Paul Schreckenbach Die letzten Rudelsburger Roman aus dem Mittelalter Erstes Buch I. Auf der Bastei des Schlosses Dornburg, die am weitesten an den steilen Felsenabhang vorgeschoben war, stand eine hochgewachsene Jungfrau im Reitkleid und wehendem Federhut und blickte gedankenvoll ins Land hinaus. Der Burgherr, Graf Günther von Schwarzburg, hatte ihr soeben die Befestigungen gezeigt, die rund um das Schloß auf seinen Befehl neu ausgeführt waren, und sie hatte die starken Mauern mit denen ihres heimatlichen Bergschlosses verglichen. Der Vergleich hatte sie befriedigt. Was auch die Schwarzburger taten, ihre Dornburg unbezwinglich zu machen, so fest wie die Rudelsburg wurde sie doch niemals, und ihr Vater, der Edle Werner Kurtefrund, gebot noch immer über die gewaltigste Feste weit und breit. Darum hatte während des ganzen Rundganges ein Leuchten des Triumphes in ihren großen stahlblauen Augen gestanden. Jetzt war sie allein, denn ein Diener hatte den Grafen abgerufen. Ihre Blicke hafteten nun nicht mehr an dem Mauerwerk, auf dem sie stand, sie waren vielmehr einem merkwürdigen Schauspiele zugewendet. Der mächtige, burggekrönte Berg, der Dornburg schräg gegenüber lag, begann mit einem Male in den Strahlen der Abendsonne zu glühen. Erst fuhr ein schwaches Rosenrot darüber hin, aber bald wurde die Farbe tiefer, leuchtender, gesättigter, und in Kürze sah es aus, als stünde der ganze Berg von oben bis unten in feuriger Glut. Die Jungfrau war schon einige Male auf der Dornburg eingekehrt, aber diese Erscheinung hatte sie noch nie gesehen. Kein Wunder, daß ihr darob ein Ausruf des Staunens entfuhr. »Ja,« sagte der Graf, der wieder zu ihr getreten war, »da verwundert Ihr Euch wohl, Gertrudis? Wer das noch nicht gesehen hat, verwundert sich immer, wenn er's zum ersten Male schaut.« Das Mädchen nickte. »Es sieht prächtig aus. Ist das öfters so?« »Nur an ganz hellen Tagen. Dann sagt das Volk: 'Der Berg gleißt', und mich will bedünken, er habe seinen Namen 'Gleißberg' wohl davon erhalten. Am schönsten funkelt er im Winter, wenn er im Schnee steckt. – Übrigens,« setzte er hinzu und blickte sie mit einem listigen Lächeln von der Seite an, »es läge wohl in Eurer Hand, auf diesem Feuerberg als Herrin zu thronen. Die Lippen des Mädchens schürzten sich unmutsvoll, und zwischen ihren Brauen erschien eine kleine Falte. »Aber Graf Günther,« sagte sie, »was habe ich Euch getan, daß Ihr mit in das Horn meines Oheims, des Schenken, blaset? Wißt Ihr nicht, daß mir der plumpe Gleißberger zuwider ist?« »Nein, das wußt' ich in Wahrheit nicht, sonst hätt' ich nichts gesagt,« erwiderte der Graf. »Aber da wir einmal davon reden und ich mir den Mund verbrannt habe, so will ich mir ihn gründlich verbrennen. Seht, ich kannte Euch schon, Gertrudis, als Euch die Zöpfe noch nicht über die Hüften herabhingen, sondern so lang waren wie mein Daumen. Ich bin vierundvierzig Jahre alt, also doppelt so alt wie Ihr, könnte fast Euer Vater sein und bin Eures Vaters günstiger Freund. Darum vergönnt mir die fürwitzige Frage: Warum heiratet Ihr nicht?« Gertrudis blickte ihn verwundert an. »Wie kommt Ihr darauf?« »Potz Wetter!« polterte der Graf. »Wie kommt Ihr darauf? Ist das eine so verwunderliche Frage? Hab' ich Euch zugemutet, nach Jerusalem zu fahren? Ist es nicht der Lauf der Welt, daß eine Jungfrau heiratet, wenn sie in die rechten Jahre kommt? Die meisten heiraten ja schon, ehe sie zwanzig sind, ja schon mit sechzehn und siebzehn! Ihr seid lange schon flügge. Warum seid Ihr nicht ausgeflogen?« Die Jungfrau schwieg und sagte dann schalkhaft trocken: »Nehmt an, es hat mich noch keiner gemocht bis hierher.« Der Graf lachte. »Haltet Ihr mich für einen Narren, daß Ihr mir das aufbindet? Die Leute nennen Euch landauf landab die Perle des Saaltales, und, weiß Gott, sie tun recht daran. Zum wenigsten zwischen Saalfeld und Halle ist keine schönere Maid zu finden als Ihr. Dabei habt Ihr mit zweiundzwanzig Jahren noch keinen Mann. Warum weist Ihr alle Freier ab?« »Weil der Rechte noch nicht darunter war.« »Und wie müßte der wohl beschaffen sein?« rief der Graf. Gertrudis blickte ihn schelmisch von der Seite an. »Nehmt einen Spiegel, Graf Günther,« sagte sie, »und schaut hinein. Da könnt Ihr's sehen.« »Donner und Hagel!« brummte der Graf, »Ihr seid ein Kobold. Ich dachte, Ihr wäret eine ernsthafte Jungfrau, die eine rechte Antwort hätte auf eine rechte Frage, die ich in freundlicher Meinung tat. Warum foppt Ihr mich?« Das Mädchen wandte ihm das Gesicht zu und sah ihn mit klaren, ruhigen Augen an. Dabei sagte sie ohne jede Verlegenheit und ohne daß sich ihre Wangen auch nur im geringsten tiefer färbten: »Das ist nicht gefoppt, das ist die volle Wahrheit. Ihr sagt selber, daß Ihr noch einmal so alt seid wie ich, außerdem seid Ihr Gatte und Vater und lebt glücklich mit Eurer schönen Frau. Darum sage ich's Euch ohne Scheu: Ihr seid der beste Mann, den ich je gesehen, und wer mich heimführen will, der muß Euch ähnlich sein, sonst bleibe ich bis zu meinem Tode auf der Rudelsburg oder gehe nach Weißenfels ins Kloster.« »Himmel!« rief der Graf und fuhr sich durch sein schon stark gelichtetes Haupthaar. »Ihr redet Dinge, werte Gertrudis, die einem alten Esel warm machen können.« »Ihr aber bleibt kühl, weil Ihr keiner seid,« versetzte die Jungfrau. »Ich bin für Euch zehn oder zwölf Jahre zu spät geboren.« »Oder ich zwölf Jahre zu früh,« knurrte der Graf. »Würfelt es aus, ob ich zu früh oder Ihr zu spät geboren seid,« erwiderte Gertrudis mit leichtem Spottlächeln. »Aber ehe Ihr hingeht und das tut, sagt mir, was sich dort auf der Landstraße heranwälzt. Ist das ein Heerhaufe?« Sie beschattete die Augen mit der Hand und wies nach Süden, von wo offenbar ein großer Menschentroß herangezogen kam. Vorläufig war noch wenig zu erkennen, denn eine gewaltige Staubwolke wandelte vor der Masse her. Vom Turme herab ertönte in diesem Augenblicke ein schmetternder Hornruf, zum Zeichen, daß auch der Wächter da droben etwas Verdächtiges wahrgenommen hatte. Der Graf hatte sich weit über die Brüstung vorgebeugt und blickte gespannt die Straße entlang. »Kriegsvolk?« murmelte er. »Nein, eher ein Städtlein, das auswandert. Es sind Weiber dabei, auch Kinder. Ah, jetzt erkenne ich, was das bedeutet.« «Nun, was meinet Ihr?« fragte Gertrudis und wandte sich dem Grafen zu, in dessen männlich offenes Angesicht plötzlich ein Zug des Widerwillens, ja des Ekels getreten war. »Seht die blutroten Fahnen und die Heiligenbilder,« sagte er. »Es sind Geißler. Sie ziehen von Ort zu Ort und kasteien sich und reißen sich mit ihren Drahtpeitschen die Rücken blutig. Dadurch wollen sie erwirken, daß der liebe Herrgott das große Sterben aufhören lasse, das in deutschen und welschen Landen umgeht und so viele Menschen dahinrafft.« Das Gesicht der Jungfrau wurde düster. »Im Städtlein Camburg sind mehr als dreißig Menschen daran gestorben, im Dorf unter der Saaleck zehn. Aber meint Ihr nicht, daß die Seuche bald erlöschen wird?« Der Graf seufzte. »Ich fürchte eher, sie hat noch nicht recht angefangen bei uns und wird noch manch ein Opfer kosten. Es ist eine böse, betrübliche Zeit, in der wir leben. Heuschrecken und Erdbeben plagen die Menschen und nun die Pest, die sie den schwarzen Tod nennen. – Aber dieses Unwesen,« er wies auf die unten Vorüberziehenden, »wird Gottes Zorn nicht versöhnen. Täten die Menschen ihre Sünden und Bosheiten ab, vielleicht würde er dann zur Gnade gestimmt.« »Ihr möget nicht unrecht haben,« erwiderte Gertrudis nachdenklich. »Aber seht!« rief sie laut. »Wen führen die Leute dort gefangen mit sich? Seht, auf dem Karren dort – ein junger Mann in Pilgerkleidung, aber mit Stricken gefesselt an Händen und Füßen!« »Das wird wohl der Hauptnarr sein unter den Brüdern, der sich so gebunden durchs Land schleppen läßt, um Gott durch seine Martern zu preisen.« »Das glaub' ich nicht. Seht, wie traurig er das Haupt gesenkt hält!« »Verlangt Ihr, vieledle Jungfrau, daß einer fröhlich blickt, der solche Narretei im Kopfe hat?« spottete der Graf. Gertrudis antwortete nicht sogleich. Dann atmete sie mit einem Male tief auf und sagte mit großer Entschiedenheit: »Wenn ich Ihr wäre, Graf Günther, so ritte ich jetzt da hinunter und machte den unglücklichen Menschen frei.« »Damit mich der Unglückliche auslache oder gar grob auffahre? Nein, überlasset die Narren sich selber. Doch seht, sie biegen von der Straße ab, wollen nach Dorndorf hinüber. Ihr könntet wahrlich, wenn Ihr nach der Tautenburg reitet, mit ihnen zusammentreffen. Da will ich Euch lieber noch ein halb Dutzend Gewappnete mitgeben zu Euren Knechten.« »Und es wird die höchste Zeit, daß ich aufbreche,« rief die Jungfrau. »Schon ist die Sonne gesunken, und bald kommt die Dunkelheit.« »Ihr seid, wenn Ihr wollt, in einer halben Stunde drüben. Doch ist's wohl besser, daß ich Euch nicht aufhalte. So kommt denn in den Hof, wo Eure Gäule schon gesattelt stehen.« – Kurze Zeit danach ritt Gertrudis mit zehn gewappneten Knechten über die Zugbrücke der Dornburg. Im Tore hatte sie sich vom Pferde herniedergebeugt und einem etwa sechzehnjährigen Jungen einen Kuß auf die Wange gedrückt. Denn der blonde Knabe war ihr Bruder, der am Schwarzburger Hof ritterliche Zucht und Sitte lernte und vor einigen Tagen mit dem Grafen von der Burg Greifenstein hierher gekommen war. Wesentlich seinetwegen war sie herübergeritten von der Tautenburg, wo sie mit ihrem Vater bei dem mächtigen Schenken und seiner edlen Gemahlin als Gast weilte. Obwohl nur noch das Haupt des hohen Gleißberges im Abendlichte funkelte und aus den Wiesengründen zu beiden Seiten der Saale schon die Nebelschwaden emporstiegen, ließ Gertrudis ihr Roß in gemächlicher Gangart dahintraben. Sie wollte mit den Landfahrern nicht gern zusammentreffen. Der Anblick hatte sie unfroh gemacht, sie mochte ihn nicht noch einmal haben. Die Leute hatten einen weiten Vorsprung und würden, so dachte sie, jedenfalls bei dem Dorfe Steudnitz von ihrem Wege abbiegen und die Stadt Camburg zur Nacht zu erreichen suchen. Dann konnte sie ihnen nicht mehr begegnen. Aber als sie in Dorndorf einritt, sah sie zu ihrer peinlichen Überraschung, daß sie sich in ihrer Annahme geirrt hatte. Die Wallfahrer schienen an ein Weiterziehen nicht zu denken, sondern sich das Dorf zur Nachtruhe ausersehen zu haben. Ihre Karren waren auf den Dorfwegen aufgefahren, und ein Teil von der Schar schien eben im Begriff zu stehen, eines ihrer düsteren Bußexerzitien zu beginnen. Denn ein großer, hagerer Mann, seinem Gewand nach ein entlaufener Mönch, hatte sich auf einen Stein geschwungen und hielt ein halb zerrissenes, stark beschmutztes Pergamentblatt hoch empor. Vor ihm standen im Halbkreise etwa vierzig Männer mit entblößten Oberkörpern, Ledergeißeln mit kleinen scharfen Eisenspitzen in den Händen tragend. Gertrudis und die Knechte hatten ihre Rosse unwillkürlich zum Stehen gebracht. So widerwärtig sie die Szene berührte, so kam doch die Neugier über sie, was nun wohl geschehen werde. Auch lagen auf der Landstraße betende Frauen und Kinder in Menge auf den Knien und hemmten die Reise. Sie brauchte nicht lange zu warten. Der Mann auf dem Stein stieß einen Laut aus, der an den Ton einer zersprungenen Posaune erinnerte, schwenkte das Schriftstück wild in der Luft umher und schrie endlich mit vor Erregung und Anstrengung heiserer Stimme: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und dreimal gebenedeiet die Mutter Gottes, die süße Jungfrau Maria! Amen! Brüder und Schwestern! Dies ist ein Brief, geschrieben vom hochheiligen Erzengel Michael und vom Himmel zur Erde gefallen bei der Stadt Rom im Lande Italien am Anfang dieses Jahres, da man schreibet das dreizehnhundertsiebenundvierzigste Jahr seit der Geburt unseres Herrn und Seligmachers Jesu Christi. Darin steht, daß Gottes Zorn die ganze Menschheit habe ertöten wollen um ihrer großen, unmenschlichen Sünde willen. Aber die allerheiligste Jungfrau habe vorgebeten, und so wolle uns Gott noch einmal gnädig sein, ob wir schon alle den Tod reichlich verdient hätten. Wir sollen aber unser Fleisch abtöten und uns martern und geißeln bis aufs Blut, und wir sollen die Juden allüberall zu Tode bringen, die schuldig sind an unseres Heilands bitterem Tod. So laßt uns büßen, büßen für unsere und aller Welt Sünde und dann den Sohn Belials, der in unsere Hand gefallen ist, mit Feuer verbrennen!« Er riß einem, der neben ihm stand, ein Holzkruzifix aus der Hand und hielt es hoch empor. Auf dieses Zeichen stürzten die vierzig Büßer auf die Knie und begannen aufeinander loszuschlagen, indem die ganze Versammlung in dumpfem, heulendem Ton ein Bußlied anstimmte, das also begann: Nun hebet auf eure Hände, Daß Gott das große Sterben wende! Nun hebet auf eure Arme, Daß sich Gott über uns erbarme! Kyrie eleison. Dazu erklang vom Turm des nahen Kirchleins her, den einer der Wallfahrer erstiegen hatte, das scharfe, schrille Wimmern eines Glöckchens. Von Ekel und Grauen übermannt, trieb Gertrudis ihr Roß zum Vorwärtsschreiten an und wandte die Augen beiseite. Aber da ward ihr ein Anblick, der ihr Entsetzen einflößte. Der junge Mann, dessen Geschick schon auf der Dornburg ihr Mitleid erweckt hatte, stand da, gefesselt an den Stamm einer alten Weide. Um ihn herum hatte man Reisig aufgehäuft bis zur Mitte seines Leibes, und ein ungeschlachter Geselle, der aussah wie ein Schindersknecht, schwenkte eine brennende Fackel in bedenklicher Nähe des dürren Holzes. Ohne sich zu besinnen, trieb die Jungfrau ihr Pferd an den Holzstoß heran und herrschte den Fakelträger an: »Was soll das? Was willst du dem Manne hier antun?« Der Mensch grinste und erwiderte dann in unterwürfigem Tone: »Ein Jude, Herrin, den wir am Wege fanden, wo er den Brunnen bei Borsindorf an der alten Schenke vergiften wollte. Solche Teufelsbraten auszurotten, hat uns die heilige Jungfrau geboten.« »Ist es so, wie dieser sagt?« wandte sie sich an den Gefesselten. Der hatte seine Augen auf ihr Antlitz gerichtet und sah sie an wie wohl ein in schwerer Sünde Sterbender auf ein Gnadenbild der heiligen Jungfrau blicken mag, von dem er Rettung erhofft vom ewigen Tode. Dieser verzückte Blick, in dem sie las, daß er sie wie ein himmlisches Wunder betrachtete, jagte ihr mit einem Male das Blut ins Gesicht, und in plötzlicher Verwirrung fragte sie noch einmal mit fliegendem Atem: »Sprecht! Redet der da die Wahrheit?« Der Gefesselte schüttelte das Haupt. »Lüge!« stöhnte er. »Ich bin ein Deutscher aus Mailand, reise zum Erzbischof von Magdeburg – bin überfallen am Wege–« Er schloß die Augen und konnte vor Erschöpfung nicht weiter sprechen. »Herrin,« sagte der Fackelträger, »glaubt ihm nicht. Er ist ein Jude. Seht das schwarze Haar und die schwarzen Augen.« »Die haben auch andere Leute,« sprach Gertrudis. »Ist das alles, was gegen ihn zeugt?« Da drückte sich ein anderer heran. »Er hatte ein schwarzes Pulver bei sich in einer Flasche,« rief er. »Damit wollte er wohl gerade das Wasser vergiften, wie es die bösen, meineidigen Juden tun.« »Das war kein Gift,« murmelte der Gefangene. »Es war ein Heilmittel. Hilfe! Rettet mich!« Wieder schlug er die Augen auf und sah sie starr an. Die Jungfrau richtete sich hoch auf im Sattel. Sie war mit einem Male entschlossen, dem Gesindel seine Beute zu entreißen. Darum rief sie laut und hart: »Das Gericht auf diesem Grund und Boden gehört meinem Ohm, dem edlen Schenken von Tautenberg, nicht landfahrendem Volke. Wolfram und Enke, löst die Stricke, nehmt den Mann aufs Pferd, und dann vorwärts zur Tautenburg!« Die Rudelsburger Knechte waren gewohnt, den Befehlen ihrer Herrin blindlings und aufs Wort zu gehorchen. Darum wurde trotz des drohenden Murrens und Schreiens der Umstehenden der Gefesselte sofort befreit und auf ein Pferd gehoben, und als der Fackelträger zu dem Manne auf dem Stein sprang und der den Bußgesang jählings unterbrach, war der reisige Zug durch kreischend auseinanderstiebende Weiber und halbwüchsiges Volk schon weiter geritten. Geheul und Gebrüll, Verwünschungen und Flüche folgten ihm, auch einige Steine wurden den Abreitenden nachgeschleudert. Aber sie erreichten ihr Ziel nicht. In scharfem Trabe ritt die Schar durch das Dörfchen Steudnitz die Bergstraße hinan, die nach Tautenburg führte, und bald leuchteten ihr aus der Halbdämmerung heraus die gastlichen Lichter des altersgrauen Schenkenschlosses entgegen. II. »Blitz und Strahl! Wen bringst du mir da, Mädchen?« rief eine Stimme aus dem Dunkel des kleinen Burghofes, als Gertrudis mit ihren Knechten durch den Torweg geritten war und nun vom Rosse stieg. Der Mann, dem diese Stimme gehörte, kam eilends herbei. Es war der Schenk Rudolf selbst, ein starker, untersetzter Mann mit energischen Zügen und einem großen Kopfe, den er meist ein wenig in den Nacken zurückgelegt trug. Etwas Selbstbewußtes, Gebietendes lag in seiner ganzen Erscheinung, und das war kein Wunder, denn der Tautenburger war einer der reichsten und mächtigsten Ritter in Thüringen. Um seine Freundschaft warben Grafen und hohe Herren. »Wer ist das?« fragte er und deutete mit weitausgestreckter Hand auf den Mann in zerrissenem Pilgerkleid, der trotz seiner Erschöpfung aus dem Sattel geglitten war und versucht hatte, dem Fräulein beim Absteigen behilflich zu sein. »Ein Unglücklicher, Ohm, der auf Eurem Gebiete beinahe den Tod erlitten hätte,« erwiderte sie und berichtete dann kurz, was vorgefallen war. Der Schenk schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Wer sagt dir, Kind, daß diese Leute nicht recht hatten?« Gertrudis nahm ruhig einem der Knechte das Licht aus der Hand und hob es hoch empor, so daß es auf die Züge des Fremden fiel. »Seht selbst,« erwiderte sie. »So sieht kein Jude aus, der als feiger Mörder durchs Land streift.« »Wahrlich nein!« versetzte der Schenk erstaunt. Er war fast zurückgefahren vor dem scharfen, glänzenden Blicke des Mannes, der ihn plötzlich traf. »Wer seid Ihr, guter Freund?« fragte er nun höflicher, als es sonst seine Art war. »Ich heiße Nikolaus Kyburg, bin ein freier Bürger aus Mailand.« Der Schenk hob verwundert das Haupt. »Mit diesem Namen ein Mailänder?« »Mein Vater zog mit König Heinrich dem Lützelburger nach Welschland und blieb dort hängen.« «Und was seid Ihr, und wo wollt Ihr hin?« »Ich bin ein Arzt und wollte zum hochwürdigen Herrn von Magdeburg.« Der Schenk musterte die schlanke, sehnige Gestalt von oben bis unten. »Ihr seht eher aus wie einer, der Wunden schlägt, als der sie heilt,« brummte er. »Auch das kann ich, Herr. Ich war durch Jahre ein Kriegsmann. Gebt mir Schwert und Harnisch, so will ich für Euch kämpfen. Denn was Eure Tochter getan hat, macht mich zu Eurem Mann.« »Sie ist nicht meine Tochter – leider, und was aus Euch wird, das muß der morgende Tag ausweisen. Ihr seht nicht aus wie ein Schelm, aber wenn die Wallfahrer kommen und Euch schwerer Tat bezichten, so werdet Ihr Eure Unschuld verteidigen müssen vor einem Gericht geschworener Männer. Für jetzt weise ich Euch ein Gemach an und gebe Euch Herberge und Zehrung. Wilke, führ' ihn ins Turmstübchen. Und nun komm, Gertrudis, das Essen wartet auf uns!« Die Jungfrau wandte sich zum Gehen, warf aber vorher noch einen Blick auf den Fremdling und neigte gegen ihn fast unmerklich das Haupt. Der aber ließ sich auf seine Knie nieder, erfaßte ihre Hand und küßte sie. Das alles geschah mit dem Anstand eines höfischen Ritters. »Ich danke Euch, edle –« begann er, aber Gertrudis entzog ihm hastig ihre Hand und eilte mit brennendroten Wangen ins Haus. Verwundert folgte ihr der Schenk mit langen Schritten. Kyburg stand auf und schaute ihr nach wie einer Erscheinung. Da löste sich aus dem Dunkel eine Gestalt und trat auf ihn zu. Es war ein riesiger Mann von hagerem Gliederbau. Sein Gesicht glich merkwürdig dem eines großen Raubvogels, und wen er mit seinen hellen Habichtsaugen so recht ansah, den überlief leicht ein Frösteln. »Ihr seid Arzt? Wo lerntet Ihr die Kunst? In Welschland?« fragte er mit einer Stimme, die noch tiefer und dumpfer klang als die des Schenken. »Nein, edler Herr, bei denen, die mehr davon verstehen als alle Menschen, bei den Arabern.« In den Augen des langen Ritters blitzte ein grelles Licht auf. »Wie kamt Ihr dahin?« »Ich ward gefangen auf einem griechischen Schiff und war vier Jahre lang der Handlanger des weisen Muley Hassan in Cordova. Dann gelang mir's, zu entkommen.« »Habt Ihr auch sonst etwas erlernt von der Wissenschaft jenes Volkes?« «Nicht wenig, Herr.« »Auch von der, die Alchymie heißt?« »Auch davon etwas.« Der Lange blickte ihn durchbohrend an. «Gut, gut!« sagte er dann, wandte sich und verschwand ohne ein weiteres Wort im Hause. »Kommt!« mahnte Wille der Knecht. »Ich will Euch führen, wie es der Herr befohlen hat.« »Um Christi Tod – wer war das?« fragte Kyburg und faßte des Knechtes Arm mit festem Griff. Der alte Wilke blickte sich scheu um und flüsterte dann: »Das war Herr Werner Kurtefrund von der Rudelsburg, der Vater der edlen Jungfrau, mit der Ihr gekommen seid.« Kyburg fuhr überrascht empor. Das zu hören, hatte er am wenigsten erwartet. «Wächst auch eine Rose auf dem Stamme der knorrigen Kiefer?« murmelte er. »Redet nichts,« sagte der Knecht ängstlich, »Herr Kurtefrund hört und sieht durch sieben Mauern. Kommt, folgt mir hier die Stufen in die Höhe.« - Einige Minuten später saß Kyburg in dem mittleren Gemach des hohen Burgfriedes. Vor ihm stand ein Teller mit kaltem Fleisch und ein dicker, bauchiger Krug, gefüllt bis fast an den Rand mit nicht sehr edlem Wein. Wenigstens verzog er, als er einen tiefen Schluck genommen, fast schmerzhaft den Mund und sprach seufzend vor sich hin: »O Italien, was ist alles Barbarengetränk gegen die Weine, die in deiner Sonne reifen!« Das hinderte aber nicht, daß er in Bälde einen zweiten, nicht minder gewaltigen Schluck zu sich nahm, denn immerhin däuchte ihm der säuerliche Wein besser als gar keiner, und er war durstig wie noch nie in seinem Leben. Denn hinter ihm lag seines Lebens heißester und bösester Tag. Er hatte wahrlich viel durchgemacht an Fährnissen, Kämpfen und Nöten in den dreizehn Jahren, seit er als Achtzehnjähriger aus der Klosterschule ausgebrochen war, um in die Welt zu fahren. Mit breiter Wunde auf der Brust hatte er auf einem Schlachtfeld Ungarns gelegen, hatte in einem Tiroler Burgverließ gesessen, in Tunis gefesselt auf dem Sklavenmarkte gestanden. Aber so nahe einem grauenvollen Tode war er noch nie gewesen wie heute. Die frommen Landstreicher, in deren Hände er gefallen war, hatten ihn ausgeplündert bis auf das elende Pilgergewand, das er auf dem Leibe trug und dessen Heiligkeit die Kerle nicht respektiert hatten. Sein Leibgurt mit den Goldmünzen und Silberstücken war fort, die Tasche mit dem Briefe des Bischofs von Brixen, der ihn dem Magdeburgischen Kirchenfürsten empfahl, war gleichfalls verschwunden, und vor allem fehlte das Fläschchen mit dem schwarzen Staube, dessen geheimnisvolle Eigenschaften ihn dem Erzbischof mehr empfehlen sollten als alle bischöflichen Schreiben der Welt. Er konnte ihn ja wieder herstellen durch seine Kunst, aber würde er nun dazu überhaupt wieder Gelegenheit finden, würde der Magdeburger ihn, den landfahrenden Bettler, der ihm nicht bekannt war, über seine Schwelle lassen? Vorläufig war er noch nicht einmal außer Gefahr. Die Bande konnte ihm nachziehen, ihn hart verklagen, ihn vor ein Gericht bringen, dessen Spruch immerhin zweifelhaft war. Was galt ein Menschenleben in dieser Zeit, wo täglich Hunderte an der Seuche starben und Fehde und Krieg in allen Landen war? Nun vollends das Leben eines Fremden, der zwar der Sprache des Landes von Kind auf kundig war, aber weit und breit keinen Menschen kannte, der für ihn bürgen, auf den er sich berufen könnte! Das Volk war halb wahnsinnig aus Angst vor der Pest und glaubte fest daran, daß die Ungläubigen im Lande, die Juden, sie durch Vergiftung der Brunnen herbeigeführt hätten. Darum fiel man überall her über das ungläubige Volk und brachte es unter Martern zu Tode, und wer in Verdacht kam, zu ihnen zu gehören oder auch nur mit ihnen in Verbindung zu stehen, der mußte sich vor dem wütenden Volkshaufen vorsehen. Würden die Richter, vor denen er vielleicht schon morgen stehen mußte, Vernunft und Kaltblütigkeit bewahren? Er ließ sich auf den harten Estrich nieder und faltete die Hände. »Sankt Jakobus von Compostela,« betete er, »du hast mich so oft trefflich beschützt, hilf mir aus dieser schweren Gefahr! Komme ich wieder zu Gelde, so soll's dein Schaden nicht sein. Ja, führst du mich an mein Ziel, so will ich dir ein Kirchlein bauen mit einer ewigen Lampe, die immerdar brennen soll zu deinem Ruhm!« Dann erhob er sich stöhnend, denn seine geschundenen Glieder schmerzten ihn sehr, besonders die Gelenke, wo die Fesseln gesessen hatten. Er aß von dem Brote und dem Fleische und trank von dem Weine, starrte ins Licht und dachte über sein Schicksal nach, und dabei tauchte immer wieder das stolze Gesicht des Mädchens vor ihm auf, das ihm heute wie ein Engel des Himmels erschienen war. Auch als er eine Stunde später auf dem harten Lager in der Ecke in Schlummer gesunken war, sah er sie vor sich, wie sie zürnend und hoheitsvoll vom Pferde herab den Befehl gab, ihn zu befreien. Währenddessen wurde drüben im Pallas über sein Geschick verhandelt. Die beiden Ritter saßen nach dem Mahle noch allein bei einem Kruge rheinischen Weines in ernstem Gespräch beisammen. Denn nicht zur Kurzweil war Werner Kurtefrund zu seinem Vetter und Freunde, dem Schenken, herübergeritten. Schon seit längerer Zeit gab er sich Mühe, einen Bund der benachbarten Ritter und Herren gegen seine alte Feindin, die Stadt Naumburg, zusammenzubringen. Bei den meisten war ihm das leicht gefallen, denn den Herren war nichts lieber, als wenn irgendwo eine tüchtige Fehde aufbrannte, bei der man auf reiche Beute hoffen durfte. Nur der Schenk hatte bisher zögernd beiseite gestanden, und doch war an ihm dem Rudelsburger am meisten gelegen, da er so viele Reiter ins Feld stellen konnte wie vier oder fünf andere der kleinen schloßgesessenen Herren. Wieder und wieder war er deshalb zu ihm geritten, und heute war es seiner schlauen Beredsamkeit endlich gelungen, die Zweifel und Bedenklichkeiten des Tautenburgers zu zerstreuen. Der Schenk sah ein, daß man die reich und immer reicher werdenden Krämer beizeiten ducken müsse, ehe sie allzu mächtig wurden. »Sollen wir uns,« hatte Kurtefrund gerufen, »ein Erfurt oder gar ein Nürnberg vor der Nase aus der Erde emporwachsen lassen? Sollen wir zusehen, wie die Gewandschneider und Waidfärber, die Bierbrauer und Bäcker und Fischer mählich der Gegend Herren werden? Das mag der Teufel wollen!« Solche Worte waren bei dem Schenken auf guten Boden gefallen, denn er war ein stolzer Landherr und den handelnden und handwerktreibenden Leuten hinter den Stadtmauern im tiefsten Herzen abgeneigt. So hatte er denn seinen Willen kundgegeben, dem Ritterbunde beizutreten, und Kurtefrund war darob hocherfreut in seinem Gemüte, denn das Wort des Schenken war sein Siegel und galt mehr im Lande als dreier hochwürdiger Bischöfe geschworener Eid. Natürlich wurde das Ereignis durch einen gewaltigen Trunk gefeiert. Zwei mächtige Steinkrüge hatten die beiden in nicht allzu langer Zeit schon bis auf den Grund geleert, und jetzt ließ der Schenk noch ein kleineres Gefäß, gefüllt mit schwerem Ungarwein, auftragen, zu einem Schlaftrunke, wie er sagte. »Denn wenn du wirklich morgen früh mit der Sonne aufstehen und abreiten willst, Kurtefrund, so wird's wahrlich Zeit, daß wir uns in die Federn machen!« »Du hast recht,« erwiderte der Rudelsburger. »Wir wollen's nicht viel später werden lassen. Auf dein Wohl und Tod den Krämern! Und nun noch eine Bitte: Schenke mir den Kerl, den meine Tochter heute eingefangen hat!« Der Tautenburger sah ihn verwundert an. »Wie kann ich verschenken, was mir nicht gehört?« »Aber er ist auf deinem Grunde gefangen und schwerer Tat bezichtigt.« »Wird er verklagt, so mag er sich verantworten vor Gericht. Er ist ein freier Mann.« »Wer weiß, ob er nicht lügt! Vielleicht ist er ein entlaufener Knecht.« Der Schenk lachte. »Sieh ihn an, und du wirst ihm glauben. Hätt' er mir gesagt, er sei von Adel, ich hätt's ihm auch geglaubt.« »Meinethalben,« versetzte Kurteftund etwas verdrießlich. »Jetzt aber ist er in deiner Hand.« »Was in aller Welt willst du mit ihm?« fragte der Schenk ablehnend. »Er ist ein Gelehrter, ich habe ihn gefragt, und, ich kann gerade einen Schreiber gebrauchen auf der Rudelsburg.« »So, so! Nun höre: Den nähm' ich nicht, lieber einen alten Mönch. Er fiel vorhin vor deiner Tochter auf die Erde und küßte ihr die Hand, und dabei sah er sie an, als wäre sie eben vom Himmel gestiegen. Und die Weiber, ja die Weiber! Die sehen es nur zu gern, wenn einer sie anbetet, wenn er lang und rank ist wie der und Augen im Kopfe hat wie glühende Kohlen. – Donnerwetter, da geschieht manchmal das dümmste Zeug!« Der Rudelsburger sah ihn an, als ob er ihn für betrunken hielte. Dann wieherte er und prustete vor Lachen. »Was redest du da? Du bist ein Spaßvogel, Schenk! Gertrudis, der der Beste im Lande nicht gut genug ist? Kröche so ein Landstrolch an sie heran, sie schlüge ihn in seine alberne Fratze. Aber Scherz beiseite: Willst du mir den Menschen geben oder nicht?« Der Schenk zuckte die Achseln. »Will er mit dir reiten, so halt' ich ihn nicht. Zwingen kann ich ihn nicht. Er genießt den Frieden meiner Burg wie jeder andere, der darinnen ist.« Der Rudelsburger war sichtlich geärgert. Seine Augen funkelten, und seine Stirn ward blutrot. Aber er war doch klug genug, die heftige Antwort zu unterdrücken, die ihm auf der Zunge lag, und versetzte nur mit verbissenem Hohne: »So werde ich den Herrn aus Italien fragen müssen, ob er so gnädig sein will, mit auf meine Burg zu kommen.« Der Schenk überhörte geflissentlich den gereizten und unhöflichen Ton der Antwort und entgegnete gleichmütig: »Warum sollte er nicht? Er entgeht ja damit seinen Verfolgern, denn auf der Rudelsburg sucht ihn kein Mensch, wenn überhaupt ihn einer suchen sollte. Und auch sonst wird er schwerlich etwas dagegen haben, dem Vater derer zu folgen, die ihn gerettet hat. Noch einen Becher, dann gute Nacht!« III. Als die ersten Strahlen der Morgensonne durch die kleinen Fenster des Tautenburger Turmgemaches blitzten, hatte der Schläfer darinnen einen wunderlichen Traum. Er sah die Jungfrau, die ihn gerettet hatte, auf der Spitze eines hohen Berggipfels stehen, umflossen von hellem, rosigem Lichte, und ihm, der tief im Tale stand, winkte sie mit einem glückverheißenden Lächeln zu. Da sprang er den Berg empor, von Klippe zu Klippe sich schwingend, bis sie ihm ganz nahe zu sein schien. Er streckte die Arme aus, um sie zu umfassen, aber in demselben Augenblick sah er, daß zwischen ihm und ihr ein tiefer Abgrund klaffte, den kein Mensch überspringen konnte. Verzweifelt starrte er hinab in die dunkle Tiefe. Da mit einem Male faßten ihn zwei eiserne Hände an den Schultern, hoben ihn empor und warfen ihn mit ungeheurer Kraft über die Kluft hinüber, so daß er gerade vor den Füßen des Mädchens auf die Knie zu liegen kam. In demselbm Augenblicke war sein Traum zu Ende, denn er spürte wirklich einen gewaltigen Druck an den Schultern und fuhr erschrocken in die Höhe. Vor ihm stand der Ritter Kurtefrund von der Rudelsburg, der ihn unsanft aus dem Schlafe geweckt hatte. Er war vom Kopf bis zu den Füßen in blankes Eisen gekleidet. »Was begehrt Ihr, Herr?« rief Kyburg und saß im Nu aufrecht auf seinem Lager. Ihm schwante, daß dieser frühe Besuch etwas Absonderliches zu bedeuten habe, und seine Schlaftrunkenheit war im Augenblicke verflogen. Der Ritter suchte seinen Zügen den Ausdruck des größtmöglichen Wohlwollens zu geben. »Hört mich an!« sagte er und stützte sich breitbeinig auf sein Schwert. Er pflegte gern zu reden, denn es war ihm von der Natur eine Fähigkeit gegeben, die Worte zu setzen, wie sie unter Seinesgleichen ganz ungewöhnlich war. »In zwei Stunden etwa, guter Freund, werden die vor den Toren der Burg stehen, die Euch gestern so übel mitgespielt haben. Bezichtigen sie Euch der Zauberei und üblen Teufelswerkes, so muß Euch der Schenk ausliefern vor das Gericht des Bischofs von Naumburg, und was dann die Pfaffen über Euch beschließen, das weiß der Henker. Nun halt' ich Euch für unschuldig, ebenso der Schenk, denn von den frommen Narren, die jetzt das Land durchziehen und sich geißeln und törichte Lieder plärren, ist jeder einzelne so dumm wie ein ganzer Stall voll Schafe. Darum haben sie Euch für einen hausierenden Hebräer gehalten, wo doch jeder sehen kann, daß Ihr ein ritterlicher Mann seid.« Hier mühte er sich, den Schein eines Lächelns über sein Antlitz gleiten zu lassen, und neigte sich ein wenig gegen ihn. »Kurz und gut also,« fuhr er fort, »ich schlage Euch vor, reitet mit mir nach der Rudelsburg! Dort seid Ihr sicher, und ich meine, ich könnte Euch dort wohl gebrauchen.« Kyburg stand mit einem Ruck auf beiden Füßen und blickte dem Ritter erstaunt, ja erschrocken ins Gesicht. Nicht nur Sicherheit und Unterkunft ward ihm, dem vom Schicksal arg Heimgesuchten, mit einem Male geboten, nein, das war viel mehr, es war geradezu die Erfüllung des Traumes, den er eben geträumt hatte. Wäre heute der Rudelsburger mit seiner Tochter von dannen geritten, so hätte er sie vielleicht niemals wiedergesehen. Denn wie hätte er Zutritt erhalten sollen auf einer Burg, deren Namen er bis gestern noch niemals gehört hatte, und von der er noch zur Stunde nicht wußte, wo sie gelegen war? Das hohe Frauenbild, das ihm unablässig leuchtend vor der Seele stand vom ersten Augenblick an, da er es gesehen, wäre ihm wahrscheinlich für immer entschwunden gewesen. »Nun? Wie dünket Euch?« sagte der Rudelsburger ungeduldig. »Herr, ich komme mit Euch mit Freuden!« rief Kyburg. »Aber,« setzte er nach einigem Besinnen hinzu, »als was wollt Ihr mich auf Eurem Schlosse halten und gebrauchen?« Kurtefrund überflog seine Gestalt mit raschem Blicke und sagte dann bedächtig: »Fürs erste: Ich denke, Ihr seid des Schildamtes kundig und wisset ein Schwert wohl zu führen « »Das kann ich, Herr.« »Zum zweiten: Ich acht', Ihr seid auch wohl imstande, den Federkiel zu handhaben, und versteht die vermaledeite Sprache, in der die Pfaffen und Schreiber die Verträge und Urkunden abfassen.« »In beidem, Herr, irrt Ihr nicht.« »Und endlich zum dritten: Ihr wisset etwas von der geheimen Kunst, die aus Kupfer oder Blei Gold werden läßt oder zum wenigsten es vermag, das Gold, das man in den Tiegel wirft, zu vervielfältigen?« Kyburg sah dem Rudelsburger starr ins Gesicht und hielt eine ganze Weile den Blick seiner Augen aus. Dann sagte er: »Habt Ihr Feinde, Herr?« »Die schwere Menge.« »Sind solche unter ihnen, die feste Häuser haben oder sich hinter Mauern bergen?« »Ja freilich. Da sind vor allen anderen die Heringskrämer von Naumburg. Bin zwar zurzeit mit ihnen vertragen, aber bei Sankt Elisabeth, es soll nicht lange mehr mit dem Frieden währen!« »Nun, Herr,« sagte Kyburg mit starker Stimme. »Eure Tochter hat mir das Leben gerettet. Ohne sie wäre mein Fleisch und Bein auf einem Holzstoße verkohlt. Das bindet mich an Euch und macht mich zu Eurem Freunde. Und ich verspreche Euch dies: Gebt Ihr mir, was ich bedarf, so schaff' ich Euch noch vor Weihnachten ein Mittel, das alle Eure Feinde in den Staub vor Euch wirft.« »Ihr versprecht viel,« erwiderte der Ritter, »fast zu viel. Und ich frage Euch: Wie kommt es, daß Ihr bei solcher großen Kunst als ein Landstreicher umherfahret?« »Das mag ich Euch leicht erklären, Herr. Von den Heiden floh ich auf ein Schiff von Sankt Marco und hatte nichts, als was ich auf dem Leibe trug. Von Venedig bettelte ich mich durch bis zum Bischof von Brixen, der mein Gönner ist von früher her und der mich aufnahm. Er stattete mich mit Kleidung aus und auch mit Geld und riet mir, zum Erzbischof nach Magdeburg zu fahren, bei dem die ärztliche Kunst hoch im Preise stehe. Er schrieb mir auch einen Brief, der mich empfehlen sollte. Den haben die Räuber gestohlen und zerrissen. Dem Hochwürdigen von Brixen darf man nicht nahe kommen mit der geheimen Kunst der Heiden. Er ist der Welt abgestorben und lebt nur noch den Werken der Liebe und Barmherzigkeit.« »Das leuchtet mir ein,« versetzte der Rudelsburger nach einigem Nachdenken. »Ihr seid also bereit, mein Mann zu werden und Euch in meinen Dienst zu schwören, bis dieses Jahr zu Ende ist? Denn bis dahin muß sich's ja zeigen, was Ihr vermöget.« »Hier meine Hand, Herr, ich gelobe mich Euch bei den Wunden des Heilandes und meinem Schutzpatron Sankt Jacob! Und so Ihr mich redlich haltet, so sollt ihr einen Dienstmann an mir haben, wie Ihr noch keinen hattet.« »Mich redlich zu halten gegen Euch, will ich Euch gern geloben. Wer mir gute Dienste leistet, kann sich auf meine Erkenntlichkeit verlassen. Von allem anderen reden wir, wenn wir daheim sind. Jetzt aber müssen wir Euch ausrüsten, wie einen, der in meinem Gefolge reitet.« Er öffnete die Tür und rief die Stiegen hinunter: »Wilke, bringe dem Manne ein Gewand und einen Harnisch und alles, was ein Reiter haben muß. Dein Herr hat mir's zugesagt.« Eine Viertelstunde später ritt Kyburg im Gefolge des Rudelsburgers aus dem Tore der Tautenburg. Es war kein ritterliches Ziergewand, das man ihm gegeben hatte, er trug vielmehr die Kleidung eines gewöhnlichen reisigen Knechtes. Aber sein hoher, schlanker Wuchs kam doch dadurch aufs vorteilhafteste zur Geltung, und seine schwarzen Augen blickten so kühn und herrisch unter der Eisenhaube hervor, als wäre er der reichste Landherr in der Runde. Gertrudis, die neben ihrem Vater an der Spitze des Zuges ritt, schien davon nichts zu bemerken und hatte offenbar nicht mehr acht auf ihn als auf jeden anderen. Sie hatte ihn mit einigen kühlfreundlichen Worten willkommen geheißen unter den Mannen ihres Vaters, wobei sie nicht hatte verhindern können, daß ihr ein feines Rot in die Wangen getreten war. Dann aber hatte sie sich fast schroff von ihm abgewandt und nicht wieder das Wort an ihn gerichtet. Ritter Kurtefrund, der seine Augen überall hatte, bemerkte wohl die feurigen und bewundernden Blicke, die der Fremdling auf seine Tochter warf, und sie bereiteten ihm ein großes Vergnügen. War der Mann wirklich geheimer Wissenschaft kundig, so konnte er ihm unermeßlich nützlich werden. Es war ein wunderliches Spiel des Zufalls, daß ihm der seltene Vogel ins Garn gegangen war. Verliebte er sich nun gar in seine Tochter, so war er stärker an die Rudelsburger gefesselt als durch jeden Eid und würde ihm gern und willig dienen mit allem, was er vermochte. Und für Gertrudis, die Stolze, Unnahbare, war ein fremder Landstreicher nimmer eine Gefahr, auch wenn er so adlig aussah wie der da. Sie ließ ihn ja ganz und gar links liegen. Er dagegen wandte von Zeit zu Zeit das Haupt nach ihm zurück und nannte ihm den Namen eines Dorfes oder festen Hauses, an dem man vorüberritt. Es waren der Ortschaften viele, die der Zug berührte oder zur Seite liegen ließ, denn Herr Kurtefrund ritt nicht im Tale hin den Fluß entlang, sondern er hatte den Weg über die Höhe eingeschlagen. Das war mit weisem Bedacht geschehen. Er wollte den Wallfahrern nicht begegnen, die vermutlich ihren Weg nach Camburg nahmen, und er wollte sein festes Haus Neidschütz besuchen. Dort schaltete sein Oheim Lutz Kurtefrund, der zwanzig Jahre jüngere Bruder seines längst verstorbenen Vaters. Der harte, verschlossene Mann, der jetzt schon in den Sechzigern stand, war ein in der ganzen Gegend bekannter Sonderling. Er haßte zweierlei in der Welt von ganzer Seele, nämlich die Weiber und die Naumburger. Denn vor vielen Jahren hatte ihm ein Naumburger Patrizier in einer Fehde das linke Auge ausgerannt. Darob hatte sich die Braut des also Gezeichneten entsetzt, denn seine Leibesschönheit war ohnehin keine große, und jetzt war sie ganz dahin gewesen. Das Verlöbnis war auseinander gegangen, und ein Jahr später hatte die wankelmütige Schöne demselben Naumburger ihre Hand gereicht, dem ihr früherer Verlobter sein entstelltes Gesicht verdankte. Ungeheure Bitterkeit war deshalb in die Seele des Verschmähten eingezogen. Alles, was lange Haare trug, war ihm ein Greuel geworden; auch seine Dienerschaft bestand ausschließlich aus Männern, weil er kein weibliches Gesicht um sich sehen wollte. Nur eine Köchin in weit vorgerückten Jahren und von sehenswerter Häßlichkeit duldete er auf dem Schlosse, »denn dieses alte Mordsreibeisen«, pflegte er in seiner mehr deutlichen als anmutreichen Redeweise zu sagen, »ist nur noch zu einem Viertel Weib, zu dreiviertel Drache.« Ebenso groß oder noch größer war sein Haß gegen die Naumburger, besonders seit dort sein Erbfeind und einstiger Nebenbuhler, Dietrich von Merkwitz, zu hohen Ehren gekommen war. Kein Ritter im ganzen Lande sehnte so wie er den Tag einer blutigen Abrechnung mit dem hochmütigen Krämervolke herbei, und Werner Kurtefrund machte wesentlich deshalb den Umweg über Neidschütz, um seinem Oheim die willkommene Kunde zu bringen, daß der Schenk dem Bunde gegen die verhaßte Stadt nun endlich beigetreten sei. Das eine Auge des alten Ritters leuchtete denn auch hell auf, während sein Neffe erzählte, und seine dünnen Lippen umspielte ein Lächeln des Triumphes. Gleich darauf wurden aber seine Züge wieder so finster wie zuvor. »Ich kann dir, Gott sei's geklagt, nichts so Günstiges berichten wie du mir,« sagte er; »im Gegenteil, eine sehr unliebsame Kunde ward mir vorhin zugetragen. Der alte Bischof Witticho liegt auf der Saaleck im Sterben.« »Donnerwetter! Das wäre des Teufels!« fuhr der Rudelsburger auf. »Der alte Esel war so friedlichen Gemüts, daß wir von ihm nie und nimmer etwas zu befürchten hatten. Er hätte immer nur zum Frieden gemahnt, auch wenn wir schon in Naumburg drin gewesen wären und die Stadt an allen Ecken gebrannt hätte. Wen sie nun auch wählen an seiner Statt – solch' einen Dummen wählen sie sicher nicht. Verdammt, verdammt!« Der Neidschützer stieß seinen Stock in die Erde. Er war gerade vom Felde heimgekehrt, wo er die Fröhnder beaufsichtigte, und da hatte ihn sein Neffe noch vor dem Tore des Burggehöftes überrascht. Das Gefolge stieg in einiger Entfernung von den Pferden, um sich unter ein paar schattigen Linden zu lagern und dort zu frühstücken. Auch Gertrudis wollte das so halten und gar nicht erst das Schloß betreten, denn der weiberfeindliche Großohm war ihr halb lächerlich, halb widerwärtig, und sie grüßte ihn nur aus der Ferne mit sehr kaltem Gruße. »Schreie nicht so!« sagte der ältere Kurtefrund zu seinem Neffen. »Die Kerle brauchen nicht zu wissen, daß du dich ärgerst. Es ist, wie es ist, und wird sich nicht ändern. Übrigens weißt du so gut wie ich, wie viel Reibereien und Spähne zwischen dem Bischof bestehen und der Stadt. Die hochmütigen Schneider wollen sich ganz frei machen von ihrem geistlichen Oberherrn, das kann sogar ein Pferd merken. Sie kaufen ihm mit ihrem verfluchten Gelde ein Recht nach dem andern ab, leiden's schon nimmer, daß er in der Stadt seine Wohnung nimmt, sind häßlich mit seinen Leuten und wollen ihre eckigen Schädel nicht mehr vor ihm beugen. Da meine ich, es müßt' ihm eine Freude sein, wenn sie recht kräftig geduckt werden, ja er müßt's für seinen Vorteil achten. Und das muß von jedem Bischof gelten, wer auch gewählt wird!« »Ha, das wohl!« knurrte der Rudelsburger, »er mag sich wohl freuen, wenn sie einer recht kräftig auf den Leib tritt. Aber daß einer ihr Nest zerstört, das muß ihm sehr unlieb sein, denn er zieht viel Geld aus der Stadt; auch wär's ihm eine Schande vor den Fürsten des Reiches.« »In der Welt kommt immer alles anders, als wir denken,« tröstete der Oheim. »Übrigens, wer ist denn der Mensch dort, der auf deine Tochter zutritt? Ein stattlicher Kerl, bei meiner armen Seele! Ist's ein Fahrender von Adel?« Über das Gesicht des Rudelsburgers zuckte es wie ein Blitz. »Donner und Hagel!« rief er. »Der kann vielleicht hier was tun! Er ist ein Arzt.« »Was? Seit wann führst du denn solch ein Geschöpf mit dir herum? Hast du Angst um deinen Kadaver? Oder ist er für die Pferde?« »Ah – das erzähl' ich dir ein andermal. Er kann mehr als Brotessen. Jetzt will ich einmal seine Kunst ausproben.« Er ging mit langen Schritten auf Kyburg zu. »He, guter Freund!« rief er, »kommt einmal her. Dicht neben meiner Burg steht das Schloß Saaleck. Dort liegt der alte Bischof von Naumburg sterbenskrank. Denkt Ihr, daß Ihr dem Alten helfen könnt, so daß er leben bleibt? Es wäre mir gerade jetzt sehr viel daran gelegen.« »Ja, Herr, es steht in jedem Falle in Gottes und der Heiligen Hand, ob sie dem Arzte Gelingen geben wollen. Aber versuchen will ich, was ich kann.« »So reitet Ihr mit Kurt und Fritz schnurstracks dahin. Wenn Ihr Euch sputet, könnt Ihr in weniger als einer Stunde vor dem Tore stehen!« »Wie Ihr befehlt, Herr,« erwiderte Kyburg, und wenige Minuten später ritt er schon in scharfem Trabe mit den beiden Knechten dem Dorfe Janisroda zu. Ehe er in die Dorfstraße einbog, traf er auf drei andere Reiter. Ihr Führer war augenscheinlich ein ritterlicher Weidmann, der soeben von einem Jagdausftug heimkehrte. Eine Jagdbeute war zwar nicht zu sehen, aber die Armbrust, die einer der Knechte trug, deutete darauf hin; auch war der Herr ganz in Grün gekleidet und hielt einen Jagdspieß in der Hand. Er stutzte, als er Kyburg erblickte. Auch ihm schien offenbar ein Mißverhältnis aufzufallen zwischen der ritterlichen Haltung des Mannes und seiner Kleidung. Etwas wie Neugier zeigte sich in seinen Zügen, und indem er ihn von oben bis unten scharf musterte, fragte er, höflich an seinen Hut greifend: »Ihr tragt die Farben Herrn Kurtefrunds? Da können wir zusammen reiten, denn wir haben fast denselben Weg.« »Vielen Dank, Herr!« erwiderte Kyburg. »Aber gemächlich reiten dürfen wir nicht, denn wir müssen, so bald es geht, in Saaleck sein.« Der Jäger warf ihm einen erstaunten Blick zu. »In Saaleck? Dahin reite ja auch ich. Sendet euch Herr Kurtesrund zum Bischof? Nun wisset, Bischof Witticho wird keines Menschen Rede mehr vernehmen, denn er liegt in schwerster Krankheit.« »Eben deshalb will ich zu ihm, denn ich bin ein Arzt.« Ein zweiter überraschter, fast lauernder Blick traf ihn, und es war, als ob ein Schatten sich auf das Antlitz des Ritters senke. Er pfiff durch die Zähne, sah ihn mehrmals von der Seite an und sagte endlich: »Nun, wenn Ihr ein Arzt seid, so braucht Ihr Euch gar nicht hinzubemühen. Der Arzt des Bischofs wird Euch sicherlich nicht an das Krankenlager lassen, denn er ist auf seine Kunst sehr eingebildet. Ihr könnt mir das glauben.« »Ihr seid von den Leuten des Bischofs?« Den vollen roten Mund des Jägers umzuckte ein Lächeln. »Es ist so,« entgegnete er artig. »Euer Besuch hat keinen Zweck.« »Mit Verlaub,« bemerkte einer der Rudelsburger Knechte, zu Kyburg gewendet, »es ist der Herr Domherr von Miltitz, der mit Euch redet.« Jetzt kam die Reihe, überrascht und erstaunt auszusehen, an Kyburg. Wie, dieser noch ziemlich jugendliche Herr, der aussah wie ein ritterlicher Stutzer, dieser Mann mit dem schwarzen modischen Schnurrbärtchen über den Lippen, den lebhaft und lebensfroh sprühenden Äugen und dem feinen rosigen Gesichte sollte ein Domherr sein? Miltitz bemerkte seine Verblüffung und lachte hell auf. »Ihr denkt Euch wohl einen Säulenheiligen unter einem Domherrn? Aber da Ihr's nun wißt, so wiederhole ich Euch: Laßt den Bischof in Ruhe sterben, dem hilft kein Mensch mehr, und reitet ruhig nach der Rudelsburg.« Kyburg schüttelte den Kopf. »Ich habe Herrn Kurtefrund versprochen, daß ich nach Saaleck reiten will, und also reite ich dahin.« »Nun denn, ins Teufels Namen, so kommt!« rief der Domherr und sah ihn erbost an. »Es soll nicht heißen, ich hätt' euch zurückgehalten. Kommt!« Er spornte sein Roß, und nun ging's eilig vorwärts. Als man das Dorf Freirode im Rücken hatte, lag eine riesige Burg, fast anzusehen wie eine kleine feste Stadt, vor Kyburgs erstaunten Blicken. »Ist das Saaleck?« fragte er den einige Schritte vorausreitenden Domherrn. Der riß erstaunt sein Roß zurück und rief: »Mensch, was soll das? Ich denke, Ihr dient dem Rudelsburger, und kennt seine Burg nicht?« »Ich stehe erst seit heute früh in seinen Diensten.« »So so! Wunderbar und sonderbar!« murmelte der Domherr und lenkte sein Tier an dem Burgweg nach der Rudelsburg vorüber hinab in den Kreipitzscher Grund. Als man eine Strecke geritten war und um die Ecke bog, tauchten die beiden mächtigen Türme von Saaleck auf. »Das ist« begann der Domherr, aber das Wort erstarb ihm im Munde. Auf dem vordersten der beiden Steinkolosse wurde eben eine große schwarze Fahne befestigt. Er zügelte sein Roß, und ein Leuchten des Triumphes zog über sein Antlitz. Dann wandte er sich zu Kyburg um und sagte mit einem spöttischen Lächeln: »Ihr kommt zu spät, wie Ihr seht. Bischof Witticho ist nicht mehr. Und nun saget Herrn Kurtefrund einen Gruß von dem, den übermorgen früh das Kapitel wählen wird an des Verstorbenen Statt. Die zärtliche Sorge um Herrn Wittichos Leben hat mich gerührt; möge er dem neuen Bischof von Naumburg denselben günstigen Sinn erweisen. Ihr aber empfangt als erster meinen bischöflichen Segen!