Alma Johanna Koenig Nero – der jugendliche Gott   *   Dieses Buch gehört Jan   *   »Du sollst mich nicht entschuldigen, Du sollst nur sagen, wie es kam!« Hebbel , Gyges und sein Ring     I. Teil. Der Knabe Ein elfjähriger Knabe schlich sich durch den Garten der Lepida. Der Regen strömte in Güssen auf ihn herab. Der braune Sklavenmantel, der ihm bis auf die Füße reichte, färbte sich auf den Schultern in breiten Flecken dunkel vor Nässe und auf der Brust im Tupfenmuster dunkel vor Tränen. Das Gebüsch rauschte nah und schaurig, so daß der Knabe vor Angst zu laufen begann. Aber als der Hund Argos im Häuschen des Torwächters zu bellen anhob, erstarrte er vor Schreck und verharrte lange in einem Tümpel hockend, weil er gelesen hatte, daß die Bluthunde im Wasser die Spur verlören. Er haßte den Hund Argos und in ihm alle Hunde der Welt. Jetzt endlich erreichte er das Palasttor. Es war hoch und bronzen und alt. Sein mächtiger Riegel lief in Haspen über die ganze Flügelbreite. Der Knabe legte seinen lodenen Mantel um den Griff und zog und zerrte mit aller Kraft an ihm. Er keuchte, seine Zunge trat zwischen den Zähnen vor, seine regennasse, sehr schmutzige Hand glitt ab und er scheuerte sich an einer der gehämmerten Verzierungen die Fingerknöchel blutig. Vor Schmerz und Zorn und Mitleid mit sich selber begann er zu weinen, riß die runde Hand an den Mund und sog das Blut fort. Seine Stirn, an der die nassen roten Haarsträhnen klebten, sank an die eisige Bronze. Er wußte nicht, was furchtbarer sei, hier draußen in Nacht und Regen und in des Hundes Argos Bereich noch länger zu verharren oder in sein »Heim« zu Drumio zurückzukehren. Er dachte schluchzend: »Wäre ich doch schon endlich groß, um sterben zu können!« Er dachte: »Paris!« und: »Hunger«. Es schien Ewigkeiten, seit Paris von ihm gegangen war. Er hatte sich über das Bett des schlaftrunkenen Knaben geneigt, um die Decke am Fußende noch hübsch festzustopfen, und gesagt: »Sei brav, Kleiner. Morgen nachts, wenn du aufwachst, bin ich wieder da.« Aber die nächste Nacht war gekommen und die tastende Knabenhand hatte nicht an Paris' gestört fortzuckende Schulter gerührt. Drumios trunkenes Schnarchen und die wilde Angst hatten ihn wach gehalten – die alte Angst, daß Paris nicht mehr wiederkehren könnte. Vielleicht sah der Leiter einer Pantomimengruppe seinen Faunentanz und kaufte Paris frei?! – Vielleicht hatte Paris heimlich schon mehr Geld erspart, als er zugab, und konnte sich selber von Lepida freikaufen? – Vielleicht merkte die Hündin Messalina, um wieviel schöner Paris tanzte als ihr Mnester, und nahm ihn zum Geliebten? Der Knabe vergaß alles um sich her, er warf sich in Verzweiflung stöhnend gegen das bronzene Tor, an das er mit seinen dicken Fäusten hämmerte. Die Türe zum Wächterhaus flog auf und Lichtschein brach heraus. Der Pförtner hielt die Leuchte in der Rechten, mit der Linken faßte er den knurrenden Hund am Halsband. »Wer ist denn da?« »Ich«, sagte eine kleine, erstickte Stimme aus dem Regen. »Wer ist das: ich?« »Ich – Domitius!« »Was machst du denn da? Schau, daß du heimkommst! – Wenn die Tante das erfährt! Wird's bald, oder ich lasse den Argos los!« »Nein!« schrie das Kind gellend. »Nein!« Es wurde von einem neuen Schrecken emporgeworfen, denn dicht neben ihm dröhnte und, donnerte der Klöppel draußen ans Tor. Von dem kläffenden Hunde mit fortgerissen, den das anhaltende Pochen rasend zu machen schien, schrie der Pförtner: »Ich komme ja schon, ich komme.« Der Riegel, den Domitius nicht zu bewegen vermocht hatte, flog zurück. Im Torbogen stand ein Jüngling, die tropfnassen, langen Locken gelöst, in denen Goldstaub glimmerte. Der Knabe warf sich ihm mit einem Schrei entgegen; an das durchnäßte griechische Festkleid angeklammert, fragte er: »Warum bist du nicht schon gestern gekommen, Paris? – Paris! Du hast es mir doch versprochen! – Wie ist der Faunentanz geworden, Paris?« Die Augen zwinkernd, vor all dem Lärm zusammenkneifend, den Mund verzogen, streckte der Jüngling, ohne des Kindes zu achten, die Rechte mit abwärtsgespreiztem Daumen gegen den Pförtner aus. Ein höhnischer Triumph zuckte über sein schönes Gesicht. »Wer denn schon wieder?« fragte der Pförtner, die Todesgeste gewahrend. »Hat sie schon wieder einen um die Ecke gebracht?« »So sprich doch zu mir, Paris, ich habe solche Angst gehabt, Paris!« schrie, seinen Arm fassend und schüttelnd, das Kind, schrie gellend, um das Bellen des Hundes zu übertönen. Paris drängte mit unwilliger Gebärde den kleinen Arm zur Seite. »Nein, diesmal ist sie selber verreckt, die Hündin!« sagte er. »Was? Die Messalina?« fragte ungläubig der Pförtner. »Ja, endlich! Narcissus hat sie erschlagen lassen!«   Vordem war der niedrige, langgestreckte Saal der Warteraum für fremde Boten – für die Läufer und für die Sänftenträger der Domitier gewesen. Vormittags, wenn der Knabe sehr still auf seinem Lager wach lag – denn Paris brauchte seinen Morgenschlaf –, dann vertrieb er sich die Zeit damit, die plumpen Inschriften zu enträtseln, die, von unzweideutigen Zeichnungen begleitet, die Wände – soweit Männerfäuste zu reichen vermochten – deckten. Drumio war fort, um die Sklavinnen der Lepida zu frisieren, und wenn Paris erwachte und sich streckte und zwinkernd lachte, dann brachte Dominus ihm die Bohnensuppe ans Bett, die Drumio auf dem Kohlenbecken warmgestellt hatte. Dominus hockte auf Paris' Bett, kichernd erregt und ausgelassen, und sie aßen aus einem Blechnapf. Später sah Domitius vom Bette aus zu, wie Paris zehn-, fünfzehn-, zwanzigmal seine Übungen wiederholte. Des Tänzers gepreßter, taktmäßiger Atem erfüllte den Raum, während der schöne, schweißbedeckte Körper in schwerster Arbeit die Freiheit und Grazie seiner Geste erzwang. Manchmal fuhr Domitius hüpfend hoch und jubelte: »Jetzt war es aber gut! Jetzt war es schon wunderbar, Paris!« Dann begann der große Freund keuchend und offenen Mundes blasend, seinen Körper, der ihm Mittel zum Unterhalt und Freibrief für eine bessere Zukunft war, mit Sorgfalt abzureiben, und der Knabe wartete wie ein Hündchen, mit gespitzten Ohren, auf den Pfiff. Und wenn Paris pfiff, fuhr der rosige, nackte Kinderkörper aus den Decken. Angestrengt und glücklich begann der Knabe die Übungen zu proben, die seinen geringen Kräften zustanden. – Da war er geschickt, gelöst, flink und anstellig, und diese Stunden schienen ihm die schönsten des Tages, wie jene, da ein griechischer Sklave der Lepida ihn die Grammatik seiner Sprache lehrte, die scheußlichsten. Mittags kam eine Negerin, die den dreien aus der Küche der Lepida die Hauptmahlzeit brachte. – Es gab keine Speiselager, und sie zogen, während sie aßen, die Füße auf die Sesselleiste hoch, um dem nassen Fetzen auszuweichen, mit dem die Alte aufwischte. Manchmal ward Domitius zur Dame Lepida befohlen. Er wußte nie, ob er diese Besuche ersehnte oder fürchtete. Sicherlich haßte er Lepida, weil sie Paris im Sklavenstande festhielt und die Loskaufsumme von zehntausend Sesterzen für ihn festgesetzt hatte. Aber, seiner eigenen Angst eingedenk, begriff er wohl, daß dies nicht aus Geiz geschah, und weil auch Lepida den Tänzer zu verlieren fürchtete, haßte er sie doppelt. Er biß die Zähne zusammen, wenn Drumio nicht versäumte, ihm nachzurufen: »Arme Verwandte, Klienten und Hunde müssen hübsch aufwarten!« Und doch war es ein Wohlgefühl, durch Lepidas Säle zu gehen, die reinlich und reich, blumengeschmückt und voll der wächsernen Bilder seiner Ahnen waren. Es gefiel ihm wohl, Sklaven auf den Wink der schönen Lepida herbeieilen zu sehen und ihre Hand an seinem Kinn zu fühlen, deren Finger so zart waren wie Schmetterlingsflügel. Er ward zornig, wenn er Lepida auf ihrem Ruhebett sah, in einem Müßiggang, der zur Beschäftigung erhoben war. Und doch fühlte er den Reiz, der von ihr wie von Kalypso ausging, von ihrem weißen Fleisch, ihren unvertrauten, vollen Brüsten. Manchmal erledigte Lepida die übernommene Pflicht, sich um den Sohn des verstorbenen Bruders zu kümmern, indem sie Domitius zusehen ließ, während sie Toilette machte. Sie lachte ihr nachsichtiges, gurrendes Lachen, wenn sie den Knaben besessen mit ihren Schminken und Salben hantieren sah, die er rasch und sicher der Schminksklavin darreichte. Sie sagte: »Du hättest eine Frau werden sollen!«, wenn das Kind den arabischen Khol in seine langen Wimpern rieb und Rot auf seine Lippen legte. Manchmal fragte Dame Lepida, im Spiegel – den die Sklavin vor Anstrengung zitternd stundenlang hielt – ihre blendenden Zähne prüfend, über die Schulter hin: »Fehlt es dir an etwas? – Wünschst du dir etwas?« Dann antwortete Domitius mit dem Satz, den der griechische Sklave ihm mittels Griffelschlägen auf die runden Kinderhände eingeprägt hatte: »Dank deiner Güte mangelt es mir an nichts.« Es fiel ihm nicht ein zu schwatzen, damit die Großen kamen und drüben Ordnung machten. »Der Arme muß still sitzen wie die Maus auf der Trommel«, sagte Drumio. Er bekam nur eine von den fünf Mahlzeiten, weil Lepidas Haushofmeister die anderen »über die Gasse« verkaufte und mit Paris den Erlös teilte. Er hatte nur dies eine gute Kleid, obgleich er deren jährlich drei bekam, denn auch die anderen Kleider waren zu Geld gemacht worden. Drumio mußte seinen Wein haben, und »von den kleinen Geschenken der Liebe allein bringt man keine zehntausend zusammen«, pflegte Paris zu sagen. »Geh jetzt zu deinen Aufgaben!« lächelte Lepida und dann zog sie das schöne Kind in die Arme und küßte es genauso heiß und lange, wie dies mit ihrer mütterlichen Rolle eben noch vereinbar war. – Und von dieser gepflegten und üppigen Frau geküßt, dachte Domitius mit Triumph an die oft beweinte Tatsache, daß sich Paris des Nachts wiederholt wegstahl, um auf den Festen vornehmer Römerinnen zu tanzen, und erst bei Morgengrauen heimkehrte. Paris saß, krebsig gesotten vom brühheißen Bade, neben der hohen Holzkufe voll gebrauchten Wassers, aus der immer noch der Dampf aufstieg. Er hielt das muskelrunde Tänzerbein gegen den Kufenrand gestemmt, und neben ihm kniete Domitius, bemüht, das Öl in seine feuchte Haut zu reiben. Das immer noch vom Grünspan des Palasttores beschmutzte Kindergesicht glühte vor Eifer. »Fester, fester! Das ist gar nichts!« befahl Paris. An dem Trinktisch, dessen edle Citrusplatte verbrannt, zersprungen, durch müßige Messerschnitte entstellt war, hockten Drumio und der Pförtner, der herübergekommen war, um den großen Neuigkeiten zu lauschen. »Du kannst mir erzählen, solang du willst, ich glaube es nun einmal nicht!« sagte Drumio. »Wie kann es denn das geben, daß die Hündin Messalina vor aller Augen mit dem Silius Hochzeit feiert, wenn sie doch schon die Kaiserin des Kaisers Claudius ist?« »Aber das ist es ja eben, was ihr endlich doch den Hals gebrochen hat!« erklärte Domitius, mit eifrigen Gesten zu ihm gewendet. »Du salbe mich und mische dich nicht in Dinge, die dich nichts angehen!« verwies Paris. »Wenn ich dir sage, Drumio, daß ich in ihrem Hochzeitsreigen mitgetanzt und sie und Silius mit Weizen beworfen habe. Und nachher waren wir alle Faune und Korybanten, und das Ganze stellte ein Weinlesefest vor, und betrunken waren sie alle! – Den anderen Fuß jetzt! – Da kriecht der Valens auf einmal nur so aus Übermut auf einen Baum –« »War das der Flavius Valens? Bei dem ist mein Neffe Oberkoch!« »Zum Henker mit deinem Neffen – nein – der Vettius Valens! Also der kriecht in seinem Leopardenfell auf einen Baum, und die Messalina lachte: ›Was siehst du denn da oben?‹ – schieb uns auch einmal den Krug her, Drumio! – Ruft der herunter: ›Ein furchtbares Unwetter von Ostia her!‹« »Hat er denn den Claudius wirklich kommen gesehen?« fragte der Pförtner. Paris zuckte die Achseln, während er trank, dann wischte er mit der Linken über den Mund und fuhr fort, den Nacken unter des Domitius trommelnden Fäusten duckend: »Wie soll ich das wissen? Im nächsten Augenblick stürzt Urbicus herein und ruft genauso pathetisch wie unser Phryxos auf der Bühne: ›Der Kaiser kommt und Narcissus ist mit ihm!‹« »Was für ein Gesicht sie da wohl geschnitten hat?« kicherte der Pförtner. »Gar nicht. Die anderen sind wie Ameisen durcheinander gelaufen. Sie hat bloß gesagt: ›Silius, du mußt jetzt aufs Forum, und ich muß mit den Kindern Claudius entgegen!‹« »Na eben – sie hat gedacht: Husch ins Bettchen, und alles ist wieder gut! Die Hure, die dreckige, die mannstolle!« »Ja, aber – Kinder, als sie nach Ostia wollte, da gab es keine Wagen mehr und keine Mauleselinnen mit Straußfederbüschen und Klingling – du, Kleiner, bist du zum Maulaffenfeilhalten da oder um mich zu salben?« »Er gibt sich ja ohnehin soviel Mühe!« legte sich der Pförtner ins Mittel, der dem Knaben, losgelöst vom Hunde Argos, beinahe liebenswert erschien. »Im Theater des Pompejus nähmen sie ihn sofort als Masseurlehrling!« »Masseur werde ich nicht!« lachte Domitius verächtlich. »Er hat bei mir gelernt«, sagte Paris. »Er weiß ganz gut, wie man aufzutreten hat und daß man dem Publikum nicht den Rücken wendet und sich nur mit dem eigenen Gewand den Schweiß trocknet – na, mein Kleiner, zeig einmal deinen Hermes! – Da rechts ist dein Auftritt! – Los!« Der Knabe warf sich in die Geste, wie ein Fisch in die Feuchte zurückschnellt. Nur mehr mit der Spitze des linken Fußes – der geflügelt zu denken war – den Boden berührend, das rechte Bein nach dem Abstoß rückwärtsgestreckt, schien er, den guten Wind nützend, mit gebreiteten Armen zu schweben. »Da schau dir das an!« staunte der Pförtner bewundernd. »Aber das muß ihn ja anstrengen!« »So muß ein Mime eine Viertelstunde lang aushalten können!« prahlte Domitius, hochrot und atemlos. »Schluß jetzt. Marsch ins Bett!« befahl Paris. Ohne Mucken schlich Domitius zu seinem Lager, begann seine Kleider abzulegen und kroch, schmutzig wie er war, unter die Decke. Paris erhob sich pfeifend und schlenderte, überglitzert vom Licht, das sich in seinem gesalbten Körper fing, zum Winkel hin, wo an Haken kunterbunt seine Kostüme hingen, das Götterkleid neben dem Tierfell des Fauns und dem Königspurpur. Er nahm einen schmutzigen weißen Mantel herab, der ihm als Hauskleid diente, um ihn anzuziehen. »Also? Was ist denn? Bekomme ich endlich zu hören, wie das war mit der Messalina?« »Nichts war! Auf der Straße ist sie gestanden mit ihren drei Begleitern, so arm war sie schon, und hat jedem Wagen gewinkt, sie mitzunehmen. Und jeder ist weitergefahren. Endlich hat sie der Gärtner aufsitzen lassen, der eine Fuhre Mist nach Ostia geladen hatte, und da oben ist sie dann gesessen, rechts ein Kind und links ein Kind, und hat geweint!« »Götter! Eine Kaiserin!« murmelte der Pförtner. »Gar kein Mitleid! Sollen nur die Großen auch einmal auf dem Mist liegen, damit sie erfahren, wie's schmeckt!« schrie Drumio. Paris beugte sich über des Knaben Bett, um von dem darüber angebrachten Wandbrett den Brotlaib herabzuholen. »Der Britannicus hat mir gefallen!« sprach er dabei. »Hat die Mutter noch getröstet. Ein netter Junge – Au! Domitius! Bist du toll!?« Paris riß seine Linke zurück, in die der Knabe mit aller Kraft gebissen hatte. Der Tänzer und das Kind starrten einander mit wütenden Augen an. »Du Esel!« lachte Paris plötzlich und strich, bei den roten Haaren beginnend, über Stirn und Nase herab schloß das ganze weiche Gesicht in seine Hand ein. »Die Decke!« forderte Domitius triumphierend. Paris stopfte mit seinen geschickten, starken Händen die Decke an drei Seiten ein. Das Kind schloß die Augen, der bereite Mund lächelte. »Schlaf jetzt«, sagte Paris weich und küßte ihn. Und an den Tisch zurückkehrend, fuhr er anderen Tones fort: »Aber der Narcissus hat sie erst gar nicht zum Kaiser gelassen. Er hat gewußt: jetzt oder nie. Und am Abend haben seine Centurionen sie umgebracht.« Sie tranken. Nach einer Weile fragte der Pförtner: »Wie wird denn ihre Tochter, die Octavia?« Paris warf die üppigen Lippen auf: »Hat ganz die Entenschnabelnase vom Vater.« »Wird auch eine Hur' werden wie die Mutter!« knurrte Drumio. »Weißt du, was ich mir jetzt denke?« fragte der Pförtner, seine Stimme zu bedeutsamem Flüstern senkend. »Wenn das alles wahr ist, was du sagst, und die Hündin wirklich hin ist – meinst du nicht, daß dann der Kaiser dem seine Mutter zurückruft?« Er wies mit den Augenbrauen nach dem roten Schopf auf dem Polster. »Schon möglich«, achselzuckte Paris, mit seiner rechten Hand unter dem offenstehenden, fleckigen Mantel seine Brustmuskeln liebkosend. »Äh! – und meinst du, daß die ihr Kind dann hier bei der Lepida und bei dir läßt, die Agrippina? Stolz, wie die ist?« »Na und? Glaubst du, ich reiße mich darum, Kindsmagd zu bleiben? Ich bin zwanzig Jahre alt! Und jetzt, da Mnester so gut wie tot ist, werde ich noch ganz anders mit den Herrschaften reden. Jetzt mache ich die Preise! Ich brauche nur mit Silus nach Korinth zu gehen und –« Paris wandte den Kopf und sah Domitius aufrecht im Bette sitzen, mit offenem Munde und entsetzensgeweiteten Augen. Der Schemel fiel, als Paris aufsprang. »Kann man denn keine Minute Ruhe von diesem Balg haben? Schlafen jetzt – oder –« Der rote Kopf verschwand unter der Decke.   Narcissus – einst Freigelassener des Kaisers Tiberius, nun Freund und Schatzkanzler des Kaisers Claudius – saß vor seinem Arbeitstisch. Zwischen Stößen von Schreibtafeln und Bergen von Schriftrollen stand schier verschüttet die elfenbeinerne Statuette eines lächelnden Mädchens mit Edelsteinaugen. Diesen Schreibtisch hatte Claudius in der Kurie »das Ehebett« genannt, »auf dem Pflicht und Staatstreue die Ordnung des Weltreiches zeugten«. Vollkommen gerade in seinem lehnenlosen Sessel sitzend, wirkte Narcissus wie ein Riese und erreichte doch kaum Mittelmaß, wenn er auf zu kurzen Beinen dahinhastete. Sein mächtiger Schädel mit den buschigen Brauen und der kaum noch ergrauten Haarbürste war von unzähligen Bildhauern und Gemmenschneidern wiedergegeben worden, und doch überraschte jeden neuen Audienzsucher die funkelnde, kalte Klugheit dieser Augen, die tiefdröhnende Munterkeit des sehr seltenen Lachens. Der Schreiber, seit mehr als vierzig Jahren in des Narcissus Dienst, jünger als jener, aber ganz greisenhaft wirkend, entrollte die Akten vor ihm, beschwerte deren Ränder, reichte die frisch eingetauchte Feder zur Unterschrift, siegelte mit dem Staatssiegel das unterzeichnete Pergament. Seine Bewegungen waren durch jahrelange Gewöhnung so taktgemäß wie die eines Sämannes oder Schnitters. Ein Sklave Ansager, altersweiß auch er, glitt geräuschlos durch die geölte Türe, kam zum Schreiber und hauchte einen Namen. Des Narcissus kalte, helle Augen warteten, seine emporzuckenden Brauen fragten. »Der Knabe Domitius«, meldete der Schreiber. Des Kanzlers zerknitterte, gerötete Lider sanken herab, und der Schreiber dolmetschte: »Der Herr empfängt!« Dann machte die schmale, stark geäderte Greisenhand eine karge Geste. Der Schreiber rollte die Akten auf, verwahrte sie in Ständer, verbeugte sich und ging zu der Türe, auf der der helle Blick seines Herrn wartend ruhte. Der Schreiber öffnete, ließ den Knaben und den geputzten Pfleger ein und schloß die Türe hinter sich. »Hier sind wir, Herr!« sagte Paris. Er hatte sein bestes Kleid angelegt, seine viel zu lang gelockten Haare waren im Versuch bürgerlicher Strenge zurückgestrichen. Er gedachte den alten Dachs mit seinem bewährten Lächeln eines netten Jungen zu nehmen. Die scharfen, alten Augen sahen ihn an, sahen durch ihn hindurch. Narcissus registrierte ohne jedes Vorurteil, wie er war und daß man ihn also nicht brauchen konnte, ganz wie er es vorher angenommen hatte. »Was sieht er ihn so an? Paris gefällt ihm nicht. Alter Esel!« dachte Domitius und erschrak, denn ihm schien, als hallten seine Gedanken laut in dem stillen Raum. Narcissus sagte mit seiner tiefen Stimme, die noch immer im Dialekt sprach: » Du wartest draußen. Mein Schreiber hat mit dir zu reden.« Narcissus sah interessiert zu, wie Paris in der großen Verbeugung des »Königsboten« zusammensank. Als der Knabe ihm nachhasten wollte, sagte der Baß: » Du bleibst!« Der Kanzler prüfte dieses amorettenschöne, blasse, erregte Kindergesicht und dachte: »Wie er Agrippina gleicht! – Die Sommersprossen und das Haar hat er von seinem Vater, diesem Schandkerl, dem Domitius Ahenobarbus. Dumm scheint er nicht zu sein. – Aber er sucht sich über die Menschen, so jung er ist, nur für eigene Zwecke klar zu werden, nicht aus Interesse an ihnen, wie unser Britannicus. – ›Aus wildem Samen gezeugt, von maßlosem Schöße geboren.‹ – Es war ein Fehler meines Hasses oder vielleicht auch meines Zeitmangels, ihn diese vier Jahre hindurch einer Frau wie Lepida zu überlassen. Jetzt werden wir mit diesem Enkel des Germanicus zu rechnen haben!« Der Baß, der wie aus Erdentiefen kam, fragte überraschend: »Willst du ein Staatsmann werden oder ein Krieger?« Und ebenso überraschend kam des Kindes Antwort: »Ein Mime!« Die buschigen Brauen zuckten hoch: »Was?! Wie dieser Mnester?« Narcissus sah Claudius und sich selber zu Gericht sitzen. Silius, dem schönsten Patrizier von Rom, war das Todesurteil gesprochen worden und dem Vater des Silius und dem Proculus, der Trauzeuge bei Messalinas wahnwitziger Hochzeit zu Lebzeiten des ersten Gatten gewesen war. Das beste Blut von Rom war vergossen worden, nur der Mime Mnester hatte Aufenthalt verursacht, indem er um sein Leben bettelte. Er hatte sein Gewand zerrissen, um die Striemen der Geißelhiebe zu weisen, mit denen Messalina ihn hatte züchtigen lassen, als er gewagt hatte, sich ihrer Lust zu weigern. Claudius hatte ihm schon das Leben schenken wollen, als er, Narcissus, angeekelt von der Lebensgier dieses am Boden kriechenden Wurmes, den Kaiser gefragt hatte, ob ein Mime frei ausgehen sollte, wenn die Blüte des römischen Adels das gleiche Verbrechen mit ihrem Blute büße. Die tiefe Stimme fragte nochmals voll Verachtung: »Solch ein Tänzer?« Domitius schwieg. Des Narcissus Hand, viel greisenhafter als das Gesicht, schob vorsichtig die Papierberge fort, die die Statue des lächelnden Mädchens zu verschütten drohten. Er sagte unzufrieden und zufrieden in einem: »Neulich habe ich Britannicus gefragt. Und obgleich er so viel jünger ist als du, hat er geantwortet: ›Cäsar!‹« Der Knabe dachte: »Jetzt bin ich im Vorteil!« und antwortete schnell: »Ihm steht dies zu. Er ist Casars Erbe.« Die buschigen Augenbrauen zuckten. »Nein. Du bist nicht dumm.« Narcissus sah scharf in diese blanken Kinderaugen. Dann dachte er müde: »Wer vermag Jugend zu enträtseln? Wer mag es wagen zu prophezeien?« Er sagte: »Gehe jetzt. Man wird dich baden und kleiden. In zwei Stunden siehst du deine Mutter wieder.« Über das kleine Gesicht flog ein Zucken. Narcissus erriet nicht, ob von Schrecken, ob von Freude. »Ja, aber Paris muß mitkommen!« stammelte das Kind. »Liebt er den Kerl von vorhin mehr als die Mutter?« überlegte Narcissus. Ein Sklave öffnete geräuschlos die Schiebetür. Domitius tat eine Bewegung, als wolle er Paris, den er draußen warten sah, entgegenstürmen. Aber er bezwang sich, kam zum Tisch zurück, verbeugte sich mit überraschender Grazie und sagte mit einem süßen Lächeln und seinem süßesten Stimmchen dem Manne, von dem Paris gesagt hatte, wie wichtig er für ihn sein könne: »Ich danke dir von Herzen, Narcissus.« Als er gegangen war, trat der Schreiber lautlos ein. Er sah seinen Herrn vor der Statuette sitzen, die er zu sich herangezogen hatte, den Blick fragend auf das lächelnde Gesichtchen und die Edelsteinaugen seines einzigen Kindes gerichtet. Narcissus hatte geträumt, ihr die Erde zu einem Rosengarten zu machen, und man hatte sie mit sechzehn Jahren an ihrem Gürtelbande erhängt gefunden, ohne eine andere Auflösung des Rätsels als das Täfelchen in ihrem Busen mit den Worten: »Vater, gönn es mir!«   Der Namenansager in festlicher Toga stieß den Goldstab auf den Estrich und kündigte an: »Julia Agrippina, die Tochter des Germanicus!« Der große, hagere Mann mit den klugen dunklen Augen und dem häßlichen üppigen Mund, der Claudius, Cäsar von Rom, war, erhob sich hastig von seinem Thronsessel und stolperte fast über eine Falte des Teppichpurpurs, als er die erste der sechs Stufen hinabstieg, seine Nichte zu grüßen. Die Prätorianerwache zur Rechten und Linken des Thrones trat klirrend in Salut. Domitius hatte die linke Hand fest auf den dummen Fleck in dem neuen Kleide gedrückt. Auf den Zehenspitzen sich reckend, fühlte er sein Herz bis in den Hals schlagen. Das also war seine Mutter. – Mit Stolz, mit Triumph erkannte er, daß sie schöner und fürstlicher schien als alle anderen Herrinnen im Saale. Agrippina kam aufrecht und ohne Hast über den Purpurstreif geschritten. Sie hielt den kleinen Kopf hoch, das starke runde Kinn vorgestreckt, die Nüstern ihrer schmalen, stolzen Nase bebten. Ihre großen dunklen Augen strahlten, ein Lächeln voll Triumph lag um den rotgeschminkten Mund. – Sie stieg die Stufen empor – »anders als ihr kurzsichtiger Sohn!« dachte Domitius –, ohne einen Augenblick hinzusehen, wohin sie trat. Der feinstgefältelte Wollstoff ihres weißen Gewandes staute sich weit um sie, als sie sich neigte. Wie Venus aus dem Schaum der Brandung, so leicht hob sie sich, sprach allen hörbar und bewegt zugleich: »Oheim Claudius!« Sie schmiegte ihr Gesicht an den langen Hals des Kaisers, der sie, zu Tränen gerührt, küßte, während seine verlegene Hand ihre schöne entblößte Schulter tätschelte. Narcissus, der auf zu kurzen Beinen hinter ihm stand, zeigte ein völlig unbewegtes Gesicht, aber die Höflinge und Minister schienen die Sekunden dieser langen Umarmung zu zählen. Die Freigelassenen des Kaisers verharrten wie ein griechischer Chor in ihren Gesten der Anteilnahme. Domitius hatte bei Paris gelernt, daß es das größte Vergehen eines Künstlers sei, die Zuschauer durch übermäßiges Verbleiben in der gleichen Stellung zu langweilen. Aber just zur rechten Zeit löste sich Agrippina, schien Tränen von ihren herrlich lebendigen Augen fortzuwischen und fragte: »Wo sind die Kinder?« Domitius begriff sogleich, daß sie nicht nur nach ihm allein gefragt hatte, und es tat ihm weh. Er sah nach Octavia, die mit ihrer braven Klein-Mädchen-Zopffrisur neben ihm stand, ernst, langnäsig und traurig, und Britannicus, der wie ein Schelm lachte, und er schämte sich vor ihnen beiden, vor allen Leuten im ganzen Saal, die zusahen, wie er seine Mutter nach vier Jahren begrüßte. Aber im nächsten Augenblick roch er taumelnd die Narzissen von Cumä, Mutters Parfüm. – Ja, ja – das war Mutter. Das war ihre Hand, so war es, von Mutter ans Herz geschlossen zu werden – ganz anders als von Tante Lepida! – So war es, wenn Mutter einen küßte! – Glücklich, aufgelöst warf er die kleinen Arme um sie und hörte ihr scharfes Flüstern: »Natürlich wieder in einem fleckigen Kleid beim Empfang! Hast du nicht achtgeben können?!« »Ja – was – was? Was habe ich denn schon wieder gemacht?« dachte das Kind und sah geneigten Hauptes vor sich hin, als lägen die Scherben seiner zerbrochenen Freude ihm zu Füßen. Agrippina hob Britannicus auf ihren Arm, obgleich er mit seinen acht Jahren schon viel zu groß dazu war, küßte ihn und lachte. Britannicus glich Messalina Zug um Zug, er hatte ihre beim Lachen halb geschlossenen dicken Augenlider, ihre Wangengrübchen, ihre ganze leichtsinnige Grazie. Claudius sah das Haupt der schönen Frau von siebenundzwanzig Jahren neben dem seines Kindes, und sein gutes, langes, häßliches Gesicht strahlte. Dann zog Agrippina die ernste Octavia an sich und zwang Domitius durch einen Ruck an seinen Gewandfalten mit in die Gruppe. »Oheim!« sagte die tragende, schwingende, zauberhaft dunkle Stimme, »wie schön ist es, wieder daheim zu sein!« Domitius streckte behutsam seine runde Hand aus und kniff Octavia neben sich mit aller Macht in ihren bloßen dünnen Arm. Im nächsten Augenblick erschrak er furchtbar, denn nun würde sie wie eine Gans losgackern, und Mutters Zorn kam siedend über ihn. Aber Octavia gackerte nicht los, sie sah ihn nur aus ihren schwarzen, eng beieinanderstehenden Augen an, als wollte sie sagen: »Sollen wir einander auch noch quälen!« Domitius sah weg, wurde rot und haßte sie und ihre lange Nase schrecklich. Eine fremde Hand legte sich auf seine Schulter. »Wie du deiner Mutter gleichst!« sagte eine Männerstimme. Domitius sah unsicher zu dem großen Mann auf. Sein offener Mund zuckte nervös in die Breite, als er den klaren Augen begegnete. »Deine Mutter wünscht, daß wir beide Freunde werden, mein Domitius!« sagte die Stimme, und ihr werbender Tonfall machte den Knaben mißtrauisch und voll Nichtachtung. Paris hielt es nie für nötig, um ihn zu werben. Er sagte: »So und so!«, und man hatte es zu tun. »Ich heiße Seneca«, sagte der Mann. »Seneca!« Domitius entsann sich des Namens sehr wohl. Paris hatte davon gesprochen, daß Seneca Mutters Verbannung teilte. Damals hatte Paris dazu gelächelt, und was Paris' Lächeln bedeutete, ahnte Domitius. Er stand da und sah verstockt seinem Fuße in der Sandale zu, der sich auf dem Platze hin und her bewegte. »Ich habe dir eine kleine lebende Schildkröte mitgebracht«, sagte Senecas Stimme. Eine Rednerstimme, voll, weich und angenehm. Domitius gab viel auf Männerstimmen. »Und eine kleine griechische Kythara.« Des Knaben Blick flog auf. »Eine echte Kythara?« Was würde Paris sagen, wenn er ihn nun richtig als Kytharöde begleiten konnte? »Eine, auf der man richtig spielen kann?« Der Mann lächelte: »Kannst du denn richtig spielen?« »Nein!« »Du sollst es lernen. Du sollst viele neue und nützliche Dinge lernen!« Seneca streckte eine große, feste Männerhand aus. »Nun, Domitius? Wollen wir also Freunde werden?« Domitius ließ die Falte mit dem Fleck los und legte beide Hände in die große Hand. »Nie beide Hände auf einmal! Hüte dich, zu viel darf man von sich nicht geben!« Ein Höfling kam, flüsternd geneigt, und Seneca lächelte dem Knaben noch zu, ehe er dem Kämmerer des Kaisers folgte. Domitius sah Seneca bei Kaiser Claudius stehen, der ihm mit großen Gesten etwas zu erklären schien. »Der Kaiser sieht aus wie ein Philosoph und der Philosoph wie ein Kaiser«, dachte der Knabe. Er war müde und verzog den Mund zum Gähnen. Da traf ihn der Mutter herüberblitzender Blick, und er entsann sich, daß Paris ihn gelehrt hatte, man dürfe vor der Menge niemals eingestehen, daß man müde sei. – Paris. – Sicherlich saß er irgendwo und fluchte saftige Flüche, weil er, Domitius, schon so lange nicht kam. Wenn Mutter nicht hersah, konnte man sich vielleicht bis zur Türe stehlen, obgleich man Angst vor den Prätorianern zu beiden Seiten hatte – aber die würden sich wohl nur um Erwachsene kümmern. »Herr!« sagte jemand neben dem Knaben, der, nach Agrippina spähend, nun ernstlich die Flucht erwog, und nochmals: »Herrchen!« Domitius sah sich um, als er das Zupfen an seinem Kleide fühlte, und begriff voll Erstaunen, daß die Anrede ihm galt. »Mir ist befohlen, dich in deine Gemächer zu führen«, flüsterte der Sklave mit Ehrfurcht. Domitius suchte Mutters Blick, aber sie sprach eben mit des Kaisers Staatsminister Pallas und schien nichts auf der Welt zu sehen als diesen. Domitius wandte sich zu Octavia, zeigte ihr rasch in einer Grimasse die Zunge und ging dem Sklaven nach. »Wenn du mir nur den Weg bis zum Tor zeigst nach Hause finde ich dann schon«, sagte er vertraulich zum Sklaven in der weißen kaiserlichen Haustracht, aber der gab keine Antwort. Gänge. Säle. Hallen. Fackeln. Marmor. Prätorianer. Höflinge. Eilende Sklaven. Neue Gänge. »Was wird Paris zu all dem sagen? Hoffentlich hat er auch neue Kleider bekommen! – Hoffentlich können wir morgen den dreckigen Fleck da herausbringen, damit Mutter nicht mehr schilt! Ich bin müde. – Wenn ich nur nicht heute noch üben muß! – Ach, die Decke gut festgestopft bekommen und schlafen – schlafen –« Der Sklave hielt plötzlich an, als seien sie zur Stelle, und öffnete, sich verbeugend, eine Tür vor Domitius. Ein Empfangssaal. Säulen. Vasen. Götterbilder. Sklaven. Blumen. Ströme von Licht. Aber wo war Paris? Da war noch eine Türe, bemalt mit Göttern und Genien – er lief auf sie zu. Ein anderer Sklave sprang vor und riß sie vor ihm auf. Ein Speisesaal. Mischkrüge – waren sie aus Gold? Silberlager, Tafeln, Blumen, neue Sklaven. Oh! Dort war Paris! Er warf sich im Ansturm vor und rief ihn an. Ein fremder Bursche, der sich wendete, ein fremdes, leeres, verfluchtes Gesicht! – Domitius hielt doppelt verwirrt inne, mit seinen Füßen scharrend, weil er meinte, in weggeworfene Speisereste getreten zu sein, und bemerkte nun erst, daß ihn das kunstvolle Mosaik des Estrichs getäuscht hatte. Er fühlte sich genarrt, er fühlte sich fremd, die alte Angst des Verlierens stieg siedend in ihm auf – er schrie: »Paris!« und meinte erlöst das gewohnte, trag gezogene »Ja!« der Antwort hinter der nächsten Türe zu hören. In eifersüchtiger Hast klinkte er sie selber auf. Ein Schlafgemach, oh! Ein einziges breites Bett! Aber es war leer! Wo war er? Wo war Paris? Er hastete weiter wie in bösem Traum. Nicht im Bad! – Nicht in der Dampfkammer! – Nicht im Kaltstrahlsaal! – Nicht im Saal der Turngeräte! – Nicht im Fechtsaal! – Nicht im Ruhesaal! – Nicht in der Bibliothek! »Paris! Paris!« Türen. Türen. Immer noch eine Tür! Prätorianer! Gekreuzte Lanzen! »Kein Durchlaß. Befehl des Kaisers!« Des Kaisers? Was geht er den Kaiser an? Was der Kaiser ihn? – »Zurück!« Von der zögernd wieder geschlossenen Türe her, von der er sich nicht trennen kann, lachen die gemalten Putten ihn kichernd aus. – Aus allen Spiegeln stiert ihn ein weißes Gesicht mit verzweifelten, wahnsinnigen Knabenaugen an. »Paris! – Paris! – Wo bist du, Paris?« Ein alter Sklave murmelt mitleidig: »Wir wissen es nicht, Herrchen!« Da ist es Domitius, als könnte er dies Mitleid um nichts in der Welt ertragen – um nichts in der Welt die Runzeln, die Zahnlücken, das Alter in diesem Sklavengesicht – das da ist, da ! –, und des Paris einzigstes, angebetetes Gesicht ist fort, ist ihm weggefoppt worden, und die Mutter meint ihn mit Blumen und Goldkrügen und Schriften und Marmorbädern zu bestechen? Er ballt seine runden Fäuste und schlägt sich vor die Brust wie Paris, als er Ceres mimte, die um Proserpina klagt. Er rennt, schluchzt, stolpert, fällt – schreiend vor Weinen – aufs Gesicht, wird aufgehoben, kratzt und beißt und stößt um sich – rote Nebel sieden vor seinen Augen. Er stolpert bis zum großen Bett ohne Paris – wirft sich hinein, brüllt, schluchzt – schlägt um sich. Es tut schamlos wohl, sich so loszulassen. Paris, oh! Paris. Plötzlich spricht eine Stimme, eine süße, tränenvolle Stimme tröstet: »Weine nicht so, Domitius! Ich muß sonst mitweinen, mein Herz, mein kleiner Junge – so höre doch!« »Paris! Paris!« Mitten im Schluchzen reißt er sich auf. Ist das die Mutter, die spricht? Aber es ist nicht die Mutter. Ein fremdes, breites, gutes Gesicht. Bloß eine Sklavin. Und er wirft sich in seinen hemmungslosen Jammer zurück. »Schau, Domitius, Paris ist fort –!« Ein Schrei des Entsetzens. – Die Kinderlippen zittern, das ganze Kinn zittert, die Augen starren wild, er sagt fast drohend: »Die Mutter hat ihn fortgeschickt!?« »Nicht die Mutter –«, antwortet die Frau überstürzt. »Er hat – er ist –« Domitius glaubt zu verstehen. »Er ist freigekauft worden?« Sie nickt hastig. »Oh! Von Silus?! Dann geht er sicher nach Korinth?« »Nach meiner Heimat! Der Glückliche!« sagt die süße Stimme. Weiche Hände kühlen seine verschwollenen Augen, weiche Lippen küssen sein tränennasses, rotglühendes Gesicht. »Und wird er wiederkommen? Hat er gesagt, wann er wiederkommt?« Die Hände betten ihn, schmeicheln das zerdrückte Kleid von seinem Körper, die schweren Schuhe von seinen Füßen. Die Frau zieht die Decke über ihn – wie sonderbar, sie beginnt sie am Fußende einzustopfen. Und da er, von Erinnerung überwältigt, in neue Tränen ausbricht, lügt sie barmherzig weiter: »Er hat gesagt, daß er in einem Jahr wiederkommt, wenn du gelernt hast, was du wissen mußt, um deines Großvaters würdig zu werden!« »Das hat Paris gesagt? Das hat er nicht gesagt!« »Nicht in diesen Worten vielleicht –«, gibt sie zu, »aber es war der Sinn!« Neues Schluchzen. »Ist er fort und hat mir nicht einmal einen Gruß geschickt? Oh! Oh!« Die Hand drängt ihn sanft zurück. »Er hat mir gesagt – ›Akte‹ – hat er gesagt –« »Akte? Das ist schön!« »Ja, so heiße ich, mein Liebling. ›Akte, sage dem Domitius –‹« »Das ist gelogen! Das sagt er nicht! – ›Domitius‹ hat er nicht gesagt!« »Wie denn? Warte – es wird mir gleich einfallen!« Das Kindergesicht verzerrt sich ungeduldig, unter stürzenden Tränen murmelt er: »Mein Kleiner«. »Ja! So sagte er! ›Sage meinem Kleinen, daß ich ihm mein ganzes Herz sende!‹« »Sein Herz?« fragt das Kind erschöpft zum Sterben und lächelt ein wenig. Akte, die Freigelassene, die mit Agrippina aus der Verbannung zurückgekehrt ist, kniet neben dem Lager. Sie hat längst die Lichter löschen lassen, längst die Sklaven fortgewiesen. Sie kniet, sie hält die fiebrige runde Hand und summt eine traurige, wortlose Weise, ein paar arme Takte, endlos wiederholend, endlos wiederkehrend wie das Meer, wie das Leid im Leben. Die Nachtlampe brennt knisternd, und sie kann sich nicht satt sehen an diesem leidenschaftlichen Kindergesicht. II. Teil. Der Jüngling Die Läufer bogen mit rhythmischem Aufklang ihrer eisenbeschlagenen Schuhe um die Ecke. Sie überrannten beinahe die gelbe Hündin, die querüber liegend ihre wimmelnden Jungen säugte, die spielenden Kinder mit den Läusen im Filzhaar und den Fliegen im Augenwinkel. »Platz! Platz für Narcissus, den Schatzkanzler des Kaisers!« Während der Vorläufer ans Tor des Pförtnerhäuschens pochte – vergebens, denn der Alte war längst in Panik davongerannt, um drinnen den Gast zu melden –, kamen die sechs nubischen Sänftenträger um die Ecke. Die Sänfte war mit Silber und Perlmutter eingelegt. Der Anführer der Begleitwache ließ den Stufentritt herab. Narcissus streckte das mächtige Haupt vor, sah die Kinder, die Matronen mit von Teig bekrusteten Armen, die Gaffer in Filzkappen, den ganzen von Augenblick zu Augenblick sich vergrößernden Trupp und sagte, während er auf zu kurzen Beinen zu Boden stieg, dem Gewaffneten: »Streu los! Aber langsam, damit sie sich nicht wieder die Köpfe einrennen!« Seneca, der aus dem Hause stürzte, hörte den Jubel, sah den Münzenfall. »Narcissus! Wie schön, daß du kommst! Mögen die Götter deinen Eintritt segnen!« – Senecas Antlitz strahlte. Sie tauschten den doppelten Wangenkuß, und in der guten hellen Sonne hier draußen ward Seneca gewahr, wie gelb und verfallen der Kanzler aussah. Die hellen Augen jedoch schienen alles zu sehen – den zersprungenen Wandbewurf, die verblaßten Fresken, aber auch die neuen Teppiche, die neuen bebilderten Vorhänge, die drei Griechensklaven im Nebengelaß, die des Hausherrn »Büchlein vom Zorne« für die Schriftenhändler am Forum kopierten, im Arbeitszimmer mit den abgebrauchten Möbeln den schönen neuen Rollenbehälter aus korinthischem Erz. Narcissus blieb beim Fenster stehen, in das Rosen und Wein hereinwuchsen, und sah über den Tiber hin. »Ein liebes altes Haus«, sagte er, »wie oft bin ich hier schon bei deinem Vater gewesen.« »Ja. Aber viel zu eng und zu entlegen für uns«, antwortete Seneca schnell. »Im Herbst ziehen wir um. Ich habe das Haus des Sulpitius gekauft, neben dem Cerestempel. Hier muß ich meine Schriften im Keller verwahren, und die Mäuse knabbern sie an.« Narcissus sah mit schief gehaltenem Kopf zu ihm auf. Seneca hatte seinen stadtbekannten durchlöcherten Philosophenmantel angelegt. Das Hauskleid, das in den Winkel geworfen worden war, räumte jetzt eine huschende Sklavin fort. Narcissus studierte dies Gesicht, die ausgearbeitete Stirne, die edle Nase, die versonnen und heiter blickenden Augen, den fleischig-wohllebigen Mund, das schwache Kinn. »Dich hat's«, dachte der Alte. »Agrippina kennt alle Arten von Fallen.« Ein alter Sklave kam, in tausend Runzeln strahlend, mit den Bechern hereingeschlurft. Narcissus, mit seinem untrüglichen Gedächtnis, wußte sofort: des Sklaven Name sei Primos. Aber er war zu müde, zu durstig und zu unglücklich, um den Greis erfreuen zu wollen. Er sagte halblaut: »Laß uns allein bleiben.« Der Schenke verzog sich mit der beleidigten Würde des Haustyrannen. Seneca deutete die Opferung an. Narcissus beugte sich vertraulich vor und fragte leise, mit dem Daumen nach der Türe weisend: »Horcht er?« »Nein!« sagte Seneca betroffen. » Ich habe als Sklave nämlich immer gehorcht!« sagte Narcissus. Das Lachen begann in seinen brauenüberwucherten Augen, schien den ganzen zähen Körper heimlich zu erschüttern und brach endlich in erstaunlicher Gewalt bellender Baßtöne los. »Was für ein altes Kind!« dachte Seneca und liebte ihn plötzlich. Narcissus trank, rollte den Wein auf der Zunge und sagte: »Cäcuber. Nicht sehr gut gelagert!« »Cäsar hat ihn mir in seiner Güte gesandt«, sagte Seneca. »Cäsar in seiner Güte trinkt sehr viel, versteht aber einen Dreck von Weinen«, sagte Narcissus. Er stellte den Becher hin, beugte sich vor und sagte, was er die ganze Zeit gedacht hatte: »Also jetzt habt ihr es erreicht!« Das zufriedene Glück in Senecas Augen erlosch. »Was, Narcissus?« »Was? Daß ihr mich ausgestochen habt bei Claudius, nach achtunddreißig Jahren der Freundschaft.« »Narcissus!« rief Seneca. »Schau, Seneca –«, sagte der Alte. »Ich frage mich schon seit Claudius' Hochzeit mit Agrippina, ob du wirklich so ein Narr bist, nichts zu sehen, oder ob du so schlau bist, nichts sehen zu wollen?« Der Alte hatte in Senecas Gesicht gestarrt, nicht in die Augen, sondern auf den Mund. Als dächte er laut, wie Einsame oft, sagte er nun: »Vielleicht bist du einer von denen, die so glücklich sind, glauben zu können, was sie gerne glauben wollen!« Seneca dachte: »Er ist mein Gast. Und ein alter Mann.« Er antwortete mit ruhiger Stimme: »Ich weiß nicht, warum du mich bald schlau schiltst und bald töricht. Ich habe niemals versucht, dich bei Cäsar auszustechen, wie du anspieltest. Der klügste Mann von Rom müßte wissen, daß ich nur einer Herrin zu dienen bestrebt bin, und das ist die Weisheit.« Narcissus holte Atem. »Ich bin nicht klug. Wäre ich es, so hätte ich Claudius besser geschützt und Britannicus vor allem! Aber es war schon zu spät.« »Spielst du auf die Adoption des Domitius durch Cäsar an?« – »Auf die spiele ich an. Ja!« »Und findest du es entwürdigend für Cäsar, den Enkel des Germanicus als seinen Sohn anzusehen?« »Keineswegs, wenn dieser Cäsar nicht selbst einen echten Leibeserben gezeugt hätte.« »Tiberius hat zu seinem leiblichen Sohn auch noch den Germanicus adoptiert!« »Du hast die Senatsrede des Pallas gut memoriert! Oder bist du vielleicht deren Autor? Wozu, beim Hades, braucht Claudius diese verfluchte Adoption, die Agrippina so sehr gebraucht hat? Von Attius Clausus, dem sabinischen Ahnherrn an, hat das Haus der Claudier in gerader Linie bis zu Claudius Cäsar fortbestanden – besteht weiter in Britannicus. Dank den Göttern! Aber nein, die Grasmücke mußte dem Kuckuck Platz in ihrem Neste machen!« Seneca hob den lauschend gesenkten Kopf: »Ich bin jetzt fünf Jahre der Lehrer des Domitius Nero. Ich liebe ihn. Ich habe niemals ein selbstloseres, des Liebens würdigeres, gütigeres Kind gesehen. Und niemals schönere Gaben. Ich habe mein ganzes Herz, alles, was ich bin – es mag wenig sein oder viel –, meine ganze Hoffnung daran gesetzt, aus ihm einen Mann, einen Römer, einen Menschen zu machen.« Narcissus senkte die zerknitterten Lider. Er sah alt und müde aus. Dann sagte der Baß: »Du hast auf den falschen Wagenlenker gesetzt.« »Was?« staunte Seneca. »Domitius ist nicht, was du in ihm siehst. Das alles ist Britannicus. Wenn du dich auch heute meinen Worten verschließest, einmal wirst du es sehen müssen und vergeblich versuchen, dein Gesicht mit dem löchrigen Philosophenmantel zu verhüllen.« Seneca verbarg ein Lächeln und dachte: »Der arme Alte.« Narcissus sagte vor sich hin: »Siehst du, Seneca, du hast keine Menschenkenntnis. Wie solltest du sie auch erworben haben? Du hast immer dein enges, beschauliches Leben geführt.« »Eng?«, dachte Seneca. »Ich? Der in die Verbannung ging? Und ich kenne die Menschen nicht, ich, dessen ›Trostbrief an Marcia‹ ganz Rom lobt?« »– deshalb bist du, was man ›anständig‹ nennt, und erwartest Anständigkeit von den anderen Menschen. Ich habe gehungert, gehurt, gemordet, Gemeinheiten begangen und die Hurereien, Morde und Gemeinheiten unter drei Cäsaren mitangesehen, um von dem, was ich war, zu werden, was ich bin. Ich nehme es keinem Menschen übel, wenn er mich verkauft, verrät, Gift für mich mischt. Ich verachte die Menschen so sehr, daß ich sie fast bemitleiden könnte. Wenn man aber zu einem von euch anständigen Menschen anständig ist, so sagt ihr achselzuckend: ›Nun, so gehört sich's eben.‹ Ich aber bin so überrascht, daß ich es nie mehr vergesse. Claudius war anständig zu mir, vor achtunddreißig Jahren.« Er legte seine Greisenhand abwehrend auf seinen Becher und stand auf, zu Senecas Höhe emporblickend. »Du liebst ja Agrippina bis in ihren rotschädligen Sohn!« sagte er. »Wie malt sich ihr Bild wohl in solch einem Philosophengehirn, das Bild dieser Agrippina, die ihren eigenen Onkel heiratet, obwohl der brave Senat solche Eheschließung erst durch ein neues Gesetz ermöglichen muß! Die gleich darauf zum Lohn für seine Freiwerberdienste mit Pallas zu Bett geht, die die Verlobung der Octavia mit Silanus löst, Octavia mit ihrem Domitius verlobt und endlich diesen ihren Domitius zu Cäsars Erben macht. Alles binnen fünf Jahren?!« Seneca rang nach Worten. Sein Gesicht zuckte. »Und jetzt werde ich dir noch zum Schluß etwas erzählen. Altweiberklatsch, magst du sagen. – Als Domitius zu Antium geboren ward, da ging Agrippina zu den Chaldäern. – Ja. Sieh mich nur an. – Und die Chaldäer sagten, sie sähen ein Diadem auf des Kindes Haupt, aber, wenn es Cäsar würde, dann werde es seine Mutter töten. Da soll Agrippina gesagt haben (und ich glaube es, daß sie es gesagt hat): ›Es mag geschehen, wenn er nur Kaiser wird.‹ Seneca, siehst du jetzt noch immer nichts?« Narcissus klatschte. Der Gewaffnete tat die Türe auf. Der Alte machte eine kleine, kurz abschneidende Gebärde, als Seneca zu folgen sich anschickte. Die Tür fiel zu. Rasseln. Erztritt. Laufen. Rufe. Eine junge Stimme: »Platz da! Platz für Narcissus, den Schatzkanzler des Kaisers.« Seneca stand da, die Hände vors Gesicht geschlagen. Er entsann sich seines Traumes aus der ersten Nacht, nachdem er die Erziehung des Domitius übernommen hatte. Er war vor Grauen geschüttelt aufgewacht, denn man hatte ihm vorgeworfen: sein Zögling sei Caligula.   Auf all den hundert Masten des Gymnasiums waren die kaiserlichen Hausflaggen aufgezogen und klatschten im Morgenwind. Das Gymnasium hallte von Warnrufen und Lehrrufen, von Rossegewieher, von Zuschauergeschwätz, von Gelächter. Das ganze riesige Rund schien in drei Farbflecke aufgeteilt zu sein, in smaragdenen Rasen, blonde Sandstrecke und glimmernd weiße Kiesbahn. Überall blendete es von Farben in der frühen Sonne. Überall übten sich die Ballschläger, die Springer, die Ringer, die Diskus- und Speerwerfer, Wagenlenker, Reiter, Läufer in ihrer Kunst. Nackte, sehr junge Körper der Prinzen und Prinzengefährten, der Söhne landeigenen Adels, der Söhne reicher Freigelassener leuchteten ölglänzend und schweißbedeckt in allen Farbtönen von dem des Zitrusholzes bis zu schwärzlicher Bronze. Über die Bahn der Bogenschützen setzte Piso in schlanken Sprüngen und rief im Lauf: »Nicht so starr den Bogen! – Nicht so wild anreißen! – Langsam abziehen! Jetzt! – Gut, sehr gut, Britannicus!« Britannicus stand, den schweren Antilopenbogen in der Hand, in der Stellung des Pfeilsenders Eros da. Er schob die Unterlippe vor, runzelte die Stirn und sagte, mit der Faust die Luft schlagend: »Fünf Treffer bloß aufs Dutzend! Was will das heißen, Piso!« »Mit dem schweren Nubierbogen? Frage dich, ob du das vor einem halben Jahr vermocht hättest!« »Ach – man müßte soviel können wie du, in allem, allem!« seufzte Britannicus. Er schnippte, und einer seiner Sklaven trat vor, ihm mit dem Schweißtuch Gesicht, Nacken und Hände zu trocknen. »Dafür bin ich aber auch zweiundzwanzig Jahre alt«, tröstete Piso, nur mit den Augen lächelnd, wie er es pflegte. »Zweiundzwanzig Jahre!« lachte Britannicus und zeigte Grübchen und Zähne. »Ob ich je so alt werde?« »Die Götter mögen es geben!« sprachen Piso und die Sklaven im lauten Chor. »Mich dürstet!« Britannicus deutete nach dem Korbe, den einer der Sklaven trug und in dem der Wein unter Daunendecken warmgehalten wurde. Der Sklave riß die Decke fort und hob den Golddeckel vom Kelche. Aber ehe Britannicus ihn ergriff, streckte Piso seine Hand aus. »Verzeih! – Wo bleibt Hylas!? – Soll ich den Vorkoster des Prinzen spielen?« Hylas, der schon Messalinas Vorkoster gewesen war, hastete heran, und Britannicus wartete geduldig, bis sein welker, zahnloser Mund den ersten Schluck getan hatte. »Möge es dich stärken, mein Vögelchen! Möge es dir langes Leben geben!« flüsterte der Alte zärtlich, während Britannicus in gierigen Schlucken trank. Der Sklave wandte sich strahlend an Piso: »Er trinkt ganz wie die Kaiserin, seine Mutter, Herr. Geschlossenen Augs, mit allen Sinnen.« »Danke, mein guter Alter«, sagte Britannicus atemholend. Ihm war Güte gegen Sklaven so selbstverständlich wie seinem Vater Claudius, und die Sklaven, die jenen darum verspotteten, beteten ihn an. »Ich bin müde«, sagte Britannicus und hängte sich an Pisos Arm. »Laß uns zum Baume gehen.« Der einzig aufgesparte Baum im weiten Rund war eine uralte Platane, deren mächtige Äste grau und gelb gefleckt wie Pythonleiber sich durcheinander wanden. »Du glaubst doch nicht im Ernste, daß sie mir hier vor aller Augen etwas zu tun wagen würden?« fragte Britannicus kichernd. Piso sah sich um. Die Sklaven, die ihnen folgten, hielten Abstand. Er antwortete ernst: »Nicht, solange ich es verhindern kann.« Britannicus schwatzte im Gehen. »Manchmal, wenn ich so einen Burschen auf der Straße sehe, der seinen Esel treibt und ohne Vorkoster seine Melone frißt – weißt du, solch einen Burschen, der ganz bestimmt damit rechnen kann, zwanzig und dreißig und siebzig Jahre alt zu werden – dann frage ich mich, ob ich nicht mit ihm tauschen möchte.« Er nahm den Blick aus der Ferne zurück, um Piso anzusehen, und lächelte sein liebreizendes, von Messalina ererbtes Grübchenlächeln. »Aber ich glaube – ich bin trotz allem doch lieber der Claudius Britannicus.« Er warf sich laut gähnend ins Gras und dehnte, wie ein junger Hund mit allen Vieren in der Luft strampelnd, die Glieder. Er war braun und gesund wie eine Nuß. Er glänzte vom Öl, mit dem er eingerieben worden war. Nur, weil er einen Fall getan hatte, haftete auf Rücken und noch mädchenrunder Schulter der blonde Wüstensand der Läuferbahn, der in Schiffsladungen für das Gymnasium der Prinzen verfrachtet worden war. Piso lag mit geschlossenen Augen und offenen Armen da, wie gekreuzigt. »Piso?« »Hm?« Schweigen. »Nun?« »Du, Piso. – Ich bin ein Mann.« Piso warf sich herum. »Was meinst du damit?« Britannicus grinste. » Was! Du bist bei ihr gelegen? Nein!« Britannicus zog das rote Stirnband ab und schüttelte nickend die dicken Locken in die Augen. »Wann denn? Um der großen Venus willen!« »Heute nacht. Ihr schlieft alle wie die Säcke.« »Höre einmal, Britannicus. Du bist dreizehn Jahre alt!« »Dreizehneinhalb. Und fast so groß wie die Domitia mit sechzehn! – Erinnerst du dich übrigens noch, wie Burrus uns im Herbst erzählt hat, bei den Parthern müsse ein Fürstensohn mit dreizehn seinen Mann gezeugt haben und seinen Mann erschlagen?« »Bei uns herrschen mildere Sitten. Und meinst du nicht, daß so früher Eros Schaden bringen mag?« Britannicus lachte sein Schelmenlachen: »Gerade heute hast du meine Pfeilschüsse belobt! – O Piso, ich bin ein Mann, mögen sie mich auch hundertmal dem Volk von Rom im Knabenkleid zeigen, wie ich hinter der Domitia in ihrer großen Toga einherzappeln muß!« Piso war aufs Gras zurückgeglitten. Jetzt sprach er mit Überwindung: »Was wird Octavia sagen, wenn sie hört, daß du mit ihrer Sklavin gelegen bist?« »Sonderbar!« lachte der Knabe und strich mit seinen langen, schmalen Fingern über die beiden blauschwellenden Adern auf Pisos sehr hoher Stirn. »Wenn du von ihr sprichst – gleich wird dein Apiszeichen sichtbar! – Octavia? Die wehrt mir nichts, die versteht, daß ich immer in dem Gefühl lebe, nicht so viel Zeit zu haben wie andere. Und ich bin kein Waschlappen wie die Domitia. Ich möchte alles sehen, alles lernen, alles genießen –« »Britannicus, ich muß dich jetzt wirklich bitten, dich daran zu erinnern, daß Cäsar dir verboten hat, deinen Bruder Claudius Tiberius Nero anders als mit diesem seinem neuen Adoptivnamen zu nennen!« »Ach was! Das mein Bruder? Die Domitia mit der Bleiplatte auf den Brüstchen für ihr geliebtes Organ? Mit dem Schlangenarmband und dem Schlangenblick und mit dem senecaischen Sprüchlein über ›das Gute‹ auf der Zunge?« Britannicus schauderte mit dem ganzen Grausen des gesunden jungen Tieres vor der Spielart seiner Rasse. »Britannicus! – Wenn Nero dir nicht gefällt, dann verspotte ihn nicht, sondern versuche, der bessere Mann zu werden. Du weißt, daß Cäsar deine Unterordnung unter den Älteren wünscht, und du hast zu willfahren.« Britannicus' Gesicht verzerrte sich, so nahe waren ihm die Tränen. »Ich weiß nur, daß Vater mich gestern zärtlich umarmt und mir gesagt hat: ›Werde nur älter, dann werde ich dir alles erklären, was ich tun mußte!‹ Und als ich gehen sollte, rief er mir noch die Worte Achills an Telephus nach: ›Der dich verwundet hat, wird dich auch heilen!‹ – Ich kenne meinen Vater, ich weiß, wie gut er ist – er ist hilflos, wenn Pallas und Agrippina und die Domitia gegen ihn losziehen.« Britannicus schnupfte ärgerlich auf, um seine Tränen zu verbergen. »Was mit mir geschieht, ist ja ganz gleich, aber es ist empörend, daß sie auch meine Schwester opfern wollen! Silanus war zweimal so alt wie Octavia, aber er war ein Triumphator und ein Mann! Doch wenn ich denke, daß dieser Halbaffe Domitius zu ihr ins Hochzeitsbett kriechen soll – O Piso! Hab ich dir weh getan?« Piso lächelte mit geschlossenen Lippen. »Hast du sie so lieb?« flüsterte Britannicus, in das edle, schmale Gesicht seines Freundes sehend, dessen ernste Regelmäßigkeit von der blaugeäderten Stirne überhöht wurde. Der Lehrer schwieg so lange, daß der Knabe beschämt und verletzt sich aufrichtete. Da raunte Piso endlich: »Sehr.« Der Knabe sagte, als spräche er zu sich selbst: »Ich liebe Charis nicht, und Charis ist schön. Octavia – mir ist sie der nächste Mensch auf der ganzen Welt! – aber ich sehe wohl, daß sie häßlich ist, und du liebst sie!« Pisos Augenbrauen hoben sich über geschlossenen Augen, als spotte er über des Knaben Rede. »Ach, Piso! Hättest du sie doch heiraten können, keinen lieberen –!« Britannicus brach ab und rüttelte mit festen Fäusten Pisos Arm: »Gib acht, die Domitia kommt!« Piso tat die Augen auf und erhob sich ohne Hast. Er sah von der Rennbahn her, die den äußersten Kreis des Stadionrundes bildete, einen Trupp auf die Platane zukommen, der anscheinend nach den Bäderhallen strebte. Er erkannte Seneca, dessen tragende Rednerstimme etwas zu erklären schien. Dies war Pallas, von der hochmütigen Eleganz eines Vollblutkameles, neben ihm Burrus, ein Mann wie ein Eichenklotz, ein Soldat, dem der Partherkrieg den linken Arm geraubt hatte, und trotzdem der beste Waffenmeister, den ein Prinz finden mochte. Da war Nero selbst, sein rotes Haar wie ein Flaggtuch leuchtend – jetzt kam Terpnus, sein Gesangs- und Redemeister, Anicetus, der ihn im Schwimmen unterrichtete, Ammon, der beste Wagenlenker von Rom, ein Ägypter – gleich zwei Ärzte! – eine Schar von Freigelassenen. – Des Britannicus Gefolge nahm sich dagegen aus wie das eines armen Klienten. Nero, Prokonsul des Kaisers und »Fürst der Jugend« mit sechzehn Jahren, ging zwischen den beiden Lehrern, die seinen Geist und seinen Körper zu bilden von Agrippina auserwählt waren, Seneca und Burrus. Er trug den weißen, schenkelkurzen Leibrock spätgriechischer Wagenlenker, der mit einem Goldriemen gegürtet und nur auf der linken Schulter von einer Fibel gehalten war. Seine mädchenweiße empfindliche Haut war vom Sonnenbrande hochrot aufgezogen, schälte sich und zeigte zahllose Sommersprossen. Schulter, Arme und Rücken waren vollendet durchgebildet, nur der Hals ein wenig dick. Dieser Zögling des Burrus ging in bewußt vorzüglicher Haltung, aber sein Körper hielt keinen Vergleich der Schönheit mit jenem seines Gefährten Otho aus, der so erzene Brust- und Magenmuskeln hatte, daß es schien, als müsse jeder Stoß und Hieb von ihm tönend abprallen wie von einem Kriegerschild. So jung Nero war, hatte er doch schon eine Mode geschaffen. Alle seine Gespielen trugen ihr Haar in die Stirne gekämmt, wie der Friseur des Prinzen das seine frisierte, indem er aus der Not eine Tugend schuf. Denn dies drahtig dicke, unbändige Haar ließ sich nie und nimmer zurückkämmen. Ein silberner Kranz von Ölzweigen umwand Neros Schläfen. Seine Züge waren vollkommen regelmäßig und von größter Schönheit bis auf die tiefliegenden Augen, die kurzsichtig waren und die er beständig ein wenig zusammenkniff, wozu er die Stirn zu runzeln pflegte. Vielleicht gab dies dem Antlitz den Ausdruck des Verhaltenen, des spähenden Auf-der-Hut-Seins. Auffällig war der Mund. Tiefrot, von einer stets feuchten, beunruhigenden Fülle, vollendet schön gezeichnet auch er und doch gleichsam unziemlich in solch jungem Gesicht. Neros linken Arm schmückte ein schwergoldenes Armband, durch dessen Fensterchen man die eingebettete Haut einer Giftviper wahrnahm. Auch die Geißel, die er hielt, war golden, und jetzt senkte er sie in den schönen Gesten des römischen Fechtergrußes. Den Blick mehr auf Seneca als auf die Gegrüßten heftend, sprach er, ihnen großmütig zuvorkommend: »Die Götter seien mit euch, Gajus Calpurnius Piso und Gajus Claudius Britannicus!