudel , ich will sie nicht hören, und so viel weiß ich, mit dem was für einen Bischof gut genug ist, könntest Du ebenfalls zufrieden sein; die Ideen, die Du aber in dem Klub aufliesest, die sind erschrecklich. Nein, Dich so von Bischöfen reden zu hören; ich hoffe nur zu Gott daß Dir, der lieben Kinder wegen, kein Unglück geschieht. Ein hübsches Hauschen und ein Gärtchen dazu. O, Kaudel , ich bin für einen Garten geboren. Es ist etwas in einem Garten, das einen wieder so jung, so unschuldig macht; das Herz thut sich mir ordentlich auf, wenn ich Rosen sehe. Und was wir für schönen Johannisbeerwein da draußen machen könnten. Und dann Radieschen; kaufe sie so frisch wie Du willst, es sind doch keine so gut wie die eigenen, sie schmecken zehnmal so süß – was? Und sind zwanzigmal so theuer ? Siehst Du, da fängst Du schon wieder an; ich darf mir auf der weiten Gotteswelt Nichts wünschen, so hältst Du mir die Ausgaben unter die Nase. – Nein, Kaudel , ich würde es nicht schon in einem Monat wieder satt bekommen; ich sage Dir ja, ich bin für das Landleben erschaffen, aber hier hast Du mich festgehalten, hier in der Stadt, daß ich kaum noch weiß aus was Gras gemacht wird; und hast Dich um meine Gesundheit nicht so viel gekümmert. Große Stücken mußt Du auf Deine Frau und Kinder halten, daß Du sie hier in Sonnenhitze und Schornsteinqualm durchräuchern läßt, als ob sie Speck wären. – Ich kann es ordentlich sehen wie es die Kinder im Wachsthum hindert – Zwerge werden das, richtige Zwerge, und Niemand Anderem als ihrem Vater sind sie nachher dafür verpflichtet – Oh ich weiß was Du denkst, Kaudel . Ich wüßte es nicht ? und ich sage Dir, ich weiß es; hättest Du aber das Herz eines Vaters, Du würdest ihre lieben bleichen Gesichterchen nicht mit einer solchen unerträglichen Gleichgültigkeit ansehen können. Der arme kleine Richard ißt gar nichts mehr. Was? Er hätte sechs Stücke Fleisch heute Mittag verzehrt ? Ein schöner Vater mußt Du sein, daß Du ihnen die Bissen zählst, die sie in den Mund stecken. Das bleibt sich aber gleich. Du solltest nur sehen was das arme Kind essen würde, wenn es ordentlich gesund wäre. – Und wie gut, wie bequem könnten wir es da draußen haben; so geht es aber jedesmal; mit mir willst und kannst Du Dich nicht wohl fühlen. Wie frisch und kräftig Du jeden Morgen in Dein Geschäft gehen könntest, und welche Lust das für mich sein würde, Dir eine Rose oder Tulpe ins Knopfloch zu stecken, um Dich gewissermaßen als Landmann heraus zu putzen. Du bist aber nie wie andere Männer, Kaudel , – nie im Leben. – Ich weiß übrigens weshalb Du nicht aus der Stadt willst – ich weiß es recht gut. Du denkst, Du könntest dann nicht mehr in Deinen widerlichen Klub gehen, Du müßtest ordentlich zu Hause bleiben, wie es andere anständige Männer machen, die sich unter ihrem eigenen Apfelbaum und im Kreise ihrer eigenen Familie ergötzen. Dort hätt' ich auch nichts gegen Dein Rauchen, Kaudel ; in freier Luft könntest Du den ganzen Tag die Pfeife im Mund haben, wenn das Dich glücklich machte, denn ich will ja doch weiter gar Nichts auf der Welt, als nur Dich wohl und zufrieden sehen. Du bist aber gar nicht wie andere Männer. Du redest ja gar nicht, Kaudelchen – sag', soll ich mich morgen nach einem Hause umsehen? wie? es ist doch ein verlorner Tag für mich, da ich überdies ausgehen will, um der Kleinsten Ohrlöcher stechen zu lassen. Du willst nicht haben, daß ihr Ohrlöcher gestochen werden ? Nun jetzt möcht' ich doch wissen, warum. Weil es eine barbarische Gewohnheit ist ? Oh, Kaudel , Du hast gar Nichts mehr in dieser Welt zu suchen – je eher Du fortgehst und in irgend eine Wüste oder Höhle hineinkriechst, desto besser. Du wirst ganz untauglich für christliche Gesellschaft. Jetzt bin ich nur neugierig, was nun noch kommt. Meine Ohren sind durchstochen und – was? Deine auch ? o ich weiß was Du damit meinst, Kaudel , aber Deine schnöden Bemerkungen helfen Dir Nichts. Meine Ohren waren durchstochen und meiner guten Mutter Ohren und Großmutters und Urgroß – was? Das wäre weit genug ? Höre, Kaudel , das ist eine allbekannte Sache, daß Du Dir aus meiner Familie nie etwas machst – ja, wenn sie zu Deinem Klub gehörten; aber ich weiß, daß unter denen wenigstens keine Barbaren existirten, nein, Kaudel , in meiner Familie ebenso wenig, wie in der Deinigen und darum sehe ich auch nicht ein, weßhalb Pussy's Ohren nicht so gut durchstochen werden sollten, wie die ihrer Schwestern. Die tragen doch Ohrringe und Du hast früher nie ein Wort dagegen gesagt. Du bist jetzt klüger geworden ? Ja wohl – da steckt wieder Deine erbärmliche Politik dahinter. Wenn's auf Dich ankäme, thätest Du die ganze Welt in einen Würfelbecher, nicht etwa als ob Du Dir etwas Besonderes aus ihr machtest, nein, sondern nur, um einen besseren Wurf für Dich selbst zu kriegen. Ich würde ganz poetisch ? Nein, Kaudel , ich werde nicht poetisch, aber Pussy muß Ohrlöcher bekommen, und wenn Du Dich auf den Kopf stelltest. Ich sollte doch denken, daß sie eines Tages eben so gut einen Mann haben will als ihre Schwestern, und den möcht' ich kennen, der jetzt noch ein junges Mädchen ansieht, das keine Ringe in den Ohren trägt. Wenn Du die Welt kenntest, so würdest Du auch wissen was ein hübsches Paar Ohrringe manchmal für Folgen hat – besonders Diamanten, wenn man sie bekommen kann. Ich weiß aber jetzt schon weshalb Du keine Ohrringe leiden kannst – Mamsell Betsenberger trägt auch keine. Sie thät' es aber, so viel weiß ich, wenn sie nur welche bekommen könnte. O ja – es giebt weiter Niemanden auf der Welt als Mamsell Betsenberger – Nun sei nur ruhig, Kaudel , ich will auch jetzt kein Wort mehr von Pussy's Ohren sagen; darüber können wir reden wenn Du einmal vernünftig bist, denn der liebe Gott weiß es, ich wäre die Letzte, die Dich ärgern sollte – Also um wieder auf unser Landhaus zurückzukommen, nicht wahr, lieber Balthasar ? Was? Es liegt zu weit vom Geschäft ? Es braucht aber nicht weit zu liegen, Kaudelchen ; wir können es uns ja gerade in einer passenden Entfernung aussuchen, daß Du, wenn Du auch einmal spät nach Hause kommst, doch immer um elf Uhr Dein Abendessen gehabt haben und ruhig in Deinem Bett liegen kannst. Nun, liebes Kaudelchen ? »Ich weiß nicht was ich antwortete,« schreibt Kaudel , »nach kaum vierzehn Tagen fand ich mich aber in einer Art grünem Vogelbauer wieder, den mein Weib – zarter Satirist – unter jeder Bedingung »Taubennest« genannt haben wollte.« Dreißigste Predigt. Madame Kaudel beklagt sich über das »Taubennest«. Entdeckt schwarze Käfer. – Hält es nicht mehr als recht, daß sich Kaudel ebenfalls eine Kutsche und einen Bedienten anschaffen sollte, und will ein »Goldband und Stulpenstiefeln« haben. Nein, Kaudel , in Deinem Leben hättest Du mich nicht in diese Wildniß gebracht, wenn ich vorher gewußt hätte wie es hier zugeht – So? wirf mir auch jetzt noch vor, es wäre meine eigene Wahl gewesen. Das ist wohl ein männliches Betragen? Als ich zuerst hierher kam, schien die Sonne und es sah Alles wunderschön aus; jetzt hat sich das aber schrecklich geändert. Nein, Kaudel – ich will nicht, daß Du über die Sonne befehlen sollst – ganz und gar nicht; wenn Du aber auf solch entsetzliche Art über Josua an zu spotten fängst, so steh' ich auf. Daß Du nichts in der Sonne zu befehlen hast, Kaudel , weiß ich recht gut, was hat das aber hiermit zu thun? ich rede von einer Sache, und Du fängst von einer anderen an. So machst Du's jedesmal. So viel weiß ich, eine Frau könnte gerade so gut im Grabe liegen, als hier wohnen. Mir ist es überhaupt als wenn ich lebendig begraben wäre; ich fühle es ordentlich. – Drei lange Stunden habe ich heute am Fenster gestanden und keinen lebendigen Menschen gesehen wie den Briefträger, der nicht einmal zu uns kam. Nein, es ist nicht schade, Kaudel , daß ich nichts Besseres zu thun hatte – genug hatt' ich; aber das ist meine Sorge und ich sollte doch wenigstens denken, ich wäre Herrin in meinem eigenen Hause, sonst möchte ich lieber hinaus gehen. Und den ersten Abend wo wir hier waren, hatten wir die ganze Küche voll schwarzer Käfer. Eine Lügnerin will ich sein wenn es nicht aussah, als ob der ganze Platz von ihnen bedeckt wäre – es wimmelte Alles. Was hustest Du denn, Kaudel ? ich sehe hier gar Nichts zu husten. So machst Du's aber immer; im Dunkeln, wenn Du nicht die Nase rümpfen kannst, hustest Du. – Millionen von schwarzen Käfern; und wie die Glocke acht schlägt, marschiren sie heraus. Sie sind sehr pünktlich ? Das weiß ich, und ich wollte nur, andere Leute wären halb so pünktlich wie die, es würde anderen Leuten viel Aerger und wieder anderen viel Geld ersparen. Du weißt aber daß ich die Käfer hasse. Nein, Kaudel, ich hasse nicht so viele