« Er hob sich im Sattel empor, schlenkerte die Arme in lächerlicher Weise durch die Luft und ritt dann mit einem scharfen Lachen den Berg hinab. IV. In einer Fensternische des großen Saales der Innenburg saß am Morgen des folgenden Tages Werner Kurtefrund und blickte nachdenklich hinüber nach der Saaleck, von deren Türmen und Zinnen unzählige große und kleine Trauerfahnen herniederwehten. Eine Wolke des Anmuts lagerte auf seiner Stirn, und grimmig ruhte sein Auge auf den schwarzen Tuchstreifen, die ihm das Anbrechen einer neuen Zeit für das Bistum Naumburg verkündigten. Der alte Bischof Witticho hatte die Burg da drüben von dem Schenken von Saaleck für schweres Geld gekauft, und damit waren die Kirchenfürsten von Naumburg der Rudelsburg nächste Nachbarn geworden. So lange der friedsame Greis lebte, hatte er das kaum gemerkt; aber wenn an seine Stelle ein anderer kam, so konnte diese nahe Nachbarschaft sehr unbequem, sogar recht gefährlich werden. War das nun zu befürchten unter dem, der die bischöfliche Inful schon so sicher auf seinem Haupte glänzen sah? Johann von Miltitz war ja kein kriegerischer Herr, denn er war bequem und den Strapazen des Feldes abgeneigt, liebte Spiel und Wein und vor allem schöne Frauen, die er zierlich wie kein anderer im Tanze zu schwenken wußte. Aber infolge dieser Neigungen war er beständig in der Geldklemme, und so konnte es wohl geschehen, daß ihm die reichen Naumburger Gewandherren seine Schulden bezahlten und dadurch ihn für sich gewannen. Ja, wenn der Bischof so wirtschaftete, wie der Domherr gewirtschaftet hatte, so kauften sie ihm am Ende noch die Saaleck ab, und dann glich der Rudelsburger Schloßherr einem Fuchse, dem man eine Hundehütte dicht vor seinen Bau gestellt hatte. Es ward ihm siedendheiß bei diesem Gedanken, und er knirschte mit den Zähnen. Es war doch eine verdammte Welt, in der alles vom Gelde abhing, alles nach dem Gelde sich richtete! Die Händler und Krämer hatten noch vor fünfzig Jahren nichts zu bedeuten und nichts zu sagen gehabt; aber in genau demselben Maße wie ihr Reichtum war auch ihre Macht gewachsen und wuchs immer mehr, und die schloßgesessenen Herren, die nicht schachern und taglöhnern wollten, verloren an sie einen Acker, ein Waldstück, eine Grundgerechtigkeit nach der anderen. Noch einige Jahrzehnte, und vor der Unstrutmündung stand ein zweites Nürnberg, und Burgen und Dörfer gehörten wie dort dem hochmütigen Städtervolk. Nun, vielleicht hatte ihm der liebe Gott einen Menschen zugesendet, der ihm dasselbe Kampfmittel verschaffte, das die Städter mit so großem Erfolge anwendeten, das Geld. Und dieser Mensch, den er zu sich hatte entbieten lassen, trat soeben in den Saal ein, und wieder überraschte und verblüffte den Ritter die ruhige, vornehme Sicherheit in der Haltung dieses Mannes, der ihn jetzt nach einer kurzen Verneigung in der höflichsten, aber auch bestimmtesten Weise nach seinen Wünschen fragte. »Kommt,« sagte Kurtefrund, »setzt Euch hierher ans Fenster mir gegenüber. Wir müssen miteinander reden über das, was nun werden soll.« Er machte eine Pause, räusperte sich stark und fuhr dann fort: »Ihr seid gestern mein geschworener Mann geworden; darum will ich Euch einen Plan kund tun, bei dem Ihr mir helfen sollt. Seit einigen Jahren mühe ich mich, einen Bund zusammenzubringen wider die Naumburger. Sie sind meine geschworenen Feinde, so lange ich Herr bin auf dieser Burg, wie sie schon meines Vaters böse Feinde waren. Jetzt ist das Netz fast fertig, das ich ihnen über die Hörner werfen will. Es fehlt nur noch an einem,« – er stieß einen schweren Seufzer aus – »es fehlt an Geld. Das verfluchte Geld!« Er machte eine Pause und sah Kyburg mit seinen scharfen Augen an, als ob er ihn durchbohren wollte. «Dazu könnt und werdet Ihr mir verhelfen!« sagte er endlich mit schwerer Betonung. Kyburg hielt den Blick ruhig aus, und der Gedanke zuckte durch sein Hirn: »Wie wär's, wenn du ihm ganz reinen Wein einschenktest? Wie wär's, wenn du ihm klar und deutlich sagtest: Nein, Herr, Gold zu machen verstehe ich nicht. Dagegen kann ich Euch ein Mittel bereiten, das die festesten Mauern Eurer Feinde in Staub wirft.« Aber er verwarf den Gedanken auf der Stelle wieder. Was er dem Ritter erzählen würde, das mußte diesem wie ein Märchen dünken, und er selbst erschien ihm höchstwahrscheinlich als ein Narr und Schwindler und erhielt mit Hohn und Spott sogleich den Laufpaß. Nur durch den Augenschein war der Schloßherr zu überzeugen, daß er ihm etwas Großes brachte, etwas Wertvolleres als Gold und Silber. Deshalb gab er ihm vorsichtig die Antwort: »Was ich irgend vermag, das gelobe ich Euch zu tun. Aber Ihr wisset selber, Herr, daß ein Gelingen von vielem abhängt, was niemand im voraus berechnen kann, vor allem von dem Stande der Gestirne.« Kurtefrund zog die Augenbrauen hoch. »Bis zum Ende des Jahres werden die Sterne doch sicher einmal günstig stehen,« sagte er weit weniger freundlich, als er vorher geredet hatte. Er sah in Kyburgs Worten offenbar den Versuch einer Ausflucht und wurde mißtrauisch. Der gewandte Kyburg bemerkte das auf der Stelle und lenkte deshalb sofort ein. »Ohne Frage, Herr,« erwiderte er eilfertig. »Wir haben bis dahin noch über vier Monate Zeit.« Kurtefrund nickte. »Gut. Und wieviel Dukaten braucht Ihr vor der Hand zu Eurem Werke?« »Zuvörderst nur ein paar, Herr, durch die ich zweierlei beschaffen muß: Salpeter und Schwefel.« Der Ritter fuhr auf und blickte ihn verwundert an. »Mann, was wollt Ihr mit diesem Zeuge machen? Wollt Ihr das verwandeln in edles Metall? Vermögt Ihr das, so steht Ihr wohl mit dem Teufel im Bunde!« »Würde Euch das erschrecken, Herr?« fragte Kyburg mit einem seltsamen Lächeln. Des Ritters Augen wurden noch weit größer als vorher, und er schlug unwillkürlich ein Kreuz. »Mann, Mann! Wie fragt Ihr?« rief er. »Ich bin ein guter Christ und will nichts zu tun haben mit dem Schwarzen in der Hölle. Auf Erden fürcht' ich nichts, das weiß Gott, und meine Feinde mögen sich vor mir vorsehen! Aber mit dem Fürsten der Finsternis« – er bekreuzigte sich von neuem – »binde ich nicht an. Und ich mahne Euch dringend, daß Ihr kein Teufelswerk treibet auf meiner Burg! Das möchte Euch übel gedeihen.« Kyburg blickte dem Rudelsburger erstaunt, beinahe verdutzt ins Gesicht. Er hatte ihn offenbar falsch eingeschätzt. Ihm selbst war bei seinen Fahrten unter den Ungläubigen der Respekt vor dem Höllenfürsten ebenso abhanden gekommen, wie der Glaube an sehr viele Dogmen der Kirche, die ihm in der Kindheit eingeprägt waren. Nur der Glaube an den einen allmächtigen Gott, den Lenker der Welt und der Menschenschicksale, haftete noch wirklich fest in seiner Seele. Nun hatte er nach der schroffen Weise, in der sich der Ritter über den Unfug der Geißelfahrten geäußert, eine Art Freigeist auch in ihm gesehen. Das war, wie er jetzt erkannte, ein schwerer Irrtum gewesen, und darnach richtete er nun seine Rede ein. »Es kommt mir nicht in den Sinn, Herr,« sagte er ruhig und kühl, »die Macht des bösen Feindes bei meiner Kunst zu Hilfe zu rufen. Die Heiden, die meine Lehrmeister waren, haben, wie Ihr wißt, einige Kräfte der Natur erkannt und in ihren Dienst gezwungen. Warum Gott gerade ihnen solche Weisheit verliehen hat, ist mir verborgen. Wahrscheinlich aus demselben Grunde, weshalb er ihnen die schönsten Weiber, die schnellsten Pferde und das meiste Gold verlieh: er wollte in seiner abgrundtiefen Erbarmung auch diesen Geschöpfen etwas Gutes erweisen, die dem ewigen Tode verfallen sind, so wie er dem Schmetterling, der nur einige Tage lebt, die schillernden Flügel und die Kunst des Fliegens gegeben hat. Da nun alles von ihm kommt, Herr, wären wir nicht Toren, wenn wir nicht von ihnen lernen wollten?« Kurtefrunds Gemüt war durch diese kurze Rede vollkommen besänftigt. Er schlug sich mit der Hand auf den Schenkel und blickte den vor ihm Stehenden, der sich bei seinen Worten erhoben hatte, wohlgefällig an. »Ihr habt recht!« rief er, »und Ihr redet, wie es zwei gelehrte Äbte nicht besser vermöchten! So will ich Euch trauen, und was Ihr bedürft, das sollt Ihr in Bälde haben. Es wird von Erfurt leicht zu schaffen sein, denn in diesem großen Krämernest ist alles zu kaufen, was es auf Erden gibt. Auch die Stätte will ich Euch anweisen, wo Ihr Eurer Arbeit obliegen könnt. Ich gehe jeden Morgen rund um die Burg, und Ihr sollt mich heute begleiten. Ich denke, Ihr werdet mir zugestehen,« setzte er mit stolzem Selbstgefühl hinzu, »daß Ihr eine bessere Burg nirgends gesehen habt, weder in deutschen, noch in welschen Landen. Ihre Mauern stehen für ewige Zeiten und schwerlich mag sie ein Mensch bezwingen, wenn ihre Herren sich ehrlich wehren.« Ueber Kyburgs Antlitz huschte ein Lächeln, denn mit dem wunderbaren Mittel, das er herstellen konnte und nach dem deutschen Lande bringen wollte, schien ihm auch die stärkste Feste wohl bezwingbar. Aber als er nun mit dem Ritter hinaus trat auf den Gang, der innen um die mächtige Mauer lief, da erkannte er, daß die Eroberung dieser Burg in der Tat sehr schwierig sein und viel Blut und Arbeit kosten mußte. Auf gewaltigen, nach drei Seiten steil abfallenden Felsen, wohl zweihundert Fuß über dem Spiegel der Saale erhob sich die Innenburg. Nach Süden, Westen und Norden war ein breiter und tiefer Zwinger vorgelagert, obwohl der Berg überall steil abfiel. Im Osten schied ein Abgrund, über den eine Zugbrücke führte, die Zitadelle von der Vorburg. Nur von hier aus war an eine Eroberung der Bergfeste zu denken, aber die von Natur schwächste Stelle war durch Kunst fast uneinnehmbar gemacht worden. Mauern von riesiger Stärke und zwei trotzig aufragende Türme schirmten das Tor, und an ein Ausfüllen des Abgrundes war gar nicht zu denken, dazu war er viel zu tief. Als Kyburg neben dem Ritter auf der herabgelassenen Zugbrücke stand, mußte er sich sagen, daß dieses von einem hohen viereckigen Burgfried überragte Schloß nicht nur eine der schönsten, sondern auch eine der festesten Burgen sei, die er auf seinen weiten Fahrten gesehen hatte. Von der Vorburg, in die sie nun eintraten, konnte das nicht in gleichem Maße gelten. Zwar nach Norden zu war sie durch die Höhe und Schroffheit der Felsen vor jeder Ersteigung gesichert. Aber nach Süden zu war der Abfall des Berges in dm Freirodaer Grund wohl steil, doch nicht sehr hoch, und nach Osten hin war ein natürlicher Schutz überhaupt nicht vorhanden, da war vielmehr alles Befestigungswerk von Menschenhänden aufgerichtet. Allerdings war die südliche Ringmauer gewaltig hoch und breit und wohl bewehrt mit Türmchen und Zinnen, auch war der Zwinger vor dem Tore im Osten tief ausgehoben und von einem ungeheuren Turm bedeckt, aber trotzdem war hier eine Stelle, wo ein starker Feind, dem es auf das Blutopfer von hundert Mann nicht ankam, an ein Stürmen denken konnte. Schwer genug mochte es immerhin sein, denn die Burg wimmelte von Kriegsvolk. Mit Staunen sah Kyburg die große Menge von Pferdeställen und Wohnungen, vor denen Frauen ihre Wäsche wuschen und barfüßige Kinder herumspielten. Die Burg hatte einen so weiten Umfang und war so mit Menschen angefüllt, daß sie fast einer kleinen Stadt glich. Sogar ein stattliches Wirtshaus war vorhanden, vor dem einige zechende Mönche saßen, »Brüder vom Kloster Pforte«, wie der Ritter seinem Gaste zuraunte. Und da nach einem geheimnisvollen Gesetze des irdischen Daseins in der Nähe eines Wirtshauses auch fast immer ein Gotteshaus zu finden ist, so fehlte es auch hier nicht, und es war keine kleine, dürftige Kapelle, wie zumeist auf anderen Burgen, sondern eine große, geräumige Kirche. »Da drin«, sagte Kurtefrund, »steht ein Gnadenbild der heiligen Landgräfin Else, das zuweilen ein Wunder tut. Mein Vater wollte es dem Bischof von Naumburg gegen zwei Meierhöfe überlassen, aber kein Mensch konnte es von der Stelle rücken. Der hochwürdige Pfaffe kam selbst und wollte es von seinem Altar heben. Da fuhr ihm ein böses Reißen in den Arm, und er floh von dannen und ließ es stehen. Die Heilige will auf der Rudelsburg bleiben, und ich denke, wenn uns Feinde überziehen, so wird sie ihnen übel auf die Köpfe kommen. Gelobt sei Sankta Elisabeth!« Er neigte sich achtungsvoll gegen die Kirche, und Kyburg tat desgleichen. Als die beiden die ganze Länge des Burghofes, der einer breiten Straße glich, durchschritten hatten, blieb der Ritter stehen und öffnete die schmale Pforte des Wartturmes. Einen Bau wie diesen Turm hatte Kyburg noch nie gesehen, denn er war vorn rund, hinten kantig, nicht übermäßig hoch, aber so dick, daß er aussah wie ein riesenhafter natürlicher Felsblock. «Ich gehe voran. Ihr folgt mir,« sagte Kurtefrund und stieg eine knarrende Holztreppe in die Höhe. Sie führte in ein enges, aber von vier kleinen Fenstern erhelltes Gemach, und mit Erstaunen sah Kyburg, daß dieses Zimmer ganz der Küche eines Alchymisien glich. Tiegel und Pfannen lagen und standen überall umher, und an der Wand stand ein ziemlich großer Kamin, dessen Esse durch das Turmdach nach dem Himmel ragte. »Wie, Herr,« rief er, »betreibt Ihr selbst die Kunst der Alchymie, oder habt Ihr schon einen hier, der sie in Euren Diensten übt?« «Ich hatte einen,« erwiderte Kurtefrund, und sein Gesicht ward finster. »Der Bursche war ein eidbrüchiger Schuft und Dieb. Zweihundert Golddukaten hatte er mir abgeluchst und geschworen, er wolle sie verzehnfachen. Da stieg er in einer Regennacht heimlich über die Mauer. Aber wir haben ihn eingeholt und mit ihm getan, wie es dem Schelm recht und billig war.« Er wies mit einem grimmigen Lächeln durch das Nordfenster hinaus. »Da drüben haben wir ihn über die Mauer den Felsen hinabgestürzt, und die Raben haben sein Fleisch gefressen!« Kyburgs Blicke folgten der deutenden Hand, und es überrieselte ihn kalt. Er sah, daß er in eine harte Hand geraten war, und einen Augenblick erzitterte sein Herz bei der Frage, wie wohl das Abenteuer auf dieser Burg enden werde. »Er war, wie ich sagte, ein meineidiger Betrüger,« nahm Kurtefrund seine Rede wieder auf. »Von Euch, meine ich, hab'ich dergleichen nicht zu befürchten. Ihr seht nicht aus wie ein Schelm, eher, bei Gott, wie ein adliger Mann. In den schweizerischen Landen liegt eine Grafschaft, die Euren Namen trägt. Seid Ihr ein verarmter Sproß dieses Geschlechts oder ein Dienstmann, der den Namen seiner Herrschaft trägt?« »Mein Vater hatte das Blut der Kyburger in den Adern,« versetzte der junge Mann düster. »Aber er war in eine schwere Tat verstrickt. Näheres weiß ich nicht darüber. Deshalb mied er das deutsche Land und zog nach Italien. Dort nahm er eines Bürgers Kind aus Mailand zur Ehe, aber sie starb, als ich geboren ward. Da ward ich erst aufgezogen in einer Burg in Tyrol, und als ich zwölf Jahre alt war, kam ich auf die Klosterschule in Bologna und sollt' ein Pfaff werden. Mein Vater wollte wohl damit sühnen, was er in der Jugend gefehlt hatte. Aber ich taugte nicht zu einem Geschorenen, und als ich achtzehn Jahre alt und mein Vater gestorben war, da entlief ich der Klosterzucht und ward ein Reitersknecht.« »Recht so!« lobte Kurtefrund. »Wer heißes Blut hat und einen starken Arm, der soll sich nicht hinter Klostermauern verkriechen!« »Das übrige wißt ihr, Herr; ich hab's euch auf der Reise erzählt.« »Und noch eins,« sagte Kurtefrund, »habt Ihr den Rittergurt empfangen aus eines edlen Herren Hand?« »Der Bischof von Brixen hat ihn mir verliehen.« Kurtefrund blies die Backen auf und pfiff durch die Zähne. »Das ist ein übel Ding,« sagte er, »Pfaffenritter stehen hier zu Lande nicht hoch im Preise, und Ihr tut wohl, meinem Gesinde zu verschweigen, daß Euch der Bischof zum Ritter gemacht hat. Nennt lieber den Grafen von Meran oder meinetwegen den griechischen Kaiser. Nachfragen kann ja doch keiner. – Aber, zum Henker, was ist das?« Vom Tore herauf tönte ein schwaches Kreischen, das Zeichen dafür, daß die Zugbrücke niedergelassen wurde. Gleich darauf hörte man das wirre Geräusch vieler Stimmen. Einen Augenblick horchte der Ritter auf das Gewirr, dann polterte er eilig die Stiegen hinunter. Kyburg steckte den Kopf durch das Fenster und spähte neugierig hinab in den Hof. Dort sprang eben ein Mann vom Pferde, der ihm wie Werner Kurtefrunds verjüngtes und verkleinertes Ebenbild schien. Er hatte dasselbe kühntrotzige Gesicht mit der Adlernase und den scharfen Augen, aber sein Gliederbau war zierlicher, und die ganze Gestalt erschien geschmeidiger und zarter als die des gewaltigen Burgherrn. »Zum Teufel, Heinz!« rief dieser überrascht. »Du bist schon zurück von der Burg Werben? Da mußt du doch vor Tau und Tag abgeritten sein.« »Ich habe die Burg schon gestern abend verlassen und bei den Mönchen in Pforte genächigt. Heute früh trieb mich etwas aus den Federn, ich weiß nicht was, daß ich zeitig aufbrach. Und siehe da, Bruder, da traf ich einen, der auch früh aufgebrochen war aus seinem Krämerneste und der sich, weiß Gott, auf unserem Grund und Boden mit Weidwerk und Federspiel vergnügte.« Er wies auf einen etwa siebzehnjährigen Jüngling, der mit gefesselten Händen im Tore stand. Die langen blonden Locken hingen ihm wirr um das angstverstörte Gesicht. Auf des Burgherrn Stirn erschien eine dicke blaue Zornesader. »Schon wieder ein solcher Schuft? Wer ist der Milchbart? Ein Naumburger Stadtsohn?« »Wer das ist, Bruder, das rätst du nicht,« frohlockte Heinz Kurtefrund. »Aber ich will dir's sagen: Es ist der Sohn des Ratsmannen, der demnächst wieder Bürgermeister wird, der Sohn Dietzes von Merkwitz!« Da leuchtete eine unbändige Freude in den Augen des Burgherrn auf, und er streckte beide Hände zum Himmel empor. »Das ist die beste Kunde, die du mir bringen konntest, Heinz! Gesegnet sei dein Fang! Eh' den da die Pfeffersäcke wiederkriegen, sollen sie blechen, daß ihnen die Augen übergehen, ja sie sollen sich arm blechen! In den Turm mit ihm, und du komm zum Frühtrunk!« V. Auf der höchsten Bastei der Rudelsburg, die in das Saaltal hinabdrohte, saß Klaus Kyburg und blickte mit glänzenden Augen hinab auf den hellschimmernden Fluß und die grünen Wiesen, die das Gewässer zu beiden Seiten umsäumten. Sein Antlitz leuchtete verklärt, aber er summte dazu eine überaus traurige Weise, die sein Ohr in der römischen Campagna einst aufgefangen hatte. Damit bewies er seine deutsche Abstammung, denn seit unvordenklichen Zeiten singt der Deutsche, wenn er am fröhlichsten ist, die schwermütigsten Lieder. Er hatte alle Ursache, freudevoll gestimmt zu sein in seinem Gemüte, denn heute zum ersten Male, seit er auf der Burg weilte, hatte die stolze Jungfrau, an der sein Herz hing, sich herbeigelassen, ihn anzureden, ja sogar eine Unterhaltung mit ihm zu pflegen. Sonst sah er sie nur bei der gemeinsamen Mahlzeit, wo er unter dem ritterlichen Burggesinde, sie an der erhöhten Herrentafel neben ihrem Vater saß. Da war ihm keine Gelegenheit gegeben, mit ihr zu reden, ja sogar seine Augen mußte er in Zucht halten, daß sie nicht allzu deutlich sprachen und seine Gefühle für die Herrin anderen verrieten. Denn es war zu befürchten, daß mißgünstige Späher ihn beim Burgherrn verleumdeten. Aber je fester er die Glut, die ihn verzehrte, in seinem Innern verschließen mußte, um so heißer loderte sie empor, und er erkannte, halb mit Schrecken, halb mit Lust, daß sie durch nichts mehr zu löschen war. Dabei war sie ein reines Feuer, fast mehr Anbetung und Verehrung als Begehren. Noch nie hatte er ein Weib gesehen, in dem mit herber Jungfräulichkeit und frauenhaftem Stolze ein so freies, unbekümmert natürliches Wesen vereinigt war. Sie gab sich nicht als das sanfte, sittsame Burgfräulein, und selten sah man sie die Augen niederschlagen, sondern wenn sie mit jemandem redete, es mochte Mann oder Weib sein, so blickte sie ihm voll ins Gesicht und sprach ohne Ziererei und Zimperlichkeit aus, was sie dachte. Dabei war so viel weibliche Würde in ihrer Erscheinung, daß nie ein unziemlicher Scherz in ihrer Gegenwart laut wurde und keiner der rohen Reitersknechte jemals einen frechen Blick auf sie zu richten wagte. Wen sie ansprach von dem Gefolge ihres Vaters, der empfand es als eine Ehre, und darum hatte vorhin manch neidischer Blick auf ihm geruht, als die Herrin mit einer Frage an ihn herangetreten war. »Ritter Kyburg,« hatte sie gesagt, »mein schönster und bester Jagdfalk ist seit gestern krank und verweigert die Nahrung. Ihr seid ein weitgereister Mann und vieler Dinge kundig – wißt Ihr etwa ein Mittel, das ihn könnte gesund machen?« Ihm war bei dieser Anrede vor Freude das Blut in die Wangen geschossen. Vielleicht konnte der erkrankte Vogel ein Mittel werden, ihr näher zu kommen. »Edle Jungfrau,« hatte er erwidert, »der Aufzucht und Wartung des edlen Falken bin ich nicht unkundig. Sie ist mir gelehrt worden in welschen Landen nach dem Büchlein, das der große Kaiser Friedrich der Staufer darüber geschrieben hat. Gebt mir das Tier in Pflege, und vielleicht gelingt mir's, es wieder gesund zu machen.« Da war sie eine halbe Stunde später mit zwei Mägden und dem Falken erschienen, der traurig, mit gesenktem Kopf und aufgeblusterten Federn auf einer Stange saß. Sie hatte sich dabei sehr kühl und hoheitsvoll gebärdet, aber beim Anblick der seltsamen Tiegel, Flaschen und Pfannen in seinem Gemache war die Evanatur in ihr zum Durchbruch gekommen und hatte sie zu einigen neugierigen Fragen veranlaßt. Langdauernd war freilich der Besuch nicht gewesen, nicht länger als einige Minuten, aber ihn hatte die Annäherung an die angebetete Herrin über die Maßen froh und glücklich gemacht, und er blickte so selig vor sich hin, wie ein verliebter Klosterschüler. Da fiel von seinem Rücken her ein hoher Schatten auf die Mauerbrüstung. Er fuhr herum und sah ein paar Schritte hinter sich den Burgherrn stehen, und es schien ihm, als zuckte um den Mund des gestrengen Ritters ein listig-spöttisches Lächeln. Aber es schien ihm wohl nur so, denn in ruhigem, sachlichem Tone sagte Kurtefrund: »Macht Euch bereit, mit mir auf der Stelle nach Kloster Pforte zu reiten. Der Abt hat mich geladen zu einem Besuch in Geschäften. Darum nehmt Tinte und Rohrfeder, auch etliches Pergament mit, denn Ihr sollt als mein Schreiber mich begleiten.« Er trat näher an ihn heran und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Es wird wegen des Naumburger Hähnleins sein, das ich im Käfig halte. Die Schneider und Krämer trauen sich gewiß nicht auf meine Burg und haben sich hinter den Abt versteckt, der mir befreundet ist. Ihr werdet da mancherlei hören, was nicht aller Welt kund zu werden braucht, und ich mahne Euch an den Eid, den Ihr mir geschworen.« »Herr,« versetzte Kyburg stolz, »daran braucht Ihr mich niemals zu mahnen. Ich halte, was ich gelobt habe, unverbrüchlich.« »So macht Euch fertig und wartet am Tore. Ein Roß wird Euch gebracht,« sagte Kurtefrund. Eine Viertelstunde später ritt ein reisiger Zug auf der Höhe über der Saale nach Pforte hin. Denn der Weg durch das Tal war schlecht. Um den Klosterhof Kusene lagen bebaute Äcker und Fruchtgärten; sonst dehnten sich rings um den Fluß weite, sumpfige Wiesen, auf denen Weiden und hochragende Erlen, die Horstträger zahlreicher Reiherfamilien, sich erhoben. Auch ein breiter Weg führte das Tal entlang, aber er wurde nach jedem Regen fast unpassierbar. Deshalb suchte auch des Königs Heerstraße, die von Eckardtsberga kommend unterhalb Saaleck den Fluß durch eine Furt überschritt, sogleich die Höhe zu gewinnen und wand sich auf der Hochfläche droben nach Naumburg hin. Vor dem Dorfe Flemmingen senkte sich ein Hohlweg, von der großen Straße abzweigend, nach dem Tale hinunter, und zwischen den Bäumen, mit denen der Bergabhang bestanden war, tauchten die Mauern und Dächer von Pforte auf. Viele und stattliche Häuser umschloß die hohe Ringmauer, denn das Kloster, das an Thüringens Pforte lag, war reich und besaß Dörfer, Höfe, Meiereien, Äcker und Waldstücke in großer Zahl. Warum waren die Mönche sehr dem Wohlleben zugeneigt, und es hatte der ganzen Strenge des jetzigen Abtes Albertus bedurft, um eine einigermaßen geistliche Zucht unter ihnen wiederherzustellen. Sehr hinderlich war dem Manne bei seinem gottwohlgefälligen Werke die beständige Einkehr der umwohnenden Edelherren, die des Klosters Gastfreundschaft geradezu als ihr gutes Recht betrachteten. Sie kamen oft und selten allein, meist forderten sie, daß der Abt ihre Zech- und Jagdkumpane mit aufnehme, und häufig saßen sie dann bis tief in die Nacht hinein beim Wein und erfüllten die geweihten Räume mit dem Gesänge sehr unheiliger Lieder. Gern hatte daher der Abt den Ritter Kurtefrund nicht zu sich entboten, denn der Rudelsburger war der schlimmsten Zecher einer und wegen seiner gewalttätigen Art und rauhen Sitten dem Gottesmanne unlieb. Aber der vielmögende, reiche Ratsherr Dietrich von Merkwitz hatte ihn dringend gebeten, die Verhandlungen über seines Sohnes Freilassung im Klosterfrieden führen zu lassen, und den gleichen Wunsch hatte einer ausgesprochen, dem der Abt nicht gern zuwiderhandelte. Das war der uralte Laienbruder Thymo von dem Hogeniste, ein mehr als neunzigjähriger Greis. Er war ein Großoheim des Ritters Kurtefrund und war vor fünfzig Jahren selbst ein Herr auf der Rudelsburg gewesen. Dann hatte ihn sein heißes Blut überall hingetrieben, wo Krieg und Fehde war. Unter Markgraf Friedrich von Meißen hatte er gegen König Adolf von Nassau und den finsteren Österreicher Albrecht, dann gegen die Fürsten von Askanien und Gott mochte wissen, wen sonst noch, gefochten, war aber stets unbeweibt und unseßhaft geblieben. Als er siebzig Jahre alt geworden war, hatte er an die Pforte des Klosters angeklopft und, männiglich zum höchsten Erstaunen, eine Zelle und ein Mönchsgewand begehrt. Dem Wunsche war gern gewillfahrt worden, denn der alte Ritter war sehr vermögend und setzte auf der Stelle das Kloster zu seinem Erben ein. Nun lebte er dort seit zwanzig Jahren, und die geistliche Luft schien ihm sehr gesund zu sein, denn weder an Körper noch an Geist war ein Abnehmen der Kräfte bei ihm wahrzunehmen. Er war ein hagerer, spindeldürrer Greis von gewaltiger Leibeslänge, der keine geistliche Übung versäumte, nur wenig Nahrung und fast keinen Wein zu sich nahm und in jeder Weise heilig lebte. Beim Abte galt er alles, der verehrte ihn sehr; bei den Mönchen dagegen, besonders bei den runden und feisten, war er sehr gefürchtet, denn er sagte jedem ohne alle Schonung und mit den bissigsten Worten seine Meinung ins Gesicht. Selbst der wilde und harte Kurtefrund hatte vor dem Alten eine fast abergläubische Scheu und hatte sich schon hin und wieder durch seinen Einfluß dazu bestimmen lassen, etwas Gutes zu tun und etwas Böses zu lassen, was seit dem vor zehn Jahren erfolgten Tode seiner Gemahlin sonst kein Mensch vermochte, auch seine Tochter nicht. Allerdings war ihm deshalb die Gesellschaft des Greises unerfreulich, und er war jedesmal froh, wenn der Großohm bei seinen seltenen Besuchen ihn nicht antraf, oder wenn er wieder fort war. Auch heute war ihm der Gedanke unbehaglich, daß der Alte vielleicht bei der Unterhaltung mit dem Naumburger zugegen sein könnte. Er war entschlossen, an Dietrich von Merkwitz, den er persönlich und als Führer der Naumburger haßte, die unerschwinglichsten Forderungen zu richten. Der Himmel hatte ihm eine Gewalt gegeben über seine Feinde, die er gründlich ausnützen wollte. Der stolze Krämer sollte für die Freilassung seines Sohnes dermaßen zahlen, daß er dadurch zum armen Manne wurde. Und ihm, dem Rudelsburger, sollte ein Naumburger die Mittel liefern, die Stadt zu befehden, denn ob der Mann, der da an seiner Seite ritt, wirklich Gold zu machen verstand, das mußte doch erst die Zukunft lehren. Von Naumburg dagegen konnte das gute Geld an einem Nachmittage auf die Burg geschafft werden. Das alles hatte er sich während des Rittes noch einmal zurechtgelegt und war entschlossen, sich durch die christlichen Salbadereien des Abtes nicht im geringsten beeinflussen zu lassen. Aber schon im Hofe erfuhr er, daß der Abt in einer dringlichen Angelegenheit nach Memleben geritten sei, was ihn schwer verdroß, und als er in das kleine Zimmer neben dem Refektorium geführt ward, sah er sich zu seiner peinlichen Überraschung dem gefürchteten Großohm gegenüber. Der Alte war offenbar in übler Laune. Er saß in einem großen Lehnstuhl, trommelte mit den riesigen Knochenhänden auf dem vor ihm stehenden Tisch herum, und seine tiefliegenden feurigen Augen unter den mächtigen eisgrauen Brauen funkelten den Eintretenden finster und drohend an. Er sprach kein Wort. «Grüß Euch Gott, Großohm,« sagte endlich der Rudelsburger mürrisch nach mehreren Augenblicken unbehaglichen Schweigens und streckte ihm die Hand entgegen. Der Alte tat, als sähe er sie nicht, erwiderte auch den Gruß nicht, sondem streckte nur den langen Zeigefinger gegen Kyburg aus und fragte: «Wer ist der Kerl, und was soll er hier?« »Mein Geheimschreiber, Ohm. Ich denke, wir werden manches zu verbriefen haben, darum hab' ich ihn mitgebracht,« versetzte Kurtefrund. Der Alte richtete sich in seinem Sessel auf. «Ist das der Nekromant, den du auf dein Schloß genommen hast, daß er dir Gold mache?« Kurtefrund nickte: »Er ist's.« Der Greis sah ihn eine Weile an und brach dann in ein krähendes Gelächter aus. »Also nicht durch Schaden klug geworden? Immer wieder dieselben Dummheiten? Und wenn's nur Dummheiten wären! Aber es ist etwas weit Schlimmeres, es ist Teufelswerk. Diese ganze Alchymisterei ist eine Beleidigung Gottes, die der Allmächtige nicht ungestraft lassen wird. Blech ist Blech, und Gold ist Gold, so hat er's gewollt und geschaffen. Da kommen nun diese windigen Männlein und wollen mit ihrer Weisheit seine Schöpfung verwandeln! Tiefe Gottesverächter sollte man säcken und verbrennen. Da sind die noch die Besseren, die nur vorgeben, sie könnten zaubern, und die Dummen das glauben machen und sie weidlich schröpfen. So einer war der vorige Schuft, den du auf der Burg hattest, und so einer wird wohl auch der da sein.« »Herr,« schrie da Kyburg und faßte unwillkürlich an sein Schwert. »Wahrt Eure Zunge, sonst schützt Euch weder Euer weißes Haar noch Eure Kutte vor der gebührenden Antwort auf Eure Beleidigung!« Der Alte saß da, als wäre er erstarrt. So hatte ihm seit vielen Jahren kein Mensch zu dienen gewagt. Er war gewohnt, bissige Grobheiten auszuteilen, nicht aber sie einzustecken. Daher geriet er jetzt in höchsten Zorn, nachdem er die Sprache wieder gefunden hatte. »Kurtefrundl« kreischte er, »Werner Kurtefrund, leidest du, daß mich dein Mann bedroht, wo du dabei stehst? Weisest du ihn nicht in seine Schranken, den Frechling, der zu mir redet, wie zu einem alten Hunde?« Er streckte beschwörend die Hände aus, aber der Ritter hatte offenbar gar keine Lust, die trotzige Antwort seines Mannes zu rächen. Im Gegenteil, sie bereitete ihm ein großes Vergnügen, denn er gönnte es dem unbequemen, widerwärtigen Greise von ganzem Herzen, daß ihm einmal einer so derb über den Mund fuhr, und er hatte Mühe, seine Lachlust zu bändigen, als er ihn so keifen hörte. Daher gab er sehr kühl zur Antwort: »Ihr kennt die Sprichworte, Ohm: Wer schlägt, wird wiedergeschlagen, und auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! Was, zum Henker, bewegt Euch, Leute zu beleidigen, die Ihr nicht kennt? Und nun sagt mir, was ich eigentlich hier soll. Den Abt reitet der Teufel, daß er abfährt, wenn ich einreite, ich, den er eingeladen hat. Das ist eine bodenlose Unverschämtheit von dem Plattenträger, die ich nicht einstecken werde. Ich werde auf der Stelle heimreiten.« »Nein,« schrie der Alte, »Du wirst auf der Stelle dableiben und hören, was ich, dein Großohm, dir zu sagen habe. Denn daß du das nur weißt, mein Söhnchen, Abt Albertus hat dich nur geladen, weil ich's wollte. Ich, ich will mit dir reden, aber zuvor geht der da hinaus. Hinaus, sage ich!« Er wies mit einer gebieterischen Handbewegung nach der Tür hin. Kyburg wandte das Haupt und sah fragend zu Kurtefrund hinüber. Der war durch des Alten schroffe Art offenbar schwer geärgert, denn dunkle Röte bedeckte sein Antlitz, und er nagte heftig an seiner Unterlippe. Trotzdem war sein anerzogener und Jahre hindurch geübter Respekt, ja seine Scheu vor dem harten Greise so groß, daß er nicht kurzerhand seinem Willen zuwiderhandeln wollte. Darum sagte er verdrossen: »Habt Ihr mir etwas Geheimes zu verkünden, so mag er hinausgehen. Soll ich aber in Eurer Gegenwart verhandeln mit einem andern, so will ich ihn dabei haben.« «So? Dann habe deinen Willen«, erwiderte der Alte ruhig. »Geheimes habe ich dir nicht zu künden, aber die Wahrheit will ich dir sagen. Tu hast im März den Naumburgern einen Wagen mit kostbaren Gewandstoffen weggenommen, vorgebend, er sei auf deinem Grund zu Falle gekommen, gehöre also dir. Du hast im Juni ihre Wiesen mähen lassen vor Kusene und das Heu eingeführt. Du hast jetzt den Sohn Dietrichs von Merkwitz in deinen Turm werfen lassen, hältst ihn hart gefangen, hast also den Landfrieden gebrochen« – »Was?« fuhr Kurtefrund auf. »Der Bube ist auf meinem Grunde als Wilddieb abgefaßt worden. Heißt das den Landfrieden brechen, wenn man solch einen Schelm ins Loch wirft?« »Du weißt es ganz gut, daß der Knabe kein Schelm ist. Aus Leichtsinn und Unbedacht geriet er auf deinen Grund, und so du ihm Pferd und Falken genommen hättest, so wäre ihm recht geschehen. Aber wenn du ihn festsetzest wie einen gemeinen Dieb, so frevelst du wider des Reiches Ordnung und alles Recht.« »Mir gefällt's, nicht Leichtsinn, sondern Bosheit in dem zu sehen, was der Bube verbrochen hat, und danach behandle ich ihn.« »Dir gefällt's? So? Dir gefällt's?« rief der Alte erbost. »Da gefällt dir's wohl auch, dem Merkwitz für seinen Sohn ein tüchtiges Lösegeld abzupressen?« »Da habt Ihr richtig geraten,« entgegnete Kurtefrund kaltblütig. »Der Heringskrämer soll bluten, daß er die Engel pfeifen hört.« Der Greis sank in seinen Stuhl zurück und klappte mehrmals hintereinander den Mund auf und zu. Es sah aus, als schnappe er nach Luft oder vermöge in seinem Grimm keine Worte zu finden. Dann rief er laut und eindringlich: »Werner Kurtefrund, besinne dich! Kehre um von deinem bösen Wege, bevor es zu spät ist! Du wirst jeden Tag mehr zum Landschaden, und es muß, es muß ein schlimmes Ende nehmen mit dir und deiner ganzen Sippe, denn ihr seid ruchlos, einer wie der andere! So waren wir nicht, so waren deine Väter nicht. Die scheuten schlimme Gewalttat und übten edle Rittersitte. Darum sind sie hoch empor gekommen. Wenn aber Ritter zu Räubern werden, so werden sie der Räuber Lohn empfangen!« Kurtefrund blickte ihn finster an und schwieg. Es lag Wahrheit in dem, was der Alte sagte, das fühlte er wohl. Seit Jahren reihte er eine Gewalttat gegen die Naumburger an die andern, und die letzte war die schwerste, sie mußte von vielen im Lande geradezu als Räuberei beurteilt werden. Aber sie gab ihm einen ungeheuren Vorteil in die Hand, wenn er sie ohne Bedenken ausnützte, und deshalb verstockte er sein Herz gegen die Warnung des Greises und war entschlossen, dennoch seinem eigenen Kopfe zu folgen. So ging er denn auf die Anklagen und Vorwürfe des alten Hogeniste gar nicht ein, sondern fragte nur kurz: »Ist Dietrich Merkwitz selber hier im Kloster, oder seid Ihr beauftragt, mit mir zu verhandeln an seiner Statt?« «Er wollte selber kommen; ich wundre mich, daß er noch nicht zur Stelle ist.« In diesem Augenblicke wurde die Tür aufgerissen, und ein Rudelsburger Knecht stürmte herein. »Herr, vom Berge zieht Kriegsvolk herab. Es mögen wohl achtzig oder hundert Spieße sein!« »Ha, Verrat und Gewalt! Zwingen will mich der Merkwitz!« rief Kurtefrund, und aus seinen Augen lohte der Zorn. »Gut, daß ich die Knechte bei den Rossen ließ!« Er sprang zum Fenster. »Aufgesessen!« schrie er hinaus, dann wandte er sich wieder dem Alten zu und rief: »Ihr seht, Ohm, auch andere sinnen auf Gewalttat, auch Eure guten, friedlichen Krämer von Naumburg. Aber mich sollen sie nicht fangen.« Im Nu war er zur Tür hinaus und saß im Sattel. Dort reckte er die rechte Hand hoch empor, und im Angesichte aller seiner Mannen und vieler dabeistehender Mönche rief er mit laut hallender Stimme: »Hiermit schwöre ich, Werner Kurtefrund, bei Sankt Elisabeths Gebeinen und meiner Seele Seligkeit, daß Dietrich von Merkwitz seinen Sohn nicht wieder sieht, wenn er ihn nicht abholt mit zwanzigtausend Gulden Lösegeld. Und kommt er nicht bis Sankt Augustinustag, so werf ich den Wilddieb über die Mauer!« Damit riß er sein Roß herum und preschte durchs Tor, die Seinen ihm nach, und ehe die Naumburger im Tale ankamen, war die Rudelsburgsche Schar schon so weit entritten, daß ein Nachsetzen völlig zwecklos gewesen wäre. VI. In der fünften Nachmittagsstunde des folgenden Tages erschien der alte Thymo von dem Hogeniste auf der Burg. Er ließ sich nicht etwa in einer Sänfte tragen, auch das Fahren in einem Wagen verschmähte er, sondern der Neunzigjährige kam hoch zu Roß in den inneren Hof geritten, gefolgt von einem gleichfalls berittenen Bruder. Er stieg mit dessen Hilfe vom Pferd und schritt dann die Treppe empor, die zu den Herrengemächern führte. »Wo ist Dein Vater? Ich muß sogleich mit ihm reden!« herrschte er Gertrudis an, die ihm in der Tür des Vorsaals entgegentrat. »Der Vater ist verritten und kehrt erst morgen abend heim,« sagte die Jungfrau, nicht wenig erstaunt über des Greises heftiges und barsches Wesen, das er ihr gegenüber sonst nicht herauskehrte. Denn er hatte sie aus der Taufe gehoben und war ihr sehr gewogen. Der Alte blieb stehen, schnob heftig mit den Nüstern und zog die Stirn hoch, daß seine Brauen sich sträubten. »Ist das wahr?« fragte er heftig. Gertrudis sah ihn noch befremdeter an. «Was soll das heißen, Pate? Seid Ihr gewohnt, von mir mit Lügen bedient zu werden? Und warum sollt' ich Euch Unwahres sagen?« «Nein, Mädchen, du lügst nicht aus dir selber. Aber Werner Kurtefrund könnte seiner Tochter streng befohlen haben, seine Gegenwart abzuleugnen, wenn ich etwa auf die Burg käme.« Die Jungfrau schüttelte den Kopf. Der Greis war doch sonst sehr hellen und scharfen Geistes, was redete er heute für unverständliche Worte? »Ich verstehe Euch nicht,« sagte sie ziemlich ungeduldig. »Der Vater ist fort zu denen von Kevernburg und kommt vor morgen abend nicht heim.« Der Alte brummte unverständliche Worte vor sich hin, sie klangen fast einem ellenlangen Fluche ähnlich, obwohl er sonst das reitermäßige Fluchen vermied, seitdem er ein Mönch geworden war. Dann richtete er sich auf einmal aus seiner gebückten Stellung auf, blickte sie eine Weile durchdringend an und sprach mit plötzlichem Entschluß: «Führe mich hinüber in deine Kemenate, Kind. Weicht er mir aus, so will ich mit dir reden, und du sollst ihm alles wiedersagen.« Als er ihr drüben im Frauengemache gegenübersaß, ergriff er ihre Hand und begann in gütigem Tone, wie er mit ihr zu sprechen gewohnt war: »Du weißt, daß dein Vater Dietzes von Merkwitz Sohn im Kerker hält?« Sie zuckte zusammen und sah ihn scheu an. »Gewiß weiß ich's,« entgegnete sie leise. »Und dein Gesicht zeigt mir, daß du darüber denkst wie ich.« Sie gab nicht gleich eine Antwort; dann fragte sie in demselben Tone wie vorher: »Wie denkt Ihr darüber?« »Wie jeder Christenmensch denken muß: daß dein Vater ruchlos handelt.« Sie sah ihn starr an, und ihre Augen wurden immer dunkler. Mit einem Male warf sie beide Arme auf den Tisch und legte ihr Haupt darauf in heißem Weinen. »Ach, Pate!« schluchzte sie, »was ist die Welt! Sünde und Unrecht überall, Neid und Haß und Streit auf allen Wegen, und der Vater – der Vater –« Sie hielt inne, als könne oder wolle sie nicht weiter reden, aber dann brach's doch wieder aus ihrem Munde hervor, heftig, stoßweiße: »Euch kann ich's ja vertrauen. Euch allein, sonst keinem Menschen: der Vater übt Gewalt, er fragt nichts mehr nach dem Rechte, sein wütender Haß gegen die Städter macht ihn blind und taub dagegen. Kein Mensch vermag etwas über ihn – es redet ihm auch keiner zu – er wird alle Welt wider sich aufbringen – es wird ein böses Ende nehmen.« Aufrecht und steif saß der Alte während dieses ganz unerwarteten Ausbruches auf seinem Stuhle, und keine Muskel zuckte in dem harten, verwitterten Antlitz. Aber seine Augen funkelten, und als sie geendet hatte und nur noch still vor sich hin weinte, sprach er feierlich: »Gelobt sei Gott und die heilige Jungfrau, daß noch ein Mensch auf dieser Burg ist, der am Guten hängt! Um zehn Gerechter willen wollte Gott der Herr die Städte Sodom und Gomorra nicht verderben. – Vielleicht verschont er diese Stätte des Unrechts um eines reinen Weibes willen. Gesegnet seist du, Kind, du Gerechte unter den Ungerechten! Aber nun hebe dein Haupt und höre mich an, auf daß du deinem Vater künden kannst, was ich dir sage. Dein Vater war gestern in Pforte, der Merkwitz auch. Sie sollten vor mir miteinander handeln um des Gefangenen Freilassung. Der Naumburger kam später, und weil er mit mehr als fünfzig Gewappneten einherzog, so dachte dein Vater, ein Überfall sei geplant, und ritt mit seiner Schar eiligst von dannen. Vorher aber schwur er, wenn Merkwitz seinen Sohn nicht löse mit zwanzigtausend Gulden bis zu Sankt Augustins Tag, so werde er ihn lassen über die Mauer werfen.« Die Jungfrau schrie bei diesen Worten laut auf und sank in die Knie. »Er schwur es? Entsetzlich! Er hält seine Eide, Ihr wißt's. Kann Merkwitz,« setzte sie stammelnd hinzu, »seinen Sohn lösen bis zu dieser Zeit?« »Er kann es schwerlich, denn er sagt, das sei mehr, als er im Vermögen habe. Und brächte er's auch mit guter Freunde Beistand auf, so wäre er ein Bettler und sein Weib und seine drei Söhne mit ihm. Auch wisse er wohl, wozu der Kurtefrund das Geld nutzen wolle: zur Fehde wider seine Stadt. Dazu gebe er es nimmer her, denn er wolle seiner Stadt nicht untreu werden. So wolle er es denn darauf ankommen lassen, ob der Kurtefrund handeln werde wie ein Erzbösewicht, und wenn er's täte, so würde er das Geld lieber zur Rache verwenden.« »Der Narr!« rief die Jungfrau verzweiflungsvoll. »Kennt er den Vater nicht? Weiß er nicht, wie er seine Eide hält? Und was träumt er von Rache? Wie will er sich rächen an dem, der auf diesem Felsen sitzt? O über den Toren! Er sollte alles tun, seinen Sohn zu lösen, ehe es zu spät ist, denn der Vater –« Sie brach ab und schluchzte von neuem wild auf. »Dein Vater, meinst du, wird seine böse Tat vollenden, denn er hält an seinem Eide, auch wenn er im Jähzorn geschworen ist. Ich fürchte, du denkst das Richtige über ihn. Aber sagen sollst du ihm, daß der neue Bischof Johann seine Tat schwer verdammt und morgen ihn mahnen wird, abzustehen von seiner Bosheit. Sagen sollst du ihm ferner, daß heute der Stadt Naumburg eilende Boten geritten sind zu Herrn Ludwig, dem König, und Herrn Friedrich, dem Landgrafen, Und wenn der König auch weit ist, so kann er doch des Reiches Acht über ihn bringen, und Landgraf Friedrich haßt das Unrecht und die Räubereien der ritterlichen Herren und hat eine schwere Hand. Und kann er diesen Felsen nimmermehr durch Stürmen gewinnen, so kann er ihn doch durch Hunger zwingen. Das wollt' ich deinem Vater sagen, und das sage du nun ihm, denn ich betrete diese Burg nicht wieder, wenn Ritter Kurtefrund seine Sünde vollendet. Gehab dich wohl, mein Kind!« Er legte seine harte, große Greisenhand sanft auf das Haupt der zur Erde Gesunkenen und wandte sich zum Gehen. Gertrudis sprang auf. Ihre Augen flammten. »Dessen seid gewiß, Pate,« rief sie, »ich werde ihm alles sagen, und die Heiligen mögen mir die Kraft geben, daß ich an sein Herz rühre! Ihr aber, Pate, wollt doch nicht ohne einen Imbiß scheiden und einen Becher Wein?« »Keinen Tropfen Weines, keinen Bissen Brotes genieße ich auf der Rudelsburg, ehe dein Vater gezeigt hat, daß er ein ehrlicher Ritter bleiben will. Lebe wohl, Kind! Die Heiligen mögen mit dir sein!« Hoch aufgerichtet schritt der Greis aus dem Gemache, stieg die Treppen hinab und ließ sich auf sein Tier helfen. Darauf verließ er eilend die Burg. Klaus Kyburg, der gerade in der Vorburg mit einigen Knechten eine Unterhaltung über das Aufsteigen eines Gewitters führte, sah ihn herangezogen kommen und beschloß, ihm aus dem Wege zu gehen. Denn der grobe Alte war ihm widerwärtig, und er hatte keine Lust, sich einem erneuten Wortwechsel mit ihm auszusetzen. Er schwankte einen Augenblick, ob er sich in das Schenkhaus oder in das Gotteshaus zurückziehen sollte, entschied sich aber für die Kirche. Er hatte den geweihten Raum noch nicht betreten, seit er auf der Burg weilte. Die Zeit der Frühmette hatte er jedesmal verschlafen, da ihn niemand weckte, und im übrigen war sein Bedürfnis, vor den Altären zu knieen, nicht eben groß. Es war ein dämmeriges, großes Kreuzgewölbe, das ihn aufnahm und aus dem ihm eine kühle, kellerartige Luft entgegenschlug. An sonnigen Tagen mochte es wohl heller in der Kirche sein als heute, wo im Westen eine mächtige Wolkenwand emporgestiegen war und sich eben vor die Sonne schob. Es war wenig zu erkennen in dem Halbdunkel, das den ganzen Raum erfüllte; nur auf das Bild der heiligen Elisabeth fielen noch einige Strahlen des mit den Wolken kämpfenden Sonnenlichts. Es stand auf dem Altar unter einem riesigen, vergoldeten Kreuze, eine Holzstatue in Lebensgröße, das Antlitz nicht ohne Liebreiz. Eine Krone von Perlen und unechten Steinen glänzte vom Haupte hernieder, und an dem himmelblauen Sammetgewande schimmerten Edelsteine in großer Zahl. Kyburg betrachtete das Bild eine ziemlich lange Zeit; dann lüstete ihn, es auch einmal von der anderen Seite anzusehen, und er zwängte sich in den schmalen Raum zwischen der Kirchwand und dem Altar. Da hörte er, wie die Tür der Kirche sich öffnete, wie eine Gestalt hereinschlüpfte und den riesigen Schlüssel im Schlosse umdrehte. Er spähte hinter dem Bilde hervor und vermochte zunächst nichts zu erkennen. Erst als sie sich langsam dem Altar nahte, sah er beim Schein eines aufzuckenden Blitzes, daß es Gertrudis war. Sie wollte offenbar vor dem Altar der Heiligen beten. Sollte er hervortreten? Sollte er bleiben? Noch ehe er sich entschieden hatte, war sie auf die Steinstufen niedergeglitten und hatte die gefalteten Hände zu dem Gnadenbilde emporgehoben. Und dann begann sie zu beten, flüsternd zuerst, dann alles um sich her vergessend mit lauter Stimme, dringend, in leidenschaftlichem Flehen. Er hatte erwartet, sie werde ihren Rosenkranz abbeten und dann wieder gehen. Aber sie sprach keine eingelernten Gebete, sondern mit innigen Worten, die aus der Tiefe ihres Herzens kamen, bestürmte sie die Heilige, die Schutzherrin ihres Hauses, und während draußen die Blitze zuckten und der Donner grollte, vernahm Klaus Kyburg die seltsamste Beichte. Nicht eigener Sünden klagte sie sich an, sie erflehte vielmehr Fürbitte für die Gewalttaten ihres Vaters und ihres Oheims. Ach, es war ihrer eine große Zahl, und mit Staunen und Schrecken erkannte der Lauschende, daß zwischen dem mächtigen Herrn der gewaltigen Feste und einem vom Stegreif lebenden Landschädiger der Unterschied nur gering war. Unter Tränen und mit oftmals von Schluchzen halb erstickter Stimme zählte sie die Frevel auf, die seit Jahren von dieser Burg ausgegangen waren, flehte die Heilige an, die Strafe des Himmels von ihrem Vater abzuwenden, bat um Kraft, ihres Vaters Herz zu rühren, daß er sich bekehre und seinen schrecklichen und sündhaften Schwur nicht halte, und zuletzt warf sie sich im Überschwang ihres Schmerzes ganz und gar auf die Erde hin, so daß die Stirn den kalten Stein berührte. So lag sie eine ganze Weile, dann erhob sie sich, wandelte langsam nach der Tür hin, schloß wieder auf und trat ins Freie, wo eben der strömende Regen aufgehört hatte und ein heller Sonnenstrahl durch das sich zerteilende Gewölk blitzte. Kyburg blieb noch fast eine halbe Stunde lang da stehen, wo er stand. Regungslos starrte er auf die Stelle vor dem Altar, wo die Betende gelegen hatte. Was er getan, war unwürdig, das fühlte er wohl. Er hatte gelauscht, ein Weib belauscht, das in der tiefsten Not seines Herzens allein mit der Heiligen zu reden glaubte. Einem ritterlichen Manne ziemte das nicht, er hätte hervortreten müssen, als sie die ersten Worte sprach. Aber er empfand keine Reue. Was er gehört hatte aus ihrem Munde, das sollte so sicher begraben sein in seiner Brust wie in eines heiligen Bischofs Brust das begraben war, was er vernommen hatte unter dem Siegel der Beichte. Und nichts hatte ihn in seinem Leben so erschüttert, als dieser Blick in die Seele der Jungfrau, die er liebte. Mit überwältigender Kraft empfand er in dieser Stunde, daß er von der blonden Tochter des wilden Kurtefrund nicht mehr lassen könnte, daß er sich dies Weib erringen müsse oder untergehen. VII. Am Abend des dritten Tages vor Sankt Augustinus' Feiertag kehrte der Rudelsburger heim. Sein Haupt war etwas weinbeschwert und sein Gemüt sehr froh gestimmt, denn die Kevernburger Gebrüder und Vettern hatten seine Tat gebilligt. Sie fanden es ganz recht, daß er den auf seinem Gebiete als Wilddieb ergriffenen Sohn des Naumburger Ratsherrn in seinem Kerker hielt und nur herausgeben wollte gegen ein gewaltiges Lösegeld. Die Summe erschien ihnen allerdings sehr hoch, aber keiner zweifelte daran, daß sie der Merkwitz aufbringen könne. Denn alle diese schloßgesessenen Herren hatten eine geradezu abenteuerliche Vorstellung von dem Reichtum der großen Kaufleute in den Städten. In den Nürnberger Truhen, so meinten sie, liege soviel Geld, daß man das halbe römische Reich dafür kaufen könne, und selbst hinter Naumburgs Mauern vermuteten sie soviel gemünztes Silber und Gold, daß sie alle wähnten, sie müßten überreich werden, wenn es ihnen gelinge, den Bürgern ihren Besitz in ehrlicher Fehde zu entreißen. Und darnach ging ihr Sehnen und Trachten. Nichts nährte so sehr ihren Haß, nichts stachelte immer ihren Neid so von neuem an, wie der Gedanke, daß die Städter immer reicher, sie selbst immer ärmer wurden. Gerade in den letzten Jahren hatte der Ruin des uralten Geschlechts der Saalecker gezeigt, daß auch die stolzesten Familien vor einem Versinken in klägliche und entwürdigende Armut nicht sicher waren, wenn sie nicht lernten zu erwerben und das Erworbene zusammenzuhalten. Der letzte Saalecker lebte noch als armer Mönch in demselben Kloster Pforte, das seine Ahnen reichlich mit Wald und Ackerhufen ausgestattet hatten, ihre Burg gehörte dem Naumburger Bischof, ihre Felder und Wiesen hatten die städtischen Pfandbesitzer und Gläubiger ein Spottgeld an Fremde verkauft. Jedem Ritter, der dort vorbeizog, erschienen seitdem die beiden hohen Türme der starken Feste wie zwei warnende Riesenfinger, die ihm zudräuten: So kann dir's auch ergehen! Darum hießen sie fast alles gut, was einer gegen die Naumburger tat, und nun besonders diesen Merkwitz zu schröpfen, dünkte sie löblich und rühmlich zu sein. Denn er war der Feldhauptmann der Stadt, auf den Burgen ringsum als der Klügste, Kühnste und Entschlossenste unter dem ganzen Krämervolke anerkannt und hier und da auch gefürchtet. Wer ihn schädigte, tat der Stadt Abbruch und der ganzen Ritterschaft einen Dienst; auch war ja trotz der schwindelnden Höhe der Summe kein Zweifel, daß sie der reiche Obmann der Pfeffersäcke zusammenbringen konnte und auch zahlen würde, um seinen Sohn aus dem Verließe der Rudelsburg zurückzuerhalten. Auch Kurtefrund selbst zweifelte daran keinen Augenblick. Er hatte von seinem im Jähzorn geleisteten Eide den Kevernburgern nichts erzählt. Warum auch? Morgen oder übermorgen erschienen ohne Frage die Unterhändler der Naumburger de- und wehmütig auf seinem Schlosse und zahlten, wenn auch vielleicht knirschend und rachebrütend, was er gefordert hatte. Denn Merkwitz wußte, daß Werner Kurtefrund seine Eide hielt, starr und zähe, sogar wenn sie ihm Nachteile brachten. Das war sein Ruhm im ganzen Lande, das war sein Ruhm vor ihm selbst. Setzte ihm hin und wieder sein Gewissen zu wegen seiner Sünde und Übeltaten, so warf er ihm dieses entgegen: Ich habe noch nie einen Eid gebrochen, ich habe noch nie einen Freund verlassen. Ich bin wohl gegen viele hart, aber nie gegen einen untreu gewesen. Daran richtete er sein Selbstgefühl auf, und darum hoffte er, daß die Heiligen seine Spenden und Gebete gnädig aufnehmen und ihn trotz bedenklicher Übertretungen der meisten kirchlichen und göttlichen Gebote doch vor der Hölle bewahren und in den Himmel hineinbringen würden. Denn es kamen Tage und Nächte, wo er sich um das Heil seiner Seele ängstigte und wo er von fern den glühenden Höllenrachen geöffnet sah. Dann war er geneigt, gute Werke zu tun, den Heiligen zu opfern und Almosen zu geben, sogar zu fasten, wenn es nicht allzu lange dauerte. Es waren die letzten Reste einer strengkirchlichen Erziehung, die so zutage trat. Der eifrige Mönch, der ihn erzogen hatte, als er ein Knabe war, hatte es nicht vermocht, sein wildes, leidenschaftliches Herz zum Guten zu lenken, aber einige Grundsätze der Kirchenlehre hatte er ihm doch so tief in die Seele hineingehämmert, daß sie darin unaustilgbar hafteten. So kam es, daß Werner Kurtefrund noch ein Gewissen hatte und wohl wußte, was gut und böse war. So wußte er auch gar wohl, daß er mit seinem Eide gefrevelt hatte, und er verspürte eine Beklemmung bei dem Gedanken, daß er wirklich in die Lage kommen könnte, das Bluturteil an dem Naumburger Jüngling zu vollstrecken. Aber freilich – das war undenkbar. Der Merkwitz konnte es nie darauf ankommen lassen, ob er blutigen Ernst machen würde oder nicht. Er mußte das Lösegeld zahlen, wie hart und bitter es ihn auch ankommen mochte. Unter solchen Erwägungen ritt Kurtefrund in seine Burg ein. Es war ihm daher eine schwere Enttäuschung, als er schon unter dem Tore erfuhr, aus Naumburg sei niemand dagewesen als ein bischöflicher Gesandter, der sei aber sogleich wieder abgezogen und wolle morgen wiederkommen. In übler Laune und mit gefurchter Stirn betrat er sein Gemach, und dort fand er seine Tochter vor, die stundenlang auf ihn gewartet hatte. Es war etwas in ihrer Haltung und ihrem Blicke, was ihm nicht gefiel, und unbehaglich rückte er auf seinem Sitze hin und her, als sie vor ihn hintrat und die Rede des alten Hogeniste Wort für Wort wiederholte. Als sie geendet hatte, stützte er sein Haupt in die Hand und blickte starr und finster vor sich hin. Schon dachte Gertrudis frohlockend, sie habe gewonnenes Spiel, da fuhr er mit einem Male auf, warf den Kopf in den Nacken und brach in ein höhnisches Lachen aus. »Alles Faseleien des Alten, der nun einmal dem Krämer wohl will!