« Britannicus hatte von Anfang an nichts anderes gedacht, als Nero, so wie der Vater, so wie die Sitte es heischte, zu grüßen. Aber jetzt; sah er den ganzen Aufwand des Bevorzugten, sah den Olympionikenkranz, sah das Armband, das prahlerisch die herakleische Legende Agrippinas von der in Neros Wiege gefundenen Viper bestätigen sollte. Gallbitternis drohte ihn zu ersticken. Er kreuzte beide Hände sklavisch über seiner nackten Brust, neigte sich bis zur Erde und sagte in allen hörbarem Hohne: »Ich grüße dich in Demut – Domitia!« Über Neros Gesicht schlug tiefe Röte. Wie etwas Angeheftetes fiel das großmütige Lächeln ab. Die feuchtroten Lippen klafften, man sah die verbissenen, sehr spitzen Zähne. Anicetus trat vor ihn, als wolle er zuschlagen, und Piso riß Britannicus zurück. Seneca sprach zuerst: »Nun, nun – mein junger Freund. Ich denke, auf freundlichen Gruß hätte freundlichere Antwort gebührt. Komm jetzt, Nero.« Als hätte Seneca auf einen Hebel gedrückt, erschien Neros Lächeln wieder. Der ganze Trupp setzte sich in Bewegung. Die Gefolgschaft von Scheltenden, Tuschelnden und Grinsenden trat in die Badehallen ein. Dann sagte Piso – und das sonderbare Zeichen der beiden zusammenlaufenden blauen Adern stand auf seiner Stirn: »Britannicus, Britannicus! Wenn das nur nicht neue Wetter über dich heraufbeschwört!« Britannicus stand abgewandt, sein ganzer Körper bebte. »Dieser Schuft!« weinte er trotzig. »Dieser Dieb! Meinen Vater hat er mir gestohlen. Octavia nimmt er mir, soll er mir denn auch Rom nehmen dürfen?«   Claudius und Narcissus saßen spät abends in des Kaisers Geheimzimmer beisammen. Es war heiß, und sie hatten sich beide die lästigen Togen abnehmen lassen und die schweren Senatorenstiefel. Sie saßen im Unterkleide da wie zwei brave kleine Bürger am Feierabend, hatten sich Schemel unter die nackten Füße schieben lassen und arbeiteten geruhsam an des Kaisers geliebtem, altem Tisch. – Eine Goldschale mit Früchten stand zwischen den aufgerollten Plänen der Bergabtragung am Fucinersee, und sie verstreuten Traubenstiele, Dattelkerne, Mandelschalen über Tisch und Estrich in diesem Gemach, in dem kein Hausfrauenblick drohte. Der einzige Sklave, der zugegen sein durfte, des Kaisers alter, verschnittener Halotus, übte das Schenkamt. »Achthunderttausend mehr als der Kostenvoranschlag! Ich habe noch nie einen Baumeister gesehen, der seinen Voranschlag unterboten hätte! – Stiehlt Celer?« fragte der Kaiser Claudius mißvergnügt. Sie sprachen griechisch, das Claudius mit Feinheit und Leichtigkeit beherrschte. »Nicht mehr als üblich!« brummte Narcissus über seinem Becher. »Deine Beine sind wieder tüchtig geschwollen!« sagte Claudius mit einem besorgten Blick in seinen guten braunen Augen. »Nimmst du deine Arznei nicht, du alter Esel!?« »Philippus macht eine ganze Hausapotheke aus meinem Bauch. Weißt du, wenn ich einmal Selbstmord begehen will, hab' ich's leichter als die anderen. Ich brauch' bloß drei Tage lang alle die Säftchen nicht einzunehmen.« Und einer seiner erstaunlichen Heiterkeitsausbrüche schüttelte den Kanzler. »Das ist meine ständige Angst«, sagte Claudius und stieß ein wenig mit der Zunge an wie immer, wenn er erregt war. – Als er dies ihm bekannte Lispeln hörte, brach Narcissus sein Lachen ab. »Was?« fragte er. Des Kaisers langes Gesicht zuckte. »Daß du eines Tages mich allein lässest – ›freundlos und ärger allein als unter Tieren der Wüste!‹« zitierte er gedämpft. Narcissus schüttelte ungerührt den mächtigen Schädel. »Solang du noch lebst – nicht«, sagte er trocken. »Ich habe gedacht – ob du vielleicht mein Landhaus in Pompeji haben wolltest? – Nein? – Schau, ich möchte dir so gerne eine Freude machen.« »Man bestiehlt nicht umsonst drei Kaiser. Ich habe mehr Geld als du«, sagte Narcissus. »Wünsch dir etwas, Alter, ich bitte dich.« Narcissus zog lauernd die Brauen zusammen. »Also gut – ich wünsche mir etwas, Cäsar.« Claudius zuckte mit den Lidern, ihm schwante Böses. »Aber etwas Vernünftiges!« bat er und fiel aus seinem vollendeten Griechisch in alltägliches Latein. Narcissus schob seinen Kopf vor, und auf einmal sah man, was für ein gnadenloser, zäher Fechter dieser kranke, alte Mann gewesen sein mußte. »Mache das Testament«, forderte er. Claudius lächelte halb verlegen, halb traurig und schwieg. »Mache das Testament, das Britannicus zu deinem Erben erklärt und dem Senate anempfiehlt – eine größere Freude kannst du mir nicht machen«, wiederholte der Alte, mit dem Zeigefinger auf den Tisch klopfend. »Quäle mich nicht«, bat der Kaiser leise. »Du wirst ganz andere Qualen zu erdulden haben, wenn du mir nicht –« Narcissus brach ab. Sie lauschten starr. Sie sahen einander an. »Hast du denn niemals Ruhe?« knurrte Narcissus gereizt. » Jetzt ? – Unmöglich!« sagte Cäsar ungläubig. Aber der Ruf, den sie zu hören vermeint hatten, wiederholte sich näher und deutlicher, und Claudius sprang vom Stuhle auf. »Julia Agrippina Augusta zu Kaiser Tiberius Claudius!« Und noch näher das Waffengeklirr der Schwerter, die aus der Scheide fuhren, und der Ruf: »Julia Agrippina Augusta –« Der hilflos verwirrte Halotus wußte nicht, welchem von den beiden er zuerst die hohen Schuhe schnüren sollte. Narcissus klatschte, und Sklaven stürzten herein, Fackelträger, Ankleider, Sklaven, die sich mühten, die Unordnung der geheiligten Zurückgezogenheit Cäsars zu mildern. » Ich gehe!« kündigte der Alte an, sowie man ihm die Toga umgeworfen hatte. »Julia Agrippina Augusta!« Da klappten schon die Türflügel auf, und Claudius machte, da es zum Sprechen zu spät war, eine ungewohnt befehlende Handbewegung, die Narcissus bleiben hieß. Eindringende Fackelträger bildeten Spalier, man sah durch die offenen Türen die Prätorianer den Gruß der Ehre leisten, und mit raschem, wehendem, starkem Schritt kam Agrippina heran, in Weiß, wie sie es liebte, einen durchsichtigen Schleier ums Haupt geschlagen. Claudius sah das Wetterleuchten ihrer großen Augen, und sein Blinzeln verstärkte sich. Er kam mit seinem unschönen, plattfüßig schlurfenden Gang, den jeder Straßenjunge in Rom höhnisch nachahmte, auf sie zu – an dem linken, nicht ganz zu Ende geschnürten Schuh schleppten die schwarzen Riemen nach –, und während die Türen sich schlossen, die Fackelträger ihre Leuchten in die Wandringe steckten, sagte er mit der ganzen altmodischen Galanterie des augusteischen Hofes: »Welch eine erfreuliche Überraschung zu guter Stunde, meine Tochter! Du erhebst unsere Zahl zu der der Grazien, deren Gaben du zu vereinen scheinst!« und er hielt lächelnd ein paar Schritte von ihr inne. »Wie der Tierbändiger, wenn er den Prankenschlag der Tigerin fürchtet!« dachte Narcissus. Agrippina hob den stolzen Kopf. Sie maß Claudius von oben bis unten. »Ich hoffte dich allein zu finden«, sagte sie. »Ich habe keine Geheimnisse vor Narcissus«, antwortete Claudius, und zwei rote Flecken erschienen auf seinen Wangen. »Aber ich habe sie«, sagte Agrippina kalt. »Mein Cäsar, vergönne es mir, mich zurückzuziehen«, sagte Narcissus. Claudius nickte. Agrippinas Fuß pochte auf den Boden, als wolle sie die Sekunden bis zum Zufallen der Türe zählen. »Auf morgen, mein guter Narcissus, auf morgen!« rief der Kaiser laut dem Kanzler nach. »Ich stehe dir zu Diensten, meine Tochter«, sagte Claudius. »Immer die alte Anrede. Will er sich oder mich die Tatsache der Ehe, die sie ›blutschänderisch‹ nennen, vergessen machen?« dachte Agrippina böse. Sie ging stumm auf und ab. Ihr Schleier war von Diademreif und hochgetürmten Locken geglitten. Sie war gekommen, um zuzuschlagen, und doch warnte sie etwas. Claudius saß da, und wie immer, wenn sein häßlicher Gang nicht störte, haftete diesem letzten Enkel der Livia etwas von der Größe und Würde des erhabenen Geschlechts an. Sie hatte gedacht, ihn zu so später Stunde betrunken oder übermüdet oder liebessehnsüchtig zu finden, aber sie las nichts von alledem in seinem hageren Gelehrtengesicht, nur Höflichkeit und leisen Überdruß. Sie kam auf ihn zu und merkte, daß er sich hinter dem wackeligen alten Tisch gleichsam verschanzte, an dem er noch als der von Germanicus verschattete Prinz seine Studien betrieben hatte. Sie beugte sich vor, sah die verhaßten Pläne des verhaßten Narcissus zum Bergdurchstich am Fucinersee, und es brannte ihr auf der Zunge, Böses darüber zu äußern. Aber Agrippina war zu klug, sich nach Frauenart in Unwichtiges zu verlieren, wo es Wichtigstes galt. »Narcissus später«, sagte sie sich. Sie holte Atem und begann mit heißer Ruhe: »Ich führe Klage gegen deinen Sohn Britannicus!« Claudius hob schweigend die Brauen, als wollte er sagen: »Schon wieder?« Er schwieg, und Agrippina sah sich genötigt fortzufahren. Sie stützte sich auf den Tisch und ihre Stimme wurde scharf: »Ich kann es nicht dulden, daß Messalinas Sohn Nero öffentlich herabsetzt!« Claudius' Gesicht war von seiner Hand verdeckt, die er als Schirm vor die Augen hielt. »Wann wäre das geschehen?« fragte er müde. Agrippina riß ungestüm die lange rötliche Hand von seinem schlaffen und traurigen Gesicht. »Spottest du meiner, Claudius? Es mag ja sein, daß meine Rede in Cäsars Ohr keine Geltung hat, weil mir Narcissus dies Ohr schon so lange verschließt. Aber ich denke, wer so gerne am Forum über die Streitigkeiten der Marktweiber zu Gericht sitzt, sollte die Aussage einer Klägerin nicht ganz so leicht nehmen, die die Schwester und Gattin von Cäsaren ist!« Claudius holte tief Atem und sagte: »Agrippina – wollen wir nicht diesmal versuchen, unsere Ruhe zu bewahren?« Agrippina dachte: »Ich würde nichts so sehr wünschen, als daß du die deine endlich verlörest! Denn dann kommst du und bettelst!« Und laut erwiderte sie: »Es ist sehr schwer für eine Mutter, ruhig zu erdulden, daß ihr völlig schutzloses Kind« – täuschte sie sich oder flog ein winziges Lächeln um Claudius' Lippen? – »öffentlich erniedrigt und beschimpft wird. Burrus hat mir eben in hellster Empörung berichtet, daß, als Nero und Britannicus einander im Gymnasium begegneten, mein Nero als der Ältere und der Fürst der Jugend Britannicus zuerst gegrüßt hat, und weißt du, wie der Sohn der Messalina diese Freundlichkeit belohnte? Er nannte ihn vor allen ›Domitia‹!« Sie begann auf und ab zu gehen, ihr Gewand aus steifer Seide raschelte mit dem Geräusch von Nattern im Herbstlaub hinter ihr her. »Wenn es nicht so tragisch wäre, möchte ich so laut lachen wie Narcissus!« dachte Claudius hinter seiner vorgehaltenen Hand. »Mein kleiner Britannicus! Mein tapferer kleiner Kerl! – Der zaudert nicht wie sein Vater! Gelähmten Willens, lahmer Zunge! Und wie er trifft, bei allen Göttern! – Wenn sie nur aufhörte, hin und her zu gehen, wenn sie sich doch nur setzte wie andere Menschen!« Agrippina sah die vorgeneigte Gestalt, das kahle Haupt, die schmalen, abfallenden Schultern. »Er schweigt. Stützig wie ein Maultier schweigt er«, dachte sie. »Er sitzt da und verbirgt sein Gesicht, das wie ein Fastentag lang ist!« »Claudius!« sagte sie in einer Sanftmut, die den Atem anhielt, und strich über sein schütteres Haar, »willst du mir nicht helfen?« »Laß mich doch nachdenken, bitte.« Sie preßte die geschminkten Lippen zusammen und nahm ihren Raschelgang wieder auf. Im Augenblick, da sie meinte, ihr Zorn müsse nun und nun überkochen, richtete sich Claudius auf, und wieder lag diese erstaunliche Würde über ihm. »Ich kann die Streitigkeiten von einem dreizehn- und einem sechzehnjährigen Jungen nicht in so finsterem Lichte sehen wie Burrus«, sagte er. »Wenn du es wünschest, soll Britannicus seinen Bruder um Entschuldigung bitten, das wird er herzensgern tun.« »Und ich kann deiner bequemen Auffassung nicht beipflichten«, sprach Agrippina eisig. »Ich kenne meine Feinde, die hinter Messalinas Sohn stehen.« »Was also soll ich mit Britannicus tun, ihn köpfen?« »Nein – aber ihm bessere Erzieher geben als Messalinas Kreaturen. Ihn von Narcissus fernhalten, der ihn öffentlich umarmt und anfleht, schneller zu wachsen, weil Roms Glück und Größe bei ihm lägen!« Claudius sprach nachdenklich die Namen aus: »Titus Flavius, Crispinus, Geta, Piso! Ich kann an des Britannicus Lehrern kein Fehl finden!« »Freilich!« höhnte Agrippina. »Dir war's ja auch recht, als man Nero einem Friseur und einem Tänzer überantwortete, während du zuließest, daß deine eigene Nichte in Verbannung schmachtete!« Claudius saß da und schwieg. »Er ist ganz verändert – seit kurzem ist es, als entglitte er mir ganz –«, dachte Agrippina, und jetzt begann sie zu weinen. »O Claudius!« murmelte sie unter Tränen. »Habe ich dich in diesen Jahren übel beraten? Ist nicht alles, was ich tat und plante, dein Vorteil und der Vorteil Roms gewesen?« Sie war um den Tisch herumgeglitten, jetzt sank sie neben seinem Stuhl ins Knie und nahm seine Hand in ihre festen warmen Hände. Die griechische Gaze ihres Oberkleides war durchsichtig wie Milchglas. Ihre mädchenhaft jungen, runden Brüste atmeten nah. Claudius schwieg. Staunend fühlte Agrippina, daß sie keine Macht mehr über den tausendmal verlachten Toren hatte. Er stand auf und ließ sie knien. Mit Daumen und Zeigefinger seine überanstrengten, schmerzenden Augen reibend, sagte er leise lispelnd: »Es ist mein Schicksal, die Laster meiner Frauen erst zu ertragen und dann zu bestrafen. Gute Nacht.« Er ging aus dem Zimmer. Agrippina richtete sich verstört von den Knien auf. Eine eiskalte Welle der Furcht rann über ihren Rücken. Das Hochzeitslied verhallte. Man hörte draußen nur noch die Doppelflöte und den rhythmisch skandierten Jubelruf: »Hymen! O Hymenäus! O Hymen, o Hymenäus!« Octavia ließ die Umarmungen und Küsse über sich ergehen, dankte ihrer Schwiegermutter nochmals für das Diadem ihres Brautgeschenkes und ließ sich von der neuen Tante Lepida mit seidenzarter Hand unters Kinn fassen. »Fürchte dich nicht, Kleines, es geschieht dir nichts!« raunte Lepida während der Umarmung und sie schloß dabei die Augen ganz wie eine Katze beim Schnurren. Dann gingen die Herrinnen und die Hofdamen, die Freigelassenen und die Sklavinnen und hinterließen Spuren ihrer Tritte in der dicken Schicht der Weizenkörner, die segenbringend ausgestreut worden waren. »Hymen, o Hymenäus!« riefen draußen die Freunde, das Gefolge, die Offiziere, die die Ehrenwache bezogen hatten. Octavia war allein und atmete auf. Aber im nächsten Augenblick ward es ihr bewußt, daß sie ja hier auf ihren Eheherrn wartete. Sie näherte sich dem riesigen Spiegel, dessen Rahmenlast eine Schar von entzückenden Eroten zu stemmen schien, und sah sich mit mißtrauisch besorgten schwarzen Augen an. Sie fand sich häßlicher denn je. Der Kopf schmerzte unter der Last von Diadem und Schleier. Sie hatte Hunger, sie hatte Durst, nachdem sie an der Tafel allen Leckerbissen der von ihrem Vater beherrschten Erde gegenüber die ätherische Jungfrau und während der vierzehnstündigen Hochzeitsriten die bräutlich Verschämte hatte darstellen müssen. Manchmal hatte es sie – die Vertraute des Britannicus, die von so vielen Sklavinnen und Freigelassenen Umgebene – Mühe gekostet, die blanke Miene eines unberührbaren Nichtverstehens bei all den Anspielungen, Scherzsprüchen, Verheißungen beizubehalten, die so dicht wie der Streuregen der Weizenkörner auf sie niederprasselten. Sie gähnte vor dem Spiegel und dachte: »Das einzig Hübsche an mir ist mein Mund! – Ob es wohl wahr ist, was Britannicus schwört, daß Piso in mich verliebt ist? In mich?! – Keiner würde mich mehr verlachen als Britannicus, wenn ich es mir einfallen ließe, dies wirklich zu glauben!« Sie wandte sich, um das riesige Bett zu besehen, an dessen Decken seit ihrer Verlobung mit Silanus gestickt worden war. »Welche Wollust wäre das, sich in diese Kissen zu werfen und zu schlafen – oh, zu schlafen! Arme Kaiserin Livia, wenn sie immer nur diese kratzende Wolle und diese schweren Schuhe getragen hat! – Das ist ja Flamingoflaum, mit dem die Kissen gefüllt sind, er schimmert durch die Seide wie Korallen! – Wenn ich mich jetzt niederlegen dürfte, ich schliefe sofort ein! – Aber ich muß ja züchtig weitab vom Bette stehen bleiben, züchtig und verschleiert –« »Hymen o, Hymenäus o!« »Zu töricht – aber ich habe Herzklopfen! – Sicherlich komme ich mir so wie ein Opferlamm vor, weil meine süße Mutter tot ist und an diesem Tage nicht bei mir sein kann. Und mit Britannicus habe ich kein Wort reden können! Die toben ja draußen wie die Zikaden bei Sonnenuntergang! Wie die Flöten dudeln und locken! Dabei ist mir die ganze Zeit, als gelte es gar nicht mir, als gehe dies alles mich gar nichts an! – Eine Männerstimme! Das ist Otho. – Ich verstehe ihn nicht, eine Zote wohl, denn jetzt lachen sie ja toll! – Nur Piso soll nie bei Zoten lachen. – Jetzt wieder Weizenregen, der an die Türe prasselt! Jemand singt, Nero selbst! Oh! Das sollte er nicht, welcher Bräutigam singt den eigenen Hymenäus mit? Natürlich klatschen sie alle Beifall. – Es ist gut, daß er jetzt jemanden haben wird, der aufrichtig zu ihm ist. – Ach, ich habe doch Angst. – Abscheuliche Lepida. – Ich habe ganz dumme, dumme Angst –« Die Türe öffnete sich unwillig, holprig, von Haufen goldiger Getreidekörner gehemmt. Octavia schlug die Augen nieder. Die Tür klappte zu. – Da war Nero. Draußen erstarb das Lied, erstarb das Gelächter, nichts war in großer Stille hörbar als das Hin- und Widerklirren der Brautwache. Octavia hob mit Entschluß den Kopf und sah Nero ernst und ruhig an. Er stand noch immer an der Türe, in seiner vielfaltigen Toga, einen Kranz weißer Rosen im roten Haar. »Das also ist mein Gatte«, dachte Octavia. »Er hat nicht Pisos Adel, nicht Britannicus' lebensprühende Anmut, aber er hat sich zu bewegen gelernt, und ein Gesicht kann nicht regelmäßiger schön sein als das seine. In unserm Kinde werden Claudier und Julier verschmelzen!« Octavia, fünfzehnjährige Südländerin, von Kindheit an für diese Nacht erzogen, wartete unter Diadem und rotem Schleier. – Neros Blick nahm das Gemach in sich auf, das nichts zu enthalten schien als das breite Bett und die Silberplatte, in der es sich spiegelte. Ein Bett, würdig der eheschänderischen Umarmung der Messalina mit ihrem Silius. Und hier stand seine Gattin, verloren in den strengen Schleierfalten, Fuß an Fuß und Knie an Knie. »Sie sieht mich so besorgt aus ihren schwarzen Affenaugen an. Was denkt dieses kleine, fremdgeschlechtliche Tier? Was erwartet es? Das? – Zittert sie vor der Übermacht des Vergewaltigers Mann? – Welch eine Rolle, ihr Götter! Und welch eine Fehlbesetzung! Ich habe nur eine Sehnsucht, diese Toga, die in richtigem Faltenwurf zu tragen ein keinen Augenblick außer acht zu lassendes Problem ist – zusammengeknüllt in den Winkel zu werfen und nach dieser vierzehnstündigen Tortur nackt und allein zu gähnen, mich zu kratzen, zu schlafen, statt mich der noch größeren Tortur zu unterziehen. Ich habe richtiges Herzklopfen!« »So!« sagte Nero plötzlich laut und brutal, eben weil er Herzklopfen hatte. »Soweit hätten sie einen ja geschleift, aber weiter soll mich keine Quadriga schleifen!« Er nahm den Kranz ab und schleuderte ihn in die Ecke. »Oder lockt es dich sehr, diese Tragikomödie zu Ende zu spielen? Eh?« Sobald sie seine heftige und höhnische Stimme vernahm, senkte Octavia den Kopf. Ihr Gesicht, dessen Beherrschung sie fünf bittere Jahre neben einer Stiefmutter gelehrt hatten, war undurchdringlich. Nero begann auf und ab zu gehen. Der kunstvoll über die Schulter geworfene Faltenteil der Toga glitt herab. Er zerrte daran, seit fünf Jahren war er nicht mehr gewohnt, sich ohne Sklavenhilfe zu entkleiden. »Was wird nach Menschen gefragt? Sie sind nichts, und Rom – Rom, Rom ist alles!« deklamierte er. Er tat drei, vier Schritte auf sie zu, und es machte ihn zornig, daß ihre Wimpern niederzuckten. »Deine Mutter hat meine Mutter gehaßt! Dein Bruder und ich, wir hassen einander! Es ist Politik allein, die uns in dieses Zimmer gesperrt hat. Kann es möglich sein, daß du dich danach sehnst, von mir auf dieses Bett geworfen zu werden?« Er kniff die hellen, kurzsichtigen Augen zusammen, um in ihrem Gesicht zu lesen, aber dies Gesicht zeigte dieselbe vornehme Miene unberührbaren Nichtverstehens wie vorhin bei den Witzen der Männer. Nero hatte jähzornige Lust, ihr den Schleier abzureißen, sie zu rütteln, aber er wagte es nicht – es hätte zu sehr dem Auftakt zu ehelichen Freuden geglichen. Er stopfte das baumelnde Toga-Ende in den Gurt des Unterkleides und begann aufs neue auf und ab zu gehen wie Agrippina. »Erinnerst du dich noch daran, wie wir uns vor fünfeinhalb Jahren zum erstenmal gesehen haben?« fragte er. »Jetzt werde ich sprechen!« dachte Octavia. »Es ist ja zu töricht, so taubstumm dazustehen – ich werde ihm sagen –« Aber er ließ ihr keine Zeit. »Es war der Tag, an dem ich meine Mutter wiedersah, der Tag, an dem sie mir Paris nahmen –« Octavias kluge schwarze Augen sahen forschend auf bei diesem bitteren Klang in der Jünglingsstimme. »Damals habe ich dich in den Arm gekniffen und darauf gewartet, daß du schreien würdest, aber du hast nicht geschrien. Seither haben wir uns durch diese fünf Jahre alle Tage an der kaiserlichen Jugendtafel gesehen und keine fünf Worte gewechselt. Und jetzt sind wir auch noch verheiratet, ohne befragt worden zu sein, denn wir sind Nebensache – wichtig ist nur das große, ewige Rom !« Bei dem Hohn dieser Worte zuckte Octavia zusammen. Sie öffnete die Lippen zum Einwurf, aber jetzt stürzte Nero sich kopfüber in den Strudel dieser großen Soloszene, die er zu schätzen begann. Irgendwie mußte diese Nacht im Gefängnis mit klirrender Wache vor der Schwelle herumgebracht werden, und ebensogut mochte diese schattenhaft auf dem Bettrande hockende Gestalt erfahren, woran sie mit ihm war. »Haha! Bist du auch so wie Seneca und der alte Säufer, der Narcissus, bei denen man das Weiße in den Augen zu sehen kriegt, wenn sie nur vom ›ewigen Rom‹ hören. Sie sterben vor Angst, alle diese grauen Narren, nur weil in diesem Jahr die Käuzchen mehr als sonst auf dem Capitol schreien und weil ein Kalb mit zwei Köpfen geboren worden ist und was sonst noch die alten Weiber sich als Unglückszeichen auslegen! – Ich für meinen Teil, ich kann es nicht ertragen, wenn ein Bettler auf dem Forum ein krummes Gesicht zieht, und schenke ihm etwas, um zu sehen, wie er mich anlacht. Aber Rom? Rom könnte vor meinen Augen in den Abgrund versinken, und ich würde keine Träne weinen!« Nero warf den Kopf zurück, streckte die Linke vor, hob die Rechte in Rednergeste. »Mimt er vor mir das Standbild des jugendlichen Augustus?« dachte Octavia. »Er muß trunken sein, denn unmöglich kann er wirklich das alles meinen, was er da sagt. – Es ist schlecht für unser Kind, wenn er trunken ist, sie sagen, daß Caligula nach Weingenuß gezeugt ward.« »Rom!« fuhr Nero fort, als halte er eine Anklagerede in der Kurie. »Der Nabel der Welt, sagen sie, und was ist es, dieses ihr Rom?« »Wenn er nur nicht so schreien würde!« dachte Octavia. »Wenn Britannicus erfährt, daß er in der Brautnacht Reden gehalten hat, ist es vor seinem Hohne nicht mehr auszuhalten, und am Ende ist die Domitia jetzt doch mein Mann.« »Ein Winkelwerk enger Straßen, deren jedes gallische Nest sich schämen müßte! Vorgestern, als meine Mutter aufs Capitol fuhr, blieb ihr Wagen dreimal in Dreck und Enge stecken! Und das soll die Hauptstadt der Welt bedeuten?« »Da ist ihr ganz recht geschehen!« dachte Octavia und meinte Agrippina. »Warum läßt sie sich nicht im Tragstuhl hinaufbringen wie die anderen Kaiserinnen vor ihr? Aber nein, Agrippina muß den Wagen benutzen, nur weil eben vor ihr einzig die Priester bei den heiligen Umzügen ihn benutzt haben!« Nero war plötzlich seiner großen Rede satt. Es schien ihm etwas Neues eingefallen zu sein und er lächelte. – Nicht das gewohnte angeheftete, angefrorene Lächeln, das Octavia so gut kannte, sondern ein anderes, glückseliges, das ihn schöner machte, als sie ihn je gesehen hatte. »Sonderbar!« sagte er nachdenklich, »– daß ich dich zum erstenmal sah, als ich Paris verlor, und daß diese läppische Heirat dem Tage vorangeht, an dem ich ihn wiedersehen werde.« Er sah das Erstaunen in ihren Augen aufglimmen und nickte. – »Ja. Mit dieser Posse habe ich es von Mutter erkauft.« Nero schüttelte die Locken zurück, riß die Toga ab und schleuderte sie zu einem schweren Klumpen zusammengeballt in die Ecke. Er holte tief Atem. »Nur noch diese Nacht und der eine Tag sind zu überstehen!« Er faßte sich kopfschüttelnd vor die Stirne und lachte auf. »Es ist nicht auszudenken! Wenn nur nichts Übles dazwischenkommt!« Er spuckte dreimal aus und rührte an Agrippinas Goldreif, der die Schlangenhaut umfaßte. Octavia hörte mit großen Augen den neuen Klang seiner plötzlich ganz ungezierten Stimme. »Du hast doch sicher davon gehört, daß ich, ehe Mutter zurückkam, von einem Friseur und einem Tänzer erzogen worden bin. Das war der ganze Hofstaat, den dein lieber Vater für mich übrig hatte. – Aber weißt du, das waren meine glücklichsten Jahre. – Paris brachte mir Pasteten mit, die er für mich in den Häusern, wo er tanzte, gestohlen hatte. – Er ist der einzige Mensch, der je einen Kosenamen für mich gehabt hat, der einzige Mensch, den ich nach fast fünfeinhalb Jahren der Trennung noch liebe. – Du starrst mich an, und ich höre dich geradezu denken: ›Seneca?‹ und ›Agrippina?‹ – Ja, Mutter – Mutter liebe ich vielleicht, oder ich könnte sie lieben, wenn sie weniger die Tochter des Germanicus wäre und mehr meine Mutter. – Sie hat nie ein gutes Wort für mich, weil sie sieht, daß ich ›weich‹ bin, und mich zu ›verwöhnen‹ fürchtet. Und manchmal schlägt sie mich noch, obgleich sie mich zum Fürsten der Jugend gemacht und mir das Großjährigkeitszeichen der Toga verliehen hat.« Octavia fühlte ihre Augen naß werden, sie hielt den Atem an, um ihn nicht zu stören, nicht aufzuschrecken. »Und Seneca? – Seneca sieht in mir den Erlöser der Welt, seinen jugendlichen Gott. – Er sagt mir wunderbare Sprüche über das Gute auf. Was aber, wenn die bekämpfte Lust nach dem Bösen bleibt und wächst und wächst bis in alle leeren Himmel?« Nero saß neben ihr, sie sah sein Profil, seinen tiefroten, feuchten, unziemlichen Mund, die langen Wimpern seiner Augen, deren Kurzsichtigkeit, da der Blick gesenkt war, nicht störte; die schöne gerade Nase, das weiche Kinn. »Alle tun, als hätte ich den gereiften Geist eines Sechsunddreißigjährigen und den unreifen Körper eines Sechsjährigen. Alle, alle stellen Forderungen an mich – wollen mich anders machen, als ich bin. Ich soll Hunderttausende beglücken lernen. Aber ob ich selbst glücklich bin, fragt niemand.« »Das also ist Nero?« dachte Octavia und ihr Herz pochte rasend. Sie sah, daß er am ganzen Leibe zitterte. »So also ist Nero – o Götter!« und sie fürchtete, vor Mitleid laut zu weinen. Plötzlich sah er sie mit verengten Augen an. »Warum machst du solch ein Gesicht?« fragte er mißtrauisch. »Du verstehst das alles nicht? Du verachtest mich genauso wie dein Bruder, nicht wahr? Verachtest mich, weil ich Reden halte, während jeder andere mit dir schon Romulus und Remus gezeugt hätte. – Was, Tochter der Messalina?« Sie hatte endlich, endlich reden wollen, aber jetzt schloß sie von neuem die zarten blassen Lippen. »Ich denke nicht daran zu tun, was du und Mutter und Claudius und euer ganzes Rom von mir erwarten! Ich bin nicht, was ihr in mir seht! Ich bin kein Ehrgeiziger, kein Erbschleicher, kein Römer, kein jugendlicher Gott. Paris allein hat schon damals in mir gesehen, was ich bin: ein Künstler!« Octavias linke Hand fuhr mit einer Kindergeste des Erschreckens zum Munde, ihre dunklen Augen strahlten ihn in erstauntem Unglauben an. Seine bösen Augen schielten fast, er hatte Lust, sie zu kneifen wie damals. »Meinst auch du, es sei nicht schicklich für einen Prinzen, ein Künstler sein zu wollen? – Man möchte euch alle nehmen und rütteln wie die Nußbäume, vielleicht daß dann die Vorurteile von euch herunterprasselten wie wurmstichige Nüsse –« Sie schrie auf, als er zupackte. Die Fibel, die das Oberkleid zusammenhielt, öffnete sich und enthüllte den Oberkörper einer Psyche. Auf den Schrei ertönte draußen ein »O Hymen!« und wildes Gelächter. Das silberne Fleisch vor sich, Othos Lachen draußen machten Nero rasend. »Vielleicht glaubst du, ich sei nicht Manns genug?« keuchte er kaum verständlich. Im selben Augenblick wich er rücklings vor ihr zurück, geduckt, die Fäuste ballend. »Am letzten Abend mich noch verlocken lassen?« murmelte er. Er begann von neuem auf und ab zu gehen, die runde Rechte am Mund, biß er hörbar an den Nägeln. Octavia, nur Augen unter ihrem großen Schleier, lag da und regte sich nicht. Er kam heran, das fleckig gerötete Gesicht verzerrt vor Haß. »Das würde dir gefallen, was? Wenn ich dir das Siegel nähme? Damit du mir morgen Hörner aufsetzen könntest, genau wie deine Mutter dem Claudius? – Schon damals, vor fünfeinhalb Jahren, hat Drumio gesagt, du würdest auch eine Hure werden wie Messalina!« Nero wandte sich, stieß an das Tischchen, auf dem der Becher und der versiegelte Weinkrug standen. Er nahm den bereitgelegten Öffner. » Dir wird das nicht geschehen!« sagte er grinsend, entkorkte den Krug, goß ein, trank. Er schien plötzlich so müde, daß er kaum ums Bett herum zu stolpern vermochte. Er warf sich querüber in die Kissen und schlief mit eingesunkenen Augen und weit offenem Munde wie ein Toter. Lautlos und allmählich ließ sich Octavia vom Bett auf die Stufe herabgleiten. Den Ellenbogen aufs Knie gestützt, die Hand mit der Geste ihres Vaters als Schirm vor die Augen haltend, verwachte sie ihre Hochzeitsnacht.   Hinter allen Sälen, allen Gemächern des kaiserlichen Palastes liefen – durch verborgene Türen erreichbar schmale, schlecht erleuchtete Sklavengänge hin. – Sie dienten der rascheren Verbindung mit den Kleiderkammern, den Küchen, den Vorgemächern, den Heizkammern, von denen aus die Warmwasserheizung der Räume geregelt ward. Vom grauen Morgen bis zum nächsten grauen Morgen gab's hier ein ewiges Hasten, ein Sich-Begegnen, ein Aufeinanderrennen, ein »Ho- Hollah!« – ein »Aufgepaßt, Esel! Hast keine Augen?« – Man rollte schwere Kleiderpressen auf Rädern, man trug keuchend volle Mischkrüge herbei und pfeifend leere zurück, man balancierte Versandkörbe, denen hinreißender Rosenduft entquoll, der einen Augenblick den saueren Dunst von Speisen, Schweiß und ausgesonderten Flüssigkeiten in noch dunkleren Ecken vergessen machte. Das Klirren seiner unzähligen Büchschen und Gläschen und Väschen kündigte den Friseur an, der, sein Tablett mit beiden Armen auf dem Kopfe festhaltend, statt eines Warnrufes seinen ägyptischen Namen sang: »Nu-fer-ré, Nu-fer-ré!« Ein griechischer Schreiber, die Arme voll Schriftrollen, drängte sich an die Wand, bestrebt, ihm auszuweichen, aber das Tablett fegte eine Rolle zu Boden. »Verzeih!« sagte der Friseur mit fremd klingendem Dialekt und lächelte, »ich bin ungeschickt gewesen!« »Keineswegs!« wehrte der junge, muntere Schreiber höflich ab und begann die Schrift von neuem festzurollen. »Aber es ist kein Wunder, wenn meine Hände zittern«, schwatzte Nuferré. »Meine Finger sind voller Blasen, du siehst es gar nicht in dieser Finsternis – vor Übermüdung habe ich mich entsetzlich verbrannt. Viermal habe ich ihn heute umfrisieren müssen!« Der Schreiber lachte: »Wen denn? Nero?« »Du hast gut lachen! – Von dir verlangt er nicht, daß du ihm eine Philosophenstirn rasieren sollst, und nach dir wirft er nicht mit Salbtiegeln.« »Na, der junge Ehemann will eben seiner Frau gefallen!« lachte der Grieche gutmütig. »Mhm! Mhm!« Der Ägypter zog seine geraden Schultern hoch. – »Sie sagen – komm doch dort in die Ecke, die Rüpel stoßen einem ja ihre Körbe in den Bauch! –, sie sagen, daß die Octavia heute morgen ganz verweint gewesen ist! Sie sagen, einer der Herren von der Ehrenwache habe ihr Gewand, als sie herauskam, wie ihr Sklave geküßt. Sie sagen, daß Nero heute gar nicht wieder zu Octavia geht, sondern jemanden bei sich erwartet –« »Sie sagen dir viel zu vieles, mein Guter!« schnitt der Grieche ab. »Ich werde erwartet!« » Du nicht!« kicherte der Ägypter. »Deinetwegen steht man nicht vor dem Spiegel und bleckt seine Zähne und redet mit sich selbst und rennt auf und ab wie ein Narr. – Wer ist es denn übrigens, der dich schickt?« »Mein Herr, Seneca!« »Seneca! Ist das wahr, was sie sagen, daß Seneca dem Nero alle seine Reden schreiben muß?« »Das mußt du Nero fragen, ich weiß es nicht. – Welches ist die Türe zum Vorraum?« »Die dritte – geh nur durch die dritte«, riet der Friseur boshaft und dachte: »Vielleicht fliegt dem Kerl auch etwas an den Kopf, wenn er geradewegs zu Nero eintritt!« Der Schreiber drehte den Türknauf und blieb stehen, geblendet von so viel Helle. In Neros Ankleidezimmer brannten alle Wandlichter und Ampeln. Kleider lagen in bunten Haufen auf dem Boden, auf Stühlen, auf den Preßrahmen, denen sie entnommen worden waren. Drei Ankleider, eine Schmucksklavin, eine Kranzbinderin, der Kleiderbewahrer, der Faltenwerfer standen reglos wie Figuren eines Reliefs an die Wand gedrückt. Vor dem riesigen Bronzespiegel, den ein Sklave mit fiebrig gerötetem Gesicht zu verstellen hatte, stand Nero. Er starrte ingrimmig und verzweifelt sein Spiegelbild an, in weißer, enggefältelter griechischer Tracht, das zu drei Reihen von Locken gedrehte Haar, das Goldband und Kranz aus der Stirne zwangen. Man sah ihm an, daß er am liebsten von neuem die ganze Aufmachung gewechselt haben würde. Da sah er im Spiegel den jungen Schreiber. »Ist hier eine Markthalle, daß Fremde unangemeldet eintreten?« herrschte er ihn an. »Ägypter, warte, dir geht es schlecht, wenn ich dich finde!« dachte der Schreiber. Laut sagte er: »Vergib, Proconsul! Mein Herr Lucius Annäus Seneca sendet dir die Gesuche der Stadt Bononia um Wiederaufbau nach ihrer Einäscherung vom Brande!« »Wäre doch auch Rom eingeäschert wie Bononia, und ihr ließet mich in Frieden!« – »Jetzt hat meine Stimme prächtig geklungen«, dachte er und fuhr besserer Laune fort: »Kann ich denn nicht einen Abend ungestört für mich haben?« Er faßte den betretenen Schreiber ins Auge und sagte: »Du bist ein Grieche! Ich bitte dich, sieh dir an, was sie da aus mir gemacht haben! Ist das ein richtiges griechisches Hymation?« Der Schreiber fing die beschwörenden Gesten der Sklaven drüben an der Wand auf und sagte: »Es kleidet dich wunderbar, mein Prinz.« »Findest du?« fragte Nero, ungläubig in den Spiegel sehend. Plötzlich bezaubernd liebenswürdig lächelnd, sagte er: »Mein guter Atreus, du hast in diesen Tagen viel Arbeit um meinetwillen gehabt, man wird dir fünfhundert Sesterzen auszahlen!« – »Ich habe genauso ein gutes Namensgedächtnis wie Narcissus«, dachte Nero jählings berauscht und glücklich. – »Ich habe den Kerl keine dreimal bei Seneca gesehen. – Natürlich wird Seneca davon erfahren.« »Herr!« meldete der Ansager, der jung und hübsch war wie alle Sklaven Neros. »Ein Freigelassener der Herrin Lepida!« Nero schluckte und sagte mit schwerer Zunge: »Es ist gut.« Er senkte das Kinn zur Brust, rasch und hörbar atmend. Er hatte es sich geschworen, daß er bis hundert zählen würde, um lange genug auf sich warten zu lassen, aber er verwirrte sich, fing von neuem an, gab es ungeduldig auf. Er sah nochmals in den Spiegel, aber es ward ihm nur bewußt, wie blaß er war, und er segnete seinen Einfall mit den Lampen von heute nachmittag. Der Sklave riß die Türe vor ihm auf, und wie berechnet, stand er, Nero, im Dunkel – der andere im vollen Licht. »Herr!« sagte eine devote Stimme, Paris' Stimme. »Welch ein Glück, dich wiedersehen zu dürfen! Welche Gnade, daß du dich meiner noch zu erinnern geruhst –« Nero war zu kurzsichtig, und es galt, die Augen nicht einzukneifen. Er kam langsam auf seinen purpurnen Schuhen näher, bis er nahe genug war, das Gesicht wiederzufinden, seine Veränderungen verwirrt festzustellen und was sich gleichgeblieben war – und er hörte, schwindlig vor Herzklopfen, seine eigene belegte Stimme sagen: »Ich freue mich, dich nach so langer Zeit wiederzusehen, Paris!« so belanglos liebenswürdig, wie er es einstudiert hatte. »Die Herrin Lepida gab mir auf, dir ihre Grüße zu bestellen!« »Ich kann mir ausmalen, was für ein Gesicht sie dabei gemacht hat«, dachte Nero und erkannte die weißliche Narbe an Paris' Kinn wieder, die von einem Sturz aus der Flugmaschinerie herrührte. Sonderbar, daß er just diese Narbe hatte vergessen können! »Ich hoffe meine Tante bei gutem Ergehen?« Die Sklaven schoben die Türen zum Speisesaal zurück, diese Türen, hinter denen vor fünfeinhalb Jahren ein verzweifeltes Kind Paris gesucht hatte. »Herr!« murmelte der Mime geschmeichelt. Er hatte angenommen, sein Essen sich vorher durch Tanz bei einem Gastmahl verdienen zu müssen, und sah, daß an der fürstlichen Tafel nur zwei Lager bereitstanden. Während sie die Kränze empfingen, bemerkte Nero: »Ich bin gewohnt, um diese Zeit einen kleinen Imbiß zu mir zu nehmen. Bei Tage arbeite ich sehr viel.« – »Das war gut, das war ganz natürlich«, dachte Nero. Die Sklaven trugen gespickte Wachteln aus Apulien auf. »Er ißt bloß und bemerkt gar nicht, daß ich noch weiß, daß Wachteln seine Lieblingsspeise sind.« »Entsinnst du dich noch unserer Bohnensuppen?« Paris lächelte, er hatte lange schon nicht mehr so fette Wachteln gegessen und so alten Wein getrunken, er hätte gerne dabei seine Ruhe gehabt, aber man mußte doch auch reden. »Die Herrin Lepida erzählte mir, daß du geheiratet hast, mögen die Götter dein Haus segnen. – Wie sonderbar ist es, seinen kleinen Schüler als Mann wiederzusehen!« Neros dichte braunrote Wimpern waren niedergeschlagen. »Auch du bist männlicher geworden muskulöser! – Wie geht es mit deinem Tanz, Paris?« Paris lachte sein altes Lachen von einst. »Es geht, Herr, es geht! Man ist mit dem Paris nicht unzufrieden gewesen in diesen fünf Jahren!« »Fünfeinhalb! – Erzähle mir, was du gespielt hast und wo und mit wem! Ich habe ja so wenig von dir zu hören bekommen! Was ist eigentlich damals mit dir geschehen?« »Wann, Herr?« »Als – wir uns trennten!« »O damals! Da ging ich direkt zur Herrin Lepida und kaufte mich frei mit zehn von den zwanzigtausend, die mir Narcissus gegeben hatte –« »Narcissus!« »Ja, wußtest du das nicht?« »Natürlich wußte ich es. Nun und dann?« »Dann ging ich mit einer Truppe nach der Provinz, deren Leiter mich zu schätzen wußte, wie ich sagen darf!« »Silus?!« »Ja, du weißt den Namen noch, Herr!« »Ich habe ein gutes Gedächtnis. – Also nicht nach Griechenland?« »O ja – auch nach Griechenland –« »Das klingt nicht sehr glücklich«, dachte Nero und erschrocken: »Ich kneife schon wieder die Augen zusammen!« »Und zu Troja, Herr –« »Sage mir doch nicht immer, Herr! Herr!« »Wie denn sonst?« Nero schluckte und schwieg. »Also, Domi – o verzeih! Nero! – Zu Troja sagte man mir, daß du im Senat aus dem Stegreif eine Rede gesprochen hättest, auf die hin der Stadt für fünf Jahre die Steuern erlassen worden sind!« »Ich spreche immer Senatsreden aus dem Stegreif«, sagte Nero erhaben. – »Weißt du übrigens, mein Paris, daß ich noch den Hermes nicht verlernt habe?« Paris hatte dem Götterfraß alle Ehre angetan und genoß jetzt den Wein. »Aber, Nero, für den bist du doch viel zu groß, zu schwer! Ich habe jetzt bei Silus einen Zehnjährigen herausgestellt, einen kleinen Epheser, den solltest du sehen! Wirklich, Fürst der Jugend, ich dachte schon daran, ob du deinem alten Lehrer zuliebe dem Jungen nicht einen Platz unter den kaiserlichen Tänzern verschaffen könntest.« Nero kniff die Augen ein: »Wie heißt er?« »Sporus.« Nero trank und sagte wie Claudius, wenn er zu Gericht saß: »Wir wollen sehen, was für Fakten für ihn sprechen.« Er hatte die ganze Zeit schon mit diesem brennenden Wunsche gerungen. Jetzt sprang er auf und warf sich überraschend in die alte Geste des Hermesknaben, den beflügelten Fuß im Abstoß weggestreckt. Der Schenke ließ beinahe seinen Krug fallen. Paris erhob sich, weil der Wirt sich erhoben hatte, und sagte, den hübschen, törichten Kopf zurückgelehnt: »Nicht übel. Gar nicht übel!« Nero kam zu seinem Lager zurück, rasch atmend, Antlitz und starken Hals gerötet, die Augen voll trunkenen Triumphs, ein verlegenes Lächeln durch die Nase blasend. »Habe ich nicht zu viel verlernt? Ich habe jede Nacht geübt, wenn ich noch so müde war. Dann war es, als seist du gar nicht fort.« Es gab Paris einen Ruck. Er sah durch diesen Raum mit den Lichtern und Rosen und Sklaven. – Er gelobte Fortuna ein großes Opfer. Silus war zu Ende der griechischen Reise höchst unliebenswürdig geworden. – Und Dame Lepida – Er hob den Becher und trank Nero zu. »Auch mir ist, als wäre ich gar nicht fort gewesen, mein Kleiner!« sagte Paris.   Agrippina ging auf und ab in dem riesigen Gartensaal ihres Palastflügels. Manchmal hielt sie vor einer der drei Terrassentüren still und sah in den Oktoberregen hinaus, ehe sie, sich abkehrend, die Schleppe ihres Gewandes mit dem Fuße zurückwarf und wieder auf Pallas zukam. Pallas hatte sich von seinem Stuhle erhoben. Er stand im Profil zu ihr, mit hochgerecktem Kopf, eine Bildsäule düsterer Vornehmheit, und wartete. Jetzt blieb Agrippina vor ihm stehen, die indische Silbergaze ihres Kleides glitzerte, ihre Augen glitzerten. Sie maß den Mann, dessen starrer Blick unter den gewölbten Lidern ihr auswich, sie sah sein wohlgenährtes Gesicht voll größenwahnsinnigen Hochmutes und dachte: »Nie im Leben vergeb' ich es – nicht ihm, nicht mir –, daß er in meinem Bette hat liegen dürfen!« Sie dachte: »Du Hund! – Du Feigling!« – und da hatte sie schon laut »Du Feigling!« gesagt. All ihre Nerven zuckten, als die Winkel seines schmalen Mundes sich herabbogen. Pallas dachte – und es machte sie rasend, daß er es dachte –: »Dein Schelten ändert nichts daran, daß nach Gebühr der erste Mann des Reiches mit der ersten Frau des Reiches geschlafen hat!« Er sah – die schweren Lider gesenkt – auf seine quallenblasse, quallenweiche Hand herab, an der die berühmte Venusgemme des Dioskorides strahlte – des großen Augustus' Siegelring. Und er sagte störrisch wie ein Kamel, dem er so glich: »Narcissus wird niemals wagen, gegen uns beide vorzugehen!« In aufkochendem Zorn dachte Agrippina: »Du kostest mich große Opfer, da wie dort, mein Nero, da wie dort!« Sie wandte sich von neuem und ging, um sich zu fassen, von dem Höfling weg zur mittleren Terrassentür und starrte blind hinaus in diesen nassen Park, in dem die ganze Natur den Tod des großen Pan zu beweinen schien. Ihre gewölbten, äußerst schmalen, vergoldeten Nägel trommelten auf dem Ton einer schwarzroten griechischen Vase, in der die vielflammige Glut von Nelken brannte. Sie dachte: »Kann ich nichts finden, was diesen hochmütigen Dümmling aus der Ruhe peitscht?« Sie stieß die Schleppe so hart mit dem Fuß zurück, als wäre es ihr Günstling selber. Sie hob den schmalen Kopf, sah zur Vorsaaltüre hinüber, vor der durch die Länge des ganzen Raumes von ihr getrennt – Akte reglos stand, eine unvollkommen gebildete griechische Statue zwischen vollkommenen. Sie wehte mit ihrem wilden, schnellen Schritt ganz nahe zu Pallas heran und fragte, mit dem Entschluß ihre angstvolle Schmach preisgebend: »Weißt du, daß er jetzt Hetären und Tänzerinnen zu sich ruft, genau wie damals nach Messalinas Tod, als er als Witwer lebte?« Wenn Pallas je gelächelt haben würde, hätte er es nun getan. »Ich wußte nicht, daß Agrippina eifert! Alte Herren lieben kleine Mädchen, und er ist vierundsechzig Jahre alt, die Götter mögen ihm hundert –« Hätte ihn der Blitz aus Agrippinas Augen nicht versengt, er würde wahrhaftig den gewohnten Segen zu Ende gesprochen haben. »Ich habe keine Hilfe als diesen Narren«, dachte Agrippina. »Und indessen planen die beiden Alten Neros Mord!« – Sie erwog verzweifelt, ob sie Pallas verraten solle, daß der Kaiser seit Octavias Hochzeit, volle acht Wochen schon, ihr Bett meide. Aber sie dachte: »Nein! Es geht den Sklaven meines Bruders Caligula nichts an, was in des Kaisers Claudius Ehebett vorgeht!« Die Angst, die ungeheure Angst, packte sie von neuem. »Höre du!« sagte sie beiläufig. »Ich wollte dich übrigens fragen, was du davon hältst. – Er sagte mir, es sei sein Schicksal, die Laster seiner Frauen erst zu erdulden und dann zu bestrafen. Meinst du nicht, daß dies auf uns beide gemünzt sein soll?« Und sie dachte: »Endlich, endlich hat es getroffen!«, als die Röte seiner wohlgenährten Wangen sich verstärkte. »Ich habe auch heute, wie jetzt alle Abende, seit Narcissus verreist ist, mit ihm allein gearbeitet, und er trank mir zu und war wie eh und je«, überlegte Pallas laut. Agrippina antwortete schnell: »Das ist so seine Art. Oh, er wird dich und mich und Nero von Narcissus morden lassen, und am nächsten Tage wird er, wie nach Messalinas Hinrichtung, zerstreut fragen, warum wir denn nicht zum Speisen gekommen seien.« Pallas wandte ihr langsam sein volles Gesicht zu und fragte: »Hast du denn überhaupt einen Plan?« Ihr Herz begann rasend zu schlagen. »Du brauchst sie nur hereinzurufen, ich habe nach ihr geschickt«, sagte sie. »Nach wem?« »Welch ein Rätsel der Sphinx! Kannst du's nicht lösen, großer Ödipus?« »Locusta?« »Dein großer Geist durchdringt alles Dunkel!« »Du kannst nicht mit der ärgsten Giftmischerin von Rom Tränkchen brauen! Mit einer Vettel, die zehnmal im Gefängnis lag! Die Kaiserin des Weltreiches kann das nicht!« »Kann nicht? Die Tochter der Julier, die Schwester des Caligula kann nicht zuvorkommen, wenn man sie töten will und alles, was ihr teuer ist?« – (»Der Narr, er glaubt jetzt, daß ich von ihm spreche!«). »Gib acht, Agrippina, dein Sohn hat ein weiches Herz, er würde dir den Mord nie verzeihen!« »Pah! Wenn meine Mutter dies für mich getan hätte, ich hätte ihre Füße geküßt!« Jetzt starrten sie einander an. »Es gibt ein großes Hindernis dabei«, murmelte Agrippina, und Pallas, der eben gedacht hatte: »Wenn die Prätorianer mich in der Verwirrung ausrufen, kann ich, der Freund der Kaiserin, Kaiser werden –«, fragte mechanisch: »Welches?« »Seinen Vorkoster!« Pallas wandte steifnackig den Kopf und dachte nach. »Halotus? Das wäre nicht so schlimm!« »Doch!« nickte sie ungeduldig. »Er dient ihm an die fünfundvierzig Jahre!« »Trotzdem«, sagte Pallas und schob seinen Ring an der unendlich gepflegten Hand zurecht. »Er hat sich in mein Gut am Bolsenersee verliebt. Er träumt davon, dort mit seinen Katzen sein Leben zu beschließen. Er hat mir durch meinen Schreiber viermal Angebote machen lassen.« »Nun und?« »Ist Pallas ein Gutsmakler?« Agrippina lächelte plötzlich ihr rasches, bezauberndes Lächeln. »Aber der Kaiserin verkauft Pallas sein Landgut und sie wird es dem Verschnittenen Halotus schenken!« »Diesen Umweg zu machen ist unnötig. Halotus soll das Gut von mir selber haben.« Agrippina dachte: »Fallen lassen! Welche Wollust wäre es, dich fallen zu lassen, daß dein steifer Nacken bräche.« Sie fragte: »Hast du gehört, wann Narcissus von Sinuessa wiederkehrt?« »Die Bäder sollen Wunder an ihm gewirkt haben, sagt Claudius. Claudius strahlt.« »Ja, ich weiß!« »Er erwartet Narcissus für Anfang der nächsten Woche.« »Dann ist Nero nur mehr bis Anfang der nächsten Woche sicher«, dachte Agrippina. Ihr wurde kalt. Sie stieß die Schleppe zurück. »Akte!« Akte kam heran und neigte ihr blasses, stilles Gesicht. »Führe die Frau herein, die bei dir wartet«, befahl Agrippina.   Im Vorsaal zu des Kaisers Claudius Gemächern stand eine überlebensgroße Statue des Zeus – ein Weihegeschenk aus Dodona. Weihrauch verbrannte davor in dick sich ballendem Qualme, und wie durch einen Schleier sah der Gott herab, durch die Kunst des Bildners, des Bemalers, des Schöpfers erzen-emaillener Augensterne zu eindringlichster Hoheit verlebendigt. Inmitten des Saales hielt der Präfekt der Prätorianer, Burrus, dem Ansturm der Besucher stand, die unablässig herandrängten, um die Nachrichten vom Krankenbette des Kaisers zu erfahren. Und diese flüsternden Besucher alle – die Senatoren, die Angehörigen des ersten und zweiten Adels, die Priester, die Generäle, die Offiziere der Leibwache, die Höflinge, das Heer der Freigelassenen – wiesen einander mit Gesten der Rührung auf den betend versunkenen Jüngling, der seit Stunden unbeweglich vor diesem Zeus auf den Knien lag, um die Genesung des Kaisers zu erflehen. Der Eingang zu den Gemächern war bewacht. Die Prätorianer ließen niemanden hinein, niemanden heraus als den totenblassen Arzt Xenophon, der allstündlich mit undeutlicher Stimme tröstliche Besserungsversicherungen von dem Täfelchen in seiner Hand ablas, um eilig, als flüchte er, durch das Spalier der Wartenden nach der Türe zurückzuhasten. »Lauf nicht davon, du!« sagte plötzlich in all dem gedämpften Raunen des Feldherrn Corbulo laute Soldatenstimme. »Sage uns doch lieber endlich, was ihm fehlt, unserem Kaiser? Gestern abend habe ich ihn gesprochen, und er war so gesund wie du und ich! Und zwei Stunden darauf erzählte man plötzlich, daß er beim Mahl zusammengefallen ist wie vom Blitz getroffen! Du bist doch der Arzt, so erzähl mir doch, was das war, du mußt es ja wissen!« Der Grieche, dessen Arm der Riese umklammerte, machte: »Pst!« und deutete auf den betenden Nero hin. Dann sagte er mit seiner zuversichtlichen Krankenbettstimme: »Ein Schlaganfall – ein ganz leichtes Schlaganfällchen, Herr! Nach dem Aderlaß geht es besser. Cäsar schläft –« Und wie ein Jagdhund, vor dem die Katze durch ein Zaunloch entschlüpft, sah Corbulo knurrend dem Arzt nach, hinter dem die Prätorianer wieder die Lanzen kreuzten. Nero, auf den Knien vor Zeus, dachte: »Corbulo ist nicht dumm! – Corbulo muß ich mir merken. Welches Wagnis von Mutter, diese ganze Komödie zu spielen, Gelöbnisse für Claudius' Genesung veröffentlichen zu lassen, Nachrichten auszugeben, während er zwischen Decken und Wärmeziegeln schon eiskalt liegt und blauschwarz gedunsen – ach pfui!! Ich darf gar nicht an dieses Gesicht denken!« Nero fühlte, wie er so dalag, eine Hand auf seiner Schulter und dachte: »Das ist Seneca! – Ein Betender hat seine ganze Versunkenheit in den Augen!« Nero kam langsam sich wendend zur Besinnung, erkannte Seneca, erschrak sichtlich und fragte: »Was ist mit Vater?« Senecas Gesicht zuckte vor Rührung. »Xenophon hat mir versichert, Cäsar werde ganz genesen!« Nero lächelte ihn an. Dann sagte er mit seinem geübten, weithin vernehmbaren Flüstern: »Seneca – wie muß es dem armen Britannicus drinnen zu Mute sein!« »Mein Junge!« sagte Seneca. »Komm! Es ist Wachablösung, du mußt jetzt endlich ein wenig der Ruhe pflegen!« Nero dachte: »Mutter hat gesagt, nicht eher, als bis sie mich rufen ließe –«, und er sagte laut: »Laß mich, ich bin noch am ruhigsten hier!« Und anscheinend ohne die Ehrenbezeigung der aufziehenden Gallier zu gewahren, sank Nero ins Gebet zurück, den Arm in schöner Geste auf den Sockel gestützt, die Stirn, in die das rote Haar hing, gegen den Arm. Er dachte: »Die schönsten Kerle von allen sind die Gallier! Was die nur immer für Beine haben! Kann das denn wirklich sein, daß Seneca an Mutters große Komödie glaubt? Dann ist er der einzige Mann von Kopf in Rom, der's tut. Wie gut, daß Akte daran dachte, mir diese Felle unterbreiten zu lassen. Der Marmorestrich ist verdammt kalt, wenn man so lang knien muß. Welch ein Wahnsinn von Mutter, seinen Tod so lange zu verhehlen, bloß weil die Chaldäer gesagt haben, daß keine Stunde für mich günstig wäre vor der morgigen Mittagsstunde, oder eigentlich der heutigen, denn die Frühe dämmert ja schon durchs Fenster. Was aber, wenn Narcissus früher von Sinuessa zurückkommt, von Claudius' ›Krankheit‹ erfährt und zu ihm hinstürzt? Mutters kleiner Kopf ist härter als der Basalt der Ägypter! Ja, sie ist eine wunderbare Frau, eine ganz große Frau, aber eine Schauspielerin ist sie nicht, das wissen die Götter. Oder nur für kleine Gelegenheiten weiblicher Gefallsucht. Aber als gestern Halotus ihm das Pilzgericht brachte, da sah sie mit einem Blick hin, ich wußte es sofort, als hätte es mir einer gesagt: ›Achtung, Locusta!‹ – Und dann, als Claudius sich aufrichtete – gurgelnd, geifernd –, o gräßlich! gräßlich! der Sprache beraubt, aber nicht tot, nicht tot –, ihr Blick auf Xenophon, bis der mit der Pfauenfeder Claudius in den Schlund fuhr. – Ich wette, es war noch mehr von Locustas Gift auf der Pfauenfeder – wie bleich sie da war und wie ich sie liebte, weil sie es für mich tat – für mich! – Was, wenn sie mir im Lager morgen plötzlich ›Britannicus!‹ entgegenschreien? Was, wenn sie mich nicht wollen? Ich weiß nicht, ob ich im Innersten traurig wäre. Mutter wäre traurig! Und dann – Britannicus gönn' ich's nicht, nein! Warum hat Mutter nicht gleich auch Britannicus gelocustet? Aber das wäre wohl zu auffällig gewesen. Wenn ich aber Cäsar werde, müssen Halotus und Xenophon weg! Und Pallas, meine schöne Mutter, auch dein Pallas muß weg! – Man soll mir nicht nachsagen, daß ich mich von Sklaven leiten lasse, weil ich mit Drumio und Paris aufwuchs. Aber das Volk, das kleine, arme Volk wird mich lieben, denn ich bin der erste Cäsar, der weiß, was die Drumios und die aufwaschenden Negerinnen sich wünschen, was sie von Cäsar denken. Wenn Seneca wüßte, daß ich das jetzt gedacht habe, würde er strahlen über meine ›Güte‹. – Wie bin ich denn eigentlich: gut oder böse? Bin ich edel, warmherzig, großmütig und glücklich, wie Seneca mich sieht? Oder töricht vor Besessenheit und nutzbar, wie Paris glaubt, der nicht weiß, daß keine Wirklichkeit an die Träume der Nächte vor fünf Jahren heranreicht. – Oder ein fügsames, farbloses Kind, wie Mutter es hofft? – Oder bin ich der schillernde Eros ›voller Talente‹ meiner Tante Lepida? – Vielleicht bin ich das alles und noch all das mehr, was sie von mir nicht wissen. Oder vielleicht bin ich gar nicht, wie der Schauspieler nur durchs Publikum wird, vor dem er auftritt, und durch seine Rolle. Vielleicht bin ich der größte Schauspieler der Zeit. Morgen werde ich Cäsar spielen, und die Prätorianer werden klatschen, ganz Rom wird Beifall klatschen, ich weiß es! Und zum ersten Mal weiß ich, warum es Mutter so nach Macht, Macht, Macht verlangt. – Ach, der Esel Xenophon, jetzt muß ich auffahren und begierig lauschen, ob's dem toten Claudius besser geht. Lacht mich der Mann neben Burrus aus? Wer ist das? Was für ein Gesicht, ihr Götter! Und was für ein Lächeln. – Ich habe Herzklopfen! – Wer ist das nur, ich kenne ihn nicht! Er ist braun wie die Numidier, sicher kommt er aus den Provinzen – was muß der schon alles erlebt haben! – Jetzt sieht er nicht mehr her! Weiß er, daß ich hier mime? – Ich werde mir die Toga übers Haupt ziehen, dann kann ich hinspähen. Wenn ich Cäsar bin, brauche ich nur die Brauen zu heben, und jeder muß kommen und gehen, leben und sterben, wie Cäsar es will. – Macht ist wirklich ein wunderbares Mittel, Lästige loszuwerden. Wenn Mutter eine Schustersfrau wäre, hätte sie ihren Schuster Claudius ein Leben lang mit sich schleppen müssen, oder, wäre sie zu Locusta gegangen, so hätte man sie gehenkt. – Oh, ich bin steif und kalt wie der blaugedunsene Tote drinnen. Ich muß jetzt schlafen gehen, sonst bin ich morgen mittag häßlich und spiele schlecht. – Oh, der Mann ist weg. – Wohin ist er verschwunden? Und ich kann nicht nach ihm fragen, ich kann doch nicht zugeben, daß ich in meiner Versunkenheit ihn gesehen habe –«   Am dreizehnten Oktober um die Mittagsstunde, die die Chaldäer als glückbringend gepriesen hatten, öffnete sich plötzlich das lange geschlossene Haupttor des kaiserlichen Palastes. Die wenigen Wartenden, die Soldaten der äußeren Wache, hoben den Blick. Droben erschien ein Knabe in der Toga. Wunderbar schönen Gesichtes und in vollendeter Haltung schritt er, immer nur eine der vielen, vielen steilen Stufen nehmend, sehr langsam die Treppe herab. Jene Kohorte der sechsten Legion, alle diese Soldaten, die die Palastwache hielten, sahen gebannt dem Jüngling entgegen, viele erkannten ihn gar nicht, denn er schien ihnen unirdisch schön wie ein jugendlicher Gott. Aber sie erkannten Burrus wohl, den neuen Prätorianerpräfekten, der stand neben dem Knaben, und sie sahen den linken verkrüppelten Arm sich gegen sie erheben, der sie an den gemeinsamen Sieg über die Parther erinnerte. »Soldaten, Kameraden! Cäsar Claudius ist tot! Dies ist euer neuer Cäsar, Nero!