Sachen , aber ich hasse schwarze Käfer, Kaudel , und ich hasse schlechte Behandlung; jetzt aber habe ich genug von beiden – dem Himmel sei's geklagt. – Gestern Abend kamen sie in's Besuchzimmer und nächstens werden sie natürlich auch bis in die Betten kriechen. Regimenter von ihnen seh' ich schon hier auf den Decken herumlaufen. Was machst Du Dir aber daraus; Du weißt nur daß es mich kränkt, und damit bist Du zufrieden. Recht angenehm das – schwarze Käfer im Bette zu haben. Warum ich sie nicht vergifte ? Das wäre noch schöner, Gift in's Haus zu stellen; Du mußt viel von Deinen Kindern halten. Ein wunderschöner Platz ist dies auch, um Taubennest zu heißen – Käferloch wäre besser. Ich hätte ihn selbst getauft ? das weiß ich, damals wußte ich aber noch Nichts von schwarzen Käfern. Ueberdies sind solche Namen nur für die Leute außer dem Hause, ohne daß ich damit jedoch sagen will, daß überhaupt Jemand hier vorbeikäme das unsrige anzusehen. Hat Madame Digby zum Beispiel nicht darauf bestanden ihr neues Haus »Liebe im Stillleben« zu nennen und weiß nicht trotzdem Jedermann, daß der Lump, der Digby , seine Frau fast alle Tage mißhandelt? Aber leider ahnen die Leute die draußen »Rosenhütte« lesen, selten, wie viel Dornen inwendig sind. Nein, Kaudel, ich werde nicht sentimental werden . Du brauchst keine Angst zu haben, aber in dieser Welt sind Namen manchmal die Hauptsache; und das brauch' ich Dir doch nicht zu sagen. Wieder der Husten – Du hast Dich erkältet, Kaudel , das wird Dir aber in einem fort so gehen, denn Du wirst regelmäßig den Omnibus verfehlen wie am Dienstag, und dann regelmäßig naß werden. Das kann keine Constitution aushalten und Du weißt gar nicht wie mir am Dienstag zu Muthe war, als ich es so gießen hörte und glauben mußte, Du könntest in dem Regen sein. Was? Ich bin sehr gütig ? Das ist wenigstens mein Bestreben, Kaudel , ich wünsche es zu sein. Sieh' also, Balthasar , da hab' ich mir denn die Sachen so überlegt, ob es nicht besser und vortheilhafter wäre, wenn wir eine kleine Chaise halten könnten. Du kannst und willst das nicht ? Sage das nur nicht, Du wirst sogar Geld dabei sparen. Ich habe so für mich nachgerechnet, was Du monatlich an Omnibusse bezahlst und bin überzeugt, Du kommst – das Anständige und Gentile der Sache selbst gar nicht zu erwähnen, – noch besser und billiger dabei weg, als so. Und wie oft konnte ich dann selbst mit Dir in die Stadt fahren oder Dich gar, wenn Du einmal ein Bischen länger im Klub bleiben wolltest, dort abholen. Siehst Du, Kaudel , jetzt mußt Du manchmal machen daß Du nur fortkommst, wo Du, wenn Du eigenes Fuhrwerk hättest, bleiben und Dich vergnügen könntest. Und nach Deiner Arbeit brauchst Du auch wirklich eine Erholung, ich kann ja doch nicht verlangen, daß Du immer gleich zu mir nach Hause laufen sollst. Das thu' ich auch nicht, nicht wahr, Kaudel ? – So eine hübsche, nette, elegante Chaise. Was? Du willst sehen? o ich weiß, Du bist immer ein braver, herziger Mann gewesen und Du glaubst gar nicht, wie glücklich es mich machen wird, wenn Du nicht mehr von den Omnibussen abhängen mußt. So eine kleine hübsche Chaise denn, mit dem Wappen auswendig am Schlag bemalt. Was? Wappen wären Unsinn und Du wüßtest gar nicht ob Du eins hättest? Unsinn? gewiß hast Du eins und im schlimmsten Falle wäre das doch immer schnell genug für Geld zu bekommen. Ich möchte wissen wo Kalkbergs , des Milchverkäufers, Wappen hergekommen wäre, wenn er es nicht gekauft hätte, und auf dem Platze sind doch auch wohl noch mehr zu haben. Früher fuhr er auf einem grünen Karren und jetzt hat er eine große gelbe Kutsche mit zwei mächtigen Katzen im Wappen, die an den Schlägen – mit einer ganzen Menge Lateinisch d'runter – aufgerichtet stehen und aussehen, als ob sie ihre Bärte eben in Milch getunkt hätten. Du magst die Chaise kaufen, Kaudel , wenn es Dir Spaß macht, aber mich kriegst Du nicht hinein, außer die Wappen sind draußen d'ran, das weiß ich. Nein – nie! Ich sollte doch denken, was die Kalkbergs sind, sind wir auch. – Wenn Du übrigens kein Wappen hast, so habe ich eins, und das der Frau ist eben so gut wie das des Mannes. Morgen werd' ich an meine gute Mutter schreiben und sie einmal fragen, was wir gleich darin führten – wie? weißt Du es nicht? Ein Mangelholz und ein Reibeisen? Kaudel , Du legst es ordentlich darauf an, meine Familie zu beleidigen, wo Du nur Gelegenheit dazu bekommst. Heute Abend sollst Du mir aber meine gute Laune nicht verderben; wenn Du übrigens nur diese Mamsell Betsenberger geheirathet hättest, dann würdest Du auch bald genug ein Wappen gefunden haben; daran zweifle ich gar nicht. Gut – ich will ruhig sein, und der »jungen Dame« Namen nicht mehr erwähnen, eine hübsche Dame ist es übrigens, und ich möchte nur wissen wie viel sie – gut, gut, Kaudel , ich habe Dir ja gesagt daß ich sie nicht mehr erwähnen will, und doch wirfst Du Dich umher, als wenn Dir das Bett zu enge würde. Also die Chaise und das Familienwappen d'ran; dann brauchen die Kalkbergs nachher die Nase nicht mehr zu rümpfen, unser Landhaus ist ebenfalls so gut wie ihres, und wenn sie's auch das »kleine Paradies« nennen, so bin ich doch fest überzeugt, sie haben gerade so viel Käfer drinnen als wir, und vielleicht noch mehr. Der Platz sieht just so aus, als ob sie dort gedeihen müßten. Chaise und Wappen und – nicht wahr, Kaudelchen , das kostet nicht viel, fast gar Nichts, Sonntag um Johannes Hut ein Goldband zu nähen, wie? Nein, Kaudel – ich will keine vollständige Livree , wenigstens jetzt noch nicht, obgleich ich gehört habe, daß Kalkbergs Kutscher Sonntags aussieht wie eine Stechfliege, und gerade nicht begreife, warum wir unseren Johann nicht eben so aufputzen könnten wie die. Doch das bei Seite, ich will mit einem Goldband und Stulpenstiefeln zufrieden sein und – Nein, Kaudel – ich würde nicht nächstens gleich Aufschläge und Tressen wollen, gewiß nicht, aber ein Goldband auf jeden Fall. Was? Du willst es nicht und ich wüßte es? O ja, Kaudel , das ist so eine von Deinen Ideen. Du magst keine Livreen leiden, und jeder Andere wäre froh, wenn er sie nur anschaffen könnte. Ich sollte überhaupt denken, daß man seine Tisch- und Betttücher und sein anderes Leinen zeichnen kann, wie man will, nicht wahr, Kaudel ? Nun, wenn ich mir also einen Bedienten halte, warum soll ich den denn nicht ebenfalls zeichnen dürfen wie ich will? Was ist da für ein Unterschied? keiner – keiner wenigstens den ich sehen könnte. »Ich versprach ihr endlich,« schreibt Kaudel , »ein Kabriolet anzuschaffen, Johann ging aber ohne Goldband und Stulpenstiefel. Einunddreißigste Predigt. Madame Kaudel beklagt sich bitterlich, daß Kaudel ihr »Vertrauen« gemißbraucht habe. Nun Kaudel , so viel sag' ich – Dir erzähl' ich Nichts wieder, darauf kannst Du Dich verlassen. Mach' nur keinen Spektakel, ich will gar nicht, daß Du leidenschaftlich werden sollst, so viel sag' ich Dir aber: nie im Leben erfährst Du wieder eine Sylbe von mir. Das ist gewiß. – Nein – wenn Mann und Frau nicht eins sein können, dann hört Alles auf. Oh, Du weißt recht gut was ich meine, Kaudel – Du hast mein Vertrauen aber auf eine wirklich schändliche, unverzeihliche Art und Weise mißbraucht und ich könnte Dir das noch fünfzig Mal wiederholen und immer wieder vorwerfen. Nie werd' ich mit Dir wieder auf den alten Fuß kommen, auf dem wir bisher gestanden haben – nie, und der kleine Zauber – es war freilich nicht viel – der bis jetzt noch das eheliche Leben umgeben hat, ist fort – für immer fort. Ja – der Mehlthau ist heruntergewischt von der Pflaume, ganz herunter. Sei nur nicht noch solch ein Heuchler, Kaudel – frage mich nur nicht noch: »was ich meine?