Arthur Zapp Junggesellinnen Ein neuer Mädchentyp Sie hatten ein Kino besucht und saßen nun bei einem Glase Bier in einem Restaurant im Berliner Norden in eifrigem Gespräch. Die Röte der Scham und eines ehrlichen Unwillens stieg ihr in die Wangen. »Nein, Kurt, das solltest du nicht von mir verlangen!« sagte sie zürnend. Er sah ihr bittend ins Gesicht und griff beschwichtigend nach ihrer Hand, die sie ihm nach leichtem Widerstreben überließ. »Sei doch nicht so – so spießbürgerlich, so kleinstädtisch, Lisbeth! Du bist doch schon fünf Jahre in Berlin und solltest etwas modernere, freiere Ansichten haben.« »Modernere?« Es zuckte bitter um ihre Mundwinkel. Modern nennst du das, wenn ein junges Mädchen einen Herrn in seiner Wohnung besucht? Ich nenne das unpassend.« »Aber du bist doch kein Backfisch mehr!« entgegnete er lächelnd. »Ich kann nicht finden, daß das, was bei einem Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren als unmoralisch angesehen wird, nicht auch für eine Dreiundzwanzigjährige erst recht als unschicklich gelten sollte.« Er strich liebkosend über ihre Hand. »Aber Lieschen, du kannst mir doch vertrauen. Wir kennen und lieben uns doch nun schon bald ein Jahr. Da sehnt man sich doch danach, sich einmal so recht von Herzen zu küssen und sich so recht behaglich beieinander zu fühlen.« »Das können wir doch auch, wenn wir im Sommer wieder Ausflüge machen.« Ein frohes Leuchten ging über ihr Gesicht, und der Glanz der Erinnerung an schöne, im lauschigen Walde verbrachte Stunden strahlte in ihren blauen Augen. »Freilich. Aber bis dahin ist noch lange Zeit.« Er schlang seinen einen Arm sanft unter den ihren, beugte sich zu ihr hinüber und sah sie verliebt an; seine Stimme nahm einen wärmeren, zärtlich vibrierenden Ton an. »Sehnst du dich denn gar nicht, einmal mit mir ungestört zusammen zu sein? Immer nur in Kneipen und Cafés sitzen, in der rumpelnden Droschke mal einen flüchtigen Kuß tauschen, oder im kalten, zugigen Hausflur! Ach, Lieschen, wenn du mich liebst, wie ich dich liebe, mußt du doch auch das Verlangen haben, einmal nach Herzenslust zu kosen.« Er drückte ihren Arm, während sie, mehr und mehr in Erregung geratend, mit allen Sinnen lauschte. »Du mußt nicht gleich an etwas – etwas denken, was du als unziemlich, unerlaubt empfindest. Aber sage selbst, wäre es nicht wunderschön, wenn du mich des Abends mit deinem Besuche beglücken möchtest, wenn wir in meinem stillen Stübchen behaglich nebeneinander auf meinem Sofa säßen. Ich besorge ein einfaches, aber nettes Abendbrot, du bestreichst mir das Brot und legst mir vor, kurz, wir speisen zusammen, plaudern fröhlich und sind lieb und nett zueinander wie – na, eben wie junge Liebesleute, wie ein junges Ehepaar in seiner Häuslichkeit. Wäre das nicht herrlich, Schatz?« Sie atmete tief; seine Schilderung fachte ihr Interesse aufs äußerste an, weckte ihre Phantasie, und unwillkürlich nahm das Bild, das er so verlockend entworfen, plastische Gestalt vor ihr an. Sie sah sich an seiner Seite, hausfraulich schaltend, liebevoll für ihn sorgend. Hatte er nicht recht, würde es nicht wundervoll sein? Dennoch wallte auch ein Gefühl instinktiver Abwehr, peinlicher Furcht in ihr empor. Sie seufzte leise und entgegnete sanft, bedauernd, fast klagend: »Es darf doch nicht sein, lieber Kurt!« »Darf nicht? Warum nicht? Wegen kindischer Vorurteile? Sind wir nicht selbständig? Wenn es uns gefällt, wenn es uns Freude bereitet, warum sollten wir es uns versagen? Weil Hinz und Kunz es vielleicht nicht für recht halten? Was geht uns das Urteil fremder Menschen an? Übrigens, es braucht ja niemand zu erfahren.« »Aber deine Wirtin?« »Pah, die kümmert sich nicht darum. Die Berliner Vermieterinnen sind das gewöhnt. Wenn man nur pünktlich seine Miete zahlt und sonst ein ruhiger, anständiger Mieter ist!« Sie sah mit einem scheuen Blick in seine glühenden Augen. »Aber ich – ich habe doch solche –« »Furcht?« fiel er lächelnd ein, als sie stockte und schämig das Gesicht vor ihm senkte. »Na, höre mal! Du tust ja, als ob du mich erst heute kenntest. Du bist doch kein kleines Kind, und ich – na, ich bin doch kein Räuber.« Sie hob, noch immer befangen, den Blick. Er zog die Brauen zusammen. Ein Schatten lief über seine Züge. »Hast du so wenig Vertrauen zu mir? Du, das ist eigentlich eine Beleidigung für mich.« Sie griff begütigend nach seiner Hand. »Nein, sei nicht böse, Kurt! Ich weiß ja, du würdest mir nie etwas Böses antun.« »Na also! Wann darf ich dich erwarten?« Sie zögerte mit der Antwort; ihre Brust wogte stürmisch, offenbar rang ihr Verlangen, seinen Wunsch zu erfüllen, mit ihrem Bedenken noch einmal im Kampfe. »Nun, Lisbeth?« »Seine Stimme klang mahnend, ein wenig empfindlich. »Mor – morgen, wenn es dir recht ist!« stieß sie hervor, während ihr Atem heftig ging. – Als Lisbeth Glümer am anderen Tage gegen Abend nach Hause kam, erfaßte sie noch einmal die Besorgnis. Sie hatte schon einen besseren Rock und eine seidene Bluse aus ihrem Schrank genommen; jetzt warf sie beides auf das Bett, das an der Wand stand, und ließ sich schwer atmend auf den nächsten Stuhl fallen. Sinnend, in heißen Gedanken, stützte sie die Stirn in die Hand. Gewiß, er hatte recht: in Berlin war das nichts Ungewöhnliches. Das wußte sie aus ihrem Geschäft von den Verkäuferinnen. Die hatten alle ihr Verhältnis, und so viel hatte sie längst aus ihren Bemerkungen und manchen Anzüglichkeiten und Scherzen, mit denen sie einander je nach Laune bedachten, entnommen, daß sie keine Bedenken trugen, ihren »Herrn« – so nannten sie zumeist ihren Liebhaber – in seiner Wohnung zu besuchen. Aber war es nicht immer ihr Stolz gewesen, daß sie besser war als die Leichtsinnigen, die so wenig auf sich hielten? Und nun – nun sollte sie selbst – ? Energisch richtete sie sich in die Höhe. Nein, vergeben würde sie ihrer Mädchenehre nie etwas. Und das würde ja auch Kurt Vollbrecht nicht von ihr verlangen. Sie war überzeugt, daß er sie aufrichtig liebte und achtete. Hatte er ihr nicht oft gesagt, daß ihn gerade ihr Ernst, ihre Zurückhaltung angezogen hatte? Er habe ihr gleich angemerkt, daß sie anders sei als die Berliner Durchschnittsmädchen mit ihrer Leichtfertigkeit, ihrer Vergnügungssucht, ihrem unbeständigen, wetterwendischen, wankelmütigen Wesen, die sich leicht und flatterhaft von einem zum andern wandten, wenn ein Liebhaber ihren Ansprüchen an das Leben nicht genügte. Gewiß, sie tat ihm unrecht, wenn sie ihm mißtraute, wenn sie an seiner Rechtschaffenheit und seinen ehrlichen Absichten zweifelte. Und – eine Idee schoß plötzlich in ihr auf und färbte ihre Wangen und ließ ihre Augen freudig erstrahlen – würde ihr Besuch bei ihm sie nicht vielleicht der Erfüllung ihres heißen Wunsches näher bringen? Wenn sie gemeinsam speisten, wenn sie ihn mit hausfraulicher Sorge umgab und durch ihre Gegenwart, durch ihr Walten seinem einsamen Zimmer den Reiz eines schönen, wohligen Heims verlieh, würde dann nicht auch in ihm das Sehnen nach einer eigenen behaglichen Häuslichkeit wach werden? Ganz erfüllt von diesem Gedanken kleidete sie sich an, während die Erwartung in ihr glühte. Nun auf einmal kam ein belebender Eifer über sie, eine ungestüme Freude, und trällernd sprang sie die Treppen ihrer Wohnung hinab. In einem Delikateßgeschäft kaufte sie allerlei appetitliche Sachen: Sprotten, Zunge, Wurst, Schweizerkäse, ja sogar ein Achtelchen Kaviar. Damit zurück zur Schwedterstraße, wo Kurt Vollbrecht wohnte. Das Herz schlug ihr im Sturmtakt, als sie die erste Treppe hinaufgeeilt war. Die zweite Treppe stieg sie langsamer hinan, und vor seiner Tür – zum Glück ging seine Zimmertür direkt auf den Korridor hinaus – blieb sie zaudernd stehen. Ein qualvoller Kampf dämpfte mit einemmal die Vorfreude, die sie während ihres Einkaufs und des schnellen Ganges beseelt hatte. Merkwürdig beklommen war ihr plötzlich zumute, und sie konnte sich des dumpfen Gefühls nicht erwehren, als ob sie vor einer verhängnisvollen, folgenschweren Tat stände. Mit verstörten Augen blickte sie um sich. Dämmerung herrschte auf der Treppe mit den abgetretenen Stufen. Es war eines jener alten Häuser mit primitiven schmalen Treppen und engem, unwirtlichem Flur. Es schauderte sie unwillkürlich, und ein jäher Impuls beherrschte sie, umzukehren, davonzulaufen. Schon machte sie die Wendung, da öffnete sich die Tür; leise und vorsichtig spähte ein Männerkopf hinaus. Es war der Geliebte. Als er ihrer ansichtig wurde, strahlte sein Gesicht. »Na endlich! Ich hatte schon Furcht, es sei dir wieder leid geworden!« sagte er halblaut. Er zog die schwach Widerstrebende in das Zimmer, schloß die Tür und drehte den Schlüssel herum. Bei dem Geräusch schreckte sie nervös zusammen und machte eine unwillkürliche Bewegung nach dem Flur. »Aber Schatz«, sagte er, drückte sie an sich und küßte sie auf die bebenden Lippen. »Ach Kurt!« seufzte sie, noch ganz benommen, noch in voller Aufregung, mit ängstlich pochendem Herzen. Er schlang den Arm um sie, führte sie weiter in das Zimmer und deutete auf den festlich gedeckten Tisch. »Du siehst, es ist schon alles bereit zum üppigen Mahl.« In der Tat, ihre umherhuschenden Blicke sahen ein weißes, sauberes Tischtuch, darauf Teller, ein Brot, eine gefüllte Butterdose, Messer, Gabel, eine Weinflasche und zwei grünlich schimmernde Gläser. Sogar ein Sträußchen duftender Blumen befand sich in einer Vase mitten auf dem Tische. Dieser Anblick scheuchte einen großen Teil ihrer Beklommenheit hinweg, und der Gedanke, der sie zu Hause so froh und hoffnungsvoll gestimmt hatte, tauchte wieder in ihr auf. »Was hast du denn da?« fragte er und deutete auf das Paketchen, das sie in der Hand hielt. Sie lächelte verheißungsvoll und wollte es aufschnüren, aber er nahm es ihr ab, legte es auf den Tisch und bat: »Erst mache es dir bequem!« Er half ihr aus dem Jackett und legte es auf das Bett, das an der gegenüberliegenden Wand stand. »So!« sagte er vergnügt. »Und nun einen Willkommensgruß!« Sie bot ihm selbst ihre Lippen. Als sie sich geküßt hatten, strich er ihr liebevoll die Wangen. »Einen schönen Dank, Lisbeth, daß du ein Versprechen wahrgemacht und in meine öde Junggesellenbude den Glanz deiner lieben Persönlichkeit, deiner Schönheit und Anmut bringst.« Sie sah ihn ganz erstaunt, angenehm überrascht an. An so poesievolle Artigkeiten hatte er sie nicht gewöhnt. Er war wirklich ganz aufgeräumt; die innigste Freude, das lebhafteste Vergnügen leuchtete aus seinen Augen. »So! Und nun laß uns einmal sehen!« rief er und zog sie wieder zum Tische zurück. Gemeinsam schnürten sie das Paket auf, und sie breitete mit ihren zarten, feinen Fingerchen die mitgebrachten Herrlichkeiten auf die verschiedenen Teller. »Ei, du!« lobte er und rieb sich frohlockend die Hände und betrachtete alles bewundernd. »Sogar Kaviar! Du Verschwenderin!« Und er küßte sie zum Dank. Dann lud er sie ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Bevor er sich neben sie setzte, entkorkte er die Weinflasche und schenkte ein. »Du hättest dir nicht solche Unkosten machen sollen!« bemerkte sie, während es ihr doch im stillen schmeichelte. Er verneigte sich mit strahlendem Gesicht und nahm eine humoristisch feierliche, ehrfurchtsvolle Miene an. »Wenn man so hohen Besuch hat! Das muß doch gebührend gefeiert werden!« Sie lachten fröhlich und stießen an. Dann begann das Schmausen. Sie legte ihm vor und tat ihm einen tüchtigen Klecks Kaviar auf den Teller. Mit glänzenden Augen sah er zu, wie sich die fleißigen Finger für ihn regten und sah ihr dankbar, mit tiefster Befriedigung ins Gesicht. Ihr ging das Herz vor Freude auf bei dem sichtbaren Behagen, das ihn erfüllte. Auch der letzte Rest der Scheu war von ihr gewichen, und nur noch frohe, stolze Genugtuung war in ihr. Während sie durch Gebärden, bittende Blicke und am wirkungsvollsten durch ihr hausfrauliches Walten zum Essen einlud, nötigte er zum Trinken, wobei er in kurzen Zwischenräumen allerlei fröhliche und galante Trinksprüche ausbrachte. »Auf das Wohl meiner Herzallerliebsten, der lieblichen Fee, die Glanz und Poesie des Märchens in mein prosaisches Dasein trägt!« Am schönsten aber klang es in ihr Ohr, und ein Jauchzen erhob sich in ihrer Brust, als er, sein Glas erhebend, rief: »Auf das Wohl meiner zukünftigen Hausfrau!« Als sie angestoßen, getrunken und die Gläser auf den Tisch zurückgestellt hatten, konnte sie sich nicht zurückhalten. In dem Überschwang ihres Glücks sank sie an seine Brust und sah selig zu ihm auf. »Ach, Kurt!« »Nun«, sagte er, nachdem sie sich geküßt hatten, »tut es dir leid, daß du gekommen bist?« »Nein, nein!« erklärte sie mit Entschiedenheit. »Ich danke dir, Kurt, von Herzen! Einen so herrlichen Abend habe ich noch nie erlebt!« Als sie gegessen hatten, präsentierte er ihr Zigaretten. Er selbst steckte sich eine Zigarre an, während sie die weiße Papyros zwischen die in frischem Rot prangenden Lippen schob. Sie schmauchten, schwatzten und kosten dazwischen. Immer glühender loderten seine Küsse; ihr wurde ganz heiß. »Ich muß mir doch einmal dein Zimmer ordentlich ansehen!« sagte sie und erhob sich. Sie trat an den Bücherschrank, der ihr Interesse erregt hatte, nahm das eine und andere Buch heraus, blätterte darin und las hier und da ein paar Zeilen. Er zog sie endlich fort. »Ach laß doch den Kram!« Dann umschlang er sie, preßte sie an sich und überschüttete sie mit einer Flut von Küssen. Ganz eigen durchschauerte es sie; so war ihr noch nie gewesen, auch draußen nicht, wenn sie im Walde nebeneinander geruht, die Arme ineinander verschränkt, liebestrunken. Das Herz hämmerte ihr wie rasend in der Brust, und das Blut stürmte ihr mit einer Glut durch die Adern, daß sie meinte, vor Hitze vergehen zu müssen. Willenlos hing sie in seinen Armen; ihre Körper verwuchsen förmlich ineinander. »Komm!« raunte er ihr zu und führte sie zum Sofa. Hier ließ er sich nieder und nahm sie auf seine Knie. Und wieder begann dieses wilde Küssen, das sie fast betäubte und ihr den Atem raubte. Da fühlte sie, wie seine Rechte ihren Fußknöchel umspannte und höher hinaufgleiten wollte. Ernüchtert, empört sprang sie auf. »Kurt! Nein, das ist häßlich! Das ist abscheulich von dir!« Betroffen stand er auf; das Haar hing ihm wirr ins Gesicht; die Adern auf seiner Stirn waren dick angeschwollen; seine Augen hatten einen Ausdruck, der ihr Furcht einflößte. Sie flüchtete zu dem Bett und riß ihr Jackett an sich. Er wollte sie hindern und sie von neuem umfassen, aber sie wies ihn zornig zurück. »Nein, laß mich! Ich bereue, daß ich dir vertraut habe! Jetzt sehe ich, was du von mir gewollt.« Mit zuckenden Händen, in fiebernder Hast rüstete sie sich zum Gehen. Er rang nach Worten, nach einer Entschuldigung. Ihre Entrüstung dämpfte auch bei ihm das Feuer. »Du – du tust mir unrecht!« verteidigte er sich mit vor Aufregung lallender Stimme. »Nichts habe ich gewollt, nichts! Man ist doch eben nur ein Mensch, und – das ist doch ohne meinen Willen, unbewußt, ganz von selbst über mich gekommen. Sei doch vernünftig, Lisbeth!« Er ergriff ihre Hand, aber sie riß sich heftig los und stürmte hastig davon. * Ganz aufgelöst kam Lisbeth Glümer in ihrem Zimmer an. Hier konnte sie endlich ihren Tränen, die sie auf der Straße mit großer Mühe zurückgehalten, freien Lauf lassen. Sie schluchzte bitterlich. In ihrer Erbitterung gab sie sich den schwärzesten Gedanken hin. Nun war alles aus. Konnte sie denn noch glauben, daß er sie liebte? Ohne Achtung keine Liebe. Er aber hatte ihr bewiesen, daß er sie auf eine Stufe stellte mit den liederlichen Mädchen, die das Gefühl für weibliche Ehre nicht kannten und den häßlichen Gelüsten der Männer schwach und willfährig nachgaben. Alles, was er ihr gesagt, womit er ihr Interesse, ihre Liebe sich listig erschlichen hatte, war Verstellung und Lüge gewesen. Von vornherein war er darauf ausgegangen, sie zu betören. O pfui, pfui, pfui! Sie schämte sich vor sich selber, und sie haßte und verachtete ihn aus voller Seele. Als der erste Entrüstungssturm ihrer keuschen Mädchenseele vorüber war, fing sie an, ruhiger zu überlegen. Sie erinnerte sich, wie zart und achtungsvoll er ihr bisher immer gehuldigt hatte, wieviel ehrliche, warme Anteilnahme er ihr immer bewiesen, wie er an allem, was sie betraf, herzlichen Anteil genommen. So oft sie im Geschäft Schwierigkeiten und Ärger gehabt, hatte er ihr seinen Rat gegeben. Nichts in ihrem Leben war ihm zu gering und unbedeutend gewesen, daß er es nicht eingehend mit ihr besprochen hätte. Auch von seinen eigenen Verhältnissen hatte er ihr häufig erzählt, daß er schon zehn Jahre in der Fabrik Buchhalter sei und daß er Aussicht habe, wenn der alte kränkliche Prokurist würde ausscheiden müssen, in diese gutbezahlte Stellung einzurücken. Und dann – das hatte er ihr wiederholt angedeutet – , dann würde er endlich daran denken können, zu heiraten, sich eine Häuslichkeit zu schaffen. Ein heftiger Schmerz durchrüttelte die Einsame. Wie oft hatten nicht liebliche Zukunftsbilder ihre Mädchenseele berauscht: ein Heim, ein eigenes Heim, nicht mehr für fremde Geschäfte arbeiten, sich nicht von rücksichtslosen Chefs Befehle und Zurechtweisungen erteilen lassen, nicht mehr in täglicher Berührung mit leichtlebigen Mädchen stehen, ihre frivolen Gespräche mitanhören, unziemliche Geschichten, die sich zwischen männlichem und weiblichem Personal anspannen, mitansehen zu müssen – eine Häuslichkeit zu haben, in der man der Mittelpunkt war, für einen geliebten Mann zu sorgen, die Hände regen zu können! Die Sinnende hob den auf der Brust hängenden Kopf; ein verklärender, matter Schimmer glitt über das noch tränennasse Antlitz. Hatte sie nicht heute einen kleinen Vorgeschmack dieses ersehnten Glückes genossen? War es nicht herrlich, war es nicht wunderschön gewesen, wie sie so einträchtig in seinem Heim nebeneinander gesessen, wie sie die zärtlich besorgte Hausfrau hatte spielen dürfen! Und wie nett und lieb er zu ihr gewesen, bis dann – – Die Grübelnde legte ihre Rechte gegen die Stirn. Ja, wie war es nur gekommen? Wie hatte er sich nur so – so schamlos vergessen können? Sie sann und sann schüttelte mit dem Kopf und sprang plötzlich auf, um lebhaft im Zimmer umherzugehen. Plötzlich durchzuckte sie ein schrecklicher Gedanke. Sollte diese eine unglückliche Minute alles das, was sie in den letzten sechs Monaten miteinander erlebt, auslöschen, als wäre es nie gewesen? Hatte er in all der Zeit wirklich nur geheuchelt, gelogen? Und war in dieser einen Minute, in der er sie so schwer gekränkt, so tief verletzt hatte, sein wirklicher Charakter erst zum Durchbruch gekommen? War er wirklich der gewissenlose Verführer, der sie mit listiger Berechnung getäuscht und schließlich ihre Unerfahrenheit, ihre Arglosigkeit mißbrauchen und überrumpeln wollte? Während sie sich mit Eifer in diese Frage vertiefte und sich noch einmal alle Einzelheiten der Vorgänge in des Geliebten Zimmer in der Erinnerung zurückrief, kamen ihr auch die Worte ins Gedächtnis, mit denen er sich entschuldigen und sie hatte besänftigen wollen. »Du tust mir unrecht! Nichts habe ich gewollt. Ganz von selbst ist das über mich gekommen.« Ja, so oder ähnlich hatte er ihre Entrüstung abzuwehren sich bemüht. »Nichts habe ich gewollt!« War das die Wahrheit oder nur eine Ausrede, eine Bemäntelung seiner Absichten? War es denkbar, daß man eine so – so ungehörige und dreiste Handlung begehen konnte, ohne es zu wollen, ja, ohne sich dessen bewußt zu sein, also unwillkürlich, unter einem inneren, unentrinnbaren Zwange? Sie vertiefte sich in diese Frage, und marterte ihr Gehirn ab, ohne doch zu einem klaren, bestimmten Ergebnis zu kommen. Sie hielt ihre Schritte an, blieb am Fenster stehen und starrte auf die Straße hinab. Die Laternen brannten, Menschen gingen vorüber, eine Droschke rasselte lärmend am Hause vorbei. Wieder wandte sie sich in das Zimmer zurück, setzte sich auf einen Stuhl, um ungestörter nachdenken zu können. Warum war denn sie nicht einer ähnlichen Regung unterlegen? Warum war denn in ihr im Gegenteil nur Empörung, Widerwille, Furcht gewesen? Hatte sie ihn denn nicht lieb? War denn in ihr die Liebe nicht so stürmisch, so bezwingend wie bei ihm? Doch – doch! Wie wohl hatte sie sich immer in seiner Gegenwart gefühlt! Wie hatte sie sich stets nach einem Zusammensein mit ihm gesehnt! Und wie glücklich war sie auch an diesem Abend gewesen, glücklicher als je! Hatten seine Küsse sie heute nicht noch mehr beseligt als sonst? Und war nicht auch über sie ein süßes Selbstvergessen gekommen, ein so seliger Zustand, wie sie ihn noch nie empfunden? War das nicht Liebe? Ja gewiß, das war Liebe, Liebe, die den Menschen froh und glücklich, gut und rein machte, ihn wappnete gegen alles Häßliche. Aber das, was er getan und was er noch hatte tun wollen, das war keine Liebe, nein, das war – ja, was war das eigentlich? Was war das eigentlich? Die halbe Nacht über ging ihr die Frage im Kopf herum, bis sie endlich, vom vielen vergeblichen Grübeln müde geworden, im tiefen Schlaf Ruhe und Vergessen fand. Am nächsten Abend, als Lisbeth Glümer vom Geschäft nach Hause kam, fand sie einen Brief von dem Geliebten vor. Sie zitterte und zögerte ein paar Augenblicke, ihn zu öffnen. Zürnte er ihr, war es eine Absage? Oder – ? Sie riß erregt, mit vor Bangigkeit fliegenden Händen den Umschlag auf. Schon die ersten Zeilen ließen sie aufatmen. Er schrieb zärtlich und liebevoll; er flehte mit innigen Worten um ihre Verzeihung und bat um eine Zusammenkunft am Abend in einer stillen Konditorei, wo sie sich schon häufig getroffen hatten. Ihr Zorn, ihre Empörung war auch ohnedies schon fast verraucht und hatte einer milderen, versöhnlichen Stimmung Platz gemacht. Als sie sich ein Stündchen später trafen, kam er ihr mit ausgestreckter Hand und bittendem Blick entgegen. Ja, als sie sich gesetzt und ihre Tasse Schokolade erhalten hatte, und als sie nun allein in dem einen der beiden Gastzimmer waren, strahlte er sie mit einem warmen Blick seiner schönen braunen Augen an, bei dem ihr immer das Herz aufging, und ein glückliches Lächeln erhellte den Ernst seiner Züge. »Weißt du, Lisbeth«, sagte er mit frohem Klang in seiner Stimme, »so sehr ich auch erschrocken und in Furcht versetzt war, du könntest mir nun für immer gram sein, etwas Gutes hat das – na, eben der peinliche Vorgang doch gehabt: ich habe deinen Wert noch überzeugter, beglückender erkannt – wirklich!« Sie sah ihn überrascht an und verstand ihn nicht recht. Er nickte bekräftigend. »Jawohl! Dein starkes Entsetzen, deine flammende Empörung haben mir bewiesen, wie keusch dein Empfinden ist, wie unberührt du innerlich von allem, was du doch in Berlin gesehen, gehört und erlebt hast, geblieben bist. Ich glaube, es gibt hier nicht viele, die mit dreiundzwanzig Jahren, noch dazu wenn sie eine geschäftliche Tätigkeit ausüben, so zart, so rein und so tief empfinden.« Er nahm ihre Hand in die seine und sah sie mit einer Mischung von zärtlicher Liebe und Bewunderung, ja, mit wirklicher Ehrerbietung an, die sie froh und stolz und dankbar machte und auch den letzten Rest eines Unwillens in ihr tilgte. Nachdem so die Versöhnung geschlossen war, plauderten sie, beide verliebter ineinander als je, lebhaft und fröhlich eine ganze Weile, dann sagte er, wieder ihre Hand ergreifend: »Also, liebe Lisbeth, nun ist alles vergessen, nicht wahr? Nun wirst du es mir nicht mehr nachtragen, nun sind wir wieder wie früher miteinander, und ich darf darauf rechnen, daß du mir wieder dein Vertrauen und das Glück deines Besuches schenken wirst.« Sie sah ihn betreten an, unsicher, zögernd, und wußte nicht, was sie erwidern sollte. Da drang er noch bittender, inniger in sie: »Du wirst mich doch nicht so hart bestrafen, mich und dich selber auch?« Er drückte ihr die Hand so fest, daß es sie fast schmerzte, und suchte ihren befangenen, ratlosen Blick. »Ich verspreche dir auch, daß ich besser auf mich achten werde. Überhaupt, ich bin doch kein gewalttätiger Mensch, und niemals werde ich dich zu etwas zwingen, was du nicht willst. Das wirst du mir doch glauben, Lisbeth?« Sein aufrichtiger, herzlicher Ton rührte sie. »Ja«, gab sie mit überströmendem Gefühl zurück, »ja, Kurt, ich glaube dir.« Und dann flog ein verschämtes Lächeln über ihr Antlitz. »Aber eins mußt du mir versprechen –« »Alles, Lisbeth! Also?« »Daß du – daß wir nicht mehr Wein trinken.« Sie war schon in der Nacht während ihres emsigen Grübelns auf den Gedanken gekommen: das feurige Getränk möchte wohl die Ursache gewesen sein, daß er sich so unbeherrscht hatte gehen lassen. Es wurde zur Regel, daß sie jede Woche einen und auch zwei Abende bei ihm verlebte. Immer brachte sie den Aufschnitt mit, und er sorgte für das andere. Statt Wein, der ja auf die Dauer auch zu teuer geworden wäre, tranken sie Bier zu ihrem Abendbrot. Das hinderte nicht, daß stets die wohligste Stimmung herrschte und daß ihre gegenseitige Liebe immer herzlicher, inniger wurde. Die anfängliche Befangenheit und Unsicherheit, deren sie sich bei den ersten beiden Besuchen doch nicht hatte erwehren können, schwand, und sie gab sich rückhaltlos dem Glück hin, das ihr Herz in der ungestörten Gesellschaft des Geliebten höher schlagen machte. Er war stets artig und von zarter Aufmerksamkeit, und kein Wort, keine Gebärde, kein Verlangen störte sie in ihrem Behagen und ihrer Sicherheit. Sie plauderten, scherzten und lachten, und jeder bemühte sich, dem anderen Liebes zu erzeigen. Das liebste war ihr, wenn er aus seiner kleinen Bibliothek einen der Klassiker nahm und ihr vorlas. Von Goethe und Schiller kannte sie das meiste, aber von Shakespeares dramatischen Werken hatte sie das meiste weder gesehen noch gelesen. Mit größtem Interesse, in einer Spannung, die ihre Wangen rötete und ihren Augen einen verklärenden Glanz verlieh, hörte sie ihm zu, um ihn, wenn er müde wurde, mit ihren Küssen zu belohnen. Freilich, wenn sie fühlte, daß seine Glut sich mehr und mehr entzündete, entwand sie sich ihm. »Nein, nein«, wehrte sie lächelnd, bittend, »du zerzaust mir ja das ganze Haar.« Vor allem hütete sie sich, sich auf seine Knie zu setzen, und drückte ihn sanft von sich, wenn er sie allzu stürmisch umarmte. Mit der Zeit aber wurde ihre Abwehr schwächer und schwächer, ja, sie vergaß Furcht und Vorsicht immer mehr und überließ sich immer rückhaltsloser, widerstandsfähiger dem beseligenden, in süßes Selbstvergessen versetzenden Gefühl, das sie in seinen Armen, bei seinen leidenschaftlichen Küssen überkam. Ja, sie konnte nicht hindern, daß seine Liebkosungen eine Glut in ihr entzündeten, die sie früher nicht gekannt, und die noch in ihr nachwirkte, wenn sie ihn verlassen hatte und schon in ihr Zimmer zurückgekehrt war. Dann flammten ihre Wangen noch immer, und die Erregung ließ sie nicht ruhen, sondern trieb sie in ihrem Zimmer hin und her. Und wenn sie sich zum Schlaf niedergelegt hatte, konnte sie keine Ruhe finden. Ihre Phantasie fing an zu arbeiten, und sie warf sich erregt, schlaflos noch eine ganze Weile hin und her. Auch den nächsten Tag über war eine Unruhe in ihr, etwas Träumerisches und Hastiges, das sie zerstreut machte, und sie mußte ihre ganze Willenskraft aufbieten, um sich vor den Verkäuferinnen nichts anmerken zu lassen und keinen Fehler zu begehen. Der Zustand besserte sich nicht; sie war sogar im Geschäft manchmal nicht imstande, sich zu beherrschen. Immer häufiger verlor sie die Ruhe und die sichere Bestimmtheit, die sie als Aufsichtsdame mit den ihr unterstellten Verkäuferinnen in dem großen Schuhwarengeschäft immer beobachtet hatte. Ja, sie ließ sich zuweilen schon bei geringen Verfehlungen und Nachlässigkeiten der jungen Mädchen zur Ungeduld und zu heftigen Verweisen hinreißen, so daß die dicke Erna Wernicke eines Tages zu ihr sagte: »Aber Sie sind nervös, Fräulein! Was ist denn bloß mit Ihnen?« Worauf die freche, gefallsüchtige Alma Röpke, die mit jedem Käufer, der ihr gefiel, kokettierte, boshaft lachte: »Na, was wird denn sein! Fräulein ist verliebt.« Wenn sie sich auch diese Dreistigkeit mit scharfen Worten verbat, die Bemerkung machte sie stutzig und ging ihr für den Rest des Tages im Kopfe herum. Zu Hause dachte sie angelegentlich darüber nach. Hatte die naseweise, vorlaute Person recht? Hatte sie sich wirklich verändert, und war ihre Liebe zu Kurt Vollbrecht schuld daran? Lisbeth Glümer fing an, sich in der nächsten Zeit selbst zu beobachten. Und sie mußte dabei allerdings feststellen, daß sie von einer bei ihr ganz ungewöhnlichen Nervosität heimgesucht wurde. Ihr gleichmäßiges, ruhiges Wesen war einer unruhvollen, hin und her schwankenden Stimmung gewichen. Sie war launisch geworden. Bald fühlte sie eine überschäumende Fröhlichkeit, ein berauschendes Glücksbewußtsein in sich, bald wieder fiel sie einer sie plötzlich erfassenden Unrast, einer scheinbar gegenstandslosen Unzufriedenheit anheim, die sie sich nicht erklären konnte. Ihr guter Appetit ließ nach. Ihr Schlaf war nicht mehr der tiefe, stärkende wie sonst. Nicht nur, daß sie erst spät einschlief, sie wachte oft mitten in der Nacht auf, trotz der leichten Decke von einer inneren Hitze geplagt. Auch träumte sie viel mehr als früher, und zuweilen umgaukelten sie Traumbilder, über die sie sich beim Erwachen vor sich selbst schämte. Auch Kurt Vollbrecht wandelte sich sichtlich in seinem Wesen; auch an ihm gewahrte sie bei jedem Besuche eine sich steigernde Hast und Nervosität. Eines Abends erschrak sie heftig. Sie waren beim Bücherschrank gewesen; auf dem Rückwege nach dem Sofa und Tisch blieben sie stehen; seine Arme legten sich ihr um Rücken und Taille, er zog sie an sich und küßte sie. Immer glutvoller wurden seine Küsse, immer fester preßte er sie an sich. Ein Taumel schien ihn gepackt zu haben, und auch ihr schwand das Bewußtsein ihrer selbst. »Du – du!« stammelte er wie trunken. Sie hörte, wie er stürmisch den Atem ausstieß, und dann flammten von neuem seine Küsse auf ihren Lippen und versetzten sie wieder in den süßen, sie selig durchschauernden Zustand völligen Hingegebenseins. Seine Hände drückten sie so fest, daß sie einen Moment lang die Empfindung hatte, sie müßte zerbrechen. Da plötzlich lösten sich seine Arme, und mit einer jähen Bewegung schob er sie von sich. Mit wogender Brust, atemlos keuchend, stand er vor ihr, mit glühender Röte, fieberhaft glänzenden Augen. Nun wandte er sich mit hastigem Ruck zum Fenster und preßte seine Stirn auf die kühlende Glasscheibe. Sie schaute betreten zu ihm hinüber; er drehte ihr den Rücken zu; an seinen zuckenden Schultern sah sie, daß ihn noch immer eine starke Bewegung schüttelte. »Kurt!« sagte sie leise. Er schien sie nicht gehört zu haben. Abermals nannte sie seinen Namen, diesmal lauter. Er drehte sich nach ihr um. In seinen verstörten Mienen wühlte noch immer die sprühende Erregung. »Du – du darfst nicht mehr zu mir kommen, Lisbeth!« keuchte er. Sie sah ihn betroffen, fragend, erschrocken an. »Siehst du denn nicht, daß ich es nicht mehr ertragen kann!« rief er ihr heftig, fast vorwurfsvoll zu. Eine Ahnung stieg in ihr auf. Bestürzt starrte sie zu ihm hinüber. »Man ist doch – doch von Fleisch und Blut!« sprudelte er in der Aufregung, die alle seine Nerven peitschte. »Ich bin doch nahezu achtundzwanzig Jahre. Weißt du, was das heißt?« »Ach, Kurt!« stammelte sie und schlug ihre Augen vor seinen flammenden Blicken nieder. Seine beiden Arme hingen herab; seine Hände schlossen sich krampfhaft. »Ich liebe dich doch! Und seit ich dich kenne, habe ich –« Seine Stimme, die die Worte schreiend hervorgestoßen hatte, verstummte plötzlich; seine Lippen bewegten sich konvulsivisch und preßten sich dann zusammen, als wollten sie das, was in seiner Brust stürmte, gewaltsam zurückhalten. »Was denn?« fragte sie verständnislos und hob ihr Gesicht zu ihm. »Was hast du denn, Kurt?« Er blickte überrascht, erstaunt. Verstand sie ihn denn nicht? Er zog die Brauen zusammen; forschend, zweifelnd ruhte sein Blick auf ihr. »Ja, weißt du denn nicht«, brach es jetzt unaufhaltsam aus ihm heraus, »daß Männer in meinem Alter nicht so – so leben können, daß wir anders sind als ihr Mädchen, die ihr von Natur anders geartet und die ihr in Keuschheit und Enthaltsamkeit erzogen seid?« Sie schrak zusammen und senkte wieder unwillkürlich ihre Blicke zu Boden. Plötzlich schlug sie ihre Hände vor das erglühende Antlitz. »Ach, Kurt!« stöhnte sie. Stillschweigen herrschte für ein paar Minuten. Sie verharrte erschüttert, voll Scham, in zwiespältigen Empfindungen, die auf sie einstürmten. Sie vernahm, wie er im Zimmer auf und ab zu schreiten begann. Nach einer Weile nahm er einen Stuhl und ließ sich darauf nieder. »Komm, Lisbeth«, sagte er ruhiger, sanfter. »Setze dich zu mir und laß uns einmal vernünftig und offen miteinander sprechen!« Er rückte einen Stuhl in die Nähe des seinen. Sie ging langsam zu ihm hinüber, voll beklemmender Spannung, mit einer instinktiven Abwehr in ihrem Innern. Er nahm ihre beiden Hände in die seinen und begann, anfangs zögernd, stockend, nach geeigneten Worten suchend, die ihr Empfinden nicht verletzten, nach und nach, von dem Gegenstande fortgerissen, lebhafter, in immer schnellerem Fluß: »Also, wie ich dir schon andeutete, wenn wir beide ungestört in meinem Zimmer zusammen sind, wenn wir uns küssen und herzen, dann – dann regt sich doch naturgemäß ganz von selbst – na ja, das Begehren in mir, das natürliche Begehren. Und wenn du dich verletzt fühlst und ungehalten bist, so – so ist das eine Folge der Unwissenheit, in der ihr Mädchen aus besseren Familien erzogen werdet, die Unwissenheit über die menschliche und besonders die männliche Natur. Sieh mal, kannst du es nicht verstehen, wenn ich sage, daß du keinen Grund hast, beleidigt zu sein, und es als ein Zeichen von Nichtachtung oder gar von Lieblosigkeit zu empfinden, wenn sich bei diesen fortgesetzten längeren, ungestörten Zusammenkünften zwischen uns Leidenschaft in mir regt? Im Gegenteil, liebe Lisbeth, wenn ich bei unserem Zusammensein in meiner Wohnung, bei deinen Küssen gleichgültig, kalt, unbeeinflußt bliebe – : würde das nicht eher eine verletzende Unempfindlichkeit dir gegenüber oder aber ein anderes, naturwidriges Manko bei mir beweisen?« Er beugte sich in seinem Eifer, ganz durchdrungen von der Wichtigkeit und Berechtigung seiner Auseinandersetzungen, zu ihr hinüber, suchte den Blick ihrer unruhig flirrenden Augen und drückte ihre Hände in den seinen. »Das ist doch klar, liebe Lisbeth, und braucht dich wahrhaftig nicht zu verwundern und noch weniger dich zu beleidigen, wenn ich dich, der ich dich von Herzen liebe, deine Seele, dein liebenswertes Wesen nicht nur, sondern doch auch deine äußere Erscheinung, deinen schönen jugendfrischen. Körper, wenn ich mich hinreißen lasse, wenn das Blut in mir wallt, wenn die heißen Triebe in mir erwachen. Die Natur hat es doch so gewollt. Das ist doch bei allen gesunden Männern so; ich bin doch keine Ausnahme. Und du selbst, Lisbeth, bist du hier bei mir, wenn ich dich in meinen Armen halte, wenn sich mein Körper an den deinen schmiegt, wenn ich dich küsse, nicht von ähnlichen Empfindungen, von gleichen Regungen erfüllt? Auch wenn du nachher allein bist in deinem Zimmer, gärt es da nicht noch in dir, treibt dich nicht die Unruhe, das heiße Sehnen hin und her?« Ein Seufzer rang sich von ihrer heftig wogenden Brust los, und tief senkte sie ihr schamerglühtes Gesicht. »Du brauchst dich nicht zu schämen, Lisbeth!« fuhr er eifrig fort. »Jedem normalen Mädchen in deinem Alter und in gleicher Lage wird es ebenso ergehen. Ja, das ist ja bei euch Mädchen noch mehr als beim Mann das Zeichen einer starken, tiefen, natürlichen, von allen anderen Rücksichten unbeeinflußten Liebe.« Er schwieg und atmete wie befreit. Das hatte ihm schon seit langer Zeit auf dem Herzen gelegen, in seiner Seele gegärt. Nun war es heraus, aber wie war nun die Wirkung? Die Geliebte blickte noch immer zu Boden. Doch an ihrem schnellen Atem, an der zitternden Bewegung, die durch ihren Körper ging, erkannte er, daß seine Erklärungen nicht ohne Eindruck auf sie geblieben waren. Schweigend saßen sie sich eine Weile gegenüber, dann gab er ihre Hände frei. Die Ungewißheit in ihm, die Sorge um die Zukunft und das, was er ihr noch zu sagen hatte, trieb ihn auf die Füße. Mit ungestümen Schritten durchmaß er das Zimmer, um endlich vor ihr stehenzubleiben. »Was soll nun werden, Lisbeth?« stieß er erregt, sich zu ihr hinabbeugend, hervor. »Sollen wir unsere schönen, gemütlichen Abende aufgeben, die uns beiden, jawohl Lisbeth, auch dir, schließlich zur Qual werden? Willst du das? Du weißt ja, daß ich leider noch nicht in der Lage bin, ein ständiges eheliches Zusammensein zwischen uns zu ermöglichen. Ich bin doch noch immer nur Buchhalter, und wenn ich auch bei meinen Chefs gut angeschrieben bin, meine Stellung ist noch nicht gesichert und mein Gehalt recht mäßig. Erst wenn ich die Prokura erhalte, habe ich ein gutes Auskommen, das mir die Gründung einer Familie erlaubt, und brauche mich nicht vor einer Kündigung zu fürchten. Aber bis dahin kann noch ein Jahr oder auch zwei vergehen. Willst du, daß wir uns bis dahin immer nur an fremden öffentlichen Orten sehen und uns darauf beschränken, unsere Gefühle nur gelegentlich einmal durch einen verstohlenen Kuß zum Ausdruck bringen? Du als Mädchen könntest es ja gewiß aushalten ohne Anfechtungen und ohne körperlichen und seelischen Schaden für dein Befinden. Aber ich, Lisbeth, –« Er stemmte in seiner wieder stark wachsenden Aufregung ein Knie auf den Stuhl, neigte sich tief zu ihr hinab, und in einander überstürzenden, ungestüm hervorsprudelnden Worten rief er: »Ich könnte es einfach nicht ertragen, Lisbeth, ich hätte keine Ruhe zur Arbeit und könnte nicht schlafen. Ja, meine Gesundheit würde unter der unnatürlichen Entbehrung ernstlich leiden. Ich würde verdrießlich, unzufrieden, nervös und heftig werden. Vielleicht würde ich dir im stillen grollen und ungerecht gegen dich sein. Unsere ganze Liebe würde am Ende in die Brüche gehen, und meine erhitzten, unbefriedigten Sinne würde mich zuletzt in die Arme einer anderen –« »Kurt – !« Lisbeth Glümer sprang, aufs äußerste gequält, in peinlichster Bewegung vom Stuhle auf, um gleich darauf wieder auf ihn niederzusinken und in ein heftiges Schluchzen auszubrechen. Erschüttert legte der junge Mann der fassungslos Schluchzenden seine Rechte auf den Scheitel und strich sanft, liebkosend darüber. »Verzeihe!« sagte er. »Aber ich mußte es dir sagen, ich mußte dir klaren Wein einschenken. Wäre es besser, wenn ich stillschweigend an diesem Konflikt vorübergegangen und heimlich bei anderen Mädchen den Forderungen der Natur genügt hätte, wie es so viele andere in ähnlicher Lage tun? Die eine lieben sie ehrlich, innig, mit voller Seele und wollen sie später, wenn ihre materielle Lage es ihnen gestattet, zu ihrer Frau, zur Mutter ihrer Kinder machen, mit der andern aber, die ihnen seelisch nichts bedeutet, gehen sie zur selben Zeit die intimste Verbindung ein, die zwei Menschen überhaupt eingehen können. Wäre es dir lieber, Lisbeth, wenn ich, anstatt offen mit dir zu sprechen, es ebenso machte?« Sie ließ gemartert, verstört ihre Hände sinken und hob das tränenüberflutete Antlitz zu ihm empor. »Was soll ich denn tun, Kurt? Was verlangst du denn von mir?« schrie sie außer sich. »Nichts, Lisbeth, nichts verlange ich. Ich habe getan, was ich für meine Pflicht hielt. Das Weitere liegt bei dir. Überlege, gehe mit dir zu Rate und tue dann, was dein Herz, dein Empfinden dir gebietet! Ich werde kämpfen, solange ich es vermag. Mehr kann ich dir nicht versprechen.« Er half ihr in ihr Jackett; sie nestelte mit zitternden Händen ihren Hut auf den Kopf und stürmte davon. * Nach einer fast schlaflos verbrachten Nacht erhob sich Lisbeth Glümer, müde, abgespannt von ihrem Lager. Der Kopf schmerzte sie heftig, und sie überlegte, ob sie sich nicht krank melden sollte. Aber ihr Pflichtgefühl sträubte sich heftig dagegen, dazu kam die Gewißheit, daß das Nichtstun, das Alleinsein in ihrem stillen Zimmer ihren Zustand nur noch verschlimmern würde. Sie wußte ja, daß sie unaufhörlich über die große Frage grübeln würde, ohne doch zu einem Entschluß zu kommen, denn das eine schien ihr so unmöglich wie das andere. Verzweifelt griff sie sich an die schmerzende Stirn. War schon je ein Mädchen vor eine so furchtbare Entscheidung gestellt worden. Entweder dem Geliebten entsagen, den sie noch immer liebte mit allen ihren Sinnen, oder aber alles das in sich ersticken, mit Füßen treten, was sie bisher hoch und heilig gehalten? In tiefstem Schmerz rang sie die Hände, und heiße Empörung wallte in ihr auf. Wie konnte Kurt von ihr verlangen, daß sie – ? Sie erschauerte und mochte den Gedanken nicht ausdenken. Alles Gefühl in ihr bäumte sich dagegen auf. Hatten ihre Eltern, die seit Jahren das kühle Grab deckte, sie in Anstand, zur unbedingten Keuschheit und strengem Ehrgefühl erzogen, hatte sie in ihren fünf Berliner Jahren den zahlreich an sie herantretenden Versuchungen immer mit gleicher Unempfindlichkeit und Entschiedenheit widerstanden, um ihre Mädchenehre nun mit vollem Bewußtsein zu opfern, weil Kurt Vollbrecht es von ihr verlangte? Die Unglückliche sank auf den nahe stehenden Stuhl nieder, ihre Hände falteten sich unwillkürlich, und ihr Blick richtete sich nach oben. Sie sah das liebevolle und bekümmerte Gesicht ihrer Mutter und hörte die Worte, die sie zu ihr gesprochen hatte, damals, als sie sich auf den Rat einer Landsmännin und Freundin entschlossen hatte, ihr nach Berlin zu folgen: »Bleibe immer brav, mein Kind! Vergiß nie, was du dem Andenken deines Vaters, was du deiner alten Mutter schuldest!« Die Tränen traten der Sinnenden in die Augen, und mit dem festen Vorsatz erhob sie sich, auch künftig sich so zu verhalten, daß sie, wie bisher, mit gutem Gewissen, in Liebe und Ehrfurcht ihrer Eltern gedenken konnte. Dann nahm sie ihr Frühstück zu sich und begab sich eilig ins Geschäft, um allen weiteren verwirrenden, quälenden Grübeleien zu entrinnen. Im Laufe des Vormittags erhob sich ein lautes Hallo unter den Verkäuferinnen. Herr Lindner, der Reisende, war von seiner Geschäftstour zurückgekehrt, und in seiner stets aufgeräumten und schnoddrigen Art sagte er jeder ein paar anzügliche Worte. Lisbeth Glümer war die erste, an die er herantrat. »Nun, Äbtissin (diesen Beinamen hatte er ihr wegen ihrer stets zurückhaltenden, unnahbaren Wesens gegeben), halten Sie noch immer die strengen Klosterregeln, kasteien Sie noch immer Ihren schönen Leib, oder werden Sie mir das Vergnügen machen, heute nacht mit mir in das Palais de danse zu gehen?« Als ihm die Angesprochene, während die Mädchen in der Nähe kicherten, den Rücken drehte, wandte er sich an die dicke Erna Wernicke: »Na, hören Sie mal! Ich dachte, Sie würden mindestens fünfzig Pfund abgenommen haben aus Gram über meine lange Abwesenheit Wer hat denn all den Hummer und den Sekt bezahlt, mit dem Sie sich so angemästet haben?« Und zu der ihn herausfordernd anblitzenden Alma Röpke sagte er noch ungenierter: »Na, mit wie vielen Schätzen haben Sie mich in den drei Monaten betrogen, schöne Alma?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, eilte er der Buchhalterin entgegen, die eben die nach den oberen Räumen führende Treppe heruntergesprungen kam. »Guten Morgen, Fräulein Witte! Wie geht's denn Ihrem knickrigen Assessor mit det kalte Abendbrot?« Schlagfertig antwortete die Berlinerin: »Der ist inzwischen Rechtsanwalt geworden und läßt Ihnen sagen, Sie möchten Ihre Quadratschnauze besser in acht nehmen, sonst würde er Ihnen noch einmal einen Injurienprozeß an den Hals hängen –«, eine Abfertigung, die ringsum mit vergnügtem Lachen begrüßt wurde. – Ein paar Tage später, in der Frühstückspause, machte sich die dicke Erna Wernicke mit ihrem freundlichen Lächeln in dem nach dem Hofe gelegenen Nebenraum, in dem Hunderte von Schachteln mit allerlei Schuhwaren aufgestapelt waren und in dem die Angestellten ihre Garderobe ablegten, an die Aufsichtsdame heran. Sie drehte und spreizte sich vor der erstaunt Aufblickenden. »Sehen Sie mal, Fräulein! Feine Bluse – was? Crêpe de chine! Hat mir der Lindner spendiert. Nobel ist er, das muß man ihm lassen.« Lisbeth Glümer tat ihr den Gefallen und pries das mit sichtbarer Freude und Eitelkeit getragene neue Garderobestück. Im stillen aber war Widerwille und Abscheu in ihr. So weit kannte sie ja die Verhältnisse und den Charakter des Reisenden, um ahnen zu können, daß er sich nicht umsonst in solche Unkosten stürzte und daß die Leichtfertige den verlangten Preis dafür entrichtet hatte. Während sie an einem kleinen Pult am Fenster Notizen machte und die Verkäuferin den Raum verlassen hatte, trippelte eilfertig ein anderes der Mädchen heran. »Fräuleinchen! Na, nu seien Sie schon wieder jut! Wissen ja, daß mir die Zunge manchmal durchgeht, ohne daß ich es böse meine.« Es war die freche Alma Röpke. Und als sie sich nun zu ihr herumdrehte, hob die triumphierend Strahlende mit beiden Händen ihr ohnedies kurzes Kleid noch zwei Handbreit in die Höhe und zeigte stolz ihre prallen, in lachsfarbenen Strümpfen leuchtenden Waden. »Feinste Tramaseide! Habe noch ein ebensolches Paar in Lila. Entzückend, wie? Von Lindner! Is freilich 'n Luder, aber lumpig is er nich!