« In diesem Augenblick lächelte der jugendliche Gott da droben. Sie stritten später darüber, aber es gab viele, die beschwören wollten, sie hätten ihn wie Schutz und Hilfe heischend die Hände ausstrecken sehen. – Die Mehrzahl begann wie bei Stadtsturm in Reihen die Stufen zu erklettern. »Nero! Es lebe der Kaiser Nero!« riefen sie seinem jungen Lächeln entgegen, jedem unter ihnen schien, als sähen die großen Augen nur ihn an. Eine ganze Zahl der Langgedienten, der Alten, aber blieb unten stehen. Sie starrten einander an, sie murmelten: »Und wo bleibt der Eigene? Der Britannicus?« Ein paar begannen zu murren. Ein paarmal wurde der Name laut. Die zwei ersten Begeisterten jedoch waren schon droben angelangt, und jetzt beschlossen sie, Nero auf die Schultern zu heben. Der eine Soldat sah nah in des Knaben Gesicht, sah, daß der neue Kaiser merkwürdige rote Punkte in den Augenwinkeln hatte, ganz rote Nüstern und tiefblaue Lider. – Nahbesehen war das gar nicht so schön – und er sagte des Nachts in der Schenke, es sei eigentlich gewesen, als spräche man ein Weibsstück in der Suburra an und besähe sie sich dann erst bei Laternenschein. Aber wenn man schon einen Mann mit Vivatgeschrei halb auf die Schulter gehoben habe, könne man ihn nicht gut wieder zu Boden setzen und gehen. – Der andere Prätorianer, begeistert und betrunken wie er war, zog daraufhin das Kurzschwert und schlug den Freund vieler Jahre tot. Auf der Treppe aber trat jetzt Burrus vor. Er sah hinunter, als wolle er sich jeden merken, der »Britannicus!« geschrien hatte. – Den Alten ward es unbehaglich. Am Ende, was ging einen schließlich der Bankert der Hündin, der Messalina, an? – Man hatte keine Lust, seine Medaillen und die Aussicht auf ein Gütchen als Veteran in Colonia Agrippinensis am Rhein zu verlieren! Mochten die Herren das unter sich ausfressen! »Soldaten!« bellte Burrus. »Der Cäsar Nero dankt euch und bedenkt jeden von euch mit einem Gnadengeschenk von fünfzehntausend Sesterzen!« Ein einziger Schrei stieg auf: »Ins Lager! Ins Lager! Es lebe Kaiser Nero!« Und auf den gepanzerten Schultern schwebte hoch und lächelnd der jugendliche Gott! III. Teil. Der Kaiser »Morgen muß dies Gerumpel fortgeschafft werden«, sagte Agrippina, auf den so sehr von ihm geliebten alten Tisch ihres verewigten Gatten weisend. »Die Büste des Augustus mag bleiben, aber das ist auch das einzige. Der Kaiser und ich brauchen Raum zur Arbeit.« Agrippina war unter ihrem Witwenschleier, den sie nun zum dritten Male trug, schöner und stolzer als je. Seneca stand neben Neros Sessel. Zum erstenmal saß der Schüler in seiner Gegenwart, der Philosoph strahlte vor Glück. »Dies ist ein großer Tag in der Geschichte«, sagte er. »Und es soll ein freudiger Tag für dich sein, Seneca!« sagte Nero, der sich immer noch von seinem Purpurmantel und Diadem nicht hatte trennen können. »Endlich ist es mir vergönnt, der immer nur von dir empfangen hat, dir für unschätzbare Gaben deines Geistes wenn auch nur mit sehr viel geringeren Gaben zu danken. Meine Mutter und ich, wir bitten dich, die Liegenschaften zu Antium, die unter dem Namen der Livischen bekannt sind, als die deinen anzusehen.« »O Agrippina!« rief Seneca, den der königliche Besitz mit einem Schlage in die Reihen des reichsten Adels hob. Und Agrippina sagte, mit ihrem bezauberndsten Lächeln den Spott für seine Schwäche mildernd: »Darf ich mir als Gegengabe dafür deinen Philosophenmantel ausbitten?« »Er hat mir nicht einmal gedankt«, dachte Nero, »es würde sich empfehlen, die Gaben meiner Großmut nicht unter gemeinsamer Flagge segeln zu lassen.« »Präfekt Burrus! Der Kaiser dankt dir für deine Treue und belohnt sie durch seine Güter in Capua.« Agrippina wandte sich zu Nero, streichelte seine Wange und flüsterte: »Pallas!« »Otho! Der Kaiser gedenkt deiner Freundschaft und bittet dich, sich seiner Villa in den Sabinerbergen zu erfreuen! Serenus! ...« Zwischen Agrippinas dünnen, schön gewölbten Brauen zeigte sich eine Falte, sie flüsterte: »Du darfst Pallas nicht vergessen!« »Nein«, dachte Nero, indem er das wohlgenährte Gesicht ansah, das zu hochmütig war, als daß man abzulesen vermocht hätte, ob er des Kaisers Vergessen bereits für Absicht nahm oder als Irrtum überbürdeter Jugend auffaßte. »Nein, Mutter, Pallas nicht, deinen Pallas um keinen Preis!« Aber er kehrte zur früheren Formel zurück und sagte, zu Serenus gewandt: »Meine Mutter und ich bitten dich, unsere Villa zu Herculaneum als Dank für deine Freundschaft anzusehen.« »Der Kaiser und ich«, sagte Agrippina langsam und hart, ohne den forschenden und drohenden Blick von Neros Antlitz zu nehmen, »schenken dir, Pallas, als Zeichen unserer Gnade den claudischen Landbesitz zu Ostia!« »Aber ich habe es nicht gesagt!« dachte Nero. »Ich hab's doch nicht gesagt!« Pallas trat, sich verbeugend, vor und nahm aus den Händen des Sekretärs die Schriften. »Cäsar! Es stehen Unterschriften aus«, sagte er, und Agrippina trat magisch herangezogen hinter Neros Sessel, um besser zu sehen. »Hier ist die Steuerverminderung für die Stadt Bononia, die im Herbst ein Brandunglück betraf.« »Ich weiß, ich weiß!« sagte Nero und sah sich jählings vor dem Spiegel in griechischem Hymation. – Wie lang war das her! »Die Rede hast du ja selbst gehalten«, sagte Otho. Nero nahm das schwere kaiserliche Siegel auf den viel zu schlanken Finger, siegelte und schrieb. »Der Geschenksold für die Lagersoldaten«, sagte Pallas und legte die neue Schrift vor. »Der Beschluß zur Göttlichkeitserklärung weiland Kaiser Claudius', unterfertigt von allen würdigen Vätern des Senats.« »Es bedarf keiner Ansage, ich vermag zu lesen«, sagte Nero kalt. Es sah aus, als wollte Agrippina sprechen, aber sie sprach nicht. Pallas legte schweigend das nächste Blatt vor. Nero überflog es nahgebeugt und schrak zurück. »Was ist das?« stammelte er. Er war sehr blaß. »Das Todesurteil des Soldaten der sechsten Legion, Priscus, der seinen Kameraden erstochen hat«, sagte Pallas genau wie vorhin an. »Aber das ist ja meine Legion! Die mich gestern ausgerufen hat!« rief Nero. Seine Augen schienen fast schwarz. »Nein! Das unterschreibe ich nicht!« – Und plötzlich wirklich seine siebzehn Jahre alt, wandte er sich Agrippina zu: »Was muß ich tun, damit er nicht sterben muß?« Agrippina lächelte mit Augen und Mund ihm entgegen: »Schreibe ›Begnadigt‹ und deinen Namen.« Nero zog heftig einen so dicken Strich unter seinen Namen, als tilgte er damit Thanatos selber aus der Welt aus. Pallas legte schweigend das neue Blatt vor. »Nein! Noch eines?« fragte Nero, als mache jener einen schlechten Scherz. Und Pallas sagte gleichmütig: »Todesurteil gegen den Raubmörder Saginth, der zu Ravenna einunddreißig Menschen geschlachtet hat, darunter acht Kinder.« Agrippina öffnete hastig die Lippen, aber Seneca machte eine sanft abhaltende Gebärde. Nero sah starr auf das Blatt. »Und ich sitze hier auf Claudius' Sessel! Haben wir das Recht, einen Mörder zu richten – Mutter und ich –? Aber wenn ich solch ein Untier begnadige, nun, da ich Kaiser bin, welch ein Auftakt zur neuen Regierung! Was würden die Drumios dazu sagen? ›Ein Weib und ein siebzehnjähriger Bengel, wo soll da die Gerechtigkeit herkommen? Uns pressen sie mit Steuern, und Raubmörder sprechen sie frei!‹ Übrigens, könnte man nicht wirklich einmal im Senat für die Drumios sprechen? Ja, aber jetzt muß ich wohl unterzeichnen! Ich muß – ach, ich wollte, ich hätte nie schreiben gelernt!« dachte er, und das sprach er aus. Er unterschrieb, warf die Feder fort, begegnete Senecas begeisterten nassen Augen und dachte: »Der Dummkopf mit seinem Hennengegacker über das gelungene Ei könnte einem wirklich jedes bißchen Anständigkeit abgewöhnen!« Aber er hielt verlegen still, als Agrippina ihn zum dritten- oder viertenmal seit ihrer Wiederkehr küßte. Ein Höfling glitt durch die Türe, verneigte sich und meldete halblaut: »Der Schatzkanzler Narcissus ist soeben zurückgekehrt und bittet um eine Audienz.« Nero sah Agrippina an. Er sagte rasch: »Melde, daß der Kaiser des Kanzlers Verlust an seinem eigenen ermißt und ihn zu sich bittet.« »O nein!« unterbrach Agrippinas Stimme schroff. »Sage, der Kaiser und ich seien zu erschüttert von unserem Verlust, um empfangen zu können!« Der Höfling sah von Agrippina zu Nero und zurück zu Agrippina. Er neigte sich und ging. »Mutter hat nicht recht, Narcissus so zu reizen, wenn ich mich vielleicht doch bei ihm hätte lieb Kind machen können. – Was nun, wenn er Rom jetzt die Geschichte von dem Testament erzählt, das da war und verschwunden ist?« Die Türe öffnete sich vor klirrendem Schritt. Ein Tribun trat ein, ganz jung, mit olivenfarbenem Teint und neronisch in die Stirn gekämmtem schwarzem Haar unterm Helm. Er kam mit gezogenem Schwert auf den Kaiser zu, strahlte ihn aus südlich brennenden Augen an und meldete: »Tribun Pollio der Palastwache, gestellt von der siebenten Kohorte der zweiten Legion, bittet um die Parole!« Nero sah ihn an und lächelte nachdenklich. Dann hob er rasch den Kopf, wies zu Agrippina hin und sagte sehr laut: »Die beste Mutter!«   Der neue Anführer der Prätorianer, Pollio, hielt den Türvorhang einladend vor Piso zur Seite. Pollio strahlte in goldener Rüstung. Der goldene Helm mit dem kauernden Löwen, der den scharlachnen Roßkamm trug, deckte sein neronisch geschnittenes schwarzes Haar. »So komm doch, Piso!« lockte er. »Auf meine Verantwortung! Sei doch nicht kindisch! Wenn ich dir sage, daß wir Zeit genug haben!« Und da Piso nach einem Umblick in dem leeren Thronsaal von der Schwelle her immer noch zu zögern schien, hatte Pollio eine Miene raschen Beleidigtseins, die ihm den Anschein gab, als wären seine Wangen zuseiten der Lippenwinkel auf einmal angeschwollen. »Ich dachte zumindest, du wolltest mir Gelegenheit geben, deine Voreingenommenheit zu bekämpfen!« Piso trat sogleich ein. Er, der sonst sehr still zu lächeln pflegte, hatte plötzlich ein lautes heiteres Lachen. »Voreingenommenheit? Gegen unseren Kaiser Nero? Weiß du nicht, daß ich über den jugendlichen Gott genau so denke wie alle? Und daß ich mich von Herzen darüber freue, dich das Amt bekleiden zu sehen, für das du geboren zu sein scheinst?« Piso sah zu der herrlichen Wandmalerei des Titanenkampfes auf, die er sehr liebte, und dachte belustigt: »Oh, ihr Götter, wenn ich mit diesem Hohlkopf so leicht fertig werden könnte wie ihr mit eueren Ungeheuern!« Er sagte: »Ich bitte dich, hört man den zerschmetterten Titanen nicht laut schreien?« »Was für einen Titanen?« Pollios Gesicht zeigte blankes Staunen. »Unter dem Fels, hier unten links!« »Ach so, auf dem Bild da! Komisch, was du für eine Art hast, plötzlich von irgendwelchen ganz fernabliegenden Dingen zu reden!« Pollio stand breitbeinig da. Er war höher als Piso, und Roßkamm und kothurnhohe Schuhe verstärkten noch den Unterschied. Trotzdem schien Piso der Ältere von den beiden. »Nein, weiß du, du mußt mir schon glauben, ich verstehe mich auf Menschen! Kluges Köpfchen, das hier!« Er tippte auf den Helm, und Piso, der, das Kinn auf die Brust gesenkt, zuhörte, dachte: »Wieso kommt es, daß jeder Tor glaubt, daß er weise ist, und jeder Weise weiß, daß er ein Tor ist?« »Siehst du, ich muß dir recht geben, wenn du findest, daß ein Kerl wie dieser Paris nicht würdig ist, die Güte unseres Kaisers auszunützen.« »O Götter, morgen erzählt er Nero, ich hätte meine Zunge über Paris gewetzt, und Agrippina hat einen Vorwand, meinen Einfluß auf Britannicus für schädlich zu erklären!« Piso sagte laut und bestimmt: »Das finde ich ganz und gar nicht! Cäsars Interesse für die Kunst ist rühmlich offenbar geworden. Warum sollte da gerade ein Mime am Hof fehlen?« »Na, aufrichtig, schätzest du Paris vielleicht besonders? Na, siehst du! – Und Otho, dieser Speichellecker und Profitmacher, wenn du gegen den Einwände hast, das begreife ich!« »Ich mag Otho gern leiden«, sagte Piso, der das zwinkernde Gesicht des jungen, vor lustiger Sinnlichkeit wiehernden Kentauren vor sich sah. »Na ja, jedem, was er mag! – Aber eines mußt du mir doch zugeben«, auf schöngeformten, goldgeschienten Beinen sich wiegend, wies Pollio nach dem Thron, als säße Nero dort, »daß unser Kaiser deinem Britannicus überlegen ist, also bitte, das mußt du mir doch zugeben.« Piso sah bezaubernd liebenswürdig zu ihm auf, mit anscheinendem Impuls der aufrichtigsten Herzlichkeit die Hand auf des Vetters Schulter legend. »Ich sagte dir ja schon, wie selig ich bin, dich mit deinem Amte so zufrieden zu sehen.« »Dienst, lieber Freund! – Dienst! Ich bin Soldat und diene unserem Kaiser. Und da er Kaiser ist, müßt doch auch ihr – ihr Britannicäer –«, Pollio lachte schallend zu seinem Witz – »endlich aufhören zu glauben, daß Nero in ihm einen – was weiß ich – einen Gegner sieht oder Konkurrenten!« »Oh! Dich hat also Nero geschickt?« dachte Piso. »So billig schätzt er mich ein, daß er dich auswählt, um mich auszuhorchen?« Er lachte mit höflichster Liebenswürdigkeit wie zu einem entzückenden Scherz, und Pollio, der wütend dachte: »Maultier, stütziges! Es ist nichts aus ihm herauszubringen!«, fuhr heftig fort: »Denn was ist er denn schon, euer Britannicus? Eine Null! Ein kleiner Affe, der dem Publikum seine Kunststückchen vormacht – ein dummer Junge von vierzehneinhalb Jahren.« Piso streckte rasch seine schöne Hand, mit gegabeltem zweiten und dritten Finger, das Unheil abwehrend, gegen den Sprecher aus, der das Alter gleichsam abschließend und ohne Segensspruch für langes Leben des Britannicus genannt hatte. »Hahaha! Abergläubisch?« lachte der Prätorianer sehr belustigt. »Unendlich! Wie eine alte Vettel«, lachte Piso zurück. »Was hast du übrigens mit den Kunststückchen gemeint?« »Nun, du warst doch neulich beim Pfänderspiel dabei, als Britannicus das –«, Pollio verdrehte die Augen und ließ seine Stimme zittern – »rührende Lied vom entthronten Fürstensohn sang.« » Das hat Nero mehr als alles gekränkt, daß Britannicus sich dabei nicht lächerlich gemacht hat«, dachte Piso. Aalglatt und höflich sagte er: »Cäsar ist ein so ausgezeichneter Sänger, daß er dem dummen Jungen das bißchen intimen Beifall wohl gern gegönnt hat.« »Ja, aber es war reichlich taktlos, dies Lied zu wählen«, beharrte Pollio beleidigt. »Es dürfte ihn zufällig irgend etwas daran erinnert haben«, hatte Piso schon auf der Zunge, aber er neigte das Kinn zur Brust und wartete. »Piso, Piso, du wirst es einmal bereuen«, prophezeite Pollio dumpf. Piso fragte: »Was denn, mein Guter?« »Daß du dich nicht für unseren Kaiser entschieden hast wie ich. Es muß ja nicht Soldatendienst sein obzwar der natürlich am schönsten ist, aber dazu taugt nicht jeder! Aber unser Kaiser hat schließlich allerlei Ämter zu vergeben!« »Sicherlich!« dachte Piso, »wenn Agrippina noch mehr Männern den Selbstmord so wünschenswert erscheinen lassen wird wie Silanus und dem armen alten Narcissus! Aber ich sehe, daß es nicht bloß gilt, Britannicus in mir einen Freund zu nehmen, sondern mehr noch, Nero einen Freund zu gewinnen! Es gilt doppelt auf der Hut zu sein!« »Na, du sagst gar nichts?« drängte Pollio. Piso strahlte den Vetter an, kopfschüttelnd vor innerer Rührung ihm die Hand drückend. »Pollio, du bist wirklich ein guter Mensch. Kaum hast du dich selbst in den Sattel geschwungen, so denkst du sogleich daran, mir zu helfen! Ich danke dir von Herzen, mein Pollio!« Pollio schüttelte die dargebotene Hand. »Du weißt, wenn ich etwas für einen anständigen Kerl tun kann, tue ich's gerne!« »Ich kenne dich, mein Pollio, ich kenne dich! Aber du, ich fürchte, die Armenier werden kommen, und ich werde noch immer nicht erfahren haben, wozu du mich hierher geschleppt hast.« Pollio stieß einen Laut des Sicherinnerns aus und sprang goldklirrend zum Throne hin. »Preis den Göttern, ich habe ihn von der Spur abgebracht!« dachte Piso. »Was sucht er denn hinter dem Thronsessel?« »Jetzt frage ich dich, ob jemals eine Mutter einen besseren Sohn besessen hat?« posaunte Pollio und zog den Purpurteppich hinter dem Thron aus Gold und Elfenbein zur Seite. Alle Munterkeit in Pisos schönen Augen erlosch. Er sah, daß die Mauer hinter dem Thron durchbrochen worden war und daß der Lauscherin, die den breiten Sessel hinter dem Teppich einnehmen würde, kein Wort im Saale entgehen konnte. »Da staunst du? Was? Nicht einmal Livia, von der man sagt, sie sei mehr Cäsar gewesen als Cäsar Augustus, hat so an der Regierung Anteil gehabt wie Agrippina!« »Vielleicht ist darum Augustus der große Cäsar geblieben«, dachte Piso. »So ist unser Kaiser!« sagte Pollio und ließ den Teppich fallen. »Und darum sind wir auch bereit zum rücksichtslosen Kampfe gegen den äußeren Feind – und den inneren!« Pollio streifte Piso mit einem raschen Blick. »Aha, der innere Feind, das bin ich«, dachte Piso. Er hob den schönen Kopf gegen den Vorsaal: »Ich glaube, da sind deine Freunde, die Armenier.« Pollio lächelte: »Der Empfang kann ohne mich so wenig beginnen wie ein Zirkusspiel ohne den Herold!« Und da Piso schon fast zur Türe hin entschlüpft war: »Also – wirst du dir das mit dem Dienst überlegen?« Piso schlug wie zur stummen Bejahung lächelnd die Wimpern nieder. Er hob grüßend die Hand und war im Vorsaal verschwunden, aus dem das Murmeln vieler fremdklingender Stimmen drang. »Ein stütziges Maultier! Was soll ich also jetzt unserem Kaiser sagen?« dachte Pollio mißvergnügt. Die Prätorianerwache marschierte zu zweit auf, zog die Schwerter vor dem Anführer, besetzte die Türen, reihte sich schimmernd an der Thronwand. – Pollio nahm den vergoldeten Speer entgegen. »Ich werde ihm sagen, daß Piso entzückt gewesen ist«, dachte er schlau, fiel in Stellung und stieß mit dem Speer auf den Estrich. »Wolfspack! Hammeltalgfresser!« dachte er mit der ganzen Ungunst des Römers, als die Armenier in den Saal strömten. Klein, schwarz, fellmützig, in Lederpanzern, die mit erzenen Dreiecken benagelt waren, staunten sie den Marmor der Wände entlang zur Spiegeldecke auf, zu den ausgewählt schönen Wachen hin, immer wieder nach dem Gürtelschal fahrend, denn die beiden Dolchmesser, die sie sonst zu tragen pflegten, waren ihnen draußen abgenommen worden. Mit dem Gefühl mehr als mit dem Ohr erriet Pollio des Kaisers Kommen. Die Brust gewölbt, das Antlitz starr, die Augen Nero entgegenbrennend, stieß er dreimal gegen den Estrich. Nero hatte längst – noch vor seinem ersten Senatsempfang – mit Paris seinen Auftritt durchgeprobt. Jetzt wußten seine Glieder gleichsam blind, ohne die Führung der kurzsichtigen Augen zu erwarten, die Distanzen, Stufenanzahl und Stufenhöhe auswendig. – Er saß auf dem Thron der Welt, schmal, jung, blaß, die ungewöhnlich langen rötlichen Locken strahlend über dem Amethyst des cäsarischen Purpurs. Seneca und Burrus hielten ihm zur Linken, Pallas und Vitellius zur Rechten, und statt des »tiefbetrauerten« Narcissus stand hinter Nero Corbulo – riesisch und schön wie Mars –, im Schmuck der Triumphzeichen seiner Parthersiege. Die Gesandten fielen auf die Knie, den Estrich, den ihre starrgeflochtenen Schläfenzöpfe streiften, zwischen ihren Handflächen küssend. Nero lächelte und machte ihnen mit vollkommener Gnadengeste das Zeichen, sich zu erheben. Der Anführer, ein knorriger Alter, begann in unverständlichem Barbarenkauderwelsch zu sprechen. Nach jedem Satze schwieg er, aus klugen gelben Augen den Dolmetscher anfunkelnd, der die Bitte des Armenierkönigs um Waffenhilfe Roms in klingendes Latein übertrug. Seneca konnte die Blicke nicht von Neros lauschendem Profil wenden. »Wie schön er ist«, dachte er. »Wie schön an Leib und Seele. Als Kind störte das rote Domitierhaar, aber jetzt hat es sich köstlich aufgehellt und scheint mir röteres Gold neben dem Gold des Diadems. Und seine Haltung, seine Rednergabe, die sich endlich frei entfaltet. – Man wird wohl nicht sagen, daß er einen schlechten Lehrer gehabt hat. Oh, ihr Götter, ihr habt meine schönsten Träume erfüllt! – Unlängst, als er zur Überraschung von uns allen im Senat aufsprang – der geliebte Junge! –, um Steuerfreiheit für ganz Italien vorzuschlagen – zum Entsetzen sehr vieler der würdigen Väter, da hat selbst der beste Mann von Rom, Thrasea Pätus, nasse Augen bekommen. – Und wie hat das Volk um seine Sänfte gejubelt! ›Püppchen!‹ haben sie ihn genannt und gesegnet, er möge nie auf einen ›schlechten Stein‹ treten. ›Kleiner Gott!‹ haben sie geschrien, ›junger Gott!‹« Seneca schrak auf, als Burrus ihn anstieß. Er begriff nicht gleich, er merkte nur staunend, daß Burrus plötzlich fahl war, so fahl wie sein wettergebräuntes Soldatengesicht es werden konnte –, er erfaßte, daß der Dolmetsch jählings ins Stottern geriet, daß die Armenier die Köpfe wandten, und folgte der Richtung all dieser Blicke. Da sah er, daß die drei Lictoren eingetreten waren, die vor wenigen Wochen erst der Senat der erhabenen Kaiserinmutter zugesprochen hatte. Die germanische Leibwache unter ihrem Führer Creperejus zog auf. »Unmöglich, sie kann es nicht wagen, nachdem sie geheimen Zugang hat, sich auch öffentlich in den Staatsempfang einzudrängen!« dachte Seneca. »Sie kommt, um sich auf meinen Thron zu setzen, sobald ich mich erhebe, sie zu begrüßen«, dachte Nero und seine Hände wurden feucht. »Was soll ich tun, ich kann doch nicht sitzen bleiben!« Und gebannt, verwirrt, kurzsichtig schielend, sah Nero die Mutter in den gleichen Saal einziehen wie vor sechs Jahren, als er, unter dem Bilde stürzender Titanen stehend, die Hand vor den Fleck im Knabenkleid gehalten hatte. Er fand die Frau im Diadem und Purpur, die achtlos an dem wölfischen Rudel vorüberschritt, magisch vom Throne angezogen, hundertmal größer als damals. Er sah, daß keine ihrer Damen, keiner ihrer Kämmerer ihr folgten, daß sie allein in den Männerrat ging wie ein Mann. »Was nützt es, Mutter ist stärker als ich –« dachte er und plötzlich sah er in Senecas von innerem Kampf verzerrtes Gesicht. Auf der hohen Stirne stand kalter Schweiß. »Soll ich wählen müssen?« dachte Seneca. »Aber gibt es noch eine Wahl? Nero schutzlos! Roms Ansehen vor den Barbaren gefährdet!« Seneca zischte atemlos an Neros Ohr: »Entgegengehen! Du mußt ihr entgegengehen, Nero. Schnell, um sie fortzuführen!« Ohne daß jemand gesehen hätte, wie es geschah, aus statuenstiller Herrscherpose verlebendigt, war Nero schon drunten bei Agrippina. »O gute Mutter!« sprach er atemlos vor rasenden Herzschlägen, aber so klar, wie Terpnus ihn zu sprechen geschult hatte. »Du kommst, um ein Wort der Fürsprache für deine geliebten Armenier bei uns einzulegen? Sei beruhigt! Wir haben beschlossen, den frechen Übermut unserer alten Feinde zu bestrafen. Armenier! Corbulo hat dreimal die Parther aufs Haupt geschlagen – zum viertenmal wird er sie vernichten!« Die junge Stimme schlug vor tollem inneren Jubel um. »Sie muß gehen!« dachte Nero. »Sie muß! Sie zittert am ganzen Leibe. Ich habe gewonnen. Oh! Oh! Zum ersten Male habe ich gegen Mutter gewonnen! Welch ein Omen für mich, dieser Titansturz!« Niemand ahnte, wie eisern der Griff war, mit dem er Agrippina zur Türe zwang. Agrippina dachte taumelnd immer wieder: »Keine Tränen, nur jetzt keine Tränen!« Sie ging und hatte kein einziges Wort gesprochen. Die Wache unter Creperejus, die drei Lictoren folgten ihr wie an Schnüren gezogene Puppen. Nero stand, den Mund atmend offen, daß man zwischen feuchtschwellenden Lippen die spitzen, weißen Zähne sah. – Die Brust von einem tiefen Atemzug geschwellt, dachte er: »Seneca! Gegen die Mutter mit mir! Das vergesse ich ihm nicht! Mir schwanken die Knie! Wie werde ich jetzt durch diese Horde von Barbaren auf den Thron zurückgelangen?« Aber die Barbaren wichen zur Seite und ließen eine Gasse vor ihm frei. Da stand der Anführer, der alte Mann mit den klugen gelben Schakalaugen und perlendurchflochtenen Schläfenzöpfen unter der Fellmütze. Der sprach jetzt in plumpem Latein, aber es erwies sich, daß er keineswegs des Dolmetschers von vorhin bedurft hätte. »Unserm König Rhadamistus haben die Späher berichtet, es sei Torheit, nach Rom um Hilfe gegen die Parther zu senden, denn zu Rom sitzt ein Weib auf dem Thron, und die Männer spielen dort Harfe. Und Rhadamistus hat gesagt: ›Haltet eure Augen offen! Denn ist es so, dann will ich lieber vor dem Partherkönig knien als vor einem Weibe!‹ Aber wir haben die Augen aufgetan und gesehen, daß das Adlerjunge Klauen und Schnabel hat!« Von dem wilden Wolfsgeheul der Armenier umtost, stand Seneca und dachte: »Nie, nie werde ich es vergessen, wie sie nach dem Takt einer Triumphmusik – die nur sie zu hören vermochte – herankam, mit entrücktem, wollusterfülltem Lächeln. Und nie werde ich es verwinden, daß ich an ihrer Demütigung Schuld trage, ich, der am liebsten wie die Barbaren auf die Knie stürzen würde, den Estrich vor ihrem Fuß zu küssen.« Nero stand furchtlos mitten unter fünfundzwanzig brüllenden Barbaren. Er hatte aus dem Augenwinkel gesehen, daß Pollio und Corbulo ihm den Rücken deckten. »Ein Schlußwort! Ich brauche ein Schlußwort!« fühlte er. Er warf den Arm hoch und rief klingend über ihr Toben hinweg: »Armenier, vertraut Corbulo und dem Waffenglück Roms!« Er wandte sich und sagte in Pollios Ohr: »O Götter, wie sie stinken! Führ mich ins Bad, rasch! – Es ist kein Faden an mir trocken!«   Die Schmucksklavin nahm die Citrusbrettchen aus der Schatztruhe, durch deren Ausschnitte die Ringe gesteckt und auf deren Rückseite sie durch Schiebehölzchen befestigt worden waren. Sie hielt die Schmuckplatten zum Fächer geordnet vor Agrippina, und die Kaiserin-Mutter wies flüchtig wählend auf die Smaragde. Sie hielt die vorgestreckten Hände still, diese nervösen, festen Hände mit den zarten Gelenken, und ließ sich von der Sklavin mit geübten, flinken Dienergriffen den unschätzbaren Reichtum der Ringe anstecken. Akte stand mit dem Gegenspiegel hinter ihr, und Agrippina wendete den Kopf auf dem schönen Nacken hin und her, um die griechische Haartracht aus traubigen Locken zu besehen. »Die Spange sitzt ja nicht!« sagte sie. »Doch, Erhabene!« antwortete Aktes sanfte Stimme. Agrippina rückte im Sessel vor und sah sich an. »Ich sehe müde aus«, dachte sie, »die Falten, die von der Nase zum Mund laufen, wie scharf werden sie jetzt! Seit vierzehn Tagen habe ich keine Nacht mehr ohne Mohntrunk geschlafen.« »Etwas von dem persischen Öl auf die Lider!« befahl sie und hielt mit geschlossenen Augen und zurückgelegtem Kopf still, während die Schminksklavin den wächsernen Glanz der Jugend auf ihre Lider zauberte. Als sie zwinkernd die Augen aufschlug, stand Nero neben ihr, der es so sehr liebte, sie unangemeldet zu überfallen. Daran, daß sie plötzlich schön wurde, erkannte Nero, daß sein Kommen die Mutter freute. Er fiel ihr um den Hals und küßte sie. »Meine Frisur!« sagte Agrippina halb zornig, halb glücklich und dachte: »Er hat wieder so tiefe Ringe um die Augen!« »Bist du gestern spät zu Bett gegangen?« fragte sie. »Gefährlicher Moorgrund«, dachte Nero. Er lächelte sie an. »Ziemlich. – Es ist anstrengend, Mutter, zugleich der beste Schüler von Rom und Cäsar von Rom zu sein!« Er nahm eines der Schminkschälchen aus Rosenquarz von ihrem Tisch auf und roch daran. »Ach«, sagte er, und die Nüstern seiner Nase dehnten sich, »wie ich euch Frauen beneide!« Wenn Nero die Mutter besuchte, trug er Sorge, ungeschminkt zu kommen wie eben jetzt. Aber Agrippina konnte trotzdem auf seine Bemerkung nicht schweigen, sie sagte scharf: »Ich wüßte nicht, daß eine von uns Frauen in irgendeiner Beziehung noch etwas vor dir voraus hätte.« »Das ist ein Doppelschlag. – Da haben wir sie also bei den Armeniern! Kein offenes Wort hat sie gesagt, aber wann immer wir uns sehen, trifft mich ein Dolchstich!« »Er steht da und schiebt meine Döschen hin und her, aber er denkt seit vierzehn Tagen nicht daran, offen über die armenische Geschichte zu sprechen. – Wenn er es jetzt tut, ich gelobe es, dann will ich es eingestehen, daß ich vielleicht wirklich zu weit gegangen bin. – O Götter –, Nero – wenn er nur ein kleines Wort des Bedauerns äußern wollte. – Steht da und spielt wie ein dummer Junge! Ach, die Pferdchen –«, erinnerte sie sich plötzlich. »Nero, man meldet mir, daß der Kaiser von Rom auf seinem Tische elfenbeinerne Pferde stehen hat, mit denen er während des Unterrichtes und der ihm erstatteten Berichte unentwegt zu spielen pflegt. Das ist unmöglich!« »Wer hat ihr das zugetragen? – Man müßte mit einem Schlage alle Personen der Umgebung Cäsars wechseln. – Aber ist man denn Cäsar?« dachte Nero. »Ferner meldet man mir, daß Cäsar heimlich die Rennbahn besucht und durch die Gitterlöcher der Loge drei Wagenrennen mitangesehen hat.« »Es waren sogar vier«, sagte Nero mit seinem kalten, angehefteten Lächeln, während er aufmerksam die Döschen zu einem Sternmuster anreihte. Agrippina hielt den Kopf gesenkt und atmete schwer. Sie fürchtete ihre mühsame Beherrschung zu verlieren. Sie ballte beide Hände, bis ihre Knöchel weiß wurden und sie trotz aller Schmalheit Männerfäusten glichen; und weil die Demütigung sie um so mehr schmerzte, als ihr Verstand ihr sagte, sie sei nicht ganz unverdient gewesen, suchte sie gegen Nero Anwürfe, bei denen das Recht auf ihrer Seite stand. Sie sagte: »Ich habe heute die Kaiserin Octavia besucht, Claudius Nero!« Nero lächelte gezwungen auf das Döschen herab, auf das er das goldene Deckelchen mit dem Amor als Griffknopf spielerisch paßte. »Sie sticht und sticht«, dachte er. Laut fragte er: »Wie geht es der Kaiserin?« Kein anderer Mensch brachte Agrippina so um alle Ruhe, allen Verstand, und keinem anderen Menschen auf der ganzen Welt gegenüber wünschte sie so sehr ihre Ruhe, ihren Verstand zu bewahren. Ein atemraubender Druck in der Magengegend kam über sie, wie neuestens immer bei solchen Unterredungen mit dem Kaiser. Ihre Stimme bekam durch die Atembeklemmungen einen gepreßten, flackernden, kläglichen Klang, den sie selbst verabscheute. Diese erregte Stimme machte auch aus dem Satz, den sie nebensächlich hinzuwerfen strebte, einen anklagenden Vorwurf. »Du magst wohl nach ihr fragen, da du sie niemals siehst!« Höflich angestrengt lächelnd, den Blick unter dichten roten Wimpern auf die Döschen gesenkt, die jetzt in Prätorianerreihen aufzogen, fragte er: »Wieso denn, Mutter? Speise ich nicht alle Tage mit ihr und Britannicus?« Agrippinas Kopf fuhr auf, daß die an Perlenfäden hängenden Smaragdschüsselchen ihrer Ohrgehänge schwankten: »Ja, du liegst bei Tische mit ihr! Aber nicht im Bett! – Akte! Du bleibst, Akte! – War das je erhört, daß der Kaiser von Rom seine Kaiserin im jungfräulichen Bett allein läßt?« Nero sprach zu der Pyramide von Döschen herab, die er jetzt zu bauen anfing: »Mutter, entsinnst du dich des Pferdes Incitatus, das Oheim Caligula zum Konsul machte?« »Was soll's damit? Was sind das wieder für Possen?« fragte Agrippina und dachte: »Ich möchte ihn prügeln!« Nero versuchte vorsichtig das krönende Büchschen, das nicht halten wollte, auf die Pyramide zu setzen. »Keine Possen, nur ein verdeutlichender Vergleich. – Octavia geht es wie dem Hengst mit seiner Konsulschaft. Sie muß sich mit den äußeren Insignien ihrer Frauenwürde begnügen.« »Wirst du endlich zu spielen aufhören, du dummer Junge?« Agrippinas smaragdbeschwerte Hand fegte die Pyramide um. Rollende, klirrende, brechende Döschen, goldene Deckel kreiselten, klingelten. Salben, Schminken, Öle ergossen sich, es duftete betäubend nach Narzissen. »So viele Möglichkeiten der Schönheit«, sagte Nero ruhig, während Akte kniend die weißen Felle, die weißen Wollteppiche zu retten versuchte. »Hör auf!« herrschte Agrippina sie an. Es sah einen Augenblick aus, als habe sie Lust, Akte an dem blonden Haarknoten zu fassen und ihren geneigten Kopf in all die Scherben hineinzustoßen. »Mach, daß du fortkommst! Geh! Laß uns allein!« Akte erhob sich. Sehr bleich stand sie da, die Handflächen ihrer von Schminke und Blut befleckten, von Scherben verletzten Hände nach außen gekehrt, und ihr blauer Blick begegnete voll Neros Blicken. Dann senkte sie das Haupt und ging zur Türe. »Armes Mädchen!« sagte Nero. »Vorhin wollte sie gehen, da hieltest du sie zurück.« Der Blick des Einverständnisses zwischen ihrer Sklavin und ihrem Sohne, der ihr selbst immer rätselhafter schien, hatte Agrippina zutiefst verletzt. Neros Fürsprache machte sie rasend. »Tut sie dir leid, du gutes Herz? Octavia tut dir nicht leid? – Und ich –« Nero stand auf – das hatte fast wie ein Schluchzen geklungen. Er trat näher, um genauer zu spähen, und sah, daß ihr Gesicht gar nicht Mutters gewohntes kühles Gesicht war, sondern ein neues, nacktes, und plötzlich dachte er: »Was für eine prachtvolle Leidenschaft hat diese Frau noch mit fast vierunddreißig Jahren! Ich bin noch keine achtzehn, wenn ich mich nur einmal so über mich hinaus brennend fühlen könnte!« Agrippina dachte: »Nein! Er darf nicht wissen, wie ich um ihn leide! Nie!« Mit aller Willenskraft sich zur Kälte zwingend, sagte sie: »Ein Narr, der, statt einen Sohn zu zeugen, Britannicus die Nachfolgerschaft offen läßt!« »Britannicus, immer Britannicus!« dachte er. »Wenn ich nie mehr diesen Namen hören müßte!« Neros Schweigen machte Agrippina rasend. »Und mit wem verbringst du deine Zeit? – Als Messalina darauf verfiel, einen Tänzer zu begehren, warf man Steine auf sie, der man hundert adelige Buhler verziehen hatte! Und Mnester war ein Gott des Tanzes, ein Genie! – Aber solch ein Provinzgaukler, ein Tor, ein Tropf wie Paris als Gesellschaft Casars!? Der Liebling Tante Lepidas, dem sie zum Dank für schöne Stunden die Freiheit gab –« Agrippina hörte selbst, daß ihre Stimme schrill und kneifend klang, und brach ab. »Das ist gemein. Paris ist ein Künstler!« dachte Nero. Er hob den Kopf, ohne sie anzusehen. »Es ist spät. Ich muß arbeiten, Mutter. Leb wohl!« In Agrippinas Herzen tat es einen Riß. – Er war fort. – »Und als er kam, hat er mich geküßt«, dachte sie, »und all die Zeit habe ich ihm nur harte Worte gegeben! Warum tue ich das? Welch ein böser Genius läßt sie mich sagen?! Was tue ich, was tue ich nur!« Sie sah auf die zerscherbten Döschen hinab, mit denen seine Hände gespielt hatten. Sie sah im Spiegel ihr fahles Gesicht mit den riesigen wilden Augen. Nie im Leben hatte Agrippina etwas in so wütendem Schmerz gehaßt wie ihr Bild im Spiegel, nie jemanden mit so wütendem Schmerz geliebt wie Nero, der gegangen war. Er war nicht weit gegangen. In dem leeren, dämmrigen, kalten Empfangssaal der Kaiserin-Mutter, in dem nur eine Wandfackel verloren brannte, stand er, an die Wand gelehnt, seine Wange an ihrem Marmor kühlend. Einen Augenblick dachte er, er hätte die Mutter rufen hören. Aber Mutter? Oh, die rief ihn nicht zurück. Erz, Granit, Marmor war ihr Herz. – Rom. Macht. Das war, was sie bewegte. Im Grunde verachtete sie ihn und liebte Britannicus. »Auf der ganzen weiten Welt habe ich keinen Menschen, keinen einzigen Menschen, dem ich vertrauen kann«, dachte Nero. »Ich bin siebzehn Jahre alt und ärger verlassen, enttäuscht und verstoßen als Ödipus, denn dessen Blindheit hat die Tochter geleitet.« Nero stand da, an Brust und Wangen durchkältet vom Marmor, und jählings war er Ödipus zu Kolonos, verstoßen von den Göttern, in Schuld verstrickt, geblendet. Mit geschlossenen Lidern machte er tastende Schritte – große, tönende Verse der Klage im Ohr. – Da fühlte er plötzlich weiche Lippen auf seiner ausgestreckten Hand. Er schlug die Augen auf, erstaunt, in der schlecht erhellten Pracht des Saals Aktes im Knien aufgekehrtes Gesicht zu sehen. »Herr!« murmelte Akte. »Du weinst ja! – Weine nicht!« Erinnerung überkam sie beide zugleich, Nero war sie erstaunlich süß. »Das hast du mich schon einmal gebeten«, flüsterte er und kam sich alt und groß vor und strich ihr über das blonde Haar, das ihre Schönheit war. »Ja. Und seit damals schon liebe ich dich«, sagte Aktes griechisch schwebende Stimme. Sie sah anbetend in sein Gesicht auf, und dies Gesicht schien ihr so süß, so weich, daß sie es endlich, endlich wagte, ihn in ihre Arme zu ziehen. Seine Wange ruhte nicht mehr an dem kalten Marmor des Saales, sondern an dem warmen ihrer Brust, und er fühlte neue Küsse, während er dachte: »Wie stark ihr Herz schlägt, und ich dachte, es liebte mich niemand! – Ganz anders küßt sie – beinahe mütterlich. – Oh Jokaste!« Und er war nicht mehr der geblendete Büßer, sondern der strahlende König Ödipus, der unschuldigschuldige Sohngemahl.   In Aktes schmalem, ordentlichem Zimmer, auf Aktes schmalem, sehr unordentlichem Bett lag Nero. Neben ihm kniete die Freigelassene, das weiße, breite, gutmütige und anbetende Gesicht verschönt von den gelösten Fluten hellen Haares. Nero hatte die Arme über der Brust gekreuzt, wie in Abwehr und Ergebung zugleich. Seine rechte Hand umfaßte die linke Schulter, seine linke Hand die rechte. Manchmal schauerte er unter den hungrigen Küssen, die seinen Körper bedeckten, zusammen, aber er öffnete die Augen nicht. Seinen großen, feuchten Mund umspielte ein selbstsicheres, triumphierendes Lächeln, das glücklich war und vielleicht ein bißchen verächtlich. »Mein kleiner Junge«, sagte Akte, »mein junger Gott, mein Herr, mein Meister!« Ihre Lippen saugten sich, ein kleines, stechendes Schmerzgefühl erzeugend, an seinem Halse fest. »Paris wird das Mal sehen!« dachte er, und dann mit Triumph: »Mag Paris es sehen!« »Wie schön du bist!« sagte Akte, und Nero ließ sogleich die Arme zu Seiten des Körpers liegen und spannte die Muskeln an. »Mein Hals ist zu dick!« sagte er entschuldigend. »Ich habe mit Bleiplatten auf der Brust schlafen müssen, um meine Stimme zu stärken.« Aktes sanftes, bleiches Gesicht, das so helle Brauen und Wimpern hatte, strahlte ihn an, ein Vollmond der Verzückung. »Du hast eine so wunderbare Stimme, Herr!« Nero öffnete zum erstenmal die Augen und richtete sich auf den Ellbogen auf. »Du hast mich doch nie singen gehört«, sagte er überrascht, mißtrauisch und geschmeichelt. »Natürlich, Herr! Beim Ceresfest im Park und bei den Juvenalien hast du gesungen.« »Und du hast gelauscht, weiße Nymphe im Busch?« Er zog sie an den dichten, knisternden, duftenden Haaren zu sich heran. Er war vergnügt. Er lachte. Niemals noch war er mit einem Menschen so frei und gedankenlos umgegangen und niemals war er noch so entzückend gefunden worden. Zum erstenmal fühlte er sich völlig sicher. »Was schwärmst du mich so an, du Törin?« fragte er fast zärtlich, und leiser: »Bist du glücklich?« Sie nickte, die blonden Wimpern niederschlagend. Er streifte das Gewand von ihrer runden Schulter. Ihre volle, bläulich geäderte Brust schien ihm keineswegs schön und keineswegs schien sie ihm erregend, aber dies war Aktes Körper und Akte war seine Geliebte. »Wenn mich jemand vor drei Tagen gefragt hätte, ob ich Aktes Geliebter werden wolle –«, dachte er, »und es ist nicht zu leugnen, seit drei Tagen bin ich Aktes Geliebter. – Wie Burrus heute gegrinst hat, als ich beim Barrenschwung stürzte. Auf die Schulter hat er mir geklopft, der alte Affe. – Und wie Seneca gestrahlt hat. Sonderbar, womit man die Leute erfreuen kann. Sie tun alle, als hätte der Senat die Fasces meiner Lictoren für meinen Triumph in Aktes Bett bekränzt und nicht für Corbulos Triumph über die Parther! – Der ganze Palast – den Göttern sei Dank, Mutter ausgenommen! – weiß jetzt, daß Cäsar heute zum drittenmal bei Akte schläft, daß er ein Mann ist wie die anderen auch – ein Kettenglied der ewigen Kette. Sonderbar, daß bis zum Pontus hinab und bis zu den blaugefärbten Barbaren, von denen der Bernstein kommt, zu dieser Stunde Millionen von Männern dies gleiche zärtliche, ja – und auch süße Körperglück genießen und nichts von der panischen Gewalt, der verfluchten Lockung des anderen Eros ahnen. – Jetzt aber hat Britannicus nicht das Recht mehr, ein schiefes Maul zu ziehen. Ich habe, was sie haben, ich bin, was sie sind, und mehr als sie – viel mehr. – Und Octavia mit dem scharfen Blick dunkler Affenaugen, Octavia, einsam und für alle unantastbar – jetzt ist sie ausgestoßen und lächerlich. Oh – aber Mutter? – Wäre Mutter klug, sie würde Aktes Füße dafür küssen«, dachte Nero lächelnd, dies wahnsinnig-unmögliche Bild sich ausmalend. »Was denkst du, Herr? Du bist so weit von mir fort!« murmelte Akte. Er hatte beinahe vergessen, daß sie neben ihm kniete. Jetzt schloß er die Augen und sagte, als zitiere er ein Gedicht: »Ich liebe dich, meine blonde Geliebte!« »O Herr!« stöhnte Akte hinschmelzend. Er runzelte die Stirn, in die das von ägyptischen Wassern zu Goldglanz aufgehellte Haar fiel. »Sag mir nicht Herr! Sag mir etwas Liebes. Kein Mensch ist zärtlich zu mir.« »Mein Kind, mein Glück, mein Leben, meine Sonne –«, sagte Akte. Neros Finger griffen in die zarte goldene Kette, die Akte um den Hals trug und an der als Zierat ein elfenbeinerner, winziger Fisch mit rubinenen Augen hing, und an ihr zog er sie zu sich herab.   Agrippina war, von der Gluthitze des Tages und dem rhythmischen Schaukeln der Sänfte eingewiegt, in Halbschlummer verfallen. Als ihr Zug vor dem Palasthügel hielt und Creperejus die Vorhänge für sie zurückschlug, konnte sie kaum die Entschlußkraft finden, sich vom Lager aufzurichten. Die Germanen ihrer Leibwache, achtundzwanzig ausgewählte Riesen in Flügelhelmen, schwangen sich zugleich in einer großbewegten Welle von den hohen Schimmeln. Als Agrippina den Schuh zu Boden setzte, war der Platz bereits angefüllt mit einer drängenden, stoßenden, murmelnden Menge, die herbeigeströmt war, die Kaiserin-Mutter zu sehen. »Goldene Mutter! Juno soll dich segnen!« »Bitte für uns, Priesterin!« »Mütterchen, das uns den kleinen Gott geboren hat!« Agrippina, jählings aus dem Halbschlaf gerissen, mühte sich zu lächeln. In der unerträglichen Glut dieses Julinachmittages zwang sie ihr Opferamt am Altar des zu den Göttern erhobenen Claudius, das schwerfaltige Gewand, die Haarbinde, die Schleierhülle der Oberpriesterin zu tragen. Sie hätte im Tempel des Gottkaisers den Abend abwarten und in den Hainen und Bädern Erfrischungen suchen können. Statt dessen hatte sie Läufer und Träger heimgehetzt, um Neros Besuchsstunde nicht zu versäumen, zu der sie ihn nach Bad und Kleiderwechsel zu empfangen wünschte. Sie folgte den Lictoren durch das Spalier der Germanen, die ihre Pferde kurz am Zügel hielten, sie faßte den Hauptschleier wie Matronen des vorcäsarischen Roms züchtig unterm Kinn mit der Rechten zusammen und hatte den Blick gesenkt. Hinter ihr folgten die sechs Hofdamen der Begleitung, die Freigelassenen. Als Agrippina in die schattenkühle Halle eintrat, holte sie Atem. Sie sah Aceronia, die Oberste der Hofdamen, wartend stehen, den alten Haushofmeister mit Rechnungen, den Ansager mit Listen für den nächsten Empfang, ihre beiden Schreiber mit Akten, den Almosenier mit den Armen voll Bittschriften wie gewöhnlich, und sie meinte, vor Hitze, Müdigkeit und Ungeduld zu vergehen. »Später! Später! Alles hat Zeit!« sagte sie schroff. Der Haushofmeister, den Bauch würdevoll vorschiebend, verbeugte sich, ein Wort schon auf den Lippen. – Sie wies ihn heftig fort. »Zuerst mein Bad!« befahl sie, den Hauptschleier so heftig abschüttelnd, daß die Binde, an der er befestigt war, sich mitlöste und verwirrte Strähnen des zurückgekämmten Haares herabfielen. – Im gleichen Augenblick fühlte Agrippina sich beobachtet und wandte das Gesicht. Links, zwischen den Vorhängen zum kleinen Empfangssaal, stand eine Frau und lächelte. Die Frau war wunderschön anzusehen, sie war meisterlich geschminkt, mit Geschmack gekleidet und wie ein Weihebild mit Juwelen geschmückt – und doch weiteten sich Agrippinas dunkle Augen, als sähen sie Unheilvolles. Aber schnell gefaßt fuhr sie, wie in einer Geste überraschter Freude, glättend über das Haar, richtete sich auf und lächelte strahlend: »Lepida, was für eine Freude! Und was für strafbar lässige Diener, die versäumen, sie mir zu melden!« Agrippina sah das gekränkte mundspitzende Schweigen ihres Majordomus, entsann sich, ihm das Wort abgeschnitten zu haben, und sagte begütigend: »Ich weiß, ich weiß, ich selbst bin schuld gewesen, ich habe dich schweigen heißen!« »Oh, aber du bist müde, Schwägerin, und sicherlich hat es dich erschüttert, an den armen Claudius zu denken! Ich werde zu gelegener Stunde kommen!« sagte Lepida und dachte erheitert: »Ihr Götter, als sie hereinkam und sich ritsch-ratsch wie ein Fischweib das Kopftuch abriß – welch ein Anblick!« Agrippina küßte Dame Lepida auf beide rosenweiche, rosenduftende Wangen, das gab ihr Zeit nachzudenken: »Welch Unglück ist geschehen, daß Lepida kommt, mir die Nachricht wie ein Gift der Locusta einzugeben? Nero – ihr Götter, hat es mit Nero zu tun? Ich muß es erfahren! Sie wird mich auf die Folter spannen –« »Kann eine Stunde mir gelegener sein als die, die so lieben Besuch gebracht hat? Nero wird gleich hier sein – und wird sich freuen, die geliebte Tante bei mir zu finden!« »An der ›geliebten Tante‹ ist sie fast erstickt, die Süße«, dachte Lepida, ihrer Freigelassenen winkend, die Fächer, Schweißtuch und Parfümfläschchen hinter ihr hertrug und ihr nun Luft zuzuwehen begann. Laut fragte sie: »Kommt er immer noch täglich, dieser vorbildlichste aller Söhne?« Agrippinas Gesicht wurde weich im bejahenden Lächeln, sie nahm neben der Gastin im Empfangssaale Platz. Sie dachte: »Nun kann ich mich nicht mehr umziehen, weil ein böser Wind die Vettel dahergeweht hat!« »Sie weiß nichts! Sie weiß noch nichts!« dachte Lepida triumphierend. »Und wie staubig und heiß sie aussieht und wie alt! Kein Mann, der uns hier zusammen sähe, würde uns das gleiche Alter geben, obgleich ich gerecht bin und zugestehe, daß sie noch immer eine gute Figur hat.« Agrippina dachte: »Sie sieht so zügellos aus, wie sie ist! – Sie wird stark, die Dame Lepida, das macht sie alt. Alle Domitier werden dick! Wenn nur Nero die Anlage vom Vater nicht geerbt hat. – Dieser Busen! Sie sollte etwas dagegen tun! Wie sie lächelt! Sie ist gekommen, um mich in irgendeiner Weise, die ich noch nicht ahne, zu überrumpeln! Aber bei den Göttern, es wird ihr nicht gelingen!« »Welch hübscher Einfall, mein Herz, mich so ungezwungen aufzusuchen!« sagte Agrippina bezaubernd liebenswürdig, während Sklavinnen auf einen Wink ihr den Spiegel vorhielten, ihr Haar glätteten, ihr das Oberkleid abnahmen. »Du entschuldigst, daß ich mit Ungezwungenheit vergelte?« Agrippina ließ ruhig einen Augenblick lang ihren herrlichen Nacken sehen, die Arme, die rund und schlank wie die einer Bildsäule schimmerten, den Busen ohne Makel, ehe die Dienerinnen, nebeneinander stehend, Lepida gleich einem Wandschirm den Blick auf sie verstellten, während sie die Kaiserin mit essenzgetränkten Tüchern abrieben. »Sagtest du nicht eben, du erwartest den Kaiser?« fragte Lepida mit betontem Erstaunen. Agrippina lächelte sie fast zärtlich an, als sie antwortete: »Du tadelst mich meiner Schamlosigkeit wegen mit Recht, süße Lepida. Gönne mir nur einen Augenblick, ehe ich meine Brust genau so keusch wie du verhülle!« Die Gewandsklavinnen hatten ein weißes, golddurchwirktes Tuch mit eingeschnittener Halsöffnung behutsam über Agrippinas Haupt gezogen, die Schmucksklavin gürtete es unter der Brust mit einer schweren Goldkette. Die lebende Mauer teilte sich, Agrippina trat zu ihrem Gaste. Ägypterinnen, unter durchsichtigem, gefälteltem Linnen nackt, brachten wohlriechende, stark gesüßte »Bissen der Ruhe«, Negerinnen, granitschwarz schimmernd neben dem Gold ihrer Krüge, schenkten schwerflüssigen Wein. »Wie lange wir uns schon nicht gesehen haben! Und du wirst immer jünger, meine Süße!« schnurrte Lepida zerstreut. Ihr ganzes Interesse galt im Augenblick den Süßigkeiten. Ihre erlesene Hand, die ihr Leben lang nie nach Geräten der Arbeit, des Gebrauches gefaßt hatte und die so weich und glatt geblieben war wie das Händchen eines Säuglings, schwebte eine wählerische Weile über der Goldplatte, deren Gewicht die kniende Ägypterin mit angestrengt zitternden Armen stemmte. Dann fischte Lepidas Hand den köstlichsten Bissen und führte ihn ihren schon genießerisch halboffenen Lippen zu. Agrippina, bebend vor Ungeduld, winkte die Süßigkeiten fort, trank nur den Wein. Lepida nippte, fuhr mit dem Zünglein über die geschminkten Lippen, wählte schon die nächste Süßigkeit mit den Augen und fragte zugleich grübchenlächelnd, vertraulich flüsternd: »Wo ist denn sie ?« »Wer?« fragte Agrippina gerade aufgerichtet, die Falten um den Mund scharf angespannt, denn sie fühlte, daß es jetzt kam, jetzt – »Aber meine Süße! Mir gegenüber brauchst du nicht so verschwiegen zu sein! Und am Ende weiß es ja doch schon ganz Rom!« Agrippina sah zu, wie Lepida vorsichtig an der honiggefüllten Süße knabberte, und dachte: »Was ist geschehen? Hat man Nero – nein, sie ist keine Heroldin von Todesnachrichten! Aber von Nachrichten, die tödlicher sind als der Tod! Wie sie sich freut! Nein! Sie soll mich nicht schwach sehen, nein!« Und Agrippina brachte es über sich, lächelnd zu fragen: »Willst du nicht von diesen gefüllten Datteln versuchen? Mein Koch bereitet sie vorzüglich.« »Jetzt zittert sie!« genoß Lepida. »Aber sie gibt nicht nach. Nero hat recht, sie ist härter als der Basalt der Ägypter. Aber heute kommt an mich die Reihe! Heute werde ich dich weinen sehen wie du damals mich!« Und sie schwatzte unter fortwährendem genießerischen Abbeißen ihrer entzückenden Zähne von der Mandelpaste. »Ich dachte sogleich an dich! Ihr Götter, wie glücklich muß Agrippina sein! Und die arme Octavia! Also aufrichtig: du weißt nicht, wie leid mir dieses arme Kind getan hat, das seine schönsten Jahre vertrauert. Jetzt hat sie doch Hoffnung! Nicht?« Agrippina, die während ihrer Folterqualen angestrengt lächelnd und steif wie eine etruskische Göttin dagesessen war, fragte: »Was hat das mit Octavia zu tun?« »Aber meine Geliebte! Jetzt (ihre Augen! Sie wird doch nicht mit dem Dolch auf mich losgehen) – jetzt, da Nero für weibliche Reize empfänglich geworden ist.« Agrippina feuchtete die Lippen an, um zu sagen: »Wovon sprichst du da eigentlich?« »O Venus! Von Akte natürlich!« »Akte ist die Geliebte des Serenus!!« Lepida legte vorgebeugt ihre Hand auf Agrippinas Arm. »Liebste, du brauchst wirklich nicht so verschwiegen zu sein! Ganz Rom weiß, daß Serenus bloß der vorgeschobene Mann ist und Nero der wirklich Beglückte!« Agrippinas Schrei war so wenig zurückzuhalten wie der einer Kreißenden: »Akte?« »Mir persönlich ist ja die gute Akte nie gerade so besonders anziehend vorgekommen. – Aber, weißt du, es haben gerade die Frauen den wahren Erfolg bei Männern, über deren Wirkung wir anderen am meisten den Kopf schütteln. Ja – Agrippina, meine Teure, du starrst mich so an! Ja, sage einmal, bist du denn vielleicht die einzige in Rom gewesen, die an das Serenusmärchen geglaubt hat? Oh, dann hätte ich dir wohl nichts sagen sollen? Verzeih! Aber wie konnte ich ahnen, daß ein so zärtlicher Sohn gerade seine Mutter in Unkenntnis –« Die Vorhänge klirrten zurück. »Ich höre von einem zärtlichen Sohn sprechen und fühle mich getroffen«, sagte Nero eintretend und dachte nach dem ersten Blick auf die Frauen: »Jetzt weiß Mutter es also! Zum Hades die Lepida! Mutters Gesicht! Oh! Sie wird toben!« Er küßte die Wange der Mutter, die merklich fortzuckte, und die grübchenlächelnde der Tante, die sich ihm merklich darbot. »Welch schöne Überraschung, dich bei Mutter zu finden, Tante Lepida«, sagte er bezaubernd. Agrippina schwieg. »Ja, aber ich will nun die Zeit eures Beisammenseins keineswegs verkürzen!« sagte Lepida, und sie dachte: »Guter Junge, ich möchte jetzt nicht in deiner Haut stecken, wenn ihr allein bleibt. Sie kann's, Agrippina, oh, sie kann's, soviel mir Domitius erzählt hat. – Hübscher Junge. – Hübscher kleiner Mann.« Sie lächelte zwischen bewegt zitternden langen Perlen-Ohrgehängen zu ihm auf und schnurrte: »Vergiß nicht, daß die einsame alte Tante dich übermorgen zum Speisen erwartet!« »Bleib doch, Tante! Ich bin doch nicht gekommen, um dich zu vertreiben!« bat Nero mit verzweifelter Dringlichkeit. Agrippina schwieg. »Ich muß gehen, ich muß, o Vater des Vaterlandes!« lächelte sie zu ihm auf. »Die würde auch nicht herb sein wie eine Vestalin!« dachte Nero, und sein neuer Blick glitt an ihr entlang. Laut wehrte er ab: »Nein, nein, diesen Würdenamen habe ich vor dem Senat abgelehnt, bis meine Jahre dazu passen!« Lepida empfahl sich rasch von Agrippina, sie hatte, als sie in ihr Gesicht sah, Angst, ihre Wange zum Abschiedskuß zu bieten. »Du siehst aus, als würdest du mich beißen«, dachte sie. »Jetzt, Schwägerin, sind wir quitt für Passienus! – Dein Nero! Ein leutseliger Junge! Mein Sklave Paris, deine Sklavin Akte! – Ich bin's zufrieden, keine Kinder geboren zu haben!« Sie schwebte von innerem Glück getragen zur Türe, an der ihre Begleitdame, ihre beiden Sklavinnen, ihre zwei Freigelassenen warteten. Nero geleitete sie und sein Lächeln erlosch, als er sich wandte. Der Ausdruck von Qual, von verletztem Stolz, von fassungsloser Verstörtheit in Agrippinas Gesicht bewegte ihn. Er streckte die Hand schüchtern nach ihr aus, die hastig und stoßweise atmete. – »Mutter!« murmelte er. Sie fuhr herum. »Rühr mich nicht an! Mit Händen, die meine Sklavin angetastet haben!« »Mutter, du solltest Akte –«, begann er. »Geh doch zu ihr! Was suchst du noch bei mir? Eine Sklavin ist meine Nebenbuhlerin in deinem Herzen! Eine Magd ist meine Schwiegertochter! Akte! Wenn sie wenigstens strahlend wäre! Und jung! – Nein, eine Dreißigjährige mit einem nichtssagenden Gesicht, dick, ohne Grazie, kaum genug, die Lust der Prätorianer zu stillen!« »Mutter, was ich wähle, hat nicht das Glück, deinen Beifall zu finden!« »Nein! Hast du gedacht, die Tochter des Germanicus würde deinen Schändlichkeiten Beifall klatschen? – Soll es einer Mutter recht sein, ihren Sohn als Beutelschneider zu sehen – nur weil er vordem als Mörder im Wald gelebt hat?« »Von Mördern sollte zwischen uns nicht die Rede gehn, Mutter«, sagte Nero gesenkten Blicks und leise. »Was?« blitzte Agrippina. »Willst du dich zum Richter aufwerfen über mich? Willst du der Mutter vorwerfen, was sie für dich, für deine Zukunft, für deine Herrlichkeit getan hat?« »Nein, Mutter! Du hast es getan, aber es ist nicht für mich getan worden!« »Was sagst du da? Nicht für dich?« »Nein, Mutter! Denn du wußtest, daß ich nicht zum Cäsar geboren bin!« »Lächerlich! Du mit deinen Gaben!« »Ich habe Gaben. Aber die des Cäsar sind es nicht.« »Du? Niemand hat einen wilderen Ehrgeiz, vergöttert als einzelner aus der Menge zu ragen, getragen vom Beifall der dunklen Masse!« »Ja, Mutter. Ja! Das will ich!« »Nun, also!« »Aber nicht als Cäsar! Als Künstler will ich es! Ich würde mein Leben dafür geben, im Amphitheater beifallumrauscht den Kranz zu empfangen. Ich gäbe mein Leben dafür, tanzen, deklamieren, Kythara spielen, singen zu dürfen, und ich weiß, daß ich es kann!« »Sonst hast du keine Narrenreden im Vorrat, um deiner Mutter das Herz zu brechen? Du undankbarstes Geschöpf der ganzen Erde! Man hebt ihn auf den Thron der Welt und erntet nichts als Kränkungen! Was für ein Glück, ihr Götter, daß noch der wahre Erbe lebt!« »Mach ihn zum Cäsar, Mutter, deinen Britannicus! Meinst du, das schrecke mich? Laß mich mit Akte nach Griechenland gehen! Ich will in Rhodos leben und von nichts als meiner Kunst wissen!« Agrippina war mit zwei Schritten bei ihm, ihre Blicke in die seinen bohrend. »Akte – so liebst du sie?« stammelte sie. »Ich liebe die Kunst, Mutter!« schrie er, als wolle er sich einer Schwerhörigen verständlich machen. »Du willst Britannicus den Thron – um mit Akte nach Rhodos –«, stammelte sie, der Sprache kaum noch mächtig. »Nein, Mutter – also ohne Akte, wenn du willst! Aber nach Rhodos, wo die besten Musiker leben!« Geschüttelt von Angst, die Hand an der Stirne, hinter der die Gedanken kreisten, sagte Agrippina: »Nero – ich – ich bin heftig zu dir gewesen. Vielleicht war ich immer zu hart gegen dich – aber ich dachte, einen vaterlosen Knaben dürfe Frauenwirtschaft nicht verwöhnen. Nero, ich werde euch mein Haus an der Appischen Straße schenken, damit du sie nicht in Serenus' Haus sehen mußt. – Ich werde ihr verzeihen, Nero. Ich will tun, was du willst. Aber um aller Götter willen, Nero, sage mir, daß du nicht mehr an solchen Wahnsinn denken wirst, der mich tötet!« »Woran, Mutter?