« Madame Badekraut ist hier gewesen und zwar mehr in der Gestalt des bösen Feindes als in der einer ordentlichen anständigen Frau und – ich zittere noch, wenn ich daran denke – Du kennst meine Nerven – ja, Kaudel , ich hatte Nerven, als ich Dich heirathete, und ich sollte denken, sie wären seit der Zeit auf die Probe gestellt worden. Nun Du hast das wenigstens zu verantworten. Die Badekraut's wollen sich scheiden lassen, sie nimmt die Mädchen und er die Knaben und das Alles blos Deinetwegen. Wie Du Deinen Kopf ruhig auf das Kissen legen und an Einschlafen denken kannst, ist mir ein Räthsel. Was Du gethan hast? Nein, Kaudel , daß Du die Frage noch an mich zu stellen wagst, das setzt der ganzen Sache die Krone auf. Gethan? Mein Vertrauen hast Du gemißbraucht. – Meine vertrauensvolle Zärtlichkeit, mit der ich mich als Frau und Gattin zu Dir hinneigte (Thörin die ich war), hast Du benutzt und jetzt dadurch ein glückliches Paar für immer getrennt. Nein, ich schwatze nicht in den Wolken, Kaudel , ich rede in Deinem Bett, und das ist gerade mein Unglück. Ja, Kaudel , ich werde mich im Bett aufrichten wenn es mir beliebt, und ich denke gar nicht daran einzuschlafen, bis ich über die ganze Sache eine Erklärung habe, denn Madame Badekraut soll diese Ehescheidung nicht vor meine Thüre legen, so viel weiß ich. Du wirst doch nicht leugnen daß Du gestern Abend im Klub warest? Nein, Kaudel , so schlimm Du bist – (und wenn Du auch mein Mann bist, so kann ich Dich doch deßhalb nicht für einen guten Mann halten, ich versuche zwar mein Bestes es zu thun, es geht aber doch nicht) – so schlimm Du bist, so kannst Du doch nicht leugnen daß Du im Klub warest. Wie? Du leugnest es auch nicht? Da sag' ich eben – das kannst Du auch nicht – jetzt beantworte mir also diese eine Frage: Was hast Du, vor der ganzen Welt da, über Badekraut's Backenbart gesagt? Hier ist gar Nichts zu lachen, Kaudel , – wenn Du die arme Frau heute gesehen hättest, so müßtest Du ein kieselsteinernes Herz haben, um lachen zu können. Was hast Du von seinem Backenbart gesagt? frag' ich Dich. Hast Du nicht allen Leuten dort erzählt, er färbte ihn? Hast Du nicht das Licht an ihn gehalten um, wie Du sagtest, »den Schimmer zu zeigen?« Ja wohl hast Du? Nun siehst Du –, aber die Leute, die in den Wirthshäusern ihre Witze reißen, kehren sich nicht daran, wenn auch die Herzen bei der Gelegenheit mit entzwei gehen. Badekraut ist wie ein Dämon nach Hause gekommen, hat seine Frau ein »schlechtes Weib« genannt, geschworen nie wieder mit ihr zu Bette zu gehen und, um ihr zu beweisen daß er Ernst mache, die ganze Nacht auf dem Sopha geschlafen. Er sagt, das wäre das theuerste Geheimnis; seines Lebens gewesen und sie hätte es mir, und ich Dir wieder erzählt und so wäre es jetzt an das Tageslicht gekommen. Was sagst Du? Badekraut hätte Recht? ich hätte es Dir erzählt? Das weiß ich, die arme Badekraut vertraute mir das aber neulich nur und ein paar Freundinnen an, als wir ganz vergnügt bei einer Tasse Thee zusammen saßen, und wo sie gerade zufällig darauf zu sprechen kam, wie lange ihr Mann jeden Morgen bei seinem Backenbarte säße; die gute Frau glaubte ja doch wahrhaftig nicht daß das je weiter erzählt würde. Wie? Dann hätte ich auch kein Recht gehabt Dir etwas davon zu sagen? Also das ist der Dank für das Vertrauen das ich Dir bewiesen habe; so werde ich dafür belohnt. – – Und die arme Badekraut – trotz ihrer Heftigkeit that sie mir doch wie sie fort war leid, recht von Herzen that sie mir leid. Was sagst Du? Es wäre ihr Recht geschehen? sie hätte den Mund halten sollen? Ja wohl – das ist die Art wie Du Deine Tyrannei immer ausüben willst; wenn es auf Dich ankäme, so brächten die armen Frauen ihre Lippen nie von einander. Was? — — — — — — — — — — — — — — — — — — O ja – das ist eine sehr hübsche Rede – sehr hübsch, und die Frauen sollten sich deßhalb vielmals bei Dir bedanken; aber kein wahres Wort ist drinnen, nicht die Probe. Nein, Kaudel , wir Frauen kommen nicht zusammen um an unseren Männern kein gutes Haar zulassen, wie kleine Kinder, die ihre Puppen ausschneiden und ausnehmen. Das sind Deine alten Redensarten, ich weiß aber daß Du gerade der letzte sein solltest, der so etwas von seiner Frau dächte. Natürlich hör' ich viel von anderen Männern, ich kann mir aber doch die Ohren nicht zuhalten, wenn ich's auch manchmal gern thäte; nie sag' ich jedoch ein einziges Wort von Dir – nie im Leben; und wer hätte wohl die meiste Ursache dazu? Nun, Du wirst es wohl gut genug wissen, denn jemand Anderes weiß es ebenfalls. Da sitze ich aber, still wie das Grab und sage kein Wort; nur in der Brust trag' ich's, Kaudel , auf dem Herzen liegt es mir schwer, sehr schwer, da soll es jedoch auch mit mir begraben werden. Heraus kommt es nicht. Ich weiß übrigens was Du von den Frauen denkst. Ich horchte einmal zu, wie Du Dich mit dem Mosje Betsenberger unterhieltest und keine Ahnung hattest, ich hörte jedes Wort was Du sprachst – wenn Du auch damals nicht mehr viel von Dir selber wußtest. »Lieber Betsenberger ,« sagtest Du, »wenn ein paar Frauen mit einander an zu plaudern und schwatzen fangen, so klatschen sie alle Fehler ihrer Eheherrn« – schöner Herr der Du bist – »alle Fehler in einen großen Klumpen zusammen, wie es die Kinder mit ihren Kuchen und Aepfeln machen, um ein ordentliches Fest davon zu feiern« – eh? Du erinnerst Dich nicht mehr daran? aber ich desto genauer, ich habe auch nicht vergessen wie viel Brandy noch in der Flasche war, als Betsenberger endlich fortging. Es wäre in der That merkwürdig wenn Du Dich noch auf etwas besinnen könntest, was an heut Abend passirt ist. Und jetzt hast Du Mann und Frau von einander getrennt und ich soll die Schuld tragen. Du hast nicht allein Unfrieden und Zwietracht in ein stilles Haus gesäet, nein, auch mein Vertrauen als Dein Dir angetrautes Weib schändlich gemißbraucht und mir den Beweis geliefert, daß ich mich in Zukunft in Nichts mehr auf Dich verlassen kann. – Ja, Kaudel , Alles was ich weiß muß ich von jetzt an in der eigenen Brust verschließen, denn ich kenne keinen Menschen auf der Welt weiter, dem ich mein Herz so öffnen könnte. Ich habe mich von nun an als ein einsames, alleinstehendes Wesen zu betrachten. Nein, Kaudel , versuche mir nicht einzuschlafen, das hilft Dir nichts. Das weißt Du? desto besser, so will ich nur noch diese eine Frage an Dich thun. Was? Du hast auch eine Frage an mich zu richten? Ganz recht, Kaudel , – frage nur, ich brauche keine Angst zu haben katechisirt zu werden; nie habe ich eine Sylbe von irgend etwas fallen lassen, das ich als Frau hätte geheim halten sollen. Nie! Was? Ich soll nicht vergessen was ich gesagt habe? nein, Kaudel , komm nur gerade heraus mit dem, was Du mich fragen willst. Nein, Kaudel, Du sollst mich nicht schonen – sprich gerade heraus. Was hast Du? Wer den Leuten gesagt hätte daß Du einen falschen Vorderzahn im Munde trügest? und das ist Alles? nun Gott sei uns gnädig – als ob das nicht alle Welt sehen könnte. Ich weiß wohl daß ich es nur einmal, auch bei Badekraut's , erwähnt habe, übrigens glaubte ich damals, jedermann wisse das ohnedies, und bann, Kaudel , wurde ich auch noch dazu gereizt; ja, Kaudel , ordentlich mit Gewalt und Bosheit dazu getrieben. Es war an demselben Tag bei Badekraut's wie von den Backenbärten der Männer gesprochen wurde. Als wir mit denen fertig waren, sagte jemand etwas über Zähne, worauf denn Mamsell Betsenberger – ein Geschöpf das nur dazu auf der Welt zu sein scheint den Frieden von Familien zu untergraben, und die auch da war; und hätte ich das nur vorher gewußt, so wäre ich gar nicht hingegangen.– Nein, Kaudel , ich schweife nicht ab und komme gleich auf den Zahn. Das ist also das ganze Entsetzliche, was Du gegen mich hast; allerdings etwas Fürchterliches. – Nun also, Jemand sprach von Zähnen und Mamsell Betsenberger fing an mit einem ihrer verlockenden Lächeln – Feixen wäre besser gesagt – von Dir zu reden und meinte, »Herrn Kaudels Zähne wären die weissesten, die sie noch in ihrem ganzen Leben gesehen hätte.« Natürlich kochte mir dabei das Blut, denn das konnte keine Frau ruhig hinnehmen und ich kann da gesagt haben: »Ja, sie sind recht gut; wenn aber ein junges Mädchen die Zähne eines verheirateten Mannes rühmt, so weiß sie vielleicht nicht daß einer derselben von einem Elephanten ist.« So eine Unverschämtheit. Die Mamsell hatte übrigens genug für den Abend. Ich sehe jedoch in welcher Laune Du heute Nacht bist, Kaudel . Du hast Dich bloß zu Bett gelegt um zu streiten und kannst Dich darauf verlassen daß ich die letzte bin, die Dir hierin Deinen Willen thut. Soviel weiß ich aber, daß Du, nach dem schrecklichen Unheil was Du bei Badekraut's angerichtet hast, mein Vertrauen nicht wieder mißbrauchst; nein Kaudel , im Leben nicht. Kaudel schreibt noch: »Sie schien nach diesen Worten geneigt einzuschlafen, und ich hütete mich daher wohl, einen so guten Vorsatz zu stören.