« sagte er mit einer wegwerfenden Gebärde. »Zum ersten: Der Merkwitz wird zahlen.« »Täusche dich nicht, Vater, er wird's nicht tun,« versetzte Gertrudis kurz. »Ha! Du meinst, er ließe sein Fleisch und Blut in den Tod gehen, wenn er es am Leben erhalten könnte mit seinem Gelde?« »Sein Geld würde sich gegen seine Stadt kehren, käme es in deine Hand, das weiß er, denn ihm ist bekannt, was du gegen Naumburg sinnst. Darum läßt er eher seinen Sohn in der Todesangst, als daß er dich in den Stand setzt, seiner Stadt zu schaden. Der Mann denkt edel!« Kurtefrund warf ihr einen finsteren Blick zu. »Schämst du dich nicht, den Krämer zu loben?« »Lob dem, der Lob verdient, und wenn er ein Krämer wäre! Der Merkwitz ist aber edel wie wir, wenn er auch in der Stadt wohnt, und er zeigt ja hier sein edles Blut.« »Zum Henker!« rief Kurtefrund jetzt schon gereizt, »willst du ein preisendes Lied singen auf den König der Gewandschneider, so gehe hinüber zu den Mägden und setze dich vor deine Spindel, aber mein Ohr verschone damit!« »Gern höbe ich mich von dannen, Vater,« sagte die Jungfrau traurig, »aber ich kann es noch nicht. Vergönne mir eine Frage: Willst du, wenn der Merkwitz nicht zahlt, den Knaben wirklich zu Tode bringen?« »Weib!« schnob Kurtefrund, »weißt du nicht, daß ich's geschworen habe?« »Einen sündhaften Eid zu brechen, ist keine Sünde!« rief Gertrudis. Sie sank mit einem Male zu Boden und umfaßte seine Knie. »Vater, Vater, höre auf mich!« flehte sie. »Nur dieses eine Mal höre auf mich! Beflecke deine Hände nicht mit diesem Blute! Schicke den Knaben seinem Vater zurück, er hat genug gebüßt im Turm! Ich bitte dich auf den Knien darum, tue das Böse nicht, das du vorhast!« Kurtefrund schüttelte sie unwillig ab. Ihre Bitte griff ihm ans Herz, aber er wollte nicht auf sie hören, und um die mahnende Stimme in seiner Brust zu übertäuben, brach er in ein lautes Schelten, Poltern und Zanken aus. »Scher dich fort!« schrie er. »Mische dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen! Das sind keine Weiberfachen! Du hast mir als meine Tochter zu gehorchen und nur zu reden, wenn ich dich frage! Fort! Hinüber zu deinen Dienerinnen!« Gertrudis erhob sich von ihren Knien. Einen wehen Blick warf sie noch auf ihren Vater, dann schritt sie ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus. Der Ritter aber lehnte sein Haupt an die Mittelsäule des Fensters und blickte düster hinein in das verglimmende Abendrot. Was sollte nun werden, wenn der unglaubliche Fall eintrat, daß der Krämer nicht zahlte, ein Fall, über den er bis jetzt überhaupt gar nicht ernstlich nachgedacht hatte? Das konnte er sich nicht verhehlen: Hielt er dann seinen Eid und wurde der Jüngling also ein Opfer seines wilden Jähzorns, so mußte das Aufsehen machen im ganzen Lande, und die Naumburger würden alles daran setzen, diese Tat zu rächen. Sie selbst freilich fürchtete er nicht, auch ihren Bischof nicht, obwohl ihm gerade jetzt seine Feindschaft nicht gelegen kam. Aber hatten sie sonst Aussicht, einen mächtigen Arm für ihre Rechte zu finden? Kaiser Ludwig saß in seinem München und schlug sich zurzeit mit dem Papste herum. Er hatte nur im Süden des Reiches Macht, nördlich des Mains gehorchte ihm nur, wer wollte, und auf den Straßen erklang das Spottlied: »O armer Lutz von Bayernland, deine Macht ist Sand, dein Krönlein Tand.« Und doch konnte ihm die kaiserliche Acht verderblich werden, wenn es dem Schwiegersohn des Kaisers, dem Landgrafen Friedrich von Thüringen, gefiel, sie zu vollstrecken. Mit diesem Herrn war nicht zu spaßen, seine Tatkraft war ebenso groß wie seine Macht, und er haßte die ritterlichen Gewalttaten und ahndete sie, wo er nur konnte. Überdies war er sein Lehnsherr und konnte ihn vor sein Gericht fordern. Doch war zu hoffen, daß er das gerade jetzt unterlassen und sich gar nicht in den Handel einmischen würde. Denn die Großen des Landes, die Orlamünder, Schwarzburger und Hohensteiner Grafen an der Spitze, rüsteten insgeheim eifrig zu einer neuen Schilderhebung gegen ihn, nachdem er sie zwei Jahre vorher mühsam gebändigt hatte. Das wußte der kluge und wachsame Fürst ohne Zweifel, und deshalb würde er wohl Bedenken tragen, gerade jetzt den Herrn der mächtigen Burg in die Arme seiner Feinde zu treiben. Nein, von der Wartburg aus drohte schwerlich eine Gefahr. Aber der Gedanke an einen andern fiel ihm mit einem Male schwer auf die Seele, an den Schenken von Tautenburg. Der war zwar der Naumburger Feind und sein Freund, aber diese Tat würde er in seinem hochgespannten Gerechtigkeitsgefühl ganz sicherlich nicht billigen, und es bestand sogar die Gefahr, daß er um ihretwillen von dem Verbündnis zurücktrat. Jedenfalls war es gut, wenn er sie nicht durch einen anderen erfuhr, und deshalb beschloß er, morgen in der Frühe nach dem Schlosse Tümpling zu reiten, wo der Schenk sich zurzeit aufhielt. Eine Freude war ihm diese Fahrt nicht, aber sie mußte sein. Noch immer umwölkten Antlitzes begab er sich in die große Halle, wo schon die Mannen und Dienstleute harrten, daß er das Zeichen zum Anfange des Mahles gebe. Er schoß einen finsteren Blick nach dem leeren Stuhle seiner Tochter, sprach zunächst wenig, trank aber das Erfurter Bier in ungeheurer Menge und wurde in der Zeit einer halben Stunde wieder frohen Mutes. Mit einem guten Rausche suchte er in der Mitternachtsstunde sein Lager auf. Das hinderte ihn keineswegs, mit dem Frührote wieder wach zu sein, und als die ersten Strahlen der Morgensonne über die Zinnen der Rudelsburg blitzten, ritt er mit fünfzehn reisigen Knechten von dannen. Er hatte nur hinterlassen, daß er am Abend zurück sein werde. Klaus Kyburg erwachte durch den Lärm am Tore und sah ihn abziehen. Darob verwunderte er sich sehr, denn heute mußten doch die Gesandten des Bischofs wiederkommen, die gestern den Burgherrn nicht angetroffen hatten. Es sah ja geradezu aus, als wolle er ihnen aus dem Wege gehen. Sollte er wirklich seinen abscheulichen Eid halten und auf Abmahnungen nicht hören wollen? Zuzutrauen war es ihm. Er dachte an das, was er gestern aus dem Munde seiner Tochter gehört hatte, und es stieg ein Zorn in seiner Seele auf gegen den herrischen Mann, der frech und unbekümmert mit Menschenleben spielte. Zugleich erfaßte ihn tiefe Betrübnis, wenn er an den Schmerz des geliebten Mädchens dachte. Er kleidete sich an und beschloß, heute die Frühmette zu besuchen. Denn Pater Conrad begann schon, ihn mit feindseligen oder wenigstens argwöhnischen Blicken anzusehen und von Heiden und Ketzern zu murmeln. Das Geläut der kleinen Glocke, das die Burgbewohner alltäglich zum Frühmorgengottesdienst einlud, klang scharf und hell durchs Fenster herein. Da wurde kräftig an seine Tür gepocht, als schlüge eine schwere Reiterhand dagegen, und ehe er »herein« sagen konnte, erschien auf der Schwelle die große, vierschrötige Gestalt der alten Obermagd Wendelgard. Schön war sie nicht, aber treu, ja, mit geradezu hündischer Treue war sie ihrer jungen Herrin ergeben. »Ihr sollt, wenn die Messe aus ist, vorkommen in des Herrn Gemach. Mein Fräulein will mit Euch reden, niemand soll's wissen,« sagte sie mit ihrer tiefen, knurrenden Stimme. Einen Morgengruß schien sie nicht für nötig zu erachten. Kyburgs Herz frohlockte. Die er liebte, beschied ihn zu sich, wollte offenbar allein mit ihm reden, vielleicht ihm etwas anvertrauen. Das war mehr, unendlich viel mehr, als er nach seinem kurzen Verweilen auf der Burg hätte hoffen können. Seine Brust hob sich, und seine Augen blitzten. Die Alte sah das mit ihren scharfen Augen sehr wohl, hob höhnisch die Oberlippe und führte den Zeigefinger der Rechten bedeutungsvoll an die Stirn. »Lasset Euch keine Narrheit in den Sinn kommen,« sagte sie verächtlich. »Die Herrin hat einen Auftrag für Euch, und ich stehe vor der Tür.« Kyburg mußte unwillkürlich lachen. »Dann ist das Gemach in derselben Weise gehütet, wie die Höhle, in der Held Siegfried den Nibelungenschatz erbeutete,« sagte er in verbindlichem Tone. »Melde deiner Herrin, daß ich zur bestimmten Zeit da sein werde. Ist sie jetzt in der Kirche?« »Das kann Euch nicht kümmern!« erwiderte die treue Wendelgard erbost, denn sie kannte die alten Sagen und hatte deshalb seine Anzüglichkeit gar wohl verstanden. Ohne ein weiteres Wort stampfte sie die Treppe hinunter, und Kyburg hörte sie noch unten vor sich hinbrummen. Eine halbe Stunde später stand er vor Gertrudis. Die Jungfrau saß in der Fensternische, in der ihr Vater gewöhnlich zu sitzen pflegte, und heftete den Blick ihrer großen, klaren Augen fest auf sein Gesicht. Ihr Antlitz war zum Erschrecken blaß. »Ritter Kyburg,« begann sie, »ich möchte einen Dienst, einen großen Dienst von Euch erbitten.« Seine Augen leuchteten auf. »Was in meiner Macht sieht, das tue ich, wenn Ihr's befehlt!« rief er feurig. »Und Ihr gelobt mir Verschwiegenheit?« »Über meine Lippen kommt bei Christi Wunden kein Wort von dem, was Ihr mir sagt!« Sie neigte das Haupt, und langsam, als suche sie nach Worten, kam es aus ihrem Munde: »Ihr kennt den Eid, den mein Vater geschworen?« »Gewiß. Es kennt ihn jeder in der Burg.« »Wie denkt Ihr darüber?« Er sah verlegen vor sich hin und schwieg. »Er wird ihn sicherlich nicht halten,« entgegnete er endlich. »Ich meine, er wollte damit nur die Städter in Furcht setzen und willig machen, zu zahlen.« »Da irrt Ihr,« fuhr sie fort. »Mein Vater – doch darüber wollte ich nicht mit Euch reden. Ich frage Euch: Haltet Ihr diesen Eid für eine Sünde?« »Ja, Herrin,« sagte er fest und bestimmt, »für eine große, schwere Sünde.« Sie atmete tief auf. »So müssen wir ihm unmöglich machen, seinen Eid zu halten. Das geht nicht anders, als wenn wir den Gefangenen befreien. Wir müssen den Wächter zur Nacht trunken machen oder in Schlaf versetzen. Wir müssen den Knaben an einer Strickleiter über die Mauer lassen. Ist er erst unten, so ist er auch so gut wie gerettet, denn er braucht nur hinüber zu laufen zur Saaleck. Ich allein aber kann es nicht vollbringen. Ihr seid klug und gewandt, Ihr sollt mir dazu helfen in der nächsten Nacht.« Aus Kyburgs Antlitz war, während sie sprach, jeder Blutstropfen gewichen, und als sie nun ihm die Hand hinstreckte und fragte: »Wollt Ihr?« da faßte er sie nicht mit festem Druck, wie sie gehofft hatte, sondern trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Wie?« rief sie erschrocken und zugleich verächtlich, »Ihr fürchtet Euch?« »Fürchten?« fuhr er auf. »Nein wahrlich, Jungfrau, da habe ich andere Gefahren bestanden in meinem Leben. Aber was Ihr von mir fordert, ist unmöglich, denn ich habe Eurem Vater Treue gelobt, ich bin sein geschworener Mann! Was Ihr verlangt, ist für mich Treubruch und Verrat!« »Nein!« rief Gertrudis mit blitzenden Augen. »Bewahre ich einen vor der schweren Sünde, so erweise ich ihm höchste Treue!« »Für Euch als Weib, als Tochter mag das gelten. Ich aber darf gegen seinen Willen nicht handeln, so lange mein Schwur mich an ihn bindet. Sagt selbst: Forderte er mich auf, für ihn zu kämpfen wider seine Feinde – dürft' ich da fragen, wer recht hat, wer unrecht? Was er seine Mannen tun läßt, das muß er vor Gott vertreten, als hätte er's selbst getan. Sie aber werden nur nach einem gefragt: ob sie treu gewesen sind.« Gertrudis erhob sich ungestüm, und ihre Wangen flammten. »Anderes hätte ich von Euch erwartet, als daß Ihr kalt und klug reden würdet, wenn ich Euch um Hilfe bitte. Denkt Ihr auch daran, daß ich es war, die Euch vom Tode errettete?« Kyburg stürzte zu ihren Füßen, und suchte ihre Hand zu ergreifen, die sie ihm unwillig entzog. »Herrin!« flehte er, »ich denke Tag und Nacht an das, was ich Euch danke, und gäbe mein Blut hin, wenn ich Euch damit nützen könnte. Aber ein ehrloses Leben vermag ich nicht zu führen, und ehrlos ist der ritterliche Mann, der seinem geschworenen Herrn die Treue bricht.« Gertrudis sah schweigend auf den Knienden hernieder. Als Tochter eines ritterlichen Geschlechtes mußte sie sich, wenn auch widerwillig, sagen, daß er recht hatte und daß in dem armen fahrenden Gesellen ein wahrer ritterlicher Stolz lebendig war. Aber daß er auch ihrer Bitte gegenüber festhalten wollte an diesem Stolze, das verwundete und enttäuschte sie zu gleicher Zeit. Denn sie hatte als Weib natürlich längst bemerkt, welchen Eindruck sie auf ihn hervorbrachte, und hatte gemeint, jeder ihrer Wünsche würde für ihn ein Befehl sein. Daß es nicht der Fall war, verwundete sie tiefer, als sie gedacht hatte, es schmerzte sie fast. Und was sollte nun werden, wenn er sich ihrem Willen versagte? Sollte sie sich an einen anderen wenden? »Geht!« sagte sie endlich kurz und trat von ihm zurück. »Herrin!« bat er von neuem mit weicher Stimme, »zürnet mir nicht!« »Geht!« wiederholte sie schroff. »Und da Ihr Eure Eide so herrlich zu halten wißt, so darf ich wohl Eures Schweigens sicher sein.« Kyburg stand auf und schritt langsam zur Tür. Dort wandte er noch einmal sein Haupt mit schmerzlicher Gebärde zu ihr zurück, und da traf ihn ein seltsamer Blick aus ihren Augen. Enttäuschung lag darin und Zorn, aber auch Achtung. Da erhob er stolz das tiefgesenkte Haupt und schritt, ohne sich umzusehen, hinüber in die Vorburg nach seiner Behausung. VIII. Früher, als ihn jemand erwartet hatte, kehrte Werner Kurtefrund in seine Burg zurück. Als er über die Brücke der Vorburg ritt, spähte Kyburg vom Fenster seines Turmgemaches herab nach den Mienen des Herrn und erkannte, daß sein Antlitz in tiefe Nacht getaucht war. Die Unterredung mit dem Schenken mußte also wohl einen unerfreulichen Verlauf genommen haben, und daheim, das wußte Kyburg, wartete etwas auf ihn, wodurch sein Gemüt nicht gerade heiterer gestimmt werden würde. Ein Ritter des Naumburger Bischofs war vor wenigen Stunden vor der Burg erschienen, hatte am Tore einen Brief an den Schloßherrn abgegeben und war, ohne auch nur den Hof zu betreten, wieder abgeritten. Nicht einmal den gewöhnlichen Willkommentrunk hatte er sich kredenzen lassen. Daraus schloß Kyburg, daß das neuerwählte geistliche Haupt von Naumburg über Herrn Kurtefrund schwer erzürnt sein müsse. Darüber sollte er bald volle Klarheit erhalten, denn kaum zehn Minuten später wurde er durch einen Knecht zu dem Burgherrn entboten. Werner Kurtefrund hatte bereits den Harnisch mit einem bequemen Hausgewande vertauscht. Er saß hinter einem breiten Tische aus Eichenholz, vor ihm lag das noch unerbrochene Schreiben des Bischofs, daneben stand ein riesiger Silberbechsr, noch zur Hälfte gefüllt mit rotem Weine. »Kommt her! Ihr sollt mir die Krähenfüße des lustigen Johann von Miltitz deuten, den die Naumburger Pfaffen zu ihrem Herrn gewählt haben!« rief Kurtefrund laut und warf dem Eintretenden den bischöflichen Brief über den Tisch zu. Seine Augen flackerten dabei unruhig, und sein Lachen klang gezwungen, auch war sein Gesicht ungewöhnlich gerötet. Das brauchte freilich nicht eine Folge der inneren Aufregung zu sein, es konnte auch von dem scharfen Trunke herrühren, den er sogleich nach dem langen und heißen Ritte getan hatte. Kyburg erbrach das Siegel und überflog das Schreiben. Es bestand nur aus wenigen Zeilen und war offenbar vom neuen Bischof eigenhändig geschrieben. »Nun? Was ist's?« drängte Kurtefrund. »In des Henkers Namen – was enthält der hochwürdige Wisch? Vermahnt mich der Pfaff mit glatten Worten, oder will er mir absagen?« »Herr,« erwiderte Kyburg, »unwillkommene böse Zeitung! Lasset sie mich nicht entgelten, ich künde sie Euch ungern genug« – – »Zum Donnerwetter!« unterbrach ihn der Ritter, »lasset das lange Vorgefasel unterwegs und saget mir, was in dem Wische steht! Lest ihn vor!« Kyburg zuckte die Achseln. »Das würde Euch wenig nützen, Herr. Er ist lateinisch abgefaßt.« Kurtefrund glotzte ihn an, als sehe er ein Wunder. »Ist der Pfaffe verrückt geworden? Lateinisch an mich?« »Ach, das ist wohl zu begreifen,« sagte Kyburg nachdenklich. »Der Bischof hat gemeint, Ihr würdet den Brief öffnen und lesen lassen durch Pater Conrad, der in Eurer Burg die Messe liest und die Heiligtümer verwaltet. Denn er lautet zu deutsch: ›Pater Conrad melde dem Herr Werner Kurtefrund, Unserem geliebten Sohn in Jesu Christo, daß Wir voller Betrübnis sind über die Gefangennahme des jungen Dietrich von Merkwitz, die wider alles Recht geschehen ist, und daß Wir den Herrn Kurtefrund vermahnen, den beklagenswerten Jüngling sogleich seiner Bande zu entledigen und heimzusenden. Sollte er sich dessen weigern, so wird morgen am Tage des heiligen Augustinus des Mittags in der zwölften Stunde die Exkommunikation über ihn ausgesprochen werden und ebenso über alle, die ihm dann noch anhangen, und Pater Conrad selbst hat sich von der Rudelsburg auf der Stelle hinwegzuheben.‹ – Ein Ort der Abfassung ist nicht angegeben, ein Datum fehlt ebenso, die Unterschrift ist: Johannes, erwählter Bischof von Naumburg.« »Teufel!« schrie Kurtefrund aufspringend, und seine Augen lohten vor Zorn, »der fängt ja sein Regiment gut an! Dieser Buhler und Weiberjäger, dieser Spieler und Zecher, den sie da auf den Stuhl des alten Witticho gesetzt haben! Den haben die Pfaffen von Naumburg sich zum Herrn erwählt, auf daß sie gute Zeiten hätten unter ihm! Wie käme sonst der Lump zur Bischofsmütze, der Lump, der in Schulden steckt bis über die Ohren! Aber dahinter stecken auch wieder die Krämer von Naumburg! Denen kann der windige Bursche gerade recht sein. Dem geben sie ein paar hundert Gulden, und da schreibt er, was sie wollen. Aber nun gerade tue ich ihren Willen nicht! Auf der Stelle schreibt Ihr dem Pfaffen, er solle sich nicht täuschen. Er solle dem Merkwitz raten, bis morgen abend zu zahlen, sonst – bei Sankt Elisabethen, könne er die Knochen seines Söhnleins da unten auflesen. Sofort schreibt Ihr das!« Wütend rannte der Ritter, während er die Worte mit rauher Stimme hervorstieß, in dem Gemache auf und nieder. Kyburg hatte mehrmals Mühe, dem vor Grimm fast Sinnlosen auszuweichen. Seine persönliche Zuneigung zu dem Herrn, dem er sich angelobt hatte, war in den letzten Tagen nicht gerade gewachsen, und der Anblick, den jetzt der Zornrasende bot, war ihm geradezu widerwärtig. Ihn selbst brachte höchstens ein Angriff auf seine ritterliche Ehre dazu, daß er im Zorn aufbrauste; sonst hatte ihn das Leben gelehrt, sein heißes Blut zu dämpfen und seine Leidenschaft zu zügeln. »Ich gehe, das Instrument zu holen,« sagte er kühl. »Gut, beeilt Euch!« rief Kurtefrund, warf sich wieder in seinen Sessel und stürzte den Wein hinab, als wäre er Wasser. »Sie können mir wohl drohen, die Pfaffen und Krämer!« knurrte er, »aber sie müssen mir den Willen tun. Gelobt sei Gott, daß ich den Stadtbuben in meinem Turme habe!« »Du hast ihn zur Stunde nicht mehr, Vater!« klang es von der Tür her. Kyburg fuhr herum. Gertrudis stand dort, schneebleich im ganzen Gesicht, aber hoch aufgerichtet und mit furchtlosen Blicken ihrem Vater ins Antlitz starrend. »Ich habe die Wächter entfernt,« fuhr sie fort, »sie gehorchten mir, denn sie hatten kein Arg, da ich es ihnen am hellen lichten Tage befahl. Ich habe den Gefangenen aus dem Turm gelassen, ich habe ihm mit einer Strickleiter über die Mauer geholfen, er lief der Saaleck zu und ist jetzt frei.« Sie hielt einen Augenblick inne und sank dann auf die Knie. »Ich habe gegen deinen Willen gehandelt, ich habe Untreue an dir geübt, aber ich tat's für die Rettung deiner Seele, um dich zu bewahren vor erschrecklicher Sünde. Nun richte mich, Vater!« Einen Augenblick war es totenstill in dem Gemache. Kurtefrund lag in seinen Stuhl zurückgelehnt, als wäre das Leben aus ihm entflohen. Aber mit Entsetzen sah Kyburg, wie sich allmählich seine Züge verzerrten, wie ein furchtbarer Ausdruck in sein Antlitz trat, wie der Jähzorn in den Augen des Halbtrunkenen aufglühte, wie er mit einem Schrei aufsprang und das gewaltige Trinkgefäß mit beiden Händen emporhob, um es auf das Haupt der Knienden herabzuschmettern. In demselben Augenblicke umkrallten Kyburgs Fäuste seine Handgelenke mit so eisernem Drucke, daß der Becher seinen Fingern entglitt und klirrend auf den Tisch rollte. »Herr!« schrie der junge Ritter, »wollt Ihr Euer eigenes Blut morden? – Denkt an Gottes Gericht! Kommt zu Euch, Herr!« Kurtefrund stierte ihn an, als wollte er sich auf ihn stürzen. Aber mit einem Male sanken seine Arme schlaff herab, über das eben noch gerötete Gesicht breitete sich eine fahle Blässe, und er sank schwer zurück mit dem Haupte gegen die Kante des Lehnstuhles. »Um aller Heiligen willen, er stirbt!« schrie Gertrudis und sprang empor. »Nein, lauft, holt den Bader, der soll ihm zur Ader lassen. Er hat wohl einen Schlag!« rief Kyburg. Mit schnellen Schritten eilte die Jungfrau aus dem Gemache. Aber Ritter Kurtefrund hatte keinen Schlaganfall erlitten, nur eine kurze Ohnmacht hatte seine Sinne umfangen. Kaum war der Schritt ihrer Füße auf der Treppe verklungen, so hob er das Haupt, schlug die Augen auf und blickte wie suchend um sich. Es war, als ob er aus einem wirren Traum erwache und das Bewußtsein ihm nur langsam zurückkehre. Plötzlich fuhr er mit einem Rucke auf und sah Kyburg an. Nichts mehr von Zorn oder Grimm lag in seinem Blicke, vielmehr Gram und Traurigkeit und tiefe Beschämung. Er stand langsam und mit Mühe auf und kam mit unsicheren Schritten auf ihn zu. Sein Antlitz hielt er halb abgewendet, und stoßweise kamen die Worte zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor: »Ich unterliege dem Jähzorn – von Kindheit an – kann mich nicht zähmen – jetzt eben auch nicht. – Ihr habt mich vor einer Tat bewahrt, die mir Gott nicht hätte vergeben können. Ich danke Euch. Von jetzt an seid Ihr mir mehr als die anderen meiner Mannen.« »Herr,« entgegnete Kyburg, vor Überraschung und Erschütterung beinahe fassungslos, »verzeiht auch Eurer Tochter. Auch sie hat Euer Bestes gewollt.« »Meine Tochter«, sprach Kurtefrund düster, »soll sogleich nach Beuditz reiten zu meiner Schwester, der Äbtissin. Dort soll sie bleiben die nächste Zeit. Jetzt will ich sie nicht sehen. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr sie hinübergeleiten mit zehn Knechten.« »Ich eile, Euer Gebot zu erfüllen,« rief Kyburg und wandte sich der Tür zu. Aber ein kurzer Ruf bannte seinen Fuß auf der Schwelle. »An diese Stunde rührt niemals wieder!« sagte Kurtefrund dumpf und hob warnend die Rechte. »Das gelobe ich Euch, Herr!« entgegnete Kyburg. Im Hinausschreiten gewahrte er noch, wie sich der Ritter mit gefalteten Händen vor dem Reliquienschrein in der Ecke niederwarf. Drunten kam ihm Gertrudis jammernd entgegen. »Der Mensch ist nirgends aufzufinden und droben – wie ist's mit dem Vater?« »Seid ruhig, er ist wieder bei sich. Aber er will Euch nicht sehen. Ich soll Euch mit einem Fähnlein zu Eurer Tante nach Beuditz geleiten.« Gertrudis sah ihn hocherstaunt an. »Euer Vater hatte eine Ohnmacht, und als er wieder zu sich kam, reute ihn sein Jähzorn. Ich glaube, edle Jungfrau, er ist heimlich froh, daß Ihr ihm unmöglich gemacht habt, seinen Eid zu halten. Aber laßt ihm Zeit! Es wird das beste sein, wenn Ihr einige Wochen fern von ihm seid.« Gertrudis neigte das Haupt. »Es wird das beste sein. – Und Ihr sollt mich geleiten? Warum gerade Ihr?« »Er wollte mir wohl dadurch danken dafür, daß ich ihn vor der schweren Tat bewahrte. Er konnte mir auch nicht besser danken, als durch das hohe Vertrauen, das er mir damit beweist!« »Und auch ich danke Euch!« rief die Jungfrau, und ein warmer Blick aus ihren leuchtenden Augen fiel auf sein Antlitz. »Ich danke Euch für ihn und mich. – Ich habe Euch das Leben gerettet, Ihr wolltet mir nichts schuldig bleiben. Heute sind wir quitt geworden,« setzte sie leise hinzu. »Ich bleibe in Ewigkeit in Eurer Schuld und gebe gern mein Blut und Leben für Euch hin,« sagte Kyburg und faßte ihre Hand. Sie zuckte erst unwillkürlich, als wollte sie die Hand zurückziehen, ließ sie aber dann eine kleine Weile in seiner harten, sehnigen Faust ruhen. Dabei stieg eine immer tiefere Röte in ihr Antlitz, und sie senkte die Wimpern auf die brennenden Wangen. So standen sie ein paar Augenblicke – dem jungen Manne schienen sie die schönsten seines bisherigen Lebens zu sein. »Ich will mich rüsten,« sagte sie dann hastig, löste ihre Hand aus der seinen, und ohne noch einmal den Blick zu ihm zu erheben, eilte sie wie gehetzt von dannen. IX. Seit zehn Tagen befand sich Gertrudis bei ihrer Tante, der gestrengen Domina des Frauenklosters Beuditz, und Klaus Kyburg saß in seiner Turmstube auf der Rudelsburg. Er hantierte mit Holzkohle, Schwefel und Salpeter und mischte das geheimnisvolle Kraut, das er Herrn Kurtefrund liefern wollte, und das Mädchen, das gewohnt war, mit dem Falken auf der Faust über Felder und Wiesen zu jagen, trieb eine ganz ungewohnte Beschäftigung: sie stickte an einem Altartuche. Und während er vor seinen Tiegeln saß, und während sie die feinen Goldfäden durch den Sammetstoff zog, flogen ihre Gedanken über die dicken Mauern, die sie beide umschlossen, und über Fluß und Berg und Tal, die zwischen ihnen lagen, und suchten einander. Klaus Kyburg erlebte damit nichts Neues. Seine Gedanken waren schon längst bei ihr gewesen allezeit, und ihr Bild hatte, seit er auf der Burg weilte, beständig vor seiner Seele gestanden. Gertrudis dagegen hatte bis zum Tage ihrer Entfernung von dem väterlichen Schlosse für ihren Schützling nicht viel mehr gefühlt, als ein freundliches, allerdings immer mehr steigendes Interesse. Sie konnte sich's ja nicht verhehlen, daß er ein ungewöhnlich stattlicher Mann war mit seiner hohen, biegsamen Gestalt, seinem scharfgeschnittenen Gesichte mit den kurzen, schwarzen Locken und dem keck aufgezwirbelten Schnurrbart. Es konnte ihr auch unmöglich entgehen, daß mehr Geist aus seinen Augen leuchtete, als sonst vielleicht alle Mannen ihres Vaters aufzuweisen hatten. Auch wußte er von ganz anderen Dingen zu reden und die Worte unendlich viel gewandter zu setzen als die plumpen, ungelehrten Reitersleute, die sie seit ihrer Kindheit kannte, mochten sie nun ritterliche Dienstmannen oder schloßgesessene Herren sein. Nur ihr eigener Vater und der Graf Günther von Schwarzburg waren in dieser Hinsicht mit dem Fremdling in Vergleich zu stellen, doch fiel er nicht zu ihren Gunsten aus. Ritter Kurtefrund hatte ihn zweimal aufgefordert, abends nach dem Mahle, wenn die Herrschaft und das Burggesinde noch eine Weile beim Becher zusammensaßen, von seinen Fahrten und Abenteuern zu erzählen. Er hatte das bereitwilligst getan, und da hatten bald alle Blicke an seinen Lippen gehangen, sogar derer Blicke, die ihm heimlich abgeneigt waren, weil sie dem Fremden seine Stellung auf der Burg neideten. Auch sie selbst hatte ihm mit glühenden Augen zugehört und war weit später in ihre Kemenate hinübergegangen, als sie sonst zu tun pflegte und die Sitte gebot. Aber dann hatte sie ruhig ihr Lager aufgesucht, und durch keinen ihrer Träume war der geschritten, der diese bunten und abenteuerlichen Fahrten bestanden hatte. Nun mit einem Male war das anders geworden. Sie sah im Wachen und im Traume das Bild dieses Mannes, wie er ihres Vaters Hände festhielt, die Augen furchtlos und zwingend auf den Wütenden gerichtet, und mit Blick und Griff ihn bändigte, so wie man einen wilden Leuen zähmt. Das herbstolze Mädchen, das vorher nie nach einem Manne geschaut hatte, empfand anfänglich diesen Zustand als etwas Entwürdigendes, Unerträgliches. Wie ein wilder Falke, der zuerst die Kette am Fuße fühlt, gegen seine Fesseln wütet, so rang sie mit all der ungestümen Kraft ihrer herrischen Seele um die Freiheit ihres Herzens. Sie vergoß heimlich viele brennende Tränen des Zornes und der Scham, sie faßte unzählige Male den Vorsatz, nicht mehr an ihn zu denken, sie warf sich vor dem Altare der Klosterkapelle wieder und wieder auf die Knie und flehte zur heiligen Jungfrau, sie fest zu machen gegen den Zauber, der sie ganz zu berücken drohte. Vergebens – das Bild Nicolaus Kyburgs verblaßte nicht in ihrer Seele, es trat im Gegenteil mit jedem neuen Tage leuchtender, herrschender, siegreicher in den Vordergrund und verdrängte schließlich alles andere daraus, nahm sie vollkommen in Besitz. Und es kam der Tag, da sie einsah, daß sie den landfremden Mann liebte, der ihres Vaters Dienstmann geworden war. Da brach sie in Tränen aus und weinte wohl eine Stunde lang heiß und unaufhaltsam, und wenn sie schon vorher die Gesellschaft der frommen Schwestern mehr gemieden als gesucht hatte, so zog sie sich von Stund an fast ganz in die Einsamkeit ihres hochgelegenen Gemaches zurück. Sie wollte allein sein mit ihren Träumen und Gedanken. Ihre Tante, die gestrenge Äbtissin Sieglinde, beobachtete sie mit Staunen und Befremden. Sie erkannte in ihr die unbändige Maid nicht wieder, deren trotziges und unweibliches Gebaren ihr, der sich sittsam gebärdenden Klosterfrau, oftmals ein Ärgernis gewesen war. Die Gertrudis, die sie kannte, war ein wildes Mädchen, das nach keines Menschen Meinung fragte, mit ihrem Rosse über Hecken und Gräben setzte, für jeden, der sie zurechtweisen wollte, eine scharfe Antwort bereit hatte. Jetzt war eine verträumte Jungfrau ins Kloster eingezogen, die wenig sprach, oft gar nicht zu hören schien, was man zu ihr redete. Sie sonderte sich von allen Menschen ab, und ihr Antlitz zeigte hin und wieder die Spuren heimlich vergossener Tränen. Was hatte das zu bedeuten? Zehn Tage hielt Frau Sieglinde es aus, in Ungewißheit über ihrer Nichte absonderliches Gebaren zu schweben. Dann vermochte sie es nicht mehr über sich, zu schweigen, sie ließ vielmehr Gertrudis zu sich kommen und platzte in echt Kurtefrundscher Unmittelbarkeit mit der Frage heraus, ob sie krank oder besessen sei, oder ob sie Liebeskummer habe. Sie erfuhr dabei freilich gar nichts, denn Gertrudis fragte sie nur, ob sie sich nicht denken könne, daß ihres Vaters Verhalten sie traurig mache und bedrücke. Aber die flammenden Wangen und niedergeschlagenen Augen der vor ihr Stehenden sagten ihr genug. Frau Sieglinde war eine erfahrene Dame. Sie hatte in ihrer Jugend der Minne Lust und Leid mannigfach erfahren, denn sie trug das heiße Blut ihres Geschlechtes in den Adern. Erst mit dreißig Jahren war sie ins Kloster gegangen aus Kummer und Verdruß über den Ritter Dietrich von Werthern, der an ihrer Statt ihre beste Freundin heimführte. Aber das Klösterlein Beuditz war damals, als sie eintrat, keineswegs ein gottwohlgefälliges Haus des Herrn gewesen. Die Herren vom umliegenden Landadel, die ihre Töchter und Schwestern dort hatten, kehrten gern ein, tafelten und zechten nicht schlecht, und die böse Welt munkelte davon, daß die gottgeweihten Jungfrauen bei solchen Gelagen nicht weit von ihnen säßen und sich hinterher häufig im Tanze schwenken ließen. Die kräftige und stattliche Sieglinde Kurtefrund sollte von diesem Treiben durchaus keine Ausnahme gemacht haben. Heute war das nun freilich anders, sie selbst zählte fünfzig Lenze, und die meisten Schwestern waren nicht viel jünger; auch hatte der nunmehr selig entschlafene Bischof Witticho von Naumburg in den Klöstern seines Sprengels ein etwas heiligeres Leben durchgesetzt. Aber ein volles Verständnis für Liebessachen war der Domina verblieben. Daher glaubte sie ihrer Nichte kein Wort, sah sie vielmehr listig an und sagte: »Schnick schnack! Dein Vater wird schon wieder gut, das weißt du ganz wohl. Versuche nicht, mich alte Frau mit Lügen anzuleimen. Sage mir lieber die Wahrheit, und wenn der Mensch halbwegs darnach ist, will ich dir gern helfen. Also, wer ist's? Der Gleißberger oder der junge Gartolf auf der Burg Werben?« »Keiner von denen und überhaupt keiner!« erwiderte Gertrudis trotzig. »Das ist mir äußerst glaubhaft!« versetzte die Äbtissin spöttisch. Plötzlich kam ihr ein Verdacht. »Wie alt ist denn der junge Merkwitz, den du aus dem Turme gelassen hast?« fragte sie. Jetzt mußte Gertrudis lachen. »Ein Knabe ist er, dem noch kein Bart sproßt. Ein Knabe von siebzehn Jahren!« Und gleich wieder ernst werdend, setzte sie hinzu: »Laß mich in Frieden mit deinen Fragen. Ich will nichts mit den Männern zu tun haben, ich will keinen, keinen. Ach, am liebsten nähme ich den Schleier! Es ist mir alles in der Welt verleidet.« Dabei funkelten Tränen in ihren Augen auf. Aber Frau Sieglinde hielt das offenbar für einen Scherz, denn sie brach in lautes Lachen aus. »Grundgütiger Himmel!« rief sie, »davor bewahre uns der liebe Gott! Das gäbe bald eine schöne Wirtschaft! Da würden alle jungen Ritter der Gegend ins Kloster kommen unter dem oder jenem Vorwande, wie die Wespen, die einen Honigtopf wittern. Ja, es könnte wohl geschehen, daß der neue Bischof selber ein stehender Gast unseres Hauses würde, denn ich kenne den lieben Johann von Miltitz gar gut, o sehr gut, wenn er auch viel jünger ist als ich.« Sie lächelte höchst sonderbar bei diesen Worten. Gertrudis aber zuckte unwillig die Achseln und entgegnete schnippisch: »In dein Kloster würde ich gewiß nicht eintreten, da suchte ich mir sicherlich ein anderes aus.« Damit lief sie aus der Tür. Diese letzte Bemerkung verdroß die Äbtissin gewaltig, denn sie hatte es höchst ungern, wenn von ihrem Kloster in so wegwerfender Weise gesprochen wurde. Aber sie grollte nicht lange. Die Tante siegte in ihr über die Klosterfrau, sie begann sich ernstlich um ihre Nichte zu sorgen. Daß eine Liebesgeschichte im Spiele war, das stand ihr unumstößlich fest. Sie wußte zu genau, wie ein Mädchen aussah, das von Liebesschmerzen gequält war. Gerade so stolze und wählerische Jungfrauen, überlegte die Domina, verfallen nach langem Schwanken und Aussuchen oftmals auf Männer, die kein Mensch vorher ernstlich in Betracht gezogen hätte. Gertrudis war bisher allen Bewerbern gegenüber spröde und unnahbar gewesen, sie hatte zum Ärger ihres Vaters Freier zurückgewiesen, die ihm recht willkommen gewesen wären. Sollte sie nun etwa sich eine Dummheit in den schönen, trotzigen Kopf gesetzt, ihr Herz vielleicht an einen jungen Stadtherrn gehängt haben? Es gab unter den heiratsfähigen Geschlechtersöhnen in Naumburg oder Halle oder Erfurt stattliche und reiche Männer genug. Die Ritter auf den Burgen wußten auch sehr wohl, daß sie ebenso adlig waren wie sie selbst. Aber sie setzten ihren Adel geflissentlich herab, höhnten und spotteten über die Wappen, die sie im Schilde führten, erklärten, Krämer könnten nicht Ritter sein, schlossen sich nicht nur gegen sie ab, sondern befeindeten und befehdeten sie, wo sie nur konnten. Der Schlimmste war dabei von jeher der Domina um ein Jahr jüngere Bruder Werner Kurtefrund gewesen. Er haßte die Kaufherren in der Stadt mit dem Hasse des wilden Wolfes gegen die gezähmte Dogge. Eine Heirat seiner Tochter mit einem Manne von städtischem Adel würde er nie und nimmer zulassen, lieber würde er sein Kind in die Zelle eines Klosters setzen. Das stand so fest wie der Fels, auf dem seine Burg ruhte. Hatte also Gertrudis solch eine verkehrte Wahl getroffen, so konnte das eine böse, eine sehr böse Sache werden, denn auch ihr Kopf war von hartem Stein. Bekümmert ließ die Domina alle die jungen Stadtherren, die sie kannte, an ihrem Geist vorüberziehen, aber von keinem konnte sie sich denken, er vermöge ihrer Nichte Seelenfrieden ernstlich zu bedräuen. Daß die stolze Jungfrau ihr Herz an einen Dienstmann ihres Vaters verloren habe und noch dazu an den fremden Nekromanten, der seit einiger Zeit auf der Rudelsburg weilte und ihre Nichte hierher geleitet hatte, darauf verfiel sie nur vorübergehend und wunderte sich, daß ihr der Gedanke überhaupt durch die Seele ging. Zu solch einem Menschen neigte sich ein Mädchen wie Gertrudis niemals herab, und solch ein Mensch hatte auch wohl niemals die Kühnheit, seine Augen ernstlich zu der Tochter des Herrn der Rudelsburg zu erheben. Hätte sie ihn freilich gerade jetzt sehen können, so würde sie ihm vielleicht doch diese Kühnheit zugetraut haben. Denn Klaus Kyburg erlebte zur Stunde einen der stolzesten Augenblicke seines Lebens. Vor ihm auf dem Tische seines Turmgemaches stand eine große, weitbauchige Glasflasche, gefüllt mit einem schwarzen Pulver, das aussah wie der Same des Mohnes. Er ließ ein kleines Häuflein davon auf den Tisch rinnen und legte eine dünne Metallplatte darauf. Dann führte er vorsichtig mit weit ausgestrecktem Arm eine glühendgemachte Nadel an den schwarzen Staub heran. Sogleich zischte er auf, die Platte ward fast bis an die Decke geschleudert, und eine schwere, weißliche Dampfwolke schwebte empor. Mit funkelnden Augen blickte Kyburg danach hin. Kein Zweifel, es war ihm gelungen, das geheimnisvolle Kraut herzustellen, das die maurischen Heiden erfunden hatten, mit dem sie Felsen sprengten, große Kugeln aus eisernen Rohren schossen und damit dicke und unersteigbare Mauern in den Staub legten. Das hätte Muley Hassan der Weise nie gedacht, daß sein fränkischer Lieblingssklave entlaufen und die wunderbare Erfindung arabischer Klugheit den Christenhunden im Norden bringen würde. Sonst hätte er ihm sicherlich mit seiner Damaszenerklinge eigenhändig den Kopf vor die Füße gelegt. Ja, war es nicht geradezu ein Wunder, daß ihm die Flucht geglückt war aus dem fernen Heidenlande und daß er das Geheimnis dieses Zaubermittels den Heiden hatte entführen dürfen? Er war nicht fromm im Sinne der Kirche, aber in diesem Augenblick durchströmte ein heißes Dankgefühl gegen Gott sein Herz, und er neigte das Haupt zu einem kurzen Gebet. Dann begann er zu träumen. Es mußte nun zunächst ein Geschütz gegossen, Kugeln geformt werden. Auch dessen war er kundig. Dann wollte er dem Ritter eine Probe seiner Kunst ablegen und malte sich bereits die unmäßig erstaunten Mienen Kurtefrunds und seiner Leute aus. Darauf mußte man ein großes Geschütz herstellen, vor Naumburg rücken, die Stadt beschießen. Und wenn dann die Mauern zerschossen waren und die Bürger sich demütig den Siegern unterwarfen, dann konnte er den höchsten Lohn fordern und die Hand ausstrecken nach ihr, die jetzt unerreichbar hoch über ihm zu stehen schien. Würde sie wollen? Würde sie seiner Werbung Gehör schenken? Daran zweifelte er keinen Augenblick, wenn er an den Ritt zurückdachte, den er mit ihr zum Kloster Beuditz getan. Sie hatten zwar kaum ein Wort miteinander gewechselt auf dem ganzen vierstündigen Wege, aber das zeitweilige Erröten und Erbleichen des stolzen Mädchens und der scheue Blick, den sie manchmal über ihn hinstreifen ließ, hatten ihm genug gesagt. Die süße Frucht, nach der er sich sehnte, ward reif, es kam wohl bald der Tag, da er sie pflücken konnte. Schwere Tritte auf der Treppe ließen ihn aus seinen Träumen auffahren. Er stellte hastig die Flasche in einen Wandschrank und schürte das Feuer, das im Kamin schwelte. Es war Herr Kurtefrund selbst, der die Stiegen erklommen hatte und nun eintrat. »Pfui Teufel!« rief er, »wie riecht es bei Euch! Öffnet die Fenster, lasset frische Luft durchs Gemach streichen. In dem Qualm kann ich nicht atmen.« Kyburg beeilte sich, seinem Wunsche nachzukommen. Der Ritter ließ sich schwerfällig auf eine Bank nieder und zog einen Brief aus seinem Wamse hervor. »Lest mir vor, was meine alte Base schreibt, die Priorin ist im Kloster zu Helfta. Ein Mann des Klosters brachte mir vorhin den Wisch. Weiß nicht und kann mir nicht denken, was die Alte bewegt, an mich zu schreiben. Viel Gescheidtes wird's nicht sein.« Kyburg griff nach dem Schreiben, halb gleichgültig, halb geärgert darüber, daß er das Geschwätz einer alten Nonne vorlesen mußte gerade in dem Augenblicke, als seine Seele in stolzen Träumen schwelgte. Aber bald wurde seine Teilnahme aufs höchste entfacht, das Pergament zitterte in seiner Hand, und er vermochte kaum, seine hohe Erregung zu verbergen. Das Schriftstück lautete: »Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen. Meinen Gruß zuvor. Viellieber Vetter und günstiger Freund, ich tu Dir kund und zu wissen, daß gestern hier in unser Kloster eingeritten sind die edlen Herren Herr Graf Georg und Herr Günther von Kevernburg und haben mich vorgefordert und lange mit mir gehandelt in vertraulicher Rede, ob Deine Tochter wohl möchte sich ehelich verbinden mit Herrn Günthers Sohne, dem jungen Herrn Günther, der jetzt bei den deutschen Herren in Preußen ist auf einer Heerfahrt, daß er mit höchster Ehre den Ritterschlag möge gewinnen–––-« »Ha!« rief Kurtefrund mit blitzenden Augen und schlug sich mit beiden Händen auf die Schenkel. »Donnerwetter! Ist das zu glauben? Ein Graf von den besten des Reiches, denen von Schwarzburg nahe verwandt, wirbt um meine Tochter! Hat der Hartkopf ein Glück! Ha! Wie kommen die Kurtefrunds empor! Meines Großvaters Vater ward aus einem freien Bauer ein Ritter, mein Großvater wurde mit vielen anderen Kastellanen auf diese Burg gesetzt, mein Vater drängte die anderen hinaus und erwarb das Lehn allein für sich, ich habe viele Güter dazu erworben, meine Tochter freit einen Grafen, und bei Gott, ich wollt' mich nicht wundern, wenn mein Sohn eine Schwarzburgerin oder Orlamünderin ins Haus brächte!« Der Ritter hatte offenbar in seiner stolzen Freude fast vergessen, daß er bei diesem Selbstgespräche einen Zeugen hatte. Er beachtete seinen Geheimschreiber gar nicht und gab ihm dadurch Zeit, sich zu fassen. Endlich gebot er: »Lest weiter bis zum Ende!« und Kyburg las, tief erblaßt und mit wilden Blicken auf das Pergament starrend: »– und da männiglich bekannt ist, daß deine Tochter spröden Gemütes ist und manches Mannes Werbung schon ausgeschlagen, so lagen mir die edlen Herren mit Bitten an, ich solle bei Dir nachfragen heimlich, ob Deine Tochter sich für Herrn Günther den Jüngeren mag entscheiden, ehe bevor sie Freiwerber zu ihr möchten senden, und ich bitte Dich, Du wollest mir kund tun, was ich den edlen Herren solle für Bescheid geben. Möge es Dir wohlergehen und die Heiligen mit Dir sein! Gertrudis, des Klosters zu Helfte unwürdige Priorin, der Gott gnade.« Er hatte geendet und schaute nun finster vor sich nieder. Kurtefrund aber sprang auf und rief: »So will ich meiner Tochter vergeben, was sie getan hat mir zum Schaden. Und wie Ihr sie hinübergebracht habt ins Kloster, so holt Ihr sie jetzt. Auf! Ihr reitet mit Sechzehn aus! Ehe die Nacht kommt, könnt Ihr zurück sein, den Brief nehmt mit, lest ihn der Domina vor, sie wird sich wohl verwundern! Sagt Kunemund, er solle satteln lassen, und verliert keine Zeit!« Kyburg neigte sich schweigend und ging. Der Befehl mußte ihm gelegen kommen, denn wenn irgendeine Möglichkeit war, mit Gertrudis zu reden, ehe sie ihrem Vater gegenüberstand, so war sie ihm dadurch gegeben. Er gab die Hoffnung, sie zu gewinnen, nicht auf, auch wenn ein Graf des Reiches um sie warb. X. Etwa vier Stunden später hielt Klaus Kyburg mit seiner reisigen Schar vor den Toren des Klösterleins Beuditz. Sein Plan war gefaßt: Er mußte mit Gertrudis eine geheime Unterredung unter vier Augen herbeiführen, koste es, was es wolle – mit List oder mit Gewalt. Zuvörderst verlangte er, zu Frau Sieglinde geführt zu werden. Die Domina empfing den stattlichen Mann mit zugleich wohlgefälligen und scheuen Blicken. Er war ja einer von denen, die mehr konnten, als Brotessen, der Inhaber einer geheimnisvollen schwarzen Kunst. Solche Leute waren in ihren Augen immer ziemlich verdächtige Christen. Mochten sie auch das Kreuz schlagen, Pater noster und Ave Maria beten und zur Messe gehen, so konnte man doch niemals wissen, ob sie nicht insgeheim mit dem bösen Feinde im Bunde standen. Daher gruselte es die abergläubische Frau ein wenig, als sie Nicolaus Kyburg in ihrem Gemache so nahe vor sich stehen sah. Aber höflich, sogar mit einem freundlichen Lächeln fragte sie nach seinem Begehr. »Ich habe eine geheime Botschaft meines Herrn an seine Tochter,« gab er zur Antwort. Die Äbtissin horchte hoch auf. »Eine geheime Botschaft? Ei, sieh da! Nun, so geheim wird sie wohl nicht sein, daß es mir nicht vergönnt sein dürfte, sie mit anzuhören.« »Des muß ich mich weigern!« erklärte Kyburg fest und bestimmt. »Ich führe die Befehle meines Herrn so aus, wie sie mir aufgetragen sind. Herr Kurtefrund hat mir geboten, seiner Tochter allein einen Brief vorzulesen. Also lese ich ihn der edlen Jungfrau allein vor, oder ich reite zur Stunde mit dem Briefe wieder ab.« Frau Sieglinde war durch diese Worte und noch mehr durch den Ton, in dem sie gesprochen wurden, nicht wenig verstimmt. Ein Dienstmann ihres Bruders hatte nicht so zu ihr, der gebietenden Äbtissin, zu reden. Aber sie hatte die Empfindung, daß mit diesem Manne nicht gut Kirschenessen sei; auch wollte sie nicht von ihrem Bruder um ihrer Neugier willen gehöhnt und wohl gar angefahren werden. Überdies wußte sie ja, daß sie doch alles erfahren werde, was er mit ihrer Nichte sprach. Daher versuchte sie auch jetzt noch, ihren Mund zu einem Lächeln zu verziehen, während ihre Augen im Ärger grünlich schimmerten, und entgegnete mit erkünstelter Gelassenheit: »Wenn's meines Bruders Wille ist, warum nicht? Neugier liegt mir ganz fern. Harret hier! Ich werde meine Nichte zu Euch senden.« Damit rauschte sie mit einem hoheitsvollen Neigen des Hauptes zur Tür hinaus. Nicolaus Kyburg blieb allein zurück und mußte ziemlich lange warten. Wäre er in einer gleichgültigen Angelegenheit hier gewesen, so hätte er gewiß das Gemach genau betrachtet und sich verwundert und ergötzt über die schwellenden Sessel, die bunten Tapeten, die kostbaren Teppiche, womit die der Welt abgestorbenen Jungfrauen ihre Zimmer schmückten. Aber er war viel zu erregt, als daß er von dem allen irgend etwas wahrgenommen hätte. Nur ein großes Heiligenbild, das in diese prunkvolle Umgebung gar nicht paßte, fiel ihm ins Auge. Es war ein großes Konterfei der himmlischen Jungfrau. Sieben kleine eiserne Schwerter waren in ihre Brust gebohrt, und das Antlitz der Gottesmutter, das gar nicht ungeschickt ausgeführt war, zeigte den Ausdruck entsetzlichen Leidens. »Mutter der Schmerzen, gebenedeiete, stehe mir bei!