« »Daß du dem Britannicus – daß du dem Diadem entsagen – o Nero, sage, daß du mich nur schrecken wolltest, weil ich ungerecht und streng war. Sag es, und ich will nie mehr – nie mehr deinen Wegen nachfragen. Liebst du Akte so sehr?« »Man soll nicht versuchen, wahr zu sein«, dachte Nero. »Man soll nicht versuchen, sich einem Menschen verständlich machen zu wollen –« »Ja, Mutter«, sagte er müde.   Das Haus, in dem Lepida wohnte, seit die Volljährigkeitserklärung Nero das Besitzrecht auf den Palast der Domitier gegeben hatte, schien klein und ärmlich neben dem säulenprunkenden Venustempel. Von der Straße her sah man nichts als die Ziegelmauer, die auf den Quaderresten des uralten Schutzwalles aufgeführt war, und die schwarze Silhouette von Zypressenwipfeln. Aber hatten die Sänftenträger keuchend die unzähligen Stufen erklommen und tat sich das Bronzetor auf, sah man wohl, warum Lepida dies Haus gewählt hatte. Die Säulen des Vordachs, die aus einem hellenischen Heiligtum stammten, waren umwuchert von Rosen. Der reife Sommer spannte seine Triumphbögen strotzender Rosenranken über die Wege. Der Durchblick durch alle weit offenen Türen bis zum statuenleuchtenden Innenhöfchen und dann ganz hindurch bis auf die römische Lasur des freien Himmels gab ein Gefühl von Weite und Inselhaftigkeit zugleich, als befände man sich auf Deck eines schwimmenden Schiffes. Der winzige Garten, dem ein alter ägyptischer Gärtner seine ganze Kunst geschenkt hatte, war berühmt. Und berühmt war der goldhaltige Bronzeguß des Knäbchens, auf das alle Springbrunnen des Beckens rundbogig zielten, während der Kleine mit Grübchenarmen und fettfaltigen Knien bemüht schien, einen schweifschlagend entgleitenden Lachs festzuhalten. Die weißen Tauben des nachbarlichen Venustempels füllten die Luft mit Rucksen und Gurren. Die ägyptischen Katzen der Lepida, zahllos und in der göttlichen Unbekümmertheit von jahrhundertelang verwöhnten Lieblingen, bevölkerten Dächer, Podeste und Wege. Nero dehnte sich wie sie in einem trägen Gefühl des Friedens. »Ach, es ist schön, sich von dir verwöhnen zu lassen, Tante Lepida!« sagte er. Sie lagen Seite an Seite auf Schilflagern unter einem Schirmdach, das rötlich verjüngende Lichter auf Lepida warf. Eine Negerin, eine Nubierin, eine Ägypterin, die neben ihr knieten, gaben Farbenübergänge zu dem Schleierweiß ihrer Schultern. Sie schüttelte lachend den seit gestern germanisch-blonden Kopf, und die Glöckchen ihrer Ohrreifen klingelten. Sie drehte ihre hellbraunen, lachenden Augen zum Himmel und hin und her, daß man das klare Weiß um die Iris sah. »Oooch, wie er die arme Lepida verspottet, der große Cäsar – und ihr armseliges Hügelhäuschen und die Langeweile der Stunden bei ihr, die nur seine Großmut ihn ertragen läßt.« – Ihre leichte Hand mit geschminkten Nägeln, die wie lange, sehr schmale Goldovale wirkten, streichelte seinen Nacken hinterm Ohr. »Verrate es mir, Cäsar, wie fängt man es an, dir zu gefallen? Belehre eine einsame, alte Frau« – Nero zwinkerte ihr zu und ließ seine Zunge schnalzen –, »denn meine ganze, mühsam gesammelte Erfahrung bei Männern versagt! – Wie, beim Eros, muß man es anfangen, um den ersten Mann von Rom zu fesseln? Einen Mann, der lieber des Hermes verschlungene Wege ging als die der Nachbarin Venus? Einen sehr jungen Mann! Einen recht klugen jungen Mann! Einen – man darf wohl sagen – nicht unebenen jungen Mann! Einen Mann mit der bezauberndsten Baritonstimme! Den jugendlichen Gott aller Frauen von Latium, nach dem alle Schönheiten in den Sänften lange Hälse machen –« »Tun sie das?« lächelte Nero. »Sie tun es. – Und diesen Mann erobert eine Frau seien wir doch ehrlich! – zwar gebildet, aber keineswegs etwa geistreich – zwar äußerst sympathisch, aber keineswegs etwa schön! Voll Güte und Herzensanmut, aber keineswegs etwa hochgeboren! Sage mir, Goldener, wie also vollbringt man dieses Wunder?« Nero schien nicht zu hören. Er gähnte, er dehnte sich. »Nero?« fragte Lepida und näherte ihr lächelndes, fragendes Gesicht dem seinen. »Man liebt ihn. Man begehrt ihn«, sagte Nero. »Tun das nicht viele?« »Nein. Nicht so besessen. Nicht so fürs ganze Leben. Für ihr ganzes Leben, wohlverstanden.« Er nahm einen der Kuchen, schloß zielend ein Auge und warf ihn wie einen Stein mitten unter die Schar der Tauben, die sich in einer einzigen knatternden Flügelwolke emporwarfen, um sogleich zurückkehrend zu kröpfen. »Und du? Liebst du sie?« »Manchmal«, lächelte Nero zweideutig. »Du hast angenehme Hände, Lepida.« »Und – die andere Person – die frühere Person, meine ich?« Nero öffnete blitzschnell die Augen. »Wie, wenn ich dich das fragte?« Lepida lächelte und zuckte mehrmals die Schultern. »Das freut mich«, sagte Nero, die Augen wieder unter der Liebkosung ihrer Hand schließend. »Denn jetzt habe ich die Absicht, dir Paris endlich ganz fortzunehmen. – Laß!« Lepida hatte die Hand zurückgezogen. Sie überlegte einen kleinen Augenblick. Dann sagte sie, ihr bezauberndes Gesicht seinem beobachtenden Blick zugekehrt: »Das kann Cäsar nicht tun. Cäsar kann doch nicht gegen das Freigelassenengesetz verstoßen!« »Kann Cäsar nicht? Cäsar kann alles. Sogar das Freigelassenengesetz ändern!« »Auf keinen Fall Schärfe! Davon hat er genug bei Agrippina! Vielleicht besteht er dann nicht darauf!« dachte Lepida. Und sie sagte gleichgültig liebenswürdig: »Das Lamm des Armen ist der Götter liebstes Opfer! Also liebt der jugendliche Gott das Lamm wahrhaftig?« »Ach!« machte Nero ärgerlich. »Ihr redet so viel von Liebe. Ihr liebt immer alle so vielerlei! Blumen! Und Gärten! Und Katzen und Hunde! Und die süßen Kinderchen! Und was weiß ich alles – ja natürlich: Rom, Rom vor allem! Könnt ihr euch nicht vorstellen, daß man einen Menschen einfach brauchen kann, daß man an ihn gewöhnt ist? Ich dachte, du zumindest wärest dazu imstande. Mutter kann das nicht. Übrigens, da wir gerade von ihr reden – warum hassest du Mutter so?« »Ich? Aber Goldener! Was fällt dir ein?« »Ist es wegen meines Vaters? – Oder wegen Passienus?« Er sah plötzlich um Lepidas entzückenden Mund eine harte, bittere Falte entstehen und sagte: »Also wegen Passienus! – Warum? Weil er sich von dir scheiden ließ, um Mutter zu heiraten? Sonderbar! Ich hätte nicht gedacht, daß du weinen kannst!« Lepida schnippte, und Eje, die Ägypterin, tupfte ihr mit einem Byssustüchlein die Tränen von den Wangen. »Ich muß dich bitten, zu verzeihen!« sagte sie, vor dem Spiegel ihre Locken zurückstreichend, »das sind alte, lang versunkene Geschichten.« »Nur noch eines. Passienus starb während Mutters Verbannungszeit?« »Er brachte sich um, wenn du es wissen willst.« Wieder der bittere Zug um den schönen Mund. »Viel Glück hat Agrippina ihren drei Gatten nicht gebracht.« Nero sah den Batiskätzchen zu, die spielend über den roten Kies tollten. Er sagte seufzend: »Man kann mit Mutter nicht leben.« In Lepidas Lachen klingelten ihre goldenen Ohrglöckchen. »Schon dein Vater war genau der gleichen Meinung, mein Goldener!« »Ich mag tun, was ich will, es ist umsonst!« sagte Nero. »Du kanntest sie doch, wußtest du nicht, daß wenn du ihr das Prunkdiadem und Festkleid der großen Livia schenktest, sie nur darauf antworten würde: Du hättest sie mit einem Bruchteil des Schatzes abgespeist, der ihr doch ganz gehöre?« »Es scheint, die Spione der Dame Lepida stehen hoch im Sold?« Lepida schüttelte ganz nah vor ihm ihren schönen Kopf. »Die Dame Lepida hat das keineswegs nötig! Agrippinas tragendes Organ überhebt sie der Mühe!« Nero sagte unmutig: »Ich hatte wirklich gedacht, das Geschenk würde sie freuen.« »O du armer Junge! Mein armer, süßer Junge! – Beiß nicht an den Nägeln, Herr! Cäsaren tun das nicht! – Komm! Ein Küßchen zum Troste!« Und nach dem Kuß auf seine vollen, feucht sich teilenden Lippen sagte Lepida leicht und heiter plaudernd: »Ich bewundere deine Großmut und Güte, Cäsar! Wirklich, ich bewundere sie von Herzen! Welcher andere Fürst an deiner Statt würde soviel Geduld aufbringen, wenn ihm unablässig mit einem anderen Thronprätendenten gedroht würde. Britannicus, dem wahren Erben, dem echten Reis, dem wirklichen Cäsar?« Sie wich Neros brennendem Blick aus, während sie mit dem Finger über die schuppige Vipernhaut in seinem Goldarmband hin und her strich. »Es zeugt wirklich von deinem braven Herzen, wie du dies hinnimmst, das ewige Drohen, dem schlimmen Kinde die Cäsarenwürde, das geliehene Spielzeug, wieder fortzunehmen, falls es ungehorsam ist. – Wirklich!« Lepida neigte sich schnell und küßte seine Hand. »Man muß dir dafür die Hände küssen. Jeder andere Cäsar hätte Agrippina längst die Möglichkeit genommen, mit einem zweiten Erben drohen zu können –« Nero sprang auf, und Lepida erhob sich süß lächelnd. »Oh! Entführen uns wichtige Staatsgeschäfte schon den hohen Gast? – Wie immer Cäsar seine Gaben zumißt, der Dank ist unser!« »Lepida!« stieß Nero hervor. Seine Augen schienen fast schwarz in dem fahlen Gesicht. Er begegnete ihrem spöttisch wartenden Blick. Er brach ab und wandte sich ohne Abschied. Sie sah ihm nach – sah ihn durch das ganze offene Haus hin nach der Vorhalle stürmen, wo die Lictoren und Wachen warteten. Sie begegnete dem verschmitzten, wachen Blick der ägyptischen Sklavin und befahl, sich aufs Ruhebett zurücklegend: »Geh, Eje, Paris soll kommen. Heute wird Cäsar ihn nicht rufen lassen.«   Der Claudianische Speisesaal war überschwemmt von gelben Hyazinthen. Gewinde hingen wie Tropfgestein von der Decke. Girlanden schlangen sich von grüner Säule zu Säule, lose Glockentrauben übergossen die Tische – Kränze schmückten die Aufwärter, die Krüge, die Tafelnden. An der »langen Tafel« lag Agrippina auf dem Hausfrauenplatz zwischen Neros Gast Lepida und ihrem Gaste Pallas. An der »kleinen Tafel« hatte Nero sitzend den Ehrenplatz inne, der dem Fürsten der Jugend gebührte, zwischen ihm und Britannicus, Piso gegenüber, saß Octavia, stets aufs höflichste bei ihrem Erscheinen von Nero begrüßt und aufs unhöflichste abendlang von ihm übersehen. Seit Tagen war man gewöhnt gewesen, Nero beim Mahle mit unmutig vorgeschobenen Lippen brütend zu sehen. Er hatte sogar den Verstoß begangen, an diesem Tisch der Jungen – an dem Wein verpönt war –, seinen Schenken herbeizuwinken und, wenn er getrunken hatte, mit Pollio, Otho, Senecio flüsternd sich zu unterhalten, hie und da in Gelächter einer geheimen Heiterkeit ausbrechend, von der die anderen ausgeschlossen blieben. Heute aber schien Nero freundlich und festlich gelaunt. Er hatte bei seinem Eintritt den erstaunten Britannicus mit einem gehauchten Doppelkuß begrüßt, Piso zugewinkt, Octavia strahlend angelächelt. Britannicus hatte, die Nüstern weitend, ausgerufen: »Oh! Hyazinthen! Die lieb' ich am meisten!« Und Nero hatte weithin hörbar Senecio mit der Miene eines guten Erbonkels zugeflüstert: »Darum sind sie ja bestellt worden!« Piso sah Octavias dunkle Augen in sprechender Sorge auf sich gerichtet und seine Augen lächelten Beruhigung. Dann wandte er keinen Blick mehr von Nero ab, um zu erforschen, was diese jähe Veränderung besagen wolle. »Gestern hockte er da wie eine stumpfäugige, geduckte Kröte. Heute scheint er zauberisch verwandelt, belebt und angeregt, bemüht, Wohlbehagen und Interesse zu erwecken. Dem, der ihn heute zum ersten Male sähe, schiene er schöner als der schöne Senecio. Und doch ist mir, als gehörte dies alles nicht zu ihm, sondern gleichsam nur zu einer Rolle, die er heut eben darstellt! – Trotzdem, er spielt sie gut, die Rolle des Hexenmeisters, das will ich nicht leugnen. Was aber ist der Grund? Will er Agrippina versöhnen, nach der er jetzt eben mitten im Reden geschielt hat wie ein kleiner Klient nach seinem Gönner? – Er erzählt überlegen und wirkungssicher, seine ganze frühere Schüchternheit hat er abgelegt! Ausgezeichnet, wie er Thrasäa Pätus als Senatsredner nachahmt! Wahrhaftig, sein dicker Hals ist plötzlich lang und dürr geworden! Und die Kopfhaltung! Die Stimme! Ganz Pätus, ›der letzte Republikaner‹. – Man hat so viel über Neros Wunsch, Mime zu werden, gelacht, aber es ist vielleicht wirklich möglich, daß er alle Welt hingerissen hätte –« Und Piso klatschte Beifall wie der entzückt kichernde Britannicus, wie die strahlende Lepida, wie der schöne Senecio, der kentaurenhaft lachende Otho, der dienstlich zusammengenommene Pollio, der vornehme Pallas. Nur Agrippina und Octavia klatschten nicht. Nero sah es. Er begann jetzt, ganz zu Agrippina gekehrt, von der Gerichtssitzung zu berichten, der er heute beigewohnt habe, »wie es zur Zeit seines Erdenwandels des göttlichen Claudius Brauch war«. Oh, es sei kein besonderer Fall gewesen, bloß eine Klage sämtlicher Mieter eines Hauses in der Suburra gegen den Hausherrn, der die halbeingestürzte Stiege herzustellen ungebührlich zögere. »Der Hausherr ist der würdige Senator Mamilius«, erklärte Nero – und jählings war er Mamilius, feistbäuchig unter der Toga, mit einer schlagflußdrohenden Fettwulst im Nacken, schnaufend vor Empörung, daß man von ihm, dem Manne mit dem Patrizierring am Finger, verlange, für solche Plebs seine guten Sesterzen auszugeben. – Er war der Richter, bestrebt, seine servile Angst vor dem großen Herrn mit seinem bißchen Amtswürde in Einklang zu bringen. Er war der fuchtelnde Fleischer mit der Säufernase, der rührend-verhungerte Philosoph, die Fischhändlerin von der Ecke drüben, die Dirne, die Mamilius und aller Welt schöne Augen macht, und er war sie alle zusammen, ihr keifendes Stimmengewirr in einem Chor, den am Ende der Richterspruch zugunsten des großen Herrn zu einem tückisch-empörten Murmeln verebben ließ. Und Nero stand da, erhitzt, mit feuchten Lippen lächelnd, und dachte: »Wenn ich will, so hab' ich euch ja doch alle, alle, selbst Mutter!« und er vergaß alles andere über diesen Triumph. Britannicus bog sich weit vor, noch die Lachtränen in seinen hübschen Augen. »Nero!« stieß er hervor. »Wundervoll, Nero! Nein! Was du für Histörchen weißt! Ich bitte dich, guter, süßer Nero, erzähl uns noch ein Histörchen!« Nero fuhr mit seiner runden weißen Hand über den Kopf des Knaben. »Ich weiß keine mehr«, zögerte er. »Bitte! Ich seh doch, daß du noch eines weißt! Bitte! Bitte! Er soll uns noch ein Histörchen erzählen!« Lepida, an der langen Tafel, beugte sich vor und lächelte: »Freut's dich nicht, Agrippina, wie sich die Kinder vertragen?« »Also gut«, nickte Nero. Britannicus jubelte auf, lehnte sich gespannt zurück und rief händeklatschend: »Hylas! Durst! – Also, Nero?« Lepida allein sah Neros Augen dunkel werden. »Als ich aus dem Gerichtssaal ging«, begann er – seine Stimme war gepreßt. Der alte Sklave Hylas kam mit dem Becher warmen Wassers und kostete vor, Piso sah, daß Rauch aus dem Kelch aufstieg, »zu heiß!«, warnte er, und der Alte schlurfte zurück, um Schneewasser nachzugießen. »Also, Nero? Weiter!« drängte Britannicus. »– da hatte ich eine sonderbare Begegnung«, fuhr Nero fort, die Augen halb geschlossen – ein rätselhaftes Lächeln um den unziemlichen Mund. »Ihr habt wohl alle von der berühmten Locusta gehört?« fragte er mit plötzlich scharfer Stimme, ohne jemanden anzusehen, und zog dabei fast unmerklich das gelbe Seidentuch ab, das er um den zu starken Hals geschlungen trug. – »Nun, sie war eben wegen einer ihrer Giftmischereien verurteilt worden und hätte gehenkt werden sollen, aber wer immer sich auch für sie verwendet haben mag – der Tribun ließ sie da eben frei.« In der atemlosen Stille hörte man das Knacken der Lagerstätten, da die Hörer unruhig ihre Lage wechselten. »Ich hatte sie nie vorher gesehen«, erzählte Nero völlig ruhig, völlig zusammengenommen, »und als ich ihr jetzt begegnete, versagte mir der Atem. – Sie ist einst die schönste Hetäre von Rom gewesen, sagte man mir –« Nero sah Hylas mit dem Becher, den er um keinen Preis vorkosten durfte, heranschlurfen, und plötzlich tat er die Augen groß auf und sprach Piso unvermutet an: »Und deinen Vater, Piso, hat sie geliebt! Er verließ sie, wie das nun eben vorkommt, und da braute Locusta für ihn den ersten ihrer Tränke. – Aber die überhitzte Phiole barst in der Flamme, das gräßliche Gift spritzte in ihr Gesicht, brannte das eine Auge aus, verzehrte ihre Schönheit zur Fratze der Phorkyas. – So!« Nero hatte mit kaum wahrnehmbarer Bewegung das Halstuch über die eine Gesichtshälfte gezogen – jetzt verknotete er es unter dem Kinn. Irgendeiner der Schenkknaben schrie auf. Denn dämonisch drohend glotzte aus dem einen weißen Augenball ein ungeheuerlich versehrtes, verschwollenes, verdorbenes, böses Traumgesicht – verzerrte Lippen klafften grinsend über den Eberzahn. Fingerstümpfe schienen nach dem Schaudernden krallig zu fassen. »O Götter! Nero! Nein! Das ist aber eine alte Gifthexe!« Britannicus wandte sich nach Hylas, der mit dem Becher hinter ihm stand. – Und Nero, langsam die Schleife aufknotend, das Tuch vom Antlitz ziehend, das aufs neue sein Antlitz war, sah zu, wie Britannicus ansetzte und trank. – Britannicus trank, endlich trank Britannicus! Hastig, eifrig, als wollte der Knabe weitersprechen, wandte er sich Nero zu – da schien es, als habe er sich verschluckt. Er zog krampfhaft und röchelnd den Atem ein, mit aufgerissenen Augen schien er nach einem Wort zu ringen. Er tat, die Hand am Halse, zwei, drei taumelnde Schritte – dann sackte er hin. »Britannicus!!!« schrie Agrippina gellend auf. Es sah aus, als wolle sie zu ihm stürzen. Nero lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Störe dich nicht, Mutter!« sagte er. »Das ist seine alte Fallsucht, die ich seit Jahren an ihm kenne! Wenn wir ihm ein wenig Ruhe gönnen, so werden Blick und Sprache bald wiederkehren. Otho und Pollio werden so freundlich sein, meinen Bruder auf jenes Lager drüben zu betten!« Dienstlich klirrend sprang Pollio auf und er und Otho, der die Muskeln eines Athleten besaß, hoben den armen, starren Körper, betteten ihn, deckten ihn mit Pollios Reitermantel zu. Lepida lag auf ihrem Lager und genoß die Gesichter. Sie sah, wie der dicke Vitellius und Pallas aus dem Saale schlichen. Sie sah die fassungslose Agrippina an und dachte: »Sie sieht aus, als wollte sie Britannicus den Mantel abreißen und allen sein verfärbtes Gesicht zeigen! – Kein Wunder! Ich habe Fechterszenen genug gesehen, aber dies Kind, das eben noch gelacht hatte – wahrhaftig, mir lief es eisig über den Rücken. Ja, meine liebe Agrippina, so steht's! Jetzt hast du keinen zweiten Erben mehr, um Nero gefügig zu machen! Wie schade, daß du niemals sicher sein wirst, daß das mein Werk war!« Lepida sah süß zu Nero hinüber, der ungemischten Wein trank. »Es gibt ein gemeinsames Geheimnis zwischen uns beiden«, sagte ihr Blick. Neros Gesicht begegnete ihr eiskalt. »Du irrst, es gibt nichts Gemeinsames zwischen dir und mir –«, sagte Neros Gesicht. Im völligen Schweigen hörte man Agrippinas keuchenden Atem gehen. »Wirklich, dieses geringe Unwohlsein scheint alle Tafelfreude verjagt zu haben«, sagte Nero angestrengt lächelnd. »Wo bleibt die Musik? Wo bleiben die griechischen Sängerinnen?« Und er dachte: »Sie haben seine Wange schlecht zugedeckt! Und jetzt wird die Wange blau – ihr Götter! – Hat Mutter es gesehen? O ja! O ja! Wie sie mich anstarrt. Was ist das für ein neuer Blick? Haß? Nein, es ist nicht Haß. Verachtung? Pah! Wie sollte sie? Sie kennt Locusta von früher her. – Der Vorkoster Hylas muß auch weg, er hat geweint, der Tölpel – der verrät mich jedem, der fragt – er muß weg! Angst? Oh! Mutter hat vor mir Angst! – Das ist es! Die große Julia Agrippina Augusta hat Angst! – Endlich bin ich Kaiser von Rom. Endlich! – Octavia allein hat keine Miene verändert. Wie sie dasitzt, totenweiß – das heißt, es gibt auch totenblaue Tote! Aber es sieht wahrhaftig aus, als äße sie ihr Zuckerwerk weiter! Langnäsiges, versteintes, verhaßtes Gesicht! – Oh! Aber da funkelt nackter Haß mich an! Piso! – So haßt mich Piso? – Es sieht aus, als wollte er mich morden – Mord! – Ich habe einen Mord begangen! – Siebzehn Jahre alt und schon ein Mörder! Oh! – Meine Knie zittern, meine Hände zittern – ich sollte nicht immer nur trinken, sondern sollte reden, sollte lachen! – Ich habe Fieber – meine Stimme versagt mir, hat man vielleicht auch mir Gift –? Unsinn! Ich muß mich beherrschen! – Pah! Auch Mutter hat gemordet – nun und? – Lebt sie nicht vergnüglich weiter? Vielleicht werden sie mich zum Oberpriester des Gottes Britannicus machen! – Oh! Wie Piso jetzt eben Octavia angesehen hat! So, als liebte er sie! – Ach, das ist aber interessant! – Nein, nein, ich täusche mich, er ist seit einem halben Jahr erst mit der prallen Galla verheiratet und sollte die Octavia lieben? – Was! Ich täuschte mich nicht! Er liebt sie, der Narr, liebt die Entenschnabel-Octavia! Götter! Wenn das wahr wäre! Wenn sie ihre Jungfräulichkeit verlöre – ich könnte sie ja auf Ehebruch und Scheidung klagen – welche Wonne! – Was tut man nur, was macht man nur, damit sie sie verliert? Man müßte ihm Eingang bei ihr verschaffen als Tribun ihrer Leibwache, oder sonst! – O Fortuna, dann wäre ich den Bruder und die Schwester los!« Agrippina lag da und sah auf dies Stückchen blauverfärbte Wange. »Claudius!« dachte sie. »Genau wie bei Claudius! Ich höre das Viperngezisch, da ihr eure Locken schüttelt, Eumeniden! Claudius war alt. Aber dies Kind von einem anderen Kinde hingemordet! – Wie Nero mich unverwandt ansieht. Er wird mich töten, die Chaldäer haben es mir gesagt, er wird seine Mutter töten! – Nein, nein, nein! Er wird es nie tun, nie, – er weiß doch, daß er mein Alles auf Erden ist! Ich trage die Schuld am Mord des Britannicus, denn ich habe Nero ihn fürchten machen! Oh! Hätte ich es doch nicht getan! Ihr straft schnell, ihr straft hart, ihr großen Götter!« »Mutter weint!« dachte Nero. »Ist das möglich? – Wen beweint sie? Britannicus? Oder sich? Oder mich?« Lepida sah gebannt wie von einem seltenen Zirkusspiel zu, wie die schweren Tränen in Agrippinas scharfen Mundwinkeln abwärtsliefen.   Piso kam raschen Schrittes von der Hauptwache her über den weiten Hof, der von winterlichem Mondlicht überflutet lag. Die Wachen, die im klirrenden Gleichschritt, ihre Speere geschultert, aufeinander zustrebten, rissen sich zum Gruß zusammen, als sie Helmbusch und goldene Rüstung des Befehlshabers erkannten. Piso grüßte stumm, maß mit scharfem Blick Ausrüstung und Waffen und ging weiter. Die Germanenwache beim Torbogen zum Innenhof hatte er sich als letzte der Runde vorbehalten. – Aber als er auch ihre Parole abgenommen hatte, kehrte er trotzdem nicht um, sondern schlenderte nach dem gedeckten Torgang weiter. Hier brannte eine einzige Öllaterne, denn die Kaiserin verließ des Abends niemals ihre Gemächer, und der Besuch der Kaiserin-Mutter war nicht zu erwarten. In der fast völligen Finsternis stand Piso ungewiß still, da sagte eine junge griechische Stimme: »Hier bin ich, Herr!« und zugleich fühlte Piso, daß der bereitgehaltene Mantel ihm um die Schultern geworfen wurde, ein Sklavenmantel, der kratzte und dessen Loden roch wie ein Hund, der aus dem Regen kommt. Piso nahm den Helm ab, den eine Hand ergriff, und zog die Kapuze über. »Vier Stufen abwärts, Herr!« warnte der Führer, und eine Hand faßte leitend Pisos Ellbogen. Sie gingen stufenab, stufenauf, passierten eisigkalte Gänge, kamen an einem Fensterbogen vorbei und sahen im unwahrscheinlich blauen Mondlicht die Flügelhelme der Germanenwache drunten glitzern. Eine Türe schwang auf und stieß an Pisos Fuß. Das halbe Dämmern eines Sklavenganges. »Jetzt müssen wir nur noch trachten, an der Wache vorbeizukommen!« lächelte der junge Grieche Piso an. Sie besahen einander mit Sympathie. »Das ist ein Gesicht, dem man vertrauen kann«, dachte Piso. Und: »Natürlich liebt sie einen, der so aussieht!« dachte Eucerus. Sie gingen schweigend und schnell den endlosen Gang hin. Plötzlich fluchte der Grieche leise und blieb stehen. Aus einer weit offenen Türe brach heller Lichtschein. Man hörte Würfelkollern. »Vier! Fünf!« sagte drinnen eine Baßstimme in fremdem Dialekt. »Wir müssen vorbei, Herr!« hauchte der Sklave. Piso nickte. »Drei! Zwei! Hurenpech, verdammtes!« fluchte es drinnen. »Na also, jetzt kommt Galba mit dem Wein!« Ein riesiger Gallier sprang vom Tische auf und kam zur Türe. »Daß du endlich kommst, fauler Tölpel! Dich sollte man um den Tod schicken!« »Ich bin es nur, Eucerus! Der Flötenspieler der Kaiserin!« lachte der Grieche den Soldaten an. Stimmen fragten drinnen, und der Gallier sprach über die Schulter zurück: »Der Grieche, der dem armen Hühnchen zur Gesellschaft was vordudelt. – Na, geh nur!« und da Piso vorüberglitt: »Halt! Wer ist denn der da?« »Mein Bruder Eumetos«, sagte der Grieche schnell, »er soll die Kythara spielen!« »Geht nur, macht es gut, damit sie auch einmal ein bißchen Vergnügen hat, die Octavia!« sagte der Gallier freundlich und ging zu seinen Würfeln zurück. Piso dachte mit brennendem Schmerz im Herzen: »Die erste Frau von Rom, die Frau, die ich liebe, hängt von dem plumpen Mitleid solch eines Barbarentölpels ab.« »Hier ist schon Charis, Herr!« sagte der Flötenspieler. Eine Sklavin glitt heran und nahm Piso den Mantel ab. Schöne Augen strahlten ihn an, die aussahen, als hätten sie viel geweint. Piso sah sich unter der Platane liegen und hörte Britannicus sagen: »Ich bin ein Mann!« Dann ging die Türe zu einem stillen, weißen Gemach auf, mit einer riesigen, blühenden roten Blume, einem Kohlenbecken und einem kleinen, ganz niedrigen Kindersesselchen davor, und vor dem Sesselchen, aus dem sie sich erhoben hatte, stand Octavia. Sie stand schmal und weiß und still da, wartend die Hände gefaltet, und sah ihn aus schwarzen Augen an, und er meinte, das wilde Donnern seines Herzens müsse die Wache herbeischrecken. Piso sank langsam vor ihr aufs Knie. Sie ließ ihn nicht aufstehen, sie glitt in ihr Kindersesselchen zurück, so daß ihre Gesichter sich auf gleicher Höhe befanden. Ganz nah waren ihre gebrechlichen Hände, deren Finger sich wie betend verflochten. Ganz nah die bleiche Klarheit ihrer durchsichtig zarten Haut, ihr längliches Gesicht mit dem tragischen Dunkel ihrer Augen, deren Weißes man nicht sah. Sein Körper strebte in solchem Ausbruch des Gefühls zu ihr hin, daß er die Augen schloß und den Kopf gegen ihr Knie neigte. Eine Flöte begann draußen in meisterlicher Klage zu tönen. Octavia flüsterte: »Daß du wirklich da bist! Nicht nur im Traum! Daß du es wirklich bist!« Sie sog mit einem Blick voll gieriger Intensität, als wolle sie das alles für spätere Zeiten der Armut festhalten, das edle bräunlich-blasse Profil ein. Sie streckte scheu die Hand aus, um das Aderzeichen seiner Stirn zu berühren, und schrak wie verbrannt zurück, als er dabei die Augen aufschlug. »Wie ich dich liebe, Herrin!« hörte sie ihn murmeln und fühlte durch den Stoff ihres Gewandes die Glut seiner Wange an ihrem Knie. »Du hast es mir geschrieben«, flüsterte Octavia, »aber du hast mir nicht gesagt, seit wann. Sag mir, seit wann!« bat sie. Er lächelte mit geschlossenen Lippen, ehe er sprach, und mit dem gleichen Genuß, als läse sie ein geliebtes horazisches Gedicht nochmals für sich selbst, nachdem der Vorleser gegangen war – erkannte sie jetzt nah sein Lächeln wieder und seine so oft gehörte Stimme und seine erlesenen Hände, die schönsten Männerhände von Rom. »Seit ich hinter dir im Thronsaal stand, und Domitius kniff dich in den Arm und du gabst ihn nicht an und schriest auch nicht!« »So lange schon?« staunte Octavia über ihn gebeugt – und jetzt lächelte auch sie. »Ich habe sie ja noch niemals lächeln sehen!« dachte Piso entzückt. Staunend sah er, wie die Süße dieses ungewohnten Lächelns ihr ganzes Gesicht verschönte. »Man hat ihr wenig Grund gegeben zu lächeln«, dachte er. »So lange liebst du mich! Mich? Und ich bin doch so häßlich!« sagte sie still. »Bei der Herzwenderin Venus! Weißt du nicht, daß du für mich schöner bist als Poppäa Sabina!« Sie fragte ehrfürchtig: »Ich habe von ihr gehört. Ist sie wirklich so wunderschön?« »Man nennt sie die schönste Frau von Latium. Aber, was geht sie uns an, die böse Knäbin? Ich liebe dich, nur dich!« Er wand seine Arme um sie, und zum erstenmal küßte Octavia ein Männermund. Gelehrig und leidenschaftlich boten sich ihm die zarten Psychelippen, ihr bleiches Gesicht färbte sich, sie glühte. Aber als seine Lippen ihren Nacken, ihre Brust suchten, drängten ihn ihre schwachen Hände fort. »Warum?« forschte er; »warum?« »Was wir tun, ist übel!« hauchte sie. »Ich bin die Kaiserin von Rom, und du bist vermählt, sagen sie?« Seine schönen, ernsten Augen begegneten ihrem angstvoll fragenden Blick. »Ja, Herrin. Durfte der Erbe des calpurnischen Geschlechtes unvermählt bleiben?« »Und Galla?« fragte sie. »Herrin, ich bin ein Mann und ich ehre in ihr die Mutter meiner künftigen Söhne. Aber was hat das damit zu tun, daß ich dich liebe, seit sechs langen Jahren? – Damit, daß ich mein Leben hingäbe, deine immer traurigen Augen leuchten zu sehen wie jetzt, daß ich unter deine schmalen Füße meine Hände legen möchte. Warum weinst du, meine Herrin, meine goldene, warum weinst du?« In seinen Armen, unter seinen Küssen stammelte sie mit verzerrten Lippen: »Weißt du, wer mir zuerst sagte, du liebtest mich?« »Britannicus!« Er umschlang sie fester und sie weinte lautlos schwere Tränen. Dann die Augen trocknend, brachte sie schaudernd hervor: »Am gastlichen Tisch und unter den Augen der Götter –« »Und verscharrt noch in der gleichen Gewitternacht«, sagte bitter vor sich hinstarrend Piso. »Ja, es donnerte, es blitzte, als drohte Jupiter aus seinen Himmeln mit der Rache der Götter!« »Die Götter haben Zeit und Geduld, sie schlafen indessen.« Octavia legte die leichten Finger erschrocken auf seinen Mund, und er ergriff sie mit beiden Händen. Sie hob diese Hände an ihr tränennasses Gesicht und schloß die Augen. »Erinnerst du dich der Könige von Mykene, denen man im Grabe Goldmasken vors Gesicht legte? – Ich habe oft gedacht, daß ich so sterben möchte, deine Hand als schönste Maske über mein Gesicht gelegt.« Und sie küßte diese Hand, den schweren, alten Siegelring der Calpurnier. »Was sprichst du so vertraut vom Tode?« murmelte er erschrocken. »Weißt du, Piso«, sagte sie, »als Mutter noch lebte, da brachte Corbulo ihr aus Parthien einen süßen jungen Löwen mit, ein blondes, schwermütiges Wollknäuel, und Britannicus und ich liebten ihn. Vater gab ihm eine seiner riesigen Molosserhündinnen zur Amme, die vier prächtige Junge hatte.« Piso sah kniend zu ihr auf, und Octavia fuhr sachte über sein zurückgestrichenes Haar. »Es begann damit, daß zwei Hündchen starben, weil sie nicht mehr genug Milch bekamen, das dritte trug von einem Krallenschlag eine Wunde davon, die nicht heilte, und ward vertilgt. Das vierte starb ein paar Monate später mitten im Spiel, der Löwe hatte ein wenig zu fest zugebissen. Und als es schon einmal tot war, fraß er es auch auf. Zum Schluß kam die alte Hündin dran. Der Löwe liebte sie zärtlich, aber sie wollte ihn erziehen wie ihre eigenen Welpen, sie bellte und knurrte, und das haßte er. Und eines Morgens fand man sie nicht mehr im Käfig vor. – Weißt du, daran muß ich seit Britannicus' Tod immer denken. Wir alle werden nacheinander gefressen werden, Piso!« »Nein!« sagte Piso hart. »Er wird nicht wagen, an dich zu rühren. Man liebt dich in Rom zu sehr!« »Britannicus hat man viel mehr geliebt als mich.« Er riß sie an sich, küßte sie wieder und wieder, voll irrender Gedanken des Hasses für Nero, der Trauer für Britannicus, des Begehrens für Octavia, die er in seinen Armen glühen und zittern fühlte. Sie schlug die Hände vors Gesicht: »Himmel – nur einmal, nur einen einzigen Augenblick lang glücklich sein!« flüsterte sie, als sei es zu den lauernd im Hinterhalt liegenden Erinnyen gesprochen. Sie schmiegte die glühende Wange an den kühlen goldenen Panzer. Ihre zarten Finger spielten um das getriebene Medusenhaupt des Bruststückes. Und zu Pisos Überraschung hörte er sie erstickt und kaum verständlich fragen: »Drückt dich der Panzer nicht zu sehr?« Eilig und erregt versuchten Pisos ungewohnte Finger die Achselriemen zu lösen. Da kamen Octavias Hände und halfen ihm dabei. Und als er im roten Panzerhemd vor ihr stand, zupften wieder die zarten Finger an der Purpurseide. Piso stand nackt, bis auf den lederbeschlagenen Lendengurt, und wie alle nackten Männer spannte er die Muskeln. Da stieß die stille Oktavia einen heißen, kleinen Laut aus, den er nie wieder vergaß, ein halbes Stöhnen, ein halbes Gurren. Sie schlug die Mädchenarme um ihn, sie schmiegte sich an dies nackte, junge, wie griechischer Marmor glitzerkörnige Fleisch, sie küßte es mit vielen schnellen, kleinen, hungrigen Küssen, sie hielt verzückt inne, sie strich mit den Fingerspitzen über seine ölglatte Haut, sie lehnte schwindlig, geschlossenen Auges an ihm, schwer atmend, hingerissen lächelnd. »Nur einen Augenblick!« beschwor ihre kleine, schwankende Stimme. »Warum?« fragte er gepreßt, »warum nur einen Augenblick, warum nicht die ganze schöne Nacht? Octavia?« Da sah er in ihre schwarzen Augen, die ihn voll Tränen ansahen. »Nein, mein Geliebter, mein Leben! Es gibt keine Nacht für uns. Ich bin Kaiserin von Rom und – bin doch noch Jungfrau!« Piso zuckte zurück. »So ist es wahr, was sie sagen! Dieser Schuft! Dieses Tier! Ich hätte es nicht geglaubt! Oh, mein armes Herz, mein süßes Herz! – Aber, Octavia, höre mich an! Er mag nur aufstehen, wenn er wagt, uns anzuklagen! – Laß mich an dir gutmachen, was er verbrochen hat! Laß mich dich mit Liebe überschütten, Octavia!« »Nein, mein Piso. Es ist nicht nur darum, daß wir sterben würden. Früher oder später wird er uns alle töten, dich und mich und Agrippina und Seneca. – Aber sieh, es ist meiner Mutter wegen.« Die Wange an seiner Brust, ihre Lippen seinem Fleisch so nah, daß jedes Wort zum Kuß ward, sagte sie mit niedergeschlagenen Lidern: »Du weißt es ja, wie sie von meiner Mutter sprechen. Mutter war zu schön. Häßliche haben es viel leichter, keusch zu sein. – ›Eine Messalina‹, sagt man jetzt von jeder Frau, die unkeusch lebt. Würden wir freveln, man sagte: ›Kein Wunder! Die Tochter einer Messalina!‹ Und ich kann auf Mutters Grab keine Steine werfen, Piso! Ich liebe dich. Mein Herz schmerzt vor Sehnsucht nach Glück. Ich träume von dir Nacht um Nacht, aber ich kann dir nicht gehören, nie, so wenig, als hätte man mich der Vesta zugeschworen!« Die Flöte draußen schwieg. Die Sklavin Charis glitt abgewandten Gesichtes durch die Türe und murmelte: »Herrin, du hast befohlen, dir zu melden, wenn die gewohnte Zeit vorbei ist!« Octavia wischte ihre Tränen fort und richtete sich auf. »Ich danke dir, gute Charis! Hilf Piso den Panzer anschnallen.« Sie sah Vorwurf und Enttäuschung in Pisos Augen und lächelte ein zugleich tapferes und trunkenes Lächeln. »Geh!« sagte sie nah. »Und wenn Galla dir einen Sohn gebiert, dann nenne ihn –« »Octavianus –«, murmelte Piso. »Nein«, verbesserte sie hindeutend, »Britannicus!« Und er, der all die Zeit nichts als sie im Saal gesehen hatte, sah nun erst die voll Lebendigkeit lachende Knabenbüste, vor der Weihrauch nebelte. »Wann darf ich wiederkommen, Herrin?« murmelte Piso und sah sie stumm den Kopf schütteln. Die Flöte dudelte mahnend auf. »Geh!« hauchte sie. Er riß sich los und hörte ihr wildes, fassungsloses Schluchzen noch, als er schon in der Sänfte lag, um in den Palast der Calpurnier und zu seinem Weibe Galla zurückzukehren.   »Höre, Pollio!« sagte der Kaiser und legte seine Hand auf die Schulter des Tribuns, der größer gewachsen war als er selbst. »Seneca hat um eine Unterredung angesucht. Wenn er mich länger als eine halbe Stunde langweilt, dann kommst du und meldest – ach, irgend etwas wird dir schon einfallen, damit wir zu Othos Fest zurechtkommen!« Der Tribun zeigte kein Einverständnis, veränderte keine Miene. Er riß sich in klirrendem Gruß zusammen und verließ den Kaiser. Nero sah ihm zufrieden nach. Er trat zum Tische mit den zu erledigenden Akten und dachte unmutig: »Pallas habe ich gehaßt, aber er hat gearbeitet. Seit er gestürzt ist, scheint es, als wären lauter kopflose Narren am Steuer! Welche Genugtuung für Mutter, wenn sie diesen Wirrwarr sähe!« Er nahm ein Aktenbündel auf, um es sogleich angeekelt gähnend wieder fallen zu lassen. Der Centurio vom Dienst meldete: »Lucius Annäus Seneca!« »Sofort vorlassen!« sagte Nero in seiner hohen Stimmlage, von der er wußte, daß sie im Vorgemach zu vernehmen war. In dem winzigen Zeitraum, den der Centurio brauchte, um die Türe zu erreichen, glitt Nero um den Tisch herum in den Lehnsessel, und als Seneca eintrat, erhob er sich von der Arbeit, um sich ihm entgegenzuwerfen. »Mein Lehrer und Wohltäter!« lächelte Nero strahlend und voll einschmeichelnder knabenhafter Ehrerbietung. Er beobachtete Senecas angespannt ernste Miene, die Zurückhaltung seiner Begrüßung und dachte: »Wußt' ich's doch, daß er gekommen ist, mir Buße zu predigen wie Aktes Hebräerpriester.« Seneca hielt Neros Hand fest, die dem Centurio ein Zeichen gab. »Cäsar, keine Bewirtung, keine Sklaven, ich bitte dich! – Gönne mir einen Augenblick Gehör von Mann zu Mann!« »Wenn's nur bei dem Augenblick bliebe!« dachte Nero und setzte sich mit verhohlenem Seufzen, nachdem sein Gast Platz genommen hatte. »Mutter hat ihn geschickt, das ist klar! Und nicht einmal Wein, der ihn milder stimmen könnte!« Er saß aufmerksam vorgebeugt, als wolle er Senecas Worten auf halbem Wege entgegenkommen, beide Hände um das linke Knie geschlungen, den Blick Seneca wach zugekehrt. »Ich freue mich, dich bei der Erledigung deines Einlaufs anzutreffen, Cäsar. Man sagte mir, es bleibe seit Pallas' Abgang manch wichtiges Stück unerledigt zurück!« Nero senkte die Lider. »Stillhalten wie der Wachhund im Regen«, dachte er. »Ich gäbe viel darum, die Gedanken hinter dieser glatten, jungen Stirne lesen zu können«, fuhr Seneca fort. »Vielleicht sagt dir deine eigene Klugheit, deine eigene Selbsterkenntnis, daß deine Zeit mehr mit wichtiger Arbeit angefüllt werden könnte, wenn du sie minder gern deinen Vergnügungen vorbehieltest.« Seneca legte die Hand auf Neros ums Knie geschlungene Hände und sagte leise und schmerzlich: »Ich bin nicht zufrieden mit meinem Zögling, Nero!« »Sieh einmal an!« dachte Nero und sah auf diese gepflegte, beringte Hand. »Früher, als du noch den berühmten löchrigen Mantel trugst, waren deine Hände rauh und rot von der grünen Seife. Jetzt duften sie nach persischen Essenzen und prunken mit Ringen, für deren jeden man ein Landgut kaufen könnte! Aber du bist nicht zufrieden mit deinem Zögling! – Du alter Narr!« »Es ist schwer, Nero, tadelnd zu dir zu sprechen, wenn man so viel deiner Großmut zu verdanken hat wie ich. Zuviel vielleicht – denn als du nach deines armen Bruders Tod seine Güter aufteiltest –« (»Was? Was? – Er hat Mut, der Alte!«) »– da gab Rom deiner Großmut noch ganz andere Namen. Mich dünkt fast, als hätte ich mehr Rechte zum Tadel besessen, da ich noch meinen zerfetzten Philosophenmantel trug.« (»Er ist nicht so dumm, der Alte, wie ich dachte!«) Senecas bekümmerte Augen suchten die hellen des Kaisers zu durchdringen. »Nero! Du hast dich sehr verändert!« mahnte seine dringlich warme Stimme. »Ich will mich nicht einfangen lassen«, dachte der Kaiser. »Ich muß kalt bleiben. Und überhaupt, ich will zu Othos Fest zurechtkommen!« »Ich habe meinen ganzen Traum an dich gehängt, Nero! Ich glaube an dich! An deine großen Talente, an deine große Seele, an deine Güte, die mit glänzendem Verstand gepaart ist –« »Sieh an! Lange schon hat er mir kein gutes Wörtchen gegönnt!« dachte Nero, dem es warm ums Herz wurde. »Es wäre viel leichter, dich mit Lob zu füttern, wie alle anderen es nur zu willig tun. Aber, Nero, Lob begrenzt uns – beschränkt uns auf schon erreichtes Maß –, Tadel allein fördert uns, indem er uns weitere Ziele steckt.« Wenn er so fortfährt, komme ich nie zu Otho!« dachte Nero. »Du schweigst. – Ich habe deine Offenheit früher immer geschätzt«, sagte Seneca vorwurfsvoll. »Ich kam, um mit dir über dein Benehmen zur Kaiserin-Mutter zu sprechen! – Das Volk urteilt ungünstig darüber.« »Das Volk?« wiederholte Nero scharf, wach, rasch. »Das ist ernst. Das ist unangenehm, wenn der Alte recht hat«, dachte er. »Das ist ein Argument, das gilt. Ich will nicht aufhören, der jugendliche Gott des Volkes zu sein! Ich darf nicht aufhören, es zu sein!« Seneca nickte. »Man spricht darüber, daß du Agrippina aus deinem Palaste verstoßen hast –« »Das habe ich nicht! Ich habe ihr den Palast der großen Antonia eingeräumt, der gut genug war für die Mutter des Germanicus –« »Nero, du willst mich und dich und das Volk betrügen, und wir alle wissen, warum du es getan hast! Still! Du tatest es, um die Flut der Aufwartenden abzudämmen, die, wenn sie zum Kaiser kamen, auch zugleich seiner Mutter Ehre zu erweisen pflegten. Du tatest es, um die Mutter von dir abzurücken, deren Gegenwart sich dir – nur allzusehr, das mag sein – fühlbar machte. Aber die Mutter, die in dem alten, unwirtlichen Palast haust, in den des Sohnes Ungnade sie verwiesen hat, spricht zu der Phantasie des Volkes weit mehr, als die grandiose Herrscherin es je getan hat. – Ich habe Agrippina besucht, Nero! Sie ist sehr allein. Sie könnte den Abfall ihrer Schmeichler verwinden, das Fernbleiben der Feigen, die des Kaisers Gunst sich zu erhalten wünschen – trauriges Los einer Mutter, die sieht, daß ihr Treue zu bewahren in den Augen ihres Sohnes als Vergehen angerechnet wird! – Aber sie kann des Sohnes Besuche nicht entbehren. – Agrippina ist einsam, Nero!« »Dann soll sie nicht, wenn ich zu ihr komme –«, begann Nero heftig. Da trat Pollio ein und meldete soldatisch: »Cäsar, die würdigen Väter des Senats –« »Kann man denn niemals Ruhe haben?« schrie Nero in sein verdutztes Gesicht. Im nächsten Augenblick dachte er: »Ich darf mich vor Seneca nicht so gehenlassen, das ist Wasser auf seine Mühle.« Er bezwang sich und sagte sanft: »Vergib, aber du weißt, mein Pollio, daß mein Lehrer das erste Anrecht auf mich und meine Zeit hat! Ich bitte dich, für unsere Ungestörtheit zu sorgen!« Er wandte sich Seneca zu, sein schönes Gesicht war zuckend zerrissen. Er wartete ungeduldig, bis sie allein waren. Dann brach er aus: »Seneca, du weißt nicht, was es für mich heißt, zu ihr zu gehen. Wenn ich eintrete, horche ich, ob ihr Gruß heute weniger bitter klingt, weniger krampfhaft beherrscht, weniger mit Zorn geladen als gestern. Ich frage mich, was es heute geben wird, Vorwürfe oder Tränen? Wenn sie versucht, von Dingen des Alltags zu sprechen – der kalte Blick, die harten Falten um den Mund –, alles ist Vorwurf für mich. Vorwurf, daß ich lebe und nicht Britannicus! Vorwurf, daß ich ein Mann bin und das Diadem trage, und sie ein Weib, dem die Herrschaft nicht gegönnt ist, die sie – ich gebe es zu – besser, gerechter, klüger als ich zu üben wüßte, hätten die Götter ihr nicht bloß die Tugenden des starken Geschlechts verliehen, ohne sie doch als Mann geboren werden zu lassen. – Es ist ein Jammer für Rom, daß auf seinem Thron nicht Herrscherinnen sitzen wie auf jenem von Ägypten! Aber wir sind nun einmal zu Rom und nicht zu Theben! – Ich habe mir ihn nicht gewünscht, diesen Thron, das wissen die Götter! – Aber da sie ihn mir selbst nun einmal erkämpft, erschlichen, mit Mord erkauft hat, diesen Thron, nun soll sie mich auch nicht davon verdrängen, so wahr ich Nero heiße!« In der langen Stille, die folgte, hörte Seneca seine keuchenden Atemzüge. Was soll ich antworten«, überlegte Seneca erschüttert. »Was kann ich antworten? Ich kenne Agrippinas Güte und Großmut gegen die vielen Menschen, an denen ihr nicht gelegen ist, und ich kenne ihre Gabe, die sehr wenigen leiden zu machen, an denen ihr liegt, die sie mit einer vergifteten, eifersüchtigen, usurpatorischen Liebe festzuhalten strebt. Meine Wunden schmerzen heute noch! O Agrippina, welch einem Ende steuert das zu – welch einem Ende?« »Sie ist so groß, daß sie nach der Macht strebt mit allen Mitteln«, hörte er Nero sagen. »Wenn sie aber so groß wäre, die Macht nicht mehr zu begehren, was für ein Glück wäre es für mich, das Szepter in ihre Hände zu spielen! Schenken ist eine Form meiner Liebe. Mutter kann man nichts schenken, sie reißt einem alles aus der Hand.« »Das hat sie gesagt!« murmelte Seneca. »Er schenkt mir nichts mehr, also liebt Nero mich nicht mehr! Und doch bist du der einzige Mensch auf Erden, den sie liebt!« »Liebt sie mich? Akte sagt es auch und liegt mir in den Ohren mit einem ihrer aramäischen Sprüche, der so ähnlich lautet wie, daß man seine Mutter ehren müsse, damit es einem wohl ergehe auf Erden. Kann ich Mutter ehren, wenn ich mich immer davor fürchte, ihre Laune im Fieberwechsel aufschnellen und abfallen zu sehen, wenn ich nichts, nichts von der Ausgeglichenheit, der Größe und Klugheit zu sehen bekomme, die alle an ihr preisen, während sie für mich langsam bloß eine lästig Tobende zu werden beginnt, eine gefahrdrohende, unheilbar Kranke?!« »O Agrippina«, stöhnte Seneca im stillen, »ist es so weit gekommen? So furchtbar weit? Ich soll ihn tadeln und muß ihn bedauern, ich, der weiß, wie deine Dolchstöße treffen!« »Du sagst, sie liebte mich? Ist das Liebe, die nie in dem ruht, was wir sind, nur ungestüm fordert, was wir sein sollten? Ist das Liebe einer Mutter, die mir jede, jede Freude mißgönnt, die nicht von ihr allein stammt? Und was gibt sie mir für Freude? – Als ich Paris liebte, nahm sie ihn mir. – Als ich Akte liebte, raste sie. – Da sie ahnt, ich liebe sie nicht mehr, macht sie mir erbittert meine Wandelbarkeit zum Vorwurf. Wann aber darf man wandelbar sein, wenn nicht in meinem Alter? Darf ich allein von allen Geschöpfen der Erde nicht mein kurzes bißchen Eintagsfliegenleben für mich haben, für mich genießen, Seneca?« »Nero, sei gerecht. Ich mag mir denken, daß eine stolze Mutter sich einen anderen Gefährten für ihren Knaben wünscht als Paris, eine andere Geliebte als Akte.« »Warum?« fragte Nero mit nassen Augen. »Akte war eine Zeitlang meine ganze Heimat. Sie war die Schlechteste nicht – solange sie nicht von mir verlangte, ich sollte in die Katakomben kriechen, um ihre Juden und Nazarener, die stanken und die ich haßte, ihre Göttergeschichten auskramen zu hören. – Und Paris? Paris ist der einzige Mensch, der mich nimmt, wie ich eben bin. Der nie mehr von mir verlangt, als ich zu geben willens bin, höchstens ein paar lächerliche Sesterzen mehr, der mich nie besser haben möchte, nie anders, nie größer, als ich bin – ich, ich, der Mensch Nero –, nicht ein jugendlicher Gott, wie Mutter ihn ersehnt und das Volk – und auch du!« Neros Stimme brach in wildem Schluchzen. »Nero!« sagte Seneca, »mein geliebter Junge! – So höre doch! Denk nach, ob wir, die wir dich lieben, nicht Grund haben, dich anders und besser zu wünschen! Laß diese Stunde den Anfang einer neuen, guten Zeit zwischen uns bedeuten! – Du hast dich von mir zurückgezogen, Nero, weil ich nicht zu schmeicheln willens bin wie andere! – Man sagt, Nero, daß du neuestens Bittsteller zwingst, sich vor dir zu entwürdigen, indem sie dir wie den persischen Satrapen huldigen. Man sagt, daß die Lobpreisung deiner Stimme Güter und Ämter einträgt! Man sagt, daß du im Jähzorn Höflinge beleidigst – und dein Ton gegen diesen Tribun vorhin ließe es mich glauben! Ich warne dich, Nero. Die Thronstufen, die dich erheben, machen dich zugleich weithin allen Augen sichtbar!« »Warum sind alle so untertänig? Sie verführen mich ja geradezu, zu erproben, was sie alles sich noch bieten lassen werden!« Seneca erhob sich und rührte sanft an die schütternde Schulter des Weinenden. »Vergönne mir nun, daß ich Abschied nehme.« Nero erhob sich wie er und warf sich an seine Brust. »Vergiß diese Stunde nicht so schnell!« bat Seneca. »Und vergiß auch nicht, daß, wenn du das Böse mit Lust tust, die Lust vergehen wird und das Böse bleiben. – Tust du das Gute mit Unlust, so wird die Unlust vergehen und das Gute bleiben. – Lebe wohl, mein Nero!« Nero stand und starrte auf die Türe, die die Prätorianer hinter Seneca geschlossen hatten. »Ich habe zuviel geredet«, dachte er. »Immer rede ich und rede, und sie verstehen mich ja doch nicht. – Alter Esel, ist ihm jetzt wohler, weil er mich weinen gemacht hat? – Ich kann mich jetzt noch einmal schminken lassen. – Wie soll ich so verschwollen vom Weinen zu Otho gehen und meine Verse vortragen? – Mich zu loben trägt Landgüter und Ämter ein? Lächerlich! Gebe ich Seneca nicht Landgüter und Ämter und Reichtümer für seinen Tadel?! – Tugend! Meint ihr, ihr machtet mir alle solch sonderliche Lust auf eure ranzige Tugend? – Ich werde bekränzt und von Flötenspielerinnen begleitet zu Othos Fest kommen! Denn ich bin Alkibiades, aber du bist noch lange, lange kein Sokrates, mein Seneca!«   Aktes Sänfte hielt vor dem Palaste der Antonia, und Akte stieg langsam und zögernd aus, gelähmt von der Angst vor dieser Unterredung, zu der sie entboten worden war. »O Vater unser!« betete sie, als sie mit ihren Sklavinnen die altertümlich überhohen Stufen erstieg, und sie nahm fürs erste nichts von ihrer Umgebung wahr, so sehr war sie erfüllt von der Erinnerung an Agrippinas kaltes, zürnendes Gesicht bei ihrem Abschied. Aber als in der zugigen Empfangshalle die Hofdame Aceronia sie empfing, war Akte sich über die Veränderungen klar geworden, die sie so sehr bewegten, daß sie alle Angst vor Agrippina vergaß. Ihr gutes, flaches Gesicht gerötet, ihre Augen vor Erstaunen rund, rief sie: »Oh, Aceronia, wo sind die Lictoren geblieben? Und wo ist die germanische Leibwache?« Aceronia bekam nasse Augen und zog Akte an ihre Brust. Creperejus, der, auf den Silberstab des Majordomus hochgreifend aufgestützt, in dem völlig leeren Empfangssaal stand, nickte bitter. »Dafür ist die Prätorianerwache verdoppelt wie vor einem Kerker.« Eine ältere, reich gekleidete Sklavin kam durch die Türe. »Die Erhabene schickt mich zu fragen, ob Akte gekommen sei!« »Gegrüßt, Alexandra!« sagte Akte und küßte sie. Und Neros Amme sagte leiser: »Wir müssen gehen, sie erwartet dich ungeduldig.« »O Alexandra«, murmelte Akte und sah sich in der düsteren Halle um, in der Agrippinas Statuen und Vasen so verloren standen, »es scheint sich manches hier verändert zu haben!« Aber das Gemach der Antonia, mit dem Blick auf den großen Garten und den vielen eingebauten Schriftschränken war hell und freundlich, und Agrippina zum Empfang gekleidet und mit fürstlichen Juwelen geschmückt wie stets. »Sie sieht schlecht aus, o Christ! Und gealtert!« dachte Akte und glitt überwältigt von Empfindung neben Agrippinas Lager ins Knie. »Ich grüße dich, Claudia Akte! – Lege dich hierher und laß uns plaudern. – Sieh zu, Alexandra, daß wir nicht gestört werden.« Akte sank scheu auf das Speiselager, wie an dem Tage, da ihre Einladung, an der Tafel der Herrin teilzunehmen, den Akt ihrer Freilassung beinhaltet hatte. Sklavinnen brachten Früchte und honigsüßen Wein. »Wie geht es dir, Akte?« fragte Agrippina so freundlich wie vorhin, doch Akte, die jeden Klang dieser metallischen Stimme kannte, bemerkte den Unterton der Ungeduld darin, und ihre Angst wuchs von neuem. »Wohl! – Dank deiner Großmut, Herrin!« Und die beiden sprachen eine Weile von Agrippinas Gabe, Aktes Häuschen an der Appischen Straße, das unter Glyzinien ertrank, und von den köstlichen langbeerigen Trauben, die an der Südmauer zu reifen pflegten. Als nur mehr Alexandra zugegen war und den Platz an der Türe einnahm, der einst Aktes Platz gewesen war, lehnte sich Agrippina vor und sah ihrer Gastin voll in die Augen: »Hast du gesehen, daß meine Lictoren fort sind? Ja? Und meine Barbarenwache? Sie zogen gestern mittag mit Hörnerschall ab wie immer. Aber die Ablösung zog nicht mehr auf. – Befehl des Kaisers, Akte. Du wußtest also nichts davon?« Aktes Gesicht sprach deutlicher als ihr »Nein!« Agrippina senkte sinnend den Kopf, und Akte sah die ersten grauen Haare an ihrer Schläfe. »Akte!« begann die Kaiserin-Mutter mit Entschluß. »Ich habe dich rufen lassen, um ein paar Fragen an dich zu richten, wenn es mir auch nicht ganz leicht fällt. Aber du kennst ihn jetzt vielleicht besser als ich. Er hat mich in den letzten drei Wochen zweimal besucht und jedesmal war er von seinen Centurionen umringt. – Sage mir, ist die Veränderung, die ich bemerke, auch dir aufgefallen, oder bezieht sie sich nur auf mich?« In Aktes Gesicht stieg jähe Röte. Sie schüttelte den Kopf. » Er ist verändert, Erhabene«, flüsterte sie. Und als habe sie damit Verrat und Ungerechtigkeit begangen, setzte sie überstürzt und laut hinzu: »Aber das hat nichts an meinem Gefühl geändert!« Agrippina hob kaum merklich die vollendet gezeichneten Brauen, als wollte sie damit sagen: »Das ist deine Sache!« »Und jetzt – hält man ihn im Volk für einen guten Herrscher?« Akte stutzte. »Natürlich!« sagte sie hastig und erleichtert. Agrippina wiegte langsam den Kopf. »Ist das deine Meinung oder die der anderen?« »Herrin, wie kannst du nur zweifeln? Hast du nicht gesehen, wie gut er gegen Burrus und Seneca und Serenus ist? Und gegen Otho? Und hast du nicht gehört, daß es nur allein dem Widerstreben des Senates zuzuschreiben war, daß er nicht endlich alle Zölle in Latium abgeschafft hat?« »Die Geschichte mit der Senatsrede über die Zölle habe ich vernommen. Sie ist, wie seinerzeit jene über die Aufhebung der Steuern, eine große Torheit. Ich hätte ihm sagen können, daß genau ein Drittel des Soldes von Corbulos Armee in Parthien allein durch die Zölle für griechische Weineinfuhr und ikosische Schafwolle gedeckt wird. – Und was die Verteilung der Güter nach dem Mord an Britannicus betrifft, so glich sie weit mehr der Beuteteilung eines Räuberhauptmannes unter seine Bande als der gnädigen Belohnung gerechter Verdienste!« »Herrin – was sprachst du da?« stammelte Akte. »Ich sprach vom Mord an Britannicus! Ja, ja, Akte! – Und wenn du nicht an Mord glaubst, dann sind du und Seneca die einzigen Menschen in Rom, die es nicht glauben, weil dies eben weit bequemer für ihren guten Schlaf und ihr gutes Gewissen ist!« Akte saß gebeugt und sah auf ihre im Schoß gefalteten Hände hinab. Agrippina starrte sie an. Sie sah müde aus, traurig und alt. »Akte –«, begann sie hart, aber Akte sah sie an und hob beide flehend gefalteten Hände zum Mund, und Agrippina nickte sanfter: »So sprich!« »Ich habe davon reden hören«, begann Akte leise. »Aber, Herrin, so wahr ich glaube, daß mein Gott der einzige Gott und sein Sohn das Licht der Welt ist, so wahr ist es, daß mein Herz nicht glauben kann, Cäsar sei ein unwürdiger, verworfener Mörder!« Agrippinas Brauen runzelten sich in stolzer Ungeduld. Bis nun hatte immer sie allein leidenschaftliche Anklage gegen Nero erhoben und war dem begütigenden Zuspruch der Verteidiger begegnet. Es schien ihr völlig unerträglich, nun Anklage gegen ihn erhoben zu hören und vor allem aus dem Munde der Sklavin. Sich in die Rolle des Verteidigers stürzend, fragte sie: »Was nennst du ›verworfen‹? Und was ›unwürdig‹? Einen politischen Mord? Lächerlich! War Romulus, als er Remus tötete, verworfen? War Brutus unwürdig?« Und während sie sprach, dachte sie fassungslos: »Ihr Götter! Ich habe das ja niemals noch mit Neros Augen gesehen. Immer nur mit meinen – mit meinen!« »Wir haben alle großen Herrscher morden sehen, ich verarge ihm nicht den Mord, nur, daß er kein großer Herrscher zu werden scheint.« Sie schwiegen und sahen einander an, und Akte senkte zuerst den Blick. »Akte? Bin ich dir eine schlechte Herrin gewesen?« Akte faßte mit einem Tränenlaut Agrippinas Gewand. »Verzeih mir, Erhabene, was ich dir tat, du bist mir immer wie eine Mutter gewesen!« »Dann antworte mir wie einer Mutter. Schläft Nero immer noch bei dir?« Akte wandte sich ab, die aufschießenden Tränen zu verbergen. »Ich dachte es mir!« sagte Agrippina leise und legte der Weinenden die Hand auf den Arm. »Die Schuld ist mein«, schluchzte Akte. »Er ist unsagbar gut. Nie noch ist ein Mensch so gut zu mir gewesen. Ich habe viel zu spät begriffen, daß nicht ich die Gebende war, daß er es war, der gab.« Wieder runzelte Agrippina abwehrend die Brauen. »Höre, Akte. Es gab eine Zeit zu Beginn, da habe ich dich gehaßt. Ja, ja, dich, mein gutes Kind. – Ich habe gedacht, da er dich liebt, sei er für mich verloren. Jetzt erst weiß ich, daß er mir nie näher war als damals unter der Regentschaft der guten Cinara«, zitierte sie lächelnd. »Ja, damals habe ich dich ernstlich gehaßt, Akte. Mein ganzer herrschsüchtiger Zorn stand auf, ich hätte dich erdrosseln mögen mit diesen Händen«, sagte sie, die Hände vorstreckend, und war die stolze Löwin wieder. »Ich hätte mich lieber selbst nackt in sein Bett gelegt, als ihn der Sklavin zu überlassen!