« Zweiunddreißigste Predigt. Madame Kaudel spricht sich über Hausmädchen und Mädchen im Allgemeinen aus, und erwähnt dabei Kaudels schändliches Betragen (vor zehn Jahren). Habe nur keine Angst, Kaudel , kein Wort gedenke ich heute Abend weiter zu sagen, denn ich bin müde, und will, wenn es möglich ist, schlafen. Nach dem, was ich an diesem Tage auszustehen gehabt, und mit meinem Kopfschmerz dazu, vergeht Einem wohl das Sprechen ohnedies. Ob ich nicht schon wieder mein Fläschchen mit dem Riechsalz drinnen auf dem Kaminsims habe stehen lassen – Auf dem Kaminsims drinnen, gleich wenn Du in's Zimmer kommst rechts, auf der ersten Ecke – man kann gar nicht fehlen; – in einem kleinen grünen Fläschchen ist's – gleich vorne an. – Ja da liegst Du wie ein Felsblock und rührst Dich nicht; ich könnte hier zehnmal verderben und zu Grunde gehen, ehe Du Dich bewegtest. – Oh mein armer Kopf; aber der könnte bersten und wieder zusammen heilen, was kümmerte das Dich . Ja wohl, das ist Dein Mitgefühl für mich. Ich verlange das Riechsalz und Du sagst, es wäre Nichts besser für Kopfschmerzen als Ruhe; ich gedenke aber nicht ruhig zu sein, das brauchst Du nicht zu hoffen. Und machst Du es nicht jedesmal so mit Deiner armen Frau, o ich kenne Dich schon – ja ich kenne Dich, Kaudel . Du glaubst auch, ich soll wegen dem Ding, der Käthe , ruhig sein, wegen Deinem Liebling; aber ich will doch einmal sehen, ob ich nicht meine eigenen Dienstboten fortschicken kann, wann es mir gefällt. Und müßte ich alle Arbeit allein thun, die soll wenigstens nicht länger unter einem Dache mit mir hausen. Ich kann's ihr ordentlich an den Augen ansehen, wie sie mit jedem Tage stolzer wird; o ja, Kaudel – ich sehe sehr viel, wenn ich auch nichts davon erwähne, aber die Augen kann ich nicht zumachen, die muß ich wenigstens offen behalten. Freilich, für meinen Seelenfrieden wär's vielleicht besser gewesen, wenn ich blind wäre, aber – Nein, Kaudel – sage das nicht – sage nicht, ich wäre eine alberne Frau – Du glaubst wohl, ich hätte die Rebecca vergessen? Ich weiß daß es zehn Jahre sind, seit sie bei uns diente, was hat das aber hiermit zu thun? So etwas ist nicht weniger wahr, weil es alt ist, nein – wahrhaftig nicht; und Dein damaliges Betragen, Kaudel , vergesse ich nicht, und wenn es hundert Jahre her wäre. Was? Dann würde ich immer eine Thörin bleiben? das hoffe ich auch, Kaudel , das hoffe ich wirklich; meine Augen gedenke ich in meinem eigenen Hause offen zu behalten, so lange ich lebe. – Denke nur nicht daran jetzt einzuschlafen; da Du die Rebecca wieder auf's Tapet gebracht hast, sollst Du mich auch jetzt aushören. Ich wundere mich nur, daß Du ihren Namen noch zu nennen wagst – Du hast ihn nicht genannt? Das bleibt sich ganz gleich, denn ich weiß leider gut genug was Du denkst – wenn Du auch nicht sprichst. Du behauptest übrigens wohl noch immer, Du hättest ihr damals nicht zugetrunken? Nie im Leben? Ja – das hast Du mich stets versichert, zehn lange Jahre habe ich aber darüber nachgedacht und gegrübelt und mit jedem Tage bin ich fester davon überzeugt worden, daß es wahr ist – Und zu der nämlichen Zeit – sei nur so gut und erinnere Dich einmal daran – wurde unser kleiner Jacob noch getragen. Ich hätte mir wirklich aus der ganzen Sache nicht so viel gemacht, wenn Du nicht dieser Kreatur in einer Zeit zugetrunken hättest, wo unser Kind kaum aus den Windeln war. Nein, Kaudel – ich bin nicht toll – ich träume auch nicht; ich habe Dich aber auf der That dabei ertappt und die schändliche Heuchelei, die falsche, treulose List, mit der Du es thatest, die macht die Sache in meinen Augen erst so schlimm, so unverzeihlich. Ich hatte Dich im Auge wie das Geschöpf hinter meinem Stuhle stand und Du Dein Glas zu mir aufhobst und »Margareth« sagtest; nachher sahst Du in die Höhe und nicktest »Deine Gesundheit«, um mich glauben zu machen, Du hättest blos mit mir gesprochen; aber ich merkte wie Du zu dem frechen Ding hinaufblinztest und sie anlachtest – und das hinter meinem eigenen Rücken; während unser Jacob noch nicht einmal seine Füßchen gebrauchen konnte. Der Himmel möge mir verzeihen? Nein, Kaudel, Dir solltest Du das wünschen, ich bin sicher genug, ich wahrhaftig – aber für Dich solltest Du den Himmel anflehen. Das ist auch wieder nicht wahr. Ich würde keinem Heiligen Böses nachreden, Kaudel , und ich habe auch dem Mädchen keinen schlechten Namen wegen gar Nichts gemacht – das ist Beides falsch. O ja – ich weiß wohl, daß sie mich damals wegen dem was ich gesagt hatte, verklagte, und Du Strafe für »meine Zunge«, wie Du es nanntest, bezahlen mußtest, ich erinnere mich noch recht gut daran, das geschah Dir aber ganz recht – ganz recht, Kaudel . Hättest Du sie nicht angelacht, und ihr nicht zugetrunken, so wäre das Alles nicht vorgefallen, giebst Du Dich aber mit solchem Volke ab, so mußt Du auch darunter leiden. Du hättest Dich nicht beklagen dürfen, und wenn die Advokatenrechnung noch einmal so groß gewesen wäre.– Ehrenerklärung – als ob die noch eine Ehre zum Erklären gehabt hätte – Ehrenerklärung. Und jetzt, Kaudel , bist Du noch ganz derselbe Mann wie vor zehn Jahren. Was? und das hoffst Du auch noch? Schämen solltest Du Dich; in Deinem Alter, und mit den herangewachsenen Kindern um Dich her. Wovon ich rede? Ich weiß wohl wovon ich rede, und Du müßtest es ebenfalls wissen, wenn Du nur eine Idee von Herz in der Brust trügest, was Dir aber gänzlich fehlt.– Wie ich heute sagte, ich wollte die Käthe fortschicken, meintest Du, sie wäre ein ganz guter Dienstbote und ich würde nicht leicht einen besseren finden; ich weiß auch wohl warum Du Käthen für gut hältst; weil Du glaubst, sie wäre hübsch, was übrigens gar nicht der Fall ist, aber das genügt Dir . Mädchen übrigens, die für ihr Brod arbeiten, sollten gar nicht hübsch sein – Schöne Dienstboten – ja weiter fehlte mir gar nichts – Dinger, die mit ihren Gesichtern herumgehen, als ob sie ein Hauch verderben könnte. Und leider weiß ich, was für ein schlechter Mann Du bist. Du brauchst nicht zu leugnen, das hilft Dir Nichts, denn ich habe es neulich mit meinen eigenen Ohren gehört, wie Du zu Betsenberger sagtest, Du könntest häßliche Dienstboten nicht ausstehen. Ich frage Dich, Kaudel , hast Du das gesagt, oder hast Du es nicht gesagt? Es ist möglich? Und Du wirst nicht roth bei einem solchen Geständniß? Kaudel , Deine Grundsätze sind schrecklich genug das Blut einer armen Frau in Eis zu verwandeln. O ja; das hast Du schon oft gesagt, und es gab einmal eine Zeit, wo ich Dir vielleicht geglaubt hätte, jetzt kenn' ich Dich aber besser. Du magst hübsche Dienstboten gerade so gern leiden, wie hübsche Statuen und hübsche Gemälde und hübsche Blumen, oder sonst etwas Anderes aus der Natur – bloß nur, wie Du sagst, daß sich die Augen daran weiden können. O ja, ich kenne Deine Augen, ich weiß was sie vor zehn Jahren gethan haben, wie der kleine Jacob noch nicht einmal laufen konnte. – Und wenn es vor tausend Jahren gewesen wäre, Kaudel , das ist einerlei, in meinem Gedächtnisse bleibt es so frisch als wie von gestern, und ich will nie davon zu reden aufhören. Du glaubst es, denn Du kennst mich? nun warum fragst Du also noch? – Und die Käthe sollte ich im Hause behalten, wo ich nicht genug Porzellan und Steingut für sie anschaffen kann? Das Mädchen zerbricht Alles was ihr unter die Hände kommt und – Kaudel – es ist schlimm genug, daß ich, Deine Frau, das sagen muß – aber sie bräche auch mein Herz, wenn ich die Augen nicht offen behielte. Was ist aber ein ganzes Tafelservis von blauem Porzellan gegen ihre schönen blauen Augen – Ja, Kaudel , ich weiß, das sind Deine Gedanken, wenn Du sie auch nicht laut werden läßt. Oh Du brauchst nicht da zu liegen und zu stöhnen, denn glaube nur ja nicht, daß ich Rebecca je im Leben vergesse. Ja wohl – jetzt kannst Du Rebecca verwünschen, aber damals hast Du sie nicht verwünscht, Kaudel , nein, damals wahrhaftig nicht – oh, ich weiß es wohl. » Margareth – Deine Gesundheit!« – wie Du nur noch den Muth haben kannst, mir in's Gesicht zu sehen. – Du siehst mir nicht in's Gesicht? Um so mehr Schande dann für Dich. Das sage ich Dir aber, entweder verläßt Käthe das Haus, oder ich gehe – wer soll es sein, Kaudel , wie? Es ist Dir einerlei? Deinetwegen alle Beide? Das glaub' ich, Kaudel, aber nein, so wirst Du mich nicht los; doch das Geschöpf – O Du magst toben und fluchen so viel Du willst. Du hast nicht im Sinne noch ein Wort zu sagen? Sehr gut das, überhaupt gilt das auch Nichts, was Du sagst; aber ihr Vierteljahr ist am nächsten Dienstag um, und dann soll sie fort. Ein Suppenteller und eine Schüssel ging heute in Stücken. Ein Suppenteller und eine Schüssel – und den Kopfschmerz den ich dabei habe; die Hirnschale möchte mir platzen; ich werde aber auch in dieser Welt nie wieder gesund werden. – Ein Suppenteller und eine Schüssel – »Sie schlief ein,« sagt Kaudel , »die arme Käthe mußte aber am nächsten Dienstag wirklich fort.