Regenbogen. Sieben heitere Geschichten von Ludwig Hevesi.     Stuttgart. Verlag von Adolf Bonz \& Comp. 1892.     Inhalt. Die Sixtinische Madonna Der Onkel aus Amerika Ein Pechvogel Gardenia Eine schöne Bescherung Buhu Die Schuhe von Mentone     Die Sixtinische Madonna. Eine weltliche Legende. 1889. Zwischen den vier Wänden des Dresdener Museums, welche die Sixtinische Madonna umschließen, ging es lebhaft zu. Die langen Bänke an den Wänden waren dicht besetzt von Andächtigen, welche ein Stündchen lang diese geweihte Luft atmen wollten. Deutlich sah man ihnen eine allerheiligste Gegenwart an, welche sie befangen machte. Etliche waren geradezu verwirrt, wenigstens nach den seltsamen Reden zu schließen, die sie führten, so lange nicht ein allgemeines »Pst« sie wieder zum Schweigen brachte. Aber schon ihre Andacht selbst äußerte sich in der verschiedensten Weise. 4 An der Ecke, der Thür zunächst, saß schon seit drei Viertelstunden ein beleibter Herr in hellgrauem Sommeranzug von eleganter Knappheit, dessen Nähte an mehreren Stellen, namentlich an den Achseln und der Innenseite der Beinkleider, zolllang geplatzt waren. Er schlief ruhig und schnarchte nur zuweilen leise auf. Neben ihm saß eine ältliche Dame in schwarzem Seidenkleid mit viel Goldschmuck, die sich ein Verdienst um die Gesellschaft erwarb, indem sie ihn in solchen lauten Augenblicken mit einem Ellbogen, den sie eigens zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, so lange stieß, bis er wieder schwieg. Dann folgte ein hellgrauer, schwarz umgürteter Zylinderhut, unter dessen Krämpe hervor zwei schuhlange, schwarze Sehrohre wie Kanonen nach einer Kopie der Madonna zielten, an der ein grauköpfiger Maler in grauem Röcklein emsig pinselte. Das Original schien den Amerikaner weniger zu interessieren. Dann kamen zwei elegante Staubmäntel, ein silbergrauer und ein schwarzweiß gewürfelter, die sich halblaut über einen Rokoko-Schlafrock aus blauem, geblümtem Voile unterhielten, nicht ohne 5 in Streit darüber zu geraten, ob für das Devant Surah oder satin merveilleux vorteilhafter sei. Dann kam ein trockenes, einst rasiert gewesenes Männchen aus den »Fliegenden Blättern«, das las gleichzeitig in drei dicken Raffael-Biographien von Förster, Crowe-Cavalcaselle und Grimm, während er eine vierte, die nach dem großen Format nur die Springersche sein konnte, als Rückenlehne benutzte. Jede Viertelstunde aber warf er durch ein schlechtes Opernglas einen ganz flüchtigen Blick auf die Madonna selbst. Dann kam eine Reihe englischer Misses, mit ganz gleichen gelben Zähnen, weißen Augenbrauen, ungeschwärzten Schuhen und rot und gelb gestreiften Flanellkleidern. Drei oder vier neben einander, wenn nicht gar fünf – man glaubte ihrer zwei Dutzend zu sehen, so viele rote und gelbe Streifen wimmelten auf den Beschauer los. Sie hielten sich alle gleich stramm und husteten fortwährend, bald die eine, bald die andere, obgleich sie das eigentlich ebensogut zugleich thun konnten. Bemerkungen tauschten sie nicht aus, sondern hielten offene Notizbücher bereit, um, wenn ihnen dergleichen einfallen sollte, es sofort niederzuschreiben. 6 Dann kam ein gelblicher Herr in rotem Fez, der drehte sich alle fünf Minuten unwillkürlich eine Cigarette, die ihm sein Fremdenführer jedesmal unter allen Zeichen des Entsetzens schleunigst aus der Hand nahm, worauf der Orientale einen Laut der Ungeduld von sich gab und sich mit den Handflächen beide Kniee rieb. Dann kam eine hochwohlgeborene Dame, mit allerletzter Eleganz gekleidet, in mausgrauer Faille mit Passementerie aus Stahlschnüren und einem pelerinenartigen Mantelet voll Stahlperlengrelots und einem entzückenden Capotehütchen aus grauem Filz mit ähnlichem Aufputz. Sie war hoch, schlank und mehr blond, als etwas anderes, und betrachtete die Madonna mit einer gewissen Herablassung durch ein Ecaille-Lorgnon mit ellenlangem Stiel, während doch die Madonna offenbar sie hätte betrachten sollen. Ihr Begleiter war ein älterer Herr, der aber seine Kleidung noch ganz jugendlich konserviert hatte; er sah aus wie ein großer Heerführer in Zivil, denn er sagte zwar nichts, aber wenn er gesprochen hätte, hätte er gewiß kommandiert. Dafür sagte seine Begleiterin einmal ganz laut: »Sehr nett!« 7 Ein lautes Wort. Zwei laute Worte. Entrüstet wandten sich mehrere Andächtige der Ruhestörerin zu, ein »Pst« lag auf allen Lippen, als sie aber die mausgraue Faille sahen und die Stahlperlengrelots und die große Länge des Lorgnonstieles, da unterdrückten sie alle Entrüstung. Wenn man so gekleidet ist, darf man alles sagen. Die Wirkung jenes lauten Wortes aber blieb nicht aus. Für eine Viertelstunde war es mit der andächtigen Kirchenstille vorbei, alles fühlte sich plötzlich berufen, auch irgend ein Geräusch zu machen. Der beleibte Schläfer am Bankende schnarchte auf einmal hohl auf; der Herr im Fez erhob sich, um zu gehen, wobei er sich Schnee von den Füßen zu stampfen schien; die drei bis fünf Misses brachen in einen gemeinsamen Husten aus; und unter einem fremden Herrn, der soeben ganz geräuschlos hereingeschritten war, begannen zu seinem eigenen Erstaunen die Schuhe plötzlich zu knarren. Knarrend wanderte er zu dem Bilde hin, ganz nahe, denn er war sehr kurzsichtig, hielt einen scharf spiegelnden Kneifer vor seine auch schon brennglasartig geschliffene Brille, fuhr mit der Nase ein paarmal dicht an der Leinwand querüber, schnupperte dann 8 etlichemale an der Malerei in die Luft hinan und sagte schließlich zu einem feisten Couleurstudenten, den er für seine Frau hielt: »Ausgezeichnet! Nur der Löwe scheint mir nicht ganz getroffen.« »Der Löwe?« lachte ihm der Student ins Gesicht. »Wo ist denn da ein Löwe?« »Hier, denk' ich,« entgegnete der Knarrende, indem er auf die untenstehende Tiara des heiligen Sixtus wies, die allerdings goldgelb ist wie ein schöner Löwe. Und dann, als ihm der Student die Sachlage erklärt hatte: »So, so, das ist möglich. Und welcher ist denn der heilige Sixtus? der rechts oder der links kniet?« Und als ihm der Student auch noch mitgeteilt hatte, daß die Person rechts gar kein Mann, sondern eine weibliche Heilige sei, meinte er: »Ei ja freilich, freilich, . . . aber ist mir nicht, als ob die Madonna etwas auf dem Arme hielte?« Worauf ihm Bruder Studio auch noch verriet, daß dieses Etwas das berühmte Jesuskind sei. Ganz befriedigt knarrte der Mann von dannen, der Meinungsaustausch vor dem Bilde aber wurde nun allgemein. Ein Fräulein in einer Jacke, deren 9 Knöpfe echte Malzbonbons sein mußten, fand, daß das Jesuskind und das eine Engelchen unten der nämliche Kopf seien. Ihre Mama fand im Gegenteil die grünen Vorhänge auf dem Bilde nicht gerade elegant. Ein stattlicher Herr, der sichtlich Meyer oder doch wenigstens Meier hieß, erkundigte sich bei dem Aufseher, ob die Madonna von oben herab, oder von unten emporschwebend gedacht sei, fügte aber sehr anerkennend hinzu, in beiden Fällen sei sie ausgezeichnet. Eine üppige Dame, die kein Mieder trug, sondern ein Skizzenbuch unter dem Arme hatte, also in malerischen Dingen jedenfalls sehr gewiegt aussah, erklärte, ihr gefalle das Darmstädter Exemplar entschieden besser, dieses hier müsse eine Kopie von niederländischer Hand sein. Sie verwechselte nämlich Raffaels Sixtina mit der Holbeinschen Madonna am anderen Ende des Museums. Eine französische Gouvernante, »auch für Klavierunterricht befähigt«, die mit zwei sehr eleganten Backfischchen herangeflirtet war, warf einen Blick auf das Bild, unterdrückte ein Gähnen und wandte sich mit den Worten ab: » C'est de la musique allemande. « Fünf Minuten lang war die Stimmung eine 10 entschieden verneinende und Raffael verlebte eine böse Viertelstunde. Dann kam plötzlich ein Umschwung und fünf Minuten lang wurde er in den Himmel gehoben. Der Mann, der dies bewirkte, war der erste Tenorist des Hoftheaters, der eine gastspielende Soubrette hereingeführt hatte. »Also das ist Unsere Liebe Frau von Dresden!« rief er so melodisch, daß es wie eine Bravourarie klang. »Ist sie nicht himmlisch?« »Göttlich!« bekräftigte die kleine Soubrette, so inbrünstig sie es herausbrachte. Die Macht des Gesanges bewährte sich auch jetzt, die beiden berühmten Künstler rissen alle Meinungen mit sich. »Welche Erhabenheit!« hieß es rechts, »welche Bescheidenheit!« flüsterte es links. »Dieses herrliche Rot!« »Dieses wunderbare Blau!« »Unergründliche Augen!« »Dieser edle Fluß der Linien!« Ein Fräulein mit langem Gretchenzopf murmelte sogar: »Ich falte die Hände,« hielt aber dieses Programm nicht ein. Kurz, es war ein allgemeines Entzücken. Leider hatte der Tenorist eine Bekannte aus Hamburg in der Menge getroffen. Eine reiche, geputzte Dame, die ihm nach den notwendigsten Erkundigungen gestand, sie sei 11 eigentlich mehr wegen der heiligen Barbara hereingekommen, denn sie selbst heiße so und suche daher grundsätzlich alle Barbara-Bilder der Welt auf. »Das beste,« fügte sie mit großer Bestimmtheit hinzu, »ist doch das von Palma in Venedig; ich möchte sagen: da bin ich am besten getroffen.« In diesem Augenblick wandte sich der Kopist auf seinem erhöhten Standort jäh um, warf einen durchbohrenden Blick auf die Sprecherin, als vergliche er sie in Gedanken mit dem idealen Lagunenkind in Santa Maria Formosa, dann stieß er ein schrilles Gelächter aus. Ein Schreck fuhr in die Gesellschaft, denn niemals wohl war in diesen Räumen ein so böses Lachen erschollen. Der Schreck wurde zur Entrüstung und ein Summen ging durch die Menge: »Das ist frivol, das sollte nicht erlaubt sein, so zu lachen.« Der graue Mann aber schritt mit Palette und Malstock in den Händen, wie mit Schild und Speer bewehrt, durch das Gewühl, das sich ängstlich vor dem offenbar Verrückten öffnete. Er trat vor das Bild der Göttlichen hin und sah zu ihr empor mit einem Blick, der zu sagen schien: »Vergieb ihnen, Gebenedeite, denn sie wissen nicht, was sie sprechen; vergieb ihnen 12 ihren Tadel, besonders aber ihr Lob.« Dann ging er links die Reihe der kleinen Kabinette hinab, in deren einem er verschwand. Hinter ihm aber gärte es noch lange in der Menge fort. Er hatte das ganze Publikum in seiner Andacht gestört. Man sandte ihm Blicke nach, die sogar um die Ecke gingen. Und dann wandte sich aller Zorn gegen seine Arbeit. Ein so talentloses Machwerk, hieß es allgemein. Dieser arme Teufel habe ja »gar keinen Dunst von der Kunst«, – ein Reim, welcher mit Beifall aufgenommen wurde. Ein Stümper in der Zeichnung, ein Pfuscher in der Farbe. Da saß ja kein Strich richtig und kein Ton war auch nur annähernd getroffen. Und dann, er getraue sich ja gar nicht recht heran an die schwere Aufgabe. Pinsle da an Kleid und Haar und dergleichen Nebensachen herum, die Gesichter aber hebe er sich auf für Gott weiß wann. Alle seien nur eben angelegt, so ungefähr angedeutet, sogar die Hand des heiligen Sixtus. Ei freilich, so eine Hand sei auch kein Kinderspiel. Und vor acht Tagen habe er endlich angefangen, das Gesicht der Madonna zu malen, aber den anderen Tag kratze er immer alles wieder 13 ab und fange von vorne an. Und jede Wette, daß er das Bild überhaupt nie fertig bringen werde. Und es sei eigentlich unrecht von der Direktion, daß sie so talentlosen Leuten gestatte, kunstverständigen Beschauern mit ihrer Staffelei die Aussicht zu verstellen. Und dann wurde der Aufseher um näheren Aufschluß über die Person des Vervehmten angegangen. Also Kohlmann heiße er, Taufname unbekannt. Nun ja, wie könnte er auch anders heißen? Und ein Schlesier sei er? Ach, das erkläre sofort alles. Schlesien sei ja ein ganz wackeres Land, aber . . . aber . . . Raffael sei nichts weniger als ein Schlesier gewesen. Man ging so weit, daß man sich sogar über seinen Farbenkasten hermachte, um zu sehen, ob er das bläßliche Zeug denn wirklich mit Ölfarben male. Das Fräulein mit dem Gretchenzopf griff eine der Tuben heraus und las darauf buchstabierend das Wort »Beinschwarz«. »Ach, damit malt er wohl die Beine,« sagte sie in bestem Glauben und legte das »schmutzige Ding« wieder zurück. Sie wunderte sich, daß man über ihr Wort lachte, und zog sich etwas verlegen zurück. Glücklicherweise kam soeben der junge Unteroffizier, mit dem sie sich »bei der Sixtinischen« ein Stelldichein gegeben hatte, und holte sie. 14 Was freilich die Kopie des Wunderbildes betrifft, hatten die Leute nur zu sehr recht. Der alte Kohlmann, ein Bauernkind, später im Kloster erzogen, dann der Kutte entsprungen und auf eigene Faust Kunstjünger geworden, war kein großer Maler. Nur den Eifer hatte ihm die Natur geschenkt und vom Kloster her war ihm eine Frömmigkeit des Wollens verblieben, wie die Nazarener sie hatten, eine stumme, bedingungslose Hingebung an das Unerreichbare. Auch war es das erste Mal, daß ihm eine so hohe Aufgabe geworden. Der bekannte Kunstfreund, Bankier Blum, für den er schon mehrere kleine Niederländer kopiert hatte, wollte seiner lieben Frau zu Weihnachten diese Abschrift der Sixtina verehren. Seit sechs Wochen arbeitete der Graukopf täglich von neun bis zwei Uhr, um welche Zeit die Sonne »da hinüber« geht, worauf ihm das Licht nicht mehr günstig genug schien. Nun waren es noch zwei Monate bis Weihnachten, es war also hohe Zeit, daß er, wie zagend immer, an die Hauptsachen seiner Arbeit ging. An den Nebensachen hatte er einstweilen nur seine Hand üben wollen für den »großen Strich«, den er an den putzigen Kleinmeistern allerdings nicht hatte lernen können. 15 Seine Flucht aus dem Getümmel des Sixtinazimmers ging übrigens nicht weit. Schon in das zweite Kabinett lenkte er ein und sank aufgeregt auf einen Stuhl, nachdem er den Malstock in die Fensterecke gestellt und die Palette auf den Spucknapf gelegt, den einzigen Ort, wo man etwas hinlegen konnte. Eine Dame zwischen zwei Lebensaltern, die eben eine Kopie von Tizians »Zinsgroschen« vollendete, sah über den oberen Bildrand nach ihm hin mit einem merkwürdig klaren, jugendlich blauen Blick. »Nun, nun, was wird es denn wieder sein, Herr Amtsbruder?« scherzte sie in höchst beruhigender Weise. »Ach, bitte, sagen Sie nur gleich noch etwas, Fräulein Bauer,« bat Kohlmann, »wenn Sie sprechen, ist es mir immer, als bekäme ich einen lauen Umschlag um die Stirne, mir wird ganz ruhig davon.« »Sie dürfen ruhig sein, lieber Kohlmann,« entgegnete sie, »Ihre Kopie gedeiht ja, ich bemerkte es mit Vergnügen, als ich vor einer Stunde heimlich einen Blick in die Kapelle warf.« Kohlmann sprang auf, sein graues Gesicht 16 strahlte. »Sie geben mir das Leben wieder,« rief er, »mir kam alles abscheulich vor. Ich war aber auch wütend. Es war heute wieder einmal nicht auszuhalten vor dummem Geschwätz. Herr du meine Güte, was muß ich da so einen Vormittag hindurch anhören. Ich muß mich förmlich in meiner Haut festhalten, um nicht herauszufahren. Und sehen Sie, ich habe heute meine Baumwolle vergessen; wenn ich aber die Ohren nicht hermetisch verstopft habe, so, daß ich nichts höre, bin ich unfähig zur Arbeit. Ich fürchte nur immer, ich sage jemandem eine Grobheit und komme dafür vor Gericht.« »Das Geschwätz ist allerdings bös,« meinte Fräulein Bauer, »selbst hier beim Zinsgroschen, wo es lange nicht so bunt hergeht, muß ich oft Dinge hören, daß ich den Leuten mit dem Pinsel über den Mund fahren möchte. Erst heute kommt einer daher und erklärt seinem Begleiter, das Kolorit sei gar nicht recht tizianisch, es habe so 'was Bläuliches. Das Individuum hatte nämlich ein blaue Brille auf der Nase, wegen des Sonnenscheins draußen, und vergessen, sie abzunehmen.« Fräulein Bauer galt zu jener Zeit für die 17 beste Kopistin venezianischer Bilder. Sie hatte sich tief in den leuchtenden Goldton hineingearbeitet und ihr Pinselstrich war von schier männlicher Kraft und Breite. Kohlmann sah ihr eine Zeit lang zu, mit welcher Tapferkeit sie die hellsten Lichter des Christuskopfes aufsetzte, und er seufzte: »Wie ein Laternenanzünder, der eine Gasflamme nach der anderen entzündet; ich hätte gar nicht den Mut dazu, mich macht ein heiliges Bild befangen.« »Ich ehre Sie wegen dieser Befangenheit, Kohlmann,« sagte sie, »das macht, weil Sie mehr Gemüt haben als . . .« Sie hatte sagen wollen: »als Talent«, verbesserte sich aber beizeiten: »als für den Maler förderlich.« Sie plauderten fort bis zwei Uhr. Auch die Masse der Besucher hatte sich zerstreut, den verschiedenen Table d'hoten zu. Es war einsam im Zimmer der Sixtina. Kohlmann ging hinaus, sein Malzeug zu verpacken. Er sah seiner Madonna ins Gesicht und lächelte; Fräulein Bauer hatte sie ja sozusagen gelobt. Dann sah er zögernd hinüber zu der echten und zuckte scheu zusammen. Nie zuvor war sie ihm so unnahbar hehr erschienen wie 18 jetzt. Dieses Antlitz, wie Samt in der Sonne; diese tiefen, dunklen, rätselhaften Augen, deren Farbe er niemals erraten konnte . . . Wie Gotteslästerung erschien ihm sein Nachbild, das er gar nicht mehr anzuschauen wagte. Er sank auf die Kniee vor dem Götterbild, stützte seine Stirne auf den Rahmen und flehte stumm: »Wenn ich mich an dir versündigt habe, Gottesmutter, so vergieb dem armen Sünder; wenn ich aber gottgefällig strebe nach meinen schwachen Kräften, so hilf, hilf, Madonna.« Etwas später verließ auch Fräulein Bauer das Museum. Sie ging eigens durch die Kapelle, um Kohlmanns Arbeit anzusehen. Bedenklich schüttelte sie den Kopf, trat näher heran und weiter hinweg, und ihr Gesicht wurde immer trostloser. »Ich thu's,« sagte sie endlich, »daß ihr mich aber nicht verratet!« Die 19 letzten Worte waren an die beiden Engelkinder zu Füßen der Madonna gerichtet, die ihr mit sichtlicher Neugier zuschauten. Und im Nu hatte sie wieder ein paar Farben auf der Palette und einen recht kräftigen Pinsel in der Hand, bestieg entschlossen das Podium und begann kühn in das Antlitz hineinzumalen. Zusehends wurden die Töne wärmer, die Schatten vertieften, die Lichter erhöhten sich, auch die Linien rückten willig zurecht und sogar die Augen . . . seltsam, die Augen bekamen einen Blick, sie blickten nicht göttlich, aber doch menschlich. So eifrig war sie an der Arbeit, daß die Schlußglocke sie ordentlich vom Podium herunterschreckte. Tiefgebeugt betrat Kohlmann am nächsten Morgen sein Prüfungszimmer, wie er es nannte. Schüchtern hob er das Auge zu seiner gestrigen Arbeit und traute ihm nicht. »Merkwürdig,« sagte er zu sich, »wenn ich nicht gewiß wüßte, daß ich nichts kann, so würde ich sagen, das ist gar nicht übel.« Und je länger er es ansah, desto zufriedener war er. »Fräulein Bauer hatte gestern doch recht, als sie es lobte; o, sie hat ein gutes Urteil . . . Wie kräftig mir der Fleischton geraten ist; sage 20 doch einer, daß das keine warmen Schatten sind! Und diese Augen, vor denen ich mich so gefürchtet, die mich bis in meine Träume verfolgten, diese Zauberaugen . . .« Und plötzlich ging ihm ein Licht auf. »Ich habe gestern gebetet, vor der Arbeit und nach der Arbeit. Ich habe mit dem Herzen gemalt und sie, die Große, die Himmelhohe, hat mir geholfen.« Und er beugte sein Knie an ihren Stufen und küßte demütig den Rand ihres goldenen Rahmens. Ungesäumt ging er nun ans Werk und begann den Kopf des Kindes. Er sah und hörte nichts vor feurigem Eifer, obgleich es wieder bunt herging im berühmten Eckzimmer. Ganz überflüssig war die Baumwolle in seinen Ohren. Merkte er es doch nicht einmal, als ein Trupp von zwanzig jungen Amerikanerinnen hereintrappelte und sich von einem englischen Cicerone die Geschichte und Schönheit des Bildes haarklein berichten ließ. Selbst an Fräulein Bauer vergaß er ganz. Erst als ihm die Hände vor Mattheit sanken und etwas ihm sagte, daß es zwei Uhr war, hörte er auf. Er trat vom Podium herab und sah sein Wert aus der richtigen Entfernung an. Aber da wurde 21 das Herz wieder ganz klein in seiner Brust; was er gemacht hatte, gefiel ihm nicht. »Es ist das Licht,« tröstete er sich, »um zwei Uhr geht ja die Sonne da hinüber.« Dennoch ging er etwas kleinlaut in das Zinsgroschen-Kabinett, wo Fräulein Bauer noch fleißig war. »Brav, brav,« rief ihm diese entgegen. »Weiß schon alles. Ohne Baumwolle hätten Sie heute manches lobende Wort über den fertigen Kopf gehört.« Das richtete ihn ein wenig auf. »Sehen Sie, liebes Fräulein,« sagte er, »das ist die Macht der reinen Gesinnung, . . . wie Overbeck sie hatte und Steinle. Auch ich habe gestern mit dem Herzen gemalt.« Sie lächelte nur still vor sich hin. Als er am Morgen wiederkam, fand er wirklich das Licht viel besser und seine Malerei desgleichen. Namentlich schien sie ihm lange nicht so farblos, als er gestern geglaubt. Ja, das Licht! Wiederholte sich nicht jeden Tag das nämliche Wunder? Er begriff nicht, wie Fräulein Bauer auch noch nach zwei Uhr fortmalen konnte. Offenbar hatte sie keinen Sinn für diese feinen 22 Unterschiede. Nach acht Tagen war das Kindlein fertiggemalt. Kohlmann traute seinen Augen nicht, und doch . . . er hatte ein Gefühl, als ob es unter den Augen der heiligen Mutter drüben gar nicht hätte schlecht ausfallen können. »Deine Gegenwart hat es vollendet, nicht ich,« dachte er demütig und legte eine rote Rose auf die Stufe zu ihren Füßen. »Eigentlich gehört diese Rose mir,« dachte Fräulein Bauer, als sie sie nach zwei Uhr dort liegen sah. Aber sie lächelte und nahm sie nicht weg. Drei Wochen vergingen und Kohlmanns Bild war schon sehr vorgeschritten. Selbst die arg verwickelte Hand des heiligen Sixtus war überraschend gelungen. Ohne Zweifel hatte der Kopist durch die Arbeit manches gelernt. Fräulein Bauer, welche jetzt Tizians farbensatte Tochter Lavinia kopierte, gab ihm mancherlei praktische Winke, die er gewissenhaft befolgte, und das Arbeiten im Großen machte auch seine Pinselführung kräftiger. Überdies aber . . . wurde es glücklicherweise jeden Tag zwei Uhr. Auch das Selbstbewußtsein Kohlmanns wuchs. Er malte bereits ohne Baumwolle. Die Bemerkungen um ihn her reizten ihn nicht mehr, höchstens dachte er sich sein Teil dabei. Nur ein 23 Wort, das ein fremder Maler einmal hinter ihm gesprochen, wollte ihm nicht aus dem Sinn. Der hatte nämlich gesagt: »Sonderbar; wenn man diesen Menschen an der Arbeit sieht, hält man ihn für einen Stümper, und die fertigeren Teile haben doch etwas eigentümlich Talentvolles.« Da ereignete sich ein Unglück. Fräulein Bauer erschien einige Tage nicht im Museum. Eine sonderbare Influenza-Seuche war eben in der Stadt ausgebrochen; sollte auch sie erkrankt sein? Am ersten Tage schon fühlte Kohlmann ein merkwürdiges Unbehagen ob dieser Abwesenheit. Er nahm mehr Baumwolle als jemals, aber diese Beschwichtigungspflanze nützte wenig; er hörte sogar Stiefel knarren, die ganz stumm waren. Jeden Augenblick huschte er hinaus, um Tizians Tochter Lavinia zu fragen, ob Fräulein Bauer noch nicht dagewesen. Nein, sie war nicht gekommen. Die Arbeit aber wollte durchaus nicht gedeihen; er hielt bereits bei den zwei Engelknaben unten und stümperte greulich an ihnen herum. Um zwei Uhr fand er sie abscheulich, natürlich wegen des Lichtes, aber um zehn Uhr morgens, in seinem Lichte, schienen sie ihm noch 24 schlechter. Was war das? Er hatte das Gefühl, als habe er einen Zauberring vom Finger verloren und sei wieder der blanke Niemand. Furchtsam lugte er hinüber nach der Tafel Raffaels, aber die ganze hohe Gesellschaft dort schien jetzt gar keine Augen mehr für ihn zu haben, um sein Wohl und Wehe sich nicht mehr zu kümmern, als um das jener Fliege, die über den Rahmen kroch. Er kratzte die gestrige Malerei ab und strich eine neue auf die Leinwand. Aber hinter ihm stritten sich zwei Damen, die ihm zusahen, ob diese Engelchen wohl Knaben oder Mädchen wären und wie sie wohl heißen möchten. Die Damen waren schon zwei Stunden fort, aber noch immer hörte er sie streiten und mußte innerlich mitzanken über das quälende Thema. Endlich legte er alles hin und ging hinüber zu Signora Lavinia, um Fräulein Bauer zu erwarten. Er wartete, bis die Schlußglocke klang, und betrachtete unaufhörlich das Bild und die begonnene Kopie. Dabei dachte er fortwährend an die Abwesende und fragte sich: »Was ist es, daß ich ohne sie nicht arbeiten kann, daß ich ohne sie tot bin?« Und dann sah er nicht mehr Lavinia vor sich im Rahmen, das südliche Vollblutweib, in den gleißenden Gewanden, sondern ein blasses, leicht angewittertes Antlitz, mit etwas scharfen Schläfen und etwas langen Zügen, die an mehreren Stellen mit feinen Furchen gleichsam unterstrichen waren, aber auch mit zwei blauen Augen, die ihn noch ganz jung anblickten, und mit einer schneeweißen Krause über den Schultern, die nicht so übertrieben schmal waren, als sie eigentlich sein konnten. Und er fragte Lavinia zehnmal: »Was ist es, daß sie mir fehlt wie der Bissen Brot, wie der Tropfen Wasser, wie die Luft zum Atmen?« Aber Lavinia gab keine Antwort. Vom Museum ging er nach ihrer Wohnung, wo er nicht vorgelassen wurde. Sie liege zu Bette, hieß es, und lasse ihn grüßen und ihm für die schöne Rose danken. »Für welche Rose?« fragte er, denn es war halb unbewußt, daß er die Blume ihr mitgebracht. Und sie werde doch wohl in acht Tagen wieder gesund sein . . . oder in zwei bis drei Wochen . . . oder übers Jahr. Da ließ er ihr hineinsagen, sie müsse gesund werden, er rühre bis dahin keinen Pinsel an, die zwei Engelchen 26 wären ihm schon heute vorgekommen wie zwei Teufelchen, die ihn auslachten. Und da ließ sie ihm sagen, er solle nur mutig darauf losmalen und nichts abkratzen, es werde schon etwas daraus werden. Das versuchte er denn auch zu thun, aber ihm graute vor dem Zeug, das er auf die Leinwand brachte. Wahrlich, zu keiner schlechteren Zeit hätte Herr Bankier Blum im Museum erscheinen können, um den Fortgang seiner Arbeit zu sehen. Er lobte sie nicht wenig und fand es besonders »nett«, daß der Künstler den beiden Engelchen hellblaue Augen gemacht habe, das sei viel »freundlicher« für ein Boudoir. »Blaue Augen?« rief Kohlmann bestürzt; aber es war wirklich so, blauere Augen sind schon schwer denkbar, als er sie den lieben Kleinen in den Kopf gesetzt. Verdutzt spintisierte er über diese unwillkürliche Handlung fort und hörte nichts von alledem, was der bekannte Kunstfreund Herr Blum ihm von seiner letzten Reise wortreich erzählte, . . . von Rom, das sich bereits ganz gut mache und in einigen Jahren eine ganz interessante Stadt sein werde, . . . und von der Peterskirche, die er freilich 27 nicht gesehen, weil sie ihm zu weit draußen gelegen, . . . Jenseits des . . . an den Namen des Flusses könne er sich nicht mehr erinnern . . . richtig, Mincio, wenn er sich recht besinne, . . . Ja, das sei der Name, vom Ponte Mincio aus sei ja auch die schönste Aussicht auf Rom. »Vom Monte Pincio,« berichtigte spöttisch ein Unbekannter neben ihm, aber das hörte Herr Blum im Feuer der Rede so wenig als der unglückselige Fabrikant himmelblauer Augen. Kohlmann kam nämlich erst in einem ganz anderen Zimmer zum Bewußtsein. Herr Blum, der bekannte Kunstfreund, hatte ihn schließlich unter den Arm genommen und in die niedrigsten Niederlande entführt, in ein Kabinett voll kleiner Bilder, vor deren einem er mit ihm Stellung nahm. Es war Jan de Brays »Lob des Herings«. »Sehen Sie, lieber Kohlmann,« fuhr Herr Blum fort, »das ist meine neue Idee. Ich habe das Bild soeben erst entdeckt und bin entzückt davon. Meine Frau ist, wie Sie wissen, geborene Holländerin, ha, ha, und wenn ich ihr zu Weihnachten eine Kopie dieses Heringsbildes geben könnte, das wäre ein viel besserer Spaß als die Sixtina. Eine 28 »Apotheose des Herings«, ist das nicht göttlich? Und in vierzehn Tagen können Sie doch das bequem machen. Lassen Sie die Sixtina Sixtina sein und machen Sie sich an den Hering. Ich bezahle Ihnen dafür fünfhundert Mark. Die Sixtinische vollenden Sie mir dann später, ich werde sie der Schule meiner Heimatsgemeinde schenken, damit sie mich zum Ehrenbürger ernennt, denn ich brauche, he he, wieder mal eine feine Notiz in der Zeitung. Also topp! schlagen Sie ein, Kohlmännchen.