« Und da sie Akte angstvoll und stumm ein huschendes Zeichen über die eigene Stirn, die eigene Brust ziehen sah, schmolz ihr böses Gesicht in einem ganz neuen, ernsten Lächeln. »Ich will dir etwas sagen, Akte, was ich niemandem sonst sagen könnte – weil du gut bist und weil du ihn selber lieb hast. Ich habe Zeit gehabt nachzudenken und habe erkannt, daß ich ihn schlecht geliebt habe, eifersüchtig und herrschsüchtig. – Man liebt nie genug, Akte! Man sollte immer so bewußt lieben, so zur Güte beflissen, so bemüht, die ganze Unendlichkeit der Empfindung den anderen fühlbar zu machen wie im letzten Augenblick, da Hermes, der Seelenführer, uns antritt. Statt dessen: wie habe ich ihn mit dir gequält, wie mit seiner alten Neigung für Paris!« Aktes gerötetes, verweintes Gesicht ward hart. »Herrin, möge Gott mich davor hüten, meine ewige Seele zu beschmutzen, aber diesen Paris könnte ich hassen! Er allein ist zu tadeln! Er allein ist daran schuld, daß Nero sich mit ekler Sünde befleckt.« »Mit Sünde?« lachte Agrippina auf. »Hat etwa Julius Cäsar nicht dieser Sünde gehuldigt? Und er war doch der große Cäsar! Nein, Närrchen! Ich bin in diesen Wochen sehr viel allein gewesen – obwohl ich vielleicht nie mehr geliebt worden bin als in dieser Zeit meiner Einsamkeit. Jedenfalls hatte ich Muße nachzudenken, und ich habe auch über Paris nachgedacht. – Sieh, die Lust strömt durch unser Leben wie ein breiter, dunkler Fluß. Sind nur die Blumen, die diesseits blühen, schön – und die am anderen Ufer wachsen, giftig? – Ich hätte mehr Ehrfurcht vor dem Gefühl als solchem haben müssen, aber nie habe ich Nero die Lust verargt oder mißgönnt, nur denen, die sie ihm bereiteten – die Macht über ihn!« »Herrin, sage ihm dies doch einmal, wie du es mir sagst, und er wird in deine Arme stürzen.« »Es ist zu spät. – Wir haben einander morden sehen, wir vertrauen einander nicht mehr. Und wie stünden mir solche Geständnisse an? Ich habe nie wie Lepida mit Zuckerplätzchen um ihn geworben. Ich tat es mit dem Thron von Rom. Ich dachte, was ich für ihn getan habe, müßte ihn ewig an mich schmieden. Aber er, er hat mir ein Wort gesagt, das mich wie Eis durchkältet, sooft ich daran zurückdenke. – Er hat gesagt, Akte – und ich begriff es gar nicht sogleich –, daß er sein Diadem dafür gäbe, in der offenen Arena vor der Plebs von Rom niederzuknien und zu singen! Akte, ich bitte dich, ich beschwöre dich! Hat er dir das jemals angedeutet?« Akte nickte. Agrippina lehnte sich zurück, mit beiden Händen zur Stirne fahrend. »Er wird wahnsinnig wie mein Bruder!« hauchte sie entsetzt. »Herrin, er hat wirklich die schönste Stimme! Wenn du ihn nur einmal hören wolltest.« »Närrin! Braucht Rom Cäsars schöne Stimme? Es braucht seine Gesetze! Habe ich ihn geboren, Schuster und Straßenkehrer zu belustigen oder sie zu regieren? Und so wahr ich die Tochter des Germanicus bin, eher nehme ich ihm das Leben, das ich ihm gab! Oh, alle meine Träume! Wir sind beide Törinnen, meine gute Akte, und beide sind wir verlassen und allein! Habe ich gemeint, man könne ein Kind erziehen? So wenig, wie man eine junge Hyäne zum Lamm wandeln kann! Hast du gemeint, du könntest ihn ›von der Sünde‹ heilen? Man kann keinen Menschen heilen, man kann keinen Menschen ändern und man kann auch keinen trösten es gibt keine Brücke zwischen Mensch und Mensch!« »O doch!« sagte Akte, glühend unter Tränen. »Paulus kann heilen, kann ändern, kann trösten! Der Glaube ist die Brücke zwischen uns Menschen. Herrin, ich liege vor dir und fasse deine Knie! Komm mit mir zum Apostel und lerne das Licht der Welt kennen!« »Das Licht der Welt? Du sagtest es schon einmal. Du betest zu Serapis?« »Ich bin Nazarenerin, Herrin. Das Licht der Welt ist Jesus der Christos!« »Ach – sitzest auch du in den Katakomben und betest den Eselskopf an?« fragte Agrippina mit dem vorurteilslosen Interesse der Römer für jede fremde Religion. »Herrin, ich bitte dich, höre die Verleumdungen nicht – es ist nichts Dunkles in unseren Herzen. Wir sind alle Brüder und Schwestern! Komm zu uns und du sollst der Liebe guter Menschen begegnen.« Agrippina neigte sich und küßte Akte überraschend auf den Mund. »Akte, du bist gut und ich kenne dich von Kindheit an, aber heute habe ich dich zum letztenmal im Leben gesehen. Warum starrst du mich so an? Wähntest du, ich hätte sonst so offen mit dir über mich und über den Kaiser von Rom gesprochen?« Sie zog den Königsrubin des Mithridates von ihrer Hand und steckte ihn an Aktes Linke. »Danke mir nicht! Danke ihm! Männer sind Verräter, bleib du ihm treu. – Nein, Akte! Ich steige nicht in die Katakomben hinab. Ich muß mein schweres Leben allein leben, wie ich wohl meinen schweren Tod allein sterben werde. Leb wohl, ich bin dir geneigt. Aber wie kann ich, Julia Agrippina Augusta, Schwester, Gattin, Mutter von Cäsaren, an einen Gott glauben, der dich, Akte – zu meiner Schwester macht?«   Die Negertrommel dröhnte ihren barbarischen Rhythmus immer toller. Der Leib des Knaben Sporus straffte sich zwischen den gezückten Schwertern der acht Negertänzer in der Schlußapotheose wie der rote Stempel einer tropischen Blüte zwischen starrenden Blumenblättern. Die Lagernden begannen laut zu klatschen. »Sporus! Sporus!« rief Nero taktmäßig und die Festfreunde stimmten ein. Der Tänzer in seinem langen roten Gewand, das ihn von der Kehle bis zur Zehe einhüllte und nur manchmal im Wirbel einer Drehung den zartbemuskelten Schenkel gezeigt hatte, sank jetzt auf beide Knie. Er hielt die Hände mit den goldgeschminkten Nägeln über die heftig atmende Brust gekreuzt. »Komm und trink! Ich weiß am besten, wie durstig das Tanzen macht!« sagte der Kaiser gnädig und bot Sporus seinen eigenen Becher. Er sah vorgeneigt zu, wie der Epheser trank. Man meinte jeden Schluck des ungemischten Weines, der die Lippen feuchtete, die zarte, blaugeäderte Kehle hinabrinnen zu sehen. Die glücklichen, schönen Tieraugen, von Schminke noch vergrößert, glitzerten ehrfürchtig zu Cäsar auf. »Ich war mit deiner Volte zufrieden!« lobte Cäsar fachkundig. Mit blitzschneller Handbewegung berührte Sporus den Mosaikestrich, nahm sinnbildlichen Staub auf, um ihn in sinnbildlicher Demut sich übers Haar zu streuen, ehe er in wenigen weiten Sprüngen den abgehenden Negertänzern nachsetzte. »Die Götter wissen, Otho, wie ich dir diesen Kauf neide!« sagte Nero. »Ich weiß nicht, welcher Dämon mich damals ritt, daß ich dir die Vorhand beim Kaufe ließ!« Otho hockte mit gekreuzten Beinen auf seinem Lager und hielt die Gelenke seiner nackten, schmalen, erlesenen Füße mit seinen von Leibesübungen vergröberten und verhäßlichten Händen umspannt. Sein kurznäsiges Kentaurengesicht grinste unter dem Kranz unvorstellbar kostbarer Rosen, die in Schneekörbchen aus Persien für sein Fest herbeigeschafft worden waren. »Cäsars ist, was Cäsar wohlgefällt«, sagte Otho und nahm seine Rechte vom linken Fuß, um eine weite Gebergeste gegen Nero zu machen. »Cäsar kann cäsarische Geschenke machen, aber nicht annehmen!« lächelte Nero und trank. »Nimm an, Cäsar, nimm ruhig an!« rief mit seiner hämischen Stimme der schöne Senecio. »Es kostet Otho nichts in diesem Falle, großmütig zu sein. Und er meint wohl, daß deine Güte solche Dankbarkeit verdient habe!« »Bei allen Göttern, hat es nicht Vorteile, Cäsars Freund zu heißen?« schrie Serenus, der nicht mehr nüchtern war. »Nicht nur, daß man vor allen anderen die schönsten Gedichte der Welt von der schönsten Stimme der Welt vorgetragen hört.« »Nero! Nero!« rief Pollio Beifall und die anderen stimmten taktmäßig ein. Nero runzelte die Stirn und wehrte scharf ab. »Lob besticht mich nicht. Ich kenne am besten meine künstlerischen Schwächen!« Serenus und Pollio wechselten Blicke begeisterten Einverständnisses. »Der größte Künstler ist auch der bescheidenste!« warf Pollio ein. »– nicht nur, daß man ferner das Glück hat, die glanzvollen Talente des jungen Herrschers sich entfalten zu sehen«, fuhr Serenus fort, »Cäsars Güte verschickt auch den lästigen Hahnrei für eine Nacht nach Ostia, wenn die Reize der schönen Frau unseren Otho betören!« »Eine Nacht! Was ist eine einzige Nacht mit Poppäa! Und was ist Ostia!« lachte Otho, und die Anspannung seiner starken Kieferpartien, die Blähung seiner breiten Nüstern straften seinen spöttisch leichten Ton Lüge. »Du solltest den Crispinus als Statthalter nach Gallien verschicken, oder nein, weiter noch, bis nach Lusitanien!« Nero sah mit eingekniffenen Augen den drei Mädchen zu, die elfenbeinern nackt und mit goldgehämmertem Haar den Reigen der Grazien darstellten. Er schob seine feuchten, tiefpurpurnen Lippen vor. »Vielleicht demnächst! – Otho, die Große links hat keinen vollendeten Busen!« »So schön wie der von Akte dürfte er wohl noch sein«, raunte Senecio belustigt hinter seinem Becher. Otho sprang elastisch auf und schrie über Musik und Gespräch der Tafelnden hinweg: »Auf Poppäas Busen, den schönsten der Welt!« Und wie ein manisch Besessener lachend, goß er den Wein in einem Zuge hinab. »Paris! Endlich! – Sporus' Tanz hast du versäumt!« rief Nero dem Eintretenden entgegen. Paris kam zwischen den Scharen von Aufwartenden hindurch, an den Tänzerinnen vorbei, selbst im Tanzkleid, aber schon mit den persischen Rosen bekränzt und mit dem wie Edelsteine seltenen Rosenöl besprengt. »Ihr laßt es euch ja recht wohl ergehen!« sagte er laut und bitter. »Ihr denkt, der gute Paris wird schon dafür sorgen, daß Cäsar nichts widerfährt!« Nero sah das töricht schöne, schon leicht verlebte vertraute Gesicht von bedeutsamem Ernste angespannt – er riß die Pastete, die der Vorkoster ihm eben dargereicht hatte, nach dem ersten Bissen von den Lippen und fragte bestürzt als erster: »Was ist geschehen, Paris?« »Was willst du damit sagen? – Hat sich etwas begeben? Wir wissen von gar nichts!« schrie der Chor. Und ohne die düstere Bedeutung seiner Miene aufzuhellen, in verachtungsvollem Vorwurf die Mundwinkel senkend, fuhr Paris fort: »Wenn ihr nur eure Feste feiern könnt! Was kümmert's euch, wenn Feinde Cäsars Untergang planen?« »Was?« schrie Nero keuchend auf. Er starrte auf die angebissene Pastete in seiner Hand, faßte den gleich den anderen lauschenden Vorkoster brutal am Arm, drehte ihn zu sich her und schrie: »Da! Friß noch einmal!« Die durchbohrenden Blicke auf den Alten geheftet, sah er ganz nah, halboffenen Mundes zu, wie das einfältige Sklavengesicht in der unerhörten Wonne des ganz genossenen Tafelbissens zerschmolz – holte erlöst Atem und stieß den Alten fort, daß er taumelte. »Cäsar!« sagte Paris feierlich. »Heute ist es der armen kleinen Maus vergönnt, dem Löwen seine Großmut zu vergelten! Heute rettet Paris Cäsar das Leben!« »Das Leben?« schrie Pollio zu Cäsar hinstürzend. »So rede endlich!« brach Nero aus, die Augen völlig irr vor Angst und Ungeduld. »Hat sie Mörder gedungen? Wen hat meine Mutter gedungen? Wieso kamst du hinter ihren ganzen Plan?« – und er stampfte mit den Füßen. »Was?« schrie Serenus: »Mörder?«, und wollte wie Pollio zu Nero hin. Aber Nero war mit einem Sprunge hinter den Schenktisch geflohen. »Zurück!« schrie er gellend. »Alle außer Pollio zurück!« »Cäsar!« klang Othos ruhige Stimme in das sehr betretene Schweigen. »Wir wollen Paris' Bericht hören und dann erst unser Urteil fällen! Bis nun wissen wir ja gar nicht, was für Geschehnisse seine Sorge erregt haben! Willst du nicht klare Tatsachen bringen, Paris!« »Cäsar –«, begann Paris, »die Herrin Lepida –« »Pah!« lachte Otho erlöst auf. »Dachte ich's doch! Paris ist einer Weibergeschichte aufgesessen.« Nero verzerrte das zuckende Gesicht zu einer Grimasse gegen Otho hin. »Halt die Fresse«, schrie er mit einer Stimme, die sich überschlug, »und schaff endlich die drei nackten Kühe aus dem Saal!« »Ich weiß nicht, was Otho daran so heiter stimmt, aber genug davon; Lepida hat öfters ihre Besuche im Palast der Antonia abgestattet. Und es fiel ihr auf, daß ihr jedesmal, wenn sie spät abends fortgetragen wurde, eine völlig verschlossene Sänfte in der Straße der Schwertschmiede begegnete.« »Eine verschlossene Sänfte? Mann oder Frau?« fragte Nero. »Eine völlig verschlossene, vornehme Sänfte. Die Herrin setzte endlich ihre Klienten Iturius und Calvisius auf die Spur. Die Sänfte kam jeden Abend an und wartete in der Seitengasse die ganze Nacht!« »Ah!« stöhnte Nero. »Ja, du magst wohl ›ah!‹ sagen. Endlich erkannte Iturius den jungen Mann, der heimlich den Palast der Antonia besuchte.« »Ein Patrizier?« fragte Nero atemlos. »Mhm!« nickte Paris. »Des Nachts bei meiner Mutter? Ich muß erfahren, wer es war, Pollio!« »Unnötig, Cäsar, ich weiß es bereits. Du errätst es nie! Plautus!« »Plautus?« Nero schlug mit der runden Faust auf den Schenktisch, daß die Krüge klirrten. Ein Becher stürzte und näßte sein Festkleid mit Wein. »Oh, all ihr Dämonen der Hölle! Von allen Männern – Plautus!« »Der einzige Mann, der mit Augustus genauso verwandt ist wie Cäsar und den das Volk vergöttert«, sagte laut die hämische Stimme des Senecio. Nero warf einen rasenden Blick nach ihm. »Was, wenn sie Plautus regelrecht heiratet?« sagte er mit zitternder Stimme, als richte er die Frage an sie alle. »Was, wenn sie Plautus Söhne heckt? Sie ist noch jung sie kann ihm noch sechs Söhne gebären – sechs Britannicusse!« Er sank auf den Schenktisch, mit beiden Fäusten auf die begossene Platte hämmernd, daß seine seidenen Ärmel naß wurden. »Ich sag' es ja immer, sie wird nicht ruhen, bis sie mich von meinem Thron stößt. Sie wird nicht ruhen, bis sie mir das Diadem raubt, sie wird nicht ruhen, bis sie mich unter die Erde bringt!« Und schluchzend, stöhnend, keuchend, würgend wiederholte er achtmal, zehnmal, zwölfmal: »Sie wird nicht ruhen – ich sag' es ja immer, sie wird nicht ruhen!« Serenus raunte: »Sie sprechen so viel von Unzucht wider die Natur! Das ist Unzucht wider die Natur, wenn der sechsundzwanzigjährige Plautus dieser grauhaarigen Harpye beischläft!« Nero hing immer noch über dem Schenktisch, den in die aufgestützte Rechte gelegten Kopf schüttelnd, stammelte er: »Sie wird nicht ruhen – ich sage es ja!« Paris stand da, sehr unzufrieden, beleidigt, weil Lob der Treu und Botenlohn auszubleiben schienen. »Und als ich dies vernahm, da wußte ich, daß der Tag gekommen war –«, begann er von neuem. Aber Nero hörte nicht. »Deshalb war sie in der letzten Zeit so süß und sanft! Jetzt erst begreife ich alles. Deshalb sagte sie, sie bereue ihre Herrschsucht und Heftigkeit und was weiß ich und sie habe mich nicht genug geliebt, o ungeheuerlich! Ungeheuerlich! Und ich Narr! Ich Narr ging hin und glaubte schon halb an dies alles – ich, der ich sie ihren eigenen Gatten locusten gesehen habe! – O ihr Götter! Ihr Götter auf hohem Olympos! Aber ich bin nicht ganz ohne Waffen gegen diese Heimtücke! Pollio! Du schickst einen Centurio zu Seneca; und wenn er schläft, er muß kommen. Er muß sofort kommen! Und Burrus soll – nein! Burrus hat sie zum Präfekten ernannt, er ist ihre Kreatur, der Burrus! Man muß ihn absetzen, wenn man der Prätorianer sicher sein will! Eine Schreibtafel, Otho! – Rede nichts, ich will nichts hören, ich will nicht! Eine Schreibtafel! Tuscus soll Präfekt werden für sein Verdienst, sie zu hassen! Ein Centurio zu ihm! Er ist der Sohn meiner Amme, der wird mich nicht verraten wie –« er begann fassungslos zu schluchzen, »wie meine eigene Mutter! – Oh!« schrie er auf und warf sich Seneca, der eben eingetreten war, entgegen: »Schütze mich, schütze mich vor dieser Mutter!« Seneca stand totenblassen Gesichtes da und sah auf den Fassungslosen herab. »Die Götter haben es gefügt, daß der Centurio meiner Sänfte auf dem Heimweg begegnete. Welch ein Aufruhr, Nero, um wie wenig Tatsächliches! Auf den ersten Warnungsschrei entlassest du deinen alten Lehrer Burrus, schreibst der, die dich geboren hat, die furchtbarsten Pläne zu! Ist das der Schüler der Philosophen, Nero? – Ist das ein Richter, der urteilt, ohne zu verhören? – Es ist spät in der Nacht und wir sind alle nicht unbeeinflußt vom Wein geblieben, soll das Volk von Rom hören, daß Cäsar in solcher Stimmung solcherlei Verantwortung auf sich lud? – Laß mich und Burrus sie verhören, und so wahr ich Roms Bürgerfrieden wünsche, Cäsar, sie soll sterben, wenn wir sie schuldig finden –« Nero hob sein tränennasses Gesicht, und es war völlig verwandelt. »Ich habe Angst, Seneca!« stammelte er rührend, »ich habe immerwährend Angst vor meiner Mutter, kann man so leben?«   Eilige Schritte im Vorgemach. Unterdrückt flüsternde Stimmen weckten Agrippina. Sie hatte sogleich das Bewußtsein einer großen drohenden Gefahr. Sie lauschte aufgerichtet. Nebenan im Ankleideraum fiel polternd ein Kleiderrahmen um, jemand weinte. Agrippina fragte ins Dunkel: »Alexandra! Was gibt es? – Mach Licht!« – und hörte, daß ihre Stimme schwankte. »Warum zittere ich?« dachte Agrippina bitterböse über sich selbst. »Was kann es mehr sein als der Tod? Und haben mir den nicht die Chaldäer vor achtzehn Jahren schon geweissagt?« Die Hofdame vom Dienst stürzte herein, ihr verweintes und fahles Gesicht grotesk unter dem roten Netz, das die hundert Hyazinthenlöckchen ihrer Turmfrisur unversehrt bewahren sollte: »Wachen des Kaisers – Augusta! Oh! Was wird mit uns geschehen!« Agrippinas Herz tat einen starken, schmerzenden Schlag. Sie sagte sehr ruhig, wie immer, wenn andere erregt waren, und zugleich gereizt über deren Erregtheit: »Wir werden morgen länger schlafen müssen, um die Störung wettzumachen!« Die Amme Alexandra trieb zwei Lampenträgerinnen vor sich her. Ihr gutes, dickes Gesicht war gerötet, aber sie sagte voll felsenfesten Vertrauens: »Ein Mißverständnis, Herrin! Denn das sieht unserem Herrchen nicht ähnlich!« Agrippina hörte zugleich das Waffenklirren im Vorsaal. »Anziehen, rasch!« befahl sie. Da stieß Pollio ohne Pochen die Türe zum Schlafraum auf, der Flügel fuhr krachend an die Wand. Ohne Gruß, den Kopf mit dem Helm duckend, dessen Roßkamm den Türrahmen fegte, trat er ein. Fünf Centurionen folgten ihm und besetzten mit gezogenen Schwertern den Zugang zum Zimmer der Hofdame vom Dienst, zu den Bädern, zum Ankleideraum, zum Vorraum, zum Sklavengang. Pollio machte, immer noch ohne Gruß, drei Schritte auf das Bett der Kaiserin-Mutter zu und schnarrte: »Im Namen des Casars Tiberius Claudius Nero!« Agrippinas schneller Blick erhaschte in der offenen Tür einen Schimmer von Burrus' rotem Mantel. »Burrus!« dachte sie. »Es hätte schlimmer kommen mögen!« Sie hatte nur von der seidenen Decke verhüllt geschlafen. Wie sie auf beide Arme gestützt aufgerichtet saß, war ihr Oberkörper völlig nackt. Sie machte keine Bewegung, ihn zu bedecken. Sie sah Pollio voll und groß an und wiederholte: »Cäsar Tiberius Claudius Nero? – Meinst du, daß es diesem Namen sehr viel Ehre macht, wenn sechs Männer seine Mutter nackt im Schlafzimmer überfallen?« Agrippina sah ein Zucken und Zögern über Pollios gebräuntes Gesicht gehen. – Er riß den Kopf hoch – und gab den Centurionen einen Wink. »Zugänge von außen besetzen!« Und mit der wilden Genugtuung des ersten gewonnenen Gefechts sah Agrippina die Wachen abziehen. »Mach schnell«, schnarrte er, »wir dürfen Cäsar nicht warten lassen!« und wieder fegte der Roßkamm den Türrahmen. Als die Türe zuklappte, sprang Agrippina aus dem Bette. Mit der methodischen Raschheit eines langgedienten Legionärs bei Alarm machte Agrippina Toilette. – Sie sah in den Spiegel, entschlossen, die Blässe ihrer Wangen nicht durch Schminke zu beleben. Tief Atem holend winkte sie, die Türe zu öffnen. Alexandra stieß sie auf, und Agrippinas erster Blick fiel auf Seneca. Mit einem Gefühl des Gerettetseins, der Geborgenheit fast rauschte sie zwischen den Centurionen hindurch in den Saal, in dem alle Lichter brannten. »Ich grüße den Präfekten der Prätorianer und den ersten Ratgeber meines Sohnes!« sagte ihre schwingende, klare Stimme. Seneca hatte sich bei seinem Eintritt in den Schatten der Bildsäule des Germanicus geflüchtet, und so stand er noch immer. Er fühlte das Herz in seiner Brust sich schmerzhaft ausdehnen und schmerzhaft zusammenziehen wie die Quallen, die er in submarine Strömungen hatte geraten sehen. »Ich habe nicht gedacht, je wieder diesen Körper nackt zu sehen«, dachte er, »und ich habe nicht gedacht, daß sechs – o nein – sieben Jahre ihm so gar nichts würden anhaben können. – O Eros, Eros! Ich bin das, was sie einen alten Mann nennen, warum strafst du mich mit allen Qualen der Jugend? Ich bin das, was sie einen Philosophen nennen, ich bin Paullinas Gatte seit einem Menschenalter und möchte vor dieser einzigen Frau der Welt im Staub liegen wie ein Sklave. Ich sollte sie retten, ich sollte ihr helfen, ich sollte diese Lähmung abschütteln, die wie böser Zauber über mir liegt, und ich kann nichts anderes tun, als an die Nächte denken, von denen ich annahm, endlich, endlich – wäre ihr Gift aus meinem Blut gewichen.« Seneca hörte Burrus' lange Anklage – die Namen der Kläger – nur wie ferne Brandung, er wußte, daß es Agrippinas Leben galt, er hatte noch den eisigen Schrecken dieses Gefühles, mit dem er gekommen war, im Sinn, er rang nach Verständnis, nach Klarheit, nach Kraft mit der wilden Anstrengung, mit der ein ins Bebemoor geratener Wanderer nach festem Halt ringt. »– demnach des Staatsverrates beschuldigt, der geheimen Anschläge gegen die Majestät, der frevlerischen Absicht, einen Gegenkaiser zu erheben – Rom in den Schrecken des Bürgerkrieges zu verstricken! Du kennst nun deine Ankläger, du kennst die Strafe, die diesen Verbrechen droht. – Wir sind gesandt, sie zu vollziehen, wenn du dich nicht zu verantworten vermagst!« Agrippina hatte stehend die Anklage vernommen, kein Muskel regte sich in ihrem bleichen Gesicht. Sobald Burrus schwieg, begann sie, ohne sich zu bedenken, ohne den leuchtend klaren Blick für die Zeit eines Wimperzuckens von Burrus' Antlitz zu nehmen: »Ich wundere mich keineswegs, daß Domitia Lepida, die nie ein Kind geboren hat, die Gefühle einer Mutter für ihren Sohn nicht abzuschätzen vermag, die nicht aufflammen und abflauen wie die Liebe eines liederlichen Weibes zu ihren Buhlen!« »O Eros! Sie ist die Fürstin der Welt. Alle anderen Frauen sind nicht wert, ihre Schuhriemen zu küssen. Wie kann man solch ein Weib besessen haben und verloren und dies Kriechtierleben weiterleben, sieben elende Jahre lang!« dachte Seneca. »Es scheint«, fuhr Agrippina fort, »daß Iturius und Calvisius die Wohltaten der ältlichen Dame Lepida nicht besser als durch eine gegen mich erhobene Anklage zu vergelten wußten. Aber deshalb gedenke ich noch nicht, die Schmach eines Staatsverrates auf mich zu nehmen, und deshalb braucht des Kaisers Gewissen noch nicht das Verbrechen eines Muttermordes auf sich zu laden! Ich würde meiner Schwägerin Dank wissen, wenn sie mit mir in Wohlwollen für meinen Sohn wetteifern wollte, anstatt gegen mich jene abgeschmackte Komödie mit Hilfe ihrer Günstlinge in Szene zu setzen. – Die Zeit meiner Verbannung, da Nero unter ihrer Obhut stand, bot eine einzigartige Gelegenheit, ihre zärtliche Fürsorge zu beweisen. Damals erschien Domitia Lepida die Vergrößerung der Fischteiche in Bajä wichtiger als die Pflichten gegen ihren Schützling. Alle Vorbereitungen zu Neros Thronbesteigung jedoch sind einzig und allein nach meiner Rückkehr und von mir getroffen worden.« »Es gibt manchen Senatsredner, der von ihr zu lernen vermöchte!« dachte Burrus ergriffen. »Als Britannicus noch lebte, sagte der Unverstand mir nach, ich hätte die Absicht, ihn zum Gegenkaiser zu erheben! Hätte ich nicht wahnwitzig sein müssen, zu denken, daß der Sohn meiner Feindin Messalina –« sie machte eine Pause und hob die Brauen, ohne den Blick zu senken »– und der des Kaisers Claudius mich hätte leben lassen können, falls er Kaiser geworden wäre? Und wie hätte Britannicus meinem Herzen näher stehen können als mein eigenes Kind? Mein Fleisch und Blut? – Und dieser Plautus –«, jetzt senkte sie den Blick, um ihn ernst wieder zu heben, »– dessen Hand ich vor acht Tagen ausschlug! Wenn er oder irgendein anderer als oberster Richter an die Spitze des Staates träte, fehlte es dann wohl an Anklägern, die mir nicht nur unvorsichtige Äußerungen meiner gekränkten Mutterliebe, sondern Verbrechen vorzuwerfen hätten, von denen bloß mein Sohn mich freisprechen kann?« »Wie klug!« dachte Burrus. »Und wie tollkühn! Diese Frau ist der einzige Mann in Rom!« »Nun also!« dachte Pollio. »Wenn sie ihn abgewiesen hat, dann ist ja alles in Ordnung! Um so besser! Abmarsch, Abmarsch zur Meldung an Cäsar! – Eigentlich ähnelt sie unglaublich meinem Herrn!« »Augusta!« sagte Burrus ehrfurchtsvoll. »Ich bin sehr glücklich, dem Kaiser deinen lichtvollen Bericht weiterleiten zu können! Ich gehe sehr viel fröhlicher fort, als ich kam. Vergib einem alten Diener des Staates die Ausübung seines harten Dienstes.« »Ich bin noch nicht zu Ende, Präfekt!« sagte Agrippina und ihre Wangen und Augen flammten. »Ich bin unschuldig angeklagt worden. Ich verlange eine Unterredung mit meinem Sohne – diesmal ohne Beisein von Tribunen und Centurionen!« »Ich werde deinen Wunsch vor Cäsar bringen«, versprach Burrus. »Wache! Antreten!« schnarrte Pollio. Alle Türen flogen auf. Die Offiziere leisteten wie ihr Präfekt vor der Kaiserin-Mutter den Waffengruß. »Abmarsch!« befahl Pollio, und die taktfesten Schritte verklangen. Seneca trat aus dem Schatten der Bildsäule. »Das war ein Sieg!« murmelte er erstickt. Agrippina fiel in den nächsten Sessel, als versagten ihre Knie den Dienst. »Nur der Abschluß eines Waffenstillstandes!« sagte sie und schlug die Hände vor das Gesicht.   Die Vorläufer hielten wie zurückgezügelte Rosse an und zwangen die zwölf Lictoren und die reitende Leibwache, stillzuhalten. Nero, der allein in der Sänfte lag, richtete sich auf und lugte mißvergnügt und ungeduldig durch die Vorhänge. Er gewahrte, daß die Priesterin der Vesta von ihrem uralten Recht Gebrauch machte, das ihrem Tragstuhl als dem einzigen Vorrang vor dem Cäsars sicherte. Und wie Nero halb unwillig über diese Demütigung, halb für die willkommene Verzögerung dankbar, durch den Vorhangspalt sah, traf sein Blick gerade den scharfen und weisen Blick der winzigen Alten. Die Vestalin Lälia zählte fast achtzig Jahre und ward vom Volke als Wundertäterin des Herzens angebetet. Nero hatte das Gefühl, als müsse er feig den Vorhang schließen, um sich vor ihr zu verbergen. Aber zu seinem Erstaunen hob Lälia ihre welke Hand zum Gruße: »Gesegnet seist du, der du zu deiner Mutter gehst, um dich mit ihr zu versöhnen«, sagte die erstaunlich lebendige alte Stimme. Nero neigte verblüfft das rote Haupt, da war die Vestalin schon vorübergezogen und er fühlte das Bett, auf dem er lag, wieder vom Gleichtrab der acht Träger geschaukelt. »Sieh an! Welch eine Gnade! Nie vorher hat sie mich auch nur zu bemerken geruht, wenn ich ihr begegnete. – Und daß sie wußte, wohin man mich trägt. Diese Priester stecken doch ihre Nase in alles!« Man bog zum Forum ein, und die Läufer hatten Mühe, einen Weg zu bahnen. »Da stehen die guten Bürger und glotzen nach Cäsar!« dachte er. »Anfangs hat es mich gefreut, jetzt ist es mir so lästig wie das Dutzend langer Kerle mit den umbündelten Beilen da vorne. Was gäbe ich darum, einmal allein mit Otho – ach nein, schade um Otho, er hat allen Verstand in Poppäas Bett gelassen. Welcher Narr, wahrhaftig! – eine Poppäa zu ehelichen! Statt Crispinus zum Hahnrei zu machen, selbst einer zu werden! – Nein, also was gäbe ich darum, einmal mit Senecio abends allein so durch die Stadt zu gehen! Wie sie glotzen! Ich muß sie doch einmal anlächeln! Der dort hebt den Knaben auf den Nacken – recht so, zeig ihm ihn nur, euren jugendlichen Gott! Er ist gar nicht uneben anzusehen! – Ich wette, das dort ist ein kleiner Dichter, er streicht so um den Laden des Cressus, um zu sehen, ob seine selbstgeschriebenen Verse verkauft sind – und diese strenge Matrone hat sicher blutig um die fette Gans und die Melonen gefeilscht, die die Sklavin ihr nachschleppt. Was sagten sie wohl, all diese, wenn Cäsar jetzt aus seiner Sänfte heraus zu singen begänne? – Wie sie Heil schreien, die Guten! Was rufen sie? ›Heil dir, der du zu Agrippina gehst!‹ O all ihr Dämonen! Erst war es Britannicus, dessen Name mich verfolgte – jetzt ist es Agrippina! Was will da die Alte – ist sie toll? Ich will nicht, daß sie Blumen werfen! Wo bleiben die Heruler?« Eine geschürzte dicke Blumenhändlerin stand da, hielt einen riesigen Strauß ihrer schönsten campanischen Rosen hoch, die sie in die Sänfte zu werfen strebte. »Bring sie Mütterchen Agrippina!« schrie sie. »Die beste Gelegenheit für die Plautusse! Man braucht nur einen Stein in die Blumen einzubinden«, dachte Nero und duckte sich in eiskaltem Schrecken aufs Bett. Der Anführer der Heruler kam, fing den Strauß im Wurf auf. »Nein, nur törichte Blümchen der Volksseele!« grinste Nero für sich. Die Reiter hatten endlich den Verstand, die Menge abzudrängen. Man bog in die Straße der Waffenschmiede ein. Gleich darauf sah Nero vor dem Seitentor des Palastes eine andere, neue Menge sich stauen. Hohlwangige Weiber mit zerlumpten Kindern an der Kleidfalte und neugerundeten Leibes, schmutzstarrende Alte, Greise an hohen Stäben. Er ließ den winzigen Hammer aufs silberne Läutschild fallen, und sofort zeigte sich der beflügelte Helm am Fenster der Sänfte. »Was sind das dort für Leute? Worauf warten sie?« »Auf ihre Suppe, Herr! Die Augusta speist sie täglich.« »Wie lange tut sie das schon?« »O Herr, fast so lange, als die Erhabene den Palast bewohnt.« Nero unterdrückte einen Fluch. »Und so etwas meldet mir niemand!« dachte er. »Kein Wunder, daß sie schreien: ›Mütterchen Agrippina‹« – er äffte ihnen in Gedanken nach. Die Bettler warfen sich der Sänfte entgegen. »Segen über Nero! Segen über den, den Agrippina geboren hat!« »Sie stinken! Streu ihnen Geld und mach, daß sie fortkommen!« zischte Nero. Der Kupferregen fiel. Nero sah mit einem feuchtlippigen Grinsen zu, wie sie sich zu Boden bückten – eine Schar pickender Hühner mit zum Himmel gekehrtem Sterz –, dachte er und dann lachte er laut, als zwei Weiber einander an den Haarzotteln zu zerren begannen. Sein Lachen erstarb, als er in den Saal mit dem Standbilde des gepanzerten Germanicus eintrat. Agrippina erhob sich, ihn zu grüßen. Er stutzte. Dies hatte sie sonst nie getan. Auch in ihrer Erscheinung befremdete ihn etwas Neues. Dann gewahrte er, sie hatte zum erstenmal Matronentracht angelegt. »Will sie mich mit so billigen Kniffen fangen?« dachte er verärgert. Agrippina fühlte ein Schluchzen in ihrer Kehle aufsteigen, als sie Neros Gesicht wiedersah. Sie hätte ihm, der kleiner war als sie, die Arme um den Hals werfen – sie hätte ihn küssen mögen, ihm sagen, daß sie ihm verzeihe, sich eigener wilder Schuld bezichtige. – Sie überwand sich und lächelte. »Nero, ich habe dich um diese Unterredung bitten lassen, die – wenn meine Absicht Cäsars Billigung findet – zugleich ein Abschied für einige Zeit sein soll!« Sie sah Neros Augen sich weiten und fuhr fort: »Ich gedenke, mich nach Tusculum zurückzuziehen. Ich habe Erholung sehr nötig, Nero.« Nero öffnete die Lippen, um das Aufseufzen der Erleichterung in eine Geste fassungslosen Staunens zu wandeln. Er hielt den Blick nicht auf sie gerichtet, weil er fürchtete, sie werde das unendliche Erlöstsein darin lesen, sondern auf den Becher, in dem der dunkle Warmwein, den der Schenke eingoß, höher und höher anstieg. »Ich bin auf Kampf, auf Flüche, auf Vorwürfe gefaßt gewesen, auf alles Böse, nur nicht auf dies Wunderbare!« dachte er. »Ich wage auch noch nicht, es zu glauben, nein! – Sie will vielleicht nur, daß ich ihr abrede, um dazubleiben.« Er trank gierig den vorgekosteten Wein und dachte dabei an die Bettler, die dann umsonst auf ihr Süppchen warten würden. »Vielleicht ist das kein so übler Gedanke, Mutter!« sagte er zurückhaltend. »Denn dein Aussehen ist nicht so gut, wie ich es wünschte! Dein Wohl geht allem vor, selbst meiner natürlichen Trauer, dich entbehren zu müssen!« Agrippina senkte die Lider, um den Schmerz zu verwinden, ehe sie weitersprach. »Wie er sich freut!« dachte sie. »Wie er sich freut, daß seine Mutter ihn verläßt. Aber er darf mir nicht anmerken, was es mich kostet, in die zweite – oh, in die viel schwerere Verbannung zu gehen!« Sie lächelte. – »Du weißt, jedem Scheidenden ergeht es ein wenig wie Odysseus, den, als er wiederkehrte, nur sein Hund noch erkennen wollte. – Ich weiß nicht, wie ich dich wiederfinden werde, Nero, und ich möchte die Abschiedsstunde nützen, um dir noch einiges zu sagen.« »Jetzt kommt es. Aber mag sie heute predigen, mag sie, wenn sie nur morgen wirklich reist! – Oh – dies Gesicht kenne ich! Wird sie die gekränkte Spenderin meines Lebens spielen? – Oder wird sie die bis zum Ekel bekannten Drohungen erneuern? Oder – noch viel schlimmer – wird sie versuchen, sich zu verteidigen? – Nein, ich hätte mich doch nicht bereden lassen dürfen, in diese Falle zu gehen –« Agrippina holte Atem. »Die Parther haben diesen Sommer eine ungeahnt reiche Ernte gehabt«, begann sie überraschend. »Das bedeutet, daß sie den Krieg neuerdings aufflammen lassen werden. König Vologäses wird seinem Bruder Tiridates ein Heer zu Hilfe senden. Im Frühling sind die ersten kriegerischen Maßnahmen des Feindes zu erwarten. Der Feldherr Pätus, Thrasäas Neffe, ist vollkommen untüchtig. Er wird schweren Stand haben, und wir werden geschlagen werden. Er hat schlechte Soldaten, die Hälfte der Elften, die zu lang in Syrien gelegen ist und die das Wohlleben dort schlaff gemacht hat. – Falls du mir erlauben willst, dir eine kleine Anregung zu geben –« Agrippina schwieg und sah ihn fragend an. Und fassungslos vor Staunen, vor Interesse völlig unsicher geworden, murmelte Nero: »Gewiß, gewiß, Mutter!« »– so sollten in Kappadokien und Galatien Aushebungen gemacht werden«, fuhr sie rasch fort. »Das sind die Soldaten, die Corbulo braucht. Ich weiß, daß Eifersucht und Neid ihn von dir zu verdrängen strebten, aber doch ist Corbulo allein der Mann, der dort nottut! – Er müßte des Geländes wegen auch eine Legion vom Rhein mit ihrer Flankenreiterei haben, und mindestens zwei Hilfskohorten müßten an ihn gesandt werden – aber nicht erst im Herbst – jetzt, gleich, sofort! Solang es Zeit ist!« Neros zwinkernder Blick schweifte umher, um zu Agrippinas glühendem Gesicht zurückzukehren. »Mutter!« stammelte er. »Du lebst hier – hier« – er dachte: »Ich spreche es aus, jetzt hat sie es verdient« – »in deiner Verlassenheit, woher weißt du, was meine Generäle und Feldherren nicht wissen?!« – »Von Plautus!« fiel ihm ein, und sein Gesicht verzerrte sich. »Nicht von Plautus!« lächelte Agrippina mit einer ganz neuen, verstehenden, verzeihenden Anmut. »Sieh, deine Generäle kaufen kein persisches Rosenöl von griechischen Händlern. Sie erfahren nicht, daß das Rosenöl dies Jahr den doppelten Preis hat, weil die märchenhafte Ernte alle Landeigenen so reich gemacht hat, daß sie es selbst ihren Frauen kaufen, statt es ausführen zu lassen. Und sie erfahren auch nicht, daß die Händler – wie mein guter Lysippos – als Rücklast Waffen in Massilia laden. – Ich habe viel Zeit und da plaudere ich gern nach dem Handel mit Lysippos. Er kommt weit umher und hat den scharfen, schnellen Blick des Mannes, der gewillt ist, sich an guten Gelegenheiten zu bereichern!« »Ja, aber du erwähntest die syrischen Kohorten! Pätus klagt und zetert allerdings in allen seinen Briefen über sie. Mutter – du hast vielleicht –« Agrippina runzelte die Brauen und biß die Unterlippe. »Wozu sitzt er da und redet mit mir, wenn er ja doch jedem meiner Worte mißtraut?« dachte sie und sie fuhr blitzenden Auges auf: »Meinst du, ich zahlte deine Boten? Oder ich bestäche deine Geheimschreiber?« Nero sah sie an und dachte enttäuscht und triumphierend zugleich: »Nun wirft sie die Maske ab! Nun also, ich habe ja gewußt, daß sie die Abgeklärte nur mimt!« Agrippina las dies alles auf seinem Gesicht, das sie so gut kannte. »Wenn ich mich jetzt nicht beherrsche, wird er mich für immer verachten!« fühlte sie mitten in ihrem alten Zorn und Trotz. »Viel schlimmer! Ich selber werde mich verachten!« Und mit einer in ihrer Ungewohntheit übermächtigen Anstrengung, die ihr Gesicht einen Augenblick zerriß, zügelte sie ihre eigenen wilden und herrischen Instinkte wie ein Wagenlenker das scheuende Viergespann. – Vorsichtig die Stimmlage wählend, um die von rasendem Herzklopfen atemlose Stimme in ihre Gewalt zu bekommen, begann sie: »Ich habe Arme, die ich speisen lasse –« Nero hatte staunend die Veränderung gesehen und halb aus Ärger, weil er sich der Bettlerschar erinnerte, halb aus boshaftem Unglauben, der Agrippina doch zum Ausbruch reizen wollte, sagte er in einem Ton, der alles andeutete, was er darüber gedacht hatte: »O ja, – die habe ich gesehen.« »Ist es mir nicht erlaubt, von meinem eigenen Vermögen die Dämonen der Hölle zu speisen, wenn ich es für gut erachte?!« dachte Agrippina – aber sie senkte den Kopf und sprach es nicht aus. – Sie besann sich, und dann war plötzlich ihr neues Lächeln um ihren Mund. »Gönn es mir und ihnen, mein Guter! Sie sind wirklich arm. – Und höre, vielleicht dankst du der lahmen alten Lucia, die meine Suppe löffelt, deinen Feldherrenruhm! – Sie holt sie sich nämlich, weil sie sonst daheim verhungern müßte. – Neun Jahre hat sie von der Heimkehr ihres Sohnes und von besseren Zeiten geträumt. Und nun, da er vom Legionsdienst bei der Elften in Syrien zurückgekehrt ist, muß sie ihn noch von ihrem Spinnlohn erhalten. Und sie schwört mir, er wäre in diesen neun angenehmen Jahren auch nicht einmal auf Wache gezogen, habe nie einen Panzer angeschnallt, nie Schanzen und Gräben gesehen, habe nichts gelernt als zu trinken, zu würfeln und Weibern nachzuhangen! – Nun, Cäsar, ist, wenn man meine Lucia gehört hat, der Rückschluß schwer, daß Corbulo – und gar Pätus! – mit solchen Soldaten niemals zu siegen vermöchten?« »Mutter, ich muß dich bewundern! Mutter, du häufst glühende Kohlen auf mein Haupt!« Agrippina entzog sich ihm. »Bist du für einen kleinen Ratschlag so dankbar?« sagte sie, ihn mit ihren großen Augen anschauend. »Dann vergilt es mir und grolle meinem letzten Anbeter nicht allzusehr. Bestrafe Plautus nicht zu hart dafür, daß ich ihm meine Hand versagt habe –« »Er ist nicht dein letzter, Mutter! Alle Männer müssen dich anbeten, und am meisten tut dies dein eigener Sohn. Ich schwöre dir, daß Plautus nichts zu befürchten hat, so wahr ich Cäsar von Rom bin – so wahr du mich zum Cäsar von Rom gemacht hast!« sagte Nero in überschäumender Bewunderung. »Gut!« sagte Agrippina. »Dies wäre alles, was ich zu erinnern und zu erbitten hatte.« Sie sah Nero ruhig in die kurzsichtigen Augen. »Im übrigen wird Cäsar selbst entscheiden, was jene Verleumder an Strafe verdienen, die seine Mutter bei ihm anklagten!« Nero erhob sich wie sie. »Mutter – willst du denn wirklich von mir fort?« »Ich reise morgen bei Tagesanbruch«, sagte Agrippina, und nun fiel es ihr wunderbar leicht, da sie das heftige Bedauern in seinen Zügen las. »Lebe wohl, mein Sohn!« »Lebe wohl, Mutter!« brachte Nero mit zuckenden Lippen hervor und er dachte: »Ich stürze mich ihr zu Füßen! Ich flehe sie um Verzeihung an –« Aber Agrippina, streng in das Oberkleid der Matrone wie in einen Panzer gehüllt, trat zurück. Ihr Gesicht strahlte vor großer inneren Genugtuung. »Sei glücklich, Cäsar«, sagte sie. Nero neigte sein rotes Haupt tief vor ihr und ging schwankend wie unter schwerer Last. »Ich Narr! Warum gräme ich mich denn? War es nicht dies, was ich insgeheim für das Ziel meiner Wünsche gehalten habe?« dachte er zornig über sich selbst, über den nicht wegzuleugnenden Schmerz in seiner Brust. »Jetzt endlich werde ich leben können, wenn sie fort ist! – Unausdenkbar – Rom ohne Mutter! – Wird es mich nicht ewig treiben und ziehen nach Tusculum? Tote kann man nicht erwecken – aber jemand Erreichbaren zu missen – eine Reise weit – oh, sie hat recht – ich muß endlich frei atmen –« Er stand still und sah sich um, aber er war, Burrus' Drängen folgend, allein gekommen, es war niemand mit einer Schreibtafel zur Hand. »Also die Kappadokier, die Galater – die rheinische Reiterei – am besten die aus ihrer Stadt, aus Colonia Agrippinensis – und was war es noch – ja – die Hilfskohorten! – Welcher anderen Frau, ach was, welchem anderen Menschen auf der Welt fiele es ein, einem dies zu raten, an dies alles auch nur zu denken! Wäre sie doch – oh! Wäre sie doch nur mein Ratgeber hinter dem Vorhang geblieben! – Eines ist gewiß, daß heute eine neue Epoche für mich beginnt, und es ist hart für einen Mann von achtzehn, so allein zu sein! – Es wird immer Menschen geben, die ich achte und dabei hasse, wie Thrasäa Pätus – es wird solche geben, die ich achte und belächle, wie Seneca – es wird Menschen geben, die ich begehre – o viele! – und solche, die ich gebrauche – aber wen werde ich je wieder zugleich lieben und achten und hassen und brauchen wie heute meine Mutter? Wen auf der ganzen Welt?!« IV. Teil. Nero »Welch ein Wahnwitz hat mich verblendet? Ohne Sklaven und Fackeln in die Suburra gehen zu wollen! O Cäsar! Kehren wir um, dies endet nicht gut!« Der Senator Mamilius war ächzend auf einen Meilenstein niedergesunken und wischte mit zitternden Polsterhänden den Schweiß von seinem kahlen Schädel. Die Jünglinge standen vor ihm und lachten wie beim Satyrspiel im Theater. Nur Otho war auf der Straße ein Stückchen vorausgegangen. »Gedenkst du den ganzen Abend zu jammern?« fragte Serenus. »Ich habe es dir vorausgesagt, Paris, er wird uns das ganze Abenteuer verderben! Wozu mußten wir diesen Talgklumpen mitrollen? Das kommt alles nur von deiner übergroßen Güte, Cäsar!« Nero, im braunen Mantel, eine Filzkappe völlig übers rote Haar gezogen, stand lachend da, hielt die Linke Mamilius hin, die Rechte Serenus: »Heraus mit den fünfhundert Sesterzen jeder von euch! Ich werd's euch abgewöhnen, in der Suburra verbotene Namen zu nennen.« »Es wird nicht gezahlt, wir sind noch nicht in der Suburra!« lachte Serenus, den Zeigefinger vor Nero hin und her bewegend. »Und es sieht bei diesem Tempo auch nicht so aus, als ob wir je dorthin gelangen würden, Cäsar!« rief Otho. »Was, du auch? Wirst du die fünfhundert Eierchen hergeben?« Nero faßte den Entgleitenden am Mantel, aber Otho war mit einem Lachen und einem Satz fort ins Dunkel verschwunden – man hörte auf der gestampften römischen Straße die Tritte der Laufenden, als Nero ihm nachsetzte. »Flaccus! Flaccus!« schrie Mamilius voller Angst hinter ihnen her, und Paris, Pollio, Serenus, Senecio wollten sich ausschütten vor Lachen. – »Lacht nicht!« zischte der Dicke. »Er ist ja halbblind – wenn er fällt und sich erschlägt, wird man uns dafür verantwortlich machen!« »Dann werden wir angeben, daß das Ganze ein Mordplan war, zu dem du uns angestiftet hast!« sagte die hämische Stimme des schönen Senecio. Der Alte erschrak furchtbar und wollte erwidern, aber Paris stieß ihn gutmütig warnend an. Nero kam heftig atmend, schlechter Laune und langsamen Schrittes zurück. Er hatte gemerkt, daß er nicht mehr mit Otho Schritt zu halten vermochte wie vor drei Jahren im Gymnasium. »Ich werde zu schwer«, dachte er. »Ich müßte mich wieder einmal Burrus und Anicetus in die Hand geben! Aber zu dumm auch von Otho! Mich mutterseelenallein auf der Landstraße zu lassen und wie ein Hase davonzuhoppeln. Er wird mir überhaupt immer unerfreulicher, der gute Otho!« »Also gehen wir endlich!« mahnte der Kaiser kurz. Otho kam geregelten Atems in großen Sprüngen heran, sah im Vollmondlicht den Kaiser sich abwenden, dachte: »Ich war ein Tor, zu denken, daß dieser Dickhals noch einen guten Lauf verträgt«, und rief: »Also Kinder, – einfach unmöglich, Flaccus einzuholen! Ich gestehe! – Ich bin zu schändlich schlechterer Zeit eingelangt als er!« »Na, komm jetzt, komm. Was tut's!« Nero gab ihm vergnügt und versöhnt einen kleinen Klaps auf die Schulter. »Wollt ihr wirklich so weiter, ohne Sklaven, ohne Waffen, ohne Fackelträger?« ächzte Mamilius. Senecio blieb stehen. »Ich schlage vor, wir lassen ihn hier zurück!« »Nein, nein, ich bleibe hier nicht allein!« schrie der Dicke, und unter wildem Gelächter der anderen hängte Senecio sich in ihn ein, um ihn im flotten Trabe mitzuschleifen. »O süßer Jupiter! Langsam! Langsam! Wenn meine Livilla sähe, wie ihr mit ihrem Kleinod umgeht!« »Deine Livilla fragt viel danach, was mit dir geschieht! – Wir sechs Jungen wären ihr lieber als du Alter! – Weißt du, daß sie mir vorgestern beim Gladiatorenspiel süße Augen gemacht hat, deine Livilla! Am Ende läßt sie sich scheiden und heiratet mich!« höhnte Senecio. »Das glaube ich nicht«, sagte Mamilius mittrabend, daß ihm die Zähne aufeinanderschlugen. »Ah bewahre! Livilla? Die sieht doch keinen Mann als nur Mamilius allein!« warf Nero todernst ein und die fünf schwankten vor Lachen. »Das will ich nicht sagen! Sie hat mich schon oft genug zum Hahnrei gemacht!« gestand Mamilius in schlauer Ruhe. Er dachte: »Laß sie lachen, die Tollköpfe. Wenn sie mich – nun ich einmal da bin – nur nicht allein zurücklassen.« »O Götter! Ich kann nicht mehr lachen, es tut zu weh!« keuchte Serenus, seine Seiten haltend. »Siehst du, Serenus, ein Kerl wie du hat höchstens Aussicht, ihr Liebhaber zu werden, nie ihr Gatte! Warum? – Weil du außer dem, was Cäsar dir aus Gnade gibt – ich bezeichne niemanden, ich führe nur an! keinen halben Terentius in der Tasche hast!« Serenus, der ihn führte, hätte den Alten in eine Lache am Wege patschen lassen, aber Otho riß ihn gutmütig zur Seite. – »Bei Livillion ist es nicht allein wichtig, pralle Schenkel zu haben, auch der Säckel muß prall sein, guter Freund! Was weißt du, was alle die großen und kleinen und mittleren Wünsche der Frauen kosten! – Um Senator zu werden, genügt eine Million Sesterzen! Um Livillas Gatte zu werden, kaum zweihundert Millionen.« »Na, sagte ich euch nicht, daß ihr über ihn lachen werdet?« hörte man Paris fragen. Und Nero wandte sich. »Jetzt weiß ich also, warum du wie ein Händler die Münzen häufst und deine Mieter Prozesse gegen dich führen müssen.« »Wegen Livillion natürlich! Alles für ihre Kleidchen und Kettchen und Gärten und Fischchen im See und solcherlei Sächelchen mehr. – Dachtest du, für mich? Cä – Flaccus? – Ich kann mit fünftausend Sesterzen jährlich leben, wenn's sein muß –« »Wie sie lachen«, dachte Otho. »Sie begreifen das nicht. Ich begreif es, – armer Alter. Ich könnte wahrhaftig von fünftausend Sesterzen im Jahr leben und alles, was ich habe, auf Poppäas Schultern häufen. – Kleine Poppäa – o süße Poppäa! Jetzt schläft sie und ich höre ihre Atemzüge nicht – vielleicht streckt sie im Schlaf die Hand aus, um mich an einer um ihren Finger gedrehten Locke festzuhalten, und die Hand findet mich nicht, weil ich zum Teilnehmer an Casars nächtlichen Vergnügungen befohlen bin – o Hades!« »Jetzt versteckt sich auch noch der Mond!« jammerte Mamilius. »Wir werden ganz sicherlich fehlgehen!« »Fehlgehen! Auf einer Heerstraße, so breit wie ein Dorfplatz! Und ich kann auch ohne Mondschein noch immer die Zahl auf den Wegsteinen entziffern!« »Nero kann das natürlich nicht«, dachte Otho. »Trotzdem müßte ihm der Ortssinn sagen, daß dies rechts vor ihm Aktes Haus ist – er müßte die Marmorvasen am Tor erkennen. – Er sieht nicht einmal hin! Armes Mädchen, ihr Glück war kurz! – Das Haus liegt öde und dunkel wie ihr armes Herz. Man sagt mir, daß sie jeden frühen Abend, zur Stunde, da er einst zu kommen pflegte, mit Lichtern und bereiten Kränzen auf ihn wartet. Und er geht an ihrer Türe vorüber in die Suburra, um seine Späßchen zu treiben. Ich weiß nicht, seit ich erkannt habe, daß das Glück des Eros nicht in der Lust, nur in der Liebe liegen kann, wird er mir immer fremder, der gute Nero!« »An Aktes Haus müssen wir wohl schon vorüber sein!« dachte Nero. – »Ich mag nicht fragen. Es sähe so töricht aus. – Nein, hier sind die Vasen am Tor – ich will sie nie wieder sehen. In der Beständigkeit liegt der Tod, nur der Wechsel bringt neues Leben. Heute nacht unter meiner Filzkappe, zu jedem Abenteuer bereit, angespannt und voller Neugier, fühl' ich mich leben!« Otho wandte sich. »Wir müssen nach links! – Wir müssen über die Milvische Brücke.« »War es nicht hier, wo Wegelagerer vor ein paar Tagen einen Gerbermeister auf seinem Mantel so lange in die Luft warfen, bis er ohnmächtig ward? Und dann zogen sie ihn aus und warfen ihn in den Kloakeneinstieg?« Nero stieß Paris in die Seite und sagte halberstickt vor Lachen: »Das glaube ich nicht! So etwas geschieht in meinem Rom nicht!« »Wenn ich dir sage, daß ihn erst die Ronde herausgezogen hat –« »Pst!« flüsterte Senecio, »du siehst ja, Cäsar hört solche Dinge nicht gern!« »Achtung!« meldete Pollio. »Ich sehe Gestalten auf der Brücke!« »Wie viele? Sagt mir doch, wie viele es sind?« fragte Nero brennend vor Eifer. »Nur zwei!« meldete Pollio. »Und wir sind sechs! Wunderbar! – Kommt, Pollio und Serenus! – Mamilius, du bleibst hier stehen und rührst dich nicht eher – ich befehle es –, bis wir sie auf den Mänteln haben!« Mamilius blieb zurück, verzweifelt wie ein Kind, das die Größeren beim Spiel nicht mittun lassen wollen. Eine Wolkenbank hatte sich vor den Mond gelegt und er nahm nichts aus als den schwarzglitzernden Strom, von dem es kalt herwehte, die schattenhaft ragenden Brückenpfeiler – und wie einen Rubin rotglühend, ein Lichtchen im Dunkel. Merkur, dem Gott der Wege und Übergänge, war ein winziges Heiligtum errichtet, davor die rote Ampel brannte. In deren Schein nahm selbst Nero zwei Gestalten aus, von denen die eine Riesenmaß zu haben schien. – Der Kaiser blieb hinter Pollio, Senecio und Serenus zurück, deren Laufschritte und gellende Pfiffe auf der Brücke hallten, und stieß atemlos vor Vergnügen, das ihn fast erstickte, hervor: »Los! Los! Haut sie! Otho! Paris! Los!« Im selben genußvollen Augenblick sah Nero, ohne es vorerst zu begreifen, daß Pollio, im Gruß sich straffend, zurückwich. – Dann erst erkannte er, daß der jähe spiegelnde Lichtschimmer vom nackten Schwerte des Riesen herkam, erkannte das Antlitz des Kleineren, der die Kapuze hatte fallen lassen. »Piso!« riefen Nero und Otho zugleich. Otho voll aufrichtiger Freude – Nero, indem er den Mittelfinger unter dem Mantel rasch an seinen Talisman, sein Schlangenarmband, führte, um weiteres Mißgeschick zu bannen. »Gegrüßt, meine Freunde!« sagte Piso mit der höflichen Heiterkeit, die seine Maske war. »Beinahe wär' es euch wirklich gelungen, mich zu erschrecken!« Nero legte ihm den Arm um die Schulter und lachte. »Ja, als Pollio und Otho dich erkannten, da baten sie mich, sowas wie einen Barbarenüberfall mimen zu dürfen!« »Beinahe wäre das übel ausgegangen!« sagte Piso leichthin. »Denn als man mir zu Ostia sagte, daß es neuerdings zu Rom Banden gäbe, die durch Überfall meine Reise stören könnten, nahm ich meinen Äthiopier Atlas mit. Der mag sechs Räuber wohl in Schach halten.« Der Riese ließ langsam seinen Mantel sinken. Nun sah man, daß getürmter Wirrschopf und Straußfedernschmuck ihn in der Vermummung riesisch hatten erscheinen lassen, denn seine Gestalt besaß nicht ungewöhnliches Maß, nur ungewöhnliche Vollendung. Das Weiße seiner Augen, seiner Zähne und der riesigen Raubtierfänge auf seiner nackten Brust glitzerte. »Verflucht! Das ist eine üble Geschichte!« dachte Nero. »Unmöglich, gegen ihn und diesen schwarzen Höllenhund aufzukommen. Sie haben Schwerter und wir haben keine. Wie kann ich es nur verhindern, daß er Thrasäa und Seneca erzählt, er habe Cäsar in der Filzkappe angetroffen?« »Das ist ja Piso!« rief eine entzückte Stimme. »Piso an der Milvischen? Wie kommst du hierher, du Sittenstrenger? – Mir scheint – mir scheint –« Mamilius drohte ihm schäkernd mit dem dicken Zeigefinger. »Das ist es!« dachte Nero. »Den Sittenstrengen mitschleifen, ihn betrunken machen und zum Mitschuldigen –« Piso dachte: »Ich kann ihnen nicht sagen, daß ich Pallas meine Sänfte abtrat, weil an der seinen die Tragstange zerbrochen war und nach dem Prozeß ihm keine Seele Hilfe zu bringen wagte. Scheußlich, daß ich grinsen muß wie ein ertappter Suburrabesucher.« Otho dachte: »Lob den Göttern. Ein anständiger Mensch, mit dem man wird reden können!« Der schöne Senecio dachte: »Das fehlte noch, daß dieser Laffe mitginge und man nicht einmal in Ruhe wird saufen und huren können.« »Mein lieber Mamilius, nach dem, was ich eben von Piso höre, hatte deine reifere Einsicht nicht unrecht, wenn du meintest, es sei jugendlicher Leichtsinn gewesen, unseren kleinen Nachtspaziergang ohne Sklaven zu wagen!« »O Cä – Flaccus!« murmelte Mamilius geschmeichelt. »Hier haben wir sechs Sklaven in einem, wie wir vernehmen, denn ich hoffe, Piso, du wirst deinen Freunden nicht Schutz und Begleitung versagen, um die wir bitten.« »Ich bin allerdings ein wenig müde, muß ich gestehen – und mein Weib wird über die Verzögerung meiner Ankunft erschrecken.« Nero hing schon an Pisos Arm. »Pah, müde! Ein Mann von deiner gerühmten Kraft und Ausdauer! Und Galla, die dich ein paar Monate entbehrt hat, wird die paar Stunden warten können. Um so schöner wird das Wiedersehen, wenn das Herzchen ein wenig um dich hat zittern müssen!« sagte Nero abschließend und leichthin. »Kommt, kommt, Freunde! Es wird spät!« »Welch verfluchter Tyrann! Hatte Rom nicht an einem Caligula genug? Muß ich bei seinen dunklen Bübereien Mithelfer sein, ich, Calpurnius Piso? – Nein, nein, dies zu denken ist der rechte Weg nicht! Ich, Calpurnius Piso, bin vielleicht von den Göttern des Wegs geschickt, um diese seine Bübereien, so gut ich's vermag, zu verhüten – aber werde ich's vermögen? Werd' ich?« Er fühlte Nero an seinem Arm stolpern und riß ihn auf. »Geh voran, Atlas, und melde die Hindernisse!« befahl er. Und der Äthiopier glitt vorüber mit der lautlosen Kraft und Grazie nächtlicher Raubtiere. Jenseits der Brücke hatte die Umgebung ein völlig anderes Gesicht. Statt der breiten, von Parkmauern und zurückgezogenen Villen eingehegten Straße – eine enge Vorstadtgasse. Statt der makellosen, gestampften Straßendecke – ungepflasterter Boden voller Gruben und Risse. Engbrüstige Häuser, aus deren Fenstern tropfende Wäsche hing – Baugerüste, die den schmalen Gehsteig verstellten. »Achtung, Herr!« murmelte des Äthiopiers gutturale, fremdklingende Stimme. »Und das ist Rom, der Nabel der Welt!« sagte Nero, zornig seine angeschlagene Stirne reibend. »Ein Rom auf Abbruch, – eine einzige Miststätte! Hier herum müssen doch deine berühmten Häuser ohne Treppen stehen, Mamilius! Was?« »Ein bißchen weiter stehen sie, die Häuserchen für Livillion!« meckerte der Alte. Aus den Fenstern fiel karges Licht. Er hatte Mantel und Oberkleid geschürzt und sie sahen seine nackten, kotbespritzten Wadensäulen durch den Schmutz traben. »Wenn ich Darius oder Alexander wäre statt N–« »500 Sesterzen!« lachte Senecio. »– statt Flaccus, – dann ließe ich die ganze Stadt mit Spitzhacke und Schaufel abreißen –« »Und was an die Stelle setzen?« fragte Piso. »Was? Sieh dir einmal an, wie Nero das eingeäscherte Bononia aufgebaut hat! Was an die Stelle? Tempel! Teiche! Unendliche Gärten, mein goldenes Haus! Nicht wie die Häuser des Tiberius und Caligula mit griechischem Gestein prunkend und mit bezifferbaren Schätzen – sondern nur durch Raumverschwendung und Geschmack – durch erlesene Fernsicht. Weite, wie sie nur einer sich leisten kann: der Herr der Welt, dessen Stadt der Nabel der Welt ist –« Nero seufzte. Und Piso fragte: »Und wo sollten die Tausende wohnen, denen dieser Bauplan die Heimat nähme?« »Heimat! Des Mamilius Häuserchen eine Heimat! Laß sie doch drüben, jenseits des Tibers hocken und nisten! Mamiliusse wird es immer geben, die sie in Miete nehmen!« »Wenn man sicher wäre, daß dies dein Ernst ist, müßte man jetzt schon Grundstücke drüben zu billigen Preisen aufkaufen«, sagte Mamilius. Piso schwieg. »Steinhaufen, Herr!« warnte Atlas. Der Äthiopier griff zu und half den Kletternden über die Ziegelsteine. Auf einmal war die Straße wimmelnd belebt. Vor den Häusern saßen dickbrüstige Matronen, denen die eingeschlummerten Kleinen schier vom Schoße rutschten. Nacktfüßige Männer hielten nach der Bohnensuppe noch ihre Gespräche mit dem Nachbar auf der Hausbank gegenüber. Halbwüchsige tosten als Räuber und Ronde vorbei, um im Vorüberjagen vom Erzeuger mit einem Kopfstück bedacht zu werden. – Mädchen, den schön gerundeten Arm zum Amphorenrand gehoben, kamen mit straffer Vorsicht des Schrittes zu dritt und viert vom Brunnen, und die Burschen mit der Nelke im Mundwinkel wandten sich, wie an Drähten gezogen, ihnen nachzusehen. »Ich möchte hören, was sie reden«, befahl Nero und bückte sich, als bände er seinen Schuh. – Piso schwieg. »– das kann schon sein«, sagte der Sprößlingsvater auf der Hausbank. »Jugend hat keine Tugend, was willst du von seinen neunzehn Jahren? Die kleinen Leute versteht er dafür, das muß man ihm lassen. Das kommt, weil der Germanicusenkel in Armut aufgewachsen ist. Wenn man denkt, was für stolze Luder diese Freigelassenen sind! Das hast du jetzt beim Pallasprozeß gesehn! Man hält ihm vor, daß seine eigenen Sklaven ihn Verwünschungen gegen Nero haben ausstoßen hören. Sagt der Kerl: ›Das ist eine Lüge! Seit dreißig Jahren habe ich mich meinen Sklaven nie anders als durch Wink und Blick verständlich gemacht!