« Dreiunddreißigste Predigt. Madame Kaudel hat zufällig entdeckt, daß Kaudel Direktor einer Eisenbahn ist. Wie ich die Zeitung heute in die Hand nahm, Kaudel , glaubt' ich, der Schlag rührte mich. Laß mir nur um Gotteswillen wenigstens heut' Abend Deine Verstellung; Du weißt »was los ist«. Wenn Du einmal kein Bett mehr hast in dem Du schlafen kannst, und auf Kohlensäcken liegen mußt – dort, Kaudel , magst Du übrigens alleine schlafen – dann wirst Du wohl wissen, was »los ist«. Aber ich will es Dir auch noch sagen: Ich habe Deinen Namen gesehen, Kaudel , leugne es nur nicht mehr – die Aalpasteten-Insel-Bahn und Balthasar Kaudel's Namen mit unter den Direktoren – aber – Nein, ich will nicht ruhig sein, ich will sprechen. Der Himmel weiß es, selten genug thu ich den Mund auf, wenn ich aber solche Sachen sehe, dann darf ich nicht mehr schweigen. Was ich sehe? Das will ich Dir sagen, Kaudel , dort unten am Fuße des Bettes sehe ich alle unsere lieben unglücklichen Kinder in Lumpen stehen – seh' ich Dich im Gefängniß und mich auf dem Stroh. – Jetzt weiß ich auch weshalb Du in Deinem Schlaf von breiten und schmalen Schienen gesprochen hast – jetzt weiß ich es, aber denkst Du auch an den »schmalen und breiten Weg«, Kaudel? denkst Du auch wohl noch manchmal an den? Nein, Du bist ein richtiger Heide geworden, Du hast für weiter Nichts mehr Sinn als für Geld. Ob ich nicht auch gern Geld hätte? Gewiß – aber nur dann, wenn ich es sicher habe, nicht wenn ich erst Alles dafür auf's Spiel setzen muß. 0 ja, rede nur von Vermögen die im Handumdrehen erworben sind, das ist gerade wie mit den Hemden die im Handumdrehen genäht werden, aber wie lange halten sie. Nun ist es auch heraus, weshalb Du weder mehr essen, trinken noch schlafen kannst – Dein Kopf ist in lauter Eisenbahnen abgetheilt, denn Du wirst mich nicht glauben machen, daß die Aalpasteten-Insel-Bahn die einzige wäre, in die Du Deine Finger hineingesteckt hättest. Nein, wahrhaftig nicht, das kann ich Dir an den Augen ansehen. Was wird aber die Folge sein? in ganz kurzer Zeit hast Du gerade soviel Linien und Furchen im Gesicht, wie jetzt auf der Karte – paß auf, ob ich nicht Recht habe. Vor sechs Monaten hattest Du noch keine einzige Runzel, Deine Backen waren so glatt wie Porzellan – jetzt sieh Dich einmal in einem Spiegel, ob Du nicht aussiehst wie die Landkarte von England. – Und so etwas noch in Deinem Alter anzusaugen, Du, der immer bei jeder Sache langsam und sicher gingst, Dein Geld jetzt in solch' entsetzlicher Weise auf schwarz oder roth zu setzen, das ist schauerlich. Des Mäkler's Hund in Flam-Cottage muß Dich gebissen haben und jetzt bist Du speculationstoll geworden, kannst nicht einmal mehr auf Dein eigenes Hab' und Gut Acht geben, und ich würde nur wie eine brave rechtschaffene Frau handeln, wenn ich die Doktoren hereinriefe und Dich wie einen Wahnsinnigen behandeln ließe. Auf Ruhe und Zufriedenheit muß ich von jetzt an auch für meine ganze künftige Lebenszeit verzichten. Es wird nicht ein einziges Mal an die Thür klopfen ohne daß ich glaube, es wäre der Mann der das Haus gekauft hätte und nun Besitz von seinem Eigenthum nehmen wollte. O ich kann sie ordentlich im Geiste sehen, wie sie hier alle unsre hübschen Kleinigkeiten, die uns so an's Herz gewachsen sind, ausbieten und losschlagen. Ich möchte nur wissen was jetzt auf einmal in die Welt gefahren ist. Jeder will seine Pfennige in Doppellouisd'ore verwandeln und den Nachbar um das Uebrige betrügen; und mit Dir ist es nicht besser, Kaudel – Du machst keineswegs eine Ausnahme. Oh, ich habe Dich beobachtet, wenn Du mich manchmal fest eingeschlafen glaubtest und dann dalagst und wispertest und flüstertest und Dich schütteltest und die Bettpfosten angrinstest, als ob sie von reinem Golde wären. Ich glaube wahrhaftig, Kaudel , Du hältst die Steppdecke hier manchmal für lauter zusammengesetzte Banknoten. Jetzt wirst Du auch wohl Tag und Nacht nicht mehr nach Hause kommen und da draußen auf der Aalpasteten-Insel leben und schlafen, so daß ich hier weiter keine Gesellschaft habe, als meine trüben, quälenden Gedanken. Ich kann mich aber plagen und quälen und Pfennige sparen, während Du das Geld scheffelweise aus dem Fenster wirfst. Und was Du jetzt überhaupt für einen kostbaren und theuren Geschmack bekommst, es ist Dir gar nichts mehr gut genug. Du mußt Dich wahrhaftig manchmal für den König Salomo halten. Das kommt aber von dem leichten Geldverdienen – wenn Du überhaupt welches verdient hast – ohne es doch eigentlich wirklich verdient zu haben. Nein, Kaudel , ich rede keinen Unsinn; und das weißt Du auch recht gut, Du brichst nur die Gelegenheiten ordentlich vom Zaun, wenn Du mich beleidigen kannst. Wo das Geld aber so in Massen einkommt, ohne daß man brav und ehrlich dafür gearbeitet hat, da ist's gerade so, als ob man eine Menge Spiritus in sich hineingösse – der steigt in den Kopf und man weiß nicht mehr, was man thut. Siehst Du, Kaudel , Dir ist es gerade so gegangen, das weiß ich gewiß, man sieht Dir's auch ordentlich an. Es giebt einen Rausch der Tasche wie einen Rausch des Magens, und Du hast in diesem Augenblick den ersten. Nein, Kaudel, ich bin kein poetisches Herzchen , ich weiß recht gut, was ich bin, aber, wie gesagt, ich würde mich noch darüber hinwegsetzen, wenn Du wirklich Geld dabei verdient hättest und Dich nun mit der Aalpasteten-Bahn begnügen wolltest, aber ich weiß, wie es bei solchen Speculationen geht. Es ist wie der Syrup bei den Fliegen, wer einmal d'rin ist kann nicht wieder herauskommen, und wenn er sich wirklich losreißt, so läßt er Beine und Flügel d'rin zurück. Nein – hast Du wirklich Geld bei der Aalpasteten-Insel-Bahn verdient und willst Du es mir geben um es für unsere lieben Kinder anzulegen, gut, Kaudelchen , dann will ich auch kein Wort darüber sagen. Was? Unsinn? Ja wohl – Unsinn – ich darf nur Geld haben wollen, dann ist das sicher das Wort, das ich zu hören bekomme. Und jetzt möcht' ich nur sehen ob Du's bei der einen Eisenbahn bewenden ließest – o Gott bewahre, kein Gedanke d'ran; ich müßte Dich nicht kennen, und wenn Du's nur mir zum Trotze thun solltest. In ein oder zwei Tagen wird also wohl so ein zweiter Posaunenstoß in den Zeitungen stehen, vielleicht ein Vorschlag zu einer Zweigbahn von der Aalpasteten-Insel aus nach Gott weiß wohin. Man gebe Euch Männern nur eine Meile Schienen und Ihr nehmt hundert. – Und gezittert habe ich ordentlich wie ich das Zeug in den Zeitungen las, und dann noch Deinen Namen d'runter. Daran ist aber wieder der Betsenberger Schuld – kein Anderer – sein werther Name muß ja, natürlich, auch mit dabei sein. Und was habt Ihr den Leuten für Geschichten vorgefabelt, was sie Euch Alles glauben sollen? Ich habe die Worte auswendig gelernt, blos um sie Dir wieder vorhalten zu können; da stand: daß Aalpasteten jetzt ein Lebensbedürfniß der civilisirten Welt geworden wären, und daß, da die östliche Bevölkerung Londons von diesen Segnungen der Cultur abgeschnitten sei, die Aalpasteten durch diese Bahn in das Herz der Ratcliffe-Straße und durch diese in alle mit ihr in Verbindung stehenden Plätze geschafft werden sollten. Wenn Ihr Männer – Ihr Herren der Schöpfung wie Ihr Euch nennt – einmal zusammenkommt und eine Gesellschaft über etwas Derartiges etablirt, giebt's dann noch ein Märchenbuch auf der Welt, was Euch in Euren Ankündigungen und Versprechungen die Waage hielte? Nein; feierlich und ehrbar seht Ihr einander in's Gesicht – verzieht keine Miene dabei, muckset nicht – und stehlt Euch einander das Geld aus den Taschen. Nein, Kaudel , ich gebrauche keine harten Worte, nur die, die Ihr verdient habt. Was Du aber auch verdienst, ich bin die Letzte die Nutzen davon hat; mir hast Du noch nie eine von Deinen Aalpasteten-Aktien angeboten. Was sagst Du? – Du willst mir welche geben? Nein, Kaudel , ich danke Dir vielmals, ich will nichts mit solchen sündhaften Gelderwerben zu thun haben. Ja, wenn Du mir wie mancher andere Mann eine ordentliche Summe Geldes in den Schooß würfst – Was? Du willst Dir's überlegen? wenn die Aalpasteten-Aktien steigen? Aha – dann weiß ich auch was sie werth sind – keinen rothen Pfennig. »Sie schwieg plötzlich still,« schreibt Kaudel , »und ich fing schon an einzuschlafen, als sie mich plötzlich wieder mit dem Ellenbogen in die Seite stieß und sagte: Kaudel , glaubst Du wohl, daß sie morgen steigen werden?