« Und Kohlmännchen schlug ein. Merkwürdig. Angesichts des Herings hatte er sofort sein ganzes Selbst wiedergefunden. Jener Raffael verwirrte ihn, er fürchtete sich vor seiner Himmelskönigin, deren Gütigkeit selbst ihn niederschmetterte, er war geblendet von den Engelglorien und sollte in dieser Vernichtung die Vernichtende malen! Aber hier . . . hier war er ganz zu Hause. Ein harmloser Hering im silberschimmernden Schuppenkleid, die Flanke behaglich aufgeschnitten, lag auf einem braunen Teller, der auf appetitlich weiß gedecktem Tische stand. Mit einem seiner gelbgrauen Augen blinzelte er so gemütlich aus dem 29 Bilde heraus, als winke er ihm zu: »Malet mich nur, Mynheer.« Und dabei steht gleich ein Krug und zwei Gläser mit großartigem Bier, denn auch Bier kann großartig sein, und eine Schüssel mit den rührendsten Zwiebeln, denn auch Zwiebeln können Thränen der Rührung erzielen, . . . und hinter dem Tische steht aufrecht eine Tafel, mit niedlichen kleinen Heringlein umkränzt, und zeigt ein langes holländisches Gedicht unter dem Titel: Lof van den Pekelharing . Und daruntersteht: » Anno 1656 .« Ach, Anno 1656 , zweihundert Jahre vor Frau Blums Geburt, da war es noch gemütlich in der Welt, besonders in Holland. Die Heringe sahen auch noch viel besser aus, viel idealer, sie hatten etwas Ritterliches, Schneidiges, wie ein Haifisch. »Topp, Herr Blum!« rief also Kohlmann und schlug ein, sehr kräftig im Gefühle wiedergefundener Meisterschaft. O, ein Hering und Biergläser, da war ihm keiner über! Augenblicklich ging er ans Werk und malte tagtäglich bis zur Schließung des Museums. Selbst nach zwei Uhr malte er tapfer fort und merkte gar nicht, daß die Sonne bekanntlich um diese Stunde »da hinüber« ging und das Licht schlecht 30 wurde. Was – Licht? Können muß man's! Bei angebrannten Streichhölzchen hätte er diesen Hering zu stande gebracht! So groß war sein Eifer, daß er sogar an Fräulein Bauer vergaß. Am zehnten Tage seiner Arbeit fiel plötzlich ein Schatten auf seine Holztafel. Er sah sich geärgert um und sprang verwirrt auf. Er war rot, wie einer jener gekochten Hummern, die gewiß nur zufällig nicht auch auf dem Bilde vorkamen. Fräulein Bauer stand vor ihm und lächelte. »Also von der Sixtina zum Hering! . . . Welch ein Rückschritt! Doch was sage ich? Ein Fortschritt ist es, lieber Kollega, ein Fortschritt. Gestehen Sie nur, Sie haben sich denn doch nicht recht wohl befunden, da drüben vor der großen Leinwand, neben dem . . . dem Unaussprechlichen. Glaub's wohl, daß einem da bange wird . . . Hier aber, lieber Kohlmann, sind Sie Herr und Meister. Ein sixtinischer Hering ist es zwar nicht, den Sie malen, aber doch ein Prachttier, wie ich es schwerlich zusammenbrächte. Liegt er nicht da in seiner Silberrüstung wie ein ruhender Lohengrin? Oder ein in der Schlacht gefallener, denn er ist ja 31 aufgeschlitzt, daß man ihm bis in seine schöne Seele hineinsieht. Alle meine Komplimente, lieber Kohlmann, Sie sind schließlich in Ihrer Weise ein ganz geschickter Mann.« Kohlmann hatte sich wieder gefaßt und antwortete vor allem auf einen Punkt in der Rede seiner Kollegin. »Sie glauben also, Fräulein Bauer, daß ich . . . daß ich die große Leinwand . . . ich meine, 32 daß meine Kopie der Madonna schlecht ist? Ich dächte doch, daß mit Ausnahme der zwei Engelkinder . . . Die Arbeit ist denn doch besser gelungen, als ich selbst zu hoffen wagte. Daß ich es nur gestehe, ich hatte mir das gar nicht zugetraut. Erst als Sie . . . krank wurden, Fräulein Bauer, da war es aus mit mir. Ich weiß nicht, ich war mit Ihnen krank. Ich . . . ich, Fräulein Bauer, . . .« »Aber doch nicht gefährlich, da ein Hering Sie wieder hergestellt hat.« »Sie scherzen, Fräulein Bauer, aber so gewiß das ein guter Hering ist, . . . mir war sehr arg die Tage her. Wenn ich so vor der Lavinia stand . . . und Sie waren nicht da, Fräulein . . . Fräulein Bauer . . .« Als hätte er plötzlich einen fatalen Übelstand bemerkt, zog er geschwind einen dünnen Pinsel voll Weiß aus dem Büschel in seiner Linken und machte dem Hering einen winzigen Tupf auf die Nase. Offenbar war das sehr dringend gewesen. »So, jetzt hat er's, der Hering,« lachte sie, winkte ihm mit der Hand und huschte hinaus. Sie hatte seine Engelkinder noch nicht gesehen. Als sie jetzt das Zeug erblickte, übermannte sie das 33 Mitleid. »O du mein Gott,« seufzte sie und rang die Hände, als bedaure sie die herzigen Kinder, die man so übel behandelt hatte. Dann schien sie einen Augenblick betroffen und stieg hastig auf das Podium. Ja, sie hatte richtig gesehen, die Augen waren blau. Blau wie die ihren. Die Hände gefaltet, stand sie eine Weile da und sah in diese blauen Augen, die übrigens so schlecht gemalt waren, wie das Übrige. Dann schien sie etwas wie einen Schleier von sich abzuschütteln, ihre verdüsterten Züge hellten sich wieder auf und sie griff rüstig zu ihrem Malzeug. Kohlmann war ja beim Heringschmaus, der störte sie jetzt nicht. Und rasch, als habe die lange Rast ihre Kraft verdoppelt, begann sie die beiden Engel zurechtzumalen, mit saftigen Meisterstrichen, daß das Blut in ihnen zu blühen begann und die Form sich zu runden . . . Stundenlang malte sie so fort, in einer Wut der Arbeit, daß ihr die hellen Tropfen über die Stirne rannen. Sie war fertig, bis auf die Augen. Da füllte sie einen dicken Pinsel recht dick mit einer recht braunen Mischung und fuhr . . . »Nein, sie sollen so bleiben,« murmelte sie und legte Pinsel und Palette hin. 34 »Fräulein Bauer!« rief eine entzückte Stimme hinter ihr. Sie schrak zusammen und wandte sich rasch um. Kohlmann stand da, in großer Aufregung, die Augen schwimmend, wie die seines Herings, und schlug in einemfort die feuchten Handflächen an einander, daß sie leise klatschten. »Sie haben mir zugesehen, Kohlmann?« fragte die Malerin fast besorgt. »Seit einer Stunde, Fräulein Bauer, seit einer Stunde. O, was sind Sie für eine Künstlerin! Und was für ein Herz! . . . Ich weiß ja jetzt alles, alles! . . . Darum also konnte ich nichts mehr malen, als Sie krank wurden.« Und dann verbesserte er sich rasch: » Auch darum, Fräulein Bauer, auch darum!« »Ich bin verraten. Sind Sie böse, Kohlmann?« fragte sie, eine Hand auf seiner Schulter, von oben herab, denn sie stand auf dem Tritt. »Böse?« schrie er, – glücklicherweise war kein Besucher mehr da. Sie sahen sich in die Augen, die beiden einsamen, gealterten Arbeiter. Die eine Hand stützte sie noch immer auf seine Schulter, die andere hatte er mit seinen beiden gefaßt. 35 »Und die Augen . . . bleiben sie blau?« fragte er leise. »Ja, Kohlmann,« sagte sie. Da küßte er ihre Hand. Nach einigen Minuten, in denen viel Wichtiges geschwiegen wurde, hob Kohlmann wieder an: »Ich meine, Fräulein Bauer . . .« Da lachte er verlegen auf und berichtigte sich: »Ich meine, liebe Karoline, wir könnten gewissermaßen . . . gleich den Ehevertrag unterschreiben.« Und als sie ihn nicht zu begreifen schien, bückte er sich nach jenem dicken Pinsel, der noch dick gefüllt war mit jener dunkelbraunen Mischung. »Das war deinen lieben Augen zugedacht,« sagte er vorwurfsvoll und setzte sich auf den Rand des Podiums, um die rechte Ecke der großen Tafel bequem zur Hand zu haben. Denn dort hinein schrieb er nun, so leserlich er konnte, den Doppelnamen: »Kohlmann-Bauer.« Ein Herr, der kurz vorher eingetreten war, sah ihm dabei zu. Er sah sehr würdig aus in seinem langschößigen schwarzen Rock und hohen Schornsteinhut, mit dem weißen, rückwärts schließenden Kollar, das ihn als englischen Reverend 36 kennzeichnete. »Verzeihung, Sir,« sagte er zu dem Maler, »Sie sind ja jedenfalls Herr Kohlmann-Bauer?« »Ich?« rief Kohlmann etwas unsicher. »Nein, mein Herr, das könnte ich nicht gerade behaupten. Aber hier . . . hier steht Frau Kohlmann-Bauer . . . gewissermaßen.« »Pardon,« rief nun aber Fräulein Bauer, »das kann ich durchaus nicht zugeben; Frau Kohlmann-Bauer bin ich nicht.« Der Reverend machte ein sehr erstauntes Gesicht, so was man in England » puzzled « nennt. »Aber,« sagte er, »wer hat denn diese Kopie angefertigt?« 37 Kohlmann zeigte auf Fräulein Bauer; Fräulein Bauer zeigte auf Kohlmann. Der Reverend wußte nun gar nicht mehr, was er denken sollte. Machte man sich über ihn lustig? Wußten die zwei wirklich nicht, wie sie hießen und wer jene Kopie gemacht hatte? Er machte also ein sehr würdiges Gesicht und wandte ihnen ohne Abschied den Rücken. Auch mehrere andere Personen waren mittlerweile hereingekommen. »Rasch!« rief ein feister Herr seiner Familie zu, »man wird sogleich schließen. Wir haben just noch drei Minuten, um das Hauptbild der Galerie anzusehen; die Table d'hôte hat aber auch anderthalb Stunden gedauert.« Seine Frau und Tochter gehorchten denn auch ohne Widerrede und betrachteten »rasch« die berühmte Sixtinische, wie sich ihr Oberhaupt ausdrückte. Um so rascher, als Mama durch einen vorüberfahrenden Wagen bespritzt worden war und die Spritzer auf dem malvenfarbenen Seidenkleid nun eben trocken genug waren, daß das Töchterchen sie durch Reiben und Wischen wegbringen konnte. Diese Arbeit mußte gethan werden, da man nachher auf die Brühlsche Terrasse 38 zu gehen gedachte, zum Konzert. Aber in drei Minuten war ja das geschickte Fräulein auch fertig damit, keine chemische Putzanstalt hätte es so flink gemacht. Unterdessen stand eine andere Gruppe in tiefe Betrachtung versunken; drei ältere, offenbar gebildete Damen. Sie sagten nichts, schienen aber von dem Anblick tief durchdrungen. Erst als sie sich zum Gehen wandten, trat die eine noch rasch an das Bild heran und schien etwas am unteren Rande zu suchen. »Es ist nicht signiert,« sagte sie zu den Freundinnen, als sie sie eingeholt hatte; »eigentlich habe ich ein gewisses Mißtrauen gegen Bilder, die nicht signiert sind; sie könnten ja auch unecht sein.« » Das da ist gewiß nicht unecht,« entgegnete eine ihrer Gefährtinnen lachend und wies von der Schwelle aus nach der Kopie zurück, »das ist signiert und zwar gleich doppelt.« Wenig fehlte, so wäre Kohlmann auf sie losgegangen und hätte nach der Adresse ihres Gatten gefragt, um ihn zu fordern. Aber ein schmächtiger, blonder junger Mann, der sich vom Anschauen der Göttin gar nicht losreißen konnte, hielt ihn zurück, 39 denn er brauchte jemanden, um sein überquellendes Herz auszuschütten. »Welche Milde in diesen Augen,« sagte er also zu Kohlmann, dem wütenden, der ihm hart erwiderte: »Im Gegenteil, diese Augen sind die furchtbarsten, die ich kenne!« Er dachte sich freilich dazu: »Man muß nur einmal versucht haben, sie zu malen.« »Der Schleier, der ihr Haupt umwallt, wie leicht!« fuhr der blonde Jüngling, der ihn überhört hatte, fort. »O, der Schleier ist gar schwer,« brummte Kohlmann, mit demselben Hintergedanken. Da wich der Blonde ängstlich von ihm, als wolle er nicht teilhaben an der Lästerung. Auch erscholl nun die Schlußglocke, hell und streng, und mahnte zum allgemeinen Rückzug. Noch einen Augenblick standen Kohlmann und Fräulein Bauer vor der Muttergottes und schauten in stiller Rührung zu ihr hinan. Sie hielten sich an den beiden Händen gefaßt, und die Glocke draußen klang immer weicher und wärmer, wie eine Kirchenglocke. 40 41 42 43   Der Onkel aus Amerika. 1889. Ein Onkel ist eine männliche Tante. Und Amerika ist ein Weltteil, den ich nicht mehr zu entdecken brauche. Heute weiß ich beides genau; aber lange, ehe ich eine Ahnung davon hatte, wußte ich, was ein Onkel aus Amerika ist. So hießen sie nämlich allgemein den Schloßherrn auf Tannewitz, zu dessen Unterthanen wir gewissermaßen gehörten. Er war eine sonderbare Figur: noch ein halbmal so lang als nötig, aber das sollen ja alle Amerikaner thun. Er trug das Kinn rasiert und darunter einen langen weißen Bart, so daß er aussah, als hätte er immer eine 44 Serviette umgebunden. Und lange Zähne hatte er, aber die mußte er wohl haben, denn es hieß, er hätte sich in Amerika zehn Jahre lang nur von sauren Äpfeln genährt. Dann hätte er, so sagte man, auf einmal das Petroleum erfunden, was noch weit über das Schießpulver ginge. Und da wäre er fabelhaft reich geworden, und heimgekehrt, und hätte sich Schloß Tannewitz gekauft. Und als ich später lesen lernte, sagte mir meine Mutter, so oft ich das ABC nicht begriff: »Pfui, willst du auch so einer werden, wie der Onkel aus Amerika, der nicht einmal lesen kann?« Und da begriff ich geschwind alles, denn so einer wollte ich denn doch nicht werden. In der That scheint der Schloßherr nicht sehr gelehrt gewesen zu sein. Fräulein Dorothea, die Tochter des Schulmeisters, mußte täglich auf das Schloß, um ihm vorzulesen, wie sie sagte. Um ihn lesen zu lehren, wie wir gelehrte Fibelschützen behaupteten. Es war aber beides nicht das Richtige, das erfuhr ich erst viel später. Durch meine Schwester Amalie, die es von ihrer Freundin Dorothea selbst haben wollte. Dafür war der Onkel aus Amerika 45 unmenschlich reich. Unsere Köchin sagte, er hätte das geschmolzene Gold tonnenweise im Keller stehen, wie wir im Winter die geschmolzene Butter. Auch richtete er das Schloß danach ein. Es soll da alles aus Gold gewesen sein, sogar die silbernen Löffel. Er sollte persische Teppiche eigens aus Amerika bezogen haben, weil sie da teurer wären. Und gespeist wurde, wie unser Kindermädchen sagte, immer auf zerbrochenen Tellern, damit sie kein zweitesmal benutzt werden könnten. Darauf lachten alle Mägde, das muß also ein Scherz der Luise gewesen sein. Und oftmals gab es Gastereien auf dem Schlosse. Da fanden sich adelige Herren und Damen aus der Umgebung ein, ja selbst aus der nahen Bezirksstadt. Darunter soll eine verwitwete Freifrau v. Stolzenthal, oder Stelzenberg, ich weiß es nicht mehr genau, zu öfterenmalen erschienen sein. Sie hätte, so erzählte mir meine Schwester Amalie, dem Onkel aus Amerika viel guten Rat gegeben bei der Einrichtung des Schlosses, und wäre überhaupt erst 38 bis 40 Jahre alt gewesen. Da hätte sich denn eines Tages, als der Onkel aus Amerika seinen Gästen die prächtig erneuerten Räumlichkeiten zeigte, folgendes begeben. 46 » A propos ,« sagte die Baronin, denn sie sprach auch geläufig französisch, » à propos , lieber Brockmann« – so hieß nämlich der Schloßherr – »nun haben Sie beim Bau richtig an die Bibliothek vergessen.« »Bibli . . .?« wiederholte er unsicher. »Othek,« ergänzte sie. »Was thut man denn in einer Bibliothek?« lachte Brockmann gutmütig. »Was man da thut?« sagte die Baronin, »man pflegt da nach dem Speisen den Kaffee zu nehmen.« Brockmann legte seinen dicken Finger an seine lange Nase. Der Nutzen einer Bibliothek leuchtete ihm sofort ein. Er ließ seinen Baumeister kommen und der baute ihm in drei Monaten eine Bibliothek, mit echten Eichenschränken rundherum. Nach dem nächsten Gastmahl wurde der Kaffee richtig schon in der Bibliothek aufgetragen. Der Kaffee war auch vortrefflich, aber dennoch glaubte Brockmann zu bemerken, daß die Gäste so seltsam lächelten. Nur die Baronin lächelte nicht, sondern sagte ihm beim Abschied unter vier Augen: »Lieber Freund, die Bibliothek ist recht gut ausgefallen, aber die Hauptsache fehlt ja darin.« 47 »Sie glauben?« rief Brockmann erschrocken. »Gewiß, die Bücher.« »Bücher!« wiederholte er erstaunt. »Glauben Sie wirklich, daß in eine Bibliothek Bücher gehören?« »Ohne Zweifel.« »Ach ja,« rief er plötzlich, »das sind wohl die papierenen Dinger, die man beim Buchhändler kauft?« »Sehr richtig, lieber Freund.« »Ach Gott, drüben in unserem Ölbezirk giebt es nicht einmal einen Buchhändler; aber mir scheint, in New-York, wenn ich mich recht erinnere . . .« Und er telegraphierte seinem Agenten in New-York um zehn Kisten Bücher. Sechs Wochen später, als der Kaffee wieder in der Bibliothek serviert wurde, standen die eichenen Schränke vollgereiht mit englischen Büchern. Die Gäste spendeten Herrn Brockmann Lobsprüche wegen seiner schönen Büchersammlung. »Sind Sie mit Ihrem Schüler zufrieden, Frau Baronin?« fragte er leise. »Sehr, lieber Freund,« entgegnete sie ebenso. Da erregte ein schwaches Gekicher seine 48 Aufmerksamkeit. Mehrere Gäste stöberten unter den Büchern herum und hatten entdeckt, daß kein einziger Band aufgeschnitten war. »Aber lieber Freund,« kanzelte ihn die Baronin ab, »Bücher müssen ja aufgeschnitten sein.« »Glauben Sie, Frau Baronin?« »Ohne Zweifel. Eine ganze unaufgeschnittene Bibliothek, das ist ja lächerlich.« »Aber . . . ich habe mein Lebtage kein Buch aufgeschnitten, ich verstehe mich nicht auf dieses Geschäft.« »Nun gut, so lassen Sie das durch sonst jemanden besorgen.« »Ich gestehe,« sagte Brockmann, offenbar ratlos, »ich habe niemanden, der englische Bücher aufschneiden kann, meine Leute können alle nur Deutsch.« Jetzt mußte selbst die Baronin hell auflachen. Der Onkel aus Amerika rang mitten auf seinem Goldhaufen die Hände. Hier hielt meine Schwester Amalie inne. Denn auch ihre Freundin Dorothea hätte an dieser Stelle eine Pause gemacht, und zwar eine von vollen zwei Jahren. Dann erst hätte sie sich entschlossen, ihr auch das Übrige zu erzählen. Und zwar: 49 Die Baronin empfahl den Schulmeister unseres Dorfes, als einen Mann, der durch seine Bildung völlig befähigt sei, die Brockmannsche Bibliothek aufzuschneiden. Der Schulmeister ging aber nur auf das Schloß, um sein Bedauern auszudrücken, 50 daß seine Berufsgeschäfte ihm keine Zeit übrig ließen, diesen ehrenvollen Auftrag auszuführen. Dagegen empfahl er seine Tochter Dorothea, welche als deutsche Erzieherin in England gelebt hätte und also der Sache ein volles Verständnis entgegenbrächte. Der Onkel aus Amerika ging freudig darauf ein, und am nächsten Morgen stellte sich Fräulein Dorothea auf dem Schlosse vor. Sie war das schönste Mädchen in unserem Dorfe. Deutlich erinnere ich mich noch an ihre goldblonden Zöpfe und ihren strammen Wuchs. Auch blaue Augen hatte sie, selbst bei Regenwetter. Und weiße Zähne, auch wenn sie nicht lachte. Als sie sich Herrn Brockmann vorstellte, sah dieser sie erstaunt an und sagte: »Liebes Kind, Holz hacken und Felsen sprengen ist ein Leichtes, aber Bücher aufschneiden . . . Denken Sie doch, Bücher! Werden Sie mit Ihren zarten Händen dieser schweren Arbeit gewachsen sein?« Sie beruhigte ihn lächelnd, aber er ging doch mit in die Bibliothek, um es selber zu sehen. Lange sah er ihr zu, wie sie mit dem breiten Messer rasch und doch behutsam durch die weißen, dicht bedruckten Bogen fuhr. Er rückte ihr den Lehnstuhl 51 näher an den Schreibtisch und holte ihr selbst einen Band nach dem anderen. Es schien ihm ganz erstaunlich, wie diese junge Person selbst die schwersten Bände mit der größten Leichtigkeit aufschnitt. Bände mit den längsten Titeln und sogar mit Illustrationen. Bände, voll mit langen Gedichten, schnitt sie auf, risch rasch, fast ohne hinzusehen, sozusagen auswendig. Es war unglaublich. Abends rühmte er ihre Fähigkeiten der Baronin, bei der er zum Thee war. Aber das bekam ihm übel. Die Dame wurde sehr ärgerlich und sprach viel von Schicklichkeit und dergleichen. Er war sehr eingeschüchtert und mußte ihr versprechen, nur die unterste Reihe der Bücher aufschneiden zu lassen. In allen Bibliotheken wären nur diese aufgeschnitten, höher hinauf langte ja doch niemand. Es dauerte allerdings acht Tage, bis Dorothea in der ersten Reihe um den ganzen Saal herum war. Herr Brockmann hatte es nicht wieder gewagt, ihr dabei zuzusehen, der Riese hatte Angst vor der Baronin. Aber nun mußte er ja dem Mädchen sagen, daß es genug wäre und daß sie nicht mehr zu kommen brauchte. Als er die Bibliothek betrat, hatte sie sich 52 eben an die zweite Reihe gemacht. Hm, brummte er in den Bart, ich bin ja schließlich reich genug, um auch die zweite Reihe aufschneiden zu lassen. Sonderbar, die Baronin kam ihm jetzt so abwesend vor, als hätte sie nie in seiner Bibliothek Kaffee getrunken. Dann schwankte er wieder und begann: »Fräulein Dorothea.« »Herr Brockmann?« entgegnete sie und sah ihn mit ihren zwei blauen Augen an. Er schwieg wie betroffen. Nach einer Weile sagte er mit seltsam tiefer Stimme: »Auch Marie hatte diese blauen Augen . . . Mein gutes Weib . . . Die treue Seele. Nur wenn sie mit mir das trockene Brot teilte, betrog sie mich, indem sie mir das größere Stück ließ. Ich grub damals Gold in Kalifornien. Eine seltene Frau. Sie las im Camp alles vor, was gelesen werden mußte. Sie hatte so die Stimme dazu. Eine Stimme wie ein Vogel. Ich mache mir nichts aus Büchern. Sind dummes Zeug, gut für Professoren und Pastoren. Aber ein Buch hatte sie, das war gut. »Digger's Paradise« hieß es. Da gab es gute Geschichten drin. Kurze.« »Digger's Paradise?« fiel Fräulein Dorothea ein, »ei, ist es vielleicht dieses?« 53 Sie reichte ihm das Buch, das sie eben aufschnitt. Er warf einen Blick auf das Titelbild, das einen Goldgräber in voller Ausrüstung darstellte, und stieß einen rauhen Kehllaut aus. »By Jingo, das ist's! Aber wie ist es nur möglich, daß Sie es gleich erkannten, Miß Dorothy?« Sie lachte. »Hier auf dem Titelblatt steht es ja groß gedruckt: Digger's Paradise.« Er sah sie groß an, vielleicht schien ihm diese Erklärung ungenügend. Dann betrachtete er das Bild zärtlich, als wäre es das Bildnis seiner Marie . . . »Ein wilder Büffel hat sie zertreten,« sagte er nach einer Weile, aus seinem Sinnen heraus. Und wieder nach einer Weile, plötzlich, indem er ihr das Buch zurückgab: »Sehen Sie doch nach, Miß Dorothy, bitte, ob auch Seite 183 darin ist. Ich erinnere mich genau, daß es Seite 183 war.« Sie blätterte einen Augenblick. »Gewiß, da ist Seite 183.« »In der That? Aber das kann doch nicht dasselbe Buch sein, das Buch meiner Marie.« Er schien der Ansicht zu sein, daß jedes Buch nur in einem Exemplar gedruckt werde. 54 »Also Seite 183 ist wirklich darin?« »Hier, hier, Herr Brockmann.« »Und darauf steht die Geschichte von des Bahnwärters Jim?« »Hier steht sie, Herr Brockmann.« »Ach, Miß Dorothy, bitte, wenn Sie mir das vorlesen könnten! Können Sie?« »Gewiß, Herr Brockmann.« »Ach, wie werde ich Ihnen danken, Miß Dorothy! Aber bitte, nicht hier in dieser großen Bibliothek, in diesem Bahnhof von Omaha . . . Bitte, folgen Sie mir.« Er nahm sie an der Hand und führte sie hinaus, einen langen Gang hinab, dann einen rechts und einen links, und dann in ein kleinwinziges Gemach. Überrascht sah sie sich da um. Mitten in diesem Palast stand sie plötzlich in einer kalifornischen Goldgräberhütte. Nichts fehlte darin, von den abgenützten Pistolen an der Wand bis zum rußigen Kessel auf dem Herde. »Hier, Miß Dorothy; sitzen Sie im Sessel meiner Marie.« Es war ein alter lederner Lehnstuhl, ein recht ausgesessener. 55 »Und nun einen Augenblick, ich zünde nur das Feuer an.« Bald loderte die Flamme auf dem Herde. »Und nun den Theekessel. Hier, Miß Dorothy, Sie sollen aus der Tasse meiner Marie trinken. Seit ihrem Tode hat niemand daraus getrunken.« Fräulein Dorothea saß daß, und er sah ihr aufmerksam zu, wie sie den Thee schlürfte. Er hatte die Ellbogen auf seine Kniee gestemmt und das Kinn zwischen seine Fäuste gelegt und ließ 56 kein Auge von ihr. Und dann, zwischen einem Schluck und dem andern, las sie ihm die kurze Geschichte von des Bahnwärters Jim. Wie Jim, ein Knabe von fünf Jahren, oben auf dem Rande des tiefen Einschnittes spielt, während unten ein Zug vorbeirollt. Ein furchtbar langer Zug, achtzig Wagen mit zwei Maschinen. Jim sieht sich um, strauchelt, fällt, rollt die steile Böschung hinab. Kein Aufhalten möglich. Immer schneller rollt er, gerade auf den Zug los . . . und dieser Zug fährt so langsam, so tötlich langsam. Vater und Mutter stehen oben und ringen die Hände. »Fahr zu! Fahr zu!« schreien sie den Maschinisten nach, aus Leibeskräften, aber die können sie nicht hören. Der Zug fährt, wie er fährt. Und Jim kollert immer weiter, unaufhaltsam. Hilf Himmel, der Zug geht zu Ende. Der letzte Wagen naht. Wenn jene Schurken dort vorn auf den Maschinen nur um einen Atemzug mehr Dampf geben wollten! Aber nein, nein, nein! Jetzt ist der Knabe ganz unten, die Wucht des Falles wirft ihn im Bogen über den schmalen Graben weg, mitten auf den Bahnkörper. Knapp hinter den letzten Wagen, der eben vorbeigesaust ist. Der Vater jauchzt auf, Jim 57 ist gerettet. Die Mutter liegt ohnmächtig neben ihm. Nutzanwendung: »Jener Zug war der Schnellzug von San Francisco nach Ogden. Wäre es ein Bummelzug gewesen, so kollerte Jim unfehlbar unter die Wagen und war verloren. Es ist also im höchsten Grade wünschenswert, die Schnellzüge auf dieser Linie zu vermehren und überhaupt schneller zu fahren.« Sie hatte zu Ende gelesen und war von der Geschichte sichtlich aufgeregt. Herr Brockmann fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen und stieß ein kurzes Lachen aus. »Sie müssen wissen, Miß Dorothy,« sagte er dann, gleichsam entschuldigend, »jener Bahnwärter war ich . . . und Jim war mein Sohn.« »Oh,« sagte Fräulein Dorothea gerührt. Sie wollte noch einiges hinzufügen, aber es gelang nicht gleich. »So ist das Leben,« sagte Herr Brockmann, »drei Jahre später raubten die Modocs den armen Jungen, wir haben nie wieder von ihm gehört . . . Das Jahr darauf kam jener wilde Büffel . . . und ich war ein einsamer Mann.« Es war dunkel geworden, nur die Flamme 58 des Herdes erhellte die Hütte. Der einsame Mann schwieg lange, auch das Mädchen. Nur ein leises, schnurrendes Geräusch war hörbar, wie von einem Spinnrad; das war aber das Papiermesser, das sachte durch die Bogen von »Digger's Paradise« fuhr und seine Blätter von einander löste. Und ein Sumsen war in der Luft, wie von einer Mücke; aber das war nur der Theekessel. Nach einer Weile stand der Mann auf und holte eine kleine eingerahmte Photographie von der Wand herab. Er zeigte sie dem Mädchen, ohne ein Wort zu sprechen, im flackernden Scheine des Herdfeuers. Nur eine graue Schattengestalt war noch von dem Bildnis geblieben. Dann hängte er es ebenso still wieder an den Nagel. Er schien ganz ruhig, als er ihr dann sagte: »Ich hätte gedacht, Sie hießen auch Marie; Sie sahen ihr so ähnlich, als Sie da saßen in Mariens Lehnstuhl und mir mit Mariens heller Stimme die Geschichte von unserem armen Jim vorlasen. Ich halte nichts von Büchern, Miß Dorothy. Habe nie eins gelesen. Das ist für Stubenhocker. Aber »Digger's Paradise« ist ein gutes Buch. Es stehen lauter wahre Geschichten drin, wie in der Bibel.« 59 Man klopfte an die Thüre. Herr Brockmann hatte ganz vergessen, daß er Gäste geladen. Man suchte ihn schon seit einer halben Stunde überall im Hause. Er brummte etwas Unwirsches wegen der Störung und reichte dem Mädchen die Hand. Er wandte die ihrige in seiner schweren Tatze hin und her. Dann ließ er Dorothea hinausgehen, folgte ihr und zog den Schlüssel der Hüttenthüre ab. Nachdenklich schritt er neben ihr durch die Gänge. An der Thüre der Bibliothek trennten sie sich. »Gute Nacht, Marie,« sagte er mit verhaltener Stimme. So weit erzählte mir meine Schwester Amalie, was ihr Fräulein Dorothea erzählt hatte. Oder vielmehr Frau Brockmann aus Tannewitz. Denn der Onkel aus Amerika hat sie bald darauf geheiratet, und die Leute nannten sie nun unter sich die Tante aus Amerika. Aber sie war sehr beliebt in der Gegend; nur die Freifrau von Stolzenthal, oder Stelzenberg, soll sie nicht geliebt haben. Jetzt sind die Leute alle tot. 60 61 62 63   Ein Pechvogel. 1889. Eines Tages stand ich im Laden eines Rahmenfabrikanten in der Kärntnerstraße zu Wien. Während ich meinen Einkauf machte, trat hinter mir jemand ein und eine mir unbekannte Stimme fragte die Verkäuferin: »Pachdong« – das sollte wohl »Pardon« bedeuten – »Pachdong, mein Fräulein, haben Sie auch Rahmen mit H?« »Wie beliebt?« fragte das Mädchen zurück. 64 »Ich brauche für diese Photographie einen eleganten Rahmen, aber nicht ohne H, wenn ich bitten darf.« »Also mit einem Buchstaben H versehen? . . . Das haben wir leider nicht fertig, aber es kann gemacht werden. Wünschen Sie das H in Gold?« »Eigentlich nicht. Nein, nicht in Gold.