Otto Gildemeister Essays – Erster Band Herausgegeben von Freunden Inhalt Vom Reichtum Die Freuden des Lebens Von Höflichkeit Jesuitenmoral Politische Tugenden Jargon Praktisches Christentum Christliches und Unchristliches Roschers »Politik« Moralisches Kapitel Zur Naturgeschichte des Königtums Die trostlose Wissenschaft Der Kampf gegen die Fremdwörter Allerhand Nörgeleien Vom Reichtum (1882) Armut schändet nicht und Reichtum macht nicht glücklich,« sagt das Sprichwort, und da das Sprichwort die Weisheit der Nationen ist, so scheint es, als ob man über einen Satz, der consensu gentium als richtig anerkannt wird, kein Wort weiter zu verlieren brauche. Allein die Weisheit und die Praxis der Nationen sind zwei sehr verschiedene Dinge. Die Menschen haben zu allen Zeiten und in allen Ländern mit unverwüstlicher Konsequenz das Sprichwort Lügen gestraft und so gehandelt, als wäre der Reichtum das Glück, als wäre die Armut die Schande. Die altersgrausten Urkunden unseres Geschlechts, die Reiseberichte aus den fernsten Inseln der Südsee verkünden die nämliche Erfahrung; in hundert Sprachen wiederholt die Welt täglich ihre Variationen über den Stoßseufzer des Goethischen Schatzgräbers: Armut ist die größte Plage, Reichtum ist das größte Gut. Das Sprichwort ist diesmal nicht die Formel für, sondern der Protest gegen die Überzeugung aller. Oder richtiger vielleicht: das Sprichwort ist das bessere Bewußtsein, welches auch in den Verstockten eine leise Scham über das Joch, das sie tragen, erweckt. Die tugendhafte Zunge schmäht das Gold, nach welchem die lüsterne Hand sich krümmt. Es ist wahr, zu allen Zeiten und in allen Völkern hat es Menschen gegeben, welche die irdischen Schätze nicht allein schmähten, sondern auch geringschätzten und selbst verachteten, denen andere Dinge mehr am Herzen lagen als Geld und Gut, dem einen der Ruhm oder das Heil der Seele oder die Freiheit, dem andern die Kunst oder die Wissenschaft oder das Wohl der Brüder oder das Vaterland. Aber die Bewunderung, welche solche Menschen alle Zeit gefunden haben, legt Zeugnis ab wider die Bewundernden. Sie beweist, daß man in ihnen Ausnahmen erblickte. Man hätte Herkules, dem Löwenerwürger, schwerlich Statuen errichtet, wenn man nicht anerkannt hätte, daß der Löwe stärker sei als der Mensch. Bewunderung? Haben sie denn wirklich alle Zeit Bewunderung gefunden? Freilich, von den großen Feldherren und Staatsmännern erzählt es die Geschichte rühmend, wenn sie arm starben, und der Lehrer vergißt es nicht, den Schulknaben zu erzählen, daß Epaminondas nur einen anständigen Mantel besaß, und daß William Pitt, welcher den Kontinent mit Gold überströmen durfte, um ihn in den Kampf gegen Frankreich zu treiben, nichts hinterließ als unbezahlte Rechnungen. Für so hervorragende Gestalten wird selbst die Dürftigkeit zu einer neuen Quelle der Ehre. Wie aber ergeht es denen, welche in bescheideneren Lebensbahnen gleiche Selbstverleugnung üben? Werden auch sie bewundert und gepriesen? Um das zu erfahren, braucht keiner von uns weit zu laufen. Er höre sich nur bei seinen Nachbarn und in seiner werten Familie um. Wenn das Gespräch auf einen Mann kommt, welcher bei Tage und bei Nacht unverkäufliche Schätze des Wissens ansammelt, oder auf einen eigensinnigen Künstler, welcher lieber seinem Genius als der Mode folgt, oder auf einen Geschäftsmann, der aus peinlicher Gewissenhaftigkeit dem Gewinne häufiger als dem Verluste ausweicht – wie äußert sich dann die Weisheit der Nationen? Der bringt es nie auf einen grünen Zweig, bemerkt der wohlhabende Philister. Schade um den Mann, sagt der Mitleidige, er ist nicht ohne Talent, aber so entsetzlich unpraktisch. Er ist ein Enthusiast, heißt es zur Linken, und das Echo zur Rechten ruft: er ist ein dummer Teufel. Er ist ein dummer Teufel! Wer Mutterwitz hat, der wird ihn anwenden, um Geld zu verdienen; wer kein Geld verdient, hat keinen Mutterwitz. Das ist die Logik der Millionäre und der Millionen. War es nicht Thales von Milet, einer von den sieben Weisen Griechenlands, der aus gleichem Grunde in seiner Vaterstadt für einen dummen Teufel galt, bis er eines Tages – eine große Wahrheit entdeckte? eine tiefsinnige Lehre verkündete? – Bis er eines Tages eine glückliche Ölspekulation machte. Er war, so scheint es, etwas von einem Meteorologen oder von einem Botaniker; er hatte das Wetter beobachtet und die Olivenbäume, und er hatte eine Mißernte vorausgesehen und wollte den Philistern nun einmal zeigen, daß ein Weiser ebenso klug und klüger sein könne wie sie. Alles Öl, so viel er konnte, kaufte er auf, und die Olivenernte schlug fehl, und die Preise stiegen, und Thales von Milet machte ein brillantes Geschäft, und die Leute sagten: Wer hätte das gedacht! und fingen an, ihn zu respektieren. Die Geschichte ist vielleicht nicht streng geschichtlich; aber der Freiherr von Liebig gehört auf keinen Fall bloß der Sage an. Der Freiherr von Liebig erwarb sich mehr als einen europäischen Ruf, nämlich auch einen amerikanischen, und er fand zahlreiche Verehrer in dem sogenannten großen Publikum. Er war gerade in dem umgekehrten Falle wie der alte Weise von Griechenland. Seine Gelehrsamkeit glänzte in Kreisen, welche sonst von wissenschaftlichen Verdiensten wenig Notiz zu nehmen pflegen. Und forscht man nach dem Grunde, so wird man finden, daß er seinen Ruhm mehr den Ölspekulationen als der reinen Chemie verdankte. Er hatte den richtigen Weg eingeschlagen, um den Leuten Achtung vor der Forschung beizubringen. Das leuchtete ihnen ein, wenn man ihnen sagte: Sehet da, ein Gelehrter, welcher jährlich so und so viel tausend Gulden verdient, weil er die Geheimnisse von Stallfütterung, die Mysterien der Düngung und die Rätsel der Garnfärberei versteht! Vor einem solchen Manne zog man den Hut, obwohl, wenn man's genau nimmt, vor ihm nicht so sehr wie vor den Gulden, die er repräsentierte. Wenn man aus den einzelnen Beobachtungen den allgemeinen Schluß zieht, wenn man den Leuten ins Gesicht sagt: Du und du und du, ihr achtet das Geld höher als Tugend, Weisheit und Verstand! so kann man sich auf einen einstimmigen Protest gefaßt machen. Gott behüte uns vor solcher Roheit! Nein, nein: Armut schändet nicht und Reichtum macht nicht glücklich! Weisheit und Tugend! Tugend und Weisheit! ist die Losung der Welt. Nur in den unbewachten Augenblicken wird es vergessen, aber die unbewachten Augenblicke sind zahlreich wie der Sand am Meere. Der innerste Gedanke begeht täglich und stündlich seine großen und kleinen Indiskretionen. Man trete in die erste beste Gesellschaft durchschnittlicher Menschen, guter Bürger, braver Familienväter, und man höre zu. Wonach beurteilt sie die Vorzüge einer Karriere für einen jungen Mann! Was nennt sie eine gute Partie für ein junges Mädchen? Wie taxiert sie den Wert einer Kunst und den Segen einer neuen Wahrheit? Wie behandelt sie in ihrer eigenen Mitte den Rentier und den Proletarier? Freilich, gegen den Besitzlosen, wenn er zur Gesellschaft gehört, begeht sie keine handgreifliche Unhöflichkeit; die nämlichen Speisen und Weine werden dem Krösus und ihm gereicht; man macht ihm die üblichen Verbeugungen; man gönnt ihm die herkömmlichen Phrasen der Artigkeit. Aber bei alledem bleibt ein Unterschied, sehr fein vielleicht, sehr bedeutsam gewiß. Die Manier der Bewirtung, der Winkel der Verbeugung, der Ton der Artigkeit sind nicht dieselben. Selbst die Bedienten hinter den Stühlen unterscheiden. Sie kredenzen dem Reichen anders als dem armen Vetter des Hausherrn und dem schüchternen Kandidaten, welchen der Prinzipal heute herablassend zur Tafel gezogen hat, weil man sonst mit dreizehn zu Tische säße. Die Geringschätzung gegen den armen Gast verbergen, ist guter Ton, sie nicht empfinden, ist vornehme Gesinnung. Die großen Herren sind nicht immer die vornehmen. Wollt ihr wissen, ob sie es sind, so achtet auf die Lakaien; sie merken instinktmäßig, was sie in diesem Punkte sich erlauben dürfen, und sie verraten es naiver, was sie denken und sind, als der wohlerzogene Gebieter. Etwas vom Lakaien ist in uns allen (die Anwesenden natürlich immer ausgenommen), in dem einen mehr, in dem anderen weniger. Die bedientenhafte Ehrfurcht vor dem Mammon hat unzählige Abstufungen, aber den gröbsten wie den feinsten Nuancen liegt die nämliche Farbe zu Grunde. Eine drollige und lehrreiche Szene erlebte ich einmal selbst, als ich noch Student war. Der Schauplatz war der schattige Garten einer hübschen Villa; unter dem Lindenbaume saß die Familie beim Nachmittagskaffee, ich als Besucher in ihrer Mitte. Plötzlich stürzte in atemloser Hast ein Bedienter heran und meldete: Herr Baron von Rothschild. Feierlich war der Ernst seiner Züge, feierlich der Klang seiner Stimme; der Mann fühlte, daß er der Träger einer außerordentlichen Botschaft sei. Und außerordentlich war sie wenigstens in ihrer Wirkung. Wenn es geheißen hätte, die heiligen drei Könige aus dem Morgenlande seien vorgefahren und wünschten dem Herrn Kommerzienrat ihre Aufwartung zu machen, bombenartiger hätte der Eindruck auf unseren Kaffeezirkel nicht sein können. Vater, Mutter, Töchter und Söhne stoben in allen Richtungen auseinander, um einen besseren Rock anzutun, um eine frische Haube aufzusetzen, um einen reineren Kragen umzulegen, was weiß ich? Im Fliehen hatte die Hausfrau noch die Geistesgegenwart, dem Bedienten etwas von »bestem Kaffeegeschirr« zuzurufen, welches letztere denn auch alsbald in aller Pracht, eitel Silber und Sevres, erschien. Mägde rannten herzu mit gestickten Tischdecken, Damastservietten, seidenen Polstern; ihnen folgte nach kurzer Pause echauffiert und keuchend die Familie, Herrn von Rothschild in ihrer Mitte führend und erfolglos die Komödie spielend, als ob sie gerade im Begriff gewesen sei, in den Garten zu treten, und als ob der Herr Baron sie in ihrer Gemütlichkeit nicht im mindesten gestört habe. Solange der große Mann blieb, lag etwas wie ein Zauberbann auf der Familie. Es war, als ob sie vor ihm ihre Andacht verrichte. Während dieser Minuten war die übrige Welt für sie nicht vorhanden; all ihr Denken und Fühlen versank in dem einen Gegenstande der Anbetung. Ich war mir deutlich bewußt, daß ich gänzlich aufgehört hatte, zu existieren. Wär' ich plötzlich in Luft zerflossen, keiner in diesem Kreise würde es bemerkt haben, ausgenommen vielleicht Herr von Rothschild selbst, der natürlich keinen Grund hatte, andächtig zu sein. Nun muß ich bemerken, daß der Kommerzienrat behaglich von den Früchten eines bereits aufgegebenen Geschäftes zehrte, daß er für seine Person durchaus nichts von dem großen Börsenfürsten zu begehren und zu erwarten hatte. Es war angeborene Servilität, uneigennützige Kriecherei vor dem Beherrscher so vieler Millionen, was diese Menschen aus ihrem Gleichgewichte brachte. Der Reichtum an und für sich imponierte ihnen so sehr, daß sie sich in den Staub bückten und huldigten. Der Tanz vor dem goldenen Kalb sieht gar seltsam aus, wenn die Tänzer sich vergessen oder sich unbelauscht wähnen. Ist es nicht charakteristisch, daß alle naiven Dichter und Erzähler ihre Helden und Heldinnen zum Schlusse mit Reichtum überschütten? Es genügt den Hörern und Lesern nicht, daß der tapfere Jüngling und die treue Jungfrau einander heiraten; die verfolgte Unschuld muß womöglich einen Königssohn zum Manne erhalten und der wackere Ritter eines Fürsten Eidam werden. Hiob verliert alles, um alles doppelt wieder zu bekommen. In den morgenländischen Märchen tritt diese Freude am Reichtum mit üppigster Ausschweifung aus. Da reichen die irdischen Schätze nicht aus; die Genien der Tiefe werden heraufbeschworen, um den Lieblingen Allahs die fabelhaften Juwelen des Feenreichs zu Füßen zu legen. Das Volk gleicht überall den Kindern, welche durchaus verlangen, daß eine Geschichte »gut endige«, und für welche zum guten Ende unabweislich gehört, daß die tugendhaften Personen ihr Leben lang schöne Kleider, Wagen und Pferde und, wie sich von selbst versteht, vollauf Kuchen und Naschwerk haben. Ohne das würden sie nicht an eine höhere Gerechtigkeit glauben. Wie die Jungen zwitschern, so singen die Alten. In den Romanen, welche das Publikum verschlingt, ein Publikum von Rittergutsbesitzern, Ladendienern, Gräfinnen und Kammerjungfern, ist das gute Ende unwandelbar ein voller Geldbeutel. Vor vierzig Jahren las Europa bei Tag und bei Nacht die Mystéres de Paris , den Juif Errant , mit einem Worte die Sensationsromane sozialistischer Konfession, in denen die armen Leute lauter Biedermänner und die reichen Leute lauter Spitzbuben sind und das Eigentum der Diebstahl ist. Sonderbar! auch diese dem Mammon so fanatisch feindseligen Tendenzwerke schlossen regelmäßig mit dem versöhnenden Klange unzähliger Zwanzigfrankenstücke. Die armen Biedermänner verwandelten sich auf mehr oder minder unwahrscheinliche Weise in Renteninhaber und Besitzer reizender Landhäuser, zu nicht geringer Erbauung der gesamten Leserwelt, einschließlich der Kommunisten und Sozialisten. Freilich beruhigte der Dichter sein Gewissen damit, daß er die beglückten Helden als wahre Ungeheuer von Großmut und Wohltätigkeit schilderte, als Leute, welche Arbeiterpaläste und Volksküchen und Fabriken mit dreifachem Wochenlohn stifteten, aber er gönnte den Edlen daneben doch auch alle Annehmlichkeiten, welche das Dasein großer Kapitalisten zu verschönen pflegen. Heutzutage ist es der solide moralische englische Roman, welcher den Markt beherrscht, vermutlich also den Geschmack der Kunden trifft. Der englische Roman gewöhnlichen Schlages hat drei Bände, und der dritte Band hat ein Kapitel, in welchem der erste Held und Liebhaber Lord oder Baronet oder dergleichen wird und dazu die obligaten Tausende von Pfunden Sterling jährlich angewiesen erhält. Dabei geht alles sehr »genteel« zu. Der Held heiratet zum Beispiel nur nach Neigung, mit fast unverantwortlicher Hintansetzung finanzieller Rücksichten, aber es trifft sich immer so, daß die mitgiftlose Braut zur rechten Zeit einen steinreichen Onkel beerbt oder einen alten Familienprozeß gewinnt oder als Tochter eines Grafen entlarvt wird. Der Dichter schenkt dem jungen schönen Paare alle die goldenen Früchte, die am üppigsten im Schmutze gedeihen, aber den Anbau dieses Schmutzes überläßt er den eigens dazu angestellten Bösewichtern und Intriganten. Das gefällt dem Leser unsäglich, der auf diese Art Gelegenheit findet, zu gleicher Zeit an dem Anblick des Edelmuts und des weltlichen Glückes sich zu weiden, – ein Doppelgenuß, den das Leben selten gewährt. Denn der Mensch will die Tugend wohl, aber die Tugend soll ihn auch glücklich machen, und zwar zunächst reich. Von diesem Gesichtspunkte aus könnte man alle poetischen Werke in zwei Hauptklassen teilen, je nachdem sie dieser Forderung Befriedigung gewähren oder nicht. Nur wenige und nur die edelsten Stämme des Menschengeschlechts haben Dichtungen der letzteren Klasse; nur diese erfreuen sich auch des tragischen Endes. Und auch sie nur in ihren Blütezeiten und nur in ihrer Elite. Die Tragödie ist selten oder nie recht populär gewesen. Vor hundert Jahren noch durfte man in London nicht wagen, Shakespeares Trauerspiele so aufzuführen, wie sie geschrieben sind. Das Publikum verlangte durchaus einen glücklichen Schluß: Romeo und Julie mußten einander heiraten; Jago mußte entlarvt werden, ehe Desdemona erstickt war; Cordelia zog im Triumphe mit dem genesenen Lear ab, um noch recht viele Jahre heiter und gesund zu verleben. Ich bin nicht sicher, ob nicht auch heute noch die Mehrheit sich für diese wohlwollenden Abänderungen entscheiden würde. Nur müßte man geheim abstimmen lassen. Denn öffentlich reden würden die Leute für den Shakespeareschen Text stimmen, aus Furcht, sich zu blamieren. Minder berühmten Schriftstellern gegenüber macht man kein Hehl daraus, daß man den Untergang der Helden nicht billigt: man verlangt, daß alles sich in Wohlgefallen auflöse; man besteht darauf, daß in der Dichtung wenigstens die Tugend ihren Lohn in klingender Münze erhalte. Dabei ist nicht viel zu verwundern. Es ist sehr natürlich, daß der Mensch für sich dem Reichtum nachjagt und in andern ihm den Hof macht. Denn was ist Reichtum? Warum ist er der Abgott der Erde? Hier höre ich die weise Bemerkung, daß reich derjenige sei, welcher die wenigsten Bedürfnisse habe, die wenigsten im Verhältnisse zu seinen Mitteln. Man brauche nicht Reichtümer zu besitzen, um reich zu sein. Der Tagelöhner, der einige Gulden in die Sparkasse einlege, sei reicher als der Edelmann, der Schulden mache. Allein diese Bemerkung enthält mehr eine Lehre als eine Definition. Der Reichtum, nach welchem alles drängt, ist etwas ganz anderes als eine Decke, nach welcher der Kluge sich streckt und die der Tor zum Pfandleiher trägt. Reichtum ist mit einem Worte Macht, »die Macht zu kaufen«, wie Adam Smith sagt, oder die Macht über fremde Kräfte, was auf dasselbe hinausläuft. »Wenn du sechs Hengste zahlen kannst, Sind ihre Kräfte nicht die deinen?« Vor dem, welcher den goldenen Talisman besitzt, erscheinen die Kräfte der Menschen und der Tiere, wie die Genien der Lampe vor Aladdin und fragen nach seinem Begehr, und wie er es gebietet, so richten sie es aus. Sie verschaffen ihm die Genüsse, nach denen er schmachtet, sie verbannen die Leiden, vor denen ihm graut: ist es zu verwundern, daß der natürliche Mensch, das Geschöpf der Begierde und der Furcht, das anbetet, was jene stillt, diese beruhigt? Der natürliche Mensch hat von je den Reichtum angebetet, der wilde nicht mehr als der zivilisierte; diese Religion wurzelt in dem Wesen unseres Geschlechts und sie weicht nicht vor der Aufklärung des Kopfes. Sie ist die Barbarei des Herzens, sie ist das Heidentum der Sitte, und deshalb helfen auch gute Lehren wenig gegen sie. Man bemerke, daß das Christentum kaum etwas anderes mit größerem Nachdrucke predigt als Verachtung irdischer Schätze, als die Unversöhnlichkeit zwischen Gott und Mammon; man bedenke, daß das Evangelium die irdische Armut mit dem erhabensten Beispiele verklärt hat, und man beachte, wie unmerklich wenig Einfluß Lehre und Beispiele im Laufe von achtzehn Jahrhunderten auf das praktische Leben ausgeübt haben. Die freiwillige Armut wird in christlichen Landen als ein Beweis übermenschlicher Heiligkeit verehrt, aber das härene Gewand der Kanonisierten beweist eben nicht mehr als der Mantel des Epaminondas: die Ausnahme! In protestantischen Ländern wäre es noch die Frage, ob ein freiwillig Armer nicht mehr Aussicht hätte, unter Kuratel gestellt als heilig gesprochen zu werden. Die zivilisierten Barbaren sehen es gern, wenn ein begüterter Mann wohltätig und freigebig ist, aber er darf es nur mit seinen Zinsen sein; er muß nicht das Kapital angreifen. Es ist auch gar nicht wahr, daß der Reiz des Reichtums bloß von dem Bedürfnisse abhängt. Das Bewußtsein: ich könnte, wenn ich wollte! ist schon für sich allein ein Genuß, eine Befriedigung der menschlichen Leidenschaft, – für manche die allerhöchste und die einzige. Nicht die Anwendung der Macht, sondern ihr Besitz macht die Könige stolz, und ihr Gefühl teilt der Geizhals, der am reinsten und abstraktesten das Wesen des Reichtums auffaßt, eben als einer Macht. Darum nennt die Sprache mit gleichem Worte die Begierde nach Gold und die nach Herrschaft: Geiz. Der Geiz steht in gewissem Sinne höher als die Auffassung des Reichtums als eines bloßen Mittels der Befriedigung. Der große Haufe kann den Geizhals nicht begreifen, er betrachtet ihn als einen Verrückten, der sich überflüssige Kasteiungen auferlegt. Er ist Poet! vor andern Dichtern groß! Sein Geist beschwört die aufgehäufte Pracht Des Erzes, das er hat , des Hoffnung bloß Die Völker über Meer treibt. Aus dem Schacht In Barren bricht der gold'ne Schimmer los; Ihm funkelt der Demant, und der Smaragd, Der sanfte, dämpft den Glanz der andern Steine Und labt des Geiz'gen Blick mit mildem Scheine. Sein ist der Westen und der Osten sein: Von Ceylon, Hindostan und China tragen Die Schiffe duft'ge Frücht' und Spezerei'n; Der Weg seufzt unter seinem Ceres-Wagen, Und wie Auroras Lippe glüht sein Wein; In seinen Kellern könnt' ein König tagen, Indes er, gegen Sinnenreiz erkaltet, Ein geist'ger Herrscher über alles waltet. Vielleicht baut er im Geiste Lazarette, Vielleicht hat er ein Majorat bedacht, Vielleicht auch eine prächt'ge Grabesstätte, Die seine mag're Statue überwacht; Er träumt vielleicht, wie er die Menschheit rette Mit dem Metall, das sie erbärmlich macht; Vielleicht will er als »reichster Mann« stolzieren; Vielleicht macht's ihm nur Spaß zu kalkulieren. Was aber auch sein Sporn zum Handeln sei, Ob eins von solchen Dingen oder keins, Der Tor nur nennt dies Streben Raserei; Und seines ? – Liebe, Krieg, Genuß des Weins, Macht das die Menschen glücklich oder frei? Mehr als das Schwitzen bei dem Einmaleins? Dein Erbe, mag'rer Harpagon, erfahr' Von dem des Prassers, wer der Weis're war! Aus der Don Juan-Übersetzung des Verfassers. Daß auch der Knauser genießt , versteht die Menge nicht, während sie mit dem Verschwender beinahe sympathisiert. Aber in Wahrheit ist der Verschwender der minder Vernünftige von beiden. Er steht dem Tiere nahe; der Geizhals ist so weit wie möglich vom Tiere verschieden. Denn wodurch erhebt sich der Mensch über das Tier? Durch die Fähigkeit, von dem sinnlichen Eindrucke sich unabhängig zu machen und Motiven zu folgen, welche nur in der Gedankenwelt existieren. Mit einem Worte, durch die Vernunft. Die Fähigkeit, künftige Möglichkeiten in Rechnung zu ziehen, die Fähigkeit, für ferne Jahre zu sorgen, einen augenblicklichen Genuß sich zu versagen, um einer späteren Entbehrung vorzubeugen, eine Befriedigung der sinnlichen Begierde zu verschmähen, um dafür eine Befriedigung des inneren Bewußtseins zu gewinnen, – dieser Vorzug des Menschen vor allen anderen Geschöpfen der Erde, dieses Fundament aller Zivilisation wird augenscheinlich von dem Verschwender ganz und gar verleugnet; er beugt sich unter die Herrschaft des blinden augenblicklichen Triebes, der flüchtigen Laune; er unterwirft sich kampflos dem tyrannischen Willen wie das Tier. Der Geizhals dagegen ist in eminentem Sinne Mensch. Die bloße Sparsamkeit, d. h. das Ansammeln von Gütern zum Zwecke künftiger Selbstbefriedigung hat noch in der Tierwelt eine dunkle Analogie, in dem Instinkte der Hamster, der Bienen und Ameisen. Der Geiz ist etwas ausschließlich Menschliches. Das ganze Leben des Geizigen ist ein Sieg des Gedankens über die Sinnlichkeit und den Instinkt. Er spart nicht, um künftig genießen zu können; er spart, um sich an einem Gedanken weiden zu können. Der Gedanke ist ein verwerflicher, immerhin; aber er ist ein Gedanke. Freiwillig widersteht der Geizige allen Lockungen des Genusses; freiwillig erträgt er alle Leiden der Armut, nur um sich den einen geistigen Genuß zu verschaffen, zu erhalten und zu steigern, nur um denken zu dürfen: Ich habe die Macht! ich könnte, wenn ich wollte! Die Welt würde ihn bewundern, wenn nicht schließlich auch sein Streben auf rein egoistische Befriedigung gerichtet wäre. Was er tut, ist dasselbe, was auch Märtyrer, Helden, Philanthropen tun; nur das Motiv unterscheidet ihn von diesen. Wenn sie den Freuden des Wohllebens entsagen, um das Himmelreich zu erwerben, um das Vaterland zu verherrlichen oder um den Armen und Kranken zu helfen, so entsagt er den nämlichen Freuden, um im Gefühle des Reichseins zu schwelgen, um bei seinen Käserinden den Traum der Herrschaft über die Welt zu träumen. Sein Zweck ist klein, aber das Mittel, dessen er sich bedient, ist die höchste Geisteskraft des Menschen. Durch das Mißverhältnis zwischen Zweck und Mittel wird er zu einer Karikatur; hätte er ein anderes Motiv, so wäre er erhaben. Herrschaft über die Welt, – was anders bedeutet der Reichtum? Er ist die Macht, andere unter unseren Willen zu beugen, fremde Arbeit, fremdes Talent für uns in Bewegung zu setzen. Und mehr vermag am Ende ein Sultan auch nicht. Wer das Geld hat, dem bestellt der Pflüger den Acker und der Winzer den Weinberg, der eines dritten Erbgut ist. Für ihn wirkt in Asien der Weber die köstlichsten Teppiche, für ihn glättet in Rom der Steinmetz den Marmor. Ohne von seinem Lehnstuhle sich zu erheben, mühelos, mit einem Winke entbietet er alle Herrlichkeiten der Welt zu sich. Mitten im Winter hat er blühende Gärten; im Sommer zaubert er schattige Einsamkeiten um sich her; Gemälde und Statuen erfreuen sein Auge, wenn die Natur ihn ermüdet; wenn die Stille ihm lästig wird, erfüllt die Hauskapelle sein Ohr mit Wohllaut. Aus seinen Befehl erheben sich Museen, Kirchen und Paläste; um seine Wünsche zu befriedigen, trotzen Hunderte von Menschen selbst den tödlichen Gefahren der Polarmeere, der Tropensümpfe, der unwirtbaren Felsöden, damit es ihm in seiner behaglichen Heimat nicht an Juwelen und Pelzwerk und Spezereien mangele. Oder wenn er der Heimat überdrüssig wird, so tragen ihn schwimmende Paläste, gleich den arabischen Zauberrossen, zu den Paradiesen der Erde, nach Lissabon, nach Neapel und den Inseln im griechischen Meer. Was der Großmogul in Delhi und der Kalif von Bagdad durch zahllose Sklavenschwärme bewirkte, das erreicht der Krösus unserer Zeiten besser, bequemer und sicherer vermittels jener kleinen Scheiben gelben Metalls, welche vor den Sklaven den Vorzug haben, daß sie nie faul, gefräßig und ungehorsam sind. Dies ist die Frucht der modernen Zivilisation und eine der merkwürdigsten. In alten Zeiten ist der Reichtum an sich, der bloße Geldbesitz für sich allein niemals so unbedingt und in so hohem Maße Macht gewesen wie gegenwärtig. Ich will nicht davon reden, daß heute für Geld unzählige große und kleine Genüsse und Bequemlichkeiten erkauft werden können, von denen Salomo in seiner Herrlichkeit sich nichts träumen ließ, welche König Krösus mit allen seinen Schätzen und Harun Alraschid mit seinen Sklavenheeren sich nicht verschaffen konnten – von den Eisenbahnfahrten bis zu den Streichhölzchen, von der E-Moll-Sinfonie bis zu dem Zeitungsblatte auf dem Frühstückstische –, nicht von diesen Dingen rede ich, sondern davon, daß heutzutage nicht mehr, wie früher, der Reiche außer seinem Gelde noch andere, persönliche Besitztümer nötig hat, um seines Reichtumes als einer Macht froh werden zu können, oder mit anderen Worten, um seinen Reichtum gegen Habsucht und Gewalt Stärkerer zu schützen. Die Sorge hat ihm der Staat, das Gesetz, die Polizei, die öffentliche Meinung abgenommen. Ein schwaches Kind, ein gebrechlicher Greis, ein altes Weib können jetzt ungezählte Schätze besitzen, ohne daß sie vor Räubern Angst zu haben brauchen. Ein sehr bescheidenes Maß von Klugheit genügt, um das Eigentum gegen Betrug und List zu sichern; von seiten der Gewalt drohen ihm nur höchst selten ernstliche Gefahren. Es gibt Millionäre, welche ihr Vermögen auf dem ganzen Erdball zerstreut haben, in Ländern, die sie nie betraten, bei Menschen, die sie niemals sahen, und welche gleichwohl gegen Verluste ebenso sicher sich fühlen, als hätten sie ihre Schätze in einem uneinnehmbaren Gewölbe verwahrt. Sie haben in eigenem Gewahrsam vielleicht nur ein mäßiges Taschengeld, während ihre Millionen aufsichtslos in fernen Weltteilen sich umhertreiben. Sie sind vielleicht die hilflosesten und feigsten Memmen offener Gewalt gegenüber, aber sie sind darum nicht minder mächtig; die Kühnheit Bayards und die Stärke Richards mit dem Löwenherzen würde darin keinen Unterschied machen. So ist es nicht immer gewesen. In der Vorzeit und noch jetzt in barbarischen und halbbarbarischen Ländern gilt der umgekehrte Satz: nicht Reichtum ist Macht, sondern Macht ist Reichtum. In den großen asiatischen Reichen waren und sind es die Sultane und Paschas, im mittelalterlichen Europa waren es die Kriegsfürsten und die Burgherren, welche von dem Fette des Landes lebten. Freilich gab es auch damals, wie jetzt, reiche Kaufleute und Fabrikanten, aber auch diese waren nur reich, sofern sie mächtig waren. Hinter Wällen und Gräben, mit Rossen und Reisigen und mit bewaffneten Orlogschiffen mußten sie täglich gerüstet sein, zu verteidigen, was der Fleiß erworben hatte. Das Wort »reich« bedeutete im Mittelalter geradezu »mächtig«, wie das lateinische Rex , mit welchem es stammverwandt ist, wie noch heute der Machtbezirk eines Königs sein »Reich« genannt wird. Unser »Vermögen« und ebenso das italienische » podere « vereinigt tiefsinnig beide Begriffe der Macht und des Besitzes und mahnt an die alten Zeiten, wo nur wer etwas vermochte , auch etwas besitzen konnte. Anfang und Ende der Kulturentwickelung spiegeln sich manchmal in den Worten und ihrer langsam sich wandelnden Bedeutung. Der erste König, sagt Voltaire, war ein glücklicher Soldat, und das Wort Soldat selbst erinnert uns schon daran, daß heutzutage das Geld auch den Krieg beherrscht. Im Orient, das heißt im rechten, unverfälschten Orient, gibt es nur einen einzigen reichen Mann, den Monarchen. Er hat die Macht, die gesamte Arbeitskraft seiner Untertanen für seinen alleinigen Nutzen auszubeuten, und nicht selten tut er es. Darum haben die Untertanen auch kaum Trieb und Lust, selbst etwas zu erwerben. Denn kaum besitzen sie etwas Begehrenswertes, so kommen des Königs Diener und nehmen es zu sich. Wie heute, so ist es seit Jahrtausenden gewesen. Der Pharao, unter welchem Joseph als Minister diente, war, gerade wie jetzt der Vizekönig von Ägypten, der Gutsherr des ganzen Landes. Das »monarchische Prinzip«, wie es dort noch gegenwärtig gilt, hat schon vor dreißig Jahrhunderten Samuel dem Volke Israel auseinandergesetzt, als es einen König begehrte, »wie alle Heiden haben«: »Eure Söhne wird er nehmen zu seinen Wagen und Reitern, die vor seinem Wagen hertraben, und zu Ackerleuten, die ihm seinen Acker bauen, und zu Schnittern in seiner Ernte, und daß sie seinen Harnisch, und was zu seinem Wagen gehört, machen. Eure Töchter aber wird er nehmen, daß sie Apothekerinnen, Köchinnen und Bäckerinnen seien. Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Knechten geben. Dazu von eurer Saat und euren Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Knechten geben. Und eure Knechte und Mägde und eure feinsten Jünglinge und eure Esel wird er nehmen und seine Geschäfte damit ausrichten. Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen, und ihr müsset seine Knechte sein.« Man sieht, so ziemlich alle die Dinge, wofür heutzutage Herr von Rothschild seine Handwerker und seine Dienstboten bar bezahlt, oder deren Genuß er sich durch Güterkäufe sichert, nimmt nach morgenländischem Staatsrechte der Herrscher den Leuten ohne viel Umstände und ohne Entgelt. Er ist auch reich, aber nur weil er der Stärkste ist von allen, und nur solange er der Stärkste ist. Wenn der König schwach und weibisch wird, so wird er auch ein Bettler. Ein fremder Eroberer oder ein ehrgeiziger Satrap stößt ihn weg von seinem Stuhle und wird reich an seiner Stelle. Die Kämmerer und Knechte des Herrn sammeln wohl auch durch Raub und Unterschleif ein anscheinendes Privatvermögen, aber es ist eben nur Schein. Keinen Tag sind sie ihres Besitzes sicher; die Hand des Herrn schwebt immer über ihnen, bereit, den vollen Schwamm auszudrücken und den Brunnen des Dieners in die große Zisterne des Königs zu leiten. Sicher sind nur, die nichts haben, und jedermann sucht daher wenigstens zu scheinen, als habe er nichts. Sorgfältig wird alles verheimlicht, was den Verdacht des Wohlstandes erwecken könnte; Gold und Silber wird verscharrt; der gute Braten wird hastig verschlungen hinter verriegelten Türen, mit zitternden Händen. Wie bei uns jeder für reicher gelten möchte, als er ist, so dort jeder für ärmer. Wer zu einem großen Herrn gerufen wird, kleidet sich in dürftige Gewänder und macht sein kläglichstes Gesicht; Prunk und Aufwand, dieser ewige Beschwerdepunkt europäischer Familienväter, ist das Privilegium der wenigen, welche sich stark genug wissen, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Wunderbar aber ist der Anblick, wenn einmal die allgemeine Furcht auf kurze Zeit von diesen Ländern hinweggenommen wird, wenn einmal ein weiser und menschenfreundlicher Fürst oder gar eine Reihenfolge wohlwollender Herrscher das Mißtrauen des Volks in Sicherheitsgefühl verwandelt. Dann pflegt mit unglaublicher Schnelligkeit eine kolossale Blüte des Reichs sich zu entfalten; die aber ebenso rasch unter dem Szepter des nächsten Tyrannen wieder verschwinden muß und nur in den Märchen und Sagen, wie die Erinnerung an eine goldene Zeit, fortlebt. Mit diesem Zustande hängt es denn auch zusammen, daß im Orient die Freigebigkeit, im Abendlande die Sparsamkeit des Regenten höher gepriesen wird. In Europa ist jene Sicherheit des unbewaffneten Reichtums, an welche wir gewöhnt sind, verhältnismäßig jungen Datums. Jedermann weiß, daß die berühmten Städte des Mittelalters, Venedig, Lübeck, Nürnberg, Brügge, Bürger zählten, welche an Reichtum mit Königen wetteiferten. Aber auch an Macht wetteiferten diese Städte mit den Königen; sonst würde es mit ihrem Reichtum bald zu Ende gewesen sein. Was für Augen hätten aber wohl die alten Magnifizi und Hochedlen gemacht, wenn man ihnen erzählt hätte, daß im neunzehnten Jahrhundert in einer einzigen Stadt, wie es jetzt in der City von London der Fall ist, mehr Schätze, als ihr ganzes Europa besitze, aufgehäuft liegen würden, in einer Stadt ohne Mauern und Gräben, nur bewacht von einigen hundert Männern mit kleinen Stöcken, und daß gleichwohl dieser unermeßliche Reichtum weniger gefährdet sein werde, als das Gold und Silber in den festesten Burgen des Mittelalters jemals gewesen sei! Der Umschwung, welchen in diesen Dingen die Zivilisation herbeigeführt hat, ist in der Tat ein ganz ungeheurer, und die Menschen haben, um an ihn zu glauben, lange, lange Zeit gebraucht. Der Bauer kann sich jetzt noch nicht recht denken, daß Hab' und Gut vor der Faust des Stärkeren sicher sei. Nur zögernd entschließt er sich, die blanken Goldstücke aus dem leiblichen Besitze zu entlassen und der Sparkasse anzuvertrauen. Wenn man in weltentlegene Dörfer kommt, so spürt man noch immer die altererbte Scheu des Volkes vor allem, was vornehm aussieht. Vornehm und räuberisch sind da noch dicht nebeneinander liegende Begriffe. Und selbst, wenn seit Menschenaltern ein geordneter Rechtszustand die alten Vorstellungen überwunden hat, haftet noch die alte Gewohnheit. Noch immer wandert mancher Sparpfennig in den Wollstrumpf hinter dem Schornstein oder in den eisernen Topf im Keller. Noch immer liebt es der Bauer, wenigstens dem Städter gegenüber, über schlechte Kornpreise und Viehsterben und schwere Gemeindelasten zu jammern. Man soll nicht merken, daß er vorwärts komme und das Geld zurücklege. Noch eine andere Erscheinung glaube ich auf uralte Volksanschauung zurückführen zu dürfen. Ich meine den außerordentlichen Wert, welchen noch heutzutage viele auf die Abstammung von denjenigen Klassen legen, die im Mittelalter die Macht und mit der Macht den Reichtum repräsentierten. Selbst in Ländern, wo der Geburtsadel nicht die geringsten politischen Vorteile mehr gewährt, erhält das feudale Gefühl sich mit merkwürdiger Zähigkeit. Der Pflanzer in Virginien blickt als Nachkomme englischer Kavaliere ebenso stolz auf seine plebejischen Mitbürger herab, wie der Enkel der Kreuzfahrer im Faubourg Saint-Germain auf die Emporkömmlinge des kaiserlichen Hofes, Kaiser und Kaiserin nicht ausgeschlossen. Und man würde sehr irren, wenn man annähme, diese Hochschätzung des Geblüts finde kein Echo in den Massen des amerikanischen und des französischen Volks. Der gewöhnliche Amerikaner hegt eine wahrhaft kindliche Ehrfurcht vor den heraldischen Herrlichkeiten, welche an die Zeiten des Faustrechts erinnern; einen wirklichen Grafen, einen lebendigen Lord zu sehen, ist ihm mehr Genuß, als alle Madonnen Rafaels und alle Aphroditen Griechenlands dem transatlantischen Touristen zu gewähren vermögen. Was den Franzosen betrifft, so wird er lieber die Guillotine wieder in Bewegung setzen, ehe er den »Erben der großen historischen Namen« auch nur den Schatten eines Vorrechts, sei es welcher Art es wolle, wieder einräumen möchte; aber der Franzose ist nichts weniger als gefühllos für die dekorativen Vorzüge, welche mit einem echten Herzogstitel oder Marquisat verknüpft sind. Man braucht nur die populäre Literatur, die gelesensten Blätter, die erfolgreichsten Bühnenstücke zu Rate zu ziehen, um sich hiervon zu überzeugen. Der Lieblingsheld der Pariser Ouvriers und Grisetten ist der junge Seigneur mit demokratischen Gesinnungen. Der reiche Bourgeois ist eine halb gehässige, halb komische Figur, und nirgends mehr, als in Paris, liebt es der emporgekommene Plebejer, sich – sei es auch nur durch den Visitenkartenstecher – ein wenig adeln zu lassen. Am deutlichsten prägt sich die Nachwirkung der feudalen Sitten in England aus. Dort hat das hohe Ansehen der großen grundbesitzenden Familien, welches nicht zu verwechseln ist mit der politischen Stellung der Pairie, alle Revolutionen und Reformen und selbst alle Triumphe der Industrie- und Geldwirtschaft überlebt, ohne künstliche Stützen, ohne Majorate, Ahnenproben und kleine Residenzen. Der Reichtum steht bei den Engländern in hohen, sehr hohen Ehren, aber recht respektabel erscheint er ihnen erst, wenn er es zu einem Familiengute gebracht hat und in Gestalt von »wirklichem« Eigentum ( real property , wie sie bedeutsam das unbewegliche Vermögen nennen) auf den ältesten Sohn sich vererbt. Das Kapital, in Grund und Boden angelegt, wirft die niedrigste Rente ab, aber sich in Grund und Boden zu verwandeln, ist das Ziel, auf welches alle Kapitalien, ganz gegen das wirtschaftliche Gesetz, hindrängen. Erst dann haben die großen Geldverdiener der City, die Baumwollenlords von Lancashire, die Magnaten der Aktienbörse nicht vergebens gelebt, wenn sie sich eine stattliche Herrschaft erworben haben und nunmehr, als Beherrscher einer untergebenen Bevölkerung von Pächtern und Häuslingen, aus der Sphäre der »Mittelklassen« hinübertreten in den Kreis der »guten Familien« des Landes. Erst indem er Gutsherr wird, wird der Plebejer »ein Gentleman« im eigentlichen Sinn des Wortes; bis dahin nannte man ihn nur aus Höflichkeit so. Denn ein Gentleman ist der Sohn oder das Haupt einer Familie, welche auf und von ihrem erb- und eigentümlichen Lande lebt, unabhängig von erwerbender Arbeit, unterhalten von dem Tribut der Gutsuntertanen, so, wie in den guten alten Zeiten die Barone und die Ritter gelebt haben. Die Eigentumsprobe ist dem Engländer wichtiger als die des Geblüts; in allen praktischen Beziehungen herrscht völlige Gleichheit zwischen dem Gentleman von altem und von neuem Datum; aber diejenigen, deren Vorfahren seit Jahrhunderten Grundherren gewesen sind, gelten gleichwohl für die Besten unter den Guten. Stolz ist derjenige, welcher sich rühmen kann, daß sein Urahn mit Wilhelm dem Eroberer ins Land gekommen und den Familiensitz vermittelst Raubes gewonnen hat; dagegen spricht man nicht gern davon, wenn man das Gut von dem seligen Mr. Smith um bare Guineen, redlich im Baumwollhandel oder durch Bierbrauen verdient, käuflich erstanden hat. Diejenigen männlichen Eigenschaften, so scheint es, welche in rechtlosen, gewaltsamen Zeiten unentbehrlich waren, um großen Besitz zu erwerben und zusammenzuhalten, also mit einem Worte hervorragende kriegerische Tüchtigkeit, diese Eigenschaften werden von den Menschen im Grunde noch immer mehr bewundert und wert gehalten, als die anderen Eigenschaften, welche in unserem zahmeren Zeitalter dem Gelderwerbe förderlich sind: Klugheit, Sparsamkeit, Fleiß. Tapferkeit und Stärke üben auf die Phantasie einen Zauber aus, der noch jetzt nachwirkt in dem Nimbus, mit welchem die Volksansicht den Adel umgibt. Denn der Adel, was er auch jetzt sein mag, war ursprünglich nichts anderes als die Ehre und die Beute der tapfersten Krieger. Nur mit dem Schwerte konnte ursprünglich die Herrschaft über Land und Leute, den einzigen Reichtum der feudalen Welt, erworben werden, und es ist zu beachten, daß diese Kunst, reich zu werden, sehr wohl verträglich und gewiß nicht selten verbunden war mit Charakterzügen, welche von jeher populär gewesen sind, mit Sorglosigkeit für das eigene Wohl, mit einer gewissen rohen Großmut und Freigebigkeit, während auf der anderen Seite unser kommerzieller und industrieller Reichtum nicht allein zu persönlicher Kraft und mannhaftem Mut in keinem notwendigen Verhältnis steht, sondern selbst durch gewisse häßliche Eigenschaften, durch Engherzigkeit, Furchtsamkeit, Härte, ja selbst durch Unredlichkeit eher gefördert als beeinträchtigt zu werden scheint, nicht selten auch als Geschenk des blinden Zufalls dem Unwürdigen zu teil wird und auf solche Weise im Volke recht eindringlich zu gleicher Zeit den Neid, den Haß und die Verachtung weckt. Hieraus erkläre ich es mir, wie es zugeht, daß einesteils an dem Besitze des Adels und an adeligem Besitz ein Duft von Romantik, freilich schwächer und schwächer werdend, haftet, andernteils die bloße Geldaristokratie den Fluch der Gemeinheit nicht los werden kann. Es ist merkwürdig, wie dieser Fluch auf das konkrete Symbol und Werkzeug des industriellen und merkantilen Reichtums, auf das bare Geld selbst sich überträgt. Zwar ist das Geld nicht der Reichtum selbst, aber beide sind für die gewöhnliche Anschauung gleichbedeutend geworden. Nicht wie viel Häuser und Äcker, Schiffe und Speicher, Rinder und Rosse einer habe, wird gefragt, sondern wie viel Mark? Die Phantasie malt sich den Talisman, welcher fremde Kräfte dem Besitzer untertan macht, immer in der Gestalt des geprägten, ausgemünzten Metalls. Gerade in dieser allbegehrten Gestalt aber hat der Reichtum am meisten den Zug des Verächtlichen, Unanständigen. Es ist, als fühle der Mensch diesem prägnantesten Symbole der zeitlichen Güter gegenüber eine Art von Scham vor sich selber und vor der Erbärmlichkeit, welche das Nichtigste zum Wichtigsten macht. Das bessere Bewußtsein regt sich instinktmäßig und protestiert gegen die Anmaßungen des Götzen, welcher die Schwelle des Allerheiligsten zu betreten versucht. Jeder fühlt sich verletzt, wenn die besten Leistungen geistiger oder sittlicher Kraft in Geld abgeschätzt werden; man fühlt, wie unziemlich es ist, eine Lebensrettung, eine große Offenbarung der Wahrheit, eine patriotische Tat mit klingender Münze zu belohnen. Wenn wir etwas besonders Köstliches bezeichnen wollen, so sagen wir nicht: »Es ist hunderttausend Dukaten wert«, sondern: »Es ist für Geld nicht zu kaufen«. Die alten Griechen bewiesen einen feinen Takt, da sie den Siegern in den heiligen Festspielen keinen anderen Preis bewilligten als den einfachen Kranz, der weder käuflich war noch verkäuflich. Daß ihre Dichter und Philosophen keine Honorare bezogen, war freilich eine notwendige Folge der mangelhaften Organisation ihres Buchhandels; aber es ist mir zweifelhaft, ob sie den Verkauf des geistigen Eigentums, auch wenn es möglich gewesen wäre, recht schicklich gefunden hätten. Sophokles und Äschylos bezogen jedenfalls keine Tantieme, und Plato nahm keine Bezahlung für seine philosophischen Vorträge. Freilich haben wir keine Sklaven, wie Griechen und Römer sie hatten, und unsere Schriftsteller und Lehrer müssen sich schon bequemen, in Geldsachen minder groß zu denken als die Alten, welche nicht um ihr tägliches Brot zu sorgen brauchten. Aber auch wir empfinden es noch als eine Entwürdigung, wenn einer bloß des Verlegersoldes wegen schreibt, bloß dem Eintrittsgelde zuliebe lehrt. Wie viele Schriftsteller seufzen wohl im stillen, daß es ihnen nicht vergönnt ist, zu arbeiten, ohne nach dem Lohne zu fragen! Daß der Handwerker sich jede Stunde seiner Arbeit bezahlen läßt, daß der Kaufmann darauf ausgeht, den höchsten Preis zu erzielen, finden wir ganz in der Ordnung, aber der Künstler, der Lehrer der Wissenschaft, der Dichter, welcher für den besten Markt arbeitet, erniedrigt, ja entehrt sich in unseren Augen. In unseren bürgerlichen Gemeinden sind Ehrenämter diejenigen, welche nichts einbringen, und selbst unsere Orden und Titel erscheinen als – nur geschmacklosere – Surrogate des unfruchtbaren Kranzes, mit welchem die Hellenen ihre Besten schmückten. Es gibt Erwerbsarten, welche auf wissenschaftlicher Bildung beruhen und doch eine Bezahlung ihrer Leistungen voraussetzen, wie die Advokatur und die ärztliche Praxis. Aber so tief begründet ist der Gegensatz zwischen wissenschaftlicher Würde und nackter Geldwirtschaft, daß Berufsgeschäfte dieser Gattung beinahe überall nach anderen als rein kaufmännischen Grundsätzen betrieben werden müssen. Die öffentliche Meinung, formuliert in einer stillschweigend anerkannten Standesetikette, fordert es so. Weder der Advokat noch der Arzt darf seine Dienste dem Meistbietenden verkaufen, sie dem Mittellosen versagen, Kunden aufsuchen, durch wohlfeilere Bedienung das Publikum anlocken. Die Gesetze der Konkurrenz existieren für sie nicht; in manchen Staaten versagt ihnen das Gesetz sogar das Recht der gerichtlichen Einklagung der ihnen zukommenden Remunerationen, in den meisten schreibt die Obrigkeit vor, wie hoch sie ihre Arbeit anrechnen dürfen. Das, was sie dem Publikum bieten, ist etwas Höheres als Ware und Lohnarbeit, oder soll es doch sein. Ebenso verhält es sich mit dem Staatsdienste, für welchen die Besoldungen gewöhnlich weit knapper zugeschnitten sind als die Remunerationen, deren die Diener der Privatindustrie sich erfreuen. Ein Oberkellner, ein Zuschneider, ein Bankkassierer steht sich in der Regel besser als ein Offizier, ein Richter oder ein Zollbeamter. Aber das Staatsamt soll eben nicht eine bloße bürgerliche Nahrung sein, obwohl viele es so behandeln. Es hängt hiermit zusammen, daß einige Berufsarten als anständig für »guter Leute Kind« gelten, andere nicht. In England kann der jüngere Sohn eines wirklichen Gentleman, ohne Kaste zu verlieren, seinen Lebensunterhalt nur in drei Laufbahnen verdienen, als Staatsdiener, als Geistlicher, als Offizier, – allenfalls auch als Anwalt und als Arzt. Alle diese Berufsarten haben das Charakteristische, daß in ihnen zwischen Leistung und Bezahlung kein direktes Verhältnis obwaltet. Das Geld kommt mit ihnen sozusagen nur in mittelbare Berührung, und eben deshalb gelten sie für anständiger. Jede Arbeit, welche direkt mit Geld aufgewogen wird, hat, wenn sie auch weit gewinnbringender ist, einen geringeren Rang. Eine ähnliche Anschauung finden wir auch auf dem Kontinent, mit lokalen Abweichungen natürlich, aber in der Hauptsache auf dem nämlichen Gefühle beruhend. Selbst diejenigen, welche persönlich durch die Unterscheidung gedemütigt werden, machen doch die Unterscheidung mit. Der Handwerker ist stolz darauf, seinen Sohn studieren zu lassen, wenn auch Hobelbank und Amboß mehr Geld einbringen als die Doktorwürde. Der Bauer trachtet danach, aus einem seiner Kinder einen Herrn Kandidaten zu machen, wenn schon die kirchliche Laufbahn nicht gerade zu den glänzenden gerechnet werden kann. Der Bankier weidet sich an der Gloire seines Erstgeborenen, welcher bei dem berühmten und bekanntlich äußerst exklusiven Kürassierregimente einen nicht unerheblichen Teil der väterlichen Einkünste als Kavalier verzehrt. In den Vereinigten Staaten von Amerika, sagt man, fehle ein solches Gefühl für die Rangordnung der Arbeit gänzlich. Jede Beschäftigung, vermittels deren man Geld verdiene, gelte für gleich anständig. Und gewöhnlich wird dies als ein Vorzug der Vereinigten Staaten gepriesen. Wenn die Sache sich wirklich so verhält, was noch bezweifelt werden mag, so muß man sagen, daß es löblich ist, jede nützliche Tätigkeit, auch die niedrigste, höher zu ehren als das Nichtstun des dünkelhaften Gecken. Ob es aber ebenso löblich ist, das Geldverdienen zum ausschließlichen Wertmesser der Beschäftigungen zu machen, ist eine andere Frage. Dazu sind die Menschen ohnehin sehr geneigt, auch ohne daß man es ihnen als besondere Weisheit predigt. Allein ich für meinen Teil entscheide mich doch lieber für die europäische Ansicht, die wohl mit allerlei Schiefem und Verkehrtem versetzt ist, aber doch schließlich auf den alten Satz zurückführt, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Heilsam und ehrwürdig erscheint mir das dunkle Gefühl, welches unsere Bauern und Handwerker antreibt, sich das Geld am Munde abzudarben, damit ihre Kinder von dumpfer Handarbeit zur Gehirnarbeit aufrücken können. Man braucht nicht zu fürchten, daß die Leute zu wenig Respekt vor dem Gelde bekommen möchten. Das Bewußtsein von der Vulgarität des Geldes tritt auch dann in uns hervor, wenn wir in der Lage sind, jemand ein Geschenk zu machen. Welche Mühe geben wir uns nicht, den Geschenken einen Wert zu verleihen, der vom Gelde unabhängig sei. Das einfachste wäre ja, das Geld selbst zu schenken, aber alle Welt findet das unanständig und selbst beleidigend. Kindern und Dienstboten allein gibt man die blanke Münze ohne Bedenken. Selbst den Geldwert der Gabe sucht man zu verstecken. Die kleinen verräterischen Zettel, auf denen der Verkäufer den Preis vermerkt hat, werden sorgfältig abgetrennt, und sehr verlegen wird, wer zu spät beim Gratulationsbesuche plötzlich gewahrt, daß er diese Operation vergessen hat. Er schämt sich wie über eine Unschicklichkeit. Dies geht noch weiter. Nicht allein das Geld selber, sondern alles, was an Geld zu sehr erinnert, wird eben dadurch unfähig, als Geschenk, als ein Zeichen der Liebe, des Dankes, der Verehrung zu dienen. Also das Notwendige, das Nützliche, welches einzutauschen ja die wichtigste Bestimmung des Geldes ist. Man wird nicht leicht jemand, der uns geholfen oder erbaut oder erfreut hat, ein Paar Stiefel oder ein Faß Mehl oder ein Fuder Brennholz zuschicken. Auch nicht ein Dutzend Strümpfe, es sei denn, daß man sie selbst gestrickt hätte. Je weniger nützlich ein Gegenstand ist, desto besser eignet er sich zu einer Ehrenspende, und die geradezu unbrauchbaren, die höchstens zur Zierde dienen können, gelten für die ehrenvollsten: kunstvoll gearbeitete Waffen, Büsten, prunkvolle Schreibzeuge, unbequeme Pokale und dergleichen Dinge mehr, welche für sein Geld zu kaufen dem Beschenkten schwerlich jemals einfallen würde. Selbst die Freundschaftsgeschenke verraten gewöhnlich diese Abneigung gegen das Nützlichkeitsprinzip, und je ferner die Beziehungen werden, desto unerlaubter werden Geschenke, welche jemand »gut gebrauchen kann«. Nur den Nächststehenden sieht man es nach, wenn sie Spenden für den täglichen Hausbedarf bringen oder Gaben von unverschleierter Kostbarkeit widmen; der Fernstehende darf nur mit flüchtigen Spielereien seine Teilnahme bezeigen. Es gibt eine sein nuancierte Skala des Geziemenden, von dem Blumensträuße und der Bonbonniere, welche ein junger Herr selbst der unverheirateten Tochter des Gastfreundes überreichen darf, bis zu dem Brillantschmuck, den der verlobte Bräutigam seiner Erwählten auf den Weihnachtstisch legen mag. Bares Geld aber dürfte auch der Bräutigam nicht schenken; dieses Vorrecht steht nur dem Ehemann und den Eltern und allenfalls den älteren Onkeln und Tanten zu. Auf den Zwischenstufen zwischen diesen Extremen gibt es zahlreiche Regeln zu beachten, um dem Geschenke das beschämende Element, die Erinnerung an den Ladenpreis, zu benehmen. Das wirksamste Mittel ist immer die persönliche Arbeit, deren Verwendung auf den Gegenstand nicht in Geld berechnet werden kann. Damit geben wir eigene, nicht fremde Kraft. Eine Geldbörse, welche eine liebenswürdige Dame für uns gehäkelt hat, ist etwas ganz anderes als ein ganzer Laden voll von diesem Artikel. Die Herren sind, da sie sich auf Häkeleien nicht verstehen, schlimmer daran als die Frauen. Gewöhnlich müssen sie sich darauf beschränken, die persönliche Arbeit durch die persönliche Auswahl zu ersetzen, was denn freilich auch nicht ohne Seufzen abzugehen pflegt. Glücklich, wer zuweilen Rebhühner und Hasen selbst schießt und damit ein befreundetes Haus sich verbinden kann. Es soll vorkommen, daß solche Jagdgeschenke beim Wildhändler gekauft werden; aber es ist nie gehört worden, daß der Geber den Kauf eingestanden hätte. Empfehlung verdient auch, aus fremden Städten Seltenheiten und Leckereien, welche daheim nicht zu haben sind, mitzubringen und bei passenden Gelegenheiten zu verwenden. Das Fäßchen mit Austern, die Schachtel mit Leipziger Lerchen, die Pastete aus Straßburg und der russische Kaviar sind geschmackvolle Geschenke in mehr als einem Sinne; sie demütigen den Empfänger nicht und sind ihm doch auch nicht bloße Tändelei; sie werden mit dankbarem Lächeln aufgenommen, wo ein Zentner des nützlichsten Rindfleisches Abscheu und Entrüstung erregen würde. Jene repräsentieren die Aufmerksamkeit des Freundes, dieses steht in einer unabweislichen Ideenverbindung mit der Schlächterrechnung, mit dem leidigen Gelde, mit dem Schmutze und der Misere des Lebens. Es gibt reinliche Plätzchen in unserem Dasein, welche die unsauberen Füße unseres Götzen nicht entweihen sollen. Wir drängen ihn hinaus, wir werfen verhüllende Tücher über ihn und wissen selber nicht warum. Daß Mammon ein Teufel sei, weiß der Leser aus seinem Milton, und daß auch auf den Teufel die Kultur sich erstreckt, weiß er aus seinem Faust. Es gibt barbarischen Reichtum und es gibt zivilisierten Reichtum. Ersterer ist im neunzehnten Jahrhundert ungemein häufig; er ist wahrscheinlich es zu allen Zeiten gewesen. Letzterer ist wohl nicht immer so selten gewesen wie jetzt. Aber es gibt Stufen in der Barbarei, wie in allen Dingen; es gibt eine rohe und eine weniger rohe Art der Selbstbefriedigung. Mancher sucht sie in Fressen und Saufen und in tierischer Wollust, und das ist die unterste Stufe. Es macht dabei wenig Unterschied, ob dabei bäurische Völlerei, oder ob ein Schwelgen in den Feinheiten der Pariser Küche zu Tage kommt, ob die Orgien in einer Matrosenkneipe oder in einem parfümierten Boudoir gefeiert werden. Die Verschiedenheit liegt in den Nerven (oft nicht einmal darin), die Bestialität ist die nämliche. Der übertriebene Luxus in Speisen und Getränken, welcher auf den Tafeln unseres wohlhabenden Bürgerstandes sich breit macht, ist, ich will nicht gerade sagen bestialisch, denn man soll den Teufel nicht schwärzer machen, als er ist, nein, aber er ist vulgär und barbarisch. Geschmacklos, mit einem Worte, und eine Tortur für den gebildeten Mann, der in solche Circeställe hineingerät. Ein ganz klein wenig höher als die Barbarei der untersten Stufe steht die der Prunksucht. Sie sucht ihre Befriedigung wenigstens nicht in dem Taumel und Kitzel des Fleisches, sondern in einer Reflexion, in dem Gedanken, anderen zu imponieren, den Neid der Mitmenschen anzustacheln. Es ist eine armselige Barbarei, welche Größe in dem Kleinsten sucht, aber sie ist dem natürlichen Menschen so angeboren, daß er, kaum satt geworden, in allen Zonen der Erde nichts Eiligeres zu tun hat, als Nase und Ohren, Arme und Beine mit seinem bißchen Reichtum zu behängen. Das Herausputzen der eigenen Person ist das Nächstliegende, worauf die Prunksucht sich wirft; man erkennt daran die Kinder unter den Völkern, während die allmählich erwachende Erkenntnis, daß Flitterstaat und bunte Bänder der männlichen Würde widersprechen, das Zeichen gereifter Nationen ist. Daher sind in naiven Zeitaltern die Kostüme prächtiger; nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer beladen sich mit Schmucksachen; die jungen Mädchen tragen nicht selten ihre ganze Mitgift in Gold und Silber an ihrem Putze mit sich umher. Seit dem vorigen Jahrhundert ist in Europa ein beachtenswerter Umschwung gegen diese Form der Barbarei eingetreten, das heißt unter den Männern; denn das weibliche Geschlecht hat sich den kindlichen Standpunkt mit unerschütterlicher Festigkeit zu erhalten gewußt. Aber die männliche Tracht ist immer einfacher geworden; das oberste Gesetz der guten Gesellschaft ist »nicht aufzufallen«; der Prinz von Wales darf sich nicht glänzender tragen als sein Kammerdiener. Im Gegenteil, die Bedienten tragen jetzt die güldenen Tressen und Borten, mit welchen vormals die Kavaliere einherstolzierten. Ostentation der männlichen Tracht findet man nur noch auf den beiden äußersten Sprossen der sozialen Leiter, bei den Bauern und an den Höfen. Bei jenen ist sie in der Abnahme begriffen; das Terrain wird immer enger, wo der Landmann Taler und Gulden, so viel wie möglich, auf die Kleider näht, oder wo er, um seinen Reichtum zu entfalten, bei feierlichen Anlässen, alle seine Röcke auf einmal anzieht, sechs, sieben übereinander. Die Höfe der Fürsten dagegen halten nach wie vor an den gestickten Uniformen fest, ob aus Kindlichkeit oder aus Berechnung, weiß ich nicht. Auf den Kleiderluxus folgt in aufsteigender Linie die Ausschmückung der Wohnungen, zuerst in der Richtung des Glanzes, dann der Bequemlichkeit und Sauberkeit, zuletzt einer harmonischen Vereinigung beider, und zwar, wenn das Glück es will, einer künstlerischen Harmonie. Auf diesem Punkte angelangt, hört die Barbarei des Reichtums, wenn auch noch nicht sein Egoismus, auf. Bei uns zu Lande wird man am häufigsten den Reichtum bemüht finden, Bequemlichkeit und Schimmer miteinander zu verbinden; doch will ich nicht behaupten, daß er dabei auf Harmonie einen übertriebenen Wert lege. Gewöhnlich wird die Sache einem großstädtischen »Dekorateur« ( vulgo Tapezierer) überlassen, welcher die ganze Herrlichkeit in Entreprise nimmt. Man sieht mehr auf hohe Bezahlung als auf gute Behandlung, mehr auf die Mode als auf die Schönheit, – von einem durchgeführten Kunststil ist in den wenigsten Fallen die Rede. Die zahlreichen Gelegenheiten zu Verstößen gegen den guten Geschmack, welche die Einrichtung des Hauses darbietet, werden in der Regel mit einer Gewissenhaftigkeit benutzt, die einer besseren Sache würdig wäre; die nicht minder zahlreichen Gelegenheiten dagegen zur Anbringung eines würdigen Kunstschmuckes sorgfältig ignoriert. Wenn der leitende Gedanke ist, Neid zu erregen, so empfiehlt sich das übliche Verfahren durchaus. Denn die fremden Beschauer der Wohnung werden wohl die vergoldeten Wände, die Samtvorhänge und die eingelegten Tische neidisch anstaunen, nicht aber die architektonischen Linien, die guten Gemälde und die Skulpturen. Entweder ahnen sie deren Wert nicht, und dann können sie natürlich keinen Neid empfinden, oder sie würdigen diese Schätze, und dann, anstatt vor Mißgunst zu platzen, freuen sie sich, daß einmal das viele Geld in die rechten Hände gekommen ist. In beiden Fällen wäre der Zweck verfehlt. Es ist sehr schwer, daß ein Reicher in das Himmelreich komme. Aber unmöglich ist es nicht. Der Reiche hat in seiner Hand das mächtigste Mittel zur Selbstbefriedigung; er verfügt über einen stets dienstwilligen Dämon, welcher jede Begierde der Sinnlichkeit zu erfüllen, jeder Laune der Eitelkeit zu gehorchen verspricht. Aber es liegt nur an dem Reichen selbst, welche Werke er seinem Dämon auftragen will. Derselbe ist zu guten wie zu schlechten Streichen wohl aufgelegt, und er hat, zu guter Hand und zu guter Stunde, viel Schönes und Herrliches zu stande gebracht. In der guten Hand wird selbst das Geld geadelt und die gute Stunde verwandelt den Versucher in einen Engel des Segens. Es gibt einen Gebrauch des Reichtums, welcher am meisten beneidenswert ist und doch dem Neide Stillschweigen auferlegt: der Gebrauch, welcher anstatt des eigenen das Wohl aller im Auge hat und die Kräfte der anderen nur darum beherrscht, um den anderen desto besser dienen zu können. Dies ist ein langweiliges Thema, weil, was darüber gesagt werden könnte, jeder leicht sich selber sagen mag, und weil es in der Tat auf diesem Gebiete weniger zu bedenken als zu beherzigen gibt. Wenn ich eine Predigt halten sollte über den Text: Man kann nicht zween Herren dienen, man kann nicht zugleich Gott und dem Mammon gehorchen, so würde ich mich kurz fassen und sagen: Darum dienet Gott und lasset euren Mammon ihm auch dienen. Amen. Die Freuden des Lebens (1890) 1. Sir John Lubbock, der berühmte Prähistoriker und Erforscher der Insektenseele, hat ein Buch über die Freuden des Lebens, the Pleasures of Life , geschrieben. Geschrieben ist vielleicht nicht das richtige Wort; jedenfalls ist das Buch nicht als Buch aus der Feder geflossen. Als berühmter Gelehrter, Baronet und Parlamentsmitglied hat Sir John häufig Veranlassung, bei Schulfeierlichkeiten und Eröffnungen wissenschaftlicher Institute die Festrede zu halten, und diese Gelegenheit hat er benutzt, um seinen, meistens jugendlichen, Zuhörern zu zeigen, ein wie großes Privilegium und Glück ihnen durch den Eintritt in das menschliche Leben zu teil werde. Diese Ansprachen, etwa zwei Dutzend an der Zahl, hat er etwas retuschiert und mit Kapitelüberschriften versehen, z. B. »Das Glück, Freunde zu haben«, »Der Wert der Zeit«, »Die Freuden des Reifens«, »Die Freuden der Häuslichkeit«, »Die Schönheiten der Natur«, »Kunst«, »Poesie«, »Gesundheit« u. s. w., und die Firma Macmillan \& Co. hat dann ein Buch daraus gemacht, zwei mäßige Oktavbändchen, splendide gedruckt, elegant gebunden, Preis sieben Schilling. Binnen drei Jahren sind ungefähr sechzigtausend Exemplare abgesetzt und ist außerdem eine wohlfeilere Volksausgabe in vielen Auflagen erschienen. Dieser buchhändlerische Erfolg ist für uns Deutsche vielleicht das Merkwürdigste an dem Buche. Bei uns könnte ein spannender Roman, ein Beitrag zur brennendsten Kontroverse des Tages, eine Sammlung pikanter Indiskretionen kaum annähernd auf solchen Absatz rechnen, wenigstens nicht bei einem Ladenpreise von sieben Mark. Das Buch Lubbocks, ein bloßes Nebenprodukt seiner Betriebsamkeit, wendet sich weder an die Leidenschaften noch an die Skandalsucht, noch an das Unterhaltungbedürfnis. Es bietet gelegentliche Betrachtungen über Themata der Lebensweisheit und der Pädagogik, die des Reizes der Neuheit entbehren. Ich will gleich hinzufügen, daß die Betrachtungen selbst durchaus nicht besonders geistreich, blendend und überraschend sind. Wie erklärt sich nun die Ziffer Sechzigtausend? Ich höre die bekannte Antwort: in England gibt es weit mehr reiche Leute als in Deutschland. Allein das erklärt nur den Grad des Unterschiedes, nicht den Unterschied selbst, der zwischen den Schicksalen englischer und deutscher Bücher besteht. Wenn die deutschen Absatzziffern etwa die Hälfte der britischen betrügen, würde ich es ganz natürlich finden und kein Wort darüber verlieren. Aber der eigentliche Grund steckt nicht im Geldbeutel, sondern in der geistigen Kultur. Gott soll mich davor bewahren, daß ich behaupten sollte, unser Volk stehe in der Bildung tiefer als irgend ein anderes. Wohl aber fürchte ich, daß in dieser Beziehung unsere reichen und wohlhabenden Klassen anders, und zwar tiefer stehen, durchschnittlich genommen, als die reichen und wohlhabenden Klassen in England. Die letzteren haben als Klassen, ganz abgesehen von individuellen Vorlieben, ein festes, traditionelles Pietäts- und Respektsverhältnis zu den geistigen Koryphäen der Nation. Wenn ein Engländer es einmal dahin gebracht hat, zu diesen Koryphäen gezählt zu werden, mag er Darwin, Gladstone, Tennyson oder Lubbock heißen, dann mag er schreiben, worüber er will, er kann ziemlich sicher sein, daß das Publikum seinen Verleger nicht im Stiche laßt. Für die Wohlhabenden, die doch meist zu den Gebildeten und zur guten Gesellschaft gerechnet sein wollen, ist es eine Anstandspflicht, von dem neuen Buche Notiz zu nehmen, wäre es auch nur, indem sie es auf den Tisch ihres Parlour legten. Gewiß ist dabei viel äußerer Schein, wenn man will, pure Heuchelei. Aber man heuchelt doch immer nur solche Interessen, die in Ansehen stehen. In Deutschland würde ein Majoratsherr, ein Börsenfürst, ein General, ein Minister nicht leicht auf den Gedanken kommen, daß es für ihn unanständig sein würde, um die neueste Schrift von Helmholtz, von Mommsen, von Ihering oder von Virchow sich gar nicht zu kümmern, vielleicht nicht einmal den Titel zu kennen. Einer und der andere dieser Bevorzugten kauft wohl auch derartige Schriften, aber ich glaube, daß seine Standesgenossen, wenn sie es erführen, den Kopf schütteln würden. Das deutsche Kulturleben ruht auf den breiteren Mittelschichten, die nur leider nicht sehr kaufkräftig sind. Daß ihm dies breite Fundament erhalten bleibe, ist natürlich zu wünschen, aber es wäre nicht übel, wenn die oberen Stockwerke ein wenig nach englischem Muster eingerichtet würden. Wenn die Edelsten der Nation auch an Bildung keinem nachstehen, so ist das ein Gewinn für sie selbst und für die Nation. 2. Ich will nicht gesagt haben, daß allein der Name des Verfassers den Erfolg des Verlegers erkläre. Das Thema hat sicherlich viel dazu beigetragen. »Wir sind im ganzen, wenn ich nicht irre, eine etwas melancholische Rasse,« bemerkt Lubbock; aber die Engländer besitzen neben ihrem Spleen auch einen sehr robusten Willen zur Bejahung des Lebens. Gerade ein solches Volk mit doppeltem Hange zu energischer Kraftentfaltung und zu grüblerischer Meditation muß sich beunruhigt und bedrückt fühlen, wenn der Weltschmerz, der im Gewande der Dichtung immer noch einen gewissen Genuß gewährte, im Mantel des Philosophen auftritt, als systematischer Pessimismus und mit einer Beredsamkeit, die erschütternder wirkt als die der Poeten, seine furchtbare Beweisführung antritt, daß alles eitel sei und das Leben nicht des Lebens wert. Und es ist ganz unverkennbar, daß die pessimistische Philosophie, von Deutschland ausgehend, in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren unter den gebildeten Engländern, ich will nicht sagen viele Anhänger, wohl aber viele aufmerksame Hörer gefunden hat. Und wie auf dem Kontinent, so hat auch jenseit des Kanals sich die Erfahrung bewährt, daß die düstere Lehre auch da, wo sie heftigem Widerspruch, leidenschaftlicher Ablehnung begegnet, schwere Schatten über die Gemüter ausbreitet. Wissenschaftlich diese Verzweiflung am Dasein überwunden zu sehen, wird ein brennendes Bedürfnis gerade derjenigen, deren Lebenselement es ist, mit einer Art enthusiastischer Zähigkeit, der spezifisch angelsächsischen Tugend, gegen die Mängel und Leiden der Welt zu kämpfen, während sie andererseits nicht leichtfertig und oberflächlich genug sind, um sich die unfrohe Botschaft, die sich auf eine Menge unleugbarer Erfahrungen beruft, einfach aus dem Sinn zu schlagen. In solcher Stimmung betrachtet der Mensch den, der den unwillkommenen Apostel bündig des Irrtums überführt, als einen Erlöser. Das geistige Leben der Engländer tritt uns zwar bei weitem nicht ausschließlich, aber besonders deutlich in den beiden Formen des Romans und des Essay entgegen. In den Romanen höherer Gattung und in den zahlreichen Reviews des Inselreichs trifft man auf Schritt und Tritt die Spuren jener Unruhe und Beklemmung, die der Pessimismus zurückgelassen hat: eine allgemeinere Bereitwilligkeit, die Schwere und das Dunkel des Menschenloses anzuerkennen und zu betrachten, eine tiefere Ergriffenheit beim Anblick des massenhaften Elends, und bei den Optimisten selbst eine gedämpftere Stimmung, ein diskreteres Auftreten, ein Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, eine Neigung, zu polemisieren, lauter Symptome, daß die Naivität und Sicherheit verloren gegangen oder ins Schwanken geraten sind. Im innersten Kern, das ist mir nicht zweifelhaft, lehnt die angelsächsische Natur die Weltverzweiflung und die Weltverneinung ab; ernsthaft aber und gewissenhaft wie sie ist, verlangt sie bündige Argumente für das Verdikt, das sie zu fällen entschlossen ist; es soll alles gerecht und »fair« zugehen wie vor der Jury; beide Parteien sollen ungehindert zu Worte kommen; hoffentlich wird denn doch die Beweisführung zu einem Siege führen, der dem Herzenswünsche entspricht. Als Sir John Lubbock nun durch den Titel seines Buches anzukündigen schien, daß er gegen den Pessimismus zu plädieren beabsichtige, da, denk' ich mir, ging durch die englische Lesewelt ein Gefühl des Behagens, wie es durch das Publikum des Gerichtssaals geht, wenn ein berühmter Anwalt sich erhebt, um einen unpopulären Angeklagten der Verurteilung zu überliefern. Ein solcher Anwalt, wenn er nur zu sprechen versteht, hat eine leichte Aufgabe: was ihm etwa an Argumenten abgeht, ersetzt ihm die Sympathie der Zuhörer. Dies erklärt die fünfzig Auflagen. 3. Der Inhalt reicht nicht aus, die Popularität des Buches zu erklären. Von einer wirklichen Erfassung des düsteren Problems ist nicht die Rede, geschweige von einer siegreichen Lösung, die freilich meines Erachtens auf dem Wege der Argumentation überhaupt nicht möglich ist. Lubbock beweist uns etwas, was eigentlich niemand bestreitet, daß nämlich unter günstigen Umständen sich auf Erden sehr wohl ein zufriedenes Dasein führen läßt. Die Behauptung des Pessimisten geht auf die Summe der bewußten Existenzen, in welcher ihm zufolge Not und Schmerz die Freuden weit überwiegt, notwendig überwiegt und immer überwiegen wird, trotz aller Fortschritte in der Zivilisation, ja zum Teil wegen dieser Fortschritte, die immer neue Begierden erwecken und die Empfänglichkeit für das Leiden erhöhen. Die Beschaffenheit der Welt, vor allem die Natur des Willens, der nach der Befriedigung sofort die Leere fühlt und nach erneuter Befriedigung hungern muß, das sind die beiden unheilbaren Übel, die keine Erlösung zulassen als in der Vernichtung. Dem gegenüber die guten Dinge, die der Mensch sich verschaffen kann, aufzuzählen, das ist ungefähr so, als wenn man den Parisern sagen wollte, sie hätten im Winter 1870/71 ein behagliches Leben geführt, weil, wer es verstand und das erforderliche Geld besaß, auch während der Belagerung jeden Tag einen guten Braten auf dem Tische haben konnte. In dem berühmten Kapitel Schopenhauers »Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens« tönt es wie dumpfer Posaunenschall, gegen den das gemütliche Flötenspiel des englischen Philosophen nicht aufkommt. Man höre z. B. folgendes: »Wenn das Leben an sich selbst ein schätzbares Gut und dem Nichtsein entschieden vorzuziehen wäre, so brauchte die Ausgangspforte nicht von so entsetzlichen Wächtern, wie der Tod mit seinen Schrecken ist, besetzt zu sein. Aber wer würde im Leben, wie es ist, ausharren, wenn der Tod minder schrecklich wäre? Und wer könnte auch nur den Gedanken des Todes ertragen, wenn das Leben eine Freude wäre? So aber hat jener immer noch das Gute, das Ende des Lebens zu sein, und wir trösten uns über die Leiden des Lebens mit dem Tode und über den Tod mit den Leiden des Lebens. Die Wahrheit ist, daß beide unzertrennlich zusammengehören, indem sie ein Irrsal ausmachen, von welchem zurückzukommen, so schwer wie wünschenswert ist.... Und dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, wo sodann mit der Erkenntnis die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, wächst, welche daher im Menschen ihren höchsten Grad erreicht und einen umso höheren, je intelligenter er ist, – dieser Welt hat man das System des Optimismus und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstrieren wollen. Die Absurdität ist schreiend.« Damit vergleiche man, was Lubbock sagt: »Wenn wir unser Bestes tun, wenn wir nicht kleine Verdrießlichkeiten vergrößern, wenn wir die Dinge, ich will nicht sagen, von ihrer hellen Seite, aber so, wie sie sind, entschlossen ins Auge fassen, wenn wir die vielfachen uns umgebenden Segnungen ausnutzen, so können wir uns des Gefühls nicht erwehren, daß das Leben wirklich ein herrliches Erbteil ist.« Viermal wenn ! Ob es richtig ist, daß, wer diese vier Bedingungen erfüllt, das Leben herrlich finden muß, mag dahingestellt bleiben; der Psalmist ist offenbar anderer Meinung gewesen, als er das köstlichste Menschenlos für eitel Mühe und Arbeit erklärte. Angenommen aber selbst, es verhielte sich so, wie Lubbock sagt, so bliebe sein Trost doch immer ein recht schwacher Trost, denn die allermeisten Menschen können die Bedingungen des Glücks nicht erfüllen, und gerade darin, daß sie es nicht können, wurzelt das Leiden der Welt. »Unser Bestes« zu tun, das Beste, dessen die menschliche Natur fähig ist, das vermögen nur wenige Auserlesene. Kleine Verdrießlichkeiten sind für den, der sie als große Plagen empfindet, ganz dasselbe wie große Plagen, und ob er sie so empfindet, das hängt nicht von seinem Belieben ab, sondern von seinem angeborenen Temperament und von der ihm verliehenen Urteilskraft. Nicht davon zu reden, daß es auch in den gewöhnlichsten Lebensläufen neben den kleinen auch eine stattliche Reihe großer Plagen zu geben pflegt, die nicht weichen, wenn man sie mit Objektivität ins Auge faßt. Und was endlich »die vielfachen uns umgebenden Segnungen« betrifft, die wir nur gehörig ausnutzen sollen, – ja, du lieber Himmel, mit diesen Segnungen hat es eine ähnliche Bewandtnis wie mit dem berühmten Reis- und Pflaumengerichte der Tagelöhner Fritz Reuters: »Wir kriegen sie man nicht.« Wenn man den Lebensteppich, den Lubbock vor uns ausbreitet, etwas näher betrachtet, so taucht unwillkürlich – mir wenigstens – der Gedanke auf: Wie viel mag das wohl im Jahr kosten? Freuden der Häuslichkeit und der Freundschaft, genußreiche Stunden im wohlausgestatteten Büchersaal, Ritte am Meeresstrand und über die purpurne Heide, Besuche von Zeit zu Zeit am Golf von Neapel, in den Ruinen Thebens oder wo sonst abgestattet, Entzückungen des Forschers, dem die Geheimnisse der Natur sich langsam enthüllen, Musik, Malerei, Skulptur, die dem Alltagsleben ihren Schmuck verleihen – wie viel kostet das im Jahre? Die Herrlichkeiten, die uns vorgehalten werden, sind für Familienväter mit tausend Pfund Sterling Rente und darüber gewiß beachtenswert; für den Massenkonsum sind sie nicht berechnet. Ich weiß nicht, ob es zu hoch gerechnet ist, wenn man annimmt, daß ein Tausendstel der gesamten Menschheit die Mittel besitzt, um sich nach diesem Rezepte des Lebens zu freuen. Aber die Geldmittel genügen allein nicht, um das Glück zu kaufen. Man muß auch verschont bleiben von allen den unzähligen Widerwärtigkeiten, die den Reichen wie den Armen bedrohen, Krankheit, ungeratenen Kindern, schlechten Nachbarn, beschwerlichen Kollegen, langweiligem Umgang, schlimmen Dienstboten, – ich überlasse es der Lebenserfahrung des geneigten Lesers, die Reihe mit Grazie fortzusetzen. Man muß ferner frei sein von den Affekten, die den süßesten Trank in Wermut verwandeln, von Neid, Ehrgeiz, Zanksucht, Geringschätzung des Erlangten, Begierde nach dem Unerreichbaren. Und man muß drittens innerlich so beschaffen sein, daß man wirklichen Genuß empfindet, wenn Natur und Kunst und Wissenschaft ihre Reize entfalten. Zehntausende sind es, die alljährlich die berühmten Aussichtspunkte der Welt absuchen und durch die Galerien des Louvre, des Vatikan und des Palastes Pitti wandern, aber wer einmal solche Pilgerscharen mit prüfendem Blick beobachtet hat, der wird schwerlich daran glauben, daß die Mehrzahl im Innern jubelt. Die Zahl der wahrhaft Bevorzugten schmilzt bedenklich zusammen. 4. Um übrigens Lubbock nicht zu nahe zu treten, muß ich bemerken, daß er auch an die unbemittelte Mehrheit ein wenig gedacht hat. Er versucht sie zu trösten, und es ist für den englischen Optimisten sehr bezeichnend, wie er es versucht. »Epikur hat gesagt, daß es für unser Wohlbefinden wichtiger sei, wenig Bedürfnisse zu haben als großen Reichtum. Aber in unserem glücklichen Lande ist es uns möglich, viele Bedürfnisse zu haben und gleichwohl sie alle, wenn sie nur vernünftig sind, zu befriedigen.