Paul Schreckenbach Michael Meyenburg Ein Lebensroman aus der Reformationszeit Erstes Buch. I. In einem Garten, der sich vor den Mauern der Stadt Erfurt am Ufer der wilden Gera hinzog, saß ein etwa zwanzigjähriges Mädchen und wand Veilchen zu einem Kranze. Die Holzbank, auf der sie sich niedergelassen, stand unter einer hohen Bachweide hart über dem Rande des Flusses. Der machte zurzeit seinem Namen alle Ehre, denn die Regengüsse der Nacht hatten ihn mächtig geschwellt, so daß er schäumend und gurgelnd durch sein enges Bett dahinschoß. Jenseits des Wassers standen zwei junge Männer und beobachteten die eifrig in ihre Arbeit Vertiefte. Sie hatten sich auf einem schmalen Wiesenpfade herangeschlichen und blickten nun durch die schon halbbelaubten Zweige des Gesträuches, das den Fluß umsäumte, nach dem Mädchen hinüber. Der Ältere legte dem Jüngeren die Hand auf die Schulter und lachte. »Dein Pürschgang an diesem schönen, Frühlingsmorgen ist dir geglückt, Freund Michael«, sagte er und brauchte dabei wegen des Flußrauschens seine kräftige Stimme nicht allzusehr zu dämpfen. »Die du suchst, die ehrbare und tugendsame Jungfer Ursula Lachensper, dort sitzt sie in dem Garten ihrer Muhme, wie wir richtig vermutet haben. Nun gehe hinüber zu ihr. Der schmale Brückensteig wird nicht unter dir zusammenbrechen, so stark und gewaltig du auch einherschreitest, nicht wie ein Stadtschreiber, eher wie ein Fähnleinsführer des Herrn Jörg Frundsberg. Und nun gehab dich wohl. Zu dem, was nun wohl kommen wird, bin ich überflüssig.« »Das bist du,« gab der Angeredete mit einem halben Lächeln zurück. »Und es ist löblich von dir gehandelt, Eoban, daß du hier nicht den Lauscher spielen willst, woran ich dich nicht hindern könnte.« Der andere zuckte die Achseln. »Ich bin nicht neugierig. Schon oft habe ich gesehen, wie einer eine Maid umfängt. Zudem gelüstet mich's nicht, dessen Zeuge zu sein, wie mein bester Freund seines Lebens größte Narretei begeht.« Ohne der Unmutsfalte zu achten, die sich zwischen seines Freundes Brauen eingrub, fuhr er fort: »O Michael Meyenburg, Stadtschreiber der edeln Reichsstadt Nordhausen! Wärest du klug und weise, so flöhest du auf der Stelle mit mir von dannen. Wir setzten uns in das tiefe Kellergewölbe im Wirtshaus zum wilden Mann und tränken edeln Malvasier oder Muskateller, den du freilich bezahlen müßtest, denn meine Taschen sind leer. Dort verweilten wir, wie wir früher so manchmal getan, bis die silberne Luna schon fast den Rand des Himmels berührte. O Michael Meyenburg, so tätest du mit mir, wenn du weise und klug wärest! Aber ein vom Pfeile Kupidos getroffener Mann ist nicht weise und klug.« Meyenburg lachte ärgerlich und schüttelte des Freundes Hand mit einem Ruck von seiner Schulter ab. »So sprachst du schon gestern abend, als ich dich heimwärts geleitete. Doch da hielt ich's dem Weine zugute. Jetzt aber sage mir ehrlich, was du gegen die Jungfer hast.« »Nichts. Doch sie ist nicht nach meinem Geschmack.« »Du bist sehr offen. Doch um so besser, denn dann kommt mir der berühmte Eobanus Hessus, der Poet, den alle Weiber lieben, bei ihr nicht ins Gehege. Aber warum ist sie nicht nach deinem Geschmack? Erscheint sie dir häßlich?« »Nein. Sie ist nicht eben eine Venus, aber schlank und wohlgebaut, und ihre blonden Zöpfe stehen ihr gut. Sie könnte sich wohl sehen lassen neben den Weibern Nordhausens.« »Oder weißt du etwas Übles von ihr?« »Gott behüte! Ich weiß zuviel Gutes von ihr, und sie ist mir, mit einem Worte, viel zu fromm und herbe! Immer sittsam, immer züchtig die Augen geradeaus richtend, niemals nach einem guten Gesellen äugend, der die Straße daherkommt. Fischblut ist in solchen Weibern, und diese Art ist mir zuwider. So eine möchte ich nimmermehr zu meinem Liebchen machen!« Michael Meyenburg lachte von neuem, diesmal aber keineswegs geärgert. »Ich will sie nicht zu meinem Liebchen machen, sondern zu meiner Ehefrau. Da ist mir's recht, daß sie nach keinem anderen äugt, denn nach mir allein, und sie wird recht als Herrin in ein Haus passen, in dem so lockere Vögel aus und ein gehen, wie du und Hune und die anderen Poeten.« »Warte, bis du sie hast,« knurrte Eobanus Hessus. »Ich fürchte, bis dahin wird noch viel Wasser die Gera hinunterfließen.« In Meyenburgs Augen leuchtete es auf. »Ich acht', ihrer bin ich sicher! Eine Maid wie die ist nicht heute so, morgen anders.« »Darin magst du wohl recht haben. Aber sie hat nicht über sich zu bestimmen, solange ihr Vater lebt. Den hast du noch nicht kennen gelernt, als du vorigen Winter hier warst in deines Rats Geschäften und sie bei ihrer Muhme sahest und mit ihr anbändeltest.« »Nein, ihn habe ich noch nicht gesehen, denn er lag damals schwer krank,« versetzte Meyenburg. »Und ich möchte dir wünschen, wenn du nun einmal das Heiligenbild, seine Tochter, heimführen willst, er wäre nimmer wieder aufgestanden. Denk' ich an ihn, so kommt mir's auf die Zunge wie Essig und Galle.« »Ja, er soll ein sauertöpfischer Mann sein. Aber was tut's? Ich heirate nicht ihn, ich heirate seine Tochter, und zwischen Nordhausen und Erfurt liegt halb Thüringen.« »Erst mußt du sie haben, lieber Michael, und ich fürchte, er wird sie dir weigern.« Meyenburg erblaßte, aber dann warf er den Kopf trotzig in den Nacken. »Dann werde ich ihn anderen, Sinnes machen.« »Das wird dir schwer werden. Denn du weißt es ja: der alte Dotheus Lachensper ist ein böser Narr. Er hängt starr und zäh am Alten, alles Neue ist ihm verhaßt. Mit sonderlichem Hasse aber streitet er gegen das neue Licht, das mit unserem Martinus in die Welt gekommen ist. Wer ihm der Lutherei verdächtig ist, den stößt er von der Schwelle seines Hauses hinweg. Seine erste Frage wird sein, wenn du um seine Tochter freiest: Wie haltet Ihr Euch zu der neuen Ketzerei? Seid Ihr Freund oder Feind des Mannes, der die Christenheit in zwei Lager spaltet? Was willst du darauf sagen, Michael? Willst du Luther verleugnen?« »Verleugnen?« erwiderte Meyenburg finster. »Ein Jünger verleugnet seinen Meister. Ich aber bin sein Jünger nicht, wie du und Crotus und Justus Jonas. Ich lobe an ihm, daß er den Mönchen an die Bäuche greift, und daß er gegen den Ablaß schreibt und gegen die Steuern, die wir über die Alpen schicken müssen, um die Römer zu mästen. Darüber aber erzürnen sich alle, die gute Deutsche sind. Sonst bedünkt mich manches an seiner Lehre hochgefährlich – aber verwünscht! Ich habe über unsern Reden die Zeit versäumt. Sie ist nicht mehr allein!« Er wies auf ein Kind, ein etwa zehnjähriges Mädchen, das eine Menge bunter Frühlingsblumen in seiner Schürze tragend, über den schmalen Holzsteig in das Gärtlein schritt. Es mochte die Blumen wohl in der Nähe auf einer Wiese gepflückt haben. »Das ist die kleine Anna Reinecke, des Hüttenherrn aus Mansfeld Tochter,« sagte Eobanus Hessus. »Sie wohnt bei der Muhme deiner Erkorenen, weil in Mansfeld zurzeit eine Seuche ist. Der Reinecke ist Luthers Freund, darum darf das Kind dem alten Lachensper nicht ins Haus und sieht ihre Base hier in der Muhme Garten nur verstohlen. Potz Wetter, was ist das für ein feines Maidlein! Leben in jeder Fiber und Augen wie Sternlein! So denke ich mir die Sylphiden, von denen die Alten erzählen. Wenn die zehn Jahre älter ist, wird sie manchem den Kopf verdrehen! Unser Justus Jonas sagt, ein lieblicher Kind wäre ihm noch nicht vor die Augen gekommen.« »Ach, wäre sie mir jetzt doch so weit aus den Augen, wie der Himmel blau ist!« erwiderte Meyenburg im Tone des tiefsten Verdrusses. »Nun kann ich nicht mit der Ursula reden, wie ich möchte!« »Nimm's als Zeichen des Schicksals, Freund!« raunte Eobanus Hessus. »Tue wie die weisen Männer des Altertums, die niemals gegen die Prodigia handelten. Du kriegst die Jungfer doch nicht, denn wenn du auch nur in einigen Punkten mit Martinus zusammenstimmst, gibt sie dir der Alte nicht. Du weißt nicht, welch ein blindwütiger Narr er ist. Schlage sie dir aus dem Sinn, Michael! Kehre mit mir um, so sparst du dir großes Leid und unendlichen Verdruß!« »Torheit!« erwiderte Meyenburg kurz. »Ich bleibe hier und harre. Wie das Kind gekommen ist, so kann es auch wieder gehen, und ich rede doch noch mit ihr unter vier Augen. Morgen muß ich ja schon weiter auf die Fahrt nach Worms. Heute ist der einzige Tag, der mir bleibt, da ich gestern erst einritt, als es schon dunkelte.« »So bleibe,« sagte Eobanus ruhig, und ernster, als es sonst in seiner Art lag, setzte er hinzu: »Da du also auf deinem Sinn beharrst, so wünsche ich dir Glück als dein Freund. Möge alles sich zum besten kehren!« Er schlug ihm noch einmal leicht auf die Schulter, dann wandte er sich rasch ab und schritt über die Wiese, die eben das erste Grün zeigte, der Stadt zu. Das rotwangige Antlitz des weinfrohen Poeten mit den lachenden Augen trug einen Zug unmutigen Ernstes, der ihm sonst fremd war. Denn Michael Meyenburg war ihm ein lieber Freund von der wilden und lustigen Studentenzeit her, die sie beide in Erfurts Mauern verlebt hatten. Auch jetzt noch war er ihm einer der Menschen, die ihm am nächsten standen, und denen er alles Gute gönnte. Nichts störte ihn an dem jüngeren Freunde, als daß er sich noch spröde und kühl verhielt zur Sache Luthers, die ihn, den Leichtbeweglichen, schnell Begeisterten, schon seit Jahr und Tag ganz hingenommen hatte. Welche Dienste hätte Meyenburg ihr leisten können in seiner Stadt, wo er trotz seiner Jugend schon so hohes Ansehen genoß! Nun kam er in Gefahr, ihr ganz entfremdet zu werden, denn der alte Lachensper, das stand fest, würde nie einen Mann als Eidam begrüßen, der sich nicht streng zur alten Lehre hielt. Schon der Vater des Alten hatte Heiligenbilder, Rosenkränze, Kruzifixe, Monstranzen und andere Dinge des kirchlichen Gebrauchs verfertigt. Der Sohn, der – man wußte eigentlich nicht wie – zu Gelde gekommen war, hatte das Geschäft sehr vergrößert, so daß die Erzeugnisse seiner Werkstatt bis nach Pommern und Schlesien, ja bis zu den Ungarn und Polen wanderten. Er war dadurch ein reicher Mann geworden, man munkelte, obwohl er ganz eingezogen und einfach lebte, er sei einer der reichsten Leute im reichen Erfurt. Nun drohte die neue Zeit, die der Augustiner von Wittenberg heraufführte, ihm das ganze Geschäft zu verderben. Die Nachfrage nach Heiligenbildern und Rosenkränzen ward immer geringer, und schon sagten manche Leute, das Geld, das man dafür ausgebe, könne man ebensogut zum Fenster hinauswerfen und solle es lieber den Armen geben. Herr Dotheus Lachensper war sogar schon mit seinem Kram von einigen Heißspornen verhöhnt worden, und das war ihm geschehen in der Trinkstube, wo er seit dreißig Jahren seinen Abendtrunk zu nehmen und das große Wort zu führen pflegte. Die Spötter waren zwar vom Rate um je einen Gulden gestraft worden und hatten eine ernstliche Verwarnung erhalten. Aber Herr Dotheus mied trotzdem seit jenem Tage die Stätte, wo ihm der Schimpf geschehen war, und seit seiner letzten Krankheit war er ganz menschenscheu geworden. Er sollte sich, wie man hörte, kasteien wie ein Mönch, fasten, beten, sogar sich geißeln, und niemand ging mehr bei ihm aus und ein als die Brüder vom Dominikanerorden, besonders der duckmäusrige Magister Ortuinus. Eoban Hessus blieb stehen, denn ein neuer Gedanke schoß ihm durchs Hirn. Wenn Freund Michael etwa meinte, eine reiche Maid zu freien, so täuschte er sich vielleicht gewaltig. Denn der Alte war wohl imstande, den größten Teil seiner Habe dem Orden des Heiligen Dominikus zu vermachen. Ein sonderlich zärtlicher Vater war er ja nie gewesen, und es war ihm wohl zuzutrauen, daß er in seinem letzten Willen die Kirche als Haupterbin seines Vermögens einsetzte und seine Tochter mit einem geringen Leibgedinge abfand. Solche Fälle waren nicht selten, denn die frommen Väter wußten ihre Beichtkinder mit den Qualen des Fegefeuers und der Hölle weidlich zu ängstigen. Er überlegte, ob er nicht zurückgehen und seinem Freunde dieses Bedenken mitteilen sollte. Aber er schüttelte den Kopf und kehrte nicht um. Alle seine Worte, so überlegte er, würden ganz in den Wind geredet sein, denn Michael Meyenburg wollte nicht des Alten Geld und Gut, er wollte seine Tochter. Verliebte Leute aber muß man laufen lassen, denn je mehr man ihnen in den Weg legt, um so eigensinniger steuern sie auf ihr Ziel los und sind jeder wohlgemeinten Warnung unzugänglich. Darum setzte Herr Eobanus Hessus seinen Weg nach einigem Zaudern fort und begab sich unter mehrfachen schweren Seufzern in den wilden Mann, wo er seinen Unmut und Kummer in einem Kruge fränkischen Weines zu ertränken gedachte. Die freundliche Wirtin, das wußte er, würde ihm die Zeche liebevoll ankreiden, denn sie war ihm sehr gewogen. Michael Meyenburg hatte inzwischen seinen Platz verlassen und hatte sich leise und langsam näher geschlichen. Er stand jetzt, gedeckt durch eine hohe Weide, der Jungfrau so nahe, daß nur das sprudelnde Flüßchen zwischen ihm und ihr lag. So konnte er hören, was drüben gesprochen wurde, und was er da vernahm, das erregte ihn aufs höchste. Das Kind hatte sich vor der Jungfrau niedergekauert und ließ sich von ihr den fertigen Veilchenkranz auf das dunkle Haupt setzen. »Nun mache du dir einen Kranz, Base Ursula!« rief es mit seiner seinen, hellen Stimme. »Dir müssen die Veilchen auf deinem gelben Haar weit besser stehen als mir.« Ursula bewegte abwehrend das Haupt. »Was soll mir ein Kränzlein!« sagte sie herbe. »Andere Jungfern tragen doch auch Kränze im Haar!« widersprach das Kind. »Warum du nicht? Und warum ziehst du immer so ein dunkles Kleid an? Du siehst aus, als wärest du ein Nönnchen.« Ursula antwortete zuerst nicht. Dann sagte sie traurig, aber mit klarer Stimme: »Das soll ich ja auch werden.« Meyenburg fuhr zusammen, und es fehlte nicht viel, so hätte er aufgeschrien. Das also hatte der Alte mit seiner Tochter vor! Es wurde ihm dunkel vor den Augen, und er krallte die mächtigen Hände so fest in die alte Weide hinein, daß das morsche Holz splitternd zerbrach. »Du ein Nönnchen?« hörte er wieder des Kindes helle Stimme sagen. »Willst du denn?« »Nein. Ich soll.« »Wer will es?« »Mein Vater.« Meyenburg knirschte mit den Zähnen. Da stand ihm ja ein harter Kampf bevor. »Mein Vater hat gesagt,« erklang wieder die Stimme der kleinen Anna, »es gibt bald keine Mönche und Nonnen mehr. Der Doktor Luther will alle Klöster abschaffen.« Ursula erwiderte etwas darauf, was Meyenburg nicht verstand. Die Kleine aber rief eifrig: »Mein Vater weiß das ganz genau, denn er kennt den Doktor Luther sehr gut. Er ist mit ihm in die Schule gegangen.« Eine Weile war es still drüben, dann rief das Kind trotzig: »Und du wirst keine Nonne! Und du sollst doch ein Kränzlein tragen! Ich will es! Bleibe hier sitzen, ich hole noch Blumen.« Damit sprang sie auf und stand gleich darauf über dem Wasser auf dem schmalen Steg. »Ein Buttervogel! Der erste in diesem Jahr!« rief sie jauchzend und streckte ihre Ärmchen nach dem goldgelben Falter aus, der vor ihr in den Lüften gaukelte. »Um Jesu Willen!« rief Ursula erschrocken. »Komm her zu mir, du fällst!« Die Kleine hatte in der Tat das Gleichgewicht verloren und schwankte auf dem schmalen Baumstamme hin und her. Sie griff in die Luft, als wolle sie einen Halt suchen. In demselben Augenblick sprang Meyenburg aus seinem Versteck hervor und rannte in mächtigen Sätzen dem Stege zu. Ursula erkannte ihn, und es war, als ob sie selber wanke. Dann aber schrie sie entsetzt: »Helft, Herr Michael!« Doch ehe er heran war, glitt die Kleine ohne einen Laut hinab in die gurgelnde Flut. Ursula war in die Knie gesunken. Wie durch einen Nebel sah sie, daß der Mann dem Kinde nachsprang, es an sich riß und sich dann mühsam aus der Flut emporrang. Die Kleine war bewußtlos und hatte in der Todesangst den Hals ihres Retters so fest umkrallt, daß die Händchen nicht zu lösen waren. Ursula erhob sich langsam von den Knien, als er vor ihr stand. Sie zitterte und war keines Wortes mächtig. Sie sah ihn nur unverwandt mit großen Augen an. Dann stammelte sie: »Wo kommt Ihr her?« Meyenburg ergriff ihre Hand. »Das sage ich dir nachher, liebe Ursula. Jetzt zu deiner Muhme! Das Kind muß ins Bett, und gebt ihm ein warmes Tränklein. Es kann sonst den Tod davon haben.« Mit fliegenden Schritten eilten beide nach der Stadt und durch die enge Gasse, die zum Hause der alten Barbara Lachensper führte. Die empfing sie mit einem großen Lamento, wie es sich für eine alte Frau bei einem solchen Abenteuer von selbst verstand, und lud dann mit überschwenglichem Danke den Retter ihrer lieben Großnichte ein, bei ihr zu Abend zu essen. »Und Ursula, du kommst auch,« setzte sie hinzu. »Das wird der Vater schwerlich erlauben,« erwiderte die Jungfrau bekümmert. »Ich werde selber zu ihm gehen und ihn bitten,« sagte die tatkräftige, bewegliche Greisin, die längst wußte, was sich in ihrem Hause angesponnen und wie es um beide stand. Sie kannte den Michael Meyenburg von seiner Studentenzeit her und war ihm sehr wohlgeneigt. »Jetzt aber schnell nach Hause, Stadtschreiber, und trockene Kleider angelegt! Sonst verlieren die Nordhäuser ihren zukünftigen Bürgermeister,« mahnte sie. Eine Stunde später saß sie mit Ursula an dem Bett des fieberglühenden Kindes, das immerfort davon erzählte, der Erzengel Michael habe es aus dem Wasser gezogen, und nicht davon zu überzeugen war, daß ihr Retter ein Mensch von Fleisch und Blut gewesen sei. »Er hatte so glänzende Haare und so lichte Augen!« phantasierte sie, »und Ursula hat ihn ja auch so gerufen!« Dabei blieb sie, und mit einem strahlenden Lächeln schlief sie endlich ein. II. Mit ziemlich trübseliger Miene saß am Abend Michael Meyenburg seiner Gastgeberin gegenüber, obwohl sie alles getan hatte, ihn trefflich zu bewirten. Fleisch stand nicht auf dem Tische, denn es war Freitag, und Frau Barbara hielt die Fasten inne. Aber der gebackene Fisch, den sie ihm vorgesetzt hatte, war groß genug, sechs hungrige Landsknechte zu sättigen, und der Wein, den ihm die treffliche Frau aus bauchigem Kruge in sein Kelchglas goß, war mehr als gut. Aber Ursula war nicht erschienen. »Es war mit dem alten Dickkopf nichts zu machen!« rief Frau Barbara zornig. »Seine Tochter, sagte er, solle am Abend zu Hause bleiben, es gäbe genug für sie zu spinnen und zu nähen. Und als ich ihn dringlich bat, wurde er fast grob und hätte mir beinahe die Tür gewiesen.« Meyenburg antwortete nur mit einem tiefen Seufzer. »Nun, Ihr braucht deshalb noch nicht ein Gesicht zu machen, als wäret Ihr ein Leichenbitter,« sagte sie. Dann schlug sie mit ihrer runden, fleischigen Hand auf den Tisch und rief entschlossen: »Wir wollen offen miteinander reden, Herr Michael. Ich bin Euch gewogen, und die Ursula ist mir fast so lieb wie mein eigen Kind. Ihr wollt sie, und sie will Euch, und ihr beide paßt auch zusammen. Helfe ich euch dazu, so tue ich nur ein gutes Werk, und daß ich dabei dem alten Esel, meinem Vetter, ein Schnippchen schlage, ist mir ein absonderliches Vergnügen. Es ist mit dem Menschen nicht mehr auszuhalten. Ich bin auch fromm und gehe in der Woche dreimal zur Messe und jeden Monat einmal zur Beichte. Aber wie er es jetzt treibt, das ist zu arg. Und möcht' er's meinetwegen treiben, wie er wollte, wenn er nur der Ursula nicht alle Lust und Freude nähme! Nichts darf das arme Mädchen haben, was die Jugend erfreut. So kann und darf es nicht weitergehen. Die Ursel muß aus dem Hause, und sie ist ja auch gut und gerne so alt, daß sie heiraten kann. Ich war noch ein Jahr jünger. Und so helf' ich Euch, wahrlich, ich helfe Euch!« Meyenburg faßte ihre Hand mit festem Drucke. »Ich danke Euch, liebe Frau Barbara. Ich werde Eure Hilfe gar sehr brauchen können. Denn Euer Vetter geht ja wohl gar mit dem Gedanken um, seine Tochter ins Kloster zu bringen.« Frau Barbara blickte ihn betroffen an. »Das wißt Ihr? Woher könnt Ihr das wissen? Redet man darüber in der Stadt? Haben's Eure Freunde Euch geschrieben?« »Ich habe es aus Ursulas eigenem Munde. Als ich mich heute früh dem Garten näherte, wo ich sie suchte, hörte ich, wie sie es der Kleinen erzählte, die ich nachher aus dem Wasser zog. Und ich muß Euch sagen: auch wenn ich nicht an das denke, was mir geschähe, so finde ich's abscheulich, wenn ein Vater seine Tochter wider ihren Willen ins Kloster zwingt.« »Nun, nun!« erwiderte Frau Barbara beruhigend. »So weit ist's noch nicht, und da ist noch nicht aller Tage Abend. Er hat davon gesprochen, und die Ursel ängstigt sich damit. Sie hat einen Schauder davor, und sie paßt auch gar nicht hin, denn sie hat ein Herz voller Liebe. Wenn die Schwestern im Kloster kleine Kinder warten und pflegen täten, so paßte sie vielleicht hin. Aber bei dem Beten und Singen und Nichtstun – was sollte sie da mit ihrem liebevollen Gemüte? Sie müßte verkümmern.« »Recht habt Ihr!« rief Meyenburg mit starker Stimme und ballte die Fäuste. »Und deshalb, nehmt mir's nicht für ungut – Ihr seid ihm ja auch nicht hold – habe ich einen Zorn auf ihren Vater, den ich gar noch nimmer gesehen habe. Denn früher, als ich hier Schüler war, habe ich nicht auf ihn geachtet.« »Ich kann's Euch nicht verdenken. Aber klüger wär's schon. Ihr suchtet ihn für Euch zu gewinnen. Und ich meine, das müßte Euch gelingen. Denn ich will Euch nicht schmeicheln, Herr Michael, aber Ihr wißt die Leute für Euch einzunehmen wie kein anderer. Alle Leute haben Euch gern. Der Himmel mag wissen, wie das zugeht, denn Ihr tragt keinen Honig auf den Lippen, seid vielmehr manchmal recht kurz und geradezu. Es mag wohl an Eurer äußeren Gestalt liegen. Wißt Ihr, daß Ihr heute auch noch ein Weiberherz erobert habt?« Meyenburg blickte sie verwundert an. »Die kleine Anna ist's, die bei mir wohnt,« fuhr Frau Barbara fort, »sie hielt Euch für einen Engel. Sie meint, der Engel Michael habe sie aus dem Wasser gerettet.« Meyenburg lachte laut auf. »Mit dem habe ich leider nichts als den Namen gemein! Bin kein Engel, will auch keiner werden, stehe fest in meinen Schuhen auf der Erde.« »Das Kind ist ganz vernarrt in Euch. Hat den ganzen Tag geplappert von Euren Haaren, die wie Gold schimmerten, wo hingegen sie mir nur braun erscheinen, und von Euren Augen, die wie Sterne leuchten sollen. Die Ursel konnte ihr nicht einreden, Ihr wäret ein Mensch von Fleisch und Blut. Wüßte sie, daß Ihr hier seid, sie käme im Hemdlein heruntergelaufen, Euch zu bestaunen. Aber sie schläft jetzt fest, das wunderliche, schwärmerische Kind. Doch wohin bin ich geraten? Was wollt' ich sagen? Ja so – Ihr solltet den alten Dotheus besuchen. Ich wette. Ihr gefallt ihm. Setzt Euch in seine Gunst; wenn Ihr zurückkehrt vom Reichstage, so sucht Ihr ihn wieder auf!« »Ich bin morgen von früh an auf dem Rathause in Geschäften und wohl den ganzen Tag über nicht mein eigner Herr,« erwiderte Meyenburg. »übermorgen aber fahren wir von dannen. Sonst würde ich Eurem Rate folgen. Er ist nicht schlecht.« »So geht gleich zu ihm hin. Noch ist es nicht zu spät. Bleibt ein Stündlein dort, und dann kommt wieder zu mir und erzählt mir, was Ihr ausgerichtet habt. Kauft ihm einen Rosenkranz ab, so führt Ihr Euch bei ihm aufs beste ein.« Meyenburg erhob sich lachend. »Ihr seid ein listig Weiblein, Frau Barbara, und ich folge Euch. Ein Bild meines Schutzpatrons bestell' ich bei ihm. Das mag er mir aus Holz schnitzen. Komm ich dann zurück aus Worms, so nehme ich's mit mir und dringe so zum anderen Male in sein Haus. Die paar Gulden sollen mich nicht gereuen.« Er bot ihr die Hand. »In einem Stündlein bin ich wieder bei Euch!« Als er schon die Klinke der Tür in der Hand hielt, trippelte die Alte ihm nach und faßte ihn beim Arm. »Noch eins!« rief sie eifrig. »Bald hätt' ich's Euch zu sagen vergessen. Im Winter waret Ihr noch kein Freund des Mönches, der jetzt das Volk allüberall aufregt und fast toll macht. Seid Ihr's etwa seitdem geworden?« Über Meyenburgs Antlitz flog ein Schatten, und seine Brauen zogen sich finster zusammen. »Ich bin es nicht. Aber Frau, das leugne ich nicht: er hat in manchen Stücken recht.« »Ja, ja! Die Mönche und Pfaffen leben zu ärgerlich. Strafte er nur das, so hätte er recht. Aber er geht zu weit, viel zu weit!« »Das eben scheint mir auch!« versetzte Meyenburg. »Das ist gut! Das ist gut!« sagte Frau Barbara eifrig. »Denn merkt es wohl: ein Wort zu seinen Gunsten, und Ursulas Vater ist Euch gram. Er haßt keinen Menschen so wie den Martin Luther.« »Ich werde mich vorsehen, ihn darauf zu bringen,« erwiderte Meyenburg, verließ das Zimmer und gleich darauf das Haus. Auf der Straße pfiff ihm ein scharfer Wind entgegen, so daß er sich fest in seinen Mantel hüllte. Es war fast dunkel, denn eigentlich sollte der Mond scheinen, und deshalb hatte der Rat der Stadt die Laternen nicht anzünden lassen, die sonst bis in die zehnte Stunde die Gassen notdürftig erhellten. Nur ganz undeutlich hoben sich rechter Hand die spitzen Türme der Severinkirche vom nächtlichen Himmel ab. Michael Meyenburg aber kannte in Erfurt, wo er drei Jahre lang Student gewesen war, jeden Winkel und schritt sicheren Ganges durch die menschenleeren Gassen dahin. Beim Dom herüber hallten acht dumpfe Klänge durch die Nacht. »Schon so spät?« murmelte Meyenburg. »Es sollt' mich nicht wundern, wenn der Alte um diese Stunde keinen mehr in sein Haus einließe!« Hinter ihm kam ein Trupp Studenten die Gasse herauf. Sie sangen mit gedämpfter Stimme ein lateinisches Trinklied, das ihm wohlbekannt war. Jeder trug ein Windlicht in der Hand, denn ein Bursche, der ohne Licht nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße angetroffen wurde, war einer Pön von fünf Groschen verfallen, wenn ihn des gebietenden Rates Stockknechte faßten. Die Schar strebte dem Hause zum Heiligen Georg zu. Das war ein großes massives Steingebäude, dessen rote Sandsteinmauern die Gera bespülte. Das Haus, über dessen Tür das Bild des streitbaren Erzengels in Stein gehauen stand, war eine der »Bursen«, der Massenquartiere, in denen die Hochschüler nach einer fast klösterlichen Regel zu leben gezwungen waren. Freilich wurden die Regeln in den Bursen ebensowenig oder noch weniger streng innegehalten wie in den meisten Klöstern, und Meyenburg erinnerte sich manch fröhlicher Stunden, die er mit seinen Freunden in dieser Burse erlebt hatte. Nur zum Besuch hatte er zuweilen in ihren Mauern geweilt, denn seine Mittellosigkeit zwang ihn, in einer bescheideneren Burse zu leben. In Sankt Georg wohnten nur solche junge Leute, die nicht auf Benefizien angewiesen waren. Auch der Mann, von dem jetzt die ganze Welt sprach, hatte als Erfurter Student in der Georgenburse gewohnt, dieweil ihn sein Vater, der Mansfelder Hüttenherr und Viertelsmeister, auf der Universität allezeit stattlich und löblich gehalten. Wunderlich! dachte Meyenburg, während er langsam weiterschritt. Wie man doch immer und überall an ihn erinnert wird, zumal in dieser Stadt! In den Bürgerhäusern, auf den Straßen, in den Trinkstuben reden die Leute von nichts anderem als von ihm. Allenthalben erhitzen sich die Köpfe darüber, ob er nach Worms fahren werde oder nicht. Er wird's wohl bleiben lassen, meine ich. Denn täte er's, so wäre er doch allzu kühn. Der Scheiterhaufen des Johannes Huß wird ihn wohl abschrecken, sich in des Löwen Höhle zu wagen. Hatte nicht auch der Böhme vom Kaiser freies Geleit gehabt, als er vor mehr denn hundert Jahren gen Kostnitz gezogen war? Und doch hatte es ihn nicht geschützt. Den neuen Huß würde es auch nicht schützen. Plötzlich blieb er stehen und blickte erschrocken um sich. Der Name des Mannes, mit dem sich seine Gedanken beschäftigten, klang laut und deutlich an sein Ohr. Hatte er selbst ihn ausgesprochen? Nein, jetzt hörte er ihn zum zweiten Male. Er kam aus dem Munde eines der Burschen, die jetzt vor ihrer Burse angelangt waren und nun in dichtem Knäuel vor ihrer Tür standen. An deren braunem Getäfel war in Manneshöhe ein Zettel angeheftet, und der Jüngste der Schar las, seine Laterne hoch emporhebend, den anderen vor, was auf ihm geschrieben stand. Bei einigen Stellen erhob er seine Stimme, so daß der auf der Brücke der Gera Stehende halbe Sätze verstehen konnte. Als er geendet hatte, erhob sich ein drohendes Murren unter seinen Zuhörern, und einige Kraftworte erklangen, die an Derbheit nichts zu wünschen übrig ließen. Meyenburg kehrte sich um und trat an die aufgeregte Gruppe heran. »Was habt ihr da, gute Gesellen?« Die Burschen lachten und schrien durcheinander. Der älteste unter ihnen aber, ein Mann in einem pelzverbrämten Talar, wahrscheinlich ein Baccalaureus, wandte sich zu dem Fragenden langsam um, öffnete einen großen Mund und sprach mit Würde und Salbung: »Ein kaiserlich Mandatum haben wir hier, lieber Herr, ein kaiserlich Mandatum, Martinum Lutherum betreffend. Nun wissen wir, weshalb uns der Erzpfaffe Ortuinus vorhin mit etlichen Knechten begegnete. Sie haben dieses Papier hier angeheftet und werden das noch an vielen Orten tun. Am Tage hätten sie's schwerlich gewagt, aber haec est vestra hora et potestas tenebrarum, sprach unser Herr Christus zu denen, die mit Schwertern und Stangen in der Dunkelheit kamen, ihn zu fangen. Dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis, so heißt das, lieber Herr, so Ihr etwa des Lateinischen nicht kundig sein solltet. Und wisset, dieses Papier gebietet, daß männiglich die Bücher und Schriften des Wittenberger Doktors ausliefern soll bei schwerer Strafe.« Der Sprecher schien bei seinen Gefährten in großem Ansehen zu stehen, denn während seiner Rede waren sie verstummt. Jetzt aber erhob sich das wilde Murren von neuem, und eine Stimme schrie: »Reißt das Ding in Fetzen! Werft es in die Gera!« Laute Beifallsrufe folgten diesen Worten, und ein kleiner kugelrunder Scholar sprang an der Türe in die Höhe und suchte den Zettel zu erfassen, konnte ihn aber nicht erreichen. Die anderen lachten und johlten, und einige gellende Pfiffe wurden laut. »Laßt das lieber unterwegs, gute Gesellen!« ermahnte Meyenburg. »Der Rat würde dem heftig zürnen, der ein Mandatum des Kaisers zerreißt und verhöhnt.« Aber seine Rede fand bei den erhitzten Köpfen keinen Anklang. »Der Rat?« schrie die vorige Stimme. »Dem ergeht es, wie weiland dem von Nürnberg: er hängt keinen, er hätte ihn denn. Und hätt' er ihn, so hängt er ihn noch lange nicht. Haben wir nicht auch die Bulle mit dem Banne gegen Martin Luther, die Doktor Eck –« »Dreck! Dreck! Dreck!« fiel auf einmal der ganze Chor ein, als habe er auf ein Stichwort gewartet, und dann folgte ein brausendes Gelächter. Michael Meyenburg wickelte sich fester in seinen Mantel und trat in das Dunkel zurück. Schon wurden hier und da in der Nachbarschaft die Türen der Häuser geöffnet, und neugierige Bürger traten auf die Schwellen, um zu sehen, was es gebe. Auch wurde die Tür der Burse von innen aufgetan, und andere Scholare, angelockt von dem Lärm, strömten heraus. Er sah ein, daß hier alles Warnen vergeblich sei, und daß des Kaisers Mandat das Geschick der päpstlichen Bulle teilen werde, die von den Erfurter Studenten in die Gera geworfen worden war. Das zu verhindern stand nicht in seiner Macht, auch ging ihn die ganze Sache eigentlich nichts an. Aber unmutig murmelte er vor sich hin: »Ein unordentlich Wesen überall! Wie soll das enden!« Eine halbe Minute später stand er vor dem Hause, das der Vater seiner Liebsten sein eigen nannte. Es war nach dem letzten großen Brande, der die Stadt verheert hatte, neu aufgebaut worden, nicht von Holz und Lehm, wie die meisten anderen in der Straße, sondern von Stein, auch war es nicht, wie alle seine Nachbarhäuser, mit Schindeln oder Stroh, sondern mit roten Ziegeln gedeckt. Sein ganzes Aussehen zeugte von Wohlstand, ja vom Reichtum seines Besitzers. Eine ganze Weile stand Meyenburg nachdenklich vor dem Hause, ehe er den Türklopfer ergriff, der an einer eisernen Kette herabhing. Dann tat er drei kräftige Schläge gegen das Metallschild, das in der Mitte der Tür befestigt war. Er brauchte nicht lange zu warten. Leichte Schritte auf den Steinfließen der Hausdiele wurden hörbar, der Riegel ward zurückgeschoben, und gleich darauf stand Ursula in der Tür, mit der Linken ein Licht hoch über ihrem Haupte haltend. Als sie ihn sah, ward sie weiß wie ein Linnen und begann heftig zu zittern. »Woher kommst du?« stammelte sie. »Was willst du? Um Gotteswillen! Ich bin nicht allein zu Haus! Wenn dich der Vater sieht!« Meyenburg antwortete dadurch, daß er sie umfing und küßte. »Sei ruhig,« flüsterte er. »Eben zu deinem Vater will ich.« Sie wich erschrocken zurück. »Was willst du bei ihm?« Meyenburg blies das Licht aus, das sie in der Hand trug. Dann umfaßte er sie aufs neue und raunte ihr zu: »Ich will ihn kennen lernen, vor der Hand weiter nichts. Aber ich will den Mann sehen, dessen Eidam ich werden will, und ein Vorwand ist ja leicht gefunden.« »Ach Michael, laß mich los! Wenn du wüßtest« – rang es sich von ihren Lippen. »Ich weiß alles! Die Muhme hat mir's gesagt. Wenn ich heimkehre von Worms, bleibe ich etliche Tage hier, und dann werde ich schon deinen Vater zum Guten bekehren. In drei oder vier Wochen bin ich zurück.« »Derweilen kann viel geschehen,« sagte sie und entwand sich seinen Armen. Auch er trat von ihr abseits, denn hinter ihm im Dunkel öffnete sich eine Tür, aus der ein heller Lichtschein drang, und eine scharfe Stimme fragte: »Wer ist da? Warum ist kein Licht?« »Ein Windstoß löschte es aus, Herr. Erlaubt, daß ich zu Euch eintrete, trotz der späten Stunde. Aber mein Anliegen hat Eile, da ich morgen weiterreise,« erwiderte Meyenburg. »So kommt herein, wer Ihr auch seid!« klang es unwirsch zurück. Meyenburg folgte ungesäumt der Einladung und stand gleich darauf einem Greise gegenüber, dessen Aussehen ihn überraschte. Er hatte sich kein freundliches Bild von Ursulas Vater entworfen, hatte sich einen grämlichen, verkniffenen alten Mann unter ihm vorgestellt und sah statt dessen vor sich einen würdevollen Greis mit schneeweißem Haar und Bart, fast so hochgewachsen wie er selber, mit dunkelblauen Augen von solchem Glanze, wie er selten gesehen. Fast verwirrt neigte er sich vor ihm wie vor einem regierenden Bürgermeister, nannte seinen Namen und brachte dann sein Anliegen vor. Daß er so spät komme, entschuldigte er mit seinen Geschäften und seiner bevorstehenden Reise nach Worms. Das düstre Antlitz Lachenspers erhellte sich, während er zuhörte, immer mehr, und als Meyenburg geendet hatte, bot er ihm sogar die Hand, drückte die seine kräftig und forderte ihn zum Niedersitzen auf. Meyenburg nahm vor einem Tische Platz, der mit Bildern aller Art, Holz- und Kupferstichen bedeckt war. »Von dem großen Meister Albrecht Dürer in Nürnberg,« sagte der Greis mit einer Handbewegung nach einem großen Bilde des gekreuzigtem Christus. »Solches hat noch niemals ein Deutscher fertig gebracht, er übertrifft alle Meister im Lande Italien.« Mit größer Behendigkeit schob er sich einen Stuhl herbei und ließ sich seinem Gaste gegenüber nieder. »Ist dieser Dürer ein Landsmann von Euch?« fragte er. »Eure Zunge verrät Euch als einen Franken.« Meyenburg nickte. »Ihr habt recht. Ich bin ein Franke, unweit des Mains gebürtig.« »Ihr seid adeligen Standes?« »Nein, ich bin armer, aber freier Leute Kind, heiße eigentlich Leyser, nenne mich nach dem Orte meiner Geburt Meyenburg, wie so viele tun, wenn sie zu Ehren kommen.« »Keine gute Sitte!« tadelte der Greis und zog die Brauen zusammen. »Aber immer noch besser, als wenn die Leute ihren Namen lateinisch machen und aus jedem Schmied ein Fabricius, aus jedem Müller ein Mylius wird.« Dann schwieg er und blickte Meyenburg nachdenklich und aufmerksam mit seinen feurigen Augen an. Endlich sagte er: »Ich war vor dreißig und mehr Jahren in Wien. Da sah ich oft den Kaiser Max, der nun des Todes verblichen ist. Ihr gemahnt mich an ihn. Nur die große Unterlippe fehlt Euch.« »Das haben mir schon mehr Leute gesagt, erwiderte Meyenburg. »Es ist wohl ein wunderlich Spiel der Natur.« Lachensper neigte das Haupt. »Dergleichen kommt vor. Kommt Ihr nach Worms, so wird's Euch noch mancher sagen, der den Kaiser gekannt hat. Wie kommt's, daß Eure Stadt einen so jungen Mann dorthin entsendet? Ihr könnt doch wenig über dreißig sein.« »Ich bin gerade dreißig. Daß der Rat mich sendet, hat seinen sonderlichen Grund, den ich Euch nicht kann zu wissen tun. Doch möget Ihr wissen, daß ich auch mit einem Mandatum des Grafen Ernst von Hohnstein zum Reichstage fahre.« »Steht Ihr bei dem in Gunst?« »Er ist mir wohlgeneigt und vertraut mir sehr. Er und sein Bruder wollten mich jüngst zu ihrem Kanzler machen.« »Und das habt Ihr ausgeschlagen? Wolltet lieber in Nordhausen Stadtschreiber bleiben?« fragte der Greis verwundert. »Das Amt nährt seinen Mann, und fünfmal soviel als es einbringt, verdiene ich als Notarius aus päpstlicher Gewalt. Der beiden Brüder Kanzler möcht' ich nicht sein. Mich dünkt es nicht rätlich, zwei Herren zu dienen, von denen jeder etwas anderes will. Heinrich ist für die eingenommen, die alles neu machen wollen in der Kirche, Ernst hält am Alten fest.« Lachensper blickte ihm scharf ins Gesicht. »Und Ihr? Wie denkt Ihr darüber?« »Das will ich Euch ehrlich sagen, Herr. Ich acht', es sind viele Mißbräuche in der Kirche. Sie müssen abgestellt werden. Es führen auch viele Mönche ein lästerliches Leben. Die müssen gestraft werden. Aber daß die Sprüche des Heiligen Vaters nicht mehr gelten sollen, und daß die Konzilien geirrt haben sollen und anderes, was sich gegen die Lehre richtet, das gefällt mir übel und muß dazu führen, daß die heilige katholische Kirche ein Ende gewinnt. Und dann steht keines Fürsten Thron und keines Herrn Stuhl mehr fest, denn alle weltliche Ordnung und Obrigkeit auf Erden nimmt ihr Recht allein von der heiligen Kirche.« Der Alte faßte schnell nach seiner Hand und drückte sie heftig. »Ihr redet wie ein Weiser! Wenige von der Jugend hört man so reden, die meisten beten zu dem Wittenberger wie zu einem Gotte. In dieser Stadt sind ihm fast alle geneigt, wer gegen ihn redet, kann Böses erleben. Ich könnt' Euch ein Liedlein davon singen. Aber meine Hoffnung steht darauf, daß schnell auflohende Feuer gemeinhin schnell wieder zusammensinken. Ich denke, der Gipfel des schändlichen Unfuges ist schon überschritten. Es geht abwärts mit dem ketzerischen Mönche, und bald wird er aus einem Gott zu einem Spott werden.« Meyenburg blickte ihn verwundert an. »Woraus schließt Ihr das? Mich dünkt, es hebt eben erst recht an und wird ein großes Spektakulum, denn der Luther zieht gen Worms und will sich verantworten vor des Kaisers Majestät –« »Und findet dabei sein Grab,« fiel Lachensper ein. »So oder so. Entweder er bringt den Mut nicht auf, hinzufahren, dann wird er zum Gelächter, und alle Welt, die ihm jetzt zujauchzt, verhöhnt ihn als einen eiteln Prahlhans. Oder aber, er zieht hin, was ich nicht glaube, dann kehrt er schwerlich wieder heim.« »Ihr meint, der Kaiser werde ihm sein freies Geleit nicht halten?« fragte Meyenburg finster. »Das meine ich. Hielt er's, so täte er eine schwere Sünde, denn er träte den Feuerbrand nicht aus, der das ganze Reich, ja die gesamte Christenheit in Flammen setzen wird. Meint Ihr das nicht auch?« Meyenburg schüttelte den Kopf und erwiderte nach einigem Nachdenken: »Ich meine, der Kaiser hätte ihm das Geleit nicht geben sollen, weil er im Banne des Papstes ist. Hat er's ihm aber gegeben, so muß er's auch halten, denn ein deutscher Kaiser darf sein Wort nicht brechen, und hätt' er's dem Teufel selber gegeben.« »Nein!« rief der Greis, und seine Ruhe und Würde verließen ihn für ein paar Augenblicke ganz und gar. Ein Strahl des Hasses brach aus seinen Augen, der den jungen Mann geradezu erschreckte. »Nein! Ihr redet wie ein rechter Tor! Soll der Kaiser eine geringe Sünde meiden, um an ihrer Statt die schlimmste zu begehen? Gäbe Gott den Sohn der Hölle in seine Hand, so sollte er ihn laufen lassen? Davor bewahre ihn die heilige Mutter Gottes! Ins Feuer mit ihm, auf daß nicht Tausende ewig brennen müssen um seinetwillen!« Er war in seinen Stuhl zurückgesunken und hielt seine düstren Augen unausgesetzt starr auf Meyenburg gerichtet, während er langsamer und leise redend fortfuhr: »Ihr wißt ja gar nicht recht, was dieser Bube Martin dem armen Christenvolke nehmen will. Ihr könnt es wohl auch schwerlich wissen, denn Ihr seid noch jung und Eure Sünden werden Euch noch wenig ängstigen, habet vielleicht auch noch keine allzu schwere auf Euch geladen. Aber, junger Mann, im Laufe eines langen Lebens tut jeder Mensch viele und schwere Sünde, er mag wollen oder nicht.« Er hielt inne und seufzte tief auf. »Wollen oder nicht!« wiederholte er düster. »Und wenn dann das Alter kommt, und wenn die Genossen der Jugend und der Sünde von hinnen gefahren sind, dann kommt die Angst und krallt sich ein ins Herz und will es nimmer loslassen. Wie sucht da der Christ seine Ruhe? Er büßt und tut die guten Werke, die notwendig sind zur Seligkeit, und läßt sich in der heiligen Beichte freisprechen von aller Schuld. Und werden wir nicht Herr über unsere Sünde und kommt die Angst immer wieder, so wird doch jeden Tag die Seele wieder reingewaschen von aller Schuld und die Angst verjagt. Der Schandmönch aber leugnet, daß die Kirche freisprechen kann durch des Papstes und seiner Priester Mund von der Strafe des Fegefeuers und der Hölle. Er leugnet den Schatz der guten Werke, den die lieben Heiligen uns erworben haben durch ihre Martern und Leiden. Er nimmt den geängstigten Gewissen das Beste, was sie haben. Er sei verflucht!« Die letzten Worte sprach der Alte mit heiserer, pfeifender Stimme und schloß dann die Augen, als wäre er tief erschöpft. Es entstand eine Stille. Meyenburg wußte nichts zu erwidern, denn es war ihm wunderlich zu Sinne geworden. Aus den Worten des Greises klang deutlich ein Selbstbekenntnis heraus, und es ging ihm dabei eigentlich zum ersten Male die volle Erkenntnis dafür auf, wie erschrecklich tief die Fragen, auf die Martin Luther den Leuten eine neue Antwort geben wollte, in das innerste Leben zahlloser Menschen eingriffen. Ihn hatten seine Sünden bisher in der Tat wenig beunruhigt. Was hatte er sich auch weiter vorzuwerfen? Eine Reihe lustiger Gelage bei Bier oder Wein, in deren Verlaufe die lockeren Schönen, die daran teilgenommen, nicht immer in geziemender Entfernung von ihm geblieben waren. Das hatte er gebeichtet und dann vergessen. Nur eine Verirrung seiner Jugendzeit hatte er nicht ganz und gar vergessen können. Nicht häufig, aber doch immer wieder von Zeit zu Zeit tauchten in seiner Erinnerung die anklagenden Augen eines Mädchens auf, dem er vor zehn Jahren als Zwanzigjähriger Treue geschworen und dann gebrochen hatte. Er hätte ihrer vielleicht überhaupt nicht mehr gedacht, wenn ihm nicht erzählt worden wäre, sie lebe mit ihrem Manne unglücklich und habe ihre erste Liebe noch nicht vergessen. Jetzt stand mit einem Male ihr Bild vor seiner Seele, ein frühgealtertes Antlitz mit gramvollen dunkeln Augen, und eine Ahnung beschlich ihn, daß die Bilder begangenen Unrechtes sich doch nicht immer durch Arbeit oder Wein oder die Gesellschaft guter Freunde verscheuchen ließen, besonders wenn man im Schrein seines Gedächtnisses noch häßlichere und dunklere aufbewahren mußte als er. Sie mochten vielleicht für den alternden Menschen eine furchtbare Qual werden, und der mochte sich glücklich preisen, der ein Mittel besaß, ihnen das Drohende, Peinigende zu nehmen. Solche Mittel gab die Kirche ihren gehorsamen Söhnen und Töchtern, sonst niemand in der weiten Welt. Im Glauben an ihre Gnadenmittel waren Unzählige getröstet gestorben, die sonst in Verzweiflung abgefahren wären. Nun kam einer daher, der schrie in alle Welt hinein, die Gebete und Verheißungen und Zusagen der Kirche hätten keine Kraft und Wirksamkeit! Hatte er sicherlich recht, wenn er gegen das weltliche Leben der Pfaffen donnerte – wie durfte er sich erkühnen, den Gewissen ihren Halt und Trost zu nehmen? War sein Unterfangen nicht ein ungeheuer Frevel an allen denen, die sich um ihrer Sünden willen ängstigten? »Ihr habt recht!« sagte Meyenburg nach einer Weile und erhob sich. »Auch ich will wünschen, daß die Lutherei ein Ende nimmt, und hoffe, er macht sich selbst zum Narren und zieht nicht gen Worms. Jetzt aber, Herr, wird es für mich Zeit, meine Herberge aufzusuchen. In vier oder fünf Wochen komme ich wieder durch Erfurt, da kann ich wohl abholen, was ich bei Euch bestellt habe?« »Das könnt Ihr gewiß,« erwiderte der Greis und stand gleichfalls auf. »Ich werde Euch gern wiedersehen und wünsche Euch gute Reise.« Er hinkte zur Tür und rief ins Dunkel hinaus: »Ursel, bringe ein Licht und leuchte! Ihr entschuldigt, Herr, daß ich Euch nicht geleite, aber ich bin vom Zipperlein übel geplagt.« Meyenburg ermahnte ihn liebevoll, seines kranken Fußes ja recht zu schonen, denn er freute sich darauf, seine Liebste noch einmal zu umfangen. Aber diese Freude wurde ihm vereitelt, denn eben als sie mit dem brennenden Lichte aus einem Nebengemache trat, polterten draußen auf der Straße schnelle Schritte heran, es wurde heftig gegen die Haustür geschlagen, und eine ängstliche Stimme rief: »Macht auf! Schnell, macht auf!« Gleich darauf stand auf der Schwelle des Hauses ein Predigermönch, dessen braune Kutte zerzaust und zerrissen und dessen eine Auge blutunterlaufen war. Herr Dotheus Lachensper, der durch den Lärm bewogen, auch auf die Diele herausgetreten war, stieß einen Schreckensruf aus. »Was ist mit Euch, Herr Pater? Wer hat gewagt, euch anzugreifen?« rief er. Michael Meyenburg drückte sich in den Schatten. Pater Ortuinus hatte ihn heute früh Arm in Arm wandeln sehen mit Eobanus Hessus, seinem Freunde. Es wäre ihm nicht lieb gewesen, jetzt von ihm erkannt zu werden. Aber der Mönch sah gar nicht nach ihm hin. Er zitterte und bebte am ganzen Leibe. »Die Burschen waren hinter mir her,« brachte er endlich hervor, »die Weinschläuche von der Universität. Die Schelme kamen über mich, da ich die kaiserlichen Briefe anschlagen ließ gegen den Erzketzer von Wittenberg, der morgen hierher kommt auf seinem Zuge nach Worms.« Der alte Lachensper stieß einen Schrei aus. »Er kommt? Er wagt's?« »Es wird so sein! Die Hunde schreien es überall aus. Und die ganze Stadt glaubt es und erregt sich darob. Allenthalben rennen die Leute auf die Straße.« Er schwankte nach der Tür des Zimmers. »Gebt mir einen Trunk, lieber Mann, daß ich mich erhole.« Lachensper nahm ihn unter den Arm und zog ihn ins Gemach. Seines Zipperleins schien er ebenso vergessen zu haben wie seines Gastes aus Nordhausen. Das hätte den nicht weiter bekümmert, wäre er mit Ursula allein gewesen. Aber die beiden Mägde standen und hielten die Mäuler weit offen vor Verwunderung und Schrecken. So konnte er's nicht einmal wagen, ihr die Hand zu drücken, und mußte sich beim Abschiednehmen mit einem geflüsterten Worte und einem heißen Blicke begnügen. Auf der Straße verwunderte er sich höchlich über das Leben, das allenthalben erwacht war. Um diese Stunde pflegten sonst die guten Bürger von Erfurt zu erwägen, ob es nicht Zeit wäre, sich in die Kissen ihrer dicken Federbetten zu versenken. Jetzt standen sie im Lichte des Mondes, der nun auch hinter dem Gewölk hervorgekommen war, vor ihren Häusern, und ihre Eheliebsten, Kinder, Knechte und Mägde standen daneben, und alle schwatzten laut und redeten aufgeregt durcheinander. »Die ganze Stadt ist verrückt geworden,« dachte Meyenburg, während er weitausgreifenden Schrittes dahinwandelte. »Es ist wie eine Seuche der Geister. Gott bewahre mich!« Gerade als er vor dem Hause der Frau Barbara angelangt war, kam ein großer Trupp Studenten vorüber, die Fackeln in den Händen trugen. In ihrer Mitte schritt weingeröteten Antlitzes sein Freund Eobanus Hessus. Der erkannte ihn und schwenkte sein Barett gegen ihn. »Luther kommt. Unser Martinus naht sich,« rief er ihm laut zu. »Jetzt auf zu Crotus, unserm Rektor! Noch diese Nacht dichte ich ein Carmen, Martinus zum Preise. Die ganze Schule holt ihn morgen ein in feierlichem Zuge. Du reitest mit, Freund Michael?« Meyenburg erwiderte nichts. Er blickte ihn nur lange und ernst an, verzog dann spöttisch den Mund, schüttelte den Kopf und verschwand im Hause. III. »Ihr seid alle Narren,« sagte am Morgen des übernächsten Tages Michael Meyenburg zu seinem Freunde Justus Jonas, der ihn auf seiner Herberge besuchte. »Wie einen Triumphator habt ihr gestern den Martin Luther empfangen. Wäre der große Erasmus Rotterdamus eingezogen, ihr hättet ihn nicht herrlicher und prächtiger begrüßen können.« Der junge Kanonikus nickte mit ernstem Gesicht. »Mit Fug und Recht. Denn hier ist viel mehr als Erasmus!« Meyenburg zog die Brauen hoch und sah ihn an, als zweifle er an seinem Verstande. »Sage ich's nicht? Ihr narret. Und leider narret mit euch die ganze Stadt. Deshalben bin ich ja auch noch hier, anstatt auf dem Wege nach Worms. Aber meinst du, ich hätte gestern verhandeln können mit den Herren auf der Ratsstube? Kein Mensch war da, alle waren hinausgelaufen, zu sehen, wie der Wittenberger von euch eingeholt wurde. Es sollen ja unter der Reiterschar, die sein Wäglein geleiteten, auch etwelche Herren vom Rate gewesen sein. Ist dem so?« Wieder neigte Justus Jonas bestätigend das Haupt. »Nicht nur etliche. Viele!« »Und dieser Mann ist ein Gebannter,« sagte Meyenburg finster. »Was wird sein Ende sein? Jetzt zieht er mit Pomp durch die Lande, aber vielleicht schon in vier Wochen wirft man seine Asche in den Rhein. Dann werden die Rechenschaft geben müssen von ihrem Tun, die ihm jetzt den Nacken steifen. Justus, mir ist bange um dich. Du bist mein Freund. Nicht nur als guter Gesell beim Becher, wie so mancher andere. Ich vertraue dir, wie wenigen. Hast du doch auch schon manchmal meine Beichte gehört. Wie wäre mir's leid um dich, wenn du in einer Bußzelle enden solltest!« Er sprach das, während er sich, auf einen Schemel gestützt, die Schuhe zuschnürte, denn er war eben erst dem Bett entstiegen und im Begriff, seinen Anzug zu vollenden. Nun hob er das Haupt und sah hinüber zu seinem Freunde, der am Fenster stand. Aber er entsetzte sich fast über den Ausdruck, den dessen Antlitz angenommen hatte. In den sonst etwas weichen Zügen des Nordhäuser Ratsmeistersohnes lag eine eiserne Entschlossenheit, und aus den milden, freundlichen Augen leuchtete ein Feuer, das ihn erschreckte. »Fürchtest du das für mich, Michael?« sagte Justus Jonas mit einem stolzen Lächeln. »Ich schräke auch davor nicht zurück. Eher aber droht mir das Geschick des Hieronymus von Prag: denn wisse, Freund, ich fahre morgen mit Martinus und Amsdorf gen Worms.« Meyenburg fuhr empor und starrte ihm bestürzt in das begeisterte Antlitz. »Bist du des Teufels? Hat der Augustiner dich ganz verzaubert? Was willst du in Worms?« »Sehen will ich und hören, wie einer Zeugnis gibt von Christus vor Kaiser und Reich. Ich will dabei sein, wenn das geschieht, was in der Christenheit nicht wieder geschehen ist seit der Apostel Tagen.« Meyenburg lachte rauh und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »O ihr Verblendeten! Weißt du, was du sehen wirst in Worms? Einen Scheiterhaufen, auf dem man einen Ketzer röstet. Und seine Flammen könnten leicht dein eigenes Gewand ergreifen. Justus, laß dich warnen! Ich rate dir gut!« »Du meinst es wohl mit mir, aber mein Beschluß ist gefaßt. Du machst mich nicht wankend,« erwiderte Justus Jonas, und als er die tiefe Besorgnis in den Zügen des Freundes erkannte, setzte er hinzu: »Fürchte nichts für mich, Freund. Martinus wird so sicher sein in Worms wie die Männer im feurigen Ofen oder wie Daniel, der Prophet, unter den Löwen, denn Gott ist sein Schutz und wird auch die beschirmen, die ihm folgen.« Meyenburg blickte ihn finster an und sagte nach einer Weile: »Denkst du deines Eides nicht, den du als Priester geschworen? Wie kannst du Gemeinschaft haben mit einem, der aus der Kirche verstoßen ist?« »Ich war blind im Geiste, als ich den Eid schwur. Jetzt weiß ich, daß jeder Eid nichtig ist, der uns zwingen will, wider Gottes Gebot zu handeln.« »So sagt der Wittenberger,« fiel ihm Meyenburg in die« Rede. »Damit wendet er die Leute von der Kirche ab, denn er allein hat Gottes Wort. Alle Menschen sind Narren und Toren, er allein ist klug. Päpste und Konzilien haben geirrt, nur Martinus in Wittenberg irrt nicht, und was er spricht, muß Gottes Wort sein.« »Es ist Gottes Wort,« erwiderte Justus Jonas fest, »denn aus ihm redet der Heilige Geist offenbarlich. Und dir, Michael, muß ich vorwerfen, daß du unbeständig bist in deiner Meinung. Hast du nicht selber gesagt vor drei Jahren, er habe recht daran getan, den Tetzel anzugreifen? Auch anderes hast du gelobt, was er gesagt und getan hat. Wir alle, Eoban und Crotus und ich, meinten bis vor kurzem, du seiest sein Freund, ja unser Crotus meinte es noch gestern. Was hat dich nun so ganz gegen ihn erregt und in Zorn gebracht?« »Ich habe vordem gemeint, er wolle die Mißbräuche der Pfaffheit abstellen. Jetzt erkenne ich: er will die Kirche zerschlagen. Das hat mich ihm abgewendet.« Justus Jonas ließ einen langen, forschenden Blick auf ihm ruhen. »Nichts anderes?« fragte er endlich. »Ist dir das nicht genug?« »Michael,« erwiderte Jonas, »ich weiß, daß du mich nicht täuschen willst. Aber solltest du dich nicht etwa selbst betrügen? Seit Weihnachten, so schrieb mir mein Gevatter aus Nordhausen, hält sich unser Meyenburg von uns zurück. Er kommt nicht mehr mit uns zusammen in der Offizin bei unserem Blasius, dem Ratsapotheker, und redet kühl über das, was uns alle so heftiglich bewegt. Kurz vor Weihnachten, Freund, kamst du aus Erfurt wieder heim und trugst das Bild der Jungfrau Lachensper im Herzen. Solltest du um eines Weibes willen dein Gemüt abgekehrt haben von der Wahrheit, der du dich vorher schon so sehr zugeneigt hattest? Der Teufel tritt uns ja so manchmal nahe unter der Larve eines Weibes und verführt uns, daß wir unsere Seele aufs Spiel setzen und des ewigen Gutes vergessen. Vielleicht stehst du in einer viel größeren Gefahr als ich, wenn ich gen Worms fahre. Dem denke nach, Freund Michael.« Meyenburgs Antlitz hatte sich während dieser Worts seines Freundes mit dunkler Röte bedeckt, und als Jonas nun schwieg und ihn bekümmert anblickte, brach er heftig los: »Was denkst du von mir? Wie niedrig schätzest du mich ein? Wahrlich, glaubte ich, daß Gott aus Luthern spräche, ich träte in Nordhausen auf den Markt und erregte die ganze Bürgerschaft für ihn. Daran hinderte mich kein Mensch. Aber seine Lehre ist nicht von Gott, die ist wider Gott. So will es mich bedünken.« »Wie willst du das beweisen?« rief Jonas mit blitzenden Augen. »Das beweise ich dir aus zehn Stücken, wenn du willst. Zum ersten: Gott will Ordnung und Obrigkeit haben auf Erden. Aber der Geist des Wittenbergers ist ein Geist der Unordnung, ja des Aufruhrs. Sieh hin ins Land! Ist nicht überall der gemeine Mann so hoch erregt, daß es in Bälde an allen Ecken zum Aufruhr kommen muß? Die Bürger wollen dem Rate nicht gehorchen, die Bauern wollen ihren Herren keinen Schoß mehr geben, wollen nicht steuern und frohnden, sagen, sie hätten's nicht nötig, sintemal sie freie Christen wären. Ein Christ sei niemand Untertan, brauche niemandem zu dienen, sei ein Herr aller Dinge, und bei dem allen berufen sie sich auf Luther.« »Sie täten besser, wenn sie sich dabei auf den Teufel beriefen!« erklang eine starke Stimme von der Tür her. Die beiden fuhren herum, Justus Jonas trat mit schnellen Schritten vom Fenster hinweg in die Mitte des Gemaches. Im Halbdunkel der Diele stand der Mann, der den Ausruf getan, ein Mönch in der schwarzen Kutte der Augustiner. Der Besitzer des Hauses, Meister Adam Henne, hatte ihm selbst die Tür geöffnet, sein schüchternes Anklopfen war wohl von Meyenburgs lauten Worten übertönt worden. Nun stand das kleine Schneiderlein demütig mit abgezogenem Käppchen zur Seite und blickte scheu und ehrfürchtig zu dem empor, der hier Einlaß begehrte. Schnellen Schrittes trat der Mönch über die Schwelle, und Michael Meyenburg durchzuckte ein sonderbarer Schrecken. Er hatte ihn noch nie gesehen, aber er erkannte ihn auf der Stelle. Erst gestern war ihm ein Holzschnitt zu Gesicht gekommen, der ihn mit einem Heiligenschein darstellte, und auch andere Bilder von ihm gingen überall von Hand zu Hand. Aber wie tot, wie leer, wie nichtssagend erschienen ihm alle diese Bilder, nun, da er den Lebendigen vor sich sah! Die Umrisse seiner Erscheinung gaben sie getreulich wieder, die derben, wie aus Eichenrinde geschnitzten Züge des Mansfelder Bergmannssohnes, die breite Tonsur, die von dunkeln Haaren eingerahmt war. Aber keine Ahnung hatten sie ihm gegeben von dem funkelnden Glanze der Augen, die wie Kohlen in dem bleichen, mageren Antlitz standen, und die jetzt so durchdringend auf ihm ruhten, daß er in eine ihm selbst unerklärliche Verwirrung geriet. Martin Luther winkte seinem Freunde, der ihn erstaunt anblickte, mit der Rechten zu und wandte sich dann mit ernster Freundlichkeit an Michael Meyenburg: »Ihr wundert Euch, daß ich hier eindringe? Ich erkannte Justum am Fenster, und der Meister, der vor der Tür stand, sagte mir, wer Ihr seid. Blasius Michael, der Ratsapotheker, erzählte mir im November des letzten Jahres, als er bei mir war in Wittenberg, es neigten sich viele in Nordhausen dem neuen Evangelium zu. Auch Euren Namen hat er mir genannt. Wie höre ich nun solche Worte von Euch? Habt Ihr meine Schriften nicht gelesen?« »Das habe ich, Herr.« »Und könnt Ihr mir auch nur eine Zeile nennen, wo ich lehre, der Christ solle nicht Untertan sein seiner weltlichen Obrigkeit? Auch nur eine Zeile, Herr Stadtschreiber? Ihr könnt es nicht, und kein Mensch kann es. Was redet Ihr denn also das freche Gewäsch derer nach, die mich mit erdichteten Lügen schmähen und lästern? Knirschen nicht die Bauern schon lange wider ihre Herren in die Zügel? Ihr habt gehört, wie jedermann im Reiche, vom Aufruhr des armen Kunz in Schwaben und von dem Pfeifer, der sich gegen den Bischof von Würzburg erhob. Das war, ehe der Luther hatte ein Buch ausgehen lassen. Jetzt schiebt man ihm es in die Schuhe, und er muß schuld daran sein, wenn allenthalben der gemeine Mann nach Freiheit schreit. Habt Ihr nicht gelesen, was ich geschrieben habe im letzten Winter von der Freiheit eines Christenmenschen?« »Nein.« Luther blickte ihn befremdet an. »Ihr sagtet doch eben, daß Ihr meine Schriften kenntet?« »Die jüngsten nicht. Ich hatte im Winter viele andere Geschäfte. Da bin ich zum Lesen nicht gekommen.« Wieder schoß ihm bei diesen Worten eine heiße Blutwelle ins Antlitz. Er fühlte den Stachel, den ihm vorhin sein Freund Jonas ins Herz eingesenkt hatte. War nicht doch vielleicht etwas Wahres an dem Vorwurfe, er habe sich um Ursulas willen von Luthers Sache abgewendet? Beeinflußt hatte ihn die Liebe zu ihr sicherlich, das ward ihm jetzt klar. Ein fester Anhänger Luthers war er ja auch vorher nicht gewesen, der kühne Neuerer hatte ihn auf der einen Seite angezogen, auf der anderen abgestoßen, und wenn er in Luthers Schrift an den christlichen Adel noch vieles gebilligt hatte, so war ihn schier ein Grauen angekommen, als das Büchlein von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche in seine Hände gelangt war. Eine gründliche Besserung der kirchlichen Zustände war ihm seit je hochnötig erschienen, aber dieses Buch ging ihm viel zu weit, es zerschlug alles, worauf das Ansehen der Kirche beruhte, und kam es in Geltung, so mußte die Kirche selber dahinsinken. So hatte sich sein Gemüt erkältet gegen den Mann aus Wittenberg, der die ganze Welt umzukehren schien. Aber er hatte sich doch noch nicht von ihm losgesagt, war noch immer in die Ratsapotheke gegangen, wo die Anhänger Luthers und solche, die es werden wollten, heimlich zusammenkamen und seine und seiner Freunde Schriften lasen und besprachen. Fern gehalten hatte er sich erst, nachdem er im Winter von Erfurt heimgekehrt war, und seitdem er sich sagen mußte, daß er von dem Vater seiner Liebsten schwerlich einen günstigen Bescheid auf seine Werbung erhalten werde, wenn auch nur der Schein einer Hinneigung zur Lehre des Wittenbergers auf ihm lag. Von da ab hatte er die Stimmen, die in ihm zu Luthers Gunsten sprachen, fast gewaltsam zum Schweigen gebracht, hatte wieder die Gemeinschaft derer gesucht, die seine Feinde waren, hatte sich durch sie bestärken lassen in der Meinung, seine Lehre sei von Gott verworfen, weil sie vom Papste verworfen war. Das alles kam ihm mit einem Male zum Bewußtsein, und eine Unsicherheit und Unruhe überfiel ihn, wie er sie noch nie empfunden. Unwillkürlich senkte er die Stirn vor den mächtigen Augen, die mißbilligend und verwundert auf ihm ruhten. »Ich sollte meinen,« sagte Luther nach einer Welle, »auch die wichtigsten Geschäfte Eurer Stadt müßten Euch Zeit lassen, nach dem zu fragen, was Eurer Seele Seligkeit betrifft. Ich werde Euch das Büchlein senden. Werdet Ihr's lesen?« Als Meyenburg das Haupt neigte, fuhr er fort: »So komm jetzt mit mir, Justus. Die Freunde harren draußen vor der Tür, daß sie mich hinübergeleiten in die Kirche unseres Klosters, wo ich in einer Viertelstunde eine Predigt zu tun gedenke. Auch Ihr seid eingeladen, Herr Stadtschreiber.« Er wandte sich zum Gehen, aber plötzlich kehrte er um, trat dicht an Meyenburg heran, und ihm leicht die Hand auf die Schulter legend, sagte er im Ton väterlicher Güte: »Mich dünkt. Ihr steht in einer Anfechtung, Herr. Ich lese es in Euren Mienen. Ihr plaget Euch mit Zweifeln, die der Teufel in Eure Seele geworfen hat. Nun, wie ich von Eurem Hauswirte gehört habe, fahrt Ihr gleich uns gen Worms. Treffen wir uns auf dem Wege oder dort, so sucht mich auf und sagt mir ehrlich, was Euch anficht. Jetzt habe ich keine Zeit für Euch, denn andere Pflichten rufen mich und werden mich festhalten, bis ich abreise. Aber es liegt mir an Euch, dieweil Ihr, wie man mir sagt, ein fein Ingenium habt, und weil Ihr gefreundet seid mit Männern, die ich lieb habe.« Er streckte ihm die Hand hin, und unwillkürlich legte Meyenburg die seine hinein. Luther umfaßte sie mit festem Drucke, nickte ihm zu und schritt zur Tür hinaus. Justus Jonas, der nach ihm das Gemach verließ, winkte dem Freunde mit der Hand, er möge ihm folgen. Der aber schüttelte stumm den Kopf und trat ans Fenster. Er sah, wie draußen Jonas von zwei Männern herzlich begrüßt wurde. Der eine war Crotus, den anderen kannte er nicht. Es mochte wohl Nikolaus von Amsdorf sein. Eine große Volksmenge hatte sich vor dem Hause angesammelt und folgte nun Luther und seiner Begleitung, die bald um die Ecke verschwunden waren. Meyenburg setzte sich auf seine Bettstatt, stemmte die Hände auf die Knie und starrte vor sich hin. Was würden wohl Ursula und ihre Muhme, was würde der alte Dotheus Lachensper sagen, wenn sie erfuhren, daß er dem großen Ketzer die Hand gereicht hatte! Aber er hatte nicht anders gekonnt. In dem Wesen dieses Mannes war etwas Zwingendes, wer in seine Nähe kam, der geriet in seinen Bann. Auch die Schrift, die er ihm anbot, hatte er annehmen müssen. Es wäre ihm nicht möglich gewesen, nein zu sagen. Und jetzt ergriff ihn auf einmal ein ungestümes, ein unbezähmbares Verlangen, hinzugehen und zu hören, was er drüben in der Augustinerkirche den Leuten sagte. Er kämpfte vergebens dagegen an, es ward übermächtig in ihm, trieb ihn vorwärts wie ein dunkler Drang, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Als das Gebimmel der Glocken verhallt war, sprang er auf und hüllte sich in seinen Mantel. Auf das Haupt stülpte er einen breiten Filzhut und zog ihn tief ins Gesicht herab, denn er wollte womöglich von keinem Menschen erkannt werden. Nahe an den Häusern hin, als befände er sich auf verbotenem Wege, eilte er hinüber nach der Kirche, die nur wenige hundert Schritte entfernt war. Er mußte im Vorraum stehenbleiben, weiter vermochte er nicht vorzudringen. Eine ungeheure Menschenmenge erfüllte das Gotteshaus, quetschte sich in den Bänken zusammen und stand dichtgedrängt im Mittelgang und in allen Seitengängen. Die tiefste Stille herrschte, und die Stimme des Predigers klang so klar und mächtig über die Zuhörer hin, daß man auch im Vorraum der Kirche, wo ihn nur die Vordersten sehen konnten, jedes seiner Worte verstand. Sie regten Meyenburg im Innersten auf. Was war das doch für ein Mensch, der so reden konnte! Gebannt und von der höchsten Gewalt der Kirche verflucht, einem Scheiterhaufen vor Augen, verachtete er alle Gefahr, schleuderte seine wuchtigen Anklagen wider die Verführer, die dem Volke vorlögen, man könne durch fromme Werke selig werden, und die Seligkeit hänge davon ab, daß man faste, bete, die Messe halte. Manchmal ging eine Bewegung durch das Volk, so als er rief: »Ich sage, daß alle Heiligen, sie seien gewesen, so heilig sie wollen, so haben sie die Seligkeit nicht erlangt mit ihren Werken. Auch die heilige Mutter Gottes ist mit ihrer Jungfernschaft oder Mütterlichkeit nicht fromm oder selig geworden, sondern durch den Willen des Glaubens und durch die Werke Gottes und nicht mit ihrer Reinigkeit oder eigenen Werken.