« Vierunddreißigste Predigt. Madame Kaudel vermuthet, daß Kaudel sein Testament gemacht habe, und wünscht »als Frau« natürlich zu wissen was darin steht. Ja, Kaudel , ich habe immer gesagt, Du hättest Charakterfestigkeit genug, wenn Du nur wolltest, und was Du jetzt gethan hast, beweist, wie Recht ich gehabt. Manche Leute scheuen sich ein Testament zu machen, weil sie so albern sind und glauben, sie müßten gleich hinterher sterben; aber nein, da hast Du vernünftigere Ansichten, nicht wahr, Kaudelchen? Oh Unsinn, Kaudel , Du weißt recht gut was ich meine. Du hast Dein Testament gemacht; – Kratzer hat es mir selber gesagt. Das glaubst Du nicht? Höre, Kaudel , ist das auch recht von einem Manne, seiner Frau so etwas zu sagen? Ich weiß wohl, daß er zu sehr Geschäftsmann ist um viel zu reden, aber es giebt auch noch eine andere Art etwas zu verstehen, Kaudel , es muß nicht immer gerade in Worten sein, denn als ich ihm die Frage vorlegte, so hatte er doch, Advokat wie er ist, nicht das Herz es zu leugnen. Natürlich kann es mir sehr gleichgültig sein, ob Dein Testament gemacht ist oder nicht; ich werde dann nicht mehr leben, Kaudel , um noch etwas für mich selbst zu bedürfen. Ich werde versorgt sein – lange vorher versorgt sein, ehe Dein letzter Wille in Kraft treten kann. Nein, Kaudel , ich überlebe Dich nicht und – doch es ist thöricht von einer Frau, den Mann ahnen zu lassen wie sie an ihm hängt; denn er zieht nachher gewöhnlich seinen Vortheil daraus – mag es aber unrecht und schwach von mir sein so etwas zu gestehen, so möchte ich Dich gar nicht überleben, Kaudel – wie wäre das auch möglich. – Nein, Kaudel ; sage das nicht, ich werde mein hundertstes Jahr nie sehen, ich nicht – auch nicht Dich zu Grabe geleiten und noch einen Mann – Gott was für eine Idee, Kaudel , – wie kannst Du nur denken, daß es mir einfallen würde wieder zu heirathen. Nein – niemals. Was? Das sagten wir Alle? Nein, Kaudel , gerade das Gegentheil. Mir ist schon der Gedanke an so etwas schrecklich, und zwar von jeher gewesen. Ja, ich weiß wohl, daß Manche wieder heirathen, doch was die für Herzen haben, begreif' ich nicht. Es giebt aber Männer, die ihr Vermögen auf eine solche Art hinterlassen, daß ihre Wittwen, um es behalten zu können, auch Wittwen bleiben müssen. Wenn es irgend etwas auf der Welt giebt was mir kleinlich und schmutzig vorkommt, so ist es das. Denkst Du nicht auch so, Kaudel ? Warum antwortest Du mir denn gar nicht, Balthasar ? Sieh, so bist Du aber; so bald ich mich einmal ein Viertelstündchen vernünftig mit Dir unterhalten will, bist Du müde, Du warst niemals wie andere Männer. Woher ich das weiß? Siehst Du, jetzt machst Du es wieder ganz auf Deine alte Art, ich darf die Lippen nicht von einander bringen, so versuchst Du schon mich abzutrumpfen. Das bin ich überzeugt, wenn es nur Mamsell Betsenberger wäre, die Dich um Etwas fragte, der würdest Du schon gehörig antworten können. – Da fängst Du wahrhaftig schon wieder an. Es ist doch sonderbar, daß ich den Namen dieser Person auch nicht einmal auf die unschuldigste Art nennen darf, ohne – Warum ich sie nicht zufrieden lasse? O von Herzen gern, Kaudel , von Herzen gern werde ich sie zufrieden lassen. Wer möchte auch von ihr reden, ich gewiß nicht; Du bringst aber regelmäßig etwas vor, daß sie zuletzt genannt werden muß . Wovon sprach ich doch vorhin, Kaudel ? ach ja, davon, wie manche Männer ihre Wittwen noch nach dem Tode kränken. Nein – meiner Ansicht nach giebt es Nichts auf der ganzen Welt, was sich an Schmutz und Gemeinheit mit einer solchen Klausel vergleichen könnte. Wenn ein Mann seiner Frau das was er ihr hinterlassen hat, noch nach seinem Tode entzieht, sobald sie wieder heirathet, und es ihr also solcher Gestalt auf wahre tyrannische Weise verbietet, so ist das grausam, oder mehr als grausam, es ist niederträchtig; ja und kommt mir fast so vor, als ob er seine Frau mit ins Grab nähme. Wie? Du wirst das nie thun? Nein, Kaudel , das weiß ich wohl; Du bist kein solcher Mann der eine arme Frau auf solche gemeine Art, selbst noch nach dem Tode von sich abhängig macht. Ein Mann der so etwas zu thun im Stande wäre, der ließe seine Wittwe eben so gut hinter sich her verbrennen, wie es jene Ungethüme, die sich auch Menschen nennen, in Indien machen. Doch kann es mir ja gleichgültig sein wie und auf welche Art Du Dein Testament gemacht hast, Kaudel ; anders wird es mit Deiner zweiten Frau werden. Was sagst Du? Ich werde Dir nie Gelegenheit geben? O Du kennst meine Constitution nicht; nein, Kaudel , ich bin nicht die Frau mehr, die ich war. Ich sage nichts – das ist wahr – aber Du weißt nicht wie mir's manchmal zu Muthe ist, und was ich fühle. Da wir aber doch einmal davon reden, lieber Kaudel , so habe ich diese eine Bitte an Dich – wenn Du wieder heirathest – Du heirathest in Deinem ganzen Leben nicht wieder? o sage das nicht, Kaudel , – nach den Freuden und Bequemlichkeiten die Du in der Ehe kennen gelernt hast – was seufzest Du denn so tief auf, Balthasar? nach den Freuden und Bequemlichkeiten, mußt Du sicherlich wieder heirathen. O, Kaudel , mache Dich nicht auf solche leichtsinnige Art meineidig – den Schwur mußt Du ja brechen, das weiß ich, denn ich kenne Dich besser als Du Dich selbst kennst. – Nein, sieh' Kaudel , Alles, was ich von Dir erbitten möchte, ist nur zu Deinem eigenen Besten, da es mir doch später ganz einerlei sein kann. Alles aber, um was ich Dich bitten wollte, ist – heirathe jede, nur nicht diese Mamsell Betsen – Gut – Gut – ich will ja kein Wort weiter sagen, Alles aber um was ich Dich bitte, thue das nicht. Nach dem, wie Du gewohnt bist zu leben, und nach den Bequemlichkeiten die Du genossen hast, wäre sie keine Frau für Dich. Natürlich kann ich weiter kein Interesse mehr in der Sache haben, denn meinetwegen könntest Du, wenn ich einmal todt bin, die Königin von England heirathen; ich trage aber nur um Deinen Seelenfrieden Sorge, Kaudel , nur um Deinen Seelenfrieden. Uebrigens will ich hier gar Nichts gegen sie sagen, Kaudel , nicht das Mindeste; sie hat zwar so etwas Flüchtiges, Leichtsinniges in ihrem Benehmen – nun das arme Ding meint's vielleicht nicht so böse, wir wollen es wenigstens hoffen und es kann immer sein, daß es, wie man sagt, so ihre Art ist, aber dennoch ist sie nun einmal so, und nach den Bequemlichkeiten die Du zu meinen Lebzeiten genossen hast, Kaudel , wäre sie nicht die Frau für Dich – Du würdest unglücklich mit ihr werden. Nein, Kaudel , das brauch' ich Dir auch gar nicht mehr zu sagen – wenn es irgend etwas auf der Welt giebt, dessen ich mich rühmen kann, so ist es meine Art mich zu benehmen, der ich mein ganzes Leben hindurch treu geblieben bin und obgleich ich weiß, daß von besonders eigenen Frauen selten so viel gehalten wird als von denen, die Alles lieber auf die leichte Schulter nehmen, so wäre es doch gar Nichts tugendhaft zu sein, wenn – Nein, Kaudel, ich will nicht über Tugend predigen , ich thue das nie – in der That nicht. Du hast auch höchst Unrecht, wenn Du sagst, ich ginge mit meiner Tugend herum wie ein Kind mit seiner Trommel, das so viel Spektakel damit vollführt wie möglich. Ich kenne aber Deine Grundsätze. Es wird mir unvergeßlich sein, was ich Dich einst zu Betsenberger sagen hörte und ich lasse es keinesweges als Entschuldigung gelten, daß Du damals Wein getrunken hattest und nicht wußtest von was Du sprachst. Der Wein bringt die Sünden und Fehler der Männer zu Tage, wie das Feuer Fettflecken. Was Du gesagt hast? »Tugend wäre etwas sehr Schönes bei Frauen, wenn sie nicht zu viel Spektakel damit machten; es lebten aber Frauen, die glaubten, die Tugend sei ihnen gegeben wie den Katzen die Krallen« – ja, Katzen hast Du gesagt – »um Nichts damit zu thun als zu kratzen«. Du weißt keine Sylbe mehr davon? Das glaub' ich Dir; denn wenn Du in dem erschrecklichen Zustand bist, weißt Du überhaupt nie mehr was Du thust oder sprichst; es ist nur ein Glück daß ich es thue. Wir wollen aber nicht mehr davon reden, Balthasar , es ist Alles vorüber und ich glaube jetzt fast selbst, daß Du es damals nicht so böse gemeint hast. Darüber bin ich nur froh, wie Du in der Hinsicht mit mir übereinstimmst, den Mann für verächtlich zu halten, der seine Wittwe zwingt nicht wieder zu heirathen. Es macht mich glücklich, daß Du so viel Vertrauen in mich setzest mir das zu sagen. – Was? Du hättest es nicht gesagt? Aber, Kaudel ; es ist doch gerade so gut, als ob Du's gesagt hättest. – Nein, wenn ein Mann sein ganzes Vermögen seiner Frau hinterläßt, ohne ihr dabei die Hände zu binden, so beweist er klar und deutlich vor aller Welt, welches Vertrauen er in ihre Liebe gesetzt hat. Er sagt den Leuten mit deutlichen Worten: »seht – solch eine Frau ist sie mir gewesen und ich weiß wie sie mich nach meinem Tode beweinen wird«. Dann natürlich fällt ihr eine zweite Heirath gar nicht ein. Wenn sie aber das Geld nur behalten darf, so lange sie Wittwe bleibt, sieh' Kaudel , dann wird sie ordentlich dazu gereizt und aufgehetzt, einen zweiten Mann zu nehmen. Ich bin fest überzeugt, manche arme Frau ist auf diese Art nur allein aus Trotz wieder in den Ehestand hineingetrieben, was ihr sonst gar nicht in den Kopf gekommen wäre, wenn ihres Mannes Testament sie nicht dazu aufgestachelt hätte. Das liegt aber nun einmal in unserer Natur; ja ich glaube, Kaudel , wenn ich denken könnte, Du wärest zu so etwas fähig, und wenn es mein Herz bräche, ich heirathete augenblicklich wieder, nur um Dir zu beweisen, was ich für einen Charakter habe. Freilich ist es lächerlich darüber jetzt zu reden, denn ich werde lange vor Dir heimgegangen sein, aber merke Dir was ich sage, und treibe mich mit solchem Testament nicht bis zum Aeußersten, oder ich thäte es, so wahr ich Deine Frau bin und hier im Bette liege, ich thäte es. »Ich widersprach ihr nicht,« schreibt Kaudel, »sondern ließ sie mit der Betheuerung einschlafen.