« Die Überraschte schüttelte sich innerlich. Wie tief konnte solch ein Mädchen sinken, wenn sie erst einmal das Gefühl für Scham und Ehre verloren hatte! Kalte und heiße Schauer durchrannen sie. War es nicht wie ein Menetekel? – Als sie am Abend in den Hausflur in der Treskowstraße einbog, kam ihr von der Treppe her Herr Pietschmann, der Hausbesitzer, entgegen. Er zog seinen Hut tief, und in den kleinen grauen Augen, in dem gelblichen Gesicht des Leberleidenden funkelt es. »Freue mich immer, Sie zu sehen, Fräulein Glümer. Immer frisch und froh und anmutig!« Sie zog ihre Stirn kraus, denn die Galanterien des alten Junggesellen berührten sie heute noch weniger angenehm als sonst. »Ah!« unterbrach er seinen Redeschwall. »Haben Sie Ärger gehabt im Geschäft?« Er zog sein Gesicht in bedauernde Falten. »Ja, ja, die Herren Chefs, eine Bande. Haben immer zu mäkeln, verlangen für das lumpige Gehalt, daß sich solche schutzlose arme Angestellte für das Geschäft aufreibt. Sind überhaupt viel zu schade, Fräulein Glümer, für so 'nen schweren, anstrengenden Beruf!« »Zum arbeiten ist doch niemand zu schade, Herr Pietschmann.« Am liebsten hätte sie ihn stehengelassen, aber das widersprach ihrer rücksichtsvollen, freundlichen Art. »Freilich«, erwiderte er. »Sie überarbeiten sich aber. Sehen wirklich abgespannt aus, übermüdet. Zu viel Pflichteifer, Fräulein. Dafür dankt Ihnen niemand.« Er sah ihr mit wirklicher Anteilnahme und Besorgnis in die blassen, nervös zuckenden Mienen. »Ja, ich fühle mich allerdings nicht wohl«, gab sie mit einem Seufzer zurück. »Will mich nur gleich niederlegen. Guten Abend, Herr Pietschmann!« Sie nickte und eilte die Treppe hinan. Der alte Junggeselle sah ihr mit glänzenden Augen nach. Wie leichtfüßig und graziös sie dahinschritt! Es wurde ihm warm ums Herz. Ja, ja, wer solch ein reizendes, berückendes Geschöpf um sich hätte, der würde noch etwas vom Leben haben. Wenn er sich dagegen seine alte, klapperdürre Haushälterin mit den dünnen, grauen Strähnen auf dem Kopf und dem schlürfenden Gang in den ewigen Filzpantoffeln vorstellte – brr! Oben in ihrem Zimmer legte Lisbeth mit müden, lässigen Bewegungen ab, dann ließ sie sich auf dem Sofa nieder. Nicht einmal zu ihrem frugalen Abendbrot, das in der Regel aus einem belegten Butterbrot und einer Tasse selbstbereiteten Kaffees bestand, hatte sie Appetit. Wieder vertiefte sie sich mit erregten Nerven, mit heftig pochendem Herzen in die eine große Frage: »Was nun? Sie hatten nichts verabredet. Sollte sie warten, bis Kurt schrieb, oder sollte sie zu ihm gehen? Ein Schauder durchflog ihre Gestalt. Dann würde es wieder so werden, wie es das letztemal war. Und schließlich würde er einmal die Herrschaft über sich verlieren und sie – ? Die Einsame umspannte mit beiden Händen ihre glühende Stirn. Hatte er nicht gesagt, daß auch sie innerlich darunter litt, ohne sich dessen bewußt zu sein? Sollte es wirklich wahr sein, daß dieser Zustand der letzten Wochen, ihre unbestimmte Unruhe, ihre Nervosität die Bedeutung hatte, die Kurt ihr unterlegt hatte? Wieder lief ein Schauder über ihren Körper. Wenn Kurt recht hatte, dann – war dann nicht die Gefahr, daß sie sich von seiner Glut, von seinem Begehren hinreißen ließ? Das junge Mädchen sprang auf und rannte stöhnend durch das Zimmer. Nein, nein, das konnte ja nicht sein. So schamlos war sie nicht. Er irrte sich. Herr Pietschmann hatte gewiß recht; sie war überarbeitet und die fortwährenden Aufregungen im Geschäft, der Ärger mit den leichtsinnigen Mädchen, die so wenig Interesse für das Geschäft besaßen und nur immer an ihre frivolen Liebesgeschichten dachten, hatten ihre Nerven irritiert. Ja, es war recht häßlich von Kurt, daß er sie so verkannte. Nein, sie begehrte nichts weiter als seine Nähe, die lieben Worte von ihm, als seinen Kuß. Aber er – war er wirklich nicht imstande, die zwei Jahre, die es noch bis zu ihrer Verheiratung dauern konnte, so mit ihr zu verkehren wie bisher? Ja, die Männer mochten wohl anders sein als die Mädchen. Bei ihnen mochte wohl die Liebe dazu drängen, wonach ein Mädchen nicht begehrte, sondern vor dem sie sich fürchtete und entsetzte. Und wenn er gemeint hatte, daß auch bei einem Mädchen die wahre, tiefe und starke Liebe danach verlangte, so irrte er sich, oder er hatte es nur gesagt, um sie zu betören und seinen Wünschen willfährig zu machen. Die Unglückliche nahm ein Buch zur Hand und setzte sich nieder. Das Grübeln nützte zu nichts, sagte sie sich seufzend. Aus dem Labyrinth der Widersprüche kam sie nicht heraus. Da war es besser, an nichts zu denken und lieber zu lesen. Aber sie mußte bald erkennen, daß sie keine Ruhe dazu hatte. Wohl glitten ihre Blicke über die Seiten, aber wenn sie ein Blatt gewendet hatte, wußte sie nicht, was eigentlich darauf gestanden, und sie blätterte zurück, um noch einmal zu lesen. Schließlich gab sie es auf, denn alles das, was da in dem Roman stand, kam ihr so nichtig, so unwahr, so verlogen vor. Ach, das Leben war viel weniger schön und romantisch und erhaben, es war so nüchtern, so unerfreulich, so häßlich und so – ja, so schmutzig! Stöhnend entkleidete sie sich, aber auch im Bett quälten sie die Gedanken noch lange, ehe sie den ersehnten Schlaf fand. – Acht Tage wartete Lisbeth Glümer vergeblich. Kurt Vollbrecht ließ nichts von sich hören. Zürnte er ihr? Aber warum – was hatte sie ihm denn getan? Nein, so lieblos, so ungerecht konnte er nicht sein. Doch warum schrieb er nicht, warum – ? Ihre Erregung, ihre Nervosität wuchs. Wie ein Fieber glühte es in ihr. Eine furchtbare Angst packte sie. Die Abschiedsworte, die er bei ihrem letzten Besuche zu ihr gesprochen, fielen ihr ein. War es denn möglich, daß er aufhören konnte, sie zu lieben, weil er bei ihr nicht fand, wonach seine Sinne sich sehnten? Hatten ihn ihr Widerstand, ihr Fernbleiben in die Arme einer anderen, Nachgiebigeren getrieben? Der Gedanke peitschte sie, ließ alle Bedenken, alle anderen Rücksichten schwinden. Eilig machte sie sich fertig und stürmte die Treppe hinab. Zehn Minuten später stand sie hoch atmend an der Tür; ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, klopfte sie. Mit vor Eifersucht geschärften Sinnen hörte sie, wie ein Stuhl gerückt wurde und wie sich Schritte näherten. Im nächsten Moment riß er die Tür auf. Die Spannung, das heiße Sehnen vibrierte noch in seinen Mienen. »Lisbeth!« rief er jauchzend und zog sie in sein Zimmer. Ihr stürzten die Tränen aus den Augen vor Aufregung und Glück, ihn wiederzuhaben. »Ach Kurt – !« Willenlos sank sie in seine Arme. * Lisbeth Glümer hätte nicht geglaubt, daß es so viel Seligkeit in der Welt gäbe. Alle ihre früheren Skrupel verrannen in nichts. Wenn gelegentlich noch einmal ein Bedenken in ihr aufstieg, sagte sie sich, daß sie ja gar keine Wahl gehabt habe, daß sie nicht anders habe handeln können. Hätte sie den Geliebten aufgeben, hätte sie es gelassen zugeben sollen, daß er seine Zuflucht zu schlechten, leichtfertigen Mädchen nahm, die sich nicht aus selbstloser, alles überwindender Liebe dem Manne hingaben, sondern um sich mit ihm zu amüsieren, um ihn zu veranlassen, sie zu Vergnügungen aller Art zu führen und mit schönen Geschenken zu überhäufen? Und sie empfand es jetzt, wie wahr er gesprochen hatte: ja, ihre Natur selbst hatte sie zu ihm zurückgeführt. Jetzt, wo sie die volle Liebe kannte mit all ihren Süßigkeiten und himmelhohen Wonnen, wußte sie, daß es die Stimme der Natur gewesen, die sich in ihr geregt und die sie nicht hatte zur Ruhe kommen lassen. Nie hatte sie ein so beruhigendes, sättigendes Glück in sich gefühlt, nie so schöne, erhebende Genugtuung und Zufriedenheit wie jetzt. Nie war sie so frisch und stark gewesen, so voll Arbeitslust. Nie hatte sie sich so voll Freude gefühlt und von dem Verlangen beherrscht, gut zu sein und auch anderen Menschen Freude zu bereiten. Erst jetzt strömte ihr die Liebe zu Kurt in allen Nerven und Adern, erst jetzt war sie sich bewußt, wieviel er ihr war und wieviel sie ihm. Ja, gewiß, ihre Liebe zueinander war tiefer und reicher geworden. Ihr Gefühl für den Geliebten steigerte sich zur Anbetung und Bewunderung. Voll Dankbarkeit und Verehrung hätte sie sich ihm zu Füßen werfen und ihm die Hände küssen mögen, daß er sie das volle Liebesglück in seiner ganzen berauschenden Stärke, in all seiner Schönheit und Herrlichkeit kennen gelehrt. Auch Kurt Vollbrecht empfand in den ersten Wochen ein großes Behagen, auch ihn durchströmte eine große Zufriedenheit und ein Glücksgefühl, wie er es bis dahin noch nicht gekannt hatte. Das war doch etwas anderes als die losen Verhältnisse, die er, wie alle anderen jungen Männer in Berlin, gehabt hatte. Es war außerordentlich reizvoll, dem keuschen, reinen Mädchen die vollen Freuden der Liebe zu erschließen. Wie die natürlich furchtsame Scheu mit der unter seinen Küssen und Liebkosungen erwachenden Begierde rang, wie die anfängliche Enttäuschung allmählich in Staunen und brausende Leidenschaft überging, wie die Flammen immer höher schlugen: eine nie zuvor empfundene Wonne war es, dies zu beobachten, zu erleben. Mit innigem Behagen nahm er es wahr, wie die Liebe zu ihm ihr Denken und Sinnen, ihr ganzes Wesen ausfüllte, wie sie ihre Liebe zu einem wahren Gottesdienst gestaltete. Nichts Süßeres, Höheres schien es für sie zu geben, als seine Zufriedenheit zu erwerben. Einen förmlichen Genuß fand sie offenbar darin, sich ihm unterzuordnen, ihre Lebensanschauung, ihren Geschmack, ihren Willen ganz dem seinen anzupassen. Reizend war es, wie sie für ihn sorgte, wie sie bestrebt war, ihm Vergnügen zu bereiten, durch immer neue Überraschungen und Aufmerksamkeiten sein Gefallen zu erregen. In ihrem Äußeren, der Kultivierung ihres Körpers wurde sie noch sorgsamer als früher. Sie ließ ihre Kostüme bei einem besseren Schneider arbeiten, trug stets das eleganteste Schuhwerk, änderte ihre Haarfrisur, und die leiseste Andeutung von ihm genügte, sie zu immer neuen Anstrengungen, neuen Anschaffungen zu veranlassen. Sie hatte ja in den letzten Jahren Ersparnisse gemacht und besaß auch von ihren Eltern ein kleines Erbteil, so daß sie in der Lage war, allen Einfällen und Launen in dieser Hinsicht zu entsprechen. Fast alle Abende brachte sie bei ihm zu, und als eine Hauptaufgabe betrachtete sie es, seinen Abendbrottisch mit den Delikatessen der Jahreszeit zu versehen. Auch eine Flasche feinen Likörs brachte sie zuweilen mit. Kurz, sie sorgte mit dem ganzen Eifer und der ganzen Aufopferungsfähigkeit des liebenden Weibes für das leibliche Wohl des Geliebten. – Es war in diesem Stadium seiner Beziehungen zu Lisbeth Glümer, als Kurt Vollbrecht den Posten des ersten Buchhalters erhielt, den er als letzte Etappe zu der Vertrauensstellung als Prokurist ansah. Mit dieser Beförderung war zugleich eine nicht unerhebliche Erhöhung seines Gehalts verknüpft, das bei bescheidenen Ansprüchen nun wohl ausgereicht hätte, einen eigenen Hausstand zu gründen. Aber der junge Mann war keine schnell entschlossene impulsive Natur; in aller Ruhe und Besonnenheit ging er mit sich zu Rate, ob es in seinem Interesse läge, Lisbeth überhaupt davon Mitteilung zu machen. Hatte er einen Vorteil, so überlegte er bei sich, wenn er das geheime Sehnen des jungen Mädchens erfüllte und sie zum Standesamt führte? Mit der ganzen Umständlichkeit und Bedenklichkeit seines Charakters vertiefte er sich in diese Frage. Welchen Vorteil und welchen Nachteil würde er von der Heirat haben? Die Hauptänderung war die, daß Lisbeth ihre Stellung aufgab, und daß sie zusammen wohnten. Für die Geliebte sicherlich ein vorteilhafter Wechsel. Sie hatte eine eigene behagliche Häuslichkeit statt ihres öden Chambregarnie und brauchte nicht mehr für fremde Leute zu arbeiten. Und er – er selbst? Er war den ganzen Tag im Geschäft, würde also Lisbeths Gesellschaft eigentlich nur des Abends und – des Nachts genießen. Der angelegentlich mit sich zu Rate Gehende lächelte. Dieses Vorzuges erfreute er sich ja heute schon. Sie war ja so ziemlich alle Abende bei ihm, und hin und wieder hatte sie ihm auf seinen Wunsch und wohl auch ihrem eigenen Gelüst nachgebend, eine ganze Nacht gewidmet. Also auf seiner Seite Vorteil gleich Null. Und sonst? Sie konnte als Frau seine Kleider besser in Ordnung halten, ihm noch mehr Bequemlichkeit und Behagen in der Häuslichkeit schaffen, und er brauchte sein Mittagsbrot nicht mehr in der Kneipe einzunehmen. Und welche Nachteile standen diesen doch eigentlich recht geringen Vorteilen gegenüber, denn wer wußte z. B., ob die gewiß einfache Hausmannskost ihm besser munden würde, als das Restaurationsessen, abgesehen davon, daß er ja als Junggeselle nach seinem Belieben wechseln konnte, was ja für den Ehemann ausgeschlossen war? Der erste Nachteil war, daß er sich in seinen persönlichen Ausgaben würde einschränken müssen, denn er hatte ja dann für zwei zu sorgen. Für zwei? Ein Dienstmädchen würde er seiner Frau wohl halten müssen, also für drei. Und dabei würde es ja natürlich nicht bleiben, denn sie würde gewiß ein Kind haben wollen, vielleicht zwei oder drei oder gar noch mehr. Wer konnte das wissen? Und dann kamen Krankheiten, damit Unruhe und große Ausgaben. Vorbei war es mit dem Behagen, und Sorgen und Entbehrungen aller Art würden für ihn an der Tagesordnung sein. Den Grübelnden schauderte es. Sicherlich war, daß die Summe der Nachteile die wenigen geringen Vorteile bei weitem überwog. Mithin wäre er ein Tor, wenn er die schöne, nette, sorgenlose Gegenwart mit den Lasten der ungewissen Zukunft vertauschte. Ja, den Luxus, ein armes Mädchen zu heiraten, konnte man sich doch nur leisten, wenn man ein sicheres, höheres Einkommen besaß. Und wer wußte denn, wie Lisbeth sich in der Ehe als Gattin und Hausfrau bewährte? Wie oft hatte er nicht schon in anderen Ehen gesehen, daß aus einer liebenswürdigen, hübschen, fröhlichen Braut eine nachlässige, verdrießliche und gar zänkische Xantippe geworden war! Natürlich, wenn es an allen Ecken und Kanten fehlte und man knapsen oder sich gar in Schulden stürzen mußte, dann flohen Zufriedenheit und Glück, und von der Liebe und dem Liebesglück blieb nur der schale Bodensatz. Also vorläufig festhalten, was man hatte, und abwarten! Man war ja noch jung und hatte keine Eile mit dem Heiraten. Die Gegenwart war ja so angenehm, und leichtsinnig wäre es gewesen, das Schöne aus der Hand zu geben und sich in ein Meer großer und kleiner Verdrießlichkeiten zu stürzen. * Eines Abends – sie waren eben mit dem Essen fertig – lehnte sich Kurt Vollbrecht hintenüber und gähnte, Arme und Hände hinter seinen Kopf legend, die Kinnbacken weit aufreißend. »Bist du müde, Schatz?« fragte Lisbeth, seine Ungeniertheit mit lächelnder, zärtlicher Rücksichtnahme hinnehmend. »Hast wohl schlecht geschlafen letzte Nacht?« Er schüttelte mit dem Kopf und gähnte nochmals. »Schlecht geschlafen? Nein! Aber findest du nicht, daß es ein bißchen – ein bißchen eintönig ist, so Abend für Abend zu Hause zu bleiben?« Sie verneinte lebhaft. »Gar nicht! So behaglich kann ich es dir doch nirgends machen, so nett und gemütlich können wir doch nirgends plaudern.« Sie sprang auf und eilte nach dem kleinen Tisch an der Wand, wo die Zigarrenkiste stand, nahm eine Zigarre, knipste die Spitze ab und entzündete ein Streichholz, um selbst den Glimmstengel in Brand zu setzen. Damit kehrte sie zu ihm zurück und steckte ihm das brennende Kraut in den Mund, ihm zärtlich die Backen tätschelnd. »Schmeckt's?« fragte sie, ihm zuschauend, wie er behaglich paffte. Er nickte grunzend. Einen weiteren Ausdruck seines Dankes hatte er sich schon abgewöhnt; er hätte ja sonst fast den ganzen Abend in einem Danken bleiben können. »Soll ich dir nicht noch einen Likör einschenken, Schatz?« fragte sie. »Brauchst du erst zu fragen?« gab er, ein wenig ungeduldig, mit einem kurzen Auflachen zurück. Sie hatte schon die Flasche – es war feiner Benediktiner, mit dem sie ihn vor einigen Tagen überrascht hatte – ergriffen, jetzt schenkte sie ein und reichte ihm das Gläschen. Er schüttete den Inhalt wieder mit einem unartikulierten Laut hinunter. Dann schwang er sich zu einer Galanterie auf. »Willst du nicht auch einen nehmen?« Sie verneinte, glücklich lächelnd, und strich ihm liebevoll über das Gesicht. »Bewahre! Die Flasche bleibt für meinen Schatz.« Sie setzte sich auf seine Knie, entwand ihm seine Zigarre schelmisch und tat ein paar Züge. Er sah ihr eine Weile zu; seine Stirn runzelte sich leicht. »Frauen sollten eigentlich nicht rauchen. Ich finde, es sieht unweiblich aus.« Erschrocken, mit rascher Bewegung nahm sie die Zigarre aus dem Mund und schob sie wieder zwischen seine Lippen. »Ja, es ist wahr«, beeilte sie sich ihm zuzustimmen. »Du hast recht. Entschuldige!« »Höchstens mal eine Zigarette«, bemerkte er. »Ausnahmsweise bei besonderen Gelegenheiten, wenn die rechte Stimmung, die rechte Fidelitas da ist. Überhaupt in Gesellschaft, aber in der Häuslichkeit ist es nicht angebracht.« Seine Bemerkung überraschte sie, denn sie erinnerte sich, daß er selbst es gewesen, der ihr die erste Zigarette, die sie in ihrem Leben geraucht, präsentiert und angezündet hatte. Ja, sie wußte genau, daß er sich köstlich amüsierte, wie drollig sie sich zuerst angestellt, sich verschluckt und den Rauch wider Willen hinuntergeschluckt hatte. Zuletzt, als sie es schon verstand, mit Grazie zu schmauchen und den Rauch durch die Nase zu ziehen, hatte er es allerliebst und reizend gefunden. Er machte eine Bewegung und lüftete das eine Bein, eine Grimasse schneidend. »Inkommodiere ich dich?« fragte sie erschrocken und stand auf. Er strich sich das Knie. »Das Bein ist mir wie abgestorben.« Und als er ihre betrübte Miene sah, fügte er mit versöhnlichem Scherz hinzu: »Du scheinst stärker geworden, Lisbeth. Wieviel wiegst du denn?« »Hundertfünfundzwanzig Pfund, vor drei Monaten wog ich über hundertunddreißig.« »Da müssen wir ein bißchen solider leben.« Sie sah ihn verständnislos, erstaunt an. Das mokante, zynische Lächeln, das um seine Lippen zuckte, und das listige Zwinkern seiner Augen machte, daß sie über und über errötete. Verlegen wandte sie sich um und schritt dem Bücherschrank zu. »Soll ich dir etwas vorlesen, Schatz?« »Nein, nein, laß nur! Die Romane kenne ich alle schon und die ewigen Klassiker – ist ja langweilig!« Er zog seine Taschenuhr. »Erst dreiviertel acht Uhr!« Wieder legte er sich hintenüber und renkte sich bald die Kinnbacken aus. Als das Gähnen vorüber war, erhob er sich in plötzlichem Entschluß. »Weißt du, wir fahren 'runter, besuchen ein – Lichtspieltheater!« Sie sah ihn betroffen an. Es war noch gar nicht lange her, da hatte er über das Kino geschimpft und es albern, langweilig genannt, gut für geschmacklose, oberflächliche Leute, die keinen Sinn für die Reize eines behaglichen Beisammenseins zu zweien besäßen, und die sich nur amüsieren konnten, wenn sie viele Menschen, Trubel und Lärm um sich hätten. Aber sie schluckte die Entgegnung, die ihr auf die Lippen treten wollte, hinunter, eilte in den Flur, holte seinen Überzieher herbei und war ihm beim Anziehen behilflich. Dann, während er sich eine frische Zigarre anzündete, machte sie sich selbst zum Ausgehen fertig. * Eines Sonntags morgen – es war zur Gewohnheit geworden, daß sie die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag bei dem Geliebten verbrachte – verließ Lisbeth Glümer in aller Frühe Vollbrechts Wohnung. Es war ein herrlicher Maimorgen. Das junge Mädchen fühlte sich frisch und munter. Es war nicht mehr wie in der ersten Zeit ihres unbeschränkten Liebeslebens, wo ihre dürstenden Sinne sich nicht genug hatten tun können. Sie hatte sechs Stunden hintereinander gut geschlafen. Die leuchtende Frühlingssonne, die laue Luft, der Anblick der knospenden Bäume und der duftenden Blumen in den Vorgärten versetzte sie in eine wohlige Stimmung. Wie war das Leben schön, wenn man sich geliebt wußte! Und bald – bald würde die Zeit kommen, da ihr tiefstes Sehnen in Erfüllung ging, und sie nicht mehr nötig haben würde, verstohlen zu dem Geliebten zu schleichen. Mit elastischen Schritten ging sie die Straße hinunter. Als sie in die Treskowstraße einbog, sah sie schon von weitem Herrn Pietschmann vor der Tür seines Hauses stehen. Ihr erster Impuls war, umzukehren und noch einen kleinen Spaziergang zu machen, bevor sie nach Hause zurückkehrte. Aber es war zu spät, der Hausbesitzer hatte sie schon erblickt und schwenkte begrüßend seine Mütze von weitem. Sie bemühte sich, eine möglichst unbefangene Miene und eine noch straffere Haltung anzunehmen. »Schönen guten Morgen, Fräulein Glümer!« rief ihr der ältliche Herr entgegen und dienerte galant. »Das nenne ich eine Frühaufsteherin! Ja, ja, solch junges Blut leidet es nicht in den Federn, wenn die Frühlingssonne lockt und die Lerche und der Pirol rufen!« Die Herankommende verbarg ihr böses Gewissen und ihre stille Befangenheit unter einem freundlichen Lächeln. »Deshalb sind Sie auch schon so früh auf den Beinen, Herr Pietschmann!« Er sah vergnügt in ihr heiteres, neckisches Gesicht und drohte scherzend mit erhobenem Finger. »Wollen Sie Spott treiben mit einem alten Mann!« »Alt? Ich habe immer gehört, daß die vierziger Jahre die besten des Mannes sind.« »Freilich, freilich!« Der alte Junggeselle rückte sich in eine forschere Stellung. »Man fühlt ja noch mit der Jugend, besonders wenn sie einem –« er warf der vor ihm Stehenden einen verliebten Blick zu – »in so anmutiger Gestalt entgegentritt.« Ein wirkliches Interesse und eine ehrliche Bewunderung blickten aus den kleinen tiefliegenden Augen des Hausbesitzers. »Sagen Sie mal, Fräulein Glümer, wie stellen Sie es nur an? Sie blühen immer frischer und lieblicher. Unsereiner fühlt, wie er alle Tage älter wird, Sie werden immer jünger. Nein, als wenn Sie einen Zaubertrank genommen hätten!« Sie nickte schelmisch. »Der Zaubertrank heißt: ein fröhliches, zufriedenes Gemüt und die Hoffnung auf eine frohe Zukunft.« Herr Pietschmann schob seine Mütze auf die Seite und kraulte sich mit der Hand in dem ergrauten Haar. »Ach, Fräulein Glümer, worauf soll unsereiner denn noch hoffen?« »Aber, Herr Pietschmann, das liegt doch nahe: auf eine nette, liebe Frau und was sich sonst noch einstellt.« Die ungewohnte Zugänglichkeit und das überraschend neckische Wesen des jungen Mädchens animierte den Hagestolz merklich. Er sah sie mit glänzenden Augen an, in denen es vor Begehrlichkeit funkelte. »Freilich, freilich, Fräuleinchen! So'n molliges, zärtliches Frauchen könnte mir schon gefallen. Aber –« er stieß einen ostentativen Seufzer aus und sah sie mit schmachtenden Blicken an, »woher nehmen und nicht stehlen?« Sie lachte und streifte ihn mit einem etwas ironischen Blick. »Na, Ihnen kann es doch nicht fehlen, Herr Pietschmann. So'n Mann wie Sie!« Darauf legte sie mit einer bezeichnenden Geste ihre Rechte auf die Magengegend. »Solch früher Spaziergang macht Appetit.« Sie nickte freundlich. »Guten Morgen, Herr Pietschmann!« Er riß die Mütze vom Kopf, während sie an ihm vorbei ins Haus und die Treppe hinaufhuschte. Oben wollte sie eben ihren Drücker vorsichtig, leise ins Schloß der Korridortür stecken, als von innen geöffnet wurde. Ein junger Mann trat aus der Wohnung, der bei ihrem plötzlichen Anblick sichtlich erschrak und eine Bewegung machte, als wollte er wieder zurück. Hinter ihm tauchte der Kopf der Frau Winkler auf, von der sie ein Zimmer gemietet hatte. Die Wirtin war nicht im geringsten verlegen. »Ah, guten Morgen, Fräulein Glümer! Schon so früh bei Wege?« Und dann zu dem noch immer betreten dastehenden jungen Mann: »Also auf Wiedersehen!« Sie schob den Menschen, der nichts erwiderte, hinaus. Stumm drückte er sich an dem erstaunten jungen Mädchen vorbei und eilte die Treppe hinunter. Lisbeth trat beklommen ein, verwirrt teils von der ihr unverständlichen eben erlebten Szene, teils unter dem Einfluß ihres bösen Gewissens. Sie kannte den jungen Mann. Er war ein Kollege des Mannes ihrer Wirtin und verkehrte viel in der Familie. Frau Winkler lachte sie dreist an. »Na, gut amüsiert, Fräulein?« Sie zwinkerte listig, zweideutig. »Ja, ja, wer's so gut hat wie Sie! Können tun und lassen, was Sie wollen! Und wenn er Ihnen nicht mehr gefällt, dann schaffen Sie sich eben wieder einen anderen an. Lisbeth Glümer bezwang mit starker Willensanstrengung ihre geheime Erregung. »Ich verstehe Sie nicht, Frau Winkler.« Sie bemühte sich krampfhaft, eine ruhige, harmlose Miene zu zeigen. Die Frau kniff die Augen ein. »Aber vor mir brauchen Sie sich doch nicht zu verstellen, Fräulein! Die Winklern ist doch nicht dumm. Denken Sie, ich habe nicht längst gemerkt, was los ist und daß Sie Sonnabends nacht immer bei ihm sind?« »Aber, Frau Winkler!« begehrte das junge Mädchen auf, ganz blaß, mit zuckenden Lippen. »Was – was fällt Ihnen denn ein? Ich komme von einem Spaziergang – der Morgen war so schön –« »Und die Nacht noch schöner«, unterbrach die Vermieterin unbeirrt und grinste über das ganze Gesicht, »mir können Sie nichts vormachen! Denken Sie, ich habe Sie nicht 'reinschleichen hören, wenn Sie immer des Sonntags früh nach Hause gekommen sind, auch bei Wind und Regen, wo kein Mensch Frühpromenade macht? Herrgott, das kennt man doch! Man war doch auch mal jung und verliebt. Warum sollten Sie nicht! Ich bin die letzte, die's Ihnen verdenkt, wenn Sie Ihre Jugend genießen. Es gibt ja doch nichts Schöneres als die Liebe, und wenn ich auch die Vierzig auf dem Buckel habe und längst verheiratet bin, glauben Sie denn, man hat kein Gefühl mehr und weiß nicht, daß verbotene Frucht am süßesten schmeckt?« Das junge Mädchen verging fast vor Bestürzung und Scham; die Tränen stürzten ihr aus den Augen; sie fühlte sich wie vernichtet, beschmutzt. »Aber Frau Winkler!« stammelte sie schluchzend. »Na, lassen Sie's nur gut sein!« Die Frau klopfte ihr beruhigend, vertraulich auf die Schulter. »Mein Mann darf's natürlich nicht wissen. Der – na, Sie werden ja wissen, wie er is: Schema F. Bei dem muß alles nach der Schnur gehen. Beamter und immer noch Kleinstädter!« Sie legte den Finger auf den Mund und sah die Weinende bedeutsam an. »Also! Reinen Mund halten – gegenseitig! Na, Sie verstehen mich.« Sie nickte grinsend und verschwand in der Küche. Lisbeth taumelte wie betäubt in ihre Stube. Hier warf sie sich auf ihr Bett und weinte verzweifelt. Sie kam sich so grenzenlos erniedrigt vor. »Und wenn er Ihnen nicht mehr gefällt, so schaffen Sie sich einen anderen an!« Für eine gemeine Dirne hielt die Frau sie, für so eine, wie – sie selber war. Ja, auch die Schmach tat die Schamlose ihr an, daß sie sie zur Vertrauten ihrer ehebrecherischen Beziehungen zu dem Freunde ihres Mannes machte, der ahnungslos seinen Nachtdienst verrichtete und erst um sieben Uhr morgens nach Hause kam. O pfui, pfui! * Kurt Vollbrecht schien immer mehr den Geschmack an dem ungestörten Beisammensein zu zweien zu verlieren, denn auch in dieser Woche besuchte er mit der Geliebten ein Konzert, das zweitemal wieder ein Kino. Als sie am Freitag gemeinsam Abendbrot bei ihm gegessen hatten, griff er zur Zeitung und las. Lisbeth Glümer saß schweigend neben ihm und nagte mit den weißen Zähnen an der Unterlippe, denn sie empfand das als eine Rücksichtslosigkeit, deren er sich früher nie schuldig gemacht hatte. Schließlich versank sie in ein angestrengtes Nachdenken; ihre Gedanken waren nicht angenehmer Art, denn ihre Stirn legte sich in Falten und der Atem ging ihr bedrückt, wie bei jemand, der mit einem schwer zu fassenden Entschluß rang. Sie zuckte schreckhaft zusammen, als der neben ihr Sitzende plötzlich die Zeitung geräuschvoll auf den Tisch legte und sich mit der Frage: »Na, du sagst ja gar nichts – ?« ihr zukehrte. »Ich – ich wollte dich nicht stören«, stotterte sie. Er sah sie scharf an. »Soll das ein Vorwurf sein?« Und als sie nur mit einem bitteren Zucken ihrer Mundwinkel antwortete, fuhr er in ungehaltenem Tone fort: »Ich dächte doch, wie wir beide stehen, da brauchst du wirklich nicht gleich zu maulen, wenn ich mal einen Blick ins Abendblatt werfe.« Sie faßte nach seiner Hand. »Entschuldige, Kurt! Es war ja nicht – nicht das. Aber ich habe dir – dir etwas zu sagen.« »Nanu?« Er betrachtete sie erstaunt. »Angenehmes scheint's ja nicht zu sein.« »Freilich nicht. Nämlich ich – also, Kurt, ich kann morgen – überhaupt keine Nacht mehr zu dir kommen.« »So– o? Darf ich fragen, warum nicht?« Sie wich seinem Blick aus und erwiderte verlegen, einer direkten Beantwortung seiner Frage ausweichend: »Sieh mal, Kurt, ich komme doch fast jeden Abend. Aber die ganze Nacht über –« Mit heftigem Ruck setzte er sich noch mehr nach ihr herum. »Fast jeden Abend, aber die ganze Nacht nicht? So? Weißt du, das paßt mir nicht. Ich bin doch kein junger Fant von achtzehn Jahren mehr, der immer gleich in Stimmung ist. Die zwei knappen Stunden am Abend! So auf Kommando gewissermaßen, in aller Eile, ohne den natürlichen Trieb, nee, mein Lieb, das ist nicht nach meinem Geschmack. Anders, wenn man eine ganze Nacht vor sich hat, da stellt sich natürlich immer die Stimmung ein.« »Ach Gott, Kurt!« stammelte sie, nur mit Anstrengung ihre Tränen zurückhaltend, denn diese Auseinandersetzung war ihr doch so furchtbar peinlich. »Ich kann doch nicht anders.« »Du kannst nicht – wieso denn? Hat dir denn irgend jemand verboten – ? Kannst du denn nicht tun und lassen, was du willst?« Sie schluckte und würgte; ihr Feingefühl stand wahre Höllenqualen aus. Aber sie sah, daß sie um die Erklärung nicht herumkam, und so berichtete sie zögernd, mit gesenktem Gesicht, ab und zu durch ein bitteres Aufschluchzen unterbrochen, was ihr am letzten Sonntagmorgen passiert war. Kurt Vollbrecht zuckte ungerührt die Schultern und schüttelte den Kopf. »Weiter nichts? Und darüber regst du dich so auf und willst mir mein Vergnügen beschneiden! Na hör' mal! Was geht dich denn die Frau an! Kann dir doch wahrhaftig ganz schnuppe sein, was die von dir denkt.« Er lachte. »Überhaupt, wo sie doch selber – ! Ja, ja, diese Frauen! Diese gieprigen Vierzigerinnen! Ich dächte doch, ich stände dir näher als diese Frau – wie heißt sie doch – diese Megäre!« Lisbeth Glümer zögerte wieder und kämpfte, wie ihre hastig aufeinanderfolgenden heftigen Atemzüge verrieten, schwer mit sich. Endlich ließ sie sich mit leiser, bittender, schüchterner Stimme vernehmen: »Mein Gott, Kurt, ich habe doch mit der Frau alle Tage zu tun, und du glaubst nicht, wie dreist sie seitdem mit mir ist! Und sieh mal –« sie griff mit flehender, schmeichelnder Gebärde nach seiner Hand – »wir werden doch nicht mehr allzu lange zu diesen – diesen peinlichen und – na ja, entwürdigenden Heimlichkeiten gezwungen sein.« »Was –« begehrte er auf, »entwürdigend? Meine Liebe ist für dich entwürdigend?« Sie seufzte und drückte seine Hand herzlich, beschwichtigend. »Das habe ich doch nicht gemeint, Kurt. Aber du weißt doch, wie die Leute nun mal sind, die keinen Unterschied machen und alles über einen Kamm scheren, und die nicht danach fragen, ob es einem Paar ernst ist mit seiner Liebe wie uns, oder ob es sich nur um ein leichtsinniges Verhältnis handelt, das morgen wieder auseinandergeht. Und – na ja, eine Zeit können wir uns ja doch beschränken, es wird ja doch nicht mehr lange dauern.« Mit schroffer Bewegung entriß er ihr seine Hand. »Das hast du schon einmal gesagt!« Der Ärger stieg ihm sichtbar zu Kopf. »Soll das etwa ein Vorwurf, eine Mahnung sein?« herrschte er sie an. »Weißt du, zu drängen brauchst du mich nicht! Wenn es soweit ist, werde ich's dir schon von selber sagen. Das ist nicht hübsch von dir – ich hätte dir mehr Takt zugetraut.« Die Unglückliche stöhnte unter diesen grausamen Worten, die sie wie Peitschenhiebe trafen. Aber stärker als die Beschämung und das leise aufglimmende Gefühl der Kränkung und Bitterkeit war die Furcht in ihr, seinen Unwillen zu erregen. Und so tastete sie wieder nach seiner Hand und rückte sich zärtlich, schmeichlerisch an ihn heran. »So – so war es doch nicht gemeint, Kurt! Du tust mir unrecht. Ich bin ja gar nicht ungeduldig, ich warte ja gern. Und wenn du es wünschest, dann komme ich morgen, überhaupt alle Sonnabende wie bisher.« * Der Sommer war gekommen. Es war zwischen den Liebenden verabredet worden, daß sie ihren Sommerurlaub gemeinsam im Juli in einer der kleinen, nicht viel besuchten Sommerfrischen im Harz verleben wollten als »Ferien-Ehepaar«, wie es ja immer mehr Sitte geworden war unter den Mädchen und jungen Leuten. Am meisten freute sich wohl Lisbeth darauf; das würde ein Vorgeschmack der ersehnten Ehe sein, der sie ja als einer Erlösung von vielfachen Unannehmlichkeiten und Peinlichkeiten entgegenschmachtete. Bekannten Gesichtern würde sie da ja nicht begegnen, und die biederen Thüringer Kleinstädter würden sie doch sicherlich nicht mit so höhnischen und frivolen Blicken ansehen, wie Frau Winkler es oft tat. Aber nun kam es anders. Eines Abends, als sie Kurt Vollbrechts Zimmer betrat, schritt er aufgeregt auf und ab. Er erwiderte nicht einmal ihren Gruß. So hatte sie ihn noch nie gesehen, obgleich er sich in letzter Zeit nie Zwang auferlegt hatte, wenn er gelegentlich aus irgendeinem Grunde, sei es, weil er im Geschäft Ärger gehabt hatte, oder weil ihm sonst eine Laus über die Leber gekrochen war, übler Laune war. »Aber was ist dir denn, Kurt?« fragte sie, nachdem sie eilig abgelegt hatte. Er machte sich von der ihn zärtlich Umfangenden unwirsch los. »Erstens«, sagte er und sah sie mit flammenden Augen an, als sei sie schuldig an dem, was ihn in einen so erbitterten Zustand versetzt hatte, »erstens ist es mit unserer gemeinschaftlichen Sommerreise und –« seine Lippen zuckten höhnisch, »mit dem trauten Liebesnest, das wir uns in Dingsda, in Elbingerode, so schön zurechtzimmern wollten, Essig, und zweitens scheint es, als ob wir überhaupt niemals dazukommen werden, uns ein gemeinsames Nest zu bauen.« Sie schrak heftig zusammen und sah ihn ganz entgeistert an. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht geschwunden; über ihre zitternden Lippen drängte sich nur der schmerzliche Ausruf: »Ach Kurt!« »Weißt du«, schrie er, seine Hände in seiner Erbitterung, seiner Wut zu Fäusten ballend, »weißt du, was mir der Herr Direktor heute eröffnet hat?« »Der – der Direktor?« stammelte sie. »Doch – doch nicht etwa die – die Kündigung – ?« Er lachte grell. »Wird sich hüten. Für die paar Kröten, die er mir zahlt, kriegt er so bald keinen zweiten Dummen, der so fleißig schuftet wie ich. Das kann ihm so passen. Aber ich werde ihm was husten. Ich werde kündigen, verstehst du, ich !« Sie erhob, aufs höchste betroffen und beunruhigt, die ineinander verschlungenen Hände. »Aber warum denn, Kurt, warum denn?« »Weil er mir heute erklärt hat, daß ein Verwandter von ihm im nächsten Monat eingestellt und zum Oktober die Prokura erhalten wird, da der Alte ausscheidet. An der Nase hat er mich herumgezogen –« zornig schlug er mit der Faust auf den Tisch, »so ein Schuft! Geködert hat er mich mit leeren Versprechungen, nur damit ich mich fürs Geschäft plage und schinde und ohne Murren und ohne Vergütung Überstunden mache. So'n Halunke! Und weil doch der Neue sich erst einarbeiten muß, kriege ich meinen Urlaub erst im August.« »Schade!« sagte sie. »Ich hatte mich so darauf gefreut. Aber vielleicht kann ich es noch ändern.« Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Na, daß laß nur! Mir ist die Lust vergangen. Fahr' du nur im Juli und amüsiere dich! Ich werde im August zu meinem Onkel Mehnert nach Breslau reisen, du weißt, dem alten reichen Witwer. Vielleicht bringe ich ihn dazu, mir mit zwanzig- oder dreißigtausend Mark unter die Arme zu greifen. Dann etabliere ich mich und mache eine Eisenwarenhandlung auf. Selbständig sein und nicht mehr von eines anderen Gnade und Barmherzigkeit abhängig, der einen nur ausbeutet, das ist das einzig Wahre!« Der Sprechende, dessen zornige Mienen angefangen hatten, sich unter den berauschenden Zukunftsaussichten zu glätten, schnitt wieder eine Grimasse, wie wenn er sich plötzlich auf einen hohlen Zahn gebissen hätte. »Eine Vergnügungsreise wird's nicht werden, denn er ist hartleibig, der alte Geizhals. Wenn mal einer von uns Neffen und Nichten an ihn mit einer Bitte um Geldunterstützung herangetreten ist, dann hieß es immer: ›Wenn ich mal tot bin, erbt ihr alles, aber zu meinen Lebzeiten kriegt keiner was; das würde nur Ärger und Eifersucht unter sich schaffen.‹« Lisbeth hatte ihre erste Enttäuschung rasch überwunden; der Hoffnungsstrahl, den die letzte Erklärung des Geliebten in ihr Herz senkte, belebte sie und richtete sie wieder auf. Sie umfaßte den vor ihr Stehenden schmeichlerisch und sprach ihm Mut und Vertrauen zu. Um ihm einen neuen Beweis ihrer Liebe und Anhänglichkeit zu geben, gab sie die Erholungsreise, die sie vorgehabt hatte, auf und verlebte ihren Urlaub in Berlin mit ihm. Sie machten sehr oft am Spätnachmittag und den Abend über Ausflüge in die Umgegend. Es waren schöne Stunden, die sie in der Waldeinsamkeit, auf dem Moose lagernd, verbrachten. Auch des jungen Mannes Laune besserte sich; er war wieder lieb und gut zu ihr wie in der ersten schönen Zeit ihres Liebesfrühlings. In der freien Natur, in dem wiedergefundenen Glück ihrer Liebe erwachte auch bei beiden wieder frohe Jugendlust. Eines Tages machte der Buchhalter seiner Geliebten einen Vorschlag, der sie ebensosehr überraschte wie entzückte. »Was meinst du zu einer kleinen Spreewaldtour? Für zwei Tage! Wir fahren des Nachmittags nach Lübben, machen dort das Schützenfest mit, weißt du, in dem prachtvollen alten Eichenwäldchen. Die Nacht über bleiben wir in Lübben, und am nächsten Morgen in aller Frühe geht's nach Lübbenau. Dort nehmen wir einen Kahn und lassen uns den ganzen Tag im Spreewald herumfahren. Fein, was? Die Nacht verbringen wir in dem großen Spreewalddorf Burg und schlafen bis in den hellen Tag hinein.« Er zwinkerte der Geliebten listig zu, worüber sie mit einem schämigen Lächeln quittierte. »Am Nachmittag rudern wir nach Lübbenau zurück und dampfen am Abend heimwärts nach Berlin. Was sagst du?« »Ach, Kurt, köstlich wär's, wunderschön! Aber wirst du denn Urlaub kriegen?« »Urlaub? Nee, den würden sie mir so kurz vor meiner Ferienreise natürlich abschlagen. Aber der Mensch kann doch mal krank werden, überhaupt, wenn man das ganze Jahr über keine Stunde im Geschäft gefehlt hat und sich mit der Absicht trägt, zu kündigen. Ich werde die Sache schon deichseln. Also am nächsten Dienstag vormittag krümme und winde ich mich im Kontor, gähne und recke mich und schaudere wie im Fieber zusammen. Wenn sie mich dann fragen, was mit mir ist, stöhne ich herzbrechend. Ganz hundsmiserabel ist mir, sage ich, Kopfschmerzen, Fieber – wahrscheinlich ein Influenzaanfall. Natürlich werden sie mich dann auffordern, nach Hause zu gehen, schon aus Furcht vor der Ansteckung. Ich markiere zuerst Geschäftseifer, sperre mich, gebe aber schließlich nach und verschwinde. Zu Hause nehme ich meine Reisetasche und heidi nach dem Görlitzer Bahnhof, wo du mich erwartest. Zug geht ein Uhr zwanzig. Meine Wirtin instruiere ich vorher. Ich lasse zwei Rohrpostkarten zurück; die eine soll sie am Mittwoch früh in die Fabrik schicken: ›Kann leider nicht kommen, es geht mir aber schon besser, hoffe morgen wieder im Geschäft zu sein.‹ Die zweite Karte gibt sie am nächsten Morgen zur Post: ›Heute leider noch nicht arbeitsfähig, komme aber morgen bestimmt.‹« Der Sprechende blickte triumphierend auf seine Geliebte, die mit Spannung, zwischen Bedenken und vergnügtem Staunen, zugehört hatte. »Na, was sagst du, Lisbeth? Habe ich das nicht fein ausgedacht?« Sie brach in ein lautes Lachen aus. »Aber kannst du schwindeln – !« »Spaß! Wenn man zwölf Jahre Kaufmann gewesen ist – !« – Es war Lisbeth Glümers schönste Zeit. Zwei und einen halben Tag im steten Beisammensein mit dem Geliebten, der von fröhlichster Laune übersprudelte. Alle Verdrießlichkeiten und Sorgen hatten sie in Berlin zurückgelassen. Sie lebten beide ausschließlich der wundervollen Gegenwart. Im Kahn, auf dem kühlenden Wasser, unter Kiefern und Fichten, unter Eichen und Buchen dahinzugleiten, den blauen Sommerhimmel über sich, Seite an Seite, Hand in Hand, oft die Blicke voll Zärtlichkeit und Frohsinn ineinander getaucht; es war wie ein Märchen, wie ein Idyll, das ihre Sinne umschmeichelte, ihre Herzen in unbeschreiblicher Seligkeit höher pochen machte und Frieden, Ruhm und Glück in ihre Seelen zauberte. Und des Abends entwickelten sie bei der einfachen, aber kräftigen Kost einen Appetit, wie sie ihn in Berlin, abgehetzt von des Tages Arbeit, in der schweren Luft des Riesenhäusermeeres, nie gekannt hatten. Zuletzt die Krone des Ganzen: die beiden Nächte im Gasthof als Ehepaar auf der Hochzeitsreise. Als solches schien sie der Wirt und das Personal anzusehen. Als sie am Dienstagabend nach Berlin zurückfuhren, saßen sie schweigend im Kupee. Kurt Vollbrecht starrte grübelnd, mit finster zusammengezogenen Brauen vor sich hin. Er ahnte, daß Freude und Lust für längere Zeit dahin waren, und daß eine Zukunft voll schwerer Arbeit und bitterer Kämpfe vor ihm lag. In des jungen Mädchens Brust aber war noch ein Abglanz der eben erlebten Seligkeiten, und mit der Hoffnungsfreudigkeit der Jugend und dem Glücksbewußtsein des liebenden Weibes sah sie der Zukunft entgegen. * Anfang August reiste Kurt Vollbrecht zunächst nach Breslau, um zuerst das Unerfreuliche hinter sich zu bringen, bevor er sich die ersehnte Erholung gönnte. Mit Spannung erwartete die Zurückbleibende Nachricht; der Brief, der einige Tage später eintraf, war niederschmetternd. Onkel Mehnert hatte das Ansinnen seines Neffen mit Entrüstung zurückgewiesen. Ebensogut könnten auch die anderen sechs Neffen und Nichten kommen und dasselbe Verlangen an ihn stellen. Es fiele ihm aber gar nicht ein, sein Vermögen oder auch nur einen größeren Teil davon zu verschenken und so sein Einkommen zu verkleinern und sich Entbehrungen aufzuerlegen. Kurt hätte sich selbst ein kleines Kapital ersparen sollen, statt sein ganzes Gehalt zu verjubeln. Ihm, dem Onkel, habe auch niemand geholfen; mit mühsam ersparten achttausend Mark habe er sein Geschäft begründet und durch Fleiß und Sparsamkeit sein Vermögen selbst erworben. »Ich weiß noch nicht«, schrieb Kurt weiter, »was ich tun werde, ob ich in der Fabrik bleiben oder eine andere Stellung suchen soll. Vorläufig will ich eine Tour durch das Riesengebirge machen und für ein paar Wochen allen Ärger vergessen.« Von seiner Reise schickte er zuerst täglich eine Karte: alle diese Zuschriften verrieten die frohe Stimmung, in die ihn die herrlichen Fußwanderungen in der frischen, gesunden Bergluft und das fröhliche Treiben in den verschiedenen Bauden versetzten, in denen er Rast machte und übernachtete. Dann wurden die Karten immer einsilbiger und karger und hörten schließlich gänzlich auf. In den letzten acht Tagen hatte er überhaupt keine Nachricht mehr von sich gegeben. Eine leise Unruhe stellte sich inzwischen bei Lisbeth ein. Als Kurt wieder nach Berlin zurückgekehrt war und sie ihn das erstemal wieder besuchte, glaubte sie eine rätselhafte Veränderung in seinem Wesen zu bemerken. Sie stürzte ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und warf sich lachend und weinend vor Freude an seine Brust, aber er preßte sie nicht so stürmisch, wie sie erwartet, an sich, und in seinen Küssen lag nicht die Glut von ehemals. Und als sie dann auf dem Sofa saßen und sie nach seiner Rechten griff, fühlte sie, wie schwer, ohne jeden spürbaren Druck, sie in ihrer Hand lag. Als sie ihn aufforderte, von seinen Gebirgswanderungen und seinen Erlebnissen zu erzählen, wehrte er ab: »Mein Gott, was ist da viel zu berichten! Man marschiert den ganzen Tag, oben den Himmel, vor und neben einem, soweit das Auge reicht, Berge, Wälder –« »Und Schnee soll doch auch sogar im Sommer auf den Höhen liegen –« »Freilich!« stimmte er kurz zu. »Und das Leben in den Bauden? Da geht's wohl recht lustig zu?« »Gewiß, es wird geschwatzt und gesungen.« »Und auch getanzt? Du!« Sie hob schelmisch den Finger. »Hast wohl gar sehr hübsche Tänzerinnen gehabt?« Da erschien endlich das erstemal ein Lächeln in seinem Gesicht. »Na, denkst du etwa, ich werde eine Häßliche engagieren?« »Na, hoffentlich«, scherzte sie, »hast du deinen Tänzerinnen nicht zu tief in die Augen geschaut.« Er machte eine unwirsche Bewegung mit der Hand, ohne etwas zu erwidern. »Sage mal«, fragte sie weiter, »hast du auch interessante Bekanntschaften gemacht? Auf solchen Vergnügungsreisen schließen sich die Menschen doch viel leichter aneinander als zu Hause.« Er blickte an ihr, die ihn forschend und mit einer leichten Regung von Mißtrauen und Eifersucht betrachtete, vorbei. »Gewiß, man lernt sich rasch kennen und geht bald wieder auseinander. Immer wieder neue Gesichter!« Sie speisten wieder zusammen wie gewöhnlich. Doch es war nicht so gemütlich, so behaglich wie sonst. Kurt war außergewöhnlich schweigsam; sie schob es auf seine Sorgen um die Zukunft. Um so mehr bemühte sie sich, seine Verstimmung zu besiegen, indem sie lebhaft plauderte, Scherze einflocht und ihre Zärtlichkeiten verdoppelte, obgleich ihr selbst das Herz schwer war wegen der Ungewißheit der Zukunft. Aber alles das konnte ihn seiner ernsten, grüblerischen Stimmung nicht entreißen. Zu ihren Späßen lächelte er gezwungen, und auf ihre Fragen antwortete er zerstreut, so daß sie wohl bemerkte, daß seine Gedanken nicht bei ihr waren. Als sie ihren Arm um seine Schulter legte und sich zärtlich an ihn drückte, saß er steif und rührte sich nicht, und als sie ihr Gesicht dem seinen näherte, um ihn zu küssen, machte er eine unwillkürliche Wendung mit dem Kopfe nach der anderen Seite. Sie war tief verletzt und die Tränen traten ihr in die Augen. »Ich habe mich so auf das Wiedersehen gefreut«, sagte sie, während ihr schon das Schluchzen in der Kehle streckte, »und nun bist du so – so –« »Wie denn?