« Daß selbst die heilige Gottesmutter, zu der man gebetet hatte, wie zu Gott selbst, nur selig sein sollte durch ihren Glauben und durch das Erlösungswerk ihres Sohnes, das deuchte vielen verwunderlich, und mancher entsetzte sich wohl gar heimlich darüber. Aber die meisten standen unbeweglich mit vorgestreckten Hälsen da, als wollten sie die Worte des Predigers von seinen Lippen trinken. »Ich will die Wahrheit sagen und muß es tun, darum stehe ich hier und nehme nicht Geld darum,« rief Martin Luther mit starker Stimme, als plötzlich ein Lärm entstand. Die Balken der einen Empore, die mit Menschen überfüllt war, begannen zu krachen, es schien, als wollten sie einstürzen. Frauen kreischten laut auf und drängten angstvoll nach dem Ausgange. Aber durchdringend erklang die Stimme von der Kanzel her: »Sei still, liebes Volk, es ist der Teufel, der richtet so eine Spiegelfechterei an. Sei stille, es hat keine Not. Ich kenne deine Tücke, Satan!« Alsbald legte sich der Lärm. Kein Einstürzen der Empore erfolgte, die Leute blieben ruhig auf ihren Plätzen, und der Prediger beendete seinen Sermon, als ob nichts geschehen wäre. Als er langsam von der Kanzel herabschritt, sagte ein langer Mensch, der vor Meyenburg stand, so laut, daß es in der halben Kirche vernehmlich war: »Dieses war das erste Zeichen, das Luther tat, und bezeugte seine Herrlichkeit.« Es war der Baccalaureus, der am vorgestrigen Abend das kaiserliche Edikt am Tore der St. Georgsburse den Studenten vorgelesen hatte. Salbungsvoll fuhr er fort: »Ihr habt ein Mirakel gesehen, liebe Leute, habt gesehen, wie der Gesalbte Gottes den bösen Feind, der den Kindern Gottes schaden wollte, mit einem Hauche seines Mundes in die Flucht schlug. Es stehet geschrieben: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben es nicht gesehen. Weil euch denn Gott einer so hohen Gnade gewürdigt hat, so kehret euch ab von den Werken der Abgötterei, die ihr bislang getrieben habt. Lasset das Messelaufen, Fasten, Wallfahrten unterwegs, denn so ihr euch darauf verlasset, so seid ihr verlassen.« Er hatte sich dabei halb umgedreht und erblickte nun Meyenburg, den er sogleich mit gönnerhaftem Nicken begrüßte. Er hatte ihn offenbar erkannt und trat auch auf ihn zu. Aber der hatte keine Lust, die Bekanntschaft mit dem sonderbaren Heiligen zu erneuern, der in seinem unwiderstehlichen Rededrange hier die Predigt Luthers auf seine schnörkelhafte Weise wiederholte und mit Nutzanwendungen versah. Er erwiderte seinen Gruß nur flüchtig, wandte sich ab und ging eiligen Schrittes von dannen. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein mit seinen Gedanken. Darum verließ er die Stadt und suchte den Steigerwald auf. Er kannte dort eine verschwiegene Stelle, wo er in früheren Zeiten oft gesessen hatte. Sie war ihm von jeher lieb gewesen, denn sie erinnerte ihn an ein Waldversteck seiner Kinderheimat. Der Pfad, den er einschlagen mußte, war jetzt fast ganz verwachsen, ein Zeichen, daß Menschen diese Stätte völlig mieden. Als er angekommen war an der Waldblöße, einem lichtgrünen Moosflecken unter uralten Bäumen, warf er sich nieder, verschränkte die Arme über dem Kopfe, und in den blauen Frühlingshimmel über sich schauend, überließ er sich seinen Gedanken. Erfreulich waren sie nicht. Er war ein Mensch von scharfem Blick und klarem, einfachem Willen, der von Jugend auf gewußt hatte, was er wollte. Jetzt mit einem Male war es ihm, als wisse er es nicht mehr. Er stand an einem Scheidewege, das fühlte er mit voller Deutlichkeit. Schlug er sich zu Luthers Gegnern, so konnte er hoffen, des alten Dothus Eidam zu werden, sonst nicht. Denn niemals würde der seiner Tochter Hand in die eines Mannes legen, der nicht unverbrüchlich an der alten Lehre festhielt. Er verlor dann aber fast alle seine Freunde, die ihn jetzt schon mit Sorge und Betrübnis betrachteten. Als er sie vor zwei Jahren zum letzten Male gesehen hatte, waren sie alle noch schwankend gewesen, aber als er im vorigen Winter wieder in Erfurt erschienen war, standen sie schon fest auf der Seite Luthers, und jetzt war der Mönch von Wittenberg ihnen wie ein Heiliger, ja schon sahen sie in ihm den von Gott gesandten Messias, der die Kirche wiederherstellen sollte in ihrer alten apostolischen Reinheit. So lieb sie ihn hatten, so schöne Erinnerungen sie mit ihm teilten, sie würden allesamt mit der Zeit ihm entfremdet werden, langsam vielleicht, aber unaufhaltsam. Sie alle, die er schätzte und liebte um ihres Geistes, ihres Frohsinns, ihrer Tüchtigkeit willen, kannten ihn vielleicht schon in wenigen Jahren nicht mehr, wollten ihn nicht mehr kennen. Wer aber waren dann die Menschen, mit denen er an einem Strange ziehen mußte? Außer dem Grafen von Hohenstein fiel ihm keiner ein, der ein tüchtiger Mann gewesen wäre. Die Priester, die um ihrer Pfründen willen gegen Luther standen, hatte er nie geachtet. Die Besten unter ihnen waren gutmütige Leute ohne Geist, die meisten HH glichen nur allzusehr dem Bilde, das ihre Gegner in den Briefen der Dunkelmänner von ihnen entworfen hatten. Nur einer fiel ihm ein, der eine Ausnahme darstellte, Christian Heune, ein blutjunger Priester in Nordhausen, mit dem er in letzter Zeit häufig zusammengetroffen war, ja, der ihn geradezu aufgesucht hatte. Der hatte Geist und weltmännische Sitte, aber liebenswert war er ihm nicht, denn er hatte ein hartes Herz und einen nachtragenden Sinn. Auch war ihm zuweilen der Eifer dieses Jünglings verdächtig erschienen, er sprach gar zu oft von Würden und Ehren, die einem treuen und tüchtigen Priester wohl erreichbar seien. Seines Freundes Justus Bild trat ihm da mit einem Male vor die Seele. Der war schon Erfurter Kanonikus, trotz seiner jungen Jahre, und konnte vielleicht als Diener des alten Glaubens eine glänzende Laufbahn machen. Aber das alles warf er hin, weil er vom neuen Glauben begeistert war. Vor einigen Stunden noch hatte ihn seine lodernde Begeisterung erschreckt, jetzt erfüllte sie ihn fast mit Neid. War es nicht etwas Großes, so begeistert zu sein, daß man alle Güter dieser Welt und auch all ihre Gefahren für nichts erachtete? Und war der gewaltige Mann, der diese Begeisterung überströmen ließ aus seiner Seele in die seines Freundes und so viele andere Seelen, wirklich ein Verführer zu ewiger Verdammnis? Seine Person hatte ihn mächtig angezogen, seine Predigt tief erschüttert. Nicht mit einem Male waren die Zweifel, die er in der letzten Zeit künstlich genährt, die ihm auch beim Lesen seiner Schriften schon früher gekommen warm, aus seiner Seele verflogen. Aber es war ihm jetzt, als sei er ausgestoßen oder habe sich selbst ausgeschlossen aus einem Kreise, zu dem er innerlich doch gehörte, und die Begeisterung seiner Freunde dünkte ihm etwas zu sein, was er eigentlich hätte haben sollen, haben müssen. Er kam zu der Meinung, es sei seine Pflicht, die Lehre des Wittenbergers hinfürder nicht einfach abzuweisen, sondern auf sich wirken zu lassen und noch einmal ernstlich zu prüfen. Der Mann hatte ihm ja selbst angeboten, über seine Anfechtungen, wie er es nannte, mit ihm zu reden. Nun, dann wollte er ihm einmal klar und deutlich die Gedanken darlegen, die ihn auch schon vor seinem heimlichen Verlöbnis immer wieder daran gehindert hatten, sich freudig und ohne Rückhalt der neuen Bewegung anzuschließen. Gelang es Luther, ihn zu überzeugen und seine Zweifel zu zerstreuen, so wollte er sich nicht länger sperren und sträuben. Er hatte das Vorgefühl, daß es dem Gewaltigen wahrscheinlich gelingen werde, und er wünschte es fast. Aber was wurde dann aus seiner Liebe zu Ursula? Sollte er versuchen, den alten Dotheus zu betrügen, und wenn er etwa von Worms zurückkam als Luthers Anhänger, noch die alte Feindseligkeit oder wenigstens Abneigung zu heucheln wider die neue Lehre? Das deuchte ihm niederträchtig, auch war es schwerlich durchzuführen. Vielleicht war es am besten, er kehrte auf dem Rückwege gar nicht wieder in Erfurt ein, sondern ließ durch Nordhäuser Freunde das Bild des heiligen Michael abholen, das er bei dem alten Lachensper bestellt hatte. Diese Freunde konnten dann gleich die Freiwerber für ihn machen und den Alten bereden, die Hochzeit so bald wie möglich anzusetzen, und er kam dann erst am Abend vor der Trauung in Erfurt an und konnte verfänglichen Fragen seines zukünftigen Schwiegervaters aus dem Wege gehen. So oder so ähnlich war die Sache vielleicht zu machen, besonders wenn Frau Barbara mithalf, aber es schien ihm doch sehr ungewiß zu sein, ob der Greis sich so werde überrumpeln lassen. Zudem hatte er ja offenbar den Plan, spielte wenigstens mit dem Gedanken, seine Tochter ins Kloster zu zwingen. Hätte er jetzt freie Hand für seine Angelegenheiten gehabt, so würde er den Anschlag auf der Stelle ins Werk gesetzt haben. Aber er mußte nach Worms, denn der Reichstag blieb nur noch einige Wochen zusammen, und die Geschäfte seiner Stadt waren unaufschiebbar. Morgen mußte er fort von hier, denn auch in Gotha und Eisenach hatte er wichtige Angelegenheiten zu erledigen und konnte auch da durch unvorhergesehene Zwischenfälle aufgehalten werden, wie er hier aufgehalten worden war. Nach stundenlangem Grübeln und Sinnen kam er zu dem Entschluß, den auch Klügere als er in gleicher Lage häufig gefaßt haben, nämlich alles Weitere der Zeit zu überlassen. Mit einem tiefen Seufzer erhob er sich und ging langsam in die Stadt zurück. Als er dort ankam, war die Stunde des Mittagessens längst vorüber, das Haus wie ausgestorben, denn der Meister mit seiner Familie und seinen Gesellen war auf ein benachbartes Dorf gewandert. Nur die Mutter des Meisters war daheim geblieben und brachte ihm ein Stück des Geißbratens, das sie ihm warmgehalten hatte. Zu Ostern und um die Osterzeit herum pflegten die Thüringer mit besonderer Vorliebe junge Zicklein zu verspeisen, und das Fest war ja eben erst vorüber, denn heute beging die Christenheit den Sonntag Quasimodogeniti. Er liebte das weichliche Fleisch nicht sehr, aber er aß es als eine Erinnerung an seine Kindheit. In dem fränkischen Forsthause, in dem er aufgewachsen war, wurde auch auf die Sitte des Osterlammessens gehalten. Am Spätnachmittag begab er sich zu Frau Lachensper. Sie hatte ihm gesagt, ihr Vetter besuche regelmäßig am Sonntag, wenn die Sonne sich neige, seine Freunde im Predigerkloster, und so könne sich's ereignen, daß er um diese Stunde Ursula bei ihr fände. Das Glück war ihm auch wirklich hold; als er eintrat, flog sie ihm entgegen und hing sich an seinen Hals, während die Muhme mit einem listigen Lächeln das Gemach verließ. Zum ersten Male wieder nach langen Monaten lag sie an seiner Brust, und als er das liebe Mädchen so in seinen Armen hielt und Kuß auf Kuß mit ihr tauschte, wurde es in seinem Herzen leicht und hell, und all seine Besorgnisse zerrannen. Sie erzählte ihm, daß ihr Vater sich sehr günstig über ihn ausgesprochen habe, und daß in den letzten Tagen nicht mehr vom Kloster die Rede gewesen sei. Er gelobte ihr, daß er nach seiner Rückkehr sogleich um sie werben werde, und zwar hoffe er, der eine Bürgermeister seiner Stadt werde selbst das Brautwerberamt übernehmen. Sie äußerte keine Bedenken dagegen, sondern ging eifrig darauf ein. Auch benahm sie sich keineswegs wie eine angehende Heilige, vielmehr wie ein natürliches junges Weib von Fleisch und Blut, das den Geliebten nach langer Trennung ohne Zeugen wiederhat und bestrebt ist, ihm in der kurzen Zeit des Beisammenseins alles Liebe und Gute zu erweisen. Hätte Eobanus Hessus sie so gesehen, er wäre wahrlich mit ihr wohlzufrieden gewesen und hätte seine Meinung über sie von Grund aus geändert. Meyenburg mußte sich sagen, daß er sie so hingebend nie gesehen und ihr eine solche Glut nicht zugetraut hätte. Wohl eine Stunde lang verharrten sie miteinander im traulichsten Flüstern und Kosen, dann erschien die Muhme und drängte zum Abschiednehmen. Als er sich endlich von der bitterlich Weinenden losgerissen hatte und in der hereinbrechenden Dämmerung seiner Behausung zuschritt, da fühlte er, daß er von diesem Mädchen nimmer wieder lassen könne. Er hatte schon manches junge Weib geküßt, aber das alles war Spiel gewesen. Jetzt aber wurde die Liebe für ihn zum schweren Lehensernst. Konnte er dieses Weib nicht erringen, so gab es für ihn im Leben kein volles Glück. IV. Auf des Reiches Heerstraße, etwa eine Wegstunde östlich von Frankfurt am Main, bewegte sich langsam ein kleiner Wagenzug vorwärts. Die Fahrzeuge und Gespanne gehörten Eisenacher Kaufleuten, den Herren Schalbe und Cotta, die mit der großen Reichsstadt in Franken fleißig Handel trieben. Herr Kaspar Schalbe der Jüngere geleitete seines Hauses Wagen selbst, hoch zu Roß, in einen Panzer gehüllt, hatte auch einen bewaffneten Knecht aus seinem Heimat mitgenommen und in Friedberg drei Knechte gedungen, daß sie ihm bis Frankfurt das Geleit gaben. Denn die Gegend war unsicherer als die meisten anderen Teile des Reiches. Es gab viel Räubervolk in Franken und Schwaben, gemeines Gesindel, aber auch adelige Schnapphähne, die sich um den Landfrieden des Reichsregimentes nicht kümmerten. Sie überfielen bei Nacht oder auch am hellichten Tage mit Vorliebe die Warenzüge der Stadtherren, die sie »Ellenreiter« oder »Pfeffersäcke« nannten, raubten sie aus und führten die Kaufleute nach ihren Burgnestern und hielten sie dort gefangen, um ein Lösegeld für sie zu erpressen. Manche trieb nur ihr Haß gegen die Städter zu greulicher Gewalttat. Einer, das ritterliche Scheusal Thomas von Absberg, ließ denen, die er gefangen nahm, die Hände oder die Füße abhacken, worauf er sich mit seinen Gesellen davonmachte, so daß die Gefangenen am Wege elendig starben oder verdarben. Kein kaiserliches Mandat, kein abschreckendes Exempel hatte bisher gegen das Unwesen etwas Ernstliches auszurichten vermocht. So taten die Bürger der Städte, die reisen mußten, wohl daran, sich mit Wehr und Waffen zu versehen und zu mehreren zu reiten, um so die Gefahr zu verringern. Deshalb hatte sich Michael Meyenburg mit dem Bewaffneten, der ihn begleitete, dem Schalbe angeschlossen, der ihm bekannt war, und Herr Kaspar hatte ihn gern als Reisegenossen angenommen. Der Stadtschreiber von Nordhausen saß auf seinem starken Gaule wie ein Ritter. Nur die wallenden Federn fehlten auf seinem eisernen Sturmhute. Die beiden ritten etwa fünfzig Schritte hinter dem letzten Wagen her. Als in der Ferne ein leise summender Ton hörbar ward, zügelte Schalbe sein Roß, und ein Seufzer der Erleichterung kam von seinen Lippen. Dann neigte er sein Haupt zu einem kurzen Gebete. »Es sind die Glocken des Frankfurter Doms,« sagte er. »So nahe sind wir an der Stadt, daß wir sie hören, obgleich uns der Wind nicht günstig ist. Ich bin mit Sorge den Weg gefahren, das habt Ihr wohl gemerkt, Herr Michael. Nun aber dünkt mich, sind wir in Sicherheit. Hätten wir Martinum einholen können, der vor uns herzieht und nun wohl schon in Frankfurt ist, so hätten wir sicherer reisen können, denn des Reiches Herold geleitet ihn.« »Meint Ihr?« erwiderte Meyenburg. »Ich acht', die Helden der Straße würden sich den Teufel um des Kaisers Herold scheren, wenn sie Geld und Gut bei ihm und seinen Begleitern vermuteten. Er ist vor ihnen sicher, weil sie wissen, daß er nichts bei sich trägt, was diese Vögel locken könnte.« Schalbe nickte. »Ihr möget nicht Unrecht haben. Um so unsicherer waren wir, denn in den Wagen liegt nicht geringes Gut, und mich würde mein Vater, Euch Eure Stadt mit einem stattlichen Sümmchen lösen müssen.« Meyenburg lächelte. »Wir sind sechs bewaffnete Männer. Die Schelme reiten zumeist nur mit dreien oder vieren aus. Mehr Pferde können sie nicht aufbringen. Ich denke, wenn einer auf uns lauert, wird er still beiseite reiten, denn er weiß nicht, ob er sich Beute holt oder blutige Hiebe. Die meisten von diesen Gesellen haben wenig Mut.« »Den Absberger nehmt aus,« versetzte Schalbe. »Der ist stark wie ein Riese und weiß, daß er's mit dreien aufnimmt. Ich weiß zudem nicht, ob er es zu dieser Zeit auf die Nürnberger abgesehen hat oder auf die Frankfurter. Ich bin wahrhaftig froh, daß wir noch hineinkommen, ehe die Dämmerung zur Dunkelheit geworden ist. Auf der Rückreise, das sage ich Euch, nehme ich sechs Knechte aus Frankfurt mit, und der Sold soll mich nicht gereuen.« »Es ist ein Kreuz und Elend, daß hier im Süden des Reiches die Plage der Landschaden nicht auszurotten ist!« rief Meyenburg. »Die Fürsten zu Sachsen halten ihre Straßen rein, dort hört man selten von einem Bruche des Landfriedens. Geschieht einer, so wird er zumeist bald blutig gerochen. Auch der Brandenburger hat es vermocht, Ordnung und Sicherheit zu schaffen in seinem Lande. Hier aber ist man von einer Stadt zur anderen seines Lebens nicht sicher.« »Das macht,« erwiderte Schalbe, »es sitzen hier zu viele kleine Herren nebeneinander. Von denen hat keiner die Macht, das Raubgesindel zu packen, und untereinander sind sie uneins, und niemand kann sie unter einen Hut bringen. Auch der Kaiser Max hat das nicht vermocht und war doch ein Herr von großen Gaben.« »Vielleicht bringt es der junge Kaiser Karl dahin, daß endlich einmal ein echter Landfrieden wird in deutschen Landen,« sagte Meyenburg. »Seine Macht ist groß. Er herrscht über die halbe Welt. Aber zum Henker, was ist das?« Der Wagenzug stockte. Einer der Knechte aus Friedberg kam eiligst nach hinten geritten. Furcht und Bestürzung spiegelten sich in seinen Mienen. »Was ist?« schrie ihm Schalbe entgegen. »Herr, wir können nicht weiter. Baumstämme liegen über dem Wege.« Schalbe erbleichte. »Hast du Reiter gesehen?« »Nein, Herr, gesehen habe ich keinen Menschen.« »Dann ist's vielleicht ein Schabernack der Bauern,« sagte Schalbe, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Hinter ihm brüllte es laut: »Hoiho, hoiho!« Ein Reiter auf einem gewaltigen braunen Roß hielt mitten auf der Landstraße. Er war vom Kopf bis zum Fuß in Eisen gehüllt. Aus dem Wäldchen, das sie eben durchfahren, brach ein zweiter heraus, mehrere folgten. In eines Schleuderwurfes Entfernung hielten sie hinter ihrem Führer. Herr Kaspar Schalbe war sonst ein beherzter Mann, aber der Schrecken war ihm in die Glieder gefahren. Er fand nicht sogleich die Sprache wieder. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« rief Meyenburg an seiner Statt. »Das alles will ich Euch fragen,« antwortete der lange Reiter. »Da Ihr aber so neugierig seid. Ihr Stadthahn, so wisset: ich bin der Absberger.« Kaum hörte der Knecht aus Friedberg den gefürchteten Namen, so riß er sein Roß zur Seite und jagte über Stock und Stein davon. Die Landräuber lachten hinter ihm drein, aber sie verfolgten ihn nicht, denn auf ihn und seinesgleichen hatten sie es nicht abgesehen. »Steigt von euren Kleppern und werft die Waffen weg!« gebot der Absberger. »Dann können wir sehen, wie wir mit euch handeln.« »Wollt Ihr uns ritterlich halten?« fragte Kaspar Schalbe mit zitternder Stimme. Ein gellendes Hohngelächter war die Antwort. »Ritterliche Leute hält man ritterlich. Ihr habt mit allem zufrieden zu sein. Nun, wird's bald? Sputet euch! Wir haben nicht lange Zeit!« »Ich gebe mich nicht in die Hand der Schelme!« raunte Meyenburg und griff nach seinem Speere. »Schlagen sie mich tot, so will ich mich doch wehren. Seid ein Mann! Tut wie ich! – Götz, reit' an!« rief er seinem Nordhäuser Knechte zu und gab seinem Pferde die Sporen. Aber dieses Tier war zwar groß und stark und stattlich anzuschauen, zum Streitrosse jedoch taugte es wenig. Es bockte und bäumte sich und wollte nicht vorwärts. Als der Stegreifritter sah, daß der eine der beiden Stadtherren sich widersetzen wollte, war er wie der Blitz heran. Sein Lanzenstoß traf den Verwegenen, der mit ihm den Streit wagen wollte, so wuchtig, daß Meyenburg, mit seinem Gaule kämpfend, sich nicht im Sattel halten konnte. Er stürzte zur Erde, und ein Hufschlag seines eigenen rasend gewordenen Pferdes traf ihn so heftig an die Stirn, daß ihm das Bewußtsein schwand. Das letzte, was er hörte, war ein teuflisches Gelächter des Absbergers. Als er nach einer kurzen Weile wieder zum Bewußtsein kam, hatte sich das Bild namhaft verändert. Die Wagen standen noch auf derselben Stelle, aber vom Absberger war nichts mehr zu sehen. Einer seiner Genossen lag tot mitten auf der Landstraße, ein anderer kniete mit gebundenen Händen an der Seite des Weges. Ein starker Reitertrupp, dessen Fähnlein das Wappen des Landgrafen von Hessen zeigte, hielt in der Nähe. Einer der Reiter hatte einen Birnbaum erklettert und befestigte dort einen Strick. »Der Hund ist entwischt, aber den hier hänge ich auf der Stelle,« hörte Meyenburg eine Stimme sagen, die ihm aus weiter Ferne zu kommen schien. Jetzt erkannte er auch Herrn Kaspar Schalbe und hörte ihn laut rufen: »Gott und allen Helligen sei Dank! Er lebt!« Er richtete sich mühsam auf und blickte wirr um sich. »Habt Ihr ein Glied gebrochen?« erkundigte sich der Führer der Schar, indem er sein Roß näher herantrieb. Meyenburg erhob sich langsam und reckte die Glieder. Sie schmerzten gewaltig, aber sie waren alle ganz und heil. Der hessische Ritter lachte. »Ihr könnt jeden Morgen Eurem Gott besonders danken, Freund,« sagte er, »für das Knochengerüst, das er Euch gegeben hat, vor allem für Euren Schädel. Euer Sturz sah sich aus der Ferne bedrohlich an. Meinte, Ihr hättet das Genick gebrochen. Um ein Haar hätten die Nordhäuser ihren hochgeehrten Stadtschreiber verloren.« »Ihr kennt mich, Herr?« fragte Meyenburg erstaunt. »Ich sah Euch voriges Jahr in Clettenberg beim Grafen.« »Und wem habe ich mein Leben zu danken, Herr?« »Ich bin der Junker von Riedesel,« erwiderte der Hesse. »Den Dank laßt unterwegs. Hätt' ich den Absberger erschlagen oder gefangen, so hätt' mir nichts Lieberes geschehen können. Er hat einem meiner Gesippten einen schweren Schimpf angetan. Ich hätt' ihn hängen lassen ohne Urteil, wie den dort.« Er wies auf den gefangenen Räuber, dem die hessischen Knechte eben die Schlinge um den Hals legten. »Aber nun sollen Eure Knechte sich sputen, Herr Schalbe, daß sie die Baumstämme aus dem Wege schaffen. Ihr, Fritz und Eyselt, helft ihnen dabei!« »Wo ist Götz, mein Mann?« fragte Meyenburg. »Er soll auch mit anfassen.« Riedesel schüttelte bedauernd den Kopf. »Ja so, Ihr wißt's noch nicht. Der faßt nichts mehr an, denn er ist tot.« »Wie?« rief Meyenburg tief erschrocken. »Er ist tot? Was ist ihm geschehen? Wo ist er?« Riedesel sprang vom Pferde und trat an den letzten Wagen heran. Dort zog er eine Decke zur Seite und erwiderte: »Hier liegt er. Die vermaledeiten Bluthunde haben ihn erstochen, da er Euch zu Hilfe kam. Schade um ihn! Er war ein gerader, starker Gesell.« Meyenburg war im Innersten erschüttert, und die Augen standen ihm voll Tränen, als er sich über den Toten niederbeugte. Der junge Mensch, dessen fahles Totenantlitz ihm aus der Dämmerung seltsam entgegenleuchtete, war der Tüchtigste und zugleich der Lustigste unter den reisigen Knechten der Stadt Nordhausen gewesen. Er kannte tausend Schwänke und Schnurren, und lachte er, so mußten alle Leute, die es hörten, mitlachen. Die braune Elsbeth, des Schmiedes in der Unterstadt blutjunge und bildschöne Tochter, war des fröhlichen Gesellen versprochene Braut. Zu Pfingsten wollten sie Hochzeit machen. Nun kehrte der Bräutigam nicht zur Braut zurück, und wenn er heimkam vom Reichstag, so mußte er die Trauerbotschaft in die Schmiede bringen. Er dachte dabei an seine blonde Liebste in Erfurt. Läge er hier stumm und kalt, wer würde ihr das künden? Die wenigen Freunde, die wußten, daß er sie liebte, kannten sie nicht näher und hatten keine Veranlassung, dem ihnen fremden Mädchen die Nachricht zu bringen. Solch ein Amt übernimmt ja niemand, wenn er nicht muß. Sie hätte es ja gewiß früher oder später erfahren, aber wahrscheinlich im zufälligen Gespräch mit einem gleichgültigen Menschen. Der Gedanke entsetzte ihn. Wie wenig hatte doch gefehlt, und er lag neben diesem da! Alle seine hochfliegenden Lebenshoffnungen, seine ehrgeizigen Pläne, die Liebe, die sein Herz erfüllte, das alles, alles wäre mit einem Male vorüber gewesen, und fremde Leute hätten ihm in einer fremden Stadt ein Grab geschaufelt, und fern weinte ein junges Weib um ihn und durfte seine Tränen nicht einmal dem eigenen Vater sehen lassen. Gott hatte ihn wunderbar beschützt. Dieses Bewußtsein durchdrang ihn mit ungeheurer Gewalt. Es war ihm, als sei er in dieser Stunde dem Höchsten etwas Besonderes schuldig geworden. Er faltete die Hände zum Gebete, aber er fand keine Worte. Das lateinische Paternoster, das man ihn in seiner Kindheit hatte beten lehren, erschien ihm schal und nichtssagend, er konnte es nicht über die Lippen bringen. »Kommt, sagte der hessische Ritter, der den einen Fuß schon wieder im Steigbügel hatte. »Grämt Euch nicht um Euren treuen Knecht, er ist gestorben wie ein redlicher Kriegsmann. Seinen Leib nehmen wir mit in die Stadt, dort mögen ihn morgen die frommen Brüder begraben.« Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, und Riedesel war bald mit Schalbe in einer lebhaften Unterhaltung begriffen. Meyenburg ritt stumm hinter den beiden her und gab nur hin und wieder auf eine Frage des Ritters eine einsilbige Antwort. Das Herz war ihm voll, er konnte jetzt mit niemandem reden. Als sie in Frankfurt einzogen, war die Dunkelheit schon völlig hereingebrochen. Mit ein paar herzlichen Worten nahm er von Riedesel noch unter dem Tore Abschied, denn ihre Wege trennten sich. Die Hessen wohnten in der nahe gelegenen Herberge zum weißen Schwan, die Eisenacher dagegen strebten dem Gasthause zum Strauß am Kornmarkt zu, wo Herr Kaspar Schalbe jedesmal einkehrte, wenn er die große Reichsstadt am Main besuchte, und Meyenburg schloß sich ihm an. In der hohen Vorhalle des Hauses, die durch eine riesige Ampel erhellt war, begrüßte der Wirt Parente die Ankömmlinge mit vielen Bücklingen und geleitete sie dann selbst hinauf in den Oberstock des Hauses. Auf der Treppe begegneten sie einem großen, grobknochigen Manne mit eigenwilligen, derben Zügen, der in ein buntes Gewand gekleidet war. Auf der Brust war in sein Wams der Reichsadler eingestickt. Kaspar Schalbe blieb überrascht stehen und blickte ihm nach. »Das war doch der Ehrenhold des Kaisers? Wie, Herr Wolf, ist er bei Euch im Quartier? Potz Türken! Dann beherbergt Ihr wohl gar auch den Doktor Martinus?« Der Wirt nickte eifrig. »Doktor Luther wohnt bei mir, und sein Gemach liegt gerade neben dem Euren, Herr. Jetzt sitzt er unten in der Wirtsstube und verzehrt sein Abendbrot. Viele Herren aus der Stadt sind bei ihm. In meinem Hause geht es zu, seit er eingezogen ist, wie in einem Bienenstocke.« »Ei, das trifft sich prächtig!« rief Schalbe erfreut. »Wir waren zusammen auf der Schule in Eisenach, er wohnte damals bei meinen Gefreundeten, den Cottas. Ich hab' ihn jetzt in Eisenach nicht gesehen, als ich abreiste, er lag dort krank zwei Tage lang an einem schlimmen Fieber. Dann hat er mich in Hersfeld überholt, weil meine Wagen so langsam fahren, und ich habe ihn auch dort nicht gesehen. Nun treff ich ihn hier. Das freut mich herzlich!« Sie waren unterdessen einen kurzen Korridor entlang geschritten, und der Wirt wies ihnen ihre Gemächer an. Der Eisenacher Handelsherr erhielt ein großes Zimmer zur Rechten des Ganges, Meyenburg ein kleines, das ihm gegenüberlag. Es war wohnlich und bequem eingerichtet, und da eine kalte Nacht zu erwarten war, brannte im Kamin ein leichtes Feuer. An ihm entzündete der Wirt mit einem Span eine Kerze, die auf dem Tische stand, und sagte dann: »Gott und seine Heiligen mögen Euren Eintritt in mein Haus segnen, Herr! Lasset Euch belieben, hernach zum Essen herunter zu kommen. Dort ist der Tisch gedeckt.« Dann zog er sich, mit einer Verneigung sein Käppchen abnehmend, zurück. Meyenburg wartete eine Weile, bis ein Schalbescher Knecht seinen Reisekoffer brachte. Dann entkleidete er sich des Panzers und legte ein bequemes Gewand an, wusch sich sein Antlitz und kühlte die gewaltige rote Beule auf der Stirn, die von dem überstandenen Abenteuer zeugte. Am liebsten wäre er gar nicht wieder unter Menschen gegangen, sondern hätte sich still auf sein Lager hingestreckt, um seinen ernsten Gedanken nachzuhängen. Aber ein gewaltiger Hunger hatte sich bei ihm eingestellt und heischte Befriedigung. Auch war er begierig, Luther wiederzusehen, wenngleich ihn bei dem Gedanken an eine erneute Begegnung mit ihm ein wunderliches Bangen überfiel. Nach langem Zögern ging er endlich hinunter und trat in die Wirtsstube ein. Der große Raum war voll von Menschen. Aber alle sprachen nur leise und gedämpft miteinander oder blickten schweigend hinüber nach dem Tische, an dem unter Frankfurter Ratsherren und Gelehrten, umgeben von seinen Freunden, der Mann saß, von dem jetzt ganz Deutschland redete. Er hatte seinen alten Schulfreund Schalbe neben sich gesetzt und sprach eifrig auf ihn ein. Sein sonst so bleiches Antlitz war gerötet, seine Augen leuchteten fröhlich, und mehrmals lachte er während der Unterhaltung herzhaft auf. Meyenburg verwunderte sich dieses Anblickes über die Maßen, denn er hatte erwartet, ihn schweigsam und düster zu finden. Während er noch in der Tür stand und ihn betrachtete, hatte ihn Schalbe bemerkt und winkte ihn heran. Auch Luther blickte nun nach ihm und winkte ihm freundlich mit der Hand zu. Befangen trat Meyenburg an den Tisch heran und verneigte sich tief. Luther aber erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen. »Gott zum Gruße, Herr Stadtschreiber aus Nordhausen!« rief er. »Wie mir Freund Kaspar sagt, seid Ihr heute einer großen Gefahr entgangen. Wahrlich, Ihr könnt unserm Vater im Himmel Dank sagen!« »Das tue ich von Herzen, Herr!« »Hätte der Riedesel doch wenigstens dabei den Leuteschinder gefangen!« rief Luther mit blitzenden Augen. »Es ist eine Schande für die deutsche Nation, daß solches, wie Ihr erfahren, alle paar Wochen einmal auf deutschen Landstraßen geschieht! Gott bessere es! Ich hoffe, der Kaiser Karl, das edle junge Blut, wird da tüchtig Wandel schaffen. Morgen früh, Herr, schließt Euch mir an. Wir wollten ja ohnehin miteinander reden. Das können wir da am besten. Oder wollt Ihr nicht?« »Ich möchte Euch manches fragen, Herr Doktor, und mich von Euch berichten lassen. Aber urteilt selber: kann ich meinen Knecht verlassen, wenn er hier begraben wird in der fremden Stadt? Ich muß dem treuen Manne doch die drei Hände voll Erde ins Grab nachwerfen und vor seinem Sarge ein Gebet sprechen. So werde ich wohl erst am übernächsten Tage nach Worms aufbrechen.« Ein warmer Strahl aus Luthers Augen traf ihn. »Das ist recht gedacht!« rief er mit kräftiger Stimme. »Aber nun erst recht will ich mit Euch reden. Ich gehe bald hinauf, wollt Ihr, so besuche ich Euch noch ein halbes Stündlein auf Eurer Stube.« Überrascht, fast verwirrt blickte ihn Meyenburg an. »Ihr tut mir eine große Ehre an, Herr Doktor. Womit habe ich das verdient?« »Mein und Euer Freund Justus hat mir viel von Euch erzählt. Ihr werdet Euch wohl wundern, ihn hier nicht zu sehen. Er ist mir vorausgefahren.« In diesem Augenblicke wurde das Gespräch unterbrochen, denn einer der Bürgermeister Frankfurts war in das Zimmer getreten. Luther mußte sich ihm zuwenden, und Meyenburg trat zur Seite. An einem Tische, der weit von dem Luthers und seiner Freunde entfernt war, fand er noch einen Platz und ließ sich sein Essen und einen Krug fränkischen Weines bringen. Aber wie alle Gäste, so blickte und horchte er unverwandt nach dem Tische Luthers hin. Es war ein lautes, fröhliches Reden unter den Herren, die dort versammelt waren, und der Fröhlichsten einer war Luther selbst. Nach einiger Zeit kam ihr Gespräch auf die Musik, ein junger Frankfurter Ratsherr hieß den Wirt eine Laute herbeibringen und sang einige Strophen eines scherzhaften Liedes in fränkischer Mundart. Dann ergriff Luther selbst die Laute und brachte mit einer angenehmen Tenorstimme ein thüringisches Volkslied zum Vortrag. Meyenburgs Erstaunen war auf dem Gipfel angelangt, als er das sah und hörte, und in das Erstaunen mischte sich immer höher anschwellende Bewunderung. Der größten Gefahr, die einem Menschen drohen konnte, ging der Mann dort entgegen und vermochte es doch, mit seinen Freunden beim Becher und der Laute fröhlich zu sein. Er ist vom Teufel besessen, hatte sein Feind Emmser von ihm gesagt. Ja, entweder hatte er einen Dämon in sich, oder er trug Gott im Herzen. Aber der böse Feind, so hieß es irgendwo in der Schrift, ist kein Gott des Frohsinns, sondern der Traurigkeit. Meyenburg entsann sich, solch ein Wort aus dem Munde des Bischofs von Meißen einmal vor einigen Jahren gehört zu haben. So mochte doch wohl Gottes Kraft in ihm sein und ihn so beherzt und fröhlich machen. Er trank langsam seinen Wein aus, denn nach einer Unterhaltung mit den Frankfurter Bürgern um ihn her lüstete ihn nicht. Dann begab er sich in sein Gemach, um den Besuch des wunderbaren Mannes dort zu erwarten. V. Etwa eine halbe Stunde lang mochte Meyenburg in seinem Gemache auf und nieder geschritten sein, langsam und schwerfällig, denn die Glieder schmerzten ihn noch gewaltig, als nach einem kräftigen Anklopfen Doktor Luther über die Schwelle trat. »Nun steh ich Euch zu Diensten, Herr,« sagte er, »und nun sprecht mit mir frei von der Leber weg.« Er nahm Platz auf dem großen Lehnstuhl, den Meyenburg seinem Gaste hinschob, während er selbst auf einem niederen Schemel sich niederließ. Der Stadtschreiber von Nordhausen hatte schon oftmals geredet vor dem Rate seiner Stadt, wo man ihn mit Vorliebe um seine Meinung befragte und ihr häufig folgte. Auch vor Fürsten und Herren und ihren gelehrten Kanzlern und Räten hatte er oft genug als Abgesandter die Rechte seiner Stadt vertreten. Aber als er jetzt dieses Mannes Blick fest auf sich gerichtet sah, da überkam ihn wieder die Befangenheit, die ihn bei seinem ersten Anblick überfallen hatte. Er suchte nach Worten, aber er fand sie nicht. »Unser Freund Justus,« begann Luther nach einer Weile, »hat mir gesagt, daß der Teufel Euch mit sonderlichen Zweifeln plage. Bin ich recht unterrichtet, so denkt Ihr: der Mönch ist doch allzu kühn, daß er klüger sein will als alle die tausend Doktores und Magistri, die Bischöfe und Kardinäle und die heiligen Väter der Christenheit, die vor ihm gewesen sind und mit ihm leben. Habe ich nicht recht?« »Ja, Ihr habt recht,« erwiderte Meyenburg, und tief aufatmend setzte er hinzu: »Daß ich's Euch klar und offen sage: ich bin gelehrt von meiner Jugend an, daß der Heilige Geist die Kirche Christi regiere durch den Statthalter unseres Heilands in Rom und durch die geweihten Bischöfe. Ich weiß gar wohl, daß viele von ihnen ein unchristlich Leben führen, und daß insonderheit viele der heiligen Väter in Rom arge Schalke und Schandbuben gewesen sind. Aber bleibt Gold nicht immerdar Gold, auch wenn es einer aufhebt in schmutzigen Gefäßen? Sollte nicht also auch Gottes heiliger Geist wohnen und wirken in den sündigen Menschen, wenn es Gott so gefällt? Und es hat ihm so gefallen, auf daß die Christenheit allezeit Heiligen Geist in ihrer Mitte habe und niemals von ihm verlassen sei. Müssen da nicht zum wenigsten die Concilia unfehlbar sein, denn wo wäre der Heilige Geist, wenn sie irren könnten? Wo sollten wir ihn suchen? Wie sollte die Kirche sonst urteilen über falsche und wahre Lehre? Ihr aber sagt, die Conzilien könnten irren und hätten schon manchmal geirrt. Ist es wohl zu denken, Herr, daß der Geist Gottes aus der ganzen Kirche gewichen sei schon seit langer Zeit, und daß ein einzelner Mann allein den Heiligen Geist hat, so daß sein Wort allein Wahrheit muß sein? Seht, Herr, das leuchtet mir nicht ein, und ich weiß nicht, woher Ihr den Mut schöpft, so zu reden.« Er hatte in einer immer mehr zunehmenden Erregung gesprochen. Seine anfängliche Befangenheit war jetzt verschwunden, aber er hatte es doch vermieden, während seiner Rede den Gegenübersitzenden anzusehen. Als er jetzt den Blick zu ihm erhob, erschrak er über den tiefen, geradezu furchtbaren Ernst, der auf Luthers Antlitz lag. »So wie Ihr redet,« erwiderte der Reformator nach einer kurzen Pause, »so hat der Teufel oft zu mir geredet in vielen schlaflosen Nächten. Wenn ich ruhelos auf meinem Bette lag, dann raunte seine Stimme mir zu: Bist du allein klug? Wie, wenn du irrtest? Wie, wenn du schuldig wärst am Irrtum der vielen Tausende, die dir folgen? Und dann wollte er mich verwirren und wankend machen mit Worten weltlicher Weisheit und schrecken mit Sprüchen aus Gottes Wort, die er mir in einem falschen Lichte zeigte. Glaubt mir, zuweilen lag ich in solcher Angst und Pein, daß ich dachte, es wird dir das Herz abdrücken, und sie werden dich früh tot in deinem Bette finden. Jetzt geschieht mir das nicht mehr, denn die Weisheit dieser Welt verachte ich, und in die Schrift habe ich mich so hineingelesen und versenkt, daß mir ihr schlichter, einfältiger Sinn ganz aufgegangen ist. Auf diesem Grunde gründe ich mich, und daran messe ich alles in der Welt. Ich armer, elender Mensch, in Sünden geboren und groß geworden, ich könnte wohl irren und irrte jeden Tag, wenn ich nicht feststünde auf der Schrift. Was unser Herr geredet hat, was seine Apostel befohlen haben, das ist's, wonach ich mich richte. Was dazu stimmt, ist recht und gut, was dazu nicht stimmt, ist Trug und Alfanzerei und Menschensatzung und hat in Christi Kirche nichts zu suchen und muß ausgerottet werden.« »Aber muß nicht einer sein in der Christenheit, der die Schrift auslegt, Herr Doktor?« fragte Meyenburg. »Und sollte das nicht der sein, den Christus eingesetzt hat zu seinem Statthalter auf Erden?« Luther machte eine Gebärde heftiger Abwehr. »Was wir von unserem Herrn Christus wissen, das wissen wir allein aus der Heiligen Schrift. Wo stehet denn nun in den heiligen Evangelien oder in den Briefen der Apostel, daß Christus unser Herr einen Statthalter eingesetzt hat in Rom oder anderswo? Es stehet nirgends. Die Bischöfe zu Rom haben die Herrschaft in der Kirche an sich gerissen durch Gewalt und große und feine List. Jetzt geben sie vor, ihre Herrschaft sei von Christus selbst eingesetzt, können's aber mit keinem Wort der Schrift beweisen. Habt Ihr nicht gehört von der Schrift des Laurentius Valla, die Ulricus von Hutten herausgegeben hat, wie da bewiesen ist, daß die Schenkung des Kaisers Konstantin nichts ist als ein erdichtetes Lügenwerk?« Meyenburg nickte. »Des Hutten Schrift habe ich selbst gelesen. Sie hat mich entsetzt.« »So werdet Ihr Euch noch viel mehr entsetzen, wenn Ihr die heilige Schrift leset. Die Päpste schreien: Wir sind Christi Statthalter! In der Schrift steht nichts davon. Die Schrift sagt mit keinem Wort, daß Christus dem Petrus einen Nachfolger habe gegeben. Sie schreien: Wir allein dürfen die Schrift auslegen! Aber es steht geschrieben und sagt es derselbe Petrus: Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, und sagt es von der ganzen Christenheit, Herr! Darum darf jeder, der aus der Taufe gekrochen ist und nach der Wahrheit Gottes forschet und fragt, Gottes Wort auslegen. Keinem ist das verboten, allen geboten!« »Wie?« rief Meyenburg. »Jeder Priester, ja jeder Laie sollte das Wort Gottes auslegen dürfen, das voll ist von dunkeln Stellen und schweren Geheimnissen?« »Laien? Laien?« antwortete Luther heftig. »Das ist auch so eine Erfindung des Satans. Wir sind alle Priester, wenn wir es nur sein wollen. Unter Gottes auserwähltem Volke, das Christus erlöst hat durch sein teures Blut, gibt es keine Laien. Und hat die Schrift dunkle Stellen, so überlaßt sie getrost den gelehrten Doktoren. Sie mögen daran ihren Witz und Scharfsinn üben. Was unser Heiland von uns will, und was er für uns getan hat, und wessen wir uns getrösten dürfen in Tod und Leben, das sagt die Schrift klar und ohne Winkelzüge, so daß es wohl ein Kind erkennen mag. Wessen aber bedürfen wir weiter? Alles sagt uns die Schrift, was nötig ist zu unserer Seligkeit. Was aber die Schrift nicht sagt, und wovon sie nichts weiß, das hat mit Christus nichts zu schaffen und ist unserem Heil zuwider.« Meyenburg antwortete nicht sogleich. Er saß in tiefen Gedanken da und hielt das Haupt gesenkt. Endlich blickte er empor und sprach: »Herr, erlaubt mir noch eine Frage. War nicht die Kirche zu der Apostel Zeiten einem kleinen Beete vergleichbar, auf dem die Früchte des ewigen Lebens wuchsen? Jetzt ist sie ein riesengroßer Garten geworden. Muß nicht ein großer Garten nach anderen Gesetzen beackert und bestellt werden als ein kleines Beet? Müssen nicht die Gärtner mancherlei anwenden, ihn in Stand und Ordnung zu halten, was jene früheren nicht durften, wohl gar nicht kannten? Ist's nicht mit der Christenheit auch so? Geht es an, ein großes Reich nach denselben Regeln zu regieren wie ein winzig kleines? Ist's nicht also nötig und nach Gottes Willen, wenn manches Neue zum Alten hinzukommt, manches aus dem Alten neu hervorwächst?« »Bleiben wir bei Eurem Gleichnis von Beet und Garten!« rief Luther. »Ja, es hätte gar nichts auf sich, wenn die Gärtner mit anderen Werkzeugen den Garten bestellten und wenn sie sich einen erwählten, dem sie gehorchen. Aber darauf kommt es an, daß sie dieselben Früchte ziehen wie auf dem kleinen Beete. Aber sofern sie den Weizen des göttlichen Wortes nicht geradezu ausjäten, lassen sie ihn überwuchern von allerhand Unkraut, dessen Frucht niemand sättigt, vielen aber zum Verderben wird. Dieses Unkraut säen sie und hegen und pflegen es mit allem Fleiß und sagen den Leuten: Das nehmt und sättigt euch daran. Dann hat der Garten mit dem Beet fast gar nichts mehr gemein. Wo Christi Gewächs stand, stehen jetzt andere Pflanzen und überwuchern jenes ganz und gar. In der Schrift wird geredet vom Glauben, der den Menschen rechtfertigt vor Gott, von der Versöhnung, die durch Jesus Christus geschehen ist, von der Liebe Gottes, der seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß wir sollten selig werden, von der Furcht Gottes, von der Heiligung und anderen diesen gleichen Dingen. In der Kirche wird geredet von Fasten und Kasteien, von Wallfahren und Almosengeben, von Platten und Monstranzen, vom Fegefeuer und Ablaß, von den Werken der Heiligen, von Zeremonien und Salbungen und geweihtem Wasser und geweihten Bildern und vom Beten von Paternostern zu Rosenkränzen, die als Strafe gebetet werden sollen, so einer etwas Übles getan hat, von der Ohrenbeichte, daß jeder dem Priester erzählen muß, was er gesündigt hat, vor allen Dingen aber von Zinsen und Steuern, womit die Priester im Lande und noch mehr der Papst in Rom mit seinen Kardinälen und Dienern sich mästen. Wie müßte denn die Heilige Schrift aussehen, wenn unser Herr Christus das hätte vornehmlich haben wollen von seinen Jüngern? Sie müßte voll davon sein, auf jeder Seite müßte etwas davon stehen. Statt dessen ist von vielen dieser Dinge ganz und gar nicht die Rede, von manchen nur nebenbei, das eine oder das andere quälen unsere Romanisten mühselig aus einem Worte heraus und suchen's aus einem verlorenen Satze zu beweisen. Die Kirche ist etwas anderes worden, als sie damals war, hat mit der Kirche der Apostel fast nichts gemein.« »So meint Ihr,« fragte Meyenburg düster, »daß unter dem Papsttum niemand könne selig werden?« »Das sage ich nicht,« rief Luther. »Mancher ist selig worden, weil er einfältig sein Vertrauen gesetzt hat auf Jesus Christus. In der Stille ging der wahre Glaube um unter frommen Leuten, daß der Mensch gerecht werde vor Gott durch Christi Verdienst. Aber niemand durfte laut davon reden und ihn verkündigen auf den Gassen und in den Kirchen. Wer es tat, den zwangen sie durch Martern zum Widerruf, oder sie warfen ihn in den Kerker, oder sie verbrannten ihn auf einem Holzstoße, wie sie vor hundert Jahren den Zeugen Christi, Johannes Huß zu Kostnitz, verbrannt haben.« Meyenburg blickte ihn scheu an. »Schreckt Euch der Name nicht, Herr Doktor? Fürchtet Ihr nicht, sie könnten in Worms mit Euch fahren, wie sie mit jenem gefahren sind?« Luther bewegte abweisend das Haupt. »Ich traue dem Kaiser solche Büberei nicht zu. Er ist von edelem deutschem Blut.« »Das war Sigismund auch und hat doch zu Kostnitz sein Wort gebrochen. Auch Kaiser Karl wird von den Priestern beraten, und sie werden ihm einschärfen, einem Ketzer brauche man sein Wort nicht zu halten.« Luther blickte ihn durchdringend an. »Haltet Ihr mich auch für einen Ketzer?« fragte er. »Ich hab's getan, aber ich kann's nicht mehr. Es geht eine Kraft von Euch aus, die muß wohl von Gott sein! Aber ich merke wohl: will ich ganz erkennen, was an Eurer Lehre ist, so muß ich in die Schrift hinein. Denn auf die beruft Ihr Euch!« »Ihr redet recht, Herr!« rief Luther mit kräftiger Stimme. »Einen besseren Rat kann Euch niemand geben. Ihr seid ein gelehrter Mann, Crotus rühmte mir in Erfurt Eure Gelehrsamkeit. So nehmt und leset! Seid Ihr des Griechischen kundig? »Ich habe davon nur wenig erlernt.« »Das ist schade. Sonst würde ich raten, leset das Neue Testament unseres Herrn so, wie es unser Erasmus herausgegeben hat. Aber dieweil Ihr das nicht könnt, so muß Euch die lateinische Schrift genügen. Lest die vier heiligen Evangelien und die Briefe Sankt Pauli, und es wird Euch ein Licht aufgehen in Eurem Herzen, und Ihr werdet inne werden, ob meine Lehre von Gott sei oder des Papstes Lehre. Ich will Euch dazu noch sagen, ich habe mir vorgenommen, die Heilige Schrift zu deutschen. Sobald ich wieder heimkomme gen Wittenberg, wird das meine vornehmste Aufgabe sein. Alles Volk in unserem lieben Deutschland soll den Herrn Christus und seine Apostel, auch Moses und die Propheten des alten Bundes reden hören in seiner Sprache.« Während seiner letzten Worte war ein Geräusch von Tritten und Stimmen draußen auf dem Gange laut geworden. Es kam näher, und man hörte den Wirt sagen: »Heute nicht mehr, Freund. Der Herr Doktor ist schon zur Ruhe gegangen, wir wollen ihn nicht mehr stören. Wartet bis morgen.« »Mord und Brand!« erwiderte eine grobe Stimme. »Ich dacht' ihn zu finden in Oppenheim, und weil er dort noch nicht war, hab' ich die anderen zurückgelassen und bin ihm entgegengeritten hierher. Mein Herr hat mir befohlen, ihm den Brief sogleich zu geben.« Luther erhob sich und öffnete die Tür. »Hier ist der, den Ihr sucht. Was wollt Ihr von mir?« Die vierschrötige Gestalt eines Reiters trat auf die Schwelle und neigte sich unbeholfen. »Seid Ihr der Herr Doktor Luther?« »Der bin ich.« »So schickt Euch mein Herr, diesen Brief und läßt Euch grüßen.« »Wer ist dein Herr?« »Der gestrenge Ritter Franz von Sickingen. Ich komme von der Ebernburg.« Über Luthers Antlitz flog ein freudiger Schimmer, und er erwiderte freundlich: »So warte eine kleine Weile, bis ich gelesen habe, was Herr Franziskus mir schreibt.« Er trat an den Tisch und erbrach den Brief. Dann hielt er ihn nahe an das Licht heran und begann ihn zu lesen. Herr Franz von Sickingen hatte den Brief selbst geschrieben, und er besaß eine feste Reiterhand, die des Schwertes gewohnter war als der Feder. So waren seine Schriftzüge nicht eben leicht zu entziffern, und Luther brauchte ziemlich viel Zeit dazu. »Wo sind die anderen,« fragte er, »von denen dein Herr in seiner Schrift redet? Wartet Herr Bucer unten?« »Nein, Herr,« erwiderte der Knecht. »Der sitzt in Oppenheim, meinet, Ihr werdet morgen durchkommen. Mir aber hatte mein Herr auf die Seele gebunden. Euch den Brief sofort zu geben. Darum bin ich hergeritten.« »Der Ritter von Sickingen hat an dir einen getreuen Knecht,« lobte Luther. Er griff in die Tasche seiner Kutte und brachte ein ledernes Beutlein hervor. »Hier sind zween Groschen, Freund. Laß dir drunten eine Zehrung davon geben und einen Krug Bier. Dann leg dich aufs Ohr. Du kannst morgen mit mir nach Oppenheim reiten.« »Herr Franz von Sickingen ladet mich auf seine Burg «ein,« sagte er dann zu Meyenburg, als der Knecht gegangen war. »Dort soll ich mich unterreden mit des Kaisers Beichtvater. Er meint, ich sei in Worms nicht sicher, der rote Teufel aus Rom werde des Kaisers Majestät bereden, mir das Geleit zu brechen.« Er blickte nachdenklich auf den Brief hernieder, aber seine Züge wurden immer härter. Sie erschienen Meyenburg wie aus Stein gemeißelt. Plötzlich wandte er sich nach ihm um und sah ihm voll ins Gesicht. »Was denket Ihr über Sickingens Rat?« »Ich fürchte, er argwöhnt das Richtige. Er kennt die Welt, und er kennt wohl auch das Gemüt des jungen Kaisers besser als einer von uns.« »So würdet auch Ihr mir raten, fragt' ich Euch, nicht nach Worms zu fahren?« »Nein, Herr, das rat ich Euch nicht. Ziehet Ihr nach Worms, so gefährdet Ihr Euer Leben. Zöget Ihr nicht hin, so würde das Volk allenthalben Eurer lachen und spotten und Euch für nichts mehr achten. Und so Ihr Eure Sache mehr liebet als Eure Person, so müßt Ihr hingehen. Ein Prüfstein für Euer Wort ist vielen dieser Zug nach Worms. Sie würden alle irre an Euch und auch an dem, was Ihr gelehrt habt, wenn es jetzt hieße landauf und landab: Der Luther hat es doch nicht gewagt, vor dem Kaiser und den Fürsten seine Lehre zu bekennen.« »Ihr ratet wie ein kluger und tapferer Mann und sprecht nur aus, was ich selber denke,« erwiderte Luther. »Ich muß nach Worms um meiner lieben Deutschen willen, auf daß sie nicht irre werden an mir und meinem Werke. Und ich will auch hinein nach Worms und fürchte mich nicht, denn der Höchste ist mein Schirm und meine feste Burg. Und wären tausend Teufel drinnen, so will ich dennoch unverzagt bleiben. Ich ziehe hin auf meines Herrn Befehl, der mir solches zu tun aufgetragen hat. Meinen Leib mögen sie zu Staub verbrennen. Was liegt daran! Laß fahren dahin! Meiner Seele können sie nicht schaden mit all ihrer List und Gewalt. Sie ist in Gottes Hand, und niemand kann sie aus seiner Hand reißen!« Es schien Meyenburg, als wüchse seine Gestalt bei diesen Worten, und als spiegele sich in seinen Augen ein Glanz, der nicht von dieser Welt war. Er war so im Innersten erschüttert von der Gottesbegeisterung und Glaubenskraft, die ihm aus der Rede des Gebannten entgegenwehte, daß er nicht zu antworten vermochte. Er wäre, das fühlte er, beim ersten Wort in Tränen ausgebrochen. »Ihr aber, Herr,« sagte Luther, in seinen gewöhnlichen ruhigen Ton zurückfallend, »Ihr leset die Schrift. Das ist's, was Euch vorher gefehlt hat, nichts anderes. Weil Ihr die Schrift nicht kanntet, wurdet Ihr umhergetrieben und konntet zu keiner Klarheit kommen. Kennt Ihr sie, so werden Euch die Augen aufgetan werden. Ihr leset die Schrift! Das versprecht mir!« »Ja, das verspreche ich Euch, Herr Doktor! Und Euch geleite Gott, auf den Ihr traut, auf Eurem Gange!« Luther bot ihm die Hand. »Für heute gehabt Euch wohl. Ich muß morgen früh heraus, denn am Abend will ich in Oppenheim nächtigen. Der Herr unser Gott erleuchte Euch und gebe Euch Frieden.« Er erhob die Hand und machte das Zeichen des Kreuzes. Dann verließ er mit einem freundlichen Neigen des Hauptes das Gemach. VI. Justus Jonas hatte soeben einen Brief an Eobanus Hessus vollendet, in dem er ihm schilderte, wie bisher die Dinge in Worms verlaufen waren. Er verschloß und versiegelte ihn und legte ihn dann in eine Truhe, denn erst am anderen Morgen ging ein sicherer Bote nach Thüringen und Sachsen ab, dem man einen Brief voll wichtiger Nachrichten schon anvertrauen konnte. Nun legte er den Mantel an und schickte sich an, in den Johanniterhof zu gehen, in dem Doktor Martin Luther seit vorgestern wohnte. Da knarrte draußen die hölzerne Stiege unter den starken und eiligen Tritten eines heraufstürmenden Mannes, die Tür flog auf, und vor ihm stand in Panzer und Eisenhut sein Freund Michael Meyenburg. Er war ganz außer Atem und sah so verstört aus, daß Jonas erschrocken auf ihn zutrat. »Was ist geschehen? Was ist dir begegnet?« fragte er hastig. Meyenburg faßte ihn so fest am Arm, daß er beinahe aufgeschrien hätte, und schrie ihn dann heftig an: »Ist's wahr? Hat er widerrufen?« »Wer? Was redest du?« »Nun, der Luther. Die Leute sprechen davon auf den Gassen.« Jonas schüttelte erstaunt den Kopf. »Geschwätz des Volkes! Er denkt nicht daran, wird auch nie daran denken.« Meyenburg atmete tief auf und ließ sich auf einen Schemel nieder. »Ich komme eben an, frage nach deiner Herberge, komme ins Gespräch mit einigen Bürgern und höre von ihnen, Luther sei gestern verhört worden und habe widerrufen. Heute werde er noch einmal vor den Kaiser geführt und werde seinen Widerruf noch einmal wiederholen.« Justus Jonas lachte hell auf. »Davon ist nur dieses wahr: er ist gestern vor dem Kaiser erschienen und wird nachher in einer Stunde wieder vor ihm und den versammelten Ständen des Reiches erscheinen. Denn er hat gestern um Bedenkzeit gebeten.« »Bedenkzeit?« rief Meyenburg laut. Es klang fast wie ein schmerzliches Stöhnen. »Was will er denn bedenken? Weiß er nicht, was er will? Ach Freund, ich habe ihn in Frankfurt getroffen, und er hat mit mir geredet allein in der Nacht. Er sprach so große Worte, daß mein Gemüt ihm ganz zugeneigt ward. Es war mir, als spräche Gott aus ihm. Und es sollte mir ein Zeichen sein: bliebe er fest hier in Worms, so wollt' ich ihn halten als einen, den Gott gesendet hat.« »Bist du soweit?« unterbrach ihn Justus Jonas hocherfreut. »Laß dich umarmen, Freund, und dir Glück wünschen!« Aber Meyenburg wehrte ihn mit einer müden Gebärde ab. »Nun sinkt wieder alles dahin,« klagte er. »Nun nimmt er Bedenkzeit, statt klar und offen zu bekennen, was er glaubt. Ich ahne wohl, was das bedeutet. Er tritt den Rückzug an. Ich kann's nicht glauben. Ich hätte darauf geschworen, ja ich hätte meinen Kopf dafür eingesetzt, als er zu mir sprach in der Nacht, er werde fest bleiben.« Er wandte sich finster ab und murmelte Worte, die, wie ein Fluch klangen. »Du bist ein Tor,« sagte Justus Jonas ruhig. »Ich will dir sogleich beweisen, daß es sinnlos ist, was du dir zusammenreimst. Ich will dir sagen, was sonst niemand zu wissen braucht, und ich sage dir's, weil ich weiß, daß dir der Schnabel nicht lang gewachsen ist. Merke: es hat unendliche Mühe gekostet, Martinum zu bewegen, daß er um Bedenkzeit bäte. Er wollte, wie immer, stracks geradeaus rennen. Aber der Kanzler Brück beredete ihn, daß er um Bedenkzeit bitten sollte. Er sagte: Herr Doktor, sie werden Euch fragen: Willst du widerrufen oder nicht? Antwortet Ihr darauf: Ich will nicht, so werden sie sagen: Dann hebe dich auf der Stelle von hinnen, und Ihr werdet in der nächsten Stunde auf Eurem Wäglein wieder aus der Stadt gebracht. Sagt Ihr aber: Ich will mir überlegen, gebet mir Bedenkzeit, so müssen sie Euch wohl oder übel hierlassen und müssen's leiden, daß Ihr redet, so Ihr anders nur dürftet ja oder nein sagen. Das leuchtete unserm Martinus wohl ein, und er erkannte, daß der Rat des klugen Kanzlers ein guter war, und handelte danach.« Meyenburg hatte sich ihm wieder zugekehrt. Die Wolken auf seiner Stirn waren verschwunden, und er sah aus wie ein Mensch, dem eine schwere Last von der Seele genommen ist. »Ha!« rief er, »hier erkenne ich die sächsische Kanzlei. Die Herren nehmen zu jeder Sache ein Bedenken und kommen oftmals zu nichts vor lauter Bedenken. Aber klug war's gehandelt. Der Kanzler Brück ist ein schlauer Fuchs. Wie hielt sich Luther, da er vor dem Kaiser stand?« »Er hielt sich so, Freund, daß wir uns alle wunderten. Meinst du, er habe irgend eine Angst oder Schüchternheit gezeigt? Nicht einen Augenblick. Er stand steif und aufrecht da, und als er die römischen Pfaffen sah an der Seite des Thrones, da lachte er, als sähe er ein Possenspiel. Alexander, der päpstliche Nuntius, erbleichte und wurde gelb vor Ärger, was unseren Martinus baß erfreute. Der Kurfürst aber hat ihn lassen verwarnen, er möge nicht wieder lachen, wenn er vor dem Kaiser stünde. Martinus war den Herren gar zu kühn.« »So wird er's machen! Er wird's machen!« rief Meyenburg erfreut und schlug sich kräftig mit der Hand aufs Knie. »Und nachher, sagst du, tritt er noch einmal vor den Reichstag?« »In weniger denn einer Stunde. Ich muß jetzt zu ihm. Wo ist deine Herberge?« »Ein paar Häuser weit von hier.« »So eile dich, wenn du noch zurecht kommen willst. Das Gedränge gestern war fürchterlich. Es wird dir schwer werden, noch in den Saal hineinzukommen. Laß dir von deinem Wirte die Pfalz des Bischofs zeigen. Dort wird Martinus verhört. Der Saal ist groß, aber er faßt nicht die Hälfte von denen, die hinein wollen.« In fliegender Hast eilte Meyenburg nach dem Hause, wohin Melchior von Aachen, der Ober-Stadtschreiber von Nordhausen, ihn empfohlen hatte. Er wurde dort länger aufgehalten, als ihm lieb war. Das Unterbringen seines Pferdes machte Schwierigkeiten, denn der Wirt war schon nach der bischöflichen Pfalz gelaufen, um womöglich Doktor Luther vorüberwandeln zu sehen. Auch mußte er sich von Kopf zu Fuß neu kleiden, denn wie ein berittener Landsknecht konnte er auf dem Reichstage nicht erscheinen. Es dunkelte schon stark, als er endlich fertig war, und als er sich durch das Volk hindurchgearbeitet hatte, waren in der zur ebenen Erde gelegenen Halle des Palastes bereits Fackeln angezündet und der große Saal droben schon von Kerzen erleuchtet. Der Raum war stark überfüllt. Die Fürsten waren alle da, auch die Gesandten der Städte und alle die Herren von hohem Adel, die den Reichstag besucht hatten. Der Kaiser saß auf seinem erhöhten Throne, aber die Gesandten des Papstes verließen eben den Saal und schritten an Meyenburg vorüber die Treppen hinab. Sie hatten an der Beratung teilgenommen, die man über andere Dinge gepflogen hatte. Martin Luther wollten sie nicht wiedersehen, denn sie waren voller Gift und Galle darüber, daß der Gebannte nicht einfach verurteilt, sondern über seine Lehre befragt werden sollte. Hinter ihnen schritt der Reichsmarschall von Pappenheim, der auch heute wieder, wie schon gestern, den großen Ketzer vor des Kaisers Angesicht geleiten sollte. Meyenburg konnte bei dem Gedränge nur noch an dem Ausgange des Saales einen Platz gewinnen. Er stand eingekeilt in einer Schar spanischer Herren, die sich fortwährend in ihrer Sprache unterhielten. Sie taten das um so lauter, als der Kaiser, gefolgt von zwei Kurfürsten und mehreren Räten, jetzt den Saal verließ. Offenbar sprachen sie von dem ketzerischen Mönche, denn der Name »Luther« schlug immer wieder an Meyenburgs Ohr. Im übrigen verstand er von der Unterhaltung kein Wort, aber der Ausdruck ihrer Mienen und Gebärden sagte ihm, daß sie wütende Feinde des Wittenbergers waren. Nach einer Weile kehrte der Kaiser zurück und nahm wieder auf seinem Throne Platz. Er gab dem neben ihm stehenden Ritter von Dalberg einen leisen Befehl, worauf dieser sich durch eine Seitentür schleunigst entfernte. Ein großer vierschrötiger Mann, der kurtrierische Offizial Eck, erhob sich von einem mit Schriftstücken bedeckten Tische, der einige Schritte vom kaiserlichen Throne seitwärts stand, und rief mit lauttönender, scharfer Stimme in den Saal hinein: »Martinus Luther, Augustiner, wird vorgeführt, um sich vor Kaiserlicher Majestät und des Reiches Kurfürsten, Fürsten und Städten zu verantworten.« Eine gewaltige Bewegung ging bei diesen Worten durch die Versammlung. Dann wurde es mit einem Male totenstill. Alle, die saßen, hatten sich erhoben, alle stellten sich auf die Zehen und reckten die Hälse, um den Mann zu sehen, der dem Papste und der ganzen Klerisei Fehde angesagt hatte auf Tod und Leben. Langsam kam er die Treppe herauf und betrat den Saal. Vor ihm schritt der Ehrenhold des Kaisers, hinter ihm der Reichsmarschall von Pappenheim. Einige seiner Freunde und Berater, Hironymus Schurf, Nikolaus von Amsdorf, Justus Jonas, beschlossen den kleinen Zug. Meyenburg brauchte sich nicht besondere Mühe zu geben, seiner ansichtig zu werden, denn über die kurzen Gestalten der vor ihm stehenden spanischen Edelleute konnte er mit Leichtigkeit hinwegblicken. Wenige Schritte vor ihm schritt Luther vorüber, aber er bemerkte ihn nicht, da er gerade vor sich hin schaute. Hatte er gestern gelacht, als er den Saal betrat, so war heute von solcher Fröhlichkeit nichts an ihm zu bemerken. Aus seinen Zügen sprach stahlharte Entschlossenheit, so daß jeder den Eindruck gewinnen mußte: Der wird nimmermehr nachgeben, nimmermehr widerrufen. Als er vor dem Kaiserlichen Hochsitze angekommen war, ließ er sich halb in die Knie sinken, wie die Mönche zu tun pflegten, wenn sie ihre Oberen begrüßten. Dann aber richtete er sich auf und erwiderte auf die Frage des Offizials, ob er seine Bücher widerrufen wolle, in einer längeren lateinischen Rede. Jeden Widerruf lehne er ab, man beweise ihm denn aus der Heiligen Schrift, daß er geirrt habe. Dann werde er selbst seine Bücher mit Füßen treten und dem Feuer übergeben. Als er geendet hatte, rief eine helle Stimme: »Wiederholt Eure Worte auf Deutsch, Herr Doktor! Es sind viele hier, die des Lateins nicht kundig sind!« Es war der junge Landgraf Philipp von Hessen, der den Ruf hatte erklingen lassen. Der Offizial wollte Einspruch erheben, aber noch lauter rief der Landgraf: »Ich bestehe darauf, daß hier deutsch geredet wird!« Eck wandte sich nach dem Kaiser um und blickte ihm fragend ins Antlitz. Aber die bleichen Züge des kaiserlichen Jünglings blieben völlig unbeweglich, es war aus ihnen nicht zu ersehen, ob er die Worte des Landgrafen billige oder mißbillige. So zuckte er die Achseln und winkte dem Mönche finster mit der Hand zum Zeichen der Gewährung. Den aber schien in der Hitze und dem Gedränge ein Schwindel anzukommen, denn er fuhr sich mehrmals mit der Hand über die Stirn, und es war, als finde er die Worte nicht. »Könnt Ihr's nicht tun, so ist's genug, Herr Doktor!« rief der sächsische Ritter von Thun. Luther jedoch hatte die Schwäche bereits überwunden. Er reckte sich hoch auf, und mit lauter, klarer Stimme, die bis in den fernsten Winkel des Saales deutlich zu vernehmen war, wiederholte er seine Worte. Als er geendet hatte, murmelten die deutschen Herren sehr vernehmlich Beifall, einige riefen ihm laut anerkennende Worte zu. Der Kaiser blieb so schweigsam und verschlossen wie vorher. Einige Bischöfe und Äbte schrien, es sei genug, was der Mönch vortrüge, sei Lästerung, man solle ihn abführen, und die im Saale befindlichen Spanier des kaiserlichen Gefolges brachen in ein wütendes Zischen aus. Meyenburg sah, wie der eine der vor ihm stehenden Spanier nach dem kurzen Dolche fuhr, den er im Gürtel trug, seinen Nachbar anstieß und diesem einige Worte zuraunte. Der nickte ihm zu, und die beiden sahen einander an. Niemals in seinem Leben hatte Meyenburg einen solchen Ausdruck des Hasses und der unterdrückten Wut im Antlitze eines Menschen gesehen, wie in den Gesichtern der beiden. Jetzt trat mit einem Male wieder eine tiefe Stille ein, denn Eck wandte sich von neuem an Luther. In grobem Tone redete er und schrie ihn an: »Wäre deine Ketzerei neu von dir aufgebracht, so könnte der Heilige Vater gelehrte Männer einsetzen, sie zu prüfen. Aber deine Lehren sind die der alten Ketzer, des Huß, des Wiklef und der Waldenser, und sind längst durch die Heiligen Konzilien verdammt und verurteilt. Deshalb ist nicht nötig, darüber zu streiten, sondern es ist schon entschieden von Gottes und Rechts wegen. Jetzt handelt sich's darum: willst du die verdammten Sätze widerrufen und insbesondere zurücknehmen, was du gegen das Kostnitzer Konzil geschrieben? Darauf gib endlich eine klare Antwort ohne Hörner und Mantel!« Nach diesen Worten entstand ein Gemurr unter den deutschen Herren. Der Ton, in dem der Diener des Pfaffen zu Trier mit dem Mönche redete, verdroß viele. Luther aber wendete sich ganz von ihm ab und dem Kaiser zu. Er faltete die Hände und sank wieder halb in die Knie, und laut tönte seine Stimme, als er erwiderte: »Weil denn Eure Kaiserliche Majestät und Gnaden eine schlichte Antwort begehren, so will ich eine unstößige und unbrüchige Antwort geben, diesermaßen: Es sei denn, daß ich durch Zeugnis der Schrift überwunden werde, oder aber durch scheinliche Ursachen, denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es am Tag ist, daß dieselben zu mehrmalen geirrt und wider sich selbst geredet haben, sintemal ich von Schriften, die von mir angeführt, im Gewissen an Gottes Wort gefangen bin, so mag und will ich nicht widerrufen, weil wider das Gewissen zu handeln beschwerlich, unheilsam und fährlich ist. Gott helfe mir! Amen.