« Fünfunddreißigste Predigt. Madame Kaudel hat gehört, Kaudel habe angefangen Billard zu spielen. Du kamst aber heute sehr spät nach Hause, Kaudel , wie? Es wäre nicht zu spät? Gut – so ist es früh – meinetwegen. Natürlich; eine Frau weiß nie wann es spät oder früh ist. Du bist übrigens am Dienstag spät nach Hause gekommen – am vorigen Freitag war es auch nicht mehr früh und am vorvorigen Mittwoch – nun Du brauchst Dich nicht so entsetzlich herumzuwerfen, ich werde weiter Nichts sagen; nein, ich sehe leider, es hilft mir doch Nichts. Früher – ja – jetzt kann ich's gestehen – da habe ich mich manchmal gequält und geängstigt, wenn Du Abends lange ausbliebst; das ist jetzt aber Alles vorbei, dahin hast Du's gebracht, Kaudel , und Deine Schuld ist's ganz allein, wenn ich mir Nichts mehr daraus mache, ob Du überhaupt nach Hause kommst oder nicht. Nie habe ich geglaubt, daß ich es je dahin bringen würde, mir so wenig aus Dir zu machen, Du selbst hast es aber so weit gebracht. Zwanzig Jahre lang hast Du den Wurm getreten, endlich hat er sich gekrümmt. Nein, Kaudel – ich will nicht an zu zanken fangen, das ist vorbei; ich kann Dich nicht mehr genug achten, um mit Dir zu zanken, Alles nur was ich von Dir verlange, – ein anderer Mann würde mit seiner Frau sprechen und nicht wie ein Klotz da liegen – Alles nur was ich von Dir verlange, ist das : sage mir, wo Du am Dienstag gewesen bist. Du warst nicht bei der guten Mutter, obgleich Du weißt daß sie nicht recht wohl ist und im Sinne hat ihr Geld unsern lieben Kindern zu hinterlassen; Du hast Dir aber nie aus Jemanden etwas gemacht, der zu meiner Familie gehörte. Du warst auch nicht im Klub – nein, ich weiß das – auch in keinem Theater. Woher ich das weiß? O, Kaudel! ich wünsche nur zu Gott, ich wüßte es nicht – nein, Du warst an keinem von diesen Orten, aber ich weiß, wo Du gewesen bist, Kaudel , o ich weiß es. Warum ich Dich dann noch frage? Nur um Dir zu beweisen, was Du für ein Heuchler bist, Dir nur zu zeigen, daß Du mich nicht hintergehen kannst. – Also, Kaudel ! Du bist ein Billardspieler geworden? Nur einmal? Das ist hinlänglich, Kaudel , Du hättest eben so gut tausendmal spielen können, denn jetzt bist Du doch ein verlorener Mann. »Nur einmal« – in der That – ich möchte wissen, was Du zu mir sagen würdest, wenn ich Dir käme mit »nur einmal«; aber natürlich – ein Mann kann nie Unrecht thun – in gar Nichts. – Und Du nennst Dich einen Herrn der Schöpfung, Kaudel , und kannst Deine Familie, Deinen glücklichen häuslichen Herd, Deine Kinder – aus denen Du Dir freilich nie etwas gemacht hast – verlassen, um bunte Bälle mit langen Hölzern auf einem grünen Tischtuch umherzustoßen? Was für ein Vergnügen ein gesetzter Mann bei solcher Unterhaltung finden kann, das muß jede vernünftige Frau in Erstaunen setzen. Ich bedauere Dich, Kaudel . Du kannst also hingehen und »Caroline« spielen, wie sie's in ihrer Gaunersprache nennen, anstatt zu Hause mit Deiner Frau, an Deinem eigenen Tische und in der Gesellschaft Deiner eigenen Kinder ein anständiges und hübsches »Mariage« zu machen, wobei Du den Fuß nicht über die Schwelle zu setzen brauchtest; Du kannst hingehen und Caroline mit einem Pack wüster schnurrbärtiger Gesellen spielen und Du nennst Dich einen achtbaren Kaufmann? Wenn die Welt aber nur wüßte, was für Achtbarkeit in Dir steckt – sie würde staunen. Caroline spielen – ja wohl – Caroline. Ich weiß aber weshalb das geschieht – diese Mamsell Betsenberger – Kaudel , wenn Du die ganze Decke über Dich herüberreißt, so stehe ich auf und ziehe mich an – Nein – jetzt ist es vorbei mit Dir; früher war vielleicht noch Rettung möglich, jetzt ist's zu spät, denn bis jetzt habe ich noch keinen Mann gekannt, der Billard gespielt hätte und nicht verloren gewesen wäre. So zum Beispiel mein Onkel Wahrdel – ein besserer Mann hat nie Brod gebrochen – der fing an Billard zu spielen und lebte von dem Augenblick an keinen Monat mehr mit meiner guten Tante zusammen. Ein glücklicher Mann? Was? so nennst Du einen Menschen der seine Frau verlassen kann? – ein »glücklicher Mann?« Aber natürlich – was darf ich denn anderes erwarten; wir werden eben so wenig mehr lange zusammenbleiben und wenn es auch eine Zeit lang gedauert hat bis es so weit gekommen ist, so seh' ich die Scheidung doch endlich vor Augen. Und nach der Frau, die ich Dir gewesen bin. – Ich weiß aber wer Dich zu alle dem antreibt – es ist der böse Feind, der Betsenberger. – Ja, Kaudel , ich will ihn einen »Feind« nennen und ich bin keineswegs eine Närrin, wie Du Dich auszudrücken beliebst. Du hättest aber nicht mehr an Billardspielen gedacht, wie eine Gans, wenn der Dich nicht dazu verführt hätte. Nein, Kaudel , das hilft Dir nichts, wenn Du mir jetzt weißmachen willst, Du wärst nur ein einziges Mal dort gewesen und könntest keinen Ball treffen, das wirst Du bald lernen, und nachher kommst Du nie wieder nach Hause. Du wirst ein gezeichneter Mann werden – ja, Kaudel , gezeichnet – es wird etwas an Dir sein was schrecklich ist – denn wenn ich einen Billardspieler nicht gleich an seinen Blicken erkennen kann, so will ich keine Augen im Kopfe haben. Sie sehen alle so gelb wie Pergament ans und tragen Schnurrbärte – ja, Kaudel , Schnurrbärte, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn Du Dir jetzt den deinigen auch wachsen ließest, obgleich es ihm schwer werden würde herauszukommen. Ja, Kaudel – alle Billardspieler haben einen gelben und scheuen Blick, gerade als ob sie mit den besten Taschendieben verwandt wären, was sie auch wirklich sind; und so wird es accurat mit Dir werden, Kaudel – ganz eben so. In sechs Monaten werden die theueren Kinder ihren eigenen Vater nicht mehr erkennen. Alles – Alles würd' ich, auch wie ich mich selber kenne, ertragen haben – Alles – nur nicht Billard; und die Gesellschaft die Du dort triffst – die Lieutenants, die in einem fort von Dir Geld borgen werden. Ja, Kaudel , eine Billardstube ist ein Platz wo die Zugrunderichtung der Ehemänner den Menschen bequem gemacht wird – ganz bequem und deutlich, so daß sie gar nicht mehr fehlen können. Es ist eine Kapelle eigens für den Teufel hergerichtet, um darinnen zu predigen. Nein, Kaudel – ich habe kein Rednertalent, ich werde aber so lange reden als es mir gefällt. Es ist doch wahrhaftig zu arg, daß ich die Lippen nicht von einander bringen darf, was, der Himmel weiß es, selten genug geschieht, ohne daß ich beleidigt werde. Nein, Kaudel , ich will hierüber nicht schweigen; wenn es etwas Anderes wäre, ja – nicht ein Wort würd' ich sagen, wenn Du es nicht wolltest, nämlich – in der Art kennst Du mich auch, Kaudel – aber hierüber – nein, hierüber muß ich reden, das erheischt meine Pflicht als Gattin und als Mutter Deiner Kinder. – Ich weiß daß Du noch nicht spielen kannst, es vielleicht nie lernen wirst; das macht aber die Sache erst so viel schlimmer, denn jetzt denke an das Geld was Du alles verlieren mußt und sieh den Ruin vor Dir, dem Du entgegen geführt wirst. Es hilft Dir Nichts, Kaudel , Du kannst wohl sagen: »Du wolltest nicht wieder spielen,« ich weiß aber daß Du das nicht mehr ändern kannst – Du mußt spielen und dann werden sie Dir schön das Fell über die Ohren ziehen. Rede nur nicht – meine gute Tante hat mir Alles erzählt – die weiß wie es dort zugeht. Haufen von Leuten gehen in diese Billardstuben um sich ihr Mittagsessen zu erspielen, wie Füchse sich in einen Hof schleichen und nach einer fetten Gans umhersuchen; und aufessen werden sie Dich, Kaudel , rein aufessen. Billardbälle – ja weiter Nichts – Kugeln sind's, mörderische Kugeln. Zu meiner Zeit bin ich auch einmal im Woolwich-Arsenal gewesen und habe dort – damals hattest Du auch noch etwas von einem Mann an Dir, Kaudel , es war gerade ehe wir uns verheiratheten, – und habe dort alle Arten von Kugeln gesehen – ganze Berge von Kugeln die nach Kirchen und in anderer Leute friedliche Wohnungen verschossen werden sollten und das Porzellan nachher und Gott weiß was noch Alles zerbrechen, – ja, ich sage, ich habe alle derartigen Kugeln gesehen – Ich weiß wohl daß ich das schon einmal gesagt habe, Kaudel , Du brauchst es mir nicht vorzuhalten, aber was geht das Dich an, wenn ich es wiederhole? – Nicht eine ist aber unter allen denen – und wenn sie von Eisen sind – die halb das Unheil anrichten konnten, als diese elfenbeinernen. Das sind Kugeln – Kaudel . Bälle? keine Kugeln? das hat hiermit gar Nichts zu thun – das sind Kugeln, Kaudel , die schon durch manches Frauenherz gegangen sind – von den Kindern gar nicht zu reden, und das sind Kugeln, mit denen Du Tag und Nacht Deine arme Familie ruiniren wirst. Betheuere mir nur nicht daß Du nicht spielen wirst – »wenn es erst bei einem Manne zur Leidenschaft geworden ist,« wie meine arme Tante immer sagte, »dann verführt ihn der Teufel eben so mit einer solchen Kugel, wie er Eva mit einem Apfel verführte.