« fragte er und sah sie erstaunt an. »Das weißt du nicht einmal? Sonst hast du mich geküßt und geherzt, und heute – heute wagst du nicht einmal, daß ich dir einen Kuß gebe. Hast du denn etwas gegen mich?« »Frage doch nicht so dumm!« brauste er auf. »Du weißt doch, daß ich jetzt Wichtigeres zu tun habe, als zu küssen und schön zu tun.« Sie faßte nach seiner Hand, die er ihr nur widerstrebend ließ. »Ich weiß es, Kurt. Aber mußt du deshalb lieblos zu mir sein? Im Gegenteil, wir wollen doch jetzt uns um so mehr aneinander schließen und aneinander Halt suchen.« Er lachte rauh auf und sah sie spöttisch an. »Was für einen Halt kannst du mir denn bieten?« Sie unterdrückte ihre Empfindlichkeit und sah ihn liebevoll, wenn auch traurig an. »Ich kann dich trösten; meine Liebe kann dir das Schwere tragen helfen, du kannst deine Sorgen sowie deine Absichten und Pläne mit mir besprechen.« Er machte eine hochfahrende Geste. »Was mir das wohl nützen würde! Mit dem Schwatzen komme ich nicht weiter. Das einzige, was mir helfen kann, ist Geld, und das –« »Das habe ich freilich nicht, Kurt.« »Na also!« Das klang so hart, so geringschätzig, so brutal, daß sie, aufs tiefste gekränkt, ihre Hände vor das Gesicht schlug und in ein schmerzliches Weinen ausbrach. Er aber sprang ärgerlich auf. »Auch noch heulen! Das hat mir gerade noch gefehlt.« Mit heftigen Schritten ging er im Zimmer auf und ab. Da stand auch sie auf und nahm ihr Jackett, zog es an und setzte ihren Hut auf. Er hatte sich mit dem Rücken gegen das Zimmer an das Fenster gestellt. Sie zögerte ein paar Sekunden. Aber er rührte sich nicht. »Guten Abend, Kurt!« sagte sie leise und verließ das Zimmer. Nachdem sich Lisbeth Glümer zu Hause ordentlich ausgeweint hatte, ging sie ruhiger mit sich zu Rate. Sie rief sich die Vorgänge bei Kurt ins Gedächtnis zurück und erwog alles, was sie miteinander gesprochen hatten. Das Resultat war, daß eine Veränderung mit ihm seit seiner Reise vorgegangen zu sein schien. Was war geschehen? Liebte er sie nicht mehr? Sie dachte angestrengt lange über diese Frage nach. Nein, nein, unmöglich! Töricht, sich mit dieser Möglichkeit zu martern! Sie hatte ihm ja nicht die mindeste Veranlassung gegeben. Eine solche Liebe wie zwischen ihnen, die Seele und Körper aufs innigste miteinander verband, konnte die überhaupt ein Ende nehmen? So plötzlich noch dazu, ohne jeden weiteren Grund? Nicht um eine Veränderung des Geliebten handelte es sich, sondern um eine momentane Verstimmung. Der Ärger, die Betrübnis, in die ihn seines Onkels Ablehnung versetzte, bohrte in ihm und hatte ihn unwirsch und ungerecht gemacht. Und sie selbst hatte gegen sich den Vorwurf zu erheben, daß sie zu ungeduldig, allzu empfindlich und kurz angebunden gewesen. Schon am folgenden Tage schrieb sie einen sehr versöhnlich gehaltenen Brief und bat ihn um Entschuldigung; sie hätte ihm mehr Geduld und mehr Verständnis für seine Lage und die daraus entspringende Nervosität entgegenbringen müssen. Umgehend kam eine Antwort von ihm, es waren nur wenige Zeilen: »Liebe Lisbeth! In Eile! Habe Dank für Dein Schreiben! Freue mich, daß Du Dein Unrecht einsiehst. Erwarte mich morgen in der Konditorei. Gruß Kurt.« Sie war zwar etwas enttäuscht, denn sie hatte auf ihren langen zärtlichen Erguß eine eingehendere und liebevollere Antwort erwartet, aber wahrscheinlich war er geschäftlich sehr in Anspruch genommen nach seinem Urlaub. Überdies mochten ihn auch schon Bemühungen um eine andere Stellung beschäftigen. Aber eins fiel ihr auf. Warum hatte er sie nicht nach seiner Wohnung, sondern in die Konditorei geladen? Er war schon da, als sie eintrat. Höflich stand er auf, begrüßte sie mit freundlicher Miene und half ihr aus dem Jackett, das er an den Garderobehaken hing. »Also: wollen wir uns wieder vertragen, Lisbeth?« Er sah sie freundlich an und bot ihr seine Rechte. Sie legte freudig ihre Hand in die seine, und sie setzten sich. Als die Aufwärterin kam, scherzte er: »Na, dein Lieblingsgetränk: Schokolade und ein Stück Fruchttorte, nicht?« Und als sie bejahend nickte, rief er dem bedienenden Mädchen nach: »Recht viel Schlagsahne, Fräulein!« Dann rieb er sich die Hände. »Man muß sich das Leben versüßen, soviel man irgend kann. Ist bitter genug.« Darauf wurde seine Miene wieder ernst, und gedankenvoll sah er vor sich hin. »Warum hast du mich in die Konditorei bestellt?« fragte sie mit leiser Unruhe, seine Antwort voll Spannung erwartend. Sein Gesicht verfinsterte sich. »Ja, das wollte ich dir eben sagen: du darfst nicht mehr zu mir kommen, Lisbeth.« Die Glut schoß ihr ins Gesicht, und dann wurde sie ganz blaß. Ihre Augen starrten ihn entgeistert an. »Nicht mehr zu dir?« stammelte sie, aufs stärkste erschrocken, beunruhigt. »Wa – warum denn, Kurt?« »Weil – meine Wirtin will es nicht mehr dulden.« Sie sah ihn erstaunt, fast ungläubig an. »Deine Wirtin? Aber warum denn auf einmal? Ich bin doch« – sie rechnete rasch nach – »über ein Dreivierteljahr jede Woche ein paarmal bei dir gewesen, und du sagtest mir doch selber, daß die Vermieterinnen in Berlin –« Er unterbrach sie ungeduldig. »Der Hauswirt hat es verboten. Er leide so was in seinem Hause nicht. Wahrscheinlich hat er dich einmal des Morgens die Treppe hinunter huschen gesehen.« Sie stöhnte und hob das verstörte Gesicht zu ihm. Aber was soll denn nun werden, Kurt?« Ein ironisches Lächeln zog seine Mundwinkel auseinander; eine spöttische Genugtuung blitzte in seinen Augen. »Du hast dich ja seinerzeit so gesträubt, erinnerst du dich noch? Also jetzt liegt dir doch daran?« Sie senkte beschämt ihren Blick. »Ach, Kurt!« »Na, laß nur! Auch ich habe den Wunsch – na ja, habe doch während meiner ganzen Ferienreise gefastet –« Seine Augen sahen sprühend über sie hin; sie erschauerte im stillen. »Bei dir geht es wohl nicht?« fragte er. »Um Gottes willen, Kurt! Nein! Frau Winkler –« stieß sie aufgeregt hervor. Er nickte. »Die Frau macht noch am Ende Skandal. Das würde mir schon gar nicht passen.« Ein frivoles Lächeln blitzte über sein Antlitz. »Na, zum Glück gibt es ja in Berlin gefällige Leute, die einem liebenden Pärchen gegen Geld und gute Worte – wobei sie mehr Wert auf das erstere legen – gern ein verschwiegenes Eldorado bieten. Zimmer auf Monate, Wochen und Tage. Hast du das noch nie an den Häusern gelesen?« Sie erschrak. Ja, sie hatte schon davon gehört. Im Geschäft hatten sie sich einmal erzählt, daß die Polizei in solch ein einem Absteigequartier erschienen war und die vorgefundenen Pärchen nach dem Polizeibureau mitgenommen hatte. »Um Gottes willen!« rief sie entsetzt. Die Mitteilung, mit der sie ihre Weigerung motivierte, machte jedoch keinen Eindruck auf ihn. »Habe auch schon mal davon gehört!« erwiderte er. »Kommt alle Jubeljahre mal vor, wenn sie es zu arg getrieben und die Nachbarschaft denunziert hatte. Ist keine Gefahr, sonst wäre ich der letzte – könnte ich jetzt gerade gebrauchen!« Das war ihm in seinem Eifer, sie zu beruhigen, herausgefahren. Wäre sie nicht so ganz von dem Entsetzen, das die Forderung des Geliebten in ihr hervorgerufen, beherrscht gewesen, so wäre es ihr sicherlich aufgefallen. Während sie sich vorstellte, daß sie mit einer Schar liederlicher Mädchen nach der Polizei transportiert werden könnte und dort Auskunft über sich geben müßte, wo sie angestellt wäre und so weiter, und daß dann im Geschäft bei dem Chef Nachforschungen nach ihr angestellt werden würden, fuhr ihr ein heftiger Schauder durch die Glieder. Auch die neugierigen und verächtlichen Blicke, die solch eine Kupplerin und ihre Angestellten auf ihre Gäste heften mochten, malte ihr die erregte Phantasie. »Nein, das darfst du nicht von mir verlangen, Kurt!« wehrte sie entrüstet ab. Ihr Widerspruch entfesselte seinen Zorn. »Sei doch nicht kindisch!« zischelte er empört. »Denkst du, ich würde mich in Gefahr begeben? Bei mir steht ja viel mehr auf dem –« Er brach rasch ab und sah sie etwas betreten, forschend an. Aber sie hatte auch diesmal nicht auf seine rätselhaften Worte geachtet. Er redete weiter auf sie ein, bald bittend, bald ärgerlich scheltend. Doch sie beharrte bei ihrem Widerstande, und so schieden sie schließlich uneinig, voll Unwillen gegeneinander. * Es war wie bei ihrem ersten Zerwürfnis: Kurt Vollbrecht ließ nichts von sich hören. Lisbeth schlug sich die ganze Woche über mit verzweifelten, niederziehenden Gedanken herum. Die Unruhe und Sorge in ihr wurden immer größer, je mehr sie sich alle Vorgänge der letzten Zeit in die Erinnerung rief und eingehend bei sich prüfte. Sie konnte sich der Erkenntnis nicht mehr entschlagen, daß er nicht mehr gegen sie so war wie in den ersten Monaten ihrer Beziehungen. Zuerst waren es nur kleine Anzeichen gewesen einer Umwandlung seines Verhaltens gegen sie, die sie in ihrem ersten glühenden Liebesrausch nicht beachtet hatte, die ihr aber jetzt doch bedeutungsvoll erschienen. Mehr und mehr hatte er sich gegen sie gehen lassen, und an Stelle des früheren zarten Werbens war immer fühlbarer und sichtbarer eine gewisse Nachlässigkeit getreten. Die Artigkeiten, das Bestreben, ihr zu gefallen, hatten allmählich aufgehört, und statt zu schmeicheln, zu bitten, hatte er angefangen, zu fordern und zu befehlen. Ja, sie hatten gewissermaßen die Rollen getauscht: er hatte aufgehört zu werben, sie aber hatte sich ängstlich bemüht, sich seine Zufriedenheit zu erhalten. Warum und wie war das nur so gekommen? Da fiel es wie ein Blitz in ihre Seele, der mit einemmal das Dunkel erleuchtete. Seit die letzten Schranken ihrer weiblichen Zurückhaltung gefallen, seit sie sich ihm ganz hingegeben, hatte er sich allmählich gegen sie geändert. Die Grübelnde faßte sich voll Verzweiflung an die Stirn. War das möglich? Irrte sie sich auch nicht? War es denn anders bei dem Mann als bei der Frau, die dieses restlose Einanderhingegebensein noch viel tiefer, stärker und unentrinnbarer an den Partner ihrer Liebe fesselte? Wirkte die Hingabe der Frau bei dem Mann in entgegengesetzter Weise? Ja, dann hatte sie also eine Torheit, einen großen, nicht wieder gutzumachenden Fehler begangen, während sie doch das Gefühl gehabt, daß nun nichts mehr in der Welt sie voneinander scheiden konnte. Dann hatte sie selbst seiner Liebe das Grab gegraben. Ruhelos rannte die stürmisch Erregte in ihrem Zimmer auf und ab. Was würde nun werden? Wenn er sich nun zürnend von ihr zurückzog, was dann? Sie blieb, wie gelähmt von diesem Gedanken, mitten im Zimmer stehen und starrte verstört um sich. Nein, nein, das konnte, das durfte ja nicht sein! Sie liebte ihn ja doch, sie würde nie aufhören, den Mann zu lieben, dem sie alles, das Höchste gegeben. Ohne ihn hatte sie ja keine Zukunft, war das Leben öde und leer, ohne Glanz und Freude. Sollte sie es etwa so machen wie die Verkäuferinnen im Geschäft, die es den Männern gleich taten, und die sich mit einem anderen trösteten, wenn sie von einem Liebhaber im Stich gelassen wurden oder selbst eines Verhältnisses überdrüssig geworden? Empört über sich selbst, ging Lisbeth Glümer schnell über diese Frage hinweg, die für sie gar nicht in Betracht kommen konnte. Nein, sie konnte, sie durfte nicht mehr daran denken, Beziehungen zu irgendeinem anderen Manne anzuknüpfen, seit sie ihre Mädchenehre der Liebe zu Kurt Vollbrecht geopfert hatte. Ebenso unmöglich aber erschien es ihr, sich mit fast fünfundzwanzig Jahren mit der Vorstellung abzufinden, ihr ganzes Leben lang einsam, ohne Liebe zu leben und in Abhängigkeit von fremden Menschen zu bleiben, und nie ein eigenes Heim zu besitzen. Und so sagte sie sich, daß sie auch diesmal wie nach dem ersten Zwist, den ersten Schritt tun müsse, so sehr auch ihr Gefühl sich dagegen empörte; es blieb ihr nichts übrig, sie mußte an den Geliebten schreiben und sich seinem Willen unterwerfen. Schon an einem der nächsten Abende ließ sie sich, tief gedemütigt, nichts weniger als zu einem Schäferstündchen aufgelegt, von Kurt Vollbrecht in eins jener Häuser führen, die sich von Bordellen nur insoweit unterschieden, als die Besucher sich die Objekte ihrer Lust mitbrachten. Die Unerfahrene dünkte es, als müßte sie vor Scham vergehen, als ein Mädchen das Haus aufschloß und ihren Begleiter und sie in die im oberen Stockwerk gelegene Wohnung hinaufführte, wo eine Frau in mittleren Jahren im saloppen Schlafrock sie empfing, mit der Kurt Vollbrecht erst eine Weile über den Preis des Zimmers feilschte. Bloßgestellt, wie beschimpft und entehrt kam sie sich vor, während sie danebenstand und die dreisten, prüfenden und auf ihre Qualität sie abschätzenden Blicke der Kupplerin auf sich ruhen fühlte. Als sie endlich allein waren, konnte sie das in ihr würgende Schluchzen nicht mehr zurückhalten. Wie verstört ließ sie sich in einen Stuhl fallen und weinte bitterlich. Der Geliebte aber schalt zornig auf sie ein. »Sei doch nicht kindisch! Du tust ja, als ob du noch – na ja, über solche albernen Anwandlungen solltest du doch längst hinweg sein! Laß doch das Flennen! Dazu sind wir doch nicht hergekommen! Das hätten wir anderswo billiger haben können. Na komm, sei nett und verdirb mir nicht die Laune!« Und während noch die Tränen über ihr Gesicht strömten, zog er sie an sich. * Es schien, als ob dieses Erlebnis sie auch in seinen Augen herabgewürdigt hätte, denn er legte sich ihr gegenüber immer weniger Zwang auf. Ja, es kam vor, daß er Verabredungen, die sie getroffen hatten, einfach nicht einhielt und sich hinterher noch nicht einmal entschuldigte, sondern nur kurz erklärte, daß er es vergessen habe, oder daß ihm etwas dazwischen gekommen sei. Mit heißschmerzender Bitterkeit empfand sie, daß sie ihm nicht mehr dasselbe bedeutete wie früher, ja, daß sich eine Gleichgültigkeit ihren Empfindungen gegenüber immer offener bemerkbar machte, die Schauer geheimer Angst in ihr erzeugten. Wenn sie gelegentlich bescheiden schüchterne Vorstellungen wagte, schnitt er ihr brüsk die Rede ab oder trumpfte mit ätzendem Hohn auf: »Du keifst ja schon, als wenn wir ein altes Ehepaar wären! Du willst mir wohl beizeiten die Ehe verekeln?« So gewöhnte sie sich, alle seine Lieblosigkeiten und Rücksichtslosigkeiten stumm hinunterzuschlucken. Ihre Nerven litten entsetzlich. Es war ein fortwährendes Hangen und Bangen; mit Zittern und Zagen sah sie jeder Zusammenkunft mit dem Geliebten entgegen. Er war so furchtbar launisch und nörgelig; nichts, was sie tat, war ihm recht. Zwang sie sich gelegentlich mit Aufbietung ihrer Willenskraft zu einer vergnügten Miene und erzählte ihm komische Vorfälle im Geschäft, nur um ihn aufzuheitern, so wehrte er gähnend und verdrießlich ab: »Hör' doch endlich auf mit den albernen Geschichten! Überhaupt ihr Mädchen habt keinen Ernst; immer kindisch und dalberig seid ihr!« War sie aber still und zeigte eine ernste Miene, so brauste er ärgerlich auf: »Herrgott, sei doch nicht so langweilig und miesepetrig! Kannst du gar nicht einmal ein bißchen fröhlich sein und lachen?« Lisbeth mußte seelisch förmlich einen Eiertanz aufführen, um bei dem Geliebten kein Mißfallen zu erregen und seinen Zorn nicht herauszufordern. Ja, sie mußte auch das Bitterste, Herbste herunterwürgen und ihre Menschenwürde und Frauenehre bis zum letzten Rest preisgeben, wenn er während ihrer regelmäßigen Besuche des Absteigequartiers Anforderungen an sie stellte und erotische Gefälligkeiten von ihr verlangte, die er ihr früher nicht zugemutet hatte und die sie mit Ekel und Abscheu erfüllten. Als Frau würde sie ihn mit Entrüstung zurückgewiesen haben, aber in ihrer Lage mußte sie ja alles ergeben hinnehmen und ihm zu Willen sein, um ihn nicht ernstlich zu erzürnen, denn gelegentlich hatte sich ihr schon die Empfindung aufgedrängt, daß er nach einem Vorwand suchte, um mit ihr zu brechen. Dazu durfte sie es ja doch nicht kommen lassen, denn ihre ganze Zukunft war ja vernichtet, ihr Leben zerstört, wenn er sie verließ. Alle tränenvolle Reue, daß sie sich durch ihre erste Willfährigkeit ganz in seine Hand gegeben, nützte nun nichts. Und eines Tages mußte sie dennoch erfahren, daß alle ihre Bemühungen vergebens gewesen. Eine Landsmännin, mit der sie sich hin und wieder traf, lud sie zum gemeinsamen Theaterbesuch ein. Sie sagte gern zu, um so mehr, da es an einem Sonntag war und sie sich gerade an diesem Tage immer doppelt verlassen fühlte, denn Kurt Vollbrecht, der ihr früher immer seine Feiertage gewidmet hatte, brachte neuerdings die Sonntagabende fast immer bei einem Jungverheirateten Kollegen und Freunde zu. So hatte er ihr gesagt, und sie hatte ja keine Veranlassung, an der Wahrheit dieser Erklärung zu zweifeln. Als sie mit ihrer Freundin während der größeren Pause vor dem letzten Akt im Foyer promenierte, erblickte sie plötzlich den Geliebten, der an der Seite einer jungen Dame schritt, mit der er sich angelegentlich unterhielt Lisbeth Glümer war wie vom Donner gerührt. War er ihr untreu geworden, war das seine neue Geliebte? fuhr es ihr in heißer Erregung durch den Kopf. Aber nein, das war ja unmöglich. So schändlich konnte er ja nicht handeln, und so sagte sie sich, daß es wahrscheinlich die Frau seines Freundes wäre, die ja, wie er erzählt hatte, noch sehr jung war. Aber wo war denn der Gatte der jungen Frau? Da bemerkte sie, daß sich die junge Dame nach einem hinter den beiden schreitenden älteren Paar umdrehte und mit diesem ein paar Worte wechselte, und daß dann Kurt Vollbrecht ebenfalls für ein paar Sekunden nach rückwärts sprach. Offenbar handelte es sich um ein Ehepaar, und Kurts Begleiterin war die Tochter. Hatte er die drei Personen hier zufällig getroffen und war der ältere Herr ein Angestellter aus der Fabrik? Aber wenn Kurt die Absicht gehabt hatte, das Theater zu besuchen, warum hatte er es ihr nicht mitgeteilt und sie aufgefordert, ihn zu begleiten? Aber auch hierfür fand die eifrig Grübelnde, der alles das blitzschnell durch den Kopf wirbelte, eine Erklärung. Wahrscheinlich hatte der Kollege, den der Geliebte in seiner Häuslichkeit hatte besuchen wollen, erst am Sonntag abgesagt, und da sie selbst schon den ganzen Nachmittag bei der Freundin gewesen, so hatte er sie nicht mehr rechtzeitig benachrichtigen können. Jetzt näherte sie sich dem Paare; es war, als wenn ihr forschender Blick ihn magnetisch anzog, denn er wandte das Gesicht, das er eben noch seiner Begleiterin zugekehrt hatte, plötzlich ihr zu. Mit Erstaunen sah sie, daß ihm zuerst eine glühende Röte ins Gesicht schoß, die im nächsten Moment von einem ebenso jähen Erblassen abgelöst wurde. Zugleich neigte er sich wieder der fremden jungen Dame zu, ohne sie selbst zu grüßen. Die Überraschte durchrann es heiß und ein brennender Schmerz durchzuckte sie. Eine neue Demütigung zu all den übrigen. Er verleugnete sie. Schämte er sich ihrer? War sie in seinen Augen nichts weiter als ein loses Verhältnis, das man vor seinen Bekannten geheimhielt? Mit Mühe bemeisterte sie ihre Erregung, um sich vor ihrer Freundin nichts anmerken zu lassen. Die Nacht brachte sie wieder einmal schlaflos zu, immerfort über den einen Gedanken brütend: Verhielt es sich wirklich so, wie sie glaubte, und steckte nichts Ernsteres dahinter? – Am anderen Vormittag war sie im Geschäft so zerstreut, daß es allen auffiel. »Herrgott, sehen Sie schlecht aus, Fräulein!« sagte die dicke Erna Wernicke halb spöttisch, halb mitleidig. Und die freche Alma Röpke neckte: »Na, Fräulein, Sie haben wohl einen vergnügten Sonntag mit dem Schatz verlebt?« Es ereignete sich sogar der seltene Fall, daß sie wegen einer groben Unachtsamkeit von dem Geschäftsführer einen ernstlichen Verweis erhielt. Am Abend faßte sie einen energischen Entschluß. So ging es nicht mehr weiter. Sie würde Kurt Vollbrecht aufsuchen und von ihm fordern, daß er sich nun endlich wenigstens mit ihr verlobte, damit sie den Verlobungsring tragen konnte und den höhnischen Reden im Geschäft entging, und damit sie endlich einmal ihr seelisches Gleichgewicht wiederfand. Schon lange hatte sie das auf dem Herzen gehabt, sie hatte es sich nur bei dem ständig mürrischen Wesen des Geliebten bisher nicht getraut. Aber der gestrige Vorfall im Theater hatte den Rest der schwer verletzten Selbstachtung in ihr aufgerüttelt; das war der letzte Tropfen gewesen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Als sie bei dem Geliebten eintrat, zog er eine krause Stirn und begehrte zornig auf. »Habe ich dir nicht gesagt, daß ich nicht wünsche – ?« »Du entschuldigst«, unterbrach sie ihn, »aber es scheint mir dringend nötig, daß wir uns einmal gegeneinander aussprechen, und dazu ist ein öffentliches Lokal wohl nicht der geeignete Ort.« Sie nahm, ohne seine Einladung oder eine Widerrede abzuwarten, einen Stuhl und setzte sich, ohne Hut und Jackett abzulegen. Er biß sich auf die Lippen, sah sie betroffen an, entgegnete aber dann nach kurzem Überlegen: »Du hast recht. Auch ich habe den Wunsch, dir eine Erklärung abzugeben.« Sie stutzte und erschrak. Was würde er ihr zu sagen haben? Sie hob fragend den Blick zu ihm. Er war bei ihrem Eintritt von seinem Sitz auf dem Sofa aufgesprungen. Jetzt lehnte er sich gegen die eine Seitenlehne und schlug das eine Bein über das andere. Er zwirbelte an seinem Schnurrbart, sann vor sich hin und schien nicht recht den Anfang zu finden. Sie konnte die innerliche Spannung nicht mehr ertragen und fragte: »Bezieht sich das, was du mir zu sagen hast, auf unsere gestrige Begegnung im Theater?« Er nickte. »Auch, gewiß, auch darauf.« Und dann schlug er die Arme übereinander und begann: »Du kennst meine Lage. In der Fabrik bleibe ich nicht länger, denn da habe ich nun, nachdem ein jüngerer Verwandter unseres Direktors zum Prokuristen ernannt ist, keine Zukunft. Ich muß mich etablieren, das sagte ich schon. Das ist die einzige Möglichkeit, zu einem anständigen Einkommen zu gelangen. Aber zum Etablieren gehört Geld, ich habe keins und du auch nicht. Also –« er tat einen tiefen Atemzug; das eine Bein sank ihm in der Erregung, die ihn erfaßt zu haben schien, herab; seine Augen vermieden den in fieberhafter Spannung auf ihn gerichteten Blick der im Gegenübersitzenden. »Also es ist, so leid es mir tut, an eine Heirat zwischen uns, liebe Lisbeth, nicht zu denken.« Ihre Rechte preßte sich krampfhaft auf die Stirn; sie starrte ihn an wie eine übernatürliche Erscheinung. Unfaßbar schien ihr das, was er eben zu ihr gesagt hatte. »Das – das kann doch nicht dein Ernst sein, Kurt!« schrie sie auf. Und dann ergoß sich alles, was seit Monaten in ihr gegärt und getobt und was sie immer wieder in sich zurückgedrängt hatte, in unaufhaltsamem Fluß aus der schwer ringenden Brust: »Das könntest du doch nicht verantworten, Kurt. Habe ich dir nicht alles gegeben, meine Seele, meinen Körper? Habe ich dir nicht hunderttausendfältig meine Liebe bewiesen? Bist du mir nicht alles gewesen, alles? Habe ich in all der Zeit einen anderen Willen gekannt als den deinen? Bin ich dir nicht alles gewesen, was ein Weib dem Manne sein kann? Und dir, Kurt, gelte ich dir denn nichts mehr? Hast du mir nicht hundertmal gesagt, daß du mich liebst, von ganzem Herzen und von ganzer Seele?« Er wollte sie unterbrechen, aber sie war so erfüllt von all dem, was in ihr wogte, was all ihr Denken und Sinnen beherrschte, daß sie nicht darauf achtete. »Hast du mir nicht beteuert, daß du nie eine andere lieben könntest? Und nun sollen wir einfach auseinandergehen für immer, als wäre nichts gewesen? Das könntest du, Kurt, das könntest du, das brächtest du übers Herz? Ich könnte es nicht, Kurt, ich könnte es nicht, ich würde daran zugrunde gehen.« Die Tränen, die jetzt unaufhaltsam hervor drängten, erstickten ihre Stimme, und schluchzend weinte sie in ihre Hände. Er war hinter ihren Stuhl getreten; nervös zupfte er an seinem Schnurrbart; es zuckte und wetterte in seinem Gesicht; am liebsten wäre er zornig losgebrochen. Aber er brachte doch nicht fertig; ihre so wohlberechtigten Klagen im Ohr, angesichts ihrer wilden Verzweiflung, regte sich doch das Gewissen und das Mitgefühl in ihm. »Du – du hast ja recht, Lisbeth«, stammelte er. »Es ist ja scheußlich, es ist hundsmiserabel! Aber so ist das Leben! Gewiß ich liebe dich, nie werde ich aufhören, deiner mit Herzlichkeit zu gedenken. Man kann doch so eine Liebe sich nicht einfach aus dem Herzen reißen. Die andere, die – die begehre ich doch nicht aus Liebe, sondern weil ihre Eltern wohlhabend sind, weil ihr der Alte sofort dreißigtausend Mark mitgibt. Denke doch, was soll denn aus mir, aus uns beiden werden? Soll ich dir denn noch Hoffnungen machen, die sich nicht erfüllen werden? Soll ich schuld sein, daß du deine Jugend hinbringst in vergeblichem Warten? Noch bist du jung, noch bist du schön und begehrenswert, und auch dir wird es gelingen, eine gute Partie zu machen wie so viele andere –« Sie wandte das tränenüberströmte Antlitz ihm zu. »Du weißt doch, daß ich das nicht kann.« »Nicht? Ach so!« Ein zynisches Lächeln begleitete die folgenden Worte: »Wie viele, die sich dem Geliebten geschenkt, gingen wie du in die Ehe und haben den Ehemann über ihre Vollkommenheit hinweggetäuscht.« Ein heftiger Unwille sprühte ihm aus ihren Augen entgegen. »Und wenn ich es könnte, ich würde es nicht wollen.« Er trat von ihrem Stuhl hinweg und nahm seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf. Eine Weile herrschte ein unbehagliches, peinliches Schweigen zwischen den beiden. Endlich hemmte er, in einiger Distanz von ihr, seine Schritte abermals. »Du mußt es nicht so schwer nehmen!« sagte er und bemühte sich, seiner Stimme einen beschwichtigenden, überredenden Klang zu geben. »Denkst du, mir ist es lieb und recht? Aber kann ich denn anders? Sind wir denn die einzigen? Geht es nicht Tausenden, aber Tausenden so wie uns? Die wenigsten Ehen werden aus Liebe geschlossen. Das Leben ist eben kein Paradies, kein Liebesgarten. Es ist so ernst, so furchtbar ernst. Aber wir haben doch wenigstens das Bewußtsein, daß wir die Liebe genossen haben, die himmlische Liebe mit allen ihren Seligkeiten. Ist das nichts? Manchen Mädchen geht es nicht so gut; sie steigen in die Ehe und wissen nicht, was Liebe ist. Und oft kommt sie erst in der Ehe, aber zu einem anderen, und dann gibt es in der Regel Ehebruch, Mord und Totschlag oder Scheidung.« Sie heftete wieder die flackernden Augen auf ihn wie in Fieberglut. Das, was er ihr soeben auseinandergesetzt, machte keinen Eindruck auf sie. Beschwörend, flehentlich erhob sie ihre Hände. »Nein, Kurt, du kannst es nicht tun, du kannst mich nicht verlassen. So grausam kannst du nicht sein. Ich bitte dich, Kurt, bei allem, was dir heilig ist: zerstöre mein Leben nicht! Du wirst es nicht bereuen. Ich will ja arbeiten von früh bis spät. Ich brauche keine fremde Person zur Hilfe. Alles will ich tun, unsere Wirtschaft ganz allein besorgen. Wir werden uns einschränken, es wird schon gehen. Ich werde ja keine andere Aufgabe kennen, als dich glücklich zu machen. Das verspreche ich dir, Kurt. Nur sage dich nicht los von mir, laß mich nicht im Stich!« Er wechselte die Farbe; er biß sich heftig auf die Lippen. Seine Stimme klang gepreßt. »Mach es uns doch nicht so schwer, Lisbeth! Das sagst du jetzt so, das malst du dir so schön aus. Nachher kommt doch alles anders. Wie oft hat man das schon gesehen: erst wollten sie sich vor Liebe auffressen, und dann, wenn die Kinder kommen und die Sorgen, dann zanken sie den ganzen Tag und am Ende schlagen sie sich.« »Ach Kurt«, stöhnte sie, »ach Kurt! Kennst du mich so schlecht? Bei dem Andenken an meine Eltern, das mir heilig ist, schwöre ich dir: nie wird eine Klage über meine Lippen kommen. Habe doch Erbarmen, habe doch Mitleid mit mir!« Er machte eine heftige Bewegung und stieß dann mit der rücksichtslosen, krampfhaften Entschlossenheit eines Menschen, der sich von seinem Ziel unter keinen Umständen abbringen läßt und der alle Hemmnisse rücksichtslos beiseiteschiebt, heraus: »Zu ändern ist nichts mehr! Meine Stellung habe ich schon gekündigt. Gestern mittag haben wir Verlobung gefeiert. Ich habe mit meinem Schwiegervater schon alles besprochen und abgemacht. Am ersten April wird ein Laden in seinem Hause leer, da mache ich eine Eisenwarenhandlung auf.« Sie saß noch eine Weile stumm, regungslos wie unter einer Betäubung, während er sich noch weiter, bis zum Fenster zurückzog und von hier beobachtend zu ihr hinübersah. Endlich richtete sie sich langsam auf, heftete noch einen langen Bück auf ihn, der mit trotziger Stirn, harten Augen und mit auf der Brust ineinander verschränkten Armen dastand, dann wandte sie sich, ohne ein Wort zu sagen, und schlich zum Zimmer hinaus. * Es war noch nicht ganz acht Uhr, als die Unglückliche ihr Zimmer erreicht hatte. Mechanisch steckte sie die Gaslampe an und legte Jackett und Hut ab. Dann sank sie auf einen Stuhl und brütete stumpf vor sich hin. Mit Grübeln und Entschlußfassen hielt sie sich nicht auf. Schon während sie den Weg nach Hause gleich einer Nachtwandlerin zurückgelegt, hatte nur immer der eine Gedanke sie beherrscht: Sterben! Mit diesem vernichtenden, entsetzlichen Bewußtsein der ihr angetanen Schmach weiterzuleben, dünkte sie eine Unmöglichkeit. Wahrscheinlich hatte er die fremde Familie während seines Aufenthaltes im Riesengebirge kennengelernt und inzwischen um des jungen Mädchens Liebe mit Eifer geworben, zur selben Zeit, wo er mit ihr noch immer Verkehr, intimsten Verkehr unterhalten. Mußte sie nicht wahnsinnig werden mit dieser Gewißheit im Herzen? Nur der Tod konnte sie von dem unerträglichen Gefühl ihrer Schande befreien. Ruhig, gelassen, fast apathisch schob sie den Riegel vor. Ein paar Sekunden überlegte sie und schüttelte dann müde, resigniert mit dem Kopf. Nein, sie hatte niemand mehr etwas zu sagen, an niemand ein paar letzte Zeilen zu richten, sie besaß ja keinen Menschen, den ihr Schicksal bekümmern würde. Kurt würde ihr Sterben ja nur als Erlösung empfinden. Dann entkleidete sie sich, löschte das Licht und drehte wieder den Gashahn auf. Darauf legte sie sich ins Bett um den Tod zu erwarten. – Plötzlich schreckte Lisbeth aus dumpfem Hindämmern. Ein heftiges Rütteln an der Türklinke von außen drang an ihr Ohr, und eine weibliche Stimme rief dringlich: »Mach' doch auf, Lisbeth! Ich bin's ja: Kusine Else – Else Hauf!« Immer mehr wich die Betäubung von der Auffahrenden, und sie hörte, wie die Kusine, nachdem sie mit beiden Fäusten an die Tür getrommelt hatte, in den Korridor schrie: »Was ist denn nur? So fest kann sie doch jetzt um Viertel neun noch nicht schlafen. Es muß ihr was passiert sein. Holen Sie doch mal schnell einen Hammer und ein Stemmeisen!« Stöhnend bemühte sich Lisbeth, die lähmende Betäubung von sich abzuschütteln, und jetzt erinnerte sie sich auch: ihre Kusine Else Hauf hatte ihr vor ein paar Tagen geschrieben, daß es ihr gelungen sei, in einem Berliner Krankenhaus die Stelle einer Assistenzärztin zu erlangen. Am Montagabend würde sie in Berlin eintreffen; sie – Lisbeth – möchte sie doch gegen acht Uhr vom Bahnhof abholen und eine Nacht bei sich beherbergen. In der furchtbaren Aufregung, in der sie sich seit gestern abend befunden, hatte sie das total vergessen und nun – nun würde Else in ihrer energischen Weise die Tür aufsprengen. Schon ertönte der erste Hammerschlag. Da rappelte sich die Unglückliche mit dem Aufgebot des Restes ihrer Willenskraft auf und taumelte zur Tür, schob den Riegel zurück und sank im nächsten Moment ohnmächtig zu Boden. Als sie wieder zu sich kam, lag sie in Frau Winklers Wohnstube auf dem Sofa, und das kluge, forschende Auge ihrer Kusine beugte sich über sie. »Komm, trinke!« gebot sie und rückte zugleich den Oberkörper der Liegenden mit kräftigem Griff in die Höhe. Dann winkte sie der mit einem Tassenkopf hinter ihr stehenden Frau. Es war Milch, die Lisbeth, mechanisch gehorchend, in kurzen Schlückchen trank. Darauf folgte heftiges Erbrechen, und darauf mußte sie wieder Milch trinken. »Ich kam zur rechten Zeit!« sprach die junge Ärztin weiter. »Das bißchen Gas, das du eingeatmet hast, wird dir nicht weiter schaden. Aber nun sage mal: wie konntest du nur so leichtsinnig sein? Du hast den Gashahn nicht ordentlich geschlossen, die kleine Flamme ist durch den Luftzug, den du beim Fortgehen von der Lampe verursacht hast, erloschen, und nun drang das Gas in das Zimmer.« Lisbeth starrte die Sprechende verständnislos an. Die Kusine zwinkerte listig mit den Augen und machte eine kaum merkliche Bewegung mit dem Kopf nach hinten, wo Frau Winkler neugierig stand. »Wie gesagt«, fuhr die junge Ärztin fort, »der Gashahn stand nur ein ganz klein wenig auf, und so konnte nur ein ganz geringes Quantum Gas ausströmen. Aber warum bist du so früh zu Bett gegangen? Vermutlich warst du nicht ganz wohl?« Ton und Blick wirkten suggestiv auf die von all der überstandenen Gemütsbewegung stärker als von dem mißlungenen schwachen Selbstmordversuch Angegriffene. Sie nickte. »Ja, mir war schon den ganzen Tag über nicht gut!« stammelte sie. »Na, das werden wir gleich kriegen. So'n bißchen Handwerkszeug führe ich auf Reisen immer bei mir. Nervenschwache Damen trifft man ja stets auf der Eisenbahn, die das Rütteln während der Fahrt und die Aufregungen der Reise nicht vertragen und eines Stärkungsmittels bedürfen.« Sie richtete sich auf und drehte sich nach der Vermieterin um. »Holen Sie mir doch mal, bitte, meine Reisetasche; ich habe sie auf den Tisch im Zimmer meiner Kusine gelegt« Und als die Frau gegangen war, drohte sie der beschämt zu ihr Aufblickenden mit dem Finger. »Solche Dummheiten zu machen! Du! Na, du wirst mir nachher erzählen, was dich, die Fünfundzwanzigjährige, schon so lebensmüde gemacht hat.« Frau Winkler kam zurück mit der Tasche. Das Fräulein Doktor nahm eine kleine Tropfenflasche heraus und ein Stückchen Zucker. Sie zählte laut zwanzig Tropfen ab und steckte den Zucker der Kusine in den Mund. »Das tut gut, was?« Eine halbe Stunde später konnte Lisbeth Glümer allein, auf den Arm ihrer Retterin gestützt, in ihr gelüftetes Zimmer zurückkehren. Frau Winkler hatte schon auf dem breiten Sofa für die Besucherin ein Lager bereitet. »Also nun beichte!« forderte die junge Ärztin auf und setzte sich an das Bett der Kusine. »Eine Liebesgeschichte natürlich? Er ist dir untreu geworden, abgeschnappt, wie der terminus technicus lautet, nachdem er dich verführt und dir die Ehe versprochen hatte.« Die Überraschte staunte die mit ihrer selbstbewußten Miene neben ihr Sitzende an. »Du weißt – ?« Die andere lächelte überlegen. »Du Schäfchen! Das ist leicht genug zu erraten. Von tausend Mädchen, die sich umbringen oder einen Selbstmordversuch machen, befinden sich neunhundertneunzig in deiner Lage. Törinnen, die ihr seid! Deshalb wirft man doch nicht sein Leben fort, das Kostbarste, was der Mensch hat, und das einzige, was nicht mehr zu ersetzen ist. Die Männer tun das doch nicht, die schaffen sich in solchen Fällen einfach eine andere an. Es gibt ja doch so viele nette Mädchen und auch so viele nette Männer in der Welt!« Die Unglückliche stöhnte nur; sie legte ihren Kopf, den sie ein wenig zu der Sprechenden erhoben hatte, in die Kissen zurück und schloß die Augen; in ihren blassen, abgespannten Zügen zuckte es verzweiflungsvoll. Die in ihrem Beruf abgehärtete, realistisch denkende junge Ärztin aber blickte zornig. »Ist denn solch ein Halunke eines so tiefen Gefühls würdig? Habt ihr denn gar kein Selbstgefühl, keine Selbstachtung, daß ihr glaubt, ohne einen so gewissenlosen Patron nicht leben zu können? Das einzige, was solch ein Schurke, der mit einem unerfahrenen, ahnungslosen jungen Mädchen sein Spiel getrieben, verdient, ist Verachtung, Gleichgültigkeit. Die Männer sind alle Schweinehunde, wenigstens in Liebessachen.« Den düsteren, noch immer ihre ganze Hoffnungslosigkeit widerspiegelnden Mienen der so schmählich in ihren heiligsten Gefühlen, in ihren berechtigten Erwartungen Betrogenen war anzusehen, daß die Worte der anderen keinen Eindruck auf sie gemacht hatten. »Ich hatte doch meine ganze Zukunft auf ihn gesetzt!« erwiderte sie schwach. »Ich kann doch nie wieder froh werden. Du weißt ja nicht, wie es ist, wenn man einen von Herzen liebgehabt hat und dann –« Ein grelles Lachen der Ärztin unterbrach sie. »So, das weiß ich nicht, meinst du? Bin ich nicht zwei Jahre älter als du? Kenne ich! Ebensogut wie alle anderen oder doch die meisten armen jungen Mädchen in unseren Jahren. Aber deshalb am Leben verzweifeln? Du Närrin! Es gibt doch nichts auf Erden, das nicht ersetzt werden könnte.« Doch die andere bewegte nur trübselig den Kopf. »Ich könnte nie wieder einen Mann heben.« Das Fräulein Doktor faßte die Hand der Daliegenden, beugte sich in ihrem Eifer weit zu ihr hinunter, und mit jener Überlegenheit, die ihr Beruf ihr den meisten Mitschwestern gegenüber gab, rief sie: »Das Schlimmste ist, daß ihr verliebten Weiber alle nicht logisch denken könnt, sonst müßtet ihr doch ohne weiteres einsehen, daß auch das Leben und die Fähigkeit, zu lieben, noch lange nicht verschüttet ist, weil es einem der sogenannten Herren der Schöpfung gefallen hat, euch zwar zu lieben, was sie so lieben nennen, aber nicht auch zu heiraten, weil ihr keine Mitgift gehabt habt, ohne die diese tapferen, immer so selbstbewußt tuenden Männer den Kampf ums Dasein nicht aufzunehmen wagen. Die jammervollen Feiglinge, pfui Teufel! Und nun statt euch zu sagen: solch ein armseliger Tropf ist nicht wert, auch noch einen einzigen Gedanken, die Spur eines Gefühls an ihn weiter zu verschwenden, bildet ihr euch ein, daß euch nun nichts mehr übrigbleibt als zu verzweifeln und zu Gift zu greifen oder ins Wasser zu gehen.« In ihrer Erregung und in dem tiefen Interesse, das ihr der Gegenstand offenbar einflößte, drückte sie die Hand der Schwachen und rüttelte sie mit der anderen Hand an der Schulter. »Siehst du denn nicht ein, daß das der reine Wahnsinn ist? Du glaubst dich beschimpft, entehrt. Quatsch! Solch ein Schubbejack kann dich ja gar nicht beschimpfen. Du mußt doch einsehen, daß solch ein Mensch nichts von dir verdient, als vergessen zu werden. Donnerwetter, seid doch stolz! Fort mit solchem Kerl aus dem Gedächtnis, aus der Erinnerung! Das ist eine Erfahrung, die dich ebensowenig beugen oder gar vernichten darf, wie irgendeine andere im Leben, etwa als wenn dir dein Chef die Stellung kündigt, oder als wenn eine vermeintliche gute Freundin dich hinter deinem Rücken verklatscht und verlästert hat. Man schafft sich dann eben eine andere Stellung, eine andere Freundin, einen anderen Geliebten an.« Die Ruhende rückte sich mit einem Ruck in eine sitzende Stellung. »Das kann doch nicht dein Ernst sein, Else!« wandte sie mit tiefer Überzeugung ein. »Nicht mein Ernst? Ja, gewiß ist das mein Ernst. Meinst du denn, daß es in der ganzen Welt nur diesen einen Mann gab und gibt, den du lieben konntest und den du lieben kannst?« Die andere nickte stumm. »So« Das Fräulein Doktor lächelte wieder überlegen. »Was hast du denn an ihm so Unvergleichliches, nie wieder Auffindbares geliebt? Willst du mir das einmal sagen!« Ein ironisches Lächeln umspielte die Lippen der Fragenden, während ihre Blicke sich erwartungsvoll in die Mienen der sinnend vor sich Hinstarrenden bohrten. »Das – das kann ich dir nicht so erklären!« versetzte die Gefragte nach einer Weile. »Sein ganzes Wesen, seine ganze Art – ich weiß ja selber nicht, was es eigentlich war.« »Dann will ich es dir sagen: Du warst, wie alle jungen Mädchen in deinem Alter, bereit, zu lieben. Eine Unruhe, eine Leere war in dir, ein Sehnen nach etwas nie Erlebtem, nach etwas Schönem, Süßem, das deinem Leben Inhalt, Wert, Glück geben sollte. Da kreuzte dieser Herr – ?« »Kurt Vollbrecht!« hauchte die gespannt Zuhörende verschämt. »– dieser Herr Kurt Vollbrecht deinen Weg. Er machte dir süße Augen, raunte schmeichelnde, kosende Worte in dein begierig aufhorchendes Ohr. In deiner Brust regte sich ein wonniges Gefühl, das dich bald ganz beherrschte. Wäre zufällig ein anderer gekommen, du hättest dich mit derselben Glut und Hingabe in ihn verliebt.« Die andere machte eine unwillkürlich protestierende Geste. »Ich meine natürlich: ein anderer von demselben Typ!« fuhr das Fräulein Doktor lächelnd fort. »Kein Ekel, kein mürrischer Griesgram, kein ungeschickter, wortarmer, gefühlskalter Tölpel, sondern irgendeiner vom Typ der gefällig Aussehenden, süß und gefühlvoll flunkernden Schwadroneurs. Vielleicht war er blond, oder war's ein Brünetter?« Lisbeth Glümer verneinte mit dem Kopf. »Also blond, schlank, nicht wahr? Blaue Augen – oder waren's braune? – mit sanft überredendem, treuherzigem Blick. Nun, du Närrchen, das ist doch klar, daß es Tausende und aber Tausende von dieser Art gibt. Es war doch nicht gerade dieser Kurt Vollbrecht, der in dein zur Liebe bereites, weitgeöffnetes Herz triumphierend einzog, sondern einer von dem Typ, von deinem Typ. Hätte er Gottlieb Schulze oder Traugott Müller geheißen und hätte ähnliche liebe blaue oder braune Augen, eine gleich nette Figur besessen, und hätte er dir ebenso gewandt etwas vorzugaukeln verstanden von ewiger Liebe und Treue, du hättest dich genau so kopflos ihm an den Hals geworfen, wie diesem Herrn Kurt Vollbrecht, ohne danach zu fragen und auch nur imstande zu sein, zu ergründen, ob in diesem seichten, leichtfertigen oder gewissenlosen Schwätzer und Schöntuer, der wahrscheinlich eben einem Verhältnis den Laufpaß gegeben hatte und nun ein neues suchte, ein guter Kern steckte oder nicht. Siehst du das ein, du Törin?« Die Überraschte sah die so eindringlich, überzeugend auf sie Einredende verblüfft an. Die junge Ärztin lachte. »Ja, daran hast du noch nicht gedacht, das hast du dir noch nicht überlegt. Aber es dämmert jetzt in dir, es beginnt dir einzuleuchten, daß du eine kapitale Dummheit zu begehen im Begriff gewesen.« Sie strich der mit widerspruchsvollen Gefühlen zu ihr Aufblickenden die Wangen, in die bei dem erregten Geplauder eine leichte Röte gestiegen war. Ihre Arme um den Hals der so beredten Trösterin schlingend, erwiderte Lisbeth: »Ach, Else, ich bin ja noch so benommen, so verwirrt, daß ich nicht weiß, ob du recht hast oder nicht.« »Nun also, dann schlaf! Morgen wirst du ruhiger über alles nachzudenken imstande sein. Gute Nacht!« * Am anderen Morgen fühlte sich die gerettete Selbstmordkandidatin bis auf ein bißchen Schwäche und Benommenheit des Kopfes leidlich wohl. Die Kusine redete ihr zu, sich einen Ruhetag zu gönnen; sie selbst telephonierte von einem nahen Bäckerladen aus nach Lisbeths Arbeitsstelle, um sie zu entschuldigen. Dann machten sie einen gemeinsamen Spaziergang. Die frische Luft verscheuchte zwar das Kopfweh, aber als sie in Lisbeths Zimmer zurückgekehrt waren, stellte die Ärztin fest, daß die Augen der Kusine noch immer trüb, wie hinter einem Schleier, blickten, und daß in ihren Mienen noch immer das Leid zu lesen war, von dem sich das so bitter getäuschte Herz noch nicht hatte befreien können. Else Hauf küßte die still vor sich Hinbrütende auf die zuckenden Lippen. »Ja, ja, so rasch findet man sein Gleichgewicht nicht wieder. Das weiß ich ja aus eigener Erfahrung. Jawohl! Du brauchst mich gar nicht so verwundert und ungläubig anzuschauen; auch mir ist es genau so ergangen, wie dir. Und ich meinte, in meinem ersten heißen Schmerz, nun wär' für immer alle Freude am Leben dahin. Freilich, an den Tod dachte ich nicht. Nein, das durfte ich meinen Eltern schon nicht antun, die sich das Geld zu meinem Studium – ich stak damals noch mitten darin – abgedarbt hatten. Mein Heilmittel war angestrengte geistige Arbeit. Damit kam ich über die erste große Enttäuschung meines Lebens hinweg. Und dann dachte ich über das, was mir widerfahren war, nach und zergliederte meine Lage, meine Empfindungen, die Handlung des Mannes nach allen Seiten, und las viel über Erotik und das Wesen der Geschlechtlichkeit, und sah auch mit offenen Augen in das Leben mit seinen Sinnlosigkeiten, mit seiner grotesken Heuchelei und mit all seinen Gemeinheiten. Und so gelangte ich dann zu den Ansichten, die ich dir gestern entwickelte. Da kam ich zur Erkenntnis, daß alle die verratenen Mädchen und Frauen, die an getäuschter Liebe zugrunde gehen, sich einem Phantom opfern, einem Phantom, das die lügenhafte, heuchlerische, konventionelle, sogenannte Moral der Gesellschaft ihnen aufgezwungen hat. Siehst du, meine liebe Lisbeth, das ist die große Versündigung an uns, daß wir nicht beizeiten aufgeklärt, daß uns Illusionen vorgegaukelt, daß uns Märchen erzählt werden von der schönen, zuckersüßen, himmelhohen Liebe, die natürlich immer zum Glück der Ehe führt, daß wir immer wieder, jede einzelne für sich, die Erfahrung machen müssen, wie schändlich wir an der Nase herumgeführt worden sind. Das ist das große Unrecht, das Verbrechen, das an uns begangen worden ist und immer noch begangen wird, daß schon unsere Erziehung uns widerstandslos macht, uns die Überlegenheit des Mannes und unsere Schwäche ihm gegenüber suggeriert und uns so spottleicht zur Beute eroberungslüsterner Don Juans werden läßt. Als ich das alles erkannt hatte, da versteckte ich mein Herz, da sagte ich mir: nun schön, du nimmst eben die Welt, wie sie ist, nicht nach den Vorstellungen, nach dem blauen Dunst, der uns Mädchen vorgemacht worden ist. So tat ich also etwas Besseres, als den Gashahn aufzudrehen oder ein paar Gramm Morphium zu schlucken, weil ein Schuft meine Unerfahrenheit benutzt hatte, um sich ein Vergnügen zu bereiten: ich erhob mein Haupt stolzer und stärker als vor dieser Erfahrung. Nun wußte ich ja, wie das Leben war, und was die Männer, die ja alle unsere Einrichtungen und Anschauungen geschaffen haben, aus der Liebe gemacht hatten. Nun fühlte ich mich sicher und frei. Betrogen, enttäuscht konnte ich ja nun nicht mehr werden. Nun wußte ich ja, was ein Mann wollte, der sich mir mit verliebten Blicken und schmeichelnden Reden näherte, nun wußte ich auch, daß die Ehe gar nicht das ist, was wir dummen Gänse in unserer blöden Unerfahrenheit uns einbilden, und daß wir viel besser tun, ihr aus dem Wege zu gehen –« »Aber das – das kann doch nicht dein Ernst sein!