« Totenstille folgte diesen Worten. Dann brach ein Sturm los von allen Seiten ohne Rücksicht auf die Gegenwart der Kaiserlichen Majestät. Das Beifallsgemurmel von vorhin ward zu einem brausenden Beifallsjubel, und dazwischen erklang das Zischen und Hohngeschrei der Gegner. Meyenburg sah, wie der Kaiser durch Eck noch eine Frage an Luther richten ließ, und wie er nach Luthers Antwort aufsprang und mit einer Gebärde des Unwillens und der Ablehnung schnellen Schrittes den Saal durch dieselbe Türe verließ wie vorhin. An den kühnen Mönch aber traten zwei Reisige heran. »Führen sie Euch ab?« brüllte eine laute Stimme, und drohend, die Hand am Schwert, traten deutsche Ritter den Söldnern entgegen. »Sie geleiten mich nur!« rief Luther und wandte sich dem Ausgang zu. Er trug das Haupt hoch, und in seinen Augen stand wieder das hohe Leuchten, das Meyenburg in Frankfurt an ihm gesehen hatte, und das ihm überirdisch däuchte. Als er sich der Tür näherte, griff der spanische Edelmann, der vor Meyenburg stand, blitzschnell nach seinem Gürtel. Aber mit eisernem Griffe umfaßte Meyenburg sein Handgelenk und hielt es fest. Ein kleines Stilett glitt auf den Boden, und ein von wahnsinnigem Haß verzerrtes Antlitz fuhr nach ihm herum. Die schwarzen Augen glitzerten ihn an, als wolle ihm der Spanier an die Kehle fahren. Da reckte sich ein langer, kräftiger Arm über Meyenburg hinweg, und eine gewaltige Hand legte sich auf des Wütenden Schulter. »Ich gebiete Frieden im Namen der Majestät,« sagte eine tiefe, markige Stimme und fügte noch ein paar Worte in einer Sprache hinzu, die Meyenburg nicht verstand. Sie hatten die Wirkung, daß der Spanier sich auf der Stelle umdrehte, und wenige Augenblicke später war er im Gedränge verschwunden. Erstaunt wandte Meyenburg sich um. Er war von hoher Gestalt, aber zu dem Ritter, der hinter ihm stand, mußte er noch emporblicken. Er sah in ein Antlitz, das wohl geeignet war, zugleich Vertrauen und Ehrfurcht einzuflößen. Gewinnende Freundlichkeit lag auf den starken Zügen, aber die leuchtenden dunkelblauen Augen hatten etwas Befehlendes, Zwingendes. Ein mächtiger, halb ergrauter Bart floß auf die Brust hernieder. Der große Ritter winkte ihm bedeutsam zu und zog ihn in eine dunkle Nische, während der Saal sich langsam leerte. »Wer seid Ihr, Herr?« fragte er. Meyenburg nannte Namen und Heimat. »Ihr seid der freien Stadt geschworener Fähnleinführer?« »Nein, ich bin der Stadtschreiber von Nordhausen.« Ein Laut kam von des Ritters Lippen, der fast wie ein Bedauern klang. Dann sagte er halblaut: »Der Vorfall, dessen Zeuge ich war, ist von niemandem gesehen worden. Versprecht mir, darüber zu schweigen bis morgen früh gegen jedermann.« »Warum soll ich Euch das versprechen, Herr?« erwiderte Meyenburg verwundert. »Ich sag's Euch morgen früh. Ihr kommt in meine Herberge. Euer Schade soll's nicht sein,« rief er. »Ich komme gern, wüßt ich nur, wo sie ist und wer Ihr seid.« »Wie?« rief der Ritter halblaut. »Ihr kennt mich nicht? Ich bin der Jörg Frundsberg, des Kaisers Feldhauptmann. Mein Quartier ist das Haus zum schwarzen Eber.« Meyenburg neigte sich tief. »Vergebt mir, Herr, wenn ich zu dreist mit Euch sprach. Ich werde kommen und verspreche Euch zu schweigen, auf Handschlag.« Frundsberg nahm seine Hand und drückte sie fest. »Morgen früh in der neunten Stunde,« sagte er, nickte ihm bedeutsam zu und trat dann auf den Pfälzer Kurfürsten zu, der eben vorüberschritt. Als Meyenburg ins Freie getreten war, hatte er das kleine Abenteuer schon fast vergessen. Inmitten des hocherregten, jubelnden Volkes kam ihm das Große, Gewaltige, was er mit angesehen und gehört hatte, wieder überwältigend zum Bewußtsein. In die Schrift hatte ihn Luther hineintreiben wollen, und er war entschlossen, sich ganz in sie zu versenken. Aber auch ohne die Schrift wußte er seit dieser Stunde, daß seine Lehre von Gott war. Der Mann, der droben im Bischofspalaste zu Worms seinen Glauben bekannt hatte vor Kaiser und Reich, war ein Prophet, den Gott gesandt hatte, sein Volk aus all dem Irrtum zu erlösen. Das stand ihm fest, und in seiner Seele war ein brausendes Frohlocken. VII. Am Morgen des folgenden Tages begab sich Meyenburg in seinem besten Feiergewande nach dem Hause zum schwarzen Eber. Er wurde eine schmale Stiege emporgeführt und gelangte in ein niedriges, aber sehr geräumiges Zimmer. An einem breiten Tische aus Eichenholz saß dort der berühmte Feldhauptmann des Kaisers, der »Vater der Landsknechte«, wie das Volk ihn nannte, und hatte eben angefangen zu frühstücken. »Gott zum Gruße!« rief er dem Eintretenden zu. »Habt Ihr schon Euren Morgenimbiß genommen?« »Das habe ich, Herr!« »So langt gleichwohl zu. Doppelt genäht hält besser,« sagte Frundsberg und schob ihm einen riesigen Schinken hin. Dann ergriff er eine weitbauchige Flasche, die vor ihm stand, und goß langsam und bedächtig goldenen Wein aus ihr in ein Glas von schier unheimlicher Größe. »Das trinket. Es wird Euch wohltun.« »Herr,« versetzte Meyenburg, »ich bin des Weintrinkens in früher Morgenstunde ungewohnt.« »Ach was!« brummte Frundsberg. »Diesen Wein kann man zu jeder Stunde des Tages und der Nacht trinken. Und Ihr seht mir aus, als könntet Ihr ein halbes Fäßlein davon wohl vertragen. Dies ist der beste Malvasier, den es auf Erden gibt. Des Kaisers Bruder, der Erzherzog Ferdinand, der römischer König werden soll, hat mir ein großes Faß verehrt. Davon habe ich vorhin dem Doktor Luther einen stattlichen Krug zugeschickt. Er trinkt ihn gerne. Was haltet Ihr von Doktor Luther?« »Ich halte dafür, er hat recht!« erwiderte Meyenburg. Frundsberg nickte beistimmend. »Habe ihm, als er vorgestern zum ersten Male hintreten mußte vor die kaiserliche Majestät, freundlich zugeredet, daß er solle festbleiben. Aber er bedurfte meines Zuspruches nicht. Der Mann hat einen Löwenmut und ist seines Gottes gewiß. Sie werden, ob sie es schon mit aller Macht versuchen, seinen Geist nicht dämpfen können.« »Das meine ich auch!« rief Meyenburg. »War ihm schon früher die deutsche Ritterschaft und der gemeine Mann zugeneigt, so ist er seit gestern der Held der deutschen Nation geworden.« Frundsberg erhob sein Glas. »Trinken wir auf seine Gesundheit!« rief er mit starker Stimme. »Möge er noch viele Jahre die welschen Pfaffen ärgern, daß sie davon grün und gelb werden! Doch nun zu Eurer Sache. Ihr habt reinen Mund gehalten gegen jedermann?« »Ich gab Euch mein Wort, Herr Feldhauptmann, und das halte ich.« »Gut, gut! Doch ist mir daran gelegen, daß der Vorfall auch weiterhin verschwiegen bleibt. Die Dinge liegen so: der spanische Herr, dem Ihr die Hand festhieltet, steht beim Kaiser hoch in Gnaden. Gleichwohl müßte er ihm, würde die Sache ruchbar, die Rechte abhauen lassen und ihn an den Galgen hängen. Denn wer im Frieden der Kaiserlichen Pfalz Schwert oder Messer zückt, der verliert Hals und Hand, so heischt's das Recht. Wahrscheinlich würde er ihn wohl entwischen lassen, aber das würde sehr böses Blut machen unter den deutschen Herren, die den Spaniern gram sind und murren, der Kaiser gebe ihnen überall den Vorrang. Wer weiß, was daraus würde! Aus kleinen Händeln werden oft große, und nichts käme uns jetzt weniger gelegen als Zwietracht im kaiserlichen Lager. Denn wir rüsten aufs neue wider den König von Frankreich. Aber im Vertrauen will ich's dem Kaiser beibringen, was Ihr getan habt und daß Ihr schweigen wollt. Habt Ihr wohl Lust, in seinen Dienst zu treten? Ich meine, da könntet Ihr besser Euer Glück machen denn als Stadtschreiber von Nordhausen. Was kann dort aus Euch werden?« »Nun,« erwiderte Meyenburg lächelnd, »da kann zum Beispiel ein gebietender Bürgermeister aus mir werden.« Frundsberg lachte. »Ihr denkt nicht gering von Euch. Oder seid Ihr aus den Ratsgeschlechtern der Stadt, so daß Ihr zum Bürgermeisterstuhle vorherbestimmt seid?« »Solcher Geschlechter gibt es in Nordhausen nicht. Schon vor mehr denn hundert Jahren haben die Zünfte ihren adligen Rat vertrieben und wählen jetzt die Ratsherren aus ihrer Mitte. Geschlechter von Reichtum und Gewicht gibt es freilich dort trotz alledem. Ich aber bin kein Nordhäuser Kind, ich bin aus Franken, unweit des Mains gebürtig.« »Das hörte ich an Eurer Sprache. Meinte, da ich Euch sah, Ihr wäret aus Wien oder sonst woher aus des Kaisers Erblanden.« Mit einem listigen Lächeln setzte er hinzu: »Dort laufen mehrere herum, die Euch ähnlich sind. Das macht, sie haben alle einen Vater, der ein hochgeborener, Herr war.« »Ah!« rief Meyenburg gleichfalls lächelnd. »Ihr wollt mich wohl zu einem Sohn des Kaisers Max machen?« Frundsberg bog sich mit einem schlauen Blinzeln zu ihm hinüber. »So ist etwas daran?« fragte er neugierig. »Nichts, Herr!« wehrte Meyenburg ab. »Ich weiß nichts davon, auch kann's nicht gut sein. Die Ähnlichkeit ist wohl ein Spiel der Natur. Aber sie muß nicht gering sein, denn wohl ein Schock Leute haben mich schon darauf angeredet, und auf der hohen Schule hängte man mir ihrethalben den Namen »Imperator« an.« »Sie ist wahrhaftig groß!« rief Frundsberg. »Nicht so sehr im Antlitz seid Ihr ihm ähnlich, – Eure Züge sind feiner und schärfer, – als in der Art, wie Ihr Euch bewegt, und in dem Klange Eurer Stimme.« »Mein Vater war der Förster des Vogtes auf der Meyenburg. Meine Mutter starb, als ich zehn Jahre alt war, sie ertrank im Main. Sie lebte weitab von der Welt im Walde der bei einer Dorfschaft lag. Wüßte nicht, wie ich zu der Ehre käme, eines großen Fürsten Sproß zu sein.« Das klang sehr gleichmütig und fast abwehrend. Darum ließ Frundsberg das Gespräch wieder auf seine ursprüngliche Bahn hinübergleiten und fragte noch einmal: »Wie wär's mit des Kaisers Dienst? Ihr seid ein großer und starker Mann, seid wohl auch des Reitens kundig und könnt Euer Schwert und eine Lanze führen?« »Das kann ich,« erwiderte Meyenburg, verwundert über die Wendung, die das Gespräch nahm. »So kommt zu mir!« rief Frundsberg und schlug ihm derb auf die Schulter. »Ihr gefallt mir. Wie Ihr den Spanier packtet, da sagt' ich mir: der ist von schnellem Entschluß, taugte zum Kriegsmann. Hängt Eure Stadtschreiberei an den Nagel und kommt zu mir! Wir ziehen wider Frankreich zu Felde. Da kann einer zu Gut und Ehren kommen. Ich mache einen Landsknechtführer aus Euch, der sich kann sehen lassen.« »Ihr vergeßt, Herr Feldhauptmann,« gab Meyenburg zur Antwort, »daß ich nicht adelig bin. Meine Wiege hat nicht auf einer Burg gestanden.« »Ach, was tut das!« polterte Frundsberg. »Bei mir ist jetzt einer, heißt Bastian Schertlein, eines Bürgers Sohn aus Schorndorf. Der hat sollen ein Mönch werden, hat aber seinem Vater ein Schnippchen geschlagen und ist mein bester Fähnleinführer. Der kann's noch zu was bringen und ist vielleicht in fünfzehn oder zwanzig Jahren, was ich jetzt bin. Ist das Glück gut, so schlägt ihn der Kaiser in ein paar Jahren zum Ritter. Tut's ihm gleich, Herr Stadtschreiber aus Nordhausen! Werft Euren Gänsekiel in die Ecke, nehmt dafür Schwert und Spieß in die Hand. Es wird Euch nimmer gereuen! Glaubt mir's!« Meyenburg hatte sich erhoben und schaute nachdenklich vor sich nieder. Es war etwas in dem Anerbieten Frundsbergs, das ihn lockte: eine Lust an Abenteuern, die Neigung, Gefahren eher zu suchen als sie zu meiden, lag ihm im Blute. Er war manchmal unzufrieden gewesen mit seinem Berufe, hatte sich hinausgesehnt aus den oft kleinlichen Rats- und Gerichtshändeln, hinaus in eine ferne, weitere, freiere Welt, wo er sich das Leben reicher, bunter, unendlich bewegter dachte und erträumte. An solchen Tagen litt es ihn nicht in der engen Stadt, er pflegte durch Wälder und Felder zu streifen, bis er am Abend in eine Trinkstube einfiel. Hier trank er die stärksten Zecher unter den Tisch, spielte wild und leidenschaftlich Würfel oder Karte, mit einem Glücke, das fast sprichwörtlich geworden in der Stadt, und begab sich dann, unzufrieden mit sich selbst und der Welt, in seine einsame Klause. Jetzt zeigte ihm einer eine offene Tür zu dieser bunten, fernen Welt, einer, der die Macht hatte, ihn darin ein gutes Stück vorwärts zu bringen, die Macht und auch den Willen dazu. Denn daß der Frundsberger Gefallen an ihm fand, das merkte er wohl. Dennoch – er konnte sich nicht entschließen, ja zu sagen. Vor zwölf Jahren war er nach Nordhausen gekommen, hatte sich dort rasch eingelebt und heimisch gemacht, und die Stadt war ihm lieb geworden. Das fühlte er jetzt, wie er es noch nie empfunden hatte. Wenn er von Nordhausen schied, so schied er von einer Heimat. »Was sinnt Ihr so lange?« rief Frundsberg, der ihn unverwandt betrachtet hatte. »Warum sagt Ihr nicht ja und amen zu meinem Vorschlage? Ich sag's Euch noch einmal: es soll Euer Schade nicht sein. Ihr habt mir gleich gefallen, wie mir der Schertlein gleich gefallen hat. Ihr beide sollt mir ein paar Feldobristen werden mit der Zeit!« »Ich dank' Euch, Herr,« erwiderte Meyenburg. »Weiß nicht, wodurch ich Eure große Freundlichkeit verdiene. Jedoch erlaubt mir eine Gegenrede. Zum ersten bin ich der Stadt noch verpflichtet auf ein Jahr.« »Der Rat wird mit sich handeln lassen,« warf Frundsberg dazwischen. »Sie würden mich ungern entbehren,« gab Meyenburg mit Selbstgefühl zurück. »Zum anderen, Herr, bin ich am Werke, mir ein Nest zu bauen. Ich werbe um eine Jungfrau, die ich lieb habe.« »Ein tüchtig Weib nimmt einen Kriegsmann des Kaisers so gern oder noch lieber als einen Stadtschreiber!« rief der Feldhauptmann. Meyenburg nickte. »Zum dritten aber hab' ich in den nächsten Monden ein Versprechen einzulösen,« fuhr er fort. »Ich gab es dem Doktor Luther in Frankfurt. Er forderte von mir, daß ich die Heilige Schrift des Neuen Testaments sollte lesen, und ich versprach s ihm mit Handschlag, ich wollt' es tun, sobald ich wieder nach Nordhausen käme.« Frundsberg brummte mißbilligend: »Laßt das die gelehrten Doktoren tun. Seid Ihr denn des Lateins mächtig?« »Ich habe vier Jahre lang in Erfurt die Rechte studiert.« »Wie? Dann seid Ihr wohl gar selbst ein Doktor?« »Nein, nur ein Baccalaureus. Der Doktorhut ist ein teures Gewandstück, und ich war damals mager an meinem Geldbeutel.« Wieder brummte Frundsberg unzufrieden: »Könnte man nicht mit Martinus reden, daß er Euch dieses Versprechens entbände?« »Weiß nicht, ob er's täte, und will's auch nicht. Denn ich will die Schrift lesen, will sie lesen.« »Zum Teufel!« rief Frundsberg, »wollt Ihr etwa ein Prediger werden?« »Dazu fühle ich in mir keinen Beruf. Aber ich will selber aus der Quelle trinken, aus der Doktor Luther seine Kraft schöpft. Seit er mit mir geredet hat, und seit ich ihn gestern habe stehen und bekennen sehen, glaube ich, daß Gott in ihm ist. Doch will ich's nicht nur glauben, ich will's wissen und erfahren. Denn, Herr, stimmt seine Lehre in allen Stücken mit Gottes Wort überein und kann ich das verstehen und aufzeigen aus der Schrift, dann zeuge ich für ihn in meiner Stadt, und seine Gegner sollen vor mir einen übeln Stand haben. Das, Herr Feldhauptmann, habe ich mir gestern abend gelobt.« Frundsberg blickte ihm verwundert in das begeisterte Antlitz. »Potz Wetter! Schießen jetzt die Luther wie Pilze aus der Erde? Der eine macht wohl bald hundert oder mehr! Weiß Gott, mir ist um seine Sache nicht bange. Schlagen sie ihn tot oder verbrennen sie ihn, dann steht gleich wieder einer in der Bresche und nachher wieder ein anderer!« Dann schwieg er eine Weile und schaute mit tiefem Ernst vor sich hin. »Wär' ich jünger, wer weiß, was ich täte, und ob's mich nicht packte, wie's Euch gepackt hat.« Er erhob sich und trat auf Meyenburg zu. Nicht mehr polternd und unwirsch wie vorher, sondern ernst und freundlich sagte er: »Dann will ich Euch jetzt nicht halten. Ziehet hin in Eure Stadt. Ihr habt Euch Großes vorgenommen, und ich wünsche Euch Glück dazu. Könnt Ihr aber Euer Werk nicht vollbringen, und wird Euch der Boden zu heiß, dann kommt zu mir. Ihr findet bei mir allezeit eine offene Statt! Und von dem, was gestern geschehen ist, auch fernerhin zu niemandem ein Wort! Darum bitt' ich Euch!« »Das gelob' ich, Herr,« erwiderte Meyenburg und legte seine Hand in Frundsbergs ausgestreckte Rechte. »Für Eure Güte dank' ich Euch von Herzen. Kann ich in Nordhausen nicht bleiben, so komme ich zu Euch!« »Dann Gott befohlen!« sagte Frundsberg und geleitete ihn zur Tür. Darauf trat er ans Fenster und blickte ihm nach. Er wiegte den großen Kopf nachdenklich hin und her und brummte Undeutliches in seinen Bart. Es lag ein fast väterliches Wohlwollen in den Blicken, mit denen er die Gestalt des Davonschreitenden verfolgte, und ein Ausdruck von Wehmut trat in sein Antlitz, der den kräftigen Zügen des großen Kriegsmannes sonst völlig fremd war. Plötzlich erhob er das Haupt und bog sich erstaunt vorwärts. Ein kleiner Mann kam die Straße entlang, in dem er den einen Geheimschreiber des Kaisers erkannte. Mit der Eile, die in seiner Natur lag, schoß er erst an Meyenburg vorüber, kehrte dann um, und auf einmal hielten sich die beiden eng umschlungen. Erst nach einer langen Unterredung, bei der der Kleine weidlich mit den Armen in der Luft herumfuchtelte, kamen die beiden voneinander los, und der Geheimschreiber trat gleich darauf mit seinem Aktenbündel in Frundsbergs Gemach. »Was hattet Ihr denn mit dem Stadtschreiber von Nordhausen, Herr Obernburger?« rief ihm der Feldhauptmann entgegen. »Ist er ein Freund von Euch?« »Ein sehr alter Freund, Euer Gestrengen zu dienen,« sagte der kleine Mann beflissen. »Wir stammen aus demselben Dorf«, und unser Pfarrer brachte uns etwas Latein bei. Dann waren wir zusammen Scholaren, sind auf mehreren Schulen gewesen, zuletzt auch noch in Erfurt. Ich hatte nichts wieder von ihm gehört, und nun treff ich ihn hier.« »So, so!« sagte Frundsberg. »Das trifft sich ja wunderlich. Da könnt Ihr mir wohl eine Auskunft geben, die ich gern haben möchte. Euer Freund, Herr Obernburger, gefällt mir über die Maßen wohl. Ich möchte ihn vorwärts bringen im Leben. Wer waren seine Eltern?« »Sein Vater hieß Lenser. War ein Förster des von Meyenburg. Vorher war er ein Landsknecht gewesen, und als seine Frau, des Michael Mutter, jung starb, ging er wieder in fremder Herren Dienst. Der Michael wurde zum Pfarrer getan und blieb dort bis zu seinem vierzehnten Jahre. Dann zogen wir auf die Schulen.« »Wann ist er geboren?« »Anno einundneunzig, Herr Feldhauptmann, wie ich auch. Wir sind nur vier Tage auseinander.« »Habt Ihr seine Mutter gekannt? Was war das für eine Frau?« »Sie war sehr schön anzusehen, Herr, aber sie war scheu und ging den Menschen aus dem Wege. Manche sagten, als sie im Main ertrunken war, sie hätte sich selbst das Leben genommen.« »War Anno neunzig – eh – wisset Ihr etwas davon, war da etwa bei dem Meyenburger ein hoher Herr zu Gaste?« Obernburger lächelte schlau. »Ich weiß, wohin Ihr zielet, Herr. Wir haben in Erfurt mit dem Michael deshalben oft unsern Scherz gehabt.« »Ich meine, das ist gar kein Scherz!« rief Frundsberg eifrig. »Ganz und gar kein Scherz. Der Mann hat habsburgisch Blut in den Adern, das ist mein fester Glaube. Ich fühlte einen sonderlichen Schrecken, als er zu reden anhub, denn mir war's, als würden die Toten wieder lebendig, und als spräche einer mit mir, wie er in alter Zeit gesprochen. Der Erzherzog Ferdinand schenkt jedem seine Gunst, der seines Geschlechtes Blut in sich trägt. Ich will diesen Mann dem Herrn empfehlen.« Der alte Feldherr verfiel in ein tiefes Sinnen, während Obernburger in achtungsvollem Schweigen verharrte. »Lebt der Pfarrherr noch, der Euch und ihn im Latein unterwies?« fragte Frundsberg endlich. »Als ich im vorigen Jahre wieder einmal in meiner alten Heimat einkehrte, war er noch am Leben.« »So schreibt an ihn, bitte ich Euch. Er soll Euch alles sagen, was er von den Eltern Meyenburgs weiß, insonderheit von der Mutter. Auch fragt ihn, ob Kaiser Max Anno neunzig in der Gegend vom Main gewesen ist. Wir wollen der Sache nachgehen. Nun aber zu unseren Geschäften!« VIII. Michael Meyenburg war auf der Rückreise von Worms im Hause des Eisenacher Ratsherrn Hans Cotta eingekehrt. Er hatte sich den Mühlhäusern angeschlossen, die vom Reichstage zurück in ihre Heimat zogen, denn es war ihm nach seiner übeln Erfahrung auf dem Hinwege rätlich erschienen, mit einem Trupp stark bewaffneter Männer durchs Land zu reiten. Seine Reisegenossen mit ihren Knechten nächtigten im benachbarten Hellgrevehof, und am nächsten Morgen wollte er mit ihnen über Mühlhausen heimreisen nach seiner Stadt. Jetzt saß er mit seinem Gastfreunde allein beim Abendessen, denn Cottas junge Gattin lag eben im Kindbett, da sie vor fünf Tagen eines Knäbleins genesen war, und Herr Kaspar Schalbe, Cottas Vetter, hatte nicht erscheinen können, da er erst am späten Abend von Gotha zurückerwartet wurde. Trotzdem bewirtete Herr Cotta seinen Gast in der üppigsten Weise, als wäre der gebietende Bürgermeister von Nordhausen selbst bei ihm eingekehrt. denn er zeigte gern seinen Reichtum und war dem klugen und gelehrten Stadtschreiber sehr wohlgeneigt. Zudem aß und trank er selber gern etwas Gutes und bot jedem, der bei ihm zu Gaste war, ein anfeuerndes Beispiel dar. So schmausten und zechten die beiden wacker und mannhaft und unterhielten sich dabei über die großen Ereignisse des Tages. Meyenburg hatte seinem gespannt lauschenden Wirte schon zum zweiten Male erzählt, wie Doktor Luther zu Worms vor dem Kaiser gestanden, und der Eisenacher Ratsherr ward nicht müde, immer neue Einzelheiten von ihm zu erfragen. »Er war vorgestern in unserer Stadt,« sagte er, »aber mehr als einen Händedruck und ein paar Worte konnt' ich nicht von ihm erlangen. Die ganze Bürgerschaft hatte ihn eingeholt, er wohnte beim Schultheißen, und da war des Gedränges den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein so viel, daß mich's wundernahm, wie er es aushielt.« »Da hättet Ihr erst sehen sollen, wie es in Worms zuging!« rief Meyenburg. »Ratsherren und Ritter, Grafen und Fürsten des Reiches zogen im Johanniterhof, wo seine Herberge war, beständig aus und ein, und das Volk hielt das Haus umlagert. Er konnte keinen Schritt gehen, ohne daß eine große Menge ihm nachfolgte.« »Er ist nach Möhra gefahren, seine Sippe zu besuchen,« versetzte Cotta. »Ich meine, morgen kommt er zurück und wird noch einmal hier nächtigen.« »Wie? Ihr erwartet ihn noch einmal? Ich will nicht unbescheiden sein, Herr Cotta, aber dann möcht' ich Euch herzlich bitten, behaltet mich noch einen Tag und eine Nacht bei Euch. Ich sagt' Euch schon, daß er mir geboten hat, die Schrift zu lesen. Nun habe ich mir in Worms durch Justus Jonas eine Schrift besorgen lassen und habe fleißig darin gelesen, auch auf der Reise, wenn ich in die Herberge kam. Der Mühlhäuser Bürgermeister Rodemann, der mit mir reiste, sah's mit scheelen Augen an, denn er ist der neuen Lehre feind. Da möcht' ich ihn mancherlei fragen, und er, mein' ich, wird mir die Antwort nicht weigern und mir gern Rede stehen.« »Ihr habt's ja eilig,« erwiderte Cotta lächelnd. »Ich brauch' Euch nicht zu sagen, Herr Michael, daß Ihr mir ein lieber Gast seid. Bleibt bei mir, solange Ihr möget. Ich fürchte fast, Freund, Ihr werdet Eure Stadtschreiberei in Nordhausen aufgeben und mit Martinus gen Wittenberg ziehen, die Theologie dort zu studieren.« »Dasselbe sagte mir schon der Frundsberger in Worms,« lachte Meyenburg. »Nein, fürchtet das nicht. Das würde sich zu meiner Natur nicht schicken, wäre ihr wohl sogar ganz zuwider. Ich bin gemacht für die Händel dieser Welt, nicht für einen Predigtstuhl. Auch mag Gott im Himmel wissen, ob Martinus in Wittenberg bleiben kann. Ich weiß es von sicherer Hand, daß der Kaiser ihn wird in des Reiches Acht erklären.« »Ob er's wagen wird?« warf Cotta ein. »Er wird es wagen,« erwiderte Meyenburg. »Sein Gemüt ist Luthers Sache nicht geneigt. Sie erzählten in Worms, er habe gesagt, der Mönch werde ihn nicht zum Ketzer machen. Auch wissen wir nun, daß er ganz in der welschen Pfaffen Hand ist. Ach, Herr und Freund, der deutsche Kaiser ist kein Deutscher, obschon er von deutschem Blute ist! Aber das spanische Geblüt in ihm ist übermächtig. Wie seine Sprache welsch ist, so ist auch sein Denken welsch. Er paßt nicht zu uns und wir nicht zu ihm. Da ich ihn sitzen sah auf seinem Throne, den bleichen, finsteren Knaben, da entsank mir das Herz, und ich ward erkältet gegen ihn und hatte doch so viel von ihm erhofft.« Auch Cotta blickte jetzt sehr ernsthaft in sein Kelchglas hernieder. »Wagt er's wirklich,« sagte er nach einer Weile, »so wird das deutsche Volk den Luther schützen.« Meyenburg machte eine wegwerfende Gebärde. »Ich hoffe nur auf einen, den Kurfürsten von Sachsen. Ritter, Bürger, Bauern sind untereinander uneins. Greifen die Ritter zu den Waffen, so bleiben die Bürger und Bauern fern, und so sich etwa das Landvolk erheben möchte, würden die Ritter helfen, es niederzuwerfen. Nur der Kurfürst hat die Macht, Martinum zu schützen, aber er muß sich dann nicht scheuen, zu den Waffen zu greifen, wenn's aufs Äußerste käme. Nun ist er ein wackerer und weiser Herr, aber er steckt auch voller Bedenken und ist alt und zum Frieden geneigt. Wird er dem Kaiser trotzen? Oder wird er nachgeben und den Luther von sich lassen? Was wird werden?« »Ja, was wird werden?« wiederholte Cotta mit einem Seufzer. »Es wird viel davon geredet, daß der Sickingen ihn schützen wolle.« »Das will er wohl. Aber was ist Sickingen? Ein paar feste Burgen und einen tollkühnen Mut – das hat er. Mehr nicht. Gegen des Kaisers Macht und Majestät richtet er nichts aus. Da muß ein Stärkerer heran.« »Der alte Herr, der Kurfürst,« sagte Cotta, »hat was nicht viele haben: ein Gewissen, und sein Bruder Hans ist von der gleichen Art. Wenn die beiden die Sache für Recht erkennen, so halten sie auch fest daran und lassen sich nicht irre machen. Trinken wir auf meiner Fürsten Wohl! Ich meine, wir können uns auf sie verlassen. Aber mir schwant, es werden wilde Zeiten kommen,« fuhr er fort, indem er die Gläser von neuem füllte. »Oh, Freund Michael, wie wunderlich ist doch die Weit! Blickt dorthin! Da saß Martinus oftmals des Abends, als er noch ein Knabe war. Mein Vater und meine Mutter hörten es gern, wenn er die Laute spielte und sang, und ich, ein Kind von sechs – sieben Jahren, freute mich auch daran.« Er ergriff den Armleuchter, der auf dem Tische stand, und hob ihn hoch empor, um ein Bild an der Wand zu beleuchten. Aus einem reichgeschnitzten Holzrahmen, dessen Gerank vergoldet war, schaute ein feines, gütiges Frauengesicht hervor. Der Künstler aus Florenz, der vor dreißig Jahren das Bild gemalt hatte, war ein Meister gewesen, denn die Züge waren so lebendig, als sollte der Mund eben anheben zu sprechen. »Meine Mutter, wie sie als junge Frau war,« sagte der Kaufherr. »Sie hatte den Martinus fast so lieb, als wäre er ihr eigen Kind. Aber was sie wohl sagen würde, sähe sie ihn jetzt! Als er ins Kloster ging und so viele meinten, er wäre töricht und närrisch worden, da hielt sie ihm allein die Stange und meinte, er hätte recht und gut getan. Denn je älter sie wurde, desto frömmer wurde sie und betete viel zu Sankt Elisabethen, daß sie ihr einst eine Fürsprecherin sei bei dem lebendigen Gott. Noch im Sterben setzte sie auf die Heilige ihr ganzes Vertrauen. Nun will Martinus, daß niemand mehr soll zu den Heiligen beten, lehrt auch, daß kein Mensch jemals sei heilig gewesen ohne allein unser Herr Christus. Deshalb wäre sie ihm sicherlich gram geworden und hätte ihn als einen Zerstörer der Kirche geachtet, und sie hätte den Tag verwünscht, an dem sie ihn in ihr Haus genommen. Das wäre ihr ein großes Leid gewesen. Es ist wohl gut, daß sie es nicht hat erleben müssen.« Meyenburg nickte. »Wenn die Welt sich verändert von Grund aus, wie in unseren Tagen, so ist der Tod den alten Leuten zumeist eine Wohltat. Denn sie können sich nicht mitverändern, wie die jungen es vermögen, und so werden sie einsam in ihrem Herzen und kehren sich ab in ihrem Gemüte von denen, die sie lieb hatten.« »Ja,« rief Cotta, »wir hätten unsere Gesinnung vor ihr müssen verbergen und verstecken, ich und mein Weib, sie wäre uns sonst vielleicht gram geworden. Denn das sollt Ihr wissen: meine Ursula – sie heißt, wie meine Mutter hieß – ist eine gute Lutherin!« »Trinken wir auf ihre Gesundheit!« sagte Meyenburg verbindlich. »Und auch auf die Gesundheit des Knäbleins, das sie Euch geboren hat. Möge das Kind, wenn es zu seinen Jahren kommt, werden wie sein Vater und sein Altervater war.« »Ich dank' Euch, werter Freund!« rief Cotta, und die Augen wurden ihm feucht, während er trank, denn er war von warmem Gemüte und wurde leicht gerührt. »Ich danke Euch,« wiederholte er dann und setzte vertraulich hinzu: »Warum seid Ihr ein Hagestolz geblieben? Ihr seid doch nur wenige Jahre jünger denn ich. Wie gern tränke ich auf die Gesundheit eines Weibes, das Euch lieb wäre!« »Das könnt Ihr,« erwiderte Meyenburg mit einem hellen Lachen. »Und ich will Euch sagen, sie heißt ebenso wie die Eure!« »Potz Tausend!« rief Cotta, und seine freundlichen Augen glänzten vor Teilnahme und Neugier. »Wo wohnt die Maid, und wer ist sie, die Euer sprödes Herz gewonnen hat?« Ehe Meyenburg antworten konnte, kehrte er sich auf einmal von ihm ab und lief zur Tür, denn draußen waren Stimmen laut geworden. »Es ist mein Vetter Kaspar,« sagte er. »Sonst seh' ich ihn immer gern, jetzt aber kommt er mir ungelegen, denn er stört uns. – Grüß Gott, Kaspar!« wandte er sich dem Eintretenden zu. »Haben sie dir zu Hause gesagt, daß du solltest zu mir kommen, und daß Herr Michael bei mir ist?« Der junge Mann, der während dieser Worte ins Zimmer trat, sah erhitzt und so verstört aus, daß Cotta erschrocken rief: »Was ist dir denn? Ist dir ein Unglück zugestoßen?« »Gib mir ein Glas Wein!« erwiderte Schalbe mit gepreßter Stimme. »Ich bin scharf geritten von Gotha her.« Er stürzte das große Gefäß voll Wein, das sein Vetter ihm bot, auf einmal hinunter und stellte es dann mit zitternden Händen auf den Tisch. »Red! Ist ein Unglück geschehen?« drängte Cotta. »Ja, Herr und Freund, ein großes Unglück. Martinus Luther ist von Reitern überfallen und weggeführt worden!« Meyenburg und Cotta fuhren mit einem Schreckensruf auf und starrten dem Unglücksboten entsetzt ins Gesicht. »Woher weißt du das?« rief Cotta. »Es war ein Mensch in Gotha, der hatte es selber mit angesehen. Petzensteiner hieß er, ein Mönch vom Augustinerorden. Er hatte Luther begleitet nach Worms und wieder zurück. Der erzählte, da sie nahe gewesen wären bei einem Dorfe mit Namen Schweina, da wären Reiter aus dem Walde herfürgebrochen, und der Oberste von ihnen hätte rauh geredet mit dem Knechte, der den Wagen führte, hätte auch eine Armbrust auf ihn angelegt. Und als dann noch einer mit seinem Knechte war auf sie zugesprengt, da wäre er, Petzensteiner, vor Angst aus dem Wagen gesprungen und habe sich ins Gebüsch geworfen. Habe aber noch gesehen, daß sie Martinum mit Gewalt auf ein Roß gehoben hätten und mit ihm davongejagt seien. So weiß denn Gott allein, wo der teure Mann jetzt ist und ob er noch sein Leben hat. Gehabt euch wohl. Freunde, ich will heim. Mich lüstet nicht danach, zu essen und zu trinken. Werde wohl krank werden vor Schrecken und Verdruß, schon ist mir's, als schüttle mich der Frost. Ich will heim zu meinem Weibe. Gehabt euch wohl!« Er schritt aus der Tür hinaus, so schnell, wie er gekommen, und ließ die beiden in einem bedrückten Schweigen zurück. Endlich begann Cotta: »Ob die Botschaft wirklich die Wahrheit kündet? Ich mag's kaum glauben.« »Wenn der Mönch selber dabei gewesen ist, wird sie wohl stimmen,« entgegnete Meyenburg trübe. »Ich habe mich baß verwundert, als mir in Oppenheim, da ich zurückreiste, der Ehrenhold des Kaisers begegnete. Martinus hatte ihn von sich gelassen und ihm gesagt, er brauche ihn nimmer.« »Ich kann's nicht glauben,« wiederholte Cotta nach einer Weile. »Bei uns sind die Landstraßen so sicher! Hierzulande wagt kein Ritter zu reiten wider jemanden gegen unserer Fürsten Willen. Wer sollte sich nun solcher Tat unterwunden haben!« Meyenburg sprang so plötzlich und jäh empor, daß sein Glas vom Tische rollte und zerbrach. Seine Augen blitzten. »So sind sie vielleicht geritten nach der Fürsten Willen!« rief er. »Ja, Herr Hans, so wird's sein. Der Kurfürst läßt ihn in ein sicheres Gewahrsam bringen, um ihn zu schützen vor den Folgen der Acht! Er läßt aussprengen im Reiche, Feinde hätten ihn mit Gewalt fortgeführt, er wisse nicht, wo er sei, und der Kaiser kann nichts von ihm erlangen, wenn er den Achter fordert. Die Meißner sind von alters her kluge und listige Leute, und Brück, Feilitzsch und Thun, des Kurfürsten Kanzler und Räte, sind alle drei schlaue Füchse.« Cotta blickte ihm zuerst verblüfft ins Gesicht, dann brach er in ein kräftiges Lachen aus. »Wahrlich, Freund Michael,« sagte er wieder ganz heiter, »Ihr wißt einem das Gemüt wieder aufzurichten. Weiß Gott, so wird es sein! Das sähe dem Kurfürsten ganz ähnlich. Er wird Martinus in Sicherheit haben bringen lassen, auf daß er seiner Feinde lachen kann.« Der fröhliche, leichtlebige Mann war mit einem Male ganz verwandelt. Er holte ein neues Glas aus seinem Schranke und goß es bis an den Rand voll Wein, und mit seinem Glase tat er das gleiche. Dann hob er es empor und rief: »Trinken wir auf unseres Martinus glückliche Errettung! Mir ist so frei und leicht worden nach Eurer Rede – ich meine, Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen!« Es schien ein frohes Gelage beginnen zu wollen, aber seinem Gastfreund ward's nicht so leicht wie ihm, aus einer Stimmung in die andere zu fallen. Er tat ihm zwar den Willen und leerte sein Glas bis auf den Grund, aber sein Angesicht blieb ernst und düster, und weiterem Einschenken seines Wirtes wehrend, erhob er sich. »Verzeihet mir, werter Freund, wenn ich mein Lager aufsuche,« sagte er. »Mir ist das Herz beschwert, denn wir können wohl raten, was mit Martinum geschehen ist, wissen's aber nicht, und es kann Wochen, es kann Monde dauern, bis wir's erfahren.« Mit einer finsteren Entschlossenheit, die den fröhlichen Cotta geradezu erschreckte, setzte er hinzu: »Als ich ihn stehen sah zu Worms, da ward ich erst ganz sein Freund. Ich erkannte, daß er Gottes erwähltes Rüstzeug ist. Hier gibt es nun für mich kein Zaudern und Schwanken mehr. Haben sie ihn etwa totgeschlagen, so müssen seine Schüler vor! Er lebe oder er sei tot, wir müssen auf den Plan! Komme ich heim nach Nordhausen, so will ich die Stadt zu seiner Lehre bringen!« IX. Am übernächsten Tage, als das Geläut von der Kirche St. Blasii die Stunde des Mittags verkündete, saß Michael Meyenburg in seinem Hause am Hagen in Nordhausen einsam beim Mahle. Er war gestern abend nach der Heimat zurückgekehrt, ohne in Mühlhausen Rast zu machen. Die Freude, die der Mühlhauser Bürgermeister Rodemann, sein Reisegenosse, über die Kunde von Luthers Gefangennahme an den Tag gelegt hatte, war die Ursache eines scharfen Wortwechsels zwischen den beiden Männern gewesen, und sie hatten sich, wenn auch nicht in Feindschaft, so doch im halben Unfrieden voneinander getrennt. Heute in der Frühe hatte er auf dem Rathause Bericht abgestattet von seiner Reise und ihren Erfolgen und hatte reiches Lob geerntet. Denn was die Stadt beim Kaiser hatte erreichen wollen, war ihm zu erreichen geglückt, nicht am wenigsten durch den Beirat des kaiserlichen Geheimschreibers Obernburger, in dem er so unvermutet einen alten Kindheits- und Jugendfreund wiedergefunden hatte. Es war ihm klar geworden, daß er schon um seiner Stadt willen die Beziehungen zu diesem Manne mit großer Sorgfalt weiterpflegen müsse. Jetzt saß er vor einem stattlichen Schweinebraten und ließ sich's wohl sein. Er hieb tüchtig ein, und von Zeit zu Zeit nahm er einen kräftigen Schluck aus dem Kruge, in dem eine nicht geringe Menge goldbraunen Nordhäuser Bieres wogte. Denn Michael Meyenburg war den Freuden dieses Erdenlebens keineswegs abhold, und ein guter Trunk deuchte ihm Goldes wert. Seine große Beliebtheit unter den Bürgern und Ratsherren der trinkfreudigen Stadt an der Zorge hatte er zweifellos seiner Fähigkeit und Willigkeit zu danken, womit er jedermann beim Becher fröhlich und ausgiebig Bescheid tat. Männer dieser Art schätzten die Nordhäuser sehr, Leute, die nicht lebten und leben ließen, waren ihnen zuwider. Als er mit seiner Mahlzeit fertig war, lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und überdachte, was er in den nächsten Tagen tun wollte. Am Abend wollte er in die Ratsapotheke am Salzmarkt gehen, wo er solange nicht gewesen war. Schon hatte er dem Ratsapotheker, Herrn Blasius Michel, gesagt, er solle alle Freunde Luthers in seiner Hinterstube versammeln, er werde ihnen erzählen, wie der gewaltige Mann sich in Worms gehalten. Herr Blasius war außer sich vor Freude gewesen, weil er ihn so ganz und gar verwandelt gefunden, und hatte mit Freuden zugesagt. Dann wollte er sich Urlaub vom Rate erbitten und zu dem Grafen Ernst von Hohnstein reiten. Denn auch dessen Angelegenheit hatte er trefflich besorgt und sich die hundert Gulden, die der Graf ihm versprochen, redlich verdient. Und kam er dann zurück, so sollten seine Freiwerber nach Erfurt ziehen und beim alten Lachensper um Ursulas Hand für ihn anhalten. Er zweifelte nicht daran, daß die angesehensten Männer der Stadt aus Freundschaft zu ihm dieses Amt übernehmen würden. Wieviel Ehen wurden so geschlossen, daß Freiwerber dem Vater einen Eidam antrugen, Männer, deren Ruf und Stellung dafür bürgten, daß sie keinen Unwürdigen empfahlen. Konnten nicht die Nordhäuser sehr Günstiges über ihn berichten? Die Stelle eines Syndikus war ihm sicher, denn Melchior von Aachen, der jetzt diese Würde bekleidete, hatte beständige Verdrießlichkeiten mit dem Rate und wollte aus dem Amte scheiden. Dann wurde sicherlich kein anderer erwählt als er, und als Notar und als Rechtskonsulent vieler benachbarter Grafen und Herren, die seinen ungewöhnlichen Scharfsinn und seine große Tatkraft zu schätzen wußten, erwarb er sich viel Geld. Er dachte an seine dürftige Jugend zurück und lächelte. Damals wäre ihm die Summe, die er jetzt verdiente, fast schwindelnd hoch erschienen. Ja, er hatte sich als Mann von kaum dreißig Jahren eine schöne Stellung in der Welt geschaffen, und er war entschlossen, dafür zu sorgen, daß er in zehn Jahren noch ganz anders dastand. Aber wenn nun trotzdem der wunderliche, eigenwillige Greis seine Werbung zurückwies? Wenn er an dem Gedanken festhielt, seine Tochter ins Kloster zu bringen? Ach, er wollte daran jetzt nicht denken! In seiner gegenwärtigen Stimmung deuchte ihm das ganz unwahrscheinlich, ganz unmöglich. Er malte sich vielmehr aus, wie es sein würde, wenn seine junge blonde Hausfrau ihm erst hier gegenübersitzen würde. Nicht lange hier, denn er wollte ein neues Haus bauen. Das Grundstück dazu hatte er schon erworben für billiges Geld. Noch in diesem Monat sollte der Bau beginnen. Es sollte ein stattliches Haus werden, und dort wollte er mit ihr wohnen, und sein Heim sollte ihm ein Hafen des Friedens sein in der Unrast und den Kämpfen, die das Leben eines tätigen und ehrgeizigen Mannes nun einmal mit sich bringen mußten. Es war eigentlich das erstemal in seinem Leben, daß er sich nach einem stillen häuslichen Glücke sehnte, aber diese Sehnsucht ergriff ihn nun auch mit um so stärkerer Gewalt. Wie eingesponnen in seine Gedanken und Träume saß er lange Zeit da. Er sah Ursulas Gestalt durch die Räume schreiten, den Schlüsselbund am Gürtel, zwei flachshaarige Buben an der Hand, ein kleines Mädchen schmiegte sich an seine Knie. Merkwürdig – es sah ihn mit den kornblumenblauen Augen des Kindes an, das er in Erfurt aus dem Wasser gezogen hatte. Stimmen auf der Straße und Pferdegetrappel vor seinem Hause weckten ihn aus seiner Versunkenheit auf. Er trat ans Fenster und öffnete es. Zwei Männer waren eben im Begriff, von den Rossen zu steigen, der eine gekleidet wie ein vornehmer Bürger, der andere ein Reitersknecht mit Sporen und Eisenhaube. Sie verhandelten noch kurz mit einer Frau, die ihnen offenbar den Weg gewiesen hatte, und der Knecht drückte ihr ein Geldstück in die Hand. Er blieb dann draußen bei den Pferden stehen, während der Herr das Haus betrat. Einige Augenblicke später stand er auf der Schwelle des Gemaches. Meyenburg ging ihm ein paar Schritte entgegen. Er hatte den Fremden für einen Abgesandten des Grafen Albrecht von Mansfeld gehalten, der öfter zu ihm kam und dem er von fern an Wuchs und Haltung ähnlich war, aber er blickte in ein ihm unbekanntes Gesicht. »Bin ich recht im Hause des Herrn Stadtschreibers Meyenburg?« begann der Fremde, indem er sich verneigte. »Der bin ich. Und wer seid Ihr, und was führt Euch zu mir?« »Ich heiße Dotheus Lachensper,« erwiderte der Gast. Meyenburg horchte verwundert auf. Er wußte nicht, ob er lachen oder sich erzürnen sollte. Der Mensch war wohl ohne Zweifel ein Narr oder ein Betrüger. »Ich bin nicht der aus Erfurt, den Ihr kennt,« fuhr der andere fort. »Der ist mein Vetter. Ich wohne in Gotha.« »Ah!« rief Meyenburg. Er besann sich plötzlich, von diesem Verwandten seiner Braut schon einmal gehört zu haben. »Setzt Euch hierher. Habt Ihr schon gegessen? Viel findet Ihr nicht bei einem Junggesellen, aber den Braten kann Euch meine Schaffnerin schnell wieder aufwärmen.« »Ich danke Euch, Herr,« erwiderte Lachensper, indem er sich niederließ. »Ich bin bei Herrn Siewert Eisenrot eingekehrt, den ich von alter Zeit her kenne. Der hat mir ein stattlich Frühstück vorgesetzt, und ich bin satt. Nehmt's nicht für ungut, daß ich Euch zur Mittagszeit besuche, aber ich habe Wichtiges mit Euch zu bereden, und es leidet keinen Ausschub.« »So redet, Herr. Ich hoffe, Ihr kündet mir nichts Übles?« Der Gothaer antwortete nichts auf diese Frage. Er heftete seine klugen grauen Augen fest auf Meyenburgs Gesicht und fragte nach einer Weile: »Ihr seid mit meiner Base Ursula heimlich versprochen?« »Ich ahnte, daß Ihr es wüßtet!« rief Meyenburg. »Es ist ihr doch nichts Böses geschehen?« Lachensper blickte ihn wieder wie vorher an und erwiderte: »Ich muß Euch vieles erzählen, Herr, und viel Gutes ist es leider nicht.« Langsam, mit schleppender Sprechweise, indem er sich fortwährend dabei die dünnen Silberstoppeln seines Kinnes rieb, hub er an: »Es ist vor zwei Wochen ein Aufruhr gewesen in Erfurt. Als der Luther dort gewesen war, da haben ihn etliche Priester festlich empfangen. Die Stiftsherren aber haben Hand an diese Priester gelegt und wollten sie in Haft bringen, weil sie Gemeinschaft gehalten haben mit einem, der im Banne ist. Das hat das Volk nicht wollen leiden und ist ihnen zu Hilfe gekommen und ist ein großer Pfaffensturm geschehen. Sie haben die Häuser der Stiftsherren gestürmt, und die Pfaffen haben müssen flüchten. Wohl zwei Tage lang hat der Tumult gewährt, und der Rat hat ihn nicht stillen können.« Meyenburg machte eine Gebärde des Erstaunens. »Wunderlich, daß ich davon nichts gehört habe in Worms und auf der Reise! Aber was hat das mit Ursula zu schaffen?« »Sehr viel, Herr. Mein Vetter hat sich der Pfaffen angenommen und harte Reden wider das Volk geführt. Da sind die Aufrührer gereizt worden und haben ihre Wut auch gegen ihn gekehrt und haben ihn elend zerschlagen und einen Stich in die Seite mit einer Hellebarde oder einem Messer getan, so daß er fast auf der Stelle gestorben wäre. Sein Haus haben sie zerstört und schnöde verwüstet, den Hausrat verderbt, auch viel Geld und kostbare Dinge geraubt. Noch ist er nicht ganz arm geworden, aber ein reiches Mädchen ist mein Patenkind nicht mehr.« Er hielt inne und blickte den Gegenübersitzenden erwartungsvoll an, ob er wohl auffahren oder sich verfärben möchte. Aber Meyenburg blieb ganz kaltblütig sitzen und sagte mit großem Gleichmut: »Das bedaure ich, Herr, denn Geld ist eine schöne Sache. Aber ich freie die liebe Magd nicht um ihres Geldes willen. Sie mag in mein Haus kommen arm wie eine Kirchenmaus, ich will sie freudig zu meinem Weibe nehmen. Vielleicht ist es sogar gut, daß sie nicht mehr so wohlhabend ist. Da gibt sie mir ihr Vater, um so leichter.« »Ach, lieber Herr, ihr Vater! Da eben liegt der Hase im Pfeffer!« sagte der Gothaer, viel lebhafter, aber auch viel freundlicher und zutraulicher als bisher. »Hört, was er getan hat. Kaum war er halb genesen von seiner Wunde, da packt er, was ihm geblieben war an Hab und Gut, auf zwei Wagen und fährt von Erfurt nach Mühlhausen. Er wolle nicht mehr leben, sagt er, in der vermaledeiten Stadt, wolle auch dort nicht begraben sein. In Mühlhausen, wo er geboren sei, da wolle er sterben, und dort sollte sie ihm sein Grab schaufeln. Seine Mutter war eine Rodemann, und so ist er eingekehrt in das Haus des Bürgermeisters Rodemann, der sein leiblicher Vetter ist.« »Herrgott!« entfuhr es Meyenburgs Lippen. »Da bin ich gestern an ihm vorbeigeritten!« »Und an Ursula auch,« warf Lachensper ein. »Und sie hat Euch vorüberreiten sehen und konnte sich doch nicht bemerkbar machen. Darüber weinte sie sehr, und ich kam gerade dazu, denn ich war in Geschäften in der Stadt und suchte sie auf. Sie ist mein Patenkind und hat mich allezeit sehr lieb gehabt und wertgehalten, und ich habe oft gewünscht, sie wäre meine Tochter. Und nun hat sie mir alles erzählt, was zwischen Euch und ihr geschehen ist, und hat mich himmelhoch gebeten, ich sollt' zu Euch reiten. Sie ist in großer Angst, denn ihr Vater ist sehr krank geworden und liegt wohl auf den Tod. Und nun dringt er ständig in sie, daß sie ins Brückenkloster in Mühlhausen solle eintreten, wo ihre Muhme Priorin ist; spricht, er könne nicht selig werden, wenn seine Tochter nicht als Nonne für ihn bete. Und die Rodemannin setzt ihr hart zu, und nun ist der Bürgermeister heimgekehrt, und da ist erst der Rechte gekommen. Sie sagt, sie sei Euch von Herzen gut und wolle Euer Weib werden, aber sie könne dem Drängen ihres Vaters kaum noch widerstehen.« Meyenburg war in höchster Erregung aufgesprungen. Seine Augen flammten. »Was soll ich tun?« rief er. »Was kann ich tun? Kann ich sie ihrem Vater entreißen?« »Sie meint. Ihr müßtet es können, bittet Euch inständig. Ihr möchtet zu ihr kommen. Denn sie fühlt sich schwach und fast krank. Die Bitten des Vaters hätten ihr das Herz zerschnitten. »Ich reite mit Euch!« rief Meyenburg. »Sie soll nicht sagen, ich hätte sie allein gelassen in ihrer Not, weiß ich schon nicht, was ich tun und helfen kann.« »Mit mir, Herr Meyenburg, rat' ich Euch nicht zu reiten, denn da müßtet Ihr bis morgen warten. Ich bin ein alter Mann, kann nicht zweimal hin- und hertraben zwischen Nordhausen und Mühlhausen. Ich nächtige hier bei Herrn Eisenrot und mache mich erst morgen auf den Rückweg. Ihr aber reitet wohl am besten sogleich, dann könnt Ihr, ehe die Nacht kommt, in Mühlhausen sein.« Er stand auf und bot Meyenburg die Hand. »Lebt wohl, Herr, ich reite jetzt nach Limbach, den Pfarrer zu besuchen. Gott gebe Euch Glück zu Eurer Reise!« »Ich danke Euch für den Wunsch und noch viel mehr dafür, daß Ihr den beschwerlichen Ritt hierher gemacht habt. Wenn Ihr wieder nach Nordhausen kommt, seid Ihr mein Gast!« erwiderte Meyenburg und geleitete ihn zur Tür. Mit fest zusammengepreßten Lippen und düster gefurchter Stirne stieg er sodann hinauf in seine Kammer und legte das Reisegewand, den Brustharnisch und die Sturmhaube wieder an, die er auf der Wormser Reise getragen. Gestiefelt und gespornt eilte er eine Viertelstunde später zum Bürgermeister, der ihm Urlaub geben, auch ein Roß und einen Knecht stellen sollte, und nach einer weiteren halben Stunde ritt er zum Tore hinaus. Stumm und finster ritt er die Straße dahin. Der Stadtknecht hinter ihm wunderte sich über die starre Miene und die Schweigsamkeit des sonst meist heiteren und leutseligen Mannes und war verletzt, als er die Unmöglichkeit erkannte, ein Gespräch mit ihm in Gang zu bringen. Ach, der wackere Reiter ahnte nicht, daß Meyenburg einen schweren Kampf in seinem Herzen durchkämpfte! Der Ritt nach Mühlhausen deuchte ihm töricht, ja fast unsinnig. Was sollte er dort? Hatte er überhaupt eine Aussicht, den alten Lachensper durch die Werbung um seine Tochter von dem Gedanken abzubringen, sie ins Kloster zu schicken? Nur dann vielleicht, wenn er heuchelte. Denn der Greis wohnte in Rodemanns Hause, und der Bürgermeister würde ihm gewiß erzählt haben oder noch erzählen, als wessen Geistes Kind er ihn unterwegs erkannt hatte. So würde er denn sicherlich Aufklärung von ihm verlangen. Er mußte bekennen oder verleugnen. Bekannte er, so war Ursula ihm verloren, und verleugnen, Luther und seine Lehre verleugnen, – nein, das konnte er nun nicht mehr. Nicht um den Preis hätte er es vermocht, daß sie sofort die Seine ward und ihm heim folgte als sein angetrautes Weib. Und würde sie ihm überhaupt nachfolgen wollen, wenn sie erst wußte, wie es mit ihm stand? Sie wehrte sich ja gegen das Kloster, aber eine gläubige Tochter der alten Kirche war sie immer gewesen. Vielleicht wandte sie ihr Herz ab von einem, der sich dem Ketzer von Wittenberg zugeneigt hatte und sogar damit umging, eine ganze Stadt für seine Lehre zu gewinnen. Er wußte es nicht, wie stark die Bande waren, die ihre Seele an die Lehren und Bräuche der Kirche fesselten, aber er hatte leider keinen Grund, daran zu zweifeln, daß sie stark und fest waren. So holte er sich vielleicht von Vater und Tochter eine Absage, und das Glück, von dem er geträumt hatte, stürzte in Trümmer. Mehrmals war er im Begriff, sein Roß umzulenken und nach Nordhausen zurückzukehren. Aber dann war es ihm, als höre er ein Rufen ihrer Stimme in der Ferne, und als sähe er ihre Augen flehend auf sich gerichtet. So ritt er denn weiter, und als die Abendglocken von Mühlhausens zahlreichen Türmen herniederklangen, erreichte er die Stadt. Es dunkelte schon fast, als er in den Flur des Rodemannschen Hauses eintrat. Der Bürgermeister kam ihm die Treppe herab entgegen. Er trug ein feiertägiges Gewand und eine goldene Kette um den Hals, denn er wollte eben in den Rat gehen. Die beiden Männer grüßten einander sehr kühl und gemessen. »Ihr werdet Euch meines Besuches in Eurem Hause wundern, Herr Bürgermeister,« begann Meyenburg. Rodemann unterbrach ihn. »Ich weiß die Ehre zu schätzen, Herr Stadtschreiber von Nordhausen,« sagte er kalt. »Aber wollt Ihr mich sprechen, so müßt Ihr morgen wiederkommen. Ich habe jetzt auf dem Rathause zu tun. Oder sendet Euch Eure Stadt, so folgt mir.« »Mich sendet nicht meine Stadt, und ich komme nicht zu Euch,« entgegnete Meyenburg schroff, denn die Art des Mannes reizte ihn. »In Eurem Hause wohnt Herr Dotheus Lachensper aus Erfurt. Zu dem will ich.« Rodemann neigte ein wenig das hochgetragene Haupt. »Da kommt Ihr zu spät. Er ist vor ein paar Stunden gestorben.« Meyenburg stieß einen Ruf der Überraschung aus. Ein Ruf der Trauer oder des Schreckens war es nicht, das prägte sich deutlich auf seinem Antlitze aus. War ihm doch, als fiele eine schwere Last von seiner Seele. Rodemann betrachtete ihn verwundert. »Es scheint Euch nicht allzusehr leid zu tun,« sagte er trocken und fügte dann ebenso kalt wie vorher hinzu: »Habt Ihr ihm etwas zu zahlen oder etwas von ihm zu fordern, so kommt morgen früh zu mir. Ich habe es übernommen, für seine Tochter mich um seinen Nachlaß zu kümmern.« »Wo ist sie?« rief Meyenburg. »Was wollt Ihr von ihr? Kennt Ihr sie?« »Ich kenne sie und muß mit ihr reden!« »Das kann ich Euch nicht weigern,« sagte Rodemann nach einigem Besinnen. »Sie steht nicht unter meiner Mundschaft. Geht dort hinein!« Er nickte ihm hochmütig zu, wie ein reicher Mann einen Bettler verabschiedet, und verließ das Haus. In der Mitte des Gemaches, das Meyenburg betrat, war der alte Dotheus Lachensper aufgebahrt. Zu seinem Haupte brannten zwei Kerzen, zu seinen Füßen kniete Ursula, einen Rosenkranz in der Hand haltend, mit tiefgesenkter Stirn. Leise murmelte sie Gebete vor sich hin. »Ursula!« rief er und trat auf sie zu. Sie sprang empor und hing an seinem Halse und brach in ein Weinen aus, so bitterlich, so herzzerreißend, wie er es kaum jemals von einem Menschen gehört hatte. Die junge Maid fiel ihm ein, der er gestern abend noch die Kunde von ihres Verlobten Tod hatte bringen müssen, aber selbst die hatte nicht so wild und leidenschaftlich ihren Schmerz geäußert. Betreten schaute er auf sie hernieder. Was hatte das zu bedeuten? Nach der Erzählung der Muhme Barbara mußte Ursula ihren Vater mehr fürchten als lieben. Und nun? Wie kam sie zu einem solchen Ausbruch? »Trauerst du so um deinen Vater?« fragte er endlich leise. »Ich wußte nicht, daß du ihn so sehr geliebt hast.« Ursula antwortete nicht sogleich. Erst nach einer Weile gelang es ihr, sich so weit zu fassen, daß sie reden konnte. Dann sagte sie mit halberstickter Stimme: »Ja, ich traure um ihn. Aber viel mehr traure ich um uns beide, um dich und mich.« Meyenburg fuhr erschrocken zusammen. Eine böse Ahnung befiel sein Herz. »Was soll das heißen?« stammelte er. Ursula löste langsam ihre Arme von seinem Halse und trat von ihm zurück. Mit müden, schleppenden Schritten, das Haupt tief auf die Brust gesenkt haltend, ging sie hinüber auf die andere Seite des Totenlagers. Ihre Tränen waren versiegt, aber ihr Mund blieb stumm, als könne sie nicht reden. »Was heißt das, Ursula?« rief er noch einmal und machte Miene, ihr zu folgen. Aber er hemmte den Schritt, denn sie erhob beide Hände wie zur Abwehr, und ein Blick traf ihn aus ihren Augen so voller Schmerz und Jammer, daß er sich entsetzte. »Laß mich!« sagte sie leise. »Es muß vorüber sein! Zwischen uns muß es aus und vorüber sein.« Er stand zuerst wie erstarrt, dann schrie er auf: »Warum? Was trennt uns?« »Der hier!« erwiderte Ursula und wies auf die Leiche ihres Vaters. Wieder traf ihn ein jammervoller Blick, und dann hub sie an zu sprechen. Stockend und fast unhörbar kamen die Worte über ihre Lippen. »Mein Vater hat mir gebeichtet, ehe er starb. Er hatte vor Jahren eine große Sünde getan, weil er meine Mutter und mich und meine Schwester reich machen wollte, denn er liebte uns sehr. Da starb erst meine Mutter und dann meine Schwester, und seitdem packte ihn die Reue und die Angst. Er hatte keinen Frieden, ich wußte es lange schon, nur wußt' ich nicht, warum er so elend war. Nun aber hat er's mir gesagt in seiner Todesangst und hat mich damit bezwungen. Ich mußte ihm schwören, eine Nonne zu werden.« »Ursula!« stöhnte Meyenburg, »wie konntest du das tun?« »Ich konnte meinen Vater nicht mehr schreien hören in der Todesqual,« erwiderte sie, und dann fuhr sie, auf einmal hastig und überstürzt redend, fort: »Ach, Michael, vergib mir! Ich konnte nicht anders. Wärst du bei mir gewesen, so hätte ich vielleicht widerstanden. Aber ich war ganz allein, und sein Weinen und Schreien klang so schrecklich. Und die Sünde war auch um meinetwillen begangen. So tat ich ihm den Willen. Und nun geh, Michael. Gern wäre ich dein Weib geworden, aber wir dürfen nicht zusammenkommen. Fasse mich nicht noch einmal an! Küsse mich nicht mehr. Ich bin ja so schwach und muß doch stark sein, meinen Eid zu halten. Das ist meine heilige Pflicht.« »Nein!« rief Meyenburg. »Solche Eide sind wider die Natur und wider Gott. Seine Barmherzigkeit und Jesu Blut erlösen die Toten von der ewigen Pein, nicht unsere eiteln Worte. Was hilft es deinem Vater, wenn du dich in eine Zelle schließen läßt? Willst du ihm damit den Himmel verdienen? Meinst du das? So wisse, daß es Torheit und Narrheit ist. Denn es ist wider den Glauben. Oh, daß du die Schrift lesen könntest! Aber sie ist dir verschlossen.« »Michael!« rief Ursula und starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Du sprichst wie ein Ketzer.« Aber gleich darauf sagte sie sanft, indem ein trauriges Lächeln über ihr Gesicht glitt: »Du redest so, Lieber, weil du in tiefen Schmerzen bist. Du weißt wohl gar nicht, was du redest. – Und nun geh! Gehe von mir und sieh mich nicht so an! Ich bin ja so schwach!« Sie sank auf die Knie nieder, und als ob sie sich schützen wolle vor seinen Blicken, legte sie die Stirne vornüber auf das Bett des Toten. Ein Schluchzen, fast so heiß und schmerzlich wie vorher, drang an sein Ohr und machte, daß alle Bitterkeit aus seiner Seele verschwand und nur ein tiefes Erbarmen mit ihr noch Platz behielt in seinem Herzen. Sie war ihm verloren. Tage, Wochen, vielleicht Monate hätten dazu gehört, sie frei zu machen und herauszuführen aus den Gedanken und Meinungen, in die sie fest verstrickt war. Was er ihr jetzt noch sagen konnte, mußte vergeblich sein, ja, es konnte nur dazu dienen, sie in Angst zu versetzen um das Heil seiner Seele. Für seine neuen evangelischen Erkenntnisse war die arme gebundene Seele dieses jungen Weibes nicht reif. Ihr, die wähnte, ein heiliges Werk zu vollbringen, mußte alles, was er dagegen sagen konnte, wie Sünde und Lästerung klingen, und wenn er jetzt redete wie der Apostel einer – alles umsonst! Zwischen ihm und ihr stand der Eid, den der Tote da in grausamer Eigensucht gefordert hatte, und es war keine Möglichkeit, ihr klarzumachen, daß dieser Eid eine sündhafte Torheit war. So mußte er denn gehen, und der Traum von Liebe und häuslichem Glück, den er seit Monaten mit heißem Herzen geträumt hatte, mußte zu Ende sein. Einen Augenblick war es ihm, als sollte ihn der Schmerz übermannen, er hätte beinahe laut aufgeschluchzt. Aber es gelang ihm doch noch, sich zu fassen. Mit schnellem Schritte trat er auf die Kniende zu, beugte sich zu ihr hernieder und drückte einen Kuß auf ihr Haar. »Lebe wohl, Ursula!« sagte er mit heiserer Stimme. »Gott geleite dich! Vielleicht kommt doch noch ein Tag, der deinen Irrwahn zerbricht!« Dann stürzte er aus dem Gemache und verließ das Haus. Zweites Buch. I. In der Sankt Blasienkirche in Nordhausen war das Hochamt vorüber, und der Pfarrer Georg Neckerkolb hatte die Kanzel bestiegen. Befremdet ließ er seine Augen durch das Gotteshaus schweifen. Hier saß ein altes Weiblein, dort hinten ein junges Mädchen, drei oder vier Greise mit schlohweißen Haaren drückten sich seitwärts in den Bänken herum. Das waren die Leute aus der Stadt, die zum Gottesdienst gekommen waren. Für die hätte sich's kaum gelohnt, eine Predigt zu halten. Aber vorn in den Stühlen der Stiftsherren saßen zwei, die mit gespannter Miene zur Kanzel emporblickten, der Dekan Herr Johannes Anebeutel und der junge Vikar Christian Heune, und einige Knechte des Stiftes zum Heiligen Kreuz rekelten sich auf ihren niederen Sitzen, hatten die Beine weit von sich gestreckt und blinzelten schläfrig vor sich hin. So waren denn etwa zwölf Leute in der Kirche, darunter zwei von Bedeutung, und der Pfarrer konnte seine Predigt nicht ausfallen lassen, wie er in seinem ersten Ärger beabsichtigte. Ingrimmig öffnete er den gewaltigen Mund und tat das Dümmste, was er tun konnte: er klagte über den schlechten Kirchenbesuch, erinnerte daran, wie voll in vorigen Zeiten trotz der frühen Morgenstunde die Kirche gewesen sei und schimpfte weidlich über die Gottlosigkeit derer, die abwesend waren, es also nicht hören konnten. Das alles tat er im Anschlusse an das Evangelium vom guten Hirten, über das er heute am Sonntag Miserikordias Domini zu predigen hatte. Von da war es ihm ein leichtes, auf die Ursache der abscheulichen Unkirchlichkeit zu kommen, nämlich auf die lutherische Pest, die den Schafstall des Herrn befallen und schrecklich verwüstet habe, und damit war Herr Georg Neckerkolb in seinem Fahrwasser angelangt. Von da ab war es ihm gleich, wer und wieviel Menschen ihm zuhörten, er schüttete seine Wut aus zu seiner eigenen Befriedigung. Wie rollender Donner schallte seine Stimme durch die Halle der Kirche hin, und Herr Dekan Anebeutel stellte mit Befriedigung fest, daß nur noch einer in Deutschland so zu brüllen verstände wie dieser Mann, nämlich der große Doktor Johann Eck aus Ingolstadt, dem der Redner da droben in Wuchs, Größe und Breite, ja sogar in seinen Gesichtszügen merkwürdig ähnlich sah. Herr Anebeutel beglückwünschte sich innerlich dazu, daß er und sein Kapitel kraft ihres Besetzungsrechtes einen solchen Mann in die Pfarrstelle dieser Kirche berufen habe. Noch mehr wuchs seine Freude, als er mit fortschreitender Predigt sah, wie fest gegründet der Pfarrherr war in dem alten, allein selig machenden Glauben, und wie furchtlos er sich dazu bekannte. Es gehörte jetzt Mut dazu, in Nordhausen auf die neue Lehre zu schelten, das mußte wahr sein! Wie hatte sich die gute Stadt im Laufe der drei Jahre verwandelt! Voriges Jahr hatte er selbst es noch für ungefährlich gehalten, auf das Drängen eifriger Ratsmitglieder hin einen Anhänger der neuen Lehre in das Pfarramt der Petrikirche einzusetzen, wenigstens keinen Widerspruch gegen seine Einsetzung zu erheben. Denn dieser frühere Augustinermönch, Lorenz Süße, war ein stiller Mann, milden Sinnes und jeder Schroffheit abhold. Der mochte in seinem Predigtwinkel geduldet werden, man hatte von ihm nichts Böses zu erwarten. Aber dann war alles anders geworden. Es war einer aufgetreten in Nordhausen, der die Bürgerschaft aufregte, die Zaudernden und Schwankenden vom Rate zu Taten aufforderte und darauf hinarbeitete, der Lutherei den Sieg in der Stadt zu verschaffen. Das war der vermaledeite Michael Meyenburg, der nun seit einem Jahre einstimmig erwählter Syndikus geworden war. Schon hatte er es durchgesetzt, daß der Rat ein Edikt erließ, es solle in allen Kirchen der Stadt nun das neue Evangelium gelehrt werden, und daß er den Pfarrer Neckerkolb wegen seiner Angriffe auf dieses Evangelium ernstlich verwarnte. Aber siehe, der treffliche Pfarrer ließ sich nicht abschrecken, er achtete des Rates Verwarnung für nichts und donnerte auch heute gegen den Ketzer in Wittenberg, daß es eine Lust war, ihm zuzuhören. Mit einem wilden Eber, der den Weinberg des Herrn verwüstete, hatte er ihn schon verglichen, auch der übliche Vergleich mit dem Wolfe, der in die Herden der frommen Kirchenschafe eindringt, war schon vorüber, jetzt eben schilderte er ihn als die giftige Viper, die den in die Ferse sticht, der ahnungslos in ihre Nähe kommt. Da ereignete sich etwas Merkwürdiges: Herr Neckerkolb blieb mit weit aufgesperrtem Munde plötzlich stehen, und über das kirschrote Antlitz flog eine Blässe. Auch die beiden Herren des Domkapitels richteten sich auf und lauschten gespannt, und sogar von den vier Greisen erwachte einer, da die Stimme des Predigers mit einem Male erstarb, und schielte ängstlich nach der nahen Tür. Offenbar nahte der Kirche eine große Volksmenge, aber kein Laut war hörbar außer dem Aufstampfen vieler Füße auf hartem Erdboden. Jetzt flog die Türe auf, und ein gewaltiger Menschenstrom ergoß sich ins Innere, Männer und Frauen, nur die Kinder fehlten. Schweigsam und ernst drängten sich die Leute in die Bänke, viele fanden keinen Platz mehr und mußten stehen. Der Pfarrer auf der Kanzel wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Gutes für ihn sicherlich nicht. Es wurde ihm schwül zumute. Sah er nicht da und dort eine Waffe blinken? Oder täuschten ihn seine Augen? Jetzt öffnete sich die Tür noch einmal, und gefolgt von vier Stadtknechten trat Michael Meyenburg über die Schwelle. An seiner Seite schritt ein hochgewachsener Mann im schwarzen Talar. Als Neckerkolb den Verhaßten sah, wußte er, daß ihm ein übler Possen gespielt werden sollte. Aber nun kam auch ein erbitterter Trotz über ihn. Er war ein beherzter Mann und nicht so leicht ins Bockshorn zu jagen. Nein, er wollte zeigen, daß er sich ganz und gar nicht fürchte, und da nun vollends alles still und stumm blieb, so fuhr er mit einem Male in seiner Predigt fort, als wäre gar nichts geschehen und als nähme er an, alle diese Menschen seien zu ihrer Erbauung hierher gekommen. Zu seiner eigenen großen Überraschung ließ man ihn reden. Niemand unterbrach ihn. Mit noch größerem Erstaunen sah er, daß der Erzbösewicht Meyenburg mehrmals mit dem Kopfe nickte und ihn geradezu wohlwollend anschaute. Aber mit einem Male war sein Sermon zu Ende, denn plötzlich trat der Syndikus an die Stufen des Altarraumes heran, schritt hinauf und hub an, mit schmetternder Stimme das Lied zu singen: »Es ist das Heil uns kommen her aus Gnad und lauter Güte.