‹ Der hochmütige Hund, der selber Sklave gewesen ist! – Ich bitte dich!« »Unsereins behandelt die Sklaven wie eigene Kinder«, warf der Nachbar ein. »Ich sage immer zu Cänis –« »Kommt!« befahl Nero und richtete sich hochroten Gesichtes auf. Nach ein paar Schritten sagte er strahlend zu Paris: »Merk dir das Haus. Man muß dem Mann ein Geschenk zukommen lassen. – Das muß ich Seneca berichten – nicht als Gespräch aus der Suburra, sondern vom Forum natürlich. – Wie hatte er mir vom Pallasprozeß abgeraten!« »Und wie hat er triumphiert, als Pallas' Unschuld sich erwies!« »Unschuld? Lächerlich! – Schlauheit im Vertuschen seiner Unterschleife!« sagte Paris. »Was meint ihr, Piso und Otho?« fragte der Kaiser. Piso schwieg. »Ich meine«, antwortete Otho rasch, »daß, wenn dieser Weg über Stock und Stein noch lang dauert, ich anfangen werde, mich nach einem Wärmwein zu sehnen!« »Ausgezeichnet! Vielleicht macht der Wein unseren Piso fröhlicher!« lachte Nero. »Wo ist denn da eine Taverne?« »Da in der Seitengasse war doch eine!« »Richtig! Hier baumelt schon der Bacchuskranz!« »Wie's hier stinkt! Götter!« »Was war das? Etwas ist ganz nahe bei mir gewesen! – Ich habe glühende Augen gesehen!« jammerte Mamilius. »Ja wirklich! Was kann das sein?« Wie zur Antwort bellten Straßenhunde auf. »Horch! Man kommt! Achtung!« Eine Alte mit einem Laternchen, die eine Tracht Holz in einem Tuch auf dem gebeugten Rücken trug, ein halbwüchsiger Junge, der ein mit Marktkörben beladenes Eselchen antrieb, kamen das Gäßchen herab. »Los! Drauf jetzt!« befahl Nero. In einem Nu sahen die Alte und ihr Enkel sich von Vermummten umringt. Der Junge schrie auf, aber sein Schrei ward erstickt. – Die umgekehrten Marktkörbe ließen die goldroten Früchte in den Schmutz kollern. Die Alte zeterte: »Räuber! Mörder!« Ein Schlag machte, daß sie die Laterne fallen ließ. »Den Esel! Man muß den Esel fortjagen!« schrie atemlos vor Lachen Senecio. »Den Esel! Schnell! Seid ihr toll? Haltet ihr doch den Mund zu! Sie hören es ja drüben!« Der Esel stieß einen jämmerlichen Wehlaut aus und man hörte ihn in wilden Galoppsprüngen entfliehen. »Grauer! Grauer!« jammerte und lockte der Bursch unter Tränen. Und man hörte Paris deklamieren: »Still, Sklave – stör mit deiner eklen Stimme nicht das Kommen der verliebten Nacht –« Und Neros Gelächter. »Jetzt seht zu, daß ihr verduftet! Aber schnell! Und weh euch, wenn ihr es wagt, euch zu mucken! Wir folgen euch am Fuß mit gezückten Schwertern!« sagte Paris und rollte die »r«. Piso hörte die armen nackten Füße an sich vorüberpatschen, hörte das unterdrückte Schluchzen. – Er streckte die Hand aus und flüsterte: »Hier! Mütterchen, nimm! Kauf dir einen anderen Grauen!« Hastig schloß sich die zitternde Hand um den Geldbeutel. Das Schluchzen stockte. – Und dann trabten die nackten Füße weiter. »Bleiben wir heute abend beisammen«, flüsterte Othos vor Verlegenheit fast unwirsche Stimme. Und Piso sagte froh nach all dem Ekel: »Gern, wenn du willst!« »– denn man meint es ja sonst nicht zu ertragen, daß man, statt bei Poppäa zu sein, hier mittun soll –« »Otho! Piso! Wo steckt ihr! Wovon spracht ihr?« »Ich sagte, daß nur die Freundschaft für dich es vermögen kann, einem das Fernsein von Poppäa zu ersetzen.« »Du fabelst und fabelst von Poppäa«, sagte Senecios hämische Stimme im Dunkel. »Man wird nachgerade neugierig. Warum kommt sie nie zu deinen Festen?« Othos Hände wurden kalt. Er sagte: »Sie lebt seit dem Tode ihres Großvaters, des Triumphators, sehr zurückgezogen. – Auch ist unsere Ehe noch sehr jung.« Er wartete, ob Nero etwas sagen würde und atmete auf, Nero sagte nur: »Kommt, Piso, Otho, kommt, wo ist denn also die Taverne? Ich habe Durst!« Atlas stieß schweigend die Türe auf. Lichtschein fiel heraus und Pollio trat als erster gebückt ins Haus.   Es war eine Vorstadttaverne mit angeräucherter niedriger Holzdecke, unsauberen Bänken und ungemalten Mischkrügen aus Ton. Der Wirt mit der weinfleckigen Schürze hob kaum den Kopf, als die geringgekleideten Gäste eintraten. Er puffte seinen Sklaven, der gehorsam fortfuhr, mit schläfriger Stimme Weinnamen und Zahlen von einer Lieferrolle abzulesen. Die grauzottelige Wirtin wusch klappernd mit ihrer drallen Tochter Schüsseln und Becher in einem Zuber. Die Tochter, als sie so viele Männer eintreten sah, richtete sich offenen Mundes lächelnd auf und stopfte ihr Kleidchen mit den Zeigefingern fester durch den Gürtel. Piso sah, daß einer der drei Soldaten, die am Tische unter der hängenden Öllampe würfelten, dauernd im Verlieren war, weil seine Aufmerksamkeit ihr viel mehr als dem Spiele galt. Jetzt trocknete das Mädchen seine roten Hände eilig und mechanisch an einem zerrissenen Fetzen. Sie kreuzte den Raum, ohne den Blick von Pollio zu lassen, ihre Lippen standen halb offen, ihre Augen glitzerten. Pollio hatte mit Umsicht den Tisch an der Türe gewählt; indem er Nero und Piso die Plätze an der hinteren Wand einräumte, die anderen sich seitlich anreihten, nahm Pollio selbst mit Otho die äußeren Plätze ein. – Piso gewahrte mit plötzlicher Rührung, daß – das Mädchen in wirklicher Verwirrung war, so herausfordernd sie sich gab. – Sie fragte Pollio: »Was wünscht der Herr, bitte?« »Wein, den besten, den ihr habt, mein gutes Kind! Und sieh, daß er recht heiß ist, mein hübsches Püppchen!« antwortete Mamilius erwärmt und schäkernd ihr unters Kinn fassend. In der dunkelsten Ecke war ein einsamer Zecher neben seinem Kruge gesessen. Er hatte die Arme auf den Tisch gelegt und das weinbeschwerte Haupt auf sie gesenkt. Jetzt, als er des Mamilius Stimme vernahm, ging ein plötzlicher Ruck durch seinen ganzen Körper, er drehte sich um und einen Augenblick lang sah man unter zerrauftem ergrautem Haar das rote, verquollene Säufergesicht mit den tiefliegenden, vor Argwohn und Haß funkelnden Augen. Aber in diesem Augenblick hieb der Soldat drüben auf den Tisch, daß die zinnernen Becheruntersätze klapperten. »Was ist das für eine Wirtschaft!« schrie er. »Bedient man Straßenläufer und läßt Stammkunden dursten?« Und anklagend zum Wirt rückgewandt: »Quintus, dreimal habe ich schon Prisca gerufen!« »Sofort, sofort sollst du bedient sein!« brummte der Alte und schlurfte selbst zum Herde, den Wein zu holen. Der einsame Trinker machte eine wegwerfende Gebärde, sackte auf seine Bank und schien von neuem einzuschlafen. »Den Mann kenne ich doch!« murmelte Nero. »Wo habe ich dies Gesicht nur schon gesehen?« und er runzelte in ärgerlichem Nachdenken die Stirne, unzufrieden, weil mit zunehmender Kurzsichtigkeit sein gerühmtes Physiognomiengedächtnis nachließ. »Es sieht alles hier nicht sehr vertrauenerweckend aus«, sagte Otho. »Mir gefällt's!« kicherte Mamilius. »Die Wirtstochter ist ganz die Art von Hürchen, wie ich sie mag.« Das Mädchen kam. Stellte den Krug dicht neben Pollios nackten, sehnigen Arm, raunte: »Verzeih!« und schlug den anbetend verlangenden Blick zu ihm auf. Pollio, obwohl stramm im Dienst, fand Zeit zu einem sehr schnellen, zuckenden Lächeln. »Komm, setz dich, Vögelchen!« lockte Mamilius, aber das Mädchen, dessen Brust sich atmend hob, sagte zu Pollio mit so versagendem Flüstern, als gestände sie ihre jähe Liebe ein. »Es ist echter Cäcuber, Herr!« »Prisca!« winkte der Wirt, der den Soldaten bedient hatte, und das Mädchen, plötzlich mürrischen Gesichts, fragte: »Eh? Was soll's?« und schlenderte unwillig zum Soldaten, der auf sie einsprach. Sie tranken alle, als hätten sie die Wüste durchquert. »Der Wein ist gut!« sagte Mamilius, staunend und laut. Der schöne Senecio, der das Schenkenamt übte, bekam zu tun. Piso fühlte, daß der Wein überraschend schwer war, und trank zurückhaltend, während er die anderen die Becher leeren sah. »Du bist so schweigsam!« sagte Paris und trank Nero zu. Nero zog eine Grimasse. »Ich weiß nicht, wo ich den Säufer da drüben schon gesehen habe, und es martert mich.« »Am Forum! Im Zirkus?« half Paris. Nero schüttelte den Kopf. »Trink!« sagte Senecio, »vielleicht bessert das deine Laune! Beim Herkules, wenn es bei Cestius nicht lustiger wird, so hat uns der Abend mageren Spaß geboten!« »Warum geht man eigentlich zu Cestius, wenn man nur zu winken braucht, um in seinem Palast, unter persischen Rosen, die schönste Erfüllung der Welt zu umarmen?« fragte Otho plötzlich. »Die schönste Erfüllung der Welt ist Poppäa allein. Das haben wir oft genug gehört!« höhnte Senecio. Paris stand auf und reckte das Kinn, die Rechte in edler Geste erhebend und alle, die die Kopie Senecas erkannten, lachten schallend. Auch Piso lächelte. »Du fragst wie der Schüler eines Philosophen, mein guter Otho, und wie ein Lehrer von Philosophen will ich antworten. Denn solltest du nicht wissen, daß jenem, dem die Götter gegeben haben, Kuchen zu essen, das schwarze Gerstenbrot den Gaumen kitzelt, und jenem, der auf Flaumkissen zu liegen pflegt, die Pritsche den Genuß des Eros zu erhöhen scheint. Vielleicht ist es für die, die des Befehlens müde sind –«, Paris brach ab und fuhr in der eigenen, höheren und nachlässigeren Stimme fort, »– ein Genuß, von Cestius mit ›besoffenes Schwein‹ angebrüllt zu werden –« Sie lachten alle. »Das tut er! Ja, das tut er!« kicherte Mamilius. »Und anderes noch mehr, er pflegt die Sächelchen beim Namen zu nennen! – O! Pollio! Ruf du doch die kleine Dämonin herüber! Der Wein ist aus und mich dürstet.« »Prisca!« rief Pollio. Sie alle begannen mit den Becheruntersätzen zu klappern. Aber der Soldat hielt das sich wehrende Mädchen bei der Hand fest, und es war der Wirt, der schlurfend herankam. »Scher dich zum Hades!« fuhr Pollio ihn an. »Schick Prisca her!« Und Mamilius, aufgestanden, mit fetten Armen winkend, rief: »Prisca! Komm! Prisca!« In diesem Augenblick sagte Nero, zwinkernd auf das hergekehrte glühende Gesicht des einsamen Trinkers starrend, befreit: »Jetzt hab ich's!« Er schlug sich vor die Stirn. »Das ist ja der Fleischer aus deinem Prozeß, deinem Mieterprozeß, Mamilius, – der Kerl, der dich so anglotzt!« Und als er ausgeredet hatte und Mamilius, den Kugelkopf zwischen den fetten Schultern einziehend, wie eine erschreckte faltige Schildkröte hinüberschielte, geschah es. »Hab ich dich endlich, Hund, vermaledeiter!« zischte der Trunkene und kam schwankend immer näher. »Glaubt ihr, ich kenne euch nicht? Hunde allesamt! Hurensöhne! Von unserem Geld baut ihr Häuser, und es kümmert euch viel, wenn schwangere Frauen die Treppe hinuntergehen wollen, und die Treppe bricht ein und Frau und Kind sind krepiert. Der Richter spricht euch ja frei. Und dem lausigen Bettler, der es gewagt hat, den großen Herrn zu klagen, dem sperrt man die Bude für die Gerichtskosten! Glaubst du, ich kenne dich nicht, du feiner Hausherr Mamilius mit dem Ring an deinen fetten Wuchererhänden –« Pollio war aufgesprungen, aber der Fleischer fegte ihn zur Seite. Es kam wie Blitz und Einschlag: das Zuspringen, das Zerscherben des Mischkruges, den Mamilius umwarf, da er aufsprang, der Zustoß des Messers, Priscas hoher Schrei. In einer lautlosen Stille stand der Fleischer keuchend da und sah auf das Messer herab. Dann mit einem Schwanken der Stimme, das fast ein Schluchzen war, sagte er, als der Äthiopier und Pollio ihn faßten und ihm die Waffe entwanden: »Ruft nur die Ronde. Mit mir ist's ohnehin aus.« Mamilius war auf die Bank zurückgesunken. Als begriffe er nicht, starrte er mit weit aufgerissenen Augen auf sein Kleid, das sich mit erschreckender Schnelle färbte. Plötzlich, da der rasende Schmerz einsetzte, schrie er auf, raffte das Gewand empor, es schamlos schürzend über der weißen Fettkugel des Bauches, der Kläglichkeit des Geschlechts, schien an der furchtbaren Wunde erst die Wahrheit zu ermessen und schrie in einem Paroxysmus der Angst: »Ärzte, Ärzte! Helft mir doch! Hilf mir, Piso, ich will nicht sterben!« Plötzlich hörte man die hämische Stimme des Senecio: »Siehst du! Jetzt kann ich sogar deine Livillion heiraten! Da sie ja deine Miethäuser erbt –« Die Augen schienen aus Mamilius' Kopf zu treten, er warf sich mit einem tief gurgelnden Atemzug gegen Senecio vor und brach zusammen. Der Wirt, der Äthiopier, Piso, Pollio beugten sich über ihn. Pollio zuckte die Schulter und kehrte langsam den Daumen um. Prisca an der Brust des Soldaten schluchzte. »Bestie!« sagte der Wirt und schüttelte zornig die Faust vor dem Fleischer, der, das Kinn zur Brust gesunken, vor sich hinbrütete. »Dich sollte man zweimal aufhängen. Einmal für das da und einmal dafür, daß es gerade mein Haus hat sein müssen.« »O Moira!« sagte Nero, »– und Paris hatte uns versprochen, wir würden über ihn lachen!« »Ronde!« sagte plötzlich der Äthiopier. Sie lauschten alle hochgerissen und erstarrt. Das Lautgeben der Bluthunde, das Klirren der Erzschritte scholl im plötzlichen Schweigen immer näher. »Pollio!« zischte Nero gereizt und vorwurfsvoll. »Sie werden uns bei dem Toten finden!« »Verflucht und zugenagelt! Sie haben sich geteilt und sind auch schon im Hintergäßchen! Wir können uns auf den Profosenstrick gefaßt machen!« keuchte Priscas Soldat, der an der Türe hinter dem Schanktisch gehorcht hatte. »Und mir nehmen sie die Lizenz! Wir können betteln gehn ohne Lizenz!« jammerte der Wirt, mit beiden Händen den Kopf haltend. Sein Weib saß im Winkel und weinte fassungslos in ihre Schürze. Der Mörder saß genau wie vorher an seinem Tische, das Gesicht in die Arme vergraben. Schlief er? Schluchzte er? Prisca legte schüchtern die Hand auf Pollios Arm und sagte, mit dem Kinn auf den Toten weisend: »Da ist doch eine Falltüre, könnten wir den nicht hinunterschaffen?« »Natürlich! In den Keller! Kluges Mädchen!« Im Nu hatten Prisca, Pollio, der Soldat die Falltür am Ring aufgerissen. Pollio trat zum Fleischer, zog ihn an den Kleidfalten im Nacken auf und rüttelte ihn derb. »Mit mir ist's aus, Florinna! Mit mir ist's aus!« lallte der. »Du mußt da hinunter,« sprach Pollio ihm scharf ins Ohr. »Du mußt ihn auffangen. Marsch!« Er stieß den Schwankenden, der keuchte und gurgelte, hastig zum Abstieg. »Gut, gut!« sprach Nero gedämpft, »Strafe des Mörders, mit seinem Opfer im Dunkel allein zu sein! O Hybris!« »O Hybris!« wiederholte Piso erschauernd. Sie hatten Mamilius emporgezerrt. – Seine offenen Augen mit hochgezogenen Brauen schienen voll von lebendigem, staunendem Entsetzen, als man ihn schleifte und zog und hinabstieß. Das hohe Jaulen eines Hundes vor der Tür ließ Nero zusammenzucken. »Schnell, schnell!« befahl er. Mamilius' Bauch stak grotesk im Viereckloch fest, bis Pollio der vorhängenden Hampelmannschulter einen Tritt versetzte. Das bleierne Gesicht mit seinem Ausdruck, als seien ihm alle Rätsel des Jenseits nun nur allzu klar, sackte ins Dunkel hinab. Die Falltür schnappte zu. »Das Blut! Die Hunde werden das Blut wittern!« jammerte im Flüsterton der Wirt. Eine klare Stimme meldete draußen wie ein Echo: »Styx wittert Blut, Primipilar!« Nero zitterte, als der Hund wie toll an der Türe kratzte und schnob und winselte. Ein Schwertknauf schlug an die Türe. »Aufmachen im Namen des Kaisers Tiberius Claudius Nero!« Der schöne Senecio stieß den totenfahlen Nero an. »Aufmachen oder wir brechen die Türe ein!« Der Soldat ging, zog den Riegel zurück, stand stramm. Der Hund, den ein junger Rondensoldat führte, bellte und zerrte wie toll. Die anderen Hunde in der Hintergasse antworteten. In dem ohrenbetäubenden Tosen stand der Rondenanführer, ein Langgedienter, die Brust voller Spangen und Medaillen, und sah, eine Augenbraue hochgezogen, scharf und rasch jeden einzelnen der erstarrt Stehenden an. »Der Wirt?« fragte er. »Ich, Herr!« »Du heißt?« »Quintus Priscus!« – stammelte der Alte. »Vorüberkommende haben einen Wortwechsel und Schreie vernommen. Das Haus wird untersucht werden. Niemand darf es verlassen, bevor er Namen und Gewerbe genannt hat. – Den Hund hinaus! Man hört ja sein eigenes Wort nicht!« – Zu den Rondensoldaten mit Wachstafel und Griffel hinter ihm: »Hast du Quintus Priscus, Wirt?« »Jawohl, Primipilar!« »Du bist Soldat der Fünften. Du heißest?« »Gajus Junius.« »Das weitere wird sich finden.« Und zu Pollio: »Wer bist du?« Da streckte Pollio stumm seine Hand vor. Über das gefurchte Soldatengesicht des Alten lief ein Zucken. Er sah das Goldschild des Tribunen der Palastwache mit dem Adler Roms, den Beilbündeln und der Umschrift: »Tiberius Claudius Nero, Cäsar.« – Und er sah den großen feuchten Fleck auf dem gestampften Erdboden der Hütte und er wich so unwillig zurück wie vorhin sein Bluthund Styx, der das Verbrechen gewittert hatte. Da sah Nero ihn mit einem kleinen zitternden Lächeln an und zog langsam die Filzkappe vom roten Haar. Es traf den Alten wie ein Pfeilschuß. Man sah seinen Adamsapfel über der Rüstung sich beim Schlucken heben und senken und er befeuchtete die Lippen, ehe er zu sprechen begann. »O Götter! Wenn er doch den Mut hätte, uns zu verhaften!« wünschte Piso glühend und wünschte es doch auch wieder nicht. Der Primipilar räusperte sich. »Abmarsch!« kommandierte er. Und dann wandte er sich auf dem Fuße um. – Als er gekommen war, hatte er sich bolzengerade gehalten, die Brust gewölbt unter den Kriegszeichen und goldenen Spangen der fünfundzwanzig fleckenlosen Dienstjahre. Jetzt stolperte er zur Türe wie ein alter Mann. Polternd folgten ihm die Rondensoldaten. Die Hunde winselten draußen. Die Türe fiel zu. »So. Wir können gehen!« sagte Pollio laut und warf ein Goldstück auf den Tisch, an dem der Mörder gesessen hatte. – »Für deine Rechnung, Wirt!« Prisca stand neben ihm und raunte atemlos: »Herr – wirst du nie wiederkommen?« Er tat einen raschen Zugriff nach ihrem jungen Leib, statt eines Ja, statt eines Nein. »Prisca! Komm her!« schrie der Soldat. Wie ein dunkler Schatten glitt der Äthiopier, den man vergessen hatte, vor und tat die Türe auf. Es roch nach Nacht und Erde und sie sahen staunend, daß es regnete. »Hier geht der kürzeste Weg zur Brücke!« sagte Otho, als sie im feinen Regen standen. »Zur Brücke?« Nero lachte auf. »Du bist toll! Du glaubst doch nicht, daß ich jetzt heimkehre? Warum? Ich denke nicht daran! Wir haben beschlossen, heut zu Cestius zu gehen, und wir gehen auch zu Cestius!« »Bitte, wie du willst!« sagte Otho und man ergänzte das Achselzucken aus dem Tonfall seiner Stimme. »Übrigens, Otho, entsinnst du dich dessen, daß ich diesen Kerl, den Fleischer, einmal gemimt habe?« »Ich weiß, Flaccus!« sagte Pollio rasch und hell. »Ja doch!« gab Senecio zögernd im Gehen zurück denn jetzt bogen sie wieder in die Hauptader ein plötzlich dämmerte es ihm, und er fragte: »War's nicht damals, als Britannicus – seinen letzten epileptischen Anfall erlitt?« »Ganz richtig! Was Senecio für ein Gedächtnis hat!« »Kein Wunder! Ich habe nämlich den ganzen Abend daran gedacht«, überbot Serenus. »So eine prägnante mimische Darstellung verliert man nicht aus der Erinnerung!« »Mir ist übel!« dachte Piso. »Es ist zu viel. Mir ist wirklich körperlich übel. – Mich ekelt vor dem Leben. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt. Mit dreiundzwanzig hat mein Großvater drei Siege erfochten. Mit sechsundzwanzig hatte mein Urgroßonkel seinen Triumphzug. – Und ich? Ist das ein Leben, im Senat neben diesen ›ehrwürdigen Vätern‹ zu sitzen, die diesem Tier da Bildsäulen und Altäre errichten, vor ihm aufwarten und ihm die Füße lecken? Ist das ein Leben daheim bei Galla, ewig bedrückt von dem Schuldgefühl, ihre große, verzweifelte Liebe nicht erwidern zu können! – Ist das ein Leben, erhitzt und unerfüllt neben Octavia? – Und ich gehe hier, zur Gefolgschaft befohlen, im Dunkel hinter dem Manne her, der sie und mich elend macht, und habe nicht den Mut, das Schwert zu ziehen und ihn zu töten. – Wäre ich der noch, der vor vier Jahren mit Britannicus unter dem Baume lag – der hätt's vielleicht gekonnt. Aber mein weißes Kleid von damals hat viele Flecken bekommen. – Und er ist acht Jahre jünger als ich! Mein Sohn in der Wiege wird heranwachsen unter dem gleichen unwürdigen Joch und ein Sklave sein wie ich –« Otho dachte: »Schade, daß man mit Piso nicht reden kann, wenn man endlich einmal mit ihm zusammen geht. Der einzige, dem man die verfluchten römischen Begrüßungsküsse geben könnte, ohne sich nachher den Mund mit zehn Tüchern abzuwischen. Der einzige, der es verstehen würde, wie eiskalt mir jedesmal wird, wenn Senecio auf Poppäas Erscheinen bei den Festen hetzt. – Es ist wahr, ich selber bin schuld. Ich sollte sie nicht preisen, nicht von ihrer Schönheit sprechen. Aber ich kann nichts dafür. Plötzlich fällt es mir ein, wie sie morgens, noch verschlafen, die Finger um die Goldschale mit dem Wein wölbt, um sie zu wärmen – oder wie sie die dünnen Brauen aufzieht, wenn man ihr ein Geschenk bringt, oder wie sie böse wird und faucht und mit den lächerlichen Fäusten schlägt – und ich glaube zu ersticken, wenn ich nicht wenigstens davon reden kann –« Paris dachte: »Morgen muß der Kleine im Senat das Freigelassenenedikt durchdrücken und drei Tage darauf muß er mich als freigeboren anerkennen. Beim Orkus, er muß und er wird! – Wie schade, daß ich nicht durch den Ring des Gyges unsichtbar zugegen sein kann, wenn Dame Lepida erfährt, daß ich sie vor Gericht auf Rückgabe meiner Freikaufsumme von zehntausend Sesterzen klage, weil ich nämlich freier Bürger bin –« Senecio dachte: »Vielleicht gar nicht so übel, die Sache mit Livillion. Nero schätzt Mamilius auf mehr als zwanzig Millionen. Mindestens ein Zehntel hat der ihm sicher im Testament vermacht, um den Rest sicherzustellen. Die Erbschaftssteuern sind auch haarsträubend. Aber die Schulden könnte man zahlen und das Landhaus am Bolsenersee wäre ganz nett. Es ist Zeit, daß ich endlich wieder zu Geld komme –« Pollio dachte: »Komisch – wie der Primipilar mich an Vater erinnert hat, als Cäsar die Kappe vom Haar zog. Der Alte sah aus wie Vater, als er darauf kam, daß nicht der halbtot geschlagene Sklave, sondern mein Bruder Lucius den Siegelring vom Bettisch gestohlen hatte –« Serenus dachte: »Otho hat ja recht! Welche Narretei, da endlos im Finstern herumzustolpern, statt Cestius sagen zu lassen: ›Bring mir morgen nacht so und so viel Huren durchs Seitenpförtchen und so und so viel asiatische Schönlockige –‹« Nero dachte: »Warum entzieht sich Piso mir immer? Er ist der einzige, auf den ich nicht zu wirken vermag wie sonst auf alle, und es macht mich elend und unsicher, wenn ich nicht wirke! – Wirke ich auf ihn nicht, weil er der Beste von ihnen ist? Manchmal sieht er mich an, als verachte er mich – mich, Nero, den jugendlichen Gott von Rom!« Nero drängte Otho ab und hängte sich wieder an Pisos Arm. Seine Stimme klang fast schüchtern, als er fragte: »Wen von allen Männern in Rom achtest du am meisten, Piso?« »Thrasäa Pätus.« »Oh! – Thrasäa. Also nicht Seneca. So!« »Warum nicht Seneca?« dachte Nero. »Achtet er ihn wirklich nicht, oder lehnt er nur ab, was an mich gemahnt? – Warum mag mich Piso nicht? – Ist es wegen Octavia? – Aber Alexandra schwor mir, sie sei immer noch unberührt – was tun sie also? Sitzen sie beieinander und weinen über Britannicus?« Und mit ganz anderer Stimme, rasch, hart, lauernd, fragte Nero: »Und wen hassest du am meisten?« »Dich!« dachte Piso plötzlich. »Dich!« Er war so angefüllt von diesem Wort, daß er schwieg, um es nicht laut werden zu lassen, dann sagte er kühl und höflich: »Hassen? – Niemand. – Eher verachten!« Und lächelnd nach links deutend auf die Backstube, in deren herauswehender Hitze entblößte Bäckersklaven den Brotteig kneteten, und nach rechts, wo unter der Laterne hockend zwei fast nackte Mädchen wie aus dem gleichen Farbtopf grell geschminkt den Wanderern zuwinkten: »Ich wußte gar nicht, daß in der Suburra Tugend und Laster so nah beieinander hausen.« »Wie im Menschenherzen«, lächelte Nero nachdenklich. Piso dachte widerwillig: »Er hat geistige Anmut, wenn er will!« Und als sie kaum an den beiden Türen vorüber waren, winkte Serenus aufgeregt grinsend: »Pst! – Sie kommen!« Fackeln spiegelten sich im Kot der Straße. Zwei Sklaven, die einen Vornehmen heimgeleiteten, der schnell und rüstig des Weges kam. »Das ist ja Montanus!« wisperte Otho. »Nein, Freunde! Das geht nicht!« »Warum nicht?« zischte Senecio. »Hochmütiges Aas, ich gönn' ihm die Maulschellen!« »Er ist Senator!« »Aber noch ohne Amt«, warf Paris ein. »Ach was, Otho macht immer Schwierigkeiten!« rief Nero. Diesmal hielt er sich nicht voll Vorsicht im Hintergrund und ließ die anderen den Überfall wagen. Er war zu erregt – er sprang vor, fiel grell pfeifend den Wanderer an, und obgleich Pollio und Otho sofort zusprangen, hatte das neue Unglück dieses üblen Abends sich schon erfüllt. Montanus hatte den Mantel um den Arm wickelnd den Ansprung Neros abgewartet; jetzt hatte er ihn gefaßt, die Hiebe, mit zorniger Kraft eines reifen Mannes geführt, trafen Nacken, Schultern, Rücken, Antlitz, und Montanus sang fast im Takte: »Ich will dich lehren – römische Ritter überfallen! Ich will dich lehren, Patriziern die Börse stehlen –« »Seid gelobt, ihr Götter! Er glaubt wirklich an den Strauchdieb!« dachte Otho. Da schrie Nero rasend vor Schmerz auf: »Pollio!« Montanus sank der Arm herab, als er Namen und Stimme vernahm – er bückte sich, starrte jetzt erst in dies von schnellen Anschwellungen und Blutunterlaufungen entstellte Gesicht. – Sein hübsches, vom Triumph des schnellen Sieges gerötetes Antlitz verzerrte sich und er brachte lallend hervor: »Gnade!« Piso sprang vor und stieß ihn vor die Brust. »Was willst du denn? Du bist ja besoffen, Freundchen! Geh heim und leg dich aufs Ohr!« lachte er laut. Aber Montanus begriff nicht. Er kniete, umfaßte Neros kotige Knie mit vollen Armen, als umfasse er dies ganze vielverheißende, lockende, jäh bedrohte Leben. Er stammelte: »Gnade, Cäsar! Gnade!« Und Neros Knie stieß ihn fort. Vielleicht nur weil Cäsar sich für ihn und für sich selbst schämte. Einen Augenblick kniete Montanus noch. Dann sprang er auf und warf den Kopf zurück. Er winkte den Sklaven und ging so schnellen Schrittes die Straße weiter, wie er gekommen war. Piso dachte: »Zweiunddreißig Jahre, Vater von vier Söhnen und muß sich heute nacht die Adern öffnen, nur weil er einem wilden Tier des Nachts in der Suburra begegnete! Er hat mir meinen ersten Bogen geschenkt, und ich werde ihn nie wiedersehen. – Ich kann nicht weiter. Ich muß ihm folgen – ich muß ihm sagen, daß er nicht allein ist –« Otho dachte: »Piso läuft ihm nach. Recht hat er. Braver Kerl! Er blutet wie ein Schwein, der jugendliche Gott. Wie ich ihm die Hiebe gönne!« Senecio dachte: »Montanus hat große Landgüter, aber Serenus wird sie Nero schon ablisten.« Serenus dachte: »Montanus ist so gut wie schon begraben. Er hat herrlichen Besitz in Campanien, aber was gilt's, daß die Hyäne Senecio sofort die Hand darauflegen wird?« Paris dachte: »Nein, daß kein Spiegel da ist, um dem Kleinen zu zeigen, wie er aussieht. – Wie spät ist es? Die Bordelle haben schon fast alle zu!« Nero dachte: »Hund! Feige Memme! Erst zuschlagen wie ein Eseltreiber und dann: ›Gnade, Cäsar!‹ Dummkopf! – Für was hält er mich? Meint er, daß ich jede Schmach einstecke? Pollio muß zu ihm und ihm bedeuten, daß ihm keine Wahl bleibt! – Und vor Piso! – Piso hat mir's wohl gegönnt!« »Wo ist denn Piso?« fragte Cäsar scharf. Otho sagte rasch: »Er flüsterte mir zu, er wolle mit Montanus reden.« – »Reden? Was?« »Nun, ihn bewegen, das einzig Richtige zu tun.« »Ich weiß durchaus nicht, was du damit meinst«, sagte Nero fremd, kalt und böse. »Da sind wir endlich! – Schwer erkauft!« atmete Paris auf. Er schlug den phallusförmigen Klöppel unter der Laterne an das mit Kreide bekritzelte, bemalte Tor. »Ich dachte, wir kämen nie mehr an, wie in bösen Träumen!« lachte Serenus. Die Tür ging auf. Cymbelschlag tönte von drinnen und Trommelkollern. – Eine fette, freche, schleppende Männerstimme sagte aus dem rötlichen Dunkel: »Wieder ein paar solche Schlappschwänze, die zu Papa Cestius kommen müssen, um einmal zu spüren, daß sie Mannsbilder sind! Na, kommt nur rasch, mir regnet's auf die Glatze!« Nero trat ein. Nero ging in dem Empfangssaal des Caligula mit den Halbedelsteinmosaiken an Wandfeldern und Estrich auf und ab und kaute an seinen Nägeln. Manchmal blieb er vor dem alabasternen Torbogen zum Nebenraum stehen, dann sprang einer der beiden Nubierknaben, die in Hockstellung an der Wand kauerten, auf, um den tyrrhenischen gelben Purpur der Vorhänge vor ihm zurückzuziehen. Nero schritt hindurch und sah zerstreut auf das Lager aus vergoldeter Bronze und weißen Fellen und wandte sich, noch immer die Finger im Munde. Der Nubier sprang zu, die Vorhänge zu schließen. Nero kehrte zurück und sein schönes Gesicht nahm den unglücklichsten Ausdruck an, während er von neuem vor das Bildwerk trat, das ihn selber darstellte. Er hatte es bei Lysimachos bestellt, vier Wochen lang hatte er mit der Geduld einer Frau während der Sitzungen stillgehalten, der größte Maler der Zeit hatte die Statue bemalt, der größte Edelsteinschneider die Augen eingesetzt. Heute war sie hierher gebracht worden. Nero fand sie abscheulich. »Ich gebe zu, daß ich von der bildenden Kunst nichts verstehe«, dachte er. »Schließlich ist es ja auch genug, daß ich als Mime und Wagenlenker, als Kytharöde und Sänger, als Tragöde und Dichter meinen Mann stelle! Aber daß dies jugendbärtige, krampfhaft lächelnde Scheusal nichts von mir gibt und alles schuldig bleibt, kann auch ein Laie wie ich beurteilen. Unmöglich, dieses Fratzenbildnis in der Kurie aufzustellen. Wenn ich Tiridates wäre, ich würde die Künstler alle drei bei der nächsten Seefestspielschlacht mitrudern lassen, so wie zum Tode verurteilte Verbrecher.« Von neuem kam er zum Türbogen, neben dem die elfenbeingebildete Gestalt einer Daphne an zarten Füßen und klagend gereckten Händchen sich schon zu Wurzel und Wipfel goldenen Lorbeers wandelte, und der Nubier zog den Türvorhang auf. Nero trat ein, drängte sich neben dem Lager durch, um vor dem Wandspiegel stehen zu können. So nahe sich besehend, daß sein Hauch die polierte Silberfläche trübte, fand er sich vollendet geschminkt, jung und schön. Und nochmals zur Statue zurückgewandt, fand er sich in ihr unangenehm, fremd und fast häßlich. Er sah sich plötzlich in einem der unzähligen Spiegel, wie er an den Nägeln biß, senkte die Hand schnell und dachte: »Ich muß es mir endlich abgewöhnen. Mutter hat recht, es ist abscheulich!« Dann fiel ihm aufs Herz: »O Götter – seit vier Tagen liegt Mutters Brief auf meinem Bettisch, und ich habe ihn immer noch nicht gelesen – ich hatte wahrhaftig keinen Augenblick Zeit – vielleicht wollte ich auch nicht dazu Zeit haben – ihr Dämonen, was mir heute abend für scheußliche Gedanken kommen! Und der scheußlichste Gedanke ist, daß ich hier auf dies wildfremde Weibsbild warten muß. Was hat mich nur zu diesem Aberwitz getrieben? Was fiel mir ein? Aber es ist allein Othos Schuld! Was hat er mir doch seit Wochen und Monaten im Ohr gelegen mit Poppäa und wieder Poppäa – daß ihm der Adel und die Schönheit und die Freude des Menschengeschlechtes zuteil geworden sei und die Sehnsucht aller. – Ich bin endlich neugierig geworden, wen kann das wundern, wenn meine Künstlerphantasie sich einmal entzündet hat? – Ich habe ja auch gestern bloß so im Scherz gefragt: ›Was würdest du sagen, wenn ich dir befehlen würde, mir Poppäa morgen mitternacht hierher zu bringen?‹ – Aber als ich es gesagt hatte – und sein immer lustiges Gesicht eines galoppierenden Kentauren plötzlich aschfahl geworden war, da freilich – ich will mich nicht besser machen, als ich bin – ist diese verfluchte, kleine, spitze, flackernde Wollust am Wehtun wieder dagewesen, und ich habe geschwiegen und gewartet, daß er einfach sagen soll: ›Vergißt du, daß wir Freunde sind und daß sie mein Weib ist?‹ oder sonst etwas dieser Art. Aber Otho, mein Mitschüler, für den ich den Hesiod abgeschrieben habe, Otho, mit dem ich heimlich zum ersten Pferderennen durchgebrannt bin – der hat gesagt: ›Cäsars Befehl ist Befehl der Götter.‹ – Und mich hat der Trotz gepackt, und ich hab's nicht zurückgenommen, obzwar mir der ganze Abend verdorben war. Und jetzt ist mir der zweite Abend verdorben, da ich hier stehe wie die Abgeschiedenen am Acheron und auf dieses völlig fremde Weibsstück warten soll! Den ganzen Tag habe ich ihn rufen lassen wollen und ihm sagen: ›Du Narr der Venus! Behalt sie und nimm meinen Segen!‹ Aber es war wie verhext. – Empfänge und Kurie und Gerichtssitzung und Siegesboten des Corbulo und die Menge am Forum – und das Dankopfer im Marstempel – nicht ein einziger freier Augenblick! Aber – o Fortuna! Die Sanduhr ist ja schon umgekippt! – Mitternacht ist vorüber und Othos ›Adel der Menschheit‹ ist nicht da! – Pollio! – Wie lange soll Cäsar denn noch auf sie warten? Beim Orcus, Pollio! He! – Guter Pollio, lieber Pollio, goldener Pollio, schnell, schnell, wir lassen uns zu Paris tragen. Schau mich nicht so blöde an, wir überfallen ihn in seinem neuen Hause. Rasch, rasch! Halt! Der Weinaufseher soll dem Schenken aus dem tiberianischen Keller vier Krüge Koerwein mitgeben und Pollio –« Der Tribun vom Dienste öffnete die Türe und meldete halblaut: »Poppäa Sabina.« Nero fuhr mit einem vor Enttäuschung fast töricht blickenden Gesicht herum. An dem ehrfürchtig zurücktretenden Tribun vorüber kam eine Frau langsam auf goldenen Schuhen über den Estrich mit den Blumensträußen aus Halbedelsteinmosaik geschritten. Sie war in einen schwarzen Schleier gehüllt, der breite Streifen von abwechselnd dichtem und durchsichtigem Gewebe zeigte. Der dichte Streif lief über das Obergesicht, aber der durchsichtige ließ blitzende, junge Zähne zwischen roten Lippen sehen. Die Frau war groß. Sie ging nicht weich und den Bauch vor sich hertragend, sondern federnd in den Knien wie ein Jüngling im Gymnasium. »Ich störe! Du willst ausgehen, Cäsar!« sagte sie anscheinend belustigt, mit einer spröden, spöttischen Stimme, die manchmal sehr reizvoll kippte. Nero schwieg. Zum erstenmal seit acht Jahren war er unsicher und scheu wie ein Knabe. Und während er stand und sie anstarrte, kamen ihre beiden schmalen, langen Knabenhände aus dem Umhang hervor, hoben den Rand des Streifenschleiers über den Kopf zurück, daß er hinter ihrer enthüllten Gestalt zu Boden glitt. Vor Nero stand eine Frau in Jünglingstracht, in einem griechischen, kurzen Chiton, der ihre Schenkel in ihrer ganzen schmalen Länge freiließ. »Paris!« durchfuhr es Nero. Er hatte an Akte schwere Brüste gekannt, Attribute der Weiblichkeit, Kennzeichen eines dem Mond auf fremdartige Weise verbundenen Geschlechtes. Dieser Körper war zart und muskulös zugleich und hob wie der eines Knaben die Chitonfalten nur durch die sich kaum abzeichnenden Brustspitzen. Für einen Augenblick war Nero wieder Domitius und hörte Paris sagen: »Ich tanze heute bei Messalina. Na, Kleiner, gefall' ich dir?« Verwirrt und von Erinnerung übermannt, blickte Nero in Poppäas Gesicht. Kurzsichtig nahm er jetzt erst unter dem goldenen Haar die ein wenig schräg zulaufenden Brauen wahr, die glitzernd hellen Augen, die nüsternzarte Nase, den zu großen, spöttisch lachenden Mund. Paris' Mund. – Nero versuchte ein mühsames Lächeln. Plötzlich sah er, daß Pollios anbetend erstaunter Blick zu Poppäa flammte, und gab ihm wie einem Sklaven einen heftigen Wink, zu verschwinden. »Ist es denn möglich, daß ich diese Frau wirklich begehre?« dachte er überwältigt. Mechanisch fuhr er mit den Fingernägeln, zum angestrengt lächelnden Mund, um die Hand gleich wieder zurückzureißen. In vielen Spiegeln sah er ungenau farbfleckig sich selbst, wie er dastand, nur der eine, nächste ihm gegenüber, zeigte ihm sein gieriges, verlegenes und scheues Gesicht: das Gesicht des Knaben im Ankleidespiegel der Lepida. »Nein!« dachte er erschrocken. »Es ist nicht das allein, ich stehe ja da wie der Plebejer vor der Herrin alten Blutes. Kann es sein, daß der Enkel des Germanicus die Bohnensuppe der Kindheit noch nicht vergessen hat?« Und, als wolle er sich beweisen, daß er der Herrscher der Welt sei und alles ihm erlaubt, nahm er Poppäa in Besitz, ohne noch ein Wort mit ihr gesprochen zu haben. Als er wieder zu sich kam, sah er sie wie ein gestürztes Götterbild auf den nordisch-weißen Fellen liegen, und Tränen quollen unter ihren dunklen Wimpern hervor. Nero erhob sich, trat zum Vorhang und klatschte. Der Nubier öffnete gesenkten Blicks. Nero gab einen Befehl und wartete. Ein Gegenstand ward ihm gereicht. Er kam zu Poppäa und sagte sehr weich: »Nur ein Diadem kann für diese Tränen entschädigen!« – Poppäa hatte sich aufgerichtet, ihre süße Stirn gerunzelt, sah sie ihn an, ohne die Schatulle aus Schildkrot zu berühren, und hörte eine Stimme in ihrem Innern vernehmlich sagen: »Ja, ja – aber nur das Diadem von Rom!« Dann bat Nero sie fast scheu, die Abendmahlzeit mit ihm einzunehmen, und sah den ersten Glanz des Erstaunens in ihrem Gesicht, als der Speisesaal des Caligula sich auftat, dessen goldenen Springbrunnen Nero noch einen dritten hinzugefügt hatte. Als die Meerbrassen kamen, die für Cäsars Tafel allein gefischt wurden, hatte Nero durstig zum dritten Male seinen berühmten Lieblingsbecher mit der Darstellung der homerischen Helden geleert. Er hatte die Gewalt über sich wiedererrungen und jetzt sprach er gut und leicht. Otho hatte Poppäa lachend erzählt, daß Cäsar eigens den besten Schminksklaven vom Theater des Marcellus gekauft habe und stets, wenn auch mit erlesenster Kunst, geschminkt gehe. Aber vorhin hatte sie selbst die Sommersprossen unter der Schminke gesehen. Sie hatte bemerkt, daß der Sängerhals unter dem Jugendbarte verfettet war, daß die runden Finger abgekaute Nägel hatten. Als sie auf Othos Geheiß in die Sänfte gestiegen war, hatte sie gemeint zu fühlen, wie etwas in ihrem Herzen zerbrach. Jetzt liebte sie Otho stürmischer als je. Sie saß aufrecht neben der Tafel, an der Nero lag und mit seinen vollendetsten Tafelsitten speiste. Sie dachte: »Ich bin wie Proserpina«, als sie von der langen Kette der kaiserlichen Gerichte bloß einen Granatapfel aß. Die ganze Zeit stand ein Sklave mit der Schildkrotschatulle in schwarzen Händen hinter ihrem Stuhl. »Wird Cäsars Gabe so verschmäht, daß du es ablehnst, sie auch nur anzusehen?« fragte Nero plötzlich mit stirnrunzelnder Würde. Der Sklave trat vor und öffnete die Schildkrottruhe. Poppäa hielt überwältigt den Atem an. Sie war vom tollen Leichtsinn eines Weltmannes verwöhnt worden, der sich für sie untilgbare Schuldenlast aufbürdete, aber zum erstenmal erlebte sie nun die Freigebigkeit eines Weltherrschers. Dies war das Diadem der Partherkönigin, das Agrippina einst zurückgewiesen hatte, und es beschämte an Größe der Edelsteine und an Kunst der Goldschmiedearbeit alles, was Poppäa je gesehen hatte. Ihre schmalen, bräunlichen Hände zogen sich nach der Bewegung impulsiven Zugriffs sogleich zurück, aber Nero lächelte genau so entzückt über sie wie sie über das Geschmeide und nickte bittend. Eine ihrer Sklavinnen eilte aus der Vorhalle herbei und krönte sie mit dem Dreireif, eine andere hielt ihr den Spiegel vor, in dem sie, in ihre Schönheit tief versunken, sich betrachtete, ihr durch die Majestät des Königszeichens fast rührend ernst erscheinendes Gesicht hin- und herwendend, wobei die Quastenschnüre riesiger Perlen und Rubinkugeln an ihren schlanken Hals schlugen. Und Nero, der diesen Selbstgenuß begriff, der die Verführung begriff, die für die vollkommene Schönheit darin lag, sich im Goldschild der Macht zu spiegeln, war interessiert wie niemals noch von einer Frau, wie kaum je von einer Persönlichkeit überhaupt. Als Poppäa die Krone in die Truhe zurücklegen ließ, waren beide überrascht, sich mitten in einem fesselnden Gespräch zu finden, zu dem Nero sie anregte, indem er, der sonst so gern von sich sprach, rasche, kluge, diskrete Fragen stellte, die Poppäa verlockten, ihm mehr und mehr von ihrem Leben zu erzählen, als ergäbe sich die seelische Vertrautheit der beiden nach der körperlichen. Poppäa dachte: »Jetzt erst begreife ich, was Otho seine Anmut und geistige Feinheit nannte. Ich hätte es nie geglaubt.« Und es schien ihr vielleicht nicht völlig unverzeihlich, daß ihr erster Anblick solch jungen Mann so ganz um den Verstand gebracht habe. Und Nero dachte: »Otho hat recht! Sie ist Adel und Freude des Menschengeschlechtes.« Er sah sie unverwandt an, die mit der dreifachen Sicherheit der großen Dame triumphatorischen Geschlechtes – der schönsten Frau von Rom – und der vergötterten Gattin erzählte. Er erfuhr, daß sie bei ihrem Großvater Poppäus Sabinus aufgewachsen war, als Messalinas Feindschaft ihre Mutter verfolgte wie die seine. Der Triumphator hatte, enttäuscht, weder Sohn noch Enkel zu besitzen, Poppäa wie einen Knaben aufgezogen, sie schwimmen, reiten, fechten gelehrt. Jeden Morgen lief sie, an seinem Steigbügel hängend, das größte Rund des Stadions ab. Sie schoß wie die Königin der Amazonen, deren Tracht sie trug, deren männerfeindliches Leben zu führen sie träumte. Aber mit fünfzehn Jahren gab sie der Großvater auf dem Sterbebette seinem Freunde Crispinus zur Frau, der dreiundfünfzig Jahre zählte. Sie gebar Crispinus einen Sohn, aber sie hörte nicht auf, seine Nähe zu fürchten, seinen Griesgram zu fürchten, seinen stolzen Tadel. Ihr Leben begann erst mit siebzehn Jahren, als ihre Sänfte auf dem Forum, neben dem goldenen Meilenstein des Augustus, mit Othos Sänfte zusammenstieß. Nero sah ihren zu großen, frischen Mund zucken wie in Rührung, und er dachte, indem ihn zugleich das ungewohnte Gefühl der Eifersucht und das noch viel ungewohntere der Dankbarkeit dafür, daß jemand ihm der Eifersucht wert war, erfüllte: »Sie liebt Otho! Beim Orcus! Sie liebt ihn wirklich.« Er gab dem Haushofmeister einen Wink. Statt des farbig beleuchteten Wassers, wie bisher, zerstäubten die Brunnen nun cäsarische Verschwendung in die Luft, als man begann, sie mit Rosenessenz zu speisen. – Terpnus selber, der größte Sänger Roms, begann auf der Galerie zu singen, es klang, als käme die herrliche Stimme, der vollendete Kytharaton vom Götterhimmel selbst. – Aber als Poppäa lauschend schwieg, bat Nero: »Sprich weiter! Deine Rede klingt mir süßer als Musik ins Ohr. Erzähle mir mehr von deinen Tagen auf dem alten Landsitz zu Antium! Sonderbar, daß Otho mir niemals euren Besitz erwähnte.« »Er ist längst nicht mehr unser, Cäsar!« sagte sie und senkte den Kopf, als täte ihr der Gedanke weh. »Crispinus vertauschte ihn gegen die sabinischen Besitzungen des Montanus, weil er das Klima für meinen Sohn für minder gesund erachtete als die hohe Lage in den Bergen.« »Was?« lachte Nero auf. »Dem Montanus gehört dein Landsitz?« »Er gehörte ihm. Du weißt es doch, daß Montanus vor drei Wochen aus dem Leben ging?« »Ob ich das weiß. Ich bin sein Erbe, und so ist es mir möglich, dir das Reich deiner Kindheit wiederzugeben. Es ist dein, Poppäa, wenn du mir diese Freude gönnen willst!« Poppäas Augenbrauen stiegen, sie schlug die aufreizend zarten Knabenhände zusammen, zum ersten Male hörte er sie lachen – ein volles, unbekümmertes, bezauberndes Lachen, das die blinkenden Zähne sehen ließ. »O Cäsar!« hauchte sie und sah ungläubig in seine Augen. »Du hast mir sehr viel zu vergeben, Poppäa, und noch viel mehr zu geben«, raunte Nero, während Terpnus griechische Liebeslieder sang. Im Schlafgemach des Caligula, auf dem Bette, das dieser einst mit Caesonia und seinen beiden Schwestern bestiegen hatte – lag Poppäa. Da Caligula Spiegel geliebt hatte, sah sie sich lustreich und schlank wie Leda widergespiegelt, Neros goldenes Lockenhaupt auf ihrer Knabenbrust. Sie dachte unklar: »Wenn es nicht nur hieße, die schönste Frau von Rom – sondern die schönste Fürstin der Welt?« Und plötzlich fiel es ihr aufs Herz, daß es ja irgendwo drüben in diesem Palast eine Kaiserin von Rom gab – und sie haßte dieses häßliche, verschmähte Mädchen, das sie nie gesehen hatte. – Sie sah auf Neros Gesicht herab, wobei sich ihr rundes Kinn ein wenig auf ihrer Brust breitdrückte, und dachte: »Welch ein Vorteil für mich, daß Otho mir die ganze Zeit über alles von ihm erzählt hat. – Wenn er wüßte, was ich alles weiß. – Sonderbar, ich habe nie ein so wechselndes Gesicht gekannt wie dieses. Er hat ausgesehen wie ein zügelloser, häßlicher Dämon und jetzt gleicht er einem süßen Kinde.« – Sie wickelte mechanisch eine seiner Locken um ihren zarten Finger und sagte halblaut: »Deine Bildsäule drüben ist wohl von Lysimachos? Sie ist ausgezeichnet!« Er schlug wachgeschreckt die Augen auf. »Findest du? Mir kommt sie geradezu abscheulich vor! Findest du sie denn am Ende ähnlich?« »Doch!« »Was?« machte er und richtete sich auf. Sie drückte ihn nieder. »Du hast hundert Gesichter und eines davon ist so!« »So? Umsomehr werde ich mich hüten, dies hundertste in der Kurie öffentlich sehen zu lassen. – Ich weiß nicht, was ich damit anfange! – Ich kann es nicht ertragen!« Poppäa dachte nach und lächelte. »Warum machst du es nicht der Kaiserin-Mutter zum Geschenk?« Nero schlug sich den Schenkel, er begriff, was Poppäa meinte. Das liebe Volk murmelte darüber, daß Agrippina fast eindreiviertel Jahre in Tusculum lebte und er sie niemals besucht hatte. Viermal, fünfmal vielleicht war er schon zu diesem Besuch seufzend entschlossen gewesen, aber jedesmal hatten sich willkommene Hindernisse ergeben. »Beim Herkules, das tue ich!« sagte er jetzt vergnügt. »Der Nero des Lysimachos soll sie als mein Stellvertreter besuchen. Und mit allem Pomp, mit ganz großem Geleite. – Wie wäre es«, zwinkerte er, »wenn ich Otho bäte, den Zug zu führen?« In ihrem Herzen tat es einen kleinen Riß. »Nein«, sagte sie rasch fortblickend und leichthin. »Der ist nicht der rechte Mann für so gefühlvolle Sendungen.« Sie suchte einen Augenblick, sah vor sich ein Antlitz, vor dessen ablehnendem Ernst ihre Schönheit nicht mehr schön, ihr Zauber machtlos zu sein schien, und fragte: »Warum schickst du nicht Piso?« Nero küßte sie. »Poppäa, ich bewundere dich!« sagte er. »Auch meinen Geist?« fragte ihre reizvoll spröde Stimme.   Überall, wo der Zug vorüberkam auf dieser aufwärts sich windenden Straße, an den Weinbergen, war die Lese in vollem Gange. Überall sah Piso die rohen Sandsteinstatuen des Bacchus und des Priapus unter ihren tiefgrünen, kupfernen Wettertempelchen mit Weinlaub bekränzt, und vor ihnen dargebracht strotzte das frische Opfer der erstgeschnittenen Reben. Überall klangen Gesang und Frauenlachen, es blendete ihn vor farbigen Gewändern unter wildblauem Himmel. Überall richteten sich Gebückte von der Arbeit auf, um den großen Zug des Kaisers zu sehen, verharrten tiefgebräunte Mädchen mit der Korblast auf dem stolz getragenen Kopfe, überall liefen ihnen Kinder nach, nackt wie Eroten, in der Grübchenhand die halbzerquetschte Traube. Eine halbe Kohorte der Marinesoldaten aus Ostia schritt mit ihrem Feldzeichen voraus, in voller Rüstung, den glückverheißenden Lorbeer an die Lanzen gebunden. Dann kamen die berittenen Hilfstruppen von Colonia Agrippinensis, die unter Corbulo sich mit Ruhm bedeckt hatten, mit ihren bekränzten Feldzeichen. – Dicht hinter ihnen ritt Piso auf seinem syrischen Schimmel – des Staubes wegen – wie er sagte, in Wahrheit aber, um dem uferlosen Geschwätz seines Vetters zu entgehen. »Seit vier Tagen habe ich nur Sätze vernommen, die mit ›Unser Cäsar sagt –‹ begannen oder mit ›Wir Augustianer wollen nämlich –‹«, dachte Piso, während er Herbstsonne und Landschaft genoß. »Welche Wohltat, einmal eine Weile Pollios hochschmetternde Kommandantenstimme nicht hören zu müssen.« Seine Augen lächelten zu Atlas hinab, als er den goldenen Helm abnahm und ihn dem leichtfüßig mittrabenden Äthiopier hinabreichte, der schon den goldenen Rundschild trug. »Atlas, wenn du müde bist, dann warte auf die Maultierkolonne!« Der Äthiopier schüttelte nur lächelnd sein haarumbuschtes Haupt. – Hinter Piso kamen die Ochsengespanne, die die Gemächlichkeit ihres Schrittes allen Zugteilnehmern aufzwangen. Vierundzwanzig weiße, breitstirnige umbrische Ochsen mit vergoldetem und bebändertem Gehörn zogen den Wagen, auf dem die verhüllte Bildsäule des Kaisers seiner Mutter zugeführt wurde. Zu Häupten jedes Tieres ging ein Treiber mit einem Strauß an der Peitsche und einem Strauß am Hut, wie bei einem Brautzug. Flötenspieler, Cymbelschläger und Sänger folgten. Dann kam Pollio mit der anderen Hälfte der germanischen Reiterei und der Marinesoldaten. Dann kam die Sänfte eines Freigelassenen des Lysimachos, dem die Aufstellung der Bildsäule anvertraut war. Den Beschluß machte die schier endlose Maultierkolonne mit den Zelten und Truhen und Körben und Weinkrügen, mit den Leibsklaven und Köchen und Hufschmieden und Wagnern und Sänftenträgern und Vorlesern und Schenken, ohne die eine Reise großer Herren undenkbar war. Und zuletzt rumpelten für den Fall jäher Herbstschauer die riesigen Wagen mit ihren Viergespannen. Piso strich mit der Hand, die den Adelsreif trug, sein weiches dunkles Haar zurück, das der leichte Wind in Unordnung gebracht hatte, und sah über die lachende Landschaft. Er dachte an die Kinder, die Galla ihm zum Abschiedskuß aufs Pferd gehoben hatte – den kleinen Lucius, ganz Gallas Kind, heiter, kräftig und dem Leben die dicken Fäustchen entgegenstreckend, und den älteren Gajus Britannicus, seinen Liebling, Octavias Kind, wie er es heimlich nannte, zart, großäugig, nachdenklich, ein Kind, das nie laut lachte, nie laut weinte und, so winzig es war, mit dem stummen Einverständnis eines kleinen Freundes sein erlesen geformtes Händchen in des Vaters Hand schob, wenn sie schweigend zusammen im Park spazieren gingen. Piso atmete tief auf. So gerne hätte er, dem Augenblick und der köstlichen Verführung der üppigen Landschaft nachgebend, sich unbeschwert und glücklich gefühlt. Aber dieses Botenamt, vor langen Wochen ihm überraschend aufgehalst und jetzt endlich zur Wahrheit geworden, bedrückte ihn tief. »Soll ich der Verbannten, Gekränkten, Verbitterten entgegentreten?« dachte er zum hundertstenmal. »Wie soll ich sie darüber trösten, daß statt Nero ich komme, den sie als Lehrer des Britannicus mit ihrem Haß verfolgt hat! – Sie wird jammern, anklagen, rasen. – Sie hat die Macht so sehr geliebt und lebt schmählich von allen verlassen und allein! – Was soll ich ihr sagen, um sie nicht fühlen zu lassen, daß ich ihre ganze Armut empfinde –?« Seit der letzten Wegwendung sah er auf dem Gipfel des Hügels vor sich Tusculum liegen, das ein Vogel in kurzem, schwirrendem Anflug von Minuten hätte erreichen mögen; sein Roß aber hatte mit Schnauben und Kopfnicken und vorsichtigem Setzen seiner versilberten Hufe all den eigensinnigen Windungen des geröllbestreuten Weges zu folgen. Piso sah über sich auf der mit Feldsteinen untermauerten Terrasse die Weinleserinnen lachen und winken, und eine warf eine riesige Traube herab, die Piso auffing, ehe sie auf dem Fels zerschmettern konnte. Er winkte dankend zurück, schmeckte die prallen, von nährender Erde bestäubten, noch sonnenwarmen Beeren und hörte den kunstlosen Gesang der Kelterer, die ihre Esel im Göpel trieben. »In den warmen, wachsenden Nächten des Herbstes nach Bacchus wollen der Venus wir opfern! Eh der Winter des dunklen Todes hereinbricht, küsse mich, Caja!« Piso ritt rückgewandt und lauschte den latinisch vollen, süßen Stimmen, als ihn das heftige Bellen eines Hundes aufschreckte und er über sich seinen Namen rufen hörte. Überrascht sah er eine fremde junge Frau mit einem nackten Kinde am Arm fast laufend auf einer Schlangenwindung der Straße herankommen, die just über dem Wegstück lag, das sein Roß eben erklomm. Sie trug das enggegürtete Gewand der Weinleserinnen aus einem Stück blauer, heimgewobener Wolle mit weitem Ausschnitt, so daß ihr Nacken sich zeigte, der so tiefbronzebraun schimmerte wie ihre Arme. Auch der grobgeflochtene, großkrempige Hut mit hoch und spitz zulaufendem Kopf, der ihr gebräuntes Gesicht beschattete, wirkte bäuerlich, und doch verblüfften Piso Haltung und Kraft der Gebärde. Sie rief etwas, was im wütenden Gebell des Hundes unterging, der Anstalt machte, sich auf Piso zu stürzen. »Cinna! Cinna! Zurück!« befahl die Frau, und am metallisch tragenden Ton des Befehls, dem das Tier knurrend gehorchte, erkannte er erst, wer sie war. »Augusta!« jauchzte er, beglückt von einer Alplast befreit, Agrippina so zu begegnen. Atlas fing die Zügel auf und Piso begann, im Sattel stehend, die Feldsteinmauer zu erklimmen. Wie ein Städtestürmer, die Finger und Sandalenränder in die Fugen gepreßt, zog er sich empor, mit dem ersten Atem wiederholend: »Sei gegrüßt, Augusta!« Der Hund bellte von neuem. Das Kind war vor dem jäh auftauchenden fremden Mann erschrocken und schrie. Agrippina sprach ihm zu, während sie Piso voll sichtbarer Freude anlächelte. »Weine nicht, es ist schon gut, Agrippa! Schau dir lieber den Mann hier an, damit du einmal sagen kannst, ›ich habe einen richtigen Römer gesehen‹. Vielleicht gibt es keine mehr, bis du groß bist!« Piso strich sein Haar zurück, das der gleiche Wind zerwühlte, der ihr das einzige Gewand wie einer griechischen Statue an die Schenkel klatschte. Ihm war so wohl zu Mute wie seit langem nicht mehr, und er lächelte sein überraschend knabenhaftes Lächeln. »Vergib, Augusta, aber als du riefst, erkannte ich dich nicht sogleich. Schilt nicht! Wir waren ausgezogen, Agrippina zu begegnen, und ich treffe ihre jüngere Schwester!« Agrippinas schnelles Mundzucken allein sagte, daß sie ihn vernommen habe. Ohne ihn anzusehen, rief sie einem drallen jungen Weibe zu, das zögernd auf der Straße stehen blieb: »Komm nur, Tullia, und hol dir deinen Sohn. Er ist recht schwer.« Sie drückte einen Kuß auf des Kindes Wange, ehe sie es der Mutter übergab. »Dieses Kleinen Vater hat euch gestern beim Hain der Minerva angetroffen und er meinte, so wie eure Zugochsen gingen, würdet ihr nicht vor Sonnenuntergang eintreffen. Also lief ich noch zum See hinunter, den ich täglich durchschwimme, und am Rückweg jetzt –«, sie unterbrach sich und legte die Hand über die Augen. »Wer ist der Tribun? Ich kann sein Gesicht unter dem Helm nicht ausnehmen«, fragte sie, während sie den ganzen prunkenden Zug mit dem Blick überflog. »Pollio, Augusta!« »Pollio!« wiederholte sie und fügte rasch hinzu: »Piso, du wirst einsehen, daß ich euch so nicht empfangen kann, aber nach der Tafel am Abend werde ich dich rufen lassen!« »Wann immer du befiehlst, Augusta!« Sie pfiff dem Hund, sie wandte sich mit dem unhastig-fördernden Schritt, den Piso kannte, war schon weit, erstieg Stufen, war schon hinterm Graugrün der Weinstöcke verschwunden, dort, wo die Winzerinnen sangen. Das Tusculum des Germanicus lag breit, weiß und fürstlich in der hellen Sonne, völlig umrankt von den gelben, schwerkelchigen Rosen, die von dieser Stätte ihren Namen empfangen hatten. Im kaiserlichen Palast sowie im Palast der Antonia zu Rom hatte Piso niemals Tiere, niemals Blumen in Agrippinas Bereich gesehen. Hier schlugen Junos Pfaue, zitternd von der langen Anstrengung, die metallisch glänzende Pracht zu stemmen, ihr Rad. Im Teiche, dessen smaragdgrüne Fläche den Palast widerspiegelte, schwammen Schwäne und bunte Enten. Flamingos standen in Gruppen zusammen wie Sträuße korallenroter Blüten auf blaßrosa Stielen. Vor der Treppe säugte eine wolfsäugige Schäferhündin ihre Schar, und alle Räume, Gänge, Hallen, Treppen ertranken in Blumen. Einen Augenblick hatte Piso gefürchtet, der ländlichen Kargheit, die Agrippinas Kleidung kennzeichnete, auch im Hause selbst zu begegnen. Aber Haus und Lebenshaltung zeigten sich fürstlich wie je. – Der Majordomus trug am fetten Leibe die kaiserlichen Farben, es wimmelte von reichgekleideten Sklaven und von Freigelassenen. Creperejus stand da, sein vornehmes Gesicht von Freude überglänzt, als er die Boten des Kaisers in den Gästeflügel und später in den Empfangssaal führte. Piso sah, welch übergroße Hoffnungen Creperejus an die Botschaft des Kaisers knüpfte, und versuchte diese zu dämpfen, ohne Agrippinas Getreuen zu entmutigen. Im weißmarmornen Empfangssaal des Germanicus, in dessen Fensterbögen die Rosen mit überwältigender Übermacht einbrachen, stand die verhüllte Bildsäule auf provisorischem Postament. Der Saal war erfüllt von Agrippinas Freigelassenen und den Männern und Frauen großen Adels, die ihr hierher gefolgt waren. Sie alle meinten eine bessere Zeit dämmern zu sehen, als Creperejus den Silberstab vor Piso und Pollio zu Boden stieß und meldete: »Julia Agrippina Augusta!