« Reichtum macht mehr Sorge als Vergnügen, aber freilich »muß man wohl einräumen, daß der Besitz irgend eines Einkommens, das im Laufe der Jahre sich vermehrt, zum Lebensglücke beiträgt«. Manche auserlesene Genüsse sind dem Mittellosen ebenso zugänglich wie dem Wohlhabenden. Jedermann hat den Anblick der Landschaft, der Seeküste, des Himmels; wir alle besitzen Tausende von Äckern Landes, wenn wir nur recht zu genießen verstehen, und dieser Besitz kostet uns weder Geld noch Sorgen. Lubbock zitiert Ruskin, der gesagt hat: »Beobachten, wie das Getreide wächst oder die Blüten ansetzen, tief atmen über Spaten oder Pflugschar, lesen, denken, lieben, beten, – das sind die Dinge, die Menschen glücklich machen«; und Emerson, der uns belehrt, daß der reichste Millionär nicht die Disputa oder die Schule von Athen zu kaufen vermag, während jedem Bedienten es frei steht, sie sich anzusehen; daß ein Sammler für ein Autograph Shakespeares hundertsiebenundfünfzig Guineen hat zahlen müssen, während ein Sekundaner den Hamlet unentgeltlich lesen kann. Alle diese Betrachtungen laufen im Grunde auf eine Sophisterei hinaus; sie unterdrücken den wichtigeren Teil der Frage, nämlich wie denn der Arme, den man trösten will, fühlt und denkt. Wahrscheinlich ist er ganz anderer Meinung als der feinsinnige Philosoph, gibt mit Vergnügen alle Reize der Landschaft und der Seeküste preis, wenn er ein Stück Kartoffelland dafür eintauschen kann, verzichtet ohne Seelenkampf auf das Privilegium, den Vatikan betreten zu dürfen, wenn man ihm dafür einige von des Sammlers Guineen gibt, und auf alle Shakespeareschen Dramen obendrein. Korn und Blüten zu beobachten, haben viele Millionen Mitbürger Lubbocks höchstens ein paarmal im Jahre Gelegenheit, und die anderen, die das Schauspiel täglich vor Augen haben, würden wahrscheinlich sehr verwundert sein, wenn sie hörten, daß dies und das Atmen über Spaten und Pflug glücklich mache. Hiob kannte die armen Leute besser: »Der Knecht sehnet sich nach dem Schatten und der Tagelöhner sehnet sich nach dem Ende seiner Arbeit.« Das, was in einzelnen Fällen richtig ist, auf alle oder die meisten Fälle anzuwenden, anzunehmen, daß, was mich erfreut, eine Freude für die Menschheit bedeute, ist ein grober Fehler und doppelt befremdend, wenn ein Mann der exakten Wissenschaft ihn begeht. Aber auf diesem Gebiete, dem der Lebensphilosophie, ist der Fehler weit verbreitet, fast allgemein, und auch die Pessimisten verfallen ihm, in entgegengesetzter Richtung. Sie nehmen an, daß der Schmerz, den sie empfinden würden, wenn sie das Los der Mehrzahl zu teilen hätten, genau so lebhaft und heftig von dieser empfunden werde, was doch glücklicherweise nicht der Fall ist. Ein anderer, gleichfalls häufiger Fehler ist der, daß man glaubt, die Zeitgenossen mit ihrem Schicksal zu versöhnen, wenn man ihnen zeigt, wie viel besser sie es haben als frühere Geschlechter. »Mich dünkt, wir würdigen nicht genug unser Glück, dem neunzehnten Jahrhundert anzugehören.« Diese Bemerkung knüpft Lubbock an die Erörterungen der unschätzbaren Freuden, die wir den Büchern verdanken. Wie leicht haben wir es, uns diese Freuden zu verschaffen, wenn wir uns mit unseren Vorfahren vergleichen! Das ist gewiß richtig, und dasselbe gilt auch von einer Menge anderer Dinge, die für unsere Bequemlichkeit, unseren Genuß und unsere Ruhe wichtig sind, vom modernen Streichholze bis zur modernen Rechtspflege. Aber der Schuh drückt heute darum nicht weniger, weil man weiß, daß er früher noch mehr gedrückt habe. Jede heranwachsende Generation bildet sich einen neuen Maßstab, an dem sie Lust und Unlust mißt; was gestern noch als ein Glück empfunden wurde, ist heute schon eine kaum mehr bemerkte, selbstverständliche Lebenseinrichtung, und morgen wird es ein Gegenstand der Kritik sein, dessen Mangel und Unvollkommenheiten in aller Munde sind. Goethe seufzte: »Ja, wenn wir das erfinden könnten, Daß Lichter ohne Schnuppen brennten!« Wir, längst im Besitze solcher idealen Lichter, murren, wenn das Gas Hitze verbreitet und die Dynamomaschine geräuschvoll arbeitet. Es tröstet uns nicht, wenn man uns an die elenden Beleuchtungsmethoden des Goethischen Zeitalters erinnert. Solche Vergleichungen anzustellen, hat für den philosophischen Betrachter gewiß einen hohen Wert, und es kann ihm auch Freude bereiten, wenn er nämlich in den verglichenen Tatsachen den Beweis dafür findet, daß der Zustand der Menschen mit der Zeit besser wird. Aber den Durchschnittsmenschen macht dieser Beweis nicht glücklicher. Er mißt die Gegenwart nur an seinen eigenen Wünschen, und das trägt selten zur Zufriedenheit bei. Den Arbeitern rechnen wohlmeinende Statistiker gern vor, daß und wie sehr ihr Los seit fünfzig und gar seit hundert Jahren sich verbessert hat, aber noch nie hat diese Rechnung, obwohl sie durchaus richtig ist, auch nur den leisesten Einfluß auf die Stimmung sozialistischer Massen ausgeübt, oder, wenn doch, höchstens einen irritierenden. 5. An die Mehrheit des Menschengeschlechts hat Lubbock, wie gesagt, auch ein wenig gedacht, aber nur ein ganz klein wenig. Im wesentlichen spricht er nur für die wohlhabenden Klassen und auch nur für eine Elite dieser letzteren, für die feiner besaiteten Herzen und die höher gebildeten Köpfe. Nun sollte man aber doch, wenn man von den Freuden des Menschenlebens redet, das ganze, das volle Menschenleben als sein Thema ansehen, zumal dies Thema, einer berühmten Autorität zufolge, von allen Seiten interessant ist. Freilich wäre das Buch dann nicht so salonfähig geworden. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß ein großer Teil der menschlichen Freuden recht grober und selbst roher Natur ist und manches davon in Damengesellschaft nicht wohl erörtert werden kann. Die tierische Natur bildet nun einmal den breiten Untergrund des menschlichen Daseins, und wenn man das einfach ignoriert, so gibt man von diesem Dasein ein unvollständiges, ja ein falsches Bild. Die sinnlichen Genüsse spielen eine ungeheure Rolle in unserer Welt; davon erhält, wer Lubbocks Betrachtungen liest, keine Ahnung. Er hat ein Kapitel über »Liebe«, aber man würde sich sehr irren, wenn man darin Belehrung über die Gewalt und den Einfluß, den die Neigung der Geschlechter weit und breit auf Erden ausübt, zu finden glaubte. »Es gibt allerdings,« sagt Lubbock, »zwei Arten der Liebe, eine die Tochter des Uranus, die ältere und weisere Göttin, die andere das Kind des Zeus und der Dione, das gemein und volkstümlich ist, – aber wir wollen nicht zu genau zusehen.« Vom Essen und Trinken ist bezeichnenderweise nur beiläufig in dem Kapitel »Gesundheit« und vorzugsweise aus dem Gesichtspunkte die Rede, daß man nicht wohltue, zu viel des Guten zu sich zu nehmen, eine Warnung, die für die Mehrzahl überflüssig ist. Ein Engländer wird zwar anerkennen, daß Essen und Trinken Freude macht; es ist nicht sehr ästhetisch, aber es kommt morgens, mittags und abends, und »nach einem Spaziergange mit einem Freunde in den Bergen oder am Strande sich zu Tisch zu setzen, ist kein geringes Vergnügen.« Aber, ob ästhetisch oder nicht, das Essen und Trinken hat für das Wohlbefinden der Menschheit eine selbständige, und wenn man nach der Kopfzahl rechnet, eine viel größere Bedeutung als Naturschönheit, Kunst und Literatur. Für Hunderte von Millionen sind die Augenblicke, wo sie sich satt essen, fast die einzigen Lichtblicke zwischen Erwachen und Einschlafen, und für fast alle sind die Tafelfreuden unzertrennlich von dem Begriffe eines Festes, eines guten Tages. Darin stimmen Paris, London und Berlin mit Negern und Kalmücken überein, so verschieden auch die Speisekarten sein mögen. »Dies Geschlecht kann sich bei Tische nur erfreuen.« Die Frage der Moralität muß man doch aus dem Spiele lassen, auch die Ästhetik, wenn man untersuchen will, welche Genüsse der Mensch, so wie er ist, im Leben findet. Auch darauf kommt es nicht an, ob der Untersucher mit diesem Genusse sympathisiert. Er hat nur zu fragen: was macht erfahrungsmäßig und tatsächlich allen, den meisten, vielen, einigen Vergnügen? Man hat (mit Recht) Lubbock getadelt, weil er vom Rauchen, als welches doch wirklich zu den Freuden des Lebens gehöre, ganz schweige. Darauf gibt er folgende unzulängliche Antwort: »Da ich selbst kein Raucher bin, kann ich vielleicht nicht urteilen; viel muß vom individuellen Temperament abhängen; einigen nervösen Naturen gewährt es gewiß großes Labsal, aber ich zweifle, ob Rauchen im allgemeinen die Freuden des Lebens vermehrt.« Das klingt doch gerade, als ob von Bromkali oder Kokain die Rede wäre und nicht von einem Genußmittel, das im Laufe der Jahrhunderte, den Verboten der Päpste, Kaiser und Sultane zum Trotz, sich ein Publikum erobert hat, wie kaum irgend ein anderer Verbrauchsartikel, der nicht unmittelbar der Lebensnotdurft dient. Ich finde es begreiflich, daß der englische Schriftsteller an Opium, Betelkauen, Haschisch und ähnliche orientalische Kurzweil, die seinem Horizont fern liegt, nicht gedacht hat, aber über die Freude an berauschenden Getränken hätte er ein Wort zu sagen wohl Anlaß gehabt. Großbritannien und Irland liefern ja für ein solches Kapitel riesenhaften Stoff. Daß diese Freude in ihren Ausartungen höchst verderblich ist, völkervergiftend, liegt auf der Hand; umso interessanter wäre es vielleicht, sie in ihrem Wesen, in ihren Abstufungen, von dem Stadium harmloser Erheiterung und Erquickung durch alle ihre Steigerungen bis zum brutalisierenden Alkoholismus, zu studieren und ihr Verhältnis zur Kulturentwicklung zu untersuchen. Daß der Genuß berauschender Getränke zu allen Zeiten und unter allen Himmelsstrichen in hohem Grade populär gewesen ist, kann natürlich auch der eifrigste Mäßigkeitsapostel nicht leugnen; neben der Liebe ist das Trinken das vornehmste Thema der Lyrik gewesen von Persien bis Schottland, von Anakreon bis zu Scheffel, und es hieße einen Gemeinplatz wiederholen, wenn man auf den seltsamen Zusammenhang zwischen dem Getränk und unserem Geistes- und Seelenleben hinwiese. Der ernsthafte und ehrbare Gervinus hat das Zechen (wenigstens in Wein) den Übergang von materiellem zu geistigem Genusse genannt, und in den Worten liegt ein guter Sinn. Überhaupt ist es nicht ohne weiteres ausgemacht, daß die sogenannten materiellen Genüsse für die Entwicklung unserer höheren Natur so völlig wertlos sind. Es ist wahr, wir haben sie mit den Tieren gemein, aber wir machen aus ihnen etwas, was den Tieren fremd ist, Mittel einer fröhlichen Geselligkeit, eines brüderlichen Zusammenlebens, einer gemeinsamen Freude, gastfreien Spendens und dankbaren Empfangens, – lauter Dinge, ohne deren Mithilfe das bißchen Kultur, dessen wir uns erfreuen, nicht zu stande gekommen wäre und bald wieder verschwinden würde. Steigen wir vom Essen und Trinken etwas höher zu den Lebensfreuden auf, die der Mehrzahl die wichtigsten und anziehendsten sind, so erblicken wir lauter Dinge, die Lubbock der Erwähnung nicht oder nur höchst flüchtig würdigt. Er kennt nicht des »Volkes wahren Himmel«, von dem Faust auf seinem Osterspaziergange spricht. Tanzen, Springen, Kegelschieben, bunte Tücher, rote Bänder, Böllerschießen und Feuerwerk, wer vermöchte sie alle aufzuzählen, die Lustbarkeiten, die in Nord und Süd, in Ost und West, mannigfaltig in der Form, im Wesen immer desselben Charakters, unzähligen Generationen dazu gedient haben, mit wenig Witz und viel Behagen den Feiertag totzuschlagen, den Alltag zu verbrämen, Sorge und Kummer zu verscheuchen? Und das weite Gebiet des Spiels, verdient es nicht auch einige Aufmerksamkeit, wenn man von den Freuden des Lebens redet? Kann man leugnen, daß alle die mehr oder minder sinnreichen Methoden, ihre Stärke, ihre Geschicklichkeit oder auch nur ihr Glück im Wettkampfe mit anderen zu messen, den Menschen eine große Summe von Vergnügen bereiten, die man nicht außer Rechnung lassen darf, wenn man es versuchen will, eine Bilanz des Lebens zu ziehen? An Popularität übertreffen die Spiele weitaus den Kunst- und Naturgenuß; auf ein Streichquartett werden selbst in unserem musikliebenden Lande leicht tausend Skatquartette kommen, und ein einziger Derbytag wird mehr Besucher zählen als das Britische Museum in zehn Jahren. Ob der Zeitvertreib edel oder unedel sei, ist eine Frage für sich; jedenfalls hat er einige Formen gefunden, die in Pindarischen Oden besungen werden konnten. Und ferner, welchen Reiz übt es auf die Massen aus, ganz abgesehen von Spiel und Wette, die Kräfte der Tierwelt, sei es für sich, sei es im Kampf mit dem Menschen, anzuschauen, die reißenden Bestien der zoologischen Gärten, die Reiterkünste des Zirkus, Stiergefechte, Bärenhetzen, Hahnenkämpfe, diese letzteren drei allerdings unserem zivilisierten Horizont entrückt, aber vielleicht mehr durch das Machtgebot der Polizei als durch die Abneigung des Publikums. Es gibt doch noch christliche Nationen, die sich an solchen blutigen Schauspielen höchlich ergötzen, und was uns selbst betrifft, so will ich daran erinnern, daß vor nicht sehr langer Zeit bei uns wie in der ganzen Christenheit Hinrichtungen in recht weiten Kreisen als Volksfeste behandelt wurden. Das führt mich auf die Freuden der Grausamkeit und überhaupt auf die Freuden, die aus der Befriedigung unserer bösen Leidenschaften entspringen: Schadenfreude, Freuden des Hochmuts, der Rachsucht. Sie sind verdammenswert, das versteht sich von selbst, aber sie sind trotzdem Freuden, und die Zahl der für sie empfänglichen ist, fürchte ich, recht ansehnlich. Und gibt es nicht Freuden der Eitelkeit (die ich übrigens nicht zu den bösen Leidenschaften rechnen möchte) und sind nicht ihrer Liebhaber so viel wie der Sand am Meere? Werden nicht, um ihrer teilhaft zu werden, täglich ungeheure Summen Geldes ausgegeben. Mühen und Anstrengungen aller Art, ja sogar Hunger und Durst, Hitze und Frost heldenmütig erduldet? Man denke, um nur eins zu nennen, an die Beseligungen, die ein Ordensband, ein Titel, eine kleine Präposition von drei Buchstaben zu erzeugen vermag! Es ist wahr, daß England weniger als das Festland Gelegenheit darbietet, diese Form des Genusses zu beobachten, aber Vanity fair ist unerschöpflich an anderen Artikeln, die auch jenseits des Kanals massenhafte Kundschaft anlocken. Sir John Lubbock ist verächtlichen Blicks an den glitzernden Buden vorübergegangen. Befremdlicher als dies ist es, daß ein Engländer ein Buch über Freude schreiben kann, in dem das echt englische Synonym für Amüsement gar nicht vorkommt. Sport! diesem Abgotte des britischen Lebens ist nicht einmal eine mention honorable , nur ganz beiläufig einmal die Bemerkung gewidmet, daß »unsere Leute vom Tierreich viel Vergnügen haben, vom Hetzen, Jagen und Fischen, was ihnen Bewegung in frischer Luft verschafft und sie in allerlei schöne Landschaften führt«. Aber im Grunde sei dies eine Verirrung, ein Überbleibsel, a survival , barbarischer Zeiten; statt die Tiere zu töten, sollte man sich ihnen befreunden, ihren Ursprung, ihren Bau, ihre Lebensweise, ihre Intelligenz studieren; das gewähre unendlich mehr Unterhaltung und Gewinn. Es ist immer wieder der nämliche Fehler: die Freuden des Lebens werden verwechselt mit den Freuden Sir Johns. Chamisso schrieb aus London: »Ich habe noch keinen Engländer lachen sehen, außer wenn ich englisch mit ihm sprach.« Nach Lubbocks Buch zu schließen, lachen seine Landsleute auch heute noch nicht. Daß das Lachen, die Freude am Komischen, ein wundervolles Kordial ist, das die Götter uns zur Erquickung auf unserer sauren Pilgerfahrt mitgegeben haben, das allen Lebensaltern, allen Bildungsstufen, allen Zonen seine Wohltaten spendet, scheint der gelehrte Mann nicht bemerkt zu haben. Es ist wirklich unbegreiflich; denn in England ist, trotz allem Puritanertum und aller respektablen Langweiligkeit, das Behagen an der komischen Seite des Daseins nicht erloschen. Von den Tagen Falstaffs bis zu denen Pickwicks und des Master Punch hat herzenbefreiendes Gelächter den Donner der Kanonen, den Lärm der Parteien und das Sausen der Maschinen immer vernehmbar begleitet, und wie in England, so ist es auch in anderen Ländern der Erde gehalten worden. Nicht überall mit derselben Virtuosität; auch der Sinn für Komik hat seine Abstufungen, vom grinsenden Negerlachen bis zum feinsten attischen Lächeln, aber Vergnügen bereitet er allen. Ich bitte überhaupt zu bemerken, daß die Freuden, die ich unter Nr. 5 aufgezählt habe, – zu denen sich noch manche andere fügen ließen, wie z. B. das Vergnügen an allerlei Schaugepränge, an militärischen Schauspielen, an Zusammenrottungen mit sensationellen Motiven, Ankunft Stanleys, Abfahrt Bismarcks, Begräbnis Victor Hugos –, ich sage, daß diese Freuden dieser Gattung mehr oder weniger Gemeingut aller Menschen, aller Klassen und nur in den Äußerlichkeiten verschieden sind, je nach der gesellschaftlichen Gewöhnung und der Länge des Geldbeutels. Die sogenannten »noblen Passionen« sind nur die kostspieligen Töchter derselben Familie, aus der die Volkslustbarkeiten stammen. Im Wesen der Sache macht es keinen Unterschied, ob der Mensch seine Mahlzeit mit Trüffeln würzt oder mit Knoblauch. 6. Sir John Lubbock hat sich nicht darauf eingelassen, der Behauptung der Pessimisten, daß die Summe der Lust in dieser Welt geringer, weit geringer sei als die Summe des Leidens, eine Gegenrechnung gegenüberzustellen. Und daran hat er wohlgetan. Denn leichter wäre es zu ermitteln, wie die Zahl der Tropfen im Atlantischen Ozean zu der im Stillen Ozean sich verhält, als eine ziffermäßige Bilanz zwischen den angenehmen und den unangenehmen Empfindungen der lebenden Wesen, ja auch nur des Menschengeschlechts, ja auch nur eines einzigen menschlichen Individuums zu ziehen. Die Tropfen des Weltmeers sind gleiche Größen, dem Zählen und dem Berechnen zugängig; die Lust- und Schmerzgefühle bilden eine unendliche Mannigfaltigkeit der verschiedenartigsten Einheiten, deren jede ganz und gar von der Natur des einen empfindenden Individuums, von dem Grade seiner Empfänglichkeit, abhängt, und die Grade dieser Empfänglichkeit selbst sind keine konstanten Größen, oft von Minute zu Minute wechselnd und immer nur im Augenblicke wirklich. Sogar die Freuden und Schmerzen der Erinnerung sind reine Produkte des Augenblicks; sie sind etwas völlig anderes, als die Freuden und Schmerzen, deren man sich erinnert, in dem Augenblicke, wo man sie genoß oder erlitt, waren. Das scheint noch am ersten möglich, die Erinnerung und das Erinnerte zu vergleichen, aber auch damit kommt man nicht über höchst vage Resultate hinaus, und dann vermag nur der einzelne den Vergleich für sich anzustellen. Kein anderer kann mir jemals nachrechnen, wie sich mein Seelenzustand, als ich die Siegesbotschaft von Sedan vernahm, zu meiner heutigen Erinnerung an jenen Seelenzustand verhält. Ich selbst kann es keinem anderen mitteilen. Es ist nie gelungen und es wird nie gelingen, die Lustgefühle und die Schmerzgefühle auf gleiche Einheiten zurückzuführen, wie man die Kräfte der materiellen Welt auf Kilogramme, Wärmegrade, Pferdekräfte, Ampere und Normalkerzenhelligkeiten zurückführt. Kein Präzisionsinstrument wird jemals im stande sein, von dem, was nur in der Subjektivität existiert, eine objektive Ziffer abzulesen. Auch die pessimistischen Philosophen haben – aus guten Gründen – niemals eine Rechnung aufgestellt, was man eine Rechnung nennt, sondern sie haben ihren Beweis auf die Phantasie gestützt; man bedenke, man male sich aus, welche enormen Massen von Jammer und Elend in der Welt existieren und was dagegen die seltenen, flüchtigen Freuden bedeuten wollen! Man vergleiche, ruft Schopenhauer, die Empfindung des fressenden Tieres mit dem des gefressenen! Aber gerade das kann man nicht. Und es ist noch gar nicht so ausgemacht, daß, wenn man es könnte, man so emphatisch Wehe rufen würde wie der Frankfurter Einsiedler. Ich sehe jetzt täglich, wie die Schwalben über den Rasen und durch die Lüfte streichen, und ich muß bekennen, daß ich hartherzig genug bin, an diesem beflügelten Morden Vergnügen zu haben. Es gewährt mir ein Bild heiterer Daseinsfreude. Die Schwalbe ist anscheinend glücklich; die Insekten, die sie im Fluge erhascht, haben keine Zeit, sich das Mißliche ihrer Situation klar zu machen; sie empfinden wahrscheinlich nichts; ihr Schicksal rührt mich nicht. Freilich gibt es Situationen genug, die es dem Opfer nicht so leicht machen, und darin haben die Pessimisten ganz recht: wenn ich mir immer die ganze Summe des in der Welt vorhandenen Leidens deutlich vor die Seele stellen, alle Schrecken sympathisch miterleben, alle Bitterkeiten mitkosten wollte, könnte und müßte, nicht allein die gegenwärtigen, sondern auch die vergangenen und die zukünftigen, so würde ich keinen frohen Augenblick mehr haben. Aber diesen weltumfassenden Schmerz, der den Menschen zermalmen müßte, hat wahrscheinlich noch nie ein Sterblicher gefühlt. Das Mitleid, wie es uns in der Wirklichkeit begegnet, ist immer so organisiert, daß es über einen gewissen Sättigungspunkt hinaus keine schmerzlichen Eindrücke mehr aufnimmt. Tiefer Sättigungspunkt liegt bei verschiedenen Individuen verschieden; aber wir sehen, daß auch den allermitleidigsten Seelen noch Raum für Freude und Behagen bleibt. Auch ist es eine tägliche Erfahrung, daß ein Unglück, das uns in den Staub beugt, wenn es uns selbst trifft, das uns tief erschüttert, wenn wir es in unserer unmittelbaren Nähe einschlagen sehen, uns nur oberflächlich berührt, wenn es in einer fremden Stadt oder gar in einem anderen Weltteil unbekannte Opfer ereilt. Wir geraten außer uns, wenn vor unseren Augen eine verzweifelte Mutter ihr getötetes Kind unter den Rädern eines Wagens hervorzieht; wenn wir in der Zeitung lesen, daß in einer Provinz Chinas Hunderttausende verhungern, fühlen wir zwar Entsetzen, aber das Entsetzen hindert uns nicht, mit Appetit zu essen, abends ins Theater zu gehen und nachts ruhig zu schlafen. Wenn man darauf achtet, wird man sogar finden, daß eine Mordtat, die in unserer Straße oder gar in dem Stockwerke über uns verübt worden ist, uns ganz anders berührt, als das Verbrechen, das in einem entlegenen Stadtteil begangen wird. Man könnte sagen, das Mitleid nimmt ab wie das Quadrat der Entfernung, nicht allein der räumlichen, sondern auch der zeitlichen und der sozialen Entfernung. Die Grubenexplosion von gestern rührt uns mehr als das Erdbeben von Lissabon, und es wird uns zehnfach schrecklich, wenn zufällig Leute unserer Bekanntschaft, Kollegen, gute Freunde, im Augenblick der Katastrophe das Bergwerk besichtigt hatten. Man ist geneigt, in dieser Einrichtung einen Mangel unserer Natur zu erkennen, von Stumpfsinn und Egoismus zu reden, aber die Stumpfheit ist doch, bei Lichte besehen, eine Bedingung des Lebens, das ohne sie nicht zu ertragen wäre. Der Herzenshärtigkeit soll natürlich damit nicht das Wort geredet werden; wollte aber ein frommer Mann mir diesen Vorwurf machen, so würde ich ihn daran erinnern, daß die christlichen Scholastiker das Mitleid als unvereinbar mit der ewigen Seligkeit aus dem Himmel gänzlich ausgewiesen haben, durchaus logisch, weil schmerzliche Teilnahme an dem Lose der unwiderruflich verdammten Mitmenschen die schönsten Paradiesesfreuden vergällen müßte. Milton behauptet zwar, daß die Engel über Adam getrauert hätten, ohne eine Minderung ihrer Seligkeit zu verspüren; aber ich kann es mir nicht vorstellen. Minder liebenswürdig, aber folgerichtiger straft Dantes Virgil die Tränen, die sein Begleiter beim Anblick der Höllenqualen vergießt: »Hier sei die Liebe tot, sonst lebt sie nicht. Denn welche Sünde, welche ärgre nennst du Als Mitleid mit dem göttlichen Gericht?« 7. Ich glaube, der Eifer, die Welt als herrlich, schön und erfreulich gegen die Wehklagenden und die Schwarzblickenden zu verteidigen, ist eigentlich erst mit dem Protestantismus und auch erst in dessen späteren Stadien, als er deistischen Einflüssen zugängig wurde, entstanden. Ich meine natürlich nicht den Eifer, sich der Welt zu freuen, der wohl tief in prähistorische Zeiten zurückreicht, sondern den theoretischen Eifer, der sich anfänglich verpflichtet fühlte, die Schöpfung eines allgütigen Gottes als in allen Stücken vollkommen gegen die sehr naheliegenden Zweifel an solcher Vollkommenheit in Schutz zu nehmen, und der späterhin weniger in majorem dei gloriam als zur Sicherstellung der Lebensfreudigkeit den Überschuß der Lust über die Leiden des Daseins nachzuweisen und auszurechnen suchte. Es gibt Werke des Altertums, des Mittelalters und der Reformationszeit genug, die von hellster Lebenslust überströmen, aber sie alle, wenn ich nicht irre, preisen oder schildern ganz unbefangen das Genießen als solches, ohne polemische Tendenz, ohne etwas beweisen zu wollen, hin und wieder voll Dankes gegen den oder die Geber alles Guten, aber weit entfernt, die Übel und Leiden leugnen oder als Wohltaten darstellen zu wollen. Leiden und Übel werden ebenso unbefangen als einmal vorhandene, unabänderliche Dinge hingenommen, von den ernsteren Gemütern als Mahnungen zur Weisheit, Sündhaftigkeit und Mäßigung, von den leichtsinnigeren als ein Argument mehr, den guten Tag zu nutzen, den Wein zu trinken, ehe er schal wird, die Rose zu pflücken, ehe sie welkt. Als das Christentum kam, wurde ohnehin das Glück in eine andere Welt verlegt, und es nicht auf Erden zu finden, konnte eigentlich niemand mehr befremden. Im Gegenteil mußte selbstverständlich erscheinen, daß die Welt, von der man ja erlöst werden sollte, um zum Heile zu gelangen, schlecht und elend sei. Not und Plage mußte der Gläubige sogar willkommen heißen, weil sie es ihm erleichterten, sich von der Welt loszusagen und des Himmels würdig zu werden. Ein Bedürfnis, den Kredit eines allgütigen Schöpfers aufrecht zu erhalten, kannte das antike Heidentum überhaupt nicht, und den Christen kam dies Bedürfnis nicht zum Bewußtsein, weil sie für das Böse und das Übel innerhalb der Schöpfung den Teufel verantwortlich machten. Freilich hatte nach der Kirchenlehre auch den Teufel Gott geschaffen, aber das Bedenkliche dieses Umstandes machte man sich nicht klar, und auch die feinen Köpfe unter den Scholastikern haben es nicht bemerkt, oder, was ich für wahrscheinlicher halte, unausgesprochen gelassen. Luther und die ersten Reformatoren und die ihnen folgenden Generationen sind, wie man weiß, im wesentlichen dem Standpunkte des Mittelalters treu geblieben; auch ihnen war der Teufel »der Fürst dieser Welt« und die Schlechtigkeit der Welt daher etwas Selbstverständliches. Erst im Laufe der letzten zweihundert Jahre etwa hat sich allmählich, zuerst unter Philosophen, Poeten und Gelehrten, dann in weiteren Kreisen der Glaube an ein selbständiges Reich des Bösen verloren, der Teufel sich zu einem bloßen Symbol verflüchtigt, die Idee der Gottheit als der alleinigen ersten Ursache alles Seienden Raum gewonnen. Und nun erst, da Gott nicht allein »alles in allem«, sondern auch allmächtig, allweise, allgütig sein sollte, erhob sich die schwierige Frage, wie mit dem Wesen Gottes sich die mangelhafte Beschaffenheit der Welt, die Existenz des Bösen und des Übels vereinigen lasse. Wer vermag zu sagen, wie viele Gehirne von Leibniz bis auf John Stuart Mill sich zermartert haben, um das Rätsel zu lösen? Die Mehrzahl hat sich bei dem Troste beruhigt, daß unsere Vernunft nicht ausreiche, um hinter das Geheimnis zu kommen, daß aber ein allgütiger Vater sicherlich schließlich alles zum Besten wenden werde, und daß wir auf dieser Erde, statt über den finsteren Mysterien des Lebens zu brüten, uns an den Herrlichkeiten, Schönheiten und Wundern der Schöpfung dankbar und andächtig werden sollten. In diesem Sinne hat das vorige Jahrhundert seine Hymnen gedichtet und seine frommen Lieder gesungen, haben Pope, Gellert, Klopstock, Voß eine optimistische Erbauungspoesie geschaffen, hat Rousseau das Glaubensbekenntnis des savoyischen Pfarrers geschrieben, hat noch im neunzehnten Jahrhundert Beranger seinen lebenslustigen Landsleuten den »Gott der guten Leute« verkündet. Selbst tiefere Naturen wie Mathias Claudius verleugnen nicht die heitere und behagliche Stimmung, die sich in siegreichem Gegensatz zu asketischem, pietistischem und orthodoxem Geiste ausbreitete. Schillers Lied an die Freude möchte wohl den rhetorischen Höhepunkt der optimistischen Literatur bezeichnen, wie Brockes »Irdisches Vergnügen in Gott« ihr plattestes Tiefland, letztgenanntes Buch vor hundertfünfzig Jahren ein beliebtes und gefeiertes Kompendium aller zur Dankbarkeit gegen Gott stimmenden Tatsachen, von dem angenehmen Geschmack der Spargel bis zum erfreulichen Schimmer der Gestirne, für den heutigen Leser noch eine Quelle des Genusses durch die unvergleichliche unfreiwillige Komik seiner ehrbar einherschreitenden Verse. Diese älteren Optimisten hatten es in einer Beziehung viel leichter als ihre modernen Nachfolger, insofern nämlich, als sie etwaige Zweifel und Bedenken Unzufriedener ohne weiteres auf den Ausgleich, der in einem Leben nach dem Tode sich vollziehen werde, verweisen durften. Mit einer solchen Verweisung wird im Grunde die ganze Kontroverse überflüssig. Aber das heutige Publikum ist anspruchsvoller geworden: der Philosoph soll ihm beweisen, daß es ein Leben nach dem Tode gebe, und zwar ein glückliches Leben; wenn er das nicht kann, soll er beweisen, daß schon das irdische Dasein allen vernünftigen Anforderungen entspreche. Selbst in England stellt man heutzutage solche Forderungen. 8. Lubbock hat, wie sich von selbst versteht, den Versuch nicht gemacht, ein künftiges glückliches Leben wissenschaftlich zu beweisen; er glaubt aber seine Leser überzeugt zu haben, daß es auch diesseits des Grabes sich schon vergnügt genug leben lasse. Was das Sterben betrifft, so soll man sich darum keine Sorge machen: es sei nicht so schlimm, in manchen Fällen nur ein schmerzloses Einschlafen. Aber er gibt zu, daß die meisten Menschen der Ansicht sind, daß nach dem Tode des Leibes die Seele fortbestehe und daß die Frage, was ihr die Zukunft bringen werde, unter dieser Voraussetzung sich nicht zurückweisen lasse. »Ich vermute, daß jeder sich gefragt haben wird, worin die Freuden des Himmels bestehen können.« In der Tat ist dies ein Problem, das von je die Menschen lebhaft beschäftigt, aber nie eine Antwort gefunden hat, wenigstens keine, bei der man sich etwas Deutliches vorstellen kann. Eine Hölle hat Dante uns veranschaulichen können, das Paradies nicht. Seine Kunst zeigt sich darin, daß er uns über die Dürftigkeit des Stoffs, den er bieten kann, hinwegtäuscht. Alle Menschenphantasie ist nicht im stande, etwas zu ersinnen, wozu ihr nicht die irdische Erfahrung den Stoff liefert, und es gibt keinen irdischen Stoff, der die Ewigkeit ausfüllen könnte. »Natürlich,« sagt Lubbock, »können wir uns nicht denken, daß es im Himmel einen Kampf um das Dasein gibt; dann wären wir drüben nicht viel besser daran als hier. Unsere Welt ist sehr schön, wenn wir sie nur in Frieden genießen könnten. Und doch würde eine bloß passive Existenz wenig Reiz bieten, ja geradezu unerträglich sein. Ferner scheint die mit jedem Wechsel verknüpfte Sorge unvereinbar mit vollkommenem Glück und gleichwohl würde endlose Monotonie, immer und immer dasselbe in alle Ewigkeit ohne Kontrast und Verschiedenheit, mehr Langeweile als Wonne versprechen.« Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Vielleicht rettet uns die Wissenschaft, Science ! Dieser originelle Einfall charakterisiert den ganzen Mann, der nur an sich selbst denkt und überzeugt ist, daß in seinem Professorenhimmel alle Erschaffenen sich selig fühlen müssen, Frauen und Kinder, Bauern und Handwerker, Engländer und Hottentotten. Man höre, was ihrer wartet! »Die Lösung der Probleme, die uns hienieden gepeinigt haben, die Erwerbung neuer Ideen, die Enthüllung der Geschichte der Vergangenheit, die Welt der Tiere und Pflanzen, die Geheimnisse des Raums, die Wunder der Sterne und der Regionen jenseits der Sterne. Schon die sämtlichen schönen und merkwürdigen Stellen unserer Welt kennen zu lernen, wäre der Mühe wert, und unsere Welt ist nur eine unter vielen Millionen. Oft, wenn ich nachts zu den Sternen aufblicke, frage ich mich, ob es mir einst vergönnt sein wird, als körperloser Geist sie zu erforschen. Wenn wir die große Tour gemacht hätten, würden neue Interessen erwacht sein, und wir könnten wohl von neuem anfangen. Hier haben wir eine Unendlichkeit des Interessanten ohne Sorge und Pein, und der einzige Zweifel bliebe nur, ob die Ewigkeit ausreichen würde, um alles zu erschöpfen.« Meines Wissens ist es mathematisch sicher, daß eine Unendlichkeit sich auch in der Ewigkeit nicht ausschöpfen, läßt. Der Forscher würde zur Erkenntnis der ganzen Wahrheit erst nach Ablauf der Ewigkeit, also niemals, gelangen, und er würde jederzeit, auch nach Billionen von Jahrtausenden, nur einen unendlich kleinen Bruchteil des Stoffes besitzen. Da wäre er schließlich auch nicht viel besser daran als hier. Wäre aber die materielle Welt, was sehr wohl möglich ist, nicht unendlich, so würde er allerdings Zeit haben, sie vollständig kennen zu lernen, aber damit wäre nichts gewonnen; die Ewigkeit läge nachher wie vorher unverkürzt vor ihm. Man könnte immer wieder von vorn anfangen, meint Lubbock; er hat sich wohl nicht klar gemacht, was es heißt, immer wieder, in alle Ewigkeit, ohne Aufhören. Ewig ist ein Wort, das sich wohl aussprechen läßt, aber menschlichem Witze unfaßbar bleibt. Der Grönländer wollte nicht in den Himmel, als der Missionar ihm sagte, daß es dort keinen Tran gebe. Ich weiß nicht, ob vielen Europäern ein Himmel, wie Lubbock ihn sich denkt, lockender ist, als dem Eskimo das tranlose Paradies. Ich für meinen Teil würde erst inwendig verwandelt werden müssen, ehe ich mich für ein ewiges Leben naturwissenschaftlichen und astronomischen Erkennens begeistern könnte, und ich bin überzeugt, der Mehrzahl, wenn sie sich klar macht, um was es sich handelt, geht es ebenso. Denn ich meine, für die meisten Menschen, auch für die geistig geweckten und gebildeten, die volles Verständnis haben für die ungeheure praktische Wichtigkeit der Naturerforschung und für den geistigen Wert ihrer Hauptresultate, sind gleichwohl die einzelnen Tatsachen der materiellen Welt, die dem Forscher selbst das höchste Interesse einflößen, ziemlich gleichgültig. Was den Laien ergreift, was auf seine Weltanschauung Einfluß gewinnt, das sind die großen Zusammenhänge der Natur, die das All durchdringenden Kräfte, die unwandelbaren Gesetze des materiellen Geschehens, denen der Forscher nach langer mühseliger Arbeit, nach scharfsinniger Erwägung zahlloser Details schließlich eine allgemein verständliche Formel zu geben versteht; die Details selbst könnten ganz anders geartet, könnten das Gegenteil dessen sein, was sie sind, für die Menschheit im großen und ganzen bliebe deshalb doch die Welt dieselbe. Der tiefe Eindruck, den der von der Astronomie uns ermöglichte Blick in das Universum, in die Entstehung und Ökonomie der Sonnensysteme auf die Menschheit gemacht hat, würde genau der nämliche sein, wenn die gefundenen Sterne und Nebelflecke an beliebigen anderen Stellen ständen, wenn die ermittelten Entfernungen und Umlaufszeiten doppelt so groß oder doppelt so klein wären. Als Leverrier den »Neptun« entdeckte, ohne ihn zu sehen, ging durch alle Lande eine Regung der Freude, aber die Freude galt nicht dem neuen Planeten, der uns nicht glücklicher machte, als wir ohnehin waren, sondern sie galt dem Triumphe menschlichen Scharfsinns, der in der Entdeckung sich betätigt hatte, nicht der astronomischen Tatsache, sondern einer Tatsache des menschlichen Geistes. Was mich hindert, an die Möglichkeit einer ewigen Seligkeit in den Naturwissenschaften zu glauben, das hindert mich auch, den Schulreformern Vertrauen zu schenken, die mir versichern, daß in pädagogischer Beziehung für Knaben und Jünglinge die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Dingen ebenso wertvoll und wertvoller sei als die Beschäftigung mit den Schöpfungen des Geistes, die in der Sprache und der Kunst sich darbieten. 9. Es ließe sich noch viel sagen über das Thema, das mich so geschwätzig gemacht hat, aber ich glaube, daß alle Betrachtungen, die man noch anstellen könnte, immer nur zu dem Schlüsse führen würden, den ich zu ziehen mir schon erlaubt habe: die Rechnung, ob mehr Lust oder mehr Leid existiert, ist unmöglich; ein jeder muß die Frage für sich selbst beantworten. Es ist eine Angelegenheit des unmittelbarsten individuellen Bewußtseins. Darum sind auch die weisen Lehren, wie man es anzufangen habe, glücklich und zufrieden zu leben, von geringem Nutzen; sie sind vielleicht charakteristisch für den Lehrer, aber sie helfen dem Schüler wenig, weil Glück und Leid von seiner Individualität abhängen, die in der Hauptsache sich nicht ändern läßt. Und noch eins darf man als gewiß annehmen: ohne Freude, ohne den Glauben an Freude, ohne Hoffnung auf Freude kann die Menschheit nicht bestehen; ohne Leiden, ohne Unzufriedenheit kann sie sich nicht entwickeln. Sobald man anfängt, für die unabsehbare Mannigfaltigkeit der einzelnen Menschenschicksale Regeln zu suchen und Maßstäbe zu ersinnen, gerät man in die Gesellschaft der Leute, die »des Zirkels Viereck« finden und das Perpetuum mobile konstruieren wollen. Marc Aurel sagt: »Wenn dir eine Widerwärtigkeit begegnet, so denke, daß dies kein Mißgeschick sei, wohl aber, es tapfer zu ertragen, ein hohes Glück.« Ein schöner Rat, aber um ihn benutzen zu können, muß man Marc Aurel sein, oder ihm ähnlich, und das sind wenige. Der Mann auf der Folter, dem man diese Worte wiederholte, würde sie höchst wahrscheinlich für grausamen Hohn halten. Lubbock zitiert mit Vorliebe den großen Stoiker, der, obwohl ein armer Sklave, in der Weisheit und Tugend, wenn man ihm glauben darf, sich völlig befriedigt und glücklich fühlte. Epiktet sagt unter anderem: »Ihr fragt, wie es möglich sei, daß ein Mann, der nichts hat, nackt, hauslos, ohne Herd, zerlumpt, ohne Sklaven, ohne Vaterstadt, ein leicht dahinfließendes Leben führe? Sehet, Gott hat euch einen Mann geschickt, der euch zeigt, daß es möglich ist. Schauet auf mich, der weder Vaterstadt, noch Haus, noch Güter, noch Sklaven hat; ich schlafe auf dem Erdboden, ich habe nicht Weib noch Kind, nichts als Erde und Himmel und einen armseligen Mantel. Und was brauche ich? Bin ich nicht ohne Sorgen? Bin ich nicht ohne Furcht? Bin ich nicht frei? Hat mir je gefehlt, was ich wünschte? Oder hat mich je befallen, was ich meiden wollte? Hab' ich je Gott oder Menschen gescholten? Hab' ich je einen Menschen verklagt? Sähet ihr mich je mit betrübtem Gesichte? Und wie begegne ich denen, die ihr fürchtet und anstaunt? Behandle ich sie nicht wie Sklaven? Wer, der mich sieht, glaubt nicht seinen König und Herrn zu sehen?« Die Schlußworte enthalten den Schlüssel, der aber nicht in die gewöhnlichen Schlösser paßt. Jenes höchste Glück der Erdenkinder, von dem Goethe spricht, war dem Epiktet zu teil geworden, der Selbstgenuß einer königlichen Persönlichkeit, der ihr eigener Reichtum genügte. So etwas läßt sich nicht nachahmen; es ist Gnade. Auch die minder erhabene, dafür aber glücklicherweise auch minder seltene Spielart dieser Epiktetischen Eigenschaft, was wir »heiteres Temperament«, »fröhliches Gemüt« nennen, ist eine Gnade und für die Freude am Leben wichtiger als alles, was Lubbocks Buch aufzählt. Nur ist auch sie angeboren und läßt sich nicht anerziehen. » La gaîté es un grand bien; c'est peut-être le plus grand de tous, puisque avec lui on de passe des autres. « So sagt Alfred de Musset, und ich bin ganz seiner Meinung. Von Höflichkeit (1885) »Alles Feine kömmt von Osten,« sagt ein alter Spruch. Jedenfalls hat das östlichste Volk des Festlandes die Gesetze der Höflichkeit am gelehrtesten ausgebildet. China rechnet die Höflichkeit unter die Kardinaltugenden, wie das Abendland die Gerechtigkeit und die Tapferkeit. Das Abendland weist ihr höchstens einen Platz an neben solchen löblichen Eigenschaften, wie Reinlichkeit, Ordnungsliebe, die zwar wünschenswert, aber nicht notwendig sind, um in den Himmel zu kommen. Ja, es läßt sich in der abendländischen Anschauung sogar eine gewisse Feindseligkeit, ein mißtrauisches Übelwollen gegen diese chinesische Tugend nachweisen; man begegnet oft genug Äußerungen, als ob Höflichkeit eher ein Laster sei. Lessing wird zitiert, als welchem die Pflichten und Formen des höflichen Umgangs eingestandenermaßen fatal gewesen seien. Seumes Kanadier, »der Europas übertünchte Höflichkeit Bemerkenswert ist, daß dies geflügelte Wort eigentlich hinkt. Die Höflichkeit ist nicht das Übertünchte, sondern im Gegenteil die Tünche. nicht kannte«, lebt noch immer, nach hundert Jahren, im Munde des Volks, welches dabei an die übertünchten Gräber des Evangeliums denkt, und der Vers »im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist«, wird mit dem Zusatze »sagt Goethe« wohlgefällig auch heute von manchem Baccalaureus als Lebensregel vorgetragen. Die Begriffe deutsch und grob liegen dem Gefühle nahe beieinander. Wenn einer sagt: »Ich werde einmal deutsch reden,« so machen wir uns auf Grobheiten gefaßt. Unmerklich wird so die Grobheit auf Kosten ihres Widerparts zu einer Tugend. Weil Wahrhaftigkeit preiswürdig ist und weil sie manchmal zwingt, unhöflich zu sein, so schleicht sich die Begriffsverwirrung ein, daß das Preiswürdige in der Unhöflichkeit stecke, nicht in der Wahrhaftigkeit. Darauf zielt in »König Lear« der Herzog von Cornwall, wenn er sagt: »Diesen Burschen hat man einmal wegen Offenherzigkeit gelobt; seitdem bemüht er sich grob zu sein.« Und umgekehrt, weil Unredlichkeit die angenehmen Formen der Höflichkeit gleisnerisch benutzt und Unredlichkeit schlecht ist, so meint der Biedermann, der germanische zumal, mit ähnlicher Verwechselung der Begriffe, die angenehmen Formen seien das Verwerfliche; die Tugend, denkt er, ist ein Diamant, aber ein ungeschliffener. Es ist die nämliche Logik, welche zu der Ansicht führt, daß, weil die Heuchler fromm scheinen, die Frommen Heuchler seien. Glücklicherweise ist diese Logik selten konsequent. Ein gewisser Instinkt hält die Leute ab, das kanadische Ideal praktisch zu verwirklichen, und die meisten würden es schmerzlich empfinden, wenn man sie für schlecht erzogen hielte, obwohl sie nach ihrer Theorie das für ein Lob halten müßten. Indes gibt es Ausnahmen, bewußte Praktiker der Ungezogenheit, welche auf die oben gedachte Begriffsverwechselung spekulieren. Ich erinnere mich aus meinen Knabenjahren eines Hamburger Grobians, der alljährlich den sogenannten Freimarkt (Messe) in meiner Vaterstadt Bremen bezog und mit den Manieren eines Korporals zarte Glacéhandschuhe verkaufte. Er erfreute sich des lebhaftesten Absatzes; die Damen dachten, je gröber der Mann, je feiner das Leder. Vor einem Menschenalter hatten beide hanseatischen Schwesterstädte die unangenehme Entdeckung zu machen, daß einer ihrer angesehenen Bürger seit Jahren sich an den ihm anvertrauten öffentlichen Geldern vergriffen habe. Der bremische faux bonhomme hatte den frommen Christen und Menschenfreund gespielt, der hamburgische – ähnlich wie der Handschuhhändler – mit Grobheit operiert. Er schnauzte alles an, was ihm nahe kam, schimpfte und polterte und gewann dadurch das unbedingte Vertrauen seiner Mitbürger. Als die Defekte an den Tag kamen, sagten die Leute: Wer hätte das gedacht? Ein so grober Mann! Ich meine, daß die Abneigung gegen höfliches Wesen bei Völkern deutschen Geblüts mehr als bei anderen vorkommt; vielleicht ließe es historisch sich erklären. Wahrheitsliebe ist die Tugend, Grobheit der Fehler des Starken. Die Barbaren, welche das römische Reich stürzten, empfanden weniger als die überwundenen Lateiner das Bedürfnis, durch die Künste des Umganges bedrohlichen Konflikten auszuweichen. Wie die Lüge erschien ihnen auch die Höflichkeit als die Waffe des Feigen, und Feigheit war für sie das Laster aller Laster. Hoffen wir, daß die Enkel des Erbteils bessere Hälfte, die Wahrheitsliebe, sich erhalten, die schlechtere Hälfte von sich werfen mögen. Leichter erklärt es sich, daß gerade im achtzehnten Jahrhundert die literarische Auflehnung gegen die verfeinerte Sitte beginnt. Die Verfeinerung war in der Tat zur Verfeinerung geworden, das Leben in künstlichen Formen erstarrt, als Rousseau das revolutionäre Losungswort ausgab, – Natur! Die Losung ward zum Kampfgeschrei, das durch alle Lande erscholl, wider Schminke und Puder, Reisrock und Perücke, gegen alle die buhlerischen Toilettenkünste, die dem verzärtelten Blicke die erhabene Nacktheit der Natur entziehen sollten. Selbst Wissenschaft und bildende Kunst galten den neuen Propheten als Abfall von der Unschuld reinen Menschentums; was Wunder, daß ihnen die Etikette und Redeweise der Salons als eitel Korruption und verdammte Lüge erschien! Der verdorbenen Welt ward die einfache Sitte und unverstellte Sprache der Naturvölker als Ideal vorgehalten, der Naturvölker, wie man im achtzehnten Jahrhundert sie sich dachte. Die Übersättigung an allen Leckerbissen einer üppigen Kultur hatte jenen Traum von transozeanischen Paradiesen erzeugt, von den Palmeninseln und Urwäldern glücklicher, unverdorbener Menschenstämme, welcher in der Dichtung jener Zeit bis in die Tage Chateaubriands und Byrons eine so bedeutende Rolle gespielt hat. Unhistorisch, wie die Zeit war, phantasierte sie sich ein tahitisches oder huronisches Arkadien, dessen Bewohner edelste Herzensbildung mit völliger Unkunde zivilisierter Zustände wunderbar vereinigten. Die Brutalitäten und Stupiditäten, das Elend und den Schmutz übersah oder ignorierte man, und man hätte ungläubig den Kopf geschüttelt, wenn ein sachverständiger Ethnologe darauf aufmerksam gemacht hätte, daß auch bei den Wilden Regeln der Höflichkeit und Zwangsjacken des Anstandes existieren, künstlicher nicht selten, verwickelter und unbequemer als alles, was Byzanz und Madrid im Fache der Etikette je ersonnen haben. Mit der Höflichkeit ist es in der Tat wie mit der Putzsucht: beide sind über den ganzen Erdball verbreitet, und beide zeigen sich in den verschiedensten, oft den bizarrsten Formen. Speke, der Nilforscher, erzählt, wie er einst mit einem Negerkönig eine Zusammenkunft hatte, welche damit begann, daß die schwarze Majestät ihm ins Gesicht spuckte. Von dem Grundsatze ausgehend, daß man Wilden immer in gleicher Münze zahlen müsse, spuckte der Engländer wieder. Und er tat wohl daran, denn er ermittelte sehr bald, daß man ihn für einen Menschen ohne Lebensart würde gehalten haben, wenn er das Kompliment nicht erwidert hätte. Solcher Beispiele und noch seltsamerer lassen sich Hunderte anführen, aber es kommt mir weniger auf die Mannigfaltigkeit der Formen als auf die Allgemeinheit der Sache an. Und an der ist nicht zu zweifeln. Eine Monographie über Höflichkeitsbräuche müßte so gut von Kalmücken und Kamtschadalen handeln wie von Griechen und Römern, vom ältesten Ägypten so gut wie vom jüngsten Staate Nordamerikas. Eine so universelle Erscheinung, deren Grenzen mit den Grenzen der Menschheit zusammenfallen, kann offenbar nicht aus einer Konvention oder gar aus einer Kaprice begrenzter Gesellschaftsgruppen oder Zeitabschnitte entstanden sein. Allerdings führt die Höflichkeit bei uns ihren Namen von den Höfen, aber sie ist so wenig an den Höfen entsprungen und von den Zeremonienmeistern zuerst gelehrt worden, wie die Putzliebe von den Schneidern, die Sprache von den Grammatikern. Wie die Sprache ist sie aus einem Triebe der menschlichen Natur erwachsen; hinterdrein erst sind die Zeremonienmeister wie die Grammatiker gekommen und haben den vorgefundenen Stoff in Paragraphen geordnet, nicht immer zum Vorteil der Sache. Wenn wir einen Trieb finden, welcher der ganzen Menschheit gemeinsam und zugleich auf die Menschheit beschränkt ist – bei den Tieren findet sich kein Analogon von Höflichkeit, höchstens von Galanterie –, dann ist die Vermutung gerechtfertigt, daß ein solcher Trieb für Entwicklung und Wohlfahrt der Gattung, bei welcher allein er hervortritt, eine gewisse Bedeutung habe, auf ein gewisses Ziel hinarbeite, welches auf anderem Wege nicht oder nicht so leicht zu erreichen wäre, ein Ziel, dessen der einzelne sich nicht bewußt sein mag, das aber für die Gattung wichtig ist. Dem Triebe zur Sprache, zum Familienleben, zur Staatenbildung sehen wir solche welterziehende Bestimmung leicht ab; daß dem Triebe zur Höflichkeit eine ähnliche Würde zukomme, wird noch heute denen, die Iherings »Zweck im Rechte, Band II« nicht gelesen haben, paradox klingen. Eine ähnliche Würde, sage ich, nicht eine gleich hohe. Sprache, Familie, Staat bedeuten für die Erziehung des Menschengeschlechts natürlich mehr als die Höflichkeit. Höflichkeit ist, einer französischen Definition zufolge, nachgeahmte Achtung, une imitation de l'estime . Die Höflichkeit ahmt Sprache und Gebärde der Achtung nach, das ist schon richtig; aber das wesentliche ist, daß sie es ohne Präjudiz und Konsequenz tut, daß sie in keiner Weise für das Vorhandensein wirklicher Achtung sich verbürgt. Höflich kann ich gegen jemand sein, von dem ich nichts weiß, auch gegen den, der mir verächtlich ist. Ich benutze die äußeren Zeichen der Achtung lediglich, um ohne Störung und Weiterung mit ihm verhandeln oder auch nur, um friedlich neben ihm existieren zu können. Wäre ich genötigt, vorab mit ihm über den Grad seiner und meiner Achtungswürdigkeit ins reine zu kommen, so würde Zeitverlust und Schlimmeres zu besorgen sein. Dieser Gefahr überhebt mich die Höflichkeit, als welche dem anderen zu erkennen gibt, daß ich seine Achtbarkeit bis auf weiteres präsumiere und demgemäß mich betragen werde. Die Höflichkeit kann neben persönlicher Wertschätzung bestehen, aber sie ist unabhängig von ihr. Sie gilt nicht dem Individuum als solchem, sondern der menschlichen Gattung, deren Mitglied ich in dem anderen erblicke und unter allem Vorbehalt in dieser seiner Eigenschaft respektiere. Ich sage ihm gewissermaßen: »Die guten Elemente der Gattung fordern meine Achtung; ich will annehmen, du gehörest zu diesen; ob dem so ist, habe ich zu untersuchen keinen Beruf; bis zum Gegenbeweise behandle ich dich so, als ob es der Fall wäre: verfahr du mit mir nach demselben Grundsatze.« Das klingt nun reichlich abstrakt, und im Leben spielt sich der Vorgang selten mit vollem Bewußtsein nach diesem Gedankengange ab. In vielen Fällen ist man nicht bloß höflich, sondern noch etwas anderes daneben, wohlwollend, mitleidig, dankbar, berechnend, gefallsüchtig, boshaft u. s. w., wodurch die einfache knappe Formel der Höflichkeit sich mannigfaltig modifiziert; und zweitens tun wir überhaupt nicht alles, was wir tun, mit klarem Bewußtsein unserer Absicht. Wer aber einmal Anlaß hat, sich deutlich zu machen, was er mit seiner höflichen Phrase eigentlich gewollt hat, der wird ungefähr zu dem von mir formulierten Resultate kommen. Der aller positiven Konsequenzen bare Charakter der höflichen Phrasen springt sofort in die Augen, wenn der andere sie ernsthaft nimmt und z. B. aus die Frage: »Was befehlen Sie?« wirklich zu befehlen anfängt. Ein Spanier sagte einem Yankee, der seine Uhr bewunderte, der Landessitte gemäß: »Sie gehört Ihnen, Señor.« Als aber der Yankee Miene machte, die Uhr einzustecken, sagte der Spanier: »Was ich aus Höflichkeit anbieten muß, das müssen Sie aus Höflichkeit ablehnen.« Kein Tier ist höflich. Wenn der Hund sich unterwürfig und zutunlich zeigt, so meint er es ganz ernsthaft so. Man könnte versucht sein, in seinen ausdrucksvollen Schwanzbewegungen und seinem Niederducken das erste tierische Dämmern eines Höflichkeitsgefühls zu erblicken, wenn nicht die eigentliche Höflichkeit gerade diejenigen Motive ausschlösse, die den Hund ganz ausfüllen. Wer sich artig erweist, um einen einflußreichen Mann zu gewinnen, oder einen zornigen zu versöhnen, oder einen Käufer anzulocken, der handelt nicht aus Höflichkeit. Der Hund klemmt den Schwanz ein, weil er für sich Unannehmlichkeiten befürchtet; er wedelt, weil er einen lieben Bekannten trifft, mit aufrichtiger Freude, oder weil er einen leckeren Bissen wittert. Das Generalisieren, das Absehen vom individuellen Falle und von konkreten Zwecken, welches der menschlichen Höflichkeit zu Grunde liegt, ist den höchststehenden Tieren ebenso fremd wie der Genuß am Komischen. Gleichwohl ist schwerlich, als der Mensch zuerst auf diesem Planeten erschien, sofort jene Grenzlinie zwischen ihm und der Tierwelt so scharf, wie wir sie sehen, hervorgetreten, das Höflichkeitsgefühl so entwickelt, wie wir es zum Thema der Betrachtung machen können, mit auf die Welt gekommen. Der Keim muß im Menschen von Urbeginn gelegen haben – denn aus nichts wird nichts –, aber es hat wohl unermeßlicher Zeiträume bedurft, ehe der Keim zur Pflanze sich entfaltete. Der Mensch mußte den gröbsten Bedürfnissen der Selbsterhaltung mit einiger Freiheit gegenüberstehen, ehe in seiner Brust das Gefühl sich regen und gar einwurzeln konnte, daß es löblich sei, auch anderen als den nächsten Jagdgenossen gegenüber feindselige Begegnung zu suspendieren, dem Unbekannten wohlwollende Neutralität zu gewähren, ihn, wenn auch nur symbolisch, mit Zeichen freundlicher Achtung zu begrüßen. Eine lange Schule mannigfacher Erfahrung mußte vorangehen, ehe die Ahnung dämmerte, daß es besser sein könnte, den Nebenmenschen, statt ihn zu töten, leben zu lassen, mit ihm zu gemeinsamer Jagd sich zu verbinden. Beute gegen Beute auszutauschen, und Äonen mögen verstrichen sein, ehe das, was anfangs Ausnahme und Berechnung war, die Begrüßung des nutzenversprechenden Fremdlings, zur milden Sitte allen Fremden gegenüber und zum instinktiven Gefühle oder Nebengedanken ward. Zuerst ist der Mensch dem Menschen ein Feind, den er flieht oder tötet; auf der zweiten Stufe wird die Möglichkeit erkannt, mit ihm als einem Gehilfen sich zu vertragen. Um solchen Verkehr aber nur zu eröffnen, muß der eine dem anderen schon von weitem, durch Signale gleichsam, zu verstehen geben, daß er ihn nicht töten wolle. Solche Zeichen müssen bald einen konventionellen Charakter angenommen haben; sie sind die ersten Symbole friedfertigen Umganges gewesen. Je häufiger die friedlichen Berührungen wurden, je vorteilhafter sie sich erwiesen, umsomehr wich die Scheu vor der Begegnung mit fremden Menschen, wandelte sie sich allmählich in Wohlgefallen und gastliche Stimmung. Daß man, wenn Fremdlinge nahten, fortfuhr, die alten Friedenssymbole zu gebrauchen, begreift sich bei der Allmählichkeit solcher Umwandlungen leicht; das Zeichen, welches ursprünglich sagte: »Du bist deines Lebens sicher,« bedeutete im milder gewordenen Zeitalter: »Du bist willkommen! Wie wir dich behandeln, so mögen wir in der Fremde behandelt werden.« Das ist der Beginn höflicher Sitte. Schon im ersten Stadium hat sie den Charakter des Allgemeinen, abstrahiert sie von den Eigenschaften des einzelnen, ehrt sie in ihm die Gattung, gilt sie auch da, wo kein besonderer Zweck erreicht werden soll. Demgemäß mißt sie alle mit demselben Maße, wiederholt sie, ohne Unterschied der Personen, immer wieder die nämlichen Worte und Gebärden. Es bildet sich ein Kodex des Zeremoniells, vor welchem, wie vor dem Code Napoléon , alle gleich sind. Von nun an ist man, wenn die Person als solche geehrt werden soll, genötigt, für den besonderen Fall andere Gebärden und Worte anzuwenden oder wenigstens durch Ton und Miene das herkömmliche, für alle gültige Zeichen der Höflichkeit zu verstärken. Hier liegt die Erklärung, weshalb es unter Umständen kränkend ist, höflich behandelt zu werden, da nämlich, wo man erwartet, ausgezeichnet zu werden. Daß die ersten Formen der Höflichkeit ursprünglich Friedenssignale waren, also ernstlich bedeuteten, was sie ankündigten, und daß sie erst allmählich sich zu bloßen Höflichkeiten abschliffen, wird niemand befremden, der mit der Naturgeschichte der symbolischen Gebräuche vertraut ist. Der Brauch überlebt nicht nur das Bedürfnis, dem er das Dasein verdankt, sondern sogar die Erinnerung an diesen Ursprung. Man übt ihn, weil er herkömmlich ist, aber man vergißt, weshalb er herkömmlich wurde. Erst die gelehrte Forschung hat uns wieder gelehrt, daß die lärmenden Scherze, welche noch heute in Europa bei den Hochzeiten vielfach vorkommen, nur Nachklänge der Handgemenge sind, die in alten Zeiten den Mädchenraub begleiteten. Was bitterer Ernst gewesen war, wurde ein Spiel der Erinnerung; allmählich schwand auch die Erinnerung, und nur das Spiel, das äußerliche Zeichen, ist geblieben. Analog wird der Vorgang bei Festsetzung der Höflichkeitsregeln gewesen sein, wenn schon ich mich nicht anheischig machen möchte, in jedem Falle den Faden des Zusammenhanges auszuklauben. Wie z. B. jener Negerbrauch, den Gastfreund anzuspucken, auf einen ursprünglichen Sinn zurückzuführen sei, wüßte ich nicht zu sagen. Dagegen scheinen viele weitverbreitete Höflichkeitsgebärden unzweifelhaft Abkömmlinge des Friedenssignals, welches ja naturgemäß entweder in einer Selbstentwaffnung oder in einer den Waffengebrauch ausschließenden Körperhaltung bestehen mußte. Man senkte die Waffe oder legte sie ab; man erhob die leeren Hände oder streckte sie dem anderen offen entgegen; man kreuzte die Arme auf der Brust; man kniete nieder oder man berührte den Boden mit der Stirn. Wie naturgemäß diese Bewegungen sind, davon habe ich kürzlich ein modernstes Beispiel gelesen. In Australien hat vor etwa zehn Jahren eine Räuberbande, geführt von den beiden Brüdern Kelly, ein förmliches Schreckensregiment geübt, Städte und Dörfer gebrandschatzt, Warentransporte und Banken geplündert, mit Mord und Brand gewütet. Endlich gelang es der Polizei und dem aufgebotenen Landsturm, die Räuber zu umzingeln und in ein Blockhaus zu treiben. Aber erst nach einem vierundzwanzigstündigen Feuergefechte gaben die Belagerten den Widerstand auf. Es waren lauter moderne Rowdies, mit Hinterladern und Revolvern bewaffnet, wahrscheinlich frei von allen gelehrten Reminiszenzen. Was taten sie, um ihre Unterwerfung anzukündigen? Sie machten es genau, wie vor Jahrtausenden besiegte Tartaren und Beduinen es auch gemacht haben werden. »Die Leute,« sagte der Polizeibericht, »traten aus dem brennenden Hause, legten sich platt auf den Erdboden und streckten die Hände in die Luft. Da wir sahen, daß sie keine Waffen hielten, stellten wir das Feuern ein, u. s. w.« Der australische Polizeiinspektor bedurfte keiner paläontologischen Studien, um die urweltliche Gebärdensprache zu verstehen. Verfolgen wir das Friedenssignal, das Zeichen der Unterwerfung, eine Strecke auf dem Wege seiner Geschichte, so gelangen wir, meine ich, zunächst an einen Punkt, wo es zum Symbol der Ehrerbietung wird. Frieden bietet man vor allem dem Stärkeren; Unterwerfung gilt dem Sieger; der Häuptling fordert, daß man ihm ohne Waffen nahe, daß, wo er erscheine, Gewalttat ferne bleibe. Die Entwaffnung, die unkriegerische Körperhaltung, anfänglich in vollem Ernste gefordert, dauerte hernach, als geordnetere Zustände eintraten, gewohnheitsmäßig beim Herannahen des Mächtigen fort, jetzt nur noch als eine Ehrenbezeigung, nicht mehr als notwendiges Unterpfand der Sicherheit. Und weil der Brauch seine praktische Wichtigkeit verlor, so wurden die einzelnen Bewegungen abgekürzt zu bloßen Andeutungen und erhielten eine scharf umrissene Form; sie wurden gewissermaßen heraldisch stilisiert, manchmal der ursprünglichen Handlung so unähnlich wie der Wappenadler dem natürlichen. Man warf sich nur noch einen Augenblick nieder, oder man beugte nur noch den Oberkörper; aus dem Hinknieen wurde die Kniebeugung, der Knicks; aus der Entwaffnung ein leichtes Senken oder Fernhalten der Waffe, das wir noch in dem Degengruß des Offiziers und in den Honneurs der Schildwachen erkennen; aus dem Lüften des Helms ward das Öffnen des Visiers, welches bei uns im Abnehmen der Kopfbedeckung, beim Militär in dem Handgriffe nach der Stirn fortlebt. In diese Klasse gehört vielleicht auch eine wunderliche Zeremonie, die Stanley am oberen Kongo antraf. Der Begrüßende füllt beide Hände mit Sand und reibt damit in unverständlicher Weise in bestimmter Reihenfolge Ellenbogen, Hüften u. s. w., bis der Sand alle ist. Jedenfalls ist er während dieser Prozedur kampfunfähig. Eine andere Bewandtnis dürfte es mit der morgenländischen Sitte haben, welche durch Abtun der Schuhe Ehrfurcht bezeigt, im striktesten Gegensatze zum kopfentblößenden Abendlande. Die morgenländische Sitte wird jüngeren Datums sein, wenn auch immer noch uralt: sie deutet auf eine Entstehungszeit, wo der Häuptling schon ein teppichgeschmücktes Zelt, das Götzenbild einen Tempel mit künstlichem Estrich hatte. Freilich tat auch auf freiem Felde Moses seine Schuhe ab, als Jehova ihm im feurigen Dornbusch erschien; die Sitte hatte ihre ursprüngliche Bedeutung schon vergessen. Dem Osten und dem Westen gemeinsam ist der Gedanke, daß Stehen mehr Ehrfurcht in sich hat als Sitzen und Liegen. Natürlich scheint es, daß in primitiven Zeiten, als auch in der Wohnung des Reichen der Sessel und Teppiche wenige waren, der Geringere aufstehen mußte, um dem Vornehmeren Gelegenheit zum Sitzen zu bieten, oder auch um ihm den besseren Platz, näher am Herde oder im Schatten, einzuräumen. Leicht knüpft sich daran die Anschauung, daß Sitzen dem Höheren, Stehen dem Niedrigeren zukomme, gleichviel ob der Stühle mehr oder weniger sind. Die Gastfreiheit, die Tugend patriarchalischer Zeiten, wirkte fördernd mit. Der Fremdling, der, ganz nach dem Schema der Höflichkeit, um seiner Fremdlingsschaft, nicht um seiner persönlichen Verdienste willen, ausgezeichnet werden soll, wird an der Tür empfangen; der Wirt erhebt sich und führt ihn zu seinem eigenen Platze, bietet ihm seine Dienste an, bevorzugt ihn beim Mahle, geleitet ihn beim Abschiede u. s. w. Aus der steten Wiederholung solcher Verläufe wurde schließlich jenes Zeremoniell der Ehrenbezeigung, welches noch heute, stark abgeschliffen zwar im großstädtischen, deutlicher im kleinstädtischen und bäuerlichen Verkehr, zu erkennen ist. In altfränkischen Häusern läuft man mitunter noch Gefahr, bei einem gelegentlichen Vormittagsbesuche mit den Hausbewohnern, wenn auch nicht Salz und Brot, doch Wein und Konfekt teilen zu müssen. Dabei läßt sich wenigstens noch an das Bestreben, dem Besucher »etwas zu gute zu tun«, denken, während es doch unerfindlich ist, worin »das Gute« besteht, wenn der Gast genötigt wird, sich ins Sofa statt in einen bequemen Fauteuil zu setzen, die Hausfrau statt der Dame seiner Wahl zur Tafel zu führen und die Treppe hinab, auf welcher kein Schatten von Gefahr droht, sich vom Hausherrn geleiten zu lassen. Vernunft entdecken wir nicht mehr in diesen Dingen, aber kraft unvordenklicher Gewöhnung empfinden wir sie ohne weitere Reflexionen als ehrende Behandlung. Und nun frage ich: was würden wir wohl beginnen, wenn wir dies Erbteil nicht besäßen? Erfinden und dekretieren lassen sich diese Symbole nicht, so wenig sie sich willkürlich abschaffen lassen. Alle Vereine gegen das Hutabnehmen, welches dem Hute und seinem Träger nachteilig ist, haben Fiasko gemacht, und auch die so mächtige Sanitätsschwärmerei unserer Tage hat es nicht vermocht, eine rationellere Begrüßungsform durchzusetzen. Aller logischen Opposition ungeachtet bleiben wir der unbewußt entstandenen Sitte Untertan. Und im ganzen stehen wir uns gut dabei: in der Sitte ist mehr verborgene Weisheit als in der Logik der Individuen. Die Sitte hat es gefügt, daß der Ehrenplatz bei der Mahlzeit an der Seite der Hausfrau ist; dort hatte in alter Zeit der Gast die beste Sicherheit, reichlich und gut gespeist zu werden. Heute, wo dieser Grund gewöhnlich wegfällt, scheint es rationeller, den Stuhl neben der liebenswürdigsten, oder der geistreichsten, oder der schönsten Dame zum Ehrenplatz zu machen. Aber man bedenke, was entstehen würde, wenn vor jedem Diner und Souper das Schiedsgericht des Paris wiederholt werden müßte! Unter den aufgetragenen Früchten würde der Apfel der Eris nicht selten sich vorfinden. Es ist weit leichter, den Rang als die natürlichen Vorzüge zu messen, und selbst um den Rang hat es Hader und Haß genug gegeben. Es ist gut, daß die Sitte wenigstens weiteren Zank abwendet. Der geneigte Leser findet vielleicht, daß ich mehr von Ehrerbietung als von Höflichkeit rede, was doch sehr verschiedene Dinge seien. Und der geneigte Leser hat recht: es sind ganz verschiedene Dinge. Höflichkeit im eigentlichen Sinne ist ja völlig unabhängig von der Erwägung, ob einer hochgeboren, mächtig, reich sei, ob er große Tugenden besitze, glänzende Verdienste sich erworben habe. Sie rechnet nur mit Durchschnittsgrößen. So sehr gehört dies zu ihrem eigensten Wesen, daß sie nur gegen Gleiche und gegen Tieferstehende geübt werden kann, nicht gegen Höhere. Es ist nicht Höflichkeit, wenn der Untertan vor dem Kaiser Front macht, wenn der Subalternbeamte vor dem Minister sich verneigt. Aber es ist Höflichkeit, wenn der Kaiser den Gruß erwidert, der Minister seinerseits den Hut zieht. Und man wird finden, daß diese Erwiderung meistens sich nicht viel von der Art, wie Gleiche in zwangloser Begegnung einander grüßen, unterscheidet. Um so höflicher ist die Erwiderung des Höheren, je weniger Herablassung durchschimmert. Denn Gleichheit ist das Lebenselement der Höflichkeit, wie Ungleichheit das der Ehrerbietung. Wenn einer höflich ist, wo er ehrerbietig sein sollte, wirkt er alsbald komisch, wie der bekannte »Einjährige«, den Prinz Friedrich Karl auf der Straße interpellierte. – Kennen Sie mich nicht? »Habe nicht die Ehre.« – Ich bin Prinz Friedrich Karl. »Sehr angenehm, mein Name ist Cohn.« Die Geschichte ist lehrreich, weil sie einmal die Höflichkeit in ihrem Rechte zeigt (solange Cohn den Prinzen nicht kennt, benimmt er sich ganz korrekt), und dann mit einem Schlage sie ins Unrecht, d. h. in eine Situation, wo sie unpassend wird, versetzt. Eine feinere Nuance bietet die Geschichte, wie Lord Stair vor dem großen König, wohlgemerkt König Ludwig dem Vierzehnten, in den Wagen stieg. Bekanntlich gehörte der Vorzug, in der Karosse des großen Monarchen zu fahren, zu den überschwenglichsten Segnungen, die Höflings Erdenwallen beglücken konnten. Wenn der Herzog von Saint-Simon (der doch zu den unabhängigeren Geistern des Hofs gehörte) von jemand zu berichten hat: » le roi le faisait entrer dans son carosse «, so nimmt er einen Ton an, als ob er sagen wollte, der Himmel öffnete sich! Eines Tages also, als die Wagen vor der großen Terrasse hielten, um den Hof nach Marly zu bringen, und alles atemlos harrte, welcher Glückliche erkoren werden möchte, winkte der König dem neuen Botschafter Englands, mit ihm einzusteigen. Der Botschafter machte seine Reverenz und wollte, wie sich von selbst versteht, warten, bis der König Platz genommen habe. Aber der König blieb am Schlage stehen und sagte: »Steigen Sie ein, Mylord.« Und siehe da, ohne einen Augenblick zu zaudern, zum Entsetzen der Hofgesellschaft, stieg der Botschafter ein, und der große Monarch folgte als zweiter. König Ludwig selbst erklärte hernach seiner entrüsteten Umgebung das Feine der Sache. Dem englischen Botschafter war der Ruf vorangegangen, daß er der vollkommenste Hofmann sei und in den schwierigsten Situationen unfehlbar das tue, was sich zieme. »Ich habe ihn auf die Probe stellen wollen,« sagte der König, »und er hat sie bestanden.« Die französischen Kavaliere mußten zugeben, daß der Lord, wenn er höflich den Vortritt beanstandet hätte, den König wie einen Gleichen behandelt haben würde, und daß er gerade durch Beiseitelassen der Höflichkeit die Ehrerbietung bewies. Hier muß ich nun eine Einschaltung machen, um mich vor einem Mißverständnisse zu schützen. Wenn ich sage, man könne gegen Höherstehende nur ehrerbietig, nicht höflich sein, so spreche ich nur von den Fallen, wo das Rangverhältnis als solches zur Geltung kommt, vom dienstlichen und zeremoniellen Verkehr, nicht von dem Zusammentreffen auf neutralem Gebiet. Im Salon, an der Tafel, im Klub, im Eisenbahnwagen, am Kurorte, auf Rigikulm und am Golf von Neapel kennt der Kodex der Sitte nur Ladys und Gentlemen, die berechtigt und verpflichtet sind, einander höflich zu behandeln, respektive höflich zu ignorieren, und wenn schon unterwürfige Gewohnheit und Befangenheit ihre Devotion auch in die freie Region oft mitschleppen mag und selbst auf dem Montblanc ihre Bücklinge nicht vergessen kann, so sind dies doch nur Ungebührlichkeiten, die man der menschlichen Schwäche zu gute halten, aber nicht nachahmen soll. Das allgemeine Urteil verwirft sie; ihm ist es guter Ton, im Verkehr mit Höheren sich einfach und zwanglos zu bewegen; den Kleinstädter, der seinen submissen Frack nie ablegt, belächelt man wie den König im Märchen, der mit Krone und Szepter spazieren geht. Wenn nun aber Ehrerbietung und Höflichkeit so verschiedene Dinge sind, daß sogar eins das andere ausschließt, wie geht es dann zu, daß ihre Zeichen und Ausdrücke einander so ähnlich, ja zum Teil identisch sind? Hutabziehen, Aufstehen, Entgegenkommen und Begleiten, Verbeugung, Einräumung des Vortritts, alle diese im Verkehr Gleicher geübten Bräuche sind, wie wir wenigstens vermuteten, zuerst Zeichen der Ehrerbietung gewesen, und dasselbe gilt von unseren gewöhnlichen Höflichkeitsphrasen: »ergebenster Diener«, »mit ausgezeichnetster Hochachtung«, »erzeigen Sie mir die Ehre« u. s. w. Es gilt ja namentlich und nachweisbar von der allgemein gewordenen Anrede »Herr« und »Frau«. Wenn der Bewohner einer anderen Welt uns sprechen hörte, könnte er glauben, daß wir alle gegeneinander von Devotion überflössen, während wir selbst nichts davon merken und die Phrasen der Ehrfurcht nur gebrauchen, um nicht ungezogen zu erscheinen. Hier liegt die Erklärung nicht in prähistorischen hypothetischen Vorgängen, sondern im hellen Licht der Geschichte. Zum Teil vor unseren Augen vollzieht sich die Umwandlung des ehrerbietigen in das höfliche Zeichen, und wir wissen genau, wie es dabei zugeht. Da man nicht immer genau weiß, wie viel Ehre der andere, der ja oft ein Unbekannter ist, mit Recht oder auch mit Unrecht erwartet, so gibt man ihm im Zweifelsfalle, zumal wenn man von höflicher oder schüchterner Gemütsart ist, lieber zu viel als zu wenig. Das Plus wird allmählich gewohnheitsmäßig (kostet es doch nichts), und nun ist es schon unhöflich, weniger als zuviel zu geben. Natürlich hört die Auszeichnung auf, Auszeichnung zu sein, wenn sie jedem ersten besten zu teil wird: von Stund' an ist sie nur mehr einfache Höflichkeit. Wie Papiergeld, wenn es zu häufig vorkommt, im Kurse sinkt, so geht es mit Titulaturen, Zeremonien und Phrasen. Wenn irgend ein soziales Gesetz nachweisbar ist, so ist es dieses, daß die Höflichkeit nach und nach die Zeichen der Ehrerbietung für sich usurpiert, sie in immer weiteren Kreisen umlaufen läßt und dadurch entwertet, daß dann die Ehrerbietung notgedrungen für ihren aparten Gebrauch neue schönere Zeichen ausgibt, und daß über ein Kleines die Höflichkeit auch dieser neuen Auflage sich bemächtigt und ihre alten abgegriffenen Noten außer Kurs setzt. Kein Volk hat auf diesem Felde eine so unerschöpfliche Erfindungsgabe gezeigt, wie die Deutschen in den letzten drei oder vier Jahrhunderten, auch die Chinesen nicht, die sich konservativ mit den tausendjährigen Regeln behelfen. Kein größerer Kontrast als der zwischen den Schnörkeln und dem Schwulste unserer Umgangsformen und dem der beiden Völker des Altertums, auf deren Kultur doch unsere so vorwiegend beruht. Sinn für seine Lebensart gebrach sicherlich weder Hellenen noch Römern; die Worte »zivil« und »Urbanität« weisen ja unmittelbar auf Rom und seine Bürger. Aber der Stil ihrer Lebensart war einfach, knapp und keusch wie ihr Baustil. Sie haben nie einen Menschen anders als du genannt; Wendungen wie »ich habe die Ehre«, »ich erlaube mir« und dergleichen kommen in ihren Reden und Komödien, ihren Dialogen und Briefen nicht vor. Sie verlegten die Höflichkeit in das Benehmen, nicht in eine absonderliche Syntax und Grammatik; sie sprachen mit Perikles und König Alexander, mit Scipio und Julius Cäsar in den Satzbildungen wie mit dem letzten Bürger. Jene formale Gleichheit, welche das Ziel der Höflichkeit ist, ward von den Alten erreicht, indem sie den Vornehmen nicht höflicher anredeten als den Niedrigen; die Modernen, umgekehrt, erstreben die Gleichheit, indem sie den Niedrigen so anreden, als ob er vornehm wäre. Diese moderne Methode, das Hinaufschrauben von unten nach oben, hat, seitdem die Barbaren Nordeuropas die Weltherrschaft angetreten, allerdings unter dem Einflusse byzantinischer Hofsitte, erst langsam, dann immer schnellere Fortschritte gemacht bis in die neueste Zeit, in Amerika bereits bis zu einem gleichen Niveau für alle Weißen, in Europa demselben Ziele sich stark annähernd. Von »Herr« und »Frau« sprach ich schon. Der Titel Herr Dominus, Seigneur, Lord, gebührte ursprünglich nur den Häuptern der Dynastengeschlechter, die keinen über sich hatten; allmählich gewährte man ihn den großen Vasallen und Prälaten, im späteren Mittelalter auf dem Kontinent schon allen Ritterbürtigen und allen Geistlichen, die ein bedeutenderes Amt bekleideten. Die Doktoren, die Patrizier, die Ratsmitglieder in den Städten, dann überhaupt die liberalen Professionen und die angesehensten Bürger wurden im Verlaufe der Zeit mit dem adligen Titel beehrt; heute wird er im mündlichen Verkehr den meisten, im schriftlichen allen zuerkannt. In meinem väterlichen Hause, d. h. vor fünfzig Jahren, wurden Schuster, Schneider und Tischler ganz unbefangen »Meister« angeredet; wir nennen ebenso unbefangen unsere Handwerker, selbst die Gesellen »Herr«. In meiner Jugend hießen die jungen Damen bürgerlichen Standes Mamsellen; auf den Theaterzetteln stand: »Zerline... Demoiselle Sonntag.« Heute schreibt man der Köchin »Fräulein« vor den Namen und nennt alle Damen »gnädig«, die Schauspielerinnen eingeschlossen. In Frankreich ist es ähnlich ergangen. Von den drei aus dem lateinischen senior entsprungenen Formen des Herrentitels, Seigneur, Sire und Sieur , hat Seigneur am längsten als Auszeichnung des hohen Adels, Sire als Anrede an den König sich behauptet, Sieur die Wanderung nach unten angetreten wie unser »Herr«. Nicht das wenigst Ergötzliche in dem wundervollen Memoirenwerke des Herzogs von Saint-Simon ist die tiefe Trauer, mit welcher der Pair von Frankreich die einreißende Vermengung der Titel als Vorbotin des Weltunterganges an zahlreichen Beispielen illustriert. Schon, sagt er, entblöden die Minister sich nicht, sich Monseigneur anreden zu lassen! Wohin kommen wir? Alle Grenzmarken göttlicher und menschlicher Ordnung werden weggespült. Daß gleichzeitig der Bürger sich nicht entblödete, sich Monsieur anreden zu lassen, anstatt Maître , wie es ihm zukam, das ärgerte den Herzog nicht so sehr; ihm lag nur an dem Privilegium des hohen Adels. Einige Menschenalter später spülte dann in der Tat die große Sintflut den hohen Adel hinweg, ehe der Titel Zeit gehabt hatte, sich so zu encanaillieren wie das sonst hätte es geschehen können, daß die Franzosen alle sich Monsieur nennten, wie Italiener und Spanier es wirklich tun und wie wir alle »Herren« geworden sind. So ist Monsieur allein stehen geblieben, und nur vereinzelt, Prinzen und Kirchenfürsten gegenüber, wagt das feudale Prädikat sich noch hervor. Monsieur ist zwar auch feudaler Abkunft, aber es hatte, als die Sintflut kam, schon so breites bürgerliches Terrain gewonnen, daß es sich gegen die demokratischen Puristen behaupten konnte. Aber merkwürdig ist es doch, daß diese Puristen einige Jahre lang sich schmeicheln durften, gegen die französische Höflichkeit und den französischen bon sens ihr geschmackloses citoyen durchzusetzen. Der Gleichheitsfanatismus schien mächtiger als die höfliche Gewöhnung, und in seiner Blindheit begriff er nicht, daß gerade die Allgemeinheit des Titels Monsieur ein Triumph der Gleichheit sei. »Wenn ich Ihr Herr bin, mein Herr, und Sie mein Herr sind, wo bleibt da die Ungleichheit?