« unterbrach die andere, aus ihrer Stumpfheit erwachend, interessiert. Das Fräulein Doktor bejahte mit Überzeugung. »Freilich ist das mein Ernst. Wenigstens für uns Frauen, die wir arm sind und den Mann nicht durch ein eigenes großes Vermögen in Schach halten und unsere wirtschaftliche Freiheit behaupten können, gilt das. Zunächst aber, bevor wir zur Ehe gelangen, wie müssen wir da nicht das Beste in uns verleugnen: weibliche Zurückhaltung, Schamgefühl, Ehrgefühl, unsere Selbstachtung, unsere Menschenwürde! Wie müssen wir nicht schöntun, girren, schmeicheln! Na, das wirst du ja wissen. Und was erreichen wir schließlich mit all dem? Ganz abgesehen von demütigendster Unsicherheit und oft recht bitteren materiellen Entbehrungen doch nur die Erkenntnis, daß der Mann in der Ehe ebensowenig treu ist, wie er es vordem in der Liebe gewesen, daß er sein liederliches Don-Juan-Leben weiterführt, daß die eheliche Untreue nur bei den Frauen als Verbrechen angesehen wird. Ach, du ahnst ja gar nicht, was arme, an Leib und Seele gemißhandelte Frauen in ihrer tiefsten Schmach und Erniedrigung uns Ärztinnen offenbaren!« Mit schreckensweit geöffneten Augen starrte die halb Betäubte die Mitteilsame an, die den reichen Schatz ihrer Erfahrungen, Beobachtungen und Studien verschwenderisch vor ihr ausbreitete. Ein Zug beißender Satire grub sich um die vibrierenden Lippen der jungen Ärztin. »Ja, ja, meine Liebe, so ist das Los der Mädchen, der Frauen!« Sie stand auf und entnahm ihrer Handtasche, die auf dem Tisch lag, ein Notizbuch und blätterte darin. »Ich habe mir da ein ausgezeichnetes Wort einer Schriftstellerin notiert, das unsere Zustände in dieser Hinsicht ebenso köstlich wie treffend glossiert: ›Trotzdem die meisten Paare (Paare der Ehe) in dumpfer Verwirrung leben, oder in irgendeiner Zwangsmonogamie oder in heimlicher Polygamie, trotzdem man die Leute kreuz und quer ausspringen sieht aus dem Spiele, trotzdem überall alles rennt, rettet, flüchtet, trotz dieser heillosen Panik in den Ehehäfen, trotzdem werden die Pharisäer dort, wo sich diese Erscheinung einer Übergangsepoche ohne Heimlichkeiten an einem Menschenschicksal dokumentiert, das Richtschwert schwingen zur Abschlachtung.‹ Das ist unser Unglück, liebe Lisbeth, daß wir in einer Übergangszeit leben, wo alle diese ungesunden, sinnlos verrotteten Zustände auf die Spitze getrieben sind. Die nach uns, in fünfzig Jahren oder später, werden es einmal besser haben, werden unter besseren, menschenwürdigeren Verhältnissen leben, wo nicht immer einer des anderen Feind ist, wo die eine Hälfte der Menschheit nicht immer von der anderen brutalisiert, gemißbraucht, wo der Schwächere nicht immer von dem Stärkeren seines Menschenrechtes beraubt wird. Uns bleibt nichts übrig, als mit den Wölfen zu heulen und uns den Dingen, die wir nicht ändern können, anzubequemen.« »Ich – ich verstehe dich nicht, Else!« stotterte die andere verwirrt. »Meinst du, wir sollen überhaupt nicht – nicht lieben?« Die junge Ärztin lachte. »Na, so dumm! Das meine ich keineswegs! Uns kasteien, naturwidrig leben, uns das versagen, wonach doch unser aller Natur, soweit wir normale Menschen sind, drängt, zur vertrockneten, griesgrämigen alten Jungfer werden? Fällt uns ja gar nicht ein! Wir wollen lieben mit allen Sinnen, wir wollen das Leben genießen mit allem Schönen, was es bietet. Wir wollen uns nicht dem unsinnigen, unverschämten Gebot der Männer fügen, daß wir verpflichtet wären, auch dem ungetreuen Mann die Treue zu wahren, und daß die Liebe uns ein für allemal versagt bleiben müsse, sobald es einem von ihnen gefallen hat, uns zu betrügen und uns sitzen zu lassen. Siehst du nicht ein, daß wir Esel wären, stumpfsinnige Geschöpfe, die nicht den Namen Mensch verdienen, wenn wir uns dieser Sklavenmoral fügten? Folgen wir dem Beispiel der Männer, die heimlich auf verbotenen Wegen wandeln, während sie öffentlich Moral predigen, die sich an die Ordnungen, die sie vorgeschrieben haben, selbst nicht kehren.« »Aber Else, das wäre ja doch entsetzlich! Wir Frauen sind doch anders als die Männer.« »Anders?« Else Hauf ließ ein ironisches, ärgerliches Lachen hören. »Ja, das sagen die Männer, um ihrer Forderung ein moralisches Mäntelchen umzuhängen. Sie behaupten, wir wären nicht so veranlagt wie sie, es würde uns viel leichter fallen, enthaltsam zu leben. So? Also wir hätten keine Sinne, nicht den natürlichen Drang zum anderen Geschlecht? Ich kann das von mir nicht sagen, und ich halte mich für ganz normal, und ich glaube auch nicht, daß andere gesunde Mädchen und Frauen, wenn sie die Mitte der Zwanzig erreicht haben, nicht demselben natürlichen Trieb unterliegen. Freilich, die meisten wollen's nicht Wort haben, schämen sich ihrer natürlichen Regungen. Herrgott, was wird in dieser Hinsicht nicht gelogen und geheuchelt unter uns Weibern!« Sie faßte in ihrem Eifer die andere an der Hand. »Na, sei mal ehrlich, Lisbeth! Wenn du bei deinem Geliebten warst, in seinen Armen, an seinen Lippen hingst, kam es dann nicht auch über dich, das Klopfen der Pulse, das Stürmen des Blutes?« Die Gefragte schlug ihre Augen nieder. »Ach, Else!« hauchte sie verschämt. »Na also! Aber freilich, ein Unterschied ist zwischen den Männern und uns Frauen. So grobkörnig und brutal wie sie sind wir in Sachen Erotik nicht organisiert. Wir fühlen uns nicht von jedem passablen Vertreter des anderen Geschlechts gleich angeregt, elektrisiert wie die Männer in der Gegenwart jeden hübschen Exemplars der Weiblichkeit. Uns genügt nicht die rein körperliche Anziehungskraft, wir müssen auch seelisch beteiligt sein, bevor wir uns aus freiem Willen einem Manne hingeben. Und wir wahren auch, von einigen exzentrischen, unnormalen Frauen abgesehen, dem Manne die geschlechtliche Treue; darin sind wir reinlicher, feinfühliger. Es wird einem normalen Weibe nicht einfallen, einem Manne, dem sie sich geschenkt hat, die Treue zu brechen, nur weil es das Gelüst nach einer erotischen Abwechslung empfände, und niemals würden wir, wie es ja so viele Männer tun, mit zwei oder gar mehr Partnern nebeneinander verkehren, wie es bei den Männern gang und gäbe ist. Sie leisten sich gern einmal, auch wenn sie ein Weib noch so lieb haben, einen gelegentlichen Seitensprung, wie sie es nennen. Nein, einer solchen Indelikatesse machen wir, die wir auf uns halten, uns nicht schuldig. Auch die besten Männer, die in puncto Ehre im übrigen sehr fein empfinden, ermangeln in dieser Hinsicht des körperlichen und seelischen Reinlichkeitsgefühls.« Die Blicke der Sprechenden richteten sich nachdenklich in die Leere. »Ich weiß nicht, woran das liegt. Anders konstruiert sind sie in dieser Beziehung jedenfalls. Von einer größeren Aufnahmefähigkeit, von einer stärkeren Begierde kann es nicht kommen, denn als Ärztin ist es mir bekannt, und man findet diese Tatsache auch in wissenschaftlichen Büchern verzeichnet, daß wir Frauen in der Liebe« – sie lächelte – »gerade wie beim Tanzen eine stärkere Ausdauer besitzen als die Männer. Es muß aber wohl ein ihnen innewohnendes Variationsbedürfnis sein, das sie von einem Weibe zum andern treibt.« »Also dann sagst du doch selbst«, wandte Lisbeth ein, »daß wir Frauen nur einen – einen Mann lieben können.« »Ja, meine Liebe, nur einen, nicht zwei, im gleichen Zeitabschnitt. Aber wenn uns der Geliebte verläßt, oder wenn er uns einen zwingenden Grund gibt, unsere Beziehungen zu ihm einzustellen, dann können wir uns nicht für verpflichtet halten, uns um eines blinden, dummen Vorurteils willen für immer vom Liebesglück auszuschließen. Wir sind berechtigt, ja mehr, uns schuldig, einem neuen Gefühl der Sympathie nachzugeben, dem wieder erwachenden Naturtrieb zu folgen. So habe ich es gehalten, und ich bereue es nicht, ich schäme mich nicht. Als mich der erste, der in mir die volle Liebe geweckt hatte, unter schnödem, gemeinem Bruch seines Treueschwurs, seines Versprechens, unsere heimlichen Beziehungen dermaleinst zu legitimieren, verlassen hatte, trauerte ich ihm ein ganzes Jahr lang nach, dann lernte ich einen anderen kennen und lieben, und es ist nun ein halbes Jahr her, daß er – er war Assessor – befördert und versetzt wurde nach einer fernen Provinz. Nur einmal hat er mir geschrieben, einen kalten Abschiedsbrief. Die Verhältnisse seien stärker als er und was der Phrasen mehr sind, womit diese gebildeten Männer einer Geliebten den Abschied geben, weil sie ohne Mitgift nicht heiraten können oder wollen, aus Standesrücksichten oder weil sie ihrer überdrüssig geworden sind und sich verändern wollen. Also vorbei, Schwamm drüber! Meine Sinne aber, meine Liebe, sind deshalb nicht gestorben, und ohne Scheu gestehe ich dir, daß sie sich täglich stärker melden, und ich hoffe, daß auch mein Herz sich bald einem mir sympathischen Mann von meinem Typ erschließen wird.« Lisbeth Glümer strich sich über das erhitzte Gesicht. Die Auseinandersetzungen und offenherzigen Geständnisse ihrer Kusine machten sie heiß, und im stillen kämpfte sie mit einem peinlichen Gefühl der Befremdung und des Widerwillens. Und verwirrt stammelte sie: »Aber dann – dann kann man doch nicht heiraten!« Die junge Ärztin lachte. »Echt weiblich!« erwiderte sie. »Heiraten! Das ist das große Wort und der Inbegriff alles weiblichen Sehnens, aller weiblichen Seligkeit. Heiraten! Du bist noch rückständig, meine Liebe, wie so viele Mädchen im Mittelstande. Kennst du die Kreise der Arbeiterinnen? Die warten nicht, bis sich ein Mann herabläßt, sie der Ehre der Ehe mit ihm zu würdigen. Sie nehmen ihr gutes Recht auf Liebe, auf volle Liebe, schon vor der Heirat in Anspruch. Und unter den kleinen Geschäftsmädchen, wie viele sind da wohl, die sich Zwang auferlegen mit Rücksicht auf die heute immer unsicherer werdende Aussicht auf einen Ehemann und Versorger? Ja, sogar die Damen der oberen Stände sind heutzutage schon nicht allzu selten so vorsichtig, das beizeiten kennenzulernen, was ihre brennende Neugier, ihre durch das ganze Milieu, in dem sie leben, frühzeitig aufgestachelten Sinne begehren. Gerade ihnen wird es noch viel schwerer, sich das Süßeste im Leben zu versagen. Das Risiko, nachher mit ihrer ängstlich behüteten Tugend sitzenzubleiben, bis sie keines Mannes Gelüst mehr erregen, erscheint ihnen wohl zu groß, und sie wissen ja auch ganz genau, daß ihnen ihre Keuschheit niemand zum Lobe anrechnet, sondern daß sie als alte Jungfern nur verspottet und verhöhnt werden. Die meisten unter ihnen geben aber die Absicht, zu heiraten, keineswegs auf, auch wenn sie in die Ehe treten ohne den Reiz der Jungfräulichkeit, den die Männer ihrer Kreise so hoch schätzen, ja, in der Regel als conditio sine qua non ansehen. Erstensmal ist in sehr vielen Fällen eine reichliche Mitgift, die bekanntlich für die meisten Männer unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt, vorhanden, und zweitens gibt es Mittel, die eine etwaige Unvollkommenheit den Männern verbirgt. Auch die erfahrensten Männer sind in dieser Hinsicht so dumm und die dümmsten Mädchen so schlau.« »Ach Else«, stieß die von den verschiedensten, einander widerstrebenden Gefühlen ganz Benommene hervor, »ich würde nie wagen, ich würde mich immer fürchten –« Das Fräulein Doktor lächelte. »Ich wage es auch nicht. Aber aus einem ganz anderen Grunde als du. Nicht als ob ich mich nicht würdig genug fühlte – ach, du meine Güte, gegenüber solch einem Mann, der in allem, was geschlechtliche Sittlichkeit betrifft, tief, tief unter jeder von uns steht! Nein, weil die Ehe immer und immer ein Risiko bleibt, denn nur bei längerem, täglichem, intimerem Beisammensein und nicht in der kurzen Zeit des Flirts und des Brautstandes lernt man doch einen Menschen erst gründlich kennen. Und zweitens, weil der Mann, der seiner Frau die ganze Ehe hindurch die geschlechtliche Treue bewahrt, eine so große Seltenheit ist, daß keine sich schmeicheln darf, ein solches Phänomen zum Gatten zu bekommen. Und –« sie schnitt eine Grimasse des Widerwillens, des Ekels – »es wäre mir ein unerträglicher Gedanke, daß ein Mann vielleicht an demselben Tage, wo er mich begehrt, oder an einem der vorangegangenen Tage in engster Beziehung mit einer anderen gewesen ist. Gewiß, das kann auch bei einem freien Verhältnis vorkommen, aber doch viel, viel seltener, denn der Geliebte ist in der Regel viel mehr mit seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Sinnen beteiligt, als dies in der Ehe gewöhnlich der Fall ist, denn das Eheleben mit seinen vielen Sorgen, öfteren Zwistigkeiten und Reibereien stumpft naturgemäß viel mehr gegeneinander ab. Daß einer zwei Liebesverhältnisse zu gleicher Zeit hat, ist wohl sehr selten, dazu haben ja die modernen Männer gar nicht die Muße und oft nicht die Mittel, aber daß ein Ehemann neben seiner angetrauten Gattin, die er überdies in sehr vielen Fällen überhaupt nicht aus seelischen oder sinnlichen Bedürfnissen gewählt hat, noch eine Geliebte hat, ist alltäglich, ist die Regel. Also ich kann viel, viel sicherer sein, meinen Geliebten für mich allein zu haben, während die allerwenigsten Ehefrauen dieses Bewußtsein ihrem Manne gegenüber besitzen können. Und wenn ich die Empfindung habe oder gar den Beweis, daß mich mein freigewählter Schatz betrügt, dann kann ich mich von ihm lossagen, sobald ich das über mich vermag. Eine Frau aber ist oft, ja in den meisten Fällen, auch gegen ihre Empfindung gezwungen, mit dem Manne weiterzuleben, der Kinder wegen oder in Rücksicht auf ihre Familie, der Eltern, der Geschwister wegen oder aus materiellen Gründen, denn für viele ist ja der Mann der Versorger oder bedeutet noch mehr: Luxus, Reichtum für sie, während sie selbst nicht imstande sind, sich durch eigene Arbeit zu ernähren. Auch soziale Gründe sprechen hierbei mit; besonders in den sogenannten besseren Gesellschaftsschichten spielt das Vorurteil einer geschiedenen Frau gegenüber eine Rolle. So muß sie also bei dem verabscheuten Mann bleiben, muß die tiefsten Erniedrigungen, die einer Frau von feinerem Empfinden zugefügt werden können, ertragen, muß Höllenqualen still erdulden. Ist das nicht viel, viel entsetzlicher als ohne den Titel einer Ehefrau durch das Leben zu gehen, während man sich doch das volle Ausleben des Weibes, eben die süßesten Momente des Verkehrs mit dem Manne, nicht zu versagen braucht?« In dem jungen Mädchen wirbelten die Gedanken und Empfindungen. Von dieser Seite hatte sie die Ehe noch nie betrachtet; alles das war ihr so neu und überraschend, daß sie zu keiner klaren Auffassung der von der Kusine mit so viel Überzeugungskraft vorgetragenen Anschauungen kommen konnte, und so stimmte sie ebensowenig zu, als sie widersprach. Die Stimme der jungen Ärztin nahm einen bitteren, spöttisch-ironischen Klang an, als sie jetzt fortfuhr: »Übrigens werden ja die Chancen, einen Ehemann zu bekommen, immer geringer, und der Wettkampf zwischen den heiratsfähigen Mädchen wird immer heftiger. Alle Künste und Listen werden aufgeboten, meist mit Unterstützung der in allen Schlichen und Ränken erfahrenen Mutter, um einen Mann zu umgarnen. Die Männer aber sind kopfscheu geworden. Vielleicht weißt du das aus Erfahrung, wie sie sich drehen und winden, wenn sie ein Liebesverhältnis eingegangen sind, um sich nicht für die Ehe einfangen zu lassen. Sie sind mit Shaws Helden in ›Mensch und Übermensch‹ der Ansicht, daß die Welt voll von Netzen und Schlingen sei, mit denen die Frauen den Männern nachstellen. Es gehört schon eine übermenschliche oder richtiger: überweibliche Portion von Geduld, Selbstentäußerung und Schlauheit dazu, um den Mann, wenn sie nicht Geld genug hat, sich zu kaufen, zum Heiraten zu pressen. Wie eine Spinne muß sie ein feinmaschiges Netz um ihn weben, ihn reizen und sich doch versagen, bis sie sein Begehren bis aufs äußerste aufgestachelt hat, so daß er sich, entnervt, verschmachtend vor Begierde, zum Standesamt schleppen läßt. Die meisten Ehen aber kommen heute durch das Heiratskontor oder durch Zeitungsinserate zustande. Da geht es wie auf einer Börse zu; der Mann steht hoch im Kurse, und die Schwiegereltern müssen sich schon zu einem hohen Gebot versteigen, wollen sie ihren Töchtern einen legitimen Gatten gewinnen. Siehst du, meine Liebe, das ist die Tragödie der modernen Frau, daß die Männer zwar den Verkehr mit dem Weibe wollen, heute mehr als je, aber sich vor der Ehe fürchten. Sich nur nicht verplempern, ist ihr Grundsatz!« Mit allen Sinnen hörte die Jüngere zu. Ein heißer Schmerz durchfuhr ihr Herz. Sie hatte es ja selbst erlebt und erlitten. Ja, die Männer schienen die Ehe nur noch als Geschäft zu betrachten, und wenn sich ein Mädchen vor der Ehe gab, dann verlor sie in den Augen des Mannes, und je inniger sie sich an ihn schloß, desto weiter entfernte er sich von ihr, nur immer von dem Wunsche beherrscht, das Band, das sie umschloß, nicht zur eisernen Kette werden zu lassen. Die Empfindungen der Sinnenden verrieten sich in einem unbewußten Seufzer. Dr. Else Hauf, die wohl ahnte, was in der Seele der Kusine vorging, sagte: »Und warum ist es so? Erstensmal weil es mehr Frauen gibt als Männer, zweitens weil er leicht Ersatz findet: hundert andere Mädchen breiten ihm ja ihre Arme entgegen. Drittens besitzt er in seiner Tätigkeit, in seiner Stellung sozialen Wert, an dem er seine Frau teilnehmen läßt, und viertens schadet's ihm ja nicht im geringsten, wenn er ein Verhältnis löst und ein anderes eingeht, während man die Verlassene ungerecht, mitleidlos und grausam verdammt.« Die junge Ärztin richtete sich auf und schritt ein paarmal im Zimmer hin und her, lebhaft bewegt durch die Erinnerungen, durch die Gedanken und Empfindungen, die diese offenherzige, rückhaltlose Darlegung all der Anschauungen, zu denen ihre Erfahrungen während der letzten Jahre sie geführt hatten, in ihr aufwühlten. Ihre Augen blitzten; eine brennende Röte flammte in den vom vielen Studium gebleichten Zügen auf, und ihre schlanke, aber sehnige Gestalt reckte sich straff und stolz. »Tausende und aber Tausende liebender, selbstbewußter Frauen haben diese Schmach empfunden, diese erniedrigende, entwürdigende Stellung, die die Männer dem Weibe seit Jahrhunderten zugewiesen haben – unter tausend Schwierigkeiten, in mühseliger Arbeit, verspottet, verhöhnt haben sie um ihre Erlösung, um Selbständigkeit gerungen, nicht vergeblich. Wir wollen nicht mehr wie bisher nur Weib, wir wollen auch Menschen, Vollmenschen sein und wollen dem Manne frei gegenüberstehen, gleichberechtigt. Dutzende von Berufen haben wir uns schon erobert, die uns ehedem rücksichtslos verschlossen waren, und wir werden nicht ruhen, bis wir in jeder Hinsicht, auch in der Politik, volle Gleichberechtigung, volle Selbständigkeit erlangt haben. Nicht mehr das Geschlecht und die brutale Gewalt, sondern allein die Überlegenheit des Geistes, des Fleißes, des größeren Pflichtgefühls und des stärkeren Willens soll den Ausschlag geben. Vielleicht, daß dann die Frau einmal auch in der Ehe eine würdigere, eine gleichberechtigte Stellung einnimmt, und daß sie nicht mehr von der Gnade des Mannes abhängt und nicht demütig, ergeben zu warten hat, bis es ihm gefällt, der nach Liebe und Heirat Schmachtenden gnädigst seine Hand zu reichen. Heute aber wird das Eheverhältnis immer noch zur Knechtung der Frau mißbraucht, und Tausende und aber Tausende gehen sittlich und körperlich zugrunde in ihm. Deshalb verachten alle die unter uns, die zum Selbstbewußtsein erwacht sind und zur Erkenntnis ihres sozialen Wertes, der dem des Mannes nicht nachsteht, die Ehe und die Stellung, die dem Mädchen und der Frau vor und in der Ehe zugewiesen ist.« Die Sprechende, die sich immer mehr erhitzte, offenbarte rückhaltlos auch den letzten Grund ihres Denkens und Fühlens. Ein eigenartiges Gemisch von Selbstgefühl, Entschlossenheit und mädchenhafter Scham vibrierte in den intelligenten und anziehenden Zügen der jungen Doktorin. Ihre Arme verschränkten sich über der Brust, die trotz aller mühsamen Denkarbeit noch immer in reizvoller Rundung blühte, und weiblich-sinnliche Empfindung färbte ihre Wangen noch dunkler und flammte in ihren Augen: »Wir wollen aber nicht verheimlichen, daß auch in uns die Gluten wogen, die zu den Qualen des Lebens gehören und doch zu dem höchsten, intensivsten menschlichen Glücksempfinden tragen. Wir wollen nichts entbehren, wie ich dir schon sagte, sondern wir wollen alle Glücksmöglichkeiten in uns steigern, ohne doch unsere Freiheit, unsere Selbständigkeit zu opfern. Wir wollen wie der männliche Hagestolz weder die Ehe noch das Band – wir schaffen den neuen Mädchentyp: die Junggesellin.« * Dr. Else Hauf schlief in der Nacht bei ihrer Kusine und suchte erst am folgenden Tage ein möbliertes Zimmer in der Nähe des im Nordwesten gelegenen Krankenhauses. Als sie die Kusine am Abend verließ, konnte sie beruhigt sein. Den Gedanken, ihrem Leben ein gewaltsames Ende zu machen, hatte Lisbeth Glümer aufgegeben. Die Ansichten, die die »Junggesellin« vor ihr so beredt und so überzeugt entwickelt hatte, waren nicht ohne starken Eindruck auf die aus ihrem ersten Liebestraum so entsetzt Erwachende geblieben. »Wenn mir auch nicht alles, was du mir gesagt hast, einleuchtet, wenn sich auch mein Empfinden gegen manches in deinen Theorien sträubt, in diesem einen Punkte gebe ich dir recht: es wäre töricht gewesen, und ich hätte dem schlechten Menschen zu viel Ehre angetan, wenn ich seinetwegen in den Tod gegangen wäre. Zu gemein, zu erbärmlich hat er an mir gehandelt, und er verdient nur noch Verachtung, und daß ich ihn ein für allemal aus meinem Leben und meinem Gedächtnis streiche.« Das wurde mit so großer Entschiedenheit gesprochen, daß die junge Ärztin nicht an der Aufrichtigkeit dieser Beteuerung zweifelte. Und in der Tat, die in ihrem Ehrgefühl so bitter Gekränkte empfand nur noch die tiefste Empörung und Abscheu gegen den Mann, der mit ihrer Liebe und ihrem gläubigen Vertrauen ein so nichtswürdiges Spiel getrieben und sie bis zu seinem Verlobungstage mit einer anderen skrupellos zur Sklavin seiner Gelüste gemacht hatte. Dazu kam, daß im Geschäft gerade jetzt viel zu tun war. Neue Ware für den Sommer war hereingekommen, und sie mußte Überstunden machen, um die Hunderte und aber Hunderte von Kartons wegzubringen und den Tagesbestand aufzunehmen. Am 1. April wurde ein neuer Geschäftsführer eingestellt, und auch das trug naturgemäß dazu bei, ihre Gedanken von ihren Privatangelegenheiten abzulenken und ihr Interesse in Anspruch zu nehmen. Es war ein noch junger Mann, Anfang der Dreißig, von ansprechendem, einnehmendem Äußeren und gefälligem, angenehmem Auftreten. Obgleich er einen Ehering trug, brachte doch sein Eintritt in das Geschäft eine sichtliche Bewegung unter dem weiblichen Personal hervor. Keine, die nicht in ihrer Toilette irgendeine Neuigkeit aufgewiesen hätte, eine schickere Bluse oder einen koketter geschnittenen Rock oder eine moderne Haarfrisur, und eine suchte immer die andere durch freundlicheres Wesen, durch schmachtende Augen, durch verführerisches Lächeln auszustechen. Lisbeth Glümer amüsierte sich im stillen über die Bemühungen der Mädchen, dem neuen Vorgesetzten zu gefallen. Außer ihr war Fräulein Witte, die Buchhalterin im ersten Stockwerk, die einzige, die an diesem Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Geschäftsführers nicht teilnahm. Ihre Zurückhaltung aber hatte die unbeabsichtigte Wirkung, daß er von den Anstrengungen der Gefallsüchtigen keine Notiz nahm, sondern gerade ihr ein Interesse schenkte, das, wie ihr schien, über die geschäftlichen Rücksichten hinausging. Nicht nur, daß er ihr gegenüber ein artigeres Wesen bekundete als gegen die übrigen weiblichen Angestellten, das sie ja schließlich auf ihre wichtigere Stellung zurückführen konnte, er knüpfte auch in stilleren Geschäftsstunden Privatgespräche mit ihr an. Er erkundigte sich, ob sie Berlinerin sei und ob sie auch keinen zu weiten Weg nach ihrer Wohnung habe, die sie wohl mit ihren Eltern teile, und dergleichen mehr. Und obgleich sie, mißtrauisch, eingeschüchtert, gewarnt, sich der größten Zurückhaltung befleißigte, und wenn auch nicht unhöflich, so doch nur kurze, knappe Antworten gab, so ließ er sich doch dadurch nicht von seinen Annäherungsversuchen abhalten. »Sie besuchen gewiß öfters das Theater, Fräulein Glümer?« fragte er sie eines Tages, mit seinen dunklen Augen ihren Blick suchend. »Ich? Wie sollte ich? Bei den teuren Preisen!« Er gab seinen Mienen einen verbindlichen, bewundernden Ausdruck. »Aber ich bitte Sie, wenn man so jung ist und sich solcher Vorzüge erfreut wie Sie, Fräulein Glümer, da hat man doch gewiß Verehrer, die mit Theater- und Konzertbilletts nicht geizen.« Sie wich seinem Blick aus, in dem ein Funkeln glomm, dessen Bedeutung ihr ja nicht mehr unbekannt war. »Ich pflege keine Geschenke anzunehmen«, versetzte sie kühl. »Geschenke – nun ja. Aber eine Einladung, die Begleitung eines Freundes werden Sie doch natürlich nicht ablehnen.« Sie erhob jetzt ihre Augen und sah ihn ernst und streng an. »Ich habe nur Freundinnen, Herr Kollmann.« Allein der galante Mann, dem seine Erfahrungen eine gute Portion Selbstgefühl und Unternehmungslust eingeflößt hatten, ließ sich so leicht nicht einschüchtern. Ein ungläubiges Lächeln zuckte in seinem Gesicht. »Ich sehe, ich erscheine Ihnen indiskret. Entschuldigen Sie, Fräulein Glümer, ich will mich ja natürlich nicht in Ihre Privatangelegenheiten drängen, aber dem Geschäftskollegen werden Sie es doch gewiß nicht abschlagen. Ich habe für morgen zwei Billetts für das Neue Operntheater bestellt. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mir das Vergnügen Ihrer Gesellschaft gönnen würden.« Mit unverhohlener Ironie erwiderte sie: »Ich muß sehr danken, Herr Kollmann. Ihre freundliche Einladung anzunehmen, verbieten mir meine Grundsätze.« Er war offenbar überrascht und warf einen zweifelnden, forschenden Blick auf sie. Als er ihre stolze Haltung, ihre finsteren, entschlossenen Mienen bemerkte, die nichts Affektiertes, kokett Zögerndes hatten, erkannte er, daß er sich einmal ausnahmsweise geirrt hatte. »So, so, Sie haben Grundsätze«, erwiderte er, halb ärgerlich, halb verwundert. »Na, dann muß ich Sie also noch einmal um Entschuldigung bitten, Fräulein Glümer. Nehmen Sie mir es nicht übel, bitte.« Der Geschäftsführer war kein bösartiger Mensch. In seinem Ton und in seiner ganzen Haltung lag ein wirkliches Erstaunen und etwas aufrichtig Hochachtungsvolles, so daß sie ihm nicht zürnen konnte. »Nein, ich kann es Ihnen nicht verargen«, erwiderte sie offen, »ich weiß ja, daß die meisten meiner Kolleginnen kein Bedenken tragen würden, ihr Anerbieten mit Freuden anzunehmen.« Da streckte er ihr seine Rechte versöhnt, herzlich entgegen. »Ich sehe, Sie sind eine vernünftige Dame und beurteilen die Verhältnisse, wie sie sind. Also dann nichts für ungut und gute Kollegenschaft wie bisher!« Es belustigte sie im stillen nicht wenig, als sie wahrnahm, wie der Geschäftsführer seine Huldigungen nunmehr, wenn auch diskret, dem schönen Fräulein Witte widmete, und mit großem Interesse erwartete sie das Resultat, das sich ja doch schließlich in irgendwelchen Anzeichen offenbaren würde. Ihre geheime Spannung wurde auf keine langdauernde Folter gespannt. Eines Abends, als sie das Geschäft verließ, gesellte sich die Buchhalterin zu ihr und begleitete sie ein Stück des Weges. Ihre vibrierenden Mienen deuteten auf eine große Erregung hin, die sich nun in hastigen Worten Luft machte. »Denken Sie nur, Fräulein Glümer, dieser dreiste Mensch, der Kollmann, lud mich heute zu einem Souper im Chambre séparée bei Hoehne in der Französischen Straße ein. Was sagen Sie dazu?« »Allerdings, da er verheiratet ist, ein starkes Stück«. »Nicht wahr? Aber abgesehen davon, auch wenn er ledig gewesen wäre, hätte es mir nicht einfallen können, seine Einladung anzunehmen. Ich bin doch keine Alma Röpke und keine Erna Wernicke, die mit zwei oder drei Herren zu gleicher Zeit poussieren. Ich habe meinen Rechtsanwalt, und das genügt mir. »Sie kennen den Herrn schon längere Zeit?« fragte Lisbeth Glümer interessiert. »Seit drei Jahren, Fräulein Glümer.« Ein freudiges Strahlen glitt über das Gesicht der Sprechenden, und ein warmer, inniger Ton klang in ihrer Stimme: »Wir haben uns sehr lieb, und ich denke ja gar nicht daran, mich mit einem anderen einzulassen, ebensowenig wie er mit einer anderen.« Lisbeth Glümers Sympathie für das bescheidene junge Mädchen, dessen bessere Bildung und ganze Art sich immer vorteilhaft von den weiblichen Angestellten im Geschäft abgehoben hatte, wuchs. »Er hat gewiß die Absicht, Sie einmal zu heiraten?« bemerkte sie, während sie sich einer schmerzlichen und von Neid nicht ganz freien Empfindung nicht erwehren konnte. Aber die andere erwiderte resigniert: »Das glaube ich nicht. Er ist arm und ich bin arm, und er hat es mir auch nie versprochen. Nach dem ersten Kuß hat er mir gesagt: ›Ich kann dir keine Hoffnungen machen auf eine Heirat zwischen uns. Das erkläre ich dir offen, damit du dir keine Illusionen machst und ehe wir uns noch mehr aneinander schließen. Ich würde es dir nicht verdenken, wenn du nun nicht wiederkommst, so sehr es mich auch schmerzen würde, denn ich habe dich herzlich lieb‹.« »Das war jedenfalls sehr ehrenhaft von ihm«, bemerkte die mit lebhafter Teilnahme Zuhörende. »Nicht wahr?« Die Augen der anderen leuchteten stolz. »Ja, er ist ein guter, lieber Mensch, und ich brachte es nicht übers Herz, ihn zu verlassen. Ich habe ja dann noch manchmal schwer und bitter mit mir gekämpft, aber ich liebte ihn nun doch einmal und jetzt natürlich noch mehr als vorher, denn ich erkannte daraus seinen anständigen Charakter und seine ehrliche, selbstlose Liebe. Und es tut mir auch nicht leid, daß ich –« Sie stockte und schlug die Augen nieder, und ein Schatten senkte sich auf ihr frisches, fröhliches Antlitz. Lisbeth Glümer griff impulsiv nach der Hand der neben ihr Schreitenden und drückte sie herzlich. Sie wußte ja, was die innerliche Bewegung, die plötzlich über ihre Begleiterin gekommen war, zu bedeuten hatte, und sie empfand verständnisvoll mit ihr. Fräulein Witte aber hob ihr Gesicht wieder, und ihre Stimme klang fest und entschieden: »Ja, ich bedaure es nicht, daß ich meinem Gefühl nachgegeben habe. Man will doch auch etwas vom Leben haben. Man sehnt sich doch nach ein bißchen Liebe und Glück. Immer nur arbeiten und des Abends allein zu Hause sitzen! Das bißchen Gehalt reicht doch nur gerade für das Notdürftigste. Sollen die Freuden des Lebens nur für die anderen blühen und für uns armen Geschäftsmädchen nicht?« – Lisbeth Glümer ging in tiefen Gedanken nach Hause. Was würde das Ende sein? Der Rechtsanwalt würde schließlich eine junge Dame aus seinen Kreisen heiraten, und in der großen Zahl der verlassenen Mädchen gab es eine Nummer mehr. Nur daß in diesem Falle die Verlassene nicht das verbitternde Bewußtsein mit sich davontrug, verraten oder betrogen worden zu sein. Würde die Buchhalterin dann wie Else Hauf sich mit einem anderen Geliebten trösten und sich dann dem neuen Mädchenlos der Junggesellinnen ergeben? * Lisbeth Glümer und Dr. Else Hauf hatten gemeinschaftlich ein Theater besucht, als sie um zehn Uhr auf die Straße hinaustraten. »Was fangen wir mit dem angebrochenen Tage an?« wandte sich die gutgelaunte junge Ärztin an ihre Kusine. Die Gefragte antwortete verwundert: »Was sollen wir beiden Mädchen jetzt am späten Abend noch beginnen? Nach Hause, schlafen gehen!« Doch die andere schüttelte entschieden mit dem Kopfe. »In dem einsamen nüchternen Stübchen allein seine Abendbrotstulle hinunterwürgen? Fällt mir gar nicht ein, mir meine schöne, angeregte Stimmung so zu verderben! Nein, jetzt wollen wir in einem in hellem, elektrischem Licht strahlenden eleganten Raume bei einem Glase Wein uns eine kleine Nachfeier nach dem herrlichen künstlerischen Genuß gönnen und unsere Eindrücke austauschen!« Die Aufsichtsdame sah die Kusine ganz erschrocken an. »Wir beide allein? In einem Weinrestaurant?« Die andere lachte. »Allein? Das heißt: ohne den Schutz eines Mannes? Herrgott, Mädel bist du rückständig! Dabei lebst du schon ein halbes Dutzend Jahre in Berlin. Da habe ich mich schneller aklimatisiert. Also los!« »Aber ist es dir nicht peinlich? Was werden denn die Menschen von uns denken?« Das Fräulein Doktor ironisierte. »Was werden die Leute sagen! Der alberne Spruch aller ängstlichen, spießbürgerlichen Menschen. Du irrst, wenn du denkst, daß wir auffallen werden. Vor ein paar Tagen war ich eines Abends in der Familie einer Kollegin zu Besuch gewesen. Nach elf Uhr ging ich. Ich hatte noch Hunger. Da suchte ich ein Weinrestaurant auf, aß etwas und trank eine halbe Flasche Wein dazu.« Sie lachte vergnügt. »Es hat mich niemand gebissen. Ganz unversehrt bin ich davongekommen.« Die andere drückte sich schaudernd an die ihr neckisch ins Gesicht Schauende. »Ich hätte es mich nicht getraut, und wenn ich am Verhungern gewesen wäre!« Als sie das Restaurant betraten, hatte Lisbeth Glümer das Gefühl, als richteten sich alle Blicke auf sie. Furchtbar unbehaglich war ihr; sie heftete ihre Augen fest auf den Boden. Die Kusine führte sie zu einem Tisch neben dem Mittelgang. Auch als sie nun Platz genommen hatten, brachte es die Zaghafte noch immer nicht über sich, ihre Blicke über die Umgebung schweifen zu lassen. Das Fräulein Doktor verhandelte mit dem Kellner, wählte eine Rheinweinmarke und bestellte auch eine Fleischspeise für sich. »Nun, was wählst du, Lisbeth!« forderte sie auf und reichte der Kusine die Speisekarte. Aber die noch immer mit ihrer Befangenheit Ringende lehnte ab. »Wähle du nur für mich!« »Also Fisch oder vielleicht ein Schnitzel mit Spargel?« »Schnitzel, wenn ich bitten darf.« »Na, wie gefällt's dir?« erkundigte sich die Kusine, als der Kellner gegangen war. »Ist es nicht herrlich hier?« Lisbeth Glümer starrte noch immer auf das Tischtuch. Die andere lachte. »Ich glaube, du hast dich noch gar nicht einmal umgesehen. Wir sind nicht die einzigen Frauen, die das kühne Wagnis unternommen haben, ohne männlichen Schutz das Restaurant zu besuchen.« Erst jetzt wagte es die Schüchterne, aufzublicken. Es war ein hoher, langgestreckter Raum. Lisbeth Glümer staunte nicht wenig. Das war ja wie – wie in einem fürstlichen Palast. Ein Lichtmeer verbreitete von der Decke her Tageshelle. Hohe Pfeiler aus glänzendem Polisanderholz strebten zur Höhe. Dicke Teppiche lagen im Mittelgang, der den Saal in zwei Hälften schied. Von einem etwas höher gelegenen Nebenraume ertönte diskrete Musik. Fast alle Tische ringsum waren besetzt. Und da – die Kusine hatte nicht geflunkert – wahrhaftig, da an dem einen Tische saßen drei junge Damen, noch jünger als sie beide, im lebhaften Gespräch. Auf dem Tische stand schon eine leere Rotweinflasche, und nun tranken die Vergnügten aus hohen Kelchgläsern schäumenden Sekt. Dabei schmauchten sie Zigaretten und schienen sich köstlich zu amüsieren, denn sie kicherten in einem fort und fanden offenbar an allen Menschen ringsum Komisches. Ihre Gesichter glühten; ihre Augen sprühten in animierter Weinlaune. »Sie feiern wahrscheinlich eine Gehaltserhöhung oder Geburtstag«, bemerkte Else Hauf. Dann richtete sie ihre Blicke auf einen runden Tisch jenseits des breiten Mittelganges. »Donnerwetter, die gehen aber ins Zeug!« Schaudernd sah Lisbeth Glümer, wie zwei auffallend herausgeputzte Mädchen, nicht mehr in blühender Jugend, im tiefen Ausschnitt offenherzig die üppige Büste bietend, mit zwei an einem Nachbartisch sitzenden Herren kokettierten. Behaglich zurückgelehnt, aus langen Spitzen Zigaretten rauchend, schlugen sie ungeniert die Beine übereinander. »Sieh mal«, flüsterte das Fräulein Doktor, »eine freche Bande!« Die eine der beiden Koketten hob ihr Glas und trank, nicht einmal besonders diskret, den Herren zu. »Unerhört«!« gab Lisbeth Glümer entsetzt zurück. Peinliche Unbehaglichkeit kam über sie. Sie fühlte sich durch das schamlose Gebaren der beiden in ihrem Geschlecht bloßgestellt und blinzelte beschämt, ängstlich nach den anderen Tischen in der Nachbarschaft. Aber es schien niemand darauf zu achten und Anstoß zu nehmen. Die beiden Koketten aber setzten ihr Spiel ungeniert fort; allerlei Zeichen eines sich anbahnenden Einverständnisses flogen zwischen den beiden Tischen hin und her. Jetzt drehte die eine den Kopf nach dem Saalausgang und sah dann wieder nach den beiden Herren mit herausfordernder Miene. »Das ist deutlich!« sagte Else Hauf. »Paß mal auf, jetzt werden sie gleich gehen.« Und richtig: Die eine winkte dem Kellner, und sie zahlten. Dann erhoben sie sich, lächelten noch einmal nach dem Herrentisch hinüber und schritten mit wiegenden Hüftbewegungen den Gang hinunter. Fünf Minuten später folgten die beiden Herren. »Meinst du, daß sie sich draußen treffen?« wisperte Lisbeth Glümer aufgeregt. »Was denn sonst? Natürlich! Siehst du, das sind auch zwei Junggesellinnen, freilich leichtfertigster Sorte. Nicht eben sehr wählerisch; eine kurze pantomimische Bekanntschaft von einem Stündchen genügt ihnen schon zur Anknüpfung. Na, wohl bekomm's!« Die andere überlief ein Schauder. Es war ihr, als sei mit einemmal alle strahlende Pracht und der Glanz des prunkvollen Saales ausgelöscht; am liebsten wäre sie aufgesprungen und davongeeilt. Da wurde ihnen Speise und Trank serviert. Die Kusine hob ihr Glas, nachdem der Kellner eingeschenkt hatte. »Worauf trinken wir?« »Ach, Else!« sagte die andere trübselig und nahm mechanisch ihr Glas mit dem funkelnden Rheinwein in die Hand. »Na, na! Das soll uns die Laune nicht verderben. Mißbrauch und Ausartung kommen überall vor. Dadurch wollen wir uns unsere goldene Mädchenfreiheit nicht verekeln lassen. Auf eine frohe, interessante Junggesellinnenschaft!« * Die Übersiedlung ihrer Kusine nach Berlin bot Lisbeth Glümer eine erwünschte Veranlassung, ihrer Wirtin zu kündigen, ohne deren Empfindlichkeit herauszufordern. Es leuchtete Frau Winkler ein, und sie fand es ganz selbstverständlich, daß ihre Mieterin den Wunsch hatte, mit ihrer Verwandten zusammenzuziehen. In Wahrheit aber lag das gar nicht in der Absicht der beiden Kusinen, denn erstens wohnte die junge Ärztin im fernen Westen, allzu weit ab von dem Geschäft, in dem die andere angestellt war, und zweitens hatte das Fräulein Doktor gemeint: »Ich würde dich nur stören, denn ich komme, wenn ich Nachtdienst habe, erst beim Morgengrauen nach Hause und sitze am anderen Tage oft bis spät in die Nacht hinein bei der Arbeit. Wozu sich also gegenseitig genieren und unser freundschaftliches Einverständnis und Zusammenhalten gefährden?« Ein paar Tage, nachdem sie gekündigt hatte, trat des Abends beim Nachhausekommen Frau Winkler mit wichtiger Miene in Lisbeths Zimmer. »Herr Pietschmann ist da!« »Herr Pietschmann?« fragte das junge Mädchen erstaunt. Die Frau zwinkerte; es lag etwas wie Bewunderung und eine besondere Hochachtung in ihrem Gesichtsausdruck. »Jawohl, er möchte mit Ihnen sprechen, Fräulein. Ich kann's Ihnen ja sagen: er ist in großer Aufregung. Herrgott, die Männer! Ordentlich 'n Fieber hat er, gerade wie meiner damals. Und ich wartete doch schon darauf: Spricht er denn noch nicht? Aber wenn sie lieben, die Männer, ehrlich lieben und es reell meinen, dann sind sie ganz klein. Seien Sie nur ruhig, Herr Pietschmann, habe ich ihm gesagt, was regen Sie sich denn auf! Warum soll sie denn nicht wollen? Sie sind doch ein ansehnlicher und vermögender Mann!« Die Geschwätzige, nach Frauenart Wortreiche, streckte ihre Rechte der unter dem Wortschwall wie betäubt Dastehenden entgegen. »Na, ich gratuliere, Fräulein! Besser können Sie's ja nicht treffen. Und dann bleiben Sie nun doch im Hause, und wir werden auch künftig gute Nachbarschaft halten.« Dann beugte sie sich mit verschmitztem Lächeln zu der Überraschten hinüber. »Auf meine Verschwiegenheit können Sie rechnen, Fräulein. Das braucht er ja nicht zu wissen. Wozu denn?« Sie puffte dem jungen Mädchen, dem allmählich das Verständnis aufging, mit dem Ellenbogen vertraulich in die Seite. »Ich war ja auch nicht mehr – mein Gott, wer hält sich denn heutzutage so lange? Überhaupt in Berlin! Aber denken Sie, daß er etwas gemerkt hat? I wo!« Glühende Röte schoß der peinlich Berührten ins Gesicht, während sich die andere wieder zur Tür wandte. »Ich schicke ihn Ihnen. Machen Sie's jut!« Sie nickte noch einmal und verschwand. Die Zurückbleibende preßte die Rechte gegen die Stirn. Das war so plötzlich und so ungeahnt über sie gekommen, daß sie ganz bestürzt, ganz verwirrt dastand. Sie hatte des Hausbesitzer galantes Wesen niemals ernst genommen und es nur für eine Angewohnheit des alten Junggesellen gehalten, der wohl jedem hübschen Mädchen ein paar Artigkeiten sagte. Und nun schien er in allem Ernst um ihre Hand anhalten zu wollen. Was sollte sie tun? Ein quälender Zwiespalt war in ihr. Das, wonach sie sich immer so heiß gesehnt: die Ehe, eine eigene Häuslichkeit, die Befreiung aus demütigender Abhängigkeit war ihr plötzlich in greifbare Nähe gerückt. Sie brauchte nur zuzugreifen, und in kürzester Frist war sie die beneidete Gattin eines angesehenen, wohlhabenden Mannes, der sie offenbar liebte und ehrte. Vorbei waren dann alle Kämpfe des Lebens, alle Widerwärtigkeiten im Geschäft mit den täglichen Erniedrigungen und Schamlosigkeiten. Ruhe, Sicherheit, Selbständigkeit und Ansehen tauschte sie dafür ein. Ein guter Mann, der sie ehrlich liebte – sonst würde er sie ja nicht begehren – nahm ihr für immer die Sorge um das tägliche Brot ab. Sie schloß die Augen; die schmächtige, schmalbrüstige, etwas knickbeinige Gestalt des Rentiers mit dem mageren, gelblichen Gesicht und den kleinen, tiefliegenden Augen, die sie verliebt anblinzelten, stand vor ihr. Ihre erregte Phantasie malte ihr, wie er sich ihr näherte, seine dürren, knochigen Arme um sie schlang und seine begehrlichen Lippen den ihren näherte. Ein Schauder erfaßte sie; schwer, quälend ging ihr Atem. Da schrak sie heftig zusammen; ein lautes Pochen an der Tür erweckte sie aus ihrer Träumerei. Herr Pietschmann trat ins Zimmer. Die Vermieterin hatte ihm offenbar Mut gemacht; ein siegessicheres, vergnügtes Lächeln verbreiterte seinen ohnehin breiten Mund mit den schmalen Lippen. In wohlgesetzter Rede, die er offenbar vorher präpariert hatte, brachte er seinen Antrag vor, aber das junge Mädchen ließ ihn nicht ganz bis zu Ende kommen. »Ich danke Ihnen, Herr Pietschmann«, sagte sie, »für die Ehre, die Sie mir erweisen, und für das Vertrauen, das Sie mir schenken, aber ich – zu meinem Bedauern – ich kann Ihre Frau nicht werden«, stieß sie mit krampfhafter Entschlossenheit hervor, als sie sah, daß er stutzte und ein sehr enttäuschtes Gesicht machte. »Sie wollen nicht, Fräulein Glümer, Sie wollen wirklich nicht – ?« Er schien das Unerwartete gar nicht glauben zu wollen, gar nicht fassen zu können. Die gekränkte Eigenliebe des wohlhabenden Hausbesitzers kam im Ton seiner Stimme und in seinem ärgerlichen, entrüsteten Blick zum Ausdruck. »Was haben Sie denn an mir auszusetzen, wenn ich fragen darf?« »Nichts, Herr Pietschmann, nichts!« sagte sie beschwichtigend. Und dann nahm sie zu einer Notlüge ihre Zuflucht, um sich und ihn leichter über die peinliche Situation hinwegzubringen. »Aber ich bin schon gebunden.« »Ge – bunden?« wiederholte er mechanisch, und dann glomm in seinen Augen ein Funke neuer Hoffnung. »Aber doch noch nicht verlobt?« »Nein, öffentlich noch nicht.« »Na, dann, Fräulein, dann können Sie es doch noch rückgängig machen.« Sie zog ihre Stirn kraus. Die plumpe Hartnäckigkeit des Hausbesitzers, der den Gedanken, daß ein armes Mädchen seine Hand ausschlug, gar nicht begreifen zu können schien, begann sie zu ärgern. »Ich liebe ihn«, erklärte sie kurz. »Lieben? Herrgott, Fräulein, das ist ja ganz schön, aber die Hauptsache ist doch immer bei der Ehe, daß der Mann auch ordentlich was einzubrocken hat.« Er sah lauernd zu ihr hinüber, ob seine Worte auch den erwarteten Eindruck machten. Als er aber ihre unwillige Miene bemerkte, fügte er höhnisch hinzu: »Aber vielleicht hat er mehr als ich?« Die Verletzte biß sich ärgerlich auf die Lippen. Dann entgegnete sie sehr entschieden: »Ich sagte Ihnen schon, Herr Pietschmann, daß ich mich bereits gebunden habe. Eine weitere Erklärung bin ich Ihnen wohl nicht schuldig.