« stieß Kyburg hervor und faltete die Hände. Er wollte noch ein Gelübde hinzufügen, aber da hörte er Tritte auf dem Korridor und brach ab. Das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf, und es flimmerte ihm vor den Augen. Gertrudis trat ein. Ihre Tante hatte ihr nicht gesagt, wer auf sie wartete. Sie schrie bei seinem Anblicke unwillkürlich leise auf, und während sie hastig eingetreten war, blieb sie nun wie angewurzelt stehen. Auf ihrem Antlitz wechselte Purpurrot mit der tiefsten Blässe. Die Augen hielt sie zu Boden gesenkt, die Türklinke hatte sie noch in der Hand, als ob sie wieder von dannen fliehen wollte. Der junge Mann hatte sich auf seinem Ritte hierher viele schöne und kluge Worte zurechtgelegt, die er zu ihr reden, wodurch er sie für sich gewinnen wollte. Aber sie alle waren vergessen, als er sie so vor sich stehen sah. Auch ein unerfahrener Tor hätte ja merken müssen, wie es um sie stand. Sie hatte in ihrem Leben nie gelernt, etwas zu verheimlichen und zu verbergen. So konnte sie auch die Liebe nicht verbergen, die so heiß und jäh in ihrem Herzen aufgeloht war. Eine ungeheure Kühnheit, ein Rausch kam über ihn. Er schwankte auf sie zu – keine Worte – nur ein Stammeln – »Gertrudis!« und er hatte sie in seine Arme gerissen und sie hatte sich an seine Brust geworfen, aufschluchzend in wilder Leidenschaft, und dann einten sich ihre Lippen immer und immer wieder in glühenden Küssen. Mit einem Male löste sie sich aus seinen Armen und trat von ihm zurück. Mit irrem Blicke starrte sie ihm aus totenbleichem Antlitz ins Gesicht, dann sank sie auf eine Bank nieder und verhüllte ihre Augen mit beiden Händen. »Ich Unglückselige!« stöhnte sie. »Nun bleibt mir nur noch der Schleier!« «Gertrudis!« rief er bestürzt, »was soll das? Um aller Heiligen willen, was ficht dich an?« Mit sanfter Gewalt zog er ihr die Hände vom Gesicht hinweg. Sie sah mit qualvollen Blicken zu ihm empor. »Ja, der Schleier!« wiederholte sie. »Denn was soll sonst aus mir werden? Soll ich heimlich dein Liebchen sein auf der Burg, wo du meines Vaters Dienstmann bist? Oder meinst du, mein Vater gäbe mich dir zum Weibe? Oder soll ich mit dem landfahrenden Ritter ziehen, bei Nacht entfliehen, wandern, so weit der Wind fliegt und der Himmel blau ist? Wie vermöcht' ich das! Aber wollt' ich's auch, so wär' ich dir nur eine Kette, die dich hemmte. Nein – nur der Schleier frommt mir!« Sie war in die Knie gesunken und legte nun die Stirn auf einen Sessel, indem ein tränenloses Schluchzen ihren Körper erschütterte. Noch eine andre lag auf ihren Knien – Frau Sieglinde. Sie hatte vom Nebenzimmer aus alles mit angehört und angesehen, denn das Bild der Gottesmutter war in die Wand eingelassen, hinter ihm befand sich ein Hohlraum, in den man von der anderen Seite, wenn man einen Schrank öffnete, den Kopf bequem hineinstecken konnte. Durch einen Spalt im Rahmen des Bildes vermochte man von da das ganze Zimmer zu übersehen und jedes Wort zu vernehmen, das dort gesprochen wurde. Die fromme Mutter Irmingard, Frau Sieglindes zweite Vorgängerin, hatte das Kunstwerk anlegen lassen, und die jeweilige Domina erfuhr dadurch manches, was sie sonst nimmer erfahren hätte zur Stillung ihrer Wißbegierde und zum Nutzen des Klosters. Keine hatte so oft hier gelauscht wie Frau Sieglinde, denn sie war hervorragend neugierig, und nicht zu wissen, was ihre Umgebung dachte und tat, war ihr unerträglich. Häufig schon hatte sie Schwestern oder Gäste des Klosters in ihrem Zimmer unter irgendeinem Vorwande längere Zeit allein gelassen, um vom Nebenraum, ihrem Schlafgemache, aus zu hören, was sie miteinander sprachen, und manches, was sie da vernommen, hatte sie schwer geärgert und entrüstet. Niemals aber hatte sie etwas so erschüttert, ja so vollkommen fassungslos gemacht wie das, was jetzt ihre entsetzten Augen sehen und ihre Ohren hören mußten. Mit Mühe hatte sie einen lauten Aufschrei unterdrückt, aber ihre zitternden Knie trugen sie nicht mehr, sie war an der Wand niedergeglitten, und es war ihr im Augenblick zweifelhaft, ob sie etwas Wirkliches gesehen habe oder einen Spuk. Das war also ihre Nichte Gertrudis, die man die stolzeste Jungfrau des Saaltales nannte? Dem fremden Abenteurer warf sie sich an den Hals? Unglaublich! Unfaßbar! Was sollte daraus werden, wenn das ihr Bruder erfuhr? Sie wagte gar nicht, daran zu denken. Ihr erster Gedanke war der, hinüberzueilen und sich zwischen die Beiden zu stellen. Aber nein, das konnte ja immer noch geschehen. Erst wollte sie hören und sehen, was weiter sich ereignen würde. Die Ehrvergessene schien ja schon Angst und Reue zu empfinden. Vorsichtig näherte sie sich wieder der Öffnung und blickte hinüber. Da sah sie, wie der Mensch sich zu der Knienden herniederbeugte und ihre Rechte in seine Hände nahm. »Gertrudis,« sagte er sanft, »du irrst. Von heute ab bin ich kein armer, fahrender Ritter mehr, ich bin reich, denn ich habe erreicht, was ich erreichen wollte.« Die Jungfrau hob jäh das Haupt und sah mit ungläubigem Staunen zu ihm empor. »Du hättest – ist's wahr – du hättest Gold hergestellt?« stammelte sie. »Was ich gefunden und hergestellt habe, sollst du morgen sehen,« erwiderte er ernst. »Sei sicher: Leg' ich's in die Hände deines Vaters, verwend' ich's zu seinem Nutzen, so wird er Naumburgs Herr, das dem Ritterverbündnis ja ohnehin im Felde nicht widerstehen kann, aber auf seine festen Mauern trotzt. Habe Vertrauen zu mir, Gertrudis! Nie hätte ich dir zugemutet, eines fahrenden Mannes Weib zu werden. Aber ich denke, von jetzt ab bin ich kein Fahrender mehr. – Bei meiner Ehre, es ist so, Gertrudis, ich rede die Wahrheit!« Die Jungfrau sprang empor, und ihre Augen blitzten. »Ja, ich will dir vertrauen und glauben!« rief sie, und wieder schlang sie die Arme um seinen Nacken und barg ihr Haupt an seiner Brust. Er hielt sie mit stolzem Lächeln fest. »Und du hast keinen lieb als den, der arm auf deines Vaters Burg kam?« «Keinen, nur dich!« »Und du würdest keinem andern folgen als sein Weib, wenn dein Vater vielleicht einen Eidam gewählt hätte?« »Ich gehorche meinem Vater, wo ich darf. Verschenken lasse ich mich nimmermehr. Wollte mein Vater mich zu einer Heirat zwingen, so spränge ich eher den Fels hinab. Das weiß er gar wohl!« Kyburg preßte sie stürmisch an sich. »So wisse denn, Liebste, einer hat um dich geworben, ein reicher und mächtiger Graf, der von Kevernburg.« Gertrudis nahm die Botschaft mit dem größten Gleichmute auf und hob nicht einmal das Haupt. »Der junge Günther? Der arme Narr!« sagte sie. »Er hatte wohl schon im vorigen Jahr die Absicht, mich zu freien, aber er traute sich nicht an mich heran.« Die Domina knirschte in ihrem Verstecke mit den Zähnen und zischte dann leise: »Unglaublich! Das Mädchen ist wahnsinnig! Ach, niemand ist dümmer und blinder, als ein verliebtes junges Weib!« Von jetzt an vernahm sie nichts mehr, denn das Paar begann zu kosen und eifrig miteinander zu flüstern. Sie mochte das nicht lange mit ansehen und schloß hastig den Schrank. Dann stieß sie den Riegel vor ihre Tür und warf sich auf ihr Bett. Die Gedanken kreisten ihr wirr durch den Kopf. An ihrem Herzen fraß der Ärger über ihrer Nichte unaussprechliche Torheit. Zugleich erfaßte sie eine quälende Angst, denn sie kannte den hochfahrenden Stolz und den unzähmbaren Jähzorn ihres Bruders. Auch ein wenig Neid mengte sich in diese Gefühle, wenn sie sich das auch freilich nimmermehr gestanden hätte. Nun, noch war nicht aller Tage Abend. Noch war der freche Landfahrer nicht am Ziel, noch konnte das törichte, ehrvergessene Mädchen ihm entrissen werden. O, diese Gertrudis! Häuser hätte sie gebaut auf die keusche Sprödigkeit dieses Mädchens. Wie konnte es nur geschehen, daß sie dem Fremden verfiel? Ja, wie konnte das geschehen! Sie fuhr plötzlich auf, denn es kam über sie wie eine Erleuchtung. Der Mensch war ja ein Schwarzkünstler, wer weiß, welch' bösen Zaubers er mächtig war. Gewiß hatte er einen Liebestrank gebraut und es fertig gebracht, ihr ein paar Tropfen davon mit List beizubringen. Ja, so war es jedenfalls zugegangen, und damit war auch Gertrudis entschuldigt, denn der höllischen Kraft eines Teufelstrankes konnte nun einmal kein Weib widerstehen und wäre ihr Herz fest und rein wie ein Diamant. Aber dann war es auch wahrscheinlich, daß er das Schlimmste mit der Jungfrau vorhatte, die seinem Zauber gegenüber wehrlos war. Sie sprang von dem Bett auf, öffnete den Schrank und spähte wieder hinüber. Da stand er allein, das Antlitz halb von ihr abgewendet, aber sie konnte doch das strahlende Leuchten in seinen Augen erkennen. Ein schrecklicher Grimm gegen ihn überkam sie. Hätte sie es vermocht, so hätte sie ihn auf der Stelle getötet, und wenn er durch ihres Bruders Zorn sein Leben verlor, so geschah ihm nach ihrer Meinung nur sein Recht. Aber Gertrudis mußte geschont, die ganze Sache möglichst in der Stille erledigt werden. Und siehe – da kam ihr die zweite Erleuchtung. Sie wollte die ganze Angelegenheit dem alten Hogeniste in die Hand legen. Der war klüger und unendlich erfahrener als sie und vermochte etwas über ihren Bruder. Gleich morgen in der Frühe wollte sie nach Pforte reiten, denn hier tat Eile not. Wahrscheinlich hatte der Mensch auch noch einen großen Betrug vor. Der vorige Goldmacher auf der Rudelsburg hatte dem Schloßherrn viel Geld abgenommen und hatte versucht, damit das Weite zu gewinnen. Der hier würde wohl noch schlauer zu Werke gehen, sich die Hilfe der Tochter sichern, das arme Mädchen durch seine Teufelskunst zwingen, mit ihm die Burg zu verlassen, und die Jungfrau, die des Grafen von Kevernburg eheliches Gemahl werden sollte, starb vielleicht elend und verlassen irgendwo hinter dem Zaun. Mochte doch diesen Menschen das Schicksal seines Vorgängers ereilen! Nikolaus Kyburg hatte keine Ahnung, daß da wenige Schritte von ihm zwei Frauenaugen in tödlichem Haß auf ihn gerichtet waren. Ihm war zumute, wie noch nie in seinem Leben. Verträumt, versonnen stand er da, ein Lächeln umspielte seinen Mund, er hätte singen und jauchzen können vor Glück und Wonne. So wartete er, bis die Geliebte zurückkehrte, zur Fahrt gerüstet und von zwei Mägden geleitet. »Wo ist meine Tante?« fragte Gertrudis draußen im Korridor die Schaffnerin des Hauses. »War sie nicht bei Euch in ihrem Gemach? Nicht? Nun, so will ich sie suchen, sie wird droben sein im Obergeschoß,« gab das flinke, rundliche Weiblein zur Antwort und huschte hurtig die Treppen hinauf. Inzwischen traten die beiden vor die Tür, und Kyburg befahl den Knechten, ihre Rosse zu besteigen. Das geschah, und eine längere Weile verstrich noch, aber von Frau Sieglinde war nichts zu sehen. Endlich kam die Schaffnerin herbei gerannt und meldete: »Die Frau Domina ist unpaß. Sie läßt sich entschuldigen und gute Reise wünschen.« »Wie?« rief Gertrudis, »sie ist krank geworden? Dann will ich sogleich zu ihr.« »Sie hat bestimmt gesagt, daß niemand zu ihr könne, und hat sich eingeriegelt.« Gertrudis schaute betroffen ihren Begleiter an. Ihr Blick fragte: »Kann sie wohl etwas gemerkt haben?« Er schüttelte mit einem kurzen Lächeln den Kopf und sagte laut: »Edle Jungfrau, wir müssen reiten, denn die Sonne sinkt, und in zwei Stunden ist es dunkle Nacht.« »Wahrhaftig!« rief Gertrudis. »Nun, so melde meiner Tante Gruß und Dank. Bald komme ich wieder einmal herüber.« Darauf ließ sie sich von Kyburg in den Sattel heben, und an der Spitze ihres reisigen Zuges ritten die beiden aus dem Klostertore, in das glühende Abendrot hinein – wie sie wähnten, ihrem nahen Glücke entgegen. XI. Ritter Kurtefrund saß in seinem Gemache, hatte das Haupt schwer auf die Hand gestützt, und sein verdüstertes Angesicht zeigte, daß er sich nicht gerade fröhlichen Gedanken hingab. Es war in der Tat an diesem Tage, obwohl seine Mitte noch nicht erreicht war, mancherlei geschehen, was ihn verstimmen mußte. Seine Tochter hatte er gestern abend nur flüchtig begrüßen können. Denn als sie auf der Burg eintraf, war schon ein Gelage im Gange, sintemal der feste und gestrenge Ritter Herr Friedrich von Wangenheim schon seit über einer Stunde als Gast innerhalb der Mauern weilte. Vor vierunddreißig Jahren war Werner Kurtefrund mit ihm zusammen Edelknecht gewesen am Hofe des streitbaren Landgrafen Friedrich von Thüringen, den das Volk »den Freidigen« nannte. Die beiden hatten damals Bett und Gelaß geteilt, Jagden und kleine Hofabenteuer zusammen bestanden und waren einander gute und liebe Gesellen gewesen. Dann hatten sich ihre Lebenswege weit getrennt. Kurtefrund war nach der väterlichen Burg zurückgekehrt, und sein Leben ging fortan dahin in unaufhörlichen Fehden, wodurch er mit der Zeit der mächtigste, aber auch der gefürchtetste und am meisten gehaßte Ritter seiner Gegend wurde. Wangenheim dagegen verblieb im Hofdienst, stieg dort höher und höher, war jetzt des tatkräftigen Landgrafen Friedrich des Jüngeren vielvermögender geheimer Rat, in vielen Dingen die rechte Hand seines Fürsten. Daher hatte Herr Kurtefrund gleich bei seinem Einritte geahnt, daß er nicht nur erschiene zur Auffrischung alter Freundschaft, sondern daß er wahrscheinlich kam mit einer Botschaft seines Herrn. Doch war davon am gestrigen Abend nicht die Rede gewesen, man hatte alte Erinnerungen ausgetauscht, gewaltige Krüge geleert, und die Folge war, wie immer bei solchen Gelegenheiten, für Wirt und Gast ein großer, starker, guter Rausch. In der Frühe jedoch, als die beiden den Kehlenbrand von gestern durch eine Kanne Jenaer Würzweins zu löschen strebten, sprach sich Wangenheim aus. Er redete als alter Freund, nicht als Beauftragter seines Fürsten. Aber er erzählte, daß die Naumburger den Landgrafen gebeten hätten, die Irrungen und Späne auszugleichen, die zwischen ihnen und dem Rudelsburger beständen. Herr Friedrich wollte daraufhin eine Tagung abhalten zu Weißenfels, die Ladung werde ihm bald zugehen, und er möge sie doch ja nicht unbeachtet lassen, sondern seinen guten Willen beweisen. »Zum Teufel!« war darauf Kurtefrunds Antwort, »warum kümmert sich der Herr um die Waidfärber und Schneider von Naumburg? Sie sind nicht seine Untertanen, gehören unter den Bischof, der ihnen freilich auch schon nicht mehr viel zu sagen hat, denn sie sind ihm über den Kopf gewachsen.« »Mein gnädiger Herr,« erwiderte darauf Wangenheim, »ist, wie du ja weißt, des Hochstiftes Schirmherr, und außerdem strebt er darnach, den Fehden ein Ende zu machen, die das Land verwüsten.« Da fuhr Kurtefrund gereizt auf: »Zum Henker, wenn sich doch die Fürsten nicht in das mengen wollten, was sie nichts angeht! Ist nicht schon seit vier Jahren Friede zwischen mir und Naumburg und überall hier herum ein so guter Friede, daß sich Gott im Himmel darüber erbarmen muß? Nun kommt auch noch der Landgraf daher und will uns wehren, die Pfeffersäcke zu zwacken! Daraus wird nichts! Ich will keine Sühnefahrten und Tagungen, ich will über die Kerle kommen wie das siedige Donnerwetter und sie zahm und klein machen.« Wangenheim sah ihn bestürzt an. »Wie, Werner? Verstehe ich dich recht?« stotterte er, »du willst dich weigern, zu einer Tagung zu erscheinen, die dein oberster Lehnsherr ansetzt?« »Noch ist ja nichts angesetzt,« sagte Kurtefrund mürrisch. »Du aber rate deinem Herrn, daß er die Hand von der Butter läßt. Was will er das Bürgerpack schützen? Sie sind in zehn Jahren so mächtig wie die Mühlhäuser, wenn's so weiter geht mit ihnen, und dann wollen sie natürlich nur dem Reiche untertan sein wie diese, und ich denke, der Landgraf hat an Mühlhausen, Erfurt und Nordhausen genug zu kauen!« »Ein Fürst«, entgegnete Wangenheim mit feinem Lächeln, »darf niemanden allzu groß werden lassen in seinem Lande. Sonst wird er ihm und dem Landfrieden gefährlich. Das gilt von den Städten ebenso wie von den Rittern und Herren. Die Schwachen muß er stärken, die Ansprüche der allzu weit Greifenden beschneiden.« »Wenn sie sich's gefallen lassen!« warf Kurtefrund trotzig ein. Wangenheim sah mit einem Male sehr ernst aus. «Was meinst du damit?« fragte er. »Ich meine, es gibt vielleicht in Thüringen Herren, die umgekehrt des Landgrafen Macht auf einen kleinen Rest zusammenschneiden könnten. Ein einzelner vermag nichts gegen ihn, aber einer Meute von Doggen erliegt auch ein Bär.« Wangenheim stutzte und sah ihn scharf an. Dann trat er auf ihn zu und legte die Hand auf seine Schulter. »Werner, alter Freund, ich höre genau, wer aus dir redet. Das ist ja das Lied, das Graf Günther von Schwarzburg seit Jahren den Thüringer Herren singt und mit dem er die Gimpel auf seinen Leim lockt. Du hast dich das letzte Mal noch fern gehalten, vor zwei Jahren, als sie aufstanden wider ihren Herrn und er sie nach hartem Kampfe bändigte. Daß sie auf neuen Kampf sinnen, wissen wir wohl und sind gerüstet. Sie wühlen und werben überall im Lande und ziehen viele an sich und haben's auf dich vor allem abgesehen. Wer weiß, was sie dir schon versprochen haben, mit welchem Köder sie dich zu fangen trachten! Wäre Graf Günther unvermählt, er würde wohl gar um deine Tochter freien. Aber hüte dich, Werner, hüte dich vor ihrem Locken! Denn wisse, ihre Macht scheint größer als die unseres Herrn, aber sie ist in Wahrheit viel schwächer. Weißt du, warum? Weil sie ihrer zwanzig sind, von denen jeder befehlen, keiner gehorchen will. Friedrich aber ist einer, und sein Wille ist eisern, er ist, wie sein Vater war. Daher wird er sie schlagen und sie gänzlich unter sich zwingen, und es könnte wohl sein, daß manches Haupt, das jetzt hoch getragen wird, nachher in den Sand rollt. Und nun,« schloß er seine Rede, »versprich mir, daß du gen Weißenfels reiten willst, wenn Herr Friedrich die Sühnung einleitet, und daß du dich unter seinen Schiedsspruch beugst.« »Versprechen will ich dir das noch nicht, aber ich will's erwägen,« gab Kurtefrund unmutig zur Antwort. »Damit bin ich nicht zufrieden. Ich weiß, daß du dein Wort hältst, darum will ich ein festes Versprechen. Weigerst du mir das, so ziehe ich auf der Stelle von dannen.« »Das wäre mir leid. Auch würde es nicht eben zeugen für die Festigkeit deiner Freundschaft zu mir, die du noch gestern abend so hoch rühmtest.« »Dein Freund bleibe ich immer, Kurtefrund! Wir sind zusammen jung gewesen. Nie würde ich mich von dir scheiden in Groll, immer nur in Schmerz und Trauer. Und die fühl' ich jetzt, denn ich sehe wohl, du bist zu groß geworden in deinen Träumen, Werner Kurtefrund! Es ist nicht gut für einen Mann wie du bist, Tag für Tag, jahraus jahrein, auf einer solchen Burg zu sitzen. Wer immer mit den Augen auf andere Menschen niederblickt, der blickt am Ende auch mit einem Herzen voller Hochmut auf sie nieder, fühlt sich weit über sie erhaben, verliert den rechten Maßstab für die Abstände, die es gibt auf Erden. Das ist dein Geschick, Werner Kurtefrund. Ich aber bin nichts anderes und will nichts anderes sein, als meines gnädigen Herrn getreuer Diener. Ich kann nicht weilen auf der Burg eines Mannes, der sich, wie ich fürchte, zu seinen Feinden hält und seiner Lehnspflicht vergißt. Darum lebe wohl, Werner! Möge dich der Himmel davor bewahren, daß du einen bösen, bösen Holzweg einschlägst!« Damit schied er von der Burg und ließ Herrn Kurtefrund in übler Laune zurück. Vieles in den Worten des alten Jugendfreundes hatte ihm das Herz bewegt und ihn sehr nachdenklich gestimmt. Besonders die Warnung vor dem Köder, mit dem ihn die Schwarzburger und Kevernburger fangen wollten, hatte einen Stachel zurückgelassen in seiner Seele. Sollte etwa die Aussicht auf eine eheliche Verbindung seiner Tochter mit dem jungen Grafen Günther nur eine Vorspiegelung sein, durch die man ihn fangen wollte? Solche Dinge kamen vor in dieser schnöden Welt, Verlöbnisse wurden geknüpft zwischen Fürstenkindern, die noch im zartesten Alter standen, und auch wieder gelöst, je nachdem es Nutz und Vorteil der erlauchten Häuser zu belieben schien. Aber die Kevernburger waren biedere, ehrliche Gesellen und hielten an ihrem Worte fest. Der alte, kluge Wangenheim hatte ihn wohl nur irre machen wollen. Während er noch darüber nachdachte, trat seine Tochter ein. Sie trug ein dunkelblaues Reitkleid, das trotz seiner Einfachheit die edlen Formen ihrer Gestalt prächtig zur Geltung brachte. Ihre Hände steckten in Stulpenhandschuhen und spielten mit einer Reitgerte, deren Griff ein kostbarer Stein zierte. Kühl-freundlich trat sie ihrem Vater entgegen, erwähnte die neuliche Szene mit keinem Wort, sondem begann sogleich ohne Umschweife von dem Antrage des Kevernburgers zu reden. Sie sprach klug und kalt und ganz und gar geschäftsmäßig darüber, so wie ihr Nicolaus Kyburg geraten hatte. Daß sie den dicken Günther mit dem vergnügten Spatzengesichte nicht liebe, davon sei ja ihr Vater wohl überzeugt. Aber sie wisse die Ehre, eine gebietende Gräfin zu werden, wohl zu schätzen, und einmal müsse sie ja doch zugreifen, wenn sie nicht als alte Jungfer versauern wolle. So sei sie denn bereit, sein Weib zu werden. Zuvor jedoch müsse Herr Günther heil und gesund aus dem Preußenlande zurück sein, denn sie wolle sich nicht verloben mit einem Manne, dem die wilden Heiden vielleicht ein Auge ausgestochen oder die Nase abgehauen hätten. Sodann müsse er selber zu ihr kommen und um sie werben und sich nicht hinter seinen Vater und Oheim stecken. So redete sie, um Zeit zu gewinnen, denn vor Winters Anbruch war Herr Günther der Jüngere schwerlich von seiner Heerfahrt zu erwarten. Bis dahin mußte nach ihres Liebsten Meinung seine Stellung in der Welt sich von Grund aus verändert haben. Kam aber das Gräflein über Erwarten früh, so war sie fest entschlossen, sich ihm derartig zu verleiden, daß er bald wieder von dannen zog und froh war, einer solchen wilden Katze noch entgehen zu können. Werner Kurtefrund war über diese Rede verblüfft. Daß seine Tochter ihren eigenen Willen habe, das wußte er längst zur Genüge. Aber so kurz und klar und bestimmt, wie eben jetzt, hatte sie ihn noch nie zum Ausdruck gebracht. Wie ein ganz gereiftes Weib redete sie, und gegen ihre Wünsche war verständigerweise gar nichts einzuwenden. Was sie da verlangte, das konnte sie als Weib mit Fug und Recht verlangen, und doch ärgerte er sich darüber und zwar nicht wenig. Er hätte gerne denen von Kevernburg eine glatte, runde Zusage durch seine alte Base zukommen lassen. So lautete der Bescheid, den er ihnen geben konnte, zwar günstig, aber er war doch nicht bindend und schob die Werbung hinaus. Sicherlich hätte er in seine Tochter gedrungen, sich auf der Stelle für den Grafen zu entscheiden, wenn nicht die böse Szene von neulich gewesen wäre. Er schämte sich vor ihr insgeheim, und das schloß ihm den Mund. So antwortete er auf ihre Rede mit einem unwirschen Brummen, sagte aber nichts dagegen. »Ich will jetzt auf die Reiherbeize reiten, Vater!« fuhr sie ruhig fort. »Und weil Kyburg meinen Falken wieder gesund gemacht hat, so will ich ihn mitnehmen. Er soll das Tier zum Fliegen bringen. Ich meine, du hast nichts dagegen?« »Meinetwegen!« knurrte er, nickte ihr unfreundlich zu und sank zurück in seine Gedanken. So hatte er fast eine Stunde dagesessen, als sein alter, vertrauter Knecht Kunemund eintrat. »Herr,« meldete er, »Euer Ohm ist da von Kloster Pforte und Eure Schwester, die Domina!« »Was?« rief Kurtefrund aufspringend. »Die beiden zusammen? Das hat etwas zu bedeuten, Kunemund!« »Glaub's wohl, Herr,« erwiderte der alte Knecht bedeutungsvoll. »Der heilige Herr will, daß Ihr zu ihm ans Tor kommt.« »Wie? Was sind denn das wieder für Mucken? An welches Tor?« »Ans Tor der Vorderburg. Dort steht er und will dort stehen bleiben, bis Ihr zu ihm kommt.« »So mag er in des Teufels Namen dort stehen, bis er schwarz wird!« wollte Kurtefrund entgegnen, aber er unterdrückte es doch. Der Greis wurde jetzt offenbar hin und wieder wunderlich, was ja bei seinem hohen Alter nicht eigentlich auffallen konnte. So mußte man ihm denn seinen Willen tun, denn das Alter war zu ehren, auch wenn es sich absonderlich und unsinnig gebärdete. Zudem war er neugierig, zu erfahren, was wohl die beiden geistlichen Personen zusammen in seine Burg geführt haben mochte. Der alte Hogeniste stand unter dem Torbogen der Vorburg, steif, feierlich, würdevoll, aufgerichtet zu seiner ganzen hageren Länge. Hinter ihm trat die Domina von einem Fuße auf den andern, und ihre vollen Wangen glühten rot wie die Blüten des wilden Mohnes. Kurtefrund sah sie schon von weitem leuchten. Höchst widerwillig war sie dem Greise hierher gefolgt, und als sie jetzt ihren Bruder daherschreiten sah, hätte sie sich am liebsten verkrochen. Der alte Mönch wollte auf der Stelle die ganze Angelegenheit erledigen, den fremden Teufelsgesellen seiner bösen Zauberei anklagen und ernstlich verlangen, daß er dem bischöflichen Gerichte übergeben werde. Sie sollte als Zeugin dienen, und dabei konnte vielleicht ihre heimliche Horcherei an den Tag kommen. Aber auch wenn das nicht geschah, so bangte ihr vor dem Jähzorn ihres Bruders. Es konnte einen greulichen Auftritt geben. »Werner Kurtefrund,« sagte Hogeniste, indem er ihm seine knöcherne Hand hinstreckte, »ist dies der Turm, in dem der Goldmacher haust, wie der vorige darin hauste?« »Ja, das ist er. Aber der Mann ist nicht darin. Er ist weggeritten,« erwiderte Kurtefrund gereizt. Ihm schwante, daß der Alte wieder einmal über die Alchymie herfahren werde. «Er ist fort?« schrie Hogeniste. Er kreischte es fast. »Bewahre,« erwiderte der Ritter. »Er reitet drunten auf den Wiesen mit Gertrudis, der er einen kranken Falken geheilt hat.« »So? Mit deiner Tochter?« sagte der Alte und warf seiner Begleiterin einen funkelnden Blick zu. »Nun, Werner Kurtefrund, wenn er auch nicht daheim ist, so vergönne uns doch, daß wir sein Gemach betreten. Wir haben dir mancherlei zu künden, und ich meine, es wird dir wenig Freude machen.« Einige Minuten später standen alle drei droben in Nikolaus Kyburgs Gemache. Dort drang ihnen ein atembeklemmender Duft entgegen, denn bevor der Insasse dieses Zimmers zur Reiherbeize geritten war, hatte er im Kamin ein Feuer angezündet und große Holzblöcke übereinander getürmt. Sie waren so kunstvoll gelegt, daß keine helle Flamme sie verzehren konnte, sondern daß sie langsam verkohlen mußten, denn Kyburg brauchte viele Holzkohle zu seinem Experimente. »Wieder die verfluchte Luft!« brummte Kurtefrund und stieß eilend alle Fensterläden auf, so daß ein kräftiger Luftzug entstand. Der alte Hogeniste begann nun, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, das ganze Gemach zu durchsuchen. Er blickte in jeden Winkel, hob jede Flasche und jeden Tiegel empor, schob jedes Schubfach auf, lautlos, mit schleichenden Schritten dahingleitend, nur hier und da den greisen Kopf schüttelnd. Kurtefrund verfolgte dieses Gebaren mit immer verwunderteren Blicken. Mehr und mehr befestigte sich in ihm die Meinung, daß der Alte nicht mehr klar sei in seinem Geiste. Schon wollte er verdrießlich und geärgert dem Großohm bedeuten, daß er diesem unsinnigen Spiele nicht weiter zuzuschauen gedenke, da stieß der Greis plötzlich ein heiseres Lachen aus. Er hatte einen Wandschrank geöffnet, der nur lose angelehnt war, und hob nun aus der Tiefe dieses Schrankes eine große Flasche ans Licht, nicht ohne sich vorher hastig bekreuzt zu haben. Sie war mit einer schwarzen Materie bis fast an den Rand gefüllt. Triumphierend stellte sie der Alte auf den Tisch und blickte den Ritter mit funkelnden Augen an. »Werner Kurtefrund!« begann er. »Das ist das Teufelsgebräu, das hier in der Burg gemacht worden ist. Und ich, Heinrich von dem Hogeniste, dein Großohm, klage den Mann an, den du hier gehegt hast, daß er böse Zauberei und Teufelswerk treibt. Weißt du, was er schon getan hat? Er hat eine reine Jungfrau verhext, daß sie ihm folgen muß in blinder, sündiger Liebe. Und weißt du, wer diese Jungfrau ist? Deine eigene Tochter Gertrudis!« Er sowohl wie die Äbtissin hatten gemeint, der Ritter werde auf diese Anschuldigung hin in schrecklichem Zorn aufflammen, und die Domina sprach unaufhörlich, seit sie das Zimmer betreten hatte, mit zitternden Lippen leise Gebete. Aber Kurtefrund blieb ganz ruhig. Er vergaß gänzlich die Ehrfurcht gegen das Alter, führte seinen mächtigen Zeigefinger bedeutungsvoll an die Stirn und erwiderte nur das eine Wort: »Blödsinn!« »Was? Blödsinn?« schrie der Alte. »Haha, du verblendeter Narr! Frage die da! Sie hat's mit eigenen Augen gesehen, wie sie sich geherzt und geküßt haben. Sie hat's gesehen und will's beschwören.« Mit einer jähen, wilden Bewegung wandte sich der Ritter zu seiner Schwester. »Du? Wo hast du das gesehen? Wo?« »Gestern drüben bei mir im Kloster. Er log, er habe eine geheime Botschaft von dir an sie. Da ließ ich sie allein. Und als sie sich unbelauscht wähnten, da warf sie sich an seinen Hals.« Werner Kurtefrund hatte die beiden mächtigen Fäuste auf den Tisch gestemmt. Er sah blaurot aus, und seine Augen glühten die Domina an wie eines Raubtieres Augen. »Das willst du beschwören?« keuchte er. »Ja, bei Gott und allen Heiligen, es ist wahr!« »Dann mag er sich vorsehen, wenn er heimkehrt! Er und sie!« »Nein,« rief Hogeniste, »Gertrudis trifft keine Schuld. Sie ist dem Zauber erlegen. Aber er, der Schuft, der Teufelsbube, der gehört vor das Bischofsgericht, und ich fordere von dir, daß du ihn in Eisen legen läßt und dem Bischof zuschickst. Und sein Höllenkraut muß zur Stunde vertilgt werden, damit deine Burg rein werde vom Teufelswerk!« Gamit ergriff er die Flasche und schleuderte sie in das schwehlende Feuer des Kamines. »Siehst du, Werner Kurtefrund,« fuhr er fort, aber weiter kam er nicht. Ein furchtbarer Donnerschlag erfolgte. Die Mauern des gewaltigen Turmes erbebten in ihren Grundfesten, die Fensterrahmen flogen aus ihren Höhlungen, die Tür sprang auf, glühende Kohlen, Holzstücke und Steine schwirrten und prasselten durch das Gemach. Werner Kurtefrund war hintenüber und zu Boden geschleudert worden. Steinsplitter hatten seine Stirn gestreift, so daß ihm das Blut über das Gesicht rann. Die Äbtissin lag in einer Ecke und schien tot zu sein. Der alte Hogeniste stand aufrecht an der Mauer, an die er rückwärts angeprallt war. Er gab zunächst kein Lebenszeichen von sich. Aber er kam zuerst wieder zu sich. »Herr, erbarme dich unser!« stammelte er. »Kyrie eleyson! Allmächtiger, erbarme dich, heilige Jungfrau, erbarme dich!« In diesem Augenblicke begann die Äbtissin zu schreien, gellend und durchdringend, und Herr Kurtefrund erhob sich ächzend und wischte sich das Blut aus den Augen. »Siehst du nun, wen du beherbergt hast?« fragte der Alte dumpf. Der Ritter schlug ein Kreuz nach dem andern. »Er stirbt!« knirschte er. »Aber nicht von deiner Hand,« fiel der Greis ein, der schneller als die anderen ins Leben zurückkehrte. »Beflecke deine Hand nicht mit dem Blute dieses Teufelssohnes. Führe deine Schwester in die Gemächer der Frauen, und mir überlaßt es, ihn hier am Tore zu fangen. Dann führe ich ihn selbst in Ketten nach der Saaleck hinüber. Er entgeht dem Feuer schwerlich!« So geschah's. Der Greis setzte seinen Willen durch. Werner Kurtefrund schritt mit seiner Schwester durch den Haufen der Burginsassen, die bestürzt von allen Seiten herbeieilten, nach der Vorburg, und der alte Hogeniste wartete stumm und starr, auf einem Steine sitzend, auf die Heimkehr Nikolaus Kyburgs. Er mußte sehr lange warten, fast bis zur Mittagsstunde, denn die beiden beeilten sich nicht mit dem Heimritt. Sie hatten den Diener, der sie begleitete, unter einem Vorwande nach Hause geschickt, dachten nicht an Jagen und Reiten. An einem versteckten Waldquell waren sie von den Rossen gestiegen und hatten eine Stunde lang auf einem Stein nebeneinander gesessen, Brust an Brust und Lippe auf Lippe die Seligkeit ihrer jungen Liebe genießend. Erst als die Sonne fast im Zenit stand, hatten sie sich zum Aufbruch entschlossen. Jetzt ritten sie über die Brücke, er einige Schritte hinter der Herrin, wie sich's geziemte. Aber das Haupt trug er hoch, und seine Augen leuchteten. Da, als er in den Torbogen einritt, erscholl plötzlich ein rauher Befehlsruf, von links und rechts stürzten sich Knechte auf ihn, er ward im Nu vom Pferde gerissen, zu Boden geworfen, mit Stricken gefesselt. Schwer atmend, halb betäubt lag er da und gab keinen Laut von sich. Gertrudis aber schrie entsetzt auf und glitt aus dem Sattel zur Erde nieder. Sie wollte rufen, aber es versagte ihr die Stimme. Mit irren Blicken schaute sie auf das Schreckliche, das sie nicht fassen konnte. Da trat der alte Hogeniste an sie heran. »Der Teufelsbube dort«, sagte er, »kommt wegen Zauberei vor des Bischofs Gericht. Du gehe mit mir zu deinem Vater!« Mit rauhem Griff faßte er sie am Handgelenk und wollte sie fortziehen, aber mit einem noch schrilleren Schrei sank sie ohnmächtig nieder. Sie sah nicht mehr, wie ihr Geliebter von der Erde emporgezerrt und von den höhnenden und fluchenden Knechten unter Fauststößen und Fußtritten hinübergeschleppt wurde zur Saalecksburg, um dem Vogte des Bischofs ausgeliefert zu werden. Zweites Buch I. Fünf Tage und fünf Nächte lag Nikolaus Kyburg im tiefsten Verließe der Burg Saaleck. Ein irdener Krug mit Wasser ward ihm täglich gereicht und ein halber Laib trockenen Brotes, damit sollte er seinen Durst stillen und sich sättigen. Durch ein kleines, schmales Fenster, das in dreifacher Manneshöhe über ihm die riesige Steinmauer durchbrach, fiel etwas Licht in das unterirdische Gemach, auch vernahm er dadurch manchmal einen fernen Ruf, das Anschlagen einer Glocke, das heisere Gekrächz der Dohlen, die in großen Scharen den Turm umkreisten. Sonst sah und hörte er nichts von der Außenwelt. Der jähe, furchtbare Sturz aus stolzer Höhe hatte ihn zunächst völlig betäubt. Er lag viele Stunden da, als wäre das Leben aus ihm entflohen, unfähig, sich zu regen, unfähig, einen Gedanken zu fassen. Allmählich aber kehrten ihm Bewußtsein und Leben zurück, und wie ein schwanker Baum vom wilden Sturm wurde nun sein Herz von Wut, Schmerz und Verzweiflung hin und her geschüttelt. So nahe dem glänzenden Ziele war er elendiglich gescheitert. Die Geliebte war ihm verloren, und auf ihn wartete entweder der Tod auf dem Scheiterhaufen oder eine lange, qualvolle und siech machende Kerkerhaft. Denn wen die geistlichen Gerichte einmal in ihren Fingern hatten, den gaben sie selten wieder los. Mehrmals überkam ihn am ersten Tage seiner Gefangenschaft mit aller Macht die Versuchung, seinem Leben selbst ein Ende zu machen. Man hatte ihm ja, da hier keine Gefahr des Entweichens war, die Fesseln abgenommen. Er dachte an Petrus de Vieneis, des großen Hohenstaufenkaisers unglücklichen Kanzler, der, des Kochverrates bezichtigt, sich an der Wand seines Kerkers die Stirn zerschmettert hatte. Denselben Tod hätte er hier leicht finden können, denn von allen Seiten umschloß ihn das härteste Felsgestein. Aber jedesmal, wenn er zu der Verzweiflungstat schreiten wollte, war es ihm, als hielte ihn eine unsichtbare Hand davon zurück, und nach und nach wurde seine Seele still, und eine wunderbare Ruhe kehrte in sein Herz ein. Er dachte daran, wie oft ihn schon der Himmel beschützt hatte, wie er in Ungarn, in Welschland und auf den Wogen des Mittelmeeres in Todesnot gewesen und doch gerettet worden war. Er dachte an seine abenteuerliche Flucht aus Cordova in Hispanien, wo sein Leben täglich, stündlich an einem Haar gehangen hatte, und seine neuliche Gefangennahme durch die Geißelfahrer, wo er schon auf dem Holzstoße stand und doch dem schrecklichen Tode entging. Sein Schutzpatron, Sankt Jakobus von Compostela, war offenbar ein sehr mächtiger Heiliger, nicht nur auf hispanischem Boden, in dem sein Leib ruhte, sondern überall in der Welt. Zu ihm wandte er sich immer wieder im heißen Gebet, und nicht nur für sich flehte er, sondern noch viel mehr für Gertrudis. Daß er gar nichts von ihr wußte und Schlimmes für sie befürchten mußte, das quälte ihn mehr als die Sorge um das eigene Heil. Als er dem Vogte der Saaleck übergeben wurde, hatte er gehört, daß man ihn bezichtigte, einen Liebestrank gebraut und auch sonst die böseste Zauberei verübt zu haben mit Hilfe des üblen Teufels. Man wußte also auf der Rudelsburg etwas von ihrem Verhältnis zu ihm, so wenig er sich das auch erklären konnte. Da mochte Gott dem armen Mädchen gnädig sein! Der jähzornige Vater würde sie sicher schwer mißhandelt haben, sie lag vielleicht jetzt gleichfalls gefangen da drüben und konnte die Freiheit nur wieder erlangen, wenn sie sich dem väterlichen Willen beugte und das verhaßte Ehejoch mit dem Kevernburger auf sich nahm. Nun war sie ja von starkem und stolzem Geiste, aber sie wußte auch, daß ihres Vaters Sinn von Eisen und daß ihr der Geliebte doch verloren war. Warum sollte sie sich also lange sperren wider ihres Vaters Willen? Tat sie nicht am besten, wenn sie dem werbenden Grafen auf der Stelle ihr Jawort gab? Bei diesem Gedanken war es ihm, als fasse eine eiskalte Hand sein Herz und drehe es ihm im lebendigen Leibe um. Er fühlte, daß ihm sein Leben wenig wert sein würde, wenn er nur die Freiheit und nicht auch die Geliebte erringen sollte. Deshalb begann er um beides zu beten, und sein Flehen wurde immer inbrünstiger, leidenschaftlicher, und als er in der sechsten Nacht halb entkräftet von der ungewohnten, elenden Kost, dem vielen Ringen und Beten in der Einsamkeit auf dem Stroh seines Kerkers in einen kurzen Schlummer sank, da hatte er wieder einmal ein wunderbares Traumgesicht. Sankt Jakobus selbst erschien ihm, denn der von leuchtenden Strahlen himmlischen Lichtes umflossene Mann konnte wohl kein anderer sein. Er winkte ihm gnädig zu, legte ihm beide Hände aufs Haupt und sprach dabei: »Dir geschehe, was du erbeten hastt« Damit war die Erscheinung verschwunden. Mit einem lauten Schrei sprang Kyburg von seinem Lager empor, und so sehr befand er sich im Banne seines Traumes, daß er meinte, das trübe Licht, das seinen Kerker jetzt erhellte, sei ein Abglanz des von dem Heiligen ausströmenden Lichtes. In Wahrheit ging es von einer Öllampe aus, die ein bischöflicher Soldknecht in die Höhe hielt. Ein anderer befahl dem Erwachenden, die Leiter emporzuklimmen, die man von oben in das Verließ herniedergelassen. Kyburg gehorchte schweigend, und keine Furcht zog in sein Herz ein. Er war überzeugt, daß jetzt die Erfüllung seines Traumes beginnen werde, und er schien sich nicht zu täuschen. Ein Naumburger Domherr, den er schon zuweilen an der Rudelsburg hatte vorüberreiten sehen, trat ihm entgegen, blickte ihm mit seinen klugen Augen scharf ins Gesicht und sagte dann: »Es ist Befehl Seiner bischöflichen Gnaden, Euch auf der Stelle und in aller Heimlichkeit zu ihm nach Naumburg zu bringen. Werft diese Kutte und diese Kapuze über und verhüllt Euch darin. Dann folgt mir nach ins Freie!« Eine Minute später stand der Gefangene vor dem Tore des Bergschlosses draußen im Freien. Die Luft einer kühlen Septembernacht schlug ihm entgegen und drang so kräftig auf den der freien Luft Entwöhnten ein, daß er taumelte und beinahe zu Boden gestürzt wäre. Mit Schrecken fühlte er, wie schwach er geworden war durch die kurze unterirdische Kerkerhaft, denn auch in den Sattel mußte er sich heben lassen und konnte sich nur mit Mühe auf dem Gaule aufrecht erhalten. Es schien jedoch niemand von seinem Zustande Notiz zu nehmen, denn mit einem Male setzten sich die Pferde in Bewegung, der Zug stampfte den engen Burgweg hinab und gewann sehr bald die freie Straße, von der zur linken Hand auf der Höhe die Rudelsburg aufragte. Von dem mit Sternen übersäeten Nachthimmel hoben sich die Konturen der mächtigen Türme und Mauerzinnen deutlich ab. Aber kein Lichtschein grüßte aus einem der Fenster herüber, stumm und schwarz und schweigend lag der ganze ungeheure Bau da. Ein schneidendes Weh ging durch Kyburgs Seele, und zum ersten Male seit seiner Gefangenschaft rann ihm eine Träne die Wange herab. Er dachte an Gertrudis, die da drüben schlummerte, ohne Ahnung, daß er zur Stunde durch die Nacht an der Burg vorübergeführt werde, als ein Gefangener, der einer Ungewissen Zukunft entgegenging. Ach, sie war selber wahrscheinlich eine arme Gefangene, und selbst wenn sie es geahnt hätte, daß er jetzt hier vorüberzog, so hätte sie ihm kein Lichtlein in ein Fenster stellen können, zum Zeichen, daß sie seiner gedenke. Oder weilte sie vielleicht gar nicht mehr auf der väterlichen Burg? Hatte man sie in ein Kloster gebracht, etwa zu der alten Priorin nach Helfta, damit ihr dort ersprießliche Gedanken kämen in der Einsamkeit der Zelle? Gott mochte wissen, wo sie war und wozu man sie schon gebracht hatte! Die Burg verschwand jetzt im Rücken der Schar, und Kyburgs Gedanken schlugen eine andere Richtung ein. Tiefes Zagen kam über ihn, denn er gedachte dessen, was ihm in Naumburg bevorstand. Der Tag, der schon im Osten schwach zu grauen begann, führte ihn wahrscheinlich vor das geistliche Gericht, denn wozu hätte ihn sonst der Bischof von der Saaleck holen lassen? Er würde sie also wiedersehen, die ihn verklagt und in Haft gebracht hatten, den Ritter Kurtefrund und den alten eifernden Mönch von Pforte, und möglich war's, daß auch die Geliebte erscheinen mußte, um Zeugnis abzulegen. Sein Atem stockte bei diesem Gedanken, und ein heißer Blutstrom schoß ihm zum Herzen. Daran hatte er noch nicht gedacht. Es gab also eine Möglichkeit, ihr Antlitz noch einmal zu sehen auf Erden, und mit einem Male war das Bangen aus seiner Seele verschwunden, und er sehnte die Stunde des Gerichtes geradezu herbei. Währenddessen war der Zug durch ein schlafendes Dorf geritten, und der holprige Weg senkte sich ins Tal hinab. Das gewaltige Tor der Stadt, auf das man zunächst traf, öffnete sich nicht, und der Domherr und Fähnleinsführer machte auch gar keinen Versuch, die Wächter zum Öffnen zu bewegen. Es wäre das vergebliche Mühe gewesen, denn die Bürger ließen kein bischöfliches Kriegsvolk in die Stadt. Nur in dem Teile Naumburgs, der die Domfreiheit genannt wurde, schaltete der Bischof als wirklicher Herr und durfte reisige Knechte einlagern. Die Stadt aber hatte sich gegen diesen geistlichen Bezirk mit einer gewaltigen Mauer und einem tiefen Graben abgegrenzt, und beide wurden scharf und argwöhnisch bewacht. Erschien der Kirchenfürst im Stadtgebiete, so durfte er von den ritterlichen Herren seines Gefolges nur wenige mitnehmen, er wurde dann durch eine Ehrenwache geleitet, die aus Söldnern der Stadt und Bürgerssöhnen bestand. Die wackeren Bürger fürchteten beständig Angriffe ihrer geistlichen Herren auf ihre schwer errungenen Rechte, Freiheiten und Privilegien und waren daher mächtig vor ihnen auf der Hut. So mußte denn auch die Reiterschar, die den gefangenen Kyburg geleitete, einen guten Teil der Stadtmauer umreiten, ehe sie durch ein enges, aber sehr festes Tor in die Bischofsresidenz gelangte. Dann ging's an dem Dome mit seinen schlanken, hochragenden Türmen vorüber, und endlich hielten die Gäule an der Seitenpforte eines großen, stattlichen Gebäudes, das einem kleinen festen Schlosse wohl vergleichbar war. Das war die Curia Sancti Aegidii, wo die Bischöfe von Naumburg ihr Quartier zu nehmen pflegten, wenn sie von ihrer gewöhnlichen Residenz in Zeitz oder von ihren Schlössern nach der Stadt kamen. Auch der neuerwählte Bischof Johann war vorgestern eingezogen und gedachte eine Weile hier Hof zu halten. Kyburg war darauf gefaßt, von neuem in ein unterirdisches Gefängnis gebracht zu werden. Aber zu seinem Erstaunen führte man ihn nach oben. Es ging eine steile, enge Treppe hinauf, einen kleinen Korridor entlang, und dann stand er in einem hohen Gemache, von dessen Decke eine Ampel herabhing. Ihr Schimmer stritt mit dem Schein des Frührotes, das jetzt durch die Fenster hereinfiel. Bei diesem Doppellichte erblickte der Gefangene zu seinem maßlosen Staunen einen gedeckten Tisch, mit allerlei Fleischspeisen besetzt, auf dem auch ein großer Bierkrug nicht fehlte. Ein feistes Mönchlein trat aus einer Ecke hervor, heftete einen halb neugierigen, halb angstvollen Blick auf den Ankömmling und sagte: »Seine Gnaden will, daß Ihr hier esset und trinket. Dann sollt Ihr warten, was weiter geschieht.« Damit eilte er aus dem Gemache, und Kyburg sah, wie er sich im Weggehen fortwährend bekreuzigte. Der Gefangene vergaß vor Verwunderung zunächst fast das Niedersetzen. War das ein Traum, der ihn äffte? Statt in ein finsteres Loch, führte man ihn in ein gastliches Gemach, statt des Wassers und Brotes setzte man ihm eine Kost vor, deren bloßer Duft ihn nach der langen Entbehrung fast berauschte! War das vielleicht eine Henkersmahlzeit? Nun, gleichviel – er wollte genießen, was ihm ein günstiges Geschick geboten hatte, und gierig machte er sich über die Speisen her und aß und trank wie einer, der viele Tage lang Hunger und Durst gelitten. Noch war er im besten Schmausen, da öffnete sich die gegenüberliegende Tür des Zimmers, und der neue Bischof selbst trat ein. Kyburg erkannte den jagenden Domherrn, den er am Tage seiner Ankunft auf der Rudelsburg gesehen hatte, auf der Stelle wieder, obwohl er sich jetzt äußerlich ganz anders darstellte. Er trug ein lang herabwallendes, pelzverbrämtes Gewand von feinem, dunklem Tuchstoff, und um den Hals hing ihm an schwerer, goldener Kette ein reich mit edlen Steinen besetztes goldenes Kreuz. Auch hatte er das schwarze Bärtchen nicht mehr, das damals seine Oberlippe zierte. Aber die lachenden Augen und das spöttische Jucken um den vollen roten Mund ließen den Eindruck priesterlicher Würde, den er anzustreben schien, nicht aufkommen. Kyburg sprang auf und verneigte sich tief. In dieses Mannes Hand lag ja jetzt sein Schicksal. Der Bischof winkte ihm gnädig zu, daß er sich niederlassen sollte, setzte sich ihm gegenüber und betrachtete ihn einige Augenblicke schweigend und mit ganz unverhohlener Neugier. Dann sagte er: »Ich erinnere mich Eurer wohl. Ihr wolltet den alten Witticho retten mit Eurer ärztlichen Kunst. Dankt Eurem Schutzheiligen, daß Ihr zu spät kamt, denn lebte heute der Alte noch, dann säßet Ihr nicht hier, selbst wenn Ihr ihn dem Tode entrissen hättet. War jemand eines Bündnisses mit dem Teufel angeklagt, so hörte bei dem Alten aller Verstand auf, soweit er davon überhaupt etwas besaß.« Er schwieg und sah Kyburg an, als ob er eine Antwort von ihm erwarte, aber der verneigte sich nur von neuem, da er nichts zu erwidern vermochte. Der Bischof musterte ihn noch einmal und sagte dann, indem er sich in seinen Stuhl zurücklehnte: »Erzählt mir Euer ganzes Leben, insbesondere, was ihr bei den maurischen Heiden gelernt habt!« Kyburg begann erst langsam und stockend zu berichten, aber bald stoß seine Rede dahin wie ein Strom. Er sprach wohl eine halbe Stunde lang. Der Bischof unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. Er hielt die Augen beharrlich gesenkt und spielte mit dem goldenen Kreuz auf seiner Brust, aber es war wohl zu bemerken, daß er trotzdem gespannt zuhörte. Als Kyburg geendet hatte, warf er ihm einen kurzen, blitzenden Blick aus seinen hellen Augen zu und sagte dann: »Was Ihr da erzählt habt, guter Freund, das glaube ich Euch alles aufs Wort. Denn ich will Euch eine tiefe Weisheit künden: Es gibt keinen Teufel! Ich habe einen jungen Mann gekannt, der wollte ihm seine Seele verschreiben und ein Bündnis mit ihm machen, wenn er dadurch zu Macht und Ansehen käme. Aber was er auch tat, er erhielt nie eine Antwort, und der Fürst der Hölle gab ihm nie auch nur das geringste Zeichen. Seitdem glaube ich nicht mehr daran, daß einer in der Welt ist, wie denn wohl alles, was man von einem Himmel und von einer Hölle redet, nichts ist als leeres Gefasel, womit man die große Masse der Dummen im Zaume hält.« Kyburg blickte ihn verblüfft an. Es war ihm bekannt, daß sich unter den Pfaffen Welschlands viele heimliche Ketzer befanden, beschuldigte man doch sogar einen noch nicht sehr lange verstorbenen großen Papst geheimer schwerer Ketzerei. Den höheren Geistlichen Deutschlands hätte er solches weit weniger zugetraut, und daß nun gar einer seine ketzerische Meinung so dürr und trocken aussprach, das war ihm noch nicht vorgekommen und raubte ihm fast die Fassung. Der Bischof betrachtete ihn mit stillem Ergötzen und lachte leise auf. Es klang wie ein Girren. »Soll ich Eure Gedanken erraten? Ihr denkt jetzt: Wie kann ein Bischof so dumm sein, so etwas auszusprechen! Nun, guter Freund, er kann es deshalb wagen, weil Ihr keinen Gebrauch davon machen könnt. Denn wer würde Euch das glauben! Aber ich sage es Euch, damit Ihr wißt, wie Ihr mit mir dran seid. Vom Teufel und seinem Wesen soll zwischen uns nicht mehr die Rede sein. Auch Ihr seid dieses Glaubens ledig, denn Ihr seid ein weitgereister und welterfahrener Mann. Dagegen scheint mir das Kraut, das Ihr in Cordova kennen gelernt habt, eine Erfindung des Menschenhirnes zu sein, die vielen großen Nutzen und vielen großen Schaden bringen kann.« Er machte eine lange Pause und fuhr dann nachdenklich fort: «Vor vier Jahren war ich in Mainz. Da war beim Erzbischof ein Büchsenmeister, der kam aus Toledo in Hispanien und führte uns seine Künste vor. Er zerschoß eine Mauer mit einer Kugel, die mit Blitz und Dampf aus einem Rohre fuhr. Aber Erzbischof Heinrich meinte, für den Ernstfall würde es doch nichts nützen, und ließ den Mann ziehen. Er glaubte wohl auch, der Teufel sei mit im Spiele. Nun haben, wie mir zugetragen ist, im vorigen Jahr die von Nürnberg mit einer solchen Büchse eine ganze Burg in Trümmer geschossen, und die schloßgesessenen Herren im Frankenlande soll ein sonderlicher Schreck befallen haben.« Er hatte zuletzt sehr leise geredet, als ob er mit sich selbst spräche. Jetzt fuhr er plötzlich empor und sah Kyburg scharf an. »Wie steht Ihr zu Werner Kurtefrund? Meint Ihr noch, sein Eidam zu werden?