« Jetzt kann ich nur ganz darauf verzichten, jemals wieder glücklich zu werden. Nein, das ist vorbei. Du wirst jeden Abend – sei nur ruhig, ich weiß daß ich Recht habe, besser wie Du selbst – Du wirst jeden Abend über dem schändlichen grünen Tuch liegen. Grün – ja schön grün – roth ist's, blutig – blutig roth von all' den Herzen die es zerbrochen hat. Ich soll nicht pathetisch werden? – ich kann so pathetisch werden wie ich will, das geht Dich Nichts an, und überdies sollt' ich wenigstens denken, ich hätte ein Recht zu reden. Aber nein – ich will schweigen – es ist doch jetzt Alles vorbei – Du bist ein Billardspieler und ich bin ein elendes, unglückliches Weib. »Ich leugnete keines von Beiden,« schreibt Kaudel , »denn ich war müde, und wollte schlafen.« Letzte Predigt. Madame Kaudel hat sich erkältet. Traurige Folge dünner Schuhe. Ich werde Dir nicht widersprechen, Kaudel , magst Du auch sagen was Du willst, aber ich sollte doch denken daß ich meine eigene Natur besser kennen müßte als Du. Ich werde Dir auch keine Vorwürfe machen – ich fühle mich nicht wohl genug dazu, aber das ist keine Erkältung die von dünnen Schuhen herrührt, Kaudel , das ist mehr – es sind meine Gedanken, die mich niederbeugen – Ja wohl – Haferschleim – Du denkst immer, Haferschleim könnte bei einer Frau Alles curiren, und weißt doch, wie ich schon den Namen hasse – Nein wahrhaftig, Haferschleim kann das nicht heilen, was mir fehlt, aber natürlich glaubst Du nie daß andere Menschen auch ein Leiden haben können. – Nun sei nur ruhig, Kaudel , – ich meinte es nicht so schlimm, aber wenn einer Frau nur immer dünne Schuhe vorgeworfen werden, so spricht sie auch manchmal mehr wie sie eigentlich sollte – sie kann aber Nichts dafür. Du hast es aber ewig mit meinen Schuhen, und ich muß doch selber am besten wissen, was mir auch am besten steht – Dir wär' es freilich recht wenn ich Bergschuh trüge, aber ich denke gar nicht daran meine Füße zu verunstalten, so viel kann ich Dir ein für allemal sagen. Ueberdies habe ich mich in den Schuhen noch nie erkältet, und ich sehe nicht ein weshalb sie jetzt auf einmal die Ursache sein sollten. Nein, Kaudel , ich wäre die Letzte die Dich anklagte, ich wahrhaftig; aber die Erkältung, die jetzt bei mir ausbricht, habe ich mir schon vor zehn Jahren geholt; ja Kaudel , vor zehn Jahren, und sie hat mich seit der Zeit keinen Augenblick verlassen – vorgestern war es gerade zehn Jahr. Wie ich mich darauf noch besinnen kann? Oh, Kaudel , Frauen haben ein vortreffliches Gedächtnis; – bedauernswerthe Geschöpfe die es sind – Zehn Jahre sind es jetzt, als ich eines Nachts auf saß und auf Dich wartete – Nun, nun, Kaudel , ich will Nichts sagen was Dich kränken könnte, aber laß mich wenigstens reden – Zehn Jahre sind es jetzt, daß ich die Nacht aufblieb und dabei einschlief, und das Feuer war indessen ausgegangen, und wie ich aufwachte, saß ich gerade im Zug vom Schlüsselloch. – Das war mein Tod, Kaudel , – aber beunruhige Dich nicht darüber, Schatz; ich bin fest überzeugt, Du hast es nicht mit Absicht gethan. Ja wohl, Du kannst das jetzt wohl Unsinn nennen, und es mir in die dünnen Schuhe schieben wollen; so seid Ihr Männer aber – Alle, und wer von Euch seine arme Frau unter die Erde bringt, weiß auch sicher die Schuld von sich abzuwälzen. Nein, Kaudel , ich will nicht sagen daß Du mich umgebracht hast – gerade das Gegentheil, aber trotzdem hat es keinen Tag in der ganzen langen Zeit gegeben, an dem ich nicht das Schlüsselloch gefühlt hätte. Warum ich nicht nach einem Doktor schicke? – Und was soll mir der helfen? Weshalb sollte ich Dir nur die Kosten machen? Außerdem, Kaudel , denk' ich mir auch beinah', daß Du schon ohne mich fertig werden wirst – ja wenn nur erst einmal die erste Zeit vorüber ist, wirst Du mich kaum noch vermissen – das ist ja immer so mit Euch Männern. Peggy sagte mir vorher, die Mamsell Betsenberger habe sich heute nach meinem Befinden erkundigt – Was dabei wäre? oh gar nichts, Kaudel , nicht das Geringste, aber – eigentlich ist es doch ein wenig taktlos, Kaudel , – sie hätte doch wohl noch die paar Tage warten können – ich werde ihr nicht mehr lange im Wege sein – sie kann jetzt bald den Schlüssel zur Speisekammer bekommen. Ach Kaudel , was hilft es, daß Du mich jetzt Deinen »liebsten Schatz« nennst – Nun, ja, ich will Dir ja glauben daß Du es auch so meinst, ich hoffe es wenigstens – aber Du kannst doch nicht verlangen daß ich hier ruhig in meinem Bett liegen soll, wenn ich an die junge Person denke – und sie ist noch nicht einmal so jung mehr, als sie sich gern machen möchte. Ich habe nichts gegen sie, Kaudel , – gewiß nicht, aber ich glaube nicht daß ich ruhig in meinem Grab liegen könnte, wenn ich – gut, ich will Nichts weiter sagen, aber Du weißt was ich meine, Kaudel . Höre, Schatz – glaubst Du nicht daß Dir Mutter den Hausstand herrlich führen könnte, wenn ich einmal abberufen bin? – Nun nun, ich will nicht weiter darüber sprechen, wenn Du es nicht wünschest – aber ich fühle daß ich krank bin – nicht von den dünnen Schuhen, Kaudel , wahrhaftig nicht davon – Ich habe ja auch in meinem Leben keine dicken Schuhe getragen, und kein Mensch hätte mich dazu gebracht, und trotzdem wußte ich nie was Erkältung sei – Nein, mein guter Kaudel , das Schlüsselloch war es, ohne Dich aber damit zu kränken – eher stürb' ich. Mutter kennt alle Deine kleinen Eigenheiten und Du würdest auch nie wieder eine Frau finden, die Dich so studirte und hätschelte und pflegte, wie ich es gethan habe – keine zweite Frau kann das – es liegt nicht in ihrer Natur. Und im Ganzen haben wir doch eigentlich recht glücklich zusammen gelebt, denn wenn wir einmal einen kleinen Wortwechsel mitsammen hatten, war das sicher nicht meine Schuld. Ich gebe zu daß Du mich manchmal geärgert hast, aber lieber Gott, wer kann für sein Temperament – besonders ein Mann. Wir haben doch recht glücklich mit einander gelebt, nicht wahr, Kaudel ? Gute Nacht – ja, die Erkältung drückt mir bald das Herz ab – aber die Schuhe sind nicht Schuld daran – Gott segne Dich, Kaudel , – die Schuhe waren es wahrhaftig nicht. Ich will auch nicht sagen, daß das Schlüsselloch die Schuld trage, aber die Schuhe thun es gewiß nicht – Gott segne Dich, Kaudel ! – gieb ja den Schuhen nicht die Schuld. Es läßt sich allerdings kaum annehmen daß Madame Kaudel während ihrer längeren Krankheit nicht doch dann und wann Gelegenheit genommen haben sollte ihren Tröstungen auch hie und da Ermahnungen beizumischen, oder sich über ihre häuslichen Verhältnisse, und was mit ihnen werden würde, auszusprechen. Solche fragmentarische Predigten scheinen aber von ihrem trostlosen Wittwer für viel zu heilige Reliquien angesehen zu sein, als sie durch den Druck zu entweihen. Aber desto schärfer drückten sie sich dafür in Kaudels Herz ab, und er erwähnte später seine verstorbene Ehehälfte nie ohne hinzuzusetzen: »die liebe Selige« oder »der Engel, jetzt im Himmel«. Nachschrift. Der Autor hat seine Schuldigkeit gethan, indem er aus einem wahren Wust von Papieren die wichtigsten Themata der Predigten heraussuchte und der Oeffentlichkeit übergab. Hätte er es gewollt, er würde im Stande gewesen sein den schönen Leserinnen eine Predigt für jede Nacht im Jahr, sage 365 Stück, zu liefern – aber genug des grausamen Spieles, und wenn er dem schwachen Geschlecht nur eine Waffe der Selbstvertheidigung bei seinem ungleichen Kampf gegen das stärkere, den Mann, in die Hand gegeben, nur einen einzigen Text geliefert hat, um den tausend über sie verhängten Unbilden zu begegnen, so fühlt er, daß er kaum ein Korn jenes Berges von Gold zurück gezahlt hat, den er so glücklich ist ihm zu schulden. Während diese Predigten veröffentlicht wurden, hat es ihn freilich oft geschmerzt von gedankenlosen, unerfahrenen Menschen – Junggesellen natürlich – hören zu müssen, daß jede Frau, und sei es die beste, in ihren Adern wenigstens einen Tropfen Kaudelsches Blut fließen hätte, und daß sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, selbst Eva dann und wann – und ob auch nur mit leisem Liebesgeflüster und unter Palmen und Myrthen – einer idyllischen Gardinenpredigt schuldig gemacht habe. Es mag sein, aber der Autor hält es für seine Pflicht hier zu erklären, daß er es nie glauben würde – nie!