« Piso stand in voller Rüstung, straff zum Salut gereckt, und hatte das Gefühl, als sei er ein Knabe von siebzehn, und vor ihm stünde Octavia, stünde Britannicus, stünde Nero, die Hand über den Fleck im neuen Kleid gelegt. – Wie im Traum sah er die Flügeltüren sich öffnen und Agrippina, begleitet von den Herrinnen ihres Hofes, in den Saal treten. Agrippina trug den cäsarischen Amethystpurpur über dem Unterkleid von goldsteifer Seide. Ihr fast blauschimmerndes Haar, im Nacken noch ein klein wenig feucht vom Bade, türmte sich in reichen Locken über dem Diadem, das gleich dem Schmuck in ihren Ohren, an ihrem Nacken, an ihren Armen, an ihren Schuhen zu dem Gemmenschatz des Dioskorides gehörte. Agrippina ließ ihren großen, ruhigen Blick von einem der Tribunen zum anderen schweifen und sagte: »Ich grüße euch, Boten des Kaisers von Rom!« »Wären ihr Nacken, ihre Arme nicht so braun, so müßte ich glauben, daß ich geträumt habe!« dachte Piso. Und dann: »Wie schön sie immer noch ist!« Er trat vor und überreichte den Kaiserbrief mit dem Siegel. Agrippina, die zwei Jahre lang keine anderen Männergesichter erblickt hatte als die ältlichen ihres Hofes und die bäuerlichen ihres Besitztums, sah fast mit Staunen das bläuliche Email der ehrfurchtsvoll aufgekehrten Jünglingsaugen, die Glätte der Stirn, des Halses. – »Man sollte mehr Jugend um sich haben!« dachte sie. »Jetzt wäre Britannicus siebzehn Jahre alt!« »Claudius Tiberius Nero Cäsar entbietet seiner erlauchten Mutter seinen Gruß und bittet sie, sein Abbild von der Hand des Lysimachos als Zeichen der Liebe und des Gedenkens aufzunehmen!« sprach Piso. Pollio zog das Schwert und zerhieb die Schnüre. Die Purpurdecken fielen. – Piso sah deutlich ein Zucken durch Agrippinas Glieder gehen. Nero stand im Raum. Da war sein goldrotes Haupthaar, der kurzsichtige, eindringliche Blick seiner Edelsteinaugen, die runde Hand in Rednergeste halb erhoben, unterm Kinn der gekräuselte Jugendbart, der indes dem Schermesser gefallen und in goldener Büchse dem capitolinischen Jupiter geweiht worden war, und um den tiefroten Mund das aufgeklebte Lächeln – und das Lächeln der Agrippina, frisch, weißzähnig und heiter in dem braunen Antlitz, losch flackernd aus. Ihre Augen wurden starr vor Erkenntnis, als sie in Neros nacktem Gesicht zu lesen schien. Zwei harte Schmerzensfalten zeigten sich um den Mund. Das war Agrippina, wie Piso sie zu finden gefürchtet hatte, und sein Herz ging über vor Mitleid. »Kann ich ihr denn nicht helfen?« dachte er. »Kann ich nichts für sie tun?« Agrippina nahm diesen neuen Nero in sich auf; sie sah die neue, mißtrauische Falte zwischen seinen Brauen, die sie jäh an ihren Bruder Caligula gemahnte, sie sah den grausamen und lüsternen Zug um die Lippenwinkel und dachte an ihren Gatten Domitius Ahenobarbus den Jüngeren. Piso gewahrte, wie die unschätzbare Gemmenkette auf ihrer schwer atmenden Brust sich hob und senkte. Dann sprach Agrippina: »Die Großmut und Güte meines Kaisers bewegen mich tief, und ich danke euch, meine Tribunen, an seiner Statt.« Creperejus stieß den Silberstab zu Boden und rief: »Julia Agrippina Augusta lädt zur Tafel.« Die Kaiserin-Mutter hatte die Tafel früh abgebrochen, indem sie lächelnd erklärte, es sei ein Recht der Sklaven dieses Hauses – von ihrem Vater her –, das Fest des Priapus im Dorf zu feiern. »Meine Gäste lockt es wohl, diese latinischen Bacchanalien mitzuerleben. Ich selber will heute euch zugleich meinen Dank und mein Lebewohl sagen. Da ihr beide in aller Frühe aufzubrechen wünscht, wird euch Creperejus morgen mein Antwortschreiben an den Kaiser überreichen.« Aber als Piso sich vor ihr neigte, traf ihn bedeutsam ihr sprechender Blick. Pollio stand stramm, bis Agrippina, gefolgt von den Hofdamen, den Saal verlassen hatte. »Die Augusta hat wohl gescherzt?« fragte Pollio Creperejus. »Sie nimmt doch wohl nicht an, daß wir ins Dorf gehen, um uns unter die Bauern zu mischen?« »Doch! Doch!« lächelte der Haushofmeister fein. »Der große Germanicus hat dieses Fest niemals versäumt, das im ganzen Lande berühmt ist. Der Wein ist süß, die Mädchen sind's nicht minder, wenn ich jünger wäre, ging ich wohl selbst!« Sie waren zusammen die vier Stufen zur Terrasse hinabgestiegen, und vielstimmiger Gesang schlug ihnen ans Ohr. Überall unter diesem sternglitzernden Herbsthimmel hatte man Feuer angesteckt, die lohten, überall brannten Lichter, flackerten Fackeln. Der Geruch der tusculanischen Rosen schwamm gleichsam auf der Luft wie Öl auf Wasser. Unaufhörlich klangen Schritte, Rufe, Gespräch. Gelächter stiebte auf, und wenn einen Augenblick lang der Weg stille lag, so tobten Frösche und Zikaden. Wieder klang eine mühelos hohe, schwellende Stimme in der Ferne auf: »Eh der Winter des dunklen Todes hereinbricht, küsse mich, Caja!« »Kommst du?« fragte Pollio mit belegter Stimme. – »Vielleicht – ich bin müde.« »Müde? Lächerlich! In solch einer Nacht. – Also ich gehe!« Sie hörten ihn im Dunkel Stufen hinablaufen, auf Geröll ausgleiten, fluchen, weiterstürmen. Creperejus' feines altes Gesicht lächelte. »Die Augusta rechnete im voraus damit«, sagte er. »Sie läßt dich bitten, ihren Boten zu erwarten. Darf ich dich in den Büchersaal geleiten, Tribun?« »Ich danke dir! Störe dich nicht um meinetwillen. Wenn du erlaubst, so möchte ich hier draußen warten.« »Ganz, wie du es wünschest. Gute Nacht!« »Gute Nacht, Creperejus!« Piso stand an die Brüstung gelehnt, die Nüstern voll vom Duft der Rosenranken neben ihm. Über ihm glänzte die Milchstraße, und er dachte an den alten Mythos, den seine Mutter ihm, da er ein Kind war, erzählt hatte, die Sage von der Menschentochter Alkmene, die Herakles, den sie dem Zeus geboren hat, auf dem gewohnten Weg der Göttermutter aussetzt. Doch als die List gelingt und Juno das weinende Kind an ihre Brust legt, vermag Alkmene in ihrem Versteck ihr seliges Auflachen nicht zu unterdrücken. Und Juno schleudert rasend vor Zorn das Kind zur Erde. Aber in dem einen saugenden Zuge hat Herkules schon Unsterblichkeit an ihrer Brust getrunken, und die versprengten Milchtropfen stehen als Sternenbahn ewig am Horizont. »Da stehe ich und sinne den alten Sagen nach, während die anderen lieben und singen und lachen –«, dachte Piso. »Immer stehe ich abseits im Dunkel und immer allein. Wie einsam erst muß Agrippina sein, an diesen vielen, vielen Abenden.« Ein Hüsteln im Dunkeln weckte ihn. »Ja? – Wer ist es?« »Sklave der Kaiserin. Herr, sie bittet dich zu sich!« meldete ein zahnloser Mund. »Ich komme schon, mein guter Alter.« Piso trat blinzelnd ins Licht des Empfangsraumes, in dem Nero immer noch lächelte. Der Alte nahm eine Fackel aus dem Ring und führte durch die Halle mit den Wachsstatuen der Julier bis zu Gajus Cäsar hin, dem Vater des großen Cäsar, der Pisos Urahnin zum Weibe genommen hatte. Der Alte schlug den Vorhang zurück und meldete: »Gajus Calpurnius Piso« – und ging. – Auf einen Wink Agrippinas verbeugte sich Aceronia und verließ mit beleidigter Würde den Saal. Agrippina hatte den Festschmuck abgelegt und trug ein weißes, griechisches Hauskleid aus weicher Wolle mit purpurnem Saum. Sie lud ihn ohne Gruß zum Sitzen ein und fragte ohne Umschweife, was sie die ganze Zeit über gedacht hatte: »Lysimachos ist ein Meister der Porträtkunst – so also ist er jetzt?« »Was kann ich ihr nur sagen?« fühlte Piso. »Ich kann doch nicht sagen, daß das Bildwerk mißlungen und unähnlich ist, das Nero ihr mit so viel Aufhebens sendet –« »Du schweigst. Das ist deutlich genug.« Sie sah zu ihm auf – alle Frische von heute vormittag schien weggewischt –, sie sah alt und müde aus, aber just diese Müdigkeit, die etwas von der Kelchschwere der tusculanischen Rosen hatte, rührte sein tiefstes Herz. Die frische, straffe, sonngebräunte Frau vom Morgen hatte seiner nicht bedurft, und es hatte ihn bloß froh gemacht, sie heiter zu sehen. Diese hier mit den Schatten unter leidend erregten Augen, mit den Schatten in den Höhlen der edlen Wangenpartien hatte ihn gerufen, hing an seinem Mund. »Piso, jetzt erwarte ich von dir die Wahrheit über die ganze Begebenheit.« Und als sein Blick verriet, daß er nicht begriff, erklärte sie mit einem Anflug ihrer alten Ungeduld scharf: »Über Suillius und Seneca natürlich!« Piso schwieg überrascht still. »Woher weiß sie es?« dachte er verblüfft. »Der Prozeß ist keine acht Tage alt. Vier Tage liegt Tusculum von Rom entfernt. – Hält sie Späher am Hofe? Und wieviel weiß sie? Wieviel soll und kann ich ihr sagen?« Agrippina hing beinahe angstvoll an seinem Gesicht. Sie hob gebieterisch die Hand. »Ehe du redest, höre mich an, Piso. – Ich habe dich rufen lassen, weil ich viel von dir halte. Ich habe manches über dich gehört, und was ich hörte, war so, daß ich mich aufrichtig darüber freuen konnte, als man mir meldete, du führtest den Zug. – Ein Mann, der Pallas nach dem Sturz seine Sänfte überläßt, der Montanus in der Todesstunde beisteht – ist ein Mann. – Warum siehst du mich so an?« »Dein Wohlwollen überwältigt mich, Augusta, umsomehr, als ich in früheren Zeiten nicht den Eindruck hatte, mich seiner rühmen zu dürfen.« Agrippina lächelte schnell und hob dabei erstaunt die Brauen. »Hattest du nicht? Piso, – ich weiß es nicht mehr. Die Agrippina, die zwei einsame Jahre unter einfachen und gütigen Menschen geformt haben, ist – wolle wir hoffen – eine so völlig andere als jene, die im Kaiserpalast ihr Wesen trieb, daß in der großen Flut manchmal die Erinnerungsbrücken mit fortgeschwemmt worden sind. Ich weiß ums Gestern nichts mehr und ich fürchte mich nicht mehr vor dem Morgen. Ich lebe nur dem Tag und danke den Göttern für jeden einzelnen.« »Das allerdings spricht von erstaunlicher Veränderung«, dachte Piso, und ihm wurde warm ums Herz, während er Agrippinas klarem, eindringlichem Blick begegnete. »Ich möchte , Piso, daß du mir dies glaubst. Ich möchte, daß du zu mir wie zu einem Freunde redest.« Er sah, welche Überwindung es sie kostete, weiterzusprechen, aber ihre Stimme war völlig beherrscht, als sie fortfuhr: »Du mußt mir helfen, meinen Sohn klar sehen zu können, so wie er in diesen zwei Jahren geworden ist. – Siehst du – ich lebe hier, und kaum je verirrt sich einer der vielen, die sich in meinem Empfangssaal drängten, nach Tusculum. – Ich nehme es niemandem übel, ich stelle es bloß fest. – Und kaum jemals bekomme ich einen belanglosen Brief von Nero, dessen Anrede dann meist länger ist als sein Inhalt! – Aber ich schreibe jede Woche einen langen Brief, vielleicht an ihn – vielleicht an jemand, den es gar nicht mehr gibt. Vielleicht auch – sehr wahrscheinlich sogar – liegt der Brief dann tagelang ungelesen auf seinem Bettisch, bis der Sklave ihn forträumt –« »Wie klug sie ist!« dachte Piso. »– aber durch die Tatsache allein, daß dieser Brief geschrieben worden ist, besteht noch ein Band zwischen ihm und der einzigen Richterin, deren Spruch er noch scheut, wenn auch nicht fürchtet! Und vielleicht – dies ist meine Gewinstmöglichkeit eins zu hundert – liest er einmal eine halbe Seite oder einen einzigen Satz. – Ich muß also, dies wirst du einsehen, ungeschminkt erfahren, wie er ist, um zu wissen, an welcher Saite ich zu rühren habe. Verstehst du nicht, Piso, wie wichtig dies ist, jetzt mehr denn je, seit Senecas Name vor der Öffentlichkeit durch Suillius beschmutzt worden ist?« »Was für ein Gesicht!« dachte Piso, der sie ansah. »Geist, Energie, Seele sind die drei Dochte, die es wie eine Ampel von innen her leuchten lassen!« »Warst du in der Dekurie, als der Prozeß verhandelt wurde?« fragte Agrippina. »Bedenke, dies ist eine Sache, die nicht uns allein angeht, sondern Rom!« Es schien Piso seiner selbst und ihres Vertrauens unwürdig zu lügen. »Ja, Augusta!« nickte er. Agrippina rückte in ihrem Stuhle vor. »Erzähle!« Mit einer raschen, mechanischen Geste der Vorsicht wandte Piso den Kopf, sah Creperejus stumm im Torbogen Wache halten und begann. Agrippina sah die Dekurie wieder und unter der Statue der Justitia die Richter, deren Gesichter ihr so vertraut waren wie des Angeklagten Suillius dickes rotes Gesicht. – Es hatte eine Zeit gegeben, damals, als Claudius und Messalina noch lebten, als dies Gesicht, dessen brutale Frechheit gleichsam in den vielen großen Warzen an Stirn, Wange und Nacken auszubrechen schien, für Unzählige Verderben und Tod bedeutete. Jetzt malte Piso ihr diesen Suillius selbst von Verderben und Tod bedroht. Aber seine Frechheit und Brutalität waren ihm verblieben, er schien entschlossen, da er sich selbst verloren sah, im Sturz die alten Feinde mitzureißen. Er, der große Angeber, Verfolger und Erpresser, stellte den Richtern, deren einer Cäsar selber war, die Frage ins Gesicht: wenn sie seine lächerlich geringen Vergehen ihm so ankreideten, was solle dann den Lehrern vornehmer junger Leute geschehen, die deren unmündige Großmut für sich ausnützten? »Du entsinnst dich nicht seiner genauen Worte?« fragte Agrippina. »Laß mich nachdenken – doch! – Er schrie: ›Während ich als Quästor in Germanien kämpfte, hat Seneca sich zu Rom als Ehebrecher hervorgetan. Ich frage meine Richter, die es ja wissen müssen, durch was für eine unvergleichliche Weisheit und durch was für besondere philosophische Lehren hat Seneca binnen vier Jahren die Kleinigkeit von dreihundert Millionen Sesterzen verdient?‹« »Suillius soll doch ganz offen auf Julia, die Tochter des Drusus, und auf mich angespielt haben? Wie war das? Nannte er Namen?« fragte Agrippina. Piso begegnete ihrem offenen Blick. Sie sah das Mal auf seiner Stirne schwellen, aber er antwortete so sachlich wie sie. »Er fragte nur: ›Was ist ein größeres Verbrechen: wenn Prozeßführende mir aus eigenem Antrieb eine Belohnung angeboten haben, oder wenn andere, die sich als Tugendmuster preisen lassen, das Schlafgemach fürstlicher Frauen entehrten?‹« »Und was antwortete da mein Sohn?« »Nichts, Augusta.« »Es ist klar, daß ich jetzt meinen letzten Schutz verloren habe«, sagte Agrippina langsam. »Aber, Piso es ist am Ende gar nicht so schrecklich, sich in der Hand des Todes zu wissen, wenn man nur recht bedenkt, daß wir alle es ja von der Stunde der Geburt an sind. – Aber – was geschieht mit Rom?« »Ja –«, sagte Piso, »das ist der Gedanke, der mich Tag und Nacht martert: was geschieht mit dem großen heiligen Rom? Und es quält mich noch viel mehr, daß es mich martert und ich doch nur zähneknirschend herumgehen kann und meine Lippen beißen wie ein Sklave. Sieh, Augusta, du hast mich vorhin gelobt, weil ich mich gegen Pallas und Montanus nicht ganz und gar wie der letzte Feigling betragen habe! Aber was würden unsere Ahnen, deine und meine, davon gehalten haben!? – Habe ich Montanus gerettet? Ich bin bei ihm in einer Ecke gesessen und habe genickt, während er fluchte und jammerte! – Dem Kinde hast du gesagt, es sehe einen echten Römer. Armes Kind! Armes Rom, wenn die echten Römer nur mehr so aussehen wie Gajus Calpurnius Piso! – Nein, Augusta, die Wahrheit ist, ich kann ›römisch‹ und ›Römer‹, Worte, die für mich den ganzen Glanz und Stolz meines Lebens bedeuteten, nicht mehr hören, nicht mehr lesen. – Es ist bitter, für das einstehen und leiden zu müssen, was man nicht achten kann. Ich kann der Kurie nicht mehr vorangehen ohne Gefühle der ohnmächtigen Wut. – Hast du gehört, wie dieser speichelleckerische, sohlenküssende, wedelnde Senat sich überpurzelte, als Corbulos unerhörte Siegesberichte kamen? – Was Corbulo! – Wer spricht von Corbulo, dem Feldherrn? Wer spricht von der Zehnten, der Dritten, der Sechsten? – Verlotterte Barbaren und Latiner, aus denen er Helden gemacht hat! – Nero soll vom Heer als Imperator begrüßt werden! Auf Senatsbeschluß und auf Senatskosten finden Dankfeste statt! – Einer steht auf und beantragt die Errichtung von Standbildern! Einer schreit: Siegesbögen für Nero müssen errichtet werden! Einer springt auf und wünscht die Übertragung des Konsulats an Nero für eine Reihe von Jahren und die Erklärung erstens des Tages, an dem der Sieg errungen wurde, als Festtag, zweitens des Tages, an dem er verkündet und drittens des Tages, an dem im Senat darüber berichtet wurde! – Und jetzt denkst du vielleicht, wenn ich dir sage, daß einer aufstand und die Ehre von Rom rettete, ich sei es gewesen? Nein, Augusta, weit gefehlt –« »Du hattest als Tribun gar nicht das Rederecht und Stimmrecht!« »Nicht das Mannesrecht, gegen solchen Unfug aufzutreten? Aber beruhige dich, ich schwieg, und der Mann, der sprach, war Gajus Cassius!« »Piso! Cassius ist siebenundfünfzig und du sechsundzwanzig!« »Gleichgültig – es war endlich Menschensprache nach all dem Hundegewinsel. Er sagte: ›Wollte man den Göttern für so großen Segen danken, so wären alle Tage des Jahres nicht hinreichend für unsere Dankfeste. Es ist deshalb nötig, auch der Arbeit ihre Tage zu lassen, an denen man trotzdem die Götter von Herzen segnen mag!‹« Sie ließ seine leidenschaftliche Stimme, die nahe an Tränen war, verklingen. Dann sprach sie vor sich hin: »Und als der Senat ihm bald nach dem Regierungsantritt irgendeine Ehrung antrug, da wies er sie ab und sagte: ›Bis ich sie verdient haben werde!‹« »Man ändert seine Ansichten, Augusta!« »Es scheint so. Und jetzt nimmt er Otho noch Poppäa fort. – Schönheit ist ein Beruf wie ein anderer. Poppäa ist viel zu schön, um noch fürs Gutsein Zeit übrig zu haben. Liebt sie ihn wenigstens? – Nein? – Ich dachte es mir! Was also will sie bei ihm? Die erklärte Geliebte sein, nach Akte?« »Nein, Augusta! – Die Kaiserin von Rom.« Agrippina warf den Kopf zurück und stieß ein Lachen durch die Nase. »Sollte sie vergessen haben, daß diese Stelle zufälligerweise bereits besetzt ist?« fragte sie hart und hochmütig. »Man könnte es beinahe vergessen!« seufzte Piso. Agrippina sah ihn rasch und scharf an. Pisos schöne Augen hielten dem Blick stand. »Arme Octavia!« murmelte Agrippina und fügte bei: »und arme Agrippina, die jetzt eine neue Feindin hat!« »Warum, Augusta?« staunte Piso. »Du kennst die Frauen nicht, wenn du fragst. – Weil die schöne Poppäa wissen muß, daß, solange ich lebe, ich es nicht dulden werde, daß Octavia ein Unrecht geschieht. – Aber sage mir: ich hielt Otho wohl für einen Leichtsinnigen, für einen tollen Verschwender, für einen Besessenen in Belangen des Eros, aber ich hielt ihn für einen Mann! Und er sieht ruhig zu, wie man ihm seine vergötterte Poppäa fortnimmt?« »Nicht ruhig. Und deshalb eben soll er nach Lusitanien.« »Was? Nach Lusitanien? Was soll er just dort, am Ende der Welt?« »Als Poppäa noch des Crispinus Weib war, hat Otho Cäsar einmal angelegen, den lästigen Ehemann als Legaten nach Lusitanien zu verschicken. Jetzt, da er der lästige Ehemann geworden ist, trifft das Los ihn selbst. Cäsar hat ein erstaunliches Gedächtnis.« »Und eine erstaunliche Art von Humor«, sagte Agrippina, die vorgeneigt dasaß, den Ellbogen auf dem Knie, das Kinn in der Hand. Piso atmete tief durch: »Welch ein Jammer, Augusta, daß du, so wie du jetzt bist, nicht in Rom leben kannst.« Und traurig antwortete sie: »Du meinst, es sei ein Jammer, daß ich vorher, als ich anders war, in Rom lebte? Ja, das bedaure ich selbst manchmal. Aber da Reue nichts fruchtet, sage ich, es wird wohl alles gut gewesen sein, wie es kam.« Piso senkte den Kopf. »Augusta, du siehst immer wieder, daß du dein Lob an mich verschwendet hast. Nun habe ich dir meine ganze Last aufgeladen und hätte doch so gewünscht, die deine dir abzunehmen –« »Wie jung er ist«, dachte sie, »und wie schön dies sternäugige Gesicht!« Und sie fragte sehr froh: »Deine Last mir aufgeladen, sagtest du – das würde ja heißen, daß dir leichter ums Herz sein müßte?« »Ja!« gestand er, »mir ist so wohl wie lange nicht mehr, seit ich mit dir sprach – ach, vergib mir, Augusta, ich bin unverzeihlich selbstsüchtig gewesen.« (»Sein Mund ist zärtlich wie der einer Frau, aber die Falten darunter sind enttäuscht und bitter.«) Sie fragte: »Du hast keinen Freund?« Er schüttelte den Kopf. Dann lächelte er: »Doch! – Einen! Meinen Sohn Gajus Calpurnius Britannicus!« »Dein Sohn! Ja, wie alt kann er denn sein?« »Zwei Jahre, Augusta. Wie das Kind, das du heute morgen auf dem Arme trugst.« »Ja, Aber es ist dein Sohn. Und du kannst noch alles für ihn und von ihm erhoffen –« Erschüttert von dem schmerzlichen und ergebenen Lächeln um diesen hochmütigen Mund, lag er plötzlich vor ihr auf den Knien. »Augusta, ich bitte dich, ich beschwöre dich – was kann ich für dich tun?« »Mein Piso!« sagte sie gerührt und strich ihm wie einem Kinde übers dunkle Haar. Sie zog die Hand zurück, als habe sie sich verbrannt, und erhob sich. »Es ist spät«, murmelte sie, ohne ihn anzusehen, »und ihr müßt morgen beizeiten fort.« Plötzlich wußte Piso, wie er diesem hoffnungslosen Leben ein wenig Wärme und Glanz zu schenken vermöchte. »Ich habe dich immer bewundert, aber heute habe ich dich lieben gelernt!« Und staunend erkannte er, daß er wahr gesprochen hatte.   Agrippina dachte: »Seine Galla ist zwanzig Jahre alt und Octavia ist achtzehn«, und sie zog die Decke über ihren mit leidenschaftlicher Beharrlichkeit gepflegten Körper bis zum Kinn. Pisos Hände zogen die Decke wieder fort, und er lächelte. »Warum lachst du, Piso?« »Weil eine so kluge Frau so töricht sein kann.« »Ich werde am sechsten November sechsunddreißig!« gestand Agrippina. »Ich liebe Agrippina und nicht Agrippinas Körper.« Sie sah ihn nachdenklich an: »Du siehst nicht aus wie ein Römer – was dir ja lieb sein muß –, sondern wie ein Ägypter, mit deinen Schultern, die doppelt so breit scheinen wie deine schmalen Hüften!« Piso lag geschlossenen Auges da. Er dachte: »Janus ist doppelgesichtig, aber tausend Gesichter hat Eros. Ich Narr, der ich meinte, aus Mitleid zu lieben, und dem jetzt ist, als sei er nie vorher in eines Weibes Armen gelegen! Welch ein Abgrund zwischen Gallas unzärtlicher Leidenschaft und der leidenschaftlichen Zärtlichkeit der Augusta –« »Weißt du! Ich hätte einen Sohn gebären sollen wie dich, mein Liebster.« »Vielleicht gebierst du ihn noch!?« murmelte er halb im Schlaf und tat die Augen auf, als er den Schrecken stoßartig durch ihren Körper gehen fühlte. »Das wäre der Tod für dich, nicht nur für mich, möge Venus uns schützen!« murmelte sie. Aber er schmiegte sich in ihren Arm und schlief schon. Die ungewöhnlich langen und bogigen Wimpern verstärkten die Schatten unter den Augen. Agrippina lag reglos und hielt den Arm so, daß er als Kissen für sein Haupt diente. Sie dachte daran, wie sie so gelegen hatte, den neugeborenen Sohn im Arm. Sie dachte daran, was sie vom ersten Schrei an für das Kind erhofft hatte. – Aber ihr Herz schmerzte nicht mehr. Sie lag, ihre Wange an seiner Stirn und sah zur Decke auf. »Ich weiß nicht, welcher von euch, ihr Strahlenden, es ist, der jetzt lächelnd auf mich herabblickt«, dachte sie. »Ich weiß nicht, ob er meine Armut aus Vorsatz der Gnade beschenkt hat oder aus Übermut, wie ich damals, als ich Passienus geheiratet hatte, der Taubenverkäuferin vor dem Tempel meine Perlenkette zuwarf. – Aber ich danke euch, ich danke euch, ihr Götter, für diesen Tag, für dieses Glück, das kam, als ich gerade gelernt zu haben meinte, nichts mehr zu erwarten.« Zwei einsame Jahre lang hatte Agrippina nicht geweint. Jetzt weinte sie. Die Tränen schlugen mit einem kleinen dumpfen Laut auf dem Seidenkissen auf. Als eine Träne auf den Schlafenden fiel, zuckte seine Wange.   – Was für selbstquälerische Bräuche unsere lieben Ahnen doch ausgedacht haben! Den ganzen Weg bis zum Forum der Julia zu Fuß emporzuklettern! Und was für selbstquälerische Dummköpfe sind doch wir, die wir in den gleichen schweren Togen und Stiefeln es ihnen nachmachen, nur weil die Alten es uns vorgemacht haben! – Welche Kraft die Herbstsonne immer noch hat! – Und morgen ist Mutters Geburtstag. Merkwürdig, dies ist der einzige Jahrestag, den ich nie vergesse. Ich habe mich nur nicht überwinden können, ihr zu schreiben. Und am Ende habe ich ihr ja erst die Bildsäule geschickt. – Ob Poppäa recht hat und Mutter den tugendhaften Piso –? Lächerlich! So klug sie ist, aber das vermag eine Frau, die so liebt wie Poppäa mich, sich nicht auszudenken, daß Mutter nur um der Macht willen einen Geliebten nimmt. – Wie sie schreien, wie sie winken! – Hoffentlich sehe ich nicht zu erhitzt aus? Ich wollte, man könnte einen kleinen Spiegel im Togabausch mitführen, es wäre so wichtig. – Wie sie brüllen! Pollio und die Augustianer haben wirklich alle Mühe, sie abzuhalten. – Ich wollte, ich könnte demnächst im Zirkus ihnen Seife zuwerfen lassen statt der Loskügelchen für die Geschenke. – Manchmal gibt es auch ganz hübsche Untertanen, denen Cäsar recht gerne gnädig wäre. – Ich muß am Ende doch kein so ganz schlechter Kaiser sein, wenn sie so jubeln. – Ach, jetzt vortreten zu dürfen und die Kanacea in Kindsnöten mimen! Oder den Orestes sprechen! Ich wäre heute bei Stimme. Was, wenn ich es ernstlich täte? – Nie darf man, wie man will, weil man auf all die alten Popanze zu achten hat, die Pätusse und Cassiusse, möchten sie doch alle zum Orcus fahren!!! – Das Volk – ich wette – würde mir zujubeln. – Aber Mutter! – Poppäa hat recht, es wäre an der Zeit, ihrer Rute zu entwachsen! – Ich muß jetzt lächeln und winken! Und wenn ich leutselig den Arm hebe, dann verrutscht mir das Faltenende – nein, es ist glimpflich abgelaufen. Ich schwitze und mir klebt die Zunge am Gaumen. Ich werde mir zum Abmagern doch Poppäas Arzt kommen lassen, wie sie drängt und fordert – ich habe neuempfohlene Ärzte zwar nicht gern, aber die süße Poppäa hat ja tausend Gründe, mich sehr lebendig zu wünschen, und nicht einen einzigen, mich umbringen zu lassen! – Wie sie mir für die neuen Bäder im Kaiserpalast gedankt hat! – Die alten mit dem ganz weißen Marmor waren ja wirklich zu ihrem honigfarbenen Leib unmöglich, und sie hat endlich eingesehen, daß ich mehr Kunstverständnis habe als ihr Otho. Wenn er nur erst in seinem Lusitanien wäre, der – »Ich grüße dich mit gleicher Herzlichkeit, mein Cassius!« – Oh! Er sollte seinen Barbiersklaven stäupen lassen, er hat mir die ganze Wange beim Kuß zerkratzt, der große Republikaner, dem es nicht paßte, als der Senat mich ehren wollte. – Falscher Hund! Ich kann ihn nicht leiden. »Ich hoffe dich bei bester Gesundheit, mein Cassius? Schone dich! Rom kann solche Männer wie dich nicht entbehren!« – Ich wollte, ich vermöchte Rom zu zeigen, wie leicht es ihn entbehren kann. – Nehmen diese Stufen noch kein Ende? – Stufen muß man so langsam schreiten wie die griechischen Priester und die griechischen Chöre. – Poppäa könnte eine Griechin sein, viel eher als Akte, auf die sie so eifersüchtig ist. – Wenn es wahr ist, daß Freundschaft das Verwandte, das Gleichgesinnte braucht und Eros das Fremde und Rätselhafte, dann ist zugleich erklärt, warum ich niemandes Freund bin und von Poppäa so hingerissen. – Niemand kann näher – und sternferner zugleich sein als sie. – Ihr Götter, wenn ich nur diese Stimmen da drinnen durcheinanderreden höre, möchte ich die sehr würdigen Väter drinnen warten lassen und davonlaufen. – Sie ist wie die große Aspasia, von der man sagte, sie gehe jeden Abend als Buhldirne zu Bett und stehe als Jungfrau wieder auf. – Huh, eisig diese Halle! – Meine Stimme! – Ich hätte ein Halstuch nehmen sollen! – Das dunstet Alter und modert Ehrwürdigkeit! Wenn ich nur nicht wirklich heiser werde! Das ist die ganze Kurie nicht wert! – Jetzt darf ich nicht mehr lächeln – ich vergaß. Jetzt ist hehrer Ernst am Platze, eine gedankenschwangere Miene wie die Pisos. Sonderbar ergeht es mir mit diesem Piso. – Liebe ich ihn? – Hasse ich ihn? – Vielleicht hasse ich ihn und halte ihn für einen Feind, aber ich buhle um ihn seit jenem Abend in der Suburra wie um keinen anderen Menschen – »Ich grüße dich, Vitellius!« – Dickes altes Schwein! »Oh! Ich grüße dich, Lucius Piso! Wie geht es deinem Sohn? Es gibt nicht viele Väter, die mit ihren Söhnen so zufrieden sein dürfen!« – Der Alte hat ein ganz anderes Gesicht – eine ganz andere Stirne – sicherlich ist er der Mutter ähnlich. – Wenn dieser Piso mich vergöttern wollte wie Pollio – zehn Pollios gäbe ich darum und meine ganze neue Augustinergarde! – Aber seit er bei Mutter war, ist er noch kühler, wer weiß, wie sie gegen mich gehetzt hat! – Ach, der Gedanke an sie ist ein ewiger Dorn im Fleisch! »Ich danke dir, mein Pätus, wie steht es mit deiner Gesundheit, mein großes Vorbild?« – Hihi! Wie er sich ärgert, wie sein dürrer Adamsapfel schluckt und ruckt. – Endlich! Puh! Endlich sich setzen dürfen! – Unbequem setzen, aber doch! Dank den Göttern! Was gäbe ich jetzt für meinen homerischen Becher voll schneegekühlten Weins! – Piso! Ist das Piso drüben? – Natürlich! Wie er mich ansieht, manchmal meine ich den blanken Haß aus seinen Augen sprühen zu sehen, und – ich weiß nicht, wie es kommt – das reizt mich! Er tut, als sähe er mich nicht –, nun also – jetzt kommt er! »Mein Piso, wie geht es dir, schon erholt von den Strapazen deiner Reise?« – Du Hund, wenn ich denke, daß du mit meiner Mutter und meiner Frau geschlafen hast, könnt' ich dich locusten – aber nein, neulich schwor Octavias Arzt wieder auf ihre Jungfernschaft. »Piso, meine erhabene Mutter schrieb mir, sie habe ihren Aufenthalt in Tusculum abgebrochen, um sich auf dem Seeweg nach Antium zu begeben. Sie schien doch so zufrieden in Tusculum, wie du sagtest! Und nun diese plötzliche Veränderung nach einem Aufenthalt von zwei Jahren! Ich dachte, du würdest der Mann sein, sie mir zu erklären?!« – Täusche ich mich? Es zuckte über sein Gesicht, wie staunendes Begreifen, fast wie ein gerührtes Lächeln! Geht sie nach Antium, um ihn zu treffen? Aber er hat keine Landgüter am Meer. – Natürlich sagt er, es sei ihm ein Rätsel wie mir. – Ach – die Sitzung ist eröffnet – ich scheiße auf die Sitzung! Meine Augen sind zu schlecht, ich sehe nur seine Stirn. Er senkt immer den Kopf wie ein Widder. – Der Kerl muß doch irgendwie zu kaufen sein – alle sind sie zu kaufen, auch Seneca war zu kaufen –! Wenn man ihm die Quästur gäbe? – Diese Gesandtschaft von Puteoli wird wohl nie aufhören zu schwatzen – Gewalttat der Beamten – Habsucht der Machthaber – und das muß ich mir ernst wie ein Heuesel anhören, statt bei Poppäa zu liegen. – Ich bin schon wie Otho! Ja, jetzt verstehe ich ihn, und weil ich ihn verstehe, muß er fort. Wie sie gestern wahrhaft erschüttert in Tränen ausbrach, als ich sang! – und doch und doch immer wieder kann sie mir dieses unglückselige erste Mal vorwerfen und mich damit martern und mir vorhalten, daß nur Otho ein Liebeskünstler ist und ich im Sklavenbett der Akte die rüden Sitten gelernt habe. – Vielleicht ist Otho ein Liebeskünstler, aber ich habe den kleinen Vorteil, Kaiser zu sein; und er muß weg, weg, weg! – Drei Tage gebe ich ihm, dann muß er nach Lusitanien zu den Trauben und Maultieren. – Was – Cassius? Wunderbar!!! Sieh an, der wackere Cassius soll nach Puteoli, um Ordnung zu schaffen? Schnell, ich stimme! Vielleicht erschlagen sie ihn dort bei einem Aufstand, und ich bin ihn los! Dank, Fortuna! – Immer noch siegt Corbulo? – Artapata, eine Stadt aus weißem Marmor und rotem Gold, machen römische Legionen der gestampften Erde gleich. – Ich möchte Rom der Erde gleich machen und in Gold und Marmor für Poppäa aufbauen. Vielleicht würde sie mir dann verzeihen, daß ich Nägel beiße und wie alle Domitier Anlage habe stark zu werden! – Wie unwiderstehlich komisch war Paris doch, wenn er die gute Tante Lepida mit ihren dicken Brüsten mimte. – Wie sie mich haßt, seit sie Paris die Freikaufsumme hat zurückzahlen müssen. – Es ist zum Einschlafen heute! Ob der Stadt Syrakus erlaubt werden soll, die festgelegte Zahl der Gladiatoren zu überschreiten? – Welche Verachtung hat Mutter für die Mimen. – Gibt es eine schlechtere Rolle, als stundenlang hier in der Kurie zu hocken?! – Aber ja! Laßt sie überschreiten, damit wir zu Tische gehen können. – Was? – Pätus! Natürlich. Pätus widerspricht, wo Cäsar befürworten wollte. Du elender Schurke, ja ja – daß die Senatoren auch den unerheblichsten Dingen ihr Augenmerk schenken! – Und kaum spricht Pätus, da folgen alle dem Leithammel nach – Dreckfresser! Natürlich! Syrakus ist überstimmt. – Bande! – Hätten sie das bei Caligula gewagt? Gekuscht hätten sie! Ich bin zu gut für dieses Pack! Den Brand über euch! Die Pest über euch! Einmal werde ich ja doch diesen ganzen Senat – – Oh! Oh! Oh! Wer ist der Mann? Wer ist das? Beim Orcus, das sind Augen, – ich dachte, sie schauten mir bis ins Innerste. – Diesen Mann hab' ich ja einmal schon gesehen. – Wo hab ich ihn nur schon – es war doch bei einer wichtigen – einmal in der Nacht – oh! Der Mord an Claudius! Die Jupiterstatue! – Wie er aufregend lächelt! – Bei allen Göttern, heut gehst du mir nicht durch! »Mein Sporus, kannst du mir unauffällig sagen, wer dieser Mann ist – warte – sieh dich nicht um – eins, zwei – der vierte zwischen der Büste des Augustus und der des Scipio!« – Du tauber Trottel. Na, endlich hat er ihn. – Sophonius Tigellinus, Sophonius Tigellinus, Unterfeldherr des Corbulo in Parthien, deshalb!!! – Deshalb habe ich ihn, seit ich Kaiser bin, nicht zu sehen bekommen. – Nun, jetzt werde ich ihn zu sehen bekommen! Otho ließ Poppäa nicht aus der Umarmung. Er wollte nicht fassen, daß es die letzte Nacht – die letzte überhaupt sein sollte, daß sein Körper doch einmal gesättigt sein könnte, sein unendliches Begehren nach ihr gestillt. »Wie werde ich leben ohne Poppäa?« dachte er immer wieder. Hundertmal, tausendmal hatte er es schon gedacht, und immer wieder durchzuckte das gleiche Entsetzen sein Herz. Er sah in ihr gelöstes Gesicht, er suchte ihre Lippen und dachte: »Schon liebt sie mich nicht mehr!« Eine Angst, der Todesangst verwandt, trieb kalten Schweiß auf seine Stirne, auf diese niedrige, lustige Stirne, deren erhöhte Winkel wie Hörnchen wirkten. »Was soll ich tun, ihr Götter?« dachte er. »Ich liebe sie zu sehr – soll ich sie töten, statt sie ihm zu lassen? – Aber wie kann man solche Schönheit töten!« »Poppäa!« stammelte er, und da sie nur stöhnte, riß er sie auf und rüttelte sie, bis ihre Lider sich auftaten. Er sah das Weiße der Augen, nicht ihre Sterne. »Poppäa! Du wirst mich vergessen! Wirst du mich vergessen? Du bist ja eine Hure wie alle anderen! Was fragst du danach, wer dich liebt?! – Danach fragst du!« Seine von Leibesübungen vergröberte braune Hand wand die Kette von Smaragdkugeln, die sie um den Hals trug, wie ein Henkerseil zusammen. Sie fuhr mit ihren beiden Händen zur Kehle, riß die Augen auf und starrte ihn an. »Er wird mich noch morden!« dachte sie und schnellte sich zugleich ans äußerste Ende des Bettes. »Sie glaubt wirklich, daß ich ihr etwas antun könnte!« dachte er und ließ sich völlig erschüttert aufs Gesicht fallen. Ihre tiefgrauen Augen füllten sich mit Tränen, als sie seine Gladiatorenschultern im Schluchzen zucken sah. Sie neigte sich über ihn und, beide weinend, küßten sie sich rasend, verzweifelt. Poppäas bezaubernde Knabenhände streichelten sein dichtes Haar, sie beschwor erstickt: »Ich liebe nur dich!« »Und ich dich!« Und zum hundertstenmal knirschte er: »Wenn ihn doch die schwarze Pest träfe, den Hund, das Untier!« Plötzlich dachte er mitten im Kuß: »Vielleicht wäre es ihr im tiefsten Herzen gar nicht mehr so recht, wenn Nero stürbe? Vielleicht gehört sie schon gar nicht mehr so ganz zu mir, und ich sollte vor ihr vorsichtiger sein!« Und dann: »Vor meiner Poppäa? Vor meiner Frau?« Und ein so schneidender Schmerz ging durch sein Herz, daß er zu sterben meinte. »Wie er sich quält!« dachte Poppäa. »Und ich liebe ihn doch wirklich! Aber was soll ich tun, was kann ich tun? Es ist nicht meine Schuld? Die Götter wissen, wie ich mich damals gewehrt habe, zu Nero zu gehen! – Was kann ich dafür, daß beide mich so rasend lieben? – Wie elend er aussieht! Er ist gar nicht mehr mein lachender Pan aus dem Busch!« »Poppäa, hör mich an! Wirf alles hin! – Komm mit mir nach Lusitanien!« flehte Otho. Es war, als werde Poppäa in seinen Armen starr und kühl. »Kommst du?« bat er. »Es geht nicht, er würde dich töten lassen!« »Es gibt nichts, was ich fürchte, als dich zu verlieren!« Und Otho dachte an die zwei Legionen und die sechs Kohorten schwerer Reiterei, die in Lusitanien unter des Legaten Befehl standen. »Er ist ein Mann wie nicht viele«, dachte Poppäa, die die Huldigungen dieser Nacht gerührt und dankbar gemacht hatten. »Kann sein, daß ich es bereuen werde, Nero gewählt zu haben. Aber gäbe es irgendeine Frau, die an meiner Stelle mit Otho ginge, um sich unter Mauleseln und Trauben am Ende der Welt zu begraben? – Vielleicht eine, die aussieht wie Octavia –« Otho träumte – »Der ruminalische Baum, der achthundertfünfzig Jahre grünte, stirbt heuer ab! Und ein Weib hat eine Schlange geboren! Und ein Blitz hat Neros Bildsäule zerschmelzen lassen! – Das sind üble Zeichen für Cäsar. – Vielleicht kehre ich aus Lusitanien zurück und kann dir nicht nur mein Herz, sondern das Weltreich zu Füßen legen – Poppäa! Aber bis dahin, bis dahin! Wie soll ich ohne dich bis dahin leben? – Ob wohl Crispinus, als ich sie ihm nahm, gelitten hat wie ich jetzt? – Zum erstenmal fällt mir das ein! – Unsinn! Er war ja ein Greis! Mit siebenundfünfzig kann man nicht mehr lieben! Wie soll man da leiden können?! Aber ich bin vierundzwanzig und soll ohne Poppäa leben –« Sie war eingeschlafen. Otho weckte sie mit rücksichtslosen Küssen. »Schlaf morgen, wenn du bei ihm liegst!« keuchte er, und da sie gehorsam die schweren Lider aufschlug, haßte er sich um seiner Selbstsucht willen. »Meine Gazelle, vergib mir, meine Schönheit! Mein Glück! Ich habe dich doch nur mehr diese drei kurzen Stunden noch –« Sie legte ihre Hände um sein Gesicht, und seine Wange auf ihre Hand stützend, sagte er: »Weißt du, meine Freude, woran ich heute habe denken müssen? An deinen Arzt.« Poppäa richtete sich auf. »An Simeon? Warum?« »Weißt du, anfangs habe ich ihn ja ausgelacht, mit seinen schrägen Schultern und seinem Bart und seinen immer traurigen Augen. Aber seit er dich vom Campagnafieber geheilt hat, liebe ich ihn und habe, wenn du noch schliefst, oft mit ihm geredet. Und einmal hat er mir gesagt, auch die geringste Tat sei nicht ohne Folgen. Er hat gesagt: ›Wenn man nur einen Stein ins Wasser wirft, so ist es schon unmöglich zu berechnen, wie viele Lebewesen dadurch verletzt oder getötet werden.‹ Und ein anderes Mal hat er gesagt: ›Es gibt weder Orcus noch Elysium, es gibt nur das gute und böse Gewissen des Menschen!‹ Vielleicht bin ich darum im Orcus, weil mein Gewissen mich dafür büßen läßt, daß ich dich Crispinus genommen habe –« Poppäa hörte ihn nicht. Sie dachte: »Zu sonderbar, daß er plötzlich davon anfängt. – Hat Simeon ihm auch etwas gesagt?« – Sie schlug ihre hellen, tiefschwarz bewimperten Augen auf und nieder und dann sagte sie: »Ich will dir etwas erzählen, aber du darfst nicht wieder anfangen, mich zu bedrängen, denn – mein Herz –«, die herbe Stimme schwankte vor Liebe und Süße, »ich kann nicht mehr zurück.« Er sah, daß sie sich vor etwas ängstigte, und nickte stumm und hastig, um sie sprechen zu machen. »Simeon hat mir heute einen Trank gebracht – eine scheußliche Brühe, weißt du, und er hat gesagt –«, sie sprach sehr leise, »ich muß jetzt beginnen, ein Gegengift zu nehmen. Agrippina nähme es seit Jahren.« Sie sah ihn an. »Weißt du, dann kann einem die Locusta nicht mehr schaden!« Othos Herz setzte vollkommen aus, um dann wie ein Hausschild unterm Klöppel zu dröhnen. Er riß sie an sich, alle Muskeln gestrafft, als gälte es, sie gegen die ganze Welt zu verteidigen. »Götter!« keuchte er, »Götter!« und von neuem weinend, flüsterte er unter Küssen: »Glaub nicht, daß ich nur kleinlich an mich denke! – Mein Glück, meine Lust, mein Herz, mein Alles! Was läge an mir, wenn ich nur das Gefühl hätte, daß du glücklich werden würdest. Aber glaube mir, ich kenne ihn seit seinem elften Lebensjahr – er ist so von sich selbst besessen, daß es ihm unmöglich ist, dauernd einen Menschen zu lieben. – Und dann, Poppäa – es stehen vier Augen zwischen dir und ihm –« »Hättest du viel dagegen, wenn sie sich schließen würden?« fragte Poppäa lächelnd, und wieder hatte er das eisig kältende Gefühl, als wandle sie sich zauberisch in seinen Armen und sei eine ganz andere, indem er sie noch festzuhalten strebte. »Agrippina hat meine Mutter immer gehaßt, und Octavia ist nicht Fleisch, nicht Fisch – er hat mir gesagt, daß er sie nie umarmt hat!« »Ich selbst habe doch ihren Jungfernschrei gehört!« rief Otho empört. »Das sieht ihm ähnlich, es zu leugnen! – Poppäa, Poppäa, und diesem Mann soll ich dich anvertrauen.« »Ich habe keine Angst vor ihm«, flüsterte sie. »Überhaupt habe ich keine Angst davor, zu sterben! Aber davor, alt zu werden – Runzeln zu haben – nicht mehr geliebt zu sein.« »Ich werde dich immer lieben«, schwor Otho. »Auch wenn du alt bist und nicht mehr schlank wie ein zwiegeschlechtlicher Eros und nicht mehr launisch wie der Vorfrühling. – Ich werde dir die Decke um die Füße legen und den Schirm über dich halten als dein treuester Sklave –« Otho brach ab, denn er sah, daß Poppäa schlief, die Wange auf dem Arm, Schultern und zarte Knie angezogen. Er zog sorgsam mit seinen großen Händen die Decke über sie, stand vorsichtig wie ein Dieb auf und ging zum Fenster. Er lugte eine Weile durch den Vorhangspalt zu dem Himmel, an dem gnadenlos die Sonne aufging. Dann öffnete er den Türriegel. Nackt wie er war, weckte er sanft den Sklaven neben der Türe und legte den Finger auf den Mund. Er ließ sich baden und befahl, daß man ihm die Rüstung anlege. »Laß alle männlichen Sklaven sich in der Halle versammeln und rufe den Haushofmeister.« Und als der Alte kam, sagte sein Herr kurz und knapp: »Du wirst die Riegel vors große Haupttor legen lassen. Du wirst selbst alle Pforten verschließen und die Schlüssel vor mich bringen. Du wirst zusehen, daß jeder Sklave vom ältesten bis zum jüngsten aus meiner Waffenkammer gewappnet wird nach seinem Vermögen. In zwei Stunden werden des Kaisers Centurionen kommen, um die Herrin fortzuführen. Ich werde sie mit Waffengewalt verteidigen. Laß Wein und Fleisch verteilen an die, die fechten sollen. Die Herrin darf nicht gestört werden. – Das ist alles.« Der Alte verneigte sich stumm. Otho hörte drunten das erzene Palasttor zuschlagen. »Helena!« dachte er. »Mag die Burg des Priamos in Flammen stehen! – Helena!«   Nero lag quer über dem Ruhelager, auf dem der Arzt Simeon ihn untersucht hatte. Er ließ seine nackten Füße die Marmorwand hinaufspazieren, dehnte die Arme und sagte: »Gewiß, gewiß, Simeon, es ist deine Pflicht, Cäsar zu warnen, aber weißt du – es ist Cäsars Recht, deinen Warnungen zum Trotz zu leben, wie er Lust hat, nicht wahr?« Er lachte schallend. Nero war immer am heitersten, wenn er nackt war. Simeon beugte sich vor, seine beiden entblößten Arme tief im Waschbecken, in das silberne Delphine das warme Wasser der Röhrenheizung spien. »Ärzte und Propheten sind es gewöhnt, verlacht zu werden, solange die guten Jahre währen!« sagte er lächelnd. Nero setzte sich auf. »Was frag' ich schlechten Jahren nach, die später kommen!« – Er sang es und sein Bariton übertönte süß und groß und voll das Rauschen des Wassers, füllte den warmfeuchten Ruheraum. Simeon scheuerte mit Bürstchen seine kurzen Nägel, wandte über die abfallende Schulter sein geduldiges, weises und häßliches Gesicht und stellte fest: »Eine gute Resonanz hat die Stimme!« Als habe er die Feder einer Spielfigur berührt, setzte Nero in raschem Schwung die Füße auf den Wollteppich – kam zu ihm, legte den Arm um ihn und fragte gierig: »Nicht wahr? – Hörst du das auch? Ja, jetzt endlich habe ich sie, die Resonanz! – Man sagt, ihr Juden versteht etwas von Musik. Hast du je Terpnus gehört? Ja? Terpnus ist mein Lehrer. – Das heißt, jetzt übe ich nach meiner eigenen Methode! Und seither erst habe ich die Höhenlage freibekommen.« Nackt wie er war, begann Nero die Klage der Niobe zu singen, der Mutter, deren Kinder Pfeil um Pfeil des zürnenden Apollo und der beleidigten Artemis hingerafft hatten. Simeon lauschte geduldig, den bärtigen Kopf schief haltend, während er seine von stetem Waschen rötlichen Hände an einem Tuche trocknete, das eine abschreckend häßliche, halbnackte Negersklavin für ihn bereithielt. »Was sind sie doch für seltsame Menschen, diese Heiden!« dachte er. »Da steht dieser nackte Jüngling vor mir, der Kaiser von Rom, und trillert vor Schmerz über den Tod von elf Kindern, die sein welker Leib geboren haben soll. – Aber die Stimme ist schön, sie ist viel schöner, als ich gedacht hatte. – Jedem anderen würde ich's auch einfach sagen. Sagt man's einem Kaiser?« »Die Stimme ist ein Geschenk Gottes«, äußerte er zurückhaltend, als der Kaiser endete. »Ist sie stark genug? Meinst du, daß sie das Theater des Marcellus füllen kann?« »Ich kenne das Theater des Marcellus nicht, Herr. Aber Stimmbänder und Lunge bieten keinen Einwand.« Nero lachte vor Vergnügen über das schlechte Latein und warf sich auf das Ruhelager zurück. Simeon sah nur, daß der Junge heiter war, und sein roter Mund im assyrisch-schwarzen Barte lachte mit. »Poppäa hat mir immer schon von dir geschwärmt!« sagte Nero bezaubernd liebenswürdig. »Sie meinte, ich würde bald so entzückt von dir sein wie sie selbst.« »Oder auch nicht, Herr, oder auch nicht! Denn jetzt müssen wir mit der Massage beginnen. Von hier herüber, Mahua! und hier ordentlich – und hier«, wandte er sich an die alte Negerin. »Du hast angenehme Hände, Jude!« sagte der Kaiser. – »Au!« Die Alte begann, rhythmisch hin und her gewiegt, daß ihre flachen Brüste wackelten, den Leib des Kaisers zu kneten. Ihre schwarzen Hände mit rosiggrauen Nägeln und Innenflächen, die von gelbem Salbfett troffen, gruben sich tief in das weiße Fleisch. »Den verfrühten Schmer wollte ich schon herunterbringen«, dachte Simeon, »wenn er jeden Tag Mahua kommen ließe und nicht zwölf Gänge zur Nacht äße. Sie sagen, er habe als Kind von Speck und Bohnen gelebt, darum liebt er wohl jetzt Gerichte, gepfeffert mit Gewürzen des ganzen Orients. Das verschlackt ihm den Körper und überheizt die Sinne.« Nero stöhnte. Simeon winkte Mahua, innezuhalten. »Ich höre, Herr.« »Du läßt mich bitter für meine Laster zahlen!« »Das läßt uns Gott, nicht die Menschen.« »Hast du Laster, Jude?« fragte Nero mit aufgerunzelter Stirn lächelnd. »Will er Spott treiben mit dem Beschnittenen?« dachte Simeon überrascht, die Finger der Rechten im Bart. »Oder will er mich die ärztliche Warnung büßen lassen? Ziemt es mir, mich der Tugend zu rühmen? Aber andererseits, wie sollte ich Einverständnis zwinkern?« »Nun?« fragte der Kaiser. »Herr, ich bin alt. – Ich bin fünfundfünfzig und ich arbeite hart. Auch habe ich ein Weib vor Gott genommen und habe sechs Söhne von ihr und drei Töchter. Es ist Gnade Gottes, nicht Verdienst, wenn deinem Diener erspart bleibt, zu erröten.« Nero sagte, schroff akzentuierend, jedes Wort mit dem Atem hervorstoßend, während Mahua ihn knetete: »Und Poppäa? Fassen dich nie, nie Gelüste, wenn du sie wie ein Liebhaber siehst?« »Was will er?« dachte Simeon zögernd. »Irgendwo will er hinaus. Will er den Eifersüchtigen spielen? Ich mag seine Augen jetzt nicht.« »Unser Gott straft, die da sündigen, Herr, bis in ihre Gedanken.« »Dann freue ich mich, nicht an ihn zu glauben«, lächelte Nero böse, flackernd, angestrengt. Plötzlich kam es. »Jude, kann ich ein Kind haben?« Simeon lächelte entzückt, erleichtert. »Ohne Frage, Herr! Die Herrin Poppäa hat Crispinus einen Sohn geboren, und nichts läßt vermuten, daß dir Zeugungskraft versagt wäre –« (Was starrt er mich so an?) Nero setzte sich auf und stieß Mahua zurück. »Du verstehst mich nicht«, sagte Nero kalt und klar, »ich frage nicht, ob ich ein Kind zeugen kann, sondern gebären.« »Caligula war sein Onkel! Er ist wahnsinnig!« dachte Simeon. »Jetzt denkst du, daß ich verrückt bin wie Oheim Caligula«, sagte Nero. »Ich bin nicht verrückt. Wenn die Natur mir gegeben hat, wie Mann und Weib zugleich zu empfinden, warum sollte sie mir nur das Kriterium des Mannes geben, das der Frau aber verweigern?« »Aber Herr, es war niemals da –«, stammelte Simeon. »Es war auch niemals da, daß einer Kaiser von Rom war und zugleich der beste Redner, der beste Dichter, der beste Sänger, der beste Wagenlenker, der beste Mime seiner Zeit, hast du nicht gehört, daß alle Welt mich so nennt?« »Ich habe es gehört.« »Oder nimmst du an, daß sie alle, alle nur lügen und kriechen?« »Warum sollte ich es annehmen, Herr?« »Nun siehst du! Warum also, wenn du zugibst, daß ich so viel vereine, was die geizige Natur sonst nur vereinzelt spendet, wenn ich, wie du sagst, zu Brüsten neige und doch die Zeugung besitze, warum sollte es nicht gehen, daß ich, Nero, den Erben Roms gebären könnte?« »Großer Gott!« dachte Simeon, »ein Kind von Tigellinus und Nero der Erbe Roms! Jachwe sei gepriesen, daß es unmöglich ist!« »Es muß doch einen Trank oder eine Operation oder einen Zauber geben, um es möglich zu machen. – Ich habe rasende Angst vor dem Messer, aber ich würde wie ein Opfertier stillhalten; ich träume seit Jahren davon, ein Kind zu gebären.« »Herr, nur die Schnecken vereinen beiderlei Geschlecht und vermögen sich doppelt zu begatten!« »Heu! Das wußte ich nicht, siehst du!« »Ja, aber es nützt nichts, zu wollen, was nicht zu wollen ist, weil Jachwe es versagt hat.« »Wer? Wer?« »Ich wollte sagen: Gott!« »Du weißt nicht, Jude, was ich dir dafür gäbe! Ich würde dich zum römischen Bürger und zum Patrizier machen –« »Du vermagst es nicht, Herr, ohne den Umweg über die Herrin Poppäa – oder ein anderes Weib, das deinen Augen genehm ist –« Nero stand vor Simeon und keuchte. »Du lügst. Der Arzt und Sterndeuter der Chaldäer hat mir gesagt, daß es möglich ist. Er hat mir geschworen, daß das Kind im dritten Monat ein Frosch ist, im vierten ein Lurch, im fünften eine Kröte –« »Ein Chaldäer?« schrie Simeon zornig. »Dann geh und laß dich schwängern von den Unsauberen, den Untermenschen mit ihren Molchen und Kröten –!« Im nächsten Augenblick schämte er sich, einen armen Wahnsinnigen hart angefaßt zu haben, und vielleicht hätte er diesem verzerrt zuckenden Gesicht Verheißungen gegeben – aber das Erstaunliche geschah. Dies Gesicht glättete sich im Augenblick zu Neros angestrengt liebenswürdigem Lächeln. »Kennst du meine Mutter?« fragte er, in Simeons Augen forschend. »Ich? Nein, Herr! Ich habe die Kaiserin nie gesehen.« »Das ist gut – das ist sehr gut. Du schweigst über – über den Scherz von vorhin. – Und jetzt, Jude, dünn oder dick – meine Zeit ist um, ich muß in den Senat.«   Tigellinus saß in dem breiten Lehnsessel neben Poppäas Ruhebett, in den ihre Geste ihn gewiesen hatte, und beide schwiegen Augenblicke lang. Sie musterten einander und dachten viel – jeder für sich –, denn es war zum erstenmal, daß sie einander nahe sahen und allein. Poppäa dachte: »Er trägt bereits die Uniform des Prätorianerobersten und den Ring des ersten Adels, er hat nur dem niederen angehört. Er sieht aus wie ein Tiger. Das riesige gelbliche Gesicht, die schamlose Grausamkeit, die Unbändigkeit, die Kraft – und doch ist etwas von dämonischer Bezauberung um ihn.« Tigellinus dachte: »Sie ist sehr schön, aber ich liebe weiches, weißes Fleisch. Sie begehrt mich nicht, obzwar ich ihre Phantasie kitzle. Um so besser für den treuen Diener, um so besser.« Er lächelte. – Sein sehr großer Mund, dessen Oberlippe schön und erosbogig gezeichnet war, wurde durch die allzu üppige Unterlippe verdorben, und die in Grübchen vertieften Mundwinkel zogen sich herab, beschwert von Spott. »Da also sitzen wir und messen einander wie Fechter! – Hättest du mich nicht rufen lassen, so hätte ich diese erste Abwesenheit des Kaisers benützt, um dich zu sprechen.« Poppäa sah unverwandt in dieses tropenverbrannte, lastergezeichnete, ledergelbe Gesicht, und ihre belegte Stimme fragte: »Und warum?« »Weil ich genau wie du das Gefühl hatte, die Geliebte des Kaisers von Rom und sein – Günstlinge müßten einander in die Hände arbeiten.« Den Arm auf die Lehne gestützt, das amberfarben umwellte Haupt in die Hand, wandte Poppäa keinen Blick von diesem Mund, der sonderbar die Worte formte. Man wußte nicht, ob es Geziertheit war oder ein leiser Sprachfehler, daß die erosbogige Oberlippe in der sich senkenden Mitte ihrer Zeichnung an der üppigen Unterlippe zu haften schien. »Ein schamloser Mund!« dachte sie. »Poppäa Sabina, es ist nicht leicht für einen Mann und eine Frau, die so stark und vor allem im Eros leben, von Politik zu reden, aber sparen wir Zeit und seien wir offen gegeneinander, soweit Menschen das können. Willst du?« »Er hat Hände wie ein Mörder!« dachte Poppäa. »Und er lispelt und er ist häßlich – er ist so häßlich, daß er beinahe schön ist.« Tigellinus wartete keine Antwort ab. »Zu den Geschäften also: du willst Kaiserin von Rom werden?« Poppäa zuckte auf, atemlos, großäugig staunend starrte sie in das ledergelbe Gesicht. »Sage ich nicht immer, daß man bei euch die Dinge nicht beim rechten Namen nennen darf?« »Woher weißt du –?« »Aber, Poppäa, meinst du wirklich, ich sei ein Gimpel wie er, der meint, du habest Otho um seinetwillen nach Lusitanien gehen lassen? Otho, der deine Lust war? – Ja, aber da ich dir die Maske abriß, will ich dir auch Tigellinus nackt zeigen. Ich will nämlich Präfekt der Prätorianer werden.« »Burrus ist Präfekt.« »Ich könnte antworten: Octavia ist Kaiserin! Ich tue es nicht. Ich antworte: Agrippina ist am Leben.« Sie sahen einander an. »Oh, ihr Götter!« dachte Poppäa in taumelnd sich überstürzenden Gedanken. »Er würde es tun – er ist gekommen, mir zu sagen, daß er es tun wird. – Oh, ihr Götter! – Was schert mich Burrus?! – Endlich ein Mann! Endlich einer, vor dem man sich nicht schämen muß. – Kann man sich ihm in die Hände geben? Oh, ihr Götter – Götter – Götter –« »Sie ist an Gegengifte gewöhnt«, hörte Poppäa sich plötzlich mit völlig heiserer Stimme sagen. »Nein!« sprach halblaut der lispelnde Mund. »Das wäre auch Stümperei, wenn der dritte an der Familientafel stürbe. Aber sei unbesorgt, wir werden schon etwas finden.« »Er tut es nie !« keuchte Poppäa und fühlte mit Staunen, daß ein Haß, ein Zorn, eine Gier sie schüttelten, deren sie sich eine Stunde zuvor nicht für fähig gehalten hätte. »Er tut es! Er wünscht nichts anderes. Gerade jetzt ist er recht kitzlich in puncto Agrippina. – Und er wird es noch mehr sein, wenn er erfährt, was ich weiß. Nämlich: daß ein Mann bei ihr in Ostia war, als sie dort eine Nacht verbrachte.« »Was?« »Die Späher sind zwar Dummköpfe, der eine nannte den Mann übergroß, der andere unter Mittelmaß. Aber als ich selbst kam, hat endlich der Pförtner ausgesagt.« Tigellinus machte die Gebärde des Geldzählens. »Es sind zwei Männer über die Mauer gestiegen, er hat die Spuren gesehen. – Denkst du, was ich denke?« Poppäa schüttelte den Kopf. »Hast du nie gehört, daß Piso einen äthiopischen Sklaven von ungewöhnlicher Größe besitzt?« »Warum sagst du ihm das nicht?« »Scheint dir Piso so wichtig, gilt es nicht vorher noch Lästigere zu beseitigen?« »Du hast ja ein reiches Festprogramm.« »So reich wie das des Festes, das ich zum nächsten Monat gebe. Weißt du, daß ich rings um den See für die Schiffsgefechte lauter Lupanare habe bauen lassen? Weißt du, daß die Frauen und Söhne der römischen Ritter sich geradezu herandrängen? Er wird eine Suburra kennenlernen, aber nicht die des Cestius, sondern die des Tigellinus. – Wenn man ein Kaiser ist, darf man keine Stümper zu Festordnern machen.« Poppäa sann. Sie hob den Kopf und sah ihn an. »Und Octavia?« hauchte sie. »Das sind Kleinigkeiten. Zuerst die Mutter.« »Dann aber gleich, Tigellinus. Gerade jetzt ist er toll vor Angst, weil sie in Rom war und drei Nächte später Sulla die Augustianerabteilung in der Suburra hat überfallen lassen.« »Wir haben die gleiche Nachrichtenquelle«, stellte Tigellinus spöttisch fest. »Aber, im Vertrauen gesagt: es war nicht Sulla –« »Was – war nicht Sulla –?« »– der die Augustianer überfiel, weil er Nero und mich in ihrem Schutz vermutete –« Poppäas Mund öffnete sich rund. »Aber du hast doch den Anschlag entdeckt!« »Nun – irgendwie mußte ich doch Cäsars neues Vertrauen in mich rechtfertigen –« »Ja, aber – Sulla hat doch sterben müssen!« Tigellinus hatte sich erhoben. Untersetzt, wuchtig stand er da. »Müssen wir nicht alle sterben?« lächelte er.   