« Allsogleich fiel die Menge brausend ein. Die einen sangen es aus dem Gedächtnis, die anderen zogen Zettel hervor, auf denen sein Text gedruckt war. Es leuchtete ein, daß der Auftritt gut vorbereitet war. Der Pfarrer verstummte einen Augenblick vor Ärger und Grimm. Dann versuchte er, den Gesang zu überschreien, mußte aber sofort einsehen, daß eines einzelnen Menschen Stimme, und wäre sie noch so durchdringend und machtvoll gewesen, so wenig gegen diese Flut der Töne ausrichten konnte wie gegen das Brausen der empörten Meereswellen. So schwieg er denn, und allmählich ging eine wunderliche Wandlung mit ihm vor. Er wurde blaß, sank in sich zusammen und verließ endlich die Kanzel wie ein gebrochener Mann. Es war, als läge etwas in diesem Liede, das ihn überwältigte. Als er drunten angekommen war, drehte sich Meyenburg nach seinen Mitbürgern um und erhob die Rechte. Sofort hörte das Singen auf. »Herr Georg Neckerkolb,« rief er dann laut zu dem Geistlichen gewendet, »ich habe Euch etwas zu künden in Vollmacht und Auftrag des ehrbaren Rates. Wir wußten, daß Ihr des Rates Botschaft an Euch nicht achten würdet, denn Ihr hattet es laut genug geäußert, daß Ihr heute, wie immer seither, schmähen wolltet auf die neue Lehre, der wir anhangen und auf den, der sie uns Deutsche gelehrt hat als ein wahrer Knecht und Prophet Gottes. Der Rat hat Euch wissen lassen, daß sein Schutz und Geleit Euch solle aufgekündigt sein, so Ihr das tätet, und ob Euch darüber etwas Tätliches begegne, könne und wolle er dazu nicht zu antworten schuldig sein. Ihr habt das alles in den Wind geschlagen, nun esset aus, was Ihr Euch eingebrockt habt. Ihr seid Eurer Pfarre verlustig und habt hier in Sankt Blasien nichts mehr zu verrichten. Der ehrbare Rat gebietet Euch durch meinen Mund, daß Ihr Euch von dannen hebet.« Dann trat er auf Herrn Johannes Anebeutel zu, der sich, von Überraschung und Ärger übermannt, in seinen gepolsterten Stuhl zurückgelehnt hatte und keines Wortes mächtig war. »Es ist gut, daß Ihr hier seid, Herr Dechant, das erspart mir den Weg zu Eurem Stifte. Der ehrbare Rat läßt Euch sagen durch mich: Ihr Herren vom Kapitel habt das Recht mißbraucht, das Euch von alters her zusteht über dieses Gotteshaus. Ihr solltet einen Pfarrer einsetzen, der Gottes Wort dem armen Volke predigen sollte. Aber Ihr habt einen eingesetzt, der Gottes Wort schmähet und mit Füßen tritt. So seid Ihr Eures Rechtes verlustig. Der Rat erkennt Euch nicht mehr an, nicht Euch und nicht Euer Kapitel, als Patron dieser Kirche. Er setzt von heute an die Prediger von Sankt Blasien selber ein. Darüber zur Urkund überreiche ich Euch diese Schrift.« Er nahm ein Papier, geschnürt und mit dem Siegel der Stadt versehen, aus der Tasche seines Mantels und bot es dem Dechanten dar. Der streckte die zitternde Hand danach aus, aber eine Hand legte sich hart auf seinen Arm, und eine zornbebende Stimme rief: »Nehmt es nicht an, Herr! Weist es zurück! Oder reißt es in Fetzen!« Der junge Vikar Christian Heune hatte den Ruf ausgestoßen und stand nun hoch aufgerichtet mit sprühenden Augen zwischen dem Greise, der auf seinem Sitze nach Fassung rang, und Meyenburg, der ihn mit einem kalten Lächeln musterte. Die beiden waren einst beim Becher gute Gesellen gewesen, ja eine Zeitlang hatte eine Art von Freundschaft zwischen ihnen bestanden. Dann waren sie Feinde geworden um des Glaubens willen und hatten einander gemieden, seit Meyenburg als Anhänger Luthers aus Worms zurückgekehrt war, und mehr noch, seit er in der Stadt für die neue Lehre geworben hatte. Zum ersten Male seit fast zwei Jahren standen sie einander wieder einmal gegenüber, und wie die Gesinnung des leidenschaftlichen Heune gegen ihn sich gewandelt hatte, das konnte Meyenburg in seinen Augen lesen. Der Haß, der ihm daraus entgegenflammte, verwunderte ihn fast. Er hatte sich in seinen Gedanken um den viel jüngeren Genossen seiner früheren Freuden wenig gekümmert und hatte auch wenig Anlaß dazu gehabt, da Heune weit über ein Jahr lang von Nordhausen fern gewesen war. Daher erwiderte er ruhig und unbewegt: »Gib Raum, Christian Heune, und menge dich nicht in Dinge, die dich nichts angehen. Der ehrbare Rat hat mir geboten, Herrn Anebeutel den Brief zu geben, und er ist dem Rate ebenso Achtung schuldig wie du und ich.« Heune antwortete zuerst mit einem harten Lachen. Dann trat er noch einen Schritt näher an Meyenburg heran und sagte höhnisch: »Du und Dein Rat habt einen übeln Tag ausgewählt. Gestern am Abend ist ein Abgesandter des Kaisers in die Domfreiheit eingeritten und hat uns einen Schutzbrief der Majestät gebracht. Gefreit ist das Stift Sanktae Crucis, wie es in alten Zeiten war, niemandem Untertan, denn allein dem Kaiser. Alle seine Rechte und Privilegien stehen fest und sind bestätigt. Wehe dem, der uns in unsere Rechte greift!« »Ich rate dir dennoch, dem Rate zu gehorchen, und Herrn Anebeutel rate ich dasselbe,« erwiderte Meyenburg ebenso kalt und gelassen wie vorher. »Der Kaiser ist in Hispanien, oder ist er zu dieser Zeit gerade in Italien oder sonstwo, hundert oder tausend Meilen von hier. Der Rat aber ist sehr nahe, und seine Knechte stehen hier.« »Ist der Kaiser weit,« rief Heune dagegen, »so ist doch ein anderer nicht allzufern, und seine Macht ist nicht gering. Herzog Georg von Sachsen meine ich. Unter seinen Schutz hat uns der Kaiser gestellt. Der dieser Stadt Schultheiß des Reiches ist, wird auch unsere Rechte achten, und er ist der Lutherei geschworener Feind.« Meyenburg überlegte ein paar Augenblicke, dann entgegnete er kurz: »Ich bin nicht hier, mit dir zu streiten. Ich frage Herrn Anebeutel zum anderen Male, ob er des Rates Brief nehmen will oder nicht.« Der alte Dechant erhob sich, er hatte halbwegs seine Fassung wiedererlangt. »Ich weigere mich dessen,« sagte er und atmete schwer, denn wenn er sich ärgerte, versagte ihm jedesmal die Stimme, und die Luft blieb ihm aus. Er stützte sich auf Heunes Arm. »Führt mich, Herr Konfrater, ich fürchte, die Gicht ist mir in die Füße gefahren.« »So frage ich Euch, wie sich's gebührt, zum dritten Male!« rief Meyenburg, aber der Dechant machte nur eine unwirsche Handbewegung und humpelte, von Heune geführt und von Neckerkolb gestützt, so eilig er konnte, von dannen. Seine Knechte folgten ihnen. Sie grinsten, denn da sie im Innern auch der neuen Lehre anhingen und nur des Soldes wegen im Dienste des Stiftes verblieben, so gönnten sie dem Pfaffen diese Demütigung von Herzen. Meyenburg steckte seinen Brief wieder in die Tasche und blickte den Abziehenden nach, denen das Volk widerwillig Platz machte. Dann reckte er sich auf und rief mit heller Stimme, indem er auf den Mann wies, der mit ihm gekommen war: ,Liebe Bürger von Nordhausen! Hier stehet Herr Magister Johannes Spangenberg, den ich mit Willen der Herren Bürgermeister und des ehrbaren Rates von Stolberg hergeholt habe, daß er ein Pfarrherr und Prediger sei an dieser unserer Kirche. Doktor Martinus Luther hat ihn uns selber empfohlen. Wollt ihr ihn als einen solchen annehmen, ihm alle schuldige Ehrerbietung und Liebe bezeugen?« »Ja! Ja!« schrie es von allen Seiten. »Und Ihr, Herr Magister,« fuhr Meyenburg fort, »wollt Ihr zu dieser Gemeinde stehen als ein echter Pfarrherr? Nicht so, wie die Diener des Antichrists seither gewesen, die nach nichts anderem Lust und Gier hatten, als die Schäflein zu scheren, die sie werden sollten, sondern als ein Diener unseres Herrn Jesu Christi, der nichts will und begehrt, als den ihm anvertrauten Seelen zur Seligkeit zu verhelfen durch das heilige Evangelium?« »Das will ich, Herr Syndikus, so wahr mir Gott helfe!« erwiderte Spangenberg und ergriff Meyenburgs ausgestreckte Rechte. »So bestelle ich Euch in Vollmacht des ehrbaren Rates, der mir das übertragen hat, im Namen des dreieinigen Gottes zu einem Pfarrherrn und Prediger dieser Gemeinde. Steiget auf unsere Kanzel, Herr, und legt uns das Wort Gottes aus, wie es uns Martinus Luther, der teure Mann, wieder ans Licht gebracht und verdeutscht hat.« Unverzüglich klomm Johannes Spangenberg die steile Treppe empor, nahm Luthers deutsches Neues Testament, das er unter dem Arm getragen, zur Hand und las der Gemeinde das Evangelium vom guten Hirten vor. Dann begann er seine Predigt. Unterdessen waren die beiden Priester an der Domfreiheit angelangt. Es war dem jungen Vikar nicht leicht geworden, Herrn Johann Anebeutel bis hierher zu bringen, denn dem versagten die Füße mehr und mehr den Dienst. Er war vor Ärger und Verdruß krank geworden, die Galle war ihm ins Blut getreten, so daß er mehrmals ächzte und stöhnte und sich mühsam, von Heune gestützt, vorwärts bewegte. Am Tore trafen sie den kaiserlichen Abgesandten, der gestern zu ihnen gekommen war und sich soeben zu einem Gange in die Stadt anschickte. Der machte große Augen, als er den Dechanten, mit dem er am vorigen Abend weidlich gezecht hatte, in diesem Zustande sah. Er hielt ihn zunächst für betrunken, denn er hatte schon zu jeder Stunde des Tages deutsche Prälaten des süßen Weines voll gesehen. Deshalb begann er in ganz ungeziemender Weise zu lachen und rief dem Vikar ein Scherzwort zu. Aber Heune, noch immer erregt und außer sich, klärte ihn unwillig mit fliegenden Worten über den Hergang auf. Des kaiserlichen Rates Augen wurden noch größer, und sein Antlitz nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. »Wie?« rief er, »stehet es auch hier also? Und Michael Meyenburg ist, wie Ihr sagt, der Anstifter und Rädelsführer dieses Handels?« »Wie er die Grundsuppe alles Bösen, der Stein des Anstoßes, der Fels des Ärgernisses ist in dieser Stadt,« rief Heune wütend. »Seit zwei Jahren wühlt er im Dunkeln und trägt das Gift der Ketzerei in alle Häuser. Alles hört auf ihn, denn er ist ein Meister der glatten Rede. Den ganzen Rat hat er abtrünnig gemacht, es ist kaum einer der Herren, der noch festhält an unserem heiligen Glauben. Heute ist nun die Beule der Ketzerei aufgebrochen!« Ein Stöhnen des Dechanten machte, daß er sich in seiner Rede unterbrach und den Greis fester umfaßte, der schwer, wie leblos, an seinem Arme hing. Der kaiserliche Rat zog die Stirn bedenklich in Falten. »Ich muß dennoch zu ihm,« sagte er, »denn ich habe an ihn eine Botschaft des römischen Königs.« Heune prallte zurück. »Des römischen Königs? An ihn persönlich?« stammelte er. Der Rat nickte. »Ganz persönlich.« »Und darf man wohl wissen –« »Sie ist sekret,« schnitt ihm der Rat das Wort ab. Ein erneutes Stöhnen Herrn Anebeutels verhinderte den Vikar, einen weiteren Versuch zur Stillung seiner Neugier zu unternehmen. Er mußte sorgen, daß der Kranke ins Bett kam und ein Medikus geholt wurde. Herr Johann von Bell, der Stadt-Physikus, wohnte in der Nähe. Zu dem mußte unverzüglich gesandt werden, daß er dem Dechanten zur Ader lasse, denn bei Herrn Anebeutels Alter und stattlichem Leibesumfange war ein Schlagfluß sehr zu befürchten. So verneigte er sich kurz und schleppte Herrn Anebeutel dem Hause zu, indem er einem der Knechte befahl, den Erkrankten am anderen Arme zu fassen und einen zweiten aussandte, den Doktor herbeizurufen. Der Ausdruck seines Gesichts, in dem sich Ärger und Neugier stritten, war so wunderlich, daß der kaiserliche Rat ein Lachen verbeißen mußte. Als höflicher Mann wünschte er dem Dechanten schnelle Genesung und ließ sich dann von einem der Knechte des Stiftes, den er mitgenommen, das Haus des Syndikus zeigen. So kam es, daß Michael Meyenburg, als er aus der Kirche heimkehrte, einen Gast vorfand, dessen Ankunft er nicht im Traume vermutet hätte. Er fand ihn hinter einem Bierkruge sitzend, den die Schaffnerin ihm auf den Tisch gestellt hatte, und vertieft in ein kleines dünnes Büchlein, in dem er gestern abend gelesen und das er hier hatte liegen lassen. Freudig bewegt eilte er auf ihn zu. »Hans Obernburger!« rief er. »Wie kommst du hierher? Ach, du bist wohl der Abgesandte des Kaisers, der gestern bei den Kreuzpfaffen eingeritten? Nun, Gott willkommen!« Der kaiserliche Rat Obernburger erwiderte seinen Gruß mit großer Herzlichkeit. »Ja, der bin ich,« sagte er dann. »Und, o Michael, was mußt' ich von den Stiftsherren hören? Du erregst Aufruhr in der Bürgerschaft dieser guten Reichsstadt gegen die Kirche?« Er hob das Buch, das vor ihm lag, und in einem Tone, als ob er einem weinerlichen Prediger nachahmen wolle, fuhr er fort: »Und hier? Was sehe ich? Und dort an der Wand? Lauter Schriften des Ketzers aus Wittenberg! Du scheinst mir auf einem übeln Wege, Freund Michael, und wirst ins zeitliche und ewige Verderben fahren, wenn du nicht umkehrst und Buße tust!« Meyenburg lachte. Er nahm ein Glas aus einem Schranke, schenkte es voll und erhob es. »Auf deine Gesundheit, lieber Freund! Ich sehe, du bist noch der Alte, immer zu Scherz und Schwank aufgelegt, obwohl du kaiserlicher Rat geworden bist, wie du mir ja geschrieben hast. Ein schönes Amt! Mögest du es noch recht lange bekleiden und immer höher steigen!« Obernburger tat ihm Bescheid und sagte dann, plötzlich ernst werdend: »Es steht allein in deiner Hand, ob du in Bälde mein Collega sein willst, oder nicht.« Meyenburg blickte ihn verwundert an. »Was meinst du damit?« »Setze dich nieder, Freund!« erwiderte Obernburger nun sehr ernst. »Ich habe eine Botschaft vom römischen König Ferdinandus, dem Bruder des Kaisers, an dich.« »An mich?« »Es ist so. Der römische Kaiser läßt dich durch mich fragen, ob du nicht willst in seine Dienste treten.« Meyenburg saß wie versteinert. »Ich? Wie kommt der Herr dazu?« Obernburger blickte sich vorsichtig um und dämpfte die Stimme, als ob er einen Lauscher an der Tür vermutete. »Ich antworte dir im Vertrauen, Freund. Der Herr hat die Meinung, daß niemand ihm so treu diene als Leute, die seines Blutes sind. Es gibt deren, wie du weißt, eine ziemliche Anzahl, denn der selige Kaiser Max war kein Verächter der Weiber. Nun hat man den römischen König darauf gebracht, auch du wärest wohl einer von dem Blute seines Großvaters.« Meyenburg lachte dröhnend. »Man hat ihn darauf gebracht?« rief er. »Du hast ihn darauf gebracht, Freund, du und kein anderer. Das sollst du mir eingestehen.« Obernburger nickte. »Lache nicht,« sagte er. »Ich möchte beinahe meinen Hals verwetten, daß etwas an der Sache ist. Der Frundsberger hat mich auf eine Spur gebracht, der bin ich nachgezogen. Ich habe erkundet, daß dein Vater mit deiner Mutter im Winter in unser Dorf gekommen ist. Vier Monde später wurdest du geboren. Vorher war deine Mutter im Hause des Jacob Fugger in Augsburg, und Anno neunzig hat der Kaiser da geweilt. Vor Weihnachten hat ein Priester deinen Vater und sie zusammengegeben, dann sind die beiden aus der Stadt gezogen. Was meinst du dazu, Michael?« Meyenburg antwortete nicht sogleich. Er saß in tiefes Nachdenken versunken, während ihn Obernburger schweigend beobachtete. »Woher weißt du das alles?« fuhr er plötzlich auf. »Wer kann das bezeugen?« »Manches wußte Pater Speratus, unser alter Lehrer, den ich darüber befragte. Er schien noch mancherlei zu wissen, aber es war ihm wohl in der Beichte gesagt, und so schwieg er darüber. Aber er wies mich nach Augsburg zu einem Priester, der ihm bekannt war, und als ich mit dem römischen Kaiser in der Stadt war, hörte ich noch mancherlei. Es ist mir kaum ein Zweifel, Freund, daß der Frundsberger mit allem Rechte vermeinte, du habest Habsburgisch Blut in deinen Adern.« Zu Obernburgers Erstaunen zeigte seines Freundes Miene durchaus nicht den Ausdruck freudiger Überraschung, den er erwartet hatte. Ernst, fast finster blickte Meyenburg vor sich hin. Endlich sagte er: »Das Andenken meiner Mutter haftet verworren und trübe in meiner Seele. Aber es ist mir, als fiele ein Flecken auf sie durch diese Geschichte.« Der kaiserliche Rat schaute ihn wie ungläubig von der Seite an. Nichts hatte er weniger erwartet als diese Auffassung. »Aber lieber Freund!« rief er. »Was ficht dich an! Wenn die Großen der Erde sich einem Weibe zuneigen, fällt da nicht immer ein Glanz auf sie?« »Ich habe nicht viel des Glanzes gesehen, da ich ein Kind war,« entgegnete Meyenburg. »Meine Eltern waren arm, und kein Kaiser hat sich um sie gekümmert.« »Wer weiß, wie das zugegangen ist. Wer weiß, was damals geschehen ist!« sagte Obernburger. »Wir können es nimmer wissen, warum sie aus Augsburg fortgezogen ist.« »Ich meine, wir wissen aller Wege nichts Sicheres, und nichts läßt sich erweisen. Ich glaube auch nimmer, daß es wahr ist. Sage das dem römischen König.« Obernburger schnellte empor. Er geriet jetzt in wirkliche Aufregung über diese Hartnäckigkeit seines Freundes. »Aber Michael, sei kein Narr!« rief er. »Was verschlägt es, ob die Sache wahr ist oder nicht? Genug, wenn es der König glaubt, und wenn er dich sieht und reden hört, wird er es noch fester glauben. Mach dir zunutz, was die Schickung des Lebens dir in den Schoß werfen will. Warum willst du das Glück, wenn es kommt, dich zu besuchen, vor deiner Tür stehen lassen oder gar von dir stoßen?« »Ist es wirklich ein Glück? Ich weiß es nicht,« erwiderte Meyenburg tief nachdenklich. »Wohl weiß ich mich zu bücken und zu schmiegen, wenn's einmal sein muß. Aber immer möcht' ich's nicht.« »Du bist nicht immer um die Majestät. Und bückst du dich vor einem, so bücken sich dann viele hundert Leute vor dir. Mußt du dich nicht auch bücken vor deinem Rate?« »Nicht sehr,« entgegnete Meyenburg lächelnd. »Die Herren lassen mir in allen Stücken freie Hand. Sie dulden es auch, daß alle Grafen und Fürsten in weiter Runde meinen Rat suchen und meine Hilfe in allen Händeln des Rechtes. Ja, es ist ihnen sogar lieb, denn sie wissen wohl, daß ich dabei auf der Stadt Bestes sehe. Ich habe davon großen Nutzen und stehe mich gut. Du siehst das neue Haus, das ich mir gebaut habe, und es liegen keine Schulden darauf.« »Ja,« unterbrach ihn Obernburger, »dies Haus ist schön, nur die Patrizier in Nürnberg und Augsburg haben schönere Häuser. Und daß du hier Geld und Gut gewinnst, das weiß ich schon aus deinen Briefen. Aber Freund, auch ich werde reich und wohl mit der Zeit noch viel reicher als du. Siehe zum Exempel: jetzt schickt mich die Majestät im Reiche umher, daß ich ihre Gnadenbriefe den Pfaffen überbringe. Gestern bin ich hier eingeritten, heute reite ich in Walkenried ein, dann fahre ich nach Goslar und noch in viele Orte, war auch schon in vielen. Allerorts reicht man mir ein stattlich Gastgeschenk, so daß ich wohl tausend Gulden habe und mehr, wenn ich heimkehre. Dabei werd' ich allenthalben so wohl gehalten, daß ich kaum einen Abend bin nüchtern gewesen. Und so gibt es manch schöne Gelegenheit. Nimmt man die Umstände wahr und hat man die Gnade der großen Herren, so kann man viel Geld verdienen. Sei kein Narr, zieh' mit mir. Du wirst bald neben mir stehen, und ich neide dir's nicht. Wir wollen uns vielmehr trefflich in die Hände arbeiten.« Meyenburg schüttelte den Kopf. »Hätte ich die Gnade deiner großen Herren, ich würde sie schwerlich lange behalten.« »Warum nicht? Du hattest doch immer die Gabe, dich allen Leuten lieb und angenehm zu machen? Du wirst dem römischen König sicherlich wohlgefallen.« »Nicht lange,« wiederholte Meyenburg. »Denn bald würde er merken, daß ich in Sachen der Religion anders denke als alle seine Schreiber und Räte und würde mich aus seinen Diensten jagen, wenn mir nicht noch Schlimmeres begegnete.« Obernburger lachte. »Wie meinst du denn, Freund, daß wir über die Religion denken?« fragte er. »Hast du mir nicht Briefe geschrieben, in denen du mich batest, abzutreten von der Sache Doktor Luthers? Ich weiß also gar wohl, wie du, Gott sei's geklagt, über die Religion denkst, und die anderen werden die gleiche Meinung haben.« Obernburger sah ihm starr ins Gesicht. Um seine Mundwinkel zuckte es, und er brach in ein lautes Lachen aus. »O Michael,« rief er. »Trätest du in den Dienst der Majestät und wolltest du mein Collega werden, so müßtest du doch noch mancherlei lernen, so klug du auch bist. Ein Mann, der die Welt kennt, schreibt nur das in Briefen, was andere Leute auch lesen dürfen, denn sie fallen ja oft in anderer Leute Hand. Aber hier, wo wir allein sind, sage ich dir: wenige unter uns zweifeln daran, daß der Wittenberger im Recht ist. Kann er doch alles, was er lehrt und predigt, aus der Schrift beweisen. Das können seine Gegner nicht. Er sitzt in der Schrift, sie sitzen daneben.« Meyenburg blickte ihn so verblüfft an, daß Obernburger von neuem lachte. Er warf sich in den Stuhl zurück, und sein spitzes Bäuchlein schüttelte vor Lachen. »Und wie denkt der Kaiser und sein Bruder?« fragte Meyenburg. »Der Kaiser ist ein Spanier, damit ist alles gesagt. Jede Neuerung in Sachen des Glaubens ist diesem Volke die schwerste Todsünde. In Herrn Ferdinandus ist das deutsche Geblüt mächtiger; aber auch er ist dem Luther feind.« »So denkt ihr anders als eure Herren?« »Das Denken kann uns niemand verwehren.« »Aber sagen dürft' ihr's nicht?« Obernburger hieb mit der Hand einen schnellen Strich durch die Luft. »Muß man denn immer sagen, was man denkt? Man fährt besser in der Welt, wenn man seine Meinung für sich behält. Solche Leute, wie Doktor Luther, sind doch, so gelehrt sie sind und ein so hohes Ingenium sie haben, am Ende nur Narren, denn sie meinen, die Welt bessern zu können. Die Welt will nicht gebessert sein und wird auch nie gebessert. Die Menschen bleiben immer, was sie sind, und was einer auch Neues aufbringt – und wenn er sich dafür rösten und kreuzigen ließe – im letzten Grunde bleibt alles beim alten. Wer das erkannt hat, der weiß, was er zu tun und zu lassen hat. Es betrübt mich, lieber Freund, daß du hier so eifrig vorgegangen bist, und daß man dich ausschreien wird als den, der diese Stadt dem Luther zuführen will. Das müßte vertuscht und bemäntelt werden vor dem römischen König, der jetzt anstatt des Kaisers das Regiment führt im Reiche, wenn du in seine Dienste treten wolltest, was ich immer noch hoffe.« »Nein!« rief Meyenburg und erhob sich rasch. »Schilt mich einen Narren, wenn du kannst, aber verlange nicht, daß ich dir folge. Ich habe am Hofe des römischen Königs nichts zu tun und könnte nimmer dort bleiben. Die Wahrheit, die ich erkannt habe, die will ich auch bezeugen. Ich kann nicht anders. Es ist meine Natur so. Eine Zeitlang könnt' ich wohl schweigen von dem, wessen mein Herz voll ist, aber nicht auf die Dauer, sonst würd' ich ersticken. Kannst du verschweigen, was du für wahr hältst, ich kann es nicht. Die Ehren dieser Welt und ihre Freuden verachte ich nicht, aber das Licht des Glaubens, das mir aufgegangen ist, achte ich noch höher als sie und will das vor aller Welt vertreten.« Obernburger gab keine Antwort. Er schüttelte den Kopf und schüttelte ihn immer wieder. Endlich sagte er mißmutig: »Ich hätte dich für klüger gehalten, und mich reut, daß ich den Handel angerührt habe.« Meyenburg faßte seine Hand. »Es tut mir leid, daß ich dir nicht folgen kann. Doch ich kann nicht, ich passe nicht dorthin. Aber danken will ich dir, daß du so ohne allen Eigennutz für mich hast sorgen wollen. Du wolltest dir einen an die Seite setzen, der dich hätte beeinträchtigen können in deines Herrn Gunst. Das muß ich dir hoch anrechnen. Bleibe auch fürder mein Freund, Hans, darum bitt' ich dich.« »Das brauchst du nicht. Wenn ich mich auch ärgere an deiner Narrheit, so bleib' ich doch dein Freund, und der römische König soll dir deine Weigerung nicht nachtragen, dafür werde ich sorgen. Weißt du noch, wie du den Hofhund würgtest, der mich zerreißen wollte bei Cöln, da wir als Schüler unsere Straße zogen? Das vergeß ich dir nimmer, und wenn ich dir nützen kann, so tue ich's. Gehab dich wohl, Michael, und Gott schütze dich, wenn es über den Luther hergehen sollte und über die, so ihm anhangen. Du gehst einen gefährlichen Weg. Gehab dich wohl. Geleite mich auch nicht. Ich muß wieder zu meinen Pfäfflein.« II. Hinter der Offizin der Nordhäuser Ratsapotheke befand sich ein geräumiges Zimmer. Hohe Schränke aus Eichenholz zogen sich an den Wänden hin. Sie waren vollgepfropft mit Flaschen und Büchsen, die heilsame Tränke und Kräuter in sich bargen, seltsam geformten Steinen und wunderlichen Dingen, darunter den Schädel eines riesigen Affen aus dem heißen Lande Afrika, den einst Herr Blasius Michel, der Ratsapotheker, auf seiner Fahrt nach Italien in der Stadt Bologna für schweres Geld erhandelt haben wollte. Der Bürgermeister Johann Herbitzhausen, der mit einem bösen Mundwerk gesegnet war, behauptete allerdings, er stamme aus der Nähe und sei der Schädel eines Mansfelders, denn darauf deute die Dicke der Hirnschale und das starke Gebiß. Es lag aber am Tage, daß er damit nur Herrn Blasius aufziehen wollte, dessen Geschlecht aus der Grafschaft Mansfeld gebürtig war. In diesem Zimmer versammelten sich in der Dämmerstunde alltäglich die gewichtigsten Männer der Stadt, Ratsherren und Bürgermeister und wer sonst durch Bildung oder Reichtum hervorragte. Die Herren saßen um den gewaltigen Tisch herum auf Stühlen, die roh gezimmert waren, aber alle eine Lehne hatten. Wer zu spät kam und nicht trotzdem um seines Ansehens willen einen Platz an dem Tische eingeräumt erhielt, mußte sich mit der Holzbank am Ofen begnügen. Hier wurde unter der Hand über alle möglichen Angelegenheiten der Stadt beraten, und gar manchmal wären die Sitzungen auf dem Rathause gar nicht nötig gewesen, da man ja alles in der Ratsapotheke schon vorher beschlossen und festgelegt hatte. Heute an einem stürmischen, kühlen Märzabend waren vor der Hand nur zwei Gäste in dem Gemache anwesend, allerdings zwei sehr gewichtige, der Altbürgermeister Thomas Sack und der zurzeit worthabende Bürgermeister Conrad Ernst. Von Sack konnte der Ausdruck gewichtig auch in wörtlichem Sinne gelten, er war ein starker, schwerer Mann von gewaltigem Leibesumfang, der sehr häufig am Zipperlein litt. Um es ferne zu halten, hatte ihm der weise und gelehrte Physikus der Stadt geraten, zu seinem Biere immer ein Gläschen des Branntweines zu trinken, der seit etwa zehn Jahren in Nordhausen selber hergestellt wurde. Herr Thomas Sack folgte diesem Rate mit großer Bereitwilligkeit und ließ eben wieder ein nicht ganz kleines Glas der wasserklaren Flüssigkeit seine Kehle hinabgleiten. »Wohl bekomm's!« sagte der hagere Bürgermeister Ernst, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen dabei betrachtete. »Ich glaube, Gevatter, du säufst dir mit dem Teufelszeuge noch den Tod an den Hals. Der Esel, der Physikus, hat dir da was Schönes geraten. Und überhaupt sollte man verbieten, daß das beizende Wasser in Nordhausen gebrannt wird.« »Was?« erwiderte Sack und stellte entrüstet sein Gläschen auf den Tisch, so daß es um ein Haar zerbrochen wäre. »Was schwatzest du da? Du redest so, weil du das Wässerlein nicht vertragen kannst, sintemal dir sein Geist allsogleich in deinen Schädel steigt und dich trunken und taumeln macht.« »Das geht noch manchem so,« warf Ernst ein. »Manchem, ja, aber nicht allen,« rief Sack unwillig. »Warum sollen immer die Menschen, die etwas vertragen können, sich nach denen richten, die nichts vertragen? Ging's nach mir, so würden alle die Beschränkungen aufgehoben, die besagen, daß dieses Wasser nur soll in geringer Menge gebrannt werden. Das wäre etwas für den Handel unserer Stadt. Wie Erfurt reich wird durch seinen Wald, so sollte Nordhausen reich werden durch seinen gebrannten Wein!« Der Bürgermeister Ernst machte ein sehr bedenkliches Gesicht. »Gerade jetzt wäre die Zeit dazu übel gewählt. Man müßte jetzt, meine ich, sogar das Ausschenken des Bieres verbieten, zumal in den kleinen Schenken der Stadt. Denn es erhitzt nur die Köpfe, und es sind in Nordhausen sehr viel Köpfe allzu heiß. Mir ist's zuweilen als säßen wir Herren vom Rat auf einem Fasse voller Pulverkraut, und die Zündschnur wäre schon angesteckt, uns in die Luft zu schießen.« Thomas Sack lehnte sich in seinen Stuhl zurück und brummte mißvergnügt vor sich hin. »Du siehst wohl allzu schwarz,« sagte er endlich. »Nordhausen ist nicht Mühlhausen, Gott sei's gedankt. Unsere Bürger sind nicht so rebellisch, wie jene. Hast du Neues gehört, Gevatter, von Mühlhausen? Wie steht es dort?« »Man hört nur Verworrenes. Aber schlecht steht's dort, sehr schlecht. Sie wollen den Bürgermeister Rodemann, der aus der Stadt entwichen ist, nicht wieder bei sich aufnehmen, auch die Ratsverwandten nicht, die mit ihm geflohen sind. Sie achten auch nicht auf die Briefe, die ihnen deshalb Herzog Georg geschrieben hat. Sie sind, so mein' ich, vom Teufel besessen, seitdem der Allstedter Pfaffe, der Thomas, wieder bei ihnen seinen Einzug gehalten hat. Du weißt, was er predigt: die ersten sollen die letzten sein. So will er das tausendjährige Reich aufrichten, von dem die Schrift weissagt, und Mühlhausen soll seine Hauptstadt werden. Wir werden noch viel erleben, Gevatter, aber nichts Gutes. Denke an mich, wenn's eintrifft. Von Mühlhausen zieht ein Wetter heran, mag wohl halb Thüringen verwüsten und auch unsere Stadt nicht schonen.« »Du siehst zu schwarz, Gevatter, du siehst zu schwarz!« entgegnete Sack, aber er machte doch ein sehr bedenkliches Gesicht, und es wurde immer bedenklicher bei dem, was nun sein jüngerer Freund sagte. Seine Stimme zum Flüstern dämpfend, neigte er sich über den Tisch zum Altbürgermeister hinüber, und raunte ihm zu: »Du weißt noch nicht, was ich weiß. Auch bei uns gibt's schon Rotten. In der Nacht vor Sankt Thomä haben sich etliche bei Hans Kehner versammelt. Der Berthold Helmsdorf war dabei und Hans Sander, die anderen kenne ich nicht. Da haben sie geredet, es müsse eine andere Zeit kommen, man solle mit denen von Mühlhausen verhandeln, daß sie auch dürften in ihre Brüderschaft eintreten. Der Rat müsse abgesetzt, einige aus der Stadt verbannt werden, und den Ratsherrn Lindemann, dem der Kehner und der Helmsdorf sonderlich feind sind, weil er sie einmal hat im Turm büßen lassen, den solle man köpfen.« Die letzten Worte hatte er unwillkürlich laut gerufen und blickte sich nun erschrocken um, ob sie wohl jemand gehört haben könne. Aber aus der Offizin nebenan erklang nur das Stampfen des Mörsers, in dem der Subjekt des abwesenden Ratsapothekers irgend ein Kraut oder Korn bearbeiten mochte. So wandte er sich wieder dem Greise zu, auf den seine Worte eine geradezu erschreckende Wirkung ausgeübt hatten. Sein rötliches Antlitz war blaß geworden, und die zitternden Lippen standen weit voneinander gesperrt, so daß er zunächst gar nicht reden konnte. Erst nach einer Weile brachte er die Frage zustande: »Woher weißt du das?« »Von Meyenburg,« erwiderte Ernst. »Der hat seine Augen und Ohren überall, sieht alles, hört alles, weiß alles. Was er mir sagt, glaub' ich unbesehen.« Der Altbürgermeister nickte und stöhnte dabei, »Es wird so sein. Und was wollen wir tun?« »Still,« sagte Ernst. »Es kommt einer. Ich höre draußen einen schweren Tritt.« Beide blickten gespannt nach der Tür, in der gleich darauf ein hochgewachsener Mann erschien. Ein großer Mantel, dessen Kragen emporgeschlagen war, verhüllte ihn, aber der Bürgermeister erkannte ihn an der Art, wie er die Tür aufmachte. »Sieh da, Herr Syndikus!« sagte er. »Wenn man den Wolf nennt, so kommt er gerennt. Es ist doch sonderlich, wie oft die Sprichwörter eintreffen. Eben hatte ich Euren Namen genannt. Wie seht Ihr denn aus? Über und über wie ein Schneemann.« »Märzschnee,« erwiderte Meyenburg, seinen Mantel schüttelnd. »Morgen leckt ihn die Sonne weg, wenn auch heute die Frau Holle tüchtig ihre Federn ausschüttet. Und das ist gut, denn ich habe eine Reise vor in aller Frühe, wozu ich Euch um Urlaub bitten will, Herr Bürgermeister.« »Wo wollt Ihr hin? Gewiß zum Grafen nach Mansfeld?« fragte Ernst. »Oder zum Hohnsteiner?« »Nein, Herr, diesmal nicht. Ich will nach Mühlhausen.« Beide Männer am Tische stießen einen Ruf des Erstaunens aus, der fast wie ein Schreckensruf klang. »Was?« rief Ernst, »in das Teufelsnest? Wißt Ihr denn, wie's da aussieht? Vielleicht haben sie ihren Rat schon abgesetzt, und Münzer ist König des neuen Zion geworden, und sie sind gerade dabei, die zu hängen, die Geld und Ehren haben! Wißt Ihr was darüber? Ihr hört ja das Gras wachsen!« »Ihr werdet gleich verschiedenes hören, zuvor aber erlaubt, daß ich mir ein Bier bringen lasse. Ich sitze ungern trocken.« Er schlug an die Tür, die nach der Offizin führte, und sogleich erschien der Lehrling des Ratsapothekers und fragte nach der Herren Begehr. »Drei Krüge!« rief ihm der Altbürgermeister entgegen. »Und nicht zu kleine! Und gut gemessen!« Als das Gewünschte gebracht war und Meyenburg neben Sack am Tische saß, begann er: »Ich habe eine neue Zeitung von Mühlhausen. Noch ist der Rat in seinem Amt, aber die Propheten Münzer und Pfeifer haben alle Gewalt. Sie haben das ganze Volk toll und trunken gemacht mit ihrer Alfanzerei, so daß es in ihren Händen ist wie weiches Wachs. Nächste Woche wollen sie ihren Rat absetzen und einen ewigen Rat küren, der nicht wechseln soll wie bisher, sondern immer am Regimente bleiben. Nur kleine Leute allein sollen hineinkommen. Der alte Rat aber soll Rechenschaft ablegen vor der ganzen Gemeinde, und so erfunden wird, daß einer auch nur einen Groschen verwendet hat zu eigenem Nutzen oder wider den Nutzen der Stadt, dem soll der Kopf vor die Füße gelegt werden.« Erschrocken blickten Ernst und Sack einander an und sagten zunächst gar nichts, dachten aber beide das nämliche. Sie hatten beide im Mühlhauser Rate Freunde und Verwandte und wußten, daß die jetzt der Hals jucken mochte, denn ganz unsträflich und nur zum Nutzen der Stadt hatte schwerlich einer von ihnen sein Amt geführt. Es gab so mancherlei Rechte und Gewohnheiten, die den Herren vom Rate die Möglichkeiten boten, Gewinne zu machen, die ihnen eigentlich nicht zustanden. Das war in jeder Stadt so, war auch bei der Art der menschlichen Natur kaum zu vermeiden, und in Mühlhausen war es besonders schlimm gewesen. »O je, o je!« seufzte endlich Sack. »Jetzt kommt's zutage, wie klug der Rodemann war, daß er sich aus dem Staube machte, als es noch Zeit war! Jetzt werden sie keinen mehr aus den Toren lassen.« »Das werden sie wohl nicht. Darin mögt Ihr recht haben,« erwiderte Meyenburg. »Wegen des Rodemann aber bin ich anderer Meinung. Nur die Obrigkeit geht zugrunde, die sich selber aufgibt. Damals, als er aus der Stadt floh, war es noch Zeit, das Unwesen zu dämpfen. Aber je hochfahrender einer ist, um so feiger ist er auch gewöhnlich. Doch solches nur nebenbei! Ich habe noch eine andere Kunde, Ihr Herren, die geht uns weit mehr an. Die Propheten wollen eine Heerfahrt machen über die ganze güldene Aue und über das Eichsfeld hin. Ihr wißt, wer meine Freunde sind in Mühlhausen, und daß ich ihnen sicher vertrauen kann. Das ganze Land soll mit der Schärfe des Schwertes unter das Wort Münzers gebeugt werden. Wer widerstrebt, soll seinen Kopf verlieren. Die Propheten wollen das Fähnlein wieder aufrichten, in dem der Bundschuh steht!« Noch erschrockener als vorher blickten die beiden Stadtväter einander an. Das Gesicht des Bürgermeisters Ernst war ganz grau geworden. »Da werden sie gewißlich auch zu uns kommen,« stöhnte er. »Und sie haben Freunde in unseren Mauern! Was soll das werden?« »Wir müssen Gewißheit haben, wie die Sache steht,« versetzte Meyenburg. »Wir müssen wissen, wohin der Aufruhr sich richten soll, auf daß wir unsere Maßregeln treffen. Wagt sich einer nach Mühlhausen, so kann er vieles erfahren, wenn er klug verfährt. Der Mann will ich sein, und ich meine, Ihr Herren, Ihr habt keinen, der dazu geschickter ist.« »Da redet Ihr recht,« rief der Bürgermeister. »Aber sollen wir unseren besten Mann in die Wolfshöhle schicken? Laßt die Hände davon, Syndikus, denn es könnte Euch an Hals und Kragen gehen, und das wäre in dieser Zeit ein absonderlicher Schade für unsere Stadt. Wir wollen einen anderen entsenden.« »Wißt Ihr einen, so nennt mir ihn,« erwiderte Meyenburg. Der Bürgermeister dachte nach und kratzte sich hinter dem Ohr, blickte dann fragend und ratlos zu Sack hinüber, ob der ihm einen in Vorschlag bringen könnte, aber der Altbürgermeister schwieg und wiegte den Kopf hin und her. »Ihr wißt keinen,« sagte endlich Meyenburg. »Wem sollten wir trauen in dieser schweren Sache? Und finden wir einen verläßlichen Mann – deren gäbe es wohl – so doch keinen, der geschickt wäre, zu erkunden, was wir wollen. Und was sollte mir geschehen? Werden die Propheten meiner gewahr und fragen sie mich, was ich wolle in Mühlhausen, so sage ich den Narren, ihr großer Ruhm habe mich hingeführt, und ich sei bereit, ihnen zu helfen, das Reich Gottes aufzurichten auf Erden. Das glauben sie mir gewißlich, denn sie sind über die Maßen stolz und aufgeblasen. Bei guter Zeit und Gelegenheit mache ich mich dann davon.« Der Bürgermeister lachte. »Das brächtet Ihr wohl fertig. Aber so recht geheuer ist mir's doch nicht, auch würde ich Euch ungern missen und möchte nicht Eures Rates entbehren. Mir schwant, die nächsten Wochen werden uns große Sorgen bringen.« »In ein paar Tagen bin ich wieder daheim,« drängte Meyenburg. »Dann habt Ihr mich wieder und wißt, wes wir uns zu gewärtigen haben.« Herr Conrad Ernst dachte von neuem nach, und sein Nachdenken dauerte eine ganze Zeit. Dann sagte er plötzlich entschlossen: »Nun, so reitet morgen in Gottes Namen hinüber!« »Reiten?« erwiderte Meyenburg, der mit einem Male so erfreut aussah, als wäre ihm großes Heil widerfahren. »Wo denkt Ihr hin! Ich reite nur eine Strecke weit, etwa die Hälfte des Weges, damit ich schneller hinüberkomme. Dann schicke ich den Knecht mit dem Pferde zurück und gehe zu Fuß in die Stadt, mit einem kurzen Schwert an der Seite und einem langen Spieß in der Hand wie ein Landsknecht. Wer auf hohem Roß ankommt, ist den Propheten verdächtig. Ich komme nicht als der Stadt Syndikus, ich komme wie einer, der nichts mehr hinter sich hat. Das gibt Ansehen bei diesen Leuten!« Beide Bürgermeister lachten jetzt kräftig und aus vollem Halse. »Ihr seid ein Fuchs!« rief der alte Sack, und Ernst schüttelte ihm die Hand und sprach: »Es ist mir um Euch nicht bange. Ihr seid voller Klugheit und werdet Euch herauszuwinden wissen. Kehrt mit Gott heim und kommt so bald wie möglich wieder.« Meyenburg erhob sich. »Ich danke Euch, Herr Bürgermeister. Ich gehe morgen aus der Stadt, noch ehe der Tag graut. Bis dahin gibt's noch mancherlei zu bestellen, auch will ich etliche Stunden ruhen. Lebt wohl, Ihr Herren. Ich will hoffen, daß ich Euch nicht allzu schlimme Kunde bringe.« Er verließ das Gemach und die Ratsapotheke und schritt auf ein großes Haus zu, das ganz in der Nähe gelegen war. Es war das Haus »Zum Riesen«, in dem vor gerade hundertundfünfzig Jahren die aufständische Bürgerschaft ihre übermütigen Geschlechterherren überfallen und gefangen genommen hatte. Jetzt ward es bewohnt von dem reichen Ratsherrn Kurt Hauschild, mit dem Meyenburg seit Jahren eng befreundet war. Hauschild trat dem Freunde schon in der Tür entgegen; er hatte augenscheinlich auf ihn gewartet. »Nun? Ist's geglückt? Hat dir Conrad bewilligt, daß du aus der Stadt ziehst?« rief er ihm zu und zog ihn ins Haus und in das warme Zimmer. »Er hat es getan, wiewohl mit Bedenken,« gab Meyenburg zur Antwort, indem er sich niederließ. »Hätte er's nicht getan, so wäre ich ohne seinen Urlaub entwichen, denn ich will und muß nach Mühlhausen, wie du weißt, da ich nicht nur dem Rate Kunde bringen will, wie's dort steht, sondern vielmehr noch ein ganz ander Ding zu verrichten habe.« »Ja,« erwiderte Hauschild, »und ich habe mir dieses andere Ding, dieweilen du drüben warst, sehr durch den Kopf gehen lassen.« Er sah ihn besorgt und nachdenklich an. »Freund Michael, du läßt dich in einen gefährlichen Handel ein. Wer einer Jungfrau aus dem Kloster hilft, der verliert seinen Kopf. Das ist kaiserliches Gesetz. Mich dünkt, du hast noch gar nicht daran gedacht, denn du siehst aus, als wolltest du zu einer Kirchweih fahren.« Meyenburg machte eine abwehrende Bewegung. »Da könnten jetzt viele ihren Hals verlieren. Hast du nicht gehört von dem torgischen Ratsherrn Koppe, der gleich neun auf einmal aus Nimbschen bei Nacht fortgeführt hat?« »Der ist dem Kurfürsten Johann untertan und hat deshalb nichts zu befürchten. Wenn du aber verklagt wirst beim Kaiser, so mag dir's übel ergehen.« »Ich meine, der Kaiser wird auf lange Zeit anderes zu denken haben und sich nicht viel kümmern können um so kleine Händel. Schickt er mir ein Papier, so legen wir's geruhsam in eine Truhe.« Er zog einen zusammengefalteten Zettel aus seinem Wams und sagte ernsthaft: »Seit etlichen Jahren hat mich's manchmal geträumt, solch ein Brieflein käme in mein Haus. Zuweilen träumt' ich's auch am hellen Tage. Ich konnte mir nicht denken, daß es ganz und für immer aus sollte sein zwischen ihr und mir; habe sie immer noch für meine Braut gehalten in Gedanken und habe darum kein anderes Weib angesehen, so laut mein Blut auch zu Zeiten nach einem Weibe schrie. Immer, wenn ich hörte, es ist wieder da und dort eine aus dem Kloster gelaufen, dacht' ich bei mir: kann's nicht auch einmal mit ihr so kommen? Gerade in der letzten Zeit freilich war mir der Mut fast entsunken. Da fliegt mir dieser Ruf ins Haus, und der Zettel ist schon fünf Tage alt. Wenn ich noch an sie dächte, schreibt sie mir, sollt' ich Mittel und Wege finden, ihr zu helfen, aus dem Kloster und zu ihrem Paten nach Gotha zu kommen. Oh, wohl denke ich noch an sie, und sie soll mich nicht vergeblich rufen! Ich helfe ihr heraus. Ich habe ein paar Freunde in der Stadt, die es als ein gutes Werk ansehen, eine Jungfrau aus der Zelle zu erlösen. In Mühlhausen denken ja die meisten so. Die ganze Möncherei ist ihnen ein Greuel, und mehrere Klöster hat das gemeine Volk schon geplündert. In einer solchen Stadt kann's nicht schwer sein, einer Nonne in die Freiheit zu helfen.« Hauschild nickte. »Das mag sein, und wenn du dich nicht scheust vor dem, was etwa später kommen kann, so wirst du wohl deinen Plan vollführen. Wie willst du sie aber nach Gotha bringen? Man hört wunderliche und erschreckliche Dinge. Die Straßen sind unsicher, denn der gemeine Mann soll da und dort schon auf sein. Weißt du, ob du mit ihr durchkommst? Kannst du sie nicht bei unserem Freund Schiele in Mühlhausen unterbringen? Frau Margarete würde sie sicherlich gern in ihr Haus nehmen, bis du kämst, sie heimzuholen.« »Daran habe ich auch gedacht,« erwiderte Meyenburg. »Aber es geht nicht an. Schiele ist auf dem Wege, ein Narr zu werden. Die Propheten haben ihm den Mund voll Honig geschmiert und ihm eingeredet, er sei der klügste Mann in der Stadt. So haben sie ihn und etliche vom alten Rat für sich gewonnen. Er wird denn auch ihr Los teilen, und das wird kein liebliches sein. Aber auch bei einem anderen möchte ich sie nicht in Mühlhausen lassen. Wen man lieb hat, den soll man jetzt so eilig, wie es zu tun ist, aus dieser Stadt fortführen. Es wird wohl bald viel Blut da fließen. Ich wollte dich bitten, Kurt Hauschild, wenn ich mit ihr nicht könnte nach Gotha durchdringen, sie in dein Haus zu nehmen. Aber nun muß ich fürchten nach deinen Worten, du scheust die Gefahr.« »Nein!« rief der Ratsherr. »Ich warnte dich nur. Was könnte mich treffen? Vielleicht eine Pön von «einigen Reichstalern!« Er öffnete die Tür zu einer Nebenstube und rief nach seiner Gattin. Frau Johanna Hauschild, eine kleine, rundliche, blühende Erscheinung, trat sofort auf die Schwelle, obwohl sie Teig an den Händen hatte, denn sie war dabei, Brot zu backen. »Eine Hand kann ich Euch nicht geben, sonst klebt Ihr fest!« rief sie Meyenburg in ihrer lebhaften Weise zu, und dann fuhr sie mit sprudelnder Lebendigkeit fort: »Aber was Ihr wollt, das tue ich gern. Mein Mann hat mir erzählt, was Ihr vorhabt, dieweil Ihr drüben waret beim Bürgermeister, und jetzt habe ich alles gehört durch die dünne Tür, denn Ihr sprecht beide nicht leise. Wir wollen die Jungfrau, die Euch lieb ist, gern aufnehmen in unser Haus, bis Ihr sie heimführt oder nach Gotha bringen könnt, um sie von dort heimzuholen, wenn ruhigere Zeiten sind. Nicht wahr. Mann?« Meyenburg bedankte sich sehr erfreut, denn was Frau Johanna Hauschild wollte, das geschah in ihrem Hause, obwohl sie fast zwei Köpfe kleiner war als ihr Eheherr. Dann begab er sich, geleitet von den Segenswünschen des Hauschildschen Ehepaares, in sein Haus, um dort die letzten Vorbereitungen zu treffen für seinen abenteuerlichen Gang nach Mühlhausen. III. Auf den Feldern zwischen der Stadt Mühlhausen und dem Dorfe Ammara war eine unabsehbare Menschenmenge versammelt. Der Stadthauptmann Eberhard von Bodungen hatte auf Befehl des Rates alle wehrhaften Bürger und auch die waffenfähigen Bauern der achtzehn Dörfer, die zum Mühlhäuser Stadtbezirke gehörten, dorthin zu einer kriegerischen Übung entboten. Sie waren erst gemustert worden und sollten es nun lernen, in Rotten und Gewalthaufen zu fechten. Fünf kriegserfahrene Landsknechte, die im Solde der Reichsstadt standen, leiteten sie dazu an. Es verstand sich von selber, daß zu diesem Schauspiele auch der nicht waffentragende Teil der städtischen und ländlichen Bevölkerung zusammengeströmt war. Alles war vertreten, vom Greise, der auf seinen Stab gestützt einherwandelte, bis zum kleinen Kinde, das auf seiner Mutter Arm saß. In großen Trupps standen die Leute beieinander, lachten und schwatzten und betrachteten neugierig, aber auch voll Stolz und Befriedigung die Kriegsmacht ihrer guten Stadt, und wenn ein Bekannter vorüberzog, so schrien sie ihm Heil und Gruß zu, wunderten sich auch, wie stattlich er in Brustharnisch und Sturmhaube aussah. In einem dieser Volkshaufen stand auch Michael Meyenburg. Er hatte seinen langen Spieß vor sich in die Erde gestoßen und lehnte sich daran, denn nachdem er die halbe Nacht und bis weit in den Morgen hinein geritten und gegangen war, empfand er das lange Stehen als eine geringe Freude und sehnte ungeduldig das Ende der Übung herbei. Seine Freunde Lamhardt und Schiele hatten ihn schon erkannt und ihm zugenickt. Wenn dann die Glieder des Fußvolkes sich auflösten, hoffte er, in ihrer Begleitung in die Stadt hineinzukommen. Dieser Zeitpunkt schien etwa eine Stunde vor Mittag endlich gekommen zu sein, denn Herr Eberhard von Bodungen ließ die Rotten in einen Kreis zusammenschwenken und war wohl eben im Begriff, den Befehl zur Heimkehr und zur Auflösung der Haufen zu geben, als plötzlich neben ihm ein Mann im Ringe erschien und mit lauttönender Stimme zu reden anhub. Er saß hoch zu Roß, wie der Stadthauptmann auch, trug aber ein geistliches Gewand und statt der Sturmhaube eine flache Kappe auf dem Haupte. Sein Gesicht war gelblichweiß wie Pergament, es leuchtete geradezu in seiner krankhaften Blässe, und aus den großen, dunkelblauen Augen, die etwas vorstanden, loderte ein düsteres Feuer. »Wer ist denn das?« raunte Meyenburg einem neben ihm stehenden alten Schäfer zu. Der Greis blickte ihn mißtrauisch von der Seite an. »Kennt Ihr ihn nicht? Wo seid Ihr denn her? Das ist« – er nahm seine Mütze ab – »der Gesalbte Gottes, Herr Thomas Münzer.« Meyenburg hatte sich das beim ersten Anblick des Mannes gedacht. Er hatte ihn weder leibhaftig noch im Bilde je gesehen, aber solch ein Schwärmerantlitz mußte der Mann haben, der überall, wohin er bisher gekommen war, das Volk zum Aufruhr gereizt hatte. Es paßte ganz zu seiner Predigt. »Liebe Männer! Söhne Gottes, die unser Herr Christus zur Freiheit hat erlöst mit seinem Blute!« begann der Prophet, aber er wurde unsanft unterbrochen. Herr Eberhard von Bodungen, ein schwerer Feind alles unordentlichen Wesens, drehte sich wütend auf seinem Gaul um und rief: »Was wollt Ihr hier, Herr Pfarrer? Waltet Eures Amtes in der Kirche und predigt nicht auch noch auf dem Felde!« Es gehörte nicht geringer Mut dazu, vor diesem Haufen den Propheten so zurechtzuweisen, und ein drohendes Murren und Aufstampfen der Hellebarden von allen Seiten bewies, daß Bodungen seine Sicherheit aufs Spiel setzte, wenn er in diesem Tone fortfuhr. Das hätte ihn nun freilich nicht gehindert, dem Propheten, den er haßte, seine Meinung zu sagen, aber er sah ein, daß ihn der Volkswille zum Nachgeben zwingen werde, wenn er nicht selbst nachgab. Darum ritt er, braunrot vor Zorn, hinüber, wo die Pfeifer, Trommler und Zinkmeister standen, und ließ geschehen, was er nicht ändern konnte. Münzer hatte nicht einen Blick zu ihm hinübergeworfen. Er tat, als hätte der Stadthauptmann gar nichts gesagt, ja, als wäre er überhaupt nicht vorhanden. »Geliebte Brüder!« rief er noch lauter als vorher, »ich habe euch ein Ding zu künden, das ihr noch nicht wißt. Das kaiserliche Regiment hat uns Briefe gesandt, worin es gebietet, die Mühlhäuser sollen auf der Stelle die Mönche und Pfaffen wieder aufnehmen, die sie vertrieben haben, sollen ihnen auch Genugtuung geben für den erlittenen Schaden. Nun meine ich, wir sind wohl nicht stark genug, den Fürsten und Herren zu widerstreben, die hinter dem Regiment stehen. Was sollen wir machen, wenn sie uns etwa mit Gewalt überziehen? Wir täten wohl am besten, wenn wir die Waffen wieder in die Stadt nähmen!« Meyenburg glaubte nicht recht gehört zu haben, und auf allen Gesichtern, die er erblicken konnte, las er eine große Verblüffung. Daß Münzer, der sonst stets schürte und hetzte und die schärfsten Maßregeln gegen die Geistlichkeit der alten Kirche empfahl, mit einem Male zum Frieden redete, das war ja etwas Unerhörtes. Es ärgerte und verwirrte viele und war vor allem denen sehr unlieb zu hören, die an den Klosterstürmen teilgenommen hatten. So erhob sich denn jetzt ein ebenso drohendes Murren gegen ihn, wie es sich vorhin für ihn erhoben hatte. Da ging ein triumphierendes Lächeln über sein Gesicht, und sich hochreckend rief er: »Geliebte Brüder, was ich da sagte, war geredet, euch zu versuchen. Ich wollte nur sehen, wie fest ihr wäret im Glauben, und ich freue mich euer. Ich sehe, ihr stehet fest bei Gott, der gebietet, die Priester Baals auszutreiben und ihnen keine Stätte zu lassen, zu wohnen bei den Kindern des Höchsten. Ihr fürchtet euch auch nicht vor den Fürsten und Gewaltigen, die jene schützen, und ihr tut recht daran. Denn also spricht der Herr und Gott, Jesaia am neunundzwanzigsten: die Menge deiner Feinde wird sein wie dürrer Staub und die Menge der Tyrannen wie verwehte Spreu, und das soll plötzlich geschehen und ohn alles Vermuten. Er wird die Stolzen erniedrigen und die Gewaltigen vom Stuhle stoßen. Er will die Niedrigen erhöhen, und die Letzten sollen die Ersten werden. Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist deines Vaters Wille, dir das Reich zu geben! Was sind die Fürsten, die euch bedräuen? Was ist der Kaiser? Was ist der Hesse und der Dresdener Herzog, die so stolz einherprangen? Wie Mücken und Fliegen sind sie vor dem lebendigen Gott, der wie der Sturmwind vor den Seinen herfährt. Die ihnen jetzt untertan sind, werden sich gegen sie erheben und werden euch beistehen, dessen seid sicher und getrost, und zum Zeichen, liebe Brüder, daß ihr wollet beim Worte Gottes stehen und bei seiner Gerechtigkeit und eher sterben wollt, als davon weichen, hebt eure Finger auf und schwört einen leiblichen Eid!« Die Wendung kam den Leuten unerwartet. Ziemlich verdutzt blickten die meisten den Propheten an, der mit segnend erhobenen Händen auf seinem Rosse saß. Es war ihnen offenbar nicht recht klar, was sie eigentlich beschwören sollten. Einige seiner blindesten Anhänger reckten indessen unbedenklich die Schwurfinger empor, und andere schickten sich an, ihrem Beispiele zu folgen, als Herr Eberhard von Bodungen mit Donnerstimme dazwischen fuhr. »Liebe Bürger!« schrie er, zornig seinen Hut vom Kopfe reißend, »schwört nicht, denn es ist euch nicht not zu schwören. Kein Mann ist so unverständig, daß er nicht auch ohne dies beim Worte Gottes bliebe. Habt ihr aber nicht schon Eide genug geschworen, so schwöre jeder noch einen Korb voll und hänge ihn an seinen Hals. Doch das tut, wo ihr wollt, nicht hier, solange ich über euch zu befehlen habe als der Stadthauptmann der geschworenen Bürger und Hintersassen von Mühlhausen. Jetzt gehen wir nach der Stadt zurück! Los! Auf, Spielleute!« Er warf die Hand hoch in die Luft, und mit grellen Tönen setzte die Musik ein. Die beiden Trompeter schmetterten eine Marschweise der frommen Landsknechte mit voller Lungenkraft in die Luft hinaus, die Pfeifen quiekten, die große Trommel rasselte. Dieser plötzlich losbrechende Lärm hatte eine sehr betrübende Wirkung auf das Roß des Propheten. Der starke Ackergaul des Achtmannes Hans Schmidt, den er bestiegen hatte, war ein altes wackeres Tier, aber solcher kriegerischen Klänge völlig ungewohnt. Er spitzte die Ohren und begann in gefährlicher Weise zu bocken und auszuschlagen. Das war für den Propheten, der des Reitens ungewohnt war, sehr verhängnisvoll, denn er kam ins Schwanken, klammerte sich angstvoll an den Sattel an und rief um Hilfe. Mit Mühe bewahrten ihn einige Getreue, die herzusprangen und das Pferd festhielten und beruhigten, vor einem schweren Fall. Aber die Wirkung seiner Rede war gänzlich verdorben; die Rotten zogen ab, der Musik nach, das Volk lief auseinander, und mit finsterer Miene mußte er selbst den Heimweg zu Fuß antreten, denn auf die bösartige Mähre getraute er sich nicht mehr hinauf. Meyenburg, der ganz in der Nähe gestanden hatte, verbiß nur mit Mühe ein Lachen. Der Mann hatte zuerst einen unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht mit seinem düsteren Schwärmerantlitz und dem aufreizenden Klang seiner Stimme. Jetzt erschien er ihm fast lächerlich. »Er hat doch wohl nicht die Macht in der Stadt, die man ihm allenthalben zuschreibt,« überlegte er, »denn sonst hätte es Bodungen nimmermehr wagen können, ihm so entgegenzutreten. Vielleicht ist alles übertrieben, was man im Lande von den Mühlhäusern redet, und die Mehrzahl von ihnen wird sich's doch noch lange überlegen, ob sie sich von dem Propheten zu blutigen Gewalttaten hinreißen lassen soll.« Herr der Stadt waren sie wohl nicht, weder Münzer noch sein Kumpan, der entlaufene Mönch Pfeifer, den er nicht gesehen oder nicht erkannt hatte. Das erfüllte ihn mit froher Hoffnung auch für seine Stadt, denn Nordhausen war schwer bedroht, wenn etwa von Mühlhausen aus der Stein ins Rollen gebracht wurde. Er kannte besser als die Herren vom Rate den aufsässigen Geist, der in den Kreisen der Handwerker seinen Einzug gehalten hatte. Blieb Mühlhausen ruhig, bis die sächsischen Fürsten und der Landgraf von Hessen mit ihren Rüstungen fertig waren, so brauchten die Nordhäuser Gewalthaber nicht besorgt zu sein. Sonst war vieles möglich. Aber seine gute Zuversicht schwand sehr schnell dahin, als er in Begleitung der beiden Ratsherren Lamhardt und Schiele auf die Stadt zuschritt. Die waren, wie er sogleich aus ihren Reden vernahm, unbedingte Anhänger des Propheten und schimpften gewaltig über den Streich Bodungens, den sie einen Narren, Schindhund und Verräter schalten. Auch alle, die mit ihnen im Zuge gingen, gaben ihnen recht und ließen ihren Unmut in heftigen und drohenden Worten aus. Es ging ihm ein Licht darüber auf, daß der wackere und mutige Stadthauptmann den Propheten nur mit seiner schnellen, kecken Tat überrumpelt hatte. Die Macht über die Gemüter hatte er ihm nicht genommen, die saß fest in den Seelen dieser Männer und wohl der meisten ihrer Mitbürger. Was war vor allem aus Schiele geworden, der zwar auch schon früher eitel und ruhmredig, aber doch im ganzen ein vernünftiger Mann gewesen war! Als Meyenburg eine Stunde später an seinem Tische saß, kam es ihm vor, als sei er in ein Narrenhaus geraten. Der Hausherr leitete das Mittagsmahl mit einem langen, verworrenen Gebete ein, worin er nicht etwa Gott für seinen Segen dankte, sondern ihn um die Vernichtung der Gottlosen und den baldigen Sturz der Tyrannen anflehte, auch den Seinen verkündigte, er habe ein Gesicht gehabt in der Nacht und eine Stimme gehört, die wie Posaunenton geklungen habe und von oben her gewesen sei. Was sie ihm anvertraut hatte, deutete er nur an, aber sein Ehegespons und seine beiden erwachsenen Töchter, die beiden Knechte und die Magd des Hauses machten verzückte Mienen zu seiner Rede, und Meyenburg erkannte, daß sie allesamt vom Geiste ergriffen waren. In eine sehr unbehagliche Lage geriet er, als der Ratsherr ihn während des Essens zu bekehren suchte. Er hatte den Namen Luthers in anerkennender Weise ausgesprochen, aber damit kam er schön an. »Gehe mir mit dem!« rief Schiele und rollte die Augen. »Es ist wahr, er hat der neuen Wahrheit den Weg bereitet, aber er ist auf halbem Wege stehengeblieben und bleibt immer mehr zurück. Er schreit: Schrift! Schrift! und weiß nichts davon, daß die Schrift nichts wirkt, sondern nur der Geist und das innere Licht, das Gott in uns anzündet und dessen Schein er freilich nie gesehen hat mit seinen blöden Augen. Nicht Luther ist der Mann, der die Kinder Gottes führen wird zu seiner Herrlichkeit. Der Mann heißt Münzer, Thomas Münzer! Er zeigt den Weg, der zu Gott führt und neben dem es keinen gibt. Weißt du, wie dieser Weg heißt?« Meyenburg verneinte verwundert. Die Narrheit des Mannes, den er früher nicht ungern gesehen hatte, belustigte und verdroß ihn zu gleicher Zeit. So viel aber erkannte er klar, daß man Leuten, die der Geist ergriffen hatte, nicht widersprechen dürfe, ohne ihren höchsten Zorn zu erregen ganz ohne Nutzen. Er hatte durch Schiele, der gesalzene Fische ins Kloster zu liefern pflegte, den Zettel Ursulas erhalten und war ihm daher zu Danke verpflichtet. Auch sah er sich sehr auf seine weitere Hilfe angewiesen. Nun hielt ja der verwirrte Mann die Entfernung einer Nonne aus dem Kloster ohne Frage für eine Gott wohlgefällige Tat, aber ob er einem dabei helfen werde, der anders dachte als er, schien doch zweifelhaft. So beschloß denn Meyenburg ihn zu behandeln wie einen, der seiner Sinne nicht mächtig ist und sich in einem starken Rausche befindet, und zu allem ja zu sagen, was er auch vorbrächte. »Wie kannst du es auch wissen, da du ohne das innere Licht bist?« fuhr Schiele salbungsvoll fort. »Ich aber will dich nicht im Dunkeln lassen. Sechs Stufen schreitet der Mensch empor, wenn er will zu Gott kommen und ihn schauen von Angesicht zu Angesicht. Sie heißen« – er dämpfte seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern – »sie heißen Entgröbung, Studierung, Verwunderung, gelassene Gelassenheit, Stehen in der Langenweile, Entzückung.« Hier schob die älteste Tochter ihren Teller zurück, brach in Tränen aus und eilte aus dem Gemache. Schiele sah ihr mit einem wohlwollenden Lächeln nach. »Sie grämt sich,« sagte er, »daß sie noch nicht über die Stufe der Entgröbung hinausgelangt ist, und wird wohl droben in ihrem Stübchen suchen, in die Studierung zu kommen.« Meyenburg unterdrückte das bissige Wort, das er schon auf der Zunge hatte, und fragte mit anscheinend großer Teilnahme, was denn diese Worte zu bedeuten hätten. Aber bald bereute er seine Frage bitter, denn nun begann Schiele ein Geschwafel, das alles, was er bisher vorgebracht hatte, an Bombast und Verworrenheit weit übertraf. Bei Meyenburg setzte sich der Gedanke immer fester, daß er es hier mit einem Halbverrückten zu tun habe, aber jedesmal, wenn Schiele ihn fragte, ob er verstanden habe, erklärte er mit eiserner Stirn, er habe alles wohl begriffen, und es sei ihm, als gehe das innere Licht auch in seiner Seele auf. Das stimmte den Ratsherrn überaus fröhlich, denn er wurde allmählich davon überzeugt, daß er der Lehre seines Meisters durch seine große geistliche Beredsamkeit einen neuen Jünger gewonnen habe. Er nannte ihn seinen lieben Bruder in Christo, und wenig fehlte, so hätte er ihn umarmt und geküßt. Diesen Augenblick benutzte Meyenburg, um auf die Angelegenheit zu kommen, die ihn hergeführt hatte und ihm nun je länger je mehr auf der Seele brannte. Er hatte einen günstigen Zeitpunkt gewählt. Schiele ging mit Feuereifer auf die Sache ein. »Ha!« rief er und warf sich stolz in die Brust, »das werden wir bald vollbringen. Die Mönchsklöster in der Stadt haben wir alle zerstört und die Söhne Belials vertrieben. Das Frauenkloster hat noch immer der Rat geschirmt, und ich und Lamhardt und der junge Baumgarten konnten's bisher nicht hindern. Etliche der Schwestern haben Verwandte im Rat, auch hat der Herzog Jörg in Dresden der Stadt mit seiner Rache gedroht, falls sie die Hand nach dem Kloster ausstrecke. Der Bärtige ist ja des Reiches Schultheiß bei uns wie bei euch in Nordhausen und maßt sich an, seine Nase in alles hineinzustecken, was ihn nichts angeht. Aber die Zeit ist nahe, daß seiner Herrschaft wird ein Ende gemacht werden, denn der Herr wird die Tyrannen erniedrigen und das in einer Kürze. Wir sollten uns nicht fürchten und das Kloster einziehen zu der Stadt gemeinem Nutzen und die Schwestern dahin ziehen lassen, woher sie gekommen sind, Das wird wohl aber der alte Rat nicht tun, solange er das Regiment hat. Aber eine herauszuführen, kann er dir nicht weigern, denn er muß sich fürchten vor dem gemeinen Mann. Hörten die Leute, daß eine in dem Gefängnis des Teufels würde festgehalten wider ihren Willen, so würden sie schwierig werden und ihre Befreiung ernstlich begehren. Darum rate ich dir, gehe nachher auf das Rathaus zum Bürgermeister und begehre, daß er dich von Stadtknechten lasse in das Kloster geleiten, damit du die herausholst, die dich gerufen hat. Ich selber werde mit dir aufs Rathaus gehen.« Das tat er denn auch, aber in der Tür des Rathauses verließ er ihn. »Die Herren droben sind mir nicht grün,« sagte er. »Komme ich mit dir, so möchten sie leichtlich eine Meinung gegen dich fassen. Darum gehe lieber allein hinauf.« Meyenburg folgte dem Rate, wurde aber nicht vorgelassen, da die beiden Bürgermeister und der Syndikus der Stadt gerade eine Sitzung abhielten. Sie währte schier endlos, der Nachmittag ging fast darüber hin. Um die Zeit totzuschlagen, bequemte er sich dazu, mit den beiden Stadtknechten, die sich im Vorzimmer der Ratsstube aufhielten, ein Kartenspiel zu beginnen. Sie forderten ihn dazu auf, denn sie kannten ihn nicht und hielten ihn wohl für einen ihresgleichen. Bei der Unterhaltung während des Spieles hörte er vieles, was ihm zu denken gab. Die beiden waren offenbar auch vom Geiste ergriffen, denn auch sie redeten von Gottes Wort, dem inneren Lichte, der christlichen Freiheit und anderen hohen Dingen, von denen ihre einfältigen Seelen wenig oder nichts verstehen konnten. Sie raunten ihm auch zu, so wie es jetzt sei, werde es nicht lange mehr bleiben in Mühlhausen, die Herren, die da drinnen säßen, müßten herunter von ihren Stühlen, denn die kleinen Tyrannen müßten ebenso gestürzt werden wie die großen. Endlich öffnete sich die Tür. Der eine Bürgermeister schritt heraus und begab sich nach Hause, und nun ging einer der Stadtknechte hinein, um Meyenburg bei den Zurückgebliebenen anzumelden. Gleich darauf stand er vor einem langen Tische, hinter dem zwei Männer vor einem ungeheuren Stoße von Papieren saßen. Der eine, der große, dicke, war der Bürgermeister, der andere, ein kleiner beweglicher Mann mit ungemein schlauen Augen, der Syndikus der Stadt, Doktor von Otthera. »Gottes Tod!« sagte der Bürgermeister mit seiner fetten Stimme. »Ihr seid es, Herr Syndikus von Nordhausen? Da meldet mir der Hammel einen fahrenden Knecht! Habt Ihr eine Botschaft Eures Rates an uns?« »Ich komme in eigener Sache,« erwiderte Meyenburg, erzählte, was ihn hergeführt hatte und bat, die Jungfrau aus dem Kloster holen zu lassen und ihm zu übergeben. Der Bürgermeister zog seine Stirn in schwere Falten. »Was meint Ihr dazu, Herr Doktor?« wandte er sich an Otthera. Der rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. »Der Herr Kollege von Nordhausen möge mir's nicht verübeln, wenn ich sage: das kann nicht sein. Bürgermeister und Rat dürfen es nicht verderben mit dem Herzog Georg, denn er ist ihre einzige Stütze. Die Herren in Nordhausen werden es auch noch erfahren, denn die Zeitläufte werden immer seltsamer. Greifen wir in die Rechte des Klosters, so erzürnen wir den Herzog höchlich. Er hält ja, wie Ihr wißt, streng am alten Glauben fest. So werdet Ihr denn selbst einsehen, daß es nicht angeht, Euch bei Wegführung Hilf' und Beistand zu leisten.« Meyenburg sah das sehr wohl ein. Diese Leute hatten wirklich nur noch eine Hoffnung, die auf die Hilfe des Herzogs. Vielleicht konnte er ihren bevorstehenden Sturz nicht abwenden, aber er konnte sie, wenn es zum Kriege mit dem Propheten kam und sie bis zum Siege der Fürsten noch lebten, wieder in ihre Würden und Ehren einsetzen. Wäre er Syndikus dieser Stadt gewesen, so hätte er auch nicht anders geraten als Otthera. »Ihr seht, es geht nicht,« sagte der Bürgermeister nach einem langen Schweigen. »Wenn ich aber die Jungfrau selber aus dem Kloster holte, auf eigene Gefahr und ohne Euch zu bemühen – was tätet Ihr dann?« Der Bürgermeister blickte wieder seinen Syndikus an. »Was meint Ihr dazu, Herr Doktor?« »Was er auf eigene Gefahr tut, kann uns nicht kümmern, Herr,« entgegnete Otthera. »Es sind ja schon etliche Schwestern abgeholt worden von ihren Brüdern oder Gefreundeten, und wir haben's nicht gehindert, könnten's auch nicht hindern, denn es könnte leicht dadurch ein Aufruhr des Volkes erregt werden. Wäre ich an Eurer Stelle, so ginge ich hin zur Domina und bäte sie, mir die Jungfrau mitzugeben in aller Stille. Sie wird es Euch schwerlich weigern, denn es ist jetzt nicht die Zeit, ein Weib im Kloster zurückzuhalten wider ihren Willen, am wenigsten in Mühlhausen.