« sagte Beaumarchais. Im wesentlichen sind alle Völker Europas denselben Gang gewandelt, aber keins ist so beflissen gewesen wie das deutsche, für die Entwertung des Herrentitels der Eitelkeit der Vornehmen und der Devotion der Niederen immer neuen Ersatz zu schaffen durch immer neue, schwerfällige und bombastische Prädikate. Die übrigen Nationen übergehe ich mit Schweigen, nur von einer , weil sie am strengsten die alten Unterscheidungen festgehalten hat, will ich einige Worte sagen, von den Engländern. Ihnen ist wie im Mittelalter noch heute nur der Mann des hohen Adels und der Prälat der Landeskirche ein »Herr« ( Lord ). Auch den obersten Richtern und den Burgemeistern von zwei oder drei bevorzugten Städten gönnen sie diesen Titel. Jeder andere ist »Meister« ( Mister ) geblieben, wenn er nicht etwa einen militärischen Titel führt, oder Doktor, oder wenn er nicht als Inhaber der Ritterwürde auf das Prädikat Sir (das normannische Äquivalent für das angelsächsische Lord ) Anspruch hat. Aber auch in diesem konservativen Lande macht sich jenes nivellierende Gesetz, von dem ich sprach, geltend. Den Lordstitel hat es nicht angetastet, aber schon seit Jahrhunderten wird jedermann Sir angeredet wie ein Ritter. Jede Mehrheit von Männern nennt man in der Ansprache » Gentleman «, ob sie zur Gentry gehören oder nicht. Alle Damen sind ohne Unterschied » Ladies «; nur in der Anrede an die einzelne sinkt diese, wenn sie nicht zu den Privilegierten gehört, zur » Madam «, in der dritten Person zur » Mistress « herab. Auf Briefadressen schreibt man statt » Mister « ziemlich allgemein » Esquire «, d. h. Schildknappe, ohne im entferntesten an die Bedeutung des Worts als einer feudalen Rangbezeichnung zu denken. Selbst königlichen Prädikaten ist es nicht anders ergangen. In den spätesten Zeiten des weströmischen Reiches fing man an, den Kaiser anstatt mit Du mit tua clementia anzureden, auch ab And an mit tua majestas . Während des Mittelalters verblieb die »Majestät« ausschließlich den römischen Kaisern; andere Monarchen mußten sich mit der »Gnade« begnügen. Die Könige heißen auch wohl »Hoheit«, und die großen unter ihnen, Spanien, Frankreich, England, wurden seit dem sechzehnten Jahrhundert am eigenen Hofe »Majestät« genannt. Bei Shakespeare werden sie abwechselnd grace , highness , majesty tituliert. Der Kaiser sträubte sich lange, den größeren Monarchen die Majestät zu geben; schließlich mußte er sich darein finden und sich damit trösten, daß er die einzige »kaiserliche Majestät« sei. Der Herzog von Saint-Simon fand es unverschämt und lächerlich, daß der König von Dänemark es versucht hatte, in irgend ein Vertragsinstrument sich als Majestät einzuschmuggeln, und er tadelt die Versailler Kanzlei, daß sie aus Gutmütigkeit ihm zu » Altesse « noch » sérénissime « gegönnt habe. Mit welchen Gefühlen würde er unsere verkommenen Zustände betrachten! Altesse heißen heute die kleinen »landsässigen« Fürsten, die nicht einmal Pairs sind, und »Euer Gnaden« ist in Wien und Madrid jeder, der einen anständigen Rock trägt. Nur in England ist »Euer Gnaden« ( your grace ) eine Auszeichnung geblieben, freilich nicht der Könige, aber doch der beiden Erzbischöfe und der Herzöge. Der lateinische Süden hat die Exzellenzen und Signorien aufgebracht und streut sie mit vollen Händen auf alles nieder, was Symptome von Zahlungsfähigkeit zeigt. Deutschland hat die Exzellenz und die Magnifizenz importiert, aber daneben einen förmlichen Wuchergarten heimischer Gewächse angelegt, Hoheit, Durchlaucht und Erlaucht, Hoch-, Hochwohl-, Hochedel-, Edel- und Wohlgeboren, Hoch- und Wohlweisheit, Hochwürden, Ehrwürden und Hochehrwürden, eine sinnverwirrende Fülle von Geschmacklosigkeiten, deren Perle mir »Euer Liebden« zu sein scheint. Daß auch diese Titulaturen immer tiefer herabsteigen, ist bekannt: Hochwohlgeboren ist bereits ein leeres Anhängsel geworden. Wohlgeboren beinahe eine Insulte, wie das geistliche »Ehren«, das man früher den Landpastoren gab. Neben solchen Verschnörkelungen kann es nicht mehr wundernehmen, daß Ehrerbietung und Höflichkeit selbst die Grammatik verschraubt und verdrechselt, Singularis in Pluralis, zweite Person in dritte umgekünstelt hat. Die Sitte, Ihr statt du zu sagen, ist nach Jakob Grimm zuerst im neunten Jahrhundert nachweisbar, aber er zitiert selbst eine Quelle aus dem fünften, in der es (ganz ungeschichtlich natürlich) heißt, man habe Julius Cäsar geihrzt, »um ihn zu ehren«. Auf das Ehren war es jedenfalls abgesehen: der Angeredete sollte für mehr gelten als für eine Person. Der Brauch verbreitete sich über ganz Westeuropa, aber schon im späteren Mittelalter war das Ihrzen einfache Höflichkeit; das Du galt nur gegen Geringere und im vertraulichen Verkehr; sonst empfand man es als Kränkung. Kaiser Friedrich der Erste wurde noch vom Papste geduzt, was er seinerseits nur im Zorne zu erwidern wagte. Heute ist das »Ihr« tief von seiner Höhe gesunken. In England hat es das Duzen so vollständig verdrängt, daß man selbst Säuglinge, ja Pferde und Hunde mit you anredet. Es ist nicht Höflichkeitsform mehr; aber wenigstens haben die Engländer es dabei bewenden lassen, ohne, wie andere devotere Nationen, statt der erloschenen eine neue zu entwickeln, von der zweiten auf die dritte Person überzuspringen. Weit früher hat der sklavische Orient denselben Sprung von der ersten Person auf die dritte vollführt: »Siehe, dein Knecht hat Gnade gefunden vor deinen Augen und du hast ihm geholfen,« – was den Eindruck macht, als werde es mit ehrfürchtig abgekehrtem Antlitz gesprochen, als getraue der Redende nicht zu dem Mächtigen wie ein Ich zum Du zu sprechen. Gewiß von einem ähnlichen Gefühle geleitet, sagte der Abendländer anstatt »dein Knecht bittet dich«: »ich bitte den Herrn, mir seine Befehle kund zu geben.« Solche Art zu reden galt für feiner als das Ihrzen und drang im sechzehnten Jahrhundert aus Italien und Frankreich in Deutschland ein. Aber in Deutschland vertiefte man den Bückling noch erheblich. Die Ehrfurcht heischte, daß der Herr ein Pluralis sei, und man sagte deshalb: »Wie der Herr befehlen,« »wünschen der Herr zu speisen?« Das Pronomen machte dann den tieferen Bückling mit, und aus »er« wurde »sie«, das zu mehrerer Feierlichkeit mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben werden mußte. Dies schreckliche, naturwidrige, schleppende »Sie« sind wir nicht wieder los geworden; es herrscht im Gegenteil jetzt nahezu allgemein, und nur der vertrauliche Umgang bleibt ihm unzugänglich. Im vorigen Jahrhundert kämpfen noch Ihr, Er und Sie den Kampf um das Dasein, mit zunehmendem Überwiegen des schlechtesten Pronomens. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen nannte brieflich seinen Kronprinzen Ihr , andere Leute Er ; der Prinz gab ihm Sie zurück. Die Meinung, es sei dem alten Fritz eigentümlich und eine Art Grobheit gewesen, Minister und Generale Er zu nennen, ist irrig; der Brauch war allgemein, bis ans Ende des Jahrhunderts, und hatte im Munde eines Königs nichts Kränkendes, so wenig es heute verletzt, wenn der Fürst dem Untertanen gegenüber das »Herr« fallen läßt. In Lessings, Goethes und Schillers Dramen wechseln Er, Ihr und Sie in einer (beiläufig gesagt für die Nuancierung des Dialogs sehr wirksamen) Weise, welche zeigt, daß der Gebrauch noch in der Entwicklung sich befand. Schiller selbst ward von seinem Vater Er angeredet, ohne allen verächtlichen Nebensinn. Aber natürlich, je mehr das Sie sich einnistete, umsomehr verlor das Er im Kurse, umsomehr klang es geringschätzig, und das Selbstgefühl des gebildeten Mannes begann alsbald sich gegen differenzielle Behandlung in diesem Punkte zu sträuben. Vom Schwiegervater ließ man sich das Er allenfalls noch gefallen, wie Vossens »Luise« lehrt; aber Gellerts bekannter Leberreim beweist, daß die gute Gesellschaft anfing, gegen die dritte Person Singularis zu reagieren. Die Sprechweise in »Kabale und Liebe« würde heute unmöglich sein. Der Präsident nennt den Sekretär, Ferdinand den Vater seiner Geliebten, diese ihren Vater Er ; Lady Milford fragt das anständige Bürgermädchen: »Luise nennt sie sich?« und ebenso spricht der Präsident zu Luisen. Nur in der Bauernsprache behielt die Anrede in der dritten Person Singularis ihren höflichen Sinn; im übrigen beschränkte sie sich auf den Verkehr mit dem gemeinen Mann, Dienstboten und Soldaten, neben dem »vertraulichen Du«. Seit 1848 verschwand das Er auch aus dieser seiner letzten Domäne; im Revolutionsjahre forderte der gemeine Mann das Sie mit solchem Nachdruck, daß selbst die Unteroffiziere sich fügen mußten, und die Sitte hat hernach diese Errungenschaft besiegelt, zum Glück aber den Sprachgebrauch der Familie und der Kameradschaft nicht, wie in England, angetastet. Im Gegenteil, aus diesem Gebiete, von dem sie vordem bereits einige Provinzen an sich gerissen hatte, ist sie wieder ausgewiesen worden. Vor hundert Jahren nannten Kinder ihre Eltern, Brautleute und selbst Gatten einander Sie , Väter ihre Söhne Er . Das wenigstens hat die Revolution, die mit Rousseau begann, wieder weggespült. Ich habe noch als Kind gehört, mit Verwunderung, als etwas sehr Drolliges, wie mein Vater zu seiner alten Mutter sagte: »Wie befinden Sie sich?« Mir scheint, daß von den westeuropäischen Völkern die Franzosen am besten gefahren sind. Sie haben von der natürlichen Grazie der Sprache am wenigsten der Höflichkeit geopfert. Allerdings stehen sie den Engländern darin nach, daß sie die Anrede in dritter Person, die in England nur ganz vereinzelt in Wendungen wie your lordship erscheint, nicht so gründlich ausgemerzt haben. Indes einmal beschränkt sich in Frankreich diese Anrede – » Monsieur est servi « auf besonders zeremoniösen Umgang, während » vous « das herrschende Pronomen geblieben ist, und zweitens haben die Franzosen sich das unschätzbare Du , das in England nur noch bei den Quäkern als Rarität konserviert wird, nicht nur erhalten, sondern auch, wie wir, seine Grenzen weitergerückt. Besondere Devotionsfürwörter, wie wir sie haben, Hochdieselben, Allerhöchstihre, Dero u. s. w. hat selbst der Versailler Hof nicht gezeitigt. Tröstlich ist für uns Deutsche, daß wir anscheinend nicht nur den Gipfel des Absurden bereits erstiegen haben, sondern mit der übrigen zivilisierten Menschheit uns in der Umkehr zu einfacherem Stile befinden. Gegen die Überschwenglichkeiten des Höflichkeitstriebs, die im vorigen Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten, scheint eine dauernde Reaktion eingetreten zu sein, eine Bewegung nach dem richtigen Ziele, dessen Mittel die Höflichkeit ist, nämlich erstens nach der Friedfertigkeit, sodann nach der Bequemlichkeit und endlich nach der Schönheit des Umgangs. Dazu bedarf es Selbstbeherrschung, Schonung fremder Eigenliebe, Anerkennung gleicher Rechte aller, und die höflichen Formen sollen dazu erziehen, daran gewöhnen. Diese Formen waren aber allmählich anstatt Mittel Selbstzwecke geworden; sie hatten den Umgang, den sie erleichtern sollten, zu einer Last und Arbeit gemacht, ihn zum Schutze wider Roheit in eine Rüstung geschnürt, die ihn zu ersticken drohte. Wenn Leute wie Lessing das, was man Höflichkeit nannte, haßten, so muß man sich vergegenwärtigen, wie diese Höflichkeit aussah. Sie war eine tägliche Fronarbeit und eine kasuistische Wissenschaft, die das ganze Leben in ein Netz unbequemster Regeln einspann. Die gute Gesellschaft war fröhlich im Schweiße ihres Angesichts, schwitzend vor Anstrengung, schwitzend vor Angst, etwas zu versäumen. Und wie es zu gehen pflegt, unter dem Kultus der Formen litt die Sache. Wie um die Observanzen der Religion die gottlosesten Kriege, so sind um die Observanzen des Umgangs die gröbsten Zänkereien geführt worden. Weil man in den Formen die Ehre selbst erblickte, focht man um sie mit ahnungsloser Komik. Wie viel Schritte man dem Besucher entgegengehen, wie viel Grade der Winkel der Verbeugung haben, ob man den Hut nur obenhin lüften oder bis ans Ohr oder bis zur Schulter, zur Hüfte, zum Knie senken müsse, wie viel Ellen Krepp dieser Trauerfall, wie viel jener fordere, ob ein Stuhl mit Lehne oder ohne Lehne anzubieten, auf welcher Höhe des Papiers der Brief anzufangen und mit wie langem Devotionsstrich er zu schließen sei, und ob man bei der Unterschrift verharren oder ersterben solle, – diese und zahllose ähnliche Fragen wurden wie Haupt- und Staatsaktionen behandelt, stifteten Haß und Unfrieden, beherrschten und belasteten das Dasein. Wenn wir von alten Leuten hören, die gute Sitte gehe zum Teufel, so wollen wir nicht vergessen, daß die gute Sitte der alten Zeit auf dem besten Wege war, die Natur zu töten und mit der Natur die natürliche Höflichkeit. Ja, wer alle seinen Sitten jener Zopfzeit gewissenhaft befolgt hatte, mochte nach so saurem Tagewerke wohl meinen, mehr könne man nicht verlangen, mochte wohl vergessen, daß am Ende die höfliche Gesinnung die Hauptsache sei, – wie der Büßer, der sich die Knie wund rutscht, mit dem Himmel sich abgefunden zu haben glaubt. Unser Jahrhundert, so dünkt mich, hat wenigstens gelernt, daß hinter den Symbolen eine Sache steckt, auf die es ankommt und auf welche die Schule der Jahrtausende abzielt. Wir begreifen, daß es ein Ideal des Verkehrs gibt, – jeder in jedem die Würde der Gattung respektierend, jeder in jedem die Schwächen unserer gemeinsamen Natur schonend, das Wohlwollen in den kleinen Dingen des Lebens den Vortritt gewinnend vor der rohen Selbstsucht. Und wir verstehen, daß alle Observanzen der Höflichkeit nur Wert haben, wenn sie auf dies Ideal hindeuten, zu ihm erziehen, daß ihr Übermaß schädlich wirkt, weil es das Wesen der Sache unter den Äußerlichkeiten verschüttet. Noch bleibt mancher Zopf abzuschneiden, aber zurückschauend dürfen wir doch sagen: es ist besser geworden. Welche Massen unnützen Ballastes haben wir über Bord geworfen, wie viel kostbare Zeit dem leeren Formelkram abgewonnen! Man kann sagen, daß wir ohne die starken Abbreviaturen, welche wir in Dingen der Etikette vornehmen, das Leben zu kurz finden würden, um die Pflichten der Höflichkeit zu erfüllen. Ich erinnere nur an die Visitenkarte, – deren Urheber leider, wie so mancher Wohltäter der Menschheit, unbekannt geblieben ist. Welche kolossale Zeit und leere Redensarten erspart diese Abbreviatur des Besuches der Welt! Es ist wahr, zum großen Teil ist die Höflichkeit eine Konzession an die menschliche Eitelkeit. Aber ist sie deshalb verwerflich? Schriebe ich eine Abhandlung über die Eitelkeit, so könnte ich vielleicht auch ihr einige gute Seiten abgewinnen, vielleicht zeigen, daß sie nicht allein eine große, sondern auch eine nützliche Rolle in der Welt spiele, und insoweit Schonung verdiene. Das Thema wäre nicht uninteressant. Aber zugegeben, Eitelkeit wäre absolut schlecht. Jedenfalls existiert sie, eine der Großmächte dieser Welt, und jedenfalls ist da, wo man auf ihre Empfindlichkeit keine Rücksicht nimmt, auf die Dauer ein geselliger, ich glaube nicht einmal ein polizeilich korrekter Verkehr möglich. Wer geselligen und friedlichen Verkehr der Menschen nicht auf engste Freundeskreise beschränkt sehen möchte, vielmehr ihn in den weitesten Grenzen für wünschenswert hält, der muß die Konzession, ohne welche solcher Verkehr undenkbar ist, bewilligen, es sei denn, daß er fände, sie verstoße gegen höhere Pflichten, gegen unverrückbare Gesetze der Sittlichkeit, z. B. gegen die Wahrhaftigkeit. Derartige Skrupel gegen die Höflichkeit bestehen, wie wir schon sahen, allerdings: es gibt Leute, namentlich in England, die es für sündlich halten, eine höfliche Phrase zu gebrauchen, die sie nicht eidlich erhärten können. Wenn ein unbequemer Besuch sich anmeldet, sagen sie beileibe nicht: »Ich bin nicht zu Hause,« sondern: »Ich bin beschäftigt,« oder: »Ich bin verhindert,« was doch auch in den meisten Fällen nur eine Umschreibung ist für: »Man lasse mich ungeschoren!« Jedenfalls ist diese Lüge nicht schlimmer als die andere, sich »ergebenst« zu unterzeichnen, wo man keine Ergebenheit fühlt. Nun bedarf aber der Vordersatz, von dem diese Puristen ausgehen, »daß man jedem die Wahrheit schuldig sei«, gar sehr des Salzkorns. Humboldt hatte einmal gelegentlich an Varnhagen geschrieben, »Wahrheit schulde man nur denen, die man achte,« und Fräulein Assing hatte es drucken lassen. Darob erhob sich denn großes Zetergeschrei über Humboldts laxe Moral: die Wahrheit zu sagen sei man immer und überall verpflichtet. Wenn dem so wäre, hätte es freilich mit der Höflichkeit ein Ende. Aber was heißt denn die Wahrheit sagen? Für mich (und für Menschen überhaupt) heißt es immer nur so viel als: das sagen, was ich für wahr halte. Und es ist mir doch mehr als zweifelhaft, ob jeder Mensch verpflichtet, ob er auch nur berechtigt ist, in diesem Sinne überall und immer die Wahrheit zu sagen. Ich male mir aus, wie, wenn diese Regel gelten sollte, manche Begegnung, die jetzt harmlos verläuft, sich entwickeln möchte. »Ach, Herr Professor, gut, daß ich Sie sehe; ich möchte Ihnen doch mitteilen, daß ich Ihre Fresken unter aller Kritik finde.« »Aber, Herr Pastor, Ihre Predigten werden immer langweiliger!« »Häßlich sind Sie einmal, gnädige Frau, aber in diesem geschmacklosen Putz sehen Sie geradezu garstig aus.« »Sie müssen wissen, Herr Kommerzienrat, daß ich Sie im Grunde für einen ganz gemeinen Gauner halte.« Es gibt ja Fälle, wo es Pflicht wird, solche Dinge zu sagen; aber in der Regel hat man nicht einmal das Recht zu derartigen Offenherzigkeiten. In den zehn Geboten steht bekanntlich nicht: »Du sollst nicht lügen,« viel weniger: »Du sollst immer sagen, was du für wahr hältst.« Und der Apostel schreibt: »Richtet nicht.« Das gilt vom Richten über Personen, aber auch die sachliche Wahrheit, d. h. was ich dafür halte, darf ich keineswegs überall und gegen jedermann aussprechen. Mit gutem Grunde schließt der gute Ton von dem Gespräche in gemischter Gesellschaft und bei der Begegnung mit Unbekannten alle Themata aus, durch welche die Leidenschaften in Bewegung geraten könnten. Mit gutem Grunde, weil bei solchen Gelegenheiten das Disputieren nie der Wahrheit zum Siege verhelfen, wohl aber nutzlose Erbitterung erzeugen kann. Leider ist man nicht immer gegen indiskrete Versuche, ein unfriedenstiftendes Thema aufs Tapet zu bringen, gesichert. Es gibt Leute, die nicht ruhen, ehe sie ihre Ansichten über irgend eine brennende Streitfrage, über Zukunftsmusik, Zuckerbesteuerung, Semitentum, verlautbart und zu erkennen gegeben haben, daß sie jeden, der anders denkt, zu zermalmen gesonnen seien. Gegen solche Aufdringlichkeiten verhält man sich am besten schweigend, und wenn das nicht hilft, tut man wohl, einfach zu sagen, daß man über diese Dinge anders denke, und daß man sehr begierig sei, zu vernehmen, was für Reisepläne für den nächsten Sommer gemacht würden. Der Pessimist wendet nun ein, man könnte sich die höfliche Verschleierung der Wahrheit gefallen lassen, wenn es wahr wäre, daß sie motiviert werde durch Achtung vor den Meinungen anderer, durch den Wunsch, fremde Eigenliebe zu schonen, durch die Besorgnis, ungerechte Urteile zu fällen. In den meisten Fällen aber sei lediglich Feigheit das Motiv, die Furcht vor Repressalien. Die Höflichkeit sei eine auf Gegenseitigkeit basierte Versicherungsanstalt gegen unangenehme Wahrheiten und nur insofern nützlich, als ohne sie es in der Welt zugehen würde wie in einem Bagno. Die Menschen kennen sich einander nicht. Nur die Galeerensklaven kennen sich, Die eng an eine Bank geschmiedet, keuchen. Wo keiner was zu fordern hat, und keiner Was zu verlieren hat, die kennen sich, Wo jeder sich für einen Schelmen giebt Und seinesgleichen auch für Schelmen nimmt. Noch wir verkennen nur die andern höflich, Damit sie wieder uns verkennen sollen. So sagt Goethe in klassischen Versen, und in klassischer Prosa erzählt Schopenhauer seine Fabel von den Stachelschweinen. »Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Erwärmung sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. So treibt das Bedürfnis nach Gesellschaft, aus der Monotonie und Leere des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und seine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: Keep your distance ! Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.« Dem Dichter und dem Philosophen mag ein trefflicher Land- und Volksschilderer sich anschließen, der uns ergötzlich zu Gemüte führt, was dabei herauskommt, wenn – bei sonst gutmütigen Leuten – Europas übertünchte Höflichkeit kanadischer Aufrichtigkeit weicht. Von der entschwundenen Gemütlichkeit der Stammkneipen Tirols redend, sagt Steub: »Man hört häufig die Behauptung, die Stuben seien, namentlich in den Wirtshäusern, zu akustisch gebaut. Wenn nur drei fröhliche Zecher an einem Tisch zusammen sitzen, erhebt sich oft schon ein solcher Lärm, daß die anderen ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen. Der allgemeine Umgangston war früher wohl sehr gemütlich, aber doch etwas rauh und herbe. Man schätzte nichts höher als die Wahrheit , und jeder glaubte sich verpflichtet, das, was er für Wahrheit hielt, dem andern ins Gesicht zu sagen. Da aber der andere die Wahrheit dieser Wahrheit nicht immer anerkannte und jeder Freund der Wahrheit bald wieder einen andern fand, der auch ihm die Wahrheit sagte, so traten beim Abendtrunke sehr oft Verstimmungen ein, so daß einer nach dem andern fortblieb. Die verwundeten Löwen hielten sich fortan schmollend zu Hause, und mancher soll sogar in der Langeweile geheiratet haben.« Mich dünkt, wenn die Höflichkeit in der Tat nur den Lärm der Roheit dämpfte, nur die Stacheln frecher Selbstsucht abstumpfte, es wäre schon eine große Wohltat. Wir sind froh, wenn die Binde das häßliche Geschwür uns verbirgt, ob wir schon wissen, daß hinter ihr das Geschwür eitert. Aber die Binde dient nicht nur zum Verhüllen, sondern sie fördert auch die Heilung. In der höflichen Übung steckt eine zivilisierende Kraft. Die Sitte, vermittels ihrer Etikette, drillt den natürlichen Menschen, seinen Körper, seine Zunge, seine Leidenschaft anständig zu beherrschen; sie nötigt ihn, fortwährend zu bedenken, daß die anderen auch da sind. Erst wenn die elementare Wildheit gebändigt, die Kultur zur unbewußten Gewohnheit geworden ist, kann sich jene höhere Höflichkeit entfalten, die nicht bloß mechanisch Regeln befolgt, sondern selbständig wirkend, nach der Beschaffenheit des einzelnen Falles , in wohlwollenden, taktvollen Handlungen und Unterlassungen sich betätigt, die Höflichkeit des Herzens. Freilich entspringt diese Höflichkeit aus der Güte des Charakters, die den Trieb empfindet, den schweren Lebensgang den Mitpilgern zu erleichtern, ihnen nicht allein ihr Recht, sondern darüber hinaus alles Gute zu gewähren, was Reisegefährten einander antun können. Aber Herzensgüte allein ist noch nicht Herzenshöflichkeit. Herzensgüte kann unbeholfen, plump, taktlos, unzart sein, despotisch und zudringlich; sie will manchmal beglücken, wie der andere nicht beglückt sein mag, uneingedenk, daß keine Wohltat dem Menschen das aufwiegt, was ihm das Kostbarste ist, seine Freiheit. Solche unzivilisierte Herzensgüte zeigt ihren gediegenen Wert, wenn schwere Schicksalsschläge ihre Hilfe herausfordern; den täglichen Umgang zu verschönen, ist nicht ihre Sache. Da aber gerade liegt die Wirkungssphäre ihrer liebenswürdigen Tochter. Gütig-höflich wartet sie in den kleinen Dingen des Lebens täglich und stündlich ihres Dienstes; mit geschäftiger Phantasie sieht sie voraus, was anderen peinlich sein möchte, um es wegzuräumen, was erwünscht, um es zur Stelle zu bringen; alles, was sie tut, tut sie mit leichter Hand, damit der freundliche Dienst nicht schwer wiege wie eine solide Wohltat, nicht dem andern der Dank zur Last und der Genuß der Freiheit verkümmert werde. Solche Höflichkeit ist doch mehr als die Berechnung der Stachelschweine. Aber sie hat eine Ähnlichkeit mit jener egoistischen Lebensregel Schopenhauers. Auch das Wohltun hat seine Stacheln; auch die Liebenswürdigkeit soll den Leuten nicht zu nahe auf den Leib rücken, und sie soll des Guten nicht zu viel tun, welches oft lästiger fällt als gänzliches Ignorieren. Immer dem Brausen stürmischer Menschenliebe ausgesetzt sein, ist ein unbehaglicher Zustand; aber angenehm ist es, den leisen Luftzug zu spüren, der des Tages Schwüle lindert und ein feines Arom aus unsichtbaren Gärten mit sich führt. Ja, man kann ein kreuzbraver Mensch sein und dennoch, wenn man nach dieser Seite hin stumpf ist, wenn man nicht die höfliche Kunst versteht, sich an die Stelle des andern zu versetzen, eine Flut von Plagen über seine Mitmenschen ausgießen. Der Unhöfliche ist unpünktlich, weil er die Pein des Wartenden, die Kostbarkeit der Zeit des andern nicht mitfühlt; er schickt unleserliche Briefe ab, weil er die Mühsal des Entzifferns sich nicht vergegenwärtigt; er redet im Konzert den Nachbar an, der eben andächtig der Musik folgt; er drängt im Schauspiel sich durch die Reihen der Zuschauer, die atemlos den Worten des Tragöden lauschen; er spricht im Hause des Gehenkten mit Vorliebe vom Galgen; er foppt einen wehrlosen Bekannten in Gegenwart Fremder; er schüttelt sich vor Lachen, wenn die Gesellschaft bei grobdrähtigen Späßen in Verlegenheit gerät; er öffnet die Fenster, während er sich auf dem Klavier übt; er schenkt den Kindern eines Nervenkranken Trompeten und Trommeln; er hält seine Unterredungen mit Gevattern gern auf dem Trottoir, so daß die Passanten den Fahrdamm aufsuchen müssen; und wenn er einmal notgedrungen sich aufmerksam erweisen muß, arrangiert er Serenaden für den Tauben und Feuerwerk für den Blinden. Er sage ich; ich könnte auch sie sagen. Denn das weibliche Geschlecht ist in diesem Punkte zwar besser als das männliche, aber nicht viel, und bei den Frauen nimmt sich der Mangel, wie jeder Mangel, häßlicher aus. Ich glaube, im allgemeinen haben die Frauen mehr von der liebenswürdigen, die Männer mehr von der gerechten Seite der Höflichkeit. Daher die Frauen z. B. in Unpünktlichkeit, Sperren der Passage und ähnlichen das Rechtsgefühl verletzenden Rücksichtslosigkeiten voranstehen. Über das Verhältnis der Frauen zur Höflichkeit ließe sich überhaupt noch allerlei sagen, nicht nur über den Beruf, den Goethe ihnen zuweist, den Männern zu lehren, was sich wohl geziemt, und die Sitte zu hüten, die dem leichtverletzlichen Geschlechte besonders nützlich ist, sondern auch über die eigenartige Höflichkeit, welche die moderne Welt ganz speziell für den Verkehr der Männer mit den Frauen ausgebildet hat und die vielleicht nicht ohne nachteiligen Einfluß für die minder verständigen Damen geblieben ist. Aber ich sehe nicht ab, wie weit mich die »Galanterie« führen würde, und ich habe das Gefühl, als sei es hohe Zeit, an den Schluß zu denken. Aus zahllosen habe ich einige Beispiele dessen angeführt, was wahre Höflichkeit nicht tun würde. Es ist leichter zu sagen, was sie nicht tut, als was sie tut; im Unterlassen des Verletzenden ist sie größer fast als im positiven Handeln. Sie tut das Gute wirklich im Verborgenen und rechnet nicht auf Dank und Gegenseitigkeit. Wo bliebe der Dank für das vermiedene kränkende Wort, für die nicht berührte wunde Stelle, für die mit heiterer Miene verzehrte schlechte Mahlzeit, für die mit aufmerksamem Antlitz zum hundertsten Male angehörte Geschichte, für den leise entfernten Stein des Anstoßes, für die durch Schweigen ersparte Beschämung? In einer großen Stadt wohnten ein Graf und ein Ingenieur, die denselben Namen führten, nur daß der eine von X und der andere einfach X hieß. Die beiden kannten einander; der Graf ließ sich von dem Ingenieur allerlei Projekte ausarbeiten. Eines Tages, als er ausgehen wollte, um mit dem Ingenieur etwas zu besprechen, reichte der Bediente ihm ein soeben abgegebenes Paket: »Ein Paar neue Schuhe für den Herrn Grafen.« – »Schuhe? Ich trage keine Schuhe; das wird wieder eine Verwechslung mit dem Herrn X sein. Gib das Paket nur her; ich werde es ihm mitnehmen.« Man sieht, der Graf besorgte nicht, mit seinem Pakete für einen Dienstmann gehalten zu werden. Aber die Frau des Ingenieurs, die ihn nicht kannte, taxierte ihn doch wohl für eine Art Kommissionär; denn als der Graf ihr den Wunsch zu erkennen gab, ihren Gemahl zu sprechen, antwortete sie: »Sie haben etwas abzugeben? Bitte, in der Küche.« – »Ich habe ein Paar Schuhe abzugeben, aber ich möchte Ihren Herrn Gemahl auch sprechen.« – »Ja, ja, warten Sie nur in der Küche; mein Mann wird gleich kommen.« Der Graf ging in die Küche, gab der Magd die Schuhe und verließ das Haus. Auf der Straße begegnete ihm der Ingenieur. Jetzt hätten, glaub' ich, unter tausend neunhundertundneunzig gesagt: »In Ihrem Hause, lieber X, ist mir eben etwas Spaßhaftes begegnet; so und so«; und der Ingenieur wäre vielleicht erschrocken und die Frau hätte nachträglich sich unbehaglich gefühlt. Der Graf aber erzählte von dem spaßhaften Vorfall kein Wort, teilte dem Ingenieur nur seine Aufträge mit, grüßte ihn und ging von dannen. Das war echte Herzenshöflichkeit, frei von jeder egoistischen Rücksicht, selbst auf Dank völlig verzichtend, über das Gebiet der Formen, die »Nachahmung der Achtung« schon weit hinausreichend. Um vollständig zu sein, müßte ich nun auch die Grenzen angeben, über welche die Höflichkeit nicht hinausreichen sollte, jenseits welcher ihre Berechtigung erlischt. Aber ich bescheide mich auf die Logik der Dinge hinzuweisen, aus welcher sich von selbst ergibt, daß die Höflichkeit da zurückzutreten hat, wo ihr Zweck, den menschlichen Verkehr vor Störungen zu schirmen, durch stärkere Bollwerke, wie Kameradschaft, Freundschaft, Familiensinn, Liebe, gesichert wird, und nicht minder da, wo ein höheres Bedürfnis als das des geselligen Umgangs in Frage kommt, die allgemeine Wohlfahrt, die wissenschaftliche Wahrheit, die Moral, die Rechtspflege. Diesen Satz, zumal seine zweite Hälfte, besonders einzuschärfen halte ich nicht für notwendig: die Menschen sind nur allzu geneigt, den Vorwand »berechtigter höherer Interessen« zu benutzen, um sich vom Zwange der guten Lebensart zu emanzipieren. Die politische und die wissenschaftliche Polemik sündigt gewiß weit mehr aus der Seite unnötiger Grobheit als auf derjenigen übertriebener Höflichkeit. Anders verhält es sich, wenn wirklich vor der Macht höherer Triebe die Höflichkeit verblaßt, wie Kerzenlicht vor dem Sonnenschein. Zwar ist es hübsch, wenn auch über die innigsten menschlichen Beziehungen, über Freundschaft und Familienleben, sich ein zarter Schimmer von Höflichkeit breitet, aber die formelle Höflichkeit der Welt würde nicht allein das Behagen und die Zwanglosigkeit des häuslichen Lebens zerstören, sondern auch die erziehende Kraft, die in der derberen Aufrichtigkeit der nahen Blutsverwandten und der Kameraden liegt, abschwächen. Es gibt schöne Mädchen, die nur von ihren Brüdern die Wahrheit hören. Auch würde der Akzent der Vertraulichkeit der Familiensprache verloren gehen, wenn sie ebenso klänge wie die Sprache, die man gegen alle gebraucht, auch gegen die Fremdesten. Deshalb wird die höfliche Form schneidende Kränkung, wenn sie im Ernste gegen die Nächsten angewandt wird, wenn der Mann die Frau, der Vater den Sohn, der Freund den Duzbruder plötzlich »Sie« anredet. Noch eine Grenze gibt es, wo es richtig sein kann, die Höflichkeit beiseite zu lassen, nämlich da, wo der Kampf gegen die Unhöflichkeit beginnt. Wenn die Höflichkeit eine wichtige Sache im Leben ist, wichtig wie für eine große Maschine das Öl, ohne dessen glatte Flut alles sich zerreiben und entzünden, nichts vorwärts kommen würde, dann ist es auch erlaubt, sie gegen die natürliche Roheit zu schützen. Wo die Roheit allen erziehenden Einflüssen der gesellschaftlichen Gewöhnung, der Scheu vor Tadel, des guten Beispiels und der Belehrung getrotzt hat, da soll man nicht anstehen, gegen die Ungezogenheit drastisch zu reagieren, nicht allein gegen die flegelhafte Insolenz, sondern auch gegen die arglose Ungeschliffenheit, die »nur nicht daran gedacht hat«, wie grob sie sei. Man erfüllt damit eine soziale Pflicht, und die Leute haben recht, welche unhöflicher Behandlung gegenüber sagen: das lasse ich mir nicht gefallen. Wenn man sich alles gefallen läßt, behalten die Rüpel die Oberhand. Es ist mehr als gekränkte Eitelkeit, was sich in uns auflehnt, wenn wir selbst das Opfer ungebührlicher Begegnung werden. Wenn wir um des lieben Friedens willen oder um Skandal zu vermeiden zu zahm gewesen sind, haben wir hernach Gewissensbisse, wie wegen einer verabsäumten Pflicht. Ich kannte einen feinen, liebenswürdigen Maler, der tagelang sich nicht beruhigen konnte, weil er in seinem Atelier einem hochnäsigen Geldprotzen nicht den Hut vom Kopfe geschlagen habe. Damit will ich nicht sagen, daß man immer gleich zu den direktesten und handgreiflichsten Mitteln seine Zuflucht nehmen soll. Hübscher ist es, wenn man den Ungezogenen beschämt, indem man ihm den Spiegel der guten Lebensart vor Augen hält, wie Heine es machte, als im Lesezimmer zu Dieppe die schwatzenden Engländerinnen sich niederließen. Er trat zu den Störerinnen und sagte mit größter Freundlichkeit: »Wenn mein Lesen vielleicht die Damen stört, werde ich gern hinausgehen!« Jesuitenmoral (1891) I. Daß die Jesuiten bei den Protestanten nicht populär sind, ist natürlich. Die Gesellschaft Jesu ist eigens zu dem Zwecke gegründet worden, die Ketzerei, d. h. die Lehre der Reformation, auszurotten. Man kann nicht erwarten, daß das Reh den Panther liebe. Umgekehrt würde es begreiflich genug sein, wenn die ehrwürdigen Väter von dem katholischen Volke allezeit geliebt und verehrt worden wären. Der katholischen Sache hatten sie ja von Anfang an mehr Eifer gewidmet und mehr Erfolge gewonnen, als alle anderen Orden zusammen genommen. Aber in Wirklichkeit hat es sich damit ganz anders verhalten. Die Popularität, deren die Gesellschaft sich heute in den von der Zentrumspartei beherrschten Wählerschaften erfreut, anscheinend wenigstens, ist eine ganz moderne Erscheinung, dreißig Jahre alt und kaum. Diesen dreißig Jahren sind dreihundert Jahre vorangegangen, während welcher die Jesuiten in der katholischen Christenheit als der gemeine Feind angesehen wurden. Im Vatikan, an den Höfen und in der vornehmen Gesellschaft hatten sie ihre Gönner und Bewunderer: von allen anderen Kreisen wurden sie gefürchtet und gehaßt, nicht am wenigsten von den Geistlichen. Das Motiv des Hasses und der Furcht war im Anfange der Brotneid. Die Jesuiten, vom Papste mit allen erdenklichen Rechten ausgestattet und völlig unabhängig von der territorialen Organisation der Kirche, von Bischöfen und Pfarrern, machten, wohin sie kamen, den etablierten Gewalten eine rastlose, geschickte, fast immer erfolgreiche Konkurrenz. Wo sie Schulen eröffneten, die Kanzel bestiegen, die Beichte abhörten, da strömte ihnen die adlige Jugend, die hörbegierige Menge, die Schar der Sünder zu, und, was besonders verdroß, die Freigebigkeit der Gläubigen wandte sich von den Opferstöcken der alten Kongregationen, Stiftungen und Pfarrkirchen dem Klingelbeutel der rührigen Emporkömmlinge zu. Die ansässige Geistlichkeit sah dem Treiben etwa in der Stimmung zu, wie heute der Krämer und Handwerker in seiner Stadt die Wanderlager und den Gewerbebetrieb im Umherziehen betrachtet. Sie unterließ nichts, den Eindringlingen das Geschäft zu erschweren; sie suchte namentlich auch die Güte der von den letzteren feilgebotenen Ware zu verdächtigen und die höhere Solidität des ortsangesessenen Ladens anzupreisen. Die Bischöfe erließen Hirtenbriefe gegen die neumodische Seelsorge; die Fakultäten, an der Spitze die alte Sorbonne, verdammten anstößige Lehrsätze der jesuitischen Schriftsteller und Prediger; die Mönchsorden remonstrierten, petitionierten und protestierten beim päpstlichen Hofe gegen die beweglicheren Rivalen. Aber es half wenig; die Ware, die von den Jesuiten feilgeboten wurde, unterschied sich äußerlich wenig von der altgewohnten, und sie wurde gerade unter den minder soliden Bedingungen, die einem großen Teile des Publikums erwünscht waren, verabfolgt. Die schwerfälligen und gelehrten Gegenschriften drangen nicht ins Volk. Während ihres ersten Jahrhunderts machten die Jesuiten ihre Fortschritte, ohne daß man in Laienkreisen sonderlich auf sie achtete. Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts erstand ihnen ein furchtbarer Gegner, der die Lage vollständig änderte. Gleichgültig gegen die von den Jesuiten bedrohten finanziellen und hierarchischen Interessen des Klerus, erhob sich dieser Gegner mit umso größerem Eifer gegen die laxen moralischen und religiösen Grundsätze, mittels deren die Gesellschaft die vornehme Welt nicht minder als den großen Haufen an sich fesselte. Im Jahre 1656 erschien in Paris der erste jener berühmten »Briefe an einen Provinzialen«, die in klassischem Französisch, in lebendiger, fesselnder Darstellung, in einer allen verständlichen Sprache aus den Lehrbüchern der jesuitischen Doktoren selbst den Nachweis führten, daß die Gesellschaft der Jünger Loyolas eine Seelsorge sanktioniere und übe, die an die Stelle der christlichen Gebote den Fetischdienst äußerlicher Zeremonien und eine aus unerhörten Sophismen zusammengesetzte, niemand einengende, dem Lasterhaftesten bequeme Moral setze. Auf die fliegenden Blätter, die unter dem Titel dieser Briefe sich rasch über Frankreich und alle katholischen Lande verbreiteten – es sind ihrer kaum anderthalb Dutzend –, ist das Bild zurückzuführen, das seitdem und bis in unsere Gegenwart die allgemeine Ansicht sich von dem Charakter des Jesuitenordens entworfen hat. Die Phantasie des Volks mag die von Pascal fein gezeichneten Züge vergröbert haben, aber die Ähnlichkeit ist unverkennbar geblieben. Aus dem von Pascal gebrandmarkten Beichtvater, der auch für Räuber und Mörder die Absolution bereit hält, ohne von ihnen den Verzicht auf die Früchte des Verbrechens zu fordern, ist die populäre Jesuitenfigur geworden, die in der einen Tasche der Soutane die Giftphiole, in der anderen das erschlichene Testament trägt, und deren oberste Regel ist, daß der Zweck das Mittel heilige. Sehr zu verwundern ist das nicht. Die Kluft zwischen der kaltblütigen, anscheinend mit Liebhaberei betriebenen Beschönigung des Lasters, wie sie in den von Pascal zitierten Schriften Escobars und zahlreicher anderer Kasuistiker hervortritt, und der lasterhaften Praxis erscheint dem gewöhnlichen Menschen nicht sehr breit und tief. In den Foliobänden und dem Latein der Doktoren hatten diese sinnreichen Versuche, einen bequemen modus vivendi zwischen Kirche und Sünde herzustellen, sich der Kenntnis des Publikums entzogen; die Wirkung; als Pascal sie der ganzen gebildeten Lesewelt zugängig machte, war verblüffend. Und noch heute, nachdem die Welt längst sich gewöhnt hat, der »Jesuitenmoral« das Schlimmste zuzutrauen, glaubt man doch seinen Augen kaum, wenn man Pascals »Briefe an einen Provinzialen« zur Hand nimmt und diese haarsträubenden Zitate aus Sanchez, Vasquez, Filintius, Diana und wie sie alle heißen, schwarz auf weiß, Pagina, Kapitel und Vers daneben, vor sich sieht. Man glaubt eine Satire, eine Parodie zu lesen, aber es ist alles ernsthaft gemeint. Eine Bulle Gregors XIV. entzieht den Meuchelmördern die Wohltat der kirchlichen Freistatt: also muß der Bischof oder wer sonst die Entscheidung zu fällen hat, einen Missetäter dieser Kategorie unbedingt dem weltlichen Arm ausliefern? »Keineswegs,« sagt der gelehrte Kasuistik«; » est distinguendum . Meuchelmörder nennen wir nur den, der um Geld tötet. Wer unentgeltlich, nur um Freunden einen Gefallen zu tun, meuchelt, ist der Freistatt nicht unwürdig.« Das Evangelium befiehlt uns, von unserem Überflusse den Armen zu geben. Der Jesuit erläutert das Gebot: »Was man braucht, um seine Stellung und die seiner Verwandten zu heben, heißt nicht überflüssig; daher man bei Weltleuten und selbst bei Königen fast nie etwas Überflüssiges antrifft.« Die Kirche schreibt vor, an gewissen Tagen zu fasten; das ist manchmal unbequem. Der Gewissensrat kommt dem Bedrängten zu Hilfe. Wer nicht gut schlafen kann, wer sich unbehaglich fühlt, wenn er nicht gut gespeist hat, wer sich besonders angestrengt hat, z. B. um einem Mädchen nachzulaufen, ad insequendam amicam , der mag getrost die Fasten brechen. Dem Mönche, der sein Ordenskleid ablegt, droht das kanonische Recht die Exkommunikation an; wenn er es ablegt, um zu stehlen oder schlechte Häuser zu besuchen, und hernach es wieder antut, erklärt die Praxis ex Societatis Jesu schola ihn für straflos. Eine der verdammlichsten Sünden ist die Simonie, welche darin besteht, daß man für weltliches Gut ein geistliches kauft. Aber man kann diese Sünde, ohne ihrer Nützlichkeit zu entsagen, leicht vermeiden, wenn man, dem Rate des Doktor Tannerus folgend, das Geld nicht als Preis für die Pfründe, sondern nur als Motiv Für den Patron, die Pfründe lieber diesem als jenem zu übertragen, betrachtet. Der ehrwürdige Vater Bauny lehrt die Bedienten, wie sie ohne Sünde sich zu Werkzeugen der Sünden ihrer Herren machen, z. B. ihnen bei nächtlichem Einsteigen in das Fenster eines fremden Hauses die Leiter halten mögen. Sie müssen es nur nicht tun, um die Sünde als solche zu unterstützen, sondern lediglich in der Absicht, ihren Dienst und Lohn nicht zu verlieren. Derselbe den Dienstboten günstige Gewissensrat ist der Ansicht, daß der Bediente in gewissen Fällen das Recht hat, seinen Lohn durch Beraubung des Herrn so zu verbessern, daß der Lohn der von ihm verlangten Arbeit entspricht, dann nämlich, wenn er seine Stelle aus Not angenommen hat und wenn andere Bediente mehr als er einnehmen. Die Schrift verlangt, daß wir nicht töten, nicht Böses mit Bösem vergelten, die Rache Gott überlassen. Freilich, erläutert P. Lessius, ist es sündlich, zu töten, mit der Absicht zu töten. Böses zu tun, bloß um Böses zu tun. Aber man kann »die Absicht so dirigieren«, daß die Sünde vermieden wird. Den, der uns schlägt, hauen wir nieder, nicht um uns zu rächen, sondern um die Schande abzuwenden; wir suchen den Tod eines Feindes, nicht weil wir ihn hassen, sondern weil er uns zu schaden droht. Das ist legitim. Als Pascal schrieb, waren die Gesetze gegen den Zweikampf nicht so milde wie heute, und die französischen Könige verfolgten diese Art der Selbsthilfe mit großem Ernste. Die Jesuiten dagegen hielten es für klüger, sich mit dem unchristlichen Vorurteil des Adels freundschaftlich abzufinden. »Wenn ein Edelmann gefordert wird und durch die Ablehnung des Kampfes die Meinung erwecken würde, daß er nicht aus Gottesfurcht, sondern aus Feigheit ablehne, so kann er, um seine Ehre zu retten, sich an Ort und Stelle verfügen, nicht mit der ausdrücklichen Absicht, sich zu schlagen, sondern lediglich mit der Absicht, sich zu verteidigen, falls sein Widerpart ihn ungerechterweise angreifen sollte. Und diese Handlungsweise wäre durchaus indifferent. Denn was ist Böses dabei, in ein Gehölz zu gehen, daselbst auf und ab zu spazieren, bis jemand anders kommt, und sich zu verteidigen, wenn man angegriffen wird? Der Edelmann sündigt in keiner Weise; es heißt durchaus nicht ein Duell annehmen, wenn die Absicht auf andere Punkte gerichtet ist. Denn die Annahme des Duells besteht in der ausdrücklichen Absicht, sich zu schlagen, und die hat er nicht.« Aber das ist noch nichts. Man darf auch zum Duell herausfordern, um sein Leben, seine Ehre und sein Vermögen, das andere durch Schikanen oder Prozesse uns rauben wollen, zu schützen, wenn kein anderes Mittel sich darbietet. Licet acceptare et offerre duellum . Ja, nach Sanchez darf man in den angegebenen Fällen seinen Feind auch ohne Duell aus dem Hinterhalte töten, »wodurch man zugleich vermeidet, sich in Gefahr zu bringen und sich an der Sünde zu beteiligen, die unser Feind durch ein Duell begehen würde«. Diese Verschmelzung von seelsorglicher Salbung und naiver Ruchlosigkeit hat einen gewissen Reiz. Aber ich verzichte darauf, eine vollständige Inhaltsangabe hier einzuschalten. Es genügt, sich zu vergegenwärtigen, daß es keine Sünde, kein Verbrechen, keine Unsittlichkeit gibt, auf die nicht die jesuitische Kasuistik einen versöhnlichen Reim zu finden gewußt hätte, und daß diese erbauliche Tatsache urplötzlich, im Laufe von anderthalb Jahren, dem ahnungslosen Publikum durch Pascals fliegende Blätter enthüllt, sonnenklar gemacht wurde. Es war ein Schlag, sollte man denken, von dem die Gesellschaft Jesu sich nicht wieder erholen konnte. Heute wissen wir, daß so zu denken ein Irrtum sein würde. So tief und nachhaltig der Eindruck gewesen sein mag, er hat doch dem Einflusse der Gesellschaft viel weniger als ihrem Rufe geschadet, und er hat schließlich ihren gegenwärtigen Triumph nicht verhindern können. Sie steht heute nicht bloß leitend im Hintergrunde, sondern ganz öffentlich, und sogar von den Laien wird ihre Sache mit der Sache der Kirche und der Religion identifiziert. Diesen wunderbaren Erfolg verdankt die Gesellschaft nun keineswegs einer siegreichen Widerlegung der Anklage. Im Anfange fehlte es zwar nicht an Gegenschriften, die entweder leugneten, daß jemals jesuitische Theologen die behaupteten Ungeheuerlichkeiten geschrieben hätten, oder die erklärten, daß die Gesellschaft nicht für die Privatansichten einzelner Mitglieder hafte, oder die aus anderen Jesuitenwerken streng sittliche Lehren zitierten. Das Leugnen konnte nichts helfen, da die angeschuldigten Bücher gedruckt vorlagen und jedermann sich von der buchstäblichen Richtigkeit der Pascalschen Anführungen überzeugen mochte; die Gesellschaft, deren Regel jede Eigenmächtigkeit ihrer Schriftsteller ausschloß, konnte die Verantwortlichkeit für die Lehren der Escobar und Genossen nicht abschütteln, und was die sittenstrengen Moraltheologen des Ordens betrifft, so bewiesen sie nur, daß die Apotheke der ehrwürdigen Väter für alle Arten von Kunden assortiert war und neben giftigen Tinkturen auch reine verkaufte, wenn man sie forderte. Pascal blieb nach dem Urteil seiner und der nächsten Generationen auf allen Punkten Sieger, und alle Versuche der Angeklagten, sich rein zu waschen, blieben ohne Wirkung. Auch der originelle Gegenstreich, den der Jesuit Daniel führte, erwies sich, soweit das Publikum in Betracht kam, als ein Lufthieb. Daniel nahm einen der kompromittierendsten Briefe Pascals, druckte ihn wörtlich im übrigen ab und setzte nur jedesmal, wo Pascal als Beleg für seine Anklage einen Jesuiten zitiert hatte, ein Zitat aus einem »Jakobiner«, d. h. einem Dominikaner jenes Pariser Klosters, das in der Revolutionszeit den berühmten Klub beherbergt hat. Mit anderen Worten, er leugnete nicht, daß Pascal die Wahrheit behauptete, aber er wies nach, daß die Jesuiten keineswegs, wie der Ankläger annahm, unerhörte und neue Sätze aufgestellt hatten, sondern daß andere Theologen, wenigstens die Dominikaner, die immer als Gottesgelehrte einen hohen Rang eingenommen hatten, ihnen voran und zur Seite gingen. Diese Seite der Sache scheint seinerzeit nicht weiter verfolgt worden zu sein, was man wohl begreift. Für die verständigen Laien wurde die Anklage nicht leichter, wenn die Zahl der Schuldigen sich mehrte. Jesuiten und Dominikaner aber hatten kein Interesse, ein Thema breit zu treten, das beiden peinlich sein mußte. Man wollte lieber Gras darüber wachsen lassen. Gegenwärtig hat man in Frankreich die Frage da wieder aufgenommen, wo der Jesuit Daniel sie liegen ließ. Der »historische Sinn« des neunzehnten Jahrhunderts ist von dem Zweifel beunruhigt worden, ob Pascal seinen Gegnern wohl vollkommene objektive Gerechtigkeit habe widerfahren lassen, ob nicht vielleicht die Morallehren, die er als jesuitische Neuerungen verdammte, mehr oder minder Gemeingut der katholischen Theologie gewesen seien. Joseph Bertrand, von der französischen Akademie, hat darüber im letzten Sommer eine Studie unter dem Titel »Pascal« veröffentlicht, in welcher er zu dem Resultat kommt, daß Pascal ein ausgezeichneter, durchaus überzeugter, keiner unwahren Behauptung zu bezichtigender Anwalt, aber nicht ein unparteiischer Richter gewesen sei. Denn er habe den Stab gebrochen, ohne zu berücksichtigen, wahrscheinlich ohne zu wissen, wie viele von den jesuitischen Sätzen sich bei namhaften, von der Kirche gefeierten Doktoren und in den Aussprüchen berühmter Päpste und Prälaten vorfänden. Eine Reihe von Belegstellen dient, diese Ansicht zu stützen; ich führe einige davon an. Der heilige Augustin erörtert die Frage, ob man unter Umständen lügen dürfe, z. B. wenn man einen Verfolgten im Hause versteckt halte und die Verfolger nun fragen, ob er drinnen sei. Der Kirchenvater empfiehlt, wenn Schweigen und Ablenkungen nicht möglich sind, zweideutige Antworten zu geben, z. B. hic non est; der Frager versteht »er ist nicht hier«, der Sprecher meint »er ißt nicht hier«, und erreicht ohne Lüge den Zweck der Lüge. Derselbe Heilige rektifizierte einen eifrigen afrikanischen Bischof, der den Frauen verbieten wollte, sich zu putzen, und dadurch bedrohliche Unzufriedenheit in der Gemeinde erweckte. Es sei nicht wider die Schrift, entschied er, wenn die Weiber Gold und köstliche Stoffe anlegten: Rebekka habe sich mit dem Geschmeide, das Isaak ihr schickte, geziert, und Judith sei reich geschmückt zum Holofernes gegangen, Argumente ganz im Geschmack der Jesuiten, die sich gern, wenn man ihnen moralische Bedenken entgegenhielt, auf alttestamentarische Beispiele beriefen, z. B. wenn man die Teilnahme ihrer Missionare und Proselyten an heidnischen Feierlichkeiten rügte, das zweite Buch der Könige aufschlugen, da, wo der Prophet Elisa dem Naaman erlaubt, in Remmon anzubeten. – Abrahams Verhalten am Hofe Pharaos wird von Augustin in einer Weise gerechtfertigt, die den Sophisten des siebzehnten Jahrhunderts alle Ehre gemacht hätte. Der Patriarch gab Sarah für seine Schwester aus, aus Furcht, der König möge ihn, wenn er als Gälte auftrete, als unbequemen Rivalen töten. Die Täuschung hatte zur Folge, daß der König zwar Sarah in seinen Harem aufnahm, ihren vermeintlichen Bruder aber nicht nur leben ließ, sondern auch reich beschenkte. Abrahams Lüge, erklärt St. Augustin, war keine Sünde, denn er log, nicht um seine Frau dem Ehebruch preiszugeben, sondern damit sie nicht Witwe und lebenslängliche Gefangene werde. Der heilige Thomas von Aquino nimmt sich der Vermögensrechte der Courtisanen an und erklärt es für unanstößig, daß man von ihrem Sündenlohne fromme Spenden annehme. Der Beichtvater soll nicht fordern, daß sie ihren schmählich erworbenen Gewinn zurückgeben, selbst dann nicht, wenn sie mehr als den legitimen Preis genommen haben. Denn, sagt er, mulier in eo, quod meretricium exerceat , handelt sie zwar schmählich und gegen Gottes Gesetz, aber in eo quod accipit , handelt sie nicht gesetzwidrig, daher sie das auf unerlaubte Weise Erworbene behalten und davon Almosen geben mag. Pascal fand ein ähnliches Räsonnement bei Escobar und ruft entrüstet: »O meine Väter, ich hatte nie von einer solchen Erwerbsart reden hören!« Er hatte die Summa Theologiae nicht gelesen. St. Thomas lehrt auch, man dürfe der Ehre halber töten, und ein Edelmann müsse eher töten als fliehen oder einen Stockschlag dulden. Der gelehrte Dominikaner Navarrus, Pönitentiarius des Papstes, schreibt: »Gott erlaubt, will also die Existenz des Bösen hienieden. Sünde setzt Sünder voraus; es ist daher gerecht, sie in gewissen Fällen freizusprechen; sie dienen auf geheimnisvollen Wegen den göttlichen Willen zu verwirklichen.« Die schönsten Tragödien, meint er, müßten unausgeführt bleiben, wenn niemand den Verräter spielen wollte, und er scheut sich nicht, den Papst, der in Rom Freudenhäuser erlaubte, deshalb mit Gott zu vergleichen, »der ja auch geringere Übel zulasse, um größere zu verhüten.« Augustin sagt, Gott als erste Ursache könne so handeln, der Mensch nicht. Derselbe Dominikaner lehrt, daß der reuige Dieb das gestohlene Gut dem Eigentümer zurückgeben soll; wenn dies nicht tunlich ist, soll er es den Armen geben: wenn er selbst arm ist, mag er es behalten. Und er erklärt den für frei von Lüge, der im Geiste einen Zusatz macht, ohne den seine gesprochenen Worte eine Lüge enthalten würden. Das ist genau die berühmte Reservatio menatlis der Jesuiten, derentwegen Pascal ausruft: »Also ihr wollet, daß man die Wahrheit leise sage und laut lüge.« Besonderes Ärgernis erregten die Schriftsteller der Jesuiten durch die Offenherzigkeit und Nachsicht, mit der sie auf erotischem Gebiete alle tunlichen Komplikationen und Gewissensfälle behandelten. Pascal fand die betreffenden Ausführungen zu schamlos, um sie mitzuteilen. Herr J. Bertrand bemerkt, daß schon vor den Jesuiten diese Materie für die mönchische Phantasie eine große Anziehungskraft gehabt hatte. In dem Lehrbuche des Franziskaners Clavasio (Salamanca 1494) werden die verfänglichsten Probleme behandelt, z. B. wie zu entscheiden sei, wenn von zwei Ehegatten der eine Keuschheit gelobe, der andere widerspreche? Welche Freiheiten unter Verlobten zulässig seien? Der Franziskaner zeigt eine unverkennbare Jesuitenader, wenn er diese letztere Frage so beantwortet: Wer ohne vernünftigen Grund (!) zu viel verlangt, begeht eine Todsünde, der andere Teil, wenn er das Verlangen gewährt, nur eine läßliche Sünde. Sine rationali causa , die Klausel ist unbezahlbar. Das Küssen ist zwar nicht als erlaubt zu betrachten, doch gibt es dafür Rat. Wer einen empfangenen Kuß erwidert, sündigt nicht, reddens non peccat . Übrigens hat selbst der heilige Thomas es nicht verschmäht, Küssende anzuweisen, wie sie es anzufangen haben, nicht in Sünde zu verfallen. Die Frage, ob Ehegatten miteinander Ehebruch begehen können, hat, dreihundert Jahre, ehe Goethe die Wahlverwandtschaften schrieb, den gelehrten Astexanus (Venedig 1492) beschäftigt. Die jeux d´esprit der Schulen, die subtilen Spitzfindigkeiten der Klostergelehrten suchten sich einen neuen Stoff in den seltsamen Erfahrungen des Beichtstuhls. Das Zinsennehmen war bekanntlich von der Kirche verboten, zu großer Belästigung des wirtschaftlichen Verkehrs. Die Praxis wußte das Verbot zu umgehen, aber auch die Theorie fand einen Ausweg aus der Verlegenheit. Der eben genannte Astexanus erklärte rundweg, der Text Mutuum date nihil inde sperantes , leihet dar ohne Hoffnung auf Gewinn, sei gar kein Gebot, sondern nur ein wohlgemeinter Rat, den zu befolgen oder nicht zu befolgen frei stehe. Wäre es ein Gebot, so würde es ja auch von dem, der nichts habe, verlangen, daß er ohne Zinsen darleihen solle. Das sei unmöglich, und daß Gott Unmögliches verlange, könne man nicht annehmen. Papst Urban V. hat gesagt: »Der ist kein Mörder, wer aus Eifer für unsere heilige Mutter Kirche einen Exkommunizierten umbringt.« Auch Thomas von Aquino billigt unter gewissen Voraussetzungen den Tyrannenmord. Noch in neuester Zeit hat ein Papst ketzerischen Fürsten die Geschichte von Judith und Holofernes als warnendes Beispiel vorgehalten. Über nichts gießt Pascal solche Schalen des Zornes und Spottes aus wie über die jesuitische Theorie, die unter dem Namen Probabilismus berüchtigt geworden ist. Nach dieser Theorie ist jede Handlung gerechtfertigt, wenn ein namhafter Gelehrter (gravis doctor) aus erheblichen Gründen (rationes probabiles) sie für erlaubt erklärt hat. Wenn man sich erinnert, was alles von dem einen oder dem anderen Kasuistiker beschönigt wird, so sieht man leicht, welche Hilfsquellen diese Theorie nachsichtigen Beichtvätern und Gewissensräten bietet. Aber die Jesuiten haben den Probabilismus nicht erfunden. Schon vor ihnen lehrten angesehene Theologen, daß man jeder beliebigen Ansicht »mit Sicherheit« (secure) folgen könne, wofern sie von einem großen Doktor vertreten werde; daß es auch gar nicht darauf ankomme, ob die Ansicht richtig oder falsch sei, sondern nur darauf, ob man sie für probabilis halte. Seien zwei Doktoren entgegengesetzter Meinung, so seien beide Meinungen probabilis , und man dürfe dann nach Belieben der einen oder der anderen folgen, auch derjenigen, die man für weniger probabel halte. Der Beichtvater oder der um Rat befragte Theologe sei nicht verpflichtet, seine persönliche Ansicht gegen die probable Autorität, auf die der Beichtende oder Fragende sich berufe, geltend zu machen; vielmehr müsse er einräumen, daß nicht sündige, wer eine Doktormeinung, sei sie auch nach Ansicht der Priester oder Theologen unhaltbar, für sich habe. Ja, der Beichtvater, der in solchem Falle die Absolution zu erteilen sich weigere, begehe eine Todsünde. Das Verteidigungssystem, das die Jesuiten auf Kosten der katholischen Theologie in Schutz nimmt, mit dem Motto »cosi fan tutti« , stützt sich unzweifelhaft auf eine Reihe unanfechtbarer Dokumente und Tatsachen, welchen letzteren noch dies hinzuzufügen wäre, daß in der vorjesuitischen Literatur, in den Satiren, Novellen und Komödien von 1540 die geistlichen Intriganten durchgehends die sophistischen Kunstgriffe gebrauchen, die Pascal den Jesuiten vorwirft. Aber trotzdem überzeugt der Verteidiger uns nicht. Daß mit und seit dem Auftreten der Gesellschaft Jesu die katholische Kirche eine neue Physiognomie angenommen hat, ist eine so in die Augen springende Tatsache, daß alle Texte, die jesuitische Ansichten vor Loyola nachweisen, daran nichts zu ändern vermögen. Die Texte sind richtig, aber sie enthalten nur ein Stück der Wahrheit, ein sehr interessantes ohne Frage, aber nicht das wichtigste. Es ist gewiß merkwürdig, jesuitische Tendenzen schon in der Kirche der römischen Kaiserzeit und hernach während des ganzen Mittelalters zu entdecken, aber es erklärt nicht, wie denn nun aus diesen Tenbenzen plötzlich ein System geworden ist, dessen Herrschaft in raschem Fortschritt sich über die katholische Welt verbreitet hat und gegenwärtig, wohl in gedämpfteren Farben und in vorsichtigeren Formen, aber im innersten Wesen unverändert – »sint ut sunt« – die Kirche regiert. Darüber werde ich in einem zweiten Artikel einiges sagen. II. Herr Joseph Bertrand hat insoweit Pascal gegenüber recht, als der Geist und Charakter der jesuitischen Moraltheologie nicht eines schönen oder schlimmen Tages im sechzehnten Jahrhundert auf die Welt gekommen, sondern ein langsam gereiftes Produkt kirchlicher Entwicklung ist, die lange vor dem Auftreten Loyolas begonnen und während eines Jahrtausends das Wachstum der Kirche selbst begleitet hat. Im weitesten Sinne des Worts ist sogar der Jesuitismus so alt wie das Menschengeschlecht, und in diesem weitesten Sinne ist er heute über alle Konfessionen, die heidnischen eingeschlossen, verbreitet. Aber Pascal wollte kein geschichtsphilosophisches Werk, sondern Streitschriften gegen eine bestimmte Gesellschaft seiner Zeit schreiben; er war durchaus berechtigt, den unsauberen Geist in der Gestalt, die er eben jetzt angenommen hatte, aufs Korn zu nehmen und sich um dessen frühere Inkarnationen nicht zu kümmern. Wer in unseren Tagen populäre Hefte gegen die Sozialdemokratie schreibt, ist nicht verpflichtet, auf die antiken und die mittelalterlichen Umsturzbestrebungen zurückzugreifen. Dem frommen Katholiken des siebzehnten Jahrhunderts kam es nicht darauf an, den Jesuitismus zu begreifen; er wollte ihn zu Boden werfen, und ihm unhistorische Auffassung vorzurücken, ist erst recht unhistorisch. Für uns Menschen des neunzehnten Jahrhunderts liegt die Sache anders. Auch wenn wir wollten, könnten wir nicht umhin, uns für die Werdeprozesse merkwürdiger Erscheinungen zu interessieren. Etwas von der Kunst, die den Jesuitenorden vor allen auszeichnet, der Kunst mit Menschen umzugehen, ist jeder Kirche unentbehrlich, die sich in der Welt und gegen die Welt behaupten will. Um in der Welt leben zu können, muß sie sich in die Welt schicken. Sie muß Kompromisse eingehen mit der Gewalt der Außenstehenden und mit den Schwächen und Vorurteilen ihrer Mitglieder. Alle konstituierten Kirchen tun es mehr oder weniger. Ohne das würden sie von der Gewalt erdrückt und von den eigenen Anhängern verlassen werden. Eine Gemeinschaft auserwählter Seelen, die nichts von der Welt verlangt als Ruhe, um sich in die Betrachtung der göttlichen Geheimnisse zu versenken und für das eigene Heil Sorge zu tragen, mag jedes Zugeständnis an die gegebenen menschlichen Verhältnisse ablehnen und kein Jota von den strengsten Forderungen des Evangeliums sich abfeilschen lassen; aber eine solche Gemeinschaft wird klein bleiben; auf die Bekehrung der Völker muß sie verzichten. Der große Heidenapostel besann sich nicht lange, die Religionsvorschriften, die in der Gemeinde von Jerusalem unverbrüchlich gehalten wurden, fallen zu lassen, wenn sie den Griechen und Römern unüberwindlichen Abscheu erregten. Wer hätte in Korinth und in Rom sich taufen lassen, wenn die Beschneidung für unerläßlich erklärt worden wäre? Er für seine Person fand das eheliche Leben nicht wohl vereinbar mit dem christlichen Ideal, und er machte kein Hehl daraus; aber er sagte der Gemeinde, daß Gott um ihrer Schwachheit willen die Ehe zugelassen habe. Er ermahnte die Christen, der heidnischen Obrigkeit, die ihnen doch ein Greuel sein mußte, Untertan zu sein; daß einer der Seinigen vor Nero trete, wie Johannes der Täufer vor Herodes getreten war, entsprach nicht seinen Wünschen. Hinsichtlich des Genusses vom Opferfleisch vertrat er duldsame Ansichten, die darauf berechnet waren, Reibungen im Verkehr zwischen Christen und Heiden abzuwenden. Die Kirchenväter waren in der Regel bemüht, die tiefe Kluft zwischen dem Christentum und dem heidnischen Reiche weltklug und vorsichtig zu überbrücken, die Apologeten suchten nachzuweisen, daß die Christen loyale Untertanen seien, und die vielumstrittene Frage, ob das Evangelium den Kriegsdienst unter den römischen Adlern gestatte, wurde schließlich bejahend entschieden. Während der großen Verfolgungen wurden manche Christen abtrünnig, aber die klügeren unter den Bischöfen nahmen die reuig Zurückkehrenden willig wieder auf, wohl einsehend, daß man nie von der großen Menge verlangen kann, dem Märtyrertode zu trotzen. Das Bedürfnis der Weltklugheit machte sich aber in ganz anderem Maßstabe geltend, als der Kirche anstatt der Notwendigkeit, sich gegen die Welt zu verteidigen, die Aussicht sich eröffnete, die Welt zu unterwerfen. Der abendländische Kaiserthron versank in dem Chaos der Völkerwanderung, der römische Bischofsstuhl blieb stehen, der neue Mittelpunkt der Westhälfte des Reichs, an den die Traditionen der Siebenhügelstadt sich hefteten. Die katholische, die allgemeine Kirche bildete mitten in und über dem Völkergewirr eine in Provinzen und Diözesen, Sprengel und Parochien gegliederte, mit Synoden, Behörden und Beamten ausgestattete Einheit, geleitet und zusammengehalten von der Autorität Roms, ein staatsähnliches Gebilde, das neben den neu entstehenden Königreichen und Herzogtümern sich zu befestigen, sich auszubreiten und seinen Einfluß geltend zu machen suchte. Solche Aufgaben ließen sich mit geistlichen Gaben, auch wenn ihnen kirchenväterliche Klugheit zu Hilfe kam, nicht mehr lösen; dazu bedurfte man politischer Köpfe, zahlreicher starker Arme und irdischer Reichtümer. Das Bedürfnis schuf der Kirche eine neue Gattung von Kräften, und die neuen Mittel gewannen, wie es zu geschehen pflegt, eine solche Bedeutung, daß oft genug hinter ihnen der eigentliche Zweck, das Seelenheil der Völker, in den Hintergrund zurücktrat. Zwei verschiedene, ja einander entgegengesetzte Typen entwickeln sich, ein geistlicher und ein weltlicher, nur darin eins, daß sie beide dasselbe Gewand tragen, die Stola oder die Kutte. Der eine Typus ist der Träger der religiösen Gesinnung, die in der Kirche nichts sucht als Vereinigung mit Gott, als Erlösung von der Sünde und Läuterung der Seele, gleichgültig, ja feindselig gegen die Welt, die Dogmen, den Ritus, die Sakramente zwar mit kindlicher Gläubigkeit akzeptierend, aber erst durch die Andacht der Seele sie mit wahrem Leben erfüllend, das Hauptgewicht auf die innerliche Entsündigung legend, ihrem inbrünstigen Drange genugtuend in Askese, Barmherzigkeit, Kontemplation und Martyrium. Dieser Typus verkörpert sich in den Heiligen, den Eremiten, den Mystikern, ab und an in Poeten und Künstlern, denen es gegeben war, in Wort oder Bild die inneren Visionen widerzuspiegeln. Der andere Typus ist der Vertreter des Regiments, der Propaganda, der hierarchischen Politik. Ihm gilt es als vornehmste Aufgabe, die Macht der Kirche zu mehren und die Macht mit Klugheit zu paaren, um die irdischen Gewalthaber unter das Joch der Religion zu beugen, durch die Mittel der Überredung, durch den Druck der öffentlichen Meinung, durch Benutzung der politischen Konjunkturen die Widerspenstigen zu zähmen, die Unbeugsamen zu zerbrechen. Mehr als nach dem Seelenheil fragt er nach der Seelenzahl der Unterworfenen; Heerfolge und Spenden sind ihm wichtiger als Andacht und reiner Wandel; Lehre, Ritus und Sakramente sind ihm vorzugsweise instrumenta regni , der Ungehorsam gegen die Kirche ist ihm das ärgste, beinahe das einzige Laster; gegen alle anderen übt er ohne Mühe, wenn der Vorteil der Hierarchie es zu fordern scheint, weitgehende Nachsicht. Diesem Typus gehören die berühmtesten unter den Kirchenfürsten des Mittelalters und eine große Anzahl gelehrter und scharfsinniger Schulmänner an, die aus der Bibel und aus Aristoteles die theoretische Begründung für die Ansprüche der Hierarchie zusammenfügten. Ihm sind auch die Stifter und Lenker der streitbaren Mönchsorden und nicht am wenigsten die Begründer und Führer der Gesellschaft Jesu zuzurechnen. Der heilige Ignaz selbst steht vielleicht auf der Grenzscheide zwischen dem mystischenthusiastischen und dem politischen Kirchenhelden; seine Nachfolger, mit denen Pascal es zu tun hatte, tragen den wohlausgeprägten Stempel der erobernden Hierarchie, wie umgekehrt Pascal den Typus der von tiefster Religiosität ergriffenen, weltfeindlichen Katholiken darstellt. Nicht immer sind die beiden Gegensätze, wie in diesem Falle, in selbständigen Persönlichkeiten verkörpert. Man würde irren, wenn man glaubte, daß die eine Richtung die andere ausschlösse, daß nicht sehr viele religiöse Katholiken mit Eifer auch für die Temporalia ihrer Kirche gestrebt hätten, oder daß die vornehmsten Politiker der Kirche sämtlich oder auch nur in der Regel ungläubig oder gleichgültig gegen die eigentlichen Heiligtümer gewesen seien. In des Menschen Brust ist Raum für die seltsamsten Widersprüche. Schiller sagt von der Wissenschaft: »Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern Ist sie die tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.« Aber es gibt neben diesem einen und diesem andern auch noch eine dritte Klasse, die zugleich die himmlische Hoheit und die Butter zu würdigen weiß. In der Kunst ist es ebenso; wir finden sehr oft den Geschäftsmann, der eine seine Liebhaberei für die großen Meister mit praktischer Anschmiegung an die Bedürfnisse des großen Haufens, von denen er lebt, zu vereinigen weiß. Und es wäre sehr schlimm bestellt um uns, wenn es im Staatsdienste außer den wenigen völlig uneigennützigen Charakteren nur noch solche gäbe, denen die Aufgabe des Staats völlig gleichgültig wäre, die lediglich ein bequemes Leben zu führen begehrten, ohne irgend ein Gefühl für die höhere Bedeutung ihres Amtes. Überall in der Welt spielen hohe und niedere Motive ineinander, und in der Kirche, die mit zur Welt gehört, ist es nicht anders. Allerdings liegt die Gefahr immer nahe, daß die niederen Motive im Laufe der Zeit die Oberhand gewinnen; es findet ein stetes Schwanken statt zwischen dem Streben der religiösen Elemente nach Durchdringung und Heiligung der gesamten Gemeinde und der Sorge der Weltgesinnten, es möchte bei so ernsthaftem und strengem Wesen der Einfluß auf die Gemüter der Menge, der Friede mit den Mächtigen und damit das gute Leben unter dem Krummstabe verloren gehen. Und, wie die Welt einmal ist, darf man sich nicht wundern, wenn die Kirche im Kampfe um das Dasein auch in ihren besten Zeiten dieser zweiten Richtung einen großen Spielraum gewährt und schließlich sie mehr als die rein religiöse ausgebildet hat, ohne doch darum sich ausdrücklich und prinzipiell von ihrem eigentlichen Lebenselement, dem religiösen, loszusagen. Wie die Welt einmal ist, sage ich. Die Beschaffenheit der Menschen, die zu bekehren die Kirche unternahm, hat das Wesen der Bekehrungsmittel bestimmt. Während der Völkerwanderung und in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters, was war der Beweggrund, der die wilden Häuptlinge und die rohen Massen veranlaßte, sich taufen zu lassen und die geistliche Leitung der christlichen Priester anzunehmen? Etwa die Erhabenheit der evangelischen Sittenlehre, die Hoffnung auf eine ewige Seligkeit im Anschauen der Gottheit, die unwiderstehliche Beweiskraft der Dogmatiker? Gewiß gab es auch unter den Barbaren einige Auserwählte, die innerlich von der neuen Botschaft überwunden wurden. Aber die rohe und stumpfe Menge? Ihren Begierden, Leidenschaften und Vortrefflichkeitsidealen lief die weltverneinende Lehre des Evangeliums schnurstracks zuwider; die Freuden des christlichen Himmels hatten für sie nichts Verführerisches, und die Dogmen als solche konnten schwerlich auf ihre Vernunft überwältigend wirken. Nein, was sie gewann, das war der Glaube, daß der von der römischen Welt angebetete Gott stärker sei als alle anderen und daß sich einem furchtbaren Schicksale aussetze, wer den Zorn dieses Gottes auf sich lade und unversöhnt mit ihm sterbe. Die Hölle mit ihren Schrecken, die Furcht vor der ganz sinnlich vorgestellten ewigen Qual im brennenden Schwefelpfuhl, diese bildeten den archimedischen Punkt, von wo aus die Hierarchie die Heidenwelt aus den Angeln hob und sich unterwarf. Denn nur sie, nur die Hierarchie – das ist der zweite entscheidende Punkt – ist im Besitze der wirksamen Schutzmittel gegen das nie verlöschende Feuer; ohne den Priester ist der Laie ohnmächtig, rettungslos dem Teufel preisgegeben; dem Priester also ist zu gehorchen, zu spenden und äußere Ehre zu erweisen. Die Gewalt, die dem Priester eine solche Stellung gibt, findet umsoweniger Widerstand, je mehr der Priester sich auf die Forderung äußerlicher Frömmigkeit, der Beachtung gewisser Zeremonien, der Leistung gewisser Opfergaben beschränkt, je geringere Ansprüche er an die Anstrengung seelischer Kräfte, an Überwindung des Fleisches, an Läuterung des Herzens stellt. Er erscheint dem Volke wie eine Art Medizinmann, der die nur ihm eigenen Zaubermittel zur Abwendung schlimmer Übel gegen angemessenen Entgelt zur Verfügung stellt; die Gnadenmittel, die Sakramente werden angesehen wie magische Formalitäten, mit deren Hilfe es leicht ist, den Teufel zu besiegen, wenn man nur die Magier selbst auf seiner Seite hat, die in diesem Falle aber auch alles allein leisten. Ich habe vorhin von Völkerwanderung und ersten Jahrhunderten des Mittelalters gesprochen, aber es ist notorisch, daß auch noch in viel späterer Zeit dies rohe Verhältnis zur Religion bei einem großen Teile, um nicht zu sagen bei der überwiegenden Mehrheit der katholischen Christenheit fortgedauert hat und noch heutigentags in weiten Länderstrecken besteht, allerdings in vielfacher Nuancierung, von krassester Stumpfheit bis zu mehr oder minder starker Beimischung sittlicher Kultur und frommer Empfindung. Ja, man geht vielleicht nicht fehl, wenn man in allen, auch den spirituellsten Lebensäußerungen der katholischen Religiosität einen Untergrund findet, der sich mit der volkstümlichen magischen Vorstellung berührt. Das uns fast unverständlich gewordene Gewicht, das im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert gerade die religiös am lebhaftesten ergriffenen Menschen auf ein Detail wie die Verabreichung des Abendmahlkelches an den Laien gelegt haben, ist kaum anders zu erklären. Umgekehrt mag man zugeben, daß auch um den rohesten Tempeldienst immer noch ein Schimmer christlichen Geistes zu schweben pflegte. Wie dem auch sein mag, die römische Kirche selbst hat die beiden, anscheinend widerstrebenden Gegensätze unter der Einheit ihres Regiments zusammengespannt, und beide Richtungen haben sich stets im Zusammenhange bewegt, übereinstimmend im Ritus und, theoretisch wenigstens, in der Anerkennung desselben Lehrinhalts, die eine Richtung sich geborgen fühlend unter den irdischen Schutzdächern, die sie der Klugheit der anderen verdankte, die weltliche Richtung Nutzen ziehend aus dem idealeren Glanze, den die großen Heiligen, die Märtyrer und die Prophetengestalten der Kirche verliehen und der schließlich doch auch dem Volke imponierte, seine Ehrfurcht dunkel mitbestimmte. Die Regenten der Kirche hatten keine leichte Aufgabe: Stellvertreter dessen, der erklärt hatte, sein Reich sei nicht von dieser Welt, sollten sie eben diese Welt ihrem Hirtenstabe unterwerfen. Auf der einen Seite hatten sie fortwährend der Zuchtlosigkeit der nur auf Herrschaft und Wohlleben bedachten Kleriker zu steuern, allzu schreienden Ärgernissen und Konflikten mit der Laienschaft vorzubeugen; andererseits hatten sie, was noch schwieriger war, die Enthusiasten, die apostolischen Naturen, die mit rücksichtslosem Feuereifer die hohen Ideale ihrer Seele zu verwirklichen strebten, in den Geleisen zu halten, die ohne Gefahr für den Fortbestand der Hierarchie nicht verlassen werden durften. Eine große Stärke schöpfte der heilige Stuhl aus dem Einflusse, den gerade in kritischen Zeiten solche Beweger und Erschütterer der Herzen und Gewissen auf die Völker ausübten, aber Bundesgenossen wie diese bedurften immer der Aufsicht und Dämpfung, damit nicht ihr Ungestüm, ihre Strenge und ihre Herzensreinheit die Bande zerreiße, die den in die Höhe strebenden Geist an den aufs Irdische gerichteten knüpften und beide im Dienste der sichtbaren Kirche hielten. Als Franz von Assisi vor den päpstlichen Thron trat, um die Bestätigung seiner Ordensregel zu erbitten, erschrak Innocenz III. vor der Kühnheit dieses Begeisterten, der allen zeitlichen Gütern zu entsagen und eine Genossenschaft auf dem Gelübde unbedingter Armut zu gründen begehrte, und sein erster Gedanke war, die Genehmigung zu Versagen. Sein Scharfblick mochte erkennen, daß hier ein Geist der Freiheit und des unbeugsamen Ernstes sich rege, der bei weiterer Entwicklung der Autorität der Kirche entschlüpfen werde. Und in der Tat ist die Reformation später aus solchem Geiste erwachsen, nachdem die kindliche Ehrfurcht vor der Mutter Kirche, die den heiligen Franz noch beseelte, durch die Vertreter der Kirche selbst untergraben worden war. Innocenz III., sagt man, habe die Regel des heiligen Franz erst bestätigt, als ein Kardinal ihn fragte, ob die Verweigerung des päpstlichen Siegels nicht den Schein erwecken würde, als ob der Papst wider das Evangelium entscheide. Er und seine nächsten Nachfolger haben sich bei der schließlich getroffenen Entschließung gut gestanden: in dem Kampfe gegen die Hohenstaufen hat der Franziskanerorden dem heiligen Stuhl unschätzbare Dienste geleistet. Ich erwähne diesen einen Fall nur, weil er den Punkt, um den es sich handelt, an zwei allbekannten geschichtlichen Gestalten illustriert. Der Gegensatz geht aber durch alle Jahrhunderte und ist noch heute nicht überwunden. Nur daß mit fortschreitender Zeit der weltlich-politische Geist mehr und mehr die Leitung an sich gezogen und mehr und mehr den religiösen Geist in die Fesseln der Disziplin geschlagen, seiner freien Bewegung beraubt und als bloßen Diener benutzt hat. Sein entschiedenes und ernstlich nie wieder erschüttertes Übergewicht erlangte der politische Geist in der Kirche, als das große Schisma des sechzehnten Jahrhunderts ihr die ganze Gefahr, mit der ein individueller Enthusiasmus ohne strenge Kontrollen den theokratischen Bau bedroht, vor Augen geführt hatte. Die alte Weltbeherrscherin, vor den Kampf um ihre Existenz gestellt, raffte alle ihre Waffen zusammen, schärfte sie, paßte sie den neuen Bedürfnissen an, ordnete und sichtete ihre Satzungen zu einem geschlossenen System, zog die Zügel der Disziplin straffer an, knüpfte die Verbindung mit weltlichen Machthabern enger und inniger, den Kampf gegen die Ketzerei immer als leitenden Grundgedanken festhaltend. Die Beschlüsse des Tridentinischen Konzils waren bestimmt, an die Stelle der lockeren Zustände und der hin und her wogenden Geistesströmungen des Mittelalters eine unverrückbare starre Norm zu setzen, und die Gesellschaft Jesu wurde organisiert, um die Geister dieser Norm zu unterwerfen, die Höfe für sie zu gewinnen, die Völker mit ihr zu befreunden, die Jugend für sie zu erziehen und die ihr widerstrebenden alten Traditionen der Theologie und der Frömmigkeit in das Joch zu spannen oder auszurotten. In dieser Gesellschaft wurden alle jene rohen Künste, mit deren Hilfe einstmals die Hierarchie die heidnische und die barbarische Welt geblendet, an sich gelockt, mit Schrecken gebändigt und mit Nachsicht bei guter Laune erhalten hatte, neu eingeübt und ausgeübt, der Pomp des Kultus, die zauberhafte Wirkung der Sakramente und der äußerlichen Handlungen, die bequeme Moral, die unnachsichtliche Forderung der Unterwerfung im öffentlichen Leben, die weltmännische Behandlung der Privatschwächen, die Nährung des Wunderglaubens und die Ausmalung der Furchtbarkeit der Höllenstrafen. Welche Kraft die alte Kirche aus der religiösen Exaltation, aus dem Heiligenschein großer Prediger, Asketen und Menschenfreunde für sich gewonnen hatte, entging den Gründern und Lenkern der Gesellschaft keineswegs; sie waren bemüht, auch diese Quellen im Flusse zu erhalten, freilich aber zugleich sie in festgemauerte Kanäle zu leiten, wo die Flut der Begeisterung nur im Interesse des Ordens und der päpstlichen Gewalt sich ergießen durfte. Unter allen Tugenden wurde der Gehorsam, blinder, unbedingter, selbst vor dem Ungeheuerlichsten nicht zurückschreckender Gehorsam auf den ersten Rang erhoben und am sorgfältigsten solchen Jüngern anerzogen, die einige Anlage zur Heiligkeit verrieten. Als im Anfange des vorigen Jahrhunderts Lord Bolingbroke sich in Rom ein Jesuitenseminar zeigen ließ, sagte ihm der Direktor, nachdem die verschiedenen Klassen vorgeführt waren: » Abbiamo anche martiri, per il martirio, se bisogna « »Wir haben auch Märtyrer für etwaigen Bedarf.