« »Mit seinem Willen werd' ich's nimmermehr,« erwiderte Kyburg düster. Der Bischof lachte: «Da habt Ihr den Nagel auf den Kopf getroffen. Er soll seine Tochter eingesperrt halten und hat geschworen, sie solle nicht frei kommen, bis sie anderen Sinnes wird.« Kyburg stieß einen dumpfen Laut aus und biß die Zähne knirschend aufeinander. »Seid Ihr an den Ritter gebunden durch einen Eid?« »Ich hatte mich ihm als sein Mann gelobt bis zu des Jahres Ende, wenn er sich redlich gegen mich halten wollte. Er hat an mir gehandelt als ein Erzschelm. Der Eid ist null und nichtig. Und wenn ich ihm –« Er brach ab, aber der Bischof fuhr behaglich fort: »Wenn Ihr ihm an die Kehle fahren könntet, so tätet Ihr's mit Freuden.« »Ihr sprecht aus, Herr, was ich denke,« versetzte Kyburg mit verbissenem Grimme. »Nun, dazu kann vielleicht Rat werden. Geht er auf die Sühnung nicht ein, die der Landgraf und ich in Vorschlag bringen – und ich denke, sein unbändiger Stolz wird ihn hindern – so verbinde ich mich mit denen von Naumburg. Und nun hört, was ich Euch sage!« Er trat vor Kyburg hin und sprach gewichtig: »Kraft meiner bischöflichen Vollmacht und Gewalt schlage ich das Verfahren gegen Euch nieder. Auch werde ich Euch als rein und ehrbar hinstellen vor aller Welt, indem ich Euch in mein Gefolge aufnehme. Ihr aber gelobt mir, das Kraut und die Büchse zum Werfen von Kugeln herzustellen, wie Ihr es bei den Heiden gelernt habt, und mir damit zu dienen wider jedermann!« Kyburg hätte beinah laut aufgeschrien. Das war eine Wendung seines Geschickes, wie er sie kaum noch erwartet hätte. Er taumelte wie trunken vor Freude und hob die rechte Hand hoch empor. ..Herr,« rief er, «ich schwöre – –« »Was Ihr wollt!« warf der Bischof mit trockenem Lachen ein, »nur wartet damit. Ihr schwört nachher vor dem Kapitel drüben in der Kapelle, aber erst werde ich mit den Herren reden. Wir haben drüben eine große Reliquie, ein Stück vom Schienbein des Heiligen Ägidius. Mir ist ja an dem alten Knochen nichts gelegen, er stammt vielleicht von einem Bauern aus Almerich oder Noßbach. Aber die Sage geht, wer einen falschen Eid darüber schwört, der stirbt binnen zwölf Tagen. Wäre das wahr, so müßten schon viele eines schnellen Todes verblichen sein, aber es gibt doch welche unter den Domherren, die daran glauben. Dort schwört ihr also, damit die Sache eine Art hat. Harret hier, bis ich Euch rufen lasse!« Er nickte Kyburg gnädig zu und schritt zur Tür. Aber plötzlich kehrte er wieder um und faßte ihn vertraulich am Wamse. »Sagt einmal,« flüsterte er, »habt Ihr der Jungfrau auf der Nudelsburg wirklich einen Liebestrank beigebracht?« Erstaunt blickte ihn Kyburg an, und ehe er antwerten konnte, fuhr der Bischof mit einem geheimnisvollen Lächeln fort: »Nämlich, wenn's auch mit dem Teufel nichts ist, so gibt es doch wunderbare Kräfte in der Natur. Es wäre, im Vertrauen gesagt, sehr schön, und ich würde es Euch reichlich lohnen, wenn Ihr mir einen solchen Trank brauen könntet. Ich weiß ein Weibsen in der Stadt« – er schnalzte mit der Zunge und verdrehte die Augen –, »die ist ganz und gar nach meinem Geschmack, aber sie ist gegen mich wie ein Stück Holz.« Kyburg zuckte bedauernd die Achseln. »Es ist mir sehr leid, daß ich Euer bischöflichen Gnaden nicht damit dienen kann, aber ich habe nie erlernt, wie man ein solches Tränklein zusammensetzt.« »Schade, schade,« sagte der Bischof, und während er das Gemach verließ, murmelte er nochmals vor sich hin: »Schade, schade!« II. Der Oktober war ins Land gezogen und hatte endloses Regenwetter mitgebracht. Von allen Bergeshöhen rieselten schmutziggraue Regenbächlein zu Tal, und die Saale ging so hoch, daß ihre Wasser hie und da Felder und Wiesen überfluteten – ein Schauspiel, das ihre Anwohner im Frühjahr häufig, um diese Jahreszeit dagegen selten genossen. Die Heerstraße, die an der Rudelsburg vorbeiführte, war gänzlich verödet, denn durch die Flut unterhalb der Saaleck konnte kein Mensch reiten oder fahren. »Gut, daß Weißenfels auf unserm Ufer liegt!« sagte der Ritter Heinrich Kurtefrund zu seinem älteren Bruder Werner. »Sonst hätte ich von der vermaledeiten Fahrt erst in Tagen zurückkommen können.« »Nun, ich hätte die Kunde, die du mir gebracht hast, wohl noch einige Tage abwarten können!« knurrte der Burgherr der Rudelsburg und starrte aus dem Fenster seines Gemaches finster in den weißen Nebel hinein, der zwischen seinem Schlosse und der Saaleck lagerte. »Fürst und Bischof helfen ganz offensichtlich den Krämern über! Mordselement! Die Welt wird immer schöner! Mich freut es, daß ich zu dem Possenspiele nicht selber hingeritten bin, und mich reut's, daß ich dich geschickt habe!« Die Brüder redeten miteinander von dem Sühnetage, der auf Betreiben des Landgrafen Friedrich ehegestern in Weißenfels stattgefunden hatte. Werner Kurtefrunds Hartnäckigkeit und Stolz hatten ihn abgehalten, in eigener Person auf der Tagung zu erscheinen, auch ahnte er von vornherein, daß nichts Gutes für ihn dabei herauskommen werde. Aber ganz und gar wollte er den mächtigen Herrn doch nicht vor den Kopf stoßen, und deshalb war er auf den Ausweg verfallen, sich selbst mit Unpäßlichkeit zu entschuldigen und seinen jüngeren Bruder an seiner Statt zu entsenden. Die Kunde, die der ihm jetzt eben heimbrachte, war nicht gut. Der Rudelsburger forderte von allen Waren, die Naumburgs Kaufleute über sein Gebiet führten, einen Zoll. Nun wiesen die Naumburger in Weißenfels Dokumente vor, in denen schon des jetzigen Ritters Vater gegen Zahlung einer großen Geldsumme eine ganze Menge Dinge von diesem Zolle befreit hatte. Lag hier nicht eine Fälschung vor, so war das gute Recht der Stadt über jeden Zweifel erhaben. Aber von einer Fälschung konnte keine Rede sein, denn es lebten noch mehrere Schöffen und Ratsmannen, die einst den Vertrag selbst mit unterzeichnet hatten, und auf ihren Eid hin erklärten sowohl der Landgraf Friedrich wie der Bischof Johann, die Stadt habe recht, und der Ritter möge sich in Zukunft aller Plackereien und Übergriffe enthalten. Und so waren die Klagen der Bürgerschaft Punkt für Punkt durchgesprochen und Punkt für Punkt als berechtigt anerkannt worden, und Landgraf Friedrich selbst hatte zum Schluß dem jungen Kurtefrund versichert, wenn sein Bruder den Frieden mit der Stadt nicht annehme, für seine bisherigen Gewalttaten keinen Ersatz leisten und fortfahren werde, Gewalt zu üben, so werde das eines Tages ein sehr böses Ende nehmen. Auf seine, des Fürsten, Gnade und Beistand habe er dann in keiner Weise mehr zu rechnen. Während der jüngere Kurtefrund das alles erzählt hatte, waren den Lippen des älteren nicht eben liebliche Worte entfahren. Nun wiederholte er noch einmal grimmig: »Ja, mich reut's, daß ich dich hingeschickt habe!« »Das braucht dich nicht zu gereuen,« antwortete der andere. »Ich habe dir nichts vergeben, habe nichts unterschrieben und nichts zugesagt. Und es ist immer gut, daß man weiß, wie man mit den Leuten dran ist. Von dem Landgrafen weißt du das nun, und von dem Bischof will ich dir's eben künden.« »Was denn noch von dem?« fuhr der Ritter auf. »Vieles und wenig Gutes,« versetzte Heinrich Kurtefrund. »Daß er immer mit dem Landgrafen stimmte und noch schärfer wider uns redete als der, das habe ich dir gesagt. Aber ich habe noch ganz andere Dinge gehört, und die müssen wir ernstlich bedenken. Du weißt, daß Kühnegold der Stadtschreiber sein heimlicher geschworener Feind ist, weil ihm der lustige Johann von Miltitz sein Weib verführt hat, da er noch Domherr war. Der kam zu mir in Weißenfels bei der Nacht und schwur mir's auf Ehre und Gewissen, daß der Bischof der Stadt wolle Freund sein und helfen mit großer Macht, wenn es zwischen ihr und dir zur Fehde käme. Er hat es in Sankt Ägidius' Hof dem Merkwitz über den Reliquien zugeschworen.« »Der Schelm!« rief der Burgherr mit funkelnden Augen. »Er hätte lieber über einen Geldsack sollen schwören. Denn wie ich mir dachte, so ist es gekommen. Die Waidfärber und Gewandschneider haben seine Schulden bezahlt und stellen ihm weiteres Geld in Aussicht. Ein Schurke ist Johann von Miltitz, denn er hilft für Gold und Silber jedermann und würde gegen den Papst zu Rom ins Feld rücken, wenn ihm jemand genug bieten wollte!« »Höre weiter!« sagte der jüngere Kurtefrund, nachdem der heftige Zornesausbruch seines Bruders vorübergebraust war. »Du wirst noch Seltsameres erfahren. Der Mensch, den du in deinen Diensten hier hattest und den du dem Bischof überliefert hast zum Gericht, der ist, wie du weißt, von ihm freigelassen worden. Es hieß damals, seine Unschuld habe sich herausgestellt, und da habe man ihn von dannen ziehen lassen, wohin er wollte. Dem ist nicht so. Er ist nicht fortgezogen, er steht in des Bischofs Diensten. Denn er hat versprochen, er wolle ihm aus Erz ein Rohr gießen, und mit dem Teufelskraut, das er fertigt, wollen sie große Kugeln schießen aus dem Rohre.« Werner Kurtefrund hatte die Augenbrauen hoch hinaufgezogen und hörte seinem Bruder erstaunt zu. »Nun? Und?« fragte er, als dieser schwieg. »Ich dachte, du verständest das ohne weiteres. Sie wollen mit den Kugeln die Burg der Bischofsfeinde zusammenschießen.« Der Schloßherr ließ sich auf eine Bank fallen und brach in ein dröhnendes Gelächter aus. »Da können sie lange schießen, die Narren! Haha, das gönne ich dem Schelm, dem Johann, daß er von dem fremden Gauner genasführt wird wie ich und hoffentlich noch schlimmer! Und wenn er sich auf solche Rüstung verläßt und mit solchem Zeug sein geborgtes Geld verplempert, so kann mir's nur recht sein!« »Wenn du dich nur nicht täuschest,« entgegnete Heinrich Kurtefrund nachdenklich. »Das Teufelszeug hat doch hinten im Turm ganz greulich gehaust, den ganzen Kamin in Stücke gesprengt. Und der alte Hogeniste ist noch heute auf dem einen Ohre taub durch den Knall.« »Ach was! Durch einen Knall fällt keine Mauer um, und wäre er stärker als aller Donner. Und der alte Kamin war morsch und brüchig. Das macht mir niemand weiß, daß eine unserer Mauern mit solchem Satansspielwerk zerschossen werden kann!« »Gott geb's! Aber eines macht mich stutzig: Der Merkwitz gibt sein Geld dazu. Auch das sagte mir Kühnegold. Der Merkwitz weiß gewöhnlich, was er tut; er ist ein schlauer Fuchs.« »Auch schlaue Füchse treten zuweilen ins Fangeisen. Der Kerl, der hier war, ist ohne Zweifel ein Zauberer und Teufelsbraten. Und seine größte Kunst besteht darin, daß er auch klugen Leuten den Kopf verdreht. Ich fing an, ihm zu trauen wie selten einem Menschen und« – er machte eine wilde Bewegung – »doch davon reden wir nicht! Schenken meine Feinde ihm ihr Vertrauen, so werden sie den Schaden haben, und für den Spott sollen sie nicht zu sorgen brauchen!« Heinz Kurtefrund schüttelte den Kopf. »Du nimmst die Sache auf die leichte Achsel! Mir wär's lieber, der Bischof wäre unser Feind nicht. Steht er den Krämern bei, so können wir das Feld nicht halten, müssen uns auf unsere Burgen verlassen.« »Das können wir auch, den Heiligen sei Dank!« sagte Kurtefrund der Ältere und setzte mit grimmigem Lachen hinzu: »Mit deinem Kugelrohre schweige nur stille!« »So will ich dir von etwas anderem reden! Sieh dort hin!« Er wies mit der Hand durchs Fenster in den Nebel hinein, aus dem jetzt, wahrscheinlich infolge eines starken Windstoßes, ein mächtiger Steinturm auftauchte. »Das ist unser Pfahl im Fleisch, die Saaleck! Früher war sie in unserer Freunde Hand, wir durften hoffen, sie für uns selbst zu erwerben. Jetzt sitzt einer drin, der unser heimlicher Feind ist und, wenn die Fehde beginnt, offen zu unseren Feinden halten wird. Und doppelt schlimm für uns, daß gerade Johann von Druczin ihr Vogt geworden ist! Er ist tapfer und schlau und haßt uns von jeher. Vorhin begegnete ich dem Schuft, er ritt mit sechs Lanzen nach Naumburg, wo sie heute ihres geistlichen Hirten Geburtstag feiern. Glaubst du, der Kerl hätte mich gegrüßt? Er ritt vorbei, als wäre ich Luft für ihn, dabei lachte er spöttisch vor sich hin. Er wird wohl schon Wind haben von dem, was sein Herr wider uns im Schilde führt.« Werner Kurtefrunds Antlitz hatte sich während der Rede seines Bruders erschreckend verfinstert. Nun, da er geendet, ballte er die beiden mächtigen Fäuste und preßte sie dumpf aufstöhnend gegen seine Schläfen. »Ja,« knirschte er, »darin hast du recht! Dieser verdammte Steinhaufen ist der Pfahl in unserem Fleische!« Plötzlich ließ er die Hände sinken und sagte hochaufatmend: »Sie darf nicht bleiben in des Bischofs Hand, wenn er unser Feind sein will!« »Er wird sie schwerlich verkaufen vorher,« sagte der jüngere Kurtefrund trocken. »Und sie etwa berennen? Den Teufel auch! Da verbrennen wir uns die Finger! Sie ist fast noch fester als unsere Burg, und da sie viel kleiner ist, so ist sie auch viel leichter zu verteidigen.« Werner Kurtefrund erwiderte zunächst nichts auf diese Worte. Indem er die Arme auf das Fensterbrett aufgestemmt hielt, blickte er unverwandt hinüber zu der bischöflichen Feste, die nur in schattenhaften Umrissen durch die Nebelschleier hindurch sichtbar war. Endlich wandte er sich um. Eine wilde, grausame Entschlossenheit blitzte ihm aus den Augen. »Du sprachst von berennen?« sagte er. »Dächten wir daran, so wären wir freilich Toren. Sie widerstände wohl wochenlang. Nein, wollen wir die Burg haben, so müssen wir sie überfallen.« Heinz Kurtefrund fuhr unwillkürlich zurück. »Mitten im Frieden? Ohne Ansage der Fehde?« stotterte er verwirrt. »Das versteht sich von selber,« erwiderte sein Bruder hart. »Denn sagen wir die Fehde vorher an, so müssen wir sie eben berennen. Ein Drittes gibt es da nicht!« Es war eine Weile still zwischen den beiden. Sie standen einander gegenüber in schweren Gedanken. Endlich begann der Ältere von neuem: »Ja, ein Drittes gibt es da nicht. Entweder sage ich dem Bischof Fehde an, dann wirft er soviel Knechtevolk hinein, wie ihm beliebt, und die Burg wird nimmer mein. Oder ich komme ihm zuvor und durchschneide den Strick, mit dem er mich erdrosseln will. Weiß ich nun, daß er mein Feind ist und mir Arges sinnt, wär' ich da nicht ein Tor, wenn ich ihm nicht zuvorkäme?« »Er wird alles leugnen, was zwischen ihm und den Städtern beschworen ist!« entgegnete der jüngere Kurtefrund. »Er wird überall ausschreien: Der Rudelsburger hat mich freventlich überfallen, er hat den Krieg vom Zaun gebrochen.« »Was er ausschreit über mich, das gilt mir so viel wie ein toter Spatz, wenn ich nur die Burg habe, die mir an allen Ecken und Enden im Wege ist!« »Er wird dich als einen Landfriedensbrecher verklagen vor Kaiser und Reich!« »Der Kaiser ist weit! Er sitzt in München und paßt auf, daß ihm die Krone nicht vom Haupte fällt.« »Aber er kann dem Landgrafen, seinem Eidam, die Ausführung der Acht übertragen, und mit Friedrich ist nicht zu spaßen!« »Dann müssen erst Tagungen gehalten und Zeugen verhört werden. Und da muß dann seine Feindschaft gegen mich zutage kommen, denn da wird einer für mich zeugen müssen, er mag wollen oder nicht: Dietrich von Merkwitz. Du weißt, ich hasse ihn, und er haßt mich. Aber du weißt auch, wie es das ganze Land weiß, daß er so wenig mit seinem Eide spielt wie ich. Das ist das Gute an dem Kerl.« »And wenn er sich des Zeugnisses weigert?« »Dann weiß jedermann, woran er ist. Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich seines Zeugnisses nicht zu weigern.« Wieder entstand eine Stille. Dann fragte Heinz Kurtefrund: »Und wann gedenkst du zur Tat zu schreiten?« »Das beste wird sein: noch diese Nacht!« Wieder prallte der Jüngere zurück. »Wie? So schnell und plötzlich? Und vor einer Viertelstunde dachtest du noch nicht daran?« »Darin irrst du! Schon oftmals habe ich in schlafloser Nacht darüber nachgedacht, wie ich mich des Riegels entledigen könne, den andere vor mein Tor schieben und mir so alle freie Bewegung hemmen. Nun kam mir durch dich der Anstoß, den Plan auszuführen. Und können wir's besser treffen? Der Vogt ist nicht daheim, hat noch Knechte mitgenommen. Die drüben werden heute wohl auch ein Faß trinken auf ihres Herrn Wohl. Die Nacht finster und ohne Mondschein, dabei ein Nebel, daß man nicht zehn Schritte weit sehen kann! Das muß man benutzen und rasch zugreifen, wenn man überhaupt zugreifen will. – Nun? Fürchtest du dich?« fuhr er fort, als sein Bruder noch immer schweigend dastand. »Du brauchst nicht teilzunehmen an der Tat; wenn du nicht willst und ein böses Ende fürchtest!« Der Jüngere fuhr bei diesen Worten zornig auf: »Du weißt, daß ich mich so wenig fürchte wie du!« »Es wäre«, fuhr der Burgherr bedächtig fort, »vielleicht ganz gut, wenn ein Kurtefrund der ganzen Fehde fern bliebe. Man muß alles bedenken, denn auf der Welt ist alles möglich. Geht die Sache übel aus, so wird mir das Lehn entzogen, und ich muß landflüchtig werden. Die Heiligen mögen das verhüten, aber möglich ist es doch. Da wäre es gut, wenn ein Kurtefrund sagen könnte: Ich habe mit dem allen nichts zu tun, mir kann man also von Rechtswegen auch nichts entziehen!« »Und der soll ich sein?« unterbrach ihn sein Bruder heftig. »Ich, Heinrich Kurtefrund, der im Lande umherfährt nach Abenteuern, weil ihm sonst das Leben zu öde ist? Bist du von deinem Verstande verlassen? Daraus wird nichts, mein Lieber! Du hast ja einen jungen Hahn, der noch keine Sporen trägt, beim Grafen Günther in der Hofzucht. Der bleibt ohnehin der Sache fern, und auf ihn kann keine Schuld gebracht werden!« Werner Kurtefrund nickte. »Ich kann dich nicht zwingen, will's auch nicht. Ja, mir kommt ein Gedanke, wie du überaus nützlich werden kannst bei dem Überfall. Wie oft hast du uns und alle unsere Freunde lachen gemacht, wenn du beim Bier oder Wein anderer Leute Stimmen so täuschend nachmachtest, daß man vermeinte, sie redeten selbst. Das kann uns viel helfen bei unserem Streiche. Und so sei es denn, wir wagen den Angriff! Von Sonnenuntergang ab wird kein Mensch mehr aus der Burg gelassen, und die Waffen werden instandgesetzt. Vorher erfährt niemand ein Sterbenswörtchen von unserem Plan –« Der Eintritt seines Dieners Kunemund unterbrach ihn. »Was gibt's?« herrschte er den Alten an. »Herr, der Herr Graf Günther von Kevernburg ist eingeritten.« »Der alte Graf? Bei diesem Wetter? Hat ihn der Teufel über die Saale geführt?« »Nein, Herr, der junge Herr Graf, und er kommt nicht über die Saale, er ist von Priesnitz hergeritten!« Die Kurtefrunde sahen sich erstaunt an. »Wie, ist der schon aus dem Preußenlande zurück? Das ist erstaunlich. Kein Mensch hat erwartet, daß er viel vor Weihnachten käme.« »Wahrscheinlich von der Liebe getrieben,« bemerkte Heinz Kurtefrund sarkastisch. »Es ist gut, Kunemund,« wandte sich der Burgherr an den Greis. »Ich komme auf der Stelle.« »Verflucht!« rief Heinz Kurtefrund, als der Alte das Gemach verlassen hatte. »Das macht unseren ganzen Plan zunichte!« »Gott bewahre!« gab der Bruder zurück. »Den bringe ich dazu, daß er selber mitmacht. Du weißt, man kann ihn leicht überreden! Ein Wagehals ist er auch! Und es ist ganz gut, wenn er mit in den Handel verstrickt wird.« »Ob er wohl noch dein Eidam wird?« fragte Heinz Kurtefrund unvermittelt. »Ich höre von unserer Schwester in Beuditz, daß Gertrudis zahm wird und klein beigibt. Sie glaubt es wohl jetzt selber, daß der fremde Schuft sie bezaubert hat. Die Domina meinte, sie werde jetzt ohne Besinnen den Grafen nehmen. Gut, daß ich sie einstweilen ins Kloster steckte! Hier hätte sie nur getrotzt, dort hat ihr Sieglinde den Kopf zurechtgesetzt. Sie ist ein vernünftiges Weib und versteht das.« Er hatte inzwischen die Tür geöffnet und schritt hinaus. Sein Bruder folgte ihm auf dem Fuße, und während er hinter dem Burgherrn die Treppe hinabstieg, sagte er in seiner derben Weise: »Sie mag dem Mädchen den Buckel schön vollgelogen haben. Natürlich hat sie ihr weißgemacht, der Kerl sei gerichtet worden!« »Das wird sie wohl sicherlich gesagt haben.« »Siehst du wohl. Nun, dann weiß es der Teufel, wie die ganze Geschichte noch abläuft. Ach, diese Weiber! Zum Zeitvertreib taugen sie wohl, aber sonst wär's besser, es gäbe gar keine in der Welt!« Heinz Kurtefrund war nämlich ein gelehriger Schüler seines weiberhassenden Oheims in Neidschütz und selbst gewillt, wie dieser, ein alter Hagestolz zu werden. »Und wie wird der wackere Günther die Sache betrachten? Er kann doch verdammt stutzig werden, wenn er sie nun erfährt!« »Das kommt darauf an, wie er sie erfährt,« erwiderte Werner Kurtefrund halblaut. »Laß mich nur reden, ich weiß ihn zu nehmen, denn ich kenne seinen Geist.« Er machte eine Bewegung nach der Stirn, die für seinen zukünftigen Schwiegersohn nichts weniger als schmeichelhaft war, und schritt dann vollends die Treppe hinunter. III. In der dritten Morgenstunde hielten vor dem Tore der Burg Saaleck vier in Eisen gehüllte Reiter. Die beiden vordersten waren Heinz Kurtefrund und der Graf Günther von Kevernburg, denn es war den Rudelsburgern unschwer gelungen, den jungen Mann zur Teilnahme an dem Abenteuer zu bereden. Hinter ihnen saßen im Sattel die beiden kühnsten und stärksten Edelknechte, die Werner auf seiner Burg hielt, Busso Heseler und Hermann, den seine Genossen Harthand nannten, weil, wo er hinschlug, kein Gras mehr wuchs. In einem ganz geringen Abstande lag der Ritter selbst mit vierzig Knechten im Hinterhalte. Sie waren sämtlich zu Fuß. Bei dem Werke, das sie vorhatten, konnten sie Gäule nicht brauchen. Die Reiter vorn hatten ihre Helmgitter niedergelassen, nur Heinz Kurtefrunds Visier war noch oben. Das hatte seinen guten Grund. Er wollte mit denen in der Burg sprechen, sie durch seine Stimme irreführen, und aus dem geschlossenen Helme heraus klang eine Stimme wie die andere. »Donnerwetter!« sagte er leise, als sie bis dicht an das Tor herangekommen waren, »da drinnen scheinen sie zu schlafen wie die Ratzen!« Dann schrie er laut: »Hallo! Aufgemacht!« Aber er mußte den Ruf noch einmal wiederholen, bis ein schlaftrunkenes »Wer da?« aus dem Turmfenster über dem Tore erklang. »Mach auf, Kerl, oder ich schlage dir den Schädel ein, elende Schlafratte!« rief der Ritter, und es klang täuschend, als ob Johann von Druczin rede. Daraufhin wurde es drin lebendig, man hörte undeutliches Gemurmel, Tritte polterten, Hände machten sich am Tore zu schaffen. »Beim Strahl! Sie öffnen das Tor!« frohlockte Kurtefrund der Jüngere, und laut fügte er hinzu: »Wird's bald? Soll ich hier in dem Regen ersaufen?« »Es ist der Vater!« sagte drin die jugendfrische Stimme des siebzehnjährigen Werner von Druczin. »Sputet euch, Leute!« Das Tor flog auf und, was Heinz Kurtefrund nicht vermutet hatte, das Licht einer Fackel blitzte ihm entgegen. Schnell fuhr er nach dem Helm, um das Gitter niederzulassen, aber schon hatte ihn der Jüngling erkannt. Ein gellender Schrei brach aus seinem Munde hervor, er sprang zurück ins Dunkle und riß mit aller Kraft seiner jungen Arme die Kette des Torgatters aus dem Haken. Blitzschnell, mit furchtbarer Gewalt, sauste das schwere eiserne Gatter herab und schmetterte dicht vor den hereindrängenden Rossen auf den Erdboden nieder. Die schweren Tiere fuhren entsetzt zurück, bäumten auf und schlugen aus, daß die Funken stoben. »Werner! Hierher! Herbei, herbei!« schrie Heinz Kurtefrund mit mächtiger Stimme, und von drinnen gellte es laut: »Hilfe! Die Kurtefrunde! Verrat! Hilfe!« Rennen und Laufen, Geschrei und Gebrüll von allen Seiten. Mit Riesenkräften rüttelte der herbeigeeilte Werner Kurtefrund an den Eisenstäben, aber sie spotteten selbst seiner Stärke, waren weder zu zerbrechen noch zu verbiegen. Mitten im Torbogen saßen die Angreifer fest, konnten nicht weiter vorwärts, und drinnen eilte nun Mann auf Mann herbei: der Überfall war gescheitert. Zähneknirschend und Wutblitze aus den Augen schießend, erkannte das Werner Kurtefrund und schrie sogleich: »Zurück! Zurück!« Es war die höchste Zeit zum Abziehen, denn schon prasselten von der Zinne über dem Tore Steine auf die Stürmenden herab. Einer zerschlug einem Knechte trotz seiner Eisenhaube den Schädel, ein anderer sauste auf die linke Schulter des Grafen Günther hernieder, so daß der Getroffene laut aufschrie. Werner riß den Sinkenden vom Rosse herab und sprang mit ihm in das Dunkel zurück. So schnell sie vermochten, folgten ihm die Seinen, und eine halbe Minute später war kein Mensch mehr auf dem Platze, wo soeben noch der wildeste Kampflärm getobt hatte. Die Saalecker, die in die Nacht hinaushorchten, konnten in der Ferne noch das Gepolter der Abziehenden hören, sonst war alles still. Hätte nicht der Tote auf der Torschwelle gelegen, so hätte ihnen der ganze Vorfall wie ein wüster Nachtspuk erscheinen müssen. Droben in der Rudelsburg saßen die beiden Brüder bleich und finster einander gegenüber. Neben ihnen lag auf einem Ruhebette der schwerverwundete Graf, dem das Schlüsselbein gebrochen war. Pater Conrad hatte ihm soeben einen Verband angelegt, und unter seinen nicht gerade zarten Händen war dem Schwerverletzten die Besinnung geschwunden. Heinz Kurtefrund fuhr zuerst auf aus seinen düsteren Gedanken. »Was nun?« fragte er seinen Bruder mit rauher Stimme. »Nun wird und muß die Fehde mit dem Bischof entbrennen.« »Sind wir gerüstet?« «So gut wie der Pfaffe ganz gewiß.« »Und was wird der Landgraf sagen?« Werner Kurtefrund schwieg. »Was, meinst du, wird der Landgraf sagen?« wiederholte der jüngere Kurtefrund eindringlich. »Was er sagen wird, ist mir ganz gleichgültig, und tun wird er wahrscheinlich nichts. In allem Unglück, das wir gehabt haben, ist es doch geradezu eine Fügung des Himmels, daß der hier dabei war.« Er wies auf den Grafen, der noch immer in tiefer Ohnmacht lag. »Um seinetwillen muß er über die Sache wegsehen, muß uns in Frieden lassen. Denn alles liegt ihm jetzt daran, den Grafen Günther von Schwarzburg an sich zu ziehen. Da wird er sich hüten, seine Verwandten, die Kevernburger, zu verletzen.« »Wohlüberlegt, und vielleicht dennoch falsch, denn wir wissen nicht genau, wie weit der Fürst gerüstet ist. Vielleicht beliebt es ihm, den Kampf mit dem Grafen, der ja doch unvermeidlich ist, gerade jetzt zu beginnen. Auf alle Fälle wäre es das beste, wenn du den ganzen Vorfall ableugnest.« »Was? Wie kann ich eine Tat ableugnen, die mehr als sechzig Zeugen hat?« »Du kannst es dennoch. Höre mich an, ich will dir einen Vorschlag machen. Dich hat niemand erkannt, denn dein Gesicht war verhüllt, und wo das Licht der einen Fackel nicht hinfiel, war es finster. Mich aber hat der Vogtsbube offenbar gesehen. So will ich alles auf mich nehmen und von hier entweichen. Wir sagen dem Bischof und dem Landgrafen, du seiest in Neidschütz gewesen, ich habe inzwischen den Überfall geboten auf eigene Hand, und da er mißglückte, so sei ich von der Burg entwichen. Ich verberge mich bei unsern Freunden da und dort, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Da niemand zu Schaden gekommen ist von des Bischofs Leuten, so wird das nicht lange dauern. Und wenn im Frühling die große Fehde beginnt, bin ich wieder da.« Werner Kurtefrund faßte seines Bruders Hand mit mächtigem Drucke. »Ich danke dir für deine Treue, sie ist echt kurtefrundisch. Denn das hat unser Geschlecht in wenigen Menschenaltern so groß gemacht, daß immer einer für den anderen einstand, wenn ein Zwist war zwischen den Brüdern, und daß alle sich um den scharten, der als der Obmann des Hauses der Burg gebot. Aber nie und nimmermehr nehme ich dein Anerbieten an. Ich esse die Suppe allein aus, die ich mir eingebrockt habe. Auch leugne ich meine Taten nicht ab, am wenigsten vor dem verfluchten Pfaffen von Naumburg.« »Auch dieser dein Trotz ist echt kurtefrundisch, aber ich glaube nicht, daß er zu den Anlagen gehört, die unser Haus groß gemacht haben. Wir wären weiter, wenn wir's verstanden hätten, uns da oder dort einmal zu schmiegen und zu bücken. Und jetzt könntest du deinen Kopf schön aus der Schlinge ziehen, wenn du tätest, was ich dir rate.« Werner Kurtefrund stampfte ungeduldig mit dem Fuße auf. »Ich bin, wie ich bin und wie mich Gott geschaffen hat. Hätte er mich als Lamm haben wollen, so hätte er mir nicht Zähne und Klauen dürfen zulegen. Wir wollen einmal in Ruhe abwarten, was der Bischof tun wird. Du sagst ganz richtig, da niemand von seinen Leuten zu Schaden gekommen ist, so wird er wahrscheinlich nicht viel aus der Sache machen. Ich tue gar nichts gegen ihn in der nächsten Zeit, bin aber vor ihm auf der Hut. Unsere erste Sorge muß jetzt sein, den da wieder auf die Beine zu bringen. Die ganze Seite ist ihm arg zerschlagen. Stirbt er oder bleibt er ein Krüppel, so wird mir sein Vater üblen Dank wissen, und sein Ohm wird auffahren im wilden Zorn. Dann sind die Kevernburger unsere Freunde gewesen!« »In dem Städtlein Jena lebt ein weiser Wundarzt, Meister Antonius Freytag. Er wohnt hinter dem Kloster der schwarzen Brüder und hat schon vielen geholfen. Den will ich holen,« entgegnete Heinz Kurtefrund. »An den dachte ich eben auch. Der Schenk von Tautenburg rühmte ihn neulich über die Maßen. Aber du brauchst nicht zu ihm zu reiten, das kann ein anderer tun. An dich hätte ich ein anderes Anliegen.« Er atmete schwer und sagte dann mit gepreßter Stimme: »Reite nach Beuditz und sieh zu, ob Gertrudis wirklich frei ist von ihrem bösen Zauberwahne. Sie versteht mit Wunden umzugehen wie wenige; es ist eine besondere Gabe, die sie, wie es scheint, von Natur hat. Sage ihr, wenn ihr liegt an der Verzeihung ihres Vaters, so solle sie heimkehren und ihren künftigen Gemahl gesund pflegen.« »Werner!« rief der jüngere Kurtefrund und sprang von seinem Sitze auf, »das ist das klügste Wort, das du seit zehn Jahren geredet hast! Das schafft den beiden einen guten Weg zueinander. Ich reite auf der Stelle!« »Das tu lieber nicht. Du hast gestern einen scharfen Ritt getan und nur am Nachmittag ein paar Stunden geschlafen. Ruhe dich noch aus, bis es Tag ist.« »Nein, ich reite sofort. Die Sache ist zu wichtig, und Müdigkeit kenne ich nicht. Rückwärts muß ich ohnehin einen weiten Umweg machen, um den Leuten des Bischofs nicht zu begegnen. Denn mehr als sechs Mann will ich der Burg jetzt nicht entziehen.« »Nimm ruhig zwölf mit. Bis zum Abend bist du ja doch wieder hier, und vor morgen kann der Bischof nichts unternehmen.« IV. An der Ecke der Großen Salzstraße zu Naumburg, schräg gegenüber der uralten Kirche des Stadtheiligen Sankt Wenzeslaus stand ein riesiges, bis unter das hohe Dach massives Steinhaus. Es ragte weit hinaus über die kleinen Gebäude, die in seiner Nähe standen, aber es war aller der Anmut bar, mit der seit einigen Jahrzehnten die reichen Bürger der emporblühenden Saalestadt nach Augsburger und Nürnberger Vorbildern ihre Häuser zu errichten liebten. Es war ursprünglich überhaupt kein Bürgerhaus gewesen, sondern ein kleines Kastell, das von einem Graben umgeben und geschützt wurde. Denn bis vor etwa hundert Jahren war Naumburg ein großes Marktdorf gewesen, außer der Domfreiheit nur ganz schwach befestigt. Da hatte man solcher festen Häuser bedurft, in denen ritterliche Burgmannen saßen, mit gewaffneter Hand den Marktfrieden zu schirmen und räuberisches Gesindel fernzuhalten. Jetzt waren diese Zeiten vorbei, ein tiefer Graben, gewaltige Mauern, wohlbefestigte Tore mit wehrhaften Türmen umschlossen die Stadt. Daher waren die festen Häuser überflüssig geworden, und gerade in der letzten Zeit hatte man sie zum größten Teil durch Neubauten ersetzt. Dieses aber, das größte und festeste von allen, ragte noch in die neue Zeit hinein, freilich nicht ganz so, wie es früher gewesen war. Den großen Graben hatte man schon vor vielen Jahren zugeschüttet, da er den Straßenverkehr störte. Denn alle, die von Camburg und Jena herkamen, mußten durch das Salztor die Stadt betreten und gelangten durch die Große Salzstraße bald in das Herz der Stadt. Neuerdings waren auch in die fünf Schuhe dicken Mauern anstatt der Schießscharten breitere Fenster gebrochen worden, und an Stelle des alten, engen Pförtleins erhob sich eine Spitzbogentür, aus Sandstein gemeißelt. Aber trotz dieser Neuerungen haftete dem ganzen Hause etwas Trotziges, Gewaltiges, Altertümliches an. Dasselbe haftete merkwürdigerweise auch dem Manne an, der es zurzeit besaß und bewohnte. Er saß in dem großen Wohngemache, das neben der Diele lag, in einem geschnitzten Lehnstuhle aus schwerem Eichenholz und blickte mit Interesse auf ein langes Eisenrohr, das auf einem plumpen Rädergestell vor ihm auf dem Boden stand. Schon wenn er saß, sah man, daß dieser Mann sehr groß sein mußte, und in der Tat gab er stehend der gewaltigen Gestalt des Ritters Werner Kurtefrund kaum einen Zoll nach. Seine weder hageren noch feisten Glieder hüllte ein einfaches Gewand ein, wie es auch Ärmere trugen; es unterschied ihn in keiner Weise von einem Bürger gewöhnlichen Schlages. Aber ein Blick in sein Antlitz zeigte, daß er ganz gewiß nicht zu den Menschen gehörte, die sich zu einer Herde vereinigen lassen. Gebietende Festigkeit und Würde prägten sich in seinen Zügen aus, und dabei hatten diese Züge nichts Hartes, Abstoßendes, sondern eher etwas Freundliches, Gewinnendes. Sein volles Haar war schlohweiß und ganz außergewöhnlich die Färbung seines bartlosen Antlitzes, das aussah, als wäre es aus heller Bronze gegossen. In diesem Antlitz brannten zwei Augen von so leuchtendem Blau, daß man unwillkürlich an Kornblumen in einem reifen Ährenfelde erinnert wurde. Das war Naumburgs bester und zugleich reichster Mann, der Ratsherr Dietrich von Merkwitz, von dem schon jetzt jedes Kind in Naumburg wußte, daß er am Lichtmeßtage wieder zum regierenden Bürgermeister gewählt werden würde. Er bekleidete dann diese Würde zum siebenten Male, und er hätte sie wohl schon viel öfter bekleidet, wenn nicht nach altem Stadtgesetz und Herkommen das Amt hätte wechseln müssen. Und Dietrich von Merkwitz war viel zu klug, als daß er darnach gestrebt hätte, solch ein altes Herkommen zu seinen Gunsten umzuändern. Er blieb ja ohnehin zu jeder Zeit der einflußreichste Mann in Naumburg, gegen dessen Willen auf die Dauer niemand aufkam. Auch der Bischof mußte mit ihm rechnen, und das war sogar ganz buchstäblich zu verstehen, denn bei keinem Menschen saß der fröhliche Domherr und nunmehrige Bischof Johann von Miltitz so tief in der Kreide wie bei Dietrich von Merkwitz. Erst vor zwölf Tagen, ehe er nach Zeitz abgezogen war, hatte er von dem Ratsherrn ein neues Darlehn von fünfhundert Goldgulden aufgenommen, und dabei hatte ihm Merkwitz vorgeschlagen, den fremden Meister ihm zu überlassen. Er wolle ihn bei sich in seinem Hause aufnehmen und verköstigen, ihm auch einen Platz zum Gießen seines Rohres stellen und Leute verschaffen, die ihm helfen konnten. Vor allen Dingen aber wolle er alles bezahlen, was die Sache von Anfang bis zu Ende kosten würde. Dem Bischof war der Antrag nicht ganz gelegen gekommen. Er wollte erst das Geschütz herstellen lassen, um es dann gegen schweres Geld an die Stadt zu verkaufen. Aber seine Kassen waren leer, die Judenschaft in Zeitz hatte er eben erst geschröpft und konnte sie nicht allsogleich wieder schröpfen. Außerdem bedachte er, daß er ja auch das Geld zur Herstellung des Geschützes erst irgendwoher hätte borgen müssen. So entschloß er sich denn kurz, entließ Nikolaus Kyburg mit den gnädigsten Worten aus seinem Dienste und erlaubte ihm, in den Dienst des ehrbaren Ratsherrn Dietrich von Merkwitz zu treten. So groß nämlich das Ansehen dieses Mannes auch war, so hatte er doch nicht den Rat dazu bewegen können, den Fremdling für die Stadt anzuwerben. Die Mehrzahl war dagegen und ließ sich nicht belehren. Einige betrachteten ihn noch immer wie einen, der im Bunde mit dem Fürsten der Finsternis stehe. Laut sagen durften sie das freilich nicht, denn er hatte vom Bischof einen Schutzbrief erhalten, der ihn von aller Schuld freisprach und jedermann ermahnte, ihn für einen guten katholischen Christen zu erachten. Aber was sie nicht sagen durften, das lebte trotzdem weiter in ihren Herzen. Die meisten freilich waren von solchen Bedenken frei, ihnen genügte das Urteil des Bischofs und seines Kapitels völlig, den Fremdling von dem schweren Verdacht zu entlasten. Seine Erfindung jedoch erschien ihnen wie eitel Spielerei, nicht wert, auch nur zehn Gulden dafür zu geben, und sie wunderten sich nicht wenig, daß der kluge, vorsichtige Merkwitz sich für solchen Schwindel begeistern könne. Nur wenige ahnten wie er, daß ihnen die Kunst des fahrenden Ritters mehr nützen könne als ein Zuzug von tausend Mann, ja, daß damit eine neue Macht auf den Plan trete, die niemandem verderblicher werden müsse, als ihren Hauptfeinden, den schloßgesessenen Herren. So hatte der kluge, weitblickende Mann die ganze Angelegenheit vorläufig auf eigene Rechnung in die Hand genommen, überzeugt davon, daß einst der Tag kommen werde, wo der ganze Rat ihre ungeheure Wichtigkeit erkennen werde, und dieser Tag schien heute heraufgezogen zu sein. Kyburg hatte schon gestern seinem Gönner gesagt, daß er bereit sei, ihm und, wenn er es befehle, dem gesamten Rate eine Probe seiner Kunst zu geben. Da waren gestern noch Boten Dietrichs an alle ehrbaren Ratsherren und an die beiden zur Zeit regierenden Bürgermeister abgegangen, durch die jeder der Herren zu einer geheimen Zusammenkunft im Merkwitzschen Sommergarten beim dicht vor der Stadt gelegenen Dorfe Almerich aufgefordert wurde. Um vier Uhr nachmittags sollten sie sich in aller Stille dort einfinden und niemandem davon etwas sagen. Auch erhielt jeder die Einladung in einer Form, daß er wähnen mußte, er sei der einzige, den Merkwitz zu sich entbiete. Denn der wollte nicht, daß die halbe Stadt zu dem Schauspiel hinauszöge. In der Tat erfuhren außer den Geladenen nur noch deren Frauen um die Sache, und die Zeit war zu kurz bemessen, als daß auch die nächsten Freundinnen, Muhmen und Tanten hätten eingeweiht werden können. Soeben war nun Kyburg bei ihm mit einem Leiterwagen eingetroffen, auf dem die einzelnen Teile des Geschützmodelles unter Decken und Strohbündeln aufgestapelt lagen. Im Hofe waren sie von den Knechten abgeladen und in das große Zimmer gebracht worden. Dort stellte sie Kyburg unter ihrem Beistand mit leichter Mühe zusammen. Meister Hickethier, der Schmied, und Meister Vollrat, der kunstreiche Schlosser, hatten unter seiner Anleitung ein eisernes Rohr geschmiedet, das ungefähr vier Ellen lang und hinten verschlossen war. Kurz vor seinem hinteren Ende befand sich eine Pfanne, auf der man das schwarze Pulver aufschütten konnte, um das Zündloch herum. Eine Räderkarre, auf der das Rohr ruhte, eine Gabel, auf der es vorn auflag, hatte der Stellmacher angefertigt. Von jedem der Meister hatte jetzt Kyburg die einzelnen Teile abgeholt. Keiner sah für sich allein nach etwas Besonderem aus, als aber nun das Ganze in dem Zimmer stand und Kyburg die Steinkugeln aus der Tasche nahm, die etwa von der Größe eines kleinen Apfels waren, und dem Ratsherrn erklärte, wie man lade und abschieße, da funkelten die scharfen blauen Augen des Alten in einem ganz eigentümlichen Glanze, und er tat einen tiefen Atemzug. »Bewährt sich das,« sagte er, »so werden wir all unserer Feinde ledig, vorausgesetzt, daß wir Leute genug haben, das Feld zu halten. – Jetzt ruft meine Frau und meine Kinder!« wandte er sich an die mit offenen Mäulern dastehenden Knechte. »Sie sollen das wunderbare Instrument auch sehen, und Euch, Kyburg, bitte ich, es ihnen zu erklären.« Gleich darauf betraten zwei Knaben von etwa zehn und zwölf Jahren das Gemach, denn der älteste konnte nicht zugegen sein, da er gerade in Halle bei einem Oheim zu Besuch weilte. Hinter ihnen erschien in der Tür ein weibliches Wesen von großer und eigenartiger Schönheit, das man seinen Jahren nach für eine Tochter des Ratsherrn hätte halten können. Sie war aber seine zweite Frau, eine Nichte seiner Seligen, die er vor fünf Jahren hatte zu Grabe geleiten müssen. Sie war damals Waise geworden und hatte Zuflucht in seinem Hause gefunden. Zwei Jahre später schritt er mit ihr zur zweiten Ehe, denn ihr Liebreiz hatte es dem alternden Manne angetan. Und sie mußte ja nach aller Meinung heilfroh sein, daß sich ihr eine so glänzende Versorgung bot. Er behängte sie denn auch mit allem Schmuck, den ihr eitles Herz begehrte, erlaubte ihr jedes Vergnügen und war gegen ihre Launen und Torheiten von grenzenloser Nachsicht. So schien das Wagnis zu glücken. Aber einige, die ihm nahestanden, flüsterten doch heimlich untereinander, diese zweite Ehe sei die einzige Dummheit, die der kluge Merkwitz in seinem mehr als sechzigjährigen Leben begangen habe, und könne ihm noch manche böse Überraschung bringen. Denn die junge Frau hatte hin und wieder eine eigene Art, stattliche junge Männer anzusehen, und auch jetzt, wähend Kyburg sein Geschütz erklärte, ruhten ihre nachtdunklen Augen mit so seltsamem Ausdruck auf seinem Antlitz, daß ihm unbehaglich zu Sinne ward. Er hatte, während er in dem Hause wohnte, schon öfters solche Blicke von ihr bemerkt, war ihnen aber stets ausgewichen. Als er geendet hatte, klatschte sie wie ein Kind in die Hände und bat ihren Mann in den süßesten Schmeicheltönen: »Bitte, bitte, Dietrich, laß mich das mit ansehen. Ich möchte gar zu gern dabei sein!« Er zog die Brauen hoch. »Kind, es sind nur Männer dort! Du wärst die einzige Frau!« »Dann will ich hinüberschicken zur Muhme Lisa. Die mag mitgehen, daß ich nicht die einzige bin!« rief sie und verzog schmollend den roten Mund. »So mag's denn sein!« sagte Merkwitz. »Wir rüsten uns alle sofort zum Ausgang, denn die Zeit ist da. Das Ding da ladet wieder auf den Wagen.« – Etwa eine Viertelstunde später schritt der Ratsherr mit seiner Gattin und seinen Knaben, Kyburg und mehreren Knechten hinter dem Leiterwagen her, der die Maschine trug. Man bog bald von der Straße links auf einen Feldweg ab, denn der Merkwitzsche Garten lag vor dem kleinen Gehölz, das vom Volke das Sperlingsholz genannt wurde. Dort stand auch eine kleine Meierei, die von hörigen Leuten bewirtschaftet ward, und vor ihr dehnte sich eine Wiesenfläche aus. Hier stand schon fast der ganze hochweise, edle und ehrbare Rat der Stadt versammelt, denn nur sehr Wenige waren der Einladung aus irgendeinem Grunde nicht gefolgt. »Was bringst du uns da, Dietz?« rief Heinz Edelste schon von weitem. »Hast du ein Faß auf deinem Wagen, und hast du uns zu einem Trunk im Freien geladen?« »Ihr werdet gleich sehen, was ich bringe!« gab Merkwitz zur Antwort. »Ich bitt' euch aber, liebe Freunde und Gevattern, mit dorthinüber zu treten, wo meine alte Feldscheune steht!« »Sollen wir in dem alten Reff trinken?« fragte Johann von Mücheln lachend. »Du wirst es sehen, was ihr sollt. Zum Trinken habe ich euch nicht hierher entboten. Das kann nachher im Ratskeller besorgt werden, und wahrlich, ich werde mich nicht lumpen lassen!« Verwundert, kopfschüttelnd, neugierig folgten ihm die Ratsherren. Als der Wagen noch fünfzig bis sechzig Schritte von dem Gebäude entfernt war, ließ er halten und wandte sich um. »Liebe Freunde und werte Gesellen!« rief er, »ihr habt nicht wollen glauben, daß das griechische Feuer, das dieser hier hat von den Heiden bereiten lernen, irgendeine Gewalt und Wirkung habe. Nun sollt ihr hier ein kleines Instrumentum zum Schießen sehen, das dieser Meister geschaffen. Aus dessen Gewalt möget ihr ermessen, was ein großes wirken kann. Die alte Scheune sollte abgebrochen werden. Ich habe sie zum Zerschießen bestimmt. Nun, Ritter Kyburg, zeigt Eure Kunst!« Erstaunen, Gemurmel, neugieriges Hinzudrängen von allen Seiten. In wenigen Minuten stand das Geschütz da, wie es vorhin in der Merkwitzschen Stube gestanden hatte. Nun trat Kyburg vor mit einem Kasten, dem er eine Kugel, eine Flasche, mit einem schwarzen Pulver gefüllt, und einige Hände voll Werg entnahm. »Tretet zurück, ihr Herren!« sagte er mit einer Stimme, die vor übergroßer Bewegung zitterte. »Tretet zurück! Ich lade!« Die Ratsherren drängten rückwärts. Ruhig schüttete Kyburg das Pulver in das Rohr und ließ dann mit Hilfe eines Stockes einen Pfropfen Werg folgen. Dann richtete er das Rohr und stellte es vorn fest auf die Gabel. Endlich versah er noch die Pfanne mit Pulver und entzündete eine Lunte. Ringsumher war es totenstill. Alle starrten mit weitaufgerissenen Augen auf das niegesehene Schauspiel. Aber Kyburg schoß noch nicht ab, sondern drehte sich nach den Ratsherren um und rief: »Ihr edlen, ehrbaren Herren von Naumburg! Es waren etliche unter euch, die sagten, meine Kunst sei eine Kunst vom Teufel stammend. Die mögen sehen, was ich jetzt tue. Sehet, dreimal mache ich das Zeichen des heiligen Kreuzes über mein Rohr, im Namen des dreifaltigen Gottes!« Erneutes Gemurmel. Einige nahmen die Barette ab, andere bekreuzigten sich. »Und nun erschreckt nicht!« rief Kyburg und senkte die brennende Lunte. Blitz, Donnerschlag und ein furchtbares Gepolter folgten. Als sich die weiße Dampfwolke verzog, sah man, daß die ganze eine Hälfte der vorderen Lehmwand zusammengefallen war. Der Eindruck war ungeheuer. Alles schrie, die beiden Merkwitzschen Knaben weinten, einige lagen auf den Knien, Frau Jutta von Merkwitz war einer Ohnmacht nahe und wäre gefallen, wenn sie nicht der junge Ratsherr Kunz Wiedhagen in seinen Armen aufgefangen hätte. Kyburg drehte sich nach Merkwitz um. »Nun?!« fragte er mit blitzenden Augen und einem stolzen Lächeln. »Nun, was sagt Ihr?« Der Ratsberr riß ihn in seine Arme. »Mensch!« schrie er, »Ihr seid Goldes wert!« und zu seinen Ratskollegen gewandt: »Seht ihr nun, was an der Sache ist?« »Ja, Heil, Heil! Donnerwetter, wer hätte das gedacht?!« So klang's jetzt überall, alle drängten hinzu, drückten Merkwitz die Hände, drückten sie Kyburg, und der bisher teils kühl, teils scheu betrachtete Fremdling war mit einem Male der Held des Tages geworden. Denn wenn ein so kleines Geschütz derartige Wirkungen hervorbringen konnte, was mußte da erst das große vermögen, das nun gegossen werden sollte? Dagegen waren alle Schleudern und Ballisten nichts, das konnte in der Tat auch feste Burgmauern zu Fall bringen. Noch zweimal mußte Kyburg sein Geschütz abfeuern, und hätte er mehr Kugeln gehabt, so hätte er es zehn- oder zwanzigmal tun müssen. Dann wurde er mit seinem Instrument im Triumph zurückgeleitet, erst zum Merkwitzschen Haus, dann in des Rates Trinkstube. Binnen einer Stunde war ganz Naumburg in Aufregung, von Haus zu Haus flog die Kunde, an allen Straßenecken standen schwatzende Männer und Frauen, und wären nicht die Tore der guten Stadt so früh geschlossen worden, so wäre noch heute alles Volk hinausgeströmt, um die höchst merkwürdigen Löcher in der alten Scheune zu betrachten. V. Als Klaus Kyburg in der Morgenfrühe des folgenden Tages über die Straße ging, da merkte er bald, daß sich seine Stellung in Naumburg von Grund aus verändert hatte. Die Kinder blieben zuerst stehen, als sie seiner ansichtig wurden, dann folgten sie seinen Fußstapfen in einiger Entfernung, so daß bald ein ganzes Rudel hinter ihm herzog. Die ehrsamen Bürgerfrauen, die zum Markte wandelten, knixten tief, wenn er an ihnen vorüberschritt; die Kappen der Handwerksleute flogen im Nu von den Köpfen, wo er sich zeigte, und der reiche Ratsherr Johann von Mücheln, der ihn früher gar nicht zu sehen schien, winkte ihm schon von weitem gnädig zu und fragte ihn mit seiner breiten, lauten Stimme über die Straße, wie ihm die gestrige Abendsitzung im Ratskeller bekommen sei. Eine solche Ehre erwies er selten einem Menschen, und ehrfürchtig schauten deshalb die Marktweiber auf den geheimnisvollen Fremdling, den der gröbste und geizigste Ratsherr der Stadt wie einen alten Freund begrüßte. Nun gar Meister Hickethier, der Schmied, zu dem er seine Schritte lenkte, wußte anscheinend nicht, wie er seiner Achtung und Ergebenheit Ausdruck verleihen sollte. Er war sonst durchaus kein Muster von Höflichkeit, aber heute brachte er die eilfertig abgenommene Mütze überhaupt nicht wieder auf seinen struppigen, viereckigen Schädel, machte einen Kratzfuß über den anderen und stotterte sogar etwas vou der hohen Ehre, die ihm und der ganzen Schmiedezunft dadurch widerfahren sei, daß er ein solches Werk habe anfertigen dürfen. Kyburg trat mit einem leisen Lächeln auf den Lippen aus der Werkstatt heraus, aber es war kein frohes Lächeln. Die Welle des Glückes trug ihn jetzt hoch empor, und wenn erst der Ernstfall eintrat, mußte er ja noch viel höher steigen. Aber das Liebesglück, von dem er geträumt hatte, war in Trümmer gefallen. Ihn selbst hatte Gottes gnädige Hand aus tiefer Kerkernacht errettet und zu größeren Ehren gebracht, als er sie je in seinem wechselvollen Leben genossen, aber was war aus Gertrudis geworden? Hätte sie ihr jähzorniger Vater in seiner Wut erschlagen, so wäre die Kunde der Tat sicherlich nach Naumburg gelangt. Dieses Äußerste war also offenbar nicht geschehen, sie lebte, aber wo und wie lebte sie? Hielt er sie vielleicht in einem abgelegenen Gemache der Burg gefangen? Oder war sie in ein Kloster gebracht worden? Oder hatte man sie davon überzeugt, daß ihre Liebe zu dem fahrenden Ritter eine Verirrung gewesen sei? Hatte sie ihren Sinn gebeugt und den Ring des Grafen von Kevernburg an ihre Hand gestreift? Solche Gedanken kamen ihm immer wieder in die Seele und marterten ihn unaufhörlich. Denn wenn er sich auch hundertmal einen Toren schalt, der unwiderbringlich Verlorenem nachjage, anstatt ein Vergessen zu suchen, so konnte er doch ebensowenig ihr Bild wie die stille Hoffnung aus seinem Herzen bannen, es könne ihm dennoch möglich sein, sie zu erringen. Ja, ohne daß er es wußte, lebte seine Seele von dieser Hoffnung, und hätte sie ihm jemand zerstört, so wäre er sicherlich in die tiefste Schwermut gefallen. Nahe daran war er ohnehin gar manches Mal, und gerade jetzt, wo ihn das Volk so ehrte, überkamen ihn die trüben Gedanken mit unbezwinglicher Macht. Tiefgesenkten Hauptes schritt er dem Merkwitzschen Hause zu. Zwei Augenpaare beobachteten das von dort aus zu gleicher Zeit. Frau Jutta war schon mehrmals an das Fenster geeilt, um heimlich nach ihm auszuspähen. Der Fremdling, um den so geheimnisvolle Gerüchte schwebten, war ihr interessant gewesen vom ersten Tage an, da er ihr Haus betreten hatte. Dieses Interesse war dann mit jedem Tage gewachsen und hatte eine bedenkliche Höhe erreicht. Und seit sie ihn gestern gesehen hatte, wie er dastand, vom Dampf umwallt, von den Ersten der Stadt beglückwünscht und gefeiert, da hatte sie ihr heißes, tolles, unbefriedigtes Herz an ihn verloren. Hinter ihr lag eine Nacht voll wirrer Träume, in denen sie nur ihn gesehen, nur seine Stimme gehört hatte, in denen er ihr seine Liebe gestand und sie in seinen Armen hielt. And nun, da er den Blick hob und sie am Fenster stehen sah, da nahm er nur mit kühler Miene sein Barett ab und neigte sich steif und förmlich vor ihr. Kalte Höflichkeit hatte er bisher für sie gehabt, und etwas anderes würde er wohl nie für sie empfinden. War er aber ein Mann von Fleisch und Blut und kein Stockfisch, so mußte er jetzt in ihren Augen nur allzu deutlich gelesen haben, was sie für ihn fühlte. Eine heiße Blutwelle schoß in das Antlitz des jungen Weibes. Sie schlug die Hände vors Gesicht und eilte hinauf in ihr Schlafgemach. Dort riegelte sie sich ein, warf sich aufs Bett und weinte und schluchzte in wilder Qual. Auch ihr Gatte hatte den Herankommenden von seiner Rechenstube aus bemerkt und über ihn den Kopf geschüttelt. Wunderlich, dachte er, wie der Mensch aussieht, nicht wie ein Sieger, sondern eher wie einer, dem großes Leid widerfahren ist. Sollte er krank sein? Er war doch vorhin ganz frisch und wohlgemut fortgegangen. Oder sollte ihm unterwegs ein Unglück zugestoßen sein? Plötzlich, einem unerklärlichen Antriebe folgend, steckte er den Kopf zum Fenster hinaus und bat ihn, zu ihm in sein Gemach heraufzukommen. Als Kyburg eintrat, war es ihm schon gelungen, die trübe Stimmung zu überwinden, und er trug das Haupt wieder hoch. Aber ein Schatten von Wehmut und Trauer lag doch noch in seinen Augen, und der alte Ratsherr bemerkte das gar wohl. Er faßte ihn bei den Händen, drückte ihn auf einen Stuhl nieder und sprach in väterlichem Tone: »Setzt Euch einmal hierher, ich möchte mit Euch reden. Diesmal nicht über Eure Kunst, sondern über Euch selber. Ihr seid mir wert geworden in den Tagen, da Ihr in meinem Hause als Gast weilet, und seit gestern hoffe ich mit aller Zuversicht, daß Ihr mir ein Helfer und Bundesgenosse werdet, wie ich einen besseren nicht finden könnte. Aber ich sehe Euch an und habe es schon längst gesehen, daß ein geheimer Kummer an Euch zehrt. Sprecht Euch aus zu mir und nehmt meinen Eid, daß alles, was Ihr mir sagt, in meiner Brust verborgen bleibt bis an den jüngsten Tag. Und seid versichert: Kann ich Euch helfen, so helfe ich Euch mit Freuden.