« Der Hausbesitzer zog sich langsam zur Tür zurück. »Na, dann entschuldigen Sie nur«, sagte er. Als die Tür sich hinter dem mit einem gezwungenen, hämischen Lachen sich Entfernenden geschlossen hatte, tat Lisbeth Glümer einen tiefen befreienden Atemzug wie jemand, der einer großen Gefahr entronnen war. Nein, nur nicht sich verkaufen, lieber ledig bleiben, auf sich selber gestellt! Wer weiß, in welche demütigende, noch viel schlimmere Abhängigkeit sie sich in der Ehe mit diesem Geldprotzen begeben hätte! * Eine Gehaltserhöhung, die der Aufsichtsdame zugebilligt worden war, ermöglichte ihr, in einer besseren Gegend, näher am Geschäft Wohnung zu nehmen. Fast alle Sonntage und auch an vielen Abenden sahen sich die Kusinen. Zuweilen besuchte die eine die andere, oder sie gingen gemeinschaftlich in ein Theater, um Anregung für Geist und Gemüt zu suchen oder ihrem Erholungs- und Zerstreuungsbedürfnis zu genügen. Als der Frühling gekommen war und die Lüfte lauer wehten, machten sie des Sonntags und zuweilen auch an einem Wochenabend gemeinsame Ausflüge nach dem Grunewald. Da sie beide hübsche, geschmackvoll gekleidete Erscheinungen waren, fehlte es nicht an gelegentlichen Versuchen galanter Herren, mit ihnen anzuknüpfen. Lisbeth aber litt immer noch seelisch unter der ihr widerfahrenen bitteren Enttäuschung und war so verschüchtert, verängstigt und herabgestimmt, daß sie bei jeder männlichen Annäherung zitterte und nervös wurde. Das Fräulein Doktor ihrerseits war sehr wählerisch, und die ungenierte dreiste Art der Berliner verletzte ihr Selbstgefühl, so daß sie stets kurz, von oben herab, die wenig geschmackvollen Bemerkungen abfertigte, mit denen eroberungslustige Herren anzubandeln sich bemühten. »Weißt du«, sagte Else Hauf zu ihrer Kusine, als sie eines Abends in der Nähe der alten Fischerhütte an einem stillen Plätzchen im Walde ruhten, »das hätte ich mir auch nicht gedacht, daß es in Berlin so schwer fällt, eine nette Herrenbekanntschaft zu machen.« Die Jüngere blickte erstaunt auf. »In Berlin?« Das Fräulein Doktor nickte bekräftigend. »Ja gewiß, in einer mittleren Stadt und nun gar in einer kleineren findet man viel leichter passenden Anschluß. Erstensmal begegnen einem dort die Herren der Schöpfung nicht so dreist und anmaßend, von dem Bewußtsein durchdrungen, daß sie nur zu wählen brauchen, denn es sind ja genug nach Liebe und Vergnügen hungrige Weiber vorhanden, und zweitens weiß man hier ja meistens nie, mit wem man zu tun hat, während man in weniger großen Städten sich über diese Frage leicht Gewißheit verschaffen kann.« »Das ist wahr. Daran habe ich noch nicht gedacht.« Die Sprechende sah die Kusine, die beide Arme unter dem Kopf verschränkt, gedankenvoll zu dem blauen Firmament emporstarrte und den Rauch ihrer Zigarette heftig gegen die Mücken blies, die die Köpfe der Ruhenden blutgierig umschwärmten, verwundert und mißtrauisch von der Seite an. »Hast du denn ein so dringendes Verlangen nach Männerbekanntschaft?« »Na gewiß! Es ist ja eine Ewigkeit her, seit ich –« Sie blickte wieder eine Weile sinnend in die Weite; ihre Nase wippte, ihre Lippen zuckten. Mit plötzlichem Ruck richtete sie sich mit dem Oberkörper in die Höhe und kehrte ihr Gesicht der neben ihr Liegenden zu. »Wir wollen einander doch nichts vormachen, liebe Lisbeth!« sprudelte es aus ihr heraus. »Die unter uns Weibern übliche Heuchelei mache ich nicht mit. Über diese konventionelle Albernheit und Verlegenheit bin ich hinaus. Ich brauche das, wir alle brauchen es. Das Leben verliert einen großen Teil seines Reizes ohne diese süßen Erregungen: dieses schnelle Klopfen der Pulse, das stürmische Herzklopfen, diese Wallungen des Blutes. Dann fühlt man sich jung, dann hat man wieder Schwung, Phantasie, Gehobenheit, Glut in den Adern nach all der Trockenheit des theoretischen Studiums, nach allen Plagen und Verdrießlichkeiten des Berufes, nach allen Niedrigkeiten und allem abstoßenden Materialismus des täglichen Lebens. Dann ist man ganz Mensch, Vollmensch, ja, man dünkt sich ein Gott, wenn der andere Teil die Eigenschaft hat, die heiße, hochlodernde Flamme in einem zu entzünden. Solange man liebt, solange man noch Liebe wecken kann, hat das Leben einen unvergleichlichen Reiz. Und dann –« sie reckte die Arme rückwärts, dehnte die schwellende Brust und legte den Kopf hintenüber, »man braucht von Zeit zu Zeit die natürliche Entspannung, sonst nimmt die Nervosität überhand, die einen launisch, verdrießlich und unlustig macht, die einen beim ruhigen Denken, bei der Arbeit hindert und einen mit fortwährender Unruhe und einem immer stärker werdenden Sehnen und Drängen erfüllt.« Sie beugte sich über die neben ihr Liegende und sah ihr mit forschenden, scharf in sie dringenden Blicken in die Augen: »Na, sei mal ehrlich, Lisbeth, geht's dir nicht ebenso? Fühlst du nicht auch diese hin- und hertreibende Rastlosigkeit, diese aufsteigenden Hitzwellen, dieses bohrende Sehnen in dir?« »Nein«, erwiderte die andere heftig, während sich ihre Brauen zusammenzogen und ein paar Falten auf ihrer Stirn erschienen. »Nein?« Ein ungläubiges spöttisches Lächeln flog über das Gesicht der jungen Ärztin. »Du, ich glaube, du gehörst auch zu denen, die so tief verstrickt sind in die uns anerzogene Unehrlichkeit und Prüderie, daß du dir dieser Regungen nicht einmal bewußt bist, daß du sie dir um keinen Preis eingestehen möchtest.« Sie richtete sich wieder in die Höhe und reckte die Arme empor. »Ich – ich schäme mich nicht, denn ich weiß, es ist die Natur, die in mir gärt, und daß ich keinen Grund habe, zu leugnen, daß ich mir meiner natürlichen Triebe bewußt bin und mich ihrer Befriedigung nicht entziehen will. Ich bin ein Weib und sehne mich nach dem Mann. Ein Königreich für einen Mann!« Sie lachte laut – es war ein gezwungenes Lachen. Dann warf sie sich rücklings in das Gras und seufzte tief. * Im Juli machten die beiden Kusinen ihre Ferienreise nach einem Ostseebade. Den ganzen Tag verbrachten sie am Strande, schlürften in vollen Zügen die erfrischende salzige Luft, wanderten viel und hielten ihre Ruhepausen in einem Strandkorb, stumm den Blick über die nahe Meerfläche schweifen lassend oder in behaglicher Unterhaltung. Zusehends rundeten sich und bräunten sich die Wangen, strahlten die Augen immer heller und lebensfroher, wurde der Gang immer kraftvoller, elastischer. »Ja, ja, so ein bißchen Nichtstun ist wunderschön«, sagte Else Hauf, als sie eines Vormittags nach dem üblichen Morgenbade im Sande lagen und sich sonnten. »Und wie es einem bekommt, dieses Leben des Naturmenschen, der nichts kennt als schlafen, essen und seine Glieder regen! Nur das eine fehlt an einem gesunden, natürlichen Leben – ach ja, das Eine, Schönste!« »Fängst du schon wieder an?« Frohgelaunter als in der Berliner Tretmühle lächelte die andere nachsichtig zu diesem Ausbruch. »Übrigens, wenn du dich so sehr nach dem Verkehr mit einem dir sympathischen Mann sehnst, dann begreife ich nicht, warum du nicht unter deinen Kollegen –« Die Ärztin unterbrach die Sprechende mit einer heftig abwehrenden Bewegung. »Nein, meine Liebe, unter den Ärzten möchte ich mir einen Partner für die Bedürfnisse meines Herzens und – meiner Sinne nicht wählen. Ein bißchen Romantik braucht das Weib nun mal, den goldenen Schein poetischer Verklärung, auch wenn sie wie ich als Ärztin im übrigen nüchtern und verstandmäßig zu denken gewöhnt ist. Aber in der Liebe verlange auch ich Zartheit, Schwärmerei, auch seelisches Schwelgen neben dem körperlichen. Man ist doch kein Wilder, kein Tier. Aber wo findest du das bei einem Arzt? Die Männer werden bei diesem Beruf leicht so roh, so brutal, so ganz gefühllos. Nein, solch ein Mediziner soll mir drei Schritt vom Leibe bleiben. Überhaupt mit einem Kollegen gerät man so leicht ins Fachsimpeln; er würde mit mir das rein Körperliche an der Sache erörtern wollen. Ich danke! In der Liebe will ich Weib sein, nichts als schwaches, hingebungsvolles, schwärmendes Weib.« Die Sprechende sprang ruhelos auf. »Komm! Ein bißchen Bewegung machen, damit man auf andere Gedanken kommt und die überschüssigen Kräfte verbraucht!« Unweit des Strandes lagen einige schmucke kleine Segelboote, und Männer in Matrosentracht animierten die Vorübergehenden zu einer Segelpartie. »Was meinst du, wollen wir ein bißchen hinausfahren in die wogende See?« fragte die Ärztin. Die andere war zaghaft. »Ich fürchte mich, Else. Sieh mal!« Sie deutete auf die See hinaus, wo ein paar Boote halsbrecherisch auf den Wogen tanzten. »Wie leicht kann einem da ein Unglück passieren!« Das Fräulein Doktor lachte. »Du Angsthase! Ein Eisenbahnzug kann entgleisen, ein Ziegel vom Dach auf deinen Kopf fallen. Na und wenn! In der Blüte der Jugend, ohne Krankheit und Schmerzen plötzlich sterben, wär's nicht schön?« Die Jüngere schauderte, ließ sich aber doch von der Kusine, die sie tatkräftig unter den Arm faßte, zum Wasser führen. Zwei Männer, ein alter Fischer und ein als Matrose gekleideter junger Bursche, offenbar der Sohn des alten, boten ihre Dienste an. Man wurde handelseins, und der Jüngere nahm die Ärztin in seine Arme, um sie zum Boot zu tragen, das etwa zwanzig Schritte vom Strand am Anker lag und in den Wellen schaukelte. Der Alte folgte mit Lisbeth Glümer, die erst ein wenig gezögert hatte, ehe sie sich von dem Fischer in die Arme nehmen ließ. Da erschallte plötzlich eine kräftige Männerstimme vom Strande her: »Ist es erlaubt, mitzufahren, meine Damen?« Das Fräulein Doktor war eben von dem Burschen ins Boot abgesetzt worden. Sie drehte sich herum, um eine kurz ablehnende Antwort zu geben. Aber unwillkürlich stockte ihr das Wort. Ein sympathisches Männerantlitz mit kurz gehaltenem Vollbart schaute ihr entgegen. Er mochte etwa dreißig bis dreiunddreißig Jahre alt sein. Seinen intelligenten Zügen sowie den klugen braunen Augen war der Stempel geistiger Interessen aufgedrückt. Neben dem Rufer stand ein jüngerer blonder Mann. Der Ältere zog jetzt artig seine Strandmütze. »Ich dachte nur«, fügte er wie entschuldigend hinzu, »daß es dann für den einzelnen billiger kommt.« Lisbeth Glümer hatte sich erschrocken umgedreht. Jetzt kehrte sie wieder ihr Gesicht der Kusine mit einer Grimasse des Unbehagens zu, die deutlich ihre Unlust verriet. Aber die andere sah es nicht oder tat, als ob sie nicht sah. Ohne zu überlegen, wie unter einem inneren Zwang, erwiderte sie: »Wir haben nichts einzuwenden, wenn der Bootsbesitzer einverstanden ist.« Worauf der Fischer sagte: »Warum denn nich? Denn bezahlen Se man bloß drei Mark for de Perschon statt fünfen.« Als die beiden Herren in derselben Weise eingebootet waren, wurde der Anker gelichtet; der Fischer und sein Sohn sprangen schwerfällig mit ihren hohen plumpen Stiefeln in das Boot, und die Fahrt begann. Die Segel blähten sich straff, und das Boot schoß unter der steifen Nordostbrise wie ein Pfeil durch die Wellen. Die beiden Herren hatten gegenüber den Damen auf der anderen Bank, die an dem Bootsrande entlang lief, Platz nehmen wollen, aber der Fischer hatte ihnen bedeutet, sich neben die Damen zu setzen, da der Wind stark von dieser Seite blies und das Boot drüben ganz seewärts drückte. Der ältere der beiden Herren kam nun also neben dem Fräulein Doktor zu sitzen, während der Blonde sich an Lisbeth Glümers Seite niederließ. Während dieser schweigend, offenbar ganz dem Reiz der Fahrt auf den schäumenden, spritzenden Wogen hingegeben, in die See blickte, blinzelte sein Gefährte verstohlen zu seiner Nachbarin hin. Das kleidsame weiße Barett, das auf die eine Seite gerückt war, gab dem ernsten Gesicht der jungen Ärztin etwas Keckes. Trotzdem lag in ihren Mienen nichts Herausforderndes. Aber es dünkte ihn tölpisch, so stumm neben ihr zu sitzen. Noch einmal sah er sie forschend von der Seite an, um möglichst ihre gesellschaftliche Stellung zu taxieren. Doch er konnte in dieser Hinsicht nicht recht ins klare kommen, und da ihm nichts Besseres einfiel, begann er: »Ich würde sehr bedauern, wenn wir Sie gestört hätten, mein Fräulein.« »Unbesorgt«, entgegnete sie, ohne ihm einen Blick zu schenken, »wir lassen uns nicht so leicht stören. Übrigens ist ja solch ein Fischerboot sozusagen ein öffentlicher Ort wie die Landungsbrücke, da, wie der Strand und die Promenade oben auf dem Damm.« Er räusperte sich. Das war gerade nicht entgegenkommend. »Sie sind gewiß schon oft hinausgesegelt?« »In dieser Saison noch nicht. Aber ich liebe Wasserpartien sehr.« »Nicht wahr«, fiel er lebhaft ein, »ist es nicht herrlich auf der See, je stürmischer, desto besser? Übrigens –« er lüftete höflich seine Mütze. »Gestatten: Doktor Moeller, Chemiker.« Sie nickte. »Fräulein Hauf.« Sie unterließ es absichtlich, ihren Titel und ihren Beruf zu nennen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß sie damit das Urteil meist in die Richtung des herkömmlichen Vorurteils gegen die studierten Weiber sogleich festlegen und die Unbefangenheit ausschalten würde. Sie wollte aber hier in der Sommerfrische nicht als Berufsweib, sondern nur als Weib gelten. »Seekrank waren Sie wohl noch nicht, gnädiges Fräulein?« fragte Dr. Moeller. »Nein. Ich habe auch noch nie eine größere Seereise unternommen.« Er lächelte. »Oh, das kann man auch auf einer kurzen Bootsfahrt haben, wie die Beispiele lehren.« Er deutete auf seinen Gefährten. »Mein Freund Ladenburg hat erst vorgestern während eines solchen kleinen Ausfluges dem Meergott sein Opfer dargebracht.« Die junge Ärztin beugte sich ein wenig vor und sah nach dem andern Herrn hin. Er kehrte ihr sein Profil zu; unter der Schirmmütze quoll leichtgelocktes goldblondes Haar; seine ansprechenden Züge trugen einen verträumten Ausdruck, aus seinen Augen strahlte helle Bewunderung. »Da wundert es mich«, entgegnete sie, »daß er sich trotz dieser gewiß nicht angenehmen Erfahrung heute schon wieder hinauswagt.« »Oh, er ist ein begeisterter Verehrer des Meeres.« Wie um das Wort seines Freundes, obgleich er es nicht gehört hatte, zu bekräftigen, sprang der Blonde plötzlich auf, breitete beide Arme gegen das Meer aus und deklamierte mit voller Lungenkraft: »Es wütet der Sturm, und er peitscht die Wellen, und die Wellen, wutschäumend und bäumend, türmen sich auf, und es wogen lebendig die weißen Wasserberge, und das Schifflein erklimmt sie, hastig, mühsam, und plötzlich stürzt es hinab in schwarze, weitgähnende Flutenabgründe – O Meer! Mutter der Schönheit, der Schaument–« Der heftige Anprall einer besonders kräftigen Welle schnitt dem poetisch Angehauchten das Wort mitten durch. Er flog gegen die Bank zurück und kam dabei halb auf den Schoß der erschrocken aufkreischenden Lisbeth Glümer zu sitzen; mit seiner Hand umklammerte er instinktiv ihre Schulter. Während die also Bedrängte dunkel erglühte vor Scham und Ärger, konnte das andere Paar sich nicht enthalten, laut aufzulachen. Auch die beiden Bootsleute schmunzelten und der Alte scherzte, den Priem von dem einen Mundwinkel in den andern schiebend: »So'n Boot is manch'n schlechter Platz for 'ne Predigt, Herr.« Beschämt, sich von seinem ersten Schrecken erholend, rückte Herr Ladenburg rasch von seiner Nachbarin weg und zog zugleich seine Mütze: »Ich bitte – bitte sehr um Ent – Entschuldigung –« stammelte er verlegen. Dr. Moeller lachte noch immer. »Das kommt von deiner Schwärmerei für Heinrich Heine, lieber Ortwin, und für die von euch beiden so inbrünstig verehrte Thalatta. Wie heißt es doch gleich in seinem Meergruß: Thalatta, Thalatta!« »Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!« fiel der andere, trotz der ihm eben von der bewunderten See erteilten Warnung, sofort hingerissen, ein, riß die Mütze vom Haupt und schwenkte sie in der Luft: »Sei mir gegrüßt zehntausendmal, aus jauchzendem Herzen –« »Genug!« unterbrach sein Freund. »Du tust gut, dem aufgeregten Meer mit mehr Ruhe zu begegnen, lieber Ortwin, um gewissen innerlichen Erregungen vorzubeugen.« Der Verspottete schüttelte sein lockiges Haupt. »Das passiert mir nur immer bei der ersten Fahrt in der Saison.« Und dann wandte er sich an seine Nachbarin, um den nicht eben günstigen Eindruck, den sein Unfall auf sie hervorgebracht haben mußte, rasch zu verwischen: »Sie schwärmen gewiß auch für Heine gnädiges Fräulein?« Sie nickte freundlich, rasch versöhnt, denn in dem Wesen des jungen Mannes und in seinem träumerischen Blick, in dem ein stiller, echt jugendlicher Enthusiasmus glühte, lag etwas Anheimelndes, Vertraueneinflößendes. »Ich habe für sein Buch der Lieder geschwärmt wie für kein anderes deutsches Dichterwerk«, gestand sie, und das Herz wurde ihr unwillkürlich warm, und auch über ihr Gesicht breitete sich leuchtender Glanz in Erinnerung an sorglose, schwärmerische Backfischjahre. »Nicht wahr?« stimmte er freudig zu. »Kann es etwas Zarteres, Feineres, Poetischeres geben als sein unsterbliches Gedicht: Du bist wie eine Blume, so hold, so schön und rein – Auch ich sehe in Heinrich Heine einen Meister, mein Vorbild, das Ideal eines Lyrikers.« Mit vor innerer Bewegung anschwellender Stimme hatte es der Blonde gerufen. Else Hauf sah interessiert ihren Nachbar an. »Ihr Freund scheint eine sehr poetisch gestimmte Seele.« »Er ist Dichter, daneben des Erwerbs wegen Redakteur. Vor kurzem hat er ein Seitenstück zu Heines ›Nordsee‹ begonnen: ›Die Ostsee‹.« Er erhob seine Stimme. »Du, Ortwin, wie fängt doch gleich der Prolog zu deinem Ostsee-Zyklus an?« Der junge Dichter errötete ein wenig, ließ sich aber nicht nötigen und deklamierte: »Vom schönen Ufer stoßen wir singend ab, wo unsrer Kindheit selige Wiege stand, und in die weite Welt voll Hoffnung steuern wir fort in raschem Wagemut. Und nieder tauchen ferne die Ufer bald, und Dämmrung webt die Schleier am Horizont; es bricht herein die Nacht, und einsam treiben wir stumm auf wildem Meere.« »Sie meinen das symbolisch«, bemerkte die junge Ärztin, »unter dieser Fahrt auf wildem Meere verstehen Sie das Leben?« Während der Chemiker die Sprechende überrascht ansah, bestätigte der Dichter geschmeichelt: »Ich freue mich, daß Sie mich so gut verstanden haben.« »Sie scheinen sehr schwermütig veranlagt trotz Ihrer Jugend«, gab Else Häuf zurück. Dr. Moeller lächelte. »Nur als Dichter, als Mensch nicht. Da liebt er das Leben und freut sich seiner Gaben.« Ein unterdrückter Schrei unterbrach die Unterhaltung. Es war die etwas nervenschwache Lisbeth Glümer, die erschrak, denn eben hatte sich unter einem Windstoß das Boot ganz auf die Seite geneigt. Der Wind hatte noch an Stärke zugenommen, und je weiter man auf die See hinauskam, desto höher gingen die Wellen. »Wollen wir landwärts steuern?« fragte der Chemiker. Aber seine Nachbarin verneinte. »Ich finde, gerade dieses Segeln im Sturm, dieses Auf und Ab im Taumel der Wogen bildet den charakteristischen Reiz einer Bootsfahrt auf der See. Bei ruhigem Wetter ist es ja nicht viel anders als eine Fahrt auf der Spree oder dem Wannsee.« »Also Landsmännin«, bemerkte Dr. Moeller mit einer leichten Verneigung. »Sehr angenehm!« »Gefallen Ihnen die Berlinerinnen?« »Natürlich. Ich bewundere ihre äußeren und inneren Vorzüge, ihre schlanke, graziöse Gestalt, ihre Munterkeit, frohe Lebenslust und ihre Schlagfertigkeit, ihren Sinn für Humor und ihren von Prüderie und Engherzigkeit freien Sinn.« Das Fräulein Doktor lachte. »Die letzten Komplimente sind sehr zweifelhafter Art. Man könnte auch statt dessen sagen: ihre Vergnügungssucht, ihr anzügliches Mundwerk und ihre geringe Zurückhaltung, ihr Mangel an feinerem weiblichen Empfinden.« »Aber gnädiges Fräulein, Sie verleumden sich und Ihre liebenswürdigen Landsmänninnen.« »Sie überschätzen mich«, lehnte Else Hauf schalkhaft ab, »ich war noch kurze Zeit in Berlin, um mich zu den von Ihnen so gepriesenen Berlinerinnen rechnen zu dürfen.« »In Berlin akklimatisiert man sich rasch«, versetzte der Chemiker, »ich bin überzeugt, daß Sie nicht nötig haben, sich die Berlinerinnen irgendwie zum Muster zu nehmen.« »Das ist auch nicht mein Ehrgeiz.« Dr. Moeller verneigte sich auf seinem Sitz galant. »Schlagfertig wie – eben wie eine Berlinerin.« Die anderen beiden jungen Insassen des Bootes verhielten sich auffallend schweigsam. Lisbeth Glümer rückte unbehaglich auf ihrem Sitz; ihre Augen flackerten ruhelos, ihr Antlitz wechselte die Farbe. »Ist Ihnen nicht wohl, gnädiges Fräulein?« erkundigte sich der junge Dichter besorgt. »Ich habe doch solche Furcht«, gestand sie. Sie seufzte und preßte die Hand gegen die Magenseite. »Ich weiß nicht, mir ist so – furchtbar übel.« »Dat is nich so slimm«, meinte der junge Bootsmann. »'n beeten Seekrankheit –« »Aber Lisbeth«, rief die Kusine herüber, »sei doch nicht so furchtsam! Ich finde es wunderschön –« Doch jetzt stieß sie selbst einen Angstschrei aus, denn eben spritzte eine kurze Welle über den schmalen Bord und netzte ihr Kleid. »Wollen wir nicht doch lieber umlegen?« fragte ihr Nachbar. »Warum denn?« wehrte sie ab. »So'n paar Spritzwellen gehören doch zu einer richtigen Bootsfahrt auf See.« Ihr Mut und ihre Abenteuerlust wurden auf eine harte Probe gestellt. Die Segel flatterten immer heftiger, das Boot stampfte immer schwerfälliger und kämpfte immer schwankender gegen die höher steigenden Wellen. Mit beiden Händen hielt sich das Fräulein Doktor an der Bank fest, während Lisbeth Glümer sich schwach, hinfällig an den Arm schmiegte, den ihr Nachbar um die Schulter der Leidenden gelegt hatte. Auch die Ärztin war bleich geworden. Mit Ärger und Ingrimm fühlte sie, wie auch sie von einem Schwächeanfall gepackt wurde. Sie biß die Zähne aufeinander und nahm alle ihre physische und moralische Kraft zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen. »Wie fühlen Sie sich, gnädiges Fräulein?« fragte der Chemiker; dem ihre verzweifelten Anstrengungen nicht entgingen. Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. »O ganz – ganz wohl.« Aber der erfahrene Mann ließ sich nicht täuschen. »Umlegen!« befahl er dem Fischer. Der nickte und winkte seinem Sohn. »Nicht – nicht doch!« wehrte Else Hauf mit dem letzten Rest ihres Widerstandes ab. Als aber die beiden Bootsleute die Segel umgelegt und den Kurs geändert hatten, enthielt sie sich jedes weiteren Widerspruchs. Es währte nur wenige Minuten, bis auch ihre Widerstandskraft völlig gebrochen war und sie dem Beispiel der Kusine folgen mußte, die den Kopf über den Bootsrand geneigt hatte und deren Körper sich unter krampfhaften Entladungen wand und schüttelte. Auch die auf ihre Selbständigkeit so stolze Ärztin mußte es zulassen, daß ihr Nachbar sie umfaßte und festhielt, damit sie nicht über Bord fiel. Als das Boot endlich wieder auf seichtem Boden unweit des Strandes aufstieß, sprang Dr. Moeller ins Wasser, hob die noch Schwache aus dem Boot und trug sie an das nahe Ufer. Auch sein Freund bedachte sich nicht einen Augenblick, sondern tat es ihm gleich und nahm die noch ganz Benommene in seine Arme, um sie so zum sicheren Eilande zu befördern. »Gräßlich – diese Seekrankheit«, sagte Else Hauf, während sie aus den Armen ihres Kavaliers verlegen, ärgerlich über sich selbst, auf den Erdboden glitt. Dem Chemiker pochte das Herz stürmisch teils von der körperlichen Anstrengung, teils unter der elektrisierenden Wirkung, die die an seiner Brust ruhende Mädchengestalt auf ihn ausgeübt hatte. »Sie hat auch ihre guten Seiten«, sagte er, ihr mit sprühenden Augen ins blasse Antlitz schauend, »denn sie verschaffte mir Gelegenheit, die süßeste Last in meinen Armen zu halten.« Sie zog ihre Stirn kraus und wehrte mit stolzem Blick ab. »Ich bedaure, daß Sie meinem schuldigen Dank die Herzlichkeit nehmen«, versetzte sie herb. Er starrte sie entnüchtert an und sah ein, daß er sich von seiner Aufwallung hatte allzu weit hinreißen lassen. »Habe ich Sie gekränkt? Verzeihen Sie!« Seine ehrliche Bestürzung versöhnte sie rasch. »O bitte, es hat nichts weiter auf sich«, versetzte sie lächelnd. »Sie haben nur vergessen, daß ich keine Berlinerin bin.« Einige Schritte davon setzte Ortwin Ladenburg seine holde Bürde auf das Land. »Ich danke Ihnen vielmals«, sagte das junge Mädchen. »Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen soviel Beschwerde verursacht habe.« »Aber ich bitte sehr«, versetzte der Dichter mit Überzeugung. »Ich freue mich, daß die stürmische Fahrt nun einen so poetischen Ausgang genommen hat. Nicht Sie, sondern ich habe Ihnen zu danken. Sie haben mir den schönsten Stoff zu einer kleinen Ballade gegeben.« * Am Nachmittag begegneten sich die beiden Paare auf dem Konzertplatz bei der Strandkonditorei. Else Hauf und Lisbeth Glümer saßen an einem Tisch beim Kaffee. Die beiden Herren traten heran, um sich zu erkundigen, wie den Damen das kleine Seeabenteuer bekommen sei. Ihr Aussehen war die beste Antwort. Beider von der Seelust und dem Sonnenschein bereits leichtgebräunten Wangen zeigten den rosigen Schein der Gesundheit, und ihre Augen strahlten heiter und freundlich. Die Ältere lud die Herren ein, Platz zu nehmen, und bald geriet man in ein munteres Plaudern. Unter Scherzen und Lachen erging man sich in Erinnerungen an den gemeinsamen Ausflug zur See. Dann sprach man von den Sehenswürdigkeiten der Umgegend, die zu Ausflügen zu Fuß oder Wagen einluden. Nach dem Konzert machte man eine gemeinsame Strandpromenade. Das Fräulein Doktor ging mit dem Chemiker voraus; in einiger Entfernung folgten die beiden Jüngeren. Dr. Moeller brachte das Gespräch wieder auf die Seekrankheit. Ihn, als Chemiker, der in einer Fabrik für Arzneipräparate angestellt war, interessierte das Thema. »Merkwürdig, daß man noch kein irgendwie wirksames Mittel zur Bekämpfung dieses doch gewiß recht quälenden Übels hat erfinden können.« »Meines Wissens«, erwiderte die Ärztin, »hat man noch nicht einmal festzustellen vermocht, ob es eine Nervensache ist oder eine Indisposition des Magens. Ich bin mehr für die letztere Ansicht, denn sonst wäre ich wohl heute vormittag nicht so schmählich unterlegen. Meine Nerven sind im besten Zustand.« »Eine Seltenheit bei einer Dame«, bemerkte ihr Begleiter. Sie lächelte. »Ja, in dieser Hinsicht bin ich ganz unmodern. Ich meine aber, daß hier viel der Wille tun kann. Die Damen lassen sich meist allzusehr gehen, man muß sich in der Gewalt haben und nervöse Anwandlungen energisch bekämpfen. Bei uns Frauen, die wir im Berufsleben stehen, erscheint mir das als erstes Erfordernis.« Er sah ihr bewundernd in das Gesicht, das trotz frauenhafter Feinheit der Züge doch starke geistige und seelische Disziplin verriet. »Ja, ich glaube, Sie besitzen viel Energie.« »Die habe ich mir in meinem Beruf und in der Vorbereitung dazu anerziehen müssen«, fuhr es ihr heraus, »sonst wäre ich wohl schon im Anfang gescheitert.« Er sah sie prüfend an und schüttelte dann, uneins mit sich, mit dem Kopf. »Ich dachte zuerst an den Lehrerinnenberuf. Aber nein, Lehrerin sind Sie nicht. Diese Damen markieren gewöhnlich Überlegenheit und prätentiöse Würde.« »Gut beobachtet«, sagte sie scherzend. »Nein, davon bin ich frei. Aber ich bin in meinem Beruf verpflichtet, Ruhe, Sicherheit und in den schwierigsten Lagen des menschlichen Lebens unerschütterliche Standhaftigkeit zu bewahren.« »Sie machen mich neugierig. – Ah, ich hab's: Sie sind Krankenpflegerin.« »Getroffen«, bestätigte sie, im stillen ein Lachen verbeißend. »Ich bewundere Ihren Scharfblick.« »Nun, das war doch leicht zu erraten«, lehnte er bescheiden das Lob ab. »Ich wüßte keinen anderen weiblichen Beruf, in dem die von Ihnen genannten Eigenschaften so unbedingt nötig wären. Darf ich fragen, ob Sie in einem Spezialfach tätig sind?« »Zur Zeit ja, ich bin in einem Sanatorium für Nervenkranke, Frauenabteilung, angestellt.« In den Augen des Chemikers leuchtete ein starkes Interesse. »Das trifft sich ja famos. Kennen Sie die neuen Nerventabletten aus der chemischen Fabrik von Blocher und Kompanie?« »Ja, ich habe sie schon verschiedentlich in Anwendung gebracht.« »Das interessiert mich sehr. Wie finden Sie die Wirkung?« »Auf einige meiner Kranken wirkten sie ausgezeichnet, bei anderen aber konnte ich nur eine geringe Wirkung beobachten. Die Menschen sind eben verschieden, auch wenn sie das gleiche Leiden haben. Solche Massenfabrikate, die den individuellen Krankheitszustand nicht berücksichtigen können, wirken naturgemäß immer nur auf einen Prozentsatz der Kranken. Die Bestandteile müßten aber je nach dem Organismus und dem Grad der Erkrankung verschieden dosiert sein.« Der Chemiker sah erstaunt und nachdenklich in die geistig belebten Züge der neben ihm Schreitenden. »Die Tabletten enthalten wohl in der Hauptsache Glyco Phosphat und Salia Bromata, auch ein wenig Menthol zur Aromatisierung«, bemerkte sie, von ihrem wissenschaftlichen Eifer fortgerissen. Seine Verwunderung wuchs. »Sie haben ja Kenntnisse wie ein Arzt.« »Sie scherzen. Ach nein, eigene Weisheit ist das nicht. Man schnappt doch so mancherlei aus den Gesprächen der Ärzte auf. Sie sind wohl in der Fabrik von Blocher tätig?« »Ja, und die neuen Tabletten sind von mir zusammengestellt. Sie haben mich da auf eine gute Idee gebracht, ich werde zwei verschieden starke Präparate anfertigen, eins und zwei –« Während der Chemiker und die junge Ärztin angeregt fachsimpelten und sich zwischen ihnen zunächst geistige Beziehungen ansponnen, schwärmten die beiden Jüngeren in höheren Regionen. »Haben Sie Ihre Ballade schon angefangen?« fragte Lisbeth Glümer. Der junge Dichter nickte wichtig. »Sie ist schon fertig. Das ist bei uns Dichtern so, wenn uns einmal eine Idee gepackt hat, dann läßt sie uns nicht los, bis wir sie gestaltet und uns so davon befreit haben.« »Aber fanden Sie denn genug Muße und Stimmung in Ihrem Hotel?« »Bewahre! Wär' mir ganz unmöglich, da auch nur einen annehmbaren Vers zu drechseln. Und sie ist ziemlich lang geworden, die Ballade. Heute in aller Frühe, schon um fünf Uhr, bin ich aufgestanden und zum Strand geeilt. Da herrschte eine stimmungsvolle Einsamkeit, fast eine heilige Stille. Nur die Natur und ich. Im Strandkorb sitzend, die herrliche See vor mir, da stellte sich die Inspiration ein.« Das junge Mädchen schaute mit Interesse in das leicht emporgereckte Antlitz, das von dem Schimmer eines stillen Enthusiasmus verklärt wurde. Träumerischer Glanz lag in den blauen Augen. Warme Sympathie und naive, ehrfürchtige Bewunderung regten sich in dem empfänglichen Mädchenherzen. »Da bin ich aber gespannt!« sagte sie lebhaft. »Darf man das Gedicht kennenlernen?« Er kehrte ihr sein Gesicht zu, das jetzt fast einen erschrockenen Ausdruck trug. »Um Himmels willen! Ich habe es nur flüchtig, in der ersten Eingebung hingeworfen. Morgen früh kommt erst die Durcharbeitung, das technische Feilen.« »Dann darf man also morgen darauf rechnen?« »Wenn es Sie interessiert?« gab er geschmeichelt zurück. »Aber selbstverständlich. Sie haben mir doch gesagt, daß ich –« Sie hielt verschämt inne. »Daß Sie mir den Stoff dazu gegeben haben. Ganz recht. Während der Meeresgott mit seinem Dreizack die Wellen so ungestüm aufrührte und der Wogenprall Sie –« er suchte nach einer schonenden Wendung – »Sie gewaltsam an meine Seite drängte, tauchte es wie eine Vision in meiner Seele auf. Ich will es Ihnen mit ein paar Strichen skizzieren, wie es sich in mir poetisch gestaltete: Der Jüngling fährt im schwanken Boot auf das weite Meer hinaus. Träumerisch schaut er in die Wogen; alte Sagen verkörpern sich in seiner Phantasie. Nereiden, Sie wissen, Wassernymphen, tauchen aus den Wellen empor und hängen sich an das Boot, um es mit sich in die Tiefe zu ziehen. Aber die eine, die schönste – sie trägt ein goldenes Krönlein in dem blonden Haar – wehrt ihnen. Eine plötzliche Leidenschaft erfaßt sie für den blonden Jüngling, und auch er sieht ihr voll Bewunderung, wie gebannt, in die meergrünen, verführerischen Nixenaugen. Komm mit mir! flüstert er ihr zu, beugt sich zu ihr hinab und schlingt den Arm um den schönen Frauenleib. Sie blickt zu ihm empor, sehnsüchtig, verlangend und doch zögernd: Du wirst mich nicht mögen, du wirst mich verabscheuen, wenn ich zu dir ins Boot steige und du mich in meiner vollen Gestalt erblickst. Doch er läßt sich nicht abschrecken; mit beiden Armen zieht er sie, die nur schwach widerstrebt, zu sich auf seinen Schoß. Nun freilich, als er ihren Unterkörper sieht, der aus Fischflossen gebildet ist, graust es ihn im stillen. Aber er wehrt sich gegen diese Regung und hebt rasch den Blick zu ihrem Antlitz und versenkt sich ganz in die berückend schönen Augen, in deren Tiefe lockende, sinnbetörende Lichter strahlen. Als sie sich dem Ufer genähert haben, packt ihn noch einmal ein Widerwille, während er ihren kalten Fischleib mit seinen Armen umfaßt. Doch er überwindet es auch diesmal und springt auf den Strand. Doch kaum hat er den festen Boden mit seiner unheimlich holden Last berührt, als sich der schuppige Nereidenleib in einen herrlichen wohlgestalteten Frauenkörper verwandelt. Vom Kopf bis zu den kleinen Füßchen das entzückendste Weib, das seine Augen je bewundert haben. Triumphierend führt er sie in sein Heim, und im ungetrübten Liebesglück verfliegen die Wochen. Aber dem Rausch folgt die Ernüchterung. Die Glut ist verraucht, und die Sehnsucht nach dem ihr natürlichen feuchten Element, nach den Gespielinnen, erfaßt die Meernixe und läßt sie nicht los. Eines Nachts stiehlt sie sich von ihrem Lager. Als die Tür hinter ihr ins Schloß fällt, erwacht der Schläfer. Er erschrickt, denn ihr geheimes Sehnen ist ihm nicht verborgen geblieben. Er aber liebt das schöne bestrickende Geschöpf noch immer. Eilig springt er auf und stürmt ihr nach. Voll Entsetzten sieht er sie nach dem Meere fliehen. Er weiß, sobald sie ihre wogende Heimat erreicht hat, ist sie ihm verloren. Dicht vor den Fluten der stürmischen See hat er sie eingeholt. Schon streckt er die Arme nach ihr aus. Aber sobald ihr Körper das Wasser berührt, wachsen ihr Schuppen und Fischschwanz, und im Schwimmen ist sie ihm überlegen. Trotzdem teilt er mit starken Armen die Wogen, immer die Blicke starr, sehnsüchtig nach ihr gerichtet, die den Kopf nach ihm wendet und ihn mit verführerischem Lächeln, mit ihren meergrünen Augen unwiderstehlich lockt. Weit hinaus in das Meer schwimmt er ihr nach, bis die rechts und links auftauchenden Nereiden ihn mit sich in die Tiefe ziehen –« Mit leiser, etwas befangen einsetzender Stimme hatte der junge Dichter begonnen, allmählich berauschte er sich an seinen eigenen Worten. Entzückt, begeistert hängt Lisbeth Glümer an seinen sich bewegenden Mienen. »Das ist schön! Das ist wunderschön!« sagt sie, als er seinen Vortrag beendet hat. Sie streckt ihm impulsiv ihre Rechte entgegen: »Sie werden mir die Ballade morgen vorlesen?« Er legt seine Hand in die ihre und sieht ihr, von ihrem Eifer, ihrem Interesse geschmeichelt, freudig in die strahlenden Augen, die deutlich den bezwingenden Eindruck verraten, den sein Vortrag auf ihre enthusiastische Mädchenseele hervorgebracht hat. »Ich verspreche es Ihnen.« * Nicht nur die Ballade von der Nereide, auch andere Gedichte, zu denen ihn das Meer, die ganze Umgebung und der tägliche Verkehr mit dem in Kunstsachen naiven, empfangsfreudigen jungen Mädchen inspirierten, las Ortwin Ladenburg vor. Indes unterhielten sich Dr. Moeller und Else Hauf eifrig, mit nicht geringerer Hingabe an den zwischen ihnen behandelten Gegenstand, über alle möglichen Fragen des Lebens. Ihr Hauptinteresse und die bewegteste Diskussion nahm die Frauenfrage in Anspruch. Sie konstatierten, daß sie hier ganz entgegengesetzten Ansichten huldigten. So freie und fortschrittliche Anschauungen der Chemiker auch in anderen Kulturfragen an den Tag legte, in der Frauenfrage stand er noch auf dem alten Standpunkt: Die Frau gehört ins Haus. In der Liebe und Ehe fände sie die ihr von der Natur bestimmten Aufgaben. Else Hauf aber verfocht mit Eifer, mit scharfer Dialektik und beißender Satire die Theorien der Frauenrechtlerinnen. Die Frau sei kein Mensch zweiter Klasse, wie die Männer überhebend sich einredeten. Wenn sie bisher einen Vorrang behauptet hatten, so hätten sie dies nur vermittels ihrer größeren Körperkraft vermocht. Aber die rohen Zeiten, in denen die körperliche Überlegenheit den Ausschlag gegeben, seien für immer dahin. Der Geist habe seine Herrschaft angetreten, und hierin stände die Frau in keiner Weise dem Manne nach, wie sie sich zu zeigen begänne. Die Liebe dürfe und werde im Frauenleben der Zukunft keine größere Bedeutung einnehmen als in dem Leben der Männer. Als Mutter freilich würde die Frau mehr in Anspruch genommen als der Vater, aber das erstrecke sich in der Regel doch nur auf wenige Jahre und sei auch zum großen Teil eine geistige Leistung und von Wert für die Allgemeinheit, für Staat und Menschheit. Außerhalb dieser Jahre, die das Gebären und die Aufzucht und Erziehung der Kinder beanspruche, seien die Frauen ebenso befähigt, sich im Berufsleben wie in der Erfüllung öffentlicher, staatsbürgerlicher Pflichten zu betätigen. Wenn auch die Meinungen oft heftig aufeinanderplatzen, sie gewannen doch ein von Tag zu Tag sich steigerndes Interesse an ihrem Verkehr und lernten sich gegenseitig schätzen und achten und fanden ein menschliches Gefallen aneinander. Drei Wochen verstrichen den vier jungen Leuten schnell. Das tägliche Zusammensein und die Ungezwungenheit, die das wohlige körperliche Befinden, die Freiheit vom gesellschaftlichen Zwang und die frische Laune der Ferienzeit mit sich brachten, näherte die vier jungen Leute einander schnell, und mit Bedauern sahen sie der nahen Trennung entgegen. Der letzte Abend war gekommen. Die beiden jungen Damen mußten am nächsten Morgen nach Berlin, zu ihren Pflichten zurückkehren. Sie gingen langsam am Strande entlang, wie immer Else Hauf und Dr. Moeller als die lebhafteren voraus, während die beiden anderen langsamer folgten. Die einen wie die anderen waren heute auffallend wortkarg; etwas Unausgesprochenes lag zwischen den Paaren. Auf den Männern sowie auf den beiden jungen Mädchen lastete das Gefühl des Bedauerns. Sollte es nun wirklich das letztemal sein, daß sie nebeneinanderschritten, daß sie ihre Gedanken austauschten und einander in die vom Gespräch bewegten Gesichter blickten? Es dünkte beiden Teilen unmöglich, und doch hatte noch keiner sich entschließen können, den Wunsch nach einem Wiedersehen in Berlin auszusprechen. Die Sonne tauchte glühend in das kühle Meer. Der Dichter und seine Begleiterin blieben unwillkürlich stehen, wie schon häufig in den vorangegangenen Tagen, um dem immer reizvollen Schauspiel zuzusehen, wie der rote Glutball langsam versank, plötzlich erlosch. »Morgen werde ich es nicht mehr sehen«, sagte Lisbeth Glümer schwermütig. »Ach, Berlin!« Sie schauderte sichtbar. »Ja, Berlin!« erklang es von den Lippen des Dichters wie ein Echo. »Dieses schauderhafte, prosaische Berlin! Schnürt es einem nicht die Brust zusammen, hemmt es nicht den Herzschlag, erstickt es einem nicht die Frische der Empfindung, die Freude an der Natur, den Schwung der Phantasie, wenn man nur daran denkt!« Sie seufzte anstatt einer Antwort. Was hätte sie auch sagen sollen? Sie empfand ganz wie er, und schwer bedrückte der Gedanke ihre Seele, daß bald die anregenden Stunden des Verkehrs mit dem jungen Dichter vorüber sein würden. Schmerzend kam ihr zum Bewußtsein, wieviel sie mit ihm verlor. Eine Welt voll Schönheit und zartem Duft, voll strahlendem Glanz hatte er ihr erschlossen. Alle Prosa des Lebens, alles materielle Denken und Sorgen schwand in seiner Gegenwart, und ihre Seele schwang sich ihm entzückt in jene Regionen, wo nur die Ideale lebten, das Reine, Hohe, Schöne. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander, ganz in Schwermut versunken, ganz den Empfindungen hingegeben, die sich scheu versteckten, die unbestimmt in ihnen wogten, die sie sich selbst nicht einzugestehen wagten. Langsam begannen sie weiterzuschreiten. Die Voraufgehenden waren ihren Blicken entschwunden. In ihrem unbewußten Sehnen hielten sie bald wieder ihre Schritte an. Der Dichter atmete schwer, die Brust war ihm beengt. Auch sie hatte das Gefühl der Unlust, der Schwere in allen Gliedern. »Wollen wir nicht ein wenig ruhen?« fragte der Dichter mit merkwürdig belegter, klangloser Stimme. Sie nickte bejahend; sie gingen eine Strecke weiter hinauf und lagerten sich auf dem trockenen, weißen Sande. Ebenso stumm wie vorher verharrten sie. Über banale Dinge zu sprechen, erschien ihnen heute, am letzten Abend, als etwas Unwürdiges, Unmögliches. Und für das, was sie beherrschte, fanden sie keine Worte. Von ihrer Wehmut überwältigt, den Kopf gesenkt, griff sie in den Sand, hob die Hand und ließ die winzigen, im Mondschein leuchtenden Körner herniederrieseln. Auch er wußte nichts Besseres zu tun, als gleich ihr im Sande zu wühlen. Da begegneten sich ihre Finger; einen Herzschlag lang lagen sie still, reglos nebeneinander. Dann faßte er ihre Hand, im Bann der unwiderstehlichen Anziehungskraft der ihren, die wie magnetisch auf die seine wirkte. Sie fühlte den Druck seiner Finger in allen ihren Nerven und Fibern, und im selben Moment wie unter einer geheimnisvollen, sympathischen Kraft in ihnen hoben sie die Augen zueinander. Ein so schwermütiger Ausdruck lag in ihren Blicken, daß es ihn tief ergriff, daß es heiß in ihm aufstieg. Und jetzt tropften ein paar Tränen auf die blaß gewordenen Wangen nieder. Da riß ihn das Mitgefühl, das Verlangen, sie zu trösten, hin; er zog sie an sich und küßte ihr die Augen und küßte ihr den Mund. Sie lag an seiner Schulter, unter Tränen zu ihm emporlächelnd. Und er küßte sie wieder und wieder. * Zur selben Zeit saßen Dr. Moeller und die junge Ärztin im Strandkorbe. Auch ihnen floß heute das Gespräch nicht so flott und geläufig wie sonst; auch auf ihnen schien die Nähe der Trennungsstunde hemmend zu lasten. Beide empfanden das unwillkürliche Schweigen als unbehaglich, und so begann der Chemiker zu sprechen: »Also übermorgen geht es wieder in das Arbeitsjoch. Es wird Sie zuerst schwer ankommen.« Sie machte eine verneinende Bewegung. »Das Ausspannen und Faulenzen war ganz schön, aber nun freue ich mich doch wieder auf die Arbeit.« Er schüttelte mit dem Kopfe, als begriffe er das nicht. »Empfinden Sie wirklich eine so tiefe Befriedigung in Ihrer Berufsarbeit?« »Aber gewiß«, versetzte sie sehr bestimmt und sah ihn mit einem etwas ironischen Blick an. »Ebenso wie Sie. Oder möchten Sie lieber Rentner sein und faulenzen?« Er lachte. »Noch nicht. Aber ich kann mir nun einmal gar nicht vorstellen, daß eine Frau in einem solchen Berufe etwas anderes als einen Notbehelf erblickt, immer mit dem Sehnen in der Brust nach etwas anderem, Schönerem, ihrer Natur Angemessenerem. Auch für Sie wird die Stunde kommen, wo Ihr Herz sprechen wird, wo Sie dem geliebten Manne folgen werden, wo ein anderer Ehrgeiz, ein anderes Verlangen in Ihnen erwachen wird.« »Ich bin achtundzwanzig Jahre alt; damit dürfte es wohl vorbei sein.« Er beugte sich vor und sah ihr bei dem klaren Mondlichte in das ernste, feine Gesicht. »Soll ich Ihnen eine Schmeichelei sagen, Fräulein Hauf?« Seine Stimme klang warm, herzlich; in seine Blicke trat ein Leuchten. Aber sie sah ihn nicht an; sie reckte sich stolz, selbstbewußt und entgegnete ruhig, ganz frei von der üblichen weiblichen Koketterie, als konstatiere sie eine schlichte Wahrheit: »Nach Schmeichelei bin ich nicht lüstern. Ich bezweifle auch ohnedies nicht, daß ich wohl noch das Begehren eines Mannes erregen könnte, aber das würde noch nicht den Wunsch zur Ehe bedeuten, auch nicht auf meiner Seite«, fügte sie nach kurzer Pause, die Worte scharf betonend, hinzu. »Sie perhorreszieren also die Ehe grundsätzlich?« »Unsere moderne Ehe, die Ehe, wie man sie ringsum in der Gesellschaft beobachten kann – ja!« »Sie meinen die Interessen-Ehe?« Sie nickte. »Nicht allein das. Auch die Ehe in jeder anderen Hinsicht.« »In jeder anderen Hinsicht? Ich verstehe Sie nicht recht.« »Nun, das liegt doch auf der Hand. Sie wissen doch, daß auch in der Ehe die Frau dem Manne noch nicht gleichberechtigt ist. Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht nichts von einer solchen Gleichberechtigung. Der Mann hat allein das Recht in den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens. Er bestimmt Wohnort und Wohnung. Er entscheidet über die Erziehung der Kinder, er allein übt die elterliche Gewalt aus und vertritt die Kinder gesetzlich. Er hat sogar immer noch ein weitgehendes Verfügungsrecht über Hab und Gut der Frau.« Sie lächelte. »Die letztere Bestimmung hätte ja in meinem Falle nichts zu besagen. Aber auch abgesehen von dieser durch das Gesetz festgelegten Benachteiligung und Zurückhaltung der Frau, es geht in diesem Zusammenleben zweier Menschen, in dieser Verflechtung der beiderseitigen Interessen nicht anders: einer muß den Ton angeben, einer muß doch schließlich bei Meinungsverschiedenheiten entscheiden. Und es gilt bei uns nun einmal als selbstverständlich, daß der Mann der ausschlaggebende Teil ist.« »Mit Ausnahme, bitte!« schaltete Dr. Moeller lächelnd ein. »Eine solche Ausnahme, ein Mann, der so willensschwach wäre, daß er sich das ihm von Gesetz und Herkommen nun einmal eingeräumte Recht von seiner Frau nehmen ließe, wäre nicht nach meinem Geschmack.« »Das glaube ich Ihnen«, bemerkte er mit einem bewundernden Blick in die energischen Züge der neben ihm Sitzenden. Sie sah eine Weile schweigend über das Meer; die im Mondlichte silbern glänzenden Wellen schienen ihr Interesse zu erregen. Plötzlich wandte sie sich wieder ihrem Begleiter zu: »Was bedeutet denn unsere moderne Ehe? Was bringt sie denn den Eheleuten?« Sie sah den erstaunt Aufblickenden spöttisch, herausfordernd an. »Wollen Sie behaupten, daß sie die Menschen glücklich macht?