« Der Unterschied zwischen dem vorjesuitischen und dem neuen Zeitalter ist mehr ein Unterschied der Methode, der Organisation und der Vervollkommnung als ein Unterschied der Sache. Aber dieser Unterschied ist gewaltig groß. Was in den früheren Zeiten mit einer gewissen Unschuld aus Notwehr, aus Instinkt, ohne festen Zusammenhang, dem augenblicklichen Bedürfnisse gemäß als Praxis der einzelnen aufgetreten war, von der Kirche mehr geduldet als gebilligt, nicht selten von ihren angesehensten Wortführern verdammt, das erscheint seit dem Auftreten der Jesuiten als selbstbewußtes, aggressives, genau geregeltes, allgemeine Geltung beanspruchendes und jede Einrede Andersdenkender schroff abweisendes System. Jene moraltheologischen Folianten der jesuitischen Doktoren sind nicht Werke der wissenschaftlichen Betrachtung, sondern Anweisungen, nach denen Beichtvater und Pfarrer sich im Verkehr mit den Menschen richten sollen, um Einfluß auf sie zu gewinnen. Es ist unmöglich, die gelegentlichen laxen und sophistischen Äußerungen eines Kirchenvaters oder Scholastikers mit den Kompendien weltlicher Pastoralschlauheit, die Pascals Entrüstung entflammten, in eine Linie zu setzen. Die katholische Christenheit selbst hat den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Regiment auf das tiefste empfunden und dieser Empfindung in vielfachem Widerspruch, in heftiger Auflehnung Ausdruck gegeben. Wäre das erklärlich, wenn die Jesuiten einfach die Überlieferungen der Kirche aufgenommen und weitergeführt hätten? Die römische Kirche ist nie eine Anstalt für Pflege freier Geister oder eine Schule strengster Sittenreinheit gewesen, aber sie hat gleichwohl, bevor sie den Jesuiten die vorherrschende Stellung einräumte, der Entfaltung individuellen Lebens weit mehr Spielraum vergönnt, als man gemeinhin annimmt. Ob dabei Ohnmacht, Gleichgültigkeit, Korruption oder politische Berechnung oder wechselnde Sympathie des jedesmaligen Papstes mitwirkte, sicher ist es, daß die Geschichte der Kirche uns eine Fülle eigenartiger Bewegungen, mannigfaltiger bedeutender Persönlichkeiten zeigt, die, obwohl in verschiedensten Richtungen anregend, kämpfend, lehrend, doch sich nicht sonderlich beengt fühlten durch die Autorität des heiligen Stuhls. Ich will nicht behaupten, daß dieses Leben innerhalb der Kirche seit dem Auftreten der Jesuiten ganz abgestorben sei, aber es ist systematisch immer mehr eingeschränkt und da, wo es noch existiert, in die Verborgenheit zurückgedrängt oder, wie in Döllingers Fall, aus der Kirche verdrängt worden. Ich räume ein, daß der größte katholische Schriftsteller unseres Jahrhunderts, der kürzlich verstorbene Newman, nichts von jesuitischer Dressur verrät und daß er gleichwohl unangefochten geblieben, sogar Kardinal geworden ist. Allein dies Beispiel beweist nur, daß die Jesuiten klug genug gewesen sind, den Vorteil, den der Besitz eines solchen weitverehrten Mannes der Kirche gewährt, höher anzuschlagen als die Gefahr, die möglicherweise seine geistige Überlegenheit mit sich bringen konnte. Kardinal Newman war ein glänzender Streiter, aber nur gegen die Protestanten; Döllinger wagte es gegen den Vatikan zu polemisieren. Wenn Pascal heute lebte, würde er wahrscheinlich das Schicksal des Münchener Professors teilen. Ernsthaften und redlichen Protestanten gewöhnlichen Schlages wird es schwer fallen, sich den Unterschied zwischen der römischen Kirche der früheren Jahrhunderte und der von den Jesuiten beherrschten Kirche unserer Tage deutlich zu machen. Denn alles dasjenige, was sie an dieser letzteren anstößig finden, sind sie gewohnt für das eigentliche Wesen der Kirche zu halten, gegen die Luther, Zwingli und Calvin sich empörten. Und es wird sie nicht überraschen, wenn der Historiker ihnen sagt, die Jesuiten seien desselben Geistes Kinder wie Thomas von Aquino und der heilige Bernhard. Vielleicht kann man den wirklich bestehenden, sehr erheblichen Unterschied am besten durch einen Vergleich veranschaulichen. Die alte und die neue Kirche verhalten sich der geistigen Freiheit und sittlichen Lebendigkeit gegenüber ungefähr so wie der sorglose Despotismus der alten Monarchie zu dem mißtrauisch gewordenen Despotismus nach der französischen Revolution. Auf dem politischen Gebiete ist zwar kein Orden aufgetreten, der den Königen seine Dienste im Kampfe gegen die Freiheit angeboten hätte; aber ein großer Lehrmeister erschien, der den Despotismus mit den sinnreichsten und zweckmäßigsten Apparaten, darunter auch moralischen, ausstatten lehrte. Napoleon ist nicht von den Jesuiten erzogen worden, aber er hat sie sicherlich bewundert, und wenn er Zeuge ihrer heutigen Erfolge sein könnte, würde er sie beneiden. Denn ihre Arbeit ist dauerhafter gewesen als seine. Politische Tugenden (1890) Beim Vater Gleim in Halberstadt – ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen habe, vermutlich in irgend einem Briefwechsel oder Memoirenwerke – beim Vater Gleim saßen einmal poetische Kollegen und verehrungsvolle Freunde in der Sommerlaube zusammen, bei einem Glase Wein und einem verständigen Diskurs sich ehrbar erlabend. Man sprach, wie es im vorigen Jahrhundert gebräuchlich war, von der Tugend im allgemeinen und von der Dankbarkeit im besonderen, nicht ohne Gründlichkeit und nicht ohne Rührung, wie man sich denken kann. Wie lieblich die Wallungen eines gefühlvollen Herzens bei empfangenen Wohltaten, wie abstoßend die Proben undankbarer Gesinnung für jeden Menschenfreund seien, das ward bald von dem einen, bald von dem anderen der wackeren Männer des weiteren erörtert und mit Beispielen aus der heiligen und der Profangeschichte illustriert. Nur einer unter den Anwesenden schien sich für das interessante Thema wenig zu interessieren; er schwieg, und ab und an gähnte er verstohlen ein bißchen. Es war ein junger, schöner Mann mit strahlenden Augen, ein Gast aus Weimar, Dr. juris Goethe mit Namen. Da er im Rufe stand, ein schöner Geist zu sein, so wünschten die Halberstädter auch von ihm ein kräftig Wörtlein zum Preise ihrer Lieblingstugend zu hören. Aufmerksam spitzten sie die Ohren, als die Lippen des Fremdlings sich öffneten; aber wie weit rissen sie die Augen auf, als sie die Rede vernahmen! Dankbarkeit, so begann der junge Doktor, sei das Merkmal niedriger Naturen; der wahrhaft gute und edle Mensch müsse undankbar sein. Und als hiegegen Widerspruch und Kopfschütteln entstand, verteidigte er, so erzählt der Berichterstatter, seine These mit so viel hinreißender Beredsamkeit und so glänzendem Witze, daß, als er endete, die Tafelrunde in lauten Beifall ausbrach. Welche Argumente Goethe vorgebracht hat, weiß ich nicht; der Erzähler hat es nicht nötig gefunden, sie mitzuteilen. Aber so viel darf man als gewiß annehmen, daß Goethe weder mit dem Ernste eines Dogmatikers, noch mit dem seichten Witze eines Spaßmachers geredet hat. In der Form eines Paradoxons wird er seinen Zuhörern veranschaulicht haben, daß menschliche Lehrsätze, menschliche Moralregeln immer nur einen bedingten Wert haben und die Dinge manchmal höchst sonderbare Schatten werfen, wenn man die übliche Beleuchtung ein wenig ändert. Vielleicht hat er darauf hingewiesen, daß Dankbarkeit, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, auf Wohltaten sich bezieht, die uns persönlich zu teil geworden sind, uns allein oder uns in Gemeinschaft mit anderen, die zu uns gehören, Familienmitgliedern, Nachbarn, Mitbürgern; daß also diese Regung dem Egoismus entspringt und sich sehr unterscheidet von jener Freude am Guten, die unabhängig ist von der Berechnung, ob das Gute uns oder Fremden erzeigt wird. Mit Recht konnte er behaupten, daß es das Merkmal einer niedrigeren Natur sei, sich nur von selbstempfangenen Wohltaten rühren zu lassen, dagegen kalt zu bleiben bei dem Anblick der schönsten Handlungen, die nur einem dritten zu gute kommen. Schwerlich hat er sagen wollen, daß derjenige, der nicht einmal die selbstempfangene Wohltat, geschweige die anderen erwiesene, in seinem Herzen anerkennt, besser sei als der dankbare Egoist. Und noch ferner hat es ihm gelegen, den zu preisen, der Gutes mit Bösem vergilt, also dasjenige zu verherrlichen, was man gewöhnlich meint, wenn man von schwarzem Undank, schnödem Undank spricht. Noch sind zwei Gesichtspunkte zu erwähnen, die möglicherweise von Goethe betont worden sind. Einmal ist Dankbarkeit auch für schlechte Handlungen möglich. Ein Verbrechen kann einem dritten nützlich sein, und der dritte kann sich dafür erkenntlich erweisen. König Agramant schenkt dem Brunello eine Krone, weil Brunello mit Erfolg für ihn stiehlt. Dergleichen kommt nicht bloß in Märchen vor. Zweitens aber – und das führt uns in den Mittelpunkt unserer Betrachtung – kann Dankbarkeit geübt werden mit Hintansetzung anderer Pflichten, und diese anderen Pflichten können höhere sein als die Pflicht der Dankbarkeit. In dem Falle wird die Dankbarkeit in der Tat unsittlich oder, wie Goethe in Halberstadt gesagt hat, ein Laster. Es kann nie und nimmer recht und gut geheißen werden, wenn jemand, um sich einem Wohltäter, seinem Vater, seinem Lebensretter dankbar zu erweisen, einen Meineid schwört, einen Vaterlandsverrat begeht, eine Tochter verkuppelt. Dies leuchtet ohne weiteres ein, und wer in solchem Sinne, mit solcher Einschränkung die Unterdrückung der dankbaren Regung eine Tugend nennte, würde kaum einem Widerspruch begegnen. Wie geht es nun zu, daß, als vor einigen Wochen ein Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses beiläufig hinwarf, daß Undankbarkeit eine der größten politischen Tugenden sei, gegen ihn ein Hallo biedermännischer Entrüstung sich erhob? So viel lag doch wohl auf der Hand, daß der Redner nicht die Anerkennung oder die Belohnung geleisteter außerordentlicher Verdienste verdammen oder gar die Mißhandlung verdienter Männer empfehlen wollte. Augenscheinlich – weil jede andere Deutung Unsinn gewesen wäre – sollte der Ausspruch nur besagen, daß man im politischen Leben seine Handlungen und Vota immer nur nach dem Maßstabe des gemeinen Besten einrichten und davon niemand, auch nicht dem größesten Wohltäter, auch nicht dem verehrtesten Manne zuliebe abweichen solle. Und das ist doch völlig unanfechtbar; im politischen Leben ist eine solche Einschränkung des Einflusses der Dankbarkeit noch gerechtfertigter als im Privatleben, weil der politische Mensch, der Regent, der Minister, der Volksvertreter durch übel angewandte Dankbarkeit die Interessen der Allgemeinheit, die seiner Fürsorge ausdrücklich anvertraut sind, preisgibt oder in Gefahr bringt. Einem Hausvater mag man es nachsehen, wenn er in dankbarer Erinnerung an langjährige treue Dienste den alterschwachen Arzt nicht verabschieden mag; ein König, der aus solchen Motiven die Zügel des Regiments in den lahmen Händen eines greisen Ministers ließe, würde pflichtwidrig handeln. Die Sache liegt in der Tat so einfach, daß man fragen könnte, weshalb sie denn überhaupt und noch dazu mit einem so scharfen epigrammatischen Akzent zur Sprache gebracht werden mußte. Alle Welt ist ja einverstanden, daß die Dankbarkeit zurückstehen muß, wo sie mit dem Staatswohl in Konflikt gerät. Niemand wird – in der Theorie wenigstens – es für richtig erklären, wenn der Monarch oder der Reichstag eine verderbliche Maßregel genehmigt, weil der Antragsteller, der sich anderweit hohe Verdienste erworben hat, auf diese Maßregel erheblichen Wert legt und durch Ablehnung sich gekränkt fühlen könnte. Freilich, in der Theorie wohnen die Gedanken leicht beieinander. Aber in der Praxis hat sich die Sache in Deutschland doch etwas anders entwickelt. Der Appell an die Dankbarkeit ist während der Ära des Fürsten Bismarck zu einem stehenden Artikel in der Polemik der Parteien geworden: der Reichskanzler wünscht es, und ihm verdanken wir doch so viel! Die Opposition gegen Regierungsmaßregeln wurde in erster Linie immer deshalb gebrandmarkt, weil sie von Pietätlosigkeit und Undank gegen den Begründer der deutschen Einheit zeuge. Ihre Überzeugungen mochten die Freisinnigen gern behalten, aber sie sollten nicht danach reden oder stimmen. Sie sollten gutheißen, was sie für schlecht hielten, wenigstens schweigen – aus Dankbarkeit. Wenn ein Mann zu verstehen gab, daß er im Grunde seiner Seele die Getreidezölle für äußerst schädlich und ungerecht halte, daß er aber gleichwohl dafür stimmen wolle, weil er nicht vergessen könne, was Fürst Bismarck für Deutschland getan habe, – so war er schallenden Beifalls sicher und er wurde anderen als nachahmenswertes Beispiel hingestellt. Einer solchen Anschauung gegenüber, die wie die Wasserpest allmählich alles zu überwuchern drohte, war es nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß im Staatsleben das Gegenteil solcher Dankbarkeit eine Tugend ist. Seine Übereinstimmung mit diesem Satze hat kein geringerer als unser Kaiser durch ein eklatantes Exempel zu erkennen gegeben. Als er den Fürsten Bismarck aus seinen Ämtern entließ, mußte er notwendig eine Wahl treffen zwischen der Rücksicht auf die Verdienste seines Kanzlers und der Rücksicht auf das öffentliche Wohl, das öffentliche Wohl oder das, was es nach des Kaisers Überzeugung erheischte. Nun kann niemand bezweifeln, daß der Kaiser von den Leistungen des Fürsten Bismarck eine sehr hohe Meinung hat, daß er lebhaft anerkennt, wieviel Deutschland, Preußen und die Dynastie dem Fürsten schulden. Er hat davon bei verschiedenen Gelegenheiten mit einer bei Prinzen ungewöhnlichen Wärme und Deutlichkeit Zeugnis abgelegt. Trotzdem hat er, als die Entlassung des Kanzlers ihm durch ein politisches Interesse geboten erschien, die Staatsräson entscheiden lassen und dem Gefühle persönlicher Dankbarkeit keinen anderen Ausdruck als den persönlicher Ehrenbezeigungen gestattet. Und darin hat er richtig und pflichtmäßig gehandelt. Es kann Leute geben, die den Entschluß des Kaisers für unrichtig halten, weil sie das öffentliche Interesse anders beurteilen: das ist eine Sache für sich. Auch diese Leute müssen einräumen, daß, wenn der Kaiser einmal so urteilte, wie er urteilte, er auch so handeln mußte, wie er gehandelt hat, und sich nicht von dankbaren Anwandlungen in seiner Herrscherpflicht beirren lassen durfte. Was aber vom Herrscher gilt, das gilt von jedem, der eine politische Pflicht zu erfüllen hat, namentlich also von Volksvertretern. Wer im Sinne der vorstehenden Ausführungen Undankbarkeit eine Tugend nennt, läßt durchblicken, daß er es nicht für leicht und angenehm hält, da, wo es sein muß, die entgegengesetzte Regung zu unterdrücken. Je zarter und feiner das Herz empfindet, desto peinlicher ist es ihm, den Wohltäter als Gegner behandeln zu müssen. Stumpfsinn und Roheit finden sich ohne Mühe mit dem Konflikte ab: Lob und Bewunderung zollt die Menschheit nur da, wo sie erkennt, daß ein schmerzliches Opfer um der Sache willen dargebracht worden ist. Was wäre in Shakespeares Drama Brutus, wenn er den Cäsar, den er tötet, nicht liebte und verehrte? Nur deshalb preist ihn Antonius, der in diesem Falle des Dichters Urteil resümiert, als »den edelsten von allen diesen Römern«. Dankbarkeit gleicht einem liebenswürdigen Gaste, dem die Türe zu weisen schwer fällt; umsomehr muß man sich erinnern, daß es Türen gibt, die ihr verschlossen bleiben sollen. Mit dem Vertrauen steht es nicht viel anders. Es ist oft ein Begleiter der Unschuld, der Herzensreinheit, des Seelenadels und nicht selten ein Zeichen von Selbstbewußtsein einer großen Kraft. Das hindert nicht, daß es Fälle und ganze Lebensgebiete gibt, wo das Vertrauen, eben wie die Dankbarkeit, übel angebracht ist, wo es zum Fehler und selbst zum Laster wird. Zu diesen Lebensgebieten gehört vor allem die Politik, und um diese Wahrheit gegen die Lobredner einer blinden Vertrauensseligkeit nachdrücklich zu betonen, hat derselbe Abgeordnete, der die Undankbarkeit pries, auch das Mißtrauen zu den größesten politischen Tugenden gerechnet. Seltsam, daß gerade dieser Ausspruch in einer politischen Versammlung Entrüstung erregen konnte. Seit Aristoteles ist die Theorie und seit den Tagen der ersten ägyptischen Dynastie ist die Praxis über diesen Punkt, daß im Staate das Vertrauen nur einen begrenzten Spielraum haben dürfe, einig gewesen. Alle klugen Regenten und alle weisen Gesetzgeber, so verschieden ihre Absichten sein mochten, die Despoten nicht minder als die Volksfreunde, waren einander von jeher darin gleich, daß sie nichts dem Vertrauen auf Tugend und Intelligenz der Menschen überlassen mochten, was durch Bürgschaften, feste Ordnungen und Kontrollen sichergestellt werden konnte. Auf diesem Mißtrauen gegen die Regierenden und die Regierten beruhen neun Zehntel aller Einrichtungen des modernen Staates, von dem Erfordernisse der ministeriellen Gegenzeichnung bei königlichen Erlassen bis herab zu der Schnarre des Nachtwächters. Ohne dies Mißtrauen – wozu Volksvertretungen, Polizeibehörden, Steuerkontrollen, Revisionen aller Art, Rechnungshöfe, Prüfungsvorschriften u. s. w.? Und dies Mißtrauen liegt begründet in der Natur der Sache, welche identisch ist mit der Natur des Menschen. Staat ist ein abstrakter Begriff; was wir der Kürze wegen so nennen, ist ein Komplex lebendiger Menschen mit allen Tugenden und Lastern, allen Kräften und Schwächen, aller Intelligenz und allem Irrtum, die unseres Fleisches Erbteil sind. Mit dieser bunten lebendigen Welt, mit ihren guten und mit ihren schlimmen Eigenschaften sich abzufinden, ist Sache des Politikers, sei er Regent, Verwalter, Gesetzgeber oder Aufsichtsrat. Da Tugend und Intelligenz, wenn sie Hand in Hand miteinander gehen, keinen Schaden anrichten werden, so hat der Politiker um diese glückliche Kombination sich nicht zu kümmern. Aber die Tugend, die mit Unverstand, die Intelligenz, die mit Selbstsucht sich verbindet, und vor allem jene breite Mittelschicht, wo edle Metalle und Schlacken vermischt lagern, diese fordern seine stete Aufmerksamkeit und Tätigkeit heraus, damit nicht blinde Gutherzigkeit Unheil anrichte, Schwäche zur Ungerechtigkeit führe, Trägheit das Haus verfallen lasse, Eigennutz die öffentlichen Mittel ihrem Zweck entfremde, Macht zur Befriedigung persönlicher Launen mißbraucht werde. Die Aufgabe ist, zumal in großen Staaten, so ungeheuer groß, daß sie auch im günstigsten Falle immer nur unvollkommen gelöst werden kann. Die verfügbare Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit ist viel zu gering, um eine allumfassende Kontrolle durchzuführen. Ganz unmöglich ist es, die wünschenswerte Vorsicht und Überwachung der unendlichen Mannigfaltigkeit, der individuellen und der sachlichen, in der das Staatsleben sich vollzieht, anzupassen. Hier ist nur grobe Arbeit möglich, und ohne eine gewisse Pedanterie wird es nicht abgehen. Auch soll nicht geleugnet werden, daß manchmal das richtige Prinzip verkehrt angewandt wird, daß aus Mißtrauen bisweilen mehr Gutes gehemmt als Schlimmes abgehalten wird. Und man versteht es sehr wohl, daß tatkräftige, von der Reinheit und Weisheit ihres Strebens durchdrungene Männer in Harnisch geraten, wenn parlamentarisches Mißtrauen oder Pedanterie der Oberrechnungskammer ihren Flug stört. Aber töricht und entschieden abzuweisen ist der nicht selten gemachte Versuch, die Betätigung politischen Mißtrauens, das Verlangen nach genauer Auskunft, nach Bürgschaften für richtige Verwendung bewilligter Mittel, nach Einschränkung weitgehender Vollmachten und dergleichen auf das Gebiet der persönlichen Kränkung hinüberzuspielen. Wenn Frauenzimmer so räsonieren, mag es hingehen. Männer, die dem Gemeinwesen dienen, müssen wissen, daß das Mißtrauen, welches in politischen Einrichtungen, Maßregeln und Vorbehalten sich ausspricht, gegen die menschliche Natur im allgemeinen, nicht gegen bestimmte Personen gerichtet ist. Dadurch fällt der kränkende Charakter hinweg. Kein Richter faßt es als Beleidigung auf, wenn die Visitatoren kommen, um nachzuschauen, ob bei ihm alles in Ordnung ist; kein Kassenbeamter fühlt sich verletzt, wenn der Vorgesetzte ihn auffordert, Bücher und Barschaften und Belege nachsehen zu lassen. Wir selbst, wenn wir an der Grenze den Reisekoffer öffnen müssen, empfinden, so langweilig die Sache uns sein mag, keinen Angriff auf unsere Ehre. Wir unterwerfen uns der Regel, die dem Mißtrauen entstammt, wohl wissend, daß die Regel im öffentlichen Interesse »um der Schwachen willen« notwendig ist, und daß der Staat nicht a priori zwischen Verdächtigen und Unverdächtigen unterscheiden kann. Der Minister, den ein mißtrauisches Parlament mit lästigen Kautelen quält, kann sich immer mit dem Gedanken trösten, daß das Parlament, indem es ihm gegenüber sich vorsichtig zeigt, ebensosehr an die Nachfolger und die Kollegen wie an ihn zu denken hat. Wenn man mir sagt: »Es gibt aber doch Fälle, wo Mißtrauen schädlich, Vertrauen heilsam, selbst unentbehrlich ist,« so antworte ich Ja. In Dingen, die sich nicht kontrollieren lassen und die doch geschehen müssen, bleibt keine Wahl: man muß sich bescheiden, die ausführenden Personen sorgfältig auszusuchen, und dann diesen das Vertrauen schenken, daß sie ihr Bestes tun werden. Der Wiener Hofkriegsrat, der die kommandierenden Generale auf Schritt und Tritt überwachte und korrigierte, die Kommissäre des französischen Konvents, die den Heerführern als Tugendwächter zur Seite gestellt wurden, sind bekannte Beispiele der Lehre vom zu weit getriebenen und schädlichen Mißtrauen. Aber selbst solche Beispiele beweisen im Grunde nicht so sehr die Schädlichkeit der Wachsamkeit als vielmehr die Beschränktheit der Mittel, die uns zu Gebote stehen, um Wachsamkeit zu üben. Wenn es ein Mittel gäbe, Feldherren von falschen Schritten abzuhalten, ohne sie gleichzeitig an richtigen Schritten zu hindern, wenn man den Mißbrauch verhüten könnte, ohne den Gebrauch zu lähmen, so wäre gegen die Anwendung derartiger Mittel nichts zu sagen, vielmehr, sie nicht anzuwenden, tadelnswert. Man braucht nicht zu befürchten, daß, wenn im öffentlichen Leben die Regel der wachsamen Vorsicht bis an die Grenzen der praktischen Möglichkeit durchgeführt würde, das Element des Vertrauens aus der Politik gänzlich ausscheiden müßte. Ein oberflächlicher Blick auf unsere parlamentarischen Verhandlungen genügt, uns zu beweisen, daß es weite Gebiete gibt, wo der Volksvertreter durchschnittlicher Art sich auf das Urteil anderer und auf den guten Willen und die Befähigung der vollziehenden Organe verlassen muß und in der Tat sich darauf verläßt. Bei Bewilligung für Heer und Flotte, bei Abstimmungen über große Justizgesetze, über Maßregeln der Sozialreform, über Tarife und Steuereinrichtungen, kurzum in fast allen wichtigsten Angelegenheiten werden notgedrungen von zahlreichen Reichstagsmitgliedern, häufig von der Mehrheit, nicht selten vom ganzen Hause Vertrauensvota abgegeben, Vota, die lediglich auf der Annahme beruhen, daß die Regierungen und die Fachmänner die richtigen Anträge gestellt haben werden, und auf der Erkenntnis, daß der Volksvertretung die zur materiellen Prüfung nötige Sachkunde abgeht. Daran wird die Zukunft schwerlich viel ändern; sie wird, mit der fortschreitenden technischen Entwicklung aller Zweige der Verwaltung, das Gebiet der notgedrungenen Vertrauensvota eher noch erweitern. Das vermögen wir nicht zu ändern. Umsomehr sollen wir da, wo wir es können, die Tugend üben, die zwar einen unschönen Namen führt und eines liebenswürdigen Äußern entbehrt, die aber der Gesundheit des Staats dient wie die Hygiene der leiblichen – das Mißtrauen. Millionen Katastrophen, große und kleine, hat die Welt gesehen; wie wenige davon hat das Mißtrauen verschuldet? wie unzählige das Vertrauen? Jargon (1890) Im vorigen Jahrhundert gehörte das Wort Tugend zum Jargon; heute belächeln wir die überschwengliche Rührung, mit der gefühlvolle Herzen damals diesem Worte lauschten, und die Häufigkeit, mit der beliebte Schriftsteller es gebrauchten. Ist unsere Zeit frei von solchem Jargon? Ich zweifle daran. Tugend ist nicht mehr Mode, aber man spricht sehr viel von Sittlichkeit. Für den Hausgebrauch erscheint der Unterschied, ob es tugendhaft oder ob es sittlich sei, nicht eben erheblich, aber wer heutzutage sich ans Publikum wendet, muß seine Rede mit Sittlichkeit würzen oder salben. Früher sagte man Moral, aber Sittlichkeit klingt vornehmer, und vollends Ethik! Wo man von sittlichen Problemen spricht, ist das Wort Sittlichkeit einwandsfrei. Aber man findet es seit einiger Zeit in wuchernder Fülle an Stellen, wo es keinen Sinn hat, z. B. wo es sich um wirtschaftliche Probleme handelt. Mit den Worten national, deutsch, patriotisch geht es ähnlich. Wie die Wulste, Tressen und Bänder der Schneidermode verhüllen sie irgend eine Dürftigkeit der Natur; wie sie, sind sie vom Übel, wo es aus Erkenntnis der Wirklichkeit vor allem ankommt. Man entkleidet den Körper, den der Wundarzt untersuchen soll, mag der Anblick noch so unschön sein. Auf einem kürzlich abgehaltenen evangelisch-sozialen Kongreß ist das Wort Tugend (was ich durchaus billige) gar nicht, das Wort Sittlichkeit sehr oft vorgekommen. Nichts ist nämlich leichter, als die sozialen Fragen, denen auf wirtschaftlichem Wege äußerst schwer beizukommen ist, vom Standpunkte der Sittlichkeit aus zu beleuchten. Und wie die Elektrizität, um sich zu entladen, immer den leichtesten Ausweg sucht, so macht es auch der soziale Tatendrang, der sich in solchen Kongressen verdichtet. An der Stange des sittlichen Pathos gleitet das Fluidum bequem in den Erdboden. Zu den zahlreichen sonoren Resolutionen des Kongresses hat ein Generalsuperintendent eine feierliche Einleitung augenscheinlich mit Sorgfalt redigiert, und die Resolutionen sind mit dieser Ouvertüre in die Welt gegangen. Darin wird unter anderem nun folgendes als Aufgabe der Versammlung bezeichnet: »Dahin zu wirken, daß auf dem Grunde einer neuen, aus dem Evangelium geborenen Gesinnung die einzelnen Stände sich ihrer Verpflichtungen gegeneinander bewußt und denselben gerecht werden; daß insonderheit die Arbeitgeber den sittlich ebenbürtigen Wert der Arbeit anerkennen, die Arbeiter aber in derselben einen sittlichen Beruf erblicken lernen.« Was heißt das? Daß es gut wäre, wenn alle Menschen ihre Pflichten, einschließlich der sozialen, erfüllten, z. B. ehrlich hielten, was sie versprochen haben, und einer dem andern anständig, gerecht und hilfreich begegnete, bestreitet natürlich niemand. Diesen Teil des Satzes, der nur überflüssig, aber nicht irreleitend ist, lasse ich auf sich beruhen. Aber über »den sittlich ebenbürtigen Wert der Arbeit,« den der Arbeitgeber anerkennen soll, möchte ich mir Auskunft erbitten. Wieso hat denn die Arbeit als Arbeit sittlichen Wert? (an den pädagogischen ist doch in diesem Zusammenhange nicht zu denken). Und wem soll er ebenbürtig sein? Und endlich, wenn nun der Arbeitgeber sagt: »Jawohl, ich erkenne den ebenbürtigen sittlichen Wert der Arbeit an,« was folgt daraus? Was wird damit genützt? Wird er für Arbeit, weil sie sittlichen Wert hat, höheren Lohn zahlen, oder sie angenehmer machen können? Arbeit als solche ist weder sittlich noch unsittlich. Ich habe immer gehört, daß die Sittlichkeit einer Handlung lediglich von den Motiven abhänge, und ich glaube, daß das die allgemeine Ansicht ist. Nun wird man nicht sehr fehlgehen, wenn man annimmt, daß neunundneunzig von hundert Arbeitern sich von dem Wunsche, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, bestimmen lassen. Sie wissen, daß sie ohne Arbeit entweder hungern und frieren oder betteln und stehlen müssen. Sie ziehen die Arbeit vor, weil sie das bei weitem geringere Übel ist. Daß sie so handeln, ist verständig und untadelhaft, aber es als sittlich zu rühmen, sehe ich keinen besonderen Grund. Man müßte denn die Sittlichkeit als etwas Negatives auffassen, als bloße Abwesenheit des Lasters. Die positive Sittlichkeit beginnt für mich erst da, wo einer freiwillig stöhnt und schwitzet unter Lebensmühen, um anderen zu helfen, oder einem idealen Interesse zuliebe, wo einer arbeitet, um die Schulden eines Freundes zu tilgen, den Hunger eines Fremdlings zu stillen oder einer gerechten Sache zum Siege zu verhelfen. Mit Hilfe einer subtilen chemischen Analyse wird man vielleicht auch in der gewöhnlichen Erwerbstätigkeit des gewöhnlichen Arbeiters positive Sittlichkeit entdecken wie in einer Tonne Gesteins ein Milligramm Goldes. Zum Beispiel eine Mitwirkung des Gerechtigkeitssinnes, der uns verbietet, eine Last, die wir selbst tragen sollten, auf andere abzuwälzen. Aber man denkt nicht zu niedrig von der menschlichen Natur, wenn man als das eigentliche, praktisch wirksame Motiv der menschlichen Arbeit – von dem Zwange der Sklaverei abgesehen – das wohlverstandene und übrigens vollkommen berechtigte Interesse der Arbeitenden ansieht. Das Wort sittlich ist deshalb bloß Phrase. Die Phrase aber ist irreleitend, weil sie den Arbeiter in einem Wahne bestärkt, zu dem er, von seinen Schmeichlern verführt, ohnehin nur allzusehr neigt, in dem Wahne nämlich, daß seine Erwerbstätigkeit an sich etwas ausnahmsweise Verdienstliches sei, bekleidet mit einer ihr eigentümlichen Würde, die allen anderen menschlichen Tätigkeiten abgehe. Er glaubt schon jetzt, daß er der alleinige Schöpfer aller irdischen Güter sei; er glaubt, daß ein ungerechtes Schicksal nur ihn allein zu Anstrengungen, Entbehrungen und Leiden verdamme; er wird es sich gern gesagt sein lassen, daß er mit jedem Hammerschlag und Spatenstich eine Tat der Sittlichkeit vollbringe, die ihn von den rechnenden Bourgeois vorteilhaft unterscheide. Vielleicht wird der Herr Generalsuperintendent einwenden, er habe es so gar nicht gemeint: er habe nur sagen wollen, daß die Arbeitgeber ihre Arbeiter human behandeln, in ihnen stets die menschliche Würde, das menschliche Recht und die menschliche Schwäche anerkennen und schonen sollten. Den Arbeitern aber habe er nur empfehlen wollen, daß sie die übernommene Leistung gewissenhaft erfüllen und ihr gegebenes Wort halten möchten. Ich selbst glaube beinahe, daß etwas Ähnliches ihm vorgeschwebt hat, und daß nur der heute übliche sozialistische Jargon schuld ist, wenn er das Einfache und Richtige so dunkel ausgedrückt hat. Ohne den Jargon hätte sich aber vielleicht der Zweifel bei ihm geregt, ob es sich der Mühe lohne, so einfache Dinge so feierlich zu verkünden. Praktisches Christentum (1891) Mit den Worten Christentum und christlich ist von jeher ebensoviel Unfug getrieben worden, wie heutzutage mit den Worten national und patriotisch. Vor zehn Jahren ist der Ausdruck »praktisches Christentum« aufgekommen, in den Tagen, als die sozialpolitische Phase der Regierung begann; die Vorlage wegen der Unfallversicherung wurde in den Motiven als eine Erfüllung der Vorschriften des Christentums empfohlen, und in kurzer Zeit bürgerte sich die Mode ein, die gesamte auf Regulierung der Arbeiterverhältnisse gerichtete Tätigkeit der Gesetzgebung als praktisches Christentum zu bezeichnen. Man wollte damit der Sache, die dem irdischen Verstande nicht ganz einwandsfrei erschien, einen Heiligenschein geben, dessen Schimmer die profane Kritik zurückschrecke, und man sprach damit zugleich indirekt über alle Andersdenkenden das Verdammungsurteil aus, daß sie Feinde des Christentums, Rebellen gegen Gott, Verächter des Worts seien. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß sich die neuerfundene Phrase gerade an eine Maßregel knüpfen mußte, die dem spezifisch christlichen Gedankenkreise so fern liegt, wie ihm ein Gesetz über Eisenbahnwesen, elektrische Anlagen oder den Handel mit Sprengstoffen nur irgend liegen kann. Die Versicherung gegen die Unglücksschläge und Leiden, die Gottes Vorsehung über uns verhängen könnte, die zu unserem Heile dienen sollen, ist eine menschliche Vermessenheit, für deren Rechtfertigung sich, das bestreite ich nicht, mancherlei Zweckmäßigkeitsgründe, aber ganz gewiß keine Bibeltexte anführen lassen. Auch ist es ein Jahrtausend und weit darüber den Christen nie in den Sinn gekommen, durch Assekuranz dem Zorne des Himmels die Waffe zu entwinden oder abzustumpfen; an dem Alter der christlichen Religion gemessen, ist das Versichern eine höchst moderne Erfindung. Ich selbst, es ist freilich ein halbes Jahrhundert her, habe noch alte gottesfürchtige Schiffsreeder gekannt, die es nicht allein für sündhaft hielten, ihre Fahrzeuge gegen Seegefahr und Kriegsmolest zu versichern, sondern demgemäß es auch unterließen. Wenn eins ihrer Schiffe strandete, sprachen sie wie Hiob, der ja auch nicht versicherte: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!« Praktisch und Christentum sind eigentlich zwei Begriffe, die einander ausschließen, dann wenigstens, wenn man praktisch das nennt, was auf Erden fördert und nützt, und wenn man vom Christentum in seinem eigentlichen, ursprünglichen Sinne, dessen Inhalt ganz unirdisch, ganz weltfeindlich ist, redet. Nun weiß ich sehr wohl, daß die meisten, wenn sie vom Christentum sprechen, die ursprüngliche, echte Grenze des Begriffs weit hinaus und mitten ins irdische Leben rücken, daß sie eine Entwicklung annehmen, kraft deren die Religion der Apostel sich mit den weltlichen Fortschritten und den veränderten Zeitverhältnissen durch stetige innere Umwandlung in Harmonie setze, gewissermaßen eines Modus vivendi mit der Welt suche, ohne den es ihr unmöglich sein würde, auf die Menschen, von einigen Auserwählten abgesehen, einzuwirken. Mit denen, die sich auf einen solchen Standpunkt stellen, hadere ich nicht, wenn sie den Ausdruck »praktisches Christentum« auf allerlei Menschliches, was ihnen gut und schön oder auch nur politisch nützlich erscheint, anwenden wollen; in ihrem Munde bedeutet er nicht viel mehr, als was man sonst Fortschritt der Kultur, der Zivilisation, der Sittlichkeit nennt, mit der stillschweigenden Bezugnahme darauf, daß der Einfluß der christlichen Lehre auf diesen Fortschritt von höchster, wenn schon nicht immer direkter Bedeutung gewesen ist und noch immer ist. Mehr oder weniger erkennt heute auch die positive Theologie das Gesetz der Entwicklung für die religiösen Normen an; ihre nahmhaftesten Vertreter unterscheiden zwischen Fundamentalem und Nichtfundamentalem in den heiligen Schriften, zwischen dem, was nur örtliche und zeitliche Bedeutung für ein bestimmtes Volk, für eine gewisse Gesellschaftsstufe, für eine vergangene Periode hatte, und dem, was von unvergänglicher Wahrheit ist. Wollte man einem Theologen dieses Schlages die Anwendung des Wortes »praktisches Christentum« verweisen, weil sie im Widerspruche mit einem Ausspruche Jesu oder mit einer Erklärung des Apostels Paulus stehe, so würde er antworten, der Heiland und die Apostel hätten Verhältnisse, die heute nicht mehr zutreffen, im Auge gehabt; lehrten sie im neunzehnten Jahrhundert, so würden sie anders reden; nicht an den Buchstaben solle man sich halten, sondern an den Geist u. s. w. Mit dieser Interpretationsregel kann man so ziemlich allen Einrichtungen und Bestrebungen, die ein humanes Interesse vertreten, die christliche Weihe erteilen, wobei nur der Übelstand bleibt, daß nicht alle über den Begriff des Humanen einer Meinung sind. Wenn ein Tedeum gesungen wird, so gibt es immer Leute, nämlich die Besiegten, die es lästerlich finden, irdische Triumphe mit Gottes Sache zu identifizieren. Ein Richter existiert nicht, der dem einen recht und dem andern unrecht geben könnte, wenigstens in protestantischen Ländern nicht. Die Katholiken freilich haben einen solchen Richter, und der Buchstabe der heiligen Schrift geniert sie nicht. Bei ihnen ist der Papst das Christentum; was der für christlich erklärt, ist christlich, gleichviel ob es in der Bibel steht oder nicht, ja sogar wenn es einem Bibeltexte widerspricht. Die katholische Kirche hat ebenso deutlich wie die protestantischen Theologen die Notwendigkeit erkannt, ein Mittel zu finden, um den Konflikten zwischen der Lehre des Evangeliums und den weltlichen Bedürfnissen, zumal ihren eigenen, auszuweichen; sie hat sich aber wohl gehütet, die unbedingte Autorität der Schrift preiszugeben und es dem Urteil der Gemeinde zu überlassen, was für fundamental zu gelten habe, was nicht. Jeder Buchstabe der Bibel ist ihr göttlich, unverrückbar, unbedingt maßgebend, aber neben ihm steht, nicht minder göttlich und unverrückbar und unbedingt maßgebend, die Autorität der Kirche, des Papstes, welche Autorität nicht allein den Buchstaben der Schrift so auslegt, wie die Gläubigen ihn verstehen sollen, sondern auch ihm neue Glaubenssätze, neue Vorschriften hinzufügt, die das Gewissen ebenso, wie die Schrift selbst es tut, binden und verpflichten. Ein Widerspruch zwischen Schrift und Papst kann nie existieren; da, wo ein Laie ihn finden möchte, liegt die Schuld an der mangelhaften Erkenntnis des Laien; der Papst braucht nur zu sagen: Es ist kein Widerspruch! und der Widerspruch verschwindet. Auch ist der Ausdehnung dieses Christentums auf weltliche Dinge keinerlei Grenze gezogen, und dem »praktischen« ist daher hier volle Berechtigung und weitester Spielraum gesichert. Zwar wird der Papst wahrscheinlich nie das Äußerste, was ihm zu tun freisteht, auch wirklich tun; trotz aller Göttlichkeit und Unfehlbarkeit gilt auch für ihn der Spruch, daß der Bogen nicht allzu straff angespannt werden darf; aber niemand kann ihm jemals vorwerfen, daß er dem Christentum zuwiderhandle, so weltlich auch das, was er anordnet, dem Nichtkatholiken erscheinen mag. Denn, wie gesagt, das Christentum ist er selbst; er allein weiß, was dazu gehört, und es steht nichts im Wege, daß er es für Sünde erkläre, auf der Eisenbahn zu fahren oder sich des rauchlosen Pulvers zu bedienen. Wenn er tatsächlich keinen so extravaganten Gebrauch von seiner Machtvollkommenheit macht, wenn er z. B. nicht das deutsche Militär-Septennat oder die Aufhebung der irischen Nationalliga für praktisches Christentum, für Forderungen christlicher Moral ausgibt, so unterläßt er es nicht, weil er es nicht dürfte, sondern nur, weil er es für unpolitisch hält, den Bogen so straff zu spannen. Wenn Leo XIII. verkündigte, daß die sozialpolitischen Gesetze Deutschlands praktisches Christentum seien, so würde ich kein Wort darüber verlieren; Roma lucunta est , und für die katholische Welt wäre die Sache erledigt. Ganz anders liegt die Sache aber für diejenigen, die in unserer Mitte, im protestantischen Deutschland, in den alten preußischen Provinzen das Losungswort vom praktischen Christentum aufgenommen und verbreitet haben und es den Gegnern des offiziellen Sozialismus ins Gesicht schleudern. Ich glaube wohl, daß auch unter diesen mancher sich befindet, der, wenn er seinen Standpunkt verteidigen müßte, sich auf die Entwicklungsfähigkeit des Christentums und auf die Notwendigkeit, unter neuen Verhältnissen neue religiöse Ideen in die Welt einzuführen, berufen würde. Mit den praktischen Christen dieser Gattung will ich nicht disputieren. Ich glaube zwar nicht, daß ihr Einwand stichhaltig ist, aber er berührt mein eigentliches Thema nicht, die Frage nämlich, mit welchem Rechte der spezifisch christliche Charakter des modernen Staatssozialismus von derjenigen kirchlichen Richtung behauptet wird, deren Anhänger und deren Presse vorzugsweise das unduldsame Schlagwort im Munde führen. Die Männer dieser Richtung – jedermann weiß, wer darunter zu verstehen ist – leugnen die Entwicklungsfähigkeit des Christentums, weisen die Berechtigung neuer religiöser Ideen zurück, halten sich streng an die in der Schrift enthaltene Offenbarung, an der kein Jota geändert werden darf, und neben der es keine andere religiöse Autorität gibt. Die Bekenntnisschriften der Reformatoren und der Landeskirchen enthalten für sie zwar auch Glaubens- und Lehrnormen, aber nur deshalb, weil angenommen wird, daß sie im vollen Einklange mit der Bibel stehen. Die Männer dieser Richtung verlangen deshalb, daß jeder, der irgendwie von dem orthodoxen Standpunkte abweicht, der namentlich dem Buchstaben der Bibel nicht volle unbedingte Gültigkeit für alle Ewigkeit zuerkennt, fernzuhalten sei von der Kanzel, von der Schule, von kirchlichen Ämtern, vom theologischen Katheder, womöglich auch vom Kultusministerium und der Abteilung für geistliche Angelegenheiten. Die Männer dieser Richtung müssen also – mir wenigstens scheint das klar wie Sonnenlicht –, wenn sie von praktischem Christentum reden, nachweisen, daß diejenigen Staatsmaßregeln, denen sie die Ehre dieser Bezeichnung zu teil werden lassen, sich auf eine Vorschrift der Bibel, bestimmter gesagt, des Neuen Testaments stützen, und daß man durch Widerspruch gegen jene Staatsmaßregeln einem Gebote des göttlichen Worts entgegen handle. Da es an Texten, die von Zwangsversicherungen reden, ganz und gar fehlt, wird man notgedrungen sich auf den allgemeinen Charakter der evangelischen und apostolischen Vorschriften zurückziehen und behaupten müssen, aus diesem allgemeinen Charakter ergebe sich das Gebot, den unbemittelten Klassen durch Zwangsversicherungen Alters-, Invaliden-, Kranken- und Unfallsrenten zu verschaffen, von selbst und mit solcher Deutlichkeit, daß jede Opposition dagegen ohne weiteres als Ungehorsam gegen den Willen Gottes bezeichnet werden müsse. Freilich würde diese schwere Anklage des Ungehorsams nicht bloß die Manchesterleute, sondern auch alle Regierungen ohne Ausnahme bis zum Jahre 1881 treffen; denn bis dahin ist es keiner einzigen, auch der Kaiser Wilhelms I. nicht, in den Sinn gekommen, dieser angeblichen Christenpflicht zu genügen. Ja, noch mehr, die Kirche selbst, die Moraltheologie aller verflossenen Jahrhunderte träfe der Vorwurf, uns über diese Pflicht völlig im Dunkeln gelassen zu haben. Allein das könnten und müßten wir ja in den Kauf nehmen, wenn im übrigen die Wahrheit der These, zwar merkwürdig spät erkannt, aber unanfechtbar wäre. Was sagt denn nun über den streitigen Punkt das Neue Testament? Im allgemeinen, meine ich, denn im besonderen, wie schon bemerkt, sagt es nichts. Im allgemeinen behandelt es Armut und Leiden als Dinge, die man gelassen ertragen, sogar als Vorzüge preisen, und um deren Abwendung man sich nicht viel Sorge machen soll. Irdische Güter, irdisches Wohlsein werden durchweg als verächtlich und selbst als verwerflich bezeichnet; der arme Mann ist als solcher der Seligkeit näher als der reiche. Mit dem Allernotwendigsten, Speise und Kleidung, soll der Mensch zufrieden sein; nicht einmal Wohnung und Schlafstätte wird zu dem Notwendigen gerechnet. Die Zukunft soll man ruhig Gott anheim stellen, keineswegs sich gegen ihre möglichen Übel zu schützen suchen. »Unser täglich Brot gib uns heute ,« heißt es im Gebet des Herrn, und unter seinen Worten finden wir solche: »Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel« – »Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet« – »Sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen; es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.« Das sind Texte, deren allgemeiner Charakter nicht darauf deutet, daß Versicherungsanstalten Gott besonders wohlgefällig wären. Weit entfernt, Vorsorge gegen die Armut zu gebieten, verlangt Christus sogar, daß man sie, wenn man zu den besitzenden Klassen gehört, freiwillig auf sich nehmen soll: »Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe was du hast und gib's den Armen; so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.« Es steht geschrieben, daß der Jüngling, dem der Meister dies Wort sagte, »betrübt von ihm ging, weil er viele Güter hatte«. Der kirchlichen Richtung, mit der ich es hier zu tun habe, deren Losung die Schrift, die ganze Schrift, nichts als die Schrift ist, gehören Leute an, die auch viele Güter haben oder doch zu der günstiger situierten Minorität zählen, Großgrundbesitzer, hohe Staatsbeamte, Generale, Superintendenten, Pfarrer mit guten Pfründen, sogar auch Bankiers, Fabrikherren und große Kaufleute. Ob diese betrübt sind, wenn sie die Stelle Matthäi 19, 21 lesen, weiß ich nicht, aber soviel ich sehe, rechnen die meisten von ihnen die Befolgung dieses, doch sehr einfachen und nicht mißzuverstehenden Gebots nicht zum praktischen Christentum. Sonst würden wir wohl mehr von frommen Selbstexpropriationen hören. Vielleicht werden diese begüterten Frommen einwenden, daß, wenn jedermann so handeln wollte, wie Christus es vorschreibt, nicht für die Zukunft sorgen, nicht um zeitliche Güter sich kümmern, weder Staat noch bürgerliche Gesellschaft, noch Zivilisation und Fortschritt möglich sein würden. Aber mit dieser Entschuldigung lasse ich sie nicht passieren. Sie hat etwas für sich im Munde der so sehr verdammten Mittelparteien und Protestantenvereinler, die sich ein Christentum nach ihrem Bedarfe zurecht machen, nicht aber im Munde recht- und vollgläubiger Männer, die uns erklärt haben, daß sie sich kein Tüttelchen von der Bibel, vom Neuen Testament wenigstens, abfeilschen lassen. Für sie gilt das Wort: »Was geschrieben ist, das ist geschrieben;« sie müssen den Inhalt der heiligen Urkunden en bloc annehmen. Wenn sie erst einmal anfangen, an den völlig klaren Lebensregeln und Moralvorschriften des Neuen Testaments mit Deutungen, Milderungen und Anpassungen an das praktische Bedürfnis zu rütteln, wie wollen sie dann anderen verbieten, dieselbe Methode auf die weit dunkleren Dogmen, Mysterien und Wunder der Religion anzuwenden? Nun höre ich von hier aus, wie man triumphierend mir das Gebot der Nächstenliebe, das Christus nächst der Liebe zu Gott für das oberste aller Gebote erklärt, entgegenhalten wird. Ist es nicht der Zweck unserer sozialpolitischen Gesetze, den Kranken und Gebrechlichen, den Witwen und Waisen, den Verstümmelten und den Altersschwachen zu helfen? Ist dieser Zweck nicht in eminentem Grade christlich und steht er nicht im Einklänge mit ausdrücklichen Ermahnungen Jesu Christi und seiner Apostel? Aber gemach! der Trumpf der christlichen Barmherzigkeit sticht meine Karte nicht; denn die christliche Barmherzigkeit hört auf zu existieren in dem Augenblicke, wo sie erzwungen wird. Sie hört ferner auf, wo sie nicht in reiner uneigennütziger Liebe wurzelt, sondern aus Berechnung oder Eitelkeit entspringt. Die schönsten Spenden und Hilfsleistungen verlieren ihren himmlischen Duft, wenn sie dem Wunsche entstammen, gärende Volksmassen zu beschwichtigen, Popularität zu gewinnen, Nebenbuhler zu überglänzen, Wahlstimmen zu werben. Das Volk selbst bleibt dasselbe, welches Motiv immer zu Grunde liegen mag; es kann bei gutem Motiv schädlich wirken, z. B. wenn man aus Menschenliebe Faulenzer füttert; es kann bei schlechtem Motiv segensreich sein, z. B. wenn man aus Furcht vor dem Zorn der Arbeiter ihnen das Leben erleichtert. Aber um im Sinne des Evangeliums ein gutes Werk, ein Werk der Barmherzigkeit zu sein, muß sein Motiv Liebe sein, freie, ungezwungene Nächstenliebe, die das eigene, nicht das Gut anderer Leute, die sich selbst, nicht die Dienste dritter, dahingibt, um fremde Not zu lindern. Man messe an diesem Maßstäbe unsere Sozialpolitik, und man wird zugeben müssen, daß sie nicht unter den Begriff der evangelischen Barmherzigkeit fällt. Sie mag vernünftig, politisch klug, eine Wohltat für viele sein, – darüber will ich hier nicht streiten; aber von welcher Seite man sie auch ansehen mag, sie ist und bleibt Zwang, ihrem Wesen, ihrem Wirken und ihrem Wert nach. Der Gesetzgeber bringt nicht sich selbst und seine Habe dar, sondern er nötigt andere Menschen, die vielleicht nicht die mindeste Neigung dazu haben, Steuerzahler, Arbeiter und Brotherren, ein vorgeschriebenes Opfer zu bringen, damit anderen Personen in gewissen Fällen eine Unterstützung gewährt werden könne, und wenn sie das Opfer nicht vorschriftsmäßig bringen, nimmt er es ihnen mit Gewalt und belegt sie mit Strafe. Wo steckt denn da die Barmherzigkeit? Bei dem Gesetzgeber, der als solcher nichts opfert? Bei den Kontribuenten, die bei Vermeidung der Exekution und schwerer Geldbuße hergeben müssen, was sie lieber behalten oder anderweit verschenken möchten? Mit demselben Rechte könnte man den Bankhalter in Monaco und den Totalisator in Longchamps barmherzig nennen, weil vom Spiel- und Wettgewinn einige Prozente den Armen zufließen müssen. Augenscheinlich waltet auf diesem Gebiet eine Begriffsverwirrung und eine Gefühlsabstumpfung, die freilich nicht befremden kann in einer Zeit, die zur größeren Ehre Gottes und im Dienste der nationalen Pietät und für die Humanität im heißen Afrika Lotterien veranstaltet und mit salbungsvoller Beredsamkeit empfiehlt. Daran ist die heilige Schrift nicht schuld, und auch Luther nicht, der sich keine Mühe hat verdrießen lassen, uns von dem Aberglauben zu erlösen, als ob Gott nach den Werken um ihrer selbst willen frage. Die heilige Schrift aber, das will ich kühnlich behaupten, enthält vom ersten Verse des Matthäus bis zum letzten der Apokalypse keine einzige Stelle, die so gedeutet werden könnte, als ob die von der Obrigkeit auferlegten Beitrage zu wohltätigen Zwecken Werke der Barmherzigkeit, vollbracht von den Beisteuernden wären. Überall wo von diesen Werken die Rede ist, geht die Ermahnung deutlich an den einzelnen Menschen, die um Gottes und der Bruderliebe willen, ohne äußere Nötigung, seiner Selbstsucht einen Stoß versetzen soll. Nicht vor den Leuten soll das Almosen gegeben werden, und die erste Gemeinde in Jerusalem, die eine Art Gütergemeinschaft eingeführt hatte, überläßt es jedem Mitglieds wie viel es und ob es überhaupt etwas opfern wolle. Bekanntlich hat die Gemeinde in Jerusalem bald die Erfahrung gemacht, daß ihr praktisches Christentum für diese Welt nicht zweckmäßig sei; schon Paulus hat sich genötigt gesehen, Sammlungen für sie in Macedonien, Korinth und Galatia zu veranstalten, weil sie ihre eigenen Mittel aufgezehrt hatte. Aber auch er hat sich gehütet, irgend einen Druck auf die Geber auszuüben. An allen Stellen seiner Briefe, wo von diesen Liebesgaben die Rede ist, finden wir nichts als einen Appell an die freie Bruderliebe, keinerlei Drohung, keinen moralischen Zwang. »Die aus Macedonia und Achaja haben williglich eine gemeine Steuer zusammengelegt den armen Heiligen zu Jerusalem. Sie haben's williglich getan.« So schreibt der Apostel den Römern, und er läßt schweigend den letzteren ihre volle Freiheit, ob sie dem guten Beispiel folgen wollen oder nicht. Und den Korinthern sagt er, daß bei den Wochensammlungen für jene Armen »ein jeglicher nach seinem Willkür geben möge, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn den fröhlichen Geber habe Gott lieb.« Man braucht nur den Ton dieser Stimme zu vernehmen, um zu empfinden, daß sie ganz anderen Regionen angehört als denen unserer bureaukratischen Entschädigungs-, Verpflegungs- und Rentenanstalten. Natürlich ist damit nichts gegen die Vortrefflichkeit dieser letzteren gesagt; sie können, auch wenn sie nicht die Autorität der Schrift für sich haben, durchaus berechtigt, durchaus wohltätig sein. Wer von dieser Berechtigung und Wohltätigkeit überzeugt ist, handelt als rechtlicher Mann, folglich auch insoweit christlich, wenn er die gedachten Anstalten gegen ihre Gegner in Schutz nimmt, empfiehlt und fördert. Aber genau ebenso redlich und ebenso christlich handelt derjenige, der die Anstalten bekämpft, weil er der entgegengesetzten Überzeugung ist, daß sie nämlich ungerecht und gemeinschädlich seien. In gewissem Sinne kann man ja, wenn man will, jedes Handeln, das, von wohlerwogener Überzeugung ausgehend, das Beste der Mitmenschen bezweckt, praktisches Christentum nennen, aber es wird nichts damit gewonnen, da doch die Überzeugungen meistens sehr verschieden sind und die christliche Lehre für die menschlichen Wohlfahrtseinrichtungen nie oder höchst selten bestimmte Normen an die Hand gibt. Man wird in der Hauptsache immer auf die weltlichen Argumente zurückgreifen müssen und höchstens soviel feststellen können, was sich von selbst versteht, daß es unchristlich sein würde, etwas, was man für gut und heilsam erkannt hat, nicht zu wollen, es zu bekämpfen und es für schlecht zu erklären. In derjenigen Angelegenheit, die uns hier am nächsten liegt, ist über das wünschenswerte Ziel eine Meinungsverschiedenheit eigentlich nicht vorhanden.. Ich kann mir nicht denken, daß – von einigen teuflischen Bösewichtern abgesehen – jemand auf Erden existiert, der nicht allen seinen Mitmenschen in Not, Krankheit und Alter eine sichere Unterstützung und Hilfe von Herzen gönnte. Auch darüber ist wenig Streit, daß der beste, vielleicht der einzige Weg zu diesem Ziele der Weg der Versicherung sei. Der Kampf der Meinungen beginnt erst bei der Frage: soll dieser Weg vom Staate aufgezwungen oder soll, ihn auszubauen und zu benutzen, der Entwicklung der Intelligenz und der wirtschaftlichen Tugenden, Vorsicht, Sparsamkeit, Selbständigkeit, überlassen werden. Der Versuch, den Zwangsweg mit dem Nimbus des Christentums zu umgeben, ist, wie ich gezeigt zu haben glaube, verfehlt und schriftwidrig; es kann sich nur darum handeln, welche von beiden Methoden menschlichem Ansehen nach die bessere ist. Menschlichem Ansehen nach! Die Worte mahnen doch sehr zur Bescheidenheit und Vorsicht vor raschem Verdammen. Ich für meinen Teil halte die freie Methode für die richtige, aber für ihren Erfolg kann ich nicht bürgen, und ich kann nicht leugnen, daß sie langsam operiert. Der Staatszwang hat die schnelleren, augenfälligeren Resultate für sich; ich finde es begreiflich, daß er von vielen vorgezogen wird. Ich hüte mich, diese vielen für schlecht, für Unchristen zu halten, weil sie die Dinge anders ansehen als ich. Aber ich muß sagen, daß es mir angenehm sein würde, ebenso behandelt zu werden. Vielleicht steckt doch in der Abneigung gegen die großen offiziellen Barmherzigkeitsapparate auch ein bißchen Christentum, und nicht bloß, wie man etwas vorschnell anzunehmen pflegt, manchesterlicher Doktrinarismus. Die materiellen Wohltaten, die man obrigkeitlicher Bevormundung verdankt, werden um einen Preis erkauft, der allzu teuer erscheint, wenn man überzeugt ist, daß nur aus der Übung und Entfaltung der eigenen Seelenkräfte dem Menschen das Heil, wahres und dauerndes, leibliches und geistiges, erblühen kann. Denn diese Seelenkräfte, die Selbständigkeit und die Energie, werden unfehlbar gelähmt, wenn ein väterlicher Despotismus ihnen die Freiheit der Bewegung raubt; der väterliche Despotismus beseitigt wohl manche häßliche Geschwüre, aber er schwächt, er erstickt wohl gar die Naturkraft, die allein den Kranken gesund machen kann. Wer dieses Glaubens lebt, steht nicht im Widerspruche mit dem Meister, der uns lehrt, das Unkraut nicht auszuraufen, damit nicht gleichzeitig der Weizen verderbe, und der gesagt hat: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele?« Es gibt keine Wohltat, die den Schaden der Freiheitsberaubung aufwöge! Das ist eine Thesis, die auch heute noch, allen sozialistischen Zeitströmungen zum Trotz, von einer Menge ernsthafter und wohlmeinender Männer, darunter auch aufrichtige Christen, aufgestellt und verteidigt wird. »Ich will lieber ein freies England als ein nüchternes,« sagte Dr. Magee, als man ihn aufforderte, eine Bittschrift an das Parlament, betreffend gesetzliches Verbot des Genusses gegorener Getränke, mitzuunterzeichnen. Man fragt mich: wer war Dr. Magee? Er war Erzbischof von York, und er ist im Mai dieses Jahres gestorben, verehrt und geliebt als einer, der zwar ein Hirt, aber nie ein Beherrscher der Seelen sein wollte. Christliches und Unchristliches (1891) In meinem letzten Artikel habe ich den Vertretern unserer nach Alleinherrschaft in der Kirche strebenden Orthodoxie an einem Beispiel den Widerspruch nachgewiesen, in den sie mit ihren eigenen Grundlehren gerät, wenn sie auf der einen Seite dem Christentum jede Entwicklungsmöglichkeit abspricht, es ganz und gar an den überlieferten Buchstaben der neutestamentlichen Schriften bindet, und andererseits gewisse sozialpolitische Einrichtungen des Staats, in species die neuerdings beliebten Zwangsversicherungen, als praktisches Christentum anerkennt. Ich habe nachgewiesen, daß weder der Buchstabe, noch der Geist der Schrift Zwangseinrichtungen dieser Art fordert, weit eher sie auszuschließen scheint, und daß man, um sie von christlichem Standpunkte zu rechtfertigen oder gar als geboten zu bezeichnen, notwendig damit anfangen muß, die unbedingte und ausschließliche Gültigkeit des kanonischen Textes fallen zu lassen und einzuräumen, daß mit den Wandlungen der menschlichen Kultur und ihrer Bedürfnisse auch die Auffassung der Religion und ihrer Vorschriften sich ändert, erweitert und umgestaltet. Das aber ist es eben, was die Orthodoxie um keinen Preis zugeben will. Mir für meine Person scheint die Beweisführung unwiderleglich, und wenn ich etwas daran aussetzen sollte, so wäre es nur dies, daß sie sich auf ein zu enges Gebiet beschränkt. Der von ihr gerügte Widerspruch zwischen der orthodoxen Doktrin und dem Verhalten der orthodoxen Personen in ihrem Verhältnis zu den weltlichen Dingen beruht nicht auf vereinzelten Inkonsequenzen, wie sie überall vorkommen, wo Menschen handelnd auftreten, sondern die gesamte Existenz der kirchlichen Partei, die sich an die Stelle der Kirche drängen möchte, ist mit jenem Widerspruch behaftet. Das Kriminalrecht kennt »den Versuch mit untauglichen Mitteln«, der z. B. dann vorlag, wenn jemand einen Menschen mittels Hexerei ums Leben bringen wollte. Die protestantische Orthodoxie kann man eines Versuches dieser Art bezichtigen. Sie strebt nach einem ausschließlichen Kirchenregimente mit staatsähnlichen Machtattributen und mittelbar nach einem maßgebenden Einfluß auf den Staat selbst, auf dessen Gesetzgebung, Polizei und Unterrichtswesen. Sie gebraucht als Waffe, um dieses Ziel zu erreichen, den Buchstaben der heiligen Schrift, ein völlig untaugliches Mittel, insofern dieser Buchstabe (von dem Geiste gar nicht zu reden) allen menschlichen Organisationen der Macht, der moralischen sowohl wie der materiellen, entweder gleichgültig oder feindlich gegenübersteht. Dies hat die römische Kirche, die mit der protestantischen Orthodoxie den Willen zur Macht gemein hat, sehr wohl erkannt, indem sie sich mit einer von der heiligen Schrift unabhängigen Waffe, mit dem Rüstzeuge ihrer eigenen Unfehlbarkeit ausstattete. Sie hat sich dadurch namentlich das Mittel verschafft, mit den Verhältnissen und den Bedürfnissen des Staates sich in Einklang zu setzen, ohne die Religion zu kompromittieren; jedem starren Bibeltexte vermag sie ein geschmeidiges, priesterliches Theorem entgegenzustellen, und sie kann in einem Atem das, was sie in der Doktrin verdammt, in der Praxis gut heißen. Der protestantischen Hierarchie, die an der ausschließlichen Autorität des Buchstabens festhält, bleibt, wenn der Buchstabe ihren politischen Plänen im Wege steht, nichts anderes übrig als ihn zu ignorieren. Und das geschieht denn auch in ausgiebigstem Maße. Wo das Ignorieren nicht mit theologischer Anmaßung Hand in Hand geht, ist es verzeihlich genug, und man muß sogar einräumen, daß es von jeher, solange es protestantische Kirchen gegeben hat, Brauch gewesen ist. Die Leute haben sich gesagt, daß, wenn man sich genau nach den Vorschriften des Evangeliums richten wollte, die Welt keine vierundzwanzig Stunden zusammenhalten würde. Oder sie haben es auch wohl nur instinktmäßig gefühlt und in dem Gefühle fünf gerade sein lassen. Bei aller Gläubigkeit ist die Menschheit fortgefahren, mit rastlosem Eifer Geld zu erwerben, das irdische Leben zu genießen, den Kampf ums Dasein zu kämpfen, Kriege zu führen, zu prozessieren, zu duellieren, zu disputieren und zu exkommunizieren, als ob nie eine Bergpredigt gepredigt, niemals geboten worden wäre, den Reichtum zu verschmähen, den Feind zu lieben, das Unrecht zu leiden, das Unkraut nicht auszuraufen. Je erhabener die Predigt klang, um so leichter fand der gemeine Verstand sich mit dem Gedanken ab, daß man es nicht so genau zu nehmen brauche, daß der Bürgers- und Bauersmann und vollends der Edelmann genug tue, wenn er die zehn Gebote, und auch die noch mit einigen Einschränkungen, halte, und daß man das Evangelium zwar Sonntags in der Kirche andächtig anzuhören, an den Werktagen aber seinen Geschäften nachzugehen habe. Fielding läßt einen Gastwirt, dem der Pfarrer einen Bibelspruch zur Nachachtung beim Bierzapfen zitiert, antworten: »Die Bibel außerhalb der Kirche ist Blasphemie.« Das ist wohl reichlich kraß ausgedrückt, aber etwas abgemildert ist diese Art praktischen Christentums immer sehr weit verbreitet gewesen. Den Katholiken hatte die Klugheit ihrer Kirche die Sache bequem gemacht. Die Laien wurden mit Ansprüchen, die dem natürlichen Menschen allzu hart erscheinen und die ihn an der Vermehrung des Nationalreichtums gehindert hätten, verschont, und für die Erfüllung der spezifisch christlichen Gebote wurde eine kleine auserwählte Schar organisiert, deren Heiligkeit dem Volke zur Verehrung, aber nicht zur Nachahmung vorgehalten wurde. Protestanten, denen es Ernst war mit einer völligen Hingebung an die Vorschriften des Evangeliums, mußten auf eigene Hand sich von der argen Welt abzusondern suchen, als »die Stillen im Lande« und in allerlei frommen Gesellschaften neben der Landeskirche, wobei sie zwar vor Nachahmung ebenso sicher waren wie die strengsten Mönchsorden, statt der Verehrung aber meistens den Spott des Volkes auf sich zogen. Zur Entschuldigung des protestantischen Volks ist übrigens anzuführen, daß sehr häufig die »gottseligen« Kreise es verstanden, das Ansammeln himmlischer und irdischer Schätze miteinander zu verbinden. Quäker, Herrnhuter, Mennoniten haben sich meistenteils in recht guten Vermögensumständen befunden, und dasselbe gilt von den meisten Sekten in Amerika, die auf strenge Schriftgemäßheit ihres Lebenswandels Anspruch machen. In neueren Zeiten sind denjenigen protestantischen Christen, denen der augenfällige Widerspruch zwischen der Lehre und dem Leben einige Unruhe verursachte, die geschichtsphilosophischen Theorien zu Hilfe gekommen, die mit mehr oder weniger Erfolg eine Versöhnung zwischen den »wesentlichen« Ideen des Christentums und den gebieterischen Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft versucht haben. Die Wahrheiten der Religion werden geschieden in »ewige« und in solche, die nur relative Gültigkeit, für ein gewisses Land, einen gewissen Zeitabschnitt und gewisse Kulturzustände haben oder hatten. Diese letzteren sind dem Wandel, der Entwicklung unterworfen; sie müssen sich, wenn Staat und Gesellschaft sich umgestalten, dem anpassen, entweder völlig zurücktreten oder sich Einschränkungen, Modifikationen gefallen lassen. Was frühere Jahrhunderte naiv und instinktiv als Praxis geübt haben, wird nun als vernunftgemäß, historisch notwendig, folglich gerechtfertigt, zum System, zur »Weltanschauung« erhoben. Dadurch wird den zahlreichen Menschen, die weder mit der Welt noch mit der Kirche brechen wollen, das Leben erleichtert und dem Protestantismus etwas von der Anschmiegungsfähigkeit der katholischen Kirche verliehen. Die Argumente, deren sich die moderne Weltanschauung bedient, sind äußerst mannigfaltig, aber sie gehen alle von einer und derselben Überzeugung aus, daß nämlich Staat und Gesellschaft fortbestehen müssen und auf dem Boden des ursprünglichen Christentums nicht fortbestehen können. Daß der letzte Satz schwer anzufechten ist, lehrt der oberflächliche Blick auf die Wirklichkeit, die uns umgibt. Wohin wir schauen, sehen wir Einrichtungen, Tätigkeiten, ohne die unsere Staaten und Gesellschaften schlechterdings nicht bestehen könnten, und die doch beseitigt, mindestens vernachlässigt werden müßten, wenn wir alle die heiligen Texte von der Wertlosigkeit der irdischen Dinge, der Macht, des Reichtums, des Wohllebens, des Wissens als buchstäblich zu befolgende Normen betrachteten. Ich rede hier nicht von den üppigen Unkrautfeldern, die auf dem Boden der vom Staate geschützten Zivilisation gedeihen und die vielleicht einem strengen puritanischen Regimente weichen würden, ohne daß dadurch die Existenz des modernen Staats in Gefahr geriete; sondern ich meine die Grundbedingungen, mit denen Staat und Gesellschaft stehen und fallen. Die Macht einer Nation, durch die sie sich anderen gegenüber behauptet, die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung, die Wohlfahrtsanstalten, lauter Dinge, die wir um keinen Preis missen wollen, erheischen einen Aufwand materieller Mittel, der nicht möglich wäre, wenn nicht der Erwerb irdischer Güter Gegenstand rastlosen und selbst leidenschaftlichen Strebens der Bürger wäre. Sie erheischen zunächst eine stete Sorge, eine eifrige Hingebung, wenigstens einer großen Anzahl, für und an die irdischen Interessen der Gemeinschaft und eine Pflege der Gesinnungen, ohne die auf solche Hingebung und solchen Eifer nicht zu rechnen ist. Erwerbstrieb also, Sorge um die Zukunft, Ehrgeiz, soldatischer Geist, Eigenschaften, die der evangelischen Weltverachtung fern liegen, müssen von der Regierung des Staats in erster Linie gefordert und gefördert werden. Nicht nur Glanz und Ansehen des stolzesten Herrschers würden erbleichen, sondern er selbst und sein Volk würden aus der Reihe der Lebendigen verschwinden, wenn seine Untertanen sich gottergeben mit der notdürftigsten Kleidung und Nahrung des heutigen Tages begnügten, nicht dem Übel widerstrebten, Unrecht und Beleidigung ruhig über sich ergehen ließen und all ihr Denken und Mühen nur »dem einen, was not tut« zuwendeten. Nicht das mindeste wäre dagegen zu sagen, wenn die kirchliche Partei, die für sich das echte evangelische Christentum zu monopolisieren beansprucht, darauf erwiderte: »An der Herrlichkeit dieser Welt ist uns nichts gelegen; kann sie nicht bestehen ohne Sünde, so mag sie in ihrer Sünde dahinfahren.« Aber die Erwiderung lautet bekanntlich ganz anders. Die Partei, die auf der einen Seite Unterwerfung unter den Buchstaben der Schrift fordert, behauptet auf der andern Seite, die festeste Stütze des Staats, zumal des monarchischen, zu sein und begehrt unter diesem Titel für sich allein, unter Ausschließung aller anderen Richtungen, die Ämter der Kirche, die Lehrstühle der Hochschulen und die geistliche Führung des Schulwesens. Solchen Widerspruch zwischen Prinzip und Praxis zu verteidigen, ist in unserer kritischen Zeit schwieriger als in den Tagen des heiligen Augustin oder selbst in dem Jahrhundert der Reformatoren. Die Kirchenväter und Reformatoren haben den Gegensatz zwischen christlichem und weltlichem Wesen wohl erkannt und ihn für das praktische Leben möglichst abzumildern sich bemüht. Die kühnen Deutungen, die manchmal phantastischen Argumente, deren sie sich bedienten, hatten Erfolg, weil die Menschen, zu denen sie redeten, an solche Methoden des Beweises gewöhnt waren und nichts inniger wünschten, als daß ihnen die Möglichkeit, ihre Seelen zu retten, ohne die volle Last des Kreuzes auf sich zu nehmen, von den großen Autoritäten verbürgt werde. Heutzutage verlangt man eine von aller vorgefaßten Meinung unabhängige Prüfung der Akten und verwirft Auslegungen, die nicht mit dem einfachen Sinn der Texte in Einklang stehen. Man mag nun den Einfluß der christlichen Religion, wie er in der Geschichte sich darstellt, ihre unmittelbaren und ihre mittelbaren Früchte für die Gesittung und auch für das Staatsleben, so hoch anschlagen wie man will, immer wird man anerkennen müssen, daß die schriftlichen Urkunden, auf deren Alleingeltung die Orthodoxie sich beruft, von einem auf das ewige Leben gerichteten Inhalte so erfüllt sind, daß in ihnen für irgend ein lebhaftes Interesse am irdischen Staate kein Raum sich findet. Sie sind im eigentlichen Wortsinne himmelweit davon entfernt, eine Anleitung für den guten Bürger, was wir unter gutem Bürger verstehen, zu geben. Das Äußerste ist, daß sie Ungehorsam und Auflehnung gegen die Staatsgewalt verbieten. Abgesehen davon, behandeln sie alles Staatliche mit Geringschätzung, wenn nicht mit stillschweigender Feindseligkeit. Von begeisterter Wirksamkeit für das öffentliche Wohl, von Vaterlandsliebe, von opferbereiter Königstreue wissen sie uns nichts zu sagen. Von dem Heiland berichten sie, daß er jeden Versuch, ihm ein Urteil über irdische Angelegenheiten abzulocken, entschieden ablehnt. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« – »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist,« in welchem vielzitierten Spruche mir weniger eine Ermahnung zur Treue gegen den römischen Herrscher als die Erklärung zu liegen scheint: mit Politik habe ich nichts zu schaffen. Einer aus dem Volke, so heißt es bei Lucas (Kap. 12, V. 13 ff.), sprach zu Jesus: »Meister, sage zu meinem Bruder, daß er mit mir das Erbe teile.« Er aber sprach zu ihm: »Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?« Auch das Zivilrecht liegt außerhalb seiner Beachtung; die Güter, die zu schützen es bestimmt ist, sind ihm gleichgültig; er lehrt nicht, wie man sie bewahrt und verwaltet, sondern wie man sie verachtet und wegwirft. Die Jünger, die sich nach den Worten des Meisters richten, werden der Staatsgewalt keine Schwierigkeiten bereiten, sie werden nie Widerstand leisten, nie ein Verbrechen begehen, allen vorgeschriebenen Ordnungen sich gehorsam fügen, aber sie werden nicht dazu beitragen, Macht und Glanz und Kultur des Staates zu mehren. Diese irdischen Machthaber akzeptieren sehr gern die Vorteile, die ihnen die evangelische Lehre bietet, aber sie würden wenig einverstanden sein, wenn die Gesamtheit oder nur ein namhafter Teil des Volkes die praktischen Konsequenzen der Lehre ziehen und lediglich passiv sich an den Staatsaufgaben beteiligen wollte. Die Gefahr, daß dies geschehen möchte, ist nie sehr groß gewesen; die Natur des Menschen ist immer mächtig genug gewesen, sie in enge Grenzen zu bannen, aber jedesmal, wenn in Perioden großer religiöser Erregung weitere Kreise Neigung gezeigt haben, in vollem Ernste dem Welttreiben den Rücken zu kehren, sind die Machthaber solchen Bewegungen mit Entschiedenheit, oft mit erbarmungsloser Strenge entgegengetreten, und die herrschenden Kirchen haben es an ihrer Unterstützung dann nicht fehlen lassen. Die klassische Schriftstelle für die Definition der Christenpflicht dem Staate gegenüber ist das 13. Kapitel des Römerbriefs »Jedermann sei untertan der Obrigkeit« und wie die Worte weiter lauten. Auf diesen Text stützen sich alle Theorien, die ein göttliches Recht der Könige behaupten und den Völkern jedes Recht des Widerstandes gegen Gewalt und Mißherrschaft absprechen. Wäre dies der Sinn der Stelle, so ist es klar, daß die Entwicklung der Menschheit während der folgenden achtzehn Jahrhunderte bis auf den heutigen Zustand sich im Widerspruch gegen die göttliche Vorsehung vollzogen hat. Das ist schwer zu glauben, wenn man den heutigen Zustand, so mangelhaft er ist, mit dem des römischen Reichs unter Kaiser Nero vergleicht. Wer aber unbefangen den Römerbrief liest, wird vielleicht mit mir in den Worten des Apostels lediglich eine Ausführung desselben Gedankens finden, den Christus mit dem Gebote: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist« ausdrückte. Nur die Begründung des Gebots ist hinzugefügt, daß jede staatliche Ordnung als etwas anzusehen sei, das dem göttlichen Willen entspreche, namentlich im Hinblick auf die Pflege des Strafrechts, die den Übeltätern wehrt und den ruhigen Bürger schützt. Den frommen Leuten in Rom, an die der Brief gerichtet war, mochte wohl der Zweifel auftauchen, ob man zugleich Gott und dem Kaiser Nero gehorsam sein könne, und sie darüber zu beruhigen, bedurfte es mehr als des lakonischen Worts, mit dem Christus den Pharisäern den Zinsgroschen zurückgab. Darum wurden die Zweifler belehrt, daß jede Obrigkeit, sie sei welche sie wolle, von Gott sei, daß sie Gottes Dienerin sei zum Besten der Guten, und daß sie das Schwert nicht umsonst trage, sondern als eine »Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut«, daher es recht sei, ihr Abgaben zu zahlen und ihr Untertan zu sein » aus Not , nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen.« Eine Theorie der Legitimität, der göttlichen Einsetzung einer bestimmten Regierungsform oder gar des damals glorreich regierenden Kaisers Nero ist in dem Texte so wenig enthalten, daß er vielmehr die Anerkennung jeder tatsächlichen Gewalt, auch der usurpatorischen, auch der fremdherrlichen, auch der revolutionären zu gestatten, ja zu fordern scheint, ganz im Einklänge mit jener Gleichgültigkeit gegen irdische Interessen, die aus hundert anderen Schriftstellen spricht. Luther hat offenbar die Sache so aufgefaßt. Er übersetzt die griechischen Worte \έ\ξ\ο\ν\σ\ι\α\ι\ς \ν\π\ε\ρ\ε\χ\ο\ν\σ\α\ι\ς die die Vulgata einfach mit potestas sublimioribus wiedergibt, »Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.« Der Christ soll sich nicht um den Rechtstitel der Regierung kümmern, sondern die vorhandene Ordnung, wie er sie vorfindet, als eine höhere Schickung hinnehmen, nicht anders als er auch der Ordnung der Natur einfach sich zu unterwerfen hat. Ihm muß es schon dankenswert erscheinen, wenn die Machthaber ihn in Ruhe lassen und nicht hindern, seines Glaubens zu leben; in diesem Sinne allein soll er Fürbitte tun für den König und alle Obrigkeit, »auf daß wir ein geruhliches und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit« (I. Timotheus, Kap. 2, V. 2). Innerhalb der Gemeinde, die auf freiwilligem Anschlusse beruht, fordert der Apostel strenge Zucht des äußeren Wandels, aber zu reformatorischer Tätigkeit im Staatsverbande fordert er nicht allein nicht auf, sondern er weist sie von sich: »Was gehen mich die draußen an, daß ich sie sollte richten? Gott wird sie richten. Tut ihr (die Gemeinde) von euch selbst hinaus, wer böse ist« (I. Korinther, Kap. 5, V. 11-13). Wie fern diesem ganz nach oben gerichteten Blicke die Ziele moderner Zivilisation liegen, wird am deutlichsten, wenn man sieht, wie Paulus die staatlichen Institutionen der Sklaverei und der Vielweiberei behandelt. Den Sklavenbesitzern schärft er zwar Milde und Freundlichkeit ein, aber mit besonderem Nachdruck eifert er gegen diejenigen, die im Namen der christlichen Brüderlichkeit die Knechte gegen ihre Herren aufsäßig machen möchten. »Solche,« sagte er, »bleiben nicht bei den heilsamen Worten unseres Herrn Jesu Christi,« und wenn die Sklaven ihnen folgen wollten, würde »die Lehre verlästert werden« (I. Timotheus, Kap. 6, V. 1-3). Er meint, daß ein Sklave, wenn sich ihm der Weg dazu bietet, seine Freilassung erwirken sollte, aber erheblichen Wert legt er darauf nicht; denn im Herrn ist auch der Knecht ein Freier (I. Korinther, Kap. 7, V. 21, 22). Was die Vielweiberei betrifft, so erklärt er sie in der ersten Epistel an Timotheus (Kap. 3, V. 2 und 12) für unvereinbar mit dem bischöflichen Amt und mit dem Diakonat, woraus folgt, daß er sie im übrigen nicht beanstandet. Goethe hat zu der Stelle des Römerbriefes, wo die Obrigkeit als Gottes Dienerin, der man um des Gewissens willen zu gehorchen habe, hingestellt wird, die Bemerkung gemacht, daß Paulus damit »eine ungeheure Kultur ausspreche, die wohl auf keinem früheren Wege als dem christlichen zu erreichen gewesen sei.« Ich muß gestehen, daß ich diesen Ausspruch, dem weiter keine Erläuterung folgt, nicht verstehe. Der Gedanke, daß die Machthaber Stellvertreter Gottes seien, lag den asiatischen Despotien ebensowenig fern wie den Republiken Griechenlands und Italiens der Gedanke, daß das Verhältnis des Bürgers zu seinem Staate ein Pietäts- und ein religiöses Verhältnis sei. Ohne Zweifel bedeuten die Worte Gott und Gewissen im Munde des Apostels mehr und Tieferes als in der hellenischen und römischen Volksanschauung, aber in Rom und Hellas forderte die Gewissenspflicht von dem Bürger eine viel weitergehende Hingebung an den Staat, als die apostolische Regel es tut. Dort ist der Staat beinahe alles, hier wird ihm nur das Notdürftigste eingeräumt. Sollte Goethe darin, in der Zurückdrängung des Bürgersinnes auf stille Unterwerfung, den ungeheuren Kulturfortschritt gefunden haben? Das ist natürlich ausgeschlossen. Ohne mich mit der Lösung dieses Rätsels weiter abzumühen, glaube ich den Schluß aus vorstehenden Betrachtungen dahin ziehen zu dürfen, daß es ein vergebliches Bemühen ist, unseren Staat, den europäischen, den deutschen, den preußischen Staat, so wie er in der Geschichte und in der Wirklichkeit gegeben ist, aufrecht zu erhalten und ihm gleichzeitig die Aufgabe zu stellen, die neutestamentliche Lehre, die ganze, die unverfälschte, die in den Urkunden enthaltene, als einzige und ausschließliche Norm anzuerkennen und zu befolgen. Jede Kirche, die im Ernste den Versuch machte, ihm diese Norm aufzuzwingen, würde der Staat als seine Feindin behandeln, und unsere staatskirchlichen Parteien, die angeblich auf dem Boden der Schrift stehen, angeblich alle Kompromisse abweisen, würden sehr bald diese Erfahrung machen, wenn sie ernstlich Anstalt machten, die Konsequenzen ihrer Theorie zu ziehen. Fühlen sie sich tatsächlich innerhalb des Staates sicher und behaglich, so verdanken sie es nur dem Umstände, daß die Machthaber ihnen jenen Ernst keinen Augenblick zutrauen. Die Machthaber dulden ohne große Selbstüberwindung eine Theologie, die nur den Dogmen gegenüber sich starr und intransigent verhält, in der Anwendung der Texte auf das Staatsleben aber sich geschmeidig zeigt, die praktisch brauchbaren lebhaft betonend, die übrigen klug in den Hintergrund schiebend. Roschers »Politik« (1893) Wenn ein Mann wie Roscher, einer von denen, die man »Nestor« zu nennen pflegt, nach ruhmvoll geleistetem Dienste, anstatt um einen Ruhesitz in dem Prytaneum der Veteranen nachzusuchen, sich die Aufmerksamkeit der Lesewelt für ein neues Werk seiner Feder erbittet, so wird man in der Regel leichtere Ware, Späne, immerhin wertvolle, aus der Werkstätte, noch nicht benutzte Reste gesammelter Beobachtungen und Betrachtungen erwarten, Parerga und Paralipomena, Nebenprodukte und Nachträge zu der schon vollendeten eigentlichen Lebensarbeit. Ein Wunder fast schien es, als Ranke im neunten Jahrzehnt seines Lebens die Abfassung einer Weltgeschichte unternahm; außerordentlich mindestens muß es genannt werden, wenn Roscher in schon feierabendlicher Stunde ein Thema von kaum geringerem Umfange zu bearbeiten nicht nur unternimmt, sondern wirklich zu Ende führt und fertig auf den Tisch der Nation niederlegt. » Politik , geschichtliche Naturlehre der Monarchie, Aristokratie und Demokratie« betitelt sich der stattliche Band, der mit der Jahreszahl 1893 im Verlage der Cotta'schen Buchhandlung erschienen ist, 714 Seiten stark mit einem Sachregister, und – was vielleicht das merkwürdigste ist – der schon jetzt eine zweite Auflage erlebt hat. Im November hat Roscher das Vorwort unterzeichnet, im Dezember hat er seinen Namen unter ein paar Zeilen, um die zweite Auflage einzuführen, gesetzt. In Deutschland zumal begegnet so etwas Werken der Wissenschaft nicht oft. Freilich ohne einen berühmten Namen erzielt man einen solchen Erfolg nicht; aber der Name allein tut es auch nicht. Das Thema des Buches muß doch eine besondere Anziehungskraft ausüben. Politik, Naturlehre, geschichtliche Naturlehre, diesen Titelworten entsprechen drei starke Kennzeichen unseres Zeitalters, die überwiegende politische Richtung des Interesses, die naturwissenschaftliche Methode der Forschung, der historische Sinn, der das neunzehnte Jahrhundert vor allen anderen auszeichnet. Und der Gegenstand dieser naturwissenschaftlich-historischen Darstellung, »Monarchie, Aristokratie, Demokratie«, hat von jeher oder, um nicht zu übertreiben, seit Jahrtausenden die Köpfe auf das lebhafteste beschäftigt und in der praktischen Politik wohl noch länger einen breiten Raum ausgefüllt. Roscher will uns die Natur der drei vornehmsten Regierungsformen darlegen, indem er ihre Schicksale, Entstehung, Veränderungen, Wirkungen, in den verschiedenen Zeiten und in den verschiedenen Ländern, zu großen Gesamtbildern, Panoramen gewissermaßen, resümiert, mehr die Dinge selbst reden lassend – »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,« – als lehrhaft den geschichtlichen Stoff in ein logisch-symmetrisches System einzwängend. Allerdings läßt er eigene Betrachtungen oder Winke einfließen, die uns zeigen, daß er nicht mit der kühlen Unparteilichkeit des bloßen Gelehrten der Sache gegenübersteht, aber der Leser wird, auch wenn er andere Vorlieben und Abneigungen hat, sich daran nicht stoßen, weil Roscher weder aufdringlich ist, noch auch jemals den Verdacht erweckt, als ob er die Tatsachen einer Theorie zuliebe künstlich gruppiere, Licht und Schatten ungerecht verteile. Es ist ungemein wohltuend, einer solchen vertrauengewinnenden Redlichkeit in der politischen Literatur zu begegnen. Die Art und Weise Roschers erinnert an die des Aristoteles, der ja auch vor allem zu zeigen sucht, wie die Staatseinrichtungen, von denen er handelt, tatsächlich hier und dort gewirkt haben, und nur gelegentlich sein Urteil über Wert und Unwert der Dinge einfließen läßt. Auch darin ähnelt der deutsche Forscher dem altgriechischen, daß er sich enthält, dem praktischen Politiker Rezepte zu schreiben, nach denen die Gesundheit der Völker zu erhalten oder ihre Krankheit zu heilen sei. Er gibt wohl an, was ihm besonders wünschenswert oder besonders gefährlich erscheine; er stützt diese seine Meinung durch den Hinweis auf die Zeugnisse der Geschichte, aber er ist völlig frei von dem Dogmatismus, der davon ausgeht, daß es in der Politik Regeln von absoluter Gültigkeit gebe, die man nur zu befolgen brauche, um eine gewollte Wirkung zu erzielen. Gerade seine historisch-naturgeschichtliche Untersuchung führt zu der Erkenntnis, daß die menschlichen Dinge sich nicht auf chemische Formeln zurückführen lassen. Aus dem Panorama, das er uns entrollt, unermeßlich überlegen dem Aristoteles an Beobachtungsstoff, ergibt sich dies vor allem klar und mit unmittelbarer Anschaulichkeit, daß alle Staatsformen abhängig sind von Veränderungen, die niemand vorausberechnen kann: Veränderungen der außerpolitischen Verhältnisse, der menschlichen Bedürfnisse und Ansprüche, des religiösen Glaubens, der moralischen Urteile, sogar von dem Einflusse einzelner Individuen, der von Zeit zu Zeit beinahe alles andere in den Hintergrund drängt und dessen Kommen und Gehen gleichwohl sich immer erst nachträglich feststellen läßt. Roscher unterscheidet sich von den meisten Lehrern der Politik auch darin, daß er sich nicht von der Neigung zu prophezeien verführen läßt. Er macht gelegentlich gern darauf aufmerksam, wie sehr gerade scharfblickende Politiker, praktische sowohl wie theoretische, geirrt haben, wenn sie nach ihrer Kenntnis der vergangenen und der gegenwärtigen Dinge der künftigen Entwicklung bestimmte Linien vorzeichnen wollten, und daß solcher Irrtum gewöhnlich deshalb sich einstellte, weil ganz neue, nicht vorherzusehende Faktoren die Rechnung störten. Napoleon weissagte, daß Europa binnen fünfzig Jahren nach seinem Sturze entweder kosakisch oder republikanisch sein werde; Alexander von Tocqueville hielt es für unmöglich, daß die Vereinigten Staaten, wenn sie die Zahl vierzig überschritten, als Union beisammenbleiben könnten; Gentz meinte, daß Rußland an seiner geographischen Ausdehnung, die auf die Dauer das Regieren ausschließe, zu Grunde gehen, sich in mehrere Reiche teilen werde. Von diesen drei Propheten hat der erste die drei konstitutionellen Großmächte, die heute den Dreibund bilden, nicht berücksichtigen können, die beiden anderen haben nicht geahnt, in welchem Maße Eisenbahnen und Telegraphen die Beherrschung großer Gebiete von einem Mittelpunkte aus erleichtern. Wenn die vergleichende Politik keine unmittelbar zu verwendenden Rezepte liefern kann, worin besteht dann ihr Nutzen? Hat sie überhaupt einen Nutzen, der die Mühe so weit greifender Forschungen, der auch nur das Durchlesen eines solchen dicken Buches verlohnt? Es ist die alte Frage vom Nutzen der Geschichte, und die alte Antwort reicht aus: daß es nicht gut ist für den Menschen, ohne Ahnung von dem Zusammenhange der Dinge durch das Labyrinth der Welt dahin zu straucheln. Daß der Besitz geistiger Bildung wertvoll sei, braucht man keinem, der ihn sein eigen nennt, zu beweisen, und ebenso ist es von selbst klar, daß dieser Besitz sich erweitert, wenn ein so wichtiges Gebiet unseres Daseins, wie der Staat es darstellt, nicht bloß in seinen nächstliegenden und ephemersten Erscheinungen, sondern auch in der ganzen Breite seiner so verschiedenartigen Entfaltungen und in der Tiefe seiner Entstehungsgründe dem Blicke eröffnet wird. Nur eine umfassende Betrachtung dieser Art gestattet es uns, in der Aufeinanderfolge der Begebenheiten die Logik, in den Tatsachen das Bedeutsame zu erkennen, im Verschiedenen das Gleichartige, im Gleichartigen das Verschiedene, die falsche Analogie zu unterscheiden von der wirklichen Ähnlichkeit, das Urteil auf die Erfahrungen der Menschheit zu stützen anstatt auf den engen Kreis der eignen Erlebnisse. Und das eben nennen wir Bildung, Freiheit des Blicks, Weite des Horizonts. Es ist wahr, daß es geniale Staatsmänner gegeben hat, die ohne Bildung ihren Weg zu finden wußten, aber auch unter den größesten Praktikern finden wir manchen, der sich selbst mit berühmten Helden der Vorzeit, Heerführern und Gesetzgebern zu vergleichen liebte, von ihren Schicksalen sich warnen oder ermutigen ließ und die Wirkung der Einrichtungen, die er schuf, an den Institutionen anderer Zeiten und Völker abschätzte. Von Napoleon und von Friedrich dem Großen wissen wir, welche Fülle von Betrachtungen solcher Art ihre Taten begleitet hat. Sie haben schwerlich die Kenntnisse, die sie dazu in den Stand setzten, gering geschätzt; viel weniger dürfen wir anderen es, die wir nicht den Mangel an Kenntnissen durch geniale Intuition ersetzen können. Für die meisten besteht der »Nutzen« der Bildung darin, daß sie mit ihrer Hilfe ein besseres Leben leben, ich meine nicht ein moralischeres, sondern ein minder stumpfsinniges. Mit anderem Auge sieht in die ihn umgebenden Wirren und in die aufsteigenden Wolken der Zukunft, wer sich zuvor in dem Tun und Treiben früherer Geschlechter umgeschaut hat; Hoffnung und Furcht werden ihn minder leicht betören; Erfolge wird er ohne Übermut, Niederlagen ohne Verzweiflung beurteilen. Die dogmatischen Einseitigkeiten der Parteien und Sekten werden ihn nicht gefangen nehmen; anschaulich wird ihm die eine Hauptwahrheit einleuchten, daß alle irdische Wahrheit relativ ist. Bloß relativ ist es wahr, was ich soeben erwähnt habe, daß alle Staatsgebilde von den immer wechselnden, immer sich ändernden Verhältnissen und Bedürfnissen der Menschen abhängig sind. Wäre es unbedingt wahr, so könnte alle Kenntnis der Vergangenheit uns für die Beurteilung der Gegenwart nichts nützen. Darum sagen diejenigen, die uns ermahnen, aus der Geschichte zu lernen, daß die menschliche Natur in allem Wechsel der Umstände dieselbe bleibe, daher die nämlichen Triebe und die nämlichen Kräfte, die vor Jahrtausenden tätig waren, auch heute noch, und in wesentlich gleicher Weise, sich wirksam und ausschlaggebend erweisen müßten. Und auch das ist wahr, relativ wahr. Röscher bemerkt an einer Stelle, daß in den politischen Erscheinungen viel weniger Neues enthalten sei, als die Unwissenheit glaube. Man kann aber auch behaupten, daß sehr wenig jemals so gewesen ist, wie es heute erscheint. Er selbst macht wiederholt darauf aufmerksam, wie völlig neu uralte Probleme sich durch neue Umstände gestalten. Die Gefahr, das Alte zu verkennen, ist kaum größer als die entgegengesetzte. Auch ist die volkstümliche Anschauung keineswegs abgeneigt, die Unveränderlichkeit des menschlichen Treibens zuzugeben. Der salomonische Satz: »Es geschieht nichts Neues unter der Sonne,« ist ein gemeines Sprichwort aller Nationen geworden, in Deutschland sogar in besonders vulgärer Fassung, die von Gutzkow herrührt. »Alles schon dagewesen.« Der Irrtum, alles Gegenwärtige für bloße Wiederholung zu halten, darauf ohne weiteres die Erfahrungen, wirkliche oder eingebildete, der Vergangenheit anzuwenden, überhaupt aber aus der Geschichte gewisse Reihenfolgen, in denen alle Veränderungen notwendig sich vollziehen müßten, abzuleiten, dieser Irrtum ist, wie es scheint, in einer dem Menschen angeborenen Vorliebe für Schemata und übersichtliche Systeme begründet, unabhängig von den Parteien rechts und links. Die Männer der englischen Revolution fanden für alle ihre Konflikte vorbildliche Ereignisse im Alten Testament, die der französischen im griechischen und römischen Altertum, und unsere Reaktionäre wiederum schöpfen ihre abschreckenden Beispiele, mit denen sie den modernen Fortschritt bekämpfen, aus der blutigen Chronik der Jahre 1792 und 1793. Der letztere Fall ist besonders häufig. Man hat sich aus dem, was einmal geschehen ist, ein Schema konstruiert, das uns beständig vorgehalten wird, wenn wir, nicht etwa Revolution, sondern nur Reform für notwendig halten. Mit dem Rufe nach Reform, so belehrt man uns, angeblich an der Hand der Geschichte, fängt die Revolution an, und wenn man ihr nicht im Beginne widersteht, so verschlingt sie ihre eigenen Kinder, die gewaltsamere Partei verdrängt immer die gemäßigtere, »auf die Gironde folgt stets der Berg«. Noch vor wenigen Wochen hat Herr Stöcker diese Weisheit den Liberalen gepredigt, um ihnen vor dem Wege der Reformen bange zu machen: auf die Gironde folgt der Berg! Unsere Liberalen sind nichts weniger als Girondisten, aber selbst wenn man den Vergleich zuließe, wäre der Satz sehr anfechtbar. In Frankreich, im Jahre 1793, hatte er seine Richtigkeit; ganz besondere Umstände trafen damals zusammen, um diese Wendung herbeizuführen. In der englischen Revolution von 1688, in der amerikanischen des vorigen Jahrhunderts, in der deutschen von 1848 hat kein Berg die Herrschaft erobert. Ja, in Frankreich selbst haben die Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts nicht von der Gironde zum Berge geführt, sondern zur Herrschaft der oberen Bürgerklassen, zum Cäsarismus und zum Regimente eines kleinbürgerlichen Radikalismus, der, was man ihm auch Übles zutrauen mag, mit den Jakobinern von 1793 doch nicht verglichen werden kann. Diese Art der Geschichtsphilosophie ist um nichts besser als die girondistische und die jakobinische, die sich auf Harmodius und Aristogiton oder auf den älteren Brutus berief, um den Sturz des Throns und die Hinrichtung Ludwigs XVI. zu rechtfertigen. Die Unveränderlichkeit der menschlichen Natur, von der bei allen solchen geschichtsphilosophischen Betrachtungen als von einem unumstößlichen Vordersatz ausgegangen wird, beschränkt sich doch bei Lichte besehen auf die allerletzten und allereinfachsten Elemente, zu denen die Analyse hinabzudringen vermag, – die Grundformen des Erkennens und des Denkens, die Hauptrichtungen des Willens, die eine, die nach Erlangung der Lust, die andere, die nach Abwendung des Schmerzes strebt. Auf dieser schmalen Einheit entfaltet sich eine so unermeßliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, daß es einer großen Anstrengung bedarf, unter der üppigen Vegetation den gemeinsamen Boden, der sie erzeugt und nährt, nach unwandelbaren Gesetzen, aber in unübersehbarer Fülle immer neuer Kombinationen, zu erkennen. Natürlich muß der Forscher immer die Aufmerksamkeit auf den letzten Naturgrund gerichtet halten; ohne den hätten wir eigentlich kein wirkliches Interesse an den Tatsachen, die er vor uns ausbreitet; sie würden zum Range bloßer Kuriositäten herabsinken, ohne tiefere Bedeutung, die allein auf dem » humanum est « beruht. Für den praktischen Politiker hat das konstante Element der Rechenaufgaben, die er von Tag zu Tag zu lösen hat, ausnehmend wenig Gewicht. Er bedarf der Menschenkenntnis, aber wenn er nur die Zeitgenossen richtig zu taxieren versteht, wird ihm der Mangel archaistischer Kunde wenig Abbruch tun. Den Begriff Zeitgenossen verstehe ich dabei in etwas weiterem Sinne, so daß er die Generationen, die annähernd auf gleicher Kulturstufe stehen, umfaßt. In der Praxis würde man die ärgsten Mißgriffe begehen, wenn man im Vertrauen auf die Unwandelbarkeit der menschlichen Natur glauben wollte, man brauche nur den Unterschied der äußeren Umstände in Ansatz zu bringen, um zu einem richtigen Fazit zu gelangen. Der alte abgegriffene Hexameter: » Tempora mutantur « lehrt das Gegenteil, wenn er hinzufügt: » nos et mutamur in illis « unbeschadet der Wandellosigkeit des Kerns unseres Wesens. Von reaktionären Lippen hört man oft, daß der Mensch immer Mensch bleibe, und daß daher, was einmal möglich gewesen sei, alle Zeit möglich sein werde, sofern nur die äußeren Bedingungen dieselben oder ähnliche seien. Aber die großen Meister haben dem Satze nie recht getraut, vielmehr angenommen, daß das Menschenmaterial, je nachdem seine intellektuellen und moralischen Eigenschaften, seine Empfindungen und Urteile sich entwickelt haben, ganz verschieden behandelt werden muß, bei Strafe argen Mißlingens. Napoleon studierte in seiner guten Zeit sorgfältig die französische Gesellschaft, wie sie unter dem Einflusse der Revolution sich umgewandelt hatte, und bei allem, was er einrichtete, war ihm die Frage, wie der moderne Franzose darauf reagiere, wichtiger als die andere, wie etwa im alten Rom das Volk eine verwandte Maßregel Cäsars aufgenommen habe. Er zitierte gern einen Ausspruch der Kaiserin Katharina: »Ich bin immer dessen eingedenk, daß ich auf Menschenhaut arbeite ( que je travaille sur la peau humaine ), die kitzlig ist.« Erst in den Tagen, wo Erfolg und Macht ihn verblendet hatten, verfiel er dem bequemen Despotenglauben: Mensch ist Mensch, man kann ihm alles bieten; was er in alten Zeiten ertragen hat, wird er wieder ertragen. Daß der Fortschritt der Intelligenz große Verschiedenheiten herbeiführt, liegt zu Tage und wird auch ziemlich von allen anerkannt, indirekt von denen, die den Volksunterricht mit scheelen Augen ansehen. Auch oberflächlicher Blick lehrt, daß die Menschenhaut im Reiche der Kaiserin Katharina minder kitzlig sein mußte, als sie in Ländern ist, wo die Proletarier Zeitungen lesen und über Dogmen räsonieren gelernt haben. Mehr angezweifelt wird, ob es auch einen analogen moralischen Fortschritt gibt; über die wichtigste aller Fragen sind die Gelehrten noch uneinig. Man darf die Frage des moralischen Fortschritts wohl so nennen; wenn sie verneint werden müßte, verlöre die Weltgeschichte eigentlich jedes höhere Interesse und das Staatsleben jeden edleren Inhalt. Wie denn auch Philosophen, die der moralischen Natur des Menschen jede Entwicklungsfähigkeit absprechen, Schopenhauer zum Beispiel, die Geschichte und die Politik mit Geringschätzung behandeln. Eifer auf diesen Gebieten ist unzertrennlich von dem Glauben an eine bessere Zukunft. Glücklicherweise warten die Patrioten und Philanthropen mit ihrer Arbeit nicht auf die wissenschaftliche Begründung ihrer Hoffnungen, sondern folgen »jenem dunklen Drange«, der nach Goethe den guten Menschen auf den rechten Weg leitet. Nur ist der Zweifel in unseren Tagen mächtiger geworden, und das Bedürfnis nach Klarheit und Beruhigung wächst, je mehr die wissenschaftliche Forschung über die Vorzeit Licht verbreitet und uns die zahlreichen Ähnlichkeiten enthüllt zwischen dem, was war, und dem, was ist, Ähnlichkeiten, die sich trotz aller Zunahme der Intelligenz und der äußeren Zivilisation aufdrängen und die Überzeugung von einer moralischen Weiterentwicklung unseres Geschlechts wohl erschüttern können. Wer uns eine siegreiche Antwort auf die unheimliche Frage zu geben vermöchte, würde uns eine große Wohltat erweisen. Roscher erhebt keinen Anspruch darauf, dieser Wohltäter zu sein. Der ungeheure Stoff, den er zu verarbeiten unternahm, ließ ihm keinen Raum für die Erörterung einer Frage, die so überaus weitschichtig und verwickelt ist, noch viel schwieriger als die Vergleichung der Staatseinrichtungen aller Zeiten und Völker. Die große, ja entscheidende Bedeutung der Intelligenz und der Moral für die Wirksamkeit der Staatsformen wird von Roscher an vielen Stellen nachdrücklich hervorgehoben, aber diese Bedeutung erscheint, was die Moral betrifft, in seiner Darstellung als eine konstante Größe, während wir gerade wissen möchten, ob eine sorgfältige Erwägung der Tatsachen nicht gestatte, ein Wachstum zu vermuten. Ich für meinen Teil glaube es, ich sehe aber so viele Schwierigkeiten dieses Glaubens, daß ich unbescheiden genug bin, von demselben Manne, der mir soeben erst eine Fülle von Belehrung verschafft hat, sofort noch eine weitere Belehrung zu wünschen, eine geschichtliche Naturlehre der Völkermoral. Wenn ich nicht irre, teilt Roscher meinen Glauben, aber seine Stützen würden natürlich einen ganz anderen Wert für mich, geschweige für das Publikum, haben als meine. Mit diesem Wunsche will ich abbrechen, mir vorbehaltend, auf das moralische Thema sowohl als auf einige andere Punkte, die sich mir beim Lesen aufgedrängt haben, zurückzukommen. Moralisches Kapitel (1893) Die Frage, ob die Menschheit im Laufe der Zeiten moralisch besser wird, ist darum so schwer zu beantworten, weil die nämliche Wirkung, die nämliche Abnahme unsittlicher Handlungen, die nämliche Verbesserung in der Fürsorge für Schwache, Arme und Leidende, sowohl aus moralischen Motiven wie aus egoistischen hervorgerufen und ebensowohl einer besseren Erkenntnis wie einer veredelten Gesinnung ihren Ursprung verdanken kann. Und in sehr vielen, wenn nicht in den meisten Fällen, wo man einen wirklichen Fortschritt des sittlichen Zustandes in einer Gesellschaft mit einiger Sicherheit konstatieren kann, zum Beispiel in dem Falle der Abschaffung der Sklaverei innerhalb der zivilisierten Welt, findet man, daß sittliche Motive, bessere Erkenntnis und Berechnung zusammenwirken mußten, um den gewohnten schlechteren Zustand zu überwinden. Zu dem Erbarmen des Menschenfreundes mußte sich die erst allmählich dämmernde Einsicht gesellen, daß die Sklaverei nicht eine natürliche, sondern eine auf Gewalt sich gründende, des freien Bürgers unwürdige Institution sei, und nachdem sie auf solche Weise den guten Herzen und den guten Köpfen unsympathisch geworden war, mußte schließlich die Erfahrung, daß die Institution gefährlich und daß sie unwirtschaftlich sei, den letzten Schlag tun, der der Sache ein Ende machte. Das unterliegt ja keinem Zweifel, daß die heutige Moral in vielen Stücken eine ganz andere ist als in der Vorzeit, nicht bloß der weit zurückliegenden, sondern auch uns naheliegender Perioden. Vieles, was heute von der öffentlichen Meinung strenge verdammt wird, galt noch im achtzehnten Jahrhundert für erlaubt oder wurde von ihr wenigstens mit stumpfer Gelassenheit als etwas in der Natur der Verhältnisse nun einmal Gegebenes hingenommen. Ein Schriftsteller wie Fielding, ein Mann von gesundester Komplexion in moralischer Beziehung, läßt seinen Lieblingshelden Tom Jones, für den er unsere Sympathie ganz unbefangen in Anspruch nimmt, in lasterhafte Tiefen versinken, vor denen Guy Maupassant sich bekreuzen und segnen würde. Noch vor einigen Wochen erregte die Londoner »Times« einen Sturm der Entrüstung, weil sie angedeutet hatte, daß die Bewilligung von Diäten an die Mitglieder des Unterhauses Herrn Gladstone eine Truppe irischer »Söldlinge« zur Verfügung stellen könnte. Im vorigen Jahrhundert war es ein öffentliches Geheimnis, daß die Majoritäten im Hause der Gemeinen mit barem Gelde oder mit geldwerten Begünstigungen gekauft wurden. Ich will nicht behaupten, daß niemand Anstoß daran genommen hätte, aber das Publikum ließ sich doch den Mißbrauch gefallen, und die Gesellschaft stieß kein »ehrenwertes« Mitglied deshalb aus, weil sie von ihm wußte, daß er sein Votum kommerziell verwerte. Selbst über eine Sünde, die heute den Ertappten unrettbar ins Verderben stürzt, über falsches Spiel, dachte man noch zu Zeiten Ludwigs XV. ziemlich nachsichtig. Der Panamaskandal, so arg er ist, spricht doch in gewisser Beziehung zu Gunsten der Gegenwart, insofern nämlich als der Lärm, den er erregt, die Wirkung dieser Enthüllungen auf das Land und die Politik, soviel davon auch auf Rechnung der planmäßigen Hetzerei geschrieben werden mag, eine weit stärkere Reaktion gegen die Verderbnis anzeigt, als sie ehemals, unter dem alten Regime, bei ähnlichen Anlässen zu Tage zu treten pflegte. Was Beaumarchais in seinen Prozeßmemoiren von den korrupten Praktiken der französischen Zivilgerichte erzählte, Praktiken, die in ihrer Art schlimmer waren als die Gaunereien der Cornelius Herz und Arton, machte allerdings auf ganz Europa einen sensationellen Eindruck, aber im ganzen doch mehr amüsierend als empörend. Um noch einmal auf das Kapitel der Sklaverei zurückzukommen – an diesen groben Realitäten läßt sich, wenn überhaupt, am ehesten das Steigen und Fallen der unsichtbaren Fluida messen –, ist es nicht merkwürdig, daß in dem einen Zeitalter es für sündhaft gilt, Gold und Silber als Ware zu behandeln, während man sich kein Gewissen daraus macht, Menschen zu kaufen und zu verkaufen, wie man Pferde und Rinder kauft und verkauft, daß dagegen einige Jahrhunderte später der Menschenhandel bei Zuchthausstrafe verpönt, der Handel mit edlen Metallen eine erlaubte Beschäftigung ist? Das erstere war der Fall in der Blüte der mittelalterlichen Kultur, zu einer Zeit, wo Abälard, der heilige Bernhard, Franz von Assisi und Thomas von Aquino schrieben und predigten, wo Dante dichtete und eiferte. Es ist richtig, daß die Kirche es mißbilligte, Christenmenschen auf den Sklavenmarkt zu bringen, aber trotzdem geschah es doch allgemein, mit voller Sanktion der Gerichte und ohne Schaden für Ehre und Ansehen. Man hat oft gemeint, daß die Leibeigenen vor solchem Handel geschützt und nur mit der Scholle übertragbar gewesen seien; das ist aber keineswegs richtig; das Studium der Urkunden hat ergeben, daß ein recht lebhafter Umsatz in solchen weißen und getauften Sklaven in vielen der römischen Kirche angehörigen Staaten und viele Jahrhunderte hindurch stattgefunden hat und daß die geistlichen Gutsherrschaften sich durchaus nicht von diesem Geschäfte ausschlossen. In diesen selben Ländern aber fand man es schmählich und sündhaft, Geld auf Zinsen auszuleihen, und man erschöpfte sich in Kunstgriffen, um das, was in der Tat ein Leihgeschäft war, in verhüllende Rechtsformen zu verkleiden, auf die das Anathema der Kirche und die Strafandrohung des Königs keine Anwendung finde. Man tat das Unvermeidliche, aber man schämte sich. Wohlgemerkt, es ist nicht die Rede von dem, was wir Wucher nennen, die gewissenlose Ausbeutung der Not und der Unerfahrenheit, sondern von dem ganz gewöhnlichen Zinsennehmen für nutzenbringende Darlehen von kundigen und dispositionsfähigen Personen. Das erschien nicht etwa bloß als eine zwar von den Staatsgesetzen verbotene, übrigens aber untadelhafte Konterbande, wie etwa der Schmuggelhandel nach einem fremden Lande, sondern als eine Todsünde. In Dantes Hölle gibt es keinen Strafort für Menschenhändler, aber im siebenten Kreise werden die Geldverleiher von Florenz und Bologna, adlige Herren zum Teil, nicht etwa Juden, mit den Flammen gepeinigt, die den Frevlern wider Gott und Natur verhängt sind. In Rom und Hellas sind die Geldverleiher auch verhaßt genug gewesen und, wie es scheint, mit gutem Grunde, aber man hat, glaub' ich, die Sache selbst nicht so tragisch genommen, wie die Kirche und mit ihr die Volksmeinung des Mittelalters es taten. Wurde die wucherische Ausbeutung der kleinen Leute zu arg, so gab es wohl Mord und Totschlag, und der Staat fuhr revolutionär mit einem Schwamm über die Schuldbriefe, aber man sprach nicht von einer Sünde gegen die Natur. Erst die Christen des Mittelalters haben den natürlichen egoistischen Haß des Schuldners gegen den Gläubiger gewissermaßen zu einer Tugend erhoben; die scholastische Theorie fand leicht Eingang, da sie mit der Neigung des Volks so gut zusammenstimmte und sie selbst für den rohen Verstand etwas Einleuchtendes hatte. Wir haben hier ein durchsichtiges Beispiel von der Entstehung einer Moral, einer bestimmten moralischen Gefühlsweise, die jahrhundertelang die Welt beherrscht hat und die damals ebensosehr wie irgend eine andere an- und eingeboren zu sein schien. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Menschen jener Zeit die Empfindung hatten, daß das Gewerbe des Geldverleihers ein verfluchtes sei, ungefähr so, wie man es heute vom Menschenhandel empfindet. Gold und Silber bringt keine Frucht, es vermehrt sich nicht aus sich selbst; es ist nicht klar, mit welchem Rechte der Inhaber dieser unfruchtbaren Metalle durch bloße Herleihung und bloßen Zeitverlauf, ohne eigene Arbeit, sich einen Zuwachs zu seinem toten Schatze verschafft. Bereichert er sich nicht lediglich durch die Arbeit des Schuldners und verstößt er nicht gegen das göttliche Gebot, das den Menschen anweist, im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu essen und dies Brot sich zu verschaffen entweder durch die Gaben der Natur oder den ihm von Gott verliehenen Kunstfleiß? Man versteht es leicht, daß die Frage bejaht wurde in einer Zeit von geringer wirtschaftlicher Einsicht und mangelhafter Entwicklung des Kreditwesens, und man begreift auch, wie die moralische Empfindung allmählich sich danach modelte und so einwurzelte. Wir erleben sogar heute eine zweite Auflage jener mittelalterlichen Anschauungsweise, wennschon vorerst nur noch innerhalb gewisser Sekten. Nicht zwar mit theologischen Gründen, aber mit mathematischen Formeln und ökonomischen Argumenten sucht eine neue Scholastik den Beweis zu führen, daß alles Einkommen aus Geldkapital Raub und Usurpation, und daß die Arbeit die alleinige legitime Quelle alles Reichtums sei. Und schon kann man deutlich bemerken, wie den mittelalterlichen Lehrsätzen mittelalterliche Gesinnungen folgen, eine innerliche Empörung vieler Gemüter wider alle diejenigen, die durch Geldgeschäfte einen, wie man sagt, arbeitslosen Gewinn machen. Bei den Lehrern und den Jüngern unserer neuesten ökonomischen Schulen finden wir denselben Ton sittlicher Entrüstung, der vor sechshundert Jahren sich gegen die Geldverleiher erhob, gegen »die Couponabschneider«, die »faulen Rentner« gerichtet, und von den hypothekarischen Gläubigern des Immobiliarbesitzes hört man häufig genug in einer Weise sprechen, als ob sie Vampire wären, die sich heimtückisch an den Hals des ahnungslosen Bauern und Rittergutsbesitzers gehängt hätten. Mit dem Fehlen der Intelligenz steht der Irrtum des moralischen Empfindens in engem Zusammenhange, und umgekehrt wird daher, so sollte man meinen, die bessere Einsicht auch ein besseres moralisches Empfinden und mit diesem, wenn auch nur piano piano , ein moralischeres Verhalten herbeiführen. Freilich lehrt gerade unser Beispiel, daß uralte Irrtümer immer wieder im Felde erscheinen, mit aufpolierten alten und klug ersonnenen neuen Waffen, und das verlorene Reich zurückzuerobern trachten, und daß man nie allzusehr auf die Macht der Vernunft vertrauen darf. Indes der einmal durchgedrungene Fortschritt besitzt doch eine Widerstandskraft, die viel größer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Der Angriff auf die Grundlagen der modernen Geldwirtschaft, auf ihre Berechtigung und ihre moralische Zulässigkeit, ist geräuschvoller als die Verteidigung und kann auf den oberflächlichen Beobachter den Eindruck größerer Kraft machen. Aber die Welt bewegt sich trotz allem Lärm ruhig weiter in den Gleisen, die ihr die Entwicklung des Verkehrs angewiesen hat; keine große und keine kleinere geschäftliche Unternehmung stellt sich auf den Boden der alten Theorien von der Unfruchtbarkeit der edlen Metalle, oder wenn es einmal geschieht, so folgt unfehlbar der Schiffbruch; und das moralische Verdammungsurteil, das die modernen Scholastiker über den Kapitalzins fällen, wird nirgend ernsthaft genommen, hat nirgend einen lebendigen Widerhall in den Gemütern gefunden. Millionen Menschen legen alljährlich ihre Ersparnisse in zinstragenden Papieren, Schuldverschreibungen, Hypotheken, Sparkassenbüchern und Banken an, und keiner von ihnen hat dabei jenes Mißgefühl, das bei dem Durchschnittsmenschen sich einstellt, wenn er sich im Widerspruch mit den Schicklichkeits- und Ehrbegriffen seiner Standesgenossen weiß. Und ebenso finden die Nichtkapitalisten im Grunde es ganz in der Ordnung, daß der Kapitalist nicht sein Geld vergräbt, sondern gegen Vergütung nutzbar macht, und die communis opinio urteilt, daß der Schuldner, der seine Zinsen nicht zahlt, abgesehen von Fällen des Unvermögens, unrecht tut. Von dieser Anschauung ist heutzutage die ganze Gesetzgebung und die Rechtspflege durchdrungen, und die Kirche selbst hat sich in diesem Punkte der modernen Moral stillschweigend anbequemt. Diejenigen, die sich gern dagegen aufbäumen möchten, finden es weit schwieriger, ihren Theorien praktische Geltung zu verschaffen, als ihre Vorgänger im Altertum und im Mittelalter es gefunden haben. Ob die Summe der Bosheit, Ungerechtigkeit, Selbstsucht in dem einen Geschlechte größer oder geringer sei als in dem andern, läßt sich nicht ermitteln. Herzen und Nieren zu prüfen vermag kein Forscher. Wohl aber läßt sich ermessen, ob nicht die schlechten Triebe in dem einen Zeitalter von den Gesinnungen der Mehrheit, die sich in Sitte und Rechtsordnung verkörpern, mehr gehemmt und gebändigt werden als in einem anderen Zeitalter, mit anderen Worten, ob sich ein Fortschritt der Völkermoral, ein Wachstum der Macht sittlicher Ideen im öffentlichen Leben erkennen läßt, ganz abgesehen von der Frage, ob der sittliche Wert der Individuen sich ändere. Das ist zweierlei. Man kann zum Beispiel zugeben, daß der Junker des neunzehnten Jahrhunderts ein ebenso arger Räuber sein würde wie der Junker des vierzehnten und fünfzehnten, wenn er ungestraft und ungescheut die Straßen unsicher machen dürfte. Der alte Stegreifritter braucht nicht ein schlechterer Mensch gewesen zu sein, als sein zivilisierter Nachkomme es ist, aber er konnte dem räuberischen Gelüste die Zügel schießen lassen, ungestraft, weil die Polizei schwach war, ungescheut, weil seine Zeitgenossen das Wegelagern, wenn sie nicht persönlich darunter litten, mit großer Nachsicht beurteilten. Die Zeit liegt noch nicht sehr weit hinter uns, wo die wackersten und ehrenwertesten Kaufleute den Handel mit schwarzem Menschenfleisch als ein durchaus legitimes Gewerbe betrachteten und christliche Regierungen beim Abschluß von Handelsverträgen sich bemühten, ihrer Landesflagge einen möglichst ausgedehnten Anteil an der Negereinfuhr in die fremden Kolonien zu sichern. Ich möchte nicht dafür einstehen, daß unsere heutigen Kaufleute und Minister, wenn sie vor hundertundfünfzig Jahren gelebt hätten, durch ihre individuelle Moral vor solchem Tun gesichert gewesen wären. Der Eigennutz ist wohl ziemlich derselbe geblieben, der er war, aber die Schranken, die ihm die öffentliche Moral zieht, sind höher geworden; er hat lernen müssen sich selbst zu beherrschen. Ähnliches läßt sich auf vielen anderen Gebieten erkennen. Im Zaume gehalten von der stärker gewordenen Autorität humaner Ideen, hat der Glaubenshaß auf seine Scheiterhaufen, der Amtseifer der Richter auf die Folterwerkzeuge verzichtet; auch die rohe Gleichgültigkeit sieht sich genötigt, die Armen, die Gefangenen, die Irren und die Kranken, sogar die Tiere mit einer Milde zu behandeln, die man in alten Zeiten als das Merkmal seltener Frömmigkeit pries. In unseren Kasernen, an Bord unserer Schiffe kommen zwar immer noch verdammenswerte Praktiken vor, aber welche allgemeine Entrüstung erregen sie, sobald sie einmal ans Tageslicht kommen, und wie fern liegt heute den vorgesetzten Behörden der Gedanke, derartige Dinge zu entschuldigen oder gar als notwendige Stützen der Disziplin rechtfertigen zu wollen! Spießrutenlaufen, Matrosenpressen, Rekrutenwerbungen alten Stils, wie unerträglich würden uns diese einst so alltäglichen und von niemand getadelten Vorkommnisse erscheinen! Enthüllungen wie die der verschiedenen Panamaprozesse töten heute sicher den Mann, dessen Blöße sie aufdecken, wenn nicht physisch, doch bürgerlich und gesellschaftlich; wenn man sich drei oder vier Generationen zurückversetzt, findet man, daß die Bereicherung durch politische Mittel den Leuten ganz natürlich vorkam und den Bereicherten in der öffentlichen Meinung nicht sonderlich schadete. Die Minister des ancien Régime , zu denen man noch Talleyrand rechnen darf, sammelten während ihrer Amtszeit Schätze, deren Ursprung niemand zweifelhaft sein konnte; das englische Parlament war unter den ersten Königen des Hauses Hannover offenkundig ein Markt, auf dem Vota gegen Guineen verkauft wurden; noch vor einigen Tagen bemerkte die »Times«, daß der Verdacht, englische Volksvertreter seien bestechlich, eigentlich erst in unserem Jahrhundert erloschen sei. Gleichwohl nannte man diese Herren auch im vorigen Jahrhundert ohne Ironie honorable gentlemen , – »alle, alle ehrenwert.« Und dem jüngeren Pitt wurde es auch im ersten Dezennium unseres Jahrhunderts als ein besonderer Ruhm angerechnet, daß er arm starb: »Er ruinierte England gratis,« meinte Lord Byron, ein mildernder Umstand, der auf unsere Zeit keinen Eindruck mehr machen würde. Fast noch merkwürdiger als diese Wandlungen des moralischen Urteils ist eine Verfeinerung des Ehrbegriffes, der in der höheren Gesellschaft Europas die Stelle der Moral vertrat und zum Teil noch vertritt. Heute und seit mindestens hundert Jahren gibt es für einen Kavalier keinen Makel, der, neben dem der Feigheit, so rettungslos vernichtend wäre wie der des falschen Spiels. Wer sich in der Memoirenliteratur der Zeit von Ludwig XIII. bis etwa zum Tode des Regenten Herzogs von Orleans umgesehen hat, wird sich erinnern, daß nicht selten vornehmer Herren und Damen Erwähnung geschieht, die am Kartentisch ihren Lebensunterhalt gewannen, mit denen zu spielen für gefährlich galt, die aber trotzdem unangefochten am Hofe und in den Salons verkehrten. Ein Nachklang jener Duldsamkeit gegen die Kunst, das Glück zu korrigieren, findet sich noch in der Naivetät, mit der der französische Abenteurer in »Minna von Barnhelm« sich seiner Gaunereien berühmt. Heute würde Lessing die Szene nicht so geschrieben haben; unsere Hochstapler würden sich wohl hüten, solche Geständnisse zu machen. Ich bin nicht der Meinung, daß die Edelleute im siebzehnten und im ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts das Falschspielen für etwas Schönes und Ritterliches gehalten hätten; aber sie hegten gegenüber den Missetätern dieser Kategorie eine Nachsicht, die uns unbegreiflich vorkommt, die man etwa mit der schonenden Beurteilung vergleichen kann, deren gegenwärtig sich ein Mann erfreut, wenn er ein fehlerbehaftetes Pferd zu gutem Preise los zu werden versteht. In der Regel waren die Ritter Fortunens geübte Fechter, und der Glaube, daß ein Mann seine Ehrenhaftigkeit mit der blanken Klinge zu beweisen im stande sei, kam ihnen lange Zeit zu statten: an sich galten sie keineswegs für satisfaktionsunfähig. Auf das weitschichtige Thema des Duells will ich bei diesem Anlasse nicht eingehen, obwohl es für meinen Zweck sich wohl verwerten ließe, da auch die »Moral« des Zweikampfes, wenn der Ausdruck erlaubt ist, Spuren eines gewissen Fortschrittes aufzuweisen hat. Ich will nur kurz daran erinnern, daß eine der vier oder fünf leitenden Nationen, die englische, das Duell gänzlich aus ihren Sitten ausgetilgt hat, nicht mittels scharfer Strafgesetze, sondern lediglich durch die Umstimmung der Ansichten und der Empfindungsweise, die mir zu beweisen scheint, daß moralischer Mut (bei den ersten Führern der Reform) und common sense in England wirksamer sind als auf dem Kontinent. Ich bin weit entfernt, die Fülle von Zweifeln und Einwendungen zu übersehen, die sich gegen die Hypothese von der moralischen Evolution erheben lassen, und noch weiter entfernt bin ich davon, den gegenwärtig erreichten Zustand für bereits sehr befriedigend zu halten. Man braucht ja nur summarisch die vergangenen Zeitalter Musterung passieren zu lassen, um sich von der Unsicherheit der Erziehungsresultate zu überzeugen, die man in aufsteigenden Perioden zu erkennen glaubt. Man braucht nur ins volle Menschenleben der Gegenwart hineinzugreifen, um zu finden, daß es, wo man es auch packt, zwar interessant, aber voll schrecklicher und widerwärtiger Erscheinungen ist. Was ich aus den Tatsachen, die sich erkennen lassen, herauslese, ist dies, daß doch Summa Summarum in diesen Dingen eine Bewegung, freilich in höchst komplizierten krummen Linien, aber im wesentlichen aufwärts sich wenigstens vermuten läßt und daß diese Bewegung stark genug erscheint, um, immerhin nur in langen Zeiträumen, zu Veränderungen zu führen, die man, wenn auch nicht im strengsten Sinne des Wortes, so doch der Praxis gegenüber mit Recht als moralische Veredelung unserer menschlichen Natur bezeichnen dürfte. Von ihrem Ausgangspunkte, der Roscherschen vergleichenden Naturlehre der Staatsformen, haben diese Betrachtungen scheinbar mich weit abgeführt. Aber es waltet in der Tat ein enger Zusammenhang zwischen dem Inhalte des preiswürdigen gelehrten Werkes und dem Thema meines anspruchslosen Artikels. Öffentliche Moral und Staatsleben stehen in dem Verhältnis zueinander, das man Wechselwirkung zu nennen pflegt, und je deutlicher das Wesen der Staatsformen uns von der Hand des Meisters dargelegt wird, umso lebhafter regt sich der Wunsch, auch die andere und tiefere Seite der menschlichen Zivilisation mit gleicher Fülle wissenschaftlichen Lichtes beleuchtet zu sehen. Zur Naturgeschichte des Königtums (1898) I. Seit mehr als zweitausend Jahren haben die philosophischen Köpfe, die über menschliche Dinge nachdachten und ihre Gedanken sodann in ein gewisses System zu bringen suchten, die ihnen bekannten Staatsformen in drei Hauptklassen geteilt, Monarchie, Aristokratie, Demokratie. Erst in neuerer Zeit haben die Gelehrten allerlei neue Einteilungen versucht, weil sie bemerkten, was übrigens auf der Hand liegt, daß jene althergebrachte dreifache Benennung keineswegs alle und nicht einmal die wichtigsten Verschiedenheiten, die in der Naturgeschichte des Staats vorkommen, charakterisiere. Oder vielleicht auch weil sie es überdrüssig waren, Grenzlinien zu ziehen, die schon so viele andere vor ihnen gezogen hatten. In dem allerneuesten Werke, das sich ex professo mit dieser Materie beschäftigt, ist man zu derselben Einteilung zurückgekehrt, deren sich Herodot und Aristoteles, Cicero und Polybios bedient haben. »Naturlehre der Monarchie, Aristokratie und Demokratie« hat Roscher sein Buch betitelt. Er meint, daß, alles wohl erwogen, der alte aristotelische Weg noch immer nicht veraltet sei und daß man die politischen Erscheinungen selbst unserer Tage immer noch am einfachsten unter die von dem griechischen Denker aufgestellten drei Kategorien subsumiere und am wirksamsten von da her erläutere. Es wiederholt sich hier, was wir auch auf dem Gebiete der Poetik beobachten, wo die alte Einteilung, Drama, Epos, Lyrik, immer von neuem als die brauchbarste anerkannt wird, so oft auch scharfsinnige Köpfe versucht haben, rationellere Abgrenzungen einzuführen. Alle solche Einteilungen dienen schließlich doch nur dazu, dem menschlichen Verstande die ungeheure Massenhaftigkeit des Stoffs und die verwirrende Mannigfaltigkeit der Erscheinungen einigermaßen faßlich und übersichtlich zu gestalten. Jeder Einsichtige weiß, daß die von der Wissenschaft gezogenen Linien in der Wirklichkeit nicht existieren, daß in dieser vielmehr alles ineinander verfließt, sich kreuzt und vermischt, und daß man zu großen, umfassenden Begriffen, Gruppen, Klassen nur gelangt, indem man – vorläufig – eine Menge verschiedenartiger Einzelheiten ignoriert. Er weiß auch, daß sehr oft gerade diese Einzelheiten für die Wirklichkeit das Wichtigere sind. Großbritannien und Rußland werden beide in die Klasse Monarchie, Honduras und Massachusetts beide in die Klasse Demokratie eingestellt; wie verschwindend wenig bedeutet in solchen Fällen das Gemeinsame gegen das Unterscheidende! Die heutige Zeit krankt aber sehr an einem Mangel, der es nicht überflüssig erscheinen läßt, an die so einfache Wahrheit zu erinnern, daß die Kategorien der Wissenschaft lediglich Hilfsmittel zur Erkenntnis sind, nicht die Erkenntnis selbst. Eine Menge Menschen, gelehrte Systematiker und ungelehrte Parteileute, urteilen vorwiegend nach den abstrakten Begriffen, die zu Schlagwörtern werden, ohne zu bedenken, daß der Name, den ein Ding führt, über seinen Wert nichts aussagt. Der Prometheus des Äschylus und die »Großstadtluft« werden beide Drama genannt; Pindars Oden sind wie »Freut euch des Lebens« und »Ei du lieber Augustin« lyrische Gedichte. Noch ein zweiter Umstand kommt hinzu, um die Wichtigkeit der systematischen Einteilungen herabzudrücken. Das monarchische, das aristokratische, das demokratische Prinzip läßt sich im philosophischen Laboratorium rein darstellen, wie Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, aber wie diese Stoffe in unserer Atmosphäre nur vermischt vorkommen, so herrschen jene Prinzipien im wirklichen Staate immer gleichzeitig nebeneinander, und nur darin unterscheiden sich die drei Hauptformen, daß bald das eine, bald das andere vorwiegt. »Die einzelnen Elemente des Staats,« sagt Roscher, »kann die Wissenschaft mit voller Schärfe in monarchische, aristokratische und demokratische einteilen; daß aber in der Wirklichkeit ein ganzer Staat aus bloß monarchischen, bloß aristokratischen oder bloß demokratischen Elementen bestanden hätte, davon ist mir wenigstens kein Beispiel vorgekommen.« – Der Vergleich mit der Atmosphäre trifft auch insofern zu, als auf einer richtigen Mischung der Elemente sowohl die Zuträglichkeit der Luft für den körperlichen Organismus als auch die Zweckmäßigkeit der Staatsverfassungen zu beruhen scheint. Und dies sogenannte Prinzip, das so viel im Munde geführt wird, worin besteht es? Das berühmte Wort Montesquieus, daß das Prinzip der Monarchie die Ehre, der Aristokratie die Mäßigung, der Demokratie die Tugend sei, hat wohl noch niemand klüger gemacht als er ohnehin war. Roscher findet das Prinzip, das heißt den charakteristischen Entstehungsgrund und die charakteristische Tendenz der Monarchie in der Einheit, der Aristokratie in der Ausschließung, der Demokratie in der Gleichheit. Damit kommt man erheblich weiter. Man sieht zum Beispiel sofort ein, weshalb ein monarchisches Element in jedem Staate sich entfalten muß, wenn ohne dies keine Einheit möglich ist. Denn die Einheit ist natürlich die Lebensbedingung des Staats. Es ist freilich damit noch lange nicht erklärt, wie die Monarchie sich zu einer Institution entwickeln konnte, die schließlich sich mit dem Staate selbst identifizieren durfte, – l'état c'est moi . Es konnte ja genügen, daß nur in Zeiten, wo die Einheit in Gefahr schwebte, wenn auswärtige Feinde drohten, wenn Bürgerzwist entstand, das Regiment einem einzigen zufiel. Damit haben in der Tat viele Staaten sich beholfen. Die Diktatur der Römer war eine solche Monarchie für den Bedarfsfall. Ja, man kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß diese Art monarchischen Regiments in der Regel die ursprüngliche gewesen ist. Was uns das Wesentliche an dieser Staatsform erscheint, ihre Kontinuität in Krieg und Frieden, ihre Vererbung nach festen Normen, das ist in der Tat von Haus aus ihr fremd gewesen und hat sich erst allmählich, sogar erst in relativ später Zeit, entwickelt und festgesetzt. Die ersten größeren Gemeinwesen sind ohne Zweifel nichts anderes gewesen als lockere Bündnisse benachbarter und vielleicht blutsverwandter Clans oder Geschlechter, deren jedes in gewöhnlichen Zeiten sein Leben für sich führte, die aber alle zu gemeinsamem Handeln sich vereinigten, sobald alle von einer gemeinsamen Gefahr, zum Beispiel dem Angriffe einer fremden Horde, bedroht wurden. Daß in solchen Fällen die Notwendigkeit einer einheitlichen Führung sich aufdrängte, braucht nicht erst bewiesen zu werden: es liegt in der Natur der Sache begründet. Und das nämliche mußte eintreten, wenn ein solcher Geschlechterbund seinerseits zum Angriff schritt und es unternahm, seine Grenzen zu erweitern oder seine Wohnsitze in ein von fremdem Volke besetztes besseres Land zu verlegen. Unter den verschiedenen Ältesten oder Häuptlingen mußte einer an die Spitze treten, von dessen Anordnungen die Einheit des Unternehmens naturgemäß, nicht etwa staatsrechtlich, abhing. Noch ein dritter Fall ist denkbar. Unter den benachbarten Geschlechtern ragt eins durch Stärke, Reichtum, Waffentüchtigkeit hervor; innerhalb dieses stärkeren Geschlechts steht ein ehrgeiziger, kluger und heldenhafter Mann auf; er mit seinen Geschlechtsgenossen unterwirft oder verdrängt die Häuptlinge der anderen Gruppen und vereinigt nun diese zu einer ihm allein unterworfenen Gemeinschaft. Auf diese Weise ist vor hundert Jahren aus einer Vielheit kleiner Geschlechterherrschaften ein Königreich entstanden, das freilich jetzt in den letzten Zügen zu liegen scheint, Hawaii. Der mächtigste der zahlreichen Häuptlinge, Kameamea, beiläufig gesagt ein Mann von herkulischer Stärke, unterwarf sich gewaltsam die sämtlichen Inseln der Gruppe mit Gewalt und List und machte sich zum König des Ganzen. Nur selten gestattet die schriftliche Überlieferung uns, einen Blick in die ersten Anfänge monarchischer Gewalten zu tun; fast jedesmal aber, wo ein Zusammentreffen günstiger Umstände das Dunkel ein wenig aufhellt, finden wir bestätigt, was nach der Natur der Dinge a priori sich als wahrscheinlich ergibt. Die Kinder Israel erobern Kanaan unter dem »Herzog« Josua, um nach vollendetem Werke sich wieder in einen lockeren Bund gleichberechtigter Geschlechter aufzulösen; nur in Kriegszeiten stellen sie einen bewährten Hauptmann an die Spitze ihrer Heere; erst nach Verlauf einer langen Zeit, wohl belehrt durch das Beispiel der sie umgebenden Heiden, die unter ihren Herrschern zu größerer Angriffsfähigkeit gelangt waren, begehren sie die Einsetzung eines Königs, die Begründung der Kontinuität des Regiments. Den Königen der griechischen Heldensage haben zwar die Dichter das Kostüm einer späteren Zeit angetan, aber man erkennt noch durch die ungeschichtliche Draperie den ursprünglichen Zustand, in dem die Monarchen nur die ersten unter einer Anzahl anderer, mehr oder minder selbständiger und nur zur Zeit größerer Heereszüge sich unterordnender Nebenfürsten waren. Die germanische Urzeit zeigt uns zuerst solche Führer, duces , die immer nur für ein bestimmtes kriegerisches Unternehmen mit dem Oberbefehl betraut wurden, vermutlich doch die tapfersten und tüchtigsten und solche, die eine größere Anzahl von Blutsfreunden und Anhängern als ihre Rivalen ins Feld führen konnten. Erst nach diesen erscheinen Machthaber, die eine dauernde Führerschaft innehaben, Könige, wie sie von den römischen Schriftstellern genannt werden. Zur Zeit des Tacitus waren germanische Könige noch eine Ausnahme; bekanntlich hatte Armin nach seinen Siegen über Rom einen Thron auszurichten versucht, war aber von eifersüchtigen Stammesgenossen getötet worden, ehe es ihm gelang. Diese älteste Monarchie, das Urkönigtum, wie Roscher es nennt, wird von den späteren und zumal der uns geläufigen Staatsform gleichen Namens durch einen Umstand, der wie eine tiefe Kluft ist, geschieden. Sie beruht nämlich ausschließlich auf der persönlichen Tüchtigkeit des Monarchen, während für uns die Monarchie so sehr den abstrakten, unpersönlichen Charakter einer Institution angenommen hat, daß wir uns einen Säugling, ja sogar einen unheilbaren Geisteskranken als Träger der Krone gefallen lassen. In den Homerischen Gesängen sind die Fürsten die einzigen Personen, von denen das Schicksal des Kampfes abhängt, das Volk bildet nur einen Hintergrund für ihre glänzenden Gestalten; Saul ist eines Hauptes länger als alles Volk in Israel, und David beginnt seine Laufbahn als Bezwinger von Löwen, Bären und Riesen. Den Bogen des Odysseus vermag keiner seiner Untertanen zu spannen, aber die Untertanen haben vor dem Bogen nur so lange Respekt, als Odysseus anwesend ist; sobald er den Rücken wendet, sieht es mit seiner Königswürde traurig aus. Wie diese und zahlreiche andere Beispiele zeigen, ist es, wenn nicht ausschließlich, doch vorzugsweise die körperliche Kraft, die den Herrscher macht: in zivilisierten Zeiten tritt ihre Wichtigkeit weit hinter der geistigen Kraft zurück, und auf den letzten Stufen der Entwicklung wird eine Monarchie möglich, deren physischer Vertreter weder körperliche noch geistige Kraft besitzt. Man denke an Kaiser Ferdinand, unter dessen nomineller Regierung Österreich doch ohne Zweifel eine Monarchie war, noch dazu eine absolute. August der Starke würde vielleicht in der Völkerwanderung eine hervorragende Rolle gespielt haben, im achtzehnten Jahrhundert konnte er es nur zu einem Kuriositätserfolg bringen. Sehr hübsch hat Macaulay in seiner Geschichte Englands die völlige Entwertung des alten königlichen Standard, wie in einem Epigramme, veranschaulicht, wo er von der Schlacht bei Neerwinden spricht und bemerkt, daß die beiden Heerführer, König Wilhelm III. und der Marschall von Luxemburg, wahrscheinlich die schwächsten Männer der kämpfenden Armeen gewesen seien. Aber man würde doch zu weit gehen, wenn man für unsere Zeiten der Persönlichkeit des Monarchen jede Wichtigkeit absprechen wollte. Solange menschliche Institutionen sich im Leben zu bewähren haben, sind sie mehr oder weniger von der Beschaffenheit ihrer Träger und Vertreter abhängig. In einer alten, fest eingewurzelten Dynastie wird zwar der Ruhm der Vorfahren die Mängel eines schwächeren Enkels einigermaßen ausgleichen und ihm die Liebe und Ehrfurcht, die er selbst nicht verdient, gewissermaßen auf dem Gnadenwege zuwenden, wie die Verdienste der Heiligen, nach dem Dogma der Kirche, den Sündern angerechnet werden können; aber dieses Zehren von dem angesammelten Schatze der Vorzeit hat seine Grenzen, und wünschenswert bleibt es immer, daß der regierende Herr das Erbteil »goldner Meinungen«, das er empfangen hat, aus eigenem Erwerbe vermehre oder wenigstens ungeschmälert erhalte. Die monarchische Institution ist zwar heute auf festere Fundamente gestellt als in den Zeiten, wo die Person des Herrschers alles bedeutete, aber sie ist auch weit größeren Gefahren ausgesetzt als je zuvor, einer schärferen Kritik, einem skeptischeren Geiste, einer wachsenden Pietätlosigkeit auf der Seite der Völker. Wenn der Herrscher Verstöße begeht gegen die Idee, die den Untertanen mit Bezug auf das königliche Amt vorschwebt, wenn er nicht würdig genug, oder zu pomphaft auftritt, wenn er sich um nichts zu kümmern scheint, oder wenn er sich in alles einmischt, wenn er unnahbar bleibt, oder wenn er sich auf allen Gassen umhertreibt, so schadet er nicht bloß sich selber, sondern auch dem Ansehen der Monarchie und damit dem Staate selbst, sofern für den betreffenden Staat die Monarchie die angemessenste Verfassungsform ist. Die wesentlichste Funktion des Königs ist in neuerer Zeit die Repräsentation. Für sie muß seine Persönlichkeit geeignet sein, wenn er überhaupt nach außen irgendwie wirken will. Alle anderen Herrscherpflichten kann er durch seine Stellvertreter wahrnehmen lassen, den Oberbefehl über seine Truppen, die vollziehende Gewalt, die Ausübung der Gnadenrechte, das Bischofsamt in den protestantischen Landeskirchen. Die richterliche Gewalt persönlich ausüben zu wollen, wäre sogar verwerflich, und in streng konstitutionellen Staaten steht auch in den anderen Zweigen der Regierung dem Monarchen das selbständige Handeln nur ganz ausnahmsweise zu. Aber repräsentieren muß er selbst; er hat der Nation ihre eigene Würde, Vornehmheit, Höflichkeit und gute Lebensart in seiner Person und in seiner Umgebung körperlich zu veranschaulichen. Man bezeichnet diese Seite des Königtums halbverächtlich als »dekorativ«, aber sie hat doch auch ihre politische Bedeutung. Der Eindruck der sichtbaren einheitlichen Spitze des Staats ersetzt für einen großen, vielleicht den überwiegenden Teil der Untertanen das staatliche Einheitsgefühl, das gewöhnlich erst das Produkt der Reflexion ist. Selbst in einem Lande wie Großbritannien übt der Glanz der Krone einen geheimen, aber mächtigen Zauber auf das Gefühl des Volkes aus, der allen Äußerungen der Staatsgewalt, eben weil sie im Namen der Krone erfolgen, eine eigenartige Weihe zu verleihen scheint. Als die Königin Viktoria in den Jahren nach dem Tode ihres Gemahls sich ganz in das Innere ihrer Gemächer zurückziehen wollte und dem Prinzen von Wales die Last der großen Zeremonien überlassen hatte, wurde sie von der »Times« und anderen Tagesblättern nicht sehr fein, aber nicht ohne Grund daran erinnert, daß sie die Pflichten ihrer Stellung verkenne. Daß es sich dabei nicht bloß um Hoffestlichkeiten und Schaugepränge, sondern um ein ernsthaftes Staatsinteresse handelt, kann man sich leicht deutlich machen, wenn man sich den gegenwärtigen Kampf zwischen Homerule und Union ohne die beiden Inselreichen gemeinsame »dekorative« Spitze denkt. Solange sinnliche Anschauung und Phantasie im Leben der Völker eine Rolle spielen, wird das Königtum, auch wenn es wesentliche Bestandteile seiner früheren Macht an aristokratische und demokratische Institutionen verliert, von großer politischer Bedeutung bleiben, vorausgesetzt natürlich, daß seine Träger nicht allzusehr hinter der Aufgabe zurückbleiben, der Nation ihre eigene Majestät, ihre Einheit in der Gegenwart, ihre Dauer im Wechsel der Zeiten in würdigen, über das Gewöhnliche hinausragenden Formen vor Augen zu stellen. In diesem Sinne gewinnen auch so äußerliche Dinge wie Pomp und Etikette eine höhere Begründung, wobei indes zu bemerken ist, daß der höhere Zweck leidet, wenn der Pomp übertrieben wird und die Etikette den gesunden Menschenverstand und den Geschmack beleidigt. An die Stelle der Ehrfurcht tritt dann leicht der Unwille und der Spott: besser ist hier ein Zuwenig als ein Zuviel. Daß die würdigste Repräsentation schließlich nicht von dem Flitterstaat, nicht von Gold und Purpur und Trabanten abhängt, sondern auch mit schlichtem Auftreten wohl vereinbar ist, hat das Beispiel des ersten deutschen Kaisers gezeigt. »Wer irgend am Hofe gewesen ist, auch ohne selber Höfling zu sein,« – so lautet eine Stelle in Roschers Buche – »wird schwerlich in Abrede stellen, daß ein wohleingerichteter Hofstaat für gewöhnliche Menschen viel Imponierendes hat. Diese großartige Haushaltung, die nicht bloß politisch und sozial, sondern auch künstlerisch und materiell den Gipfel des ganzen Volkes bildet, wo die Interessen des Staats und der fürstlichen Person meist so unmerklich ineinander fließen; diese Menge von Menschen, alle fein gebildet und reich geschmückt, die wenigstens äußerlich die tiefste Ehrfurcht vor dem Throne atmen; dieses wohlüberlegte, fest durchgebildete Zeremoniell, das zum mindesten auf einer großen, seit Jahrhunderten erlangten Virtuosität des persönlichen Verkehrs beruht: man hat schon viel Charakter und Studium nötig, um sich gar nicht davon berühren zu lassen. Selbst die trotzigsten Oppositionsmänner, welche die Macht des Hofstromes am strengsten abweisen, erkennen sie unwillkürlich an, indem sie sich, um nicht fortgerissen zu werden, unnatürlich in die Brust werfen. Große Herrscher, wie Friedrich II., mögen des Hofstaats entbehren, gewöhnliche nicht.« Die gefährliche Seite des monarchischen Hofwesens liegt in seiner geistlosen Festhaltung alter Formen, die einem früheren Geschlechte sinnvoll oder wenigstens natürlich erscheinen mochten, dem späteren dagegen leer, geschmackwidrig, mitunter sogar unwürdig vorkommen. Aber es ist schwierig, Reformen einzuführen innerhalb eines Kreises, in dem die Überlieferung, das Erbstück, die Ehrfurcht vor der Vergangenheit eine so vorwiegende Bedeutung spielen. So erklärt es sich, daß zum Beispiel aus dem englischen Zeremoniell die Kniebeugungen noch immer nicht verschwunden sind und daß am preußischen Hofe der Fackeltanz der Staatsminister von Zeit zu Zeit die Welt in Erstaunen setzt. Andererseits kann man sagen, daß eine Art von Kultus das Königtum umgibt, und daß dieser, wie der religiöse Kultus, eine Beimischung des Absurden, wenn nicht fordere, immerhin wohl vertrage. Nur ist doch zu empfehlen, von diesem problematischen Gewürz nicht zu starke Dosen zu nehmen. Die Stärke solcher Kultusformen beruht wie die der monarchischen Verfassung selbst wesentlich darauf, daß sie nicht aus planmäßiger Konvention, sondern im Anschluß an die vieltausendjährige Entwicklung der Zustände, der Gewöhnungen, der Denkungs- und Gefühlsweise allmählich erwachsen sind; dem Gesetze der Entstehung wird das Gesetz ihrer Fortdauer analog sein: auch dieses wird Anpassung an die Entwicklung der Staaten und des menschlichen Geistes fordern. Ging die Linie der Monarchie zuerst aufwärts von der ganz nüchternen Fürsorge für praktische Bedürfnisse in Krieg und Frieden bis zu einer förmlichen Apotheose des Herrschers und des Herrscherhauses, so senkt sich diese Linie jetzt, das heißt seit einigen Jahrhunderten, wieder abwärts, aus den Höhen der Gottähnlichkeit zu den Regionen, in denen wieder die Salus publica , wie in der Urzeit, nur in höherem und verfeinertem Sinne, als Daseinsgrund monarchischer Institutionen gilt. Aus den Tagen seiner Gottähnlichkeit führt das Königtum noch den geheimnisvollen Duft mit sich, den die Weihrauchspenden der Jahrtausende hinterlassen haben; bis zu einem gewissen Grade ist dieses Parfüm ihm nützlich, ist es sogar eins der Elemente der königlichen Autorität; es ist aber schon verschiedentlich vorgekommen, daß der Duft für die Nerven moderner Völker zu stark wurde und sie verführte, sich sein und des Königtums selbst zu entledigen. Kluge Herrscher kann man heutzutage am sichersten daran von den minder klugen unterscheiden, daß jene bemüht sind, ihre Stellung mehr auf die klar erkannten Bedürfnisse der Gegenwart als auf die aus der Vergangenheit stammenden dunklen Gefühle zu stützen. II. Dem Verstande leuchtet es schwer ein, daß die Frage, wer König sein soll, am besten dem Zufall der Geburt überlassen bleibe. Wenn im Beginn der Weltgeschichte eine Kommission der intelligentesten Geister menschlicher Gattung, Geister wie Aristoteles, Machiavel und Mirabeau, hätte eingesetzt werden können, um für die Völker der Zukunft Verfassungen und Staatseinrichtungen zu entwerfen, so würde wahrscheinlich kein einziger dieser Weisen auf den Einfall gekommen sein, die Erbmonarchie anzuempfehlen. Die Voraussetzung, daß die Herrschertugend sich vom Vater auf den Sohn, daß sie auch nur in einer und derselben Familie forterben werde, wäre, wenn man sie bei der Ausarbeitung eines Plans für die politische Entwicklung der Menschheit geltend gemacht hätte, als eine Art Verrücktheit erschienen; schon die ersten Erfahrungen der ersten Horden und Stämme würden ihr widersprochen haben. Und mit der Hinfälligkeit dieser Voraussetzung scheint das Prinzip der Erblichkeit auch zusammenzubrechen. Mit dem einfachen Prinzip der Monarchie, wonach der Oberbefehl einem einzigen übertragen wird, versöhnt sich der Verstand leicht. Mögen auch Unabhängigkeitstrotz, Gleichheitsgefühl, Neid der Unterordnung widerstreben, so sieht doch jeder leicht ein, daß gemeinsame Tätigkeit vieler besser unter der Leitung eines tüchtigen Führers, dem alle gehorchen müssen, als ohne eine solche Leitung gedeiht. Aber diese Einsicht wird, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, wenn sie nicht in den Bann einer Tradition gerät, immer zu der Folgerung gelangen, daß man, wenn der tüchtige Herrscher ausscheide, den tüchtigsten unter den Überlebenden an seine Stelle setzen, mit anderen Worten, daß man den Monarchen wählen müsse. Unter den Weisen Griechenlands und Roms haben mehrere, auch im Zeitalter der Republik, ihre Ansicht ausgesprochen oder angedeutet, daß die Monarchie die beste Staatsform sei, aber sie haben immer den Vorbehalt gemacht: die Monarchie mit einem weisen und tugendhaften Monarchen. Unter dieser Voraussetzung stimmten sie dem Homerischen Verse zu: »Kein gut Ding ist die Vielherrschafft: nur einer sei Herrscher, Einer sei Fürst.« Auch Thomas von Aquino war, wenn ich nicht irre, dieser Meinung, die übrigens noch in unseren Tagen zahlreiche Anhänger haben dürfte, natürlich nur platonische. Wenn es so leicht wäre, den Satz vom tüchtigsten Monarchen zu verwirklichen, wie ihn auszusprechen, so würden vermutlich manche Republiken überhaupt nicht entstanden sein, und andererseits würde es kaum irgendwo in zivilisierten Ländern Dynastien geben. Jedenfalls stehen die Resultate der Geschichte im denkbar schroffsten Widerspruch mit den Ergebnissen der rationalistischen Betrachtung. Alle Wahlmonarchien sind spurlos vom Erdboden verschwunden, mit der alleinigen Ausnahme der rein geistlichen des Papstes, der doch auch in seiner früheren Eigenschaft als gewählter weltlicher Souverän der allgemeinen Regel verfallen ist. Beiläufig bemerkt, war die Wahlmonarchie des Kirchenstaats in ihren politischen Wirkungen ein ebenso abschreckendes Beispiel wie das heilige römische Reich deutscher Nation und das Königreich Polen. Alle heute bestehenden Großmächte sind, selbst wenn sie gegenwärtig sich als Republiken konstituiert haben, als Erbmonarchien oder als Teile solcher herangewachsen. Von rückwärts angesehen, läßt es sich leicht erkennen, weshalb die Nationen unter erblichen Herrschern sich besser zu dauernden und wachsenden Staatsgebilden konsolidieren konnten, als unter gewählten Monarchen; solche Erwägungen sind aber, wie kaum gesagt zu werden braucht, bei der ersten Begründung der Reiche nie maßgebend gewesen. Das Königtum der historischen Völker ist, ebenso wie alle anderen menschlichen Institutionen, aus dunklen Trieben, planlos und ohne Mitwirkung der Reflexion, entstanden, und erst nachträglich hat sich herausgestellt, daß die Erblichkeit, die es bewußtlos entwickelte, zu jenen im Kampfe um das Dasein vorteilhaften Eigenschaften gehört, auf denen die Fortdauer der Spezies beruht. Auch wenn es sich nicht geschichtlich an einzelnen Beispielen belegen ließe, würde man es wahrscheinlich finden, daß in den primitiven Zeiten, wenn zum ersten Male mehrere Geschlechter im Drange der Not oder im Streben nach Besitzerweiterung sich einem starken und mächtigen Führer unterordneten, bei jeder Wiederholung desselben Bedürfnisses die Blicke des Volks sich vorzugsweise auf das Geschlecht und auf die Familie richteten, denen der letzte Führer angehört hatte. Schon deshalb, weil in den meisten Fällen dies Geschlecht und diese Familie mächtiger als die übrigen gewesen war. Die Gewöhnung wird diese Tendenz befördert haben; das Vertrauen, daß der starke Vater starke Söhne zeuge, wird in den Erfahrungen der jugendlichen Völker besser als in denen der späteren begründet gewesen sein. Auf seiten der Bevorzugten kam dieser Tendenz selbstverständlich der Wunsch entgegen, die mit der Führerschaft verbundenen Vorteile, die größere Beutequote, den Machtgenuß und das höhere Ansehen, nach dem Tode den Blutsverwandten, sei es den Kindern, sei es den Brüdern oder Vettern, zu erhalten. In diesem Sinne, dem eines natürlichen Einflusses menschlicher Triebe, nicht in dem Sinne irgend einer verfassunggebenden Anordnung wird es zu verstehen sein, wenn es bei Roscher heißt: »Eine gewisse Familienerblichkeit scheint bei den Germanen so alt zu sein wie das Königtum selbst. Die Wahl eines Königs, die wohl in der Regel ein Mitglied des wenig zahlreichen hohen Adels traf, stellte dessen ganze Familie so, daß auch die Nachfolger, immerhin durch Wahl oder Anerkennung von seiten des Volks, aber nur aus ihr genommen werden konnten. Die etwa sonst noch vorhandenen Adelsgeschlechter versanken dann wohl in der Gesamtmasse der übrigen Freien.