« »Also geschnitzt, in der Holzfarbe?« »Eigentlich auch nicht, doch . . . man könnte immerhin sagen: in derselben Art, wie das Übrige.« »Und an welcher Stelle soll das H angebracht sein?« »An welcher Stelle? Mein Gott, das ist klar . . ., nach dem A.« »Ach so,« rief das Mädchen, »Sie meinen also ein Monogramm AH.« »Doch nicht, mein Fräulein,« rief die Stimme lebhaft, »das auf keinen Fall! Sie verstehen mich nicht.« Ein etwas reizbarer Commis, der nebenan beschäftigt gewesen, kam plötzlich seiner Kollegin zu Hilfe und fuhr scharf darein: »Mein Herr, wir verstehen ganz wohl, sobald man sich . . . verständlich ausdrückt.« 65 »Nowaja Semlja!« rief die Stimme mit einer Betonung, welche offenbar sagen wollte: »Da hast du's!« Dann hörte ich hinter mir knarrende Schritte, die den Laden verließen. Als ich bald darauf ein Gleiches that, sah ich auf dem Bürgersteig einen halbfein gekleideten Herrn stehen, der eine Photographie in der Hand hielt und bald diese, bald das Geschäftsschild betrachtete. Sein bartloses Gesicht hatte einen Ausdruck, als fühle er sich sehr unglücklich. Unwillkürlich blieb ich stehen, gleichsam um ihn zurückzuhalten, falls er sich aus Verzweiflung sollte in den Abgrund stürzen wollen, der allerdings da herum gar nicht vorhanden war. Er stieß einen Seufzer aus und redete mich an, indem er auf das Geschäftsschild wies: »Pachdong, mein Herr, verstehen Sie Orthographie?« Etwas erstaunt entgegnete ich: »Ich glaube wohl.« »So lesen Sie, bitte, was auf diesem Schilde steht. ›Ramen in allen Sorten und Größen.‹ Ich bitte Sie, ›Ramen‹ ohne H geschrieben. Ich brauche notwendig einen für das Bild meiner lieben Braut, aber sie haben da keinen Rahmen mit H, und einen fehlerhaften mag ich nicht, dazu liebe ich dieses 66 Mädchen zu sehr. O, es ist ein Ideal, mein Herr, ein Bild von einem Mädchen!« Er hielt mir die Photographie unter die Augen. Sie stellte eine schlanke Dame vor, in modischer Tracht, aber von rückwärts gesehen. Das Leibchen war herzförmig ausgeschnitten, man sah einen tadellosen Rücken. Dann steckte er das Bild in die innere Rocktasche und seufzte wieder: »Ich bin, wie man so sagt, ein Pechvogel.« Er lüftete seinen hellgrauen Cylinder, machte mir eine steife Verbeugung und ein unendlich trauriges Gesicht dazu und schritt stelzbeinig von dannen. »Ein Narr,« sagte ich mir und ging meiner Wege. * * * Einige Monate später befand ich mich im Kabinett eines mir befreundeten Zahnarztes. Er bearbeitete im Nebenzimmer seine Patienten und kam, wenn er diesen eine Pause zum Aufatmen gönnen mußte, auf Minuten zu mir herein, um ein wenig weiter zu plaudern. Als er nach einer solchen Pause wieder hinausging, um sich einem neuen Zahne zu widmen, wurde ich plötzlich aufmerksam. Durch die halboffene Zwischenthür hörte 67 ich eine Stimme, deren fatalen Klang ich schon einmal gehört haben mußte. Wo? das erriet ich einstweilen nicht. Sie klang wie die eines tief niedergedrückten Menschen, der soeben von einem Unglück zum anderen übergeht. »Guten Vormittag, lieber Freund,« seufzte der Leidende, »Sie sehen in mir den ausgemachten Pechvogel. Glauben Sie mir, ich hätte Sie gerne verschont, aber Sie kennen ja mein altes Verhängnis . . . Seit acht Tagen plagt mich ein böser Zahn jahrelang. Ich konnte den ganzen Tag nicht schlafen und mußte schließlich etwas dagegen thun. Ich ging also in die Leihbibliothek und ließ mir . . .« »Entschuldigen Sie, lieber Freund,« unterbrach ihn der Arzt, »erst wollen wir Sie doch von Ihren Schmerzen befreien, Sie erzählen mir dann die Geschichte zu Ende.« In wenigen Augenblicken war denn auch alles vorbei, der Zahn genommen, der Schmerz wie abgeschnitten. Nichtsdestoweniger fuhr der Patient im Tone schmerzlicher Ergebung fort: »Ich ging also in die Leihbibliothek und ließ mir Bocks Buch vom gesunden und kranken Menschen geben, wo ich ein Mittel gegen Zahnschmerz zu finden hoffte. 68 O, es ist ein ausgezeichnetes Buch, es hat mich auch vollständig kuriert. Hören Sie nur. Ich schlage also vor allem das Sachregister am Ende auf, Buchstabe Z. Da finde ich richtig: ›Zahnschmerz, Seite 40l‹. Ich betrachte diese Stelle aufmerksam und finde, daß 401 eine sehr schöne Nummer ist und sich ohne besondere Mühe in die Nummern 40, 10 und 1 zerlegen läßt. Ich schlage also das Buch wieder zu, gehe in die nächste Lottokollektur und setze diese Nummern. Ich warte drei Tage in einer Aufregung, welche meinen Zahnschmerz noch steigert. Endlich findet die Ziehung statt und heraus kommen die Nummern 40, 10 und 4. Ich aufgelegter Unglücksvogel! Alles mißlingt mir ja. Warum hatte ich nicht 4 statt 1 gesetzt? 4 ist eine so schöne, viereckige Nummer, sie setzt sich ja sozusagen von selbst. Aber das ist ein Erbmalheur; hätte ich 4 gesetzt, so wäre 1 erschienen. Kurz und gut, ich habe nur ein Ambo gewonnen. Vier Gülden. Gerade hinreichend, um mir dafür den bösen Zahn ziehen zu lassen. Hier sind die vier Gulden, lieber Freund.« »Was fällt Ihnen ein?« rief der Arzt lachend. »Wir stehen doch nicht auf dem Guldenfuße 69 miteinander. Einem alten Freunde reißt man immer gern einen Zahn; es war mir ein lebhaftes Vergnügen, das ich mir doch nicht bezahlen lassen kann.« »Auch gut, ich kann Sie ja nicht zwingen,« entgegnete die Stimme, noch viel unglücklicher als vorher, »aber gestehen Sie wenigstens, daß Bocks Buch vom ungesunden und kranken Menschen ein gutes Buch ist. Es versieht einen sogar mit dem Honorar für den Arzt. Guten Mittag, lieber Freund. Nowaja Semlja!« Er ging und mein ärztlicher Freund kehrte zu mir zurück. Ich erzählte ihm, daß ich dieser Stimme schon einmal begegnet sei; mittlerweile war mir die Geschichte wieder eingefallen. »Du kennst den Doktor Taube nicht?« rief er erstaunt. »Eine so stadtbekannte Figur. Ein Original vom reinsten Wasser. Eine Existenz, wie sie nur in einer gemütlichen Großstadt vorkommen kann. Warte, ich will dir einiges von ihm erzählen.« In diesem Augenblicke wurde er abgerufen, um einen auf diese Stunde bestellten Zahn zu plombieren. Die Arbeit dauerte mir zu lange und ich entfernte mich durch eine andere Thür. * * * 70 Ich hatte damals viel zu thun und dachte nicht weiter an den Doktor Taube. Aber kurze Zeit nachher geriet ich einmal ins »Lamm«, wo ich in aller Muße gut zu speisen gedachte. In einer schönen Nische war ein Stammtisch gedeckt, dem ich durch einige Bekanntschaften gleichsam als auswärtiges Mitglied angehörte. Ich war angenehm überrascht, als einer der Herren, Direktor v. M., eintrat und den Doktor Taube mitbrachte, der den anderen Herren längst bekannt schien. »Ich empfehle mich, meine Herren,« sagte Doktor Taube sehr zerknirscht, indem er sich an der Seite des Direktors niederließ. Alles lachte. »Gehen Sie denn schon?« fragte Bankier Z. »Noch nicht, aber nur zu bald,« entgegnete jener traurig. »Ich finde es ganz verkehrt, sich beim Fortgehen zu empfehlen; man sollte das stets beim Kommen thun, da man ja das Wohlwollen der Leute am dringendsten braucht, solange man sich unter ihnen befindet.« Dann wandte er sich seiner Suppe zu, rührte sie längere Zeit liebevoll um und nahm einen Löffel voll zu sich. Langsam, sehr langsam schlürfte er sie hinab, es war Mock Turtle. »Gute Suppen 71 sind noch seltener als gute Menschen,« sagte er schwermütig, indem er den Löffel wieder in den Teller zurücklegte und sich erhob. Mit dem Worte »Pachdong« wollte er sich sachte an seiner Nachbarschaft vorbeidrücken. »Was ist's? Wohin, Doktor?« rief alles betroffen. »Ich habe das Meinige gethan,« entgegnete er im Tone höchlichen Bedauerns, »Herr Direktor v. M. war so liebenswürdig gewesen, mich auf einen Löffel Suppe einzuladen . . . das sind seine eigenen Worte . . . ich habe dieses Quantum Mock dankbar zu mir genommen, auf mehr habe ich kein Recht, also gehe ich.« »Aber Doktor!« rief der Direktor, »das war ja nur eine Redensart; man pflegt so zu sagen. Sie wissen es ganz gut, wie sehr es mich freut, Ihnen möglichst viel Freude zu machen. Wir bleiben noch ein paar Stunden beisammen sitzen.« Mehrere Hände faßten Doktor Taube an mehreren Ecken und Enden und setzten ihn mit freundlicher Gewalt wieder auf seinen Stuhl. »Nowaja Semlja!« rief er mit einer Betonung, daß jedermann verstand, er meine damit: ›Das 72 ist etwas anderes,‹ und fuhr fort, seine Suppe zu verzehren. »Nowaja Semlja,« flüsterte mir ein alter Bekannter, der pensionierte Rittmeister D. zu, »das ist so eine Redensart, die er sich selbst gemacht hat. Eine Art allgemeines Empfindungswort, dem er durch die Betonung jedesmal genau den Ausdruck verleiht, daß man versteht, was er darunter verstanden haben will.« Als Doktor Taube die Suppe mit Appetit verzehrt hatte, glitt ein Schimmer bitteren Selbstbedauerns über sein Antlitz. Aber er gab dieser Stimmung nicht nach, sondern raffte sich gewaltsam auf. »Gerson!« rief er. Der Kellner trat höflich herzu und bemerkte schüchtern: »Mein Name ist Charles, Herr Doktor, es heißt niemand von uns Gerson.« »Sie verstehen nicht Französisch, Charles,« entgegnete Doktor Taube sanft, »ich meinte › garçon ‹, sprach es aber mit dem mir eigenen Pariser Accent aus . . . Nun denn, geben Sie mir, bitte, etwas Salm.« »Sehr gut, Herr Doktor; womit, wenn ich bitten darf?« 73 »Mit . . . nichts.« Aber als der Kellner auf den Flügeln seines Fracks davonschwebte, rief er ihm klagend nach: »Mit viel Nichts, Charles, ich bin heute hungrig.« »Haben Sie längere Zeit in Paris gelebt, Herr Doktor?« fragte ich ihn. »Ach nein,« seufzte er, »wo wäre ich so glücklich gewesen? Aber von einem Glücklicheren habe ich einen Hund geerbt, den er aus Paris mitgebracht hatte. Einen reizenden Seidenpintscher. Wäre er nicht vierfüßig gewesen, ich würde ihn einen Engel nennen. Dieses Tierchen verstand nur französisch, und zwar auch nur, wenn es sehr gut ausgesprochen wurde. Sonst folgte es nicht. Ihm zuliebe mußte ich es also lernen, wenigstens so weit sein eigenes Verständnis ging. Das erste Wort, das ich lernte, war › amour ‹. So hieß er nämlich. Und so lernte ich durch ihn sogar die Liebe kennen. Er ist leider, ehe ich es noch in der Sprache weit genug bringen konnte, von einem Fiaker überfahren worden. Seitdem hasse ich die Fiaker und fahre nur noch auf der weit billigeren Tramway.« Seine Stimme war ganz düster geworden. Dann fügte er feierlich wie ein Gelübde 74 hinzu: »Wenn er noch lebte . . . o mein Herr, Ihr ganzes Vermögen würde ich darum geben. Ich habe eben auch mit Amour Unglück gehabt.« »Sagen Sie, lieber Doktor,« hub Bankier Z. an, »wie viel Pech haben Sie eigentlich in Ihrem Leben gehabt, alles zusammen?« »Ich könnte Ihnen das ganz genau sagen,« erwiderte er, »wenn ich es wüßte. So viel aber kann ich Ihnen versichern: wenn der ganze transatlantische Ozean Bier wäre und in Fässer gefüllt werden müßte, könnte ich aus Eigenem alle diese Fässer verpichen. Ich bin ja auch stolz darauf, der größte Pechvogel meiner Zeit zu sein.« Als er seinen Salm verspeist hatte, bestellte er im zerknirschenden Gefühle seines Unglücks ein Entrecôte aux pompes funèbres...; aux pommes frites , verbesserte er sich. Dann blieb er tief in sich und seinen Teller versunken, bis mehrere Flaschen Sekt geleert waren. Dann sagte er plötzlich: »Sie fragen, wann mein Unglück begann?« Zwar hatte das niemand gefragt, aber dennoch sagte alles: »Ja wohl.« »Mein erster Unfall war,« fuhr er fort, »daß ich nicht am Sonntag geboren wurde; so konnte 75 ich trotz alles Bemühens kein Sonntagskind werden. Dazu kam noch die unangenehme Verschärfung, daß ich gleich als Knabe auf die Welt kam. Wäre ich ein Mädchen geworden, so hätte mich mein größtes Unglück nicht betroffen: ich hätte meine Frau nicht heiraten können.« Mir fiel jene Photographie ein, die damals, in der Kärntnerstraße, seine Braut vorstellen sollte. Ein Murmeln des Bedauerns lief langsam um den Tisch. »Gerson!« rief Doktor Taube, »ein anderes Champagnerglas, bitte; jemand hat hier eine Thräne hineinfallen lassen.« Und als »Gerson« das Glas wegnehmen wollte: »Warten Sie noch einen Augenblick, ich will es nur erst austrinken.« In größter Spannung sahen wir ihm zu, wie er dies bewerkstelligte. Dann fuhr er fort: »Doch Sie können noch nicht begreifen. Erst muß ich Ihnen zeigen, wie von zwei Menschen, die unter demselben Stern geboren wurden, der eine ein Glückspilz, der andere ein Pechvogel sein kann. Glauben Sie, daß ein Pilz und ein Vogel Zwillinge sein können? Ich und mein Bruder Hans waren das. Wir waren thatsächlich Zwillinge. 76 Firma: Castor und Pollux. Dann kam das Kriegsjahr 1866. Wir hatten beide gedient, waren beide Offiziere. Dennoch war ich nicht mehr wehrpflichtig, er aber war es noch. Er war nämlich um ein Jahr älter als ich.« Alles horchte auf. Einige lächelten laut. »Nowaja Semlja!« rief er mit einer Betonung, als sagte er: ›Warten Sie nur einen Augenblick.‹ Ich erblickte nämlich das Licht zuerst, und zwar am 31. Dezember 1833 um 11 Uhr nachts. Zwei Stunden später folgte er meinen Spuren, also am 1. Januar 1834 um 1 Uhr morgens. Begreifen Sie nun? Ich war um ein Jahr älter, hatte daher um ein Jahr früher ausgedient. Er mußte noch den Krieg von 1866 mitmachen und fiel bei Königgrätz.« Der merkwürdige Fall hatte am Tische Sensation gemacht. Es entstand eine kurze Pause. Dann wagten einige den Einwurf: »Aber, lieber Doktor, dann haben Sie ja das Glück gehabt und er das Unglück.« »Nowaja Semlja!« rief er im Tone von: ›Warum nicht gar!‹ Mein Bruder Hans war nämlich Bräutigam. Durch seinen Tod blieb seine 77 Braut gleichsam Witwe. Ich war sein Zwillingsbruder und wir sahen uns so ähnlich wie zwei Billardkugeln. Sie können ja wohl Billard spielen, Sie werden mich also verstehen. Nun denn, sie nahm mich für ihn. O, meine Herren, wenn ich in jener verhängnisvollen Nacht zu meinem Bruder gesagt hätte: ›Lieber Hans, geh du voraus, dann brauchst du nicht bei Königgrätz mitzufechten,‹ so hätte er mir vermutlich gefolgt und ich wäre heute ein glücklicher Mensch . . . Gerson! Geben Sie mir 78 eine Omelette. Ich hörte einmal einen Engländer sagen: Hamlet aux confitures. « Zufällig betrat in diesem Augenblicke eine andere Gesellschaft den Saal und nahm unfern von uns Platz. Eine Dame war mit, eine hübsche kleine Person, mit sehr hohen Hacken an den Schuhen. Sie lenkte die Aufmerksamkeit des Erzählers auf sich. Sinnend betrachtete er sie und sagte dann: »Merkwürdig, daß alle Damen gern groß wären, selbst die kleinsten.« Dann, als die Dame uns ihr Gesicht zuwandte, sprang er sichtlich erschrocken auf. »Nowaja Semlja!« rief er; es klang wie: ›Alle Wetter!‹ Und dann im Flüsterton: »Verzeihen Sie, meine Herren, aber ich muß augenblicklich fort. Jene Dame . . . Ich kann nicht in einem Zimmer mit ihr weilen. Leben Sie nicht unwohl!« Und wie ein Aal schlüpfte er an den Nachbarn vorbei und zum Saale hinaus. »Das wird doch nicht seine Frau sein?« fragte ich den Bankier Z. »Ich glaube, er ist überhaupt nie verheiratet gewesen,« entgegnete dieser. »Aber die Braut seines Bruders?« warf ich ein. 79 »Er hat überhaupt nie einen Bruder gehabt,« sagte Direktor v. M. Ich sah die Herren erstaunt an. Zwei Stunden lang hatte es Doktor Taube so fortgetrieben, wie ich hier nur durch Erwähnung einzelner seiner Reden andeuten konnte. Und nun sollte das alles nicht wahr sein? »Ja wohl,« sagte Rittmeister D. »der Doktor ist eine seltsame Figur. Eigentlich etwas wie eine katilinarische Existenz, deren Voraussetzungen sich im Dunkel verlieren. Aber man kann ihm nichts Schlimmes nachsagen. Eine verdorbene Laufbahn hat er jedenfalls hinter sich. Jetzt lebt er von seinen Schnurren, eine Art Hofnarr für alle Welt. An vielen guten Tischen ist er gern gesehen. Man ladet ihn ein zur Unterhaltung der anderen Gäste. Und immer bringt er irgend eine neue Ungeheuerlichkeit mit, hat alle Taschen voll Münchhausiaden, lügt wie gedruckt und noch viel besser. Wenn er sich im Gasthause an den Tisch eines Bekannten setzt, ist es selbstverständlich, daß dieser seine Zeche bezahlt. Einer Einladung oder Übereinkunft bedarf es dazu nicht. Im »Café Stolz« ist ihm ein ewiger Freitisch gewährt, denn viele Leute, die sich 80 langweilen, gehen eigens dahin, um sich durch seine Possen erheitern zu lassen. Er hat manchmal eine ganze Zuhörerschaft um sich. Meistens in der Stunde vor dem Theater. Und dieses Jahr ist er besonders unterhaltend, da er sich auf den Weltschmerzler hinausspielt. Er läßt sich als Pechvogel sehen, den jedes Unglück getroffen hat, trifft oder noch treffen wird. Natürlicher erfindet er Fatalitäten, wie sie noch keinen andern betroffen haben, z. B. die mit seinem Zwillingsbruder. Es wundert mich nur, daß die zwei keine Drillinge waren.« »Ich werde ihn morgen wieder mitbringen,« sagte Direktor v. M., »er muß uns sagen, warum er vor jener hübschen Dame so erschrocken ist . . . Charles, kennen Sie die Dame?« Charles kannte sie nicht, es waren Fremde, die nicht im Hause wohnten. * * * Am anderen Mittag war Doktor Taube richtig wieder da. Direktor v. M. hatte ihn bewogen, in zwei Häusern, wo er geladen war, abzusagen und »zum Lamm« zu kommen. Das erste, was er that, war, nach dem Sessel 81 zu schauen, auf dem jene Dame gestern gesessen. »Gerson!« rief er, »bitte, geben Sie mir jenen Stuhl her, ich will selbst darauf sitzen, damit es die Dame von gestern nicht wieder thun kann.« »Aber wer war denn diese erschreckende Dame?« fragte der Rittmeister. »Ich kenne sie gottlob nicht,« gab er zur Antwort. »Wozu auch? Ist es nicht genug, daß sie mich ein Vermögen gekostet hat?« »Sie scherzen schon wieder, Doktor,« mahnte der Bankier Z. »Nowaja Semlja!« rief er in einem Tone, als meinte er: ›Ein Scherz ist so weit von mir entfernt, wie der Vollmond von Neu-Lerchenfeld‹. »Ich nahm mir gestern eigens einen Dienstmann, der zwei Stunden lang für mich schaudern mußte bei dem Gedanken an dieses Zusammentreffen . . . Ich will niemanden beleidigen, aber dieser Sherry könnte schlechter sein . . . Wie gesagt, gesehen habe ich die Dame nie zuvor, doch ist sie mir viermal im Leben begegnet und hat mich jedesmal ein Viertel meiner damaligen Habe gekostet . . . Gerson! Bitte, bestellen Sie mir einen Backenbart mit grünen Erbsen.« 82 Der Kellner sah ihn verdutzt und fragend an. »Pachdong,« flehte Doktor Taube, »ich meinte eine Kotelette. Ich interessiere mich nämlich jetzt für Sprachreinigung und rotte täglich gleich vor dem Frühstück mehrere Fremdwörter aus . . . Nun denn, mein Regiment lag damals in Makao. Pachdong, es lag in Galizien und wir spielten dort viel Makao. Diese Stadt ist ein schönes Hazardspiel, in dem ich selbst Hosen verlor, die ich mir erst nächstes Jahr . . . noch lange nicht bestellen werde. Ich hätte statt Hosen allerdings auch Unaussprechliche sagen können, aber das wäre eine Lüge gewesen, denn ich kann sie ja doch aussprechen. Eines Abends also gab Hauptmann P. die Bank. Ich verlor rasend und verdoppelte immer meine Einsätze. Schließlich hatte ich nur noch vier Millionen in der Westentasche, den Rest meines Vermögens. Ich setze die eine, er schlägt sich neun auf und dazu Pique-Dame; er gewinnt. Ich setze die zweite, Pique-Dame kommt wieder. Die dritte, vierte . . . sie kommt noch zweimal wieder. Es war unglaublich. Ich war ruiniert durch diese eine Karte . . . Die Dame aber, die mich gestern so erschreckte, muß das Original jener Pique-Dame gewesen sein. 83 Ich werde das Gesicht nie vergessen; diese schwarzen, von rechts nach links gezogenen Augenbrauen, die dunkle Lockenfrisur, die merkwürdig gewöhnliche Nase, das Kinn gleich unter dem Munde. Mir war, als sähe ich ein Medusenhaupt. Einer der pechschwarzen Tage meines Lebens tauchte in meiner Erinnerung auf, ich floh teils von hinnen, teils von dannen.« »In der That, Sie schienen sehr unangenehm überrascht,« sagte Rittmeister D. »Nowaja Semlja!« rief Doktor Taube genau so, als riefe er: ›Alle Hagel!‹ – was durchaus nicht so klang wie gestern, da es ›Alle Wetter!‹ bedeutete. Es war ein feiner Unterschied, zum Gröberen hin, nicht zu verkennen. »Nowaja Semlja! Ich war überrascht wie . . . wie . . . Es fällt mir gerade kein hoher Grad von Überraschung ein . . . Sagen wir: ich war überrascht wie einer, der in der sauce hollandaise unversehens einen Pflaumenkern findet . . . Mich schauderte. Gerson! Bitte, bringen Sie mir eine Gänsehaut, aber gleich! . . . Sie können sich denken, meine Herren ohne Damen, daß ich mein Unglück trug wie einen eleganten Rock vom ersten Schneider; es saß mir 84 wie angegossen, es warf nirgends eine Falte, nur die Schöße dauerten mir etwas zu lang. Da traf mich ein noch größeres Unglück: ich beerbte meinen Bruder. Er hatte ein ansehnliches Passivvermögen und ich war sein Universalerbe. Ich bezahlte seine Schulden mit den meinigen, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit. Die Mitgift seiner Braut wurde dadurch glücklicherweise nicht geringer, denn sie hatte keine. Sie war die Tochter eines gewesenen Finanzmannes, der sich später mit Erfolg dem Bettelstande gewidmet hatte O, sie war schön! Sie war mir zwar nicht so ähnlich wie mein Bruder, aber ich liebte sie doch, mit einer Leidenschaft, wie ich sie nicht einmal für meine Schwägerin empfunden hätte. Wir heirateten in Königgrätz und dachten dabei an einen, der unter der Erde lag, unter einem der vielen Hügel. Dann machten wir eine Hochzeitsreise. Ich suchte den Ort aus, wo wir am billigsten leben konnten. Das war Ostende.« »Das teuere Ostende?« rief Bankier Z. unwillkürlich. »Ostende ist die billigste Stadt, die es giebt,« entgegnete Doktor Taube sehr niedergeschlagen, »die 85 Leute wissen sich nur nicht ihre Zeit zu wählen. Wir heirateten Ende November und um diese Zeit befanden wir uns in Ostende sehr wohl. Wir lebten genau um den Pappenstiel, der unser Einkommen bildete. Und wir brauchten da nicht den geringsten Mangel an Unbequemlichkeit zu leiden. Unsere Mittel reichten vollkommen aus, um uns in den feinsten Entbehrungen schwelgen zu lassen. Wir hätten sogar Einladungen abgelehnt, wenn welche gekommen wären. Selbst die Bedienung war ausgezeichnet und machte nicht einmal Anspruch auf Trinkgeld. Ich hatte einen vorzüglichen Kammerdiener Namens Sturm. Er hauste auf dem Strande und beschäftigte sich meist mit Wehen. Er nahm mir den Hut ab, ohne daß ich den Finger zu rühren brauchte. Er knöpfte mir sogar mit einem Ruck meine Kleider auf, wenn ich mich etwas schief gegen ihn stellte, und blies sie mir vom Leibe, ehe ich schlafen ging. Dicht vor meiner Wohnung befand sich eine ewige Regenpfütze; da brauchte ich abends nur die Thür ein wenig zu öffnen und mit dem Fuße hineinzutreten, dann blieb der Schuh von selbst darin stecken, ich brauchte ihn nicht auszuziehen. Es war sehr bequem. Auch über die 86 Güte des Essens konnten wir uns nicht beklagen; selbst ein Halbverhungerter hätte mit beiden Händen darnach gegriffen. Kurz, ich glaubte glücklich zu sein. Das war ja mein Unglück . . . Denn eines Tages erschien jener Amerikaner . . .« Er atmete tief auf und preßte beide Hände vor sein Gesicht. Ich machte dabei die Wahrnehmung, daß ihm ein Daumen fehlte. Er schwieg mehrere Minuten. Dann sagte er plötzlich in elegischem Tone: »Gerson, ich wünschte eine Flasche Witwe Röderer. Nur bei verwitwetem Sekt kann ich dieses neue Unglück erzählen.« »Witwe Röderer?« wiederholte Charles zweifelnd. »Nowaja Semlja,« sagte Doktor Taube im Tone von ›Natürlich‹. »Glauben Sie etwa, daß der Gatte der Madame Röderer ewig gelebt hat?« Dann kam eine Flasche, mit einer Serviette umhüllt, und Charles schenkte ihm sein Glas voll. Der Doktor kostete mißtrauisch und meinte: »Na, gar lange kann der Mann noch nicht tot sein, dazu schmeckt das Zeug nicht sauer genug. Thut nichts, mit etwas Gießhübler gemischt, will ich's versuchen . . . Also der Amerikaner tauchte auf. Mylords 87 und Gentlemen, haben Sie jemals einen Amerikaner auftauchen sehen?« »Nein!« riefen alle, denn sie erinnerten sich in der That nicht, einer solchen Naturerscheinung jemals beigewohnt zu haben. »Wissen Sie, was ein Amerikaner ist?« fuhr er fort. »Eine Rothaut von weißer Farbe,« wagte Direktor v. M. zu bemerken. »Ein Transleithanier, der acht Tage braucht, um über seine Leitha zu setzen,« riet Bankier Z. »Ein Bruder, der Jonathan heißt,« mutmaßte Rittmeister D. »Strengen Sie sich nicht an,« sagte Doktor Taube düster. »Sie werden es sogleich hören. Er hieß Colonel Jedediah W. Long. Er kam nach Ostende, um die Seebäder zu gebrauchen. Daß er dies Mitte Dezember that, kennzeichnet den Mann. Er fiel uns auf dem Strande auf, bei furchtbarem Regenwetter, gegen das er sich durch einen vollständigen Taucheranzug geschützt hatte, mit einer Glasscheibe vor dem Gesichte und zwei langen Schläuchen, durch die er atmete. Er war hoch gewachsen, um einen Kopf höher als ich, 88 aber um zwei Köpfe kleiner als der Leuchtturm. Ich bemerkte sofort, daß er einen großen Eindruck auf meine Frau machte. Einen noch größeren machte sie auf ihn. Er blieb vor ihr stehen, mit ausgebreiteten Armen, als wollte er sie umschlingen; ohne die Scheibe vor dem Gesichte hätte er sie vielleicht sofort geküßt. Wir machten Kehrt, er folgte uns. Von diesem Augenblicke blieb er an unsere Fersen geheftet. Wenn er nicht bei uns war, stand er auf seinem Balkon im » Hôtel de l'Océan « und photographierte uns à la minute , sobald wir ihm den Rücken gekehrt hatten. Hier ist eine dieser Photographieen.« 89 Er holte das Bild aus der Brusttasche, das ich bereits damals in der Kärntnerstraße in seinen Händen gesehen hatte. Die schlanke Dame, von rückwärts gesehen, in modischer Tracht, das Leibchen herzförmig ausgeschnitten, tadelloser Rücken . . . Nur war es jetzt in ein ledernes Passepartout gesteckt, das sich als Brieftasche darüber schloß. »Diese Aufnahme ist vom Weihnachtstag, wo plötzlich ein wahres Sommerwetter herrschte. Die Brüsseler strömten nach Ostende und es gab sogar ein Mittagskonzert, aus dem meine Frau in diesem Kleide nach Hause gehen konnte. Ich trug ihre Mantille auf dem Arm.« Das Bild machte die Runde und versetzte die Gesellschaft in eine seltsame Stimmung. Jedermann schien sich im stillen zu fragen, ob nicht doch vielleicht ein Kern von Wahrheit in diesen krausen Fabeleien stecke. Als das Bild an ihn zurückgelangt war, betrachtete er es eine Weile mit einem Antlitz, das versteinert schien. Er zog ein seidenes Taschentuch und rieb damit vorsichtig eine Stelle des Bildes, die trüb geworden war, bis sie wieder glänzte. Dann schloß er die Brieftasche und steckte sie ein. 90 »Nowaja Semlja,« sagte er mit Ergebung, ungefähr wie: ›Thut nichts, es ist vorbei.‹ Dann fuhr er in seinen Mitteilungen fort: »Der Colonel war, wie er mir später sagte, außer Dienst. Er war ein Opfer der Uniformierungsvorschriften seines Landes geworden. Die Truppe, bei der er diente, hatte nämlich zweierlei Waffenröcke, einen kurzen, leichten, mit zwei Taschen vorn auf der Brust, und einen langen, schwereren, mit zwei Taschen hinten in den Schößen. In einem Feldzug gegen die Indianer hatte sein Regiment viel durch unausgesetzten raschen Witterungswechsel zu leiden. Einen Tag war Sommer, den anderen Tag Winter. Natürlich waren die meisten erkältet; Schnupfen, Husten, Grippe herrschten in den Reihen. Der Waffenrock wurde jeden Tag gewechselt, manchen Tag mehreremale. Stach die Sonne, so zog man den kurzen, leichten an; blies der Schneesturm von den Felsengebirgen herab, so kam der lange, schwerere an die Reihe. Dabei waren die Schnupftücher in Permanenz erklärt. Begreifen Sie die Folgen? Der mechanisch gewordene Griff nach dem Schnupftuch war fast jedesmal ein Fehlgriff, der berichtigt werden mußte. Griff man nach hinten, wo die Taschen 91 des langen Rockes waren, so merkte man, daß man mittlerweile den kurzen angezogen hatte und nach der vorderen Brusttasche greifen mußte. Und dann wieder umgekehrt. Dieses ärgerliche Fehlgreifen, wochenlang, monatelang so fortgesetzt, machte die Leute außerordentlich nervös. Der Colonel, der dies schon früher gewesen war, kam mit zerrütteten Nerven zurück und mußte seinen Abschied nehmen. Die Ärzte verordneten ihm Seebäder, Seereisen, Seeluft. Das Tauchen im Taucheranzug hielt er für besonders zuträglich . . . Doch sehen Sie, ich hatte recht, Gießhübler in diesen Wein zu mischen. Der Eisengehalt desselben hat ihn in zehn Minuten ganz schwärzlich gemacht. Ich erhebe diesen Trauersekt auf das Wohl und Wehe, das ich meine.