« Der Bürgermeister neigte bestätigend seinen großen Kopf. »Ihr habt guten Rat gehört. Handelt danach!« Meyenburg bedankte sich und ging. Auch ihm schien es, als ob er auf diesem geraden, einfachen Wege sein Ziel am sichersten erreichen werde. Auf der Treppe begegnete ihm sein Freund, der Ratsherr Lamhardt, dem er sogleich alles erzählte und den er bat, ihm behilflich zu sein. »Ich geleite dich zum Kloster, und wir wollen eilen, denn es dunkelt schon stark,« antwortete Lamhardt und zog ihn am Arme mit sich. Einige Minuten später standen sie vor dem großen Gebäude und suchten Einlaß zu gewinnen. Aber kein Klopfen, Pochen und Rufen half. Das vollkommen dunkle Haus, aus dem nirgendwo ein Lichtschein herausbrach, blieb verschlossen. Es war, als läge es von seinen Bewohnern verlassen. Dagegen wurde es auf der Straße immer lebendiger, denn alle Vorübergehenden blieben stehen und sammelten sich zu einem dichten Haufen. Einige von den jüngeren Leuten begannen zu johlen und zu pfeifen, und schon flog ein schwerer Stein nach der Klostertür. »Komm!« flüsterte Lamhardt. »Wir wollen gehen. Du mußt morgen am hellen Tage Einlaß suchen. Bleiben wir hier, so kann leicht eine Gewalttat geschehen. Die Leute denken, wir wollen einen Pfaffensturm beginnen, und dazu findet man in Mühlhausen nur zu willige Helfer.« Er schritt eilig davon, und Meyenburg folgte ihm, aber verdrossen und fast mutlos. Was sollte werden, wenn sich auch morgen die Klosterpforte nicht für ihn öffnete? Niemand half ihm, viel Zeit hatte er nicht zu verlieren, und so mußte er vielleicht morgen oder übermorgen die Stadt wieder verlassen. Da kam ihm mit einem Male eine Hilfe, die er nimmer erwartet hätte. In der Tür einer Trinkstube, die mit Menschen angefüllt war, stand der Ratsherr Schiele und erkannte ihn im Lichte der über der Tür hängenden großen Laterne. »Kommt zu uns herein. Freunde!« rief er überlaut. »Der Rat hat jedem Viertel ein großes Faß Bier verehrt, weil wir uns heute so wacker getummelt haben. Er hat lange nichts so Gescheites getan. Es ist nun freilich fast leer, aber wir schroten eben ein neues an. Da könnt ihr uns helfen.« Meyenburg trat näher und bemerkte mit ziemlichem Erstaunen, daß Schiele, dieses erlesene Gefäß des Geistes, nicht mehr ganz nüchtern war. Auch seine Gesellen schienen noch nicht weit gediehen zu sein in der »Entgröbung«, denn sie saßen mit biergeröteten Gesichtern da, lachten und schrien und machten durchaus nicht den Eindruck von Männern, die sich entschlossen haben, ein Leben der göttlichen Traurigkeit zu führen. Der Anblick der halbtrunkenen Prophetenjünger erzeugte in Meyenburg einen plötzlichen Umschwung der Stimmung. Der Gegensatz ihrer Trinkfreudigkeit zu dem überstiegenen, hochtrabenden Gerede, das er den halben Nachmittag über hatte anhören müssen, erschien ihm so überaus lächerlich, daß er sich nur mit Mühe beherrschte. Am liebsten wäre er in ein lautes Gelächter ausgebrochen, aber er ließ es doch lieber bei einem Lächeln bewenden, da er die unberechenbare Reizbarkeit der verschrobenen Geister kannte. Aber sein Verdruß war mit einem Male fast verschwunden. Morgen war auch ein Tag, mochte der seine eigene Plage haben. Heute konnte er nichts mehr ändern, so wollte er denn einmal seine Sorge vertrinken. Darum saß er bald zwischen den Mühlhäuser Bürgern, die einen unglaublichen Durst entwickelten, wobei mehrere von ihnen, wenn sie sich dazwischen einmal ihrer Würde als besondere Rüstzeuge des Himmels entsannen, höchst possierliche Reden führten. Meyenburg ergötzte sich daran wie an einem wohlgelungenen Fastnachtsschwank, und es war ihm leid, als nach einer Stunde der Wirt erschien und erklärte, daß auch das zweite Faß bis zur Neige geleert sei. »Hast du keines mehr in deinem Keller?« rief Schiele. »Eines habe ich noch. Aber wer zahlt's?« fragte der vorsichtige Wirt, bei dem der Ratsherr tief in der Kreide stand. Er blickte bedeutsam nach der Tafel hin, auf der die Schulden seiner Gäste verzeichnet standen, und Schiele verstand den Blick und sah etwas ernüchtert nach der anderen Seite hin. »Erlaubet!« sagte Meyenburg. »Das zahle ich.« Er griff in die Tasche und warf einen harten Reichstaler auf den Tisch, den der erfreute Wirt schnell erfaßte, worauf er eilig das Zimmer verließ. Gleich darauf rollte er mit seinem Knechte ein Faß von ansehnlicher Größe herein. »Freund und Bruder!« sagte Schiele feierlich und küßte Meyenburg auf die Wange. »Das vergesse ich dir niemals. Du bist ein Priester nach der Weise Melchisedeks.« Die anderen murmelten oder brüllten, je nach der Vorgeschrittenheit ihres Rausches, ihren Dank, und Meyenburgs Rechte schmerzte fast, so viele kräftige Hände mußte er schütteln. Während darauf die einen ein geistliches, die anderen ein sehr ungeistliches Lied anstimmten, besann sich Schiele auf die Angelegenheit, die Meyenburg nach Mühlhausen geführt hatte, und ließ sich erzählen, wie es ihm ergangen war. Seine Mienen wurden, während Meyenburg berichtete, immer strahlender, seine Augen glänzten immer heller, jeder mußte sich sagen, der ihn sah, daß ihm wahrscheinlich ein großer und sehr vernünftiger Gedanke aufgedämmert war. So war es in der Tat, er hatte in seinem anschlägigen Geiste einen Plan gefaßt, der ihm sehr ersprießlich deuchte. Als nun nach Beendigung des Berichtes der Gesang schwieg und alle ihre Gesichter in die Bierkrüge versenkten, schien ihm der Zeitpunkt günstig, diesen Plan seinen Mitbürgern zur Kenntnis zu bringen. »Ich will euch eine Rede halten, Freunde!« rief er. »Gut! Gut!« schrie es von allen Seiten, nur aus der einen Ecke brummte eine grobe Stimme: »Haltet lieber das Maul und keine Rede. Saufet Euer Bier, sonst kommt Ihr zu kurz!« Einige lachten, doch Schiele ließ sich das nicht anfechten, hatte es wohl kaum gehört. Er kletterte auf einen Holzstuhl, schwankte aber bedenklich hin und her und mußte von zwei Getreuen gestützt werden. Nachdem er somit das Gleichgewicht errungen hatte, begann er mit ein wenig lallender Zunge: »Bürgermeister und ehrbarer Rat von Mühlhausen! Ja so – liebe Mitbürger und Gevattern! Der Mann hier, der neben mir sitzt, ist mein günstiger Freund Herr Michael Meyenburg, der Stadt Nordhausen Syndikus. Wißt ihr, warum er zu uns herübergekommen ist? Er hat wollen eine Nonne aus dem Brückenkloster holen, was ein gutes Werk ist und dem Herrn wohlgefällt.« »Richtig!« riefen einige Stimmen dazwischen. »So ist er aufs Rathaus gezogen und hat Beistand verlangt zu seinem guten Werke. Aber was hat unser altes Weinfaß ihm für Antwort gegeben? Er könnte ihm nicht helfen, denn der Dresdener Herzog litte es nicht. Er solle gehen und sie selber herausführen. Bürger, Männer und Gevattern! Der Mann darf nicht länger unser Bürgermeister sein, denn er hört nicht auf Gottes Wort und tut nicht seinen Willen. Er muß herunter. Denn der Geist spricht: ich will die Söhne der Finsternis vertilgen und will die Gottlosen vom Stuhle stoßen.« Darauf riefen einige laut Beifall, andere lachten, denn Schiele hatte sich in seinem Eifer so weit nach vorn gebogen, daß er in dringende Gefahr geriet, das von ihm geweissagte Schicksal der Gottlosen selber zu erleiden. Er fand sich indessen noch einmal zurecht und fuhr mit schallender Stimme fort: »Aber das hat Zeit, Männer, liebe Brüder! Dagegen hat unser Meyenburg keine Zeit, denn er muß zurück nach Nordhausen. So ist er denn vor das Kloster gezogen und hat Einlaß begehrt. Aber die alte Vettel, die Domina, hat die Tür zugehalten. Brüder, bedenkt, es sitzt nun drüben im Kloster ein armes Maidlein, das sich sehnt nach der Freiheit der Kinder Gottes, aber siehe, es wird festgehalten von den Kindern der Bosheit und muß hinter den kalten Mauern« – Er brach ab. Ein mildes Schluchzen überkam ihn, und seine Augen füllten sich mit heißen Tränen. Auch über vieler seiner Genossen Antlitz rann die salzige Träne, denn sie waren in dem Zustande des Rausches, in dem der Jammer des menschlichen Lebens das Gemüt des trunkenen Mannes so stark überwältigt, daß er erst dann die heitere Ruhe der Seele wiedererlangt, wenn er sich der Tränen ersättigt hat. Meyenburg verbarg bei diesem Anblick sein Gesicht in beide Hände, legte sich vornüber auf den Tisch und lachte so in sich hinein, daß ihm fast der Atem ausging. Das Zucken seiner Schultern wurde von den Nächstsitzenden als Zeichen eines wilden Schmerzensausbruches gedeutet und erregte großes Mitleid, rief auch bei manchen ein neues Geheul hervor. Inzwischen hatte Schiele den Gebrauch seiner Stimme wiedererlangt und rief: »Sollen wir das leiden, liebe Brüder? Nein, wir leiden es nicht. Wir machen die Jungfrau mit Gewalt frei, und niemand wird es uns wehren. Nehmt das Bauholz, das der Wirt vor der Tür liegen hat, und rennt mit dem Balken die Tür ein! Es ist hohe Zeit, daß die letzte Stätte der alten Finsternis aus Mühlhausen verschwindet. Es liegt dort auch im Keller noch manches Fäßchen von unserem guten Bier und auch manches Faß mit Wein. Das weiß ich gar wohl. Die holen wir uns heraus zu einem Nachtrunk.« Tobendes Beifallsgejohle erhob sich von allen Seiten, und die meisten sprangen auf und folgten Schiele, der auf unsicheren Beinen, aber stolz erhobenen Hauptes dem Ausgang zustrebte. Meyenburg war über die Wendung zuerst tief erschrocken und wollte sich den Berauschten entgegenwerfen. Aber er unterdrückte die Regung sofort, denn es kam ihm zum Bewußtsein, wie trefflich die trunkenen Prophetenjünger ihm in die Hände arbeiteten. Er brauchte ihnen ja nur zu folgen, und er war am Ziele. Widersetzte er sich dagegen, so wurden sie ihm mit einem Male alle feind, und er geriet in arge Bedrängnis. So schloß er sich denn dem Zuge an, der sich schreiend, singend, brüllend und lachend nach dem Kloster hinwälzte. Als er vor dem Tore ankam, waren schon etwa zweihundert Menschen beisammen, denn aus den näher gelegenen Häusern strömten die Bewohner herbei, die sich eben hatten zur Ruhe niederlegen wollen und nun leichte Beute witterten. Sogar Frauen und Mädchen fehlten nicht. Die schwere eichene Pforte war fest verriegelt und verschlossen, aber in wenigen Minuten brach sie zersplittert zusammen, und nun ergoß sich der Menschenstrom ins Innere und drang in alle Räume ein. Alle Türen wurden eingetreten oder eingeschlagen, aller Hausrat entweder geraubt oder verwüstet, die Vorräte an Eßwaren weggetragen, die Fässer aus dem Keller geschafft und auf die Straße gerollt. Sogar die Fenster wurden zertrümmert, und so bot das Kloster bald das Bild einer grauenvollen Zerstörung. Meyenburg eilte die Treppe hinauf, wo er die Zellen der Schwestern vermutete. In der Rechten trug er ein Windlicht, das er drunten einem halbwüchsigen Jungen aus der Hand gerissen hatte. Droben fand er wirklich die Zellen der Nonnen, aber alle waren verschlossen, und auf sein Klopfen und Rufen erfolgte keine Antwort. Da sah er ganz am Ende des langen Ganges etwas Weißes aufleuchten. Er eilte darauf zu und sah sich einer der jüngsten Schwestern gegenüber, die in der Todesangst aus ihrer Zelle herausgestürzt war, mit nichts als ihrem Hemde bekleidet, um irgendwo Schutz und Hilfe zu suchen, und nun nicht mehr hatte zurückeilen können. Als er auf sie zukam, schrie sie laut auf und kauerte sich in die Ecke. »Ich tue Euch nichts!« herrschte er sie an. »Wo ist die Schwester Ursula Lachensper?« Die Nonne deutete mit zitternder Hand auf eine nahegelegene Tür. Mit einem Satze sprang Meyenburg darauf zu, denn er hörte schon polternde Schritte die Treppe heraufkommen. »Ursula!« rief er. »Ich bin hier, Michael! Du hast mich gerufen, und ich führe dich fort. Komm heraus und gehe mit mir!« Erst nach einem nochmaligen Klopfen und Rufen öffnete sich die Tür, und Ursula trat heraus, am ganzen Körper zitternd, und totenblaß. »Was ist das, Michael? Wie kommst du hierher?« flüsterte sie in höchster Angst. »Das wirst du erfahren. Jetzt ist keine Zeit dazu. Komm, nimm meinen Arm und stütze dich fest auf mich.« Sie gehorchte, und so brachte er sie wie durch ein Wunder unbehelligt und unbelästigt die Treppe hinunter und durch das plündernde Volk hindurch auf die dunkle Straße hinaus und führte sie, die halb ohnmächtig an seinem Arme hing, nach dem Hause seines Freundes Lamhardt. IV. Etwa eine Stunde lang mochte Meyenburg in dieser Nacht geschlafen haben, gewiegt in sehr angenehme Träume, die sich alle um die wiedergefundene Geliebte rankten, als er plötzlich aus dem Schlummer emporfuhr. Ein greller Lichtschein hatte sein Gesicht getroffen und ihn geweckt. Vor seinem Bette stand der Stadthauptmann Hans von Bodungen mit drei bewaffneten Knechten und gebot ihm, sogleich sich anzukleiden und ihm zu folgen in des Rates Gefängnis. »Was zum Teufel wollt Ihr von mir?« rief Meyenburg unwirsch. »Kommt Ihr wegen der Nonne, die ich entführt habe? So wisset, der Bürgermeister hat mich selber ins Kloster gewiesen. Da sollt' ich sie mir holen.« »Ihr seid beschuldigt, einen Tumult angestiftet zu haben,« erwiderte Bodungen mürrisch. »Das Brückenkloster ist verwüstet und ausgeraubt.« »Das fällt mir nicht zur Last!« rief Meyenburg erbost dazwischen. »Wem es zur Last fällt, wird sich zeigen. Es zu untersuchen ist nicht meines Amtes. Ich soll Euch gefänglich einziehen, und das tue ich, und ich rate Euch, sperrt und sträubt Euch nicht, denn das geschähe Euch zum Schaden. Ich müßt' Euch binden lassen.« Fluchend sprang Meyenburg aus dem Bette und warf sich in seine Kleider. Das Schwert mitzunehmen ward ihm verwehrt, doch erlaubte man ihm, ohne Fesseln durch die schlafende Stadt zu gehen, in der jetzt kein Mensch mehr auf der Straße zu sehen war. Als er am Rathause angelangt war, führte man ihn nicht, wie er gefürchtet hatte, in die unterirdischen Räume hinab, sondern in ein mittelgroßes Gemach, das über dem großen Sitzungssaale gelegen war. »Es ist des Rates ritterliches Gefängnis,« sagte Bodungen. »Ich kann Euch nur dann hierlassen, wenn Ihr gelobt, keinen Versuch des Entweichens zu machen.« »Ich gelobe es!« erwiderte Meyenburg und setzte schroff hinzu: »Ich protestiere gegen die Gewalttat und gegen das Mühlhäuser Gericht, dem ich nicht unterstehe.« »Ob es eine Gewalttat ist, daß wir Euch einsperren, oder die Sühne einer Gewalttat, das wird sich finden,« gab Bodungen mit einem kurzen Lachen zur Antwort. »Und danket Gott, Freund, wenn Ihr unter Mühlhäuser Gericht bleibt. Der Rat könnte Euch auch dem Gerichte Georgs von Sachsen übergeben. Da wäret Ihr übel dran.« Meyenburg erschrak, aber er versetzte trotzig: »Sollten die Bürger einer freien Reichsstadt den Syndikus ihrer Nachbarschaft ausliefern an eines Fürsten Gericht, statt ihn heimzusenden, daß seine Stadtväter ihn richten?« »Bei den jetzigen Zeitläuften ist alles möglich. Vielleicht ist der Rat froh, daß er die Verwüstung des Klosters auf einen abwälzen kann, der nicht ein Mühlhäuser ist. Denn greift er hier einen, so predigen die Propheten, und das Volk steht auf, und es geht dem Rate an den Kragen. Wisset, Herr, Eure Einlagerung ist der letzte Dienst, den ich denen von Mühlhausen leiste. Morgen kündige ich dem Rate und bitte um Urlaub und ziehe ab. Ich habe es satt, den Hanswurst dieser Leute zu spielen. Gehabt Euch wohl, und schlaft, so gut Ihr könnt.« Damit hob er sich von dannen und ließ Meyenburg in schweren Gedanken zurück. Was der alte Haudegen gesagt hatte, dem die verworrene Wirtschaft hier zum Überdruß geworden war, versetzte ihn in starke Unruhe. Vielleicht ließ ihn wirklich der Rat heimlich zum Schösser des Herzogs, dem Ritter Sittich von Berlepsch auf Seebach schaffen, und der gab ihn an seinen Herrn weiter. Dann wartete seiner ein ungnädiges Gericht. Er wurde wohl gar als ein Anhänger der Propheten angesehen, deren Treiben ihm so zuwider war. Mit der höchsten Ungeduld erwartete er den Morgen, denn er hoffte, daß man ihn dann sofort vernehmen würde. Aber als der Morgen heraufgezogen war, erschien ein alter, mürrischer Schließer, der ihm ein Stück Brot und ein dünnes Süpplein brachte, sonst niemand. Das wurde ihm durch ein Schiebefenster in der Tür hineingereicht, und der Alte ließ sich auf keine Unterhaltung ein. Am Mittag ging es genau so, und am Abend kam er mit etwas reichlicherer Kost und einem Kruge Bier. Der ganze Tag war dahingegangen, die Nacht kam heran, und niemandem war es eingefallen, sich um den Gefangenen zu kümmern. Der mochte fluchen und rasen und toben und an der Schelle reißen, die an der Wand hing, bis ihm der Griff in der Hand blieb, er wurde nicht vorgefordert und konnte sich nicht rechtfertigen, und so erging es ihm auch am folgenden und am übernächsten Tage. Es schien, als habe ihn die Welt vergessen. Auch durch die Fenster konnte er sich nicht bemerkbar machen, denn das waren kleine, enge Löcher hoch über dem Estrichboden in der Nähe der Decke, zu denen er kaum emporlangen konnte. Wie ein gefangenes Raubtier rannte er zuweilen stundenlang in seinem Kerker auf und nieder, und dann saß er wieder stundenlang auf seinem harten Holzlager in der tiefsten Niedergeschlagenheit. Was war aus Ursula geworden? War sie noch in Lamhardts Hause, oder hatte sie der Rat ins Kloster zurückbringen lassen? Oder hatte er sie aus der Stadt entlassen in ein benachbartes Kloster? Und was mochten die Nordhäuser davon denken, daß er nicht wieder nach Hause zurückkehrte, wo er doch so dringend nötig war? Vielleicht erwuchsen seiner Stadt erhebliche Ungelegenheiten aus dem Abenteuer, das er auf eigene Hand unternommen hatte. Er ging ernstlich mit sich ins Gericht und konnte sich nicht von aller Schuld freisprechen. Ohne Zweifel hätte er dem Bürgermeister sagen müssen, daß er nicht nur nach Mühlhausen gehen wollte, um dort die Absichten der Aufruhrpropheten zu erkunden, sondern auch noch aus einem anderm Grunde. Aber dann würde ihm Herr Conrad Ernst die Fahrt schwerlich erlaubt haben, und doch mußte er sie unternehmen, denn Ursula mußte befreit werden. Aber war sie denn frei? War nicht vielleicht alles, was er getan hatte, vergeblich gewesen? So gingen seine Gedanken immer wieder in demselben Kreise und quälten und marterten seine Seele, daß er fast in Verzweiflung verfiel, und nur im Gebet fand er Trost und Beruhigung. Endlich am vierten Morgen schlug die Stunde seiner Befreiung. Trotz seiner Abgeschiedenheit von der Welt hatte er schon in der Nacht gemerkt, daß sich in der Stadt etwas Besonderes ereignen müsse. Denn vor dem Rathause wurde es nicht einen Augenblick stille, ein Rufen und Schreien, das manchmal zum Gebrüll anschwoll, drang zu ihm herauf. Es mußte eine gewaltige Volksmenge dort unten versammelt sein, und sie schien nicht gerade ein Werk des Friedens zu betreiben. Gegen Tagesanbruch legte sich der Sturm. Dann brach mit einem Male ein lautes, anhaltendes Jubelgeschrei aus tausend Kehlen hervor, worauf es ganz still wurde. Es blieb dem Gefangenen nicht lange Zeit, darüber nachzugrübeln, was das wohl zu bedeuten habe. Denn bald nahten sich Schritte seinem Gemache, nicht die leisen, schlürfenden des alten Schließers, sondern die kräftiger Männer, und als die Tür aufging, stand Lamhardt auf der Schwelle, hinter ihm standen zwei Bürger, die Meyenburg nicht kannte. »Komm heraus, Freund, du bist frei!« rief der Ratsherr und streckte ihm die Hand entgegen. »Die Tyrannen liegen am Boden, zum wenigsten die in unserer Stadt. Komm herunter mit mir in den Saal, wo der neue Rat beisammen ist.« »Der neue Rat? Was heißt das? Und wo ist Ursula?« rief Meyenburg. Lamhardt lachte. »Das heißt: wir haben den alten Rat gestürzt und einen neuen gewählt. Von denen, die im alten Rate waren, sind nur zwei im neuen, darunter ich. Und deine Ursula ist in meinem Hause, wohin du sie gebracht hattest, und weint viel und sorgt und grämt sich um dich. Eile dich, daß du sie wieder lachen machst!« Meyenburg war es zumute, als würde ihm mit einem Male eine Last abgenommen, unter der er kaum noch hatte atmen können. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und er fiel dem Ratsherrn, der ihm noch vor einigen Tagen als ein rechter Narr erschienen war, in seiner freudigen Erregung um den Hals. »Ich danke dir, Lamhardt!« rief er. »Ich werde dir das nie vergessen. Ja, ich will sofort zu ihr!« »Gemach, Freund. Nicht so hitzig!« lachte Lamhardt. »Erst höre, was dir der neue Rat zu sagen hat.« Meyenburg hatte schon manchmal als Beauftragter seiner Stadt in der Mühlhäuser Ratsstube gestanden und hatte die Herren vom Rate der alten Stadtgeschlechter alle gekannt. Jetzt blickte er in lauter fremde Gesichter, und er sagte sich heimlich, daß sie nicht klügere und vertrauenerweckendere Züge trugen als die der früheren Ratsherren. Vielmehr wollte es ihm bedünken, als er sie schnell musternd überflog, als sei zum Teil ein sehr verdächtiges Gesindel ans Regiment der freien Reichsstadt gelangt. Die meisten mochten wohl Schuster und Schneider sein, einige waren Gastwirte, Besitzer kleiner Bierstuben, in denen der Umsturz des alten Rates beschlossen und durchgeführt worden war. Auf dem Bürgermeistersessel räkelte sich ein langer hagerer Mann mit kohlschwarzem kurzem Bart und bürstenförmig emporstehendem Haar. Er war das neue Oberhaupt der Stadt, Herr Sebastian Künemund, seines Zeichens ein Fleischhauer. In seinem Äußeren war er das genaue Gegenstück seines behäbigen Vorgängers, aber eines schien er mit ihm gemein zu haben: er redete nicht selbst, woran er vielleicht auch sehr klug tat, sondern ließ für sich den an seiner Seite sitzenden Syndikus Doktor von Otthera reden. Der kluge, geschmeidige Mann saß mit der gleichgültigsten Miene da, als habe sich von gestern auf heute gar nichts ereignet. Meyenburg stand ihm an Klugheit nicht nach, er fand sich sofort in die Lage. Mit einer tiefen Verbeugung begrüßte er die biederen Handwerker, die durch die Gunst ihrer Genossen auf die Ratsstühle erhöht worden waren, und schmeichelte ihnen dadurch nicht wenig, denn sie waren dessen noch ungewohnt. Dann erwartete er eine Anrede, aber sie blieb aus, denn der Bürgermeister wußte offenbar nicht, was er sagen sollte. »Die Herren Bürgermeister und Rat haben mich vorgefordert,« begann endlich Meyenburg, und nun fiel ihm Künemund in die Rede: »Jawohl – wir wollten – unser Freund Lamhardt – es ist an Euch vom alten Rate – den Teufel auch, Herr Doktor, sagt ihm, was wir ihm sagen wollen. Ihr versteht die Worte besser zu setzen denn ich.« Otthera erhob sich und sagte im verbindlichsten Tone: »Unser Herr Bürgermeister wollte sagen: der alte Rat hat an Euch eine Gewalttat begangen, die der neue Rat mißbilligt. Wenn das Klosterleben wider Gottes Gebot ist, so kann die Wegführung einer Nonne aus der Klausur nicht von denen bestraft werden, deren Richtschnur Gottes Wille ist. Vielmehr ist eine solche Tat zu loben. Daß aber das Brückenkloster zu Schaden gekommen ist, fällt Euch gar nicht zur Last. Der neue Rat läßt Euch deshalb frei und fordert nur von Euch, daß Ihr gelobt, an der Stadt Mühlhausen Euch nicht zu rächen für das, was jene Leute Euch getan. Hier ist die Urfehdeurkunde. Wenn Ihr klug seid, unterschreibt Ihr sie auf der Stelle ohn' alle Weiterung und Verzug.« »Ich begehre keine Rache. Die Leute sind genug gestraft,« erwiderte Meyenburg, trat an den Tisch heran und nahm aus Ottheras Hand die Feder, mit der er seinen Namen auf das Schriftstück warf. Dann fuhr Otthera fort, so geläufig, als ob er seine Rede ablese: »Es tut dem neuen Rate von Herzen leid, daß dem Syndikus der Stadt, die uns benachbart ist und mit der wir im Frieden möchten leben, eine solche Kränkung und Unbill bei uns geschehen ist. Darum wird er Euch einen Wagen stellen und zwei Knechte der Stadt und wird Euch lassen heimfahren, auf daß die Nordhäuser unseren guten Willen mögen erkennen.« Meyenburg verneigte sich zum zweiten Male. »Ich danke den Herren,« sagte er. »Aber erlaubt mir noch die Frage: ist's mir verstattet, die Jungfrau mitzunehmen, die ich aus dem Kloster entführt habe?« »Das versteht sich von selber. Die Jungfrau mag gehen, wohin sie Lust hat!« rief Lamhardt dazwischen. »Nicht wahr, Herr Künemund?« »Jawohl!« entgegnete der Bürgermeister. »Meint Ihr nicht auch, Herr Doktor?« »Warum sollten wir sie halten? Doch mag sie einen Revers unterschreiben, daß sie keine Forderung will an die Stadt stellen, wenn etwa ihr eingebrachtes Gut sollte zu Schaden gekommen oder verloren sein bei der Plünderung des Klosters. Nicht wahr, Herr Bürgermeister?« »Jawohl. Sie mag einen – solch ein Ding unterschreiben. Dann laßt sie laufen!« polterte Künemund. »Wo habt Ihr sie?« »Im Hause des Herrn Ratsherrn Lamhardt.« »Dann wartet eine kleine Weile, Herr Lamhardt. Ich schreibe Euch in Eile den Revers,« sagte Otthera, und seine Feder flog über das Papier. »So, hier ist er. Und Euch, Herr Kollege aus Nordhausen, viel Glück auf den Weg und für Eure Ehe! Denn mit einer Trauung wird das Abenteuer doch wohl enden? Es liegt jetzt in der Luft. Auch Doktor Karlstadt hat sich ein Nönnlein heimgeführt.« »Ich hoffe in der Tat, daß sie bald mein Weib sein wird,« erwiderte Meyenburg lächelnd. »Wo ist sie denn her? Hat sie noch Anverwandte?« fragte teilnahmsvoll ein wohlbeleibter Ratsherr, dessen burgunderrotes Antlitz ihn als einen Angehörigen der edeln Gastwirtszunft erkennen ließ. »Sie hat einen alten Vetter in Gotha und eine Muhme in Erfurt. Ihr Vater und ihre Mutter sind tot.« »Herr!« rief da der Wirt, fast begeistert von seinem klugen Einfall, »wenn sie denn also ohne Anhang ist, so tretet doch sogleich mit ihr in den Ring und kehrt als Ehemann nach Nordhausen zurück. Lasset Euch mit ihr zusammengeben durch unseren Prediger. Es wird Euch Zeit Eures Lebens und noch Euren Kindern eine absonderliche Erinnerung sein, daß Herr Thomas Münzer Eure Ehe eingesegnet hat. Und das Bier und den Wein, alles, was Ihr essen und trinken wollt, das findet Ihr bei mir. Ich bin der Wirt zum weißen Lamm!« Ein großer Teil der hochedeln Ratsmannen schrie lärmend Beifall, und Meyenburg schoß der Gedanke durch den Kopf, der Vorschlag sei gar nicht so uneben und wohl zu erwägen. Aber gleich darauf verwarf er ihn wieder, denn so sehr ihn die Aussicht auf den sofortigen Besitz der Geliebten lockte, so glaubte er doch nicht, daß Ursula zu der schnellen Hochzeit freudig bereit sein werde. Sie wäre ja auch im vollen Rechte gewesen, wenn sie sich dagegen gesträubt hätte. Denn sie waren einander fremd geworden in den Jahren der Trennung und mußten sich erst wieder gegenseitig kennen lernen. Auch wollte er nun und nimmermehr, daß seine Ehe von dem Propheten eingesegnet werde, denn der Mensch war in seinen Augen ein verderblicher Verführer des Volkes, ein wahnsinniger, halbzerstörter Geist, der früher oder später ein elendes Ende finden mußte. Er wollte eben dem begeisterten Wirt zum weißen Lamm die Ablehnung seines wohlgemeinten Rates aussprechen und suchte nach besonders vorsichtigen Worten, damit er ihn und seine Genossen nicht reize, da kam ihm ein anderer Ratsherr zu Hilfe. Der sprang auf, und mit einem höchst unwilligen Blicke nach seinem Vorredner rief er laut: »Dazu paßte weit besser meine Schenke zum braunen Bären. Bier und Wein sind da nicht schlechter, und wer die besten Bratwürste hat in Mühlhausen, das weiß ein jeder. Aber es gibt Leute, die können den Hals nicht voll genug kriegen.« Auch er fand Beifall, aber auch sehr heftige Gegenrede, und es brach ein erbitterter Wortstreit aus zwischen den beiden schenkenbesitzenden Ratsherren und ihrem beiderseitigen Anhang. Diese Gelegenheit benutzte Meyenburg, sich mit einer Verbeugung und einem Händedruck von Otthera und dem Bürgermeister zu empfehlen und den Saal zu verlassen. Lamhardt folgte ihm und geleitete ihn bis zu seinem nicht weit entfernten Hause. Dann kehrte er nach dem Rathause zurück, ließ sich aber zuvor von seinem Gastfreunde versprechen, daß er seine Braut zur Unterzeichnung der Urkunde bewegen werde. Die Frau Ratsherrin war mit ihrer jungen Tochter und ihrer Magd auf den Markt gegangen, und so traf Meyenburg Ursula ganz allein. Fast vier Jahre waren verflossen, seitdem er sie zum letzten Male in seinen Armen gehalten hatte. Nun waren ihre Arme wieder um seinen Hals geschlungen, und ihr Haupt lag an seiner Schulter, und wie damals weinte sie helle Tränen, Tränen, in denen sich das Leid langer Jahre löste. Meyenburg stand in mächtiger Bewegung da und wagte kaum, sie zu berühren. War es nicht ein Wunder, was er erleben durfte? Es war ihm zu Mute, wie es einem sein müßte, der seine Gattin vor Jahren begraben und sie doch niemals vergessen hat, und dem sie dann plötzlich zurückgegeben wird aus dem Lande der Toten. Gestorben und begraben für ihn und die Welt war ja auch die gewesen, deren warmes, blühendes Leben er jetzt an seinem Herzen verspürte. Das Gefühl des Glückes war so groß, daß es ihn fast lähmte. Erst nach einer Weile wagte er, sie fester zu umfassen und an sich zu ziehen. »Hast du mich noch lieb?« fragte er leise. Da hob sie den Blick zu ihm empor, und was er in den feuchtschimmernden Augen las, war ihm die beglückendste Antwort auf seine Frage. »Ich habe dich immer lieb behalten,« sagte sie. »Ich konnte die Liebe zu dir nicht aus meinem Herzen reißen, und der alte Pater Hilarius mußte mich in der Beichte immer wieder scharf zurechtweisen, wenn ich ihm bekannte, daß ich dich nicht vergessen könne. Zuletzt sagte ich ihm nichts mehr davon, und dann ging ich nur zur Beichte, weil es so Sitte war im Kloster. Es konnte sich da keine ausschließen.« »Wie bist du denn frei geworden?« fragte Meyenburg. »Es war eine im Kloster, Eva von Gehofen, die las heimlich die heilige Schrift und Bücher und Schriften von Luther. Die hat mich freigemacht. Sie zwang mich geradezu, das Büchlein zu lesen von der Freiheit eines Christenmenschen, zeigte mir auch, wie es übereinstimme mit der Apostel Lehre. Da merkte ich, daß die Möncherei kein gutes Werk ist, und daß wir uns selber nicht die Seligkeit verdienen können durch Beten und Fasten, viel weniger anderen. Darum dünkte mich das Opfer nutzlos, das ich meinem Vater brachte. Jeden Abend, wenn ich mich niederlegte, mußt' ich denken: der Tag war für nichts, und so wird am Ende auch dein Leben für nichts sein. Das Kloster ward mir verleidet, und als die Eva in der vorigen Woche heimgeholt ward von ihrem Bruder, da litt mich's nicht länger, und ich schrieb an dich. Die letzten Tage war ich sehr traurig, denn ich dachte, du hättest mich vergessen.« Meyenburg zog sie fest an sich und küßte sie auf den Mund. »Ich hatte dich nie vergessen und habe oft mit Schmerzen an dich gedacht. Aber, Ursula, es war hohe Zeit, daß dein Sinn sich wandelte und daß du mir schriebst. Es konnte wohl bald eine Zeit kommen, wo ich dich hätte vergessen müssen. Die ganze Stadt wollte mich ehelich machen, und alle meine Freunde setzten mir fleißig zu, ich solle heiraten, und auf die Dauer hätte ich wohl kaum widerstanden.« Sie bog den Kopf zurück und sah ihn erschrocken und mit erblichenen Wangen an. »Du hattest eine andere liebgewonnen?« »Nein, keine,« erwiderte er, »obwohl mir manche gefiel. Aber ein rechter Mann braucht ein Weib, Gott hat es nun einmal so geordnet. Wer ein Hagestolz bleibt, er sei denn durch Krankheit dazu gezwungen oder durch ein anderes Übel, der widerstreitet Gottes Ordnung sich selbst zum Schaden. So hätt' ich auch eine zur Frau genommen mit der Zeit, und hätt' ich ihr auch nicht alle Liebe geben können, so wäre ich ihr doch treu gewesen. Gott sei gedankt, daß ich nun doch noch die nehmen kann, der ich Liebe, nicht nur Treue geben kann! Mir ist es wie ein Wunder!« »Ja, Michael! Gott hat ein Wunder an uns getan. Das wollen wir ihm danken unser ganzes Leben lang.« Sie schmiegte ihr Haupt fest an seine Schulter. »Ich will's ihm dadurch danken, daß ich dich über alles lieb habe und dir dienen will!« flüsterte sie. »So willst du mein Weib werden?« »Wie kannst du so närrisch fragen?« »Und wann, Ursula? Einer riet mir vorhin, wir sollten uns gleich hier auf der Stelle lassen zusammengeben und als Eheleute einziehen in Nordhausen. Was denkst du?« Sie wand sich aus seinen Armen, und eine dunkle Wut überzog ihr Antlitz. »Das kannst du doch nicht ernstlich meinen?« sagte sie mit zitternder Stimme. »Warum nicht. Liebste? Wir haben so lange auf einander gewartet, daß es nicht rat ist, noch länger zu warten.« Sie blickte ihn flehend an. »Nein, Michael! Nicht so wie fahrendes Volk. Nicht in der fremden Stadt unter lauter fremden Menschen. Laß uns das nicht tun, ich bitte dich. Bringe mich nach Erfurt zur Muhme Barbara oder nach Gotha zu meinem Paten Dotheus. Die werden mir gern eine Hochzeit ausrichten, und du holst mich heim. So ist es Sitte und Brauch, und danach wollen wir tun.« »Und wenn ich nun auf meinem Kopf bestünde?« fragte er ernsthaft. Sie neigte das Haupt und erwiderte erst nach einer kleinen Weile: »Dann fügte ich mich deinem Willen. Aber ich täte es mit Trauer und Scham in meinem Herzen, und das wirst du nicht wollen.« »Nein, das will ich nicht!« rief Meyenburg und riß sie an sich. »Du hast recht. Es soll alles zugehen nach Brauch und Sitte, damit wir später nichts zu bereuen haben und die Mäuler der Leute uns nicht bereden. Mir verschlüge das nichts, doch eine Frau kränkt sich leicht über der Menschen Gerede. Aber nach Nordhausen nehme ich dich doch mit. Denn nach Gotha oder Erfurt kann ich dich nicht bringen in dieser Zeit, da niemand weiß, ob er nicht angefallen wird, so er durch ein Dorf reitet. Noch weniger lasse ich dich mit anderen ohne mich fahren. Du ziehst mit mir nach Nordhausen, und dort bringe ich dich zur Frau eines meiner Freunde. Da magst du bleiben, bis das Wetter vorüber ist, das jetzt in Thüringen anhebt, und dann kannst du immer noch nach Gotha oder Erfurt ziehen, dich heimholen zu lassen von mir.« Ursula sah ihn nachdenklich an. »Das wird das beste sein, und ich füge mich deinem Willen« erwiderte sie, und plötzlich fing sie leise an zu klagen: »Ach, Michael, mir ist so bange. Habe Geduld mit mir. Ich muß mich erst wieder in die Welt gewöhnen.« »Dazu wirst du wohl eine Zeit brauchen,« sagte er ernsthaft und küßte sie auf die Stirn. »Aber ich meine, du wirst es lernen.« »Ist's eine freundliche, gute Frau, zu der du mich führen willst?« fragte sie ängstlich. »Freundlich und liebereich, aber man tut gut, ihr nicht zu oft zu widersprechen. Ihrem Eheherrn hat sie das Widersprechen ganz abgewöhnt, er tanzt, wie sie pfeift. Möchte wissen, ob du das mit mir auch fertig bringst.« »O du!« rief sie. »Danach strebe ich gar nicht.« Sie drückte sich fester an ihn und bot ihm den Mund Zum Kusse. Da umschlang er sie mit beiden Armen, und in der nächsten Viertelstunde standen sie eng aneinandergeschmiegt und sprachen nicht viel, ohne daß ihre Lippen müßig gewesen wären. Dieses trauliche Alleinsein ward gestört durch die Heimkehr der Frau Ratsherrin Lamhardt, die allsogleich ein großes Lamentieren anhub, weil der Freund ihres Mannes in ihrem Hause noch keinen Imbiß erhalten habe. Sie schalt heftig auf die Magd, die sie doch selber mit auf den Markt genommen hatte, und trug dann mit großer Schnelligkeit alles auf, was sie an Eßbarem zur Hand hatte: Schinken, Wurst und andere gute Dinge. Meyenburg wurde mit einem Male inne, daß er einen ganz ungeheuren Hunger habe, was nicht gerade verwunderlich war, denn die Mühlhäuser Gefängniskost war mager genug gewesen. So aß er denn von den guten Dingen, daß die beiden Frauen darüber in Erstaunen gerieten, und ließ den Wagen, der schon an der Tür stand, eine ganze Weile warten. Endlich war er fertig und nahm mit herzlichem Dank Abschied von der gastlichen Hausfrau. Dann fuhr er, von zwei berittenen Stadtknechten begleitet, mit seiner neugeschenkten Liebsten aus den Toren der Prophetenstadt in den strahlend hellen Frühlingstag hinein, seiner Heimat entgegen. V. Frau Johanna Hauschild empfing Ursula mit der gewinnendsten Freundlichkeit, so daß der Ängstlichen und Verschüchterten das Herz aufging. Sie bot ihr sogleich das schwesterliche Du an und führte sie in ein helles und freundliches Gemach, in dem ihre jüngere Schwester bis zu ihrer Verheiratung gewohnt hatte. An deren Stelle solle sie treten in ihrem Hause und in ihrem Herzen. Meyenburg dankte der freundlichen Frau mit bewegten Worten für ihre liebevolle Gastlichkeit und fragte dann, wo sich sein Freund Kurt befände. »Er ist auf dem Rathause, Herr Michael,« erwiderte Frau Johanna. »Es muß etwas Besonderes im Werke sein, denn schon heute früh haben die Herren getagt, und vor einer Stunde hat sie Herr Conrad Ernst schon wieder in die Ratsstube entboten. Ich denke, sie werden sich sehr freuen, wenn sie Euch wiedersehen. Mein Mann sagte schon beim Mittagessen: wär doch nur erst der Michael von Mühlhausen zurück! Da wären wir schon lange zu einem Entschlusse gekommen!« »Der Wunsch soll ihm sogleich erfüllt werden,« erwiderte Meyenburg. Er nahm sein Liebchen noch einmal in die Arme, reichte Frau Johanna die Hand und eilte nach dem Rathause. Alle drei Ratskollegien fand er dort versammelt, die Herren waren bis auf einen, der wegen schwerer Krankheit fehlen mußte, vollzählig beieinander. Der Bürgermeister hatte eben geredet und gefragt, ob einer wisse, was bei so schweren Zeitläuften zu tun sei. Dann solle er seine Meinung den ehrbaren Ratsverwandten kund und zu wissen tun, daß man darüber verhandeln könne. Aber keiner tat den Mund auf, alle saßen mit gefurchter Stirne und teils trübseligen, teils finsteren Gesichtern da, und ein düsteres Schweigen lastete auf der Versammlung. In diesem Augenblicke betrat Meyenburg den Saal, und wenn einer noch nicht gewußt hätte, was dieser Mann seiner Stadt bedeutete, so hätte er es jetzt mit Augen sehen können. Aller Mienen entwölkten sich mit einem Male, einige schrien Heil, andere klatschten in die Hände. Der Bürgermeister, der unmutig vor sich hinstarrend dagestanden hatte, schlug vor Freude mit der Faust auf den Tisch und rief: »Gott sei gelobt, Syndikus, daß Ihr wieder da seid! Dachte schon, es sei Euch ein Unfall begegnet, und bereute sehr, daß ich Euch hatte ziehen lassen. Was für Kunde bringt Ihr mit?« »Keine, deren wir uns freuen können,« erwiderte Meyenburg. »In der letzten Nacht haben die Mühlhäuser ihren Rat gestürzt und einen neuen gewählt. Darin sitzen lauter kleine Leute.« Wie ein Ruck ging es nach diesen Worten durch die Versammlung. Einige sprangen erregt von ihren Sitzen auf und schrien zornige Worte, andere sanken in sich zusammen und murmelten Verwünschungen vor sich hin. Wie entgeistert starrte der Bürgermeister dem Bringer der übeln Nachricht ins Antlitz. Er dachte an das mutmaßliche Schicksal seiner Vettern in Mühlhausen, und es mochte ihm wohl bange sein vor einem ähnlichen Geschicke. »Warum erschreckt das die Herren so?« fragte Meyenburg. »Meint Ihr, Herr Bürgermeister, was in Mühlhausen geschehen ist, das könne auch in Nordhausen geschehen?« »Ja!« rief der Bürgermeister und sank auf seinen Sitz zurück. »Wenn die kleinen Leute in unserer Stadt das hören, so wird's auf sie wirken wie der Funke, der ins Stroh fliegt. Bald brennt alles lichterloh. Wißt Ihr, warum wir hier tagen? Weil im Rautenviertel und im Blasienviertel in der vergangenen Nacht heimliche Rottungen gewesen sind. Der verzweifelte Bube, der Hans Kehner, spielt sich hier auf als Prophet, wie Münzer und Pfeifer in Mühlhausen. Die Rottenleute bei den Knochenheuern wollen ihn zum Bürgermeister machen. Einer, Hans Sander, hat gesagt, es werde zu Nordhausen nicht gut, man schneide den Regenten die Köpfe ab und setze andere an ihre Stelle. Sie wollen, wenn wir beisammen sind, das Rathaus stürmen und die Herren vom Rathause werfen, wollen auch den Weinkeller mit den Bauern preis machen, wenn die herein in die Stadt kämen.« Hier seufzte der Altbürgermeister Thomas Sack so laut und vernehmlich auf, daß trotz ihrer Bekümmernis viele lachten. Auch Meyenburg lachte, ward aber gleich wieder sehr ernst, als der Ratsherr Lindmann rief: »Mich dünkt, es wäre das beste, wir wichen beizeiten von unseren Sitzen, wie es der Rodemann in Mühlhausen getan hat. Herren! Herren! So retten wir wenigstens das Leben. Mag dann im Rate sitzen, wer will!« »Sie wollen auch die Klöster stürmen und die Heiligen aus den Kirchen tun!« fuhr der Bürgermeister Ernst fort. »Die Nacht auf Mariä Verkündigung haben sie sich dazu ausersehen. Da wollen sie losbrechen und Sturm läuten auf allen Türmen, und sie meinen, die ganze Stadt werde ihnen zufallen.« »Da haben sie uns ja eine schöne Zeit gelassen, uns vorzusehen,« sagte Meyenburg ruhig. »Ihr Herren! Wollt Ihr, so ist's ein leichtes, die Ordnung zu bewahren in unserer Stadt und den Tumult und Rebellion und Blutvergießen zu verhüten.« Es wurde mit einem Male ganz still im Saale. Alles blickte mit neuerwachender Hoffnung auf den Sprecher, der mit so ruhigem Antlitz dastand, als verhandle man über ganz gleichgültige Dinge. »Ich hab's gesagt,« rief Siwert Eienrot. »Der hat uns gefehlt. Der wird den Rat retten.« Ein Murmeln des Beifalles folgte seinen Worten. Viele nickten dem Syndikus zu, der nun mit lauter Stimme sprach: »Ich meine, es ist in Wahrheit nicht schwer, die Rechnung der Schelme zuschanden zu machen, wenn Ihr nur dem folgen wollt, was ich Euch rate.« »So rate!« rief Kurt Hauschild, und der Altbürgermeister Sack sagte mit großem Nachdruck: »Gott hat diesem Manne eine schier übermenschliche Klugheit verliehen. Ich rate euch, liebe Gesellen, tut, was er sagt.« »Dann rate ich euch zuvörderst das eine: gebt von heute an alle Gewalt in die Hände der vier Ratsmeister, die jedes Kollegium hat, auf sechs Wochen. Diese zwölf Männer mögen gebieten in Nordhausen, was zu tun ist. Es taugt aus vielen Ursachen nicht, daß in diesen Zeiten sechsunddreißig Köpfe zu entscheiden haben, was der Stadt dient und was wir meiden müssen. Diesen zwölf Bürgermeistern will ich dann meine Meinung offenbaren.« »Er ratet gut!« rief der worthabende Bürgermeister. »Ich meine, wir tun danach.« Er hatte auf der Stelle begriffen, was Meyenburg wollte. Im Rate saßen einige Leute, die nicht sicher waren. Es mochte sein, daß durch sie manches in die Öffentlichkeit durchsickerte, was besser strenges Geheimnis geblieben wäre. »Wer ihm zustimmt, erhebe die Hand!« rief er. Die meisten reckten die Hand empor, nur einige murrten, und der Bürgermeister sah mit Genugtuung, daß es die waren, die er im Verdacht hatte. Sie waren nun überstimmt und konnten nichts mehr schaden. Die Mehrzahl der Ratsherren war sichtlich froh, daß sie jeder Verantwortung enthoben waren. »So bleiben denn wir zwölfe hier zurück, und die anderen können jetzt gehen,« gebot Ernst, und es geschah ohne Widerrede, wenn auch einige im Abgehen wütende Blicke nach dem Bürgermeister und Meyenburg schossen. Kaum hatten sie den Saal verlassen, so bat Konrad Ernst den Syndikus, der Versammlung seinen Plan kund zu tun. »Das will ich gern tun, meine werten Herren und günstigen Freunde,« erwiderte Meyenburg. »Aber erlaubt mir, daß ich mich dabei setze. Ich habe Schweres erlitten in den letzten Tagen, so daß mich meine Knie kaum noch tragen.« Er ließ sich auf einen der Ratsstühle nieder und fuhr fort: »Wir müssen unverzüglich zufassen, auf daß wir den Aufruhr ersticken, ehe er zu weit greift. Ein kleines Flämmchen tritt man leicht aus, nicht aber ein großes Feuer. Darum so rate ich zum ersten: morgen, wenn der Tag graut, versammeln wir uns alle hier im Rathause mit unserer besten Wehr. Die Stadtknechte werden aufgeboten, soweit sie nicht an den Toren nötig sind. Jeder von uns geht heute abend noch zu je vieren, die ganz sicher sind, und ladet sie ein, daß sie bewaffnet aufs Rathaus kommen sollen zur selben Stunde. Wir stellen eine Liste auf von denen, die uns als sicher gelten. Dann brechen wir auf und dringen zur gleichen Zeit in die Häuser derer ein, die es mit den Schwarmgeistern halten oder auch nur dessen verdächtig sind. Dort nehmen wir alle Waffen weg, Spieße und Schwerter und Feuerrohre. So können wir in einer Viertelstunde das ganze Rautenviertel und die Neustadt und das Blasienviertel von Waffen entblößen. Die Rädleinsführer, Hans Kehner, die Sanderschen Brüder, den Helmsdorf, nehmen wir in Verwahrung, vielleicht den einen oder den anderen dazu. Geschieht das, so ist der Aufstand aus, ehe er angefangen hat. Aber schnell muß das geschehen und alles zur gleichen Zeit, so daß sie sich nicht zusammenrotten können. Was dünkt euch, ihr Herren? Wollt ihr das?« Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann aber brach lauter, lärmender Beifall aus. »Das ist der klügste Rat, den wir finden können. Freunde!« rief der Ratsmeister Johann Branderod. »Mit ihren Messern und Äxten und Beilen, die wir ihnen ja lassen müssen, können sie keinen Aufruhr machen. Ich rate euch, tut, was der Syndikus vorschlägt.« »Wer dafür ist, stehe auf!« gebot der worthabende Bürgermeister. Alle erhoben sich, und somit war Meyenburgs Rat angenommen. »Ich achte,« sagte er, »damit sind wir für die nächste Zeit aller Gefahr ledig. Damit wir aber noch sicherer sind, auch dann, wenn die Feinde des Rates heimlich in der Nacht Waffen in die Stadt brächten, so rate ich zum zweiten: das hohe Kollegium Senatorum, das jetzt die Gewalt in Nordhausen allein ausübt, wolle sofort noch morgen geschickte Leute aussenden, die in Erfurt, Eisleben, Mansfeld drei- oder vierhundert Knechte für uns werben.« »Werden jetzt schwer zu haben sein, wo alle Welt Landsknechte sucht,« warf der Ratsherr Helle ein. »Sie laufen dem gewißlich zu, der das meiste bietet,« entgegnete Meyenburg. »Wir bieten den dreifachen Sold, drei Reichstaler den Monat.« »Seid Ihr des Teufels?« rief Hans Lutterodt, der um seiner Sparsamkeit willen in der Stadt und darüber hinaus bekannt war. »Warum sollen wir das gute Geld so zum Fenster hinauswerfen?« »Weil wir die Leute haben müssen. Was meint Ihr, würden wir verlieren, wenn das gemeine Volk auch nur eine Woche lang zur Gewalt käme? Jeder von uns büßte tausend Reichstaler ein, vielleicht noch der oder jener Leib und Leben. Zudem brauchen wir die Knechte höchstens acht, Wochen. Dann lassen wir sie wieder ziehen.« »Warum rechnet Ihr nur auf acht Wochen?« fragte Konrad Ernst. »Weil bis dahin der Rummel zu Ende ist. Die beiden Sachsen, der Hesse, der Mansfelder rüsten stark. Sind die fertig, so werden sie der aufrührerischen Rotte gewißlich bald Herr. Was verstehen denn die Propheten vom Kriegswesen? So viel wie man aus den Büchern der Könige lernt, und das ist wenig. Sie können das Volk aufwiegeln und toll machen, aber führen können sie es nicht.« »Gott gebe, daß Ihr recht behaltet!« sagte der worthabende Bürgermeister. »Ist einer gegen die Werbung der Knechte? Der rede jetzt und schweige hernach! Tut keiner den Mund auf? Gut, so ist auch dieser Antrag angenommen.« »Nun kommt das dritte, was ich zu sagen habe, und das ist eine kitzliche Sache,« fuhr Meyenburg fort. »Womit, ihr Herren, fängt jedesmal und allerorten der Aufruhr an? Damit, daß die Leute die Klöster stürmen. Den Mönchen geschieht ja nur recht, wenn man sie aus ihren Häusern jagt, denn sie sind unnütze Fresser. Aber es wird dabei viel Geld und Gut verschleudert, was man wohl verwenden könnte zum gemeinen Nutzen. Auch wird dadurch die Gier erregt nach dem, was die Reichen besitzen. So rate ich denn, wir zwingen unsere Klöster, daß sie alles Geld und alle ihre Kleinodien dem Rate ausliefern, daß er es bewahre in den Kellern des Rathauses, bis ruhigere Zeiten kommen« Mehr noch, ihr Herren! Die Klöster und das Kreuzstift können der Stadt gefährlich sein, wenn sie nicht in ihrer Hand sind. Die Domfreiheit liegt so, daß man von da aus Leute heimlich in die Stadt nehmen kann, das Predigerkloster zwischen der Kuttelpforte und dem Marterturm ist hart an der Mauer gelegen, und die Mönche sind ein unsicheres Volk. Darum soll Jonas von Stockhausen, unser Hauptmann, die Klöster alle besetzen, und die Pfaffen sollen alle den Eid schwören, daß sie dem Rat wollen untertan und gehorsam sein. Wir können nicht dulden, daß Menschen in der Stadt sind, die tun und lassen, was sie wollen, ohne der Stadt verpflichtet zu sein.« Diesen Worten folgte eine Stille, die lange andauerte. Endlich sagte der Ratsmeister Erasmus Schmidt: »Bei den Barfüßern, den Predigern und den Augustinern hätt' ich kein Bedenken. Aber vom Stifte Sanktä Crucis rate ich die Hand zu lassen. Wir sind scharf verwarnt worden durch ein kaiserliches Mandatum, die Kreuzpfaffen nicht zu beschweren. Darauf pochen sie und sind über die Maßen stolz. Was wollen wir denn mit ihnen beginnen, wenn sie sich des Eides trotzig weigern?« »Dann muß man sie zum Gehorsam zwingen,« entgegnete Meyenburg hart. »Sollen wir uns an ihnen vergreifen?« »Warum nicht, wenn's not täte?« »Sie haben Schutzbriefe des Kaisers, und Herzog Georg schirmt sie! Es ist ein gefährlich Ding, sie anzugreifen,« warnte Schmidt. »Ihr Herren,« erwiderte Meyenburg, »wenn der Kaiser uns dereinst fragen sollte: warum habt ihr also getan? da werden wir ihm erwidern: weil Eure kaiserliche Majestät uns so wenig schützen konnte, wie sie den Rat zu Mühlhausen geschützt hat. In der Not muß jeder sich selber helfen, wie er kann. Meinetwegen kann man ja die Pfaffen ihres Eides wieder entbinden, wenn der Tumult vorüber ist. Daran muß die Majestät erkennen, daß wir nur in der Not so gehandelt haben.« »Wollt Ihr es auf Euch nehmen, in das Stift einzudringen und sie zu nötigen, unseren Willen zu tun?« fragte Schmidt. »Ihr wißt, daß die Kreuzpfaffen Euch schon verklagt haben vor dem kaiserlichen Gerichte.« »Es wird sich ja wohl sonst niemand dazu drängen,« versetzte Meyenburg mit einem leisen Lächeln. »Ihrer Klage lache ich. Wenn Ihr wollt, so wette ich mit Euch um einen Eimer Bier, daß sie mir dort nichts anhaben können. Und ich sage Euch: so mich dieser Rat, der jetzt in Nordhausen gebietet, in das Kreuzstift sendet, so gehe ich hin, und Ihr sollt es erleben, daß die Pfaffen alle zu Kreuze kriechen. Sie werden ihre Kleinodien ausliefern, ihr Stift von uns besetzen lassen und den Eid schwören, dessen seid sicher. Man muß nur auf ihr Geschrei nicht achten und ihnen eine feste Hand zeigen.« »So tut es, wenn Ihr möget!« rief Schmidt. »Mich aber laßt aus dem Spiele! Was Ihr sonst ratet, halt' ich für recht und gut. Das aber geht mir zu weit, und ich kann dazu nicht ja sagen. Die Pfaffen angreifen, heißt den Kaiser reizen. Liebe Freunde, hiervon rate ich euch ab. Bedenkt das Sprichwort: Allzu scharf macht schartig.« »Besser ein schartiges als ein stumpfes Schwert!« rief Meyenburg trotzig. »Denkt darüber nach, ihr Herren, ob nicht in diesen Zeiten die Stadt muß unter einem Regiment sein und ob wir dürfen diesen Pfahl in unserem Fleische dulden.« »Wer will, daß wir mit den Klöstern und dem Stifte tun, wie der Syndikus geraten hat?« fragte Herr Conrad Ernst. »Ich bin der Meinung, daß er löblich geraten hat.« Es ergab sich, daß neun von den Ratsmeistern der Meinung Meyenburgs befielen und drei sich der Stimmen enthielten. »So ist auch das in Eurem Sinne entschieden,« wandte sich der worthabende Bürgermeister zu Meyenburg. »Ihr habt uns, wie ich meine, Gutes geraten, und nun wollen wir zu Gott bitten, daß alles zum besten ausschlage. Ich gebe Euch Vollmacht, die Pfaffen des Kreuzstiftes unter den Gehorsam der Stadt zu zwingen.« »Ich danke Euch, Herr Bürgermeister,« erwiderte Meyenburg, erhob sich von seinem Sitze und verneigte sich. »Ihr werdet, wie ich denke, sehen, daß sie nicht ernstlich widerstreben. Widerstreben sie dennoch, so sollen sie den gefunden haben, der sie trotz ihrer Schutzbriefe und Privilegien zähmen wird. Darauf verlaßt Euch.« VI. Als die Morgenröte des folgenden Tages die Dächer Nordhausens mit einem rosigen Glanze übergoß, hatte sich in der guten Stadt im Laufe einer kurzen Stunde sehr vieles verändert. Der Plan Meyenburgs, die Verdächtigen zu entwaffnen, war vollkommen geglückt, und dabei hatte sich's gezeigt, daß ein Teil der kleinen Bürger mit Waffen aller Art überreichlich versehen war. Nicht nur Schwerter, Spieße und Hellebarden waren in Menge vorhanden, auch Feuerrohre wurden gefunden und das schwarze Pulver, vom Volke »Kraut« genannt, das dazu gehörte, und im Hause des Knochenhauers Helmsdorf eine Kiste mit Kugeln, aus Blei gegossen. Das war natürlich nicht von ungefähr so, sondern es mußte seinen guten Grund haben. Für jeden, der sehen wollte, lag es klar zutage, daß eine Verschwörung in der Stadt bestand, und daß die Verschwörer entschlossen waren, ihre Ziele, wenn es sein mußte, mit bewaffneter Hand zu erreichen. Fürs erste war das vereitelt worden. Die Verschworenen hatten sich völlig überrumpeln lassen und daher auch nirgendwo Widerstand geleistet. Die Rädelsführer waren zwar sämtlich entwischt; entweder hielten sie sich in der Stadt irgendwo versteckt, oder es war ihnen gelungen, über die Mauer zu entkommen. Aber gefährlich werden konnten sie fürs erste nicht mehr. Der Rat hatte mit einem Male wieder das Heft fest in der Hand. An eine Empörung des Volkes war erst dann zu denken, wenn es den Männern des Umsturzes gelang, sich und ihre Anhänger in der Stadt von neuem mit Waffen zu versorgen. Um das zu verhüten, wurden die Tore aufs strengste bewacht und die Klöster besetzt. Einer der Mühlhäuser Propheten, Heinrich Pfeifer, war ein entlaufener Mönch, und viele Insassen der Klöster waren unruhige Köpfe, wie er, und faßten die christliche Freiheit, die jetzt überall gepredigt ward, durchaus nicht geistlich, sondern sehr fleischlich und weltlich auf. Es war sehr zu befürchten, daß viele der Mönche mit den aufgeregten Bauern und Kleinbürgern gemeinsame Sache machen könnten, waren sie doch aus diesen Volksschichten selber hervorgegangen. Darum sollten sie von vornherein unschädlich gemacht werden. Mit einer stattlichen Mannschaft zog Michael Meyenburg von einem Kloster zum anderen und forderte überall Einlaß. Dann mußten die Mönche, vom Prior bis zum Laienbruder herab, dem Rate den Eid des Gehorsams leisten, die Kleinodien und das bare Geld wurden aufgezeichnet und gegen eine Quittung in die Keller des Rathauses abgeführt. Alle Klöster erhielten eine Besatzung von etlichen Bürgern und bewaffneten Knechten, auch das Nonnenkloster auf dem Frauenberge, obwohl die Domina sich heftig dagegen sträubte. Aber einen eigentlichen Widerstand leistete auch sie nicht, sondern sie begnügte sich mit giftigen Blicken und anzüglichen Redensarten, die dem Syndikus und seinen Begleitern nicht unerhebliches Vergnügen bereiteten. Ernstlicher Widerstand begegnete den Bevollmächtigten der Stadt erst dann, als sie in das Stift der Kreuzherren Einlaß begehrten. Das Aufzeichnen und Abführen der Klosterschätze hatte so viel Zeit in Anspruch genommen, daß Meyenburg erst am folgenden Tage vor der Domfreiheit erscheinen konnte. Die Kreuzpfaffen hatten längst Wind bekommen von dem, was der Rat plante, und danach ihre Maßregeln getroffen. Denn sie waren entschlossen, sich nur der Gewalt zu beugen, und dann die Stadt beim Kaiser und dem Herzog Georg von Sachsen ernstlich zu verklagen. Zu dieser Haltung hatte sie vor allem angefeuert der Jüngste in ihrem Kreise, der Vikar Christian Heune, der sie alle an Geistesschärfe und hartem, rücksichtslosem Willen weit übertraf und deshalb ein ganz ungewöhnliches Ansehen im Stifte genoß. »Wenn wir uns des Ansinnens weigern,« hatte er ihnen eingeredet, und wenn sie dann Gewalt brauchen wider uns, so ist's wohl möglich, daß dieses der Anlaß wird zur Unterdrückung der Ketzerei in der Stadt. Denn kommt Herzog Georg nach Nordhausen, den Rat zu strafen, so fliegen die lutherischen Prädikanten über die Mauer, und wer nicht lassen will von der Martinischen Sekte, der mag ihnen folgen, und Nordhausen wird wieder eine christkatholische Stadt.« Dieser Ansicht waren der Dechant, Herr Anebeutel, und alle Domherren zugefallen, und die Vikare, die anderer Meinung waren, hatten gegen ihren streitbaren Konfrater den Mund nicht aufzutun gewagt. Sie wußten, daß sie im Streite mit ihm stets den kürzeren zogen. So kam es, daß Meyenburg das Tor der Domfreiheit verschlossen fand, als er etwa eine Stunde vor Mittag mit seinen Leuten davor anlangte. Kein Pochen und kein Rufen half, der Torwächter zeigte sich nicht, und alles blieb still. »Die Pfaffen wollen uns trotzen,« sagte er zu dem Ratsherrn Eienrot, der ihn begleitete. »Sie meinen wahrscheinlich, wir kehren um, wenn sie uns nicht aufmachen. Aber sie sollen sich verrechnet haben.« Er gab den Stadtknechten einen Befehl und trat sodann mit Eienrot in ein benachbartes Haus, um dort zu warten. Noch nicht eine Viertelstunde war vergangen, da rasselte eine Feldschlange heran, von den Knechten gezogen, die auch Kraut und Lot in einem Kasten herbeischleppten. Das Geschütz ward dem Tore gegenüber aufgestellt, und Meyenburg rief mit lauter Stimme zu dem Torwärterhäuschen hinauf: »Ich gebiete im Auftrag des ehrbaren Rates, daß ihr auf der Stelle öffnet. Andernfalls wird das Tor in den Grund geschossen!« Sogleich wurde droben der struppige Kopf des Torwärters sichtbar. »Der Herr Dechant hat mir verboten, die Pforte aufzuschließen,« rief er mürrisch herunter. »So sage deinem Herrn, ich, der Stadt Nordhausen Syndikus, habe den Befehl des Rates, in das Kloster zu dringen, und ich dringe hinein. In einer Viertelstunde mag er sich entscheiden. Solange gebe ich ihm Zeit, nicht länger.« Die Frist war noch nicht verstrichen, als die eisernen schweren Riegel drinnen zurückgestoßen wurden und die Türflügel sich knarrend öffneten. »Die Herren sind im Dome,« sagte der Torwart und trat finster blickend und einen Fluch vor sich hin murmelnd, zur Seite. »So gehen wir dorthin,« gebot Meyenburg. In dem Kreuzgange vor der Pforte des Gotteshauses standen der Dechant und das ganze Kapitel im vollen priesterlichen Ornat. Mit starrem Schweigen empfingen sie den Abgesandten der Stadt, und als er ihnen in einer längeren Rede auseinandergesetzt hatte, mit welchem Auftrage er gekommen sei, gab keiner eine Antwort. Meyenburgs Antlitz rötete sich. »Was soll das heißen?« rief er. »Habt ihr die Sprache verloren? Oder meint ihr, mich zu erschrecken, wenn ihr dasteht, wie die Ölgötzen? Gebet Antwort dem Rate, der euch nicht mehr abverlangt, als was recht ist und der Stadt nütze in dieser schweren Zeit.« »Wir haben das Beste des Stiftes zu bedenken, nicht das der Stadt!« gab Herr Anebeutel trotzig zurück. »Wir leben neben euch, nicht unter euch, und so soll es bleiben!« Er zitterte während dieser Worte, halb vor Ärger und halb vor Angst am ganzen Körper. »Für die nächste Zeit kann es nicht so bleiben, denn es wäre gegen die Sicherheit der Stadt,« erwiderte Meyenburg. »Darum rat' ich euch, fügt euch gutwillig und leistet den Eid!« »Und wenn wir uns weigern?« »So seid Ihr des Rates Gefangene, bis andere Zeitläufte kommen.« Ein Erschrecken ging durch die Schar der Priester. Einer der älteren Domherren trat an den Dechanten heran und redete leise auf ihn ein. »Ich will mich mit den Brüdern in der Kirche beraten!« sagte Anebeutel. »Harret hier auf uns.« »Das möget Ihr tun,« erwiderte Meyenburg. »Aber beeilt Euch, ich habe meine Zeit nicht übrig. Das Tor und das Pförtchen in der Mauer besetze ich einstweilen. Es kommt niemand hinaus.« »Ich meine, die Pfaffen werden sich fügen,« sagte Meyenburg, als sie in der Kirche verschwunden waren, zu Eienrot. »Herr Anebeutel ist kein Held und hat zum Märtyrer nicht das Zeug, die meisten anderen der Glatzköpfe auch nicht. Was gilt's? Es wird gehen, wie ich's gesagt habe.« Er sollte recht behalten. Noch keine halbe Stunde war vergangen, als das Kapitel wieder erschien und sich bereit erklärte, die Schätze und Kleinodien des Stiftes unter des Rates Schutz zu stellen und den geforderten Eid zu leisten. Meyenburg sprach ihn jedem einzelnen vor, und jeder einzelne schwur mit ausgestreckter Hand. Als alle geschworen hatten, die einen mit kalter, unbewegter Miene, die anderen mit Blicken, die Zorn und Haß sprühten, ließ Meyenburg seine Augen suchend im Kreise umhergehen. »Einer fehlt!« sagte er. »Wo ist Christian Heune?« »Er ist in der Kirche zurückgeblieben, will nicht schwören,« erwiderte ein alter Domherr. »So führt ihn herbei!« befahl Meyenburg, und wenige Minuten später zerrten zwei Knechte den jungen Priester, der sich wie ein Rasender wehrte, unter wildem Gelächter über die Schwelle des Domes. »Christian Heune,« sprach Meyenburg ernst und gemessen, »gebärde dich nicht wie ein törichter Narr, Es hilft dir nichts, du mußt den Eid schwören, den alle deine Konfratres geschworen haben.« Ein Gelächter war die Antwort. Dann preßte Heune die Lippen aufeinander und schwieg. »Warum willst du nicht tun, was die anderen getan haben? Dünkst du dich etwas Besseres zu sein?« »Bin ich nicht besser, so bin ich doch aus anderem Holze!« knirschte der Vikar. »Gib dir keine Mühe, Meyenburg, mich zwingst du nicht zum Eide. Nimmermehr!« »Du bist eines Nordhäuser Bürgers Sohn, und dein Geschlecht sitzt seit langem in der Stadt. Warum willst du dem Rate nicht schwören, dem alle deine Väter und Urväter Untertan gewesen sind?« »Weil mein Gewand mich über den Rat und alle weltliche Obrigkeit erhöht.« Meyenburg lachte spöttisch, »Ich sage noch einmal: du bist ein Narr. Es ist jetzt eine andere Zeit, die Pfaffen stehen nicht mehr über den Laien. Aber was schwatzen wir so lange? Willst du tun, was dir der Rat gebietet, oder nicht?« »Nein!« rief Heune. »Ich schwöre nicht und will eher aus der Stadt weichen als dir den Willen tun. Ja, ich will aus der Stadt. Ihr habt kein Recht, mich festzuhalten. Laßt mich los, ich gehe aus Nordhausen. Das will ich geloben.« »Damit du zu deinem Freunde, dem Pfaffen Emser läufst und den Herzog in Dresden mit ihm wider uns aufreizest! Daran ist uns nichts gelegen. Du bleibst hier und schwörst, oder du kommst in des Rates Gefängnis. Dazwischen wähle!« Heune stierte seinem Gegner einen Augenblick ins Gesicht, als hätte er ihn nicht recht verstanden. Dann packte ihn der Jähzorn, der in seiner Natur lag. Sein Gesicht verzerrte sich, und mit einem Ruck riß er sich los von den Knechten, die ihn an den Armen hielten. Obwohl er gänzlich unbewaffnet war, suchte er sich wie ein Wahnsinniger auf Meyenburg zu stürzen, fiel aber über das vorgestreckte Bein eines der Landsknechte zu Boden und schlug sich auf den Steinfließen die Stirn blutig. Im Nu war er überwältigt. Seine Stiftsbrüder standen schreckensbleich da, aber keine Hand rührte sich für ihn. »Bindet ihn!« gebot Meyenburg. »Er will es nicht anders.« Da brach es wie ein Heulen aus Heunes Munde hervor, und während er sich verzweifelt wehrte, um sich trat und schlug, kreischte er: »Hund! Ketzerischer Hund! Du bist an allem schuld. Hergelaufener, vermaledeiter Bankert –« »Schafft ihn fort!« schrie Meyenburg, in dem nun auch der Zorn aufkochte. »Wenn die Natter nicht hören will, so soll sie fühlen! Fort mit ihm in des Rates Gefängnis! Dort bleibt er fürs erste!« Heune wurde mit einem Male ganz still. Der Anfall von Jähzorn, der ihn geschüttelt hatte, war vorüber. Er ließ sich ruhig die Fesseln anlegen und ohne Widerstreben fortführen. Im Abgehen wandte er noch einmal sein blutüberströmtes Antlitz zurück und zischte mit einem furchtbaren Blick auf Meyenburg: »Daran wirst du denken dein Leben lang! Das schwöre ich bei Gott und der heiligen Jungfrau!« Ohne ein Wort der Erwiderung wandte Meyenburg ihm den Rücken und ging an das Geschäft, die Schätze des Stiftes zu besichtigen und aufzuschreiben. Als er nach einer Weile das Stift mit seinem Freunde Eienrot verließ, um bei Kurt Hauschild zu Mittag zu essen, sagte der Ratsherr plötzlich aus tiefem Nachdenken heraus: »Dieser Tag mag Folgen haben.« »Wie meinst du das?« »Du hast dir heute einen Feind gemacht.« »Der Mensch ist schon seit etlichen Jahren mein Feind.« »Aber nicht so, wie er es von jetzt an sein wird. Ein böser, gefährlicher Feind.« »Böse, ja! Aber gefährlich? Was soll mir der Pfaffe schaden können?« fragte Meyenburg gleichgültig. »Ich weiß es wohl, auf sein Betreiben hat mich das Kapitel beim Kaiser verklagt. Sie haben erst gar keine Antwort gekriegt, und da sie dringlicher wurden, sind sie mit ihrer Klage abgewiesen. Sie werden's wohl nun zum dritten Male tun, und ich denke, der Heune wird selber Hinreisen und Feuer dahinter machen. Was soll dabei herauskommen? Das wird alles wieder im Sande verlaufen und ist nicht wert, daß wir darüber reden.« »Ach Freund!