« Es war lange her, daß jemand mit Klaus Kyburg in diesem Tone gesprochen hatte. Auch der alte Bischof von Brixen hatte nicht wie ein Vater mit ihm geredet, sondern wie ein frommer Seelsorger. Um seine irdischen Leiden und Sorgen und Hoffnungen hatte sich seit seines Vaters frühem Tode nie ein Mensch gekümmert. Das alles hatte er jederzeit mit sich allein abmachen müssen. Daher ging ihm das Herz auf, als der edle, würdevolle Greis so freundlich zu ihm sprach, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Aber er schüttelte das Haupt und sprach tief aufseufzend: »Habt großen Dank, Herr, für Eure liebevolle Rede. Ich werde Euch das nimmer vergessen. Aber ich meine, in der Sache, die mich drückt, kann mir kein Mensch auf Erden helfen.« »Redet nur!« entgegnete Merkwitz. »Ihr redet Euch das Herz leicht, und immer sehen zwei mehr, als einer sieht!« Da erzählte Klaus Kyburg dem allen Ratsherrn alles, was er auf der Rudelsburg erlebt und erlitten hatte. Er sprach ihm von seiner Liebe zu der schönen Tochter des stolzen Burgherrn und wie er ihre Gegenliebe gewonnen und wie dann alles ein jähes Ende nahm. »Nun,« sagte Merkwitz, als er geendet hatte, »da haben manches Menschen Liebeshoffnungen viel trostloser gestanden als die Euren, und sie haben sich doch erfüllt. Ich kenne den Ruf dieser Jungfrau gar wohl, sie gilt als unendlich stolz, aber man sagt auch, sie habe einen Eisenkopf wie alle Kurtefrunde. Sie gibt schwerlich klein bei, sie wird sich vielmehr in Trotz verhärten und versteifen, wenn ihr Vater sie zwingen will.« »Man wird ihr wohl vorreden, ich sei gerichtet und tot. Soll sie einem Toten die Treue halten und sich um seinetwillen mit ihrer ganzen Sippe entzweien?« erwiderte Kyburg bitter. »Ha! Bald genug wird die Kunde Saale auf Saale ab erklingen, daß Ihr am Leben seid. Meint Ihr, daß in den nächsten Wochen das Volk von etwas anderem reden wird, als von Euch und Eurem wunderbaren Instrument? Und säße der Rudelsburger mit seiner Tochter in den Wolken, so würde doch das Gerücht von Euch zu ihm dringen. Und wenn er fluchend seinen Knechten gebietet, vor ihr von Euch zu schweigen, so wird ihm das ganz und gar nichts helfen. Sie erfährt von Euch, dessen seid sicher. Übrigens – wie ist mir? Erzählte da nicht neulich der Ratsherr Marschall, der Kurtefrund habe seine Tochter ins Kloster Beuditz gebracht?« In unbeschreiblicher Aufregung fuhr Kyburg empor: »Wie, Herr, Ihr wißt etwas von ihr?« »Es ist wohl nur ein Gerücht,« entgegnete Merkwitz vorsichtig. »Aber darüber können wir uns bald Gewißheit verschaffen. Und ist sie dort, so kann ihr leicht eine Nachricht gegeben werden, auch wenn man sie etwa sonst von der Welt abschließt. Meine Frau hat eine Gefreundete in Weißenfels. Deren Schwester ist eine Nonne in Beuditz. Was vermag nicht Weiberlist!« »Herr!« rief Kyburg ungestüm, »Ihr gießt neuen Lebensmut in meine Adern! Wie soll ich Euch danken? Ihr handelt in Wahrheit an mir wie ein Freund und Vater.« »Euer Freund bin ich auch, und wenn Euch der Himmel meinen Sohn hätte werden lassen, so hätt' ich nichts dawider. Doch nun überlegt weiter: Ist die Jungfrau Euch treu, so ist noch gar nichts verloren. Denn wisset, ich fahre übermorgen nach Erfurt, von da nach Mühlhausen und Nordhausen. Gelingt es mir, die Städte zu vermögen, daß sie uns Hilfe und Zuzug leisten, so kann uns der Rudelsburger mit den Seinen nicht im Felde entgegentreten. Wir können ihn dann in seiner Burg belagern, und bei Gott, ich bin der Meinung, so hoch und fest sie ist, wir werden sie in Trümmer schießen und gewinnen, Und sitzt er dann in unserem Gewahrsam, – glaubt Ihr nicht, er werde mit sich reden lassen?« Kyburg blickte den Greis mit leuchtenden Augen an. Dann beugte er sich nieder und küßte schweigend seine Hand. Merkwitz klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter und rief dann schalkhaft: »Seht Ihr, daß es gut war, offen zu mir zu reden? Das alles sind zwar noch Bilder der Zukunft, aber sie mögen wohl Wirklichkeit werden, wenn wir das Unsere tun.« »Was ich tun kann, das tu' ich gewiß!« vcrsetzte Kyburg, und nachdenklich fügte er hinzu: »Es fuhr mir da eben, indem Ihr redetet, ein Gedanke durchs Hirn. Ihr sagtet, Ihr wolltet gen Erfurt fahren?« »Ja. Habt Ihr dort einen Gefreundeten?« »Das nicht. Aber ist das nicht die Stadt, die den Ruhm hat, daß in ihr die besten und größten Glocken gegossen werden? Ich hörte in Welschland davon reden.« »Ja, diesen Ruhm hat sie, und einer der Gießmeister ist mein günstiger Freund und Gevatter.« »Herr, dann vermöget diesen Mann dazu, daß er mit Euch hierher kommt, wenn Ihr heimkehrt. Ich weiß, wie man ein Stück gießet, habe gar manchmal mit dabei geholfen. Aber bei diesen Dingen, da ist so viel Kleines zu bedenken, da kann so vieles verdorben werden durch eine Unachtsamkeit – es wäre mir eine große Stärkung, wollte mir dabei einer zur Seite stehen, der im Gießen ein bewährter Meister ist.« »Das ist ein guter Gedanke,« erwiderte Merkwitz nach einigem Besinnen, »Und ich denke, mein Gevatter Ulrich wird sich nicht weigern. Doch halt, was ist das? Klopfte es da nicht an die Tür, dreimal, wie es die Ratsboten tun?« Er schritt eilig nach der Tür, um zu öffnen, aber ehe er dahin gelangte, stand schon der alte Ratsbote Götz Knappe auf der Schwelle und machte seinen ungeschickten Kratzfuß. »Was bringst du mir, Götz?« »Herr, die beiden Bürgermeister lassen Euer Edeln bitten, allsogleich auf dem Rathause zu erscheinen. Seine bischöflichen Gnaden sind diese Nacht aus Rochlitz im Meißnerland hierhergekommen und lassen einen hochedlen Rat und gemeine Bürgerschaft eine Stunde vor Mittag in den Dom laden.« »Was ist geschehen und was soll geschehen?« »Ich weiß es nicht, Herr. Ich glaube, Herr Johannes Weißrock, der mir den Auftrag gab, wußte es auch nicht.« »Es ist gut, ich komme, werde pünktlich dort sein!« gab Merkwitz zur Antwort, und dann wandte er sich aufgeregt zu Kyburg: »Zum Teufel, was kann sich da ereignet haben, daß der Bischof die ganze Gemeinde an einem Werktage in die Kirche entbietet? Das ist ganz auffallend. So lange ich im Rate sitze, ist das noch niemals geschehen!« »Vielleicht ist der Heilige Vater gestorben oder der Kaiser in München.« »Deshalb würde Herr Johann noch nicht einmal eine halbe Stunde früher aus seinem Bette aufstehen,« versetzte der Ratsherr. »Oder vielleicht hat man an Stelle des Heiligen Vaters in Avignon wieder einen in Rom gewählt, und der Bischof will das der Gemeinde kund und zu wissen tun?« »Auch das würde sein Gemüt schwerlich sehr bewegen. Nein, ich fürchte, es ist etwas anderes. Die verfluchte Seuche, die aus Asien über die Welt gekommen ist, soll wieder da und dort in unserem Lande spuken. In zween Flecken in der Leipziger Mark sollen mehr als hundert Menschen daran gestorben sein. Vielleicht ist dem Bischof ein Schreck in die Glieder gefahren, und er will ein großes Beten dagegen halten. Versäumt ja nicht, nachher in den Dom zu kommen. Ihr findet einen Platz in dem Kirchenstuhle, der uns gehört.« Er hielt einen Augenblick inne und fügte dann hinzu: »Auf jeden Fall wollen wir auf unserer Hut sein, und es sollen genug Bewaffnete stehen um das Tor, das in die Domfreiheit hinüberführt.« »Wie? Fürchtet Ihr eine Tücke, Herr, von dem Bischof, der zu dieser Zeit der Stadt Verbündeter ist?« fragte Kyburg erstaunt. »Man muß in dieser bösen Zeit an alles denken,« entgegnete Merkwitz. »Und wisset – im Vertrauen sag' ich Euch: Herrn Johann ist nichts heilig. Ich kenne ihn. Verlaßt mich jetzt, denn ich muß mich in Eile ankleiden. Also im Dom sehen wir uns wieder, wenn auch nur von fern!« Klaus Kyburg versäumte es natürlich nicht, von der Erlaubnis des Ratsherrn Gebrauch zu machen. Noch ehe die Glocken zu rufen begannen, suchte er seinen Platz in dem kleinen, zellenartigen Kapellchen, das denen von Merkwitz seit mehr als sechzig Jahren als gesonderter Kirchstuhl überlassen war. Er konnte seinem Gönner dankbar sein, denn sonst hätte er es in einem fürchterlichen Gedränge aushalten müssen. Ein unabsehbarer Menschenstrom ergoß sich in das Gotteshaus, Männer und Weiber, alt und jung, vornehm und gering – alles wollte hören, was der Bischof so außer aller gottesdienstlichen Zeit seiner Herde zu künden habe. Herr Johann kam von seiner Kuria herüber, angetan mit dem vollen Schmucke seiner hohen geistlichen Würde, geleitet von einer Wolke von Domherren, Priestern und Mönchen. Ein Chorknabe trug ihm das Kreuz voran, zwei andere hielten die Schleppe seines Mantels in ihren Händen. Er ließ sich auf einem erhöhten Sessel nieder, dicht vor dem kerzengeschmückten Hochaltar; die Pfaffheit scharte sich um ihn. Rechts und links von ihm nahmen die Ratsherren Platz und die Ritter, die er mitgebracht hatte. Die Glocken verstummten allmählich, und es ward stille in dem weiten Raume. Der Bischof erhob sich von seinem Stuhle und trat einen Schritt vorwärts. Aber er redete noch nicht, sondern wartete klüglich noch einige Augenblicke, bis eine so tiefe Stille eintrat, daß jeder seine Worte vernehmen mußte, auch in der entferntesten Ecke. Dann begann er mit seiner scharfen, durchdringenden Stimme: »In Christo geliebte Söhne und Töchter von Naumburg! Mit tiefem Schmerze stehen Wir hier vor Euch an der Stätte, wo die Heiligen nahe sind, denn Wir haben Euch Schweres zu künden. Eine Untat ist geschehen, die gen Himmel schreit und die zu strafen Uns obliegt. Ein reißender Wolf ist eingebrochen in das Heiligtum des Herrn, ein Frevler hat seine ruchlosen Hände ausgestreckt nach dem Gute, das den Heiligen gehört und das Wir nur verwalten. Ihr kennt ihn wohl, den Übeltäter, der Untat auf Untat gehäuft hat wider Eure Stadt und der nun das Maß seiner Schändlichkeit erfüllt hat. Es ist der Ritter Werner Kurtefrund, der auf der Rudelsburg hauset.« Er hielt einen Augenblick inne, der Wirkung wegen und weil ihm der Atem ausgegangen war. Denn Bischof Johann war solcher langen Reden keineswegs gewohnt. Eine große Bewegung zog durch die ganze Gemeinde, und ein Gemurmel ward allenthalben laut. Denn wohl gingen Gerüchte, daß der Ritter einen Angriff auf die Saaleck unternommen habe, der mißglückt sei, aber etwas Genaues wußte niemand. Der Bischof fuhr fort: »Fünf Nächte vor dieser letzten hat der Sohn Belials, getrieben von seiner Bosheit, mitten im Frieden die Burg angefallen, die Unser in Gott entschlafener Vorgänger von dem Gelde der Heiligen für dieses Bistum erkauft hat. Durch ein Wunder ist sie gerettet worden, der Wüterich hat seine böse Tat nicht vollenden können. Aber was er versucht hat, das scheidet ihn von der Gemeinschaft frommer Christen ganz von selber, und an Uns ist es, das auszusprechen und ihn auch äußerlich zu scheiden von denen, die durch die Gnade der Heiligen gerettet werden für das ewige Leben.« Er nahm aus der Hand des neben ihm stehenden Dechanten Albert von Leubingen eine Kerze, die dem Hochaltar entnommen war, und blies sie mit kräftigem Atemzuge aus. Dann rief er mit gellender Stimme: »Werner Kurtefrund! So wie ich diese Kerze auslösche mit einem Hauche meines Mundes, so lösche ich deinen Namen aus dem Buche des Lebens aus kraft der mir von Gott verliehenen bischöflichen Macht und Gewalt, zu binden und zu lösen. Verflucht sollst du sein in dieser Zeit, verflucht in der Ewigkeit! Pest und Aussatz mögen dich treffen, deine Gebeine mögen verdorren, dein Geschlecht vergehen, dein Name vergessen sein! Verdammt sei der Priester, der deine Beichte hört und dir deine Sünden vergibt. Unversöhnt mit Gott fahre dahin, dein Leib ruhe in ungeweihter Erde, deine Seele übergebe ich der ewigen Verdammnis! Und alle treffe derselbe Bann, die dich hausen und hegen, dir helfen und dich fördern! Gelöst sei jeder Eid, der dir geschworen ist! Wer ihn hält, tut dreifache Sünde und sei ausgestoßen, wie du ausgestoßen bist!« Er brach ab und ließ sich in seinen Sessel zurücksinken. Tiefe, lautlose Stille herrschte in dem weiten Raume. Auf vielen Gesichtern war deutlich das Entsetzen zu lesen, das sein furchtbarer Fluch erregt hatte. Besonders die Frauen saßen oder standen mit schreckensbleichen Mienen da und wagten kaum zu atmen. Da erhob sich der Bischof noch einmal. Er erhob die Augen zum Himmel, ein verklärtes Lächeln lag über seinen Zügen, und die beiden Arme weit ausstreckend, rief er: »Euch aber, geliebte Söhne und Töchter in Christo, die ihr keinen Teil habt an des Unholds bösen Werken und der heiligen Kirche gehorsam seid, euch erteilen Wir hiermit kraft Unserer Vollmacht den apostolischen Segen!« Alles Volk ließ sich, soweit es in dem Gedränge irgend möglich war, auf die Knie nieder und erhob sich erst wieder, als der Bischof mit seiner Klerisei den Dom verlassen hatte. Der Rat folgte ihm im geschlossenen Zuge, um ihm drüben in der Kuria seine Glückwünsche zur Errettung der Saaleck auszusprechen. Kyburg ging allein nach Hause; er war unter den letzten, die das hohe Gotteshaus verließen. Absichtlich hatte er so lange gewartet, denn er wollte nicht mit Frau Jutta von Merkwitz heimwandern, um nicht mit ihr ins Gerede zu kommen. Auch lüstete ihn nicht, ihr kindisches Geplauder zu hören und mit nichtssagenden höflichen Worten darauf erwidern zu müssen. Er war im Innersten verstimmt, ja geradezu angeekelt durch das, was er soeben gesehen und gehört. Denn er hatte ja einen tiefen Einblick getan in die Seele dieses Kirchenfürsten und wußte genau, daß ihm Himmel und Hölle vollkommen gleichgültig waren, und daß er höchstwahrscheinlich nicht einmal an einen Gott glaubte, und daß er ein Leben geführt hatte und vermutlich noch führte, das alles andere als heilig war. Sollte eines solchen Mannes Fluch in Wahrheit eine so furchtbare Wirkung haben, daß er einen Menschen ausschloß von der himmlischen Seligkeit? War den Priestern trotz ihrer Unwürdigkeit so große Macht von Gott verliehen, daß sie binden und lösen konnten? Durfte der Bischof insbesondere auch die Eide für nichtig erklären, die Kurtefrunds Mannen und Knechte an ihn banden? Nun, dachte er, es ist gut, Werner Kurtefrund, daß du selbst durch deine Tücke den Schwur nichtig gemacht hast, den ich dir geleistet hatte. Denn durch den Bischof Johann von Miltitz hätte ich ihn nimmer lösen lassen! Nie, bei Gott und allen Heiligen! VI. »Eine schöne Geschichte, Bruder! Der Pater Konrad ist heimlich von der Burg entwichen. Es waren gestern zwei Mönche bei ihm, und mit denen ist er gegen Abend über die Brücke gewandelt, als wolle er sie ein Stück Weges geleiten. Aber er ist nicht heimgekehrt!« Mit diesen Worten stürzte Heinz Kurtefrund in das Schlafgemach seines Bruders Werner, der sich gerade angekleidet hatte und auf das Glockenzeichen zum Beginn der Frühmesse wartete. Er versäumte dieses Werk der Frömmigkeit nur dann, wenn ein am Abend vorher genossener schwerer Trunk ihn am Erwachen hinderte. »Den Teufel auch! Was hat denn das zu bedeuten?« rief der Burgherr und blickte seinen Bruder verdutzt an. »Ja, das weiß kein Mensch, und auch ich kann mir's nicht erklären. Er hat den Schlüssel zur Kirche mitgenommen, denn er ist nirgendwo zu finden, und die Türe ist verschlossen.« »Und hat er niemandem gesagt, wohin er gegangen ist?« »Niemandem.« Noch sahen sich die Brüder verwundert an, da trat Kunemund in das Gemach. »Herr,« sagte er, »diesen Brief hat einer in der Nacht mit einem Pfeile über die Mauer geschossen.« Er bot dem Burgherrn ein vielfach zusammengefaltetes Pergament. Der schüttelte noch verwunderter das Haupt und drehte das Blatt in den Händen hin und her. »Verflucht!« brummte er, »nun ist der Kerl nicht da, der uns das lesen könnte!« Er selbst hatte zwar in seiner Kindheit Unterricht gehabt in der Kunst des Lesens und Schreibens, aber er hatte es nicht weit darin gebracht, und jetzt war das alles längst vergessen, und seinem Bruder erging es ganz ebenso. »Wir müssen Gertrudis das Ding in die Hand geben, sie versteht es zu lesen,« riet Heinz Kurtefrund. Werner blickte ihn unsicher an und kraute sich bedenklich in den Haaren. »Wissen wir denn, was drin steht? Vielleicht erfährt sie dadurch, was wir ihr verbergen möchten und was sie lieber nicht zu wissen braucht.« »Hm, hm, du könntest recht haben. So wollen wir hinüberschicken nach Pforte, daß sie uns einen Bruder senden, der des Lesens kundig ist.« »Am Ende, ehe er eintrifft, ist der alte Esel, der Konrad, wieder da. Was mag dem Dummkopf eingefallen sein, daß er die Nacht von der Burg wegbleibt und früh noch nicht zurückkommt?« »Tun doch die Kater zuweilen auch so. Warum nicht ein ältlicher Pfaffe!« versetzte Kurtefrund der Jüngere mit einem spöttischen Lachen. »Wer weiß, ob ihm nicht zugestoßen ist, was Nachtläufern hin und wieder begegnet, nämlich, daß ihn ein Nebenbuhler übel zugerichtet hat. Schicken wir nach Pforte!« So geschah's. Aber nach einigen Stunden kehrte der Bote mit einer schier unerklärlichen Botschaft heim. Die Tore von Pforte, so berichtete er, hätten sich geschlossen, als er bis auf Pfeilschußweite herangewesen sei. Sie wären denn auch nicht geöffnet worden, trotz alles seines Klopfens, Schreiens und Tobens. Das ganze Kloster hätte dagelegen, als wäre es ausgestorben. Kein Laut hätte ihm geantwortet. Ihm sei allmählich die Sache nicht geheuer vorgekommen, er habe seinem Pferde die Sporen gegeben und sei eilig davongeritten. »Was?« schrie Kurtefrund, als er diese Botschaft vernommen. »Ist denn die Pfaffheit ganz und gar verrückt geworden? Der eine brennt durch, die andern schließen die Tore und lassen meinen Boten wie einen Narren vor ihrem Hamsterneste stehen! Da soll doch der Teufel dreinschlagenl Mein Roß! Und zehn Mann aufgesessen! Ich will selber hinreiten, und meine Stimme soll ihnen so in die Ohren dröhnen, daß sie jedes Unfuges vergessen!« »Mach keine Dummheiten!« mahnte sein Bruder. »Der Bischof hat uns noch nicht abgesagt, aber so gut wir ihn überfallen haben, so gut kann auch er uns überfallen. Wer sagt dir, ob nicht das ganze Kloster voll von Knechten ist und andere in einem Versteck lauern?« »Sie können doch nicht wissen, daß ich hinreiten will, wie können sie also auf mich passen?« gab Werner zur Antwort und war von seinem Vorhaben nicht abzubringen. So ritt er denn ab und stand eine Stunde später vor dem Kloster Pforte. Es ging ihm jedoch genau wie seinem Knechte. Als er sich nahte, sah er deutlich, daß die halbgeöffneten Tore eiligst geschlossen wurden, und auf seinen Anruf gab kein Mensch eine Antwort. Schon wollte er im wilden Zorne aufschäumen, da fiel ihm gerade noch zur Zeit ein, daß machtloses Wüten, dem keine Tat folgen kann, den Mann nur lächerlich macht. Was wollte er dem Kloster anhaben? Werkzeuge, die mit Eisen überzogenen Tore zu sprengen, hatte er nicht bei sich, und hätte er sie gehabt, so wäre er nicht einmal des Gehorsams seiner Knechte ganz sicher gewesen. Denn wenn es auch meist verwetterte und verwegene Gesellen waren, die in seinen Diensten standen, so wären doch die wenigsten willig gewesen, gegen ein Kloster Gewalt anzuwenden, und er selbst schrak vor diesem Gedanken zurück. So kehrte er denn wieder um und ritt, schwer geärgert und tief verstimmt, seinem Schlosse zu. Er war scharfsinnig genug, sich zu sagen, daß dieses Verhalten der Mönche mit seinem Angriffe auf die Saaleck zusammenhinge, und es dämmerte ihm die Ahnung auf, daß er sich in einen bösen Handel verstrickt habe. Unwirsch erzählte er seinem Bruder, was ihm begegnet war, und schickte sich an, seine Tochter aufzusuchen. Gertrudis hatte gerade dem Grafen, der noch sehr krank war, einen neuen Verband angelegt. Er war darauf in einen tiefen Schlummer gefallen, und sie saß nun neben seinem Lager, hatte die Hände über die Knie verschränkt und starrte mit einer tiefen Falte zwischen den Brauen vor sich hin. Wie schon hundertmal in den letzten Tagen war auch jetzt wieder die Frage vor ihrer Seele aufgestiegen: Was soll ich tun, wenn dieser Mann hier ins Leben zurückkehrt? Seit sieben Tagen weilte sie nun wieder auf der Burg. Sie war dem Heimruf ihres Vaters ohne Besinnen gefolgt und hatte ohne Widerrede die Pflege des Verwundeten übernommen. Sie bereitete Salben für ihn und legte sie ihm auf, kochte heilsame Tränklein und bot sie ihm dar, wenn er in Fieberglut lag, so wie das ihre längst verstorbene Muhme Salome sie gelehrt hatte. Sie übernahm sogar einen großen Teil der Nachtwachen und saß Stunde auf Stunde mit ihrer Magd Wendelgard an seinem Lager, während der Nachtwind um das alte Burgschloß heulte und pfiff. Natürlich wußten die Leute in der Burg, daß der Graf um sie geworben hatte, und jeder meinte, sie pflege ihn gesund, um ihm dann auf sein Schloß zu folgen als sein Weib. Wollte sie das wirklich? Das eine wenigstens war ihr in den letzten Tagen ganz klar geworden: ins Kloster taugte sie nimmermehr. Schon die Luft, die sie dort atmen mußte, war ihr zuwider, diese Luft, die beständig durchsetzt war von einem Weihrauchdufte aus der Klosterkirche und dem Geruche der feinen Essenzen, mit denen sich die frommen Schwestern die Haare wuschen. Noch mehr zuwider war ihr der Ton, der dort herrschte, ein Gemisch von frommen Redensarten und lüsternen Zweideutigkeiten, ein Gemengsel von Gebet und Klatsch, manchmal harmlosem, oft auch sehr bösartigem, giftigem Klatsch. Es mochte ja auch andere Klöster geben in deutschen Landen, wirklich heilige Stätten, wo ein todwundes Herz fern von der Welt und hingewandt zu Gott vielleicht seinen Frieden finden konnte. Aber sie kannte keine solche Stätte, und wie sollte sie eine suchen? Wer sollte ihr dabei raten und den Weg zeigen? Und auf dem Grunde ihres Herzens lag wohl ein Widerwille gegen alles klösterliche Leben überhaupt. Sie war fromm, tat gute Werke, wo sie konnte, hielt ihr Herz rein von sündigen Gedanken und betete oft und mit tiefer Inbrunst zu den hohen Heiligen, die den armen sündhaften Menschen die Gnade Gottes vermitteln konnten. Aber der Wunsch, ihr ganzes Leben mit Gebet und beschaulicher Versenkung in Gott zubringen zu wollen, lag eigentlich ihrer Natur ganz fern, war nur unter dem Drucke schwerer Erlebnisse in ihrer Seele aufgetaucht. Insgeheim lebte doch die Sehnsucht in ihr, den Beruf des Weibes in der Welt zu erfüllen, einen Mann zu beglücken und sich von ihm beglücken zu lassen, Kinder zu wiegen und mit Liebe aufzuziehen und sich in einem tätigen und bewegten Leben auszuwirken. Eingestanden hatte sie sich das in früheren Tagen niemals, sie hatte überhaupt nie darüber nachgedacht, aber wie auf etwas ganz Selbstverständliches hatte sie doch immer darauf gehofft, daß eines Tages der rechte Mann für sie kommen werde, dem sie sich freudig zu eigen geben könne und der ihr die Lebenserfüllung bringen müsse. Er war gekommen. Sie, die so viele Freier kühl und gleichgültig abgewiesen, hatte die rätselhafte Macht, die das Weib zum Manne zieht, in überwältigender Weise erfahren. Die stolze Burgherrntochter hatte dem armen, fahrenden Ritter ihr Herz geben müssen; was sie zu ihm zwang, war stärker als ihr starker Wille. Mit dem Ungestüm einer Naturgewalt war die Liebe über sie gekommen, alle Schranken niederreißend, alle kleinlichen Erwägungen des Verstandes überflutend. Aber lag nicht gerade darin die Rechtfertigung derer, die behaupteten, sie sei einem bösen Zauber erlegen? War es nicht mit ihrer Liebe so zugegangen, wie in jener alten Sage von der blonden Königstochter Isolde, die sie einstmals von einem fahrenden Spielmann vernommen? Die war eines alten Königs Weib, aber ein junger Held hatte mit ihr gemeinsam aus einem Becher getrunken, der einen Liebestrank in sich barg. Von Stund' an konnten beide nicht mehr voneinander lassen, sie mußten sich lieben, sie mochten wollen oder nicht, und das Ende war für beide der Tod. Der Tod. Der Geliebte hatte ihn schon gefunden, sollte sie ihn suchen? Er war, wie man ihr gesagt hatte, im bischöflichen Kerker erdrosselt worden. Denn er hatte ein Teufelselixir gebraut, das beinah' ihren Vater, ihre Tante und ihren Großohm getötet und einen Turm der väterlichen Burg zersprengt hätte. Ihm wäre sein Recht geschehen, sagte ihre Tante, die Domina, sagte die Priorin, sagten alle Nonnen des Klosters Beuditz, und sie solle Gott und seinen Heiligen auf den Knien danken, daß sie noch rechtzeitig dem Unhold aus den Klauen gerissen worden sei. Zuerst hatte sie bitter dazu gelacht, dann trotzig geschwiegen, endlich aber war sie halb und halb von seiner Schuld überzeugt worden. Das schien ja festzustehen, daß er mit Hilfe des bösen Feindes ihrem Vater hatte Gold machen wollen und daß dieser Plan durch den alten Großohm Thymo vereitelt worden war. Wer aber mit dem Bösen im Bunde war, konnte der nicht auch anderweitig Zauber getrieben, konnte der nicht auch sie verzaubert haben? Merkwürdig – sie empfand gar kein Entsetzen bei diesem Gedanken. Es graute ihr nicht, wenn sie seiner gedachte, es fiel ihr nicht ein, ihn zu verdammen wegen seiner Schuld. Sie wünschte nur, daß er leben, leben möchte und daß sie ihn wieder mit ihren Armen umschlingen könnte. Wäre er lebend vor sie hingetreten, so wäre sie ihm ohne Bedenken gefolgt, wohin er sie geführt hätte, auch in ein Leben voller Armut und Not. Konnte sie mit dieser Liebe im Herzen, auch wenn sie einem Toten galt, eines anderen Mannes Weib werden? Ein Ekel stieg ihr bei diesem Gedanken in der Kehle auf. Und doch – was sollte sonst aus ihr werden? Ihrem Vater war sie tief entfremdet. Er war mitschuldig an des Geliebten Tode. Darüber würde sie niemals hinwegkommen, das würde immer zwischen ihm und ihr trennend stehen – das fühlte sie wohl. Sollte sie nun auf seiner Burg sitzen, Jahr für Jahr, mit Groll gegen ihn im Herzen und doch von seiner Gnade leben, sein Brot essen? Ein elendes Leben! Aber sie konnte ihm nur dann entgehen, wenn sie das Weib des Mannes wurde, der, in ein ruchloses Abenteuer ihres Vaters verstrickt, schwer zu Schaden gekommen war, und den sie nun pflegte. Das alles hatte sie schon oft durchdacht in den letzten Tagen und Nächten, und eben jetzt war es ihr wieder durch die Seele gezogen. Und mit einer Art widerwilliger Neugier betrachtete sie die Züge des schlummernden Grafen. Das sollte nun der Mann sein, den ihr das Schicksal bestimmt hatte? Es fiel ihr ein Ausspruch ihres Vaters ein, den sie als Kind gehört hatte, ohne daß er es wußte, und der ihr im Gedächtnis haften geblieben war: »Die Schwarzburger und die Kevernburger sind vom selben Stamm, aber wie die Schwarzburger den größten Teil der Erbgüter überkommen haben, so ist auch der Geist der Ahnen zu drei Vierteln auf sie übergegangen.« Das hatte von den beiden älteren Grafen gelten sollen, aber von dem hier galt es sicherlich ebenso. Wenn sie dieses ehrliche und biedere, aber plumpe, einem dicken Sperlingskopfe ähnelnde Gesicht mit den scharfgeschnittenen Zügen Klaus Kyburgs verglich, so mußte sie beinahe ein hartes, bitteres Lachen unterdrücken. Er mochte wohl ein ganz guter Geselle sein, und er machte ihr die zärtlichsten Augen und schien es schmerzlich zu empfinden, daß sie ihn nicht mit ihren Armen umfing und ihn küßte und herzte, wie das seiner liebenden Braut zukam, wofür er sie ja wohl schon halten mochte. Aber es wäre ihr ganz unmöglich gewesen, ihm mehr zu geben als ruhige Freundlichkeit, und wenn er einmal mit der gesunden Rechten ihre Hand an seine Lippen zog und ein paar ungeschickte Worte dazu stammelte, so errötete sie über und über, und ihr war zumute, als dulde sie etwas Unrechtes. Gut, daß er meist kraftlos schlummerte oder im Fieber lag. Aber was sollte werden, wenn er gesundete und seine Kraft wieder erlangte? Da mußte sie sich auf der Stelle entscheiden, ob sie wirklich seine verlobte Braut sein wollte, wie ihr Vater seinem Vater und Oheim kundgetan hatte. Und weigerte sie sich, so mußte der Zorn ihres Vaters von neuem aufschäumen. Ihr ward weh und jammervoll zu Sinne, wenn sie daran gedachte, wie ihr Herz an ihrem Vater gehangen hatte, als sie noch ein Kind war, wie die Gewalttaten der letzten Jahre, die er begangen, sie ihm leise entfremdet hatten, und wie nun eine tiefe Kluft zwischen ihnen aufgetan war. So saß sie in trüber Versunkenheit da, ein Bild des Herzeleids, als jetzt die Tür aufging und ihr Vater in das Gemach blickte. Verwundert ruhte sein Auge auf seiner Tochter, die ihn zunächst gar nicht bemerkte, und zum ersten Male sah er, wie sie sich verändert hatte in der letzten Zeit. Wo waren die blühenden Farben hin? Wo war der Ausdruck freudigen Stolzes, der sonst ihr Antlitz so eigenartig verschönt hatte? Hier saß ein müdes, leidgeprüftes Weib, das um den Mund einen bitteren Zug des Schmerzes trug. Düster, mit tief gefurchter Stirn schaute er auf sie hin, und ein furchtbarer Grimm schwoll von neuem in ihm empor über den Menschen, der das alles durch seine verfluchten Zauberkünste verursacht hatte und der seinem verdienten Schicksal entgangen war. Er sollte sogar bei dem Bischof in hoher Gnade stehen und Aufnahme gefunden haben unter dem ritterlichen Gefolge des geistlichen Herrn. Es war eine böse, verkehrte Welt, in der man jetzt lebte! Die zu Hirten des Volkes und zu Hütern des Rechts bestellt waren, die vergaßen schändlich ihrer Pflicht und erhöhten die Schelme, statt sie zu strafen. Es war gar nicht unmöglich, daß der Bischof den fremden Schuft mit einem ritterlichen Lehn begabte, und daß nachher der Kerl noch einmal als Freier an das Tor der Rudelsburg anklopfte. Dann konnte es geschehen, daß dies verblendete und betörte Weib sich von ihm entführen ließ. Denn sie war von seinem Zauber noch nicht frei und trauerte ihm noch immer nach, das konnte jeder ihrem Gesicht ansehen. Am liebsten hätte er seine Tochter gar nicht angeredet, denn sie mied ihn, wo sie konnte, und wenn sie in seiner Nähe weilen mußte, so war sie wie ein Bild von Stein. Aus eigenem Antrieb hatte sie noch nicht einmal das Wort an ihn gerichtet, so lange sie wieder auf der Burg weilte; ja, sie schlug nicht einmal die Augen in seiner Gegenwart auf, sondern stand da, als wäre sie erstarrt. Hätte er ihre Hilfe nicht gebraucht, so wäre er gewiß lieber fern geblieben, denn es ward ihm schwül und unbehaglich zu Sinn, wenn er sie nur ansah. So hatte er sich denn, bevor er sich zu ihr begab, mit allen Kräften bemüht, das Schreiben selbst zu entziffern, das über die Mauer geflogen war. Aber nach einer Viertelstunde heißer Arbeit hatte er einsehen müssen, daß seine Kunst nicht ausreichte; er mußte sie zu Rate ziehen. Das wurmte ihn gewaltig, denn es kostete ihn Überwindung, und außerdem – konnte er denn wissen, ob sie nicht dadurch etwas erfuhr, was ihr besser verborgen blieb? Zögernd, ganz gegen seine Gewohnheit unsicher trat er vollends in das Gemach herein. Gertrudis schrak aus ihren Gedanken auf und erhob sich, aber in dem kurzen Blicke, den sie ihm zuwarf, lag eisige Abwehr. »Es hat einer einen Brief über die Mauer geschossen. Wahrscheinlich hat er sich nicht getraut, ihn am Tore abzugeben,« sprach Kurtefrund rauh. »Der Pfaffe Konrad ist gestern abend von der Burg entwichen und noch nicht heimgekehrt. So lies ihn mir vor, denn ich muß wissen, was drin steht. Es wird wohl eine Absage sein von irgendwem.« Ohne ihren Vater anzusehen, streckte Gertrudis die Hand nach dem Zettel aus, löste die Schnüre und überlas ihn für sich. Als sie zu Ende gekommen war, zeigte ihr Antlitz einen noch bleicheren Schein als vorher, und in ihren Augen glomm ein düsteres Feuer auf. Voll und fest richtete sie jetzt den Blick auf ihren Vater, und mit schneidender Stimme, wie sie noch nie zu ihm gesprochen, sagte sie: »Das Schreiben ist vom Naumburger Bischof. Es ist gekommen, wie es kommen mußte!« »Sagt er mir ab?« rief Kurtefrund. »Er sagt dir nicht ab. Er schlägt nicht gegen dich mit dem Schwert, er gebraucht eine andere Waffe, die Waffe, die ihm sein Bischofsamt in die Hand gibt. Er schlägt dich mit dem Bann, er verbietet jedem Priester seines Sprengels, deine Beichte zu hören, deine Sünden zu vergeben, dir den heiligen Leib des Herrn zu reichen. Dein Leib soll, wenn du stirbst, ruhen in ungeweihter Erde, deine Seele« – hier stockte sie, als ob eine Schwäche sie anwandeln wollte, aber mit übermenschlicher Kraft ihre Bewegung niederzwingend, fuhr sie gleich darauf fort: »Deine Seele übergibt er dem Teufel. Deine Mannen entbindet er ihres Eides und bedräut sie mit gleichem Fluche, wenn sie dir trotzdem anhangen sollten. Dein Geschlecht verflucht er, daß es verdorren möge. Das ist des Bischofs Botschaft an dich, Vater.« Sie hatte leise und mit eintöniger Stimme gesprochen, wie sich's ziemte am Lager eines Kranken, der ihrer Pflege anvertraut war. Aus Werner Kurtefrunds Munde aber brach jetzt ein Laut, der den Grafen halben Leibes von seinem Lager auffahren machte. Es klang wie das Schnauben eines schwergereizten Keilers. Aber ehe er Worte fand für seinen Zorn, streckte Gertrudis den Arm aus und sagte: »Nicht hier, Vater! Denke daran, daß der hier wund und auf den Tod krank ist!« Werner Kurtefrund warf ihr einen wilden Blick zu, aber er dämpfte doch seine Stimme zu einem heiseren Zischen, als er nun losbrach: »In die Hölle verdammt sei der schöne Johann von Miltitz! Hahaha! Das Pfäfflein gebärdet sich, als wär's der Papst. Den Bannfluch, den der Heilige Vater in Avignon gegen den Kaiser geschleudert, hat der Naumburger Baalspfaffe getreulich abgeschrieben! Aber die Welt ist groß, und der Sprengel des Halunken reicht nur wenige Meilen weit. Weigern mir seine Diener die Absolution, so reit' ich ein paar Stunden und finde sie im Sprengel des hochwürdigen Pfaffen von Merseburg. Womit er mich treffen will, das ist ein Nichts, das sind Worte, Worte, eitles, leeres, widriges Pfaffengeschwätz!« »Nur daß sich ihre Folgen schon zeigen. Oder meinst du nun, der Priester Konrad sei von selbst und aus Zufall von der Burg entwichen? Man wird ihm zugetragen haben, was der Bischof gegen dich getan hat, und da hat er bei Zeiten die Flucht ergriffen.« »Der Geschorene folgt dem Geschorenen! Möge er zum Teufel fahren!« gab Kurtefrund finster zur Antwort. »Und die Knechte? Der Bischof entbindet sie ihrer Eide. Hüte dich, daß sie seine Worte nicht erfahren!« »Da wär' ich wahrlich der größte Narr! Auf der Stelle künd' ich es ihnen, daß sie sehen, ich fürchte mich nicht und traue ihrer Treue!« Er faßte seiner Tochter Handgelenk und zog sie nach der Tür mit hin. »Du folgst mir und bist dabei, wenn ich sie befrage, daß du siehst, was der armselige Hans von Naumburg über sie vermag!« Sie wand ihre Hand aus seinem Griffe. »Ich folge dir ohne Zwang,« sagte sie und schritt hinter ihm die Stufen hinab. – – Vor dem Pallas der Burg, in dem die Herrengemächer lagen, erhob sich ein breiter, steinerner Altan, zu dem man auf zwanzig Stufen aus dem Hofe hinaufstieg. Er war der Tür vorgelagert, die in das Schloß führte, und auf ihm stand links in der Ecke eine uralte Rolandssäule, aus steinhartem Eichenholze geschnitzt. Um den Hals des Bildes hing an rostiger Stahlkette ein riesiges Horn. Vor mehr als hundert Jahren war Herrn Werners Urgroßvater in die Dienste des Landgrafen Ludwig von Thüringen getreten, dessen Gemahlin die fromme Königstochter aus Ungarn war, die jetzt die Christenheit als Heilige verehrte. Der hohe Herr war mit seinem Gefolge in den ungeheuren Wäldern, die vom Schlosse Raspenberg an sich über die Hügel der Finne hinzogen, eines Tages ausgezogen, den wilden Auerstier zu jagen, und die Hunde hatten die Fährte eines der gewaltigen Tiere aufgespürt. Allen voran stürmte der Fürst, begierig, mit seinem Spieße den König des Waldes zu fällen. Aber als er an ihn herangekommen war, fehlte sein Speer, denn das Roß hatte sich mit den Füßen in Schlingwurzeln verfangen und kam zu Fall. Halb betäubt lag der Landgraf auf der Erde, und der wütende Stier wollte sich eben auf ihn stürzen. Da sprang im Augenblicke der höchsten Gefahr der bärenstarke Albrecht Kurtefrund herzu und schlug seine Axt dem Riesen von der Seite so tief in den Hals, daß ihm das rote Blut wie ein Springquell entströmte und er sein Leben lassen mußte. Der Landgraf schlug den starken und kühnen Mann auf der Stelle zum Ritter, die Fürstin schenkte ihm einen Rittergurt, den sie mit eigenen Händen genäht und gestickt hatte, und eines der gewaltigen Hörner des Untieres ward ihm, mit schwerem silbernen Mundstück versehen, zum Andenken übergeben. Der Gurt ward jetzt als teure Reliquie der Heiligen aufbewahrt, und das Horn hatte Albrechts Sohn, der auf die Rudelsburg kam als Kastellan des Landgrafen Heinrich von Wettin, am Halse der Rolandssäule aufgehängt. Wollte der Burgherr alle seine Knechte im Hof der Innenburg versammeln, so sollte er in dieses Horn stoßen, und außerdem sollte keines Burginsassen Mund das Horn der Kurtefrunde berühren. Daß einer der Gerufenen seine Stimme überhören könne, war nicht zu befürchten, denn sein Klang war zu hören bis weit über das Dörflein unter der Saaleck hinaus und bis über die Felder, die hinter dem kleinen Vorwerk Kreipitzsch sich dehnten. Dieses Horn führte jetzt Werner Kurtefrund an die Lippen und blies mehrmals hintereinander mit aller Kraft seiner Lungen hinein. Ein Mark und Bein durchdringender, schauriger Ton gellte jedesmal über die Burg hin, und schon nach wenigen Minuten war der Hof mit Reisigen und Knechten angefüllt. Sie kamen gelaufen, wie sie eben waren, die meisten ohne Waffen und in ihren Hausgewändern. Nur die rittermäßigen Dienstmannen trugen ihre breiten Schwerter an der Seite. Sie drängten sich dicht an den Altan heran, um zu hören, was ihr Herr ihnen zu sagen habe. »Mannen und Leute!« rief Werner Kurtefrund, neben dem nun außer seiner Tochter auch noch sein Bruder stand, »ich habe Euch eine neue Zeitung zu künden vom Bischof. Ihr seid mit dabei gewesen, wie ich sein Schloß, die Saaleck, zu gewinnen suchte in der Nacht. Ich tat es, weil ich sichere Kunde hatte, daß der böse, meineidige Pfaffe wollte zu meinen Feinden treten. Da wollt' ich ihm die Burg zuvor abgewinnen, auf daß er uns von dort aus keinen Schaden zufügen könnte. Der Teufel aber hat gemacht, daß mir der Plan mißriet. Und was tut nun der Schelm? Er sagt mir nicht ab, wie ein ehrlicher Feind, er sucht mich zu treffen mit seinem Banne. Ich soll verflucht sein, kein Priester soll mir die Beichte hören, jeder, der zu mir hält, soll verdammt sein, wie ich selbst, die Eide, die Ihr mir geschworen habt, sollen nichts mehr gelten. Nun sprecht! Was sagt Ihr dazu? Glaubt Ihr, daß Johann von Miltitz die Macht hat, Eure Seelen zu verdammen, und wollt Ihr mich achten als einen Gebannten, so halte ich Euch nicht bei mir. Ein jeder gehe, wohin es ihm gefällt!« Schon seine letzten Worte wurden durch Murmeln und laute Zurufe unterbrochen, und als er nun geendet hatte, brach ein großer Lärm unter den Knechten aus. Alle sprachen und schrien zu gleicher Zeit, und deshalb war keines Menschen Stimme deutlich, bis mit einem Male der lange Buffo Heseler aus dem Haufen die Treppe ein paar Stufen emporsprang und von dort aus seine Mütze gegen die Knechte schwenkte. Er war ein erprobter Fähnleinsführer, an Stärke und an List allen überlegen, und stand deshalb bei allen in der Burg in höchstem Ansehen. Daher legte sich der Lärm auf sein Zeichen hin, alle waren der gewissen Meinung, daß er ihre Gedanken trefflich zum Ausdruck bringen werde. »Herr!« rief er laut, »ich bin Euer ältester Mann, laßt mich für diese alle sprechen. Und ich sage Euch dies: Wir halten Euch den Eid, den wir Euch geschworen haben, ohne alles Besinnen. Hätt' Euch der Papst in den Bann getan, so könnte wohl ein Zweifel sein, wie wir uns halten sollen, denn wir müssen das Heil unserer Seele bedenken. Aber was der elende Matz von Naumburg faselt, das gilt uns nur einen Quark. Ist das nicht so, Freunde?« »Ja, ja! Heil Heseler! Heil!« klang's von allen Seiten. Der strich sich den dünnen roten Schnurrbart und fuhr fort: »Einen Pfaffen, Herr, müssen wir freilich auf der Burg haben. Denn er muß uns die heilige Messe lesen und die Gebete vor dem Altare raunen, die den Heiligen genehm sind und auf die sie hören. Und wenn einer zu Schaden kommt, so muß er ihm die Beichte hören und ihn lossprechen, damit er nicht in seinen Sünden hinüberfährt. Nun hat der Pfaffe Konrad die Burg verlassen, wie ich meine, weil es ihm der Bischof heimlich geboten hat. Aber will uns der Bischof keinen Pfaffen gönnen, so nehmen wir uns einen. Drunten in seinem Dorfe Saaleck sitzt ein feistes Pfäfflein. Den holen wir uns herauf, und wenn er sich etwa weigern sollt', uns zu dienen, so halten wir ihm die Fußsohlen gegen ein helles Feuerlein, bis er uns freundlich zu Willen ist! Das wär' mein Rat. Nichts für ungut, Herr!« Brüllendes Gelächter und großer Beifall lohnten seine Rede. Auch Kerr Kurtefrund schmunzelte. »Der Pfaff' sitzt unten in den Weiden an der Saale und angelt nach fetten Barben! Ich habe ihn vorhin sitzen sehen,« rief eine Stimme aus dem Haufen. »So brich hinunter, Busso Heseler, mit fünfzehn Mann und hole ihn herauf!« gebot der Burgherr, dem der Gedanke seines Dienstmannes sehr ergötzlich und zugleich sehr rätlich erschien. Denn auch er wollte für die Heiligtümer der Burg einen Verwalter haben und zweifelte nicht, daß der alte Pfarrer von Saaleck einer ernstlichen Bedrohung keinen Widerstand entgegensetzen werde. Er hörte nicht nach seiner Tochter hin, die ihn beschwor, die neue Gewalttat zu vermeiden, er schrie vielmehr: »Ihr alle waffnet Euch! Kommen die aus der Saaleck hervor, um ihren Pfaffen zu befreien, so eilen wir Heseler zu Hilfe!« Damit sprang er selbst nach seiner Waffenkammer. – Eine Viertelstunde später war der Fang gelungen, der wohlbeleibte Pfarrer von Saaleck war auf die Burg gebracht worden, und die Bischofsmannen waren zu seiner Befreiung nicht zeitig genug erschienen. Er stand jetzt im Hofe vor Herrn Werner Kurtefrund, der ihn behaglich lächelnd betrachtete. »Pater Eustach,« sagte er, »es ist mir unlieb, daß Euch die Meinen so rauh angefaßt haben, aber es ging nicht anders. Mein Pfaff ist fort, kommt auch nicht wieder, und einen müssen wir haben.« In diesem Augenblicke trat Gertrudis aus der Tür. Sie hatte eigentlich der Szene fern bleiben wollen, aber sie hatte es doch nicht über sich gewonnen. Sollte hier etwa eine abscheuliche Tat vollbracht werden, so wollte sie sich dazwischen werfen, denn sie empfand keine Furcht mehr vor ihrem Vater, vielmehr war es ihr ganz gleichgültig, ob sie das Leben dabei verlor. Da ihr Vater und der Priester dicht unterhalb der Treppe standen, so konnte sie jedes Wort vernehmen. Sie hörte, wie ihr Vater fragte: »Ihr wißt schon, daß der Bischof mich gebannt hat?« »Ich weiß es,« klang die Antwort des Greises, der trotz seines Schreckens eine würdige Haltung bewahrte. »So rate ich Euch denn im Guten, kümmert Euch nicht um des Bischofs Geschwätz und verwaltet Euer Priesteramt auf meiner Burg, als wäret Ihr mein Kaplan und ich lebte mit dem Bischof in tiefstem Frieden.« »Und wenn ich mich dessen weigerte, Herr?« »So wüßt' ich Euch zu zwingen. Das glaubt gewiß!« »Vor der Rache des Himmels fürchtet Ihr Euch nicht, das weiß ich,« erwiderte der Greis nach einigem Besinnen. »Aber fürchtet Ihr auch nicht die Rache des Bischofs?« Werner Kurtefrund lachte laut auf. Die Wangen des alten Priesters röteten sich. »Wißt Ihr noch nicht, Herr,« rief er, »was in Naumburg geschehen ist?« »Nein! Wovon redet Ihr?« »Sie haben dort eine Maschine, mit der schießen sie Häuser ein. Ein schwarzes Kraut, von dem ein Dampf ausfährt, schleudert Kugeln fort mit ungeheurer Wucht, und der Meister, der ihnen das gemacht hat, das ist derselbe Mann, den Ihr auf Eurer Burg« – – »Schweigt!« brüllte der Ritter, und mit einem schrecklichen Blick nach seiner Tochter hin faßte er den Alten an der Kehle. Aber es war zu spät. Gertrudis hatte alles gehört. Totenbleich kam sie langsam die Treppen herab. Sie bohrte ihre glühenden Blicke in die Augen des Vaters, der den Priester hatte fahren lassen und nun keuchend und nach Fassung ringend vor ihr stand. »Betrogen, Vater?« fragte sie dumpf und kaum hörbar. Dann schrie sie laut auf: »Mein Gott! Er lebt! Er ist nicht tot!« und sank wie leblos in die Arme ihrer Magd Wendelgard. VII. Am Tage Sankti Simonis und Judä ging ein großer Warenzug von Naumburg nach Erfurt ab. Schon in der ersten Morgenfrühe fuhren die schwerbeladenen Wagen auf dem Markte an, fünfundzwanzig an der Zahl, alle hochbepackt und jeder mit vier starken Gäulen bespannt. Die Stadtknechte in Eisenhauben und Brustharnischen versammelten sich vor der Sankt Wenzelskirche, Söhne der ehrbaren Bürger zu Roß und in ritterlicher Rüstung trabten heran, und obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen war, standen auf dem Markt und in der großen Salzgasse die Leute dichtgedrängt. Der Abgang eines solchen Zuges war ein Ereignis von großer Wichtigkeit für viele in der Stadt, denn nicht nur Waren führte er aus den Mauern hinweg, er bildete auch die einzige ganz sichere und zuverlässige Gelegenheit, Briefe und Nachrichten nach Erfurt zu befördern, und groß war die Zahl derer, die dort Verwandte und Gefreundete hatten. Herr Dietrich von Merkwitz, dem sieben der abfahrenden Wagen gehörten, sollte heute der Reiseführer sein. Noch hielt er vor der Tür seines Kaufes auf seinem hohen, starkknochigen Pferde und verhandelte leise mit Klaus Kyburg, der in seinenm Hause zurückbleiben sollte. »Sagt mir im Vertrauen,« fragte er ihn und beugte sich dabei nahe an sein Ohr heran, »habt Ihr einen Zwist oder Streit gehabt mit meiner Frau?« Kyburg blickte ihn verwundert an. »Wie könnte mir's geziemen, mit der Herrin des Hauses zu streiten? Wie kommt Ihr darauf?« »Ich sagte ihr diese Nacht, daß sie durch ihre Muhme in Weißenfels der Tochter des Ritters Kurtefrund im Kloster Beuditz möge ein Zeichen geben lassen, daß Ihr lebet. Da gab sie zuerst gar keine Antwort, dann begann sie heftig zu weinen und sagte, sie wolle nicht gern etwas für Euch tun, denn niemals hättet Ihr ein freundlich Wort für sie, und sie möge Euch gar nimmer leiden.