« Wobei zu beachten, daß von diesem germanischen das gesamte moderne Königtum Westeuropas abstammt, allerdings mit Beimischung römischer und kirchlicher Anschauungen. Es ist ein langer Weg, der von den schwankenden Zuständen der Völkerwanderung und dem Rechte der ersten seßhaften Könige des Mittelalters bis zu den in Verfassungsurkunden und Hausgesetzen strenggeregelten monarchischen Erbfolgeordnungen geführt hat, doch läßt sich der Zusammenhang zwischen Anfang und Ende sehr wohl verfolgen. Die einmal bevorzugte Familie hat vor den rivalisierenden einen Vorsprung, der aber lange Zeit nur durch die Tüchtigkeit ihrer Mitglieder behauptet werden kann; solange diese vorhält, wird die Wahl eine bloße Form oder tritt ganz zurück; wenn aber die Herrscher schwach werden, drängen sich die rivalisierenden Familien wieder in den Vordergrund, und die Wahl des Fürsten, die mehr und mehr von der Volksgemeinde in die Hände der Großen weltlichen und geistlichen Standes übergeht, macht dem Prinzipe der Erblichkeit mit mehr oder weniger Erfolg Konkurrenz. Wo die Wahl zur dauernden Institution wird, geht die Monarchie zu Grunde, auch wenn sie vielleicht Jahrhunderte hindurch ein Scheindasein fristet; wo die Erblichkeit die Oberhand behält, steigt die herrschende Familie allmählich, durch sich ansammelnden Machtbesitz und die Gewöhnung der Völker, zu solcher Höhe, daß sie, auch abgesehen von den Eigenschaften des jedesmaligen Regenten, als Familie die Huldigung aller als etwas Selbstverständliches entgegennimmt. Ihr Schicksal wird identisch mit dem Schicksal des Landes, ja erscheint sogar als das eigentlich Entscheidende und Maßgebende. Die großen Nationalstaaten entstehen, nicht weil die Nationen in weiser Berechnung sich einem einheitlichen Regimente unterordnen, sondern weil der natürliche Familienegoismus der Dynastien in der Konzentrierung, der Erweiterung, der Befestigung der nationalen Macht nachdrücklicher, zäher vorgeht, als in der Regel eine nicht erbliche Herrschaft dazu geneigt oder im stande sein würde. Ohne Zweifel hat sich dann innerhalb solcher emporsteigenden Familien und ihrer Umgebungen allmählich ein Staatsgefühl entwickelt, ein Bewußtsein, daß die Monarchie doch etwas anderes und mehr als Privatbesitz bedeute, aber dies Gefühl ist ein Produkt, nicht der Ursprung des Vorganges. Diesen, den Ursprung, hat man sich vielmehr analog der Entstehung des Privaterbrechts zu denken, das ja auch die mächtigsten wirtschaftlichen Wirkungen ausgeübt hat, aber sicherlich nicht um ihretwegen ersonnen und eingeführt worden ist. Mir scheint es keiner breiten Beweisführung zu bedürfen, daß nur bei langer Fortdauer der Herrschaft in einer Familie jenes spezifisch monarchische Gefühl, das eine so entscheidende Rolle in der Geschichte der europäischen Staaten gespielt hat, entstehen und sich einwurzeln konnte, und zwar das monarchische Gefühl sowohl in der Dynastie selbst als auch im Volke. Denn beides mußte zusammentreffen, wenn der politische Effekt erreicht werden sollte: nicht nur die Regierenden, sondern auch die Regierten mußten es als selbstverständlich betrachten, daß das Herrscherhaus und das Reich eine untrennbare Einheit bildeten, wie Kopf und Rumpf den Körper bilden. Wenn heute die eine und morgen eine andere Familie eins ihrer Mitglieder auf dem Thron hätte sitzen sehen, so wäre niemals eine Familie dahin gelangt, den Untertanen die tiefe und gewissermaßen superstitiöse Ehrfurcht einzuflößen, die allein die ungeheure Steigerung der Königsmacht, wie unser Weltteil sie gesehen hat, und die Unabhängigkeit dieser Königsmacht von den Eigenschaften des jedesmaligen Herrschers erklärt. Gewöhnlich leitet man dies spezifisch europäische Phänomen, das sich vom asiatischen Sklavensinn durch die enge Verknüpfung mit dem einmal bevorzugten Geschlechte unterscheidet und dadurch eine besondere Färbung erhält, von der »germanischen Treue« ab, die schon in der Urzeit die freien Mannen an ihre Herzöge und Fürsten gebunden und in dem Verhältnis der Vasallen zum Lehnsherrn sich zu einer festen Tradition und allgemeinen Volksanschauung ausgebildet habe. Ich muß gestehen, daß dieser Stammbaum mir erhebliche Zweifel einflößt. Die Geschichte der germanischen Völker ist angefüllt von Beispielen der Rebellion, des Fürstenmordes, der Verräterei, auch von Zeugnissen höchst unehrerbietiger Gesinnung des Untergebenen gegen den Führer und berechneter Ausnutzung seiner Nöte und Verlegenheiten. Jene alte reckenhafte Treue, von der die römischen und byzantinischen Schriftsteller melden, scheint mir im ganzen mehr einen geschäftlichen als einen sentimentalen oder gar einen religiösen Charakter gehabt zu haben; man gab sein Wort, sein Bestes zu leisten, wenn der andere Teil desgleichen tue; und dies Wort hielt man, ähnlich wie ein anständiger Kaufmann dem Geschäftsfreunde unverbrüchlich sein Wort hält, selbst mit großen Opfern, selbst bis zum Ruin, ohne doch irgend etwas Halbgöttliches in dem Geschäftsfreunde anzuerkennen. Es wäre der Mühe wert, die psychologische Geschichte der Monarchenverehrung einmal ex professo zu studieren. Ich glaube, das Ergebnis würde sein, daß erst nach Überwindung der alten germanischen Empfindungsweise, des aristokratischen Trotzes und Selbstgefühls, mit anderen Worten erst unter dem Einflüsse der wachsenden königlichen Macht sich die Gewöhnung, in den Herrschern eine Art höherer Wesen zu erblicken, eingestellt hat. Und wahrscheinlich zuerst und am entschiedensten bei den Niedrigen und Schwachen, denen der Monarch, der mit den Großen des Landes im Kampfe lag, als der natürliche Schirmherr erschien. Erst als der Adel zum Hofdienste gezähmt war, nahm bei ihm die Monarchenverehrung die verfeinerten und exaltierten Formen an, die den Glauben begründet haben, daß er der eigentliche Träger der Königstreue sei. Daß die Loyalität des Adels auch nach der höfischen Bändigung ihre sehr scharfen Grenzen da, wo die wirtschaftlichen Standesinteressen mit dem vom Königtum vertretenen Staatsinteresse in Widerstreit geraten, zu haben pflegt, das ist eine Beobachtung, die man sich zu wiederholen scheut, weil sie fast trivial geworden ist. Zu weit würde es führen, wenn ich mich auf das verlockende Thema einlassen wollte, wie Theologie, Jurisprudenz und Dichtung dazu beigetragen haben, dem zunächst aus naiven menschlichen Empfindungen erwachsenen monarchischen Gefühl jene raffinierte und exaltierte Steigerung zu geben, und wie sie es gewissermaßen dogmatisch fixiert und formuliert haben. Ich will nur darauf aufmerksam machen, daß diese Einflüsse durchaus nicht germanischen Ursprungs gewesen sind. Die Theologie hat, als sie für die Könige ein überirdisches Recht zu konstruieren begann, sich durch biblische Texte leiten lassen, teils durch die erbaulichen Vorbilder gottgefälliger Könige des Alten Testaments, David, Salomo, Hiskias (der Titel »Gesalbter des Herrn« stammt daher), teils und vornehmlich durch die neutestamentlichen Stellen, die den Gehorsam gegen die Obrigkeit dem Christen zu einer Gewissenspflicht machen. Daß diese letztgedachten Stellen nicht zwischen legitimer und illegitimer Obrigkeit unterscheiden, hat die theologische Doktrin, namentlich die protestantische, ignoriert. Bibeltexte sind übrigens bekanntlich auch für antimonarchische Parteien sehr wirksam zitiert worden: wie die Verteidiger des göttlichen Rechts der Könige in England und Frankreich sich auf den Apostel Paulus beriefen, so führten die Hugenotten und die frommen Republikaner Cromwells mit Vorliebe die Geschichten von den auf Befehl Jehovas in den Staub gestürzten israelitischen Königen im Munde, fest überzeugt, daß die Valois und die Stuarts einem gleichen Strafgerichte verfallen seien. Immerhin fühlten aber diese Rebellen des sechzehnten und des siebzehnten Jahrhunderts noch das Bedürfnis, ein göttliches Recht mit einem anderen göttlichen Rechte zu übertrumpfen. Was die Juristen betrifft, die ohne historischen und politischen Sinn die staatsrechtlichen Theorien der römischen und der byzantinischen Kaiserzeit auf die mittelalterliche und sodann auf die moderne Monarchie übertrugen, so darf man ihnen vielleicht das zum Verdienst anrechnen, daß sie die mehr verschwommenen und schwankenden Lehren der Theologen in scharf umrissene, starre und unduldsame Systeme verwandelten, deren extreme Konsequenzen ohne Verdunkelung, sogar mit triumphierendem Hochmut laut verkündeten und eben dadurch die menschliche Vernunft zum Widerspruch und der Kritik aufstachelten. Die dichterischen Verherrlichungen des Königtums, die sicherlich einen erheblichen Einfluß auf die populäre Anschauung geübt haben, sind jedem bekannt, der mit der Literatur der christlichen Völker einigermaßen vertraut ist. Das Tiefste und Feinste hat auch auf diesem Gebiete Shakespeare geschaffen – ich erinnere nur an seinen Richard den Zweiten –, freilich mit der ihm eigenen hohen Unabhängigkeit des Geistes, die neben den glänzenden Höhen auch die Abgründe mit allen ihren Schrecken darzustellen wußte. Eine Nutzanwendung der naturgeschichtlichen Betrachtung auf unsere Zeiten ist es, wenn Roscher sagt: »Die Erfahrung lehrt, daß eine wirkliche solide Erbmonarchie nur auf den früheren Kulturstufen der Völker, im Zeitalter, sozusagen, der politischen Naivität begründet werden kann. Um sich einem ganzen Fürstenhause, bei aller Schwäche, vielleicht sogar Unwürdigkeit, des jeweiligen Repräsentanten, willig unterzuordnen, Treue gegen dasselbe zu bewahren, wenn's sein muß, bis zum Tode, dazu reicht das bloße Räsonnement des Kopfes von der Zweckmäßigkeit einer solchen Handlungsweise nur bei wenigen starken Geistern aus. In der Regel muß ein Gefühl des Herzens hinzukommen, etwas Halbunwillkürliches, das ich politischen Glauben nennen möchte.« Und nachdem er bemerkt hat, daß es mit der Gründung der Religionen sich nicht anders verhalte, fügte er hinzu: »Kämen dergleichen Institutionen erst in Zeiten der Aufklärung und Reflexion empor, so würde meistens der kritische Verstand allzu geschäftig sein, die menschlichen Zufälligkeiten und Schwächen derselben aufzusuchen, als daß sich das Gemüt dem Wesentlichen und Notwendigen darin ungestört hingeben könnte. Soll deshalb eine Erbmonarchie oder Volksreligion die Entwicklungsstufe des politischen und religiösen Rationalismus überdauern, so muß sie »aus unvordenklicher Zeit her« überliefert sein. Heutzutage wird selbst der größte Held und Staatsmann schwerlich im stande sein, einen neuen Thron dauerhaft zu errichten. Solange seine Nachfolger auch Erben seiner persönlichen Größe sind, mag das Werk Bestand haben; ob viel länger, ist sehr zu bezweifeln.« Im allgemeinen ist das gewiß richtig, doch möchte ich es der Erfahrung künftiger Geschlechter vorbehalten, zu entscheiden, ob nicht unter günstigen Umständen die höher entwickelte Staatsvernunft zum Teil wird ersetzen können, was dem politischen Glauben an Zeugungskraft verloren gegangen ist. Unser Jahrhundert hat einen schwedisch-norwegischen, einen belgischen, einen griechischen, einen rumänischen, einen serbischen Thron, vor allen anderen hervorragend aber auch einen italienischen Thron aufgerichtet; es bleibt doch abzuwarten, ob nicht einer und der andere dieser neuen Herrschersitze auf dem Grunde bloßer nationaler Zweckmäßigkeit etwas von der Festigkeit der alten »echten Erbmonarchien« allmählich gewinnen wird. Freilich werden die neuen Dynastien mehr als die alten sich mit dem politischen Rationalismus gut zu vertragen bemüht sein müssen; aber unmöglich ist doch ein modus vivendi zwischen Monarchie und Vernunft nicht; sonst stände es um die erstere recht bedenklich. Auch die altüberlieferte Erbmonarchie hätte die Stürme der Zeit wohl nicht überdauert, wenn ihrer Entwicklung das Element der Vernunft und der Reflexion ganz gefehlt hätte, wenn sie bloß mächtigen, aber dunklen Naturtrieben gefolgt wäre. Beinahe ebenso wichtig wie die Beseitigung des Wahlrechts der Vasallen, wie die Alleinberechtigung einer bestimmten hervorragenden Familie, ist für sie die strenge Regelung der Erbfolge, die Unterdrückung der Ambitionen in den Nebenlinien und namentlich die Aufhebung aller Einteilungen beim Tode des Herrschers gewesen. Erst durch diese Vervollkommnungen, bei denen nachweisbar die bewußte Überlegung und der Zweckmäßigkeitsgedanke tätig gewesen sind, hat die Erbmonarchie den Charakter einer wahrhaft politischen, das Familieninteresse überragenden, mit dem Staatswohl enge verknüpften Institution gewonnen. Das Prinzip der Monarchie ist nach Roschers Ausspruch die Einheit, aber erst verhältnismäßig spät, erst nach langem Schwanken und nach bitteren Erfahrungen hat die Einsicht weiser Herrscher und Staatsmänner erkannt, daß diesem Prinzip alle privatrechtlichen Anschauungen unerbittlich geopfert werden müßten. Die Geschichte des Mittelalters ist voll von Kämpfen und Katastrophen, die aus der Unsicherheit der Erbfolge, aus dem Ehrgeize mächtiger Agnaten und den Zerwürfnissen zwischen den Mitgliedern des Herrscherhauses entstanden, und nicht minder zahlreich sind die Beispiele von Zerfall und Zersplitterung staatlicher Macht infolge väterlicher Zärtlichkeit des Monarchen, der sterbend jedem seiner Söhne einen Teil von der Substanz des Reichs zuwenden zu müssen glaubte. Je früher dieser Gutsherrnstandpunkt in den Dynastien überwunden wurde, desto eher hat sich das Königtum konsolidiert und sein Übergewicht über die zentrifugalen Kräfte im Staate fühlbar gemacht. Merkwürdig ist, daß gerade in dem Staatswesen, das man als ein Werk bewußter, konsequenter, von politischem Verstande geleiteter dynastischer Weisheit anzusehen gewohnt ist, in der Monarchie der Hohenzollern, der Einheitsgedanke erst so spät die patriarchalischen Erbteilungen endgültig und für immer überwunden hat. Bekanntlich hat noch der große Kurfürst seinen nachgeborenen Söhnen selbständige Hoheitsgebiete aus den unter seinem Szepter vereinigten Ländern ausgesondert, und erst Friedrich der Große hat definitiv und statutarisch die Möglichkeit, Sekundogenituren zu schaffen; den preußischen Herrschern abgeschnitten. Uns erscheint der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit unfaßbar, abenteuerlich, abstrus: so sehr hat sich in anderthalb Jahrhunderten die Anschauung von dem Wesen der monarchischen Staatsform geändert. Ein Nebenprodukt gewissermaßen des gesteigerten dynastischen Gefühls ist die Idee der Ebenbürtigkeit, die noch weit jüngeren Ursprungs als die feste fürstliche Erbordnung, heute aber in Europa allgemeines Recht geworden ist, mit der einzigen Ausnahme Großbritanniens, wo doch auch seit einigen Generationen eine Parlamentsakte die Thronfolge auf die Kinder aus solchen Prinzenehen, die mit Genehmigung des Souveräns abgeschlossen worden sind, beschränkt. Die Regel, daß die souveränen Häuser und die großen Reichsvasallen untereinander heirateten, ist weit älter als das förmliche Gesetz der ausschließlichen Geltung solcher Ehen innerhalb der Thronfolgeordnung: auch hier hat die Staatsräson nur das festgemacht und besiegelt, was die Natur der Dinge längst zur gewöhnlichen Sitte gemacht hatte. Von allen monarchischen Einrichtungen ist diese, die den natürlichen Herzensbedürfnissen so ganz und gar keine Rechnung trägt, dem einfachen menschlichen Gefühle vielleicht die mindest sympathische; die geschichtlichen Beispiele unebenbürtiger Fürstenehen erfreuen sich noch heute meistens einer entschiedenen Popularität, weil man in ihnen Siege der Natur über den Hochmut des Ranges erblickt; aber so geneigt man sein mag, das einfach Menschliche über alle Pracht und Herrlichkeit der Fürstenhöfe hochzuschätzen, so wird man, glaube ich, doch bei nüchterner Prüfung finden, daß die Schranke der Ebenbürtigkeit, die das Eindringen fremder weiblicher Einflüsse in das Regentenhaus auf ein gewisses minder schädliches Maß zurückführt, im ganzen zweckmäßig ist, und daß gegen diese Erwägung das Privatglück der Fürstensöhne nicht in Betracht kommt. Daß die monarchische Institution auf den höheren Stufen ihrer Entwicklung dahin führt, in manchen Beziehungen der Natur Gewalt anzutun, darf uns nicht irre machen: alle Zivilisation und Kultur tut dasselbe. Die trostlose Wissenschaft (1890) I. Die trostlose Wissenschaft, the dismal science , ist die Lehre Adam Smiths. Der Verfasser des Buches »vom Reichtum der Nationen« ist jetzt gerade hundert Jahre tot; wenn er wieder aufleben könnte, würde er, wahrscheinlich zu seinem höchsten Erstaunen finden, daß seine Darstellung des menschlichen Erwerbslebens, obwohl in den Hauptpunkten unwiderlegt, ein Gegenstand weitverbreiteten Hasses, wie er sonst nur auf theologischem und politischem Gebiete zu gedeihen pflegte, wenn nicht äußerster Geringschätzung geworden ist. Die einen finden seine Lehre trostlos, die anderen versichern uns, sie sei tot, abgetan. Ich habe neulich in einer deutschen Zeitschrift gelesen, daß es zu den Ruhmestaten Bismarcks gehöre, der Schule des schottischen Professors das Lebenslicht ausgeblasen zu haben, indem er »die senilen manchesterlichen Existenzen«, die innerhalb der preußischen Beamtenschaft noch jener Schule anhingen, mit starker Hand beseitigte. In der nämlichen Wochenschrift wurde vor kurzem die Schule Adam Smiths so geschildert, daß man annehmen mußte, sie erkläre den Raub für eine berechtigte wirtschaftliche Tätigkeit und das Geldverdienen für den einzigen Zweck des Daseins. Herr Dr. von Schulze-Gävernitz erzählt uns in seinem neuesten Buche, daß die englischen Arbeiterzustände während der ersten vier Jahrzehnte dieses Jahrhunderts unter dem Einflusse der Theorien Adam Smiths sich zu kolossalem Massenelend entwickelt hätten, und bei uns in Deutschland geht die populäre Ansicht dahin, daß die nämlichen Theorien bis zum Jahre 1878 unsere Gesetzgebung beherrscht und unser Vaterland »ausgepovert« hätten. Die Gelehrten der weiser gewordenen Neuzeit hüten sich vielleicht vor solchen geschichtswidrigen Behauptungen; die Theorien Adam Smiths sind in Großbritannien bekanntlich erst gegen das Ende des fünften Jahrzehnts zur praktischen Geltung gelangt, und in Deutschland hat noch niemals, auch zur Zeit der senilen manchesterlichen Existenzen nicht, das Prinzip des freien Verkehrs die Gesetzgebung wirklich beherrscht. Die klügeren unter den Gelehrten richten deshalb ihre Anklage anstatt auf die praktische mehr auf die doktrinäre und namentlich auf die ethische Seite. Merkwürdigerweise widersprechen sie dabei einer dem anderen. Zum Beispiel. In einem Nekrolog wurde Lorenz Stein ein Hauptvertreter jener Richtung genannt, die ihrer Methode und Anschauung nach zu den Ausläufern der klassischen Nationalökonomie gehöre, zum Smithianismus, »jener Richtung, die nicht von den Tatsachen, sondern von Ideen ausgeht und diese auf dem Wege der Deduktion zu einem für alle Völker und Zeiten passenden Systeme ausbildet«. Dagegen meint Herr Gustav Cohn, daß Adam Smith die wissenschaftliche Schärfe seiner Vorgänger, der französischen Physiokraten, zu Gunsten praktischer Besonnenheit abgestumpft und eine philosophisch höher stehende Theorie nur auf eine Art, wie der gesunde Menschenverstand es mit unannehmbaren Lehrsätzen zu machen pflege, widerlegt habe, ohne ihr auf ihr Gebiet zu folgen. Beide Urteile, so wenig sie miteinander stimmen, haben dieselbe Klangfarbe: Adam Smith ist eine überschätzte Größe; für die Gegenwart kommt er nicht mehr in Betracht; uns kann er höchstens noch ein literarhistorisches Interesse einflößen. Er ist der Gründer der klassischen Nationalökonomie, die für moderne Köpfe ebensowenig Wert hat, wie die klassische Tragödie für moderne Theatergänger. Wie Racine und Corneille von romantischen Poeten, so ist die klassische Nationalökonomie von romantischen Gelehrten überwunden und abgesetzt worden. Die klassische Poesie der Franzosen hat, wie man weiß, ihre höchste Ausgabe darin gefunden, die Vernunft und den gefunden Menschenverstand in noblen und eleganten Versen zu verkünden, La Rime et la Raison galten ihr als ein unzertrennliches Schwesterpaar. Und gerade deshalb ist sie entthront worden. Von der Poesie fordert man mehr als Vernünftigkeit und Verständigkeit. Eine klassische Wissenschaft aber, das ist doch etwas anderes. Sie für abgesetzt zu erklären, weil sie zu sehr von der Vernunft sich leiten lasse und weil sie die Rechte des gesunden Menschenverstandes selbst den philosophischen Doktrinen gegenüber nicht aufopfere, ist ein Einfall, den man nur wirklichen Romantikern zu gute halten kann, denjenigen, meine ich, die von der Wissenschaft künstlerische Befriedigungen, ästhetische Erregungen, sittliche Erbauungen verlangen, keineswegs aber das, was allein Aufgabe der Wissenschaft ist, Belehrung über die Wirklichkeit der Dinge, Ermittlung der Tatsachen und Erkenntnis der Gesetze, die sich etwa aus den Tatsachen herleiten lassen. Und in der Tat ist es ein Romantiker, ein Erzromantiker gewesen, der für die klassische Nationalökonomie den Ekelnamen der trostlosen Wissenschaft erfunden hat, John Ruskin , der berühmte englische Kunstprophet, ein Schriftsteller, wie ich gern anerkenne, von seltener und hinreißender Beredsamkeit, aber zu einem Urteil über Wert und Unwert nationalökonomischer Theorien so rettungslos unfähig wie der Sultan von Sansibar zu einem Urteil über den Entwurf des deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs. Er hat gefunden, daß schöne Gedichte einen erfreulicheren Eindruck auf ihn machten als die Schriften Adam Smiths und seiner Jünger, und weil man die Dichtkunst in alten Zeiten la gaie science nannte, hat er die Volkswirtschaftslehre the dismal science getauft, deutlich zu erkennen gebend, daß er keinen anderen Maßstab als den des poetischen oder doch eines dem poetischen ähnlichen Genusses anlegen wolle. Er erhebt den Anspruch an das wirkliche Leben, daß es ihn etwa so berühren solle, wie die Betrachtung der Kunstwerke des Quattrocento oder wie die Vertiefung in den gläubigen, beschaulichen, schwärmerischen Geist mittelalterlicher Kultur; er hat erkannt, daß das moderne England mit seinem gigantischen Industrialismus und seinen rastlosen Konkurrenzkämpfen himmelweit entfernt sei, diesen Anspruch zu befriedigen; er hat zu seinem Entsetzen gehört, daß diese ihm so wichtige moderne Entwicklung von einer wissenschaftlichen Schule als ein Produkt natürlicher, im wesentlichen unabänderlicher natürlicher Ursachen hingestellt werde; daß diese Schule eine Besserung der Zustände nur innerhalb bestimmter Grenzen und nur auf dem Wege eines langsamen, innerlichen Heilungsprozesses für möglich halte, jedenfalls aber vor legislativen Eingriffen als ausnehmend gefährlich und wahrscheinlich nur zu schlimmerem Übel führend, nachdrücklich warne. Dagegen empörte sich seine ganze Seele, sein Schönheitsbedürfnis, sein Verlangen nach Harmonie, sein Mitleid mit dem geistigen und leiblichen Elend der Armen und sein Abscheu vor der prosaischen Engherzigkeit, Plattheit, Geschmacklosigkeit der Wohlhabenden. Und in seinem Ingrimm über die wirkliche Welt sprach er das Anathema über die Wissenschaft, die ihm seine Hoffnungen zerstörte. Seitdem sind fünfzig Jahre verflossen, und wir können uns nicht darüber täuschen, daß in dieser Zeit die Anschauung Ruskins immer weitere Kreise ergriffen und schließlich auch die theoretische Behandlung der wirtschaftlichen Fragen auf das tiefste beeinflußt hat. Wäre der Wert einer Wissenschaft abhängig von ihrer Popularität, so müßte man einräumen, daß die klassische Schule von der romantischen überwunden worden sei. Wenn auch die große Mehrzahl derer, die in das Anathema einstimmen, die künstlerischen und idealen Gefühle Ruskins nicht nachempfindet, so ist sie doch gern einverstanden, wenn ein so redegewaltiger Apostel ihrer Denkfaulheit, ihrer Gefühlsweichlichkeit, ihrer philanthropischen Interventionslust und namentlich ihrem berechnenden Eigennutz den prächtigen Mantel seiner Rhetorik leiht. Sehr groß ist auch die Zahl der wohlmeinenden Launen, die, ohne sich für das Für oder Wider sonderlich zu interessieren, doch es für anständig halten, sich ablehnend gegen eine Schule zu verhalten, die »den nackten Egoismus auf den Thron setzt«, die »Mitleid und Barmherzigkeit für eine Verirrung erklärt«, die »keinen anderen Zweck des Daseins anerkennt als den Gelderwerb«, und die »dem schamlosesten Konkurrenzkämpfe das Wort redet, damit die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden«. Daß nämlich Adam Smith solche und ähnliche Dinge gelehrt habe, das glauben viele, selbst leidlich gebildete Leute, ihren Zeitungen aufs Wort. Kein Wunder, daß auch sie diese Wissenschaft trostlos finden. Wenn solche gläubige Leser einmal die Schriften Adam Smiths aufschlügen und bei der Gelegenheit entdeckten, daß er einen starken Band dem Thema widmet: »Menschenliebe ist das Prinzip aller Tugend.« Daß er Sypathy , auf deutsch Mitleid, als die löblichste aller Triebfedern bezeichnet, so würden sie ebenso verwundert sein wie jener Sizilianer, der von Goethe erfuhr, daß die protestantische Religion die Ehe zwischen Geschwistern keineswegs erlaube. Ich für meinen Teil finde nicht, daß die Wissenschaft Adam Smiths trostlos sei, wenigstens nicht trostloser als jede methodische Betrachtung des menschlichen Lebens, von welcher sie ja nur einen Abschnitt und nicht gerade den liebenswürdigsten, die gewerbsmäßige Tätigkeit, behandelt. Aber selbst, wenn ich sie ebenso trostlos fände wie Ruskin, so würde ich mich doch hüten, sie deshalb schon für verwerflich, der Beachtung unwert zu halten. Eine Wissenschaft ist nur dann zu verwerfen, wenn sie unwahr ist, d. h. wenn sie entweder von falschen Behauptungen ausgeht oder aus richtigen Tatsachen falsche Schlüsse zieht. Ob die Schlüsse trostlos oder nicht trostlos sind, ist vom wissenschaftlichen Standpunkte aus, das heißt für den, der die Wahrheit wissen will, vollkommen gleichgültig. Wer diesen Gedanken nicht zu fassen vermag, der tut besser, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. »Wer aber einmal die Wahrheit zu Gaste geladen hat« (ich zitiere aus dem Gedächtnis), »der soll auch wie Don Juan Gentleman genug sein, sie einzulassen, auch wenn sie als steinerner Gast erscheint.« So unheimlich ist es nun in unserem Falle keineswegs bestellt. Die Wahrheiten, die Adam Smith entschleiert hat, sind nicht immer sehr reizend, aber gorgonenhaft werden ihre Züge nur dem erscheinen, der sich diese Welt im allgemeinen als ein Arkadien gedacht hat. Sei dem aber, wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß unser Mißfallen kein Jota von der Wahrheit abzustreichen vermag. Es sollte uns daher nicht so sehr interessieren, ob die Romantiker unsere klassischen Lehrer erbaulich und erquicklich gefunden, sondern ob sie sie widerlegt haben. Vor einiger Zeit hat Moritz Block, der zu den schwindelfreisten Führern durch die Alpenregionen der Wirtschaftslehre gehört, in französischer Sprache eine gedrängte Übersicht über die Fortschritte verfaßt, welche innerhalb der hundert Jahre seit dem Tode Adam Smiths die von ihm begründete Wissenschaft gemacht hat. Die Fortschritte bestehen 1. in der Widerlegung oder Berichtigung theoretischer Irrtümer; 2. in der feineren Ausarbeitung einzelner Abschnitte, für die der Meister nur die gröberen Grundlinien gezogen hatte; 3. in der Erforschung und Feststellung solcher tatsächlicher Verhältnisse, die vor hundert Jahren noch nicht in die Erscheinung getreten waren. Nun ist es im höchsten Grade überraschend zu sehen, wie ausnehmend wenig Fortschritte unter die erste dieser drei Kategorien fallen. Die weitaus meisten von den neuen Erwerbungen gehören der zweiten und der dritten Kategorie an. Die eigentlich grundlegenden Sätze der Wissenschaft stehen, bis auf einige Meißelungen und Polituren, noch gerade so da, wie Adam Smith sie hingestellt hat. Und die romantische Schule erkennt dies, wenn nicht immer ausdrücklich, doch tatsächlich an, indem auch ihre Schriftsteller da, wo sie rein wissenschaftlich arbeiten, regelmäßig die alten Fundamente benutzen. Wenn man ihre Vorreden liest, sollte man glauben, die Schule Adam Smiths existiere gar nicht mehr; in den Werken selbst dagegen, das heißt in den theoretischen Begründungen, findet man fast immer die verworfenen Steine als Ecksteine wieder angebracht, mitunter ein bißchen verputzt, aber in der Substanz unverändert. Schon diese eine Tatsache heischt Ehrfurcht und Bewunderung und rechtfertigt das Urteil Bruno Hildebrands, daß Adam Smith nicht allein der wahre Gründer der Nationalökonomie, sondern auch jenen großen Geistern zuzurechnen sei, auf die Schillers Wort Anwendung findet: »Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.« Umso erstaunlicher ist die Tatsache, je größer die Umwälzungen sind, die auf dem Gebiete der Völkerwirtschaft im Laufe der letzten hundert Jahre sich zugetragen haben und von denen Adam Smith nichts ahnen konnte. Das praktische Leben, aus dessen Erscheinungen er seine Theorie herzuleiten hatte, war im Vergleiche mit der Weltwirtschaft der Gegenwart eng begrenzt und höchst einfach; aus dem dürftigen Stoffe aber hat er es verstanden, Gesetze zu ermitteln, die, wie wir sahen, seine modernsten Kritiker als auch für uns gültig anerkennen müssen. Die seit seinem Tode eingetretene riesige Entwicklung der Produktion, der Nutzbarmachung neu entdeckter Naturkräfte, der Transportmittel und der sozialen Verhältnisse hat seinen Nachfolgern einen früher ungeahnten unermeßlichen Stoff für weitere wissenschaftliche Erforschung und Einordnung geliefert, aber das System, das der Meister aufrichtete, hat die Flut neuer Erscheinungen nicht zu erschüttern vermocht. Man darf Adam Smith in dieser Beziehung wohl mit Kopernikus vergleichen, dessen große Entdeckung heute wie vor drei Jahrhunderten die Grundlage aller rationellen Astronomie bildet, obwohl der Entdecker selbst nicht den zehnten Teil der astronomischen Tatsachen kannte, die heute jeder Sternwartenassistent am Schnürchen hat. Auch dem Kopernikus hat eine gewisse Romantik, damals eine theologische, den Vorwurf gemacht, daß er trostlose Dinge verkünde, den Gläubigen ihre Ehrfurcht vor der Schrift und den Frommen ihren Himmel raube, aber der Satz, daß die Erde sich bewegt, ist darum nicht minder wahr geblieben. II. Die klassische Schule der Nationalökonomen rühmt sich, gewisse Gesetze entdeckt zu haben, die sich überall als wirksam bewähren, wo innerhalb einer größeren, der ursprünglichen Wildheit entwachsenen menschlichen Gesellschaft Gewerbe und Handelsverkehr stattfinden. Sie behauptet, daß diese Gesetze der Güterproduktion, des Güteraustausches und des Güterverbrauchs deshalb Gesetze zu nennen sind, weil sie von der Natur selbst uns vorgezeichnet sind und nur, wenn die Natur sich änderte, ihre Geltung verlieren könnten. Wir selbst vermögen an diesen Naturgesetzen nichts zu ändern, und insofern mag man sie ehern nennen. Sollte es sich herausstellen, daß sie sich der Verwirklichung unserer Wünsche auf alle Zeit entgegenstellen, so kann man sie auch trostlos nennen. An der Sache ändert es nichts. Es fragt sich nicht, ob die Gesetze ehern oder wächsern, trostlos oder glückverheißend, sondern ob sie richtig formuliert sind, ob sie wirklich, wie behauptet wird, aus der Natur der Dinge sich ergeben. Lassalle hat gemeint oder wenigstens gesagt, daß das Lohngesetz, das den Arbeiter zu ewigem Kampfe mit der Not verdamme, ehern und trostlos sei, und er hat ganz richtig daraus gefolgert, daß man, um es zu stürzen, die Welt auf den Kopf stellen müsse. Um zu beweisen, daß es ehern sei, hat er sich auf die klassische Nationalökonomie berufen; die habe das eherne Lohngesetz entdeckt und verkündigt, und die müsse es wissen. Als ich meinen ersten Artikel anfing, hielt ich es noch für zweckmäßig, an diesem berühmten Beispiel zu zeigen, wie man der Nationalökonomie Kinder unterschiebt, die sie nicht geboren hat. Mittlerweile hat die Sozialdemokratie selbst die Behauptung Lassalles über Bord geworfen, und man braucht sich mit dieser Trostlosigkeit nicht weiter zu beschäftigen. Aber bemerkenswert ist es doch, mit welcher Kaltblütigkeit ein Mann wie Herr Liebknecht das eherne Lohngesetz, nachdem seine Partei es seit Jahrzehnten als ebenso unumstößliche wie entsetzliche Folge der bestehenden Gesellschaftsordnung dargestellt hat, jetzt mit der Bemerkung abfertigt, das eherne Lohngesetz sei eine Fabel und könne, nachdem es seinen agitatorischen Zweck erreicht habe, in die Rumpelkammer verwiesen werden. Eine so frivole Art wie dem Erfinder und dem Wiederabschaffer dieses Agitationsmittels ist den ernsthaften Männern der neueren, der romantischen Nationalökonomie nicht zur Last zu legen. An die Vorwürfe, die sie erheben, glauben sie aus vollem Herzen; sie möchten gern die schlechte Welt nach ihren Ideen umgestalten, und sie finden es unrecht, daß diesem löblichen Bestreben Hindernisse in den Weg gestellt werden – von der Wissenschaft, wie sie meinen, in der Wirklichkeit aber von der Natur der Dinge und von der Natur der Menschen. Die Hindernisse, die sich auftürmen, wenn der Weltverbesserer ans Werk geht, würden genau dieselben auch dann sein, wenn die gesamte nationalökonomische Literatur niemals vorhanden gewesen wäre. Vorwürfe dieserhalb an die Literatur zu richten, ist nicht viel weiser, als wenn man den Erfinder des Barometers für das schlechte Wetter verantwortlich machen wollte. Zwei Gründe sind es vornehmlich, die der nüchternen Nationalökonomie so viele Widersacher außerhalb der eigentlichen wissenschaftlichen Arena, bei Politikern und im großen Publikum erwerben. Der erste Grund ist der oben angedeutete, die Auflehnung der menschlichen Macht-, Herrsch- und Verbesserungsbegier gegen natürliche Schranken. Der Zorn darüber, daß unser Vermögen so gering, unsere Materie so spröde ist, läßt sich wohl begreifen, aber er irrt sich in der Adresse, wenn er sich an den Gelehrten ausläßt. Der zweite Grund ist die Unfähigkeit vieler Leute, zu begreifen, daß eine Spezialwissenschaft wie die Nationalökonomie nur einen abgegrenzten Abschnitt der Wirklichkeit, keineswegs das gesamte Menschenleben, behandeln kann. Fortwährend hört und liest man Urteile wie diese: »Nie Herren Nationalökonomen sollten doch nicht vergessen, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt; Menschenliebe, Gemeinsinn, Aufopferung, Begeisterung, Patriotismus existieren in den Augen dieser Theoretiker nicht; was soll man von einer Wissenschaft halten, die unter allen Triebfedern menschlichen Handelns dem Egoismus den ersten Rang anweist? Welch ein Irrtum ist es, anzunehmen, daß es der Weisheit höchster Schluß sei, möglichst teuer zu verkaufen und möglichst billig zu kaufen?« Und so weiter. Ich wünsche durchaus nicht zu karikieren; ich glaube wirklich, die meisten populären Invektiven gegen das »Manchestertum«, wenn man sie auf ihre Quintessenz reduziert, sind nur Variationen eines dieser Sätze. Daß diese Sätze auf Unsinn, auf ein arges Mißverständnis hinauslaufen, ist bei einigem Nachdenken leicht einzusehen. Man wirft der Nationalökonomie vor, daß sie sich nur um ihr Thema und nicht auch zugleich um alle möglichen anderen Themata kümmert. Wer ein Buch über die Bierbrauerei schreibt, leugnet darum doch nicht, daß es auch Weinkeltern gibt; noch weniger behauptet er, daß Bier der Güter höchstes sei. Wahrscheinlich wird er der Meinung sein, daß für die Herstellung eines guten Trunkes Hopfen oder Malz wichtiger feien als die moralische Beschaffenheit des Brauers, aber darum wird man ihm noch nicht nachsagen, daß Moral ihm wertlos erscheine. Eine solche verschrobene Logik wird fortwährend der Nationalökonomie gegenüber angewandt. Soviel ich mich erinnere, ist außer ihr keine andere Wissenschaft dem ausgesetzt; niemand verlangt von der Chemie, daß sie religiöse, oder von der Physik, daß sie Rechtsfragen erörtern solle. Freilich kann man einwenden, daß Chemie und Physik mit menschlichen Handlungen nichts zu schaffen hätten, die Nationalökonomie dagegen vorwiegend eine Theorie menschlicher Tätigkeit sei und daß für alle menschliche Tätigkeit die Moral in Betracht komme. Zugegeben, es sei dem so; aber niemand wird bestreiten, daß es Tätigkeiten gibt, bei denen die Moral unmittelbar eine verschwindend kleine Rolle spielt und in der Theorie als quantité négligeable behandelt werden darf. Vom Bierbrauen habe ich schon gesprochen; der Raum würde nicht reichen, wenn ich alle Tätigkeiten, die sich in gleicher Lage befinden, vom Stiefelputzen bis zur Berechnung einer Kometenbahn, aufzählen wollte. Wie, wenn die sorgfältige Beobachtung der Tatsachen für die wirtschaftlichen Tätigkeiten im allgemeinen ein ähnliches Resultat ergäbe, würde es dann erlaubt sein, in der Theorie sie zu behandeln, als ob sie in erheblichem Maße unter der Einwirkung der Moral ständen? Die Beobachtung der Tatsachen ergibt, daß im wesentlichen die Rücksicht auf den eigenen Vorteil und auf den Vorteil seiner Familienangehörigen, mit einem Worte der Egoismus den Menschen zur Arbeit und bei der Arbeit, zum und beim Güteraustausche bestimmt. Jedermann setzt dies in der Praxis als selbstverständlich voraus; aller Handel und Wandel, alle Wirtschaftspolitik, alle Gesetzgebung geht von der stillschweigenden Annahme aus, daß die Menschen, soweit ihre tägliche Arbeit und ihr Güteraustausch in Betracht kommt, in der Regel ihren Vorteil, oder was sie dafür halten, suchen. Außerhalb des eigentlichen Erwerbslebens mag man den moralischen Regungen einen noch so weiten Spielraum zuerkennen, innerhalb des Erwerbslebens muß auch der größte Optimist dem Egoismus die Vorherrschaft, wenn nicht die Alleinherrschaft, zusprechen. Eine Praxis, die diese Tatsache ignoriert, führt unfehlbar zum Bankrott; eine Theorie, die diese Tatsache leugnet, ist falsch. Daß diese Tatsache schön sei, hat wohl noch niemand behauptet, Adam Smith am wenigsten. Vielleicht hätten er und seine Jünger sich vor dem Vorwurfe der moralischen Indifferenz besser geschützt, wenn sie ihre wissenschaftlichen Erörterungen ab und an mit Wehklagen über die Herzenshärtigkeit der Menschen und mit Lobpreisungen der Tugend unterbrochen, oder wenn sie den Gesetzgebern die Abschaffung der Selbstsucht anempfohlen hätten. Ersteres haben sie wahrscheinlich nicht für ihres Amtes oder auch für überflüssig, letzteres für absurd gehalten. Ja, es wäre nicht undenkbar, daß ein philosophischer Geist unter ihnen sich gefragt hätte, ob die Abschaffung der Selbstsucht, wenn sie möglich wäre, wünschenswert sei. Wenn man nämlich die stärkste Triebfeder aus dem Räderwerke herausnähme und sie nicht durch eine gleich starke ersetzte (was doch seine Schwierigkeiten hätte), was würde aus der Welt, aus der Zivilisation, aus der Moral werden? Der Glaube Rousseaus, daß wir durch die Rückkehr in die Eichenwälder tugendhafter und glücklicher werden würden, hat keine Anhänger mehr. Die Nationalökonomie ist keine Tugendlehre, sondern lediglich und ausschließlich eine Lehre von den Tatsachen und den Gesetzen, die sich bei der Beobachtung der Güterproduktion, des Güteraustausches und des Güterverbrauchs ergeben. Sie ist nicht unfehlbar, das versteht sich von selbst, aber was sie als wahr ermittelt zu haben glaubt, muß sie verkünden, ohne alle Rücksicht darauf, ob es schön oder häßlich, erbaulich oder niederschlagend ist. Wenn sie fände, daß Sklavenarbeit mehr Güter schaffe als freie Arbeit, müßte sie es sagen. Glücklicherweise hat sie das Gegenteil festgestellt. Aber gesetzt, sie hätte wirklich den höheren wirtschaftlichen Wert der Sklavenarbeit über jeden Zweifel erhoben, folgt daraus, daß sie die Erhaltung oder die Wiedereinführung der Sklaverei predigen müßte oder würde? Nicht im mindesten. Sie würde erklären, daß die praktische Schlußfolgerung aus ihrer Lehre von Erwägungen, die außerhalb ihres Rahmens liegen, von politischen und moralischen Erwägungen, abhänge. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Die Aufziehung arbeitsunfähiger Kinder und die Ernährung abgelebter, stumpfsinniger Greise ist unwirtschaftlich; sie zerstört Güter und schafft keine. Muß deshalb die Wirtschaftslehre den Kindermord und die Wegräumung der Altersschwachen fordern? Lange bevor es eine Nationalökonomie gab, haben die Völker, wahrscheinlich alle einmal, aus wirtschaftlichen Gründen schwache Kinder und bejahrte Invaliden umgebracht; zum Teil geschieht es noch heutzutage. Aber die moderne Wissenschaft hat nie behauptet, daß immer das wirtschaftlich Richtige auch moralisch erlaubt sei. Wenn sie nicht hinter jedem ihrer Satze einen Vorbehalt zur Wahrung des moralischen Forums hinzufügt, so folgt sie nur einem allgemein gültigen Stilgesetze, welches verbietet, zu sagen, was der verständige Leser sich selbst sagt. Ich will übrigens durchaus nicht leugnen, daß Wirtschaftslehre näher an das Gebiet der Moral grenzt und mehr Berührungspunkte mit ihr hat als z. B. Chemie und Physik. Denn beides, Wirtschaft und Moral, sind Elemente des menschlichen Wesens und kommen in der Wirklichkeit, im lebendigen Menschen nicht so streng in Fächer geordnet vor, daß nicht häufig eins ins andere überginge. Aber die Wissenschaft sieht sich genötigt, in Fächer zu verteilen, was die Wirklichkeit nur als Bestandteile eines unteilbaren Ganzen darbietet, weil ohne solche künstliche Sonderung eine heillose Konfusion sowohl für die Forschung als für die Lehre entstände. Alle wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem Menschen beschäftigen, machen es so. Die Medizin kümmert sich nicht um die Kunstgenüsse, die Jurisprudenz nicht um die ansteckenden Krankheiten, der Ästhetiker nicht um das Erbrecht, und alle drei nicht um die Sittenlehre, es sei denn, daß sie in ihr medizinische, juristische oder ästhetische Werte vorfände. Ebenso macht es auch die Nationalökonomie. Sie berücksichtigt die moralischen Eigenschaften, die irgendwie auf ihr Gebiet Einfluß üben. Ich will nicht davon reden, daß die ganze Wirtschaftslehre gegenstandslos sein würde ohne die Voraussetzung eines Rechtsschutzes, einer moralischen Institution also, sondern nur daran erinnern, daß Redlichkeit, Treue, Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Sparsamkeit von hoher Wichtigkeit für Produzenten und Konsumenten, für Unternehmer und Arbeiter, für Kaufleute und Bankiers sind. Alle diese Eigenschaften haben einen wirklich wirtschaftlichen Wert, man könnte sagen einen Geldwert, und die Nationalökonomie zollt ihnen deshalb ihre Hochachtung. Aber damit verläßt sie durchaus nicht ihren eigenen Boden, stellt sie sich nicht auf einen moralischen Standpunkt; sie konstatiert lediglich eine ökonomische Tatsache, ohne sich ein Urteil über die sittlichen Werte an sich anzumaßen. Sie wird auch, da sie nicht die Aufgabe hat, die Moral zu verherrlichen, keinen Anstand nehmen, einen Irrtum, den sie durch eine übertriebene Schätzung moralischer Faktoren begangen hat, einzugestehen und zu berichtigen, wie z. B. die früher allgemein geglaubte Lehre, daß das Vertrauen die Grundlage des Kredits sei. Professor Knies hat, wie ich aus der erwähnten Übersicht von Moritz Block entnehme, nachgewiesen, daß im Kreditverkehr das Pfand eine überwiegende Rolle spielt. Könnte doch einmal ein zweiter Knies nachweisen, daß ein ähnlicher Irrtum durch Überschätzung der Macht des Egoismus begangen worden sei. Um gerecht zu sein, muß ich anerkennen, daß das populäre Vorurteil gegen die Nationalökonomie nicht so sehr auf Widerwillen gegen ihre Ausdeckung egoistischer Triebfedern im Wirtschaftsleben als vielmehr auf der Annahme beruht, die Nationalökonomie verherrliche den Egoismus, fordere für ihn eine unbeschränkte Freiheit und dulde keine anderen Götter neben ihm. Wenn diese Annahme richtig wäre, müßten gute Menschen allerdings jeden Umgang mit Nationalökonomen abbrechen und man dürfte in ihrer Nähe nichts unverschlossen lassen. Dem Publikum hat man weis gemacht, Adam Smith und seine Schule ermahne uns, in allen Stücken nur immer den angeborenen Begierden und namentlich der Bereicherungssucht, soweit wir irgend könnten, zu folgen; indem wir so verführen, handelten wir im Einklange mit dem obersten Prinzip der Welt und trügen wir zur Wohlfahrt des Ganzen bei, als welche ja nur die Summe einer Anzahl von Privatwohlfahrten sei. Das Publikum hat diesen Ungeheuerlichkeiten mehr oder weniger geglaubt, wie es vor achtzehnhundert Jahren geglaubt hat, das Christentum bestehe in der Veranstaltung unzüchtiger Orgien und der Abschlachtung kleiner Kinder. Die wirkliche Lehre der Nationalökonomie ist einfach diese: man soll jedem gestatten, bei seinem Erwerbe den eigenen Vorteil zu suchen, soweit dies mit dem gleichen Rechte der anderen und mit dem Gemeinwohl vereinbar ist. Und diese wichtige Einschränkung ist nicht etwa eine Konzession an die öffentliche Meinung, sondern ein notwendiger Bestandteil des Systems; denn wo das Faustrecht herrscht, wo der Raub, die Erpressung, der Betrug straflos sind, wo das Gemeinwesen dem Verderben überlassen wird, kann von »Reichtum der Nationen«, von Volkswirtschaft überhaupt nicht die Rede sein. Es würde ganz leidlich auf Erden bestellt sein, wenn der Egoismus genau nach dem nationalökonomischen Rezepte behandelt würde. Es fehlt noch gar viel daran, selbst in hochzivilisierten Ländern. Ja, sagen nun die Philanthropen und Weltverbesserer, das wäre vielleicht richtig, wenn jeder einzelne vernünftig genug wäre, seinen wirklichen Vorteil zu erkennen. Ihr Nationalökonomen behauptet, daß jeder wisse, was ihm gut ist, und danach handeln werde, und daß deshalb der Regent, der Gesetzgeber sich um den Erwerb des einzelnen, um seine ökonomische Lage gar nicht kümmern, überhaupt alles gehen lassen solle, wie es eben gehe. Das ist offenbar ein kolossaler Irrtum. Die Erfahrung zeigt, daß sehr viele Menschen Dummheiten begehen und das Gegenteil dessen tun, was ihnen dienlich wäre; sie zeigt ferner, daß da, wo Regent und Gesetzgeber sich passiv verhalten, gleichwohl Armut und Not nicht verschwinden. Erlaubt also uns, den wohlmeinenden Reformern, mit unserer Weisheit tatkräftig einzugreifen; leget das Steuer in unsere Hand! Darauf ist zu replizieren: erstlich behauptet die Nationalökonomie keineswegs, daß die Menschen, sich selbst überlassen, keine Dummheiten machen; sie meint nur, in Übereinstimmung mit der Volksweisheit, daß jeder selbst am besten weiß, wo ihn der Schuh drückt, und daß der Narr sein eigenes Haus besser kennt als der Weise das fremde. Es liegt nicht die geringste Bürgschaft dafür vor, daß die Gesetzgeber weniger Dummheiten machen werden als die Privatleute; die Geschichte läßt viel eher das Gegenteil vermuten, und im allgemeinen ist es besser, daß der Mensch unter den Folgen der eigenen Dummheit leide als unter den Folgen der Dummheit des Gesetzgebers. Das scheint gerechter und wirkt erziehend. Zweitens verlangt die Nationalökonomie nicht, daß der Staat alles gehen lasse, wie es wolle, sondern nur das meiste. Sie verlangt sogar vom Staate, die wirtschaftlichen Interessen, die von dem Privatbetriebe nicht berücksichtigt werden können, in seine mächtige Hand zu nehmen, Wege, Wasserverhältnisse, die Zukunft des Waldes, Münzwesen und dergleichen. Sie billigt es, daß er dem wirtschaftlichen Egoismus, Leichtsinn und Unverstand Grenzen setze, wo die Gesundheit und die Sicherheit des Lebens und des Eigentums in Gefahr geraten. Sie ist einverstanden, daß er Betriebsarten unterdrückt, die contra bonos mores verstoßen oder die sich als gemeinschädlich erweisen. Mit diesem letzten Einverständnis betreten wir allerdings ein Gebiet, dessen Grenzen sehr elastisch sind; der Begriff der guten Sitte ist wandelbar, und die Gemeinschädlichkeit läßt sich nur selten mit Sicherheit beweisen. Aber das Prinzip wird von der Wissenschaft keineswegs bestritten; die Anwendung ist Sache der Praxis. Richtig freilich ist, daß der Nationalökonom dem Praktiker äußerste Vorsicht und selbst Mißtrauen anempfehlen wird, denn unter der Flagge der guten Sitte und der Gemeinschädlichkeit segeln nicht nur allerlei Phantasten, sondern auch Piraten. In dieser Vorsicht und in diesem Mißtrauen sind, wie ich nicht bestreiten will, die eigentlichen Manchesterleute, das heißt die englischen Freetraders der Cobdenschen Partei, zu weit gegangen, als ihnen zum ersten Male die philanthropische Richtung unter Lord Ashleys Führung mit Ansprüchen auf Staatseinmischung in die Fabrikindustrie entgegentrat. Um das zu begreifen, muß man bedenken, daß die Welt damals ganz anders aussah und daß Cobden und Genossen eben erst einen heißen Kampf gekämpft und dadurch das Land von einer anderen Staatseinmischung verderblichster Art (von der künstlichen Verteuerung der Lebensmittel durch Schutzzölle) erlöst hatten. Die heutigen englischen Nationalökonomen sind großenteils geneigt, in der Praxis der Staatseinmischung unter Umständen eine Berechtigung zuzuerkennen, aber sie denken nicht im entferntesten daran, damit irgend ein Prinzip der alten Lehre oder gar diese selbst aufzugeben. Ich will zwei Stellen aus Werken angesehener zeitgenössischer englischer Nationalökonomen anführen, die man wohl als den Ausdruck der vorherrschenden Anschauung der wissenschaftlich Gebildeten ansehen darf. Professor Cairnes sagt in seinen Essays on Political Economy : »Eine Sache ist es, die absolute Richtigkeit des laissez faire , der Vertragsfreiheit zu leugnen; eine völlig verschiedene Sache ist es, das entgegengesetzte Prinzip der staatlichen Bevormundung, die Theorie der väterlichen Regierung aufzustellen. Ich für meinen Teil akzeptiere weder die eine noch die andere Lehre, aber für die Praxis halte ich das laissez faire für die ohne allen Vergleich sicherere Richtschnur. Nur soll man nicht vergessen, daß es eine praktische Regel und keineswegs ein wissenschaftlicher Lehrsatz ist; eine im ganzen gesunde Regel, aber, wie die meisten gesunden Regeln, zahlreichen Ausnahmen unterworfen; eine Regel vor allem, die uns niemals abhalten darf, irgend einen erfolgversprechenden Vorschlag zu sozialen oder industriellen Reformen gewissenhaft zu erwägen.« F. A. Walker, der in der Befürwortung staatlicher Regelung ziemlich weit geht und die negative Einseitigkeit der strengen Freetraders mit Wärme bekämpft, schließt eine Diatribe gegen diese letzteren (in dem Werke The Wages Question ) mit folgenden Worten: »Bei Erwägung der Folgen solcher Gesetze (nämlich gegen das Übel des Industrialismus gerichteter Gesetze) sollten wir uns stets gegenwärtig halten, wie sehr die Gesetzgebung dem Irrtum und der Korruption ausgesetzt ist; wie unfehlbar die Handhabung der Gesetze hinter ihren Zwecken zurückbleibt; wie viel besser die meisten Resultate durch sozialen Einfluß als durch gesetzlichen erreicht werden; wie bar aller positiven Tugend, aller heilenden Wirkung der Zwang ist; wie oft endlich ein gutes Gesetz ein schlechter Präzedenzfall wird.« Unter diesem Vorbehalt wird, glaube ich, kein Nationalökonom der klassischen Schule heutzutage sich weigern, in eine Diskussion über staatliche Wohlfahrtsmaßregeln einzutreten. III. Ich habe schon bemerkt, daß trotz aller sittlichen Entrüstungen und romantischen Wehklagen die meisten, und zwar die wichtigsten Lehrsätze Adam Smiths und seiner Schule auch von den Modernen, den Sozialpolitikern, sobald sie sich auf wissenschaftliche Erörterung beschränken, als richtig anerkannt werden. Mit einigen Worten will ich noch zeigen, wie wenig im Grunde die moderne Forschung, so verdient sie sich um die Durcharbeitung einzelner Gebiete der Wirtschaftslehre auch gemacht hat, an den leitenden Gedanken geändert oder ihnen hinzugefügt hat. Wenn ich dabei der bereits zitierten Schrift: »Les Progrès de L'Economie nationale depuis Adam Smith« von M. Block folge, so tue ich es, weil der Leser sich dabei am besten steht. Wie wunderbar, daß eine Theorie, deren Stoff, das Erwerbs- und Verkehrsleben, im Laufe des Jahrhunderts die ungeheuersten Umwälzungen erfahren hat, heute noch wie vor hundert Jahren im wesentlichen unanfechtbar dasteht! Wäre das wohl denkbar, wenn, wie man behauptet hat, die Begründer der Theorie »von einer Idee, anstatt von der Wirklichkeit ausgegangen wären?« Nein, wenn je eine Wissenschaft sich auf gewisse, durch Beobachtung und Erfahrung festgestellte Tatsachen aufgebaut hat, so ist es die klassische Nationalökonomie. Und daraus beruht ihre Lebenszähigkeit. Die Tatsachen der menschlichen Natur bilden ihr Fundament, und diese sind unverändert geblieben. Wovon auch die Theorie handeln mag, von der Preisbildung, von der Arbeitsteilung, von der Konkurrenz, bis herab zu Diskonto- und Wechselkursen, immer und überall leitet sie ihre Gesetze ab aus der Beschaffenheit unserer Natur. »Weil die Menschen so sind, deshalb geschieht dies.« Der Mensch will vor allem seine Bedürfnisse befriedigen, sodann will er genießen. Seine eigene Befriedigung ist ihm die Hauptsache; auch die seiner Familie ist ihm wichtig. Darüber hinaus reicht das Interesse bei den meisten nur in abgeschwächtem Grade, bei einigen gar nicht. Die Dinge, deren der Mensch bedarf, um zu leben und um zu genießen, kann er in der Regel sich nur durch Arbeit verschaffen. Doch ist es ihm auch möglich, die erarbeiteten Güter, statt sie zu verzehren, aufzusparen, in Kapital zu verwandeln. Das Kapital erspart ihm eigene Anstrengung, sei es, daß es ihm in Gestalt von Vorräten oder verbesserten Werkzeugen die eigene Arbeit erleichtert, sei es, daß es ihm dazu dient, die Früchte fremder Arbeit einzutauschen. Mit anderen Worten: alles, was der Mensch für sich und die Seinigen braucht und wünscht, ist nur für Arbeit oder für Geld (ersparte Arbeitsfrüchte) zu haben. Eine Ausnahme machen nur einige unentgeltliche Gaben der Natur, Luft, Tageslicht und Sonnenwärme. Der Mensch liebt die Arbeit nicht. Sie ist ihm ein Übel, das er nur, um einem größeren zu entgehen, auf sich nimmt. Die Sprache selbst zeugt dafür. Jakob Grimm lehrt uns, daß das althochdeutsche arapeit in den Glossaren mit molestia, adversitas, tribulatio wiedergegeben wird. Arbeit bedeutet ursprünglich Widerwärtigkeit. Es ist dasselbe Wort (so befremdlich es dem Laien klingt) wie das slawische rabota , Frondienst, und das lateinische labor , Mühsal. Auch das romanische travail ist ein Name quälender, lästiger Dinge. Das erste Bestreben des Menschen, wenn er sich stärker als andere fühlte, ist es überall gewesen, die Arbeit von sich ab auf die Schultern der Schwächeren zu wälzen. Von jeher hat die Freiheit von dem Zwange, arbeiten zu müssen, als ein Vorrecht der Edlen und als ein beneidenswertes Glück gegolten. Was früher die Edlen waren, das sind heute die Rentner; man beneidet sie, weil sie nicht zu arbeiten brauchen. Man lasse sich nicht irre machen durch Beispiele, wo Menschen in der Arbeit selbst Befriedigung finden oder wo die Arbeit ohne Aussicht auf Befriedigung egoistischer Triebe geschieht; solcher Beispiele gibt es genug, aber im wirtschaftlichen Leben der Nationen spielen sie eine so untergeordnete Rolle wie in der Ernährung des Volks die Rebhühner. Man hat noch nie davon gehört, daß die Herren sich gegen ihre Sklaven aufgelehnt oder daß Arbeiterbewegungen die Verlängerung des Tagewerks bezweckt hätten. Genau so wie der Mensch die Arbeit als Übel empfindet, betrachtet er den Besitz von Kapital als Annehmlichkeit. Denn durch Hilfe des Kapitals erspart er sich Arbeit. Er behält es deshalb lieber, als er es weggibt, es sei denn, daß er durch das Weggeben eine größere Annehmlichkeit erlangen kann. Das größte Übel ist für den Menschen hungern und frieren und jedes Genusses entbehren; das zweite ist arbeiten; das dritte seinen Besitz verkleinern, zahlen. Daraus ergibt sich das erste Gesetz der Nationalökonomie, aus dem alle anderen fließen: die wirtschaftliche Tätigkeit ist darauf gerichtet, eine möglichst große Summe von Bedarfsgegenständen und Genußmitteln mit möglichst wenig Arbeit oder je nach den Umständen mit möglichst geringem Kapitalaufwand zu erlangen. Oder in der Sprache des gewöhnlichen Lebens: höchsten Lohn für die Arbeit, beste Ware fürs Geld, leichte Arbeit möglichst hoch bezahlt, gute Ware möglichst wohlfeil. Diese Formel gilt ganz allgemein für das gesamte wirtschaftliche Gebiet. Aber in unendlicher Mannigfaltigkeit zeigen sich die Tatsachen, in denen sie sich verkörpert. Denn individuell verschieden sind die Bedürfnisse, die Begierden, die Abneigungen gegen Arbeit und Geldopfer. Es gibt keine allgemeine Wagschale, auf der man die Bedürfnisse und die Begierden gegen die Arbeits- und Zahlungsunlust abwägen könnte. Höchstens läßt sich für bestimmte Zeiten und bestimmte Örtlichkeiten erfahrungsmäßig feststellen, wie viel Arbeit oder Geld erforderlich ist, um dies oder jenes Quantum Waren, diese oder jene Dienstleistung ohne Schwierigkeit zu erlangen. Wer diese Wahrheit recht einsieht, wird begreifen, wie völlig aussichtslos der Versuch ist, den »wirklichen Wert« der Dinge zu ermitteln, also beispielsweise ein allgemeingültiges Äquivalent in Gold oder in irgend einem anderen Stoffe für eine Arbeitsstunde zu finden. Es ist nicht zu leugnen, daß auf diesem Gebiete, dem Erwerbs«, Geschäfts- und Wirtschaftsleben, der Vorteil des einzelnen, der Egoismus, die leitende Rolle spielt. Es ist aber nicht zuzugeben, daß dieser Egoismus an sich unsittlich sei. Er ist zunächst sittlich indifferent, weder böse noch gut, wie Essen, Trinken und Spazierengehen. Es ist nicht notwendig, daß er unsittliche Handlungen begehe, und wenn er es tut, wird die Wissenschaft ihn nicht verteidigen. Auch hindert dieser Egoismus des wirtschaftlichen Menschen ihn nicht, gleichzeitig die sittlichsten Taten zu vollbringen. So selten das letztere vorkommt, so häufig sehen wir doch im wirklichen Leben, daß Geschäftsleute, die sich keinen Pfennig entgehen lassen, außerhalb des Geschäfts freigebig, mildtätig und selbst aufopfernd sind. Wie dem auch sein mag, die moderne Wissenschaft hat an der leitenden Rolle des Selbstinteresses auf dem wirtschaftlichen Gebiete kein Jota zu ändern vermocht; auch sie hat die Welt nehmen müssen, wie sie ist. Selbst die Sozialisten leugnen nicht, daß Adam Smith die Welt richtig aufgefaßt habe; eben deshalb wollen sie eine neue schaffen. Der erste große Abschnitt der Wirtschaftslehre, der von der Produktion der Güter handelt, ist uns von Adam Smith so hinterlassen worden, daß auch die Gelehrten der sozialpolitischen Richtung nichts Wesentliches daran auszusetzen finden. Bei der alten klassischen Einteilung, nach der zur Produktion drei Faktoren gehören, Natur, Arbeit, Kapital, hat es auch heute noch sein Bewenden. Nur die Sozialisten behaupten, daß die Arbeit die einzige Quelle alles Reichtums sei. Für alle anderen ist es unzweifelhaft, daß ohne die Rohstoffe, die die Natur liefert, die Arbeit unmöglich und daß sie äußerst unfruchtbar sein würde ohne das Kapital, die nicht verbrauchten Früchte früherer Arbeit, Werkzeuge, Maschinen, Häuser, Lebensmittel u. s. w. Man kann sagen, Kapital repräsentiere am Ende doch auch Arbeit, aber praktisch ist der Unterschied zwischen akkumulierter früherer und lebendiger gegenwärtiger Arbeit so groß, daß es sich empfiehlt, bei der hergebrachten Einteilung zu bleiben. Im Laufe der letzten hundert Jahre ist über den Anteil der Natur an der Güterproduktion mit großem Eifer und Scharfsinn gestritten worden. Vor Adam Smith hatten die französischen Gelehrten den Boden die einzige Quelle des Reichtums genannt, im Gegensatz zu den Merkantilisten, die den Reichtum vorzugsweise in den edlen Metallen erblickten. Ein Schüler Smiths, Ricardo, schied zuerst den Anteil des Bodens von dem der Arbeit und des Kapitals. Den Überschuß an Werten, den der Boden ohne einen entsprechenden Mehraufwand an Kapital und Arbeit vermöge seiner Fruchtbarkeit hergibt, nennt er »die Bodenrente«. Mir scheint, die Theorie ist im Kerne richtig; nur hat Ricardo sie nicht sehr geschickt und allzu einseitig, nämlich nur für den Ackerbau, dargestellt. Moritz Block sagt, die Theorie sei für neue Länder vollständig wahr. Aber mich dünkt, in alten Ländern ist sie nur schwieriger nachzuweisen, weil die Verhältnisse verwickelter geworden sind. Man kann meistens nicht mehr nachweisen, wie viel von den höheren Erträgen eines Ackers alter Kultur und früheren Kapitalaufwendungen, wie viel der natürlichen Fruchtbarkeit zu verdanken ist. Wenn aber in Europa auf irgend einem alten Besitztum plötzlich eine Salzquelle aufbricht, deren Produkt eine jährliche Einnahme gewährt, so entsteht eine Bodenrente, an der weder Arbeit noch Kapital beteiligt sind. Aber von praktischer Wichtigkeit sind diese Kontroversen nicht; nach den bestehenden Rechtsinstitutionen ist die reine Naturkraft des Bodens fast immer Eigentum dessen, dem der Boden gehört, und erscheint in seiner Vermögensbilanz lediglich als ein Aktivum neben anderen. Bei der nächsten Erbteilung oder Veräußerung wird ohnehin die Quelle der Naturrente dem neuen Eigentümer als Äquivalent eines Kapitals angerechnet und verliert für ihn den Charakter eines Geschenks der Natur. Bei der Lehre von der Arbeit hat Adam Smith vielleicht des Guten zu viel getan. Die außerordentliche Wichtigkeit dieses Faktors der Produktion war vor ihm übersehen worden; er zuerst stellte ihn ins Licht, und wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, er gebrauchte etwas zu starke Akzente. »Er hat der Arbeit zu viel Komplimente gemacht,« sagt M. Block, aber die Irrlehren der Sozialisten, die aus diesen Komplimenten folgerten, daß die Arbeit allein Güter schaffe, haben das Gute gehabt, »daß sie die Wissenschaft zwangen, sich die Tatsachen genauer anzusehen, sich schärfer auszudrücken, ihre Sätze besser zu begründen«. Dies ist ein wirklicher Fortschritt der Nationalökonomie seit Adam Smith, und »man muß gestehen, daß wir ihn ihren Feinden, den Sozialisten, verdanken«. Ich weiß nicht, ob man auch das als einen Fortschritt preisen soll, daß wir uns die Schattenseiten der Arbeitsteilung besser vergegenwärtigen, als Adam Smith es getan hat. Bekanntlich hat er den wunderbaren Vorteilen weitgetriebener Arbeitsteilung eine glänzende Stelle seines Buches, die Darstellung der ihr zu verdankenden Nähnadelfabrikation zur Veranschaulichung benutzend, gewidmet, ohne sich zu fragen, ob nicht etwa mit diesem Vorzuge ein Nachteil in der geisttötenden Einförmigkeit der auf viele verteilten Tätigkeit verbunden sei. Man hat ihm diese, vor dem Eintritte der Dampfmaschinen-Ära wohl entschuldbare Einseitigkeit zum herben Vorwurf machen wollen; meines Trachtens mit arger Übertreibung des Übels. Um dies Übel zu schildern, wählt man die extremsten Fälle; man vergißt, daß auch außerhalb der Fabrikindustrie eine Menge höchst monotoner Arbeit verrichtet wird und von jeher verrichtet worden ist, und man übersieht, daß dieselbe Zeit, die uns das Übel gebracht hat, auch an vielen ihm entgegenwirkenden Einflüssen es nicht hat fehlen lassen. Will man im Ernste behaupten, daß die Arbeiter heute durchschnittlich stumpfsinniger seien als vor hundert Jahren? Mir kommt diese nörgelnde Weisheit so vor, als ob man der großen Erfindung der Dampfmaschine den Rauch ausnutzen wollte, der aus den Schornsteinen aufsteigt. Man sinne lieber auf Rauchverbrennungsmittel! Was man wirklich der alten Nationalökonomie, namentlich der englischen, vorwerfen kann, das ist eine allzu grobe, allzu materielle Auffassung der Arbeit, unter der sie fast nur die mehr oder minder geschulte Muskeltätigkeit oder die untergeordnetsten Tätigkeiten des Geistes, Aufmerksamkeit, Unterscheidung der Stoffe und dergleichen versteht. Nun ist die Bedeutung der geistigen Arbeit im Wirtschaftsleben unvergleichlich größer als die der körperlichen. Die Muskeln aller Arbeiter der Welt haben den Fortschritt der Zivilisation nicht um so viel gefördert, wie das Gehirn von beliebigen zwölf Erfindern, denen wir die Konstruktion irgend eines wichtigeren Werkzeugs oder die Beherrschung einer nützlichen Naturkraft verdanken. Ohne solche Gehirne und ohne die Intelligenz derer, die es verstanden, die Arbeit in nutzbringender Weise zu leiten, würden die meisten körperlichen Menschenkräfte, die uns zur Verfügung stehen, überhaupt nicht existieren. Eine unzivilisierte Erde könnte nicht ein Zehntel von ihnen ernähren. Diesen Faktor der geistigen Arbeit haben die Engländer zwar nicht übersehen, wie könnte man das? aber sie haben seine eminente selbständige Bedeutung verkannt und ihn nur nebenher, als ein Attribut des Kapitalisten, behandelt. Nun sind aber geistige Arbeit und Kapital zwei himmelweit verschiedene Dinge, die wohl bisweilen in einer Person vereinigt, viel öfter aber getrennt in mehreren Personen angetroffen werden. übrigens gehört derjenige, der diese so bedeutsame Wahrheit zuerst erkannt und scharf aufgezeichnet hat, der klassischen Schule der Nationalökonomie an; es ist der berühmte französische Schriftsteller J. B. Say. Er ist es, der uns die Begriffe »Unternehmer« und »Unternehmergewinn« geläufig gemacht und den Nachweis, der nach ihm von dem Amerikaner Fr. Walter geführt worden ist, vorbereitet hat, den Nachweis, daß der wirtschaftliche Kampf, von dem wir täglich hören, nicht zwischen Arbeit und Kapital gekämpft wird, sondern zwischen Arbeit und Unternehmer, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen Hirn und Muskel. Diese beiden Parteien ringen um den möglichst großen Anteil an den produzierten Werten; der Sozialismus nennt seinen Feind mit einem unrichtigen Namen. Nicht »die kapitalistische Produktion«, sondern »der Unternehmer auf eigene Gefahr und Rechnung« soll durch den sozialistischen Staat vernichtet werden. Ich kann es mir nicht versagen, die Worte herzusetzen, mit denen M. Block die Rolle des Unternehmers charakterisiert. »Der Unternehmer ist es, der die Arbeitsgelegenheiten schafft und vervielfältigt; er ist es, der die Initiative zur Produktion ergreift, der sie leitet und zum Ziele führt; er ist es, der die Versorgung der Konsumenten übernimmt; denn um ihre von ihm vorausgesehenen Bedürfnisse zu befriedigen, arbeitet er, und indem er ihnen Dienste leistet, sichert er sich einen Gewinn. Sein Werk ist es, daß die vielfältigen Bedürfnisse der im Gesellschaftsverbande lebenden Menschen pünktlich und gewissermaßen automatisch befriedigt werden. Und gleichwohl ist sein Gewinn problematisch: wenn er schlecht gerechnet hat, so bleibt nach Zahlung der Löhne, der Miete, der Zinsen, für ihn nichts; er läuft alle Gefahren des Unternehmens, und darum kommt im Falle des Gelingens der Gewinn ganz und ausschließlich ihm zu.« Der Unternehmer kann das Kapital so wenig entbehren wie der sozialistische Staat. Wenn er selbst keines oder nicht genug hat, so borgt oder mietet er es; der Sozialist nimmt es einfach weg. Adam Smith hat zuerst gelehrt, daß zum Kapital alle Produkte, die wieder der Produktion dienen, zu rechnen sind, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe u. s. w. Diese Begriffsbestimmung gilt noch heute und ist durch die Sozialdemokraten sogar volkstümlich geworden. »Die Mittel der Produktion müssen dem Kapitalisten genommen und der Gesellschaft überliefert werden,« das ist der erste Artikel des Arbeiterkatechismus. Freilich hat Karl Marx das Kapital ganz anders, nämlich ungefähr so definiert, wie der Sprachgebrauch der Börse es verwendet, als das Geld, das zu Handelsgeschäften und zu Lohnzahlungen dient. Aber die Schüler von Marx folgen stillschweigend der Theorie Adam Smiths, die ja auch im sozialistischen Staate nichts von ihrer Kraft verlieren würde, denn offenbar bleibt Kapital Kapital, gleichviel wer darüber verfügt. Aus dem Begriff des Kapitals ergibt es sich von selbst, daß – solange noch Privateigentum besteht – der Kapitalist, wenn er die Produktionsmittel nicht selbst benutzen will, sondern sie einem anderen zur Benutzung überläßt, dafür eine Vergütung nach Maßgabe der Zeitdauer sich ausbedingen kann und daß der andere in dieser Vergütung einen ihm gewährten Vorteil bezahlt. Das ist die Legitimation der Pachten, Mieten und Zinsen. Allerdings nennt man Zinsen gewöhnlich nur die Vergütung für dargeliehenes Geld, welches kein Produktionsmittel ist. Aber für Geld kann man sich Produktionsmittel anschaffen und Arbeitskräfte in Bewegung fetzen; es folgt daher mit Recht den nämlichen Gesetzen wie das produktive Kapital. Hinter allen diesen abstrakten Begriffen, Natur, Arbeit, Kapital, lebt und bewegt sich der Mensch mit seinem Bedürfen, seinem Begehren, seiner (größeren oder geringeren) Intelligenz. Um von den Schätzen der Natur und der menschlichen Geschicklichkeit sich einen Anteil zu sichern, setzt er seine eigenen Kräfte in Bewegung, seine körperlichen, seine geistigen, seine kapitalistischen, und da er allein nicht alles selbst machen kann, gibt er den anderen von dem Seinigen, damit sie ihm von dem Ihrigen geben. So entsteht der Tausch, der Vater alles Verkehrs und aller Vervollkommnung. Jeder bringt das, was er am leichtesten leisten kann, zu Markte und tauscht dafür ein, was andere besser machen können. Jeder sucht für seinen Beitrag einen möglichst hohen Beitrag der anderen einzutauschen; aus dem Kompromiß der entgegengesetzten Bemühungen um den höchsten Vorteil ergibt sich der Preis. Je mehr Personen dieselbe Leistung zu Markte bringen, je weniger Personen dieser Leistung begehren, desto niedriger wird ihr Preis. Und umgekehrt. Damit haben wir die marktbeherrschende Formel Angebot und Nachfrage und das wirklich eherne Gesetz, daß vielbegehrte, seltene Dinge teuer, häufig vorkommende wohlfeil sind. Das hat die Wissenschaft nicht erfunden, sondern nur klargestellt. Der Vorgang selbst ist so alt wie der Tausch und die Lohnarbeit. Nicht minder alt ist die natürliche Folge dieses Vorganges, daß, wenn eine gewisse Leistung oder Ware selten und deshalb teuer ist, andere sich bemühen, sie gleichfalls zu produzieren, um des höheren Entgelts teilhaft zu werden, daß sie im Falle des Erfolgs dadurch das Seltene häufig und wohlfeil, vielen zugänglich machen, und daß nun unter ihnen ein Wetteifer entsteht, eine gesteigerte Anstrengung, die Sache immer besser und billiger darzubieten. Das ist die Konkurrenz , die man, wie den Tausch Vater, Mutter aller wirtschaftlichen Fortschritte nennen mag. Das sind die Grundgesetze, richtiger gesagt die Grundtatsachen, von denen die ganze unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der wirtschaftlichen Tätigkeiten und Vorgänge beherrscht wird, Produktion, Güteraustausch, Preisbildung und Verteilung des produzierten Reichtums. Viel Eifer und Scharfsinn ist, namentlich in der lebenden Generation, aufgeboten worden, um andere, den menschlichen Idealen besser entgegenkommende Grundgesetze zu entdecken, aber es ist nicht gelungen. Die Tatsachen sind unerbittlich. Man hat unendliche Variationen und Amplifikationen zu dem strengen klassischen Thema komponiert; das Thema selbst bleibt in allen neueren Versuchen dasselbe. Sogar die Zukunftsmusiker, die das Thema verdammen, müssen anerkennen, daß es der Wirklichkeit abgelauscht ist. Die Wirklichkeit ist nicht schön, weder auf dem wirtschaftlichen, noch auf anderen Gebieten unseres Daseins, und sich verstehe es vollkommen, daß sich im Herzen Empörung und Erbitterung gegen diejenigen, regt, die mit wissenschaftlicher Kaltblütigkeit von schmerzlichsten Zuständen reden, wie der Mediziner von den Krankheiten. Sehr leicht gerät der Kaltblütige in den Verdacht, daß er gefühllos sei. Oder wenn er empfiehlt, die Heilung von dem natürlichen Verlaufe der Dinge zu erwarten, setzt er sich dem Vorwurfe aus, daß er den Naturverlauf wunderschön und herrlich finde. Wie gesagt, ich verstehe diese Stimmung, aber ich muß sie doch ungerecht finden. Kaltblütigkeit ist, wo es auf Ermittlung der wahren Ursachen eines unbefriedigenden Zustandes ankommt, eine wertvolle Eigenschaft, und sie schließt die wärmste Teilnahme für die Leidenden nicht aus. Sodann liegt der Optimismus, dem die Wirklichkeit wunderschön erscheint, ganz gewiß denjenigen, die sich mit dem Studium der wirtschaftlichen Zustände beschäftigen, fern genug. Eins will ich zugeben, daß der Begründer der Nationalökonomie und die ersten Generationen seiner Jünger, weit entfernt, die Wahrheit trostlos zu finden, sich die Entwicklung der menschlichen Wirtschaft unter der Herrschaft der natürlichen Gesetze, wenn man diese nur frei walten lasse, allzu günstig, namentlich zu rasch vorgestellt haben. Sie, und namentlich der Meister, gingen von dem frommen Glauben aus, daß die von einer weisen und gütigen Vorsehung gegebenen Naturgesetze und uns eingepflanzten Triebe, wenn man ihnen unter Leitung der Gerechtigkeit folge, notwendig zu einer schönen Harmonie aller Interessen und einer heilsamen Ordnung der Dinge führen müßten. Gott, so lehrte Adam Smith, hat dem Menschen den Egoismus und die Sympathie und die Vernunft gegeben, um durch sie sich ein würdiges Leben zu gestalten, und wenn er auch nicht geglaubt hat, daß Natur und Vernunft alles Leiden aus der Welt schaffen würden, so hat er doch ihnen eine größere und raschere Heilkraft zugetraut, als sie zu besitzen scheinen. Würde aber der Meister, wenn er aus seinem hundertjährigen Grabe auferweckt würde, heute alle seine Hoffnungen für eitel, allen Fortschritt für aussichtslos, die gefundene Wahrheit trostlos nennen? Mich dünkt, er könnte denen, die ihm seinen Optimismus vorrückten, zwei triftige Antworten geben. Er könnte erstlich einwenden, daß die volle Probe auf seine Lehre noch nicht gemacht worden ist; wohl hat man in den meisten Staaten seit einigen Jahrzehnten die inneren Schranken, die den Unternehmer und den Arbeiter hemmten, ganz oder zu großem Teile niedergerissen; aber immer noch stehen die Schranken, ja sie werden fortwährend erhöht, die es den Ländern der Erde unmöglich machen, den Mangel des einen durch den Überfluß des andern auszugleichen. Und zweitens könnte er sagen: selbst die halbe Probe spricht zu Gunsten meiner Lehre: denn, obwohl die von mir empfohlene Befreiung der Arbeit und des Verkehrs im Innern der einzelnen Staaten noch ziemlich jungen Datums ist, sind doch die wirtschaftlichen Zustände jetzt, im Jahre 1890, unvergleichlich besser als im Jahre 1790. Ich wüßte nicht, was dagegen sich Stichhaltiges einwenden ließe. Und noch weniger sehe ich ein, weshalb man für die Zukunft an einem Fortschritt verzweifeln sollte, der in der Vergangenheit, den größten Hindernissen zum Trotz, sich als möglich bewährt hat. Die materiellen Kräfte, die uns zu Gebote stehen, sind unendlich reicher als die, mit denen unsere Vorfahren arbeiteten, und daß die geistigen Kräfte sich in der Schule der Freiheit allmählich vervollkommnen werden, ist eine Theorie, die sich doch auch auf einige Erfahrung berufen kann. Der Trost, der in dieser Betrachtung liegt, ist nicht überschwenglich, namentlich nicht für die Ungeduldigen, die nach dem Genüsse trachten, als triumphierende Wohltäter gefeiert zu werden; aber auf der andern Seite ist es Übertreibung, von Trostlosigkeit zu sprechen. Es ist nicht bloß Übertreibung, es ist auch leichtsinnig. Der Weg, den die Wissenschaft ermittelt hat, ist der einzige, der zum Ziele führen kann ; bis zu diesem Tage hat noch niemand einen anderen gefunden. Ist es da nicht ein wenig bedenklich, zu behaupten, wenn man es nicht ganz sicher weiß, daß auch dieser einzige gangbare Weg nichts taugt? Raubt man nicht damit der Menschheit die Hoffnung, die Triebfeder aller Anstrengungen für die Zukunft? Ist nicht diese Verkündigung der Trostlosigkeit recht eigentlich eine Aufforderung zum laissez aller, alles gehen zu lassen, wie es geht? Der Kampf gegen die Fremdwörter (1886) I. »Gebrauche nie ein Fremdwort, wenn du es durch ein gutes deutsches Wort ersetzen kannst.« So lautet heute das Gebot der gemäßigten Sprachreiniger, nachdem bei näherer Überlegung sich doch herausgestellt hat, daß der Kampfruf der Fanatiker: »Weg mit allen Fremdwörtern!« Unmögliches begehrt. Die Regel, wie sie heute aufgestellt wird, wäre sehr zu loben, wenn es feststände und für jedermann deutlich wäre, welche Fremdwörter denn durch deutsche ganz und gar vertreten werden können. Im Grunde bedeutet die Regel nicht viel mehr als: »Schreibe wie ein guter Schriftsteller schreiben würde«, oder »wende immer den besten Ausdruck an, der sich für deinen Gedanken darbietet«. Wenn ein guter Schriftsteller ein Fremdwort vorzieht, so hat er gewiß einen guten Grund dafür; er findet, daß es seinen Gedanken am klarsten ausdrückt oder daß es dem Ausdruck gerade die gewollte besondere Färbung verleiht oder daß es Ideenreihen mitvibrieren läßt, von denen er wünscht, daß sie gerade jetzt mitvibrieren sollen. Er wählt zwischen fremden und einheimischen Worten genau nach demselben Prinzip, nach welchem er auch zwischen mehreren deutschen Worten wählt: »Beherrschet alles und verwendet das Beste.