« rief Eienrot und faßte seine Hand, »wenn er weiter keine Waffe hätte gegen dich, so könntest du wohl ruhig sein. Aber die Sache liegt anders! Er war bisher dein Feind wegen der Religion. Jetzt aber kommt noch persönliche Feindschaft hinzu, und nun nimm dich vor ihm in acht! Du kennst die Heunes nicht, wie ich sie kenne. Vor fünfundzwanzig Jahren – ich war gerade gefirmt worden – geriet der alte Heune beim Geschlechtertanze mit dem Ratsherrn Jost in Wortwechsel, und endlich schlug ihm der Jost ins Gesicht. Der Heune ließ ihn pönen vom Rate, wie's recht war, und alle dachten, die Sache wäre vorüber. Da wurde der Jost in einer Nacht im Klosterhofe im Altendorf erstochen. Jeder wußte, wer dahinter steckte, aber zu beweisen war nichts. In allen Ehren ist der Heune gestorben und begraben worden. Du aber sieh dich von heute an vor! Jähzornig und rachsüchtig sind die Heunes alle, und der hier, der Pfaffe, ist der allerschlimmste. Und er ist reich und hat einen Anhang in der Stadt. Alle, die heimlich noch der alten Lehre geneigt sind, hängen mit ihm und den Heunes, seiner Familie, zusammen. Er könnte wohl einen oder mehrere wider dich dingen! Nimm dich in acht!« »Wie soll ich denn das machen?« »Du sollst zum Exempel nicht allein über Land reiten, wie du neulich wieder mutterseelenallein geritten bist zum Grafen nach dem Hohenstein und lange nach Mitternacht erst wiederkamst.« »Das muß nun ganz von selber unterbleiben,« erwiderte Meyenburg. »Die Zeiten sind nicht mehr so, daß man allein in der Nacht auch nur eine Meile dürfte sicher reiten. Auch bin ich seit gestern und vorgestern vielen in der Stadt verhaßt, die vorher nicht viel nach mir fragten, denn ich habe das vereitelt, was sie ausführen wollten. Ich muß jetzt eine Weile vorsichtig sein, das weiß ich wohl. Die Empörer und Rebellen, denen wir die Waffen weggenommen haben, werden voll Gift und Galle gegen mich sein, denn sie erfahren ja doch, wer das angestiftet hat.« »Du solltest darum nicht mehr allein des Nachts nach Hause gehen, wenn du aus einer Trinkstube kommst oder von einem Freunde. Ich werde hinfort auf dich aufpassen, und Kurt Hauschild will ich bitten, daß er auch Obacht gibt.« Meyenburg blieb stehen. »Sage ihm, was du willst, aber laß es Ursula nicht hören.« Eienrot blickte ihn verwundert an. »Warum nicht?« »Sie ist schreckhaften Gemütes und möchte sich ängstigen. Ich will nicht, daß sie etwas hört, was ihr Sorgen macht um mich.« »Willst du ihr Herz in Seide einwickeln?« lachte Eienrot. »Soll kein scharfer Windhauch ihre Seele berühren? Ach Freund, was kann sie dir dann sein? Soll sie nicht, wie die Schrift sagt, deine Gehilfin werden? Das ist es ja gerade, was der Mann vom Weibe und das Weib vom Manne in der Ehe hat, daß sie ihre Sorgen gemeinsam tragen und sich dadurch leichter machen. Das wäre mir eine Ehefrau, die nicht alles wissen und mit mir tragen dürfte, was mich drückt!« Meyenburg antwortete erst nach einer Weile. »Darüber,« sagte er, »hat wohl jedermann seine eigenen Gedanken. Ich suche in meinem Weibe einen Menschen, der sich mit mir freut ohne Neid, wenn ich fröhlich bin, Glück und Erfolge habe und vorwärts komme. Die Last, die mir das Leben bringt, trage ich allein. Meine Schultern sind stark genug dazu. Ihr will ich nichts davon auflegen, ja, wenn es angeht, soll sie gar nichts davon merken.« Eienrot schüttelte den Kopf. »Dann wirst du Zeit deines Lebens halb einsam bleiben.« Meyenburg blickte ihm nachdenklich ins Gesicht. »Ein Mensch, der nicht ist wie die Mehrzahl der anderen, ist wohl immer halb einsam. Auf daß er nicht ganz einsam sei, nimmt er ein Weib. Ich war oftmals ganz einsam, wenn es am lautesten war um mich her.« Er ging langsam weiter, als sei er in tiefes Sinnen verloren, und Eienrot störte ihn nicht in seinen Gedanken. Als sie vor dem Hause zum Riesen angelangt waren, war es, als schräke er aus einem Traume auf. »Versprich mir« sagte er hastig, »daß du nichts von dem sagst, was geschehen ist und was du fürchtest, wenn Ursula dabei ist,« »Wenn du es willst, verspreche ich dir's,« erwiderte Eienrot und reichte ihm die Hand. Dann betraten sie miteinander das Haus, und Ursula flog mit einem Freudenrufe ihrem Liebsten entgegen. VII. »Nordhausen liegt zu dieser Zeit wie eine sichere Insel in den brausenden Meereswogen. Überall im Reiche herrscht Aufruhr, allerorten erhebt sich der gemeine Mann, Recht und Gesetz und Ordnung kommen ins Wanken, keiner will mehr dienen und gehorchen, die Knechte erheben sich über ihre Herren, die Untertanen über ihre Obrigkeit. Schon brechen da und dort die Flammen aus den Sitzen der Ritter und den Klöstern. Vorgestern ist der Abt vom Himmelsgarten, gestern der von Walkenried als Flüchtlinge bei uns eingekehrt und haben ihre Höfe in der Stadt bezogen. Dieser führte viele Fässer voll des besten Weines mit sich, jener eine große Menge wertvoller Bücher und Handschriften, so daß für die Nahrung des Geistes wie des Körpers gesorgt ist, wenn einer die geistlichen Herren besucht. Sie fühlen sich bei uns in Sicherheit und sind es auch, und ich will dir wünschen, mein Justus, daß es den Fürsten von Sachsen gelingt, auch bei euch in Wittenberg die Ruhe und Ordnung zu bewahren. Dir und dem verehrungswürdigen Doktor Martinus und allen in deiner Stadt, die guten Willens sind, insbesondere auch dem Meister des Pinsels, Herrn Lucas Kranach, dem Bürgermeister, meinem Freunde, Gruß und Heil.« So lautete der Schluß eines lateinischen Briefes, den Michael Meyenburg im April an seinen Freund Justus Jonas geschrieben hatte. Als der letzte Federstrich getan war, blickte er mit Genuß auf sein Werk hernieder. Er freute sich, daß er trotz der geringen Übung noch immer ein so gewandtes Latein zu schreiben vermochte, und noch mehr freute er sich darüber, daß er ein so erfreuliches Bild von den Zuständen seiner Heimatstadt hatte entwerfen dürfen. Ja, in Nordhausen war es bis zur Stunde still und ruhig geblieben, während in Mühlhausen, wie man hörte, der neue, vom Volke gewählte Rat nicht mehr Macht und Gewalt besaß als der abgesetzte Rat der Geschlechter, und die Propheten die gebietenden Herren der Stadt geworden waren. In Nordhausen hatte der Rat noch die Zügel in der Hand, und das war nicht zum mindesten das Verdienst seines Syndikus, ja, es war eigentlich ganz und gar sein Werk, denn die Herren auf dem Rathause hatten samt und sonders den Kopf verloren und waren der Lage nicht gewachsen. Mit Selbstgefühl schnürte und versiegelte er den Brief und legte ihn in eine Lade, denn vor übermorgen war an eine Beförderung nicht zu denken. Dann leerte er den Humpen, den er sich zum Schlaftrunk zurechtgestellt hatte, bis auf den Grund und begab sich zur Ruhe als ein Mann, der mit sich zufrieden ist. Es war hohe Zeit, denn vom Turme der Sankt Blasienkirche schlug es zwölf Uhr, und um diese Stunde wachten in Nordhausen, wie der Altbürgermeister Sack zu sagen pflegte, nur die Diebe und die Trunkenbölzlein. Er mochte etwa eine Stunde geschlafen haben oder auch zwei, als heftig an die Tür seines Schlafgemaches gepocht wurde. Nach geraumer Zeit erwachte er davon, obwohl er sehr schwer aus dem Schlafe zu erwecken war, und fragte mit zornigem Schnaufen: »Wer da? Was soll's?« Darauf erwiderte die sanft flötende Stimme seiner Wirtschafterin: »Sie stürmen die Klöster, Herr!« Mit einem Satze sprang er aus dem Bette. »Bist du des Teufels? Wer stürmt die Klöster? Was für Klöster?« »Ich weiß es nicht, Herr. Man hört nur Schreien und Lärmen in der Ferne. Der Herr Bürgermeister Ernst und Herr Ratsmeister Schmidt sind unten und bitten Euch, herunterzukommen.« »Ich komme gleich!« schrie Meyenburg. So schnell er es vermochte, zündete er ein Licht an, stürzte auf seinen Wandschrank zu und wappnete sich vom Kopf bis zu den Füßen. Dann eilte er klirrend die Treppe hinunter, wo die beiden auf ihn warteten. »Was ist geschehen? Wie ist das möglich?« schrie er. »Ich weiß nur, daß ein Volkshaufen ins Predigerkloster eingebrochen ist,« erwiderte Konrad Ernst finster. »Sie haben alles ausgeraubt, geplündert und zerschlagen. Dann sind sie zu den Augustinern, und jetzt stehen sie vor den Barfüßern. Die Mönche haben sie, wie es scheint, gern hineinkommen lassen und sind mit ihnen abgezogen.« »Wo ist Stockhausen?« fragte Meyenburg. »Der sammelt die Knechte auf dem Kornmarkt.« »Dann zu ihm hin und sofort nach dem Barfüßerkloster! Viele brauchen wir gar nicht zu sein. Ein Dutzend beherzter Männer genügen. Davor laufen die Schelme davon.« Die drei setzten sich in Bewegung. »Das alles muß wie der Wind gegangen sein,« sagte Schmidt im Vorwärtsschreiten. »Sie können überall kaum eine halbe Stunde gewesen sein.« »Daraus können wir sehen, daß sie Angst haben und sich nicht stark fühlen,« entgegnete Meyenburg. »Wir müssen uns sogleich auf sie werfen und sie auseinandersprengen. Es darf nicht so weit kommen bei uns wie in Mühlhausen. Am besten wäre es, wir nähmen ein paar gefangen und ließen sie morgen richten. Das schüchtert die Bösgesinnten ein.« Auf dem Kornmarkte vor dem alten Rathause trat ihm der Stadthauptmann von Stockhausen entgegen, der vor einem starken Landsknechtshaufen stand. Die Spitzen der Hellebarden blinkten hell im Lichte des untergehenden Mondes. »Es ist nicht viel zu tun gegen die Rotte,« sagte er bekümmert. »In der Domfreiheit sitzt Sundhausen mit dreißig Knechten, und den können wir nicht herausziehen. Achtzig brauchen wir an den Toren, so habe ich hier nur achtzig oder neunzig, und mit denen kann ich nichts machen.« »Achtzig Knechte werden doch genügen, um einen Volkshaufen auseinander zu treiben, der schlecht bewaffnet ist?« rief Meyenburg. »Ihr irrt,« erwiderte Stockhausen. »Sie sind sehr gut bewaffnet. Vor Mitternacht haben sie das Siechentor aufgemacht, unsere Knechte sind davongelaufen. Da ist viel Volks eingeströmt, Bauern und solche, die vor uns geflohen waren. Poppe ist wieder da und Kehner und Helmsdorf und die anderen. Sie haben Waffen mitgebracht, auch Feuerrohre und die Hakenbüchsen und Feldschlangen von der Mauer genommen. Wollt Ihr's, so renne ich wider sie, an. Aber ich sage Euch voraus, es wird eine blutige Schlacht werden. Die Altendörfer sind auf, und die aus dem Rautenviertel sind ganz wie die wilden Bestien.« »Ich acht', es ist das beste, wir lassen sie die Barfüßer ausplündern und rühren keine Hand dagegen,« sagte der hinzutretende Bürgermeister Oethe. »Dahingegen wollen wir das Rathaus gut besetzen, damit wir es fest in der Hand behalten.« »Das wird ein guter Rat sein,« erwiderte Meyenburg, und auch die anderen stimmten zu. So begab man sich denn nach dem Rathause, und mit der Zeit fanden sich dort auch alle zwölf Bürger- und Ratsmeister zu Ernst und Oethe, die gerade zu dieser Zeit die Worthabenden waren. Auch viele der Ratsherren kamen bewaffnet herbei, eine ganze Anzahl freilich brachte den Mut dazu nicht auf. Sie verkrochen sich in ihren Häusern, die sie fest verschlossen und verrammelten, und warteten in Angst der Dinge, die da kommen sollten. Es kam aber nichts. Die Aufrührer schienen es vor der Hand nur auf die Klöster abgesehen zu haben. Auch in das Stift zum Heiligen Kreuz waren sie eingedrungen und hatten schon begonnen, einige Kurien zu plündern, da warf sie der Hauptmann von Sundhausen wieder heraus und verjagte sie durch einige Schüsse, die er von der Mauer herab aus Hakenbüchsen gegen sie abfeuern ließ. Nun begannen die Domherren, soweit sie verständig waren, einzusehen, daß der ihnen abgeforderte Bürgereid auch sein Gutes habe. Der Rat schützte seine Untertanen vor der Gewalttat, um die er sich sonst nicht hätte zu kümmern brauchen. Auf dem Rathause platzten unterdessen die Geister heftig aufeinander. Die einen schlugen vor, man solle die Sturmglocken läuten und alle Bürger aufbieten und über die Empörer herfallen, die sich schwerlich eines Angriffes versähen, sondern wohl eben dabei wären, ihre Beute zu verteilen. Die anderen waren für gütliche Verhandlungen mit den Rebellen, und ihnen schloß sich, zur Verwunderung vieler, auch Meyenburg an. »Wir wissen nicht,« sagte er, »wie viele jene sind und wie stark der Zuzug ist, den sie erhalten haben. Auch wissen wir nicht, wie sie bewaffnet sind. Das alles müssen wir erst erkunden. Sonst heben wir ohn allen Nutzen ein großes Morden an. Unterlägen wir da, so wäre der Pöbel Herr in der ganzen Stadt, und es könnte bei uns noch ärger werden als in Mühlhausen. Darum rate ich, sendet Boten an sie ab, die sie fragen, was sie wollen und von uns begehren.« »Wir können doch nicht mit dem gemeinen Manne verhandeln, als wäre er unseresgleichen?« rief der Ratsmeister Schmidt dazwischen. »Ich erkenne Euch nicht wieder, Syndikus! Waret Ihr nicht immer für scharfe Mittel?« »Je nach den Umständen,« erwiderte Meyenburg. »Der kluge Mann beißt auch einmal in einen saueren Apfel, wenn er dadurch vermeidet, in einen giftigen beißen zu müssen. Sendet Boten an sie ab und sagt, sie sollten euch ihre Wünsche zu Papier bringen. Darüber werden Tage vergehen, und wir brauchen vor allen Dingen Zeit. Schon ist der Mansfelder gerüstet, und die Fürsten ziehen allgemach heran. Nicht mich sendet zu der Rotte, denn mein Wort findet jetzt bei ihnen gewißlich keine gute Stätte. Schickt andere, die beliebt sind beim gemeinen Volke.« Die meisten stimmten nach einigem Hin- und Herreden dem Rate Meyenburgs zu, denn es graute ihnen vor einem blutigen Kampfe mit ihren Mitbürgern, dessen Ausgang in der Tat niemand voraussagen konnte. Er wurde auch dadurch unterstützt, daß der Reichsschultheiß Leonhard Busch einen Diener sandte und den Herren auf dem Rathause empfahl, sie möchten die Bürger gütlich anhören, die Leute seien bereit zu unterhandeln. So wurden die Ratsherren Bohne und Eilhard, zwei ältere, allgemein beliebte Männer, zu dem Volkshaufen im Altendorfe abgesandt, mit den Rotten, die sich auf dem Peterskirchhofe versammelt hatten, beredete sich der Bürgermeister Oethe persönlich. Die Verhandlungen zogen sich über den ganzen Tag hin, denn es war wirklich so, wie es der Syndikus vorausgesagt hatte: die Leute wußten nicht, was sie wollten, und waren nicht unter einen Hut zu bringen. Der eine wollte dies, der andere das, und sie gerieten sich dabei kräftig in die Haare. Am Abend wurde indessen so viel erreicht, daß die Führer der Haufen dem Rate gelobten, sie wollten keine Gewalttat mehr verüben, solange die Verhandlungen zwischen dem Rate und der aufständischen Bürgerschaft schwebten. Darüber entrüsteten sich viele der Bauern, die des Raubens und Plünderns wegen in die Stadt gekommen waren, so sehr, daß sie auf der Stelle unter Schimpfen und Fluchen hinwegzogen und ein Lager vor dem Tore aufschlugen. Dort beschlossen sie, zu Thomas Münzer zu ziehen, sobald der Tag anbräche, und damit war Nordhausen eines großen Teiles seiner schlimmen Gäste ledig. Meyenburg überdachte das mit Vergnügen, als er in der Dämmerung seinem Hause am Hagen zuschritt, und sann darüber nach, wie man wohl am nächsten Tage durch kluge Verhandlungen die Rebellen noch weiter schwächen könne. Dabei hatte er das Rasseln eines hinter ihm herfahrenden Rollwagens gänzlich überhört und konnte kaum noch zur Seite springen, als der Kutscher ihn anrief. Er hatte nicht weiter Obacht auf den Insassen des Wagens, der die Kappe tief ins Gesicht gezogen hatte. Es mochte wohl einer der Landpriester sein, wie sie jetzt in Menge die Mauern Nordhausens aufsuchten, um hier Schutz zu finden vor den wilden Haufen, die im Lande umherzogen, oder auch vor ihrer eigenen lieben Gemeinde. Um so erstaunter war er, als er um die Ecke biegend, das Gefährt vor seinem Haus halten und den Reisenden in die Tür treten sah. Der Gestalt, der Haltung nach war das doch – nein, das konnte nicht sein, schien ganz und gar unmöglich. Wie konnte dieser Mann gerade jetzt in Nordhausen erscheinen! Aber als er ihm beflügelten Schrittes jetzt nacheilte, sah er, daß er sich nicht getäuscht hatte. Im Vorraum seines Hauses stand Doktor Martin Luther und streckte ihm die Hand entgegen. »Gott zum Gruße, Herr Syndikus Meyenburg! Ihr seid wohl verwundert, mich hier zu sehen?« rief er. »Nichts hätt' ich mir freilich weniger träumen lassen als diese Ehre und Freude,« erwiderte Meyenburg, sich tief verneigend. »Hochwillkommen, Herr Doktor! Tretet ein! Was führt Euch unter mein geringes Dach?« »Nun, ein geringes Dach ist das ja nicht,« sagte Luther, indem er das Wohngemach betrat. »Ihr wohnt wie ein Graf. Davor muß sich selbst das Haus meines Freundes Kranach in Wittenberg verstecken. Potz Tausend! Ich habe nicht gewußt, daß Ihr ein so reicher Mann seid. Aber um so weniger macht es Euch wohl Beschwerden, einen Gast zu beherbergen. Ich will bei Euch nächtigen, denn Ihr seid mir gerühmt worden als die stärkste Säule des heiligen Evangeliums in dieser Stadt.« »Ich bemühe mich, es zu sein, entgegnete Meyenburg. »Der Rat, den Ihr mir gabt, in die Schrift zu dringen, ist nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen. Das danke ich Euch mein Leben lang. – Aber nun setzt Euch nieder. Es soll Euch sogleich eine Kollation gebracht werden.« »Halt!« rief Luther und streckte den Arm aus. »Ein paar Bissen Brot und Fleisch und, wenn Ihr wollt, einen Krug Bier! Sonst nichts. Mich dürstet nicht sowohl nach Speis und Trank als nach Schlaf. Ich habe gepredigt und geschrieben Tag für Tag wider die Rottengeister des Teufels, die jetzt das deutsche Volk toll machen und es wollen ins Verderben jagen. Nun bin ich gefahren von Eisleben hierher und bin müde bis auf den Tod. Morgen will ich auch hier predigen wider den Mordpropheten und seine Gesellen. Heute aber tut Ihr mir die höchste Wohltat an, wenn Ihr mir sogleich nach dem Essen ein Lager anweist. Ich bitte Euch darum. Meine Füße wollen mich kaum noch tragen.« Meyenburg blickte in das Antlitz des verehrten Mannes und sah mit Schrecken, wie grau und verfallen es aussah. Nur die mächtigen Augen glühten wie immer, aber es war ein fieberischer Glanz, der aus ihnen herausleuchtete. Die Besorgnis ergriff ihn, Doktor Luther könne vielleicht in seinem Hause krank werden. So tat er ihm denn den Willen und ließ in aller Eile eine höchst einfache Abendkost herbeibringen. Während Luther aß, ließ er sich berichten, wie es in Nordhausen stand. Er legte, als Meyenburg geendet hatte, das Messer beiseite und blickte ihn düster an. »So steht es also auch bei euch wie überall! Der Samen, den der böse Feind durch seine Diener ausgestreut hat, geht jetzt allenthalben auf. Wir wollen sehen, ob wir dem Unheil noch steuern können durch das Wort. Wollen sie aber das Wort nicht hören, so müssen sie mit dem Schwerte zum Gehorsam gebracht werden. Denn wenn diese Buben siegten, so sänke das ganze Land in Blut und Trümmer. Gott wird es nicht leiden, daß die Schwarmgeister unsere edle deutsche Nation verderben, aber wie viele arme Leute werden sterben müssen um ihrer Narretei willen! Denn alle Rebellion kommt von ihrer Narretei, nicht daher, daß die Leute von ihren Herren werden zur Verzweiflung getrieben. Das ist nicht die Wahrheit. Wohl gibt es viele harte Herren, und diese Schinder werden einen bösen Stand haben, wenn sie dereinst erscheinen müssen vor dem Richterstuhle Gottes. Aber daher kommt der Aufruhr nicht. Er kommt aus der Predigt der Propheten, die der Ehrgeiz treibt und der Hochmut, und die wollen, daß die Welt ihre Weisheit bestaune und ihnen Untertan sei. Darum reden sie den Leuten nach dem Maule, vermengen christliche und weltliche Freiheit, verheißen ihnen das Blaue vom Himmel herunter und berufen sich dabei auf Gottes Wort. So mißbrauchen sie die Schrift und geben den Feinden des Evangeliums die Waffen in die Hand. Nun frohlocken alle die Schelme, die das heilige Evangelium lästern, der Bock zu Leipzig und Cochläus und die anderen: sehet, das sind die Früchte der neuen Lehre! Deshalb muß ich auf den Plan und reden wider die Schwärmer und Verführer und bin mitten durch das aufgestörte Volk hindurchgefahren und reise an alle die Orte, wo ich denke: da ist noch etwas zu machen, da kann man, so Gott will, dem Unheil noch steuern, da sind wohl die Leute zur Vernunft zu bringen und werden sich nicht verstecken. Darum bin ich nach Nordhausen gekommen und fahre morgen nach Stolberg. Zu beiden Städten habe ich gutes Zutrauen. Es müssen viele drin sein, die Gott lieb haben.« »Seid dafür bedankt, Herr!« rief Meyenburg. »Ja, wir haben viele wackere und tüchtige Leute in unserer Stadt, auch unter den niederen und ungelehrten Leuten, und der Rat hat sie wahrlich nicht gedrückt und geschunden. Sie sind aufgehetzt worden von den Aposteln der Mühlhäuser Propheten, die von Haus zu Haus geschlichen sind und ihnen das Himmelreich auf Erden versprochen haben. Euer Wort hat schon so Vieles und Großes bewirkt in deutschen Landen, und so meine ich, Ihr werdet nicht vergeblich predigen.« – Leider erwies sich diese Meinung des sonst so klugen und menschenkundigen Meyenburg als durchaus irrig. Vielleicht hätte ja Luthers gewaltiges Wort ein Wunder bewirkt, wenn man ihn überhaupt hätte zu Worte kommen lassen. Aber als er am nächsten Vormittag auf der Kanzel der Hospitalkirche zu Sankt Georgen stand, war zwar das Gotteshaus übervoll, wer jedoch die Leute kannte, die sich in den vordersten Bänken rekelten, spuckten und beim Erscheinen des Predigers höhnisch grinsten, konnte nichts Gutes erwarten. In der Tat hatte Luther kaum angefangen zu reden, als der Lärm losbrach. Er wies auf das große Bild des gekreuzigten Jesus hin, das seitwärts der Kanzel an der Wand hing, da rief Hans Kehner überlaut: »Der Götzendiener will, daß wir seinen Götzen anbeten!« Dann schrillte eine Weiberstimme durch die Kirche: »Die Bilder sind vom Teufel! Tut ab, was ungöttlich ist, ihr Kinder des Lichtes!« und ein Stück Holz flog gegen den Kruzifixus, so daß der eine Arm sich löste und polternd herabfiel. Einen Augenblick herrschte Totenstille. Aber kaum begann Luther, der zornbleich auf der Kanzel stand, wieder zu reden, da schrie Hans Kehner: »Brüder, wollen wir den Martinischen Dreck fressen? Gott behüte uns davor!« Er zog eine Pfeife aus dem Wamse und ließ ihre quiekenden Töne erklingen. Andere suchten die Stimme des Predigers durch zwei Klingeln zu übertönen, die sie mitgebracht hatten. Wieder andere grunzten und schrien, und es ward ein Spektakel, daß niemand sein eigenes Wort verstehen konnte. Luther sah sehr bald ein, daß er gegen den Lärm nicht aufkommen könne. Darum warf er nach einigen vergeblichen Versuchen, sich Gehör zu verschaffen, die Bibel zornig auf das Pult und verließ die Kanzel. Sogleich trat Ruhe ein, die zur tiefen Stille ward. Da ertönte noch einmal vom Fuße der Kanzeltreppe her markig und laut seine Stimme: »Also steht' geschrieben Matthäi am zehnten: Wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so gehet hinaus von demselbigen Hause oder Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Wahrlich ich sage euch: dem Lande der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher ergehen am Jüngsten Gericht, denn solcher Stadt.« Diese Worte machten ersichtlich einen Eindruck auf viele, etwas wie der Ausdruck des Erschreckens zeigte sich in manchem Antlitz. Die geschworenen Anhänger Münzers bemerkten das mit großem Ärger, und Kehner fing an wie ein Unsinniger zu schreien und zu brüllen, und als nun Luther sich zum Gehen wandte, streckte er das Bein vor, um ihn zu Fall zu bringen. Da sprang Meyenburg zu und stieß ihn zurück. »Gib Raum!« knirschte er, von Scham und Zorn über die Gemeinheit seiner Mitbürger übermannt. Kehner sprang auf und packte ihn am Wams auf der Brust. »Haben wir dich, Hund, Volksverräter« – er wollte noch mehr sagen, aber ein Faustschlag Meyenburgs schmetterte von unten gegen sein Kinn, daß er ächzend zusammensank. Unangefochten erreichte nun Luther, umringt von mehreren Getreuen, den Ausgang der Kirche und schritt mit seinen Begleitern dem Meyenburgschen Hause zu. Niemand folgte ihnen. »Ihr habt ja verzweifelte Leute und Rangen in Eurer Stadt!« sagte er. »Nimmer hätt' ich das gedacht. Sie sind wie die Bauern von Orlamünde, die der Erznarr Karlstadt wild und toll gemacht hat. Die haben mich auch gezwungen abzufahren und mit Steinen und Dreck nach mir geschmissen. Wehe der guten Stadt Nordhausen, wenn sie hier zur Gewalt und Herrschaft sollten gelangen! Aber ich fürchte, der Strom wird kaum noch zu dämmen sein.« »Es ist mir, als hätte mir selber ein Schelm die größte Schmach angetan,« erwiderte Meyenburg finster. »Ich schäme mich, daß Ihr solches in Nordhausen habt erfahren müssen. Wollet deshalb keinen Zorn auf unsere Stadt werfen, Herr Doktor. Der Pöbel spielt jetzt seine Trümpfe aus, aber will's Gott, so verliert er bald sein Spiel.« »Wenn die Narren mir etwas übles[? Übles ?] tun,« erwiderte Luther, »so spreche ich mit unserem Herrn: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Aber daß sie Gottes Wort nicht wollen hören, das ist es, was mich wurmt und verdrießt. Doch Gott wird sie finden, die sein Wort zum Schanddeckel ihrer Bosheit machen. – Wo steckt denn Eure Hausfrau?« fragte er dann unvermittelt, als Meyenburg ihn bat, sich ein Frühstück gefallen zu lassen. »Ich habe noch keine,« erwiderte Meyenburg und erzählte, wie es ihm ergangen war. »Ei,« sagte Luther, »Ihr wollt ein Nönnlein freien? Das ist recht, vielleicht tut das ein anderer auch noch. Die armen Kreaturen sind zumeist sehr zu beklagen, wenn sie in die Welt zurückkehren. Im Kloster waren sie wohl versorgt, jetzt sollen sie sich selber versorgen, und das gelingt nicht jeder gut. Ich freue mich allemal, wenn ich wieder von einer höre, die unter die Haube kommt. Denn dazu sind die Frauen da, nicht zum Hora- und Messesingen.« Er wurde mit einem Male ganz aufgeräumt, scherzte und lachte und sprach dazwischen ernste Worte über den Ehestand und den großen Segen, den eine gute Hausfrau und Mutter stiften könne. »Mehr als der Vater, der seinem Amt und Geschäft nachgehet und weniger Zeit hat für die Kinder, kann die Mutter Gottes Wort einsenken in die jungen Seelen, daß es da festwurzelt und nicht herauszureißen ist durch die Macht des bösen Feindes. Dieses Glas, Herr Syndikus, trinken wir auf die Gesundheit der werten Magd, die Ihr in Euer Haus führen wollt als Euer Weib. Wie sagt Ihr? Sie ist noch hier in der Stadt? Da muß ich sie kennen lernen.« Er redete noch, da trat der Ratsbote in das Gemach und entbot Meyenburg aufs Rathaus. Es sei etwas Wichtiges, was die Herren Bürgermeister mit ihm bereden wollten. »Wißt Ihr was?« sagte Luther. »Ihr lasset mich unterdessen in das Haus des Ratsherrn» geleiten, wo Eure zukünftige Hausehre weilt. Dort holt Ihr mich dann ab, und ich sehe Euch noch, bevor ich abfahre. Die Reisigen des Grafen Botho, die mich nach Stolberg geleiten sollen, werden wohl schon in der Stadt sein. Die Mansfelder, die mich hergebracht und in einer Herberge am Tore genächtigt haben, wollten in aller Frühe dem Grafen Nachricht senden, daß er mich zu sich geleiten lasse. So werde ich wohl zu Mittag bei dem Grafen sein.« »Ihr erweist mir und meiner Liebsten damit eine große Ehre, und ich werde Euch selber geleiten. Es ist kaum ein Umweg,« entgegnete Meyenburg. »Ist's Euch recht, so gehen wir sogleich.« – Als Meyenburg auf dem Rathause ankam, traten ihm beide Bürgermeister Oethe und Ernst mit tief bekümmerter Miene entgegen. Oehte weinte fast. »Ach Syndikus, was habt Ihr angerichtet!« stöhnte er. »Ich?« fragte Meyenburg betroffen. »Was meint Ihr?« »Der Helmsdorf war hier und der Sander. Sie schäumten und tobten und schrien. Ihr hattet den Hans Kehner halb zu Tode geschlagen und so den Frieden verletzt, den sie und der Rat mitsammen beschworen. Handle man so an ihrem besten Freunde, so wären sie an nichts mehr gebunden und müßten sehen, wo sie blieben. Sollte aber Ruhe bleiben in der Stadt, so müßte der fort, der den Frieden gebrochen habe, und der ja auch gar kein Nordhäuser sei. Was habt Ihr denn mit dem Kehner gehabt? Der Bube hat freilich den Strick verdient – aber Ihr wißt ja selber, daß wir ihm jetzt nicht an den Kragen können und den Bösewichtern alles nachsehen müssen.« Mit einem grimmigen Lachen erzählte Meyenburg den Hergang und schloß mit den Worten: »Er hat sich wie ein Rüpel betragen zur Schande unserer Stadt. Da wies ich ihn zurecht, und als er mich anfaßte, schlug ich ihn nieder mit der Faust, wie es jedermanns Recht ist, den einer angreift. Das Schwert hab' ich nicht entblößt, den Frieden der Stadt nicht gebrochen. Es trifft mich keine Schuld.« Der Bürgermeister Ernst nickte. »Das habe ich mir gleich gedacht. Wahrlich, hätte einer in meinem Beisein dem Doktor Luther so getan, ich hätte gehandelt wie Ihr. Hätt' ich gewußt, daß er in der Stadt ist und predigt, so wäre ich selber hingegangen, aber ich erfuhr's zu spät. Doch hoffe ich wenigstens, ihn noch zu sehen. Aber was machen wir nun? Der Pöbel ist außer Rand und Band. Ich meine, diese Nacht könnt's wieder losgehen, vielleicht sogar am hellen Tage. Die Rädelsführer hätten nichts lieber als das. Die Sache mit dem Kehner, den Gott verdamme, ist ihnen nur ein Vorwand.« »Ja, was machen wir nun?« seufzte Herr Oethe. »Wir können ihnen doch nicht den Willen tun. Das wäre dem Rate eine Schande.« »Und ich kann Euch nicht entbehren« polterte Ernst. »Ratet, wie Ihr mir so oft geraten habt: was sollen wir tun?« Meyenburg stand in tiefem Nachdenken. Seine Züge wurden immer härter und finsterer. »Ratet Ihr zu einem Gewaltstreich?« drängte Ernst. »Nein,« erwiderte Meyenburg, »der kostete der Stadt viel unnützes Blut, euch vielleicht das Leben.« Er hob entschlossen das Haupt. »Ich gehe freiwillig auf eine kleine Weile aus der Stadt.« »Wie?« rief Ernst. »Ihr wolltet –« »Ihr Herren,« sagte Meyenburg, »das wird das beste sein. Doktor Luther fährt nachher mit Geleit nach Stolberg. Er wird mich mitnehmen. Von da gehe ich ins Lager der Fürsten. Sie ziehen jetzt gegen die Propheten heran und werden dem ganzen Rumor in Kürze ein Ende machen. Das ist mein fester Glaube. Nur eine kleine Zeit bin ich fern, dann kehre ich zurück. Und laßt euch noch eins raten: tut den Rotten in allen Stücken scheinbar den Willen, und haltet das Rathaus scharf bewacht und das Stift. Verhandelt mit ihnen und haltet sie hin. Fordern sie, Ihr solltet der Gemeine Rechenschaft legen, so sagt ihnen auch das zu, und finden sie eine Schuld, so werft sie auf mich. Wenn ich wieder da bin, werden sie froh sein, ihr Leben zu behalten, und nach nichts mehr fragen. Und noch eines: in Kurt Hauschilds Hause ist eine, die mir lieb ist, ihr wißt es. Sie wäre vielleicht noch sicherer – doch nein, laßt sie dort. Sie ist anderswo auch nicht in größerer Sicherheit. Und nun gehabt euch wohl, ihr Herren. Gott gebe uns ein Wiedersehen in besseren Tagen.« – Im Hauschildschen Hause saß Luther in einem großen Kreise, denn viele aus der Nachbarschaft hatten sich eingefunden, die ihn sehen wollten. Auch vor dem Hause standen viele Leute, denn die sechs Berittenen des Grafen von Stolberg, die von Meyenburgs Hause hierher gewiesen waren und neben dem Wagen hielten, hatten Schaulustige angelockt. Als Meyenburg eintrat, ging ihm Luther sogleich entgegen. »Ich habe doch noch ein großes Volk in dieser Stadt, oder besser, nicht ich habe es, vielmehr unser Herr,« sagte er fröhlich. »Wenn das Wetter vorüber ist, wird die Saat um so frischer grünen. Und die Jungfrau, die Ihr Euch erwählet habt,« er faßte die errötende Ursula an der Hand, »gefällt mir sonderlich wohl. Der Herr segne euch beide! Jetzt aber, Herr und Freund, muß ich eilend fort, ich habe nur gewartet, Euch Lebewohl zu sagen.« »Ich bitte Euch, Herr Doktor, nehmt mich mit,« erwiderte Meyenburg. »Ich muß auch zu dem Grafen, ln der Stadt Geschäften.« »Wie, du willst fort?« rief Ursula angstvoll, ihre Befangenheit überwindend, und faßte seine Hand. »Auf etliche Tage nur, liebes Herz. Du brauchst dich nicht um mich zu sorgen. Ich fahre in sicherem Geleit!« »Gern nehme ich Euch mit mir!« rief Luther. »Nur eilet Euch, denn meine Zeit ist karg bemessen.« Nach einer kurzen, ernsten Unterredung mit seinem Freunde Hauschild, dem er sein Haus empfahl, umarmte und küßte er Ursula noch einmal und schwang sich dann zu Luther in den Wagen. »Ich bitte Euch, Herr,« sagte er, »fahrt an meinem Hause vorbei und harret dort eine kleine Weile.« Das geschah, und Meyenburg stürmte die Treppe empor, warf sich, so rasch er vermochte, in sein Rüstzeug und schnallte eine Geldkatze um den Leib. Dann hüllte er sich in seinen Reisemantel und eilte die Treppe wieder hinab. Ein Roß hoffte er vom Grafen zu erhalten, der ihm sehr wohl wollte. »Ihr kommt ja gewappnet wie Euer Namensvetter, der streitbare Erzengel des Herrn,« scherzte Luther. »Wollt Ihr Krieg führen mit dem Grafen zu Stolberg, oder meint Ihr, ich sei nicht sicher genug? Auch die hier könnten mich nicht schützen, wenn mich der Herr nicht schützte. Unter seinem Schilde fahre ich dahin.« »In diesen Zeiten ist es immer gut,« erwiderte Meyenburg, »wenn man sein Schwert an der Seite und einen Panzer um den Leib hat.« Er fürchtete insgeheim, die Gesellen des schwerverletzten Kehner würden ihm noch am Tore auflauern und eine Gewalttat versuchen. Aber nichts dergleichen geschah. Am Tor war niemand als die Landsknechte des Rates, die es zu bewachen hatten, und so gelangte er unangefochten und unbehindert aus der Stadt hinaus. VIII. Der Maimond war ins Land gezogen, aber nirgendwo in Thüringen war etwas von Maienlust zu spüren. Das junge Volk tanzte nicht wie sonst gegen Abend unter den Dorflinden, denn die Mädchen waren allein geblieben. Die Burschen und Männer der Dörfer hatten ihre Sensen zu Spießen und ihre Dreschflegel zu Morgensternen gemacht und waren den Scharen der Propheten zugezogen. In den Nächten leuchtete es da und dort am Himmel blutrot auf, und tagsüber zogen beizende Rauchwolken über die grünen Wälder und die wogenden Saatfelder. Sie kamen von den zerstörten Schlössern und Herrensitzen, den verwüsteten Klöstern her, in die der Haß der empörten Landvölker die Brandfackel geschleudert hatte. Auf das alte Nordhausen schien die Maisonne licht und freundlich hernieder, und doch hing ein schweres Gewitter über der Stadt. Mehrere Wochen lang war es dem Rate gelungen, das Volk hinzuhalten. Jeden Tag wurde verhandelt, Versprechungen gegeben, ein Recht nach dem anderen an die Gemeinen abgetreten. Gestern aber hatten die Führer der Massen verlangt, der Rat solle freiwillig sein Regiment niederlegen. Geschähe das, so werde niemand an Hab und Gut, an Leib und Leben geschädigt werden. Geschähe es nicht, so könnten sie für nichts einstehen, das Volk werde sich dann mit Gewalt nehmen, was ihm von Rechtswegen gebühre, denn Gott wolle es so haben, daß die Reichen und Gebietenden herabstiegen von ihren Stühlen. Bis zum Mittagsläuten des anderen Tages sollten die Herren sich entscheiden. In diese schmachvolle Forderung hatte der Rat nun doch nicht eingewilligt, sondern trotz des angstvollen Widerspruches einzelner seiner Mitglieder beschlossen, sein Regiment nicht freiwillig niederzulegen. Daß es dann zum Kampfe kommen mußte, war klar. Darum hatte er alle seine Anhänger in ihrer besten Wehr aufs Rathaus entboten und davor die Landsknechte aufziehen lassen. Es waren ihrer nicht halb so viel, wie Meyenburg hatte haben wollen, denn es war nicht gelungen, sie alle zusammenzubringen. Auch das Häuflein der getreuen Bürger war nicht allzu groß, da viele der Gutgesinnten es vorgezogen hatten, daheim zu bleiben. Die Dinge standen bedenklich für den Rat. Wären seine Leute nicht im ganzen besser bewaffnet gewesen als die Gegner, so hätte jeder Kampf von vornherein als sinnlos gelten müssen, denn die Volksmasse, die seiner Streitmacht gegenüberstand und nur auf das Zeichen zum Losbrechen wartete, war ihr wohl vierfach überlegen und erfüllte noch einen Teil der angrenzenden Straßen. Die Mittagsglocke war verhallt. Die Führer des Volkes waren in das Rathaus gezogen, wo der Rat versammelt war. Kamen sie unverrichteter Sache wieder, so mußte das Wetter losbrechen, und die Nordhäuser Erde trank dann wohl noch mehr Bürgerblut, als sie einst getrunken hatte, da Heinrich der Löwe die Stadt erobert und in einen Schutthaufen verwandelt hatte. Darum lag eine dumpfe Schwüle hüben wie drüben über der Menge, kein lautes Wort erklang, im finsteren Schweigen starrten die in den vordersten Reihen Stehenden einander in die Augen. Da kam von der Töpferstraße her ein Wagen langsam angefahren. Er war von einer sehr hohen Plane überdeckt, und sechs Reiter geleiteten ihn, die des Grafen von Mansfeld Farben trugen. Das Volk wich auseinander und machte ihm Platz, denn niemand gab den Befehl, ihn anzuhalten. So gelangte er vor das Rathaus. Dort entstiegen ihm nacheinander drei Männer; zwei von ihnen hatten blutbesudelte Tücher um den Kopf gewunden, der dritte trug den rechten Arm in einer Schlinge. Als sie auf dem Boden standen, folgte ihnen ein vierter in voller Wehr. »Meyenburg!« schrie der Stadthauptmann von Stockhausen. »Was ist das? Wo kommt Ihr her?« »Gott sei gedankt, komme ich, wie's scheint, gerade noch zur rechten Zeit!« gab Meyenburg zur Antwort. Dann reckte er sich hoch auf und rief dem Volke zu: »Eidvergessene Bürger von Nordhausen! Laßt euch hier von diesen dreien erzählen, wie es dem Propheten von Mühlhausen und seinem Gelichter ergangen ist. Es wird euch wunderlich in den Ohren jucken. Ich aber habe da oben zu tun!« Er trat ins Rathaus und stürmte die Treppen empor. Als er die Tür des großen Saales aufriß, hörte er gerade noch, wie der von seinem Hiebe wieder genesene Kehner, der die Abordnung des Pöbels führte, den Ratsherren zurief: »So komme denn das Blut über euch und eure Kinder! Wehe euch, ihr Schlangen und Otterngezücht! Ihr werdet dem zukünftigen Zorn nicht entrinnen, denn Gott hat euch in unsere Hände gegeben.« »Das lügst du, Kehner!« rief Meyenburg mit lauter Stimme von der Tür her. »Wisset, Herren, mit dem Propheten und seiner Rotte ist's vorbei. Es ist eine Schlacht gewesen bei Frankenhausen, ich selber war dabei, da sind die Bauern vor den Fürsten gelaufen wie die Hasen. Ihrer Hunderte oder Taufende sind erstochen, Münzer und Pfeiffer sind gefangen, und der ganze verfluchte Rumor ist aus.« Einen Augenblick Stille. Dann ein einziger Jubelschrei aus aller Ratsherren Munde. Der Bürgermeister Ernst fiel dem Ratsmeister Schmidt, dem er sonst nicht gerade grün war, in die Arme. Der Sprecher der Rebellen knickte in die Knie. »Das ist gelogen!« ächzte er. Meyenburg aber faßte ihn mit eisernem Griff am Arme und zog ihn ans Fenster. »Sieh dort hin! Siehst du Carius Fleck? Siehst du Hans Drohmann und Jakob Wallroth? Die hat mir der Mansfelder geschenkt, weil ich sie losbat als Nordhäuser Bürgerssöhne. Hätt' ich sie nicht losgebeten, so lägen jetzt ihre Köpfe auf dem Markte in Frankenhausen. Sie erzählen drunten, was geschehen ist – und siehst du, wie deine Bande auseinanderläuft? Sie rennen, als wäre der Henker schon hinter ihnen!« Er riß das Fenster auf und schrie hinunter: »Sundhausen, besetzt das Siechentor, damit wir alle Tore in der Hand haben!« »Laßt uns gehen, uns mit den Unseren zu beraten!« sagte Kehner, nachdem er sich notdürftig gefaßt hatte. »Ihr Herren!« rief Meyenburg. »Laßt sie nicht gehen! Sie dürfen uns nicht wieder entwischen wie schon einmal.« Der Bürgermeister Oethe, der gerade Worthabender war, blickte wie geistesabwesend vor sich hin. Er konnte sich offenbar in den plötzlichen Umschwung der Dinge nicht finden. Noch vor zwei Minuten hatte er die unangenehme Empfindung gehabt, er werde den Abend dieses Tages, wenn überhaupt, so in einem Turmverließ erleben, und nun sollte er die Leute, vor denen er seit Wochen eine heillose Angst gehabt hatte, selber in den Turm sperren lassen. Das war zu viel verlangt, so schnell konnte der alte Mann sich nicht umdenken. Aber von den Ratsmeistern begannen einige sich zu regen und riefen laut, Meyenburg habe recht, man dürfe sie nicht entweichen lassen. Indessen polterte der von Stockhausen in den Saal. »Um Gottes willen, ihr Herren, sagt mir, was das ist?« rief er. »Die Aufrührer laufen davon, als triebe sie der Leibhaftige auseinander. Geschehen Zeichen und Wunder? Soll ich mit den Knechten hinter ihnen her?« »Laßt sie laufen,« sagte Oethe, der sich endlich ermannte. »Die hier aber nehmt als Rädleinsführer in Haft und führt sie in den Turm.« »Und bewacht sie recht fleißig, daß niemand ihnen zur Flucht verhilft,« setzte der Bürgermeister Ernst hinzu. Stockhausen trat an die vier heran. »Wollt ihr euch gutwillig ergeben, Kehner und die anderen?« Der Rebellenhauptmann, der wie in halber Erstarrung um Fenster stehen geblieben war und hinausgestarrt hatte auf das fliehende Volk, wandte ihm sein totenblasses Antlitz zu. Er löste sein Wehrgehänge und warf es mitsamt dem Schwerte auf den Boden. »Gott hat gelogen!« sagte er heiser. »Es gibt wohl gar keinen Gott. Nun ist mir alles gleich. Macht mit mir, was ihr wollt!« Damit ließ er sich ruhig abführen. Seine Genossen dagegen warfen sich auf die Erde und begannen ein lautes Heulen und Winseln um Gnade und mußten von den herbeigerufenen Knechten mit Gewalt fortgeschleppt werden. »Der Traum der Schwärmer ist aus,« sagte Meyenburg, während draußen ihr Geschrei noch in der Ferne hörbar ward. »Deutschland wird lange daran denken.« »Ja, das ist wahr, seufzte der Bürgermeister Ernst. »Wir aber wollen Gott preisen, daß unsere gute Stadt so glimpflich davongekommen ist. Es ist wenig Blut geflossen, und deshalb brauchen wir auch wenig Blut fließen zu lassen. Zahlen und im Turme brummen sollen die Schelme, und etliche werden wir aus der Stadt jagen. Den Tod aber haben nur acht oder zehn verdient.« »Ich würde nur den verzweifelten Bösewicht, den Kehner, vom Leben zum Tode bringen,« sagte der Bürgermeister Oethe. »Er war der Leithammel, und die anderen sind ihm wie die Schafe gefolgt. Er hat die Rautenviertelschen angestiftet, die Klöster zu stürmen.« »Ach, wir wollen froh sein, daß sonst nichts weiter gestürmt ist!« rief Lindemann. »Wie?« fragte Meyenburg. »Ist auch an meinem Hause nichts zerstört?« »Dein Haus ist heil und unversehrt, wie du es verlassen hast,« rief Kurt Hauschild. »Gott sei Dank! Es wäre mir jetzt sehr ungelegen, müßt' ich mir ein neues bauen lassen,« gab Meyenburg zurück. »Das müßte Euch die Stadt bauen, Herr Syndikus,« sagte der Bürgermeister Oethe mit großem Ernst. »Ihr habt Euch so wohlverdient gemacht um unsere Stadt, wie in dieser Zeit kein anderer. Ich denke, das wird keiner von uns Euch jemals vergessen. Nehmt unseren Dank. Gott vergelt's Euch!« Er bot ihm die Hand, und dann streckten sich alle Hände ihm entgegen. »Kamst du nicht,« rief Siewert Eienrot, »so hatte heute abend Nordhausen viel tote Männer in seinen Mauern.« »Daß ich kommen konnte gerade zur rechten Zeit, hat Gott so geführt,« erwiderte Meyenburg. »Das war nicht mein Verdienst. Nordhausen mag es als ein Wunder fassen, daß solches geschehen ist.« »Jawohl,« sagte der Altbürgermeister Sack mit seiner fetten Stimme. »So ist es. Aber Euer Verdienst ist es doch auch. Gestern war die Schlacht – Ihr müßt uns noch vieles erzählen – und allsogleich fahrt Ihr hierher. Ihr tut eben alles rasch und mit schnellem Entschlusse. Wenige Städte in Deutschland mögen einen solchen Syndikus haben. Steigt mit mir hinunter in den Ratskeller, ich denke, ihr habt alle einen solchen starken Durst wie ich. Da trinken wir das erste Glas auf unseren Syndikus.« »Nicht gleich!« wehrte Meyenburg ab. »Drüben im Hauschildschen Hause ist meine verlobte Braut. Sie hat wohl ein Recht, daß ich sogleich zu ihr gehe.« »Richtig!« rief der Bürgermeister Ernst. »Ihr werdet einen guten Ehemann abgeben. Geht nur hinüber.« »Aber bleibt nicht zu lange!« knurrte Sack. »Ich habe absonderliche Lust, mit Euch wieder einmal einen Trunk zu tun.« – Einige Minuten später hielt Meyenburg seine Liebste in den Armen. Sie klammerte sich, als er eintrat, so fest an ihn an, als ob sie ihn nimmer wieder loslassen wollte. Mit einem Male aber lösten sich ihre Arme von seinem Halse, und sie wäre wie leblos zu Boden geglitten, wenn er sie nicht rechtzeitig aufgefangen hätte. Das Glücksgefühl hatte sie derart überwältigt, daß sie von einer Ohnmacht umfangen ward. Frau Johanna Hauschild sprang schnell hinzu, legte sie auf eine Bank und rieb ihr die Schläfe mit einer scharfen Essenz ein. Bestürzt blickte er auf sie hernieder und stammelte: »Um Gottes und Jesu willen – was ist das?« »Euer Schatz ist ein liebes Mädchen, aber ein zartes Pflänzchen,« sagte Frau Johanna. »Sie hat sich über die Maßen gesorgt und gebangt, als Ihr nach einigen Tagen nicht wiederkehrtet. Nun hat sie die Freude ohnmächtig gemacht. Aber seid nur getrost. Das hat nichts zu bedeuten, sie wird gleich wieder erwachen.« Meyenburg schüttelte traurig den Kopf. »Wie ist das möglich? Sie war doch früher ein Bild der Gesundheit?« »Früher? Als Ihr sie in Erfurt kennen lerntet, meint Ihr wohl?« erwiderte Frau Johanna. »Ja, dazwischen liegen Klosterjahre, und sie hat es im Anfang wohl allzu ernst genommen mit dem Beten und Fasten und Wachen. Sie wird, so Gott will, bald kräftiger werden, ist sie erst Euer Weib. Nun seht, jetzt ist es schon vorüber. Sie schlägt die Augen wieder auf.« Ursula erhob sich, und das Rot kehrte in ihre Wangen zurück. Sie blickte verwirrt um sich und rief: »Mein Gott, ich war wohl ohnmächtig? Ach, meine Freude war allzu groß. Vergib mir, Michael, daß ich so schwach bin!« Meyenburg nahm sie fest in seine Arme. »Da ist nichts zu vergeben,« sagte er. »Denn das ist nicht deine Schuld! Du hast so viel Trübes und Schweres durchgemacht, das hat dich von Kräften gebracht. Es ist Zeit für dich, daß nun das Glück zu dir kommt, und es wird ja auch kommen, so Gott will. Du hast wohl gehört, daß die Aufrührer geschlagen sind und daß nun bald wieder alles ruhig sein wird im Lande. So werde ich dich denn bald nach Gotha bringen zu deinem Paten, und ehe der Herbst kommt, hole ich dich dann heim als mein liebes Weib!« Drittes Buch. I. Warm und hell schien die Septembersonne in das Ziergärtlein, das der Syndikus Meyenburg hinter seinem Hause hatte anlegen lassen. Auf den Beeten leuchteten die letzten Herbstblumen, und ein pausbäckiger, etwa drei Jahre alter Knabe, der aus dem Hause gelaufen kam, griff begehrlich nach ihnen. Aber ein schlankes junges Mädchen, das mit einer Gießkanne hinter ihm drein kam, hielt seine Hand fest und rief strafend: »Pfui, Hans! Willst du wieder die schönen Blumen abreißen und dann den Ziegen füttern?« »Nicht Ziege füttern, Mutter geben!« sagte das Kind und verzog den Mund, als wolle es in Tränen ausbrechen. »So? Das ist etwas anderes,« erwiderte das Mädchen. »Dann sollst du sie haben.« Sie pflückte behutsam einen Strauß und legte ihn in die kleine Hand. »Nun gehe hin zur Mutter. Aber mach keinen Lärm, daß der kleine Bruder nicht aufwacht, und komm gleich wieder zu mir, denn der Herr Magister Melanchthon ist bei ihr.« Der Knabe sprang, so schnell ihn seine Beinchen trugen, den Hauptweg des Gartens hinauf einer Laube zu, die sich an einen gewaltigen alten Turm anlehnte. Das Meyenburgische Grundstück wurde durch die Stadtmauer abgegrenzt, die hier ganz besonders hoch und dick war, weil von dieser Seite aus die Stadt am leichtesten berannt werden konnte, In der Laube saß auf einer breiten, mit Polstern belegten Bank Frau Ursula Meyenburg. Sie war vor sieben Tagen erst eines Knäbleins genesen, und der Weg in den Garten war ihr erster Ausgang ins Freie gewesen. Mit hochgezogenen Fäustchen schlief das Kind in der Wiege, die ihr Fuß von Zeit zu Zeit in schaukelnde Bewegung brachte. Ihr gegenüber saß auf einem dreibeinigen Schemel der Freund ihres Mannes, Philipp Melanchthon. Er war am gestrigen Abend ganz unvermutet angekommen und hatte den Hausherrn nicht daheim getroffen. Denn der war eben abgeritten gewesen, hinüber nach Stolberg zum Grafen, der seines Rates in einem wichtigen Rechtshandel begehrt hatte. In der Frühe dieses Tages nun war ein Bote nach Stolberg abgegangen, der ihm Melanchthons Ankunft melden sollte, denn sonst war zu befürchten, daß ihn der Graf noch einen Abend dort behielt. Am liebsten hätte er ihn wohl ganz dort behalten, denn er hatte schon seit Jahren ein Vertrauen zu ihm gefaßt, das fast ohne Grenzen war. Meyenburg war manchmal tagelang Gast auf seinem Schlosse, und sein Rat galt dort mehr als der des gräflichen Kanzlers. Wahrscheinlich hatte Graf Botho ihn auch heute halb mit Gewalt, wie so manches Mal schon, zu Tische behalten, denn es war Nachmittag geworden, und er war noch nicht zurückgekehrt. Frau Ursula empfand es etwas peinlich, daß ihres Hauses Gast so lange warten mußte und entschuldigte ihren Mann mit dem ungestümen Drängen des Grafen, worauf Melanchthon ohne jedes Zeichen von Ungeduld erwiderte, wer unangemeldet und unvermutet in das Haus eines im öffentlichen Leben stehenden Mannes käme, der dürfe sich nicht wundern, ihn nicht sogleich anzutreffen. Dabei betrachtete er sie mit immer sich steigernder Besorgnis und mit einem Mitgefühl, das ihm geradezu peinigend wurde. Wie sah die Frau aus, an deren Hochzeit er teilgenommen hatte, als er zufällig vor vier Jahren nach Nordhausen gekommen war! Sie erschien ihm heute fast noch reizender als damals unter dem Brautkranze, aber das Gesicht war von durchsichtiger Blässe, sogar die Lippen waren erblichen wie bei einer Gestorbenen, und die Augen hatten einen Blick, der in weite Fernen zu tauchen schien. Es schnitt ihm durchs Herz, als er das müde, freundliche Lächeln sah, mit dem sie ihrem herbeispringenden Knaben den blonden Krauskopf strich und ihm dann nachblickte, als er vor Freude krähend davonsprang. Auch ihre Stimme klang leise und müde, als sie nun zu reden anhub: »Ist es nicht verwunderlich, Herr Magister, daß Ihr gerade zur selben Zeit wieder in Nordhausen seid, wie vor vier Jahren? Morgen ist unser Hochzeitstag, und heute vor vier Jahren tratet Ihr mit Doktor Luthers Gruß zum ersten Male in das Haus meines Mannes, der sich so sehr freute, Euch zu sehen, und Euch sogleich zur Hochzeit einlud.« »Ja, ich dachte wohl daran, als ich gestern in Nordhausen einfuhr,« erwiderte Melanchthon. »Damals fing meine Freundschaft an mit Eurem Manne, daran ich mich herzlich freue. Nun bin ich schon das drittemal in Eurem Hause zu Gaste, und Euer Mann war noch nicht einmal in Wittenberg, und Ihr habt mein Haus noch nie beehrt, obwohl Ihr so herzlich eingeladen waret von meiner Hausfrau und mir. Darob müßt ich Euch billig zürnen.« »Ihr wißt ja, warum ich nicht gekommen bin,« entgegnete Ursula, und ein schwaches Rot huschte über ihre Wangen. »Ich konnte nicht kommen, weil andere kamen. Zuerst kam der Hans, dann der kleine Heinrich, den wir wieder hergeben mußten, und nun ist in voriger Woche der kleine Christof eingekehrt, der hier schläft. So war ich immer an mein Haus gebunden und konnte nicht verreisen. Der Frauen Beruf ist nicht leicht, Herr Magister.« »Nein, wahrlich nicht. Da habt Ihr recht!« rief Melanchthon, und in Gedanken setzte er hinzu: Armes Weib, dir ist er wohl allzu schwer gewesen. Er sah auf ihre dünnen, durchsichtigen Hände, die matt und kraftlos in ihrem Schoße lagen, und ein tiefes Mitleid überkam ihn. Diese Frau hatte er gern gehabt vom ersten Augenblick an, da er sie gesehen hatte. Sie gehörte zu der Art der Frauen, die ihm gefielen. Aber damals war sie ihm frisch und stattlich entgegengetreten, den grünen Brautkranz in ihren lichtblonden Haaren tragend und vor Glück und Seligkeit strahlend. Jetzt war sie blaß und krank und trug einen Zug im Antlitz, als habe der Tod sie gezeichnet. Er war wohl auch nahe genug an ihr vorübergegangen, als sie im letzten Kindbett gelegen hatte. Es wurde dem weichherzigen Manne, den leicht die Rührung übermannte, schwer, seine plötzliche Bewegung niederzukämpfen, damit sie nichts davon merke. Aber es gelang ihm, und nach einer Weile vermochte er, im scherzhaften Tone zu sagen: »Wir müssen nun beten, daß der Herr aufhört zu segnen, und der Höchste wird ja unser Gebet erhören. Dann könnt Ihr vielleicht einmal im nächsten Jahre mit Eurem Eheherrn gen Wittenberg fahren.« Ursula wandte ihm ihr Antlitz voll zu und sah ihn an. In ihrem Blick lag etwas, worüber er erschrak, und noch mehr erschrak er, als sie mit leiser aber fester Stimme sagte: »Meint Ihr? Nun, ich sage Euch, ich werde nimmermehr nach Wittenberg oder sonst wohin fahren. Ich werde schwerlich auch nur die Stadt wieder betreten, und ich verlasse dieses Haus nur noch einmal, wenn man mich hinaustragen wird.« »Aber liebste Frau Ursula!« rief Melanchthon. »Wie könnt Ihr so reden! Wie könnt Ihr Euch mit solchen Gedanken tragen? Ihr werdet bald wieder« – er brach plötzlich ab und verstummte. Mit einem Male wußte er, daß sie die Wahrheit sprach, und daß alles, was er etwa zu ihrer Beruhigung sagen könne, sie anmuten mußte wie leere Worte. Die wunderbare, überirdische Klarheit ihres Blickes brachte ihm die schreckhafte Gewißheit, daß Gott den Schleier vor ihr hinweggezogen hatte, der sonst die Augen der sterblichen Menschen bedeckt, und daß sie schaute, was zukünftig war. Erschüttert ließ er das Haupt auf die Brust niedersinken, und Tränen traten ihm in die Augen. Dann faßte er ihre Hand und drückte sie leise. »Seht Ihr, Herr,« sagte sie mit derselben stillen Gelassenheit wie vorher, »auch Ihr wißt es gar wohl. Ich wußt' es schon, als ich mich niederlegte, daß ich diesmal nicht wieder aufkommen würde, und ich habe mich drein ergeben. Nun preise ich es als eine Fügung Gottes, daß Ihr gerade jetzt zu uns gekommen seid, denn ich habe noch einen großen Wunsch auf Erden, und Ihr könnt mir helfen, daß er erfüllt werde.« »Was soll ich tun?« rief Melanchthon emporfahrend. »Seht einmal zu – ist Anna mit den Kindern ins Haus gegangen? Ja? Nun, dann setzt Euch mir nahe. Ich will Euch etwas beichten, denn ich weiß, daß Ihr mir freundlich gesinnt seid, und ich habe großes Vertrauen zu Euch.« Sie hielt einen Augenblick inne, als ob sie nach Worten suche, dann fuhr sie fort: »Vier Jahre sind es her, daß wir verheiratet sind. Es waren Jahre voller Glück. Mein Mann hat mich glücklich gemacht und ich ihn wohl auch. Meint Ihr nicht?« »Das weiß ich! Er hat mir selbst mehrmals gesagt, wie sehr er Euch liebe und wert halte.« »Und doch ist es besser für ihn, daß ich von ihm fortgehe, denn ich könnt' ihm auf die Dauer nicht genügen. Ich bin zu still und scheu für ihn, am liebsten möcht' ich mich immer vor den Menschen verstecken, und wenn ich muß mit ihnen zusammen sein, kann ich den Mund nicht auftun und sitze da, als wäre ich ein dummes Kind. Jüngst hat eine gesagt: wie kommt nur der Mann zu dieser Frau! Sie passen zusammen wie der Habicht und die Gans.« Melanchthon machte eine unwillige Bewegung. »Aber Frau Ursula, wer wird auf der Leute Geschwätz hören!« »Er hat es auch gehört, ich weiß es, und ich weiß auch, daß es ihn wurmte, wenn er auch nichts sagte. Und ich kann mich nicht ändern, ich kann es nun einmal nicht. Ich bin wohl auch zu engen Geistes für ihn, denn ich kann ihm oftmals nicht folgen, wenn er von großen Dingen redet, und er sieht mich dann ganz verwundert an und fast betrübt. Ich hindere und hemme ihn überall, und er fängt schon an, das zu fühlen. Ich zittre vor Angst um ihn, wenn er über Land reitet, denn ich weiß, daß er böse Feinde hat. Er ist deshalben manches Mal zu Hause geblieben, aber ich merkte wohl, daß er es mit heimlicher Unlust tat. Er hat mir noch niemals ein rauhes Wort gesagt, solange ich sein Weib bin, aber ich fühle zuweilen, daß ihm meine Liebe und Sorge eine Last sind.« »Ach, liebe Frau Ursula,« fiel ihr Melanchthon ins Wort, »Ihr solltet Euch da nicht mit unnützen Gedanken quälen! In keiner Ehe findet der Mann alles schön und gut an seinem Weibe, wenn der Honigmond vorbei ist, und es gibt auch kein Weib, das nicht manches anders haben möchte an seinem Manne. Der Ehestand ist eine Schule, worin die Menschen lernen sollen, sich ineinander zu fügen und zu schicken. Das hat Gott also haben wollen. Einer soll da des anderen Last tragen.« Ursula antwortete nicht sogleich. Dann sagte sie ruhig: »Das mag ja wohl sein, aber für mich gilt das nun alles nicht mehr, denn ich muß fort. Bald zieht meine Seele von dannen, und meinen Leib werden sie begraben. Dann wird mein Mann sehr traurig sein und heftig um mich weinen, aber nach einiger Zeit wird er eine andere heimführen.« »Ach, Frau Ursula! Frau Ursula! Warum denkt Ihr so Arges von ihm?« rief Melanchthon. »Arges?« fragte sie erstaunt. »Wie meint Ihr das? Er braucht ein Weib, das weiß ich besser als jeder andere. Wie lieb er mich muß gehabt haben, das sehe ich daraus, daß er, der eines Weibes so bedürftig war, so viele Jahre lang auf mich gewartet und keine andere genommen hat. Aber wenn ich nicht mehr auf Erden bin, soll er nicht unglücklich sein, sondern glücklich. Er soll eine andere nehmen, und er muß es ja auch um der kleinen Kinder willen. Die müssen eine Mutter haben. Und ich weiß eine feine Magd, die paßt zu ihm, denn sie ist schnellen und beweglichen Geistes, und schön von Gestalt ist sie auch. Sie ist auch von liebevollem Gemüt, nur etwas heftig. Die wird eine gute Frau für ihn und eine gute Mutter meiner Kinder sein. Sie hat mich auch lieb, und sie wird meinen Kindern erzählen von ihrer Mutter, die Gott so früh hat sterben lassen, und ich werde so nicht ganz vergessen sein. Und wißt Ihr, wer das Mädchen ist? Es ist die Anna Reinecke, meine Base, die eben hier im Garten war. Ihr kennt sie ja. Ich habe sie bitten lassen, zu mir zu kommen, als ich fühlte, daß meine schwere Stunde nahe sei. Sie ist gekommen, und sie soll im Hause bleiben, wenn ich werde gestorben sein, und das wird nicht mehr lange währen.« Fassungslos, fast entsetzt blickte Melanchthon sie an. So etwas von Entsagungskraft hatte er an einem Weibe noch nicht wahrgenommen. »Und was soll ich tun? Ihr spracht von einer Bitte an mich,« sagte er endlich. »Ich will Euch – doch halt, sie kommt,« erwiderte Ursula. Leichte Tritte auf dem Sandwege des Gartens wurden hörbar, und im Rahmen der Tür erschien eine hohe, schlanke Mädchengestalt. »Es sind drei Herren gekommen und fragen nach Michael,« sagte die Eintretende. »Wer sie sind, weiß ich nicht. Sie kommen weither – aus Frankfurt.« »Laß sie in der großen Stube warten und sage ihnen, wir erwarteten Michael jeden Augenblick aus Stolberg zurück.« Das Mädchen nickte und enteilte. »Wie gefällt sie Euch?« fragte Ursula. »Sie ist sehr liebreizend anzusehen,« begann Melanchthon. »Aber –« »Kornblume nennt sie mein Mann, weil ihre Augen so blau sind wie die Kornblumen,« sagte Ursula. Melanchthon hob schnell, wie erschrocken, das Haupt empor. »Wie steht er zu ihr?« »Er sieht sie gern. Mehr nicht. Vor der Hand nicht. Niemals würde Michael ein Weib darauf ansehen, ihrer zu begehren, solange ich lebe. Aber nachher wird er sie gewißlich lieben lernen.« »Ist sie nicht viel zu jung für ihn? Er ist Ende der Dreißig und sie wohl kaum zwanzig.« Ursula schüttelte leise den Kopf. »Michael ist ein Mann in seiner besten Kraft und wird es noch lange sein. Und ich will Euch ein Geheimnis sagen: sie liebt ihn, sie hat ihn schon geliebt, als sie ein Kind war. Vor Jahren hat er sie aus dem Wasser gezogen und ihr das Leben gerettet. Seitdem ist sie ihm mit schwärmerischer Liebe zugetan. Am Tage unserer Hochzeit, so sagte mir ihre Mutter, hat sie geweint von früh bis zum Abend. Wie guten Gemütes sie ist, das könnt Ihr daraus erkennen, daß sie trotzdem auf mich keinen Zorn und keine Eifersucht geworfen hat.« Sie hielt eine Weile inne, dann fuhr sie fort: »Ihr, Herr Magister, reiset, wie ich hörte, von hier nach Mansfeld. Da sollt Ihr mir denn die Liebe tun, meinen alten Vetter Reinecke und seine Frau zu bereden, daß sie Anna hier lassen das nächste Jahr. Wollt Ihr das?« »Ich tue nach Eurem Willen,« murmelte Melanchthon, der vor Ergriffenheit kaum reden konnte. »Noch um eins bitt' ich Euch: dieses Brieflein, das ich vorhin geschrieben habe, gebt meinem Mann oder schickt es ihm, wenn ein Jahr verflossen ist nach meinem Tode. Dazu schreibt oder sagt ihm alles, was Ihr jetzt von mir gehört habt, und laßt es Anna auch wissen. Sie sollen gewiß sein, daß ich mich da droben, wohin mich Gott in seiner Barmherzigkeit wohl aufnehmen wird, ihres Glückes nur freue. Wollt Ihr auch das tun?« »Ich will es,« gab Melanchthon mit schwankender Stimme zur Antwort und faßte wieder ihre Hand. Das Haupt hielt er tief gesenkt, um seine hervorquellenden Tränen zu verbergen. »Ich gehe dahin! Ich lösche aus wie ein Licht,« flüsterte Ursula kaum hörbar. Er hob das Haupt und sah sie an, und mit tiefem Erschrecken bemerkte er, wie spitz und verfallen mit einem Male ihre Züge waren, und wie sie die Augen geschlossen hielt, als ob sie schlummere. »Wollen wir nicht hineingehen? Wollet Ihr Euch nicht niederlegen, liebe Frau Ursula?« fragte er beklommen. »Ja. Rufet die Anna. Sie soll mich führen,« erwiderte Ursula mit schwacher Stimme. Melanchthon wandte sich, zu gehen, aber die Jungfrau stand schon in der Tür. »Du solltest doch nur ein ganz klein wenig im Garten sein, liebste Ursula,« sagte sie. freundlich. »Nun muß ich dich« – sie brach ab und blickte die Dasitzende erschrocken an. »Mein Gott, was ist dir?« »Ich bin so matt. Mir ist so wunderlich. Ja, führe mich ins Haus!« erwiderte Ursula mühsam. Ein Frösteln ging durch ihre Gestalt, und ihr Haupt sank vornüber. Anna Reineckes große Augen füllten sich mit Tränen. »Wir müssen sie tragen, Herr. Kommt, faßt meine Hände. Wir bilden eine Trage.« Da nahte sich ein rascher, kraftvoller Schritt vom Hause her, und Michael Meyenburg kam eilend heran. Er winkte dem Freunde fröhlich mit der Hand zu, aber als er sein Weib sah, fuhr er entsetzt zurück, und sein Antlitz wurde so fahl wie das der Ohnmächtigen. Dann umfaßte er sie mit starkem Arme und trug sie hinauf in ihr Schlafgemach. Dort wurde sie von Anna und der Magd entkleidet und in ihr Bett gelegt, und eilende Boten gingen aus, den Arzt und die Wehemutter herbeizurufen. Aber der Stadtphysikus war über Land gefahren und nicht zu erreichen, und die weise Frau stammelte nur etwas von großem Blutverlust und einer Schwäche des Herzens. Dann entfernte sie sich wieder, denn sie wußte nicht zu raten und zu helfen und merkte, daß ihre Weisheit und Kunst hier am Ende war. Zum Bewußtsein gelangte Ursula nur noch auf einige kurze Augenblicke. Ihr Mann war vor ihrem Lager auf die Knie gesunken und hatte die Stirn auf den Bettrand gelegt, und ein Schluchzen durchschütterte seine gewaltigen Glieder. Da fühlte er plötzlich ihre leise Hand auf seinem Haupte, und als er das Gesicht emporhob, sah er ihre Blicke mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Liebe und Zärtlichkeit auf sich gerichtet. »Hole die Kinder,« flüsterte sie. Er stürzte hinaus und nahm den kleinen Hans auf den Arm und rief Anna zu, sie solle das Jüngste aus der Wiege nehmen und es der Mutter bringen. Aber als er wieder eintrat, war ihr Haupt zurückgesunken, ihre Augen umflorten sich, und ihre Lippen bewegten sich, als wollten sie noch Worte formen, aber er verstand sie nicht mehr. Er beugte sich über sie und legte die Hand auf ihre Stirn. Da fühlte er, daß sie schon erkaltet war, und mit einem lauten Schrei brach er vor dem Bette der Sterbenden zusammen. II. Frau Katharina Reinecke aus Mansfeld saß in dem vornehm eingerichteten Gastgemache des Meyenburgischen Hauses in einem ernsten Gespräche mit ihrer Tochter. Sie hatte vor sich auf dem Tische einen mächtigen Haufen getrockneter Bohnen liegen, die sie in eine Schüssel enthülste. Denn sie konnte keinen Augenblick müßig sein, obwohl ihr Mann, mit dem sie klein angefangen hatte, im Laufe der Jahre zu einem schwerreichen Berg- und Hüttenherrn geworden war und seiner Gattin dienstbereite Hände genug zu mieten vermochte. Aber die trotz ihrer stattlichen Fülle überaus lebendige und tätige Frau besorgte in ihrer Wirtschaft außer den gröbsten Arbeiten alles selber und fühlte sich nicht glücklich, wenn sie nicht irgend etwas Nützliches unter den Händen hatte. Sie war zu Ursulas Begräbnis herübergekommen, und nun, am Tage danach, war sie eben im Begriff, wieder abzureisen. Der Wagen war in einer Stunde zur Abfahrt bestellt, und sie erwartete mit einiger Ungeduld Michael Meyenburg zurück, der in früher Morgenstunde in das Haus der Kaufleute, der vornehmsten unter den Gilden der Stadt, gerufen worden war. Während ihre Hände nicht müßig waren, ruhte auch ihre Zunge nicht, sondern ging vielmehr wie ein Mühlwerk. Das lag so in ihrem Wesen. Einige ihrer guten Freundinnen deuteten, wenn sie unter sich waren, zuweilen an, das Mundwerk der trefflichen Frau sei doch ein allzu gesegnetes und ginge entschieden über das erlaubte Maß hinaus. Ins Gesicht hätte ihr das allerdings keine zu sagen gewagt, da wäre sie schön zugedeckt worden. »Die arme Ursel!