« Kyburg biß sich auf die Lippen. Er hätte am liebsten geantwortet: Seid froh, Herr, daß ich ihr aus dem Wege gehe, wo ich immer kann! Aber warum sollte er in das arglose, vertrauensvolle Gemüt dieses Mannes das Gift des Zweifels an der Treue seines Weibes träufeln? Der Greis brauchte nichts zu erfahren von den verzehrenden Blicken, die sie ihm oftmals zugeworfen hatte, denn er, Klaus Kyburg, war seiner selbst vollkommen sicher. Wohl war ihm der Gedanke drückend, jetzt zwei Wochen lang mit der schönen Frau allein zusammen zu hausen, während ihr Eheherr in der Ferne weilte und nur die Kinder und Dienstboten außer ihnen beiden im Hause waren. Aber nur davor graute ihm, daß das leidenschaftliche junge Weib eines Tages aller Zucht vergessen und ihm mit Worten sagen könne, was ihm bisher nur ihre Augen verraten hatten. Das mußte dann einen häßlichen Auftritt geben, denn er war entschlossen, sie ernst und fest an ihre Pflicht zu gemahnen. Sonst fürchtete er nichts. Ihm konnte kein Weib mehr gefährlich werden, und wäre es schöner gewesen als die glutäugigen Sklavinnen, die er einst zu Cordova im Palaste Muley Hassans des Mauren geschaut hatte. In seinem Herzen lebte nur das Bild der Einen, die ihm ihre Liebe gegeben hatte und an die er sich festgekettet fühlte für alle Ewigkeit. And seit der Unterredung mit seinem alten Gönner war in seiner Seele die Hoffnung mächtig emporgeflammt, er könne sie vielleicht doch noch erringen, sie könne doch noch die Seine werden. Was galten ihm da Frau Juttas sengende Blicke? Nein, der Greis, der nicht ahnte, daß ihm sein junges Weib schon in ihren Wünschen und Gedanken untreu war, mochte ruhig über Land fahren und bleiben, so lange er wollte. Er würde sein Haus rein vorfinden, wenn er wiederkehrte. Darum erwiderte er gelassen: »Ich bin mir nicht bewußt, der edlen Frau Jutta je mit einem Worte zu nahe getreten zu sein. Gefällt ihr aber mein ernstes Wesen nicht – nun, Herr, so wißt Ihr ja wohl, weshalb ich nicht scherzen und fröhlich sein mag, und nun weiß sie es auch, nachdem Ihr mit ihr geredet habt über das, was mir das Herz beschwert.« »Das ist wahr, und sie wird Euren Trübsinn eher zu entschuldigen wissen,« entgegnete Merkwitz. »Übrigens habt Ihr noch gar keine Ursache, den Kopf hängen zu lassen, wie ich Euch schon sagte. Es kann alles gut werden. Nun aber muß ich reisen. Seid meinem Weibe zur Hand, wenn sie Eures Rates oder Eurer Hilfe in irgendeiner Weise begehrt. In vierzehn Tagen längstens denke ich zurückzukommen. Bis dahin Gott befohlen!« Er schüttelte ihm vom Pferde herab die Hand und gab dann das Zeichen zum Aufbruch. Unter Hüteschwenken, Zurufen und lautem Peitschengeknall setzte sich der Wagenzug in Bewegung. Klaus Kyburg trat ins Haus zurück und suchte sogleich sein Gemach auf. Der Ratsherr hatte ihn gebeten, Rechnungen für ihn durchzusehen und mancherlei für ihn zu schreiben. Dieser Arbeit widmete er sich mit allem Eifer, aber ein leises Unbehagen wich nicht von seiner Seele. Vernahm er einen Schritt auf der Treppe oder auf dem Korridor, so zuckte er zusammen und meinte, Frau Jutta werde im nächsten Augenblick eintreten und unter irgendeinem Vorwand seine Gesellschaft suchen. Aber er sollte sein blaues Wunder erleben. Bis Mittag blieb sie ganz unsichtbar für ihn, und als dann die gemeinsame Mahlzeit alle Hausgenossen vereinigte, da streifte sie ihn mit keinem Blicke, richtete auch nicht ein einziges Wort an ihn und gab auf seine Anrede nur kurz und hochfahrend Antwort. Sie beschäftigte sich in mütterlicher Weise mit ihren beiden Stiefsöhnen, sprach mit dem oder jenem vom Gesinde – daß ein Klaus Kyburg am Tische saß, schien sie nicht zu bemerken. Er war über diese Wendung froh, obwohl ihn ihr Verhalten auch wieder verdroß. Seine Stellung zu den Dienstboten wurde sicherlich nicht dadurch gehoben, daß ihm die Herrin des Hauses kühle Nichtachtung bezeigte. Daher nahm er für den Abend eine Einladung an, die ihm der Ratsherr Hans von Marschall zugesandt hatte, und kehrte erst sehr spät am Abend mit einem ziemlich schweren Kopfe von dem Gelage heim. Am anderen Mittag gestaltete sich die Sache noch viel wunderlicher. Als er eintrat, um seinen Platz an der Tafel einzunehmen, da saß auf diesem Platze ein jüngerer geistlicher Herr, den er in der Umgebung des Bischofs gesehen hatte. Es war Otto von Langen, der jüngste der Domherren, ein entfernter Vetter der Frau Jutta, der aber sonst nie ins Haus kam. Dietrich von Merkwitz liebte ihn nicht, denn sein Ruf war nicht fein. Er galt als Spieler und Weiberjäger und gehörte zu den Vertrautesten des Bischofs schon seit Jahren. Darum hatte er ihn gleich nach seiner eigenen Erhebung zum Domherrn gemacht, obwohl das Kapitel ihn gar nicht gern haben wollte und in der Bürgerschaft ein großes Flüstern und Lachen anhub, als man ihn zum ersten Male im Schmucke seiner neuen Würde erblickte. Daß ihn Frau Jutta eingeladen hatte, war trotz ihrer Verwandtschaft mit ihm eine grobe Ungehörigkeit und mußte ihr viel üble Nachrede schaffen, auch ihren Mann heftig verdrießen, wenn er nach seiner Rückkehr davon hörte. Mit gefurchter Stirn und einer steifen Verbeugung begrüßte daher Kyburg den sonderbaren Gast. Der aber erhob sich sofort und überschüttete ihn mit einem Schwall honigsüßer Worte, nannte ihn den Mann, der dem Himmel Blitz und Tonner geraubt habe und den man gar nicht genug bewundern und preisen könne. Auch bot er ihm sofort an, von dem Ehrenplatze zu weichen, der ihm, dem bedeutenderen Gaste, zukomme, was Kyburg höflich dankend ablehnte. Dann freilich glaubte der Domherr wohl, genug der Liebenswürdigkeit an ihn gewendet zu haben, denn er wandte sich ausschließlich Frau Jutta zu. Zunächst unterhielt er sie mit zierlichen Worten, aber als erst der Wein seine Zunge gelöst hatte, da wurden seine Reden mit jeder Viertelstunde dreister, seine Scherze plumper und vertraulicher, und zuletzt sagte er ihr Schmeicheleien, die ihr das Blut in die Wangen trieben und sie zu häufigem Augenniederschlagen und Kichern veranlaßten. Dabei glänzten seine schwarzen Schlehenaugen wie die eines lüsternen Fuchses, der das feiste Huhn, das er sich zur Beute erlesen, schon aus dem sicheren Stalle herausspazieren sieht. Kyburg wurde es übel und weh, als er dieses Gebaren des geistlichen Herrn sah. Er schämte sich in die Seele des leichtfertigen Weibes hinein, das die frechen Zweideutigkeiten nur mit einem leisen Auflachen erwiderte und sich unter glatten und versteckten Worten Dinge sagen ließ, die sie als verheiratete Frau und nun gar als Frau eines Ratsherrn nimmer hätte anhören dürfen. Hätte er geahnt, daß sie den Fremdling nur eingeladen hatte und sich nur deshalb von ihm schöntun ließ, um seine Eifersucht zu reizen, so hätte er auf der Stelle Tisch und Gemach verlassen. Aber er wäre niemals auf diesen Gedanken verfallen, und so blieb er, um Schlimmes zu verhüten, und war froh, daß die Knechte und Mägde sowie die beiden Knaben sogleich, nachdem sie abgespeist hatten, aus dem Zimmer gegangen waren. Erst eine Stunde später verabschiedete sich der Domherr, nachdem er dem gewürzten Konfekt des Nachtisches und dem süßen Malvasier überaus reichlich zugesprochen hatte. Er küßte seiner schönen Base, wie er Frau Jutta unaufhörlich nannte, mehrmals die Hand und verabschiedete sich mit einem Blicke, den eine ehrbare Frau eigentlich mit einer Ohrfeige beantworten mußte. Aber Frau Jutta hatte dafür nur ihr girrendes, leises Lachen. Finster und ohne sie eines Wortes zu würdigen, schritt Kyburg nach dem Domherrn zur Tür hinaus. Wenn er des trefflichen Dietrich von Merkwitz, seines väterlichen Freundes und Gönners, gedachte, so kochte der Zorn über dieser Frau zuchtloses Gebaren in ihm empor. Am liebsten hätte er sie mit harten Worten zurechtgewiesen und den glatten, lüsternen Domherrn mit Fußtritt und Faustschlag zum Hause hinausgeworfen. Aber Herr Dietrich hatte ihn wohl gebeten, seiner Frau mit Rat und Tat zu helfen, wenn sie darnach begehren würde, doch zum Wächter seiner Hausehre und Hüter ihrer Tugend hatte er ihn nicht eingesetzt. Er hatte kein Recht, sich in ihre Angelegenheit zu mischen, und hätte sich eine scharfe, höhnische Abfertigung gefallen lassen müssen, wenn er dennoch als Präzeptor aufgetreten wäre. Das wollte er dem Weibe nicht gönnen, das er zu verachten begann, diesem Weibe, das ihm gestern die verliebtesten Augen gemacht hatte und heute in seiner Gegenwart einem andern unziemliche Vertraulichkeiten erwies und, wie es schien, aller fraulichen Würde vergessen hatte. Meiden wollte er sie noch mehr als bisher, kein Wort mit ihr reden, was nicht um der Leute willen gesprochen werden mußte, und sich in keiner Weise um sie kümmern. Zu diesem Entschlusse war er gekommen, als er in seinem Gemache angelangt war. Ein unerwartetes Ereignis aber zwang ihn, seinen Plan auf der Stelle fallen zu lassen. Frau Jutta hatte seine finstere Miene wohl bemerkt, und als er zur Tür hinausgeschritten war, hatte sie ihm mit einem Lächeln des Triumphes nachgeblickt. Ihr törichtes Herz frohlockte, denn ihr Plan schien ihr gelungen zu sein. Sie hatte den Domherrn, der ihr gleichgültig war, nur deshalb eingeladen, um Klaus Kyburgs Sinne zu erregen. Sie war es gewöhnt, daß die jungen Männer der Stadt sich nach ihr umdrehten und ihr bewundernde Blicke nachsandten, wenn sie auf der Straße erschien. Vom ältesten Ratsherrn bis zum halbwüchsigen Bäckerjungen huldigte alles in Naumburg ihrer Schönheit, nur dieser Fremdling schien sie nicht zu beachten. Das war ihr zunächst wie schlaue Verstellung erschienen, bis sie einsehen mußte, daß ihr Liebreiz hier wirklich nicht verfing. Nicht nur ihre Eitelkeit wurde dadurch aufs empfindlichste verwundet, sondern ihr Herz litt die grimme Pein verschmähter Liebe und litt sie doppelt, seit sie durch ihren Mann wußte, daß er eine andere im Herzen trug. Die mußte sie daraus verdrängen um jeden Preis, sie mußte ihn für sich gewinnen, seine Sinne entzünden, sein Blut in Wallung bringen, und dazu sollte ihr der Domherr dienen. Sie wußte im voraus, daß der ihr in jeder Weise den Hof machen würde, und sie wußte auch, daß durch solches Gebaren eines Mannes ein anderer, der das mit ansieht, oft zu gleichem Tun gereizt wird. Es ist, als würden ihm dadurch erst die Äugen aufgetan für die Schönheit einer Frau, die er bis dahin nicht beachtet hat, und es erwacht allsogleich die Eifersucht in ihm, der andere könne den Schatz davontragen, der ihm selbst wohl erreichbar fei. Da beginnt denn nun ein Ringen und Rennen zwischen den beiden, und die Frau, der es gilt, verteilt den Preis nach ihrer Gunst und Laune. So hatte Frau Jutta von Merkwitz gerechnet, und ihre Rechnung schien ihr zu stimmen. Kyburgs finstere Miene, die drohenden Blicke, die er zuweilen nach dem Domherrn schoß, waren doch nur dahin zu deuten, daß er mit einem Male einen Nebenbuhler in ihm sah. Es war ihr also gelungen, den Feuerbrand in seine Seele zu werfen, und daß die Flamme weiterbrenne und immer mehr um sich greife, dafür wollte sie mit aller Kunst sorgen. Mit leichtbeschwingtem Fuße und ein lustiges Liedlein vor sich hinträllernd, begab sie sich nach dem Oberstocke des Hauses, wo ihre Kleiderkammer lag, um ein Gewand für den Abend auszusuchen, das sie möglichst vorteilhaft kleidete, denn man mußte das Eisen schmieden, so lange es warm war. Sie hatte nicht beachtet, daß der Domherr zwar das Gemach, aber nicht das Haus verlassen hatte, sondern in dem halbdunklen Torbogen stehen geblieben war. Sie hatte auch keine Acht darauf, daß er ihr leise nachgeschlichen kam, und so erschrak sie aufs heftigste, als sie plötzlich oben im Korridor zwei Männerarme umschlangen und ein heißer Mund den ihren suchte. Sie stieß einen gellenden Schrei aus, und diesen Schrei hörte Klaus Kyburg in seinem Gemache, da es nur wenige Schritte von dem Schauplatze der Tat entfernt war. Er stieß die Tür auf und sah, wie der Domherr die sich heftig Sträubende umfangen hielt und sie zu küssen suchte. »Was ist das?« rief er laut und trat mit lodernden Augen auf die beiden zu. Der Domherr ließ sogleich von der heftig zitternden Frau ab und sagte mit süßlichem Lächeln, während Ärger und Wut aus seinen Augen blitzten: »Nichts von Belang. Ich wollte nur meiner schönen Base noch einmal unter vier Augen Lebewohl sagen. Es kam ihr wohl unvermutet, und deshalb schrie sie auf.« Kyburg blickte verächtlich auf Frau Jutta nieder und sprach mit schneidender Kälte: »So verzeihet, daß ich störte.« Er wandte sich, zu gehen, aber sein Blick und der Ton, in dem er redete, brachten das junge Weib zur Raserei. »Nein!« schrie sie wild auf. »Nein, er lügt, der Bube! Er hat mich überfallen!« Sogleich drehte sich Kyburg um und trat dicht an den Domherrn heran. »Ist dem so?« fragte er drohend. »Was geht das Euch an, guter Freund?« erwiderte der Geistliche in hochfahrendem Tone, aber seine Augen flackerten unruhig, und sein Gesicht ward bleich. »Jeden ritterlichen Mann geht das an, wenn er sieht, wie einer ein Weib belästigt, und zudem ist Herr Dietrich von Merkwitz mein günstiger Freund.« Er wies mit einer befehlenden Handbewegung nach der Treppe. »Entfernt Euch auf der Stelle!« Des Domherm Augen funkelten, und sein Gesicht bedeckte sich mit Scharlachrot. »Denkt an diesen Tag! Ihr werdet ihn bereuen! – Rührt mich nicht an!« kreischte er, als Kyburg noch näher an ihn herantrat. »Rührt mich nicht an! Hütet Euch!« «Noch schützt Euch Euer geistliches Kleid vor meiner Faust, aber nicht lange mehr. Ich zähle bis drei. Seid Ihr dann noch im Hause, so trifft Euch meine Hand, und wahrlich, Männlein, sie wird Euch zerschlagen!« Da raffte der Priester sein Gewand zusammen und stoh mit einem heiseren Gelächter die Treppe hinunter. Die beiden standen allein einander gegenüber. Frau Jutta lehnte mit wogender Brust, an allen Gliedern zitternd an der Wand und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. Als sie aber endlich den Blick zu ihm erhob, da schrie sie von neuem auf, denn in seinen Augen stand kalte Verachtung. Sie bäumte sich unter diesen Blicken auf wie unter einem Peitschenhiebe und stöhnte: »Ihr sollt mich nicht so ansehen! Habe ich das verdient? Bin ich eine Dirne? Was kann ich dafür, daß dieser Mensch mir nachschlich und mich umfing?« »Wohl könnt Ihr dafür, Frau!« erwiderte Kyburg kalt. »Habt Ihr ihm nicht Mut gemacht mit Worten und Blicken, seine frechen Augen zu Euch zu erheben? Wundert Ihr Euch, daß die Saat schnell aufgeht, die Ihr selber ausgestreut habt? Täte solches eine Unvermählte, ich möchte sie nicht achten. Und nun tut Ihr so, das Weib des besten Mannes, der in Naumburg lebt? O pfui der Schande!« Wieder blickte er sie an wie vorher, und nun verlor Frau Jutta alle Gewalt über sich. Wie eine wilde Katze fuhr sie auf, und ihre Augen sprühten. »Den besten Mann nanntet Ihr ihn? Nennt ihn den besten Greis, dann habt Ihr recht. Mein Vater könnt' er sein, fast mein Großvater. Neben ihm lebe ich dahin – ein schönes Leben! Bin ich nicht jung und schön? Hab' ich Fischblut in den Adern? Soll ich allein nicht haben, was alle Frauen haben, Lust und Liebe? Ist's Sünde, daß ich das suche? Und Ihr wollt mich verdammen? Ihr? Bin ich nicht erst recht zum Leben erwacht, seit ich Euch gesehen? Seitdem leb' ich im Fieber! Was ist mir dieser Otto von Langen? Der elende Narr! Aus Wut und Ärger hab' ich mit ihm gespielt, weil Ihr mich verschmäht! Aber Ihr allein – –« »Nicht weiter, Frau!« rief Kyburg mit starker Stimme. »Ihr tut mir leid, denn Ihr seid von Sinnen. Aber ich bin frei von Schuld, nie habe ich Euch zu solchen Gedanken gereizt. Euer Mann ist mein Freund, hat mir Gutes getan, nimmer täusch' ich sein Vertrauen. Und wollt' ich's, so könnt' ich's nicht, denn ich liebe nur eine und kann nie ein anderes Weib lieben. Das wißt Ihr ja!« Er wandte sich um und trat in sein Gemach. Hinter sich hörte er noch ein wildes Auflachen und sah, wie Frau Jutta in ihre Kammer taumelte. Mit düsterer Miene ließ er sich vor seinem Tische nieder und stützte das Haupt in die Hand. Was er eben gehört hatte, das war ihm über die Maßen peinlich, und die Frau, die sich ihm an den Hals werfen wollte, stieß ihn ab trotz ihrer bestrickenden Schönheit. Aber zugleich stieg ein Mitleid mit ihr in ihm empor, das ihm selbst verwunderlich erschien. Eheliche Untreue war in seinen Augen frevelhafter Eidbruch, also höchst verabscheuungswert. Aber manches sprach doch zu ihren Gunsten und entlastete sie wenigstens zum Teil. O, der alte kluge Merkwitz hatte eine große Torheit begangen, als er dieses lebensgierige junge Weib an sein Alter kettete! Eine große Torheit – nicht vielleicht auch ein großes Unrecht? Ein unbemitteltes Mädchen mochte es ja in den meisten Fällen als ein Glück empfinden, wenn es Gelegenheit erhält, sich durch ein kurzes »Ja« Reichtum, Ehre und eine hochangesehene Stellung zu gewinnen. Aber ein weltkundiger, lebenserfahrener Mann mußte wissen, daß dieses Glücksgefühl selten lange anhält. Eine junge Frau ist auf die Dauer nicht damit zufrieden, daß man sie mit schönen Kleidern behängt und ihr Schmuck und Tand in den Schoß wirft. Jugend gehört zur Jugend, und wessen Blut noch heiß ist, der denkt und fühlt anders als einer, dem das Blut schon langsam und kühl durch die Adern fließt. Sie, die so verschieden sind, können einander in vielen Dingen kaum noch verstehen, und schon aus dem Grunde ist eine Liebe, wie sie zwischen Mann und Weib bestehen soll, zwischen zwei solchen Menschen fast unmöglich. Diese gemeine Weisheit hatte der alte Ratsherr übersehen, er hätte eine Vierzigerin in sein Haus führen sollen, statt dieses blutjungen Weibes. Ohne es zu wollen, ja sicherlich ohne es auch nur zu bedenken, hatte er ihrer Natur Gewalt angetan, und einigermaßen wenigstens entschuldigte sie das. Aber was sollte nun werden? Konnte er noch fürder in dem Hause seines Gönners bleiben? Es dünkte ihm fast unmöglich, daß er zwei volle Wochen lang mit ihr noch unter einem Dache leben könne. Ihm mußte jede Begegnung eine Unannehmlichkeit sein und ihr eine qualvolle Demütigung. Zog er aber aus dem Merkwitzschen Hause hinweg, so gab er ohne Zweifel der ganzen Stadt einen Anlaß, neugierige Vermutungen anzustellen, und wie sollte er seinen Abzug Herrn Dietrich erklären, wenn er von Erfurt und Mühlhausen heimkehrte? Lange dachte und grübelte er darüber nach und kam zu keiner Entscheidung. Da hörte er drunten vor der Tür ein Stampfen wie von Pferdehufen, und als er ans Fenster trat, sah er, wie Frau Jutta, begleitet von einem bewaffneten Knechte, über den Topfmarkt ritt und dann hinter der Wenzelskirche verschwand. Was war das? Kam die Frau ihm zuvor? Verließ sie das Haus, ehe er es verließ? Hatte sie irgendeine Teufelei vor? Wollte sie ihn vielleicht bezichtigen, er sei ihr zu nahe getreten, und das dadurch glaubhaft machen, daß sie jetzt vor ihm floh? Er traute ihr das wohl zu, denn von ihrer Wahrhaftigkeit dachte er nicht hoch, und ihm schwante, daß ihre Liebesleidenschaft zu ihm sich jetzt in den glühendsten Haß verwandelt habe. An dem Domherrn fand sie dann, wenn sie wollte, ganz gewiß einen gefälligen Zeugen. Drehten die beiden aber den Spieß um und beschuldigten ihn arger Untat, so konnte es ihm nach des Ratsherrn Heimkehr ergehen wie jenem israelitischen Manne Joseph, von dem er einst vor langen Jahren im Kloster gehört hatte. Großer Unruhe voll eilte er hinab in den Unterstock und fragte die beiden Knaben, die in dem Wohngemache miteinander rauften, nach ihrer Mutter, aber sie konnten ihm keine Antwort geben. Er fragte dann die Knechte, er fragte Kerhild, die Schaffnerin, aber niemand im ganzen Hause wußte, wohin Frau Jutta geritten war. VIII. Halb betäubt vor Scham und Wut hatte Frau Jutta in ihrer Kammer gesessen. Es war ihr, als könne sie nicht mehr leben mit der Schmach, die sie erlitten hatte. Zurückgewiesen, beschimpft, aufs tiefste gedemütigt worden war sie von dem Manne, dem sie sich mit Leib und Seele ergeben hätte, wenn es ihm nur gefällig gewesen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken. Sie hatte sich vor ihm erniedrigt, wie sich ein Weib nicht tiefer erniedrigen konnte – unmöglich konnte sie mit ihm weiter dahinleben in einem Hause, nicht einmal in einer Stadt. Er mußte fortgebracht, beseitigt werden, am besten, ehe ihr Mann wieder heimkehrte. Denn tat er den Mund auf und erzählte dem Alten, was geschehen war, so verstieß sie vielleicht der erbitterte Greis aus seinem Hause, und was sollte dann aus ihr werden? Aber wie konnte sie ihn veranlassen, aus Naumburg zu entweichen? Kein Gedanke, daß ihr das gelang, am wenigsten jetzt, wo alle Welt ihm ihre Gunst zugewendet hatte und die ganze Bürgerschaft Großes von ihm erhoffte. Ihn aus dem Leben zu schaffen, daran dachte sie nur vorübergehend. Ihre einzige Waffe wäre da Gift gewesen, und das sich zu verschaffen, war schwierig und gefährlich. Auch hatte sie einmal die schauerliche Hinrichtung einer Giftmörderin mit angesehen, und Entsetzen ergriff sie, wenn sie daran dachte, daß sie ein gleiches Schicksal ereilen könne. Nein, dazu fehlte ihr ganz und gar der Mut. Wenn Wünsche und Gedanken hätten töten können, so wäre er ja keinen Augenblick mehr unter den Lebenden gewesen, aber etwas zu wagen, war sie viel zu feig. Nein, es blieb ihr nur die Lüge übrig als Mittel, sich zu retten und ihn zu verderben. Sie mußte auf der Stelle aus dem Hause fliehen und einer Freundin anvertrauen, daß sie anders ihre Ehre nicht bewahren könne vor den Nachstellungen des Fremden, den ihr Gatte ins Haus aufgenommen hatte. Dann mußte sie den Domherrn bewegen, Zeugnis abzulegen für sie. Daß es ihr gelingen werde, ihn dazu zu bringen, bezweifelte sie keinen Äugenblick. Sie würde zwar einen entsetzlich hohen Preis dafür zahlen müssen, und sie schauerte zusammen bei diesem Gedanken, aber ihr blieb keine Wahl. Nur wenn sich mit ihren Schwüren und Tränen der feierliche Eid des Domherrn vereinigte, war sie ganz sicher, daß ihr Plan gelingen werde. Dann mußte ihr Mann des Verführers Feind werden und seines Hauses Ehre an ihm rächen, und dabei ging der Schändliche, Verhaßte wahrscheinlich zugrunde, wenn er nicht die eilige Flucht vorzog und also wenigstens aus ihrem Leben verschwand. So raffte sie denn einige Kleider und Schmucksachen in ein Bündel zusammen und befahl ihrem alten Knechte Matthäus, zwei Pferde zu satteln und sie über Land zu geleiten. Sie wollte zu ihrer Base nach Weißenfels reiten, die des angesehenen Ratsherrn Gerbote Ehegemahl war. Der wollte sie ihr Leid klagen und dann den Domherrn heimlich zu sich entbieten. Das Weitere würde sich finden. So ritt sie denn, getrieben von Furcht und Haß, durch das Jakobstor zur Stadt hinaus und die Heerstraße dahin, die nach Weißenfels führte. Als sie des Beuditzklosters ansichtig wurde, das eine kurze Strecke vor Weißenfels an der Saale lag und mit seinen schmucken Ziegeldächern freundlich herübergrüßte, da blitzte ein böser Gedanke in ihrem Hirn auf. Sie kannte gar wohl die Nonne Anna Gerbote, die in diesem Kloster hauste und durch die sie nach ihres Mannes Willen eine Botschaft sollte gelangen lassen an die Tochter des Rudelsburgers, daß Klaus Kyburg noch am Leben sei und in Ehren stehe und ihrer in Treue gedenke. Das sollte heimlich geschehen, damit die Domina nichts davon merke, die Kyburg hasse und dem Gerichte des Bischofs mit übergeben habe. Alles, alles, was er von der Liebesgeschichte Kyburgs wußte, hatte ihr Mann, der gutmütige Narr, ihr erzählt und von ihr verlangt, daß sie seinem jungen Freunde nach Kräften helfe. Laut auflachen mußte sie bei diesem Gedanken. Sie wollte vielmehr hier gleich mit ihrer Rache beginnen, wollte der Domina erzählen, was ihres Mannes sauberer Verbündeter von der Zukunft erwarte, und raten, daß die edle Jungfrau so bald als möglich von ihrem Vater verheiratet werde oder den Schleier nehme. Vielleicht sah sie mit eigenen Augen dieses Geschöpf, das schuld war an ihrem Elend und das sie glühend haßte, ohne es zu kennen. Sie war dabei insgeheim neugierig, wie das Weib aussehen mochte, das eine Jutta von Merkwitz in den Schatten stellen konnte. So bog sie denn nach dem Kloster ab und hatte es in kurzer Zeit erreicht. Aufs höchste verwundert sah sie, daß das sonst fest verschlossene Tor halb offen stand und daß kein Wächter Obacht darauf hatte. Ungehindert, von niemandem gemeldet, ritt sie mit ihrem Begleiter in den Klosterhof ein. Nirgends war ein Mensch zu erblicken, von keinem Fenster lugte einer Nonne neugieriges Auge herab. Überall tiefes Schweigen. Dem jungen Weibe wurde es eigentümlich beklommen ums Herz, das schweigende Kloster schien ihr wie verzaubert. Schon war sie im Begriff, das Roß zu wenden und der Stadt zuzureiten, als sie von der Klosterkirche her die langgezogenen Töne eines feierlichen Gesanges vernahm. Das löste den Zauber. »Ah,« dachte sie, »die Schwestern haben gerade einen Gottesdienst, der Himmel mag wissen, zu welchem Zwecke. Da haben denn die Nachlässigen vergessen, das Tor zu schließen – bei dem vielen umherschweifenden Gesindel allerdings ein sträflicher Leichtsinn! Nun, Frau Sieglinde Kurtefrund wird die Schuldige gewiß hart dafür büßen lassen. – So will ich denn hier im Hofe warten, bis die frommen Schwestern aus der Kirche kommen, und dann der Domina mein Anliegen vortragen.« Sie stieg vom Pferde und hieß ihren Knecht das Gleiche tun. Der Alte setzte sich neben den Gäulen auf eine Bank an der Mauer. Sie selbst aber war viel zu unruhig dazu, als daß sie sich irgendwo hätte niederlassen mögen. Sie strich überall im Hofe umher, die Wände entlang, betrachtete einen gezähmten Raben, der in seinem Käfig herumhüpfte, warf neugierige Blicke in die offenstehenden Fenster der Küche im Untergeschoß, gelangte vor eine gleichfalls offenstehende niedrige Tür, durch die man in einen breiten, von der Nachmittagssonne erleuchteten Gang hineinblicken konnte, und unternahm es endlich, einige Schritte in diesen Gang hineinzutun. Noch war sie nicht weit vorgedrungen, da fuhr sie erschrocken zusammen. Denn aus dem Dunkel eines Nebenganges trat die hohe, hagere Gestalt einer ältlichen Klosterfrau heraus, schritt auf sie zu, blieb dann dicht vor ihr stehen und schaute sie mit starren Augen an. Dabei murmelte sie fortwährend leise wirre Worte vor sich hin. Frau Jutta sah sogleich, wen sie vor sich hatte. Wie sie gehört, lebte im Kloster Beuditz eine Schwester, in deren Haupte das Licht der Vernunft erloschen war. Man sperrte die unglückliche Walburg nicht ein, denn sie tat niemandem etwas zuleide. Aber von den Gottesdiensten und den frommen Übungen der Klosterinsassinnen wurde sie ausgeschlossen, denn sie schwatzte dabei allerlei törichtes Zeug und störte die Andacht. Selten hatte sie lichte Augenblicke und redete vernünftig, nur wenn man ihr bestritt, daß sie die Schwester der Jungfrau Maria sei, wurde sie sehr böse und hatte einmal eine Nonne mit ihren Nägeln beinah des Augenlichtes beraubt. Frau Jutta hatte eine maßlose Furcht vor Leuten dieser Art und stand deshalb wie gelähmt vor ihr. Die Kranke fuhr fort, sie anzustarren, und sagte dann auf einmal mit sanfter, trauriger Stimme: »Du bist der Erzengel Gabriel. Was willst du im Hause des Todes? Sollst du die Seele der Verstorbenen holen?« »Was soll das heißen?« stammelte Frau Jutta entsetzt. Sie wäre gern wieder ins Freie gelaufen, aber sie wagte es nicht. »Wie, schöner Engel, du weißt nicht, daß die Schwester Reichhilde vor einer Stunde gestorben ist? Komm, ich will sie dir zeigen, komm!« Dabei faßte sie Frau Juttas Hand und suchte sie mit sich fortzuziehen. Die war vor Angst einer Ohnmacht nahe, aber sie wagte weder um Hilfe zu rufen, noch sich ernstlich zu sträuben. Sie murmelte nur mit schwacher Stimme: »Laßt mich, ich bin nicht der Engel, für den Ihr mich haltet.« »Wie?« fragte die Irrsinnige, argwöhnischen Blickes die vor ihr Stehende musternd, »du wärest nicht der heilige Erzengel Gabriel? Warum leugnest du das ab? Habe ich dich nicht mit deinen blanken Augen und deinem süßen Gesichte stehen sehen vor Gottes Thron, als ich zum letzten Male dort droben war bei meiner gebenedeieten Schwester? Warum verstellst du dich vor mir? Komm, komm, ich will dir die Tote zeigen. Ihre Seele wartet auf dich, daß du sie heimholst!« Mit noch festerem Drucke als vorher umspannte sie Frau Juttas Hand, und ihre Augen funkelten sie drohend und befehlend an. Da schwand der jungen Frau jeder Mut zum Widerstande. Willenlos, mit zitternden Knien und vor Furcht mit den Zähnen klappernd, ließ sie sich von der Irrsinnigen fortziehen den Gang entlang bis fast an sein Ende. Dort stieß die Nonne eine Tür auf und wies auf ein weißes Laken, das über ein Ruhebett gebreitet war. »Darunter schläft sie,« raunte die Schwester geheimnisvoll. »Hihi,« kicherte sie, »ziehen wir das Tuch weg – husch – flattert ihre Seele auf und du nimmst sie in deine Arme und trägst sie zum Himmel hinauf!« Und mit einem Ruck zog sie das weiße Laken von dem Leichnam hinweg und warf es Frau Jutta zu. Die sank mit einem markerschütternden Schrei in die Knie. Denn die, die hier auf dem Bette lag und die sie kannte von früheren Besuchen im Kloster her, war aufs furchtbarste entstellt und ganz unkenntlich geworden. Große blauschwarze Beulen bedeckten das ganze Gesicht und die auf der Brust gefalteten Hände. Sie war an der grauenvollen Seuche gestorben, die seit dem Frühjahr durchs Land ging, hie und da eine Menge von Opfern verschlingend, dann wieder verschwindend und anderswo auftauchend, einem unter der Asche schwelenden Feuer gleich, das nirgendwo recht zum Himmel aufflammen, aber nicht sterben kann. Ein zweiter Schrei aus Frau Juttas Munde, und sie taumelte empor. Wie von wütenden Hunden gehetzt, floh sie schreiend durch den Gang ins Freie und rief mit gellender Stimme nach ihrem Rosse. Der alte Matthäus, der nicht wußte, was geschehen war, und glaubte, seine Herrin sei wahnsinnig geworden, half ihr in den Sattel, und dann sprengte sie, so schnell ihr Gaul laufen wollte, aus dem Klostertore die Straße zurück, auf der sie vorhin gekommen war. Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, als sie wieder am Jakobstor anlangte. Sie überritt fast den Wächter, der es ihr eilig und beflissen öffnete, jagte durch die Straße, so daß ihr mancher späte Wanderer verwundert nachblickte, und kam vor ihrem Hause an, gerade als ihr Pferd zusammenbrechen wollte. Dort stürzte sie sofort in ihre Kammer und ließ sich vor niemandem sehen, aber Kerhild, die Schaffnerin, hörte sie von außen laut beten und vor sich hinwimmern. Kyburg vernahm das alles mit großer Verwunderung, als er gegen neun Uhr aus des Rates Trinkstube heimkehrte. Er brachte die weinenden Knaben ins Bett und gebot dem aufgeregten Gesinde, das Lager aufzusuchen. Er tat desgleichen, konnte aber lange nicht einschlafen und sank erst nach Mitternacht in einen Schlaf voll wirrer Träume. Gegen Morgengrauen klopfte es an seine Tür, und er fuhr eilend empor. »Was gibt's?« rief er schlaftrunken. »Herr, steht auf, es ist ein großes Unglück geschehen!« antwortete die Stimme des alten Matthäus. Kyburg fuhr in seine Kleider und öffnete die Tür. »Was ist's?« »Die Herrin ist schwer krank, sie schreit und jammert in ihrem Gemach.« »So renne, hole den Medikus aus der Jakobsgasse!« »Herr, den hat Kerhild schon geholt. Aber er stürzte aus dem Gemache wie der Teufel und schrie, es wär' nichts zu machen, wir sollten alle fliehen. Und die Mägde sind auch schon alle hinweggelaufen, nur Kerhild ist noch im Hause. Denn die Frau, Herr, hat die Pest!« Kyburgs Gesicht ward leichenfahl. »Dann ist sie verloren, die Unselige!« murmelte er. »Gott sei ihrer Seele gnädig!« Fünf Stunden später erklang die Totenglocke von Sankt Wenzel und verkündete der Stadt, daß die Frau ihres angesehensten Bürgers, die schöne Jutta von Merkwitz, gestorben sei. Am anderen Tage erklang sie viermal, am dritten siebenmal, und an den folgenden Tagen ward sie nicht mehr angeschlagen. Man hätte sonst unaufhörlich läuten müssen, denn fast zu jeder Stunde raffte der Würgeengel der Pest ein Opfer dahin. Der schwarze Tod war in Naumburg eingekehrt. Drittes Buch I. In seinem kleinen Gemache neben dem großen Bankettsaale der Innenburg saß Werner Kurtefrund mit seinem Bruder und dem einäugigen Ohm aus Neidschütz in lebhaftem Gespräch. Es war eine späte Abendstunde, aber die Fenster waren weit geöffnet, denn ein warmer Luftzug drang herein. Der Neidschützer hob den Becher empor. »Ich bring's euch, Neffen!« sagte er und ließ den goldenen Trank durch seine Kehle gleiten. Dann stieß er das schwere Silbergefäß hart auf den Tisch. »Das war ein böser, böser Winter, der hinter uns liegt, möchte nimmer wieder einen solchen erleben. Fünf Monde sind's, daß ich zum letzten Male hier bei euch war. Wir waren ja durch die verfluchte Pest auf unsern Schlössern wie belagert, wollte und konnte keiner zum andern. Es war eine vermaledeite Zeit.« »Ja, und wir können noch von großem Glücke sagen,« erwiderte Werner Kurtefrund. »Ringsum raste der Tod in allen Städten und Dörfern und auch auf vielen Burgen. Aber bei dir und uns ist kein Mensch gestorben.« »Auf dem Schlosse bei mir nicht, aber im Dorfe um so mehr. Es mag fast die Hälfte sein,« antwortete der Neidschützer. »Woran denn nicht allzuviel gelegen ist,« sagte Heinz Kurtefrund. »In unsern Dörfern sieht es übrigens auch schlimm aus. Aber das Volk vermehrt sich ja wie die Hasen, da werden die Lücken bald ausgefüllt sein. Wären nur lieber in den Städten mehr vom Teufel geholt worden! Das käm' uns recht zu passe!« »Donnerwetter!« schrie der Oheim, »bist du noch nicht zufrieden? In Naumburg sollen an die sechshundert Heringskrämer ins Gras gebissen haben!« »Was will das besagen!« murmelte der jüngere Kurtefrund. »Das waren zu zwei Dritteln Weiber und Kinder. Und Männer sind in der Stadt noch genug und übergenug! Und keiner von unseren besonderen Feinden ist dahin. Vor allem lebt der verdammte Merkwitz noch. Sein schönes Weib soll die erste gewesen sein, die in die Grube fuhr.« »Da kann er sich nur segnen, denn nun setzt sie ihm keine Hörner mehr auf!« warf der Neidschützer grimmig lachend ein. »Auch einen seiner Söhne hat er begraben,« fuhr Heinz Kurtefrund erbost fort, »aber er selber, der alte Kerl, ist durch die böse Zeit hindurchgegangen, frisch und gesund wie ein Fisch im Wasser. Und seit Mariä Reinigung ist er wieder Bürgermeister, und während noch seine Stadt voller Leichen lag, hat er wider uns gehetzt und geschürt und gerüstet und geworben, daß es eine Art hatte. Hätte doch der Teufel den Kerl geholt! Ich wollt' dafür meinem Schutzpatron eine Kapelle stiften!« Werner Kurtefrund saß mit gekreuzten Armen da und blickte seinen Bruder spöttisch und verwundert an. »Das sieht ja gerade aus, als ob du dich vor dem alten Waidbauern fürchtetest?« »Zum Henker!« brauste der Jüngere auf. »Jedesmal, wenn man ruhig und vernünftig redet und nicht auf den Tisch pocht und das Maul voll große Worte nimmt, heißt's bei dir: Du fürchtest dich, du hast Angst! Aber sage doch einmal: Wem verdanken wir das hier?« Er wies auf einen Haufen gesiegelter Schriftstücke, die zwischen den Kerzen und Krügen und Bechern verstreut auf dem Tische lagen. »Wem verdanken wir alle diese Absagen, die uns heute Mittag in die Burg geflogen sind? Da sagt uns der Bischof ab und die von Mühlhausen und die von Erfurt, und sogar die Salzsieder von Halle wollen unsere Feinde sein und ihre Ehre an uns bewahret haben! Glaubst du, der Städtebund wäre gegen uns zustande gekommen ohne diesen alten Schuft? Höchstens die Mühlhäuser wären den Naumburgern zugezogen, denn die stecken ihre Nasen in jede Fehde und helfen jeder Stadt in Thüringen, die von Rittern und Herren bedrängt wird. Alle andern hat der Merkwitz angestiftet. Er hat's dahin gebracht, daß wir gegen fünf Feinde fechten, statt gegen einen.« »Ich wundere mich,« entgegnete Werner Kurtefrund, »daß du so überflüssiges Zeug redest. Fechten wir denn gegen fünf? Nein. Denn ehe der Zuzug von allen den Städten herein ist, sind wir in der Stadt.« »Noch sind wir nicht darin,« versetzte Heinz Kurtefrund. »Aber, zum Geier! Wir kommen hinein!« rief der Burgherr, mühsam seinen Ärger über den Widerspruch seines Bruders dämpfend. »Wir kommen hinein, der Anschlag kann kaum mißglücken. Schon heute sind fünf von unseren Leuten als Mönche und Bauern und Krämer verkleidet in die Stadt gelangt, morgen gehen noch sechs oder sieben hinein. Kühnegold, der Stadtschreiber, verbirgt sie in seinem Hause, es liegt nur hundert Schritte vom Jakobstor. Um zwei Uhr in der Nacht stehen wir vor der Stadt. Die Neidschützer sind heute schon bei uns eingetroffen, morgen Nachmittag stößt der Schenk zu uns mit mehr als vierhundert Mannen. Sieht Kühnegold von seinem Dachfenster aus ein Feuerlein auflohen im Torfe Grochlitz, so brechen unsere Leute gegen die Torwächter vor, schlagen sie tot und öffnen das Tor. Und dann« – er schlug sich dröhnend gegen seine breite Brust – »dann hört das Krämernest an der Saale auf zu bestehen! Kommen tags darauf die Erfurter und Mühlhäuser und die von Halle an, da können sie sich die Stätte begucken, wo Naumburg stand, und mit dem Brandgeruch in ihren Nasen sich heimwärts trollen.« »Heil, Heil!« rief der Neidschützer Ohm und schwenkte von neuem den Becher. »Möge das Werk gelingen!« Alle drei stießen an und stürzten den feurigen Wein zu gleicher Zeit herab. »Werden denn«, fragte der Oheim, »die Kevernburger auch sicher bei dem Schenken eintreffen?« »Sie sind schon da,« erwiderte Werner. »Schon gestem abend sind sie in Tautenburg eingeritten!« »Donnerwetter!« sagte der Neidschützer, »das sind doch noch Leute, auf die sich einer verlassen kann! Hätte es kaum gedacht, daß sie noch fest bei der Stange bleiben würden, nachdem deine Tochter dem jungen Grafen Günther den Laufpaß gegeben hat. Aber reden wir nicht davon,« setzte er hinzu, als er sah, wie seines ältesten Neffen Antlitz bei seinen Worten sich verdüsterte. »Warum nicht?« entgegnete Werner. »Wir sitzen hier beisammen als die nächsten Schwertmagen, die letzten Rudelsburger, die es auf Erden gibt, außer meinem unmündigen Sohne, der, so Gott will, das Geschlecht fortpflanzen wird. Sollen wir Versteck spielen voreinander? Nein, ich will's Euch offen sagen, ich habe Unglück gehabt mit diesem Kinde!« Er holte tief Atem, und seine rauhe Stimme zitterte merklich, als er fortfuhr: «Sie war mein Stolz, schon als sie klein war, und immer stolzer wurde ich auf sie, als sie heranwuchs. Eine schönere und züchtigere Jungfrau gab es nicht im Thüringerland und im Osterlande, und an Geist und Kraft des Willens überragte sie weit alle anderen Weiber.« »Wozu denn freilich nicht viel gehört,« brummte der Neidschützer dazwischen. «Schon dacht' ich, sie sollt' eine Gräfin werden und unseres Hauses Glanz erhöhen, da wirft sie sich dem Schelm an den Hals, den der Teufel uns in den Weg geführt hat. Und als der Kerl dann fort ist und wir meinen, sie werde gesunden und ich fange an, wieder zu hoffen – da hört sie, daß der Mensch noch lebt und nicht tot ist, wie sie wähnt. Und von Stund' an ist sie so toll und verrückt wie vorher, und als der Günther genesen, erklärt sie ihm ins Gesicht, sie könne sein Weib nicht werden, und der arme Junge reitet betrübt nach Hause, obschon die Pest im Lande tobt.« »Solches wundert keinen, der die Weiber kennt,« bemerkte der Oheim aus Neidschütz und tat einen tiefen Zug. »Und sollte man's glauben,« sagte Heinz Kurtefrund, »der Narr ist noch immer nicht ohne Hoffnung. »Sie ist bezaubert,« erklärte er, als er abritt. »Kriegen wir den Kerl in unsere Hand und hängen ihn auf, so wird der Zauber schon zu Ende sein. Das hoff' ich bald zu erleben.« »Und bei dem allen zweifelt er nicht an ihrer Tugend?« fragte der Neidschützer mit einem höhnischen Lächeln. »Nein. Und auch ich zweifle nicht daran,« versetzte Werner Kurtefrund mit Nachdruck. »Sonst bliebe sie nimmer auf der Burg, ich steckte sie auf der Stelle ins Kloster!« Er seufzte tief auf. »Als eine Gefangene muß ich sie ja leider halten. Tät' ich das nicht, sie wäre längst entsprungen und zu dem Kerl nach Naumburg gelaufen.« »Und auf daß an der Geschichte auch etwas zum Lachen sei,« sagte Heinz Kurtefrund, »so hat der Mensch uns einen Fehdebrief geschrieben. ›Ich, Klaus Kyburg, Ritter, Geschützmeister der Stadt Naumburg, sage Euch, Werner und Heinrich Kurtefrund auf der Rudelsburg, hiermit ab und will meine Ehre an Euch bewahret haben.‹ So lautet der Wisch.« Der Neidschützer bog sich vor Lachen. »Nächstens sagen uns auch die Schusterjungen von Weißenfels ab,« schrie er, »oder die Bäckerzunft von Halle!« Während er noch redete, hörte man Schritte auf der Treppe und eine harte Hand pochte gegen die Tür. »Wer ist da?« rief Kurtefrund der Ältere und ging selbst, zu öffnen. Draußen stand der alte Kunemund und hinter ihm ein Mann in zerrissener Kleidung, naß, vor Kälte zitternd. Als den der Ritter erblickte, fuhr er zurück und erblich. »Du hier, Kühnegold? Was ist geschehen?« »Alles verraten, Herr! Eure Leute gefangen und im Turm. Ich selber mußte fliehen, wurde verfolgt, mußte durch die Saale, bin um ein Haar ertrunken!« Eine tiefe Stille entstand. Endlich sagte der Burgherr mit hohler, blecherner Stimme: »Also mit unserm Plan ist nichts. Wir müssen auf einen anderen sinnen. Kunemund, versorge den Mann. Gib ihm Essen und trockene Kleider.« »Herr,« raunte der Naumburger ängstlich, »noch etwas! Eine böse Kunde. Die Halleschen sind heute in Naumburg eingezogen, dreihundert Mann. Auch die Domfreiheit wimmelt von bischöflichen Knechten. Sie denken, morgen kommen auch die von Mühlhausen und Erfurt. Dann wollen sie vor Eure Feste rücken.« »Verflucht! Das könnte also schon übermorgen sein!« fuhr Kurtefrund auf. »Weißt du Näheres? Nicht? Dann gehe, es ist gut!« Er entließ ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung. Dann wandte er sich jäh zu den beiden Rittern um. »Du, Ohm, mußt morgen mit deinen Leuten nach Neidschütz zurück, denn die Burg da ist sonst zu schwach verteidigt. Und wir müssen zum Schenken schicken noch diese Nacht. Er muß in Tautenburg oder Prießnitz bleiben, und wenn sie uns hier belagern, muß er sie nächtlich überfallen. Das muß genau verabredet werden. Hol' den Pfaffen aus dem Bett, er soll's aufschreiben. Dann geht ein Bote zum Schenken ab. Keiner zu Roß, die Saalecker könnten auf ihn passen. Irmler kann gehen, der schlaue, der kommt bei Nacht gewiß durch. Sputen wir uns!« Bis gegen Mitternacht saß Werner Knutefrund mit dem Priester zusammen. Dann wurde der Bote abgefertigt und an einem Seile über die Mauer gelassen, denn er sollte abseits von Straßen und Wegen sich durch etwaige Posten der Feinde hindurchschleichen. Der Burgherr überwachte das selbst und sah, wie er in der Dunkelheit verschwand. Dann erst suchte er sein Lager auf. Aber lange hielt er es nicht auf seinem Pfühle aus. Schon nach wenigen Stunden trieb ihn eine unerklärliche Unruhe empor. Er kleidete sich an und irrte nun, einem Geiste gleich, der keine Ruhe findet, in der ganzen Burg umher, von Zimmer zu Zimmer, von Bastion zu Bastion, bestieg alle Türme, wandelte alle Mauergänge entlang. So trieb er es die ganze Nacht hindurch. Als im Osten über der Höhe der erste Schimmer des Tages erschien, stand er auf dem hohen Bergfried und spähte nach allen Seiten hinaus in das dämmernde Land. Und siehe, dort, wo die Straße sich aus dem Dorfe Freiroda von der Hochebene herabwindet – regte sich da nicht etwas? Der Ritter blickte schärfer hin, und es schien ihm, als ob sich die Gestalt eines Mannes zu Roß vom bleigrauen Morgenhimmel abhöbe. Aber es war wohl doch eine Täuschung, denn er war mit einem Male wieder verschwunden. Werner Kurtefrund rieb sich unwillig die Augen und stieß einen Fluch aus. War es möglich, daß er Dinge sah, die nicht vorhanden waren? Täuschte ihn so seine Einbildungskraft? Aber nein, es war kein Irrtum. Die Reitergestalt war wieder da, und neben ihr tauchten andere auf, und zuletzt stand eine ganze Masse droben auf der Höhe, und es war ihm, als nähme er ein Glänzen und Gleißen wahr, auch vernahm sein scharfes Ohr ein fernes Getrappel von Rossehufen. Da stürmte er die Treppe des Turmes herab, rannte in mächtigen Sätzen über den Hof den Altan empor, und gleich darauf gellte und heulte das Korn der Kurtefrunde über die Burg hin und rief jedem dröhnend ins Ohr: Die Naumburger kommen! Die Fehde hat begonnen! II. Werner Kurtefrund hatte einen sofortigen Angriff befürchtet und deshalb alle Mannen auf die Mauern und Zinnen gerufen. Er meinte, die Feinde würden mit Windeseile von der Höhe herniederbrechen und ihren Angriff gegen das östliche Tor richten. Aber zu seinem höchsten Erstaunen taten sie nichts dergleichen. Sie blieben droben stehen, bis die ersten Sonnenstrahlen aufblitzten und ihre roten Banner deutlich zu erkennen waren. Dann zog sich ein starkes Reitergeschwader langsam und vorsichtig auf ihrem rechten Flügel zusammen und blieb im Hintergrunde halten, während das Fußvolk, in sechs Rotten gegliedert, den sanft ansteigenden, der Burg gegenüberliegenden Abhang herniederstieg und sich in einer Entfernung von ein paar hundert Schritten, durch Pfeilschüsse und Schleuderwürfe nicht zu erreichen, in langen Reihen aufstellte. Es waren mehr als tausend Mann, denen in der Burg um das Fünffache überlegen. Werner Kurtefrund sah sofort, daß an einen Ausfall und Kampf im freien Felde nicht zu denken war. Schon dieser Überzahl gegenüber wäre das Torheit gewesen, und überdies konnten den Feinden die Reiter von droben zu Hilfe kommen und die Saalecker den Ausfallenden von unten heraufdrängend in die Flanke fallen. So wartete er denn ab, was die Städter und Bischofsmannen tun würden. An einen Angriff schienen sie zunächst nicht zu denken, sie hatten offenbar etwas ganz anderes vor. Denn von der Höhe herab stiegen jetzt Hunderte von Landleuten, mit Schaufeln und anderen Werkzeugen versehen, und begannen, dicht hinter den Reihen der Krieger einen Graben auszuheben und einen Erdwall aufzuschütten. »Sie schlagen ein Lager auf,« sagte der Neidschützer Ohm, »es sieht aus, als wollten sie nicht stürmen, sondern uns aushungern.« »Da können sie lange vor der Burg liegen!« entgegnete Werner. Er lachte rauh auf. »Die Städter sind doch immer dieselben! Immer alles listig, behutsam, bedächtig tun, heißt es bei ihnen. Nur nichts mit Gewalt und Ungestüm! Nur kein Blutvergießen! Sie haben so viele Leute, daß sie uns ernstlich warm machen könnten, wenn sie stürmen wollten.« »Warm machen ist noch nicht gewinnen,« bemerkte der Ohm. »Ich muß ihre Vorsicht nur loben. Eine Mauer von dreißig Ellen Höhe, die über einem Abhange steht, die stürmt sich schwer.« »Nun, Ohm, mir soll's um so lieber sein, wenn sie das Stürmen lassen. Dann kriegen sie die Burg ganz sicherlich nicht. – Aber sieh einmal dorthin! Was schleppen die Menschen da herbei?« Er wies auf die Heerstraße. Dort nahte sich eine Reiterschar, dann viele gewappnete Knechte zu Fuß, und endlich kam ein großer Lastkarren, der von sechzehn oder achtzehn Pferden gezogen ward. Auf ihm lag ein langes, unförmliches Ding, das von weitem aussah, wie ein gewaltiger, weißlich glänzender Buchenstamm, den man ausgehöhlt hatte. Der Oheim beschattete sein Auge mit der Hand und spähte angestrengt hinüber. »Zum Teufel!« rief er endlich. »Sollte das etwa die Donnerbüchse sein, von der die Leute im ganzen Saaltal faseln?« Kurtefrund lachte grimmig. »Ha, das ist wahr. Das könnte sie sein.« Eine dicke blaue Ader erschien plötzlich auf seiner Stirn. »Dort seh' ich auch den Hund, den Kyburg. Siehst du, dort oben neben dem Pferde! Das Wetter möge ihn erschlagen! Und dort kommt der hochwürdige Herr von Naumburg selber geritten. Er spricht mit dem Halunken. O ihr Schelme und Erzbösewichte, könnt' ich über euch kommen!« schrie er wütend und schüttelte seine Fäuste nach der Richtung hin, wo das Geschütz stand. »Und als Dritter gesellt sich jetzt der Merkwitz dazu,« sagte der Neidschützer giftig. »Die Schurken halten wohl Rat, wie sie das Ding von der Straße da hinüberbringen wollen?« Damit hatte er das Richtige getroffen. Schon war das Fortbringen des gewaltigen ehernen Rohres auf der Straße sehr beschwerlich und mühselig gewesen, und es erwies sich als ganz unmöglich, es über ungebahntes Gelände vorwärts zu schaffen. »Es hilft nichts,« sagte Merkwitz, »ein Weg muß gebahnt werden.« Kyburg pflichtete ihm bei. »Aber wird das nicht sehr viele Zeit in Anspruch nehmen?« fragte Bischof Johann bedenklich. »Können wir's nicht auf der Straße näher an die Burg heranführen und von da aus das Tor zerschießen?« »Das Tor,« erwiderte Kyburg, »läge bald in Trümmern. Aber damit hätten wir gar nichts gewonnen, denn in die Burg eindringen könnten wir dann noch lange nicht. Sie ist hier so wohl verwahrt, daß wohl hundert und mehr Menschen könnten erschlagen werden, ehe einer eindränge. Das Blut sparen wir, wenn wir von da drüben aus die Mauern zerschießen und dann durch die Bresche hineinstürmen.« »Nun, das müßt Ihr besser wissen als ich,« entgegnete der Bischof. »Wann meint Ihr, daß der Weg fertig ist?« »Vor Abend schwerlich, bischöfliche Gnaden.« »So werde ich mich bis dahin in mein Schloß Saaleck zurückziehen. Kommt die Mittagsstunde heran, so verfügt Euch zu mir, desgleichen Ihr, Herr Bürgermeister Merkwitz. Ich lade Euch zur Tafel.« »Eine große Ehre, Euer Gnaden, aber vergönnt mir, daß ich bei meinem Geschütz bleibe.« »Ihr seid ein närrischer Mensch,« sagte der Bischof. »Ich glaube, Ihr liebt das Ding da, wie eine Braut. Nun, Euer Wille geschehe! Wer lieber Schwarzbrot und Käse essen will, als Forellen und Wildpret, der tue nach seinen Gelüsten. Aber rufet mich, wenn Ihr so weit seid, daß der Tanz beginnen kann.« Er ritt die Höhe hinauf nach dem kleinen Vorwerk Kreipitzsch, denn er mußte auf einem großen Umwege sein Schloß erreichen. Sonst hätte ihn von der Rudelsburg aus leicht ein Pfeilschuß treffen können. Noch war er den Berg nicht zur Hälfte emporgelangt, da zügelte er sein Roß und schwenkte mit lautem Rufen seinen Hut. »Her zu mir!« rief er rückwärts gewandt. »Ich will Euch etwas zeigen!« Merkwitz und Kyburg eilten, so schnell sie konnten, auf ihn zu. »Schaut dort hinüber! Ihr werdet Eure Freude sehen!« sagte der Bischof und deutete mit der Hand auf den Höhenzug jenseits der Saale. Dort zog auf der Heerstraße, die sich zum Tal hinabsenkte, eine große Schar bewehrter Mannen zu Fuß und zu Pferde heran. Ein stattlicher Wagenzug folgte ihnen. Des alten Bürgermeisters Angesicht glänzte. »Das sind die Erfurter und Mühlhäuser. Ich erkenne deutlich ihre Banner. Gelobt sei Sankt Wenzel! Sie kommen ganz zur rechten Zeit. Nun mag der Schenk von Tautenburg gegen uns heranziehen, er zwingt uns nimmermehr.« »Ach, meint Ihr wirklich, der Schenk werde uns ein Treffen anbieten?