« Das Prinzip zu lernen ist leicht; die Schwierigkeiten und Zweifel beginnen bei der Anwendung. Da tritt der Schulmeister zurück, und die Leitung geht über an das eigene Urteil, den eigenen Geschmack. Aber das Prinzip sind so ziemlich alle einig, der Streit fängt erst an, wo es sich um den besonderen Fall handelt. Und gerade da läßt jene allgemeine Regel uns im Stiche. Über das Prinzip sind wir einig; ohne besondere Nötigung sollen wir nicht borgen. Gleichwohl besteht eine Art von Parteiung in der literarischen Welt (zu der ich hier auch die Leser rechne), eine Parteiung, welche immer noch auch die gemäßigten Puristen von der Mehrzahl der Praktiker, das heißt der Schriftsteller, und der naiven Leser trennt. Auf der einen Seite ist, bei aller Mäßigung, Feindseligkeit und Abneigung gegen die eingewanderten Fremdlinge das vorwiegende Gefühl; auf der andern Seite herrscht die Duldsamkeit vor. Ich für meinen Teil neige mich mehr auf die letztere Seite, wennschon ich zugebe, daß die Duldsamkeit häufig zu weit geht und daß sie in Schranken zu halten nützlich ist. Was ich an den Puristen auszusetzen habe, ist zweierlei: erstlich, daß sie das Vermögen der deutschen Sprache überschätzen und im Grunde ihres Herzens meinen, wir könnten, wenn wir nur ernstlich dahin strebten, sehr wohl ohne alles Borgen auskommen; zweitens daß sie lehren, das Vorgen, wenn auch zur Zeit durch die Not entschuldigt, sei doch an sich verwerflich, eine Versündigung an der nationalen Ehre, eine Untugend, deren kein stolzes und selbstbewußtes Volk sich schuldig mache, deren wir Deutschen uns mithin gründlich zu schämen hätten. Beides scheint mir ein Irrtum und eine Übertreibung, und ich möchte die Gründe vortragen, auf die meine Ansicht sich stützt. Wer das Borgen verteidigt, nimmt deshalb keineswegs das leichtsinnige Schuldenmachen in Schutz. Die verwerflichen Anleihen, welche in wüster Jugendroheit die Trägheit und die Renommisterei aufgenommen haben, sind nicht auf gleiche Linie zu stellen mit der Benutzung fremden Kapitals, die dem gereiften Manne die volle Entfaltung seiner Kräfte erleichtert. Die geschmacklose Sprachmengerei, die im siebzehnten Jahrhundert in unserer Literatur vorherrschte, gebe ich ohne weiteres der Verdammnis preis, wie alle anderen häßlichen Erscheinungen der damaligen Verwilderung und Zerrüttung. Ich rede von der Gegenwart, von den Zuständen, wie sie seit dem Auftreten unserer Klassiker sich herausgebildet haben. – Wie steht es um die Sprache Deutschlands in unserem Jahrhundert? Der erste Blick lehrt, daß diese Sprache von zahlreichen aus der Fremde eingeführten Worten durchsetzt ist. Ein Irrtum aber ist es, zu glauben, daß dies eine Eigentümlichkeit Deutschlands sei. Vielleicht sind wir minder sparsam und minder geschmackvoll in der Verwendung erborgten Gerätes; in der Hauptsache, in der Aneignung ausländischer Hilfsmittel, folgt unsere Sprache nur dem Beispiel, das die anderen modernen Nationen gegeben haben. Freilich, wer sich einbildet, jedes Wort, das im französischen Dictionnaire stehe, sei ein französisches Wort, der wird nicht begreifen, wie man den Franzosen umfänglichen Gebrauch von Fremdwörtern zuschreiben könne. Allein im französischen Dictionnaire stehen zu Hunderten, vielmehr zu Tausenden nichtfranzösische Wörter, namentlich griechische und lateinische, lediglich deshalb, weil sie in Frankreich gebraucht werden, Begriffe zu bezeichnen, für die es in der Landessprache an Ausdrücken fehlt. Auf einem einzigen Blatte der »des deux mondes« fand ich folgende nichtfranzösische Wörter: le diocèse, dogmatique, hypocrisie, problème, économie, physiolgique, philosophique, la métaphysique, apoligie, éphémère, la postulat, sidéral, phraséologie, stoïcien, caractères, idées, scientifique, critique, puérl, virilité . Daß die griechischen unter diesen Vokabeln in Frankreich ebensowohl wie in Deutschland Fremdlinge seien, wird man nicht bestreiten, und man wird zugeben, daß solche Vokabeln massenweise in guten französischen Schriftstellern vorkommen. Dagegen wird vielleicht mancher die lateinischen Wörter, wie sidéral, scientifique, postulat, puérl, virilité , als echt französische ansprechen, weil ja das Französische aus dem Lateinischen herstamme. Allein mit diesen lateinischen Wörtern verhält es sich doch etwas anders. Sie stammen nicht, wie die eigentlichen französischen Wörter (wie père, mère, sœur und fils , wie nître, vivere, aimer und mourir ), sondern sie sind entlehnt aus der lateinischen Sprache, zu einer Zeit, als die letztere bereits abgestorben, die französische bereits fertig war. Nicht auf dem Wege volkstümlicher Entwicklung sind sie aus dem Provinzialdialekt der römischen Gallier oder gallischen Römer in die Landessprache übergegangen, sondern aus den lateinischen Büchern haben gelehrte Männer sie ausgelesen und in den Schulen ihren Landsleuten in Frankreich gedeutet und beigebracht. Auch irrt man, wenn man meint, der Franzose fühle den ausländischen Ursprung solcher Wörter nicht; die Stammesverwandtschaft habe ihre völlige Verschmelzung mit dem einheimischen Sprachschatze erleichtert. Die dem Latein unmittelbar entlehnten Wörter tragen deutlich das Gepräge ihrer Herkunft, während dies Gepräge sich bei den »gewachsenen« Wörtern verwischt hat. Die unbewußte Sprachbildung machte aus magister maître , aus cavallus cheval , aus canis chien ; die klassische Form ist ganz aufgelöst und umgestaltet. Die Lehnwörter bewahren die klassische Form; nur die Endung ist französisch zugestutzt. Auch stehen sie meistens in gar keiner Beziehung zu dem echtfranzösischen Sprachschatze da, wie Eingewanderte, ohne Vettern und Verwandte im Lande. Virilité z. B. ist an sich dem Franzosen ebenso unverständlich wie dem Deutschen; seine Muttersprache lehrt ihn nicht, daß vir Mann, virilis männlich heißt. Ebenso sidéral und puéril . Keine sidera stehen am Himmel Frankreichs, und kein französischer Junge heißt puer . Ein Gelehrter hieß von je dem französischen Volke un savant , ein »Wissender«, ganz in naivem Volkston. Aber den abstrakten Begriff der Gelehrsamkeit hat die Volkssprache nicht ausgeprägt; als man für ihn ein Wort brauchte, holte man es aus den lateinischen Büchern, érudition . Wörter dieser Art sind dem nichtlesenden Volke noch heute fremd, es vermag sich nichts dabei zu denken. In der Schriftsprache sind sie zwar völlig eingebürgert, aber ihre allzuhäufige Wiederkehr verletzt gleichwohl den feineren Geschmack, ähnlich wie bei uns die Menge der Fremdwörter. Und ebenso wie wir durch unrichtigen Gebrauch von Fremdwörtern komische Wirkungen erzielen, bedienen sich zu gleichem Zwecke französische Witzblätter und Possendichter jener gelehrten Wörter lateinischen Ursprungs, der beste Beweis, daß das Gefühl für den Unterschied zwischen dem Einheimischen und dem Erborgten noch lebendig ist und noch augenblicklich , ohne Überlegung, operiert. Als vor einiger Zeit viel von der Auflösung der Deputiertenkammer die Rede war, fragte im Charivari ein alter Bauer einen jungen, was denn eigentlich die dissolution sei, und der junge antwortete: »Der Herr Pfarrer sagt, das sei, wenn wir abends hinter die Hecken gingen.« Mit der Reinheit der englischen Sprache ist es nicht anders. Dem Wortschatze, den die germanischen und die normannisch-französischen Eroberer zusammengetragen und mit unverkennbarem Stempel bezeichnet haben, fügten die Gelehrten der späteren Jahrhunderte Tausende von Fremdwörtern hinzu, lateinische, griechische, französische, Fremdwörter, die nicht den sächsisch-normannischen Stempel tragen, die vielmehr von der Volkssprache deutlich sich abheben, wie von einer gotischen Kirchenmauer die hineingearbeiteten antiken Fragmente. Wer zu gebildeten Lesern oder Hörern spricht, gebraucht solche Fremdwörter ohne Bedenken, aber der durchschnittliche Engländer hat vor ihnen den Respekt, den das Unbegreifliche dem Menschen einflößt. Sie imponieren ihm, aber er gebraucht sie nicht, oder, wenn er es tut, falsch. Die Politik hat ihm einen ungefähren Begriff von monarchy, aristocracy, democrasy u. s. w. beigebracht, redet man ihm aber von coagulability, concatenation, decrepitude, evolation, myopy, obesity, prevarication wird er kaum merken, daß man englisch mit ihm spricht. Wenn er's merkt, wird er denken » hang these foreign terms! « Und auch den literarisch gebildeten Engländer muten solche Wörter als Fremdlinge an. Aber er verpönt sie deshalb nicht blindlings, sondern nur da, wo sie sich anmaßlich an die Stelle eines echt englischen Worts, a good Saxon word , drängen. Man tadelt an Gibbon, an Dr. Johnson u. a. die Vorliebe für vielsilbige Wörter romanischen Ursprungs; man rühmt »das reine Englisch«, das heißt die sparsame Verwendung solcher lateinischen Einwanderer, an Milton und an der Bibelübersetzung; aber man ist nie auf den Gedanken gekommen, daß man, um gutes Englisch zu schreiben, sich aller seit Chaucer eingeführten gelehrten oder eleganten Ausdrücke zu enthalten habe. Am allerwenigsten hat man jemals aus einer Frage des Geschmacks eine Frage nationaler Gesinnung gemacht. Wie wäre es auch möglich gewesen, den stockenglischen Doktor Samuel Johnson der Ausländern zu bezichtigen? In der komischen Literatur Englands, von Shakespeare bis zum »Punch«, spielt die mißbräuchliche und die mißverständliche Verwendung der Fremdwörter eine große Rolle, aber immer tritt dabei nur die lächerliche Seite der Sache zu Tage; nie vernimmt man den Ton patriotischer Entrüstung. Die patriotische Entrüstung ist eine Eigentümlichkeit Deutschlands, die Sache selbst nicht. Ein gleiches geistiges Bedürfnis hat allen Völkern das gleiche Mittel des Borgens an die Hand gegeben, in verschiedenem Maße, das gebe ich willig zu. Wie kommt denn ein Volk überhaupt dazu, die Dinge mit Wörtern einer anderen Zunge zu benennen? Seine eigenen sind ihm doch bequemer und verständlicher. Wenn sie ihm das Mittel bieten, ohne Beschwer seine Gedanken mitzuteilen, so fehlt jeder Anlaß, sie mit fremden, schwierigen Lauten zu vertauschen. Der regelmäßige Hergang besteht aber keineswegs in solchen Vertauschungen; das fremde Wort rückt nicht an die Stelle eines einheimischen, sondern es setzt sich fest an einem Platze, der bis dahin leer war. Die fremden Wörter wandern ein mit den fremden Dingen. Alle europäischen Völker mit Ausnahme der Hellenen haben einen erheblichen, vielleicht den erheblichsten Bestandteil ihrer Kultur von außen her empfangen und während der christlichen Ära das Empfangene gemeinschaftlich, unter Vermittlung einer allgemeinen Schulsprache, später auch des Französischen, weiter gebildet. Zuerst lernten sie eine Menge neuer Gegenstände und Begriffe von den Römern, hernach eins vom anderen kennen. Für alle diese neuen Dinge neue Namen zu erfinden, war der Sprachtrieb nicht im stände, oder, wenn er es war, so fühlte er sich zu eigener Zeugung nicht angeregt, weil es einfacher und leichter schien, das Ding so zu nennen, wie der ausländische Lehrer es nannte. Von einem sprachlichen Selbstgefühl wußte die barbarische Unbefangenheit nichts. Sie nahm das fremde Wort, machte es sich mundgerecht durch Ausstoßung unbequemer Laute, durch Abwerfung der Flexionssilben und behandelte es hinfort ganz und gar wie ein eingeborenes. Auf diesem Wege haben unsere Vorfahren eine große Anzahl lateinischer und griechischer Wörter der deutschen Sprache so einverleibt, daß man den fremden Ursprung kaum mehr erkennt, wie z. B. die Namen aller Obstarten mit Ausnahme des Apfels, die Bezeichnungen der kirchlichen Ämter vom Papst bis zum Küster und viele andere. Die ersten Versuche einer wirklichen Verdeutschung machte man mit den neugelernten abstrakten Begriffen, und auch dabei ging man nicht von Abneigung gegen das Fremde aus, sondern vom praktischen Bedürfnisse. Es kam daraus an, den Barbaren die kirchlichen Lehren deutlich zu machen, und dies konnte offenbar nur geschehen, wenn man die darin enthaltenen Begriffe in die Sprache der Barbaren übertrug. Seltsam genug mögen anfänglich den Goten und Franken diese Neubildungen, gewöhnlich peinlich genaue Übersetzungen des lateinischen Ausdrucks, geklungen haben, aber unter dem mächtigen Einflusse der Kirche lernten sie dieselben gebrauchen und verstehen. Wir im neunzehnten Jahrhundert benutzen manches Wort, das ein Ulfilas oder ein Columban einst mühsam geprägt haben, um ihren wilden Zeitgenossen einen Gedanken der Apostel zugänglich zu machen. Für unsere Sprache ist dieser Verlauf der Sache vorteilhaft gewesen. Eine derartige Bereicherung des Wortvorrats aus einheimischem Material war nur möglich unter der dreifachen Voraussetzung, daß die fremden Wörter wegen der niedrigen Bildungsstufe des Volkes unbrauchbar, die Verdeutscher sehr einflußreich und ihre Jünger sehr willig waren, die Neuerungen anzunehmen. Man denke sich – per – das Christentum wäre tausend Jahre später, etwa zur Zeit Friedrichs des Großen, unter den Kulturverhältnissen des achtzehnten Jahrhunderts zu uns gekommen: es ist nicht mehr als wahrscheinlich, daß wir uns nicht erst die Umstände gemacht hätten, die religiösen Kunstausdrücke (wenn wir so sagen dürfen) zu verdeutschen, sondern mit den einmal überlieferten lateinischen uns würden begnügt haben, wie wir es mit den politischen Kunstausdrücken getan haben, darauf vertrauend, daß, wer sich für die Sache interessiere, auch die Terminologie bemeistern werde? Wir würden von Konversion, Justifikation, Regeneration, Mediator, Karitas, Karnalität und Resurrektion reden, wie wir konservativ, liberal, Reaktion und Absolutismus sagen. Warum haben die politischen Apostel die Arbeit des Übersetzens verschmäht, der die kirchlichen Apostel so viel Sorgfalt zuwandten? Dies führt uns geradeswegs zur Sache. Wenn ein Volk auf schon vorgeschrittener Bildungsstufe, ausgerüstet bereits mit literarischen Mitteln und Gewöhnungen, in Schulen eingeübt auf Aneignung neuen Stoffes, plötzlich mit einer noch höheren Bildung zusammentrifft, einen weiteren Gesichtskreis gewinnt, neue Anschauungen und Begriffe auf sich eindringen sieht, so wird ein solches Volk zunächst bemerken, daß seine eigene, von all dem Neuen nichts ahnende Sprache ihm die Mittel versagt, die fremden Begriffe zu bezeichnen und mit ihnen zu operieren. Nun wäre es ja denkbar, das Volk machte es wie die Apostel des frühen Mittelalters und fertigte zuvörderst deutsche Ausdrücke für den fremden Inhalt an. Aber mittlerweile, bis das Glossarium fertig wäre, könnte doch der Inhalt nicht unberührt liegen bleiben. Er vor allem fesselt ja die Gemüter; an ihm liegt ja weit mehr als an der Namengebung. Man wird sich also augenblicklich mit dem Inhalt beschäftigen, ihn studieren, überdenken, weiter mitteilen, erläutern, vielleicht vertiefen, alles das vorläufig und notgedrungen mit Hilfe der fremden Wörter, für welche ein Ersatz noch nicht gefunden ist. Angenommen nun selbst, der Ersatz würde nach einigen Jahren gefunden, und es würde (was sehr wahrscheinlich ist) allgemeines Einverständnis darüber erzielt, so würde doch inzwischen die fremde Terminologie durch den Gebrauch sich so eingelebt haben, daß alle Welt sich gegen ihre Abschaffung sträuben würde. Wort und Gedanken wären bereits zusammengewachsen; sie wieder trennen wollen, hieße einen Umdenkungsprozeß fordern. Und wer stände dafür ein, daß Leser und Hörer bei dem neugemünzten Worte genau und ebensoschnell das nämliche denken werden wie bei dem gewohnten fremden, welches gerade als fremdes, durch den bloßen Klang, ankündigt, daß es in einem scharf begrenzten Sinne verstanden sein will? Wahrscheinlich hat in diesem Falle das einmal rezipierte Fremdwort vor dem deutschen Ersatzworte gewisse »nützliche Eigenschaften« voraus, die ihm im Kampfe ums Dasein den Sieg verschaffen. Geschichtlich ist die Einbürgerung der Fremdwörter so vor sich gegangen, daß von einem Kampfe um das Dasein gar nicht zu reden ist. Sie haben sich festgesetzt, ohne auf Widerstand zu stoßen; erst nachdem sie lange Zeit in unserer Mitte gewohnt hatten, ist jener Versuch, den ich oben als Hypothese verwertet habe, wirklich gemacht und von Zeit zu Zeit wiederholt worden. In patriotischen Vereinen und in sinnreicher Abhandlung ist auf die Reinigung der Sprache eifrig und nachdrücklich hingewirkt worden, aber es hat wenig gefruchtet. Und das ist begreiflich genug. Die Ärzte irrten sowohl in der Diagnose als in der Wahl der Heilmittel. Sie hielten, irregeleitet durch ihren Eifer für deutsche Ehre, eine durch geschichtliche Entwicklung herbeigeführte Erscheinung an sich für krankhaft, während in der Tat nur ein krankhaftes Übermaß in Betracht kam. Und sie glaubten durch lehrhafte Abhandlungen und tote Verzeichnisse bekehren zu können, wo nur das lebendige Beispiel auf den lebendigen Trieb wirken kann. II. Wie es zugeht, daß unter gewissen Umständen das fertig geprägte Fremdwort in Umlauf kommt und darin sich behauptet, habe ich zu erklären versucht. Es verhält sich damit wie mit ausländischen Groschen, wenn die Landesmünzanstalt zu langsam oder für den Verkehr unzweckmäßig arbeitet. Die ausländischen Groschen gehen von Hand zu Hand und sind hernach schwer zu verdrängen. Am schwersten, wenn die Landesmünzstätte nicht nur langsam, sondern auch schlecht arbeitet, plumpe Stücke mit grobem Gepräge. Da zieht man die sauberen fremden Geldstücke, die alle Welt schon gewohnt ist, vor. Die deutschen Wortprägeanstalten haben meistens ungefällige Arbeit geliefert und deshalb wenig Erfolg gehabt. Fragt man nach den Ursachen dieses Mißlingens stets erneuter Bemühungen, so ergibt sich, glaube ich, die Antwort, daß um die Zeit, wo die Sprachreiniger zuerst auftraten, die Triebkraft der Sprache selbst bereits zu schwach geworden war, um zu leisten, was man von ihr erwartete. Der sprachbildende Trieb, welcher wie die Natur unbewußt seine wundervollen Werke schafft, schwächt sich ab, wenn die geistige Kultur steigt, wie alle Instinkte schwächer werden, je stärker das überlegungsfähige Bewußtsein sich entwickelt, und absterben, sobald sie ihre Aufgabe erfüllt haben. Daher erklärt sich die sonst unbegreifliche Tatsache, daß die Sprachen regelmäßig die höchste Stufe ihrer Entwicklung hinter sich haben, wenn die Völker, die sich ihrer bedienen, sie künstlerisch oder wissenschaftlich zu verwerten anfangen, und daß bei reicherer Begriffsentfaltung und geistiger Verfeinerung eine allmähliche Vergröberung ihres Organismus sich einstellt. Seine großen Schöpfungen hat der Genius der Sprache sämtlich im Dunkel der Urzeit vollbracht: die Entstehung der Wurzelwörter, die Ableitung der Sprachstämme, Äste und Zweige, Fasern und Fäserchen aus jenen, die Bildung der Redeteile, die Flexion der Verba, Substantiva und Adjektiva, die Gesetze der Syntax, alles das, ein von tiefer Logik geordneter, von hoher Zweckmäßigkeit geleiteter Bau, steht fertig da, ehe die Geschichte beginnt. Die vollkommenste Sprache, grammatisch betrachtet, ist auch die älteste, das Sanskrit, und innerhalb der einzelnen Sprachen ist wiederum die ältere Form die vorzüglichere. Die attische Mundart, in welcher Sophokles schrieb und Demosthenes redete, zeigt dem Forscher fossile Reste untergegangener feinerer Sprachformen. Aus den Bruchstücken der gotischen Bibel erkennen wir, daß die germanischen Barbaren der Völkerwanderung sich im Besitze einer Sprache befanden, mit der verglichen die Sprache Goethes und Schillers, was Reinheit, Feinheit und Fülle der Laute und Formen betrifft, arm und kümmerlich erscheint. Schritt für Schritt beinahe vermögen wir es zu verfolgen, wie neben der Geschichte dieser Barbaren, aufwärts zu immer höherer Kultur, zu Bürgertum und Rittertum, zu Reformation und Gelehrsamkeit, zu erhabener Dichtung und tiefsinniger Weltbetrachtung, eine Geschichte der Sprache, abwärts zu immer flacherer Dürftigkeit und Verschwommenheit der Formen, einhergeht, wie das Ohr und die Junge stumpf und immer stumpfer werden, das Sprachgefühl schwächer, der Schönheitssinn unzuverlässiger. In den Jahrhunderten, wo die deutschen Stämme zuerst mit der antiken Welt und dem Christentum in Berührung kamen, war in ihnen der Sprachinstinkt, der ja seine höchste Aufgabe bereits erfüllt hatte, nicht mehr mächtig genug, für alle die fremdartigen Dinge, die sich dem erstaunten Blicke zeigten, neue Namen zu schaffen. Wohl aber besaß er noch die Fähigkeit energischer Assimilierung. Er entlehnte das römische und das griechische Wort, aber er schmolz es um und machte es deutsch von Klang und Gepräge. Fenster, Kammer, Keller, Estrich, Pflaster, Kloster, Münster, Kirche, Pfalz, Pflaume, Birne, Kirsche, Kohl, Pappel, Abt, Mönch, Priester, Propst, Bischof, Kelch, Kreuz, Messe, Predigt, – in den Wörtern dieser Art sieht man noch das fremde Metall schimmern, aber ein deutscher Stempel hat sie mit scharfem Schlage in unser Eigentum umgewandelt. Man fühlt, daß sie nicht in der Stube des Gelehrten zurechtgefeilt wurden, sondern daß sie aus der Werkstatt einer noch lebendigen, sicher stilisierenden Naturkraft hervorgingen. Wie würden jene Wörter wohl aussehen, wenn es unserem Geschlechts zugefallen wäre, sie bei uns einzuführen? Wir würden vermutlich von Monasterien, Palatien und Claustren, vom Herrn Präpositus und Episkopus, von Calicen und Prädikationen sprechen. Der Trieb zu assimilieren ist ein Teil des Sprachinstinkts; wie dieser stirbt er ab auf den höheren Stufen bewußten Geisteslebens, wenn auch später. Wir können sein Walten noch in das spätere Mittelalter, immer seltener werdend, verfolgen; ganz vereinzelt zuckt er vielleicht auch in unseren Tagen noch auf, aber seine wahre Kraft ist erloschen seit vierhundert Jahren. Die alten Deutschen vermochten das römische scribere in ein deutsches »schreiben« (noch dazu mit starker Konjugation) umzugießen, wir können nicht einmal das englische zo strike , Bein von unserem Bein, bewältigen, da es doch nur in »streichen« umgesetzt zu werden brauchte, um ganz unser zu sein. Bezeichnend aber ist es, daß wir nicht im Stande waren, ein eigenes Wort für einen so wichtig gewordenen Begriff zu schaffen. Der Sprachinstinkt striket eben auch. Seit vierhundert Jahren, meine ich, ist der Umbildungs- und Aneignungstrieb der Sprache erloschen. Dem gegenüber vergegenwärtige man sich die ungeheure Fülle neuer Anschauungen und Begriffe, die gerade während dieser vier Jahrhunderte auf die Nation sich ergossen hat. Nicht nur natürlich, sondern unvermeidlich war es, daß die Deutschen mit ganzer Kraft sich dem Inhalte der neuen Kulturschätze zuwandten und, anstatt sich in impotenten Versuchen unmöglich gewordener sprachlicher Zeugungen zu erschöpfen, mit den übernommenen ausländischen Namen sich behalfen, dieselben notdürftig für den täglichen Gebrauch zustutzten und, unbekümmert um die seltsam bunten Klänge, nur darauf bedacht waren, den jungen Reichtum geistig sich anzueignen und aus ihm das Rüstzeug zu höherer nationaler Arbeit sich zu bereiten. Welche Mannigfaltigkeit zuvor ungeahnter Zufuhren aus den Gebieten alter und gleichzeitiger europäischer Zivilisation! In diesen vier Jahrhunderten erwächst der moderne Staat mit seinen Dikasterien und Kanzleien, das stehende Heer und die moderne Kriegskunst, die Wissenschaft auf dem Grunde des klassischen Altertums und der methodischen Naturbeobachtung, die Geld- und Kreditwirtschaft an der Hand des Welthandels und der großen Industrie, die Literatur, Kunst und Musik Italiens, die Philosophie und Schriftstellerei Englands und Frankreichs, das Studium und die Pflege des römischen Rechts; die Sitten, der Reiseverkehr, der Umgangston, die Gegenstände des täglichen Lebens, zuletzt die politischen Anschauungen und Bestrebungen erfahren eine tiefgreifende Umwälzung. An allen diesen Erregungen und Bewegungen nimmt Deutschland Anteil, an den meisten zunächst mehr empfangend und lernend als gebend und leitend, fast auf jedem Gebiete zunächst eine höhere Kultur jenseits der Grenze erblickend, bald in Rom und Hellas, bald in Venedig und Florenz, in Paris, in den Niederlanden, in England, spät erst durch Fleiß, Gründlichkeit, Lust an allem Guten, auch dem fremdländischen, den Nachteil ausgleichend, in den Ungunst des Klimas, der Lage und des politischen Schicksals es, anderen Völkern gegenüber, versetzt hatten. Dieser Bildungsgang unseres Volks macht es begreiflich, daß in seine literarische, seine gesellschaftliche und seine geschäftliche Sprache die fertigen, scharf bestimmten Ausdrücke der klassischen Schriftsteller, der seiner gebildeten romanischen Nachbarn, der großen auswärtigen Börsenplätze, der glänzenden Gesellschaft des Südens und Westens eindrangen; er überzeugt uns aber zugleich, daß mit den fremden Klängen auch wirklicher Reichtum, ein Reichtum an Gedanken und Begriffen ins Land kam, der ohne sie – wer weiß wie lange – draußen geblieben wäre. Es ist müßig, zu untersuchen, ob unter anderen Umständen unsere Sprache ohne Einbuße von Gedankeninhalt sich von den Eindringlingen hätte freihalten können und ob sie dann nicht schöner und würdiger einherschreiten würde. Die anderen Umstände sind eben nicht eingetreten; die Eindringlinge haben sich fest angesiedelt, haben das Aufkommen heimischer Benennungen verhindert und sind dadurch im Laufe der Zeit unentbehrlich geworden. Hier bin ich nun auf einem Punkte angelangt, wo ich den Puristen einige Schritte entgegengehen kann. Es scheint mir nämlich, daß der Deutsche neben der vorurteilslosen Empfänglichkeit für den ausländischen Bildungsstoff eine üble Geschmacksrichtung hat, die vielleicht mit seinem Lerneifer zusammenhängt, die Vorliebe nämlich für den Schall und Klang fremder, vorab romanischer Zungen. Nicht allein der Not gehorchend, sondern auch dem eigenen Triebe, hat er die ihm angestammte Rede mit lateinischen und französischen Brocken verbrämt, weil er eine kindliche Freude an den klangvollen und zierlichen, den feierlichen und einschmeichelnden Tönen als solchen hatte. Wie er bescheiden zu dem geistigen Gehalt und dem fachlichen Reichtum der fremden Kultur emporschaute, so blickte er bewundernd auf ihr glänzendes Kleid. Es erschien ihm stattlicher, vornehmer und geschmackvoller als das Gewand der Muttersprache. Eine Zeitlang galt es fast für unschicklich, in gelehrtem und seinem Verkehr sich dieser letzteren zu bedienen, und wenn es geschah, suchte man sie wenigstens mit fremdem Flitterstaat so herauszuputzen, daß sie schon von weitem sich von der gemeinen Rede des Dorfes und des Marktes unterscheide. Man gebrauchte das fremde Wort nicht bloß da, wo das heimische fehlte, sondern man drängte das eigene in die Ecke, um das fremde vorführen zu können. Die Theologen und Juristen schämten sich, Schmidt, Schneider und Becker zu heißen, und schrieben sich Fabricius, Sartorius und Pistorius; die Titelsucht, dies echtdeutsche Laster, heftete vor die geschmacklosen lateinischen Namen noch geschmacklosere lateinische Kanzleiprädikate; die Rechtspflege bewegte sich fast nur noch in römischen Phrasen; das Familienleben vergaß die uralten Verwandtschaftsbezeichnungen, um Cousin und Cousine, Neveu und Nièce lispeln zu dürfen; schließlich gab es kaum einen Raum im Hause, ein Gerät in der Stube, ein Stück der Kleidung, ein Gericht auf dem Tische, das noch seinen ehrlichen deutschen Namen führte. Diese Verirrung, die am Schlüsse des siebzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hatte, kann man wohl erklären, aber nicht gutheißen; sie völlig zu beseitigen – denn ansehnliche Reste haben sich bis auf unsere Tage erhalten – ist ein löbliches Bestreben. Hätten die Sprachreinigungsgesellschaften, die schon vor zwei Jahrhunderten auftauchten, sich darauf beschränkt, diesen Unfug zu bekämpfen, und nicht versucht, die unentbehrlich gewordenen Fremdwörter durch unverständliche und meistens schauderhafte Deutschwörter eigner Mache zu verdrängen, so hätten sie vielleicht einigen Nutzen gestiftet. Sie verurteilten sich zur Erfolglosigkeit, indem sie das Unmögliche unternahmen, und diesem Schicksale sind auch die Späteren verfallen, welche – wie Campe – die systematische, ausnahmslose Tilgung der Fremdwörter anstrebten. Alle diese Sprachreiniger zeichnen sich durch dieselben Mängel aus: Blindheit für die Macht geschichtlich gewordener Zustände, Überschätzung des Einflusses literarischer Belehrung, Unfähigkeit, die feineren Schattierungen des Ausdrucks zu fassen, Ungeschicklichkeit in der Anfertigung vaterländischer Ersatzwörter. Auf die abenteuerlichen Deutschmeister der Perückenzeit will ich nicht weiter zurückgreifen; auch an Beispielen jüngeren Datums läßt es sich deutlich machen, wie sehr die meisten Sprachreiniger über Weite und Höhe ihrer Aufgabe sich tauschen. Sie haben geglaubt, es genüge, den ungefähren Sinn des Fremdwortes durch Zusammensetzung einiger deutscher Wörter wiederzugeben, und sie sind ungehalten, wenn Schriftsteller und Publikum sich nicht herbeilassen, ihre Erfindung in Gebrauch zu nehmen. Warum, haben sie zürnend gefragt, sagen wir nicht Tonkunst anstatt Musik, Schauspiel statt Drama, Trauerspiel statt Tragödie? Wozu hat unsere Sprache den Vorzug, durch Zusammensetzung jeden beliebigen Begriff bestimmen zu können? In einem Wörterbuche scheint wirklich der vorgeschlagene Ersatz ganz annehmbar. Aber im Gebrauche stellt sich die Sache anders. Wenn wir von der Musik der menschlichen Stimme, der Goethischen Gedichte, der italienischen Sprache, des Waldes, der Wellen sprechen, wenn wir den Gedanken ausdrücken wollen, daß es eine Musik gab, ehe eine Tonkunst entstanden war, so müssen wir wohl oder übel das griechische Wort beibehalten oder den Gedanken verschlucken. Noch weniger können wir für musikalisch tonkünstlich oder tonkünstlerisch setzen. Für Melodie haben wir das gute und einfache Wort Weise, aber nie wird es gelingen, das griechische Wort zu verdrängen. Es hat zwei Vorzüge, die ihm im Kampfe um das Dasein den Sieg sichern: es bedeutet erstens nicht bloß, es ist Melodie , und zweitens, es ist uns schneller verständlich. Wenn man uns sagt: die Melodie ist uralt, so wissen wir augenblicklich, was gemeint ist; die Weise ist uralt, verstehen wir zwar auch, aber erst eine Sekunde später. Eine Sekunde ist in diesen Dingen sehr viel. Das Wort Melodie erregt unser Gehirn selbst zu melodischen Schwingungen, das Wort Weise höchstens mittelbar. Und wie wollen wir gar das Adjektiv melodisch entbehren, das doch mit dem Substantiv über die Klinge springen müßte? Ähnliche Proben kann man mit den Wörtern Poesie, Harmonie, Phantasie, Plastik, Skulptur, Architektur und hundert anderen anstellen, die Campe mit einem Federstriche hinrichtete und die trotzdem fortleben. Für Drama sollen wir Schauspiel sagen. Aber nicht jedes Schauspiel ist ein Drama, z. B. ein Sonnenaufgang, eine Parade. Und nicht jedes Drama ist ein Schauspiel. Man kann sehr wohl sagen, daß eine Sinfonie uns ein Drama kämpfender Seelenstimmungen vorführe, unmöglich aber ein Schauspiel. Auch ist es etwas ganz anderes, wenn wir von einem geschichtlichen oder gerichtlichen Drama und von einem geschichtlichen oder gerichtlichen Schauspiel reden. Ein politisches Drama kann möglicherweise unsichtbar vor sich gehen, ein politisches Schauspiel kann das Gegenteil eines Dramas sein. Den Untergang der Stuarts mag man ein Drama, die Hinrichtung Karls des Ersten ein Schauspiel nennen, aber nicht umgekehrt. Auch hier zeigt sich das Adjektiv noch unersetzlicher als das Substantiv. Den Begriff dramatisch können wir mit deutschen Wörtern vielleicht umschreiben, obgleich auch das nicht jedermanns Sache sein wird; ihn mit einem deutschen Worte zu bezeichnen, so daß der Hörer ihn sofort mit dem Worte denkt, ist unmöglich. Ebenso unmöglich aber ist es, auf diesen Begriff zu verzichten. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriffe tragisch, für den keine Sprache der Welt außer der griechischen eine Bezeichnung gefunden hat. Wenn jemand meint, man könne dafür »trauerspielmäßig« sagen, so macht er das Tragische komisch. Tragik wäre dann Trauerspielmäßigkeit. Schon Trauerspiel ist ein mangelhaftes Auskunftsmittel für Tragödie und daher auch nie recht durchgedrungen. Auf den Theaterzetteln lesen wir es häufiger als in ästhetischen Abhandlungen. Die Zusammensetzung mit »Trauer« gibt dem Worte etwas Schiefes; es führt den Gedanken auf einen Punkt, der nicht der entscheidende ist. Eine Begebenheit kann sehr traurig sein, ohne im mindesten tragisch zu sein, z. B. wenn ein Boot umschlägt und die Leute ertrinken. Von einem schlechten Stücke könnte man sagen: dies Trauerspiel ist keine Tragödie. Und umgekehrt kann man von einer Tragödie sprechen, welche kein Trauerspiel, sondern schreckliche Wirklichkeit ist. Man sagt Familientragödie, Hoftragödie. Wie seltsam klänge da Familientrauer spiel , Hoftrauer spiel ! Die Trauer ist viel zu vordringlich für die Strenge des Begriffs. Gerade die Durchsichtigkeit und Deutlichkeit des deutschen Worts ist hier vom Übel, weil sie einen einzelnen Bestandteil des Begriffs fälschlich als Hauptsache erscheinen laßt. Die Schule lehrt, das griechische Wort bedeute ursprünglich »Bocksgesang«, aber das stört uns nicht, weil wir nicht griechisch denken. Tragödie hat für uns eine ganz bestimmte Bedeutung gewonnen, die uns unmittelbar einleuchtet, als wenn es ein deutsches Wort wäre, und kein anderes Wort hat für uns genau dieselbe Bedeutung, keins wirkt auf uns genau ebenso. Wenn wir das Wort »tragisch« hören, denken wir den Begriff »tragisch« und nur ihn; keine mitvibrierenden Nebentöne wecken Nebenbegriffe von Trauer oder von Spiel oder von Gemäßheit. Und deshalb bleibt das deutsche Volk, bleiben alle Völker Europas bei dem griechischen Worte. III. Von allen Sprachreinigungsunternehmern hat der Staat es am leichtesten und die meiste Aussicht auf Erfolg. Er braucht nur zu befehlen, daß in den amtlichen Erlassen dieses Wort vermieden und dafür jenes gebraucht werden soll, so geschieht es. Die Gewöhnung des Publikums folgt schnell nach, da in solchem Falle ein oppositioneller Sprachgebrauch fehlt. Der Staat hat außerdem die Abfassung der Gesetze in der Hand und damit die Herrschaft über ein weites Gebiet der wissenschaftlichen Rechtssprüche. Wenn sein Strafgesetzbuch nur »Vergehen«, »Versuch«, »Strafrichter« u. s. w. kennt, so wird bald auch aus den Lehrbüchern »Delikt«, »Konat« und »Kriminalrichter« verschwinden. Das löbliche Bestreben der deutschen Gesetzgeber und mancher Behörden, sich tunlichst mit deutschen technischen Ausdrücken zu behelfen, hat zu der Erfahrung geführt, daß es recht wohl geht. Man könnte dreist noch weiter gehen und in organischen Gesetzen auch auf die deutsche Benennung der Beamten und Behörden hinwirken. Es ist nicht recht harmonisch, wenn man das verhältnismäßig harmlose Wort Porto verpönt und die Postdirektionen und Agenturen verschont. Mit Hauptpostämtern, Postämtern, Nebenpostämtern könnte man die Abstufungen des Dienstes schon unterscheiden, und an der Spitze des Ganzen würde ein Reichspostmeister sich mindestens ebenso stattlich ausnehmen wie ein Staatssekretär. Freilich etwas Gesundes läßt sich auf diesem Gebiete nur durchführen, wenn man darauf verzichtet, die Beamten jedes Ranges mit ihrem Amtscharakter anzureden, was Engländer und Franzosen, von einigen Ausnahmen abgerechnet, nicht tun. Nur der Deutsche hat die Geduld, einen Titel wie »Provinzialsteuerdirektor« durchs Leben zu schleppen. Aber, getreu dem Grundsatze, das geschichtlich Gewordene und Befestigte mit Achtung und Schonung zu behandeln, befürworte ich selbst auf diesem dankbarsten Gebiete keine plötzliche und rücksichtslose Umwälzung. Man lasse stehen, was zu tief gewurzelt ist, aber man beseitige, was ohne Kampf fallen würde. Der Staat hat viele überflüssige Verwelschungen auf dem Gewissen; die Zeit ist günstig für Minderung der alten Schuld. Ist er die Gendarmen losgeworden, wird er die Auskultatoren, Auditoren, Referendarien, expedierenden Sekretäre, Kalkulatoren, Assessoren, Inspektoren und Direktoren los werden können. Wie gesagt, er hat nur zu befehlen. Eine ganz besonders hohe Schuldenlast hat der Kriegsdienst aufgehäuft. Er bewegt sich fast ausschließlich in Fremdwörtern, obwohl ein Teil seiner Einrichtungen auf deutschem Boden erwachsen ist. Kein anderer Zweig des öffentlichen Dienstes redet ein so buntscheckiges Kauderwelsch; man stutzt förmlich, wenn man einmal auf ein militärisches Fachwort deutschen Klanges, wie auf einen weißen Raben, stößt. Die Armee teilt sich in Korps, Divisionen, Brigaden, Regimenter, letztere in Bataillons und Kompanien, in Schwadronen oder Batterien; sie umfaßt Infanterie, Kavallerie, Artillerie, Genie und Train; sie wird geführt von Generalen, Majoren, Premier- und Sekondleutnants, Sergeanten, Korporalen, zwischen denen allerdings wie Überreste einer anderen Welt Feldmarschälle (in Österreich auch Feldzeugmeister), Obersten, Hauptleute, Rittmeister, Fähnriche, Feldwebel und Wachtmeister sich bewegen. Die Führenden sind Offiziere, auch Chargierte, Führer und Geführte sind Militärs und Soldaten. Die Waffengattungen sind Grenadiere, Musketiere, Füsiliere, nur Jäger und Schützen mit deutschem Namen dazwischen, Kürassiere, Dragoner, Ulanen, Husaren, in Bayern sogar Chevauxlegers. Der Militär wohnt in Kasernen, liegt in Quartier, steht in Garnison, befindet sich im Kantonnement; er steht auf bei der Reveille, kleidet sich in Uniform, speist von der Menage, exerziert, marschiert, manöveriert, zieht auf Parade, salutiert seinen Chef, empfängt Orders, kommandiert, avanciert. Er bezieht Seruis und Fourage, er hat Ordonnanzen und Equipierung. Er beginnt als Rekrut oder als Kadett oder als Avantageur, und er beendet seine Laufbahn vielleicht à la suite der Armee oder »zur Disposition«. Wenn mobil gemacht wird, hat er Aussicht, eine Kampagne mitzumachen, und dabei entweder der Tete oder der Arrieregarde oder einem Detachement anzugehören. Dann wird er biwakieren, rekognoszieren, patrouillieren, observieren, namentlich die coupierten Terrains und die Lisieren der Waldungen, debouchieren, deployieren, forcieren, bombardieren, auch nach Umständen retirieren. Man könnte in dieser Weise ganze Seiten anfüllen. Nun bin ich weit entfernt, es für möglich oder auch nur für wünschenswert zu halten, die ganze technische Sprache auf den deutschen Leisten zu schlagen. Ich gestehe sogar, daß ich für den energischen Klang mancher dieser Wörter eine gewisse Vorliebe hege. Ich möchte nicht die Kürassiere zu Panzerreitern und die Bataillone zu Haufen werden sehen. »Feuerschlünde« klingt mir zu gespreizt für die schlichte Kanone; »Heerführer« oder »Feldherr« ist zu erhaben (mit der bekannten gefährlichen Nachbarschaft), wenn man sich den braven Durchschnittsgeneral – zumal im pensionierten Zustande – dabei denken soll. Feldherr a. D. würde sich spaßhaft ausnehmen. Aber bei alledem wäre es wohl zu wünschen, daß der deutsche Offizierstand, der in anderen Beziehungen eine stolze Zierde des Vaterlandes ist, auch im Punkte der Sprache der Höhe sich etwas mehr nähere. Unleugbar lassen viele militärische Begriffe sich ebenso gut, ebenso kräftig, verständlich und bequem im Deutschen ausdrücken wie in der hergebrachten lingua franca . In vielen Fällen braucht man gar nicht neue Ausdrücke zu erfinden, sondern vorhandene nur wieder hervorzuholen. Es ist nicht abzusehen, weshalb man nicht ebensogut den Saum eines Waldes sollte beobachten können, wie seine Lisiere observieren, weshalb ein marschierendes Korps nicht statt der Tete eine Spitze haben, Vorhut und Nachhut nicht die Avant- und die Arrieregarde ablösen könnte. Den »Leutnant« (wie man schreiben sollte) werden wir schwerlich je los, aber man könnte unbedenklich statt Premier- und Sekond- Ober- und Unterleutnant sagen. Diese militärischen Verhältnisse sind übrigens recht geeignet, die Schwierigkeiten anschaulich zu machen, die der Sprachreinigung entgegenstehen, die festen Wurzeln, welche manches Fremdwort geschlagen hat, die Verlegenheiten, in die man gerät, wenn man auf einmal Ersatz für alle schaffen will. Eine gefährliche Klippe für die amtliche wie die außeramtliche Sprachreinigung ist die den Deutschen im allgemeinen und den Juristen insbesondere anhaftende weitschweifige Neigung, die Gegenstände durch eine Häufung von bestimmenden Zusätzen gegen jede denkbare und selbst gegen jede undenkbare Verwechslung mit anderen Gegenständen zu schützen. Vor etwa zehn Jahren wurde höheren Ortes den Eisenbahnbeamten anbefohlen, die Coupés künftig »Eisenbahnwagenabteilungen« zu nennen. Sofort entstand der Zweifel, ob ein Damencoupé Eisenbahnwagendamenabteilung oder Dameneisenbahnwagenabteilung heißen müsse. Wie die Verwaltung den Streit entschieden hat, weiß ich nicht; ich glaube, sie hat später sich mit dem Worte »Wagenabteilung« begnügt, aber das Publikum und die Schaffner sagen nach wie vor Coupé. Coupé ist kurz und handlich; gegen diesen Vorzug fällt der Makel seines französischen Ursprungs beim Volke leider gar nicht ins Gewicht. Wollte man den Fremdling vertreiben, so müßte man ein ebenso bequemes Wort der Landessprache ins Feld führen, wie die Holländer es mit ihrem Vak (Fach) gemacht haben. Die Fähigkeit, Zusammensetzungen zu bilden, deren unsere Sprache sich erfreut, ist sehr wertvoll, aber sie kann auch, wenn der gute Geschmack sie nicht begleitet, üble Folgen haben. Wir verdanken ihr so schöne Ausdrücke wie Morgenrot und so holzklotzpflastermäßige wie Kleinkinderbewahranstalt, Die deutsche Gründlichkeit sagt Kleinkinderbewahranstalt, damit um des Himmels willen niemand auf den Gedanken komme, es würden auch »Großkinder« aufgenommen, oder die Anstalt solle die Kinder nicht bewahren, sondern zu Grunde richten. Der oberflächliche Franzose nennt solche Anstalten crêches, Krippen, ohne zu befürchten, daß man sie mit Stallkrippen verwechseln möchte. Die preußische Bureaukratie hat uns mit dem Worte »Unterstützungswohnsitz« beschenkt, bloß weil sie das Wort Heimat vor unrichtigen Deutungen zu wenig gesichert fand. Im übrigen Deutschland verstand man gleichwohl früher unter Heimatsrechten und Heimatsgesetzgebung genau das nämliche (natürlich abgesehen von dem materiellen Inhalt), was jetzt als Recht des Unterstützungswohnsitzes oder als »Gesetz den Unterstützungswohnsitz betreffend« bezeichnet wird. Eine Armut der deutschen Sprache ist es, daß sie selten durch Endsilben aus einem Hauptbegriffe eine Reihe von Verhältnisbegriffen zu entfalten vermag und dann zu dem plumperen Mittel der Umschreibung oder der Zusammensetzung greifen muß. (Man vergleiche Weltweisheit mit Philosophie, philosophisch, philosophieren, Staatsklugheit mit Politik, politisch, politisieren, Steuerpolitik, kirchenpolitisch u. s. w.) Auch dies ist ein Umstand, den die Sprachreiniger zu wenig beachten. Umso auffallender ist es, wenn sie das Mittel, wo es sich zwanglos darbietet, zurückweisen. Wenn ich nicht irre, war es Dr. Sanders, der dem Reichspostmeister vorschlug, Examinandus wiederzugeben durch Prüfling. Das ist gewiß besser als »der zu Prüfende«. Hier hat man einmal ausnahmsweise eine Wortbildung, die der romanischen an Gelenkigkeit gleichkommt. Dr. Stephan hat sich nicht entschließen können, sie auf Männer anzuwenden; sie macht ihm den Eindruck der Geringschätzung, weil sie ihn an Weichling, Mietling, Hämmling, Sträfling, Sonderling erinnert. Dagegen ist nicht zu streiten; das Gefühl läßt sich nicht widerlegen. Mir macht »Prüfling« diesen Eindruck nicht. An sich liegt in der Silbe ling nichts Verkleinerndes oder Verächtliches. Kämmerling war im Mittelalter ein angesehener Titel, wie das spanische camarlengo jetzt noch. Jüngling ist entschieden ein vornehmes Wort, ohne Diminutivbedeutung. Man kann sagen Riesenjüngling, Heldenjüngling. Wittekinds Kriegsmänner waren, als sie von den fränkischen Priestern in der Weser untergetaucht wurden, Täuflinge. Kein deutscher Feldherr wird es übelnehmen, wenn man ihn einen Zögling Moltkes nennt. Übrigens wird das Wort Prüfling auf Seeleute unbedenklich angewandt. Ein anderer Vorschlag des Dr. Sanders ging dahin, für Halbfolioformat das ganz deutsche »Halbbogengröße« zu setzen, und dies, glaube ich, ist genehmigt worden. Dies Beispiel ist lehrreich. Halbbogengröße ist gewiß ganz deutsch, aber ist es ganz dasselbe wie Halbfolioformat? Ich habe immer geglaubt, Folio sei ein halber Bogen und Halbfolio die Hälfte des Halben, und zwar die Hälfte in einer bestimmten Richtung. Indes dem sei, wie ihm wolle, jedenfalls ist Größe nicht Format. Man spricht sehr richtig von Querfolioformat; Querfoliogröße wäre Unsinn. Denn die Größe bleibt die nämliche, ob man das Folio quer oder nicht quer legt. Format umschließt beide Begriffe, Form und Größe bleibt zwar mit dem Ton auf Form. Durch die Verdeutschung wird also ein scharfer Begriff verwischt. Was Folioformat ist, weiß jedermann; Bogengröße erweckt nur eine schwankende Vorstellung. Statt Juwelen und Pretiosen, sagt man jetzt im Postdienste Kostbarkeiten, und im Postdienste reicht man damit wahrscheinlich völlig aus, ohne noch »Kleinodien« und »Geschmeide«, die Dr. Sanders in Erinnerung brachte, zu brauchen. Aber außerhalb des Postverkehrs müssen wir doch sehr bitten, uns die Juwelen zu lassen und in einzelnen Fällen uns selbst den Gebrauch von Pretiosen nachzusehen. Die Sprache dient nicht bloß, um Inventare aufzunehmen und Begleitzettel zu schreiben, sondern nebenher auch, um die Welt, mit allem, was darinnen ist, mit ihrer Pracht und ihrer Elendigkeit, ihrer Weisheit und ihrer Narrheit, künstlerisch darzustellen, mit seinen Strichen zu zeichnen, mit zarten Farbentönen zu malen, und gar vieles, was fürs Geschäft überflüssig ist, erscheint dem Dichter, dem Redner, dem Philosophen als willkommenste Hilfe, um seinem Gedanken genau die Form zu geben, die ihn am deutlichsten verkörpert. Warum sollte man in der Auswahl beschränken, an dieser Stelle Juwelen, an jener Geschmeide, an einer dritten Kleinode und an einer vierten Pretiosen zu setzen, wenn durch jedes dieser Worte der Gedanke eine verschiedene, gerade die gewollte Färbung erhält? Die Begriffe decken einander schon an sich nicht ganz, aber davon abgesehen, wie verschieden wirkt es stilistisch, ob ich sage: die Braut trug wertvolle Juwelen, oder: sie prangte in köstlichem Geschmeide, oder: sie hatte sich mit allerlei Pretiosen behängt? Kleinod ist ein altedles Wort, aber eben deshalb nicht immer an der Stelle, wo Juwel sich schicklich darbietet, abgesehen davon, daß man aus einem Kleinod Juwelen verlieren kann, z. B. aus einer Krone Steine und Perlen, und daß es falsche oder nachgeahmte Juwelen gibt, aber keine falschen Kleinode, wenigstens nicht in dem nämlichen Sinne. Von einem geistreichelnden Schriftsteller könnte man sagen, man finde bei ihm wohl Pretiosen, aber kein einziges Kleinod. Beiläufig gesagt liefert »Kleinod« einen eigentümlichen Beleg für die Macht des bloßen sinnlichen Klanges in der Sprache. Obwohl es echtdeutsch ist, bilden wir seinen Plural gewöhnlich nach dem mittelalterlich lateinischen clenodium , als ob es daher stammte, wahrscheinlich doch nur deshalb, weil es dadurch einen feierlicheren, über Alltagswörter es vornehm hinaushebenden Ton gewinnt. Man fühlt sich versucht, selbst einen feinen Begriffsunterschied zwischen »Kleinode« und »Kleinodien« zu finden: die letztere Form mahnt uns eher an die heiligen Insignien des Reichs, welche vorzugsweise so hießen. Man könnte sagen: die Kleinodien der königlichen Schatzkammer sind Kleinode der Goldschmiedekunst. Natürlich beruht das teilweise auf zufälliger, durch den Gebrauch gegründeter Ideenverbindung, teilweise aber auch auf der fremdartigen, altfränkischem Pomp angemessenen Form. Die Ideenverbindung selbst knüpft sich leichter an den ungewöhnlichen Klang, der die ursprünglich ganz nüchterne Bedeutung des Wortes ( parvula res , Kleinigkeit) übertönt, so daß wir an letztere gar nicht mehr denken, sondern an kaiserlichen Krönungsschmuck oder durch Würde ihm ähnliche Kostbarkeiten. Aus so zarten Fäden entspinnt sich die Magie der Worte. Kaum können wir uns denken, daß »Kleinod« vormals, als man noch den eigentlichen Sinn des Wortes verstand, die mindest wertvollen Stücke, namentlich Eingeweide, des geschlachteten Viehs, die der Metzger zuwog, bedeutet hat und daß »Gänseklein« oder »Gansekleind« nichts anderes ist als ein abgeschliffenes »Gänsekleinod«. Hier sehen wir deutlich, wie die Wirkung des Worts auf seiner Undurchsichtigkeit, seinem Klange und den Zufälligkeiten des Gebrauchs beruhen kann. Der Schluß unseres Artikels wird noch einige merkwürdige Beispiele beibringen. IV. In jeder Kunst ist es ratsam, sich an die Muster und die Meister zu halten und vor den Systemen sich zu hüten. Das gilt auch von der Kunst, die Sprache zu gebrauchen. Wie haben denn unsere großen Schriftsteller, sie, denen wir es verdanken, daß wir auf »unser geliebtes Deutsch« stolz sein dürfen, wie haben sie es im Punkte der Sprachreinheit gehalten? Gehörten sie zu den Puristen? Befolgten sie die Vorschriften des wackeren Campe? Betrachteten sie die fremden Ausdrücke als Eindringlinge, die auszutreiben des Schweißes der Edlen wert sei? Wenn irgendwo Autoritäten gelten, so gelten sie auf diesem Gebiete. Denn aus der Übereinstimmung der guten Schriftsteller entsteht erst die Regel. Es ist ebenso töricht wie aussichtslos, für einen sprachlichen Mißbrauch erklären zu wollen, was bei den Schöpfern und Gesetzgebern der Sprache Gebrauch ist. Lessing und Lichtenberg, Kant und Herder, Goethe und Schiller, Schelling und Humboldt, Gentz und Heine, Schopenhauer und Strauß zeugen durch ihr Beispiel mächtiger, als hundert Abhandlungen vermöchten, zu Gunsten der Grundsätze, denen ich, einseitiger theoretischer Neuerungslust gegenüber, ihr gutes Recht zu wahren wünsche. Einen dieser Grundsätze hat von den eben genannten Philosophen derjenige, der am meisten auf Stil und Sprache achtete und dessen hervorragende schriftstellerische Bedeutung auch seine Gegner preisen, bündig so ausgesprochen, wie die übrigen Meister ihn allezeit befolgt haben: »Für einige Begriffe findet sich bloß in einer Sprache ein Wort, welches alsdann in die anderen übergeht: so das lateinische Affekt, das französische naiv, das englische comfortable, disappointment, gentleman und viele andere. Bisweilen auch drückt eine fremde Sprache einen Begriff mit einer Nuance aus, welche unsere eigene ihm nicht gibt und mit der wir ihn gerade jetzt denken. Dann wird jeder, dem es um einen genauen Ausdruck seiner Gedanken zu tun ist, das Fremdwort gebrauchen, ohne sich an das Gebelle pedantischer Puristen zu kehren.« (Schopenhauer, Parerga II, 602.) Hier sind zwei Fälle unterschieden: das gänzliche Fehlen des Begriffs in der deutschen Sprache und das Fehlen einer bestimmten Nuance des auch im Deutschen vorhandenen Begriffs. Die Fälle gehen aber so sehr ineinander über, daß man sie schwer sondern kann. Eine neue Nuance gibt eigentlich einen neuen Begriff. Da, wo wirklich der ganze Begriff uns mangelt, wie bei Natur und Person, pflegen auch strenge Puristen sich in das Unvermeidliche zu fügen. Aber schon bei Wörtern wie Affekt, naiv, Gentleman erheben sie Anstände. Sie finden oder erfinden deutsche Wörter, die ungefähr etwas Ähnliches besagen, und meinen nun, das fremde sei entbehrlich. Dies beruht auf Stumpfheit. Sie fühlen den Unterschied nicht und haben also auch nicht das Bedürfnis, ihn zu bezeichnen. Das ist kein Vorwurf; ihr Unrecht fängt erst an, wenn sie dem feineren Organismus Gesetze vorschreiben wollen. Ich denke nicht schlecht von Leuten, welche keinen Abstand merken zwischen kokett und gefallsüchtig, bigott und scheinheilig, devot und untertänig, genial und geistvoll, frivol und leichtfertig, galant und höflich, modern und neu, antik und alt, klassisch und mustergültig, Eleganz und Zierlichkeit, Grazie und Anmut, Esprit und Witz u. s. w. Ich denke nicht schlecht von ihnen, aber ich frage nicht bei ihnen an, wenn ich erfahren will, was sich – im Punkte des guten Stils – wohl geziemt. In den Beispielen, die ich eben angeführt habe, handelt es sich noch um klafter- und ellenweite Abstände; es gibt aber auch solche, die nur nach Zoll und Linie gemessen werden und die gleichwohl nicht verwischt werden dürfen, wenn dem Sprachmaterial seine Biegsamkeit und Schmiegsamkeit unverkümmert bleiben soll. Es ist, glaube ich, der deutschen Sprache eigentümlich, daß sie in niederen und mittleren Begriffskreisen dem fremden, in höheren dem vaterländischen Worte den Vorrang des Adels verleiht. Diner und Souper ist vornehmer als Mittagessen und Abendbrot, aber es klingt uns wie Entweihung, wenn wir das christliche Sakrament das »heilige Souper« nennen hören, während der Engländer unbefangen the Lord's supper sagt. Die Fauteuils schmücken den irdischen Salon, aber im Göttersaale thronen die Unsterblichen auf goldenen Stühlen. Nicht Damen, sondern edle Frauen sind die Hüterinnen der guten Sitte. Ein kluger Mann respektiert vielleicht die Vorurteile der ungebildeten Menge, aber er kann sie nicht achten. Der Polizeipräsident ist ein Chef, der Kaiser ist unser Oberhaupt. Aus dieser Eigentümlichkeit des Sprachgebrauchs erwächst uns ein Vorteil, den ich hoch anschlage. Um dem Begriffe, den man bezeichnen will, etwas von der Hoheit oder Feierlichkeit oder Lieblichkeit, die der deutsche Ausdruck ihm gibt, zu entziehen, setzt man an Stelle des letzteren das fremde (gewöhnlich das französische) Wort, gleichsam als genüge der ausländische Klang allein, den Begriff um eine Stufe herabzusetzen. Es ist, als ob der Adelstolz der Ursprache, den eleganten, aber unebenbürtigen Bastardsprachen gegenüber, unbewußt sich geltend mache. Nehmen wir das Wort Adel und adlig selbst. Man findet dafür Noblesse und nobel, ohne jegliche tadelnde Nebenbedeutung, aber stets mit geringerer Würde des Inhalts. »Die Noblesse der ganzen Erscheinung« wird man sagen, wenn man im besten Sinne aristokratisches Gepräge – »Adel der Erscheinung«, wenn man das Gepräge sittlicher Hoheit bezeichnen will. Eine noble Gesinnung rühmt man schon demjenigen nach, der sich von Verachtung krämerhafter Berechnung beseelt zeigt; edle Gesinnung äußert sich in Taten hoher Tugend. So wird man finden, daß der deutsche Sprachgebrauch »chevaleresk« von »ritterlich«, »generös« von »großmütig« durch einen gewissen sittlichen Rangunterschied trennt. Generös kann schon der Spender reichlicher Trinkgelder heißen, großmütig zu sein kostet höhere Opfer. Der Engländer hat ein bezeichnendes familiäres Wort für die untergeordnete Gattung des Mutes, die auf Temperament und Nerven beruht. Er nennt sie pluck . Wir würden außer stande sein, den Begriff wiederzugeben, wenn wir das Wort Courage verschmähen wollten. Courage ist für uns , durchaus nicht im Französischen, der animalische Mut, wie ihn tüchtige Jungen und gute Dachshunde zeigen. Bravour ist zwar Tapferkeit, aber eine ganz bestimmte Sorte und nicht die allerhöchste. Man rühmt die Bravour, mit welcher bei Balaclava, bei Wörth, bei Vionville englische, französische, deutsche Reiter auf den Feind einstürmten; für Leonidas und seine Dreihundert, für Winkelried genügt uns nur der Preis der Tapferkeit. Die Soldaten an Bord der »Birkenhead«, die in Reih und Glied stehen blieben, währenddem unter ihnen das Schiff in die Tiefe sank, waren gewiß tapfere Männer, aber Bravour zeigten sie nicht. Poet ist ein schöner Ehrentitel, aber nicht leicht werden wir Goethe und Schiller »unsere großen Poeten« nennen. Um das Höchste auszudrücken, sagen wir »Dichter«, unbekümmert natürlich darum, daß auch Dichter ursprünglich ein Fremdwort ist. Um Viktor Hugos Art nachzuahmen, könnte man sagen: »Hugo war ein sublimer Poet, Dante ein erhabener Dichter.« Hiermit hängt auch wohl zusammen, daß, so viele fremdzungige Titulaturen wir auch haben, die Geburtsaristokratie vom Könige bis zum Freiherrn ihre deutschen Prädikate behalten hat. Die beiden Ausnahmen Baron und Komtesse bestätigen nur meine Theorie. Denn gewiß klingt Freiherr distinguierter als Baron, und Komtesse ist in Deutschland eine Gräfin zweiten Ranges. Ein Markgraf ist, fürs Ohr wenigstens, ein ganz anderer Mann als ein Marquis. Die Inhaber der hohen Ämter hatten ein Interesse daran, die einheimischen Namen zu behaupten: je verständlicher, desto ehrenvoller. Nur für die unteren Stufen konnte die Eitelkeit das Bedürfnis empfinden, die Art des Dienstes durch einen ausländischen Titel zu verhüllen, den Schreiber zum Sekretär, den Aufseher zum Inspektor und den Diener zum Minister zu machen. Was auf diesem Felde die Eitelkeit, das hat auf einem anderen die Schamhaftigkeit (oder, wenn man will, die Prüderie), demselben Prinzipe folgend, geleistet. Die verhüllenden Fremdwörter dienen ihr, sich das Erröten zu ersparen, wenn sie es nicht vermeiden kann, anstößige Dinge auszusprechen oder anzuhören. Es gibt Fälle, wo, bei völlig gleichem Inhalt, das deutsche Wort, in anständiger Gesellschaft ausgesprochen, wie eine Bombe wirken würde, das fremdländische, obwohl allen verständlich, keinen stört. Wie der Deutsche den welschen Wortklang benutzt, um dem Begriffe eine welsche Würze beizumischen, das hat Goethe einmal, ohne doch an eine allgemeine Regel zu denken, sehr deutlich veranschaulicht. Er bemerkt, was doch alles in dem Worte perfide für unser Gefühl enthalten sei, wovon man in den deutschen Synonymen, treulos, tückisch, verräterisch, nichts finde. Geradezu ehrlich und gutmütig klinge unser »treulos« neben diesem glatten, kalten, giftigen »perfide«. Den Eindruck kann die ursprüngliche Bedeutung des Wortes nicht erklären; perfidus sagt so ziemlich dasselbe wie ungetreu. Aber der feine welsche Klang erweckt dem deutschen Ohre die Vorstellung einer besonders raffinierten, weltmännischen, herzlosen Heimtücke; demgemäß wird das Wort gern für spezifische Fälle, welche dieser Vorstellung entsprechen, gebraucht, und der Gebrauch wieder befestigt den Eindruck, von dem Goethe spricht. Ich wage es, dazu ein Beispiel aus einem durchaus verschiedenen Begriffskreise zu stellen. Die Honoratioren sind die »höhergeehrten« Einwohner; in den sechs Silben liegt nichts, was darüber hinauswiese: honoratus geehrt, honoratior mehr geehrt. Uns bezeichnet aber das Wort einen besonderen Begriff, den wir ohnedies nur umschreiben könnten: die angesehensten Einwohner einer kleineren Stadt, und auch diese nur innerhalb eines gewissen bescheidenen Lebenskreises, mit dem Nebenbegriffe des Zopfigen, Altfränkischen. Der Herr Pfarrer, der Herr Apotheker, der Herr Rentmeister, der wohlhabende Bäcker, die würdige Gesellschaft der »Ressource«, der einzigen des Orts, die Tonangeber in Schilda, die Aristokratie von Krähwinkel – solche sind es, die an unserem inneren Auge vorüberziehen, wenn wir das Wort Honoratioren hören. Wir denken nicht an das Geehrtsein, weil das fremde Wort uns nicht unmittelbar daran erinnert; die Ideenverbindung allein und der gravitätische Silbenfall entscheiden über die Bedeutung, und zwar so unfehlbar, daß niemand Goethe zu den Honoratioren Weimars oder gar Moltke zu den Honoratioren Berlins zählen würde. In Berlin gibt es gar keine Honoratioren. Wer alle die mannigfaltigen, in Betracht kommenden Gesichtspunkte zusammenfassen und dann sich die Mühe geben wollte, die in den Gebrauch übergegangenen Fremdwörter auf ihre Entbehrlichkeit zu prüfen, der würde, glaub' ich, erstaunen, wie gering die Zahl derjenigen ist, die ohne Bedenken zu opfern wären. Dabei ist aber eines wohl zu beachten. Wenn man ein Fremdwort unter Umständen zuläßt, gibt man ihm noch keineswegs allgemeine Berechtigung. Immer und überall soll man es abweisen, wenn es sich da, wohin es nicht gehört, eindrängen will. Und in diesem Punkte könnte allerdings der gute Geschmack unter uns strenger sein. Im literarischen Vortrage fangen wir an, auf Reinheit des Ausdrucks mehr zu achten; Schriftsteller, die noch Etage für Stockwerk, Hotel für Gasthof, Bouteille für Flasche und Fourchette für Gabel schreiben , gehören nicht mehr zur guten Gesellschaft. Wörter, wie Dejeuner, Fauteuil, Cousin, Neveu, superb, magnifique, charmant, ziehen sich mehr und mehr aus der schriftlichen in die Umgangssprache zurück, und auch in dieser sagen die Gebildeten kaum noch bougie für Kerze, es sei denn im Affekte, unter dem Eindruck der Gasthofsrechnung. Ein Fortschritt zum Besseren scheint mir unverkennbar, und was die Hauptsache ist, dieser Fortschritt ist spontan, eine Frucht des empfindlicher gewordenen Geschmackes, nicht eines deutschtümelnden Terrorismus. Wäre der Fortschritt von außen her angelehrt und angepredigt, so würde ich ihm kein langes Leben zutrauen. Übertreibung schadet jeder, auch der guten Sache. Wer in allen Dingen die letzten Konsequenzen ziehen will, verfällt dem Absurden und gibt dem Gegner die Waffe des Spottes in die Hände. Deutschlands Ehre und Würde, ins Feld geführt gegen französische »Menüs« und französische Pappschachtel-Etiketten, ist ein Beispiel solcher schädlicher Übertreibung. Andere Nationen sehen keine Erniedrigung darin, wenn ihre Sportsmänner englisch, ihre Frauenschneider und Köche französisch, ihre Konzertmeister italienisch sagen, was in der Landessprache unsagbar ist. Es erscheint ihnen nicht als Verfall und Verderbnis, wenn Wohlgerüche, Haarwässer, Zahnpulver und Seifen mit unverständlichen exotischen Namen in die Welt geschickt werden. Es ist wahr, ich beuge mich unter die Überlegenheit des britischen »Turf«, indem ich auf deutscher Rennbahn von »Start« und »Handicap« rede; ich erkenne die universale Bedeutung des Pariser Chef und des Pariser Modisten an, wenn ich für seine französischen Mysterien auch an der deutschen Tafel und im deutschen Laden nur französische Laute finde; aber fühle ich mich dadurch in meinem nationalen Selbstbewußtsein gedemütigt? Im Gegenteil, hätte ich beinahe gesagt. Denn unwillkürlich erinnere ich mich einer berühmten Stelle im Virgil, die den Römern vorhält, daß sie nicht nötig haben, die Griechen um ihren Vorrang in den Künsten des Luxus zu beneiden. Und ich habe das Gefühl, als ob unser ehrbares Deutsch sich eher lächerlich mache, als an Würde gewinne, wenn es sich abquält, für Ruche, Plissee, Volant und Chignon oder für Timbale, Salmi, Ragout und Mayonnaise vaterländische Namen zu stammeln. Auch habe ich immer gefunden, daß Gesellschaften, denen man eine verdeutschte Speisekarte vorlegte, die Sache als einen Spaß behandelten. Einen Punkt gibt es, wo ich mit dem unerbittlichsten Puristen übereinstimme. Durchaus verwerflich, ja geradezu scheußlich ist es, wenn das Fremdwort in die lediglich konstruktiven Teile des Satzbaues eindringt. In einem ganz ernsthaft gemeinten Geschichtswerke lese ich: »Eine Politik à la Bismarck« und »ein kecker Streich à la Blücher.« »Eine Batterie lag oberhalb Ehrenbreitstein, fast vis-à-vis von Mainz.« »Die Festung hatte noch einen Zentner Mehl per Mann.« »Der Aufwand belief sich auf eine Million per Woche.« Solche Geschmacksroheiten, Versündigungen an der inneren Textur der Sprache, sind in der Literatur nur dann zulässig, wenn der Schriftsteller einen Musterreiter oder einen Oberkellner oder einen Feldwebel redend einführt. Alles Kokettieren ist verwerflich, ob man nun mit fremden Brocken oder mit deutschtümelnden Flicken kokettiert. Was aber die »Würde« der Muttersprache betrifft, so leidet sie nach meinem Gefühl bei weitem nicht so sehr durch gelegentliches Aufheften ausländischen Flitters wie durch Mißachtung ihrer eigenen organischen Gesetze, ihrer Syntax, ihrer Grammatik, ihres naturgemäßen Periodenbaues. Ein übel gewähltes Fremdwort ist wie ein geschmackloser Putz; er kann leicht abgetan werden und schadet weiter nicht der Gesundheit. Undeutschheit in Syntax und Grammatik sind wie Knochenverrenkung, die den Wuchs des Körpers entstellt und fortzeugend Böses gebiert. Jedermann wird zugeben, daß es die Rede mehr entstellt, wenn einer den Dativ und den Akkusativ verwechselt, als wenn er Adieu statt Lebewohl sagt. Gleichwohl wird die größere Sünde weniger verfolgt als die geringere. Ich behaupte nicht, daß man bei uns schon gegen den Unterschied zwischen mir und mich gleichgültig geworden ist, aber es gibt eine ganze Reihe von Verstößen wider die deutsche Sprache, die sich allmählich in der Literatur selbst festsetzen, weil niemand sich die Mühe nimmt, sie an den Pranger zu stellen. Fortwährend finden wir als und wie , das und was , starke und schwache Deklination vertauscht und unmögliche Konstruktionen angewandt. Wie würde es einem französischen Schriftsteller ergehen, der den Gebrauch von comme und que , von que und qui nicht zu unterscheiden wüßte? Kein Provinzialblatt würde einen Artikel von ihm annehmen. In Deutschland schreiben die angesehensten Tagesblätter, selbst in ihren Leitartikeln, selbst mit Vorliebe, daß es im Winter kälter ist wie im Sommer. Unter zehn Malen liest man neunmal: »ein Mann von gutem, natürlichen Verstande,« statt »natürlichem«. Oder es heißt: »Der Redner sprach zu leise, um seinem Gedankengange folgen zu können.« »Das gute Verhältnis, was zwischen Rußland und Deutschland bestand.« »Der Kaiser, gefolgt von den königlichen Prinzen, betrat den weißen Saal.« »Unter allen bereits stattgefundenen Aufführungen war die gestrige die beste.« Die ärgsten Sünder sind die Zeitungsschreiber, und es wird wohl als mildernder Umstand betont, daß diese Herren keine Muße hätten, um immer einen ganz tadellosen Stil zu schreiben. Du lieber Himmel! Von Stil ist hier überhaupt keine Rede, geschweige von tadellosem, sondern ganz einfach von Schnitzern. Um Schnitzer zu entschuldigen, kann man nicht Mangel an Zeit geltend machen. Ein gebildeter Mann soll nicht einmal, wenn er im Schlafe spricht, grammatische Fehler machen. Und warum ist es nur die deutsche Tagespresse, die sich solche Verstöße gegen die Sprache ihrer Nation erlaubt? Warum finden die Zeitungsschreiber in Frankreich und in England Muße genug, um den sprachlichen Anstand zu wahren? Sollte es nicht ein wenig daran liegen, daß wir allzu stumpfsinnig uns Ungebührlichkeiten gefallen lassen, die in anderen Ländern einem Schriftsteller, einer Zeitung den Hals brechen würden? Das eigentliche Übel besteht darin, daß wir die Sprachverschändung dulden, uns an sie gewöhnen und schließlich mitmachen. An sich wäre ja wenig daran gelegen, daß schlechte Schriftsteller schlecht schreiben. Aber sie stecken die besseren und sogar die guten an, und das Publikum, das fast nur Zeitungen liest, verliert nach und nach das Gefühl, welches zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem unterscheidet. Aus der Zeitungssprache geht die Barbarei in die Büchersprache und in die Bühnensprache über, und niemand ist, der sie auspfiffe. Ich habe auf einem deutschen Theater den zürnenden Vater der Tochter zurufen hören: »Ich will gehorcht sein!« und das Publikum fand dies Verlangen ganz in der Ordnung. Ich habe in einer großen deutschen Zeitung gelesen: »Würde der Sieg der Engländer von einem Rückzüge gefolgt werden, so wäre das schlimmer wie eine Niederlage,« – und die Zeitung existiert unversehrt weiter! In diesem Mustersatze findet sich neben anderen ein Konstruktionsfehler, der seit etwa einem Menschenalter wie ein Unkraut wuchert, der Fehler, daß die Bedingung, unter welcher etwas geschehen soll, mit dem Verbum »würde« angegeben wird. Man schreibt heute unter hundert Fällen fünfzigmal: »Würde Niemann singen, so ginge ich in die Oper,« während es in gutem Deutsch heißen muß: »Sänge Niemann, so würde ich in die Oper gehen, oder, so ginge ich in die Oper.« »Würde dies bekannt sein, so fiele das Urteil vielleicht anders aus,« statt »Wäre dies bekannt, u.s.w.« Bereits Schopenhauer klagt über diesen (wie er sagt) »jetzt allgemein beliebten Schnitzer«; seit seiner Zeit hat er sich aber verhundertfacht, obwohl ihm kein Entschuldigungsgrund, weder größere Bequemlichkeit, noch Deutlichkeit, noch Wohlklang, noch irgend etwas zur Seite steht. Er beruht einzig und allein auf einer, noch dazu mißverständlichen Nachahmung französischer Syntax, wobei gänzlich außer acht gelassen wird, daß die Konjugation der französischen Verba durchaus von der unserigen verschieden ist und deshalb dem Satzbau andere Wege anweist. Die Nachsicht gegen Gallizismen der Satzbildung ist nur eine Seite des Übels. Nicht bloß von außen, auch von innen heraus lassen wir gleichgültig die Formen der Muttersprache verunstalten. Die Bequemlichkeitssünden und die Handwerksmißbräuche der Kanzleien, der Zeitungsbureaus und der zahllosen Komiteeredaktionen dringen ungestraft in die Büchersprache ein. Die Vorzüge des Deutschen selbst müssen der Verschlechterung dienen; die wertvolle Fähigkeit, Zusammensetzungen zu bilden, führt, wie wir schon bei der Betrachtung der Fremdwörterverdeutschung gesehen haben, zum Gebrauch widerwärtiger Zusammenballungen, unter deren Last der Gang der Rede alle natürliche Behendigkeit verliert. Unglücklicherweise macht unsere Sprache es möglich, Wörter wie »Außerachtlassung«, »Inaussichtnahme«, »Wiederinstandsetzung«, »Übervorteilung« zu bilden, und diese Möglichkeit wird möglichst ausgebeutet. Wo der natürliche Mensch sagen würde: »Man fängt morgen an, die Bahn wieder in Stand zu setzen,« schreibt der neudeutsche Stilist: »Die Inangriffnahme der Wiederinstandsetzung der Bahn findet morgen statt.« Es wird nicht lange währen – denn das Ohr gewöhnt sich schnell an das Schlechte –, so wird man lesen: die Außerhauseanfertigung, die Zupferdesteigung, die Überfeldwanderung – warum nicht? Das eine ist ebenso möglich und ebenso deutsch wie das andere. »Nuraufgottbezogenheit« ist wirklich vorgekommen in einem Roman von Gutzkow. Es ließe sich über dies Thema eine eigene Abhandlung schreiben, aber das Angeführte genügt, um zu zeigen, daß unter den Übeln, die unsere Sprache bedrängen, die Fremdwörterseuche nicht das größte ist. Nun kann man freilich sagen, sie sei, wenn auch nicht das größeste, doch immerhin ein Übel und deshalb zu bekämpfen. Dagegen hätte ich, unter den angegebenen Vorbehalten, an sich nichts einzuwenden. Nur ist zu besorgen, daß der Kampfeifer, wie er sich in Vereinen und patriotischen Kränzchen entfaltet, die Aufmerksamkeit von den ärgeren, tiefer sitzenden und eben deshalb nicht so in die Augen springenden Schäden ablenken und einer gewissen dogmatischen, ich hätte fast gesagt, schulmeisterlichen Sprachbehandlung, die mir gefährlicher erscheint, als alle Sünden der Verwilderung, mehr Vorschub leisten möchte, als gut ist. Allerhand Nörgeleien I. (1890) 26. Oktober las man in allen großen Zeitungen Europas Artikel, in denen die Zahl neunzig eine Rolle spielte. Es war der Geburtstag Moltkes. In der Beurteilung des Mannes herrschte größere Übereinstimmung als in der Behandlung seines Lebensjahres. Die deutschen Blätter, wenigstens die meisten, druckten »90 Jahre«, die Franzosen und die Engländer druckten » quatre-vingt-dix ans « und » ninety years «. Auch im Setzerzimmer gibt es Regeln guter Lebensart wie im Salon. Wie ein wohlerzogener Mann den letzteren nicht im bequemen Hauskleide betritt, so vermeidet der gebildete Setzer es, in einem Schriftwerke vornehmeren Ranges die bequemen Abkürzungen und technischen Zeichen anzubringen, die in Hausbüchern, Marktberichten und statistischen Tabellen an ihrer Stelle sein mögen. Zu diesen nichtsalonfähigen Zeichen gehören, nach der in Paris und London geltenden Anschauung, auch die Ziffern, namentlich die arabischen. Man druckt sie nur da, wo ein Datum, eine Jahreszahl oder eine exakte arithmetische Angabe, die in Buchstaben unübersichtlich sein würde, in Frage kommt. In einem räsonnierenden Artikel, einem Essay, einem Geschichtswerke, vollends in einem Romane oder in einem Dichtwerke englischer oder französischer Sprache wird man – abgesehen von den obenerwähnten Ausnahmefällen – die arabischen Ziffern selten oder nie antreffen. Früher war es in Deutschland ebenso oder ähnlich. Erst in neuerer Zeit hat sich eine Vorliebe für die Ziffern entwickelt, die unserer Literatur, zumal in Zeitschriften, das Ansehen von Rechenbüchern gibt. In einer großen Zeitung las ich kürzlich: »Das hohe neuvermählte Paar traf gleich nach 2 Uhr ein. Die Glocken ertönten und 21 Salutschüsse wurden gelöst. Das hohe Paar fuhr vom Bahnhofe in geschlossener Galakutsche, unter Vorantritt von 200 Bauern, durch die festlich geschmückten Straßen nach dem Schlosse, wo ein Galadiner von 120 Gedecken stattfindet.« In einem solchen Reportermachwerke, das die ästhetischen Gefühle nicht lebhaft erregt, mag das hingehen; aber ähnliche Druckweise wuchert leider auch in anspruchsvolleren Schriftstücken. Ich finde in deutschen Novellen und Romanen Stellen wie diese: »Wie alt sind Sie denn? fragte die Gräfin. Leonhard antwortete: 37 Jahre. Nun, versetzte die Gräfin, warten Sie, bis Sie 45 zählen; da ist es früh genug, über die Vergänglichkeit der Dinge nachzudenken.« – »Nehmen Sie einmal Ihre 5 Sinne zusammen.« – »Tief im Walde stand eine Eiche, die 1000 Wintern getrotzt hatte.«– »Freilich, mit der Blüte dieser 18 Lenze konnte die ältere Künstlerin den Wettkampf nicht bestehen.« – »Du sagst, daß du in der Luft der Hauptstadt erstickst; lächerlich, der Mensch braucht nur 15 Kubikmeter täglich, um zu atmen.« Der zuletzt zitierte Satz mit den Kubikmetern führt auf den wahren Grund, weshalb der Gebrauch der arabischen Ziffern in künstlerisch oder literarisch gehobener Schreibweise Mißfallen, leiseres oder deutlicheres, erregt. Sie tragen einen technologischen Charakter an sich, der an die Schulstube, das Kontor und das statistische Amt erinnert und die Harmonie des Stils, wenn auch nur durch das Auge, stört. In dem aus Buchstaben gewobenen Text nehmen sich die arithmetischen Schulzeichen wie Klexe aus, ungefähr wie auf einem Rasenplätze die gelben Sterne der gemeinen Butterblume, Leontodon taraxacum . Wer dies allzu subtil finden möchte, den frage ich, was er zu nachfolgenden Beispielen sagen würde. »Es zogen 3 Bursche wohl über den Rhein.« – »Wir haben 16 Fähnlein aufgebracht, lothringisch Volk.« – »Räuber Moor: Ich erinnere mich, einen armen Schelm gesprochen zu haben, der im Tagelohn arbeitet und 11 lebendige Kinder hat... Man hat 1000 Louisdor (oder Ldor) geboten, wer den großen Räuber lebendig liefert. Dem Manne kann geholfen werden.« – »Lamech sprach zu seinen Weibern: Kain soll 7 Mal gerochen werden, aber Lamech 77 Mal.« – »Da aber David wiedergekommen war von der Philister Schlacht, sangen die Weiber gegeneinander und spielten und sprachen: Saul hat 1000 geschlagen, David aber 10 000.