« sagte sie, den Kopf bedauernd hin und her wiegend. »Wie schwer muß ihr's geworden sein, so früh fort zu müssen von den kleinen Kindern! Und sie hat es genau gewußt! Herr Melanchthon hat mir's gesagt. Sie hat über ihren Tod mit ihm gesprochen, ein paar Stunden, ehe sie starb. Schade, daß der liebe Mann noch einen Tag hierbleiben muß, sonst könnte er gleich mit mir hinüberfahren nach Mansfeld, wohin er ja auch reisen will. Weißt du, was er eigentlich hier zu tun hat?« »Der Herr Pfarrer Spangenberg will eine Lateinschule einrichten, darum hat er ihn gerufen. Die soll ins Predigerkloster kommen, das ja leer steht. Michael betreibt es auch,« erwiderte Anna. »Dann wird sie ja wohl auch zustande kommen. Denn was Michael will, das setzt er durch beim Rate und bei der Bürgerschaft. Aber was wollte ich sagen? Ich bin ganz davon abgekommen. Ja so – die arme Ursula! Auch von ihrem Manne fortzugehen, wird ihr nicht leicht geworden sein. Sie hat doch wohl ganz glücklich mit ihm gelebt?« »Sehr glücklich,« erwiderte Anna kurz. »Manchmal mag sie es ja nicht ganz leicht gehabt haben,« fuhr Frau Katharina fort. Anna hob erstaunt den Kopf. »Warum?« fragte sie fast unwillig. »Ach, sie war doch so still und fast verschlossen, und nun denke dir das unruhige Leben in diesem Hause! Heute der Gast, morgen jener. Ratsherren, Doktoren, Prediger, kaiserliche Räte, Poeten und Edelleute – alles durcheinander. Und dann der Mann so oft fort. Heute beim Grafen von Lohra, morgen beim Stolberger, übermorgen bei unserem Grafen in Mansfeld. Da ist er in letzter Zeit gerade sehr oft gewesen. Oder er zieht auf die Reichstage. Die Stadt schickt ja kaum noch einen anderen.« »Sie weiß gar wohl, warum sie ihn schickt,« erwiderte Anna, und etwas wie ein Triumph klang aus ihrer Stimme. »Ja, ja, er ist sehr klug,« versetzte Frau Katharina etwas spitz. »Er macht, daß alle Welt nach seiner Pfeife tanzt. Aber für eine Frau ist's nicht bequem, einen überklugen Mann zu haben. Die Ursel hat wohl darunter heimlich gelitten.« Anna lachte etwas spöttisch. »Aber Mutter! Muß nicht eher eine Frau stolz darauf sein, wenn sie einen so klugen Mann hat? Ist denn der Vater nicht auch ein kluger Mann?« »Jawohl. Das ist er. Aber nicht so, wie Michael. Mit deinem Vater kann man doch reden von der Leber weg, wie's einem zumute ist, und er hört einen an. Michael aber – wenn er einen nur ansieht, so möcht' man den Mund halten. Er sagt gar nichts und ist auch noch sehr höflich, aber man fühlt, er denkt bei sich: du bist mir viel zu dumm.« Um Annas Lippen erschien bei diesen Worten ein Lächeln, das mit der kindlichen Pietät nicht ganz in Einklang zu bringen war. Sie wußte ja längst, weshalb ihre Mutter keine besondere Neigung für Michael Meyenburg in ihrem Herzen trug und ihm lieber aus dem Wege ging, als daß sie ihn aufsuchte. Er hatte etwas in seinem Wesen, was ihrer unbändigen Redelust einen Zügel auflegte. Diese Redelust war dem jungen Mädchen selbst ein großer Verdruß und hatte ihr manche kummervolle Stunde bereitet, denn Menschen von guter natürlicher Art des Gemütes empfinden es leidvoll, wenn sie an ihren Eltern Fehler oder Schwächen wahrnehmen. Sie werden dadurch verhindert, die ohne Einschränkung, wie sie möchten, zu verehren, die ihnen herzlich lieb sind. Darum war das Lächeln Annas nicht frei von Bitterkeit, und deshalb vermied sie es auch, ihrer Mutter eine Antwort zu geben. Am liebsten hätte sie das Zimmer verlassen, denn sie wußte, worauf ihre Mutter hinsteuerte, und sie wäre einer Auseinandersetzung mit ihr gern ausgewichen. Aber sie wußte auch, daß es gänzlich zwecklos war. Sie wäre ihr gewiß überallhin gefolgt und hätte das Gespräch fortgesetzt, vielleicht sogar vor den Ohren einer der Mägde. Darum blieb sie lieber und wartete schweigend, aber mit Widerstreben und innerem Unwillen, was die Redselige ihr noch zu sagen hatte. Sie brauchte nicht lange zu warten, denn mit einem tiefen Seufzer hub Frau Katharina von neuem an: »Ja was ich sagen wollte: das Leben auf den Reichstagen! Das verdirbt die Männer. Sie kommen da fast alle auf eine schiefe Bahn. Wie bin ich froh, daß mein Mann nicht muß zu den Reichstagen reisen! Es ist da ein ruchloses Leben mit gefälligen Weibern, mit Spielen und Trinken.« Sie warf einen schnellen Blick auf ihre Tochter, aber Anna saß da und blickte gleichgültig auf das schlafende Kind, das sie in den Schlummer gewiegt hatte, als hätte sie die Rede ihrer Mutter kaum vernommen. »Ob Michael da eine Ausnahme macht, weiß ich nicht,« fuhr die gesprächige Frau fort, etwas gereizt durch das kühle, ablehnende Wesen ihrer Tochter. »Vielleicht war die Ursel deshalb so glücklich, weil sie manches von ihrem Mann nicht wußte.« Ein zweiter schneller Blick auf ihre Tochter zeigte ihr, daß dieser Pfeil getroffen hatte. In Annas Antlitz stieg die Röte empor, und sie versetzte kurz und scharf: »Was gibt uns das Recht, Übles von ihm zu denken? Wißt Ihr etwas, Mutter, das gegen ihn zeugt?« »Nur weniges,« erwiderte Frau Katharina ausweichend. »Dann bitt' ich Euch, nennt mir das Wenige!« rief Anna ungestüm und blickte ihre Mutter zornig an. Frau Katharina erschrak vor der Heftigkeit ihrer Tochter, die sie nie hatte bändigen können, und sagte kleinlaut: »Man spricht davon, daß er hier und anderswo gar manche unter den Tisch getrunken habe, und daß er hoch spiele!« »Ach, Mutter, was reden die Leute nicht alles! Es mag ja wohl sein, daß er einen unter den Tisch getrunken hat. Ist das eine Schande? Die Männer trinken ja alle viel, wenn sie beisammen sitzen, das ist nun einmal der Welt Lauf. Sie machen sogar eine Ehre daraus, einander darin zu übertreffen. Da ist wohl einer wie der andere.« »Der Vater nicht. Der hält sich darin sehr zurück,« warf Frau Katharina ein. »Der Vater hat die Gicht und einen kranken Magen. Er verträgt nichts, und wer keine Zähne hat, der kann nun einmal nicht beißen. Und daß er hoch spiele, sagen die Leute? Nun, verspielt hat er wohl noch wenig, denn sein Hab und Gut ist beständig gewachsen. Ursula war meine beste Freundin. Sie hat nie über ihren Mann geklagt, niemals, immer hat sie nur Liebes und Gutes von ihm gesprochen.« »Sie war eben verliebt in ihn,« entgegnete Frau Katharina verdrießlich, dann platzte sie mit einem Male heraus: »Und du bist es auch!« »Mutter!« rief Anna, halb zornig, halb erschrocken. »Ich bitte Euch, redet nicht weiter!« Aber Frau Katharina fuhr mit großer Geläufigkeit fort: »Nun ist es heraus! Und Mutter und Tochter sollen offen miteinander sprechen. Warum willst du hier bleiben und sein Haus verwalten und seine Kinder warten?« »Weil Ursula mich gebeten hat einen Tag vor ihrem Tode, und ich habe ihr's versprochen, wenn du und der Vater dreinwilligtet.« »Ach, mache dir doch selbst nichts weis, liebe Tochter! Nicht um der Toten willen bleibst du hier, sondern um des Lebenden willen. Ich weiß ja, daß du von jeher einen Narren gefressen hast an ihm, ja, daß du richtig in ihn verliebt gewesen bist. Ich habe mich oft genug gewundert, daß die Ursula dich immer wieder einlud und nicht eifersüchtig war auf dich, und sie konnte doch in keiner Weise mit dir antreten, am wenigsten in den letzten Jahren.« Annas Antlitz hatte einen gequälten Ausdruck, und sie erwiderte herbe: »Sie war ihres Mannes so sicher, wie sie meiner sicher war. Ja, ich habe Michael immer gern gehabt. Aber nie habe ich –« sie brach plötzlich ab und sagte dann mit einem Male so weich und leise, daß ihre Mutter erstaunt aufhorchte: »Er hat mir, als ich ein Kind war, das Leben gerettet. So bin ich ihm großen, ja unendlichen Dank schuldig. Und danke ich ihm nicht am besten, wenn ich etwas für ihn tue? Soll er bezahlte Leute zu den kleinen Kindern nehmen? Der kleine Hans hängt an mir, und der kleine Christof ist ein zartes, schwaches Kind und wird vieler Pflege bedürfen, wenn er leben bleiben soll. Darum möcht ich, daß du und der Vater mich hier lassen wolltet.« Frau Katharina seufzte: »Auf eine Zeitlang habe ich nichts dagegen, habe mich ja auch schon breitschlagen lassen, ihm das zu versprechen. Der Vater wird erst recht nichts dagegen haben, denn er ist ihm über die Maßen zugetan. Aber ob ich recht daran tue, weiß ich nicht. Du weißt, wer um dich wirbt, und wie recht mir seine Werbung ist. Er paßt auch so gut in den Jahren zu dir und in allem anderen. Ich dachte, du würdest dich ihm zuwenden, aber nun glaube ich es kaum noch. Alles in der Welt wird vergessen, auch Menschen, die man lieb gehabt hat, vergißt man mit der Zeit. Das ist nun einmal so, und es ist auch gut, denn sonst käme die Welt aus den Tränen und dem Jammer gar nicht heraus. So wird Michael wohl übers Jahr – und ich weiß nicht, ob's dein Glück sein wird – er ist so viel älter als du – fast zwanzig Jahre – und ob zwei harte Steine –« Anna erhob sich. Ihre Wangen brannten in heller Glut, und in ihren Augen funkelten Tränen. »Ach Mutter, wenn Ihr doch daran nicht rühren wolltet! Die arme Ursula ist noch nicht einen Tag unter der Erde – und Ihr sprecht schon so!« Sie eilte aus dem Gemache und lief in den Garten. Dort setzte sie sich in die verschwiegene Laube und erleichterte ihr Herz durch ein kurzes, aber heftiges Weinen. Mit unzarter Hand hatte ihre Mutter an Gefühle und Gedanken gerührt, die sie sich selbst vor der Hand nicht eingestehen wollte. Ja, auf dem Altare ihres Herzens stand seit Jahren Michael Meyenburgs Bild. Sie hatte ihn oftmals wiedergesehen seit jenem Tage, an dem er sie, das zehnjährige Kind, aus den Fluten der wilden Gera ans Land gezogen. Vor seiner Verheiratung war er öfters nach Mansfeld gekommen, auch in das Haus ihres Vaters zuweilen, den er aufsuchte, weil er ein Schulfreund Doktor Martin Luthers war. Damals war sie ein halbwüchsiges Mädchen gewesen, das er kaum beachtet hatte. In ihr aber war die schwärmerische Zuneigung zu ihm lebendig geblieben, und sie entsann sich sehr wohl der heißen Tränen, die sie vergossen an dem Tage, als er in Gotha mit Ursula fürs Leben verbunden wurde. Dann war sie in sein Haus gekommen und hatte sein eheliches Glück mit ihrer Base gesehen, ohne Bitterkeit, ohne Neid, nur manchmal mit Weh, daß sie selbst nicht die Glückliche war, der sein Herz gehörte. Nun mit einem Male machte Ursulas Tod es möglich, daß der Traum ihrer ersten Mädchenjahre vielleicht doch noch in Erfüllung ging. Vielleicht! Noch wagte sie kaum daran zu denken, ja sie empfand den Gedanken daran als eine Sünde, als ein Unrecht gegen die eben Verstorbene. Erst nach einer Weile gelang es ihr, sich wieder zu fassen. Sie trocknete ihre Tränen und pflückte die letzten Blumen, die noch im Garten standen und ordnete sie zu einem Strauße. Den wollte sie hinübertragen in die Sankt Blasienkirche und auf das Grab der Toten legen, die dort ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte. Es war ihr, als sei der Entschlafenen ein Schmerz zugefügt worden, und als müsse sie ihr etwas Liebes erweisen, um sie zu versöhnen. Tief gesenkten Hauptes trat sie in den weiten Raum der Kirche und schritt auf das Grab zu, das von welkenden Kränzen überdeckt war. Aber mit einem Male hemmte sie den Schritt und blieb unschlüssig stehen, indem ihr eine Blutwelle ins Gesicht schoß. Dort kniete Michael Meyenburg vor der Stätte, die seiner Gattin sterbliche Reste barg. Er hatte die Hände gefaltet und schien tief in ein Gebet für die ewige Ruhe der Heimgegangenen versunken zu sein. Leise wandte Anna sich ab und wollte sich unbemerkt davonschleichen, aber der kleine Hans, der ihr, ohne daß sie es wußte, gefolgt war, kam jetzt durch die Tür gelaufen und rannte mit dem jauchzenden Rufe: »Vater! Vater!« auf den Knienden zu. Der erhob sich und nahm das Kind auf den Arm, und dabei fiel sein Blick auch auf das Mädchen. Sie sah, als er sich halb nach ihr umwandte, daß seine Augen von Tränen feucht waren. »Komm her und lege deine Blumen auf das Grab. Sie hatte ja Blumen so gerne,« sagte er freundlich, und als sie zaghaft hinzugetreten war und ihren Strauß mit zitternder Hand niedergelegt hatte, fuhr er fort: »Wartet deine Mutter drüben auf mich? Es muß ja wohl Zeit sein, daß sie abfährt, und wir wollen gleich hinübergehen. Ich mußte nur der Toten etwas sagen, was sie hoch erfreut hätte, wenn sie es hätte erleben dürfen.« Wie im Traum wandelnd schritt er, den Knaben auf den Armen haltend, dem Ausgange zu. Dann blieb er plötzlich stehen und sagte: »Auch du sollst es wissen, und bald wird es ja die ganze Stadt erfahren: mir ist eine hohe Ehrung zuteil geworden. Der Rat von Frankfurt hat mich zum Syndikus seiner Stadt gewählt.« Tödlich erschrocken blickte sie ihn an. Alles Blut wich ihr aus den Wangen, und sie preßte unwillkürlich die Hand auf ihr Herz. Es war ihr, als drehe sich alles um sie her und als solle sie umsinken. Zog er fort nach der fernen großen Stadt am Main, so kam er ihr ganz aus den Augen, denn schwerlich würden die Eltern ihr erlauben, so weit mit ihm zu gehen. »Und du willst – du willst dem Rufe folgen?« stammelte sie. Er hatte wohl gar nichts von ihrer Erregung gemerkt, denn mit derselben ruhig freundlichen Stimme, durch die eine leise Wehmut hindurchzitterte, gab er zur Antwort: »Es ist für mich eine große Verlockung, denn Frankfurt gehört ja unter die edelsten und größten und reichsten Städte des Reiches und hat eigentlich nur Nürnberg über sich. Aber die Botschaft kam zur unrechten Stunde, denn nun bindet mich außer so vielem anderem an diese Stadt auch noch ein Grab. Ich bleibe hier, und weil der Rat durchaus nicht wollte, daß ich wegzöge, so habe ich mich heute auf sein Drängen in die Gilde der Kaufherren aufnehmen lassen. Sie wollen mich mit der Zeit zum Ratsherrn und zum Bürgermeister machen. Dazu muß ich einer Gilde angehören.« Anna jubelte innerlich und erglühte über und über. Es kam ihr sehr gelegen, daß jetzt der kleine Hans seine Ärmchen nach ihr ausstreckte und sie sich mit dem Kinde zu schaffen machen konnte. So gelang es ihr einigermaßen, ihre Verwirrung zu verbergen und ihrer Gefühle Herr zu werden. Aber ihre heiß aufquellende Freude machte sie so unbesonnen, daß sie laut ausrief: »Du bleibst? O ich danke dir! Ich danke dir!« »Du dankst mir? Warum?« fragte er erstaunt. Sie hob das Kind zu sich empor und preßte es fest an sich, damit er ihre brennenden Wangen nicht sähe. Dann sagte sie mit halberstickter Stimme: »Ich habe Ursula gelobt – du weißt es – daß ich ihre Kinder wolle betreuen wie eine Mutter. Das könnt' ich nicht, gingest du nach Frankfurt. Meine Eltern würden nicht leiden, daß ich mit dir und den Kindern zöge.« Er nahm ihre Hand, und es war ihr, als durchzucke sie ein Schlag, und sie begann heftig zu zittern. Aber kühl-freundlich klang seine Stimme, als er sagte: »Du bist ein gutes Mädchen, Anna, und Gott wird dir's lohnen, was du an den Verlassenen tust. Ich müßte sie sonst in fremde Pflege geben.« Da senkte sie das Haupt und erwiderte nichts. Aus dem Ton, in dem er das sagte, merkte sie, daß er nur für seine Kinder froh war über die Aussicht, sie in seinem Hause zu haben. Ihm selbst war sie wohl noch gar nichts als eine junge Verwandte, die er gern hatte und schätzte – mehr vielleicht als manche andere, aber vornehmlich doch wahrscheinlich nur deshalb, weil die Verstorbene sie so lieb gehabt hatte. Es mochte wohl lange währen, bis sie ihm mehr ward und sein Gemüt sich ihr zuwandte. Einstweilen, das gelobte sie, wollte sie den Kindern ihre verstorbene Mutter nach besten Kräften zu ersetzen suchen. Es waren ja seine Kinder. III. »Ich will in die heilige Messe gehen, Mutter,« sagte der Landsknechtshauptmann Heinrich Busch und trat in die Küche, wo die greise Frau Margarete Busch damit beschäftigt war, das Morgensüpplein herzurichten. Er war am späten Abend des vorhergehenden Tages nach jahrelanger Abwesenheit wieder einmal in seine Vaterstadt Nordhausen eingeritten, und seine Mutter schlug vor Erstaunen die Hände zusammen, als sie ihn in so früher Morgenstunde schon gestiefelt und gespornt vor sich sah. »Wie?« rief sie, »du bist schon wach und auf? Ich dachte, du würdest bis in den Tag hinein schlafen. Als Junge warst du doch nie aus den Federn zu kriegen.« Der hochgewachsene, bärtige Kriegsmann lachte. »Das ist lange her, Mutter. In meinen Jahren schläft man nicht mehr wie ein Junge. Ich wollte, ich könnte das wieder einmal, aber ich kann's nicht mehr. Ich hatte auch vergessen, den Vorhang zuzuziehen, und die Sonne schien mir grell aufs Bett. Da fühlte ich ein Gelüste, wieder einmal in den Dom zu gehen. Ich bin lange nicht drüben gewesen.« »Das muß wahr sein,« seufzte die Greisin. »Fünf Jahre warst du fort in Ungarn wider den Türken, und Jobst und Ludwig sind auch fort, jeder in eines großen Herrn Dienst. Ich alte Frau habe wenig von meinen drei Söhnen. Manchmal weiß ich nicht, ob sie noch leben oder tot sind. Von dir hatte ich fast ein Jahr nichts gehört und war in großer Angst, du wärest etwa gestorben, oder der Türke hätte dich gefangen.« »Wir sind nun einmal so. Das Abenteuern liegt uns im Blute!« erwiderte der Sohn und strich sich den langen, glänzend schwarzen Bart. »Es ist Euer Blut, Mutter. Die Busche sitzen am liebsten still, aber die Führer sind ein unruhiges Volk. Auch Eure beiden Brüder sind nach Welschland gezogen, weil sie es nicht aushalten konnten in der Enge.« »Und sind auch beide in Welschland begraben,« sagte die alte Frau herbe. »Der eine wurde bei Pavia erschossen, der andere schon zehn Jahre früher in Rom erstochen. So kann es dir auch gehen, denn du bist der Wildeste. Woher hast du denn die schreckliche rote Narbe auf der Stirn? Ich erschrak bis auf den Tod, als du gestern den Hut abnahmst.« »Von einem Türkensäbel,« lachte er. »Sie sieht gefährlicher aus, als der Hieb war. Ich trage sie nun schon vier Jahre. Da sieht man, wie lange ich fort war, daß Ihr sie noch nicht kanntet. Wie ist es Euch nun eigentlich ergangen nach des Vaters Tode? Ihr habt doch nicht etwa Not gelitten?« »Not nicht. Aber knapp ist's hergegangen.« Heinrich Busch zog die Stirn in Falten. Diese Antwort hatte er nicht erwartet. »Knapp? Das nimmt mich wunder. Der Vater sagte doch immer, er hätte noch große Forderungen an die Stadt? Er sprach von mehreren tausend Gulden, die er ausgelegt habe für Werbung von Knechten und für Pferde und Geschütze und andere Dinge. Habt Ihr das nicht geltend gemacht?« »Geltend gemacht habe ich es gar wohl, aber der Rat hat's nicht anerkannt.« »So? und warum nicht?« rief Busch, und sein Antlitz bedeckte sich mit dunkler Röte. »Ich sollte ihnen die Rechnungen und Papiere vorlegen, und das konnt ich nicht. Ich habe deines Vaters Schrank immer wieder durchwühlt und das ganze Haus durchsucht von oben bis unten, aber es war nichts zu finden. Jobst bot ihnen an, er wolle es beschwören, daß wir wenigstens noch zweitausend Gulden zu kriegen hätten. Aber sie wiesen ihn ab, sagten, ein Eid gelte ihnen nichts, den könnte jeder schwören.« »Wer hat das gesagt?« fuhr Heinrich Busch auf. »Das hat der Syndikus Meyenburg deinem Bruder ins Gesicht gesagt. Und als dein Bruder gegen den Syndikus das Schwert zückte, um die Schmach zu rächen, da haben sie ihn um fünf Goldgulden gebüßt, und es fehlte nicht viel, und er kam in den Turm. Das haben sie ihm erlassen, aber er hat müssen auf zwei Jahre aus der Stadt weichen und schwören, daß er sich nicht wolle rächen.« »Was?« rief Heinrich Busch, und die Ader auf seiner Stirn schwoll zu einem dicken Strang an. »So schandbar hat sich der Rat erzeigt? Euch will er Euer Recht nicht geben, und meinen Bruder weist er aus der Stadt? Wie geht das zu? Der Vater hatte doch manchen Freund im Rate. Nun jagen sie seinen Sohn aus der Stadt, wohingegen sie hätten den Syndikus strafen sollen um fünf Goldgulden, weil er so freche Worte gesprochen hat.« Frau Margarete Busch lachte bitter. »Du weißt nicht, wie es jetzt in Nordhausen zugeht. Der Mann darf alles. Er regiert die ganze Stadt. Hätt' er denen im Rathause gesagt: zahlt den Erben des Reichsschultheißen das Geld, denn ich meine, wir sind's ihm schuldig – es hätte sogleich auf dem Tische gelegen. Aber er hat ihnen gesagt: zahlt nicht und laßt es auf einen Prozeß ankommen vor des Kaisers Gericht. Sie haben keine Schriften, auf die sie sich stützen können. Darum hat sich der Rat geweigert, und wir kommen um das Geld. Denn ein Prozeß beim Reichskammergericht, – du lieber Heiland – du weißt, wie lange der dauert. Ich mit meinen vierundsechzig Jahren erlebe den Tag nicht mehr, an dem das Urteil gesprochen wird, und dann weiß man auch noch nicht, wie es ausfällt. Der Meyenburg soll ja mächtige Freunde und Fürsprecher haben, daß ihm niemand etwas anhaben kann. Das Domkapitel hat ihn dreimal schon hart verklagt beim Kaiser, aber jedesmal ist er ohne Strafe davongekommen. Sprich einmal darüber mit deinem alten Freunde, dem Domherrn Heune. Der wird dir sagen, was der Meyenburg für einer ist. Du wirst wunderliche Dinge zu hören kriegen.« »Das werd' ich tun, Mutter. Ich gehe jetzt in den Dom und dann zu Christian Heune. Den hätt' ich sowieso aufgesucht heute oder morgen, und mit ihm will ich mich bereden, was zu tun ist. Das wäre ja des Teufels, wenn dieser hergelaufene Schelm, der Syndikus, Euch sollte um Euer Recht bringen dürfen! Das will ich hindern. Bei Gott und den Heiligen! Das gelobe ich Euch! Lebt wohl, Mutter!« »Weißt du auch, daß man jetzt in Nordhausen von den Buben auf der Straße kann beschimpft und verhöhnt werden, wenn man aus dem Dom kommt?« sagte Frau Margarete Busch. »So weit ist es hier gekommen, und auch dahinter steckt der Meyenburg. Nur ein paar Leute halten sich noch zum alten Glauben, es mögen ihrer nicht mehr hundert sein. In allen Kirchen predigen die Prädikanten, die sich Pfarrherren nennen. Die ganze Stadt ist verluthert.« »Auf dem besten Wege dazu war sie schon, als ich das letzte Mal hier war,« gab er finster zurück. »Aber es kommt noch die Zeit, da das anders wird, und Ihr könnt sie erleben. Sowie der Kaiser seiner Feinde Herr geworden ist, macht er der Ketzerei ein Ende, und der Tag ist wohl nicht mehr allzu fern. Gehabt Euch wohl, Mutter.« Er verließ das Haus und schritt durch die Straßen, in denen das Leben des Tages noch nicht erwacht war, dem Dome zu. Als er in die Barfüßergasse einbog, stockte plötzlich sein Fuß, und seine Augen weiteten sich vor Erstaunen und Erschrecken. Aus einem niedrigen Hause zerrten bewaffnete Stadtknechte einen Mann und eine sich heftig sträubende Frau heraus. Das Weib war die Ehefrau eines Bürgers, er entsann sich dunkel, sie früher als Mädchen gesehen zu haben, denn ein so auffallend hübsches Gesicht vergaß er so leicht nicht. In dem Mann erkannte er zu seinem wahren Entsetzen den Domherrn Ferer. Er trat rasch an die Gruppe heran und rief: »Was ist das? Um des Himmels willen, Herr, wie kommt Ihr hierher, und was tun sie mit Euch?« Der Domherr schlug die Augen nieder und wandte sein Gesicht zur Seite. Der Anführer der Knechte aber rief mit einem breiten Lachen: »Das will ich Euch sagen, Herr Busch. Jedesmal, wenn der Hans Kühne über Land reist in seinen Geschäften, da nistet dieser lockere Vogel sich die Nacht in seinem Hause ein, um mit der Frau zu singen und zu beten. Das hat ein Nachbar dem Herrn Syndikus Meyenburg gesagt, der hat ja ein scharfes Auge auf die Dompfaffen. Und der Rat will nicht dulden, daß solche Büberei in unserer Stadt geschieht, und hat uns befohlen, das Nest auszunehmen und die beiden hinter den Roland zu setzen. Das tun wir jetzt, und nun vorwärts!« Er gab dem Domherrn, der sich nicht vom Flecke rührte, einen derben Rippenstoß. »Sollen wir Euch etwa tragen?« schrie er ihn an. Busch faßte unwillkürlich an sein Schwert. »Wie könnt Ihr so tun an einem Manne, der nicht unter des Rates Gericht und Herrschaft steht?« rief er. »Wenn er gesündigt hat, so hat ihn der hochwürdige Erzbischof von Mainz zu richten.« »Das geht Euch gar nichts an, Herr Busch,« erwiderte der Fähnleinsführer patzig. »Ich rat' Euch, laßt Eure Klinge in der Scheide, sonst könnt's Euch ergehen wie Eurem Bruder. Wir machen hier kein Federlesen mit den Pfaffen und ihren Freunden.« Knirschend vor Zorn wandte Heinrich Busch sich ab, und mit einem schweren Fluche setzte er seinen Weg fort. So wenig er das Vergehen des Domherrn billigen konnte, so sehr empörte sich alles in ihm gegen diese Behandlung eines Mannes, der ein geweihter Priester war und also nur von seinesgleichen gerichtet werden durfte. Die Verhaftung des Domherrn erschien ihm als frevelhafter Übergriff des Rates in geistliche Rechte, und wieder war ihm der Name des Mannes entgegengeklungen, mit dem sein Bruder Jobst einen Zusammenstoß gehabt hatte, der seiner Mutter ihr Recht verweigerte, und der zurzeit der eigentliche Regent Nordhausens sein sollte. Bei seinem letzten Aufenthalte in Nordhausen hatte er sich wenig um den Menschen gekümmert, obgleich ihm schon damals gesagt worden war, er übe in Sachen der Religion einen sehr unheilvollen Einfluß aus. Jetzt aber begann er ihn zu hassen. Mit düsterer Miene betrat er den Dom, wo das Hochamt eben begonnen hatte, und was er da erblickte, erschütterte ihn im Innersten. In seiner Kinderzeit hatten die frommen Männer und Frauen Nordhausens die Gewohnheit gehabt, ihr Tagewerk durch den Besuch der Frühmesse einzuweihen. Damals wohnten oft mehrere hundert Leute im Dome der heiligen Messe bei. Jetzt waren es kaum ein Dutzend – Greise und Greisinnen, die nicht lassen konnten von dem, was sie ein Leben lang geübt hatten. Das schmerzte und erbitterte ihn gewaltig, denn er war ein treuer und überzeugter Anhänger der alten Lehre, und das neue Evangelium, das jetzt siegreich durch die Lande schritt, war in seinen Augen eine Erfindung des Teufels. Er sagte das seinem alten Freunde Heune, den er gleich nach der Messe in seiner Kurie aufsuchte. »Du kannst dir denken,« erwiderte der Domherr, »was es heißen will, inmitten eines solchen Volkes Priester zu sein. Als ich geweiht wurde, waren wir die Herren über die Seelen. Jetzt sind wir die Verspotteten und Verhöhnten, die nur noch geduldet werden. Wir leben wie auf einer Insel. Um uns her ist alles dem Wittenberger zugefallen. In der Stadt sind nur noch wenige, die der heiligen katholischen Kirche anhängen, und noch wenigere wagen es, ihren Glauben offen zu bekennen.« »Haltet nur noch ein paar Jährlein aus, vielleicht nur noch eins!« rief Busch. »Dann wird der Kaiser dem lutherischen Unfug ein Ende machen.« »Freund, er muß bald kommen, sonst kommt er zu spät,« erwiderte Heune seufzend. »Es wächst ein Geschlecht heran, dem der Haß wider den Papst und unsere heilige Kirche von klein auf eingeflößt wird. In der Stadt sind jetzt Schulen für die Kinder der Bürger. Da lernen die Jungen und sogar die Mädchen den Katechismus des Wittenbergers. Und im Predigerkloster haben sie eine Lateinschule, und da wird das lutherische Unkraut in die gesät, die einst im Leben studieren und hochkommen sollen. Der verzweifelte Bube, der Meyenburg, hat gesagt: wir wollen machen, daß unsere Kinder und Kindeskinder an die alte Abgötterei nur mit Lachen denken.« Busch stieß einen leisen Pfiff aus. »Auch dahinter steckt er? Ich bin erst eine Nacht und ein paar Stunden in Nordhausen und höre den Namen nun schon zum dritten Male und jedesmal so, daß er mir die Galle aufregt.« Er erzählte seinem Freunde, was seine Mutter ihm gesagt, und was er vorhin in der Barfüßergasse mit angesehen hatte. Heune sank auf einen Stuhl und ward gelb vor Ärger, so daß Busch über die Wirkung seiner Worte erschrak. »Trink ein Glas kaltes Wasser, Freund, das wird dir gut tun,« sagte er. »Hätt' ich gedacht, die Sache werde dich so aufregen, so hätt' ich dir nichts davon erzählt.« »Ach Ferer, Ferer!« stöhnte Heune. »Wie oft habe ich dem Menschen gesagt, er solle ablassen von der Eva Kühne, sollt' auch nicht mehr heimlich ihre Beichte hören. Er hat nicht auf mich gehört, und nun geschieht uns ein ungeheures Ärgernis. Einer von uns sitzt als Ehebrecher hinter dem Roland! Der Schimpf muß auf uns alle fallen, und ich sehe schon, wie der verdammte Meyenburg darüber eine Schandschrift ausgehen läßt und das Höhnen und Spotten anhebt im ganzen Lande.« »Der Teufel auch!« rief Busch. »Ich verstehe dich nicht. Das Kapitel muß, so meine ich, sogleich vom Rate fordern, daß der Domherr entlassen wird, denn er gehört nicht unter des Rates Gericht. Dann muß auf der Stelle die Klage beim Kaiser angebracht werden über die Gewalttat, die der Rat wider euch begangen hat.« Heune lachte grell auf. »Um unsere Forderung und um unsere Rechte kümmern sie sich nicht, und wie können wir die Schande unseres Konfraters dem Kaiser klagen? Das ist es ja! Sie können uns mit der Sache einen Schimpf antun, den wir kaum verwinden, und wir müssen doch schweigen, damit wir das Ärgernis nicht noch größer machen. Fein eingefädelt! Daran erkenne ich den satanischen Menschen, der auch Spottmünzen hat prägen lassen auf unseren heiligen Vater in Rom.« »Hat er das getan?« Heune nickte. »Das und noch manches andere.« »Und niemand zieht ihn deshalb zur Rechenschaft und verklagt ihn beim Kaiser?« »Das ist mehrfach geschehen. Aber was haben wir erreicht? Nichts. Einmal sind wir mit unserer Klage abgewiesen worden, zweimal haben wir keine Antwort bekommen. Ich sage dir, Heinrich Busch, es geht vieles in der Welt nicht mit rechten Dingen zu, und damit muß man sich abfinden. Aber unbegreiflicher als alles andere ist mir die Gunst, die der Erzschelm beim Kaiser und beim römischen Könige genießt. Er hat im Augustinerkloster eine Handschrift des Galenus gefunden und nachher gestohlen, oder einem, der sie gefunden hat, für ein paar Groschen abgekauft. Die gibt er heraus mit Anmerkungen, nicht ohne Witz, wie denn der Halunke klug und wohlgelehrt ist, und widmet sie dem römischen König. Und der römische König nimmt sie sehr gnädig an und verleiht ihm eine goldene Gnadenkette. Auf dem letzten Reichstage hat der Kaiser ihm einen Wappenbrief gegeben. Das neue Meyenburgische Wappen prangt schon über der Tür seines Hauses, da hat er es in Stein hauen und bemalen lassen. Und alles glückt diesem Menschen, alles! Bei den Mansfeldern, den Hohnsteinern, den Schwarzburgern ist er lieb Kind, der Stolberger liebt ihn wie seinen Bruder. Daß er an dem Erzketzerhofe in Torgau hohes Ansehen genießt, versteht sich von selber. Und hier in der Stadt – du glaubst nicht, was sie für ein Wesen mit ihm machen. Zum Ratsherrn haben sie ihn schon gewählt, daneben führt er die Geschäfte des Syndikus fort, was eigentlich gegen die alten Ordnungen ist. Aber bei ihm fragt niemand nach den alten Ordnungen. Was er tut, das muß recht sein. Gibt es einen gerechten Gott im Himmel? so frage ich mich zuweilen, wenn ich sehe, wie es diesem Menschen des Verderbens so wohl ergeht. Nichts Übles hat er erlitten in seinem Leben, als daß ihm voriges Jahr sein Weib starb – die entlaufene Nonne, weißt du, die er aus dem Kloster geholt hat. Aber er soll sich ja getröstet haben.« »Er hat eine andere geheiratet?« »Nein, das nicht. Aber er hat eine bei sich im Hause, die ihm die Wirtschaft führt, eine feine Jungfer, wie man mir gesagt hat. Mit ihr soll er in heimlicher Ehe leben.« »Warum heiratet er sie nicht?« »Das weiß ich nicht. Es ist ihm wohl noch zu bald nach dem Tode der ersten. Es jährt sich erst im nächsten Monat, daß sie starb.« »Und niemand dreht ihm einen Strick daraus, daß er mit dem Weibe in heimlicher Ehe lebt?« »Ich sage dir ja: was er tut, das muß recht sein. Auch sind beide vorsichtig und schlau, es ist ihnen nichts zu beweisen. – Aber jetzt warte hier eine kleine Weile auf mich. Ich will ein paar Augenblicke hinüber zum Dechanten und will ihm sagen, was mit Ferer geschehen ist.« »Halt! Noch eins!« rief Busch dem Abgehenden nach. Heune wandte sich um. »Der Meyenburg hat meinem Bruder Jobst einen schweren Schimpf angetan. Weißt du auch mit Gewißheit, daß er den Rat beredet hat, meiner Mutter das Geld zu verweigern?« »Das weiß jeder in Nordhausen, und er selbst brüstet sich damit. Er hat gesagt, ihr wäret längst abgefunden und hättet nichts mehr zu fordern.« »Dann laß mich eine Weile darüber nachdenken, was ich tun werde.« Als Heune nach etwa einer Viertelstunde wieder ins Gemach trat, war Heinrich Busch mit seinen Gedanken ins reine gekommen. »Ich werde,« sagte er, »zuvörderst noch einmal mit dem Rate gütlich verhandeln.« »Damit wirst du gar nichts erreichen,« versetzte Heune. »Die Diebsgesellen bestehen darauf, daß deine Mutter ihnen die Schriften vorlege, die der verstorbene Bürgermeister Oethe geschrieben hat, und diese Schriften hat deine Mutter nicht.« »Gleichviel. Ich werde es versuchen. Geben sie mir aber mein Recht nicht im guten, so nehme ich mir's mit Gewalt. Dann soll der Hund daran glauben, der den Rat zu seiner Büberei angestiftet hat.« Heunes Augen glänzten. »Was willst du tun?« »Ich erkunde, wann er ausreitet, und komme über ihn auf der Landstraße. Dann mag er sehen, wie er sich aus der Schlinge zieht.« »Gelobt sei Gott!« rief Heune. »Endlich findet sich einer, der diesem Bösewicht heimzahlt, was er verbrochen hat. Dein Bruder Jobst dachte auch schon daran, doch im letzten Augenblicke entsank ihm der Mut. Aber du brauchst Leute dazu.« »Zwei Knechte. Einen hab' ich schon, auf den kann ich mich verlassen.« »Den anderen zeige ich dir. Reite nach Sondershausen. Dort wohnt in der Kreuzgasse Heinz Kehner, der haßt Meyenburg auf den Tod. Seinen Vater hat der Rat gerichtet und hat ihm den Kopf abschlagen lassen. Die Herren wollten Gnade üben, aber Meyenburg sagte, es wäre ihnen allen eine ewige Schande, wenn dieser Rädelsführer am Leben bliebe. Das will der Sohn rächen, der ein gerade so verwegener Geselle ist wie sein Vater.« »Woher kennst du ihn?« »Ich sage dir's vertraulich: er hat sich mir angetragen gegen den Meyenburg, weil er weiß, daß ich ihm feind bin. Aber mir war's zu gefährlich. Ohne einen Knecht reitet der Schelm ja nie aus. Es müssen mehrere über ihn kommen.« »Du hast recht, erwiderte Busch. »Ich gehe nach dem Frühstück stracks aufs Rathaus und erbiete mich zum Eide. Dann werde ich bald wissen, woran ich bin. Für jetzt gehab dich wohl!« Heune geleitete ihn nicht nur aus dem Zimmer, sondern aus dem Hause und bis ans Tor der Domfreiheit. Dann blickte er ihm mit einem triumphierenden Lächeln nach. »Nimmt er den Kehner mit,« flüsterte er vor sich hin, »so kommt der Hund nicht mit dem Leben davon!« IV. »Vorigen Freitag war es also ein Jahr, daß die liebe Ursula starb!« sagte Frau Katharina Reinecke zu ihrer Tochter Anna. Sie saß diesmal nicht im Gastzimmer des Meyenburgischen Hauses, sondern in der großen Wohnstube, die neben der Diele gelegen war, und hatte ein Spinnrad vor sich stehen. Anna saß ihr gegenüber in der tiefen Fensternische und besserte ein Höslein des kleinen Hans aus, das der Knabe bei dem Versuche, einen Birnbaum zu erklettern, in eine beklagenswerte Verfassung gebracht hatte. »Du bist nun ein volles Jahr in diesem Hause,« fuhr Frau Katharina fort, »und nun sage mir einmal offen und ehrlich, mein Kind: bist du deinem Ziele näher gekommen?« Anna senkte das Haupt und gab keine Antwort. »Wir können uns ja ganz ungestört darüber besprechen,« ermutigte die Mutter, »denn Michael ist wieder einmal, wie so häufig, nicht zu Hause. Wohin ist er denn geritten?« »Es sollt' eigentlich ein Geheimnis sein,« erwiderte Anna zögernd, »aber Euch kann ich's ja wohl sagen, Mutter. Er ist in des Rates Geschäften nach Erfurt, will aber nur wenige Tage bleiben.« Frau Katharina blickte ihre Tochter überrascht und neugierig an. »So? Seine Geheimnisse sagt er dir? Das ist ja für dich ein günstiges Zeichen. Merkst du denn auch aus anderen Dingen, daß du ihm lieb geworden bist?« Anna errötete stark, und eine Falte erschien zwischen ihren Brauen. »Er hat mir noch nichts gesagt,« erwiderte sie kurz. »Ach, liebe Tochter, was ist das für eine Antwort! Wenn du doch mehr Vertrauen wolltest haben zu deiner Mutter!« klagte Frau Katharina. »Ich glaube gar wohl, daß er dir nichts gesagt hat, denn das Trauerjahr halten ja die meisten inne. Aber das merkt man doch, ob man einem Manne lieb wird! Auch die Dümmste merkt das, und du bist doch so klug. Die Männer sehen einen dann so wunderlich an. Hat er das noch nie getan?« Anna beugte sich tief auf ihre Arbeit herab, denn eine verräterische Glut flammte in ihrem Antlitz auf. Wohl hatte Michael sie so wunderlich angesehen – einmal, und das war erst vor wenigen Tagen gewesen. Da war ein großes versiegeltes Schreiben an ihn angelangt, gerade als sie beim Mittagsmahle saßen. Das hatte er aufgebrochen und auf der Stelle gelesen, denn es kam von seinem Freunde Melanchthon aus Wittenberg. Ein Brieflein, das dem Schreiben beigelegen hatte und ihm entglitten und auf die Erde gefallen war, hatte sie ihm aufgehoben und dargereicht, ohne der Aufschrift zu achten. Da war er mit einem fast erschrockenen Blicke auf sie aufgestanden und war, ohne ein Wort zu sprechen, hinübergegangen in die Blasienkirche. Dort war er über eine Stunde lang geblieben. Tagsüber hatte sie ihn dann nicht mehr gesehen. Aber am Abend, als er ihr die Hand beim Gutenachtsagen bot, hatte er sie angesehen wie nie zuvor, erstaunt, fragend, als sähe er etwas an ihr zum ersten Male, und noch etwas anderes hatte in seinem Blicke gelegen, was sie in tiefste Verwirrung gebracht und erregt hatte, daß sie vor Herzklopfen kaum hatte einschlafen können. Des anderen Morgens in der Frühe war er nach Erfurt geritten. Immer, wenn sie dieses Blickes gedachte, kamen die Verwirrung und das Herzklopfen von neuem über sie, aber mit niemandem hatte sie davon sprechen können. Darum war sie sehr froh; daß sie einer Antwort überhoben ward, weil ein Gast des Hauses das Zimmer betrat. Seit fast einer Woche weilte Justus Jonas in seiner Vaterstadt, wo er wegen seines Erbes Geschäfte abwickeln mußte. Er war im Meyenburgischen Hause eingekehrt, wie so manchmal schon, und hatte seine Wohnung auch beibehalten, als sein Freund Michael plötzlich verreisen mußte. Am kommenden Morgen wollte er Nordhausen wieder verlassen. »Hört Ihr's läuten?« fragte er beim Eintreten. »Auf Sankt Nikolai hub's an, Sankt Petri fällt schon ein, bald wird auch Sankt Blasien erklingen. So ist denn wohl Herr Bürgermeister Wenderodt entschlafen, dessen Tod schon gestern abend verkündet wurde.« Sein freundliches, rosiges Antlitz hatte, während er das sagte, einen so kummervollen, fast verstörten Ausdruck, daß Anna ihn verwundert ansah. »Ich wußte gar nicht, Herr Doktor,« sagte sie, »daß Euch der alte Herr nahe stand. Ihr seht aus, als sei Euch ein lieber Freund oder Verwandter gestorben.« »Nein,« erwiderte Justus Jonas, »sein Tod betrübt mich wenig. Ich habe den würdigen Greis kaum gekannt. Aber etwas anderes bedrückt mir das Gemüt, ja es bekümmert mich über die Maßen. Ich gäbe den kleinen Finger meiner rechten Hand darum, wäre das nicht geschehen.« »Was ist es?« riefen die Frauen erschrocken. »Ich halte mich nicht für befugt, es Euch zu sagen. Ein Brief ist gekommen, der Michael schweren Verdruß bereiten wird. Es ist mir ein großer Schmerz, daß ich nicht selber mit ihm darüber reden kann. Aber ich muß morgen früh die Stadt verlassen und kann nicht auf seine Rückkehr warten. Ich habe ihm dazu einige Worte geschrieben als sein getreuer Freund, der ich immer bleiben werde, was auch geschehen möge. – Hier habt Ihr das Schreiben versiegelt« – wandte er sich an Anna. »Gebt es ihm. Aber gebt's ihm nicht, wenn er am Abend müde heimkehrt von seinem langen Ritte. Gebt's ihm erst am Morgen darauf. Verdrießliche und beschwerliche Dinge soll man nicht am Abend lesen. Sie sehen dann meist schrecklicher aus als sie sind, und quälen einen die Nacht über. Jetzt gehabt Euch wohl, werte Frau und liebe Jungfer. Ich gehe zu Johann Spangenberg, esse auch zur Nacht bei ihm. Es wird mir schwer werden, ihm ein heiteres Gesicht zu zeigen, aber ich hab's ihm versprochen zu kommen.« »Und Ihr dürft mir nicht sagen, was das Schreiben enthält?« fragte Anna, mit ängstlicher Miene ihn anblickend. »Droht Michael eine Gefahr?« »Eine Gefahr nicht, aber ein großer Ärger, und wie ich meine, ein Kummer. Sagen darf ich Euch deshalb nichts, weil ich nicht weiß, ob er zu anderen davon reden will.« Er ging, und die beiden Frauen blieben in bedrücktem Schweigen zurück. Selbst Frau Katharinas redefroher Mund blieb eine Weile geschlossen. Dann aber begann sie: »Wenn Michael nur nicht viel Geld verloren hat! Er steckt mit unserem Grafen tief in Berggeschäften und hat auch den Vater beredet, sich darauf einzulassen. Darum ist er jetzt so oft in Mansfeld, und der Vater ist ganz für die Sache gewonnen und betreibt sie mit dem größten Eifer. Sie wollen den Handel mit Kupfer und Silber im großen betreiben. Ich habe dem Vater immer geraten, die Hände davon zu lassen, aber er hörte nicht auf mich. Nun werden sie wohl einen schlimmen Verlust haben –« »Dann würden wir schwerlich durch Herrn Jonas davon hören,« unterbrach Anna den Redefluß ihrer Mutter. »Eher, denke ich, kommt eine böse Kunde in Sachen der Religion. Der Kaiser wird wohl etwas im Schilde führen wider das neue Evangelium. Michael sprach davon, man müsse sich jetzt bald des Ärgsten versehen. – Ich will den Brief in meine Lade legen, Mutter, und ihn da aufheben, bis Michael heimkommt.« Sie eilte hinauf in ihr Stübchen und barg den Brief mit zitternden Händen in einer kleinen eisernen Truhe, in der sie ihren Schmuck bewahrte. Dann sank sie auf die Knie und sprach ein Gebet, daß Gott sein heiliges Evangelium gegen seine Feinde schützen und sie alle vor großer Trübsal bewahren möge. Das Rollen eines Wagens, der vor dem Hause hielt, schreckte sie empor. »Schon wieder ein Gast!« flüsterte sie unwillig und stieg die Treppe wieder hinab, wenig erbaut von der Aussicht, irgend einen ihr Fremden an Stelle des abwesenden Hausherrn begrüßen zu müssen. Aber als sie eben auf der letzten Stufe stand, stockte ihr Fuß, und ihr Blick heftete sich voll Entsetzen auf das Bild, das sich ihr darbot. Die Tür hatte sich halb geöffnet, und Michael Meyenburg trat schwer und langsam, gestützt von einem fremden Knechte, über die Schwelle seines Hauses. Den linken Arm trug er in einer Binde, die Stirn umhüllte ein breites weißes Tuch. Seine hohe Gestalt schwankte, und seine Augen glühten wie im Fieber. Erst nach ein paar Augenblicken wich die Erstarrung von ihr. Dann schrie sie laut auf und stürzte auf ihn zu. »Um Gottes willen, Michael! Was ist geschehen? Bist du vom Pferde gestürzt?« »Ich erzähle dir's gleich, Anna. Aber gib mir einen Trunk! Wasser, nicht Wein! Mir klebt die Zunge am Gaumen.« Sie flog mehr, als sie ging, in die Küche, um ein Gefäß zu holen, und dann an den Brunnen im Hofe. Als sie zurückkam, saß er in seinem Lehnstuhle, während ihre Mutter, vor Schrecken wie versteinert, auf ihrem Sitze am Fenster zurückgesunken lehnte und ihn entsetzt anstarrte. Sie bot ihm den Krug, und er sog ihn mit gierigen Lippen leer bis auf den letzten Tropfen. »Danke,« sagte er. »Füll' ihn dann noch einmal. Ich bin so durstig, wie noch nie in meinem Leben.« »Aber was ist denn geschehen, Michael? Bist du gestürzt? Bist du schwer verletzt?« »Verletzt bin ich und wohl nicht leicht. Aber gestürzt mit dem Gaule bin ich nicht. Ruchlose Leute haben mich überfallen.« »Wer?« schrie sie. »Der Heinrich Busch und der verdorbene Hund, der junge Kehner. Zwischen Gebesee und Andisleben treffe ich einen fremden Reiter auf der Landstraße. Er redet mit mir freundlich und bittet mich, daß er sich zu mir und meinem Knechte dürfe gesellen, er reite auch auf Erfurt zu. Ich erlaube es ihm ohne Arg. Aber als wir an ein Gehölz kommen, greift er plötzlich meinen Knecht mit mörderischen Hieben an, und auf mich sprengen zwei andere aus dem Holze los, und einer legt auf mich ein Feuerrohr an und schießt und trifft mich hier am Kopfe. Ich reiße noch meine Zündbüchse hervor und schieße ihn vom Gaule. Dabei sah ich, daß es der junge Kehner war, der schon mehrmals auf mich gelauert hat. Aber nun strömte mir das Blut in die Augen, daß ich nicht sehen konnte, und die beiden anderen kamen über mich und stachen mich in den Arm und rissen mich vom Rosse. Da verlor ich die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Erde, und der Busch stand vor mir und sagte, meinen Tod wolle er nicht, aber ich sollt' ihm einen Eid schwören, daß ich die Räte von Nordhausen wolle bewegen, seiner Mutter das Geld zu geben, das sie von der Stadt fordert ohne alles Recht, denn die Schuld ist längst beglichen. Ich sagte ihm, die Räte hätten seines Vaters Quittungen, er solle sie auf dem Rathause einsehen, aber er schrie: »Du verdammter, verzweifelter Bube! Das ist alles erstunken und erlogen! Du schwörst mir, daß mir der Rat das Geld gibt, oder daß du aus deinem eigenen Vermögen uns wirst zufriedenstellen. Tust du das nicht, so ist deine letzte Stunde gekommen.« Da schwor ich ihm den Eid, denn ich war in seiner Hand, und er ritt davon und ließ mich liegen. Ich schleppte mich zu dem von Seebach auf Fahner, das in der Nähe liegt, und der ließ mich heimfahren auf seinem Wagen.« Die letzten Worte hatte er mit schwacher Stimme gesprochen, als sei er zu Tode erschöpft, und halb lallend setzte er hinzu: »Fülle mir den Krug noch einmal! Ich bin so durstig!« Sie eilte nach der Tür, aber da traf ein leiser Schrei ihr Ohr, und sie fuhr herum. Michael Meyenburg war von seinem Stuhle vornüber zur Erde geglitten und lag am Boden wie ein toter Mann. Frau Katharina kreischte mehrmals hintereinander laut auf: »Er stirbt! Er stirbt!« und streckte beide Arme weit vor, als drohe auch ihr der Tod, und sie wolle ihn von sich abwehren. Anna aber, wiewohl bis in die Lippen erblaßt, verlor die Fassung nicht. »Er ist nicht tot, Mutter,« sagte sie. »Er hat nur eine Ohnmacht.« Dann wandte sie sich an den Seebachschen Knecht, der an der Tür stehen geblieben war. »Faß an!« rief sie ihm zu. »Wir müssen ihn auf sein Lager tragen.« V. Drei Tage lang lag Michael Meyenburg in schwerem Fieber, und in der dritten Nacht schien es, als solle der Tod Herr über ihn werden. Er raste in wilden Phantasien, und seine Freunde Hauschild und Eienrot, die mit Anna an seinem Bette wachten, hatten alle Mühe, ihn festzuhalten, daß er sich den Verband seiner Wunde nicht abriß. Aber am anderen Morgen war er wie umgewandelt, das Fieber hatte ihn verlassen und kehrte auch nicht zurück, und nun erholte er sich mit einer Schnelligkeit, die alle überraschte. Am fünften Tage verließ er das Bett und stieg bereits wieder hinab in seinen Garten, am siebenten empfing er eine Abordnung des Rates, die ihm seine Wahl zum Bürgermeister an Stelle des plötzlich verstorbenen Herrn Johann Wenderodt mitteilte. Im Prunkzimmer des Hauses, das zu ebener Erde nach dem Hofe hinaus gelegen war, verweilten die drei Herren mit ihm wohl eine halbe Stunde lang. Anna hatte ihnen zwei Flaschen Malvasier hineinbringen lassen, und da sie unter den dreien die zwei trinkfrohesten Herren der Stadt erkannt hatte, war sie ahnenden Geistes in den Keller hinabgestiegen und brachte die dritte herauf. Die wäre beinahe ihrer Hand entglitten, denn vor ihr stand, wie aus dem Boden gewachsen, Philipp Melanchthon in der Hausflur. »Herr!« rief sie freudig und erstaunt. »Wie seid Ihr angekommen? Ich habe doch keinen Wagen gehört. Nun: Gott zum Gruße!« »Ich bin gestern abend bei meinem Freunde Spangenberg abgestiegen. Er hat mir alles erzählt, was mit unserem Michael geschehen ist. Eine schändliche Tat, die, wie ich hoffe, eine blutige Sühne finden wird! Aber, daß sie ihn gestern zum Bürgermeister gewählt haben –« Er wurde unterbrochen, denn die Tür zur linken Seite der Hausflur wurde geöffnet. Michael Meyenburg geleitete seine Gäste hinaus. Als er sich von ihnen abkehrte, wurde er seines Freundes gewahr und eilte mit weitausgestreckter Hand auf ihn zu. »Ei sieh da! Melanchthon!« rief er freudig. »Gott zum Gruße! Was führt Euch denn nach Nordhausen? Wollt Ihr mir Glück wünschen dazu, daß ich wieder zum Leben erwacht bin. oder zu meiner neuen Würde als Bürgermeister?« »Zu beidem wünsche ich Euch zwar von ganzem Herzen Glück,« erwiderte Melanchthon, seine Hand ergreifend und schüttelnd, »aber beides habe ich erst gestern bei Spangenberg erfahren.« »Wie?« rief Meyenburg. »Ihr seid schon seit gestern abend in der Stadt und seid bei Spangenberg abgestiegen und nicht bei mir? Was soll das heißen? Wie kommt Ihr auf den Einfall?« In Melanchthons schmale Wangen trat eine leichte Röte, und etwas verlegen suchte er nach Worten. »Offen gesagt,« erwiderte er, »ich wußte nicht, wie Ihr mich aufnehmen würdet.« Höchst erstaunt blickte ihn Meyenburg an. »Bin ich ein launisches Mädchen? Oder haben wir etwas miteinander gehabt? Ich verstehe Euch nicht.« »Nun,« entgegnete Melanchthon unsicher und befangen, »ich fürchtete, werter Freund, Ihr wäret voller Zorn auf alle Wittenberger, des Briefes halber, den Luther an Jonas über Euch geschrieben hat und den Jonas, wie er mir sagte. Euch ausgehändigt hat.« »Ich weiß von keinem Briefe Luthers. In meine Hände ist keiner gekommen.« Da trat Anna heran, die das Gespräch mit angehört hatte, und indem sie das Haupt senkte, als sei sie sich einer Schuld bewußt, bat sie mit leiser Stimme: »Zürne mir nicht, Michael. Ich habe den Brief, den mir Doktor Jonas gegeben, bisher heimlich behalten und noch nicht in deine Hand gelegt. Daß er von Doktor Luther ist, wußt' ich nicht. Herr Doktor Jonas sagte aber, was drin stünde, würde dir großen Ärger und Verdruß, ja sogar einen schweren Kummer bereiten. Da du nun so krank warst, verschob ich's von einem Tage zum anderen, ihn dir zu geben. Morgen früh aber wollt ich's tun. Heute nicht, damit deine Freude nicht gestört werde darüber, daß sie dich zum Bürgermeister erhöht haben.« Scheu hob sie den Blick, um zu prüfen, ob er recht zornig wäre über ihre Eigenmächtigkeit, aber gütig ruhte sein Auge auf ihr, und in seinem Blicke lag wieder der Ausdruck, der sie schon neulich in so große Verwirrung gebracht hatte. Sie senkte das Haupt noch tiefer, und Purpurglut überflutete ihr Antlitz. »Ich danke dir, Anna,« sagte er, »daß du so freundlich bist um mich besorgt gewesen. Jetzt aber gehe und hole den Brief.« »Nein!« fiel Melanchthon hastig ein. »Holt ihn nicht. Schickt ihn unerbrochen an Justus Jonas zurück. Das wird das beste sein. Denn ich sage Euch: er ist in der Hitze und Übereilung von Luther geschrieben, und es ist besser für ihn und für Euch, wenn Ihr ihn gar nicht lest. Es wird mir wohl gelingen, ihn zu besänftigen und zu beschwichtigen, wie ich das ja so oftmals habe tun müssen, wenn der zornige Mann über sein Ziel hinausgeschossen hatte im Streite mit seinen Widersachern.« Meyenburg hob erstaunt das Haupt empor und blickte ihn betroffen an. »Was soll das? Bin ich Doktor Luthers Widersacher? Ich meine, er hat nicht viele Freunde, die ihm treuer sind als ich. Hole den Brief, Anna, ich will wissen, was darinnen steht.« Eine Weile später saß Melanchthon in dem Gemache, das die Ratsherren eben verlassen hatten, und beobachtete ängstlich seinen Freund. Meyenburg hatte sich ans Fenster gestellt, um besser sehen zu können, denn es war ein trüber Tag, und es drang nur wenig Licht herein durch die kleinen runden Scheiben. Das Begleitschreiben des Justus Jonas hatte er einstweilen auf den Tisch gelegt und sich sogleich dem Briefe Luthers zugewandt. Es kostete ihn nicht geringe Mühe, ihn zu entziffern, denn Luthers Handschrift gehörte ohnehin nicht zu den leicht lesbaren, und dieses Schreiben, das war auf den ersten Blick erkennbar, war in fliegender Hast auf das Papier geworfen worden. Aber mit der Zeit gelang es dem Lesenden dennoch, die Schrift zu entziffern, und Melanchthon sah mit Besorgnis, wie sich seine Züge veränderten, wie er abwechselnd errötete und erbleichte, endlich jäh sich umwandte und den Brief heftig auf den Tisch hinschleuderte. »Aber das ist unsinnig!« rief er. »Nein, das ist Luthers ganz und gar unwürdig.« »Ach, lieber Freund,« begann Melanchthon, das Haupt während des Sprechens zur Erde gerichtet, »bedenkt, der das geschrieben hat, wie ich schon sagte, in der Hitze und Übereilung, ist ein kranker Mann. Er ist wieder einmal seit Wochen mit Kopfschmerz und Steinleiden geplagt, kann nicht schlafen und arbeitet sich dabei halb zu Tode, weil alle Welt ihn anläuft mit ihren Anliegen. An der Galle leidet er wohl auch, denn er sieht alles schwarz und verschont mit seiner Bitterkeit keinen. Ich bitt' Euch, Ihr wollet seiner Krankheit solches zugute halten und ihm nicht deshalb gram werden und vor allem nicht Euch entfremden lassen. Denn wie er zuweilen auch sein mag, seine Sache ist doch die Sache Gottes. Wir wollen sehen, wie wir den Handel beilegen und ihn Euch wieder geneigt machen, obschon es ein schweres Werk sein wird. Es kommt ihm sauer an, es einzusehen, wenn er im Unrecht ist. Was meint Ihr dazu?« Er hob den Kopf empor und sah ihm fragend ins Antlitz. Die Blicke finster zur Erde gerichtet, stand Meyenburg ans Fenster gelehnt da und rührte sich nicht, gab auch keine Antwort. »Ich begreife es wohl, daß Ihr sehr zornig seid, aber ich beschwöre Euch, sagt oder schreibt nichts wider ihn im Zorne. Und haltet fest an dem, was Ihr als evangelische göttliche Wahrheit erkannt habt.« Da reckte sich Meyenburg hoch auf, und wie ein Blitz zuckte es über sein Gesicht hin. »Die Antwort will ich Euch in Gegenwart einer Zeugin geben,« sagte er und schritt nach der Tür. »Anna!« rief er. »Komm doch einmal zu uns herein. Setze dich hierher, ich möchte, daß du anhörst, was ich Magister Philippus auf einen Brief Doktor Luthers zu sagen habe. Ich würde dir den Brief zu lesen geben, aber er ist lateinisch abgefaßt, und so muß ich dir zuvörderst sagen, um was es sich handelt: Es ist ein Mensch zu Luther gekommen, der heißt Johannes Krause. Ich habe vielleicht einmal seinen Namen gehört, sonst kenne ich ihn nicht, weiß auch nichts von ihm. Er ist ein Mönch aus Walkenried, hängt aber dem Evangelium an und ist deshalb aus dem Kloster geschieden und scheint krank, blind und in großer Not zu sein, denn Luther nennt ihn einen armen Lazarus in seinem Briefe. Er hat sich an den Abt gewendet, der solle ihm aus dem Klostergute eine Zahlung lassen zukommen, aber der Abt hat das nicht getan. Da hat der Krause Luthern geklagt, der Abt verzehre und verbankettiere mit mir die Klostergüter, und allsogleich setzt sich Doktor Luther hin, schreibt flugs in einem Zorne, wie er selbst sagt, an Doktor Jonas, ohne jemanden zu fragen, wie die Dinge stehen, einen Fluch nicht nur wider den Abt, sondern auch wider mich. Verflucht und vermaledeit seien unsere Güter, und das Feuer möge kommen und auch das verschlingen, was wir mit Ehren und gutem Gewissen besäßen. Was sagst du dazu? Wie deucht dir das?« Er hielt einen Augenblick inne und blickte zu Anna hinüber, die schreckensbleich und keines Wortes mächtig dasaß. »Wie deucht dir das?« wiederholte er. »Das ist doch nicht möglich!« sagte sie leise. »Es ist nicht nur möglich, sondern es ist geschehen. Und nun höre mit an, was ich Magister Philippus sage zu meiner Rechtfertigung. Zum ersten: ja, ich habe öfters mit dem Abte einen scharfen Trunk getan. Dabei habe ich Vorteile erlangt für mich, für meine Stadt und für die Sache Luthers selbst, denn ich habe den Abt dem Evangelium geneigt gemacht. Es werden ja die meisten Geschäfte bei einem Kruge Bier oder Wein verhandelt. Das weiß Doktor Luther und hält es zuweilen selber so. Zum anderen: Ich kenne den Krause und seinen Notstand nicht, weiß auch nicht, was für einen Handel er mit dem Abte gehabt hat. Ich kümmere mich nicht um des Abtes Händel. So kann denn niemand von mir verlangen, daß ich den Abt vermahne, dem Mönche zu geben, was recht ist. Das sagt dem Doktor Luther. Und Euch, lieber Magister Philippus, sage ich nun auch zum dritten, damit Ihr Euch nicht beunruhigt: ob Doktor Luther freundlich zu mir redet, oder übel und ungerecht in seinem Zorn wider mich verfährt, das macht mich nicht irre an seiner Lehre. Das Feuer, das er als Gottes Werkzeug in die Welt gebracht hat, das hat mich ergriffen und mein Herz entzündet, und es brennte auch dann weiter in mir, wenn es gar keinen Luther mehr gäbe in der Welt. Widerriefe er jetzt seine Lehre, so würde ich doch nicht widerrufen, denn ich stehe auf der Schrift und nicht auf ihm. Es macht mich aber auch nicht irre an seiner Person. Wäre es billig, von einem Menschen zu fordern, er solle ohne Fehler sein? Hatten nicht auch die hohen Apostel ihre Fehler? Hat nicht Sankt Paulus die Gemeinde Christi verfolgt? Hat nicht Sankt Petrus seinen Herrn verleugnet? So hat auch Martinus Luther seinen Fehler, das ist der Zorn, der ihn bisweilen übermannt. Ich will ihm deshalb nicht gram sein, wenn auch sein Brief mich wurmt. Ist er doch sonst aller deutschen und christlichen Tugenden voll und uns allen ein Exempel.« »Freund!« rief Melanchthon aufspringend und beide Hände Meyenburgs ergreifend, »das hat Euch Gott selbst reden heißen. Ich trug große Sorge, Ihr würdet Euch vom Zorn gegen ihn lassen hinreißen, darum kam ich zu Euch. Aber Ihr sprecht wahrlich wie ein weiser Mann und wie ein Christ. Ihr könnt Euch selbst überwinden, was so wenige können.« »Man lernt manches im Leben,« erwiderte Meyenburg ruhig. »Jetzt aber bitt' ich Euch, lieber Magister Philippus, gehet hinüber und laßt mich eine Weile allein mit dieser. Ich habe sie etwas zu fragen.« Mit großer Behendigkeit schlüpfte Melanchthon zur Tür hinaus, indem er vergnügt vor sich hinlächelte. Die beiden waren allein, und Annas Herz begann mit einem Male heftig zu klopfen. »Billigst du alles, was ich sagte?« fragte Meyenburg. »Alles ganz und gar.« »Und es liegt in deinen Augen kein Schatten auf mir, weil Doktor Luther mir in seinem Zorn geflucht hat?« »Aber Michael! Du sagst es ja selbst, und Herr Melanchthon sagt es auch: es ist im Zorn und in der Übereilung geschehen. Ich meine, es wird ihn wohl selber bald gereuen.« »Und wenn das nun nicht geschähe? Und wenn er nun beharrte in seiner unfreundlichen Gesinnung? Würde das dein Gemüt gegen mich erkälten?« »Dann wäre mir gar nichts an seinem Spruche gelegen, denn du hast recht.« Da ging ein helles Leuchten über sein Gesicht, wie sie es noch nie gesehen hatte, und freudigen Tones sagte er: »So bitte ich dich, das hier zu lesen.« Er zog aus seinem Wamse eine lederne Tasche und entnahm ihr ein Brieflein, das er ihr darbot. Als Anna die Aufschrift las, durchfuhr sie ein Schrecken, denn sie erkannte die Hand ihrer verstorbenen Base Ursula. »Da nimm,« sagte er, »es ist an dich und mich gerichtet. Sie hat es geschrieben am Tage vor der Nacht, in der sie starb, und es Philipp Melanchthon gegeben, daß er mir's einhändige ein Jahr nach ihrem Tode. Er hat mir's geschickt an dem Tage vor meinem Ritt nach Erfurt.« Er trat in das Halbdunkel des Zimmers zurück, beobachtete sie aber scharf, während sie las, und sah, daß sie bis an die Haarwurzeln errötete. Als sie zu Ende gekommen war und das Blatt sinken ließ, trat er rasch auf sie zu und fragte: »Ist es wahr, Anna, was in dem Briefe steht, daß du mich lieb gehabt und im Herzen getragen hast so viele Jahre lang?« Einen kurzen Augenblick zögerte sie mit der Antwort, dann aber hob sie frei den Blick zu ihm empor und sagte klar und ehrlich: »Ja, Michael. Schon als ich ein kleines Mädchen war und dann all die Jahre, in denen du nichts nach mir fragtest.« »Wie könnt' ich nach dir fragen?« rief er. »Ich war an eine andere gebunden und habe sie von Herzen lieb gehabt und bin glücklich mit ihr gewesen, und sie hat mir alle Süßigkeit gegeben, die ein liebendes Weib dem Manne gibt. Ich werde und kann sie auch nimmer vergessen, das gute, liebe Herz. Aber nun gehört sie zu denen, die in einer anderen Welt leben, und sie selber hat es gewollt, daß ich nicht allein bleiben soll. Ist es dir genug, Anna, daß du neben ihr einen Platz habest in meinem Herzen, so bitte ich dich, werde mein Weib. Ich will dir alle Liebe und Treue erzeigen, und ich denke, ich werde dich mit jedem Tage lieber haben.« »Ich neide der Toten deine Liebe nicht,« gab Anna zur Antwort. »Wenn du mich nur auch lieb hast, Michael, so will ich von Herzen gern dein Weib werden.« Dabei sah sie ihn mit strahlenden Augen an, und er las in ihren Blicken, welch ein Schatz von Liebe und Hingabe ihm hier dargeboten wurde. Da beugte er sich zu ihr hernieder und umfing sie und küßte sie fest auf den Mund. Dann gingen die beiden hinüber, um dem Magister Philipp Melanchthon ihr junges Glück zu künden. Viertes Buch. I. Der Bürgermeister Michael Meyenburg stand vor einem hohen venetianischen Spiegel, einem Geschenk seines Gönners, des Grafen von Mansfeld, und betrachtete sich ernst und nachdenklich. Er hatte die Bürgerschaft in die Sankt Blasienkirche bestellt, um dort zu ihr zu reden, darum wollte er nachsehen, ob seine Krause richtig säße, und ob der güldene Pfennig, den er an der silbernen Kette trug, genau in der Mitte des seidenen Wamses hinge. Da blieb sein Blick auf seinem Antlitz haften, das ihm aus dem Spiegel entgegenschaute, und er verwunderte sich. Zum ersten Male fiel ihm auf, wie viele Falten und Fältchen die Jahre und die Sorgen in sein Gesicht eingegraben hatten und wie zahlreiche Silberfäden Haupthaar und Bart durchzogen. Er wußte es ja, daß er über die Höhe des Lebens hinaus war, und gerade in der letzten Zeit hatte er hin und wieder gefühlt, daß ihm manches schwer wurde, was er früher mit spielender Leichtigkeit hatte vollbringen können. Aber noch nie war es ihm so deutlich, so überwältigend zum Bewußtsein gekommen, wie in diesem Augenblicke: daß er an der Schwelle des Alters stand. Sein Blick wurde düster bei diesem Gedanken, und er verdüsterte sich noch mehr, als er über die Bilder an der Wand hinglitt. Da hingen sie alle, gemalt von der Hand bedeutender Meister, die Männer, die in seinem Leben eine Rolle gespielt, die ihm etwas bedeutet hatten. Aber wo waren sie hin? Wo war Erbanus Hessus, der weinfrohe Poet? Wo war der große Glaubenskämpfer Doktor Martin Luther? Wo war Erasmus von Rotterdam? Alle dahingegangen nach dem Lande, von wo es keine Wiederkehr gibt. Nur einer von ihnen allen lebte noch, Philipp Melanchthon, aber der war ihm zur Zeit entfremdet, weil er sich allzu weich und mattherzig in Sachen des Glaubens gezeigt hatte. Das konnte er ihm nicht verzeihen, und er dachte schon daran, sein Bild zu entfernen. Aber er hatte des Erasmus Bild nicht entfernt, obwohl der wider die reine Lehre geschrieben hatte, um sich die Gunst der Pfaffen und seine Jahrgelder, die er von hohen Gönnern bezog, nicht zu verscherzen. So mochte denn auch das Bild des Mannes hängen bleiben, dessen Sünde seine Ängstlichkeit und Schwäche war. »Die einen nimmt der Tod, die anderen nimmt das Leben,« murmelte er vor sich hin, als er die einstmals geliebten Züge des Freundes betrachtete, und seufzte tief auf. Frau Anna, die gerade in das Gemach trat, eilte besorgt auf ihn zu. »Was ist dir, Michael?« fragte sie. »Fühlst du dich krank?« »Nein, ich bin nicht krank und fühle mich nicht krank,« erwiderte er und strich ihr leise über die Wange. »Nur müde bin ich heute, denn ich habe wieder einmal schlecht geschlafen. Ich schlafe jetzt alle Nächte schlecht, seitdem Heune aus dem Stifte entwichen ist und uns Fehde angesagt hat.« Anna blickte ihn verwundert an. Eine stattliche Zahl von Jahren war sie mit ihm schon verheiratet, aber jetzt geschah es zum ersten Male, daß er eine Besorgnis äußerte. Seltsam, daß er es tat einer Gefahr gegenüber, die sie selbst nicht hoch einschätzte! »Vor dem kannst du dich doch leicht schützen!« erwiderte sie. »Was kann dir das armselige Pfäfflein schaden?« »Mir nicht viel, wenn ich vorsichtig und wachsam bin. Aber dieser boshaftige Holofernes hat nicht nur mir Fehde angesagt und Rache geschworen, sondern der ganzen Stadt. Und er hat ein paar verzweifelte Leute in seinem Dienste. Es hat einer seinen Brief mit unterschrieben, von dem ich dachte, er wäre tot, Heinz Kehner, den ich selbst habe vom Pferde geschossen vor Jahren.« »Nun, hat er dir in der ganzen Zeit nichts anhaben können,« fiel ihm Anna in die Rede, »so steht es wohl auch weiterhin nicht zu befürchten. Vorsichtig bist du ja, Gott sei es gedankt, geworden. Mit weniger als drei Knechten reitest du niemals aus.« »Ich sage dir nochmals: mir ist's nicht um mich, mir ist's nur um die Stadt. Denke an das Jahr vierzig, wie da die Papisten hatten Mordbrenner ausgesandt, und wie bei uns der Königshof verbrannte und der Walkenrieder Hof und so viele andere Häuser. Von Wolfenbüttel gingen die Meuchelbrenner aus, und von Wolfenbüttel hat uns der Heune den Brief gesendet. Zu solchem Werke braucht's nicht großer Macht. Das können ein paar verzweifelte Bösewichte, die sich in die Stadt einschleichen, gar wohl vollbringen.