« Er hatte das Antlitz eines Leichenbestatters, trank langsam den schwärzlichen Wein und fuhr dann fort: »Drei Wochen waren so verflossen. Ich bewachte meine Frau, aus einem unbestimmten Gefühl von Unsicherheit. In Gedanken hielt ich sie immer an der Hand. Meine Herren und Schaften, haben Sie jemals eine Frau bewacht?« Es erhob sich ein Gemurmel, das mehr wie Nein als wie Ja klang. 92 »So gehen Sie hin und thun Sie es vier Wochen lang, dann werde ich die Geschichte weiter erzählen.« Mit einer Augenblicklichkeit, die förmlich erschreckte, versank er in das tiefste Schweigen. Die Gesellschaft wehrte sich aus allen Kräften gegen diese lautlose Stille gerade in dem Augenblick wo das oberste Weltgesetz zu lauten schien: »Fortsetzung folgt.« Aber vergebens setzte man ihm zu, von rechts und links, er saß wie gelähmt da. »So schnarchen Sie doch wenigstens, Doktor!« rief der Rittmeister unwillkürlich, unter dem Eindrucke dieses wachen Schlafes. Glücklicherweise erschien bald darauf der schwarze Kaffee. Dieser weckte den Doktor aus seiner Betäubung. »Pachdong,« sagte er etwas wirr, »ich war zerstreut; das kommt davon, wenn man sich sammeln will . . . Riechen Sie nichts?« In der That roch es ganz abscheulich, wie nach verbranntem Tuch. Alle betrachteten ihre Kleidung, denn jeder glaubte zu brennen. Nur Doktor Taube rührte keinen Finger, sondern sagte: »Es ist offenbar meine Cigarre. Ich rauche 93 eine Intolerables, das ist eine vorzügliche Sorte, sie hat ganz das Aroma von verbranntem Tuch . . . Doch wo hab' ich sie denn?« Er suchte erstaunt nach ihr und fand sie zuletzt in seiner Rocktasche. »Da sehen Sie meine Zerstreutheit, ich habe sie brennend eingesteckt, sie hat mir ein Loch in den Rockschoß gesengt. Was wird der Taschendieb von mir denken, der mir heute das Taschentuch zieht? Wenn er klug ist, zieht er es durch dieses Brandloch.« Er steckte sich eine andere Cigarre an und sagte wehmütig: »Nowaja Semlja,« als wollte er sagen: ›Du lieber Himmel!‹ »Wer weiß, ob Sie überhaupt für die weitere Geschichte reif sind, meine Herren? Ich will einmal einen Versuch machen. Eigentlich könnten Sie aus diesem Bilde allein alles erraten.« Er zog wieder den ledernen Portefeuillerahmen aus der Tasche und reichte ihn dem Direktor M. »Dieses Bild sagt Ihnen alles, . . . wenn Sie zu lesen verstehen.« Alle steckten die Köpfe zusammen, um die Photographie nochmals aufmerksam zu betrachten. Aber sie sahen nur, was sie bereits gesehen hatten. 94 Glücklicherweise war Bankier Z. gewohnt mit Wechseln umzugehen, und da diese oft auch auf ihrem Rücken Geschriebenes tragen, hatte er es im Griff, jedes Blatt auch umzukehren. Mechanisch zog er also das Bild aus seiner Hülle und drehte es um. »Oho!« rief er, »wer hätte das geahnt!« Auf der anderen Seite war die Dame von vorne zu sehen. In förmlicher Aufregung fielen wir alle zugleich darüber her. Jeder stieß irgend einen Empfindungslaut aus. Das war sie also, die rätselhafte Person, die, wie jedes Ding, ihre zwei Seiten hatte. In der That ein merkwürdiges Gesicht. Wir sahen einander zweifelnd an, dann wieder dieses seltsame Frauenantlitz, alle Kneifer wurden dazu aufgesetzt. Dann schüttelten wir die Köpfe und richteten unsere Augen auf Doktor Taube. Rittmeister D. fand zuerst das Wort der Lage und sagte: »Hören Sie, Doktor, Sie haben uns zum Besten; das ist keine Dame, sondern ein Mann.« »Pachdong,« bat Doktor Taube demütig, »ich glaube bestimmt zu wissen, daß es eine Dame ist.« 95 »Aber dieser tiefe, völlig schwarze Schatten auf der Oberlippe; das ist ja ein förmlicher Schnurrbart.« »So ist es auch in der That,« stöhnte der Doktor, als wäre er daran schuld. »Sie hatte einen ungewöhnlich starken, schwarzen Schnurrbart. Die Photographie ist zum Sprechen ähnlich. Und doch wieder nicht, denn, wenn sie sprechen könnte, würden Sie noch mehr erstaunen. Auch die Stimme meiner Frau klang wie die eines Mannes. Ein tiefer, wohlklingender Bariton, der vom großen A bis zum eingestrichenen f reichte. In jüngeren Jahren dachte sie wirklich daran, zur Oper zu gehen. Sie hatte sogar schon den ›Don Juan‹ und den ›Figaro‹ studiert und sang diese Partien entzückend. Alle, die sie hörten, sagten: ein weiblicher Faure. Nur engagieren wollte sie niemand. Es sei zu unerhört. Es sei zu gut, gut bis zur Lächerlichkeit . . . . Erst jener Amerikaner mußte kommen, um all dies zu würdigen.« Mäuschenstill saßen wir da, als wir merkten, daß er wieder in den Gang seiner Erzählung einlenkte. Jetzt aber nahm sein Gesicht einen erschreckend finsteren Ausdruck an. Seine gerunzelten 96 Brauen stiegen fast über seine Augen herab. Wir waren auf einen heftigen Ausbruch von Zorn gefaßt. Aber ganz im Gegenteil fuhr er, was eine komische Wirkung machte, im sanftesten Tone fort: »Meine Damen! Wenn Sie eine Photographiebrieftasche gehörig zu untersuchen verständen, wüßten Sie ohnehin schon mehr, als was ich Ihnen gerne erzähle. Meistens ist in einem solchen Portefeuille auch eine Tasche enthalten.« »In der That, da ist eine,« rief der Bankier, der noch immer Avers- und Reversseite mit einander verglich. »Und solche Taschen enthalten meistens etwas, was man ihren Inhalt nennen könnte,« fuhr Doktor Taube betrübt fort. »Wahrhaftig, da ist ein Brief,« sagte Bankier Z. und zog ein leicht vergilbtes Schriftstück heraus. »Nicht wahr?« rief der Doktor lebhaft, »ich hatte es gleich geahnt . . . Kann vielleicht einer der Herren lesen? . . . . Sie selbst, Herr von Z.? Dann wäre es vielleicht zweckmäßig, wenn Sie uns den Brief vorläsen. Ich würde dadurch ein Längeres und Breiteres ersparen.« Und Bankier Z. las: 97 »Mein teurer Gatte! Sei nicht überrascht und vor allem erschrick nicht. Ich nehme Abschied von dir. Du bist ein guter, edler Mann und ich bin dir von Herzen zugethan. Unsere zweimonatliche Ehe wird stets eine meiner schönsten Erinnerungen bleiben. Ich würde dich unter Umständen sofort wieder heiraten, wenn ich es nicht schon gethan hätte. Du hast das ungeschriebene Testament deines seligen Bruders, meines unglücklichen Bräutigams, vollstreckt, indem du mich heiratetest. Niemals werde ich es dir vergessen, daß ich in dir – ihn besessen habe, dessen leibliches Abbild du mir bist. Ich darf es dir ja jetzt sagen: in dir war ich mit ihm verheiratet. Dennoch – du zürnst mir nicht – machte ich nach und nach die Wahrnehmung, daß du innerlich ein anderer bist. Ein ganz anderer, o mein Anton. Es scheint in der Natur zu liegen, daß zwei Brüder, selbst wenn sie Zwillinge sind, nicht der nämliche Mensch sein können, mit der nämlichen Seele. Ich glaubte ihm treu zu sein, indem ich dein wurde; nun sehe ich, daß ich ihm eben dadurch untreu geworden bin. Dazu kommt noch jenes nagende Bewußtsein, im Besitze der seltensten 98 Eigenschaften dieselben nicht verwerten zu können. Mein Traum, mich als Baritonist zum Gipfel des Ruhmes hinanzuschwingen, kann, wie du weißt, niemals Wahrheit werden. Die Direktionen haben nicht den Mut, mich vor das Publikum zu stellen. Jahrelang habe ich an dieser Krankheit mich verzehrt, du weißt es ja. Da brachte mir der seltsamste Zufall von der Welt den Colonel Jedediah W. Long in den Wurf. Er sah mich und – kann mich nicht mehr missen. Er ist krank, die Ärzte haben ihm eine monatelange Seereise dringend empfohlen. Er hat sich zu diesem Zwecke eine Jacht bauen lassen; du sahst sie ja im Boothafen liegen. Aber unerträglich war ihm der Gedanke, monatelang durch die Wasserwüste zu irren, ohne ein weibliches Wesen in seiner Nähe. Denn er kann ohne Frauen schlechterdings nicht leben. Anderseits ist es, wegen der Mannschaft, jederzeit unthunlich, auf eine solche Reise eine Dame mitzunehmen; die weibliche Gegenwart kann unter rohen Gesellen Leidenschaften entzünden, die zu Meuterei und Verderben führen. Darum lag Colonel Long so lange hier in Ostende fest und zauderte, seine Jacht zu besteigen. Wartete er auf etwas Unerwartetes? Hoffte er auf ein 99 Wunder? . . . . Da erblickte er mich – und fühlte sich gerettet. Er fand Mittel und Wege, sich mir zu nähern. Er gab es mir schriftlich, daß er mich liebt, und dazu die Hälfte seiner Silbergrube in Nevada. Er stellte mir den Antrag, mit ihm zu fliehen auf seiner Jacht, hinaus auf den weiten Ozean, wo uns keine Kontinente anfechten würden. Ich sollte während der Reise Männerkleider tragen; mein – dir bekanntes – Aussehen und meine Stimme würden dies unterstützen. Die Mannschaft würde mich für einen Mann halten, für den Freund des Kapitäns. Er würde nicht als hagestolzer, fliegender Holländer durch die Meere schweifen müssen und dennoch vor Meuterei geschützt sein . . . . Teurer Anton! Stelle dir das vor. Mit einem Schlage sah ich mich am Ziele meiner Wünsche. Ich war in die Lage versetzt, die Gaben, mit denen die Natur mich so verschwenderisch, wenn auch in ungewöhnlicher Richtung, ausgestattet, fruchtbar zu machen. Ich war keine verfehlte Existenz mehr, deren Reichtum ihre Armut ist. Ich sah ein Ziel vor mir, Geltung, vielleicht Glück, – jedenfalls das Glück des Bewußtseins, nicht umsonst zu leben . . . .. Teurer Anton, verzeihe mir, ich 100 sagte Ja! . . . . Möglich, daß ich uurecht hatte. Aber ich konnte nicht anders. Der Spiegel, in den ich sah, sagte es mir: Flieh, geh, folge deinem Schicksal! Und so ist es gekommen. . . . . . . Teurer Anton, lebe wohl! Wenn du diese Zeilen liesest, bin ich bereits auf hoher See. Sehen wir uns jemals wieder? . . . . Meine besten Wünsche fliegen dir zu. Wenn ich jemals erfahren werde, daß du glücklich bist, recht, recht glücklich aus vollem Herzen, so werde ich selig sein. Nochmals Ade! Arabella .«         Atemlos hatten wir zugehört. Nur bei einigen besonders auffälligen Stellen hatte sich ein leises Räuspern, Scharren oder Rücken hören lassen. Solche unbedeutende Äußerungen sind wohl angesichts eines so erstaunlichen Briefes erlaubt. »Nowaja Semlja!« sagte Doktor Taube mit der Betonung von ›ich danke‹, als der Bankier ihm die Brieftasche mit ihrem Inhalt wieder zurückstellte. Der Brief hatte erst die Runde um den Tisch gemacht und jeder hatte ihn selbst durchflogen, als könne er nur den eigenen Augen trauen. 101 »Er ist so vergilbt,« sagte Doktor Taube schmerzlich, »weil ich ihn schon zwanzigmal in den Ofen geworfen habe, um ihn zu verbrennen, was mir aber nicht gelang, da ich niemals heize. So habe ich selbst in Kleinigkeiten stets das ausgesuchte Unglück. Einem anderen kann das Verbrennen eines Briefes überhaupt nicht mißlingen.« »In der That ein außerordentlicher Fall,« sagte Direktor von M. nachdenklich, fast gerührt. »Und haben Sie Ihre Frau nie wieder gesehen?« »Doch,« seufzte der Doktor, »ich hatte auch dieses Unglück. Ich erhielt diesen Brief nach meinem gewohnten Nachmittagsschläfchen, das zufällig etwas länger geraten war. Ich rannte nach dem Boothafen hinunter und sah es selbst, die amerikanische Jacht war fort. Sie hatte vor drei Stunden die Anker gelichtet. Ich eilte nach Hause und fragte alle Leute aus nach meiner Frau. Sie hatte vor etwa vier Stunden das Haus verlassen, mit wenig Gepäck. Man nahm an, es handle sich um einen Ausflug und ich sei voraus zum Hafen. Wiederum lief ich die weite Strecke hinab, die Sonne tauchte sich eben ins rote Meer. Die Fischer zeigten mir fern am Horizonte ein weißes Segel, das gerade 102 auf den glühenden Feuerball loszuschweben schien. Immer näher kam es ihm, immer röter flammte es auf, bis es als Purpursegel die feurige Sphäre berührte und von dieser Berührung wie in Dampf aufgelöst plötzlich verschwand. Sie sind vernichtet; dieses Gefühl übermannte mich. Stundenlang war ich keines Gedankens fähig. Ich saß auf einem Stein und starrte hinaus, immer auf denselben Punkt. Die Sonne versank alsbald und nahm sie mit sich hinab ins Meer. Dann wurde es rot im Westen, dann grau und dann schwarz, und immer noch saß ich und starrte dem unsichtbaren Segel nach.« »Hören Sie auf, Doktor, Sie machen mich ja ganz weich!« rief Direktor von M. Aber Doktor Taube saß starr da, wie eine Sprechmaschine, und seine Stimme klang, als spräche ein ganz anderer aus ihm. Ohne merklichen Tonfall, mit einer Art Gleichgültigkeit fuhr er fort. »Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kam und ob ich diese Nacht schlief. Ich weiß nur, daß ich früh morgens wieder am Meere war. Ich stand am äußersten Ende der Estakade, angewurzelt, versteinert. Ein heftiger Weststurm tobte, mehrere 103 Barken waren schon gestrandet und . . . träumte ich? wurde ich wahnsinnig? . . . . da war die amerikanische Jacht eben im Begriffe, an den Steinquadern des Molo zu zerschellen. Eine mächtige Woge hob das schlanke Fahrzeug und schwang es gegen die Steinwand, . . . . ein Krach . . . ein Schrei . . . und alles fuhr in Trümmern, in Splittern auseinander. Ich sprang hinab ins Wasser, wo ich stand, ich rief den Namen meiner Frau, ich sah einen Augenblick ihr todbleiches Gesicht auftauchen 104 und wieder untergehen, ich griff zu und arbeitete aus allen Kräften, um mit meiner Last ans Land zu kommen. Als ich den geborgenen Körper auf den Sand legte, sah ich erst, wer es war. Colonel Jedediah W. Long. Mit einer Verwünschung fiel ich bewußtlos neben ihm hin . . . . . Auch hier der alte Unglücksvogel, wie überall.« »Entsetzlich, Doktor!« rief der erschütterte Bankier und faßte seine Hand. »Nein, das geht zu weit! Sie erregen mich da zu einem förmlichen Mitgefühl, ich bin außer mir, Ihretwegen, und am Ende ist alles nicht einmal wahr. Bei Ihnen weiß man ja das nie. Hand aufs Herz, bester Doktor, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir nur das eine Mal: ist diese Geschichte wahr?« Doktor Taube fuhr sich mit den Händen über die Stirne und dann rechts und links die Wangen herab, als schlichte er einen Bart, den er aber nicht hatte. Dann rief er mit ganz veränderter Stimme. »Nowaja Semlja! Was fällt Ihnen ein, Herr von T.? Wie Sie gehört haben, ist mein Unglück ohnehin groß genug; wenn es nun auch noch wahr wäre, müßte ich mich ja rein aufhängen!« Und er schlug eine seltsame Lache auf, die wie eine Anwandlung von Weinkrampf klang. 105 Nun saßen wir wieder da und starrten ihn an, ohne zu wissen, woran wir waren. Der Doktor stand auf, schlüpfte aus der Nische hinaus und begab sich zu dem runden Tisch am andern Ende des Saales. Dreimal ging er um ihn herum, dann trank er ein Glas Wasser, dann ging er noch dreimal um den Tisch. Da ein Sessel dabei stand, setzte er sich für ein Weilchen darauf. Und da ein Fenster in der Nähe war, blickte er einen Augenblick hinaus, in den grauen Himmel, über den ein paar schwarze Raben flogen. Man hörte ihr Krächzen bis herein. »Gerson!« rief er. Charles eilte zu ihm und neigte sich vor, um seinen Auftrag zu hören. Aber er sagte nur: »Gerson, diesen Raben dürfen Sie nie borgen, denn das sind die größten Schuldenmacher; sie schreien fortwährend: Ah! ah! ah! und das ›B‹ bleiben sie schuldig.« »Sehr wohl, Herr Doktor,« sagte Charles und borgte den Raben von dieser Stunde an nichts. Dann stand Doktor Taube auf und kehrte zu uns zurück. »In gewissen Fällen,« sagte er, »kann 106 ich Ihnen nur raten, sechsmal um einen runden Tisch herum zu gehen und dazwischen ein Glas Wasser zu trinken. Davon wird man ein anderer Mensch. Sehen Sie mich an; soeben war ich ins Meer gesprungen, jetzt bin ich wieder ganz trocken . . . Ist denn noch ein Rest von jener Witwe in der Flasche?« Er leerte ein Glas und nahm wieder seinen alten Platz ein. »Ja, ja,« äußerte der Bankier, der eben aus einem philosophischen Brüten auffuhr. »Ei, Herr von Z.,« sagte der Doktor darauf, »Sie sind ja sehr bibelfest. Schon die Schrift mahnt uns ›Deine Rede sei: ja – ja.‹« »Vollkommen,« entgegnete der Bankier, »aber unser Freund, Rittmeister D., ist schon im höchsten Grade neugierig, was Sie mit dem Amerikaner angefangen haben.« »Pachdong,« protestierte der Doktor, »er hat ja mit mir angefangen, ich habe mit ihm ein Ende gemacht.« »Oho!« rief der Rittmeister, der eine kriegerische Verwicklung ahnte. »Sie müssen aber doch sehr enttäuscht gewesen sein,« meinte Direktor von M., »als Sie statt 107 Ihrer armen Frau den reichen Amerikaner gerettet hatten?« »Nowaja Semlja!« rief der Doktor unbekümmert, wie ein anderer sagen würde: ›Bah!‹ »Ich bin ein gelernter Pechvogel und muß mich zu trösten wissen. Ich sagte mir also: besser ein Regenwurm in der Hand, als ein Regenbogen auf dem Dache. Ich ließ meinen Feind in seine Wohnung tragen und begann ihn zu pflegen. Ich pflegte ihn vierzehn Tage lang, mit Aufopferung, wenn ich auch ein Gesicht dazu machte, wie eine Amsel, die aus einem Kuckucksei ein Eichkätzchen ausgebrütet hat. Ich scheute selbst Geldopfer nicht und kaufte eigens eine Briefmarke um zehn Centimes, um sie auf eine kleine Hautabschürfung zu kleben, die der Arzt an seiner Stirne übersehen hatte. Wenn Sie bedenken, daß eine Freimarke um fünf Centimes denselben Dienst geleistet hätte, werden Sie meine Gefühle würdigen. In der That war er nach vierzehn Tagen hergestellt. Da sagte ich zu ihm: »Sir, Sie wissen vielleicht, daß Sie mir Ihr Leben verdanken?« – Da sagte er zu mir: »He?« – Da sagte ich zu ihm: »Sie werden es mir also geben, Sir.« – Da sagte er zu mir: »He?« – Da sagte 108 ich wieder zu ihm: »Wir werden uns schlagen, Sir.« – Da sagte er wieder zu mir: »He?« – Ich fuhr fort: »Auf Leben und Tod, Sir!« – Er fuhr fort: »He?« – Diese Einsilbigkeit erbitterte mich noch mehr. Ich suchte mir zwei Zeugen und diese machten ihm die Sache mit Mühe verständlich. Auch er fand zwei Zeugen und die Bedingungen wurden vereinbart, man kann nicht sagen: auf Leben und Tod, sondern: auf Tod allein. Ich dürstete nach Blut. Aber auch in ihm war der Yankee erwacht und so that er ein Gleiches. Die Bedingungen waren in der That fürchterlich. Er verlangte als Waffe den Revolver. Ich nahm ihn an, forderte aber sechs Schüsse für jeden. Die Zeugen machten die längsten Gesichter, die sie bei sich hatten. Dann schlug er zehn Schritte Distanz vor. Die Zeugen erblaßten wie auf Verabredung. »Mit fünf Schritt Avance für jeden!« rief ich wütend. – »Mit sechs Schritt Avance!« schrie er ebenso. Es war wie bei einer Versteigerung. Die Blässe der Zeugen kannte keine Grenzen mehr, sie wollten uns zu einem weniger mörderischen Vorgehen bestimmen, aber wir blieben unbeugsam. So ritten wir denn am nächsten Morgen in die 109 Dünen hinaus, an einen ganz einsamen Ort, wo wir nicht Gefahr liefen, durch die plötzliche Gründung eines neuen Seebades gestört zu werden. Die Plätze wurden abgesteckt. Zehn Schritt von einander, Aug' in Aug', Zahn in Zahn stellten wir uns auf. Wir feuerten unsere Augen auf einander ab, noch vor den Revolvern. Dann avancierten wir jeder sechs Schritt. Beim sechsten mußten wir natürlich einer an dem andern vorbei und kamen dann Rücken zu Rücken zu stehen. Ein Zeuge klaschte dreimal in die Hand und wir schossen gleichzeitig, jeder vor sich hin. Sechsmal schossen wir, aus so großer Nähe. Die Zeugen glaubten, wir müßten beide tot sein. Aber wir waren beide unverletzt. Erstaunt wandten wir uns einander zu. »Sie sind nicht tot, Sir?« fragte ich. – »He?« fragte er. Die Zeugen bissen sich gegenseitig auf die Zunge, um nicht hell aufzulachen, erklärten die Sache für beigelegt und forderten uns auf, uns die Hände zu reichen. Wir thaten es und er drückte die meinige so kräftig, daß er mir den Daumen zerquetschte. Er mußte amputiert werden und fehlt mir, wie Sie sehen, noch immer.« 110 Doktor Taube schwieg und unterbrach seine Traurigkeit auf ein Weilchen, um sich im Kreise umzusehen, ob er nicht wegen seines Heldenmutes bewundert werde. Aber dies war nicht der Fall. Im Gegenteil erhob sich eine Art Murren wider ihn und man hielt den Ausgang für höchst unbefriedigend. Rittmeister D. namentlich fand ein Duell in der Aufstellung 111 Rücken gegen Rücken sehr ungefährlich und diese Ansicht drang auch bei den übrigen durch. »Hören Sie, lieber Doktor, damit speisen Sie uns nicht ab,« räsonnierte sogar der mildgesinnte Direktor von M. »Entweder Sie schlagen sich sofort interessant, oder wir schenken Ihnen den ganzen Zweikampf.« »Ich bin ganz derselben Meinung, Doktor,« rief der Rittmeister D. »Was heißt das? Sie und jener Yankee stellen sich Rücken an Rücken zusammen und knallen dann tapfer in die Luft hinein, jeder vor sich hin. Da konnte ja gar niemand getroffen werden! Sie mystifizieren uns, Doktor.« »Pachdong, Herr Rittmeister,« verteidigte sich Doktor Taube flehentlich. »Sie sind bei der Kavallerie; wenn Sie Artillerist wären, würden Sie das schwerlich sagen. Die Artilleristen verstehen sich nämlich auf Ballistik; das ist ihr Dach und Fach. Es kam nämlich in unserem Falle alles nur darauf an, daß wir beide mit dem Rücken so gegeneinander standen, daß der Meridian des Ortes genau durch unsere beiden Kreuzbeine ging. War dies der Fall, so mußten unsere beiden Kugeln ihren Lauf längs dieses Meridians nehmen, den 112 Weg um den Erdball machen und schließlich jede den Gegner vorne treffen. Ist das klar oder unklar?« »Lächerlich!« rief der Rittmeister. »Wie kann denn ein Revolver so weit tragen?« »Pachdong, Herr Rittmeister, einer vielleicht nicht, aber wir hatten ja zwei Revolver,« entgegnete der Doktor mit unnachahmlicher Unschuld. »Ach so,« lachte der Rittmeister, »dann geht's natürlich eher.« »Übrigens,« fuhr der Doktor ernsthaft fort, »konnten wir ja nicht gut annehmen, daß die Tragweite unserer Waffen nicht für eine so unbedeutende Entfernung genügen werde. Die Erde ist bekanntlich einer der kleinsten Planeten und unsere Revolver waren vom größten Kaliber.« »Ach ja so,« rief der Rittmeister, »das ist freilich was anderes.« »Aber ich werde Ihnen sagen, meine Herren, woran es lag, daß dennoch keiner von uns getroffen wurde. Wir zielten nämlich beide zu genau . . . Pachdong, ich bitte nicht zu lachen; es ist thatsächlich so. Die Erde ist bekanntlich eine Kugel. Auf der einen Seite wohnen die Poden . . .« »Wer?« fragte ich unwillkürlich. 113 »Die Poden,« wiederholte er ganz harmlos, »und auf der andern Seite die Antipoden. Verstehen Sie mich?« »Vollkommen,« lachte ich. »Nun denn,« fuhr er fort, mit dem Ernste eines außerordentlichen Professors der Physik, »da wir so genau zielten, mußten unsere Kugeln sich auf der nämlichen Linie um den Erdball herum bewegen. Thaten sie dies, so war es schlechterdings unvermeidlich, daß sie sich bei den Antipoden, auf der entgegengesetzten Seite der Erdkugel, treffen mußten. Sie begegneten sich im Flug in der Luft, hoben gegenseitig ihre Flugkraft auf und fielen an jenem Punkte zu Boden. Man braucht nicht einmal ein Artillerist zu sein, schon ein Astronom genügt, um dies augenblicklich einzusehen.« »Es ist alles ganz richtig,« sagte der Bankier, »mathematisch, geographisch, astronomisch, auf jede Weise klappt's. Jedoch . . . bei aller Kleinheit unserer Erde kann ich mir's nicht gut vorstellen, daß eine Revolverkugel rund herum gehen könnte.« »Wie?« rief Doktor Taube heftig. »Verehrter Herr von Z., dann . . . dann . . . dann 114 sind Sie farbenblind und können eine Revolverkugel nicht von einer Uhrkette unterscheiden!« Alles stutzte, bockte sozusagen. Was sollte da nun wieder kommen? »Sehen Sie,« fuhr der Doktor aufgeregt fort, »sehen Sie hier meine alte Uhrkette? Die trage ich schon so lang . . . und noch immer geht sie mir nicht ganz herum. Wenn wir uns auf Uhrketten geschlagen hätten, könnten Sie also recht haben. Aber eine Revolverkugel ist doch um Gottes willen keine Uhrkette, nicht wahr?« Diese Beweisführung schien den Herren doch zu stark. Alles rückte geräuschvoll mit den Stühlen, eine Art aufständischer Bewegung ging durch die Gesellschaft. Die Lage Doktor Taubes wurde offenbar eine kritische. Bankier Z. ging sogar so weit, daß er es unmoralisch fand, ein solches Duell zu erfinden. Darauf zog der Doktor seine Uhr und sagte wehmütig: »Herr von Z., es ist zehn Uhr, es ist Nacht . . . und in der Nacht kann die Moral unmöglich auf der Tagesordnung sein. Sehen Sie, wenn ich die große Kunst besäße, mit wenigen Worten nichts zu sagen, so könnte ich selbst die 115 unzufriedensten unter Ihnen zum Schweigen bringen.« Diese Bemerkung stellte die Ruhe sofort wieder her. Die Geschichte war also noch nicht zu Ende; vielleicht noch lange nicht. Wer weiß, was für Wendungen noch bevorstanden. Die Gesellschaft mußte sich hüten, durch allzu ablehnende Haltung die Möglichkeit weiterer Unmöglichkeiten abzuschneiden. Direktor von M. war es, der aus diesen Beweggründen zuerst einzulenken begann, indem er sagte: »Lieber Doktor, Sie sind heute so außergewöhnlich, daß Sie unsere Aufregung nicht übel nehmen dürfen. Im Vergleich mit Ihnen ist ja Münchhausen ein bloßer Jules Verne. Denn ich setze voraus, daß Ihr Duell mit dem Amerikaner nicht ganz genau so verlaufen ist, wie Sie es schildern.« »Herr Direktor,« entgegnete der Doktor vorwurfsvoll, »nicht ganz genau so? Noch viel genauer, sag' ich Ihnen. Sie haben gar keine Idee davon. Freilich, wenn der Amerikaner hier wäre . . .! Denn es ist ein sehr richtiger Satz: Man muß immer beide Teile anhören, nicht nur den Audiatur, 116 sondern auch die Altera Pars . . . Gerson! könnte ich nicht noch etwas Leichtes zu essen haben? Vielleicht etwas aus genergelten Eiern? . . . Sie verstehen mich schon wieder nicht?« »Doch, doch, Herr Doktor,« beruhigte ihn Charles aufs Geratewohl und wandte sich zum Gehen. »Aber bitte, Gerson, überwachen Sie gefälligst die Zubereitung, ja?« Und als Charles mit etwas unsicherer Miene gegangen war, sagte er: »Ich wollte ihn nur jetzt hinaus haben, denn ich habe mich entschlossen, Ihnen die wirkliche Geschichte jenes Zweikampfes zu erzählen.« Ein allgemeines »Ah« begrüßte diese in feierlichem Tone gemachte Eröffnung. Nur eine Bowle wollte man noch vorher bestellen. Doktor Taube hatte nichts dagegen, stimmte aber für eine Selleriebowle, welche die anderen gar nicht kannten. Er bereitete sie also selbst zu. »Mit dieser Bowle,« erzählte er dabei, »ist es mir einst in Frankreich übel ergangen. Ich wollte sie einer Gesellschaft, die nur Französisch verstand, zeigen, und verlangte dazu » de la sellerie «, was großes Erstaunen hervorrief besonders bei mir 117 selber, als man mir nach einer Weile zwei alte Sättel und einen Steigbügel hereinbrachte. Ich erfuhr erst dann, daß » sellerie « in jener Sprache Sattlerwaren bedeute.« Mit großer Sorgfalt setzte er übrigens die Bowle an, da es dabei »hauptsächlich auf die feinen Mißverhältnisse der Stoffe ankomme«, wobei es uns unklar blieb, ob er Mischverhältnisse oder Maßverhältnisse meinte. Endlich war er so weit, daß er zu erzählen begann: »Nowaja Semlja,« sagte er mit der Betonung von: ›In Gottes Namen‹. »Die Sache ist also eigentlich folgendermaßen verlaufen. Ich ließ meinen Todfeind in seine Wohnung schaffen und widmete mich ganz seiner Pflege. Nicht nur bei Tag und Nacht, auch in der Dämmerung war ich an seiner Seite. Er hatte bei dem Schiffbruch außer Jacht, Frau und Gepäck auch sein Bewußtsein verloren. Sein Gepäck bargen die Fischer gleich, sein Bewußtsein erst nach einigen Tagen und nur partienweise. Er hielt mich anfangs für Arabella, die er fragte, ob sie sich nach ihrem Manne sehne. Nach mir! »Nein, nein!« beteuerte ich in ihrem Namen, um ihn zu beruhigen, »ich liebe nur dich 118 auf Erden.