« »Nicht immer. Aber doch häufig. In zahlreichen Fällen ist sie doch die Vollendung, der Höhepunkt; das harmonische Zusammenleben von Mann und Frau verleiht ihnen doch erst die Ruhe, die Stetigkeit, das Fundament und die Möglichkeit zur Entwicklung aller Kräfte, zur fleißigen, pflichtbewußten Arbeit.« Ein kurzes, spöttisches Lachen kam von ihren Lippen. »Das klingt sehr schön, aber es ist doch nur – verzeihen Sie meine Offenheit – eine inhaltlose Phrase, gut zur Deklamation. Das tägliche Leben lehrt anderes. Eine alte erfahrene Ärztin, die nicht nur lange Jahre einer großen Praxis hinter sich hat, die auch Verfasserin einiger anerkannter Werke über die Frauenfrage ist, hat einmal zu mir gesagt: ›Mindestens neunzig Prozent der Ehen sind unharmonisch und eine Demütigung für die Frau. Sie müssen oft in Verhältnissen ausharren, die für sie eine Qual, eine Marter sind.‹ Ich meine, diese Ärztin, die selbst verheiratet ist – ob glücklich oder nicht, weiß ich nicht, ihr Ausspruch scheint aber nicht ein großes Eheglück zu verraten – , ich meine, diese Ärztin hätte richtiger sagen sollen, neunundneunzig Prozent der Ehen sind glücklos. Nur Frauen, die in der Ehe Schutz und Versorgung suchen, weil sie nicht die Kraft haben, sich auf sich selbst zu stellen, können sich auf ein solches Risiko einlassen. Ich meinerseits liebe mein Selbstbestimmungsrecht, meine Menschenwürde, meine Freiheit viel zu sehr, als daß ich sie auf eine so unsichere Chance hin aufgeben würde.« Dr. Moeller schüttelte wieder mißbilligend mit dem Kopf. »Aber was sollte denn werden, wenn alle so dächten wie Sie?« »Das scheint mir ganz klar. Dann würde man freiere Verhältnisse zwischen Mann und Frau knüpfen, die gegründet wären allein auf gegenseitige Liebe, auf nichts als die natürliche Anziehungskraft zueinander. Wäre das nicht viel würdiger, viel schöner, viel segenbringender für das gegenwärtige und das künftige Menschengeschlecht?« »Aber da man sich ja doch erst beim Zusammenleben richtig kennenlernt, wären auch in diesem Falle Irrtümer in der Wahl nicht ausgeschlossen.« »Freilich nicht.« »Und was dann?« »Dann geht man eben auseinander. Auch heute gibt es ja Scheidungen in Menge, nur daß man erst durch ein Meer von Gehässigkeiten, Niedrigkeiten, Leid und Jammer hindurch muß, ehe man die gesetzliche Trennung erreicht. Wir würden dann nicht mehr das traurige und besonders für die Frau entwürdigende Schauspiel erleben, daß zwei Menschen aneinander gefesselt sind, die sich hassen und verabscheuen. Gleichviel, welche äußeren Formen man mit dem Zusammenleben zweier Menschen künftig verbinden wird; das, was wir Ehe nennen, muß auf eine gesündere Basis gestellt werden, ehe sich eine Frau von Selbstgefühl und Selbständigkeitsdrang damit befreunden könnte.« »Gewiß, Sie haben nicht ganz unrecht. Unsere Eheinstitution mag recht reformbedürftig sein, aber man darf doch das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und die heutige Form der Ehe einfach negieren und verwerfen.« »Das ist Ihre Theorie«, versetzte sie sarkastisch, »wie die vieler Junggesellen. Merkwürdig, daß diese Herren sich in der Praxis anders betätigen.« Es zuckte in seinem Gesicht; ein Schatten senkte sich auf seine klaren Züge. »Sie übersehen, daß zur Ehe zwei gehören, und daß auch zuweilen ein Mädchen die Erwartungen des Mannes täuscht, das er ehrlich geliebt und das ihm selbst Gegenliebe bezeigt oder geheuchelt hat.« Sie sah ihn überrascht an. »Auch das kommt vor«, erwiderte sie nach einer Weile, »wenn es auch das Übliche ist, daß der Mann der Teil ist, der seine Versprechen, seine Eide vergißt, wenn sich anderswo günstigere Chancen bieten, oder wenn er dem ihm angeborenen Variationsbedürfnis unterliegt.« Ein bitteres Zucken um ihre Mundwinkel, das ihr selbst vielleicht unbewußt war, entging ihm nicht. Impulsiv faßte er nach ihrer Hand. »Vielleicht«, sagte er leise, zögernd, den Blick voll Spannung auf sie gerichtet, »vielleicht kann ich in Ihnen –« er suchte nach einem Ausdruck, der ihre Empfindlichkeit nicht reizte, ihr Selbstgefühl nicht verletzte – »ja, es ist unmöglich«, fuhr er, seinem Gefühl nachgebend, lebhaft fort, »daß Sie, eine Dame mit Ihrer Einstellung, mit Ihren Eigenschaften, nicht Liebe und Verehrung gefunden haben sollten. Dann also wären wir Leidensgefährten und –« Sie erhob sich mit plötzlichem Ruck. Die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, war ihr offenbar peinlich. »Ich glaube, es ist Zeit, uns nach Ihrem Freunde und meiner Kusine umzusehen und an das Nachhausegehen zu denken. Morgen heißt es früh aus den Federn.« Aber er hielt sie zurück und erfaßte ihre beiden Hände. »Eins müssen Sie mir zuvor versprechen, Fräulein Hauf. Ich weiß nicht, ob Sie dasselbe Gefühl haben, aber ich kann mich mit dem Gedanken nicht befreunden, daß wir uns nun Lebewohl für immer sagen sollen. Wäre es nicht reizend, wenn wir unsere interessanten Diskussionen in Berlin fortsetzen würden?« Es züngelte in ihren Augen – nur für einen kurzen Moment, aber er hatte es deutlich wahrgenommen. »Liegt Ihnen wirklich daran?« warf sie, nicht ganz ohne Koketterie, ein. »Wie können Sie noch fragen! Haben Sie es nicht bemerkt, wie ich mich freute, sooft ich das Glück hatte, Ihnen am Strande zu begegnen? Das Zusammensein mit Ihnen hat auf mich seelisch ebenso wohltuend gewirkt wie die frische Seeluft auf mein körperliches Befinden. Es würde in meinem Leben eine Lücke sein, wenn ich Sie nicht mehr sehen, wenn ich meine Gedanken nicht mehr mit den Ihren austauschen, wenn ich nicht mehr den Widerschein Ihres starken, originellen Geistes auf Ihren lieben, feinen Zügen beobachten könnte.« Er hatte es stürmisch, in wachsender Leidenschaftlichkeit hervorgesprudelt. Jetzt führte er ihre beiden Hände, die er immer noch in den seinen hielt, an seine Lippen. Während er sich zum Handkuß hinabbeugte, flog ein Leuchten über ihr Gesicht. Dann bemühte sie sich, ihm ihre Hände zu entziehen. »Aber, Herr Doktor, was soll denn meine Kusine denken und Ihr Freund – !« Sie deutete mit dem Kopfe nach dem breiten Laufbrett, das zur Bequemlichkeit der Badegäste über den Sand gelegt war. In der Tat, die beiden jungen Leute hatten sie erblickt und näherten sich ihnen. »Sie werden denken, daß ich Sie verehre«, erwiderte der Chemiker, ganz beherrscht von den durch das Bewußtsein der nahen Trennung in ihm aufgewühlten Empfindungen, »daß ich Sie – Sie liebe –« fügte er flüsternd hinzu. Sie tat, als ob sie den Nachsatz nicht mehr vernommen habe. Aber er fühlte den leisen Druck ihrer Rechten, bevor sie sich von seiner Hand gelöst hatte. * Zu vieren und zu zweien sahen sich die beiden Liebespaare an. Der Jüngeren ging eine neue Welt auf. Ortwin Ladenburg versah sie mit sorgfältig ausgewählter Lektüre. Gedichtbände von Dichtern, die sie noch nicht einmal dem Namen nach kannte, Romane der neueren besseren Literatur, sowie auch Werke populärwissenschaftlichen Inhalts lieh und schenkte er ihr, und er ließ es sich auch in ihren Gesprächen angelegen sein, ihren Geschmack zu läutern und ihren geistigen Gesichtskreis zu erweitern. Er entwickelte vor ihr in leicht verständlicher Weise und mit dichterischem Schwung seine Weltanschauung, die eine so ganz andere war, als was sie bisher von der Entstehung der Welt und dem Sinn des Lebens gewußt hatte. Er vermittelte ihr nicht nur positive Kenntnisse, sondern stellte sie auch auf einen festeren Grund und erfüllte sie mit mehr Kraft und Freude zum Leben. Es war ein ganz anderes Gefühl, das in diesem Verkehr mit dem jungen Dichter in ihr erwachte, als ihr seinerzeit Kurt Vollbrecht eingeflößt hatte. Eine große innige Verehrung bildete sich in ihr; es war eine ganz geistige, seelische Liebe, die sinnliche Wallungen nicht in ihr aufkommen ließ. Sie sahen sich nur an öffentlichen Orten. Da der junge Dichter als Redakteur Freikarten hatte, führte er sie oft in die großen Theater, und ihre Seele badete sich in dem Genuß der besten dramatischen Literatur Deutschlands und des Auslandes. Ihre schönen, idealen Beziehungen zu dem jungen Manne trübten keinerlei materielle Wünsche, wie es seinerzeit bei ihrem ersten Liebesverhältnis der Fall gewesen und die für sie zu einer Quelle unaufhörlicher Unruhe und bitterer seelischer Martern geworden waren. Ohne alle Nebengedanken hatte sie sich ganz dem Reize hingegeben, der für sie in den Zusammenkünften mit dem an geistiger Bildung sie so erheblich überragenden, ideal gesinnten jungen Dichter lag. Nicht ein einziges Mal kam ihr der Gedanke an eine Heirat mit dem jungen Manne. Es hatte sich von selbst ergeben, daß sie während ihrer Gespräche auf ihre persönlichen Verhältnisse zu sprechen kamen, und da hatte sie erfahren, daß sein Vater Gymnasiallehrer gewesen und daß seine verwitwete Mutter bei der seit einem Jahr verheirateten Tochter lebte. Bis dahin hatte er mit ihr und der Schwester einen Haushalt gebildet, und da die geringe Witwenpension nicht ausgereicht, hatte er schon als Student durch Erteilung von Privatstunden zum Unterhalt beigetragen. Sein Gehalt als Hilfsredakteur war gering und seine Zukunft ganz unsicher. So war sie von dem Drucke frei, der früher immer auf ihr gelegen, und vor Enttäuschungen sicher. Sie war zufrieden mit der Gegenwart und wünschte nichts, als daß es ihr noch lange vergönnt sei, zu dem bewunderten Manne mit diesen Gefühlen innigster Freundschaft, Verehrung und Dankbarkeit aufzuschauen. Freilich, während der Ausflüge, die sie noch im August und auch an schönen Septembertagen unternahmen, bei ihren Spaziergängen im Tiergarten strömten doch wärmere Empfindungen in ihm und ihr und ergossen sich nicht nur in kosende Worte, sondern auch in verstohlene süße, leidenschaftliche Betätigungen ihrer Liebe. Als sie eines Abends ihre Kusine besuchte, erkannte sie sofort, daß sich irgend etwas von tieferer Bedeutung ereignet haben müßte. Die Bewegung, mit der Else von dem Sessel, auf dem sie im Nichtstun – ein seltener Fall bei ihr – gesessen hatte, aufsprang, wie sie ihr entgegeneilte, das war so elastisch, von einem inneren Impuls beflügelt; aus ihren Augen strahlte eine innerliche Freude, ein verklärender Glanz lag auf ihrem Antlitz, und statt mit freundlichem Händedruck begrüßte sie die Eintretende mit stürmischer Umarmung. Aus alledem sprach eine innige Befriedigung, ein ungewöhnlich freudiges, beglückendes Erlebnis. Ähnlich war sie schon einmal gewesen, als es ihr gelungen war, eine Schwerkranke, die sie schon aufgegeben hatte, durch die gefährliche Krisis zu bringen. »Also man darf gratulieren, Fräulein Doktor«, sagte sie herzlich. »Was hat ihr denn gefehlt?« »Wem?« fragte die andere erstaunt. »Na, deiner Patientin, der du kluge Ärztin Leben und Gesundheit wiedergeschenkt hast.« Else Hauf lachte herzlich. »Ach so! Nein, viel, viel Schöneres ist mir passiert. Ich selbst war die Patientin.« »Du?« Verständnislos blickte die Jüngere der ihr beim Ablegen Behilflichen in die lebhaft funkelnden Augen. Die junge Ärztin schnitt eine tragikomische Grimasse. »Ja, ich war krank. Es ging mir schlecht; nichts machte mir mehr Freude, kein Essen schmeckte mir, kein Schlaf erquickte mich.« »Aber davon habe ich doch gar nichts bemerkt.« »Weil du selbst mit dir zu tun hast, weil du selbst an dieser Krankheit leidest.« Schalkhaft blitzten die Augen der Sprechenden. »Arme Lisbeth! Ich aber bin geheilt. Und nun ist das Leben wieder schön, die Welt wieder vollkommen!« Und dann wollte sie sich ausschütten vor Lachen über das verblüffte Gesicht der anderen. »Gestern war ich bei meinem Arzt, zum erstenmal. Und er war so lieb zu mir, so süß, so stürmisch, so feurig! Und nun bin ich wieder gesund, ganz gesund. Nun bin ich nicht nur Ärztin, Berufsmensch, nun bin ich auch Weib, ganz Weib!« Sie streckte die Arme von sich, reckte das leuchtende Gesicht und schloß wie wonnetrunken die Augen. »Aber Else!« sagte die andere gedehnt und wandte verschämt ihr Gesicht ab. Sie wunderte sich über den Freimut der Kusine, über den sie errötete und der ihr eine peinliche Empfindung bereitete. Aber das Fräulein Doktor lachte nur wieder. »Ach so, nun soll ich wieder die Heuchlerin spielen, wie das so üblich ist, mich am Ende schämen? Nein, meine Liebe, den Gefallen tu' ich dir nicht, fällt mir nicht ein! Und wenn ich es auch natürlich nicht einer Fernstehenden auf die Nase binde, dir gegenüber will ich nicht Verstecken spielen, vor dir will ich meine Genugtuung, mein Glück nicht verleugnen. Ja, Lisbeth, das Liebesglück ist doch das Höchste, Schönste, und die Freude, die einem der Erfolg im Beruf, das Gefühl erfüllter Pflicht bereitet, reicht da nicht heran, und auch alles andere nicht, was dieses miserable Leben an körperlicher und seelischer Lust uns bietet.« Sie führte ihre Besucherin, die nicht wußte, was sie auf diesen ekstatischen Ausbruch ihrer sonst so ruhigen, ernsten, allem Überschwang abholden Kusine erwidern sollte, zum Sofa und setzte sich neben sie. Sie mit einem Arm umschlingend, sich vorbeugend und ihr forschend in die Augen schauend, fragte sie: »Nun, und du? Wie steht es mit dir, mit euch beiden?« Lisbeth Glümer zeigte eine unwillige Miene und entgegnete ärgerlich: »Du wirst mir doch nicht zutrauen, daß ich mich einem Manne an den Hals werfe.« »Natürlich nicht. Denkst du, ich habe das getan? Nein! Aber man kommt doch, sich gegenseitig anziehend, von demselben natürlichen Verlangen mehr und mehr erfüllt, allmählich von selbst dazu, wobei natürlich der Mann die Initiative ergreift. Selbstverständlich vorausgesetzt, daß man Wohlgefallen aneinander empfindet, daß man sich liebt.« »Herrn Ladenburg wird es nie einfallen, mir so – so etwas zuzumuten. Noch nie hat er mir auch nur die geringste Andeutung gemacht, daß es sein Wunsch sei, ich möchte ihn besuchen.« Das Fräulein Doktor war offenbar wirklich überrascht. »So? Wirklich? Das ist ja eine Ausnahme von einem Manne. Arme Lisbeth! Was soll denn nun werden?« »Nichts! Es soll bleiben, wie es ist. Ich verlange nichts anderes, daß du es weißt!« versetzte die Jüngere voll Entrüstung und Eifer. »Ich achte ihn, ich bewundere sein hohes Streben, sein großes Talent. Er spricht mit mir von seinen Arbeiten, seinen Plänen; er belehrt mich und klärt mich auf. Das genügt mir.« Die andere strich über die glühenden Wangen der Erregten. »Dann freilich – na, beruhige dich nur! Ich hab's ja nicht böse gemeint, ich dachte nur – – Also dann laß uns von etwas anderem sprechen!« Im stillen aber hatte sie eine andere Ansicht. Als Ärztin kannte sie ja die menschliche Natur und das weibliche Empfinden besser, und sie huldigte der Meinung Schopenhauers, daß dieses ganze Schwärmen und zarte Getue doch nur den einen Untergrund hat und nur das eine Ziel erstrebt, wie der große Philosoph es zynisch ausdrückt: »Alle Verliebtheit, wie sie sich gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstrieb. – Es handelt sich ja bloß darum, daß jeder Hans seine Grete findet! –« * Während eines ihrer nächsten Besuche bei dem Geliebten berichtete Else Hauf von Lisbeths Äußerungen über ihre Beziehungen zu Ortwin Ladenburg. »Meinst du auch«, fragte sie mit ironischem Lächeln, »daß sie bei der Literatur stehenbleiben werden?« »Wohl möglich«, gab er sinnend, ernst zurück. Sie sah dem neben ihr Sitzenden erstaunt in das Gesicht. »Du scherzest doch nur?« Aber er verneinte mit einer Kopfbewegung. »Mit meinem Freund Ortwin ist das ein besonderer Fall.« »Ein besonderer Fall? Ist er irgendwie nicht normal?« Das Interesse des Weibes und der Ärztin regten sich gleicherweise in der Fragenden. »Körperlich ist er, soweit ich urteilen kann, wohl nicht unnormal. Aber seine seelische Entwicklung hat sich etwas außergewöhnlich gestaltet. Bis vor einem Jahre, also bis zu seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre, hat er mit seiner Mutter zusammengelebt. Von Natur schon sehr sensitiv, feinorganisiert, hatte ihn der Einfluß der sehr empfindsamen und sehr sittenstrengen Mutter von allem weiblichen Verkehr außerhalb ihres kleinen Kreises zurückgehalten. In Berlin aber ist er, keusch und ästhetisch, wie er von Natur und Erziehung ist, den käuflichen Mädchen, denen die unerfahrenen jungen Leute meist unterliegen, ängstlich aus dem Wege gegangen. Ich weiß es von ihm selber, daß er geschlechtlich noch ganz –« »Dann freilich! Arme Lisbeth!« »Nun«, wandte der Chemiker auf diesen Ausdruck ihres Mitgefühls ein, »sie wird es doch gewiß nicht schwer, vielmehr, der weiblichen Natur entsprechend, leichter ertragen als mein keuscher Freund, denn ich habe den Eindruck, daß sie in Erotizis noch ebenso unerfahren ist wie er.« Else Hauf überlegte ein paar Sekunden lang. »Dir kann ich es ja sagen«, erklärte sie sodann, »du wirst ja Diskretion wahren: Du irrst.« Und sie berichtete kurz, wie übel es ihrer Kusine ergangen war. »Leidet denn dein Freund nicht unter dieser naturwidrigen Enthaltsamkeit?« fragte sie. »Freilich. Er hat mir schon wiederholt sein Leid geklagt. Zeitweise fühlt er sich ganz unglücklich, schwermütig, ja, verzweifelt. Ich weiß nicht, ob dir diese Symptome bekannt sind – ?« Sie nickte, im stillen lächelnd, denn er wußte noch immer nicht, daß sie Ärztin war. »Ein wenig«. »Nun also, dann wirst du ja wissen, wie das einem jungen Mann an der Lebensfreude, sogar auch bei der Arbeit hindert. Wie ein Held ringt er mit sich und kann sich doch nicht entschließen, sich des allein heilenden Mittels zu bedienen. Aber da deine Kusine eine Wissende ist, so werden sie ja, verliebt, wie sie ineinander sind, den natürlichen Weg zu einander finden.« »Das glaube ich nicht«, versetzte Else Hauf. »Lisbeth wird sich kaum zu dem ersten Schritt verstehen.« »Ach so – ja freilich. Das wäre unweiblich. Du hast recht, den Eindruck macht sie nicht. Die Armen! So werden sie ihr geheimes Leiden immer mehr steigern, obgleich sie sich lieben oder vielleicht richtiger: weil sie sich lieben, aufrichtig lieben. So verkehren unsere konventionellen Anschauungen und Empfindungen das Natürliche in das Gegenteil.« »Wenn man ihnen nur helfen könnte!« meinte die junge Ärztin nachdenklich. »Man kann ihnen doch nicht sagen? Gehet hin und – paaret euch! Damit bewirkt man nur das Gegenteil«, fügte sie in Erinnerung an ihr Gespräch mit der Kusine hinzu. »Freilich. Und man kann sie doch auch nicht einander in die Arme legen«, bemerkte der Chemiker lächelnd, »obgleich es für meinen Freund die höchste Zeit wäre, sonst wird seine Gesundheit, auch sein Geist und Charakter darunter leiden, und schließlich wird er ein freudloser, unglücklicher Mensch werden. – Armer Ortwin!« »Arme Lisbeth!« * Die leidige Grippe, die im Spätherbst grassierte, kam in ihren weiteren Folgen den Wünschen der Besorgten entgegen. Es packte den jungen Dichter arg; das Fieber stieg am zweiten Tage auf 40 Grad; der Arzt ordnete zweistündige Umschläge an und empfahl zur Nacht eine Krankenschwester. Dr. Moeller, der sich entschlossen hatte, bei dem Freunde zu wachen, ging bei seiner Geliebten mit heran, um sich von ihr eine zuverlässige Schwester empfehlen zu lassen. »Ich komme selber«, sagte Else Hauf. »Ich habe heute keinen Nachtdienst.« »Desto besser! Und schönen Dank im voraus!« Sie machte sich fertig, und sie begaben sich gemeinsam in die Wohnung des Kranken, der ein größeres und ein kleineres Zimmer in einem Gartenhause des Westens bewohnte. Mitten in der Nacht bekam der stark Fiebernde einen Herzanfall. »Ich muß ihm eine Einspritzung geben«, sagte die Pseudokrankenschwester. »Ja, hast du denn eine Spritze bei dir?« »Das Handwerkszeug hat unsereiner doch immer bei sich«, sagte sie lächelnd. Sie entnahm ihrer Handtasche ein Besteck mit Instrumenten. »Es fehlt aber noch das Kokain«, sagte sie. »Du mußt schon so freundlich sein, zur Apotheke zu gehen.« »Ja, bekomme ich es denn so ohne weiteres?« »Nein«, erwiderte sie und setzte sich an den Schreibtisch, »aber ich schreibe dir die Verordnung.« »Du?« fragte er erstaunt. Sie entgegnete nichts, schrieb mit eiliger, geübter Hand und reichte ihm das Blättchen. Er las erstaunt die Unterschrift: »Dr. E. Hauf« und sah sie aufs höchste befremdet an. »Aber das ist ja eine Fälschung.« Sie lachte. »Unsinn! Beeile dich nur! Es ist alles in Ordnung.« Mancherlei war ihm schon früher aufgefallen an ihren gelegentlichen Äußerungen, bei denen sie für den Augenblick nicht bedacht hatte, daß sie in seinen Augen immer noch die Krankenschwester war. Jetzt begriff er auf einmal, daß sie ihn getäuscht hatte. Er sah sie mit einem so komischen Gemisch von Verdutztheit und Respekt an, daß sie laut auflachte. Da lachte auch er. »Du Flausenmacherin! Warum hast du mich denn so angeschwindelt?« »Das erkläre ich dir ein andermal! Jetzt laufe!« Er stürmte hinaus. Nach einer Viertelstunde war er wieder da. Als die Einspritzung gegeben und der Kranke ruhiger geworden war und in Schlummer verfiel, kam Dr. Moeller auf seine Frage zurück: »Also, warum hast du mir vorgeredet, daß du Krankenschwester bist?« »Du hast es mir ja selbst in den Mund gelegt.« Er dachte nach. »Das mag wohl sein. Aber du hättest doch nicht zu bejahen brauchen, sondern mir die Wahrheit sagen können.« Sie lächelte schelmisch. »Das wollte ich ja eben nicht, denn ich ahnte, daß du auch zu den Männern gehörst, die Frauenrechtlerinnen und studierte Weiber nicht mögen.« »Lag dir denn daran, Eindruck auf mich zu machen?« Ein Leuchten voll Zärtlichkeit brach aus ihren Augen. »Ja, es war etwas an dir, an deinem Wesen, in deinem Gesicht, das mich ansprach. Und ich hatte die instinktive Empfindung: den könntest du lieben, und zugleich den Wunsch, dir zu gefallen.« Er zog sie verliebt an sich und spitzte schon die Lippen. Aber sie wehrte ihn mit neckisch-wichtiger Miene ab. »Hier wird nicht geküßt! Hier bin ich nicht Femininum, sondern Neutrum: das Fräulein Doktor!« * Else Hauf hatte ihrer Kusine Nachricht von der Erkrankung Ladenburgs gegeben. Es ließ Lisbeth Glümer keine Ruhe. An einem der nächsten Nachmittage – sie hatte sich etwas früher vom Geschäft losgemacht – eilte sie nach seiner Wohnung. Else öffnete ihr und nickte ihr freundlich zu. »Das ist recht, daß du kommst. Es geht ihm besser. Er wird sich freuen, dich zu sehen.« Aber die Befangene stotterte etwas von: »Nur erkundigen wollen, gleich wieder gehen.« Die junge Ärztin lachte. »Unsinn! Hab' dich nicht!« Sie zog die nur schwach Widerstrebende ins Zimmer. Dr. Moeller war auch da; sie erglühte beschämt, verlegen. Aber er begrüßte sie so herzlich und so unbefangen, als sei es die natürlichste Sache von der Welt, daß sie kam, um nach dem Erkrankten zu sehen. »Er ist gerade munter. Sie können sich selbst überzeugen, wie es mit ihm steht.« Er faßte sie an der Hand und zog sie in das Schlafzimmer, kehrte aber sofort zu Else zurück, die im Arbeitszimmer des Dichters zurückgeblieben war. Der Kranke öffnete seine Augen weit, und dann stieß er einen Laut des Entzückens aus und streckte ihr die Hand entgegen. Sie eilte zu ihm hin, befangen und doch glücklich, ihn so verhältnismäßig munter zu sehen. Er zog ihre Hand an seine Lippen. »Wie geht es – Ihnen?« stammelte sie. »Liebe Lisbeth!« flüsterte er selig. Und darauf: »Wir sind allein.« Sie warf einen scheuen Blick um sich, dann strömte die Liebe in ihr über, und sie beugte sich zu ihm hinab, um ihn zu küssen. Aber er warnte: »Nein! Vorsicht! Ich habe noch Husten!« Und dann, ein wenig verschämt, mit bittendem Blick: »Küsse mich auf die Stirn, auf die Augen!« Sie tat, wie er geheißen. »Dank! Dank!« sagte er leise, verzückt. »Das war schön! Das schmeckt viel besser als alle Arznei.« Er zog sie auf den Stuhl neben seinem Bett, und dann sahen sie einander in die Augen, schweigend, mit hochklopfendem Herzen, ganz erfüllt von dem Glück des nahen Zusammenseins. Auch in den nächsten Tagen besuchte sie ihn, um sich von den Fortschritten, die er in der Genesung machte, zu überzeugen, um ihm die Zeit mit ihrem Geplauder zu vertreiben oder ihm vorzulesen. Auch als er schon aufgestanden und in der Rekonvaleszenz war, kam sie. Nun war keine Gefahr mehr, nun konnten sie sich auch küssen nach Herzenslust. Ach, das war doch viel, viel schöner als das gelegentliche scheue, ängstliche Küssen auf den Spaziergängen, wo man immer vor Beobachtern auf der Hut sein mußte. Eines Abends war sie wieder bei ihm; sie hatte etwas Aufschnitt mitgebracht; Brot und Butter hatte er vorrätig, dazu hatte er ein paar Flaschen Bier von dem Dienstmädchen seiner Wirtin holen lassen, und so ließen sie es sich wohl sein und schmausten und schwatzten nach Herzenslust. Als das Abendbrot verzehrt war, kam auch die Zärtlichkeit, die ihnen das Herz warm und übervoll machte, zu ihrem Recht. Die Küsse wurden immer länger und inniger, bis sie plötzlich aufsprang und an den Spiegel trat, erhitzt, mit hochwogendem Busen, mit zerzaustem Haar. Er stand hinter ihr, ein paar Schritte ab, und schaute ihr mit glänzenden Augen zu. Die Glut auf seinen Wangen flammte noch dunkler als auf den ihren, und das heiße, leidenschaftliche Verlangen pulsierte ihm ungestüm in allen Adern und Nerven. Sie drehte sich zu ihm herum, verlegen, befangen, unwillkürlich die Blicke senkend vor den auf sie gehefteten lodernden Blicken des Geliebten. Er aber, ganz beherrscht von dem Ungestüm der in ihm erwachten, so lange beherrschten Triebe, faßte sie an den Händen, und dann ließ er sich auf einem Stuhl nieder und zog sie auf seine Knie. »Du – du!« stammelte er und überflutete sie aufs neue mit seinen Küssen. Sie dehnte und reckte sich in seinen Armen und schloß die Augen, ganz Hingabe. Da sprang er plötzlich auf, so daß sie erschrocken – taumelnd von seinen Knien glitt. Sein Atem ging wie im Fieber; er griff sich an die Stirn und senkte das Haupt in die Hand, stöhnend, in qualvollem Ringen. »Geh!« stieß er mit keuchender Brust hervor. »Ich bitte dich, geh, Lisbeth!« Ganz beherrscht von seiner Dringlichkeit, nahm sie ihren Hut, befestigte ihn mit zitternden Händen, warf eilig ihren Mantel über und verließ wie betäubt das Zimmer. Durch ihre Erfahrungen mit Kurt Vollbrecht gewitzigt, blieb Lisbeth Glümer nicht im unklaren über die Bedeutung des Vorgangs, der zu ihrem überstürzten, abschiedslosen Fortgehen aus der Wohnung des Geliebten geführt hatte. Durch seine zwingende Bitte, sie möchte ihn verlassen, hatte er sie und sich selbst vor der in ihm erwachten, begehrlichen Leidenschaft schützen wollen. So sehr seine Selbstbeherrschung auch geeignet war, ihre Achtung vor seinem Charakter und die Verehrung, die er ihr als Dichter und als Mensch immer eingeflößt hatte, noch zu steigern, es war doch auch eine leise Unzufriedenheit in ihr. Was nun? Würden sie sich nun nicht mehr sehen? Jeden Abend bei ihrem Nachhausekommen war ihre erste Frage, ob kein Brief für sie gekommen sei, und tiefe Traurigkeit befiel sie jedesmal bei dem verneinenden Bescheid der Wirtin. Warum schrieb er nicht wenigstens? Schämte er sich oder ging er mit sich zu Rate? Eine Mitteilung, die ihr Else Hauf in diesen Tagen machte, versetzte sie in eine noch größere Unruhe und rief heftige, leidenschaftliche Seelenkämpfe in ihr hervor. Die junge Ärztin erzählte ihr, was ihr Dr. Moeller über seinen Freund berichtet hatte. Wie eine Offenbarung von tiefster Bedeutung wirkte das Ungeahnte auf das leichtbewegte Mädchengemüt. Als die Kusine sie verlassen hatte, zog die starke Erschütterung sie in ihre Knie nieder; sie erhob ihre Arme und faltete die Hände über ihren Kopf, und wie ein frommes, heiliges Erschauern lief es durch ihre Glieder. Sie war ja nun erfahren genug, um zu wissen, daß dieser Zustand der absoluten Keuschheit bei einem Manne in dem Alter Ortwin Ladenburgs eine große, große Seltenheit war, und er, gerade er, dieser seltene reine Mann, zeichnete sie mit seiner Liebe aus! Und dann fiel ihr plötzlich ein, wie unwert sie der Liebe dieses Mannes war. Ihre Arme sanken ihr bei diesem Gedanken matt herab, und wie vernichtet drückte sie ihr Gesicht in die Hände und weinte bitterlich. Alle Schmerzen, die ihr die von ihrem Verführer zugefügte Schmach bereitet hatte, wurden wieder wach in ihr, und in ihrer Zerknirschung gelobte sie sich im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit, sich künftig von dem verehrten Manne fernzuhalten. Da fand sie am nächsten Abend beim Nachhausekommen einen Brief von seiner Hand. Er schrieb in einem Ton, der sie tief beschämte, der aber zugleich ihr Herz auch frohlocken, jubeln machte. In zartester Weise deutete er ihr an, daß er sich geschämt habe, an sie zu schreiben, und daß er in diesem Gemütszustande noch weniger es über sich vermocht habe, ihr wieder unter die Augen zu treten. Aber nun lasse ihm die Sehnsucht keine Ruhe, und er bitte sie, ihm Nachricht zu geben, ob und wann sie sich, vielleicht in der Konditorei am Potsdamer Platz, wo sie sich schon wiederholt getroffen, wiedersehen könnten. Ihr erster Impuls war, ihm ein offenes Geständnis abzulegen. Sie wollte ihn über ihre Vergangenheit aufklären, ihm nichts verheimlichen. Dann mochte er entscheiden, ob er sie noch seines Interesses und seines Umganges für wert halte. Aber als sie sich nun an den Tisch gesetzt hatte und zu schreiben begann, ward sie inne, wie furchtbar schwer es war, gerade ihm ein solches offenes Bekenntnis zu machen. Sie konnte die rechten Worte nicht finden; bald schien ihr der Ausdruck zu plump, zu häßlich, zu herabsetzend für sie, bald wieder zu gewunden, zu unklar, und schließlich warf sie die Feder weg. Unmöglich, ihm das alles zu sagen, was sie gerade in seinen Augen so tief herabwürdigen, so verächtlich und hassenswert machen mußte. Angesichts seines Briefes, der ein so überzeugendes, so bewundernswertes Bild seines hochstehenden Charakters war, wurde ihr klar, daß sie ihn für immer verlieren mußte, wenn sie ihm bekannte, daß sie nicht mehr die war, die er in ihr erblickte. Und wenn sie sich auch zu ihrer Entschuldigung sagte, daß sie im Grunde nicht so verdammenswert war, wie es den Anschein haben mochte, daß sie das Opfer ihrer Unerfahrenheit, der raffinierten Verführungskünste eines gewissenlosen Mannes und vielleicht mehr zu bedauern als zu verdammen war, sie fürchtete doch, daß gerade ein Mann, der sich selbst seine Reinheit erhalten hatte, strenger urteilen müßte als jeder andere. In ihrer Herzensnot eilte sie zu ihrer Kusine, um ihr, so peinlich es ihr auch war, alles mitzuteilen und um ihren Rat zu bitten. Schon während des stockend, beschämt vorgebrachten Berichtes schüttelte die junge Ärztin mit dem Kopf. Als die andere ihre Mitteilung beendet hatte, brach sie los: »Toren, die ihr seid! Warum quält ihr euch gegenseitig, anstatt einfach eurem Gefühl, dem natürlichen Verlangen, zu folgen? Wem tut ihr damit etwas Gutes? Etwa euch selbst? Ihr martert euch, ihr wütet gegen euch selbst. Ich kann dir nur raten, anstatt ihm zu schreiben und das, was doch kommen wird und unter unseren Verhältnissen kommen muß, noch weiter hinauszuschieben: geh einfach zu ihm, und das Weitere wird sich finden.« »Aber Else«, wandte die Jüngere entsetzt ein, »bedenkst du denn nicht, daß er mich für schamlos halten, daß er mich verachten würde, wenn ich das täte!« »Unsinn! Es ist deine Sache, ihn nicht zu solchen Gedanken und Empfindungen kommen zu lassen. Hinterher wird er es nur als Befreiung, als Erlösung empfinden; seine Liebe für dich wird noch viel, viel herzlicher, inniger werden, und seine Dankbarkeit dir gegenüber wird keine Grenzen kennen.« Lisbeth Glümer hob ihre ineinander verschlungenen Hände und rief entzückt: »Ach, Else, wenn das wahr wäre!« »Ob das Wahrheit werden wird, hängt nur von dir ab. Du bist die Erfahrenere von euch beiden, an dir ist es, den ersten Schritt zu tun. Ja, das ist nicht nur dein Recht, es ist auch deine Pflicht, liebe Lisbeth, wie die Sachlage nun einmal ist.« »Meine Pflicht?« »Jawohl. Oder wäre es dir lieber, wenn ihn sein natürliches Verlangen schließlich einer anderen in die Arme führt, die weniger törichte Skrupeln hat wie du?« Die Jüngere seufzte schmerzlich, und die ekstatisch erhobenen Hände sanken schlaff an ihrem Körper hinab. Leise, unsicher, gar nicht im Ton der Überzeugung kam es von ihren Lippen: »Er wird es nicht tun, Else.« »Um so schlimmer für ihn. Dann wird er schließlich seelisch und körperlich verkümmern und ein einsamer, unseliger Mensch werden.« Und sie teilte der bestürzt Aufhorchenden die Besorgnisse mit, die Dr. Moeller von dem enthaltsamen Leben seines Freundes für dessen Zukunft fürchtete. »So«, schloß sie die intime Aussprache, »nun siehst du klar? Dein Gefühl wird dir sagen, was du zu tun hast.« – Die halbe Nacht rang Lisbeth Glümer in heißen Kämpfen. Bilder des Schreckens quälten sie, die ihr den Geliebten bleich, abgezehrt, ruhelos und freudlos zeigten. Dann wieder kamen Phantasien über sie, die sie mit heißer Glut erfüllten. Am anderen Abend war ihr Entschluß gefaßt. Gleich beim Nachhausekommen nahm sie ein Bad, legte frische Wäsche an und das schickste Kleid. Dann begab sie sich, innerlich zwischen Bangen und Verlangen schwankend, nach der Wohnung des Geliebten. Als sie die Treppe hinaufstieg, schlugen ihr die Zähne wie im Fieberfrost zusammen. Doch als sie nun in sein Zimmer eintrat und er erstaunt, verwirrt aufsprang, zwang sie sich zu einem ruhigen, sicheren Auftreten. »Verzeihe, daß ich dich überrasche! Aber ich hatte solche Sehnsucht. Da wollte ich nicht erst Zeit mit dem Schreiben und Verabreden verlieren.« Ein liebliches Lächeln strahlte ihm aus ihren Zügen entgegen, und der rührend verschämte Blick ihrer blauen Augen drang in sein Herz. »Und es ist doch so viel trauter und heimischer bei dir als in den Lokalen, unter fremden Menschen.« Vor der Anmut ihrer halb schüchternen, halb nach ihm verlangenden Haltung vergaß er seine anfängliche Befremdung; voll Freude eilte er ihr entgegen. »Ich danke dir, Lisbeth! Es ist so lieb von dir. Auch ich habe mich ja so sehr nach dir gesehnt!« Er zog sie in seine Arme, und ihre Lippen fanden sich in einem langen, heißen Kuß. – – – Lisbeth Glümer erkannte, wie recht ihre erfahrenere, kundigere Kusine hatte. Es gewährte ihr eine innige, herzerfreuende Genugtuung, zu sehen, wie dankbar ihr der Geliebte war, wie seine Liebe zu ihr sich noch vertiefte, noch verehrungsvoller, zärtlicher wurde, wie eine sichtliche Veränderung mit ihm vorging. Frischer und freier wurde sein Blick, elastisch sein Gang, seine Gesichtsfarbe gesünder; sein ganzes Wesen erfüllte etwas Sicheres, Männliches. Seine Freude am Leben und seine Arbeitslust steigerten sich, und eines Tages teilte er der Geliebten freudestrahlend mit, daß er ein schon lange geplantes Drama, zu dem ihm immer noch der Mut, das rechte Vertrauen gefehlt, zu schreiben begonnen habe. »Du hast mich zum Mann gemacht«, flüsterte er der glückselig Errötenden ins Ohr, »zum glücklichsten aller Menschen. Nun weiß ich erst, wie schön, wie reich das Leben ist!« Auf den Weihnachtstisch legte er ihr seinen eben erschienenen Gedichtszyklus: »Die Ostsee«, und voll Stolz und Freude las sie die dem Werk vorgedruckte Widmung: »Lisbeth in Dankbarkeit und Verehrung zugeeignet.« * Dr. Else Hauf ging endlich daran, eine Idee, die sie schon bald nach ihrer Übersiedlung viel beschäftigt hatte, zur Ausführung zu bringen. Der Umstand, daß sie inzwischen eine ganze Anzahl von Kolleginnen, Krankenschwestern und Patientinnen kennengelernt hatte, mit denen sie sich in ihren Anschauungen begegnete, ermöglichte ihr endlich, ihren Plan zur Gründung eines Junggesellinnenklubs zu verwirklichen. Es waren ihrer zehn unverheiratete Damen verschiedener Altersstufen, die an einem Januarabend die bescheidenen Räume des Junggesellinnenklubs einweihten. Außer der Begründerin waren an der Eröffnung dieses neuesten Damenklubs beteiligt: zwei Kolleginnen derselben, beide Ende der Dreißig, ferner zwei Krankenschwestern, beide Ausgangs der Zwanzig, eine ehemalige Telephonistin, die, nachdem sie von der Postverwaltung entlassen worden war, eine Papier- und Schreibwarenhandlung betrieb, eine frühere Lehrerin, eine Witwe, die infolge ihrer ehelichen Erfahrungen eine leidenschaftliche Hasserin der Ehe geworden war, eine Schauspielerin, und schließlich Lisbeth Glümer, die sich ja, seit sie sich rückhaltlos der Liebe zu Ortwin Ladenburg hingegeben, auf eine Heirat keine Hoffnung mehr machte. Im übrigen brauchte keine der in den Junggesellinnenklub Eintretenden sich zur Ehelosigkeit zu verpflichten, wie bei der nach der Eröffnungsrede der Gründerin stattfindenden Beratung der Statuten mit sechs gegen vier Stimmen beschlossen wurde. Die Majorität hatte sich bei ihrem Beschluß von der Erwägung leiten lassen, daß eine Verpflichtung zur Ehelosigkeit ja doch keinen praktischen Wert haben würde, denn man konnte ja selbstverständlich niemand zwingen, eine solche Verpflichtung auch einzuhalten. Dagegen wurde ein Paragraph einstimmig angenommen, der das Erlöschen der Mitgliedschaft im Falle der Verlobung oder Verheiratung eines Klubmitgliedes als selbstverständlich aussprach. Als Zweck der Begründung des Klubs wurde erklärt, ein besseres, tieferes Verständnis, eine ehrlichere und herzlichere Kameradschaft zwischen Weib und Weib anzubahnen und für Mädchen und verwitwete oder geschiedene Frauen, die sich von der Ehe enttäuscht fühlten, einen Mittelpunkt zur Pflege gemeinsamer Anschauungen und Bestrebungen und zum geselligen Verkehr zu schaffen. Auch zur wirtschaftlichen gegenseitigen Unterstützung und zur Wahrnehmung gemeinsamer Interessen sollte der Zusammenschluß dienen. Ferner wurde als einer der Hauptpunkte unter allgemeiner freudiger Zustimmung in das Gründungsprotokoll und in die Statuten die Erklärung aufgenommen, daß man nicht auf dem Standpunkt derjenigen emanzipierten Frauen stände, die ihr Geschlecht als Last, ihre Sexualität als Schimpf und die Erotik als Schmach und animalischen Zwang empfänden. Im Gegenteil, man erkenne sich ausdrücklich das Recht zu, vom Leben auch in der Liebe den vollen von der Natur jedem gesunden Weibe bestimmten Anteil in Anspruch zu nehmen. Zugleich wurde der entschiedenste Protest gegen die Vernunft- und Kaufehe ausgesprochen, diesen schamlosen Mißbrauch, diese schmachvolle Herabwürdigung einer schönen, segensreichen Institution, und es wurde Bezug genommen auf die Äußerung eines Mediziners, der behauptet hatte, daß die Hälfte der Ehegattinnen der Vernunftehe vom »weiblichen Sexualgenuß« ausgeschieden seien. Schließlich wurde mit leidenschaftlichen Worten Verwahrung eingelegt gegen das ungeschriebene, aber noch immer offiziell als verbindlich angesehene Sittengesetz einer in Liebessachen den widersinnigsten, heuchlerischsten, ungerechtesten Anschauungen huldigenden Gesellschaft, wonach alle unverheirateten Frauen zur geschlechtlichen Enthaltsamkeit für ihre ganze Lebensdauer verpflichtet seien. »Wir wollen nicht mehr als alte Jungfern traurige Schreck- und Zerrbilder der Wirklichkeit darstellen. Wir drängen uns nicht zur Ehe, die der Frau so oft bitterste Enttäuschung, Entbehrung und Elend statt Erlösung, Befriedigung und Glück bringt, aber wir schämen uns auch unseres ehelosen Zustandes ebensowenig wie der Junggesell, und mit noch größerem Recht als er ziehen wir die Konsequenzen und schaffen als Pendant zu ihm den neuen sozialen Typus der Junggesellin. Wir wollen frei sein von jeder Geschlechtsfron, der aktiven sowohl, die das Weib zwingt, sich gegen ihre Neigung hinzugeben, wie der passiven des Verzichts auf Liebe.« Aus der Gründung dieses neuen Klubs folgte zunächst als praktisches Ergebnis, daß sich sechs der Mitglieder je zu zweien als wirtschaftliches Paar zusammenschlossen, und zwar mieteten sich Else Hauf und ihre Kusine eine Dreizimmerwohnung und schufen sich ein behagliches Heim; ein Dienstmädchen, das sie engagierten, besorgte die Wirtschaft. Ferner schlossen sich die ebenfalls alleinstehenden beiden Krankenschwestern zusammen, und das dritte Paar, das sich eine gemeinschaftliche Wohnung nahm, bildeten die Lehrerin und die ehemalige Telephonistin, die beide schon die Grenze der Dreißig und Vierzig überschritten hatten. Die beiden letzteren taten noch ein übriges, um ihrem natürlichen Muttergefühl zu genügen und sich ein vollständiges Familienheim, mit Ausschluß eines Ruhestörers von Mann, zu schaffen: sie nahmen ein dreijähriges kleines Mädchen an Kindes Statt an. Die Klubräume bestanden im Anfang nur aus zwei größeren Räumen, die abends um sieben Uhr zur Benutzung geöffnet wurden und in denen einige Zeitungen und Zeitschriften auslagen. Die Küche – es wurden kalte Speisen, Kaffee, Schokolade und andere Getränke verabfolgt – besorgte eine hierfür angestellte ältere Frau. Alle Mitglieder waren mit voller Seele bei der Sache, und sie hielten es für eine Ehrenpflicht, fleißig Propaganda für den Junggesellinnenklub zu machen. Kein Wunder, daß die gerade für eine Stadt wie Berlin so zeitgemäße, praktische Einrichtung in kurzer Zeit regen Zuspruch fand, und daß fast keine Woche verging, in der nicht einige Neuanmeldungen erfolgten. So war man bald in der Lage, sich zu erweitern und einen Musiksalon sowie ein Billardzimmer einzurichten. Am liebsten aber saß man im Konversationszimmer und plauderte bei einer Tasse Kaffee oder einem Glase Bier oder Wein oder einem der beliebten Cocktails und sonstigen Mischungen. Daß man dabei auch flott Zigaretten paffte, verstand sich von selbst. Eines Abends war man in kleinem Kreise im Konversationszimmer beisammen; nur ganz leise, kaum hörbar, drang von dem zweitnächsten Zimmer das Zusammenklappen der Billardbälle herein, mit denen zwei passionierte Billardspielerinnen – sie saßen den ganzen Tag an der Schreibmaschine und waren froh, sich am Abend ein bißchen Bewegung machen zu können – sich vergnügten. Der Zufall fügte es, daß die im Konversationszimmer angeregt Plaudernden nur aus den zehn Begründerinnen des Klubs bestanden. Die Älteste der Anwesenden, die ehemalige Lehrerin, hatte eben mit unverhohlenem Ingrimm von den Beschränkungen gesprochen, denen sie und ihre Kolleginnen, besonders an den öffentlichen Schulen, unterworfen gewesen wären. Noch heute verlange man von einer Lehrerin, daß sie nicht nur in der Schule, sondern auch im alltäglichen Leben diejenige Zurückhaltung und strenge Moral bekunde, die sie ihrer Stellung als Erzieherin der Jugend schuldig sei. Und als sie schließlich auf das der Lehrerin wie den katholischen Geistlichen auferlegte Zölibat zu sprechen kam, erkannte man an dem zornigen Klang ihrer Stimme und den lebhaft blitzenden Augen, daß persönliche Erfahrungen und Erinnerungen in ihr lebendig wurden. Als sie geschlossen hatte, nahm die Vorsitzende, Fräulein Dr. Hauf, der während der Ausführungen der anderen eine plötzliche Idee gekommen war, das Wort. »Darf ich mir einen Vorschlag erlauben, meine werten, lieben Klubgenossinnen? Ich glaube, es müßte für uns alle recht interessant und lehrreich sein, wenn wir hier unter uns ein kleines Dekameron veranstalteten.« »Ein Dekameron?« warf die eine der beiden jüngeren Krankenschwestern fragend ein. »Nun ja, Sie wissen doch, daß das Dekameron ein italienisches Novellenbuch des Boccaccio ist, das hundert Geschichten enthält, die sich zehn junge Leute an zehn Abenden erzählen, um ihre Furcht während der in Florenz grassierenden Pest zu betäuben.« »Aha, ich verstehe«, bemerkte die eine der beiden Berufskolleginnen der Vorsitzenden, »Sie meinen, daß jede von uns einiges aus ihrem Leben erzählen soll.« »Ganz recht. Und zwar dasjenige Erlebnis, das sie in weiterer Folge zur Junggesellin gemacht hat.« Bei dieser Erklärung Dr. Else Haufs schlugen einige der Anwesenden betreten die Augen nieder, einige andere konnten sich eines unwillkürlichen Errötens nicht enthalten. Der Vorsitzenden entging diese Wirkung ihres Vorschlages nicht. »Der Beweggrund meiner Idee«, sagte sie, »ist selbstverständlich nicht indiskrete Neugier, sondern ich bin der Ansicht, daß diese Mitteilungen, die wir zu hören bekommen werden, und von denen sich natürlich keine von uns ausschließen dürfte, recht belehrend für uns alle sein und unseren Gesichtskreis nicht unwesentlich erweitern möchten. Besonders den Jüngeren unter uns könnte Nützliches aus den Erlebnissen der Älteren erwachsen, und wir alle könnten Nutzen daraus ziehen für uns nahestehende junge Mädchen, die bisher von unseren Erfahrungen verschont geblieben sind. Und schließlich wissen wir ja alle, daß das, was wir erlebt haben und was den Grund zu unserer Lebensanschauung in uns gelegt hat, gerechterweise nicht uns anzurechnen ist, sondern den männlichen Sitten und Gewohnheiten, unter denen wir Frauen bis auf den heutigen Tag zu leiden haben.« Die Sprechende sah sich forschend im Kreise der Genossinnen um; sie hatten alle bereits wieder ihre Blicke erhoben, und aus den ernsten Mienen sprachen starkes Interesse und ernste Entschlossenheit. »Wenn Sie einverstanden sind«, fügte Else Hauf hinzu, »bin ich gern bereit, den Reigen zu beginnen.