« fragte der Bischof ungläubig. »Nein, Euer Gnaden. So töricht ist Rudolf der Schenk gewißlich nicht, denn im offenen Felde sind wir ihm weit überlegen. Dagegen, so sicher die Sonne des Nachts nicht scheint, wird er uns eben des Nachts überfallen. Diese oder die nächste Nacht, Herr.« »Da hast du recht, Merkwitz,« sagte Johann von Druczin, der gerade vorüberschritt. Er war der Hauptmann der bischöflichen Knechte, und auf den Rat ihres klugen Bürgermeisters hatte auch die Stadt ihr Kriegsvolk seinem Befehle unterstellt. Damit erwies man dem Bischof eine Ehre und tat sich selbst keinen Schaden, denn der Vogt von Saaleck war ebenso tapfer wie verschlagen, und keiner konnte einen Heerhaufen besser führen als er. Zudem war er mit Merkwitz eng befreundet. »Ich schwör's Euch, bischöfliche Gnaden, die beiden Nächte tue ich kein Auge zu, und immer die Hälfte des Heeres muß mit mir wachen.« »Wohl bekomm's Euch!« erwiderte Johann. »Heil mir, daß ich kein Kriegsmann geworden bin! Die erste Hälfte der Nacht ist zu Spiel und freundlicher Kurzweil da, die zweite Hälfte zum Schlafen. Mit Nachtwachen verschone man mich! Ich gähne schon bei dem bloßen Gedanken daran. Gehabt Euch wohl, Ihr Herren!« Am Nachmittag in der sechsten Stunde war Kyburgs gewaltige Donnerbüchse auf hoher Erdschanze der Burg gegenüber aufgepflanzt, auch hatte man die Lastwagen mit den schweren Steinkugeln dahinter aufgefahren. Eine riesige Fahne mit dem Bilde der Himmelskönigin wehte hoch in der Luft über dem ehernen Ungetüm und sollte Freunden und Feinden verkünden, daß hier keine böse Zauberei getrieben werde, sondern daß man unter dem Schutze der Heiligen zu kämpfen gedenke. Sie verfehlte auch ihres Eindruckes keineswegs. Werner Kurtefrund verfärbte sich, als er sie aufsteigen sah. Er wußte nicht, was er davon denken sollte. Der Teufel verschwand, das wußte jedes Kind, wenn man ein Kreuz oder ein Heiligenbild in seine Nähe brachte. Wie konnte also der Mensch da drüben es wagen, seine Kunst unter dem Zeichen der Gottesmutter zu üben, wenn sie vom Teufel war? Eine quälende Unsicherheit überfiel ihn plötzlich, und zum ersten Male durchfuhr sein Haupt der Gedanke, er könne bei dem ganzen Handel mit Kyburg sich geirrt haben. Aber gleich darauf kehrte die Sicherheit wieder in sein Herz zurück, und es ward ihm vergönnt, über seinen Feind laut zu triumphieren. Denn als nun der Mund des Ungeheuers Feuer spie und ein lauter Donner erschallte, da erfand sich's, daß die geschleuderte Kugel nur schwach unterhalb der Mauer auf die Erde aufgeprallt war und nicht den geringsten Schaden angerichtet hatte. Er stieß ein dröhnendes Gelächter aus, und das Herz schwoll ihm vor freudiger Genugtuung. »Sagt' ich's nicht? Narreteidinge und Spielerei! Wenn sie ihr Teufelswerk offen als solches betrieben, so könnt' es vielleicht gelingen, obwohl Sankt Elisabeths Schutz über dieser Burg steht. Aber da hängen sie das Bild der Jungfrau hin, und so vernichten sie ihre eigene Kraft. Weiß nicht, ob sie größere Schelme sind oder größere Narren!« So sprach Herr Kurtefrund, und seine Getreuen pflichteten ihm freudig bei. Drüben aber im Lager waren die Gesichter sehr lang geworden. »Zum Henker, was ist das?« rief Herr Johann bestürzt, und Merkwitz blickte den Geschützmeister mit sehr bedenklicher Miene an. »Seid ganz ruhig, das konnte kaum anders sein,« sagte Kyburg, etwas erblaßt, aber mit fester Stimme. »Ich mußte erst abmessen, wieviel des Krautes ich benötigte. Lud ich zuviel hinein, so sprang das Rohr. Jetzt aber kenn' ich das Maß.« Er lud mit Hilfe von vier Knechten das mächtige Geschütz von neuem. »Tretet zurück, Ihr Herren, und blickt scharf hinüber nach der Mauer. Ihr werdet dort etwas sehen können.« Wieder ein Blitz und ein donnernder Krach, und diesmal hatte das Geschoß getroffen. Mitten auf der Mauer war es aufgeschlagen mit furchtbarer Gewalt. Es zerbarst, aber mehrere große Steine des Mauerwerks rollten mit ihm den Abhang hinab. Ein betäubendes, langanhaltendes Triumphgeschrei aus dem Lager der Städter erscholl zu der Burg hinüber. Dort stand Werner Kurtefrund bleich und mit einem solchen Ausdruck des Schreckens in seinen Mienen, wie ihn bei dem eisenharten Manne noch kein Mensch wahrgenommen hatte. Was war das? Das war, bei Gott, kein Spielwerk, das war schwerer, schrecklicher Ernst. Zwanzig, dreißig solcher Schläge, und die Mauer stürzte zusammen. Das war ihm auf der Stelle klar geworden. Und solches geschah unter einem Panier mit dem Bilde der heiligen Jungfrau? Wie war das möglich? Vielleicht war es doch so, wie ihm der verhaßte Bischof Johann auf seine Anklage Kyburgs spöttisch hatte erwidern lassen: Nicht jeder kluge und weitgereiste Mann sei ein Zauberer, und nicht alles, was weise Leute erfänden, sei vom Teufel! Ja, so war es. Der Bischof hatte recht. Und diesen Mann hatte er von sich gestoßen und zu seinem Feinde gemacht! Hätte er diese Donnerbüchse in seinen Diensten gegossen, so wären alle die kleinen Herren und Ritter der Landschaft, die zwar Naumburgs Feinde waren, aber jetzt doch vorsichtig beiseite standen, ohne Zweifel offen auf seine Seite getreten. Dann hätte jeder schon die Mauern der Stadt in Trümmern und dahinter die Truhen der reichen Kaufleute in erreichbarer Nähe gesehen. Dann konnte er vor Naumburg stehen, statt daß die Naumburger vor seinem Schlosse standen. Wut und Neue über seine kurzsichtige Torheit packten seine Seele so stark, daß es ihm war, als ob ihn einer würge. »Verflucht sei der Esel, der alte Hogeniste!« knirschte er. In dem Augenblick krachte es drüben noch einmal, und wieder erbebte die Mauer, und wieder stürzte eine Menge Gestein den Abhang hinunter. Da stieg Werner Kurtefrund schweigend vom Mauergange herab. Er wollte den Greuel nicht mehr sehen. Drunten murmelte er: »Kommt der Schenk nicht in der Nacht, so ist die Burg verloren.« Drüben aber ritt der Bischof auf seinem Schimmel dicht an den Geschützmeister heran und nahm sein Barett ab. Zum ersten Male sah Kyburg in diesem feinen, stets etwas spöttisch verzogenen Antlitz ein echtes Wohlwollen aufschimmern. »Ihr seid ein erstaunlicher Mensch!« sagte Johann von Miltitz. »Ihr seid der erstaunlichste Mensch, den ich jemals gesehen, und diese Erfindung ist die größte, die es gibt, und bringt eine neue Zeit herauf. Ihr seid jetzt hundertmal mehr wert als jeder andere im Heer, und deshalb will ich nicht, daß Ihr diese Nacht in Gefahr kommt. Der Kurtefrund macht einen Ausfall, denn zerschlägt er Eure Maschine nicht, so ist er verloren. Da könnt' es geschehen, daß Euch im Dunkeln ein Pfeil träfe und das Licht auslöschte, das in Eurem Hirn brennt. Darum folgt mir nach Saaleck. Keine Widerrede! Druczin und Marschall, Ihr haftet mit Euren Köpfen, daß dem Instrumente da kein Schaden geschieht!« »Herr!« rief der Vogt von Saaleck mit funkelnden Augen und strich seinen roten Bart, »dessen braucht Ihr uns wahrlich nicht zu mahnen. Ich wache hier mit dreihundert Knechten, und droben steht Merkwitz auf der Lauer gegen den Schenken.« »So kommt!« rief der Bischof. »Es wird dunkel. Ihr könnt heute nicht mehr schießen.« Kyburg sträubte sich, so sehr er konnte, aber er vermochte gegen den Eigenwillen des Kirchenfürsten nichts auszurichten. Halb mit Gewalt schleppte ihn der Bischof nach der Saaleck hinüber. III. Die Sonnenscheibe war schon zur Hälfte über die Hügel im Osten emporgestiegen, als der Geschützmeister der Stadt Naumburg aus tiefem, traumlosem Schlafe erwachte. Die beiden Fenster des Gemaches, in das der Bischof ihn spät am Abend nach einem üppigen Gelage hatte bringen lassen, schauten auf den Burghof hinaus. Der war eng und noch halb dunkel, und als er von seiner Höhe auf ihn herunterspähte, vermochte er nur mit Mühe etwas zu erkennen. Bald aber gewöhnte sich sein Auge an das matte Licht, und was er nun sah, das erfüllte ihn mit Staunen und Schrecken. Eine Bahre von rohen Holzstecken stand mitten im Hofe, und auf ihr lag lang ausgestreckt die Leiche eines Ritters in voller Eisenrüstung. Den zerhauenen Helm hatte man auf die Seite gestellt, das Gesicht des Toten war unverhüllt und schimmerte geisterhaft bleich herauf, aber seine Züge vermochte Kyburg nicht zu unterscheiden. Und dort in einem Winkel kauerten am Boden mehrere gefesselte Männer, neben denen ein Wächter mit der Lanze lehnte. Was mochte das bedeuten? Wahrscheinlich hatte ein Überfall stattgefunden, und er hatte derweilen geschlafen. Zu verwundern war das nicht, denn auch das wildeste Lärmen und Tosen des Kampfes konnte in sein Gemach nur schwach vom Lager herübertönen, obwohl die auf den großen Turm über ihm zustrebenden Dohlen gegen einen scharfen Ostwind ankämpften. Aber es gereute ihn mit einem Male heftig, daß er nicht dabei gewesen war, als da nächtlicherweile die Schwerter klirrten, und zugleich packte ihn eine große Besorgnis. Geglückt konnte der feindliche Überfall nicht sein, denn sonst hätte man die Gefangenen da unten nicht einbringen können. Aber war seine Donnerbüchse unversehrt? Darüber Gewißheit zu erlangen, war ihm wichtiger, als wer der Gefallene dort unten war. Er kleidete sich an und rief dann nach dem Knechte, der ihn waffnen sollte. »Nehmt einstweilen mit mir vorlieb,« sagte der Ritter von Marschall, der aus einem Nebengemache heraustrat. »Ich schnalle Euch den Panzer im Rücken zu, so Ihr mir den gleichen Dienst erweist.« »Gern, Herr. Aber sagt mir vor allem: Was ist in dieser Nacht geschehen?« »Das Beste, was geschehen konnte,« erwiderte der Ritter. »Wir haben die zurückgeschlagen, die von der Höhe her über uns kommen wollten, und die zurückgeworfen, die aus der Burg drangen.« »Und meiner Büchse ist nichts geschehen?« »Nein, gelobt sei Gott! Aber sie war in harter Bedrängnis. Herr Kurtefrund und seine Leute kämpften darum, wie um die ewige Seligkeit.« »Dank sei dir, Sankt Jakob!« rief Kyburg und hob die Hände zum Himmel empor. »Und wer ist der Tote, der da unten liegt?« »Das ist der edle Schenk von Tautenburg.« »Wie? Der ist gefallen? Wer hat ihn gefällt?« »Ein Pfeil ist ihm durch den Hals gegangen. Es war fast noch dunkel, als der Kampf begann, und niemand weiß, wer den großen Schuß getan hat.« »Und Gefangene haben wir auch gemacht?« »Ha, und was für welche!« rief der Marschall. »Drüben sitzen drei Kevernburger in ritterlicher Haft. Dort unten liegen gefesselt acht Leute von kleinerem Adel, fünfzig oder sechzig gefangene Knechte sind schon nach der Stadt abgeführt.« »Sind Rudelsburgcr dabei?« »Nein, von der verwetterten Bande hat sich keiner fangen lassen. Wir werden sie aber schon noch kriegen, wenn Ihr die Mauern in den Grund geschossen habt, und dann gnade ihnen Gott! Fällt Werner Kurtefrund lebendig in die Hände der Bürger, ich glaube, sie hängen ihn auf. Er hat die Nacht ein paar Stadtsöhne mit eigener Hand erschlagen.« »Das ist sein gutes Recht in währender Fehde,« entgegnete Kyburg. »Aber sagt mir, ist unter den Gefangenen der junge Graf Günther von Kevernburg?« »Ja, der ist dabei. Sein Vater ist entwischt. Da werden die Naumburger ein stattliches Lösegeld herauspressen. Dem Bischof tut's leid, daß nicht seine Mannen ihn gefangen haben. – Hier, Herr, geht es die Treppe hinab. Laßt mich vorangehen und folgt mir auf dem Fuße nach, es ist beinah finster auf den Stiegen.« Als die beiden ins Freie traten, sahen sie den Bischof, der eben das Haus verlassen hatte, vor der Bahre stehen. Sein Antlitz zeigte einen ungewöhnlich ernsten Ausdruck, und seine sonst helle und scharfe Stimme klang gedämpft, als er jetzt anhub zu reden: »Tretet einmal näher und seht Euch den an. Das war der edelste und reichste Ritter in Thüringen. Ist es nicht ein absonderliches Fatum, daß er hier aufgebahrt liegt? Diese Burg gehörte seinen Ahnen und hat seines Hauses Glanz gesehen, bis sie an eine Seitenlinie kam, die verarmte. Hier ist sein Urgroßvater Rudolf, der Schenk von Vargula, oftmals zu Roß gestiegen, und der hier war seiner nicht unwert. Nun liegt er auf den Schragen. Sic transit gloria mundi. Das Leben der Menschen ist ein erbärmlich Ding und wirklich einer Blume des Feldes vergleichbar.« Dann setzte er in seiner gewohnten, leichtfertigen Weise hinzu: »Man muß es nehmen, wie's kommt und sorgen, daß man auf Erden wenigstens etwas gehabt hat, wenn man in die Grube fährt. Marschall, lasse die Pferde vorführen! Sie werden uns drüben längst erwarten.« Schon während der Rede des Bischofs hatte Kyburg unter den Gefangenen an der Mauer einen gesehen, der ihm wunderlich bekannt vorkam. Jetzt faßte er ihn schärfer ins Auge, und Johann folgte mit den Augen der Richtung seines Blickes. »Kennt Ihr etwa den jungen Fratz?« fragte er nun neugierig. »Der Bursche nennt seinen Namen nicht, und keiner kennt ihn.« »Erlaubet!« sagte Kyburg und trat dicht an den Gefangenen heran. Der war ein schlanker Jüngling von etwa sechzehn bis siebzehn Jahren. Die blonden Haare hingen ihm wirr und blutig um das Haupt, denn er hatte eine Wunde zwei Finger breit oberhalb der Stirn. »Wer bist du?« fragte Kyburg. Aber er erhielt keine Antwort. Finster, mit zusammengekniffenen Lippen saß der Jüngling da und blickte ihn trotzig an, ohne ein Wort zu sprechen. Und doch erkannte ihn Kyburg. Denn diese Augen hatten ihm ja, wo er auch ging und stand, vor der Seele gestanden. Nun sah er sie wieder in einem Jünglingsangesichte. Er trat hastig auf den Bischof zu. »Herr, wollt Ihr mir ein Gutes tun?« Johann lachte. »Gern, nur darf's nichts kosten.« Er schlug auf seine leere Tasche. »Keinen Heller, Herr. Schenkt mir den Gefangenen dort!« »Wie? Kennt Ihr ihn? Ist's etwa ein Grafensohn? Da könnt' mir das Geschenk sehr teuer werden.« »Nein, Herr, er ist nicht der Sohn eines Grafen, und Lösegeld wird Euch schwerlich jemand für ihn zahlen. Sein Vater wird heute abend noch gefangen oder tot sein. Es ist Werner Kurtefrunds Sohn. Er war bei Günther dem Schwarzburger als Page, ist wahrscheinlich von dort heimlich zum Schenken gelaufen und so in Eure Hand gefallen.« »Der Tausend!« rief der Bischof. »Das ist ja verwunderlich. Seid Ihr dessen auch ganz gewiß?« »Ich habe ihn nie gesehen und würde ihn doch unter Tausenden erkennen.« »Und was wollt Ihr mit ihm?« »Ich will ihn davor bewahren, daß ihn die Bürger hängen, und ist die Fehde zu Ende, so lasse ich ihn frei von dannen ziehen.« Der Bischof blickte ihn verwundert von der Seite an. »Hört einmal! Ihr seid ja erschrecklich edelmütig. Werner Kurtefrund wollte, daß Ihr zu Pulver verbrannt würdet, und Ihr wollt seinen Sohn retten? Man fühlt sich ja geradezu bedrückt in der Gegenwart eines so unermeßlich edlen Menschen.« »Ich scheine Euch edler, als ich bin,« versetzte Kyburg. »Denn wisset, Herr, so wir die Rudelsburg gewinnen, dann wird die Schwester dieses dort mein eheliches Weib.« Aufs höchste überrascht blickte ihn der Bischof an, blies die Backen auf und ließ die Luft durch die Zähne entweichen. »Schau, schau!« rief er und lachte laut. »Jedes Ding hat seine natürlichen Ursachen. Aber,« setzte er vertraulich hinzu und klopfte Kyburg mit dem Finger auf seinen Brustharnisch, »ist es denn nötig, daß Ihr sie heiratet? Die Ehe ist ein Sakramentum, ein höchst gefährlich Ding. Will man sie lösen, so kostet das viel, viel Geld und macht große Umstände. Laßt lieber die Hände davon. Sie wird auch so die Eure werden, wenn sie alles verloren hat.« »Mir däucht es besser, sie zu meinem Weibe zu machen.« »Nun, dann nehmt meinen bischöflichen Segen dazu, und auf ein tüchtiges Faß Wein als Hochzeitsgabe soll mir's nicht ankommen. Ich habe zwar Kurtefrunds Geschlecht mit ihm selber verflucht, aber aus Freundschaft zu Euch will ich den Fluch wieder aufheben, wenn der Kerl tot oder gefangen ist. Sonst könnte es Euch schließlich an Nachkommen gebrechen, wenn der Himmel den Fluch eines so heiligen und würdigen Mannes, wie ich es bin, allzu wörtlich nehmen sollte. Was zu vermuten steht.« Er lachte in seiner trockenen Weise und rief dem Ritter, der eben die Pferde durchs Burgtor ins Freie führen ließ, mit schallender Stimme zu: »Marschall, setzt den jungen Menschen dort mit zu den drei Käfern, die wir gefangen haben. Er wird bald der Schwager unseres gelehrten und fürtrefflichen Geschützmeisters sein.« Darauf ging er mit Kyburg durch das enge Torgewölbe und stieg erst draußen ein Stück unterhalb der Burg in den Sattel. Es war hier nicht schwer, empor zu reiten, aber abwärts führte man die Tiere lieber am Zügel, als daß man auf ihrem Rücken saß. Dann ging's auf dem Umwege über die Höhe dem Lager zu. Dort wurde Kyburg mit laut schallenden Heilrufen begrüßt, und nicht lange dauerte es, so donnerte aus dem in der Nacht so hart umstrittenen Rohre der erste Schuß. Und dann dröhnte der dumpfe Knall Viertelstunde auf Viertelstunde von den Bergeshöhen wider. Schneller konnte Kyburg nicht schießen, denn das Laden erforderte viel Zeit, auch wäre sonst das Metall des Geschützes zu heiß geworden. Die Mittagsstunde war noch nicht herangekommen, da trat das ein, was die in der Burg mit Angst und Schrecken, die im Lager mit Sehnsucht und fieberhafter Spannung erwarteten: Ein Teil des riesigen Mauerwerkes neigte sich nach vorn und stürzte unter furchtbarem Krachen den Abhang hinunter. Einige Tapfere, die noch oben auf dem Mauergange gestanden hatten, wurden mit hinabgerissen und unter den Steinmassen begraben. Ein wahres Triumphgeheul erhob sich überall im Lager. Dietrich von Merkwitz umarmte den Geschützmeister im Angesichte des ganzen Heeres. Dann ordnete er mit Johann von Druczin die Reihen zum Sturm. Die Musik setzte ein. Die Trommeln rasselten, die Pfeifen schrillten, die Hörner gellten, und unter wilden Rufen rückte eine gewaltige Menschenmasse den Abhang hinauf. Werner Kurtefrund erkannte, tödliche Wut im Herzen, daß die Vorburg verloren war. Langsam, Schritt für Schritt, wich er mit den Seinen nach der Innenburg zurück. Neben ihm sank mancher Mann zu Bden, sein Oheim von Neidschütz erlag einem Speerwurf, sein Bruder ward mit einem eisernen Haken niedergerissen und fiel in der Feinde Gewalt, an ihn selber wagte sich niemand. Einen eisernen Streitkolben ließ er in der Luft umherwirbeln, den andere nur mit zwei Händen hätten schwingen können. Vor dieser furchtbaren Waffe scheute ein jeder zurück, und so kam er unversehrt bis an die Zugbrücke der Innenburg. Gerade als er einen Fuß auf sie setzte, ward sie in die Höhe gezogen. Sie senkte sich zwar auf der Stelle wieder, aber er kam dadurch zu Fall. Sofort stürzte sich ein Knäuel von Menschen über ihn. Er ward gefangen. Nun war jeder Widerstand zu Ende. Die Masse wälzte sich in den Burghof, und auf der Treppe, die zum Altan emporführte, stellte sich der alte Kunemund mit ein paar Knechten den Eindringenden entgegen. Sie wurden mit leichter Mühe zu Boden geschlagen, und nun war der Weg in die Gemächer frei, die Menge ergoß sich in das Schloß, um zu rauben und zu plündern. In diesem Augenblicke betrat Kyburg den Hof. Er hatte nicht früher durch das dichte Gedränge hindurchkommen können. Nun eilte er in mächtigen Sätzen zur Kemenate. Die Heiligen mochten geben, daß der Geliebten noch kein Leid widerfahren war! Er stürmte die Treppe hinauf und stand vor ein paar Knechten, die sich alle Mühe gaben, eine Tür einzutreten. Gott sei Dank! Die Frauen hatten sich eingeriegelt, und eine zweite Tür, das wußte er, gab es nicht, und hinter dieser kam erst ein langer Gang, der nach dem Gemache der Jungfrau führte. Es lag nach vorn heraus, man konnte von seinen Fenstern aus das halbe Saaltal überblicken. Als die Knechte den Geschützmeister erblickten, standen sie von ihrem Beginnen ab. »Leute,« sagte Kyburg, »laßt Euch nicht stören. Die Tür müssen wir zerschlagen. Und alles, was wir finden an Gold und Silber, soll Euer sein, aber des Burgherrn Tochter ist mein!« Die Knechte grinsten, dann stürzten sie sich wieder gegen die Tür, aber ihr Mühen war ganz vergeblich. Das uralte harte Eichenholz gab nicht nach. »Schafft eine Axt herbei!« gebot Kyburg. »Drüben in der Halle hängen Äxte!« Einer der Knechte lief die Treppe hinab. Die paar Minuten, ehe er wiederkehrte, dünkten Kyburg eine Ewigkeit. Eben, als er wieder emporkeuchte, schrie es auf einmal von allen Seiten: »Feuer! Feuer!« und als Kyburg ans Treppenfenster sprang, sah er schon jenseits des Hofes, wo die Knechtestuben lagen, die rote Lohe zu einem der Fenster herausschlagen. Wie ein Rasender schmetterte er jetzt seine Axt gegen die Tür, denn bei dem scharfen Winde konnte in einer Viertelstunde die ganze Innenburg in Flammen stehen. Schon füllte sich der Hof mit Rauch, und ein scharfer, brenzlicher Geruch drang bereits durch das enge Fenster. Die Frauen aber, die, wahrscheinlich halb betäubt vor Angst, in ihrem Gemache über der Saale sich zusammendrängten, mochten wohl von der entsetzlichen Gefahr noch gar nichts ahnen. Schon wurde der Qualm dichter. »Zum Teufel, Herr!« rief der eine der Knechte nach einer Weile, »wenn Ihr braten wollt, so bratet allein!« Damit sprang er die Treppe hinunter, und der andere folgte auf der Stelle seinem Beispiele. Kyburg achtete kaum darauf. Schlag auf Schlag führte er gegen die Eichenbohlen, und endlich gaben sie seinen Hieben nach. Die Tür fiel in Trümmer, die Bahn war frei. Aber schon prasselte auch das Dach über ihm in hellen Flammen. »Gertrudis!« schrie er in den Gang hinein, und dann noch lauter und gellender: »Gertrudis!« Da flog die Tür des Gemaches auf, in dem sie weilte. Totenbleich, mit weit aufgerissenen Augen schaute sie auf ihn hin. Mit einem Satze sprang er auf sie zu und nahm die Wankende in seine Arme. »Hinaus!« schrie er den Frauen zu. »Es geschieht Euch nichts. Aber die Burg brennt. Schnell hinaus, schnell!« Er trug Gertrudis, die halb ohnmächtig an seiner Brust lehnte, die Treppe hinab. Die zitternden und schreienden Frauen folgten. Als er unten mit seiner Last zur Tür hinaustrat, stürzte eine Menge glühender Ziegel vom Dache auf sie herab. Ihm taten sie nichts, denn ihn schirmte die Eisenhaube, aber die Jungfrau streifte ein Stein an der Stirn und schlug ihr eine klaffende Wunde. Sie schrie laut auf, und er eilte mit ihr, aufstöhnend vor Schrecken, durch den qualmgefüllten Hof über die Zugbrücke nach der noch unversehrten Vorburg, wo Bischof Johann und Dietrich von Merkwitz auf ihren Pferden vor der Kirche der heiligen Elisabeth hielten. »Schafft das Bild heraus!« gebot eben der Bischof. »Heute muß die Heilige mit, sie mag wollen oder nicht. Der Wind schlägt um, und in ein paar Stunden ist von der Burg der Kurtefrunde wenig mehr übrig. Ha, da seid Ihr ja!« rief er, Kyburg bemerkend, und lenkte sein Roß auf ihn zu. »Ich trug schon Sorge um Euch. Wen habt Ihr da? Ist das die Tochter des Rudelsburgers?« Er blickte aufmerksam auf die Ohnmächtige nieder. »Das war einst eine schöne Jungfrau,« sagte er, »aber ich fürchte, die Wunde wird sie sehr entstellen. – Wollt Ihr sie auch jetzt noch heiraten?« raunte er Kyburg hinter der vorgehaltenen Rechten zu. »Sie wird mein Weib. Wenn es Gott und seine Heiligen wollen, schon in den nächsten Tagen,« sagte Kyburg bestimmt und fest und nahm sie von neuem in seine Arme, um sie aus der Burg zu tragen. IV. Noch am Abend desselben Tages traten die Sieger den Rückweg an, denn in der brennenden Burg gab es nichts mehr zu rauben. Die feurige Lohe, die den ganzen Abendhimmel blutigrot färbte, beleuchtete die Straße und trug vor ihnen her die Kunde, daß der große Schlag gelungen sei. Das wurde den Bürgern Naumburgs auch bald ausdrücklich bestätigt. Reitende Boten, abgesandt von den beiden Bürgermeistern, trafen in der Stadt ein und riefen in allen Straßen mit schallender Stimme aus, die Rudelsburg sei erstiegen und stehe in Flammen, die Kurtefrunde habe man gefangen. Eine ungeheure Menschenmenge wogte in den engen und krummen Gassen auf und nieder, und als nun endlich der Zug, von Glockengeläut und unermeßlichem Jubelgeschrei begrüßt, durch das Salztor einbog, da konnte er sich nur mit Mühe seinen Weg durch die dichtgedrängte Volksmasse bahnen. Bischof Johann war mit seinen Rittern und Mannen vor dem Tore nach links abgebogen und zog still in seine Domfreiheit ein. Dort mochten die Seinen bei Bier und Wein den Sieg feiern – er begab sich mit einigen Vertrauten in seine Kuria, denn er war schwer geärgert und tief verstimmt. Ein Streit hatte sich erhoben zwischen ihm und den Städtern noch vor der brennenden Burg der Feinde, und nur sein schnelles Nachgeben hatte es verhindert, daß es von bitteren Worten zu Tätlichkeiten kam. Es erhub sich die Frage, was mit den Gefangenen geschehen sollte. Die Bürger verlangten, daß sie im Triumph in die Stadt eingebracht und dann ins Gefängnis geworfen würden. Herr Johann hatte nichts dagegen, daß solches mit den Kurtefrunden und ihrem Anhange geschehe. Im Gegenteil, das konnte ihm nur gelegen kommen, da wurde dem dummen Volke einmal so recht deutlich sichtbar vor Augen geführt, wie rasch sich ein bischöflicher Fluch erfüllte und wie er nicht nur das ewige, sondern auch das zeitliche Verderben zur Folge hatte. Aber den Kevernburgern wollte er diese Demütigung ersparen. Sie gehörten doch nun einmal zu den edelsten Familien des Reiches, ihre nahen Geschlechtsvettern waren die Schwarzburger, deren Haupt, Graf Günther, überall in höchstem Ansehen stand. Eine üble Behandlung der gefangenen Grafen mußte ihn tief erbittern und den ganzen hohen Adel Thüringens wider die übermütigen Sieger reizen und aufbringen. Das alles stellte er den Naumburger Ratsherren und Viertelsführern eindringlich vor. Vergebens. Es war, als hätten die Bürger allen Verstand verloren. Nur der allzeit kluge und kühle Dietrich von Merkwitz trat ihm bei, aber auch er hielt bald den Mund und raunte ihm zu: »Austoben lassen, gnädigster Herr! Die Leute sind jetzt trunken! Da ist gar nichts zu machen!« Und es war auch gar nichts zu tun, der Bischof mochte bitten oder drohen. Im Innersten wütend mußte er endlich nachgeben, denn er besaß ja nicht den geringsten Rechtsanspruch auf die Gefangenen, die seine Verbündeten gemacht und nur einstweilen in sein Schloß untergebracht hatten. So lieferte er sie denn aus und behielt nur die wenigen zurück, die seine eigenen Leute eingebracht hatten, darunter Kurtefrunds Sohn. Hätten die Städter gewußt, daß er in seiner Hand war, sie wären wohl imstande gewesen, ihn mit Gewalt zu nötigen, daß er auch den Jüngling ihrer Rache überantworte. Denn mit Schrecken hörte der Bischof, daß man ein Blutgericht halten wolle über alle Gefangenen und daß keiner der Landbeschädiger mit dem Leben davonkommen dürfe. Das konnte ein übler Handel werden, der keinem der daran Beteiligten Nutz und Ehre brachte. Es beruhigte ihn nur wenig, daß Merkwitz ihm wiederum zuflüsterte: »Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, Euer Gnaden!« Auf keinen Fall wollte er mit dabei sein, wenn die Gefangenen in die Stadt gebracht wurden und das über die Maßen erbitterte Volk eine Untat an ihnen beging, die er doch nicht abwenden konnte. In der Tat war es fast ein Wunder zu nennen, daß sie lebend und unversehrt das Rathaus erreichten. Denn als das Volk die beiden Kurtefrunde erblickte, die mit gefesselten Händen zwischen speertragenden Soldknechten dahinschritten, da begann es vor Wut zu rasen. Wildes Geschrei, Flüche und Verwünschungen erschollen von allen Seiten, mehrmals schien es der Menge zu gelingen, sich ihrer zu bemächtigen, und dann wären sie ohne Frage in Stücke gerissen worden. Aber immer vermochten es die Knechte, die Tobenden zurückzudrängen, und als endlich der Zug vor dem Rathause angelangt war, stießen sie die Gefangenen in die feuchten, halbdunklen Gefängnisse, die sich unter dem dunklen Gebäude in großer Zahl befanden. Die drei Grafen und die beiden Ritter wurden, jeder einzeln, in eine der kleinen gewölbten Steinzellen geschoben, nachdem man ihnen die Handschellen abgenommen, dagegen ihre Füße in Eisen geschlossen hatte. Dort mochten sie ihr Schicksal erwarten. Es schwante einem jeden unter ihnen, daß dieses Schicksal wahrscheinlich ein sehr übles sein werde. Die Kevernburger hatten vorher auf ihren Stand gepocht und gemeint, es könne ihnen das Ärgste doch nimmermehr geschehen. Aber nach dem Schrecken des Einzuges ließen sie trübselig die Köpfe hängen, und es dämmerte ihnen der Gedanke auf, daß Erwägungen der Klugheit und des Rechtes für eine aufgeregte Volksmenge nichts mehr bedeuten, sondern daß sie nur nach ihren wilden Trieben handelt. Denselben Gedanken sprach droben im Rathaussaale einer offen und furchtlos aus: Dietrich von Merkwitz. Der Rat hatte sich nämlich sogleich zur Aburteilung der Gefangenen versammeln müssen. Viele seiner eigenen Mitglieder verlangten das, und noch mehr forderte es das Volk, das wie ein in seinen Tiefen aufgewühlter See das Rathaus umbrandete und brüllend und heulend den Todesspruch über die Gefangenen begehrte. Droben unter den Ratsverwandten war der Fürsprecher und Wortführer der Menge kein Geringerer als der zweite Bürgermeister Heinz Edelste. Er sprach mit laut tönender Stimme: »Liebe Gesellen und Freunde! Die da unten haben ganz recht, wenn sie von uns verlangen, daß wir unverzüglich über die Schelme ein Urteil sprechen. Denn sie fühlen und wittern, daß es auch diesmal gehen soll, wie es schon oft gegangen ist. Die Stadt wird von Räubern und Plackern bedrängt. Fangen wir aber einmal einen, dann heißt es: Er ist mit dem verwandt oder mit jenem verschwägert, er hat dem gute Dienste geleistet oder jener ist sein hoher Gönner – und was geschieht? Man läßt den Galgenvogel fliegen, nachdem man ihm etwas die Federn gestutzt hat. Er zahlt eine Buße und schwört Urfehde, und fort ist er. So soll's auch diesmal wieder gehen, das merken die Bürger wohl. Schon hat der Bischof angefangen, dieses Liedlein zu pfeifen. Aber wir wollen danach nicht tanzen. Gott hat uns der Stadt alte Feinde, die Kurtefrunde, in die Hand gegeben. So sollen sie büßen, was sie gefrevelt haben. Sie haben beide zehnmal den Tod verdient und ihre ganze Rotte mit ihnen. So sollen sie ihn kosten. Und nun die Kevernburger! Aus reinem Frevelmuts haben sie sich in den Handel eingemischt, denn die Stadt hat nichts mit ihnen zu tun. Schlagt ihnen allen die Köpfe ab! Das wird allen im Lande, die der Stadt Feinde sind, einen sonderlichen Schrecken einjagen, und alle Welt wird Achtung bekommen vor unserer harten Hand.« Damit setzte er sich. Von vielen Seiten erklang Beifall, aber Dietrich von Merkwitz rief mit blitzenden Augen: »Du irrst, Heinz Edelste! Alle Welt wird vielmehr sagen: Die Naumburger haben, berauscht von ihrem Siege, das Recht wie die Vernunft vergessen. Und das muß ich auch sagen, und wenn mich das vom Volke nicht wundert, das stets das Unvernünftige will, wenn es losgelassen dahinrast, so wundert's mich um so mehr von Euch. Zuvörderst: Wo bleibt das Recht? Wir haben hier nur zu Gericht zu sitzen über Hals und Hand, wenn des Bischofs Schultheiß unter uns ist. Aber wo ist er? Sein Platz steht leer!« Allgemeines Murren. »Wie?« rief Heinz Edelste, »so redest du, der immer die Rechte der Stadt vertreten hat gegen die Domfreiheit?« »Die Rechte der Stadt! Das ist wahr, die vertrete ich. Ihr aber wollt Unrecht üben. Und ganz unklug ist Euer Beginnen. Daß Ihr die Schwarzburger, Hohnsteiner, Gleichen gegen uns aufbringt, wenn Ihr Hand legt an die von Kevernburg, das hat euch der Bischof schon gesagt. Und wie steht es nun mit dm Kurtefrunden?« – – »Was? Auch die willst du schonen?« schrie der alte Christian Abesser zornig. »Daraus wird nichts!« »Hast du vergessen, was sie deinem Sohne getan?« erklang's von einer anderen Seite. »Ich habe nichts vergessen, aber ich suche nicht meine Rache, sondern der Stadt Bestes. Halten wir Werner Kurtefrund in unserem Turm mit seinem Bruder, so kann uns niemand schelten. Knüpfen wir seine Gesellen vor seinen Augen auf, so kräht kein Hahn nach diesen. Die Ritter aber sind des Herrn Landgrafen Lehnsmannen, wenn sie auch in ihrer Frechheit nicht nach ihm fragten. Aber das Blutgericht über sie steht ihm zu; wir müssen uns, wenn wir sie richten wollen, einen Schöppen von ihm erbitten, der unsere Sitzung leitet. Tun wir das nicht, so ziehen wir uns seinen Zorn und seine Ungnade zu!« Wieder Murren und Geschrei von allen Seiten. »Wir brauchen den Fürsten nicht! Was fragen wir nach des Landgrafen Gnade!« »Ich wollte, wir brauchten nichts danach zu fragen,« sprach Dietrich von Merkwitz mit starker Stimme. »Aber noch sind wir nicht freie Stadt, so viele Rechte wir uns auch schon erkauft haben. Noch steht uns das Blutgericht nicht zu über unsere eigenen Leute, viel weniger über des Landgrafen Leute, auch wenn wir sie gefangen haben. Freunde und Ratsgesellen! Der Fürst kommt morgen nach seiner Stadt Jena, wo er eine Tagung hat mit den Reußen und Lobedaburgern. Er ist also nicht fern. Schickt eine Gesandtschaft an ihn ab, daß er einen seiner Räte zu uns entsende. Schiebt bis dahin das Urteil auf, und laßt uns jetzt heimgehen!« »Nein!« schrie Heinz Edelste. »Wollt Ihr die Kevernburger einstweilen schonen – meinetwegen, in des Teufels Namen! Aber die Kurtefrunde – –« Seine Stimme wurde übertönt durch ein donnerndes Gebrüll, das von unten heraufklang. Alles eilte an die Fenster. Bei dem Schein der zahlreichen Fackeln, Laternen und Windlichter, die den Platz erhellten, war zu sehen, daß Kyburgs große Donnerbüchse auf dem Platze auffuhr. Hier sollte sie, von Knechten bewacht, die Nacht über stehen bleiben. Kyburg war mit seinem schweren Geschütze fast eine Stunde später als das übrige Heer in Naumburg angekommen. Als die Pferde durch das Tor keuchten, war in der großen Salzgasse kein Mensch mehr zu sehen. Alles war vor dem Rathause zusammengeströmt. Das berührte ihn sehr angenehm, denn auf dem einen der Kugelwagen saßen die Mägde, die er gerettet hatte, und vor sich auf dem Pferde trug er Gertrudis. In seinen Mantel gewickelt hielt er sie fest in seinen Armen und hatte sie so gehalten den ganzen langen Weg bis zur Stadt. Meist war sie halb ohnmächtig, dann wieder sah sie ihn mit jammervollen Blicken an und flüsterte: »Laß mich doch sterben! Was willst du mit mir? Meine Schönheit ist dahin! Willst du ein Weib freien, das entstellt bleibt sein Leben lang?« »Ich liebte dich noch, und wenn du dein Augenlicht verloren hättest, dich und keine andere,« gab er zurück. Dann sah sie ihn mit leuchtenden Augen an, aber gleich darauf stöhnte sie: »Wird mein Vater gerichtet, so kann ich dein Weib nicht werden!« »Sei ruhig, Liebste! Sie werden ihn nicht richten. Er gehört unter des Landgrafen Gericht,« erwiderte er, aber er glaubte nicht recht, was er sagte. Die schwergereizten Bürger dürsteten nach dem Blute des verhaßten Feindes. Würde die Besonnenheit den Sieg davontragen über die Rachsucht? Sie hatten sich von dem Bischof nicht belehren lassen, würde der Gedanke an den Landgrafen die Wütenden zur Besinnung bringen? Die Hoffnung darauf schien ihm sehr gering. Schleppten aber die Naumburger Herrn Kurtefrund aufs Schafott – was sollte dann mit Gertrudis werden? Sie konnte doch nie und nimmermehr unter einer Bürgerschaft leben, die ihren Vater hatte hinrichten lassen, sie konnte nicht täglich an der Stätte vorübergehen, die sein Blut getrunken hatte. Böser Ahnungen voll brachte er die Geliebte mit ihren Dienerinnen in Dietrich von Merkwitzs Haus, denn der Bürgermeister gedachte an das, was sie an seinem Sohne getan, und wollte sich dafür erkenntlich zeigen. Dann eilte Kyburg hinter seinem Geschütze dem Rathause zu und dort erfuhr er sogleich, daß man droben im Rate über der Gefangenen Schicksal verhandle. Wie das Urteil ausfallen würde, das ward ihm alsbald klar, denn bei der Stimmung des Volkes hätten statt eines einzigen zehn oder zwölf Merkwitze im Rate sitzen müssen, wenn der Spruch gegen den Willen der Masse hätte ausfallen sollen. Er wich tief in den Schatten zurück und zog seine Eisenhaube noch mehr ins Gesicht als vorher, damit ihn niemand erkennen möge. Dann schlüpfte er durch eine Seitentür ins Rathaus hinein, denn er war entschlossen, in die Ratsversammlung zu dringen und für Herrn Kurtefrunds Leben zu bitten. Aber nach altem Brauch war schon die Tür des Vorgemaches, das zum Saal führte, verschlossen, und wie er auch rüttelte und pochte, kein Mensch hörte ihn dadrin, wo die Meinungen eben wieder hart aufeinander platzten. Unverrichteter Sache mußte er abziehen, und da ihm jetzt vor dem Volke geradezu graute, schlich er sich still zurück in des Bürgermeisters Haus. Dort trat ihm Gertrudis entgegen, deren Stirn von einem Schleier verhüllt war. »Was ist mit meinem Vater?« rief sie ihm entgegen. »Sie handeln im Rate über ihn!« entgegnete Kyburg trübe. »Er ist nicht tot? Sie haben ihn noch nicht umgebracht?« »Nein, so schnell geht das nicht!« Er faßte ihre Hand und zog sie neben sich nieder auf eine Bank. Leise legte er den Arm um ihre Schulter. Sie litt es, aber jede andere Zärtlichkeit wehrte sie sanft ab, und er schonte ihr Weh. Plötzlich fuhr sie auf: »Verdammen sie ihn zum Hochgericht, so muß ich bei ihm sein in seiner letzten Stunde. Ich kann meinen Vater nicht mehr lieben, denn er hat zu böse an mir getan. Aber er ist mein Vater, und Blut bleibt Blut, und Pflicht bleibt Pflicht!« Er nickte. Ihr abzuraten, das wußte er, war ganz vergeblich. Wieder saßen die beiden in düsterem Schweigen. Da ging die Tür auf, und Merkwitz trat ein. Als er sie erblickte, fuhr ein dunkler Schatten über sein Gesicht. »Sie töten ihn?« schrie Gertrudis auf. »Noch ist es nicht so weit. Wohl haben sie ihren Spruch über ihn gefällt, aber noch gibt es vielleicht einen Weg, ihn zu retten. – Ihr müßt«, wandte er sich an Kyburg, »sogleich aus der Stadt gebracht werden. Dazu verhelfe ich Euch. Dann begehrt Ihr Einlaß in der Domfreiheit und lasset Euch zum Bischof führen. Dem sagt, die blinden, tollen Naumburger hätten beschlossen, ihre Gefangenen allesamt zu richten, morgen abend nach dem Abendläuten. Dann laßt Ihr Euch Briefe von ihm geben und reitet unter seinem Geleit morgen in aller Frühe nach Jena, wo der Landgraf heute abend eintreffen wollte. Ist er dort, so wird er Euch einen mitgeben, der das Volk von seiner Torheit abbringen wird. Ist er nicht dort, so will es Gott, daß die Naumburger sich in einen schlimmen Handel verwickeln! Seid Ihr bereit?« »Gewiß! Sogleich!« rief Kyburg. »Führt mich. Und du, Gertrudis, leb wohl! Gott gebe Glück zu meiner Reise!« Sie hing an seinem Halse. »Ja, Gott und die Heiligen seien mit dir!« flüsterte sie mit erstickter Stimme. »Denn als eines Gerichteten Tochter kann ich dein Weib nicht werden!« V. Die Sonne des folgenden Tages goß ihr letztes rosiges Licht über die Hügel und Felder des Saaltales, als eine starke Reiterschar aus dem Dörflein Almerich hervorbrach und im scharfen Trabe auf Naumburg zuritt. Aber zur Verwunderung des Wächters, der oben am Mauerturme lehnte, suchten sie nicht das Salztor zu erreichen, sondern sie bogen nach links ab auf den schmalen Weg, der zur Domfreiheit führte. Noch waren sie nicht an das Tor gekommen, durch das man in die bischöfliche Residenz gelangte, als vom Sankt Wenzelsturm ein dumpfer Glockenton herüberwehte. »Das Abendläuten! Mein Gott, wir kommen zu spät!« stammelte einer, der mit an der Spitze ritt. »Sie müssen doch erst die Delinquenten zur Exekution abholen und das Urteil verlesen und den Stab über sie brechen,« sagte ein hochgewachsener Ritter neben ihm. »Darüber vergeht noch Zeit. Sieh da, das Tor ist ja weit offen, und da steht der Bischof in vollem Ornat! Sie haben uns kommen sehen!« Er schlug sein Visier herunter und befahl den anderen, ein Gleiches zu tun. »Ich will zunächst unerkannt der Szene beiwohnen. Wangenheim, du bist der Abgesandte deines Herrn, du redest für uns alle.« »Gelobt sei Gott und alle Heiligen!« rief ihnen Bischof Johann entgegen. »Die höchste Zeit, Herr Ritter von Wangenheim, die allerhöchste Zeit! Hört Ihr's? Die Abendglocke verstummt, jetzt wimmert das Armsünderglöcklein. Kommt schnell, oder es ist zu spät!« Er bestieg seinen Schimmel, und bald standen sie vor dem Tore, das in die Stadt hinüberführte. Es war verschlossen, und der wachthabende Fähnleinsführer weigerte sich, sie einzulassen. »Es werden zurzeit elf Schelme auf dem Markte vom Leben zum Tode gebracht. Darum müssen alle Tore geschlossen bleiben vom ersten Klange der Abendglocke an. Keiner darf heraus und keiner herein.« Der Bischof stieß mehrere überaus ungeistliche Worte aus, und der alte Ritter Wangenheim schrie: »Zum Teufel, Etzold, kennst du mich nicht? Haben wir nicht miteinander gegen den Magdeburger gefochten?« »Ja, ich erkenne Euch, edler Herr, aber ich darf Euch nicht hereinlassen. Höchstens den Herrn Bischof ganz allein, obwohl mir's der Herr Bürgermeister Edelste scharf verboten hat.« »Ich komme als Abgesandter Seiner fürstlichen Gnaden, des Herrn Landgrafen von Thüringen und Markgrafen von Meißen! Dringende, eilige Botschaft an den Rat!« »So? Nun, das ist dann freilich etwas anderes. Da dürft Ihr mit zweien einreiten.« »Gut,« sagte Wangenheim und ritt neben dem Bischof über die schmale Brücke. Hinter ihm drängte der Ritter nach, der vorhin den leisen Befehl gegeben hatte, und der ergriff Kyburg am Arme und zog ihn mit sich. Und nun jagten die vier, so schnell sie konnten, über den Steinweg und durch die menschenleere Herrengasse dem Markte zu. Hier war, genau in der Mitte des Platzes unter dem hochragenden Standbilde des heiligen Wenzel, ein schwarz ausgeschlagenes Schafott errichtet, das ein dichter Ring von Lanzen- und Hellebardenträgern umgab. Innerhalb dieses Ringes standen hinter dem unheimlichen Gerüst die Ratspersonen, vor dem Schafott die Verurteilten und eine, die nicht zu ihnen gehörte, wie sie im Armsündergewande: Gertrudis, die Tochter des Rudelsburgers. Sie hatte sich von Merkwitz in den Kerker bringen lassen und war nicht zu bewegen gewesen, ihren Vater wieder zu verlassen. Als sie ihn wiedersah in seinem tiefen Unglück, da war etwas von der früheren Kindesliebe zurückgekehrt in ihr Herz, und dieses Gefühl wurde immer stärker, je länger sie in seiner Nähe verweilte. Denn Herr Kurtefrund war im Angesichte des Todes ganz verwandelt. Nachdem ihm der Bischof unter Aufhebung des Bannes einen Pater vom Kloster des Heiligen Georg in seine Zelle geschickt, hatte er seine Sünden gebeichtet, allen seinen Feinden auf Erden vergeben und darauf den Leib des Herrn genossen. Nun erwartete er sein Ende, furchtlos, wie er immer gewesen war, redete aber kaum noch etwas von irdischen Dingen, sondern schien mit seinen Gedanken schon in einer anderen Welt zu sein. Daß seine Tochter ihn zur Richtstätte geleiten wollte, wehrte er mit einer zugleich schmerzlichen und freundlichen Gebärde ab, aber als sie fest auf ihrem Willen bestand, ließ er sich's ohne Widerrede gefallen. Man hatte über die Gefangenen das Los geworfen, nach welcher Reihenfolge sie sterben sollten. Der erste, der ihm zufolge das Schafott besteigen mußte, war Heinz Kurtefrund. Er winkte seinem Bruder noch ein letztes Lebewohl zu und richtete dann einen haßerfüllten Blick auf die Volksmenge. »Fluch und Tod euch, ihr Krämer von Naumburg!« schrie er mit aller Kraft über den Markt hin. Dann legte er sein Haupt auf den Block und empfing den Todesstreich. Aus Werner Kurtefrunds Brust drang ein dumpfer Laut. Gertrudis lehnte halb ohnmächtig an seiner Schulter, während ein wildes Schreien und Brausen den Marktplatz erfüllte. Als zweiter stieg Busso Heseler die Stufen hinan, und sogleich schwieg alles Volk. Er würdigte aber die Menge keines Blickes, sondern wandte sich an seinen Herrn. »Ade, Herr Kurtefrund!« rief er, »gibt's da drüben eine Stätte für wackere Reitersleute, so sehen wir uns wieder, und, Gott weiß es, unter keinem andern dien' ich, als unter Euch!« Auch sein Haupt rollte in den Sand. Aus Herrn Kurtefrunds Augen stahl sich eine Träne, und das Volk stand in tiefem Schweigen. Da erscholl in das Schweigen hinein von der Ecke der Herrengasse her ein lautes, herrisches »Halt!« Der Geharnischte hatte es ausgerufen, der hinter dem Bischof ritt und nun das Visier in die Höhe schlug. Aufs höchste überrascht blickte Herr Johann zu ihm empor und neigte sich tief. Die Umstehenden wichen erschrocken zurück und rissen die Mützen vom Kopfe, und mancher wäre beinah' in die Knie gesunken. Wenn die eisernen Züge dieses Antlitzes kannte jedermann in der Stadt von Fürstentagen und Turnieren her. »Der Landgraf! Der Landgraf!« so ging's flüsternd von Mund zu Mund. Friedrich ritt langsam durch das zurückweichende Volk bis an den Ring der Gewappneten heran. Dann rief er mit zornblitzenden Augen: »Was ist das, ihr Herren von Naumburg? Wen habt ihr hier gerichtet?« Tiefe Stille. Endlich erschollen vereinzelte Rufe: »Heinz Kurtefrund und Busso Heseler.« »Heinz Kurtefrund, meinen Vasallen? Wessen unterwindet ihr euch? Wo nehmt ihr das Recht dazu her? Redet!« Alles schwieg wie vorher. Dann trat Dietrich von Merkwitz vor, schob die Knechte beiseite und beugte vor dem Landgrafen ein Knie. »Herr,« sagte er, »es war große und schwere Gewalttat geübt worden von den Kurtefrunden und ihren Gesellen wider unsere Stadt. Ihr wißt es. Nun sind wir gegen sie ausgezogen und haben sie in unsere Hand gebracht. Da ist uns die Besonnenheit geschwunden, der Durst nach Rache war übermächtig. Wir haben gefehlt, Herr, und bitten um Eure Gnade.« »Du redest gut, Bürgermeister,« erwiderte der Fürst gnädig, »und ich weiß es wohl, daß du es warst, der die Bürger abmahnte von ihrem unsinnigen Vorhaben. Auch ist es weise, daß du für deine Stadt um Gnade bittest, denn sie wird meine Gnade sehr nötig haben. Zuvörderst aber will ich mein Amt ausüben als oberster Richter dieser Stadt.« Er hob sich hoch in den Bügeln empor und rief: »Ehrbare Ratsmannen von Naumburg! Die edlen Grafen von Kevernburg, die in eure Hand gefallen, führt ihr sogleich in eine ritterliche Haft und gebt sie ihren Anverwandten zurück gegen ein Lösegeld, das ihr mit ihnen festsetzen werdet unter dem Schiedsspruch eures hochwürdigen Bischofs. Du, Werner Kurtefrund, hättest mit deinen Gesellen wohl den Tod verdient, wie ihn dein Bruder erlitten hat, nur kam mir das Gericht zu, nicht diesen. Aber ich meine, du hast genug gebüßt. Willst du schwören, das Land für ewige Zeit zu meiden und bis an dein Ende nimmer heimzukehren nach den Ländern Meißen und Thüringen? Willst du schwören, dich nimmermehr an jemandem zu rächen für das, was du erlitten hast, so darfst du ziehen, wohin du willst auf der weiten Erde.« Werner Kurtefrund strich sich langsam mit der Hand über die Stirn. Daß es für ihn eine Rückkehr ins Leben gebe, hatte er nimmer geglaubt. Es war ihm, als ob er aus einem schweren Traume erwache. Er erhob die Sand. »Ich schwöre!« rief er mit heiserer Stimme. »Und ihr, Ratsmannen von Naumburg, wollt ihr schwören im Namen eurer Stadt, daß alles vergessen sein soll, was geschehen ist zwischen euch und den Kurtefrunden von der Rudelsburg?« Die Mienen der Herren waren zum Teil recht mißvergnügt, aber sie zogen es doch allesamt vor, die Hände emporzustrecken und den Eid zu murmeln. Sie waren mit einem Male nüchtern geworden, und eine große Furcht war über sie gekommen vor des gereizten Fürsten Zorn und Ungnade. »Du nächtigst heute im Sankt Georgenkloster,« sprach der Landgraf zu dem Ritter, »und morgen hebst du dich von dannen. Wohin willst du dich wenden?« »Herr, ich ziehe zu denen vom Deutschen Orden. Dort will ich wider die wilden Heiden fechten. Nehmt Euch meines Sohnes an, Herr. Er ist, wie ich von meiner Tochter im Kerker hörte, in des Herrn Bischofs Hand. Ihr, Hochwürdiger, werdet ihn, so bitt' ich Euch, entlassen ohne Lösegeld, denn ich vermag keines zu geben!« »Das tät' ich wohl, aber Euer Sohn ist nicht mehr mein. Ich habe die Gewalt über ihn dem da geschenkt,« erwiderte Herr Johann mit einem listigen Lächeln und deutete auf Kyburg. »Er ist frei!« rief der laut. »Ritter Kyburg,« sagte Werner Kurtefrund, »Ihr habt mir mehr Schaden getan als sonst einer und waret mein Feind. Aber Ihr waret es durch meine eigene Schuld. Nun habt Ihr meinen Sohn freigemacht, meine Tochter aus dem Feuer getragen, und Eurem Ritt zum Herrn Landgrafen verdanke ich mein Leben. Ist Euer Sinn noch auf die Jungfrau gerichtet, die im Unglück ist, so nehmt sie hin. Sie werde Euer Weib, wenn sie unter den Städtern zu leben vermag!« Da sprang Kyburg vom Pferde herab, und ohne auf den Landgrafen und die anderen zu achten, riß er Gertrudis in seine Arme. »Mirakel, Mirakel!« sagte der Bischof halblaut und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen. »Gibt es so etwas in der Welt? Er holt sich die Braut vom Hochgerichte weg!« »Nein, nicht unter den Städtern soll sie leben!« rief der Landgraf. »Denn der hier tritt in meine Dienste! Ich gebe ihm ein Lehn, und er übt seine Kunst mir zu Nutz! Das sei eure Buße, Ratsmannen von Naumburg. Wollt ihr oder wollt ihr nicht? Ihr Herren Bürgermeister! In eure Hand hat er den Eid abgelegt, der Stadt zu dienen als Geschützmeister. So entbindet ihn auf der Stelle dieses Eides! Ich rate euch gut!« »Mir ist es bitter leid, gnädiger Herr,« entgegnete Merkwitz, »aber ich tue nach Eurem Gebot: er ist von mir aus entlassen aus seiner Pflicht gegen die Stadt.« »Von mir aus auch,« setzte Heinz Edelste mürrisch hinzu. »So will ich eurer Untat nicht weiter gedenken. Aber hütet euch, ihr Herren von Naumburg, vor ähnlichem Tun. Ich bin der oberste Herr in diesem Lande, und, bei Gott, ich will es bleiben! Gehabt euch wohl!« Damit wandte der Landgraf sein Roß und ritt der Domfreiheit zu, rechts von ihm der Bischof, links sein Geheimer Rat Friedrich von Wangenheim. Werner Kurtefrund und die Seinen folgten ihm zu Fuße nach, und endlich schwang sich auch Kyburg aufs Pferd. Er hob Gertrudis zu sich hinauf, und wie er sie gestern nach Naumburg getragen hatte, so trug er heute die Geliebte, die nun sein war, auf seinen Armen durch das schweigende Volk zur Stadt hinaus, einem neuen Leben entgegen.