« Und ich umarmte und küßte ihn, was ihn jedesmal gleich beschwichtigte. Er schlief nicht ein, ohne meine Hand in der seinigen zu halten. Dann wieder kommandierte er seine Jacht. Er rief mir zu, geschwind die Segel zu reffen, da die Jacht sonst kentere. Dann eilte ich an die Fenster und zog geschwind alle Rollvorhänge hinauf, in enge Falten. Oder er befahl mir, Anker zu lichten; da zog ich langsam die Wanduhr auf und er hielt das knarrende Geräusch für das der Ankerwinde. Ich war erfinderisch, ich war unermüdlich, ich war zartfühlend . . . aus tödlicher Feindschaft. Eines Tages war er so weit, daß er mich erkannte. Das war ein Augenblick! »He?« rief er überrascht und griff hinter sich, offenbar nach der Stelle, wo er die Revolvertasche zu tragen pflegte. – »Beruhigen Sie sich, Colonel,« sagte ich, »Sie sind sehr krank gewesen, aber jetzt gottlob außer Gefahr.« – Er machte ein Gesicht, als höre er hottentottisch reden. Nach einer Weile erst preßte er mit Schwierigkeit hervor: »Wo ist Arabella?« – Ich faßte alle meine Unbefangenheit zusammen und sagte: »Arabella, wer ist das?« – Er sah mich mit weit aufgerissenen Augen an und erwiderte: 119 »Ihre . . . Frau, denk' ich.« – »Meine Frau?« lachte ich aus vollem Halse, »aber Colonel, ich habe ja gar keine Frau, ich bin mein Lebtag Junggeselle gewesen. Sie träumen, Colonel.« – Er griff sich mit den Händen nach dem Kopfe: »Träumen . . . träumen . . . Wir haben doch Schiffbruch gelitten am Molo von Ostende?« – »Ei, das wäre,« staunte ich, »seit Wochen herrscht das schönste, stille, graue Wetter. Sie haben sich das in Ihrer Krankheit eingebildet, Colonel. Fieberträume, verworrenes Zeug.« – Er gab nach und fragte in dieser Richtung nicht weiter. Ich fuhr in seiner Pflege fort, wie eine barmherzige Schwester. Wissen Sie, meine Herren, was das heißt? Es ist doch eine ganz merkwürdige Sache, was es heißt, sich wochenlang der Sorge um ein Menschenkind hinzugeben. Man wird dadurch seine Amme, seine Mutter. Erst pflegte ich ihn aus Rache, dann aus einer Art point d'honneur , da ich es doch einmal übernommen. Später hatte ich die Empfindung eines Künstlers, dem etwas gelingt. Ich kam mir zuweilen vor wie ein Arzt, der aus einer Leiche einen lebendigen Menschen gemacht hat. Zuletzt hatte ich förmlich das Gefühl, daß ich ihn liebte.« 120 »Zum Teufel, Doktor,« unterbrach ihn Rittmeister D., »das alles klingt so möglich. Gelt, diesmal ist es wirklich die Wahrheit?« Doktor Taube sah ihn mit einem unsäglich melancholischen Blick an und sagte: »Was ist Wahrheit? Ich habe Dinge erlebt, die sehr unwahr scheinen. Jeder ordentliche Pechvogel hat auch noch das Unglück, daß man ihm sein Unglück nicht glaubt . . . Doch ich langweile die Herren? Ja, kurzweilig ist diese Geschichte nicht. Warten Sie nur, Sie sollen noch gähnen. Wetten wir, daß Sie gähnen werden? Eine leere Flasche gegen eine volle!« »Bitte, Doktor,« flehte der Direktor, »keine Unterbrechungen, wir brennen ja vor Ungeduld.« »Gerson,« rief der Doktor, »bitte, geben Sie dem Herrn Direktor von M. etliche Nadeln, damit er darauf sitzen kann.« Jetzt wurde aber der Rittmeister wild und trat so energisch auf, daß Doktor Taube vorderhand auf jeden weiteren Zwischenscherz verzichtete und ungesäumt fortfuhr: »Das also, meine Herren, war die Situation. Sie wurde aber noch viel verwickelter, als der 121 Colonel nachgerade gesund wurde. Sein Gedächtnis war nun wieder getrocknet, alle Ereignisse standen klar vor ihm. Seine Nerven, seine Ärzte, die Entführung, der Schiffbruch, die Rettung durch mich. Er sah nun, wie er zu mir stand. Er war mir Genugthuung schuldig. Er ahnte, warum ich ihn gerettet. Ich hatte ihm das Leben offenbar nur zurückgegeben, um es ihm nehmen zu können. Eines Tages, als er schon ganz gesund war, trat er plötzlich in meine Stube und sagte ohne alle Vorrede: »Also gut, es ist einmal nicht anders, wir schlagen uns.« – Ich schwieg; jetzt überraschte mich die Sache doch. – Da sagte er: »Schade um Sie, da Sie jetzt reich sind und Ihr Leben endlich genießen könnten.« – »Ich reich?« entgegnete ich erstaunt. – »Ich hatte,« fuhr er gelassen fort, »Ihrer Frau die Hälfte meines Silberbergwerks in Nevada verschrieben. Sie ist tot, ihr Erbe sind unzweifelhaft Sie.« Hatte er es beabsichtigt, mich zu reizen, um mich zu zwingen, daß ich mich an ihm räche? Ich weiß es nicht, aber ich glaube fast. Die Folge spricht dafür. Bei seinem Antrage fuhr ich auf, wie von einer Viper gestochen. »Wie? Diese Schändlichkeit muten Sie 122 mir zu?« rief ich außer mir; »Sie sind ein Schurke, Mann! ein doppelter Schurke!« – Kalt blickte er mich an, mit seinen grauen Augen, die noch immer so ertrunken schienen. »Es ist gut,« sagte er dumpf. »Schießen Sie gut?« – »Ich habe nie eine Pistole in der Hand gehabt,« entgegnete ich.« »Waren Sie denn nicht Offizier?« fuhr ich unwillkürlich drein. Er sah mich an; ein ganz leiser Schimmer von Lächeln, als hätte er etwas sehr Naives gehört, spielte um seine Lippen. Ohne mir zu antworten, fuhr er fort: »Der Colonel sah mich erstaunt an und sagte: »Dann werden Sie mir gestatten, daß ich Sie erst vierzehn Tage lang in dieser Kunst unterrichte.« – Ich traute meinen Ohren nicht. Ein solcher Antrag von einem Duellgegner war mir noch nie vorgekommen. Er war so einzig in seiner Art, daß ich mich innerlich gezwungen fühlte, darauf einzugehen . . . Und er hat mich thatsächlich im Schießen unterrichtet. Wir waren jeden Tag mehrere Stunden auf einem Schießstand. Ich übte mich mit seinen trefflichen amerikanischen Pistolen, mit gezogenen Läufen, vor der Scheibe. Er gab mir dabei die besten 123 Ratschläge, er machte mich auf alle Vorteile aufmerksam. Er selbst schoß nur, um mir etwas zu zeigen, und traf jedesmal genau den Punkt, den er wollte. Manchmal schoß er, gleichsam ironisch, in die Löcher, die ich so und so weit vom Schwarzen geschossen hatte. Es war erstaunlich zu sehen. Bei jedem solchen Schusse sagte ich mir, ich sei ein toter Mann. Meine Herren, haben Sie neulich in der Zeitung die Notiz gelesen, daß die Überreste Rossinis von Paris in seine Vaterstadt übertragen wurden?« Die einen sagten Ja, die anderen Nein. »Waren Sie nicht höchlich überrascht davon?« Alle sagten Nein. »Nun denn, da ging es mir anders. Ich war überrascht davon und sagte mir: Schau, schau, nach dem Tod der Leute erfährt man immer erst die interessantesten Sachen; wer hat je zu Rossinis Lebzeiten gehört, daß er auch Überreste besitzt? Nach seinem Tod aber kommt es plötzlich heraus.« Und als die Gesellschaft über die Bemerkung lachte, sagte er ganz kleinlaut: »Sehen Sie, mir ging es zu jener Zeit ungefähr so, wenn ich vor meinem Spiegel stand, um mich zu rasieren. Siehst du, Doktor? sagte ich da jedesmal zu mir, was du da 124 im Spiegel siehst, das sind deine Überreste. Ob die wohl auch einmal werden von Paris nach dem Geburtsorte Rossinis überführt werden? Schwerlich, schwerlich . . . Solche Gedanken machten mich dann ganz schwermütig. Ich war ein verlorener Mann. Wäre ich etwas mehr bei Gelde gewesen, so hätte ich mir einen Gesanglehrer genommen, um singen zu lernen und meinen Schwanengesang anstimmen zu können. Aber ich war arm, mein bevorstehendes Ende konnte also musikalisch nicht von Belang sein. Auch meine Zerstreutheit wuchs in erschreckendem Grade. Eines Tages, als ich spazieren ging, bemerkte ich, daß ich ein gewisses Aufsehen erregte. Das wurde mir schließlich unbequem und ich sah mir die Leute an, die mich so ansahen. Nach den Händen blickten sie mir, alle nach den Händen. Ich entschloß mich zuletzt, ein Gleiches zu thun, und da bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß ich in meinen nassen Frottierhandschuhen ausgegangen war. Auch das war mir noch nie vorgekommen und ich zweifle noch jetzt, ob alle Bewohner von Ostende diese Handschuhmode angenommen haben.« »Zur Sache, zur Sache,« wisperte ihm der 125 Direktor ins Ohr, der ihm wohl wollte und sich bei dieser Gelegenheit gleichsam als sein Impresario fühlte. »Nowaja Semlja!« sagte Doktor Taube im Tone von: ›ich bitte um Entschuldigung.‹ Dann steckte er eine tieftragische Miene auf, die uns sofort die nahe Katastrophe ankündigte, und sprach: »Eines Tages – es war der 30. Februar, ich werde mir diesen Tag ewig merken – hatte ich besonders gut nach der Scheibe geschossen. Ich schoß eben im Gefühle, daß ich mein Leben teuer verkaufen wolle. Da sagte der Colonel: »Sie schießen schon ganz vortrefflich, Sir; ich glaube, die Zeit für unser Duell ist gekommen. Sind Sie bereit?« – »Ja, Sir,« entgegnete ich. – In diesem Augenblick sah ich zwei goldene Punkte aufblitzen, 126 die ich mir in der Befangenheit des Moments nicht gleich zu erklären wußte. – »Gut denn, für morgen, wenn es Ihnen recht ist,« sagte er kaltblütig; »ich gehe jetzt in die Stadt und verständige meine Zeugen. Guten Tag einstweilen.« – »Guten Tag,« wiederholte ich mechanisch. Indem er sich von mir wandte, sah ich schon wieder zwei Punkte in hellem Goldglanz blitzen, war aber zu beschäftigt mit mir selbst, um über dieses früher nie wahrgenommene Phänomen ins Reine zu kommen. Ich machte einen Spaziergang am Meere, die Seeluft festigte meine Nerven. Ich ging auf dem Molo auf und ab, dort wo die Jacht gescheitert war. Das bleiche, verzerrte Antlitz meiner Frau tauchte aus der Brandung auf und sah mich an, sah mich immerfort an . . . Das weckte in mir wieder alle Dämonen. Rache wollte ich haben! Jetzt war ich wieder fest! Ich suchte zwei Bekannte auf und sandte sie als Kartellträger an den Amerikaner. Zu derselben Zeit aber erschienen die seinigen bei mir. Er sei der Beleidigte, behaupteten sie, denn ich hätte ihn einen doppelten Schurken genannt, ihm stehe also das Recht der Forderung zu. Unwillkürlich fiel mir dabei ein, 127 daß ich dann die Chance des ersten Schusses hatte. Ich ärgerte mich über mich selbst, daß mir dies eingefallen war, aber da dies einmal geschehen, war ich zu schwach, es aus meiner Rechnung zu tilgen. Ich willigte ein . . . Den anderen Morgen ritten wir hinaus in die Dünen. Ein kleines Thal zwischen Sandhügeln, mit einem Wäldchen von niederen Strandkiefern, hatte den Sekundanten gepaßt. Dort fanden wir bereits die Gegenpartei. Der Colonel lüftete mit steifer Höflichkeit den Cylinder, um mich zu begrüßen. Er war ganz schwarz gekleidet, der lange Überzieher bis an das Kinn zugeknöpft. Er sah aus wie ein Pastor auf einer Landpartie. Zwischen seinen Zähnen hielt er eine lange Cigarre, die er auf Augenblicke zwischen seine langen Finger nahm, um eine Bemerkung zu machen. Ich sah das alles ganz genau, mein Blick war an diesem entscheidenden Morgen ungewöhnlich scharf; auch war ich überzeugt, daß ich gut zielen würde. Trotzdem stimmte es mich eigentümlich, als aus der Ferne durch die stille Luft leiser Glockenton daherklang! Wem von uns beiden gilt dieses Zügenglöcklein? wollte ich mich im stillen fragen, aber wider meinen Willen fiel 128 es laut aus. Der Colonel hörte meine Worte und sagte ruhig, mit einer Art Gemütlichkeit: »Ich habe dieses Glockengeläute eigens bestellt, für zehn Uhr, unsere Stunde; wer von uns fällt, soll wenigstens nicht ohne Sang und Klang von hinnen gehen.« Ein Schauder lief mir über den Rücken; das machte mir den Eindruck, als habe er gleich auch den Totengräber bestellt und der schaufle in diesem Augenblick bereits irgendwo hinter jenen Strandkiefern ein Grab . . . für mich? . . . für ihn? . . . er wußte es so wenig wie wir beide.« »Ein verdammter Yankee!« stöhnte der aufgeregte Bankier. »Der arrangiert Duelle mit Stimmung.« Der Rittmeister, für den endlich der Augenblick eines wirklichen Interesses erschienen war, preßte den Arm des Bankiers zusammen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Doktor Taube aber fuhr mit einer wahren Grabesstimme fort: »In dem Augenblicke, als der Colonel das gesagt hatte, sah ich plötzlich wieder, nun schon zum drittenmal, jene zwei unerklärlichen goldenen Punkte aufblitzen. Diesen Morgen aber war ich so hellsichtig, daß ich trotz des 129 unangenehmen Eindrucks, den mir seine Worte gemacht hatten, sah, woher die neue Naturerscheinung kam. Colonel Jedediah W. Long stieß nämlich, nachdem er gesprochen, ein breites, herzhaftes Gelächter aus. Dabei erblickte ich in seiner unteren Kinnlade zwei mit Gold plombierte Zähne, die ich vor einigen Tagen noch nicht gesehen. Das waren jene zwei Goldfunken, die ihm aus dem Munde zu sprühen schienen, so oft er ihn zum Sprechen oder Lachen etwas weiter aufthat. Abermals lief mir ein Schauder über den Rücken.« »Wegen zweier plombierter Zähne . . . bei einem andern?« fuhr der Bankier drein. »Nowaja Semlja!« rief der Doktor im Tone von ›ich glaube wohl!‹ »Ahnen Sie denn gar nicht, was mir bei diesem Anblick einfallen mußte? . . . Dieser Amerikaner hatte sich vor einigen Tagen erst zwei Zähne plombieren lassen. Angenehm ist das bekanntlich nicht und niemand thut es unnötigerweise. Einer, der weiß, daß er nächste Woche ohnehin sterben wird, sagt gewiß nicht: Ich muß mir diese Woche geschwind noch zwei Zähne ausbohren und, damit das Zeug länger hält, mit Gold ausfüllen lassen, um im Jenseits mit einem korrekten Gebiß zu erscheinen.« 130 »Das ist wahr,« gab der Bankier zu, dessen Gebiß nicht ganz tadellos war. »Nun denn,« folgerte der Doktor, »wenn Colonel Jedediah W. Long ein paar Tage vor einem Zweikampf auf Leben und Tod sich einer so unangenehmen Prozedur unterwarf, mußte er so viel wie sicher sein, daß er lebendig aus diesem Duell hervorgehen werde. Sonst verlohnte es sich ja nicht.« »Der Tausend!« rief der Rittmeister, der dem Erzähler bedeutend näher gerückt war, »das ist sehr richtig, und Ihr Colonel war ein ganz verd . . . teufelter Kerl, wenn er das wirklich eigens so insceniert hat. Doch hören wir weiter.« »Ich sagte mir dasselbe sofort,« entgegnete Doktor Taube. »Ich muß gestehen, dieser Gedanke fiel mir wie ein Kolbenschlag gegen den Schädel. Abermals fühlte ich mich ganz klein und dumm und schwach. Es ist merkwürdig, wie der Mensch, selbst als armer Teufel wie ich, am Leben hängt. An diesem lumpigen Leben, das er jeden Augenblick dem Leben anderer abtrotzen muß, um dennoch . . . nichts davon zu haben! Wenn ich in diesem Augenblick hätte schießen müssen, ich hätte vielleicht mich 131 selbst getroffen, ihn gewiß nicht. Nun denn, der Colonel sah meine Verwirrung. Er trat auf mich zu, heftete seine nebelgrauen Augen starr und doch mit einer gewissen Weichheit auf die meinigen und streckte mir die Hand entgegen. »Nun, Sir,« sagte er auffallend mild, wie ich seine Stimme noch nie gehört hatte, »wir müssen Abschied nehmen. Schlagen Sie ein, Sir! Wir wollen nicht als Feinde auseinandergehen, der eine herüber, der andere . . . hinüber. Nochmals, schlagen Sie ein, Sir! Ich habe Ihnen Schweres zugefügt, Sie haben ein Recht an mich. Schonen Sie mich nicht, Sir. Wenn Sie das thäten, würden Sie eine Beleidigung durch eine andere vergelten. Hier, Sir, es ist eine ehrliche Hand, schlagen Sie ins Teufels Namen ein, wenn ich sage!« Ich schlug ein und er drückte mir die meinige herzlich, jedoch nicht aus voller Kraft, offenbar mit Rücksicht darauf, daß ich dann die Pistole nicht gut hätte halten können. Seine eigene Pistole, mit der ich mich so gut eingeschossen hatte! All das ging mir dabei im Kopfe herum, verwirrend, rätselvoll. Ich wußte mir diesen langen Mann nicht zu deuten. Durch seine grauen Augen blickte ich gleichsam in eine graue Seele hinein, in 132 der ich mit den Fühlern der meinigen vergeblich nach etwas Sicherem umhertastete. Ich gestehe, ich kam mir neben ihm sehr klein vor, trotz allem, was er mir angethan . . . Mittlerweile hatten die Sekundanten das Terrain abgemessen. Fünfzehn Schritte, ohne Avancieren. Jeder hat nur einen Schuß. Auf das dritte Händeklatschen wird geschossen. »Gleichzeitig,« betonten meine Zeugen. – »Nicht gleichzeitig,« behaupteten die meines Gegners. Der erste Schuß gebühre selbstverständlich mir, was ihr Auftraggeber anerkenne, der auch nicht geneigt sei, von mir ein Geschenk anzunehmen, so wenig als er seinerseits Schonung zu üben gedenke. Dabei blieb es auch. Die Zeugen stellten die letzten Fragen wegen etwaiger Versöhnung. Ich schwieg, der Colonel winkte mit einer steifen Handbewegung ab. Dann standen wir einander gegenüber, jeder auf seinem Platz, die Pistole in der Hand. Eins, zwei, drei, schollen die drei Schläge in die Hand. Ich hatte die Pistole gehoben und zielte auf die Brust meines Gegners, der sie mir voll zuwandte und regungslos dastand. Wenn ich ihn gut traf, war ich gerettet; wenn ich fehlte, fiel ich sicher. Ich zielte vermutlich länger, 133 als schön war. Ich hatte einen Augenblick, wo ich mich unwillkürlich fragte: Habe ich denn noch immer nicht geschossen? Er aber stand unbewegt und wartete. Nach einigen Sekunden, welche Minuten schienen, sah ich, wie er mit der rechten Hand sachte hinter sich in die Rocktasche fuhr und einen kleinen weißen Gegenstand hervorholte. Wie ich alsbald merken sollte, war es ein Stück Kreide. Er erhob sie langsam, näherte sie noch langsamer seiner Brust und machte dann auf den schwarzen Rock genau über dem Herzen, ein weißes Kreuz damit. »Hier, mein 134 Junge, das ist der Punkt,« sagte er mit der Stimme eines nachsichtigen Lehrers, der dem zaudernden Schüler einen Anhaltspunkt geben will.« »Unerhört,« brummte der Rittmeister in den Bart. »Das war mir zu stark,« fuhr Doktor Taube fort. »Nowaja Semlja!« rief ich und warf die Pistole weg. Ich eilte auf den Colonel zu und fiel ihm um die Schultern. Ich wollte ihm eigentlich um den Hals fallen, aber dieser stand zu hoch über dem Bereich meiner Arme. »Ich wußte wohl, Sir, daß Sie nicht auf die Kreide schießen würden,« sagte er ruhig, »aber ich supponiere, daß ich Ihnen bis dahin Zeit genug dazu ließ. Sie hätten mich reichlich zehnmal über den Haufen schießen können. Ihre Genugthuung haben Sie also, wir sind quitt. Nun gehen wir aber frühstücken.« Ich muß gestehen, ich bewunderte den Mann. Das war ein Vollblut-Yankee, ein gesternter und gestreifter. Ja, wenn wir Europäer das im Leibe hätten, . . . wären wir die Amerikaner! Übrigens sagte mir der Colonel beim Frühstück: »Wissen Sie, Sir, daß Sie viel Unglück haben?« – »Ich erfahre es soeben von Ihnen,« entgegnete 135 ich bitter. – »Sie hätten doch schießen sollen, Sir,« sagte er. – »Weiß Gott, ich bin froh, daß ich nicht geschossen,« sagte ich. – »Ich hatte Ihnen in meinem Testament jene halbe Silbergrube vermacht.« – »Nicht für eine ganze Goldgrube, Colonel,« rief ich, »so wahr ich ein Pechvogel bin!« Wir waren von der Zeit an die besten Freunde. Als er wieder zur See ging, machte ich mit ihm die Reise um die Welt, zweimal nacheinander.« Die Gesellschaft war außerordentlich befriedigt von dieser ungewöhnlichen Lösung des Knotens. »Doktor,« sagte Direktor von M., »das mache ich Ihnen nicht nach.« »Doktor,« sagte Bankier Z., »wenn Sie nicht der Teufel in Person sind, so sind Sie wer anders.« »Doktor,« sagte Rittmeister D., »mit Ihnen möchte ich mich einmal schlagen.« »Doktor,« sagte ich, nur um auch etwas zu sagen, »an welchem Tage fand dieses Duell statt?« »Am 30. Februar,« entgegnete er mit einem müden Ausdruck. »Jenes Jahr müßte ja aus zwei Schaltjahren bestanden haben,« stöberte ich weiter. »Es war kein Schaltjahr,« entgegnete er 136 unbefangen. »Die Sache ist ja ganz einfach. Wenn man die Reise um die Welt macht, gewinnt man bekanntlich im Kalender einen Tag. Wir aber machten die Reise zweimal, ich hatte also in meinem Leben, der übrigen Menschheit gegenüber, zwei Tage gut. Um im Datum die Mitwelt wieder einzuholen, stellte ich nun diese zwei Tage in jenes verfänglichste Jahr meines Lebens ein, selbstverständlich in den Februar, wo ich zwei leere Plätze sah. Und auf den zweiten verlegte ich jenes Duell.« »Also hat es sich doch nicht wirklich ereignet?« riefen wir in einem Atem. »Gerson!« rief Doktor Taube, »ich bitte Sie, wissen Sie vielleicht, ob es sich wirklich ereignet hat?« »Nein, Herr Doktor,« sagte Charles, der eben wieder eintrat. »Gut, so bitte ich um drei Gläschen Cognac,« sagte der Doktor im Tone gutwilligen Verzichtes. Dann versank er in tiefes Brüten. Übrigens hatte er durch die Aufregungen der letzten halben Stunde eine kurze Spanne der Ruhe wohl verdient. Später versuchten wir ihn zur Erzählung einiger Abenteuer von seinen vorgeblichen 137 Weltumsegelungen zu veranlassen, aber er zeigte sich spröde. Er schien ermüdet, wie ein elektrischer Fisch, der seine Schläge ausgegeben. »Es giebt dort herum keine Abenteuer,« versicherte er, »und lügen will ich nicht. Wie die Linie aussieht, wissen Sie ja. Oder soll ich Ihnen den Wendekreis des Krebses schildern? Er sieht genau so aus, wie der des Steinbockes, und ich begreife nicht, wie die Seeleute sie voneinander unterscheiden können. Die Tropen sind allerdings etwas tropisch, aber schließlich, wenn man nackt herumläuft und von schwarzer Farbe ist, geniert einen das nicht weiter. Auch giebt es Fächerpalmen, mit denen man sich Luft machen kann, und wenn man zwei gegenüberliegende Fenster öffnet, entsteht gleich ein kühlender Passatwind. Leider konnte ich nicht einmal die Äquinoktien sehen, sie waren just ins Bad gereist. Übrigens reisten wir ja auch nicht in Geschäften oder zum Vergnügen, sondern nur zur Zerstreuung. Und diesen Zweck erreichten wir vollkommen. Ich versichere Sie, wir waren manchmal so zerstreut, daß einer den anderen eigens wieder sammeln mußte; ein Liebesdienst, den wir uns gern erwiesen. Eines Abends, in einem Hotel 138 auf der Insel Celebes, im westlichen Teil des südlichen Ostasiens, ging meine Zerstreutheit so weit, daß ich mit den Stiefeln an den Füßen ins Bett stieg, nachdem ich meinen Schnurrbart zum Wichsen vor die Thür gestellt hatte. Ich bemerkte es erst am Morgen, als es zu spät war, denn ein Schnurrbart ist dort so selten, wie bei uns eine weiße Rabenmutter, und da war der meinige schon gestohlen. Seitdem muß ich mich täglich rasieren, da er mir nicht wieder wächst.« Diese kleine Episode hatte große Heiterkeit erregt und wir schmeichelten uns mit der Hoffnung, ihn vielleicht doch noch zur Erzählung irgend eines Reiseabenteuers zu bewegen. Dies gelang auch richtig, und zwar dem schlauen Bankier, der ihn plötzlich mit der Frage überrumpelte: »Sagen Sie, lieber Doktor, sind Sie unterwegs auch nach Nowaja Semlja gekommen?« Doktor Taube schrie förmlich auf, als er sein Lieblingswort aus fremdem Munde vernahm. In der That war es gelungen, ihn zu elektrisieren. »Auf Nowaja Semlja?« rief er, »natürlich war ich dort! O ein herrliches Tropenland!« »Tropenland?« staunte der Rittmeister, »es ist 139 doch, soviel ich weiß, eine Insel im nördlichen Eismeer.« »Nowaja Semlja!« rief der Doktor und sah den Rittmeister verwundert an, wie einen, der sein rechtes Ohr für den linken Fuß des Nachbars hält. »Pachdong, Herr Rittmeister, über Nowaja Semlja dürfte ich denn doch etwas besser unterrichtet sein, als der Herr Mayer oder Müller, der die Ungewittersche Schulgeographie verfaßt hat. Ich sage Ihnen ganz bestimmt, daß Nowaja Semlja eine Tropeninsel im Golfe von Kamerun ist und seit Jahren bereits unter deutschem Schutz steht.« »Das ist neu!« rief der Rittmeister. »Nicht so neu, wie Sie glauben,« entgegnete der Doktor, über dessen Stirne ein Schatten von Melancholie zog. »Im Gegenteil habe ich ja gerade dort mit größter Bewunderung die gewaltigen Kulturfortschritte der Schwarzen vermerkt. Wissen Sie, daß es unter den dortigen Negern schon welche giebt, die besser deutsch können, als ein deutscher Bauer gewöhnlichen Schlages? Hören Sie nur, was uns dort passiert ist. Wieder einer jener unglaublichen Unglücksfälle, wie sie nur mir 140 zustoßen. Hören Sie, meine Herren! Pachdong, aber ich glaube, Sie hören nicht zu.« Wir sprangen auf vor Entrüstung über diese ungerechte Anklage. »Das wäre für mich beleidigend,« fuhr er fort. »Gerson! . . . Bitte, Gerson, wissen Sie nicht, ob ich beleidigt worden bin?« »Gewiß nicht, Herr Doktor,« beteuerte Charles. »Können Sie dafür die Hand ins Wasser legen?« »Augenblicklich, Herr Doktor!« rief Charles, der überhaupt ein aufopfernder Charakter ist. »Dann bin ich beruhigt,« atmete er auf und fuhr fort. »Eines Morgens also machte ich mit dem Colonel einen Ausflug in das sogenannte Thal des Zitterns. Es ist dies die größte Naturmerkwürdigkeit auf Nowaja Semlja. Wir ritten von der deutschen Niederlassung zwei Stunden lang ins 141 Gebirg hinein, dem Thale folgend, durch das der »grüne Fluß« herausströmt. Nach zwei Stunden gelangten wir an ein enges Querthal, wo wir den Führer mit den Pferden zurückließen, da diese das Zittern nicht vertragen. Ein Verirren wäre ohnehin nicht möglich, sagte er uns. Schon seit einer Viertelstunde hatten wir den Boden unter unseren Füßen leise zittern gefühlt. Diese Erschütterung wurde immer stärker, je weiter wir in dem engen Thale vordrangen. Rechts und links zitterten die Felsen und jeder Stein, der einen Sprung hatte, gab einen leisen, singenden Ton von sich. Auch die Bäume um uns her zitterten, noch stärker ihre Äste, am stärksten deren Zweige und am allerstärksten die Blätter, die fortwährend wie im Fieber schauerten. Es waren lauter tropische Pappeln und Espen; offenbar ist jenes Thal die Urheimat dieser Bäume und der immerfort vulkanisch erschütterte Boden hat sie das Zittern gelehrt, das sie dann nach Darwins Grundsätzen, auch anderswohin verpflanzt, erst nach Tausenden von Jahren verlernen können. Auch die Tiere dieses Waldes klappern hörbar mit den Zähnen und beißen daher niemals. Wir selbst, nachdem wir eine halbe Stunde 142 lang durch das Dickicht gedrungen waren, zitterten an allen Gliedern und der Colonel nahm sein Gebiß aus dem Munde, da ihn das Klappern desselben nervös machte.« »Sein Ge . . .« fuhr der Bankier unwillkürlich darein. ». . . biß! ja wohl,« ergänzte Doktor Taube vorwurfsvoll. »Sie meinen, wegen jener zwei mit Gold plombierten Zähne in Ostende? Ach, das ist wieder eine andere Geschichte, bleiben wir einstweilen bei dieser. Ich bin ja kein Vogel, daß ich zwei Geschichten auf einmal sollte erzählen können . . . Nun denn, ich war dem Colonel etwa hundert Schritt voraus und hörte ihn plötzlich hinter mir einen Schrei ausstoßen. Wie ich mich nach ihm umwende, sehe ich ihn von einem grünen Ungeheuer am Kopfe gefaßt und unfähig, sich loszumachen. Wir waren nämlich in ein Mimosendickicht geraten und der Colonel, um so viel länger als ich, hatte mit dem Kopfe das Laub einer Riesenmimose gestreift, das augenblicklich über ihm zugeklappt war und ihn gefangen hielt. Sehr erschrocken faßte ich ihn um den Leib und zog aus allen Kräften, während die Mimose, je mehr ich 143 zog, desto mehr zusammenschrumpfte und den Gefangenen in die Luft hob. Die Lage war verzweifelt, wir schrieen beide aus Leibeskräften nach Hilfe. Glücklicherweise wurden wir noch gehört und der Führer eilte herbei. »Hilfe! Hilfe!« schrieen wir, um ihn zur Eile zu drängen; da sahen wir, wie der Mann, schon ganz nahe zur Stelle, plötzlich Halt machte und etwas wie einen Fluch ausstieß. »Hilfe! Hilfe!« schrieen wir mit der letzten Kraft, aber da fluchte er wieder, machte Kehrt und lief spornstreichs davon. In dieser Verzweiflung fiel mir mein Revolver ein. Ich ließ den Colonel los und schoß den dicken Zweig, der ihn gefangen hielt, 144 mit drei Schüssen so weit morsch, daß er unter der Last brach und mein Freund herabplumpste. Nun erst lösten sich auch die grünen Klammern langsam von seinem Haupte und er atmete wieder frei. Später stellten wir den Führer zur Rede, warum er uns so verräterisch im Stiche gelassen. Er antwortete: »Als ich Hülfe! Hülfe! rufen hörte, eilte ich natürlich herbei, als ich aber näher kam, unterschied ich genau, daß nicht Hülfe mit ü, sondern Hilfe mit i gerufen wurde; in unserer Schule, wo die amtliche Orthographie gelehrt wird, gilt dies als Verbrechen, zwei Verbrecher aber zu retten, konnte ich mich als loyaler Kolonialdeutscher nicht entschließen.