« Allgemeine freudige Zustimmung erfolgte. Unter sichtlicher Spannung der anderen begann die Vorsitzende: »Ich will nur von meinem ersten erotischen Erlebnis sprechen; es legte den Grund für meine spätere seelische Entwicklung, für meine Anschauungen und meine weitere Betätigung in Sachen Erotik. Ich kam mit zwanzig Jahren auf die Universität. Natürlich war ich wie wohl viele meiner Kolleginnen in diesem ersten Stadium ihrer Beschäftigung mit der ärztlichen Wissenschaft ganz erfüllt von Eifer und ganz durchdrungen von der Wichtigkeit meines Studiums und meiner Persönlichkeit als angehende ›Wohltäterin der Menschheit‹. Mit mitleidiger Geringschätzung und erhabener Verachtung sah ich auf meine Mitschwestern herab, die ihr Interesse ausschließlich dem Putz und Flirt widmeten. Das alles existierte für mich ja nicht mehr; ich hielt es mit meiner Würde als akademische Bürgerin und junge Wissenschaftlerin nicht vereinbar, an der Ausschmückung meines Körpers irgendwelches Wohlgefallen zu empfinden und ihm auch nur das geringste Interesse zu widmen. Freilich eine gewisse, ganz unbewußte Koketterie war doch in mir, indem ich nämlich meiner äußeren Erscheinung etwas ostentativ Geschmackloses, ein der Männerkleidung sich annäherndes Aussehen gab: ein schwarzer Männerhut, ein formloses Sackjackett und ein einfacher dunkler Rock, selbstverständlich ohne irgendwelche Falten oder Plissierung, war meine stereotype Kleidung. Meiner kindischen Backfischliebschaften mit Gymnasiasten gedachte ich nur noch mit ärgerlicher Beschämung. Da ich unter meinen weiblichen Kommilitonen doch nicht den richtigen wissenschaftlichen Ernst fand oder zu finden glaubte, d. h. die ausschließliche Beschäftigung mit dem Studium, die keine anderen Interessen aufkommen lassen durfte, zog ich mich von ihnen zurück. Die einen kultivierten noch immer ihr Äußeres, wohl um den Kommilitonen im Hörsaal zu gefallen, flirteten während der Vorlesungen, in den Pausen und auf dem Nachhausewege, als wenn sie noch Haustöchter wären, die kein höheres Ideal kannten als Liebe und Ehe. Ja, von einigen munkelte man – meine Wirtin, die gern klatschte, hatte es mir erzählt – , daß sie Liebschaften hätten und schamlos den Studenten nächtliche Besuche abstatteten. Ich war darob namenlos erbittert und schämte mich für diese Entarteten, Unwürdigen, die die heilige Sache der Frauenbewegung und des Frauenstudiums in den Schmutz zogen. Ach, ich wußte noch nicht, welche Gefahren gerade in dieser wissenschaftlichen Betätigung lagen, und wie listig und raffiniert lüsterne Männer den fanatischen Eifer und die eitle Wichtigtuerei ahnungsloser, unerfahrener, blindgläubiger Studentinnen für ihre Zwecke irrezuführen und auszubeuten verstanden.« Die Erzählende zündete ihre ausgegangene Zigarette wieder an, tat einen Schluck aus dem vor ihr stehenden Bierglase und fuhr unter der lautlosen Aufmerksamkeit ihrer Klubgenossinnen, deren Interesse sich an den letzten Worten der Vorsitzenden noch stärker anfachte, fort: »Eines Abends klopfte es an meiner Tür. Es war ein älterer Student, auch ein Mediziner, der auf demselben Flur wohnte, und der auf mein ›Herein‹ ins Zimmer trat. Ganz unbefangen, wie es sich einer Studiengenossin gegenüber ja geziemte, sagte er: ›Sie entschuldigen, Kommilitonin, wenn ich Sie bei Ihrer Arbeit störe. Aber ich bin in arger Verlegenheit. Meine Teemaschine ist kaputt, wie ich eben feststellte. Die Wirtin ist nicht zu Hause. Da dachte ich mir, vielleicht könnten Sie mir aushelfen. Nämlich, ich habe noch ein paar Stunden zu arbeiten, und ohne Pfeife und Tee‹ – er lächelte harmlos – ›geht das nun mal nicht‹. Ich erklärte mich gern bereit, ihm meinen Samowar zu leihen, auf den ich, nebenbei bemerkt, sehr stolz war, und den mir mein älterer Vetter, der ihn seinerzeit von einem russischen Kommilitonen zum Andenken erhalten, bei meinem Abgange zur Universität verehrt hatte. Dazu kam, daß mir mein Flurnachbar, ein ruhiger, wie es schien, sehr fleißiger Student, nicht unsympathisch war. Er grüßte immer höflich, wenn ich ihm im Flur oder auf der Treppe begegnete, aber weder mit dem ironischen, geringschätzigen Lächeln, wie es sich manche männlichen Kommilitonen uns Studentinnen gegenüber nicht verkneifen konnten, noch setzte er jene eroberungslustige, herausfordernde Miene auf, wie es bei den jungen Leuten jedem nicht gerade häßlichen Mädchen gegenüber üblich zu sein pflegte. Während ich die Teemaschine aus dem Schrank holte, blickte er in das auf dem Tisch liegende dickleibige Buch, bei dessen Studium ich durch seinen Eintritt unterbrochen worden war. Es war der Grundriß der Physik von Borchardt, zum Gebrauch für junge Mediziner bestimmt. Er kannte es natürlich auch und machte ein paar Bemerkungen darüber. Ein Gespräch zwischen uns entwickelte sich darüber, das für mich von größtem Interesse war. Mir schien, daß er ein sehr kluges, treffendes Urteil hatte, und ich bedauerte im stillen, daß er sich schon nach etwa zehn Minuten wieder empfahl. Am nächsten Nachmittag brachte er mir den Samowar zurück, und abermals entspann sich bei dieser Gelegenheit eine wissenschaftliche Unterhaltung zwischen uns. Mir imponierte das Wissen des älteren Kommilitonen, der schon im siebenten Semester stand, während ich erst deren eins hinter mir hatte, ungemein. Ich bot ihm einen Stuhl an, und er blieb wohl eine Stunde.« Die Vorsitzende stärkte sich wieder durch einen Schluck, zündete sich eine neue Zigarette an und nahm den Faden ihrer Erzählung wieder auf. »Ich will über diese Anfangsstadien unserer Bekanntschaft und des sich daraus entwickelnden großen Wendepunktes meines Lebens rasch hinweggehen. Kurz, es kam zu einem regelmäßigen Verkehr zwischen uns, und es wurde zur Gewohnheit, daß er allabendlich eine oder auch zwei Stunden bei mir verplauderte, während wir Tee tranken und er seine Pfeife dazu rauchte. Als er mir eines Tages den Vorschlag machte, mir einmal seine Bude anzusehen – er habe eine Anzahl von neueren medizinischen Werken, die mich gewiß interessieren würden – , fand ich durchaus nichts Besonderes oder gar Ungehöriges dabei. Auch wußte er meine Neugierde stark zu erwecken, indem er mir, wichtig die Augenbrauen emporziehend, mit verheißungsvollem Blick noch etwas ganz besonders Sehenswertes in Aussicht stellte: ›Präparate, Sie werden sich wundern, Kommilitonin, ich sage Ihnen, hochinteressant!‹ Noch ein Umstand kam hinzu, nämlich mein Besucher qualmte mir immer mit seiner Tabakspfeife meine Bude ganz entsetzlich voll, so daß ich nach seinem Besuch stets eine Stunde lüften mußte, ehe ich zu Bett gehen konnte. Überhaupt als Studentin und zukünftige Ärztin war ich ja über kleinliche Bedenken erhaben, und ich sah ja in meinem Flurnachbar nicht den jungen Mann, sondern lediglich den Kommilitonen. Die Beziehungen zu dem Kandidaten der Medizin waren für mich natürlich von großem Wert. Sein Wissen imponierte mir außerordentlich, und ich war ihm sehr dankbar und fühlte mich sehr geehrt, daß er mir einen Teil seiner kostbaren Zeit widmete. Er lieh mir Bücher, soviel ich deren haben wollte, und war immer bereit, mir Auskunft zu geben, wenn mir irgend etwas in den schweren wissenschaftlichen Werken nicht klar war. Das meiste Interesse aber flößten mir seine Präparate ein. Besonders war es eine Sammlung von Embryonen in den verschiedensten Stadien, an denen ich mich nicht satt sehen konnte. Es war ungemein reizvoll, die einzelnen in Spiritus gesetzten und vortrefflich erhaltenen Objekte zu vergleichen. Während sich in dem Fötus der vierten Woche noch wenig der zukünftige Mensch zeigte, konnte man bei einem solchen der achten Woche Kopf, Arme und Beine in der gekrümmten sitzenden Stellung schon deutlich unterscheiden. Eine lebhafte Bewegung in dem Kreise der Zuhörerinnen unterbrach die Erzählerin. »Ist es die Möglichkeit!« entfuhr es der ehemaligen Telephonistin. »Hochinteressant muß das gewesen sein!« rief die eine der Krankenschwestern lebhaft. »Wie groß war denn der Acht-Wochen-Embryo?« fragte die ehemalige Lehrerin wißbegierig. Die junge Ärztin deutete mit zwei Fingern eine Länge von etwa drei Zentimetern an. »Mein Gott, so klein!« bewunderte die zweite der Schwestern. Dr. Else Hauf nickte und belehrte: »Wunderbar war der Fortschritt von der achten zur zwölften Woche. Da war der Fötus schon doppelt so groß geworden.« Die frühere Telephonistin legte ihre Hand auf die der neben ihr sitzenden Klubgenossin, mit der sie in Wohnungsgemeinschaft lebte. »Da haben wir's bequemer«, meinte sie lächelnd, auf das Pflegekind anspielend, das sie gemeinsam an Kindes Statt angenommen hatten. »Unser Baby hat uns keine Beschwerden bereitet.« »Aber wie war der Kommilitone in den Besitz dieser wertvollen Objekte gekommen?« fragte die eine der anderen beiden Ärztinnen. »Ja, er war sehr stolz darauf«, fuhr Dr. Else Hauf fort. »Er erzählte mir, wie furchtbar schwer die Erlangung der wissenschaftlich so wertvollen Embryonen gewesen war. Er hatte sich mit seiner sogenannten weisen Frau in Verbindung gesetzt, deren Adresse er von einer ihrer Klientinnen erhalten hatte, die die geheime Hilfe dieser Menschenfreundinnen« – sie lächelte ironisch – »immer zahlreicher in Anspruch nehmen.« »Da wundert es mich«, unterbrach die dritte Ärztin, »daß die betreffende Klientin der weisen Frau, die beide doch immer in der Furcht vor der Entdeckung und vor Denunziation schweben mußten, sich und ihre Helferin Ihrem Studiengenossen verraten hatte.« Um die Lippen der Klubvorsitzenden zuckte ein leicht frivoles Lächeln. »Er ließ durchblicken, er selbst sei die Veranlassung gewesen, weshalb das betreffende junge Mädchen die Hilfe der im geheimen, natürlich gegen angemessene oder auch unangemessene Bezahlung wirkenden Wohltäterin so vieler Frauen und Mädchen, die sich vor der Mutterschaft fürchten, nachgesucht hatte.« Ein Raunen ging durch Zuhörerinnen. »Dann allerdings«, meinte die zweite Ärztin. »Aber machte das auf Sie, die damals Zwanzigjährige, nicht einen abstoßenden Eindruck?« Die Gefragte sann ein paar Sekunden vor sich hin. »Ich muß gestehen«, erwiderte sie, »daß diese verblümte Mitteilung meine Phantasie beschäftigte, und daß sie mich im ersten Augenblick peinlich berührte. Aber das war rasch überwunden. Das ging mich ja nichts an. Daß die jungen Leute nicht keusch lebten und am wenigsten die Studenten, war mir ja ebenso bekannt, wie daß es junge Mädchen gab, die sich den Männern nicht versagten. Mein Interesse war ganz von dem wissenschaftlichen Material, in dessen Besitz der Kommilitone war, gefangen, und seine Erläuterungen waren so hochinteressant für mich, daß ich ihm diese männliche Schwäche gern nachsah. Freilich oft, wenn ich allein war in meinem stillen Stübchen, dachte ich wohl darüber nach, und ich fragte mich, ob denn wirklich in jungen Männern und sogar auch in jungen Mädchen dieser geschlechtliche Trieb so stark war, daß sie ihm nicht widerstehen konnten. Ich konnte das gar nicht begreifen, denn ich hatte dergleichen nie empfunden. Für mich gab es nur mein Studium und meinen Ehrgeiz.« Ein ironisches Lächeln flog über die Züge der Erzählenden. »Freilich, ich will nicht verhehlen, daß ich den Kommilitonen seitdem manchmal mit verstohlenen Blicken betrachtete, die nicht gerade von wissenschaftlicher Neugierde ausgingen, und daß ich mich mit der stillen Frage beschäftigte, was an ihm wohl die Zuneigung und Hingabe des jungen Mädchens erweckt haben mochte. Ein Adonis war er jedenfalls nicht, wenn er auch nicht als häßlich bezeichnet werden konnte. Hübsch fand ich seine breite Stirn und seine klugen Augen. Was man galant nennt, war er nicht, wie ich schon bemerkte. Aber gerade das gefiel mir, daß er mit mir ganz ungeniert wie mit einem männlichen Studiengenossen verkehrte. Phrasen und gesellschaftliche Artigkeiten gab es zwischen uns nicht. Erst viel später ging mir die Erkenntnis auf, daß sich hinter dieser scheinbar persönlichen, ich will deutlicher sagen: geschlechtlichen Uninteressiertheit vielleicht doch von vornherein ein raffinierter Plan verbarg. Doch ich will nicht vorgreifen. Unter den Gläsern mit den Präparaten – es waren darunter eine menschliche Niere, das Herz eines Hundes und anderes – befand sich ein mit einem Tuch verhüllter Gegenstand, der meine Neugier so stark erregte, daß ich eines Tages meine instinktive Scheu überwand und fragte, was er denn in dem Glase verberge. Da sah er mich mit einem ironisch lächelnden Blick an; ›das will ich Ihnen lieber doch nicht zeigen, Kommilitonin, Sie sind noch ein zu junges Semester, als daß die weibliche Empfindlichkeit oder richtiger: Prüderie für Sie ein überwundener Standpunkt sein sollte. Ich glaube, daß Sie doch immer noch mehr junges Mädchen als Studentin und angehende Ärztin sind. In der Anatomie waren Sie doch auch noch nicht!‹ Natürlich war meine Neugier nur noch mehr angefacht, dazu fühlte ich mich als Studiengenossin und in meiner Würde als junge Wissenschaftlerin gekränkt. Ich drang nun erst recht in ihn, und er gab nach. ›Also, wenn Sie denn durchaus wollen, aber vergessen Sie nicht, daß ich es nur auf Ihren Wunsch tue.‹ Damit nahm er das Tuch herab und –« Die Erzählende machte eine Kunstpause. Alle sahen sie in gespannter Erwartung an. »Nun?« rief die zweite Ärztin. »So sagen Sie es doch!« fielen die beiden Krankenschwestern ein. »Ich kann es mir schon denken«, sagte die dritte Ärztin und markierte ruhigen, wissenschaftlichen Ernst, während die anderen ahnungsvoll sich teils verdutzt, verschämt, teils mit empörten Mienen ansahen. »Pfui!« rief die ehemalige Telephonistin schaudernd. Dr. Else Hauf nickte und amüsierte sich im stillen. »Ich sehe, Sie erraten, um was es sich handelte.« Die beiden Krankenschwestern kicherten. Für sie war das ja nichts Besonderes. »Und was sagten Sie nun?« fragte die andere der beiden Kolleginnen der Erzählenden. »Nichts! Ich brauchte meine ganze Willenskraft und Selbstbeherrschung, um die auf mich einstürmenden Empfindungen zu bemeistern. Ich fühlte, daß mein Gesicht die Farbe wechselte, daß ich am ganzen Körper erzitterte. Eine unbeschreibliche Aufregung war in mir. Am liebsten wäre ich ja davongelaufen. Er bemerkte meinen Zustand natürlich. ›Sehen Sie‹, sagte er, ›ich habe es ja gewußt. Das ist nichts für Sie. Ich hätte Ihnen doch lieber nicht nachgeben sollen. Nun sind Sie am Ende noch böse auf mich.‹ Nein, nein, stammelte ich mühsam. Ich hatte meine Blicke sofort wieder abgewendet, aber nun schämte ich mich dieser unwissenschaftlichen Regung, auch wurde meine Neugier wieder wach, obgleich es mich heiß und kalt durchschauerte.« »Natürlich verfolgte der Student mit alledem einen bestimmten Zweck«, bemerkte die eine der Kolleginnen der Erzählenden. »Freilich. Aber damals war ich noch weit entfernt, das zu vermuten, obgleich ja die Wirkung dieses Vorganges auf mein Seelenleben nicht ausblieb. Meine Phantasie beschäftigte sich viel mit dieser, mir so plötzlich, unerwartet zuteil gewordenen Bereicherung meiner Kenntnis des männlichen Körpers. Natürlich war ich voll Zorn gegen mich selbst und bemühte mich mit verzweifelter Anstrengung, diese Willensschwäche zu besiegen. Mit meiner Unbefangenheit war es selbstverständlich vorbei, und hätte ich nicht befürchtet, das, was in mir vorging, zu verraten und mich in seinen Augen verächtlich zu machen, so hätte ich meine Besuche am liebsten eingestellt. Aber auch er schien seine frühere Ruhe und Unberührtheit verloren zu haben, denn ich wurde wiederholt gewahr, daß seine Blicke zuweilen auf mir ruhten mit einem Ausdruck, der mich verlegen machte, und den ich früher nicht an ihm bemerkt hatte. Von Besuch zu Besuch steigerte sich seine Nervosität; er wurde zerstreut, und mitten in einer Erklärung, die er mir über irgendeine wissenschaftliche Frage gab, brach er zuweilen ab, während seine Blicke über meinen Körper glitten. Da eines Tages ließ der Kommilitone eine überraschende Erklärung hören: ›Also, liebes Fräulein‹ – es war zum ersten Male, daß er mich so anredete – ›es hilft nichts, daß wir es uns länger verheimlichen: wir befinden uns in einem ähnlichen Zustand, wie die ersten Menschen im Paradiese vor dem Sündenfall. Sie erinnern sich, daß es, ich glaube im dritten Kapitel Mosis, ungefähr heißt: da wurden ihre beiden Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie nackend waren. Wir haben uns bisher nur immer als Kommilitonen angesehen, und nun sind wir gewahr geworden, daß wir doch auch Mann und Weib sind. Sie sind nicht mehr dieselbe, wie in der ersten Zeit unseres kollegialen Verkehrs, und ich bin es auch nicht. Nein, nein, bestreiten Sie es nicht! Das ist Ihrer nicht würdig, und Sie haben sich deshalb nicht zu schämen. Wir als wissenschaftlich denkende Leute müssen den Mut und die Aufrichtigkeit haben, den wirklichen Dingen ins Gesicht zu sehen und uns damit in natürlicher Weise abzufinden.« Wieder entstand eine sichtbare Bewegung unter den Klubgenossinnen um den großen Tisch. »Solch ein Halunke«, rief die Lehrerin entrüstet. Die Schauspielerin lachte laut, und die beiden Krankenschwestern kicherten. Lisbeth Glümers Interesse war aufs höchste gespannt. Die ersten heißen Kämpfe, mit denen sie in ihrem Verkehr mit Kurt Vollbrecht gerungen, wurden in ihr lebendig. So ähnlich hatte er damals auch zu ihr gesprochen, als er sie seinen Gelüsten gefügig machen wollte. »Bitte weiter!« nahm eine der beiden Ärztinnen das Wort. »Das scheint ja höchst interessant zu werden. Eine Verführung auf wissenschaftlichem Wege.« Else Hauf nickte. »Ja, so kann man es nennen. ›Ich irre wohl nicht, liebes Fräulein‹, fuhr der Kommilitone fort, ›wenn ich annehme, daß Sie ebenso schlechte Nächte haben wie ich und ebenso mangelhaften Appetit, und daß die Arbeit nicht ordentlich vonstatten geht, sondern von der Unruhe im Blut beeinträchtigt und zeitweise unmöglich gemacht wird. Die Natur meldet sich in Ihnen und – mir. Es ist eben eine körperliche Funktion, die ausgeübt werden will. Wenn Sie nicht essen oder verfälschte, unbekömmliche Nahrung zu sich nehmen, stockt die Verdauung, und Sie fühlen sich elend und werden schließlich krank. Man hat nur die Wahl: entweder man zieht sich von allen Menschen zurück, kasteit sich, leidet darunter, ist nur halber Mensch oder – man tut eben, was die Natur verlangt, und lebt als normaler Mensch.‹ Dabei rückte er an mich, die in grenzenlosem Staunen zuhörte und nicht wußte, wie mir geschah, näher heran und legte seine Arme um meine Taille. Ich aber sprang empört auf und sah ihn mit entrüsteten Blicken an. ›Verzeihen Sie!‹ sagte er, ohne im geringsten verlegen zu werden. ›Es war nicht meine Absicht, Ihre Empfindlichkeit zu verletzen oder gar Zwang Ihnen gegenüber anzuwenden. Davon bin ich selbstverständlich weit entfernt. Es riß mich hin, gegen meine Absicht, gegen meinen Willen. Sie verstehen das noch nicht; die Natur ist stark in uns und läßt sich nicht spotten. Aber Sie können ganz ruhig sein; es ist jetzt vorüber. Nicht mit Überredung, noch weniger mit Gewalt, nur mit wissenschaftlichen Gründen ziemt es sich für unsereinen zu kämpfen. Sehen Sie hier!‹ Er deutete auf den Tisch, auf dem ich eine Anzahl Bücher aufgeschlagen liegen sah. ›Ich habe mich für die heutige Unterredung mit Ihnen präpariert.‹ Er trat an den Tisch. ›Kant, unser aller Meister, schrieb: Womit füllt er nun – der junge Mensch – diese lange Zeit (zwischen Geschlechtsreife nämlich und Ehe), diese Zwischenzeit aus, welche notgedrungen unnatürliche Enthaltsamkeit bedeutet? Kaum anders als mit Lastern. Hören Sie wohl, liebes Fräulein‹, fügte der Lesende diesem Zitat hinzu: ›mit Lastern. Dahin kommen doch schließlich alle, welche ein geschlechtlich unvollkommenes Leben führen. Meinen Sie, liebe Kommilitonin, daß es besser ist, sich unnatürlichen Lastern, die uns körperlich und geistig elend machen, zu ergeben, als die natürliche Befriedigung zu suchen? Eduard von Hartmann war derselben Ansicht, und er betont, daß es eine Ausnahme sei, wenn der junge Mensch nicht dem Laster verfiele, und dieser Fall trete nur dann ein, wenn er‹ – der Student blickte in eines der aufgeschlagenen Bücher – ›wenn er mit allen Anstrengungen der Vernunft durch einen dauernden Kampf die Qualen zu überwinden vermag, welche die erwachte Sinnlichkeit erzeugt.‹ – Mein erster Impuls war eigentlich gewesen, davonzulaufen, aber nun stand ich wie gebannt. Das war mir alles so neu und ungeahnt. Noch nie hatte ich mit irgend jemand über diese Dinge gesprochen und auch noch nichts darüber gelesen oder auch nur je in meinen Gedanken mich damit beschäftigt. Mein Interesse war aufs höchste erregt, und so stand ich, unfähig, mich den weiteren wissenschaftlichen Aufklärungen zu entziehen. Mein Blick richtete sich nach den meistens dickleibigen Werken, von denen etwa ein halbes Dutzend aufgeschlagen vor dem Kommilitonen lag. Gar zu gern hätte ich ihm über die Schulter geblickt, aber ich wagte es nicht. Wahrscheinlich erriet er mein Verlangen, denn er sagte zu mir: ›Ich will Ihnen die Bücher gern leihen, die für Sie als zukünftige Ärztin von großem Wert sind. Sie müssen sich ja doch einmal mit diesem für Leben und Gesundheit des Menschen so sehr wichtigen Gegenstand gründlich befassen. Man sollte es nicht glauben, aber man findet Unkenntnis und ganz irrige Anschauungen. Eine Stelle möchte ich Ihnen noch vorlesen. Es ist ein ehemaliger katholischer Geistlicher, ein bekannter geistvoller Schriftsteller Karl Jentsch, der u. a. schreibt: An und für sich haben die Sexualfunktionen mit der Moralität so wenig zu schaffen wie die Funktionen des Ernährungsprozesses. Daraus folgt, daß weder eine solche Funktion, noch das damit verbundene Vergnügen und die Vorstellung desselben Sünde sein kann. Es verhält sich damit ganz ebenso wie mit Essen und Trinken. Beides ist keine Sünde, sondern vielmehr Pflicht, und ebensowenig ist das Lustgefühl Sünde. Mäßige Befriedigung desselben ist nicht bloß unschädlich, sondern, was sich bei jedem von der Natur geforderten Akte von selbst versteht, eine Bedingung der Gesundheit.‹ So schloß er, ›so äußert sich ein ehemaliger katholischer Pfarrer, der das aus eigener Erfahrung ja wissen muß. Lassen wir es genug sein, liebe Kommilitonin. Ich sehe, Sie sind überrascht, verwirrt.‹ Er ergriff drei der Bücher. ›Hier, nehmen Sie diese Werke mit! Das eine, es rührt von einem ausländischen Gelehrten her, der zugleich als Arzt langjährige praktische Erfahrungen hinter sich hat, kann ich Ihnen besonders empfehlen. Allein mit sich, nach eingehendem Studium, werden Sie mit sich ins klare kommen.‹ Ich nahm die Bücher und ging wie betäubt. Noch an demselben Abend vertiefte ich mich in das mir besonders angepriesene Werk. Es packte und fesselte mich, daß ich bis weit in die Nacht hinein las. Es wirkte wie eine Offenbarung auf mich, mit großer Überzeugungskraft. Der Autor belegte alles, was er ausführte – und das war immer ganz im Sinne der von dem ehemaligen katholischen Geistlichen geäußerten Ansichten – mit eindrucksvollen Beispielen aus seiner ärztlichen Praxis. Eine große Anzahl nicht nur von Männern, auch von Frauen und Mädchen, die seinen ärztlichen Rat nachgesucht, hatten schwer unter der ihnen durch Erziehung und durch die Verhältnisse aufgezwungenen Enthaltsamkeit gelitten. In mir richtete das Buch eine förmliche Revolution an. Es war eine furchtbare Zeit. Wie ein Fieber war es beständig in mir. Er hat recht, sagte ich mir, das, was man dich gelehrt hat, war Irrlehre, und doch war ein Gefühl in mir, das sich gegen diese freien Anschauungen sträubte. In diesem inneren Zwiespalt war es mir natürlich unmöglich, meinem Flurnachbarn unter die Augen zu treten. Wenn ich zu ihm ging, mußte er es nicht so auffassen, als ob ich bereit sei, auf seine Zumutungen einzugehen, die er mir indirekt gemacht hatte? Halbe Nächte lag ich schlaflos, eine Beute der mir listig, mit kühler Berechnung geweckten und bis zum äußersten geschürten Gefühlte, die mich mit heißem Glühen erfüllten und vor denen es meine Jungfräulichkeit doch schauderte. So verstrichen acht Tage. Da pochte es an einem Abend an meine Tür. Ich sprang ahnungsvoll, erschreckt auf. Er war es. Ganz unbefangen, wie es seine Art war, trat er mir gegenüber. ›Aber liebe Kommilitonin, warum verstecken Sie sich denn so vor mir? Sie haben doch nicht etwa Furcht vor mir? Ich werde selbstverständlich nie etwas von Ihnen verlangen, wozu Sie sich nicht aus eigenem Empfinden und Verlangen gedrängt fühlen. Mir zu Gefallen brauchen Sie sich zu nichts zu zwingen. Fällt mir natürlich nicht ein, das zu begehren. Ist auch nicht nötig in meinem Interesse; es gibt ja Mädchen und Frauen genug, die freier als Sie in dieser Beziehung denken, und die aus Überzeugung ihres Rechtes ihren natürlichen Trieben folgen, anstatt sie gewaltsam zu unterdrücken. Aber ich schätze Sie doch in erster Linie als die geistig regsame Kommilitonin, und wenn wir uns auch weiter nichts sein können, wir können doch wie bisher unsere Gedanken austauschen, und es wird mir immer Freude und Genugtuung gewähren, Sie in Ihrem geistigen Streben fördern zu helfen.‹« »Und Sie schlugen dem Kerl nicht ins Gesicht, Sie warfen ihn nicht hinaus?« unterbrach die alte Lehrerin temperamentvoll. »Dazu war es wohl schon zu spät«, warf die eine der Ärztinnen ein. Fräulein Dr. Hauf bejahte. »Freilich. Ich war bereits innerlich zu aufgewühlt, zu sehr in seinem Bann, zu tief verstrickt in die Anschauungen und Meinungen, die in den mir geliehenen Büchern mit wissenschaftlichen und Erfahrungsgründen gelehrt wurden. Raffiniert berechnet war auch seine Bemerkung, daß er ja genug andere finden würde, die ihm zu willen sein möchten. Damit stachelte er mich aufs äußerste. Ein Gefühl brennender Eifersucht vereinigte sich mit dem Gedanken, daß ich, wenn ich seinem Verlangen nachgab, doch nur tun würde, was andere taten, die freier, natürlicher, zeitgemäßer dachten. Und ich wollte doch nicht kleinlich, nicht geistig beschränkt, nicht rückständig sein. Kurz, die Gedanken und Empfindungen stürmten und drängten sich in mir, daß ich nicht mehr klar zu urteilen wußte. Er war der Stärkere von uns beiden, und fast willenlos folgte ich ihm in sein Zimmer. Nach kurzem Kampf siegte er. Ich wurde seine Geliebte. Reue und Gewissensregungen, die sich noch manchmal bei mir einstellten, beschwichtigte er mit seinen Versprechungen. In ein paar Jahren würde er selbständig sein und ich mein Staatsexamen gemacht haben, und dann würden wir, als Mann und Frau, gemeinsam praktizieren. Ein herrliches, der Wissenschaft und der Liebe gewidmetes Leben würde es sein.« »Natürlich hat der Schuft sein Wort nicht gehalten?« fragte eine der Zuhörerinnen. »Nein, als er sein Examen gemacht hatte, übersiedelte er nach Berlin. Ich habe nie wieder von ihm gehört.« Die Erzählung der jungen Ärztin hatte starken Eindruck auf die Klubgenossinnen gemacht. Sie hatten ja alle ihre Erfahrungen im Liebesleben hinter sich und hatten mancherlei Erotisches gesehen und gehört, aber ein Schicksal wie das der Klubvorsitzenden, die mit Hilfe der Wissenschaft von einem skrupellosen Manne betört und verführt worden, war ihnen allen etwas ganz Neues. Noch lange blieben sie beisammen, in eifriger Unterhaltung über diesen ersten, eigenartigen Beitrag zum neuen Dekameron. * Beim nächsten Beisammensein der zehn Begründerinnen des Junggesellinnenklubs erklärte sich die ehemalige Lehrerin bereit, über ihr großes Liebeserlebnis, das entscheidend für ihre Stellung zur Liebe und Ehe überhaupt gewesen war, zu berichten. »Ich bin«, so erzählte die Fünfundvierzigjährige, »mit zwanzig Jahren Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule Berlins geworden. Damals lernte ich einen jungen Lehrer kennen, der etwa vier Jahre älter war als ich. Voll von Idealen, stolz auf seinen Beruf, steuerte er mit vollen Segeln in den Ozean des Lebens hinaus. Daß es mit dem bekannten Wort von der Liebe auf den ersten Blick etwas auf sich hat, davon konnte ich mich jetzt überzeugen. Denn Emanuel – ich will ihn nur mit seinem Vornamen nennen – imponierte mir gleich bei der ersten Begegnung, und bald erkannte ich, wie tief mir sein Bild im Herzen saß, so tief, daß ich heute trotz alledem noch mit Rührung und schmerzlicher Innigkeit an ihn denke.« Die Erzählende räusperte sich in stiller Ergriffenheit, während ein warmer Schein ihre schon etwas trockenen Züge belebte. »Ach, wie schön, wie unvergeßlich herrlich war sie, die Zeit der jungen Liebe!« fuhr sie lebhaft fort. »Er besuchte uns häufig – ich lebte damals mit meinem Mütterchen zusammen – , und es waren unvergeßlich genußvolle Stunden. Wie gebannt hing ich an seinem Munde, wenn er von seinem Verkehr mit den Schülern, die alle für ihn schwärmten, und von seiner hohen Auffassung des Lehrerberufes erzählte, oder wenn er von unserer klassischen Literatur, deren Studium er einen großen Teil seiner freien Zeit widmete, sprach. Unsere Herzen fanden sich rasch. Von einer Heirat konnte vorläufig keine Rede sein; wir waren beide arm. Ich hatte mit einem kärglichen Gehalt und mit dem, was ich durch Privatunterricht dazu verdiente, auch meine Mutter zu ernähren. Er ermöglichte durch Unterstützungen, die er regelmäßig seinen Eltern sandte, einem sehr begabten jüngeren Bruder den Besuch des Gymnasiums. Wir waren beide jung, leidenschaftlich. Nach Jahr und Tag unserer Bekanntschaft und Liebe kam es, wie es kommen mußte: ich besuchte ihn häufig, und wir gehörten uns ganz an. Natürlich war es unter diesen Umständen unser heißes Sehnen, unseren Liebesbund auch öffentlich zur Anerkennung zu bringen, und wir verwünschten die rigorose Bestimmung, wonach eine Lehrerin, die sich verheiratete, ihrer Stellung verlustig ging. Wie glücklich hätten wir sein können, wären es vielleicht heute noch! So lag die Heimlichkeit, die ich ja selbst meinem Mütterchen gegenüber beobachten mußte, wie ein Schatten auf unserem Glück. Wie oft habe ich nicht in stillen Nächten geweint, wie bitter hat sich nicht mein Herz empört bei dem Gedanken, daß ich das, worauf ich doch so stolz war: den Besitz der Liebe des von mir so heiß geliebten, so schwärmerisch bewunderten Mannes vor aller Welt wie ein Verbrechen, wie eine Schuld verstecken mußte. Ich wußte ja, daß mich meine Vorgesetzten, meine Kolleginnen verachten und mitleidlos aus ihrer Mitte stoßen würden, erfuhren sie von meinen Beziehungen zu dem Geliebten. Wie bitter das war, wie furchtbar bitter! Erwähnen will ich, daß ich, Phantastin wie ich war, ständig ein Viertellos der Staatslotterie spielte in der Hoffnung, damit die Mittel zur Ehe mit Emanuel zu gewinnen. Vergebens! Die Jahre vergingen. Mein Mütterchen starb; Emanuel aber mußte noch immer einen nicht unerheblichen Teil seines Gehalts für seinen Bruder, der die Universität bezogen hatte, hergeben. Er selbst arbeitete fleißig, um das Rektoratsexamen zu machen. Zwölf Jahre, zwölf lange Jahre waren vergangen; endlich standen wir vor der Pforte des Glücks: Emanuel war zum Rektoratsexamen zugelassen. Da kam das Verhängnis und schlug uns die Tür vor der Nase zu. Es ist wohl erklärlich, daß wir im Laufe der Zeit etwas unvorsichtig geworden waren. Kurz, wir wurden denunziert; unsere süßen, intimen Heimlichkeiten wurden vor die Disziplinarbehörde gebracht, und ich wurde mit Schimpf und Schande davongejagt. Emanuel wurde als unwürdig für das Rektorat erklärt und mußte sich an einer Privatschule ein dürftiges Unterkommen suchen. Zum Glück hatte ich ja eine kleine Summe für meine Aussteuer zurückgelegt. Sonst hätte ich verhungern können. Ich machte nun einen Kursus in der Handelsschule durch, um mir als Kontoristin meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das Schlimmste aber war, daß Emanuel in seiner gänzlichen seelischen Niedergebrochenheit sich gegen mich verbitterte, mir heftige Vorwürfe machte, so daß es zu einem Bruche zwischen uns kam. Ein Jahr später verheiratete er sich mit der Tochter eines wohlhabenden Schlächtermeisters, und ich –« Die Erzählende zögerte ein paar Sekunden. Alle horchten auf; die meisten ahnten wohl, was kommen würde. Die Zaudernde hatte ihre Befangenheit bekämpft; sie reckte ihr Haupt und sah sich mit scharfen, herausfordernden Blicken um, als wollte sie von vornherein jede Mißachtung zum Schweigen bringen. »Ich fühlte mich noch zu jung und lebensfrisch, um dieser Erfahrung wegen meinen Ansprüchen an Freude und Genuß für immer zu entsagen. Ich suchte in einem neuen Liebesglück Vergessen und Trost. Wer will mich deshalb tadeln?« »Niemand!« erwiderte die Klubvorsitzende, und ringsum folgte zustimmendes Gemurmel. »Und nun der Schluß!« nahm die ehemalige Lehrerin noch einmal das Wort. »Die Ironie des Schicksals fügte es, daß ich schließlich doch noch den so lange vergeblich ersehnten großen Lotteriegewinn machte. Er ermöglichte es mir, meine kurze Laufbahn als Kontoristin, die mir gar nicht zusagte, zu beenden und mir für meine alten Tage neue Liebe und neues Glück zu suchen. Hoffentlich wird mein kleines Adoptivtöchterchen meine Hoffnungen nicht täuschen.« – Noch an demselben Abend legte eine andere Klubgenossin ihr Bekenntnis ab. Diesmal war es ein jüngeres Mitglied, die eine der beiden Krankenschwestern, die recht Peinliches aus ihrem Liebesleben zu berichten hatte. Einer ihrer Pflegebefohlenen hatte sie schon zu Anfang des zweiten Jahres ihrer Laufbahn als »Schwester« zu Fall gebracht. Sie schilderte sichtlich erregt unter den Erinnerungen, die ja bei ihr noch ziemlich frisch waren, wie aufstachelnd ihr Beruf auf ein mit lebhafter Phantasie begabtes und etwas sinnlich veranlagtes junges Mädchen wirkte. Der Eifer und ihre natürliche Lebhaftigkeit kämpften bei dem Bericht fast ununterbrochen mit der Befangenheit und Verschämtheit, in die die delikaten, offenherzigen Mitteilungen sie versenkten. »Es war ein fortwährendes Ringen zwischen Mitleid, Schaudern und sinnigen Regungen, die die Hilfeleistungen, zu denen man den hilflosen Kranken gegenüber verpflichtet war, und der Anblick der sich im Fieber Entblößenden in mir hervorriefen. Dazu die wilde Gier der Rekonvaleszenten, ihre begehrlichen Blicke, ihre frivolen Reden, ja, ihre Handgreiflichkeiten. Einer von ihnen – ich war damals Privatkrankenpflegerin – tat mir Gewalt an.« Die Sprechende beugte ihr Gesicht ein wenig und verbesserte beschämt und ehrlich zugleich: »Zur Hälfte freilich nur, denn in mir lag ja die Begierde schon lange wach und drängte mich ihm entgegen. Ich war ja nun, wie man sagt, eine der ›Geweckten‹, und meine Berufsausübung setzte meine Sinne immer von neuem in Aufruhr, bis mich ein gewissenloser Mensch, der so verliebt, so leidenschaftlich, mit so bestrickenden, verführerischen Beteuerungen um meine Liebe warb, daß ich ihn erhörte, und dann – dann –« Die Erzählende kam ins Stocken und Stottern und fand offenbar nicht den rechten Ausdruck, um den Bericht von ihrem letzten Liebeserlebnis zum Abschluß zu bringen. Sie atmete schwer und wurde rot und blaß, während ihre Augen rastlos, in peinlichster Verlegenheit flirrten. Alle blickten erstaunt, neugierig, ahnungslos. »Er machte dich krank, der Schurke«, ergänzte die neben ihr sitzende Kollegin, »und seitdem –« »Seitdem«, fiel die andere ein, während ihre Augen in Abscheu, Haß und zorniger Empörung flammten, »und wenn ich auch inzwischen völlig wiederhergestellt bin, seitdem können mir alle Männer gestohlen bleiben, seitdem ekelt mich vor den Männern.« Sie griff nach der Hand ihrer Berufs- und Wohnungskameradin, drückte sie herzlich, und beide tauschten einen Blick innigen Einverständnisses aus. »Hh, hm!« machte die Vorsitzende leise, beobachtend, verständnisvoll nach den Schwestern schauend, die einander verliebt anlächelten. – Die Fortsetzung des Dekamerons an einem der nächsten Abende brachte zwei weitere Erzählungen. Zunächst war es die Besitzerin des Schreibwarengeschäftes, die Wirtschaftsgenossin der ehemaligen Lehrerin, die von ihren Liebeserfahrungen berichtete. Das Erlebnis, das den plötzlichen, sehr unsanften Abschluß ihres ersten Liebesverhältnisses brachte, hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schicksal der Lehrerin, nur daß das, was über die ehemalige Telephonistin hereinbrach, sich ungleich dramatischer und drastischer abspielte. »Es ist bekanntlich eine alte Erfahrung«, erzählte die Schreibwarenhändlerin, »daß Schülerinnen für ihren Lehrer schwärmen und Angestellte oft für ihre Vorgesetzten. So war es auch in meinem Fall. Wir Telephonistinnen waren zum großen Teil in den Postsekretär, der in unserem Saale die Aufsicht führte, verliebt. Es war ein Mann Mitte der Dreißig, der etwas Bestimmtes, Autoritatives in seinem Wesen hatte, das uns imponierte. Dabei war er in seinem äußeren Verhalten sehr höflich und entgegenkommend. Ich hatte den Eindruck, daß er mich bevorzugte, und fühlte mich natürlich sehr geschmeichelt. Es ist vierzehn Jahre her; ich war damals noch so jung und so dumm. Tatsache war, daß er mir verliebte, werbende Blicke zuwarf und mir gelegentlich durch einen verstohlenen Händedruck seine Sympathie bewies. Ich will es kurz machen: es kam zwischen uns bald zu einer leidenschaftlichen Liebe. Schon nach drei Monaten unseres heimlichen Verkehrs aber wurde ich so unsanft aus meinem süßen Liebestraum aufgerüttelt, daß ich lange Zeit brauchte, bis ich mich davon erholt hatte. Eines Tages gerieten plötzlich nach kurzem, heftigem Wortwechsel zwei der Kolleginnen im Saale in ein Handgemenge. Die Kämme und falschen Zöpfe flogen nur so, die spitzen Fingernägel der wütenden Kämpferinnen hinterließen blutende Spuren auf den beiderseitigen Wangen. Es kostete Mühe, die Erbitterten auseinanderzubringen. Die Untersuchung stellte fest, daß Eifersucht die Ursache des Kampfes gewesen. Es gab einen großen Skandal, in den auch ich verwickelt wurde und der mich gründlich kurierte von meinem blinden Vertrauen auf ehrliche Männerliebe. Unser Aufsichtsbeamter, der Postsekretär, hatte in den drei Jahren seiner Amtsführung in unserem Saale mit nicht weniger als zweiundzwanzig Telephonistinnen Liebesverhältnisse gehabt, von denen ein halbes Dutzend nicht ohne Folgen geblieben war. Wir wurden natürlich sämtlich entlassen. Das war mein erster Liebesroman; ich will ehrlich hinzufügen: ich war schwach oder Weib genug, noch manch anderen Mann zu lieben, vertraut habe ich keinem mehr.« Die Erzählung der ehemaligen Telephonistin erregte viel Interesse. »Das war ja die reine Paschawirtschaft!« meinte eine der Zuhörenden. »Ob es auf allen Ämtern so zugeht?« »Es war vor vierzehn Jahren«, gab die Klubvorsitzende zu bedenken, »heute werden sich die weiblichen Staatsangestellten nicht mehr aus lauter Respekt zu Lustsklavinnen der Vorgesetzten erniedrigen.« »Beim Theater ist es heute noch ebenso wie damals«, warf die Schauspielerin ein, »wer nicht Protektion hat oder sonst durch einen Glückszufall sein Talent durchzusetzen Gelegenheit hat, muß dem Herrn Direktor oder dem Herrn Oberregisseur gefällig sein, um eine Anstellung oder um eine gute Rolle zu erwischen.« Dr. Else Hauf fragte, welche von den Klubgenossinnen zunächst den Reigen fortsetzen wollte. Da meldete sich die zweite Krankenschwester. »Ich glaube, daß mein Bericht etwas Abwechslung in unsere Bekenntnisse zu bringen geeignet ist, und ich darf wohl annehmen, daß es keinem der werten Klubmitglieder so übel ergangen ist wie mir. Es war nach Beendigung meiner Ausbildung und Ablegung meiner Prüfung. Meine erste Anstellung hatte ich in einem Sanatorium für Nervenkranke. Es waren überwiegend Damen in der Anstalt. Am beliebtesten bei dem weiblichen Teile der Kranken war der Oberarzt. Es lag etwas Überredendes in seiner Art, daß sich keine der oft so sehr schwer zu behandelnden Patientinnen unserer Nervenheilanstalt seinen Anordnungen widersetzte, vielmehr unterwarfen sie sich alle blindlings den Vorschriften, die der Arzt mit den zwingenden Blicken ihnen gab. Ich litt damals viel an Kopfschmerzen, wohl infolge der Überanstrengung und der noch nicht gewohnten starken Gemütserschütterungen an aufregenden Krankenlagern. ›Ich muß einmal eine Kur mit Ihnen vornehmen, Schwester‹, sagte der Oberarzt zu mir. ›Mit Hypnose werde ich Sie behandeln.‹ Dumm und unerfahren, wie ich noch war, und natürlich verliebt in den von allen seinen Patientinnen angeschwärmten Arzt, freute ich mich auf die Kur. Hätte ich gewußt, was mir bevorstand, ich wäre entsetzt geflohen!« »Arme!« sagte die neben ihr sitzende Berufskollegin, die die Geschichte ihrer Freundin natürlich schon kannte, und strich der Erzählenden teilnahmsvoll die Wange. »Ich ging also zu ihm in sein Sprechzimmer. Er strich mir mit seinen wohlgepflegten schönen Händen die Stirn und blickte mich mit gebieterischen Blicken an, bis ich in Schlaf verfiel. ›Ich kann in deine Seele blicken‹, sprach er zu mir, ›nichts ist mir verborgen, was in dir vorgeht. Ich weiß auch, daß du mich liebst. Nicht wahr, du liebst mich? Sprich! Ich befehle es dir.‹ ›Ja!‹ hauchte ich verschämt. ›Ich wußte es‹, fuhr er fort. ›Und ich weiß auch, daß du dich nach einem Kuß von mir sehnst. Ist es so? Du brauchst dich nicht zu schämen, es mir zu gestehen. Ich sagte dir schon, ich lese in deiner Seele wie in einem aufgeschlagenen Buche. Also komm!‹ Ich beugte mich ihm entgegen, ich rundete meine Lippen. Er küßte mich. ›Schlinge die Arme um meinen Hals.‹ Ich tat es. ›Und nun küsse mich mit aller Leidenschaft; ich weiß, daß du, wenn du auch den Eindruck eines schüchternen Mädchens machst, deiner wahren Natur nach ein heißes, leidenschaftliches Temperament hast. Küsse mich!‹ Ich küßte ihn, meine ganze Seele lag in meinen Küssen. ›Komm!‹ befahl er, faßte mich an der Hand und führte mich zu einem Liegesessel. ›Jetzt wirst du mich glücklich machen, ganz glücklich! Sträube dich nicht! Es ist ja doch nur Heuchelei! Ich weiß ja, daß alle deine Gedanken, alle deine Empfindungen, alle Fibern in dir nach meiner Umarmung schreien. Ist es nicht so?‹ Ich nickte, und willenlos streckte ich mich auf die Chaiselongue. Ich war ja überzeugt, daß sich keine seiner Patientinnen ihm geweigert hätte.« »Empörend!« rief die älteste Klubgenossin. »Ach, ich war weit entfernt von einem solchen Gefühl!« fuhr die Erzählende fort. »Ich liebte ihn schrankenlos. Er war mein Herr und Gebieter. Keinen eigenen Willen hatte ich ihm gegenüber mehr. Und als er mich eines Tages fragte, ob ich bereit sei, ihm einen Beweis meiner Liebe zu geben, erklärte ich freudig, alles zu tun, was er wünschen würde. Er befahl mir, mich zu entkleiden. ›Ich will sehen‹, sagte er, ›ob deine Liebe so weit reicht, daß du ihretwegen Schmerzen zu ertragen imstande bist. Erst dann werde ich die Überzeugung haben, daß es keine leere Phrase, daß es keine kindische Schwärmerei ist, die bei der ersten Prüfung verfliegt wie Spreu vor dem Winde, sondern daß du Weib geworden, mit aller Kraft des Weibes, das für den Geliebten in den Tod zu gehen bereit ist. Willst du?‹ ›Ja, ja‹, rief ich fanatisch und riß mir das Kleid vom Leibe. ›Drehe dich um!‹ befahl er, als ich mich auf sein Geheiß auf den Liegestuhl gelegt hatte. Ich war so stark in seinem Bann, daß ich blindlings gehorchte und keine Furcht hatte. Er nahm ein Rutenbündel und peitschte mich.« Ein wahrer Aufstand brach unter den Klubmitgliedern los, die in atemloser Spannung, in steigender Erregung zugehört hatten. »Unerhört! Entsetzlich!« »Wie konnten Sie sich das nur gefallen lassen?« Am entrüstetsten waren die drei Ärztinnen. »Ein schmachvoller Mißbrauch seiner Autorität als Arzt und Vorgesetzter!« rief die eine. »Sie hätten es sofort dem Leiter des Sanatoriums mitteilen sollen!« meinte die zweite. »Der Mensch hätte ins Gefängnis gesteckt werden müssen wie ein gemeiner Verbrecher!« schalt die dritte. »Ach, ich war weit entfernt davon, einen solchen Wunsch zu hegen!« bekannte die Krankenschwester. »Aber empfanden Sie denn nicht die Schmach, die er Ihnen antat?« fragte die ehemalige Lehrerin. »Nein, damals noch nicht!« erwiderte die Gefragte, während ihre Kollegin sie liebevoll mit einem Arm umschlang. »Ich glaubte ihm ja aufs Wort, daß das nur eine Art Liebesprobe sein sollte, um so mehr, als er mich hinterher mit großem Mitgefühl behandelte. Er rieb mir den ganzen Rücken und die Beine, die auch einige Striemen aufwiesen, mit lindernder Salbe ein und tröstete mich aufs zärtlichste. Erst allmählich, als er immer grausamere Martern ersann und immer schimpflichere Anforderungen an mich stellte, die nichts Menschliches mehr hatten, wurde ich stutzig, und dann las ich eines Tages in einer Zeitung von einer Gerichtsverhandlung gegen einen Sadisten, der sich gegen einen Knaben vergangen hatte, und da erst wurde mir klar, daß auch mein Oberarzt zu dieser unheimlichen Sorte von Menschen gehörte.« »Nun waren Sie endlich kuriert von Ihrer Liebe?« warf eine der Klubgenossinnen ein. »Zunächst noch nicht ganz. Zu leidenschaftlich hatte ich ihn geliebt, zu hoch ihn verehrt. Ich empfand mehr Bedauern als Empörung.« »Und Sie zeigten ihn auch jetzt noch nicht an?« fragte die Klubvorsitzende. »Nein. Dazu schämte ich mich viel zu sehr. Ich begnügte mich, meine Entlassung zu nehmen. Heute freilich fluche ich ihm, denn seitdem fürchte ich mich vor den Männern. Und –« der Glanz süßester Erinnerungen breitete sich über ihr Gesicht – »es war doch so schön, so wunderschön war die erste Zeit unserer Liebe!« Mit einem Ruck löste die Kollegin ihre Arme von der Sprechenden, während sie schmollend, zürnend ihre Lippen aufwarf. * Im Sommer suchten die beiden Paare gemeinsam ein kleines, erst neu eingerichtetes Ostseebad auf, in dem sie so ziemlich sicher vor der Begegnung mit Berliner Bekannten sein konnten. Hier logierten sie sich als zwei Ehepaare ein. Else Hauf war anfangs eigentlich dagegen gewesen, schließlich aber hatte sie den Bitten des Geliebten nachgegeben. »Du hast recht«, sagte sie, »es wird interessant und nützlich sein, einmal die Ehe praktisch zu erproben. Man wird dann ein noch besseres Urteil gewinnen als allein durch die Beobachtung.