« Die Dissonanz zwischen poetischem Inhalt und geschäftlichem Negligé springt hier so grell hervor, daß auch der Stumpfsinnige sie empfindet. Er fühlt die Geschmacklosigkeit nicht mehr, wo der Kontrast etwas schwächer wirkt. Die Geschmacksregel selbst ist aber für Prosa die nämliche wie für Poesie: sobald sie in die Öffentlichkeit tritt, muß sie ein anständiges Gewand anlegen, und wenn die Schriftsteller selbst auf solche Kleinigkeiten nicht achten, so muß die Druckerei sich's angelegen sein lassen, die korrekte Toilette herzustellen. Das gehört zur Handwerksehre. Wenn ich Druckereibesitzer wäre, würde ich mich aufs äußerste dagegen wehren, Zeitschriften oder gar Bücher in Oktav zweispaltig zu drucken. Bei Folio- und Quartformaten ist die Einteilung der Seite in zwei oder mehr Spalten, an sich immer ein Übel, nicht zu vermeiden, und wenn nur die einzelne Spalte so breit ist wie der bedruckte Raum gewöhnlicher Bücher, so gewöhnt sich das Auge leicht, beim Lesen sich auf die eine Spalte, die es gerade durcheilt, zu konzentrieren. Wenn aber die Seite einer Zeitschrift ungefähr so breit ist wie die eines gewöhnlichen Buchs und sie dann noch halbiert wird, so wird die Spalte für das Auge zu schmal. Nicht allein wiederholt sich zu schnell der Sprung von Zeile zu Zeile, sondern die Sehfläche des Auges greift auch beständig auf die Nebenspalte über, und es bedarf einer gewissen Anstrengung, die Aufmerksamkeit auf die eine Spalte allein zu richten und nicht allerlei Buchstabengruppen, die zur Seite tanzen, mitzusehen, zumal wenn in der Nebenspalte gesperrte Schrift den Blick anlockt. Soviel ich weiß, sind es lediglich Sparsamkeitsrücksichten, die das Drucken in zwei Spalten veranlassen. Bis man mich aber eines besseren belehrt, muß ich annehmen, daß die so erzielte Raumersparnis äußerst geringfügig ist und nicht entfernt die Störung des Lesers aufwiegt. Mir scheint diese Raumknickerei ein Survival aus verschollenen Zeiten, wo das deutsche Publikum zu arm war, seine literarischen Speisen sich in anständigen Schüsseln servieren zu lassen. Wenn man den etwas erhöhten Raumbedarf durch Weglassung einiger überflüssiger »vermischter Notizen« einbrächte, würde vermutlich nicht ein einziger Leser sich nach den zwei Spalten zurücksehnen. Eine andere häufige Sünde deutscher Zeitschriften fällt weniger den Druckern als den Redakteuren zur Last. Ich meine die liederliche Art, wie bei Einteilung der durch mehrere Nummern fortgesetzten Schriftstücke, Feuilletonromane, Abhandlungen und dergleichen verfahren wird. Gewöhnlich regiert dabei nur der Meßstock; man hackt den Artikel ab, wenn der berechnete Platz zu Ende ist, mitten in einem Gespräche, mitten in einem Gedanken, und man fängt in der nächsten Nummer die Fortsetzung wieder an, ohne im geringsten sich darum zu kümmern, wie der Leser sich in den Zusammenhang zurückfindet. In französischen und englischen Zeitschriften kommt diese Art fragmentarischer Mitteilung, wenn schon seltener, doch häufig genug vor, um eine dabei beobachtete Regel erkennen zu lassen, die Regel nämlich, daß jedes Fragment ein kleines Ganzes für sich bildet, jedes Stück der Erzählung mit einem Ruhepunkt, jedes Stück Abhandlung mit einem fertigen Gedanken abschließt, und daß die Fortsetzung demgemäß mit dem vollen Tone einer wirklichen Weiterführung anhebt, nicht bloß wie ein zufällig abgeschnittener Brocken sich ausnimmt. Man schlägt eine angesehene deutsche Zeitung auf; ein Artikel mit der Bezeichnung »Fortsetzung« behandelt irgend ein gelehrtes, künstlerisches oder literarisches Thema; er beginnt mit folgenden Worten: »So wenig wir gegen den letzten Satz etwas einzuwenden haben, so große Bedenken erregt uns der vorhergehende.« Und so geht es Zeile um Zeile weiter, ohne daß man sieht, wovon eigentlich die Rede ist. Oder der Artikel beginnt: »Hier ist nun aber wohl zu unterscheiden: um den Gedankengang des Verfassers richtig zu verstehen, müssen wir eben die angeführten Worte aus dem Höfischen ins Deutsche zurückübersetzen.« Oder so: »Gerade das Gegenteil traf ein, nicht er überzeugte den Freund, sondern der Freund ihn.« Diese Zitate sind wirklichen Blättern entnommen. Ebenso die nachstehenden Anfange von Romanfeuilletons, das heißt Anfange von Fortsetzungen: »Sie fiel ihm ins Wort: Sind Sie dessen so sicher? – Verstehen Sie mich nicht falsch, antwortete er lächelnd.« »Darauf war er nun durchaus nicht vorbereitet. Aber er faßte sich schnell und sagte.« »Jawohl, wir Weiber sind nun einmal Barbaren, rief sie vom Sessel aufspringend.« »Natürlich war es nun verschüttet. Eine solche Äußerung konnte nie verziehen, nie wieder gut gemacht werden.« »Über diesen Einfall mußte ich denn doch trotz meines Kummers herzlich lachen.« Ich will das Verzeichnis nicht weiter fortsetzen; in jeder Zeitungsnummer kann, wer Vergnügen daran findet, Beispiele dieser Gattung finden. Man kann allerdings sagen: volenti non fit injuria ; wer einwilligt, sich einen Roman einstoßen zu lassen wie Arznei, täglich zwei Löffel, der hat keinen Anspruch auf künstlerische Anordnung der Portionen. Das will ich denn auch nicht bestreiten; aber es ärgert mich, daß die Redaktionen nicht selbst den Trieb haben, für eine vernünftige Ordnung zu sorgen. Warum geschieht es anderer Orten, und nur bei uns nicht? Wenn es mit einem nationalen Fehler, wie ich glaube, zusammenhängt, nämlich mit einem gewissen Mangel an Formsinn, so sollte man um so achtsamer dieser Schwäche der Natur entgegentreten. Ein Beleg für den obenerwähnten Mangel find auch die unbeholfenen Namen, die in unserer periodischen Presse, und soviel ich sehe, nur in unserer, vorkommen. Namen, die man ohne Unbequemlichkeit nicht zitieren kann, wie Am häuslichen Herd, Im neuen Reich, Zur guten Stunde, Über Land und Meer, Vom Fels zum Meer, und dergleichen mehr. Diese Namen haben weder Genetiv, noch Dativ, noch Akkusativ, und mit einer Präposition lassen sie sich gar nicht konstruieren. Wenn ich sagen will, daß ich in einem dieser Blätter etwas Gutes gelesen habe, so muß ich mich erst besinnen, wie ich das anfangen soll. »In Zur guten Stunde« läßt sich nicht aussprechen. Wenn ich »auf Über Land und Meer« abonnieren will, begegnet mir dieselbe Schwierigkeit, und da lasse ich's lieber. Es ist einfacher, auf die »Illustrierte Zeitung« zu abonnieren. Ohne sprachliche Barbarei kann man sich nicht erkundigen, wer der Herausgeber »von Von Fels zum Meer« sei, noch Wohlgefallen »am Am häuslichen Herd« finden. Derartige Namen sind wie Henkel am Topf, die man nicht mit den Fingern umspannen kann. Ein Franzose würde sie aus Geschmack, ein Engländer aus geschäftlichem Instinkt vermeiden. Seit einiger Zeit haust in Deutschland eine Vandalenhorde, die es als einen Vorzug betrachten wird, daß man die oben erwähnten Titel nicht deklinieren kann. Denn sie verschmäht es hartnäckig, diejenigen Titel, die einen beugungsfähigen Artikel führen, anders als im Nominativ zu gebrauchen. Sie sagt, schreibt und druckt z. B. statt ein Artikel der Kreuzzeitung, der Herausgeber der Nation u. s. w. ein Artikel von »die Kreuzzeitung«, der Herausgeber von »die Nation«: es steht in »Kölnische Zeitung«. Auch Titel von Büchern, Dramen und Gedichten behandelt sie so; das kommt in »der Taucher« vor; man spielt »der zerbrochene Krug«; man liest »der Geisterseher«. Wahrscheinlich stehen wir hier einer Unzurechnungsfähigkeit gegenüber; aber es ist mir doch zweifelhaft, ob außerhalb Deutschlands ähnliche Tollheiten selbst von Unzurechnungsfähigen verübt werden können. Der Respekt vor der Muttersprache würde einen französischen Narren immer in gewissen Schranken halten. Respekt vor der Muttersprache. Ich erinnere mich wohl, daß englische und französische Oppositionsblätter ab und an den Stil und selbst die Syntax einer Thronrede, eines ministeriellen Erlasses, eines Gesetzes stümperhaft genannt haben, ich glaube aber nicht, daß man solchen vornehmen Schriftstücken jemals einen gewöhnlichen grammatischen Fehler, eine unrichtige Deklination, einen falschen Pluralis vorgerückt hat. Der preußische Minister des Innern lud neulich in einem Zirkulär »die Herren Mitglieder« des Landtags zur Eröffnungssitzung ein. Ich möchte wissen, ob man im Singular sagt: das Herr Mitglied oder der Herr Mitglied. »Die Herren Eltern« habe ich wohl einmal sagen hören, aber das war im Spaße. Das deutsche Reichsgesetzblatt sündigt in jeder Nummer gegen die deutsche Grammatik. Es druckt regelmäßig die Schlußformel so: »Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel.« Natürlich muß es »Kaiserlichem« heißen. Hier könnte man einwenden, daß der Kaiser über grammatische Vorschriften erhaben sei, Caesar supra grammaticum ; aber das Privilegium erstreckt sich doch nicht auf das Reichsamt des Innern, das den Abdruck der Reichsgesetze zu besorgen hat. Es versteht sich, daß Seine Majestät für diesen falschen Dativ so wenig verantwortlich ist, wie der Herr Minister des Innern für den falschen Pluralis. Die Schuld liegt an den Kanzleien. Kanzleien gehörten einmal zu den Stätten, an denen man gutes Hochdeutsch lernen zu können glaubte. Das ist aber schon lange her, mehrere hundert Jahre. Heute gilt das Kanzleideutsch für nicht nachahmenswürdig. Aber gleichwohl üben Schreibweise und Sprachgebrauch der Behörden heutzutage einen sehr merklichen Einfluß auf weitere und auch auf literarische Kreise aus. Zeitungsreporter und Parlamentsredner (namentlich die Juristen und die Beamten) gefallen sich in den Wendungen und Kunstausdrücken der offiziellen Berichte und Akten; die Zeitungsredaktionen und Korrespondenten folgen ihnen auf diesem Wege; die anderen Schriftsteller, die ja täglich ihre Zeitung lesen, eignen sich unbewußt die häßlichen Manieren an, und der neue Stil, den man nicht unpassend »den papiernen« genannt hat, bürgert sich allmählich so allgemein ein, daß das Publikum sich an ihn gewöhnt und seine Häßlichkeiten gar nicht mehr empfindet. Wie die im mündlichen Verkehr üblichen einfachen und behenden Wörter in der Schrift nach und nach von anspruchsvollen und unbeholfenen verdrängt werden, davon könnte ich, aus leider sehr langjährigen Beobachtungen, massenhafte Beispiele liefern. Ich will mich auf eins beschränken, eins der garstigsten, auf das Wort »beziehungsweise«. Vor vierzig Jahren existierte es noch nicht; Jakob Grimm hat es noch nicht gekannt; im ersten Bande des Wörterbuchs (1854) sucht man es vergebens. Heute droht es die alten Partikeln und und oder aus dem schriftlichen Gebrauch zu verdrängen. Im Gespräche verwendet es niemand, aber in Zeitungen, Broschüren, Büchern wimmelt es davon, gar nicht zu reden von Gesetzen und dazu gehörenden Motiven. Daß es ein schönes Wort sei, wird wohl niemand behaupten, es ist schleppend, breitspurig, schwerfällig wie kaum ein anderes. Höchstens läßt sich ihm nachrühmen, daß es richtig gebildet ist, nicht geradezu undeutsch, wie »beziehentlich«, das von einigen Querköpfen für das alte lateinische Kanzleiwort respective gebraucht wird. Respektive war an sich ebenso barbarisch wie beziehungsweise, aber es trug seine Barbarei an der Stirn. Es eignete sich nicht für den literarischen Stil; man überließ es den Juristen und Beamten. Unglücklicherweise zog es die Aufmerksamkeit der Puristen auf sich und reizte ihren Verdeutschungstrieb, der uns mit dem vaterländischen Laute »beziehungsweise« beschenkt hat. So für den allgemeinen Gebrauch zugerichtet, hat das Flickwort seinen Siegeszug durch die deutschen Lande angetreten. Man hat ein exotisches Unkraut akklimatisiert, und nun bedeckt es Felder und Auen. Offenbar fließt es vielen Leuten von selbst, ohne daß sie sich etwas dabei denken, aus der Feder, und sie bedürfen schon einer besonderen geistigen Anstrengung, um das natürliche »und«, »oder« zu setzen. Wenn man darauf achtet, so wird man finden, daß in neunundneunzig Fällen unter hundert die alten Partikeln ausreichen, und daß im hundertsten Falle der Gedanke, den man durch »beziehungsweise« ausdrücken will, durch eine bessere Wendung des Satzes ebensogut und meistens besser ausgedrückt wird. Damit stimmt überein, daß Franzosen und Engländer ganz ungemein selten ihr respectivement oder repectively anwenden. Dieser letzte Satz würde in Neudeutsch lauten: »ungemein selten ihr respectivement , beziehungsweise repectively anwenden.« Man will damit dem Leser klar machen, daß er das eine Wort nur auf die Franzosen, das andere nur auf die Engländer beziehen soll. Aber ich glaube, wer das nicht von selbst tut, dem wird auch das »beziehungsweise« nichts helfen. In einem Reisefeuilleton las ich neulich: »Vor dem Eintritt in den Garten mußten Damen und Herren bei dem Portier ihre Sonnenschirme, beziehungsweise Spazierstöcke ablegen.« Natürlich, der einfältige Leser könnte sonst glauben, alle Eintretenden hätten beides. Schirm und Stock, geführt oder die Herren Sonnenschirme, die Damen Spazierstöcke. Ein Artikel über die Blitzgefahr enthält den Satz: »Gibt es nun keine Mittel, diese Gefahr zu beseitigen, beziehungsweise wenigstens auf ein geringeres Maß zu beschränken?« Man streiche das Flickwort, und der Satz sagt genau dasselbe wie vorher. Aus dem neuen Militäretat wird berichtet: »Bei der Kavallerie und der reitenden Artillerie wird für die Rittmeister, beziehungsweise Hauptleute (statt und Hauptleute) je ein Dienstpferd gerechnet.« Aus einer großen Berliner Zeitung habe ich folgendes ausgezogen: »Die Ausbildung in der Handhabung der Takelage hat heute einen sehr veränderten, beziehungsweise verminderten Wert gegen frühere Zeiten. Wir besitzen in den Dampferkorvetten, beziehungsweise Kreuzerfregatten und Kreuzerkorvetten eine mehr als genügende Zahl von Schiffen, welche die Ausbildung im Navigieren unter Segel ermöglichen. Mit der Ausscheidung aller getakelten Schiffe aus der Zahl der eigentlichen Kriegsfahrzeuge ist eine nicht unwesentliche Ersparnis an Unterhaltungskosten verbunden, beziehungsweise es werden zahlreiche Kräfte freigemacht zur Verwendung auf eigentlichen Kriegsschiffen.« Ich verstehe zwar von Marinesachen nichts, aber so viel wage ich doch zu behaupten, daß dies dreifache »beziehungsweise« fehlen könnte, ohne die dem Laien hier gegebene Belehrung irgendwie zu ändern und zu beeinträchtigen. Der König von Holland ist gestorben. »Er hatte zwei Söhne, Wilhelm und Alexander, die aber beide schon vor dem Vater, beziehungsweise im Jahre 1879 und im Jahre 1881 verstorben sind.« Beziehungsweise sterben muß eine harte Todesart sein. In gutem Deutsch wären die Prinzen diesem Schicksal entgangen; sie wären entweder »in den Jahren 1879 und 1881« oder (wenn man fürchtete, der Leser könnte glauben, sie seien jeder zweimal ums Leben gekommen) »jener im Jahre 1879, dieser im Jahre 1881 gestorben«. Man findet, wennschon seltener, das Wort »beziehungsweise«, das seiner Natur nach ein Adverbium ist, auch als Adjektivum angewandt, »die beziehungsweisen Gesetzesstellen«. Aber in diese Abgründe der Roheit will ich nicht hinabsteigen. Am Ehrentage Moltkes habe ich das Wort Exzellenz so unzählige Male gelesen, daß ich einen wahren Widerwillen dagegen bekommen habe. Exzellenz tönte es aus allen Telegrammen, Exzellenz aus allen Adressen, Exzellenz aus allen Gratulationsreden. Das Glückwunschschreiben des Bundesrats bestand zur Hälfte aus diesem einen Worte, aber auch die von minder hohen Kollegien verfaßten Festschriften zeugten von der Vorliebe, die der Deutsche dem Prädikate entgegenbringt. Selbst die Studenten rieben ihre Salamander auf Seine Exzellenz den Herrn Feldmarschall Grafen von Moltke. Bei alledem hatte ich ein gewisses Mißgefühl, wie man es empfindet, wenn man Zeuge einer unpassenden, wennschon harmlosen Handlung wackerer Leute ist. Mir kam es so vor, als ob es sich nicht recht schicke, einen Unsterblichen so anzureden, wie man die sterblichen Generalleutnants und Wirklichen Geheimräte anredet – an dem Tage, meine ich, wo ihm der Dank des Vaterlandes feierlich dargebracht wird. Im gewöhnlichen Leben geht es natürlich nicht an, den großen Feldherrn so zu nennen, wie die Geschichte ihn nennen wird; wer ihm einen Brief schreibt oder einen Besuch macht oder mit ihm Whist spielt, wird nicht umhin können, Exzellenz zu schreiben oder zu sagen. Aber was dem gewöhnlichen Verkehr angemessen ist, das eignet sich deshalb noch nicht für die große Zeremonie. Es gibt einen monumentalen Stil für die hohen Augenblicke des Lebens, und dieser monumentale Stil besteht zur Hälfte, nämlich von seiner negativen Seite, darin, daß er die alltäglichen, abgegriffenen Höflichkeitsformen beiseite läßt. Für einen Künstler und einen Schriftsteller ist es das Gegenteil einer Auszeichnung, wenn man öffentlich von ihm als »Herr X.« spricht; die Hervorragenden nennt man einfach »Böcklin«, »Gottfried Keller«, »Heyse«. Was im Umgange unhöflich wäre, wird im literarischen Stile höflich. Ein ähnliches Gesetz, aus ähnlichem Grunde erwachsen, gilt für das, was ich den monumentalen Stil nenne, für den Stil, den man auf Votivtafeln und in Adressen an historische Männer anzuwenden hat. Weil es sich um Prosa handelt, so wird dieser Stil sich zwar nicht völlig von der Sprache des gewöhnlichen Lebens entfernen können, aber ihre banalen Formen, zu denen alle Titulaturen gehören, muß er ebenso sorgfältig vermeiden wie den Pomp der Ode. Man beachte, daß die Ode, also die weihevollste und die poetische Form der Festschrift, mit der schwungvolleren Sprache die einfachste Art der Anrede verbindet: sie nennt den Gefeierten Du und mit seinem Familiennamen ohne Zusatz. Von den ganz großen Namen fällt der Titel ab. Zwischen dem unvergänglichen Ruhm des einen und dem höchst irdischen Charakter des andern entsteht ein Kontrast, der komisch wirkt, – ein Beispiel mehr von der Nachbarschaft des Erhabenen und des Lächerlichen. Man denke sich, Schiller lebte noch und wäre am zehnten November neunzig Jahre alt geworden. Sicherlich würde es Adressen geregnet haben. Würden sie nach dem Muster der Moltke-Adressen gelautet haben? »Hochwohlgeborener Herr, Hochzuverehrender Herr Hofrat! Euer Hochwohlgeboren haben die deutsche Literatur mit einer Reihe von Werken bereichert, die Euer Hochwohlgeboren Namen den fernsten Zeiten ruhmvoll überliefern und für die Deutschlands geeinte Stämme Euer Hochwohlgeboren zu unvergänglichem Danke verpflichtet sind.« Ich gebe zu, daß das »Hochwohlgeboren« noch geschmackloser klingt als »Exzellenz«, aber es ist doch nur ein Unterschied des Grades; der eine Zopf ist etwas dicker als der andere. Eine gute Festadresse zu verfassen, in gehobener Sprache und doch einfach, ehrerbietig und doch ohne die modernen Höflichkeitsformeln, ist nicht jedermanns Sache; aber man sollte denken, die Aufgabe sei am 26. Oktober leichter als gewöhnlich gewesen. Der würdige Gegenstand erlaubte es, »sonore Worte« zu gebrauchen, ohne der Gefahr der Übertreibung zu verfallen. Und unter dem Schütze der volltönenden Worte konnte man am ehesten das klangarme »Exzellenz« vermeiden. In Frankreich tobt gegenwärtig der Kampf zwischen humanistischer und realistischer Gymnasialbildung kaum minder heftig als bei uns. In einer der unzähligen, aus diesem Anlasse erschienenen Abhandlungen fand ich zu meinem Verdrusse die Bemerkung, daß von den lebenden Sprachen die deutsche am wenigsten in Betracht kommen könne, für den Unterricht nämlich, »weil ihre Grammatik und Syntax nebelhaft sei«. Als Beweis für diese Behauptung wurde unter allerlei Mißverständlichem auch dies angeführt, daß es im Deutschen keine Regel für den Gebrauch der beiden Partikeln als und wie gebe. Man sage bald »röter als Blut«, bald »röter wie Blut«, bald »so lang als breit«, bald »so lang wie breit«, bald »er spricht nichts als Unsinn«, bald »nichts wie Unsinn«. Diese Beweisführung verdroß mich noch mehr, denn ich mußte mir sagen: der Mann hat recht. Das heißt, er hat recht, wenn man von dem nebelhaften Zustande der Praxis redet; da werden allerdings die beiden Partikeln von nachlässigen Schriftstellern fortwährend konsundiert. Aber er hat doch unrecht, wenn er meint, daß diese Gesetzlosigkeit der Sprache zur Last falle. Unser Gesetz ist ebenso gut und klar wie das französische: als für die Verschiedenheit, wie für die Gleichheit; als folgt auf den Komparativ und auf negierende Wörter, wie auf den Positiv und auf so und derselbe , der nämliche . Die Regel ist ausnehmend einfach und leicht zu befolgen; sie ist sogar noch einfacher und logischer als die französische Unterscheidung zwischen que und comme . Allein dadurch wird unser Fall nicht besser. Mit Recht wird der Franzose mir einwenden: was nützt das Gesetz, wenn eure Schriftsteller es ungestraft brechen? Wie können wir von unseren Gymnasiasten verlangen, eine Sprache zu lernen, deren Regeln im eigenen Lande nicht geachtet werden? In Frankreich wäre ein Schriftsteller und selbst ein Zeitungsschreiber, der comme setzte, wo que stehen muß, ganz unmöglich. Das kleinste Käseblatt würde nichts von ihm annehmen. Einer unserer berühmtesten Modernen, der siegreich selbst mit den Norwegern konkurriert, schildert uns ein von Mitleid beseeltes Auge mit den Worten: »In seinem Blicke las ich nichts wie Erbarmen.« Das ist das Gegenteil dessen, was er meint; er meint »nur Erbarmen« und er sagt: »nichts was aussah wie Erbarmen«. Ein Mäßigkeitsfreund sagt: »Wir müssen den Alkohol höher besteuern wie in der Schweiz,« und erst aus dem Zusammenhang ersehen wir, daß er uns die schweizerischen Steuersätze nicht als Muster empfehlen, sondern sie als nicht hoch genug bezeichnen will. Ein Verehrer Bismarcks behauptet, »daß niemand die deutsche Frage hätte lösen können wie Bismarck«. Das gibt einen guten Sinn, aber einen ganz anderen, als beabsichtigt ist. Denn er fährt fort: »Nur in ihm vereinigten sich die Eigenschaften, die das Werk erheischte.« Er wollte also sagen: »Niemand als Bismarck.« In den weitaus meisten Fällen, wo wie für als steht, erkennt man freilich sofort, daß ein Schnitzer vorliegt, aber darum sind diese Fälle nicht minder tadelnswert. Wenn ich sage: das Gesetz ist ganz klar, so weiß ich sehr wohl, daß es nicht immer so gewesen ist. Aber seit Goethe und Schiller hat es sich bei allen sorgfältigen Schriftstellern so festgesetzt und die Logik steht ihm so kräftig zur Seite, daß seine Legitimität nicht mehr angefochten werden kann. Wie im Reiche der Sprache die Kämpfe zwischen altem und neuem Rechte sich vollziehen, gehört zu den geheimnisvollen Dingen. Es ist rätselhaft, wie es zugeht, daß die deutsche Sprache in den Urzeiten und das Mittelalter hindurch höchst korrekt und sauber die logischen Kategorien unterschied, für jede eine Partikel hatte, für die Komparativfälle denn , für die Vergleichung als , für die Frage wie , und niemals die eine mit der anderen verwechselte, genau so wie heute noch die Engländer than , as und how in scharfer Sonderung gebrauchen, und wie dann in einem Zeitalter höherer Bildung, im Jahrhundert der Reformation, auf einmal eine Verwirrung dieser schönen Ordnung eintrat, »Hauptgebrechen neuhochdeutscher Zunge« nennt Jakob Grimm sie, infolge deren das alte Denn vor dem Usurpator Als zurückgewichen und dieser wiederum von dem Frageworte Wie seiner bis dahin beherrschten Gebiete beraubt worden ist. Das Denn wird nur noch bei feierlichen Gelegenheiten aus seiner Zurückgezogenheit hervorgeholt und dem Volke gezeigt, wie ein entthronter König, dem der Hausmeister einige zeremonielle Vorrechte gelassen hat; die eigentliche Regierung führt heute das Als . Aber neuerdings sucht ein Eindringling ihm das neugewonnene Gebiet streitig zu machen: das Wie , nicht zufrieden, sich in vergleichenden Sätzen an die Stelle des Als gesetzt zu haben, trachtet, von der Gunst des großen Haufens getragen, nach der Herrschaft auch in Komparativfällen und ist, wie gesagt, bereits so mächtig geworden, daß es eine förmliche Nebenregierung aufgerichtet hat, zum großen Nachteil der guten Ordnung, die, kaum hergestellt, wieder ins Schwanken gerät. Wäre mit der Neuerung eine Verbesserung oder Bereicherung unserer Sprache verknüpft, so würde ich nicht konservativ genug sein, mich ihr zu widersetzen, umsoweniger, als ja beide Partikeln revolutionäre Usurpatoren waren. Allein das Gegenteil ist der Fall; die Neuerung macht die Sprache ärmer; sie nimmt ihr das Mittel, das sie jetzt besitzt, für zwei verschiedene Verhältnisse zwei verschiedene Konjunktionen anzuwenden: »größer als , ebenso groß wie. « Man kann mir freilich manche Stellen aus guten Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts entgegenhalten, die dieser heilsamen Ordnung nicht entsprechen. Klopstock und Goethe gebrauchen mitunter noch »als« wie die Alten es gebrauchten, wo wir »wie« setzen: »und der Geburten zahlenlose Plage droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.« Allein diese Altertümlichkeit ist nur ein Nachzucken der früheren gestürzten Ordnung, und sie schwindet mit dem Jahrhundert. Man kann sich auf sie nicht berufen, wie die Staatsrechtslehrer des neuen Reichs sich nicht auf den Westfälischen Frieden berufen können. Den vulgären und außerdem unhistorischen Gebrauch von »wie«, wo »als« stehen müßte, findet man bei unseren Klassikern vielleicht an sechs oder sieben Stellen, einmal bei Lessing, ein paarmal bei Voß, aber solche, der Feder entschlüpfende Nachlässigkeiten begründen keine Regel. Die meisten Dinge, um die der Deutsche den Franzosen beneiden darf, gehören nicht gerade zu den höchsten Gütern der Menschheit, wennschon unter ihnen allerlei Schätzbares sich befindet. Am wenigsten wird man geneigt sein, auf wissenschaftlichem und gar auf philologischem Gebiete Ursache zu deutschem Neide, unseren westlichen Nachbarn gegenüber, zu vermuten. Und doch ist dies gerade mein Fall. Immer ärgere ich mich und schäme ich mich, wenn ich die stattliche Bändezahl des Wörterbuchs der französischen Sprache von Littré ansehe und mir die Frage vorlege, warum haben wir, die gelehrtesten und fleißigsten Lexikographen der Welt, nichts Ähnliches? Wir haben das Grimmsche Wörterbuch, aber es ist ein unvollendeter Bau, und auch wenn es fertig sein wird, nach Jahrzehnten vielleicht, wird es, darüber kann man sich nicht täuschen, dem Littréschen Werke sich nicht an die Seite stellen lassen. Ich urteile nicht über die wissenschaftlichen Werte, die das deutsche und die das französische Werk umschließt, obwohl ich glaube, daß auch in dieser Beziehung Littré nicht zu leicht wird erfunden werden. Ich vergleiche nur im Hinblick auf Anordnung, Übersichtlichkeit, Auswahl der Belegstellen, logische Entwickelung der Wortbedeutungen, Maßhalten zwischen zu großer Knappheit und Überfülle, kurz, auf alle die Eigenschaften, nach denen der nicht fachmännische gebildete Leser, wenn er über seine Muttersprache Belehrung sucht, zunächst fragt. In allen diesen Punkten ist das französische Werk unserem weit überlegen. Littré nachzuschlagen, sogar darin zu lesen, ist ein Vergnügen, in Grimm ist es eine Arbeit. Schon die typographische Ausstattung erleichtert das Studium des ersteren und erschwert das Studium des letzteren. Daß die Gebrüder Grimm die lateinische Schrift wählten und auch daß sie die Substantiva mit kleinen Anfangsbuchstaben drucken ließen, tadle ich nicht; darin stehen sie ja dem Franzosen gleich. Aber daß sie auch die einzelnen Sätze mit kleinen Buchstaben anfangen lassen, hemmt das suchende Auge. In den längeren Artikeln, die doch meistens die interessanteren sind, hat der Leser eine Masse kleiner Buchstaben vor sich, in der die Interpunktion verschwindet. Die Abteilungen, Unterabteilungen und Unterunterabteilungen sind zwar mit Ziffern und Lettern bezeichnet, aber so wenig in die Augen springend, daß sie zu entdecken gespannte Aufmerksamkeit erheischt. Vollends unglücklich aber war der Einfall, die einzelnen Wörter an der Spitze jedes Artikels und die Leitwörter oben auf der Seite ganz mit Majuskeln zu drucken, wie eine römische Inschrift. Gerade an der Stelle, wo rasches Auffinden leicht gemacht werden sollte, sieht sich der Leser aufs Buchstabieren angewiesen. ABENDDAEMMERSCHEIN, BESCHWERDEFUERUNG, DURCHEINANDERMENGUNG, GEDANKENVERKNUEPFUNG , – so etwas läßt sich ja am Ende wohl entziffern, und auf Grabsteinen mag diese lapidare Schrift sich auch ganz gut ausnehmen, aber sie für ein Nachschlagebuch zu wählen, ist doch eine erstaunliche Verirrung. Als ich dies schrieb, hatte ich vergessen, daß in diesem Punkte auch Littré sündigt. Aber bekanntlich nehmen französische Sünden sich eleganter aus als deutsche. In unserer Sprache, mit so vielen langatmigen Zusammensetzungen, sind die Majuskeln noch unzweckmäßiger als in der französischen. Man sagt, Littré habe zehn Jahre gebraucht, um seine Arbeit von A bis Z zu vollenden. Er hatte freilich den Vorteil, allein zu kommandieren, während das Grimmsche Wörterbuch von mehreren geschrieben wird. Allein dieser Umstand allein erklärt den Zeitunterschied nicht; letzterer ist gar zu groß. Jakob Grimms erster Band erschien 1854, A bis Biermolke umfassend. Damals dachte ich, jährlich ein Buchstabe, also spätestens 1878 ist das Ende des großen Nationalwerkes zu erwarten. Inzwischen sind Moltke und das Jahrhundert neunzig Jahre alt geworden, und das Ufer liegt noch in unerkennbarer Ferne. Man ist bis Q einschließlich vorgerückt, mit einer bemerkenswerten Lücke, die ich gleich erwähnen werde. Von R, T, V sind ein paar Hefte fertig, das letzte bis Verhöhnen . Der ganze wichtige Buchstabe S fehlt noch, ebenso U mit allen um-, un-, unter- und über-, W und Z mit zahlreichen Wörtern zer-, zu-, zwischen-. Und ferner fehlt noch der ärgste aller Nachzügler, das G. Im Jahre 1878 war dieser Buchstabe bis Gefolgsmann vorgerückt, während der folgenden zehn Jahre ist er bis genug gekommen, und da hat er es auch genug sein lassen. Seitdem hat man nichts weiter von ihm gehört. Den verdienten Männern, die sich der Fortsetzung der Grimmschen Arbeit annahmen, kann ich, was Wissen und Fleiß anlangt, nicht das Wasser reichen; aber eine schüchterne Bemerkung über ihr Verfahren will ich doch wagen, weil ich mich dabei auf die Gebrüder Grimm selbst berufen kann. Diese nämlich haben das Wörterbuch, das beweisen die von ihnen selbst herausgegebenen drei Bände, sich weit knapper gedacht, als ihre Nachfolger es ausführen. Jakob Grimm erledigt ein so vielseitiges Wort wie bringen auf sieben Spalten, sein Nachfolger verwendet auf gehen hundert. Nun mag gehen gern ein vielseitigeres Wort sein, aber ich meine doch, daß der Inhalt der hundert Spalten sich sehr wohl auf dreißig zusammenstreichen ließe, ohne Schaden zu erleiden. Die unglücklichen Abonnenten des Wörterbuchs würden, glaub' ich, mit einiger Abkürzung sehr einverstanden sein; sie haben sonst keine Aussicht, das Werk vor ihrem Tode binden lassen zu können. Ob wir unsere besondere Schrift beibehalten oder die sogenannte lateinische einführen sollen, das ist nicht bloß eine typographische und ästhetische, sondern vor allem eine kulturgeschichtliche Frage. Viele meinen, es sei eine nationale Frage (auch Fürst Bismarck, der kein Buch mit lateinischen Lettern liest, scheint der Ansicht zu sein), wahrscheinlich weil wir unsere hergebrachte Schrift »deutsche Schrift« zu nennen pflegen, ähnlich wie man früher (Herr Reichensperger noch) den gotischen Baustil den deutschen genannt hat. Bekanntlich ist unsere sogenannte deutsche Schrift ebensowenig wie der Spitzbogenstil auf vaterländischem Boden gewachsen, und sie ist, wiederum genau wie dieser Stil, während einer langen Periode allen Ländern des westlichen Europa gemein gewesen. Deutsch an ihr ist nichts als das eine, daß, während alle anderen Nationen, die einen früher, die anderen später, zu den einfacheren und schöneren Schriftformen Roms zurückgekehrt sind, die mönchische Verschnörkelung dieser Formen in Deutschland sich behauptet hat. Von der Gemeinschaft, die alle Völker europäischer Zivilisation umfaßt, hält sich nur unser Volk fern, als ob es, wie das russische, nicht dazu gehöre. Bei den Russen ist wenigstens Methode in der Absonderung; sie wollen nicht zur occidentalen Zivilisation gehören: sie wollen orthodoxe Barbaren sein, und wie ihren eigenen Kalender und ihre eigene Tracht bewahren sie auch ihr eigenes Alphabet, das ihre Leute von dem sündigen Westen getrennt hält. Wir Deutschen können ähnliche Gründe nicht anführen; es läßt sich nur aus der Macht des Schlendrians oder aus Gleichgültigkeit gegen die äußere Form oder aus dem Mangel einer tonangebenden Hauptstadt erklären, wenn wir in dieser einen Beziehung hinter den anderen zurückgeblieben sind. Merkwürdigerweise geht dieses Festhalten am Altfränkischen mit großer Toleranz gegen das Neue Hand in Hand. Ein großer Teil unserer Druckschriften und selbst unserer Tagespresse erscheint bereits in der modernen Schrift, ohne daß dagegen sich Widerspruch erhebt. Gewisse Zweige der Wissenschaft, namentlich die echtdeutsche germanische Philologie, bedienen sich fast ausschließlich der lateinischen Lettern, wie vom Grimmschen Wörterbuche schon oben bemerkt worden ist. Die meisten Zeitungen machen es mit ihren Handels- und Börsenartikeln ebenso. In derselben Schrift wurden bereits im vorigen Jahrhundert Werke der Dichtkunst gedruckt, darunter berühmte, wie Klopstocks Messias, Vossens Homer und Luise. Eine Agitation gegen diese Neuerungen hat sich meines Wissens nie bemerklich gemacht; abgesehen vom Fürsten Bismarck hat nie ein namhafter Mann für die mönchischen Typen Partei genommen. Was den Fortschritt hemmt oder in so langsamem Tempo hält, ist nicht die Kraft des Widerstandes, sondern die Vis inertiae . Wahrscheinlich würde die ganze Reform in einem Tage sich vollziehen, wenn das Reich und Preußen sie für alle amtlichen Publikationen dekretierten. Schwierigkeiten sind nicht vorhanden; das lateinische Alphabet ist jedem Deutschen bekannt und geläufig. Wenn, wie ich zugebe, manche Leser im ersten Augenblicke die deutschen Wörter in anständigem Gewande ein ganz klein wenig fremdartig finden werden, so wird dies Befremden nach einer Viertelstunde, spätestens nach einem Tage, verschwunden sein. Die Vorteile der Reform sind oft erörtert worden: die Druckereien brauchen weniger Material, der Schreib- und Leseunterricht wird um die Hälfte seines Stoffes entlastet, den Ausländern wird die Bekanntschaft mit unserer Literatur erleichtert, der Absatz unserer Bücher in fremden Ländern gefördert. Die lateinische Schrift selbst ist deutlicher als die pseudo-deutsche, was wir schon dadurch anerkennen, daß wir beim Schreiben von Eigennamen jene vorziehen und sie allein für Signale benutzen. Nur ein Buchstabe macht einige Schwierigkeit, das ß, das im lateinischen Alphabet nicht vorkommt. In den meisten Druckereien hilft man sich mit ss oder mit sz , was gewiß nicht schön ist. Richtig scheint mir, was auch schon vielfach geschieht, für diesen Buchstaben ein besonderes, dem griechischen \β ähnliches Zeichen zu verwenden, das sich den Formen des lateinischen Alphabets nicht minder gut anschließt als K und W , die ja auch erst das Bedürfnis germanischer und slawischer Sprachen dem überlieferten Typenvorrat hinzugefügt hat. II. (1891) Nicht Rembrandt, sondern Dr. Gustav Wustmann heißt der Erzieher der Deutschen. Dieser Stadtbibliothekar und Archivdirektor in Leipzig hat unter dem Titel »Allerhand Sprachdummheiten« Allerhand Sprachdummheiten, kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen, von Dr. Gustav Wustmann, Stadtbibliothekar und Direktor des Ratsarchivs in Leipzig. Leipzig. Fr. Wilh. Grunow. 1891. ein Büchlein ausgehen lassen, dessen Wert sich zu dem Pseudo-Rembrandt, obwohl es wie dieser nur zwei Mark kostet, ungefähr so verhält wie der Nutzen eines Leuchtturms zu dem eines Feuerwerks. Wenn der Absatz eines Buchs sich nach dessen Verdienstlichkeit richtet, so werden die »Sprachdummheiten« wenigstens dreihundert Auflagen erleben, und wenn alle das Buch kaufen, die aus ihm etwas lernen könnten, so werden dreihundert Auflagen nicht einmal reichen. Denn nicht allein alle berufsmäßigen Schriftsteller, alle höheren Beamten, alle Reichstags- oder Landtagsmitglieder, alle Lehrer, Prediger und Professoren, alle Berichterstatter der Zeitschriften, alle, die gelegentlich vor einem größeren Kreise sich vernehmen lassen, nicht allein diese werden für ihre zwei Mark eine Fülle guter Regeln und Ratschläge, nützlicher Winke und Anregung eintauschen, sondern auch – – aber die vorstehend genannten Kategorien umfassen ja im Grunde die gesamte Nation, soweit sie sich über die bloße Handarbeit erhebt. Welcher Deutsche käme nicht einmal in den Fall, sich schriftlich oder mündlich öffentlich vernehmen lassen zu müssen? Und wer würde sich nicht schämen, wenn es ihm zum Bewußtsein käme, daß er bei der Gelegenheit eine Reihe von Sprachdummheiten begangen habe, wie es nur allzu wahrscheinlich der Fall sein wird. Die Verwahrlosung unserer Sprache hat allmählich einen Umfang angenommen, daß man mehr erstaunt ist, die gröbsten Fehler vermieden als sie begangen zu sehen. Es ist keine Übertreibung, oder jedenfalls nur eine gelinde, wenn Dr. Wustmann sagt, man könne blindlings aus dem Schaufenster eines Buchladens ein neuerschienenes Prosawerk herausgreifen und getrost eine Wette darauf eingehen, daß, wo man es auch aufschlage und den Finger hinsetze, in einem Umkreise von fünf Zentimeter Durchmesser um die Fingerspitze ein grober grammatischer Fehler zu finden sei, die Geschmacklosigkeiten ganz ungerechnet! Macht man das Experiment gar an Zeitungen, so ist die Chance, die Wette zu gewinnen, weit größer als die Chance, in der neuen Sklavenbefreiungslotterie eine Niete zu ziehen. Aber ich habe der Frauen noch nicht erwähnt. Auch ihnen kann man das Bändchen schenken – Weihnachten steht ja vor der Tür – und ihnen das Durchlesen empfehlen. Wenn sie auch weit weniger als die Männer schreiben und öffentlich reden (zur Zeit wenigstens noch), so ist ihre Aufgabe der Sprache gegenüber doch besonders wichtig. Aus ihrem Munde empfangen ja die Kinder den ersten praktischen Unterricht in der Handhabung der Wörter und Sätze; nach ihrem Beispiel modelt sich die Haus- und Gesellschaftssprache, und was auf diese Weise sich dem Ohr, dem Gefühl und der Gewohnheit des heranwachsenden Geschlechts einprägt, übt je nach den Umständen einen vorteilhaften oder einen schädlichen Einfluß auf die nächste Generation aus. Bei allen Kulturvölkern hat man von jeher in den Frauen der guten Gesellschaft die Hüterinnen der richtigen, natürlichen und geschmackvollen Ausdrucksweise gesehen, und wir selbst reden deshalb nicht von einer Vatersprache, sondern von unserer Muttersprache. Im allgemeinen werden auch bei uns die Frauen, sofern sie nicht schriftstellern und nicht in Vereinen auftreten, reineres und namentlich einfacheres Deutsch sprechen als die Männer; sie sind gewöhnlich besser geschützt gegen den verderblichen Einfluß, den die politische Zeitung, das parlamentarische Phrasentum, die bureaukratische und juristische Pedanterei auf Schreib- und Redeweise ausüben. Aber auch sie sind, wennschon in geringerem Maße, der Ansteckung ausgesetzt durch die Männer, mit denen sie sich unterhalten, durch die Romane, die sie lesen, und die Briefe, die sie empfangen. Es ist also nicht überflüssig, auch ihnen den heilsamen Impfstoff, der die Widerstandskraft gegen die allgemeine Seuche verstärkt, darzubieten. Man muß nicht glauben, daß Dr. Wustmanns Buch, weil er es eine Grammatik genannt hat, langweilig, trocken und mühsam zu lesen sei. Ich würde nicht gerade empfehlen, es in einem Zuge von Anfang bis zu Ende durchzulesen; wenn man es aber so, wie es geschrieben ist, in Portionen zu sich nimmt, wird man es schmackhaft, leicht verdaulich und ungemein nahrhaft finden. Als ein kluger Mann hat der Verfasser seine guten Lehren geflissentlich nicht in der Form einer systematischen Grammatik vorgetragen, sondern sie in dem zwanglosen Tone einer Plauderei mitgeteilt, mit Recht annehmend, daß der Leser da, wo von der eigenen Muttersprache die Rede ist, wo immer noch ein lebendiges, wenn auch vielleicht mißleitetes Sprachgefühl des Schülers dem Lehrer auf halbem Weg entgegenkommt, aus dem munter vorgeführten abschreckenden Beispiel die Regel besser lernen wird als aus dem (für den natürlichen Menschen noch abschreckenderen) Kodex des Erlaubten und des Gebotenen. Bücher, die uns lehren, was die meisten noch leidlich richtig machen, haben wir genug, aber sie haben nichts gefruchtet. Ich will einmal einen anderen Weg einschlagen, sagt der Verfasser unseres Buchs; ich will einmal von den landesüblichen Fehlern und Dummheiten ausgehen, sie in Prozession vorführen und meine Landsleute bitten, sich diese Fratzen und Mißgeburten mit einiger Andacht anzuschauen. Der Abscheu wird doch wohl einige heilen. Glücklicherweise hat der Veranstalter der Prozession, neben seiner Sprachweisheit Laune, Geist und Temperament genug, um das traurige Schauspiel ergötzlich zu machen. Die Musterung so vieler Gebrechen wäre ein widerwärtiges Stück Arbeit, wenn der Humor des erklärenden Arztes sie nicht fortwährend erheiterte. Denn in der Tat, so aus einen Haufen versammelt, in langem Zuge an uns vorüberschreitend, machen unsere üblichen Sprachdummheiten einen Eindruck, als ob man plötzlich alle Bresthaften, Krüppel, Verstümmelten und Verrenkten eines großen Hospitals oder alle Bettler Neapels in Parade aufziehen sähe. Die falschen Plurale, die kastrierten Dative, die unrichtig deklinierten Adjektive und die unrichtig konjugierten Verba (frug und fragt statt fragte und fragt), die substantivischen Wechselbälge (Freispruch, Eingabe, Entschluß, wo Freisprechung, Eingebung, Entschließung stehen sollte), die Ungetüme (Inbetriebsetzung, Außerkraftsetzung, Zurdispositionsstellung), die Mißgeburten (das unaussprechliche Jetztzeit), Jetztzeit ist wohl die Krone aller Sprachdummheiten, eine in buchstäblichem Sinne unaussprechliche Scheußlichkeit; Gegenwart, Neuzeit genügen dem Bedarfe vollständig, Dr. Wustmann meint, Jetztzeit sei zwar richtig gebildet, aber überflüssig. Ich halte es für ganz sprachwidrig gebildet. Wo gibt es denn zum zweiten Mal ein echtes Substantivum wie Zeit, das mit einem Adverbium zusammengesetzt wäre? Nur verbale Substantiva dulden solche Paarung, und auch sie nicht gern. die Modeausdrücke (durchqueren, das gärtnerische Können, zielbewußt, unentwegt, hochgradig, naturgemäß für natürlich oder selbstverständlich, ganz und voll, auslösen für erwecken oder erregen u. s. w. u. s. w.), die Geschwulste (vereinnahmen, beanlagt, veranlagt), die hölzernen Apparate (fertigstellen, klarlegen, sich beziffern, zur Vorlage bringen und dergleichen für vollenden, aufklären, sich belaufen, vorlegen), die Sinnverdrehungen (das moderne Bedingen, wo man Bewirken oder Verursachen meint. Fortsetzen anstatt Wegsetzen, selten fruchtbar für außerordentlich fruchtbar, also ungefähr für das Gegenteil dessen, was gesagt wird), die Provinzialismen und Austriazismen (benötigen für brauchen, verständigen für benachrichtigen, der Unterfertigte für der Unterzeichnete, allgemein geworden durch die bekannten grotesken Traueranzeigen der Studentenverbindungen, »an die geehrten a. H. a. H. und a. v. M. a. o. M.«, im vorhinein statt von vornherein, beiläufig für ungefähr, nur mehr statt nur noch, »Gedichte von nur mehr historischem Werte«, neuerdings für nochmals oder wiederum, »er hat das oft Gesagte neuerdings zusammengestellt«) – diese und eine Menge ähnlicher Ausgeburten der Sprachroheit hinken, stolpern und stelzen an uns vorüber unter den lustigen Peitschenhieben des Doktors, daß es zugleich ein Jammer und eine Freude ist. Aber diese bilden nur den Vortrab; die Hauptgebrechen, die Sünden wider den Satzbau, die Frevel gegen Syntax und Logik, gegen Sinn und Menschenverstand, folgen in einem zweiten stattlichen Heereszuge hinterdrein. Ehe ich diesem die Aufmerksamkeit zulenke, will ich kurz erwähnen, daß Dr . Wustmann sich in einer vortrefflichen Einleitung über die Ursachen des Übels äußert. Von diesem selbst sagt er, ich fürchte mit Recht: nie wurde in Deutschland so schlecht geschrieben wie jetzt, und nirgend wird so schlecht geschrieben wie in Deutschland. Wie geht das zu? In der nachklassischen Periode, in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurde noch von den Durchschnittsskribenten auf Grammatik, Wortbildung und Syntax eine Sorgfalt verwendet, die uns heute nur noch als Ausnahme entgegentritt. Ohne Zweifel hängt der eingetretene Verfall mit der Demokratisierung des gesamten Lebens, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts immer mehr Fortschritte gemacht hat, zusammen. Die Dampfpresse, der ungeheure Bedarf an Druckereierzeugnissen, die Tagesliteratur (von der man vor fünfzig Jahren nur erst schwache Anfänge kannte) haben eine Masse ungebildeter oder halbgebildeter Menschen in die schriftstellerische Tätigkeit hineingezogen, und die Schreibart dieser neuen Klasse von Literaten hat sich allmählich so breit gemacht, daß sie unserem Schrifttum die eigentliche Physiognomie zu geben scheint. Dazu kommt ein zweites: die Aktenmenschen, die früher ihr Kanzleideutsch unschädlich in geschlossenen Räumen verarbeiteten, sind seit dem politischen Umschwünge und der Einführung des mündlichen Gerichtsverfahrens auf den Markt der Öffentlichkeit getreten und haben die Breitspurigkeit, die Unbeholfenheit und Abstraktheit ihres überlieferten Wort- und Phrasenschatzes auf den allgemeinen Verkehr übertragen. Diese beiden Ursachen erklären vieles, aber doch nicht alles. Bei anderen Völkern haben sich die Dinge ähnlich entwickelt wie bei uns, und doch findet man bei ihnen, bei Franzosen, Engländern und Italienern, keine so allgemeine und keine so arge Verwilderung der literarischen Sprache wie bei uns. Das Übel kennen auch sie; man klagt auch in Frankreich und in England über die Verschlechterung der Prosa, über das Eindringen vulgärer und pedantischer Neuerungen, über den schädlichen Einfluß des Zeitungsstils, aber alles das hält sich doch in engeren Grenzen sowohl quantitativ als qualitativ, und die Opposition gegen das Schlechte macht sich nachdrücklich geltend. Bei uns nehmen die höheren Kreise der Literatur die schlechten Manieren der niederen ruhig, als ob es so sein müßte, an, ohne ein Zeichen von Selbstüberwindung, von Gefühl des Unrechttuns; französische Schriftsteller pflegen, wenn sie einmal ein vulgäres Zeitungswort oder den Jargon der Schule anwenden, sich zu entschuldigen und hervorzuheben, daß sie mit Bewußtsein und ohne Konsequenz sich einer barbarischen Redeweise bedienen. Es muß noch ein besonderer Umstand obwalten, der in Deutschland dem Wuchern des Unkrauts besonders günstig ist. Heutzutage sucht man gern, wenn irgendwo unerfreuliche Erscheinungen zu Tage treten, den oder die Schuldigen unter den Kindern Israels. Auch Dr. Wustmann zollt dieser Tagesmode einen, wenn auch immerhin nur kleinen Tribut. Als verständiger Mann kann er unmöglich annehmen, daß alle oder auch nur sehr viele deutsche Sprachdummheiten hebräischen Ursprungs seien, aber der Gedanke, daß man wenigstens einen gewissen Teil der Schuld auf die Juden abwälzen könne, scheint für ihn etwas Tröstliches zu haben. Er sagt: »Ein großer Teil unserer Zeitungen, vielleicht der größte und einflußreichste, wird von Leuten geschrieben, die einem fremden Volke angehören, deren Großeltern, ja deren Väter und Mütter vielleicht das Deutsche noch nicht als ihre Muttersprache gesprochen haben! So flink sich auch der Jude, wie in alles, was mit dem bloßen Verstande zu erreichen ist, in die Elemente der deutschen Grammatik findet, so flink er auch seinem Geschreibsel den Schein einer leidlich richtigen Papiersprache zu geben weiß: wo es aufs Sprachgefühl ankommt, bleibt er doch ewig der Fremde.« Ewig ist ein hartes Wort. Also selbst nach Äonen werden die Juden, die unter uns wohnen, nicht wie wir sprechen und schreiben lernen? So böse wird es nun wohl nicht gemeint sein, aber auch mit dem Salzkorn scheint mir die Behauptung unhaltbar; die letzten hundert Jahre unserer Literatur widersprechen allzu deutlich, und die wenigen Beispiele verjüdelter deutscher Sprache, die der Verfasser anführt, beweisen nichts, weil sie teils dem rein Possenhaften angehören, teils ihnen das jüdische Ursprungszeugnis fehlt. »Für silberne Hochzeit zu sagen Silberhochzeit,« meint Dr. Wustmann, »darauf kann zum ersten Male nur ein Jude verfallen sein.« Warum denn in aller Welt? Warum nicht ebensogut ein Landpastor oder sogar ein Hofprediger? Ähnlich verhält es sich mit den angeblich den Juden eigentümlichen Verwechselungen: »Das Landstreichen ist ihm zur zweiten Gewohnheit geworden«, »er fühlte sich in seiner Umgebung nicht heimlich«, »mit sichtbarer Freude«. Vor solchen Ergötzlichkeiten schützt weder Taufwasser noch germanische Abstammung. Das wirkliche Judendeutsch ist etwas ganz anderes als das Deutsch unserer Börsenblätter; es hat mit der Literatur nur insoweit zu schaffen, als es in Lustspielen oder Witzblättern zur Erzielung komischer Effekte benutzt wird, im grellen Gegensatz zum Schriftdeutsch und darum diesem ganz und gar nicht gefährlich. Zur Sache will ich in aller Bescheidenheit meine Ansicht der des Dr. Wustmann zur Seite stellen: daß nämlich wenige Juden gut, die meisten schlecht schreiben, und daß es bei den Christen sich ebenso verhält. Nein, nicht die Juden sind schuld, sondern wir selbst, wir Deutschen und ein echter deutscher, uns tief im Blute sitzender Fehler oder richtiger Mangel, denn er ist negativen Charakters. Der Sinn für die Form, für die schöne Ordnung, die geschmackvolle Darstellung ist unserem Volke, ich will nicht sagen, von Natur fremd, aber er ist schwach entwickelt und infolge ungenügender Pflege stumpf geworden. Das zeigt sich in mancherlei Dingen von größerer wie von geringerer Wichtigkeit, in der Kleidung, der Einrichtung der Wohnungen, der Anordnung öffentlicher Akte; es zeigt sich namentlich in unserem Verhalten zur Muttersprache. Wenn sie uns nur mit Stoff, rohem Stoff versorgt, fragen wir wenig nach der Zierlichkeit, Sorgfalt und Sauberkeit der Zubereitung, von künstlerischen Anforderungen nicht zu reden. Es ist ganz natürlich, daß die Handwerker schlecht arbeiten, wenn die Kunden zwischen der Vortrefflichen Ware und dem Schund wenig Unterschied machen. In einem Lande, wo die Leute von der Speise nur verlangen, daß sie den Bauch fülle, werden die guten Köche selten sein: wozu sollen sie sich viel Mühe geben, wenn der Gast die faden, die ranzigen und die versalzenen Gerichte mit demselben Behagen hinunterschlingt wie die köstlichste Mahlzeit? Die Zahl der Sudelköche wird von selbst abnehmen, wenn das Publikum die verpfuschten Schüsseln entrüstet zurückweist. Die deutschen Schriftsteller werden sich besserer Sprachsitten befleißigen, wenn sie merken, daß die Leser ihnen sonst den Rücken kehren. Der Mangel, von dem ich hier rede, gehört nicht zu den unheilvollen Gebrechen; durch Erziehung und Aufmerksamkeit läßt er sich entfernen; Sprach- und Stilgefühl können, wo nur der Keim dazu vorhanden ist, durch gute Anleitung zu hoher Feinheit ausgebildet werden. Freilich ist, wo die natürliche Anlage des Volks gering ist, umsomehr Mühe und Strenge vom Lehrer zu fordern. Wir dagegen haben die Folgen des Mangels über uns ergehen lassen, ohne zu protestieren, nostra culpa, nostra maxima culpa . Man könnte freilich meinen, es handle sich bei der ganzen Sache am Ende doch nur um Äußerlichkeiten, ein bißchen Eleganz, ein bißchen Geschmack; der Kern des Lebens bleibe unberührt und die große Arbeit, an die Schale verwendet, sei nicht der Mühe wert. Aber das darf man doch nicht gelten lassen. Es gibt gewiß höhere Dinge als Grammatik, Syntax und Stil; man kann, wie der alte Fritz und Blücher, ein großer Mann und ein Held sein und doch schauderhaftes Deutsch sprechen. Die Nation kann sich aber nicht erlauben, was dem genialen Individuum nachgesehen wird. Die Sprache ist für sie das Vehikel ihres Geistes- und Seelenlebens; zugleich das Kleid und das Werkzeug ihrer Gedanken, und zwischen dem Werkzeuge und dem Gedanken besteht eine Wechselbeziehung; wird jenes stumpf, so verdunkelt sich der andere, und umgekehrt. Die Sprache ist zugleich das Band, das uns mit den Vorfahren und den Nachkommen verknüpft; sie ist ein Heiligtum, weil in ihr unsere großen Männer gedacht, geredet und gedichtet haben. Ein solches wunderbares Besitztum gegen Verunstaltung und Verkümmerung zu schützen, verlohnt sich wohl selbst großer Mühe. Bei anderen großen Völkern betrachtet man die Abwehr der Sprachverderber als eine selbstverständliche, gewissermaßen von der Natur auferlegte Pflicht, als eine Art instinktiver Tätigkeit. Der treffliche Alexander Vinet sagt: »Ist es zu verwundern, wenn ein allgemeiner Instinkt« (er meint leider nur die Franzosen) »mit eifersüchtiger Sorgfalt über Grammatik und Wortschatz wacht, deren Verschlechterung uns mit Sprachverwirrung und Zersplitterung der gesellschaftlichen Kräfte bedrohen würde? Die Sprache in Obhut nehmen, heißt die Gesellschaft selbst bewachen.« Und an einer anderen Stelle: »Die inkorrekten Schriftsteller sind Münzfälscher, deren Operationen den Kredit des Wortes verringern. Achtung vor der Sprache ist beinahe Moral.« Schopenhauer hat mit unnachahmlicher Prägnanz ausgesprochen, worin schriftstellerische Vortrefflichkeit besteht. »Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge; aber sie machen es umgekehrt.« Ungewöhnliche Dinge zu sagen, ist nun nicht jedermanns Sache, gewöhnliche Worte zu brauchen ist allen natürlich, solange sie selbst natürlich sind. Man soll also, auch dann und namentlich dann, wenn man nur gewöhnliche Dinge mitzuteilen hat, dem Sprachgebrauche folgen, noch gewissenhafter aber als ihm dem Sprachgesetz. Nun ist es wahr, daß die Anwendung dieser Regel nicht so einfach ist, wie sie selbst, denn die Sprache ist nicht eine ein für allemal gegebene unveränderliche Vorratskammer von Vokabeln und Formen, die in genau abgeteilten Fächern, wie die Lettern im Setzerkasten, nebeneinander liegen, so daß, wer nur die Fächer kennt, das, was er nötig hat, leicht aufzufinden und mit unfehlbarer Sicherheit von dem Unpassenden zu unterscheiden vermöchte; sondern die Sprache ist, wie man zu sagen pflegt, ein organisches Gebilde, das seine eigenen Formen und Bedingungen selbständig entwickelt, also verändert, und mit der Zeit fortwährend Altes ausscheidet, Neues sich aneignet, ohne daß man jemals in einem gegebenen Augenblicke bestimmen könnte: von heute an gilt dies und ist jenes nicht mehr zulässig. Der Sprachwächter daher, der das Gesetz und die gute Sitte gegen unbefugte Neuerungen behüten will, muß ein Prinzip aufstellen, nach dem er seine Entscheidungen im einzelnen Falle treffen will. Darüber ist der Verfasser der Sprachdummheiten sich völlig klar gewesen, und er hat, meine ich, den richtigen Standpunkt sehr gut festgestellt. »In rein grammatischen Fragen,« sagt er, »ist der einzig richtige Standpunkt der konservative, das heißt man muß das bisher Richtige zu verteidigen und zu retten suchen, wo und solange es eingedrungenem oder eindringendem Neuem und Falschem gegenüber irgend zu retten ist; auch in anscheinend verzweifelten Fällen darf man die Hoffnung nicht aufgeben, durch Klärung des getrübten Sprachbewußtseins oder durch Aufstachelung des trägen Sprachgewissens, das Richtige noch zu erhalten. Nur in ganz aussichtslosen Fällen ist der Kampf aufzugeben und dem Neuen, auch wenn es falsch ist, das Feld zu räumen. Wo ursprünglich Einheit und Gleichmäßigkeit waltet, da ist sie streng zu wahren und jede willkürliche Durchbrechung abzuwehren; wo ursprünglich Mannigfaltigkeit herrscht, ist sie zu schonen und jeder öden Gleichmacherei vorzubeugen. ... In logischen Fragen hat die Entscheidung einzig und allein der gesunde Menschenverstand. Wo feine logische Unterschiede, die bisher beobachtet worden sind, verwischt zu werden drohen, da ist ebenso entschieden entgegenzutreten, wie da, wo man sich plötzlich als Dummkopf behandeln und sich ohne alles Bedürfnis Unterscheidungen (Differenzierungen!) aufnötigen lassen soll. Wo aber Logik und Ästhetik um den Vorrang streiten, hat stets die Ästhetik das entscheidende Wort zu sprechen, denn der Gebrauch der Sprache ist eine Kunst, und in aller Kunst sind die obersten Gesetze die Gesetze der Schönheit. Darum ist auch aufs nachdrücklichste alle Unnatur, alle Ziererei zu bekämpfen, wie sie sich oft in gesuchter Kürze, noch öfter in gesuchter Breite, in Schwulst und Überladung äußert.« Ein Beispiel des eingedrungenen Falschen, gegen das man nicht weiter ankämpfen soll, ist der heute allgemein gewordene Gebrauch des Neutrums zwei für alle drei Geschlechter, während vor hundert Jahren noch die meisten guten Schriftsteller zween Männer, zwo Frauen und zwei Kinder zu schreiben pflegten. Heute gebraucht man zween und zwo nur noch altertümelnd und dann nicht selten falsch: zwo Männer und zween Frauen. Eine unrettbare richtige Form, deren Untergang ich noch mit Bewußtsein erlebt habe, ist die des starken männlichen Genetivs, die gegenwärtig der schwachen Form definitiv gewichen ist. Auf unserem Gymnasium, es sind fünfzig Jahre seitdem ins Land gegangen, wurde es als Fehler angekreidet, wenn ein Schüler schrieb: sie sind voll süßen statt voll süßes Weines, und unser Direktor verfehlte nicht, bei solchem Anlasse zu bemerken, daß der Genetiv »süßen Weines« zwar mehr und mehr einreiße, aber pöbelhaft sei. Wie es geschehen konnte, daß schließlich der Pöbel seinen Willen durchgesetzt hat, ist schwer zu sagen: eine gewisse Mundfaulheit mag dabei im Spiele gewesen sein. Wenn wir nicht acht geben, wird man bald auch die bereits auftauchenden Genetive »allen Sträubens ungeachtet, solchen Frevels unfähig, manchen Erfolges sich bewußt, jeden Unheils gewärtig«, als die einzig legitimen anerkennen müssen, was ein deutlich hörbarer Schaden für die Sprache wäre. Denn ohne Zweifel drücken die heute noch vorliegenden und einzig richtigen Formen »alles, solches, manches, jedes Unheils« den Genetivcharakter deutlicher aus. Jakob Grimm hat die Besorgnis ausgesprochen, daß die deutsche Sprache allmählich den Genetiv verlieren und durch die Konstruktion mit »von« ersetzen werde, wie die romanischen Sprachen es bereits getan haben und das Englische zur Hälfte ihnen nachtut. Anfänge dieser Ausartung zeigen sich allerdings. Man wird oft genug lesen: Eine Vereinigung von patriotischen Männern, eine Anzahl von wertvollen Gemälden, ein Übermaß von leeren Worten, wo doch der Genetiv auch dem Mundfaulen bequemer wäre. Dies ist einer der Fälle (nicht von den Fällen), wo die Abwehr des Schlechten noch nicht hoffnungslos erscheint. Eine sonderbare und ungemein häufig vorkommende Mißhandlung des Dativs ist von mir gerügt worden, und zwar zur Beschämung unseres Reichsgesetzblattes, das in jeder seiner Nummern »unter beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel« anstatt »Kaiserlichem« das schlechte Beispiel wiederholt. Dr. Wustmann hat auch diesen Fall, indes ohne Nennung des Reichsgesetzblattes, gebührendermaßen abgehandelt. Von ihm habe ich gelernt, wovon ich keine Ahnung hatte, daß deutscher Tiefsinn diese Sprachdummheit als eine besondere Feinheit in Schutz nimmt, wohl gar als Regel aufstellt. Wenn nämlich mehrere Adjektiv« vor einem Hauptworte stehen (so lautet besagter Tiefsinn), so muß unterschieden werden: bezeichnen die sämtlichen Adjektiva eine unmittelbar an dem Hauptworte haftende Eigenschaft, so haben sie sämtlich dieselbe Kasusendung. Also »mit frischem, reifem, süßem Obst«. Wenn aber eins der Adjektiva nur dazu dient, dem Hauptbegriff noch eine selbständige Bestimmung in loserem Zusammenhange hinzuzufügen, dann nimmt nur dieses, immer voranstehende Adjektivum die volle, starke Kasusform an, und die anderen laufen in schwacher Form hinterdrein, also: »mit teuer bezahltem frischen, reifen, süßen Obst«. An eine solche Tüftelei hat der Genius der Sprache weder in Deutschland noch in anderen Landen jemals gedacht; überall gilt unverbrüchlich die Regel, daß Kasusendungen sich nach dem Kasus richten und nicht nach inneren logischen Unterscheidungen. Wie unzutreffend die tiefsinnige Theorie sei, kann man am einfachsten zeigen, wenn man sie auf ein weibliches Hauptwort anwendet: »mit teuer gekaufter frischen, süßen Milch« wird niemand aufwarten. Dr. Wustmann weist auch darauf hin, daß es niemand einfalle, im Nominativ oder Akkusativ jene angebliche Regel zu befolgen. Jeder spricht und schreibt: beigedrucktes kaiserliches (nicht kaiserliche) Siegel, willkommene wärmere (nicht wärmeren) Winde. Aber dieser Tage habe ich doch in dem Feuilleton einer großen Berliner Zeitung von einem Stücke gelesen, es sei »ohne starke dramatischen Effekte«. Wir haben alle Ursache, uns nicht in falsche Sicherheit einzuwiegen. Manche von den Schäden, über die Dr. Wustmann mit Recht klagt, sind älteren Datums, reichen zum Teil bis in die Zeit unserer Klassiker und sogar noch weiter zurück. Sie werden dadurch nicht schöner, aber man kann sie jedenfalls nicht dem lebenden Geschlechte, seiner Roheit, seiner Vorliebe für Gallizismen, seiner Neuerungssucht zur Last legen. Dahin gehört z. B. die allzu häufige Anwendung des Pronomens »derselbe, dieselbe, dasselbe« statt des einfachen »er, sie, es« oder »dieser, diese, dieses«, die in den meisten Fällen denselben, das heißt den nämlichen Dienst besser und behender verrichten, als jenes schleppende Fürwort. Aber es muß irgend ein Grund tieferer Art gewesen sein; der schon vor Jahrhunderten und auch in den Volksmundarten den breiteren Formen »derselbe, selbiger, derselbige« ihre Beliebtheit verschafft hat. Vielleicht erschien »er, sie, es« zu gewichtlos, »dieser« zu nachdrücklich. Wie dem auch sei, der häufige Gebrauch des schwerfälligeren Worts ist entschieden zu tadeln, weil Schwerfälligkeit ohnehin der deutschen Sprache leicht anhaftet und ihr nicht unnötigerweise Vorschub geleistet werden sollte. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man »derselbe« für »der nämliche« sagt. Ähnlich verhält es sich mit dem Relativum »welcher«, dem man häufiger begegnet als dem kürzeren und natürlicheren »der, die, das«, – in der Schrift nämlich, denn im lebendigen Gespräch sagt man nicht leicht: »das Buch, welches ich lese, der Mann, welchen ich hochachte, die Stimme, welche ich höre.« Es scheint, daß es dem pedantischen, oder sagen wir gewissenhaften Deutschen ärgerlich war, daß der Artikel und das Relativpronomen dieselbe Schreibform hatten, und daß er es für einen Fortschritt ansah, als man anfing, das Fragewort »welcher« mit dem Relativum zu konfundieren . Im Laufe der Zeit hat man den eigentlichen Sachverhalt vergessen und sich eingebildet, »welcher« sei das korrekte und »der« nur ein geduldetes Wort, während, wie gesagt, die lebendige, gesprochene Sprache das Gegenteil beweist und demgemäß auch die Poesie das »welcher« meidet. Ein seltsames Beispiel von den Launen des Sprachgebrauches ist, daß man da, wo »welcher« richtig steht, es verbannt hat, in der Redensart nämlich: »Ich merke, wes Geistes Kinder ihr seid.« In der bekannten Schriftstelle hat Luther gesetzt: »welches Geistes Kinder«. Niemand würde doch sagen: »Ich weiß, wes Vaters Sohn du bist.« Aber ich habe schon gelesen: »Alle, wes Namens immer, sind willkommen.« Wenn Alter ehrwürdig machte, so dürfte man auch die beiden Sprachdummheiten nicht allzu hart anfassen, die von allen vielleicht die weitestverbreiteten sind, die sogenannte Inversion, die nach »und« das Verbum vor das Subjekt setzt – »das Wetter war schön, und hatten wir eine vergnügte Reise«, und die Konfusion, die im Gebrauche der Partikeln als und wie herrscht. Jene fehlerhafte Inversion kann sich auf zahllose Beispiele aus dem sechzehnten und allen folgenden Jahrhunderten berufen, aber sie wird sich damit nimmermehr vor einem nur einigermaßen empfindlichen Ohre rechtfertigen. Den Stempel der Vulgarität, den sie von Anfang an getragen hat, kann keine Zeit verwischen; in unseren Tagen tritt er nur deutlicher hervor, weil die Inversion recht eigentlich die Lieblingszier der penny-a-liners und der Börsenberichte geworden ist. Die fortdauernde Verwechselung von als und wie ist geradezu eine Schmach für »ein Volk von Denkern«. Wenn für zwei so entgegengesetzte Begriffe wie für »anders als« und »ebenso wie« nur eine einzige Partikel zur Verfügung stände, so wäre das für eine gebildete Sprache schon recht beschämend, daß aber wirklich zwei Partikeln vorhanden sind, man diese nun aber promiscue für beide Fälle verwendet, anstatt gebührendermaßen jede für den ihr zukommenden Fall, das ist ein wahrer Skandal. Angenehm überraschte mich, daß Dr. Wustmann es noch für möglich hält, die falschen Adjektiv«, die mit -weise zusammengesetzt sind, zwangsweise, teilweise, zeitweise, vergleichsweise u. s. w. wieder auszurotten. Ich hatte diese Hoffnung aufgegeben, da ich sah, wie dieser Sprachfehler von Jahr zu Jahr sich mehr einbürgerte und auch den besten unter den Jetztschreibenden keinerlei Pein mehr zu verursachen schien. Als ich ein Knabe war, hörte ich meinen Vater manchmal sagen: »Man scheint gar nicht mehr zu wissen, daß teilweise ein Adverbium ist; da lese ich wieder von einer teilweisen Zahlung; es ist ein unleidlicher Unfug«; das war in den dreißiger Jahren. Jetzt, glaub' ich, gibt es nicht mehr viele Väter, die so zu ihren Kindern reden. Ich kam mir immer vor wie der Angehörige eines aussterbenden Geschlechts; denn höchst selten fand ich unter den Lebenden einen, der mir beistimmte, wenn ich erklärte, daß jedes dieser Pseudo-Adjektiva mir Ohrenschmerz verursache. Glücklicherweise scheint Dr. Wustmann bessere Erfahrungen gemacht zu haben. Übrigens reicht auch dieser »Unfug« ins vorige Jahrhundert hinein, und seine ungeheure Ausbreitung verdankt er wohl der Bequemlichkeit, die er gewährt. Aber Bequemlichkeit rechtfertigt keine Sünde, zumal da es nur geringer Gewandtheit bedarf, um dieser Sünde auszuweichen. Ein Fremdwort zu gebrauchen, gilt zwar heute bei manchen für ruchlos, aber es ist eine Kinderei im Vergleiche mit solchen Mißhandlungen der Muttersprache, die ihren inneren Organismus antasten. Partieller Wahnsinn und relative Ehrlichkeit sind kein klassisches Deutsch, aber sie sind weit unschuldiger als teilweiser Wahnsinn und vergleichsweise Ehrlichkeit. Was, beiläufig gesagt, Fremdwörter betrifft, so hat Dr. Wustmann dies leidige Thema nur gestreift, doch glaube ich sowohl aus den theoretischen Bemerkungen wie aus seiner eigenen Präzis schließen zu dürfen, daß ich, obwohl ein entschiedener Gegner der neuesten Vereinshetze wider die Fremdlinge, mich leicht mit ihm verständigen würde. Vergleiche ich seine Äußerungen mit dem, was ich selbst vor einigen Jahren (1886) gegen den Puristeneifer gesagt habe, so glaube ich ihn und mich so charakterisieren zu dürfen, daß unser beider Sprachgefühl wesentlich übereinstimmt, ihn aber mehr der dumme Mißbrauch, mich mehr die dumme Verketzerung der Fremdwörter beschäftigt hat. Während des Schreibens wird es mir klar, daß das Material der »Sprachdummheiten« viel zu reich ist, um innerhalb der mir gesetzten Grenzen eine irgend erschöpfende Besprechung zu erlauben. Ich bitte den Leser, sich an das Buch selbst zu wenden; er wird es, wie schon gesagt, nicht zu bereuen haben. Vielleicht wird er hier und da den Kopf schütteln, bei weitem das meiste aber als richtig anerkennen müssen. So wenigstens ist es mir ergangen. Einige Stellen, wo ich ein wenig den Kopf geschüttelt habe, will ich kursorisch noch anführen. Der Gleichmäßigkeit wegen, weil man sage »im Kreise lieber Verwandten, hoher Beamten, großer Gelehrten«, empfiehlt Dr. Wustmann auch zu sagen: »Was Eigentum französischer Staatsangehörigen, Verein deutscher Industriellen, Einbildung wunderlicher Heiligen«, obwohl in allen diesen Fällen das Hauptwort, das ja im Grunde ein Adjektiv ist, auch wie ein Adjektiv dekliniert werden sollte: »Staatsangehöriger, Industrieller, Heiliger«. Ich muß sagen, hiergegen sträubt sich etwas in mir; selbst »lieber Verwandten«, »großer Gelehrten« empfinde ich als eine Zusammenfügung, bei der etwas nicht ganz in Ordnung ist. Das Sprachgefühl schwankt hier offenbar sehr. Ebenso oder noch mehr widerstrebt mir »ein schönes Ganze«; natürlich von den Lippen und aus der Feder fließt mir »ein schönes Ganzes«, »sein ganzes Inneres« u. s. w., was ja grammatisch unzweifelhaft richtiger ist. Die Pluralendung -er kommt nicht »nur bei Wörtern sächlichen Geschlechts« vor, wie es Seite 38 heißt. Fast nur, müßte es heißen, da Männer, Reichtümer, Irrtümer, Würmer seit längerer Zeit Sprachrecht erworben haben. »Pantoffeln« ist vielleicht nicht so unbedingt zu verwerfen; obwohl es als Maskulinum »Pantoffel« auch im Plural heißen muß, ist doch das zu Grunde liegende ursprüngliche Femininum (ital. pantofola ) eine Rechtfertigung der schwachen Pluralform, ähnlich wie bei dem vom Verfasser angeführten Stachel, Stacheln. Das Gehalt im Sinne von Besoldung verwirft Dr. Wustmann vielleicht zu kategorisch. »Die gute Sprache kennt nur den Gehalt und die Gehalte.« Aber das Gehalt findet sich bei zahlreichen guten Schriftstellern und heute ganz überwiegend im mündlichen und schriftlichen Verkehr. Die Unterscheidung von »der Gehalt« im Sinne von Wertinhalt u. s. w. ist nicht unvorteilhaft, und ein Sprachgesetz steht dem neutralen Gebrauch nicht im Wege. Gehälter ist nicht schön. Von Stoffnamen wie Blut, Gold, Fleisch. Wolle u. s. w. bildet unsere Sprache ursprünglich keinen Plural, wie auch nicht von abstrakten Substantiven, Liebe, Haß, Gram, Andacht, Unschuld, Tapferkeit, Reue. Dies ist kein Vorzug, sondern ein Mangel, der uns oft hindert, den behenderen Schritt z. B. der romanischen Sprachen nachzuahmen. Der Handel hat sich, offenbar einem Bedürfnisse folgend und unter ausländischem Einflusse, sicherlich nicht »aus Prahlsucht«, auf eigene Hand den mangelnden Plural für viele Stoffe geschaffen und ihn in Gebrauch zu bringen verstanden, wie mir scheint, ohne Nachteil, vielmehr zur Bereicherung der Sprache. Ich finde es nicht »unerträglich«, daß man, wie schon früher Steine, Weine, Hölzer, Metalle, so jetzt auch Öle, Tabake, Tuche, Garne sagen kann, wenn man eine Mehrheit verschiedener Sorten oder Beschaffenheiten bezeichnen will. Allerdings hat die neue Freiheit ihre Grenzen, die der gute Geschmack hüten muß; Tees, Kaffees, Fleische, Wachse möchte auch ich nicht empfehlen. Aber warum sollte man nicht sagen dürfen: »Er zerstampfte oder zerrieb Getreide, Holz, Knochen und Mohnkerne, mischte die vier Mehle durcheinander und buk einen Kuchen daraus.« Warum nicht: Verschiedene feine Öle erzeugen diesen Wohlgeruch?« Ich würde sehr zufrieden sein, wenn Haß und Liebe, Lächeln und Lachen sich ebenso leicht von dem Banne des Singulari erlösen und im Chore aufführen ließen wie les amours, les haines, les sourires Frankreichs. Ist es nicht störend, daß wir das Leben eigentlich nicht in der Mehrzahl vorführen können, höchstens in Zusammensetzungen wie Menschenleben? Neuere Philosophen sprechen von den verschiedenen Bewußtseinen, die in einem Individuum existieren; man kann das nicht sagen, aber es ist doch ein Mangel, daß man es nicht kann. Gegen die dummen »Zeichnenbuch, Rechnenbuch« führt der Verfasser die richtigen Verbalzusammensetzungen »Schreibfeder (nicht Schreibenfeder), Spinnstube (nicht Spinnenstube)«, u. a. m. ins Feld, um zu zeigen, daß die Infinitivendung »en« wegfällt und es also analog »Rechen-, Zeichenbuch« (für Rechn-, Zeichnbuch) heißen muß. Dabei erwähnt er auch »Singestunde« mit der Bemerkung, daß man in Süddeutschland auch Singstunde sage. Ich habe auch in Norddeutschland nie anders als Singstunde sprechen gehört und wüßte nicht, wie man sprachgesetzlich die Singestunde rechtfertigen könnte. Auch Schreibepapier und Schreibepult, bloß des Wohlklangs wegen, zu sagen, möchte ich nicht anraten. Im Sprechen hilft man sich über den scheinbaren Mißklang mühelos hinweg, wie bei Schiffahrt, Leuchtturm und vielen anderen Wörtern ähnlicher Bildung. »Einakter« nennt der Verfasser eine Scheußlichkeit. Mich dünkt, er sollte, schon aus taktischen und pädagogischen Gründen, solche Prädikate für die schwersten Fälle wie Jetztzeit, beziehungsweise und dergleichen aufsparen. Wir sagen Eindecker wie Dreidecker, Einhufer, Einspänner; es wird nicht jedem einleuchten, weshalb Einakter verwerflich und nun gar scheußlich sein soll. Ähnlich wird es manchem mit einzelnen der von dem Verfasser verdammten »Modewörter« ergehen. Die meisten habe ich zur Welt kommen sehen, sofort unausstehlich gefunden und nie in den Mund genommen, z. N. unentwegt, gesinnungstüchtig, humorvoll, vollinhaltlich, gesanglich, stimmlich, erziehlich, kulturell, selbstredend, naturgemäß (im Sinne von selbstverständlich) und noch viele, viele. Dagegen vermag ich den Widerwillen gegen manche andere, wie eigenartig, selbstlos, erheblich, es erhellt, nicht zu teilen. Sie waren schon vorhanden, als ich zu lallen begann, sind also Modewörter nur in sehr weitem Sinne, und ich habe sie von Jugend auf völlig arglos gebraucht. Nun mag es schon wahr sein, daß man diese Wörter durch andere ersetzen könnte, obwohl sich bestreiten ließe, daß eigenartig und eigentümlich, selbstlos und uneigennützig, erheblich und bedeutend, es erhellt und es ergibt sich genau dasselbe besagen: jedenfalls ist es kein Unglück, wenn man für einen Begriff verschiedene Wörter zur Verfügung hat, von denen bald dieses, bald jenes besser in den Vers oder in den Tonfall des Satzes paßt. »Unerfindlich«, das Dr. Wustmann verdammt, hat für mein Gefühl einen leisen Aktengeruch; wenn ich andeuten will, daß auch nach pedantischer, juristischer Prüfung keine Gründe für des Gegners Ansicht zu entdecken waren, sage ich, anstatt »es ist unbegreiflich, weshalb«, mit richterlichem Ernste: »Es ist unfindlich, weshalb.« »Vorstrafen« und »vorbestraft«, ferner »Vorjahr, Vorahnung, Vorbedingung« sollen als unlogisch oder tautologisch auf den Index der verbotenen Wörter gesetzt werden. Vorstrafen gebe ich preis, obschon dies Polizeiwort in der Literatur wenig verkehrt, auch allenfalls sich auf Vorleben (Antezedenzien) berufen könnte. Aber Vorjahr ist doch nicht dasselbe wie das vorige Jahr, so wenig wie Nachjahr dasselbe wie das nächste Jahr; »der Bericht zeigt die Einfuhren aller Jahre, in denen eine Zollerhöhung in Kraft trat, im Vergleich mit den Einfuhren der Vorjahre.« Es gibt Ahnungen, die keine Vorahnungen sind, wie z. B. die Hamlets, daß sein Oheim einen Mord begangen habe. Vorbedingungen sind solche, die erledigt sein müssen, ehe man über die eigentlichen Bedingungen zu verhandeln anfängt. Mir scheint auch, daß zwischen »Anrecht« und »Recht«, zwischen »Beihilfe« und »Hilfe« gewisse Unterschiede bestehen. » Jetzt redet man von Japanwaren, Smyrnateppichen, Neapelmotioen, Weimarlosen.« Ich beanstande nur das Jetzt , als ob solche Zusammensetzungen etwas Neues wären. Man hat doch schon ziemlich lange (der Verfasser führt selbst eine Reihe entschuldbarer Beispiele an) Cypern- und Kapwein getrunken, Mokkakaffee geschlürft und, ich meine, auch Smyrnateppiche ausgeklopft. Die Form ist also überliefert; nur die Gegenstände, deren Benennung man ihr gemäß modelt, find zum Teil neu, wie die Tanagrafiguren, die Sumatratabake, die Koloradokäfer. Bei diesen Bildungen scheint ein geheimes Sprachgefühl zu walten; sonst würden uns nicht die einen mundgerecht, die anderen (wie Neapelmotive, Weimarlose) geschmacklos erscheinen, aber es ist schwer, die Regel zu entdecken. Nie Namen mit Vokalauslaut scheinen sich am leichtesten darzubieten, doch hat man auch Cypern- neben Angorakatzen und Romfahrer neben Mekkapilgern. Beiläufig bemerkt, das getadelte Wort »Bismarckbeleidigungen« ist doch wohl mit bewußter Ironie der Majestätsbeleidigung nachgebildet. Zum Schluß – denn man muß doch einmal schließen – will ich noch einen Punkt berühren, wo, wie ich glaube, Dr. Wustmann einmal ausnahmsweise eine falsche Regel verficht. Er behauptet, es verrate eine grobe Unwissenheit, es sei ein gemeiner Fehler, nicht deutsch, sondern französisch, zu sagen: »Die Zeitschrift erscheint alle vierzehn Tage«, »alle Augenblicke entstehen Streitigkeiten«, »ein Mann, wie ihn uns die Vorsehung nur alle hundert Jahre einmal schenkt«. Es müsse heißen »aller vierzehn Tage, aller Augenblicke, aller hundert Jahre«. Das war mir völlig neu; niemals hatte ich diesen Genetiv gehört noch gelesen, und auch das Volk hatte vor meinen Ohren nie anders als »alle Naselang« gesprochen. Ich wandte mich in meinem Erstaunen über die neue Belehrung an Jakob Grimm und erfuhr von ihm (Wörterbuch I, 213), daß Lessing »aller sechs Wochen« geschrieben habe für »alle sechs Wochen«. Jakob Grimm selbst hat also den Akkusativ für das Normale gehalten, und ich darf den »Sprachdummheiten«, deren unzweifelhafte Wahrheiten sich zu den hier aufgeführten Zweifel erweckenden Sätzen wie tausend zu eins verhalten, mit meinem Danke den Wunsch aussprechen, daß sie »alle vier Wochen« eine neue Auflage erleben mögen.