« Sehen Sie, meine Herren, das ist die Macht der Schule und solche Fortschritte haben die Mohren in der deutschen Sprache gemacht.« Wir tauschten nur geschwind die dringendsten Gedanken aus und nahmen dann sofort das Thema vom Gebiß des Colonels auf. Er wollte nicht recht daran. »Ach, daran ist ja weiter nichts,« wehrte er sich, »die Zähne verlor er bei jenem Sturz aus dem Luftballon . . . in Bombay . . .« 145 »Aus einem Luftballon?« rief der Bankier sehr gespannt. »Aus welcher Höhe?« »Ich weiß es wirklich nicht genau; ich denke: dreihundert bis dreitausend Fuß.« »Und er wurde nicht zerschmettert?« »Er war glücklicherweise so vorsichtig gewesen, Galloschen anzuziehen, . . . er fiel auf die Füße und Sie wissen ja . . . die Elasticität . . . Er blieb unversehrt, bis auf die Zähne, die ihm dabei wie auf Kommando zum Munde heraussprangen . . . Gerson! Bitte, wissen Sie nicht, was ich von Ihnen verlangen wollte? . . . Doch nein, bringen Sie mir das nicht, ich muß nach Hause, ich werde von meiner Lebensgefahr . . . Lebensgefährtin, wollt' ich sagen, erwartet. Gute Mitternacht, meine Herren! Empfangen Sie die Versicherung meines besonderen Unglücks. Apropos, wissen Sie, warum ich eigentlich, ganz eigentlich, so ein Pechvogel bin?« »Nein! nein! nein!« riefen wir. »Sie wissen aber, daß es Glück bringt, wenn man die Daumen eindrückt. Nun denn, wie Sie sehen, habe ich nur einen Daumen. Da kann ich freilich nicht so viel eindrücken wie andere Leute. Nowaja Semlja!« 146 Damit ging er hinaus. Wir anderen saßen dann noch eine Weile beisammen und stellten Mutmaßungen an über Wahrheit oder Unwahrheit des Gehörten. Alle, die ihn länger kannten, waren der Meinung, daß manches von seinen Berichten einen Kern von Erlebtem enthalte, den er dann bei Gelegenheit willkürlich mit Einfällen verschnörkele. Dem Direktor fiel es ein, Lehmanns Adreßbuch zu verlangen und den Mann aufzuschlagen. Da stand gedruckt. »Taube, Anton, Doktor der Rechte, V. Günthergasse 18.« Ich schrieb mir die Adresse auf. * * * Einige Tage später brachte mich der Zufall wieder zu meinem Freunde, dem Zahnarzt. Ich erzählte ihm, was Doktor Taube uns erzählt hatte, und wollte seine Meinung darüber wissen. Auf dem Tische lagen mehrere Albums, Bücher und Hefte, und eines der letzteren zog durch seine auffallende Ausstattung meine Aufmerksamkeit an. Mechanisch griff ich darnach und warf während des Sprechens einen zerstreuten Blick darauf. Da 147 riß der Faden meiner Worte plötzlich ab und ich stieß ein Ah der Überraschung aus. Auf dem buntgedruckten Umschlag stand in großer Zierschrift der Name: Jedediah W. Long. Also wahr, . . . Entführung, Schiffbruch, Zweikampf u. s. w., alles wahr, . . . der lange Colonel keine Erfindung des alten Spaßmachers . . . So fuhr es mir durch den Kopf. Ich sagte es meinem Freunde. Aber dieser lachte hell auf. »Was fällt dir ein? Jedediah W. Long war seiner Lebtage kein Colonel und ist niemals in Europa gewesen. Ich kann dir das ganz bestimmt sagen, da ich ihn in Newyork, wo ich mir die zahnärztliche Praxis aneignete, persönlich kennen gelernt habe. Er ist der größte Fabrikant zahnärztlicher Apparate und Instrumente; was du hier in der Hand hältst, ist sein illustrierter Preiskourant.« Ich durchblätterte das Heft; es war in der That so, wie er sagte. »Aber . . .« begann ich fragend. Er verstand mich sogleich und entgegnete: »Als Doktor Taube letzthin bei mir war, mit dir gleichzeitig, hat er offenbar dieses Heft im Wartesalon durchblättert und den seltenen Namen aus 148 der heiligen Schrift sich eingeprägt. Ein guter Name für den Helden phantastischer Erzählungen, . . . kein Wunder, daß er ihn sogleich an eurem Tische losließ. Übrigens gestehe ich, daß er diesmal sehr schön und beinahe zusammenhängend erzählt hat; er strengt sich meistens etwas an, wenn er sich vor jemand – diesmal vor dir – zum erstenmal produziert und eine gute Meinung erwecken, gewissermaßen einen neuen Kunden gewinnen will.« »Und du glaubst nicht, daß etwas Wahres an seinen Erzählungen ist?« Er zuckte die Achsel. »Weißt du, es kommt schon vor, zuweilen. Ich erinnere mich z. B., daß er sich einmal für eine Beleidigung rächte, indem er die Geschichte monatelang an allen Tischen vortrug, immer mit neuen Schnurren und Schnörkeln ausgeputzt, immer ungeheuerlicher, wobei natürlich der Beleidiger von Tag zu Tag lächerlicher wurde. Es ist ja möglich, daß er sich gelegentlich auch eine schmerzliche Lebenserfahrung auf diese Art humoristisch vom Leibe plaudert. Man verdaut das Unverdauliche leichter, wenn man sich durch hundert Purzelbäume dazu Bewegung macht.« * * * 149 Die Sache ließ mich aber nicht ruhen. Ich verließ meinen Freund, warf mich in einen Wagen und fuhr hinaus in die Vorstadt: V. Günthergasse 18. Es war eine Gasse dritter Ordnung, von kleinen Leuten bewohnt, welche in Hemdärmeln oder Nachthauben an die Fenster eilten, als das seltene Rollen eines Wagens hörbar wurde. Nummer 18 war ein großes neues Haus voll kleiner Wohnungen, in jenem gipsenen Baugesellschaftsstil gebaut, der genau so lange hält, bis das Haus verkauft ist und der Käufer darauf seine Hypothek von irgend einer Sparkasse erhoben hat. Ich fragte den Hausmeister nach Doktor Taube. »Der wohnt im Gassenladen gleich rechts neben dem Thore,« war die Antwort. Ich stutzte und glaubte falsch gehört zu haben, aber der Meister des Hauses blieb dabei. »Ein Gewölb ist halt billiger als eine Wohnung,« brummte er. Offenbar hatte er keine große Achtung vor diesem Mieter. Ich ging also hinaus und fand richtig den Gassenladen. Ich stieg zwei steinerne Stufen hinan und klopfte an die blechbeschlagene, grün gestrichene Ladenthür, welche von innen gesperrt war. 150 Im Laden blieb alles still. Wieder klopfte ich und glaubte nun Schritte zu hören. Aber die Thür blieb verschlossen. Ich klopfte ein drittes Mal, da fragte drin eine tiefe Stimme: »Wer ist's?« »Ich,« entgegnete ich, denn ich glaubte damit nicht unrecht zu haben. Da öffnete sich ein schmaler Thürspalt, nur so weit, als es eine innen vorgehängte Sicherheitskette erlaubte. Durch den Spalt erblickte ich eine hohe Frauengestalt in unverkennbarstem Negligé, und ein merkwürdiges Antlitz dunkelte mich an. Ich kann es nicht anders ausdrücken, die tiefen Augen unter den dichten schwarzen Brauen und der tiefdunkle Schatten auf der Oberlippe, der an den Mundwinkeln sich auffallend kräuselte, machten mir den Eindruck des Unbeleuchteten, Nächtigen. Ich fuhr erschrocken zurück, als sähe ich eine Tote, die wieder lebendig geworden. Kein Zweifel, 151 das war Arabella, seine Frau, das Vermächtnis seines Bruders, die Entführte des Colonels, das Opfer jenes Schiffbruches bei Ostende . . . Der Kopf wirbelte mir. Sie lebte also noch, sie war wirklich sein Weib, . . . der lebendige Kern seiner Erzählung. Gewaltsam raffte ich mich auf und machte eine Anstrengung, wie um in einer einzigen Frage alle die Rätsel zusammenzufassen, auf die ich Antwort wollte. Aber was sollte ich sie fragen? Etwa: Meine Gnädige, sind Sie jemals von einem Amerikaner entführt worden? Oder: Meine Gnädige, sind Sie jemals ertrunken? Mein Zaudern währte jedenfalls zu lange, denn sie unterbrach es mit der Frage: »Sie suchen wohl meinen Gatten, Doktor Taube?« »Ja wohl,« entgegnete ich, froh, etwas sagen zu können. »Er ist leider nicht zu Hause,« sagte sie mit einem Marschnerschen Vampyrbariton, »kann ich ihm etwas von Ihnen melden?« Ich bat sie, ihm meinen Gruß und meine Karte zu übergeben, dann aber, als sie bereits die 152 Thür schließen wollte, rief ich hastig: »Entschuldigen Sie, meine Gnädige, nur noch eine kurze Frage, die Ihnen nicht unbescheiden erscheinen möge. Sind Sie jemals in Ostende gewesen?« »Niemals, mein Herr,« entgegnete sie ohne alles Besinnen. »Dienerin!« Und die Thür flog zu. Also wieder etwas Wahrheit und etwas Dichtung. Sehr nachdenklich stand ich noch eine ganze Weile auf der oberen Steinstufe. Ich betrachtete die grüne Thür, die mir aber nichts sagte. Sinnend blickte ich die enge, makadamisierte Gasse auf und nieder; auch sie blieb mir stumm. Da kam eine bekannte Gestalt die Gasse herauf, sie wurde immer bekannter und schließlich war es Doktor Taube selbst, der vor seiner Thür stand und nicht an mir vorbei konnte. »Nun, Doktor,« rief ich erfreut, »diesmal sind Sie doch kein Pechvogel, denn Sie haben dasselbe Glück wie ich; mein Besuch bei Ihnen ist nicht umsonst gewesen.« Er sah mich erstaunt an, rückte ein wenig am Hute und sagte mit einer gewissen Kühle: »Ich bitte um Entschuldigung, mit wem habe ich die Ehre?« 153 Etwas befremdet entgegnete ich: »Mein Name ist Doktor H.; ich dachte, Sie würden mich noch nicht vergessen haben . . . seit der vorigen Woche.« »Verzeihung,« sagte er mit der größten Unbefangenheit, »wenn Sie vielleicht meinem Gedächtnisse zu Hilfe kommen wollten?« Da fiel mir einer seiner Scherze ein und ich neckte ihn. »Doktor, Sie sagen ja schon wieder Hilfe mit i, statt mit ü; geben Sie acht, der Mohr wird Sie wieder im Stich lassen.« Ganz verdutzt sah er mir ins Gesicht. »Ich verstehe Sie nicht, mein Herr,« sagte er dann ruhig. Nun war ich es, der ihn noch verdutzter ansah. »Ach ja,« rief ich dann plötzlich, »das war schon gegen Mitternacht, Sie hatten der Witwe Röderer . . . ha, ha . . . stark zugesetzt, und dem Cognac auch, Sie hatten schon etwas . . . Nebel im Kopfe und erinnern sich daher nicht an die späteren Scherze. Direktor von M. hat mir Ihre Adresse mitgeteilt und . . .« »Direktor von M.?« wiederholte er, wie einer, der sich vergeblich besinnt, »Verzeihung, aber ich habe den Namen nie gehört.« Ich starrte ihn an und fragte mich im stillen, 154 welcher von uns beiden eigentlich verrückt sei. Dann suchte ich ihn gleichsam zu überreden: »Direktor von M. war es ja, der Sie zu uns einlud, zum »Lamm,« wo Rittmeister D. und Bankier Z. mit uns soupierten.« »Rittmeister Z.,« wiederholte er ganz verblüfft, »Bankier Z., . . . ich kenne auch diese Herren nicht. Übrigens gehe ich nie zum »Lamm« speisen, aufrichtig gesagt, weil mir das zu teuer ist. Ich muß mich einschränken. Die Geschäfte gehen schlecht. Es thut mir leid, daß ich Sie nicht bitten kann, bei mir einzutreten. Die Wohnung ist beschränkt und meine Frau vermutlich noch nicht angekleidet . . . Also mit wem habe ich die Ehre? . . . Ach ja, Doktor H. . . . Es scheint hier ein Irrtum vorzuliegen. Sollte nicht vielleicht mein Bruder mit Ihnen gespeist haben? Er kommt viel in der Welt herum. Er sieht mir sehr ähnlich, wir sind Zwillinge.« »Aber Sie sind ja bei Königgrätz gefallen!« entfuhr es mir. »Ich?« rief er ganz erschrocken. »Nun, das müßte nur in meiner Abwesenheit geschehen sein, denn ich war ganz sicher nicht dabei. Ich war ja überhaupt nie Soldat.« 155 »Und sind auch nicht ein Jahr nach Ihrem Zwillingsbruder geboren?« rief ich beinahe entrüstet. »Mein Herr, Sie scherzen wohl,« entgegnete er etwas scharf, »ich weiß nicht, wie ich dazu komme, von jemand, den ich niemals gesehen, aufgezogen zu werden . . . Ich hoffe, Sie lassen mich jetzt endlich in meine Wohnung treten.« Er drückte sich an mir vorbei, klopfte, die Thür wurde von innen geöffnet, auch die Schließkette rasselte nieder. Er trat ein. »Nur einen Augenblick!« rief ich ihm nach. »Also einen Bruder haben Sie? Das wenigstens ist sicher? Warum steht er dann nicht im Adreßkalender?« »Weil er nicht in Wien wohnt, sondern in Baden,« entgegnete er barsch und warf die Thür hinter sich zu. Ich stand, wie niedergedonnert. Dann sprang ich in den Wagen und fuhr zu meinem Freunde, dem Zahnarzt zurück. Ich berichtete ihm alles und er schien dadurch ungemein erheitert. »Das ist so einer von seinen Streichen,« sagte er. »Glaubst du wirklich, daß du mit seinem Bruder gesprochen hast? Ich wette, so hoch du 156 willst, daß er es selber war. Er hat sich den Scherz gemacht, den Wildfremden zu spielen, und ihn, wie ich sehe, überaus täuschend gespielt . . . Einen Bruder hat er nicht, das weiß ich gewiß; ich weiß ja einiges von seiner Herkunft, er stammt aus Königgrätz, wo sein Vater Kaufmann war. Er ist viel in der Welt herumgekommen, hat nirgends gut gethan und es zu nichts gebracht. Nun ist er bürgerlicher Sonderling in Wien. Nicht Pechvogel, sondern Spaßvogel. Gäbe es heute noch Hofnarren, so wäre er vermutlich einer der berühmtesten . . . Neu ist mir, daß er wirklich eine Frau hat. Nun, die muß ihn neulich einmal furchtbar geärgert haben, daß er sich bei euch das Herz leicht machte, indem er jenen Schauerroman von ihr erzählte und sie sogar ertrinken ließ. Das war seine Rache. Bin neugierig, was der noch alles ausbrüten wird, ehe er sich begraben läßt in . . . Nowaja Semlja.« Sein Gehilfe holte ihn, er wurde schon wieder erwartet. Ich saß noch eine Weile und blätterte in Jedediah W. Longs Preiskourant, dann ging ich fort. 157 158 159   Gardenia. Auch eine solche Geschichte. 1890. Redoutensaal. Ball der Elektriker. Siemens und Réaumur Arm in Arm. Leuchtende Blumen, blitzende Diamanten, funkelnde Augen. Walzerklänge mit Glühlicht. Champagnerschaum mit Damengeplauder. Langeweile hinter Ordenssternen, Herzklopfen hinter Spitzenfächern. Schultern und wieder Schultern. Schleppen und nochmals Schleppen. Blicke mit Widerhaken, Worte wie aus Revolvern geschossen. Geblendete Ohren, betäubte 160 Augen. Durcheinander. Realistische Phantasmagorie. Modernes Märchen. Eine Königin aus einem Thron von Purpursammet. Nein, etwas ganz Ähnliches, aber ganz Verschiedenes. Einst weltgefeierte Diva, dann Gattin eines berühmten Welthauses, heute dessen Witwe. Baronin Hermannsthal, geborene Hortense Meyer. Eine Schönheit, ein Ruhm, eine Tugend. Eine Tugend, an die geglaubt wird . . .! Fort aus diesem Gewühl frisierter Eleganzen und gekräuselter Komplimente! »Herr von Bolin, Ihren Arm!« Fedor von Bolin, das anmutige Ungeheuer. Der liebenswürdige Menschenfresser. Der über alles geliebte und gefürchtete Schwerenöter dieser Saison. Die Hauptstadt zittert, wenn er sie nach Weihnachten betritt; sie weint, wenn er sie nach dem Derby verläßt. Die Hauptstadt ist ein Weib, wie andere Weiber. Dort den Palmengang hinab ist es stiller. Mund und Ohr sind einander dort näher. Und Fedor von Bolin hat längst Hortensens Ohr gewonnen. Ein kleines, perlmutterweißes, seltsam 161 herzförmiges Ohr, in das man sich verliebt und das – vielleicht – wieder liebt. Der Palmengang ist lang. An sein Ende gelangt, ist jenes kleine Ohr rosenrot. Nochmals den Weg zurück und es glüht in Feuer. Und immer herzförmiger erscheint es. Was hat er ihr soeben gesagt? Die junge Witwe hemmt plötzlich den Schritt und steht ihm gegenüber. Sie sucht ihn mit dem Auge, als könnte sie ihm dadurch mit dem Ohr ausweichen. »Warum haben Sie immer nur eine Gardenia im Knopfloch, Herr von Bolin?« Die harmlose Frage ist wieder ein Ausweichen, ein Ablenken. »Weil . . .« Er reicht ihr die weiße Blume. Hortense nimmt sie mit den Fingerspitzen und zieht ihren feinen Duft ein. »Nun?« Sie steckt die Blume in eine der Brillantenspangen ihrer Brust. »Weil . . . Ja sehen Sie, Baronin . . . Wenn Sie eine Perserin wären, brauchten Sie nicht zu fragen. Oder richtiger . . . ein Perser.« Sie runzelt leicht die Stirne. Der Blick, den sie in seine Augen senkt, ist eigentümlich gemischt. Halb Trotz, halb Besorgnis vor . . . vor . . . Man kann ja doch nicht wissen, was die Perser . . . »Nun?« wiederholt sie. Das sagt nichts und hat doch geantwortet. Es ist nicht kühn und sieht doch nicht feig aus. »Bei den Persern bedeutet die Gardenia . . .,« sagt er langsam, nach Ausdrücken suchend. Dann bricht er plötzlich ab: »Madame, erlassen Sie mir die Antwort; ich bitte Sie darum.« »Ah,« stößt sie kurz hervor. Ihr Fächer klappt sich zu und wieder auf. Sie legt zwei Finger auf seinen Arm und schlägt den Weg nach dem Saal ein. Mit der anderen Hand löst sie die Gardenia wieder aus ihrer Busenspange und läßt sie fallen. Herr von Bolin schweigt. Ein unmerkliches Lächeln spielt um seine Lippen. Sie sind im Saal. Der schwarze Schwarm umringt die Ballkönigin wieder. Welche Aufregung, daß die Verschwundene sich endlich wieder gefunden hat. Geschwätz, Geschwirr von faden Worten. Auf Händen getragen, in den Himmel erhoben sein, wie langweilig! Plötzlich sagt sie: »Ich habe eine Gardenia verloren.« 163 Allgemeines Entsetzen ob dieses Unglücks. Greise werden zu Jünglingen, alles stürzt fort, um die Blume zu suchen. Herr von Bolin hat unterdessen die Hofrätin von Goldammer, eine Dame zwischen zwei oder gar drei Altern, unterhalten. Jetzt tritt er mit ihr zur Quadrille an. Sie strahlt. Sie fühlt sich um hundert Jahre jünger. Der Saal kann sich nicht fassen vor Erstaunen. Bolin eine Quadrille! Mit der Hofr . . . .! Zehn Minuten vergehen. Er steht neben seiner Dame in der Reihe. Da wird er an der Schulter berührt. Er errät einen kostbaren Fächer in einer feinen Hand. Und wie ein melodischer Hauch zieht es durch sein Ohr: »Was bedeutet die Gardenia bei den Persern?« Er wendet sich um: »Baronin, Sie wollen es im Ernst wissen?« Sie zaudert einen Augenblick, dann sagt sie entschlossen: »Ja.« Aber der Rand ihres Fächers hebt sich unwillkürlich bis zur Augenhöhe. Augen erröten nicht. »Nun denn, Baronin . . . doch nein, es kann nicht Ihr Ernst sein. Bestehen Sie nicht darauf. 164 Es war unbesonnen von mir. Verzeihen Sie mir. Ich kann Ihnen das nicht sagen . . . Glauben Sie mir, ich am wenigsten.« Eine Reihe kleiner Zähne beißt auf eine rote Unterlippe. Eine Wolke von schimmernden, flaumigen Dingen schwebt hinter der Kolonne davon. Herr von Bolin schweigt. Ein unmerkliches Lächeln spielt um seine Lippen. * * * Sechs Wochen später. Monte Carlo, Grand Hotel des Anglais. Palmengrün, Meeresblau, Sonnengold. Morgentoiletten. Englische Köpfe voll blonder Wickel und Wuckel. Schaukelstühle voll Spitzennegligés. Insulare Teints, die gelüftet werden. Morgenmusik, Morgencigaretten, Morgenzeitungen. Morgenpost auf silbernen Tassen. » Monsieur Fédor de Bolin, Monte Carlo, Grand Hotel des Anglais. « Goldrand. Zackenkrone über einem herzförmigen Ohr in Farben. Feste, aber ungeduldige Handschrift. Bouquet de... de... wo in aller Welt hat man diesen Wohlgeruch schon geatmet? 165 »Jean!« In Nizza wird Johann Jean gerufen und muß trachten französisch zu sprechen. Der Kammerdiener erscheint. » Monsieur? « »Gehen Sie in den englischen Laden dort und kaufen Sie ein silbernes Papiermesser.« » Très-bien, monsieur! « Er geht. »Jean!« Er kehrt zurück. » Monsieur? « 166 »Mit Korallengriff.« » Parfaitement, monsieur. « Einen solchen Brief schneidet man mit einem solchen Messer auf. Drei andere, die auch sehr hübsch aussehen, wird er aufreißen . . . oder auch nicht. Das schöne Messer kommt. Silber, Korallen. Aber lange bevor es da ist, hat er den Brief schon aufgerissen. Wozu auch solche Besonderheiten? Ist man denn ein Verliebter? Ein solcher Brief ist wie ein anderer. Brief ist Brief; Weib ist Weib. Bah! Er versucht zu gähnen, aber es wird eine Art Schmunzeln daraus. »Jean, behalte das Messer. Es ist für dich.« » Merci, monsieur! « Das erste Mal in seinem Leben kennt sich Jean bei seinem Herrn nicht aus. Der Brief lautet: »Mein Freund, ich wäre kein Weib, wenn ich nicht neugierig wäre. Sie wären kein Mann, wenn Sie kein Ungeheuer wären. Was hat das gesollt, mit der Gardenia und den Persern? Seit jener 167 Nacht schlafe ich nicht. Ich schickte tags darauf zu Ihnen; Sie waren verreist. Mit Ihrer Gardenia und Ihren Persern. Aber ich bin klug und kenne den persischen Gesandten. Ich gab eine Soirée, um ihn einladen zu können. Da nahm ich ihn beiseite und fragte ihn: »Excellenz, was bedeutet bei den Persern eine Gardenia?« Issachar Khan sah mich erstaunt an, kratzte sich hinter den Ohren, dachte lange nach und sagte endlich: »Madame, ich bin untröstlich, aber ich bin ein rauher Kriegsmann und in der Blumensprache unserer Dichter wenig bewandert; ich weiß es nicht.« Ich sagte ihm etwas Höfliches, aber in ziemlich unhöflichem Tone. Ein guter Gedanke kam mir zu Hilfe. Issachar Khan ist ein alter Herr, was weiß der von so jungen, leichten Dingen. Ich werde seinen Gesandtschaftssekretär fragen! Ich gab sofort noch eine Soirée, so daß die Leute anfingen, mich nicht zu begreifen, und lud Ismail Effendi, den persischen Sekretär ein. Ich tanzte sogar mit ihm, und als ich ihn recht warm sah, rückte ich heraus: »Effendin, was bedeutet die Gardenia bei den Persern?« Ach! Er sah mich ganz sonderbar an, dachte nach und entschuldigte sich endlich: er 168 wäre schon in seinem zehnten Lebensjahre nach Paris gebracht und dort als Pariser erzogen worden, das galante Persisch hätte also für ihn undurchdringliche Geheimnisse. Ich sagte ihm etwas Unhöfliches, was sehr höflich klang, und werde ihn nie wieder einladen. Nun denn, mein Freund, Sie sehen ein, daß Sie das Rätsel durchaus lösen müssen. Ich befehle Ihnen also hiemit – schriftlich ist man so kühn – mir unverweilt mitzuteilen, was bei den Persern eine Gardenia bedeutet. Einstweilen in entschiedener Ungnade Ihre Freundin oder Feindin, je nachdem, H. de H.«         »Nachschrift: Erbitte die Antwort telegraphisch.« Herr von Bolin lächelt. Er lächelt weit ausgesprochener, als auf dem elektrischen Ball. Er liest den Brief nochmals und murmelt einige Worte, die – zum Glück – niemand hört. Auch reibt er sich die Hände. Alle beide. Dann sendet er folgendes Telegramm ab: »Baronin Hermannsthal in X, Y-Straße. In bewußter Angelegenheit leider nichts zu 169 machen. Bin zu meinem herzlichsten Bedauern schlechterdings nicht in der Lage, Wunsch erfüllen zu können. Kenne auch keinen Herrn, der anders handeln würde. Auf Ehre. Reise sofort ab, um persönlich für Schaden zu haften. F. von Bolin.«         * * * Vier Tage später. Modernstes Herrenzimmer in X, Z-Straße. Indisch-pariserisch, mit Persisch-Altdeutsch gemischt. Wie aus einem Guß. Eingelegte Waffen, selbstgeschossener Eisbär. Junger Mahagonibaum im Kübel. Tätowierte Siamesin, ausgestopft. Venus von Dingsda, carrarische Bronze. Houghtysche Kraftmaschine. In diesem Apparat, halb Webstuhl, halb eiserne Jungfrau, steht Fedor von Bolin und hebt soeben drei Zentner. Er trägt einen weißen englischen Flanellanzug, aber ohne Rock und Weste. Zwölf Uhr. Johann – nicht mehr Jean – erscheint mit bedenklicher Miene. Schwarze Dame im blauen Salon. Dicht verschleiert! Hier ihre Karte. »H. v. H.« Sonst nichts. 170 Ein Sprung aus dem Apparat. Nur Löwen springen so . . . und zuweilen Fedor von Bolin. Johann versteht seinen Wink. Er legt ihm einen blauen persischen Chalat mit goldener Schärpe um und setzt ihm eine schwarze Persermütze auf. Dann öffnet er die Thür für seinen Herrn und schließt sie wieder. »H. v. H.« sitzt in einem kleinen blauen Fauteuil. Sie hat den Schleier erhoben und beide Hände tief im kleinen schwarzen Muff. »Hortense!« ruft er. »Ist es möglich? Sie bei mir? Aber ich träume ja! Nein, ich träume nicht! Welches Glück! . . . Wie? Sie reichen mir nicht die Hand?« Er stürzt auf sie zu, will ihre Hand fassen, will . . . Aber starr wie eine Bildsäule sitzt sie da. Ihr Antlitz ist Marmor, ihr Blick Stahl. »Was bedeutet bei den Persern die Gardenia?« fragt sie streng. »Aber,« stottert er, »aber, teuerste Hortense . . .« »Was bedeutet bei den Persern die Gardenia?« wiederholt sie mit der Klagestimme eines verhätschelten Kindes. »Ach, bitte, bitte, Herr von 171 Bolin!« Und dabei fahren ihre beiden Hände unwillkürlich aus dem Muff heraus und schlagen die Fingerspitzen aneinander, wie flehende Kinderhände. Da liegt er vor ihr auf den Knieen . . . Nein, nur vor dem kleinen blauen Fauteuil. Wie eine Schlange ist sie blitzschnell hinter dieses trauliche Möbel geglitten. Dort steht sie aufrecht, die Hände auf die Lehne gestützt, und lacht auf ihn herab. »Vor allem, was bedeutet bei den Persern die Gardenia?« »Aber, teuerste Hortense, ich kann es Ihnen durchaus nicht sagen! Ich weiß es ja gar nicht! Und der persische Gesandte und Ismail Effendi wissen es auch nicht, weil die Perser es selber nicht wissen . . . Und weil es bei ihnen überhaupt keine Gardenia giebt. Und . . .« Der blaue Fauteuil fliegt zur Seite und Fedor breitet die Arme aus, um die Geliebte zu umschlingen. Aber sie tritt zurück und setzt ein silbernes Pfeifchen an den Mund. »Ein Pfiff,« sagt sie, »und Justine tritt ein, meine gute alte Theatermutter von ehedem. Ich 172 habe sie zu dieser . . . nicht unbedenklichen Expedition eigens mitgenommen. Stehen Sie auf, mein Freund! H. v. H. ist wohl neugierig, über die Maßen neugierig, und Sie wissen das, . . . und H. v. H. schätzt Sie auch . . . und das scheinen Sie gleichfalls zu wissen, aber Ihre höllische Mystifikation mit der Gardenia . . . Ungeheuer, das Sie sind! . . . Sie scheinen von Ihrem Anschlag zu viel Früchte erwartet zu haben . . .« »Und wenn ich an deine Justine nicht glaube?« ruft Fedor rauh und preßt sie glühend in seine Arme. Ein feiner, silberner Pfiff, . . . die Thür geht auf und etwas Weibliches hüstelt so recht duennenhaft hinter dem unternehmenden Perser. Fedor ist wieder Herr von Bolin, Hortense wieder die 173 Baronin Hermannsthal. Denn Justine ist Justine. Unleugbar. Herr von Bolin bleibt jedoch auf den Knieen liegen und sucht eifrig auf dem Teppich umher. »Sonderbar!« ruft er, »ich kann sie nicht finden. Wo mag sie nur hingefallen sein . . . diese Gardenia?« »Lassen Sie nur, Herr von Bolin. Bitte, liebe Justine, Sie werden die kleine Blume leichter finden.« Aber auch Justine findet sie nicht, obgleich sie den ganzen Teppich absucht. Die Herrschaften stören sie dabei nicht, denn sie müssen mittlerweile im Nebenzimmer, auf dem Königstigerfell des Divans, den Kasus weiter erörtern. Wohlgemerkt, bei offener Thür! * * * Baronin Hortense scheint Herrn von Bolin mit der Zeit seinen schlauen Kniff verziehen zu haben. Auch Herr von Bolin scheint nicht unversöhnlich gewesen zu sein, weil er nicht ganz und gar Recht behalten. 174 Wenigstens haben sie sich bald darauf geheiratet und Herr von Bolin glaubt noch immer ebenso fest an die Tugend, wie an die Neugier seiner Frau. Von den anderen spricht er nicht. 175 176 177   Eine schöne Bescherung. 1889. In der Weihnachtsstube bei Haberers war alles bereits in schönster Ordnung. Der Baum zwar grünte vorderhand nur so still vor sich hin und hatte noch nicht ausgeschlagen, in Flämmchen nämlich, nicht in Knospen; aber an den Bescherungen für die ganze Familie fehlte kaum etwas. Ungezählte Merkwürdigkeiten lagen da, offen und verhüllt, in so appetitlicher Anordnung, daß man 178 in Dinge, die im Grunde gar nicht eßbar waren, hätte hineinbeißen mögen. Deutlich verriet sich an jeglichem die warme Hand der Hausmutter, und an einigem auch das feine Händchen des Haustöchterleins, Liese geheißen, was die Untergebenen wie Lisbeth aussprachen. Den Schlüssel hatte Mama in der Tasche, denn so fertig alles war, jede Stunde wenigstens mußte sie doch hineingehen, um irgendetwas geschwind noch fertiger zu machen. Eben jetzt zum Beispiel, als ein Amtsdiener ihr ein ziemlich großes Paket eingehändigt hatte. Ein Paket mit einem ziemlich großen Siegel. Einem Siegel mit ziemlich großen Buchstaben, so daß sie sogar ohne Brille lesen konnte: »K. k. Akademie der Wissenschaften, Wien« . . . Welch einen Ruck ihr das gab im Herzen, und wie rot sie wurde. Da war es ja endlich, das Langerwartete, das Wohlverdiente, das ihren lieben Florian seit Wochen nicht schlafen ließ. Der Bescheid der Akademie auf die antonologische . . . nein, ontemologische . . . nein, entomologische Abhandlung ihres Gatten. Und welch ein dickes Paket. Offenbar war die Abhandlung schon in Druck gelegt, ja vielleicht sogar schon das Diplom eines außerordentlichen 179 Mitgliedes der Akademie hinzugefügt, denn das konnte ihm doch nicht entgehen für eine so geniale anti . . ., ante . . ., kurz eine so bahnbrechende Arbeit. O, das durfte er jetzt noch nicht sehen, das mußte mit unter den Christbaum; es war ihm ja auch offenbar als Weihnachtsgeschenk zugedacht von dieser guten, lieben Akademie der Wissenschaften. Und wieder einmal huschte sie in das Festzimmer hinein, nicht ohne hinter sich den Riegel vorzuschieben, der eigens zu solchem Zweck an dieser einzigen Thüre angebracht war. Und sie legte das großgesiegelte Paket ganz obenauf, damit er es gleich erblicke. Nur die Pulswärmer lagen doch auf dem Paket, die Pulswärmer, die sie ihm seit dreißig Jahren, seit ihrem Brautjahr, zu jedem Weihnachtsfest gestrickt hatte, weil er sie damals als junger Tischlermeister gebraucht, . . . später als reicher Thüren- und Fensterfabrikant freilich nicht mehr . . . und jetzt als gelehrter Naturforscher schon gar nicht. Wie er sich trotzdem jedes Jahr damit freute, der gute Alte. Stets zog er sie sofort an und gab dann der Spenderin einen tüchtigen Kuß auf den Mund, einen von jenen alten Küssen. 