Agrippina saß auf der Brüstung der Säulenterrasse und sah auf den Weg hinab, auf die blauen Schlagschatten der Pinien und Feigenbäume, die die Straße säumten, und auf ein im Mondlicht glitzerndes Dahinter, das Meer. Die Maste schlafender Schiffe ragten wie Schattenstriche gen Himmel. Das Meer selbst schien zu schlafen, ihr war, als hörte sie seinen großen Atem gleichmäßig gehen – wie damals Pisos jungen, blasenden Schläferatem –, wenn die Wellen unter der Terrasse an den Felsen spülten. Agrippina hatte umsonst zu ruhen versucht, hatte Alexandra lange, lange ihre Füße reiben lassen. Jetzt hockte die Alte am Fußende des Bettes zusammengesunken, die Stirne auf dessen Kante gestützt, und schlief. »Ich muß klar denken –«, zwang sich Agrippina und drückte die Fingerspitzen beider Hände an die Schläfen. »Wenn du die Pläne eines Gegners durchschauen willst, dann hilft es dir nicht. – Oh, ihr Götter, denke ich an einen Gegner, wenn ich an meinen Sohn denke? Immer wieder schmerzt mein Herz, als müsse es aufhören zu schlagen. Aber es schlägt und schlägt ihm viel zu lange, viel zu lange. – Es hilft nichts – ich muß hindurch, ich muß. – Wie sagte sie, die große Livia? ›Wenn du die Pläne eines Gegners durchschauen willst, dann hilft es dir nicht, deinen Scharfsinn aufzuwenden. Schlüpfe in seine Haut und denke mit dem Gefühl, was du tun, wünschen, hassen, lieben würdest an seiner Stelle.‹ – Wenn ich Nero wäre – wäre, wie ich Nero eben bin – Untertan dem Eros, den Zeus in der Dione zeugte, und nicht jenem, der die Venus Uranos zur Mutter hat. – Ach, ach, Agrippina hat er zur Mutter, und sie erntet, was sie gesät hat. – Wenn ich also Nero wäre, so wäre das für mich ein ungeheures Aufatmen, ein ungeheures Kettensprengen, Tigellinus zum Diener zu haben. Pollio war nur der Jagdhund, der faßte und apportierte auf Befehl. Aber Tigellinus ist der, der dem Befehl in seiner Bereitschaft zuvorkommt, der ihn erst möglich macht dadurch, daß man weiß, was immer man befiehlt, seine Bereitschaft hat es schon erraten. – Ich, Nero, liebe Poppäa. Poppäa liebt mich nicht. – Ich, Nero, habe ihr den Gatten genommen, ich beleidige ihr Bett (man sagt, daß sie ihn täglich schilt und ihm droht, nach Lusitanien zu gehen, was sie nie tun wird). – Womit kann ich, Nero, Poppäa versöhnen? Klar! Klar! Mit dem Diadem von Rom. – Zwei Jahre hat er mich nicht besucht – nein, nein, zwei Jahre lang habe ich, Nero, meine Mutter nicht besucht – welch ein Unterschied im Denken, Livia hat recht, aller Schmerz meines Herzens fällt dabei weg und jetzt auf einmal lade ich sie in einem Schmeichelbrief, einem Liebesbrief, nach Bajä – lasse Poppäa in Rom – Tigellinus in Rom – aber auch Seneca und Burrus, gehe mit Anicetus nach Bajä – klar, klar – er will mich morden! – Oh! Oh! – Ist das möglich – großer Jupiter – ja, er will mich morden in Bajä! – Nein; unmöglich, ich bin wahnsinnig – ich weiß, daß er mich liebt – ich weiß es – kann ein Kind, das seine Mutter liebt, sie mit einem Schmeichelbrief nach Bajä laden, um sie zu morden? Kann er mit zweiundzwanzig Jahren die Erinnyen an seine Fersen heften? – Er, der vor nichts so zurückschreckt wie davor, im Spiegel des Volkes sein Antlitz minder strahlend zu sehen. – Kann er vor Volk und Senat einen entmenschten Muttermord auf sich nehmen? Nie! Nie! Das entmenschte Hirn ist meines, das solch einen Gedanken auch nur gebären kann! – Denn es genügte ja nicht allein, mich aus dieser Welt zu schaffen, aus dieser geliebten Welt der Pinien, der Vollmondnacht, des schlafenden Meeres – aus dieser Welt, in der es Pisos sternäugig ernstes Gesicht gibt und die überraschende Entrücktheit seiner Umarmungen nein, er müßte ja auch Octavia würgen, die Einundzwanzigjährige, deren Hochzeitstag auch ihr Witwentag zugleich war, und welches Volk der Welt gehorchte ihm dann noch? – Das Volk von Rom. – Caligula hat in offenem Wahnsinn getobt, hat zwei seiner Schwestern in sein Bett gezerrt. – Tiberius war aussätzig, und kein hübscher Knabe im Bannkreis von Meilen entging den Netzen seiner Treiber – und das Volk bespie ihre Büsten erst, nachdem der neue Cäsar ihm Sicherheit war für den Tod des alten. – Und ich selbst? Lag Claudius nicht schwarzblau und vom Tode krampfig verdreht – o nicht dies – nicht daran denken – und es hob sich keine Hand, nach mir zu weisen, es öffnete sich kein Mund, ›Mord‹ über mich zu schreien. – Wer soll mich schützen? Wen darf ich anklagen? Ich muß ihn eben tun sehen, was die Mutter ihn lehrte. – Ich gehe nicht – ich schreibe ihm, daß Krankheit mich festhält! Ich will nicht sterben –!« Und da Agrippina die Säule neben sich in einem drohenden Anfall von Schwindel umschlang, der sie hinabzuschmettern drohte, sah sie plötzlich, scharf im Mondlicht gezeichnet, einen fremden Schatten vor sich auf den weiß und rot gewürfelten Terrassenboden fallen, den Schatten eines Mannes. – »Der Mörder!« dachte sie und fuhr mit einem gurgelnden Atemzug hoch. Im nächsten Augenblick kam süß und brausend das Gefühl der Rettung über sie, des Geborgenseins, des Glücks. »Atlas!« hauchte sie und warf irre Blicke um sich in dem Gedanken, wo der sei, müsse auch ein anderer sein. Der Äthiopier zog die Kapuze seines zerfetzten Mantels vom Haupte. Er neigte seine Stirne dreimal, daß sie zwischen seinen Handflächen den weiß-rot gewürfelten Estrich berührte. »Wo ist er? Wo ist dein Herr?« »Zu Rom, Meleka! – Ich bringe Botschaft.« »Gib!« »Es ist kein Brief.« Der Äthiopier griff mit beiden Händen in sein Haar, aus dessen Wust er ein Ding hervorholte, um es auf seiner flachen Hand ihr darzureichen. Agrippina erkannte ihren goldenen Ring. »Das gab mir mein Melek als Zeichen seiner Rede und er hieß mich eilen, Tag und Nacht, um dem berittenen Boten auf den Fersen zu bleiben, und er lehrte mich vier Worte: ›Geh – nicht – nach – Bajä!‹« ›Was?‹ keuchte Agrippina und rüttelte des Sklaven Schulter. »Geh – nicht – nach – Bajä!« wiederholte Atlas. Agrippina zog ihre Hand zurück und unterdrückte einen Schrei – die Hand war naß von Blut. »Es ist nicht wichtig, Meleka! Sie beargwöhnten mich, aber ich hatte mir hellen, dicken Honig in die Augen gestrichen und spielte die Schildkrötenlaute und winselte um Almosen, da warf einer von ihnen einen Stein nach mir. – Es ist nicht wichtig, Meleka.« Und er wiederholte in seiner dicken fremden Zunge: »Wichtig ist: Geh – nicht – nach – Bajä!« Seine rötlichen, angestrengt spähenden Augen unter buschigen wilden Brauen forschten, ob sie begriffen habe. – Dann, als sei seine Botschaft erfüllt, neigte er in schöner Ehrerbietung, mit ganzem Körper zusammensinkend, die Stirne zwischen den Händen. Im nächsten Augenblick schon war er entschwunden – fort – ein blauer Schatten, aufgelöst im blauen Schatten der Nacht. »Atlas! – Ich habe ihm kein Wort für Piso mitgegeben – er wagt sein Leben für mich, und ich danke ihm nicht einmal – er wagt sein Leben für mich – er liebt mich – Piso liebt mich. – Ach nein, er bemitleidet eine einsame alte Frau und sagt ihr: ›Geh nicht nach Bajä!‹ Also ist Bajä der Mord und er weiß es. – Langsam, langsam! Bajä ist der Mord. Bajä ist, was ich zu vermeiden trachtete, was mich bewogen hat, zwei Jahre lang wie eine Scheintote zu leben. Ohne Rom, ohne Macht, ohne Ehre, ohne Gespräch, ohne Freunde, ohne Zirkus – ärger, ärger als auf der Insel, denn damals wußte ich, ich würde wiederkehren, damals begehrte ich das Diadem, damals besaß ich Seneca. Jetzt besitze ich nichts mehr als vier Worte: Geh nicht nach Bajä! Warum? Wegen des bißchen Sterbens, dem ich jetzt oder später nicht entrinnen kann? – Sokrates, als die Freunde ihn beschworen zu fliehen, floh nicht. Meine einzige Macht über Nero ist, daß er sich vor mir schämt. Wenn ich jetzt feige mich verkrieche, kann er mich dann noch achten? Wenn ich jetzt mich klein zeige – können die Sternaugen Pisos noch zu mir aufsehen? – Hingegen vielleicht, wenn ich Nero gegenübertrete, heiter und frei und über allen Dingen stehend, selbst über dieser erbärmlichen Angst, daß er mich morden könnte, vielleicht, daß ich sein wandelbares Herz wieder in Händen halte wie einst! Ich soll nicht nach Bajä gehen? Ich habe viele Fehler, Piso – aber Kleinlichkeit und Schäbigkeit sind nicht darunter. Soll die Tochter des Germanicus winselnd auf dem Bauche kriechen wie eine Hündin, die Schläge erwartet?!« Agrippina tat drei, vier Schritte zum Bette hin und schüttelte Alexandra aus dem Schlafe. »Wach auf, Alexandra! Wecke den Majordom! – Wir gehen nach Bajä!«   Am gleichen Morgen noch hatte Nero einen Wutanfall erlitten. Man hatte ihm gemeldet, daß die kleinen Handwerker, die Quacksalber und Barbiere, die zum Fünftagefest herbeiströmten, überall auf dem Wege von Antium bis Bajä die Bildsäulen der Agrippina und der Octavia bekränzt hätten. – Mehr als das: zu Bajä selbst sei die neugeweihte Venusstatue, der Poppäa ihre Schönheit geliehen hatte, über Nacht mit Kot besudelt und durch einen Steinwurf ihrer Nase beraubt worden. All die Zeit hatte Nero, seinen eigenen Zorn mächtig steigernd, zu Anicetus wiederholt: »Siehst du, darum hat sie mein Kriegsschiff verschmäht und die Landreise vorgezogen!« Aber da man ihm das Herannahen der Sänfte ansagte, die er selbst, die Hand über kurzsichtig geblendeten Augen wölbend, noch nicht ausnahm, erkannte er das fast vergessene knabenhafte Angstgefühl in seiner Magengegend wieder, den Atemmangel von einst, und sagte sich: »Es ist gut, daß dies alles bald ein Ende hat!« Agrippina sah Nero auf diesem märzhellen und frühlingsseligen Gestade auf sich zukommen. Er hatte die zwölf Lictoren, die Wachen, die Sänfte, er hatte gleichsam seinen ganzen kaiserlichen Prunk hinter sich gelassen. Er lief die letzte, allerdings kurz bemessene Strecke, die Ellbogen angeschlossen, in guter Haltung und gutem Tempo. Seit acht Tagen wartete er zu Bajä und hatte alles, was er vermochte, getan, um bei diesem ersten Zusammentreffen in gnadenloser Sonne vor ihren Augen zu bestehen. Acht Tage lang hatte er sich nur von seinen griechischen Sportlehrern, seinem Arzt, seinen Masseuren geleiten und leiten lassen, hatte sich bei der Tafel gehalten und, was noch viel schwerer war, im Bette. Seine goldenen zweiundzwanzig Jahre hatten die kurze Erholung, den ungestörten Schlaf gedankt. Er schien vor Frische und Freude geradezu zu strahlen, als er seiner Mutter wie ein Liebhaber entgegenlief. Er war mit großer Wirklichkeitstreue bräunlich geschminkt zum flammenden Haar, das deckte die in dieser Märzsonne sternenzahllos sprießenden Sommerflecken. Er winkte und rief, ohne noch zu sehen, von weitem mit klingender Stimme: »Mutter! Mutter!« Agrippina hielt selbst den Sänftenvorhang zurück. Sie beugte gierig den Kopf hinaus, trank das Bild ein und fühlte tosendes Herzklopfen einer überwältigenden Wiedersehensfreude. Jetzt war er heran, ließ den Sklaven keine Zeit, die Stufen herabzuschlagen, drängte Arme, Haupt, Brust ans Fenster, sagte leise noch einmal »O Mutter!« und dachte, während er wie eine Frau das Antlitz beim Kusse zu ihr aufkehrte: »Sie küßt mich – wenn sie mich einmal als Kind so geküßt hätte! – Freut sie sich wirklich? Freue ich mich wirklich? – Es ist alles vorbedacht und angelegt, es ist eine große Rolle, die ich spiele, und doch zittere ich dabei am ganzen Leibe. – Liebe ich sie wirklich oder bin ich der größte Mime aller Zeiten? – Ihr Götter, sie ist grau geworden – sie ist eine alte Frau. – Oder hat sie diese Haartracht, dies Matronengewand angelegt, um mich zu erobern? – Wollte sie für mich rührend und harmlos und abgetan wirken, wie ich für sie strahlend und als ›jugendlicher Gott‹ –?« Agrippina dachte: »Mein Kind – mein Fleisch, mein Blut! Als ich ihn gebar, wie stolz war ich, wie voll von Glück. – Jetzt schlägt mein Herz wie damals. Ich habe den Nero der tusculanischen Bildsäule erwartet – ich war auf Laster und Verheerungen in diesem Gesicht gefaßt, nicht auf solchen steten Blick, solche Frische. Das Braun ist syrische Kunst, ich denk' es weg – aber, o Merkur, Gott der guten Begegnung, er zittert ja – das ist nicht gespielt. Kann es sein, daß er sich freut wie ich?« »Du siehst gut aus«, sagte sie und strich ihm übers Haar. »Ich gefalle ihr. Ich habe gesiegt!« dachte er und errötete unter der Schminke vor Triumph. Er gab ihren Sklaven einen Wink, die Sänfte wieder aufzunehmen und ging nebenher, mit der linken runden Hand ans Fenster angeklammert wie ein Liebhaber. Er schwatzte zu ihr auf, vergnügt, wie er es schon lange nicht mehr gewesen. »Aber du, Mutter, du bist schöner als je. Was hast du gemacht? Alle deine Falten sind fort, ich schwör's bei Venus.« Agrippina lächelte. »Kluge Frauen hören Schmeicheleien ebenso gerne wie die törichten, nur mit minderem Glauben.« »Nein, im Ernst, du bist jünger als je! Was hast du für einen Schönheitspfleger?« »Den Schlaf, mein Junge, der nicht mehr durch Gedanken an Politik gestört ist –« »Klug – klug wie eine Füchsin!« dachte Nero. »Seien wir's auch und tun wir, als ob wir ihr glaubten. – Ist sie wirklich gewandelt, oder bekomme ich die Prankenschläge noch später zu spüren? Welche Möglichkeit wünsche ich mir von beiden? Die Wandlung gäbe mir bessere Stichworte für meine Rolle, die Prankenschläge machten mir den Entschluß leichter – Unsinn! Entschluß? Drunten in der Bucht liegt ja schon das Schiff – nicht daran denken – mein Gesicht ist zu ausdrucksvoll, sie bemerkt's –« Er faßte ihre Hand, schmiegte, sich reckend, seine Wange an sie und murmelte »Mutter!« Agrippina dachte: »Der Mord an Montanus – das Fest des Tigellinus – der Mord an Sulla – Pisos Warnung – sollten das alles bloße Lügen sein? – Wenn er so blickt wie vorher, möchte man's glauben – aber jetzt – diese Augen, Unheimliches liegt ihnen auf dem Grund!« Sie fragte: »Wie lange bist du in Bajä?« »Acht Tage warte ich schon auf dich, Mutter! Du hast lange gezögert, und mein schönes Kriegsschiff, den schnellsten Dreiruderer, hast du verschmäht. Warum, Mutter?« (Da ist er wieder, dieser Blick – Vorsicht!) »Ich dachte, die Sänfte geziemt mir besser.« Er lachte. »Der geliebten Mutter des Kaisers von Rom?« (Das ›geliebte‹ war nicht gut. Ich muß Wein haben, schweren Falerner, und ihr leichten Cäcuber mischen lassen, sonst spiele ich schlecht –) (Kann es sein, daß er in den acht Tagen hier ohne Poppäa und Tigellinus sich zum Guten gewandelt hätte? Oh, ihr Götter, man glaubt so gerne, was man glauben möchte. Ist es denn unmöglich, daß ein Kind nach drei Jahren ehrliche Sehnsucht nach seiner Mutter gefühlt hat, ehrliche Freude fühlt, sie zu sehen? –) »Dies ist Bajä«, sagte Nero, auf den paradiesischen Hain von Mimosen und Kirschblüten und Zypressen weisend, hinter dem das marmorne Haus schimmerte. – »Es ist dein, Mutter! Und ich bin nur dein Gast.« Als Agrippina aus der Sänfte stieg, sah sie, wie die Verkörperung der Vergangenheit, ihr eigenes Bild vor sich – eine ragende Bildsäule aus claudischer Zeit, die sie im Diadem der Augusta zeigte. Der Sockel der Statue war mit Rosengirlanden umkränzt. »Es ist nicht die einzige Statue, die Liebe heute bekränzt hat«, sagte Nero, mit einer Handbewegung auf sie deutend. »Hat es ihn gekränkt?« fühlte sie, sah ihm voll in die Augen und sagte: »Ja, aber diese ward es auf deinen Wunsch, mein Herz!«   Nero ging auf und ab, während Agrippina badete, und redete die ganze Zeit im Geiste mit ihr und formte ihre Gegenreden. All die Zeit hatte er Herzklopfen, biß Nägel und riß, sich ertappend, immer wieder die Hand, die rötlich überflaumt war, vom Munde. – Er bemerkte mit Erstaunen, daß niemand, weder Poppäa noch Tigellinus, ihn in solche Anstrengung aller Kräfte versetzt hatte. »Liebe ich sie? Oder hasse ich sie? – Die Menschen scheiden die Gefühle so scharf, und doch verschwimmen ihre Grenzen. – Gibt es einen Menschen auf Erden, der das geliebteste Wesen nicht schon einmal gehaßt hätte und dem verhaßten gegenüber nicht in irgendeinem flüchtigen Moment Neigung empfunden – Sympathie, Anziehung, wie ihr es nennen wollt? – Ein ausgezeichneter Gedanke. Ich muß ihn Seneca und Lucanus sagen – oder habe ich ihn vielleicht von einem der beiden gehört? – Tut nichts, ich werde ihn entwickeln, und sie werden zwinkern und kopfnicken – und sagen, er sei wunderbar. – Aber das ist meine Rolle von morgen – ach – wenn alles gut und schon vorbei ist! Jetzt aber steht die viel schwerere von heute vor mir –« Nero hob die Hand, dem Mischsklaven zu winken, daß er ihm einen Becher brächte, ließ sie aber schuldbewußt ertappt herabsinken, denn Agrippina kam durch den Rosengarten des Atriums. – Jetzt trug sie ein Gewand aus leuchtend blauer asiatischer Seide, dessen Kanten geknüpfte Seidenfransen beschwerten, die, als ginge sie durch seichtes, nächtliches Wasser, vor ihren Füßen bald zurückwichen, bald sie verhüllten. Agrippina hatte die Zeit verwandt, Überraschung und Erregtheit aus ihrem Sinn zu bannen. Ihr Gesicht war mild und beherrscht und ihre Stimme sicher, als sie, auf den Polster einer Marmorbank im Schatten des Sonnendaches sich niederlassend, zu ihm sagte: »Nun erzähle viel! Erzähle von dir!« Und Nero verfiel der Verführung. Bald kauerte, bald kniete er, bald legte er den Kopf auf ihre Knie. – Er sprach und sprach, und Agrippina lauschte diesem Hagelregen des ich, ich, ich, ich. »Nero hat Vertraute der Lust gehabt, aber niemals Vertraute der Seele«, dachte sie, »Wenn es mir gelingt, ihm Zutrauen zu mir einzuflößen, vielleicht, vielleicht –« Er erzählte, als seien alle inneren Dämme geborsten. – Szenen aus dem Senat zuerst, aus dem Gerichtssaal, aus dem Zirkus, vom Forum – Nero, der Gott, Nero, der Richter, Nero Augustus, Nero, der Liebling von Rom. – Dann aber, von Agrippinas groß verweilendem Blick, von der unbewegten klugen Ruhe ihres aufgetanen Hörens verlockt, begann er irdischere Bilder vor sie zu bannen. – Sulla um zweifelhafter Anklage willen aus dem Wege geschafft. – Montanus um zweifelhafter Begegnung willen zum Selbstmord getrieben. – Suillius um seiner Güter willen verbannt. – Lepida von Paris um seine Freikaufsumme geprellt. – Es ging ihm beim immer schrankenloser werdenden Reden wie beim Wein. Auch wenn er sich fest vorgenommen hatte, diesen den letzten Becher sein zu lassen, ließ er ihm doch noch einen bestimmt letzten folgen, einen allerletzten und dann nur diesen einen noch. – »Ich sollte ihr nicht so viel sagen, ich sollte nicht«, dachte er und zuckte unsichtbar die Schulter dabei, »aber was tut es, im Hafen liegt ja das Schiff!« Er dachte nicht: »Morgen ist sie tot!« Das konnte er nicht, er dachte an das Schiff und an den geheimen Hebel, von dem Anicetus gesprochen hatte. Den Hebel, den die Faust des ersten Steuermanns nur zurückzudrücken brauchte – er sah den Hebel, sah die braune, riesige Faust. Aber an das, was Faust und Hebel bewirkten, sträubte er sich zu denken. All die Zeit hatte er Poppäas Namen nicht genannt. Plötzlich nannte er ihn, in Agrippinas Antlitz starrend, in dem kein Zug sich bewegte, und erzählte davon, wie er Otho nach Lusitanien verschickt hatte, wohin der den Crispinus hatte schicken wollen –. »Sie sagen, Otho sei ein ausgezeichneter Statthalter geworden. Meinst du übrigens nicht, daß für ihn drei Legionen und neun Kohorten ein bißchen viel sind? Für einen, der den Kaiser haßt?« »Gades ist weit von Rom!« »Nicht so weit, daß drei Legionen und neun Kohorten es nicht in Gewaltmärschen erreichen könnten, sogar, wenn er wie du die Schiffe vergäße.« »Weißt du etwas, Mutter? Warum redest du nicht?« »Ich weiß nichts, Nero, ich warne bloß.« »Bei deinem Leben, Mutter?« »Bei deinem und meinem Leben«, lächelte die Stimme. – »Sage mir, liebst du Poppäa?« Er zögerte. »So sehr du eine Frau lieben kannst?« »So sehr, ja!« »Sie will Kaiserin von Rom werden?« fragte Agrippina. Er schwieg, von wirren Gedanken bestürmt. »Sie kann nicht daran denken«, sagte Agrippina fest. »Warum, Mutter!? Warum durfte Cäsar viermal heiraten und Claudius sich dreimal scheiden lassen?« Agrippina sagte sehr sanft: »Weil sie die Frauen eben geheiratet haben, Nero!« Nero schwieg böse. – Er sagte: »Man könnte bei Octavia Ehebruch anführen. Poppäa meint zum Beispiel, mit dem Flötenbläser Eucerus!« »Meint Poppäa? Ich fürchte, das Volk wird es nicht meinen.« »Man sagt, daß Piso ihr Geliebter ist.« Er fühlte ein Zucken durch sie gehen. »Was ist das?« dachte er. »Was, was? Piso! Liebt sie Piso? Wenn er sich von Galla scheiden läßt und sie heiratet, so sind ihre Söhne ja viel erbberechtigter als ich. – Ich Narr! Ich Tor! Sie geht ja aufs Schiff, und ich werde endlich Frieden haben vor ihrem ewigen drohenden Frauentum. Sie soll nur gehen, sie soll nur auf das Schiff gehen! Ich kann auf einer Erde mit ihr nicht leben!« Er sagte lauernd: »Du verbietest mir also mit einem Wort, Poppäa zu heiraten?« Die sehr ruhige Stimme antwortete: »Ich habe es aufgegeben, dir etwas zu verbieten oder etwas zu fordern, Nero. Du mußt auf eigene Verantwortung und nach eigenem Willen leben.« »Bisher hat sie nicht durch ein Wimpernzucken sich ins Unrecht gesetzt«, dachte er. »Ich weiß nicht, ob ich entzückt bin oder enttäuscht. Zumindest reizt es mich rasend, mehr zu erzählen, so lange zu erzählen, bis sie aufzuckt und die Maske abwirft. – Bei Poppäas Namen hat sie nicht gezuckt, vielleicht könnte man doch mit ihr leben? Ich bin Cäsar, liegt es nicht an mir, Anicetus mit seinem Schiff zum Hades zu schicken?« »Mutter, es ist so schön mit dir!« flüsterte er. »Mutter, ich liebe dich!« »Wirklich?« hörte er ihre vor Glück schwankende Stimme, und während er den Kopf in ihrem Schoß barg, die kühle Seide an heißer Wange, die sanfte Hand in seinem Haar fühlte, dachte er: »Hab' ich das gesagt, weil die Stunde es eingab, oder ist es mein Herz, das gesprochen hat? Sollte das Wunder geschehen sein, daß Claudius Nero auf einmal nicht nur Sinne hat, sondern ein Herz?« Plötzlich erzählte er ihr, wie er knapp vor seiner Abfahrt hierher die Alten, die berufenen Väter im Senat, halb toll vor Angst und Verlegenheit gemacht hatte, weil er die Akte der Regelung von Abgaben bei Getreideausfuhr aus überseeischen Provinzen plötzlich mit Cajus Sextus unterzeichnet hatte – »haha, verstehst du, statt mit meinem eigenen Namen. Sie dachten alle, ich sei im Augenblick toll geworden wie Oheim Caligula. Das ist immer das erste, was die Leute bei mir denken, wenn ich nicht wie ein Esel im Göpel kreistrabe –« »Und was war es, was du dachtest?« fragte Agrippina. »Ich weiß nicht, was ich dachte, Mutter! Ich schrieb. – Vielleicht war ich in diesem Augenblick Cajus Sextus, und es war ein Vertrag über eine eben verkaufte Sau, unter den ich, mühsam kritzelnd, meinen Namen setzte. – Vielleicht dachte ich, wie glücklich ich sein würde, wenn ich Cajus Sextus wäre –« »Bist du nicht glücklich?« fragte Agrippinas Stimme. Agrippina sah sein Gesicht nicht. »Verrate ich ihr auch das noch?« dachte er. »Ich sage es, es ist das Allerletzte, was ich verrate!« »Kann ein Mensch glücklich sein, dessen Los es wäre, Befehlen zu gehorchen, und auf dessen Befehle die ganze Welt im Staube kriechend wartet? Soll es mich nicht anekeln, wie sie vor mir kriechen, Mutter? Wer bin ich, daß sie vor mir kriechen? Soll es mich nicht verführen, sie dafür büßen zu lassen, daß sie mir dienen?« Angespannt wartete er, aber ihre Hand ward nicht von seinem Haupt genommen, gleichmäßig wiederholte sie die rhythmisch glättende Liebkosung. Dann fragte die Stimme der Mutter: »Ist das Tigellinus' Macht?« »Ja, das ist Tigellinus' Macht über mich, daß er sagt: ›Laß dich nicht bitten. Na also, wirst du kommen?‹« und Nero ahmte täuschend Tigellinus' lispelnd kalten Tonfall nach. »Ja«, sagte Agrippina sinnend. »Mutter, Mutter, erkennst du mich jetzt? Das habe ich niemandem je gesagt.« Und sie küßten einander. »Nein, das kann er niemandem gesagt haben!« dachte Agrippina. Und während er küßte, dachte Nero: »Herodot schreibt irgendwo von einer asiatischen Fürstin, die die Liebhaber ihrer Nacht am Morgen töten ließ. – Man kann nur Leuten vertrauen, die am Morgen aufs Schiff gehen –« »Ach, Mutter, wie wohl hat das getan, endlich einmal reden zu dürfen – in tiefer Nacht.« »Ja, es ist Nacht, Nero, und ich will fort. Höre, ich will dich nur vorher –« »Nein, Mutter, geh nicht fort. Bleibe da. Bleibe bei mir, schlafe hier im Hause, geh nicht aufs Schiff!« »Sonderbar – dieser Ton«, dachte Agrippina eisüberrieselt. »Warum drängt er so? Warum soll ich die Nacht in diesem Hause schlafen, wo ich –« »Nein, Nero. Man soll seine Entschlüsse nicht so plötzlich umstoßen. Es war bestimmt, daß ich zu Schiff heimfahre. So soll es sein!« »Mutter, ich bitte dich, willst du nicht hier übernachten?« »Nein!« sagte Agrippina. »Ich habe dich gesehen und es ist alles gesagt. – Nur eines noch: die Heere in Germanien sind so lange unbeschäftigt, daß sich dort das Gerücht verbreiten konnte, du habest dem Legaten das Recht zur Kriegsführung entzogen.« »Herkules! Welchem Legaten? Wie du alles weißt, Mutter!« »Es ist meine Schuld, daß die Legion vom Rhein nach Parthien kam, so muß ich sie wohl gutmachen helfen. Die Friesen unter Veritus und Malorix sind eingefallen und haben das Land besetzt.« »Und mein Statthalter Aritus?« »Hat bisher nicht mehr getan, als mit deiner Rache gedroht. – Willst du dir die Namen notieren?« »Unnötig, Mutter, wir Mimen leben von unserem Gedächtnis. – Woher weißt du das alles? Ich dachte, du kümmerst dich nicht um Politik?« fragte Nero rasch, scharf. »Mein Nachbar zu Tusculum, der General Vespasian, hat es mir erzählt.« »Der alte Bauer Vespasian!« lachte Nero. »Ein kluger alter Bauer und hat einen noch klügeren Sohn«, sagte Agrippina und stand auf. »Ich gehe, Nero. Ich danke dir für den schönen Tag. – Meinen schönsten, Nero!« »Wenn sie dableibt, soll sie leben!« dachte Nero. Er rutschte ihr auf den Knien nach. »Bleib bei mir. Bleib bei mir, Mutter. Ich habe keinen Menschen sonst, Mutter!« Sie war von der Anspannung dieser Stunden, von all dem, was sie gehört, was sie bestürmt hatte, so zum Umsinken erschöpft, daß sie nur die eine Sehnsucht hatte, von ihm fort zu sein, um zu überlegen, zu sichten, zu bedenken. Sie hatte das Gefühl, nicht ein halbes Wort mehr, nicht eine Geste, nicht einen veränderten Ausdruck seines Gesichtes mehr in sich aufnehmen zu können. »Lebe wohl!« sagte sie und küßte ihn hastig. – Sich wie zur Flucht wendend, rief sie: »Aceronia, wir gehen!« Nero erhob sich taumelnd, geblendet vom herbeigebrachten Licht. »Die Götter haben entschieden!« dachte er. »Lebe wohl!« sagte Agrippina, noch einmal sich wendend. Er stieß einen Laut aus, halb Schluchzen, halb Schrei. Er stürzte ihr nach, riß sie an sich, küßte ihren Mund, ihre Augen, ihr Haar, ihre Hände, geschüttelt von Schluchzen, unfähig, von ihr zu lassen, bis Agrippina sich ihm sanft und glücklich lächelnd entzog. »Auf Wiedersehen!« sagte sie und ging, und war schon mit ihrem unbeeilten, federnden Schritt verschwunden, hinter sich Creperejus und Aceronia und ihre Sklaven und seine Sklaven und seine Wachen. Er hielt eine Säule umschlungen, ihm war sterbensübel. »Die Götter haben entschieden«, stammelte er ein übers andere Mal und dann: »Sie weiß zu viel, es ist besser so.« Sein Gesicht war überströmt von Tränen. Aber im Schatten der Säule meinte er reglos einen anderen Nero stehen zu sehen, einen neuen Nero, der mit kalter Neugier zusah, wie natürlich er weinte.   »Welch eine Nacht!« sagte Creperejus und bog sich vor, um unter dem von Säulchen getragenen Verdeck der offenen Kabine zum Sternhimmel aufzusehen. »Es ist, als hätten die Götter alle ihre Festlichter entzündet, um diesen Tag der großen Versöhnung zu feiern.« »Es ist warm wie im Juni!« sagte Aceronia. Sie hatte sich auf das Fußende des Ruhebettes gesetzt, auf dem Agrippina geschlossenen Auges lag. Den Rücken an die hohe Bretterwand gelehnt, saß sie glücklich strahlend da und streichelte Agrippinas reglose Hand. »Der Kaiser war auch schon ganz braungebrannt«, schwatzte sie. »Wie schön er ist, ganz seiner Mutter Sohn! Hast du gesehen, Augusta, wie schwer es dem Kaiser fiel, seine Mutter gehen zu lassen? Bei Juno, ich habe geweint!« Und sie weinte wieder. »Wenn sie nur schwiege!« dachte Agrippina. »Mein Kopf schmerzt so rasend und ich kann keinen Gedanken zu Ende denken.« »Du wirst an Aceronia denken, Augusta! Alles wird jetzt anders werden. Es werden goldene Zeiten kommen, für dich, für Rom, für –« »Das war ja die Schiffsglocke!« dachte Agrippina. – »Das war Alarm! Kann das Schiff in solch einer Sternennacht kentern?« Im Augenblick, da sie sich aufrichten wollte, kam ein ungeheures Krachen. Das Dach der Kabine stürzte mit einem Donnern ein, das keineswegs der Leichtigkeit solcher Sonnendecke entsprach. Mit der polternden Schwere eines Erdrutsches kam es herab, und vor ihren Augen sah Agrippina den alten Creperejus zerquetscht werden wie eine Kröte. – Aceronia begann zu schreien, und Agrippina richtete sich mit einem Ruck auf den Knien auf. »Es ziemt der Tochter des Germanicus nicht, im Liegen zu sterben!« dachte sie, und: »Es muß ein Felsblock herabgerutscht sein. Das Schiff ist dem Ufer näher, als ich glaubte.« »Schweige doch!« herrschte sie Aceronia an. »Siehst du nicht, daß die hohen Lehnen des Bettes uns geschützt haben?« Sie saß wie ein Götterbild im engen Schrein in dem zwischen den bronzenen Seitenwänden und der eingestürzten Decke entstandenen Raum. Plötzlich bückte sie sich. – Vor dem Ruhebett lag, was den armen Creperejus hatte sterben lassen, ein grauer Brocken, den sie heben wollte und viel, viel zu schwer fand. – Ihr Herz begann rasend zu schlagen. »Das war kein Felssturz, nein, wir sind auf dem Meer. – Blei! – Wie kommt solch eine ganze Last von Blei auf das Sonnendach einer Kajüte? O Nero, Nero! Und du hast mich geküßt!« »Nicht rufen, Aceronia! Hörst du sie nicht draußen hin und her rennen? Sie arbeiten schon an unserer Rettung. Weine nicht, siehst du nicht, daß nichts geschehen ist?« »Wenn die Närrin nur schwiege«, dachte sie, »es gilt still zu liegen wie die Schlange unterm Stein. – Am besten, sie denken, ich sei tot und abgetan, dann kann ich uns retten. – Das also war Pisos Warnung. Ich hätte nicht gehen sollen. Aber nun bin ich gegangen und es gilt hindurchzukommen. – Sie rennen hin und her. – Es ist klar, jene, die nichts wissen, hindern die, die eingeweiht sind. – Wenn ich vorkrieche, kann ich vielleicht sehen, was am Werke ist.« »Still, Aceronia! Ich versuche jetzt, ihnen Zeichen zu geben. Oh – Creperejus, dein Blut – armer Freund – statt meiner gestorben. – Ja, jetzt sehe ich, obgleich sie die Lichter gelöscht haben – Anicetus. Wie aufgeregt Anicetus brüllt. Die Ruderer sollen das Schiff kentern lassen und verstehen nicht, was er will, arbeiten, es zu retten. – Die nagelneue Trireme. – Man muß gestehen, Nero scheut keine Kosten, die Mutter aus der Welt zu schaffen. Ich bin kalt, ich bin leer und totenkalt, ich habe keinen Schmerz, keinen Zorn, nur Neugier, wie das Spiel weitergehen soll. – Der Boden schwankt, jetzt hat er's erreicht, jetzt sinkt das Schiff. Creperejus, du hast mich schwimmen gelehrt –« In einem Höllenlärm von Pfeifen, Metallgongs, von Befehlen, Schreien, Bohlenkrachen, vom Heulen der Rudersklaven, die drunten die Bänke, an die sie gekettet, waren, zerbrachen, um sich retten zu können, während die Geißeln der Aufseher auf ihr Fleisch klatschten, neigte sich langsam das Todesschiff. Agrippina zerrte Oberkleid, Schmuckkranz und Sandalen ab und wand sich unter den Trümmern des Einsturzes hervor, Aceronia nach sich zerrend. Sie sah, daß sie richtig berechnet hatte, als sie annahm, die ganze Mannschaft werde zum Heck des Schiffes drängen. »Jetzt spring und schwimm weitab vom Schiff!« befahl sie der Wimmernden. – Niemand sah die Frauen, als Agrippina die Gefährtin fast mit Gewalt ins Wasser stieß und selbst nachsprang. Agrippina schwamm, das Pandämonium schreiender, fechtender, sterbender Menschen hinter sich lassend, in dem dunklen riesigen Wasser mit gleichmäßigen, ruhigen Stößen sicherer Kraft. »Ich bin besser geschwommen als Caligula, als Drusilla, als Domitius, als sie alle!« dachte sie und ein wilder Triumph erfüllte sie, eine rasende bacchische Freude zu leben, noch jung, noch stark genug zu sein, um sich allein aus eigener Kraft zu retten. – »Beinahe muß ich Nero danken«, dachte sie in bitterer Heiterkeit, das gelöste Haar, das schwer von Wasser strömte, schüttelnd, während sie gierig Atem holte, den sie kalt in den Nüstern fühlte. Da hörte sie hinter sich die markerschütternden Schreie Aceronias: »Hilfe! Hilfe! Ich ertrinke!« – und wie ein Soldat beim Tubensignal kehrte sie um, tat ein paar Tempi in der Richtung, aus der die Stimme kam. »Hilfe! Ich bin es, Agrippina! Helft der Kaiserin!« hörte Agrippina die Hofdame schreien. »Was, bist du noch nicht hin, Bestie! Wenn schon um deinetwillen so viele sterben?!« schrie ein Matrose vom Rettungsboot, und Agrippina sah, wie man mit Stangen und Rudern die törichte Aceronia erschlug, die sich ihren Namen angemaßt hatte. Das treibende Holz einer Ruderbank stieß mit Wucht an ihre Schulter. Agrippina fühlte es nicht. – Ihr warmes Blut mischte sich dem eisigen Wasser. Sie achtete es nicht. Sie schwamm und schwamm mit gleichmäßigen Stößen – ihr Körper arbeitete, ihr Hirn lag lahm. Sie dachte: »Komödie. Alles nur Komödie. Die Küsse, die Tränen, die Beichte, die Bitte, bei ihm zu bleiben. Jeder Ruderknecht kennt sein Herz besser, als ich es kenne. Der weiß, daß es gilt, ungestraft mit dem Bootshaken dreinzuschlagen, wenn eine ruft: ›Rettet mich, ich bin Agrippina!‹«   Zu Agrippinas Füßen stand ein Rollenhalter aus korinthischem Erz, in den sie die hastig und ungeduldig aufgerollten Schriften wieder zurücksteckte. »Ich kann nicht lesen«, sagte sie zu Alexandra, die auf dem Estrich kauerte. »Du solltest zu Bett gehen, Herrin, es ist spät«, murmelte die Amme. »Ich kann nicht schlafen, obwohl ich zum Umsinken müde bin. Alexandra, ich sage dir, dies ist nicht gut, nicht gut, kann nicht gut sein.« Seit vierundzwanzig Stunden zermarterte die Amme ihren törichten Kopf, um neue Trostgründe für Agrippina zu finden, nun begann sie wieder mit den alten. »Herrin, der Brief war doch so gütig, so klug. Das Herrchen kann nicht anders, als sich darüber freuen. Ich bin sicher, daß Agermus nur darum noch nicht mit der Antwort zurück ist, weil –«, die Amme stockte, »weil das Herrchen mit ihm kommt. Ja, ja, du wirst es sehen! – Wie Agermus ihm die Botschaft brachte, du seiest durch Fischerbarken gerettet, hat das Herrchen seinen schnellsten Syrier satteln lassen – und wird bald hier sein!« »Närrin, die ich bin! Einen Augenblick habe ich jetzt fast daran geglaubt, daß dies möglich wäre«, dachte Agrippina, »aber es ist nicht möglich. Es gibt kein Wiedersehen nach dem Abend von Bajä. Was sollten wir einander sagen? Soll er mir sagen: ›Sei mir nicht böse, Mutter, daß ich dich wie eine räudige Katze habe ersäufen wollen!‹? – Soll ich ihm sagen: ›Ich bin dir nicht böse, aber ich kann dein Gesicht nicht mehr sehen!‹? – Denn ich kann es nicht mehr sehen, dies Gesicht. Nie wieder, nie, nie, nie! – Hasse ich ihn? – Nein, das ist es nicht, ich verstehe ihn viel zu gut. – Ich habe ein Gefühl der Übersättigung, und ich sage mir sogar, seit ich nach der Schreckensnacht die Gedanken habe sammeln können – und es war eine Schreckensnacht, trief naß im Boot und auf den Dämmen die ungeheure Menge mit Lichtern und Fackeln, mit Segenswünschen und Gelübden für meine Rettung, und ich einzig im Gedanken, daß diese rührende Liebe ihn noch mehr ereifern würde – ja, seit damals sage ich mir, daß niemals Schuld und Unschuld auf zwei Partner verteilt sind und daß, wenn ein Sohn die Mutter haßt, ihr Maß an Schuld ein wohl gerütteltes sein muß. – Wenn ich aber dies klar und kalt erkenne – mir ist kalt, Alexandra, laß mir warme Tücher bringen! – ja, wenn ich dies klar und kalt erkenne, dann kann die Folgerung nur sein, daß ich den Tod willkommen heißen muß. – Eine Mutter, die nur den Wunsch hatte, ihre Lebensidee durch ihren Sohn erfüllt zu sehen, und die ihn statt dessen zum Muttermörder macht, ist schon schuldig gesprochen, so daß ihr nur der Tod als Sühne übrig bleibt. Es ist auch sonderbar, ich habe um mein Leben gekämpft, ich habe alle Kraft darangesetzt, mich schwimmend zu retten, und jetzt freut mich dies neueroberte Leben nicht mehr. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich kampflos mit dem Schiffe gesunken wäre. Aber dies wäre nicht Agrippina gewesen. – Nein, ich denke nicht daran. Will er mich aus dieser Welt haben, dann muß er sich schon selbst bemühen. Ich denke nicht daran, seinen Henkern die Arbeit zu ersparen. – Nero, ich habe ihn unendlich geliebt auf meine Art, die sicherlich falsch war. Jetzt liebe ich ihn nicht mehr. Steht es dafür zu leben, ohne einen Menschen lieber zu haben als sich selbst? Steht es dafür, mit Listen solch armseliges Leben zu retten? Warum starrt mich Alexandra so an? Habe ich laut gesprochen?« »Wo bleiben die warmen Tücher? Mich friert!« »Herrin, ich habe Syrus danach geschickt, er ist nicht wiedergekommen!« »Nicht wiedergekommen? Auch er wie Agermus? Nun, ihn zumindest hält wohl Nero nicht zurück. Ich höre ja draußen Stimmen. Schwatzen sie draußen, während ich warte? Gib das Zeichen, Alexandra!« Mit Hast erhob sich Alexandra und schlug mit dem an der Kette hängenden Klöppel auf die Bronzeplatte. Der tiefe Ton hallte versummend in völliger Stille. Agrippina lauschte vorgebeugt: kein Hasten von sich überstürzenden Sklaven, kein vielstimmiges »Hier bin ich!« Alexandra starrte schreckensbleich in Agrippinas erblassendes Gesicht. Plötzlich flackerten zischend die Lichter auf. Wie von jähem Luftstoß blähte sich der Seidenvorhang der Tür. »Was sind das für Schritte?« hauchte Agrippina und warf die Decken ab. Alexandra horchte, vier Finger der Linken im offenen Munde, den Kopf in den Nacken geduckt, bebend. »Ich – will, ich will nach den Tüchern sehen!« stammelte sie und lief, lief – nicht nach der Tür, hinter der gedämpftes Geräusch herklang – nein, zu jener, die in den Dienergang führte. »Verlässest auch du mich?« rief Agrippina ihr nach, beide Hände am Halse, wie erstickt. »Angst! Angst! Auch Alexandra hat mich verlassen, zu der ich gut war wie zu niemand sonst. Ich will nicht sterben! Ich will nicht schon sterben. Ich bin siebenunddreißig Jahre alt. Piso! – Ich will nicht dieses süße Leben hergeben – Oh, nur nicht den Tod! Lieber zurück nach Tusculum, lieber zurück in die Verbannung der Insel.« Der Türvorhang klirrte an seinen Ringen zurück. »Das ist der Mord!« dachte Agrippina. »Anicetus! – Der Triarch Herculejus hinter ihm, oh, der haßt mich, ich sprach gegen seine Beförderung! – Der Centurio Obarites! – ich habe seinen Vater in die Verbannung geschickt – steht denn mein ganzes Leben auf, mich anzuklagen? – Diese Gesichter! In allen dreien steht heute: ›Mord!‹, wie in den Gesichtern der Boten von damals ›Freispruch!‹ stand. – Nun, wenn Nero klein genug ist, mir seine Henker zu schicken, so will ich groß genug sein, ihnen zu begegnen –« »Wenn du kommst, Anicetus, um zu sehen, wie es mir geht, so melde deinem Kaiser, daß ich mich erholt habe. Kommst du aber als Mörder, so glaube ich nicht daran, daß mein Sohn den Befehl gegeben hat!« Herculejus trug den Triarchenstab, den sie ihm einst mißgönnt hatte. Jetzt hob er ihn mit verzerrtem Gesicht und schlug zu. Der Schlag war vielleicht nicht mit großer Kraft geführt, aber er traf Agrippinas wunde Schulter, und ein Blutstrom färbte hervorschießend ihr Gewand. Sie schwankte vor Schmerz, aber sie tat keinen Laut. – »Das ist das Ende!« dachte sie, »und es ist gut, daß das Ende kommt.« Sie sah den Centurio das Schwert heben. Sie griff zu und riß mit einem Ruck ihr Kleid entzwei. »Stoß in den Leib, der Nero geboren hat«, sagte sie. Und der Centurio Obarites stieß zu.   Siebenmal auf dem Wege von der Säulenhalle des Tiberianischen Palastes bis zum Einlaß in den Audienzsaal hatte Piso den Centurionen der aufgestellten Wache Rede stehen müssen. Siebenmal hatte er das Täfelchen seiner Einberufung vorzuweisen gehabt, das er am Ende gar nicht mehr wieder im Gewandbausch versorgt hatte. An der Türe zum Audienzsaal empfing ihn jetzt Pollio in der Rüstung eines Obersten der Leibwache, den purpurnen Adler, das Zeichen der Augustianer, auf der linken Schulter eingestickt. Er führte das kaiserliche Siegel der stumm vorgehaltenen Wachstafel an den Mund. »Na, Bürschchen«, dachte er, die Brust vorwölbend, »wer ist gescheiter gewesen? Du, der nie an Nero geglaubt hat, oder ich, der ich zu ihm gehalten habe? Was wirst du sagen, mein Lieber, wenn du mich erst als Präfekten sehen solltest?« »Solch ein Tier auch noch küssen müssen!« dachte Piso. »Welch ein Unfug, daß halb Rom die Wange feucht hat von den Küssen der anderen Hälfte –« »Sei gegrüßt in Neapel!« sagte Pollio. »Wir erwarten dich hier seit gestern mittag.« »Es hatte mir nicht den Anschein«, antwortete Piso kühl. »Ich wurde siebenmal verhört wie ein unbefugter Eindringling.« Pollio lachte ein sattes Lachen. »Das darfst du meinen braven Jungen nicht krumm nehmen. Meine Augustianer wollen keine Gefahr laufen, einen Verschwörer durch ihre Finger wischen zu lassen wie die Prätorianer zu Bajä! Sie zittern noch immer um Augustus, auch wenn, Dank der Minerva, die Hexe sich endlich zum Hades begeben hat. – Du starrst mich so an, ja weißt du es denn noch gar nicht? Agermus hat in Agrippinas Auftrag Augustus zu ermorden getrachtet. Aber Nero hat nicht umsonst seine Leibesübungen mit uns gehalten – er hat es mir selbst gezeigt, wie er dem Meuchelmörder mit einem Griff das Schwert aus der Hand gewunden hat. Na, ich habe den Kerl dann völlig abgetan. Und daß Agrippina nichts als der Selbstmord übrig blieb, ist doch klar.« »Ist er wirklich so töricht, oder will er bloß mich töricht machen?« dachte Piso. »Ganz Italien spricht von nichts anderem«, sagte er trocken. »Nun? Und die Stimmung im Senat, im Volk?« fragte Pollio schnell, gierig vorgebeugt, und da Piso schwieg, lachte er verlegen: »Nicht daß wir den geringsten Zweifel an deren Treue hätten –« »So«, dachte Piso. »Also ihr zweifelt alle bedeutend, ob Senat und Volk es schlucken. Keine Angst, die Sklaven schlucken, aber ich denke nicht daran, dir das zu sagen.« »Bockig wie ein Maultier«, dachte Pollio. »Schon als Kind beim Murmelspiel war er so, der liebe Vetter, kein Wort aus ihm herauszubringen.« Pollio legte den Arm um des Kleineren Schulter und führte ihn fort von den Wachen. »Wir haben Zeit, der Empfang dürfte sich nämlich ein klein bißchen verzögern. Augustus pflegt jetzt gewöhnlich gegen Morgen den besten Schlaf zu finden. Um die Wahrheit zu sagen, Augustus hat seit Bajä elende Nächte. Auch körperliche Ermüdungen und Zerstreuungen können da nichts helfen. Es scheint, als trauere Augustus noch in seiner übergroßen Milde wahrhaftig dieser mütterlichen Harpyie nach! – Im Vertrauen gesagt, ich bin selbst völlig erschöpft – der aufreibende Dienst bei Tage, und nachts wechseln ich und noch drei ›Alte‹ uns vor dem Cubiculum ab, denn er schreit, er schreit, er rezitiert, er beschwört das Volk von Rom, er spricht zum Senat. – Gestern hat er geschrien, er würde von schwarzen Ameisen bei lebendigem Leibe aufgefressen. – Ich kann dir sagen, ich würde meinen Mann in jeder Schlacht stellen, aber das war schauerlich. – Warum nickst du?« »Die Eumeniden!« hatte Piso gedacht. Er sagte: »Nichts. Ich kann mir denken, wie dies für dich, der du ihn liebst, bewegend sein muß!« »Bewegend! Du sagst es. Er hat sogar die Chaldäer kommen lassen, um die Manen der Selbstmörderin zu beschwören!« »Armer blutender Schatten der Agrippina!« dachte Piso. »Gestern hat er – ich erzähle dir das alles nur im Vertrauen unserer Vetterschaft – ich kann mich doch auf dich verlassen, nicht wahr? – (Ein Maultier, kein Wort aus ihm herauszukitzeln.) Gestern hat er, als Paris ankam und sagte, die Römer würden aus seiner Hand fressen, ihn angeschrien, er sei von Verrätern umringt, an seiner Leiche würde sich keiner seiner Diener umbringen, wie Mnester an seiner Mutter Scheiterhaufen, und er wisse sehr wohl, daß er bereits abgesetzt sei. – Er beschwor einen nach dem andern, ihm doch zu gestehen, daß der Senat beschlossen habe, ihn zu töten! Dann sprach er wieder davon, wenn er den Thron verliert, als Mime nach Griechenland zu gehen: die Kunst verdiene überall ihr Brot! – Ich erzähle dir das alles, damit du erkennst, wie wichtig es ist, beruhigend auf ihn einzuwirken, wenn er dich befragt. Ich bitte dich, überlege dir vorher genau, was du zu sagen hast. Du mußt doch erkennen, daß dir nichts jetzt so wichtig sein kann, als die Gunst des Augustus zu erwerben. Also ich gehe jetzt, leb wohl! – Ich weiß nicht – hast du mich verstanden?« »Besser als du denkst!« dachte Piso und er sprach es aus. Pollio drückte hastig Pisos Hand, und auf sein Zeichen öffneten die Augustianer die Türflügel. Piso warf das herabgleitende Togaende mit gewohntem Griff über den linken Arm zurück und sah im Eintreten Burrus reglos und aufrecht inmitten des Saales stehen. Das mürrische, bekümmerte Soldatengesicht erhellte sich, als Burrus Piso erkannte. Er breitete die Arme, zwei knallende Küsse trafen Pisos Wangen. »Welch günstiger Wind weht dich nach Neapel, mein Sohn? – Das ist eine ungeheure Freude in einer Zeit, die der Freuden nicht allzu viele bringt.« »Wir begegnen uns hier wie Gespenster einer besseren Epoche!« Vor der Statue des Sokrates war ein Mann in durchlöchertem Philosophenmantel gestanden, der wandte sich um. Piso erkannte mit Schrecken unterm völlig ergrauten Haar Senecas hohlwangiges, müdes, krankes Gesicht. »Sonderbar!« sagte Seneca, als spräche er nach Art der Einsamen laut mit sich selbst. »In der Nacht nach jenem Tage, an dem ich die Erziehung Neros übernommen hatte, träumte ich, es käme Sokrates zu mir und fragte: ›Warum erziehst du den Cajus Cäsar Caligula?‹« »Seneca!« murmelte Piso, sehr bewegt seine Wangen küssend. Die matten, kranken Augen gewannen Leben, und etwas von dem alten Glauben, der alten Freundlichkeit kam in den Blick. Seneca faßte, das Haupt zurückwerfend, Pisos Hand. »Du zumindest, unter all den Jünglingen, trauerst um sie, nicht wahr? – O Piso! Und wenn die Undankbaren, die Feigen, die Vergeßlichen ihre Bildsäulen auch in ganz Italien zertrümmern – das Bild in unseren Herzen soll mit uns erst untergehen –« »Er ist krank und alt – und trotzdem, er ist der Jüngling von uns beiden«, dachte Piso. Er legte alle Wärme in sein Lächeln und sagte fast zärtlich vor Rührung: »Das Bündnis gilt, Seneca.« »Augustus Nero Claudius Cäsar!« meldete Oberst Pollio. Der eintrat, trug griechisches Gewand statt der Toga und Sandalen statt der Senatorenstiefel. Um den Hals hatte Nero ein gelbes besticktes Tuch gewunden, dessen Ende er im Hereinkommen hüstelnd vor den Mund hielt. »Er sieht trotz der Schminke schlecht aus, flackrig, verlebt und wie um ganze Jahre innerer Pein gealtert«, dachte Piso. »Das also sind jetzt Cäsars Freunde: Tigellinus, Paris (immer noch!), Anicetus, Herculejus, Obarites – mich dünkt, ich sehe die drei bespritzt mit Agrippinas Blut. – O Agrippina, es kommt der Tag, an dem ich versuchen werde, dieses teuere Blut zu rächen! Ich habe es vor den Wachsbildern der Calpurnier geschworen! – Werden die Augustianer nach ihrer Tapferkeit gewählt oder nach der Schönheit ihrer Haarlocken? Wenn man sie ansieht, möchte man denken, es seien dreißig Knaben des Cestius in Rüstungen gesteckt worden. – Oh! jetzt beginnt er uns zu küssen –« »Freunde!« sagte Nero, wie überwältigt von innerem Aufruhr. »Was alles ist geschehen, seit wir uns nicht gesehen haben.« Er umarmte jeden und küßte hastig im Symbol die Luft rechts und links von ihren Wangen. Dann trat er einen Schritt zurück; mit kurzsichtigen Augen in diesen drei Gesichtern forschend, fragte er plötzlich mit der nicht mehr zu unterdrückenden Angst der letzten Nächte: »Burrus! Gestehe mir, was sagt Rom?« »Ich wollte, ich könnte dir jetzt sagen, daß es meutert!« dachte Burrus grimmig, und mit soldatischer Haltung meldete er: »Die Standbilder der Minerva sind bekränzt. Man hält Dankopfer in allen Tempeln, zum Dank für deine Rettung.« »Was? Wirklich? Du sagst es, Burrus!« Mit offenem Mund zog Nero zurückgeworfenen Hauptes den Atem ein, dann lachte er schallend ein stoßweises, erlöstes Lachen. Mit nassen Augen umarmte er Burrus noch einmal so stürmisch, daß der rote Präfektenmantel von dessen Schultern fiel und wie vergossenes Blut vor ihm lag. »Welch übles Omen! Ich bin nicht lange mehr Präfekt!« dachte Burrus, soldatisch reglos und stramm verharrend. »Daran erkenne ich meine getreuen Römer!« schluchzte Nero. »Er kann weinen, wann immer er will, wie ein Weib«, dachte Piso. »Er soll noch einmal wirklich weinen um dich, Agrippina, um dich, Britannicus, um dich, Octavia!« »Ich bin gerettet!« dachte Nero. »Paris hat recht, sie fressen mir aus der Hand. Ja – das Volk! – Aber der Senat –?« »Und der Senat?« fragte Nero. »Die berufenen Väter haben beschlossen, den Geburtstag der Verstorbenen unter die Unglückstage zu rechnen. Ein goldenes Bildwerk der Minerva Behüterin wird neben deinem silbernen in der Kurie aufgestellt werden!« »Kein Fürst vor mir hat gewußt, was man den Menschen alles zumuten kann!« dachte Nero. »Sie fressen es? Sie sollen mehr noch fressen.« »O Freunde!« sagte er zurücktretend (Götter, jetzt klingt meine Stimme, wie schade, daß Terpnus nicht da ist und Poppäa!), »ihr wißt nicht, wie sehr ich dieser Trostesstütze bedarf, wie sehr ich nach den Neigungsbeweisen von Volk und Senat dürste, ich, dessen heiligste Empfindungen so schwer enttäuscht wurden!« »Welch widerliche Komödie!« dachte Piso. »O ihr Götter!« »Eine Mutter zu lieben wie ich! Zu vertrauen, wie man nur einmal im Leben vertraut – und den Boten ihrer Rettung umarmend, das Schwert des Meuchelmörders in der Hand des Agermus zu sehen –« »Jetzt muß ich die Hände vors Gesicht schlagen!« dachte Nero. Er tat es. In der Stille des Saales hörte man seine nervöse Spannung in einem wilden Schluchzen sich Luft machen. »O Freunde! Fragt mich nicht, woher ich die Kraft nahm, Agermus die Waffe zu entringen – woher meine Stimme die Kraft fand, meinen getreuen Pollio herbeizurufen –« »Augustus! Deine Stimme hatte den Erzklang von Tubarufen!« rief Pollio. Neros Lippen zuckten, den Kopf zurückwerfend, mit geblähten Nüstern brach er aus: »Jetzt endlich werden Hunderttausende von Römern diese Stimme in der Arena hören dürfen!« In nächstem Augenblick erriet er mehr, als er kurzsichtig ihn erfaßte, den Ausdruck in Pisos gesenktem Gesicht, und er sagte mit seinem neuen tückisch flackernden Lächeln: »Nun, mein Piso, wir wissen, wie du der Verewigten zugetan gewesen bist. Wir haben dich aus Rom zu uns beschieden, um einen ganz gewißlich nicht allzusehr zu unseren Gunsten beeinflußten Bericht von dir zu vernehmen. – Sprich!« Auf Pisos Stirn standen die Adern. Er trat vor und sprach mit einer Stimme, die der unterdrückte Haß, der Schmerz, die Verachtung tonlos machten: »Der Senat beabsichtigt, dir im Festschmuck bis zum zwanzigsten Meilenstein entgegenzugehen wie dem Germanicus, als er vom Siege heimkehrte. – An der Einzugstraße werden Tribünen erbaut wie bei einem Triumph.« »Na also!« ließ sich in der Stille Tigellinus' Lispeln vernehmen. »Wer hat recht behalten? Hab ich's dir nicht immer gesagt, daß ein Machthaber nur seine Faust zu zeigen braucht, um Senat und Volk gehorchen zu sehen wie eine Hammelherde?« Pollio zog das Schwert und brachte den Ruf aus, und die Augustianer fielen in taktfestem Sprechchor ein: »Augustus! Augustus! Augustus!« Neros Mundwinkel zuckten. Er winkte nachlässig ab. »Und du, mein Lehrer? Du allein schweigst, da ich in der Stimme meiner Freunde Rom zu hören wünsche?« Seneca trat vor und hob mit Rednergebärde die Rechte aus den Falten des Philosophenmantels. »Ich habe nichts den vorangegangenen Berichten beizufügen, nur für eine Bitte suche ich Gehör!« »Weißt du nicht, daß mein Ohr und Herz dir seit immer gehören«, sagte Nero in nicht allzu geduldigem Ton. (»Jetzt erst sehe ich, daß der Rubin an Senecas Hand fehlt. Jetzt erst gewahre ich den ausgefransten Saum an seinem Mantel. Soll das stille Empörung gegen mich sein?«) »Cäsar, es sind jetzt elf Jahre, seit ich deiner hoffnungsvollen Jugend zur Seite gestellt bin, und das fünfte, seit du Kaiser bist. Im Laufe dieser Zeit hast du der Ehren und des Reichtums so viel auf mich gehäuft, daß zu meinem Glücke nichts weiter fehlt als Maß und Ziel. – Dein Urgroßvater Augustus gestattete dem Agrippa, sich nach Mytilene zurückzuziehen, dem Mäcenas, in Rom selbst so ungestört zu leben wie in der Fremde. Beide hatten zwar ansehnliche, aber doch nur der Größe ihrer Verdienste entsprechende Belohnungen empfangen. Du aber hast mir unendlichen Einfluß und unermeßlichen Reichtum verliehen, so daß ich mich recht oft selber frage: du, ein Ritter aus der Provinz, wirst den Großen des Staates beigezählt? Wo bleibt da jene Bescheidenheit, die sich mit wenigem begnügt? – Nur eines weiß ich zu meiner Rechtfertigung anzuführen, nämlich, daß ich deine Geschenke nicht zurückweisen durfte. Aber für uns beide ist nun das Maß voll, für dich in dem, was ein Fürst seinem Freunde geben kann, und für mich in dem, was ein Freund von seinem Fürsten annehmen darf. – Von mir tun will ich, was mich durch seinen Glanz blendet, und die Zeit, die der Gärten und Landhäuser Besorgung erfordert, will ich wieder auf geistige Beschäftigung verwenden. Du stehst ja in voller Manneskraft, und dein kaiserliches Regiment hat sich so viele Jahre hindurch bewährt. So können wir, deine schon betagten Freunde, mit Fug und Recht Ruhe verlangen. – Auch das wird zu deinem Ruhme beitragen, daß du Männer so hoch gestellt hast, die sich auch mit wenigem begnügt hätten!« »Unmöglich!« dachte Nero. »Wenn das Volk ihn in seinem alten Mantel von mir gehen sieht, glaubt keiner mehr das Märchen von Mutters Selbstmord – jetzt gilt es.« Nero hob die Rechte und trat einen Schritt dem Lehrer entgegen: »Daß ich deine wohlvorbereitete Rede aus dem Stegreif erwidern kann, ist das erste, was ich als Geschenk von dir besitze. Mein Urgroßvater hat in der Tat dem Agrippa und dem Mäcenas die wohlverdiente Ruhe gewährt, aber er nahm keinem von beiden die Belohnungen, die er ihm hatte zuteil werden lassen. Deine Verdienste um mich werden dauern, solange ich lebe; was du dagegen von mir hast, Gärten, Kapital, Landhäuser, ist dem Zufall unterworfen. Und mag das auch bedeutend erscheinen: sehr viele, die sich keineswegs an Verdiensten mit dir messen können, haben mehr erhalten.« – Sein Blick streifte Paris, der in der Tänzerpose gespielter Aufmerksamkeit dastand, und begegnete zwinkerndem Einverständnis in Tigellinus' höhnischen Augen. – »Ich schäme mich, Freigelassene zu nennen, die reicher sind als du. – Du bist es, der mich zurückruft, wenn ich in jugendlicher Unsicherheit irgendwo vom Wege abkomme, und der meine durch deinen Rückhalt gestützte Kraft nur desto energischer lenkt. Nicht deine Mäßigkeit wird in aller Munde sein, wenn du dein Vermögen zurückgibst, nicht dein Ruhebedürfnis, wenn du den Fürsten verläßt, sondern daß er habsüchtig gewesen sei und daß du seine Grausamkeit gefürchtet habest. Und würde man auch deine Genügsamkeit aufs höchste preisen, so wäre es doch wohl für einen Weisen nicht ehrenvoll, daraus Ruhm für sich zu ernten, womit er dem Freunde üble Nachrede bereitet.« Bei diesen Worten breitete Nero die Arme aus und fiel Seneca um den Hals. Er küßte die gehöhlten, kranken Wangen, und Senecas zögernder Dank ward übertönt von dem geschulten Beifall des Chors, von dem taktfesten Ruf der Augustianer: »Augustus! Augustus! Augustus!« »Ich habe euch zu danken, meine Freunde!« sagte Nero. »Nehmt mit diesem Hause einstweilen vorlieb, bis wir zusammen nach Rom zurückkehren, um das Volk, den Senat nicht zu lange warten zu lassen!« Sie gingen schweigend und langsam an den sieben salutierenden Wachtposten vorbei, und Seneca stützte sich schwer auf Pisos Arm, als sie die vielen steilen Stufen hinabstiegen. »Wäre es möglich, daß er mit uns ginge, wenn Pätus und ich losschlagen?« dachte Piso. »Sie sind alle Zauderer. – Hätte es Sinn, ihn einzuweihen, diesen müden, kranken Mann?« Seneca blieb auf der Stufe stehen. »Thrasäa Pätus ist aus dem Senat gegangen, bevor über die Beschlüsse abgestimmt wurde, und Mnester ist Agrippina nachgefolgt. – Man darf nicht ganz an der Menschheit verzweifeln«, sagte er, als sei er im Begriffe gewesen, dies zu tun. »Ja, aber solcher Taten geschehen nicht viele. Und was für ein ungeheures Mitleid muß man mit den Menschen haben, um sich nicht in die Verachtung zu retten.« Seneca, der zwei, drei Stufen herabgestiegen war, blieb von neuem stehen. »Wie merkwürdig, daß du diese Worte sagst, Piso! Ich dachte diese ganze lange Nacht an Narcissus. – Er weissagte mir einst, ich würde, in meinen Mantel gehüllt, wie ein Sterbender erkennen, daß ich mein ganzes Hab und Gut auf das unrichtige Pferd verwettet hätte. Und er sagte – ich höre ihn noch –: ›Ich weiß nicht, was stärker ist, meine Verachtung oder mein Mitleid für die Menschen!‹« »Tribünen und Bildsäulen! Und Speichelleckerei ohne Ende! Nein! Ich bemitleide die Menschen nicht!« sagte Burrus. – »Sie verdienen nichts anderes als die Götter, die sie anbeten.«