« »Willst du den Brief nicht an den Kaiser schicken, daß sie als Landfriedensbrecher erklärt werden in des Reiches Acht und Aberacht?« »Noch haben sie nur Böses angedroht, nichts Böses getan. Drohungen straft der Richter nicht, es mögen vielleicht leere Worte bleiben. Auch steht Nordhausen zurzeit nicht eben gut beim Kaiser, und es kann sein, daß es bald ganz schlecht bei ihm steht.« »Du meinst wegen des Interim?« Meyenburg nickte. »Ich kann die Schrift nicht unterzeichnen, die Gottes Wort und Gebot zuwider ist und die Wahrheit des Evangeliums verleugnet. Mag Philippus mit seinen Helfern die Worte noch so glatt und schön drehen und wenden, daß es schillert und gleißt, als wäre Gottes Wort wohl gewahrt und als gebe man den Römlingen nur in geringen Dingen nach – es ist nicht so. Nichts hat mich in meinem Leben so erbost, als daß unser Prediger die Mähr hat aufgebracht, ich hätt' in Augsburg heimlich in das Interim gewilligt dem Kaiser zu Gefallen. Wer das sagt, der sagt eine Lüge, und die will ich ihm in seinen Hals stoßen.« »Es haben's wohl nur wenige geglaubt in der Stadt,« begütigte Anna. »Schlimm, wenn es auch nur etliche geglaubt haben!« rief Meyenburg heftig. »Man sollte mich besser kennen in Nordhausen, wo ich nun über vierzig Jahre wirke. Der Pfarrherr wird mir Rechenschaft geben von seinem Geschwätz. Ich werde ihm das Maul stopfen. In Sachen der Religion gibt es für mich kein Paktieren. Es käme mich sauer an, das sage ich dir ehrlich, wenn ich müßte meine Ehren und Würden und Güter im Stich lassen. Aber ehe ich abtreten würde von Doktor Luthers reiner Lehre, eher ginge ich ins Elend.« »Da würdest du mich gewißlich an deiner Seite finden!« rief Anna und faßte seine Hand. »Das weiß ich. Bist du doch eifriger als ich in solchen Dingen. Du bist nur ein Weib, aber von männlicherem Geist als Philippus, der sich hat vom Teufel verblenden lassen, daß er nun hinket auf beiden Seiten. Daß er abgewichen ist vom geraden Wege und einen Pakt schließt mit dem Antichristen, das tut mir weher als alles andere in dieser bösen, betrübten Zeit.« »Ja,« rief Anna, »es reut mich fast, daß wir ihm mit allen den Seinen haben Schutz und Herberge gegeben in unserem Hause auf so viele Monate, als die Wittenberger flohen nach der Mühlberger Schlacht.« »Laß dich das nicht gereuen! Ich hoffe immer noch und bete darum jeden Tag, daß Gott ihn möge erleuchten und zurückbringen von seinem Irrtum. So er sich bekehrt und mich dann sucht, so will ich mich von ihm finden lassen. Es wird mir mit den Jahren immer schwerer, die alten Freunde zu missen. Von denen, die mir am nächsten standen, ist er der letzte.« »Mir würde es nicht leicht werden, ihn wieder freundlich anzusehen, obschon er mir sehr lieb und wert war,« sagte Anna. »Ging's nach mir, so fordertest du von ihm auch die fünfhundert Goldgulden zurück, die du ihm vorgestreckt hast ohne Zinsen.« »Ich will ihn nicht ängstigen und drängen. Er hat viel Einbuße gehabt in den letzten Jahren,« erwiderte Meyenburg und wandte sich nach seinem Sohne Johannes um, der eben das Zimmer betrat. Er war ein hochgewachsener Jüngling mit seinen, bleichen Zügen, seiner verstorbenen Mutter sehr ähnlich. »Was willst du, Hans?« fragte Meyenburg. »Vater, ich wollte Euch nur sagen, die Herren Räte ziehen schon in die Kirche. Wird's da nicht auch Zeit für uns?« »Gewiß. Hohe Zeit,« erwiderte Meyenburg und setzte sich schnell das Barett aufs Haupt. »Leb wohl, Anna, du weißt ja, was ich vorhabe. Bete, daß mir's gelinge!« »Das will ich tun, Michael. Gott gebe deinen Worten Kraft!« Meyenburg schritt rasch die Treppe hinunter. In der Hausflur gesellte sich auch sein zweiter Sohn Christof zu ihm, ein kraftvoller, untersetzter junger Mann, der mehr nach dem Vater geraten war. Daß er einst ein schwaches, zartes Knäblein gewesen war, sah ihm jetzt niemand mehr an. Gefolgt von seinen beiden Söhnen erster Ehe, betrat der Bürgermeister das Gotteshaus, das bis auf den letzten Platz gefüllt war. Alle Männer der freien Reichsstadt, die den Bürgereid geschworen hatten und wehrhaft waren, harrten hier dessen, was ihr derzeitiges Oberhaupt ihnen künden wollte. In den Stühlen des hohen Chors, wo früher die Domherren gesessen hatten, saßen jetzt die Ratsherren und die lutherischen Geistlichen der Stadt. Gerade vor den Stufen des Altars stellte Michael Meyenburg sich auf, und sogleich trat eine lautlose Stille ein. »Ehrbare Ratsherren! Liebe Bürger!« rief er mit seiner markigen Stimme, die stark und voll bis in den letzten Winkel drang. »Wir haben uns hier versammelt zu einem Geschäft, das nicht weltlich ist, denn es handelt sich dabei um die Religion. So wollen wir denn tun, wie man zu tun pflegt am Anfange eines Gottesdienstes. Wir wollen unsere Tagung anheben mit einem Liede, das wir singen zum Bekenntnis unseres Glaubens.« Er reckte sich hoch empor und hub an zu singen: Ein feste Burg ist unser Gott, und sogleich fiel die gesamte Bürgerschaft ein. Alle diese Männer wußten gar wohl, um was es sich bei ihrer heutigen Tagung handelte, und daß ihr teurer evangelischer Glaube in tödlicher Gefahr schwebte. Darum sangen sie das Lutherlied mit einer Kraft und Inbrunst, wie es in Nordhausen noch nie erklungen war. Wie Sturmesbrausen dröhnte die gewaltige Melodie durch die weite Halle der Kirche. »Liebe Bürger,« begann darauf Meyenburg von neuem. »Ihr wisset, weshalb euch der Rat hierher berufen hat. Gott hat nach seinem Ratschluß dem Kaiser den Sieg gegeben über die Fürsten und Städte des Schmalkaldener Bundes. Mit der Hilfe seiner spanischen Knechte ist er in Deutschland so mächtig geworden, wie er noch niemals war vordem. Nun will er die Kirche wieder vereinigen und hat deshalb ein Konzil ausgeschrieben nach der Stadt Trient in Italien. Das soll die Sätze des Glaubens bestimmen, die hinfüro gelten sollen in der Christenheit. Bis dahin aber sollen wir uns halten nach den Sätzen des Interims, das, Gott sei es geklagt, hochberühmte Theologen von den Unseren zusammen mit den Theologen des römischen Papstes aufgestellt haben. Ihr kennt es alle und wißt, daß darin die göttliche Wahrheit verdunkelt ist, die Doktor Luther in die Welt gebracht hat als Evangelist der Deutschen und ein Prophet des höchsten Gottes. Es werden uns zugestanden etliche Dinge, daß die Priester sollen Weiber haben dürfen und daß jedermann, auch der Laie, das Abendmahl unseres Herrn Christi solle empfangen dürfen unter beiderlei Gestalt und anderes mehr. Aber das Hauptstück unserer Religion wird nicht zugestanden, nämlich, daß wir verlorene und verdammte Menschen vor Gott gerechtfertigt werden allein durch den Glauben. Davon ist in der Schrift, genannt das Interim, kaum die Rede. Auch soll die Messe wieder lateinisch gehalten werden, und alle Christen sollen wieder dem Papste und seinen Bischöfen untertan und gehorsam sein.« Hier erhob sich ein Gemurmel des Unwillens, das zum Brausen anschwoll. Meyenburg hielt inne, bis es verklungen war, und fuhr dann fort: »Zwar heißt es, der Papst solle nicht ein Führer und Herr sein über alle Christen, sondern nur der Erste unter den Bischöfen. Aber ihr kennt das alte Sprichwort, liebe Bürger: ›So man dem Teufel den Finger reicht, so nimmt er die ganze Hand.‹ So würde der Papst auch tun. Läßt man ihn wieder herein und gibt man ihm auch nur die geringste Macht, so würde er bald wieder alle Pfaffen und Laien beugen unter das alte Joch, und das Elend würde vielleicht größer, als es jemals war, und er würde wieder die ganze Christenheit betören mit seinen Narreteien und Fündlein.« »Das muß wahr sein!« schrie eine mächtige Stimme aus dem Hintergründe der Kirche, und »Wir wollen keinen Papst! Nur Christus soll unser Herr sein!« erklang es von einer anderen Seite her. »Wer das gesagt hat, der hat recht geredet!« rief Meyenburg. »Wir haben in Sachen des Glaubens und des Gewissens nur einen Herrn, das ist Christus. Darum können wir, die Bürgermeister und Räte, dieses Interim nimmermehr anerkennen und unterschreiben. Der Kaiser aber hat verlangt, wir sollten's annehmen und hat uns dreimal seinen Willen kundgetan und uns einen ungnädigen Brief geschrieben und gedroht, er wolle uns zum Gehorsam bringen, so wir uns fürderhin weigern würden. Der Brief ist gestern in unsere Hand gekommen, und wir haben beisammen gesessen die halbe Nacht und beraten, ob wir dem Kaiser, unserm Herrn, könnten zu Willen sein. Aber wir haben uns erinnert an das Wort der Schrift: Man muß Gott mehr gehorchen, denn den Menschen, und haben auch gedacht an das Wort, das Doktor Luther zu Worms gesprochen hat vor demselbigen Kaiser, daß gegen das Gewissen zu handeln unheilsam und gefährlich ist. Dann haben wir den Beschluß gefaßt, wir wollten nicht willigen in des Kaisers Verlangen und das Schriftstück, genannt das Interim, nicht unterschreiben. Da es aber bei diesem Handel gehet um Ehre und Gut und Leib und Leben aller Bürger unserer guten Stadt, so haben wir wollen hören, wie ihr gesinnt seid und ob ihr hinter dem Rate stehen wollt in dieser Sache, oder aus Furcht vor des Kaisers Macht und Gewalt das tun wollt, was er uns befiehlt. So euch das gefällt, so sucht und wählt euch andere Bürgermeister und andere Räte, denn ich unterschreibe niemals, solange ich noch ein Glied rühren kann, und meine Ratsgesellen auch nicht!« »Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Bürgermeister Herbitzhausen dazwischen. »Liebe Bürger!« fuhr Meyenburg fort, »wir haben eben gesungen ›Laßt fahren dahin‹, nun müssen wir zeigen, ob wir auch danach tun und leben können. Und es steht für euch die Frage also: Nehmet ihr das Interim an, so habt ihr einen gnädigen Kaiser, aber einen ungnädigen Gott. Nehmt ihr's nicht an, so habt ihr einen ungnädigen Kaiser, aber einen gnädigen Gott. Dazwischen wählet!« Einen kurzen Augenblick schwieg das Volk. Dann sagte ein alter Schmied mit schneeweißem Haar, der ganz vorn stand, mit lauter, fester Stimme: »Dann wählen wir den gnädigen Gott!« »Ja, ja! Den gnädigen Gott!« erklang es von allen Seiten. »Wer also will, daß wir des Kaisers Verlangen sollen ablehnen und es lassen darauf ankommen, was er tut, der hebe die rechte Hand empor!« rief Meyenburg. Alle Hände erhoben sich, denn auch die insgeheim Zaghaften wagten es nicht, sich auszuschließen. »Ich danke euch, liebe Bürger, und so Gott will, gelingt es mir doch, das Schlimmste von unserer Stadt abzuwenden,« sprach Meyenburg. »Ihr wißt, daß ich gute Freunde habe in des Kaisers Nähe, die machen vielleicht, daß er uns nicht allzu heftig zürnt. Vermögen sie aber nicht, sein Gemüt zu besänftigen, so müssen wir des Kaisers Zorn tragen um Gottes willen. Magdeburg, die werte Stadt, hat uns ja ein Exempel gegeben, und sie trotzt seiner Macht noch ungebrochen.« »Und dieweil wir,« rief Herbitzhausen, »unsere Versammlung angefangen haben mit einem Liede, so lasset sie uns auch mit einem Liede beschließen!« Und er stimmte an: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort. Nachdem der Choral verklungen war, ging die Bürgerschaft still auseinander. Meyenburg aber wandte sich nach den Ratsherren und sprach: »Gefällt es euch, ihr Herren, so gehen wir sogleich auf das Rathaus und stellen die Antwort fest, die wir der kaiserlichen Majestät geben wollen. Euch, ihr Pfarrherren, bitte ich gleichfalls, mir dorthin zu folgen, denn ich habe euch vor der Sitzung etwas zu sagen.« Ernst und schweigsam schritten die Ratsherren und Geistlichen, Meyenburg und Herbitzhausen, die beiden Bürgermeister, an der Spitze, dem uralten Gebäude am Kornmarkte zu. Als sie dort angekommen waren, lud Meyenburg die fünf Prediger ein, ihm in das kleine Bürgermeisterzimmer neben der großen Ratsstube zu folgen, und redete sie dann also an: »Würdige, achtbare und günstige Herren! Was ich euch zu sagen habe, geht zwar nur einen von euch an, doch wollen meine Herren, die Räte, daß Eure Würden alle fünf es mit anhören sollen, damit ihr dessen Zeugen seid. Ich bitte euch, derhalben kein Mißfallen zu tragen.« Nun wendete er sich dem Pfarrer zu Sankt Nikolai zu, einem großen, starken Manne mit rötlichem, eigenwilligen Gesicht. »Meine Rede gilt Euch, Herr Magister Antonius Otho! Ihr habet, um diesen Punkt vornweg zu nehmen, Euren Amtskollegen von Sankt Blasien öffentlich beschuldigt, daß er in etlichen Stücken abgewichen sei von der reinen Lehre Doktor Martin Luthers. Ist dem so?« Der Pfarrer zu Sankt Nikolai warf den Kopf in den Nacken und erwiderte in hochfahrendem Tone: »Es ist so, Herr Bürgermeister. Und ich habe damit getan, was meines Amtes und meine Pflicht ist. Denn ich bin bestellt, darüber zu wachen, daß der reinen Lehre kein Schaden und Abbruch geschehe.« »Jawohl,« erwiderte Meyenburg. »Dazu seid Ihr bestellt. Aber von uns bestellt, das wollen Euer Würden nicht vergessen. Und wir, Bürgermeister und Rat, sagen Euch, daß die Zeit zu solchem Gezänk übel gewählt ist. So ein Haus brennt, sollen, die darinnen sind, löschen helfen mit vereinten Kräften, nicht sich untereinander in die Haare fahren. Haben sie dazu Lust oder Ursach, so mögen sie es tun, wenn die Gefahr vorüber ist. So ermahne ich Euch auch, den Frieden dieser Stadt, die so hart bedroht ist, jetzt nicht zu stören, sondern Euren Streit, wenn Ihr ihn denn führen müßt, zu verschieben auf gelegenere Zeit.« »In Sachen des Glaubens,« hub der Pfarrherr mit hochrotem Gesicht an, aber Meyenburg schnitt ihm mit einer gebietenden Handbewegung das Wort ab und fügte mit erhobener Stimme hinzu: »Das ist unser ernstlicher Wille, und ich rate Euer Würden, Ihr wollet dem ohne Widerstreben nachleben und die Gemüter der Leute nicht weiter ängstigen und verwirren.« »Wir haben aber,« fuhr er fort, »noch andere Klagen wider Euch. Ihr habet in Sankt Nikolai auf der Kanzel gesagt, ich hätte auf dem Reichstage für den Rat darein gewilligt, ein päpstlich Konzil zu beschicken, das Interim anzunehmen und Geld zu geben zur Hilfe wider die gute Stadt Magdeburg. Davon ist wahr, daß wir dem Kaiser wollen den Willen tun, wenn er ein frei christlich Konzilium will berufen, dasselbe zu besuchen, nicht daß es uns nötig wäre, sondern daß wir unser freichristlich Bekenntnis tun. Daß wir ins päpstliche Konzilium gewilligt, sind wir keineswegs geständig, denn ich, Michael Meyenburg, den Papst für den Teufel halte. In das Interim haben wir so wenig gewilligt, wie in die Hilfe wider Magdeburg, haben dazu keinen Heller und Pfennig gegeben, wiewohl uns geschwinde und harte Briefe des Kaisers sind zugekommen, daß wir Zuzug, Geld, Proviant, Knechte und Geschütze schicken sollten bei Zorn und Ungnade der Kaiserlichen Majestät. Wie wir gesinnt sind, das habt Ihr jetzt in Sankt Blasien können fühlen und merken, und wo Euer Würden von diesen Sachen einen richtigen Bericht und Verstand hätten gehabt, so würdet Ihr richtiger und gescheiter gehandelt haben. Ihr hättet mich und die Räte besser kennen sollen. Die Herren haben allen Fleiß und alle Kosten darauf gewendet, daß sie möchten die besten Prediger hier haben, und ihr alle seid, nach Schickung des allmächtigen Gottes zuvürderst durch mich hierher gebracht worden. Auch Ihr, Herr Magister.« »Zu meiner Verantwortung, Herr Bürgermeister,« begann der Pfarrherr, der merklich kleinlaut geworden war – »Nein, zur Verantwortung seid Ihr nicht hier,« fiel ihm Meyenburg in die Rede. »Es sei denn, daß Ihr leugnen wolltet, solche Worte wider Eure Obrigkeit geredet zu haben. Wollt und könnt Ihr das, Herr Magister?« »Nein,« erwiderte Antonius Otho nach einigem Zögern. »So habe ich Euer Würden nur zu sagen: Der Rat erwartet von Euch, daß Ihr Euch hinfüro besser bedenken werdet. Und merket, Herr: Den Papst zu Rom haben wir uns vom Halse geschafft, will's Gott, auf immer. So werden wir erst recht nicht leiden, daß sich anstatt des Papstes zu Rom ein Päpstlein zu Nordhausen uns auf den Nacken setzet und sich anmaßet, uns zu imperieren. Das hatt' ich Euch zu sagen. Achtet mit Fleiß darauf. Und nun gehabt euch wohl, ihr Herren!« II. »Liebes Weib, erschrick nicht, ich muß morgen in der Stadt Geschäften verreisen,« sagte Michael Meyenburg, als er in der Dämmerstunde eines kalten, klaren Januartages die Wohnstube seines Hauses eiligen Schrittes betrat. Frau Anna, die hinter dem Spinnrade saß, fuhr mit einem leichten Schreckensrufe empor. »Aber Michael, in dieser Kälte!« rief sie klagend. »Bedenke deine Gicht! Ist denn kein jüngerer da, der dir das abnehmen könnte?« »Nein, Anna,« erwiderte er freundlich, aber in einem Tone, der jeden Widerspruch ausschloß. »Jüngere sind wohl da, aber ich bin persönlich geladen und muß zu Nutz und Vorteil der Stadt dem Rufe folgen.« »Wohin denn?« fragte Anna immer noch in klagendem Tone. Meyenburg wandte sich einem halbwüchsigen Mädchen zu, das neben der Mutter spann und den Vater neugierig anblickte. Er strich ihm über das blonde Haar und sagte: »Gehe hinaus, Kind, ich habe mit der Mutter zu reden. Du kannst meinetwegen auf ein Stündchen hinübergehen zu Grete Herbitzhausen und mit ihr schwatzen, wenn du Lust hast.« Das Kind sprang auf und lachte den Vater dankbar an, sichtlich erfreut, von der unlieben Arbeit des Spinnens loszukommen. Es war das, einzige Mädchen, das ihm Frau Anna neben zwei Söhnen geboren hatte, und trug den Namen Ursula. Zur Freude ihres Mannes hatte das Frau Anna selber vorgeschlagen. Merkwürdigerweise war das Kind der Verstorbenen, deren Namen es trug, auch im Aussehen ähnlich. Nur die strahlenden blauen Augen hatte sie von der Mutter. Sie war ihres Vaters Lieblingskind, dem er selten einen Wunsch versagte, und Frau Anna behauptete halb im Scherz, halb im Ernst, sie könne ihn um den Finger wickeln. Jetzt schaute er ihr gedankenvoll nach, wie sie auf ihren flinken Füßen enteilte. »Wunderlich,« murmelte er, »wie sie letzten Jahres gewachsen ist. Noch ein paar Jährchen so, und sie ist flügge und fliegt wohl bald aus dem Hause fort.« »Ja, an Bewerbern wird's ihr nicht fehlen, besonders wenn dir Hab und Gut so weiter wächst. – Aber jetzt sage mir lieber, warum und wohin du verreisen mußt,« sagte Anna ungeduldig. »Wohin? Zum Kurfürsten Moritz von Sachsen. Warum? Das werd' ich dort erfahren, weiß bis jetzt nur, daß der Kurfürst mit mir reden will wegen unserer Haltung zum Kaiser.« Anna blickte ihn erschrocken an. »Mich schaudert's jedesmal, wenn ich von ihm höre. Er hat seine Glaubensgenossen verraten und seinen Vettern Land und Kur geraubt, der Judas von Meißen. Wie darfst du es wagen, zu ihm zu gehen? Mußt du nicht fürchten, daß er einen Trug und Hinterlist gegen dich ausübt?« »Ich wüßte nicht, wo ich ihn jemals gereizt und erzürnt hätte.« »Aber er weiß, daß du in Gunst gestanden hast beim alten Kurfürsten, den er hat besiegen helfen, und den jetzt der Kaiser gefangen hält.« »Das wird er wohl wissen. Aber es steht gar mancher jetzt in seinem Dienste, den der alte Kurfürst wert gehalten.« »Und meinst du nicht, Michael, daß er es wohl erfahren hat, wer das Interim von Nordhausen fernhält?« »Auch das weiß er ohne Zweifel. Aber ihm ist an der Religion so viel gelegen, wie uns an einem faulen Ei. Ob einer lutherisch ist oder päpstlich oder türkisch oder gar kalvinisch, danach fragt er nicht und verbündet sich mit jedem, der ihm könnte Vorteil bringen. Hernach, wenn er ihn nicht mehr brauchen kann, läßt er ihn fallen. So ist dieses Herrn Geist gestellt. Der Religion halber zürnt er niemandem. Eher könnte er zürnen, daß wir ihm zur Belagerung von Magdeburg, die er in des Kaisers Auftrag unternommen, keine Leute und kein Geschütz geschickt haben. Aber die Stadt hat sich ihm ja auch so übergeben, und das ist nun schon zwei Monate her. Ich kann mir nicht denken, daß er etwas wider mich habe. Er schreibt auch überaus gnädig, daß er mich bei sich haben wolle, um die Irrungen mit der Stadt Nordhausen zu beenden, schickt auch einen vom Adel, heißt von Mistelbach, mit acht berittenen Knechten zum Geleit.« »Je gnädiger er sich stellt, um so mehr täte ich ihm mißtrauen,« erwiderte Anna. »Er hat mir einen feierlichen Geleitsbrief ausgestellt. Handelt er dawider, so verliert er alle fürstliche Reputation.« Anna lachte bitter. »Die hat er schon verloren. Es traut dem sächsischen Fuchse kein Mensch im ganzen Reich.« »Könnt' er einen großen Vorteil gewinnen durch eine Gewalttat wider mich, so könnte es ja sein, daß er sein Wort bräche. Aber ich bin ihm doch zu klein. Der Gewinn, den er machen könnte, wäre weit geringer als der Schaden, den er sich selber zufügte, bräche er sein fürstliches Wort. Ich darf unbesorgt reisen, und ich muß reisen um unserer Stadt willen. Der Kaiser droht denen mit der Acht, die das Interim nicht wollen annehmen. Mein Freund Obernburger, der so mancherlei für mich durchgesetzt und mancherlei von mir abgewendet hat, kann in diesem Handel nichts tun, da ist ein Kaiserlicher Geheimer Rat zu schwach dazu. Kurfürst Moritz aber kann durch seine Fürsprache den Kaiser wohl bewegen, daß er uns Aufschub gibt ein Jahr lang. Und in einem Jahre kann viel geschehen, der Kaiser kann sterben oder der Türke kann heranziehen, so daß der Kaiser uns muß Frieden gewähren, weil er unsere Hilfe braucht. Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Ich muß alles tun, daß ich mir und dir und unseren Kindern und der ganzen Stadt das Äußerste erspare. Darum gib dich darein, liebes Herz, daß ich morgen reise, und ich bitte dich, daß du alles rüstest, was dazu nötig ist. Ich habe noch Unterschiedliches zu schreiben.« Er küßte sie herzlich und ging mit einem heiteren Scherzwort über die ewigen Besorgnisse der Frauen aus dem Gemache. Hätte aber Frau Anna gesehen, was er droben in seiner Schreibstube tat, so wäre ihre Besorgnis ganz sicherlich nicht dadurch gemindert worden. Er schrieb zuerst einen Brief an seinen Amtsgenossen, den Bürgermeister Herbitzhausen, worin er ihm die äußerste Wachsamkeit empfahl, denn es könne immerhin sein, daß man ihn nur habe entfernen wollen, um dann einen Handstreich gegen die Stadt zu versuchen. Leute, die sich nicht ausweisen könnten, solle man nicht durch die Tore lassen und besonders des Nachts fleißig Kundschafter aussenden, ob nicht feindliches Kriegsvolk heranziehe. Dem fügte er noch eine Reihe einzelner Ratschläge hinzu. Dann versiegelte er den Brief, versah ihn mit seiner Aufschrift und rief seinen etwa zwanzigjährigen Sohn Michael Aeneas herein. »Gehe hinüber zu Herbitzhausens,« gebot er ihm, »und hole die Ursula ab, damit sie in der Dunkelheit nicht allein heimgehen muß. Dabei übergibst du Herrn Bürgermeister Herbitzhausen dieses Schreiben mit der Bitte, es morgen früh zu lesen und den Herren vom sitzenden Rate zur Kenntnis zu bringen, wenn sie um neun Uhr aufs Rathaus zur Tagung kommen.« Als der Jüngling wieder gegangen war, öffnete er einen eisernen Schrank, den er in die dicke Mauer des Hauses hatte einmauern lassen. Dem entnahm er ein umfangreiches versiegeltes Schreiben, brach das Siegel auf und begann zu lesen. Es war sein Testament, das er schon vor drei Jahren verfaßt und hier niedergelegt hatte. Für alle Fälle, es mochte nun kommen, was da wollte, deuchte es ihm gut, seinen letzten Willen noch einmal zu prüfen und zu vervollständigen, ehe er zu Moritz von Sachsen ritt. Er brauchte eine geraume Zeit, ehe er das Schriftstück durchgelesen hatte, denn es war sehr umfangreich. Ein großer Grundbesitz war da aufgezählt, den er seiner Familie hinterlassen konnte, wenn er einmal die Augen schloß, Häuser in der Stadt, viele Äcker und Weinberge in der Stadtflur und an anderen Orten und vor allem eine gewaltige Geldsumme, die in den Mansfelder Bergwerken angelegt war. Das große Vermögen, das ihm seine zweite Frau zugebracht hatte, war zu einer Summe angeschwollen, wie sie sonst kein Mensch in Nordhausen sein eigen nannte. Er war nicht nur der angesehenste und mächtigste, er war auch der reichste Mann der Stadt geworden. Ihm, dem eifrigen Bibelleser, kam, als er das überdachte, ein Spruch der Schrift in den Sinn, und er sprach ihn leise vor sich hin: »Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast; denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, da ich über diesen Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere worden.« Ja, dieses Wort des alten Patriarchen Jakob paßte auf sein Leben. Gott hatte ihn, wie jenen, sichtbar gesegnet, hatte ihn aus dem Nichts emporsteigen lassen zu einer erstaunlichen Höhe. Ein Ereignis aus seiner Jugend trat ihm mit einem Male mit fast schreckhafter Deutlichkeit vor die Seele. Er sah sich in der Schenke zum wilden Manne in Erfurt, als er eben die Bestallung des Nordhäuser Rates zum Stadtschreiber in der Tasche trug, und er sah sie alle wie greifbar und leibhaftig sitzen, die guten Freunde und Zechkumpane, die seine Berufung bei einem stattlichen Fasse Erfurter Bieres mit ihm feierten. Und er hörte sich noch sagen: »In einer Reihe von Jahren werde ich dieser Stadt regierender Bürgermeister sein.« Er mußte das in scherzhaftem Tone aussprechen, damit ihn die Genossen nicht auslachten, aber im innersten Herzen war es ihm ganz ernst damit. Nun war sein Ziel längst erreicht, nach langer Mühe und Arbeit und nach schweren, aufreibenden Kämpfen freilich, aber dafür auch in einer Vollständigkeit, wie er es selbst nicht erhofft hätte. Sein Wille gebot in dieser Stadt, seine Amtsgenossen waren nur die Vollstrecker seines Willens, sie selber hatten von der Herrschaft nur den Namen. So gehörte er denn zu den wenigen Menschen, denen die stolzen, vermessenen Träume ihrer Jugend in Erfüllung gehen. Es überkam ihn bei dem Gedanken an das alles ein seltsamer Stolz, nicht ein Stolz auf das Errungene und Erreichte, sondern darauf, daß er sich die Kraft bewahrt hatte, es noch einmal aufs Spiel zu setzen und, wenn es sein mußte, von sich zu werfen. Der Kurfürst von Sachsen, so meinte er, würde hart in ihn dringen, das Interim anzunehmen, denn einen anderen Zweck der Einladung an das kurfürstliche Hoflager vermochte er sich nicht zusammenzureimen. Nach Torgau hatte er ihn entboten, weil er zurzeit Jagd abhielt in den ausgedehnten Wäldern der Lochauer Heide. Dort sollte wahrscheinlich der letzte Versuch gemacht werden, Nordhausen auf gütlichem Wege zur Unterwerfung zu bewegen. Er aber war entschlossen, sich weder durch glatte, gleißnerische Worte, noch durch Drohungen mit Gewalt zu einer Verleugnung der reinen lutherischen Lehre verführen zu lassen. Dann nahm ihn der Kurfürst vielleicht auf der Stelle in Gewahrsam, um die aufrührerische Stadt ihres entschlossenen Führers zu berauben. Zuzutrauen war ihm das schon, trotz des Geleitsbriefes, den er ihm gegeben hatte. Oder er durfte wieder nach Hause reisen, und dann begann der Kampf, der fast aussichtslos war, sofern nicht ein Wunder geschah. Aber so fest er an die Wunder der heiligen Schrift glaubte, so gering war seine Zuversicht darauf, daß Gott seinetwegen ein Wunder tun werde. Es lag wohl eher in seinem Ratschlusse, ihn, wie so viele jetzt, Verfolgung, Sorgen und Leiden kosten zu lassen, denn wie schon Doktor Luther gepredigt hatte, stand der jüngste Tag nahe vor der Tür, und die Zeit der großen Prüfung war angebrochen. Gott mochte ihm die Kraft geben, sie zu bestehen, auf daß er als echter Streiter Christi erfunden würde. Mit einem hellen Leuchten in den Augen summte er die Schlußzeile des großen Lutherliedes: \>Nehmen sie uns den Leib, Gut, Ehr', Kind und Weib, Laß fahren dahin Sie habens kein Gewinn, Das Reich muß uns doch bleiben. Dann schrieb er mit fester Hand die Zusätze zu seinem Testament nieder, versiegelte und verschloß das Schreiben und begab sich zu den Seinen. In ihrer Mitte verbrachte er den Abend, erzählte ihnen Schwänke und Schnurren und vergnügliche Erlebnisse aus seiner Jugend und war so heiter wie seit langem nicht. Es war auch nichts Gemachtes dabei, die Heiterkeit kam ihm von Herzen, denn er war mit sich und seinem Gott im reinen. III. Die Dunkelheit war hereingebrochen, als Michael Meyenburg einige Tage später in Torgau einritt. Der Schnee stiebte ihm und seinen Begleitern von den Dächern ins Gesicht, und der von Mistelbach, der Führer des kleinen reisigen Zuges, pries die Vorsehung des Himmels, die sie die schützende Stadt hatte erreichen lassen, ehe der Sturm sich aufgemacht hatte. Als sie in die Rittergasse einbogen, kam ihnen vom Schlosse her ein Trupp von Landsknechten entgegen. Es war die Torwache, die eben abgelöst worden war, und nun einer Bierschenke in der Stadt oder ihrem Quartier zustreben mochte. Die schwatzenden, lachenden und durcheinander gröhlenden Männer kamen dicht an den Einreitenden vorbei, und einer streifte im Vorbeigehen Meyenburgs Pferd an. Da fuhr der Reiter zurück, als habe er einen Geist gesehen, und gleich darauf beugte er sich vor, als wolle er ihn am Kragen packen. Aber auch der Knecht hatte den Bürgermeister von Nordhausen beim Scheine der Laterne, die an der Ecke der Straße aufgehängt war, erkannt. Schreckensstarr blickte er ihm ins Gesicht, dann wich er mit einem halbunterdrückten Schrei zur Seite, bog um die Ecke der Bäckergasse und verschwand in ihrem schützenden Dunkel. Hochaufatmend wandte sich Meyenburg an den von Mistelbach, mit dem er sich auf der Reise angefreundet hatte. »Wer war das?« fragte er hastig. »Wen meint Ihr? Den Menschen, der an Euch anstieß? Ich hab nicht acht auf ihn gehabt,« erwiderte der Junker. »Kennt Ihr die Knechte Eures Herrn, so muß der Euch schon aufgefallen sein. Die breite Narbe auf der linken Backe und das rotgelbe Haar machen ihn vor anderen kenntlich.« »Ah!« rief der Junker. »Das muß der Vogel gewesen sein. Ein verwetterter Kerl. Er gehört zur Schloßwache.« »Vogel? Ja, Galgenvogel dürft' er wohl heißen,« knurrte Meyenburg. »Wisset, dieser Mensch heißt Kehner und ist ein Bürgerssohn aus Nordhausen. Seinen Vater haben wir vom Leben zum Tode gebracht, weil er der Münzerschen Rotte angehörte. Wäre es nach mir gegangen, so hätten wir auch den Sohn gehängt, denn er war auch unter den Schlimmsten, wiewohl damals noch nicht zwanzig Jahre alt. Er ist dann der Stadt Nordhausen und insonderheit mein Feind geworden, und die Narbe, die ich hier am Kopfe trage, verdanke ich ihm, denn er hat mich einmal mit anderen meuchlings angefallen. Als die großen Mordbrände auskamen in Nordhausen und anderen Städten, hatten sie ihn in Goslar schon erwischt und festgesetzt, aber er ist damals entkommen. Seitdem habe ich nichts von ihm gehört; der Teufel mag wissen, wo er sich herumgetrieben hat. Aber er ist ein Ächter des Reiches, und der Kurfürst muß ihn festnehmen und peinlich befragen lassen.« »Das wird der Herr sonder Zweifel tun, denn er übt eine strenge Justiz!« gab Mistelbach zur Antwort. »Mord, Blitz und Donnerschlag! Er wird froh sein, daß er eine solche Otter los wird, denn ein solcher Mensch könnte sich ja heimlich auch einmal gegen ihn brauchen lassen. Der Bube hat übrigens, wenn ich mich recht erinnere, ein Weib hier in der Stadt und wohnt im Fischeldörfchen. Ich werde sogleich dem Minckwitz Meldung tun, der mag ihn lassen in Gewahrsam nehmen.« Während dieser Rede waren sie an der Marienkirche vorübergeritten, und gleich darauf polterten die Hufe ihrer Rosse über die Holzbrücke des breiten Grabens, der das Schloß von der Stadt trennte, und sie ritten ein in den weiten Hof des Hartenfels. Meyenburg erfuhr hier, daß seine kurfürstliche Gnaden noch nicht von der Jagd zurückgekehrt sei, aber jederzeit erwartet werde. Ein weißhaariger Greis, der sich eines sehr höflichen Wesens befleißigte, geleitete ihn die breite Treppe empor in ein Gemach des oberen Stockes und wies es ihm als Wohnung an. Gleich nachdem sie in das wohnlich erwärmte Zimmer eingetreten waren, erschien ein Diener und stellte ein großes Gefäß, gefüllt mit warmem Würzwein, auf den Tisch. Meyenburg fühlte sich sehr angenehm berührt von diesem Empfange, aber ein gewisses Bangen wollte doch nicht aus seiner Seele weichen. Die Erfahrungen seines Lebens hatten ihn gelehrt, daß manches Ding auf Erden einen süßen Anfang, aber ein bitteres Ende hat. »Wird mich Seine kurfürstliche Gnaden noch heute empfangen?« fragte er den Alten, der ihm der Haushofmeister des Schlosses zu sein schien. »Wenn unser gnädiger Herr Euch bestellt hat und weiß, daß Ihr angekommen seid,« war die Antwort, »so wird er Euch sogleich kommen lassen. Er ist ein Herr, der niemals morgen tut, was er heute tun kann.« Darauf zog er sich mit einer Verneigung zurück. Meyenburg trat an den Tisch heran und nahm einen tüchtigen Zug aus dem Kruge. Dann näherte er sich langsam dem Fenster und blickte hinunter in den Hof. Dort wurde ein Licht nach dem anderen angezündet, denn man erwartete die Heimkehr des Schloßherrn. Geschäftig eilten die Knechte hin und her. Ein wunderliches Gefühl ergriff ihn, als er dieses Bild betrachtete. Schon einmal hatte er den Hof des gewaltigen Fürstenschlosses so beleuchtet gesehen. Das war nun fast fünfzehn Jahre her. Damals war er der Gast des Ernestiners gewesen, der den Hartenfels mit verschwenderischer Pracht hatte ausbauen lassen und dessen Turnierdecke die gestickte Inschrift trug: »Mein Glück gehet auf Stelzen«. Nun war sein Glück von den Stelzen herabgefallen, er befand sich als Gefangener in der Hand des Kaisers; in seinem Schlosse und in seinem Lande gebot der tödlich gehaßte albertinische Vetter. »Alles ist eitel! Alles ist eitel!« Das Wort des weisen Salomo klang in Meyenburgs Seele wider, als er diese furchtbare Wandlung des Geschickes bedachte. Ein Knarren der Tür schreckte ihn aus seinen ernsten Gedanken auf. Er wandte sich rasch um und rieb sich die Augen, denn er glaubte zu träumen. In der Tür stand, mit einem verlegenen Lächeln auf dem seinen, bleichen Antlitz, Magister Philipp Melanchthon und streckte schüchtern die Rechte nach ihm aus. »Herrgott! Wie kommt Ihr hierher?« entfuhr es Meyenburg, der im ersten Augenblick dachte, er sähe eine Erscheinung. Melanchthon trat langsam näher, indem er hüstelte und sich die Hände rieb, wie er stets zu tun pflegte, wenn er bedrückt und bekümmert war. »Es sind einige Pfarrer in dieser Gegend uneins geworden über die Lehre von der Rechtfertigung,« erwiderte er. »Die soll ich auf kurfürstlichen Befehl zum Frieden bringen. Deshalb genieße ich seit ein paar Tagen Losament im Schlosse. Ich hörte, daß Ihr gekommen wäret, und da konnt ich doch nicht vor Eurer Tür vorübergehen.« Meyenburg sah ihn kalt und abweisend an. »Es ist eine hohe Ehre für mich, Herr Magister. Was wünscht Ihr von mir?« »Nicht diesen Ton! Ich ertrage ihn nicht von Euch!« rief Melanchthon und erhob wie beschwörend gegen ihn die Hand, die heftig zitterte. »Ihr seid mir seit vielen Jahren ein lieber Freund. Ihr habt mir viel Gutes getan. Fünf Monate lang habe ich mit allen den Meinen bei Euch eine Zuflucht gefunden, als ich fliehen mußte vor den Spaniern nach der Schlacht bei Mühlberg. Nun beantwortet Ihr mir meine Briefe nicht mehr und tut, als wäre ich schon tot. Was habe ich Euch getan?« »Mir nicht das geringste.« »Warum also habt Ihr Herz und Gemüt von mir abgewendet?« »Das fragt Ihr noch?« rief Meyenburg erstaunt. »Haben Euch nicht schon andere gesagt, daß Euch Eure jüngsten Taten von manchem scheiden, der Euch früher von Herzen lieb und wert gehalten?« Melanchthon preßte die Hand fest aufs Herz, als ob er dort einen stechenden Schmerz verspüre. »Es ist wegen des Interim?« fragte er so leise, daß seine Stimme kaum hörbar war. »Wenn Ihr's denn hören wollt,« erwiderte Meyenburg hart, »so hört es deutlich und ungeschminkt. Ja, ich habe Euch die Freundschaft gekündigt wegen des verfluchten und vermaledeiten Interim, an dem Ihr mitschuldig geworden seid. In dieser Schrift wird Gott selber gelästert, denn ihre Sätze sind gegen sein heiliges Wort, daß der Mensch gerecht werde allein durch den Glauben. Wohl leugnet Ihr das nicht geradezu, aber Ihr verhüllt es und stellt es ganz in den Winkel, wodurch Ihr die Gewissen der einfältigen Christen verwirret. Nutzen von Eurem Buch hat nur der Antichrist, der sich wohl ins Fäustchen lachen mag, so er Eure Sätze liest. Denn Ihr bereitet ihm den Weg. Christo aber wird durch Eure Schrift Eintrag und Abbruch getan, und so muß ich denn zu Euch sprechen, wie unser Herr zu Petro sprach: Weiche von mir, Satan, denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!« Mit leidenschaftlicher Heftigkeit hatte Meyenburg diese Worte gesprochen, aber kaum waren sie ihm über die Lippen gegangen, so bereute er sie fast. Denn Melanchthon begann zu zittern, als trügen ihn seine Knie nicht mehr. Er suchte mit den Händen eine Stütze, um sich aufrecht zu erhalten, und erfaßte endlich einen Stuhl. Auf den ließ er sich niedersinken, legte das Antlitz in beide Hände und brach in Tränen aus. Meyenburg wurde durch diesen Anblick tief ergriffen, denn im innersten Herzen war er dem Magister Philippus noch immer freundschaftlich zugetan und trug es als ein schweres Leid, daß er sich der Religion halber von ihm hatte abwenden müssen. Er hätte ihm gern ein gutes Wort gesagt, aber er brachte es nicht über die Lippen. Mit verschränkten Armen lehnte er ihm gegenüber an der Wand und schaute düster auf ihn nieder. Endlich sagte er: »Ich dachte mir schon, daß Ihr es aus Schwäche getan habt. Aber auch die Schwäche kann zur Schuld werden.« »O Freund!« rief Melanchthon »– ich nenne Euch noch immer so, wiewohl Eure Worte mir das Herz zerschneiden – wer kann wider seine Natur? Ich habe dagegen angekämpft, ich wollte anders werden, als ich war, habe darum gerungen und gebetet, aber es war alles vergeblich.« »Ich weiß, daß Ihr von Natur zaghaft seid, aber ich meinte, Gottes Wort werde Euch stählen und stark machen,« entgegnete Meyenburg grollend. Melanchthon schüttelte traurig das Haupt. »Ich habe Momente, wo ich meine, ich könnte das Martyrium erleiden, aber dann sinke ich zurück in meine angeborene Schwachheit,« klagte er, und nach einem kurzen Schweigen fuhr er trübe und bitter fort: »Erleide ich nicht fortwährend ein Martyrium? Ist mein Geschick nicht beklagenswert? Ich will Euch, Meyenburg, in mein innerstes Herz sehen lassen, auf daß Ihr mich begreift und mir Euer Gemüt wieder zuneigt. Ich muß immer sein, was ich nicht bin, und immer tun, was ich nicht kann. Ich kam vor vielen Jahren nach Wittenberg, um Griechisch und Latein zu lehren. Mein Geist war entzückt von der Schönheit und Weisheit, die aus den Schriften der Alten strahlen. Dafür wollt' ich die Jugend begeistern, und ich leugne es nicht, auch Ruhm gewinnen durch Werke der Gelehrsamkeit, wie Erasmus. So zu wirken, wie er, oder wie mein Großoheim Reuchlin, das war mein Ziel. Da ward ich Martin Luthers Freund. Ich habe ihm viel zu danken, unendlich viel, denn er hat mein Auge sehend gemacht für die göttliche Wahrheit. Aber er hat mich in eine Bahn gerissen, in der zu laufen meiner Natur zuwider ist. Ich möchte in der Stille lehren und lernen und muß immer hinein in das wilde Getümmel der Welt. Ich muß Theologe sein, und mich ekelt vor dem Gezänk und der Streitwut der Theologen. Ich soll an Luthers Stelle stehen im Streite und kann doch die Waffen des Riesen kaum vom Boden aufheben, noch weniger schwingen. Wüßtet Ihr, welche Last ich trage, und wie ich fast zusammenbreche unter ihr, so würdet Ihr mich beklagen und nicht mich mit bitteren Reden kränken und verwunden.« In diesem Augenblicke wurde es drunten im Hofe lebendig. Rossestritte wurden laut und ein Gewirr von Stimmen und dann der schmetternde Klang vieler Jagdhörner. Der Kurfürst und seine Gäste ritten in den Hartenfels ein. Aber Meyenburg warf nur einen flüchtigen Blick durchs Fenster hinab in das bunte Gewimmel, dann wandte er sich wieder Melanchthon zu. Ganz anders als vorher ruhten seine Augen auf ihm, denn das Bekenntnis des alten Freundes hatte ihn erschüttert. Als er sein vergrämtes Antlitz und sein grau gewordenes Haar betrachtete, kam ein Mitleid über ihn, das er nicht zu bezähmen vermochte, und milden und freundlichen Tones sagte er: »Wenn dem so ist – und ich glaube Euch – warum zieht Ihr Euch nicht in die Stille zurück? Warum schleppt Ihr die Last weiter, die Euch niederdrückt? Warum legt Ihr sie nicht ab?« »Kann ich's denn?« rief Melanchthon schmerzlich. »Der Kurfürst fordert von mir, daß ich ihm diene mit meinem Rate, die Universität verlangt es, tausend andere verlangen es. Ich soll und muß Luthers Erbe sein und sein Erbteil verwalten. Will ich's nicht, so zwingen sie mich dazu. Ach Meyenburg, wie reut es mich, daß ich mitgearbeitet habe am Interim! Ich wollte das Beste, das könnt Ihr mir glauben, wollte retten von der reinen Lehre, was noch zu retten ist vor des Kaisers dräuender Übermacht. Aber ich fühle es wohl, ich bin zu weit gegangen, habe zu viel nachgelassen und stehe nun in großer Angst des Gewissens.« Meyenburgs Augen leuchteten auf. »Es reut Euch?« rief er laut. »So widerruft Euren Irrtum vor aller Welt! Tut Ihr das, wer kann Euch dann noch nachtragen, was Ihr gefehlt? Ich gewißlich nicht. Es war mir ein schwerer Kummer, daß ich Euch auf solchem Wege mußte sehen, aber wenn Ihr umkehrt, wollen wir dessen nicht weiter gedenken.« »Ja, das will ich,« erwiderte Melanchthon. »Ich arbeite schon an einer Schrift, in der ich unsere Stellung ganz anders gegen den Papst verfechten will.« »Dann weigere ich Euch die Freundeshand nicht mehr,« rief Meyenburg und streckte ihm die Rechte entgegen, die Melanchthon, von seinem Stuhle aufspringend, mit freudiger Hast ergriff. Da wurde die Tür geöffnet, und der Ritter von Minckwitz, den Meyenburg von früher her kannte, erschien auf der Schwelle. »Seid mir gegrüßt, Herr Bürgermeister,« sagte er. »Ich soll Euch sogleich zu seiner Kurfürstlichen Gnaden geleiten.« »Wir reden wohl morgen weiter miteinander, lieber Magister Philippus,« wandte sich Meyenburg an Melanchthon, dessen vorher so verhärmtes und verdüstertes Antlitz jetzt hell und freudig glänzte. Dann folgte er dem voranschreitenden Ritter, der die Dienste eines Schloßhauptmanns im Hartenfels zu versehen schien, aus dem Gemache und die Treppe hinunter. Seltsamerweise schlug ihm das Herz nicht stärker als sonst, obwohl er nun vor der großen Entscheidung stand. »Der Junker von Mistelbach hat mir erzählt, was Ihr ihm gesagt habt von dem Vogel, den Ihr Kehner heißt,« sagte Minckwitz. »Ich habe Befehl gegeben, ihn sogleich festzunehmen, aber in seinem Hause war er nicht zu finden. Jetzt suchen sie ihn in den Trinkstuben und verdächtigen Häusern der Stadt. Ich hoffe, er ist nicht ausgeflogen, so daß wir das Nachsehen haben.« »Das wäre sehr zu bedauern,« gab Meyenburg zurück. »Wer weiß, was der verzweifelte Bube noch alles anstiftet, wenn man ihm nicht das Handwerk legt.« Minckwitz nickte und öffnete eine hohe Tür. »Hier tretet ein.« Ein großes, weites Gemach, mit fürstlichem Prunk eingerichtet, nahm Meyenburg auf. Von der Mitte der Decke hing eine Ampel herab, die aber nur über einen Teil des Zimmers Licht verbreitete. Von ihm bestrahlt, saß auf einem niedrigen Polstersessel Kurfürst Moritz, der sein Jagdkleid bereits mit einem bequemen Hausgewande vertauscht hatte. Im Hintergrunde des Gemaches unterschied Meyenburgs Auge die große Gestalt eines Ritters, konnte aber die Züge des Gesichtes nicht erkennen. Der Kurfürst erwiderte Meyenburgs tiefe Verneigung dadurch, daß er sich halb erhob und ihm mit gewinnender Freundlichkeit die Hand hinstreckte. »Setzt Euch hierher, mir gegenüber, Herr Bürgermeister,« sagte er und wies ihm einen Stuhl. »Eure kurfürstliche Gnaden sind sehr gnädig,« erwiderte Meyenburg und folgte der Aufforderung. Er hatte den Kurfürsten noch nie in solcher Nähe gesehen und mußte sich sagen, daß ihm kaum je im Leben ein Mann vor Augen gekommen war, der so wie er den Ausdruck geistiger Bedeutung, gepaart mit fürstlicher Würde, in seinem Antlitz trug. Die prächtige, wie aus Marmor gemeißelte Stirn, die glänzenden Augen ließen auf den ersten Blick erkennen, wie weit er geistig über seine derzeitigen Standesgenossen emporragte. Meyenburg fühlte mit Unwillen, welchen Eindruck der jugendliche Herr auf ihn hervorbrachte, denn er haßte in ihm den Verräter seines Glaubens. »Unser Kolloquium,« begann der Kurfürst, »wird, denke ich, kurz sein, Herr Bürgermeister von Nordhausen, und ich hoffe es, denn mich gelüstet, bald zum Essen und zu einem guten Trunke zu kommen. Ich darf Euch sicherlich dazu einladen.« »Es geschieht mir damit eine hohe Ehre,« erwiderte Meyenburg sich erhebend, »aber ich weiß nicht, ob Eure kurfürstliche Gnaden einen an ihrer Tafel haben will, der wahrscheinlich bald des Reiches Ächter sein wird.« »Setzt Euch nur wieder,« sagte der Kurfürst und lachte. »Und dann nehmt ruhig an meiner Tafel Platz. Es sitzen schon mehrere daran, die der Kaiser geächtet hat, wie Ihr sehen werdet. Mir ist an der hispanischen Acht nicht viel gelegen. Wer weiß, wie bald ich in der gleichen Verdammnis bin!« Meyenburg horchte auf. Er glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Was hatte das zu bedeuten? Ehe er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, fuhr Moritz in ruhigem, ernsthaftem Tone fort: »Mir ist glaubhaft hinterbracht worden, daß Nordhausen sonderlich viel gutes und neues Geschütz besitzt. Ihr sollt mehr davon haben, als manche große Stadt des Reiches. Ist dem so?« »Jawohl, Eure kurfürstliche Gnaden, es ist so,« erwiderte Meyenburg. »Wir sind auch mit Kraut und Lot sehr wohl versehen auf viele Monate.« Der Kurfürst lächelte. »Ihr wollt Euch also dem Kaiser nicht unterwerfen, wenn er das Interim bei euch einführen will? Ihr denkt ernstlich an Widerstand?« »Wir müssen, Herr. Es bleibt uns nichts übrig, als daß wir uns wehren. Männer, die noch Waffen haben, lassen sich nicht abschlachten oder auch nur scheren wie Schafe. Wir wären dem Kaiser zu allen Diensten erbötig, wenn er uns wollte bei unserer Religion lassen, denn wir sind eine Reichsstadt, ihm unmittelbar untertan. Aber unser Gewissen unterwerfen wir ihm nicht, und wenn er uns zwingen will, zu tun wider Gottes Gebot, so sind wir zum Widerstand entschlossen. »Er will euch zwingen, denn auch dieser klare, übermenschlich kluge Geist ist von einem Wahne beseelt. Sein Wahn ist, Gott habe ihm geboten, die Einheit der Kirche wiederherzustellen. Es könnte ihm, wäre er vernünftig, ganz gleichgültig sein, ob von seinen Untertanen der eine das glaubte und der andere jenes, denn im letzten Grunde kommt ja nichts darauf an. Aber jeder Mensch hat eine Verrücktheit, und das ist die seine. Er würde lieber eine Stadt des Reiches zerstören, als dulden, daß sie bei Luthers Lehre bleibt. Ihr müßt also entweder Eure Religion ändern, oder aus dem Reiche fliehen oder gegen ihn fechten, etwas anderes gibt es nicht. Habt Ihr Euch das ganz klar gemacht, Herr Bürgermeister?« »Das habe ich. Eure kurfürstliche Gnaden. Ich habe auch daran gedacht, mit den Meinen zu König Christian nach Dänemark zu gehen, da mir die Majestät günstig gesinnt ist. Aber ich muß davon abstehen, denn es ist eine Feigheit und Felonie gegen meine Stadt, wenn ich mich selber salviere und die anderen ihrem Schicksale überlasse. Da die meisten Bürger nicht fliehen können, so müssen die anderen mit ihnen aushalten, und ich muß es vor allen anderen, denn ich habe die Stadt zum Luthertum gebracht und dabei erhalten.« »Wisset Ihr auch, daß des Kaisers Zorn die Rädleinsführer und Anstifter besonders trifft?« »Ich weiß es, Herr, und ich bin entschlossen, die Folgen zu tragen. Verlangt Gott das Martyrium von mir, so will ich mich ihm nicht weigern.« »Aber wenn Ihr dem entgehen könntet, würdet Ihr froh sein?« sagte der Kurfürst. »Ihr seid doch nicht einer von den Schwärmern und Enthusiasten, die sich nach der Märtyrerkrone sehnen?« »Nein,« erwiderte Meyenburg, »solche Leute sind Narren. Ich würde des Martyriums gern entraten, sehe aber keinen Weg, ihm zu entgehen, außer wenn es mir und meiner Stadt gelingt, dem Kaiser zu widerstehen.« »Vernünftig gedacht und geredet!« lobte der Kurfürst. »Wie wär's, wenn ich Euch dazu verhülfe, Herr Bürgermeister, daß Ihr Euch des Kaisers gar nicht zu erwehren brauchtet?« »Eure kurfürstliche Gnaden wollten bewirken, daß er uns mit dem Interim verschont?« rief Meyenburg erstaunt. »Das kann weder ich, noch irgend ein anderer Mensch bewirken.« »Dann verstehe ich Eure kurfürstliche Gnaden nicht.« Moritz schaute ihm fest ins Gesicht und sagte langsam und nachdrücklich: »Wie wär's, wenn ich Euch und uns alle von diesem Kaiser befreite?« Meyenburg sank in seinen Stuhl zurück und schnellte dann wieder empor. »Ihr? Des Kaisers Freund?« rief er und warf dem Kurfürsten einen Blick zu, unter dem jeder andere errötet wäre. Aber Kurfürst Moritz errötete weder, noch zuckte er auch nur mit der Wimper, sondern er erklärte kühl und freundlich: »Ihr täuscht Euch in mir, mein lieber Herr, wie sich alle Welt in mir täuscht. Ich bin des Kaisers Freund nicht und bin es nie gewesen. Ich bin mit ihm gegangen, weil mir das nützlich war, jetzt gehe ich gegen ihn, weil mir's nützlich ist. Nach anderen Dingen frage ich nicht, wer die Ars politica betreiben will, darf nichts von Freundschaften wissen. Doch ich sehe es Euch an, daß Ihr mir nicht traut.« Er lachte laut auf. »Wahrscheinlich seht auch Ihr in mir den Judas von Meißen, wie mich die lutherischen Prediger nennen. Aber es ist einer hier, der kann Euch überzeugen, daß mir's Ernst ist mit einem Schlage wider den Kaiser. Tretet herzu, Herr Graf, und macht diesen ungläubigen Thomas gläubig.« »Das wird mir wenige Worte kosten,« sagte eine tiefe Stimme, bei deren Klang Meyenburg in die Höhe fuhr, als ob er etwas erlebte, was er nicht zu fassen vermochte. Aus dem Dunkel trat sein alter Freund, der vom Kaiser geächtete und vertriebene Graf Albrecht von Mansfeld, und streckte ihm die Rechte entgegen. »Ihr hier, lieber gnädiger Herr?« rief er aufs höchste überrascht und erfreut und eilte, unbekümmert um des Kurfürsten Gegenwart, auf ihn zu. Graf Albrecht schloß ihn herzlich in die Arme. Dann sagte er mit hohem Ernst: »Ja, ich bin hier bei dem, der die hispanische Knechtschaft der deutschen Nation beendigen wird. Mir werdet Ihr's ja glauben, Meyenburg, wenn ich Euch sage: Es ist ein großer Bund geschlossen wider Karl von Gent, der nicht länger ein Kaiser der Deutschen bleiben soll. Alles ist bereit, wir kommen über ihn wie das Wetter und treiben ihn zum Lande hinaus, und von einer Unterwerfung unter die alten papistischen Greuel ist dann nicht mehr die Rede. Das Evangelium kriegt eine freie Bahn!« Meyenburg stand in einer Erregung da, die ihn zuerst der Sprache beraubte. War es nicht ein Wunder, was er erleben durfte? Ein Mann, in dem er bisher den Verräter und Verstörer seines Glaubens gesehen hatte, wurde Gottes Werkzeug und wollte mit seinem Schwerte die Stricke durchschneiden, mit denen der Kaiser Deutschland zu erdrosseln gedachte! Niemals hätte er das zu erhoffen gewagt, das hatte Gott gewirkt, der die Herzen der Menschen lenkt. »Ich habe gemeint, Ihr würdet uns bei diesem Werke sicherlich behilflich sein, und habe deshalb Seine kurfürstliche Gnaden gebeten, Euch zu sich zu berufen,« sagte der Mansfelder. »Ich denke, ich habe mich darin nicht getäuscht?« »Nein, wahrlich nicht!« rief Meyenburg und hob die Rechte wie zum Schwur empor. »Seid ihr so gesinnt, gnädigster Herr Kurfürst, so bin ich Euer Mann. Ich danke Gott, daß ich solches noch erleben darf. Aber was wollt Ihr von mir? Was soll ich Euch leisten?« Der Kurfürst erhob sich und bot ihm die Hand. »Es freut mich, daß Ihr Euch zu uns halten wollt, Herr Meyenburg,« sagte er. »Ihr habt ja, wie ich wohl weiß. Eure ganze Stadt hinter Euch. Geschütze, Knechte und Geld, die drei können wir brauchen. Darüber wollen wir morgen in der Frühe reden und etwas Schriftliches aufsetzen. Jetzt aber, Ihr Herren, zu Tische! Denn alles hat seine Zeit, sagte der weise König Salomo.« IV. Vor dem Rathause des Städtleins Sondershausen hielt im hellen Mondlicht ein kleiner Reitertrupp. Die Gäule sahen ermüdet aus, und die Reiter waren es wohl auch, aber sie blieben trotzdem im Sattel sitzen und ließen sich den kühlen Trunk von der rundlichen Ratskellerwirtin und ihrem Knechte hinaufreichen. Aus der Tür des Ratskellers trat ein wohlbeleibter Mann hervor, der seinen Dämmerschoppen hinter sich hatte und heimgehen wollte. Aber als er den Führer der Schar erkannte, blieb er stehen und lüftete ehrerbietig seine Kappe. »Guten Abend, Herr Bürgermeister Meyenburg« sagte er. »Nun, seid Ihr vom Augsburger Reichstage glücklich zurück? In Nordhausen – ich war heute dort – erwartete man Euch schon gestern.« »Gott zum Gruße, Herr Ratsmann Meinhard,« erwiderte Meyenburg und bot ihm vom Rosse herab die Hand. »Ja, ich wollte schon gestern eintreffen, aber in meinen Jahren geht das Reiten nicht mehr so schnell, wie man möchte. Doch sind sie heute auf mein Kommen vorbereitet. Ich habe einen vorausgeschickt auf dem schnellsten Pferde. Der soll dem Rate sagen, die Herren möchten beisammen bleiben in des Rates Trinkstube, bis ich käme, so spät es auch würde. Denn ich habe ihnen eine Kunde zu bringen, die sie hoch erfreuen wird.« »Ei!« sagte Meinhard, und seine runden Augen glänzten. »Ihr macht mich wahrlich neugierig. Darf ich nicht erfahren, was Ihr zu künden habt? Oder geht es nur die von Nordhausen an?« »Es geht nicht nur die von Nordhausen an. Aber von mir erfährt's keiner, bevor es der Nordhäuser Rat erfahren hat. Morgen wird es wohl durch die ganze Gegend fliegen. Doch ich muß weiter, Herr Meinhard. Lebt wohl!« »Herr Bürgermeister,« sagte der Sondershäuser und zog bedenklich die Brauen hoch. »Wenn ich an Eurer Stelle wäre, ich täte nächtigen in unserer Stadt. Die Straßen sind so unsicher wie noch nie. Die Heunesche Rotte ist wieder unterwegs, und es scheint ihr alles zuzulaufen, was Nordhausen feind ist. Ehegestern haben sie die Flohmühle verbrannt, und dabei ist der Kehner erkannt worden, der heillose Hund, der ein paar Jahre bei uns gewohnt hat. Gestern haben sie am hellen, lichten Tage zwischen Berga und Thüringen Nordhäuser Bürger niedergeworfen, und einer, Richard Metze, Ihr kennt ihn wohl, hat daran glauben müssen. Er hat den Hals gebrochen. Heute früh wurde es in Nordhausen erzählt. Ich bliebe hier, Herr. Hört Ihr's? Eben schlägt es acht. Vor zehn seid Ihr nicht in Nordhausen.« »Ich danke Euch für den guten Rat, aber ich kann ihn nicht befolgen. Über einen Monat war ich fort, und ich sehne mich heim. Ich will nicht noch einmal in einem fremden Bette schlafen.« »Herr, ich tät mir's doch überlegen,« warnte Meinhard. »Die Heunesche Fehde ist doch von Euch hergekommen. Es könnte den Buben so passen, wenn sie Euch fingen. Sie könnten immerhin Witterung haben, daß Ihr von Augsburg nach Hause unterwegs seid.« »Ihr seht, wir sind unserer sechs, mein Sohn Christof und vier Knechte und ich, und wir sind gut bewaffnet, haben sogar drei Feuerrohre. Eine so große Truppe greift die Rotte gar nicht an. Ade, lieber Herr Meinhard.« Als sie Sondershausen im Rücken hatten, sagte Meyenburg seufzend zu seinem Sohne: »Der Heune hat also wieder Leute gegen uns gedinget, während wir auf dem Reichstage waren, und verübt wieder Freveltaten gegen Nordhausen. Bei wem er nur immer Schutz und Rückhalt findet!« »Sicherlich beim Wolfenbüttler, Vater. Der Herzog ist uns spinnefeind.« »Er hat es eidlich in Abrede gestellt. Aber freilich – was ist heutzutage ein Eid! Die Welt ist voll von Lug und Trug und wird mit jedem Tag böser, wiewohl wir nun das heilige Evangelium haben. Mich soll's nicht wundern, wenn Gott bald ein Ende macht mit ihr.« »Dann soll er nur noch warten, bis ich geheiratet habe,« erwiderte Christof Meyenburg. »Dann mag meinetwegen die Welt untergehen.« Meyenburg lachte. »Wollte Gott jeden einzelnen fragen von uns Menschenkindern, wann ihm der jüngste Tag paßte, so gäbe es wohl nimmer einen jüngsten Tag. Es gäbe gewißlich auch keinen Tod, denn der kommt uns immer zu früh, auch wenn wir uns hin und wieder danach sehnen, von der bösen Welt abzuscheiden. Aber Gott fragt uns nicht, er nimmt uns, wann es ihm wohlgefällt, und es ist gut so, denn er weiß am besten, was uns frommt. – Was machst du da, Junge?« »Ich bringe mein Feuerrohr in Ordnung, Vater. Mir ist so wunderlich, ich acht', es dürfte heute noch etwas geben. Es wäre wohl besser gewesen, Vater, wir wären in Sondershausen geblieben. Mir ist, als läge etwas in der Luft.« »Unsinn,« brummte Meyenburg. »Sechs Mann zu Roß greifen die nicht an, die selber nur mit ein paar Gäulen reiten.« Nach einer Weile setzte er hinzu: »Ich will auch heute nach Nordhausen. Ich habe den Bürgern einstens die Kunde gebracht, daß der Lügenprophet Thomas Münzer geschlagen wäre in der Frankenhäuser Schlacht. Jetzt will ich der erste sein, der ihnen kündet, daß großer Friede ist in allen deutschen Landen.« Er spornte sein müdes Roß zu schnellerer Gangart an, und die anderen taten desgleichen. So erreichten sie in kurzer Zeit die Furt, die seitwärts des Dorfes Sundhausen durch die Helme führte. »Der Fluß ist angeschwollen. Reitet langsam!« gebot Meyenburg und trieb sein Tier in die Flut. Da zuckte drüben jenseits des Wassers ein greller Blitz aus einer Zündbüchse auf, dem sogleich ein zweiter folgte. Meyenburgs Roß bäumte sich hoch auf und schlug wild um sich, und sein Reiter glitt seitwärts hinab in den Fluß. »Hund Meyenburg, das war von mir!« schrie es von drüben. Aber der Schrei erstarb in einem gurgelnden Laut, denn Christof Meyenburgs Feuerrohr war nun gleichfalls aufgeblitzt, sein Schuß mußte wohl sein Ziel gefunden haben. Man hörte von drüben ein Ächzen und Fluchen und dann das Getrappel schnell davonjagender Pferde. »Um Jesu willen, Vater, was ist mit Euch?« rief der junge Mann und sprang von seinem Gaule hinab in das seichte Wasser, dem aus dem Sattel Gesunkenen zu Hilfe. »Nichts ist mir. Junge,« brummte Meyenburg und richtete sich schwerfällig auf. »Ich bin nicht getroffen, aber der Gaul ist hin.« »Das gute Pferd!« rief einer der Knechte. »Sollen wir hinter den Teufelskerlen herreiten?« »Dageblieben!« gebot Meyenburg. »Die Nebel steigen mit Macht, Ihr holt sie nicht ein. Das war der Kehner, der Schuft. Hoffentlich hast du ihn gut gezeichnet, Christof.« »Steigt auf mein Pferd, Vater!« sagte der junge Meyenburg. »Du, Märtens, gibst mir deins, du läufst zu Fuß neben uns her. Wir sind ja bald in der Stadt.« Der kleine Zug setzte sich langsam wieder in Bewegung. Christof sah mit Besorgnis auf seinen Vater hin, der manchmal schmerzhaft das Gesicht verzog. »Seid Ihr doch verwundet, Vater?« sagte er endlich. »Verwundet bin ich nicht, aber die Glieder schmerzen mich alle, und mich friert heftig. Ein kaltes Bad nach dem schnellen Ritte ist nichts mehr für einen Mann in meinen Jahren.« »Nehmt meinen Mantel, Vater. Der Eure ist naß,« bat Christof. »Ja, gib her. Junge. Mir ist so kalt,« erwiderte Meyenburg und wickelte sich fest in den Reitermantel seines Sohnes ein, während seine Zähne vor Frost aufeinanderschlugen. Tief in der Nacht erst kamen sie in Nordhausen an, aber die Ratsherren saßen noch alle in ihrer Trinkstube, um ihren Bürgermeister zu erwarten. Laute Heilrufe klangen ihm entgegen, als er in die Tür trat, und alle drängten sich an ihn heran. Aber es ward sofort still und immer stiller, als er zu reden anhub: »Liebe Freunde und Ratsgesellen! Ich bringe Euch die froheste Kunde, die euch ein Mensch bringen kann. Das Werk ist vollendet, das Kurfürst Moritz begann, da er den Kaiser überfiel und zum Fliehen zwang. Der Friede ist endlich geschlossen zu Augsburg zwischen den beiden Religionsparteien, und es soll ein ewiger Friede sein. Kein kaiserliches Edikt bedroht uns mehr und keine Reichsacht, wenn wir das Wort Gottes bekennen; offen und frei darf das Evangelium gepredigt werden. Jede Obrigkeit kann es in ihrem Gebiete mit der Religion halten, wie sie will, und niemand darf sie daran hindern. Der römische Papst hat nur noch denen etwas zu sagen, die sich freiwillig unter ihn beugen, wir anderen sind frei von ihm. Liebe Ratsgesellen, ich danke Gott dafür, daß er mich das noch hat erleben lassen, und ihr werdet ihm auch dafür danken.« Es blieb totenstill, als er geredet hatte. Kein Heilruf erschallte. Aber in vielen Augen standen die Tränen, und manche hatten die Hände gefaltet, als sprächen sie heimlich ein Dankgebet. Der schwere Druck, der jahrelang auf den Seelen aller dieser Männer gelegen hatte, war von ihnen genommen. Für das Gefühl, das sie dabei bewegte, fand keiner ein Wort. »Das Nähere sage ich euch morgen,« fuhr Meyenburg nach einer Weile fort. »Es soll um neun Uhr mit allen Glocken geläutet werden, und die Pfarrherren sollen in allen Kirchen Gott für den Frieden danken. Wir, liebe Ratsgesellen, ziehen selbander vom Rathaus nach Sankt Nikolai. Aber jetzt muß ich heim.« »Herrgott! Was ist mit dir? Du wankst ja!« rief der Ratsmeister Kuhn und trat rasch auf ihn zu, um ihn zu umfassen. Aber Meyenburg stützte sich auf seinen Sohn und stand schon wieder aufrecht. »Ich werde wohl krank,« murmelte er. »Alles auf morgen!« Langsamen Schrittes, von Christof geführt, verließ er das Gemach. Als sich am anderen Tage die Ratsherren zum Kirchgang versammelt hatten, fehlte ihr Oberhaupt, und als sie nach seinem Hause schickten, hörten sie zu ihrem großen Schrecken, er liege bewußtlos auf seinem Lager. Der Zustand dauerte den ganzen Tag und auch noch den folgenden an, und erst gegen Abend des dritten Tages erlangte er die Besinnung wieder. Aber die rechte Hälfte seines Körpers war völlig gelähmt. Da erkannte er, daß sein Ende herannahe, und schickte zum Pfarrer von Sankt Blasien, daß er ihm noch einmal den Leib und das Blut des Herrn reiche. Der Pfarrer folgte eiligst dem Rufe, reichte ihm und allen den Seinen, die im Hause waren, das heilige Abendmahl und las ihm dann auf seinen Wunsch das achte Kapitel des Römerbriefes und etliche Psalmen mit Doktor Luthers Anmerkungen vor. Dann verließ er ihn betrübten Herzens, denn der Bürgermeister war stets sein Gönner und Schützer gewesen, und er sah wohl, daß er von einem Sterbenden Abschied nahm. In trüben Gedanken schritt er die Treppe hinab. Da trat ihm unten im Hausflur einer der Stadtknechte entgegen und fragte ihn, ob er den Bürgermeister sehen und mit ihm sprechen könne. »Was willst du bei ihm?« fragte der Pfarrer. »Ich wollt' ihm sagen, daß sie den Kehner haben in den Weiden an der Helme tot gefunden. Seine Spießgesellen haben ihn wohl liegen lassen und ihn nicht mitgenommen. Es täte den Herrn Bürgermeister gewiß freuen, wenn er das hörte.« »Verschone ihn mit solchen irdischen Dingen, mein Sohn,« erwiderte der geistliche Herr unwillig. »Er denkt nur noch an himmlische Dinge. Denn wisse, er lebt wohl kaum noch eine Stunde.« Der Knecht ließ betrübt das Haupt sinken und entfernte sich. Er hatte auf einen klingenden Botenlohn gehofft, der ihm nun entging. Auch tat es ihm leid, daß der Bürgermeister starb, der ihm stets ein freundlicher Herr gewesen war. Er begab sich in die Stadt und erzählte dort, was ihm der Pfarrer gesagt hatte. So kam es, daß in Zeit einer Stunde in ganz Nordhausen das Gerücht umlief, der Bürgermeister Meyenburg liege im Sterben, und daß sich eine gewaltige Menschenmenge vor seinem Hause zusammenfand, die wissen wollte, was an dem Gerücht wahr sei. Auch die Ratsherren und die angesehensten Bürger waren darunter. Meyenburg lag droben in seinem Bett und kämpfte den letzten Kampf. Seine Rechte lag in der Hand seiner Frau, die beiden Kinder, die im Hause waren, und seine beiden alten Freunde Hauschild und Eienrot standen am Fußende seines Lagers. Sein Herz schlug immer matter, und sein Atem ging immer leiser, und der letzte Sonnenstrahl, der durch das Fenster fiel, huschte über ein Antlitz hin, aus dem jedes Rot entwichen war. »Er ist hinüber,« sagte Eienrot leise. Aber der Sterbende öffnete zu aller Verwunderung noch einmal die Augen und fragte mit klarer Stimme: »Was ist das für ein Lärm draußen auf der Straße?« »Die Bürger sind es, Vater,« antwortete sein Sohn Christof. »Sie wollen hören, wie dir's ergeht.« »Mir geht's zum besten, denn ich gehe zu Gott,« sagte Meyenburg und lächelte. Dann lag er wieder eine Weile regungslos, richtete sich aber mit einem Male noch halb empor und sprach laut und allen vernehmbar: »Sagt meinen lieben Bürgern, sie sollten noch einmal singen: Ein' feste Burg ist unser Gott.« Christof öffnete das Fenster und tat den unten Harrenden den Wunsch seines Vaters kund. Der junge Kantor von Sankt Jakobi, der unter den Vordersten stand, willfahrte ihm sofort und stimmte mit seinem hellen Tenor die Weise an. Gleich darauf brauste das Lied, gesungen von vielen hundert Männer- und Frauenstimmen, mächtig empor, und unter seinen Klängen hauchte Michael Meyenburg seine Seele aus.