180 In diesem lieblichen Vorgefühl verging ihr die Zeit bis zu dem Augenblick, da der volle Glanz des Festes entzündet wurde und die Weihnachtsstube vom Jubel der Beschenkten widerhallte. Wie altherkömmlich das alles, und doch jedesmal wie funkelnagelneu! Am größten aber war diesmal allerdings die Überraschung des Hausvaters. Herr Florian Haberer stand unter dem Christbaum, der seine gemütliche Glatze festlich beleuchtete, ganz starr vor freudigem Schreck. Nichts von allem, was ihm beschert worden, sah er; selbst die Pulswärmer, dieses Symbol seiner glücklichen Ehe, schob er achtlos zur Seite, so daß Frau Brigitta sich mit den Zähnen, die sie erst vorigen Sommer einsetzen lassen, betroffen auf die Lippen biß und bei sich dachte: »Es geschieht mir ganz recht.« Er aber ergriff nun ganz sachte das bedeutsame Paket, setzte sein Glas auf und las laut die Adresse, noch lauter die Schrift auf dem Siegel. Dann sagte er »Hüh,« denn es war ihm sehr warm, und trocknete sich mit dem roten Seidentuch das Antlitz und das schimmernde Haupt. Erwartungsvoll umstand ihn die Familie, denn feierlich sah er sich in 181 dem Kreise um und sein Wuchs schien um ein Beträchtliches höher geworden, auch ging ein merkliches Zittern durch sein oberstes Knopfloch links. »Seht ihr, Kinder,« sagte er im tiefsten Tone seiner Kehle, etwas stolz und etwas gerührt, »hier ist die Frucht eines jahrelangen, redlichen, wissenschaftlichen Strebens. Hier ist der Beweis, daß ich recht hatte, meine Fabrik glänzend zu verkaufen und mich gänzlich der Entomologie, d. h. Insektenkunde zu widmen.« »Wie du nur das fatale Wort so auf einmal ohne Fehler aussprechen kannst,« sagte seine Frau unwillkürlich, aus reiner Bewunderung. Aber er winkte ihr ab und fuhr fort: »Was ich einst als Dilettant in Mußestunden betrieben, das angenehme Fangen der Schmetterlinge, das unterhaltende Sammeln der Käfer, das thue ich jetzt planmäßig als Mann der Wissenschaft, und der liebe Gott hat mein Streben durch eine schöne Entdeckung belohnt, welche unter den gelehrten Herren der Akademie Aufsehen gemacht haben muß. Doch sehen wir, was die Akademie schreibt.« Ehrfurchtsvoll öffnete er den Umschlag, wobei er das große Siegel sorgfältig schonte. Aber wie 182 ward ihm, als er den Inhalt erblickte! Ganz oben befand sich eine längliche Schachtel, die er gar wohl kannte; sie hatte einen Glasdeckel und enthielt drei Schmetterlinge, die ihm nicht minder geläufig waren. Dann kam ein blaues Heft, dessen weißes Papierschild in seiner eigenen Handschrift die Worte trug: »Buchstabenlilie ( lilium scripturatum ),« und ein zweites ganz ähnliches mit der Aufschrift: »Buchstabentulpe ( tulipa scripturata ),« welche beiden Blumen die blauen Hefte zierlich gepreßt enthielten. Dann kam ein fingerdicker Quartband, seine Abhandlung über jene Schmetterlinge und Blumen; zwei Jahre hatte er daran gearbeitet und sie war geradezu kalligraphisch abgeschrieben. Und ganz unten lag das Schreiben der Akademie, worin ihm mit jener gewissen kühlen Sachlichkeit mitgeteilt wurde, daß seine Abhandlung von der naturwissenschaftlichen Klasse geprüft worden und zum Abdruck in den »Mitteilungen« nicht geeignet befunden sei. Herr Haberer sank in einen Lehnstuhl und saß lange wie bewußtlos da. Er war aus zu hohen Himmeln herabgestürzt, um sich nicht zerschmettert zu fühlen. Aber seine gutbürgerliche 183 Tischlernatur ermannte sich wieder, er trank ein Glas Wasser, das ihm Liese mit bekümmerter Miene reichte, und gab seiner Frau plötzlich einen lautschallenden Kuß auf den Mund, den Pulswärmerkuß, an den er sich nur zu spät erinnerte. Frau Brigitta war wieder ganz glücklich und hielt ihren alten Florian in den Armen, wie ein pflegebedürftiges Kind. Er ermannte sich nun ganz und hatte sogar den Unternehmungsgeist, das Paket näher zu untersuchen, wobei er ganz unten noch einen kleineren Brief entdeckte. Es war ein Privatbrief des Sekretärs der Klasse, den er persönlich kannte, und dies war der Wortlaut: »Geehrter Herr Haberer. Machen Sie sich nichts daraus, tragen Sie es als Mann. Sie sind offenbar von einem Spaßvogel getäuscht worden. Die mikroskopische Untersuchung hat ergeben, daß die goldgelben Buchstaben überall mit Ölfarbe, sogenanntem jaune brillant , aufgemalt sind. Daß die Natur dies gethan habe, davon kann weder bei den Blumen, noch bei den Schmetterlingen die Rede sein. Die Herren von der Klasse glaubten anfangs, Sie hätten sie mystifizieren wollen; da ich Sie aber als ernsten Mann kenne, trat ich 184 dieser Auffassung erfolgreich entgegen und befürwortete eine ordnungsgemäße Erledigung Ihrer Einsendung. Also nochmals, lassen Sie sich die Stimmung nicht verderben und – fröhliche Weihnachten! Ihr ergebener . . .« Herrn Haberer schwindelte. Die Lichter des Christbaumes tanzten toll um ihn her, wie Irrwische auf einem Friedhof voll begrabener Hoffnungen. Auch Weib und Kind schienen an diesem tollen Reigen teilzunehmen, und standen doch eigentlich ganz mäuschenstill und sehr bekümmert da. Aber da es immer ein Weib ist, das sich zuerst ermannt, so war es diesmal Frau Brigitta. »Ha!« rief sie und griff nach dem Briefe, den sie erregt zu durchforschen begann. Dann ließ sie ihn kraftlos aus der Hand fallen und sagte dumpf: »Er ist's.« »Wer ist's?« wiederholte ein dumpfes Echo aus dem Lehnstuhl, in dem ihr Gatte saß. »Oskar Merz,« stieß sie hervor. »Oskar Merz,« wiederholte Liese halblaut, wie unwillkürlich; es klang wie das Flöten eines Vogels. Und sie wurde rot und preßte beide Hände auf ihr Herz, denn ihr war, als müßten 185 die Eltern jetzt »Herein!« rufen, so laut hörte sie es klopfen. »Oskar Merz, wer ist das?« fragte der Vater weiter. »Ach,« rief die Mutter unwillig, »das war ein junger Maler, der vor zwei Jahren in Henningsdorf die große Erkerstube über unserer Sommerwohnung hatte. So ein Milch- und Blutgesicht, mit goldblondem Spitzbärtchen, so die rechte Künstlerballfigur; ich verbot der Liesel eigens mit ihm zu sprechen.« »Aber er hat mit mir gesprochen, Mama,« platzte die Kleine heraus, noch röter als vorher. Und als die Mutter darüber ganz entsetzt war, fügte sie kleinlauter hinzu: »Ihm hattest du's ja nicht verboten.« Diese zartere Seite der Angelegenheit nun kümmerte Herrn Haberer jetzt gar nicht. Zornig fuhr er auf: »Was? Jener Mensch sollte sich unterstanden haben, mit mir ein frivoles Spiel zu treiben? Meiner Wissenschaft einen gemeinen Schabernack zu spielen? O . . . o . . . hätt' ich ihn da zwischen meinen Fäusten, nicht lebendig sollte er . . . Doch nein, nein, das ist unmöglich, 186 undenkbar, unglaublich. So schlau konnte er nicht sein! Und ich so dumm nicht. Nein, nein, Brigitta, du irrst.« »O Papa,« sagte Liese, »Oskar Merz ist ein frischer, heiterer Geist, ein . . .« »Was kannst du davon wissen?« unterbrach sie Herr Haberer; »wenn man den Mann da hätte und befragen könnte, bin ich sicher, sein Erstaunen würde sogleich verraten, daß er nichts von der Sache weiß.« »Nichts leichter als das, lieber Papa,« rief Liese, »er wohnt ja im Hause gegenüber, er hat da sein Atelier, im vierten Stock . . .« »Was? Davon weiß ich ja gar nichts,« sagte die Mutter zwischen Staunen und Entrüstung. »Er ist sogar noch zu Hause!« rief Liese, die ans Fenster geeilt war, »seine Atelierfenster sind 187 noch beleuchtet. Es wäre ja so einfach, hinüberzuschicken und ihn bitten zu lassen . . . auf einen Augenblick . . . wegen einer Frage . . .« Mama lehnte aufgeregt ab, Papa aber war Feuer und Flamme für diesen Plan. Da konnte ja sogleich jeder Verdacht beseitigt werden. Und schleunigst gab er seinem Sohne Konrad den Auftrag, eine Zeile, die er mit fliegender Hand auf eine Visitenkarte warf, hinüberzutragen. Der Jüngling ging . . . und eine Viertelstunde später trat Oskar Merz mit ihm ein. Ein liebenswürdiger junger Mann, der der Hausfrau so anmutig die Hand küßte und die dargebotene Hand des Hausherrn so muskelstark drückte, daß er »Au« rief, was Liese keineswegs that, obgleich er auch ihr die Hand drückte. Oskar Merz war natürlich überrascht und Herr Haberer entschuldigte sich umständlich wegen der Störung, berief sich jedoch auf ehemalige Nachbarschaft im Grünen u. s. f., um endlich auf seine Angelegenheit zu kommen. »Haben Sie jemals solche Schmetterlinge gesehen, Herr Merz?« fragte er, indem er ihm die Schachtel mit der Glasplatte hinschob. 188 Oskar Merz warf einen Blick auf die merkwürdigen Exemplare und sagte dann, sichtlich mit einem raschen Entschluß: »Ja, Herr Haberer, ich habe sogar welche gemacht.« Versteinert starrte ihn Herr Haberer an, während Frau Brigitta mit einem schweren Seufzer die Hände faltete. »Ja wohl,« fuhr Oskar Merz fort, »ich will und muß beichten, da ich ohne böse Absicht ein solches Unglück angerichtet habe. Die Sache kam so. An einem warmen Sommernachmittag saß ich in meinem Zimmer und wollte malen, aber es ging nicht. Mich störte eine Stimme, die unter mir ein Lied sang.« »Ja, ich pflege manchmal zu singen,« sagte Herr Haberer. »Eine helle, süße Stimme,« fuhr Oskar Merz fort, »die liebste von allen, die ich je gehört.« Liese hatte in diesem Augenblicke alle Hände voll zu thun, die herabgebrannten Wachslichte zu löschen. »Oft hatte ich diese Stimme schon gehört, diesmal aber bewegte sie mich ganz eigentümlich. Die Luft war so lau, draußen schien die Sonne 189 ganz sanft durch einen feinen Dunstschleier . . . Und ein Schmetterling gaukelte zur offenen Thüre herein und setzte sich auf meine Staffelei. Er war müde und ich haschte ihn. Gerade hatte ich einen dünnen Pinsel in der Hand, mit jaune brillant gefüllt . . .« » Jaune brillant « rief Herr Haberer und fuhr sich mit beiden Händen in die Haare. »Ja wohl,« sagte Oskar Merz, »und da kam mir der Einfall, ich weiß nicht wie, und ich malte dem Schmetterling – ein ganz gemeiner Kohlweißling war es – ein kleines goldenes L auf jeden Flügel. Dann setzte ich ihn auf die Brüstung des Erkers und sagte ihm freundlich: Fliege, kleiner Vogel, fliege, und bring ihr meine Huldigung.« Die höchste Kerze des Christbaumes wollte durchaus nicht erlöschen. »Und er flog,« fuhr Oskar Merz fort, »und ich dachte mir. Jetzt fliegt er zu ihr und . . . und . . . Dann aber fiel mir ein: wie, wenn er die Adresse verfehlte? Und da wiederholte ich die kühne That. Wohl hundert Weißlinge habe ich nach und nach in dieser Weise gezeichnet und dann im Garten fliegen lassen. Aber wenn ich dann 190 mit . . . jener Stimme zusammentraf und Anspielungen darauf machte, schien sie nicht zu verstehen; offenbar hatte sie jene Schmetterlinge nicht beachtet.« »Aber ich!« rief Herr Haberer mit dem Stolze eines Naturforschers, dem nichts entgeht. »Ja, Ihren Augen scheint nichts zu entgehen,« erwiderte Oskar Merz mit einem Anflug von Bewunderung. »Übrigens schrieb ich jenes L auch auf die Flügel von Käfern und sogar Fliegen, . . . 191 man hat schon solche merkwürdige Anwandlungen, . . . das waren mir lauter kleine Botschafter, oder Briefträger . . . Lachen Sie nicht, gnädige Frau?« Aber Frau Brigitten war es eigentümlich zu Mute. Nie war ihr das Lachen ferner gewesen. Es wurde ihr im Gegenteil ganz feucht in den Augenwinkeln und sie genierte sich nur, mit dem Taschentuch dahinzulangen, das doch an jeder Seite zwei Zipfel hat, offenbar für beide Augen. »Und,« fuhr Oskar Merz fort, »eines Tages, als jenes Lied ganz besonders himmlisch klang, ganz engelhaft süß, da stand zufällig eine Lilie in einem Wasserglas an meinem Fenster. In blendender Reinheit entfaltete sie mir ihren Kelch und da . . . schrieb ich auch dort mit goldgelber Farbe jenes L hinein. Und dann, in der Abenddämmerung, stellte ich das Glas heimlich in . . . in das Fenster der Sängerin. » Lilium scripturatum ,« murmelte Herr Haberer tonlos. »Und den anderen Tag that ich das nämliche mit etlichen Tulpen . . .« »Die Buchstabentulpe ( Tulipa scripturata ),« murmelte Herr Haberer weiter. 192 Endlich war auch jene höchste Kerze des Christbaums erloschen. »Aber,« fuhr Herr Haberer mit einer gewissen Anstrengung fort, ohne diese optische Erscheinung zu beachten, »ich erinnere mich, daß schon die alten Griechen von einem Jüngling erzählten, . . . sein Name steht in meiner Abhandlung, . . . aus dessen Blut eine Blume entsproß, welche . . . Warten Sie einmal, ich will doch nachsehen.« Und er schlug sofort die Stelle in seiner Handschrift auf. »Richtig, da steht's; Hyacinthus hieß er, und so hieß auch jene Blume, auf der man noch jetzt die Buchstaben AI erblickt. Das ist doch unleugbar?« »Gewiß,« sagte Oskar Merz, »aber . . .« »Ich sage nun,« fuhr Herr Haberer fort, »könnte nicht auch auf jener Lilie und jenen Tulpen das L auf ähnliche Weise entstanden sein? Es wären eben neue Abarten, die ich entdeckt habe.« »Aber . . .« wandte Oskar Merz ein, Herr Haberer jedoch ließ ihn nicht ausreden, sondern fuhr immer eifriger fort: »Wenn ich nun annehme, daß gewisse Schmetterlinge sich vorzugsweise gerade auf diesen Blumen nähren, so ist es nach Darwin ganz zulässig, ja 193 nicht einmal überraschend, wenn sie nach so und so vielen Generationen ebenfalls jenen Buchstaben auf ihren Flügeln zeigen. Tiere nehmen ja nach Darwin die Farben ihrer Umgebung an. Kurz und gut, was da in meiner Abhandlung steht, das ist noch keineswegs widerlegt, und wenn auch die hochwohlweisen Herren von der Akademie . . .« »Aber Herr Haberer!« rief nun Oskar Merz, dem die Sache bedenklich zu werden begann, »ich 194 gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich es war, der jene Buchstaben mit jaune brillant auf jenen Blumen und Schmetterlingen anbrachte.« Dieses Ehrenwort gebot dem Redner Halt. Er griff mit den Händen in der Luft umher nach einem neuen Argument und fand richtig noch eins. Ziemlich unsicher sagte er: »Wie kommt es denn aber, daß, als ginge es einem Naturgesetze nach, immer nur ein L und kein anderer Buchstabe zu finden ist? Warum tragen nicht die Blumen ein L und die Schmetterlinge ein O oder M? Offenbar doch, weil diese sich auf jenen nähren?« »Nein, Herr Haberer,« sagte Oskar Merz, ganz unbefangen, »weil Liese mit L anfängt, und weil ich Fräulein Lisbeth geliebt habe und noch liebe, wie sie mich liebt, aus tiefstem Herzensgrund. Allerdings war ich damals noch ein Maler ohne Stellung und konnte nicht hoffen, bei pflichtbewußten Eltern Gehör zu finden, . . . Jetzt aber steht meine Ernennung zum Professor bevor und, wenn Sie meine innige Bitte erhören, auch die Ernennung Fräulein Lisbeths zur Frau Professorin.« Diese kurze, aber sehr nachdrücklich gesprochene Rede machte auf die Anwesenden einen tiefen 195 Eindruck, der sich in ganz verschiedener Weise äußerte. Am passendsten jedenfalls bei Frau Brigitten, welche laut aufschluchzte und augenblicklich die Hände der jungen Leute in einander legte. Sie begleitete diese Handlung mit einer Anzahl von Küssen, welche, da ihre Augen von Thränen getrübt waren, mehr als eine Person trafen. Was Herrn Haberer betrifft, schien er eine Menge Einwendungen auf dem Herzen zu haben, aber das stürmische Vorgehen seiner Frau schüchterte ihn ein und riß ihn schließlich mit. Er segnete das Paar und gab dem Maler, nicht ohne einen schweren Seufzer, seine Abhandlung nebst Zugehör als Weihnachtsgeschenk. »Es sind ja Ihre Werke,« sagte er. 196 197 198 199   Buhu. Eine schwarze Weihnachtshumoreske aus der Kinderstube. 1890. Und wieder einmal hatte Onkel Joseph die ehrenvolle Aufgabe, die fünf kleinen Leute in der Kinderstube ein paar Stunden lang zu beschäftigen, während in der großen Wohnstube für sie der Christbaum gerüstet wurde. Denn diese fünffache Neugierde, die durch alle Fensterritzen schlüpfte und durch alle Schlüssellöcher kroch, wäre dabei überaus störend gewesen; aber freilich, es war auch nicht leicht, sie ohne Anwendung von Waffengewalt im Zaume zu halten. Glücklicherweise hustete Onkel 200 Joseph sehr stark und dies erleichterte ihm die Sache ungemein. Zur Behebung dieses Hustens war er nämlich im vorigen Winter nach Kairo gereist. Diese Stadt liegt in Ägypten und dieses Land gehört zu Afrika. Seitdem galt Onkel Joseph, obwohl er seinen Husten in Kairo nur verloren hatte, um ihn daheim sogleich wiederzufinden, für einen Afrikareisenden und konnte den Kindern gar nicht genug erzählen von dem schwarzen, schwarzen, pechkohlrabenschwarzen Weltteil da unten. Er hielt sich dabei vielleicht nicht ganz streng an die Wahrheit, aber das war von ihm auch nicht gut zu verlangen, denn »wer Teufel« – so sagte er – »kann so viel erleben, als er erzählen soll?« Diesmal aber erzählte er lauter wahre Geschichten, und zwar aus dem Lande Buhu . . ., wo eben alles wahr ist. Buhu ist ein guter Name für ein schwarzes Land, denn man braucht den Kindern nur ein paarmal im tiefsten Tone vorzusagen: »Buhu! Buhu!« . . . so sind sie auch schon bezaubert, schreien ebenfalls: »Buhu! Buhu!« und wollen durchaus wissen, was es damit sei. »Ja, Buhu,« begann also Onkel Joseph, nachdem sich die Fünf wie beim Photographen 201 um ihn geschart hatten, »Buhu ist ein Land in Zentralafrika.« »Das ist gleich beim Zentralfriedhof, nicht wahr, Onkel Joseph?« fiel ihm der sechsjährige Otto ins Wort, der wegen seiner Frühklugheit auch Otto der Schlaue genannt wurde. »Richtig, aber beim innerafrikanischen,« entgegnete Onkel Joseph. »O, ich habe auch diesen Friedhof gesehen, und denkt euch nur, Kinder, die Mohren sind dort so schwarz, daß selbst ihre Gerippe schwarz sind.« »Onkel Joseph,« unterbrach ihn der achtjährige Konrad, in der Weltgeschichte als Konrad der Schlimme bekannt, »Onkel Joseph, ist dort auch der grüne Mohr, bei dem die Köchin unseren Zucker und Kaffee kauft, schwarz?« »Natürlich, lieber Konrad,« rief der vielgestörte, aber geduldige Erzähler, »just der ist einer der schwärzesten. Die Buhu sind überhaupt die schwärzesten Menschen, die es giebt. Wenn zwei zugleich in einem Zimmer sind, muß man schon Licht anzünden. Sie sind so schwarz, daß ihr eigener Schatten neben ihnen ganz weiß aussieht. Wißt ihr, ich habe dort einmal versucht, einen 202 schlimmen Konrad mit dem schwarzen Mann zu schrecken, da hat er mich einfach ausgelacht. Und das Merkwürdige ist: je mehr sie sich waschen, desto schwärzer werden sie. Der Fußboden ist auch immer voller Tintenflecken, weil sie ganz schwarz spucken; es ist schon die reine Tinte, ich habe immer meine Briefe damit geschrieben.« »Onkel Joseph, ist Papa dort auch schwarz?« fragte plötzlich, wie von einem Strahl der Erleuchtung getroffen, der fünfjährige Fritz, als König meistens Friedrich der Kleine genannt, damit er nicht etwa mit Friedrich dem Großen verwechselt werde. Ein Glück, daß die zehnjährige Helene das vorlaute Brüderchen durch Kuchen zur Ruhe brachte, denn seine Frage war nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. Und Kuchen ist ja auch eine Antwort. Helene war überhaupt ein so hochgebildetes Mädchen, daß ihre Freundin Sophie sie deshalb schon einmal einen Blaustrumpf genannt hatte. Dies fiel ihr jetzt ein und sie konnte sich nicht enthalten zu fragen, ob es in Buhu auch Blaustrümpfe gebe. »O gewiß,« erwiderte Onkel Joseph, »das 203 heißt, die betreffenden Buhudamen streichen sich die Beine bis übers Knie hinauf mit blauer Farbe an, denn eigentliche Strümpfe giebt es dort noch nicht . . . Aber im übrigen sind die Damen ebenfalls ganz schwarz, so daß sie z. B. sehr schwer erröten können; eine allein bringt's gar nicht zu stande, sondern zwei andere müssen ihr dabei helfen. Die schlimmen Kinder sind diejenigen, die nicht ordentlich schwarz sein wollen, sondern sich davon zurückhalten; diese werden jeden Morgen gewichst, wie bei uns die Stiefel. Einmal ist ein Kind mit blauen Augen geboren worden; das war ein so unerhörtes Verbrechen, daß der ungeschickte Storch, der es gebracht, zur Strafe geschlachtet wurde.« »Armes Vieh!« rief der siebenjährige Hans unwillkürlich; nicht umsonst hieß er in den Geschichtsbüchern des Hauses Hans der Gutmütige. »Der schwärzeste aber von allen wird zum König gewählt und heißt Buhu der Soundsovielte. Zu meiner Zeit herrschte gerade Buhu der Zehnte. Ach Gott, den werd' ich nicht so bald vergessen, denn der war ein böser Herr. Bei einem Haar hätte er mich aufgefressen, aber glücklicherweise hatte ich dieses Haar.« 204 »Ah, jetzt wird's interessant!« rief Konrad. »Schweig doch, Konrad!« riefen mehrere Stimmen. »Als ich nämlich die Grenze überschritt,« fuhr Onkel Joseph fort, »wurde ich von den Zollwächtern plötzlich verhaftet. Noch dazu als Schwärzer. Ihr wißt ja, Kinder, daß ich Jägerianer bin, denn des Menschen Wolle ist sein Himmelreich, und zwar bin ich es noch mehr als Professor Jäger selbst, denn ich trage sogar meinen wollenen Regenschirm und statt Baumwolle Schafwolle in den Ohren. Wolle aber darf in Buhu nicht eingeführt werden, denn die wächst dort auf den Köpfen der Leute. Zwei große Dampfkrempeleien in der Hauptstadt besorgen jede Woche die Durchkrempelung aller der Krausköpfe von Buhu, damit die Wolle gut gedeihe. In Europa nennt man dergleichen Monopol, dort heißt es Buhupol. Ich wurde also verhaftet und bekam einen Zwangspaß mit Trauerrand nach der Hauptstadt, die gleichfalls Buhu heißt. Die Reise dahin war freilich sehr interessant, immer schwärzer wurde das Land, über dem sich gerade ein schwarzer Regenbogen wölbte; schließlich war schon alles schwarz, sogar die 205 Steinkohlen. Ich durfte auf einem Rappen reiten, aber der war gewiß auch nur ein schwarzer Schimmel. Zu essen bekam ich den ganzen Tag nichts, als ein Stück Schwarzbrot, mit Pflaumenmus bestrichen; wenigstens hielt ich's dafür, bis ich beim Essen merkte, daß das schmierige Zeug schwarze Butter war. Der Käse ist aber auch schwarz und nur die Löcher drin sind weiß.« »Onkel Joseph,« fiel hier Otto, ein großer Käsefreund, ein, der sich schon oft darüber geärgert hatte, daß man die Löcher im Käse nicht auch essen kann; »Onkel Joseph, warum sind im Käse Löcher?« »Aber liebes Kind, was sollte denn sonst darin sein? Es kann ja nichts anderes drin sein!« rief der ununterbrochen Unterbrochene beinahe ungeduldig. Dann sammelte er sich wieder und fuhr fort: »Die Stadt Buhu liegt in einem Wald von lauter Ebenbäumen, von denen das Ebenholz kommt. In diesem Wald wimmelt's von Millionen schwarzer Bienen, die aber keinen Honig, sondern Bärenzucker machen. Gerne hätte ich da ein wenig genascht, aber meine schwarzen Wächter trieben mich grausam vorwärts und warfen mich in einen schwarzen, fensterlosen Kerker. Es war ein 206 schauerlicher Ort, voll Gewürms jeder Art; darunter befand sich auch eine Plapperschlange (mit P) und das war meine einzige Unterhaltung. Ob sie schwarz war, konnte ich natürlich nicht sehen, aber wir wollen es hoffen. Es vergingen mehrere Tage, ohne daß ich zu essen bekam. Also verhungern soll ich! dacht' ich mir. Nun, es ist schließlich gleichviel, ob man in dieses oder jenes Gras beißt, und da wollte ich eben damit anfangen, als man mich plötzlich zu füttern begann. Auf welche Weise, das erratet ihr schwerlich. Herein kam niemand, Fenster hatte der Kerker auch nicht, die Thür aber war verschlossen. Man fütterte mich durch das Schlüsselloch. Und zwar mit lauter Makkaroni, denn eine andere Speise geht ja durch kein Schlüsselloch. Mit langen, schwarzen Makkaroni wurde ich also etwa acht Tage lang genährt. Auch etwas Schwarzmilch wurde mir durch einen dünnen Rohrhalm eingeflößt.« Atemlos hing alles an Onkel Josephs Munde. Er aber fuhr fort: »Da plötzlich ging eines Tages die Thür auf. Mau führte mich vor König Buhu den Zehnten. Er saß mitten auf dem Markt, auf einem Thron 207 von schwarzem Elfenbein. Um ihn her seine dreihundert Frauen und seine zehn Mütter, denn weniger Mütter hat ein Buhukönig niemals. Was mich aber noch mehr überraschte, war das Aussehen der Stadt. Während ich im Kerker saß, war nämlich der Winter eingetreten. Es hatte heftig geschneit, . . . schwarzen Schnee! Alles war dick bedeckt mit schwarzem Schnee. Die Buben warfen sich mit schwarzen Schneebällen und ringsum standen bereits mehrere große schwarze Schneemänner.« Ein »Ah!« des Staunens ging durch die Zuhörerschaft. Das war denn doch etwas ganz Neues. Aber sie wurden geschwind wieder still, denn Onkel Joseph hub wieder an: »König Buhu war gerade beim Speisen und sein Hofstaat huldigte ihm dabei, indem alle von Zeit zu Zeit, auf ein Zeichen des Ceremonienmeisters, im Chorus riefen: »König Buhu, deine Schwärze ist sehr groß!« Sie meinten aber damit seine Weisheit, denn daß Weisheit und Weißheit zweierlei sind, wissen ja jene ungebildeten Mohren nicht. Die Mahlzeit des Königs war aber auch sonderbar. Da gab es weiche Eier mit so dünner 208 Schale, wie das dünnste Seidenpapier. Ihr könnt euch denken, wie vorsichtig die von den Hühnern gelegt werden müssen, um nicht zu zerbrechen. Und wenn ein Aufwärter eines beim Auftragen zerbrach, wurde er sofort mit einem haarscharfen Schilfblatt geköpft. Noch merkwürdiger waren jedoch die Braten. Da sah ich z. B. ein gebratenes Gluckfohlen. Denn so wie wir Gluckhennen haben, haben die Buhu Gluckstuten, welche genau so mit ihren Fohlen umhergaloppieren und sie gluckend rufen. Ferner aß er die feinste Speise, die es dort giebt, nämlich Krammetsfrösche. Die sind auch sehr selten und so teuer, daß die ärmeren Leute sie gefälscht essen, indem sie gewöhnliche schwarze Frösche verschlingen und dazu einen schwarzen Wachholderschnaps trinken. Und ebenso merkwürdig war eine Art Käse beim Nachtisch. Was für einer, denkt ihr, war es? . . . Mäusekäse! Die Buhu haben nämlich eine Art schwarzer Mäuse, die sie züchten und melken. Der Käse aus ihrer Milch soll köstlich schmecken.« »Pfui!« rief Helene, während die Knaben sämtlich mit den Lippen schmatzten. »Aber ich hatte nicht lange Zeit, solche Studien 209 zu machen, denn König Buhu winkte seinem Koch, der mit einem langen Messer an mich herantrat, um mir ein Beefsteak aus dem lebendigen Leibe zu schneiden. Nun galt es Mut und Gewandtheit. Wenn mir nicht etwas Rettendes einfiel, war ich ein toter Mann, ja ein gefressener. Und mir fiel etwas ein. Der Koch war natürlich, wie alle anderen Mohrenkerle, barfuß, ich aber hatte Stiefel an. Das rettete mich. Denn wie er neben mich hintrat, klaps! trat ich ihm heftig auf den Fuß. Er schrie auf und ließ das Messer fallen. Als er es wieder aufheben wollte, trat ich ihm auf beide Füße, so recht mit meinen harten Absätzen. Er heulte vor Schmerz, umklammerte mich aber doch und begann Leib an Leib mit mir 210 zu ringen. Nun, dabei ist ein Gestiefelter immer im Vorteil gegen einen Barfüßigen. In zehn Sekunden hinkte der Koch, zusammengeklappt wie ein Taschenmesser, hinweg, ich aber rannte spornstreichs davon. Ein paar Mohren versperrten mir wohl den Weg, aber klaps! klaps! trat ich ihnen auf die nackten Füße, da stoben sie schreiend beiseite.