« Am glücklichsten von den vier Sommerfrischlern fühlte sich wohl Lisbeth Glümer. In ungetrübtem Frohsinn flossen ihr die Tage hin. Sinne und Seele waren gleich befriedigt. Den größten Teil des Tages hielt sie sich mit ihrem geliebten Ortwin am Strande auf. Im Strandkorb sitzend, las er ihr die bereits fertigen ersten Akte seines modernen Dramas vor, an dem er mit gleicher Hingabe arbeitete, nach einigen anderen Versuchen, die er als unbefriedigend wieder verworfen hatte. Sie war entzückt, hingerissen, und ihr Stolz und ihr Glück hätten sich noch gesteigert, wenn dies überhaupt möglich gewesen. Das Schönste aber waren doch die kostbaren Abende, die himmlischen Nächte. Von allen Nebengedanken frei, ohne von ewiger Sorge und Furcht gequält zu sein wie einst während ihrer Beziehungen zu Kurt Vollbrecht, konnte sie sich ihren Gefühlen hingeben, die nichts Niederziehendes, Demütigendes mehr hatten. Die Gegenwart war so ideal schön, daß daneben kein Gedanke an die Zukunft aufkommen konnte. Nur zu schnell verflogen die vier Wochen. Am Tage vor der Abreise hatten Dr. Moeller und Else eine sehr ernste Aussprache. »Nun, wie denkst du über unsere Ferienehe?« fragte er, während sie abseits von dem anderen Paar im Strandkorb saßen. »Es war sehr schön!« erwiderte sie mit warmem Blick in seine strahlenden Züge. Er drückte ihre Hand in der seinen. »Ich danke dir und stimme dir aus vollem Herzen bei. Du machst mir Mut, dir einen Vorschlag zu unterbreiten. Wollen wir nicht aus dieser Probeehe eine dauernde machen?« Ihre Augen öffneten sich weit. Aufs höchste überrascht starrte sie ihn an. Scherzte er? Nein, es lag etwas Feierliches in seinen Mienen. Es war ihr in den letzten acht Tagen aufgefallen, daß er zerstreut war und oft schweigend neben ihr am Strande promenierte und, wenn sie ihn anredete, wie aus tiefem Nachdenken auffuhr. Das aber hatte sie nicht vermutet. »Ist das wirklich dein Ernst?« fragte sie, noch immer voll Staunen. »Mein heiliger Ernst. Wenn wir uns beide glücklich gefühlt haben, warum sollen wir die tiefe Zufriedenheit, die uns in den letzten vier Wochen erfüllt hat, nicht für unser ganzes künftiges Leben uns wahren?« »Warum? Da gibt es so mancherlei Bedenken; zuerst: erinnerst du dich der Worte des enttäuschten Freiers in Hebbels ›Maria Magdalena‹: Darüber kommt kein Mann hinweg?!« Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Das war damals. Heute haben wir freiere und vernünftigere Ansichten. Überdies lassen sich für diese so komplizierten, schwerwiegenden Fragen nicht allgemeine Regeln aufstellen. Hier muß jeder Fall individuell betrachtet und beurteilt werden. Ich bin nicht der Freier in dem Hebbelschen Drama, und du? Ich bin überzeugt, daß sehr viele sogenannte keusche Mädchen, die rein, körperlich rein in die Ehe gehen, sittlich tief unter dir stehen. Entweder lag ein Manko vor, oder sie waren von Natur so phantasie- und temperamentlos und so kalt überlegend und berechnend, daß sie nur immer kühl an die Ehe, das heißt an die Versorgung dachten, und daß das andere für sie nur eine nebensächliche Rolle spielte.« Er drückte wieder ihre Hand, und seine Augen hingen an ihr mit einem Ausdruck hingebender, unbeirrter Liebe. »Ich weiß, daß ich dir vertrauen und auf deine unbedingte Treue rechnen kann.« Sie reckte sich mit starkem Selbstgefühl, und ihre Blicke tauchten in die seinen. »Das kannst du allerdings. Solange ich dich liebe und du mich liebst, würde dich mein moralisches und körperliches Sauberkeitsgefühl vor einer Untreue meinerseits schützen.« »Nun also. Das ist doch die Hauptsache. Welche Bedenken könntest du denn sonst noch haben?« »Ich habe das Bedenken, daß der schönste Reiz, sozusagen der schimmernde Schmelz unserem Verhältnis abhanden kommen würde, wenn wir es in die üblichen bürgerlichen Bande legen, es in das Alltagsleben verpflanzen würden.« Er verneinte mit einer entschiedenen Kopfbewegung. »Ich glaube im Gegenteil, daß wir unser tägliches Leben damit vergolden würden.« Es war ein wehmütiges Lächeln, das um ihre Lippen zuckte. »Du bist ein Schwärmer. Die Flitterwochen unserer Liebe haben deine Phantasie beschwingt, und du übersiehst nun die Realitäten des Lebens. Bisher war es so, daß wir zueinander kamen wie zu einem Feste. Unsere Seelen waren heiter und froh gestimmt; für die kurze Zeit unseres abendlichen Zusammenseins brachte jeder von uns dem anderen sein Bestes, Schönstes. Die Arbeit, die Last, der Ärger des Tages und des Berufes lagen hinter uns, und wir dachten nicht daran; in den kurzen Stunden, die uns vergönnt waren, frischten wir uns aneinander auf, schenkten einer dem andern, was an Schönheit, an Glücksgefühl, an Liebe in ihm war. Es war ein Feiertag unserer Seelen, unserer Körper. Wenn wir nun auch unser äußeres Leben miteinander verflechten würden, so fürchte ich, würden wir uns seelisch weniger geben als bisher. Dann müßten wir auch unser materielles Dasein miteinander teilen, alle Sorgen, Kleinigkeiten, Verdrießlichkeiten des Alltagslebens, kurz, alles das, was in das Zusammenleben zweier Menschen Meinungsverschiedenheiten, Mißhelligkeiten, Ärger, Zank und Streit zu tragen pflegt. Für zwei Liebende, die nur ihrer Liebe leben und alles an Erdenlast daraus verbannen, kann jedes Zusammensein ein Feiertag sein, für zwei Eheleute gibt es aber mindestens sechs Wochentage. Stelle dir vor, Geliebter«, fuhr sie rasch fort, als er sie unterbrechen wollte, »wir kommen am Nachmittag nach Hause, jeder ermüdet, nervös, verstimmt von der Anstrengung, von dem gelegentlichen Verdruß, den das Berufsleben unausbleiblich mit sich bringt. Dann haben wir nicht die Muße, uns auszuruhen, uns vorzubereiten, alles das aus unserem Gedächtnis zu verbannen, was uns reizt, verbittert, bevor wir uns aufsuchen zu einem behaglichen Plauderstündchen, zu zärtlichem Kosen –« »Aber«, wandte er voll Eifer ein, »du glaubst doch nicht, ich würde zugeben, daß du dich noch weiter in deinem Berufe abmühtest.« Sie lächelte, nicht ganz ohne Ironie. »Siehst du, das ist gleich ein Punkt, der eine Meinungsverschiedenheit, einen Zwist zwischen uns heraufbeschwören würde. Du würdest nicht zugeben, daß ich noch weiter meinen Beruf ausübte. Ja, mein Lieber, ich würde dich doch gar nicht um die Erlaubnis fragen. Würdest du mich nicht einfach auslachen, wenn ich an dich ein ähnliches Anerbieten stellen möchte?« »Aber das – das ist doch etwas ganz anderes!« erwiderte er bestürzt, während ein peinliches Zucken über sein Gesicht lief. »Etwas anderes? Freilich, du bist der Mann, ich das Weib, und als solches habe ich mich zu fügen. Siehst du, mein Lieber, hier gehen wir schon auseinander, hier scheitert schon das eheliche Einvernehmen. Ich könnte mich nicht dazu verstehen, mein Selbstbestimmungsrecht widerspruchslos und demütig deinen Wünschen, deinen Ansichten unterzuordnen.« »Aber liebe Else«, begütigte er und griff wieder nach ihrer Hand, die sie ihm im Eifer des Disputs entzogen hatte, »eine Frau hat doch in der Ehe andere Aufgaben als der Mann.« »Freilich. Das läßt sich nicht leugnen. Sie hat Kinder zu gebären und aufzuziehen. Es fragt sich nur, ob mich dieser Beruf mit mehr Befriedigung erfüllen würde als meine ärztliche Tätigkeit. Gewiß, ich gebe zu, daß es etwas unvergleichlich Schönes, Erhebendes sein mag, das Muttergefühl, aber es ist doch auch mancherlei damit verknüpft, und mit dem Familienleben und der Führung des Haushalts, was mich vielleicht verdrießen würde. Ich weiß doch nicht, ob ich mich dafür eignen würde, und ob es nicht schon zu spät für mich ist. Ich habe mich doch vielleicht schon zu sehr in meinen ärztlichen Beruf hineingelebt. Das soll ich nun plötzlich aufgeben, all die stolze Genugtuung, die tiefe Befriedigung, die ich darin finde, auf eine doch ganz ungewisse andere Glücksmöglichkeit hin?« Sie blickte in die Ferne, über das Meer hin, und etwas Nachdenkliches, leise Schwermütiges trat in ihre Mienen. »Ja, wenn das nicht gewesen wäre, wenn es alles das nicht gegeben hätte, diese ganze Frauenbewegung mit ihren neuen Lehren, mit ihrer Aufrüttelung des weiblichen Selbstgefühls, des Bestrebens, in allem dem Manne gleichgestellt zu werden! Siehst du«, sie kehrte wieder ihren Blick dem neben ihr Sitzenden zu, »nun bin ich eine so eigenwillige Natur mit starkem Selbständigkeitsdrang geworden. In einer Ehe aber, ja, überhaupt in jedem Zusammenleben zweier Menschen kommen Meinungsverschiedenheiten vor. Ein Wille kann bei entgegengesetzten Meinungen und Wünschen doch nur maßgebend sein. Deiner oder meiner? Darüber würde es, müßte es zum Streit kommen, und dann würde gegenseitige Verbitterung eintreten. War es nicht ein Jahr voll ungetrübten Liebesglückes? Wollen wir das jetzt aufs Spiel setzen?« »Du malst zu schwarz, Else!« gab er betrübt zurück. Aber sie ließ sich nicht beirren. »Vielleicht noch nicht schwarz genug.« Sie wandte sich ganz ihm zu und legte ihre Hand auf seine Schulter, beugte sich ein wenig vornüber und sah ihm mit herzlichem Blick in die Augen. »Ich habe viel Vertrauen zu dir, Reinhold, ich weiß, du bist ein ehrlicher Charakter, ein Mann mit großem Gerechtigkeitsgefühl, denn sonst würdest du mir nicht diesen Vorschlag gemacht haben, für den ich dir von Herzen danke und der mich froh und stolz macht. Aber du bist doch auch nur ein Mensch, und es könnte doch sein, daß du einmal in einem schwachen Moment, vielleicht in einem schweren Meinungsstreit zwischen uns, überdies überarbeitet, nervös, eine Andeutung machtest auf meine Vergangenheit –« »Aber Else!« unterbrach er verletzt, beschwörend. »Und wäre es auch nur mit einem Blick, einer Geste, ich könnte keine Minute länger mit dir leben, ich hätte keine Ruhe mehr, kein Vertrauen zu dir. Immer würde mich der Gedanke verfolgen, peitschen, daß du mich im stillen verachtest und daß du dich ein zweites Mal vergessen könntest.« Er ließ traurig sein Haupt sinken. »Das solltest du nicht von mir denken, Else!« Sie faßte beschwichtigend nach seiner Hand. »Gewiß. Vielleicht sehe ich wirklich zu schwarz. Aber wenn es auch nicht dazu käme, ich würde doch immer vor dieser Möglichkeit zittern, und ich werde immer ein gewisses Gefühl der – der Unwürdigkeit –« »Aber Else!« »Nun ja, man kann doch diese Empfindungen, die einem von kleinauf eingepflanzt sind, nie ganz loswerden, und besonders ihr Männer seid doch alle so tief darin befangen.« Ihre Bewegung trieb sie von dem Sitz im engen Strandkorb auf; blaß, zitternd von allem, was die Unterredung in ihr aufgewühlt hatte, stand sie vor ihm. »Überhaupt – siehst du, davon bin ich tief durchdrungen, das ist meine feste Überzeugung: ich bin kein Weib, das für die Ehe taugt mit ihren Kleinigkeiten, mit ihren Beschränkungen und ihren Fesseln. Wir können uns liebhaben, ja, viel ungetrübter, hingebungsvoller, ehrlicher ohne die Ehe.« »Aber wenn wir einmal alt werden!« Sie lächelte. »Wenn wir alt werden! Sollen wir uns deshalb möglicherweise unsere besten Jahre verpfuschen?« Sie umfaßte ihn schelmisch. »Warten wir ab! Vielleicht sprechen wir später noch einmal darüber – in zehn oder in fünf Jahren, wenn du –« sie blickte neckisch – »wenn du mich dann noch magst.« Sie reckte ihm ihr Gesicht und ihre Lippen entgegen. Er zog sie an sich und küßte sie stürmisch, in Schmerz und Freude. * Den beiden Liebespaaren verstrichen die Wochen und Monate in ungetrübtem Glück. Ortwin Ladenburg dichtete fleißig an den letzten beiden Akten seines Dramas, und als er sie vollendet hatte, arbeitete er das Ganze noch einmal gründlich durch, um mancherlei noch knapper und dramatischer und wirkungsvoller zu gestalten. Im Dezember ließ er sich einige Abschriften anfertigen und Anfang Januar reichte er sein Drama einer Berliner Bühne und einigen größeren auswärtigen Theatern ein. In Spannung erwartete er die Antwort. Inzwischen rückte das Stiftungsfest des Junggesellinnenklubs heran. Die Damen hatten beschlossen, den Jahrestag der Gründung durch ein großes Souper mit anschließendem Ball zu feiern. Jedes Klubmitglied hatte das Recht, einen Herrn einzuführen. Am Abend vorher waren die beiden Liebespaare im Theater gewesen und hatten darauf in einem Restaurant gemeinsam gespeist. Während der Unterhaltung über die Theatervorstellung war auch auf Ladenburgs Drama die Rede gekommen, und Else Hauf hatte den Wunsch geäußert, das Stück zu lesen. Der junge Dichter war sehr erfreut über das Interesse des Fräulein Doktor, deren Intelligenz und Urteil er sehr schätzte, und freudig erbot er sich, ihr das eine Exemplar, das er von den Reinschriften zurückbehalten hatte, zu schicken. »Das einfachste ist«, sagte Else Hauf, »Sie bringen es mir morgen mit. Übermorgen ist Sonntag, da bin ich dienstfrei und kann es in Ruhe hintereinander lesen.« Am folgenden Abend saßen dann während des Soupers der Chemiker und Else mit dem anderen Liebespaar in einer Reihe, so daß Lisbeth Glümer zu ihrer Linken ihren Geliebten, und zu ihrer Rechten Dr. Moeller hatte, während zur Linken des Dichters die Schauspielerin saß, die sich einen Kollegen als ihren Tischnachbarn mitgebracht hatte. Als die Künstlerin bei der Vorstellung Ortwin Ladenburgs Namen hörte, forschte sie in ihrem Gedächtnis. »Ladenburg? Den Namen kenne ich. Ja, jetzt erinnere ich mich. Ich habe einen Gedichtzyklus gelesen: ›Die Ostsee‹ von Ortwin Ladenburg.« Sie sah den vor Vergnügen errötenden jungen Mann mit dem blondgelockten Haar und den schwärmerischen blauen Augen mit Interesse an. »Habe ich vielleicht die Freude, den von mir sehr verehrten Dichter vor mir zu sehen?« Ortwin Ladenburg bejahte geschmeichelt. Die dunklen Augen der lebhaften Schauspielerin funkelten, und sie streckte ihm ihre Rechte, an der einige Brillantringe blitzten, liebenswürdig entgegen. »Ich drücke Ihnen meine Bewunderung aus und meinen Dank«, sagte sie. »Sie haben mir mit Ihrer herrlichen Dichtung ein paar sehr angeregte Stunden bereitet. Ich bin eine große Bewunderin der Ostsee und verlebte meine Ferien meistens in Heringsdorf oder in Misdroy.« Sie zitierte einige Verse aus dem Zyklus, während er einhalf, wenn ihr Gedächtnis sie im Stich ließ. Der junge Dichter strahlte vor Stolz und Vergnügen, und sie plauderten so angelegentlich, daß der Tischherr an der anderen Seite der Schauspielerin mit den Augen rollte und sich ein über das andere Mal mahnend räusperte, und daß auch Lisbeth nervös wurde und ihn verstohlen am Ärmel zupfte. »Du hast mir noch nicht einmal Wein eingeschenkt«, sagte sie schmollend, als er sich mit fragendem Blick zu ihr kehrte. »Verzeihe!« entschuldigte er sich. »Denke dir nur – !« Und er berichtete flüsternd von seiner freudigen Überraschung und den schmeichelhaften Worten, die seine Nachbarin zur Linken zu ihm gesprochen hatte. Der gekränkte Mime benutzte die Gelegenheit, seiner Freundin und Kollegin in seinem heimischen Dialekt, dessen er sich außerhalb der Bühne, besonders bei Gemütserregungen bediente, zuzuraunen: »Hast mi deshalb gelad'n, daß i zuschau, wie du mit andern schön tust?« »Sei nit fad!« gab sie, ebenfalls Österreicherin, zurück. »Mußt denn immer gleich schalu sein, wenn i mal mit einem andern a bisserl plausch?« Es entging Lisbeth Glümer nicht, daß ihr Geliebter zerstreut war und mit seinen Gedanken immer bei seiner anderen Tischnachbarin zu sein schien. Sie war klug genug, ihm keine Empfindlichkeit zu zeigen, sondern sie bot im Gegenteil alle ihre Lebhaftigkeit und Liebenswürdigkeit auf, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Er aber hörte nur mit halbem Ohr hin, während ihm allerlei durch den Kopf schoß. Wenn die Schauspielerin wüßte, daß er sich auch als Dramatiker versucht hatte, dann würde ihr Interesse an seiner dichterischen Arbeit sich sicherlich noch erheblich steigern. Draußen im Überzieher stak die Abschrift; er hatte vor, sie nachher vor dem Nachhausegehen Lisbeths Kusine zu geben. Er zermarterte nun sein Hirn, wie er, ohne aufdringlich und eitel zu erscheinen, der Schauspielerin sich auch als Dramatiker offenbaren könnte. Da gewahrte er, daß sie eine Bewegung zu ihm machte, und im nächsten Moment vernahm er die Frage: »Haben Sie sich noch nie als Dramatiker versucht, Herr Ladenburg? Soviel ich weiß, gibt es keinen Lyriker, den es nicht auch nach den Lorbeeren des Dramatikers verlangte.« Er lächelte verschämt, wie ein junges Mädchen, an das die Frage gerichtet wird, ob es noch nie geliebt habe. »Gewiß«, erwiderte er zwischen Befangenheit und Genugtuung, »den Versuch habe ich gewagt, aber ich weiß nicht, ob er mir gelungen ist.« »Ah, das interessiert mich sehr«, sagte die Künstlerin lebhaft. Sie sah ihm forschend in das von Freude und Gehobenheit verklärte Antlitz. »Wahrscheinlich etwas Ernstes, ein großes Drama in Jamben – ?« Er verneinte. »In Versen – nein! Aber freilich ein Drama mit einem modernen Vorwurf und in Prosa.« Sie nickte zufrieden. »Desto besser! Wissen Sie: man will heute nicht mehr den klassischen Stil. Ich meinerseits trete ungern im Versdrama und überhaupt in so stilisierten Sachen auf. Ich ziehe das moderne Gesellschaftsdrama vor. Um welchen Vorwurf handelt es sich denn, wenn man fragen darf?« Er zögerte einen Augenblick, aber das Bewußtsein, daß es ja eine Künstlerin war, gab ihm Mut. »Ich habe ein sehr modernes Thema behandelt, das der freien Ehe und des Selbstbestimmungsrechts der modernen Frau.« »Das ist ja sehr interessant und zeitgemäß. Vermutlich ist die Heldin ein junges Mädchen, das gegen den Willen der Eltern das Vaterhaus verläßt, um dem Manne ihrer Liebe zu folgen?« »Nein, die Heldin des Stückes ist eine Frau, die von ihren Eltern an einen ihr unsympathischen Mann verheiratet worden ist. Sie ist das Opfer der Selbstsucht ihres Vaters, der sich aus finanziellen Schwierigkeiten durch die Heirat seiner Tochter retten will. Das junge Mädchen, das ja noch keinen rechten Begriff von dem Wesen der Ehe hat, läßt sich überreden. Erst während des Zusammenlebens erkennt die junge Frau, welchen Entwürdigungen sie ausgesetzt ist, und welchen schmachvollen Handel man mit ihr getrieben hat. Zwischen ihr und einem Manne ihres Verkehrskreises, dessen geistige Persönlichkeit und ernster Charakter ihr die höchste Achtung abgewinnt, spinnen sich zarte Fäden an. Ein häßlicher Auftritt mit ihrem Gatten veranlaßt sie, das Anerbieten ihres Verehrers, der die Heißgeliebte nicht länger in unwürdigen Banden schmachten lassen will, gemeinsam mit ihm zu fliehen, anzunehmen. Sie leben an einem stillen, ländlichen Ort, ganz ihrer Liebe hingegeben. Einen Schatten auf ihr Glück wirft die beharrliche Weigerung ihres Mannes, sich von ihr scheiden zu lassen. Die junge Frau beobachtet, daß das einförmige, geistig nicht eben anregende Leben auf dem Lande auf die Dauer den Geliebten schwermütig macht. Er ist Landtagsabgeordneter und an einen starken Verkehr mit Publikum und anderen geistig hochstehenden Männern gewöhnt. Er leidet sehr unter seiner Abgeschiedenheit, und so bestimmt sie ihn schweren Herzens und banger Ahnungen voll zur Rückkehr in die Hauptstadt, obgleich er ihr zuliebe auf sein Mandat zu verzichten bereit ist –« »Aha! Ich sehe schon den Konflikt!« unterbrach die Schauspielerin, während der Schauspieler, der mit angestrengter Aufmerksamkeit der Schilderung gefolgt war, spöttisch lächelte und Lisbeth im stillen das Ende des Berichtes herbeisehnte. »Bitte weiter!« drängte die Künstlerin. »Der betrogene Gatte tut, was er kann, um dem Liebespaar Schwierigkeiten zu bereiten und es gesellschaftlich zu isolieren. Er selbst gehört zur politischen Partei des Abgeordneten und schürt hier natürlich mit allen Kräften gegen ihn. Da er ein reicher Großindustrieller ist und vielen Einfluß hat, gelingt es ihm bald, eine feindliche Stimmung gegen den Abgeordneten gerade bei den ausschlaggebenden Mitgliedern der Partei zu erzeugen. Selbstverständlich wird gegen das Paar, das dem öffentlichen Anstand und den maßgebenden Anschauungen durch sein Zusammenleben so schamlos ins Gesicht schlägt, der gesellschaftliche Boykott verhängt. Auch der größte Teil seiner Fraktionsmitglieder zieht sich von dem in freier Ehe lebenden Abgeordneten zurück, und der rachsüchtige Ehemann bringt sogar eine Bewegung in Gang, die bezweckt, den Abgeordneten zur Niederlegung seines Mandats zu zwingen.« »Famos! Großartig! Das dringt natürlich nicht nur auf den Mann, sondern auch auf die Frau ein, auf letztere vielleicht noch quälender, zermürbender als auf den Mann.« Die Schauspielerin war ganz Feuer und Flamme; ihre Augen strahlten und ihre lebhaften Züge vibrierten heftig. »In gewaltigen seelischen Kämpfen ringt sie; sie will den Mann ihrer Liebe glücklich machen und muß doch erkennen, daß er durch sie unglücklich geworden ist. Kolossal gespannt bin ich, welche Lösung Sie bringen, Herr Dichter.« Sie neigte sich weit vor und sah ihn mit ihren dunklen, brennenden Augen aus nächster Nähe in das Gesicht. Der Schauspieler brummte etwas Unverständliches vor sich hin und rückte mit unwirschem Gesicht auf seinem Stuhl hin und her; es kostete ihm offenbar Mühe, sein heißblütiges Temperament zu zügeln. Auch Lisbeth Glümer konnte sich eines ärgerlichen Gefühls und einer eifersüchtigen Regung nicht erwehren. Sie hatte sich so sehr auf das Fest gefreut, um so mehr, als sie es an der Seite des schwärmerisch Geliebten erleben durfte, auf den sie so stolz war. Und nun hatte sie fast gar nichts von ihm; nun gehörte sein ganzes Interesse der koketten Künstlerin, der es ein Vergnügen zu bereiten schien, ihn an ihren Triumphwagen zu spannen. Natürlich diesen Damen war ja das Kokettieren zur zweiten Natur geworden; sie mußten immer Komödie spielen und konnten nie genug Verehrer haben. »Ich kann mir vorstellen«, fuhr des Dichters Tischnachbarin zur Linken fort, »wie packend Ihr Stück besonders in dem betreffenden Akt sein muß: wie sie mit sich ringt und kämpft zwischen Liebe und Entsagung. Ich fiebere vor Neugier, wie sie sich aus diesem Konflikt zieht.« Der junge Dichter fühlte sich außerordentlich geschmeichelt und gehoben, daß die gefeierte Künstlerin, die im Kunstleben Berlins eine hervorragende Stellung einnahm, einen solchen Anteil an seiner Dichtung nahm. »Nach meinem Empfinden gab es für die ideal angelegte Frauennatur nur eins«, erwiderte er, »sie müßte ihr eigenes Glück zurückstellen hinter das Interesse des Geliebten.« Die Künstlerin nickte. »Ganz recht. Das ist auch meine Ansicht. Sie entsagt. Ich denke mir das ungeheuer wirksam.« »Sie gibt ihn nicht nur frei, sie tut noch mehr, denn sie ist überzeugt, daß der Geliebte auf eine Trennung nie und nimmer eingehen, daß er lieber auf seine politische Laufbahn und seine gesellschaftliche Stellung verzichten würde als auf sie. Und so –« »Tötete sie sich!« fiel die gespannt Zuhörende ein. »Habe ich recht?« »Jawohl, gnädiges Fräulein. Ich freue mich, daß auch Sie die Notwendigkeit dieses Schrittes erkennen.« »Gewiß. Anders kann sie ja gar nicht handeln. Damit steigern Sie die Sympathie des Publikums für die Heldin Ihres Dramas ganz enorm. Aber welches Mittel wählt sie? Gift?« »Nein. Den Revolver. Sie weiß es so einzurichten, daß er annehmen muß, die Waffe, die ihm gehört, und die sie in seinen Koffer gepackt hat – denn er wollte mit ihr die Hauptstadt verlassen – , habe sich durch ihre Unvorsichtigkeit entladen.« »Ausgezeichnet!« lobte die Schauspielerin. »Vortrefflich! Das entsetzliche Ringen mit sich selbst, während sie sich entschließt, sich zu opfern, und das stumme Spiel vor der Ausführung der Tat, der Kampf zwischen der Todesfurcht und dem Wunsch, den Geliebten zu erlösen – ganz brillant!« Das bewegliche Mienenspiel der von dem Gegenstand gepackten Künstlerin gab die Situation wieder, die sie soeben geschildert hatte. Dann wandte sie sich wieder an den ihr bewundernd Zuschauenden. »Haben Sie schon Schritte unternommen, das Stück zur Aufführung zu bringen?« Er berichtete, daß er sein Drama schon verschiedenen Bühnen, darunter auch einem Berliner Theater, zugeschickt hatte. »Sie haben es selbst direkt eingereicht?« fragte sie. Er bejahte. »Da werden Sie kaum eine Antwort erhalten!« bemerkte sie darauf. »Sie sagten, daß es Ihr Erstlingsdrama sei? Stücke von unbekannten Autoren aber pflegen die Direktoren gar nicht zu lesen.« Der junge Dichter, den die Anteilnahme der Schauspielerin in die rosigste, hoffnungsvollste Stimmung versetzt hatte, erbleichte. »Meinen Sie wirklich?« stammelte er, ganz geknickt. Sie nickte. »Bedenken Sie, wie viele Hunderte von Manuskripten jedes Jahr bei solch einer Theaterdirektion eingehen, während doch höchstens, wenn es sehr hoch kommt, zehn Novitäten in der Saison gespielt werden. Die Dramaturgen und Direktoren pflegen nur solche Stücke zu prüfen, die ihnen von renommierten Agenturen oder von sonst einflußreichen Leuten empfohlen werden.« »Also dann – dann müßte ich jede Hoffnung aufgeben?« Die Schauspielerin sah dem neben ihr Sitzenden mit einem langen Blick in das hübsche, jugendlich-frische Gesicht; wie eine Flamme loderte es ihm eine Sekunde lang aus ihren großen, dunklen, ausdrucksvollen Augen entgegen, so daß er unwillkürlich sein Antlitz senkte, in das ihm purpurne Glut schoß. »Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Ladenburg!« entgegnete sie. »Ihr Drama interessiert mich; ich glaube, daß die Rolle der Heldin mir liegt. Wollen Sie mir Ihr Stück einmal vorlesen?« »Gern!« beeilte er sich zu versichern, voll Eifer. »Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir gestatten.« Er war aufrichtig entzückt. Sie war eine beliebte Schauspielerin an einem der ersten Theater Berlins. Wenn sie sich seines Dramas annahm, dann war ihm ja der Weg zur Bühne geebnet. Sein Herz klopfte hoch auf vor Freude und Dankbarkeit. »Also dann bringen Sie mir Ihr Opus! Haben Sie morgen Zeit?« »Ich habe es in meinem Überzieher, in der Garderobe!« entfuhr es ihm in seiner Aufregung. »Ich wollte es jemand mitgeben – Fräulein Doktor Hauf. Sie wollte es morgen lesen.« »Ah!« In den Augen der Künstlerin blitzte es auf wie ein Wetterleuchten. »Desto besser!« Nach dem Ball begleiten Sie mich, trinken eine Tasse Kaffee bei mir und lesen mir dabei Ihr Drama vor. Morgen können Sie es dann ja Fräulein Hauf überbringen. Sind Sie damit einverstanden?« Er starrte sie betroffen an. Nach dem Ball? Mitten in der Nacht? »Nach dem Ball kann ich ohnehin nicht gleich schlafen!« sagte sie. »Die Nerven vibrieren noch, ich pflege dann immer noch ein Stündchen zu lesen. Geht es Ihnen nicht auch so? Aber freilich –« sie lächelte, während er noch immer schwieg im Widerstreit seiner Empfindungen – »Sie haben wohl noch bessere Nerven als ich und sehnen sich nach dem Tanzen nach Ruhe. Dann können wir ja ein andermal –« Ihre Stirn legte sich in Falten des Bedauerns. »Schade immerhin«, fügte sie rasch hinzu, noch ehe er sich zu einer Antwort aufgeschwungen hatte, »es trifft sich nämlich wunderbar, wir haben morgen mittag eine Besprechung mit dem Oberregisseur, die ersten Mitglieder unserer Bühne; bei der Gelegenheit hätte ich von Ihrem Stück sprechen und den Oberregisseur dafür interessieren können. Sie glauben nicht, wieviel beim Theater persönliche Fürsprache vermag.« Er hatte seine Verwunderung überwunden. Das erste instinktive Befremden trat zurück vor dem Freudenrausch, der ihn bei ihren Worten erfaßte, vor dem heißen Begehren, den günstigen Zufall nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung!« stieß er in der Furcht, durch sein Zögern sie schon verletzt zu haben, hastig hervor. »Es ist überaus liebenswürdig, daß Sie mir Ihre kostbare Zeit widmen wollen und mir Ihre freundliche Verwendung in Aussicht stellen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.« »Also abgemacht, nach dem Ball!« Mit einem bestrickenden Lächeln sah sie ihm in die Augen, während sie ihm ihre Rechte entgegenstreckte, die er glücklich ergriff und ehrfurchtsvoll an seine Lippen führte. »Hm, hm!« murmelte der Schauspieler und zupfte nervös, mit grimmiger Miene an seiner weißen Krawatte, während Lisbeth Glümer, die nicht verstanden hatte, aus welcher Veranlassung Ortwin der koketten Künstlerin die Hand küßte, vor Eifersucht fast verging. * Ortwin Ladenburg befand sich in einer sehr peinlichen Lage. Seine Seele war ganz erfüllt von der liebenswürdigen Teilnahme der berühmten Schauspielerin und von ihrem Versprechen. Er mußte es geradezu als einen unerhörten Glückszufall betrachten, daß er ihr Tischnachbar gewesen und daß sie so animiert miteinander geplaudert hatten. Als wenn ihm das große Los in den Schoß gefallen wäre! Daß es nicht ganz leicht war, ein Theaterstück bei einer größeren Bühne anzubringen, wußte er ja ohnedies. Aber daß diese Aussicht so gut wie Null war, wenn man nicht Beziehungen hatte, das hatte er nicht geahnt, das hatte er erst durch die Künstlerin, die es ja wissen mußte, erfahren. Mit welchem Eifer sie sich seiner Sache annahm! Ein heißes Dankgefühl durchströmte ihn, und er hätte sich als den glücklichsten Menschen der Welt betrachtet, wenn sich nicht die Schwierigkeit ergeben hätte, daß er Lisbeth nun nicht nach Hause begleiten konnte. Wie sollte er es ihr nur beibringen? Sie war ja schon ärgerlich und eifersüchtig genug gewesen, daß er sie bei Tisch so stark vernachlässigt hatte. Nun hatte sie ihm, gut und lieb, wie sie war, verziehen und sofort wieder ein freundliches Gesicht gezeigt, als er ihr nach Aufhebung der Tafel mitteilte, daß seine Tischnachbarin zur Linken sein Drama lesen und sich für die Aufführung verwenden wollte, ja, daß sie sich freuen würde, die Hauptrolle zu kreieren, wenn ihr das Stück gefiele, was sie nach der Inhaltsangabe und nach Kenntnis seines Ostsee-Zyklus keineswegs bezweifle. Vergessen war alle Empfindlichkeit, alle Zurücksetzung während der Tafel, wußte sie ja nun, daß er lediglich seine dichterische Zukunft im Auge gehabt, und daß es ja auch in ihrem Interesse lag, wenn die Schauspielerin sich des Stückes annahm. Denn wenn das Drama großen Erfolg hatte und ihn berühmt und reich machte, dann war es ja gewiß, daß er ihren und seinen Wunsch, sich auch vor der Welt einander anzugehören, erfüllte. Eine Einzelheit aber hatte der junge Dichter der Geliebten verschwiegen, nämlich, daß er seine liebenswürdige Gönnerin nach dem Ball in ihr Heim begleiten würde, um ihr noch in der Nacht sein Werk vorzulesen. Wenn er selbst auch gar keinen Nebengedanken damit verband, denn er war ja überzeugt, daß es nur im Interesse seines Stückes geschah, von dem sie dem Oberregisseur noch am Sonntagmittag sprechen wollte, so war es ihm doch ebenso gewiß, daß Lisbeth sich durch diese Nebensächlichkeit äußerst beunruhigt fühlen und, wie die Frauen nun einmal waren, ein gewisses anderes Motiv ihm oder der Schauspielerin unterlegen würde. Ihn selbst durchschauerte es im stillen, während er sich der merkwürdigen Blicke erinnerte, die seine Nachbarin zur Linken ein paarmal auf ihn geheftet hatte, aber er schalt sich selbst wegen des instinktiven Bangens, das ihn in der Erinnerung überkam. Wie konnte er nur denken, daß er für die Vielbewunderte, der es an Verehrern gewiß nicht fehlte, als Mensch, als Mann etwas bedeutete. Nein, ihr Interesse galt lediglich seiner Eigenschaft als Literat, und ihre bewunderungsvollen Blicke hatten doch nur besagen wollen: Sollte in dir, dem unscheinbaren jungen Menschen, wirklich ein großer Dichter stecken? In jedem Fall aber schien es ihm ratsam, Lisbeth nicht zu verraten, daß er der Schauspielerin zugesagt hatte, ihr unmittelbar nach dem Ball, mitten in der Nacht, einen Besuch abzustatten. Sie, die noch nie Berührungen mit Künstlerinnen gehabt hatte, würde mißtrauisch sein gegenüber dem Eifer seiner Gönnerin und würde es nicht begreifen und nicht würdigen, daß derartige Launen und Einfälle bei Künstlerinnen nichts Auffälliges waren und nichts weiter zu bedeuten hatten. Es war gegen halb eins, als Ortwin an die Schauspielerin herantrat und sie zum Menuett aufforderte. »Es ist Zeit für uns!« sagte sie. »Am besten, wir empfehlen uns mit französischem Abschied. Mein Kollege hat eben auf meinen Wunsch Fräulein Glümer aufgefordert. Eine günstige Gelegenheit, uns unbemerkt aus dem Staube zu machen!« Ihm pochte das Herz bänglich, und unwillkürlich flog sein Blick zu der ahnungslos Tanzenden hinüber; ein instinktives Widerstreben, eine schmerzliche Empfindung regte sich in ihm. Aber er hatte nicht den Mut, zu widersprechen. So stahlen sie sich auf verschiedenen Wegen in die Garderobe und verließen von da eilig den Festsaal. Unten stiegen sie in eines der vor dem Hause haltenden Autos, um nach der Wohnung der Künstlerin zu fahren. »Famos! Das haben wir famos gemacht!« rief sie und faßte nach seiner Hand, die sie herzlich drückte. »Sie glauben nicht, ein wie eifersüchtiger Mensch dieser Halden ist. Und Ihre Dame?« Sie schaute ihn lächelnd an. Er seufzte leise. Sie lachte laut auf, und abermals fühlte er den Druck ihrer Hand. »Nun, nun!« tröstete sie. »Das Fräulein wird Ihnen verzeihen, wenn die Zeitungen die Annahme Ihres Dramas melden werden.« * Lisbeth Glümer suchte im Saal und in allen Nebenräumen. Sie fragte ihre Kusine und Dr. Moeller. Auch sie konnten keinen Bescheid geben, wo Ortwin Ladenburg geblieben war. Daß er das Fest verlassen hatte, glaubte sie kaum, denn sonst würde er sich doch von ihnen verabschiedet haben und von ihr – Lisbeth – doch erst recht. Sie wartete und trat von neuem ihre Wanderung an. Da trat der Schauspieler an sie heran. »Sie brauchen nicht zu suchen«, sagte er, während Zorn und Spott in seinen Mienen vibrierten. »Herr Ladenburg ist mit Fräulein Lingen verschwunden.« Sie starrte ihn an, als habe sie nicht recht gehört. »Ver – schwunden? Ich verstehe Sie nicht.« »Er hat sie nach Hause begleitet, vermutlich, um ihr sein Drama vorzulesen.« Er lachte höhnisch bei dieser Erklärung. »Die Sache scheint ihnen beiden sehr eilig.« Es zuckte sarkastisch um seine Lippen. Das junge Mädchen stand wie zur Bildsäule erstarrt. »Um ihr sein Drama vorzulesen?« wiederholte sie mechanisch. Dann machte sie eine heftig verneinende Kopfbewegung und sah den ihr Gegenüberstehenden mißtrauisch an. Er hatte wohl beobachtet, wie sie nach Ortwin gesucht hatte, und wollte sich nun über sie lustig machen. »Sie scherzen wohl«, stieß sie ärgerlich hervor und wollte ihm den Rücken drehen. »Nein, mir ist gar nicht zum Scherzen zumute«, erwiderte er. Sie hielt unwillkürlich ihre Schritte an. Aus dem Ton seiner Stimme klang deutlich Bitterkeit und Schmerz. Sie sah ihn aufmerksam an; seine Zähne nagten heftig an der Unterlippe, und seine Augen blickten düster und zornig. »Wenn Sie mir nicht glauben«, fuhr er fort, »kann ich Sie leicht überzeugen. Kommen Sie!« Er führte sie zur Garderobe. »Fräulein Lingen ist schon gegangen, nicht wahr?« »Die Schauspielerin? Jawohl.« »Mit einem Herrn?« »Natürlich doch.« »Können Sie den Herrn beschreiben? Ein junger Mann?« »Jawohl. Mitte Zwanzig, so ungefähr. Hübscher Mann, blondgelocktes Haar, blaue Augen. Sah aus wie – –« sie suchte nach einer Bezeichnung – »na, wie'n Studierter.« »Glauben Sie mir nun?« fragte der Schauspieler, während sie durch den leeren Vorsaal schritten. Und als sie, ganz verwirrt, ganz benommen, wie betäubt, schweigend vor ihm stand, machte sich seine leidenschaftliche Eifersucht, seine schäumende Wut Luft. »Sehen Sie, dieses Weib, diese Mänade, diese Messalina kann es sich nicht versagen. Wenn ein Mann durch irgend etwas, das sie anzieht, ihre Sinne reizt, dann läßt sie nicht locker, dann bietet sie all ihre bestrickende Liebenswürdigkeit, all ihre komödiantische List und Verstellungs- und Überredungskunst auf, bis sie ihn gefügig gemacht hat. Das mit dem Vorlesen ist natürlich nur ein Trick von ihr.« Der Sprechende, der sich in eine immer größere Aufregung hineinredete, schlug sich mit der flachen Hand wiederholt auf die Stirn. »Mitten in der Nacht, ausgerechnet nach einem Ball, fordert sie ihn auf, ihr sein Drama vorzulesen! Natürlich nur ein Vorwand, den sie gebraucht, um den Ahnungslosen in ihre Netze zu locken. Ich glaube ja, er macht ganz den Eindruck, daß er selbst nur an sein Stück denkt. Was tut ein junger Dichter nicht, wenn ihm die Seligkeit winkt, aufgeführt zu werden! Aber wenn er erst einmal bei ihr ist, wird er ihr nicht entrinnen.« Lisbeth Glümer stöhnte aus tiefster Seele, und sie machte eine instinktive Bewegung zurück, nach der Garderobe hin. Er begleitete sie und stimmte ihr zu. »Ja, kommen Sie! Sie werden ebensowenig wie ich aufgelegt sein zum Tanzen.« Sie traten, Seite an Seite, beide von demselben Impulse beherrscht, auf die Straße. Und als er ein Auto heranrief, stieg sie ohne weiteres ein, und er, nachdem er dem Chauffeur eine Adresse zugerufen hatte, setzte sich an ihre Seite, als verstände sich das von selbst. Es schien ihm Bedürfnis, einer gleichgestimmten Seele das, was in ihm tobte, zu offenbaren. »Seit zehn Jahren kenne und liebe ich die Lingen. Ein halbes dutzendmal habe ich sie gebeten, sie angefleht, mein Weib zu werden. Sie lehnt es ab, sie verspottet mich. ›Mich an einen Mann zu binden, dir das Recht geben, jeden meiner Schritte zu bewachen, Rechenschaft von mir zu verlangen von jedem Blick, den ich mit einem anderen Mann, der mir gefällt, wechsle, von jedem Wort, das ich zu einem spreche?! Denke ja nicht daran! Ich bin frei, frei will ich bleiben, tun, was mir beliebt.‹ Und so muß ich mitansehen, muß es mir gefallen lassen, daß sie bald mit dem, bald mit jenem schön tut und ihn in ihre Netze zieht, wenn ihr die Laune danach steht. So ist dieses Weib! Verachten müßte ich sie, mich für immer von ihr lossagen, aber ich kann es nicht, ich komme nicht von ihr los.« Die Stimme des Schauspielers brach; er drückte seine Rechte gegen die Augen, und sie hörte ihn aufschluchzen. Mit unwillkürlichem Griff faßte sie nach seiner Hand, denn sein Schmerz, der ein Echo war des ihren, schnitt ihr in die Seele. * Sie stiegen aus dem Auto. Er entlohnte den Chauffeur und führte sie ein paar Häuser weiter. Zwei Fenster in einem großen dunklen Hause strahlten im elektrischen Licht. »Sehen Sie«, sagte der Schauspieler, »das ist ihr Boudoir! Jetzt sitzen sie wohl beisammen und plaudern und –« er knirschte es zwischen den Zähnen – »kosen«. Aber Lisbeth Glümer widersprach heftig. »Nein. Sie irren sich in Herrn Ladenburg.« Sie war so entrüstet, daß sie eine Bewegung machte, um sich zu entfernen. »Bleiben Sie doch!« hielt er sie zurück. »Sie werden sich dann ja überzeugen können.« Und als sie in der Tat wieder stehenblieb und wieder nach den hellerleuchteten Fenstern hinaufstarrte, fügte er hinzu: »Sie wissen ja nicht, welche Macht sie über die Männer hat, wenn sie es darauf absieht. Ich möchte einmal den sehen, der ihr widerstehen könnte.« Ihr schoß die Glut inniger Überzeugung ins Gesicht. »Er ist nicht wie die andern.« »Desto besser für Sie und für mich! Aber ich bin skeptisch und werde warten.« »Bis er die Vorlesung beendet hat und nach Hause geht – ?« Aber der Schauspieler schüttelte ingrimmig sein Haupt. »Bis er mit ihr in – ihr Schlafzimmer verschwindet.« Er deutete auf die beiden letzten Fenster in der Front des Hauses. Dann schritten sie vor dem Hause auf und ab, schweigend, jeder für sich seinen Gedanken und Gefühlen hingegeben. Ab und zu richteten sich ihre Blicke voll Spannung nach oben. Plötzlich – es mochte etwa eine Viertelstunde vergangen sein – erlosch das Licht in dem Boudoir der Schauspielerin. »Passen Sie auf!« sagte der Schauspieler mit vor stärkster Erregung heiserer Stimme. In atemloser Spannung starrten sie hinauf. Der Mime behielt recht. Plötzlich flammte das elektrische Licht hinter den letzten beiden Fenstern auf, und man sah für einen kurzen Augenblick einen weiblichen Arm und das Profil vom Gesicht der Schauspielerin. Im nächsten Moment wurden die Vorhänge zugezogen; einen kurzen Augenblick erblickte sie noch einen weiblichen Schatten, der sich rasch verflüchtigte. »Glauben Sie mir nun?« zischelte der Schauspieler und lachte rauh auf. Lisbeth Glümer stöhnte und stand wie gebannt, keinen Blick von den beiden erleuchteten Fenstern lassend. Da tauchten auch plötzlich diese in die Dunkelheit zurück, und das ganze Haus lag dunkel vor ihnen. Halden ballte seine Hände und schüttelte sie theatralisch gegen die erste Etage. Ein Schauder lief durch den Körper der neben ihm Stehenden; die Zähne schlugen ihr wie im Fieber zusammen; ihre Augen hefteten sich auf die Haustür, und ihre Ohren lauschten nach dem Schritt des Ersehnten. Vergebens! Da kam eine Aufwallung leidenschaftlichen Zornes über den Schauspieler. »Ich bringe sie um – sie und ihren Buhlen. Schon das letztemal habe ich ihr angedroht, daß ich sie töten würde, wenn sie noch einmal –« Er stürzte davon. Lisbeth Glümer hinter ihm her. Er bog um die Ecke und machte vor einem der nächsten Häuser halt. Während er in seiner Tasche nach dem Hausschlüssel suchte, hatte sie ihn erreicht. »Was wollen Sie tun?« keuchte sie. »Meinen Revolver holen, und wenn sie ihren Galan entläßt, beide niederknallen!« Damit riß er die Haustür auf und stürmte die Treppe hinauf. Sie folgte ihm auf dem Fuße und drängte sich nach ihm in den Korridor seiner Wohnung. »Was wollen Sie?« fragte er, nachdem er das elektrische Licht im Zimmer eingeschaltet hatte. Er wandte sich, ohne ihre Antwort abzuwarten, nach dem Schreibtisch und steckte den Schlüssel ins Schloß. Sie umspannte seinen Arm mit ihrer Hand. »Sie dürfen nicht, stieß sie, außer sich hervor. »Wollen Sie zum Mörder werden?« Er starrte sie an, seine Hand sank kraftlos herab. Dem Wutanfall folgte die Reaktion. Stöhnend ließ er sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken und schlug die Hände vor das Gesicht. Sie stand hinter ihm und beobachtete ihn ängstlich. Da ließ er seine Hände sinken und kehrte sein blasses, verstörtes Gesicht nach ihr um. »Was werden Sie tun?« fragte er. Sie zuckte resignierend die Schultern. »Was soll ich tun? Töten werde ich niemand – höchstens mich«, fügte sie mit leiser, ersterbender Stimme hinzu. Er lachte spöttisch. »Natürlich! Weiberart! Dem ungetreuen Mann das Feld zu räumen, und nach acht Tagen hat er Sie vergessen und buhlt mit der anderen weiter.« Da brach sie erschüttert auf dem nächsten Sessel zusammen, und die Wirkung der erlittenen Aufregungen der letzten Stunden machte sich in einer Ohnmachtsanwandlung geltend. Halden holte eine Flasche Portwein und flößte ihr ein halbes Glas voll ein, dann schenkte er auch sich ein und leerte ein volles Glas in langen Zügen. Und als sie nun in ein bitteres Weinen ausbrach, zog er sie, sich neben sie setzend, an sich und tröstete sie. »Armes Kind! Sie tun mir ja so furchtbar leid. So sind wir Männer nun mal, schwach schönen Frauen gegenüber. Armes Kind! Kommen Sie, trinken Sie. Es gibt kein besseres Linderungsmittel als den Wein.« Sie ließ sich zureden und leerte ihr Glas. Dann umschlang er sie mit einem Arm, und sie lehnte müde, weinend, wie ein Kind ihren Kopf an seine Schulter. Er küßte ihr die Tränen aus den Augen und küßte sie auf den Mund, und sie ließ es geschehen, matt, ganz von ihrem Schmerz vernichtet, halb bewußtlos. * Der Morgen graute schon, als Lisbeth Glümer die Wohnung des Schauspielers verließ. Sie war in einem völlig apathischen Zustand. Mechanisch stieg sie in das nächste Auto, das ihren Weg kreuzte, und ließ sich nach ihrer Wohnung fahren. Nur ein Gedanke war in ihr: nun war alles aus, nun blieb ihr nur der Tod. Der Ekel schüttelte sie, während sie daran dachte, was sie getan. War sie denn wahnsinnig gewesen? Oder war es die Wirkung des Weines, der sie betäubt, willenlos gemacht hatte, so daß sie nicht imstande gewesen, dem ungestüm begehrenden Mann Widerstand zu leisten? Nun konnte sie dem Geliebten nicht mehr gegenübertreten. Denn was hätte sie ihm sagen sollen? Ihn täuschen? Er würde es ihr sofort angemerkt haben. Nein, unmöglich, ihn zu belügen, unmöglich, so weiter zu leben. Und wenn er sich auch selbst schuldig gemacht hatte, er würde es ihr nie verzeihen. Völlig ausgeschlossen, daß sie nun miteinander weiter verkehren konnten, als wäre nichts geschehen! Was sollte nun aus ihr werden? Sie wußte ja, wie es kommen würde, nun gab es keinen Halt mehr: sie würde von einem Arm in den anderen gehen. Lieber sterben! Sie war keine Junggesellin nach Art ihrer Kusine und der anderen. Die Grundsätze, die ihr Else Hauf gepredigt hatte, galten nicht für sie. Dazu gehörte ein stärkerer Geist, ein stärkerer Wille, als sie ihn besaß. Um vier nachmittags, so hatten sie verabredet, sollte sie zu Ortwin kommen. Und nun stand sie hinter dem Store und starrte auf die Straße hinaus. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, so war es die Tatsache, daß er nicht kam. Sicher wäre er gekommen, um nach ihr zu sehen und sich nach der Ursache des Ausbleibens zu erkundigen, wenn ihn nicht das Bewußtsein seiner Schuld zurückhalten würde. Um zehn Uhr schloß sie sich ein. Dann nahm sie den Brenner von der Gaslampe und drehte den Hahn weit auf. Während sie sich entkleidete, fuhr es ihr durch den Kopf: Wer in die Zukunft blicken könnte! Würden die Frauen es immer mehr den Männern gleichtun, würden immer zahlreichere Mädchen als Jungesellinnen leben, wie Else Hauf und die anderen es taten? Oder waren das nur Auswüchse einer Übergangszeit voll Irrtümern und Fehlgriffen? Und würde einst die Reaktion kommen und eine bessere Zeit einleiten, in der die Frauen nicht mehr die Unterdrückten, die Mißbrauchten waren, sondern gleichberechtigt neben dem Manne lebten in einer schöneren, würdigeren Stellung als heute und ohne über ihre Frauennatur hinauszustreben.