« Die kleine Gesellschaft atmete tief auf über Onkel Josephs glückliche Rettung, dieser aber erzählte weiter: »Wie ein gehetzter Hirsch lief ich der Nase nach. Hinaus aus der Stadt, quer durch den Wald, schnurstracks durch die Wüste fort, die aus lauter schwarzem Streusand bestand. Endlich hatte ich keinen Atem mehr und sank am Fuße eines Felsens bewußtlos nieder. Ein Geräusch brachte mich wieder zu Sinnen. Es war das nahe Gebrüll eines Löwen. Immer näher kam es, immer näher. Ich wollte aufspringen und mein Leben teuer verkaufen, aber ich konnte mich nicht rühren. Und nun stand der Löwe vor mir, mit einem riesigen Satz den Hügel herauf. Brüllend riß er den ungeheuren Rachen voll spitzer Zähne auf und schnappte nach meiner Schulter. Ich schloß die Augen und empfahl meine Seele Gott. . . . Aber 211 ich fühlte keinen Biß. Überhaupt keine Berührung. Lange wagte ich die Augen nicht zu öffnen. Als ich es endlich that, sah ich den Löwen mit gewaltigen Sätzen durch die Ebene davonjagen; nur hie und da warf er einen scheuen Blick nach mir zurück. Ich war gerettet. Durch welches Wunder, das fiel mir erst später ein. Ich hatte einmal in einer Naturgeschichte gelesen, daß es auch unter den Löwen Vegetarianer giebt. Das heißt, diese nähren sich nicht etwa von Pflanzen, sondern von Pflanzenfressern, von Vegetarianern, was ja viele wilde Völker auch sind, weil sie selten Fleisch kriegen. Nun bin ich aber gottlob kein Vegetarianer, sondern esse gerne Braten, und da ließ mich jener Löwe mit Abscheu stehen. Und so wurde ich . . .« In diesem Augenblick aber mußte Onkel Joseph aufhören, denn die Thüre der Weihnachtsstube ging weit auf, blendender Lichterglanz drang herein, . . . es war heiliger Abend. Onkel Joseph hatte das Seinige gethan und erhielt dafür vom Christkind unter anderem ein Paar warme Filzschuhe, für seine nächste Reise nach Zentralafrika. 212 213 214 215   Die Schuhe von Mentone. Ein Abenteuer. 1889. Es sind etwa fünfzehn Jahre her. Ich war zum erstenmale in Mentone. Ich war von allem entzückt, sogar von den Trinkgeldern. Auch diese gingen ja ins Blaue, ganz wie das Meer und der Himmel. Die Lage schien mir unvergleichlich. Zwei Buchten und dazwischen eine Landzunge, 216 während doch die meisten Seestädte nur eine Bucht zwischen zwei Landzungen haben. Und ich wohnte bei Madame Bignon, deren Mann den berühmten Restaurant in Paris hat. Man ißt gut bei Bignon . . . in Paris. Besonders aber war ich von Rumpelmayer bezaubert. Sogar seinen Namen fand ich recht italienisch. Manchmal saß ich in seinem Kiosk am Kai stundenlang und sah hinaus gen Süden, um vielleicht die Bergspitzen von Korsika zu erblicken. Ich erblickte sie zwar nicht, aber was that das? Mein Eis war mittlerweile doch zerflossen, so daß ich es nicht mehr zu essen brauchte, und das war schließlich die Hauptsache. Übrigens vergaß ich am ersten Morgen nicht nur an die Bergspitzen von Korsika, sondern selbst an die des Himalaya, die doch bedeutend höher sind. Die Bedienung im Hotel hatte mir nämlich in früher Stunde ein paar Schuhe ins Zimmer gestellt, die mir viel zu klein waren. Ich dachte anfangs an den Salzgehalt der Seeluft, welche vielleicht Lederwaren so zusammenziehe. Aber auch die Form schien mir geändert, der Schnabel spitzer, die Hacken höher und gar am Rande vergoldet. 217 Das schien mir doch weniger die Wirkung der Seeluft, als eines Vergolders zu sein. Und diese neuen, schmalen, geschweiften Sohlen. Auf der einen las ich eingepreßt die Buchstaben LLON, auf der anderen die Buchstaben VARI. Merkwürdig. »Llonvari,« sagte ich mir, »Llonvari.« Nur in Wales und in Spanien giebt es Wörter, die gleich auf einmal mit zwei »L« anfangen. Ich schellte der Bedienung und fragte sie, was »Llonvari« bedeute. Die Bedienung riß die Augen auf und wußte es so wenig wie ich. Dann, als sie die Schuhsohlen sah, lachte sie hellauf und rief: » Mais monsieur , das heißt ja »Varillon,« . . . Varillon ist der berühmte Schuster in Paris. Ha ha, wie viele Schuhe von Llonvari . . . ha ha . . . von Varillon habe ich schon an dieser Riviera geputzt . . . ha ha!« Ich schämte mich leise. Man steht doch nicht gern vor einer Bedienung als schlechter Philolog da. Übrigens gehörten die Schuhe einer Dame, die mit ihrem Gatten nebenan wohnte. Es hatte nur eine Verwechslung stattgefunden, die sofort berichtigt wurde. Nach dem Dejeuner ging ich in den Garten, 218 um unter der einzigen Palme meine Cigarre zu rauchen. Wie ich mich nach dem Hause umwende, sehe ich auf der Brüstung der Terrasse senkrecht aufgestellt eine Schuhsohle, deren Gesichtszüge mir so bekannt vorkommen. Unwillkürlich trete ich näher und lese darauf: LLON. Eine Amerikanerin, denke ich mir; sie sitzt im heimischen Schaukelstuhl und zeigt der Sonne einen Teil der Firma ihres Schusters. Das kann Herrn Varillon nur angenehm sein. Nach Jules Verne ist auch die Sonne bewohnt und diese Herrschaften sollen wissen, wo man die guten Schuhe bezieht. Ich ging auf meine Stube und trat ans Fenster, um auf die Terrasse hinabzusehen. Da saß sie unter mir, groß und schlank, in einem weißen Morgengewand, mit weißem Pelzwerk besetzt. Auch ihr Gesicht war vom bleichsten Weiß, aber mit dem tiefsten Schwarz umrahmt. Sie sah aus, als wäre sie schon einmal begraben gewesen. Sie trug lange weiße Handschuhe und las ein dünnes Buch. Durch das Opernglas unterschied ich, daß es nur Tabellen enthielt. Langsam fuhr sie mit dem Zeigefinger die Blattseite herunter und machte dann mit ihrem Goldstift eine Randbemerkung. 219 Nachmittags sah ich sie in einer Viktoria fahren. Sie trug Farben, wie sie das Meer entschuldigt. Von ihren Brillanten fuhr hie und da ein Blitz weithin den Strand entlang. Neben ihr saß ein gelber Herr, in Schwarz gefaßt. Es giebt Länder, wo es Leute giebt, die vor ihrer Geburt das gelbe Fieber durchgemacht haben. Ich kannte einst einen Portugiesen, dem das zugestoßen war. Seine Mutter kam davon und schenkte ihm zwei Monate später das Leben. Und auch er war so gelb. Das Paar schien mir unheimlich. Ich hatte das Gefühl, als müsse dieser Mann einen Revolver in der Tasche haben. Die Dame hatte ihren mohnroten spanischen Fächer zwischen sich und ihm ausgespannt. Sie fuhren spazieren, mit einer spanischen Wand zwischen sich. Das müde, scheintote Antlitz der jungen Frau hob sich durchsichtig, wie das Profil eines Gespenstes, vom purpurnen Grunde ab. Es giebt Frauen, die neben ihren Männern so bleich werden. Und diese Männer straft niemand, das Volk steinigt sie nicht . . . Ich malte mir diese Ehe aus, wie einen Schauerroman. Viktor Hugo war damals noch gelesen. Ich malte mir den Gelben in den 220 schwärzesten Farben. Zuletzt erschoß ich ihn im Zweikampf, unter den Palmen von Bordighera, da wurde die weiße Frau plötzlich wieder rot . . . Es war ein spannender Roman. —   —   — Mehrere Tage sah ich die beiden nicht. Als sie wieder erschienen, hatte die Blässe der jungen Frau einen grünlichen Stich angenommen. Sie sah nun aus, als wäre sie schon zweimal begraben gewesen. Sie schien sehr erregt und fröstelte sichtlich. Wie eine Nachtwandlerin schwebte sie umher. Nicht einmal Brillanten legte sie an. Sie schien den Sinn für solchen Tand verloren zu haben. Der gelbe Mann aber sah furchtbar aus. Die dicken schwarzen Büsche über seinen tief eingesunkenen Augen schienen mittlerweile zusammengewachsen. Er zerkaute seinen Schnurrbart und schlug mit dem Stocke mechanisch nach allen Gegenständen, die in sein Bereich kamen. Mir war, als trage er jetzt in jeder Tasche einen Revolver. Nie hörte ich die beiden ein Wort wechseln. Nur in der Nacht ging es jenseits unserer Zwischenwand plötzlich laut her, sehr laut, und wurde dann wieder ganz still. Auf den leidenschaftlichsten Zank 221 folgte, jäh wie der Tod, stummes Schweigen. Er hat sie ermordet, dachte ich mir entsetzt und horchte. Ich wollte Leute rufen, ihr zu Hilfe eilen, . . . da hörte ich wieder ihre Stimme. Es war wie das Geklingel einer silbernen Glocke, wenn sie sprach. Eines Tages waren sie wieder verschwunden. —   —   — Am anderen Morgen, zur Vermouth-Stunde, die ich mir in Südfrankreich angewöhnt hatte, saß ich bei Rumpelmayer. Es hatte die Nacht stark aus Süd geweht und die Brandung brach sich donnernd an der Quaderzeile des Strandes. Nur stellenweise lag unter der Kaimauer der Sand zu Tage. Ich sah den Wogen zu, wie sie hochgebäumt, mit flatternden Mähnen, in breiten Reihen zum Angriff heranstürmten. Neptuns Reiterscharen, die er aussendet, das Festland zu erobern. Auf dem Steinrande saßen etliche Fischer und deuteten hinab. Hinter ihnen standen andere und reckten die Hälse, um auch hinabzusehen. Burschen und Kinder sprangen gar unter Halloh in die Tiefe, auf den nassen Sand. Es war eine geräuschvolle Gruppe, die immer größer wurde. 222 »Ja freilich,« sagte Hyacinthe, der Kellner neben mir, »heute wird es Schuhe geben.« »Schuhe?« wiederholte ich fragend. »Bei Südwind giebt es die meisten Schuhe,« fuhr er fort. »Sie wissen ja . . .« »Nichts weiß ich!« rief ich ungeduldig. Er sah mich erstaunt an, als habe er plötzlich entdeckt, daß ich das Einmaleins nicht wisse. Dann rieb er sich ein wenig das frisch rasierte Kinn und wischte mit der Serviette nachdenklich über den benachbarten Tisch. Dann ging er nach der Thüre, nicht ohne im Vorbeigehen sämtliche Tische rechter Hand, wo er nämlich die Serviette hatte, abzufegen. Auf der Schwelle rief er einen Vorübergehenden französisch an: »Was treiben denn die Leute da unten?« » Eh, ça guette les souliers, « sagte dieser achselzuckend und ging weiter. Dann kam ein italienischer Weinbauer vorbei. Auch den hielt er an und fragte ihn, aber italienisch: »He, Gevatter, wißt Ihr vielleicht, wie die Stelle da unten an der Bucht heißt?« »Wie sollt' ich nicht?« entgegnete der Mann, » spiaggia scarpe « (Strand der Schuhe). 223 Hyacinthe blieb auf der Schwelle stehen und sah nach den Wolken, ohne sich weiter um einen so ungebildeten Menschen, wie ich, zu kümmern. Ich ging hinüber zu den Leuten und sah ihnen zu. Dicht am Fuße der Mauer standen zwei Schuhe neben einander. Ein mächtiger Holzschuh, wie die französischen Bauern sie weiter nach Westen tragen, und ein Halbschuh aus grobem Leder. Beide waren klumpvoll mit Seesand und der Lederschuh hatte seine Schwärze eingebüßt. »Die sind während der Nacht angeschwemmt worden,« erklärte mir ein Fischer, unterbrach sich aber gleich: »Schau, Gigi hat wieder einen!« Gigi war ein zehnjähriger Junge, der mit aufgestreiften blauen Beinkleidern im brandenden Schaum herumpatschte. Mit einem Stecken, der einen krummen Nagel trug, bohrte er eben einen schweren Gegenstand aus dem überschwemmten Sande heraus. Jauchzend schwang er ihn alsbald am Stocke und kam unter Klatsch und Platsch herangesprungen. »Wirst du wohl schweigen!« brummte ihn ein Graubart an, der im Begriffe schien, sich nächstes Jahr wieder barbieren zu wollen. Gigi verstummte 224 und reichte ihm den Schuh hinauf. Er war jämmerlich zerweicht und mit einem Brei von Sand und Muschelschalen gefüllt, aus dem es grau niedertroff. »Das ist ein sardinischer,« murmelte der Alte, »ein Bergschuh mit runden Nägeln.« »Ein Schiffer war der nicht, den das Meer aus ihm herausgeweicht hat,« bestätigte ein junger Matrose. »Gott geb' ihm die ewige Ruhe.« »Heute bringen wir's auf ein halbes Dutzend,« meinte ein Dritter. »Aber den letzten da müßt Ihr mir lassen, meine Frau ist aus Sardinien gebürtig.« Die anderen hatten nichts dagegen, er nahm also mit der Linken den Schuh, während er mit der Rechten ein Kreuz schlug. »Lebt 225 wohl!« Ein paar Kinder folgten ihm triefend landeinwärts. Auch ich nahm, wie von ungefähr, denselben Weg. Wir bogen in ein Gäßchen, das zwischen Gartenmauern in holprigen Stufen bergauf klomm. Bald war der Mann mit dem Schuh durch ein Bretterthürchen in seine Vigna getreten. Ich blieb draußen stehen und blickte über den steinernen Zaun hinein. »Maria!« rief er ins Haus. Eine Frau mit dünnen weißen Zöpfen trat heraus. »Kennst du das?« fragte er, indem er ihr den Schuh hinhielt. – »Heilige Mutter!« schrie sie auf, »ein Schuh von Oristano!« Sie hatten nun viel zu reden über den Schuh von Oristano. Die alte Frau fuhr sich in die Haare und schlug sich an die Brust, als wäre sie eine nahe Verwandte von ihm. Dann, als sie mich erblickte, mäßigte sie ihre Trauer und sagte über die Mauer weg zu mir: »Ein ertrunkener Schuh, Signor; ach mein Gott! . . . . Es ist bei uns Sitte, die ertrunkenen Schuhe fromm zu bestatten, in unseren Weingärten. Die sie getragen, liegen ja ohnehin tief im Meer und kein Christentum reicht bis zu ihnen hinab. Heilige Mutter, wer mag diese getragen haben? Vielleicht gar, Gott bewahr' 226 ihn davor, der Matteo, mein Schwager, . . . einen solchen Fuß hat er gehabt, bei Gott, ja!« Und sie begruben den ertrunkenen Schuh. In einer Ecke der obersten Terrasse höhlten sie eine Grube aus, legten ihn hinein und deckten ihn zu. Und sagten ein Vaterunser für den, der ihn getragen und nun barfuß im Meere lag. »Das bringt dem Weingarten Glück, signor .« wandte sich die Alte wieder an mich, den Schürzenzipfel noch am Auge. »Darum haben wir auch hier über der spiaggia scarpe die schönsten Reben mit den süßesten Trauben. Es giebt keine süßeren zwischen Genua und Nizza.« »Könnten denn die Küstenbewohner anderwärts nicht auch die Schuhe bei sich begraben?« fragte ich. »Mein Gott, sie thäten es gern,« rief sie ganz freudig, »aber zu ihnen kommen ja keine Schuhe. Alles Mögliche sonst wirft das Meer bei ihnen aus, aber Schuhe nur bei uns drunten an der spiaggia .« Ich mochte wohl ein sonderbares Gesicht zu dieser Enthüllung gemacht haben, denn ihr Mann kam ihr zu Hilfe: »So ist es, moissiou , obwohl 227 manche Fremde es nicht glauben wollen. Heute haben Sie es selbst mit angesehen. Fragen Sie nur unten am Kai, so lang er ist, an beiden Buchten, ob irgendwo ein Schuh ausgeworfen worden. Nein; soweit ein Menschengedächtnis reicht, nicht. Immer an der spiaggia , alles an der spiaggia . Dort unten, von der Landspitze bis hinüber zur Boje. Jenseits der Boje nicht mehr. Jedes Kind weiß es und so habe ich's schon von meinem Urgroßvater gehört, der hundert Jahr alt wurde.« »Aber . . .« unterbrach ich ihn. »Den Grund davon, meinen Sie, signor ? . . . Ja, den weiß niemand. Nicht einmal der Pfarrer. Nur der Apotheker; der will ihn aber nicht sagen. An der Thatsache selbst zweifelt niemand. Am wenigsten bei Scirocco; denn er ist ein förmlicher Schuhlieferant für die spiaggia scarpe .« Als ich in die Stadt hinunterkam, hörte ich von allen Seiten dasselbe. Auch Hyacinthe, dieser Skeptiker in weißer Schürze, bestätigte es in der Absinth-Stunde. Am Fuße der Strandmauer sah ich mit eigenen Augen bereits vier Schuhe verschiedenster Art stehen. Die Sonne stand schon nahe dem Sehkreis 228 und ein blendender Glanz lag auf dem Meere. Der Wind hatte sich seit Mittag gelegt und der Wogendonner sich zu Wellengeplätscher ersänftigt. Gleich zarten Spitzenschleiern schmiegten sich die Schaumsäume der zerstiebenden Gewässer die Sanddüne hinan, wo sie zu verduften schienen. Ich stand im Hauche des Meeres, der wie leise Seufzer um meine Ohren wehte. Waren es die letzten Atemzüge derer, die einst in jenen Schuhen gestanden? Mußten auch sie, unerklärlicherweise, gerade diese kurze Uferstrecke suchen, mitten in der meilenweiten Linie zwischen Ost und West? Ich setzte mich auf einen Zeltstuhl und verträumte mich über dem Geheimnis. Da weckten mich laute Rufe. Das Wort »Vergoldet« erregte meine Aufmerksamkeit besonders. Ich eilte auf die Gruppe los und sah einen Schuh von Hand zu Hand gehen. Einer riß ihn dem andern weg. Einen kleinen, spitzen Schuh mit hohen Hacken, deren Rand vergoldet war, als sei er über das glühende Meer dahergeschritten, ganz allein, im flüssigen Golde. »Laßt sehen! laßt sehen!« schrie ich außer mir. »Ich kenne den Schuh da! Es muß eine Inschrift auf der Sohle stehen, die Buchstaben: LLON.« »Ja, da sind Buchstaben,« riefen die Fischer und begannen zu buchstabieren: V . . . A . . .« »R . . . I!« ergänzte ich wütend. Ich hatte mich schon wieder in den Hälften der Inschrift vergriffen. In einem solchen Augenblick, wo mir das Herz bis in den Hals hinauf klopfte. Mit Gewalt wand ich ihnen den Schuh aus den Händen. Ich erzählte ihnen etwas, ich weiß nicht 230 was, von einer Verwandten, nur damit sie mir den Schuh ließen. Ich wickelte ihn in eine Zeitung und eilte ins Hotel zurück. Unterwegs war ich in einem Fieber. Auf dem sonnigen Pflaster vor mir her gaukelte das Blendwerk eines bleichen Gespensterwesens. Ich schaute in den blauen Himmel hinein, um das Phantom nicht zu sehen, aber da schwebte es über mir, wie ein silbernes Flaumengewölk. An den weißen Wänden der Häuser tanzte es noch weißer dahin . . . Die Unglückliche! . . . Die unseligste Frau! . . . Also doch ihm zum Opfer gefallen! Ich hatte es wohl geahnt. Warum war jener Traum nicht Wahrheit gewesen, als er unter den Palmen erschossen lag, der gelbe Teufel? O, dieser Vampyr! Dieser Oger! . . . Im Meer also! Im tiefen Meer! Ja, dort ist Ruhe . . . Au der Hausthür traf ich niemanden, auch auf der Treppe nicht. Alles war mit der Table d'hote beschäftigt. Ich stürmte hinauf, an meiner Thür vorbei, an die ihrige. Ich riß sie auf und . . . Sie stand vor mir. Sie selbst, die bleiche Frau, die totenbleiche, die ertrunkene. Sie, sie, deren Schuh ich da in der Hand hielt, aus dem 231 Meere aufgefischt, die Botschaft ihres Todes. Im Purpurlicht der Abendsonne stand sie da, noch immer bleich, aber wie blasse Rosen. Die schwarzen Strähnen schlüpften ihr wie Schlangen um die Schultern her, ringelten sich um Hals und Arme. Ein weißes, weiches Gewand umfloß ihre schlanke Form. War es ihr Geist? Mit einer krampfhaften Bewegung griff ich nach der Erscheinung. Ich erwartete mit Sicherheit, daß meine Hand mitten durch das Gebilde hindurchfahren werde. Aber das Gespenst hielt stand, in meinen beiden Armen, an meine Brust gepreßt. Ich war verwirrt, es kam mir vor, daß man einen Geist auch küssen dürfe. Ich küßte ihn also, mit einer Art Grimm, auf den Mund . . . Erst da fand die bleiche Frau ein Wort: » Well? « sagte sie verwundert, im Frageton. »Rufst du mich , Amanda?« fragte eine männliche Stimme im Nebenzimmer, »ich bin gleich fertig.« Es war in der That die höchste Zeit, meine Versuche über den Aggregatszustand der Geister zu beschließen und das Versuchsobjekt freizugeben. 232 Die Nebenthür ging auf und der gelbe Mann erschien. Ich war in einiger Verlegenheit. Ich glaube, ich lud ihn ein, Platz zu nehmen. Vielleicht habe ich ihn auch gefragt, ob seine Gelbsucht schon gewichen sei. Oder wann er denn eigentlich seine Frau umbringen werde. Was weiß ich? Übrigens konnte ich nicht umhin, die Bemerkung zu machen, daß er jetzt gar nicht so menschenfresserisch aussah und eine weit geringere Anzahl von Revolvern in der Tasche zu haben schien, als die Tage her. Auch die wenigen waren vielleicht nicht geladen. Nach einigen Augenblicken war ich indes so weit gefaßt, daß ich mich höflich ausdrücken konnte. Ich that dies, indem ich den Schuh aus der 233 Zeitung wickelte und ihn mit einer Verbeugung der Dame reichte. Sie schrie auf, wie jener Tyrann von jener griechischen Insel, der seinen ins Meer geworfenen Ring im Magen eines Fisches wiederfand. Sie traute ihren Augen nicht. Unter einer Reihe von kleinen Schreien und abgerissenen Worten der Überraschung reichte sie den Schuh ihrem Manne, nahm ihn wieder zurück, trat auf den Balkon, um ihn genau zu sehen. Schließlich streifte sie einen Pantoffel ab und zog den feuchten Schuh an. Kein Zweifel möglich, es war ihr Schuh. »Wo haben Sie ihn her?« rief sie mit fliegendem Atem. Sie sah mich irr an, wie einen Hexenmeister. »Von der spiaggia scarpe ,« entgegnete ich, »wo die Schuhe der Ertrunkenen landen, diese Schifflein aus dem Jenseits.« Da brach der gelbe Mann in ein Gelächter aus, von dem seine dicke Uhrkette rasselte. »Nun, ertrunken bin ich eigentlich nicht,« lächelte die blasse Frau. »Nicht ganz.« »Im Gegenteil, sie ist jetzt so recht über Wasser,« lachte der Gelbe weiter. »Und ich auch, 234 mein Herr. Wir sind wieder ganz flott jetzt, fürchterlich flott, sag' ich Ihnen. Haben Sie jemals eine Bank gesprengt, mein Herr?« Ich fuhr in die Höhe. »Nicht, daß ich wüßte. Ich spiele überhaupt nicht.« »Glücklicher Mensch,« hauchte die Bleiche mehr, als sie es sagte. Sie setzte sich auf den Sessel neben mich. »Ich liebe die Menschen, die nicht spielen.« Der Gelbe schlug eine helle Lache auf. »Aber noch mehr die Menschen, die glücklich spielen . . . hoffentlich.« Sie schwieg, was er nicht zu beachten schien, denn er fuhr in glänzender Laune fort: »Kennen Sie das Glück, mein Herr? Das rollende Glück, das dem Unglück so ähnlich sieht, wie eine Kugel der anderen? Vorige Woche waren diese Brillanten« – er machte einen mißlungenen Versuch, seine Frau auf ein Ohrläppchen zu küssen – »verpfändet . . .« »Als ich Sie ohne Schmuck sah, Madame?« fragte ich etwas unnötig darein. »Ganz richtig,« antwortete er für sie, »und gestern habe ich in Monte Carlo die Bank gesprengt . . . und heute wieder.« 235 Mir wurde unheimlich zwischen den beiden. Ich rückte an meinem Sessel. »Bleiben Sie nur!« rief er lustig. »Nur das Unglück ist ansteckend. Ich habe eine Million gewonnen, das kann Ihnen unmöglich schaden. Wissen Sie, was das heißt, mein Herr, eine Serie von vierzehn Rouge? Und dann plötzlich, wie auf Diktando, in eine Serie von vierzehn Noir hinüberspringen. Niemand wagte mir zu folgen, nicht im Rouge und noch weniger im Noir. Wissen Sie, was es heißt, im Roulette dreimal hintereinander die 35 treffen? Als die Kugel das dritte Mal auf 35 stehen blieb, fiel dem alten Croupier die Harke aus der Hand und er leerte sein Glas Wasser auf einen Zug . . . . Doch ich will Ihnen das beim Souper ausführlich erzählen. Sie machen uns doch das Vergnügen, mit uns zu essen? Sie sind vom Schicksal dazu bestimmt, es hat Ihnen die Einladung meiner Frau gebracht in Form ihres Schuhes. Sehen Sie, das ist ein Zauberschuh. Die Spieler wissen es längst, daß nichts das Glück so sicher zwingt, als das Opfer eines Schuhes. Aber der richtige Schuh muß es sein! Diesmal hatten wir den richtigen getroffen. 236 Wie viele Tausende fahren mit dem Dampfer nach Monte Carlo und werfen einen Schuh ins Meer in dem Augenblick, da sie das Kasino von fern erblicken. Aber wie Wenige treffen den rechten! Das ist das Glück des Glückes, mein Herr. Schon die alten Ägypter haben das gewußt, aber es war ein Priestergeheimnis. Und die eleusinischen Mysterien arbeiteten viel mit diesem Schuh. Denn es ist alles nicht wahr, was die Gelehrten von Eleusis faseln . . ., Hazard wurde dort gespielt, ein Kasino war es. Sehen Sie mich nicht so erstaunt an. Ein amerikanischer Archäolog hat ein Buch darüber geschrieben. Übrigens, braucht es eines besseren Beweises?« Er kniete vor seiner Frau nieder und riß ihr den Schuh vom Fuße. Er stellte ihn auf den Tisch und eilte ins Nebenzimmer. Spornstreichs kam er zurück mit zwei großen Ledertaschen, die er zitternd über dem Schuh ausleerte. Ein Berg von Bankbillets und Gold türmte sich über das niedliche Ding, unter Geraschel und Geklapper. Goldstücke sprangen auf den Stühlen umher und rollten das Zimmer entlang. Blaue Noten bäumten sich knisternd im Luftzug der offenen 237 Balkonthüre und flatterten auf den Teppich nieder. Es war die Hochflut Mammons, wie sie eintritt zwischen Ebbe und . . . wiederum Ebbe. Der gelbe Mann aber stand hinter dem Berge und stemmte seine gelbe Faust mitten in den Schatz hinein. Seine Augen loderten und er lachte grell auf. Mir schauderte. Ich empfahl mich, bis auf weiteres. Die blasse Frau reichte mir ihre durchsichtige Hand, deren Druck ich noch jetzt zu fühlen glaube. Der gelbe Mann begleitete mich bis vor die Thüre. »Sie versteht mich nicht,« wisperte er mir ins Ohr, mit plötzlich verändertem Antlitz. »Sie haßt das Spiel und zehrt sich darin auf. Ich lebe darin, wie der Salamander im Feuer. Auf später also, nicht wahr?« —   —   — Es war Abend geworden. Jenseits des grauen Meeres lag ein blutroter Streifen in der Luft, bis über Monte Carlo hinaus. Mich fröstelte und ich knöpfte mich bis ans Kinn ein. Ich wollte durch einen raschen Gang warm werden. Vor mir in der Ferne sah ich zwei glühende Punkte, einen roten und einen grünen. Nur bis dorthin 238 wollte ich laufen und dann zurück. Als ich hinkam, sah ich, daß es die zwei herkömmlichen bocaux in den Schaufenstern eines Apothekers waren. Die mächtigen Glaskugeln, mit gefärbter Flüssigkeit gefüllt, hinter denen abends eine Gasflamme angezündet wird. Da fiel mir jener Apotheker ein, der angeblich um die Schuhe von Mentone wissen sollte. Ich trat ein und wandte mich an den alten Bourgeois, der hinter dem Pulte stand. Ich muß gestehen, ich ging sehr diplomatisch zu Werke. Vor allem kaufte ich eine Flasche Pinaudsches Eau de 239 Quinine, was ihm ein gewisses Interesse für mich einzuflößen schien. Dann sagte ich wie von ungefähr: »Heute wieder viele Schuhe auf der spiaggia gelandet.« Er streifte mich mit einem mißtrauischen Seitenblick und sagte gedehnt. »Schuhe? Ja, . . . Ja wohl, an Schuhen fehlt es nicht in Mentone. Ist vielleicht noch etwas gefällig, mein Herr?« »Allerdings,« entgegnete ich gähnend, gleichsam vor Gemütsruhe, »eine Flasche Eau de Botot, wenn's beliebt.« Und als ich meinen Botot neben meinem Pinaud stehen hatte: »Merkwürdig, daß die hiesige Bevölkerung noch immer nicht dahinter gekommen ist, woher die vielen Schuhe stammen.« »Hm, ja,« räusperte er sich, »die Bevölkerung . . . Es wird schon einige geben, die es wissen. Aber das sind vermutlich Christen und wollen offenbar den Aberglauben nicht noch weiter verbreiten.« »Und mit Recht; auch ich bewahre lieber solche Geheimnisse. Wer sie nicht kennt, braucht sie nicht zu kennen. Doch ich vergesse, . . . da ich einmal in einer Apotheke bin, . . . mein alter Katarrh verlangt wieder eine Flasche Eau de Guyot.« 240 Dieses Wasser ist bekanntlich sehr heilsam. Es half auch mir zusehends, denn der Apotheker dämpfte die Stimme und fuhr geheimnisvoll fort: »Da Sie so diskret sind, und ein Fremder, kann ich Ihnen ja wohl so viel sagen, daß die Schuhgeschichte mit dem Spiel in Monte Carlo zusammenhängt.« »Wem sagen Sie das?« versetzte ich mit geheucheltem Erstaunen. »Auch von mir muß einst ein Schuh an die spiaggia scarpe geschwommen sein. Vor Jahren; jetzt spiele ich längst nicht mehr.« »Ach, Sie kennen also das Geheimnis? . . . Apropos , haben Sie schon einmal 241 die Guyotschen Pastillen versucht? Nicht das Wasser, sondern die Kapseln. Ich wäre wirklich neugierig, welches von beiden Ihnen besser dienen wird.« »In der That, das muß ich einmal versuchen. Bitte, packen Sie mir so eine Schachtel dazu.« Und während er das Paket schnürte, fuhr ich fort: »Ich glaube auch zu wissen, was der Grund ist, daß jene Schuhe just an die spiaggia getrieben werden und nie an die Küste nebenan.« »Ich weiß es auch,« rief er blinzelnd, »das hat ja die sardinische Marineverwaltung vor einem halben Jahrhundert durch Versuche herausgebracht. In einer Tiefe von etwa sechs Schuh hat das Meer eine starke Strömung, die von weither genau nach der spiaggia geht. Es scheint eine vulkanische Erscheinung zu sein, die auf Erwärmung des Meeresgrundes beruht, so daß das kalte Wasser das wärmere verdrängt.« »Das ist ja genau, was ich darüber weiß,« stimmte ich bei. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt. —   —   — Als ich ins Hotel zurückging, zogen mir diese 242 seltsamen Zusammenhänge durch den Sinn. Ich fühlte mich verdüstert und schwankte plötzlich, ob ich auch mit dem Gelben zu Nacht essen und nicht lieber ablehnen sollte. Da fiel mir das letzte Wort ein, das er mir ins Ohr geflüstert: »Sie versteht mich nicht.« Diese elegische Klage erschien mir jetzt so tragikomisch, daß ich hell auflachen mußte. Ein unverstandener Mann also! Armer Menschenfresser. Bemitleidenswerter Vampyr, der unverstanden durch die Welt gehen muß! Ein bitteres Geschick in der That. Und ich lachte noch fort, als ich in den kleinen Speisesaal trat, wo der Gelbe und die Weiße mich erwarteten.